Czytaj książkę: «Tennis oder Liebe»

Czcionka:

Lucy van Geldern

Tennis oder Liebe

- das ist die Frage

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Leseprobe von »Traumtänzer – Liebe auf den falschen Schritt«

Impressum neobooks

Kapitel

Dunkle Gewitterwolken zogen über die nahen Hügeln herauf. Ein erstes, leises Grummeln drang zu den Anlagen des Tennisclubs Südermark. Die beiden Spieler auf dem Centre-Court hielten einen Augenblick lang inne.

»Keine Bange«, rief Jürgen ihnen vom Schiedsrichterstuhl aus zu. »Das schafft ihr, bevor das Unwetter über uns hereinbricht. Also, ein bisschen Beeilung, meine Herrschaften. Michael, du hast Aufschlag.«

Michael kramte gelassen einen Tennisball aus der Hosentasche. Ein selbstgefälliges Lächeln lag auf seinen Lippen. Zwei, drei Mal ließ er den Ball auf den Boden hüpfen, dann warf er ihn in die Luft. Mit Wucht schmetterte er die Filzkugel über das Netz.

Lauernd wie ein Habicht stand Patrick da und beobachtete den Aufschlag. Als der Ball diagonal in die linke äußere Ecke flog, spurtete er los. Mit einem kräftigen Schlag aus der Rückhand schickte er die Filzkugel zurück zum Absender.

Meike rutschte unruhig auf ihrem Plastiksitz hin und her. Als einzige Zuschauerin des Matches kam sie sich sehr verloren vor. Mechanisch folgten ihre Augen dem Ballwechsel von links nach rechts. Als Michael den Punkt machte, atmete sie erleichtert auf.

»Ja, gut so«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Nicht nachlassen.«

Sie bewunderte seinen Instinkt. Er wusste schon den Bruchteil einer Sekunde vorher, wo der Ball im nächsten Augenblick aufschlagen würde.

Patrick blickte überrascht auf, als Michael plötzlich an der richtigen Stelle auftauchte und ihm den Ball als Volley über das Netz zurückschickte. Patrick musste sich weit von der Grundlinie entfernen, um das filzige Etwas zu erreichen.

Erneut donnerte es, und Jürgen musterte besorgt den wolkenverhangenen Himmel.

»Das wird nichts mehr«, meinte er und drehte sich zu Meike um. »Michael ist ein guter Spieler und Patrick ihm ebenbürtig. Bevor die beiden ein Ende finden, ist das Gewitter vorüber.«

»Michael schafft das schon.« Begeistert blickte sie ihn an.

Jürgen, von ihren schönen Augen verzaubert, vernachlässigte seinen Job als Punktrichter über alle Maßen und sah überall hin, nur nicht auf das Spielfeld. Ein weiterer Donnerschlag ließ seinen metallenen Hochsitz erzittern. Er klammerte sich fest und schielte zur nahenden Unwetterfront.

»He Jürgen. Wer hat den Punkt gemacht?« Anklagend sah Patrick ihn an und deutete mit dem Schläger zur Linie. Der Ball rollte außerhalb des Feldes an der Bande entlang und tat unbeteiligt. Erste Windböen spielten mit ihm. Meike grinste. Kaum lenkte sie den Punktrichter ab, gab es schon Ärger. Aber Jürgen war dieser Herausforderung gewachsen. Wieselflink kletterte er vom gefährlichen Blitzableiter-Gestänge und trat an die Seitenlinie.

»Das haben wir gleich.« Er stemmte die Fäuste in die Hüften und inspizierte das Umfeld des weißen Kreidestreifens. »Der Abdruck ist ja so was von frisch.« Nachdenklich kratze er sich am Kinn. »Ich würde sagen, der Ball ist im Aus.«

Ein kräftiger Windstoß unterstrich seine Aussage.

Empört schrie Michael auf, und joggte heran.Verärgerte deutete auf eine markante Vertiefung im roten Sand. »Das ist der Abdruck.«

»Okay, dieser Punkt geht an Michael.« Patrick murrte, aber Jürgen kümmerte sich nicht darum. »Darf ich um zügigen Fortgang des Spiels bitten? Zeigt endlich, was in euch steckt. Bringt den Satz innerhalb der nächsten drei Minuten zu Ende.«

»An mir soll's nicht liegen«, meinte Patrick siegesgewiss.

»Angeber. Meine Gewinnchancen sind besser.« Michael spurtete an seine Grundlinie zurück.

Meike zog ihren Blazerkragen dichter um den Hals. Die Luft war in den vergangenen Minuten deutlich abgekühlt. Nachdenklich sah sie dem Match zu. Natürlich musste Michael es wieder auf die Spitze treiben. Er war ein guter Spieler, da gab es keine Zweifel, doch diese Art von Selbstdarstellung ging ihr gegen den Strich.

Leise Schritte erklangen. Herr Evers, der Vorsitzende des Clubs, erschien im Tribünenaufgang.

»Habt ihr das Gewitter noch nicht bemerkt?«, rief er, und strich sein vom Wind zerzaustes Haar glatt. Er hielt sich am Geländer fest und stieg zu Meike hinauf.

»Doch, doch«, sagte sie schulterzuckend. »Michael möchte noch unbedingt den Satz gewinnen. Aber Patrick ist eine harte Nuss für ihn.«

Herr Evers nickte Meike freundlich zu und ließ sich neben ihr nieder.

Patrick provozierte Michael mit einem Schmetterball. Verbissen hechtete dieser dem Filz hinterher und versuchte, mit der Rückhand einen Stoppball zu schlagen. Es gelang ihm nicht. Der Wind trieb die Kugel über seinen Schlägerrand. Die straff gespannten Saiten erzeugten ein jaulendes Geräusch.

»Da soll doch der Teufel dreinschlagen«, schimpfte Michael und sprintete dem Ball hinterher. »Das ist nicht fair. Sabotage auf ganzer Linie.«

»Einstand«, verkündete Jürgen. »Wenn ihr euch jetzt nicht entscheidet, dann brechen wir ab.«

»Ja, ja«, maulten beide einstimmig.

Michael hatte Aufschlag und legte seine ganze Kraft hinein. Der Wind trieb den Ball weit nach rechts hinaus. Er traf die Linie, und Patrick hatte keine Chance, an ihn heranzukommen.

»Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit«, hörte Meike ihn murmeln.

Herr Evers erhob sich. »Ich gehe wieder rein. Mir wird es hier zu ungemütlich.«

Er nickte Meike kurz zu und eilte in das Clubgebäude zurück.

Immer heftigere Windstöße kamen auf und störten das Spiel. Keiner der beiden auf dem Centre-Court sah sich noch in der Lage, einen Ball sinnvoll zu platzieren.

Bei den Hügeln fuhr ein gleißend heller Blitz nieder und schlug in den Boden ein. Meike zuckte unwillkürlich zusammen. Sie hängte sich die Handtasche um und erhob sich. Als sei es ein Zeichen für Jürgen, klatschte dieser in die Hände.

»Schluss für heute. Feierabend. Ihr kommt über den Einstand nicht mehr hinaus. Das Spiel wird unterbrochen. Wir verschieben diese Begegnung zwischen zwei Titanen auf ein anderes Mal.«

Patrick nickte und beachtete den Schlag von Michael nicht mehr. Er lief vom Spielfeld in Richtung Ausgang.

»Ich protestiere«, rief Michael. »Das ist nicht fair. Ich hätte dieses Spiel gewonnen.«

Jürgen blieb unerbittlich und eilte zum schützenden Eingang. »Das Gewitter ist gleich über uns.«

Meike wartete unten am Spielfeld auf Michael. Sie hatte kein Verständnis für seinen Starrsinn. Es handelte sich um ein hundsgewöhnliches Trainingsmatch. Es ging um nichts und nochmals nichts. Aber ihr Freund tat, als sei der Abbruch eine Katastrophe.

Ein ausgewachsener Sturm brach los. Die Bäume schüttelten sich und rauschten unheilvoll. Die Werbetafeln an der Bande knatterten protestierend.

»Komm jetzt endlich«, rief sie ihm zu und sah zu, wie hielt Patrick und Jürgen zum schützenden Gebäude eilten. Anders Michael - betont gelangweilt strich er mit seinem Schuh Abdrücke auf dem Platz glatt.

Meike hatte es satt. Sie rannte los. Begleitet von einem weiteren Blitz und einem gewaltigen Donnerschlag, öffnete der Himmel seine Schleusen zu einem Wolkenbruch. Fast übergangslos wurde es finster. Der Sand spritzte an Meikes Hosenbeinen empor und verwandelte ihre blütenweißen Turnschuhe innerhalb von ein, zwei Atemzügen in unansehnliche Latschen. Von oben stürzte das Wasser auf sie herab, als habe jemand absichtlich mehrere Badewannen voll aus dem Fenster geschüttet.

»Puh«, machte sie, als sie kurz darauf im schützenden Flur stand. Sie wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Ihre Klamotten tropften, und ehe sie sich versah, bildete sich um ihre Füße eine ansehnliche Pfütze. Ihre Haare hingen, strähnig wie nasse Wollfäden, herab.

Endlich tauchte Michael auf. Betont langsam schritt er durch die tobenden Naturgewalten und blieb unter der Tür stehen.

»Hier seid ihr«, grinste er. »Ich wollte schon glauben, dass ich das alles nur geträumt hätte. Es war ein Fehler, das Match abzubrechen.«

»Tut mir leid«, empörte sich Jürgen, und trat einen Schritt auf ihn zu. »Du hättest mir das vorher sagen sollen, dass du dich mit Selbstmordabsichten trägst. Da hätte sich was einrichten lassen. Jetzt ist es zu spät.«

»Ist schon gut«, Meike ging dazwischen und legte Jürgen besänftigend ihre Hand auf den Unterarm. Auf einen absolut unnötigen Streit konnte sie jetzt wirklich verzichten.

»Ich gehe mich mal umziehen.« Hoheitsvoll nickte er Patrick und Jürgen zu. »Wir treffen uns gleich an der Bar. Dort können wir dieses Spiel zumindest theoretisch zu Ende bringen.«

Meike folgte Michael bis zum Eingang in die Umkleiden.

»Und war ich gut?« Er blickte sie mit treuen Augen an, und Meike fühlte, wie ihre Knie weich wurden. Ehrgeiz hin oder her, sie liebte diesen Kerl über alle Maßen.

»Du hast wirklich ganz toll gespielt«, sagte Meike und fiel ihm um den Hals. Sein eindringlicher Duft nach Schweiß und Deo empfing sie.

Ungewohnt sanft legte er seinen Arm um ihre Taille, und ihre Lippen fanden sich zum Kuss. Es war ein einziges Feuerwerk der Gefühle, das in ihr explodierte. Sie spürte seinen kräftigen Herzschlag. Sein Kuss war so drängend und fordernd, dass ihr der Atem wegblieb. Als sie sich voneinander lösten, schnappten sie beide nach Luft.

»Gibst du mir ein Handtuch?«, fragte Meike. »Ich muss mich zumindest ein wenig trocken rubbeln.«

»Klar.« Er holte aus seiner Sporttasche ein flauschiges Sporttuch und reichte es ihr mit einem liebevollen Lächeln.

*

In ihren klammen Sachen saß Meike an einem der zierlichen Tische im Club-Restaurant. Der heiße Kaffee wärmte sie nicht nur von innen. Nachdenklich hielt sie die Tasse mit beiden Händen und nippte daran. Das Spiel und der übertriebene Ehrgeiz Michaels gingen ihr nicht aus dem Sinn.

Endlich öffnete sich die Tür von den Umkleiden. Ihr Freund stürmte, als ob er immer noch auf dem Spielfeld wäre, in das Restaurant und warf die Sporttasche auf den Fußboden.

»Da bin ich«, sagte er grinsend und plumpste auf einen der Rattan-Stühle.

»Wird aber auch Zeit. Du warst schon schneller.«

Wohlweislich überhörte er die Anspielung und drehte sich zur Theke. »Holger, für mich bitte eine Apfelsaft-Schorle.«

Der Barkeeper nickte zustimmend und begab sich gewohnt gemächlich zum Kühlschrank. Mit seiner Leibesfülle stand er in krassem Gegensatz zu den Spielern des Clubs. Kurz darauf brachte er den Saft und setzte das Glas vor Michael ab. »Darf es noch was sein? Ich hätte da ein paar leckere Kleinigkeiten im Angebot.«

»Nein, danke. Im Moment nicht.« Meike schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Holger verschwand in der Küche, und Michael nutzte die Gelegenheit und beugte sich zu seiner Freundin herüber.

