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Lukas Eibensteiner
Transfer im schulischen Drittspracherwerb des Spanischen
Wie L2-Kenntnisse des Englischen, Französischen und Lateinischen den L3-Erwerb von perfektivem und imperfektivem Aspekt im Spanischen beeinflussen
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Anhang mit ausgewählten Untersuchungsmaterialien:

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISSN 2197-6384
ISBN 978-3-8233-8435-9 (Print)
ISBN 978-3-8233-0250-6 (ePub)
Inhalt
Danksagung und Widmung
1 Einleitung
2 Tempus und Aspekt2.1 Tempus und Aspekt aus einer typologischen Perspektive2.1.1 Lexikalischer Aspekt2.1.2 Grammatikalischer Aspekt2.1.3 Unterscheidung von grammatikalischem und lexikalischem Aspekt2.2 Der zeitrelationale Ansatz von Klein (1994)2.3 Tempus und Aspekt im Deutschen, Englischen, Lateinischen, Französischen und Spanischen2.3.1 Das Deutsche2.3.2 Das Englische2.3.3 Das Lateinische2.3.4 Die romanischen Sprachen2.3.5 Konklusion: Tempus und Aspekt aus einer sprachvergleichenden Perspektive
3 Grundlegende Theorien, Modelle und Hypothesen des Zweit- und Drittspracherwerbs 3.1 Kognitivistische Ansätze der Zweitspracherwerbsforschung 3.2 Die Rolle von explizitem und implizitem Wissen 3.3 Deklarativ-prozedurale Modelle des Zweitspracherwerbs 3.4 Unterschiede zwischen dem L2- und dem L3-Erwerb 3.5 Konklusion: L2- ≠ L3-Erwerb
4 Transfereffekte im Zweit- und Drittspracherwerb4.1 Transfer als kognitiver Prozess4.2 Faktoren, die Transfer beeinflussen4.2.1 Der Einfluss von genetischer Verwandtschaft, sprachstruktureller Ähnlichkeit und (Psycho-)Typologie4.2.2 Der Einfluss von Form-Bedeutungs-Paaren4.2.3 Der Einfluss von Sprachniveau, recency of use und weiteren Faktoren4.3 Transfermodelle4.3.1 Holistische Mehrsprachigkeitsmodelle4.3.2 L2-Status-Faktor-Modelle4.3.3 Generativistische Transfermodelle4.3.4 Modelle des konzeptuellen Transfers4.4 Konklusion: Transfer als komplexes Phänomen
5 Der Erwerb von perfektivem und imperfektivem Aspekt im Zweit- und Drittspracherwerb des Spanischen5.1 Faktoren, die den Erwerb von perfektivem und imperfektivem Aspekt beeinflussen5.1.1 Semantische Ansätze: Lexical Aspect Hypothesis und Default Past Tense Hypothesis5.1.2 Diskursive Ansätze: Die Diskurshypothese5.1.3 Syntaktische Ansätze: Über den Erwerb von syntaktischen Merkmalen5.1.4 Kognitive Ansätze: Frequenz, Salienz und Prototypikalität5.1.5 Zwischenfazit: Interaktion diverser Variablen5.2 Einfluss von sprachlichem Vorwissen5.2.1 L1-Transfer in Studien zum Zweitspracherwerb5.2.2 L1-/L2-Transfer in Studien zum Drittspracherwerb5.3 Konklusion: L2-Einfluss als kaum berücksichtigte Variable – Darstellung der Forschungsdesiderata
6 Methodologie6.1 Forschungsfragen und Hypothesen6.1.1 Theoretische Annahmen der Hypothesen6.1.2 Hypothesenblock 1: Der Einfluss von Aspektwissen in der L2 Englisch6.1.3 Hypothesenblock 2: Der Einfluss der schulischen Sprachenfolge6.1.4 Hypothesenblock 3: Der Einfluss von Aspektwissen in der L2 Französisch6.2 Untersuchungsmaterial6.2.1 Pilotstudie6.2.2 C-Test6.2.3 Bildgeschichten6.2.4 Semantische Interpretationsaufgaben6.2.5 Fragebogen6.2.6 Reflexionsaufgabe6.3 Probanden6.3.1 Gruppierungsvariable Aspektwissen Englisch6.3.2 Gruppierungsvariable Schulische Sprachenfolge6.3.3 Gruppierungsvariable Aspektwissen Französisch6.3.4 Muttersprachliche Kontrollgruppe6.4 Vorgehensweise6.5 Datenkodierung und Analyseverfahren6.5.1 C-Test6.5.2 Bildgeschichten6.5.3 Semantische Interpretationsaufgaben6.5.4 Fragebogen6.5.5 Reflexionsaufgabe
7 Darstellung der Ergebnisse7.1 Der Einfluss von Aspektwissen in der L2 Englisch7.1.1 Ergebnisse der Nacherzählung der Bildgeschichten7.1.2 Ergebnisse der Interpretationsaufgabe7.1.3 Der Einfluss von Aspektwissen in der L2 Englisch: Ein Fokus auf Gruppe A7.1.4 Exemplarische Darstellung ausgewählter Probanden (Gruppe A)7.2 Der Einfluss der schulischen Sprachenfolge7.2.1 Ergebnisse der Nacherzählung der Bildgeschichten7.2.2 Ergebnisse der Interpretationsaufgabe7.2.3 Der Einfluss von Aspektwissen in der L2 Französisch: Ein Fokus auf Gruppe B7.2.4 Exemplarische Darstellung ausgewählter Probanden (Gruppe B)7.3 Eine qualitative Darstellung des metasprachlichen Bewusstseins der Lernenden7.3.1 Explizites Regelwissen: Welche Faustregeln verwenden Lernende, um über (im-)perfektiven Aspekt zu sprechen?7.3.2 Nützlichkeit von Sprachvergleichen: Welche Sprachen empfinden die Lernenden als hilfreich und welche Sprachvergleiche stellen sie an?
8 Interpretation und Diskussion der Ergebnisse8.1 Zusammenfassung der Ergebnisse8.1.1 Ergebnisse des quantitativen Teils8.1.2 Ergebnisse des qualitativen Teils8.2 Form-Bedeutungs-Assoziationen zwischen den Zweitsprachen Englisch und Französisch und der Drittsprache Spanisch8.2.1 Die Extended Default Past Tense Hypothesis8.2.2 Der Einfluss von sprachstruktureller Nähe und Sprachtypologie8.3 Der Einfluss von lexikalischem Aspekt und Prototypikalität8.4 Ausblicke auf das Lateinische8.5 Limitationen und zukünftige Studien8.5.1 Theoretische Herausforderungen8.5.2 Methodische Herausforderungen8.5.3 Herausforderungen im Hinblick auf das Sampling8.5.4 Zusätzliche Möglichkeiten für zukünftige Studien8.6 Didaktische Implikationen8.7 Fazit
9 Bibliographie9.1 Print9.2 Internet
Abkürzungsverzeichnis
Danksagung und Widmung
Die vorliegende Monographie wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim als Dissertation angenommen. Sie wäre ohne die Unterstützung zahlreicher Menschen nicht möglich gewesen.
An erster Stelle möchte ich meinen beiden Betreuern danken, die mich in den letzten Jahren begleitet haben und mir immer mit gutem Rat zur Seite gestanden sind. Lieber Peter, dank dir konnte ich in einem vertrauten Umfeld meine ersten wissenschaftlichen Schritte tätigen. Dir verdanke ich auch die Stoßrichtung gen Mehrsprachigkeitsdidaktik und Drittspracherwerb sowie meine Liebe zu den kleineren romanischen Sprachen. Dafür möchte ich dir vielmals danken! Lieber Hannes, du hast mich in meiner Zeit in Mannheim wissenschaftlich großgezogen. Du hast mich bei meinen ersten Tagungen begleitet, meine ersten PowerPoint-Folien und Artikel Korrektur gelesen sowie meine ersten methodischen Entwürfe kritisch begutachtet und mit mir diskutiert. Du hast all meine Projekte ständig wertgeschätzt und bestmöglich gefördert. Dir verdanke ich meine psycholinguistische und empirische Ausrichtung sowie die Möglichkeit, mich wissenschaftlich voll entfalten zu können. Du hast mich in allen Belangen unterstützt und bist immer für mich da gewesen. Dafür bin ich dir zu unendlichem Dank verpflichtet!
Darüber hinaus möchte ich allen Kolleg*innen danken, die mit mir Fragen diskutiert haben, die mich im Rahmen dieser Arbeit beschäftigt haben. Auch dem Research und Study Centre und dem Romanischen Seminar der Universität Mannheim sowie den dort tätigen wissenschaftlichen Hilfskräften danke ich für ihre Unterstützung. Des Weiteren sei allen Lehrer*innen und Schüler*innen, ohne die die vorliegende Arbeit nicht hätte durchgeführt werden können, mein Dank ausgesprochen. ¡Muchas gracias!
Schließlich möchte ich mich noch bei meiner Familie bedanken, die mir in all den Jahren eine unglaubliche Stütze war. Ihr habt mich in all meinen Entscheidungen unterstützt und seid mir in allen Lebenslagen zur Seite gestanden. Das Vertrauen, das ich euch entgegenbringe, und der Rückhalt, den ich bei euch habe, sind unbezahlbar. Ich danke euch für die unendliche Liebe, die ihr mir Tag für Tag entgegenbringt. Euch soll diese Arbeit gewidmet sein.
1 Einleitung
In Deutschland haben im Schuljahr 2018/19 fast 500.000 Schülerinnen und Schüler1 allein an allgemeinbildenden Schulen fremdsprachlichen Unterricht im Fach Spanisch erhalten (vgl. Statistisches Bundesamt 2019). Spanisch ist damit nach Englisch, Französisch und Latein diejenige Fremdsprache, die in dieser Schulform am meisten unterrichtet wird – Tendenz steigend. An deutschen Schulen wird Spanisch in der Regel als Dritt- oder Viertsprache angeboten (vgl. Bär 2012: 37). Dies bedeutet, dass Spanischlernende nicht bei null anfangen, sondern auf zahlreiche sprachliche Wissensressourcen zurückgreifen können. „Es wäre [daher] in höchstem Maße unvernünftig und unökonomisch, diese Wissensressourcen nicht im Fremdsprachenunterricht zu verwerten – ignorieren läßt sich vorhandenes Sprachwissen ohnehin nicht“ (Müller-Lancé 2006b: 462). Die Didaktiken der romanischen Sprachen plädieren deshalb nicht umsonst für eine Implementierung sprachvernetzender Ansätze in den Fremdsprachenunterricht (vgl. Fernández Ammann et al. 2015; Leitzke-Ungerer et al. 2012; Meißner/Reinfried 1998a; Klein/Stegmann 1999; Reimann 2016; Rückl 2016). Mehrsprachigkeitsdidaktische Lehrwerke (vgl. Holzinger et al. 2012) und die Integration solcher Ansätze in die meisten Lehrpläne (vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz 2012) sind diesbezüglich wichtige Meilensteine, auch wenn weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Ein wesentliches Merkmal dieser sprachvernetzenden Ansätze stellt das Ziel dar, das Transferpotential der Lernenden optimal zu nutzen. Obwohl es Studien im Bereich der romanistischen Fremdsprachendidaktik gibt, die sich unter anderem mit Transfer befassen (vgl. beispielsweise Bär 2009), findet sich kaum Grundlagenforschung, die Transferphänomene zwischen den im deutschsprachigen Raum häufigsten Schulfremdsprachen aus einer (psycho-)linguistischen Perspektive untersucht. Diesem Forschungsdesiderat wird sich das vorliegende Werk widmen.
Die Unterscheidung der beiden spanischen Vergangenheitstempora perfecto simple und imperfecto stellt ein großes Problem für deutschsprachige Lernende des Spanischen dar. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass es die Opposition von perfektivem und imperfektivem Aspekt im Deutschen nicht gibt. Obwohl zahlreiche Untersuchungen vorhanden sind, die sich mit dem Zweitspracherwerb dieser beiden Tempora beschäftigt haben (vgl. Comajoan 2014; Salaberry 2008), finden sich kaum Studien, die explizit deutschsprachige Lernende oder den schulischen Kontext erforschen (vgl. Hinger 2016, 2017 und Diaubalick/Guijarro-Fuentes 2016, 2017, 2019 für zwei Ausnahmen). Darüber hinaus gibt es keine Studien, welche das Spanische als Drittsprache fokussieren und den Einfluss von sprachlichem Vorwissen auf den Erwerb des perfecto simple und des imperfecto analysieren. Gerade dieses sprachliche Vorwissen stellt aber eine große Hilfe beim Erwerb des Spanischen dar. Während es im Deutschen die Unterscheidung zwischen perfektiv und imperfektiv nicht gibt, können die Lernenden prinzipiell sowohl auf das Englische (progressive-Form) als auch auf das Französische (passé composé, passé simple, imparfait) oder das Lateinische (Perfekt, Imperfekt) zurückgreifen. Inwiefern germanophone Spanischlerner von diesem Vorwissen beeinflusst werden bzw. es für den Erwerb der Unterscheidung von perfecto simple und imperfecto nutzen können, stellt die Leitfrage der vorliegenden Arbeit dar.
Zur Beantwortung dieser übergeordneten Forschungsfrage werden quantitative und qualitative Methoden trianguliert. Das Untersuchungssetting beinhaltet einen C-Test, mündliche Sprachproduktionsdaten, semantische Interpretationsaufgaben in drei Sprachen, einen Fragebogen sowie eine stimulated-recall-Reflexionsaufgabe. Die Studie wurde mit 109 germanophonen, schulischen Lernenden des Spanischen als Drittsprache (L3) durchgeführt. Die Ergebnisse der Untersuchung deuten darauf hin, dass der sogenannte L2-Status sowie sprachstrukturelle und typologische Faktoren für die Wahl der Transferbasis entscheidend sind. Da zwischen dem Deutschen und dem Spanischen hinsichtlich der Unterscheidung von perfektiv/imperfektiv keine sprachstrukturellen Ähnlichkeiten bestehen, transferieren die Lernenden ihr aspektuelles Wissen aus einer Zweitsprache (L2), das heißt aus dem Englischen oder dem Französischen. Dieses Resultat, dass im L3-Erwerb primär das L2-System transferiert wird bzw. dass typologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen, steht im Einklang mit zahlreichen Studien und Modellen, wie beispielsweise dem Rollen-Funktions-Modell (vgl. Williams/Hammarberg 1998), dem L2-Status-Faktor-Modell (vgl. Bardel/Falk 2007) oder dem Typological Primacy Model (vgl. Rothman 2010a). Diese gängigen Transfermodelle werden mit der Default Past Tense Hypothesis von Salaberry (2000, 2008), die den L2-Erwerb von perfektiv/imperfektiv im Spanischen beschreibt, verknüpft. Die Verzahnung von Salaberrys Hypothese mit den Transfermodellen ermöglicht eine Ausweitung derselben, wodurch sie den Bedürfnissen des L3-Erwerbs gerecht wird. Diese erweiterte Form wird als Extended Default Past Tense Hypothesis bezeichnet.
Für die Fremdsprachendidaktik bedeuten diese Ergebnisse einerseits, dass das gesamte sprachliche Repertoire der Lernenden ausgeschöpft werden sollte und dass sprachliches Vorwissen vor allem dann zu positivem Transfer führt, wenn sprachstrukturelle Ähnlichkeiten zwischen zwei Sprachen vorhanden sind. Diese in der Theorie durchaus schon lange vorhandenen Annahmen werden durch die empirische Evidenz der vorliegenden Studie untermauert.
Die Arbeit gliedert sich neben der Einleitung in sieben weitere Kapitel, von denen die ersten vier theoretischer Natur sind. Die letzten drei befassen sich mit dem Untersuchungsdesign, den Ergebnissen und der Interpretation derselben. In Kapitel 2 werden einige Grundbegriffe der Tempus- und Aspektforschung eingeführt und mithilfe von Beispielen veranschaulicht. Dies betrifft vor allem die Abgrenzung von lexikalischem/grammatikalischem Aspekt und Tempus. Im Anschluss werden die Vergangenheitssysteme der in der vorliegenden Arbeit behandelten Einzelsprachen näher erläutert. Es wird zuerst auf die beiden germanischen Sprachen, Deutsch und Englisch, eingegangen, bevor im Anschluss daran das Lateinische beschrieben wird. Im letzten Teil des Kapitels werden die romanischen Sprachen, Französisch und Spanisch, dargestellt.
Kapitel 3 beschreibt grundlegende Begrifflichkeiten der Zweit- und Drittspracherwerbsforschung. Es wird auf die Explizit-implizit-Debatte eingegangen und die deklarativ-prozeduralen Modelle von Ullman (2001) und Paradis (2009) werden vorgestellt. Darauffolgend wird in Anlehnung an das Faktorenmodell von Hufeisen (2000) dargelegt, warum sich der Erwerb einer Zweit- von jenem einer Drittsprache unterscheidet.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit Transfereffekten im Zweit- und Drittspracherwerb und geht dabei auf verschiedene Einflussfaktoren, wie beispielsweise die Sprachtypologie, die Psychotypologie oder das Sprachniveau ein. In der Folge werden unterschiedliche Transfermodelle erörtert. Zu diesen zählen sowohl holistische Mehrsprachigkeitsmodelle (vgl. Herdina/Jessner 2002) als auch Transfermodelle aus dem Bereich der kognitiven Linguistik (vgl. Jarvis 2011) sowie der generativistischen Zweit- und Drittspracherwerbsforschung (vgl. Flynn et al. 2004). Des Weiteren werden die L2-Status-Faktor-Modelle beschrieben (vgl. Bardel/Falk 2007).
Studien, die sich mit dem Erwerb von perfektiv/imperfektiv in einer Zweit-/Drittsprache beschäftigen, werden schließlich in Kapitel 5 behandelt. Im ersten Teil werden unterschiedliche Hypothesen besprochen (z. B. Lexical Aspect Hypothesis (vgl. Andersen 1986), Default Past Tense Hypothesis (vgl. Salaberry 2000)) und es wird auf Untersuchungen eingegangen, die empirische Evidenz für die entsprechenden Hypothesen liefern. Der zweite Teil beschäftigt sich mit L1- und L2-Transfer im Bereich des L3-Erwerbs von perfektivem und imperfektivem Aspekt.
Mit Kapitel 6 beginnt der empirische Teil der Arbeit. Es geht zuerst auf die Forschungsfragen und Hypothesen der Hauptstudie ein. Im Anschluss daran wird das Untersuchungsmaterial vorgestellt und kritisch diskutiert, worauf eine Charakterisierung der Probanden folgt. Am Ende steht eine kurze Beschreibung der Vorgehensweise sowie der Datenkodierung und -auswertung.
In Kapitel 7, das sich in einen quantitativen und einen qualitativen Abschnitt untergliedert, werden schließlich die Ergebnisse der Hauptstudie präsentiert. Im quantitativen Teil wird der Einfluss des englischen und französischen Aspektwissens sowie der schulischen Sprachenfolge auf den Erwerb von perfektiv/imperfektiv im Spanischen dargestellt. Im qualitativen Teil werden die Aussagen der Lernenden bezüglich expliziten Regelwissens als auch im Hinblick auf eine sprachvergleichende Herangehensweise analysiert.
Schließlich werden in Kapitel 8 die Ergebnisse zusammengefasst und unter Rückgriff auf die bestehende Forschungsliteratur diskutiert. Am Ende des Kapitels steht eine Auflistung der Limitationen der Studie und es werden Handreichungen für zukünftige Untersuchungen gegeben. Ein Abschnitt zu didaktischen Implikationen sowie ein kurzes Fazit beschließen die vorliegende Arbeit.
2 Tempus und Aspekt
Die (Zeit-)Linguistik beschäftigt sich mit der Frage, wie das physikalische Phänomen der Zeit versprachlicht werden kann. Laut Klein (2009b: 40–41) greifen die diversen Einzelsprachen dafür auf sechs Möglichkeiten zurück: Tempus, (grammatikalischer) Aspekt, lexikalischer Aspekt, Temporaladverbien, Temporalpartikeln und Diskursprinzipien. Die nachstehenden Ausführungen fokussieren die ersten drei Möglichkeiten und konzentrieren sich dabei primär auf die temporale Domäne der Vergangenheit und die aspektuelle Unterscheidung von perfektiv/imperfektiv. Das Kapitel gliedert sich in drei Teile: Zuerst werden die Unterschiede zwischen lexikalischem und grammatikalischem Aspekt diskutiert. Im Anschluss wird ein System zur Tempusanalyse vorgestellt (vgl. Klein 1994), das schließlich dazu verwendet wird, die Vergangenheitsformen des Deutschen, Englischen, Lateinischen, Französischen und Spanischen zu beschreiben und voneinander abzugrenzen.
2.1 Tempus und Aspekt aus einer typologischen Perspektive
2.1.1 Lexikalischer Aspekt
Beim lexikalischen Aspekt (en. lexical aspect) handelt es sich um die inhärente Semantik des Verbs und dessen Argumente.1 In Anlehnung an Vendler (1957) spricht man von vier sogenannten Zeitschemata (en. time schemata) oder Aspektklassen, die mithilfe folgender Taxonomie zusammengefasst werden können:
| Aspektklassen | dynamisch | telisch | durativ | Beispiel |
| Zustände (en. states ) | - | - | + | sein |
| Aktivitäten (en. activities ) | + | - | + | (Lieder) singen |
| Accomplishments 2 | + | + | + | ein Lied singen |
| Achievements | + | + | - | den Gipfel erreichen |
Tab. 1:
Klassifikation lexikalischer Aspektklassen (in Anlehnung an Vendler 1957)
Diese Taxonomie beruht im Wesentlichen auf drei aspektuellen Unterschieden: (1) Zustandswechsel (statisch vs. dynamisch), (2) inhärente(s) Ende/Limit/Grenze (telisch vs. atelisch) und (3) zeitliche Ausdehnung (punktuell vs. durativ) (vgl. Filip 2012). Diese drei aspektuellen Unterschiede werden im Folgenden voneinander abgegrenzt:
(1) Der wesentliche Unterschied zwischen statischen und dynamischen Prädikaten liegt darin, dass die Semantik eines Zustands keinen Zustandswechsel nach sich zieht, jene einer Aktivität hingegen schon (vgl. ebd.: 728). Laut Comrie (1976: 48–51) müssen dynamische Prädikate einer ständigen Zufuhr von Energie unterliegen, um fortgesetzt zu werden. Wenn beispielsweise eine Person keine Energie aufwendet, um die Aktivität des Singens aufrechtzuerhalten, wird die Handlung abrupt ein Ende nehmen. Zustände hingegen benötigen Energie, um in den Zustand gebracht zu werden. Haben sie diesen aber erreicht, verweilen sie darin und benötigen keine Energie für die Aufrechterhaltung desselben (z. B. das Buch, das ins Regal gestellt wird, bleibt dort stehen – es ist/verweilt in dem Regal):
With a state, unless something happens to change that state, then the state will continue […]. With a dynamic situation, […] the situation will only continue if it is continually subject to a new input of energy (ebd.: 49).
(2) Der wesentliche Unterschied zwischen telischen und atelischen Prädikaten liegt darin, dass die Semantik von telischen Prädikaten einen inhärenten Endpunkt besitzt. Sie beschreiben also Aktionen, die sich in Richtung eines Endpunktes bewegen und erst dann wahr sind, wenn dieser erreicht wurde. Atelische Situationen hingegen sind schon in dem Moment wahr, in dem sie beginnen (vgl. Garey 1957: 106). Diesen Unterschied veranschaulicht Comrie (1976: 44–48) anhand der Sätze John singt und John singt ein Lied. Obwohl beide Prädikate eine gewisse Dauer ausdrücken und dynamisch sind, gibt es einen wichtigen Unterschied hinsichtlich der Telizität. Egal zu welchem Zeitpunkt John mit dem Singen aufhört, ist die Aussage, dass er gesungen hat, wahr, was auf die Atelizität des Prädikats zurückzuführen ist. Beim zweiten Satz hingegen ist dies nicht der Fall. Wenn John das Singen eines Liedes in der Mitte abbricht und beispielsweise noch die letzte Strophe fehlt, ist die Aussage, dass John ein Lied gesungen hat, nicht wahr, sondern nur dann, wenn John das Lied (inkl. der letzten Strophe) tatsächlich fertig gesungen hat. Dies ist auf den inhärenten Endpunkt von telischen Prädikaten wie bei ein Lied singen zurückzuführen. Wie dieses Beispiel zeigt, interagiert die Semantik der Verben mit den Argumenten derselben. Das atelischen Verb singen in John singt erhält erst durch das Hinzufügen des Akkusativobjektes ein Lied einen inhärenten Endpunkt (= das Ende des Liedes) und wird somit zu einem telischen Prädikat (vgl. auch Comrie 1976: 45).
Die Aspektklasse hängt allerdings nicht nur von der Präsenz oder Nichtpräsenz eines Objekts ab, sondern auch davon, ob es sich um eine gequantelte oder eine kumulative Nominalphrase handelt (vgl. Krifka 1989).3 Beispielsweise wird ein Prädikat als telisch interpretiert, wenn die Nominalphrase gequantelt ist und als atelisch, wenn sie kumulativ ist:
| (1) | John singt ein Lied. | (gequantelt → telisch) |
| (2) | John singt Lieder. | (kumulativ → atelisch) |
(3) Der dritte aspektuelle Unterschied, auf dem die oben genannte Taxonomie beruht, ist derjenige zwischen Durativität und Punktualität. Im Gegensatz zu punktuellen Prädikaten nehmen durative eine gewisse Zeitspanne ein:
[D]urativity simply refers to the fact that the given situation lasts for a certain period of time […], [whereas] punctuality […] means the quality of a situation that does not last in time (Comrie 1976: 41–42).
