Czytaj książkę: «Eva sieht rot»

Czcionka:

Liza Cody

Eva sieht rot

Die Eva-Wylie-Trilogie

Band 2

Aus dem Englischen

von Regina Rawlinson

Ariadne Kriminalroman 1203

Argument Verlag

Inhalt

Cover

Titel

1

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5

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Impressum

1

Ich wollte bloß ein paar Bananen kaufen. Ich war auf dem Weg zum Laden, als ich eine Horde Blagen sah, die irgendwas umkreisten und dabei wie die Hyänen heulten. Sie johlten:

Dawn, die dreckige Nutte,

stinkt wie ’ne siffige Kutte.

Pennt mit jedem Freier,

geht jedem auf die Eier,

ihr Schlüpfer liegt im Dreck,

und ihr BH ist weg.

Dawn bedeutet Ärger. Sie ist total im Eimer und ein Klotz am Bein. Sie säuft wie ein Loch. Ich ging auf die andere Straßenseite. Wenn sie mich entdeckte, würde sie bloß erwarten, dass ich ihr die Blagen vom Hals schaffte und sie in einer Schubkarre nach Hause brachte. Also verdrückte ich mich lieber in Hanifs Laden.

Ich ließ mir Zeit hinter den Regalen. Wenn ich schön langsam machte, würde Dawn sich von selbst wieder berappeln und ohne meine Hilfe nach Hause wackeln. Anderen zu helfen endet immer in Tränen. Und Besoffenen zu helfen ist die reinste Zeitverschwendung. Besoffene sind nicht dankbar, sie bezahlen ihre Schulden nicht, und sie haben ein Gedächtnis wie ein Sieb. Wozu sollst du nett zu einem sein, der hinterher sowieso nicht mehr weiß, wie nett du warst? Kannst du mir das vielleicht verraten? Es hat bloß Sinn, einem anderen einen Gefallen zu tun, wenn der sich später auch daran erinnert und dir seinerseits einen Gefallen tut.

Außerdem sind sogar gereizte Wespen friedlicher als die Kids in diesem Teil Londons. Lass dir einen guten Rat geben – wenn du deine Ruhe haben willst, leg dich nie mit mehreren Jugendlichen auf einmal an. Ich war selbst mal jung, deshalb weiß ich, wie schlimm Blagen sein können, wenn sie in der Überzahl sind. Für ein Rudel gelten die normalen Regeln nicht, und jeder kleine Hosenscheißer, der alleine keiner Fliege ein Bein ausreißen könnte, wird in der Gruppe zu Conan dem Barbaren. Wenn ich’s mir recht überlege, gilt das für Erwachsene genauso.

Ich kenne mich mit Menschenmengen aus. Darin bin ich Expertin, weil ich Catcherin bin.

Ganz recht. Ich, Eva Wylie, die Londoner Killerqueen. Vielleicht hast du schon von mir gehört, wenn nicht, ist es auch egal. Auf jeden Fall mache ich mir allmählich einen Namen als der fieseste und härteste weibliche Bösewicht im Ring. Also erzähl mir nichts von Menschenmengen. Halt lieber die Klappe und stell die Lauscher auf. Du glaubst, ein paar Leute auf einem Haufen ergeben eine Menschenmenge? Das stimmt nicht, und das kannst du an jedem Publikum sehen. Ein Publikum ist nicht einfach bloß ein Haufen Leute. Es ist ein Tier. Ein brüllendes Tier. Man kann es streicheln, bis es Ruhe gibt. Man kann es reizen. Man kann es triezen und aufstacheln. Es kann friedlich sein, aber meistens ist es grausam. Leute, die sich niemals trauen würden, mich zu kritisieren, wenn sie mir auf der Straße Auge in Auge gegenüberstünden, schmeißen mir die ungeheuerlichsten Beleidigungen an den Kopf, wenn sie wissen, dass sie jederzeit in der Menge untertauchen können.

Das ist mir egal. Das stecke ich weg. Dafür werde ich bezahlt. Aber ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich mich mit einer Horde bösartiger, versauter Kids anlege. Außerdem bin ich Dawn nichts schuldig. Im Gegenteil.

Ich bin früher ab und zu mit Dawns kleiner Schwester Crystal rumgezogen, als wir beide noch Platte gemacht und an denselben Plätzen geschnorrt haben. Das war, bevor ich auf die Füße fiel, als ich noch auf der Straße lebte. Und bevor sich für Crystal das Blatt wendete und sie ihren Marktstand kriegte. Damals machte Dawn das dicke Geld, und Crystal und ich mussten Kohldampf schieben.

Die Geschichte war folgende. Eines Nachts, es war so bitterkalt, dass dir deine körperlichen Ausdünstungen in der Jacke gefroren und die Frostbeulen aufbrachen, hatten Crystal und ich uns in einem Abrisshaus in Hammersmith einen Schlafplatz gesichert. Wir hatten es uns gerade gemütlich gemacht, als wir von einer Truppe Uralthippies samt Hunden aufgescheucht wurden. Acht Hippies und drei Köter.

Gegen ein paar Gruftis hätte ich bestimmt was ausrichten können, ich war nämlich damals schon ziemlich kräftig. Aber gleich gegen acht! Und drei Hunde. Heute wäre es ein Klacks für mich, sie wüssten nicht, wie ihnen geschieht. Aber damals hatte ich mein volles Potenzial noch nicht realisiert. Außerdem war Crystal ein ziemlicher Wicht – Dreikäsehoch wäre noch übertrieben. Und wir hatten kein Abendessen organisieren können, wir waren also nicht gerade in Topform.

Jedenfalls haben uns die Gruftis rausgeschmissen, und wir saßen wieder auf der Straße und wussten nicht, wohin. Da sagt Crystal: »Los, wir gehen nach Paddington, vielleicht lässt uns meine Schwester bei sich auf dem Fußboden schlafen.«

Ich war total geplättet. Ich wusste gar nicht, dass sie eine Schwester hatte. Und während wir durch die leeren Straßen nach Paddington latschten, fragte ich mich, wieso Crystal Platte machen muss, wenn ihre Schwester was zum Wohnen hatte.

Das fand ich heraus, als wir ankamen.

»Verpiss dich, Crystal«, sagte Dawn. Das war das Erste, was sie von sich gab, als sie die Tür aufmachte. Hinter ihr sah ich ein warmes Zimmer, ganz in Rosa. Aber Dawn versperrte uns den Weg. »Wenn du glaubst, ich lass dich rein, bist du schief gewickelt«, sagte sie. »Du stinkst wie eine Müllkippe, und was ist das für eine Type, die du da angeschleppt hast? Die Zwillingsschwester vom Incredible Hulk?«

»Das ist Eva«, sagte Crystal.

»Die kann auch abschieben«, sagte Dawn. Sie war in voller Kriegsbemalung, rosa Backen und schwarz umrandete Augen um drei Uhr morgens. Das konnte meiner Meinung nach nur eines bedeuten. Und ich hatte recht.

»Ihr kostet mich Geld, wenn ihr vor meiner Tür rumsteht«, sagte Dawn. »Das ist hier schließlich keine Absteige.«

»Nur zum Aufwärmen, Dawn«, sagte Crystal. »Wir bleiben auch nicht lange. Es ist arschkalt draußen.«

Ich fand es furchtbar, sie so betteln zu sehen. Sie war zwar nur ein Furz im Wind, aber sie hatte was auf dem Kasten.

»Was du unter aufwärmen verstehst, kenne ich«, sagte Dawn. »Als du das letzte Mal hier warst, habe ich mich anschließend tagelang gekratzt. Ich musste mein Bett mit Flohspray einsprühen. Zieht Leine.« Und sie knallte uns die Tür vor der Nase zu, aber da hatte ich schon längst den Riesenkasten Pralinen auf ihrem Bett gesehen und die Comichefte und die heizbaren Lockenwickler. Alles, was eine Nutte braucht, um sich zwischen zwei Nummern die Zeit zu vertreiben.

Und dann standen wir wieder draußen, in der Affenkälte.

»Reizende Familie«, sagte ich. Meine Schwester hätte uns nämlich nicht rausgeschmissen. Wenn ich bloß gewusst hätte, wo sie war. Meine Schwester hätte uns einen Tee gekocht und uns auf ihrem Bett ein Nickerchen machen lassen. Sie hätte uns eine ganze Handvoll Pralinen gegeben und ein heißes Bad eingelassen.

»Wo steckt denn deine tolle Schwester?«, sagte Crystal. Sie konnte ziemlich gehässig sein, wenn sie Kohldampf hatte. Sie wusste nämlich genau, dass ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich suchte nach ihr, aber ich fand sie nicht.

So habe ich Dawn damals kennengelernt, und ich habe es bis heute nicht vergessen. Vergeben und vergessen ist nur was für Leute, die es sich leisten können. Nicht für mich. Ich kann bis in alle Ewigkeit nachtragend sein, wenn ich Lust dazu habe.

Aber es lohnte sich nicht, Dawn etwas krummzunehmen. Sie schadete sich selbst am meisten. Sie hatte keine Traute. Den ganzen Mumm in der Familie hatte Crystal abgekriegt. Jetzt hat Crystal ein Zimmer und einen Trödelstand auf dem Mandala Street Market, und Dawn steht an der Straßenecke und steigt zu irgendwelchen Freiern ins Auto. Und alles, was sie verdient, versäuft sie im Pub. Kann man noch blöder sein?

Sie ist bloß hierher gezogen, auf die Südseite vom Fluss, damit sie Crystal leichter anpumpen kann. Früher hatte sie einen Beschützer, aber mit ihm lief es so wie mit allen Kerlen, wenn sie mit einer Frau fertig sind. Mit ihm ging es steil bergauf. Und mit Dawn lief es so wie mit allen feigen Frauen, die keinen Beschützer haben. Mit ihr ging es rapide bergab.

So läuft es immer, wenn man von anderen abhängig ist. Glaub mir. Auf dieser Welt darfst du dich nur auf dich selber verlassen. So hat Crystal es gemacht, so habe ich es gemacht. Und wir haben es geschafft.

Ich bezahlte meine Bananen und ging. Dawn war immer noch da. Die Kids hatten sie umgerempelt, und ein Junge versuchte ihr mit einem Stock den Rock hochzuschieben.

»Dawn ist eine Nutte, Dawn ist eine Nutte«, johlten sie. »Die kann jeder kriegen, im Stehen und im Liegen.«

Ich wollte mich gerade umdrehen und nach Hause gehen, als plötzlich Crystal wie von der Tarantel gestochen über die Straße gerast kam. Sie schnappte sich den Stock und drosch um sich wie ein mordlustiger Gartenzwerg. Sie ist selber nicht viel größer als eine Zehnjährige, aber sie hatte Dawn die Meute im Handumdrehen vom Hals geschafft. Sie sah so komisch aus, dass ich mich fast totgelacht hätte.

Großer Fehler. Sie entdeckte mich.

»Eva!«, schrie sie. »Pack mal mit an.«

»Du kannst mich mal!«, schrie ich zurück. »Ich hab zu arbeiten.«

Aber dann zeigte ein Jüngelchen mit dem Finger auf mich und sagte zu seinen Kumpeln: »Ist das nicht das Kampfschwein?«

»Kampfschwein« ist noch eine der netteren Beleidigungen, die ich bei einem Kampf zu hören kriege. Und weil ich geschmeichelt war, dass mich der Wicht erkannt hatte, marschierte ich ganz lässig rüber. Unterwegs zog ich mir die Jacke aus, damit alle meine muskulösen Arme sehen konnten. Ich bin sehr stolz auf meine Arme. Da steckt jede Menge harte Arbeit drin. Auf meinen Bauch bin ich nicht so stolz, aber den wollte ich auch schließlich keinem zeigen. Jedenfalls nicht mitten auf der Straße. Und schon gar nicht, ohne dafür bezahlt zu werden.

»Pack mal mit an«, sagte Crystal noch einmal.

»Bist du echt das Kampfschwein?«, fragte einer der Jungen.

»Was dachtest du denn?«, sagte ich. »Aber hüte deine Zunge, sonst muss ich es dir beweisen.«

»Mein Dad sagt, Catchen ist bloß Schau.«

»Ja?«, sagte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. Der Bursche war beeindruckt. Er machte zwei Schritte zurück. Ich war stolz wie Oskar. Letztes Jahr um diese Zeit kannte mich kein Mensch, jetzt werde ich auf der Straße angesprochen. Das zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

»Mein Dad sagt, wenn es hart auf hart kommt, sind Catcher nicht zu gebrauchen. Wenn es echt zur Sache geht.«

»Pass auf«, sagte ich. »Du gibst mir jetzt den Namen und die Adresse von deinem Dad, falls du sie überhaupt weißt, und dann wollen wir mal sehen, was er sagt, wenn ich dich durch seinen Briefschlitz schiebe.«

Crystal sagte: »Gib nicht so an, hilf mir lieber.«

Sie hatte Dawn hingesetzt und ein bisschen an ihr herumgewischt, aber um sie auf die Beine zu stellen, hätte sie eine Motorwinde gebraucht. Sie hatte überhaupt keine Knochen mehr in den Beinen. Ich hatte meine Ma schon in derselben Verfassung gesehen, und ich weiß, da hilft nur eins: der gute alte Feuerwehrmanngriff. Und den wandte ich dann auch an. Nicht Dawn zuliebe, bestimmt nicht. Von mir aus hätte sie auf der Straße verrotten können. Aber Crystal und ich hatten einiges zusammen durchgemacht. Wir sind nicht gerade ein Herz und eine Seele, das waren wir eigentlich nie, aber wir haben ein-, zweimal im selben Boot gesessen, und obwohl sie mir nie einen Gefallen getan hat, hat sie mir auch nie geschadet. Engere Freunde habe ich nicht.

Crystals Zimmer sah fast so chaotisch aus wie ihr Trödelstand. Möbel gab es keine; es war eher ein Lagerraum mit einer Matratze in der Mitte. Wir packten Dawn ins Bett, damit sie sich auspennen konnte, dann ging Crystal wieder auf den Markt und ich zurück zum Schrottplatz.

Da wohne ich nämlich – auf einem Schrottplatz. Und wenn dir das komisch vorkommt, überleg doch mal, ob du vielleicht auch fürs Wohnen bezahlt wirst. Wenn du aber einen Hauswirt oder eine Hypothek am Hals hast, brauchst du über mich nicht zu lachen. Ich wohne umsonst. Das gehört zum Job. Das ist nämlich der andere Job, den ich neben dem Catchen noch habe, ich bewache nachts den Schrottplatz. Wenn du also auf Ersatzteile oder Werkzeuge scharf bist und nicht dafür bezahlen willst, musst du zuerst an mir und meinen Hunden vorbei. Einfach ist das nicht, das kannst du mir glauben. An Ramses, Lineker und mir ist noch so gut wie keiner vorbeigekommen. Wir mögen vielleicht nicht die Schönsten sein, aber dafür haben wir mächtig was auf dem Kasten; wir können kämpfen und Krach schlagen.

Als die Arbeiter nach Hause gegangen waren, machte ich den Laden dicht, wie jeden Abend. Ich ließ die Hunde raus, und wir machten unseren Rundgang auf dem Gelände. Eigentlich muss ich die ganze Nacht aufpassen, aber manchmal habe ich noch andere Sachen zu erledigen. Kommt immer darauf an, wer besser zahlt. Aber solange ich rechtzeitig zurück bin, um die Hunde zu füttern und das Tor aufzuschließen, braucht davon keiner was zu erfahren.

Heute Abend hatte ich eine Verabredung mit der Feindin. Sie hält sich für wahnsinnig clever und cool und lauert bloß darauf, mich eines Tages zu schnappen. Wobei sie mich schnappen will? Solche Leute gibt es eben, und sie haben alle irgendwas mit der Polizei zu tun.

Du hast’s erfasst, die Feindin ist eine Bullentante. Sie sagt zwar, sie ist nicht mehr bei der Truppe, aber ich sage, einmal Bulle, immer Bulle. Das bleibt kleben wie Scheiße an den Schuhen.

Auf dem Schild an ihrer Bürotür steht »Lee – Schiller«. Lee ist die Feindin, Schiller ihr Partner. Er ist ein alter Krauter, die Sekretärin ist eine alte Schreckschraube. Die Feindin hat ein richtiges Altenzentrum aufgemacht. Deshalb braucht sie mich. Ich muss die Jobs erledigen, die einer mit Krückstock nicht schafft.

Ich machte die Tür auf, und es klingelte. Die Schreckschraube saß an ihrem Tisch und schrieb etwas in ein großes Buch.

Sie sagte: »’n Abend, Eva. Wollten Sie Ihr Geld abholen?«

»Was dachten Sie denn?«, sagte ich.

