Czytaj książkę: «Der Sorgenzerstäuber»
Louise Kringelbach
Der Sorgenzerstäuber
aus dem Dänischen von Janina Hoth
Lindhardt & Ringhof
Zwei Schreie durchschnitten den frühen Spätsommermorgen an zwei Enden der Stadt. Der eine kam vom einem der oberen Balkone eines roten Wohnhauses und war eine langgezogene, leidvolle Aufwallung eines älteren Mannes mit leerem Blick in den Augen und grauem Haar in den Ohren. Da die Nachbarn an das Geräusch gewöhnt waren, reagierte niemand. Für viele war dieser tägliche Ruf Teil der morgendlichen Begrüßung geworden, auch wenn dies nicht immer so gewesen war.
In der Zeit, nachdem der ältere Mann in das Pflegeheim eingezogen war, hatten die Nachbarn eine Unterschriftensammlung gestartet, um etwas gegen die Brüllerei zu unternehmen. Doch weder eine zugesperrte Balkontür noch stärkere Medizin hatten das Problem beseitigen können.
Nach der Beendigung des Guten-Morgen-Grußes blitzte kurz Leben in seinen Augen auf und ein Lächeln zog sich über seine Lippen. Vorsichtig schlich er wieder in die Wohnung zu seinem Guppy und schloss die Balkontür sanft hinter sich zu. Den Schrei vom anderen Ende der Stadt bemerkten die Nachbarn sehr wohl. Unerwartet hallte er wider und machte seine tiefe Verzweiflung noch weit entfernt spürbar. Darüber hinaus erklang er aus einem gelben Haus in einer Villengegend, die als abgeschieden bekannt, doch an jenem Morgen voll mit Menschen und Sirenen war. Der Himmel wurde erleuchtet von der blauen Farbe der Polizeisirenen. Der verzweifelte Ruf war von einer Frau mit lila gefärbtem Haar gekommen, die ein Polizist nun diskret in ein Polizeiauto wegführte.
Die Gartenpforte, die äußerst groß war und schwer demoliert aussah, wurde von zwei Polizisten untersucht. Schief an ihr hingen zwei kleine Schlösser, je vierzig Zentimeter breit. Die Türangeln waren ausgehebelt und die grüne Farbe abgeblättert. Im Allgemeinen sah der Schauplatz aus, als hätte sich irgendein großes Etwas wiederholt gegen die Pforte gepresst. Die Polizisten gingen durch die Pforte hindurch weiter zur Eingangstür des Hauses. Auch dort war versucht worden, etwas Großes hindurchzudrücken.
Neugierig sah der eine Polizist, ein großer Mann mit einem erfahrenen Blick, auf die Tür und fragte seinen Kollegen: »Ob ein kleiner Gartentraktor dieses Chaos hinterlassen hat?«
Der zweite Mann, mit weniger Streifen auf den Schultern seiner Uniform, antwortete mit einem »Hmmm - möglich, aber hier sind keine Fahrspuren«, und beide blickten auf den platt getrampelten Rasen, auf dem keine Blumen wuchsen, sondern nur ein paar Bäume, krumm und schief. Das Haus selbst war voll mit Menschen. Zwei Sanitäter trugen gerade eine Bahre hinaus, auf der eine zugedeckte Person lag, während die Polizisten dabei waren, Proben zu nehmen und akribisch das gesamte Erdgeschoss fotografierten. Mitten im Wohnzimmer stand ein großes, zerfleddertes Doppelbett. Über die Zeit war eine Seite des Bettes niedergedrückt worden, auf der wahrscheinlich eine beachtlich schwerere Person gelegen hatte als auf der anderen Seite. Eine Rechtsmedizinerin machte sich Notizen. »Was glauben Sie, was passiert ist?« fragte der jüngere Polizist.
»Nun, das ist eine gute Frage. Auf den ersten Blick kann ich keine eindeutige Erklärung geben. Erst die Proben werden eine bessere Antwort liefern können. Was wir wissen ist, dass der Hausbesitzer, ein Mann in den Vierzigern, tot in seinem Bett aufgefunden wurde. Die Todesursache ist Erdrosseln, der Todeszeitpunkt circa 7:30 Uhr vorgestern. Scheinbar ist etwas Schweres über ihn herübergerollt. Noch habe ich keine Ahnung, was ihn erdrosselt hat, möglicherweise eine sehr schwere Person. Vielleicht ein Liebhaber? Haben Sie die ältere Frau gesehen, die vorhin weggeführt wurde?«
Beide Polizisten nickten. Sowohl die Frau als auch ihre Verwirrung waren nur schwer zu ignorieren gewesen. Wie ein angeschossenes Tier mit schweren Schmerzen hatte sie geschrien. Sie war es auch gewesen, die am Morgen die Polizei gerufen hatte.
»Die Mutter des Verstorbenen«, sagte die Rechtsmedizinerin weiter, »ihr zufolge hatte er keinen Partner und nur wenige Freunde. Andererseits weiß sie vielleicht nicht alles über sein Tun und Lassen. Da bleibt uns nur, Ruhe zu bewahren und abzuwarten, was die Proben zeigen werden.«
2
»Ich komme wegen...«, mit einer diskreten Kopfbewegung wies die ältere Dame auf einen ergrauten Wolf, der mit hungrigem Blick neben ihr auf dem Boden saß. Der Mann, der ihr gegenüber auf einem gepolsterten Lehnstuhl saß, war ruhig und entspannt und nickte nur freundlich und verständnisvoll. »Immer ist er so furchtbar hungrig - er zehrt an mir und ich weiß weder ein noch aus.« Die Frau saß auf der äußersten Kante ihres Stuhles. Ihre Stimme, die von Anfang an dünn war, wurde immer schwächer, während sie ihre Lage schilderte. Das letzte Wort war nur mehr ein Flüstern, kaum hörbar. Ruhig und aufmerksam betrachtete Dr. Thor Moslav, der Mann im Lehnstuhl, seine Patientin. Die Dame war ungefähr siebzig Jahre alt, 165 Zentimeter groß und wog nicht mehr als fünfzig Kilogramm. Auf dem Kopf trug sie einen braunen Filzhut, unter dem einige glatte und schneeweiße Haare hervorlugten. Ihr Gesicht und ihre Hände hatten dieselbe Farbe. Gekleidet war sie in ein beiges Kostüm, das maßgeschneidert aussah, jedoch für eine größere Person als sie. An ihrer Seite saß ein mittelgroßer Wolf mit blutunterlaufenen Augen. Wachsam und wütend blickte er Dr. Moslav an. Nach langer Stille übernahm Thor das Wort:
