Czytaj książkę: «Der Mann, der aus dem Fenster sprang»

Czcionka:

Ludwig Lugmeier

Der Mann, der
aus dem Fenster
sprang

Ein Leben zwischen Flucht und Angriff

Verlag Antje Kunstmann

Für Maike

Du darfst den Tod nicht fürchten, denn wenn du ihn fürchtest, stolperst du und schon fällt er über dich her.

Aus »Nekropolis« von Boris Pahor

Prolog

MEINEN 25. GEBURTSTAG FEIERTE ICH IN EINER ZELLE, deren Fenster dreifach vergittert war. Im Inneren befand sich ein Käfig, im Hof liefen Wachen auf und ab und alle halbe Stunde glotzte mich durch den Spion ein Auge an. Ich lag auf dem Bett und überlegte. Ich lief hin und her und dachte nach. Ich knabberte an einer Salami und zermarterte mir das Hirn. Verdammt, wie war es gekommen, daß sie mich gekriegt hatten?

Vor ein paar Monaten noch war ich an der Golfküste gewesen, in Vera Cruz und Tampíco, und hatte nach einer Spur von B. Traven gesucht. Auf der Fahrt zurück nach Mexiko-Stadt war in den Bergen ein Erdrutsch niedergegangen. Die Straße war verschüttet gewesen und vor der Lehmlawine hatten Campesinos gestanden. Ich hatte ein paar von ihnen mitgenommen und einer hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Aber das Haus gefiel mir nicht, es war nur eine Hütte, auf der Straße liefen Schweine umher und ich wollte weiter.

»Ich hab keine Zeit, meine Katze wartet«, sagte ich.

»Katze?« fragte er.

»Ich hab eine Katze«, sagte ich, »die wartet seit zwei Tagen. Es ist noch weit nach Mexiko-Stadt.«

»Hombre«, sagte er, »du hast eine Katze in Mexiko?«

»Ja«, sagte ich, »es ist weit.«

Er brachte mir einen Wecken Pan Dulce und ich biß ab.

Ich sagte: »Das Brot ist gut.«

»Das hat meine Mutter gebacken.«

»Deine Mutter macht gutes Brot«, sagte ich.

Als ich weiterfuhr, warf ich den Rest aus dem Fenster. Das Brot war trocken, süß, machte Durst und ich hatte kein Wasser. Ich hielt an einer Raststätte, aber die Scheibe war eingeschlagen und vom Inventar nur ein dreibeiniger Tisch geblieben. Es stank nach Müll und Aas, neben der Straße lag ein totes Pferd. Der Bauch war aufgetrieben und darauf stand ein Zopilote. In einer Baumgruppe hockten die Geier wie schwarze Früchte. Ich ging zum Auto, nahm die Pistole aus dem Handschuhfach und schoß auf einen. Er plumpste auf die Straße. Eine schwarze Wolke aus Geschrei stob hoch. Ich hatte schlecht getroffen, denn der Vogel kam plötzlich mit ausgebreiteten Flügeln auf mich zugesprungen. Panik überkam mich, ich rannte zum Auto und fuhr davon.

Die Straße war schmierig und kurvig. Ich überholte Tankwagen, die von den Erdölfeldern kamen, aber schon waren die nächsten vor mir. Ich schlich hinter ihnen her und wartete auf eine neue Gelegenheit. Es fing an zu regnen, leicht und nieslig. Dann wurde es dunkel. Die Scheibe war verschmiert und ich fuhr jetzt schneller. Den Tankwagen vor dem Mauthäuschen sah ich erst, als ich nicht mehr ausweichen konnte. Eine Sekunde lang wußte ich, daß der Tod ein Lastwagen mit Christbaumbeleuchtung ist, daß ich nicht älter als vierundzwanzig werden sollte, ein paar Geschichten geschrieben und zwei Geldtransporte ausgeraubt hatte. Und daß das wenig war, verglichen mit einem Tankwagen. Dann flog ich gegen die Scheibe. Als ich wieder zu mir kam, zog mich ein Mann aus dem Schrott und schleppte mich über den Asphalt. »Glück gehabt«, sagte er, »buena suerte, Señor«, und sprudelte mir eine Flasche Wasser ins Gesicht.

Nachts fiel das gelbe Licht des Nebelscheinwerfers in die Zelle. Wenn ich mich am Gitter hochzog, sah ich die Mauer, den Wachturm und den Hof, auf dem am Tag die Gefangenen ihre Runden drehten. Ich schlief schlecht, immer nur ein, zwei Stunden. Dann lag ich wieder wach. Manchmal stand ich auf und ging in der Zelle auf und ab. Es waren nur ein paar Schritte in die eine und in die andere Richtung. Ich dachte an die Journalisten vom Stern, die ein paar Wochen nach meinem Unfall aufgetaucht waren, an den Arzt, der mich zusammengeflickt hatte, an den gelbgesichtigen Alten im Bett des Rotkreuzkrankenhauses neben mir und wieder an die verlassene Raststätte, wo ich den Geier vom Baum geschossen hatte. Und da fiel mir auf einmal der Vogel aus meiner Kindheit ein. Ich erinnerte mich ganz deutlich an ihn. Ich hatte nie bemerkt, wie er angeflogen kam. Immer wenn es dunkel wurde, hatte er plötzlich auf einem Ast des Kastanienbaums vor dem Balkon des Schlafzimmers gesessen. Er war dunkel und groß gewesen und manchmal hatte er den Kopf bewegt oder einen Flügel gespreizt. Angst hatte ich keine vor ihm gehabt. Ich hatte ihn beobachtet, dann war ich eingeschlafen und am Morgen war er verschwunden. Ich hatte niemandem etwas davon gesagt, auch meiner Großmutter nicht, obwohl ich ihr vertraute.

eins

MEINE GROSSMUTTER HIESS MARIE HAVLITSCHEK. Wenn sie nach Kesselberg kam, stand ich am Fenster und hielt nach ihr Ausschau. Unten waren der Hof, die Brücke und der Wald, der sich den Jochberg hochzog. Wenn sie zur Brücke kam, hörte ich das Klappern des Messers in ihrer Milchkanne und lief die Treppe hinunter. Dann gab sie mir die Kanne. Ich nahm den Deckel ab und hielt das Messer in der Hand. Es war ein schönes Messer. Ich hielt es gerne in der Hand. Es hatte einen hölzernen Griff und eine lange Klinge. Neben der Haustür befand sich die Küche der Hausherrin. Darin stand ein gemauerter Herd mit einer Kupferstange außen rum und in der Ecke am Fenster ein Tisch. Frau Miele trocknete sich die Hände ab und stellte meiner Großmutter Suppe hin. Sie beugte sich über den Teller, blies auf den Löffel und aß. Dann nahm sie Spielkarten aus der Rocktasche.

»Das ist der König, das die Dame und das der Bube«, sagte sie. »Am stärksten ist der Tod. Gegen den kommt keiner an.«

Der Tod hielt in der einen Hand eine Sense und in der anderen eine Sanduhr. Sie mischte ihn unter die Karten und dann lauerte Frau Miele, bis er hervorkam. Sie beugte sich weit über den Tisch und wenn er auftauchte, rief sie: »Oh je! Da ist er!« Aber meine Großmutter schob ihn zur Seite und sagte: »Da hast gerade noch Massl gehabt.«

»Also der ist weg.«

»Fürs erste.«

Da brachte ihr Frau Miele nochmals einen Teller Suppe und erzählte vom Krieg. Ich hörte gern zu. Ich setzte mich neben den Ofen und lutschte an einem Entenei. Das Entenei war glatt und ich wollte gerne hineinbeißen, aber dann wäre es nicht mehr glatt gewesen.

»Die Amis haben gedacht, daß im Haus Soldaten sind«, sagte sie. »Sie haben hinter der Brücke gelegen und geschossen und wir haben im Keller gesessen, die Frau Zislow, ihre Kinder und die Frau Unenkel. Ihr Mann hat das Hakenkreuz nicht abnehmen wollen und wie auf München die Bomben gefallen sind, ist im Norden eine rote Glocke gewesen und im Boden hat es gerollt, grrrmmm, grrrrmmm…«

Frau Miele gab meiner Großmutter Geld und Enteneier. Dann stiegen wir nach oben. Die Treppe hatte ein weißes Geländer und die Gänge waren lang. Durch die Türen hörte ich, wie geschimpft und geredet wurde. Manchmal blieb sie vor einer stehen und malte das Malheur auf die Schwelle. Es sah aus wie ein Stern mit einem spitzen Kopf.

»Jetzt sollen sie schauen«, sagte sie.

Wir gingen zu Frau Zislow und zu Frau Hase. In jeder Wohnung roch es anders. Am besten roch es bei Fräulein Rosemarie. Dort duftete es nach Parfüm und Bohnenkaffee. Am Fenster hing eine Gardine mit roten Blumen und aus der Uhr kam zu jeder vollen Stunde ein Kaminkehrer. Über dem Bett hing ein Bild von einem amerikanischen Soldaten.

»Er hat versprochen, daß er mich heiratet«, behauptete Fräulein Rosemarie.

Meine Großmutter schaufelte sieben Löffel Zucker in die Kaffeetasse. Dann zog sie dem Fräulein Rosemarie die Wäsche hoch und legte das Ohr auf ihren Bauch. Er war rund und Fräulein Rosemarie weinte.

»Amerika«, sagte meine Großmutter, »das Kind will nach Amerika.«

»Ich auch«, heulte Fräulein Rosemarie.

»Das wird schon werden«, tröstete meine Großmutter.

Sie gab ihr ein Hexenei.

»Das schneidest in Scheiben«, sagte sie. »Dann brätst es in Butter mit Salz, Kümmel und Majoran und gibst es ihm. Wenn er fragt, was das ist, sagst eine Bratkartoffel.«

Dann schlug sie ihr die Karten. Zuletzt lag die Dame neben dem König.

»Na, was sagst jetzt, du blöde Gans?«

Da wischte sich das Fräulein Rosemarie den Rotz von der Nase und lachte.

Am Ende des obersten Gangs waren die Toilette und der gußeiserne Ausguß. Mieter standen davor und traten von einem Bein aufs andere. Der Blechlampenschirm darüber sah aus wie ein Chinesenhut. In der Wohnküche bügelte meine Mutter Wäsche. Es roch nach Kampfer. Mein Bruder hockte unterm Tisch, durch das Stragula zeichneten sich die Stöße der Dielen ab, das Fenster war mit Dampf beschlagen. Sie zeichnete ein Gesicht hinein.

»Punkt Punkt Komma Strich«, sagte sie, »rundherum das Angesicht, links und rechts zwei Ohren, so ist der Mensch geboren.«

Kaum war sie fertig, fing das Gesicht an zu weinen.

»Das ist kein Grund zum Flennen«, sagte sie und legte die Karten auf den Tisch.

Meine Mutter spuckte auf das Bügeleisen und es zischte, als wäre es lebendig. Im Radio spielte Tanzmusik. Ich spähte durch die Löcher der Bakelitabdeckung, aber statt kleiner Musikanten sah ich nur Drähte und Lämpchen. Für mich reichten fünf Karten. Der König und eine Dame, ein Bube und der Tod. Die Sieben war ich. Meine Großmutter schob den Tod nach links und nach rechts. Da war der König obenauf und die Dame unten. Aber der Tod mit seinem Knochenschädel war mal hier und mal da.

»Der wird dir im Nacken sitzen«, sagte sie. »Da hockt er und wartet. Aber jetzt, jetzt ist er, hoppla, vorbeigerannt!«

Hoppla! Ich lief die Treppe hinunter. Sollte er mich doch kriegen, der Tod, sollte er doch! Ich rannte über den Hof, zwischen den Kastanienbäumen hindurch, über die Wiese, an den Zaun und zurück. Ich stellte mir vor, wie er mir hinterherlief. Aber als er mit der Sense ausholte, schlug ich einen Haken und da rannte er weiter, schimpfte und ärgerte sich. Ich freute mich und lachte, weil der Tod so blöd ist.

Da waren die Mahagonibetten im Schlafzimmer, die mit Balken abgestützten Balkone, die Einschüsse eines Maschinengewehrs und hinter der Scheune eine zerfetzte Flak. Ich stand am Bach und über die Kieselsteine floß Wasser. Und wieder war da meine Großmutter mit der klappernden Milchkanne. Manchmal ging sie mit mir nach Altjoch. Dann rannte ich ein Stück voraus und suchte Kippen. Wenn ich eine fand, freute ich mich und brachte sie ihr. Sie legte sie in ihre Messingdose und sagte, die ist aber lang, und ich rannte wieder los.

Es war kalt dort hinten. Die Berge warfen Schatten. Auch im Sommer stand die Sonne nur ein paar Stunden zwischen Jochberg und Herzogstand. Dann kroch wieder die Kälte aus den Felsen. In die Amibaracken waren Flüchtlinge eingezogen. Auf Leinen flatterte Wäsche und an einem Strick graste eine Geiß. Dahinter ragten senkrecht die Felsen auf. Die Kinder hatten Pullover an und lauerten im Gestrüpp vor einer Höhle. Sie warfen mit Steinen und meine Großmutter drohte ihnen mit einem Stock. Den nahm sie mit, wenn wir ins Altjoch gingen, denn manchmal stand ein weißer Hund auf der Straße, bellte und fletschte die Zähne. Aber sie ging mit dem Stock auf ihn zu und verjagte ihn. Dann stieg sie die Straßenböschung hinunter und stocherte in einem Drainagerohr. Tief drinnen quietschte es.

»Das ist der Teufel«, sagte sie. »Der holt die Bangerten aus den Baracken.«

»Und den Hund?«

»Den kann er nicht holen.«

»Warum nicht?«

»Der Hund ist stärker als der Teufel. Der kriegt jeden. Aber ich bin ihm ausgekommen. Soll er nur kommen«, sagte sie und drohte mit dem Stock.

Ich spähte in die Röhre. Der Zugang zur Hölle war dunkel, aber die Augen des Teufels glitzerten wie Wassertropfen.

Ich lief an kleinen Häusern vorbei. Dann surrten die Turbinen des Walchenseekraftwerks. Die sechs Rohre kamen aus dem Walchensee, der über dem Kochelsee liegt. Sie waren aus Kupfer und dick. Eine Brücke mit einer steinernen Brüstung führte über sie hinweg. Auf dem Gelände dahinter wuchs Brombeergestrüpp. In einer Mulde lag Abfall. Meine Großmutter zerrte Kupferdrähte aus dem Müll, machte ein Feuer, brannte die Isolierung ab und knäulte die Drähte zusammen. Ich suchte Kreuzotterhäute und band sie mir um die Handgelenke. Dann gingen wir zum See.

»Für Kupferdrähte zahlt der Alteisenhändler am meisten«, sagte sie. »Für Messing zahlt er nicht so viel. Für Blei und Aluminium auch nicht. Und für Eisen am wenigsten.«

Sie dröselte die Kippen auf und zerrieb den Tabak.

»Der Tod«, sagte sie, »ist ein weißer Hund. Einmal hat mich einer gebissen, so wie der von den Baracken. Da hab ich Wundstarrkrampf gekriegt und mich nicht mehr rühren können. Alle haben gedacht, ich bin tot, und der Totengräber hat die Schaufel aus dem Schuppen geholt. Aber ich hab alles gehört und wie sie mich holen wollten, bin ich aus dem Bett gesprungen.«

Am See schien die Sonne. Die Großmutter schlief ein und schnarchte. Dann schreckte sie hoch und erzählte von ihrer Mutter, die meine Urgroßmutter war. Ich kannte alle Geschichten, aber ich wollte sie immer wieder hören, denn wenn ich nicht aufpaßte, gingen sie einmal so und dann wieder anders.

»Meine Mutter hat Klavier gespielt.«

»Geige«, sagte ich.

»Ja, Geige auch. Aber meistens hat sie Klavier gespielt. Mozart und Drei Chinesen mit dem Kontrabaß. Jedenfalls ist sie vornehm gewesen. Aber wie sie von Vaduz nach Vorarlberg Zigarren geschmuggelt hat, ist sie in eine Schlucht gestürzt und hat sich ein Bein gebrochen. Das Bein hat den Brand gekriegt und daran ist sie gestorben. Manchmal ist sie noch herumgegangen in der Mokri. Dort ist eine Schokoladenfabrik gewesen und da hat es gut nach Schokolade gerochen. Und einmal hat sie vor einem Hutgeschäft gestanden. Wie ich das gehört hab, hab ich in der Hutschachtel nachgeschaut und da waren tausend Kronen drin. So hat sie mir das sagen wollen. Und von dem Geld hab ich Krepp-Papier gekauft und aus dem Papier haben deine Mutter und Willi Papierblumen gemacht. Die haben wie echt ausgesehen und waren so schön, daß die Leute sich gewundert haben. Und gerochen haben sie auch. Wie echte Blumen. Dann bin ich nach Wien gezogen und hab von dem Geld ein Beisl aufgemacht und mir einen Mann genommen. Lang hat der geheißen und gesoffen wie ein Loch. Aber er war Erfinder und hat mit Buchstaben rechnen können. Aber erfinden hat er nur was können, wenn er besoffen war. Darum ist ihm gar nichts anderes übrig geblieben als Saufen. Die Erfindungen haben alle auf dem Papier angefangen. Erst hat er die Seite mit Buchstaben vollgeschrieben. Dann hat er damit gerechnet und zuletzt ist eine Erfindung herausgekommen. Wenn er nüchtern war, hat er selbst nicht mehr gewußt, wie er das gemacht hat. So hat er das Perpetuum mobile erfunden. Schau, hat er gerufen, jetzt hab ich das Perpetuum mobile erfunden. Er hätte ein Heidengeld damit verdienen können. Ein Amerikaner hat dafür eine Million Dollar geboten. Aber dann wollte er noch was verbessern und da ging’s nicht mehr. Da hat er aus Verzweiflung schon zum Frühstück Schnaps getrunken. Der hat ihn verbrannt, von innen raus. Wie er tot war, ist ein Brandfleck in der Hose gewesen. Der Schnaps ist ein Fluch. Der Wein ist gesund. Aber der Schnaps … Wenn die Männer Wein getrunken haben, haben sie gesungen.«

»Was haben sie gesungen?«

»Wo ein grüns Kranzerl winkt oder Mein Hut der hat drei Löcher.«

Ihre Stimme krächzte, wenn sie sang. Wenn sie fertig war, hustete sie, spuckte ins Gras, pfui Teufel!, und rauchte.

»Wenn du wieder Kippen hast, sing ich wieder. Beim Schnaps war der Teufel am Tisch. Der hat dabeigehockt und gestochert, bis die Männer sich Gläser an die Köpf geschmissen haben. Aber da bin ich aus der Küche, so!, und hab ihnen, so!, eine Hand voll Pfeffer in die Augen. Aber das Beisl war vornehm. Die Gäste sind von überall gekommen, haben Schnitzel und Erdäpfelsalat bestellt, fünfzig Portionen am Tag. Und dann sind wir nach Prag. Da gibt es viele Brücken und den Hradschin, und in Prag hat deine Mutter den Müller kennengelernt. Darum hat sie dann Müller geheißen und nicht mehr Havlitschek, weil vom Müller der Gusti gekommen ist, der darum nur dein halber Bruder ist und sich die Füße nicht wäscht. Aber den Müller haben sie im Krieg erschossen, weil er auf der Wache eingeschlafen ist, und wer auf der Wache eingeschlafen ist, den haben sie erschossen. Wie einen Russ. Wir sind in Reichenberg gewesen und ich hab den ganzen Achatschmuck eingegraben, wie die gekommen sind. Ich hab gedacht, wenn sie mich kriegen, kriegen sie den Achatschmuck nicht. Dafür hab ich den Weltatlas vom Willi mitgenommen. Den hab ich einem Bauern gegeben für 10 Pfund Erdäpfel. Da sind die Züge voll gewesen und man hat sich außen ranhängen müssen, weil drin kein Platz mehr war. Und aus den Erdäpfeln haben wir Erdäpfelsalat gemacht. Und der Onkel Willi hat die Sau geklaut. Aber dein Vater hat Schiß gekriegt und sich verdrückt, als er Schmiere stehen sollte. Wenn der Bauer was gemerkt hätte …«

Sie mochte meinen Vater nicht. Deswegen kam sie am Wochenende nicht. Wenn am Abend seine Adler über die Brücke knatterte, nahm sie die Milchkanne und ging. Durchs Fenster sah ich, wie sie über die Brücke trippelte.

»War sie wieder hier, die Hexe?« fragte er.

Er trug eine blaue Arbeitshose, Gummistiefel und hatte eine Glatze. Er hinkte den Gang entlang, setzte sich in der Wohnküche auf das Sofa und streckte die Beine aus. Meine Mutter stellte sich vor ihn und zog ihm die Stiefel aus. So brauchte er keinen Stiefelknecht. Dann brachte sie ihm die Hausschuhe und rührte weiter im Kochtopf.

