Czytaj książkę: «Den Tod für Tante Trudl!»

Czcionka:

Lukas Wolfgang Börner

Den Tod für Tante Trudl!

Prosa in schwarzem Rosa

Inhaltsverzeichnis

Versuchung 2

Steckbrief 3

Steckbrief 6

Italienurlaub Zweitausendundsoundsoviel 9

Tod in Buonasera 11

Die schreckliche Qual 14

Nächstes Kapitel 17

Eine frühere Geschichte, die ich erlebte, als ich gerade zwei Tage hier wohnte 20

Gymnasium – Das beste Team 22

Erstes Beispiel 25

Zweites Beispiel 27

Drittes Beispiel 29

Freiheit 30

Ach, übrigens ... 32

Der Majateich 35

Die Nacht 36

Noch oberhalb der Grenze 39

Zwei Wochen später 42

Nachtrag 44

Wie ich Tante Trudl hasse! 47

Drittens: Tante Trudl spielt mit mir das Kartenspiel des Lebens 49

Wenigstens ein Fünkchen Glück 52

Das Klassenfoto 54

Es reicht 57

Den Tod für Tante Trudl! 60

Meine neue beste Freundin – die Qual 65

Das neue Leben 68

Der letzte Abend mit der Qual 70

Die Nacht 72

Finale 75

Rückkehr zu Tante Trudl 81

Versuchung

Da sitzt du nun.

Auf dem grauen Schreibtisch liegt die Schokolade.

Der Regen peitscht an die Scheiben. Kalte Fensterscheiben. Du siehst die wippenden Straßenlaternen nicht, die bald links, bald rechts von sich im Pflaster graben. Du schaust nur auf die Schokolade. Fastenzeit. Eine Woche hast du schon geschafft.

Fastenzeit.

Wie schön es ist, wenn man widersteht. Sagt sie.

Wie schön es ist, der Versuchung zu trotzen.

Wie stolz man nachher auf sich sein kann.

Schokolade ist ungesund. Macht schlechte Zähne. Macht dick. Macht süchtig. Macht.

Was für eine schöne Vorstellung, am Ostersonntag das erste Mal wieder etwas Süßes zu naschen. Ein gutes Gewissen zu haben. Stolz auf sich sein zu können.

Aber warum?

Hinter dem Wasserfall ist der Himmel violett. Das Knurren des schwarzen Gewitterhundes erschüttert den Horizont. Unverwandt betrachtest du die Schokolade.

Was wäre es für ein Gefühl, sie in den Mund zu stecken?

Seine eigenen Regeln über Bord zu werfen? Sich hemmungslos der Versuchung hinzugeben? Sich und der ganzen Welt zu offenbaren, dass man nicht widerstehen kann, dass man keine Selbstdisziplin hat.

Was ist das überhaupt, Selbstdisziplin? Ein selbstgestrickter Maulkorb?

Das Gewitter rast herbei. Eben waren noch zehn Sekunden zwischen Donner und Doria. Nun sind es fünf.

Die Welt hält nicht den Mund. Sie zeigt die Zähne.

Und du? Wer bist du überhaupt? Was tust du hier?

Nimm die Schokolade!

Dich wird, während du sie isst, das schlechte Gewissen wie der Stock des zornigen Frauchens peinigen. Die Reue wird schneller ankommen als der zuckersüße Geschmack. Vielleicht wirst du weinen. Vielleicht wirst du kotzen. Vielleicht wirst du die Selbstachtung verlieren. Das einzige, was dir geblieben ist.

Dort hinten bellt der Hund. Schaurig. Die Fenster knacken.

Iss die Schokolade!

Du schreckst hoch. Ohrenbetäubend. Wie Kastanien trommeln die Hagelkörner gegen die Scheiben.

Sie sagt, das Wichtigste wäre, die Regeln zu befolgen. Sie sagt, man dürfe sich nicht den niedersten Trieben ergeben. Das unterscheide einen von den Käfern und den Insekten.

Aber Käfer und Insekten sind Teil dieser Welt. Wie der Hagel. Wie der wüste Gewitterhund. Sie ist nur sie selbst.

Iss die Schokolade! Sie ist nur sie selbst!

Blitz. DONNER!! Wau! Wau wau!! Das Haus schaukelt. Die Straßenlaternen lösen sich vom Asphalt und fliegen davon.

Du wirst dich hassen, wenn du die Schokolade isst. Du wirst es nicht geheim halten können. Nicht vor dir und nicht vor anderen. Selbstdisziplin gehört zur Menschwerdung, sagt sie. Käfer und Insekten, sagt sie. Käfer und Insekten.

Du hast die Schokolade ergriffen. Du hältst sie schnüffelnd an deine Nase.

Es gibt keinen Kompromiss. Du kannst nicht von ihr nippen. Der Donner bleibt Donner, der Blitz bleibt Blitz. Es gibt keinen Kompromiss. Entweder es gewittert oder es gewittert nicht.

Sie ist nur sie selbst.

Du willst es doch!

Du willst die Schokolade essen. Du willst die ganze Tafel essen. Es ist nicht der Heißhunger auf Schokolade, der dich veranlasst. Der Heißhunger auf die Sünde ist es. Sünde, die dich mit den Käfern und den Insekten vereint. Und mit dem Gewitter.

Schokolade und du. Wer verzehrt wen?

WAU! WAU WAU WAU!!!

Nun ist es soweit. Das ist der teuflische Moment.

Die Schokolade schmilzt auf deiner Zunge. So warm. So feucht. So süß.

Nun muss die Reue kommen. Aber die Sünde ist so süß, so süß.

Wo bleibt sie denn?

Ein weiteres Stück. Ein weiterer Blitz. Die Wände erzittern.

Noch eines und noch eines und noch und noch und noch.

Wo bleibt die Reue, das prügelnde Frauchen? Wo bleibt sie?

Wie der Hagel die Autos auf den Straßen zerbeult. Trümmerhaufen sind es. Nur mehr Trümmerhaufen. Aber du empfindest keine Reue.

Ja, du empfindest etwas. Aber was? Ist es Hochmut? Ist es Stolz?

Wann hast du zuletzt so intensiv gelebt wie jetzt.

Noch nie. Oh, süße Sünde, noch nie.

