Czytaj książkę: «Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag»

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Lager Ravensbrück; Zeichnung von Aat Breur

LORETTA WALZ

»Und dann kommst du dahin
an einem schönen Sommertag«
Die Frauen von Ravensbrück

Verlag Antje Kunstmann

Gefördert von der Stiftung ERTOMIS, Wuppertal

In Zusammenarbeit mit dem Institut für

Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen

und der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

INHALT

Erinnern an Ravensbrück von Sigrid Jacobeit

Vorwort von Alexander von Plato

EINLEITUNG

»ALLES VERGESSENE SCHREIT IM TRAUM UM HILFE«

BEGINN DER SAMMLUNG

FUNKTIONSHÄFTLINGE: ZWISCHEN PRIVILEG UND WIDERSTAND

BLOCKÄLTESTE IN RAVENSBRÜCK

HÄFTLINGE IN DER SS-KÜCHE

»EIN HELFERSHELFER ZU SEIN IST SCHRECKLICH FÜR DIE SEELE«

»GETEILTER SCHMERZ IST HALBER SCHMERZ«

ZWEI TSCHECHINNEN IM RAVENSBRÜCKER KRANKENREVIER

AUS DER WIDERSTANDSBEWEGUNG INS KZ

EINE JÜDIN IN RAVENSBRÜCK

DIE MEDIZINISCHEN EXPERIMENTE

»MAN KANN DAS GAR NICHT SO SAGEN, WIE’S WIRKLICH WAR …«

STERILISATIONEN VON SINTI UND ROMA

ALS KIND IN RAVENSBRÜCK

»OJ BOŽE! OJ MAMA! – OH GOTT! OH MUTTER!«

GEBURTEN IN RAVENSBRÜCK

ANHANG

ANMERKUNGEN

BIBLIOGRAPHIE

LAGEPLAN

DANKSAGUNG

ERINNERN AN RAVENSBRÜCK

Die Erinnerung an Ravensbrück braucht engagierte Menschen. Erika Buchmann, Aenne Saefkow und andere Überlebende des Frauen-Konzentrationslagers haben Beispiele gesetzt. Sie begannen unmittelbar nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, Zeugnisse der KZ-Zeit zu sammeln, um über den Ort der unzähligen Verbrechen zu informieren. Als Zeuginnen des Geschehenen baten sie ihre ehemaligen Mitgefangenen um Dokumente, Briefe, Fotos, um Gegenständliches wie Kleidung oder Kleidungssymbole, künstlerisch Gefertigtes, bisweilen Geschnitztes, winzig klein aus Stielen von Zahnbürsten, um im Lager entstandene kleinstformatige Alben oder Büchlein, die Geburtstags- oder Namenstagsgeschenke waren, und anderes mehr.

Die erste Ausstellung der am 12. September 1959 eröffneten Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zeigte diese Überbleibsel, die im Verlauf der folgenden Jahrzehnte zu musealen Kostbarkeiten avancierten. Dennoch fehlte diesen »echten« Erinnerungsstücken oftmals eine individuelle mündliche Geschichte, die die Dinge, entsprechend dem althergebrachten museologischen Credo, zum Sprechen bringen könnte. Ravensbrück, der Verbrechensort zwischen 1939 und 1945, braucht diese Sprache, die Sprache als Erinnerung der einst an diesen Ort deportierten Frauen, Männer und Kinder.

Loretta Walz hat diese Sprache der Erinnerung schon vor mehr als zwei Jahrzehnten fasziniert. Eine erste Begegnung unmittelbar nach meinem Amtsantritt in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück im Dezember 1992 hatten wir sehr bald verabredet. Die Sowjetarmee räumte gerade das ehemalige KZ-Gelände. Wir planten gemeinsam die notwendige ›Spurensuche‹ auf dem durch militärisch genutzte Überformung verwandelten Ort; eine Spurensuche mit Ravensbrückerinnen, wie wir die Überlebenden ganz selbstverständlich nannten, begleitet von Kamera, Mikrofon und unseren Fragen. Edith Sparmann aus Dresden, Helga Luther aus Berlin und Gertrud Pötzinger/ Niederselters waren im Jahr 1993 die ersten Eingeladenen. Sie sprachen viele Stunden über ihre sehr emotional geprägten Erinnerungen, über die entwürdigende Prozedur der Ankunft, die Unterbringung in den Baracken, die Appelle auf der Lagerstraße, die Arbeit als sinnlose, aber auch als beruflich erlernte Tätigkeit, die Orte des Häftlingseinsatzes und der SS. Mit ihnen suchten wir die baulichen Relikte der KZ-Zeit innerhalb und außerhalb des Lagerkomplexes. Es entstand der erste dreißigminütige Begleitfilm »Spurensuche« zur Ausstellung »Ravensbrück. Topographie und Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers«, die wir am 23. Mai 1993 in Anwesenheit der Interviewten eröffneten. Sie – die Überlebenden – haben wiederum Beispiele gesetzt mit ihrem Engagement für den Ort, ihrer ungebrochenen physischen und psychischen Stärke. Interviewsituationen als Begegnungen, die zur Fortsetzung mahnten, die unvergesslich sind.

Die Zusammenarbeit mit Loretta Walz und den Ravensbrückerinnen begann als Programm, für das uns Eile geboten schien. Es war nicht an den Ort gebunden, vielmehr an die Zeitzeugen selbst, die das Lagergeschehen in sich tragen. So entwickelten wir ein inhaltliches und immer wieder auch ein finanzielles Realisierungskonzept für ein Interviewprogramm in Ravensbrück, aber auch an weit entfernten Orten. Mit der Fokussierung auf die gesamte Lebensgeschichte und der Schwerpunktsetzung auf die Haftzeit war es mehr als richtig, zu den Ravensbrückerinnen nach Hause zu fahren, ob nach Warschau, Prag, Hamburg oder Odense – Ort des Lebensabends der Dänin Astrid Blumensaadt-Petersen, die uns mit ihren Ravensbrücker Zeichnungen und ihren zahlreichen Zeugnissen aus jener Zeit eine reiche Begegnung ermöglichte. Thematische Schwerpunkte kristallisierten sich heraus: so die pseudomedizinischen Versuche an Polinnen, die Geburten und die Kinder, die Rolle von Siemens in Ravensbrück, das Schicksal von Sinti, Roma und Jüdinnen, das Jugend-KZ Uckermark – der vorliegende Band ist ein Spiegelbild der umfassenden Fragestellung und Sammlung.

Loretta Walz hat mit leidenschaftlicher Hingabe und auf vorbildliche Weise das gewachsene Interesse der Historiker an kollektiver Erinnerung um die individuelle Erinnerung von Überlebenden des KZ Ravensbrück ergänzt. Sie hat Frauen und Männer befragt. Gegenstand ihres Engagements für Ravensbrück ist der Mensch oder besser die Menschen oder noch genauer die Menschen in der Zeit.

Für die Sammlung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ist eine Mediathek als Schatzkammer entstanden, die ihresgleichen suchen wird; mit diesem Buch zugleich ein herausragend passioniertes Werk, das, um es mit Marc Bloch zu sagen, »Gelehrten und Schuljungen gleichermaßen verständlich« sein wird.

Es ist mir eine große Freude, dass unsere wissenschaftliche wie menschliche Zusammenarbeit aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung diese außergewöhnliche Veröffentlichung erfährt. Ich danke dem verständnisvollen Antje Kunstmann Verlag. Ich danke Loretta Walz, die gewissermaßen als Architektin und Bauleiterin, als Dramaturgin, Psychologin und Pädagogin, unterstützt von ihrer Familie und von ihrem sympathischen Team, das Werk vollbracht hat – und ich danke den Ravensbrückerinnen von ganzem Herzen.

Sigrid Jacobeit

Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/

Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

VORWORT

Wir leben an der Schwelle von Zeitgeschichte zur Geschichte, was den Nationalsozialismus betrifft. Diejenigen, die diese zwölf Jahre bewusst erlebt oder erlitten haben, sterben aus. Damit wird bald ein wesentliches Element in der Kommunikation um diese »tausend Jahre« fehlen. Die Historiographie wird sich auf eine Geschichte ohne lebendige Zeitzeugen einstellen oder gar auf die Entwicklung von einer »erfahrungsgesättigten« zu einer »erfahrungslosen« Vergangenheit. So behauptet es manch ein Historiker. Aber ist dies noch richtig?

Es wäre wohl richtig, gäbe es nicht inzwischen eine Historiographie und einen Journalismus, die es sich zur Aufgabe machen, Erfahrungen von Zeit- und Augenzeugen in Gestalt von Audio- und Videointerviews zu sammeln. Damit werden künftigen Generationen in Wissenschaft und Journalismus Quellen für eine Erfahrungsgeschichte in einem Ausmaß überliefert, wie sie früheren Generationen nie zur Verfügung standen.

Die Filmemacherin Loretta Walz gehört an hervorgehobener Stelle zu diesen Journalistinnen. Sie verbindet die Vorzüge ihrer Zunft mit den Vorzügen einer Geschichtswissenschaft, die Erfahrungen ernst nimmt. Sie hat sich nie darauf eingelassen, Aufnahmen von Zeitzeugen und besonders -zeuginnen, vor allem des Nationalsozialismus, als einfache Illustrationen zu aus Akten oder Vorurteilen deduzierten Theorien heranzuziehen. Sie hat selbst dann lebensgeschichtliche Interviews geführt, wenn sie wusste, dass sie nur Ausschnitte daraus für ein bestimmtes Thema verwenden würde. Damit hat sie nicht nur sich – mit großem persönlichen und finanziellen Einsatz – den Blick geöffnet, um ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Erinnerung im Lichte eines gesamten Lebens und dessen Wechselfällen interpretieren zu können, sondern auch künftigen Forschern und Forscherinnen umfangreiches Interpretationsmaterial an die Hand gegeben.

Loretta Walz hebt sich damit – das darf ich nach mehr als fünfzehn Jahren der Zusammenarbeit sagen – wohltuend ab von jenen Journalisten, die Zeitzeugen unabhängig von ihrem sonstigen Verhalten zitieren oder gar ohne jeden anderen Bezug als die eigentlichen Verkünder historischer Wahrheiten auftreten lassen, etwa Teilnehmer am militärischen Widerstand des 20. Juli 1944 ohne deren vorheriges Verhalten in der militärischen Entwicklung des Nationalsozialismus. Sie nimmt damit auch die Augenzeuginnen ernster als jene, die sie politisch oder medial instrumentalisieren oder gar heroisieren. Loretta Walz hat dies im Laufe ihrer Arbeit mehr und mehr vermieden, auch wenn ihre besonderen Sympathien deutlich werden. Die Zeitzeuginnen werden nicht zu widerspruchsfreien, hehren Heldinnen der Geschichte zurechtgemodelt; Loretta Walz belässt ihnen ihre Ängste und Beschränkungen, ihre Fehler und Schuldgefühle, auch und gerade dann, wenn sie ihre Stärken, ihren Lebensmut und ihre Hoffnungen inmitten von Schreckenserfahrungen darstellt.

Auch das einfache Mitleiden mit diesen Frauen kann eine Gefahr sein, indem man sie nur als Opfer begreift, ohne die anderen Aspekte ihres Lebens zu sehen, die trotz dieser KZ-Erlebnisse in ihrer weiteren Biographie eine Rolle spielten. Gerade in diesen Teilen der Gespräche, die Loretta Walz aufgenommen hat, ist das weibliche Element besonders spürbar: die geringere Selbstinszenierung der »heroischen« Seiten ihrer Gesprächspartnerinnen, ihre Lebensfreude in einem »anderen Leben« mit seinen vielfältigen Facetten, aber auch die offene Trauer, wenn der »Ravensbrücker Teil« ihrer Erfahrungen allzu dominant wurde und in ihr neu gewonnenes Leben zerstörerisch eingriff; die Zurückhaltung in der Verurteilung von Schwächeren, die Bescheidenheit in ihrem Mut und ihr Humor.

Die Sammlung, um die es in diesem Buch geht, ist einzigartig: Seit 1980 hat Loretta Walz lebensgeschichtliche Interviews mit früheren »Ravensbrückerinnen« geführt. Inzwischen sind es mehr als 200 Gespräche geworden. Das ist für sich genommen bereits einmalig. Hinzu kommt, dass ihre Sammlung die Zeit, in der die Erinnerungen erzählt wurden, doppelt spiegelt: zum einen durch die Darstellung der Erlebnisse ihrer Interviewpartnerinnen in ihren kulturellen, familiären und politischen Umfeldern; zum anderen durch die eigene, nicht gleich gebliebene Haltung der Person Loretta Walz als Interviewerin und Filmemacherin. Auch sie hat sich verändert im Laufe der Beschäftigung mit diesem Thema, einmal durch diese Arbeit selbst, aber auch durch die Veränderungen in der »großen Politik« und in ihrem persönlichen Leben. Ihr Blick ist im Laufe der Jahre weiter geworden, hat sich den Widersprüchen im Leben ihrer Partnerinnen ebenso gestellt wie ihren eigenen Veränderungen.

Auch die von ihr befragten Frauen mussten ihre Erinnerungen angesichts der unterschiedlichen späteren Sichtweisen in verschiedenen politischen Systemen behaupten oder neu überdenken, zunächst in Ost und West nach dem Krieg, dann nach der großen Wende in ihren Heimatländern Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht nur eine besondere Geschichte der Bundesrepublik und der DDR, die hier zum Vorschein kommt, sondern ebenso Osteuropas nach der Wende von 1989. Damit ist diese Sammlung auch für die historische Zunft ein besonderer Gewinn, weil sie deutlich macht, inwieweit und wie die Erinnerungen der Interviewpartnerinnen von der jeweiligen Zeit mit ihren politischen Verarbeitungs- und Interpretationsangeboten beeinflusst wurden.

Die Interviewpartnerinnen sind alt geworden, stehen vor ihrem Tod und müssen befürchten, dass ihre Erinnerungen nicht mehr ernst genommen werden oder dass sich eine neue Zeit ihre Schilderungen verändert aneignet, weil man ihnen nicht glauben mag. Auch diese Sorge spürt man in den jüngeren Interviews. Aber es ist nicht nur die Melancholie der Vergänglichkeit, die einen anweht beim Ansehen und Anhören der Gespräche. Es ist auch die Hoffnung dieser Frauen, dass ihre Erlebnisse, ihr Beispiel und ihr Überleben, in dem sie – unter anderem in dieser Sammlung – Zeugnis von dieser Zeit ablegen konnten, nicht umsonst waren, sondern als Warnung für neue Generationen mit eigenen Schrecken dienen können, eventuell sogar als Beispiel, wie man sich im unerwartet Furchtbaren behaupten kann und muss. Die »Ravensbrückerinnen« wollen nicht als Heldinnen instrumentalisiert, sondern als Menschen mit allen Ängsten wahrgenommen werden, auch mit den schwierigen Situationen, in denen sie sich zwischen Widerstand, Anpassung und Kompromiss zu entscheiden hatten. Die Hoffnung allerdings, dass Kompromiss und Anpassung vielleicht doch eine positive Wirkung gegen staatlichen Terror, Rassismus, Gewalt und Brutalität haben könnten, hatte sich fast immer als vergebens erwiesen.

Eine private Bemerkung zum Schluss: Ich freue mich persönlich außerordentlich, dass Loretta Walz einen Teil ihrer Arbeiten unter unserem »Dach«, dem des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen, machen, ihre Ravensbrück-Sammlung erweitern und mit uns viele Filme produzieren konnte.

Alexander von Plato

Leiter des Instituts für Geschichte und Biographie

der Fernuniversität Hagen


Filmaufnahmen im Lager Ravensbrück, 1994

EINLEITUNG

Die in diesem Buch vorgestellten Biografien sind Teil einer in fünfundzwanzig Jahren entstandenen Sammlung von lebensgeschichtlichen Videointerviews mit Überlebenden der drei Frauen-Konzentrationslager Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück.

Begonnen habe ich diese Interviews Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, nachdem ich die ersten Frauen aus dem Kreis der ›Lagergemeinschaft Ravensbrück der Bundesrepublik Deutschland‹ – dem Zusammenschluss der Überlebenden der Frauen-KZ – kennen gelernt hatte.

Ein Vierteljahrhundert ist ein vergleichsweise langer Zeitraum für ein derartiges Sammlungsprojekt und führt zu einigen Besonderheiten und Problemen in der Projektarbeit. So war meine Arbeit von den gesellschaftspolitischen Entwicklungen dieser Zeit geprägt und von einem stetigen Zuwachs an immer neuen Erfahrungen und Erkenntnissen. Erworbenes Wissen ermöglichte vertiefende Fragen und schuf größere Zusammenhänge. Die Überlebenden der Konzentrationslager wiederum erfuhren in diesen fünfundzwanzig Jahren sehr unterschiedliches Interesse an ihren Erinnerungen, was die Art und Weise sowie die Inhalte ihrer Erzählung beeinflusste.

Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück

Ab Juni 1933 wurden in ›Schutzhaft‹ genommene Frauen aus dem deutschen Reichsgebiet im früheren ›Werkhaus‹ der Kleinstadt Moringen bei Göttingen inhaftiert. Als dieses erste reine Frauen-KZ zu klein geworden war, wurden die Häftlinge im März 1938 in das KZ Lichtenburg an der Elbe gebracht. Im Mai 1939 erfolgte ihre Verlegung in das neu errichtete Frauen-KZ Ravensbrück, achtzig Kilometer nördlich von Berlin.

Ravensbrück war als so genanntes ›Schutzhaftlager‹ für zehntausend weibliche Häftlinge errichtet worden. Dorthin wurden Frauen aus Deutschland und aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern gebracht, die sich – tatsächlich oder vermeintlich – dem NS-Regime bzw. der Besatzung widersetzt hatten oder aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer politischen Überzeugung nicht in das nationalsozialistische Bild der ›Volksgemeinschaft‹ passten. Andere Inhaftierungsgründe waren Kriminalität oder ›asoziales‹ Verhalten, wobei keinerlei rechtsstaatliche Grundsätze Beachtung fanden. Selbst ein Witz über Hitler, Hilfe für Verfolgte oder eine Beziehung zwischen Deutschen und Juden – die so genannte ›Rassenschande‹ – konnten Gründe für eine Haft im KZ sein.

Wie in allen KZ wurden die Häftlingsgruppen mit Winkeln gekennzeichnet: Politische Häftlinge bekamen einen roten, ›Asoziale‹ einen schwarzen, ›Kriminelle‹ einen grünen und Bibelforscherinnen (Zeuginnen Jehovas) einen lila Winkel. Jüdinnen wurden gesondert gekennzeichnet. Ausländerinnen galten in der Regel als ›Politische‹, Sinti und Roma als ›Asoziale‹.

Von 1939 bis 1945 durchliefen ca. 123.000 Frauen, Mädchen und Kinder das Frauen-KZ Ravensbrück. In diesen sechs Jahren veränderte sich der Anteil der einzelnen Häftlingsgruppen im Lager ständig. In der Anfangszeit waren überwiegend Deutsche inhaftiert. Mit Kriegsbeginn wurden zunehmend Frauen aus den überfallenen und besetzten Ländern eingeliefert. Insgesamt bildeten Polinnen und sowjetische Frauen die größten Gruppen in Ravensbrück. Bis 1942 waren nur etwa zehn Prozent der Häftlinge in Ravensbrück Jüdinnen.1 Heinrich Himmlers Anweisung, die »reichsdeutschen Lager judenfrei zu machen«, führte im Oktober 1942 dazu, dass nahezu alle Jüdinnen nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager deportiert wurden.2 Erst im Sommer 1944, nach der Einlieferung ungarischer, polnischer und slowakischer Jüdinnen und nach den großen Evakuierungstransporten aus Auschwitz, erhöhte sich die Anzahl der Jüdinnen in Ravensbrück wieder.

Die genaue Anzahl derjenigen, die das Lager nicht überlebten, lässt sich bis heute nicht ermitteln, da es sowohl Entlassungen gab wie auch Transporte in die zahlreichen Nebenlager der Rüstungsindustrie oder in die Vernichtungslager Auschwitz, Mauthausen, Majdanek, Bergen-Belsen u.a. Ravensbrück war bis Ende 1944 kein ›Vernichtungslager‹ im eigentlichen Sinne, auch wenn die so genannte »Vernichtung durch Arbeit« tägliche Realität war. Die Massentötung von entkräfteten oder kranken – somit arbeitsunfähigen – Frauen begann jedoch ab Januar 1945 durch Verhungern, Giftspritzen und Massenhinrichtungen. Ende 1944 war bereits mit dem Bau einer Gaskammer begonnen worden. Bis zu ihrer Fertigstellung wurden in einer provisorischen Gaskammer bis April 1945 etwa 6000 Häftlinge ermordet. Die Gesamtzahl der in Ravensbrück Getöteten wird aufgrund der Quellenlage auch in aktuellen Forschungsberichten mit »mehreren Zehntausenden« umschrieben. Bislang sind der Gedenkstätte Ravensbrück 13.500 Tote namentlich bekannt.

Startpunkt Bundesrepublik

Da die Sammlung in der (alten) Bundesrepublik Deutschland begann, richtete sich mein Blick anfangs auf die westdeutschen Überlebenden. Später weitete er sich nach Westeuropa aus und erst Anfang der neunziger Jahre auf die zu diesem Zeitpunkt bereits ›ehemalige‹ DDR und nach Osteuropa.

Während das Schicksal von Frauen in den KZ zunächst nur vereinzelt erforscht wurde, setzte Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ein regelrechter Boom von Veröffentlichungen über die ›Frauengeschichte‹ der Konzentrationslager ein3. Die ersten Frauen, deren Erinnerungen an die Öffentlichkeit kamen, waren diejenigen, die in den politischen Verfolgtenverbänden (Lagergemeinschaft Ravensbrück und/oder Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN) organisiert waren. Mit wenigen Ausnahmen waren auch die meisten meiner ersten – deutschen – Interviewpartnerinnen schon in ihrer Jugend Mitglied in kommunistischen Jugendorganisationen gewesen, später in der KPD und zum Zeitpunkt des Interviews in der DKP organisiert. Andere waren Mitglieder kirchlicher, sozialistischer oder sozialdemokratischer Organisationen. Ihr Engagement in der Frauen- oder Friedensbewegung brachte sie mit Journalisten und Journalistinnen, Filmemachern und Filmemacherinnen in Kontakt, die sich für die Veröffentlichung ihrer Erinnerungen einsetzten. Lehrer und Lehrerinnen begannen die Überlebenden der Konzentrationslager in Schulen und Volkshochschulen einzuladen; bei Seminaren – beispielsweise in Frauenzentren – berichteten sie von ihren Erfahrungen während des Nationalsozialismus.

Diese erste Gruppe von ›Ravensbrückerinnen‹, die in die Öffentlichkeit traten, bildeten die ehemals politischen Häftlinge, die wegen ihres Widerstands gegen den NS-Staat in Gefängnisse, Zuchthäuser und KZ eingesperrt worden waren. Sie hatten ihren Kampf ›Gegen das Vergessen‹, für ›Frieden und Freiheit‹ nie aufgegeben, doch ihrer ganz persönlichen Geschichte oftmals keine große Bedeutung beigemessen.

Doch die Nachkriegsgeneration (zu der auch ich gehöre) hatte lange genug Geschichte aus zweiter und dritter Hand vermittelt bekommen und wollte ›erlebte Geschichte‹ erfahren. Die Möglichkeit, diejenigen zu befragen, die aus eigener Erfahrung sprechen konnten, bot auch eine Chance, das Jahrzehnte währende Verschweigen der NS-Geschichte zu durchbrechen.

Als nun die Generation der Kinder und Enkel sie darum bat, aus ihrem Leben zu erzählen, sahen die Frauen in dem wachsenden Interesse an ihrer Geschichte einerseits eine Bestätigung ihres lebenslangen Kampfes. Andererseits mussten die Überlebenden vor dem Schritt in die Öffentlichkeit erst das Schuldgefühl überwinden, überlebt zu haben. Sie wollten, dass die Würdigung und auch die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Verfolgung unbedingt einhergehen sollte mit der Würdigung derjenigen, die nicht überlebt hatten.

Entsprechend zurückhaltend und bescheiden und nur selten offensiv war der Weg der Überlebenden in die Öffentlichkeit.

Das ganze Leben

Mein Interesse galt vom ersten Interview an dem ›ganzen Leben‹. Ich wollte wissen, wie der familiäre Hintergrund meiner Interviewpartnerinnen war, wie sie aufgewachsen waren, wie sie die Verfolgung erlebt hatten oder zum Widerstand gekommen waren, wie dieser Widerstand aussah, wie sie die Haftzeit überleben konnten und wie sehr ihr Leben danach von diesen Erfahrungen geprägt war.

Doch mein Interesse an den Lebensgeschichten war für viele meiner ersten ›politischen‹ Interviewpartnerinnen befremdlich, spielte doch ›das Private‹ in ihren Augen keine große Rolle. Das, wovon sie erzählen wollten, war die Zeit des Widerstands und der Verfolgung, verbunden mit dem Appell, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Erinnerung findet im Heute statt, in der jeweiligen historischen und lebensgeschichtlichen Situation der Erzählenden. Im Erinnern spiegeln sich auch politische Überzeugungen oder religiöse Grundsätze wider.

Wer nach dem Lager die Möglichkeit hatte, über das Erlebte zu sprechen, erinnert sich anders als jemand, der damit konfrontiert wurde, mit seiner Verhaftung »Schande über die Familie« gebracht zu haben oder gar als »Verräterin« bezeichnet zu werden. Anderen wurde gesagt, dass man sie vermutlich nicht ohne Grund eingesperrt habe. Es macht einen Unterschied, ob die Gesellschaft die Überlebenden verehrt, respektiert oder stigmatisiert hat.

Das Verhältnis zu den Befragten

Als Filmemacherin wurde ich anders empfangen als beispielsweise Wissenschaftler, die die Geschichte des Nationalsozialismus und der KZ erforschten. Alle meine Interviews sind filmische Dokumente. Ein weiterer Unterschied zu den Historikern, die sich normalerweise nur auf Akten stützen, liegt in meinem persönlichen Zugang, in dem sich mein individuelles Interesse an Lebensgeschichten mit dem beruflichen der Dokumentaristin vermischte.

Bei den Interviews war ich mit meinen Gesprächspartnerinnen nie allein. Immer waren eine Kamera und ein Mikrofon dabei, ein Kameramann und oftmals noch ein Toningenieur und eine Übersetzerin. Doch obwohl so manches Wohnzimmer zum Fernsehstudio wurde, fanden die Gespräche fast immer in einer vertraulichen Atmosphäre statt.

Von einzelnen meiner ersten Interviewpartnerinnen – den früheren politischen Häftlingen aus Deutschland – wurde ich mit der Frage empfangen: »Bist du Genossin?« Als ich verneinte, spürte ich ein kurzes Zögern, dem die Feststellung folgte: »Ja, als Journalistin solltest du auch unabhängig sein!« Die meisten Bücher zu Themen des Widerstands und der Verfolgung waren entweder von ›Genossen‹ oder zumindest ›nahe Stehenden‹ geschrieben worden. Dass nun ›unabhängige‹ Journalistinnen sich der Themen annahmen, die bislang als Domäne der Parteiorganisierten galten, war offensichtlich befremdlich und gewöhnungsbedürftig.

Erst die Kontinuität meiner Arbeit über viele Jahre hinweg führte zu einem gewissen Vertrauensverhältnis. Bei jedem einzelnen Gespräch ging ich von dem Grundsatz aus, dass nichts, was mir erzählt wird, in einem persönlichen Sinn unwahr ist. Entsprach es dennoch nicht dem tatsächlichen Geschehen, gab es dafür einen Grund. Ich versuchte – so weit es möglich war, gemeinsam mit den Interviewpartnerinnen – zu verstehen, warum etwas erzählt wurde. In der Sammlung sollte die subjektive Wahrheit dokumentiert werden, weil sie etwas über die Persönlichkeit oder die Art und Weise der Verarbeitung der Geschichte aussagte, auch wo sie nicht exakt den historischen Geschehnissen entsprach.

Einzelne Frauen konnte ich mehrfach befragen, anderen bin ich nur für einen Tag begegnet. Es gab sowohl Arbeitstreffen mit dem Ziel, die persönlichen Erinnerungen an das Lager festzuhalten, als auch das mehrtägige Eintauchen in ein achtzigjähriges Leben. Zu einigen meiner Interviewpartnerinnen entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, in dem wir auch Jahre nach dem Interview noch Briefkontakt hatten und uns gegenseitig besuchten, auch wenn es unmöglich war, mit allen befragten Frauen in Kontakt zu bleiben.

Geschichte als Prozess

Viele Frauen, die ich kennen lernte, schienen erst im hohen Alter bereit zu sein, sich mit der eigenen Verfolgungsgeschichte zu beschäftigen oder Kontakt zu früheren Leidensgefährtinnen zu suchen. Bei einigen war es der Tod des Lebenspartners, der eine Auseinandersetzung mit der Zeit der Verfolgung in Gang setzte. Manchmal waren es die Enkel, die Interesse an der Geschichte zeigten, und manchmal waren auch die im Alter wach werdenden frühen Erinnerungen der Auslöser. Oft war es ein Film, ein Artikel oder ein Jahrestag, der den Ausschlag gab, mit der eigenen Geschichte nach außen zu treten. Viele dieser Frauen sagten von sich, sie seien politisch nicht interessiert und wollten auch keiner politischen Organisation beitreten. Sie empfanden die Verfolgtenverbände als parteinahe politische Organisationen, womit sie nicht ganz Unrecht hatten.

Frauen, die bisher kaum über ihre Erfahrungen gesprochen und nichts oder wenig über die Lager gelesen hatten, in denen sie selbst inhaftiert waren, waren besonders wichtige Zeuginnen. Viele Mosaiksteine aus ihren Erinnerungen ergänzten das Bild der Lagergeschichte um wichtige Details, die anderen unwesentlich erschienen waren, weil sie nirgendwo anders erwähnt waren.

Ende der achtziger Jahre dokumentierte ich die Tagung des Internationalen Ravensbrück-Komitees4, in dem einmal jährlich Vertreterinnen der nationalen Zusammenschlüsse aus all den Ländern tagen, aus denen Frauen nach Ravensbrück deportiert worden waren. Hier lernte ich Frauen aus den westeuropäischen Ländern kennen, mit denen im Folgenden eine Reihe von Interviews entstanden.