»Sie sammelt halt Altmaterial«, sagte meine Mutter, »hinten in Altjoch. Sie hat nur 58 Mark Rente. Das Brot ist teurer geworden. Das kostet jetzt schon 38 Pfennig. Ich kaufe wieder Sanella statt Rama. Die schmeckt genauso gut, bloß schmiert sie sich zäher.«

Später kam Gusti mit dem Fahrrad aus der Firma Dorst. Ich hörte, wie die Kette am Schutzblech scheuerte, wenn er über die Brücke fuhr. Er war dürr, seine Hände dreckig von Schmiere und wenn er das Rad in den Stall stellte, riefen die Jugendlichen, die auf dem Brückengeländer saßen: »Moses, wo bist du?« Er weichte die Hände in der Emailleschüssel ein und wusch sie mit Sandpaste und Wurzelbürste.

»Zwei Juden wollten stehln nen Appel«, sagte er, »doch es ging nicht, der Baum war ne Pappel.«

Er stellte das Radio ein und wartete auf das Lied vom alten Haus von Rocky Docky.

»Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt, kein Wunder, daß es zittert, kein Wunder, daß es …«

»Zwei Juden schwammen durch den Nil, den einen fraß ein Krokodil, den anderen vergaß es«, sagte er und manschte das Essen zu einem Brei zusammen, den er mit dem Löffel in den Mund schaufelte. Danach ging er in den Hof und von der Brücke riefen sie: »Moses kommt!«

»Gusti soll richtig essen«, sagte mein Vater.

»Das hat er in der Tschechei nicht anders gelernt«, erwiderte meine Mutter.

»Wir sind hier nicht in der Tschechei.«

Über dem Tisch brannte eine 60-Watt-Birne. Das Licht war gelb und ich schaute zu, wie meine Mutter meinen kleinen Bruder in der Blechwanne badete. Er plärrte, wenn ihm Kernseife in die Augen kam. Dann trug sie ihn über den langen Gang ins Bett. Mein Vater griff sich einen Knüppel, stellte sich an die Tür und schaute, ob Unenkel den Gang entlang kam.

»Wenn ich ihn an der Schlafzimmertür erwische«, sagte er, »schlag ich ihn tot.«

Dann zeigte er mir, wie man richtig mit Messer und Gabel ißt. Er setzte sich kerzengerade auf den Stuhl, klemmte sich zwei Bücher unter die Achseln und schnitt die Luft im Teller. Mit der Gabel führte er einen Bissen Luft in den Mund und kaute ihn.

»Jetzt bist du noch zu klein«, sagte er, »aber wenn der Ernst des Lebens beginnt …«

Er nahm Papier und Stifte aus der Tischschublade und zeichnete einen Apfel mit Augen und Mund. Der Mund hatte einen Zahn und der war schwarz. Da sah der Apfel aus wie Frau Hase, denn die hatte auch einen schwarzen Zahn. Dann zeichnete er einen Hackstock, in dem eine Axt steckte. Der Hackstock hatte eine Nase, Augen und ein schmales Maul. Das Maul streckte eine Zunge raus. »Das ist der Unenkel«, sagte er.

Ich saß auf seinem Schoß und malte die Zunge rot an und die Augen gelb. Die Axt malte ich auch rot an, damit sie blutig war. Der Stift roch nach Lack. Die rote Mine klebte ein wenig, als ich sie mit der Zunge anfeuchtete. Mein Vater roch nach Kernseife, Glatze und Niveacreme. Um den Leib trug er einen braunen Gürtel, den er einem Russen weggenommen hatte. Ich fühlte mich so stark, als hätte ich Unenkel selbst den Schädel gespalten. Dann setzte mich mein Vater ab, weil es fünf vor sieben war und im Radio das Betthupferl kam. Wenn mich meine Mutter ins Schlafzimmer brachte, schlief mein kleiner Bruder schon. Im Hof spielten noch Kinder. Ich hörte ihre Stimmen. Sie wurden immer leiser. Dann war es still. Unter der Zimmerdecke verlief ein grüner Strich, der das Muster der mit einer Gummiwalze aufgetragenen Tapete abschloß. An der Wand hingen die Aquarellbilder meines Vaters. Hinter Zäunen lagen Wiesen und darüber hingen Wolken. Sie sahen aus wie Kühe, nur hatten sie viel zu lange Hälse und viel zu dicke Bäuche. Wenn die Nacht ins Zimmer sickerte, wurden sie zu Ungeheuern, die in die Dunkelheit schwammen.

Mein Bruder war zweieinhalb Jahre jünger als ich, hieß Berndi und hatte rote Haare. Sein Gesicht war voll Sommersprossen, aber dafür konnte er nichts. »Das kommt davon, weil die Vorfahren Kelten waren«, sagte mein Vater. Meine Mutter kaufte vom gesparten Geld in der Apotheke Schwanenweiß und schmierte ihm die Creme ins Gesicht. Dann sah er aus wie ein Clown und brüllte. Er brüllte, weil er weiß war und weil er zweieinhalb Jahre jünger war und weil er auf dem roten Dreirad vorne sitzen und lenken wollte, so wie ich. Er brüllte, bis ihm die Luft ausging, und ich klammerte mich an der Lenkstange fest. Dann spannte meine Mutter einen Strick an die Lenkstange und zog an.

Sie zog uns über die Brücke, weiter zum See und am See entlang nach Kochel, an der Firma Dorst vorbei, wo mein Vater und Gusti arbeiteten. Auf ihrem Rücken hüpfte ein Militärrucksack und die Pedale des Dreirads drehten leer. Wenn sie uns den Finkberg hochzog, keuchte sie und wurde langsamer. Da schob ich sie in Gedanken an, aber auf halber Höhe blieb sie trotzdem stehen.

»Schaut den See an«, schnaubte sie.

Er lag unter uns, eine bleierne Fläche, zu der eine Steintreppe führte. Dann kamen das schmiedeeiserne Tor, das in den Park des Freiherrn von Fink führte, und die ersten Häuser der Ortschaft. Kochel war grau. Auf einem steinernen Podest stand der Schmied mit dem Morgenstern und im Konsum lagen unter einem Glassturz Bienenstiche.

»Zwei Stück«, sagte meine Mutter und redete laut. »Was meinen Sie, was es bei den Zislows zum Abendessen gibt? Zwei Bücklinge und Brot. Er kriegt einen ganzen, sie einen halben, der Peter, der kriegt einen viertel Bückling und die zwei Mädchen einen achtel eine jede. Zwei Bücklinge für fünf Personen!«

»Aber er einen ganzen«, sagte die Verkäuferin empört.

Sie war dick und alt und lief hinter der Theke auf und ab. Die Haare auf ihrem Kopf waren dünn und ich hatte Angst, sie würde hervorkommen und mir ein Zitronenbonbon in den Mund stecken. Dann hätte ich das Bonbon zerbissen und geschluckt oder in die Backe geschoben. Meine Mutter packte den Wocheneinkauf in den Rucksack. Dann gingen wir zur Molkerei hinter dem Pferdeschmied. Dort war alles weiß. Die Milchglastür, die Milch, die Porzellanbehälter. Die Molkereibesitzerin sah aus wie Frau Holle. Sie hatte weiße Haare und trug eine weiße Schürze. Braun war nur der Kakao, der in Flaschen abgefüllt dastand. Wir tranken ihn zu den Bienenstichen.

Immer wenn wir nach Kochel gingen, fieberte ich auf das Kinoplakat am schwarzen Brett des Heimatkinos. Zwischen dem Grau der Häuser leuchtete es rot.

»Das ist die Hildegard Knef«, sagte meine Mutter. »Die hat allen Leuten ihren nackten Arsch gezeigt.«

Die Frauen hatten rote Lippen und die Männer trugen Augenklappen und hielten Pistolen in den Händen. Hinter jedem Gesicht steckte ein Geheimnis. Ich hätte das Plakat gerne abgerissen. Darunter wären die wahren Gestalten hervorgekommen. Aber vor dem Plakat befand sich eine Glasscheibe. Wenn ich sie eingeschlagen hätte, wäre der Schmied von Kochel vom Steinpodest und über die schmiedeeiserne Kette gestiegen. Ich wartete und rührte mich nicht.

»Komm weiter«, sagte meine Mutter.

Der Pirat würde sich auf das Schiff schwingen. Er hatte ein rotes Tuch um den Kopf und aus einem Kanonenrohr schoß Feuer.

»Wir müssen weiter«, rief sie, »komm!«

Und die Kanonenkugel würde das andere Schiff zerschießen und das Schiff würde untergehen und unter Wasser liegenbleiben wie das Schiff vom Hannemann.

»Das ist Errol Flynn«, sagte meine Mutter. »Wenn du sechs bist, gehen wir ins Kino.«

Aber bis sechs war es weit. Bis sechs war es so weit wie von Kesselberg nach Kochel und noch ein ganzes Stück dazu, die Straße hoch bis Urfeld und nach Italien. Oder fast, denn Italien war am weitesten.

»Italien liegt hinter den Bergen«, sagte meine Mutter. »Erst kommt der Walchensee, dann Innsbruck und Tirol. Die Tiroler sind lustig, dann Bludenz und Italien. In Italien scheint die Sonne, wenn bei uns Nebel ist, und die Italiener singen so schön wie meine Freundin Mizzi. Die Mizzi ist auch Italienerin. Wie wir von Bludenz nach Wien gezogen waren, hat eines Tages die Mizzi vor der Tür gestanden. Berna, hat sie gesagt, jetzt bin ich auch in Wien. Die Mizzi ist immer noch in Wien. Wenn wir mal Geld haben, fahren wir nach Wien und besuchen sie. Da wird sie schaun! Dann gehen wir auf den Prater, zum Stephansdom und zur Donau. Die ist so breit wie der Kochelsee.«

Wenn die Adriapost kam, stellte ich mich auf die Kesselbachbrücke und wartete. In Urfeld drückte der Fahrer auf die Hupe und die Adriapost machte tatütata. Das klang wie ein Trompetensignal. Dann kam der Bus langsam die Serpentinen herunter. An der vorletzten Kehre leuchtete er rot auf. Ich rannte auf die andere Straßenseite zur Bushaltestelle. Der Bus hatte eine Schnauze wie eine Bulldogge und fuhr vorbei. Aber ich stellte mich auf die Zehenspitzen und lauschte, ob die Italiener sangen. Ich glaubte, sie müssten Wiener Lieder singen. Wien, Wien, nur du allein. Aber der Bus donnerte vorbei. Und vielleicht waren die Italiener eingeschlafen, denn von der Adria war es weit und dazwischen lagen die Berge. Dann lief ich zurück und die Treppe hoch.

»Hast du sie singen gehört?« fragte meine Mutter.

Ich schüttelte den Kopf.

»Vielleicht singen sie beim nächsten Mal. In einer Woche kommt wieder der Bus aus Italien. Komm mal mit.«

Wir gingen ins Schlafzimmer und sie hielt mir die Muschel aus Italien ans Ohr. In ihr rauschte das Meer.

»Die ist aus Italien«, sagte sie, »die hat mir der Willi aus dem Krieg gebracht.«

Dann schraubte sie ihr Parfümflakon auf. Es war leer, aber von weit her wehte ein leichter Geruch.

»Da war Rosenwasser drin. Ich hab mir immer nur einen Tropfen hierher getan, wenn ich mit der Mizzi ausgegangen bin. Das haben die Männer gleich gerochen. Wenn ich nicht deinen Vater im Herzogstandhaus kennengelernt hätte, wäre ich wieder nach Wien gegangen. Aber er ist fleißig und verdient Geld. Und vielleicht bauen wir ein Haus, wenn die Bank den Kredit bewilligt. In Wien wäre ich wieder bei der Mizzi gewesen, aber dann gäb es dich nicht. Dein Vater hat ganz ruhig dagesessen und nicht geredet. Er hat den ganzen Abend nur eine Flasche Bier getrunken, weil er nichts verträgt. Ich hab gedacht, stille Wasser sind tief.«

Wenn mein Vater am Sonntag mit mir zum See spazierte, freute ich mich, denn er war groß und ich war klein. Sein Schatten hinkte und war viel länger als meiner. Er hatte eine kurze Lederhose an und um den Bauch den Russengürtel. Unter dem Rand des Hosenbeins sah eine Narbe raus. Da mußte ich immer draufschauen, wenn ich neben ihm lief.

»Onkel Willi«, sagte ich, »hat aber keine Narbe am Bein.«

»Ich setz dich in die Kutsche«, sagte er. »Die Kutsche ist eine Deligence.«

»Deligence«, sagte ich.

»Früher sind hier die Pferde gewechselt worden«, erklärte er. »Die mußten frisch sein, bevor sie die Kutsche die Kesselbergstraße hoch schleppten. Dann ist dein Opa hierhergezogen, weil das Walchenseekraftwerk gebaut wurde. Da haben sie die Kutsche in die Scheune gestellt.«

»Ist die Oma eine Hexe?« fragte ich.

»Die bringt nur Unfrieden ins Haus und weiß nichts.«

Das Scheunentor stand einen Spalt offen, so daß er sich hineindrängen konnte. Drinnen war es düster. Im Dach waren Sparren durchgefault und heruntergebrochen. Die Scheune war groß und hinten standen schwarze Chaisen. Die Deligence stand in der Mitte. Sie hatte große Laternen, einen Kutschbock und einen Köcher mit einer Peitsche. Er öffnete den Verschlag und hob mich hinein. Es roch nach Staub und Leder und ich rief: »Hü!«

»Los«, rief ich, »Hü! Hott! Hü! Los!«

»Da sind keine Rösser dran«, sagte er und hob mich wieder heraus. Dann gingen wir weiter zum See. Aus den Stämmen der Linden am Feldweg ragten eingewachsene Porzellanisolatorenköpfe. Am Ufer lagen Treibholz, Flaschen und angeschwemmte Panzerminen. Neben der Schiffsanlegestelle roch es nach faulen Muscheln. Der Steg war verfallen, an einer Dalbe baumelte eine Kette und am gegenüberliegenden Ufer sah man das Kloster Schlehdorf. Ich warf Kiesel ins Wasser und die Stechlinge spritzten in Blitzbögen auseinander. Irgendwo weit draußen lag auf Grund das Motorschiff. Mein Vater ging in die Knie und zeigte mit dem Finger hin. Aber das Wasser war nur grün.

»Das liegt auf Grund«, sagte er. »Es hat dem Hannemann gehört vom Sägewerk. Damit bin ich um den See gefahren, als ich in die Schule ging. Es war weiß. Wie der Krieg aus war, haben die Amis so lang drauf geschossen, bis es unterging.«

»Onkel Willi hat keine Narbe vom Krieg.«

Er zog das Lederhosenbein hoch. Die Narbe war lang und weiß und kein Haar wuchs drauf. »Der war auch nicht in Rußland«, sagte er. »Ich bin mit dem Schiff im Schwarzen Meer auf eine Mine gefahren. Dann ist es zerkracht. Ich bin hoch in die Luft geflogen und ins Wasser, aber da ist eine Bohle geschwommen und daran hab ich mich festgehalten, bis sie mich rausgezogen haben.«

Ich stellte mir das Schwarze Meer schwarz vor. Ich stellte mir vor, wie er in die Luft flog, sich umdrehte und ins Wasser platschte. Patsch, klatsch! Die Stechlinge spritzten auseinander.

»Dann haben sie mich ins Lazarett gebracht und das Bein in ein Streckgerät gespannt mit Eisengewichten dran«, erzählte er. »Da hab ich drei Monate gelegen.«

»Mit dem Russengürtel?«

»Der hat im Schrank gehängt. Jetzt ist gleich Mittag. Dalli dalli!«

»Den hast einem Russen weggenommen.«

»Der hat ihn nicht mehr gebraucht.«

»Onkel Willi hat die Sau geklaut.«

»Hat das die Hexe gesagt?«

»Ja.«

»Wenn du auf den Müllhaufen rumkriechst, stinkst du genauso wie sie.«

Er schnupperte an meinem Ärmel.

»Dalli dalli«, sagte er, »die Sau hat einem Bauern gehört, darum hab ich sie nicht genommen.«

»Oma hat gesagt, du hast Schiß gehabt.«

Er gab keine Antwort, aber seine Glatze wurde weiß.

Der Russengürtel war braun und hatte eine Messingschnalle mit einem dicken Dorn. Mein Vater bohrte mit einer Ahle ein zusätzliches Loch in den Riemen und schnallte ihn mir um. Er zog ihn richtig fest und legte das Fotoalbum auf den Tisch. Da war mein Großvater mit einer Schaufel in der Hand, als er das Walchenseekraftwerk baute. Und mein Vater, als er klein war und in die Schule ging. Er trug die Pimpfenkluft mit kurzer Hose, Koppel und Dolch an der Seite. Hinter ihm hing eine Hakenkreuzfahne. Die Bilder waren vergilbt und hatten Zackenränder. Unter einem Weihnachtsbaum saßen Soldaten und auf dem Tisch standen Weinflaschen. Die Soldaten lachten. In Rußland ging es lustig zu und friedlich. Da standen Soldaten vor einem Holzhaus und legten sich die Arme um die Schultern. Nur der Himmel darüber war gelb. Der Russe mit dem Gürtel war nicht dabei. Aber vielleicht war er auf einem der Bilder gewesen, die jetzt fehlten. Von ihnen waren nur ein paar weiße Leimstellen auf dem schwarzen Papier geblieben.

»Hast du den Russen erschossen?« fragte ich.

Meine Mutter klapperte mit den Töpfen.

»Dein Vater war nur ein kleiner Gefreiter«, mischte sie sich ein.

Mein Vater beugte sich über das Fotoalbum.

»Was für einen? Das ist kein Russe.«

»Den mit dem Gürtel.«

»Der hat sich die Hose mit Bindfaden zusammengebunden«, sagte er.

»Im Krieg ist viel geschossen worden«, sagte meine Mutter, »das weißt du doch.«

»Einmal hab ich geschossen«, sagte er. »Da ist einer umgefallen. Aber vielleicht hat ihn eine andere Kugel getroffen.«

»In den Kartoffelsalat schneide ich eine Gurke rein«, sagte meine Mutter.

»Das weiß heute keiner mehr genau«, sagte mein Vater.

»Da sind tausend Kugeln geflogen«, sagte meine Mutter.

Ich hockte mich unter den Tisch. Der Russengürtel hinderte das Blut daran, in die Beine zu sacken. Es schoß in den Kopf und immer wenn das Herz dreimal gepumpt hatte, sah ich ein anderes Bild. Der Russe stand in der Tür und hielt sich die Hose fest. Dann schoß mein Vater, peng! peng!, und der Russe blieb stehen, weil er nicht wußte, wer ihn totgeschossen hatte. Erst schaute er nach links, dann nach rechts. Dann fiel er, plumps – fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben –, um und war richtig tot.

»Peng! Peng!«, sagte ich.

Ich rannte zur Tür.

»Peng! Peng! Peng!«

»Du hast den Russen erschossen und ihm den Gürtel weggenommen«, sagte ich. »Peng! Peng!«

Wieder wurde seine Glatze weiß und ich setzte mich auf die Bank und sagte nichts mehr, weil ich Angst hatte, daß er mir eine schmieren und daß mir dann das Blut aus der Nase schießen würde wie Gusti, als er das Essen gemanscht hatte.

Das Hochzeitsfoto meiner Eltern hing im Schlafzimmer neben der Tür. Meine Mutter trug ein dunkles Kostüm und hielt einen Strauß rote Rosen in der Hand. Ihr Haar war schwarz und sie lächelte. Mein Vater trug einen dunklen Anzug mit breitem Revers. Sein Gesicht war hager und die Geheimratsecken hatten sich schon weit vorgefressen.

»1947 war das«, sagte meine Mutter. »Zwei Jahre später bist du gekommen. Da, in dem Bett, mitten in der Nacht. Überm Kochelsee ist gerade ein Gewitter niedergegangen.«

»Dann hast du die Möbel gekauft«, sagte ich.

»Wie ich bei den Amis war. Da war einer, der hat John geheißen, und das war ein Schwarzer und der wollte, daß ich mit ihm nach Amerika geh. Er hat mir Zigaretten gegeben. Für den Schrank hab ich zwei Schachteln gezahlt. Der ist aus Mahagoni. Und für die Betten auch. Für die Kredenz und den Tisch und die Stühle hab ich acht Schachteln gezahlt. Die hat ein Schreiner mit der Hand geschnitzt. Wie ich bei den Amis war, wollten alle Zigaretten von mir. Aber dann ist John nach Amerika gekommen. Von einem Tag auf den anderen. Er hat mir jede Woche einen Brief geschrieben und immer fünf Dollar reingelegt.«

»Darum läuft uns der Unenkel nach.«

»Weil er neidisch ist. Bei ihm stehen nur Margarinekisten. Die Kinder schlafen zu zweit im Bett und am Sonntag essen sie Linsen. Deswegen stinkt’s im Klo so. Und im Schlafzimmer hängt der Hitler an der Wand.«

Ich hatte Angst vor dem Unenkel. Wenn ich ihm begegnete, drückte ich mich an die Wand und hoffte, daß er mich nicht sah. Manchmal verfolgte er uns, wenn wir nach Kochel gingen. Er lief zwanzig Schritte hinterher und schrie »Hur! Du Hur!« und meine Mutter blieb stehen und schrie zurück. Dann holte sie einen Knüppel aus dem Unterholz, ging ihm entgegen und er lief davon. Wenn sie umdrehte, kam er wieder näher und schrie weiter.