Die oben diskutierte Verbalphrase ein Lied singen drückt eindeutig eine gewisse zeitliche Ausdehnung aus, weshalb ihr das Merkmal [+ durativ] zukommt und sie in der Vendlerschen Taxonomie den accomplishments zugeordnet wird. Achievements unterscheiden sich insofern von dieser Kategorie, als sie durch das Merkmal [+ punktuell] zu charakterisieren sind. Dies trifft prinzipiell auf das in Tabelle 1 genannte Prädikat den Gipfel erreichen zu. Das Problem, das mit der Opposition durativ/punktuell einhergeht, ist, dass eigentlich jede Handlung eine gewisse Dauer hat. Comrie (1976: 41–44) veranschaulicht dies folgendermaßen: Wenn man sich einen Film ansieht, in welchem eine Person hustet, und diese Szene in Zeitlupe abspielt, dann wird das vermeintlich punktuelle Verb husten in die Länge gezogen und dadurch durativ. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass die Semantik der Punktualität nur schwer zu fassen ist. Aufgrund dieser Problematik, und in Anlehnung an zahlreiche dreiteilige Taxonomien, werden in der vorliegenden Arbeit die Kategorien der accomplishments und achievements zusammengefasst und unter den Begriff der telics subsumiert (vgl. De Swart 1998; Klein 1994; Salaberry 2011; Verkuyl 1999; für einen Überblick vgl. Tatevosov 2002: 320–321):
| Aspektklassen | dynamisch | telisch |
| Zustände (statisch) | - | - |
| Aktivitäten (aktivisch) | + | - |
| Telics (telisch) | + | + |
Tab. 2:
Dreigliedrige Einteilung von lexikalischem Aspekt
Nachdem in diesem Kapitel über lexikalischen Aspekt gesprochen und dieser in Zustände, Aktivitäten und telics eingeteilt wurde, wird das nächste Kapitel von der grammatischen Kategorie des Aspekts handeln.
2.1.2 Grammatikalischer Aspekt
Im Unterschied zum lexikalischen Aspekt handelt es sich bei Tempus und Aspekt1 um grammatikalische Kategorien des Verbs. Tempus wird als grammatikalisierte Zeitreferenz verstanden, die das Ereignis, über das gesprochen wird, zu einer anderen Zeit, meist dem Jetzt des Sprechens, in Bezug setzt (vgl. Comrie 1976: 1–2; Comrie 1985: 9). Im Unterschied zur Kategorie Tempus wird Aspekt oft metaphorisch als ein Scheinwerfer, der die entsprechende Situation fokussiert, dargestellt. Dies ist mit der auf Holt (1943: 6) basierenden und von Comrie (1976: 3; Hervorhebung durch den Verfasser) leicht überarbeiteten Definition gemeint, dass es sich bei Aspekt um die unterschiedlichen Möglichkeiten handelt, die interne temporale Beschaffenheit einer Situation zu betrachten: „[A]spects are different ways of viewing the internal temporal constituency of a situation“. Auch Klein (1994: 16; Hervorhebung durch den Verfasser) spricht von unterschiedlichen Perspektiven, die ein Sprecher einnehmen kann, um eine Situation zu beschreiben: „[Aspects are] different perspectives which a speaker can take and express with regard to the temporal course of some event, action, process“. Beide Definitionen betonen, dass Aspekt mit der Perspektivnahme des Sprechers zu tun hat und daher bis zu einem gewissen Grad subjektiv ist (vgl. Baudot 2004: 31; Comrie 1976: 4; Lindschouw 2017: 412; Salaberry 2008: 22–25).
Tempus und Aspekt bilden demnach den grammatischen Kern der funktional-semantischen Kategorien der Temporalität bzw. jener der Aspektualität. Eine funktional-semantische Kategorie wird nicht nur durch morphologische oder syntaktische, sondern auch mithilfe von „wortbildenden und lexikalischen Mitteln[,] […] durch die Kombination all dieser Mittel oder kontextuell ausgedrückt“ (Haßler 2016: 7). Es ist wichtig, diese Trennung zwischen einer grammatischen und einer funktional-semantischen Kategorie vorzunehmen. Beispielsweise haben Sprachen, die keinen Aspekt im Sinne einer grammatischen Kategorie besitzen, trotzdem die Möglichkeit, aspektuelle Unterscheidungen mithilfe von beispielsweise lexikalischen Mitteln auszudrücken.
Im Hinblick auf die grammatische Kategorie des Aspekts wird üblicherweise zwischen perfektivem und imperfektivem Aspekt unterschieden. Perfektive Verbformen stellen die Situation in ihrer Totalität dar
without reference to its internal temporal constituency: the whole of the situation is presented as a single unanalyzable whole, with beginning, middle, and end rolled into one (Comrie 1976: 3).
Demnach wird durch die Verwendung perfektiver Verbformen die Handlung als ein begrenztes Ganzes betrachtet, deren Anfang und Ende in die Perspektive des Sprechers mit eingeschlossen sind (vgl. Dahl 1985: 78; Smith 1997). Im Russischen beispielsweise wird der perfektive Aspekt mithilfe von Präfixen markiert (vgl. Klein 2009b: 55–56; De Swart 2012: 756–758):
| (3) | Ivan | na-pisa-l | pis’mo. |
| Ivan | PERF.schreiben.PAST | Brief. | |
| ‚Ivan schrieb einen Brief (fertig).‘ | |||
In Beispiel 3 wird durch das Anfügen des Präfixes {na-} das Schreiben des Briefes als in sich abgeschlossenes Ganzes betrachtet, was impliziert, dass der Brief fertig geschrieben wurde. Bei Sprachen, die einen perfektiven Aspekt besitzen, ist es nicht möglich, diese Abgeschlossenheit kontextuell zu negieren. Beispielsweise macht die kontextuelle Vorgabe, dass Lucas auch in der Gegenwart noch krank ist, den spanischen Beispielsatz ungrammatisch:
| (4) | *Lucas estuvo enfermo y todavía lo está. |
| (Beispielsatz aus Salaberry 2008: 48) |
Mithilfe solcher Vorgaben, die einen Kontext etablieren, der bis zur Gegenwart andauert, kann überprüft werden, ob eine Sprache einen perfektiven Aspekt besitzt. Diese Herangehensweise, die mithilfe eines sogenannten conjunction test durchgeführt wird, findet in der Aspektforschung häufig Anwendung (vgl. Smith 1997: 194).
Imperfektiver Aspekt hingegen „make[s] explicit reference to the internal temporal structure of a situation, viewing a situation from within“ (Comrie 1976: 24). Er ist unbegrenzt und Anfang und Ende der Handlung werden nicht fokussiert (vgl. Bybee/Dahl 1989: 55; Smith 2012: 2588), wodurch der Eindruck entsteht, die Situation werde „von innen“ betrachtet. In Beispielsatz 5 wird die Handlung durch die Verwendung der imperfektiven Verbform pisal als nicht abgeschlossen dargestellt. Es bleibt somit unklar, ob Ivan den Brief fertig geschrieben hat oder nicht:
| (5) | Ivan | pisa-l | pis’mo. | |
| Ivan | schreiben(IMP).PAST | Brief. | ||
| ‚Ivan war dabei, einen Brief zu schreiben.‘ | ||||
In Anlehnung an Comrie (1976: 25) kann der imperfektive Teil der Opposition weiter in eine habituelle, kontinuative und progressive Komponente unterteilt werden:
Abb. 1:
Taxonomie aspektueller Oppositionen (vgl. Comrie 1976: 25)
Die Semantik der Habitualität bezieht sich auf regelmäßige, sich wiederholende Situationen (vgl. Bertinetto/Lenci 2012: 852), die eine charakteristische Eigenschaft einer Zeitspanne wiederspiegeln (vgl. Comrie 1976: 27–28).2 Demnach beschreibt Habitualität eine Situation
which is characteristic of an extended period of time, so extended in fact that the situation referred to is viewed […] as a characteristic feature of a whole period (ebd.).
Die Frage, was eine charakteristische Eigenschaft ist, lässt Comrie offen und verweist darauf, dass es sich dabei um keine linguistische, sondern um eine konzeptuelle Frage handelt. Die Zeitspanne, in welcher die betrachtete Situation wiederholt wird, ist an sich unbegrenzt, weshalb die Einteilung der Habitualität als Subkategorie der Imperfektivität prinzipiell gerechtfertigt ist (vgl. Carlson 2012: 835).
Vom Begriff der Habitualität müssen diejenigen der Generizität und Iterativität abgegrenzt werden. Eine generische Lesart entsteht, wenn der Satz als Subjekt eine generische Nominalphrase besitzt, die sich nicht auf einzelne Individuen oder bestimmte Gruppen von Individuen bezieht, sondern auf die Klasse an sich. Carlson (2012: 830–831) veranschaulicht den Unterschied zwischen einer generischen und einer habituellen Lesart anhand von zwei Beispielsätzen, die ins Deutsche übersetzt wurden und im Folgenden in leicht veränderter Form dargestellt werden. Bezieht sich die Nominalphrase auf einen bestimmten Löwen (= ein einzelnes Individuum, beispielsweise im Tiergarten Schönbrunn), dann entsteht eine habituelle Interpretation (Beispielsatz 6); verweist sie auf die gesamte Spezies der Löwen, kommt dem Satz eine generische Lesart zu (Beispielsatz 7). Wie die beiden Beispielsätze veranschaulichen, wird die jeweilige Interpretation vom Kontext evoziert bzw. erst durch diesen deutlich:
| (6) | Der Löwe im Tiergarten Schönbrunn brüllt für gewöhnlich. |
| (7) | Löwen brüllen. |
Iterativität hingegen bezieht sich auf die Wiederholung spezifischer Sachverhalte, die als in sich abgeschlossenes Ganzes betrachtet werden (vgl. Bertinetto/Lenci 2012: 854–860). Man kann das Konzept der Iterativität anhand des folgenden Satzes veranschaulichen:
| (8) | El lector se levantó, tosió cinco veces y dijo… |
Beim fünfmaligen Husten handelt es sich um einen räumlich und zeitlich spezifischen Sachverhalt, der als begrenzte und in sich abgeschlossene Situation interpretiert wird. Iterativität bezeichnet demnach eine bestimmte Iteration, die in einem begrenzten zeitlichen Rahmen stattfindet. In Sprachen, die über eine aspektuelle Opposition von perfektiv/imperfektiv verfügen, wird die iterative Semantik daher üblicherweise mithilfe von perfektiven Verbformen ausgedrückt (vgl. Salaberry 2008: 49).
In Comries Gliederung wird der habituellen Subkategorie die kontinuative3 gegenübergestellt, welche Comrie (1976: 26) als Imperfektivität, die keine Habitualität ist, definiert. Kontinuität wird überdies in eine progressive und eine nicht progressive Komponente untergliedert, wobei erstere als die Kombination von progressiver und nicht statischer Bedeutung definiert wird (vgl. ebd.: 35). Im Allgemeinen wird eine Situation als progressiv bezeichnet, wenn die entsprechende Handlung zu einem bestimmten (Referenz-)Zeitpunkt als im Verlauf befindlich dargestellt und ihr dynamischer Charakter betont wird (vgl. Bybee/Dahl 1989: 55; Mair 2012: 803–807; für weitere Informationen zum Begriff des Referenzzeitpunktes siehe Kapitel 2.2). Dieser Referenzzeitpunkt kann durativ oder punktuell sein. Wenn eine Sprache über eine entsprechende Progressivperiphrase verfügt, wird Ersteres auch als duratives, Letzteres als fokussierendes Progressiv bezeichnet (vgl. Bertinetto et al. 2000: 527). Im Unterschied zum durativen Progressiv, bei welchem die Handlung während eines länger andauernden Zeitintervalls als im Verlauf befindlich dargestellt wird (z. B. from 2 to 4), greift das fokussierende Progressiv einen bestimmten Zeitpunkt heraus (z. B. at 7 p.m.):
| (9) | At 7 p.m. I was still working. | (fokussierend) |
| (10) | From 2 to 4 I was reading a book. | (durativ) |
| (Beispielsätze aus Declerck 2006: 33) |
Die Comriesche Definition, dass Progressivität die Kombination von progressiver mit nicht statischer Bedeutung ist, ist insofern problematisch, als sich die Sprachen der Welt dahingehend unterscheiden, in welchen Kontexten bzw. mit welchen Verben eine progressive Form angewandt werden kann (vgl. Bertinetto et al. 2000: 537; Bertinetto 2000: 583–585; Comrie 1976: 35; Mair 2012: 812–813). Bestimmte Verben besitzen die Möglichkeit, sowohl als statisch als auch als dynamisch interpretiert zu werden. Als Beispiel nennt Comrie (1976: 35) die Verwendung der Progressivperiphrase mit Verben der (passiven) Sinneswahrnehmung (en. verbs of inert perception). Während im Englischen eine Kombination dieser Verben mit einer Progressivperiphrase in den meisten Fällen seltsam klingt, ist dies im Spanischen problemlos möglich:
| (11) | ?I am seeing you there under the table. |
| (12) | Te estoy viendo debajo de la mesa. |
Trotz solcher sprachspezifischen Unterschiede gilt diese Restriktion bezüglich statischer Prädikate als definitorisches Merkmal von Progressivität (vgl. ebd.: 12; Deo 2012: 165; Mair 2012: 806). Damit unterscheidet sie sich von der kontinuativen Semantik, welcher bezüglich der Kombination mit lexikalischem Aspekt keine Einschränkungen unterliegen (vgl. Comrie 1976: 25; Mair 2012: 806). Darüber hinaus ist bei der Kontinuität der (Referenz-)Zeitpunkt durativ (vgl. García Fernández 2004: 43; Pérez Saldanya 2004: 215–216; Real Academia Española 2009: 1689). Ein Überblick über die beiden gerade besprochenen Semantiken findet sich in Tabelle 3:
| Progressivität | Kontinuität | ||
| fokalisierend | durativ | ||
| Kombination mit lexikalischem Aspekt | nicht statisch | nicht statisch | frei |
| Referenzzeitintervall | punktuell | durativ | durativ |
Tab. 3:
Abgrenzung von Progressivität und Kontinuität
Auch wenn es aus typologischer Sicht sinnvoll erscheinen mag, die Semantiken des progressiven und kontinuativen Aspekts getrennt zu behandeln (vgl. Mair 2012: 806–807), ist eine solche Trennung bei Sprachen, die nicht über unterschiedliche Marker, sondern beispielsweise nur über ein Imperfekt verfügen, schwierig (vgl. Arche 2014: 811). Es sei deshalb an dieser Stelle schon vorweggenommen, dass im empirischen Teil der Arbeit die Restriktionen bezüglich der Kombinierbarkeit mit lexikalischem Aspekt herangezogen werden, um Progressivität und Kontinuität voneinander abzugrenzen. Eine Handlung, die als unbegrenzt betrachtet wird, nicht habituell ist und in Kombination mit nicht statischen Prädikaten auftritt, wird als progressiv bezeichnet; wird sie ausschließlich mit statischen Prädikaten kombiniert, wird von (nicht progressiver) Kontinuität gesprochen.4
2.1.3 Unterscheidung von grammatikalischem und lexikalischem Aspekt
Das Verhältnis von lexikalischem und grammatikalischem Aspekt ist Mittelpunkt zahlreicher Debatten. Vertreter des unidimensionalen Ansatzes nehmen an, dass grammatikalischer und lexikalischer Aspekt auf semantischer Ebene dasselbe ausdrücken (vgl. De Swart 1998; Verkuyl 1972, 1999). Befürworter des bidimensionalen Ansatzes hingegen sind der Meinung, dass lexikalischer und grammatikalischer Aspekt getrennt betrachtet werden müssen und unterschiedliche aspektuelle Informationen kodieren (vgl. Depraetere 1995; Smith 1997, 2012). Im Folgenden wird ein Überblick über die verschiedenen Positionen geliefert.
Depraetere (1995) nimmt das imperfective paradoxon (vgl. Dowty 1979: 133–138) als Ausgangspunkt, um die Wichtigkeit der Unterscheidung von (A-)Telizität und (Un-)Begrenztheit (en. (un)boundedness) zu betonen. Sie definiert beide Konzepte folgendermaßen:
(A)telicity has to do with whether or not a situation is described as having an inherent or intended endpoint; (un)boundedness relates to whether or not a situation is described as having reached a temporal boundary (Depraetere 1995: 2–3).
Demnach kann eine Situation als begrenzt oder unbegrenzt dargestellt werden, und zwar unabhängig davon, ob sie einen inhärenten Endpunkt besitzt. Das Prädikat write a nursery rhyme in Beispielsatz 13 ist zwar telisch, wird aber durch die Verwendung der progressive-Form als unbegrenzt dargestellt:
| (13) | She is writing a nursery rhyme. | (telisch, unbegrenzt) |
| (Beispielsatz aus Depraetere 1995: 3) |
Auch Smith (2012: 2581) unterscheidet zwei Arten aspektueller Information, die zwar miteinander interagieren, aber voneinander unabhängig sind. Die Situation selbst hat ihre inhärente Semantik, welche durch den grammatikalischen Aspekt semantisch sichtbar gemacht werden kann. Grammatikalischer Aspekt operiert gewissermaßen auf der inhärenten Semantik der Verbalphrase. Im Gegensatz zu Vendlers (1957) Zeitschemata verwendet Smith eine fünfteilige Gliederung und spricht von sogenannten Situationstypen,1 die vom Verb und dessen Argumenten bestimmt werden. Die aspektuelle Grundbedeutung dieser Situationstypen kann durch zusätzliche Information, wie beispielsweise Adverbien oder grammatikalische Morpheme, geändert werden (vgl. Smith 2012: 2585–2586).2 Dieses Phänomen, das in der Literatur als situation type shift oder coercion bezeichnet wird, wird nach einem kurzen Überblick über Vertreter des unidimensionalen Ansatzes näher beschrieben. Diese sind der Meinung, dass grammatikalischem und lexikalischem Aspekt dieselben aspektuellen Konzepte zugrunde liegen (vgl. De Swart 1998; Verkuyl 1972, 1999). Im Unterschied zu Depraetere (1995) unterscheiden sie also beispielsweise nicht zwischen (A-)Telizität und (Un-)Begrenztheit.
Verkuyl (1999) geht von zwei aspektuellen Grundbedeutungen aus, die er als durativ und terminativ bezeichnet.3 Für die aspektuelle Interpretation eines Satzes schlägt er eine kompositionelle Analyse vor. Ein Verb kann prinzipiell den Wert [+/- ADD TO] haben, je nachdem ob es statisch [- ADD TO] oder dynamisch [+ ADD TO] ist. Im ersten Schritt verbindet sich das Verb mit seinen Argumenten, die wiederum die Werte für eine spezifische oder unspezifische Quantität ausdrücken, das heißt, die Werte [+/- SQA] haben können. Ist das Verb statisch, so ist der [SQA]-Wert der Argumente belanglos und der aspektuelle Wert des Satzes bleibt durativ. Wenn das Verb hingegen dynamisch ist, hängt die Interpretation von den entsprechenden [SQA]-Werten ab. Damit ein Satz als terminativ interpretiert werden kann, müssen sowohl [ADD TO]- als auch [SQA]-Werte positiv sein. Dies wird von Verkuyl (1999: 131) als plus principle bezeichnet. Aus dieser kompositionellen Analyse ergeben sich drei grundlegende aspektuelle Kategorien, die in Tabelle 4 zusammengefasst sind:
| Nominalphrase | [+/- SQA] | [- SQA] | [+ SQA] |
| Zustand | Prozess | Ereignis | |
| Verb | [- ADD TO] | [+ ADD TO] | [+ ADD TO] |
Tab. 4:
Dreiteilige Klassifikation der Aspektkategorien nach Verkuyl (1999: 131)
De Swart (1998: 351) übernimmt eine solche dreiteilige Taxonomie und unterscheidet ebenfalls zwischen den Aspektklassen der Zustände (statisch, atelisch), der Prozesse (dynamisch, atelisch) und der Ereignisse (dynamisch, telisch). Auf den Eventualitäten (= ein Überbegriff für unterschiedliche Situationen), aus denen sich durch eine entsprechende Klassifizierung die drei Aspektklassen ergeben, operieren Tempus- und Aspektoperatoren, und zwar in der Reihenfolge, die durch die nachstehende syntaktische Struktur wiedergegeben wird: [Tempus [Aspekt* [Eventualitätsbeschreibung]]] (vgl. De Swart 2012: 765).4
Prinzipiell reicht die Aspektklasse der Eventualitätsbeschreibung aus, um die Aspektualität eines Satzes adäquat zu interpretieren. Folglich sind in den Sätzen 14 und 15 keine Aspekt-Operatoren notwendig. Der Vergangenheits-Operator PAST und die Aspektklasse allein sind ausreichend, um die Situation adäquat zu deuten (vgl. De Swart 1998: 352–353):
| (14) | Anne was ill. | (Zustand, unbegrenzt) |
| [PAST [Anne be ill]] | ||
| (15) | Anne wrote a letter. | (Ereignis, begrenzt) |
| [PAST [Anne write a letter]] | ||
Aspekt-Operatoren kommen dann zum Einsatz, wenn die in der Aspektklasse kodierte aspektuelle Information neu interpretiert werden muss. Wenn der Sprecher die Information in Satz 15 beispielsweise in einer progressiven Lesart darstellen möchte, muss der inhärente Endpunkt der Situation aufgehoben werden. Die dafür notwendige Änderung der Aspektklasse wird durch den Aspekt-Operator PROG durchgeführt. Er erzeugt einen Wechsel von einem Ereignis zu einem Prozess:
| (16) | Anne was writing a letter. |
| [PAST [PROG [Anne write a letter]]] |
Solche aspectual shifts können entweder durch explizite Aspekt-Operatoren oder durch einen kontextuell erzwungenen Re-Interpretationsprozess vonstattengehen. Letzteres nennt De Swart coercion:
The view of coercion as an eventuality description modifier implies that coercion is of the same semantic type as an aspectual operator […]. The main difference between grammatical operators and coercion is that coercion is syntactically and morphologically invisible: it is governed by implicit contextual reinterpretation mechanisms triggered by the need to resolve aspectual conflicts (De Swart 1998: 360; Hervorhebung durch den Verfasser).
Im Unterschied zu Aspekt-Operatoren ist dieser als coercion bezeichnete kontextuell erzwungene Re-Interpretationsprozess syntaktisch und morphologisch unsichtbar. Um ihn in der syntaktischen Struktur sichtbar zu machen, führt De Swart unterschiedliche coercion-Operatoren ein (z. B. Ceh), deren Funktionsweise anhand des folgenden Beispiels veranschaulicht wird:
| (17) | John played the sonata for eight hours. |
| [PAST [FOR eight hours [Ceh [John play the sonata]]]] |
Die Beschreibung der Situation John play the sonata, bei der es sich um die Aspektklasse Ereignis handelt, führt durch die Verbindung mit der Adverbialphrase for eight hours zu einem Konflikt aspektueller Werte, da for-Adverbialphrasen nur mit den Aspektklassen der Zustände oder der Prozesse kombiniert werden können (vgl. ebd.: 356). Durch die Verwendung des coercion-Operators Ceh wird die Aspektklasse Ereignis zu einer homogenen Situation5 uminterpretiert, was die Verbindung mit der Adverbialphrase for eight hours möglich macht. Salaberry (2008: 63) kritisiert an De Swarts Argumentation, dass nicht ganz klar ist, warum es sich in Beispiel 17 um einen impliziten coercion-Prozess (Ceh) und nicht um die Anwendung eines expliziten Aspekt-Operators (for eight hours) handeln sollte. Trotz dieses durchaus berechtigten Einwandes stellt De Swarts Analyse insofern einen wichtigen Beitrag dar, als sie eine Lösung für die Interaktion von lexikalischen, grammatikalischen sowie pragmatischen Elementen vorschlägt und die Wichtigkeit des Kontextes für die aspektuelle Interpretation eines Satzes betont.
Die Kernaussage dieses Kapitels ist, dass grammatikalischer und lexikalischer Aspekt miteinander interagieren. Im Laufe der Arbeit wird diesbezüglich von prototypischen und nicht prototypischen Kombinationen gesprochen. Der semantische Prototyp von telischen Prädikaten wie auch von perfektivem Aspekt ist, dass sie Situationen gewissermaßen begrenzen. Bei statischen Prädikaten und imperfektivem Aspekt ist genau das Gegenteil der Fall. In diesen beiden Kombinationen von lexikalischem und grammatikalischem Aspekt wird demnach ein sehr ähnlicher semantischer Prototyp sowohl auf lexikalischer als auch auf grammatikalischer Ebene ausgedrückt. Man spricht daher auch von prototypischen Kombinationen. Im Falle der Kombination von statischen Prädikaten und perfektivem Aspekt bzw. von telischen Prädikaten und imperfektivem Aspekt trifft Gegenteiliges zu und man spricht von nicht prototypischen Kombinationen (vgl. McManus 2011: 17, 2013):
| statisch | telisch | |
| perfektiv | nicht prototypisch | prototypisch |
| imperfektiv | prototypisch | nicht prototypisch |
Tab. 5:
Prototypische und nicht prototypische Kontexte
Im nächsten Kapitel wird ein System vorgestellt, das es ermöglicht, Tempus- und Aspektsysteme durch die Analyse der internen temporalen Beschaffenheit von Situationen zu beschreiben. Solche Systeme werden üblicherweise als zeitrelational bezeichnet (en. time-relational approaches; vgl. Gvozdanovic 2012: 784–791).
2.2 Der zeitrelationale Ansatz von Klein (1994)
Das Kleinsche System baut auf jenem von Reichenbach (1947) auf. Im Zentrum von Reichenbachs Überlegungen steht das Jetzt des Sprechens, der Sprechzeitpunkt (en. point of speech, abgekürzt als S), also ein deiktisches „an der Sprechsituation orientiertes Zeitintervall“ (Vater 2007: 32).1 Vom Sprechzeitpunkt ausgehend, ist es dem Subjekt möglich, zeitliche Referenz zu einem Ereignis, das versprachlicht werden soll, herzustellen. Dieses findet zu einem bestimmten Zeitpunkt, dem Ereigniszeitpunkt, statt (en. point of event, abgekürzt als E). Prinzipiell ist es allein mit diesen beiden Zeitpunkten möglich, die temporalen Relationen der Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit darzustellen:
| Vorzeitigkeit: | [E < S] |
| (E vor S) | |
| Gleichzeitigkeit: | [E = S] |
| (E gleichzeitig mit S) | |
| Nachzeitigkeit: | [S < E] |
| (S vor E) |
Formen, deren Semantiken durch diese grundlegenden Relationen beschrieben werden können, werden auch als absolute Tempora (vgl. Comrie 1985: 36) oder basic tenses (vgl. Klein 2009b: 43) bezeichnet.