»Das war doch ein spitzenmäßiges Match. Ein richtiges Duell, oder?«

Wie zufällig berührten sich ihre Hände auf dem Tisch. Liebevoll streichelte Meike über die kräftigen Finger und zeichnete die Form seiner Fingernägel nach. Erwartungsvoll spitze sie die Lippen. Michael wusste genau, wonach ihr der Sinn stand. Sie versanken in einer innigen Liebkosung.

»Na ja«, meinte Meike, als sie sich voneinander lösten. »Ja, das Spiel hat mir gefallen. Das weißt du doch. Aber wenn du nur nicht immer so übertreiben würdest. Um zu gewinnen, hättest du dich vom Blitz erschlagen lassen.«

»Unsinn. Ich weiß selbst gut genug, wann es Zeit ist, aufzuhören.«

Patrick und Jürgen erschienen und setzten sich zu ihnen.

»Wer ist jetzt Aufschlagkönig?«, fragte Michael Jürgen. Der blätterte nachdenklich in seiner Liste. »So leid es mir tut. Es ist eindeutig Patrick!«

»Na gut. Du hast also einen Wahnsinnsaufschlag«, gestand Michael seinem Gegner zu. »Aber du vergisst dabei alles andere. Deine Schwäche ist zweifelslos die rechte, hintere Ecke. Ich brauche dich nur nach vorn ans Netz zu locken, und schon ...« er grinste vielsagend. »Deine Technik ist bescheiden.«

»Von wegen«, polterte Patrick. »Du willst doch nur von deinen eigenen Schwächen ablenken. Ohne das Gewitter hätte ich dir gezeigt, wer der Bessere von uns ist.«

»Wenn ihr meine Meinung hören wollt ...« Jürgen legte eine Pause ein. »Ihr seid gute Spieler. Michael hätte den Satz lässig gewonnen, wenn er nicht so ungeduldig wäre. Er kann seine Chance nicht abwarten und begeht dadurch Fehler. Und Patrick wirkt manchmal, als sei er an der Grundlinie festgefroren. Beinarbeit, Junge. Das ist wichtiger als viele anderen Sachen. Wisst ihr, was für ein Geheimrezept ich habe, um beweglich und elastisch zu bleiben?«

Gelangweilt rührte Meike ihren Kaffee um. Wie so oft bissen sie sich an ihrem Lieblingsthema fest. Erst verdroschen sie stundenlang unschuldige Filzkugeln, und hinterher kamen sie sich vor wie die Athener nach der listenreichen Eroberung Trojas. Michaels Mundwerk lief heiß, und er bestellte sich eine zweite Apfelsaftschorle.

Draußen goss es immer noch wie aus Kübeln. Der Regen peitschte unablässig gegen die Panoramascheiben. Das Gewitter entlud sich mit aller Macht.

»Du trinkst bestimmt noch einen Kaffee, Meike. Unser Gespräch dauert eine Weile.«

Täuschte sie sich, oder zeichneten sich unter ihren nassen Sachen mehr Details ab, als ihr lieb war? Der dunkle, starrende Blick von Patrick, mit dem er sie musterte, irritierte sie sehr. Sie schüttelte unbewusst mit dem Kopf und zog den nassen Blazer dichter um die Schultern. »Danke, mir reicht eine Tasse. Wir müssen gleich aufbrechen. Du weißt doch.«

Verwundert sah Michael sie an. »Wieso brechen wir auf?«

»Der Regen schadet offensichtlich deinem Verstand. Hast du es vergessen? Um zwanzig Uhr beginnt die Vernissage. Wir haben uns mehrfach darüber unterhalten. Und du hattest mir versprochen, mitzukommen.«

Ihr Freund krauste unwillig die Nase und stellte das Glas so schwungvoll ab, dass unzählige Tropfen auf der polierten Glasfläche landeten.

»Stimmt, erzählt hast du mir davon. Aber das ist doch unwichtig. Solche Veranstaltungen gibt es immer wieder. Wollen wir nicht hierbleiben? Diese bunten Bilder interessieren doch keinen. Hier ist es viel gemütlicher.«

Meike schluckte. Sie wollte ihm eine geharnischte Antwort geben, doch in ihrem Hals steckte ein dicker Kloß. Enttäuscht und sprachlos starrte sie ihn an. Seine Ablehnung tat ihr fast körperlich weh.

»Also hör mal«, rief Patrick und blickte sie vieldeutig an. »Das ist ja ein Ding. Du sagst deiner süßen Freundin ab? So ein Abend in netter Gesellschaft, das würde ich mir nicht entgehen lassen.«

Michael sah ihn wütend an. »Halt du dich da raus, ja?«

»O.k., o.k.« Beschwichtigend hob Patrick die Hände. »War ja nicht so gemeint.«

»Das will ich auch hoffen.« Michael nahm das Glas und trank in wenigen Schlucken aus.

Erneut öffnete sich die Glastür am Eingang des Restaurants. Herr Evers trat ein, blickte sich flüchtig um und kam an den Tisch.

»Hallo, darf ich kurz stören?« Er sah Michael an. »Herr Steiner haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.«

Meike sackte regelrecht auf ihrem Stuhl zusammen. Noch einer, der ganz versessen aufs Tennisspiel war. Den geplanten Besuch der Vernissage konnte sie langsam abschreiben.

Jürgen grinste vielsagend. »Etwas ausgefressen, Kollege? Ja, ja, wenn die Götter zürnen ...«

Michael wusste selbst nicht genau, was los war.

»Hier?«, fragte er verwundert.

»In meinem Büro, wenn es recht ist.«

»Natürlich. Sofort.« Er erhob sich und riss dabei fast den Stuhl um.

Meike überlegte fieberhaft, was Michael angestellt wohl hatte. Garantiert wollte Herr Evers ihn wegen seines unverantwortlichen Verhaltens beim Gewitter zur Rede stellen.

Sie griff nach Michaels Arm. »Wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich muss mich noch umziehen. Und wenn ich mich richtig erinnere, sind wir mit deinem Wagen da.«

»Sorry. Ich weiß zwar nicht, was los ist, aber es kann ein paar Minuten dauern.«

»Ich nehme dich gern mit in die Stadt.« Überraschend bot Patrick seine Hilfe an.