»Komm nur«, rief sie, »komm nur her!«

Sie hielt den Knüppel in der Hand und ging ihm entgegen.

Jetzt wich er nur noch ein paar Schritte zurück.

»Ich weiß schon, was du willst!«

»Hur«, fauchte er. »Du Hur!«

Da warf sie den Knüppel weg und lachte. Sie stemmte die Hände in die Hüfte und als er näher kam, hob sie den Rock, zog die Unterhose runter und zeigte ihm den Arsch. Da rannte er, rannte, rannte, als wäre der Knüppel aus dem Sack hinter ihm her, und ich lachte. Wir zogen weiter am See entlang und die Pedale drehten sich.

»Wie er gerannt ist«, sagte sie. »Hast du gesehen, wie er gerannt ist?«

Sie zog den Finkberg hoch, ohne stehenzubleiben.

»Gerannt ist er«, sagte sie zur Frau im Konsum, »als wäre der Teufel hinter ihm her. Ich hab den Rock hochgehoben. Da ist er gelaufen«, sagte sie zur Frau in der Molkerei, »den hätten Sie sehen sollen. Der soll mir nur nahekommen.«

Unenkel hatte ein braungelbes Gesicht, die Haare waren grau und das linke Auge auch. Ich drückte mich an die Wand, als er den Flur entlang kam. Er redete mit sich selbst, wurde immer größer und verschwand dann hinter der Tür schräg gegenüber unserer, aber im Hof kam er wieder hinter der Scheune hervor. Und als ich ums Haus lief und mich unter der Tenne versteckte, da wartete er schon.

»Eine Hur ist sie«, flüsterte er. »Ich seh alles, ich hör alles. Eine Hur ist sie. Weißt, womit ich sie seh? So!«

Er drückte einen Finger ins Auge und da sprang das Auge in die Hand.

»Das sieht alles«, sagte er. »Und wenn der Hitler wieder kommt…«

Er lachte. Es war das einzige Mal, daß ich ihn lachen hörte. Es klang, als riebe man zwei Steine aufeinander. Ich sah ihn zum letzten Mal, als der Hausherr ihn über den Hof jagte. Er hatte einen Axtstiel in der Hand und Unenkel rannte von einem Baum zum anderen und zuletzt drehte er sich um den Stamm. Dann flog er ins Gras und Herr Miele prügelte auf ihn ein.

»Jetzt ist er im Irrenhaus«, meinte meine Mutter später, »da hat er schon lang hingehört.«

Ich sah den Vogel zum letzten Mal im Winter. Er war weiß und ich stand auf und ging ans Fenster. Da sah ich ihn sitzen im Geäst des Kastanienbaums. Als ich wieder im Bett lag, war er verschwunden. Ich schlief ein und am Morgen hauchte ich ein Guckloch ins Fensterglas und sah die schwarzen Äste des Baums, das verschneite Dach der Scheune, die weißen Wiesen zum See. Auf dem Weg führte eine Trampelspur zur Bootsanlegestelle. Der See war zugefroren und über das Eis fuhren ein Lieferwagen und Fuhrwerke.

Es war kalt und vielleicht krachten die Bäume wirklich. Es war so kalt, daß meine Mutter Angst hatte, die Kohlen würden nicht reichen. Sie legte Ziegelsteine ins Backrohr, wickelte sie in Handtücher und tat sie in die Betten. Aber am Morgen waren sie so kalt wie die Dielen und der Flur. Der Wasserhahn am Ende des Gangs lief und lief und wenn meine Mutter morgens den Herd anheizte, war das Wasser im Eimer gefroren. Von der Dachrinne wuchsen Eiszapfen, die immer länger und länger wurden.

Meine Mutter zog ihre Pullover unter den Mantel und zwei Paar Socken an, bevor sie in die Knobelbecher stieg. Sie setzte sich eine Mütze mit Ohrenklappen auf und wickelte uns in Decken, dann zog sie den Schlitten den Pfad hinunter zum See. Ein Fuhrwerk kam von Schlehdorf über die Eisfläche. Zwei Pferde waren vorgespannt.

»Das Eis ist dick«, sagte sie, »schaut. Die kommen von Schlehdorf.«

Manchmal hielt das Fuhrwerk an. Dann zogen die Pferde wieder. Die Luft war klar, auf dem Eis lag blau der Schatten des Jochbergs. Als ich den Eisenbeschlag des Schlittens anfaßte, klebten die Finger fest. Wir hielten uns dicht am Ufer. Der Schlitten glitt leicht, nur wo der Wind den Schnee weggeweht hatte, knirschte das Eis unter den Kufen. Sie zog und dann stellte sie sich hinter den Schlitten, schob, gab dem Schlitten einen Schubs und der glitt von ganz alleine zehn Meter weit. Als wir zur Renke kamen, zog sie wieder. Ihre Stiefel waren schwer, aus Leder, und die Sohlen mit Nägeln beschlagen. Sie stammten aus dem Krieg. Meine Großmutter hatte sie einem Soldaten abgekauft. An der Renke stand eine Fischerhütte. Dort trafen sich im Sommer Angler an der Bucht. Sie wich vom Ufer ab und nun war die Straße weit weg. Ein Traktor zog einen hölzernen Schneepflug an einer Kette hinter sich her.

»Der Schneepflug«, sagte sie. »Er fährt ins Altjoch, damit sie dort hinten rauskönnen.«

Sie zog weiter, das Eis knackste. Da blieb sie stehen und sah zum Fuhrwerk, das nun schon viel weiter war. Zwei schwere Pferde waren davor gespannt und auf dem Fuhrwerk saß ein Mann. Sie zog wieder weiter und das Eis brach unter ihr ein. Sie versank im Wasser und als sie wieder hochkam, hatte sie keine Mütze mehr auf dem Kopf. Sie schob den Schlitten ein Stück aufs Eis und versuchte auf die Scholle zu klettern, aber die Scholle brach ab. Wieder ging sie unter und als sie dann nochmals hochkam, schrie sie. Es klang ganz leise. Der Schneepflug war längst vorbeigefahren und der Mann auf dem Fuhrwerk weit weg. Und da schob sie den Schlitten wieder ein Stück voran und als sie endlich aufs Eis stieg, hatte sie nur noch einen Knobelbecher an. Ich hatte ihr zugesehen und war ganz ruhig. Alles war weiß. Nur das Wasser in dem Brechloch war grün. Und jetzt lief sie mit einem Knobelbecher über das Eis und zog den Schlitten ruckweise hinter sich her. Dann blieb sie stehen, zog den Knobelbecher aus und der blieb liegen auf dem Eis, bis Gusti ihn holte.

»Weil die Fischer dort Löcher ins Eis hacken«, sagte Gusti.

»Von Schlehdorf ist ein Fuhrwerk über den See gefahren«, erwiderte meine Mutter.

Meine Großmutter zerschnitt den Stiefel später mit ihrem Messer.

»Da ist der Stiefel nicht schuld dran«, sagte meine Mutter.

Meine Großmutter schob die Lederstücke in den Herd.

»Der Mantel hat mich runtergezogen«, sagte meine Mutter, »der ist ganz schwer geworden.«

»Der Tod ist unterm Eis«, sagte meine Großmutter.

»Das ist eingebrochen«, sagte Gusti, »weil die Fischer Löcher reinschlagen.«

»Wenn er dich hätte haben wollen«, sagte meine Großmutter, »wärst nicht wieder rausgekommen.«

»Er soll in die Kirche gehen und eine Kerze anzünden, damit der liebe Gott auf ihn aufpaßt«, sagte meine Mutter.

Im Frühjahr, als ich schon fast fünf war, schickte sie mich in die Kirche, es war das letzte Jahr in Kesselberg. Die Sparkasse hatte meinen Eltern einen Kredit bewilligt und die Gemeinde hatte ihnen ein Grundstück auf 99 Jahre Erbpacht überlassen. Der Ort hieß Ried und lag zehn Kilometer von Kesselberg entfernt. Er hatte 300 Einwohner und ebensoviele Kühe. Hier war mein Vater geboren und seine Eltern lebten dort noch in einem Austragshäusl mit Plumpsklo im Schuppen. Das Grundstück grenzte an den Bahndamm am Rand des Orts. Vor zehn Jahren war es noch eine Müllhalde gewesen und 100 Meter weiter wurde der Müll immer noch in die Grube gekippt, die beim Bau des Bahndamms entstanden war. Manchmal fuhr ich mit meiner Mutter hin. Dann schauten wir zu, wie mein Großvater den Keller aushob und mit einer hölzernen Schubkarre auf einer Bretterkiste Lehm nach oben schob. Er war über siebzig, hatte einen Schnauzer im Gesicht und einen Hut auf dem Kopf, unter dessen Schweißband ein Schnupftuch steckte. Er war nach dem ersten Weltkrieg in die Gegend gezogen und hatte als Schachtmeister gearbeitet, als Oskar von Miller das Walchenseekraftwerk baute. Er redete wenig, seine Hände waren so gefühllos, daß er damit Wespen zerdrückte, die Ärmel seiner kragenlosen Flanellhemden trug er zugeknöpft und darüber eine Weste. Als der Keller ausgehoben war, wuchsen Bimssteinwände hoch. Da konnte man dann schon die Zimmer sehen.

»Das wird das Wohnzimmer«, sagte meine Mutter, »das die Küche und das wird euer Zimmer. Oben drüber vermieten wir und von der Miete zahlen wir die Zinsen.«

Wir stiegen über Bretter und aus den Betonfundamenten ragte Baustahlgewebe. Wenn es Abend wurde, kam mein Vater mit der Adler den Müllfuhrenweg entlanggeknattert und setzte die Bimssteine aufeinander, die mein Großvater aufs Gerüst gestapelt hatte. Dann pfiff in Benediktbeuern der Zug. Wir fuhren zurück nach Kochel und mit dem letzten Bus nach Kesselberg. Meine Mutter nähte Vorhänge mit roten Herzchen und sagte, daß wir ein eigenes Haus haben würden. Sie erzählte es Frau Miele und Frau Zislow, Frau Hase und Fräulein Rosemarie, die jetzt ein Kind hatte und keinen Mann.

»Wenn wir das Haus haben, pflanz ich im Garten Gemüse, Salat und Kartoffeln. Und Apfelbäume und Johannisbeersträucher. Und zwischen die Beete kommt eine Wiese fürs Heu für die Hasen. Da brauchen wir nicht mehr viel einkaufen. Wir haben Gemüse frisch aus dem Garten, und am Sonntag gibt’s Hasenbraten.«

Im Schlafzimmer schnupperte sie am Parfümflakon und sagte: »Vielleicht ist es doch gut, daß ich nicht nach Wien bin.«

An einem Sonntag gab sie mir die Kerze.

»Der liebe Gott«, sagte sie, »kommt um neun ins Altenheim. Da klingelst du und fragst, ob du in die Kapelle gehen darfst. Wenn der Kaplan mit der Messe fertig ist, gibst du ihm die Kerze. Der soll sie weihen, damit du nicht im See ersäufst.«

Sie zog mir den Trachtenanzug an und setzte mir den Steirerhut mit der Adlerflaumfeder auf den Kopf. Dann drückte sie mir die Kerze in die Hand. Sie war rot und lang wie mein Arm. Als ich am See entlang lief, wurde sie weich in meiner Hand, die rote Farbe blätterte ab und sie verbog sich ein wenig. Ich versuchte sie geradezubiegen, aber da brach sie in zwei Teile, die nur noch der Docht zusammenhielt. Vor Schreck darüber stand ich lange neben der Straße und rührte mich nicht. Dann spuckte ich in die Bruchstelle und drückte sie zusammen. Aber die Spucke klebte nicht. Zum Glück war Gott nicht da, als ich bei Altenheim anlangte. Vom Klingelknopf hing ein loser Draht und als ich auf den Knopf drückte, wußte ich, daß es keine Verbindung gab. Ich drückte dreimal auf den Knopf. Aus einem Fenster blickte eine Greisin und wackelte mit dem Kopf, bis ich glaubte, daß Gott nicht da war und weiter nach Kochel ging. Von dort läuteten bereits die Glocken. Auf dem Weg zur Kirche, wo auch die Heimatbühne und das Kino waren, traf ich meine beiden Cousinen. Sie hießen Gitti und Roswitha, hatten weiße Kleider an und hielten weiße Gesangbücher in den Händen.

»Deine Kerze ist kaputt«, sagte Gitti, »die gilt nicht mehr.«

Und Roswitha sagte: »Eine kaputte Kerze bringt Unglück, weil sie mitten auseinander ist.«

Ich spuckte in die Bruchstelle und behauptete: »Jetzt hält sie wieder.«

»Kaputt ist kaputt«, sagte Gitti.

»Gott ist unsichtbar«, erklärte Rosi, »der sieht alles. Der sieht auch, daß du draufgespuckt hast.«

»Der hat ein dreieckiges Auge«, sagte Gitti, »so –«

Sie zeichnete mit der Schuhspitze ein Dreieck in den Staub.

»Da ist das Aug drin. Damit sieht er im Dunkeln.«

Der Pfarrer trug ein weißes Meßgewand mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken und die Ministranten klingelten mit Silberglöckchen. Ich saß in der ersten Bank, vor mir hielt der Pfarrer den Kelch hoch und zeichnete Kreuze in die Luft. Wie groß das Kirchenschiff war! Und wie fremd und wie leer über den Leuten! Lauter Luft und Licht, das durch die Fenster fiel. Der Pfarrer ruderte darin herum und verbeugte sich. Da wußte ich, daß er gar nicht da war, dieser Gott, und mich auch nicht aus dem Wasser ziehen würde, wenn das Eis einbrach. Als die Messe vorbei war, nahm ich die Kerze wieder mit.

»Jetzt hast dem lieben Gott die Kerze gestohlen«, sagte Gitti.

»Das hat er alles gesehen«, sagte Roswitha.

Aber ich hatte sie ihm gar nicht gegeben gehabt.

»Die Kerze hat keinen Taug«, sagte ich und da wurden die Cousinen still.

Ich gab sie meiner Großmutter. Sie wohnte bei ihrem Sohn und seiner Familie, in der Speisekammer der Mansardenwohnung im ersten Stock. Im Treppenhaus hingen Geweichtel und Geweihe an der Wand und vor der Tür stand zusammengelegt ihr Feldbett. Die Kammer war so schmal, daß sie mit gespreizten Armen die Wände berühren konnte. Ein Regal stand drinnen, ein Tisch, ein Schemel. An Kleiderhaken hingen ihre Kittel und der Mantel, und von der Decke baumelte eine Glühbirne. Auf dem Fensterbrett standen Büchsen mit Blumen. Auch das Zimmer nebenan war eng und am Tisch hatten wir gar nicht alle Platz. Sie kochte Gulasch und als das Essen fertig war, schöpfte sie zwei Teller voll und ich ging mit ihr in die Kammer.

Das Gulasch war scharf, aber sie sagte: »Ein richtiges Gulasch muß in der Gosche brennen, daß einer Feuer spuckt.«

Ich hockte mich auf den Boden und sie sich auf den Schemel. Das Gulasch brannte, daß mir Tränen in die Augen traten, aber ich aß den Teller leer und als sie fragte, ob es geschmeckt hätte, sagte ich: »Ja.«

»Warum heulst dann?« fragte sie und wischte mit einem Stück Brot den Teller aus. »Hast den lieben Gott gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Dann bist umsonst gelaufen.«

Sie lachte. Aber auf einmal wurde sie still.

»Der hilft keinem«, sagte sie, »weil er dir gar nicht helfen kann, wenn der Tod von unten kommt.«

Sie schnitt den Kerzendocht entzwei, stellte die Hälften aufs Regal. Dann zündete sie sie mit dem Feuerzeug an. Am Nachmittag holte mich mein Vater ab und ein paar Tage später nahm mich meine Großmutter mit zur Leichenfrau. Ich war schon oft bei ihr gewesen. Sie war freundlich und dick und trat vor das Haus, wenn sie uns kommen sah. Sie gab mir Plätzchen zu essen und stellte mir eine Brause auf den Tisch und meine Großmutter legte ihr die Karten, um herauszufinden, ob die Totenernte ertragreich sein würde. Die Leichenfrau kannte die Leute, die auf den Tod warteten, und wenn sie bei ihr auf den Schragen lagen, wußte sie ihre Geschichten und woran sie gestorben waren. Dann schaute sich meine Großmutter die Gesichter an, drückte ihnen die Nasen und hielt einen kleinen Spiegel vor die Münder.

»Der hat’s schwer gehabt«, sagte sie.

»Lang hat der gebraucht«, sagte die Leichenfrau, »bis er hat loslassen können.«

An diesem Tag aber war es anders als sonst.

»Du darfst es keinem sagen«, sagte die Leichenfrau. »Auch deiner Mama nicht. Sonst darfst du nicht mehr kommen. Sonst kriegst keine Brause mehr und keine Plätzchen auch nicht.«

»Nein«, sagte ich.

Sie legte mir Plätzchen auf einen Teller, die einen Schokoladenguß hatten.

»Die sind noch besser als die anderen«, sagte sie, »greif zu! Aber wenn du was erzählst, kommt der Pfarrer und dann –«

»Er sagt nichts«, meinte meine Großmutter.

»Einem Kind rutscht schnell was raus.«

Ich überlegte, was aus mir rausrutschen könnte. Aber da faßte sie mich an der Hand und ihre Stimme war ganz eindringlich: »Die Toten tun keinem was und ich hab ihn mit Essigwasser gewaschen und als er gelebt hat, war er ein sauberer Mann, ein Lehrer, aber die Kinder haben ihn trotzdem gemocht.«

Ich hatte keine Angst, denn die Leichenfrau war freundlich. Sie steckte sich Schokoladenplätzchen in die Schürzentasche, für danach. Sie hatte Augen wie eine Eule und damit ich lachte, klapperte sie mit dem Gebiß. Das machte klackklackklack. Das Messer in der Milchkanne meiner Großmutter machte auch klackklack. Dann machte die Leichenfrau wieder klackklackklack. Wir gingen ein Stück am See entlang. Als ein Mann mit Stiefeln, die bis zum Bauch reichten, einen Fisch an der Leine hatte, sagte sie: »Schau, was für einen großen Fisch der hat.« Im Leichenhaus roch es nach Blumen und der Tote sah aus, als würde er schlafen. Er hatte graue Haare und ein bleiches Gesicht mit roten Wangen und roten Lippen. Seine Augen waren geschlossen und um die gefalteten Hände hatte er einen Rosenkranz mit einem Silberkreuzchen gebunden. Ein weißes Tuch war über ihn gebreitet und neben den Schragen standen Eimer mit Blumen. Die Leichenfrau richtete ihm das Kopfkissen und kämmte sein Haar.

»Sieht er nicht ordentlich aus?« fragte sie. »Ist er nicht eine schöne Leich? Manchmal blinzeln sie noch, aber wenn du genau hinsiehst, haben sie doch die Augen zu. Gestern hat er mich die ganze Zeit angeblinzelt.«

Sie stellte sich an die Tür und paßte auf.

Meine Großmutter stach dem Toten eine Nadel ins Nasenloch und hielt ihm ein Spiegelchen vor den Mund.

»Der blinzelt nicht mehr«, sagte sie.

»Ich weiß«, sagte die Leichenfrau, »aber trotzdem blinzelt er, wenn man nicht hinsieht.«

»Die Ohren sind auch kalt«, sagte meine Großmutter. »Schau mal, was für eine große Nase der hat!«

Die Nase war wirklich groß. Und weich wie ein kalter Knetgummi. Aber während die Großmutter ihm ein Bein unter der Zudecke hervor und die schwarze Socke vom Fuß zog, wurde sie warm in meiner Hand. »Komm her«, sagte sie. Dann hielt sie mich am Hinterkopf. Als ich die Lippen auf die Fußsohle legte, drückte sie mich ein wenig dagegen. Dabei sah ich, wie die Leichenfrau ein Schokoladenplätzchen aus der Schürzentasche holte und sich die Lippen leckte.

zwei

ICH TRAUTE DEM NEUEN HAUS SCHON von dem Tag an nicht, als ich mit meiner Mutter und meinem Bruder aus dem Zug stieg und vom Bahndamm darauf hinunterschaute.

»Das ist unser Haus«, sagte meine Mutter stolz, »da wohnen wir jetzt und ihr habt ein eigenes Zimmer.«

Im Garten lag ein riesiger Haufen Lehm und neben der Haustür stapelten sich Bretter und Balken. Die Fassade war noch unverputzt und bimssteingrau. Daraus glotzten die Fenster zu mir hoch, während sich das Haus neben den Bahndamm duckte, als wollte es sich klein machen. Die Haustür stand offen. Sie bestand noch aus zusammengenagelten Brettern. Es kam mir vor, als lauerte das Haus darauf, daß ich hineinging. Mein Vater hatte Sand geschaufelt. Nun stellte er die Schaufel weg und hinkte den schmalen Pfad zum Bahndamm hoch.