*

Steckbrief

Worauf das Ganze hier hinausläuft, lässt sich in gewisser Weise bereits vorausdeuten, wenn man das Verhältnis zwischen dem Apfelbaum und der Überschrift, die dich schon vor Beginn der Lektüre meiner grauenhaften Geschichte auf die bittere Konsequenz, die momentan freilich noch nicht eingetroffen ist, es führt aber gar kein Weg daran vorbei, daher wollen wir, ich und du – ich duze dich jetzt einfach mal, denn für mich stellst du als Leser ja bestenfalls ein Abstraktum dar und Abstraktums, oder wie die Mehrzahl davon auch immer heißen mag, möchte ich an und für sich nicht siezen, denn wenn man bedenkt, wie groß der Anteil an Kindern sein dürfte, die dieses Buch in die kleinen Hände kriegen, ich bin ja schließlich auch noch ein Kind, noch, ja, und ich glaube daher, dieser Anteil könnte besonders mächtig sein, „mächtig“ ist hier vielleicht nicht das passende Wort, aber „groß“ habe ich kurz davor schon benützt und meine imaginäre Deutschlehrerin soll nicht gezwungen sein, ein imaginäres W, das „Wiederholung“ heißt, in mein Buch zu zeichnen, und hast du’s gemerkt, dass das „W“ jetzt hinter einer zweiten Wortwiederholung ...

Moment! Es hat geklingelt!

Ach, es war nur wieder dieses wüste Nachbarsmädchen. Ich hasse sie.

Wo waren wir stehen geblieben?

... ähm ... ach ja!

Beim Apfelbaum. Er steht also im Garten und trägt goldene Äpfel – zu jeder Jahreszeit, wie mir Tante Trudl immer wieder versichert. Der Garten mag vielleicht das einzige Stück Erde sein, das hier im Lot ist. Das Haus, unter dem ich gerade sitze, denn ich behaupte, dass man sich im Keller eines Hauses nicht mehr im Haus, sondern unterhalb vom Haus befindet und das mag vielleicht auch der große Reiz eines Kellers sein ...

Als kleineres Kind habe ich mich vor dem Keller unseres Hauses gefürchtet. Aber wenn mich jemand gefragt hätte – mein lieber, lieber Papa vielleicht oder die Mama –, dann wäre ich nie auf die Idee gekommen zu sagen, dass ich mich vor unserem Haus fürchten würde. Verstehst du? Das muss ja nun heißen, dass der Keller keineswegs Teil des Hauses ist. Er ist vielmehr eine unangenehme Begleiterscheinung. Das schlechte Gewissen vielleicht oder nein: Das Unterbewusstsein ist er. Das Unterbewusstsein ist nämlich jenes Ding, das sich nur durch das Wort „unter“ vom Bewusstsein unterscheidet. Während die anderen Etagen eines Hauses in Geschosse einzuteilen wären, spricht man beim Keller von einem Untergeschoss.

Nun ist also das Haus, unter dem ich gerade sitze, weil, ich befinde mich im Keller, ebenso wie die Häuser ringsumher von einer gewaltigen Hässlichkeit geprägt. Es ist grauer Beton, so weit das Auge reicht. Glaube nicht, mein beklommener Leser, dass es hier irgendwo etwas Grünes gibt. Sofern man von den Biomülltonnen absieht, die am Straßenrand stehen. Oder dass man hier Vögel scharren sieht. Oder dass hier dicke Spinnen in ihren noch dickeren Spinnennetzen hocken und zarte Rhythmen klopfen, die anno dazumal daheim noch wunderschön aus allen Spinnennetzen gedrungen sind.

Es gibt ja nur den Apfelbaum und der – und das ist es ja, was ich immer wieder sagen möchte, aber ich komme ja nie zum Punkt; das ist auch so ein Punkt, das Nie-zum-Punkt-Kommen, auf den ich später noch eingehen werde – ja, der Apfelbaum ist einfach zu hoch. Verstanden? Ist das angekommen? Er ist zu hoch. Und dabei ist er gar nicht so hoch. Ein größeres Kind, als ich es bin, könnte da empor klettern und von den goldenen Früchten naschen und zwischen den duftigen braunen Zapfen sitzen und singen und lachen und tanzen. Ich aber bin erbärmlich klein. So klein, dass ich beim Schlendern durch die Stadt achtsam den Kanaldeckeln ausweichen muss, um nicht durch die Spalten zu stürzen.

Das ist natürlich gelogen. Aber ich bin echt klein. Und manchmal komme ich mir noch kleiner vor, als ich es bin. Wie oft ich schon versucht habe, auf den Apfelbaum zu klettern, kann ich mich gar nicht mehr entsinnen. Schönes Wort übrigens: Entsinnen. Das sind so Familienwörter. Es gibt halt einfach Wörter, die benützt kein Mensch mehr. Bis auf eine Familie. Die benützt es ständig und deshalb wundert man sich als Kind, wenn man das Wort benützt und dann von seinen Mitschülern so sonderbar angeschaut wird. Es gibt aber auch andere Wörter, die familienintern ganz falsch verwendet werden, was man später schmerzlich im sozialen Umgang erfahren muss. Wortwendungen wie „nah zum Wasser gebaut“ gibt es nicht, weil es „nah am Wasser gebaut“ heißt. Innerhalb unserer Familie wurde diese Redewendung aber immer falsch gebraucht, was ich am Anfang nicht wusste und dann furchtbar peinlich fand. Heute aber ... heute aber sehne ich mich danach, nochmal Papa oder Mama neben mir sitzen zu haben und das sagen zu hören. Nah zum Wasser gebaut. Weil es so wunderbar falsch ist. Weil es egal ist, ob es falsch ist, denn niemand anderes – auch der Duden – ist nicht von Bedeutung. Nur die Familie zählt. Die Familie und die Art ihrer Kommunikation. Sonst nichts.

Du wunderst dich sicher, warum ich als Kind schon mit so anspruchsvollen Wörtern um mich schmeiße, wie „sozialer Umgang“ oder „Kommunikation“ oder „anspruchsvoll“. Das liegt nur daran, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ein Erwachsenen- oder ein Kinderbuch schreibe. Die paar wenigen Fremdwörter, die ich kenne, versuche ich daher behutsam in das Gesamtgeschreibsel einzufügen. Außerdem habe ich ein definitorisches Problem – Hui! Schon wieder ein Fremdwort –, denn ich finde, dass ein Buch, das von einem Kind geschrieben wird, ja eigentlich immer ein Kinderbuch ist. Auch wenn es für Kinder ungeeignet wäre. Da haben wir wieder die Ungerechtigkeit auf der Welt. Erwachsene können sich entscheiden, ob sie ein Erwachsenen- oder ein Kinderbuch schreiben wollen, wir Kinder aber sind an dieses eine blödsinnige Genre gebunden. Aber nicht mit mir. Mein Kinderbuch wird euch das Maul stopfen!