Mit dem Film »Man musste doch was tun«5 wurde ich 1990 zur Internationalen Oral-History-Konferenz nach Essen eingeladen. Dort lernte ich den Historiker Alexander von Plato kennen, der selber filmische Erfahrungen hatte, und die Arbeit des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen. Aus dieser ersten Begegnung entstand eine bis heute anhaltende enge Zusammenarbeit, in deren Rahmen nicht nur eine ganze Reihe meiner weiteren Interviews, sondern auch dieses Buch entstand.

Für mein Vorgehen bei den bisherigen Interviews, in denen jeweils das ganze Leben abgefragt wurde, fand ich hier einen wissenschaftlichen Hintergrund, der in der Folge meine Arbeit prägte. Durch den Erfahrungsaustausch bekam meine Interviewführung ein klareres Konzept.

Hatten die Wissenschaftler bislang ihre Interviews zumeist als reine Audiointerviews aufgezeichnet, konnte nun die Diskussion um die filmischen Aspekte erweitert werden. Die aufwändigere Filmtechnik mit einem Mitarbeiterstab für Kamera und Ton und mit ihrer – damals noch – umfangreichen Ausleuchtung etc. schien zunächst für die Interviewpartnerinnen eine Herausforderung zu sein. In allen bisherigen Interviews hatte ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass Technik und Umfeld in den Gesprächen schnell vergessen waren. Ich hatte mit meinem Team zu Arbeitsweisen gefunden, in denen auch bei professioneller Filmarbeit eine einigermaßen intime Gesprächssituation entstehen konnte.

Ein anderes Bild der Lagergeschichte

Nach der Wende und mit dem Arbeitsbeginn von Sigrid Jacobeit als Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Ende 1992, begann die Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte. Zu dieser Zeit war das ehemalige Lagergelände Stützpunkt der sowjetischen Truppen. Die damalige DDR-Gedenkstätte trug deutliche Züge der reduzierten Sicht auf die Lagergeschichte, mit fast ausschließlicher Darstellung des kommunistischen Widerstands. Es schien, als hätte sich die DDR nicht nur das Lager Ravensbrück, sondern auch die Lagergeschichte angeeignet. Ein anderes Bild der Geschichte des Frauen-KZ Ravensbrück gab es damals noch nicht.

Deshalb suchte ich Anfang der neunziger Jahre verstärkt nach Interviewpartnerinnen, deren Aussagen dem bis dahin bestehenden Bild nicht entsprachen und die bislang in der Darstellung des Lagers nicht vorgekommen waren. Die ersten Gespräche mit Jüdinnen, Zeuginnen Jehovas oder schwarzwinkligen Häftlingen leiteten eine neue Phase der Sammlung ein, in der beispielsweise die Häftlingshierarchie eine Rolle zu spielen begann und in der ich mit sehr unterschiedlichen Erinnerungen konfrontiert war. Die Lagergeschichte von Ravensbrück wurde vielschichtiger, weniger einheitlich. Widersprüchliche Erlebnisse und Erfahrungen standen nebeneinander.

1993 wurde in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Ausstellung »Ravensbrückerinnen« mit 27 Biografien eröffnet. Erstmals wurden in der Gedenkstätte frühere Häftlinge vorgestellt, die nicht zu den »antifaschistischen Widerstandskämpferinnen« im Sinne der DDR-Geschichtsschreibung gehörten.6

Anfang der neunziger Jahre waren erste Reisen nach Polen und in die Tschechoslowakei möglich. Dort erfuhr ich von Frauen, deren Erinnerungen aus politischen Gründen – z.B., weil sie sich vom Kommunismus abgewandt hatten – keine Erwähnung in der Lagergeschichte gefunden hatten oder weil sie aufgrund ihrer Arbeit im Lager als »unzuverlässige« Zeuginnen galten. Die Rolle der so genannten Funktionshäftlinge, d.h., derjenigen, die im Lager als Block- oder Stubenälteste, als Mitarbeiterinnen der Lagerverwaltung oder des Krankenreviers in direkter Nähe zur Lagerverwaltung oder den SS-Ärzten tätig waren, trat in den Vordergrund.

Der 50. Jahrestag der Befreiung im Jahr 1995, zu dem von der Landesregierung Brandenburgs mehr als zweitausend Überlebende aus aller Welt nach Ravensbrück eingeladen wurden, brachte zahlreiche Kontakte zu Frauen aus Osteuropa. Ihre Erinnerungen zeichneten wieder ein anderes Bild der Lagergeschichte, diesmal aus dem Blickwinkel derjenigen, die aus nationalsozialistischer Sicht als »Untermenschen« und »minderwertige Rasse« keine Chance zum Überleben haben sollten.

Mehr und mehr Überlebende aus osteuropäischen Ländern nahmen den Kontakt zur Gedenkstätte auf, vor allem auch solche, die nie im Rahmen einer offiziellen Delegation die DDR bzw. die damalige Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück besuchen konnten. Viele dieser Frauen erklärten sich zum Interview bereit, sicherlich auch in der Hoffnung, dass nun auch ihrer Sicht in die Darstellung der Lagergeschichte Raum gegeben werden könne.

Der Schwerpunkt der Sammlung verlagerte sich so ab Ende der neunziger Jahre auf ehemalige Inhaftierte aus den osteuropäischen Ländern. Auch wir als Filmteam konnten erst ab Beginn der neunziger Jahre in die früheren Ostblockstaaten einreisen und Interviews aufzeichnen. Doch entstanden auch in Westeuropa immer wieder neue Kontakte, beispielsweise zu deutschen Frauen, die nicht als politische Häftlinge im Lager gewesen waren. Die in den ersten Jahren nach der Wende neu gestaltete Gedenkstätte Ravensbrück ermöglichte es zunehmend auch ihnen, in die Öffentlichkeit zu treten, ohne eine erneute Ausgrenzung fürchten zu müssen.

Immer neue Themen

Im Lauf der fünfundzwanzigjährigen Geschichte der Sammlung veränderten sich auch meine Fragen an die Interviewpartnerinnen. Am Anfang galt mein Interesse dem Widerstand und der Verfolgung von deutschen Frauen im Nationalsozialismus, dann denjenigen, die in den westeuropäischen Ländern den Besatzern widerstanden. Mit der Erkenntnis, dass unterschiedliche Häftlingsgruppen auch das Lager unterschiedlich erlebten, wuchs nicht nur mein Interesse an der Lagerhierarchie. Der Arbeitsplatz im KZ begann eine Rolle zu spielen: Wer im Warmen arbeiten konnte, hatte größere Überlebenschancen als diejenigen, die bei Wind und Wetter schwerste Außenarbeiten verrichten mussten. Wer in seinem erlernten Beruf arbeiten konnte, verlor weniger Selbstwertgefühl als diejenigen, die zu härtester körperlicher Arbeit gezwungen waren. Es gab privilegierte Blocks der Häftlinge, die in hervorgehobenen Positionen arbeiteten, und weniger privilegierte Wohnbaracken, in denen qualvolle Enge herrschte. Manche Häftlinge konnten sich regelmäßig waschen, andere sahen Monate lang kein Wasser. Ins Zentrum meines Interesses rückten die Überlebensbedingungen einzelner Frauen und Gruppen. Gleichzeitig entstanden Querverbindungen zwischen Frauen, die zusammen gearbeitet, im selben Block gelebt oder dasselbe Schicksal geteilt hatten.

Mit den erworbenen Kenntnissen über das Lager veränderten sich auch die Interviews. Immer mehr Detailfragen konnten gestellt, Verbindungen zu anderen Gesprächen geknüpft werden. Die Vielzahl unterschiedlichster Erinnerungen an ein und dasselbe Ereignis verdichtete die Sicht auf die Geschichte von Ravensbrück.

Der Zeitpunkt, zu dem jemand in Ravensbrück inhaftiert war, erhielt eine immer größere Bedeutung. Das Lager hat sich in der Zeit von 1939 bis 1945 so sehr verändert, dass Schilderungen der ersten Jahre, 1939 bis 1940, sich gravierend von denen der Jahre 1944 bis 1945 unterscheiden. Und es wurde auch deutlich, wie sehr die Würdigung des Erlebten nach dem Krieg die Erinnerungen prägte.

Es gibt in den Erinnerungen deshalb nicht eine Geschichte von Ravensbrück, sondern vielfältige, sich überschneidende Eindrücke, die mit der Vorgeschichte der Inhaftierten, ihren Erlebnissen in Ravensbrück und mit deren Verarbeitung verknüpft sind. Es gibt so viele Erinnerungen wie Frauen, die dort inhaftiert waren. Und dabei können nur die der Überlebenden erzählt werden.

Im Verlauf der Sammlung wurde immer deutlicher, wie sehr die Erinnerung an die Haft mit dem gesamten Leben verwoben ist. In welchem Alter, mit welcher Vorgeschichte kam jemand ins Lager? Wie sehr hat das Vorleben das Erleben der Haft geprägt, das Leben danach die Erinnerung?

In den Erzählungen mischte sich bisweilen das Erlebte mit im Nachhinein Erfahrenem. Überzeugte Kommunistinnen haben propagandistische Bilder übernommen, andere haben diese bewusst demontiert. Für alle gilt, dass sie eine Sprache finden mussten, um über eine persönliche Demütigung oder gar Niederlage, als die die KZ-Haft nicht selten empfunden wurde, zu sprechen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Bedeutete die Verhaftung ein Versagen im Widerstandskampf? Hatte man einem Verräter getraut? War man in einen Hinterhalt gelockt worden? Oder war man ein Opfer rassistischer Verfolgung? Verstand man sich als Opfer oder Verfolgte? Musste das Selbstbild der eigenen Haft zurechtgeschliffen werden, um überhaupt mit den Erinnerungen leben zu können?

Tatsächlich veränderte sich die Erinnerung auch mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung. Anerkennung und Würdigung der Verfolgung machten es leichter, eigene Demütigungen zu schildern. Durch die öffentliche Verurteilung von NS-Verbrechen (z.B. in den Hamburger Ravensbrück-Prozessen, die 1946 begannen) wuchs das Selbstbewusstsein derjenigen, die ihnen zum Opfer gefallen waren. Die Vermittlung von NS-Geschichte in den Schulen half den Verfolgten, eine eigene Position innerhalb dieser Geschichte zu finden. Bestätigung der persönlichen Erinnerung durch Berichte anderer schuf Vertrauen in die eigene erinnerte Erfahrung.

Die Methode der Oral-History, die all dem eine Wichtigkeit zumisst, was erinnert werden kann und will, schien mir auch ein Weg zu sein, meine eigene Rolle im Interview zu bestimmen. Ich hörte zu, ich ermittelte und versuchte, Ursachen und Zusammenhänge zu verstehen. Ich vertraute auf mein Wissen, mein Geschick und meine Menschenkenntnis und versuchte, den Interviewpartnerinnen niemals das Gefühl zu geben, dass ihre Schilderungen mich belasteten. Eigene Betroffenheit, so habe ich es in den allerersten Interviews durchaus erfahren, verunsicherte die Interviewpartnerin. Ihr Gefühl, mit dem Erzählen eigener Demütigungen die Interviewerin zu verletzen, gibt dem Gespräch unter Umständen eine fatale Dynamik. Sie führt in ein ›Schonprogramm‹, in dem sich die Rollen vertauschen: Nicht mehr ich begleite mein Gegenüber auf dem Weg durch die Erinnerung, sondern meine Interviewpartnerin führt mich durch eine Geschichte, die erträglich sein soll.

Geschichte und Geschichten

In diesem Buch verdichten sich unterschiedliche Erinnerungen zu einer möglichen Lagergeschichte des Frauen-KZ Ravensbrück. Aus den insgesamt 200 aufgezeichneten Interviews habe ich 35 ausgewählt.

Wie schwer diese Auswahl fiel, muss ich nicht betonen. Doch ich möchte einige meiner Kriterien benennen: Ich habe auf die Interviewpartnerinnen verzichtet, die in anderen Veröffentlichungen ausführlich zu Wort kommen. Ich wollte aus jeder Phase der fünfundzwanzigjährigen Sammlung Interviewpartnerinnen vorstellen und gleichzeitig ein möglichst umfassendes Bild der Lagergeschichte aufzeigen. Vor allem beschäftigte mich die Frage nach den Besonderheiten eines Frauen-KZ. Das Krankenrevier zeigte sich mir als ein zentraler Ort des Lagers, in dem Tod und Überleben aufeinander trafen. Dort arbeiteten die so genannten Funktionshäftlinge Hand in Hand mit ihren Feinden, bemühten sich, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln – illegalen wie gerade noch erlaubten – Leben zu erhalten.

Im Krankenrevier wurden Frauen sterilisiert, medizinische Experimente durchgeführt, ›Arbeitsunfähige‹ selektiert, und gleichzeitig kamen Kinder zur Welt. Dabei konnten die Häftlingsärztinnen und -krankenschwestern nicht verhindern und mussten tagtäglich mit ansehen, dass auch ihre Arbeit Teil der industriellen Vernichtung durch das KZ-System wurde. Die Unschärfe zwischen internem Widerstand und zwangsweiser Zuarbeit lastete gerade auf den Funktionshäftlingen noch lange nach ihrer Befreiung.

Ihre Biografien stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beschreiben sie das Lager. Die Vielzahl der Stimmen machte es mir möglich, aus sich ergänzenden und manchmal auch widersprechenden Erinnerungen ein sich verdichtendes und zugleich vielschichtiges Bild des Lagers zu zeichnen. In diesem uneinheitlichen Bild spiegelt sich auch das Paradoxe mancher Erzählungen und der sich anschließenden Biographien. Durch ihre Verknüpfung werden sie zu einem Abbild der vielfältigen Erfahrungen des Lageralltags und des Überlebenskampfes.

Ich wollte auch Frauen zu Wort kommen lassen, deren Erinnerungen aus verschiedensten Gründen in der bisherigen Darstellung der Lagergeschichte keine Rolle spielten, die zur Persona non grata im Kreis der Überlebenden geworden waren oder nie Kontakt zur Gedenkstätte und den Häftlingsverbänden aufgenommen hatten. In exemplarischen Biografien möchte ich ein bisher nur spärlich beleuchtetes Stück Lagergeschichte erzählen: vom Überleben unter Frauen.

Einige Lebensläufe stehen für sich, andere werden in den einzelnen Kapiteln zu ›verdichteten Themen‹ verwoben. Zum Beispiel die medizinischen Experimente an jungen polnischen Frauen in Ravensbrück: Da ich mehrere Frauen interviewen konnte, die Opfer der Versuchsoperationen wurden, konnte ich deren Geschichte in einer Montage aus vielfältigen Erinnerungen wiedergeben.

Andere Schwerpunkte ergaben sich aus Themen, die signifikant für ein Frauen-KZ sind: zum Beispiel die Geburten oder Mütter mit Kindern im Lager. Anderen Themen, die in vielen Interviews erwähnt wurden, haftet fast etwas Mythisches an. So sprachen viele Interviewte über die ungebrochene Stärke und Solidarität der Häftlinge in Ravensbrück oder den uneigennützigen Einsatz der so genannten Funktionshäftlinge in ihren unterschiedlichsten Arbeitsbereichen im Lager.

Ich hatte das große Glück, die letzte Generation der Überlebenden befragen zu können. In diesem Buch möchte ich ihre subjektive Sicht vorstellen. Ihre Erinnerungen habe ich, so weit es mir möglich war, in die faktische Historiographie eingebettet, zu der mir heute – im Vergleich zum Beginn der Sammlung – umfangreiches Quellenmaterial und eine Vielzahl von historischen Veröffentlichungen und Forschungsarbeiten zur Verfügung standen.

Ich möchte an dieser Stelle allen befragten Frauen herzlichst danken und betonen, dass die notwendige Auswahl für dieses Buch keine einzige ihrer Erinnerungen schmälert. Für mich persönlich war jede Begegnung innerhalb der letzten fünfundzwanzig Jahre ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Auch wenn ich von vielen grauenvollen Erlebnissen erfuhr, bin ich gleichzeitig großer Lebensfreude und starkem Lebenswillen begegnet. Viele meiner Interviewpartnerinnen haben, Ravensbrück zum Trotz, ein hohes Alter erreicht.

Dieses Buch erscheint – gleichzeitig mit einem 90-minütigen Dokumentarfilm – zum 60. Jahrestag der Befreiung des Frauen-KZ Ravensbrück. Nach fünfundzwanzig Jahren der Sammlung von Erinnerungen an Ravensbrück spiegeln beide gemeinsam den Versuch wider, Geschichte und das Erinnern an sie in erzählten Geschichten in neuer Form erfahrbar zu machen.

Loretta Walz

im Januar 2005

»ALLES VERGESSENE SCHREIT IM TRAUM UM HILFE«
Maria Zeh


1978 lernte ich die damals 75-jährige Maria Zeh aus Stuttgart kennen. Ich arbeitete an einem Dokumentarfilm für den Westdeutschen Rundfunk mit dem Titel »Alles Vergessene schreit im Traum um Hilfe«1. Maria Zeh sollte eine der Hauptprotagonistinnen sein.

»Wir brauchen beides: die Erinnerung, um zu wissen, wer wir sind, und das Vergessen, um zu werden, was wir sein wollen. Und beides lässt sich nicht trennen.« So las ich in einer Kolumne von Elke Heidenreich. Doch was passiert mit Erlebnissen, die man nicht vergessen kann? Die so prägend sind, dass sie einem den Weg, das zu werden, was man sein will, nicht mehr offen lassen? Dies war die Fragestellung des Films.

Das Interview mit Maria Zeh zeichneten wir in meiner damaligen Wohnung in Stuttgart auf, denn sie scheute sich, drei fremde Männer – das Filmteam – in ihrer Wohnung zu empfangen.2 Das zweite Gespräch führte ich zusammen mit Helma Fehrmann3 bei ihr zu Hause. Maria Zeh war eine große, gepflegte, sehr elegante Frau mit einer starken Präsenz. Auffallend waren ihre unbändige Neugierde und Offenheit: Sie wollte nichts im Leben verpassen.

Maria Zeh war 1903 in Stuttgart zur Welt gekommen. Im ersten Interview erzählte sie von ihrer Kindheit in einer warmherzigen, kinderreichen Familie in einem Stuttgarter Vorort am Neckar, vom Besuch der Marxistischen Arbeiterschule und von ihrem Engagement in der oppositionellen Lehrerschaft. »Ich hatte Freundinnen, die waren Pfarrerstöchter und Lehrerinnen, und die haben mich mitgenommen in die Marxistische Arbeiterschule. Das war für mich eine neue Welt. Ich war seit 1931 verheiratet, sportlich sehr aktiv, und das hat mich so gepackt, dass ich da richtig eingestiegen bin. Zu der Zeit war ich nicht mehr berufstätig. Mein Mann war Beamter auf Lebenszeit geworden; da wurde ich als Doppelverdienerin entlassen. Ich war 28 Jahre alt. Die Arbeit hat mir gefehlt. Ich war soziale Helferin in einem Betrieb, und das bin ich mit Leib und Seele gewesen. Obwohl es uns wirtschaftlich gut ging, war ich schockiert und hab mich dann da richtig reingestürzt. Da ist mir natürlich eine ganz neue Welt eröffnet worden. Ich habe viele Bildungslücken bei mir entdeckt und nicht nur Genossinnen, sondern Freundinnen gewonnen. Mein Mann war Sportler, er war gut und in jeder Beziehung großzügig. Ich hab ihm gesagt, dass ich in Kurse gehe, mit Mädchen, und die kamen auch zu uns, da war er ein großer Gastgeber. Es waren meist Lehrerinnen aus der Umgebung von Stuttgart, und sonntags war bei uns der Treff. Das war die Zeit der Erwerbslosigkeit und Geldnot. Als der Faschismus begann, wurden die Lehrerinnen entlassen, und die Anlaufstelle war ich. Sie kamen alle zu uns in ihrer ersten Ratlosigkeit.«

Anfang der 30er Jahre trat Maria Zeh in die Kommunistische Partei ein. »Das war eine Zeit, wo man den Faschismus schon geahnt hat, und damals wurden wir speziell geschult für die illegale Arbeit. Man hat uns gesagt, wenn der Faschismus kommt, dann werden wir von der Marxistischen Arbeiterschule dran sein, weil das als kommunistisch gilt. Es wurde auch gesagt, wenn einer andere belastet, der belastet sich selbst. Also: Wenn man anfängt, auf einem Treppengeländer zu rutschen, dann kann man sich nicht mehr halten. Genauso ist es mit den Aussagen: Wenn man einmal anfängt, gibt’s kein Ende mehr. Daran hab ich mich immer gehalten. Ich habe dann aktiv in der oppositionellen Lehrerschaft mitgearbeitet, dort kamen Blätter raus, wurden Informationen verschickt, gab es Schulungen usw.

Das wurde dann immer härter, es kamen die ersten Verhaftungen, und die Sache wurde ernst. Manche meiner Freundinnen konnten nicht mehr zu Hause sein, und ohne viele Worte hatte ich dann die Aufgabe, nach Quartieren, Geld und Papieren zu gucken, sodass sie in die Illegalität konnten. Geld hatten sie auch keines. So kamen halt alle zu uns. Als die ersten abgerückt sind, mussten die dann auch versorgt werden, man musste Geld überbringen und so weiter – da ist man immer so in Sorge gewesen, dass keiner hochgeht, dass man an sich selbst nie gedacht hat. Ich hab das aus selbstverständlicher Kameradschaft gemacht. Da hab ich erst gemerkt, wie viele Bekannte ich anpumpen konnte. Meine Schwiegermutter war gut gestellt und hat mir immer Geld geschenkt für Modellkleider oder Schuhe, da ging alles Geld hinein. Für mich hat es gar nichts mehr gegeben außer der illegalen Arbeit. Die Kurierdienste waren immer eine gefährliche Sache, deshalb hab ich mein Äußeres damals sehr geschützt. Ja, und dann kam der große Tag meiner Verhaftung, alle Männer, die mit uns arbeiteten, waren ja schon verhaftet worden. Mein Mann hatte am 30. Juli 1935 Geburtstag. Ein Freund hat uns angerufen, wir sollen zu ihm kommen, es gibt für ihn ein Fest. Dort sind wir hingefahren, es war eine lustige Nacht, und alle haben dort geschlafen. Morgens kam das Mädchen und sagte, wir sollen aufstehen. Ich sag: ›Mein Mann hat doch Urlaub.‹ Dann hat mein Mann gesagt, wir müssten auf eine Behörde. Das war die Gestapo. Dann bin ich nicht mehr wiedergekommen.«

Zwei Tage und Nächte wurde Maria Zeh im Stuttgarter Gefängnis Büchsenstraße verhört. »Vor allem wollten sie Namen wissen, wer die Leute unterstützt, die Papiere besorgt, Flugblätter gemacht und verteilt hat usw., und natürlich wussten die schon vieles ganz genau. Ich hab mir – aufgrund meiner marxistischen Schule – eine Geschichte ausgedacht, und bei der bin ich geblieben. Später kam ich zur Untersuchungshaft ins Frauengefängnis in der Weimarstraße. Es gab täglich viele Gegenüberstellungen, und der Mußgay4 hat gesagt: ›Guck doch der ihre Augen an, die sagt nichts.‹ Ich hab jeden Tag – wie ein Examinand – meinen Text aufgesagt, genau das, was ich bei der Gestapo gesagt hab. Das ist sehr schwierig, wenn man überhaupt nichts zu schreiben hat. Es ist schrecklich, in einer Zelle zu sitzen, ohne alles. Dann kamen immer mehr Verhaftungen und Gegenüberstellungen. Da war einer, dem ist’s Blut runtergelaufen, der Rudi Bergmann: ›Der hat gerade alles gesagt, und so geht’s Ihnen auch.‹ Da gab es auch Genossinnen, die gesagt haben, was die Gestapo weiß, das kann man ruhig zugeben. Aber das hab ich nicht gemacht.«

»Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein«

»Eines Nachts kam ein Wärter und brachte mich in einen Saal, in dem ungefähr zwanzig Personen und mein Mann waren. Er sagte, er lässt sich nicht scheiden, und die Gestapo hat gesagt: ›Sie werden geschieden!‹ Mein Mann war so traurig und sagte: ›Was haben Sie aus meiner Frau gemacht?‹ Man kann sich ja vorstellen, wie man aussieht, wenn man monatelang da drin hockt. Ich durfte keine Garderobe rein- oder rausgeben und musste immer das Gleiche anhaben, wegen Schmuggelgefahr. Am 24. Dezember, an Heiligabend 1935, kam ein junger Gestapomann und hat mir die Scheidungsurkunde gebracht: ›Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein.‹ Er war ein kleiner Beamter und älter als ich. Ich vergesse nie die Glocken von der Hospitalkirche, da musste ich mit kaltem Wasser siebzig Treppen runterwaschen. Am selben Abend! Ich war geschieden! Die meinten, wenn ich geschieden bin, würde ich vielleicht was sagen.«

Sechs Monate lang blieb Maria Zeh in Einzelhaft im Gefängnis Büchsenstraße, bevor sie in das Frauengefängnis Weimarstraße verlegt wurde. Auch dort wurde sie weiter verhört und blieb in einer Zelle allein. »Bei den Verhören, da hat man täglich zu mir gesagt: › Sie verrecken ja doch bei uns. Sie verrecken bei uns! Sie kommen nimmer raus!‹ Ganz genauso ging das achtunddreißig Monate lang. Wenn man dann einen Widerstand in sich aufbringt, dann bekommt man diese Kraft. Da war so eine ungeheure Lebenssehnsucht, je näher man am Abkratzen war. Ich hatte die ganz feste Überzeugung, die Gewissheit, dass der Faschismus nicht siegt. Das gab mir die ganze Kraft. Ich hatte ganz großes Glück, dass ich hier sitze.«

Maria Zeh ist überzeugt, dass sie selbst nur überleben konnte, weil ihre Freundin Lilo Herrmann5 sie nicht verraten hat. »In der Zelle, in der Mußgay immer gesagt hat, die verreckt da drin, in der Zelle hat der sich später aufgehängt. Nachdem er alle Kameraden verraten hatte, nach 1945, hat er sich in der Zelle 36 aufgehängt.«

Die Biene in der Zelle

Maria Zeh erzählte, wie sie sich alleine in der Zelle mit Turnübungen beschäftigte, um nicht in Apathie zu verfallen, wie wichtig die Geräusche um sie herum waren, und dass man ständig Gefahr lief, in den Wahnsinn abzugleiten, weil auch die Gedanken keinen Fluchtweg hatten. »Da kam eine Biene in meine Zelle – in die dunkle Zelle eine Biene! Sie flog herum und wieder davon. Abends kam sie wieder rein, und dann hab ich mit ihr gesprochen: ›Auf welchen Wiesen warst du? Wo gibt’s hier die Auen? Hat es da draußen nach Gras gerochen?‹ Da war man so unglaublich erregt und war von einer solchen Lebenssehnsucht erfüllt. Man wusste ja, du bist eingeschlossen, aber manchmal war es auch so, als ob die guten Gedanken der Menschen wie ein warmer Mantel um einen waren. Es gab auch Hochstimmungen. Aber vor allem das Gefühl: Du hast niemanden verraten. Du wirst niemanden verraten! Man hat nicht nur gelitten, aber eben immer damit zu tun gehabt, nicht schwach zu werden. Das Schlimmste war die Hitze. Gegen die Kälte konnte man Kniebeugen machen und turnen, aber die Hitze und bloß so ein bisschen Wasser, gerade genug für einen Vogel, sich zu waschen.«

Am 25. Februar 1938 fand ihr Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart statt. Nach ihrer Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« wurde sie noch im Februar 1938 in das Frauengefängnis Gotteszell verlegt. »Dort kam ich auch wieder in Einzelhaft, mit Steinboden, schwerer Arbeit, keine Zeit für Turnen, schlechter Verpflegung. Dort bin ich zusammengebrochen; ich hatte hohes Fieber. Als meine Strafe rum war, bin ich aber nicht heimgekommen, sondern da hieß es: Ich komme ins KZ!«

Nach insgesamt achtunddreißig Monaten Einzelhaft – mehr als zweieinhalb Jahren alleine in der Zelle – wurde Maria Zeh in das KZ Lichtenburg an der Elbe überführt. »Auf dem Transport hab ich Frauen getroffen, die hatten Illusionen: Wir kommen auf ein Schloss. Aber nach dem, was ich erlebt hatte in den achtunddreißig Monaten, konnte ich mir das nicht vorstellen. Die Lichtenburg war ein altes, vermodertes Schloss bei Torgau. Als wir dort ankamen, hieß es, rechts die Kommunisten, links die Juden. Da gab es gleich Schläge mit der Peitsche, Zimmer6 hat die geheißen, von der wurden wir gleich durchgeprügelt. Viele sind gar nicht mehr hochgekommen. Ich kam auf einen Strafarbeitsblock. Dort musste ich vierundzwanzig Öfen heizen und nebenher Syphiliskranke im Endstadium und solche mit offener Tbc pflegen. Das hab ich so lange gemacht, bis ich derart geschwollene Arme und Beine hatte, dass ich nicht mehr konnte. Dann kam ich ins Revier. Dort hat mich der Arzt angeschrien, Sonntag7 hieß der: ›Warum melden Sie sich nicht?‹ Und ich hab gesagt: ›Mir hat man achtunddreißig Monate lang gesagt, ich verrecke hier, und jetzt hab ich gedacht, das ist der Anfang.‹ Doch dann hat mich die Oberschwester Margarete ins Revier genommen, und da hab ich gemerkt, dass mir vieles fehlte. Ich hatte wohl einen Kurs in Krankenpflege mitgemacht als junges Mädchen, aber Wörter wie Hexamethylen, Tetramine usw. kannte ich nicht.«

Die Frauen-Konzentrationslager

Bis zur Zeit der ersten Begegnungen mit Maria Zeh in den Jahren 1978/1979 hatte ich – damals 24-jährig – noch nie von der Existenz reiner Frauen-Konzentrationslager gehört. Zwar war ich in mehreren KZ-Gedenkstätten gewesen, doch hatten mich dabei weniger die Orte, sondern vielmehr die Menschen interessiert, die dort während der Nazizeit eingesperrt waren. Erst 1983 besuchte ich die Kleinstadt Moringen in der Nähe von Göttingen, wo sich von Oktober 1933 bis März 1938 das erste Frauen-KZ befand. Unfassbar war für mich die Lage des riesigen Gebäudekomplexes8 unmittelbar an der Hauptstraße der kleinen Stadt. Als Moringen – konzipiert für ca. 400 Häftlinge – nicht mehr ausreichte, um die inhaftierten Frauen aufzunehmen, wurde Ende 1937 das Frauen-KZ Lichtenburg eröffnet.