»Ja, genau. Das ist doch die Idee.« Kumpelhaft schlug Michael ihm auf die Schulter.

»Danke, das ist sehr nett von dir.« Meike versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Doch ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus.

»Dann ist ja alles geklärt«, meinte Michael zufrieden und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Bis nachher, mein Schatz.«

*

In rasanter Fahrt schoss der weinrote Wagen die Landstraße entlang. Viel zu flott, wie Meike fand. Vorsichtshalber vergewisserte sie sich noch einmal, dass der Gurt stramm saß.

»Von Null auf Hundert in zehn Sekunden. Spitzen Wert - oder?« Verliebt streichelte Patrick das Lenkrad. »Der Wagen liegt wie eine Eins auf der Straße.«

»Ah ja?« Meike starrte gebannt auf den regennassen Asphalt. »So eilig habe ich es auch wieder nicht.«

»Das beruhigt mich. Hat dir jemals einer gesagt, was für traumhafte Augen du hast? Wenn du wütend bist, tanzen Tausende kleiner Teufelchen darin.«

»Hast du mich überhaupt schon einmal wütend erlebt?« Meike vermied es, auf das Kompliment einzugehen. Für Typen, die jede Minute mit einer Frau benutzten, um billige Sprüche zu klopfen, hatte sie nicht viel übrig. Beim Tennisspiel, da hatte er ihr noch imponiert. Aber jetzt?

»Ja, vorhin, als du Michael an die Vernissage erinnert hast.« Er nahm die rechte Hand vom Lenkrad und schaltete. »Wo findet sie eigentlich statt?«

»In einer entzückenden Galerie im Zentrum«, antwortete sie ausweichend. Patrick sollte gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen.

Er tat nicht, als bemerkte er ihre Ablehnung. Seine Hand kehrte nicht zum Lenker zurück, sondern näherte sich ihr langsam und scheinbar unabsichtlich. Und plötzlich lag sie auf ihrem Oberschenkel.

»He, spinnst du?«, verärgert schubste Meike die Hand herunter. »Benimm dich, ich bin kein Freiwild.«

»Hat auch keiner behauptet. Also reg dich wieder ab.« Seine Hand kam erneut herüber und lag schwer auf ihrem Schenkel. Dieses Mal versuchte sie vergeblich, seine Pfote wegzuschieben. Seine Finger krallten sich schmerzhaft in den Oberschenkel.

Entschlossen packte sie den Mittelfinger und bog ihn nach oben.

»Ich werde das nicht auf sich beruhen lassen«, zischte sie wütend. »Du wirst aus dem Club fliegen und bekommst obendrein noch eine Anzeige von mir.«

Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Sie kannte Patrick nicht gut genug, um ihn einschätzen zu können. Auf keinen Fall durfte sie sich eine Blöße geben.

»Aua.« Er zog die Hand weg und pfiff anerkennend durch die Zähne. »He, unser braunhaariger Engel zeigt Temperament.« Übermütig fuhr er ein paar Schlangenlinien. »Es stimmt also, Brünette sind voller Pfeffer!«

Ein entgegenkommendes Fahrzeug hupte. Der Fahrer gestikulierte heftig. Vergnügt lachte Patrick auf und riss erneut am Lenker, sodass Meike unsanft gegen die Tür geschleudert wurde.

»Hör auf. Du bist ja betrunken.«

Noch immer ging ein kräftiger Regen nieder. Die Büsche und Bäume am Wegesrand tropften und glitzerten. Ein romantischer Anblick, den sie sicher genossen hätte, wenn sie nicht in dieser brenzligen Lage gewesen wäre.

»Ich bin nüchtern und weiß genau, was ich tue.«

Wie ein unersättliches Monster glitt die Hand erneut nach rechts, diesmal deutlich höher. Meike schnappte nach Luft.

»Blöder Grapscher. Ich wusste gar nicht, dass du so primitiv bist.«

Das grenzte eindeutig an Nötigung. Ohne zu zögern, holte sie mit der Handtasche aus und schlug auf Patrick ein.

Die Attacke brachte ihn aus dem Konzept. Einen Augenblick lang verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug. Er trat auf die Bremse. Der Wagen rutschte über den nassen Asphalt, brach einen Leitpfosten ab und schlitterte auf dem Gras neben der Straße weiter.

Meike hielt sich krampfhaft am Türgriff fest. Patrick kuppelte und schaltete. Mit einem hässlichen Ratschen legte er den zweiten Gang ein und trat das Gaspedal durch.

Meike bemerkte seinen verkrampften Gesichtsausdruck und die zusammengepressten Lippen. Sie fasste einen Entschluss. Bevor Patrick völlig durchdrehte, musste sie hier raus. Egal, ob es draußen in Strömen goss oder nicht.

Sie griff nach der Handbremse und zog den Griff ganz nach oben. Patrick wollte beschleunigen, aber der Wagen setzte sich zur Wehr. Der Straßengraben tat ein Übriges. Die Räder drehten durch und gruben sich in den matschigen Boden. Statt schneller wurde der Wagen rasch langsamer und kam zum Stehen.

Den Gurt öffnen und die Tür aufstoßen, war eins. Die Handtasche fest in der linken Hand, sprang Meike hinaus in den Regen.

»He, was soll das?«, brüllte Patrick. »Bleib doch hier. War doch alles nur ein Scherz. Ich tu dir doch nichts.«

Aber Meike hörte nicht auf ihn. Wie von Furien gehetzt, rannte sie davon. Nach zwanzig Metern warf sie einen Blick zurück. Was, wenn er ausstieg und ihr folgte?

Zu ihrer Erleichterung sah sie, dass der Wagen langsam auf die Straße kroch und dann rasch beschleunigte. Das Blut pochte in ihrem Hals, und sie atmete hektisch. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was sich überhaupt abgespielt hatte. Der Kerl konnte sich auf etwas gefasst machen.

Meike schulterte ihre Handtasche und machte sich auf den Weg. Drei Kilometer im Regen war immer noch besser als fünf Minuten im Wagen dieses Lüstlings.

Kapitel

Sandra wartete bereits ungeduldig im Foyer auf sie.