Oh, Entschuldigung! Dich habe ich natürlich nicht gemeint, mein abstrakter Lesefreund. Sicher bist du ein Kind und ganz auf meiner Seite. (Man beachte hier das Wortspiel!)

Ich bin also klein. Unfähig auf Bäume zu steigen. Ach, was heißt schon „Bäume“? Es gibt ja nur mehr diesen einen. Und ich bin ein Mädchen. Und außerdem habe ich keinen Charakter.

Das glaubst du nicht? Jeder hat doch einen Charakter, sagst du? Nun, ich nicht! Ich bin total charakterfrei. Deshalb komme ich nie zum Punkt. Ich muss immer mehr und immer mehr erzählen, weil ich im Grunde nichts zu erzählen weiß. Mein ganzes Buch – dieses hier, meine ich – wird ein scheußliches Blätterwirrwarr von nutzlosen Erzählschritten werden, die mich ebenso wenig interessieren wie dich. Aber ich muss es einfach aufschreiben. Und glaub mir, ich wusste anfangs nicht, wie ich es hinschreiben sollte. Ich wollte es zuerst wie ein Märchen aufziehen: „Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Maja ...“

Oder ich hätte einen Briefroman geschrieben, an mein Unterbewusstsein vielleicht: „Hallo Untermaja, hier spricht Maja ...“

Das Problem an der Sache ist, dass die Geschichte, die ich hiermit beginne, noch nicht passiert ist. Ich will aber, dass sie passiert, und ich habe das Gefühl, dass schöne Dinge eintreffen, wenn ich parallel davon berichte. Es hilft mir auch, meine Gedanken zu ordnen, wenn ich unverfälscht von meiner Seele hinunterschreibe. Denn meine Gedanken sind ein Chaos. Das liegt am fehlenden Charakter. Ein Charakter ist wie ein Knoten, an dem die Gedankenballons miteinander verbunden sind. Wenn kein Knoten, also kein Charakter vorhanden ist, fliegen die Gedanken ungezügelt herum. Sie sind frei. Das ist vielleicht das einzig Positive daran. Die Gedanken sind frei! Dennoch ist ein Charakter erstrebenswerter.

Ach, jetzt habe ich schon so viel geschrieben und wollte doch eigentlich nur einen Steckbrief präsentieren, der dir meine Eigenheiten – nicht zu verwechseln mit Charaktereigenschaften – nahelegt; das ist bei Kinderbüchern so üblich. Dass man am Anfang alles über die Hauptperson erfährt, meine ich. Erwachsenenbücher benötigen oft ihre gesamte Seitenzahl, um die handelnden Personen zu beschreiben. Aber ich bin ja leider an das Kinderbuch gebunden. Deshalb werde ich dir nun alles erzählen, was ich über mich weiß. Damit du bei der schrecklichen Handlung recht mitfiebern kannst.

Aber dieses Kapitel ist schon zu voll dafür. Ich fange also nochmal von Neuem an.

*

Steckbrief

Sodala. Jetzt werde ich dir meinen Steckbrief präsentieren. Ich schreibe dazu einfach die Zeilen ab, die ich dem blöden Nachbarsmädchen ins Poesiealbum geschrieben habe. Und das ist im Grunde nichts anderes als ein Steckbrief. Da steht dann sowas, wie „Meine Hobbys sind ...“ oder „Mein Lieblingsfilm ist ...“ oder so. Total dämlich. Wenn Dinge drin stünden wie „Mein Lieblingswort ist ...“ oder „Die Heldentat meines Lebens wäre ...“ oder „Meine liebste Mückenart ist ...“, dann könnte man sich richtig schöne Gedanken machen. Man würde sich fragen, was es für Mückenarten gibt und welche besonders sympathisch oder heimtückisch sind. Man würde über seine Heldentaten nachdenken, die man im Laufe des langen Daseins vollbringen könnte. Man könnte Worte wie „Gang“ oder „werfen“ zu den Lieblingswörtern des Bewusstseins erklären. Stattdessen füllt man so einen beschissenen Steckbrief aus. „Lieblingslied“, „Lieblingsessen“, „Meine beste Freundin ist ...“. Zum Kotzen!

Du merkst, ich kann fluchen. Aber du würdest es nicht für möglich halten, welche anderen Kraftausdrücke in mir schlummern. Für eine Fünftklässlerin bin ich ganz schön auf Zack.

Zum Beispiel – nur ein Beispiel jetzt – könnte ich bei der Zeile „Mein Spruch für dich“ folgendes reinschreiben:

Dein Dasein wurmt in jeder Weise,

du mutterfickendes Stück Scheiße!

Ja, das könnte ich schreiben. Und damit hätte ich jedes meiner Gefühle gegenüber dem Mädchen zum Ausdruck gebracht. Ich wäre dazu fähig. Ich bin überhaupt zu vielem fähig. Das ist der Vorteil, wenn die Gedanken frei sind, weil man keinen Charakter hat.

Neulich habe ich zu meiner Tante Trudl gesagt, dass ich nicht mit dem Mädchen spielen würde, weil das eine – ich sag’s jetzt nicht, was – wäre. Da hat mir Tante Trudl Zimmerarrest verpasst. Und ich habe ihr deshalb ins Gesicht gespuckt.

Du siehst, ich habe keinerlei Hemmungen.

Hoppla, jetzt habe ich wohl meine Geschichte als Kinderbuch selbst aus dem Rennen geschickt. Seltsam, wie schnell das geht ... naja, es sind ja auch schlimme Ausdrücke. Seit gestern verwende ich sie gar nicht mehr. Das ist aber nicht Tante Trudls Schuld.

Vorletzte Nacht sind meine Eltern wiedererschienen. Ich lag gerade in meinem Bett und konnte gar nicht einschlafen. Schatten huschten über die Wände und von fern war das sachte Läuten einer Kirchenglocke zu hören. Die Luft roch wie immer. Gesund.

Tante Trudl ist sehr auf Gesundheit bedacht. Sie hält immer das exakte Maß an Pflanzen und offenen lüftenden Fenstern ein, die Kleider und Betten und Vorhänge sind immer gerade so frisch gewaschen, wie es notwendig ist, dass es weder muffig noch zu sehr nach Waschmittel riecht. Und so ist sie in jeder Lebenslage. Sein Essen bekommt man nach einer Nahrungspyramide: Viele Vitamine, mittelviele Kohlenhydrate und wenig Fleisch. Ab und zu Zuckerwerk.