»Frau Violet Vedl, ich kann gut verstehen, dass das für Sie nicht einfach ist«, er pausierte kurz, »versuchen Sie mir von dem Moment zu erzählen, als der Wolf das erste Mal in Ihr Leben kam«. Bei dem Wort Wolf zuckte Frau Vedl kurz zusammen. Zum ersten Mal betrachtete sie den jüngeren Mann gründlich, der vor ihr saß. Sie schätzte, dass er dasselbe Alter wie ihr ältester Sohn haben müsste, also Mitte Vierzig. In ihrem Umgangskreis beschriebe man ihn als einen adretten Mann, mit seiner feinen Kleidung und der sorgfältigen Frisur. Aber augenfällig an ihm war seine Wachsamkeit. Die alte Dame hatte so etwas noch nie erlebt. Sein gesamtes Wesen war vollkommen auf sie gerichtet, als hielte er sie für den einnehmendsten Menschen auf der Welt. Gleichzeitig war er nicht anmaßend. Viele zeigten ihr Mitleid oder ignorierten sie, sobald sie das Tier an ihrer Seite bemerkten. Doch nicht Dr. Thor Moslav. Sein Interesse schien aufrichtig zu sein. Auf der anderen Seite musste es das auch sein, da er einer der berühmtesten, um nicht zu sagen bestbezahlten Sorgenzerstäuber in Dänemark war. Frau Vedl schloss die Augen, holte tief Luft und begann zu erzählen:
»Verstehen Sie, vor etwas weniger als einem halben Jahr verstarb mein Mann völlig unerwartet. Für mich war es zumindest so. Siebenundvierzig Jahre waren wir verheiratet gewesen und ich mit meiner schwachen Gesundheit hatte immer geglaubt, dass ich zuerst ins Grab gehen würde. Mein Begräbnis hatten wir schon viele Jahre geplant - mitsamt der Grabstätte, Psalmen, möglichen Sargträgern, französischen Lilien und mehr. Über die Bestattung meines Mannes hatten wir noch nicht einmal nachgedacht. Wo er doch so vieles hatte, das er noch erreichen wollte. Aber letztes Jahr wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert - dem Oberarzt Erik Vedl, der er nie geraucht hat. Ganz wahr ist das nicht. Eine Zigarre rauchte er zu Neujahr und zur Geburt unserer Kinder und Enkel, ansonsten nie. Die Proben der Ärzte zeigten, dass der Krebs sich in die inneren Organe ausgebreitet hatte und dass seine Tage gezählt waren. Wie viel Zeit ihm noch blieb, wollten oder konnten die Ärzte nicht sagen, aber das war im Grunde genommen eins. Als Oberarzt konnte mein Mann die Resultate selbst überprüfen.
Als wir nach den letzten Untersuchungen vom Krankenhaus nach Hause kamen, schoss mein Mann sich noch in derselben Nacht eine Kugel in den Kopf. Erik war ein bestrebter Anhänger des Heimatschutzes und besaß ein ganzes Waffenarsenal. Die meisten waren ausgesuchte, zum Teil antike Stücke mit schönen Ornamenten. Es wundert mich nicht, dass er ein doppelläufiges Gewehr wählte, wo Erik einer der wenigen war, die eine spezielle Zulassung für eine solche Waffe hatten. Alle Umstände miteinbezogen hat er sehr umsichtig gehandelt. Ich meine damit, dass er eine furchtbare Unordnung angerichtet hätte, wenn er eine normale Flinte genommen hätte. Tage hätten wir gebraucht, um alles zu entfernen und das wäre ein Alptraum gewesen.«
Einen Moment lang verlor Frau Vedl sich in Gedanken, bevor sie weiter redete: »Der Tag, den er als seinen letzten wählte, war der sechste April. Bei dem Knall des Schusses bin ich in unserem Schlafzimmer im ersten Stock aufgewacht. Wie im Schock blieb ich kurze Zeit liegen, bevor ich raus in den Garten ging und Erik, bekleidet mit seinem hübschen grauen Anzug, unter unserem Kirschbaum liegen sah, der gerade erst anfing zu blühen. In seinem Arbeitszimmer lag seine Krankenakte aus dem Krankenhaus. Auf die Vorderseite hatte er geschrieben:
'Entschuldigt, aber das Leben eines unheilbaren Krebspatienten ist meiner nicht würdig'. Ich las die Worte, doch ich konnte sie nicht verstehen. Gedanken schossen mir durch den Kopf: Was ist mit mir? Was dachte Erik, sollte mit mir passieren? Wie konnte er als Oberarzt diese Wahl treffen? Welches Leben erwartete mich als Witwe eines Krebspatienten, der Selbstmord begangen hat? Diese Behauptung ist wahnsinnig, dass Selbstmord würdiger sei als das Leben als Patient. Ich verstand nichts, und dann entdeckte ich das Tier an meiner Seite.« Mit einer diskreten Kopfbewegung wies Frau Vedl auf den Wolf an ihrer Seite, der nun zu knurren begonnen hatte und die Augen zusammenkniff. Ihre Stimme wurde schwächer:
»Nun sind einige Monate seit Eriks Tod vergangen, aber ich konnte mich bisher um nichts kümmern - weder mein Heim, noch meine Kinder, Familie, Bekannte oder den Gartenverein. Das Tier zapft mir alle Kräfte ab. Immer ist es so furchtbar hungrig. Sie müssen verstehen... Ich weiß weder ein noch aus. Ein Oberarztkollege meines Mannes empfahl mir, Sie aufzusuchen, da sie der renommierteste Sorgenzerstäuber sind und Ihr ist Ruf einwandfrei.« Das letzte Wort flüsterte sie eindringlich:
»Dr. Moslav, können Sie mir überhaupt helfen?« Thor lehnte sich zu ihr. Ruhig sah er ihr in die Augen und sagte: «Es wird vielleicht einige Zeit in Anspruch nehmen, weil das Tier so groß ist, aber ich verspreche Ihnen, dass ich mein Bestes tun werde. Das Leben ist zu kurz, um ein Sorgentier für längere Zeit an der Seite haben zu müssen. Danach lehnte er sich zurück in seinen Stuhl, faltete die Hände zusammen und sagte: »Lassen Sie uns anfangen.«
Violet Vedl war eine typische Sorgenpatientin in der Praxis von Sorgenzerstäuber Thor Moslav. Ihre Sorgen waren so groß und kompliziert geworden, dass sie sich als Sorgentier an ihrer Seite materialisiert hatten. Dies war völlig normal. Vielen Menschen widerfuhr es zu einem oder mehreren Zeitpunkten in ihrem Leben, dass sie ein Sorgentier bekamen.
Während manche empfänglich dafür waren, offen darüber mit anderen Menschen redeten oder eine Behandlung aufsuchten, um ihre Sorgen zu lindern, versuchten andere Menschen ihre Tiere zu verstecken. Oft hatten sie die meisten Schwierigkeiten, sich mit ihren Sorgen zu befassen.
Ein Sorgentier gab es in allen Ausformungen, von Wurm oder Schwein bis zu Tiger oder Spinne. Meistens konnten andere Menschen das Sorgentier des Betroffenen sehen, doch zuweilen war es schwer zu erkennen, ob es sich um ein Haustier oder doch ein Sorgentier handelte. Außerdem war das Verhalten der Tiere selten gleich und hing von den Betroffenen und deren Sorgen ab. Sogar Sorgentiere wie zwei Wespen, die ansonsten identisch waren, konnten sich äußerst unterschiedlich verhalten. Die eine stach vielleicht den Betroffenen die ganze Zeit, während die andere summend Nektar von den Blumen des Sorgengeplagten sammelte.