Sie gab mir einen Briefumschlag. Ich riss ihn auf und zählte die Scheinchen. Alles da.

»Haben Sie einen neuen Auftrag für mich?«, fragte ich.

»Anna ist im Moment nicht da«, sagte sie. Als ob ich das nicht gewusst hätte. Sonst taucht die Feindin nämlich sofort auf, wenn es an der Tür klingelt. Neugierige Kuh – muss immer wissen, was gespielt wird. Auch wenn es sie nichts angeht. Typisch Bulle.

»Wenn etwas hereinkommt, weiß sie ja, wo sie Sie finden kann«, sagte die Schreckschraube. Was mich stinksauer machte. Darum kreuze ich ja regelmäßig bei der Feindin auf. Weil es mir nicht besonders gefällt, dass sie weiß, »wo sie mich finden kann«. Wenn es etwas gibt, was du über mich wissen solltest, dann das: Eva Wylie wurde nicht in die Welt gesetzt, um der Polizei das Leben leichter zu machen.

Und die Feindin machte mir das Leben schwer. Kein Nebenjob, keine Extrakohle. Ach, sie konnte mich mal.

2

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Dawn tot war.

Ich stand wie immer gegen drei Uhr nachmittags auf; ich machte Tee und aß Bananen und ein paar Marmeladenbrote zum Frühstück. Dann ging ich zum Trainieren und Duschen in Sams Fitnessstudio. Da versammelt sich die ganze Truppe von Deeds Promotions. Manche von uns trainieren profimäßig – Harsh und ich zum Beispiel. Die anderen hängen bloß dumm rum, posieren und tratschen. Ich gehe jedenfalls ins Studio, um in Form zu bleiben und zu erfahren, wann ich meinen nächsten Kampf habe. Außerdem hole ich mir da meine Börse ab.

Es gibt auf dieser Welt nicht viele Leute, die dir die Kohle bar auf die Kralle zahlen, wie es sich gehört. Du machst deine Arbeit, aber auf den Lohn lassen sie dich warten. Das haben sich die Oberbosse fein ausgedacht. Es ist doch so: Wer meinen Kampf sehen will, muss zahlen, sonst kommt er nicht rein. Also ist die Kasse voll. Wieso muss ich dann auf meine Kohle warten? Hä? Weißt du’s vielleicht? Wieso kriegt Mr. Deeds von Deeds Promotions, der bloß den ganzen Tag auf seinem fetten Arsch sitzt, seine Kohle zuerst? Und wieso bin ich, also diejenige, die die ganzen blauen Flecken und Beleidigungen erntet, als Letzte an der Reihe, wenn es ans Löhnen geht?

»Bitte sehr, zähl ruhig nach«, sagte er, als ob er mir einen Gefallen täte. »Es ist alles da, aber du kannst es ruhig nachzählen. Wie immer.«

Und ich habe es nachgezählt. Sonst müsste ich auch schön blöd sein. Bei meinem letzten Kampf hatte ich es mit einer gewissen Gypsy Jo zu tun, und als ich sie in der letzten Runde an den Knien runterriss, kriegte sie ein Bein frei und ist mir mit dem Stiefel auf den Ellenbogen getrampelt. Er tut mir seit Tagen weh, und wenn Mr. Deeds meint, ein schlimmer Ellenbogen wäre nicht wenigstens ein paar Scheinchen wert, ist er ein noch größerer Vollidiot, als seine Frau sowieso schon denkt.

»Du hast da eine Schwellung«, sagte Harsh. Er wurde heute auch ausgezahlt. »Du musst heiße und kalte Umschläge machen. Und den Arm schonen.«

»Ich trainiere es ab«, sagte ich, weil Mr. Deeds zuhörte.

»Stehst du auf der Verletztenliste?«, fragte er. Einen Arsch wie ein Elefant, Lauscher wie ein Karnickel und so viel Verstand wie eine Wollmaus.

»Ich doch nicht«, sagte ich. Wenn ich verletzt bin, gibt er mir keinen Kampf. Kein Kampf, keine Kohle.

Harsh sagte: »Damit wirst du dir mehr antun, als Gypsy Jo dir angetan hat.«

Ich wusste nicht, ob ich froh oder sauer sein sollte. Ich finde es schön, wenn Harsh sich für mich interessiert, aber leider gibt er dann meistens etwas von sich, was ich nicht hören will. Er hatte eine graue Jogginghose und ein altes schwarzes, ärmelloses T-Shirt an, und seine Deltamuskeln glänzten schweißnass vom Trainieren.

»Es hat jemand nach dir gefragt«, sagte er.

»Wer?«

»Hat sie nicht gesagt. Ein Mädchen.«

»Wann?«

»Vorhin.«

»Ich will hier keine Fremden haben«, sagte Mr. Deeds. Er meint, wenn die Leute wüssten, wie wir trainieren, würden sie uns im Ring nicht mehr ernst nehmen.

»Sie war nur am Eingang«, sagte Harsh. »Da habe ich sie getroffen.«

Harsh hat eine Engelsgeduld. Schließlich gehen Mr. Deeds die Unterhaltungen anderer Leute überhaupt nichts an.

»Sie hat gefroren«, sagte Harsh. »Also ist sie einen Augenblick reingekommen. Sie hat gesagt: ›Richten Sie Eva aus –‹«

»Da drüben«, sagte ich und zeigte mit dem Kinn zum Fenster. Harsh mag ein wunderbarer Catcher sein, aber wenn es darum geht, vor jemandem, der mich auf dem Kieker hat, den Mund zu halten, hapert es bei ihm ein bisschen.

»Was wollte sie?«, fragte ich, als wir allein am Fenster standen.

»Sie hat gesagt: ›Richten Sie Eva aus, dass Dawn tot ist.‹ Sie will dich sehen.«

Das war die ganze Botschaft. Mehr wusste Harsh auch nicht. Dawn war tot. Kein Wie, Warum oder Wo. Keine Ahnung, warum Crystal mich sehen wollte.

Das war das große Rätsel – wieso wollte Crystal mich sehen?

Daran, dass Dawn tot war, war nichts Rätselhaftes. Ein Blick genügte, und du wusstest, dass es mit ihr böse enden würde. Sie schlief für Geld mit Männern, und sie war nicht wählerisch. Sie war zu jeder Tages- und Nachtzeit besoffen. Sturzbesoffen. Sie konnte nicht auf sich aufpassen. Und wer nicht selbst auf sich aufpassen kann, ist erledigt. So einfach ist das.

»Tut mir leid, sagte Harsh. »War Dawn eine Freundin von dir?«

»Um Gottes willen«, sagte ich. »Sie wohnte bloß in derselben Gegend.«

»Trotzdem«, sagte Harsh.

»Trotzdem war sie nicht meine Freundin«, sagte ich und ließ ihn stehen.

Nach dem Aufwärmen ging ich an die Geräte. Ich konnte mir vorstellen, wie Dawn in einem Kühlfach im Krankenhaus lag. Aus irgendeinem Grund dachte ich, sie wäre ertrunken. Was spielte es auch für eine Rolle, wie sie abgetreten war? Sie war schon halb tot, als sie noch am Leben war. Sturzbesoffen, abgestürzt, tot. Ich ging an ein Gerät, mit dem man speziell die innere Oberschenkelmuskulatur trainiert. Du ziehst mit dem Fußgelenk ein Gewicht nach unten, bis das Bein ganz angewinkelt ist. Und so zählte ich die Übungen mit – ausgenutzt, ausgelutscht, abgestürzt, tot, fünf, sechs, sieben, acht. Und so weiter, immer schön im Takt. Dann auf der anderen Seite, alles noch einmal von vorn. Ich wollte meine Beine und Bauchmuskulatur richtig schön durchtrainieren. Und meine Ellenbogen schonen. Wie Harsh gesagt hatte.

Du hältst mich für ein herzloses Luder, stimmt’s? Oder du meinst, ich spiele dir das herzlose Luder nur vor, um meinen Ruf zu wahren. Weil die Londoner Killerqueen eine ganz Harte ist. Der ist es egal, ob ihre Gegnerin kleiner ist oder verletzt. Die knallt alle mit der Nase auf die Bretter, ohne Rücksicht auf Verluste. Und wenn die Londoner Killerqueen ein Herz aus Stein hat, muss Eva Wylie sich genauso abgebrüht geben. Dabei ist sie tief drinnen weich und warm und kuschelig.

Mach dir nichts vor. Dawn ist mir schnurzpiepegal. Was hat Dawn je für mich getan, außer mich in einer kalten Nacht vor die Tür zu setzen? Wer war damals das herzlose Luder? Sie, mit ihren Pralinen und ihren heizbaren Lockenwicklern. Hat sie sich einen Dreck um mich geschert? Hat sie nicht. Sie war jung und hübsch und so taufrisch, wie man es bei ihrem Leben überhaupt sein kann. Das war ihr Glück. Aber sie hat es nie mit jemandem geteilt, auch nicht mit ihrer kleinen Schwester.

Jung und hübsch, das war einmal. Gestern hatte sie eher verquollen und schwammig ausgesehen. Ein Fleischklumpen auf dem Bürgersteig. Jetzt war sie ein Fleischklumpen in einem Kühlfach.

Wenn ich eines Tages abtrete, dann mit einem Knalleffekt.

Ich will kein Fleischklumpen sein, den jeder ausgenutzt hat und keiner kannte. Wenn ich einmal abtrete, kennt jeder meinen Namen. Ich werde jemand sein. Du wirst schon sehen!

Also lass mich mit Dawn in Ruhe. Ich will nichts davon wissen.

Darum habe ich auch nicht nach Crystal gesucht. Was geht mich Crystal an? Ich kannte sie ein bisschen, als es uns beiden dreckig ging – eine Zeit, an die ich mich nicht allzu gern erinnere –, und wir leben beide auf demselben Quadratkilometer Südlondons. Das ist nichts Besonderes. Das tun zwei Millionen andere auch. Denen schulde ich genauso wenig.

Am Abend kam Crystal mich besuchen. Ich saß auf der Hängertreppe und aß kalte Spaghetti aus der Dose. Lineker scharwenzelte um mich rum, obwohl er weiß, dass ich ihm nichts abgebe. Er wird gefüttert, wenn er seine Arbeit gemacht hat, und keine Minute früher. Wieso sollte er besser behandelt werden als andere Berufstätige? Er ist schließlich kein Schoßhund.

Plötzlich hörten wir Ramses am Tor.

»Ro-ro-ro«, machte Ramses. Er bellt wie ein voll aufgedrehter Elektrobass.

Lineker stellte die Ohren auf, aber das war auch schon alles. Mir ging der Hut hoch.

»Lineker«, sagte ich. »Du bist ein gefräßiger, fauler Schwachkopf. Wenn ich dich nicht ins Herz geschlossen hätte, wärst du längst zu Katzenfutter verarbeitet worden – zu fünfzig Dosen Katzenfutter, bei deiner Größe.«

Mein Ton gefiel ihm nicht. Das war an dem Abend das erste Mal, dass bei ihm ein Fünkchen Verstand aufblitzte. Mir war auch wirklich nicht zum Spaßen zumute. Lineker drückt sich gern, wenn es schwierig wird, und das mag ich ganz und gar nicht.

Er lief los, machte »yak-yak-yak« und fletschte die großen weißen Zähne, als ob er es ernst meinte. Was ist dieser Hund doch für ein Angeber.

Ich bewaffnete mich mit Schraubenschlüssel und Taschenlampe und ging hinterher. Am Zaun hängt ein Schild, auf dem »Armour Protection« steht. Das Schild ist kaum noch zu lesen, und ich weiß auch nicht, wer Armour Protection war oder ob es die Firma je gegeben hat, aber jetzt nenne ich jedenfalls Ramses, Lineker und mich so. Es ist ein guter Name, klingt irgendwie gefährlich.

Als ich ans Tor kam, stand Ramses mit hochgezogenen Schultern und vorgeschobenem Kopf vor dem Zaun, und Lineker rannte aufgeregt auf und ab. Er kläffte immer noch, aber Ramses gab nur noch ein tiefes, stählernes Grollen von sich. Das hört sich schön unheimlich an. Wenn du direkt neben ihm stehst, kannst du zwischen ihm und dem Röhren einer 1000er Harley manchmal nicht mehr unterscheiden.

Ich schlug mit dem Schraubenschlüssel gegen den Zaun und schrie: »Wer ist da?« Ich dachte, es wären Kids, aber es war Crystal.

Sie sagte: »Eva, ich bin’s. Kannst du mal kurz rauskommen?«

»Nein«, sagte ich. »Ich bin im Dienst.«

»Kannst du dann vielleicht irgendwas mit den Hunden machen und mich reinlassen?«

»Die sind auch im Dienst«, sagte ich. Es war mir peinlich, mich mit jemandem zu unterhalten, dessen Schwester in einem Kühlfach lag, und ich wollte zurück zu meinen Spaghetti. Außerdem war Crystal nicht allein, und wenn du glaubst, ich würde irgendwelche Fremden auf meinen Schrottplatz lassen, bist du noch dümmer, als ich dachte.

»Hat dir der Typ nichts gesagt?«

»Was für ein Typ?«

»Im Fitnessstudio«, sagte sie. »Er sollte dir was ausrichten.«

»Ach so, im Studio«, sagte ich. »Ich war heute nicht da. Ich habe meine Ma besucht.«

Was, wie du ganz genau weißt, eine dicke Lüge war. Ich hätte meine Ma besuchen sollen. Ich hatte sogar daran gedacht, sie zu besuchen, aber dann wollte ich mir lieber doch nicht die Ohren von ihr volljammern lassen. Genauso wenig wie von Crystal.

»Dann weißt du es noch gar nicht?«, sagte Crystal. »Dawn ist tot.«

»Scheiße«, sagte ich. Ich versuchte, mitfühlend zu klingen. Schließlich ist eine Schwester eine Schwester, auch wenn sie für ein paar miese Kröten ihre Haut zu Markte trägt.

»Sie haben sie in der Gasse hinter dem Full Moon zusammengeschlagen«, sagte Crystal. Also war Dawn doch nicht ertrunken. Ich weiß selber nicht, wie ich darauf gekommen bin. Vielleicht, weil sie so aufgedunsen ausgesehen hatte.

»Wir haben sie doch ins Bett gesteckt«, sagte ich. Ich wollte damit nichts zu tun haben. »Als wir gegangen sind, ging es ihr gut.«

»Sie muss wohl noch Durst gekriegt haben«, sagte Crystal. »Als ich nach Hause kam, war sie jedenfalls weg. Sie ist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. Heute Morgen habe ich es dann erfahren. Ich musste sie identifizieren. Eva?«

»Ja?«

»Ich hab sie nicht mehr wiedererkannt. So übel war sie zugerichtet.«

Dazu kannst du nicht viel sagen.

»Schnauze, Ramses«, knurrte ich. Ramses sah mich mit seinem Ich-bin-ein-Babyfresser-Blick an.

Die Fremde hatte noch keinen Mucks von sich gegeben, aber jetzt sagte sie: »Ich war gestern Abend im Full Moon. Ich glaube, sie ist mit zwei Kerlen mitgegangen.«

»Die blöde Kuh«, sagte ich.

»Sie war betrunken.«

»Trotzdem.«

»Crys?«, sagte die Fremde. »Hast du nicht gesagt, sie hätte Mitleid?«

»Nie im Leben«, sagte Crystal. »Ich habe bloß gesagt, dass sie vielleicht helfen kann. Aber kein Wort von Mitleid.«

»Worum geht’s hier eigentlich?«, fragte ich.

»Um ein paar Frauen, die im Full Moon anschaffen gehen«, sagte Crystal. »Sie wollen Karate lernen oder so.«

»Haha«, sagte ich. »Diese Schlampen?«

»Haha, ja« sagte die Fremde. »Wir ›Schlampen‹.«

Crystal sagte: »Dawn war nämlich nicht die Erste in unserer Gegend, die es erwischt hat.«

»Und sie wird auch nicht die Letzte sein«, sagte die Fremde. »Wenn wir uns nicht organisieren.«

»Ihr und euch organisieren?« Ich musste lachen. »Was habt ihr vor, wollt ihr eine Nuttenwehr gründen?« Ich konnte mich nicht wieder einkriegen.

Die Fremde richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, wobei nicht sehr viel herauskam, und sagte: »Für den Anfang sollst du uns erst mal Selbstverteidigung beibringen. Aber wenn du keine Lust hast, tragen wir unser Geld eben woandershin.«

Ich hörte auf zu lachen. Ich sagte zu Crystal: »Meint die das ernst? Und was hast du damit zu tun?«

»Eigentlich gar nichts«, sagte Crystal. »Es war nur so, dass ich unbedingt ins Full Moon gehen musste. Die Bullen sagen einem nämlich überhaupt nichts, Eva. Wenn es jemanden wie die arme Dawnie trifft, ist es ihnen ziemlich egal. Sie meinen, so eine hätte es nicht anders verdient. Deshalb musste ich ins Full Moon und herausfinden, ob sie noch jemand gesehen hat.«

»Und da saßen ein paar von uns ›Schlampen‹ rum«, sagte die Fremde. »Wir hatten eine kleine Lagebesprechung. Letztes Jahr hat es eine Kleine aus Leeds erwischt. Und im März die nächste Kollegin. Und jetzt Dawn. Das macht drei Tote.«

»Ich kann zählen«, sagte ich.