Maria Zeh, die im August 1938 in die Lichtenburg kam, gehörte zu den ersten Häftlingen in diesem neu errichteten Frauen-KZ. Ende 1938 waren dort ca. 800 Frauen eingesperrt. Das Lager verfügte anfangs über einen Lagerkommandanten, 26 Aufseherinnen, eine Ärztin, einen Arzt, eine Krankenschwester und vier Hilfsschwestern im Krankenrevier.9 »Im Revier hatten wir als Häftlinge eine große Macht. Man wusste ja gleich, wer Genossin ist, wer Verräter ist und so – da konnte man die Leute, die schwerste Arbeiten verrichten mussten, für ein paar Tage ins Krankenrevier stecken. Manche sind natürlich doch gestorben, weil sie wirklich krank und elend waren. Ich erinnere mich an eine Bibelforscherin. Der SS-Mann hat sie so gestoßen, dass sie aus der Nase geblutet hat. Da sagte sie: ›Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.‹ Am andern Tag saßen wir bei unserem kärglichen Mahl, da kam die Oberin und sagte: ›Was Sie jetzt sehen, dürfen Sie niemandem sagen.‹ Sie hat uns ins Kellerverlies geführt, und da lag diese Bibelforscherin. Sie lag auf einem Betonbett. Das kann man nicht beschreiben, in dieser Uniform, die wir hatten, wir sahen ja gar nicht mehr wie Frauen aus. Wir mussten sie ausziehen. Sie war grün und blau am ganzen Körper, zusammengeschlagen, totgeschlagen. Da dachte ich, ich kann nicht mehr, hab gezittert und trotzdem gewusst: Das nützt niemandem, wenn ich jetzt zusammenbreche. Es muss ja weitergehen. Vor allem müssen die Kameradinnen wissen, was da unten geschieht. Obwohl die Aufseherin gedroht hatte, dass wir selbst da runter kommen, wenn wir darüber sprechen, hat man gleich den Genossinnen gesagt, was sich da unten abspielt. Das werde ich nie vergessen. Das lässt mich noch heute nachts aufwachen. Ich muss dann genau sehen, wo ich bin, weil es Dinge gibt, da kann man nicht mit Worten benennen, was da in einem vorgeht. Ich kann’s nicht. Es ist nach so vielen Jahrzehnten immer noch da, so tief sitzt das. Die Haftpsychosen haben wir einfach. Manchmal, am schönsten Tag, kann ich nicht aus dem Haus gehen, obwohl ich die Natur so liebe. Das sitzt so tief, dass ich die Wohnung nicht verlassen kann. Aber wenn man im Revier war, konnte man den Menschen helfen. Da konnten wir auch den Jüdinnen helfen. Wir haben Arznei und alles geklaut. Ich hatte den Schlüssel zur Apotheke, denn ich hatte das Vertrauen der Oberin. Sie hat mir gesagt, sie habe sich die Häftlinge anders vorgestellt. Man habe sie geworben, um den Abschaum der Menschheit zu bewachen, und nun war sie erstaunt über die ›Qualität‹ der Häftlinge.«

Maria Zeh konnte erreichen, dass andere Häftlinge, die eine medizinische Ausbildung hatten, zu ihrer Unterstützung ins Revier kamen. So auch die Ärztin Dr. Doris Maase.10 »Da hat das Leben wieder einen Sinn bekommen. Da waren wir ein Team und konnten helfen. Wir mussten mit einem Medizinkasten durch das Lager, und dabei wurden Verbindungen geknüpft. Die Jüdinnen wollten immer Alkohol und Medikamente. Ich war so jung, ich hatte noch nie Medikamente genommen, keinen Kaffee, keinen Alkohol; wir haben nicht geraucht, wir haben leicht gelebt, aber die waren das schon gewohnt.«

Erst beim Abtippen dieses Gesprächs wurde ich auf den erwähnten Alkohol aufmerksam. Ich fragte nach, und Maria Zeh erzählte, dass die Jüdinnen sich betäuben wollten, bevor sie zur Vergasung geschickt wurden. Deshalb habe sie den reinen Alkohol aus der Lagerapotheke gestohlen. Vor laufender Kamera wollte sie allerdings nicht darüber sprechen, weil sie fürchtete, dies könnte noch heute als kriminelle Handlung angesehen werden. Tausende Jüdinnen wurden vergast – und Maria Zeh hatte ein schlechtes Gewissen, geklaut zu haben? Dieser tiefgründige Ehrbegriff schien mir nahezu unverständlich. Allerdings erfuhr ich in diesem Zusammenhang auch, dass Maria Zeh im Alter schwer alkoholkrank war und ein gemäßigter Umgang mit Alkohol ihr große Disziplin abverlangte.

»Ich bin mit Sehnsucht geboren und sterbe mit Sehnsucht«

»Doris Maase und ich konnten im Revier helfen. Zum Beispiel konnten wir eine, die gefährdet war durch Transport, drei Tage im Revier lassen. Du warst immer in so einem Fieber, du bist ja auch immer mit einem Fuß im Strafblock gestanden. Aber trotz allem, man hatte eine wahnsinnige Sehnsucht nach dem Leben, die hab ich heute noch. Ich bin ein Mensch, der mit Sehnsucht geboren wurde und mit Sehnsucht stirbt. Ich hab Sehnsuchtsgedanken, wenn andere schon halb tot sind. Dann denk ich immer an das, was noch kommt. Du weißt ja, wie alt ich bin. Aber ich hab ja auch immer so viel zu tun. Damals haben wir uns immer alles erzählt und auch die Liebesbriefe gelesen. Doris Maase und Lina Haag11 bekamen welche – ich hab keine bekommen.«

Die Hilfe für andere, sagte Maria Zeh, sei eine wirkliche Erfüllung gewesen, durch die die eigenen Sorgen und sogar der Hunger in Vergessenheit gerieten. »Ich hatte dadurch einen Vorteil, dass ich Faltboot gefahren, Ski gelaufen bin, jung verheiratet war. Ich hatte schon ein anderes Leben. Doch je mehr ich mich daran erinnerte, desto größer war natürlich die Sehnsucht. Doch dann kam ein Einschnitt: Ich hätte ja nie geglaubt, dass ich wieder rauskomme. Selbst als Himmler kam und manche Leute zur Entlassung ausgesucht hat, sagte er zu Doris Maase und zu mir: ›Die haben zu fanatische Augen. Die kommen nicht raus.‹ Das war sehr schwer, als die anderen gingen, und ich blieb da! Auch von dieser Verlassenheit kann ich jetzt noch nachts aufwachen, die kriege ich nicht mehr los. Unter den Aufseherinnen gab es sympathische Frauen, aber es gab auch ganz große Kanaillen. Eine mit Namen Mandl12, die hat ausgesehen wie ein Engel, blond und blauäugig. Die hat mit einer unerhörten Unbarmherzigkeit zugeschlagen, bis die Haut geplatzt ist. Und eines Abends, die Kameradinnen waren alle weg, stand ich so da, 1001 war meine Nummer, und die Schwester sagte: ›Was denken Sie jetzt, 1001?‹ Ich sagte: ›Was soll ich Ihnen sagen, was ich jetzt denke, wenn alle fort sind?‹ Sie sagte, sie hätte nichts machen können. In meiner Akte stehe ›Rückkehr unerwünscht‹. Ich hab bloß eines gewusst: Du darfst jetzt nicht zusammenbrechen! So ging’s halt weiter. Und eines Tages hat es geheißen: ›Drei Tage nichts essen und trinken!‹ Das war die Vorbereitung für den Abtransport.«

Moringen und Lichtenburg waren Kindergärten im Vergleich zu Ravensbrück

Maria Zeh wurde im Mai 1939 in das gerade neu eröffnete Frauen-KZ Ravensbrück verlegt. Dort waren zu dieser Zeit ca. 1000 weibliche Häftlinge registriert. Der Lagerdirektor, die SS-Wachmannschaften und die Mehrzahl der Aufseherinnen kamen ebenfalls von der Lichtenburg. Auch der SS-Arzt Dr. Walter Sonntag wurde nach Ravensbrück versetzt. »Wir haben Ravensbrück eröffnet, wir waren einer der ersten Transporte. Dieser Transport war so schrecklich, weil wir keine Notdurft verrichten durften. Es war so trostlos, es gab nur Sand. Ich bin am Neckar aufgewachsen, und dann kommst du dahin an einem schönen Sommertag und hast nur Sand. Und der Ton dort! Man sagt ja, Moringen und Lichtenburg wären Kindergärten gewesen im Vergleich zu Ravensbrück.«

Die Ankommenden erlebten einen Schock. Sie begriffen schnell, dass die Arbeit in den Außenkommandos, im Straßenbau oder beim Entladen von Baumaterialien weitaus bedrohlicher war als die in den Büros der Lagerverwaltung, in der Küche, Wäscherei oder im Krankenrevier. Maria Zeh hatte das Glück, gleich nach ihrer Ankunft wieder gemeinsam mit Doris Maase im Revier eingesetzt zu werden. Mit denjenigen, mit denen sie bereits in der Lichtenburg zusammengearbeitet hatte, konnte sie ihre Hilfe für die Kameradinnen in Ravensbrück fortsetzen. »Als dann im September 1939 der Krieg ausbrach, sind wir, die wir uns gegenseitig anvertraut hatten und auch gefährliche Arbeiten im KZ gemacht haben, wir sind uns bloß in die Arme gefallen und haben gesagt: ›So, jetzt kommen wir nicht mehr raus.‹ Politischer Gegner zu sein und Krieg, da kommen wir nie mehr raus. Wir waren ganz am Boden. Es war der Abschied von der Jugend, vom Leben und überhaupt. Es hat doch keiner gedacht, dass wir da noch mal herauskommen. Und sofort wurde alles strenger: Das Essen wurde gekürzt, die Knute saß loser, es gab immer mehr Gründe, uns zu quälen. Es war wie eine Bestätigung, uns zu vernichten, das hat man ganz deutlich gespürt. Wir spürten, dass abgerechnet wird.«

Im November 1939 wurde Maria Zeh zu einem Verhör in die Ravensbrücker SS-Kommandantur gerufen. »Da wurde ich alles Mögliche gefragt, und dann sagt der: ›Was würden Sie denn machen, wenn Sie freikämen?‹ ›Ja‹, sag ich, ›ich habe keine Heimat mehr, ich weiß nicht, was ich mache. Arbeiten, wenn ich Arbeit kriege.‹ Ich wusste nicht, wo ich hin sollte. Meine Mutter war ja gestorben. Die hing mit einem Bild als Mutter von fünf Soldaten in Berlin, bei dieser faschistischen Mutterverehrung, und von mir wurde niemals gesprochen. Nur meine Brüder – fünf Soldaten. Dann sagte eine Freundin: ›Ich kauf dir einen Kamm, ich glaube, du wirst entlassen.‹ An einem schönen Tag hat es geheißen: ›Nach vorne. Entlassen!‹ Da bin ich so erschrocken, ich wollte gar nicht raus.«

»Da hab ich Heimweh nach dem KZ gehabt«

Am 9. November 1939 wurde Maria Zeh aus Ravensbrück entlassen. »Insgesamt war ich ohne Unterbrechung vier Jahre und vier Monate in Haft, davon achtunddreißig Monate in Einzelhaft. Ich bin später sehr viel zum Psychiater geschickt worden, und als das untersucht wurde, war ich die einzige Frau in der Bundesrepublik, die so eine lange Einzelhaft gehabt hatte. Manchmal spüre ich so eine Schwere in mir drin. Dann schlafe ich kaum. Und wenn doch, dann träume ich von allen, die gestorben sind, die man zur Vergasung geschickt hat. An anderen Tagen, obwohl ich’s doch gut habe hier, bringt mich keiner aus dem Haus, da bin ich mein eigener Gefangener. Aber gegen die Träume vom Lager, da kann ich nichts machen. Das hab ich mir schon oft vorgenommen: Du träumst nie mehr davon! Trotzdem träum ich dann davon.«

Nach ihrer Entlassung kehrte Maria Zeh nach Stuttgart zurück. »Ich habe keinen Mantel und nichts gehabt. Keine Handtasche, gar nichts. Die Bluse hat mir die Lina Haag aus einem alten Fetzen von einer Vergasten gemacht. Ich kam ja im Krieg heim, das war ganz schlimm. Ich musste mich immer bei der Gestapo melden. Ich hatte keine Wohnung. Ich war fünfzehn Kilo schwerer vor lauter Wasser. Die Genossen, das kann ich ruhig sagen, sind aufs andere Trottoir, wenn sie einen gesehen haben. Die, die man geschützt hat! Das war eine Einsamkeit! Die wollten einen nicht sehen, weil sie Angst hatten, sie kommen dann ins KZ. Ich hatte auch Angst, weil man uns gesagt hat, wer wieder ins Lager kommt, der kriegt gleich fünfundzwanzig auf den nackten Po. Man durfte ja mit keinem Menschen reden. Man war wahnsinnig einsam und verlassen. Elend war mir. Und da hab ich so richtig Heimweh nach dem KZ gehabt, nach meinen Kameradinnen und Genossinnen.«

Nach drei Tagen bekam Maria Zeh eine Arbeit beim Buchgroßhandel Koch, Neff & Oettinger, doch erst eine Woche später ihr erstes Gehalt. Bis dahin musste sie mit trockenem Brot und Wasser auskommen. Diese ersten Tage in der Freiheit waren für sie schwerer als die Zeit im Lager. »Das Zurückkommen war ganz furchtbar, weil ich aus dem Schoß einer warmen Familie komme. Wenn ich heute zurückdenke, wir waren sehr reich, kein Wohlstand, aber wir haben das nicht gespürt durch die Wärme meiner Mutter. Das ist so traurig gewesen, dass meine Mutter wegen mir starb. Wir hatten ein ganz inniges Verhältnis. Und dann bin ich weggekommen. Meine Mutter war doch eine bürgerliche Frau und ist aus Sehnsucht nach mir sehr, sehr erkrankt. Sie hat sich furchtbar geschämt, dass in unserer Familie so was vorkommt. Einmal ist die Gestapo mit mir zu ihr gefahren. Da lag sie im Bett und sagte, sie hätte immer gebetet, dass sie mich wiedersieht. Da hat der Gestapo gesagt, der Mistkerl, der sich selber nachher aufgehängt hat, der hat gesagt, ich darf dableiben, wenn ich sage, was sie wollen. Meine schwer kranke Mutter hat sich aufgesetzt und gesagt, einen Verräter hätte sie nicht erzogen! Das wollte sie nicht, dass ich Leute verrate. Man hat mir erzählt, dass sie im Krankenhaus immer nach der Türe geschaut hätte und hoffte, dass ich käme. Dann ist sie gestorben. Ich hab in meiner Zelle gesessen, und man hat mir gesagt, meine Mutter sei gestorben. Immer wenn ich Glockenschläge höre, dann fällt mir das ein.«

Als Maria Zeh von ihrer großen Einsamkeit erzählte und wie sie sich ohne Arbeit, ohne Geld ein neues Leben aufbauen musste, schien mir das vollkommen unverständlich. Warum konnte sie, die so vielen geholfen hatte und die deswegen viereinhalb Jahre eingesperrt war, nirgendwo Unterstützung finden?

Nicht ohne Enttäuschung und verbitterten Unterton erklärte sie mir, dass es für die früheren Genossinnen und Genossen gefährlich war, mit einer Kontakt aufzunehmen, die aus den Fängen der Gestapo kam. Stand sie im Verdacht, eine Verräterin geworden zu sein? Dachte man, sie würde diejenigen, die sie kannte, ausliefern? Die Genossen mussten doch wissen, dass sie niemanden verraten hatte, sonst wären sie doch selbst verhaftet worden. »Ach Kind«, sagte sie, »was weißt du über die Menschen?« Als ich weiterbohrte und fragte, wo denn ihr Mann gewesen sei, der wäre doch, wie sie, zwangsweise geschieden worden, fand sie mich vollkommen naiv: »Russland ist groß, und der Zar ist weit!« Viereinhalb Jahre seien eine zu lange Zeit. Ihr Mann habe eine neue Frau gefunden, zu ihr selbst blieb ein freundschaftlicher Kontakt.

Obwohl sie dies sehr bedauere, sei ihr vollkommen bewusst gewesen, dass sie niemals nahtlos an das Leben würde anknüpfen können, aus dem die Verhaftung sie gerissen habe.

Maria Zeh fand schließlich eine Wohnung im Stuttgarter Süden, in der sie noch wohnte, als wir uns kennen lernten. Anfangs habe sie zur Untermiete gewohnt und später die ganze Wohnung in dem schwäbischen Bürgerhaus übernommen. »Zum Beispiel haben sie mir ein Plakat an die Türe gemacht: ›Wer nicht mit »Heil Hitler« grüßt, ist ein Staatsfeind.‹ Gleichzeitig ist der Staub so hoch gewachsen, dass man hätte Kresse darauf säen können. Das waren die Leute unter mir. Es gab viele Schikanen. Aber wie das Leben so spielt: Letztes Jahr war niemand im Haus, die Frau war sterbenskrank, da hat sie mich gebraucht. Da hab ich nicht gesagt: ›Sie waren so und so‹, sondern da hab ich als Mensch gehandelt und habe sie versorgt. Ich bin so erzogen, für mich gibt es kein ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹, das ist eine angeborene und anerzogene Haltung, dass man Mensch bleibt. Ich bin nicht religiös, aber denk nur, gerade die Frau, die mir das Leben so schwer gemacht hat, hatte niemanden als mich, der für sie gesorgt hat.«

Die Zeit bis zum Kriegsende erlebte Maria Zeh in großer Einsamkeit: geschieden, die Mutter gestorben, kein Kontakt zu Genossen, und nur ein Bruder kehrte aus dem Krieg zurück. »Da hab ich das Leben erst kennen gelernt, in jeder Hinsicht. Ich durfte ja auch Stuttgart nicht verlassen, musste mich regelmäßig bei der Gestapo melden. Ich wollte nichts, außer wieder eine Existenz und mein eigenes Geld verdienen.«

»Sich rühren ist besser als gerührt sein«

Maria Zeh blieb allein, den Männern ihrer Generation misstraute sie. Zu viele Nationalsozialisten oder wankelmütige Sympathisanten waren unter ihnen. »Das hat etwas mit meinen Erfahrungen zu tun. Ich bin nicht kleinlich oder spießig, aber ich habe auch festgestellt, dass Frauen immer die Rechnungen bezahlen in einem Zusammenleben. Ich habe Frauen getroffen, die mit solchen Enttäuschungen lebten, doch der Mann kann immer ausziehen. Obwohl ich kein gesellschaftliches Ansehen wollte, habe ich gemerkt, dass man überhaupt kein gesellschaftliches Ansehen hat, wenn man älter ist und mit einem jüngeren Mann lebt. Ich bin auch keine Hausfrau mehr, die für einen Mann die Hemden wäscht, das wollte ich nicht mehr.«

Sie arbeitete ab 1945 in der Betreuungsstelle für die Opfer des Faschismus, engagierte sich in der Gewerkschaft ÖTV und gleich nach der Gründung in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN. Die größte Erfüllung brachte ihr dann die Arbeit beim Stiftungsamt der Stadt Stuttgart, wo sie bis zur Pensionierung blieb. Ihr Engagement war unermüdlich, ihre Lebenssehnsucht und Lebensfreude außergewöhnlich. Einer solch aktiven Frau dieser Generation war ich nie zuvor begegnet.

Was sie ihr Leben lang nicht verlor, war die Angst vor der ›schwarzen Macht‹. Sie hatte eine große Angst vor den Faschisten und Neofaschisten. »Weil wir es gespürt haben! Glaubst du, dass man das vergisst? Ich weiß, dass die Reaktion immer zusammenhalten wird, dass wir für die stets Feinde sind.«

Als Beispiel führte sie an, dass die CDU-Regierung den politisch Verfolgten die Kuren abgelehnt habe. Alle seien krank aus dem Lager gekommen und auf staatliche Unterstützung angewiesen gewesen. Aus diesem Grund wollte Maria Zeh auch nie über Einzelheiten ihrer Widerstandsarbeit sprechen. Sie habe erlebt, dass antifaschistische Widerstandskämpfer, die im Verdacht standen, sich damals mit ›kriminellen‹ Mitteln zur Wehr gesetzt zu haben, nie eine Entschädigung erhalten haben. »Was mich mein Leben jetzt im Alter leben lässt, ist, dass ich – bei allen Androhungen von Verrecken und alledem – meine achtunddreißig Monate Einzelhaft durchgehalten habe, ohne jemanden belastet, verraten oder jemandem geschadet zu haben. Das hilft mir zu leben. Du kannst auch ›Stolz‹ dazu sagen. Ich werde niemals jemanden verurteilen, der sich die Pulsadern geöffnet, sich aufgehängt oder andere verraten hat. Es war eine solche Tortur, die kann man nicht beschreiben. Deshalb darf man über diese Menschen nicht urteilen. Aber dass ich die Kraft hatte, das durchzustehen, das hilft mir heute leben. Es ist ja nicht leicht, alleine zu leben im Alter, aber es ist noch schwerer, wie ich die Frauen erlebt habe, die ein paarmal verlassen wurden von einem Mann – das könnte ich nicht ertragen. Schlimm ist, dass die besten Freunde, die zehn, fünfzehn Jahre jünger sind, dass die sterben. Wie ich zum Beispiel leide über den Tod von Doris Maase und anderen, mit denen man die Enge erlebt und vieles auf Leben und Tod gewagt hat. Wenn die dann wegsterben, das ist schlimm. Es hat ja keiner gedacht, dass man so alt wird. Ich hab jetzt noch ein Leben voller Sehnsucht. Zum Beispiel hab ich mir Möbel angeschafft, da sagen die Leute: ›Ach, in deinem Alter!‹ Ich bin nicht für Luther, aber das sag ich wie Luther: ›Wenn ich wüsste, ich müsste morgen sterben, dann pflanze ich trotzdem noch ein Apfelbäumchen.‹ Das heißt, das Leben geht weiter. Ich will das. Ich leb auch noch sehr gerne. Mit allen Gebrechen und mit allem, was nicht angenehm ist. Aber ich reiß mich auch schwer zusammen. Für die Zeiten, in denen ich mich einsam fühle, hab ich mir einen Spruch von Bert Brecht angewöhnt: ›Sich rühren ist besser als gerührt sein.‹ Dann mach ich irgendwas. Ich hab immer irgendwo etwas, was man machen muss.«

Im Juni 1987 erkrankte Maria Zeh sehr schwer und starb im Dezember 1989 in einem Krankenhaus. Sie kennen gelernt zu haben war ein Einschnitt in meinem Leben. Die Begegnung mit ihr führte letztendlich dazu, dass ich in den folgenden fünfundzwanzig Jahren nahezu 200 Ravensbrückerinnen interviewt habe.

BEGINN DER SAMMLUNG

1979 nahm Maria Zeh mich mit zu einem Treffen mit ihren »Kameradinnen«, wie sie sagte. Und dort, im Stuttgarter Waldheim1, begegnete ich dreißig weiteren Frauen. In ihren geblümten Sommerkleidern sahen sie wie typische Großmütter aus. Doch etwas stimmte nicht an dem Bild, das sich mir bot: Die Frauen redeten nicht über Krankheiten, Enkelkinder und Königshäuser. Sie diskutierten eine Resolution an die Gewerkschaftsführung, in der sie forderten, für Senioren politische Veranstaltungen statt Kaffeekränzchen anzubieten. Sie tauschten sich über ihre Aktivitäten aus, und ich erfuhr, dass jede in ihrem Umfeld an Veranstaltungen, Demonstrationen und politischen Aktionen beteiligt war. Sie gingen in Schulen, erzählten von ihren Erfahrungen während des Faschismus, von Widerstand und Verfolgung.

So war ich in einen Kreis von politisch aktiven Seniorinnen geraten, die sich einmal im Jahr zu einer mehrtägigen Tagung trafen. Ihre Treffen wurden für mich in den folgenden Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Während der Tagungen wurde diskutiert und abgestimmt, wurden immer wieder neue Forderungen formuliert. Damals waren es: Keine Lagerung von Giftstoffen! Keine Atomkraft! Anstelle der Stationierung von neuen der Abbau vorhandener Vernichtungswaffen! Jeder Satz, jedes einzelne Wort wurden besprochen und genau formuliert.

Und doch war ihr ›Kampf‹ ein sehr spezieller: Sie hatten Krieg und Nationalsozialismus erlebt, sie waren wegen ihres politischen Engagements verfolgt worden und hatten Folter und Haft erlitten. Der kommunistische Widerstand gegen das »Dritte Reich« hatte eine große Zahl an Opfern gefordert; sie hatten überlebt. Die politische Überzeugung war Grundlage ihres Zusammenhalts – zugleich machte sie sie im Nachkriegsdeutschland zu Außenseitern, wie schon in den Jahren der NS-Diktatur. Die Stimmung im Land war eher antikommunistisch, geprägt vom Kalten Krieg. In den frühen 80er Jahren hatten die politisch Verfolgten keine Lobby. Dieser Stimmung wollte auch die »Lagergemeinschaft Ravensbrück« entgegenwirken. Die KPD war 1956 wieder verboten worden. In der DKP hatten sie nach deren Gründung 1968 wieder ein politisches Zuhause gefunden. Ihre Ehemänner hatten viele Berichte über eigene Erlebnisse in der KZ-Haft verfasst. Die Frauen blieben im Hintergrund, redigierten die Texte, in denen sie selbst meist nicht vorkamen. Oftmals hatten sie auch noch nach der Verhaftung ihrer Männer weiter im Untergrund gearbeitet.

»Zur Sprache kommen«

Als Gertrud Müller2, die Vorsitzende der Lagergemeinschaft, im Rahmen einer Tagung die anwesenden Frauen energisch aufforderte, doch endlich ihre Erinnerungen aufzuschreiben, und dann die Diskussion darüber begann, wie schwierig es wäre, sich ganz alleine und ohne Gegenüber den Erinnerungen zu stellen, war die Idee schon geboren: In derselben Nacht beschlossen meine Kollegin Helma Fehrmann und ich, die Erinnerungen dieser Frauen auf Video aufzunehmen. Als wir unsere Absicht am nächsten Tag vorstellten, erklärten sich viele spontan zu einem Interview bereit. Schnell war klar, dass die Älteste in der Runde den Anfang machen sollte. So wurde Aenne Meier3, die 1896 geborene Kreisfürsorgerin aus dem Saarland, meine zweite Interviewpartnerin. Im Dezember 1980 besuchte ich mit dem Kameramann Rolf Schnieders die Vierundachtzigjährige in ihrer Wohnung im Saarland. Sie war auf unser Gespräch gründlich vorbereitet und hatte all ihre Aufzeichnungen herausgesucht.

Durch Aenne Meier habe ich erste grundlegende Informationen über das Frauen-KZ erhalten. Akribisch, handgeschrieben in zahllosen kleinen Heften, sammelte sie seit vielen Jahren Namen und Fakten über das Frauen-KZ und fügte sie zu einem umfassenden Bericht über das Lager zusammen. Erst sehr viel später – aber da war Aenne Meier bereits gestorben4 – wurde mir bewusst, wie wenig ich über ihre Person und ihre persönlichen Erlebnisse aus dem Lager erfahren hatte und wie viele Fragen ich ihr gerne noch gestellt hätte.

In Erinnerung ist sie mir als eine ausgesprochen herzliche, wache und aufmerksame Person geblieben, die mir, der damals unerfahrenen Interviewerin, voller Verständnis und Einfühlungsvermögen alle Fragen geduldig beantwortete. Gleichzeitig achtete sie sorgsam darauf, dass ich den von ihr empfohlenen Kräutertee warm trinke und nicht vergesse, etwas zu essen. Ich fühlte mich wie in der Geborgenheit einer umsorgenden Oma.

Danach begannen unsere Reisen durch die Republik und die ersten Videointerviews mit den ehemaligen politischen Häftlingen. Der Kreis der »alten deutschen Widerstandskämpferinnen« bildete den Schwerpunkt der ersten Gruppe von Interviewpartnerinnen in den Jahren 1980 bis 1985. »Uns hat nie jemand gefragt« und »Ich bin es nicht gewohnt, von mir zu sprechen« waren Sätze, die ich oft hörte. Dazu kam die Angst: Der Wechsel von der SPD- zur CDU-Regierung im Jahr 1983 ließ die Hoffnung auf eine späte Anerkennung sinken. Furcht vor erneuter Überwachung, Bespitzelung und der Kampf um karge Entschädigungsrenten prägten die Stimmung.

Ein Übriges hatte die westdeutsche Entschädigungspolitik getan, sodass in den ersten Gesprächen vieles über die konkreten politischen Aktivitäten verschwiegen wurde: wenn beispielsweise Waffen, Sprengstoffe oder gefälschte Papiere im Spiel waren oder was die konspirative Arbeit im Untergrund anging. Meist geschah es aus Angst, dafür im Nachhinein belangt oder als ›kriminell‹ definiert zu werden, den Anspruch auf Entschädigung zu verlieren. Nicht wenige Überlebende der Konzentrationslager waren nach dem KPD-Verbot in den 50er Jahren erneut inhaftiert gewesen; ihre Kinder erlebten das Berufsverbot (z.B., weil sie in der DKP oder in der VVN engagiert waren), sie selbst erlebten Überwachung durch den Staatsschutz.

HERMINE SCHMIDT


Hermine Schmidt hatte noch nie öffentlich über ihre Erlebnisse in Ravensbrück gesprochen. Bei den Versammlungen der Lagergemeinschaft hielt sie sich im Hintergrund. Sie hörte aufmerksam zu, und wenn sie sich zu Wort meldete – was selten geschah –, sprach sie mit entrüsteter Stimme, in ihrem bergischen Dialekt Worte suchend. Sie war es nicht gewohnt zu sprechen.

Nach dem Ende ihrer mehr als zweijährigen Haft war Hermine Schmidt bei Kriegsende nach Hause zurückgekehrt. Ihr Vater hatte den Krieg nicht überlebt, er war in der Haft ermordet worden. Hermine war eng mit ihrem Vater verbunden gewesen, war ihm auch politisch gefolgt und gemeinsam mit ihm verhaftet worden. Über das, was sie während der Haftzeit erlebt hat, habe sie auch deshalb nie gesprochen, weil niemand ihr geglaubt hätte. Es sei direkt nach dem Krieg auch keine Zeit gewesen, denn im Vordergrund stand das Überleben. Mit ihren älteren Geschwistern nahm sie die kleine Weberei der Familie wieder in Betrieb, doch der Ertrag reichte kaum zum Leben. Obst und Gemüse wurden im Garten angebaut, auf dem großen Grundstück Schafe, Hühner und Ziegen gehalten.