Auch die Betroffenen selbst verhielten sich zu ihren Sorgentieren so unterschiedlich, wie sie mit ihren jeweiligen Sorgen umgingen. Für viele war ein Sorgentier ein hartes und beinahe unerträgliches Erlebnis, während das Tier für andere zum Lebensinhalt werden konnte. Für manche bedeutete es einen Neubeginn. Ein Sorgentier zu haben stellte demnach nicht notwendigerweise etwas Unbehagliches oder Negatives dar. Einzelne sahen in ihrem Sorgentier sogar ein gutes Zeichen. Sorgen zu haben brachte nicht unweigerlich ein Sorgentier hervor. Ein Mensch kann ein traumatisches Erlebnis verarbeiten, wie ein Kind oder einen Angehörigen zu verlieren, und dabei eine schwere Trauerperiode durchleben, aber am Ende durchkommen, ohne dass sich dieses Erlebnis als Sorgentier manifestiert hätte. Gleichzeitig konnte ein Mensch ein Sorgentier bekommen, ohne dass der Betroffene sich notwendigerweise traurig fühlte. Die Sorgenzerstäubung war die häufigste, wenn auch nicht einzige Methode, sich eines Sorgentiers zu entledigen. Manche Sorgengeplagten bevorzugten es, mit Ärzten, Psychologen oder Sorgengruppen zu reden. Dann gab es natürlich auch mehr alternative Methoden wie Kristallheilung oder Tanztherapie. Solche Methoden waren nicht wissenschaftlich fundiert, aber gaben den Patienten ein gutes Gefühl.
Thor Moslav war ein vom Staat autorisierter Sorgenzerstäuber. Dies bedeutete, dass er mit Geduld und wiederholten Behandlungen ein Sorgentier zum Verschwinden oder zu einer Verwandlung bringen konnte. Zuweilen resultierten seine Behandlungen darin, dass das Tier seine Form änderte - und damit auch sein Verhalten. Ein bissiger Tiger konnte ein scheuer Luchs werden, der zu einem verschmusten Iltis wird, von dem der Sorgentragende sich nur ungern trennt. Oder ein großer, mürrischer Elefant wurde zu einem verspielten Elefantenjungen. Das Studium der Sorgenzerstäubung war in gleicher Weise anspruchsvoll wie vergleichbare Ausbildungen als Arzt oder Psychologe. Da Thor Moslav sein Studium in der Regelzeit abschloss, erhielt er die höchste Auszeichnung und als Begründung schrieb ein Professor: »Nicht nur war Thor Moslav ein vorbildlich hart arbeitender Student, der klug und enthusiastisch zur Freude von Dozenten und Kommilitonen vollen Herzens am Studium teilgenommen hat. Auch besitzt er eine bemerkenswerte Anteilnahme und Verständnis für die Patienten, was bedeutet, dass er mit Sicherheit die richtigen Vorgangsweisen anwendet. Persönlich erwarte ich mir viel von Thor Moslav.«
Als Frau Vedl ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte, wusste Thor, weswegen sie gekommen war und was sie von ihm erwartete. Damit war er bereit, den Sorgenzerstäubungsprozess zu beginnen.
Frau Vedl beobachtete, wie Dr. Moslav die Augen schloss. Langsam entspannte sich sein Gesicht, bis es zuletzt vollkommene Ruhe ausstrahlte. Dann öffnete er die Augen. Sein Blick hatte sich verändert und war nun ungeheuer intensiv und dunkel. Der Blick saugte Frau Vedls Sorgen in den Raum zwischen ihnen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Als hingen ihre Sorgen wie eine zitternde Wolke aus Luft zwischen ihnen, schien es ihr. Die eigenen Sorgen so außerhalb von sich zu sehen war seltsam. Danach legte Dr. Moslav seinen Kopf unter die Sorgen und blies sie vorsichtig nach oben. Die Sorgen stiegen langsam auf und der oberste Teil der Wolke zerstäubte. Dann schloss Dr. Moslav die Augen und mit einem Mal endete der Kontakt. Frau Vedl konnte merken, wie die Sorgen sich zurück in ihre Brust schlichen. Immer noch nahmen sie viel von ihr ein, doch sie fühlten sich anders an. Es schien nun leichter zu sein, Luft zu holen. Als sie den Kopf zum Tier wandte, sah sie überrascht, dass es erheblich in seiner Größe geschrumpft war. Das Fell war weicher geworden, die Augen nicht länger blutunterlaufen und der für gewöhnlich hungrige Ausdruck war verschwunden. Jetzt sah es bloß noch aufgebracht aus und glich mehr einem großen Hund denn einem gierigen Wolf.
Thor öffnete die Augen und betrachtete die Veränderungen an Frau Vedl und ihrem Sorgentier. Der Verlauf der Behandlung war äußerst unterschiedlich und es war schwer vorauszusehen, wie das Tier auf die Behandlung reagieren würde. Bei manchen konnten die Sorgen sofort zerstäubt werden, aber in den meisten Fällen bedurfte es mehrerer Behandlungen.
»Wie geht es Ihnen?« fragte Thor.
»Besser«, antwortete sie verwundert. Die Stimme der älteren Dame klang kraftvoller.
»Meiner Erfahrung nach ist es ein gutes Zeichen, dass das Tier sich bereits jetzt so stark verändert hat. Sie sollten sich bewusst sein darüber, dass die Sorgen in Schüben kommen. An manchen Tagen läuft es besser als an anderen. Also erschrecken Sie sich nicht, sollte der Wolf plötzlich wieder etwas größer werden. Wir werden ihn schon zerstäubt kriegen.«
Frau Vedl stand auf, blickte direkt herunter auf das Tier und sagte mit fester Stimme: »Das werden wir.«
Thor folgte ihr und dem Tier hinaus zu seiner Sekretärin Anna Hansen in das Vorzimmer, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Sein Blick fiel auf einen kurzen Bericht auf der Vorderseite der Zeitung: »Sorgentier in Mordfall verdächtigt«. Doch er hatte keine Zeit mehr, den Artikel zu lesen, da die Sekretärin ihm im selben Moment eine neue Krankenakte in die Hand drückte und ihm erklärte, dass ein Patient wartete und er im Übrigen hinter dem Zeitplan lag. Mit der Schlagzeile im Hinterkopf ging er weiter ins Wartezimmer und wandte sich an Jane Bruun.
3
Früher an diesem Tag hatte die Gerichtsmedizinerin endlich die letzten Proben von dem noch ungeordneten Haufen an Daten analysiert. Ihren Verdacht konnte sie bestätigen und hatte nun den lang erwartenden Durchbruch erreicht. Ein allerletztes Mal ging sie alles minutiös durch und räumte dann ihren Schreibtisch auf. Sie konnte sich ihrer Überzeugung nicht sicherer werden und rief die Polizei an, um sie an ihren Entdeckungen teilhaben zu lassen. Akkurat erklärte sie, was geschehen war und wie der Mann erdrosselt worden war.