»Aber die Bullen nicht«, sagte die Fremde. »Drei ›Schlampen‹ sind für die nicht halb so viel wert wie eine einzige ›anständige‹ Frau. Von denen haben wir keine Hilfe zu erwarten. Also müssen wir uns selber helfen.«

»Genau«, sagte Crystal. »Als sie darüber geredet haben, musste ich die ganze Zeit daran denken, wie gut es gewesen wäre, wenn Dawn Ahnung von Selbstverteidigung gehabt hätte. Sie wurde andauernd durch die Mangel gedreht. Und da habe ich an dich gedacht und an deine Catcherei. Du könntest es ihnen beibringen.«

Ich starrte sie mit offenem Mund an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, es war so eine hirnverbrannte Idee. Ich sollte diesen Weibern Unterricht geben?

»Sie haben Geld«, sagte Crystal. »Sie können zahlen.«

Natürlich hatten sie Geld. Ich konnte mir bloß nicht vorstellen, dass sie es für etwas Sinnvolles ausgeben würden. Und dann war da noch etwas. Frauen, die sich ihre Brötchen im Liegen verdienen, sind meistens nicht die allerkräftigsten.

»Und?«, fragte die Fremde.

»Klappe. Ich überlege.«

»Hoffentlich brauchst du nicht die ganze Nacht dafür.«

»Wer bist du überhaupt?«

»Du kannst Bella zu mir sagen«, sagte sie. »Und ob du es nun wissen willst oder nicht, ich habe einen kleinen Jungen und einen alten Großvater zu versorgen, und es kommt nicht viel Kohle dabei rum, wenn ich mir hier vor deinem Tor die Beine in den Bauch stehe, während du dir lang und breit deinen Holzkopf kratzt.«

»Okay, super«, sagte ich grinsend. »Dann zieh doch ab. Mach dich vom Acker. Geh und lass dir den Popo anwärmen, und wenn du schon mal dabei bist, kannst du dir auch gleich noch deinen Holzkopf einschlagen lassen.«

»Du machst also mit?«, sagte Bella. »Ach, ist ja auch egal. Pass auf, ich mach es dir ein bisschen leichter. Ich sehe doch, dass das Denken nicht gerade deine starke Seite ist. Wenn du mitmachen willst, kommst du morgen Mittag ins Full Moon. Wenn nicht, kannst du mir mal im Mondschein begegnen. Klar?«

Damit drehte sie sich um und dampfte ab. Sie sah genauso aus wie das, was sie war. Und ich dachte, wie soll ich so einer Tussi in dem engen Röckchen und mit den hohen Absätzen das Kämpfen beibringen?

»Selbstverteidigung?«, sagte ich zu Crystal. »Die kann doch kaum laufen. Wozu soll ich ihr beibringen, wie man schlägt und tritt, wenn sie sich so bescheuert anzieht?«

Crystal und ich sahen Bella nach, wie sie von einer Straßenlaterne zur anderen stöckelte, bis sie schließlich am unteren Ende der Mandala Street um die Ecke verschwand.

Crystal seufzte. Sie hatte Jeans und ein T-Shirt an. Anständige Klamotten, genau wie ich. Aber auf Crystal würden sowieso keine geilen Freier fliegen. Sie hat ein Gesicht wie ein Affe, und sie schminkt sich nicht.

Sie sagte: »Kann ich reinkommen, Eva? Ich weiß nicht, wohin. In meinem Zimmer riecht es noch so nach Dawn.«

Ich konnte sie doch nicht zum Teufel jagen, oder? Du kannst mich ruhig einen sentimentalen Trottel schimpfen, aber ich konnte sie nicht einfach vor dem Tor stehen lassen, so elend, wie sie war.

»Du musst versprechen, dass du nicht heulst«, sagte ich, während ich aufschloss. »Ich kann Geflenne nicht ausstehen.«

»Ich flenne nicht«, sagte sie. »Ich bin wütend.«

Das hörte sich schon besser an. Also ließ ich sie rein und nahm sie auf einen Tee in meinen Hänger mit.

Crystal ist genauso wenig eine Heulsuse wie ich. Aber sie wollte reden. Das stört mich nicht. Ich höre gern Geschichten.

»Du hast Dawn nie gemocht«, sagte sie, als wir unsere Teebecher in der Hand hatten.

»Sie hat mich nie gemocht«, sagte ich. »Es wäre was anderes, wenn sie uns an dem Abend reingelassen hätte.«

»Du erinnerst dich immer nur an das Schlechte«, sagte sie.

Andersherum müsste ich schön blöd sein. Wenn du das Schlechte vergisst, wie sollst du es dann in Zukunft vermeiden können? Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Außerdem habe ich nie was Gutes von Dawn gehört.

»Dawn war nicht immer so«, fuhr sie fort und ließ die Oberlippe in den Tee hängen. »Nur hübsch, das war sie immer schon. Früher habe ich sie deswegen beneidet, aber das hat sich gelegt, als ich älter wurde. Alle wollen was von einem, wenn man gut aussieht. Wenn man hübsch ist, ist man immer die Doofe.«

Mit Doofen kennt Crystal sich aus. Deshalb ist sie auch so eine gewiefte Marktfrau.

Sie merkte nicht, dass ich grinste, und erzählte weiter. »Schon als sie noch ganz jung war, elf oder zwölf, haben sich die Kerle an sie rangewanzt, mit den üblichen blöden Sprüchen. ›He, schönes Kind. Darf ich dich einladen? Möchtest du tanzen gehen?‹ Und sie ist schon in Kneipen mitgegangen, als sie noch viel zu jung dafür war. Und sie dachte, die Kerle wären sehr spendabel. Sie wusste nicht, dass nichts umsonst ist. Alles hat seinen Preis.

Das erste Mal kam sie nach Hause, und sie weinte, und sie hatte Blut an den Beinen, und sie sagte, jemand hätte ihr wehgetan. Ab da hat sie dann gewusst, dass es nichts umsonst gab. Aber gelernt hat sie nichts daraus. Sie hat sich immer wieder verliebt. Sie glaubte an die Liebe. Sie hat gesagt, durch die Liebe fühlt sie sich wie ein richtiger Mensch.

Es gab da einen Kerl. Wir haben ihn manchmal auf dem Schulweg gesehen. Wenn wir mal zur Schule gingen. Er fuhr einen großen roten Wagen und trug todschicke Anzüge. Er hat Spielautomaten geleert.

Nach der Schule sind wir nämlich oft in den Fummelbunker gegangen. Und ich konnte sehen, dass er ein Auge auf Dawn geworfen hatte. Weil ich schon damals versucht habe, auf sie aufzupassen. Sie brauchte wirklich ein Kindermädchen.

Dieser todschicke Kerl, der hat immer zu mir gesagt: ›Verzieh dich, du Knirps. Du störst.‹

Und ich habe gesagt: ›Das erzähl ich unserer Mum. Deine Sorte kenn ich.‹

Und er hat gesagt: ›Du hast doch von Tuten und Blasen keine Ahnung.‹ Und dann hat er zu Dawn gesagt: ›Wenn du deine kleine Schwester unbedingt dabeihaben willst, kannst du mit den Jungs auch gleich auf den Spielplatz gehen.‹

Und dann hat sie gesagt: ›Hau ab, Crystal.‹ Und wenn sie mich wegschickte, musste ich gehen.

Einmal habe ich mir solche Sorgen gemacht, dass ich es tatsächlich unserer Mum erzählt habe. Und die hat es ihrem Mann erzählt. Und der hat uns mit dem Gürtel verprügelt und in unserem Zimmer eingesperrt. Aber Dawn war verliebt, und sie ist aus dem Fenster geklettert. Und sie hat wochenlang nicht mehr mit mir geredet. Darum hat sie mir auch nicht gesagt, dass ihre Tage ausgeblieben sind. Und als sie endlich doch damit rausgerückt ist, war sie schon im dritten Monat.«

»Ich wusste gar nicht, dass Dawn ein Kind hatte«, sagte ich.

»Hatte sie auch nicht«, sagte Crystal. »Sie hat es verloren. Beziehungsweise sie hat es bekommen, aber es war ganz blau bei der Geburt, und wir konnten es nicht retten. Es war nämlich so. Sie hat mir erzählt, dass sie einen Braten in der Röhre hatte, und dann haben wir beschlossen, mit diesem todschicken Typen zu sprechen. Sie dachte, er liebte sie auch. Sie dachte, er könnte es kaum abwarten, sie zu heiraten, und dass er sie nur deshalb noch nicht gefragt hätte, weil sie minderjährig war.

Aber das Erste, was er sagte, war: ›Woher soll ich wissen, dass es von mir ist?‹ Und das zweite: ›Heiraten? Ich glaube, da hätte meine Frau was dagegen.‹ So kam also raus, dass er eine Frau und zwei Kinder hatte, nicht viel jünger als Dawn.

Dann sagte er: ›Hier hast du ein paar Kröten, lass es wegmachen. Aber wehe, du lässt dich hier noch mal blicken und heulst mir die Ohren voll. Wenn du nämlich dann das nächste Mal in den Spiegel guckst, wirst du glauben, du stehst vor dem Schaufenster einer Metzgerei.‹ Genau so hat er es gesagt, Wort für Wort. So waren die Typen, in die Dawn sich verliebt hat.

Ich konnte auch nicht viel machen. Aber natürlich habe ich ihm die Reifen aufgeschlitzt und ihm einen Backstein durch die Windschutzscheibe geschmissen.«

»Natürlich«, sagte ich. Crystal ist wie ich. Sie hat eine Menge Selbstachtung.

»Aber er hat seine Meinung nicht geändert«, sagte Crystal, »Bis Dawn dann ihren ganzen Mut zusammengenommen hat und zum Arzt gegangen ist. Bis all die Tests gemacht waren, war sie schon fast im fünften Monat, und da wollte es ihr keiner mehr wegmachen. Und dann hat unsere Mum Wind davon gekriegt, und ihr Mann hat Dawn rausgeschmissen.«

»Und du bist wahrscheinlich mitgegangen«, sagte ich. »Um auf sie aufzupassen.« Wenn es meine Schwester gewesen wäre, hätte ich nämlich dasselbe gemacht. Nur dass meine Schwester nie so in die Bredouille geraten würde. Dafür ist sie viel zu klug, und mit Männern hat sie auch nichts am Hut.

»Klar«, sagte Crystal. »Wir sind nach London gegangen und haben auf der Straße gelebt, und eines Nachts kriegte Dawn Schmerzen, und dann kam das Baby, ein kleines Mädchen, ganz grün und blau, als ob sie verprügelt worden wäre, und sie wollte einfach nicht atmen, und deshalb haben wir sie im Garten von einem der Abrisshäuser in der Kipling Street begraben.

Eigentlich war es meine Schuld. Ich hatte den Dreh noch nicht raus und konnte nie so viel zusammenschnorren, dass Dawn genug zu essen bekam. Aber im Grunde war es besser so. Zu dritt hätte ich uns nie durchgebracht, und Dawn wäre bestimmt ins Heim gekommen. Das hätte sie nie ertragen.

Jedenfalls war sie von der Liebe geheilt, und der nächste Kerl, mit dem sie sich einließ, musste blechen. ›Crystal‹, hat sie zu mir gesagt, ›es ist genau dasselbe, wie wenn man es aus Liebe macht, man hat nur etwas mehr zu essen auf dem Tisch.‹

Und weil sie immer noch jung und hübsch war, hat ihr irgendwann ein anderer Kerl das Zimmer in Paddington gegeben. Und er hat auf sie aufgepasst. Und obwohl sie ihm zwei Drittel ihrer Einnahmen abgeben musste, ging es ihr trotzdem viel besser als je zuvor. So gut ist es ihr auch danach nie wieder gegangen.«

»Du wolltest doch nicht flennen«, sagte ich.

»Ich flenn doch gar nicht«, sagte sie. »Ich bin bloß wütend.«

Also lieh ich ihr ein T-Shirt, damit sie sich die Nase putzen konnte.

3

Ich habe gesagt, dass ich gerne Geschichten höre, aber diese gefiel mir nicht besonders. Außerdem habe ich sie schon viel zu oft gehört. Mit anderen Namen und anderen Worten kommt sie dir doch bestimmt auch bekannt vor.

Crystal döste auf meiner Couch ein, also ging ich raus und patrouillierte mit Ramses und Lineker noch ein paarmal durch das Gelände.

»Ein Glück, dass du kein Weibchen bist«, sagte ich zu Lineker. »Du bist genau die Sorte, die sich von einem verheirateten Kerl ein Kind anhängen lassen würde.« Er war schlank, schön und dösig, und wenn er Ramses und mich nicht gehabt hätte, die ihn auf Trab hielten, wäre er von allen nach Strich und Faden ausgenutzt worden.

Als ich noch jung war, habe ich andauernd solche Geschichten gehört. Wenn du viel Zeit in Besserungsanstalten und Heimen verbringst, hörst du so ziemlich alles, was einem Mädchen überhaupt zustoßen kann. Und eines kann ich dir sagen, die Liebe kann ein verdammt tödliches Spiel sein. Was für die Mädchen Liebe ist, ist für die Jungen Gebumse, nur wollen das die Mädchen nicht wahrhaben. Ich bin bloß froh, dass ich mehr Rückgrat habe.

Wetten …? Du denkst jetzt bestimmt, ich habe keinen Schimmer, wovon ich rede. Du wirfst einen Blick auf mich und denkst, auf die war nie einer scharf. Was weiß die schon von Sex? Das beweist mal wieder, wie wenig Ahnung du hast.

Ich habe es einmal probiert, und es hat mir nicht gefallen. Jetzt weißt du’s.

Na ja, eigentlich habe ich es nicht probiert. Sondern jemand hat es mit mir gemacht. Aber gefallen hat es mir trotzdem nicht. Und um die Wahrheit zu sagen, er hatte auch nicht viel davon. Vor allem nicht, nachdem ich seine Hose in den Heizkessel geschmissen hatte. In einem Heizungskeller ist es nämlich passiert – als ich mal wieder im »Heim« war. Ich habe oft den Unterricht geschwänzt und mich im Heizungskeller verkrochen, weil es der wärmste Raum in dem ganzen Bau war, und eines Nachmittags hat mich der Hausmeister erwischt. Er sagte, er würde mich nicht verraten, wenn ich mich von ihm betatschen ließe. Haha. Jedenfalls hat er seine Hose verloren, und ich habe rausgekriegt, wo manche Mädchen ihre Süßigkeiten und Zigaretten herhatten.

Und so was sollte ein »Heim« sein? Dass ich nicht lache!

Was du in diesen Anstalten natürlich nie hörst, sind die Geschichten von den Mädchen, die den todschicken Kerl im großen roten Wagen geheiratet haben. Denn irgendeine muss ihn sich ja schließlich geangelt haben, oder? Sonst hätte er wohl kaum Frau und Kinder gehabt. Und vielleicht glaubte sie, sie wäre sein Ein und Alles. Vielleicht sind sie samstags zusammen losgezogen und haben Tapeten für das Gästezimmer ausgesucht. Vielleicht hat sie nie etwas von der kleinen Dawnie und dem blauen Baby erfahren. Oder sie wusste es doch. Vielleicht hat sie sich von ihm scheiden lassen und ihn ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Oder sie ist immer noch mit ihm zusammen, kocht ihm das Essen und sieht sich mit ihm seine Lieblingssendungen im Fernsehen an, weil sie nicht an seine Kröten rankommt und lieber unglücklich sein will als arm.

Wer die Mäuse hat, hat die Macht, sage ich immer. Deshalb will ich auch so viel Kohle wie möglich machen. Und wenn ich dann reich und berühmt bin, muss ich nie mehr irgendwelchen Geldsäcken in den Arsch kriechen.

Als ich keine Lust mehr hatte, Lineker zuzusehen, wie er Ratten jagte, ging ich zurück in den Hänger. Crystal war wieder wach und hatte den Kessel aufgesetzt. Ihr kleines Affengesicht war todtraurig, und ich fand, es wurde langsam Zeit, dass sie nach Hause ging. Sie machte mir Beulen in mein sonniges Gemüt.