Als wir Hermine Schmidt 1982 das erste Mal besuchten, lebte die 79-Jährige mit ihrem älteren Bruder und ihrer verwitweten Schwester noch immer in dem kleinen bergischen Haus. Hermine versorgte den Obst- und Gemüsegarten und die Haustiere. Die Bandweberei, in der glitzernde Geschenkbänder hergestellt wurden, war noch immer in Betrieb. Hermines Leben bestand aus schwerer Arbeit, ihre abgearbeiteten Hände zeugten davon. Die jährlichen Reisen zu den Treffen der Lagergemeinschaft – das Zusammensein mit den Kameradinnen – waren ihr einziger Luxus und der einzige Ort, wo sie die schweren Erinnerungen an die Haft zulassen konnte.

Geschichten aus Ravensbrück kamen in Bruchstücken aus ihr heraus, oftmals von Tränen begleitet. Insgesamt habe ich Hermine Schmidt in den Jahren 1982 bis 1987 dreimal besucht und befragt.

»Da habe ich mich ganz blöde gestellt«

Hermine Schmidt kam am 28. Juli 1905 in Wuppertal-Beyenburg zur Welt. Ihr Vater, Hermann Schmidt, war vor dem Ersten Weltkrieg SPD-Mitglied, anschließend in der USPD und später in der KPD. Bis 1929 war er Stadtverordneter der KPD in Remscheid-Lüttringhausen. Er war Bandwirker und hatte einen kleinen Betrieb im eigenen Haus. Dort erlernte auch Hermine Schmidt den Beruf der Bandwirkerin. Sie hatte zwei Brüder und eine Schwester. Die ganze Familie beteiligte sich am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Hermine Schmidt: »Ich bin nicht in der Partei gewesen, aber ich habe so ziemlich alles mitgemacht.«

Bereits im Frühjahr 1933 wurde die Werkstatt mehrfach durchsucht; ihr Vater und die beiden Brüder wurden verhört und misshandelt. Doch die Familie engagierte sich weiterhin mit der Unterbringung von Flüchtlingen und Emigranten – unter anderem KPD- Funktionäre –, die ins Ausland, hauptsächlich nach Holland, geschleust werden sollten. Im Haus gab es einen Vervielfältigungsapparat zur Herstellung von Flugblättern, und es gab – wie Hermine Schmidt zwar zaghaft, aber schmunzelnd zugab – auch Waffen. »Am Anfang haben wir noch Flugblätter gedruckt. Dann wurde es hier zu gefährlich, und wir haben nur noch Unterkunft gewährt. Wir haben immer Emigranten untergebracht. Da war zum Beispiel eine Grete Müller, ich hab ihr eine Brille und einen großen Strohhut gekauft, und sie hat sich noch einen Blumenstrauß gekauft. Damit ist sie dann einfach an die Grenze gegangen, das war das schwerste Stück, sie über die Grenze nach Holland zu kriegen. Das hat aber geklappt. Das waren wieder andere, die das machten. Einer, der Kurt, mehr wussten wir nicht über ihn, der ist öfter hier gewesen, und der ist verraten worden. In Berlin müssen sie ihn wohl geschnappt haben. Da sind Hunderte verhaftet worden. Da hat es auch viele Todesurteile gegeben. Und dann waren da noch die, die sie hier unten im Wuppertaler Polizeipräsidium totgeschlagen haben.«

Am 1. Februar 1943 wurde Hermine Schmidt zusammen mit ihrem Vater verhaftet. Im Polizeigefängnis Wuppertal wurde sie zehn Monate in Einzelhaft gehalten. »Am Anfang bin ich oft raufgeholt worden zum Verhör, da habe ich mich ganz blöde gestellt. Ich dachte, der Kurt – der gemeine Kerl – hätte mich heiraten wollen, habe ich gesagt. Die haben das scheinbar geglaubt. Aber weil ich mich so naiv angestellt habe, konnte ich dann gar nichts mehr sagen. Die haben doch haufenweise Sachen bei uns gefunden, Vervielfältigungsapparat und Flugblätter, Papiere zum Drucken.«

›Schutzhaft‹ in Ravensbrück

Anfang November 1943 wurde die achtunddreißigjährige Hermine Schmidt zur ›Schutzhaft‹ in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen. Sie kam nach einem vierwöchigen Transport über Köln, Essen, Bremen, Hamburg nach Berlin. Dort erlebte sie schwere Bombenangriffe; die Häftlinge wurden drei Stunden lang im Waggon auf einem toten Gleis abgestellt. In Ravensbrück kam sie erst im Dezember 1943 an. »Vor dem Tor stand die ganze SS, die Aufseherinnen. Da wurden wir in Empfang genommen, und dann ging es direkt ins Bad. Sie waren mit Hunden da, wie Verbrecher wurden wir behandelt. Wir mussten uns aufstellen und wurden angeschrien, gemeinste Worte hat man zu uns gesagt. Wir mussten alles ausziehen, wurden untersucht, die guckten direkt nach den Zähnen, schrieben auf, wer Goldzähne hatte! Wir hatten im Winter keine Strümpfe, bloß ein Hemd und ein Kleid, und einige hatten noch eine Jacke. Wir bekamen einen roten Winkel, aber an die Nummer kann ich mich nicht mehr erinnern, das war irgendwas mit 24.000.«

Acht Wochen lang blieb Hermine Schmidt auf dem Zugangsblock als ›Verfügbare‹. »Der Zugangsblock war einer der schrecklichsten. Morgens mussten die Betten gemacht werden. Wenn das alles fertig war, kriegten wir ne Tasse Kaffee, das war ein Sauzeug. Dann wurde gestanden: Zählappell! Das dauerte manchmal Stunden, je nachdem, wie die gelaunt waren oder ob es regnete, dann kamen die später. Da durfte man sich nicht rühren.«

Nach dem Zählappell erfolgte die Aufteilung der Arbeitskommandos. Hermine Schmidt arbeitete im Straßenbau, musste Schiffe entladen und Gartenarbeiten ausführen. »Da war viel Schikane. Im Winter bin ich mal auf einem Kommando gewesen, da mussten wir ein Schiff Ziegelsteine ausladen. Da war eine dünne Eisschicht am See, da sind Frauen gewesen, die hatten ganz blutige Hände. Die ganze Haut war erfroren und abgegangen. Im Revier kriegten sie Jod drauf und mussten am andern Tag wieder arbeiten. Bei der Arbeit im Außenkommando mussten wir Häftlingskleider tragen, und so gingen wir zur Kleiderkammer. Dort arbeitete Lieschen Kubier. Ich sagte: ›Du musst mir unbedingt eine Jacke mit einem Gürtel dazutun.‹ Denn ich hatte schon von anderen gehört, wie die klauten. Als ich dann schon alles ein bisschen kannte, fiel es auch leichter. Mittags kriegten wir Kartoffeln, die wurden in großen Kesseln für die Schweine gekocht. Davon kriegten wir welche zu essen. Die hab ich unterm Kleid mit ins Lager gebracht. Wenn ich jetzt dran denke, dass die mich am Tor geschnappt hätten – das Wenigste wäre der Strafblock gewesen oder Bunker oder fünfundzwanzig Schläge –, das wäre furchtbar gewesen. Aber ich hab in so was immer Glück gehabt.«

»Weißt du noch, wie du mir den Gürtel …?«

Bei einem meiner Besuche bat mich Hermine Schmidt, sie mit dem Auto zu Lieschen Kubier zu fahren. Sie könne den Berg nicht mehr hochlaufen und habe ihre Freundin, die das Haus nicht verlassen kann, seit Jahren nicht mehr gesehen. Voller Vorfreude saß sie im Auto und lotste mich hin. Doch an der Haustüre wurden wir barsch und unfreundlich von jungen Leuten empfangen: Frau Kubier wäre zu krank, sie könne keinen Besuch empfangen. Als sich im Hintergrund eine Türe öffnete und eine alte Frau herausschaute, stürmte Hermine auf sie zu und zog mich mit hinein. Lieschen Kubier war voller Freude über den unerwarteten Besuch, und nach der Begrüßung waren wir sogleich mitten in Ravensbrück: die Kartoffelgeschichte! »Weißt du noch, wie du mir den Gürtel …?« Natürlich erinnerte sich Lieschen Kubier, und beide Frauen erzählten aufgeregt, wie sie die Kartoffeln im Kleid unter der Brust – durch den Gürtel gehalten – ins Lager schmuggelten. Immer noch erregt bei dem Gedanken, was gewesen wäre, wenn … Doch die Freude dieser Begegnung währte nur kurz. Unfreundlich wurden wir aus dem Raum gewiesen: Frau Schmidt müsste doch wissen, dass immer nach ihren Besuchen die Erinnerungen hochkämen und Frau Kubier sich nicht mehr beruhigen ließe und sie es wieder so schwer hätten mit ihr. Auch der Widerspruch von Frau Kubier half nicht. Wir sollten sofort gehen. Beim Abschied nahm Lieschen Kubier meine Hand und sagte: »Ich bin jede Sekunde meines Lebens im Lager!«5

»Ich dachte, du wärst schon durch den Schornstein gegangen«

Nachdem Hermine Schmidt ein Vierteljahr in Ravensbrück war, erkrankte sie schwer. »Auf einmal fing das an, ich fiel immer so rüber, und das Essen lief mir aus dem Mund, die ganze Seite war wie gelähmt. Hernach hat mich die Stubenälteste ins Revier geschickt, zur Untersuchung. Da saß die Schwester Luise am Tisch, das war eine braune Schwester, Stiefel hatte sie an, das werde ich nie vergessen. Ich denke immer, da fehlte nur noch eine Zigarette im Mund! Die Häftlingsärztin musste ihr dann sagen, was man hatte. ›Auch zu faul zum Arbeiten, raus!‹, schrie sie. Aber ich konnte doch nicht mehr stehen! Da hab ich lange Zeit im Block unter dem Tisch gelegen, wo die Frauen am Stricken waren. Ich durfte doch nicht ins Bett! Wenn die mich gefunden hätten, dann wäre ich in den Krankenblock gekommen – und wenn der Krankenblock voll war, dann ging ein Transport weg zur Vergasung. Die das wussten, sagten immer: ›Und wenn du über die Erde kriechen musst, meld dich nicht krank.‹ Mehr sagten die nicht.«

Der Blockältesten gelang es, Hermine Schmidt zum Stubendienst einzuteilen, damit sie nicht zur Arbeit ausrücken musste. »Es gab auch eine tschechische Ärztin, ein Häftling, zu der ging ich irgendwann hin und klagte mein Leid. ›Das ist alles Einbildung, du bist überhaupt nicht krank!‹ Ich sollte mir das doch nicht einbilden, so schimpfte sie mich aus. Ich denke: Was will die? Ich bin doch krank! Nach ein paar Wochen treffe ich sie wieder, sie bleibt vor mir stehen und sagt: ›Ich dachte, du wärst schon durch den Schornstein gegangen.‹ Ich fragte: ›Warum denn?‹ ›Ich wusste, dass du das nicht überlebst, du warst so krank, du solltest aber nicht dran glauben.‹ Die wollte gut zu mir sein und hat mich ausgeschimpft! Kannst du dir das vorstellen? Die war wirklich prima. Ich sollte mich nicht hängen lassen, so schlimm wäre das alles nicht. Sonst wäre ich ja nicht nach Hause gekommen.«

Hermine Schmidt wurde gesund. Sie war der Meinung, dass die tschechische Ärztin ihr den entscheidenden ›Schubs‹ gegeben habe. »Ich sagte mir, die werden mich hier nicht kaputt kriegen. Wir hielten doch zusammen wie Pech und Schwefel, dann kommt das andere von selber. Wer alleine war, der überlebte das nicht. Alle, die nach Hause gekommen sind, haben solch einen Willen gehabt. Die haben auch im Lager Halt gehabt.«

Schlimme Erinnerungen hatte Hermine Schmidt an die hygienischen Bedingungen im Lager. Die Waschbecken reichten nicht aus für die vielen Frauen im Block, und zwischen Wecken und Appell blieb kaum Zeit für alle, sich zu waschen. »Für dreihundert Frauen waren da viel zu wenig Waschhähne, da kamst du selten dran. Ich hab zum Glück die ganze Zeit keine Periode gehabt, viele hatten sie nicht mehr. Die ist ausgeblieben. Erst ein halbes Jahr, nachdem ich wieder hier war, fing sie wieder an. Diejenigen, die ihre Blutungen hatten, mussten das runterlaufen lassen, die hatten keine Binden, nichts, gekriegt. Auf diese Art war es gut, dass ich sie nicht hatte.«

»Auf Sabotage stand Tod durch Erschießen«

Hermine Schmidt ist überzeugt, dass sie nicht überlebt hätte, wenn sie weiterhin schwere körperliche Arbeit hätte leisten müssen. »Da war eine russische Ärztin in der Weberei, die sagte: ›Hermine, melde dich in die Weberei, da bist du sicher.‹ Das hab ich getan. Ich bin angenommen worden, weil ich das gelernt hab. In der Weberei mussten wir hart arbeiten. Der Bandstuhl blieb einmal mittendrin hängen. Dann gingen die ganzen Fäden kaputt, alles fiel nach hinten. Die Anweiserin hat mir geholfen. Doch ein paar Tage drauf passierte dasselbe wieder. Wieder war ich an dem Stuhl. Da sagt die Anweiserin: ›Ich muss dich melden.‹ Das war ja ein Ausfall, also war sie gezwungen, das zu melden. Ich denke: Mein Gott, jetzt ist es zu Ende! Besser ich melde das selber. Ich ging also hin und sagte: ›Herr Scharführer, am Stuhl klappt was nicht.‹ Ich wüsste nicht, was das wäre, ob er mal nachsehen wollte. Er ging hin, setzt ein, klatsch, dasselbe. Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen! Ich hatte Todesangst gehabt, denn das war Sabotage, und auf Sabotage stand Tod durch Erschießen! Das zu melden war das Einzige, was ich machen konnte, und zum Glück, beim ersten Schuss direkt, blieb der Stuhl stehen. Dann kam ich anderswo hin. Der war zu faul, den Stuhl wieder in Ordnung zu bringen. Das waren Augenblicke, wo man wirklich Todesangst hatte.«

»Hier geht noch eine rein«

In der Weberei blieb sie bis zum 28. Juli 1944 – das Datum wusste sie genau, es war ihr Geburtstag. Hermine Schmidt sollte aus Ravensbrück entlassen und in Hamm vor Gericht gestellt werden. Doch sie war wieder erkrankt und nicht transportfähig, so wurde ihr Prozess vertagt. Mit Geschwüren am ganzen Körper verbrachte sie sechs Wochen im Krankenrevier. Als sie davon erzählte, fiel ihr Folgendes ein: »Wie ich auf dem Krankenblock war, da mussten wir die Toten in den Totenkeller bringen. Die eine machte den Sarg auf: ›Geht nix mehr rein.‹ Dann den nächsten: ›Hier geht noch eine rein.‹ Den Deckel hoch, da wurde die Trage umgekippt – wir durften die ja nicht anfassen, wegen Leichengift –, und abends kamen die alle auf eine lange Karre; die wurde von Frauen zum Krematorium gezogen, und dort wurden die verbrannt.«

Jeden Tag war man mit dem Tod konfrontiert. »Ich hab zwei junge Mädchen erlebt, ich glaube, die waren aus Litauen oder Estland. Die eine haben sie vom Hund zerreißen lassen. Die Hunde waren darauf abgerichtet! Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber es ist viel wert gewesen, dass man abgestumpft ist. Die Aussprache war nicht so fein wie hier, da wurde man ein bisschen gewöhnlich, das kommt von selber mit der Zeit.«

Fünf Monate später, Anfang Januar 1945, brachte man Hermine Schmidt schließlich als Untersuchungsgefangene nach Hamm, um sie dort vor Gericht zu stellen. Wegen der Bombenangriffe kam es aber nicht zum Prozess, denn alle Akten waren zerstört. Sie wurde in das Gefängnis von Wiedenbrück bei Gütersloh weitertransportiert. Dort erlebte sie die Befreiung durch amerikanische Soldaten – Hermine Schmidt war vierzig Jahre alt. Nach zwei Wochen Fußmarsch erreichte sie ihr Elternhaus und traf ihre Mutter und Schwester an. »Ich sah ja ein bisschen verboten aus. Vierzehn Tage unterwegs. Ich bin durch die Lippe gegangen, durch den Fluss. Alle Brücken waren ja kaputt. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie ich das ausgehalten habe, bis nach Hause zu kommen. Meine Mutter hatte ja so viel Leid erlebt. Die hat sich gefreut, wenn sie auch geheult hat. Nun dachten wir ja immer, der Vater wäre auch gekommen, der ist aber nicht gekommen, der blieb vermisst. Als er verurteilt wurde, hat er acht Jahre gekriegt. Vielleicht hat er einen Tod gehabt, wo er nichts von gemerkt hat …«

»Ich träume, dass man mich wieder holt«

Von ihren Erlebnissen in der Haftzeit konnte Hermine Schmidt niemandem erzählen. »Hier konntest du nichts sagen – die meisten hier sind Nazis gewesen. Übergeschnappt waren die! Wie das im Lager gewesen ist, das haben die Nachbarn hier ja nicht geglaubt.«

Auch wenn das Leben weiterging, Hermine die elterliche Weberei wieder in Betrieb nahm und sich ein bescheidenes Leben einrichtete, Ravensbrück konnte sie nie vergessen. »Zuerst hab ich immer geträumt, sie haben mich wieder geholt. Lange Jahre hab ich das geträumt, und ich wusste, wenn sie einen wieder holten, kam man direkt in den Strafblock. Wenn ich jetzt darüber rede, dann bin ich schon wieder ein bisschen aufgewühlt.«

Hermine Schmidt wurde Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Das jährliche Zusammentreffen mit den Kameradinnen bedeutete ihr sehr viel. Selbst wenn sie nur wenig mit den anderen Ravensbrückerinnen sprach – für sie war das entscheidende Gefühl, im Kreis von Leidensgefährtinnen zu sein. »Jeder Mensch hat was, woran er sich wieder aufrichten kann, so ist das auch da. Wenn ich kann, geh ich nächstes Jahr wieder. Die Kraft hat man einfach. Das kann man vergleichen, wie ich damals nach Hause ging. Man war ja halb verhungert und hatte so viel hinter sich. So ähnlich ist das jetzt auch, wie man die Kraft aufbringt. Aber wenn ich ständig darüber reden sollte, käme ich nie zur Ruhe.«

Hermine Schmidt starb am 25. Januar 1995 im Alter von 89 Jahren. Bis zu ihrem Tod lebte sie von einer spärlichen Rente zusammen mit einem ihrer Brüder und ihrer Schwester in dem kleinen Schieferhaus in Beyenburg.

ELFRIEDE SCHNEIDER


Elfriede Schneider lernte ich 1983 bei der Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück in Moringen kennen. Sie war zum ersten Mal dabei. Die mädchenhaft zierliche, knapp sechzigjährige Frau war die Jüngste im Kreis der Überlebenden. Zurückhaltend und schüchtern hielt sie sich am Rand des Geschehens. Beim Mittagessen des zweiten Tages saßen wir nebeneinander. Sie getraute sich kaum, Essen zu bestellen, ließ sich dann aber doch dazu überreden. Als ihr Schnitzel kam, stocherte sie lustlos auf dem Teller herum und aß kaum etwas. Dann brach es aus ihr heraus: Drei Nächte habe sie nicht geschlafen, vor Aufregung hierherzukommen. Noch nie sei sie in einem früheren Lager gewesen. Und auch wenn sie selbst nicht in Moringen inhaftiert gewesen sei, würden alle Erinnerungen an die Haft in Ravensbrück wieder lebendig werden. Sie habe schreckliche Träume und könne nichts zu sich nehmen. Dazu kam, dass niemand mit ihr sprach und manche ihr sogar zu verstehen gaben, dass sie unmöglich in Ravensbrück gewesen sein könne. Nur einmal habe sie beiläufig geäußert, dass sie im Lager keine Gemeinschaft erfahren habe, nicht diese Solidarität gekannt habe, von der permanent die Rede sei. »Dann war ich wohl in einem anderen Lager«, hatte sie die Beschreibungen der anderen kommentiert. Daraufhin habe diejenige, die zufällig neben ihr saß, gesagt, dass sie wohl keine ›Politische‹ sei.

Ein aufgeregtes Häuflein Elend saß neben mir. Meine Gedanken kreisten um die Frage, warum diese ›Neue‹ nicht so in den Kreis der Lagergemeinschaft aufgenommen worden war, wie ich es zuvor bei vielen anderen erlebt hatte. Sie hatte sich kaum an den engagierten Diskussionen beteiligt und auch zum Ausdruck gebracht, dass sie von der Politik die Schnauze voll habe. Ihre Sprache war nicht immer damenhaft.

Im Verlauf der Tagung versuchte ich so oft wie möglich an ihrer Seite zu bleiben, erfuhr immer mehr Einzelheiten aus ihrem Leben und beschloss, sie um ein Interview zu bitten. Sie war einverstanden.

Von einigen Vertreterinnen der Lagergemeinschaft wurde mir – wenn auch indirekt – zu verstehen gegeben, dass ich Elfriede Schneider nicht unbedingt befragen müsste. Was sie zu sagen habe, wäre nicht so wichtig. Als wir uns dann 1984 zum Interview bei ihr zu Hause im Schwarzwald trafen, bat sie mich zuerst in ihr Schlafzimmer, zog den Pullover aus und zeigte mir ihren Rücken, der voller Narben war. Dies, so sagte sie, seien die Spuren von Ravensbrück, die sie mir zeigen wollte, damit ich ihren Erinnerungen Glauben schenken würde. Diese Geste rührte mich zu Tränen, doch erst später erfasste ich ihre Tragweite.

Umsorgt von ihrem weitaus jüngeren Lebensgefährten Klaus, redeten wir fast drei Tage lang. Es war kein Interview wie die meisten bisherigen, in denen ich reflektierte Berichte aufnahm. Elfriede Schneider redete sich alles von der Seele. Bei meiner Abreise hatte ich den Eindruck, dass ich einer Ravensbrückerin begegnet war, die ihre Haft nie verwunden, geschweige denn verarbeitet hatte. Das Lager hatte ihr Verwundungen zugefügt, von denen sie sich nie wieder erholte. Im Alter von nur vierundsechzig Jahren ist sie 1988 gestorben.

»Ja, arisch ist rein deutsch …«

Elfriede Schneider kam am 15. Mai 1924 in Heilbronn zur Welt. Ihre Mutter war Köchin, der Vater, zu dem sie ein inniges Verhältnis hatte, Dachdecker und überzeugter Sozialdemokrat. Elfriede hatte zwei ältere Brüder. »Kurz vor 1933, ich war damals neun Jahre alt, hat mein Vater zu mir gesagt: ›Komm, jetzt schauen wir uns mal die Braunen an.‹ Ich hab damals ein grünkariertes Kleid angehabt, mit schwarzen Lackschuhen, weißen Strümpfen, Zöpfchen, und so sind wir auf die Neckarbrücke in Heilbronn. Er nahm mich bei der Hand. Mein Onkel kam dazu. ›Jetzt geht’s los!‹ Da kamen die Braunen auf Lastwagen. Dann wurde geschrien: ›Pfui, holt sie runter!‹ Und dann ging die Rauferei los. Ich hab aber nicht kapiert, was das bedeutete.«

Konsequent versuchte der Vater, die kleine Tochter Elfriede in sein politisches Leben einzuführen. Später erfuhr sie, dass Vater und Onkel eine Druckerei betrieben, in der illegale Schriften für den sozialdemokratischen Widerstand hergestellt wurden, und dass ihr Vater sich für konspirative Treffen in Gaststätten als Trinker tarnte. »Er hat aber nie getrunken. Wenn mein Vater nachts heimkam, hat man ihn schon von weitem gehört. Wenn er nicht kam, wurde ich losgeschickt, um ihn zu holen. Ich hatte einen schwarzen Schäferhund gekriegt, weil ich meinen Vater immer aus dem Lokal holen musste. Meine Mutter hat gesagt: ›Wenn du hingehst, dann geht er mit.‹ Vor der Haustüre war er dann immer stocknüchtern. Da habe ich gesagt: ›Papa, du bist ja gar nicht betrunken.‹ Hat er gesagt: ›Geht niemand was an.‹ Ich wusste anfangs nicht, was er damit meinte. Jedenfalls war das am Wochenende immer so. Er hat mich immer mitgezogen, und er hat gewusst: Wenn sein Kind da ist, kann ihm nix geschehen. Das Trinken war die Tarnung. Nachbarn sind sogar zu meiner Mutter gekommen und haben gefragt, warum sie sich nicht scheiden lässt. Sie hat immer gesagt: ›Solange mein Mann mich nicht schlägt und die Kinder nicht quält, kann’s euch egal sein.‹«

Die Mutter war sehr streng, ließ dem Mädchen viel weniger Freiheiten als den Jungs, was Elfriede maßlos ärgerte. »Dann wollte ich zum BDM6. Ich wollte mehr Freiheit haben. Ich dachte, ich geh zwei-, dreimal in der Woche dorthin, und dann komme ich ein bisschen raus. Ich hab zu meinem Vater gesagt: ›Ich will zum BDM.‹ Natürlich war er entrüstet. Ich hab’s trotzdem gemacht. Ich musste aber eine arische Abstammung mitbringen. Da bin ich aufs Rathaus gerannt, und da hat sich herausgestellt, dass ich ein Achtel jüdisches Blut in mir habe. Ich bin heimgekommen und hab geheult: ›Ich darf nicht zum BDM. Was ist überhaupt arische Abstammung?‹ Ich konnte das einfach nicht begreifen. ›Ja, arisch ist rein deutsch, und du bist halt nicht rein deutsch‹, hat mein Vater gesagt. Er wollte mir alles leicht machen. Er sagte, das sei nicht schlimm, und ich durfte zu den Blauen Falken, einer Jugendgruppe der Kommunisten, die nachher verboten wurde.«

Als Elfriede vierzehn Jahre alt wurde, weihten Vater und Onkel sie in ihre illegalen Aktivitäten ein, zeigten ihr die geheime Druckerei im Keller und nahmen sie mit zum Verteilen von Flugblättern. »Das war der erste Einschnitt in meinem Leben. Dann hab ich gesehen, was sie da im Keller druckten. Ich musste das austragen, zusammen mit zwei Cousins. Wir Kinder waren flinker als die Älteren, und meine Brüder haben mir beigebracht, wie man durch die Finger pfeift. Ich musste Schmiere stehen. Wenn ich jemanden hörte, dann hab ich gepfiffen, und weg war ich. Wir sind wie die Ratten in die Löcher verschwunden. Ich hab die Gefahr nicht gesehen, und so war ich halt ein bisschen frecher als die anderen.«

Anfang 1939 hatte Elfriede Schneider die Grundschule und ihr Pflichtjahr im Haushalt beendet; eigentlich wollte sie Schneiderin werden. Es gab jedoch keine Lehrstellen. Der Krieg war bereits geplant, und die Jugendlichen sollten in Rüstungsbetrieben arbeiten »Mein Vater sagte: ›Wenn du in einen Rüstungsbetrieb gehst, musst du für Hitler Granaten und Bomben bauen.‹«

»Mein Mädchen kriegen sie nicht«

Ihr Vater überließ Elfriede die Entscheidung – die sie eigentlich schon gar nicht mehr frei treffen konnte – und bot ihr einen Ausweg an, wenn sie die Arbeit im Rüstungsbetrieb verweigern würde: Sie sollte dann sofort zu ihrem Onkel nach Neckarsulm gehen und ihm Bescheid sagen. Vater und Onkel hatten für diesen Fall ein Versteck im Keller vorbereitet. »Ich hab ja gewusst, was geschieht, wenn Krieg ist, denn mein Vater hatte vom Ersten Weltkrieg erzählt, da war er Leutnant. Er hat erzählt, was mit den Menschen passiert, wie furchtbar das ist. Und wenn meine Brüder in den Krieg müssen, dann wollte ich nicht dran schuld sein, dass ich mitgeholfen habe, die Waffen zu bauen. Ich wäre da nie drüber weggekommen, wenn mein Bruder gefallen wäre, und einer ist ja gefallen. Heute brauche ich nicht darüber nachzudenken, ob ich mitgeholfen habe. Das war für mich das Ausschlaggebende. Mich hat fasziniert, was mein Vater gemacht hat. Ich wollte auch helfen und ich wäre auch heute sofort wieder mit dabei.«

Als Elfriede die Dienstverpflichtung erhielt, ging sie nicht zur Fabrik, sondern auf direktem Weg zu ihrem Onkel. »Natürlich hatte ich die Angst im Nacken. Angekommen bei meinem Onkel, bin ich ihm in die Arme gefallen. Ich wusste, er beschützt mich. Er war sowieso mein Lieblingsonkel. Dann hat er mich in den Keller gebracht. Von der Stunde an war ich im Keller und hab die Freiheit nicht mehr gesehen.«

Sie blieb nicht lange allein, denn ihr Vater versteckte noch zwei jüdische Mädchen in dem Keller, in dem auch die Druckmaschine stand. »Mein Vater hat zu meiner Mutter gesagt: ›Mein Mädchen kriegen sie nicht. Und wenn was ist: Sie ist weg. Wir haben sie ins Ausland geschafft.‹ Meine Mutter blieb auch dabei. So war ich spurlos verschwunden.«

»Ich hab einen Frühling erlebt bei Nacht«

Die Tante versorgte die Mädchen im Keller ihres Hauses mit Essen. Nach Klopfzeichen wurde die Falltüre geöffnet, doch nur selten kam jemand runter. »Ja, und dann verging der Tag mit Quatschen, mit Dummheiten machen und Radio hören. Es gab auch eine Setzerei. Mein Vater hatte die organisiert.7 Es war dann meine Aufgabe, die Buchstaben für die Flugblätter zu setzen, und mein Vater hat das dann abends gedruckt. Für mich war das nie langweilig.«

Nur nachts durfte Elfriede ab und zu nach draußen. »Wir waren von 1940 bis 1941 in dem Keller, ein bisschen mehr als ein Jahr. Wenn ich nachts rauskam, standen meine Brüder da und haben auf mich aufgepasst. Ich hab einen Frühling erlebt bei Nacht. Ich hab den Sommer erlebt bei Nacht.«

In ihrem Versteck bekam die sechzehnjährige Elfriede zum ersten Mal ihre Periode. Sie stand Todesängste aus: Niemand hatte sie aufgeklärt, und sie befürchtete eine schlimme Krankheit. Als die Tante endlich kam, erfuhr sie, was los war. »1941 sind meine Onkel und Tanten immer mehr unter Kontrolle geraten. Wenn ich dann nicht raus durfte, gab es schon Tage, wo ich aggressiv wurde. Dann gab es auch Zeiten, da ist nur ein Brief runtergefallen: ›Wir können jetzt nicht kommen.‹ Da wurde ich natürlich sauer. Vor allen Dingen haben sie mich gewarnt, weil ich immer so böse wurde. Ich wurde richtig wild und aggressiv. Ich wollte mit Gewalt raus. ›Ist mir scheißegal, was passiert! Ich hab das satt bis oben hin! Ich lass mich nicht länger einsperren! Sie sollen mich erst einsperren, wenn ich ins Gefängnis komme.‹ So hab ich da unten rumgeschrien. Und manchmal bin ich auf dem Boden gelegen und hab mit den Fäusten auf die Erde eingeschlagen. Dann haben sie mich wieder beruhigt und haben gesagt: ›Willst du deinen Vater und deinen Onkel in Gefahr bringen?‹ Da kam ich wieder zu mir. Aber es gab schon schwere Stunden. Und dann hat uns einer verraten.«

Erst nach dem Krieg erfuhr Elfriede Schneider, dass es jemand aus der Familie war.