Als der große Polizist, Kriminaloberkommissar Poul Andersen, den Hörer aufgelegt hatte, fiel er zurück in seinen Stuhl, faltete die Hände zusammen und wandte sich müde an seinen jungen Kollegen:
»Das wird eine schwierige Sache werden. Das ist immer so, wenn ein Sorgentier involviert ist. Die Aussage der Gerichtsmedizinerin lässt sich so zusammenfassen, dass ein Elefant am Tod des Mannes schuldig ist!«
Der jüngere Polizist, Kommissaranwärter Eskild Karlsen, stoppte mitten in seiner Bewegung und zog die Augenbrauen zusammen: »Hmm, aber alle vernommenen Personen haben ja erzählt, dass der Mann ein Sorgentier hatte - einen Elefanten?«
»Ja«, antwortete Andersen, »aber Sorgentiere zu untersuchen ist ein schwieriges Unterfangen. Zum einen kommen solche Fälle selten vor. Zum anderen bleibt es immer streitbar, ob der Sorgentragende das Tier dazu gebracht hat, ihn umzubringen. Das wäre folglich Selbstmord. Oder waren es andere Personen, die das Sorgentier zur Tat verleitet haben? Ist es also Mord? Oder war es in Wirklichkeit das Sorgentier, das auf eigene Initiative handelte? Unglück oder Selbstmord? Anders gesagt ist es immer unheimlich schwer nachzuweisen, ob ein Tod durch ein Sorgentier ein Verhängnis oder ein Mord war.«
Aufmerksam sah Eskild Karlsen seinen Kollegen an: »Na, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als die Ärmel hochzukrempeln und konzentriert an die Arbeit zu gehen. Soll ich nochmal welche von den Zeugen hierher beordern? Was ist mit der Mutter des Verstorbenen?«
Einige Zeit später saß die ältere Dame, die ein paar Tage zuvor ihren Schmerz herausgebrüllt hatte, gegenüber von Eskild Karlsen in einem engen Verhörzimmer. Langsam und ruhig erklärte er ihr die Resultate der Gerichtsmedizinerin. Noch bevor er seine Ausführungen beendet hatte, stand die Mutter des Verstorbenen auf. Als sie sich aufrichtete, zeigte sich zur Überraschung des Polizisten, dass sie eine beeindruckend große Frau war. Mit ihrem geschwollenen Gesicht und den blutunterlaufenen Augen sah sie aus wie jemand, der tagelang geweint statt geschlafen hatte. Die Frau legte die linke Hand ans Ohr und begann, ziellos im Raum umherzugehen. Der Polizist redete weiter, während die Frau ihre achte Runde um den Tisch drehte, bis sie stehenblieb und sagte, als ob sie mit sich selbst diskutierte: »Mein Sohn hat sein ganzes Leben lang einen Elefanten an seiner Seite gehabt und es hat nie ein Problem gegeben. Sicher war er ein wenig groß - dem lässt sich nicht widersprechen - aber warten Sie... Der Elefant ist ja deutlich kleiner geworden, verspielter und vor allem: unberechenbar.« Dann wartete sie einen Augenblick, bis es aus ihr herausbrach:
»Ich fand heraus, dass er hinter meinem Rücken begonnen hatte, einen Sorgenzerstäuber zu besuchen und seitdem waren das Tier und er wie ausgewechselt. Warum hätte er mir das nicht einfach erzählen können? Als hätte er mich aus seinem Leben ausgeschlossen... Vorher waren wir oft zusammen gewesen... Aber auf einmal war er zu beschäftigt, um mich zu sehen.« Langsam rannen die Tränen in ihrem Gesicht herab zum Kinn. Sie wirkte wie ein Hüne, der kurz vor dem Zusammenbruch steht. Während sie den Polizisten schmerzvoll anstarrte, zitterte sie und sagte: »Vielleicht sollte man den Sorgenzerstäuber ausfindig machen und ihn fragen, welche Rolle er bei der Ermordung meines Sohnes spielte?«
4
Eine adrett gekleidete Frau in den Dreißigern erhob sich. Mit der linken Hand fuhr sie dreimal über ihr Kleid, während sie mit der rechten ihre Frisur richtete. Drei Wespen summten träge um ihren Kopf. Glücklich lächelnd begrüßte sie Thor mit einem festen Händedruck, während sie sein Büro mit der Panoramasicht auf den großen Park der Stadt betrat. Wie gewöhnlich nahm sie im rechten Sessel Platz und machte es sich bequem. Thor betrachtete sie mit einem interessierten Blick und setzte sich in den linken Sessel.
»Seit wie vielen Jahren kommst du schon zu mir?«
Heiter antwortete Jane: »Zu viele Jahre, als dass ich die Zahl laut aufsagen mag. Aber ich bin doch eine deiner ältesten und treuesten Patientinnen.«
Warm lächelten sie einander an, bis Jane Bruun ihre Neuigkeiten nicht länger geheim halten konnte:
»Es läuft gut. Es läuft richtig, richtig, richtig gut. Ich erwarte Zwillinge - zwei Mädchen!« Ihr Gesicht strahlte so wie die Spätsommersonne draußen.
»Was für großartige Neuigkeiten! Du hast erzählt, dass ihr seit längerer Zeit daran arbeitet.«
Eifrig nickte Jane, aber dann zuckte es in ihrem Mundwinkel. Sie lehnte sich vor und sagte: »Ich möchte dich bitten, dafür zu sorgen, dass die Wespen mich während der Schwangerschaft nicht stechen und vor allem, dass sie meinen Sohn und die Zwillinge, wenn sie da sind, in Ruhe lassen. Ich möchte, dass du die Wespen zerstäubst, damit sie nicht stechen können.«
»Jane, darüber haben wir bereits gesprochen.« Thor setzte sich auf dem Stuhl zurecht. »Du weißt genau, dass du mehr von mir erwartest, als ich in Wirklichkeit zu tun im Stande bin. Ich kann versuchen, sie zu zerstäuben oder ihre Form zu ändern, aber ich kann und darf nicht versuchen, sie zu kontrollieren.«
»Aber du bist der beste Sorgenzerstäuber, Thor. Jeder weiß das. Letzte Woche habe ich mit meiner Schwägerin geredet, die mehrere Monate auf der Warteliste stand, um von dir behandelt zu werden. Ein Bekannter legt Geld von seinem Haushaltsbudget auf die Seite, für nur eine einzige Sitzung bei dir. Wenn du das nicht kannst, dann schafft es niemand. Ich bin es doch, die dich um den Versuch bittet - eine alte und sehr treue Patientin - was könnte also falsch daran sein, es zu versuchen?!« Sie ließ den Kopf hängen.
Thor blieb still.
Sie faltete ihre Hände zusammen und sagte: »Von allen Menschen müsstest du am besten wissen, wie schwer mein Dasein gewesen ist. Die ganze Geschichte mit meiner Schwester fällt mir immer noch schwer... Mir gefiel es, ein Teil der Glücklichen Drei zu sein, aber das ist Vergangenheit.«
Jane Bruun war in einer gutbürgerlichen Familie mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Die zwei Schwestern und ihr Bruder hatten sich gern die Glücklichen Drei genannt.