Zur Darstellung jener Tempora, die keine direkte Relation zum Sprechzeitpunkt herstellen, führt Reichenbach einen weiteren zeitlichen Bezugspunkt ein, den Referenzzeitpunkt (en. reference point, abgekürzt als R).2 Dieser kann im selben Satz festgelegt oder durch den Kontext gegeben sein. Er wird beispielsweise benötigt, wenn man über ein Ereignis sprechen will, das vor einem Ereignis stattgefunden hat, das wiederum vor dem deiktischen Zentrum liegt. Als Beispiel kann das deutsche Plusquamperfekt in Beispielsatz 18 genannt werden (vgl. Heinold 2015: 80):
| (18) | Peter: „Maria hatte die Fenster schon geputzt, als ich heimkam.“ [E < R < S] |
Die Fettmarkierung von Peter verweist darauf, dass es einen Sprechzeitpunkt gibt, zu welchem Peter die Äußerung tätigt. Die Tätigkeit (E), über die gesprochen wird (Maria Fenster putzen), findet in der Vergangenheit statt und liegt somit vor dem Sprechzeitpunkt. Zwischen dem Sprechzeitpunkt und dem Ereigniszeitpunkt liegt aber noch ein weiteres Ereignis (ich heimkommen), das durch den Referenzzeitpunkt dargestellt wird (kursiv). Diese Relation (E < R < S) kann auf einer Zeitachse folgendermaßen dargestellt werden:
Abb. 2:
Die temporale Relation des Plusquamperfekts
Das für diese Arbeit relevanteste Problem des Reichenbachschen Systems ist, dass es die aspektuelle Opposition von perfektiv und imperfektiv nicht befriedigend ausdrücken kann (vgl. Haßler 2016: 19; für weitere Kritikpunkte vgl. Klein 2009b: 45; Stowell 2012: 187–189). In seinem System werden beispielsweise sowohl das spanische imperfecto als auch das perfecto simple gleichermaßen beschrieben:
| (19) | Ayer fui al colegio. |
| E = R < S | |
| (20) | Ayer iba al colegio. |
| E = R < S |
Das Tempussystem von Klein (1994, 2009a, b) baut auf jenem von Reichenbach auf. Dadurch, dass Klein nicht von Zeitpunkten, sondern von Zeitspannen spricht (vgl. Klein 2009a: 22), lassen sich aspektuelle Relationen darstellen. Um diese Zeitspannen zu benennen, verwendet Klein zwar andere Begrifflichkeiten, die aber durchaus gewisse konzeptuelle Ähnlichkeiten zu den Zeitpunkten Reichenbachs aufweisen:
| Reichenbach (1947) | Klein (1994) |
| Sprechzeitpunkt | Zeit der Äußerung (en. time of utterance, TU) |
| Ereigniszeitpunkt | Zeit der Situation/Situationszeit (en. time of situation, TSit) |
| Referenzzeitpunkt | Topikzeit (en. topic time, TT) |
Tab. 6:
Gegenüberstellung von Reichenbach (1947) und Klein (1994)
Klein (1994: 36–48) veranschaulicht das Zusammenspiel der drei Zeitspannen anhand der folgenden Situation: Ein Richter fragt einen Zeugen, was er beim Betreten eines Raumes, in welchem ein toter Mann auf dem Boden lag, gesehen hat. Darauf antwortet dieser das Folgende:
| (21) | A man was lying on the floor. |
| – – – – – [–] – – – – – < TU |
Durch eine sogenannte questio (= die Frage des Richters), die entweder explizit gestellt wird oder implizit durch den jeweiligen Kontext vorgegeben ist, wird die Topikzeit festgelegt (dargestellt durch die eckigen Klammern [ ] in Beispielsatz 21). Sie fokussiert jene Zeitspanne, über die tatsächlich eine Aussage gemacht wird. Klein (1994: 4) beschreibt sie folgendermaßen: „[The topic time] is the time span to which the speaker’s claim on this occasion is confined.“ In Beispielsatz 21 bezieht sie sich demnach auf diejenige Zeitspanne, zu welcher der Raum betreten wurde. Die Situationszeit hingegen nimmt auf die Zeitspanne von a man lie on the floor Bezug (dargestellt durch – – – – – –). Sie ist nicht auf die relativ kurze Zeitspanne der Topikzeit beschränkt. Der Mann lag auf dem Boden, sowohl bevor der Zeuge den Raum betreten hat als auch danach.
Beispielsatz 21 stellt exemplarisch dar, dass die Topikzeit in der Situationszeit eingeschlossen ist und vor der Zeit der Äußerung liegt (= die Aussage vor Gericht). Es ist die Relation von TSit und TT, welche es ermöglicht, aspektuelle Informationen darzustellen: „Aspects are ways to relate the time of situation to the topic time: TT can precede TSit, it can follow it, it can contain it, or be partly or fully contained in it“ (ebd.: 99). Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, wie TT und TSit zueinander in Bezug treten können. TT kann wie in Beispielsatz 21 vollständig in TSit enthalten sein (= TT incl TSit). Die damit einhergehende Unbegrenztheit von TSit im Hinblick auf TT erzeugt die für die Beschreibung des imperfektiven Aspekts so bekannte Innenperspektive (vgl. ebd.: 108).
Eine zweite Möglichkeit ist, dass TT (nur teilweise) in TSit enthalten ist (= TT at TSit). Klein (1994: 102–103) veranschaulicht diese TSit-TT-Relation anhand desselben Beispiels. Allerdings bittet der Richter den Zeugen nun, alle Ereignisse zu schildern, die er zwischen zwei und fünf Uhr erlebt hat. In dieser dreistündigen Zeitspanne, bei welcher es sich um die Topikzeit handelt, ist es durchaus möglich, dass eine Freundin des Zeugen, Mary, um halb drei eingeschlafen und um halb fünf wieder aufgewacht ist. In diesem Fall ist TSit vollständig in TT enthalten. Laut Klein stellt diese Relation den perfektiven Aspekt dar, da Anfang und Ende der Handlung in der TT und somit in der Perspektive des Sprechers eingeschlossen sind:
| (22) | Mary slept. |
| [ – – – – – – – – ] |
Klein (1994: 108) hält fest, dass es sich bei all den verschiedenen Beziehungen zwischen TSit und TT um rein temporale Relationen handelt, welche die eher metaphorische Beschreibung der Begrenztheit fassen können:
These definitions are strictly in terms of temporal relations. But it appears that they neatly reflect the intuitions behind more metaphorical characterizations such as ‘seen from the inside’ or ‘completed’. In the case of the IMPERFECTIVE, for example, the time for which an assertion is made falls entirely within the time of the situation; this gives the impression that the situation is, so to speak, seen from its inside.
Die Beziehung zwischen TT und TSit eignet sich demnach, um perfektiven und imperfektiven Aspekt darzustellen. Im Unterschied dazu beschreibt die Relation zwischen TT und TU die genuin temporalen Eigenschaften der Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit. In den genannten Beispielen liegt TT vor TU, weshalb die Situation als in der Vergangenheit liegend interpretiert wird. Wenn sich TT simultan zu TU befindet, wird eine gegenwärtige Situation beschrieben; wird sie nach TU situiert, handelt es sich um die Zukunft.
Bevor im nächsten Kapitel darauf eingegangen wird, wie perfektive und imperfektive Aspektualität in den für diese Arbeit wichtigen Einzelsprachen ausgedrückt wird, ist es sinnvoll, die wesentlichen Inhalte der letzten beiden Kapitel noch einmal zusammenzufassen. Hinsichtlich des lexikalischen Aspekts wird eine dreiteilige Klassifikation verwendet, die auf den folgenden Begrifflichkeiten beruht:
| Zustände: | [- dynamisch], [- telisch] |
| Aktivitäten: | [+ dynamisch], [- telisch] |
| Telics: | [+ dynamisch], [+ telisch] |
Bezüglich des grammatikalischen Aspekts wird zwischen perfektivem und imperfektivem Aspekt unterschieden (begrenzt vs. unbegrenzt), wobei letzterer in eine habituelle, eine kontinuative und eine progressive Komponente unterteilt wird. Zur Beschreibung der Tempussysteme der Einzelsprachen wird auf das Kleinsche Systems zurückgegriffen. Diesbezüglich werden die Begrifflichkeiten der Äußerungszeit (TU; auch Sprechzeitpunkt), der Situationszeit (TSit) und der Topikzeit (TT; auch Referenzzeit) übernommen. Temporale Unterschiede werden durch die Relation von TU und TT ausgedrückt, aspektuelle durch die Beziehung von TT und TSit. Vorzeitigkeit wird demnach als TT vor TU beschrieben. Perfektiver Aspekt wird durch die Inklusion von TSit in TT (oder graphisch durch [– – – – –]) dargestellt; imperfektiver durch das Enthaltensein von TT in TSit (oder graphisch durch – – – [– – –] – – –). Da Klein hauptsächlich zwischen perfektiv und imperfektiv unterscheidet, werden im Folgenden die Semantiken der Kontinuität und Habitualtität nicht mithilfe seines Systems erläutert.3 Eine stark simplifizierte Darstellung des Aspektualitätsverständnisses der vorliegenden Arbeit findet sich in Abbildung 3:
Abb. 3:
Darstellung des Aspektualitätsverständnisses der vorliegenden Arbeit
Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie das Deutsche, das Englische, das Lateinische, das Französische und das Spanische die Opposition von perfektiv/imperfektiv versprachlichen.
2.3 Tempus und Aspekt im Deutschen, Englischen, Lateinischen, Französischen und Spanischen
In diesem Kapitel wird analysiert, wie die in dieser Arbeit behandelten Einzelsprachen die aspektuelle Unterscheidung von perfektiv und imperfektiv ausdrücken. Der Fokus liegt dabei auf der temporalen Domäne der Vorzeitigkeit und der grammatischen Kategorie des Aspekts. In manchen Fällen wird aber auch auf lexikalische und pragmatische Ausdrucksmittel eingegangen. Wenn eine Sprache zwei (teilweise) bedeutungsgleiche Formen besitzt, um (Im-)perfektivität auszudrücken, werden beide Formen beschrieben (z. B. im Französischen bei passé simple und passé composé). Da weder das Plusquamperfekt noch „echte“ Perfekt-Konstruktionen (z. B. das englische present perfect oder das spanische perfecto compuesto) im empirischen Teil der Arbeit untersucht werden, wird nicht weiter auf diese Formen eingegangen. Das Kapitel gliedert sich wie folgt: Nachdem zuerst auf das Deutsche und das Englische eingegangen wird, werden im Anschluss daran das Lateinische sowie die beiden romanischen Sprachen, Französisch und Spanisch, beschrieben.
2.3.1 Das Deutsche
Dieses Kapitel startet mit einem kurzen Überblick über die beiden deutschen Vergangenheitsformen, das Perfekt und das Präteritum. Darauffolgend wird argumentiert, dass ihre Semantik weitgehend bedeutungsgleich ist und dass die wenigen Unterschiede pragmatischer oder stilistischer Natur sind. Schließlich wird auf diverse Möglichkeiten des Deutschen eingegangen, Aspektualität auszudrücken.
Beim Präteritum (z. B. sie machte) handelt es sich um ein Vergangenheitstempus, „[das] eine Situation einem Referenzintervall zu[ordnet], das vor dem Sprechereignis liegt“ (Vater 2007: 53). In der Kleinschen Terminologie heißt dies, dass sich die Topikzeit (TT) vor der Zeit der Äußerung (TU) befindet (vgl. auch Rothstein 2007: 36–39).1
Im Unterschied zum Präteritum ist die Topikzeit beim Perfekt (z. B. sie hat gemacht) variabel in Bezug auf die Äußerungszeit (vgl. Vater 2007: 64). Ihre Lokalisierung vor der Äußerungszeit stellt die Standardinterpretation des Perfekts dar, dennoch kann durch die Situierung von TT simultan zu TU der so oft diskutierte Gegenwartsbezug erzeugt werden. Ob TT vor oder simultan zu TU lokalisiert wird und damit die Frage, ob eine perfektische2 oder eine vorzeitige Lesart in den Vordergrund rückt, hängt nicht von grammatikalischen, sondern von pragmatischen Verfahren ab (für eine ausführliche Analyse vgl. Klein 1999, 2000; Musan 1999; Welke 2005, 2010). Daraus folgt, dass das Perfekt „in seiner denotativen Bedeutung vollkommen synonym zum Präteritum“ ist (Welke 2010: 20). Seine Grundbedeutung ist demzufolge die eines Vergangenheitstempus, was dadurch deutlich wird, dass es in den meisten Fällen nicht in Opposition zum Präteritum tritt, sondern mit ihm ausgetauscht werden kann.
Diese weitgehende Austauschbarkeit beider Formen ist ein Zeichen dafür, dass das Deutsche keine obligatorischen, vollständig grammatikalisierten Mittel besitzt, um zwischen perfektiv und imperfektiv zu unterscheiden. Das Deutsche wird somit als Nicht-Aspektsprache gehandhabt (vgl. Andersson 2004; Ballweg 2004; Baudot 2004; Behrens et al. 2013; Bohnemeyer/Swift 2004; Schwenk 2012; Thieroff 1992; Zifonun et al. 1997). Im Hinblick auf die Perfektivität zeigt sich dies insofern, als durch das Hinzufügen eines gegenwärtigen Kontextes Sätze im Perfekt und im Präteritum nicht ungrammatisch werden (siehe conjunction test in Kapitel 2.1.2; Beispiele in Anlehnung an Smith 1997: 194):
| (23) | Letzten Sommer haben sie ein Haus gebaut. Es kann sein, dass sie das Haus noch immer bauen. |
| (24) | Letzten Sommer bauten sie ein Haus. Es kann sein, dass sie das Haus noch immer bauen. |
Sowohl die Verwendung des Perfekts (Beispielsatz 23) als auch jene des Präteritums (Beispielsatz 24) impliziert nicht, dass das Haus fertig gebaut wurde. Beide Sätze sind somit akzeptabel, was zeigt, dass die Begrenztheit nicht Teil der Semantik der beiden Tempora ist, sondern sich aus dem Kontext ergibt.
Auch die Analyse mithilfe des Kleinschen (1994) Tempussystems veranschaulicht, dass es zwischen Präteritum und Perfekt keine aspektuelle Unterscheidung im Sinne der Opposition perfektiv/imperfektiv gibt. Zur Illustration wird auf die in Kapitel 2.2 genannten Beispiele in etwas modifizierter Form eingegangen. Durch die questio des Richters wird ein Topikzeit-Intervall etabliert, zu dem die Situationszeit (TSit) in Bezug gesetzt wird. Ist die Topikzeit in der Situationszeit eingeschlossen, wird der imperfektive Aspekt dargestellt; ist TSit jedoch in TT enthalten, der perfektive (vgl. ebd.: 108). Beispielsweise könnte der Richter fragen, was der Zeuge zwischen 14 und 17 Uhr gemacht hat, was einem Topikzeit-Intervall von drei Stunden gleichkommen würde. Der Zeuge könnte das Folgende antworten:
| (25) | Ich habe einen Kaffee mit Freunden getrunken. |
| [ – – ] | |
| (26) | Ich trank einen Kaffee mit Freunden. |
| [ – – ] |
Im Anschluss könnte der Richter vom Zeugen wissen wollen, was dieser beim Betreten des Raumes, in dem sich der Tote befand, gesehen hat. In diesem Fall ist TT punktueller Natur und TSit ist nicht auf das kurze Zeitintervall von TT beschränkt. Auf die Frage antwortet der Zeuge Folgendes:
| (27) | Ein Mann ist auf dem Boden gelegen. |
| – – – – [–] – – – – | |
| (28) | Ein Mann lag auf dem Boden. |
| – – – – [–] – – – – |
In Sprachen, die über eine aspektuelle Unterscheidung verfügen, müsste für die Relation zwischen Topik- und Situationszeit in den Beispielsätzen 25 und 26 perfektive Morphologie, in den Beispielsätze 27 und 28 hingegen imperfektive Morphologie verwendet werden. Die Beispiele demonstrieren, dass sowohl das Perfekt als auch das Präteritum für dieselben aspektuellen Nuancen verwendet werden kann, und beweisen somit zusätzlich zum conjunction test, dass es im Deutschen keinen Aspekt im Sinne einer grammatischen Kategorie gibt.
Für die Unterscheidung von perfektiv und imperfektiv greift das Deutsche auf nicht grammatische Mittel zurück (z. B. lexikalische oder pragmatische). Beispielsweise argumentieren Bohnemeyer und Swift (2004; vgl. auch Ballweg 2004), dass die aspektuelle Interpretation in aspektlosen Sprachen von der Telizität der Prädikate abhängt:
[T]here are languages – e.g. German […] – in which the aspectual reference of clauses or verb phrases […] depends on the telicity of the event predicates they encode (Bohnemeyer/Swift 2004: 264).
Diesbezüglich führen sie den Begriff der „telicity-dependent aspectual reference“ ein (ebd.: 266). Wird die aspektuelle Information nicht morphologisch markiert, wird den Sätzen basierend auf der Telizität der Prädikate ein Aspekt-Operator zugeordnet:
By telicity-dependent aspectual reference, we mean the phenomenon that clauses or verbal projections not overtly marked for viewpoint aspect are assigned semantic viewpoint aspectual operators on the basis of the telicity of their event predicates (ebd.).
Daraus ergibt sich, dass Sätze mit atelischem Prädikat (z. B. die partitive Konstruktion an einem Brief schreiben in Beispiel 29) imperfektiv und Sätze mit telischem Prädikat (Beispiel 30) perfektiv interpretiert werden:
| (29) | Als ich Marys Büro betrat, schrieb sie an einem Brief. | (imperfektiv) |
| (30) | Als ich Marys Büro betrat, schrieb sie einen Brief. | (perfektiv) |
| (Beispielsätze aus ebd.: 268) |
Die Standardinterpretation von Satz 29 ist dementsprechend, dass Mary schon an einem Brief geschrieben hat, bevor der Raum betreten wurde. Beispielsatz 30 hingegen wird dermaßen interpretiert, dass Mary in dem Moment, in dem der Raum betreten wurde, begonnen hat, einen Brief zu schreiben. Bohnemeyer und Swift betonen, dass diese Deutungen nicht die einzig gültigen sind, sondern dass sie lediglich die Standardinterpretation der entsprechenden Sätze darstellen. Demnach handelt es sich um eine pragmatische Implikatur, woraus sich ergibt, dass durch einen anderen Kontext eine andere Interpretation erzeugt werden kann:
| (31) | Als ich Marys Büro betrat, schrieb sie einen Brief. Überrascht blickte sie auf, legte den Stift zur Seite, und lächelte mich an. |
| (Beispielsatz aus ebd.: 269) |
Da in allen angeführten Beispielen prinzipiell beide Lesarten möglich sind, greift das Deutsche meist zusätzlich auf lexikalische Mittel zurück (z. B. Verbalperiphrasen), um die entsprechende Interpretation deutlich zu machen. Durch inchoative Verben wie beginnen kann beispielsweise die perfektive Lesart hervorgehoben werden:
| (32) | Als ich Marys Büro betrat, begann sie, einen Brief zu schreiben. |
Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Präfixen. In Beispielsatz 33 wird beispielsweise durch das Präfix {aus-} die Perfektivität der Handlung betont:
| (33) | Johann hat das Glas Wasser ausgetrunken. |
Progressivität hingegen wird unter anderem durch die Verwendung von Adverbien wie gerade akzentuiert (vgl. Ebert 2000: 631; Heinold 2015: 63–64):
| (34) | Als ich Marys Büro betrat, schrieb sie gerade an einem Brief. |
Das Adverbium gerade kann mit allen Tempora und Aspekten (auch mit Progressiv-Konstruktionen) kombiniert werden und ist als rein lexikalische Ausdrucksweise von Progressivität zu verstehen (vgl. Ebert 2000: 631). Darüber hinaus ist es möglich, gerade als lexikalische Modifizierung zur Disambiguierung zweideutiger Sätze einzusetzen. In Beispielsatz 36 wird das Adverb verwendet, um die Ambiguität des Satzes zwischen einer habituellen und einer progressiven Lesart aufzuheben (vgl. Heinold 2015: 64):
| (35) | Ich rauche. | (habituell oder progressiv) |
| (36) | Ich rauche gerade. | (progressiv) |
Eine weitere Möglichkeit, den dynamischen Charakter einer Handlung zu betonen, ist die Verwendung von dabei + sein (finit) + zu (vgl. Ebert 2000: 607). Diese Periphrase ist, anders als beispielsweise die am-Periphrase, auch in der Standardsprache verwendbar (vgl. Ballweg 2004: 78):
| (37) | Als ich Marys Büro betrat, war sie dabei, an einem Brief zu schreiben. |
Die am-Periphrase (auch ,rheinische Verlaufsform‘) wird mithilfe von sein (finit) + am + substantivierter Infinitiv gebildet (vgl. Ebert 2000: 607). Sie wird in der Literatur auch als deutsches Progressiv bezeichnet und „kennzeichnet […] den entsprechenden Prozeß als im Verlauf befindlich, es liegt also eine Binnenperspektive vor, Grenzen werden nicht sichtbar“ (Zifonun et al. 1997: 1877). Die Frage, ob diese Form bereits vollständig grammatikalisiert ist, wird in der Literatur intensiv diskutiert (vgl. Heinold 2015: 60–66). Das obere Ende des Spektrums nimmt Thiel (2008: 13) ein, die das deutsche Progressiv „in verschiedenen sprachlichen Registern und geografischen Regionen“ nachgewiesen und eine Liste sprachnormierender Instanzen erstellt hat, welche die am-Periphrase anerkennen. Auch Van Pottelberge (2005: 171) argumentiert, dass die rheinische Verlaufsform „unbestreitbar zu den systematisch bildbaren Einheiten der Grammatik [gehört] und […] in diesem Sinne eine grammatikalisierte Verbform [ist]“. In seiner Darstellung erkennt er aber an, dass der Funktionsbereich der Periphrase insofern relativ eingeschränkt ist, als ihr Gebrauch nicht obligatorisch und in der deutschen Standardsprache nicht sehr häufig ist. Eine ähnliche Argumentation findet sich bei Ballweg (2004: 78), der erwartet, „dass bei fortschreitendem Grammatikalisierungsprozess das Deutsche der Zukunft über ein [vollständig grammatikalisiertes] Progressiv verfügen wird“. Auch wenn Behrens, Flecken und Carroll (2013) dem am-Progressiv eine systematische Bildung nicht absprechen, können sie anhand ihrer empirischen Studie zeigen, dass L1-Sprecher des Deutschen die Periphrase kaum aktiv produzieren. Daraus schließen sie, dass die Progressivperiphrase keine grammatikalische Option im Standarddeutschen ist (vgl. Behrens et al. 2013: 126; vgl. auch Mair 2012: 804 für eine ähnliche Sichtweise). Ebert (2000: 606) und Ballweg (2004: 78) stellen außerdem fest, dass die rheinische Verlaufsform hauptsächlich in informalen Kontexten und in der gesprochenen Sprache verwendet wird. Schließlich sei an dieser Stelle erwähnt, dass es noch weitere Periphrasen gibt, wie beispielsweise beim + substantivierter Infinitiv + sein oder im + substantivierter Infinitiv + sein, die allerdings eine wesentlich eingeschränktere Verwendung aufweisen (vgl. Ebert 2000: 630–631).
Auch Habitualität wird im Deutschen nicht mithilfe grammatischer Mittel markiert. Typisch ist die Verwendung von Adverbien wie immer oder für gewöhnlich (vgl. Heinold 2015: 66) oder des infinitivregierenden Verbs pflegen (vgl. Barz et al. 2009: 410; Dahl 1985: 96). Aufgrund des geringen Stellenwerts wird der Ausdruck von Habitualität in deutschen Grammatiken normalerweise nicht oder nur bedingt besprochen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Deutsche über keine grammatikalischen Mittel verfügt, um aspektuelle Unterschiede auszudrücken. Um zwischen Perfektivität und Imperfektivität zu unterscheiden, greift es auf pragmatische oder lexikalische Ausdrucksmittel wie Adverbien oder nicht vollständig grammatikalisierte Periphrasen zurück. Im nächsten Kapitel wird auf das Englische eingegangen und es wird dargelegt, wie Aspektualität in dieser Sprache ausgedrückt wird.
2.3.2 Das Englische
Im Unterschied zum Deutschen besitzt das Englische eine vollständig grammatikalisierte und obligatorische aspektuelle Opposition zwischen progressiv und nicht progressiv. Sie findet sich auf allen Zeitstufen und kommt durch die Unterscheidung zwischen der periphrastischen Konstruktion be + V-ing und den entsprechenden nicht progressiven Formen zum Ausdruck (vgl. Bertinetto et al. 2000; Comrie 1976: 32–40; Dahl 1985: 90–95; Declerck 2006: 32–34; Hewson 2012: 514; Mair 2012). Im Folgenden wird die temporale Domäne der Vorzeitigkeit fokussiert und es wird mithilfe des Kleinschen Systems der Unterschied zwischen past progressive und simple past herausgearbeitet. Im Anschluss daran wird unter Zuhilfenahme des conjunction tests gezeigt, dass es sich beim englischen simple past um keine genuin perfektive Verbform handelt und schließlich wird darauf eingegangen, welche Ausdrucksmittel das Englische verwendet, um habituelle Semantik auszudrücken.
Mithilfe des Kleinschen Systems und der in Kapitel 2.2 etablierten questio kann die progressive Semantik dargestellt werden. Als Antwort auf die Frage, was der Zeuge beim Betreten des Raumes gesehen hat, könnte dieser das Folgende antworten:
| (38) | My friend was talking to a man. | (progressive-Form) |
| – – – – [–] – – – – |
Die progressive-Form in Beispielsatz 38 fokussiert dasjenige Zeitintervall, zu dem der Raum betreten wurde (= Topikzeit). Das Sprechen des Freundes (= Situationszeit) ist nicht auf das kurze Zeitintervall der Topikzeit beschränkt. TT ist somit in TSit enthalten, woraus sich die progressive Lesart ergibt. Stellt der Richter die questio allerdings etwas anders und fragt, was der Zeuge während seines Aufenthaltes in dem Raum getan hat, ist die folgende Antwort möglich:
| (39) | I talked to a friend. | (simple past) |
| [ – – ] |
Die Zeit, die der Zeuge in dem Raum verbringt (= Topikzeit), hat eine längere Zeitdauer als das Gespräch mit dem Freund (= Situationszeit). TSit ist somit in TT enthalten, woraus sich laut Klein (1994) die Abgeschlossenheit des simple past ergibt.