»Wie siehst denn du aus?«, rief sie ihr entgegen. »Ich habe dich ein paar Mal versucht zu erreichen, aber du bist nicht ans Handy gegangen.«

»Du hast ja recht. Es lag ausgeschaltet in der Küche.«

Unauffällig musterte Meike sich in der spiegelnden Eingangstür und zog eine Grimasse.

»Wieso fragst du? Ich sehe aus wie immer.«

»Von wegen, dein Gesicht spricht Bände. Du hast dich mit Michael gestritten. Deshalb ist er nicht mitgekommen.«

»Es ist etwas vorgefallen. Aber es hat nichts mit Michael zu tun.«

»Auch recht. Wo steckt er? Strengte ihn das Tennismatch so sehr an, dass er im Bett liegt und sich erholt?«

»Wenn es nach ihm ginge, wäre es vermutlich so. Falls ihn nicht vorher der Blitz erschlagen hätte.«

Meike erzählte ihrer besten Freundin von dem abgebrochenen Match und der Unterhaltung im Clubrestaurant.

»Ja, ja und als du ihn an diesen Termin erinnert hast, zog er eine Schnute. Richtig? Ich kenne doch Michael.«

»Und dann bat ihn der Erste Vorsitzende noch um ein Gespräch unter vier Augen.«

»Da war Michael aber erleichtert. Keine lästige Vernissage.« Sandra zog ihre Freundin mit sich und musterte sie verstohlen. »Er scheint der Meinung zu sein, dass du ihm für immer und ewig treu ergeben bist. Auch wenn er keine Zeit für dich hat.«

Entsetzt sah Meike Sandra an. »Natürlich bin ich treu. Was denkst denn du. Obwohl ich es jedes Mal schade finde, dass er mich bei kulturellen Veranstaltungen im Stich lässt.«

Mit einem Schulterzucken, das sowohl Resignation als auch Enttäuschung bedeutete, beendete Meike das leidige Thema und musterte ihre Freundin. Sandra trug, passend zu dem festlichen Anlass, ein elegantes Kleid. Die geschickte Anordnung der Rüschen kaschierte die Pölsterchen an den Hüften. Ihre lange krause Haarpracht bändigte sie mit einem Seidenband. Wie eine Diva stolzierte sie durch das Foyer in Richtung der Ausstellungsräume.

»Nun komm schon, lass den Kopf nicht hängen. Nutz die Gelegenheit, um dich ein bisschen zu vergnügen. Du bist so schlank und siehst umwerfend aus. Da drinnen stehen genügend Junggesellen herum, dankbar für jede Art der Aufmerksamkeit. Du brauchst nur zuzugreifen.«

Bei dem Stichwort zuzugreifen zuckte Meike zusammen. Der Zwischenfall mit Patrick stand wieder deutlich vor ihren Augen. Kurz überlegte sie, ob sie Sandra nicht davon erzählen sollte. Sie entschied sich dagegen.

Sandra zog sie am Arm. »Wir sollten uns das Buffet nicht durch die Lappen gehen lassen. Mein Chef hat wieder eine tolle Auswahl getroffen.«

»Es geht nicht um Michael«, betonte sie nochmals. »Aber du hast recht. Lassen wir uns nicht den Abend versauen. Hattest du mir nicht versprochen, mir den Künstler persönlich vorzustellen?«

»Ja, aber Ludwig Fabke ist noch nicht eingetroffen. Das Übliche, Verspätungen bei der Bahn.«

Sie bedienten sich am kalten Buffet. Sandra tat es wie immer sehr eingehend, und es entging ihr nicht, dass Meike fast keinen Bissen hinunterbrachte. Von da an fühlte sich Meike unablässig von ihr beobachtet.

Sie gingen an den Stellwänden entlang und betrachteten die Radierungen und Aquarelle. Sandra wusste zu jedem Bild Einzelheiten. Sie jobbte in den Semesterferien regelmäßig in dieser Galerie und schwärmte von Fabke. Besonders ein Werk hatte es ihr angetan. Es trug den Titel »Träume der Camargue«.

»Diese weißen, halbwilden Pferde faszinieren ihn über alles. Ganz früh am Morgen begab er sich auf die Pirsch, um sie zusammen mit den Flamingos zu zeichnen.«

Aufmerksam betrachtete Meike das Bild und lauschte den Worten ihrer Freundin. Der Künstler hatte mit einer Detailtreue gemalt, dass man das Bild mit einer Fotografie verwechseln konnte. Der Schwung des Schilfs, die Maserung des Gefieders, die Proportionen und der Ausdruck der Pferde, es stimmte einfach alles. Eine starke Ruhe ging von dem Bild aus. Urplötzlich verspürte sie Sehnsucht, dort einmal Urlaub zu machen. Vielleicht konnte sie ja Michael zu einem Campingurlaub in der Camargue überreden. Morgens würde er sie mit frischem Baguette überraschen, und den Nachmittag verbrachten sie gemeinsam an einem einsamen Strand.

»Die Bilder sind auf einer Rundreise durch Frankreich und Spanien entstanden.« Sandra zog sie zum nächsten Werk. Unermüdlich erzählte sie und übersah völlig, dass Meike mit ihren Gedanken längst woanders war.

»Du hast Glück. Herr Fabke ist eingetroffen.« Diese zwei Sätze, etwas lauter ausgesprochen, holten die Freundin aus ihrem Traum.

Sandra deutete auf zwei Männer, die von einer Gruppe Journalisten umlagert wurden. Den einen kannte Meike. Es war Sandras Chef. Seine Kleidung verströmte dieselbe Eleganz wie die Einrichtung der Galerie. Der andere war folglich der Künstler persönlich, aber er sah so gar nicht aus, wie Meike ihn sich vorgestellt hatte. Seine Zeichnungen und Aquarelle zeugten von einem ordentlichen und sauberen Stil. Dagegen schien der Künstler wenig wert auf sein Äußeres zu legen. Die Säume der Stoffhose waren unterschiedlich lang und die abgewetzte Strickjacke hatte schon bessere Tage erlebt. Seine schulterlangen, grau melierten Haare wurden von einem simplen, roten Gummi gebändigt.

Mit einem solchen Kontrast hatte sie nicht gerechnet. Zwar wusste sie, dass Künstler manchmal etwas extravagant waren, aber das?