Thor antwortete: »Auf deinen Schultern lastet eine gewaltsame Geschichte. Trauer erfordert Zeit.«
»Denk daran, dass ein einziger Tag alles verändern kann. Denk daran, dass es mein Geburtstag sein sollte, der alles verändert hat.« Ihre Stimme war ausdruckslos.
An ihrem neunzehnten Geburtstag wollten ihr Bruder, ihre Schwester und sie in einem Naturschutzgebiet feiern. Die ganze Familie bestand aus begeisterten Naturmenschen. Sie bewegten sich wie selbstverständlich in Flora und Fauna und konnten sich ohne Probleme eine Woche lang nur von deren Gaben ernähren. In der Gegend, in der ihre Familie jahrelang ihr Lager aufgeschlagen hatte, hatten sie ein Zelt aufstellen wollen. Am Morgen hatte Jane sich ein Stück eines Zahnes abgebrochen und sollte daher zuerst zum Zahnarzt. Der Zahn wurde gerichtet und vier Stunden später machten Jane und ihr Bruder sich auf zum Lager.
Mit derselben tonlosen Stimme fuhr Jane fort: »Alle betonten, wie tapfer ich mit dem Schock umgegangen sei.«
Vor dem Zelt hatten sie ihre leblose Schwester gefunden, die mit einem Schläger zu Tode geprügelt worden war. Um ihren Kopf schwirrten Insekten. Die Ermittlungen der Polizei hatten ergeben, dass ein geistig verwirrter Mann einfach Amok gelaufen war. Der erste und bis dahin einzige Mord in der Gegend.
»Das bist du auch.« Anerkennend nickte Thor ihr zu.
»Wirklich? Warum verschwinden die drei Wespen dann nicht? Warum komme ich seit so vielen Jahren zu dir?« Eine Ader zeichnete sich an ihrem Hals ab.
Als Jane Bruun zum ersten Mal zu Thor gekommen war, hatte sie bereits zwei andere Sorgenzerstäuber besucht. Dass sie sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder dem Leben in die Arme geworfen hatte, war für alle beeindruckend gewesen. Mit dem Leben an der frischen Luft hatte sie abgeschlossen und stattdessen eine kaufmännische Büroausbildung begonnen, die sie vor der Regelzeit abschloss. Mit der Zahl Drei hatte sie jedoch eine Zwangsvorstellung entwickelt. So konnte sie nur in Häusern leben, deren Nummern durch drei teilbar waren. Als sie ihren fünften Partner heiratete, nahm Thor dies als Zeichen der Genesung. Wenig überraschend waren drei Wespen ihre Sorgentiere, die sich meistens ruhig verhielten, aber plötzlich, wie aus heiterem Himmel, sie zu stechen anfingen. Zudem waren sie äußerst resistent. Nie hatte Thor sie endgültig zerstäuben können. Stattdessen war es immer wie ein Schritt vor und zwei Schritte zurück.
»Vielleicht könntest du auch einen Psychologen aufsuchen?« schlug Thor vorsichtig vor.
Sie wandte sich im Stuhl: »Das will ich nicht und das weißt du auch. Möglicherweise habe ich Sorgen, aber kein psychisches Leiden. Meine Sorgentiere sind einfach unglaublich widerspenstig... Du bist der einzige, der mir zumindest ein wenig helfen konnte.« All die geballte Energie, die sie vorher von sich gegeben hatte, war verschwunden. Nun hingen ein paar Strähnen aus ihrem ansonsten so schön frisiertem Haar. Die Locken flogen in alle Richtungen und ihr Gesichtsausdruck war suchend. Diese Seite kannten nur die wenigsten Menschen an Jane Bruun, aber Thor hatte sie einige Male während der Behandlung gesehen.
Er lehnte sich zu ihr und sagte beruhigend: »Es wird schon werden. Ich werde dir immer gerne helfen. Aber denk daran, dass ich nur die Fähigkeit habe, dir beizustehen. Du musst dir bewusst sein, was du willst. Also frage ich dich nochmal: Was möchtest du erreichen?«
»Ich will einfach nur dafür sorgen, dass nichts, nichts, überhaupt nichts schief gehen kann. Dass meine Zwillingsmädchen und mein Junge die neuen Glücklichen Drei werden können. Kann das so schwer sein?« Mit einem scharfen Klang in der Stimme lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück.
»Das kann ich gut verstehen, aber du musst daran denken, dass ich dir als einziges den Versuch anbieten kann, deine Sorgentiere zu zerstäuben. Ich habe keine Kontrolle darüber, was dann passieren wird und in was sie sich entwickeln werden.« Diese Diskussion führten sie nicht zum ersten Mal.
»Also tu es!«
Thor schloss die Augen und begann, sich auf ihre Sorgen einzustimmen. Langsam konnte er sie aus Jane heraussaugen, sodass sie wie eine zitternde Wolke zwischen ihnen hingen. Als er versuchte, sie so gut wie möglich zu zerstäuben, konnte er sie nicht vollständig greifen. Jahrelang lief es schon so. Die Sorgen bargen einen Sumpf aus Missmut und Angst in sich, den er nicht durchdringen konnte und sie waren nur schwer zu erreichen, wenn der Patient entweder zweifelte, wohin er mit den Sorgen wollte, er abhängig von ihnen geworden war oder vielleicht gar nicht wünschte, dass Thor sie erreichte.
Später, nachdem Jane gegangen war, erhielt Thor unerwartet ein wenig Zeit für sich. Der nächste Patient, Mortimer Prais, einer seiner Lieblingspatienten mit einem Babyelefanten als Sorgentier, war nicht gekommen. Dass gerade Mortimer Prais eine Sitzung versäumte, war ungewöhnlich. Aber Thor nahm es gelassen und nutze die freie Zeit, um sich bei den Zeitungen und Illustrierten im Wartezimmer auf den neuesten Stand zu bringen. Gründlich durchsuchte er einen Stapel von den neuesten Ausgaben, um die Zeitung mit dem kurzen Artikel über das Sorgentier zu finden, das von der Polizei in einem Mordfall verdächtigt wurde - doch ohne Glück.
Später an diesem Tag hatte er ein Interview mit einer Journalistin des monatlichen Magazins Karriere und Erfolg, die einen Sonderbeitrag über Thor Moslav schreiben wollte und wie er im Alter von dreiundvierzig zum erfolgreichsten Sorgenzerstäuber des Landes geworden war. Er wurde darum gebeten, seine zehn besten Ratschläge zum Managen der eigenen Karriere zu geben. Viele Male hatte er schon über dieses Thema sprechen müssen. Seine Anleitung für Erfolg hatte sich seit vielen Jahren nicht geändert und war nichts Neues unter der Sonne.
Während die Farben im Park hinter ihm funkelten, nahm er Platz in seinem gemütlichen Sessel.
5
Nur schwer konnte man unzufrieden sein mit einem Leben, wie Thor Moslav es führte. Das Wetter war mild und er machte sich auf den Weg nach Hause. In gemächlichem Tempo ging er einen abendlichen Spazierweg auf seiner besonderen Route durch den Park und genoss die Dämmerung, die langsam einzusinken begann. Der Tag war gut gewesen und das Interview über seine Erwartungen hinaus gut verlaufen.