Sie möchte, dass ich ein- bis zweimal die Woche Sport treibe, ein Instrument spiele und Bücher lese. Von Fernsehen, Computerspielen und Handybenutzung hält sie nichts.

Das Problem ist, dass zumindestens das Handyverbot meine alten Freundinnen von mir trennt. Mia-Francesca und Silvia durften nämlich – im Gegensatz zu mir – in Tupfing bleiben und ich kann sie nicht ständig aufs Festnetz anrufen, weil die ja nicht immer daheim sind. Ich müsste ihnen simsen, aber das geht ja nun nicht mehr.

Ach ja, das Leben ist sehr, sehr gesund bei Tante Trudl. Sie sieht auch ganz gesund aus. Dafür, dass sie eigentlich Jertrud heißt und straff auf die Hundertsechzig zugeht, sieht sie ganz fit und gut aus. Sie hat durchaus keine tiefen Falten im Gesicht und auf ihrer Nase wächst keine Warze. Aber die Milch, die sie jeden Morgen von irgendeinem fernen Bauern geliefert bekommt, ist schwarz.

Jeden Morgen, Tag für Tag, sitze ich vor diesem Milchglas und mir vergeht der Appetit. Ich bin eine Milchtrinkerin. Und Tante Trudl weiß das. „Was ist mit dir?“, fragt sie mich dann. „Willst du deine Milch nicht trinken?“

Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen. Manchmal möchte ich einfach sagen: „Die Milch ist schwarz.“ Aber dann fügt Tante Trudl hinzu, dass dies die beste und gesündeste Milch sei und die Kühe so glücklich wären und so und so und so. Und ich trinke die schwarze Milch. Jeden Tag trinke ich sie.

Tja, und so roch auch an diesem Abend die schwarze Luft. Gesund und sicherlich von glücklichen Pflanzen ausgepupst.

Und ich liege wach und starre auf die Schatten und alles ist tränennass und ich kann nicht schlafen. Ich nehme wie jeden Tag mein Kopfkissen, öffne das Fenster und wringe es aus, dass es auf den Terrassensteinen nur so platscht und spritzt. Dann lege ich mich wieder zu Bett.

Und wie ich wieder an die Zimmerdecke schaue, sehe ich die Schatten meiner Eltern. Papas dicke Silhouette und Mamas zierliche Gestalt. Und der dicke Schatten hebt den Schattenzeigefinger und wackelt dann damit, als wolle er sagen: Wehe, wehe!

„Wieso, wieso?“, rufe ich in das stille Zimmer hinein. „Was habe ich denn getan?“

„Du machst eine schlimme Zeit durch“, raunt es plötzlich von dem Schatten meiner Mutter zu mir ans Bett.

„Du musst dir nicht alles gefallen lassen,“ fügt Papa hinzu, „aber bewahre deinen Stil. Das höchste Gut ist die Freiheit. Das zweithöchste ist der Stil.“

„Papa! Mama!“, schreie ich und springe aus den nassen Kissen heraus. Doch da sind die Schatteneltern schon verschwunden. Im nächsten Moment steht Tante Trudl in der Tür. Sie trägt einen braunen Schlafanzug und ihre Stirn ist in Sorgenfalten gelegt. „Hast du schlecht geträumt?“, fragt sie und ihre gesunden roten Backen verwandeln meine anfängliche Trauer in Zorn. Selbst wenn diese Person mitten in der Nacht an einem Werktag aus dem Schlaf gerissen wird, schaut sie gesünder aus als jedes Model einer Reformhauswerbung. Sie will mich anfassen, aber ich weiche zurück und verstecke mich unter meinem Bettzeug. Die beschwichtigenden Worte Tante Trudls machen alles nur noch schlimmer. Mit zischenden und fauchenden Lauten mache ich ihr klar, dass ich kein Interesse an ihrem Mitleid habe. Endlich verlässt sie das Zimmer. Dann erst werden meine Gefühle zurückverwandelt und ich weine wieder.

Aber ich habe nicht vergessen, was meine Eltern gesagt haben. Ich muss den Stil bewahren. Deshalb habe ich mir geschworen, nicht mehr zu spucken und mit Schimpfwörtern um mich zu schmeißen.

Außerdem habe ich meine Tante gestern gebeten, in den Keller umziehen zu dürfen. Dort war nämlich bis dato ein Gästezimmer, weil im ersten Stock, wo sich ihr und mein Schlafzimmer befanden, kein Platz dafür war. Ich hatte mich von Anfang an schon nicht wohlgefühlt, so dicht neben Trudls Zimmer zu schlafen. Nun trieb mich aber auch die Tatsache, dass im Keller mehr Schatten sind als im ersten Stock, dazu an, diese Bitte zu äußern.

Vielleicht mag dir das albern erscheinen. Aber es ist die Wahrheit. Du denkst, Schatten sind nur dort, wo auch ein bisschen Licht ist, weil man ohne etwas Licht ja keine Schatten sehen kann, aber da irrst du dich. Zum Beispiel fällt einem die Stille eines Raumes beim leisen Ticken einer Uhr besser auf, stiller ist es aber, wenn gar keine Uhr tickt. Die Menschen bemerken sie dann nur nicht, aber das hat mehr mit ihrer Blödheit als mit dieser Tatsache zu tun. Mir fallen auch in der totalen Dunkelheit die Schatten auf. Ich brauche kein Licht, um mit der Nase auf sie gedrückt zu werden. Ich brauche Schatten.

Tante Trudl hat mir den Wunsch gewährt; unter der Bedingung, dass ich sie nicht mehr Trudl, sondern Jertrud nenne. Ich habe diesem Deal zugestimmt, aber ich werde mich nicht daran halten. Es heißt: Ein Mann, ein Wort. Aber ich bin ja kein Mann. Wenn ich erst einmal mein ganzes Hab und Gut hier unten habe – und das meiste davon ist bereits hier –, dann werde ich sie wieder Trudl nennen. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil sich mich ja auch nicht Maja, sondern bloß Steffi nennt.

Das war also die Geschichte, wie ich in den Keller gezogen bin, wo ich auch jetzt gerade sitze und schreibe. Eigentlich hätte an dieser Stelle ja der Steckbrief kommen sollen.

Ach, schei... ich meine ... pfeif drauf!