»Da steht es«, sagte er. »Bald kriegen wir eine richtige Haustür. Im Frühjahr werde ich es verputzen.«

Er packte die Taschen mit der Kleidung und der Wäsche, trug sie hinunter und stellte sie in den Flur. Dann ging er mit meinem Bruder und mir um das Haus. Da der Boden Erde, Lehm und Dreck war, hatte er Bretter gelegt, auf denen man gehen konnte. Die Schäfte der Gummistiefel schlappten um seine Waden.

»Hier kommt der Schuppen hin«, sagte er.

Aus einer Betonfläche ragte Baustahlgewebe. Dahinter erhob sich grau die Wand.

»Oben werden die Wahlschlägers einziehen«, sagte er, »und da ist die Grenze zum Grundstück der Wagners.«

Hinter Brennesseln waren Beete angelegt, und dann kam ein Weg und das Haus der Wagners mit einer betonierten Terrasse und einer Tuffsteinmauer.

»Hierher kommt der Hasenstall, wenn der Schuppen fertig ist.«

In den Boden waren Pflöcke eingeschlagen, die die Ecken des geplanten Hasenstalls markierten. Eine grüne Regentonne aus Eisen stand daneben. An die Bauhütte hatte er eine Holztafel genagelt. Er hatte sie nach Feierabend in Kesselberg selbst geschnitzt, nachdem der Kredit für das Haus bewilligt worden war. Sie war braun gefirnißt mit Buchstaben in Schwabacher Schrift. Er stellte sich davor und las: »WO DER HERR NICHT DAS HAUS BAUET, ARBEITEN UMSONST, DIE DARAN BAUEN.«

»Wenn wir Hasen haben, werdet ihr fürs Futter sorgen. Die Hasen mögen am liebsten Löwenzahn, Spitzwegerich und Schirling.«

Er ging zum Bahndamm, rupfte Löwenzahn aus und zeigte uns, wie er aussieht.

»Jetzt sind wir nicht mehr in Kesselberg. Da muß jeder seinen Beitrag leisten. Da könnt ihr morgen gleich anfangen, hinterm Stall die Brennesseln auszurupfen.«

Vor der Haustür zogen wir die Schuhe aus und im Flur Hausschuhe an. Es roch wie in einer Kalkgrube. Er zeigte uns den Keller mit der Grundwasserpumpe, die Toilette mit dem Badeofen und der Wanne und das Kinderzimmer. Zwei Betten standen darin, ein schwarzer Dauerbrandofen, ein Schrank. An der Wand hingen seine Aquarellbilder.

»Wenn die Schule aus war«, sagte er, »bin ich mit dem Malkasten ins Moor und hab mich hingesetzt und gemalt. Der Zaun da steht heute noch.«

Er befand sich im Vordergrund. Die Stempen waren hoch und die Pfosten neben dem Gatter dick und schief. Dahinter lag eine Wiese. Sie war grün und gelb und der Himmel blau und die Wolken sahen aus wie Kühe, nur hatten sie viel zu lange Hälse und Wasserbäuche. Im Wohnzimmer hatte meine Mutter angefangen, die Gardinen mit den roten Herzchen an die Fenster zu hängen.

»Jetzt sieht es schon viel gemütlicher aus«, sagte sie.

Als ich im Bett lag, studierte ich zum ersten Mal die Tapetenbilder. Ich knipste die Nachttischlampe an. Mein Bruder schlief schon. Aus den Federbettpacken schaute sein Gesicht. Es war weiß, denn meine Mutter hatte ihn, bevor er zu Bett ging, noch mit Schwanenweiß eingecremt. Als ich mich zur Seite drehte, quietschten die Betten wie eine Alarmanlage. Auf der Tapete kämpften Cowboys gegen Indianer. Die Bilder wiederholten sich unzählige Male, auf allen Wänden kämpften Cowboys gegen Indianer, aber ich sah immer dasselbe Bild an. Drei Cowboys duckten sich hinter einen Hügel und einer hielt eine Flinte und die zwei anderen Revolver in den Händen. Die Indianer trugen Federn auf den Köpfen und saßen auf Pferden. Einer hatte eine Lanze geschleudert und nun stand sie in der Luft. Sie mußte im nächsten Augenblick den Cowboy mit der Flinte treffen. Vielleicht, dachte ich, duckt sich der Cowboy, vielleicht schießt der Cowboy auf den Indianer, bevor sich die Lanze in seine Brust bohrt, und dann sind beide tot. Wie vor den Filmplakaten wünschte ich mir, die Bilder würden lebendig. Doch sobald ich mir ausgemalt hatte, wie es weiterging, war ich mir dessen nicht mehr sicher. Und dann stand wieder die Lanze in der Luft. Fast ein Jahrzehnt lang stand diese Lanze in der Luft. Während dieser Zeit ging ich zur Schule. Aber wichtiger war die Müllkippe am Ende des Müllfuhrenwegs zweihundert Meter hinter dem Haus.

Jeden Tag lief ich hin, wühlte und suchte. Die Füllgrube war entstanden, als man den Bahndamm gebaut hatte. Sie war so groß, daß ein Fußballplatz reingepaßt hätte. Ein Dschungel aus Gestrüpp wuchs darin. Vor dem Wald zum Leinbach befand sich ein Sumpf, in dem in Sommernächten Frösche und Kröten Choräle sangen, die ich bis in den Schlaf hörte. Die Dörfler karrten aus allen Richtungen Abfall heran und kippten ihn in die Grube. Als erste hatten Herr und Frau Milde am Rand der Kippe ihr Haus gebaut, ein Häuschen mit winzigen Zimmern. Die Treppe war steil wie eine aufgestellte Leiter, Sessel, Hocker und Stühle, Schränkchen, Sofachen und Regalchen mit gestrickten und bestickten Deckchen standen darin. Das Dach war mit Teerpappe gedeckt und die Wände aus Heraklitplatten gebaut. Frau Milde war eine Riesin mit Krampfadern dick wie Feuerwehrschläuche und wenn Herr Milde eine erjagte Ratte oder Schlange vor die Tür legte, kreischte sie, daß man es bis ins Moor hörte. Herr Milde hatte ein Kleinkalibergewehr und schoß damit in die Müllhalde. Kaum daß er das Gewehr anlegte, gab es einen Knall und dann zog er das Tier aus dem Abfall und hob es am Schwanz hoch. Er war ein kleines dürres Männchen mit zerfurchtem Gesicht. Wenn er auf Jagd ging, vertrieb er mich.

»Geh woanders hin, sonst erschieß ich mal einen von euch.«

»Ich geh da hinten hin.«

»Da komm ich später auch hin. Da nisten sie wieder, die Ratten. Die ganze Sippe ist da hingezogen.«

»Dann such ich da drüben.«

»Da liegen nur Flaschen. Das ist nur Dreck, was sie abladen.«

»Dein Sofa hat auch da gelegen.«

»Das Sofa und der Tisch«, sagte er, »und die Regale oben, die hab ich wieder zusammengenagelt. Aber jetzt bringen sie nur noch Mist. Jauche haben sie reingekippt und ich kann drinnen rumstampfen. Wenn ich nicht wäre, würde das hier aussehen wie eine Müllkippe und die Ratten würden sich ausbreiten. Überall gäb’s die. Auch bei euch im Keller. Und unterm Bett hättest eine Kreuzotter. Die kommen in der Nacht beim Fenster rein, wenn sie spüren, daß es warm ist.«

»Ich hab keine Angst vor einer Kreuzotter. Die hau ich mit dem Kopf an die Wand, so: Peng!«

»Da hat sie dich schon gebissen. Dann fault dir die Hand ab. Eine Schlange mußt hinterm Kopf packen. Psst!«

Er hob das Gewehr.

Ich stieg von Müllhaufen zu Müllhaufen. Ich rutschte den Lehmhang hinunter und angelte Flaschen aus den Müllöchern. Ich suchte nach Werkzeug, Nägeln, Gummireifen. Ich fand einen Kinderwagen, einen Rinderschädel, die Messer eines Mähdreschers, ein Bajonett und einen Feuerwehrhelm aus Messing. Er hatte ein ledernes Kinnband. Als ich ihn aufsetzte, rutschte er nach vorne, aber das machte nichts. Ich polsterte ihn mit Lumpen aus und nun saß er fest. Ich hängte die Flaschen mit einer Schnur an einen Ast und warf mit Steinen darauf. Wie das krachte, wenn ich traf, und wie die Flaschen zersplitterten! In tausend Scherben zersplitterten sie. Man konnte richtig süchtig werden auf Flaschenzerschmeißen. Einen ganzen Nachmittag lang konnte man Flaschen zerschmeißen und kriegte doch nicht genug. Ich hängte mir das Bajonett an den Hosenträger, packte meine Schätze in den Kinderwagen und zerrte ihn hinter mir her am Bahngleis entlang. Die Brücke über den Leinbach war aus Eisen. Die Träger waren mit dicken Noppen bestückt. In den Wassergumpen lagen Steine wie Sauriereier. Das Bachufer war mit Brombeergestrüpp überwuchert. Ich schob den Kinderwagen über die Wurzeln eines Fichtenwaldes.

Am Rand der Lichtung standen Franzi Wagner, Waba-Lux und Ernst. Ernst hatte ein Mausgesicht mit abstehenden Ohren und sah aus wie Zwerg Snoopy aus dem Schneewittchenbuch. Franzi hatte semmelblonde Haare und ein weißes Mondgesicht. Waba-Lux war der älteste und einen Kopf größer als Franzi und zwei größer als Ernst. Er warf mich auf den Boden, nahm mir das Bajonett weg und nagelte mich mit den Knien fest. Die anderen rissen Judenstrick von den Bäumen und fesselten mir Hände und Füße. Dann beobachteten sie aus dem Unterholz, wie ich mich befreite. Es dauerte nur eine Minute. Ich wollte zeigen, wie schnell und gut ich war. Ich zerriß die Liane mit den Zähnen und stand auf.

Waba-Lux kam als erster aus dem Gestrüpp.

»Im Krieg hätt ich dich erschossen.«

»Das ging saumäßig schnell«, sagte Franzi.

Er wohnte im Haus neben uns. Deshalb wollte er, daß ich aufgenommen wurde. Das Bajonett kam ins Waffenlager. Es befand sich unter einem hohlen Baumstumpf. Ein Tomahawk aus Sperrholz lag darin, ein Holzgewehr und eine Handgranate. Die Handgranate hatte einen langen Stiel und einen großen Kopf und sah aus wie die Handgranaten auf dem Bild von Franz Eichhorst im Bauch der Kredenz. Ich schob meinen Wagen zum Lager. Es war aus Ästen, Brettern und Dachpappe gebaut und lag versteckt unter dem Gestrüpp am Bachrand. Franzi klopfte mit einem Stein die hohlen Mähmaschinenmesser gerade und paßte sie auf Haselnußspeere. Dann warfen wir sie auf morsche Strubben. Die Speere blieben stecken und federten.

Ich war über Nacht zum Krieger geworden. Es gab ein Waffenlager mit einer Handgranate und ein verborgenes Lager. Ich polierte meinen Helm mit Sand und Spucke. Wir schichteten im Bachbett Steine aufeinander und Eckard zündete ein Feuer an. Dann schleppte ich einen Rinderschädel am Horn herbei. Der Rauch, der zu den Göttern stieg, stank nach Fell und Fleisch.

Jeden Morgen holte ich Ernst ab. Ich lief die Lehmstraße bis zur Bundesstraße hoch und im Schulranzen klapperte der Holzkasten mit den Griffeln. Ich lief an der Franz-Marc-Villa vorbei, wo im Garten zahme Rehe grasten. Seine Witwe Marie wollte nicht, daß ich sie an den Zaun lockte. Wenn sie aus der Haustür trat, lief ich weiter. Im Haus der Paulis roch es nach roher Lunge, Zigarettenrauch und Zichorienkaffee. Auf einem Brettchen lagen geviertelte Brotstückchen, die Ernst mit Marmelade bestrich. Ich schaute seinem Zwergengesicht beim Essen zu. Aus einem Tiegel saugte sein Vater Brei in eine Spritze. Dann stülpte er das Hemd hoch und schraubte die Spritze an einem Ventil fest, das aus dem Bauch schaute. Der Bauch war schwarz behaart, das Ventil war aus Stahl und der Schlauch, durch den er den Brei in den Magen drückte, aus rotem Gummi. Manchmal rülpste er und sagte, das hat geschmeckt. Dann wischte er sich den Mund ab.

»Ich hab’s gut«, sagte er, »ich muß nicht kauen wie ihr.«

Frau Pauli schluckte drei Thomapyrintabletten und steckte sich eine Mokrizigarette in den Mund. Der Rauch stieg ihr in die Augen, während sie mit einem Messer Lunge für die Katzen hackte. Sie würgten sie mit geschlossenen Augen hinunter, legten sich auf Polster und Decken und schliefen ihren Katzenschlaf. Ich wäre gerne eine Katze gewesen. Ich hätte weitergeschlafen oder wäre durchs Moor gestreift. Ich hätte Mäuse gejagt und mir Kreuzotterhäute um die Handgelenke gebunden. Die Straße zog sich als asphaltierte Schneise durch die Landschaft. Sie führte an Bauernhäusern vorbei und über den Leinbach. Im Bachbett lagen die Betontrümmer der im Krieg gesprengten Brücke.

»Mein Vati ist im Krieg in Frankreich gewesen«, sagte Ernst. »Da hat er Wein getrunken, den die Franzosen vergiftet haben.«

Im aufgeschnallten Ranzen wog die Bildung schwer. Die Allee der Prälatenstraße war ein dunkler Tunnel und immer wenn wir einbogen, schlugen die Glocken auf den Zwiebeltürmen der Klosterkirche viertel vor acht. Vor dem Schulhaus warteten hinter spitzen Zaunlatten die Kinder und über dem Portal hockten zwei Voluten, die wie riesige Schnecken aussahen. Im Klassenzimmer hingen Ledervorhänge an den Fenstern, über der Tafel ein Kruzifix und an der Wand eine Deutschlandkarte, durch die sich eine Kette spannte. Der Ölboden war grau, auf dem Kachelofen lauerte eine krummschnäblige Tintenflasche und die Zeit stand gestockt bis zu den Fensterbögen. Frau Sedlmaier klopfte sie platt und schnitt sie in Stunden. Sie benutzte ein Eisenlineal. Wenn ein auserwählter Schüler der letzten Klasse mit einer Messinghandbimmel die Treppen hochund runtergerannt war, schlug sie damit auf das Pult.

»Alle auf die Plätze«, rief sie. »Jetzt wollen wir den lieben Gott bitten, daß heute ein schöner Tag wird und alle gesund nach Hause kommen.«

Sie faltete die Hände, daß sie spitz zur Decke ragten, und begann: »Jesu Christ, der du bist –«

Ich hielt die Luft an, bewegte lautlos die Lippen und zählte, wie oft ich beim Gebet atmen mußte. Ich konnte bis hundert zählen, aber als ich es beweisen sollte, kam ich nur bis achtundachtzig. Beim Beten genügten mir drei Atemzüge. Einmal schaffte ich es mit zwei, aber beim Amen saugte ich die Luft so gierig in mich, daß das Wort in meinem Schlund verschwand.

Frau Sedlmaier hatte einen großen Busen, Dauerwellen und einen Mann, der einen Ford Taunus besaß. Sie brachte mir bei, wie man die Hände faltet, den Ranzen an den Haken der Schulbank hängt und die Schiefertafel auf den Tisch legt.

»Die Tafel muß gerade auf der Bank liegen!«

So mußte nur ich noch krumm davor sitzen.

»Der Griffel darf nicht quietschen, sonst bricht die Spitze ab!«

Ich hielt ihn so fest, daß sich der Zeigefinger weiß durchbog. Ich zeichnete die Zeile voll mit Os. Sie waren so rund wie Ottos Reifen, den er durch das Lesebuch kugelte. Dann kamen Hans und Susi, Hans turnte auf einer Turnstange und Susi war eine falsche Schlange, denn wenn ich nicht aufpaßte, kringelte sie sich verkehrt rum und dann mußte sie nur noch scheißen und schon war sie ein Fragezeichen. Meistens schiß sie, wenn die Zeile zu Ende ging, neben den Holzrahmen der Schiefertafel.

Am liebsten mochte ich das A. Das A war am schönsten. Das A hatte einen Bauch mit einem Henkel dran. Die As hängten sich aneinander, bis die Zeile voll war. Die ganze Zeile war ein einziges langes A. Das A tat gut und ich hielt die Luft an, damit sie nicht aus dem Bauch zischte, bevor es einen Henkel bekam.

Frau Sedlmaier holte mich sogar nach vorne an die Tafel und ließ mich ein A mit der Kreide quietschen. Aber nun war es zu groß, viel zu groß. Die Luft reichte nicht aus und der Bauch bekam eine Delle.

»Wer weiß ein Wort mit A?« fragte sie.

»Laden.«

»Wer noch?«

»Hase.«

»Und?«

»Asch«, sagte ich.

»Was ist das?«

»Auch so rund.«

»Das heißt Asche«, sagte sie.

Wer alle As und Os und Es gezeichnet hatte, bekam einen Fleißzettel. Da war der heilige Franziskus mit einer Taube drauf, die heilige Maria mit dem Jesuskind und der Schutzengel, der ein Kind über eine Brücke leitet. Wer die Hausaufgabe vergaß, konnte mit einem Jesuskind, einem Schutzengel oder dem heiligen Franziskus zahlen. Aber die Währung zählte nur, bis aus den Buchstaben Wörter wurden.

Asch. Ich schrieb das Wort mit Kreide auf die Eisenbahnschwellen. Asch Asch Asch. Ich lief auf dem Bahngleis entlang. Asch Asch Asch. Von der Müllkippe stieg Rauch auf. An der Klostermauer liefen Salesianerpatres auf und ab und lasen in Brevieren. Über dem rostigen Bahnschotter flirrte die Hitze. Asch Asch Asch. Vor mir lagen tausend Schwellen. Ich schrieb mich durch die Landschaft. Ich vergaß die Zeit und den Zug, der in der Ferne gepfiffen hatte. Er kam so lautlos, wie der Müllkippenrauch in den Himmel stieg. Als ich die Gefahr spürte, hatte die Lokomotive zum Sprung angesetzt. Ich warf mich neben das Gleis. Die Räder malmten über das Asch hinweg und die Lokomotive brüllte vor Wut. Dann verschwand sie im Wald. Über den Moorwiesen flogen Krähen auf. Ich schrieb das Asch auf der Schiefertafel weiter. Das Wort nahm kein Ende. Ich malte es die Zeile entlang und von Zeile zu Zeile. Ich malte es, bis die Tafel voll war, dann drehte ich die Tafel um und malte weiter. Meine Mutter beugte sich über mich.

»Da fehlt das E hintendran«, sagte sie.

»Aber die Asche staubt und der Asch ist rund.«

»Dann gehört ein R rein. Lösch das wieder aus, was soll denn die Frau Sedlmaier denken?«

Ich schämte mich, daß mein Asch kein R hatte. Ich wischte mit dem Schwamm sämtliche Aschs von der Tafel und es sollte lange dauern, bis ich wieder eine Seite zu Ende schrieb.

Manchmal kam meine Großmutter mit dem Zug aus Kochel zu Besuch. Dann saß sie mit meiner Mutter in der Küche, löffelte Kartoffelsuppe und redete von früher, von Wien und vom Lang, der das Perpetuum mobile erfunden hatte, und dem Achatschmuck, der noch immer in der Tschechei lag. Danach ging sie zur Müllkippe und brannte Kupferdrähte ab. Manchmal sah ich sie mit Herrn Milde vor dem Häuschen aus Heraklitplatten sitzen. Sie kaufte ihm eine Schlange ab, aber als er für eine zweite mehr Geld wollte, malte sie ihm das Malheur auf die Schwelle. Er nannte sie eine alte Hexe und schoß ihr mit dem Kleinkalibergewehr zwischen die Beine.

»Der wird noch sein blaues Wunder erleben«, sagte sie.

Ihre rechte Schulter hatte sich verknorpelt. Sie konnte den Arm nicht mehr heben. Er steckte wie ein Stück Holz an der Schulter. Sie hob ihn mit der linken Hand hoch und als ich das Ohr an ihre Schulter legte, hörte ich, wie es darin knarzte.

Sie verzog das Gesicht und sagte: »Äääääh. Das ist der Knorpel. Der ist angewachsen.«

»Geh zum Arzt«, sagte meine Mutter.

Sie gab keine Antwort.

Ich stieg mit ihr den Bahndamm hoch und setzte mich neben sie auf die Bank.

»Wo ist es schöner?« fragte sie. »Hier oder in Kesselberg?«

»Ich hab ein Waffenlager«, sagte ich. »Da ist eine Handgranate drin und davor liegt ein Kuhkopf, aber das darf ich keinem sagen.«

»Ich kann mir nicht mal mehr eine Zigarette drehen«, sagte sie. »Der Knorpel sticht bis in die Hand. Die Finger sind ganz taub. Ich hab mich mit Kreuzotterfett eingerieben, aber das hilft auch nicht.«

Sie erklärte mir, wie das Zigarettendrehen geht. Ich dröselte Kippen auf und legte den Tabak auf ein Efka-Papierchen. Das Papierchen riß, als ich es zu einer Zigarette drehen wollte.