»Nachher war mir völlig egal, wie ich ausse he«

»Mein Vater hat gewusst, dass wir verraten werden. Er konnte zwar die beiden Mädchen vorher noch nach Frankreich bringen, aber mich nicht mehr wegschaffen. Ich wäre auch nicht weg von ihm. Ich hab immer gedacht: Wenn mein Vater oder mein Onkel bei mir ist, kann mir nichts passieren. Den Glauben hab ich bis zuletzt gehabt, bis sie meinen Vater dann von mir weggerissen haben.«

Die letzten acht Tage verbrachte die Siebzehnjährige alleine im Keller, sie spürte, das etwas Schlimmes geschehen würde. »Ich war alleine, die Maschine war weg, kein Papier, nichts mehr war da. Ich durfte auch nachts nicht mehr raus. Ich hab keinen Bruder, niemanden mehr gesehen. Das war die schlimmste Zeit, die letzten acht Tage da unten. An dem Tag, als ich verhaftet worden bin, kam mein Vater zu mir und sagte: ›Was jetzt auf dich zukommt, das musst du gefasst nehmen. Denk aber immer daran, dass ich bei dir bin, egal, wo du bist.‹ Dann hat er mich fest an die Hand genommen. Auf einmal haben wir Stiefel gehört, schwere Schuhe und Gebrüll. Dann hab ich einen Schrei gehört, und die Falltür ging auf. ›Gestapo. Ihr seid verhaftet! Rauskommen!‹, mit der Pistole in der Hand. Da habe ich zu meinem Vater gesagt: ›Gott sei Dank.‹ Der konnte das gar nicht fassen. Ich hab wirklich geglaubt, jetzt bin ich frei. Jetzt kann ich wieder heim. Jetzt bin ich aus allem raus. Der Meinung war ich, bis ich ins Gefängnis kam.«

Im November 1941 war Elfriede Schneider gerade siebzehn Jahre alt und kam nach mehr als einem Jahr direkt aus dem Keller ins Gefängnis. Sie wurde verhört, geschlagen, durfte ihre Eltern nicht sehen und wusste nicht, was mit ihnen passierte. Im KZ Rudersberg, wohin man sie nach einigen Wochen brachte, verweigerte sie die Arbeit und wurde nach acht Wochen wieder abtransportiert. Nach vielen Stationen erreichte sie das Gefängnis Berlin-Alexanderplatz. »Im Alex war ich acht Tage. Das war eine große Zelle, in der Frauen, alte Frauen und Kinder eingepfercht waren. Wochenlang war ich in denselben Klamotten. Ich hatte nur morgens ein bisschen Wasser fürs Gesicht. Ich hab Ausschlag gekriegt am ganzen Körper, am Rücken, im Mund, überall, durch den Schmutz. Ich hab gerade mal ne Schale voll Wasser gesehen. So dreckig, wie ich war, kam ich auch auf den Transport. Aber da hat niemand gefragt: ›Ja, wie siehst du denn aus?‹ Nachher war mir völlig egal, wie ich aussehe. Ich hab bloß immer um mich geguckt und gesehen, dass die andern genauso aussehen wie ich. Ich hab mich damit abgefunden. Ich kam nach Auschwitz. Dort auf der Rampe wurden wir gleich aussortiert: dahin und dahin. Die Kranken raus. Da war ein Arzt. Ich nehme an, das war Mengele. Der kam und hat mich angesehen und fragte, wie ich heiße. Da hab ich gesagt: ›Mergenthaler.‹ Er fragte mich, ob der Reichsminister Dr. Mergenthaler8 aus Stuttgart mein Onkel wäre. Da hab ich automatisch gesagt: ›Ja.‹ Ich kam gleich auf die Seite. Zwei Tage später bin ich in Lublin gewesen. Dort war ich sechs, sieben Wochen und kam dann ins Jugendschutzlager Uckermark. Im Sommer 1942 bin ich dort angekommen.«

»Ich hab mich geekelt vor den Frauen«

Das Jugendschutzlager Uckermark war im Mai 1942 als Jugend-KZ für jugendliche weibliche Häftlinge eröffnet worden. Angesiedelt ganz in der Nähe des Frauen-KZ, unterstand es der Verwaltung von Ravensbrück. »Wir sind ausgestiegen in Fürstenberg am Bahnhof. Dort waren gleich die SS-Frauen da, mit Hunden, und SS-Männer. Wir mussten uns hintereinander stellen, und dann ging’s ab, wir mussten laufen bis in die Uckermark. Das war oberhalb von Ravensbrück im Wald. Als ich reinkam, waren das nur drei Blocks und kein Zaun. Wir haben graublaue Kleider bekommen.«

Die jungen Mädchen wurden einem militärischen Drill unterzogen. »Fünf Uhr Wecken, aufstehen, raus, Turnhose und Hemd an und zum Sport. Da sind wir bei Sturm und Regen und Wind immer im Kreis gerannt. Das war unser Frühsport und dann in der Turnhalle Sport treiben. Arbeiten musste ich unten am See, Schiffe be- und entladen. Da musste ich auch mal Kohlen ausladen. Ich hab einmal nur einen Satz vor mich hingesprochen, da hatte ich schon einen Tritt im Hintern: ›Du Schwein, willst du wohl arbeiten! Du Drecksau!‹ Mir liefen bloß die Tränen runter. Wenn ich so in den See reingeguckt hab, hab ich so für mich gedacht: ›Da reinspringen, und du bist von allem erlöst.‹ Dann hab ich wieder gedacht: ›Ach nein, wer weiß, bist noch so jung.‹ Die anderen waren alle reifer als ich. Die haben mir Sachen erzählt, da hab ich bloß mit den Ohren geschlackert. Das war eigentlich der erste Schock, den ich gekriegt habe, die Sachen über die Liebe, und wie man das macht. Die haben mir das alles erzählt. ›Hast du schon mit einem Kerl geschlafen?‹ Das war meine erste Berührung mit dem ›Thema eins‹. ›Komm mal mit, dann zeigen wir dir, wie man’s macht.‹ Abends, wenn wir in den Betten lagen, die waren drei Etagen hoch, lag ich ganz oben. Da haben sie gerufen: ›Willst du mal runterkommen und gucken? Guck mal, was wir treiben.‹ Ich hab mich geekelt vor den Frauen. Ich hatte das noch nie in meinem Leben gesehen. Ich hab mir gedacht: ›Mensch, was seid ihr Dreckschweine.‹ Mich durfte keine Frau anfassen. Wenn mich eine angefasst hat, wurde ich hysterisch und schrie: ›Fass mich nicht an!‹ Die haben bloß gelacht und gekichert. ›Stell dich nicht so an! Das wirst du schon noch erleben.‹ Ich wurde von Vierzehn-, Fünfzehnjährigen aufgeklärt, wie das geht, und wenn du ein Kind kriegst und, und, und. Das wusste ich doch alles nicht. Ansonsten lief ein Tag wie der andere ab, arbeiten, morgens raus und abends rein, Sport und rüber in den Bastelraum. Das war dann halt mein Leben.«

»Aber ich hab den Himmel über mir gesehen«

Im November 1942 wurde Elfriede Schneider ins Frauenlager Ravensbrück verlegt. Sie war inzwischen achtzehn Jahre alt, seit einem Jahr in Haft, ohne jeglichen Kontakt nach Hause. »Dann sind mir meine Haare abgeschnitten worden. Das war der zweite Schock. Dann musste ich zum Doktor Rosenthal9. Der hat mich gefragt: ›Hast du schon mal einen Mann gehabt?‹ Ich sagte: ›Nein.‹ Da hat der mir eine ins Gesicht gehauen. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Ich stand splitternackt vor dem Mann. Da hat er mich noch mal gefragt. Ich hab wieder gesagt: ›Nein.‹ ›Das werden wir ja sehen!‹ Dann kam die Untersuchung. Als ich rauskam, hab ich die anderen nicht wiedererkannt. Die haben alle die Haare ab gehabt. So kam ich auf den Zugangsblock.«

Elfriede Schneider bekam den roten Winkel der politischen Häftlinge und die Nummer 15089. Im Zugangsblock traf sie überwiegend auf Häftlinge mit grünen oder schwarzen Winkeln, die als ›Kriminelle‹ und ›Asoziale‹ eingestuft worden waren. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich sehr von denen jener, die direkt nach ihrer Einlieferung in Blocks mit ›Gleichgesinnten‹ kamen. »Da wusste ich noch nicht, was mit mir überhaupt geschieht, und warum, und weshalb ich überhaupt in dem Lager war. Erst dann hab ich gelernt, was für Bestien die Frauen waren, die dort lebten. Vor den Häftlingen hab ich wirklich Angst gekriegt, denn so was Brutales von Frauen, so was Kaltes von Menschen hab ich noch nie gesehen. Nachdem ich die Nummer hatte, durfte ich auch schon mal raus auf die Lagerstraße. Das war für mich wie eine Freiheit, obwohl ich eingesperrt war, aber ich hab den Himmel über mir gesehen. Das Lager war groß, riesig – und ein Haufen Menschen. Ich konnte mich mit einzelnen Frauen unterhalten. Die haben mich empfangen: ›Warum bist du da? Was hast du gemacht?‹ Dann ging’s halt ans Erzählen.«

Freundschaft und Zahnpasta

Elfriede Schneider kam anschließend auf Block 5, zur Stubenältesten Minna Rupp10, die wie Elfriede aus Schwaben stammte und das junge Mädchen sogleich in ihre Obhut nahm. »Sie nahm mich auf ihre Blockseite und sagte: ›Wenn’s geht, leg dich nach oben.‹ Da war es noch nicht so überfüllt, da hat jede noch ihr eigenes Bett gehabt, auch noch karierte Überzüge. Wir mussten morgens um fünf raus und Appell stehen, ob es geregnet hat oder nicht. Jemand hat mich aufmerksam gemacht: ›Wenn’s geht, stell dich nie nach vorne in die erste Reihe. Wenn du hinten stehst, kannst du dich ein bisschen bewegen.‹ Vorne musste man immer strammstehen. Ich ging immer als die Letzte aus dem Block raus, hab immer geschaut, dass ich nach hinten kam. Ich hab es immer verstanden, mich zu drücken. Aber da hat mir auch die Blockälteste viel geholfen.«

Elfriede Schneider wurde verfügbare Arbeiterin und musste Schwerstarbeit leisten; für das junge, zart gebaute Mädchen kaum auszuhalten. Sie wurde krank und konnte – dank Minna Rupp – ein paar Tage auf dem Block bleiben. »Eines Tages fragte sie: ›Hast du Schreibgenehmigung?‹ Ich wusste es nicht, und sie versprach, es herauszufinden.«

Die Freude war übergroß, als Elfriede Schneider erfuhr, dass sie nach Hause schreiben durfte. »Sie hat mir Schreibpapier gebracht, aber gleich gesagt, dass ich nicht schreiben darf, was hier drin vorgeht, sondern nur meine Wünsche und weiter nichts. Ich hab zuerst an meine Tante Sophie geschrieben, dass ich mich in einem Lager befinde. Sie soll sich keine Sorgen machen, mir gehe es sehr gut. Ich bin wohlauf. Wenn es geht, soll sie mir doch bitte Zahnpasta, Zahnbürste und Seife schicken. Nach vierzehn Tagen, abends, als ich von der Arbeit kam, sollte ich zur Paketausgabe. Ich musste über die Lagerstraße auf die andere Seite, und da ist meine Nummer aufgerufen worden, dann hab ich mein Paket empfangen. Als ich zurückkam auf den Block, fragte die Blockälteste gleich, was ich bekommen habe, und hat mich in ihr Zimmer reingeholt. Ich sagte ihr, das und das und das, und sie fragte: ›Brauchst du die Zahnpasta?‹ Selbstverständlich brauchte ich sie. Da hat sie gesagt: ›Wenn du wieder schreibst, kannst du dann Zahnpasta für mich schicken lassen?‹ So hab ich die Blockälteste und auch die Stubenälteste auf meine Seite gezogen, meine Freundschaften gekauft und Vergünstigungen gehabt. Von solchen Freundinnen konntest du genügend haben. Aber echte Kameradschaft, wo du sagen kannst, mit der gehst du durch dick und dünn, das hat lange gebraucht, bis ich so was gefunden hatte. Erst viel später hab ich zwei Berliner kennen gelernt, Zwillinge, Sabine und Ursula. Das weiß ich noch wie heute, zwei Blonde. Mit denen hab ich wirklich eine dicke Freundschaft gehabt. Wir haben uns alles geteilt. Die hatten von zu Hause nichts.«

Wieder unter der Erde

Ein halbes Jahr später wurde Elfriede Schneider zur Arbeit in die Luftmunitionsanstalt Fürstenberg (Luftmuna) geschickt. »Das war ein unterirdisches Lager. Da sind Häftlinge runtergekommen, die haben nie mehr die Freiheit gesehen. Da unten haben sie Granaten, Bomben und alles Mögliche gebaut, und was nach draußen kam, das mussten wir verladen.«

Es war wie ein Hohn für sie, jetzt doch für die Rüstung arbeiten zu müssen. Die Arbeit war schwer, und gleichzeitig wurden die Lebensbedingungen im Lager immer unerträglicher. »Wenn wir abends reinkamen, abgeschafft und todmüde, musstest du um dein Essen kämpfen. Wenn du dich umgedreht hast, war die Schüssel weg. Wehe, du hast sie weggestellt. Dann war sie geklaut. Genauso mit meinen Paketen, wenn ich die dagelassen hätte, ich hätte nichts wiedergefunden. Wenn ich ein Paket hatte, trug ich das zur Blockältesten rein, bevor ich zur Arbeit ging. Abends hab ich mir das wiedergeholt und dann verteilt. Du konntest ja nicht alleine essen und die anderen zuschauen lassen. Jetzt waren wir auch schon zu zweit im Bett. Ich wollte mich zu keiner Frau ins Bett legen. Ich hab mich gesträubt. Trotzdem musste das so gemacht werden. Die Betten waren so eng beieinander, und so musste ich zusehen, was die nebendran getrieben haben. Ich ging zur Blockältesten: ›Ich halt das nicht mehr aus.‹ Doch auch die sagte, ich soll mich nicht so anstellen. Die haben gelacht und haben’s noch ärger getrieben, um mich zu ärgern.«

Kartoffeln und Zigeunerkinder

Elfriede Schneider wurde immer geschickter darin, die Blockälteste zu bestechen, und erreichte, dass sie ihr Bettruhe verordnete, sodass sie sich tagsüber ausschlafen konnte. Nach anderthalb Jahren im Lager kam sie zur Arbeit in die Küche. Gemeinsam mit Kindern musste sie Kartoffeln schälen und sah, welchen Hunger die Kinder litten. »Die Kinder haben geweint vor Hunger, haben die Mülleimer durchgewühlt. Da hab ich ihnen was abgegeben.«

Mit ihren Freundinnen erkundete sie, dass die Kinder aus dem ›Zigeunerlager‹ kamen, zu dem niemand Zutritt hatte. »Zu fünft haben wir ausbaldowert, wie wir ihnen helfen können. Eine war bei der Lagerpolizei. Ihre Warnungen, was passiert, wenn sie uns erwischen, hab ich nicht wahrhaben wollen. Ich hab einfach die Angst nicht gehabt. Am Tag haben wir einen ganzen Kübel Kartoffeln verschwinden lassen. Der war plötzlich weg, und es ist ja auch in dem Betrieb gar nicht aufgefallen. Dann haben wir bei Nacht den Kübel ins Zigeunerlager geschafft. Das hat mehrmals gut geklappt.«

Die Lagerpolizistin forderte eines Tages die Seife aus Elfriedes Paket für ihr Schweigen, doch die war bereits der Blockältesten versprochen. »Dann ist die hergegangen und hat uns tatsächlich verraten. Wegen einem Stückchen Seife! Da wurde morgens beim Appell meine Nummer aufgerufen, zum Kommandanten musste ich vor. Bin ich rein, und hab ich mich gemeldet: ›Fünfzehnnullneunundachtzig meldet sich zur Stelle!‹ Was mir eingefallen sei, warum ich das gemacht hätte? Ich sagte: ›Weil die Kinder Hunger haben.‹ Das hätte ich schon nicht sagen dürfen. Die Zigeunerinnen haben nix zu verlangen, das sind keine Menschen. ›Ab in den Zellenbau!‹ Es gab drei Tage Essensentzug, und ich musste immer auf dem kalten Zementboden liegen. Nach acht Tagen da drin war ich so richtig zermürbt. Dann musste ich wieder zum Kommandanten. Der hat nur gesagt: ›Fünfundsiebzig Stockschläge!‹ Ich wusste von vielen, die Stockschläge bekommen hatten. Da ging mir aber das Zäpfchen runter, als ich das gehört hab.«

»Die eine sagte auf einmal zu mir: ›Werd ohnmächtig‹«

Die Prügelstrafe wurde in einer Zelle des Zellenbaus ausgeführt.

»Ich bin rausgeholt worden auf den Bock, wurde angeschnallt, und sie haben die Hose nass gemacht. Der Doktor Rosenthal stand dabei und hat mir den Puls gefühlt. Ich spüre heute noch, wie mir das Herz ging. Dann kamen zwei Häftlinge mit grünem Winkel rein. Als ich dann angeschnallt war, sagt mir eine ganz leise ins Ohr: ›Wenn du mir was von deinem Paket abgibst, dann schlag ich dich nicht so fest.‹ Ich hab der natürlich mein ganzes nächstes Paket versprochen. Dann musste ich die Schläge mitzählen. Ich hatte beiden meine Pakete versprochen, und da haben die mich nicht so richtig geschlagen. Die eine sagte auf einmal zu mir: ›Werd ohnmächtig!‹ Da hab ich mich dann umfallen lassen. Die letzten Schläge hab ich schon nicht mehr gespürt, hab bloß noch gehört, wie der Doktor Rosenthal sagte: ›Aufhören, die hält es nicht durch.‹ Sie konnten mir keine fünfundzwanzig auf einmal geben. Dann kam ich ins Krankenrevier. Ich konnte nicht mehr liegen, bin vierzehn Tage nur auf dem Bauch gelegen. Dann kam ich zurück auf den Block und war dort acht Tage, denn ich hab nicht arbeiten können. Ich konnte nicht mehr sitzen, bin nur noch gestanden und auf dem Bauch gelegen. Dann musste ich wieder zum Kommandanten, die nächsten Fünfzehn abholen. Ich hab die nächsten Fünfzehn bekommen, und war das so einigermaßen verheilt, ist es wieder von vorne losgegangen. Ich hab gedacht: Jetzt ist alles aus. Jetzt ist Schluss. Dann waren zwei andre mit dem Prügeln dran. Die haben geschlagen! Je mehr ich geschrien habe, desto mehr haben die geschlagen. Dann kam ich wieder ins Revier zum Verbinden und anschließend in den Strafblock, weil sie mich gefragt haben, ob ich’s wieder tun würde. Da hab ich gesagt: ›Ja, das würde ich wieder tun für die Kinder.‹«

Im Unterschied zum Bunker – ein Zellenbau hinter der Lagermauer – befand sich der Strafblock innerhalb des Lagers. Eine abgeriegelte Baracke, die von vielen Häftlingen als Hölle beschrieben wurde. Doch Elfriede Schneider erlebte dort zum ersten Mal Zusammenhalt unter den Häftlingen. Dort habe es keinen Verrat gegeben und keine Bestechung. Sie erinnerte sich außerdem an eine gute Blockälteste. Doch ihre Schreib- und Paketerlaubnis wurde ausgesetzt. »Ich kam wieder zum Außenkommando, wieder zum See. Da mussten wir noch schwerer arbeiten. Das war 1943 im Sommer, es war furchtbar heiß, und ich hatte noch immer die offenen Wunden. Und dann am See arbeiten, Schiffe beladen, entladen … und Läuse. Nicht wir hatten die Läuse, sondern die Läuse hatten uns. Die gingen in die Wunden rein. Ich bin nur ins Revier gegangen, wenn ich tatsächlich zum Verbinden musste, und so schnell wie möglich wieder raus. Ein halbes Jahr war ich im Strafblock. Dann kam ich zurück auf den früheren Block, Block 5. Da hat die Blockälteste zu mir gesagt: ›Du gehst mit den Wunden nicht mehr ins Außenkommando. Ich sorge dafür, dass du in den Industriehof11 kommst.‹ Ich kam dann dort in eine Baracke und in die Kürschnerei, wo ich mit Pelzen gearbeitet hab. Die Arbeit hat mir gut gefallen. Ich hab die Nachtschicht gearbeitet, und wenn ich dann von der Arbeit kam, war ich froh. Da war das Bett noch warm von der anderen aus der Tagschicht, und ich konnte bis mittags schlafen.«

»So habt ihr mich hier gemacht«

Im Strafblock herrschte Schreib- und Paketverbot. Erst im Industriehof konnte Elfriede wieder ein Paket von zu Hause empfangen. »Hab mein Paket abgeholt und hab das noch nicht mal eine halbe Stunde gehabt – hatte es hingestellt und wollte noch der Blockältesten Bescheid sagen –, da war mein Paket verschwunden. War weg! Wir haben den ganzen Block durchsucht und nicht ein Stückchen mehr gefunden. Hättest du das gemeldet, dann hätte eine die Stockschläge gekriegt. Das wollte ich nicht. Ich hatte es doch am eigenen Körper gespürt und litt ja noch immer an den Folgen. Ich wollte nicht, dass auch andere darunter litten. Da war ich noch verweichlicht. Aber nachdem mein Paket weg war, war das Schlimmste, dass sie mich nun erpressen konnten. Das war für mich das Schlimmste, was sie mir hätten antun können. Das war doch etwas von zu Hause! Von der Stunde an wurde ich brutal und kalt. Da hätte passieren können, was wollte, ich wäre über Leichen gegangen. Da hab ich nur noch gesagt: ›Ab heute kämpfe ich nur für mich. Ist mir scheißegal, ob ihr da drin verreckt oder nicht, wichtig ist, ich komm durch.‹ ›Mensch, was ist denn in dich gefahren?‹ ›Ich lass mich nicht beklauen! Wenn ihr mich gefragt hättet, ihr hättet ein Stückchen abgekriegt. Das wisst ihr, aber beklauen hinter meinem Rücken, das lass ich mir nicht gefallen. Ab heute ist Sense, ihr kriegt nix mehr!‹ Da hat die Blockälteste dafür gesorgt, dass ich von den anderen abgetrennt wurde und ganz nach hinten kam. Von da an war’s ganz anders. Ich hab mir nix mehr gefallen lassen. Wenn mir eine mit Meldung gedroht hat, hab ich bloß gesagt: ›Dann tu es doch! Mehr wie totschlagen können sie mich nicht. Na und?‹ Da sagten die: ›Mensch, was bist du gemein, und so was ist ›politisch‹.‹ Sagte ich: ›So habt ihr mich hier gemacht. Ich war vorher nicht so.‹ Das konnten die gar nicht fassen, dass ich so gemein wurde.«

»Mir geht’s gut, das siehst du doch«

Eines Tages wurde Elfriede aufgerufen: ›Nach vorne!‹, das hieß, zur Kommandantur. »Zuerst kam ich zur Effektenkammer, wurde eingekleidet und aus dem Lager gebracht. Ich bin sogar in einen Mercedes eingestiegen, stell dir vor! Da haben sie mich nach Fürstenberg gebracht. Dort kam ich in ein Haus, da saßen zwei hohe Offiziere. Auf einmal stand mein Cousin vor mir. Vorher bin ich gewarnt worden, dass ich mein Kopftuch nicht abtun darf, weil ich eine Glatze hatte. Der Kopf war voll mit Wunden, mit Krätze. Sagte mein Cousin zu mir: ›Kennst mich nicht mehr?‹ Ich hatte ihn noch nie in Uniform gesehen, er war Leutnant bei den Fliegern. Er hat rausgekriegt, wo ich bin. Durch Beziehungen hat er mich besuchen dürfen. Er fragte mich: ›Wie geht es dir denn?‹ Da sagte ich: ›Mir geht’s gut, das siehst du doch.‹ Dann sagte er: ›Komm mal näher. Nimm dein Kopftuch ab.‹ Da hab ich gesagt: ›Nein.‹ Bin wieder einen Schritt zurück. Da hat er mir das Kopftuch vom Kopf gerissen. Und hat das gesehen! Ich sehe ihn heute noch, wie er schneeweiß wurde und nichts mehr sagen konnte. Er sagte: ›Entschuldigung … Ich bleibe nicht lange, ich bin nur auf der Durchreise. Ich wollte dich bloß sehen. So kann ich deiner Mutter sagen, dass es dir gut geht. Ich werde berichten, wo du bist.‹ Bevor ich ihm irgendwas sagen konnte, wurde ich schon aus dem Raum gezogen. Ich durfte nur noch den Karton Essen mitnehmen, den er mir mitgebracht hat. Als ich dann im Lager ankam: ›Wo warst du denn?‹ Ich durfte aber nix sagen, vor allem nicht sagen, dass ich Besuch hatte, das musste alles geheim laufen. Dann haben sie mir nachgesagt, ich hätte Beziehungen zur SS. Weil ich zur Effektenkammer gebracht worden bin, da waren ja auch Häftlinge, und weil ich dann in Zivil war und mit dem Mercedes aus dem Lager rauskam. Von da an bin ich für einen Spitzel gehalten worden, der mit der SS zusammenarbeitet.«

»Den kannst du jetzt über dein Bett hängen und einrahmen«

Mit ihrer zunehmenden Verzweiflung verschlechterte sich auch Elfriedes Gesundheitszustand, sie wurde immer dünner, die Wunden heilten nicht. Sie erfuhr, dass ihre Mutter ein Entlassungsgesuch eingereicht hatte, wartete täglich sehnsüchtig, wurde aber nicht entlassen. Als nicht mehr arbeitsfähig sollte sie den Industriehof verlassen und kam zurück in ihren alten Block. Als sie wieder zum Kommandanten gerufen wurde – inzwischen was es Ende 1944 –, erfuhr sie, dass ihr Bruder im September gefallen war. »Ich war fix und fertig, auch weil der zu mir gesagt hat: ›Den kannst du jetzt über dein Bett hängen und einrahmen. Der hat sein Leben lassen müssen für sein Vaterland. Und du? Du bist hier drin!‹ Der sagte, ich sollte mich schämen. Ich war auf alles gefasst, aber nicht darauf, dass ich noch beleidigt werde. Ich ging auf den Block zurück und hab mich von da an gehen lassen. Ich hab nicht mehr gekämpft, es war mir alles egal. Was um mich herum passierte, hab ich gar nicht mehr wahrgenommen. Es hat auch niemand mehr gefragt, ob du arbeiten gehst oder nicht. Du bist nicht mehr zur Arbeit aufgerufen worden. Es hat sich keiner mehr gekümmert. Es war Kriegsende, und von weitem hörte man schon die Kanonen. Dann hieß es: ›Die Russen kommen näher!‹ Als dann die Transporte auf den Todesmarsch gingen, war ich viel zu schwach dafür und wurde zurückgelassen.«

Elfriede Schneider versteckte sich im Lager, bis sowjetische Soldaten sie fanden und in die Krankenstation brachten. Dort wurden ihre entzündeten Wunden behandelt, und sie erhielt frische Wäsche. Im Juli 1945 entließ man sie mit einem Passierschein und Fahrgeld am Bahnhof.