Aus der bisherigen Darstellung könnte man schließen, dass die Opposition von simple past und past progressive mit der Opposition von perfektiv und imperfektiv vergleichbar ist. Dies ist aber in zweierlei Hinsicht problematisch (vgl. Comrie 1976: 7): Auf der einen Seite kann das simple past problemlos Habitualität ausdrücken (vgl. Tagliamonte/Lawrence 2000); auf der anderen Seite erzeugt es nur mit nicht statischen Verben eine perfektive Lesart; mit statischen ist die Interpretation offen (vgl. Smith 1997: 170–171). Dies äußert sich insofern, als eine kontextuelle Negierung der perfektiven Lesart mit statischen Verben möglich ist (Beispielsatz 41), wohingegen sie mit nicht statischen (Beispielsatz 40) einen ungrammatischen Satz erzeugt:
| (40) | *Lucas finished the manuscript and he is still finishing it. |
| (41) | Lucas was sick, and he still is sick. |
| (Beispielsätze aus Salaberry 2008: 48) |
Dass die perfektive Lesart des simple past in Kombination mit statischen Prädikaten kontextuell negiert werden kann, bedeutet, dass sie von der Semantik der Verben abhängt. Dies lässt darauf schließen, dass das englische simple past keine genuin perfektive Verbform ist und dass es sich um einen Tempus- und nicht um einen Aspekt-Marker handelt: „[T]he English Simple Past is not regarded as an aspectual marker but a tense marker, [as] it conveys the meaning of perfectivity […] in a pragmatically ‘cancellable way’“ (Salaberry 2008: 48). De Swart (2012: 761) spricht deshalb von einer aspektneutralen Form:
[W]e can view the Simple Past as an aspectually neutral tense, which just locates the state or event introduced by the predicate-argument structure in the past […]. The neutral interpretation accounts more easily for stative descriptions […], or the habitual interpretation […].
Die aspektuelle Unterscheidung im Englischen beläuft sich also nicht auf perfektiv/imperfektiv, sondern auf progressiv/nicht progressiv. Die englische progressive-Form hat mehrere Lesarten: Sie kann sowohl mit einer fokussierenden/punktuellen als auch mit einer durativen Referenzzeit kombiniert werden (vgl. Bertinetto 2000: 565–566; Declerck 2006: 33). Dies zeigt sich beispielsweise durch die Verwendung von adverbialen Ergänzungen, die ein Geschehen zeitlich limitieren:
| (42) | At 7 p.m. I was still working. | (fokussierend) |
| – – – – – [–] – – – – – – | ||
| (43) | From 2 to 4 I was reading a book. | (durativ) |
| – – – [ – – – – ] – – – – | ||
| (Beispielsätze in Anlehnung an Declerck 2006: 33) | ||
In Kapitel 2.1.2 wurde darauf eingegangen, dass progressiver Aspekt normalerweise nicht mit statischen Prädikaten verwendet werden kann. Dies trifft auch auf die englische progressive-Form zu. Daraus resultiert, dass sie nur in Kombination mit dem simple past auftreten können, was wiederum bedeutet, dass Kontinuität im Englischen, so wie sie in der vorliegenden Arbeit definiert wird, anders als beispielsweise im Französischen und Spanischen, durch das simple past ausgedrückt wird (vgl. Domínguez et al. 2017: 437). Es gibt allerdings einige Ausnahmen: Statische Verben können in bestimmten Kontexten als Aktivitäts-Verben interpretiert werden, wodurch die Kombination mit der progressive-Form zulässig wird (vgl. Comrie 1976: 36; Smith 1997: 171; vgl. Bertinetto 2000: 584 für eine andere Interpretation):
| (44) | Fred is being silly. |
| (= Fred is acting in a silly manner.) | |
| (Beispielsatz aus Comrie 1976: 36) |
Habituelle Ereignisse in der Vergangenheit werden im Englischen durch das simple past oder mithilfe der beiden Auxiliarverben would und used to ausgedrückt (vgl. Binnick 2005: 339; Declerck 2006: 34–35; Tagliamonte/Lawrence 2000):
[In the past] the auxiliars would and used to are the only […] expressions of habitual aspect […] in English. Otherwise, habitual meaning is normally expressed by a nonprogressive verb form, often in combination with a repetitive adverb like habitually, usually, normally, etc. (Declerck 2006: 34–35).
Die unterschiedlichen Möglichkeiten des Englischen, Habitualität auszudrücken, werden in den beiden Beispielsätzen 45 und 46 veranschaulicht:
| (45) | He would often come/used to come and talk to her when he had finished working. |
| (46) | As a child, I usually/often/always met with Harry. |
| (Beispielsatz 45 aus Declerck 2006: 34) |
Das simple past kann als Habitualitäts-Marker ausgeschlossen werden, da es zusätzliche lexikalische oder pragmatische Mittel benötigt, um eine habituelle Lesart zu erzeugen (vgl. Binnick 2005: 352; Carlson 2012: 831–835). Dennoch ist es jene Form, die im gesprochenen Englisch am häufigsten zum Ausdruck von habitueller Semantik verwendet wird (ca. 70 %; vgl. Tagliamonte/Lawrence 2000: 330). Bezüglich used to und would, die laut der Studie von Tagliamonte und Lawrence eine niedrigere Frequenz aufweisen als das simple past (ca. 19 % bzw. 6 %), herrscht eine widersprüchliche Meinung in der Literatur. Einige Autoren sehen die used-to-Periphrase als Habitualitäts-Marker an (vgl. Comrie 1976: 25; Declerck 2006: 34–35), andere widersprechen dieser Position und argumentieren, dass nur would als ein solcher fungiert (vgl. Binnick 2005).
Aufgrund der geringen Frequenz, der fehlenden Obligatorität und der Tatsache, dass primär das simple past verwendet wird, um die habituelle Semantik auszudrücken, kann im Englischen nicht von einer vollständig grammatikalisierten Kategorie des habituellen Aspekts gesprochen werden. In der temporalen Domäne der Vorzeitigkeit findet sich die aspektuelle Opposition zwischen dem simple past und der Progressivperiphrase be + V-ing, die im Unterschied zum Imperfekt, wie es sich im Lateinischen und den romanischen Sprachen vorfindet, nicht mit statischen Prädikaten kombiniert werden kann. Überhaupt handelt es sich beim progressiven Aspekt um eine Subkategorie des imperfektiven, weshalb ein Vergleich nur im Bereich der progressiven Semantik mit nicht statischen Prädikaten möglich ist. In den folgenden Kapiteln wird dargestellt, wie die Opposition perfektiv/imperfektiv im Lateinischen und den romanischen Sprachen versprachlicht wird.
2.3.3 Das Lateinische
Im Unterschied zum Deutschen und zum Englischen besitzt das Lateinische als erste hier behandelte Sprache die aspektuelle Opposition von perfektiv/imperfektiv. Jede der drei lateinischen Zeitstufen kann prinzipiell in perfectum und infectum unterteilt werden (vgl. Hewson 2012: 507–509; Maiden 2011: 175; Salvi 2011: 327), allerdings findet sich die Opposition zwischen dem perfektiven Perfekt (laudavit) und dem Imperfekt (laudabat) wie in den romanischen Sprachen nur auf der Zeitebene der Vergangenheit. Alle anderen aspektuellen Unterscheidungen gehen mit einer unterschiedlichen Lokalisierung auf der Zeitachse einher (vgl. Salvi 2011: 327–328) und werden typischerweise als retro- bzw. prospektiver Aspekt beschrieben, je nachdem ob sich TSit vor oder nach TT befindet (vgl. Klein 1994: 103–104).
Das lateinische Perfekt weist sowohl einen perfektiven als auch einen perfektischen Wert auf (vgl. Harris 1982: 46–49; Müller-Lancé 2006a: 171–172). Letzterer wird mithilfe des sogenannten resultativen oder präsentischen Perfekts ausgedrückt. Dieses „bezeichnet einen Zustand, der in der Vergangenheit begonnen hat und in der Gegenwart noch andauert“ (Menge 2000: 186; vgl. auch Kühner/Stegmann 1966: 124–126). Das perfektive Perfekt, das für die Belange der vorliegenden Arbeit von Relevanz ist, kann auch als aoristisches oder historisches Perfekt bezeichnet werden. Priscian (8, 52–53; zit. n. Pinkster 1988: 338)1 beschreibt die Unterscheidung zwischen perfektivem Perfekt und Imperfekt folgendermaßen:
si incipiam in praeterito versum scribere et imperfectum eum […] relinquam tunc utor praeterito imperfecto dicens ‚scribebam versum‘; […] continuo enim scripto ad finem versu dico ‚scripsi versum‘.2
Der perfektive Charakter des lateinischen Perfekts äußert sich dadurch, dass eine Handlung als geschehen, als in einem Moment zusammengedrängt bzw. als abgeschlossen dargestellt wird. Das Ereignis wird vom Sprecher gewissermaßen mit einem Blick überschaut. Das perfektive Perfekt eignet sich daher ideal dafür, den Handlungsstrang voranzutreiben. Daraus folgend wird argumentiert, dass es in narrativen Texten „die Hauptereignisse und Haupttatsachen an[führt], das Imperfekt hingegen […] die gleichzeitigen Nebenhandlungen und begleitenden Umstände veranschaulichend dar[stellt]“ (Kühner/Stegmann 1966: 127; vgl. auch Pinkster 1988: 360–363). Diese narrative Funktion der „Beschreibung und Schilderung von währenden Zuständen der Vergangenheit, [aber auch] […] der Darstellung von Sitten und Gewohnheiten“ (Kühner/Stegmann 1966: 122) ergibt sich aus der Semantik des Imperfekts, die Handlungen in ihrem Verlauf, ihrer Entwicklung beschreibt und als nicht abgeschlossen darstellt (vgl. Haßler 2016: 107–109; Menge 2000: 184–186).
Die eben dargestellte Unterscheidung zwischen perfektivem und imperfektivem Aspekt wird in den romanischen Sprachen beibehalten (vgl. Salvi 2011: 328). Es gibt aber auch eine für die vorliegende Arbeit besonders wichtige Innovation: Vermutlich durch die Doppelsemantik des lateinischen Perfekts angetrieben (vgl. Harris 1982: 46–49), entwickelt sich im Vulgärlatein der klassischen Periode eine Konstruktion (z. B. habeo litteras scriptas), welche sich in den romanischen Sprachen als zusammengesetztes Perfekt durchsetzt (vgl. Pulgram 1984; Müller-Lancé 2006a: 171–174). Ursprünglich übernimmt diese periphrastische Form den perfektischen Charakter des lateinischen Perfekts (vgl. Salvi 2011: 329). Allerdings ist auch zu erwähnen, dass in einigen romanischen Sprachen (beispielsweise dem Französischen oder dem Standarditalienischen) die zusammengesetzte Form immer weiter in die Domäne des synthetischen Perfektivums vordringt und dieses vor allem aus der mündlichen Domäne langsam verdrängt oder bereits verdrängt hat (vgl. Bertinetto/Bianchi 2003: 570; Lindschouw 2017: 398; Pulgram 1987: 387). Inwiefern sich das lateinische Vergangenheitssystem im Französischen und im Spanischen erhalten hat, wird in Kapitel 2.3.4 näher erörtert. Zuvor wird aber noch auf die panromanische Beschreibung des Verbalsystems der romanischen Sprachen von Coseriu (1976) eingegangen.
2.3.4 Die romanischen Sprachen
Das folgende Kapitel stellt zuerst kurz das romanische System der Verbalkategorien von Coseriu (1976) vor. Im Anschluss werden diesbezüglich die für die vorliegende Arbeit relevanten romanischen Sprachen, das Französische und das Spanische, näher beschrieben und es wird darauf eingegangen, wie die Opposition perfektiv/imperfektiv ausgedrückt wird.
Die romanischen Sprachen weisen im Hinblick auf den perfektiven Part der aspektuellen Opposition eine relativ hohe innerromanische Variation auf. In den konservativeren Sprachen (z. B. Spanisch oder Katalanisch) existiert weiterhin ein perfektisches Perfekt (perfecto compuesto oder perfet compost); in den innovativeren hingegen (Italienisch oder Französisch) hat die analytische Form (passato prossimo oder passé composé) die synthetische (passato remoto oder passé simple) weitgehend aus der Alltagssprache bzw. aus der mündlichen Domäne verdrängt (vgl. Lindschouw 2017: 398). Aufgrund der Entwicklung der modernen romanischen Sprachen aus dem Lateinischen kann man aber auch panromanische Tendenzen feststellen (vgl. Oesterreicher 1996). Beispielsweise kann das romanische Imperfekt, wenn man einige wenige Ausnahmen außer Acht lässt, als panromanische Form beschrieben werden (vgl. Haßler 2016: 107).
Coseriu (1976: 91) schlägt ein System vor, das er selbst als „romanisch“ bezeichnet und das auf alle romanischen Sprachen anwendbar ist, was allerdings nicht bedeutet, dass man
in allen romanischen Sprachen genau dieselben Oppositionen feststellen [kann], noch daß in jedem Fall zwischen den romanischen Verbalformen eine völlige Übereinstimmung, eine Korrespondenz eins zu eins besteht. Aber die Grundlage der Organisation des Verbs ist in allen romanischen Sprachen ziemlich dieselbe und das berechtigt uns, von einem romanischen ‚Verbalsystem‘ nicht nur historisch, sondern auch synchronisch zu sprechen.
Laut Coseriu (1976: 92) weist das romanische Verb eine doppelte zeitliche Struktur auf. Er unterscheidet eine aktuelle und eine inaktuelle Zeitebene. Erstere kommt dem „Vordergrund [gleich], der der Zeitlinie entspricht, die durch das Präsens geht […].“ Die inaktuelle Ebene hingegen wird durch Handlungen dargestellt, die einen parallelen Hintergrund bilden. Ihr Zentrum ist das Imperfekt.
Neben diesen beiden Zeitebenen führt Coseriu (1976: 93) die sogenannte Perspektive ein, welche „der Stellung des Sprechers im Verhältnis zur Verbalhandlung“ entspricht. Sie stimmt demnach in etwa mit der Relation von Topik- und Situationszeit im Kleinschen System überein. Daraus ergeben sich für jede Zeitebene drei Zeiträume (parallel, retro- und prospektiv). Der Sprecher kann eine parallele Perspektive einnehmen, wodurch die Handlung in ihrem Verlauf betrachtet wird. Dies entspricht im weitesten Sinne der Kleinschen Relation von TT incl TSit (graphische Darstellung: – – – [ – – – ] – – –) und wird von Coseriu (1976: 94) als kursiv bezeichnet. Der Sprecher kann die Handlung aber auch aus einer nicht parallelen Perspektive betrachten (retro- oder prospektiv), bei welcher die Handlung „außerhalb ihres Ablaufs als Ganzes betrachtet“ wird. Dies kommt der Kleinschen Relation von TT at TSit gleich und wird von Coseriu (1976: 94) als komplexiv bezeichnet. Jeder in der primären Perspektive abgegrenzte Zeitraum kann in der sekundären Perspektive nach denselben Prinzipien noch einmal aufgeteilt werden. Prinzipiell wäre auch eine tertiäre Perspektive möglich (z. B. die formes surcomposées im Französischen wie j’ai eu fait; vgl. ebd.: 96). Diese wird allerdings nur selten realisiert und wird in der folgenden Darstellung aufgrund der besseren Anschaulichkeit weggelassen:
| Zeitebene | Perspektive | Vergangenheit retrospektiv | Gegenwart parallel | Zukunft prospektiv |
| aktuell | primär | sp. hice fr. je fis | sp. hago fr. je fais | sp. haré fr. je ferai |
| sekundär | sp. he hecho fr. j’ai fait | sp. voy a hacer fr. je vais faire | ||
| inaktuell | primär | - | sp. hacía fr. je faisais | sp. haría fr. je ferais |
| sekundär | sp. había hecho fr. j’avais fait | sp. habré hecho fr. j’allais faire |
Tab. 7:
Das spanische und französische Verbalsystem (in Anlehnung an Coseriu 1976: 92–96; vgl. auch Dessì Schmid 2014: 33)
Es handelt sich bei Coseriu also um ein dreistufiges System, das aus einem Grundsystem (d. h. den Zeitebenen und der primären Perspektive) besteht, das die einfachen Tempora beschreibt. Im System der sekundären Perspektive werden die periphrastischen Formen dargestellt und schließlich spricht er von einem System, das die Bestimmung spezieller aspektiver Werte für jeden Zeitpunkt betrifft. Dieses umfasst die Kategorien der Dauer, der Wiederholung, der Vollendung, des Resultats, der Schau und der Phase (vgl. Coseriu 1976: 115). Da das dritte System formal den verschiedenen romanischen Periphrasen entspricht und diese in der vorliegenden Arbeit bis auf wenige Ausnahmen nicht weiter behandelt werden, wird es nicht näher beschrieben (für einen Überblick vgl. ebd.: 96–108).
Coseriu versucht, diskursive Erklärungsansätze (d. h. die Unterscheidung zwischen aktueller und inaktueller Zeitebene) mit zeitrelationalen (d. h. der primären und sekundären Perspektive) zu verbinden. Dieses Zusammendenken der beiden Ansätze und die Beschreibung der zahlreichen aspektiven Werte führen dazu, dass Coserius System relativ schwer zu fassen ist (vgl. Coseriu 1976: 33; Haßler 2016: 189). Dennoch wird seine Beschreibung vor allem in der deutschsprachigen Romanistik weiterhin viel rezipiert.
2.3.4.1 Das Französische
In diesem Kapitel wird die Unterscheidung von perfektiv/imperfektiv im Französischen dargestellt. Da sowohl das passé composé als auch das passé simple zum imparfait in Opposition treten, werden die drei Formen kurz beschrieben und voneinander abgegrenzt. Im Anschluss wird sowohl der conjunction test durchgeführt als auch das Kleinsche System auf das Französische angewandt. Am Ende des Kapitels wird auf die Periphrase être en train de und die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten für die habituelle Semantik eingegangen.
Das Französische kennt die Unterscheidung zwischen perfektiv und imperfektiv nur in der Vergangenheit (vgl. Chevalier et al. 1988: 339–348; Dethloff/Wagner: 2014: 253–257, 263–268; Garey 1957; Mitko 2000; Smith 1997: 193–226; Viguier 2012). Der imperfektive Aspekt wird mithilfe des imparfait ausgedrückt; das passé simple und das passé composé bilden „den perfektiven Pol der Aspektopposition“ (Mitko 2000: 193). Ersteres wird für Ereignisse verwendet, die keinen Bezug zum Sprechzeitpunkt aufweisen. Es stellt eine Handlung als in sich abgeschlossenes Ganzes und als vergangen dar:
Le passé simple […] exprime un fait complètement achevé à un moment déterminé du passé, sans considération du contact que ce fait, en lui-même ou par ses conséquences, peut avoir avec le présent (Grevisse 1986: 1292).
Das passé simple „ist auf den schriftlichen Bereich beschränkt und eignet sich besonders gut zum Einsatz im narrativen Bereich, wo es die Ereignisse in der Handlungssequenz darstellt“ (Mitko 2000: 193). Aber auch in Bereichen der mündlichen Kommunikation, in welchen eine konzeptionelle Schriftlichkeit vorliegt, kann es verwendet werden (z. B. in Radiobeiträgen oder im Fernsehen).
Das passé composé hingegen „wird im Distanz- wie im Nähebereich verwendet und ist heute […] ambivalent zwischen einem Perfekt und einem Perfektivum der Vergangenheit“ (ebd.). Im klassischen Französisch wurde es für Handlungen gebraucht, die nicht vollständig vergangen waren bzw. einen gewissen Bezug zum Sprechzeitpunkt hatten. Heute ist diese ursprüngliche Differenzierung weitgehend verschwunden und sowohl das passé composé als auch das passé simple werden als bedeutungsgleich angesehen. Ähnlich wie beim deutschen Perfekt hängt beim passé composé die Relation zwischen der Topik- und der Äußerungszeit und damit die Frage, ob die perfektische oder die perfektive Lesart zu Tage tritt, vom kontextuellen Umfeld ab (vgl. ebd.: 89). In Beispielsatz 47 wird die Topikzeit durch die Ergänzung je n’ai plus faim maintenant simultan zum Sprechzeitpunkt gesetzt, wodurch die Perfekt-Lesart erzeugt wird. In 48 und 49 hingegen ist die Topikzeit wegen des Adverbiums hier vom Sprechzeitpunkt losgelöst und es setzt die perfektive Lesart ein:
| (47) | J’ai déjà mangé; je n’ai plus faim maintenant. |
| – – – – – – – < [ TU ] | |
| (Beispielsatz aus Smith 1997: 209) |
| (48) | Hier il a mangé une pizza. |
| [– – – – – – ] < TU |
| (49) | Hier il mangea une pizza. |
| [– – – – – – ] < TU |
In seiner perfektiven Variante stellt das passé composé eine Handlung als begrenzt und als in sich abgeschlossen dar und tritt (gemeinsam mit dem passé simple) in Opposition zum imparfait (vgl. Mitko 2000: 85–87). Die Verwendung als Perfektivum ist wesentlich häufiger und hat somit einen höheren Stellenwert im französischen Verbalsystem (vgl. ebd.: 167). Dass die Perfektivität Teil der Semantik der zusammengesetzten Form ist, wird durch den conjunction test bestätigt. Ein Kontext, der die Situation bis in die Gegenwart andauern lässt, erzeugt eine unlogische Lesart. Dies trifft sowohl auf telische (Beispielsatz 50) als auch auf statische Prädikate zu (Beispielsatz 51):
| (50) | *L’été passé ils ont construit une cabine ; peut-être qu’ils la construisent encore. |
| (51) | *Jean a été malade hier soir et il est malade maintenant. |
| (Beispiele aus Smith 1997: 194–195) |
Das imparfait hingegen betrachtet das Ereignis als unvollendet und betont dessen Unbegrenztheit: „L’imparfait montre un fait en train de se dérouler dans une portion du passé, mais sans faire voir le début ni la fin du fait“ (Grevisse 1986: 1290). Diese Unbegrenztheit ist dafür verantwortlich, dass das Imperfekt für eine korrekte Interpretation eines sprachlichen oder kontextuellen Ankers bedarf. Es handelt sich somit um ein primär anaphorisches Tempus (vgl. Mitko 2000: 120; Smith 1997: 204; Viguier 2012: 99–100). Diese Unbegrenztheit, aus der sich die Unfähigkeit ergibt, die für die Interpretation notwendigen Konturen sichtbar zu machen, zwingt den Sprecher, eine Innenperspektive einzunehmen. Die Fähigkeit der perfektiven Verbformen hingegen, die Grenzen sichtbar zu machen, ermöglicht es einerseits als Anker für das Imperfekt zu dienen und erzeugt andererseits ein Zurücktreten vom Sachverhalt (eine Außenperspektive), wodurch die Situation in den Vordergrund tritt und als Ganzes sichtbar wird. Daraus ergibt sich auch die „textlinguistische Funktion der Markierung von ‚Vordergrund‘ und ‚Hintergrund‘ einer Erzählung [und] ist damit die Folge der aspektuellen Struktur der Verbformen“ (Mitko 2000: 120; Hervorhebung im Original).
Mithilfe des Kleinschen Systems können das passé composé und das imparfait folgendermaßen voneinander abgegrenzt werden (vgl. auch Mitko 2000: 83–87). Zur Veranschaulichung wird auf die in Kapitel 2.2 genannten Beispiele in etwas modifizierter Weise eingegangen. Der Richter fragt beispielsweise, was der Zeuge zwischen 14 und 17 Uhr gemacht hat, woraus sich ein Topikzeit-Intervall von drei Stunden ergibt. Der Zeuge könnte das Folgende antworten:
| (52) | J’ai pris un café avec des amis. |
| [ – – ] |
Die Situationszeit ist in der Topikzeit enthalten, wodurch die Grenzen der Handlung sichtbar werden. Der Sachverhalt wird somit als (abgeschlossenes) Ganzes betrachtet. Fragt die questio des Richters allerdings danach, was der Zeuge beim Betreten des Raumes gesehen hat, wird das Topikzeit-Intervall auf einen kurzen Moment reduziert. Der Zeuge könnte antworten:
| (53) | Un homme mangeait. |
| – – – – – [ – ] – – – – – |
In diesem Beispiel ist die Topik- in der Situationszeit enthalten, woraus sich die für das Imperfekt so charakteristische Innenperspektive ergibt. Die Handlung wird dadurch als im Verlauf befindlich interpretiert und es tritt die progressive Lesart zutage, welche im Französischen auch mithilfe der Periphrase être en train de ausgedrückt werden kann (vgl. Bertinetto 2000: 561; Chevalier et al. 1998: 332; Dahl 1985: 90; Momma in Druck):
| (54) | Il est en train de se ruiner. |
| (Beispielsatz aus Smith 1997: 200) |
Die Konstruktion weist typische Merkmale einer Progressivperiphrase auf. Beispielsweise kann sie weder mit statischen Prädikaten noch mit perfektiven Tempora verwendet werden (vgl. Smith 1997: 200–201). Obwohl sie systematisch gebildet werden kann, wird sie aufgrund ihrer geringen Frequenz (vgl. Dahl 1985: 90) und der Fakultativität nicht als grammatische Option im Standardfranzösischen angesehen (vgl. Smith 1997: 201).
Das imparfait besitzt darüber hinaus die Fähigkeit, Habitualität auszudrücken (Beispielsatz 55). Zusätzlich dazu können im Französischen aber auch Periphrasen – wie in Beispielsatz 56 avoir l’habitude de – zur Versprachlichung dieser Semantik benutzt werden (vgl. McManus 2011: 39–40):
| (55) | Quand nous étions à Strasbourg, nous allions tous les jours au lac. |
| (56) | Quand nous étions à Strasbourg, nous avions l’habitude d’aller tous les jours au lac. |
Abgesehen von diesen Grundbedeutungen besitzt das imparfait noch zahlreiche modale Nebenbedeutungen, auf die nicht näher eingegangen wird, da sie für die vorliegende Studie nicht von Relevanz sind (für eine ausführliche Übersicht vgl. Dethloff/Wagner 2014: 266–268; Grevisse 1986: 1292; Viguier 2012: 108–115).