Sandra steuerte zielstrebig auf die Gruppe zu und bahnte sich einen Weg zwischen die Journalisten durch.

»Hallo Herr Fabke, darf ich Ihnen meine Freundin Meike Sanders vorstellen?«

»Aber gern. Guten Tag.«

Blaue Augen blickten sie an, tief und unergründlich. Der Druck seiner schlanken Hand war kräftig, sein Lächeln ausgesprochen herzlich.

»Garantiert hat Ihnen Sandra schon viel erzählt«, meinte er. »Gefallen Ihnen meine Bilder?«

»Ja sehr. Besonders die »Träume der Camargue«.«

Ein Wort ergab das andere, und kurz darauf waren sie in ein ausführliches Gespräch vertieft. Begeistert blinzelte Sandra ihrer Freundin zu. Abgelenkt von den düsteren Gedanken, blühte Meike regelrecht auf. Die Damen und Herren von der Presse warteten ungeduldig.

»Es tut mir leid. Aber die Pflicht ruft«, sagte Ludwig Fabke nach einer Weile. Mit einer Geste des Bedauerns wandte er sich den Journalisten zu. »Die Zusammenstellung meiner Werke in dieser Ausstellung erfüllt einen bestimmten Zweck. Sie soll auf eine gefährdete Landschaft aufmerksam machen. In zwei Wochen reise ich erneut nach Südfrankreich, begleitet von einem Aufnahmeteam des Fernsehens.«

Sandra zupfte an ihrem Ärmel und dirigierte Meike zur nächsten Stellwand.

»Na, was habe ich gesagt? Er gehört zu den wirklich sympathischen Künstlern.«

»Ja, da hast du recht. Am Anfang war ich völlig perplex. Du hättest mich zumindest vorwarnen können.«

»Nee, ich wollte dein fassungsloses Gesicht sehen. Und diese Überraschung ist mir gelungen.«

»Das kannst du laut sagen.« Meike gähnte und sah verstohlen auf die Uhr. Halb zehn. Die Zeit verging wie im Flug. Und der lange Fußmarsch durch den Regen machte sich bemerkbar. Bleierne Müdigkeit breitete sich in ihren Gliedern aus.

»Ich muss früh raus«, murmelte sie entschuldigend. »Mein Job kommt nicht zu mir ins Haus. Ich mache mich unauffällig auf die Socken.«

»Wie du meinst. Ein Pech, dass die Vernissage diesmal ausgerechnet an einem Donnerstagabend stattfindet.«

»Genau. Niemand denkt an die arbeitende Bevölkerung. Samstag oder Sonntag wäre viel besser gewesen.«

»Wo du gerade den Sonntag erwähnst. Hast du am Sonntag Nachmittag Zeit? Wir haben schon seit Ewigkeiten nicht mehr zusammengesessen und geplaudert.«

»Natürlich habe ich Zeit. Michael ist garantiert auf dem Tennisplatz. Du kannst ja gegen drei Uhr bei mir eintrudeln.«

»Prima. Ich habe da etwas, was ich unbedingt mit dir besprechen muss.«

»Was denn«, erkundigte sich Meike, aber Sandra schüttelte nur den Kopf.

»Bis Sonntag dann.«

*

Verschlafen kuschelte Meike sich in ihre Decke. Ein vorwitziger Lichtstrahl stahl sich durch den Vorhang und malte bunte Kringel auf ihr Bett. Wie gut tat es, einmal etwas länger liegen bleiben zu dürfen. Diesen Samstagmorgen hatte sie frei, und niemand drängte sie, aufzustehen.

Wohlig schnaufend drehte sie sich auf die andere Seite und zog sich die Decke noch fester um das Kinn. Augenblicke später döste sie wieder ein. Doch der Wecker schien sich einen Spaß mit ihr zu machen. Er klingelte überraschend, und sie drehte sich demonstrativ auf die andere Seite. Das Klingeln aber blieb. Meike benötigte eine Weile, bis sie ganz wach war. Sie strich sich die verwuschelten Haare aus dem Gesicht und rieb sich die Augen.

Es war die Türglocke. Sie kannte nur einen, der um diese Tageszeit keine Hemmungen hatte.

Langsam wühlte sie sich aus ihrer Bettdecke, stand auf und schlüpfte auf dem Weg zur Tür in den Bademantel. Das Klingelkonzert begleitete sie. Ein prüfender Blick durch den Spion, es war, wie sie es nicht anders erwartet hatte - Michael. Mit freudig klopfendem Herzen drehte sie den Schlüssel um und öffnete die Tür.

»Guten Morgen, du Krachmacher.« Noch draußen auf dem Flur fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn.

»Ich habe uns frische Brötchen mitgebracht. Sie sind noch ganz warm.« Michael schob sie sanft in die Wohnung zurück. »Während du im Bad bist, decke ich schon einmal den Frühstückstisch.«

»Das ist eine tolle Idee. Bis gleich.« Nun völlig wach verschwand Meike ins Badezimmer und drehte die Dusche auf. Für ihre heutige Toilette benötigte sie nur die Hälfte der üblichen Zeit. Als sie erfrischt und wohlgelaunt den Flur betrat, roch es verführerisch nach Kaffee. Ein liebevoll gedeckter Tisch und ein zufriedener Michael erwarteten sie. Meike setzte sich, während ihr Freund den Kaffee einschenkte.

»Du wirst es kaum glauben«, sagte er aufgeregt und sah sie mit leuchtenden Augen an. »Herr Evers ist sehr beeindruckt von meinem Tennisspiel. Er hat irgendwas von Talent und förderungswürdig gesagt.«

Amüsiert beobachtete sie, wie er schwungvoll ein Brötchen aufschnitt. Die Krümel flogen in alle Richtungen und verteilten sich gleichmäßig auf Tisch und Küchenboden.

»Deshalb also wollte er dich sprechen. Und ich dachte, du hättest etwas verbrochen.«

»Wo denkst du hin. Ich soll mein Training forcieren und an ein paar Lehrgängen teilnehmen.«

Michaels Begeisterung wirkte richtig ansteckend, aber da schlich sich etwas anderes in Meikes Gedanken. Doch sie wollte sich nicht am frühen Morgen schon den Tag vermiesen lassen.