In Gedanken wiederholte er das Gespräch mit der Journalistin, die eine interessante Frau war. Viel aufgeweckter als alle anderen Journalistinnen, von denen er interviewt worden war. Dazu hatte sie auch einen schönen Körper. Rund an den richtigen Stellen und ihr Haar war dicht und glänzend. Seit er seine letzte Affäre beendet hatte - und dies war länger her - waren seine Antennen hinsichtlich Frauen mächtig aktiv. Dies betraf nicht seine Patientinnen, die in eine ganz andere Kategorie gehörten, in der er sie ausschließlich als Patientinnen, und nicht als Frauen betrachtete. Die Arbeit als Sorgenzerstäuber hatte Thor gelehrt, dass er niemanden retten kann, es aber möglich ist, jemandem zu helfen. Sexuell zogen ihn Frauen, die bedürftig waren und gerettet werden wollten, überhaupt nicht an. Der unabhängige Frauentyp, der in sich selbst ruhte und nichts von ihm verlangte, konnte ihn wiederum verrückt machen. Außerdem war er auch in einer Situation, in der er Frauen nichts außer sich selbst anbieten konnte. Unsterblichkeit in Form eines Kindes konnte Thor nicht bieten. Wenn Thor Moslav sterben würde, verschwände auch der Stamm seines bekannten Familiengeschlechts komplett von der Oberfläche der Erde, ganz so wie der letzte Mohikaner. Mit anderen Worten war Thor der letzte Mann, der den Namen Moslav weiterführen konnte und als die Ärzte sagten, dass er steril war, wurde die Unmöglichkeit Gewissheit. Sterilität und schlechte Samenqualität waren eine bekannte Anlage in der Familie, die langsam aber unfehlbar den kleinen Moslavstamm ausgehöhlt hatte. Thor war ein Einzelkind und alle seine Onkel waren steril. Seine ganze Kindheit hindurch hatte man ihm erzählt, dass das Weiterführen des Geschlechts, das viele tüchtige Sorgenzerstäuber hervorgebracht hatte, seine Berufung war.
Als junger Mann hatte er die schönste Frau für sich gefunden, die zudem gute, gebärfreudige Hüften hatte. Als sie heirateten, hätte sich niemand ein besseres Paar vorstellen können, um Moslav-Kinder zu zeugen. Aber nachdem sie einige Jahre vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen, zeigte sich, dass Thors Samenqualität keinen Grund zur Prahlerei bot. Höchstwahrscheinlich würde er niemals Nachkommen produzieren können. Ellza, jetzt seine Exfrau, zerbrach an dem Bescheid. Thor hingegen erklärte ihr eindringlich, dass, auch wenn es furchtbar ärgerlich war, niemals Kinder bekommen zu können, sie es akzeptieren und mit dem leben müssten, was nicht zu ändern war. Sie sollten an die Vorteile denken, die ein kinderloses Leben mit sich brachte. Zum Beispiel könnten sie um den Globus reisen und ihre Interessen verfolgen, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Seine Worte fanden jedoch keinen Widerhall bei Ellza.
Die Reaktionen der Familie waren gemischt. Ellzas Familie war von sich aus aktiv geworden und hatte sämtliche Oberärzte kontaktiert, die sich beim Thema Fruchtbarkeit auskannten. Leider ohne Erfolg. Thors Familie hatte entspannter reagiert. Seine Großmutter väterlicherseits hatte gesagt, dass es zwar ärgerlich, aber in Ordnung sei, da klein und exklusiv zu sein das Schicksal der Familie war. Die Onkel fanden es ganz okay. Männer, die Nachkommen produzieren konnten, waren ihnen schon immer suspekt gewesen. Thors Vater dagegen hatte nicht lange damit hinterm Berg gehalten, dass er gerne Großvater geworden wäre, hatte aber volles Verständnis für die Situation.
Nachdem sie endgültig überzeugt waren, zusammen keine Kinder bekommen zu können, dachte Ellza über eine Adoption nach. Vielen elternlosen Kindern auf der Erde fehlte ein Heim. An diesem Punkt entschied Thor sich für das Aufgeben. Wenn er ein Kind haben sollte, dann müsste er an dessen Geburt beteiligt gewesen sein. Ein adoptiertes Kind konnte sein Geschlecht nicht weiterführen. Letztendlich war es Thors Verantwortung, die Familiengeschichte fortzuschreiben - wenn einem Kind das richtige Blut in den Adern floss.
Wenige Jahre später trennten sich Thor und Ellza. In der Zwischenzeit hatten sie aussichtslose Gespräche geführt, die lediglich darin resultierten, dass sie weiter und weiter auseinander glitten. An die letzte Nacht konnte Thor sich noch deutlich erinnern:
»Warum kannst du nicht verstehen, dass Kinder das wichtigste auf der Welt für mich sind?« Eingewickelt in ihre Decke lag Ellza im Bett.
»Glaubst du, ich hätte mich dazu entschieden, keine Kinder zu kriegen?« antwortete Thor, ohne von seinem Monatsmagazin über Sorgenzerstäubung aufzusehen.
»Deine Samenqualität ist egal. Wir können adoptieren.«
Müde legte Thor das Blatt nieder: »Wozu sollten wir eine dritte Person in unsere Beziehung bringen? Ich kann einfach nicht verstehen, weswegen ich nicht genug für dich bin. Warum haben wir überhaupt geheiratet, wenn ich für dich nur ein Zuchtpferd bin? Dann hättest du dich mit irgendeinem Typen verheiraten können.«
»Vielleicht hätte ich das auch machen sollen. Jeder andere Typ hätte gerne Kinder mit mir.«
»Ellza, wie lange führen wir schon diese Diskussion? Zwei Jahre? Es bleibt dieselbe alte Leier und das muss aufhören. Wir sind verheiratet und du bist die Frau meines Lebens. Das ist Fakt. Leider kann ich keine Kinder bekommen und ich will nicht adoptieren. Ich weigere mich, das Kind eines anderen Mannes zu erziehen. So einfach ist das. Wir werden immer noch ein schönes Leben haben.« Thor nahm das Magazin wieder in die Hand, während er weiterredete:
»Wir können ein Tier kaufen. Hund, Katze oder Vogel - such dir aus, was du willst!«
»Ich möchte kein Tier haben. Ganz abgesehen davon, dass ich allergisch bin. Kannst du dich an den Sommer erinnern, als ich Asthma wegen einer Katze bekam?«
»Können wir dann also aufhören zu diskutieren? Wir drehen uns immerzu nur im Kreis.«
»Da hast du Recht - es gibt nichts mehr zu sagen.« Ellza schaltete die Nachttischlampe aus und schloss die Augen. Thor konnte hören, dass sie nicht schlief, aber er las einfach weiter.