In diesem Kapitel wurde dargestellt, wie das Französische die Unterscheidung von perfektiv und imperfektiv, die es aus dem Lateinischen übernommen hat, ausdrückt. Im Gegensatz zum Spanischen hat das analytische Perfekt, das passé composé, die synthetische Form, das passé simple, weitgehend aus dem gesprochenen Französischen verdrängt. In seiner perfektiven Lesart drückt es den perfektiven Aspekt aus und tritt somit in Opposition zum imparfait. Im nächsten Kapitel wird dargestellt, wie die aspektuelle Opposition im Spanischen versprachlicht wird.
2.3.4.2 Das Spanische
Wie das Französische kennt das Spanische die Unterscheidung zwischen perfektiv und imperfektiv nur in der Vergangenheit. Der perfektive Aspekt wird mithilfe des perfecto simple, der imperfektive mithilfe des imperfecto ausgedrückt (vgl. Alarcos Llorach 1978: 78–81; Real Academia Española 1974: 462, 2009: 1688–1690; Zagona 2012). Das perfecto compuesto kann, anders als im Französischen, nicht als reines Vergangenheitstempus fungieren, da seine Semantik eine Loslösung der Topikzeit von der Äußerungszeit nicht zulässt:
| (57) | *He llegado ayer. |
| [– – – – – –] < TU |
Wenn die Situation nicht am Tag des Sprechzeitpunktes stattfindet, benötigt das spanische Perfekt eine kontextuelle Spezifizierung (z. B. y por eso estoy cansado), die einen Gegenwartsbezug herstellt:1
| (58) | He tenido un viaje largo y por eso estoy cansado. |
Dieser Gegenwartsbezug unterscheidet es vom perfecto simple. Die Real Academia Española (2009: 1688) definiert Letzteres als „una forma aspectualmente PERFECTIVA. Focaliza la situación en su totalidad y expresa, por tanto, que la acción descrita llega a su término“. Dass die Perfektivität Teil der Semantik dieser Form ist, wird durch den conjunction test bestätigt. Dies trifft wie im Französischen, aber im Unterschied zum Englischen, sowohl auf telische (Beispielsatz 59) als auch auf statische Prädikate zu (Beispielsatz 60):
| (59) | *El verano pasado construyeron una casa; puede ser que aún la estén construyendo. |
| (60) | *Juan estuvo enfermo ayer y aún lo está. |
| (Beispielsätze in Anlehnung an Smith 1997: 194) |
Die Verwendung der perfektiven Verbform construyeron impliziert, dass das Bauen des Hauses abgeschlossen wurde. Die Information, dass man noch immer dabei ist, zu bauen, tritt in Konflikt mit dieser Abgeschlossenheit und ist der Grund für die mangelnde Grammatikalität des Satzes. Dieselbe Argumentation trifft auch auf Beispielsatz 60 zu.
Das imperfecto hingegen „presenta la acción en su curso, sin referencia a su inicio o su fin“ (Real Academia Española 2009: 1688). Per definitionem beschreibt es eine Situation, ohne die temporalen Anfangs- und Endpunkte zu fokussieren. Diese Unbegrenztheit führt wie auch beim französischen imparfait dazu, dass es einen Rahmen braucht, in den es sich integrieren kann:
[S]i se tiene en cuenta que el IMP, como pasado imperfectivo, codifica la instrucción de situar en el pasado una situación no delimitada, y que una situación sin límites temporales requiere un marco en el que integrarse para poder ser situada y ordenada temporalmente con respecto a otros eventos, entonces el carácter anafórico es un efecto producido por una propiedad más básica, semántica, que es la imperfectividad (Leonetti 2004: 489; Hervorhebung durch den Verfasser).
Die Imperfektivität ist demnach der Grund dafür, dass die Form einen Ankerpunkt braucht (vgl. ebd.: 482). Dieser kann laut Leonetti (2004: 483–487) explizit vorgegeben sein oder durch pragmatische Verfahren sowie das Weltwissen erzeugt werden. Durch die Argumentation, dass das Imperfekt einen Ankerpunkt braucht, weil es imperfektiv ist, versucht Leonetti gewissermaßen, die Position der Vertreter eines zeitrelationalen Ansatzes (vgl. Rojo 1974; Rojo/Veiga 1999) mit jener der boundary-Vertreter2 (vgl. Hernández Alonso 1984; García Fernández 2004) zu vereinen.
Die Analyse des perfecto simple und des imperfecto mithilfe des Kleinschen Systems kann durch die schon bekannten Beispiele aus Kapitel 2.2 veranschaulicht werden. So fragt der Richter den Zeugen, was er zwischen 14 und 17 Uhr gemacht hat, worauf dieser antwortet:
| (61) | Tomé un café con mis amigos. |
| [ – – ] |
Die Situationszeit von tomar un café ist in der Topikzeit (= zwischen 14 und 17 Uhr) enthalten, wodurch der perfektive Aspekt dargestellt wird. Wenn der Richter allerdings fragen würde, was der Zeuge beim Betreten des Raumes gesehen hat, wird das Topikzeit-Intervall verkürzt. Der Zeuge antwortet:
| (62) | Entré sin hacer ruido. Miguel preparaba la comida. |
| – – – – – [ – ] – – – – – |
In diesem Fall ist die Topikzeit in der Situationszeit inkludiert. Anfang und Ende der Handlung (preparar la comida) sind nicht in der Perspektive des Sprechers eingeschlossen. Durch die Einnahme dieser Binnenperspektive wird die Aktion als im Verlauf befindlich interpretiert. Diese progressive Lesart definiert Pérez Saldanya (2004: 216) folgendermaßen: „La acepción progresiva […] se caracteriza por presentar una situación en curso y por focalizar un punto del desarrollo de esta situación“. Durch die Fokussierung eines punktuellen Referenzzeitintervalls tritt in Beispielsatz 62 eine fokalisierende Lesart zu Tage. Das spanische imperfecto kann aber auch mit einem durativen Referenzzeitintervall kombiniert werden.3 Beispielsweise kann der Richter den Zeugen bitten, die Situation während eines Gesprächs mit Luis (= Topikzeit) zu beschreiben. Der folgende Satz wäre als Antwort möglich:
| (63) | Durante la conversación con Luis, un hombre no paraba de mirarme. |
| – – – – [ – – – – ] – – – – |
Die durative Topikzeit in Beispielsatz 63 hat zwar eine größere zeitliche Ausdehnung als in 62, ist aber noch immer in der Situationszeit eingeschlossen, weshalb eine imperfektive, durativ-progressive Lesart eintritt. Diese Semantik kann außerdem durch weitere Periphrasen zum Ausdruck gebracht werden (z. B. ir + gerundio, andar + gerundio oder continuar + gerundio; vgl. Martínez-Atienza 2004: 355).
Im Spanischen kann die progressive Bedeutung sowohl mit dem imperfecto als auch mit der Periphrase estar + gerundio ausgedrückt werden (vgl. Arche 2014: 801; Pérez Saldanya 2004: 216; Real Academia Española 2009: 1688; Martínez-Atienza 2004: 354). Die gerundio-Periphrasen stellen eine Handlung in ihrem Verlauf dar und betonen somit den prozesshaften Charakter derselben: „[El gerundio] presenta una visión de la acción en su desarrollo, una visión de la acción en curso“ (Yllera 1999: 3402). Diese verlaufsartige Semantik ergibt sich daraus, dass sich die Periphrase aus einem schon realisierten und einem noch zu realisierenden Teil zusammensetzt. Diese Idee findet sich schon bei Guillaume (1929: 15–17), wird von Alarcos Llorach (1978: 57–59) auf das spanische Gerundium angewandt und schließlich von Yllera (1999: 3394) in die Gramática descriptiva del español übernommen.4 Wie auch in anderen romanischen Sprachen weitet sich die Verwendung der Periphrase im Spanischen auf andere semantische Bereiche aus. Beispielsweise ist ein Wechsel von der prototypischen, fokalisierenden hin zu einer durativen Lesart erkennbar (vgl. García Fernández 2009: 259). Darauf deutet die Verwendung im nächsten Beispielsatz hin, in welchem auf ein unbegrenztes, duratives Zeitintervall Bezug genommen wird:
| (64) | ¡Siempre te estás quejando! |
| (Beispielsatz aus Yllera 1999: 3405) |
In den Kapiteln zum Deutschen, Englischen und Französischen wurde dargelegt, dass die entsprechenden Progressivperiphrasen nicht mit statischen Prädikaten kombiniert werden können. Dies trifft prinzipiell auch auf die spanische Periphrase zu (vgl. Yllera 1999: 3409). Kommt es trotzdem zu einer solchen Kombination, erfolgt eine Dynamisierung des Prädikats:
| (65) | Estás siendo tonto. |
| (Beispielsatz aus García Fernández 2009: 266) |
In Bezug auf die Vergangenheit kann estar sowohl mit perfektiver als auch mit imperfektiver Morphologie vorkommen. Tritt es mit imperfektiver Morphologie auf, kann es prinzipiell mit der progressiven Lesart des imperfecto ausgetauscht werden (vgl. Arche 2014: 801; Real Academia Española 2009: 1688, 1756; Yllera 1999: 3403):
| (66) | Cuando sonó el teléfono, Eugenio se levantaba de la cama. |
| (67) | Cuando sonó el teléfono, Eugenio se estaba levantando de la cama. |
| (Beispielsätze aus Real Academia Española 2009: 1756) |
Wird das Hilfsverb mit perfektiver Morphologie verwendet, drückt die Periphrase ein Ereignis aus, das in seinem Verlauf dargestellt wird und während einer begrenzten Zeitspanne anhält: „Con estar en tiempo perfectivo […], la perífrasis indica una acción vista en su transcurso cuyo desarrollo ‘permanece’ durante un tiempo“ (Yllera 1999: 3405; Hervorhebung im Original).
Wie auch im Französischen kann das spanische Imperfekt Habitualität ausdrücken. Diese Semantik bezieht sich auf eine Situation „[que] se repite de manera más o menos regular un número indeterminado de veces durante el intervalo de tiempo que se toma como referencia“ (Pérez Saldanya 2004: 216). Die habituelle Lesart zeigt somit an, dass eine Handlung nicht ein Mal, sondern eine unbegrenzte Anzahl von Malen stattfindet:
| (68) | Cuando era pequeño, las clases en el colegio empezaban a las ocho de la mañana. |
Habitualität kann außerdem mit periphrastischen oder lexikalischen Mitteln ausgedrückt werden, beispielsweise soler + Infinitiv oder tener la costumbre de + Infinitiv, aber auch mittels Adverbien wie habitualmente, generalmente oder siempre (vgl. Real Academia Española 2009: 1688; Martínez-Atienza 2004: 346).
Abgesehen von diesen Grundbedeutungen hat das imperfecto noch zahlreiche modale Nebenbedeutungen, auf die nicht näher eingegangen wird, da sie für die vorliegende Arbeit nicht von Relevanz sind (für eine genauere Darstellung vgl. García Fernández 2004: 90–94; Fernández Ramírez/Bosque 1986: 269–276).
In diesem Kapitel wurde gezeigt, dass sowohl das Spanische als auch das Französische und das Lateinische in der Vergangenheit zwischen perfektivem und imperfektivem Aspekt unterscheiden, dafür aber teilweise andere Formen verwenden. Im nächsten Kapitel werden die fünf Sprachen gegenübergestellt und es wird veranschaulicht, inwiefern sie sich bezüglich der Opposition perfektiv/imperfektiv unterscheiden.
2.3.5 Konklusion: Tempus und Aspekt aus einer sprachvergleichenden Perspektive
In diesem Kapitel wird zusammengefasst, wie das Deutsche, das Englische, das Lateinische, das Französische und das Spanische die für diese Arbeit relevanten semantischen Konzepte versprachlichen, und inwiefern es Einschränkungen bezüglich der Kombination mit lexikalischem Aspekt gibt (siehe Tabelle 8). Weder das englische present perfect noch das spanische perfecto compuesto werden in die Tabelle aufgenommen, da sie nicht Teil der Opposition perfektiv/imperfektiv sind. Aus diesem Grund werden sie auch im Laufe der Arbeit nicht weiter thematisiert.
Beim Präteritum und beim Perfekt handelt es sich um zwei Formen, deren Grundbedeutung keine aspektuelle Information beinhaltet. Sie können mit allen lexikalischen Aspektklassen kombiniert werden. Das englische simple past wurde als aspektneutrale Form beschrieben und drückt damit primär temporale Vorzeitigkeit aus. Es kann ebenfalls mit allen lexikalischen Aspektklassen verbunden werden. Das past progressive hingegen kann nur mit nicht statischen Prädikaten kombiniert werden und drückt primär Progressivität aus.
Die Unterscheidung zwischen perfektiv/imperfektiv findet sich sowohl im Lateinischen als auch im Französischen und Spanischen. Die entsprechenden perfektiven Formen (das lateinische Perfekt, das passé simple/passé composé und das perfecto simple), besitzen das semantische Merkmal [+ perfektiv]. Der andere Teil der Opposition, der imperfektive Aspekt, drückt sowohl die habituelle als auch die kontinuative und die progressive Semantik aus. Alle Formen können mit allen lexikalischen Aspektklassen verbunden werden und unterliegen keinen Einschränkungen. Die Progressivperiphrasen être en train de und estar + gerundio drücken wie die englische Periphrase primär progressive Bedeutung aus und können nur mit nicht statischen Prädikaten kombiniert werden. In Tabelle 8 findet sich eine zusammenfassende Darstellung, in der beschrieben wird, welche aspektuellen Grundbedeutungen Bestandteil der entsprechenden Formen sind. Darüber hinaus wird auf die möglichen Kombinationen mit den drei lexikalischen Aspektklassen eingegangen und jeweils ein veranschaulichendes Beispiel geliefert:1
| Sprache | Form | Aspektuelle Semantik | Komb. lexikal. Aspekt | Beispiele |
| Deutsch | Präteritum/ Perfekt | [+ STA] | Ich war/bin gewesen | |
| [+ AKT] | Ich sang/habe gesungen | |||
| [+ TEL] | Ich überquerte/habe überquert | |||
| Englisch | simple past | [+ STA] | I was | |
| [+ AKT] | I sang | |||
| [+ TEL] | I crossed | |||
| past progressive | [+ PROG] | [+ AKT] | I was singing | |
| [+ TEL] | I was crossing | |||
| Latein | Perfekt | [+ PERF] | [+ STA] | fui |
| [+ AKT] | cantavi | |||
| [+ TEL] | transivi | |||
| Imperfekt | [+ HAB] [+ KONT] [+ PROG] | [+ STA] | eram | |
| [+ AKT] | cantabam | |||
| [+ TEL] | transibam |
| Sprache | Form | Aspektuelle Semantik | Komb. lexikal. Aspekt | Beispiele |
| Französisch | passé simple/passé composé | [+ PERF] | [+ STA] | Je fus/j’ai été |
| [+ AKT] | Je chantai/j’ai chanté | |||
| [+ TEL] | Je traversai/j’ai traversé | |||
| imparfait | [+ HAB] [+ KONT] [+ PROG] | [+ STA] | J’étais | |
| [+ AKT] | Je chantais | |||
| [+ TEL] | Je traversais | |||
| être en train de | [+ PROG] | [+ AKT] | J’étais en train de chanter | |
| [+ TEL] | J’étais en train de traverser | |||
| Spanisch | perfecto simple | [+ PERF] | [+ STA] | Fui |
| [+ AKT] | Canté | |||
| [+ TEL] | Crucé | |||
| imperfecto | [+ HAB] [+ KONT] [+ PROG] | [+ STA] | Era | |
| [+ AKT] | Cantaba | |||
| [+ TEL] | Cruzaba | |||
| estar + gerundio | [+ PROG] | [+ AKT] | Estaba/estuve cantando | |
| [+ TEL] | Estaba/estuve cruzando |
Tab. 8:
Tempus und Aspekt in den Einzelsprachen
3 Grundlegende Theorien, Modelle und Hypothesen des Zweit- und Drittspracherwerbs
Nachdem in Kapitel 2 die sprachlichen Phänomene beschrieben wurden, die in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, wird in diesem Kapitel auf die Grundlagen der Zweit- und Drittspracherwerbsforschung eingegangen. Aufgrund der Fülle an Theorien, Modellen und Hypothesen ist es nicht möglich, alle detailliert zu betrachten. In den nachfolgenden Unterkapiteln werden daher nur diejenigen Aspekte behandelt, die für ein Verständnis des vorliegenden Werkes wichtig sind. Es wird zuerst ein kurzer Überblick über kognitivistische Ansätze der Zweitspracherwerbsforschung gegeben. Danach werden die Begrifflichkeiten des expliziten und impliziten Lernens bzw. des expliziten und impliziten Wissens voneinander abgegrenzt. In Kapitel 3.3 wird eine Beziehung zwischen diesen Lernprozessen und den deklarativ-prozeduralen Modellen von Ullman (2001) und Paradis (2009) hergestellt. Im Anschluss daran wird dargelegt, warum es wichtig ist, zwischen dem Erwerb einer L2 und jenem einer L3 zu unterscheiden. Die Argumentation beruht im Wesentlichen auf dem Faktorenmodell von Hufeisen (2000).
3.1 Kognitivistische Ansätze der Zweitspracherwerbsforschung
Unter dem allgemeinen Terminus der kognitiven Zweitspracherwerbsforschung werden in der vorliegenden Arbeit alle Ansätze zusammengefasst, die nicht davon ausgehen, dass Spracherwerb auf einem angeborenen genetischen Modul beruht. Dementsprechend ist der Erwerb von Sprache untrennbar mit allgemeinen kognitiven (Lern-)Prozessen verbunden (für einen Überblick über die unterschiedlichen Strömungen vgl. VanPatten/Williams 2015 oder Schmidt 2010). Diese Prozesse, die sowohl dem L1- sowie dem L2-/L3-Erwerb als auch sprachunabhängigen Lernvorgängen zugrunde liegen, können basierend auf neurobiologischen Erkenntnissen relativ gut nachgezeichnet werden. Ein Reiz trifft über die unterschiedlichen Sinne auf die entsprechenden Rezeptoren, welche die Informationen an die Neuronen weiterleiten. Dort wird er durch die Dendriten aufgenommen und über das Axon, an dessen Ende sich die Synapsen befinden, an das nächste Neuron weitergeleitet. Diese Informationsweiterleitung erfolgt dadurch, dass das Neuron durch den Reiz aktiviert wird, wodurch ein Ladungsunterschied entsteht, der im Anschluss in Form eines elektrischen Impulses mithilfe von Neurotransmittern an das nächste Neuron weitergegeben wird. Durch ein derartiges Eintreffen von Reizen werden die Synapsen aufgebaut. Dabei spricht gleicher Input die gleichen Neuronengruppen an, die dadurch eine stabile Verbindung eingehen und die Wissensbestände im Cortex als neuronale Netzwerke speichern. „Lernen heißt also […], dass zwischen bestimmten Neuronen – aufgrund von wiederholten Reizen – eine feste Verbindung mithilfe der Synapsen aufgebaut wird“ (Grein 2013: 14; für einen einführenden Überblick vgl. ebd.: 8–18).
Im Hinblick auf das Sprachlernen bedeutet dies, dass wiederkehrende sprachliche Strukturen als solche registriert werden, was zu einer Stabilisierung und Automatisierung in der Verarbeitung führt (vgl. Behrens 2009: 433–435). Dieser von Vertretern gebrauchsbasierter Ansätze (en. usage-based approaches; für einen allgemeinen Überblick vgl. Behrens 2009; Cadierno/Hijazo-Gascón 2014; Ellis 2005, 2013, 2015; Ellis et al. 2015; Ellis/Wulff 2015) auch als entrenchment bezeichnete Prozess wird von der Frequenz einer sprachlichen Struktur beeinflusst (auch Form-Bedeutungs-Paar oder Konstruktion; vgl. Goldberg 1998; Goldberg/Suttle 2010): Je häufiger eine Konstruktion im Input auftritt, desto stärker bildet sich die neuronale Bahnung aus, was gleichzeitig bedeutet, dass die Konstruktion leichter gelernt und im Gedächtnis abgespeichert wird. Des Weiteren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie als Prototyp fungiert und beim Lernen neuer Konstruktionen als Musterbeispiel herangezogen wird (vgl. Ellis et al. 2015: 166–169; Ellis/Wulff 2015: 418–421). Diese prototypischen Musterbeispiele (z. B. {-ed} in wanted für [+ vorzeitig]) dienen als Ausgangspunkt für das Lernen neuer Konstruktionen (z. B. worked, lived etc.), wobei letztere kontinuierlich mit den prototypischen Musterbeispielen abgeglichen werden: Die formalen und funktionalen Elemente, die sich nicht wiederholen, werden herausgefiltert, während die rekurrenten Elemente als Teil der Kategorie erkannt und als solche abgespeichert werden (vgl. Behrens 2009: 433–435). Durch diesen Vorgang kann die Funktionsweise abstrakter Regeln gelernt werden (z. B. {-ed} als Marker für Vorzeitigkeit).
Für das Lernen einer sprachlichen Struktur spielen neben der Frequenz auch deren Salienz und Redundanz eine wesentliche Rolle. Beispielsweise werden saliente Konstruktionen schneller gelernt als nicht saliente. Häufig sind auch Erwerbsschwierigkeiten auf eine niedrige Salienz zurückzuführen (vgl. Ellis/Wulff 2015: 420). Dies ist dann der Fall, wenn beispielsweise ein grammatisches Phänomen mit einer anderen salienteren Form in Konflikt tritt und darauffolgend vom Lernenden als redundant wahrgenommen wird. Eine solche Kombination von niedriger Salienz und Redundanz kann sogar dazu führen, dass eine Konstruktion überhaupt nicht erworben wird (vgl. ebd.). Ein Beispiel für diesen Vorgang sind Erwerbsschwierigkeiten bezüglich der Flexionsmorphologie, die vor allem dann auftreten, wenn die Morpheme von sehr salienten Adverbien begleitet werden. Im Hinblick auf den Erwerb von Tempus und Aspekt könnte eine Fokussierung von temporalen Adverbien beispielsweise dazu führen, dass Lernende die entsprechende Morphologie nicht ausreichend beachten und sie dementsprechend langsamer oder im Extremfall gar nicht erwerben.
Prinzipiell sind diese allgemeinen Lernprozesse sowohl für den Erwerb einer L1 als auch für den einer L2 ähnlich. Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, dass im L2-Erwerb das Sprachsystem der L1 schon vorhanden ist. Dieses wird während des Erwerbs der L1 auf die Bedürfnisse und die Systematizität der entsprechenden Sprache eingestellt. Beispielsweise fokussieren L1-Sprecher einer Aspektsprache eher die unterschiedlichen Phasen einer Handlung im Verlauf, wohingegen Sprecher einer Nicht-Aspektsprache primär die Endpunkte derselben betrachten (vgl. Bylund/Athanasopoulos 2015: 4; siehe Kapitel 5.2.1). Diese Aufmerksamkeitsprozesse werden im L1-Erwerb gelernt, weshalb Ellis (2015: 12) auch von gelernter Aufmerksamkeit spricht. Die Aufgabe des L2-Lerners ist es nun, die Aufmerksamkeitsstrukturen der L1 an das L2-System anzupassen (vgl. auch Slobins 1996 thinking-for-speaking-Hypothese in Kapitel 4.3.4):
Learning a language, then, means learning these various attention-directing mechanisms, which requires L1 learners to develop an attentional system in the first place, and L2 learners to reconfigure the attentional biases of having acquired their first language (Ellis/Wulff 2015: 422).
Explizites/bewusstes Wissen kann förderlich sein, Unterschiede zwischen dem L1- und dem L2-System ins Bewusstsein zu rufen, was beim Neu-Lernen der genannten Aufmerksamkeitsprozesse helfen kann. Laut Ellis (2005: 324) ist dies gerade für den Erwerb von nicht salienten und nicht prototypischen Konstruktionen hilfreich. Schmidt (2001: 23) geht sogar davon aus, dass eine derartige bewusste Wahrnehmung eine notwendige Voraussetzung für den erfolgreichen Erwerb einer L2 ist. In der Forschungsliteratur ist dies allerdings durchaus umstritten.
Schmidt (1990: 131–133) unterscheidet diesbezüglich drei Grade von Bewusstheit (en. awareness): Wahrnehmen (en. perception), Bemerken (en. noticing) und Verstehen (en. understanding; vgl. auch Schmidt 2001: 5). Die Wahrnehmung eines Reizes kann durchaus unbewusst stattfinden, wohingegen das Bemerken mit einem gewissen Grad an Bewusstheit verbunden ist, auch wenn dies nicht zwangsläufig mit der Fähigkeit einhergeht, das Bemerkte zu verbalisieren (vgl. Schmidt 1990: 131–133). Diese Unterscheidung ist von großer Bedeutung, da im Laufe der vorliegenden Arbeit immer wieder von Wahrnehmung gesprochen wird. Es sei deshalb noch einmal betont, dass Wahrnehmung sowohl unbewusst als auch bewusst stattfinden kann. Der dritte von Schmidt genannte Bewusstheitsgrad bezieht sich auf das Verstehen im Sinne eines metasprachlichen Bewusstseins. Dieser Prozess baut auf jenem des Bemerkens auf und ist die Grundvoraussetzung für die Analyse, den Vergleich und die Reflexion über Sprache, was schlussendlich zu dem expliziten Verständnis einer abstrakten Regel und damit zu einem ausgeprägten metasprachlichen Bewusstsein führt. Laut Schmidt (2010: 721–726) kann der Prozess des Verstehens das Lernen eines sprachlichen Phänomens zwar erleichtern, ist aber im Unterschied zum Vorgang des Bemerkens nicht unbedingt erforderlich.
Sollte das Bemerken tatsächlich eine notwendige Voraussetzung für Lernen sein, würde dies bedeuten, dass es kein rein implizites Lernen gibt und immer ein minimaler Grad an Bewusstheit vorausgesetzt werden muss (vgl. Ellis 2009: 7; Paciorek/Williams 2015 für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung). Ob die bloße Wahrnehmung eines Reizes ausreicht oder ob ein bewusstes Bemerken notwendig ist, kann zum heutigen Stand der Forschung noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Im nächsten Kapitel wird ein Überblick gegeben, inwiefern explizites/bewusstes Wissen tatsächlich für den erfolgreichen Erwerb einer L2 (oder einer L3) notwendig ist.