Aber sie sagte: »Wenn ich bloß wüsste, was für Schweine das gewesen sind, Eva. Es war nämlich mehr als einer. Die Mädchen haben gesagt, dass Dawn mit zwei Kerlen rausgegangen ist, und ihr Körper war mit Abdrücken von Fäusten und Stiefeln übersät.«

»Falls ich den Selbstverteidigungskurs gebe«, sagte ich, »lautet eine meiner ersten Regeln: ›Nimm dir nie mehr als einen Kunden auf einmal vor.‹ Blöder geht’s doch wirklich nicht.«

»Dawn war nicht sehr helle«, sagte Crystal.

»Na ja, sie war aber auch ziemlich abgefüllt«, sagte ich großmütig. »Vielleicht hat sie doppelt gesehen.«

»Sie hatte kein Geld mehr bei sich«, sagte Crystal. »Die Scheißkerle müssen sie auch noch ausgeraubt haben.«

»Vielleicht hat sie alles versoffen.«

»Nein«, sagte Crystal. »Die Mädchen haben gesagt, ihren letzten Drink hätte sie mit einer Zehnpfundnote bezahlt.«

»Die nächste Regel«, sagte ich. »Immer schön dein Geld bei dir behalten. Ist doch Schwachsinn, mit großen Scheinen zu wedeln und irgendwen auf dumme Gedanken zu bringen.«

»Ich glaube nicht, dass es um das Geld ging«, sagte Crystal. »Es waren doch bloß ein paar Pfund. Und sie hat auch nicht gerade reich ausgesehen. Im letzten Jahr jedenfalls nicht mehr. Da machte sie eher einen abgerissenen Eindruck.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Ich habe sie gesehen.« Wie aus der Gosse gezogen. Keine Selbstachtung.

»Aber mir hat sie trotzdem etwas bedeutet«, sagte Crystal. »Sie war meine Dawnie. Nur konnte ich ihr das Saufen nicht abgewöhnen und das Anschaffengehen auch nicht. Das habe ich nie geschafft. Auch früher nicht, als wir noch jünger waren. Und jetzt gibt kein Schwein mehr einen Pfifferling für sie. Den Bullen ist sie egal. Die suchen noch nicht mal nach dem Mörder. Die sagen, für eine wie Dawn ist so was Berufsrisiko.«

»Typisch«, sagte ich. Es soll keiner behaupten können, dass ich mit der Polizei einer Meinung bin, aber diesmal hatten die Bullen gar nicht so unrecht.

»Also, Eva«, sagte Crystal. »Wenn ich herauskriege, wer es war, hilfst du mir dann, die Kerle umzubringen? Oder mich sonst irgendwie zu rächen?«

Was für eine Frage! Ich sollte wegen Dawn jemand umbringen? Crystal musste verrückt geworden sein. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass sie tatsächlich übergeschnappt war. Wenn meine Schwester in einem Kühlfach liegen würde, von oben bis unten mit Stiefelabdrücken übersät, wäre ich wohl auch durchgedreht. Aber wegen Dawn würde ich mich in nichts hineinziehen lassen. Nie im Leben.

»Okay«, sagte ich. »Du suchst sie, und ich zahle es ihnen heim.«

Mir blieb nichts anderes übrig. Crystal war schließlich wahnsinnig. Mit Wahnsinnigen kannst du nicht diskutieren, weil du sonst selber wahnsinnig wirst. Und zum Schluss gibst du ihnen sowieso recht. Da kannst du dir die Diskutiererei genauso gut sparen und ihnen gleich recht geben.

Ausnahmsweise hatte ich diesmal das Richtige gesagt, denn Crystal trank ihren Tee aus und döste wieder ein. Doch noch im Schlaf sah sie einsam und verlassen aus. Aber sie war mir im Weg. Ich musste um sie herumschleichen, damit sie nicht aufwachte und womöglich noch ein paar grandiose Ideen hatte, die nur ein Mensch mit einem Gehirn-Bypass verstanden hätte.

Irgendwie brachte ich die Nacht rum, dann sperrte ich die Hunde ein und ging ins Bett. Und dann musste ich natürlich davon träumen, was sonst? Der Kummer anderer Leute ist ansteckend. Den fängst du dir ein wie einen Schnupfen. Na gut, du vielleicht nicht. Kann sein, dass ich zu sensibel bin. Genau, das ist es. Aber in einem Traum kommt alles ganz verquirlt wieder hoch. Denn mir ist zwar Crystals Schwester scheißegal, aber an meiner Schwester liegt mir was. Und in diesem Traum hatte ich ein Baby. Nur war es kein Baby, sondern meine Schwester Simone, und sie war ganz grün und blau. Und sie war tot. Aber das Schlimmste war, dass sie sich immer wieder aufsetzte und mir ihr blau-grünes Gesicht hinhielt und so Sachen sagte wie: »Du hättest das nicht zulassen dürfen. Du hättest auf mich aufpassen müssen.« Und ich sagte: »Was nicht zulassen dürfen? Du bist doch nur ein Baby.« Und: »Ich kann kein Baby haben. Du bist meine Schwester.« Und ich wollte, dass es aufhörte. Ich wollte weglaufen. Aber ich konnte mich nicht bewegen.

Ich hatte wirklich die Nase voll, das kann ich dir flüstern. Und es war alles Crystals Schuld. Endgültig genug von ihr hatte ich, als sie mich am nächsten Mittag um eins weckte. Ich hatte entschieden zu wenig geschlafen.

»Was hast du denn für eine Stinklaune?«, sagte sie. »Reiß dich zusammen. Wir gehen ins Full Moon.«

»Typischer Fall von denkste«, sagte ich. »Ich gehe nirgendwohin.« Ich drehte mich um und zog mir den Schlafsack über die Ohren. Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Und außerdem hatte ich nie versprochen, dass ich mitkommen würde. Ich hatte bloß gesagt, ich würde es mir überlegen.

»Das sieht dir gar nicht ähnlich, einen gut bezahlten Job abzulehnen«, sagte Crystal. »Ein paar von den Frauen schwimmen im Geld.«

Ich machte die Augen zu und sagte nichts.

»Ist auch egal«, sagte Crystal. »Es gibt schließlich genug Kerle, die Kung-Fu und so was draufhaben. Bella könnte einen von denen anheuern. Kein Problem. Einen von deinen Kollegen aus dem Fitnessstudio. Wahrscheinlich haben die sowieso viel mehr Ahnung als du.«

Ich war schon die halbe Mandala Street hinaufgestürmt, Crystal im Schlepptau, als mir wieder einfiel, was sie für eine Type ist. Such dir einen Doofen und nimm ihn aus, das ist ihre Devise. Das sollte auf ihrem Grabstein stehen. Und den wird sie früher kriegen, als sie denkt, wenn sie meint, sie kann mich genauso um den Finger wickeln wie ihre unterbelichteten Kunden. Die hinterlistige kleine Kuh.

Wir mussten die ganze Mandala Street hoch, also auch über den Markt. Unterwegs riefen die Leute ihr nach: »Mein Beileid, Spätzchen«, und: »Sag mir Bescheid wegen der Beerdigung, Crys. Ich wollte ein paar Blumen schicken.« Lauter solche Sachen. Crystal kannte jeden. Zu mir hat keiner ein Wort gesagt, obwohl mein Name auf Plakaten steht.

Das Full Moon war gerammelt voll. Die Einzigen, die fehlten, waren Bella und ihre Truppe. Typisch. Diese Schlampen waren so unzuverlässig, dass sie es nicht mal für nötig hielten aufzukreuzen, wenn es etwas zu lernen gab, was ihnen vielleicht das Leben retten konnte. Ich hatte mir extra die Mühe gemacht zu erscheinen. War es zu viel verlangt, dass auch sie sich aufrafften?

Crystal machte sich auf die Suche nach ihnen, und ich bestellte mir eine Fleischpastete mit Pommes. Harsh sagt nämlich, ich soll mehr Gemüse essen. Pommes sind schließlich Kartoffeln, oder? Und Kartoffeln sind Gemüse. Ich weiß wirklich nicht, was Harsh immer gegen Pommes hat.

Harsh sagt auch, ich soll Obstsaft trinken, deshalb bestellte ich mir ein Lager & Lime, also Bier mit Limonensaft, obwohl das ein ziemlicher Tuntentrunk ist. Ich fühlte mich sehr tugendsam. Nach Obst und Gemüse zum Frühstück konnte ich nun den Rest des Tages essen, worauf ich Lust hatte.

»Bist du also doch gekommen«, sagte Bella, als sie endlich aufkreuzte.

»Immerhin noch vor dir«, sagte ich.

»Das ist Eva Wylie«, sagte Bella zu den beiden Frauen, die hinter ihr standen. »Und das sind Stef und Mandy«, sagte sie zu mir.

Crystal sagte: »Kath und Lynn mussten erst noch stempeln gehen. Sie kommen so bald wie möglich nach.«

Also nahm ich in der Zwischenzeit schon mal Stef, Mandy und Bella unter die Lupe. Und soll ich dir was sagen? Gurkentruppe wäre für diese Bande noch ein Kompliment gewesen. Bella war nur zwei Fingerbreit größer als Crystal, Stef war ein magerer kleiner Zombie, und Mandy hätte eine Abmagerungskur gebraucht, um in ein Zirkuszelt zu passen. Wenn die drei einen einzigen funktionstüchtigen Muskel hätten vorweisen können, wäre ich ziemlich überrascht gewesen.

»Turnschuh«, sagte ich.

»Was?«, sagte Crystal.

»Fit wie ’n Turnschuh, aber ein ganz ausgelatschter«, sagte ich. »Besonders gut in Form sind die nicht.« Das war noch höflich ausgedrückt.

»Wieso in Form?«, sagte Mandy. »Ich will doch nicht hoffen, dass wir genauso aussehen müssen wie du.«

»Dann würde ich nicht mehr viel verdienen«, sagte Stef. »He, Bella, wir sehen doch hinterher nicht etwa aus wie die, oder?«

»Ich finde muskulöse Frauen widerlich«, sagte Mandy, der Fettkloß.

»Muskeln sind nicht feminin«, sagte Stef.

»So redet man nicht mit seiner guten Fee«, sagte ich und stand auf. Von mir aus sollten sie sich ruhig die Rübe weichklopfen lassen. Es geschah ihnen ganz recht. »Wenn ihr meint, als wandelnde Zielscheibe durch die Gegend zu stöckeln wäre feminin«, sagte ich, »kann ich euch nur viel Glück wünschen. Dann habt ihr es nicht anders verdient.«

»Was bildest du dir ein, uns so anzufauchen?«, kreischte Bella. »Ich dachte, du hättest wenigstens etwas Verständnis. Du bist auch nicht besser als ein Mann – uns wegen unserem Beruf schlechtzumachen.«

»Und ihr seid auch nicht besser als Männer, wenn ihr euch über mein Aussehen lustig macht«, sagte ich. »Ich bin wahrhaftig kein Ölgemälde, aber mir geht keiner an die Wäsche, es sei denn, ich werde dafür bezahlt.«

»Das würde doch sowieso keiner wollen«, sagte Mandy.

»Ruhe, Ruhe, Ruhe«, brüllte Crystal. Für einen Gartenzwerg hatte sie eine ziemlich kräftige Lunge. »Ruhe und hinsetzen. Alle wie ihr da seid.«

Ist es zu glauben? Wir hielten tatsächlich die Klappe und setzten uns hin. Diese Crystal. Sie sah aus wie eine Maus unter Atomstrom. Wenn einer das Licht ausgemacht hätte, hätte sie im Dunkeln geleuchtet.

»Was ist denn mit euch los?«, sagte sie. »Ihr seid ja allesamt reif für die Klapsmühle. Gestern ist Dawnie gestorben. Nur ein paar Meter von hier. Und gestern habt ihr hier gesessen und gejammert: ›Was sollen wir machen? Was sollen wir bloß machen? Hier treibt sich ein Killer rum. Wir sind unseres Lebens nicht mehr sicher.‹ Und was ist jetzt? Denkt denn keiner mehr an Dawn? Denkt ihr nicht einmal mehr an euch selber? Wenn ihr im Leichenschauhaus gewesen wärt, wenn ihr sie gesehen hättet, keinen heilen Knochen mehr im Leib, würdet ihr bestimmt noch dran denken. Dann hätte eure Angst länger als vierundzwanzig Stunden vorgehalten.«

»Ich habe ständig Angst«, sagte Bella. Was darauf schließen ließ, dass sich unter all der Schminke und all den Haaren tatsächlich so etwas wie ein Hirn verbarg. Ich hätte auch Angst, wenn ich so ein Würstchen wäre wie sie und in einem Rock rumlaufen müsste, der nicht breiter ist als ein Hutband. So was ist kein Rock, so was ist eine Oberschenkelfessel.

»Schluck’s runter«, sagte Crystal, als ob sie Gedanken lesen könnte. »Wehe, du sagst was. Halt die Klappe und hör dir an, was sich hier abspielt. Bella, du bist am längsten im Geschäft. Erzähl du ihr, worüber ihr gestern geredet habt.«

»Über drei tote Frauen haben wir geredet«, sagte Bella. »Sie haben alle in dieser Gegend gearbeitet. Sie kamen alle in diese Kneipe. Wir glauben, dass es irgendwer auf uns abgesehen hat.«

»Sie könnten auch zu zweit sein«, sagte Mandy. »Dawn ist mit zwei Kerlen abgezogen.«

»Aber ihr habt sie doch nicht gesehen«, sagte Crystal. »Das habt ihr zumindest den Bullen erzählt.«

»Na ja, irgendwie haben wir sie schon gesehen«, sagte Bella. »Aber andererseits auch wieder nicht. Bloß, dass es zwei Typen waren. Ich habe nicht besonders auf sie geachtet. Ich achte nur auf die, die auf mich achten. Tut mir leid, Crys.«

»Wir haben alle nicht aufgepasst«, sagte Stef. »Und jetzt laufen da draußen zwei Killer rum, und wir würden sie nicht wiedererkennen.«

»Vielleicht sind sie gar nicht da draußen«, sagte Mandy. »Vielleicht sind sie hier drin.«

»Und glotzen uns an«, sagte Stef.

»Und nehmen schon die Nächste aufs Korn«, sagte Mandy.

»Sucht euch eine andere Stammkneipe«, sagte ich. Sie sahen mich an, als ob ich nicht ganz dicht im Kopf wäre. Aber während sie schnatterten und sich gegenseitig Angst machten, hatte ich schon ein bisschen darauf geachtet, wie die anderen Gäste sie beäugten. Normalerweise sehe ich nur Menschen, Gesichter. Aber diesmal sah ich Männer, nichts als Männer. Wenn du die unterschiedlichsten Männertypen beobachten willst, brauchst du dich nur einmal mit einem Trupp Professioneller in eine volle Kneipe zu setzen.

»Dieser Pub hat seine Vorteile«, sagte Bella.

»Was für Vorteile?«

»Der Markt«, sagte Bella. »Viele Leute, die auf den Markt gehen, kommen auf ein Gläschen hier rein.«

»Er hat den ganzen Tag geöffnet«, sagte Mandy. »Wir können uns die Arbeitszeit selber aussuchen.«

»Der Wirt lässt uns in Frieden«, sagte Stef.

»Wir wohnen in der Nähe«, sagte Bella. »Die Blagen wissen, wo sie uns finden, und wir können sie ein bisschen im Auge behalten.«

»Du kannst ja noch von Glück sagen«, sagte Stef. »Du hast einen Opa als Babysitter. Aber mir haben die Bullen meinen Trevor weggenommen.«

»Ihr Freund«, sagte Bella. »Wegen Zuhälterei, hieß es.«

»Die haben mir meinen Babysitter eingelocht«, sagte Stef. »Das ist einfach nicht fair.«

»Scheiße«, sagte ich. »Heißt das etwa, ihr habt alle Kinder?« Und ich dachte immer, meine Ma wäre die größte Schlampe.

»Ein paar von uns«, sagte Bella. »Was dachtest du denn? Dass man keine Kinder haben darf, wenn man auf den Strich geht?«

»Davon hat sie kein Wort gesagt«, sagte Crystal. »Fang nicht schon wieder an. Bleib bei der Sache. Und die Sache ist doch die, dass ihr Hilfe braucht. Stimmt’s?«

»Wie soll man denen denn helfen?«, sagte ich zu Crystal. »Weil sie Geld verdienen wollen, müssen sie alleine sein. Sie müssen schon selber auf sich aufpassen.«

»Zeigt ihr die Gasse und den Parkplatz«, sagte Crystal. »Damit sie sich ein Bild machen kann.«

»Zeig du sie ihr doch«, sagte Bella. »Sie will nicht mit uns ›Schlampen‹ gesehen werden. Sie hält sich für was Besseres.«

Wie witzig! Ist dir das auch schon aufgefallen? Dass ausgerechnet die Leute, die auf dich runtersehen, dir vorwerfen, du würdest dich für was Besseres halten? Achte mal drauf, und du wirst sehen, dass ich recht habe.