*

Italienurlaub Zweitausendundsoundsoviel

Das letzte, was ich mit meinen Eltern unternahm, war ein Italienurlaub in einer kleinen Bucht namens „Buonasera“ oder so ähnlich. Ich weiß es nicht mehr genau. Die anderen Begebenheiten dieses Urlaubs haben sich zu tief in mein Gedächtnis gebrannt, als dass ich mir unbedeutende Kleinigkeiten wie Namen noch merken könnte. Das einzigste, was ich außer der Katastrophe, dem Schicksalsschlag, diesem ... diesem ... ach, mir fehlt es ja an Worten, um das zu beschreiben, was mein Leben so jäh umkrempeln sollte, was mich hier her, in diesen Keller unter Tante Trudls Haus gebracht hat, was die alleinige Schuld an meiner ersten Begegnung mit der Qual trägt. Ach, es ist so schrecklich. So schrecklich. Und so lächerlich!

Ich weiß gar nicht, wie ich dir, du heimtückischster aller Leser, diese Tragödie beibringen soll, damit du recht weinst, so wie ich es jeden Abend tue. Es ist ja alles so lächerlich. Und ich fürchte mich so, du würdest lachen. Du würdest deinem Gesicht einen mitleidigen Anstrich geben, im tiefsten Innern würde es dich aber zerreißen vor Lachen. Ich weiß, dass es vielen so gegangen ist. Ich habe es danach in ihren Augen und an ihren geröteten Gesichtern gesehen. Tiefe Trauer und schlimme Bestürzung liegen nicht weit vom irren Gelächter entfernt, das weiß ich jetzt. Es gibt Todesfälle, die einen zuerst belustigen, bis man den schrecklichen Ernst dahinter begreift.

Stell dir beispielsweise vor, du säßest in einem Wirtshaus – es wurmt mich, von Wirtshäusern zu schreiben, denn hier, wo ich jetzt bin, gibt es keine Wirtshäuser, nur Gaststätten, wo sie die Teller reichlich mit „Buttermöhrchen“ und „Buttererbschen“ beladen. Dafür sind die angebrannten Schuhsohlenschnitzel aber umso kleiner; pfui Teufel! Wenn man nicht kochen kann, sollte man’s halt bleiben lassen! – also, nochmal: Stell dir vor, du säßest in einem Wirtshaus in Tupfing oder in Wien oder in Mailand oder sonst an irgendeinem Ort, wo es charakterlich aufrechte Menschen gibt, die richtige Schnitzel auf den Tisch bringen: Tellergroß und an der dunkelsten Stelle beige, dabei aber so dünn, dass man es als Lesezeichen verwenden könnte, wenn man sich nicht wie ein Wahnsinniger darauf stürzen und es hinunterschlingen würde.

Ach, Mann, ich komme schon wieder vom Hundertsten ins Tausendste. Das liegt daran, dass ich Hunger habe. Das Nahrungspyramidenessen und das Unvermögen des hiesigen Menschenschlags, richtig zu kochen, haben mich schlank werden lassen. Vor lauter Appetit auf ein gescheites Schnitzel habe ich einmal sogar mein Taschengeld gespart und bin durch die Großstadt getigert – ich gebrauche diesen Ausdruck absichtlich, denn ich fühlte mich wie ein wahnsinniger Tiger auf der Jagd – und bin zuletzt in ein „Schnitzelhaus“ eingekehrt, weil ich dachte, wo Schnitzelhaus dran steht, ist auch Schnitzelhaus drin. Ich habe mir das teuerste Schnitzel bestellt, dazu eine Coke und eine extra große Portion Kartoffelsalat. Während der Kellner fröhlich mit meiner Bestellung in der Küche verschwand, wartete ich zitternd vor Aufregung auf mein Essen. Endlich einmal keine Nahrungspyramide, dachte ich mir. Zuerst kam der hoch gewachsene Kellner zurück und brachte mir die Cola. Er war bester Laune. Das sind die Leute hier übrigens immer. Es ist eine der größten Kuriositäten der Welt, dass die Menschen in schönen Gegenden immer schlecht gelaunt und die Menschen in kreuzabgefuckten Gegenden gut gelaunt sind. Das verstehe, wer will! In Tupfing hatte man noch das Gefühl, dass man sich bei den Kellnern und Köchen entschuldigen musste, dort essen zu gehen. Neu eröffnete Buchhandlungen und Spielzeugläden betrat man nur mit beklommenem Gefühl, weil die Verkäuferinnen so griesgrämig waren, dass man es wirklich mit der Angst bekam. Erst nach mindestens vier gekauften Spielzeugen oder Büchern weichten diese Frauen dann auf und ließen sich zu einer freundlichen Grimasse hinreißen. Aber hier?

Die Leute wohnen zwischen oder in grauen Betonblöcken, schauen – wenn sie einmal Gelegenheit haben, in die Ferne zu schauen – auf eine weite ebene Fläche ohne Berge, ohne Täler und haben trotzdem immer gute Laune. Sie begrüßen einen auf der Straße, in den Geschäften, unterhalten sich mit einem, haben auch Töchter, die vielleicht in meine Klasse gehen und so weiter und so weiter. Manchmal frage ich mich, ob es der Gedanke an den Sommerurlaub ist, der einen Menschen glücklich oder wütend macht. Während ein Tupfinger sich jedes Jahr wieder ärgern muss, so viel Geld für einen Urlaub ausgegeben zu haben, wo es keine schönen Berge und Seen und prunkvollen Schlösser und wunderbare Schnitzel gibt, können sich Tante Trudl und ihre Komplizen das ganze Jahr auf ihren Urlaub vorbereiten. Und sie können ja wirklich in die ganze Welt fahren, denn so scheußlich wie daheim ist es wohl auch in der Sahara nicht.

Die Cola war noch ok. Aber dann, dann kam das Schnitzel. Und ich hatte gute Lust, den Teller zu packen und dem spaßigen Kellner um die Ohren zu schmeißen. Denn es bestand wieder nur ein Viertel des Tellerinhalts aus Schnitzel. Der Rest war wie gewöhnlich mit Buttermöhrchen und Buttererbschen aufgefüllt. Wo haben die Leute das nur gelernt, alles mit diesem an sich schon ekligen Gemüse – von der Zubereitungsart möchte ich gar nicht reden – aufzufüllen? Sie tun das, wie andere Leute Styroporkugeln in Pakete mit zerbrechlicher Ware kippen. Warum??

Jetzt wirst du gegenfragen: Was war denn mit der extra Portion Kartoffelsalat? Das will ich dir schon beantworten: Das war ein Eimer Mayonnaise!