»Wie sieht es aus, gehen wir heute in den Zoo? Dort ist ein Elefantenbaby zur Welt gekommen. Das würde ich mir gern ansehen.«

Michael verzog das Gesicht. Übergangslos schien eine eisige Kälte in der Küche zu herrschen.

»Nein, auf was für Ideen du kommst - Elefantenbabys. Ich dachte eigentlich, wir fahren gleich in den Tennisclub. Heute Morgen ein bisschen Konditions- und Aufwärmtraining, und am Nachmittag gibt es eine Unterrichtseinheit.« Er belegte sein Brötchen üppig mit Wurst und blickte in die Ferne.

Meike war inzwischen der Spaß am gemeinsamen Frühstück vergangen. Von Anfang an hatte ihre Beziehung unter seiner Tennisbegeisterung gelitten, aber in letzter Zeit übertrieb er eindeutig. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Hastig griff sie nach der Kaffeetasse und spülte das unangenehme Gefühl hinunter. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Tasse fest und legte sich ein paar schlagkräftige Argumente zurecht.

»Man wollte meinen, dass du mit dem Club verheiratet bist«, flüsterte sie. »Meinst du nicht, dass es ausreicht, wenn wir heute Nachmittag hinfahren? Ich hatte mich so sehr auf einen gemütlichen, kuscheligen Vormittag mit dir gefreut. Wir müssen ja nicht unbedingt in den Zoo.« Sie schwieg und blickte ihren Freund an. Bei jedem einzelnen Wort hatte sich sein Gesicht zusehends verdüstert. Das angebissene Brötchen lag achtlos auf dem Teller.

»Du verstehst das nicht. Es ist abgemacht, dass ich heute Morgen trainiere. Ein wenig Kondition würde auch dir nicht schaden. Du kannst aber gern zu Hause bleiben, falls dir das lieber ist.«

Enttäuscht sprang sie auf, und klatschte mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Wozu bist du dann gekommen? Ich bin davon ausgegangen, dass wir das Wochenende gemeinsam verbringen. Wieso verplanst du unsere Zeit so freizügig?« Langsam kam Meike in Fahrt. Ihre Hände verkrampften sich im Tischtuch. »Wer gibt dir das Recht dazu? Immer nur dieses eine Wort: Tennis. Hast du überhaupt noch Sinn für andere Dinge?«

»Ja, für meinen Beruf zum Beispiel. Versicherungskaufmann, der Job für die Zukunft.« Er schob seine Tasse so schwungvoll beiseite, dass der Kaffee überschwappte. »Die ganze Woche sitze ich am Schreitisch. Abends reicht es gerade eben noch für eine kurze Trainingseinheit. Da bin ich froh über jedes Wochenende.«

»Bitte, Michael. Seit einem halben Jahr waren wir nicht mehr im Kino. Und bei der Vernissage hast du mich einfach sitzen lassen.«

»Das stimmt nicht«, konterte er. »Ich konnte dich nur nicht begleiten, da eine andere, wichtige Sache dazwischen kam. Patrick war doch so nett und hat dich nach Hause gebracht. Und garantiert wäre er gern mitgegangen. Was willst du eigentlich?«

Meike schluckte heftig. Von dem Zwischenfall wusste bis jetzt noch keiner.

»Und du hast deinen Ruf als Spitzenspieler gepflegt. Echt schade, wie wenig Interesse du an unserer Beziehung hast. Das Wort »Gemeinsamkeit« scheint bei dir ein Fremdwort zu sein.«

Böse starrte er sie an.

»Ich fahre jetzt zum Tennisclub. Wenn du dich beeilst, kannst du mitkommen.« Er stand auf und räumte sein Geschirr in die Spüle.

»Nein, ich komme nicht mit.«

»Also gut.« Deutlich hörte Meike, wie seine Stimme vor Wut vibrierte, als er ihr antwortete. »Dann setze du doch deinen Dickkopf durch. Wenn du nichts von meiner Tenniskarriere wissen willst, bleib hier.«

Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, ging er hinaus und knallte lautstark die Tür hinter sich zu.

*

»Er ist einfach gegangen?«, erkundigte sich Sandra. »Das darf ja nicht wahr sein.«

»Doch, leider.« Meike starrte den grauen Teppichboden an, suchte nach nicht vorhandenen Fusseln.

»Das ist unglaublich. Hat er sich wenigstens bei dir gemeldet und sich entschuldigt?«

»Nein, bis jetzt nicht. Ich warte schon den ganzen Tag auf eine SMS oder seinen Anruf.« Meike zog die Knie an den Körper und faltete die Arme darum. »Meinst du, dass ich richtig gehandelt habe? Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Zum einen bin ich froh, dass er noch nicht angerufen hat. Zum anderen vermisse ich ihn.«

»Unsinn. Natürlich hast du richtig gehandelt. Dein Michael übertreibt seine Sportmasche gewaltig. So ein rücksichtsloser Freund kann dir doch gestohlen bleiben.«

»Ich liebe ihn.« gequält seufzte Maike auf, und schnappte sich ihr Handy und prüfte die eingegangenen Nachrichten.

»Da wäre ich mir nicht ganz sicher.«

Sandra nahm ihr liebevoll aber entschlossen das Handy aus der Hand und streichelte ihrer Freundin sanft über den Rücken. Den gedeckten Wohnzimmertisch beachtete keine von beiden. Unbenutzt stand das Geschirr da, und der Kuchen vertrocknete.

»Ich habe mir in letzter Zeit Gedanken über deinen Michael gemacht. Es fällt doch jedem auf, dass du ständig allein auf Achse bist.«

Meike saß auf dem Sofa und starrte ihr Handy an. Die Sehnsucht nach Michael zerriss sie schier. Nicht nur seine liebevollen Umarmungen und die feurigen Küsse fehlten ihr. Warum nur ließ er sie immer wieder in stich?

»Hörst du mir noch zu?« Sandra knuffte sie in die Seite. »Aufwachen und die Ohren spitzen. Ich habe hier etwas für dich.« Sie wedelte mit zwei bunt bedruckten Seiten vor ihrer Nase herum. »Du musst das lesen, sofort und sehr aufmerksam.«

Ohne sonderliches Interesse nahm Meike die zwei Blätter, die ihre Freundin aus einer Illustrierten herausgerissen hatte, und studierte die Schlagzeile. »Ein Mann für gewisse Stunden« - was soll ich damit?«

»Erst lesen, dann fragen.«

Meike schwieg und vertiefte sich, ihrer Freundin zu liebe, in den Artikel. Nach wenigen Minuten blickte sie auf.