Diese Schlampen sahen auf mich runter! Und nur, weil ich groß und kräftig und nicht feminin genug für sie bin. Und mir meine Brötchen mit ehrlicher Arbeit verdiene. Auf jeden Fall mit ziemlich ehrlicher Arbeit. Was Besseres als diese Schlampen? Und ob ich was Besseres bin!

»Was wollt ihr trinken?«, fragte Crystal schnell. »Los, Eva, wir holen eine Runde. Ich gebe einen aus.«

Also gingen wir an die Theke. Was mir nur recht war, ich hätte es keine Minute länger an dem Tisch ausgehalten. Sie waren solche Luschen, alle durch die Bank. Sie konnten es gar nicht abwarten, ins Kühlfach zu klettern und sich neben Dawn zu legen. Ich hasse Frauen, die herumstolzieren, als ob sie sagen wollten: »Hier bin ich, du kannst mich haben, und wenn du es auf die härtere Tour willst, bitte sehr. Ich kann sowieso nichts dagegen machen außer jammern.« So ein Benehmen bringt uns alle in Verruf.

Ich bin nicht so. Bin noch nie so gewesen. Werde nie so sein. Und ich bin froh drum.

»Es ist ein Job«, sagte Crystal. »Es ist doch bloß ein Job, Eva.« Wir standen an der Theke und warteten darauf, bedient zu werden.

»Was mich stört, ist gar nicht der Job«, sagte ich, obwohl es gelogen war. »Was mich stört, ist die Einstellung.«

»Du darfst sie nicht verurteilen«, sagte Crystal. »Ich habe Dawnie auch nie verurteilt. Eine Zeit lang dachte ich, sie würde sich ein bisschen Geld zusammensparen und Kosmetikerin werden. Fürs Schminken hatte sie nämlich ein Händchen. Und sie hätte ihren eigenen Salon aufmachen können. Sie hat ja auch nicht schlecht verdient. Aber sie konnte mit Geld nicht umgehen. Was sie verdient hat, hat sie ausgegeben. Sie hat nie was zurückgelegt. Es hat keinen Sinn, sich die Leute so zu wünschen, wie man sie gern hätte. Klüger, vorsichtiger oder stärker.«

»So was kann man lernen«, sagte ich.

»Kann man nicht«, sagte Crystal. »Okay, das eine oder andere kann man vielleicht doch lernen. Aber ich kann nicht lernen, groß oder hübsch zu sein. Du kannst nicht lernen, Einstein zu sein, und Dawn konnte nicht lernen, eine berufstätige Frau zu sein, nur um mir einen Gefallen zu tun. Jeder ist so, wie er ist.«

Und dann waren wir endlich an der Reihe. Der Wirt sagte: »Was soll’s denn sein, Crystal?«

Und Crystal wollte gerade die Bestellung aufgeben, als die Wirtin rüberkam und sagte: »Das geht aufs Haus, Crystal. Es tut uns sehr leid wegen deiner Schwester.«

Crystal sagte: »Danke, aber ich wollte eine Runde ausgeben, und wir sind zu fünft«

Die Wirtin sah zu dem Tisch, an dem Bella, Stef und Mandy saßen. Sie sagte: »Na gut, ausnahmsweise. Die Mädels sind bestimmt auch ziemlich fertig mit den Nerven.«

Und sie spendierte uns allen einen Drink, sogar mir. Es war nicht zu übersehen, dass jeder große Stücke auf Crystal hielt. Vielleicht, weil keiner sie so gut kannte wie ich. Ich kannte sie schon, als sie noch eine kleine Diebin und Schnorrerin war. Wahrscheinlich ist sie das heute noch. Woher hätte sie sonst den ganzen Trödel, den sie an ihrem Stand verkauft?

Aber so hatte sie überlebt, als sie noch gefroren und gehungert hat und nicht einmal einen Pinkelpott ihr Eigen nannte – mit Stehlen und Schnorren und damit, dass sie immer einen Doofen fand, den sie ausnehmen konnte.

Und ich habe überlebt, weil ich groß war und gelernt habe stark zu sein.

Und Dawn? Dawn hat schließlich nicht überlebt, deshalb kann ich sie kaum als Beispiel hernehmen.

Was ich meine, ist Folgendes. Vom Denken kriege ich Zahnschmerzen. Und Zahnschmerzen erinnern mich daran, warum ich Kies brauche.

»Wo willst du hin?«, fragte Crystal.

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Nirgendwohin.« Ich kann es nicht ausstehen, wenn mich wer beim Denken stört.

»Was macht ihr da drüben?«, fragte die Wirtin. »Soll das so was wie ein Kriegsrat sein?«

»Eva will ihnen Selbstverteidigung beibringen«, sagte Crystal. Was für eine Frechheit.

»Gute Idee«, sagte die Wirtin.

»Saublöde Idee«, sagte der Wirt. »Den Weibern beibringen, wie man Männer vermöbelt! Das find ich überhaupt nicht gut.«

»Man lernt doch nicht, wie man Männer vermöbelt«, sagte Crystal. »Man lernt, was man machen kann, dass man selber nicht vermöbelt wird.«

»Hätte nie gedacht, dass du ein kesser Vater bist, Crystal«, sagt der Wirt. »Dafür sind deine Beine nicht haarig genug, und außerdem bist du viel zu klein.«

»Also, ich finde die Idee gut«, sagte die Wirtin. »Nach allem, was hier passiert ist. Als Frau ist man seines Lebens nicht mehr sicher, wenn man sich bloß eine Zeitung holen geht. Ich melde mich auch für ein paar Stunden an, Crystal.«

»Wozu willst du Selbstverteidigung lernen?«, sagte der Wirt. »Du hast doch mich.«

»Aber immer bist du auch nicht da«, sagte sie. »Und außerdem, wer beschützt mich vor dir, wenn du ausrastest?«

»Das reicht!«, sagte der Wirt. Er zeigte auf Bella, Mandy und Stef, die an ihrem Tisch saßen und auf die Drinks warteten. »Es kommt nicht in Frage, dass du zusammen mit diesem Gesocks einen Kurs machst. Meine Frau gibt sich nicht mit der Sorte Frauen ab. Vielleicht wäre es ja tatsächlich gut, wenn sie lernen, auf sich aufzupassen, was weiß ich. Es ist mir auch egal. Ich bin für sie nicht verantwortlich. Aber für meine Frau. Und ich lasse mir doch durch dich und deine Schnapsideen nicht meinen guten Ruf ruinieren.«

Das Komische an der Sache war, ich hätte ihn am Schlafittchen packen, über die Theke ziehen, ihm ein paar leichte Schläge auf das Knubbelkinn geben, einen Schluck Bier trinken, seiner Frau eins über den Schädel geben und seine Kasse ausrauben können, ohne dafür länger zu brauchen als er für seine kotzblöde Rede. Der Typ? Der hätte nicht mal ’ne Ente vor einer trockenen Brotrinde beschützen können! Seinen guten Ruf konnte er sich meinetwegen sonst wohin schieben.

»Eva!«, sagte Crystal. »Bring die Gläser rüber und halt die Klappe.«

Der Mickerling von Wirt konnte von Glück sagen, dass ich Selbstbeherrschung und mentale Disziplin geübt habe.

Ich brachte die Gläser an unseren Tisch, aber die Klappe hielt ich nicht. »Was du von mir hältst, ist mir scheißegal«, sagte ich zu Bella. »Euer Beruf ist mir scheißegal, und ihr seid mir scheißegal. Aber wenn ihr lernen wollt, euch zu verteidigen, und wenn die Kohle stimmt, dann zeige ich euch, was Sache ist. Ja oder nein, ihr müsst euch entscheiden.«

4

Wir gingen und standen erst mal draußen vor dem Full Moon, auf dem Gehsteig rum. Die Kneipe lag an einer vielbefahrenen Straße, durch die sich stöhnend und ächzend der Verkehr schob.

»Was sollte das übrigens heißen, dass ich kein Einstein werden kann?«, fragte ich Crystal. »Ich kann alles werden, was ich will. Wer ist denn dieser Einstein überhaupt?«

»Niemand«, sagte Crystal. »Ich meinte bloß, dass sich manche Sachen nun mal nicht ändern lassen. Du könntest zum Beispiel nie Schuhgröße 35 tragen, und wenn du dir noch so viel Mühe gibst.«

»Ach so«, sagte ich. Ich hatte schon gedacht, sie wollte mich beleidigen. Dabei war das gar nicht ihre Absicht gewesen.

»Genau«, sagte Bella. »Einstein war ein Kerl mit kleinen Füßen und einem großen …«

»Klappe!«, sagte Crystal.

»Ist mir doch egal, wie groß dem sein Gehänge war«, sagte ich. »Was stehen wir hier eigentlich an der Ecke rum wie die Zeitungsverkäufer?«

»Weil es eine gute Ecke ist«, sagte Mandy. »Die Wagen müssen bremsen, wegen der Ampel da vorne. Wenn man hier steht, können einen die Fahrer schon mal beliebäugeln, und weil sie nicht so viel Tempo draufhaben, können sie halten und einen anquatschen, wenn ihnen danach ist.«

»Das ist eure Masche?«, sagte ich. »Hier rumstehen und auf Autofahrer warten?« Was für eine Art, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen!

»Manchmal«, sagte Mandy. »Manchmal lernt man die Kerle auch im Pub kennen oder beim Auf- und Abgehen.«

»Ist das die Stelle, wo sie Dawn allegemacht haben?«, fragte ich.

»Kannst du nicht ein bisschen Rücksicht nehmen?«, sagte Bella. »Denkst du eigentlich nie nach, bevor du die Klappe aufreißt?«

»Ist schon gut«, sagte Crystal. »Sie hat es nicht so gemeint. Nein, Eva, das war nicht hier. Ich zeig’s dir.«

»Ich zeig’s ihr schon«, sagte Bella zu Crystal. »Du brauchst nicht mitkommen.«

»Ist schon okay«, sagte Crystal. »Ich will die Stelle ja auch sehen.«

»Also dann«, sagte Bella. »Es läuft so. Du sitzt in der Kneipe. Ein Kerl kommt an deinen Tisch, du stehst auf, und normalerweise folgt er dir dann nach draußen.« Sie ging los, wir trotteten hinterher.

»Dann kommt ihr zu dieser Gasse neben der Kneipe«, sagte sie.

Sie bog in die Gasse ein. Es war ein enger Schlauch. Auf der einen Seite war die Kneipe, auf der anderen Geschäfte. Soweit ich sehen konnte, gab es keine Beleuchtung.

»Manchmal können sie es gar nicht abwarten«, sagte Bella, »und wollen es gleich hier im Stehen erledigen. Sonst …«, sie ging etwa zwanzig Schritte weiter, »… sonst gehen wir hier durch, auf den Parkplatz.«

Ich sagte: »Und das ist die Stelle?«

»Ja«, sagte Bella.

Die Gasse führte an dem Durchbruch in der Mauer vorbei. Sogar bei Tag war es dunkel. Es sah wirklich unheimlich aus. Auch wenn ich nicht gewusst hätte, dass Dawn hier umgebracht worden war, hätte es mich gegruselt. Diese Gasse war gerade breit genug für zwei Personen, dabei stießen sie aber schon mit den Armen und Schultern aneinander. Wir waren im Gänsemarsch gegangen – zuerst Bella, dann Crystal, dann ich und hinter mir Mandy und Stef.

Auf dem ganzen Weg hatte ich Crystals Nacken vor mir gehabt, den kleinen Äffchenkopf auf dem schmalen Hals, und ich konnte mir gut vorstellen, wie ihr jemand den Arm um den dünnen Stängel legte und ihr den Kopf nach hinten drehte. Knacks. Sie hätte nicht die leiseste Chance.

»Aber normalerweise«, sagte Stef, »gehen wir hier durch.«

Hinter dem Mauerdurchbruch kam man auf eine Art Parkplatz. Drei kleinere und ein großer Lastwagen wurden an den Liefereingängen der Geschäfte entladen. Auch einige Pkws standen dort.

»Tagsüber ist es ein Privatparkplatz und eine Lieferzone«, sagte Stef. »Aber nachts kommen alle möglichen Typen her.«

»Wenn man vor der Kneipe zu einem Freier in den Wagen steigt«, sagte Mandy, »erklärt man ihm meistens den Weg hierher. Weil es hier so schön ruhig ist.«

»Es kommt fast nie ein Bulle vorbei«, sagte Stef. »Und man hat nur ein paar Schritte zu laufen, bis man wieder im Full Moon ist«, sagte Mandy.

»Ich halt’s im Kopf nicht aus«, sagte ich. »Der Parkplatz ist ja schon schlimm genug, aber die Gasse ist tödlich. Ihr könntet keinen riskanteren Arbeitsplatz finden, und wenn ihr ein ganzes Jahr suchen würdet.«

Ich drehte mich um. Crystal stand immer noch in der Gasse, als ob sie Wurzeln geschlagen hätte. Sie ist aber auch so was von bescheuert. Sie hätte wissen müssen, dass sie es nicht packt.

»Du fängst doch hoffentlich nicht an zu heulen?«, sagte ich.

»Halt’s Maul!«, sagte Bella. Sie ging zu Crystal hinüber, nahm ihre Hand und führte sie zurück zur Straße.

Wir anderen folgten.

»Du hast ein Herz aus Stein«, sagte Mandy hinter mir.

Was nur bewies, wie blöd sie war. Ich wollte doch bloß helfen, aber bei manchen Leuten reicht eben der Verstand noch nicht mal dazu aus, dankbar zu sein.

Trotzdem behagte es mir nicht, dass ich sie im Nacken hatte. Ich habe nicht gern jemand hinter mir, wenn es so eng ist, dass ich die Fäuste nicht fliegen lassen kann.

Natürlich wäre ich im Notfall mit ihr fertig geworden. Spielend. So ein Fettkloß konnte mir nichts anhaben. Eine Kuh auf der Weide hätte mehr Mumm gehabt als sie.

Nein, das war es nicht. Es war die Gasse – auf beiden Seiten Mauern, und wenn du dich umdrehtest, schrammtest du dir die Ellenbogen. Es war gruselig. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich Schmirgelpapier zwischen den Zähnen. Ich hatte Mandy nicht gern hinter mir, also wirbelte ich herum. Urplötzlich. Vor Schreck riss sie ihre Kuhaugen weit auf. Ich legte ihr die Hand unter das Schwabbelkinn und drückte sie mit dem Rücken gegen die Wand.

»Wer hat hier ein Herz aus Stein?«, sagte ich.

Ihr Kopf verschwand in ihrem Hals und ihr Hals zwischen den Schultern. »Nicht«, sagte sie. »Nicht.« Sie wabbelte am ganzen Körper. Und was das Schlimmste war, je mehr sie in sich zusammensackte, desto mehr drückte sie sich an meiner Hand die Luft ab. Sie gurgelte und kollerte wie ein Zwanzigpfundtruthahn. Widerlich.

»Du bist widerlich«, sagte ich und ließ sie los.

Stef stand die ganze Zeit bloß stumm daneben. Sie quiekte nicht mal.

»Du bist genauso widerlich«, sagte ich. Ich war so sauer, dass ich ihr beinahe eine gescheuert hätte. »War das alles?«, fragte ich.

»Was?«, fragte Mandy.

»Nichts«, sagte ich. »Absolut überhaupt gar nichts? Wenn dich jemand am Hals packt? Dann sagst du bloß ›nicht, nicht‹?«

»Ich hatte Angst«, sagte sie.

»Du hattest Angst«, sagte ich. »Dann musst du etwas unternehmen, wenn du Angst hast. Kapierst du das nicht? Wenn du keine Angst hast, okay, dann brauchst du dich auch nicht zu wehren. Aber wenn du Angst hast, musst du, verdammt noch mal, was machen. Scheiße!«

Ich war so wütend, dass ich es nicht länger bei ihnen aushielt. Die Leute, mit denen ich kämpfe, wehren sich. Sie werden nicht einfach schlaff und strangulieren sich selber. Wenn jemand herumwirbeln und mich bei der Kehle packen würde, würde ich …

Als ich auf die Straße kam, ging es mir schon wieder etwas besser. Ich weiß, was ich machen muss, wenn mir einer an die Gurgel geht. Kein Wunder eigentlich. In der Kampfsaison kommt das schließlich zweimal die Woche vor.

Aber wie sollte ich das Margarine-Mandy erklären? Die Frau war ein wandelnder Wurm auf zwei Beinen.