3.2 Die Rolle von explizitem und implizitem Wissen
Vor ungefähr vierzig Jahren hat Stephen Krashen (z. B. 1982: 10–11) die Unterscheidung zwischen explizitem Lernen und implizitem Erwerben in die Zweitspracherwerbsforschung eingeführt.1 Die damit einhergehende Frage, inwiefern explizites und implizites Wissen miteinander interagieren, und ob ersteres für den vollständigen Erwerb einer Sprache notwendig ist, hat seither zu zahlreichen Debatten geführt. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick gegeben.
Im Allgemeinen wird implizites Lernen als unbewusster Prozess beschrieben, für dessen Aktivierung kein Rückgriff auf zentrale Aufmerksamkeitsprozesse notwendig ist. Es handelt sich um einen automatisierten Prozess, der natürlich stattfindet und normalerweise nicht verbalisiert werden kann. Explizites Lernen hingegen bezieht sich auf das Lernen von Faktenwissen und beansprucht das Arbeitsgedächtnis in hohem Maße. Es findet bewusst und kontrolliert statt und kann daher im Regelfall verbalisiert werden (vgl. Ellis 2009: 3; Leow 2015: 47–48; Hulstijn 2005: 131–132; VanPatten/Rothman 2015: 100–101).
Des Weiteren wird in der Literatur zwischen implizitem und explizitem Wissen unterschieden. Diese beiden Wissenskomponenten stellen gewissermaßen die Resultate der entsprechenden Lernprozesse dar (vgl. Ellis 2009: 6). Ellis (2009: 10–16) unterscheidet sie folgendermaßen: Implizites Wissen ist unbewusst, weshalb eine explizite Verbalisierung – ähnlich wie beim entsprechenden Lernprozess – oft schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist. Es kann daher nicht durch Forschungsmethoden, die eine Verbalisierung des Gelernten voraussetzen, sichtbar gemacht werden, sondern ist nur im tatsächlichen Sprachverhalten der Lernenden beobachtbar. Es ist prozedural, wird dementsprechend vorwiegend im prozeduralen Gedächtnissystem gespeichert und kann relativ einfach durch Rückgriff auf automatisierte Verarbeitungsstrategien aktiviert werden. Das prozedurale Gedächtnissystem und damit einhergehend implizites Wissen scheinen einer sensitiven Periode zu unterliegen. Es ist daher wahrscheinlich, dass implizites sprachliches Wissen ab einem bestimmten Alter nicht mehr vollständig erworben werden kann (eine ausführliche Darstellung findet sich in Kapitel 3.3).
Im Gegensatz zu impliziten Wissensrepräsentationen ist explizites Wissen bewusst. Damit geht einher, dass der Lernende beispielsweise die einer sprachlichen Konstruktion zugrunde liegende Regel kennt und im Normalfall in der Lage ist, sie zu verbalisieren. Es besteht aus Faktenwissen über die entsprechende Sprache, ist im deklarativen Gedächtnissystem gespeichert und unterscheidet sich prinzipiell nicht von Faktenwissen anderer Art. Der Zugriff auf explizites Wissen erfolgt intentional und wird durch kontrollierte Aufmerksamkeitsprozesse gesteuert. Es ist bis ins hohe Alter vollständig lernbar und unterliegt keiner kritischen bzw. sensiblen Phase (vgl. Ellis 2009: 10–16).
Die Frage, inwieweit explizite und implizite Wissenskomponenten miteinander interagieren, hat zu weitreichenden Debatten in der Zweitspracherwerbsforschung geführt. Daraus haben sich im Wesentlichen drei Positionen entwickelt, die im Folgenden kurz beschrieben werden: (1) Krashens (1981: 1–2) Monitor-Theorie nimmt an, dass erwachsene L2-Lerner über zwei voneinander unabhängige Systeme verfügen, nämlich eines für explizites und eines für implizites Wissen. Darüber hinaus geht Krashen davon aus, dass explizites Wissen lediglich den vom impliziten System produzierten Output modifizieren kann, aber keinen Einfluss auf das implizite System an sich hat. Anders formuliert: Es kontrolliert die Sprachproduktion auf der Performanz-Ebene, hat aber keinen Einfluss auf die Kompetenz (vgl. Krashen 1982: 16). Diese Annahme, dass explizites nicht in implizites Wissen transformiert werden kann, wird in der Literatur als non-interface-Position bezeichnet (vgl. Hulstijn 2015: 35–36; VanPatten 2016). Es sprechen einige Beobachtungen für diese Auffassung: Auf Basis neurolinguistischer Erkenntnisse kann argumentiert werden, dass Wissen eines Gehirnareals (vor allem des Hippocampus) nicht eins zu eins in Wissen eines anderen Gehirnareals (Frontallappen) transformiert werden kann (vgl. Hulstijn 2015: 36; Ullman 2001, 2015, 2016; Paradis 2009; siehe Kapitel 3.3). Allerdings können durch Übung eines sprachlichen Phänomens unter Berücksichtigung von explizitem Wissen implizite Repräsentationen in anderen Gehirnarealen entstehen. Explizites und implizites Lernen können also simultan stattfinden:
What is quite conceivable, however, is that through extensive practice with instances representing a certain grammatical regularity, guided by a declarative, conscious knowledge of that regularity, an implicit representation of it […] gradually emerges elsewhere in the brain (Hulstijn 2015: 36).
(2) Vertretern einer weak-interface-Position zufolge können sich beide Wissensarten nicht nur gleichzeitig aufbauen; sie argumentieren vielmehr, dass explizites Wissen unter bestimmten Voraussetzungen sogar nützlich beim Aufbau impliziter Wissensrepräsentationen sein kann. Beispielsweise vermutet Pienemann (1998: 250–263, 2015: 137) in seiner Lehrbarkeitshypothese (en. teachability hypothesis) einen solchen positiven Einfluss unter der Voraussetzung, dass der Spracherwerbsprozessor jene Entwicklungsstufe erreicht hat, in welcher er fähig ist, das entsprechende sprachliche Phänomen zu verarbeiten (vgl. auch Pienemann/Lenzing 2015). Im Wortlaut Pienemanns heißt dies, „that instruction [i.e., explicit knowledge] will result in acquisition if it focuses on structures from ‘the next stage’“ (Pienemann 1998: 250). Auch Rod Ellis (2009: 22) vertritt die Ansicht, dass explizites Wissen einen indirekten Einfluss auf den Erwerb von implizitem Wissen hat. Sein Kollege, Nick Ellis (1994: 16), schlägt diesbezüglich vor, dass Regelwissen einen top down-Einfluss auf die Wahrnehmung sprachlicher Formen haben kann. Durch bewusste Aufmerksamkeitssteuerung können sprachliche Phänomene salient gemacht werden, wodurch sie vom Lernenden leichter bemerkt werden (en. noticing), was wiederum deren Erwerb positiv beeinflusst (siehe Kapitel 3.1).
(3) Schließlich nehmen Vertreter der strong-interface-Position an, dass explizites Regelwissen durch Übung direkt in implizites Wissen transformiert werden kann (vgl. DeKeyser 2003, 2015, 2017). Der wesentliche Unterschied zur weak-interface-Position besteht darin, dass Vertreter der starken Version von einem direkten Kausalzusammenhang zwischen den beiden Wissensarten ausgehen (vgl. Hulstijn 2015: 36). Anders als Paradis (2009: 16), der Prozeduralisierung eben gerade nicht als die Transformation von explizitem Regelwissen in implizites Wissen begreift, versteht DeKeyser (2017: 17; Hervorhebung durch den Verfasser) Prozeduralisierung als „[t]he process of creating procedural knowledge by incorporating elements of declarative knowledge into broader preexisting procedural rules.” Allein die beiden Ansätze von Paradis und DeKeyser veranschaulichen, dass bezüglich dieser Fragestellung kein Konsens in der Zweitspracherwerbsliteratur besteht. Eine Beantwortung ist vermutlich auch nur mithilfe neurolinguistischer Studien möglich. Aus diesem Grund wird im nächsten Kapitel dargestellt, inwiefern explizite und implizite Lernprozesse bzw. die entsprechenden Wissensrepräsentationen bestimmten Gedächtnissystemen zugeordnet werden können.
3.3 Deklarativ-prozedurale Modelle des Zweitspracherwerbs
Bevor in diesem Kapitel auf zwei Zweitspracherwerbsmodelle eingegangen wird, deren Annahmen auf neurolinguistischen Erkenntnissen beruhen, werden im Folgenden das deklarative und das nichtdeklarative Gedächtnissystem voneinander unterschieden.
Aufbauend auf den grundlegenden Arbeiten von Atkinson und Shiffrin (1968) wird das Langzeitgedächtnis grob in ein deklaratives und ein nichtdeklaratives System unterteilt (vgl. Gruber 2018: 39–61). Bezüglich des deklarativen Systems werden das episodische und das semantische Gedächtnis unterschieden. Ersteres speichert beispielsweise persönliche Ereignisse, wohingegen das semantische Gedächtnis unter anderem Welt- und Faktenwissen aufbewahrt (vgl. Tulving 1972). Ein wesentliches Charakteristikum des deklarativen Gedächtnisses ist, dass die entsprechenden Inhalte bewusst abgerufen werden können. Ullman (2015: 137–138, 152–154, 2016: 956) und Paradis (2009: 12) betonen allerdings, dass es darüber hinaus auch implizite Wissensrepräsentationen beinhalten kann. Es besitzt außerdem die Fähigkeit, viele unterschiedliche Wissensarten innerhalb kürzester Zeit zu lernen. Oftmals reicht dafür schon ein einmaliges Auftreten eines Reizes aus; eine wiederholte Darbietung trägt allerdings zu dessen verstärkten Speicherung bei (vgl. Ullman 2016: 955–956).
Das nichtdeklarative Gedächtnis „beschreibt den Teil des Langzeitgedächtnisses, bei dem die Wiedergabe von Gedächtnisinhalten unbewusst, automatisch und ohne Willensanstrengung erfolgt“ (Gruber 2018: 49). Ein bewusstes Abrufen von Informationen ist nicht möglich. Ein Teil des nichtdeklarativen Gedächtnisses ist das prozedurale Gedächtnis, dem das Lernen von motorischen und kognitiven Fähigkeiten zugeordnet wird (vgl. ebd.: 40). Im Gegensatz zum deklarativen Gedächtnis benötigt es eine wiederholte Darbietung eines Reizes, um Wissensrepräsentationen aufzubauen. Daraus folgt, dass einerseits das Lernen langsamer erfolgt, dass aber andererseits das schon gelernte Wissen schneller und automatisierter abgerufen werden kann als im deklarativen System.
Obwohl beide Gedächtnissysteme miteinander interagieren, können ihnen unterschiedliche neuronale Aktivitäten zugewiesen werden. Aufgaben, die das deklarative Gedächtnis beanspruchen, aktivieren beispielsweise Bereiche im medialen Teil des Temporallappens (v. a. im Hippocampus). Das prozedurale Gedächtnis hingegen zeigt primär Aktivitäten in den Basalganglien und im Cerebellum (Brodmann-Areal 6 und 44; vgl. Ullman 2016: 954–956).
Ullman (2016: 956–958) geht davon aus, dass im Grunde beide Systeme über ähnliche Fähigkeiten verfügen und sich damit einhergehend prinzipiell ähnliches Wissen aneignen können. Dank der schnellen Lernfähigkeit wird gerade am Anfang eines Lernprozesses auf das deklarative System zurückgegriffen, bis sich durch mehrmalige Darbietung eines Reizes auch Repräsentationen im prozeduralen System ausbilden. Das Wissen im deklarativen System scheint dabei intakt zu bleiben.
Als Vertreter der non-interface-Position verstehen Ullman (2016) und Paradis (2009) Prozeduralisierung nicht als die Transformation von explizitem in implizites Wissen, sondern als die simultane Herausbildung von implizitem Wissen in einem anderen Gehirnareal. Dies führt dazu, dass immer mehr auf das implizite/prozeduralisierte und immer weniger auf das explizite Wissen zurückgegriffen wird:
Proceduralization could not refer to the transformation of particular explicitly known rules into implicit computational procedures, but only to the gradual replacement of the use of explicit knowledge […] by the use of implicit competence newly (and independently) acquired through repeated use […]. Acquisition is not […] the proceduralization of explicit knowledge because an implicit procedure does not constitute the faster and faster application of an explicit rule; it operates on the basis of principles of a different type (Paradis 2009: 16; Hervorhebung durch den Verfasser).
Die eben dargestellten neurobiologischen Grundannahmen werden von den deklarativ-prozeduralen Modellen von Ullman (2001, 2015, 2016) und Paradis (2004, 2009) übernommen und auf den L1- und L2-Erwerb angewandt. Im Folgenden wird das Modell von Ullman im Detail dargestellt und auf jenes von Paradis nur an jenen Stellen eingegangen, an denen sich die beiden Modelle unterscheiden. Ullman (2015: 140, 2016: 958) geht im Hinblick auf den L1- und den L2-Erwerb davon aus, dass jede Art von idiosynkratischem Sprachwissen mithilfe des deklarativen Systems gelernt wird. Dies betrifft beispielsweise einfache Inhaltswörter inklusive deren (phonologischer) Form, Bedeutung, zugrunde liegender grammatikalischer Informationen sowie deren Form-Bedeutungs-mappings.1 Außerdem werden auch unregelmäßige morphologische Formen, Redewendungen etc. in diesem System gespeichert (vgl. Ullman 2016: 958).
An dieser Stelle unterscheiden sich die Modelle insofern, als Paradis (2009: 12–22) den Unterschied zwischen Lexikon und Vokabular betont (für überblicksartige Darstellungen zum mentalen Lexikon vgl. Levelt et al. 1999: 4; Müller-Lancé 2003; Raupach 1997: 21): Ersteres bezieht sich – so Paradis – auf die impliziten grammatikalischen Eigenschaften der lexikalischen Items (= lemma-stratum bei Levelt et al. 1999: 4), und somit explizit nicht auf die Form-Bedeutungs-Assoziationen, die er Vokabular nennt (= form- und conceptual-stratum; vgl. ebd.). Laut Paradis (2009: 12) werden die grammatikalischen Eigenschaften des Lexikons im L1-Erwerb mithilfe des prozeduralen, das Vokabular sowohl im L1- als auch im L2-Erwerb durch das deklarative System erworben. Beide Modelle haben Vor- und Nachteile: Paradis kann die Unterscheidung zwischen explizit/implizit bzw. deklarativ/prozedural aufrechterhalten und muss im Gegensatz zu Ullman nicht erklären, warum die implizite grammatische Information des lemma-stratum im deklarativen System abgespeichert sein sollte. Ullmans Modell hat allerdings den Vorteil, dass es die einzelnen Strata eines lexikalischen Eintrags des mentalen Lexikons – aufgrund der vermeintlich unterschiedlichen Speicherung im deklarativen bzw. im prozeduralen Gedächtnis – nicht getrennt voneinander behandeln muss.
Im Allgemeinen schreibt Ullman (2016: 958–959) dem deklarativen System eine enorme Bandbreite an Lernmöglichkeiten zu, sodass im Prinzip nicht nur idiosynkratisches Wissen, sondern auch regelbasierte Aspekte einer Sprache mithilfe dieses Systems (implizit oder explizit) gelernt werden können. Laut Ullman (2015: 141) hängt jede Art von implizitem und probabilistischem Lernen (z. B. Sequenzlernen) sowohl im L1- als auch im L2-Erwerb prinzipiell vom prozeduralen System ab. Allerdings unterliegt das prozedurale System einer sensiblen Phase (vgl. Grotjahn 2005; Herschensohn 2013; Johnson/Newport 1989 für einen allgemeinen Überblick zum Faktor Alter), sodass laut Ullman (2001: 108–111) ein wesentlicher Unterschied zwischen dem L1- und dem L2-Erwerb darin besteht, dass Grammatik vor der Pubertät mithilfe des prozeduralen Systems gelernt wird, wohingegen sich Spracherwerb ab dem frühen Erwachsenenalter durch einen stärkeren Rückgriff auf das deklarative System auszeichnet (vgl. auch Paradis 2009: X):
Whereas earlier learners rely largely on procedural memory for grammatical computations, later learners tend to shift to declarative memory for the same ‘grammatical’ functions, which are moreover learned and processed differently than in earlier learners. Thus processing of linguistic forms that are computed grammatically by procedural memory in L1 is expected to be dependent to a greater extent upon declarative memory in L2 (Ullman 2001: 109).
Dieser stärkere Rückgriff auf das deklarative System im L2-Erwerb hat laut Ullman zwei Auswirkungen: (1) Durch den fehlenden Zugriff auf das prozedurale System werden die sprachlichen Formen memoriert und wie andere Lexeme im mentalen Lexikon gespeichert. Nur durch die Fähigkeit des deklarativen Gedächtnisses, Muster von auswendiggelernten Formen auf neue zu übertragen, entsteht Produktivität in der L2. (2) Einige grammatikalische Regeln können zwar mithilfe des deklarativen Gedächtnisses gelernt werden, unterscheiden sich aber möglicherweise wesentlich von den L1-Regeln. Sowohl Ullman (2001: 110) als auch Paradis (2009: XI) nehmen jedoch an, dass mit höherem Sprachniveau in der L2 der Zugriff auf das prozedurale System erhöht werden kann.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass laut den beiden deklarativ-prozeduralen Modellen jede Art von idiosynkratischem Wissen sowohl im L1- als auch im L2-Erwerb mithilfe des deklarativen Systems gelernt wird. Regelbasierte Aspekte und probabilistisches Lernen beruhen hingegen vermehrt auf dem prozeduralen System, das allerdings einer sensitiven Periode zu unterliegen scheint, was dazu führt, dass L2-Lerner ab dem frühen Erwachsenenalter vermehrt auf das deklarative System zurückgreifen. Dies kann den Mangel des prozeduralen Systems zwar bis zu einem gewissen Grad kompensieren, aber nicht vollständig ausgleichen.
3.4 Unterschiede zwischen dem L2- und dem L3-Erwerb
In den letzten Kapiteln wurde bis auf wenige Ausnahmen immer vom L1- und vom L2-, aber nur selten vom L3-Erwerb gesprochen. Lange Zeit sah man keine Notwendigkeit, zwischen dem Erwerb einer L2 und jenem einer L3 zu unterscheiden. Sharwood Smith (1994: 7; Hervorhebung im Original) beispielsweise definiert eine Zweitsprache folgendermaßen:
‘Second’ language will normally stand as a cover term for any language other than the first language learned by a given learner or group of learners […] irrespective of the number of other non-native languages possessed by the learner.
Der Terminus Zweitsprache1 (L2) wurde (und wird) als Begriff verwendet, der alle Sprachen miteinschließt, die sich ein Individuum nach dem Erwerb einer L1 aneignet (vgl. Hammarberg 2010: 92–93). Die fehlende terminologische Differenzierung lässt darauf schließen, dass die zugrunde liegenden Prozesse beim Erwerb einer L2 und jenem einer L3 als nicht unbedingt unterschiedlich angesehen wurden (bzw. werden) (vgl. Jessner 2006: 14). Diese Ansicht wird von der sich in den 1990er-Jahren herausbildenden Drittspracherwerbsforschung kritisch hinterfragt. Anlass dafür sind mehrere Studien, die zeigen, dass sich bi- und multilinguale Personen von monolingualen unterscheiden (für einen neueren Überblick vgl. Cenoz 2013: 74–77; De Angelis 2007: 115–120; Hirosh/Degani 2018; Jessner 2014: 180–181; Jessner/Megens/Graus 2016: 193–194; Peukert 2015: 1; Ruiz de Zarobe/Ruiz de Zarobe 2015: 398). Ein wesentlicher Unterschied ist beispielsweise, dass multilinguale Lerner auf mehrere Transferbasen zurückgreifen können. Außerdem haben sie „eine nachweislich höhere Bewusstheit in Bezug auf die Sprache(n) selbst als auch auf die eigene Mehrsprachigkeit und auf das eigene Lernen inklusive der eigenen Lernstrategien“ (Hufeisen 2003: 97). Hufeisen (2000: 209–214, 2010) versucht, diese Unterschiede im sogenannten Faktorenmodell2 herauszuarbeiten. Mit jeder neu gelernten Sprache werden weitere Faktoren, die den Erwerb beeinflussen, in das Modell integriert. Die wesentlichen Aspekte werden im Folgenden kurz angesprochen.
Das Faktorenmodell geht davon aus, dass die L1-Aneignung vor allem von neurophysiologischen Faktoren wie beispielsweise der generellen Spracherwerbsfähigkeit und von bestimmten lernerexternen Faktoren wie der Lernumwelt oder dem Input abhängt. Gemäß Hufeisen (2010: 202–203) kommen beim Lernen einer L2 weitere Einflussfaktoren hinzu:
Zusätzliche lernerexterne Faktoren wie Art und Umfgang des Inputs
Emotionale Faktoren wie Motivation oder (Lern-)Angst
Kognitive Faktoren wie das metasprachliche Bewusstsein oder diverse Lernstrategien
Linguistische bzw. sprachliche Faktoren (die L1 als erste Transferbasis)
Nun gibt es aber laut Hufeisen auch zwischen dem Lernen einer L3 und jenem einer L2 qualitative und quantitative Unterschiede. Zu der eben genannten Liste fügen sich beim L3-Lernen noch weitere Faktoren hinzu, zu denen unter anderem der Komplex der sogenannten ‚Fremdsprachenspezifischen Faktoren‘ zählt, den Hufeisen (2010: 201; Hervorhebung im Original) folgendermaßen beschreibt:
Sprachlernerfahrungen sind vorhanden, eventuell ein expliziertes und anwendbares Wissen darüber, wie an den neuen Sprachlernprozess erfolgversprechend herangegangen werden kann, eine vermutlich größere Gelassenheit gegenüber dem (wieder einmal) Neuen und Fremden. […] Diese […] Fremdsprachenspezifischen Faktoren […], die sich erst ab einer L2 einstellen und entwickeln, aber mit dem Lernen einer L3 wirksam werden können[, machen] […] den wesentlichen Unterschied zwischen dem Lernen einer L2 und dem Lernen einer L3 aus […].
Wie Abbildung 4 veranschaulicht, handelt es sich bei den fremsprachenspezifischen Faktoren beispielsweise um individuelle Fremdsprachenlernerfahrungen sowie um Fremdsprachenlernstrategien als auch um die Lernersprachen bzw. interlanguages (vgl. Selinker 1972) der bereits gelernten Sprachen, sei es die L2 im L3-Erwerb oder die L3, L4, Lx im L4-, L5-, Lx-Erwerb:
Abb. 4:
Lernen einer L3 im Faktorenmodell – fremdsprachenspezifische Faktoren (vgl. Hufeisen 2010: 204)
Im Unterschied zum L2-Erwerb, in welchem nur auf eine Sprache, die L1, zurückgegriffen werden kann, haben die L3-Lernenden zusätzlich noch mindestens eine weitere Sprache, die sie als Transferbasis nutzen können. Wie in Kapitel 3.3 dargestellt, beruht das Lernen einer L2 stärker auf dem deklarativen Gedächtnissystem als das Lernen einer L1. Damit geht einher, dass in einer L2 im Normalfall ein sowohl quantitativ als auch qualitativ stärker ausgeprägtes explizites Wissen vorhanden ist. Obwohl sich das L2-/L3-Lernen im Hinblick auf den Rückgriff auf das deklarative Gedächtnissystem gleicht, unterscheidet es sich dadurch, dass auf ein zusätzliches Sprachsystem (jenes der L2) zugegriffen werden kann, welches naturgemäß viel explizites Wissen bereitstellt.
Die eben dargelegten Unterschiede zwischen dem L1-, dem L2- und dem L3-Erwerb machen es notwendig, die Begrifflichkeiten der Erst-, Zweit- und Drittsprache voneinander abzugrenzen. Die häufige Praxis, alle Sprachen, die nach der L1 gelernt wurden, unter dem Terminus Zweitsprache zu subsumieren, greift zu kurz, da sie den im Faktorenmodell dargestellten Unterschieden nicht gerecht wird (vgl. Hammarberg 2010: 92–93). Oftmals wird für die Unterscheidung zwischen den gelernten Sprachen eine rein chronologische Darstellung herangezogen. Die erste gelernte Sprache wird als L1, die zweite als L2, die dritte als L3 usw. bezeichnet (vgl. Hammarberg 2010: 93). Diese Vorgehensweise ist insofern problematisch, als es häufig schwierig ist, eine chronologische Auflistung vorzunehmen, zumal Spracherwerb oftmals simultan stattfindet (vgl. Hammarberg 2010: 93–94, 2017: 7–9). Aus diesem Grund wird in der vorliegenden Arbeit eine andere Definition angewendet. Eine Drittsprache wird als jene Sprache definiert, die in der aktuellen Lebenssituation der Lernenden, die bereits über eine oder mehrere Erst- bzw. Zweitsprachen verfügen, erworben wird und der keine L1-Erwerbsprozesse zugrunde liegen:
[T]he term third language (L3) refers to a non-native language which is currently being used or acquired in a situation where the person already has knowledge of one or more L2s in addition to one or more L1s (Hammarberg 2010: 97; Hervorhebung im Original).
Diese Definition ermöglicht es, den L3-Begriff als eine Erweiterung der L2-Kategorie zu verstehen. So kann sich der Terminus L3 beispielsweise in einem Forschungskontext auf jene L2 der Probanden beziehen, die im Rahmen der Studie als Zielsprache im Fokus steht. Laut Hammarberg (2010: 97) hat die Verwendung dieser Terminologie den Vorteil, dass alle Sprachen, denen keine L1-Erwerbsprozesse zugrunde liegen, unter dem traditionellen Begriff der L2 subsumiert werden können und nur die im Fokus stehende Sprache als L3 bezeichnet wird. Termini wie L4, L5 etc. sind nicht nötig, was wiederum eine gewisse terminologische Klarheit schafft. Im Falle der vorliegenden Arbeit handelt es sich somit beim Spanischen um eine Dritt- oder Tertiärsprache (L3). Alle anderen nicht nativen Sprachen werden als Zweit- oder Sekundärsprachen (L2) bezeichnet; es handelt sich dabei um das Englische, das Französische und das Lateinische.