„Wo sind denn die Kartoffeln?“, habe ich den Kellner gefragt und konnte mich der Tränen bald nicht mehr erwehren. Da hat er nur gelacht und in die Mayonnaise gezeigt. Und tatsächlich! Da schwammen zwei, drei Stückchen herum, die ein wenig an Kartoffeln erinnerten.

Wie mir der Magen knurrt!

*

Tod in Buonasera

Stell dir also vor, du sitzt im Wirtshaus. Du sitzt unter dem Bild des Königs und erfreust dich an einem königlichen Schnitzel und trinkst eine Cola. Oder, wenn du doch schon ein Erwachsener sein solltest, dann trinkst du halt ein Bier oder ein Weißbier. Deine große Familie sitzt um dich herum. Alle sind lustig und feiern und lachen. Dein Onkel trinkt wie immer etwas mehr und beginnt irgendwann auf die Ausländer zu schimpfen. Dann fährt ihm dein Vater über den Mund, der auch schon etwas angetrunken ist. Mit der Zeit bekommen sie rote Köpfe und lassen sich nicht mehr ausreden. Das wiederum belustigt die restliche Familie, man hält sich den Bauch vor Lachen, wie die anfangs spaßige Diskussion immer hitziger wird und irgendwann Kraftausdrücke fallen. Das sind aber keine echten Kraftausdrücke, weil ja Kinder anwesend sind. Es sind Ausdrücke wie: Rindvieh, Vollhirsch, Halbdackel und Hodenkopf. Irgendwann liegen sich Onkel und Vater in den Armen und sinnieren über die guten alten Zeiten.

Und jetzt stell dir vor, die ganze Familie außer dir selbst würde auf einmal wie vom Schlag getroffen umkippen. Von einer Sekunde auf die andere. Als wenn jemand mit den Fingern geschnipst hätte, so plötzlich werden die Augen glasig und die Köpfe fallen auf den Eichenholztisch. Und es wäre mit einem Mal totenstill.

Was würdest du im ersten Moment tun? Richtig. Du würdest lachen! Du würdest selbst den Kopf auf den Tisch schmeißen, aber nicht weil du plötzlich tot bist, sondern weil du etwas entsetzlich Komisches erlebt hast. Ja, du würdest sogar lachen, wenn du genau wüsstest, dass deine ganze Familie, die ganze lustige Gesellschaft von gerade eben jäh verstorben ist.

Und das ist das Fürchterliche daran. Irgendwann wird sich dein Lachen in Weinen verwandeln. Es ist ein fließender Übergang. Du weißt gar nicht, wann du zu weinen begonnen hast. Nach Stunden des Weinens lachst du mal wieder, weil es in all seiner Tragik so lächerlich war. Das ist aber fürchterlich! Denn es ist dir unmöglich, deine Trauer zu verarbeiten. Noch bei der Beerdigung stehst du da und lachst genauso viel, wie du weinst. Und darum hört es niemals auf wehzutun.

Und noch schlimmer: Du kannst niemandem von der Todesart erzählen, weil alle lachen würden. Du könntest zum Psychiater gehen und ihm erzählen, dass keiner den Tod deiner Familie ernst nimmt und er wird dich fragen, wie sie denn gestorben sind. Danach muss die Sitzung abgebrochen werden, weil seinerseits der Psychiater lachend abgebrochen ist.

Dennoch will ich dir die Katastrophe nicht vorenthalten. Verzeih bitte die Änderung meines Schreibstils, aber es muss sein:

Im Jahre Zweitausendundsoundsoviel fuhr die dreiköpfige Familie wie jedes Jahr nach Ligurien, was im Zitronenland liegt. Es ging mal lustig, mal ernst zu, mal harmonisch, mal streitlustig, wie es so in einer Familie abläuft, die nicht weiß, dass sie bald für immer voneinander getrennt sein wird. Man fährt zur Pension, checkt ein, macht noch einen abendlichen Spaziergang um die Bucht und geht dann das erste Mal schön essen. Es gibt Pizza, Pasta oder Costoletta alla milanese. Die kleine figlia heißt Maja und ist gerade zehn Jahre alt, der padre ist groß und dick und hat einen Hang zum Rotwein. Die madre ist eine zierliche Person, ein bisschen weniger charismatisch als der padre vielleicht, aber das liegt an ihrer aufopfernden Liebe zum padre und zur figlia und ist somit nur ein Zeichen ihres besseren Charakters.

Die Tage verbringt die famiglia damit, spät zu frühstücken. Joghurt und geschmacksneutrales Weißbrot, dafür aber den allerbesten Kaffee. Die Sonne scheint jeden Morgen durch das staubige Frühstücksfenster – ein getrübtes wunderbares Licht. Bei diesem guten Kaffee schlägt sogar Maja zu. Sie ist eigentlich noch zu jung für Kaffee und trinkt ihn, wenn überhaupt, nur mit sehr viel Zucker. Aber Latte Macchiato ... ach, ach! Das ist besser als der beste Kakao. Jeden Morgen trinkt Maja eine Tasse Latte Macchiato. Manchmal macht sie ein Foto davon und schickt es umgehend ihren beiden Freundinnen, damit die vor Neid platzen. Dann verlässt die famiglia das Haus und geht zum Strand. Es wird gesonnt, gespielt, geschnorchelt. Dann Siesta. Dann manchmal Kultur – zum großen Leidwesen Majas. Dann wieder Essen gehen: Costoletta alla milanese oder Cozze al pomodori. Der padre trinkt zum Essen Rotwein. Das genügt ihm aber nicht. Wenn er mit madre und Maja in die Pension zurückgeht, will er mehr Wein. Noch mehr Wein. Zu diesem Zweck hat er schon nachmittags eine Flasche Lambrusco gekauft und sie auf den Tisch neben die Vase mit den Plastikblumen gestellt.

Maja macht sich Sorgen. In der deutschen Schule haben sie über Alkohol und Drogen geredet. Und über Abhängigkeiten. Sie meint es gut mit ihrem padre. Sie möchte ihn davon überzeugen, dass er die Flasche Lambrusco an diesem Abend nicht mehr öffnet, sondern aqua minerale oder Aranciata trinkt. „Warum?“, fragt der padre unwirsch.

„Nun, weil Alkohol ungesund ist“, antwortet Maja.

„Er macht dich krank“, antwortet Maja.

„Er macht süchtig“, antwortet Maja.