Am meisten wunderte ich mich allerdings darüber, wie eine Frau von ihrer Dimension in einem Auto Sex machen konnte. Das kam mir technisch unmöglich vor. Es waren also nun schon zwei Rätsel: Wie hatte sie es geschafft, so lange zu überleben, und wie trieb sie es in einem Wagen? Bei diesen Gedanken kam mir schon wieder die Galle hoch, und ich beschloss, mir im Full Moon noch ein Gläschen zu genehmigen.

Ich wollte die Kneipe gerade ansteuern, als ich sah, dass Crystal vor dem Eingang mit einem Kerl redete, und die eingebauten Bullensensoren in meinem Kopf schrillten los – pieppiep-piep! Also schlenderte ich lieber in die andere Richtung. Rede nie mit einem Bullen, es sei denn, er hockt dir schon auf dem Schoß und zwingt dich dazu. Da kommt nie was Gutes bei raus.

Ich borgte mir einen Wagen und fuhr zum Studio.

Mr. Deeds stand am Fenster und rauchte einen stinkenden braunen Stumpen. Er sagte: »Ich stelle gerade das Programm für nächste Woche in Lewinsham zusammen. Interessiert?«

Natürlich war ich interessiert. Was für eine Frage.

»Nur weil du wegen deinem Ellenbogen so gejammert hast. Ich dachte, du wärst vielleicht nicht fit.«

Was für ein Dödel! Solchen Schwachsinn gibt er bloß von sich, damit ich mich aufrege. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht.

»Ich bin immer fit«, sagte ich.

»Bei euch Weibern weiß man nie«, sagte er. »Ich habe noch nie jemandem getraut, der fünf Tage am Stück blutet und trotzdem nicht stirbt.« Und er fing an zu husten. Hatte sich an seinem eigenen Witz und am Rauch verschluckt. Sollte sich der alte Mistbolzen ruhig die Lunge aus dem Leib husten, dann würde ich sie als Trampolin benutzen. Weiberkram ist auch so schon schlimm genug, ohne dass sich Typen wie Mr. Deeds darüber lustig machen. Ich ging mich umziehen.

Von Weiberkram hatte ich sowieso die Schnauze voll, das kann ich dir flüstern. Nach dem ganzen Ärger mit Crystal und Dawn, Bella und Stef. Und die Frage, wie Mandy es in einem Wagen treiben konnte. Das Einzige, was mich interessiert, ist mein eigener Kram. Den Rest kannst du in der Pfeife rauchen.

Und ich hatte einen Kampf am nächsten Freitag – entweder gegen Gypsy Jo oder gegen Stella Bombshell. Die eine oder die andere. Es gibt einfach nicht genug Catcherinnen, deshalb läuft man sich alle naselang über den Weg. Einmal habe ich gegen eine Frau aus dem Norden gekämpft, die war ’ne Wucht. Aber in London und um London herum gibt es solche Klassefrauen nicht. Wenn ich eines Tages berühmt bin, gehe ich vielleicht nach Amerika. Da drüben finde ich genug gute, starke Gegnerinnen. Das weiß ich aus dem Fernsehen.

Trotzdem, ein Kampf ist immer etwas, worauf du dich freuen kannst. Ich brauche das, oben im Ring stehen, im Scheinwerferlicht herumstolzieren, das Publikum anstacheln. Das ist mein Leben – das tun, was ich am besten kann, und dabei Zuschauer haben. Wie viele von euch Versagern können dasselbe von sich behaupten? Ha? Lasst hören. Wie viele von euch können in dem Käfig aus Licht stehen und Hunderten von Leuten ins Gesicht brüllen: »Schnauze, ihr Penner, ich bin hier oben, im Licht, und ihr sitzt bloß da unten im Dunkeln!« Los, raus damit. Wie viele von euch? So was nenne ich einen befriedigenden Job.

An diesem Nachmittag waren außer mir noch Phil Julio und California Carl im Studio. Ich will dir was über Carl erzählen. Er war schon genauso oft in Kalifornien, wie ich den Prince of Wales getroffen habe, aber er liest Bodybuilding-Magazine. Er denkt, die besten Muskeln gibt es in Amerika. Und er meint, wenn er sich »California« nennt, bleibt von dem Ruhm der Amis auch was an ihm kleben. Er hält sich für einen ganz Schlauen.

Carl trainierte mit den schweren Hanteln. Auf seine Bizepse hält er besonders große Stücke, und wenn der Kerl auch der allerletzte Oberwichser ist, muss ich doch zugeben, dass seine Arme spitze sind.

Im Ring ist er ungefähr genauso gelenkig wie ein Gartenschuppen. Das liegt daran, dass er sich nur für seine Figur interessiert, die er landauf, landab bei Bodybuildingwettbewerben zur Schau stellt.

Er ist ein Wasserstoffblondie, und er gibt ein Vermögen für Grillfeste auf der Sonnenbank aus. Er ist am ganzen Körper rasiert. Ach was, rasiert! Von wegen. Er schmiert sich mit diesen ekeligen, stinkenden Cremes ein, durch die einem die Haare an den Wurzeln abfaulen.

Außerdem ist er ein Hormonochse. Er nimmt Anabolika und ist reizbarer als eine Wildsau mit entzündetem Rüssel.

Die Frauen lieben ihn.

Weil Carl manchmal einen Freund zum Trainieren mitbringt, der fast genauso gut aussieht wie er, denken die anderen Kerle, die mit der schweinischen Phantasie, wie zum Beispiel Gruff Gordon und Pete Carver, er wäre schwul. Aber ich glaube, der Einzige, in den er verliebt ist, ist er selber.

Immerhin nimmt er das Training ernst. Das muss man ihm lassen. Er legt sich schwer ins Zeug.

Und er hat Einfluss auf Flying Phil. Flying Phil Julio, die eine Hälfte eines Vater-und-Sohn-Zweierteams, war immer ein fauler Hund, der seinem Dad drei Viertel der Arbeit überlassen hat. Aber jetzt hat er sich Strähnchen in die Haare machen lassen, steht auf Muskelaufbau und peilt eine Solokarriere an.

Er sollte es lieber nicht übertreiben. Wenn er sich noch mehr Muskeln aufpackt, wird er zu schwer für die Flugnummern, und dann ist er Flying Phil gewesen.

Ich wärmte mich auf der Matte auf, wie ich es von Harsh gelernt hatte. Phil trainierte seine Bauchmuskeln an einem Gerät. Nach einer Weile ging ich rüber, um ihn was zu fragen.

»Was würdest du machen«, sagte ich, »wenn dich ein paar Frauen bitten würden, ihnen Selbstverteidigung beizubringen?«

»Klappe, ich zähle mit«, sagte er.

Aber obwohl Phil, was das Training anging, ein neuer Mensch war, ließ er sich die Gelegenheit zu einer faulen Minute nicht entgehen.

»Selbstverteidigung?«, sagte er. »Weiber? Ich bitte dich, Eva. Ich würde Weibern nie Selbstverteidigung beibringen. Die sind auch so schon schwer genug aufs Kreuz zu legen.«

5

Am nächsten Nachmittag, es war so gegen halb fünf, kam die ganze Truppe ins Studio gestöckelt. Vor Wut wäre ich beinahe aus der Kniebeuge auf die Nase gekippt. Mein Gesicht war so heiß wie ein kochender Suppentopf.

Sie waren vollzählig erschienen – Crystal, Bella, Mandy und Stef, und sie hatten auch noch die beiden anderen angeschleppt, Kath und Lynn. Sie hatten knallenge, knallbunte Gymnastikanzüge und Leggings an und geschminkte Lippen. Ich wäre am liebsten gestorben.

»Achtung«, sagte Gruff Gordon. »Fotzen im Anmarsch, Fotzen im Anmarsch.«

Alle ließen sofort alles stehen und liegen, nur California Carl nicht, der vor dem Spiegel seine waschbrettartigen Bauchmuskeln auf Hochglanz polierte.

»Wo ist Eva?«, fragte Bella, die Fäuste in die Hüften gestemmt, Kinn in die Höhe gereckt. Aber trotz dieser selbstbewussten Pose konnte man sie nicht für voll nehmen. Ihre Haare sahen aus wie ein Haufen Brombeeren.

»Was willst du mit Eva?«, sagte Pete Carver und wanzte sich schon an sie ran.

»Was du brauchst, ist ein richtiger Mann«, sagte Gruff. Die beiden treten immer als Pärchen auf, genau wie die Bullen.

»Da hätte ich schon lieber Hämorrhoiden«, sagte Bella.

»Sie steht auf mich«, sagte Gruff.

»Eva!«, brüllte Mr. Deeds. »Was zum Teufel soll das werden?« Seine Augäpfel kullerten in ihren Höhlen herum, was immer ein schlechtes Zeichen ist.

Ich legte die Hantel weg, blieb aber in der Hocke, um nicht ins Schussfeld zu geraten. Doch leider bin ich nun einmal nicht als Glückspilz geboren.

»Eva bringt uns Selbstverteidigung bei«, sagte Crystal. Sie war die Einzige, die wenigstens annähernd wie ein Mensch aussah. Nur waren die Kerle von den Neonfarben und der Schminke anscheinend so geblendet, dass sie sie überhaupt nicht bemerkten.

Eine von den Weibern, Kath, wie sich später herausstellte, hatte einen Busen, auf dem man Teetassen hätte abstellen können. Gruff Gordon konnte seinen Blick nicht davon lassen. Dafür konnte sie die Hände kaum von California lassen.

»Was für ein Knackarsch«, sagte sie. Weil sie ein Organ hatte, auf das jeder wilde Buchmacher beim Pferderennen stolz gewesen wäre, bekamen wir es alle mit.

»Wehe, du fasst mich an«, sagte California. Was ebenfalls nicht zu überhören war. Es klang nicht gerade freundlich.

»Oh«, sagte sie. »Legst du mich dann etwa übers Knie?«

Sie hatten alle getrunken, bis auf Crystal. Die sagte nur: »Eva, wann fangen wir an?«

Die Tussi, die Lynn hieß, ließ schon ihre Fäustchen und Füßchen fliegen – Pinocchio, der sich über Kung-Fu lustig machte. »Ha!«, quiekte sie. »Ha, ho! Ha!«

In diesem Augenblick sagte Flying Phil: »Selbstverteidigung. Deshalb sind die Weiber hier, Mr. Deeds.« Es hatte zwar ein bisschen gedauert, aber nun war der Groschen doch noch gefallen. »Eva bringt den Torten Selbstverteidigung bei.«

Harsh sagte: »Wie interessant.«

Und Mr. Deeds schoss heißer Dampf aus den Ohren. Er sagte: »Wenn das mal wieder eine von deinen Schnapsideen ist, Eva Wylie …«

Ich stellte die Lauscher auf Durchzug. Von da an lief alles wie im Fernsehen vor mir ab.

Es sah ganz so aus, als ob Bella mit Pete Carver über eine schnelle Nummer im Stehen verhandelte. Stef drehte sich einen Joint. Gruff Gordon grapschte nach Kath. Kath grapschte nach California. California holte zu einem brutalen Schwinger aus, traf aber nicht Kath, sondern Gruffs Brustkorb.

Mandy, die zur Tür flüchten wollte, stolperte über eine Hantel und riss Mr. Deeds mit sich auf die Matte – zwei Fleischklöpse mit Armen und Beinen.

Gruff rammte California den Kopf in die Magengrube.

Harsh ging duschen.

Mir reichte es. Das Studio war voll von Chaoten und Irren, und California spuckte Lynn mit blutigem Schleim an. Ich tat, was ich schon immer tun wollte, solange ich den Kerl kannte – ich versenkte meine Faust in Gruff Gordons Wampe.

Ich weiß auch nicht, warum, ich wollte es einfach. Ich war voll bei der Sache. Das Ziel lag direkt unter Gruffs Rippen. Ich zielte, ließ die rechte Faust fliegen und traf genau ins Schwarze. Wuff! Hätte ich das bei California Carl versucht, hätte ich mir die Hand gebrochen, aber der hat schließlich einen Bauch wie eine Tür. Gruff Gordons Wanst ist so weich wie ein Wäschesack, und meine Knöchel versanken tief in seinem Speck. Hätte ich mehr Kraft in den Schlag angelegt, hätte ich ihm die Nieren kitzeln können – so schlaff waren seine Bauchmuskeln.

Ein Liegestuhl hätte nicht schneller zusammenklappen können. Ich war höchst zufrieden mit mir.

Gruff Gordon meint, Frauen gehören nicht in den Ring. Andauernd nervt er Mr. Deeds, damit er mich aus dem Programm nimmt. Gruff Gordon, der meint, eine Frau gehört mit den Röcken über dem Gesicht rücklings auf den Küchentisch, klappte wie ein Liegestuhl zusammen und lag würgend auf dem Boden.

Es war herrlich. Und wenn du irgendwann die Chance kriegst, jemandem eine reinzuhauen, der dich so lange getriezt hat wie Gruff Gordon mich, wirst du mir recht geben. Darauf kannst du Gift nehmen.

»Was sollte das denn?«, fragte Flying Phil verdattert. »Was hat Gruff dir denn getan?«

Weil ich immer noch ein bisschen überdreht war und keine Lust zum Reden hatte, stieß ich ihn mit der Schulter weg und ging.

Als Nächstes weiß ich nur noch, dass ich in einem Auto auf dem Weg zu meiner Ma war und nasse Haare hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich geduscht habe, aber das muss ich wohl, weil meine Haare nass waren. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich umgezogen habe, aber das muss ich wohl auch, weil ich nämlich Jeans und ein Sweatshirt anhatte. Ich weiß nicht mehr, ob ich mir einen Wagen ausgeborgt habe, aber das muss ich wohl, weil ich nämlich in einem gelben Ford Cortina saß, an dessen Innenspiegel ein kleines blaues Püppchen baumelte. Ich weiß nicht, ob ich das Studio verlassen habe, aber das muss ich wohl, weil ich schließlich nicht mehr dort war.

So was hasse ich. Es ist unheimlich. Du bist irgendwo, und plötzlich bist du ganz woanders. Und dazwischen liegt eine Lücke. Ich hasse diese Lücken. Schließlich bestimme immer noch ich. Aber wer bestimmt, wenn ich nichts mitkriege?

Außerdem wollte ich meine Ma gar nicht besuchen. Früher bin ich regelmäßig zu ihr gefahren, aber letztes Jahr hat sie mich tief enttäuscht, was ich ihr bis heute nicht vergessen habe. Sie hat nicht so viel Familiensinn wie ich. Sie könnte uns alle wieder zusammenbringen, aber sie will nicht. Das hat sie noch nie gewollt. Also werde ich sie erst wieder besuchen, wenn sie es sich anders überlegt hat. Vorher nicht.

Früher habe ich geglaubt, sie hätte deshalb nicht so gut für meine Schwester und mich sorgen können, wie sie es gern gewollt hätte, weil sie es selber nicht leicht gehabt hat im Leben. Aber letztes Jahr habe ich erkannt, dass sie es nie gewollt hat – dass sie uns lieber ins Heim gesteckt hat, als uns selber ein Heim zu geben. Uns ein Heim zu geben, das wäre meiner Ma zu anstrengend gewesen.

Ich habe also nicht den leisesten Schimmer, wieso ich auf dem Weg zu ihr war. Da wollte ich nun wirklich nicht hin. Außerdem hatte ich die Nase gestrichen voll von Leuten. Und wenn man von Leuten die Nase voll hat, ist meine Mutter der letzte Mensch, den man sehen will.

Also wendete ich und fuhr nach Hause, zu Ramses und Lineker. Kann sein, dass sie mich nicht besonders mögen, aber wenigstens weiß ich bei ihnen immer, woran ich bin. Und sie tun, was ich ihnen sage, wenn ich sie laut genug anbrülle, was man von Menschen nicht behaupten kann. Dabei dachte ich besonders an fünf Nutten und Crystal, die angesäuselt in meinem Studio aufgekreuzt waren und das totale Chaos angerichtet hatten. Weil sie nicht kapierten, was mir meine Arbeit bedeutet, und weil es ihnen außerdem egal war.

»Okay«, brüllte ich Ramses an. »Platz und Schnauze.« Dann holte ich seine Bürste und striegelte ihn. Ich fing am Hals an, bürstete das Fell gegen den Strich und untersuchte die bläuliche Haut nach Wunden und Flöhen. Dann kämmte ich das Fell über den festen Muskeln vom Schwanzende aus – wenn er einen Schwanz gehabt hätte – Strich für Strich wieder glatt. Zuletzt nahm ich einen nassen Lappen und säuberte ihm das Gesicht und die Ohren, ich wusch jede Falte und Macke an seinem schweren, hässlichen Schädel und tastete die steinharte Narbe rings um seinen Hals ab. Die ganze Zeit verfolgte er mich mit seinem stählernen Blick. Er saß völlig reglos vor mir, aber er ließ mich nicht aus den Augen, und während ich ihn nach Flöhen absuchte, suchte er bei mir nach einem Anzeichen von Schwäche. Er lauert ständig auf einen schwachen Augenblick.