3.5 Konklusion: L2- ≠ L3-Erwerb
In den letzten Kapiteln wurde Lernen im Allgemeinen und Sprachlernen im Speziellen als ein auf allgemeinen kognitiven Prozessen beruhender, hochkomplexer und dynamischer Vorgang beschrieben, der von unterschiedlichen Faktoren wie beispielsweise Frequenz, Salienz oder Prototypikalität beeinflusst wird. In Anlehnung an die deklarativ-prozeduralen Modelle von Ullman und Paradis wird außerdem davon ausgegangen, dass das Langzeitgedächtnis in ein deklaratives und ein nichtdeklaratives (v.a. prozedurales) System unterteilt werden kann. Diese Modelle nehmen an, dass L2- und L3-Lernen im Unterschied zum L1-Erwerb vermehrt auf dem deklarativen System beruht, vor allem was die Aneignung von grammatikalischen Phänomenen betrifft. Durch den Erwerb einer L2 werden somit unter anderem explizite grammatikalische Wissensrepräsentationen im deklarativen Gedächtnis aufgebaut, die beim Erwerb einer L1 üblicherweise fehlen. Hufeisen betont im Faktorenmodell deshalb, dass sich das Lernen einer L3 von jenem einer L2 unterscheidet, da L3-Lerner neben den fremdsprachenspezifischen Faktoren unter anderem auch auf diese expliziten Wissensrepräsentationen der L2 zurückgreifen können bzw. von diesen beeinflusst werden. Dadurch ist das metasprachliche Bewusstsein von L3-Lernenden besser ausgeprägt, was einen der wesentlichen Unterschiede zwischen multi- und monolingualen Menschen ausmacht. Im Faktorenmodell wird unter anderem darauf eingegangen, dass der L3-Erwerb vom sprachlichen Vorwissen der Lernenden beeinflusst wird. Dieser Einfluss einer Sprache auf eine andere wird traditionellerweise als Transfer bezeichnet. Wie Transfer genau definiert wird, von welchen Faktoren er abhängt und wie er modelliert werden kann, wird im nächsten Kapitel näher beleuchtet.
4 Transfereffekte im Zweit- und Drittspracherwerb
Der Terminus Transfer stammt nicht wie häufig angenommen aus Lados (1957) Werk Linguistics Across Cultures, sondern ist bereits bei Wilhelm von Humboldt (‚hinübertragen‘, lat. TRANSFERRE) oder bei Hugo Schuchardt (‚übertragen‘) zu finden. Die erste englische Verwendung des Terminus transfer findet sich schließlich in einem Artikel von William Dwight Whitney aus dem Jahre 1881 (vgl. Odlin/Yu 2016: 5–6). Transfer1 wird in Anlehnung an Odlin (1989: 27) als „the influence resulting from the similarities and differences between the target language and any other language that has been previously (and perhaps imperfectly) acquired“ definiert. Sharwood-Smith (1994: 198; Hervorhebung im Original) beschreibt ihn als „the influence of the mother tongue on the learner’s performance in and / or development of a given target language; by extension, it also means the influence of any ‘other tongue’ known to the learner on that target language“. In Anlehnung an diese beiden Zitate kann Transfer demnach als der Einfluss einer Sprache auf eine andere Sprache definiert werden. Er kann prinzipiell auf allen sprachlichen Ebenen stattfinden und ist oft auf sprachstrukturelle Ähnlichkeiten oder Unterschiede zurückzuführen. Je nachdem, ob er sich positiv oder negativ auf die Zielsprache auswirkt, wird er als positiver oder negativer Transfer bezeichnet.
Das Ziel der Transferforschung ist es, zu beschreiben und zu verstehen, wie sich sprachliches Wissen auf die Produktion, das Verständnis und den Erwerb einer Zielsprache auswirkt (vgl. De Angelis 2007: 19). Die nachfolgenden Darstellungen fokussieren primär, wie Transfer den Erwerb einer Zweit- bzw. einer Drittsprache beeinflussen kann. Nachdem der Begriff an sich definiert wurde, wird im nächsten Kapitel auf die Anfänge der Transferforschung eingegangen. Im Anschluss werden die wichtigsten Einflussfaktoren diskutiert. Dazu zählen unter anderem die Sprachtypologie oder das Sprachniveau. In Kapitel 4.3 werden schließlich aktuelle Transfermodelle beschrieben und einige Studien diskutiert, die empirische Evidenz für die entsprechenden Modelle liefern.
4.1 Transfer als kognitiver Prozess
Jarvis und Pavlenko (2010: 4–8; vgl. auch Jarvis 2016: 18–19) teilen die Transferforschung in vier Phasen ein: Die erste Phase (auch altes Paradigma genannt), die in etwa die Forschung bis in die 1970er-Jahre umfasst (vgl. z. B. Weinreich 1953), betrachtet Transfer vorerst als unabhängige Variable und ist durch die quantitative Analyse unterschiedlicher Transfereffekte gekennzeichnet. Der Fokus liegt meist auf negativem Transfer (sogenannten Interferenzen; vgl. Odlin 2003: 438; Peukert 2015: 1). Vor allem in Europa kommt es spätestens in den 1970er-Jahren zu einem Perspektivenwechsel, der die zweite Phase und damit das neue Paradigma einleitet (vgl. Jarvis 2016: 18; siehe Kapitel 4.2). Dieser Perspektivenwechsel kann unter anderem auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem behavioristischen Lernverständnis im Allgemeinen und der Kontrastivhypothese im Spezifischen zurückgeführt werden. Auf der einen Seite beginnt man, Lernen als einen kognitiven Prozess zu verstehen, auf der anderen kritisiert man die Annahmen der Kontrastivhypothese, dass Transferphänomene durch eine rein sprachstrukturelle Analyse vorhergesagt werden können (vgl. Decke-Cornill/Küster 2010: 22–23; Königs 2010: 756).
Mit diesen Entwicklungen geht eine Tendenz einher, Transfer als kognitiven und kreativen Prozess zu verstehen. Kellerman (1979: 37–40) stellt beispielsweise die These auf, dass die Lernenden immer dann von ihrer L1 Gebrauch machen, wenn ihnen eine Struktur in der Zielsprache fehlt. Demnach handelt es sich um ein vermeintlich bewusstes Vergleichen der Sprachstrukturen der L1 und der L2. Wenn die Lernenden das Gefühl haben, die Sprachstrukturen der L1 sind auf jene der L2 übertragbar, dann ist die Wahrscheinlichkeit für Transfer hoch. Es ist also vor allem die von den Lernenden wahrgenommene Nähe zwischen der L1 und der L2, die sogenannte Psychotypologie (vgl. Kellerman 1983: 114), die Transfer beschränken, aber auch auslösen kann (vgl. Ringbom 1978: 96).1 Die Qualität dieser subjektiven Wahrnehmung hängt eng mit dem Konzept des metasprachlichen Bewusstseins zusammen (vgl. Kellerman 1983: 116). Dieses kann sich im Laufe des Sprachlernprozesses ändern, womit auch eine Veränderung der subjektiven Wahrnehmung sprachstruktureller Ähnlichkeiten und Unterschiede einhergeht (vgl. Kellerman 1979: 40). Ein weiterer Aspekt, der die Transferabilität beeinflusst, ist die psycholinguistische Markiertheit einer Struktur:
If a feature is perceived as infrequent, irregular, semantically or structurally opaque, or in any other way exceptional, what we could […] call ‘psycholinguistically marked’, then its transferability will be inversely proportional to its degree of markedness (Kellerman 1983: 117).
Je stärker ein Merkmal psycholinguistisch markiert ist, desto unwahrscheinlicher ist ein Transfer desselben. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Lernende psycholinguistisch markierte Merkmale als sprachspezifisch wahrnehmen und deshalb davon ausgehen, dass andere Sprachen im Hinblick auf dieses Phänomen anders funktionieren, und die Ausgangssprache deshalb nicht als nützliche Transferbasis wahrnehmen. Damit einhergehend ist anzunehmen, dass prototypische Merkmale einer Sprache, die ja per definitionem eine niedrige psycholinguistische Markiertheit aufweisen, eher transferiert werden als nicht prototypische.
Die eben dargestellten Pionierarbeiten von Kellerman und Ringbom machen Transfer zur abhängigen Variable und versuchen zu erklären, von welchen Faktoren er abhängt. Im nächsten Kapitel werden einige neuere Erkenntnisse dieser zweiten Phase der Transferforschung diskutiert.
4.2 Faktoren, die Transfer beeinflussen
Die zweite Phase der Transferforschung hat zahlreiche Einflussfaktoren identifiziert, zu denen unter anderem das Sprachbewusstsein, der Kontakt mit einer zielsprachlichen Lernumgebung, die Erwerbsreihenfolge, die Formalität des Kontexts oder das Alter zählen (vgl. De Angelis 2007; Hammarberg 2009; Jarvis/Pavlenko 2010). Da in der aktuellen Diskussion vor allem Faktoren wie die schon erwähnte (Psycho-)Typologie, sprachstrukturelle Aspekte, das Sprachniveau in der L2 und der L3, die recency of use sowie der sogenannte L2-Status eine Vorrangstellung einnehmen (vgl. Falk/Bardel 2010: 193), wird ihnen in den nächsten Abschnitten besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
4.2.1 Der Einfluss von genetischer Verwandtschaft, sprachstruktureller Ähnlichkeit und (Psycho-)Typologie
Da der Terminus Typologie in der Literatur nicht einheitlich verwendet wird, wird im Folgenden das dieser Arbeit zugrunde liegende Verständnis dargelegt.1 In Anlehnung an Falk und Bardel (2010: 193–194) wird zwischen (1) einer genetischen Sprachverwandtschaft (en. language relatedness), (2) der Typologie im Sinne der Nähe bzw. Distanz bestimmter Sprachstrukturen und (3) der Psychotypologie nach Kellerman (1983) unterschieden.
(1) Sprachen sind genetisch miteinander verwandt, wenn sie sich aus einer gemeinsamen (Ur-)Sprache entwickelt haben; man spricht dann von einer Sprachfamilie mit unterschiedlichen Zweigen. Beispielsweise ist die indogermanische Sprachfamilie als eine genetische Einheit anzusehen. Aber auch Cluster diverser Einzelsprachen, wie beispielsweise die romanischen Sprachen, die sich aus einer Protosprache entwickelt haben und somit einem Zweig der indogermanischen Sprachfamilie zugeordnet werden, können als eine Einheit verstanden werden. In weiten Teilen der Forschungsliteratur wird angenommen, dass Sprachen, die genetisch verwandt sind, eher als Transferbasis herangezogen werden als Sprachen, die nicht verwandt sind (vgl. Cenoz 2001). Diese allgemeine Tendenz darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Transfer durchaus auch aus nicht verwandten Sprachen stattfinden kann (vgl. De Angelis 2007: 23).
(2) Unter Typologie verstehen Falk und Bardel (2010: 193–194) in Anlehnung an Croft (2003) Ähnlichkeiten zwischen Sprachen in Bezug auf spezielle Sprachstrukturen, die unabhängig von ihrer Verwandtschaft sind. So sind das Spanische und das Französische als romanische Sprachen genetisch miteinander verwandt, unterscheiden sich aber beispielsweise in Bezug auf die obligatorische Realisierung von Subjektpronomen. Diese können im Spanischen weggelassen werden ([+pro-drop]), wohingegen sie im Französischen obligatorisch realisiert werden müssen ([-pro-drop]).
(3) Die von Linguisten beschriebenen objektiven Ähnlichkeiten (vgl. Ringbom 2007: 7–9; Ringbom/Jarvis 2009: 106–109) unterscheiden sich wesentlich vom Konzept der Psychotypologie, welches sich auf die von den Lernenden wahrgenommene typologische Nähe bezieht (vgl. Kellerman 1983). Darüber hinaus ist zwischen einer wahrgenommenen und einer angenommenen Nähe zu unterscheiden (en. perceived/assumed similarity; vgl. Ringbom 2007: 24–26; Jarvis/Pavlenko 2010: 179). Wenn die Autoren von wahrgenommener Nähe sprechen, meinen sie, dass eine bestimmte Struktur, Bedeutung etc. im Input (bewusst oder unbewusst) wahrgenommen und mit sprachlichem Vorwissen in Verbindung gebracht wird. Bei der angenommenen Nähe hingegen handelt es sich lediglich um eine (bewusste oder unbewusste) Vermutung seitens der Lernenden, dass eine Struktur, die sich in ihrem sprachlichen Repertoire befindet, auch in der Zielsprache vorhanden sein könnte, und zwar unabhängig davon, ob eine solche Struktur tatsächlich wahrgenommen wurde.
Aus den Darstellungen der Autoren geht leider nicht klar genug hervor, wie die kognitiven Prozesse des Wahrnehmens und Annehmens genau zu verstehen sind. Es lässt sich vermuten, dass es sich bei beiden Prozessen zumeist um Vorgänge handelt, die eine gewisse Bewusstheit und ein metasprachliches Bewusstsein voraussetzen. Dies ist aber keinesfalls die einzig mögliche Interpretation: Vor allem Forscher aus dem Bereich der generativistischen Zweit-/Drittspracherwerbsforschung verneinen, dass die bewusste Bewertung von Ähnlichkeiten und Unterschieden auf der sprachlichen Oberflächenstruktur einen Effekt auf Transfer2 hat:
[M]ultilingual transfer selection is not dependent on obvious surface level (dis)similarity, it rejects the notion that conscious psychotypological assessment on the part of the learner brings anything to bear. I would take as coincidental any correlations between the learner’s perceptions and independently measurable assessments of linguistic competence (Rothman 2015: 184–185; Hervorhebung durch den Verfasser).
Rothman erklärt weiter: „From a generative perspective, it is reasonable to reject a priori that consciousness would have anything to bear specifically on underlying linguistic representation“ (ebd.: 185; Hervorhebung im Original). Der Autor negiert zwar nicht, dass ein bewusstes Vergleichen von Sprachstrukturen auf der Sprachoberfläche durchgeführt wird, er verneint aber, dass dieses Vergleichen einen Einfluss auf den Transfer syntaktischer Merkmale hat (vgl. ebd.: 181).
Laut Ringbom (2007) und Jarvis/Pavlenko (2010) hängt es von der Qualität der Analyse des neuen Sprachsystems ab, ob sich die wahrgenommene Nähe positiv oder negativ auf das Transferverhalten der Sprachlernenden auswirkt. Nur wenn die wahrgenommene Nähe mit der objektiven Nähe übereinstimmt, ist positiver Transfer die Folge. Bei der Analyse ist es allerdings möglich, dass Lernende objektive Ähnlichkeiten übersehen bzw. falsch interpretieren oder dass sie Hypothesen bezüglich Ähnlichkeiten aufstellen, die aus linguistischer Perspektive nicht existieren (vgl. Jarvis/Ringbom 2009: 107). Solche Fehlanalysen können somit als ein Hauptgrund für negativen Transfer angesehen werden.
In nahverwandten Sprachen starten die Lernenden oft mit der Wahrnehmung formaler Ähnlichkeiten, worauf die Annahme folgt, die Sprachen funktionierten auch auf funktional-semantischer Ebene ähnlich. Gibt es allerdings nur wenige sprachstrukturelle Ähnlichkeiten, dann sind es reine Hypothesen, die das Sprachverstehen und die Sprachproduktion leiten:
In comprehension of related languages, learners can often start out by perceiving cross-linguistic similarity (i.e. formal similarity), to elements of a language they already know. A subsequent stage is the assumption of an associated semantic and/or functional similarity. If no formal similarity can be perceived, the learner will have to make do with merely assuming that the languages work in much the same way (Ringbom 2007: 24–25; Hervorhebung durch den Verfasser).
Laut Ringbom und Jarvis (2009: 108) nehmen die Lernenden im L3-Erwerb formale Ähnlichkeiten mit der typologisch nächsten Sprache wahr; im Bereich der Semantik und Pragmatik hingegen habe die L1 eine Vorrangstellung:
In cases where learners are learning a third or fourth language, their assumption tends to be that the [target language] TL is semantically and pragmatically similar to the L1 but formally similar to the language (the L1, L2, L3, etc.) that they perceive as being typologically closest to the TL.
Gemäß Ringbom und Jarvis (2009: 109–110) sowie Ringbom (2007: 5–7) gibt es drei Möglichkeiten, wie Lernende interlinguale Parallelen wahrnehmen können (für eine Diskussion zum Konzept der Wahrnehmung siehe Kapitel 3.1). Die Autoren unterscheiden Ähnlichkeits-, Kontrast- und zero-Beziehungen (en. similarity, contrast und zero relations). Diese drei Begrifflichkeiten werden für die vorliegende Arbeit übernommen, auch wenn die zugrunde liegende Konzeption mit derjenigen der Autoren nicht immer identisch ist.
(1) In einer Ähnlichkeitsbeziehung nehmen die Lernenden eine Sprachstruktur der Zielsprache als formal und/oder funktional ähnlich zu einer Form ihres sprachlichen Repertoires wahr. Wenn sie keine funktionale Ähnlichkeit wahrnehmen, wird eine solche zumindest angenommen. Wie im obigen Zitat von Ringbom (2007: 24–25) dargelegt, orientieren sich die Lernenden primär an formalen, das heißt an morphologischen bzw. auch an morpho-phonologischen oder morpho-syntaktischen Kriterien. Es ist anzunehmen, dass sie formal ähnliche Strukturen zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache für die ersten Hypothesen des Sprachlernprozesses heranziehen. Im Hinblick auf das Verbalsystem, das in der vorliegenden Arbeit im Fokus steht, nehmen sie demzufolge sowohl synthetische als auch analytische Formen als ähnlich wahr. Sie bemerken beispielsweise, dass die beiden synthetischen Formen, das simple past und das perfecto simple, formal ähnlich sind, das analytische present perfect und das synthetische perfecto simple hingegen nicht. Lernende differenzieren aber auch innerhalb der beiden Kategorien (= synthetisch/analytisch) zwischen verschiedenen Formen. Es ist anzunehmen, dass sie den formalen (wie auch funktionalen) Unterschied zwischen der Bildung einer Perfekt- und einer Progressivperiphrase erkennen (z. B. present perfect vs. estar + gerundio). Diese Ähnlichkeitsanalyse kann theoretisch bis zur Phonem-Ebene fortgeführt werden.
Diese theoretischen Überlegungen können anhand der Ähnlichkeitsbeziehung zwischen den Progressivperiphrasen im Spanischen und Englischen exemplifiziert werden: Die beiden Periphrasen sind sich insofern formal ähnlich, als es sich um Gerundium-Periphrasen handelt, die mithilfe einer Kopula als Auxiliar gebildet werden (estar, to be). Aufgrund dieser formalen Ähnlichkeit nehmen beispielsweise Lernende des Spanischen an, dass die zugrunde liegende Funktion/Semantik der spanischen Progressivperiphrase Ähnlichkeiten mit der englischen aufweist. Da beide Periphrasen tatsächlich primär progressive Bedeutung ausdrücken (siehe Abschnitt 2.3.2 und 2.3.4.2), führt dies zu einer erfolgreichen Assoziation (en. mapping) der beiden Formen, was einen positiven semantischen Transfer mit sich bringt.
(2) Als Kontrastbeziehungen werden in der vorliegenden Arbeit jene interlingualen Relationen bezeichnet, bei denen sich die formale Seite des sprachlichen Zeichens unterscheidet (z. B. synthetisch vs. analytisch), denen aber eine funktional-semantische Ähnlichkeit zugrunde liegt. Die Lernenden nehmen diesen formalen Unterschied wahr und schließen in der Folge fälschlicherweise darauf, dass zwischen den Sprachen keine funktional-semantische Ähnlichkeit vorliegt. Damit geht einher, dass eine Assoziation zwischen der Form der Ausgangs- und jener der Zielsprache nicht stattfindet und ein vermeintlich positiver semantischer Transfer ausbleibt.
Ein Beispiel für eine Kontrastbeziehung ist die funktional-semantische Ähnlichkeit zwischen dem spanischen imperfecto und der englischen progressive-Form im Hinblick auf die progressive Semantik mit dynamischen Verben. Aufgrund der formalen Differenz zwischen dem synthetischen imperfecto und der periphrastischen progressive-Form – und möglicherweise auch aufgrund der komplexen Semantik des Imperfekts – erkennen die Lernenden die zugrunde liegende funktional-semantische Ähnlichkeit nur bedingt, was sich negativ auf die Transferierbarkeit auswirkt. Eine Assoziation der Formen und ein durchaus möglicher semantischer Transfer des Merkmals [+ progressiv] findet nicht statt.
(3) Auch bei einer zero- oder near-zero-Beziehung gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Ziel- und Ausgangssprache(n) (z. B. sprachliche Universalien), die allerdings aufgrund der abstrakten Natur von einem durchschnittlichen Lernenden vor allem in den Anfangsstadien des Sprachlernens nicht wahrgenommen wird (vgl. Ringbom/Jarvis 2009: 110). Solche zero-Beziehungen finden sich vermehrt in nicht nahverwandten Sprachen. So besteht zwischen der englischen progressive-Form und den chinesischen Aspekt-Partikeln zhe/zai (vgl. Klein 2009b: 70) prinzipiell eine zero-Beziehung, die sich allerdings mit steigendem Sprachniveau in eine Kontrastbeziehung verwandeln kann (vgl. Ringbom/Jarvis 2009: 110). Ein weiteres Beispiel für eine zero-Beziehung findet sich zwischen dem Englischen und dem Spanischen im Hinblick auf die kontinuative Semantik (siehe Kapitel 2.1.2). Im Spanischen muss diese mithilfe einer imperfektiven Verbform ausgedrückt werden, im Englischen hingegen durch das aspekt-neutrale simple past. Obwohl beide Sprachen über das Konzept der Kontinuität verfügen, sind die entsprechenden Versprachlichungen so unterschiedlich, dass Lernende diese abstrakte Ähnlichkeit nicht wahrnehmen. Dementsprechend findet sich auch keine zielsprachliche Assoziation zwischen der Form der Ziel- und jener der Ausgangssprache.
Da das Verständnis dieser drei Beziehungen für den weiteren Verlauf der Arbeit von großer Bedeutung ist, sind die wichtigsten Merkmale in der nachstehenden Tabelle zusammengefasst:
| Beziehung | Formal | Funktional-semantisch |
| Ähnlichkeit | + | + |
| Kontrast | − | ~ |
| Zero | − | − |
Tab. 9:
Ähnlichkeits-, Kontrast-, und zero-Beziehungen (+ steht für Ähnlichkeit wahrgenommen; ~ steht für Ähnlichkeit nicht wahrgenommen, obwohl vorhanden; - steht für keine/kaum Ähnlichkeit und nicht wahrgenommen)
Nachdem in diesem Kapitel dargestellt wurde, inwiefern sprachstrukturelle Ähnlichkeiten und die Psychotypologie einen Einfluss auf Transfer haben, werden im nächsten Kapitel zwei unterschiedliche Transfertypen beschrieben. Darüber hinaus wird genauer darauf eingegangen, wie Lernende ziel- und ausgangssprachliche Formen miteinander assoziieren und inwiefern derartige Form-Bedeutungs-Assoziationen (en. form-meaning-mappings) für den Transfer eines sprachlichen Phänomens von Relevanz sind.
4.2.2 Der Einfluss von Form-Bedeutungs-Paaren
Ringbom und Jarvis (2009: 110–114) unterscheiden zwischen Item- und prozeduralem Transfer. Letzterer wird auch als System-Transfer bezeichnet. Die Autoren grenzen die beiden Transfertypen folgendermaßen voneinander ab: Ersterer bezieht sich auf den Transfer einer bestimmten Form (z. B. ein Morphem), letzterer hingegen auf jenen eines gesamten Systems von Prinzipien, also beispielsweise auf den Transfer der Funktionsweise, die hinter der regelmäßigen Bildung des englischen simple past steht. Es handelt sich also nicht um den einmaligen Transfer des Morphems {-ed}, sondern um den des abstrakten Prinzips Hänge {-ed} an den Verbstamm, das hinter der Bildung des simple past steht.
Laut Ringbom und Jarvis (2009: 111) beginnt das Lernen einer neuen sprachlichen Struktur in Form eines Item-Transfers, das heißt, die Lernenden stellen eine Verbindung zwischen einem ziel- und einem ausgangssprachlichen Item her. Für eine solche Form-Bedeutungs-Assoziation gibt es laut Van Patten, Williams und Rott (2004: 5) zwei Möglichkeiten: (1) Die Lerner stoßen auf eine neue Form im Input und aktivieren ihr vorhandenes funktional-semantisches/konzeptuelles Wissen oder (2) sie entdecken eine neue Bedeutung/ein neues Konzept und verknüpfen es mit einer bestehenden Form. Gerade im gesteuerten Unterricht, in welchem weiterhin ein starker Fokus auf der sprachlichen Form liegt (vgl. Ellis 2016 für einen Überblicksartikel), wird in Anlehnung an Ringbom (2007: 24–25) angenommen, dass eine neue zielsprachliche Form als ähnlich zu einer Form in der Ausgangssprache wahrgenommen und sie dann mit der Semantik/dem Konzept der Ausgangssprache assoziiert wird. Laut Ringbom (2007: 5) ist die Herstellung solcher Eins-zu-eins-Verbindungen zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache eine natürliche Tendenz beim Lernen von etwas Neuem. Die Lernenden nehmen an, dass eine Form in der Zielsprache genauso funktioniert wie eine ähnliche Form in der Ausgangssprache und formulieren darauf aufbauend eine entsprechende Sprachlernhypothese, die als ‚L2=L1-Äquivalenz-Hypothese‘ oder für den L3-Erwerb als ‚L3=L1-oder-L2-Äquivalenz-Hypothese‘ bezeichnet werden kann (vgl. Ringbom/Jarvis 2009: 111). Diese theoretischen Prinzipien können anhand des folgenden Beispiels veranschaulicht werden. L3-Lerner des Spanischen, die auch Kenntnisse in der L2 Englisch haben, entdecken eine neue sprachliche Form im Input:
| (69) | Estoy saliendo. |
Durch die bestehende Ähnlichkeitsbeziehung (siehe Kapitel 4.2.1), die zwischen der spanischen und der englischen Progressivperiphrase besteht, ist es ihnen möglich, die beiden Formen miteinander in Bezug zu setzen. Sie nehmen an, dass auch die zugrunde liegende Funktion/Semantik der beiden Periphrasen ähnlich ist und assoziieren die neue zielsprachliche Form mit der Semantik/dem Konzept [+ progressiv] der englischen Periphrase. Gerade am Anfang eines solchen Transferprozesses wird allerdings lediglich ein Subset und nicht die gesamte Semantik der Ausgangssprache transferiert (vgl. Andersen 1993: 329–330; siehe Kapitel 5.1.4). Dieses Subset beschränkt sich meist auf die prototypischste Bedeutung. Eine weitere Einschränkung ist, dass diese Eins-zu-eins-Verbindung anfänglich auf der Item-Ebene verweilt und noch nicht auf das gesamte zielsprachliche System übertragen wird. Erst durch ausreichend Input, in welchem die spanische Progressivperiphrase mit unterschiedlichen Verben und in diversen Kontexten auftritt, werden die Lernenden feststellen, dass die Periphrase wie im Englischen systematisch gebildet und auf das gesamte spanische Verbalsystem übertragen werden kann. Findet ein solcher Transfer der Prinzipien der Funktionsweise der Progressivperiphrase im Englischen auf das gesamte Sprachsystem des Spanischen statt, handelt es sich um System- bzw. prozeduralen Transfer. Mit dem graduellen Fortschreiten vom Item- zum prozeduralen Transfer werden die Lernenden auch die anfänglich transferierte prototypische Bedeutung ausweiten und peripherere Bedeutungskomponenten in ihre Lernersprache integrieren. Außerdem werden sie feststellen, dass Eins-zu-eins-Verbindungen zwischen Form und Semantik relativ selten sind und dass die meisten Formen mehrere Bedeutungen ausdrücken und umgekehrt (vgl. VanPatten et al. 2004: 3). Diese Fähigkeit, beispielsweise eine Form mit mehreren Bedeutungen zu verknüpfen, wird in Andersens (1990: 53–55) multifunctionality principle beschrieben.