»Stell dich nicht so blöd an«, sagte sie. »Das ist ganz einfach. Wenn du eine sauber drehst, darfst auch rauchen.«

Das zweite Papierchen riß, das dritte auch und dann hatte ich eine, die krumm war und in der Mitte einen Bauch hatte, aus dem ein paar Tabakfäden hingen. Sie spuckte drauf, rauchte und als die Zigarette halb abgebrannt war, gab sie sie mir.

»In die Lunge runterziehen«, sagte sie, »sonst kriegst Mundkrebs. Ich hab zu rauchen angefangen, als ich so alt war wie du. Ich hab Hunger gehabt, weil eine schlechte Zeit war, und da hat die Frau Marek gesagt, dann komm mit, und hat mir eine Zigarette gegeben. Und da hab ich gehustet wie du. Aber danach war der Hunger weg.«

Ich würgte mir die Lunge aus dem Hals, vor den Augen explodierten Lichträder, der Himmel wurde schwarz, aber nach einer Weile lief er wieder blau zusammen.

»Die Frau Marek war eine gute Frau«, sagte sie, »aber es hat ein schlechtes Ende mit ihr genommen. Eine angesehene Person, eine Witwe, weißt du, der der Mann gestorben war, und darum hat sie immer ein schwarzes Kleid angehabt. Dabei ist ihr Mann schon zwanzig Jahre hinüber gewesen. Sie hat die Kranken gepflegt und hat ein fesches Mäderl aus dem Waisenhaus gehabt. Das hat schon mit drei Jahren Kreuzstiche sticken können. Wunderschöne Taschentücherl hat das Mäderl gestickt. Die hat die Marek für viel Geld verkauft und ist reich geworden. Aber das hat ihr nicht gut getan. Sie hat nämlich immer mehr haben wollen. In der Küche haben überall Büchsen und Flascherl gestanden für den Kamillentee und das Arsen für die Kellerratten. Und wie die Frau Sedlatschek krank geworden ist, hat sie ihr immer Kamillentee gekocht mit einem Messerspitz Arsen drin. Der Sedlatschek ist es immer schlechter gegangen, aber weil die Marek sich um sie gekümmert hat, hat sie ihr das ganze Hab und Gut überschrieben. Doch wie der Tod am Bettende gehockt hat, hat sie alles gewußt. Da hat sie geschrien, du warst es, du Mörderin! Durch die ganze Gasse hat man’s gehört. Dann ist die Polizei gekommen und ein Jahr später hat man sie aufgehängt. Das muß anno zehn gewesen sein. Da warst du noch ein Topfenstrudel. Jetzt zeig mir mal die Handgranate.«

Wir gingen durch den Wald zum Waffenversteck. Dem Kuhkopf hatten wir die Hörner abgebrochen und das verkohlte Fleisch hatten längst die Fliegen gefressen. Ich zeigte ihr die Handgranate.

»Rühr sie nicht an«, sagte sie.

Aber ich brauchte keine Angst davor zu haben, denn Waba-Lux hatte mir erklärt, daß sie nur explodierte, wenn man den Ring abzog. »Dann mußt du bis drei zählen und sie wegwerfen.«

Sie tat sie in ihre Milchkanne. Ich heulte, weil ich ihr das Versteck verraten hatte. Ich rannte davon, setzte mich ins Lager und überlegte, was ich lügen könnte, wenn die andern entdeckten, daß die Handgranate verschwunden war. Nach einer Weile kam meine Großmutter durchs Gestrüpp.

»Hilf mir«, sagte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte die alte Hexe nicht sehen. Ich wünschte mir, Herr Milde hätte ihr nicht nur zwischen die Beine geschossen.

»Wenn du mir nicht hilfst, zeig ich deinem Vater die Granate.«

Ich stand auf und lief hinter ihr her zum Waffenversteck. Ich gab dem Kuhkopf einen Tritt, daß er vom Baumstumpf purzelte. Sie zog sich einen Strumpf aus.

»Bind ihn fest da oben!«

Ich knotete ihn an einem Ast über Strubben fest, sie stieg drauf und dann knotete ich das andere Ende um das Handgelenk ihres steifen Arms.

»Fang mich auf«, sagte sie.

Dann machte sie die Augen zu und sprang.

Sie schrie wie ein Habicht, zappelte neben dem Stock und der Arm stand gerade nach oben. Als ich den Strumpf abgeknotet hatte, konnte sie ihn wieder heben. Aber die Granate nahm sie mit, trotzdem ich ihr geholfen hatte.

Mein Vater wollte nicht, daß sie ins Haus zog.

»Sie bringt Unfrieden«, sagte er.

»Aber das Zimmer im ersten Stock steht leer«, erwiderte meine Mutter. »Das reicht ihr. In Kochel haust sie in der Speisekammer.«

»Oben ist nur ein Klo und das gehört den Wahlschlägers.«

»Dann muß sie halt runterkommen zu uns und nachher das Fenster aufmachen.«

»Aber das Zimmer soll ich mal kriegen, wenn ich größer bin.«

»Das dauert noch lang«, sagte meine Mutter, »und bis dahin hat der Willi auch ein Haus gebaut. Dann kann sie bei dem einziehen.«

»Ich hab die Wände frisch gestrichen«, sagte mein Vater.

»Sie ist meine Mutter«, sagte meine Mutter, »auch wenn sie nach Kippen stinkt.«

Darauf wußte er nichts zu erwidern.

Als ich in die dritte Klasse kam, zog meine Großmutter in das Mansardenzimmer über dem Schuppen. Sie hatte jetzt ein Sofa, einen Tisch, ein Bett und einen Stuhl. Außerdem besaß sie einen Schrank und einen Herd, den ihr der Altmaterialhändler gebracht hatte. Darauf stand ihr verbeulter Aluminiumtiegel mit dem Griebenschmalz. An der Wand hing das Selbstporträt von Albrecht Dürer, aber das hatte auch schon in der Speisekammer in Kochel gehangen und war so verraucht, daß nur noch die Augen durch den Firnis schimmerten. Auf dem Tisch lagen die Spielkarten, die Messingbüchse mit dem Tabak und ein paar Pinzetten. Mit den Pinzetten zupfte sie sich Nagelwurzen aus. Die Nagelhäute waren halb über die Nägel gewachsen und ihre Hände sahen aus wie Vogelkrallen. Ich war froh, daß sie zu uns nach Ried gezogen war.

Hinter dem Haus hatte mein Vater einen Hasenstall gebaut. In den Käfigen warteten Belgische Riesen und Blaue Wiener darauf, geschlachtet und gebraten zu werden. Auf der Küchenanrichte lag sein Zettel, auf dem stand, was ich zu tun hatte. Ich mußte das Fahrrad putzen, die Aschentonne in die Müllgrube bringen, den Schuppen kehren, den Keller aufräumen, den Splitt um das Haus rechen, Unkraut jäten und Hasenfutter pflücken. Aber Hasenfutter pflückte meine Großmutter, Schirling und Löwenzahn, Breitwegerich und Spitzwegerich. Die Aschentonne fuhr meine Mutter zur Kippe, den Keller räumte sie auch auf, der Schuppen war schnell gekehrt. Bevor er von der Arbeit kam, fuhr ich mit dem Fahrrad durch eine Pfütze, damit der Dreck frisch aussah.

Ich fing an, ihn zu hassen. Mit jeder Arbeitsanweisung, die auf der Anrichte lag, haßte ich ihn mehr. Ich träumte, daß er mir als Bleimännchen auf den Schultern hockte und dalli dalli rief, während ich die Mülltonne einen Berg hochschob. Manchmal fuhr er mit dem Zug weg. Er hatte einen schwarzen Koffer dabei, der Zug verschwand im Nebel und ich wußte, daß er nicht zurückkommen würde. Das war gut. Aber als ich aufwachte, hörte ich im Gang seine Stimme.

Am Abend hinkte er den Lehmweg von der Bundesstraße runter. In der Hand schwenkte er die Aktentasche. Im Gesicht stand schlechte Laune. Er machte eine Babyschnute und zog die Laune wie einen grauen Schleier hinter sich her. Er stellte die Tasche in den Flur und inspizierte den Hasenstall, die Johannisbeersträucher, das Frühbeet und den Komposthaufen.

Ich hörte seine Schuhe auf dem Splitt. Ich hörte, wie er in den Schuppen ging.

»Hast du den Schuppen gekehrt?« fragte meine Mutter.

»Ja«, sagte ich.

»Hast das Fahrrad geputzt?«

»Das ist wieder dreckig«, antwortete ich.

»Er ist fleißig gewesen«, behauptete meine Mutter.

Mein Vater setzte sich an den Tisch und meine Mutter trug das Abendessen auf. Er schöpfte sich den Teller voll, löffelte, gabelte, kaute und wischte den Teller mit Brot aus.

Er sagte: »Beim Essen spricht man nicht!«

Oder: »Man kaut nicht mit offenem Mund!«

»Wenn Erwachsene reden«, sagte er, »haben Kinder den Mund zu halten.«

»Er hängt die Handtücher schief auf«, petzte mein kleiner Bruder. »Er macht die Schubladen nicht zu.«

In der Ecke hing das Kruzifix und neben dem Kachelofen tickte die Kuckucksuhr. In der Küche spülte meine Mutter Geschirr. Ich trocknete ab. Im Radio kamen die Nachrichten. Auf dem Bahndamm schlugen Zugtüren. Ich wünschte mir, der Tölzer Kurier würde ihn schlucken. Aber er legte die Zeitung zusammen und sah sich die Hausaufgaben an. Weil er die fehlenden i-Punkte zählte, sah er die wichtigen Fehler nicht.

»Warum sind die letzten drei Zeilen leer?«

Ich quetschte die Wörter in die Zeilen. Das war jeden Tag das Gleiche.

Die Hand wurde bei jedem Wort steifer. Die Buchstaben klebten zusammen. Er holte seine schwarzleinernen Schulhefte aus der Kredenzschublade und legte sie auf den Tisch. Er hatte sie alle aufgehoben. Die Buchstaben waren gezeichnet und nirgends war ein Tintenklecks. Die Seiten waren alle voll und wenn irgendwo Platz geblieben war, hatte er ein Bildchen darunter gemalt. Der Lehrer hatte ihm gute Noten gegeben.

»Auf ab auf«, sagte er, »Pünktchen drauf!«

Er zeichnete ein I.

»Das ist ein deutsches M. Das ist ein deutsches N. So schaut das S aus und so das Ringel-S und so das scharfe S.«

Er spitzte den Mund beim Schreiben und ich tat, als interessierte mich, was er erklärte. Wäre er nicht der Herr im Haus gewesen, hätte ich vielleicht gemerkt, daß er wie die meisten Herren ziemlich blöd war.

Ich mochte die deutsche Schrift nicht. Sie sah aus wie der Staketenzaun, den ich streichen mußte. Das Ringel-S hing wie ein Schweineschwanz an den Wörtern und wenn ich E und M und N schrieb, begann die Stahlfeder zu spritzen. Die Tintenpünktchen schlugen wie eine Maschinengewehrsalve ein und Hauptlehrer Herz zeichnete mit rotem Stift an jeden Einschlag einen Schwanz und so hüpften lauter kleine Säue durch das deutsche Schönschreibheft.

Hauptlehrer Herz trug Kniebundhosen und Kniestrümpfe mit Zopfmuster. Das Haar saß ihm wie ein weißer Helm auf dem Kopf und wenn der Unterricht begann, legte er einen großen Block mit Millimetermuster auf den Tisch und trug das Wetter ein. Am Monatsende riß er das Blatt ab und befestigte es an der Tafel, damit jeder Schüler das Monatswetter sehen konnte. Es bestand aus zentimeterweise zusammengestückelten Temperaturgebirgen und Barometerständen.

»Vor einem Jahr«, sagte er, »ging das im Mai runter, runter, runter und dann plötzlich, da ging es wieder hoch. Und vor zehn Jahren –«

Ich mochte ihn, weil er nicht wollte, daß ich auf die Oberschule wechselte.

»Wenn der Vater ein Bauer ist«, sagte er, »dann soll der Sohn auch ein Bauer sein, wer holt denn sonst das Heu ein?«

»Was ist dein Vater?«

»Schreiner.«

»Und was willst du werden?«

»Schreiner.«

»Und deiner?«

»Schlosser.«

»Und du?«

»Pilot.«

»Wozu?«

»Damit ich fliegen kann.«

»Du fliegst noch früh genug«, sagte er, »aber ich werde dafür sorgen, daß du nicht von der Oberschule fliegst. Da laß ich dich nämlich gar nicht hin.«

»Was willst du werden?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich, denn ich wußte nur, daß ich kein Maurer wie mein Vater werden wollte.

»Und du?«

Dieter sagte: »Feinmechaniker.«

Hauptlehrer Herz drehte sich mit dem Gesicht zur Tafel. Dann ballte er die Fäuste und boxte dagegen. Als er sich umdrehte, grinste er wie ein Wasserspeier. Er holte den Haselnußstecken vom Fensterbrett und legte ihn auf das Pult. Er war sechzig Zentimeter lang und fingerdick und brannte auf dem Arsch oder den Fingern. Es gab immer zwei, vier oder sechs, denn Hauptlehrer Herz mochte die geraden Zahlen. Wenn ich die Hände hinstreckte, bog ich die Finger durch, damit sie nicht anknacksten und nur die Daumenballen blau wurden. Das war nicht schlimm, denn danach waren die Finger eh taub.

»Feinmechaniker«, sagte er.

Die Krähen in den Bäumen vor den Fenstern schrien höhnisch: »Ark ark ark.«

»Feinmechaniker, aha.«

»Wer weiß, was ein Feinmechaniker ist? Keiner? Du?«

»Wer was Feines zusammensteckt.«

»Auch eine Blume ist was Feines, aber wer Blumen zusammensteckt, ist trotzdem noch kein Feinmechaniker. Ein Uhrmacher ist ein Feinmechaniker oder einer, der ein Barometer herstellt, damit das zeigt, was für Wetter wird. Ein Feinmechaniker, der klemmt sich eine Lupe ins Auge, damit er die feinen Zahnräder sieht, die er zusammenschraubt. Was braucht ein Feinmechaniker?«

»Einen Schraubenzieher.«

»Pinzette.«

»Was noch?«

»Eine ruhige Hand.«

»Eine ruhige Hand«, sagte er, »sehr gut. Und Ordnungssinn. Ord-nungs-sinn! Und warum?«

»Damit die Zahnräder nicht durcheinandergeraten.«

Dieter saß in der letzten Bank. Mit seinen Schielaugen sah er aus wie ein Fuchs. Sein Schulranzen war ein Tornister aus dem Ersten Weltkrieg.

»Ordnung«, sagte Hauptlehrer Herz und kippte den Inhalt auf das Pult. Die Schulbücher waren zerfleddert, die Hefte hatten sich aufgelöst, da und dort hatte er eine Zeile hingeschrieben. Der Hauptlehrer bekam erst einen weißen Rand unterm Haaransatz. Dann schwoll der Schädel rot an und als er vor Wut zu platzen drohte, schleuderte er Hefte und Bücher über die Bänke. Danach keuchte er, als hätte er sich selbst befriedigt.

Dieter stopfte den Müll wieder in die Tasche, setzte sich in die letzte Bank und schielte ins Leere. Er wohnte bei seinen Großeltern im Dachgeschoß eines Bauernhauses. Auf dem Schulweg lief er alleine, wie das die Art von Füchsen ist. Manchmal jagten wir ihn, warfen mit Steinen und ich wunderte mich, wenn er getroffen wurde und ihm das Blut übers Gesicht lief. Er stand da, wischte es mit dem Ärmel ab und schielte nach einem Ausweg. Plötzlich rannte er wieder los, rannte über Wiesen, kletterte über Zäune und als ich ihm nahekam, begann er neben einem Baum ein Fuchsloch zu buddeln. Dabei entdeckte er das Geheimnis der Bäume. Ich konnte es nicht glauben, aber zwischen den Wurzeln wuchs Geld. Zehn Pfennig, eine Mark. Er hob es hoch, schielte und rannte zum nächsten Baum. Er scharrte und grub mit seinen Pfoten. Er schnupperte von Baum zu Baum. Ich roch das Geld nicht. Ich wühlte zwischen den Wurzeln und fand nichts außer Steinen und Glasscherben. Dieter war der Einzige, der eine Fuchsnase hatte. Zuletzt entdeckte er die Geldbörse des Hauptlehrers. Er behauptete, daß er sie gerochen hätte, aber das half ihm nicht. Er hatte dem Lehrer schon öfter was geklaut. Kurz danach kam er in ein Erziehungsheim.

Seit Herr Milde meiner Großmutter zwischen die Beine geschossen hatte, ging sie in eine andere Füllgrube zum Alteisensammeln. Ich sah nach der Schule von ferne Rauch aufsteigen und fuhr mit dem Rad den geschotterten Weg am Bahngleis entlang. Während sie in den Müllhaufen stocherte, setzte ich mich ans Feuer, fütterte es und drehte ihr Zigaretten. Es roch nach Fäulnis, Odel und Rauch. Das roch ich lieber als die Ölböden im Klassenzimmer oder den Bohnerwachsgeruch zu Hause. Ich ging nicht gerne in die Schule und nach der Schule ungern nach Hause. Da wartete auf der Anrichte der Arbeitszettel. Ich stocherte im Feuer, suchte nach einer Ausrede und dachte an Amerika oder eine Höhle in den Bergen, in der ich mich verstecken könnte, bis ich erwachsen wäre.

»Der Altmaterialhändler zahlt immer weniger«, jammerte meine Großmutter. »Bald zahlt er gar nichts mehr. Er kommt nur noch alle sechs Wochen.«

»Jaja, Weibi«, sagte Hans.

Er hockte vor einem Holzhäuschen und bewachte den Müll. Am Morgen kurbelte er eine Schranke hoch und am Abend ließ er sie herunter. Wahrscheinlich hatte die Gemeinde die Schranke installieren lassen, damit er Arbeit hatte. Zwischendurch watschelte er den Drahtzaun entlang, der sich um die Halde spannte, und rupfte das Papier aus den Maschen. Nachts wehte es der Wind, der meist aus dem Westen blies, wieder dagegen. Seit ihn die Amerikaner aus Dachau befreit hatten, hauste er in der Kammer eines Gasthofs. Eine Holztreppe führte hoch. Dahinter war Dunkel. Er hatte ein Altweibergesicht und trug eine Fellachenhose. Wenn er etwas Schönes im Müll fand, legte er es beiseite.

»Schau, Bub«, sagte er, »schau, was ich da hab.«

Neben der Tür lag eine überfahrene Ente.

»Eine Ente«, sagte er, »die hat ein Auto überrollt. So geht’s, jetzt ist sie hin. Sie hat über die Straße gewollt und nicht aufgepaßt.«

Ich stocherte in den Müllhaufen, die Züge fuhren um zwei und viertel nach drei und um fünf vorbei. Ich dachte an die Höhle in den Bergen, in der ich mich verstecken und warten würde, bis ich groß wäre – und an den Arbeitszettel auf der Anrichte. Zuletzt blieb mir nur die Ausrede, daß ich meiner Großmutter geholfen hatte. Als ich nach Hause kam, war auch mein Vater von der Arbeit zurück. Er zog gerade die Gummistiefel aus und wußte schon, daß ich eben erst aus der Schule zurückgekommen war. Er schlug mir den Schaft ins Gesicht.

Als ich im Bett lag, rechnete ich, wie lange es dauern würde, bis ich groß wäre. Es waren noch unendlich viele Jahre. Ich betrachtete den Speer, der in die Luft ragte und den Cowboy mit der Flinte in die Brust treffen würde, und verstand einfach nicht, weshalb sich die Bilder nicht in Bewegung setzten.

Als der Alteisenhändler ausblieb, sah ich meine Großmutter nur noch selten auf den Müllkippen. Sie lief über die Wiesen, pflückte Hasenfutter oder sammelte Holz. Im Schuppen hatte sie einen Platz, wo sie es stapeln konnte. Dort lagen dürre Äste und manchmal beobachtete ich, wie sie, bevor sie einen Korb damit vollpackte, aus dem Stapel daneben ein paar Buchenscheite stahl und in den Korb legte.

»Ich brauch den Alteisenhändler nicht mehr«, sagte sie, »denn wenn’s so nicht geht, dann geht’s anders. Wenn du aufpaßt, mach ich dir ein Brot mit Grammeln. Und eine Zigarette kriegst du auch. Aber du darfst es nicht weitertratschen. Vor allem deinem Vater nicht. Der geht sonst zur Polizei und dann nähen sie uns ein.«

Ich war aufgeregt, als ich loslief und unter der Eisenbahnbrücke auf sie wartete. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber es war etwas Ungewöhnliches, etwas Verbotenes wie damals im Leichenhaus, als die Leichenfrau Schmiere gestanden hatte. Das hatte ich auch niemandem erzählt und mein Vater wäre der Letzte gewesen, dem ich etwas verraten hätte. Er war in der SPD, schwärmte vom Arbeitsdienst und wie er sich Mark für Mark das Geld für seine Adler zusammengespart hatte.