»Ja, wo hast du dich denn rumgetrieben?«

Allein und noch immer geschwächt, zog sie von Ort zu Ort. Inmitten der Flüchtlingsströme, überfüllter Bahnhöfe und Züge gelang es ihr oftmals nicht, den Zug zu erwischen. So musste sie tagelang auf den nächsten warten. »Du kannst dir kein Bild machen, wie die den Zug gestürmt haben. Die haben dich einfach umgeschmissen. Ich war ja sowieso so schwach auf den Beinen. So stand ich wieder da und hab den Zug nicht gekriegt. Dann kamen mir die Tränen. Ich wollte nur heim. Ich hab Hunger gehabt und überhaupt nur das, was ich auf dem Körper hatte, sonst nichts.«

Zwei Soldaten zogen sie irgendwann auf einen Güterwaggon voller Kohlen, der nach Stuttgart fuhr. »Einer hat mir ein Stück Brot in die Hand gegeben. Ich hab das Brot unterm Arm gehabt und immer nur ein Stück gegessen. Mir kamen immer wieder die Tränen, und so schwarz, wie ich war, kam ich in Stuttgart an. Im Wartesaal lagen alle und haben geschlafen.«

Sie erfuhr, dass Heilbronn völlig zerstört sei und keine Züge dorthin fuhren. Ihr bliebe nur der Fußmarsch in die sechzig Kilometer entfernte Stadt. Voller Sorge um die Familie, wusste sie keinen Ausweg, brach zusammen und wurde von französischen Soldaten versorgt. Heilbronn lag im amerikanischen Sektor, die Grenze befand sich zwanzig Kilometer entfernt. »Dann haben die Franzosen mich mit einem Jeep an die Grenze gebracht, von da aus musste ich zu Fuß gehen. Ich hab ausgesehen wie ein Schwein. In der Julihitze hatte ich den Wintermantel an und das warme Kleid vom KZ. Ich ging immer auf den Schienen, bis zum Neckar. Da sind die Wunden wieder aufgebrochen, und das Blut lief runter. Das waren fünfzehn Kilometer, die läufst du normal in zweieinhalb Stunden. Ich hab zwei Tage dafür gebraucht.«

Amerikanische Soldaten griffen die verwahrloste Frau auf, brachten sie in ein Lazarett. »Die Sanitäter vom Roten Kreuz haben mich gleich dabehalten. Ich hab ausgesehen … durch mich konnte man ja durchblasen. Irgendwann haben die mich heimgebracht. Da stand der Schwarze in Uniform neben mir und noch ein deutscher Polizist. Ich hab geklingelt, meine Mutter ist rausgekommen und hat gesagt: ›Tut mir Leid, ich kann Sie nicht aufnehmen, sonst werde ich bestraft. Sie müssen weiter.‹ Da hab ich zu meiner Mutti gesagt: ›Erkennst mich nicht mehr?‹ Da ist sie in Ohnmacht gefallen, und das Erste, wo sie wieder zu sich kam, war: ›Ja, wo hast du dich denn rumgetrieben?‹ Da hab ich wieder geheult und ihr gesagt, wo ich herkomme. Am liebsten hätte ich mich sofort wieder umgedreht und wäre gegangen.«

Erst als ihr jüngerer Bruder und der Vater heimkamen, sei sie wirklich zu Hause angekommen. »Das war eine Riesenfreude, als ich meinen Vater gesehen hab. Mein Bruder hat mich umarmt und immer wieder gesagt: ›Du lebst! Du lebst!‹ Dann kam die ganze Verwandtschaft, bis auf zwei, die hab ich nie wiedergesehen. Das waren Nazis. Dann hab ich vierzehn Tage lang Brei gegessen, bis ich wieder auf der Höhe war. Und dann kam der Kampf um die Existenz.«

Sie erfuhr, dass ihre Mutter nie darüber gesprochen hatte, dass sie im Lager war. »Vielleicht hat meine Mutter das nicht bewusst getan, aber wenn die Rede drauf kam, sagte sie immer: ›Elfriede war im Arbeitsdienstlager.‹ Doch ich hab kein Pardon gekannt und hab frei und offen gesagt, wo ich war. Meine Mutter musste sich schließlich dazu bekennen. Sie hatte immer Angst, sie wird selbst eingesperrt. Aber nach dem Krieg hätte sie doch sagen können: ›Meine Tochter war da und da, und ich steh dazu. Ich hab ihr Pakete geschickt.‹ Heute wissen sie alle, wo ich war.«

»Was ich gemacht habe? Ich hab viel gerätselt«

»Als ich heimkam, hab ich meinen Jugendfreund getroffen. Der war eigentlich meine große Liebe. Er war mein erster Mann. Da war nur meine Liebe, und sonst war da nichts. Ausgehen, Kino, das war wichtig. Wenn er da war, hab ich alles vergessen können. Doch dann kam der Einschnitt. Er war Dachdecker und ist abgestürzt. Dabei wollten wir heiraten, weil ich schwanger war. Das war wieder ein schwerer Einbruch in meinem Leben – das Lager und dann sein Tod. 1947 kam mein Sohn zur Welt.«

Ab 1949 verbrachte Elfriede Schneider lange Zeit in Sanatorien. »In einer Heilstätte hatte ich einen Arzt kennen gelernt. Der wollte alles ganz genau wissen und sagte, ich soll mich freireden, weil ich immer so verkrampft war. Mir stand das Weinen immer näher als das Lachen. Er sagte: ›Du wirst nie gesund, wenn du das nicht abbaust.‹ Da hab ich ihm alles erzählt, und es wurde mir leichter. Doch wenn ich dann zu Hause war, ging es von vorne los. Da hab ich dann wieder alles in mich reingefressen. Ich hab geglaubt, ich hab’s vergessen, aber ich hab’s nie vergessen.«

Elfriede Schneiders Mutter starb 1950. Nach einem Nervenzusammenbruch musste Elfriede wieder ins Sanatorium eingeliefert werden. 1950 heiratete sie einen ihrer ›Kurschatten‹. Mit ihrem Mann konnte sie anfangs über alles sprechen. Doch als er merkte, wie sehr sie die Erinnerungen aufwühlten, riet er ihr, alles zu vergessen. »Er hat nie geduldet, dass jemand mit dem Lager angefangen hat. Er hat immer gesagt: ›Lasst meine Frau in Ruhe. Das geht euch nix an. Das ist privat.‹ Auf die Art hat er mich abgeschirmt. Aber er wusste das. Innerhalb der Familie wussten es alle, aber man wollte das einfach vergessen. Ich hab nicht mehr gelacht. Auch meine Brüder haben mich irgendwie abgeschirmt. Da kam das Thema überhaupt nicht zur Sprache. Ich will dir sagen, was ich gemacht habe. Ich hab viel gerätselt, Rätselhefte gekauft und mich damit beschäftigt. Da konnte ich abschalten. Ich hab auch furchtbar viel gelesen, damit ich auf andere Gedanken komme. Ich hab manchmal am Tag drei, vier Bücher gelesen, doch danach kaum gewusst, was ich gelesen hatte. Dann hab ich wieder von vorne angefangen, um mich überhaupt auf irgendwas zu konzentrieren.«

Die Ehe ging in die Brüche, der Sohn geriet auf die schiefe Bahn. Darüber sprechen wollte sie nicht. Sie sagte nur, dass sie ihren Sohn nicht mehr gesehen habe, seit er im Gefängnis sitze. Ihr Leben sei ein einziger Kampf gewesen. »Ich bin krank aus dem Lager gekommen, krank bis zum heutigen Tag. Ich kämpfe bis heute um Wiedergutmachung. Ich sollte Zeugen bringen. Aber wo sollte ich die herholen? Sind doch alle tot. Dann hat man mich mit lächerlichen 5000 Mark abgefunden. Was ist das gegen meine Krankheiten? Aber für mich ist es eine große Erleichterung, dass ich sagen kann: ›Ich hab im Krieg nicht mitgeholfen.‹ Aber ich wollte über das, was ich erlebt habe, auch nicht sprechen. Ich war im Glauben, ich hab’s vergessen, bis es mir in Moringen klar wurde. Ich hab alles nur verdrängt. Da kam alles wieder hoch, als ob es gestern gewesen wäre. Das war dann noch schlimmer als damals, wo ich aus dem Lager kam. Von der Tagung in Moringen bin ich total erschöpft heimgekommen. Der Klaus12 hat nur gesagt: ›Was fehlt dir denn?‹ Ich hab nur gesagt: ›Lass mich in Ruhe.‹ Danach hab ich nächtelang vom Lager geträumt. Die ganzen Erinnerungen wurden in mir wach, als ob es gestern gewesen wäre.«

Die größte Angst von Elfriede Schneider war, dass ihr niemand Glauben schenken würde. Dass selbst die Kameradinnen in Moringen ihre Erinnerungen anzweifelten, verletzte sie sehr. »Ich dachte immer, dass das keiner glauben kann, der es nicht mitgemacht hat. Was dort geschehen ist, das war so unmenschlich. Ich hab mal angefangen, bei uns zu Hause davon zu erzählen, hinter dem Haus. Da sind wir immer gesessen und haben Karten gespielt. Meine Freundin war dabei. Sie sagte zu mir: ›Erzähl doch mal, wie ist es dir ergangen?‹ Da habe ich erzählt. Einer war dabei, der sagte: ›Mensch, du erzählst ja Märchen. Das gibt’s doch gar nicht.‹ Da hab ich mich schon wieder zurückgezogen und zu meiner Freundin gesagt: ›Weißt du, Hanne, es glaubt mir ja doch keiner.‹ Sie hat mir das geglaubt. Ich konnte ja in kein Schwimmbad mehr gehen wegen meiner Narben. Stell dir vor, ich wäre ins Schwimmbad gegangen, ich hab so lange Narben hier an den Beinen und am Rücken, ich hab regelrechte Komplexe gehabt, dass mich die anderen anstarren oder fragen, woher das kommt.«

Solange ihr Vater lebte, war er der einzige Mensch, mit dem sie sprechen konnte. »Meine Mutter hat kein Verständnis dafür gehabt. Die hat andere Sorgen gehabt. Ich musste alleine fertig werden. Noch heute, wenn ich alleine bin, muss ich zusehen, dass ich nicht darüber grüble. Dann geh ich viel im Garten oder im Wald spazieren. Da ist es mir, als ob mein Vater neben mir geht. Irgendwie schaff ich es dann wieder, führe Selbstgespräche im Wald und rede laut mit meinem Vater. Meine Lady, der kleine Hund, die steht dann neben mir und guckt mich an. Das gibt mir unheimlich viel Kraft. Die Hauptkraft gibt mir mein Vater.«

»Meine Narben, die sieht man nicht, aber deine …«

»Als ich vom Lager heimkam, war der Hass furchtbar. Hauptsächlich der Hass auf Deutsche, weil die immer gesagt haben, ich hab nicht ›Heil Hitler‹ geschrien. Keiner hat von was gewusst. Da wurde der Hass so groß, ich wurde richtig rebellisch. Das hat Monate gedauert, bis ich diesen Hass verloren habe. Mein Vater hat mir geholfen, weil er immer sagte, die hätten alle Angst gehabt. Irgendwann hab ich ihm Recht gegeben, aber nur innerlich, äußerlich nicht.«

Ein halbes Jahr nach ihrer Heimkehr traf Elfriede Schneider in Heilbronn die Lagerpolizistin, die sie in Ravensbrück wegen der Seife verraten hatte. »Der hab ich schon im Lager angedroht: ›Wenn Gott will, dass ich hier wieder rauskomme, ich bring dich um, wenn ich dich erwische!‹ Ich hatte sie schon vergessen. Im ersten halben Jahr, wo ich noch keine Haare hatte, bin ich nicht raus. Doch dann waren meine Haare schon vier Zentimeter lang, da hat mein Bruder gesagt: ›Komm mit, du hast genug getrauert, jetzt gehen wir mal tanzen.‹ Und da sind wir gegangen. Plötzlich klopft mir jemand auf die Schulter und sagt: ›Na, Elfriede, hast du’s doch überlebt? Gott sei Dank.‹ Das war sie. Da hat mich mein Bruder schon gehalten. Der wusste sofort, was los war. Er hat mich richtig von ihr ferngehalten. Doch dann hab ich meinem Vater das Rasiermesser geklaut. Ich ging nicht mehr in Röcken, sondern nur in Hosen. Das Rasiermesser hab ich immer in der Tasche gehabt. Ich hab die gesucht wie eine Stecknadel. Ich wollte mich an ihr rächen, ich hab so richtig Wut auf die gehabt. Und an einem Sonntag war sie wieder da. Da bin ich zu ihr hin: ›Du, ich muss mit dir reden, kommst du mit raus?‹ Da ist sie mit mir raus. Hat sich nichts dabei gedacht. Drinnen haben sie mich vermisst, aber bis sie was gemerkt hatten, war’s schon zu spät. Ich hab das Rasiermesser genommen – so schnell konnte die gar nicht gucken – und bin ihr kreuz und quer durchs Gesicht gefahren. Ich hab bloß gesagt: ›Meine Narben, die sieht man nicht, aber deine sieht man.‹ Ich hab eine Erleichterung gespürt, das kann ich gar nicht beschreiben. Dann hat sie mich angezeigt, und es kam zur Gerichtsverhandlung. Mein Bruder hat gleich die Spuren verwischt, und alle sind zu mir gestanden, obwohl sie es wussten. Ich glaube, wenn mein Bruder nicht dazwischengegangen wäre, ich hätte die kaltblütig ermordet, so einen Hass hatte ich. Das hat kein Mensch gesehen, dass ich das war. Bei der Verhandlung sind alle dabei geblieben, dass wir an dem Tag nicht dort waren, und aus Mangel an Beweisen bin ich freigesprochen worden. Nach der Verhandlung hat der Richter zu mir gesagt: ›Jetzt kannst du’s mir ja sagen.‹ Doch ich hab gesagt: ›Nein, ich war es nicht, und wenn ich es gewesen wäre, würde ich es nicht zugeben.‹ Erst zehn Jahre später hab ich den Richter wiedergesehen, als ich mit meinem Vater beim Pferdemarkt war. Da hat er zu meinem Vater gesagt: ›Gell, das war deine Tochter?‹ Mein Vater sagte ihm, dass ich es war, und warum ich es getan habe. Daraufhin sagte der Richter: ›Dann war das noch viel zu wenig.‹«

FUNKTIONSHÄFTLINGE: ZWISCHEN PRIVILEG UND WIDERSTAND

Die ehemaligen Funktionshäftlinge1 sind wichtige Zeuginnen für die innere Struktur des Frauen-KZ Ravensbrück. Sie wurden in Funktionen eingesetzt, in denen sie – unter strenger Kontrolle – den Aufseherinnen und SS-Bewachern bei unterschiedlichsten Tätigkeiten zur Seite stehen und ihnen bestimmte Arbeiten abnehmen mussten. Ihre herausgehobene Position wurde aus der Perspektive vieler Häftlinge als ›Mithelferschaft‹ empfunden. In Ravensbrück gab es drei Gruppen2 von Funktionshäftlingen:

– Auf der obersten Hierarchiestufe standen die Lager-, Block- und Stubenältesten und die Anweiserinnen bzw. Vorarbeiterinnen der Arbeitskolonnen.

– Zur Aufrechterhaltung des Lagerlebens arbeiteten Häftlinge in der Küche, Wäscherei, Desinfektion und Entlausung sowie in Reparaturkolonnen. Wichtige Funktionen besetzten sie auch als Pflegepersonal, Krankenschwestern und Ärztinnen. Häftlinge wurden ebenfalls in der SS-Küche und -Kantine eingesetzt und in privaten Haushalten der Lagerleitung. Sie arbeiteten im Frisiersalon der Aufseherinnen und betreuten deren Kinder.

– Hilfskräfte der Lagerverwaltung gab es in den Schreibstuben und Büros der Kommandantur, der Aufseherinnen, der Ärzte und im Arbeitseinsatz. Dazu gehören auch diejenigen, die z.B. bei ankommenden Transporten die Listen führten sowie die Mitarbeiterinnen der Bauleitung.

Das KZ als Wirtschaftsbetrieb

Als einen ›Staat im Staate‹, in dem es alles gab, was man sich nur vorstellen konnte, bezeichnete die Blockälteste Mieczysława Jarosz das Lager Ravensbrück.

Die Häftlingsärztin Ilse Reibmayr beschrieb das Lager als »Riesen-Wirtschaftsbetrieb, in dem wir ein Glied in der Kette waren. Die oberste Schicht war die ganze Organisation der SS, die dorthin abkommandiert war. Da hat es Büros gegeben, eine politische Führung und alles, was in einem Staat notwendig ist. Die ganze Arbeit ist den Häftlingen überlassen worden. Man hat die Intelligenten mit entsprechender Schulbildung rausgenommen, und die haben die ganze Arbeit und auch die Organisation übernommen. Es gab eine Bekleidungskammer, Wäschekammer, Schreibstube und vieles mehr. Das große Sanitätsgelände mit sieben oder neun Baracken, das Revier mit Zahnarzt und Apotheke, es war alles da.«

»Die SS hat nichts gemacht«, ergänzte Hermine Jursa (Reparaturkolonne), »alles haben die Häftlinge machen müssen. So haben wir die Chance gehabt, dass politische Leute Positionen in der Verwaltung kriegten, im Revier oder z.B. als Blockälteste. Es war wichtig, dass in allen Verwaltungsbereichen politische Frauen gestanden sind. Die SS konnte nicht verhindern, dass sie neben der normalen Arbeit auch politische Arbeit machten.«

ILSE REIBMAYR: »Dann wurde sichtbar, dass innerhalb dieses ganzen schrecklichen Geschehens ein eigener Staat von den Häftlingen erarbeitet worden war, und aus dem haben sie natürlich das Beste gemacht. Wenn man sich vorstellt, dass es in so einem Konzentrationslager nur Elend, Not und Geschrei gibt, dann ist das nicht wahr. Menschen, die arbeiten können, die können ihre Aktivitäten ohne weiteres entfalten. Natürlich in einem Zustand ständiger Bedrohung, aber darum halten sie umso mehr zusammen. Ich denke z.B. an die, die im Revier gearbeitet haben, wo wirklich zu jeder Zeit eine gute Kameradschaft geherrscht hat. Ich war auch sehr angesehen, weil ich große Macht gehabt habe, um helfen zu können – und ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem ich nicht geholfen habe. Ich hatte Zugang zu Verbandszeug, zu den Medikamenten, und ich habe ärztlichen Rat geben können. Ein anderer Mensch wäre genau so hilfsbereit gewesen, aber er hatte die Mittel nicht.«

ANISE POSTEL-VINAY (Arbeiterin in der Schneiderei, ohne Funktion): »In jedem Lager gab es eine Hierarchie. Es gab eine Aristokratie auf der einen Seite und auf der anderen das Volk. Die Aristokratie, das waren die Frauen, die gute Arbeiten hatten. Ganz wie in der normalen Gesellschaft hatten die Frauen, die der sauberen Büroarbeit nachgingen, Zugang zu den Duschen, während wir, die dreckige Arbeiten mit Kohle und Erde verrichteten, uns nicht waschen durften.«

ANNETTE EEKMAN (Revierarbeiterin): »In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die von so einem Zustand Gebrauch machen, um daraus Vorteile zu ziehen. Die dann auch selbst Unrecht an anderen begehen. Das ist so alt wie die Welt. Ich stelle das nicht mit Verbitterung fest – das ist eine Lebenswahrheit. Wir haben immer versucht, so weit wie möglich Solidarität zu üben. Andere haben das nur in einer Linie getan und nur Kommunisten geholfen oder nur Katholischen, das gab es auch. Das sind Phänomene wie im wirklichen Leben auch.«

Das System der Macht

Die Lagerleitung von Ravensbrück hatte anfangs – wie in fast allen anderen Lagern auch – vorwiegend Häftlinge mit grünen oder schwarzen Winkeln, also laut ihrer Kategorisierung ›Kriminelle‹ oder ›Asoziale‹, in Führungspositionen eingesetzt.

AENNE MEIER: »Die Lagerleitung hat ungeheuren Wert drauf gelegt, Ordnung zu halten. Für die Sauberkeit in den Blocks wurde der Zimmerdienst bestellt, das waren für diese Arbeit ausgewählte Häftlinge. Die Berufsverbrecherinnen wurden sehr oft zu Blockältesten, also zum Aufsichtsdienst in den Blocks ausgewählt. Man meinte, die hätten mehr Bereitschaft zu schlagen und es fiele ihnen nicht so schwer, Anzeigen zu machen, also Häftlinge zu verklagen. Sie glaubten, durch sie eine bessere Zucht zu erreichen.«

Die Kriminellen und Berufsverbrecherinnen wurden von fast allen verachtet.

ANNETTE EEKMAN: »Es sind auch Menschen, und die haben das auch erlebt. Noch schlimmer als wir. Aber niemand hat sie geachtet, weder die SS-Leute, die Aufseherinnen noch die Häftlinge. Sie hatten eine Position, man hat sie gebraucht, aber sie wurden von jedem missachtet. Mit ihnen gab es keine Solidarität. Wir haben niemals daran gedacht, Kriminellen oder Häftlingen mit grünem Winkel zu helfen. Jetzt kann ich mir das vorwerfen. Aber es gab so wenige Möglichkeiten zu helfen, dass man doch auswählen musste. Und so hat man erst die gewählt, die einem näher standen. Aber das ist die Struktur, die die SS dort aufgebaut hat. Dieselbe schlechte Behandlung war gegen alle gerichtet, egal ob grüne, schwarze oder rote Winkel. Wenn jemand schmutzig und verkommen war, hatte er weniger Glück als jemand, der sich im Maß des Möglichen versorgte. Weil politische Häftlinge einander halfen, hatten sie mehr Möglichkeiten als z.B. die Schwarzwinkel. Das ist eine Kette, und das geht dann so weiter. Man hätte sich selbst Gewalt antun müssen, um zu sagen, denen muss man auch helfen.«

Politische Häftlinge in Funktionen

In der ersten Zeit – 1939 bis 1940 – schien das System zu funktionieren: Die grün- und schwarzwinkligen Funktionshäftlinge führten ein hartes Regime im Lager. Dazu kam, dass sie anfangs deutlich in der Mehrzahl waren. Mit der zunehmenden Einlieferung von politischen Häftlingen veränderte sich jedoch die Situation.

ANTONIA BRUHA: »Die ›Politischen‹ im Lager sind sich bewusst geworden, dass sie von bestimmten Posten aus – auf denen am Anfang ›Asoziale‹ und ›Berufsverbrecher‹ gesessen sind – den Häftlingen ein bisschen helfen konnten. Das waren das Büro in der Kommandantur, das Büro im Revier, die Arbeitseinteilung und der Arbeitseinsatz. Das waren die Fürsorge, die diversen Blockältesten, die Stubenältesten und die Anweisungshäftlinge. So hat man sich bemüht, diese Posten mit ›Politischen‹ zu besetzen.«

HERMINE JURSA: »Jetzt war es natürlich sehr wichtig, wenn z.B. politische Zugänge aus den Gefängnissen gekommen sind. Da haben wir sofort Nachricht gekriegt, denn wir haben die Aufnahmen bearbeitet. Das wurde dann weitergegeben an den Arbeitseinsatz. So waren wir immer informiert, wer angekommen ist, und wir haben versucht, diese Menschen irgendwo einzusetzen, wo sie lebenserhaltende Arbeit leisten konnten.«

So war es möglich, dass Neuankömmlinge bereits bei ihrer Ankunft auf Häftlinge stießen, die um ihre Herkunft und Gesinnung wussten und ihre Funktionen dazu benutzten, Kontakte zwischen Bekannten oder Gleichgesinnten, zwischen Angehörigen oder Gefangenen aus derselben Stadt herzustellen.

AENNE MEIER: »Da war eine Kameradin aus Saarbrücken, die vor mir verhaftet wurde und vor mir ins Lager kam. Die wurde bei der Bauleitung beschäftigt, und von ihr hab ich nachher so manchen Hinweis bekommen, wie ich mich verhalten soll. Mit der hab ich mich auch öfters sonntags getroffen, wenn die SS keine Zeit hatte, im Lager herumzuschnüffeln. Da haben wir unsere Messe gehalten, bis zu zehn Häftlinge, die sich kannten. Man hat in Gedanken teilgenommen, als ob man zur Kirche gegangen wäre. Oder man stand beim Appell nebeneinander; ich mit einer Generaloberin, einer Lehrerin und einer Fürsorgerin. Während die Häftlinge sich unterhalten und Witze gerissen haben, haben wir, solange der Appell gedauert hat, leise vor uns hingebetet. Drei Rosenkränze und die Messe, und dann war der Appell oft immer noch nicht vorbei. So lange musste man draußen stehen, nackt, mit nichts im Leib.«

ILSE REIBMAYR: »Wir hatten alle Arten von Handwerkern unter den Frauen. Es hat Dachdecker gegeben, Installateure, alles, was es gibt. Sie haben ihre Begabungen in unglaublicher Weise eingesetzt und es tatsächlich oft zur Meisterschaft gebracht.«

MARTA BARANOWSKA: »Das waren alles Häftlinge: die Lagerpolizei, die Ärzte, die Blockältesten, die Stubenältesten und die politische Leitung. In Zusammenarbeit mit den Kommunisten haben wir es geschafft, alle Posten mit politischen Häftlingen zu besetzen. Das funktionierte, wir hatten keine Häftlinge, die gemeinsame Sache mit der Gestapo machten. Wir waren einander sicher.«

Block- und Stubenälteste

ANNETTE EEKMAN: »Die grünen, die kriminellen Häftlinge, die hatten so gut wie gar kein soziales Gefüge. Wenn die eine bessere Stelle hatten, so nutzten sie die nur für die Verbesserung des eigenen Lebens. Die haben alles angenommen, was man ihnen angeboten hat. Auch das Prügeln im Bunker. Wenn z.B. eine Strafaktion durchgeführt werden musste, dann wusste die SS, die ›Politischen‹ würden das nicht tun. Dann fragten sie einen kriminellen Häftling. Die nahmen das ohne Hemmungen an. Politische Häftlinge weniger. Es ist geschehen. Ich mache keine Engel aus ihnen. Aber sehr, sehr selten. Wenn politische Häftlinge privilegierte Stellungen eingenommen haben, dann haben sie das in der Hoffnung getan, das Leben innerhalb des Lagers zu verbessern. Ein Beispiel dafür ist Rosel Jochmann3, die Blockälteste in Block 3. Sie hat natürlich auch Fehler gemacht. Wer macht das nicht? Aber sie wurde anerkannt, weil sie gut organisierte. Die SS war zufrieden, weil alles gut lief, und die Häftlinge waren auch zufrieden, weil es eine menschliche Ordnung war. Ich erinnere mich an eine Deutsche, die war schon elf Jahre in Haft. Elf Jahre! Und die hat gedacht: Ich komme hier nie raus. Leute, die so lange in Haft waren, die mussten sich irgendwie organisieren. Und sie haben das auch getan.«

Bereits 1940 besetzte ein politischer Häftling, die deutsche Kommunistin Bertha Teege, die wichtigste Position der Funktionshäftlinge, nämlich die der Lagerältesten, als verantwortliche Lagervertreterin gegenüber der SS.

MARTA BARANOWSKA: »Was es brauchte, um dort zu überleben, war Freundschaft. Freundschaft mit unseren Vertrauensmännern in- und außerhalb der Blocks. Wir haben das geschafft, was Bertha Teege angesagt hat, als ich ins Lager kam: dass wir alle Funktionen mit politischen Häftlingen besetzen sollen. Damit hatten wir schon bessere Verhältnisse.«

BLOCKÄLTESTE IN RAVENSBRÜCK


Die Polin Marta Baranowska war die erste Blockälteste, die ich befragen konnte. 1997 besuchte ich sie in Bydgoszcz. Ich staunte über ihr präzises Erinnerungsvermögen und das lebhafte Auftreten der 94-Jährigen, die den festen Vorsatz hatte, hundert Jahre alt zu werden. Sie hat es geschafft.

Marta Baranowska kam am 26. November 1903 in Bromberg (Bydgoszcz), zur Welt. »Wir sind ein Bauerngeschlecht, und ich bin bis heute meiner Vaterstadt treu, mit Ausnahme der vier Jahre, die ich in der Gestapohaft und dann im Lager war.« Ihr Vater war Eisenbahner, die Mutter Hausfrau. »Wir waren eine kinderreiche Familie, zehn Kinder. Meine Mutter, die mit zehn Kindern fertig werden musste, war für mich eine Heroin. Sie war ausgebildete Näherin und machte alles selber in der Familie. Obwohl es kein reiches Leben war, hatten wir dank meiner Eltern ein gutes Auskommen.«

Der Erste Weltkrieg und der gleich darauf folgende polnisch-sowjetische Krieg stürzten die ganze Region und auch die Familie für sechs Jahre in große Not. Marta Baranowska konnte erst ab 1920 wieder regelmäßig in die Schule gehen. Sie besuchte ein Privatgymnasium, lernte neben Polnisch und Deutsch auch Englisch und Französisch. In Kursen erlernte sie Maschineschreiben und Stenographie und arbeitete nach dem Abitur als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei.

Marta Baranowska heiratete 1930 und brachte innerhalb weniger Jahre drei Kinder zur Welt. Ihr Mann arbeitete im Schulamt und beteiligte sich an verschiedenen Aufständen der polnischen Armee. 1939 begann der Zweite Weltkrieg, und damit der dritte Krieg im Leben der 35-Jährigen. Noch im September 1939 wollte die Familie mit ihren drei kleinen Kindern aufs Land fliehen, wurde aber von Bombenangriffen überrascht und musste sich im Wald verstecken. Marta Baranowska schilderte dies als eine unvorstellbar schlimme Zeit. Schließlich beschloss sie, nach Bydgoszcz zurückzukehren. Immer wieder geriet ihr Mann in Haft, und sie blieb mit den Kindern alleine. Zur Unterstützung nahm sie sich eine Hilfe ins Haus: eine ältere Lehrerin namens Wanda Hoffmann, die aus ihrer Wohnung vertrieben worden war. Sie versorgte die Kinder, während Marta Baranowska arbeitete – und sie tat dies auch nach deren Verhaftung.

Im polnisch-patriotischen Widerstand engagierte sich Marta Baranowska gegen die deutsche Besatzung. »Es wurden illegale Flugblätter und Zeitungen herausgegeben. Es hatte zu viele Tote gegeben, Menschen, die einfach erschossen wurden. Auch mein Chef, der Anwalt, ist aufgeflogen und erschossen worden. Es war der reine Terror hier ab 1939. Unsere Organisation umfasste einige Männer und Frauen. Im Mai 1941 wurden wir verhaftet und zur Gestapo gebracht. Tags zuvor waren sechsunddreißig Männer erschossen worden, von denen wir nicht wissen, wo sie begraben sind. Unser Urteil, unterschrieben von Heydrich1, lautete auf Hochverrat und Zugehörigkeit zu einer Organisation namens ›SSS‹ – auf Deutsch: Tod der SS. Ich wurde verhaftet, und Wanda Hoffmann blieb bei den Kindern. Meine Tochter war sieben Jahre alt, sechs der eine Sohn, und der jüngste war zwei. Mein Bruder ist schon am 27. Januar 1940 in Posen erschossen worden. Meine Schwester war 1939 verhaftet worden und kam schon 1940 ins Lager.«

»Ich dachte, hier wird es auszuhalten sein«

Am 10. August 1941 kam die achtunddreißigjährige Marta Baranowska in Ravensbrück an. Sie erhielt die Lagernummer 6738 und einen roten Winkel mit ›P‹, d.h., polnischer politischer Häftling. »Wir kamen als ein Sammeltransport vom Gefängnis Alexanderplatz, Berlin. Was am Alexanderplatz los war, das ist unbeschreiblich. Hunderte von Menschen sind da gelegen, wie die Heringe im Fass. Es gab nur stinkende Strohsäcke und drei oder vier Holzpritschen, die waren so verwanzt, dass wir nicht schlafen konnten. Wir kamen ziemlich erschöpft in Ravensbrück an. Es war ein schöner Tag, ein sonniger Tag, Blumen, Salbeien, Blüten längs der Lagerstraße an den Blocks. Dann standen wir vor dem Bad. Was ein Bad bedeutete nach drei Monaten ohne Waschgelegenheiten! Was das heißt, wir werden baden! Es war eine solche Freude, dass ich dachte, hier wird es auszuhalten sein.«

Die Freude hielt nicht lange an. Der ganze Transport musste stundenlang stehen, die Frauen wurden angebrüllt, sie durften nicht austreten. Die Lageratmosphäre hatte sie eingeholt. Marta Baranowska wurde von der Oberaufseherin Langefeld2 angesprochen und gefragt, woher sie käme, warum sie Deutsch spreche, wie viele Kinder sie habe und was sie von Beruf sei. »Einige Zeit später, Ende September, komme ich von der Arbeit zurück. Die Langefeld steht am Tor und sagt: ›Nach dem Essen zu mir kommen!‹ Ich, schmutzig, dreckig, nach dem Essen geh ich zu ihr, und sie sagt: ›Morgen kommt ein großer Transport aus dem Warschauer Gefängnis Pawiak, und Sie, Zetkowska, übernehmen den Block. Und Baranowska, Sie gehen als Stubenälteste, und nehmt euch noch eine Dritte.‹ Als Dritte haben wir die Polin Maria genommen.«

So wurde Marta Baranowska im September 1941, einen Monat nach ihrer Ankunft im Lager, Stubenälteste auf einem der Zugangsblocks. Sie nahm sich vor, in ihrem Block Gemeinheiten der Aufseherinnen – wie sie sie bei ihrer Ankunft erlebt hatte – nicht zu dulden. Der Transport, der im September 1941 in Ravensbrück ankam, war der Sondertransport aus Warschau und Lublin, mit dem die Polinnen ankamen, an denen später medizinische Experimente durchgeführt wurden. Einige von diesen jungen Frauen kamen in den Block zu Marta Baranowska3.