Am nächsten Morgen verkündete Ellza, dass sie ausziehen würde. Thor akzeptierte dies als ihre Entscheidung und mit ihren gepackten Koffern verließ sie die Wohnung. In der Zeit darauf litt Thor an Schlaflosigkeit. Da er nicht begreifen konnte, warum Ellza gegangen war, wanderte er nächtelang gedankenverloren durch die Wohnung. Erst nach einiger Zeit vermochte er den Stand der Dinge zu akzeptieren und konnte wieder Schlaf finden. Sein Leben setzte er fort, indem er sich mit Arbeit begrub. Einige Male begann er wieder neue, längere Liebesbeziehungen, aber wurde jedes Mal mit denselben Begründungen verlassen: Er konnte keine Kinder bekommen und die Frauen spürten, dass er nicht mit dem Herzen dabei war. Letzten Endes gaben ihm lockere Beziehungen das größte Wohlbefinden.
Die Arbeit als Sorgenzerstäuber wurde für Thor zur Quelle der Freude, der Begeisterung und der Zufriedenheit. Auch wenn er gut in seinem Job war, versuchte er ständig, sich zu verbessern und genoss es, anderen Menschen in Sorge helfen zu können. Dies war eine Schwäche in der ganzen Familie, die einige legendäre Sorgenzerstäuber hervorgebracht hatte. Seine Großmutter väterlicherseits war wegen ihrer Strebsamkeit, aber auch, weil sie eine der ersten Frauen war, die sich auf diesem Gebiet hervortun konnte, berühmt geworden. Deswegen hatte er sie immer von der Sorgenzerstäubung - und welche Eigenschaften man dafür brauchte - erzählen gehört.
Als Dr. Thor Moslav sich das erste Mal der Sorgenzerstäubung zugewandt hatte, war er ein Junge gewesen, der dies zu tun gar nicht beabsichtigt hatte. Sein Onkel war bei einem Unfall im Meer umgekommen. Das Unglück setzte seiner Familie unheimlich zu und vor allem seinem Vater, dessen Zwillingsbruder der Onkel gewesen war. Kurze Zeit später bekam der Vater einen Schwertwal an seine Seite, der in regelmäßigen Abständen Salzwasser brauchte. Durch Gespräche und das Experimentieren mit den Techniken, von denen seine Großmutter erzählt hatte, vermochte Thor langsam die Sorgen seines Vaters zu verringern. Der Schwertwal wurde mit der Zeit zu einem hübschen Karpfen, der in einem Aquarium in der Wohnstube des Vaters lebte. Jetzt war er nur mehr ein Guppy, der im Pflegeheim des Vaters in einem kleinen Glasgefäß lebte. Thors Vater Tage war auf seine alten Tage dement geworden und lebte deswegen in einem Pflegeheim am anderen Ende der Stadt. Der Guppy war eine der wenigen Angelegenheiten, die seinen Vater noch interessieren konnten. Die einzig andere war sein morgendliches Ritual, das sowohl Personal als auch die Nachbarn letztlich, wenn auch widerwillig, zu akzeptieren lernten.
Rasch schüttelte Thor den Kopf. Den im nebeligen Land der Demenz vergangenen Dingen nachzutrauern, hatte keinen Sinn und so lenkte er seine Gedanken schnell wieder zu dem Interview. Seine Aussagen hatten ihn in ein gutes Licht gestellt. Die Journalistin hatte zufrieden und imponiert gewirkt, aber das könnte natürlich auch aufgesetzt gewesen sein. Journalisten waren schwer berechenbar. Die meisten wirkten freundlich und interessiert, aber Fakten gaben sie oft falsch wider. Thors alter Mentor Dr. M. hätte gesagt, dass Journalisten nicht in ihrem Fach ausgebildet waren und sich dessen Werten gegenüber nicht verpflichtet sahen.
Thor kam am anderen Ende des Parkes heraus und konnte schon sein weißes Haus mit dem grünen Eingang erkennen. Seine Wohnung in dem schönen, älteren Wohnhaus lag im obersten Stock. Jedes Mal füllte sich seine Brust mit Stolz, wenn er das Haus erblickte. Dort wohnte er. So gut war sein Leben.
Thor war nicht mehr so gut in Form wie noch vor einigen Jahren, aber er lief immer, wie jetzt auch, die Treppen hinauf, um sich in Form zu halten. Nur weil man über vierzig war, gab es keinen Grund, sich gehen zu lassen. Wie er der Journalistin angeraten hatte: ein Geheimnis des Erfolgs war der gesunde Nachtschlaf, Interesse für das eigene Gebiet sowie die eigenen Überzeugungen und Erwartungen zu erfüllen.
Am Abend schlief Thor rasch ein. Tief und traumlos schlief er die Nacht durch.
6
Camilla Nielsen lag ganz still, mucksmäuschenstill, da, doch ihre Augen waren weit geöffnet. Mit einem Fuß fest auf dem Boden lag sie auf ihrem Bett. Auf diese Weise verbunden mit der Erde starrte sie hinauf in die Luft, während sie darauf wartete, dass die Übelkeit verschwand. Selbst die kleinste Bewegung löste Vibrationen in ihrem Körper aus, die in kleinen Wellen aus Übelkeit aufstiegen. Wenn sie sich fest auf den dunklen Schatten an der Decke konzentrierte, der einem Kaninchen ähnelte, war der Brechreiz nicht so übermächtig und ertragbarer. Andererseits machte das sonst alles überschattende Leiden auf diese Weise Raum dafür, an die andere Sache zu denken. Diese unterschied sich einerseits bedeutend vom Brechreiz und war auf ihre eigene Weise doch genau so bedrohlich, alles überschattend und gewaltig, vielleicht sogar noch mehr.
Wenn sie auf ihr Leben zurückblickte, konnte sie nicht einen Moment finden, der sie als außergewöhnlich definiert hätte. Ihr Leben war ein gänzlich vernünftiges und durchschnittliches gewesen. Auf einer Skala befände es sich brav auf der oberen Mitte, ohne etwas Besonderes aufzuweisen. Ohne Vorwarnung war sie an einem Wendepunkt angelangt, an dem sich dies ändern sollte und eine Intuition sagte ihr leise, dass sie irgendwann die Orientierung verloren hatte. Wie oder warum konnte sie sich nicht erklären.
Bis dahin hatte sie nichts zu beklagen gehabt. Ihre Kindheit war sorglos und gut gewesen und sie hatte immer noch ein tolles Verhältnis zu ihren Eltern. Mit ihren Geschwistern verstand sie sich sogar großartig, auch wenn sie sich selten sahen. Die Schule war in Ordnung gewesen, ohne nennenswerte Ereignisse. Die Zwanziger dann waren in einem rauschhaften, schnellen Tanz aus Reisen, Männern, Erlebnissen sowie wechselnden Studien und Jobs verloren gegangen. Das meiste war unterhaltsam gewesen und es gab nur wenige Erlebnisse, die sie gerne ausgelassen hätte. Alles lief geradezu großartig und sie hatte sich gefühlt, als sei sie auf der richtigen Spur. Dann eines Tages hatte sie entdeckt, dass sie die Orientierung verloren hatte. Ohne es bemerkt zu haben, fand sie sich an einem Platz wieder, an dem sie nicht sein wollte und kein Weg konnte sie zurückführen.