Da kann er warten, bis er schwarz wird, weil ich mir nämlich keine Blöße geben werde.

Dann nahm ich mir Lineker vor, der schlanker und schneller ist als Ramses. Er hat eine lange, schmale Schnauze und kurzes, drahtiges Fell, das wie der Lack eines nagelneuen Autos glänzt. »Halt still, du Haigesicht«, knurrte ich, weil er nicht so geduldig wie Ramses ist. Er hat einen kleineren Kopf und ein kleineres Hirn, und er kann sich nicht so gut konzentrieren. Aber er lässt sich herrlich striegeln.

Die beiden sind meine Werkzeuge, und sein Werkzeug muss man gut in Schuss halten, das wird dir jeder bestätigen können. Ramses und Lineker sind in Topform. Genau wie ich.

»Aber nur so lange, wie du auf der Hut bist«, hörte ich Ramses sagen, und er sah mich mit seinen stählernen Knopfaugen an.

Die Sache mit den Ellenbogen ist die: Wenn sie einmal wehtun, dann tun sie richtig weh. Mein Ellenbogen war wieder angeschwollen. Es musste wohl die Hantel gewesen sein, obwohl ich es im Training gar nicht bemerkt hatte. Aber jetzt konnte ich es nicht mehr übersehen.

Im Hänger setzte ich Wasser auf. Zuerst machte ich mir einen Tee, denn im Leben musst du immer die richtigen Prioritäten setzen. Dann hängte ich den Ellenbogen in eine Schüssel mit heißem Wasser und besah mir den Bluterguss, wo Gypsy Jo mich mit ihrem Stiefel erwischt hatte.

»Heißes Wasser«, sagt Harsh. »Die Venen und Kapillargefäße müssen sich weit öffnen. Die Verletzung muss gut durchblutet werden. Dein Blut muss die Gifte herausspülen.«

Wobei ich an Dawn denken musste, die totgetrampelt worden war. Um ihre Zirkulation wieder in Gang zu bringen, reichte eine Schüssel mit heißem Wasser nicht mehr.

Meine Ma ist mal von einem Macker getreten worden, bis ihre Beine grün und blau waren. Also ist sie in den nächsten Schnapsladen gehinkt, um sich ein paar Flaschen gegen die Schmerzen zu holen. Und den durchgedrehten Macker wollte sie damit auch gleich besänftigen. Aber als sie wieder nach Hause kam, war ihr Freund verduftet, also hat sie sich hingesetzt und ihre Schmerzen allein ersäuft. Aber während sie trank, rauchte sie auch, und je mehr sie rauchte, desto mehr trank sie. Und wie es so geht, wenn man säuft und raucht, dauerte es gar nicht lange, bis sie einnickte und ihr die brennende Zigarette ins Sofa fiel. Erst kokelte die Kippe, dann kokelte das Sofa, und das Polster kokelte ebenfalls. Bald kokelte auch das Kleid meiner Mutter.

Woher ich das weiß? Weil ich’s gerochen habe, daher. Aus dem Schrank unter der Treppe, wo meine Ma meine Schwester und mich jedes Mal eingesperrt hat, wenn sie bumsen oder sich prügeln wollte – oder beides. Sie steckte uns in den Schrank unter der Treppe und drehte den Schlüssel rum, und dann machte sie das, was wir nicht sehen sollten.

Es war dunkel im Schrank. Man baut keine Schränke mit Fenstern. Wir wussten nicht, wie spät es war. Wir saßen schon so lange in dem Schrank. Simone war eingeschlafen. Sie ist immer eingeschlafen, wenn sie Angst hatte. Und sie hatte deshalb Angst, weil wir zwar nicht sehen konnten, was unsere Ma trieb, aber hören. Und wir hörten jeden einzelnen blaugrünen Bluterguss auf den Beinen meiner Ma mit.

Du meinst, Blutergüsse kann man nicht hören? Glaub mir, man kann.

Ich roch den Rauch. Ich war damals noch ziemlich jung und dumm, aber ich wusste immerhin schon, dass Rauch Feuer bedeutet. Ich weckte Simone auf, und wir fingen an zu schreien und zu weinen und an die Schranktür zu hämmern.

Keiner hörte uns. Ma wachte nicht auf, und wir kriegten schon fast keine Luft mehr. Wir waren zu klein, um die Tür aufzubrechen, und zu schwach, um ein Loch in die Treppe über uns zu machen. Also taten wir das, was alle kleinen, schwachen Leute machen – wir schrien und weinten und machten uns in die Hose. Und Ma ist nicht aufgewacht. Wie denn auch? Sie war sternhagelvoll und hatte uns schon vorher total vergessen gehabt.

Siehst du? Um ein Haar hätte es keine Eva gegeben, keine Armour Protection, keine Londoner Killerqueen, und alles nur wegen ein paar Blutergüssen. Wenn du meinst, Blutergüsse könnten nicht töten, liegst du schief. Ich weiß es besser. Genau wie Dawn.

Ich sah mir den Bluterguss an meinem Ellenbogen an und spielte mit dem Gedanken, mir eine Tätowierung machen zu lassen, einen rot-grünen Drachen, der sich an meinem Arm runterschlängelte. Oder rauf. Wie rum wäre es besser? Wenn er den Kopf oben hätte, sähe es aus, als ob er mir auf die Schulter klettern wollte, was in Ordnung ging, solange ich nackte Schultern hatte. Aber wenn ich ein Hemd anhatte, würde es so aussehen, als ob er mir in den Ärmel kroch. Ein Drache mit dem Kopf am Handgelenk würde so aussehen, als ob er sich verdrücken wollte. Ich musste an Ratten denken und an sinkende Schiffe. Ratten. Ich habe noch nie jemanden mit einer Rattentätowierung gesehen, aber vielleicht würden Ratten sogar noch besser zur Londoner Killerqueen passen als Drachen.

Ich stellte mir einen Kampf vor. Ich, in meinem schwarzen Kostüm, mit drei tätowierten Ratten auf dem linken Arm. Nur auf dem linken. Das hätte mehr Klasse als Tätowierungen auf beiden Armen. Drei Ratten – eine auf dem Deltamuskel, eine auf dem Bizeps und eine auf dem Unterarm. Weil die drei Ratten nicht alle in dieselbe Richtung blicken würden, wäre auch das Problem gelöst, ob sie kamen oder gingen.

Manchmal kommen mir solche Ideen. Ich bin viel kreativer, als die meisten Leute denken.

Mittlerweile war das Wasser kalt geworden, und ich hatte Kohldampf. Aber ich hatte mal wieder nichts eingekauft. Ich würde gern eine Pille erfinden, die du immer dann einwerfen kannst, wenn du vergessen hast, einkaufen zu gehen. Im Magen würde sie auf die Größe einer anständigen Mahlzeit anschwellen und du hättest zwölf Stunden keinen Hunger mehr. Das ist das Blöde mit dem Essen – du musst Massen davon kaufen, wenn du satt werden willst. Und wenn du endlich satt bist, hast du meistens schon zu viel gegessen. Und wenn du zu viel gegessen hast, wirst du dick. Und wenn du dick wirst, beult sich das schwarz Kostüm an den falschen Stellen aus, und das Publikum schmeißt dir noch wüstere Beleidigungen an den Kopf. Wenn es dich zum Beispiel »Kampfschwein« nennt, heißt du dann auf einmal »Kampfschwein mit Saftarsch«. Was nicht sehr schön wäre. Aber ich bin groß und kräftig, und wenn ich nicht genug esse, kriege ich Hunger. Was auch nicht sehr angenehm ist.

Tätowierte Ratten würden alle Blicke auf sich ziehen. Alle würden nur noch auf die Ratten sehen und vergessen, wie groß mein Arsch ist. Obwohl mir mein Arsch eigentlich keine Sorgen macht. Schon eher die Bauchmuskeln. Hängebauchkampfschwein.

Das Leben kann manchmal ganz schön schwierig sein.

Aber es wird nicht leichter dadurch, dass man auf dem Arsch sitzt und den Ellenbogen in eine Schüssel mit kaltem Wasser hängt, also trocknete ich mich ab und ging nach draußen. Ich nahm eine Taschenlampe mit und einen von den großen Hundekuchen, mit denen ich ab und zu Ramses und Lineker verwöhne, und ging los, um den Zaun zu überprüfen.

Ein böser Fehler.

Crystal tauchte wie ein Kobold hinter einem geparkten Auto auf und sagte: »Wo hast du gesteckt, Eva? Ich warte schon seit Stunden.«

»Verpiss dich, du Zwerg«, sagte ich. »Hast du für einen Tag nicht schon genug angerichtet?«

»Wir hätten nicht ins Studio kommen sollen«, sagte sie und kratzte sich den Lockenkopf. »Das war mir sofort klar.«

»Du hast es erfasst«, sagte ich. »Ich will nichts mehr mit euch zu schaffen haben.«

»Wir brauchen einfach eigene Räume«, sagte sie, als ob ich den Mund nicht aufgemacht hätte. »Also habe ich uns Räume besorgt«, sagte sie. »Komm mit und schau sie dir an.«

»Hast du Bohnen in den Ohren?«, sagte ich. »Ihr könnt euch den Job in die Haare schmieren.«

»Was machst du da? Knabberst du einen Hundekuchen?«, fragte sie.

»Quatsch«, sagte ich und schluckte. »Lineker und ich trainieren. Wenn er gehorcht, kriegt er eine Belohnung. Siehst du?« Ich warf Lineker, der mir nachgeschlichen war wie einer läufigen Hündin, die andere Hälfte von dem Hundekuchen hin.

»Ich hätte Lust auf eine Pizza«, sagte Crystal. »Mit einer doppelten Portion Käse und Peperoni. Möchtest du auch eine? Ich lade dich ein.«

»Wo sind die anderen?«, fragte ich misstrauisch.

»Beim Hahnenkampf«, sagte sie.

»Was?«

»Beim Hahnenkampf«, sagte sie. »Die Markthändler und die Kunden aus dem Full Moon veranstalten manchmal Hahnenkämpfe auf dem Parkplatz.«

Wir gingen die Mandala Street rauf. Nichts ist so tot wie ein Straßenmarkt ohne Markt. Die Stände waren über Nacht in irgendwelchen Schuppen untergestellt, in der Gosse lagen kniehoch Salatblätter und durchgeweichte Papiertüten. Es war so ruhig, dass einem die Stille auffiel. Normalerweise herrscht immer Geschrei auf einem Markt, aber nachts stinkt es bloß nach totem Blumenkohl.

»Wo willst du bin?«, sagte Crystal. Sie war vor einer Tür stehen geblieben, aber ich ging weiter.

»In die Pizzeria.«

»Gleich«, sagte sie. »Ich wollte dir doch was zeigen.«

»O nein«, sagte ich. »Ich will den Job nicht. Hörst du überhaupt nicht zu?«

»Wir sind schon da«, sagte sie.

Wir standen vor einem runtergekommenen Laden, dessen Schaufenster mit Brettern vernagelt war und an dem ein Zu-vermieten-Schild hing, das so aussah, als wäre es schon vor der Zeit der Beatles dort angebracht worden.

»Willst du nicht wenigstens mal gucken?«, sagte sie.

»Lass mich in Frieden«, sagte ich. »Ich habe Hunger.«

»Ich auch«, sagte Crystal. »Ich dachte bloß, wir sollten vorher noch die Räumlichkeiten inspizieren.«

»Dann inspizier du mal schön«, sagte ich. »Ich gehe.«

»Ich kann nur blöderweise den Schlüssel nicht finden«, sagte sie. »Es dauert keine Minute, wenn du mir die Tür aufmachst. Danach bestelle ich die größte Pizza aller Zeiten.«

Ich sah mir die Tür an. Ich drückte versuchshalber mit der Schulter dagegen. »Sie ist abgeschlossen«, sagte ich.

»Ja«, sagte sie. »Ich habe den Schlüssel verloren.«

»Du hast doch einen Schlüssel?«, sagte ich. »Das ist doch dein Laden, ja?«

»Wir brauchen eigene Räume«, sagte sie. »Ich fand die Hütte hier sehr geeignet.«

Anscheinend hatten Penner in dem Laden gehaust, bis man ihn leergeräumt und mit Brettern vernagelt hatte. Es sah so aus, als hätte jemand vergeblich versucht, die Tür aufzukriegen.

Ich stemmte mich mit der Schulter dagegen. Sie gab nicht nach. »Such lieber den Schlüssel«, sagte ich. »So kann ich nichts ausrichten.«

»Ich hab eine Brechstange dabei«, sagte sie und fing an, in einer Plastiktüte zu wühlen, die neben dem Eingang stand und wie ein Müllsack aussah.

Es war ein gutes, stabiles Schloss. Sogar mit der Brechstange musste ich meine ganze Kraft einsetzen, bevor die Tür aufsprang.

Es war fast wie früher, wenn Crystal und ich einen Schlafplatz brauchten. Es roch genauso muffig, und es war genauso kalt. In solchen Löchern kommt man sich auch in einer warmen Nacht wie in einem Keller vor.

»Wie in der bösen alten Zeit«, sagte ich und ging hinein.

Crystal blieb hinter mir, und auch das war genau wie früher. Ich bin immer vorneweg gegangen. Nur für den Notfall. Aber wenn bloß noch clevere Ausreden halfen, war immer Crystal die Erste. Sie hatte schon damals ein ziemliches Mundwerk.

»Jede Menge Platz«, sagte Crystal und leuchtete mit ihrer Taschenlampe herum. Der Lichtkreis tanzte über die Wände und die leeren Ecken. »Ich lege einen Teppich rein«, sagte sie. »Und ein paar Matratzen oder so, wie die Matten bei euch im Studio. Siehst du, hier ist es viel besser. Die Mädchen und ich haben nicht so weit zu laufen. Und für dich ist es auch näher.«

»Ohne mich«, sagte ich. »Wie oft muss ich es dir noch verklickern?«

»Und wir wären unter uns«, sagte sie. »Keine dämlichen Kerle, die überall ihre Nase reinstecken und einen rumkommandieren wollen. Bis man sich wie der letzte Mensch vorkommt. Hier wärst du der Boss, Eva. Du hättest dein eigenes, privates Fitnessstudio. Und wir müssten keinem Geld geben außer dir. Der Fettsack heute Morgen hat gesagt, ohne Aufnahmegebühr dürften wir nicht rein. Der alte Geizkragen. Hier dagegen würdest du bestimmen. Und wenn wir uns die Aufnahmegebühr sparen, könntest du mehr für den Unterricht verlangen.«

»Wie viel?«, fragte ich.

»Das ist allein deine Sache«, sagte sie. »Du kannst nehmen, was du willst. Du hast das Sagen. Ich würde das Geld auch für dich einsammeln, wenn es dir zu lästig ist.«

»Vergiss es«, sagte ich. »Um meine Kröten kümmere ich mich schon selber.« Aber mir kam ein Gedanke. »Wie sieht es eigentlich mit der Miete aus?«, sagte ich. »Wer bezahlt die Miete?«

»Die Miete?«, sagte Crystal. »Die lass mal meine Sorge sein. Das ist das Wenigste, was ich tun kann. Wenn ich bloß schon daran gedacht hätte, bevor die arme Dawnie …«

»Und wir brauchen Licht«, sagte ich, bevor sie wieder weinerlich werden konnte. »Die Bretter müssen dranbleiben. Ich will nicht, dass man vom Markt aus reingucken kann.«

»Klar«, sagte sie. »Das will ich auch nicht. Mit dem Licht lass ich mir was einfallen. Hast du immer noch keinen Hunger? Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.«

»Und die Tür?«, sagte ich. »Die ist hin.«

»Das hätte ich beinahe vergessen«, sagte sie. »Ich habe ein Vorhängeschloss mitgebracht. Damit wir sie provisorisch wieder zusperren können.«

Sie hatte wirklich an alles gedacht, das musste man ihr lassen. Sie hielt die Taschenlampe, während ich das Vorhängeschloss anbrachte, und dann gingen wir endlich Pizza essen.

Sie spendierte mir zwei riesige Pfannenpizzas mit doppelten Portionen Käse und Schinken.

»Weißt du noch?«, sagte sie mit vollem Mund. »Damals, im West End? Als eine kalte Pizza aus dem Papierkorb für uns das höchste der Gefühle war?«

»Nein«, sagte ich. Aber ich erinnerte mich genau. Und eins kann ich dir flüstern, eine heiße Pizza mit weichem, zerlaufenem Käse in der Mitte schlägt jede kalte, angefressene, betonartige Pizza um Längen.