»Um Gottes willen, keine Meldungen«

»Die Stubenälteste holte das Essen, verteilte es und wechselte die Wäsche, immer in Verbindung mit der Blockältesten. Die Blockälteste führte die Schreibarbeiten durch. Sie musste genau wissen, wie viele und welche Häftlinge sie hatte, wer welche Nummer hatte, wie lange sie schon saß. Im Block war ein Dienstzimmer für die SS-Aufseherin, aber dort konnte auch die Blockälteste ihre Schreibarbeiten erledigen. Später, auf Block 13, war die erste Aufseherin Ehrich4; das war eine schöne junge Frau, aber die konnten wir nicht für menschliche Verhältnisse gewinnen, was mir später bei anderen gelungen ist. Dennoch lebten wir in guten Verhältnissen, sofern man im Lager von guten Verhältnissen sprechen konnte.«

Jeder Block hatte eine A- und eine B-Seite, mit jeweils hundertfünfunddreißig Betten. »Die Blockälteste hatte die Kontrolle und die Obhut über den ganzen Block. Die Stubenälteste musste Ordnung halten auf ihrer Seite. Das Essen holten wir dreimal am Tag, wir mussten das Essen verteilen und das Geschirr mit kaltem Wasser waschen, damit alles sauber in den Schrank kam. Das war meine Arbeit: dass Ordnung und Ruhe auf meiner Seite herrscht. Wenn Schreibtag war, habe ich Dutzende von Briefen für die Frauen geschrieben. Viele konnten nicht Deutsch, und es musste doch alles in Deutsch geschrieben werden. Wer Deutsch schreiben konnte, musste also mithelfen. Einmal im Monat war das eine Menge Arbeit.«

Zu den Aufgaben der Stubenältesten gehörte es auch, Strafen zu verhängen. »Aber das haben wir vermieden. Keine Meldungen, um Gottes willen, keine Meldungen machen. Es ist uns, den Block- und Stubenältesten, gelungen, dass aus unserem Block keine Meldungen für Strafen kamen. Die Meldungen mussten in der Schreibstube vorgebracht werden, und dort wurden dann die Strafen für den Häftling ausgesprochen. Entweder Stockhiebe, Bunker oder Strafblock.«

»Bisher hatte ich nur Männer draufhauen sehen«

Als im Jahr 1942 etwa 1700 Polinnen in Ravensbrück eingeliefert wurden, eröffnete man weitere neu errichtete Baracken, in denen diese Frauen untergebracht wurden. Marta Baranowska wurde im Mai 1942 als Blockälteste in einem solchen Block eingesetzt. »Die Oberaufseherin kam und sagte: Nummer sowieso wird Blockälteste – und ich wurde es auf Block 13. Nach der Ehrich hatte ich dort Erika Bödecker5 als Aufseherin, die ich später ganz für mich gewinnen konnte.«

Marta Baranowska erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Erika Bödecker, die zuvor bereits Blockleiterin im neuen Teil des Lagers gewesen war. »Das waren neue Baracken, da musste alles blitzsauber sein. Im Schlafraum war ein weißer Fußboden, ein Bretterboden. Der musste hell sein, der musste blenden. Aus dem Schlafraum kam eine Polin heraus. Die Bödecker schlug ihr ins Gesicht. Ich stand gegenüber und schaute sie an, ich weiß nicht genau, wie, aber jedenfalls nicht angenehm. Ich war erschrocken, denn bisher hatte ich nur die Männer draufhauen sehen. Ich schaute sie wohl mit solchem Hass an, dass sie den Kopf hängen ließ. Ich sagte kein Wort, habe sie nur angeschaut, Auge in Auge. Und diese Bödecker kommt nun zu mir in den Block 13 als SS-Aufseherin. Was passiert? Sie gibt mir die Hand: ›Marta, Sie können mir die Hand reichen. Ich werde niemanden mehr schlagen.‹ Nun, ich zögerte noch. Ich sagte: ›Frau Aufseherin, wissen Sie, wie viele Todesurteile hier sind? Zweiundsiebzig junge Menschen haben Todesurteile und viele andere auch. Alles Todeskandidaten.‹ Ich war mir nicht sicher, ob ich sie für mich gewinnen konnte. Doch als ich ahnte, dass ich sie für meinen Block gewonnen hatte, habe ich ihr vorgeschlagen: ›Sie werden alles im Block in Ordnung finden. Aber bitte, quälen Sie uns nicht mit Ihren rigorosen Vorsätzen. Wir wollen Ruhe haben im Block.‹ Sie ist darauf eingegangen. Aus den jungen Mädchen formte sie eine Arbeitskolonne, die sie bewachte. Sie arbeiteten auf dem Land und haben sich nicht überarbeitet, denn sie wachte über diese jungen Mädchen. Sie hatten besseres Essen, denn die Bauern haben ihnen zu essen gegeben. Ich hatte so lange Ruhe, bis man die Bödecker nach Nordhausen versetzte.«

Marta Baranowska räumte ein, dass dies nur möglich war, weil sie selbst zu den Älteren im Lager zählte. Im November 1942 wurde sie neununddreißig Jahre alt und war damit älter als viele Aufseherinnen. Ihr kraftvolles und selbstbewusstes Auftreten – das auch beim Interview mit der 94-Jährigen noch deutlich spürbar war – und ihre hervorragende körperliche Verfassung hätten viel dazu beigetragen, dass nicht nur Häftlinge, sondern auch Aufseherinnen sie mit Respekt behandelten. »Eine schlechte Blockälteste hat Meldungen gemacht. Von uns, aus den polnischen Blocks, kamen keine Meldungen. Doch kontrolliert wurden wir durch die Blockleiterin, die in unserm Block amtierte. Wenn etwas geschah, dann durch die Blockleiterin, denn das waren SS-Frauen.«

Doch es gab auch Situationen, in denen die Position der Blockältesten mehr als nur Einfühlungsvermögen abverlangte. Marta Baranowska erinnerte eine Situation in ihrem Block: »Die Jugend hat doch gehungert, und das Essen reichte nicht. Einmal hat es zum Abendessen eine Grießsuppe gegeben, eine Milchgrießsuppe, das war ja ein Götterfraß für uns. Stellen Sie sich vor, diesen Kessel bringen drei Mädels auf den dritten Stock und essen mir das weg. Ich stehe da. Was mache ich? Wie sollte ich das regeln? Ich rief meine ›Politischen‹, sagte: ›Beruhigt euch. Schaut, wir bekommen Pakete. Stellt euch vor, diese Mädels hungern.‹ Das sind junge Menschen, Zwanzig-, Fünfundzwanzigjährige, die hungern. Also habe ich das in Ordnung gebracht. Hätte ich Meldung gemacht, dann wären sie schwer bestraft worden, sicher für einige Monate in den Bunker gegangen. Außer der Ehrich hatte ich das Glück, alle Aufseherinnen für den Block zu gewinnen. Es gab auch ihrerseits keine Meldung, obwohl auf dem gemischten Block schon viel Böses geschah. Als die verhungerten Mädchen den ganzen Kessel weggegessen haben, war die Friedrich6 Aufseherin. Auch sie hat keine Meldung gemacht. In den rein politischen Blocks lebte man besser. Man befürchtete keine Stehlerei, man musste nicht ständig Angst haben, dass man auffliegt.«

»IN EINEM AUGENBLICK HABEN MEINE ELTERN ALLES VERLOREN«


Eine der Polinnen, die im Mai 1942 nach Ravensbrück und kurz darauf in den Block von Marta Baranowska kam, war die damals einundzwanzigjährige Mieczysława Jarosz.

Das Interview mit ihr führten wir im März 2001 an zwei Tagen in ihrer Wohnung in Poznań. Sie erschien sehr aufgeregt zu unserem Vorgespräch, von ihren Erinnerungen aufgewühlt. Sie sagte, dass sie zwei Tage lang nicht geschlafen habe. Unterbrochen nur durch Zigarettenpausen, sprudelten die Geschichten aus ihr heraus.

Geboren am 30. Dezember 1921 in Grodzisk Wiełkopolski (Grätz bei Posen), war sie die Älteste von vier Geschwistern. Ihr Vater war Unternehmer, er besaß eine Konservenfabrik, ein Kino und ein Hotel. »Meine Eltern waren gläubige Menschen und enorm tüchtig. Sie arbeiteten und lebten im Einklang mit allen nationalen Gruppen, d.h. mit den Deutschen, den Polen und den Juden, die in Grodzisk wohnten. Sie haben uns im Geist des Internationalismus erzogen: dass wir unabhängig von Konfession, Nationalität und Hautfarbe alle Menschen achten sollten.«

Bis 1939 besuchte Mieczysława Jarosz das Gymnasium. »Kurz nach dem Kriegsausbruch wurde mein Vater verhaftet. Dank einiger Deutscher, die in Grodzisk lebten, wurde er wieder freigelassen. Doch eines Tages wurde in aller Frühe an das Fenster geklopft, und uns wurde die Aussiedlungsverfügung übergeben: Innerhalb von zehn Minuten sollten wir zusammengepackt haben und mit je einem Köfferchen am Marktplatz erscheinen. Dort war die Sammelstelle. Als alle Bewohner, die ausgesiedelt werden sollten, auf dem Marktplatz zusammenkamen, fragte der Stadtkommandant, wo denn mein Vater sei. Meine Mutter sagte daraufhin, er sei krank und liege in Posen im Krankenhaus. Sie war sehr mutig. Man brachte uns in eine Baracke. Doch dann kamen aus Danzig Bekannte, die erfahren hatten, dass wir dort sind. Sie gingen zum Kommandanten und baten, uns freizulassen, und tatsächlich wurden wir freigelassen.«

Die wohlhabende und angesehene Familie war enteignet. Um ihr Leben zu retten, mussten sie fliehen. »Es ging darum, meinen Vater zu retten. Denn in allen Kleinstädten erschoss man angesehene Bürger auf den Marktplätzen. In einem Augenblick haben meine Eltern alles verloren. Sie traf es am schlimmsten. Wir Kinder litten darunter nicht so sehr. Wir verstanden das alles sowieso nicht und verließen uns gänzlich auf die Eltern. Unsere Mutter flößte uns immer Mut ein. Sie war sehr vorausschauend und hatte im August 1939 einige Briefe geschrieben. Sie ahnte, dass es Krieg geben würde. Sie schrieb, dass die Sachen den Kindern gehören, und nannte unsere Vor- und Nachnamen. Dann kam der Maurer und mauerte die kostbarsten Sachen ein, die meine Eltern besaßen: Silber, Tafelgeschirr. Alles blieb erhalten. Bis nach dem Krieg.«

Deckname »Die Kleine«

Die Familie floh nach Warschau und kam dort zunächst in einem kleinen Zimmer unter. »Wir haben stets in der Hoffnung gelebt, dass der Krieg bald zu Ende ist und wir nach Hause zurückkommen. In Warschau hatten wir viele Bekannte, hauptsächlich Juden. Sie halfen uns sehr in der ersten Zeit. 1940 zogen wir in eine Zweizimmerwohnung um, und dort lernte ich eine Freundin kennen, durch die ich eine Arbeit als Kellnerin in einer Speisewirtschaft bekam. Ich arbeitete dort acht Monate lang, bis mein Vater wieder Arbeit hatte. Dann gab es nur noch Schule. Mein Vater leitete eine Marmeladenfabrik in Warschau. Als er die Fabrik übernommen hat, die viele Jahre geschlossen war, gab er den Menschen Arbeit. Dort wurde Mittagessen gekocht für die Arbeiter. Das war sehr kostbar, denn es herrschte ein furchtbarer Hunger. Auch meine Mutter half den Menschen, denn man brauchte für alles die Lebensmittelmarken. Aus allen Richtungen des Generalgouvernements kamen die Ausgesiedelten, und meine Mutter half mit Lebensmitteln.«

Mieczysława Jarosz konnte keine offizielle polnische Schule besuchen und ging mit ihren Geschwistern auf ein illegales Gymnasium, das von der polnischen Untergrundbewegung geleitet wurde. Auf den Besuch dieser Schulen stand die Todesstrafe. Um ihre Kinder zu schützen, fälschte die Mutter Ausweise des Arbeitsamts, auf denen ein Arbeitsplatz ausgewiesen war. »Und das Foto, das ich Ihnen gestern zeigte, mein letztes Foto, das war eben für das Arbeitsamt.«

Mitten im Krieg, auf einer illegalen Schule, schloss Mieczysława Jarosz Ende 1942 mit dem Abitur ab. »Ab 1941 wurde es in Warschau sehr unruhig. Als ich gearbeitet habe, fingen die wilden Verhaftungen auf den Straßen bereits an. Tausende Menschen, junge und ältere, wurden einfach verhaftet. Dann begann die Widerstandsbewegung. Ich bin der Organisation des Arbeitsbündnisses7 beigetreten und danach der Militärorganisation Bund des Bewaffneten Kampfes8, der späteren Armia Krajowa9.«

Ihr Verbindungsmann zur Untergrundorganisation war ein Schneider. »In seiner Werkstatt leistete ich meinen Eid, ich bekam meinen Decknamen, und er nahm mich in die Organisation auf. Mein Deckname war Mała, das hieß ›Die Kleine‹.«

»Auf dem Block empfing uns Marta Baranowska«

Es kam aber nie dazu, dass Mieczysława Jarosz an konkreten Aktionen des Widerstands teilnahm, denn kurz nach ihrem Eintritt in die Organisation wurden alle Mitglieder während einer Versammlung verhaftet. Sie waren von einem polnischen Ingenieur verraten worden. Bei einem der Verhafteten wurde eine Liste gefunden, auf der auch ihr Name stand.

Am 19. Januar 1942 wurde Mieczysława Jarosz verhaftet. »Ich hatte Angst. Man hat mich um elf Uhr nachts verhaftet und mit dem Wagen zur Gestapo gebracht. Dort warf man mich in den Keller. Ich war die Elfte. Irgendwann spät in der Nacht wurden wir mit einem Wagen zum Gefängnis gebracht. Dabei bekam ich zum erstenmal kräftige Schläge auf den Rücken. Man brachte uns zum Pawiak-Gefängnis. Dort wurden wir registriert und in die Frauenabteilung gebracht. In dieser Nacht wurden 56 Frauen und 150 Männer verhaftet. Alle Männer wurden erschossen. Im Lager erfuhren wir, dass der Verräter ungefähr ein Jahr später liquidiert wurde. Die Partisanen kriegten ihn – und töteten ihn.«

An diese erste Zeit im Gefängnis hat Mieczysława Jarosz furchtbare Erinnerungen. »Die Nächte waren nie ruhig, denn unser Gefängnis lag im Ghetto, vis-a-vis waren noch jüdische Häuser; jede Nacht wurde jemand von den Juden geholt und furchtbar gefoltert. Zunächst schoss man, dann folterte man. Diese Schreie, der Lärm, das Jammern der Menschen – schrecklich. Das wiederholte sich Nacht für Nacht, das konnte man kaum aushalten. Als die Nachricht kam, dass wir abtransportiert werden, freuten wir uns, dass wir diese Quälereien nicht mehr würden hören müssen.«

Ende Mai 1942 mussten sich alle weiblichen Häftlinge im Gefängnishof für den Transport versammeln. Der Sondertransport aus Warschau mit 309 Frauen kam am 31. Mai 1942 im Frauen-KZ Ravensbrück an10. »Auf dem Block empfing uns Marta Baranowska. Es war der Block 13, mein erster Block, und sie war meine erste Blockälteste. Es begann mit der Quarantäne, während der wir nicht zur Arbeit gingen. Wir schliefen zwar zu dritt auf zwei Betten, aber wir hatten sogar noch blauweiß karierte Bettwäsche. Aber das war bald zu Ende; dann gab es nur noch Wolldecken.«

»Alle, alle aßen wir auf!«

MIECZYSŁAWA JAROSZ: »Im Lager erfuhren wir durch Marta Baranowska, dass unser Transport ein Todestransport war und dass wir, die sechsundfünfzig aus meiner Gruppe, zum Tode verurteilt waren. In der politischen Abteilung arbeiteten Polinnen, die sie gleich benachrichtigt hatten. Keine wusste, wie lange wir noch im Lager zu arbeiten hatten, denn zunächst musste man dort arbeiten, und dann wurden von Zeit zu Zeit die Urteile vollstreckt. Wenn wir alle beim Appell standen, wurden Namen aufgerufen, und dann war klar, wer erschossen werden wird.«

Am 7. Juli 1942 wurden in Ravensbrück sechs Polinnen standrechtlich erschossen.11

Mieczysława Jarosz arbeitete in der ersten Zeit als ›Verfügbare‹ bei der Planierung und im Straßenbau, schleppte ungeheuer schwere Steine und Felsblöcke. »Polnische Anweisungshäftlinge führten verschiedene Kommandos an. Sie stellten die Listen zusammen, damit wir außerhalb des Lagers arbeiten konnten. Ich fuhr aufs Land, zu Bauern, die uns mieteten. Dort wechselten die Kommandos ständig, weil man uns dort eine Suppe gab. Wir tauschten immerzu miteinander, damit möglichst viele von uns diese Fahrten und diese Suppen nutzen konnten, denn es herrschte ein schrecklicher Hunger im Jahr 1942.«

Irgendwann fuhr Mieczysława Jarosz auch mit einem Kommando nach Hohenlychen, um im Garten des dortigen Sanatoriums zu arbeiten. An einen Tag hatte sie besondere Erinnerungen und erzählte lachend, dass der sehr gütige Gärtner ihr ganzes Kommando zur Ernte in ein Gewächshaus brachte. »Er ließ uns in die Orangerie, wo Tomaten wuchsen. Ich erinnere mich noch heute, dass wir nicht einmal anstandsweise eine Tomate hängen ließen. Alle, alle aßen wir auf! Er sagte kein Wort, nichts. Doch ein zweites Mal ließ er uns nicht hinein.«

»Nach vorne«

Mieczysława Jarosz arbeitete bis zum 25. September 1942 in Hohenlychen. »An diesem Tag habe ich die zweite Freundin verloren – die erste war bereits im Juli erschossen worden. Malgosia Dembowska wurde zusammen mit ihrer Mutter erschossen.12 Da brach ich zusammen. Das berührte mich so tief, dass ich sagte, dass ich nicht weiterarbeiten würde. Ich versteckte mich im Stroh – und dort unterhielt ich mich im Geiste mit meiner Mutter und klagte ihr, wie hungrig ich sei; hin und wieder weinte ich. Dann schlief ich ein. Auf einmal schreit jemand und ruft mich. Es stellte sich heraus, dass ich sofort nach vorne gehen soll. Ich war verwundert: Was ist denn los, soll ich entlassen werden? Man sagte mir, dass eine der Blockältesten eine Stubenälteste bräuchte. Meine polnischen Kameradinnen standen zu der Zeit alle vor der Schreibstube, denn die Langefeld sollte sie für die Küchenarbeit bestätigen; sie hatten bereits die Untersuchungen hinter sich, die bestätigten, dass sie gesund waren. Die Langefeld wollte jemanden empfohlen bekommen, und dann fiel wohl mein Name. Sie fragte, auf welchem Block ich sei, und schickte gleich eine Polizistin, um mich zu holen. So kam ich zur Langefeld. Ich war empört, dass eine fremde Blockälteste etwas von mir wollte. Langefeld kam auf mich zu und gab mir eine Armbinde. Ich wollte diese Armbinde nicht nehmen, und da sagte die Blockälteste: ›Nimm!‹ ›Warum?‹, fragte ich daraufhin. ›Du bist jetzt die Stubenälteste, nimm und geh raus!‹ So ging ich raus. Sie war wie ein Soldat, diese Blockälteste. Aber erst gegen Abend brachten mich die Kolleginnen hin, denn ich weinte sehr, dass ich von diesem Block weggehen musste. Wir waren wie eine Familie, und nun sollte ich gehen. Das war furchtbar für mich! Auf dem neuen Block, das war der Block Nummer 11, wurde ich Stubenälteste. Wanda Krause, die Blockälteste, wurde meine Lagermutter. Sie sagte: ›Ich bin nun deine Mutter, und ich werde für dich sorgen.‹«

Oftmals kümmerten sich ältere Frauen um jüngere. Sie taten es aus Mitleid, aus der Erinnerung an die zurückgelassenen eigenen Kinder oder um ihrem Leben im Lager einen Sinn zu geben. »Ich fühlte mich bei ihr geborgen, denn sie schützte mich vor schwerer Arbeit. Wir waren nur ein halbes Jahr zusammen auf diesem Block, aber sie gab mir ihre Suppenrationen, denn ich war immer hungrig. Sie ließ mich schlafen, denn ich war immer müde. Wenn es eine Kontrolle gab – es war der Zugangsblock –, gab sie mir sofort Bescheid. Bis zum Ende meines Lageraufenthalts brachte sie mir immer Brot, denn ich hatte sogar später als Blockälteste oft kein Brot. Woher sie es hatte, weiß ich nicht. Sie schaute nur in das Schränkchen, ›Du hast schon wieder kein Brot‹, und legte welches hinein. Dieses Gefühl, dass es da einen gibt, der über mich wacht, das war sehr wichtig. Nur war ich traurig, dass ich mich von meinen Kolleginnen hatte trennen müssen.«

Arbeit als Stubenälteste

MIECZYSŁAWA JAROSZ: »Bei uns war es so, dass alle wichtigen Stellen von den Polinnen besetzt waren, denn sie waren in der Mehrheit13, und viele kannten die deutsche Sprache. Bei mir war es eher ein Zufall, dass ich Stubenälteste wurde. Normalerweise stellte eine Blockälteste einen Antrag auf eine Stubenälteste, und dann konnte sie sich diese auch aussuchen.«

Im Frühjahr 1943 zog Mieczysława Jarosz in einen anderen Block um. In Block 14 wurde sie ebenfalls Stubenälteste und Schreiberin und erhielt die Aufgabe, Häftlingslisten zu führen. »Täglich sind neue Transporte gekommen, und man musste die Liste elfmal schreiben, elfmal! Das war wirklich sehr viel Arbeit. Die Blockälteste war eine ›Asoziale‹, eine Analphabetin. Die konnte das nicht machen. Den ganzen Tag war ich beschäftigt, und in der Nacht fuhren Transporte in die Munitionsfabriken, und ich fertigte diese ganzen Transporte ab. Es gab immer mehr Durcheinander.«

Im September 1943 waren 14.100 weibliche Häftlinge in Ravensbrück registriert. Das ohnehin schon überfüllte Lager wurde täglich voller und für die Wachmannschaften immer unüberschaubarer. Speiziell die Funktionshäftlinge nutzten diese Situation, um ihren Einfluss auszuweiten. Die Rüstungsindustrie lief nach der Niederlage von Stalingrad auf Hochtouren, und neben den eintreffenden Transporten verließen täglich Häftlinge das Lager. Sie wurden zur Zwangsarbeit in die Rüstungsbetriebe geschickt.

Das Kinderkommando

Im Spätsommer 1944, nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands14, kamen weitere ca. 12.000 Polinnen ins Lager, darunter zahlreiche Kinder.

Mieczysława Jarosz wurde Blockälteste: »Dann entstand ein neuer Block, Nummer 20, und dahin holte mich die Binz15 als Blockälteste und ließ mich die Stubenälteste auswählen. Auf diesem Block hatte ich viele Kinder, polnische Kinder, die nach dem Warschauer Aufstand ins Lager gebracht wurden. Die meisten waren elternlos, manche hatten ihre Eltern unterwegs einfach verloren. Um die kümmerte ich mich. Aus Krakau kam Maria Brandys, die für sie sorgen sollte und eine Arbeitskolonne aus diesen Kindern bildete. Die Kinder gingen Tag für Tag, um Sachen zu ordnen, die beim Warschauer Aufstand geraubt worden waren. Ihre Arbeit bestand darin, diese Sachen zu sortieren und zu ordnen. Einmal wollten sie unbedingt, dass ich sehe, wo sie arbeiten. So ging ich mit Maria Brandys hinaus und sah dann hinter dem Lager, wie das aussah: All die Sachen lagen in Erdgruben, und es gab riesige Baracken. In diesen Baracken war alles schön geordnet. Das war ziemlich überraschend. Obwohl die Arbeit nicht schwer war, kamen die Kinder völlig erschöpft zum Block zurück. Dank der Fürsorge von Maria Brandys wurden sie eingekleidet und zusätzlich ernährt. Zwei Polinnen aus der Küche übergaben die zusätzliche Suppe für die Kinder aus der 20 an den Block. Leider erregte das Neid bei den anderen Frauen. Im Lager herrschte damals schrecklicher Hunger. Es kam zu Streitigkeiten und Drohungen, und den Kindern riss man die Suppennäpfe aus den Händen. Zum Schluss schloss ich die Kinder von der allgemeinen Verteilung aus, und wir stellten ihren Kessel auf die B-Seite des Blocks, wo Maria Brandys selbst die Suppe ausgab.«

Die Nummern der Toten

Es war Ende 1944. Hunger und Krankheiten nahmen bedrohliche Ausmaße an. Es herrschte unüberschaubares Chaos im Lager. Gleichzeitig häuften sich die Erschießungen und Todestransporte. Bedrohte Frauen, vor allem Jüdinnen, konnten oftmals gerettet werden, indem man sie in die Nebenlager der Rüstungsbetriebe schickte. Dort wurden sie als Arbeitskräfte gebraucht, und es gab meist keine Selektionen. Doch dazu mussten Transportlisten gefälscht und Nummern vertauscht werden. Lebende Häftlinge mussten die Nummern von gestorbenen erhalten. All dies konnte nur heimlich geschehen, die allgegenwärtigen Aufseherinnen und meist verräterischen Lagerpolizistinnen mussten umgangen werden. »An Spitzeln fehlte es im Lager nicht«, sagte Mieczysława Jarosz. Nur durch die Vernetzung der Funktionsträgerinnen in den Blocks, der Verwaltung und im Revier konnte dies erfolgreich sein. Sie erinnere sich an Nächte, in denen sie sich unter einem Vorwand von Block zu Block schlich, um beispielsweise die Mitarbeiterin der Schreibstube zu wecken und ihr die Namen und Nummern von bedrohten Frauen zu übergeben. »Am einfachsten ließen sich solche Sachen gegen Ende durchführen, 1945, als die evakuierten Frauen aus Auschwitz kamen. Es waren ca. 10.000. Damals gingen viele Transporte ab, und ich rettete etliche Frauen, vor allem die, die medizinische Experimente hinter sich hatten, die ich den Transporten der Auschwitzgefangenen anschloss. So gingen sie in andere Lager. Auch eine Kollegin von mir wurde auf die Weise gerettet. Heute spricht man ganz leicht davon, aber das alles zu erleben kostete unwahrscheinlich viel Nerven.«

»Der letzte Brief meiner toten Tochter«

Marta Baranowska hatte bei ihrer Verhaftung drei kleine Kinder zurückgelassen. Einmal im Monat konnte sie einen Brief nach Hause schreiben und einen empfangen. So wusste sie, dass ihre Kinder in guter Obhut ihres Mannes und der Lehrerin Wanda Hoffmann waren. Es gelang ihr sogar, mit Hilfe einer Deutschen, die entlassen wurde, den Kindern kleine Geschenke aus dem Lager zu schicken. »Und ich schickte ihnen ein Büchlein mit Kinderballaden, das mir eine Tschechin sehr schön gestochen hat. Das hat sie mitgenommen, und zwei Pullover für die Buben. Das ist am Heiligabend zu Hause angekommen.«

Eines Tages erlebte sie eine seltsame Wandlung unter den Polinnen. »Plötzlich sehe ich alles ringsherum ganz anders, um mich ist eine Stimmung voller Güte, voller Liebe, voller Achtung. Ich wusste, es ist etwas geschehen, und dann erfuhr ich, dass meine Tochter nicht mehr lebte. Die Polinnen im Block waren benachrichtigt worden, dass das Kind tot ist, aber man sollte mir noch nichts sagen. Ich erfuhr es erst im Juni.«

Marta Baranowskas Tochter war im März 1942 an einer Hirnhautentzündung gestorben. Damals gab es keine Medikamente, und man stand der Epidemie hilflos gegenüber. »Natürlich ist man gebrochen, aber ich war eine Stütze für alle Polinnen. Ich musste bei ihnen bleiben, ich musste ihnen helfen, dazu fühlte ich mich verpflichtet. Aber der Tod meiner Tochter, der plötzliche Tod … Mein Mann, dieser hoch gewachsene schöne Mann, der ist über Nacht grau geworden.«

Obwohl es verboten war, im Lager persönliche Gegenstände aufzubewahren, war es Marta Baranowska gelungen, den letzten Brief ihrer zehnjährigen Tochter zu verstecken. »Plötzlich kommt die Vertreterin der Oberaufseherin und machte eine Durchsuchung im Lager. Jeder Schrank wurde untersucht, und ich notierte, was darin ist. Je näher ich zu meinem Schrank kam, desto kräftiger wurde meine Schrift. Dann kommt sie an meinen Schrank und fragt: ›Was ist das?‹ ›Das ist der letzte Brief meiner toten Tochter, die 1942, als ich im Lager war, gestorben ist.‹ Sie hat kein Wort gesagt. Hat mir alles gelassen.«