„Öffne diese Flasche nicht“, antwortet Maja.

Und der padre betrachtet sein Kind mit schäkerndem Blick und wirft den Kopf zurück und lacht. Und er legt den Korkenzieher weg und sagt: „Meinetwegen, dann trink ich halt ... wie heißt das Zeug?“

„Aranciata!“

„Ja, na gut, Aranciata!“

Da lächelt madre und geht auf den Balkon hinaus, um die getrockneten Handtücher hereinzuholen. Wenn die Tür offen ist, bläst der laue Meereswind durch die Gardinen und die Aranciata und das zuckersüße italienische Gebäck schmecken noch besser. Wenn der padre für einen Moment still ist, kann Maja die Brandung hören. Die Wellen peitschen gegen die Felsen, die die Bucht an beiden Seiten begrenzen. Dort leben die größeren Fische und der Boden liegt tief unter den nackten Beinchen. Man wundert sich, wie plötzlich man vom flachen Schnorchelwasser in so tiefblaues Meer gelangen konnte. Und plötzlich sind da Fische, die sind so groß wie man selbst. Und man strampelt und paddelt, bis man wieder kiesigen Sand unter den Füßen hat. Hier leben die kleinen Fische. Seezungen und auf dem Boden sitzende Petermännchen.

Der padre macht Schattenspiele an der Wand. Es ist ein kleiner Teufel, den er mit den Fingern der linken Hand formt. Ein großer Kasperl kommt hinzu. Er will den Teufel vertreiben. Denn dieser hat sich heimlich der madre auf dem Balkon genähert. Er wartet auf der Gardine und hat einen Prügel in der Hand. Er möchte ihr den Prügel auf den Kopf hauen, wenn sie wieder hereinkommt. Doch der Kasperl ist schon da, um ihn daran zu hindern. So rangeln die beiden einige Zeit. Es dauert lange, denn madre lässt sich sehr viel Zeit auf dem Balkon. Vielleicht hat sie die Augen geschlossen und atmet die salzige Luft ein. Vielleicht schaut sie auch einfach nur in den dunklen Abend. Hinüber zu den Lichtern an der Küste. Vielleicht tut sie auch überhaupt nichts. Wer kann das sagen?

Der Teufel hat ihr auf jeden Fall keinen Hieb mit dem Schattenprügel versetzt. Aber nicht etwa, weil der Schattenkasperl ihn gehindert hätte, sondern weil in diesem Augenblick höchster Spannung, höchster Belustigung die Lambruscoflasche explodiert.

PAFF!!! Klirr klirr klirr!

Vielleicht war sie geschüttelt worden. Vielleicht war es zu warm gewesen.

Die Scherben prasseln dem padre ins Gesicht, das rotrote Gemisch von Blut und Rotwein springt aus seinem Hals. Maja, die an seiner Seite gesessen ist, hat nichts abbekommen. Er rennt auf die madre zu, wahrscheinlich, um sie um Hilfe zu bitten. Die aber bekommt einen solchen Schreck, dass sie hinten über den Balkon hinunterstürzt.

Maja rennt in ihr Zimmer und versteckt sich hinter dem Bett.

Sie hätte Hilfe holen sollen. Aber sie kann nicht. Sie kann sich nur hinter ihr Bett kauern und hoffen, das wilde Fußgetrappel des padre würde endlich aufhören.

Und irgendwann hörte es auf.

*

Die schreckliche Qual

Ich wohnte schon hier bei Tante Trudl – dass es gegen meinen Willen geschah, brauche ich wohl nicht hinzuzufügen – und befand mich noch in der tiefsten Trauerphase, du weißt schon, die Phase, wo man nichts essen will, wo man sich nicht mehr wäscht, wo man tags unruhig und nachts gar nicht mehr schläft, als ich die Qual kennenlernte. Oder besser: Als ich kennengelernt wurde!

Ich hatte mich in einer Ecke auf dem Fußboden verkrochen. Zwischen zwei Stühlen hing eine Decke und ich saß darunter. Ich wollte niemanden sehen. Vor allem diese Tante nicht. Auch dieses Zimmer nicht. Und schon gar nicht diesen Ort, weit, weit weg von zu Hause. Nie mehr.

Doch Tante Trudl klopfte sacht an der Zimmertür und rief einen Namen: „Steffi!“

Das ist aber nicht mein Name. Ich heiße ja – das dürftest du inzwischen schon mitbekommen haben – Maja. Doch Tante Trudl meinte trotzdem mich.

Ich antwortete nicht. Aber nicht wegen dem falschen Namen. Ich hätte auch bei meinem richtigen Namen ihr nicht geantwortet. Nicht dieser unangenehmen alten Nuss.

Tante Trudl wartete einige Zeit, bis sie ihr Rufen wiederholte. „Komm doch heraus!“

Sie ging ein paar Schritte durch’s Zimmer, als würde sie mich irgendwo suchen. Dabei war es doch ganz logisch, dass ich unter der Decke steckte. Meine Beine schauten ja darunter heraus. Im Leben ist es doch immer dasselbe: So klein du auch bist, deine zugewiesene Decke zum Verstecken ist noch kleiner.

„Ich habe eine Spielgefährtin für dich gefunden,“ begann die Tante und steuerte nun geradewegs auf mein Versteck zu, „damit du dich besser eingewöhnen kannst.“

Ich will mich nicht eingewöhnen, dachte ich. Meine Freundinnen sind in Tupfing. Dort gehöre ich auch hin!

„Komm doch mal heraus,“ fuhr Trudl fort, „bitte.“

Eine Spielgefährtin ...

Am Ende eine Puppe oder sonst was Behämmertes. Lass mich in Ruhe. Ich bleibe hier in meinem Versteck.

„Sie wird nächstes Schuljahr ans Gymnasium gehen. Genau wie du“, ergriff Trudl wieder das Wort. Ich konnte sehen, wie sie sich auf ihre Knie herabließ. Bitte heb jetzt bloß nicht die Decke an! Das fehlte gerade noch, dass ich dein hässlich gesundes Gesicht so nah vor meinem hätte.

Aber weißt du, Leser, was sie tat. Ja, eben das! Sie hob die Decke an und streckte den Kopf in meine Privatsphäre! Ihr Gesicht war zehn Zentimeter von meinem entfernt. Und ich hatte das dringende Verlangen, da rein zu spucken, zügelte mich aber noch. Wie du bereits weißt, denn ich habe die jüngere Vergangenheit schon vor dieser älteren aufgeschrieben, habe ich das auch später getan. Aber in diesem Moment größter Abscheu vor dieser Person zügelte ich mein Bedürfnis.