Da die funktionalen/semantischen Systeme zweier Sprachen selten vollständig kongruent sind, führt prozeduraler Transfer des Öfteren zu Interferenzen (vgl. Ringbom/Jarvis 2009: 110–114). Es ist beispielsweise durchaus möglich, dass eine vollständige Übertragung der Semantik der englischen Progressivperiphrase auf die spanische dazu führt, dass die Lernenden letztere auch für in der Zukunft liegende Handlungen verwenden, was im Spanischen nicht möglich ist und folglich zu negativem Transfer führen würde:
| (70) | I am leaving tomorrow. |
| (71) | *Mañana estoy saliendo. |
Allerdings kann man gerade im Bereich von perfektivem und imperfektivem Aspekt davon ausgehen, dass sich Sprachen, die über eine solche aspektuelle Unterscheidung verfügen, auch einen gemeinsamen semantischen Prototyp teilen (vgl. Dahl 2000: 15). Der Transfer desselben sollte demnach gerade in den Anfangsstadien des Spracherwerbs primär positiver Natur sein.
4.2.3 Der Einfluss von Sprachniveau, recency of use und weiteren Faktoren
Neben den eben diskutierten Aspekten der genetischen Verwandtschaft und der (Psycho-)Typologie hat die Transferforschung zahlreiche weitere Einflussfaktoren eruiert. So gibt es beispielsweise Untersuchungen, die sich mit dem Einfluss des zielsprachlichen Sprachniveaus beschäftigt haben. Mehrere Autoren nehmen diesbezüglich an, dass es vor allem in den Anfangsstadien des Zweit-/Drittspracherwerbs vermehrt zu Transferphänomenen kommt, da das Bedürfnis, Wissenslücken in der Zielsprache zu füllen, größer ist als bei fortgeschrittenem Sprachniveau (vgl. De Angelis 2007: 33; Williams/Hammarberg 1998: 323–324). Bezüglich des L3-Erwerbs spielt auch das Sprachniveau in der L2 eine wichtige Rolle. Bisher gibt es allerdings nur wenige experimentelle Studien, die diese unabhängige Variable systematisch untersucht haben (vgl. De Angelis 2007: 34). Eine der wenigen Ausnahmen stellt die Studie von Tremblay (2006) dar, in welcher sie den Einfluss des Sprachniveaus in der L2 Französisch auf die Sprachproduktion in der L3 Deutsch untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der Einfluss der L2 mit steigendem L2-Niveau zunimmt. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit weiteren empirischen Untersuchungen (vgl. z. B. Aribas/Cele 2019) und theoretischen Annahmen mehrerer Autoren, die wie Tremblay davon ausgehen, dass ein hohes Sprachniveau in der L2 vermehrt zu Transferphänomenen in der L3 führt (vgl. Hammarberg 2001: 23; Jarvis/Pavlenko 2010: 201; Sanz et al. 2015: 247). Müller-Lancé (2006b: 461) geht sogar so weit, zu sagen,
daß die individuelle Kompetenz in einer Transfersprache viel wichtiger für deren Nutzung ist als ihre Ähnlichkeit zur Zielsprache. Nicht die ähnlichste, sondern die bestbeherrschte Fremdsprache wird also überwiegend für interlinguale Strategien genutzt.
Auch Ringbom (2001: 59) misst dem Sprachniveau in der L2 vor allem im Bereich der Grammatik eine große Bedeutung zu. Ein solches führt – so der Autor – vermehrt zu Transfer und ist für prozeduralen Transfer gewissermaßen Voraussetzung. Ringbom und Jarvis (2009: 111) nehmen sogar an, dass nur jene grammatikalischen Strukturen, die gut internalisiert oder vollständig automatisiert in der Lernersprache der L2 vorliegen, in die L3 transferiert werden können.
Ein weiterer Faktor, der einen wesentlichen Einfluss auf Transfer haben kann, ist die sogenannte recency of use. Dieser englischsprachige Ausdruck bezieht sich auf die letztmalige Verwendung und den damit einhergehenden Aktivierungsgrad einer Sprache. Laut Hammarberg (2001: 23) hat eine Sprache, die erst kürzlich verwendet wurde, eine hohe recency und wird somit auch leichter als Transferbasis aktiviert. Diesbezüglich zeigen die Ergebnisse einer Studie von Dewaele (1998), dass Lernende unterschiedlicher Sprachenfolgen auf verschiedene Transferbasen für die Produktion morpho-phonologisch adaptierter Lexeme zurückgreifen. Er interpretiert diese Gruppenunterschiede im Einklang mit den Annahmen Hammarbergs dahingehend, dass jene Sprache als Transferbasis herangezogen wird, die den höchsten Aktivierungsgrad aufweist (vgl. Dewaele 1998: 488).
Neben dem Sprachniveau und der recency of use spielt auch die Formalität des Kontextes eine wesentliche Rolle. Diesbezüglich widmet sich Dewaele (2001) der Frage, ob der Wechsel zwischen einer formellen und einer informellen Situation (mündliche Prüfung vs. angenehme Atmosphäre) einen Einfluss auf Transfer hat. Seine Ergebnisse demonstrieren, dass die Teilnehmer in der informellen Situation dem multilingualen Ende des Kontinuums der Sprachmodi (language mode hypothesis; vgl. Grosjean 1992) näher sind und sich dementsprechend eine höhere Anzahl an code-switching-Phänomenen findet als in der formellen Situation (vgl. Dewaele 2001: 79). Transfer scheint also in formellen Situationen seltener stattzufinden als in informellen.
Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass die Art des Spracherwerbs (d. h. gesteuert vs. natürlich) einen Einfluss auf Transfer haben kann (vgl. Hammarberg 2009: 18). Jarvis und Pavlenko (2010: 206) nehmen beispielsweise an, dass Transfer eher in ungesteuerten Kontexten stattfindet,
because classroom learners experience and use the target language in a setting that increases their awareness of the differences between their native and target languages, and encourages them to adhere to the norms of the latter.
Diese Annahme steht im Einklang mit Ergebnissen einer Studie von Eibensteiner und Koch (2018). Sie untersuchen die mündliche Sprachproduktion von polyglotten Sprachlernexperten im Vergleich zu schulischen L3-Lernern des Spanischen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass lediglich die polyglotten Probanden das perfecto compuesto in Kontexten verwenden, in denen das perfecto simple verwendet werden sollte. Diese Übergeneralisierung findet sich bei den schulischen Fremdsprachenlernenden nicht. Die Autoren führen dies unter anderem darauf zurück, dass im schulischen Kontext der Fokus vermehrt auf der sprachlichen Korrektheit liegt. Die polyglotten Sprecher hingegen haben eine primär kommunikative Orientierung, was die grammatikalische Korrektheit eher zweitrangig macht (vgl. Eibensteiner/Koch 2018: 39).
Dieses Unterkapitel hat eine überblicksartige Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstands im Hinblick auf verschiedene Einflussfaktoren gegeben. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es noch zahlreiche andere Einflussfaktoren gibt. Dazu zählen unter anderem die Dauer von Auslandsaufenthalten (vgl. De Angelis 2007: 37–38), die Frequenz einer sprachlichen Konstruktion (vgl. Jarvis/Pavlenko 2010: 183–184) oder Unterschiede in der Sprachverwendung (z. B. mündlicher vs. schriftlicher Sprachgebrauch; vgl. Hammarberg 2009: 18). Auf diese und weitere Faktoren wird nicht näher eingegangen, da sie für die vorliegende Arbeit nicht von großer Relevanz sind. Der viel untersuchte L2-Status, der davon ausgeht, dass im L3-Erwerb vor allem das L2-System transferiert wird, wird in Kapitel 4.3.2 behandelt. Nachdem sich die zweite Phase der Transferforschung mit der Identifizierung der eben beschriebenen Einflussfaktoren beschäftigt hat, versucht die dritte Phase, Transfer zu modellieren und empirisch zu überprüfen (vgl. Jarvis/Pavlenko 2010: 4–8). Die Forschung in dieser Phase ist stark empirisch orientiert und hat zu unterschiedlichen Transfermodellen geführt, die im nächsten Kapitel dargestellt werden.
4.3 Transfermodelle
Nachdem im letzten Kapitel unterschiedliche Einflussfaktoren herausgearbeitet wurden, wird nun auf Modelle eingegangen, die Transfer mehr oder weniger intensiv in ihre Überlegungen integrieren. Es wird versucht, eine Kategorisierung vorzunehmen, deren Grundidee auf der Einteilung von Jarvis (2016: 29) beruht. Im Wesentlichen können vier theoretische Frameworks unterschieden werden:
1 HOLISTISCHE MEHRSPRACHIGKEITSMODELLE versuchen primär, individuelle Mehrsprachigkeit bzw. den multilingualen Spracherwerb zu modellieren. Damit geht einher, dass sie sich nicht ausschließlich für Transfer interessieren, dieser aber eine prominente Rolle einnimmt. Multilingualer Spracherwerb wird als komplexer und dynamischer Prozess verstanden, der zu einer mehrsprachigen Kompetenz führt, welche multi- von monolingualen Lernenden unterscheidet. Zu dieser Kategorie zählen das multicompetence-Framework von Cook (1992), aber auch das Mehrsprachenverarbeitungsmodell (vgl. z. B. Meißner 2004) sowie das Dynamic Model of Multilingualism von Herdina und Jessner (2002).
2 L2-STATUS-FAKTOR-MODELLE interessieren sich vor allem für die Frage, ob im L3-Erwerb primär die L2 oder die L1 als Transferbasis herangezogen wird. Basierend auf psycho- und/oder neurolinguistischen Erkenntnissen (z. B. den Argumenten der deklarativ-prozeduralen Modelle von Ullman 2001 und Paradis 2009) argumentieren sie, dass beim Erwerb einer Drittsprache primär das L2-System transferiert wird.
3 GENERATIVISTISCHE MODELLE gehen von der Existenz einer Universalgrammatik aus und verorten sich im weitesten Sinne in der Full Transfer Full Access Hypothesis (vgl. Schwartz/Sprouse 1996). Zu ihnen zählen gängige L3-Modelle, wie das Typological Primacy Model (vgl. Rothman 2010a) oder das Cumulative Enhancement Model (vgl. Flynn et al. 2004), die weit über das generativistische Framework hinaus rezipiert werden.
4 MODELLE DES KONZEPTUELLEN TRANSFERS sind im Bereich der kognitiven Linguistik angesiedelt und interessieren sich hauptsächlich für den Transfer von mentalen Konzepten. Sie gehen im Wesentlichen auf das sprachliche Relativitätsprinzip zurück (vgl. Whorf 2012). Zu ihnen zählen beispielsweise das thinking-for-speaking-Framework (vgl. Slobin 1991) oder die Conceptual Transfer Hypothesis (vgl. Jarvis 2011).
Einige Modelle befinden sich an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Frameworks und sind daher nur schwer zuzuordnen. Die nachfolgenden Betrachtungen sollen eher einen allgemeinen Überblick verschaffen, als eine vollständige Beschreibung und Kategorisierung liefern. Des Weiteren wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und es werden nicht alle in der Literatur vorhandenen Modelle diskutiert. Beispielsweise wird auf bekannte Sprachproduktionsmodelle (vgl. u. a. De Bot 2012, 2015) oder Modelle, welche eher soziolinguistisch ausgerichtet sind (vgl. Aronin/Ó Laoire 2004), nicht weiter eingegangen.
4.3.1 Holistische Mehrsprachigkeitsmodelle
4.3.1.1 Das Dynamic Model of Multilingualism
Das psycholinguistische Dynamic Model of Multilingualism (DMM) versucht, die Komplexität der individuellen Mehrsprachigkeit zu modellieren (vgl. Herdina/Jessner 2002). Multilingualer Spracherwerb wird als ein hochkomplexer, dynamischer und adaptiver Prozess angesehen, der von ständigen Veränderungen und einem nicht linearen Wachstum geprägt ist (vgl. Jessner 2006, 2008a: 272–277, 2008b: 25–26, 2014: 178–180; Jessner et al. 2016b: 159–161). Die Aneignung mehrerer Sprachen hängt von psychologischen und sozialen Faktoren ab, wobei den wahrgenommenen Kommunikationsbedürfnissen (en. perceived communication needs) eine besondere Rolle zukommt. Sie werden sogar als „driving force“ (Jessner 2008a: 273) des Spracherwerbs und der Sprachverwendung angesehen.
Das DMM geht von der Entwicklung individueller Sprachsysteme aus, die gemeinsam ein holistisches psycholinguistisches System bilden. Der weitere Verlauf sowie die Stabilität der einzelnen interdependenten Sprachsysteme hängen von der Zeit und der Energie des Sprechers ab, die entsprechende(n) Sprache(n) weiterhin zu verwenden. Darüber hinaus spielen Faktoren wie die wahrgenommenen Kommunikationsbedürfnisse, die Anzahl der im System vorhandenen Sprachen, das Alter zu Beginn der Sprachaneignung, das Sprachniveau und die Zeitspanne, über welche das System stabil gehalten werden muss, eine wesentliche Rolle. Wird nicht genug Zeit und Energie investiert, kommt es zu Spracherosion oder sogar zum Sprachverlust:
[T]he learner will gradually lose access to knowledge if not enough time and energy is spent on refreshing the knowledge of an L2 or L3 so that positive growth can counteract the negative growth that eventually results in language attrition or gradual language loss (Jessner 2008a: 274).
Der holistische Ansatz ist notwendig, um den dynamischen Interaktionen zwischen den einzelnen Sprachsystemen gerecht zu werden bzw. um den multilingualen Spracherwerb als komplexes System an sich zu verstehen. Obwohl sich das DMM in der dynamischen Systemtheorie, der Chaos- und der Komplexitätstheorie verortet (vgl. z. B. Larsen-Freeman 1997), gibt es gewisse Parallelen zu Cooks (1992) Idee der multicompetence. Auch er will das bi-/multilinguale System in seiner Gesamtheit begreifen und sieht eine mehrsprachige Person nicht als die Summe mehrerer monolingualer, sondern als Besitzer eines eigenständigen holistischen Systems. Dieses besteht aus zwei oder mehreren Subsystemen und entwickelt dadurch Fähigkeiten, die es sowohl qualitativ als auch quantitativ vom monolingualen System unterscheiden. Jessner (2008a: 275; Hervorhebung durch den Verfasser) definiert diese mehrsprachige Kompetenz, die sowohl im DMM als auch in Cooks Framework eine wesentliche Rolle einnimmt,
as the dynamic interaction among the various psycholinguistic systems […] in which the individual languages […] are embedded, crosslinguistic interaction, and what is called the M(ultilingualism) factor. The latter refers to all the effects in multilingual systems that distinguish a multilingual from a monolingual system.
Alle Aspekte, die ein multilinguales von einem monolingualen System unterscheiden, sind Bestandteil dieses ‚M(ultilingualismus)-Faktors‘. Neben einer dynamischen Interaktion der psycholinguistischen Systeme und der crosslinguistic interaction, zu der Jessner (2006: 34) Transferphänomene im weitesten Sinne zählt (d. h. inklusive code-switching-Phänomenen und Entlehnungen), nimmt der M-Faktor eine zentrale Rolle in der Definition der mehrsprachigen Kompetenz ein. Neben beispielsweise metakognitiven Lernstrategien ist sein vermutlich wichtigster Bestandteil das metasprachliche Bewusstsein (vergleichbar mit der understanding-Komponente in Schmidts noticing-Hypothese; siehe Kapitel 3.1), das Jessner (2014: 175) sogar als den „key factor of multilingual learning“ bezeichnet (vgl. auch Cenoz 2013: 75–76).
Aufgrund des hohen Stellenwertes des metasprachlichen Bewusstseins im DMM wird kurz auf die in der vorliegenden Arbeit verwendete Definition eingegangen. Falk, Lindqvist und Bardel (2015: 229) unterscheiden zwischen metasprachlichem Wissen und metasprachlichem Bewusstsein. Ersteres definieren sie als „the conscious knowledge about the linguistic rules of a particular language“. Es handelt es sich somit um explizites Wissen, das auf sprachliche Aspekte beschränkt ist. Metasprachliches Bewusstsein hingegen ist die Fähigkeit des Lerners über sprachliche Phänomene zu reflektieren und diese im Vergleich mit anderen Sprachen zu bearbeiten. Laut Jessner (2006: 59) wirkt sich das metasprachliche Bewusstsein beispielsweise positiv auf die Entwicklung eines multilingualen Monitors aus, welcher die Kontrolle über die sprachlichen Äußerungen übernimmt. Des Weiteren ist er für die Kontrolle bzw. die Aktivierung und Separation der verschiedenen Sprachsysteme verantwortlich, beispielsweise indem er negative Transferphänomene identifiziert und eliminiert. Je mehr Sprachen im System vorhanden sind und je besser das metasprachliche Bewusstsein ausgeprägt ist, desto besser agiert der multilinguale Monitor.
Bi- und multilinguale Personen haben aufgrund des stärker ausgeprägten metasprachlichen Bewusstseins außerdem ein höheres Bewusstsein in Bezug auf Formen, Bedeutungen und Regeln einer Sprache. Darüber hinaus beziehen sie Informationen unterschiedlicher Sprachen mit ein und verwenden diese zur Hypothesenbildung in der Zielsprache (vgl. De Angelis 2007: 122). Vertreter des DMM gehen deshalb davon aus, dass sich alle eben genannten Faktoren positiv auf den Lernprozess einer neuen Sprache auswirken (vgl. Jessner 2008a: 275).
Das Dynamic Model of Multilingualism hat eine stark psycholinguistische Orientierung. Das Mehrsprachenverarbeitungsmodell (vgl. Meißner 2004), das im nächsten Kapitel behandelt wird, geht ebenfalls davon aus, dass sich eine mehrsprachige Kompetenz positiv auf den Erwerb weiterer Sprachen auswirkt. Es nimmt eine primär didaktische Perspektive ein und befasst sich mit der Frage, wie die mentalen Dispositionen einer multilingualen Person für das institutionelle Lernen und Lehren weiterer Sprachen zielführend eingesetzt werden können.
4.3.1.2 Das Mehrsprachenverarbeitungsmodell und weitere Ansätze der deutschsprachigen Romanistik
Das Mehrsprachenverarbeitungsmodell (auch Gießener Interkomprehensionsmodell; vgl. Meißner 2004) verortet sich im Kontext der Mehrsprachigkeits- und Interkomprehensionsdidaktik der deutschsprachigen romanistischen Forschung (vgl. Bär 2009; Fäcke/Meißner 2019; Klein/Stegmann 1999; Meißner/Reinfried 1998; Meißner 2008; Reimann 2016; Reinfried 1998). Diese didaktische Schule baut „auf einem kognitivistisch-konstruktiven Lernbegriff [auf], in dessen Fokus die Inferenz steht“ (Méron-Minuth 2018: 53; vgl. auch Meißner/Reinfried 1998: 15–18; Vetter 2008: 104). Inferenz wird dabei unter anderem als die Fähigkeit des Lerners aufgefasst, sein vorhandenes sprachliches Vorwissen für den Transfer in eine neue Sprache zu nutzen (vgl. Méron-Minuth 2018: 53–54). Wie im Dynamic Model of Multilingualism wird also angenommen, dass Sprachen nicht getrennt, sondern miteinander vernetzt abgespeichert werden (vgl. Bär 2011: 137–138; Müller-Lancé/Riehl 2002; Müller-Lancé 2013: 17–24, 2017: 57–69). Diese Annahme wird sowohl von psycho- als auch von neurolinguistischen Studien empirisch untermauert. Aus einer psycholinguistischen Perspektive führt Cook (1992: 566–571) an, dass die L1 wie auch die L2 auf einem gemeinsamen, übergeordneten mentalen Lexikon beruhen. Laut Cook sind auch code-switching-Phänomene ein Indiz dafür, dass Sprachen nicht getrennt voneinander gespeichert werden. Aus neurolinguistischer Sicht nimmt beispielsweise die subset-Hypothese an (vgl. Paradis 1985: 23–24), dass die einzelnen Sprachen Teil eines übergeordneten Sprachsystems sind, dass aber jede Sprache ein eigenes Subsystem bildet, das getrennt aktiviert oder inhibiert werden kann (vgl. auch Green 1998). Auch neuere neurolinguistische Studien zeigen, dass sich für die L2 und die L3 neuronale Aktivierungen in ähnlichen Hirnarealen finden (vgl. Van den Noort et al. 2014: 195).
Die Mehrsprachigkeitsdidaktik baut auf diesen Erkenntnissen auf und plädiert aus einer fremdsprachendidaktischen Perspektive für eine Nutzung des gesamten sprachlichen Repertoires der Lernenden. Im Mehrsprachenverarbeitungsmodell wird der Lernprozess wie folgt beschrieben: Beim Kontakt mit einer neuen Sprache wird nach einer kurzen Phase des ersten Eindrucks der Dekodierungs- und Spracherwerbsapparat aktiviert und der Lernende beginnt, das neue Sprachsystem nach Transferbasen abzusuchen (vgl. Meißner 1998: 46–50). Dabei dekodiert er „nicht nur bedeutungshaltiges lexikalisches Material, sondern [erkennt] auch weitere Regularitäten“ und erstellt eine sogenannte Spontangrammatik:
[Diese] spiegelt Identifikations- und interlinguale Korrespondenzmuster, die ein Individuum als Sprachhypothesen zwischen ihm aus unterschiedlichen Sprachen bekannten Schemen und einer neuen lingualen oder semantischen bzw. thematischen kognitiven Entität generiert (Meißner 2004: 43).
Demnach nimmt der Lernende sprachstrukturelle Ähnlichkeiten wahr und stellt darauf aufbauend Hypothesen über die Funktion der Zielsprache auf, die er im Anschluss mithilfe des Inputs langsam überprüfen und in seine Lernersprache integrieren bzw. im Mehrsprachenspeicher im Langzeitgedächtnis abspeichern kann. Dieser Mehrsprachenspeicher beinhaltet nicht nur Sprachdaten, sondern auch Lernerfahrungen und einen didaktischen Monitor. Dieser agiert primär bewusst und kann durch kognitives Lernen und das Prinzip der Bewusstmachung (vgl. Bär 2009: 33–36) trainiert werden und so zu einem schnelleren Spracherwerb führen.
Transfer nimmt im Verständnis dieser Ansätze eine wesentliche Rolle im multilingualen Spracherwerb ein. Die Nutzung aller dem Lernenden zur Verfügung stehenden sprachlichen Ressourcen soll zum Aufbau einer mehrsprachigen Kompetenz und zu einem schnelleren Erwerb weiterer Sprachen führen. Es werden üblicherweise unterschiedliche Transfermerkmale unterschieden (vgl. Bär 2009: 46–47):
1 Typ: Identifikations- und Produktionstransfer
2 Richtung: pro- und retroaktiver sowie onomasiologischer und semasiologischer Transfer
3 Reichweite: intra- und interlingualer Transfer
4 Kategorien: Form-, Inhalts- und Funktionstransfer sowie pragmatischer und didaktischer Transfer
Bezüglich der Wahl der Transferbasis greifen Lernende primär auf eine nahverwandte, mental hinreichend verfügbare Sprache zurück. Reinfried (1998: 33) behauptet sogar, dass es beispielsweise
[f]ür einen deutschen Muttersprachler, der zuerst die französische Sprache und anschließend die spanische oder italienische Sprache erlernt, […] nur wenige markierte grammatische Bereiche [gibt], die wegen ihrer Formen- oder Funktionsvielfalt schwierig sind.
Wenn L3-Lernende des Spanischen über ein ausreichend hohes Sprachniveau und einen hinreichenden Aktivierungsgrad im Französischen verfügen, sollten sie in den meisten Grammatikbereichen von dieser nahverwandten L2 profitieren können. Dieser Rückgriff auf entsprechende Transferbasen ist ein natürlicher Lernprozess, der durch eine entsprechende mehrsprachigkeitsdidaktische Herangehensweise gefördert werden kann (vgl. z. B. Strathmann 2010).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl das Dynamic Model of Multilingualism als auch das Mehrsprachenverarbeitungsmodell Transfer als Teilkomponente eines größeren Ganzen sehen. Bei den im nächsten Unterkapitel behandelten Modellen hingegen handelt es sich um Transfermodelle im engeren Sinn. Sie basieren auf der Annahme, dass Transfer im L3-Erwerb primär aus der Zweit- und nicht aus der Erstsprache stammt.
Darmowy fragment się skończył.