Im Winter 1944 gelang es ihrem Mann, ein Foto der beiden Söhne – verborgen in einem Stück Gebäck – ins Lager zu schmuggeln. »Das war schon 1944, wo schon so viele Jahre vergangen waren. Die Buben standen vor einem Unterbau mit Ziegelsteinen. Also habe ich die Außenarbeiter gebeten, sie sollten mir einen Ziegelstein abmessen, und so wusste ich, um wie viel sie gewachsen sind während der vier Jahre.«

»Ich wusste, wie man betrügt, wie man hilft«

MIECZYSŁAWA JAROSZ: »Der Appell musste vorbereitet werden, die Blockstärke war wichtig. Die Kranken musste man absondern, die dann von den Stubenältesten aufs Revier gebracht wurden. Das Brot, das in die Brotkammer kam, war zu kontrollieren, das Essen musste geholt werden. Die ganze Arbeit musste koordiniert werden. Von meinem Block gab es noch manchmal Transporte, das machte ich schon alleine. Aber ich hatte eine Schreiberin, die schrieb all die notwendigen Sachen ab. Wenn Neue kamen, musste man aus der Gerätekammer jeder eine Schüssel und eine Decke herausgeben. Das musste man gekonnt erledigen, denn die Transporte waren unterschiedlich. Es gab Frauen, die diese sehr dünnen Decken zerrissen, um sich darin einzuwickeln. Dann konnte ich die Decken nicht mehr abrechnen. Also musste ich das in der Effektenkammer erledigen, wo man die Decken verteilte. Dort war auch eine Polin, die mir immer das, was fehlte, dazulegte. In einer solchen Situation waren die Menschen ja nicht immer gehorsam. Viele verstanden nicht, dass sie das nicht tun sollten, dass sie sich selbst und den anderen schadeten. Ich war immer ein Nervenbündel. Oft stürmten die SS-Männer herein, mit Geschrei, mit Lärm, mit Vorwürfen, und dass sie die Gefangenen für diese oder für jene Arbeit brauchten. Es war sehr schwer, das alles miteinander in Einklang zu bringen. Nun, ich kriegte es immer hin, irgendwie hatte ich für alles Antworten.«

Mieczysława Jarosz betonte, wie wichtig es war, die menschlichen Werte zu erhalten und die eigenen Schwächen zu überwinden. Sie selbst habe nur eine Schwäche im Lager zugelassen. »Ich pflegte jeden Tag eine Zigarette zu rauchen.« Die Zigaretten konnten von Kameradinnen ›organisiert‹ werden. Denn die Position der Blockältesten ermöglichte es durchaus, sich selbst Vorteile zu verschaffen. »Am Anfang konnte ich nichts machen. Ich musste die Situation erst einschätzen. Die Möglichkeiten kamen erst ab Mitte 1943, als ich wusste, wie man betrügt, wie man hilft. Das zu wissen war sehr wichtig. Zum Beispiel wurde das für den Block zugeteilte Brot ehrlich an alle verteilt. Man schnitt in der Brotkammer je eine Scheibe Brot ab – bei mir gab es das nicht. Ich wusste – ich sah es mit meinen eigenen Augen –, wie die Blockälteste in einem der Blocks ein Stück Margarine für sich abschnitt. Einmal die Woche gab es eine dünne Scheibe Margarine, sie hatte die Margarine bei sich auf einem Holzbrett, und dann schnitt sie von unten etwas ab und legte es in einen Behälter. Das Gleiche tat sie mit Marmelade. Einmal die Woche gab es einen Löffel Marmelade. Deshalb sagte ich, bei mir auf dem Block wird es so etwas nicht geben. Und es gab das nicht.«

Sie legte großen Wert darauf zu sagen, dass die polnischen Funktionshäftlinge ihre Privilegien in der Regel genutzt hätten, um anderen zu helfen. »Als ich die Situation im Lager überblickte, wie erschossen und wie auf dem Revier gemordet wurde – denn ich selbst sah auf dem Revier, wie eine Polin die Spritze ins Herz bekam –, da betete ich zu Gott, dass egal, was mit mir passiert, keiner aus der Familie verhaftet wird und in ein Lager kommt. Das war meine Bitte an Gott. Ich tat alles, um anderen zu helfen. Und es gelang wirklich des Öfteren sehr gut. Doch es waren doch so viele Tausende von Gefangenen. Also konnte von wirklicher Hilfe keine Rede sein.«

Die Blockältesten konnten sich im Lager frei bewegen. Marta Baranowska hatte dadurch die Möglichkeit, mit den Häftlingsärztinnen Kontakt aufzunehmen. Es entstand ein Netz von Verbindungen, das den Funktionshäftlingen ermöglichte, im Rahmen ihrer jeweiligen Tätigkeiten zu handeln. »Ich war der Verbindungsmann zu Doktor Zdenka Nedvědová aus Prag. Außerdem gab es Verbindungen zu den Österreicherinnen im Arbeitseinsatz und in der Schreibstube. Jetzt gab es zum Beispiel folgende Situation: Im Bunker wurden die Urteile vollstreckt, z.B. durch Schläge. Man bekam fünfundzwanzig, fünfzig oder fünfundsiebzig Schläge unter ärztlicher Obhut. Eine junge Polin hat sich dazu hergegeben. Das war vielleicht schlecht von mir, aber ich habe alles getan, um sie aus dem Lager rauszubekommen. Ich sagte also zu einer Deutschen, die bei mir auf dem Block war: ›Macht alles, damit sie wegkommt. Wir wollen sie nicht im Lager haben.‹ Dafür musste ich dann zu meinen Vertrauensmännern in der Schreibstube oder zum Arbeitseinsatz gehen. Sie kam dann nach Neubrandenburg. Dort hatten wir auch schon Nachricht gegeben: Vorsicht vor der Agnes! So hieß sie.«

Die Macht der Häftlinge wurde umso größer, je voller das Lager wurde. »Zum Schluss hatten wir schon fast ein besetztes Lager, denn alles konnten die SS-Leute ja nicht mehr bewachen. Wir hatten das Revier, die Küche, die SS-Küche, die Wäschekammer, alles war besetzt durch Häftlinge. Das waren unsere Verbündeten, und dadurch hatten wir es ein wenig leichter. Aber bessere Bedingungen hatten wir persönlich nicht. Wir teilten das Los aller Häftlinge. Wir waren ziemlich gut organisiert dank der Zusammenarbeit mit den Sozialdemokratinnen und den Kommunistinnen. Ich bin keine Kommunistin – wir hatten ja in Polen genug erlebt mit den Russen. Und obwohl sie das wussten, hatte ich sehr gute Kontakte mit den Kommunistinnen, sie hatten großes Vertrauen. So oft ich es brauchte, haben sie mir geholfen. Ich hatte überall meine Vertrauenspersonen.«

Die Klempnerkolonne

Mieczysława Jarosz’ Zeit als Blockälteste im Block 20 fiel in das letzte halbe Jahr im Lager, bis zur Befreiung im April 1945. Aus der jungen Frau, die 1942 mit einundzwanzig Jahren ins Lager gekommen war, die so viel Heimweh und Sehnsucht nach ihrer Mutter hatte, war innerhalb von zwei Jahren eine Strategin geworden. Immer noch verletzlich, doch mit großem Mut ging sie als Blockälteste erhebliche Risiken ein. Mir schien, als seien die Kraft und Weitsicht der Mutter, von denen ich durch Mieczysławas Schilderungen aus der Kindheit einen tiefen Eindruck bekommen hatte, auf sie übergegangen. Als wir uns am dritten Tag mit einem Blumenstrauß verabschiedeten, gab sie uns noch schriftliche Zeugnisse mit, in denen Erinnerungen enthalten seien, die sie vergessen habe zu erzählen. Eine Geschichte daraus – die über die Klempnerkolonne – möchte ich hier wiedergeben. »Im Oktober 1944 kam infolge eines Antrags, den ich bei der Hauptaufseherin stellte, vom benachbarten Männerlager eine Klempnerkolonne in den Block 20, geführt von Wachmann Walter. Am ersten Tag kam Walter in den Dienstraum und bat darum, etwas Suppe für die im Lager arbeitenden Männer zu organisieren. Drei Wochen lang wurden sie dann von Polinnen aus der Küche mit einem halben Kessel Suppe versorgt. Im Laufe dieser Zeit schmuggelten die Männer Informationen für Verwandte und Bekannte in unser Lager und holten Lebensmittel, vor allem Brot und warme Kleidung ab. Mit der Beschaffung und Übergabe von Proviant und Kleidung beschäftigten sich Hanna Burdówna16 und Maria Brandys. Trotz der Gewogenheit, die Walter den Häftlingen gegenüber zeigte, hielten wir die Übergaben der ergatterten Sachen vor ihm geheim. Ich bat ihn einfach, für diese Zeit in meinen Dienstraum zu kommen. Es war nicht einfach, irgendeine Beschäftigung für die Kolonne zu finden. Die zu erledigende Arbeit neigte sich dem Ende zu, aber jeder Tag war für die Männer wichtig. Jeder Tag bei uns verlängerte ihnen das Leben.«

Mieczysława Jarosz erzählte auch, dass es in dieser Zeit heimliche Beziehungen zwischen den Männern und einzelnen Frauen auf ihrem Block gab. Eine Entdeckung hätte zu harten Strafen geführt – auch für die verantwortliche Blockälteste. Ihr blieb nichts anderes übrig, als diese Beziehungen zu decken.

»Um sich für die Arbeit auf dem Block 20 zu bedanken, fertigten die Männer ein Dutzend dreieckiger Bretter, die, an den Zimmerecken befestigt, als Standfläche dienten. Zu den Arbeiten, die ich mir für die Klempnerkolonne ausgedacht hatte, gehörte unter anderem die Anbringung einer Ablage, die im WC der Blockaufseherin auf dicken Leisten befestigt werden sollte. Einige Monate später zählte sie zu den wertvollsten Arbeiten. Diese Ablage rettete nämlich gefährdete Frauen, die man während der Selektion für die Gaskammer auswählte. Sie diente als Stufe zum Dachboden über dem Dienstraum, wo ein Dutzend Frauen aus verschiedenen Blöcken während jeder Selektion ein Versteck und damit Rettung vor dem Tod fanden.«

Auch Zofia Ciszek, eines der polnischen Versuchsopfer, konnte durch dieses Versteck gerettet werden17.

Im Lager zwischen allen Lagern

Mieczysława Jarosz berichtete über ihre Schwierigkeiten, sich zwischen Aufseherinnen, SS und Häftlingen zu bewegen. Einerseits hatte sie für eine gewisse Ordnung im Block zu sorgen, andererseits wollte sie den Aufseherinnen keine Gelegenheit geben, die Häftlinge wegen irgendwelcher Kleinigkeiten zu bestrafen. So zwischen allen Stühlen stehend, wollte sie ihre Funktion als Blockälteste zeitweise aufgeben. »Es gab eine Zeit, wo ich genug hatte. Ich meldete mich zum Rapport. Anwesend waren der Lagerkommandant Bräuning18, die Oberaufseherin Gallinat und die Lagerälteste Scharinger19 aus Wien. Ich bat darum, dass man mich von der Funktion der Blockältesten entbindet, denn ich sei ungeeignet. Bräuning und diese Gallinat20 fragten mich, warum, und wo ich denn arbeiten wolle? Also sagte ich, auf Außenarbeit, egal wo. In diesem Moment schaute ich zur Scharinger hinüber, die gerade begann, mit Blicken mit Gallinat und dem Lagerführer zu kommunizieren. Sie sagte, sie würden es überlegen, und ich würde die Antwort auf dem Block mitgeteilt bekommen. Ich kehrte auf den Block zurück, und gleich darauf ist schon Scharinger im Dienstzimmer, und ich werde dorthin gerufen. Sie sagte: ›Was ist denn? Was willst du? Es arbeitet sich so gut mit dir, warum willst du denn weg?‹ ›Ich eigne mich nicht, ich bin zu nervös.‹ Die Scharinger sagte: ›Die werden dich von deiner Funktion niemals entbinden. Und da du gesagt hast, du würdest gern Außenarbeit machen, bist du jetzt fluchtverdächtig.‹«

Mieczysława Jarosz wurde nicht von ihrer Funktion entbunden. Doch ihr war noch etwas anderes klar geworden: Als Blockälteste, die überallhin Verbindungen hatte, wusste sie auch, auf welche Weise andere logen und betrogen. Die Lagerälteste hätte niemals ihre Absetzung unterstützt, weil sie fürchtete, Mieczysława Jarosz könnte als ›einfacher Häftling‹ auch ihre Geheimnisse verraten.

Ein Teppich im Block

Ab Mitte 1944 wurden Frauenhäftlinge aus Auschwitz nach Ravensbrück verlegt, insgesamt mehr als 20.000. Allein Ende Januar 1945 kamen ca. 7000 Frauen in Ravensbrück an. Längst waren alle Baracken hoffnungslos überbelegt, Ernährung und Hygiene nicht mehr gewährleistet, und die Ankommenden wurden in einem Zelt auf dem nackten Boden untergebracht. Der Block 20, in dem Mieczysława Jarosz als Blockälteste eingesetzt war, lag in der Nähe des Zeltes, und sie erinnerte sich an eine Situation, in der sich Angst und Komik mischten. »Die Oberaufseherin Binz kam hin und wieder bei mir im Block vorbei, um zu kontrollieren. Einmal brachten mir die Kinder einen Teppich. Ich komme in den Block zurück, und da liegt er in meinem Dienstzimmer. Ich war entsetzt! ›Was habt ihr euch denn gedacht?‹, sagte ich zu ihnen. ›Ach, halb so schlimm, wir nehmen ihn auch wieder zurück.‹ Damals waren bereits einige Tausend Menschen in dem Zelt. Die Binz ging hin, um zu schauen, wie es dort aussieht. Ich weiß nicht, wie es geschah, doch sie rutschte und fiel hin, d.h. sie beschmutzte sich mit den Exkrementen, die dort den Boden bedeckten. Da es in der Nähe meines Blocks war, kam sie zu mir, um sich zu säubern. Da sagte sie: ›Was hast du denn hier, einen Teppich?!‹ Ich sagte sofort: ›Ich kann ihn gleich zurückgeben.‹ ›Woher hast du ihn?‹ Also sagte ich ›organisiert‹, was sollte ich denn sonst sagen. Dann fing sie an zu lachen und sagte: ›Lass ihn‹, und so ließ ich ihn.«

Das Chaos im Lager wurde immer größer. Täglich kamen neue Transporte mit evakuierten Häftlingen aus den östlichen Gebieten. »In den Block 20 kamen über 2500 Frauen unterschiedlicher Nationalität aus Auschwitz. Sie hatten keinen Platz zum Schlafen und saßen zu sechst oder acht auf einer Pritsche. Die Bretter hielten das Gewicht nicht aus und brachen. Jeder Winkel in Tagesraum, Schlafraum und Durchgang war besetzt. Sie saßen nebeneinander, völlig zusammengesunken. Die Clevereren klauten die Decken, zerrissen sie und umwickelten damit erfrorene Körperteile. Für den Rest blieben zum Aufwärmen nur der Mief und der eigene Körper. Meine Bitte, sie sollten sich einen Platz in einem der anderen Blöcke suchen, half nicht. Bereits am ersten Tag scheiterten alle Versuche, irgendeine Ordnung einzuführen. Doch dann bemerkte ich, dass man die genaue Zahl der Frauen, die sich hier befanden, nicht bestimmen konnte, und fing an, fiktive Meldungen über die Zahl der Anwesenden des Blocks anzugeben. Die größten Missverständnisse gab es bei der Ausgabe von Brot und Suppe, die wir statt um 12 Uhr erst um 23 Uhr bekamen. Den Frühkaffee bekamen wir überhaupt nicht. Jedes Kilo Brot teilte man in zehn Portionen. Trotz der fiktiven Meldungen mangelte es an Brot und Suppe. Wieder kamen die Polinnen aus der Küche zu Hilfe und gaben uns ein paar Kessel Suppe mehr. Die aussichtslosen Verhältnisse auf dem Block änderten sich mit der Anordnung der Lagerführung, die ehemaligen Auschwitzgefangenen mit den nächsten Transporten nach Westen zu schicken. Schon mit dem ersten Transport gingen einige Hundert aus meinem Block weg. In den Meldungen aber hielt ich fast drei Wochen lang an der fiktiven Zahl der Anwesenden fest. Ich reduzierte sie nur allmählich. Das übrig gebliebene Brot nahmen abends Kameradinnen mit, um es in den anderen Blöcken zu verteilen.«

Die Tätowierung

Die aus Auschwitz evakuierten Häftlinge sollten in westlich gelegene Lager geschickt werden. Die Frauen aus Auschwitz waren tätowiert, in Ravensbrück trugen die Häftlinge aufgenähte Nummern. Mieczysława Jarosz hatte die Idee, dass man diejenigen, die man in die nach Westen weiterfahrenden Transporte schmuggelte, tätowieren müsste. »Eine Polin wurde von der Jüdin Edyta aus Ungarn tätowiert, aber ich organisierte alles und versprach ihr, dass sie dann auch weggeschickt wird. Das war Anfang 1945. Wir, alle Blockältesten, bekamen die Nachricht aus der Schreibstube, dass sich Marta Birek und Wieczorek melden sollten, dass wir sie ›nach vorne‹ bringen sollten. Da wussten wir bereits, das sie erschossen werden sollten, denn Marta hatte das Todesurteil aus Warschau. Marta versteckte sich, immerzu übernachtete sie woanders. Ich wollte ihr helfen. Ich hatte die Idee, ihr eine Tätowierung zu machen, um sie dann in einem Transport mit den Gefangenen aus Auschwitz wegzuschicken. Ich lief zu Marta Baranowska, denn sie wusste immer, wo sich die Birek versteckte. Ich sagte ihr, dass ich eine Idee habe, Marta zu retten. Die Baranowska hatte auch Angst. Ich sagte aber, dass ich die Verantwortung übernehmen werde. Ich kehrte zurück auf den Block. Dann überlegte ich, dass ich auf meinem Block Frauen aus Auschwitz habe, und eine von denen wird sicher tätowieren können. Von der B-Seite kam eine Jüdin. Wie es sich herausstellte, war das Edyta aus Ungarn. Ich fragte sie, ob sie tätowieren könne, und sie sagte, ja. Ich nahm sie in das Dienstzimmer und sagte: ›Ich habe eine Kollegin, die gerettet werden muss. Sie werden sie tätowieren, was brauchen Sie?‹ Sie sagte mir, was ich besorgen musste: Tusche, irgendwelche Holzstäbchen, eine Rasierklinge usw. Ich lief zu Marta, sie besorgte die Tusche von der Schreibstube. Ich organisierte die anderen Dinge. Marta Baranowska brachte dann am Nachmittag Marta Birek zu mir, ich hielt Wache, und Edyta tätowierte sie. Als sie fertig war, selbstverständlich war es eine ausgedachte Nummer, kam eine andere Stubenälteste, zu der ich sagte: ›Holen Sie eine, egal welche, von den »Kaninchen«, denn ich kann sie retten, durch Tätowierung.‹ Sie holte zwei, eine kannte sie, die andere nicht. Und dann wurden auch sie tätowiert. Aber Edyta war sehr aufgeregt, denn sollte das auffliegen, hätte es im Lager eine Schauexekution gegeben, man hätte sie vor den Augen aller gehängt. Und so nahm ich am nächsten Tag Marta Birek in einen Transport auf, und am Nachmittag schickte ich Edyta gleich mit dem nächsten Transport weg. Sie weinte vor Freude und dass sie eine andere gerettet hatte, indem sie sie tätowierte.«

»Schneller! Schneller! Nicht umdrehen!«

MIECZYSŁAWA JAROSZ: »Die letzten Tage waren schrecklich, denn aus dem Männerlager kamen Nachrichten, dass das Lager vermint sei und alles in die Luft gehen würde. Indessen gab es Transporte des Roten Kreuzes nach Schweden. Ich hätte mich zwar alleine einem dieser Transporte anschließen können, aber ich hatte noch viele andere Kolleginnen und Freundinnen, die ich nicht hätte mitnehmen können, denen gegenüber fühlte ich mich verpflichtet. Also blieb ich im Lager. Ich kam auf Block 1, das war der Küchenblock. Normalerweise wurde keiner dort reingelassen, aber mich ließ man rein.«

Blockälteste im Block 1 war zu diesem Zeitpunkt Marta Baranowska. »In der Nacht wurden die Frauen von SS-Männern zur Evakuierung aus den Blocks getrieben. Ich wusste nicht, dass es die letzte Nacht sein würde, und übernachtete zusammen mit meinen Kolleginnen. Morgens war auch für uns die Evakuierung. Ich stand in der letzten Reihe, als die Pakete vom Roten Kreuz verteilt wurden. Wir gingen raus. Auf einem Findling stand eine SS-Frau, eine Aufseherin, und schrie auf Deutsch: ›Schneller! Schneller! Nicht umdrehen, damit ihr nicht wieder hierhin kommt!‹ So kamen wir raus. Wir gingen vielleicht fünfzehn Kilometer, trafen auf der einen Seite auf deutsche Soldaten, auf der anderen Seite auf Kriegsgefangene. In den Straßengräbern lagen lauter Frauen, alle ermordet. Meine Wahrnehmung verschob sich, und ich sah in meiner Reihe diese SS-Frau mitgehen, die noch geschrien hatte, dass alle Polinnen an den Kiefern hängen würden. Sie fuhren ständig hin und her, auch die Binz, doch mit mir hatte sie nichts mehr zu tun. Die SS-Männer schrien ständig, denn sie wussten wohl, dass die Front herannahte – was wir nicht wussten.«

MARTA BARANOWSKA: »Wir waren 500 Frauen, die als Letzte aus dem Lager gingen. Es blieben nur die Kranken zurück. Wir wurden unter Bewachung westwärts getrieben. Abends sollten wir in einem Wald übernachten, und plötzlich sehen wir eine meterhohe Feuerwand auf den Wald stürzen. Dann hat man uns noch weiter westwärts an einen See getrieben. Da sagten wir dem guten Mann, unserer Bewachung: ›Haut doch ab, Kinder. Der Krieg ist zu Ende. Wir werden weiterwandern.‹ Nein, er muss, er hat den Befehl, er muss uns bis Neustadt-Glewe bringen. So sind wir nach Neustadt-Glewe gewandert. Von dort war schon Verbindung mit den Alliierten, die an der Elbe standen. Wir sind zu Fuß von Ravensbrück bis Neustadt-Glewe gegangen und von dort wieder zurück bis Posen. Dort hat man uns eine Bahnkarte und ein paar Złoty gegeben. Meine Gruppe, in der auch meine Schwester war, ist in den Zug gestiegen, der ostwärts fuhr. Es waren über tausend Kilometer, die wir gemacht haben, und wir sind mehr als drei Wochen gewandert. Aber wir haben’s geschafft. Es war eine so wilde Zeit. Einige haben sie vergewaltigt, aber wir sind heil durchgekommen.«

»Du hast mich doch vor dem Vergasen gerettet«

Mieczysława Jarosz floh mit zwei Polinnen und einer Slowakin vom Todesmarsch. »Ich dachte: Mein Gott, ich bin frei, und in diesem Augenblick sehen wir zwei SS-Männer von der anderen Seite kommen. Die waren auch weggelaufen und hielten jetzt ihre Gewehre auf uns. Ich war entsetzt: Was denkt ihr euch denn?! Ich saß so viele Jahre im Lager, und jetzt, wo ich frei bin, soll ich zu der Kolonne zurück? Nie im Leben! In diesem Moment gab es eine riesige Explosion. Eine große Feuerkugel über uns, und die beiden SS-Männer sagten, die Munitionsfabrik sei in die Luft geflogen. Und auf einmal sprangen sie auf und flohen. Also flohen wir auch. Der Wald war voller Menschen – Kinder und Kühe waren auch dabei, lauter Zivilbevölkerung, Deutsche selbstverständlich. Und wir. Unterwegs sehe ich einen Mann, einen SS-Mann vom Exekutionskommando, der unsere Mädchen erschoss, und er war Begleitung von zwei Österreicherinnen. Sie erkannten uns nicht gleich – die eine hatte mir mal Schuhe organisiert –, und wir gingen mit ihnen zusammen weiter. Wir kamen in ein Dorf. Eine Deutsche machte uns die Tür auf, und ich fragte, ob wir in ihrem Schuppen übernachten könnten. Nein, meinte sie, denn sie wären bereits dreizehn Personen, darunter eine Russin, und wenn die Russen kommen, wird sie sie schützen. Wir sollten weitergehen, am Wald gäbe es noch ein Haus, und dort können wir bleiben. Also gingen wir dort hin. Die Nacht schliefen wir durch, aber die ganze Zeit bewegte sich die Erde vor Explosionen. Der SS-Mann zog sich zivile Kleidung an. Wir warfen seinen Rucksack und die Waffe dort in den Keller, und ich ging in die Küche zur Wasserpumpe und sah vom Wald her irgendwelche Menschen kommen. Ich rief eine Kollegin, die gleich erkannte, dass es Russen waren. Gleich darauf waren sie da, mit ihren spitzen Bajonetten. Dann wollten sie uns aus dem Haus werfen, denn dort sollte der Stab eingerichtet werden. Da sagte meine Kollegin, die Slowakin, das ginge auf keinen Fall, und fing an, sich mit ihnen zu unterhalten. Auf Russisch, denn sie konnte es perfekt, sie war ja Kommunistin, und sie ließen uns oben ein Zimmer. Meine Kollegin blieb unten und unterhielt sich weiter mit dem Oberst. Doch dann kamen sie. Der eine Russe wollte uns töten, denn diese Frau aus dem anderen Haus hatte ihm gesagt, da wären gestern vier Frauen mit einem SS-Mann zusammen vorbeigegangen und hätten hier übernachtet. Dann fanden sie die Waffe. Die Slowakin rettete uns. Sie sagte, er wäre ein ehemaliger Gefangener und er hätte uns gerettet, und sie ließen ihn gehen. Am nächsten Tag gingen wir weiter. Unterwegs sahen wir viele Polen fahren, auf Fuhrwerken voller Sachen. Ich sage: ›Nehmt uns mit, damit wir geschützt sind vor dem Militär.‹ Denn wir wussten schon, was diese Russen tun. Keiner wollte uns mitnehmen. Man verlangte eine Bescheinigung vom Kommandanten. Daher gingen wir nach Altstrelitz. Viele Häuser waren in Brand gesteckt. Wir fragten nach der Kommandantur, sie zeigten sie uns, und wir gingen rein. Eine Menge Menschen saßen da, darunter ein junges Mädchen. Auf Polnisch sagte ich, wir seien aus dem Lager, und zu unserem Schutz bräuchten wir eine Bescheinigung vom Kommandanten. Er fragte, wie viele wir seien. Ich sagte, dass wir sieben Personen sind, und ging raus, um sie zu holen. Dann gingen wir hinein, und plötzlich erhoben sich alle von ihren Plätzen. Ich schaute mich um und fragte, was denn los sei. Und dieses Mädchen sagt: ›Mietka, erkennst du mich denn nicht? Du hast mich doch vor dem Vergasen gerettet!‹ Das war eine Jüdin, eine Slowakin. Sie war erst sechzehn. Ich wusste es nicht, denn wenn ich jemanden aus der Kolonne rausholte, schaute ich nicht genau hin, wen ich herausholte. Es stellte sich heraus, dass sie – als ich wegging, um die Kolleginnen zu holen – den Russen erzählt hatte, dass ich sie gerettet hatte. Sofort fand sich für uns Essen und alles, was wir brauchten, selbst Fahrräder. Woher sie die organisiert hatten, weiß ich nicht. Dann ging unser Leidensweg weiter.«

»Ich war zu Hause, und das war ihre größte Freude«

Natürlich war das Wiedersehen mit den Kindern Marta Baranowskas größtes Glück. »Ich kam nach Hause, und es hat für die Kinder keinen Vater und keine Wanda mehr gegeben, es war nur noch die Mutter. Obwohl meine Kinder Deutsch gelernt hatten, kam kein deutsches Wort mehr aus dem Munde des Kleinen. Er war damals schon sieben Jahre alt. Es tat mir Leid, denn der Vater und die Wanda, die sind zurückgestellt worden. Ich war zu Hause, und das war ihre größte Freude. Mein Jüngerer, der Michael, hat die Mutter am meisten vermisst. Er war so ein Schmusekind und hat sich immer angeschmiegt. Er brauchte die Wärme.«

Die Familie bekam eine Wohnung zugeteilt. Doch zwei Wochen später wurden sie aufgefordert, sie wieder zu räumen. »Ich hatte eine kranke Frau aus dem Lager mitgebracht. Ich hatte die Lehrerin, die bei meinen Kindern war, und sagte, wir könnten teilweise die Wohnung räumen. Nein, sie wollten das ganze Haus. Also haben sie uns auf die Straße gesetzt. Mein Mann ging ins Büro und sagte: ›Ich kann nicht arbeiten, meine Familie sitzt auf der Straße.‹ Da sagte sein Chef: ›Dann müssen wir ein Zimmer räumen.‹ Mein Mann sagte: ›Aber da ist eine Kranke, zwei fremde Frauen, die Lehrerin und die Kranke aus dem Lager …‹ Da sagte der Chef: ›Dann räumt das zweite Zimmer und das Archiv.‹ So wohnten wir. Es dauerte nicht lange, dann hatten wir Kontakt zu dem Chef der Genossenschaft, zu der wir vor dem Kriege auch schon gehörten. Er sagte: ›Morgen verlässt eine Familie eine Wohnung. Stellt euren Wagen davor und zieht ein. Das Offizielle werden wir später erledigen.‹ So sind wir hier in diese Wohnung eingezogen und wohnen hier schon über fünfzig Jahre. Wanda, die vier Jahre lang bei meinen Kindern geblieben war, hat dann eine andere Wohnung bekommen, und ich habe sie betreut bis zum Tod.«

Marta Baranowska arbeitete wieder als Sekretärin und führte einige Jahre lang eine große Kanzlei mit drei Anwälten und einem Notar. »Mit meinem Mann war es von der ersten Minute an, als wenn ich überhaupt nicht weggewesen wäre. Wir hatten eine gute Ehe und schöne Kinder, gesunde Kinder. Mein Mann ist 1987 im 91. Lebensjahr gestorben.«

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
02 października 2024
Objętość:
583 str. 39 ilustracji
ISBN:
9783956140198
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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