»Klingt ganz nett. Doch was hat Jemand, der sich als Callboy oder Escort-Mann anbietet, mit mir zu tun?« Sie faltete die Blätter zusammen und gab sie Sandra zurück.

»Viel. Warum mietest du dir nicht einen Mann? Das ist die Gelegenheit, Michael eifersüchtig zu machen.«

Völlig überrollt von diesem Vorschlag, schnappte Meike nach Luft. »Nie im Leben. Du hast 'ne Meise.«

»Wieso? Es ist doch nur die logische Konsequenz. Michael muss merken, dass du auch ohne ihn auskommst. Wenn er sieht, wie du dich mit einem anderen vergnügst, sollte ihm das zu denken geben. Ja, er soll auf ganzer Linie eifersüchtig werden. Dann kommt er garantiert nicht mehr auf die Idee, dich ständig im Stich zu lassen.«

Tröpfchenweise sickerten die Worte in Meikes Bewusstsein. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Zu abenteuerlich klang das, was ihr Sandra da vorschlug. Einen Freund auf Zeit. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein?« Sandra klang wie der personifizierte Vorwurf. »Die Idee ist einmalig. Du musst den anderen nicht lieben. Er tut nur seinen Job.«

»Ich bin für so etwas nicht zu haben.« Demonstrativ starrte Meike auf ihre Fußspitzen. Sie konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mit einem Fremden auf Tour zu gehen. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Wie sollte das überhaupt laufen? Sie versuchte, ihre Gefühle zu sortieren und die Sache von der nüchternen Seite aus zu betrachten. Statt mit dem selbstverliebten Michael spontan mit einem Fremden in den Zoo. Warum eigentlich nicht? Langsam fand sie Gefallen an dieser Idee.

»Du bist eine verrückte Nudel, Sandra. Wie soll ich mir so einen Callboy für ein paar Wochen leisten? Der treibt mich in den Ruin. Mein Geld ist schon jetzt knapp.«

In gespielter Verzweiflung schüttelte Sandra mit dem Kopf. »Wo soll das nur mit dir enden? Du beschäftigst ihn doch nicht Tag und Nacht. Du verabredest dich mit ihm, wenn Michael dich versetzt. Dann besuchst du mit deinem Ersatzmann die Vernissage oder gehst mit ihm ins Kino. Am Ende bezahlst du ihn und verschwindest nach Hause. Du gehst dabei keinerlei Verpflichtungen ein. Michael hat doch keine Ahnung davon, dass du ihm nur etwas vorspielst. Er wird denken, dass du jetzt einen anderen Freund hast. Und schwupp steht er vor deiner Tür und wird dich auf Knien um Verzeihung bitten.«

Sandras Augen glühten, ihr Gesicht war gerötet. Sie hatte sich regelrecht in Begeisterung geredet. Und sie schien Recht zu haben. Andere Möglichkeiten, Michael endgültig für sich zu gewinnen, gab es nicht.

»Hast du eine Ahnung, wie teuer so ein Callboy ist?«, fragte Meike vorsichtig. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein besonders preiswertes Vergnügen ist.«

»Das ist kein Problem. Da die Idee von mir ist, beteilige ich mich an den Kosten. Das ist es mir wert. Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn du mit einem anderen gehst. Stell dir mal vor, wie blöd er aus der Wäsche guckt, wenn er das mitbekommt.« Sandra lachte vergnügt auf.

»Also gut. Wie soll ich es anstellen?« Voller Energie und Elan sprang Meike auf, und aktivierte die Kaffeemaschine. Laut brummend lieferte der Automat in wenigen Augenblicken einen frisch gebrühten Kaffee.

Währenddessen holte Sandra eine Kleinanzeige aus ihrer Handtasche. »Das stand vergangene Woche im Käseblättchen. Am besten, du rufst sofort an. Ich hole mir inzwischen auch einen Kaffee.«

Mit vor Aufregung zitternden Fingern nahm Meike den Fetzen Papier. Neugierig las sie die Anzeige: »Einsam? Suchen Sie einen Begleiter für nette Stunden? Junger, kultivierter Mann, 25 Jahre, leistet Ihnen bei jeder Gelegenheit Gesellschaft.« Es folgte die Telefonnummer.

»Das passt«, meinte sie, und nippte am heißen Kaffee. Jetzt schmeckte ihr das Gebräu endlich wieder. »Er ist gerade mal drei Jahre älter als ich. Kultiviert. Was habe ich denn darunter zu verstehen? Einwandfreie Tischmanieren? Sicher legt er die Füße nicht auf den Tisch.«

»Halt. Schön auf dem Boden bleiben. Es ist völlig egal, wie er sich benimmt. Hauptsache, er begleitet dich, ohne zu murren.«

Auffordernd hielt sie ihrer Freundin das Handy vor die Nase.

»Los, Ruf an!«

Meike holte tief Luft und tippte die Rufnummer ein. Insgeheim wünschte sie sich, dass besetzt war. Aber sie hatte Pech. Nach dem fünften Freizeichen erklang eine freundliche Männerstimme.

»Guten Tag. Hier spricht Jan-Erik Mölders. Leider bin ich zurzeit im Urlaub und nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie nach dem Signalton eine Nachricht und Ihre Nummer. Ich rufe Sie zurück. Auf Wiederhören.«

Ein ungewohntes Gefühl, das aus einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung bestand, machte sich in Meike breit. Sie wartete auf das Signal, nannte ihren Namen und die Rufnummer und bat um baldigen Rückruf.

»Das ging ja wie geschmiert«, lobte Sandra und nahm ihr das Handy aus der Hand. »Was hat der Anrufbeantworter gesagt?«

»Wenig. Der Herr heißt Jan-Erik und ist zurzeit auf Urlaub. Er verspricht, sich zu melden.«

»Na ja, besser als nichts.« Sandra räumte das Telefon fort und hockte sich zu ihrer Freundin auf das Sofa. »Setzt dich doch nachher hin und google diesen Namen und jetzt lass uns endlich den Kuchen essen. Sonst bringe ich dir nie wieder etwas mit.«

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
170 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783738078763
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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