»Er ist ein Krauter«, sagte meine Großmutter. »Er hat deine Mutter nur geheiratet, weil er sonst keine ins Bett gekriegt hat.«

Sie steckte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger und ich überlegte, was das für ein Geheimzeichen war und wozu er sie ausgerechnet ins Bett kriegen wollte. Sie klapperte mit ihrer Milchkanne vor mir her, aber die Milchkanne klapperte anders als sonst. Als wir zum ersten Ameisenhaufen kamen, mußte ich mich ans Ende des Pfades stellen und pfeifen, wenn jemand kam.

»Ich melk die Ameisen«, sagte sie.

Ich spähte hin zu ihr, weil ich sehen wollte, wie sie das machte, und mir nicht vorstellen konnte, wie man eine Ameise melkt. Aber sie nahm nur Medizinfläschchen aus der Kanne, grub mit einem Stock den Haufen auf, setzte sie rein und buddelte die Löcher wieder zu.

»Ich hab in jede Flasche einen Tropfen Spiritus getan«, sagte sie, »da steigen sie rein und schiffen dazu, denn wenn eine Ameise Spiritus säuft, kann sie nicht anders und in vierzehn Tagen sind die Flascherl voll. Dann verkauf ich sie, aber nicht dem Apotheker, weil der sonst den Förster verständigt.«

Sie verkaufte die Ameisensäure an die alten Weiber aus dem Dorf, denen sie jetzt aus den Karten die Zukunft deutete. Und an Joseph, der auf die Kühe aufpaßte und dem es im Krieg die Hand abgerissen hatte. Der Chirurg hatte Elle und Speiche gespalten und sie in Lederhüllen gesteckt. Elle und Speiche waren mit rosa Haut überwachsen, an den Enden hatten die Nähte eine Hornhaut gebildet. Er konnte sie wie eine Zange bewegen und wenn es in der Nacht nicht kalt und im Herbst nicht feucht gewesen wäre, hätte ihm der Sauerbrucharm nicht wehgetan.

»Wenn der Sauerbruch nicht wäre, hätte ich einen Haken dran«, sagte er, »und ein Gewinde für eine Baumschere.« Er ließ sich von meiner Großmutter Ameisensäure in die Hand schütten und rieb Speiche und Ellbogen ein.

»Aha«, sagte er, »ich spür’s schon.«

Der Weg zu seiner Hütte war weit und steinig. Es ging den Berg hoch, dann hinunter und wieder hoch. Auf der Almwiese grasten Kühe und manchmal ein paar Pferde. Aus einem Bleirohr schoß ein Wasserstrahl in einen ausgehöhlten Eichenstamm. Vor der Hütte standen ein Tisch und eine Bank, von wo aus er die Bergwiese sehen konnte. Er wohnte im vorderen Teil und dahinter war ein Kuhund Pferdestall. Als ich durchs Fenster spähte, sah ich Bett, Tisch, Stuhl und eine Karbidlampe. An die Wände hatte er Bilder von Filmschauspielerinnen aus Illustrierten geklebt. Eines zeigte eine mit einem nackten Busen.

Er rauchte Weiße Eule, im Gesicht standen Bartstoppeln und an seinen Gummistiefeln klebte Kuhscheiße.

»Zweimal hat es mich erwischt«, sagte er. »Erst die Partisanenkugel und dann die vom Jäger, als ob einmal nicht gereicht hätte.«

Er knöpfte das Hemd auf, zeigte uns die Narbe und spuckte ins Taschentuch, aber jetzt, da er es zeigen wollte, war kein Blut in der Spucke.

»Gestern hat’s wieder geblutet«, behauptete er, »aber auf nichts ist Verlaß. Und vor ein paar Tagen ist ein schwarzer Bruder hochgekommen und wollt die Kühe taufen. Wie er die Nackerte gesehen hat an der Wand, hat er das Kreuz geschlagen und wollt’s runterreißen. Die klebt fest, hab ich gesagt, und da bleibt sie, denn eine mit einem nackten Busen ist mir lieber als dein Segen.«

»Die Ameisenschiffe kannst dir auch da draufschmieren«, sagte meine Großmutter. »Dann springt er hoch, schneller als du schauen kannst.«

»Aha«, sagte er, »dann kannst mir gleich noch eine Flasche geben. Nur mit der Bezahlung mußt warten. Kriegst ein Kilo Butter dafür.«

Ich stieg hoch zu ihm, um die Butter zu holen. Er wollte wissen, wie meine Großmutter die Ameisensäure gewann, aber ich verriet es ihm nicht.

»Hab ich mir schon gedacht«, sagte er, »daß ihr zwei zusammensteckt. Aber wenn du schon mal hier bist –«

Ich lief mit ihm in den Wald. Er trug ein Beil in der Hand und ich einen Sack. Zwischen seinen Lippen steckte ein kalter Stumpenstummel. Er wußte, wo in den Bäumen die Krähennester waren. Wenn er mit dem Beil gegen die Stämme schlug, flogen die Alten auf. Dann flatterten sie über den Wipfeln und sahen mir zu, wie ich hochkletterte. Sie schrien vor Wut und Joseph fuchtelte mit der Axt, obwohl er weit unten war. Ich schlug mit dem Sack nach dem Pack. Dann stopfte ich die Jungen hinein. Als Joseph ihnen die Federn rupfte, hockten die Alten auf dem Zaun und verfluchten uns. Aber das machte nichts. Ein paar briet er in Schmalz und aus den anderen kochte er Suppe. Das Fleisch war zart und er schob mir die Mostflasche über den Tisch, dann ließ ich den sauren Most die Kehle hinunterlaufen und lachte, weil die Alten immer noch schrien und ich ihnen die Jungen geklaut hatte.

»Kommt nur her«, rief ich und drohte mit dem Beil. »Dann hack ich euch die Flügel ab.«

»Die sind wie die Pfaffen«, sagte Joseph. »Sobald sie Aas riechen, sind sie da. Mich können sie mal im Misthaufen begraben. Das ist mir lieber, als wenn mir einer den Segen hinterherschickt.«

»Mir auch«, sagte ich.

Ich mochte sie so wenig wie er. Meine Großmutter nannte sie Pfaffen und Joseph schwarze Brüder, denn sie wohnten im Kloster und trugen schwarze Kutten. Es waren Salesianer und den Salesianerorden hatte Don Bosco gegründet. Deshalb erzählte der Kaplan im Religionsunterricht, was Don Bosco für ein braver Bub gewesen war, bevor er es schaffte, heilig zu werden. Er hatte alten Frauen das Holz nach Hause getragen, der Mutter geholfen, dem Vater gehorcht und sein Pausenbrot an räudige Hunde verfüttert, obwohl er selbst Hunger hatte. Manchmal hatte er auch Streiche gespielt. Aber dann war er plötzlich verschwunden und alle hatten ihn gesucht, weil sie ein Unglück befürchteten. Doch er saß in der Kapelle und betete für die Armen. Als man ihn entdeckte, leuchtete zum ersten Mal der Heiligenschein über seinem Kopf.

Der Kaplan hatte ein rundes Gesicht. Seine Stimme war so sanft, als ob ihm ein Engel auf der Zunge tanzte. Er lud alle Jungen ein, ins Knabenheim Don Bosco zu kommen.

»Ein Pfadfinder«, sagte er, »begeht jeden Tag eine gute Tat.«

Ich lief mit ihm und der Gruppe ins Moor bis hinunter zur Loisach. In der Luft jagten Krähen einen Bussard. Auf den sauren Wiesen tuckerten Traktoren. Ich rannte zu einem Gebüsch, aber hinter dem Gebüsch war nicht einmal eine gute Tat. Andere fragten einen Bauern, ob sie helfen könnten.

»Verschwindet«, sagte der Bauer.

Der Kaplan stand auf dem Weg und lächelte.

»Das ist Don Bosco auch so gegangen«, sagte er, »manche Leute wollen sich nicht helfen lassen.«

Als wir zur Loisach kamen, floh der Bussard übers Moor nach Westen. Da drehten wir um, kehrten zum Kloster zurück und er bugsierte mich in die Kirche. Ich setzte mich in die erste Reihe und er stellte sich vor die Bänke und versteckte seine Hände in den Schlitzen der Soutane. Aus den Seitenaltären schauten Gipsheilige und auf einem Wolkenberg des Deckengemäldes ragte das Kreuz, darüber saß Gott. Über seinem Kopf flog eine Taube im Strahlenkranz.

»Wenn man will«, sagte der Kaplan, »findet man immer Gelegenheit für eine gute Tat. Aber deswegen bin ich nicht mit euch in der Kirche. Warum, meint ihr denn, bin ich mit euch in das Haus Gottes gegangen?«

»Wegen der heiligen Kommunion.«

»Bald werdet ihr die heilige Kommunion empfangen«, sagte der Kaplan. »Dann werdet ihr Zeugen Christi sein. Aber wer war denn das, dieser Jesus Christus?«

»Das war der Sohn Gottes.«

»Und was hat der für uns gemacht?«

»Uns erlöst.«

»Erlöst hat er uns, genau. Und wodurch hat er uns erlöst?«

»Durchs Kreuz.«

»Und warum hat er sich ans Kreuz schlagen lassen, wenn er doch der Sohn Gottes war?«

»Aus Liebe.«

»Aus Liebe zu uns, damit er uns erlöst von unseren Sünden«, sagte der Kaplan, »und wenn ihr sein Fleisch und Blut esset, schließt ihr einen Bund mit ihm. Und was für einen Lohn werdet ihr bekommen?«

»Wir kommen in den Himmel.«

»Kommen denn alle in den Himmel?«

»Nur wer keine Todsünde begangen hat. Die eine Todsünde begehen, kommen in die Hölle.«

»Reicht es, daß man keine Todsünde begangen hat?«

»Man muß in der katholischen Kirche sein.«

»Warum?«

»Weil das der richtige Glaube ist.«

»Man muß den richtigen Glauben haben«, sagte er, »sonst hilft es nichts, wenn du dich an die zehn Gebote hältst. Darum müßt ihr Gott danken, daß er euch den richtigen Glauben geschenkt hat. Wer kommt denn nicht in den Himmel?«

»Die Juden.«

»Warum nicht?«

»Weil sie Jesus gekreuzigt haben.«

»Alle, die nicht den richtigen Glauben haben«, wiederholte er, »kommen nicht in den Himmel, keiner von denen. Aber wenn sie den richtigen Glauben annehmen, verzeiht Gott ihnen und nimmt sie auf in seinen Bund mit Jesus Christus. Sogar die Juden, denn er ist gnädig und meint es gut mit uns und darum hat er auch seinen eigenen Sohn geopfert, der am Kalvarienberg Blut geschwitzt hat.«

Er faltete die Hände und drehte die Augen zur Decke.

»Herr Jesu Christ«, betete er.

Ich war froh, als ich aus der Kirche kam. Es war nicht einmal Sonntag und draußen war Licht. Der Kaplan schritt langsam vor uns her zum Knabenheim. Als ich aufs Fahrrad stieg, sagte er: »Es gibt noch Leberwurstbrote und Limonade, willst du nicht mitkommen?« Aber ich wollte weg.

»Ich muß nach Hause«, log ich.

»Ja, wenn du nach Hause mußt«, meinte er, »wenn das deine Mutter gesagt hat …«

Ich spürte, wie er mir nachsah und daß er nicht lächelte. Aber daß er ein paar Abende danach an der Haustür stehen und klingeln würde, ahnte ich nicht.

»Nur einen Besuch abstatten, Ihr Sohn wird ja bald zur Kommunion gehen. Da haben Sie aber ein schönes Kruzifix hängen«, schmeichelte er sich ins Haus und an den Tisch und stocherte mit der Gabel ein paar Bissen vom Guglhupfstück ab.

»Sehr gut«, sagte er, »was haben Sie denn da alles reingetan?«

»Butter, Eier und Rosinen«, sagte meine Mutter.

»Das schmeckt man«, säuselte der Kaplan und ließ die Hälfte stehen.

Sie redeten über Gott, die Kommunion und mich. Das Zimmer wurde eng und die Luft dick. Hinter der Rauchglocke, die mein Vater auf den Tisch setzte, sah ich, wie er nickte und der Kaplan wieder im Guglhupf stocherte.

»Wenn Ihr Sohn nachmittags nicht so früh nach Hause müßte, könnte er noch im Knabenheim spielen«, hörte ich ihn jetzt.

»Aber er muß doch gar nicht heim.«

»Hast du denn woanders hingemußt?« fragte mich der Kaplan.

Wie süß seine Stimme klang! Wie neugierig!

»Wo bist denn hin?« fragte mich mein Vater.

»Hausaufgaben machen.«

»Warum machst sie nicht vorher?«

»Ja«, sagte der Kaplan, »deine Hausaufgaben solltest du vorher machen. Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.«

Da war mir klar, daß er mich durchschaut hatte. Auch meine Mutter wußte es, denn sie trocknete sich die Hände an der Schürze ab, obwohl sie nicht naß waren. Nur mein Vater kapierte nichts, das war das Beste an ihm. Er holte die Millimeterpapierrolle aus dem Schrank, breitete sie auf dem Tisch aus und stellte auf jede Ecke Tassen und den Aschenbecher. Wahrscheinlich wollte er, daß ihm der Kaplan eine Eins in Religion gab. »Sehr schön«, log der, »wer hätte gedacht, daß Sie ein Künstler sind? Wirklich sehr schön.«

Ich sah meinem Vater zu, wie er ein paar Tage später den Spruch vom Papier auf die Stelle unter dem Dachfirst übertrug. Es war an einem Samstag. Ich mußte mein Fahrrad putzen, aber kaum war ich damit fertig, verdrückte ich mich hinter den Hasenstall und die Johannisbeersträucher und stieg den Bahndamm hoch. Als er nach mir rief, saß ich schon auf dem Boden der Blockhütte, die auf dem Bahndamm stand. Dort oben roch es nach terpentingetränkten Balken und Brettern. In der Ecke lag ein Besen und daneben stand ein Eimer mit Sand. In den Lichtstreifen, die durch die Dachziegel drangen, tanzten Staubpartikel. Es waren so viele, daß ich mich fragte, ob es eine Zahl gab, die so groß war, daß alle darin Platz hatten. Durch die Luke im Dach konnte ich auf den Garten und das Haus sehen.

Statt mir stand nun mein Bruder neben ihm und half. Sein Gesicht war wieder weiß vom Schwanenweiß und auf dem Kopf hatte er eine Malermütze aus Zeitungspapier. Er sah sich um, wo ich abgeblieben war. Zum Glück wußte er nicht, daß ich mich in der Bahnhütte versteckte.

Er reichte meinem Vater Bleistift, Holzlineal und später den Pinsel. Der lag auf einer Staffelei, die er auf den Balkon gestellt hatte. Erst zeichnete er mit dem Lineal ein Gittermuster an die Wand. Dann übertrug er mit einer Schablone Buchstaben für Buchstaben. Ich kannte den Spruch schon, aber ich beobachtete den ganzen Nachmittag, wie er zeichnete und die Buchstaben mit braunroter Farbe ausmalte.

Ich las G und o und t und t. Es waren dieselben Buchstaben wie auf der geschnitzten Tafel, die noch an der Schuppentür hing. Ich hoffte, er würde einen übersehen und einen Fehler machen und mein Lehrer würde vorbeikommen und sagen, da ist ein Fehler drin, und auf den Balkon hochsteigen und mit rotem Stift den Fehler ankreuzen. Aber er schrieb fehlerfrei und von da an stand »AN GOTTES SEGEN HAT ALLES GELEGEN« unter dem First des Hauses.

Bald darauf mußte ich tatsächlich zur Kommunion. An einem Sonntag im Frühsommer, als die Wiesen weiß waren von Schaumkraut. Ich ging in die sechste Klasse und der Lehrer hieß Schmitt und stammte aus Bamberg, wo es in der Burg einen echten Bären gab. Er prügelte gerne auf unsere Finger, betete vor dem Unterricht länger als die anderen und setzte sich selbst in den sündenverschwitzten Beichtstuhl, bevor seine Schüler ihre Schuldlisten abtrugen. Ich versuchte zu verstehen, was er erzählte, aber er flüsterte so leise, daß nur ein Nuscheln zu hören war. Aus dem Gemälde im Seitenaltar stierten Augen.

Ich tat, was ich konnte, um die heilige Kommunion zu verhindern. Ich kreuzte die Finger und im Beichtstuhl die Beine. Aber es half alles nichts. Auch meine Großmutter zuckte mit den Achseln.

»Gehst halt hin«, sagte sie. »Da kann ich dir auch nicht helfen.«

Sie kam herunter, holte sich ein Stück Guglhupf und sah meinem Vater zu, wie er die Kakaohaut aus der Tasse angelte und verschlang.

Ich sagte: »Mir tut der Bauch weh.« Ich preßte die Hände dagegen.

»Das kommt davon, daß du Hunger hast«, sagte mein Vater. »Nach der Kommunion kannst du was essen.«

»Aber das kommt nicht vom Hunger«, protestierte ich.

Mein Bruder sang Oh Haupt voll Blut und Wunden und freute sich, daß ich zur Kommunion mußte. Er freute sich jeden Sonntag auf die Kirche, nur weil er wußte, daß ich sie haßte.

»Ein Glas Milch darf er ja trinken«, sagte meine Mutter.

Ich würgte die Milch hinunter. Nie wieder fühlte ich mich so elend wie an diesem Frühsommervormittag. Ich steckte in einem grauen Glencheckanzug, dessen Hosenbeine zu weit und zu kurz waren, und in der einen Hand hielt ich eine weiße Kerze mit goldenem Kreuz, in der anderen einen schwarzen Katechismus und in der Jackentasche klimperte in einer Plastikschachtel der Rosenkranz. Ich lief neben meinen Eltern an den Häusern vorbei. In den Blumen und Gemüsegärten hockte grinsend mein Elend. Mein Bruder hüpfte vor uns her und sang. Es war, als zöge er mich an einer Leine aus Bosheit hinter sich her.

»Oh Haupt voll Bluuut und Wuuunden.«

Ich hörte, wie er es genoß, daß ich zum Jesusfleischessen geführt wurde.

»Oh Haupt voll Bluuut und Wuuunden.«

Ich hielt die Luft an und versuchte mich unsichtbar zu machen, aber es wirkte nicht. Die Gespensterchen auf dem Weg zur Kirche sahen mich sofort. Sie trugen weiße Kleidchen und weiße Strümpfe, weiße Handschuhe und weiße Kerzen und freuten sich, daß ich wie sie Jesusfleisch essen und Blut trinken mußte.

In der Kirche stank es nach Weihrauch und Frömmigkeit. Die Wangen des Dekans wabbelten, als ich mich hinkniete und er die Hostie vierteilte. Er hielt mir ein goldenes Tellerchen unters Kinn. Als ich die Zunge rausstreckte, war sie so taub, wie meine Lippen es gewesen waren, als ich sie auf die Fußsohle des toten Lehrers gedrückt hatte. Der Leib Jesu war weich und pappig. Ich versuchte ihn hinunterzuwürgen, aber er klebte am Gaumen. Da versteckte ich mein Gesicht in den Händen, wie es auch die anderen taten, um vorzutäuschen, daß ich betete. Aber ich betete nicht. Hinter meinen Fingern fiel mir ein, wie ich das Zeug loswerden konnte. Ich durfte es nicht schlucken. Ich mußte es vorsichtig mit der Zungenspitze vom Gaumen lösen und unter die Zunge schieben. Ich mußte warten, bis ich alleine war. Nach der Messe würden wir zur Feier des Tages in eine Gaststätte gehen und dort essen. Als wir die von Kühen verschissene Dorfstraße entlang zur Gaststätte Post liefen, begann der Papp unter meiner Zunge flüssig zu werden. Ich redete nicht.

»Jetzt hast du die Kommunion gekriegt«, sagte meine Vater. »Was willst du denn essen in der Wirtschaft?«

»Geht es deinem Bauch wieder besser?« fragte meine Mutter.

Ich sagte: »Hmmm.«

»Wie schmeckt der Jesus?« wollte mein Bruder wissen.

»Das ist nur eine Oblate«, sagte meine Mutter, »die schmeckt so wie die Oblaten von den Kokosbusserln zu Weihnachten.«

»Schmeckt die so?« fragte mein Bruder.

»Hmmm«, sagte ich.

»Das ist aber der Leib Jesu«, sagte mein Bruder, »das hat der Kaplan gesagt.«

»Der schmeckt aber auch so«, sagte meine Mutter, »weil er das nur wird, wenn der Pfarrer Weihwasser draufspritzt.«

»Der hat aber kein Weihwasser draufgespritzt.«

»Dann halt durch die Spucke«, sagte meine Mutter.

»Jetzt ist er im Bauch«, sagte mein Bruder.

»Hmmm«, sagte ich.

Als wir uns an einen der Tische im hinteren Gastraum setzten, ging ich auf die Toilette, sperrte zu und spuckte den Jesusbrei in die Toilettenschüssel.