Ihr Gesicht verzog sich und selbst diese kleinste Bewegung ließ eine neue Welle aufsteigen. Einen Augenblick dachte sie, dass sie zur Toilette laufen müsste, um sich zu übergeben. Aber sie kämpfte dagegen an. Der Gedanke, hockend vor der Toilette zu sitzen und auf den Boden zu starren, war zu erniedrigend. Stattdessen sammelte sie all ihre verbleibende Kraft, um sich fest auf die dunkle Wolke in der Luft zu konzentrieren. Langsam löste das Gefühl sich auf und sie konnte ihre Gedanken wieder schweifen lassen.
Mit rasendem Tempo näherte sie sich der Mitte dreißig und in Wahrheit gab es niemanden, mit dem sie gern zusammen sein würde. Wo war der schöne, reiche Mann, der sie anbetete, die zwei wohlerzogenen Kinder, das weiße Einfamilienhaus mit Garten und der inspirierende Teilzeitjob?
Eines Tages war es ihr aufgegangen, wonach sie sich eigentlich sehnte und wie weit der Traum außer Reichweite war. Kurz darauf, in den Nächten, die sie allein verbrachte, hatte ein gutmütiger und meistens nasser Schäferhund begonnen, sie zu besuchen. Scheinbar hielt er sich für einen Wolf, denn Nacht für Nacht heulte er jammervoll den Mond an. Sein Geheule traf einen wunden Punkt in ihr und ein wundersames Wohlgefallen überkam sie in den Nächten mit dem Hund, in denen sie zusammen im Chor heulten. Tatsächlich schienen diese gemeinsamen Stunden ihr mehr zu geben als die Gesellschaft anderer Menschen.
Nachdem sie lange Zeit daran verzweifelt war, dass alle guten Männer vergeben waren, versuchte sie, ihr jetziges Dasein einfach zu akzeptieren. Auf jeden Fall konnte der Hund sie glücklicher machen und ihr treuer sein als die meisten Männer. Eines Tages würden die guten Männer bereit sein für eine neue Ehefrau, ein neues Paar Kinder und ein weißes Einfamilienhaus und dann wäre sie an der Reihe. Doch dann drang die Übelkeit in ihren Körper und verdrängte den sorgenvollen Schäferhund.
Neun Wochen zuvor hatte begonnen, physisch zu leiden, mit wiederkehrendem Brechreiz, Spannungsgefühl in den Brüsten und ausbleibender Menstruation. Zunächst nahm sie dies als Zeichen für ihre neue Situation oder einen trägen Eierstock hin. Frauen konnten schließlich in seltenen Fällen eine Menstruation überspringen, wenn die Eierstöcke in diesem Monat kein Ei produziert hatten. Als ihre Tage auch im nächsten Monat ausblieben, machte sie einen Schwangerschaftstest, der ihr zwei leuchtend rote Striche anzeigte. Also ging sie zur Apotheke und kaufte weitere fünf Tests von verschiedenen Marken. Dann suchte sie unangemeldet einen Gynäkologen auf und drängte ihn, sie zu untersuchen. Seine Antwort stimmte mit den Testresultaten überein: ein klares Ja. Sein Bescheid hüllte alles in einen dichten Nebel. Sie hatte keine Erinnerung mehr, wie sie an diesem Tag nach Haus gekommen war. Erst als sie auf dem Bett lag, kamen ihre Sinne zurück und auch nur, weil der qualvolle Brechreiz wieder einsetzte, der ihren Körper schon mehrere Wochen lang durchzog.
Ihre aufkommenden Gedanken drehten sich nicht um die Frage, ob sie das Kind behalten sollte. Das wollte sie mehr als gern. Wer konnte schon sagen, ob dies nicht ihre letzte Chance war, Mutter zu werden? Zu einem anderen Zeitpunkt wäre sie vielleicht schon zu alt. Nur dass sie nicht mehr mit dem Vater zusammen war, störte sie. Die wunderbare Verliebtheit zwischen ihnen hätte zu etwas Größerem wachsen können und war doch im Sand verlaufen. Tief im Innersten wusste sie, warum. Als sie nachts im Bett gelegen hatten und sie seine Brust streichelte, fragte sie plötzlich:
»Warum hat ein so schöner und interessanter Mann wie du keine Kinder?«
»Ich kann keine bekommen.« Er grinste schief und streichelte ihren Arm.
»Tut dir das nicht leid?« Camilla fand das Thema äußerst spannend.
»Ja und nein. Aber das ist mein Schicksal und ich habe gelernt, damit zu leben.«
»Und wenn du nun doch Kinder bekämst?«
»Aber das ist unmöglich. Ein Kind könnte ich höchstens durch eine Adoption bekommen und das möchte ich nicht.« Ernst blickte er sie an.
»Ich möchte mindestens zwei Kinder haben«, sagte sie nach kurzer Zeit.
»Aber leider nicht mit mir.« Eine Spur Traurigkeit lag in seinem Tonfall, während er das Licht löschte und sie sich schlafen legten.
Nach diesem Gespräch begann ihre Beziehung abzuebben und sie telefonierten nur noch selten miteinander, bis sie kurz darauf kein Paar mehr waren.
Eine starke Welle Übelkeit überkam sie, aber sie kämpfte dagegen an. Ihr war bewusst, dass er nicht Vater werden wollte und sie, wenn sie das Kind bekommen wollte, dies alleine tun müsste. Auch wollte sie nicht einzig aus dem Grund mit einem Mann zusammen sein, weil sie ein Kind miteinander hatten. In Wirklichkeit wollte sie einen neuen Mann treffen, in den sie sich Hals über Kopf verlieben konnte. Aber niemand würde sie hochschwanger attraktiv finden außer sonderlichen und anormalen Männern. Wie sollte sie auch einen interessanten Mann finden, wo sie sich am besten fühlte, wenn sie flach und allein im Dunkeln lag? Vielleicht sollte sie sich einfach einen Hund anschaffen? Sie vermisste den nassen Schäferhund und konnte sich einen neuen, der von guter und zuverlässiger Herkunft war, gut vorstellen. Aber ein solcher Hund kostete viel Geld. Ihre Stirn war bedeckt von Schweißperlen.
Die finanzielle Situation war das Schlimmste. Das konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Wie sollte sie über die Runden kommen? Bereits jetzt hatte sie oft genug Probleme damit gehabt. Vielleicht sollte sie kein Kind in die Welt setzen, wenn sie nicht auch finanziell für eine geregelte Kindheit sorgen konnte. Ihr Studium abzuschließen wäre eine Idee, um einen besseren Job zu bekommen. Oder vielleicht könnte sie sich nur absichern, indem der Vater ihr Unterhalt zahlte? Sie machte sich eine Notiz, ihren Berater bei der Bank anzurufen, sobald sie aufstehen konnte, ohne sich zu übergeben.
Wenn die Übelkeit nicht durch sie tobte, schwammen ihr diese Gedanken durch den Kopf. Nur schwer konnte sie sagen, was sie am meisten plagte - Brechreiz oder Zukunft.
Darmowy fragment się skończył.