Ich muss gestehen, dass es nicht nur die Nähe zu ihrem Gesicht war, was mich veranlasste, aus dem Versteck zu springen und mir diese Spielgefährtin anzuschauen. Die Aussicht, im baldigen Gymnasialjahr eine Freundin und Banknachbarin zu haben – denn im Grunde wusste ich ja, dass ich nicht zurück nach Tupfing konnte –, war mir doch angenehmer, als ich vorerst zugeben wollte. Ja, das dachte ich.

Deshalb trottete ich wortkarg vor meiner Tante her, durch das duftende und blühende Haus hinunter Richtung Hausgang. In der Tür davor war ein verschwommener Spiegel angebracht, ich sah mich kurz mit roten Augen darin, wie ich widerwillig hin und her trippelte.

Doch nein! Ich musste mich getäuscht haben! Die Tante lief doch neben mir, aber ich konnte sie im Spiegel nicht sehen! Schnell drehte ich mich nach ihr um. Ich hatte sie rechts hinter mir erwartet und tatsächlich stand sie dort auch! Und wieder drehte ich mich nach dem Spiegel, um ihre Erscheinung darin zu erblicken. Aber es war genau wie beim ersten Mal! Keine Tante Trudl war dort zu erkennen!

Nun wurde mir alles klar! Tante Trudl war ein Vampir! Ach, ich hatte es ja schon lange vermutet, weil sie mir ja alle Energie und Freude aus dem Körper gesaugt hatte.

Das war der erste Moment,

an dem ich darüber nachdachte,

Tante Trudl umzubringen.

„Du brauchst nicht schüchtern sein“, wisperte mir ihre Stimme ins Ohr. Sie hatte mein Stehenbleiben falsch gedeutet. Ich zeigte auf den Spiegel und verfluchte mich im selben Moment dafür. Trudl durfte nicht wissen, dass ich ihr Geheimnis kannte.

„Ja,“ sagte sie und ich muss zugeben, dass mich ihre folgenden Worte sehr verwirrten, „das ist sie.“

Ich wandte mich zu ihr um und schaute ihr das erste Mal ins Gesicht. „Wer ist das?“, fragte ich. Hinter dem Terrassenfenster stand der Apfelbaum. Er war so grün, so grün vor dem schrecklichen Beton. Seine goldenen Früchte und die braunen Zapfen blinkten durch das Blätterwirrwarr. Ich erzähle das nur deshalb, weil ich mir in diesem Moment nichts mehr wünschte, als eben dort oben zu sitzen. Ich wollte in diesem grünen wunderbaren Häuschen sein, von den Äpfeln kosten und an den Zapfen schnuppern! Und ich wollte niemals mehr hinunterkommen. Ich wollte dort sitzen, bis mir die verzweifelte Vampirtante versprechen würde, dass ich nach Hause dürfte. Aber ich war ja viel zu gering, um dort hinaufzukommen.

„Das Mädchen ist deine neue Spielgefährtin“, antwortete die Tante und runzelte die Stirn. „Wie lange willst du sie denn noch warten lassen?“

„Aber, aber das ist doch ein Spiegel“, entgegnete ich. Mir war nun wirklich eigenartig zu Mute. Wenn ich nur auf diesen Baum gelangen könnte! Wäre er unter meinem Zimmerfenster gestanden, ich schwöre dir, du Leser, ich wäre in einer Nacht- und Nebelaktion dort hineingesprungen. Aber jetzt war kein Fortkommen. Plötzlich lachte die Tante und riss mich aus meinen Freiheitsgedanken.

„Steffi, das ist doch kein Spiegel. Eine verschwommene Glasscheibe ist es, sonst nichts!“

Und sie hatte recht. Denn sie öffnete die Tür und da stand das Mädchen noch im Hausgang. Und als sie hereintrat und die Tür wieder verschlossen wurde, war niemand mehr im Spiegel zu erkennen. Ich hätte mich schon selbst schrecklich schimpfen wollen für die Dummheit, wenn ich nicht zu sehr von dieser Mädchengestalt abgelenkt gewesen wäre.

Sie sah mir gar nicht unähnlich, hatte wie ich schmutzigblondes halblanges Haar, eine schöne kleine Nase und einen ganz leichten Überbiss. Doch waren ihre Augen – soweit das möglich ist – noch geröteter als meine. Und war ich zu diesem Zeitpunkt schon schlanker als früher, so war sie hager. Auch ihr Teint war blasser als meiner. Das merkwürdigste an ihr waren aber ihre Wimpern, die zum Teil an ihrer Iris festzukleben schienen. Vielleicht waren sie der Grund, warum ihre Augen so tränenreich und gerötet waren, ich weiß es nicht. Bis heute nicht.

Nur ein Teil ihrer Wimpern wuchsen mir entgegen, der andere Teil – es war sicher eine gute Hälfte davon – verlief exakt senkrecht über die offenen Augen. Mein erster Gedanke war: Das müssen ja enorme Schmerzen sein, die das Mädchen zu ertragen hat!

Der Schock aber kam, als ich einen Schritt auf sie zutrat, vielleicht, um ihr die Hand zu schütteln oder um sie einzuschüchtern, ich weiß es nicht mehr. Ich weiß aber, dass ich ihr tief in die roten Augen blickte und mich dann ähnlich erschreckte, wie es meine Mutter in ihren letzten Atemzügen getan hatte.

Ich erblickte mein Spiegelbild in ihren Augen. Es war mein Gesicht, das mit doppelter Beklommenheit auf mich zurückstarrte. Doch die senkrecht verlaufenden Wimpern erschufen ein grässliches Gesamtbild. Es sah doch haargenau aus wie eine Gefängniszelle, in der mein blasses Gesicht gefangen war. Ihre Wimpern waren zu Gitterstäben für mein Spiegelbild geworden!

Ich wich vor dem Mädchen zurück und glaubte – es mag Einbildung sein – eine kaum wahrnehmbare Häme über das zarte Gesicht wandern zu sehen.

Tante Trudl schämte sich für mich: „Was ist denn mit dir los? Willst du der Qual nicht guten Tag sagen?“

„Wie heißt sie?“, erwiderte ich unter erstickten Lauten.

Tante Trudl stöhnte. Dann sagte sie: „Steffi, das ist die Qual! Qual, das ist meine Nichte Steffi!“

*

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
140 str.
ISBN:
9783741819766
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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