Den Tod sah ich, als ich Ernst von zu Hause abholen wollte, um mit ihm zur Alm hochzusteigen und Joseph zu besuchen. Meine Großmutter hatte mir wieder eine Medizinflasche voll Ameisensäure mitgegeben. Der Tod war schon im Haus. Vor dem Gartentor stand der Notarztwagen, mit dem er gekommen war, und als ich den Gartenweg zum Haus ging, kam er hinter der Garage hervor. Er machte ein ernstes Gesicht und als er an mir vorbeiging, hörte ich ihn keuchen. Er trug ein Ende der Tragbahre, auf der Ernsts Vater lag. Dessen Gesicht war weiß und ich sah, wie er sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn wischte. Er grüßte mich.

»So schön möchtest du es wohl auch haben«, sagte er, »daß man dich herumträgt und mit dem Auto spazierenfährt.«

Frau Pauli stand neben der Garage und neben ihr stand Ernst.

»Heute kann der Ernst nicht weg«, sagte Frau Pauli, »sein Vati ist krank.«

Dann ging sie hinein.

»Mein Vati hat ein rotes Gesicht gekriegt«, sagte Ernst, »und immer ›Luft Luft‹ gesagt. Das kommt von dem Wein mit der Salzsäure, den er getrunken hat.«

Ich sah seinen Vater drei Tage später wieder, als er im Leichenhaus lag. Ich drückte die Nase an das Türglas und der Sarg kam mir wie ein kleines Boot vor, mit dem er gleich davonschwimmen würde. Es fehlten nur ein Anker und ein Segel. Vielleicht würde er dann einfach die Hand heben. Ich schaute lange, ob er blinzelte, und dachte, daß ihm meine Großmutter ihr Spiegelchen unter die Nase halten würde. In die Stirn fiel ihm eine schwarze Haarsträhne und sein Gesicht war wächsern. Er war sicher tot, denn er blinzelte nicht und die Haarsträhne strich er auch nicht mehr aus der Stirn. Als ich beim Begräbnis Frau Pauli die Hand geben wollte, sagte sie: »Laß nur, das hilft jetzt auch nicht mehr.«

Ein paar Wochen später kam der Tod zu uns zu Besuch. Ich erkannte ihn sofort wieder, als der Notarztwagen um die Kurve am Ende des Grundstücks bog. Er saß hinter dem Steuer und war dick. Er trug weiße Gummischuhe, eine weiße Hose und ein weißes Hemd, aber ich hatte keine Angst vor ihm, denn er war ganz freundlich, als er aus dem Auto stieg und fragte, wo meine Mutter sei.

»Im Wohnzimmer«, sagte ich. »Sie liegt auf dem Sofa.«

»Hat sie sich denn schon fertig gemacht?«

»Ja«, sagte ich, »sie hat die Tasche gepackt.«

»Dann ist es gut«, sagte der Tod.

Ich lief vor ihm her und machte die Haustür, die gläserne Gangtür und die Tür zum Wohnzimmer auf, damit er den Weg fand. Meine Mutter lag zusammengerollt auf dem Sofa und preßte die Fäuste in den Leib.

»Grüß Gott«, sagte der Tod. »Jetzt strecken Sie sich aus, wenn es geht, und wenn ich da draufdrücke und loslasse, sagen Sie, ob es wehtut.«

Er drückte ihr auf den Bauch und sie sagte: »Oh!«

»Das ist der Blinddarm«, sagte der Tod, »das kenn ich schon. Zur Zeit ist halt eine richtiggehende Epidemie mit den Blinddärmen. Was glauben Sie, was ich in letzter Zeit Blinddärme geholt hab. Keine Woche, in der es nicht einen Blinddarm gibt. Aber schlimm ist das nicht. Ich bringe Sie ins Krankenhaus und der Doktor schneidet ihn raus. Das merken Sie kaum und in einer Woche sind Sie wieder daheim. Haken Sie sich einfach bei mir unter.«

Meine Mutter hakte sich bei ihm unter und ging langsam und krumm an seinem Arm hinaus.

»So«, sagte der Tod, »das ging ja wunderbar« und half ihr beim Einsteigen. »Legen Sie sich zurück. Gleich sind wir da.«

Sie lächelte und winkte aus dem Fenster, als das Auto wegfuhr. Als ich sie zwei Tage später im Krankenhaus besuchte, lag sie in einem weißen Bett und hatte keinen Blinddarm mehr. Ich brachte ihr einen Strauß Schneeglöckchen mit. Es war Frühling. Auf der Wiese vor dem Krankenhaus wuchsen Krokusse und auf den Bänken neben dem Weg saßen Patienten, schauten sich die Berge an und blinzelten in die Sonne. Die Blumenbeete dampften den Winter aus und über den Berggipfeln zerfranste der Föhn die Wolken zu Scharpies. Das Krankenzimmer war hell, denn die Fenster waren hoch. An der Wand hing ein schwarzes Kruzifix und in den weißen Rohrbetten lagen Frauen. Eines davon war leer.

»Die Schneeglöckchen sind schön«, sagte meine Mutter, »aber riechen tun sie nach nichts.«

Sie hatte Durst, denn nach der Operation durfte sie nicht trinken.

»Meine Lippen sind ganz trocken«, sagte sie, »siehst du?«

Sie waren rauh und aufgesprungen.

»Aber morgen darf ich was trinken und heute Abend kriege ich Suppe. Letzte Nacht bin ich aufgestanden und zum Waschbecken gegangen. Aber ich hab nur am Waschlappen gesaugt. Dann hab ich geträumt, daß ich einen ganzen Eimer Wasser trink, und wie der leer war, hab ich den Eimer wieder vollaufen lassen und noch mal ausgetrunken. Weggegangen ist der Durst davon nicht. Dann hab ich geträumt, daß der Sanitäter gekommen ist und gelächelt hat. Jetzt mag ich ihn nicht mehr.«

Sie zog das Nachthemd auseinander und zeigte mir das Pflaster über der Operationsnarbe.

»Der Blinddarm war schon ganz dick«, erzählte sie, »wie eine kleine Blutwurst. Und heute morgen haben sie die Frau geholt, die in dem leeren Bett gelegen hat, und ins Sterbezimmer gebracht. Das liegt am Ende vom Gang. Wer da reinkommt, kommt nicht mehr raus. Aber in ein paar Tagen bin ich wieder daheim. Dann trinken wir eine Flasche Heurigen, denn in ein paar Wochen muß ich noch mal ins Krankenhaus, weil der Doktor einen kleinen Leistenbruch entdeckt hat. Aber das dauert nur zwei, drei Tage.«

Als ich das Krankenzimmer verließ, stand der Tod am Gangende, lächelte und winkte mir, als er mich erkannte. Es roch nach Mullbinden und Kartoffelsuppe. Neben ihm stand Schwester Genoveva mit schwarzer Tracht und einer Haube auf dem Kopf. Ihr Hals war faltig und mit den hängenden Augenlidern und den schmalen Lippen sah sie aus wie eine Schildkröte.

Seit ich Ernst kannte, war ich oft mit ihm durch die Wälder und das Moor gestreift. Nachdem sein Vater gestorben war, wollte seine Mutter ihn nicht mehr nach draußen lassen. Ich lief immer öfter allein durch das Moor, auf die Müllkippe oder saß an Regentagen unter dem Biberschwanzdach der Bahnhütte. Ich drehte mir Zigaretten und pustete den Rauch in die Luft und beobachtete, wie er zwischen den Dachziegeln ins Freie stieg. Oder ich las die Sigurdheftchen, die ich mir von Ernst auslieh. Sie kosteten 50 Pfennige und er kaufte sich jede Woche eins. Die Bilder waren bunt und die Abenteuer spannend. Sigurd hatte blonde Haare und ein blankes Schwert. Damit gewann er jeden Kampf. Wenn er in eine Falle geriet, half ihm sein Freund Bodo heraus. Bodos Haare waren so schwarz, daß sie stellenweise blau wurden. Manchmal hob ich einen der Biberschwänze hoch. Ich sah den Müllfuhrenweg, das Grundstück, das Haus. Manchmal trat meine Mutter aus der Tür oder mein Bruder. Dann kam meine Großmutter zurück mit der Kanne oder einem Einkaufsnetz. Hin und wieder fuhr der Nachbar mit seinem Lloyd vorbei. Wenn er in der Kurve schaltete, krachte das Getriebe. Am Wochenende war mein Vater zu Hause. Sobald sich eine Gelegenheit bot, stieg ich auf den Boden der Blockhütte. Ich rauchte und sah ihm zu, wie er im Garten arbeitete.

Er legte den Weg zum Komposthaufen und zum Bohnenstangengerüst mit Steinplatten aus. Dann spitzte er mit einem Beil Holzpflöcke zu und schlug sie in die Erde. Von Pflock zu Pflock spannte er Spagat und stach mit einem Spaten den Rasen ab. Er legte Blumen- und Gemüsebeete an. Er trug eine blaue Arbeitshose, Gummistiefel und hatte die Ärmel seines karierten Hemdes hochgekrempelt. Er grub die Erde um, hinkte zum Schuppen und kam mit einer Kiste voller Gemüse- und Salatsetzlinge wieder. Dann bohrte er mit einem Pflock Löcher in die Erde und pflanzte sie ein. Es sah ganz harmlos aus, aber irgend etwas stimmte nicht.

Jetzt stand er am Staketenzaun und unterhielt sich mit dem Nachbarn. Von fern hörte ich seine Stimme. Es war die Nachbarschaftsstimme. Sie war so freundlich wie eine Lüge.

Ich stellte mir vor, ein Raumschiff wäre im Moor gelandet und ich aus der Luke gestiegen. Der fremde Stern sah eigenartig aus. Der Boden schwankte und quatschte unter meinen Füßen. In einem Bach floß Wasser und darüber hinweg führte eine Brücke. Aus einem Gebüsch muhte ein Tier. Es hatte Hörner auf dem Schädel, aber als ich mit meiner Strahlenpistole darauf schoß, rannte es davon. Jetzt konnte ich vorsichtig weitergehen. Der Weg war mit einem Gatter abgesperrt, aber ich stieg einfach darüber und lief durch die Wiese. Als ich auf den Bahndamm kam, sah ich die Hütte, stieg auf den Sandkasten neben den Bänken und zog mich durch die Luke hoch. Unter mir arbeitete ein Erdling. Er ging wieder zum Schuppen, spitzte Holzpflöckchen mit dem Beil zu und begann ein neues Beet anzulegen. Wieder grub er Erde um. Er hatte schon eine ganze Reihe von Beeten angelegt. Eines sah aus wie das andere. Dann rechte er die Erde vom Rasen und den Splitt vor dem Haus. Danach sah er sich um, ob auch alle Spuren verwischt waren.

Auf einmal begriff ich, daß die Gemüse- und Salatbeete in Wirklichkeit Gräber waren. Der Erdling, der sie als Beete tarnte, war der Gräbermann. Er wollte mich täuschen, aber ich durchschaute ihn. Ich würde dem Raumschiffkommandanten berichten, was auf diesem Planeten vor sich ging. Aber vorher mußte ich noch mehr herausfinden.

Als der Gräbermann ins Haus ging, stieg ich vom Hüttenboden und stahl mich in den Schuppen. Die Fahrräder standen da und eine NSU Quickly. Auf der Werkbank reihten sich Gläser mit Öl, Serpentin und Handwaschpaste. An einem Haken hing ein brauner Ledermantel mit Schulterklappen. In einer Schublade lagen Hämmer, Zangen, das Beil und ein Bajonett.

Ich stieg die Leiter in den Speicher hoch. In Pappkartons fand ich Kleidung, Hosen, Hemden, Jacken, Pullover, Strümpfe, Unterwäsche. Da war ein Hüftgürtel mit rosa Gummibändern, Unterröcke, Kinderhemdchen, auch kurze Kinderhosen, Strümpfe, Anoraks, Wintermäntel. Im Regal Schuhe. Kinderhausschuhe aus Stoff mit Rautenmuster, schwarzen Metallverschlüssen und abgelaufenen Sohlen, Latschen aus Leder, Halbschuhe, Gummistiefel, Stöckelschuhe, Turnschuhe, Filzschuhe. Das Leder war spröde vom Alter. Hatte der Gräbermann die Leichen nackt vergraben? Die Fichtenbalken des Dachstuhls zeigten braune Flecken und an einem Haken hing verstaubt eine Perücke.

Ich stieg die Leiter hinunter. Vom Garten her hörte ich wieder die Stimme des Gräbermanns.

»Demnächst muß die Versitzgrube – das Holz gehackt – Johannisbeeren weg – wenn die Sträucher nicht – ich werde – immer gesagt– die Vögel fressen –«

Ich huschte die Kellertreppe hinunter.

An Wäscheleinen hingen Hemden, Hosen, Unterwäsche und Handtücher. Auf dem Waschtisch lag ein Wäscheberg. Er roch nach Schweiß und Schmutz. Obendrauf lagen Leintücher und Hemden. Unten kam Unterwäsche zum Vorschein. Ich wühlte darin und griff in einen Schlüpfer, der vor Blut klebte. Ich schleuderte ihn voller Ekel weg.

Die Gelegenheit war günstig. Als ich die Kellertreppe hochstieg und durch den Gang ins Wohnzimmer schlich, waren der Gräbermann und die Frau im Garten. Schnell öffnete ich die Schublade der Kredenz und nahm ein hellblaues Buch heraus. Auf dem Umschlag lachten rosarote Babies, Jesusbildchen waren eingeklebt, Kinderbilder von Lokomotiven, Äpfeln, Birnen und einem Wasserball. Der Gräbermann hatte Tagebuch geführt. Seine Schrift war sauber und es gab keinen Klecks. Heute ist der 3. Juli 1954. Der Papa ist mit Ludwig zum See gegangen und hat Steine ins Wasser geworfen. Er ist guter Laune gewesen und hat gefragt, wo das Schiff vom Hannemann ist.

Der Gräbermann mußte hinterhergeschlichen sein und den Papa und Ludwig beobachtet und belauscht haben.

Der Papa hat versucht, für Ludwig eine Kette abzulösen. Aber sie war fest im Holz eingelassen. In der Kutsche hat er ihm die Peitsche gegeben und Ludwig hat gerufen: Hüü!

Vielleicht hatte sich der Gräbermann hinter einer Chaise versteckt.

In Tütchen befanden sich Milchzähne und stumpfe blonde Haarsträhnen. Im Bauch der Kredenz standen Bücher, die nach einer anderen Zeit rochen. Ein Reclam-Album mit eingeklebten Bildern: Männer, die Fugen zwischen den Betonplatten einer Autobahn mit Teer ausgießen, ein Diskuswerfer, der den Diskus schleudert, eine Mutter, die ein blondes Kind streichelt. Die Geissler (gelb), Der Pfaffenspiegel (rot), Hexenprozesse (blau). Eine Frau, die mit auf den Rücken gebundenen Händen von der Decke hängt, auf einem Richtblock ein Richtbeil, eine Hinrichtungsstätte. Mein Kampf (rot), vorne drin ein Bart unter der Nase im Gesicht eines Menschen, der Adolf Hitler (Führer) hieß.

»Was suchst du in der Kredenz?« fragte mein Vater.

Ich hatte nicht gehört, wie er ins Haus gekommen war.

»Ein Taschentuch«, sagte ich.

»Du weißt genau, daß die Taschentücher im Wäscheschrank sind. An der Kredenz hast du nichts zu suchen.«

Der Gräbermann merkte nicht, daß ich ein Außerirdischer war. Er hatte drei hölzerne Affen gekauft, von denen sich einer die Augen, ein anderer die Ohren und der dritte den Mund bedeckt hielt. Sie waren schwarz und standen unter dem Kruzifix.

»Nichts hören, nichts sehen, nichts wissen«, sagte er, »das ist weise.«

Er war so dumm, daß er sich selbst für weise hielt und mich für seinesgleichen.

Für den Raumschiffkommandanten fertigte ich einen Bericht an. Ich schrieb ihn im Schein einer Kerze auf DIN A 4-Papier auf dem Boden der Blockhütte. Damit ihn, wer ihn entdeckte, nicht lesen konnte, schrieb ich zuerst in Spiegelschrift. Weil sie zu langsam von der Hand ging, dachte ich mich hinter das Blatt und schrieb von rechts nach links. Dabei entstanden die Buchstaben wie von selbst in Spiegelschrift. Auch konnte ich nun sogar eine Seite zu Ende schreiben, ohne daß die Hand steif wurde. Den Bericht versteckte ich hinter einem Brett.

Das erste Piratenbuch hatte mir Ernst geliehen. Seine Mutter besaß viele Bücher.

»Lies das«, sagte sie, »das ist spannend. Der rote Freibeuter, James Fenimore Cooper hat den geschrieben.«

»Ja«, sagte ich.

Auf dem Umschlag waren ein Segelschiff, ein Pirat mit Pistole und ein Degen abgebildet. Die Segel waren gebläht, der Pirat schaute in die Ferne und der Hahn der Flintschloßpistole war gespannt.

In den großen Ferien las ich abends im Bett und tagsüber im Lager neben dem Bach. Ich las Seite um Seite. Neben mir lag der verkohlte Rinderschädel. Während der Leinbach plätscherte, sah ich den Korsaren, die Brigg mit der roten Flagge über der Gaffel und den Turm in Newport, in den Kapitän Heidegger Harry Wilder sperrte, bevor dieser an Bord der Delphin anheuerte. Ich segelte mit. Ich stand auf der Seite des Korsaren. Ich nahm mir vor, Seemann zu werden. Ich konnte nicht genug kriegen von Schiffen, vom Meer, Piraten und von Inseln. Frau Pauli empfahl mir die Leihbibliothek hinter dem Schreibwarenladen Schramm in Benediktbeuern. Dort standen die Bücher in Regalen an vier Wänden bis unter die Decke.

»Heimatromane, Wildwestromane, Kriminalromane, Kriegsromane, Liebesromane, Schicksalsromane«, sagte Frau Schramm, »was suchst denn du für welche?«

»Piratenromane.«

»Piratenromane? Willst Pirat werden?«

»Vielleicht. Mal schaun.«

Einen hatte Frau Schramm.

»Der ist spannend«, sagte sie, »aber ich glaub, dafür bist du noch zu klein. Ich konnte ihn gar nicht zu Ende lesen, so blutrünstig war der.«

Sie gab ihn mir trotzdem. Dann stieg sie unters Dach und fand noch ein paar. Ich las sie alle in diesem Sommer. Ich hörte den blinden Pew zur Admiral-Benbow-Schenke tocken. Ich segelte mit der Hispaniola unter Käpt’n Smolett. Als der einbeinige John Silver von seinem Piratenleben berichtete und Pläne schmiedete, saß ich in der Apfeltonne. Aber anders als Jim Hawkins wäre ich nach der Landung auf der Insel nicht abgehauen. Ich hätte gesagt: »Long John Silver, ich weiß, wer du bist und was du vorhast. Ich hab nämlich in der Tonne gesessen und alles gehört. Aber mir kannst du vertrauen. Ich will gar nicht mit Mister Trelawney und Dr. Livesey zurück nach Bristol. Du kannst dir auch gerne den Schatz untern Nagel reißen. Ich will nur soviel, daß ich mir eine 18-Kanonen-Brigg kaufen kann. Dann bringst du mir bei, wie man die Segel setzt, ja?«

Kaufen? Hätte er kaufen gesagt?

»Schiffe kauft man nicht, mein Junge! Schiffe überfällt man. Dann schneidet man dem Kapitän die Gurgel durch und wirft ihn den Haien zum Fraß vor.«

Ich machte nie wieder so aufregende Reisen wie in diesem Sommer. In einem der Bücher war eine Karte abgedruckt. Ich studierte die Inselnamen der Karibik, die Namen der Städte und die Routen der Piraten. Da waren Nombre de Dios und Puerto Belo und Chequetan und Guayaquil. Sie klangen wie Versprechen und ich stellte mir die Häfen und die Karacken, Naos und Galeonen vor, die einliefen und mit goldgefüllten Bäuchen Segel setzten. Ich malte mir aus, wie Francis Drake die Nuestra Señora de la Concepción überfiel und in St. Julien seinen Freund Thomas köpfen ließ. Ich fand die winzige Cocosinsel im Pazifik und ich sah Pedro Benitez, den sie Dom Pedro nannten, und Benito Bonito und seine Relámpago, mit der er den Goldschatz auf die Insel brachte, den er in Acapulco erbeutet hatte. Und da waren Henry Morgan und die rothaarige Anne Bonny und Calico Jack, der Opium rauchte und zum Kämpfen Seidenkleider anzog. Und Edward Teach, der Blackbeard genannt wurde, seinen Bart zu Zöpfen flocht und sich brennende Lunten unter die Mütze steckte, bevor er sich in den Kampf stürzte, bis nach dem letzten Gefecht Käpt’n Maynard seinen Schädel ans Bugspread spießte und über die Weltmeere segelte. Ach, da waren die Pirateninseln Tortuga und New Providence – es gab sie wirklich.

Es gab sie so wirklich wie den Leinbach hinter mir und den verkohlten Kuhschädel. Aber was war Ried im Vergleich zu Chequetan? Schon der Name! Che-que-tan! Daß ich es im Atlas nicht fand, machte es nur noch geheimnisvoller.

Jeder Buchstabe versprach mehr als Ried. Und der Leinbach war nicht einmal auf der Karte von Oberbayern verzeichnet. Mit seinen Gumpen, abgeschliffenen Kalksteinen, den Brombeergestrüppen an den Böschungen beleidigte er meine Träume. Immerhin führte er zur Loisach. Aber die sah auf der Karte gerade mal wie ein blauer Wollfussel aus. Bei Wolfratshausen mündete sie in die Isar und die Isar in die Donau und die Donau floß durch Wien und Budapest und weiter bis zum Schwarzen Meer. Ich studierte den Bosporus, die Straße von Gibraltar, den Atlantik, sägte morsche Bretter zu, bohrte sie an, setzte Masten ein, befestigte Flaggen und beschriftete sie. Golden Hind, Relámpago, Wager, Renard, Hispaniola, Arrow, Nuestra Señora de la Concepción, Nuestra Señora de Covadonga. Dann karrte ich die Armada mit dem Leiterwagen zur Eisenbahnbrücke und ließ sie zu Wasser. Es war seicht. Stellenweise war das Bachbett ausgetrocknet. Da nahm ich die Schiffe heraus und trug sie zur Kiesgrube. Eines kenterte in der ersten Gumpe. Ein anderes blieb in den Wurzeln einer Weide hängen. Ich befreite es wieder. Ich lief mit bis zum Fluß und sah zu, wie sich die Armada auflöste und die Schiffe Fahrt aufnahmen. Sie schwammen wirklich davon. Ich glaubte nicht, daß eines ankommen würde, aber war es ausgeschlossen?

Ich saß im Lager und schrieb über Piraten, Galeonen und Musketenkugeln. Einen Nachmittag lang bediente ich ein Geschütz auf Bockfederlafette, während von der Brücke Dom Pedro brüllte. Wenn ich ans Ende einer Seite kam und die Hand steif wurde, ließ ich die letzten Zeilen leer. Schließlich schrieb ich nicht für die Schule. Aus der Kiesgrube hörte ich Kinderstimmen. Dort wurde gebadet, aber das war weit weg und unwirklich, verglichen mit dem Kanonenfeuer. Ich schrieb Seite um Seite und dabei wußte ich, daß ich einmal Seemann werden und mir selbst ein Schiff kaufen würde.

»Da mußt du aber ein Schiffspatent machen«, sagte Frau Pauli, der ich meine Entscheidung mitteilte. »Das ist heute nicht mehr so einfach wie früher. Und womit willst du ein Schiff kaufen? Was meinst du, was so ein Schiff kostet?«

Ich verriet es ihr nicht. Aber war es nicht ganz einfach, an Geld zu kommen, an viel Geld, an soviel Geld, daß ich mir ein Schiff kaufen könnte? Ich fand den Trick heraus, als ich mit meinem Bruder an einem Regentag im Wohnzimmer Monopoly spielte. Er rieb sich die Hände, verglich die Karten, versteckte sie unter dem Brett und zählte das Geld. Auf seinen Spielstraßen hatte er grüne Mietshäuschen stehen und rote Holzhotels. Ich besaß kaum noch Geld und da ich immer wieder auf seine Felder fiel, mußte ich meine Häuser verkaufen und Hypotheken aufnehmen. Er war ganz außer sich.

»Du verlierst«, sagte er, »du verlierst, du verlierst. Schau, wieviel Geld ich hab.«

Er streckte mir sein Papiergeldbündel hin.

»Das wenn du hättest«, sagte er.

Er saß am Tischende wie ein rothaariger Kobold und seine Augen glänzten vor Reichtum.

»Ich kann dir ja tausend Mark schenken«, sagte er, obwohl er wußte, daß mir tausend Mark nicht mehr helfen konnten. »Oder zweitausend Mark.«

Ich rührte es nicht an. Ich schloß die Augen und dachte: Ich falle sicher drauf, ich falle sicher wieder drauf. Ich dachte es ganz fest, sodaß ich es wirklich glaubte und wollte, aber als ich gewürfelt hatte, sprang mein Stein auf ein Ereignisfeld. Auch beim nächsten Mal fiel ich auf keine seiner Straßen und beim übernächsten und überübernächsten Mal auch nicht. Ich mußte nur kurz die Augen schließen, die Würfel in der Hand wiegen und sie auf den Tisch werfen und alles andere machten die Würfel von selbst. Sie hatten sich mit mir verbündet. Ich sprang im Kreis und von Ereignis- zu Gemeinschaftsfeld und wunderte mich, daß ich nicht schon vorher herausgefunden hatte, daß ich bloß das Gegenteil dessen wünschen mußte, was ich wollte, damit ich es bekäme. Ich war erstaunt, daß es nicht jeder so machte wie ich, denn dann wäre immer alles ganz einfach gewesen.

»Wie machst du das?« fragte Berndi.

»Ich mach die Augen zu.«

»Du machst was, damit du nicht drauffällst.«

»Die Augen zu.«

»Ich merk genau, daß du was machst. Das gilt nicht.«

Er schloß ebenfalls die Augen. Es half nicht.

»Das hat dir Oma gesagt.«

»Die hat mir gar nichts gesagt. Ich mach bloß die Augen zu. Du bist dran.«

Er würfelte und weil er zu verlieren begann, wollte er nicht mehr.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte er, »du denkst, du fällst nicht drauf.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber du denkst was.«

Ich hätte ihm nicht sagen sollen, wie die Beschwörung funktionierte, denn kaum wußte er es, konnte auch er im Kreis würfeln und von freiem Feld zu freiem Feld springen. Das Spiel wurde langweilig und wir entschieden, daß wir vor dem Würfeln nicht mehr die Augen schließen würden. Aber wenn ich erwachsen wäre und Lotto spielen dürfte, würde ich mich bei der Ziehung der Zahlen vor den Fernseher setzen und denken, die Sieben kommt nicht, die kommt ganz sicher nicht. Und dann die nächste.

»Ich kauf mir von dem Geld ein Schiff«, sagte ich. »Dann segel ich nach New Providence. Das ist eine Insel von den Bahamas.«

Den Tod sah ich lange nicht mehr. Ich dachte gar nicht mehr an ihn. Der Blinddarm war raus und um den Leistenbruch operieren zu lassen, bedurfte es keines Krankenwagens. Meine Mutter ging mit einer Tasche zum Gasthof Rabenkopf und stieg in den Nachmittagsbus, der zwei Kilometer weiter vor dem Katharinenkrankenhaus hielt. Als sie drei Tage später wieder nach Hause kam, sagte sie: »So, jetzt bin ich gesund! Der Bruch ist geleimt.«

Sie war noch ein wenig müde und erschöpft, aber am nächsten Tag setzte sie sich an die Nähmaschine, nähte bunte Gardinen und für sich ein Kleid nach einem Schnitt aus einer Modezeitschrift. Sie nähte, ratterte und nähte. Sie legte Schallplatten von Franz Lehar und Emmerich Kalman auf und sang mit: Dein ist mein ganzes Herz. Im Sommer, wenn die Fenster offenstanden, hörte ich das Rattern der Nähmaschine, die Musik und ihre Stimme noch auf der anderen Seite des Bahndamms.

Den Tod sah ich erst im Herbst wieder, als ich vom Schulsport kam. Er stand im Hof und kratzte sich unter dem Kragen.

»Dich kenn ich doch«, sagte er, »du bist ja schon so groß wie deine Mutter.«

»Größer«, sagte ich, »was willst du denn hier?«

»Ich hol deine Mutter ab«, sagte der Tod, »es geht ihr nicht gut. Aber das ist nicht schlimm. So etwas kommt häufig vor, wenn man operiert worden ist. Bist du schon mal operiert worden?«

»An den Mandeln.«

»Und bist du nie umgefallen«, fragte der Tod, »einfach so?«

»Nein.«

»Da hast du Glück gehabt. Das geht nämlich oft so. Man glaubt, man ist gesund, weil alles überstanden ist, aber plötzlich fällt man um und ist bewußtlos.«

»Ist meine Mutter umgefallen?«

»Deiner Mutter geht’s schon wieder besser«, sagte der Tod, »aber wir wollen doch mal schauen, ob alles in Ordnung ist. Ihr ein bißchen Blut abnehmen und mal in den Bauch gucken. Vielleicht ist ihr nur das Blut aus dem Kopf geschossen, und da fällt man dann um.«

Als meine Mutter aus dem Haus kam, wollte der Tod ihr die Tasche abnehmen, aber sie gab sie ihm nicht. Sie war blaß, aufgeregt und ihre Hände zitterten, als sie mir aus der Geldbörse einen Schein gab, damit ich einkaufen konnte.

»Da würde ich mir an Ihrer Stelle keine großen Sorgen machen«, sagte der Tod, »so etwas kommt oft vor. Da glauben die Leute, mit der Operation ist alles vorbei, aber plötzlich fallen sie um. Das ist ganz normal.«

Der Tod stieg ins Auto, legte die Hände auf das Lenkrad und sah zu, wie meine Mutter mit mir redete.

»Das Geld«, sagte sie, »da kaufst du Wurst und Käse ein und Brot und du kommst mich besuchen, ja? Ja? Schau nicht hin zu ihm! Das ist er. Jetzt ist er wieder da. So wie ich’s geträumt hab, schau nicht hin zu ihm, Wurst und Käse, ja?«

»Ja«, sagte ich.

»Schau nicht hin zu ihm, der kann von den Lippen lesen. Der weiß die ganze Zeit schon, daß ich sterben muß.«

Als sie ins Auto stieg, wandte sie das Gesicht ab und sah aus dem Fenster.

Der Tod ließ sich Zeit mit meiner Mutter. Er fuhr sie ins Krankenhaus, brachte sie wieder und holte sie erneut ab. »Es war nur Gelbsucht«, sagte sie beim ersten Mal und wischte sich über die Augen, als wollte sie einen bösen Traum verscheuchen. Aber bald darauf begann es schwarze Flocken zu schneien. Erst fielen sie

nur, wenn sie die Augen schloß, doch dann sah sie sie auch mit offenen.

»Heute ist wieder ein schwarzes Gestöber«, sagte sie manchmal.

Der Arzt hatte ein Geschwür festgestellt. Da holte der Tod sie erneut. Als er sie nach ein paar Wochen in eine Decke eingewickelt wiederbrachte und sie auf das Sofa legte, war ihr Gesicht schmal geworden und das Haar grau. Auch die Hände waren schmal.

»Was für schmale Hände ich hab«, sagte sie, »schau mal, und wie mir das Haar ausgeht. Büschelweise. Das kommt von der Kobaltbestrahlung.«

Ich wollte nicht, daß sie stirbt. Aber ich konnte es ja nicht machen wie beim Monopoly-Spiel, denn wie sollte ich ununterbrochen denken, sie wird sterben, sie wird ganz sicher sterben? Ich sagte es mir, bevor ich einschlief, aber ob das reichte?

Bevor der Tod sie erneut holen kam, entschloß sich meine Mutter zu fliehen. Sie zählte zwanzig Tropfen Medizin auf einen Löffel und holte ihr gespartes Geld aus dem Kleiderschrank. Sie zog ihr dunkles Kostüm an, aber weil sie schon sehr dünn geworden war, hing es an ihr herunter.

»Das kann ich ja gar nicht mehr anziehen«, sagte sie, »schau, wie ich aussehe. Was soll denn da die Mizzi sagen?«

Sie setzte sich an die Nähmaschine und nähte das Kostüm enger. In Wien, glaubte sie, würde der Tod sie nicht finden.

»Was meinst du«, sagte sie, »was es dort für Gassen und Straßen gibt! Und bei der Mizzi leg ich mich aufs Sofa. Da hab ich vor dem Krieg oft geschlafen, wenn es zu spät war, um heimzugehen. Außerdem zieh ich den Mantel übers Kostüm, dann sieht es keiner.«

»Wenn man fest denkt, daß man stirbt, stirbt man nicht«, sagte ich.

»Meinst du?«

»Ja«, sagte ich, »man muß fest denken, daß man stirbt, dann kann man sich eine Pistole an den Kopf halten und abdrücken.«

»Da wird die Mizzi schauen, wenn ich vor der Tür steh«, sagte sie.

Ich trug die Reisetasche und hinter uns her lief mein Bruder und heulte. Sie war schon recht schwach und hängte sich bei mir ein.

»Warte noch«, sagte sie, »ich muß verschnaufen.«

Aber dann pfiff der Zug. Sie hielt sich am Eisengeländer des Bahndammwegs fest und ging Schritt für Schritt nach oben. Dort setzte sie sich auf die Erde.

»Mein Gott«, sagte sie, »ich hab ja noch die Hausschuhe an. Ich kann doch nicht mit Hausschuhen zur Mizzi …«

Erst lachte sie. Dann fing sie an zu weinen wegen der Hausschuhe. Und wir gingen den Bahndamm wieder hinunter.

Ich konnte ihr nicht helfen, aber ich konnte verhindern, daß sie starb. Ich probierte es immer wieder zwischendurch aus, wenn ich mit meinem Bruder Monopoly spielte. Ich mußte nur auf eine Gelegenheit warten, wenn er nicht aufpaßte. Dann schloß ich schnell die Augen und dachte, ich falle drauf, ich falle drauf, und wenn der Würfel aus der Hand rollte, wußte ich, daß ich auf ein freies Feld springen würde. Ob er mich deswegen verriet?

»Du hast die Augen zugemacht.«

»Hab ich nicht.«

»Doch.«

»Aber nur so.«

»Ich mach die Augen auch zu.«

Es war an einem Samstagnachmittag. Wir spielten in der Küche am Tisch. Meine Mutter lag auf dem Sofa, im Radio lief Musik, die Berge waren grau und zugeregnet und es roch nach Krankheit. Auf der Anrichte stand diese Salamander-Schuhschachtel mit Medikamenten, Fläschchen und Tablettenröhrchen. Wir stritten, stritten, als ginge es um echtes Geld oder als hätte ich ihn um seinen Erbanteil betrogen. Wir stritten leise und pfiffen fast unhörbar dabei.

»Ich hab nichts gedacht. Ich hab bloß mehr Glück.«

»Dreck hast du! Jetzt denk ich auch.«

Er hielt sich die Augen zu und ich hätte mich am liebsten selbst geschlagen, weil ich ihm verraten hatte, wie es ging.

»Wenn du die Augen zumachst, mach ich sie auch wieder zu.«

Es war ihm egal. Und dann kam mein Vater in die Küche. Er mußte gehört haben, wie wir einander ins Gesicht pfiffen. Aber nun, da er neben uns stand, würfelten wir wieder, als hätte es keinen Streit gegeben. Als er die Küche wieder verlassen wollte, fragte ihn mein Bruder, ob es geht, wenn man …

Wir hatten uns ausgemalt, wie wir die Lottokasse sprengen und zum zehnten Mal hintereinander den Höchstgewinn abkassieren und was wir uns kaufen würden dafür. Ein Haus wollte er und ein riesiges Auto und ein Flugzeug.

»Wenn man was?«

»Fest denken, daß es nicht geht, und dann geht es?«

»Nein.«

Mein Vater betonte das Nein nicht. Es war einfach ein Nein, wie mit vier Buchstaben auf ein Blatt Papier geschrieben, und ob ich es nun drehte oder nicht, war bedeutungslos.

»Er sagt aber, er kann es.«

Mein Bruder hatte diesen lauernden Blick, den er bekam, wenn er Oh Haupt voll Blut und Wunden sang und darauf wartete, daß ich mich ärgerte. Mein Vater stellte sich neben den Tisch mit dem Spielbrett und mir blieb nichts anders übrig: Ich nahm die Würfel und schloß die Augen und dachte, ich fall drauf, ich fall ganz sicher drauf und wußte schon, wußte, verdammter Mist! – daß mich diese Kröte von einem Bruder verraten hatte und daß es nicht mehr ging, daß meine Beschwörung nicht ankam gegen dieses Nein, daß meine Mutter sterben würde und ich keine Brigg mit acht Segeln kaufen und daß ich tatsächlich drauffallen würde. Ich weiß nicht, ob mich ein Zufall gerettet hätte. Ich würfelte und fiel natürlich auf eines seiner Felder. Es war, als wäre nichts geschehen, als hätte eine unsichtbare Schere ein Stückchen aus der Zeit geschnitten.

»Siehst du«, sagte mein Vater.

»Ja«, sagte mein Bruder.

Die Küchenuhr tickte weiter. Im Radio klimperte Peter Igelhoff auf dem Klavier. Immer schneller klimperte er, als liefe ihm etwas davon. Auf Garten, Felder und die Vorberge ging Nieselregen nieder. Alles war durch ein Wort anders geworden.

Es regnete viel in diesem Herbst. Ich war dreizehn und ging in die letzte Klasse. Der Unterricht interessierte mich nicht. Ich lernte Gedichte von Uhland und Schiller, den Lehrsatz des Pythagoras. Der Lehrer war ein ehemaliger Wehrmachtsoffzier, der die Starken mochte und die Schwachen piesackte. Mich ließ er in Ruhe, schickte mich während des Unterrichts zum Zigarettenholen und zum Semmelnkaufen und als er die Klasse zur Klassenbeichte in die Klosterkirche führen sollte, fragte er mich, wie es meiner Mutter ging.

»Ist sie im Krankenhaus?«

»Zur Zeit nicht.«

»Trotzdem: fahr nach Hause. Oder willst du beichten?«

»Ich beichte nicht.«

»Fahr nach Hause.«

Ich mochte ihn. Er war über einsneunzig, hatte blonde, mit Wasser gescheitelte Haare auf dem roten Schädel und über dem Wanst spannten Gummihosenträger. Sport war ihm wichtiger als Mathematik. Wenn er beim Hinsetzen die Hosenbeine hochzog, kamen Sockenhalter zum Vorschein. Als ich ihm sagte, daß ich Seemann werden wollte, gab er mir ein Buch mit der Geschichte der Argonauten. Ich konnte nichts damit anfangen.

»Hat es dir gefallen?« fragte er.

»Ja«, sagte ich.

»Dann komm mit.«

Es war nach der Schule. Hinter seinem Haus befand sich ein Obstgarten und ich mußte Fallobst aufsammeln, während er aus dem Küchenfenster zuschaute. Er löffelte Suppe und beobachtete mich. Als die Körbe voll waren, brachte er mir die Odyssee. Sie war in Leinen gebunden und in Zeitungspapier gewickelt. Die Gesänge waren in Hexameter abgefaßt und schon die ersten Sätze waren so eigenartig, daß ich sie nicht verstand. Vielleicht, dachte ich, muß man das singen, denn weshalb steht sonst Gesang eins darüber?

Wenn ich nach Hause kam, setzte ich mich in die Küche und aß, was vorgekocht war oder meine Großmutter zubereitet hatte. Meine Mutter lag nebenan auf dem Sofa und alle Stunde sprang der Kuckuck aus der Uhr und sie zählte mit, obwohl sie wußte, wie spät es war. Der Ofen war überheizt und es roch nach Krankheit, Medikamenten und dem Dampf des Inhaliergeräts. Mit einer Hand versuchte sie die schwarzen Schneeflocken zu fangen, die vor ihren Augen auf die Bettdecke fielen.

»Ich seh sie so genau«, sagte sie, »da, eine ganz große. Aber wenn ich danach greif – da ist sie wieder. Sie sickert mir einfach durch die Hand.«

Ihre Hände und Arme sahen aus wie mit Pergament bespannt. Ich war froh, wenn ich aus dem Haus kam. Ich klemmte die Aktentasche auf den Gepäckträger und sagte, ich geh mit Ernst Hausaufgaben machen. Dann fuhr ich ins Moor, in eine andere Ortschaft oder zur Müllhalde. In der Grube stand hoch, schwarz und ölig Wasser. Flaschen und Büchsen trieben darin. Ich bombardierte sie mit Steinen, bis sie zerplatzten oder absoffen. Irgendwann stand eine Planierraupe bei den Lehm- und Müllhaufen. Herr Milde fuchtelte mit seinem Kleinkalibergewehr und der Planierraupenfahrer kratzte sich unterm Hut.

»Ich hab alle Ratten umgebracht, jetzt kommt ihr daher«, hörte ich ihn.

»Ich hab halt den Auftrag«, sagte der Planierraupenfahrer, »von der Gemeinde.«

»Jetzt, wo die Müllkippe sauber ist …«

Herr Milde rannte in sein Heraklitplattenhaus und schlug die Tür hinter sich zu. Ich beobachtete, wie der Fahrer von einem Bein auf das andere trat, mit den Schultern zuckte, auf die Raupe stieg und den Müll in die Grube schob. Später kippten Lastwagen Kies ins Wasser und schütteten das Sumpfstück und den Fußballplatz mit Sträuchern zu. Als ich ging, brach das Tor unter dem Angriff einer Kiesfuhre zusammen. Es regnete. Die Landschaft war grau. Der Leinbach führte so hoch Wasser, daß es gerade noch unter der Eisenbahnbrücke hindurchschoß. Im Waffenlager lagen noch das Bajonett und verrostete, verbogene Speerspitzen, die ich einmal in der Füllgrube gefunden und die Franzi geradegeklopft hatte. Durch das Dach des Lagers troff Regen, der Boden war aufgeweicht.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
02 października 2024
Objętość:
370 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783956140167
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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