Wenn Crystal ihre sentimentalen fünf Minuten hat, wenn sie zum Beispiel an die alten Zeiten und an die tote Dawn denkt, kann sie ein ziemlicher Jammerlappen sein. Deshalb war ich auch so zufrieden mit mir. Schließlich hatte Crystal, die ach so ausgekochte Type, die jeden übers Ohr haut, mir an ein und demselben Abend mietfreie Übungsräume beschafft und zwei Riesenpizzas spendiert. Also frage ich dich, wer hatte diesmal die Oberhand behalten, hm?

6

»Wo steckt denn das dreckige halbe Dutzend?«, fragte Gruff Gordon. Die übliche Bierfahne vor sich her tragend, kam er ins Studio gewalzt, als ich gerade Schluss machen und duschen gehen wollte. »Wo sind denn die süßen Törtchen?«

»Evas feine Freundinnen«, sagte Pete Carver. »Es war wie Geburtstag – so viele Geschenke zum Auspacken. Was hast du denn heute für eine Überraschung für uns, Eva?«

»Höchstens eine Faust aufs Auge«, sagte ich und wich ein paar Schritte zurück.

»Bei Faust fällt mir was ein«, sagte Gruff Gordon. Seine buschigen Augenbrauen gingen runter, die Schultern kamen hoch und leisteten seinen Ohren Gesellschaft.

Ich verzog mich in die Damendusche. Ich hatte ihnen aus dem Weg gehen wollen. Ich wollte längst trainiert und geduscht haben und schon wieder gegangen sein, wenn sie aus der Kneipe anrollten. Aber auf diese beiden Schwergewichtswichser war eben kein Verlass.

Wenn die eine Frau anbaggern wollten, versuchten sie es wahrscheinlich mit dem Spruch »Hinlegen und Beine breit«. Aber das hätte Bella und ihre Babys wohl nicht sonderlich erschüttert. Und ich konnte auf mich selbst aufpassen – Gruff in die Wampe geboxt zu haben war ein Vergnügen, für das ich gern bereit war zu zahlen. Und wie ich ihn kannte, würde er mich zahlen lassen. Aber ich hatte keine Angst vor ihm. Und ich hatte keine Angst vor Pete. Ich wollte sie bloß nicht sehen. Das ist alles.

Nur zur Information, falls du etwa immer noch denken solltest, ich hätte mich aus Schiss in die Damendusche verdrückt, weil ich aus Gruff Gordon ein Bauchnabelsandwich gemacht hatte und mir ausrechnen konnte, dass er sich dafür revanchieren wollte, will ich dir eins sagen. Die beiden Fettsäcke machen mir kein bisschen Angst. Aber ich hasse sie, und das kann man auch in Großbuchstaben schreiben: ICH HASSE SIE, und ich will dir auch verraten, warum. Sie sind Miesmacher, sie machen alles mies, was mir wichtig ist. Mies und madig. Darum.

Ich bin eine Selfmadefrau. Ich habe mich selbst zu dem gemacht, was ich bin. Vorher war ich ein Nichts. Eine Null. Ich bin stark, weil ich mich selbst stark gemacht habe. Ich habe eine Karriere vor mir, weil ich mich dafür abgerackert habe. Ich habe mich so lange in der Catcherszene rumgetrieben und bin Mr. Deeds so lange auf die Nerven gegangen, bis er mir einen Kampf gegeben hat. Und als ich dann den Fuß in der Tür hatte, habe ich ihn nie mehr weggezogen. Ich habe mehrere Jobs. Ich habe ein Zuhause. Ich habe Hunde, die ich selbst abgerichtet habe. Das alles habe ich ganz allein geschafft, und ich habe mir außerdem einen Namen gemacht. Eines Tages werde ich berühmt sein. Eines Tages werde ich der große Star im Programm sein.

Ich hasse Pete Carver und Gruff Gordon, weil sie mir immer alles madig machen. Miese, fiese Rotzbeutel, die es nicht ertragen können, wenn einer Erfolg hat.

Deshalb habe ich mich in die Damendusche verzogen. Kapiert? Und wenn ich Lust habe, Crystal, Bella, Stef, Mandy, Kath und Lynn Selbstverteidigung beizubringen, dann bringe ich ihnen verdammt noch mal Selbstverteidigung bei. Ist das klar? Mich hält keiner auf, du nicht und die beiden Saftärsche schon gar nicht.

Aber eigentlich konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie ich es anfangen sollte. Deshalb fragte ich Harsh um Rat. Harsh kennt sich aus. Der benutzt seinen Kopf nicht nur dazu, Fußbälle zu stoppen.

Auf dem Weg zur U-Bahn holte ich ihn ein.

»Die Sache mit den Frauen ist die, Harsh«, sagte ich. Weil er nicht stehen blieb, musste ich rückwärts gehen. »Die Frauen«, sagte ich, »wollen Selbstverteidigung lernen, aber sie taugen nicht mehr als ein Ersatzteillager. Sie können nicht mal richtig laufen. Es würde fünfzig Jahre dauern, sie in Form zu bringen. Und besonders helle sind sie auch nicht.«

»Nun ja, Eva«, sagte Harsh. »Du solltest dir zunächst drei Fragen stellen. Erstens, weshalb möchtest du deine Zeit damit verbringen? Zweitens, warum wollen die Frauen lernen? Und drittens, was hoffen sie mit den Fertigkeiten, die du sie zu lehren gedenkst, anfangen zu können?«

Wenn er bloß stehen geblieben wäre. Harsh ist ein sehr kluger Kerl, er hat sogar studiert. Er kann gleichzeitig denken, reden und laufen.

»Hör auf, rückwärts zu gehen, Eva«, sagte er.

»Warum?«, sagte ich.

»Weil wir gleich an die U-Bahn-Treppe kommen«, sagte er. »Ich möchte dich nicht wieder hinauftragen müssen, nachdem du hinuntergefallen bist.«

»Oh.«

»Außerdem ist es, von einer spirituellen Warte aus betrachtet, immer besser, wenn man sieht, wohin man geht, da man nur so seine Probleme von der richtigen Seite her angehen kann.«

»Okay, schon klar«, sagte ich. »Also, diese Frauen …«

»Und ich frage mich«, fuhr Harsh fort, »ob die Tatsache, dass du rückwärts gegangen bist, nicht vielleicht symptomatisch ist. Hast du dir schon überlegt, Eva, ob du das Problem womöglich von der falschen Seite her angehst? Warum fragst du in dieser Angelegenheit zum Beispiel mich um Rat? Wäre es nicht besser, sich mit einer Frage, die Frauen betrifft, an eine Frau zu wenden?«

Er ging die U-Bahn-Treppe hinunter, irgendwie schwebend, perfekt ausbalanciert. Ich registriere immer, wie die Leute sich bewegen; Harsh sehe ich ganz besonders gern zu. Aber ich musste galoppieren, um mit ihm Schritt zu halten.

»Gut, Harsh, aber …«, sagte ich.

Er zog sich eine Fahrkarte am Automaten, und nun musste ich mich schnell entscheiden. Unter uns gesagt, gutes Geld für ein kleines Stück Pappe hinzublättern geht mir gegen den Strich. Und noch etwas, wo wir schon mal dabei sind: Ich fahre nicht gern mit der U-Bahn. Davon kriege ich Zahnschmerzen und kalten Schweiß auf dem Kopf.

Ich baute mich zwischen Harsh und der Absperrung auf. »Die Schlampen sind hoffnungslos«, sagte ich. »Wie soll ich solchen Krücken beibringen, wie man kämpft?«

»Darauf wollte ich ja gerade hinaus«, sagte Harsh. Er ging einfach um mich herum. »Du kannst ihnen das Kämpfen nicht beibringen. Vermutlich wollen sie es auch gar nicht lernen. Du denkst, dass das Kämpfen die Fertigkeit ist, die du sie lehren musst, weil es die Fertigkeit ist, die du selbst am besten beherrschst.«

Er ging durch die Absperrung und schwebte auf die Rolltreppe zu.

Ich holte einmal tief Luft und flankte über die Sperre.

»Aber, Harsh«, sagte ich, als ich ihn eingeholt hatte. »Was gibt es denn sonst noch?«

»Außer kämpfen?« Er lachte. Ich bewundere sein Gebiss, ehrlich. Eines Tages, wenn ich genug Geld zusammengekratzt habe, lasse ich mir die Zähne genauso toll herrichten.

Er stand auf der Rolltreppe. Sie rollte, aber wenigstens stand Harsh jetzt still. Ich stand hinter ihm.

Er sagte: »Die meisten Frauen wollen gar nicht lernen, wie man kämpft. Und das nutzen die Männer zu ihrem Vorteil aus.«

»Aber was soll ich denn sonst machen? Wenn sie nicht kämpfen lernen wollen und zu faul sind, sich in Form zu bringen, wenn sie zu Fremden ins Auto steigen oder mit ihnen in dunkle Gassen gehen, wie zum Teufel soll ich ihnen dann helfen?«

»Gar nicht«, sagte er. »Du wirst ihnen nicht helfen können. Du hast keinen Respekt vor dem Problem, und deshalb wirst du es niemals lösen.«

»Respekt?«, sagte ich. Wenn mir irgendein anderer so gekommen wäre, hätte ich mich furchtbar aufgeregt.

»Ein Akt der Phantasie«, sagte Harsh. »Denk an eine dieser Frauen und versetz dich an ihre Stelle. Dann überleg dir, was sie braucht. Sie, Eva. Nicht du.«

Die Rolltreppe setzte Harsh sanft unten ab, aber mir versuchte sie ein Bein zu stellen.

»Ich?«, sagte ich. »Ich soll wie so eine Schlampe denken?«

»Bitte schrei nicht so, Eva«, sagte Harsh. »Nein, vielleicht ist das tatsächlich nicht möglich. Wenn es möglich wäre, würdest du nicht solche schmutzigen Ausdrücke für sie benutzen.«

»Es ist ein dreckiger Job«, sagte ich. Von solchen Sachen hat Harsh keine Ahnung.

Das ist das Problem mit Harsh, er ist ein viel zu edler Mensch. Ein paar Runden mit Bella hätten ihn bestimmt kuriert. Ich versuchte mir das vorzustellen, aber irgendwie reichte meine Phantasie auch dazu nicht aus.

Er stand auf dem Bahnsteig, die Sporttasche ordentlich über der Schulter. Was er auch macht, es sieht immer perfekt aus. So gut wie alles, was ich über meinen Sport, über Ernährung, Körperpflege und Selbstdisziplin weiß, habe ich von ihm gelernt. Und nicht, weil er mein Lehrer wäre. Nein, weil er so perfekt ist, dass ich ihn nachmache. Oder ihn um Rat frage. Er macht sich nicht über mich lustig, wenn ich mal was nicht weiß. Er sagt nie: »Was, das weißt du nicht, Eva? Ich dachte, das wüsste jeder«, in einem so herablassenden Ton, dass du dir wünschst, du hättest nie gefragt.

Ich gebe zu, ich bin nicht allwissend. Aber wer ist das schon? Und nur weil ich ein paar Sachen nicht weiß, bin ich noch lange nicht schwachsinnig. Oder? Das will ich jedenfalls nicht hoffen, denn dann wären alle Leute schwachsinnig.

Die meisten Leute geben dir das Gefühl, schwachsinnig zu sein, nur wenn du einmal etwas nicht weißt. Aber Harsh nicht. Vielleicht liegt das daran, dass er nicht von hier ist. Womöglich sind sie da, wo er herkommt, höflicher im Umgang mit Menschen, die nicht alles wissen.

Deshalb macht es mir nichts aus, Harsh zu fragen. Und wenn er Zeit hat, gibt er mir immer eine Antwort. Aber manchmal versteht er das Problem nicht. Und manchmal verstehe ich die Antwort nicht. Davon abgesehen, kommen wir prima miteinander aus.

Wir standen auf dem Bahnsteig in dem staubigen Wind, und nach einer Weile sagte er: »Hast du schon mal an Alarmgeräte für die Handtasche gedacht?«

»Nein.« Ich dachte darüber nach. Typisch Harsh, das Problem von hintenrum anzugehen. Ich sagte: »Du meinst, ich soll sie aufrüsten? Mit Alarmgeräten, Tränengas, Schnappmessern, Schlagringen?« Das war eine gute Idee.

»Nein«, sagte er. »Ich meinte keine Schnappmesser und Schlagringe. Jemandem, den man das Kämpfen nicht lehren kann, darf man auf keinen Fall eine Waffe in die Hand geben.«

»Was dann?« Mir prickelte die Kopfhaut. Im Tunnel donnerte es, und die Kabel sangen. Der Zug kam. Harsh würde einsteigen. Und ich wollte nicht mitfahren.

»Eva«, sagte er. »Um sich verteidigen zu können, muss man auf einen Angriff vorbereitet sein. Man muss die eigenen Schwächen kennen und dafür sorgen, dass niemand sie sich zunutze machen kann. Eine Frau, die allein ist, stellt ein leichtes Angriffsziel dar, und deshalb …«

Aber da kam ratternd und brüllend der Zug aus dem Tunnel geschossen, und ich konnte ihn nicht mehr verstehen. Der Zug hielt an. Die Türen gingen auf. Harsh stieg ein und sagte: »Das ist der Punkt, an dem du ansetzen solltest.«

»Was?«, schrie ich. »Harsh, an was für einem Punkt soll ich ansetzen?«

Die Türen gingen zu, und der Zug nahm Harsh mit, noch tiefer unter die Erde.

»Scheiße!«, sagte ich. »Gottverfluchte Scheiße. Dass sie ›ein leichtes Angriffsziel‹ sind, weiß ich selber. Deshalb habe ich ja gerade gefragt.«

Harsh hatte etwas Geniales von sich gegeben, und ich hatte es nicht gehört. Jetzt war sein Geheimnis im Tunnel verschwunden. Typisch.

Das ist die Geschichte meines Lebens – die wichtigen Sachen verschwinden in irgendeinem Loch. Ich hasse die U-Bahn. Sie ist wie ein Abwasserkanal für Menschen. Du wirst hineingequetscht und einen Tunnel hinuntergespült. Unter die Erde. Du kannst dich nicht bewegen, du schwitzt, und über dir liegen Tonnen von Steinen, Erde und Würmern. Du kannst nicht raus. Was, wenn es plötzlich ein Feuer oder eine Überschwemmung gibt? Wenn der Tunnel einbricht? Die Kanalisation kracht in dieser Gegend schließlich auch dauernd ein, wieso sollten also die Tunnel stabiler sein?

Ich bin auf alle möglichen Notfälle vorbereitet. Wusstest du, dass ich immer eine Überlebensausrüstung mit mir herumschleppe? Ich habe alles Nötige dabei. Ich kann Wasser aufbereiten, Feuer machen, Holz oder Metall sägen. Ich habe ein Messer und eine Bola, für die Jagd oder zur Verteidigung. Diese Sachen bewahre ich in einer Bonbondose auf. Früher hatte ich nur eine Tabakdose, aber ich musste expandieren. Die Dose trage ich in meinem Rucksack mit mir rum.

Die Idee habe ich aus einem SAS Survival-Handbuch. Das solltest du dir auch zulegen, wenn du auf das Schlimmste gefasst sein willst. In den hinteren Kapiteln geht es sogar um Tornados, Vulkanausbrüche und Atomexplosionen. Es ist also ein ziemlich nützliches Buch. Aber nicht einmal dem SAS ist etwas dazu eingefallen, was du machen sollst, wenn du in der U-Bahn sitzt und plötzlich der Tunnel einbricht. Diese Katastrophe haben sie ausgelassen. Davor versuche ich mich zu schützen, indem ich nie mit der U-Bahn fahre. Denn auch wenn du so gut gerüstet bist wie ich, kannst du mit einer Tonne Steine auf dem Buckel nicht mehr viel ausrichten.

Als ich wieder an der frischen Luft war und es mir schon besser ging, kam mir plötzlich Flying Phil entgegen. Ich wollte einfach an ihm vorbeigehen, aber er sagte: »He, Eva. Wart mal ’ne Sekunde, ja? Mir ist da was eingefallen.«

Also blieb ich stehen.

Er sagte: »Hör mal, Eva, das mit der Selbstverteidigung für die Mädels kannst du vergessen. Da wird nie was draus. Was du brauchst, sind tragbare Telefone. Verstehst du? Jede kriegt ihr eigenes Handy. Dann kann sie im Notfall Hilfe rufen.«

»Klar«, sagte ich. »Erst muss sie sich an die Nummer erinnern, dann wählt sie, und während sie dabei ist, schlägt ihr irgendein Irrer gemütlich die Birne zu Brei.«

»Mit dem Telefon könnte sie auch Termine mit ihren Freiern ausmachen. Ein Telefon, zwei Funktionen. Clever, was? Du solltest es den Mädels vorschlagen. So können sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Geld verdienen und ihr Leben retten.«

»Pass bloß auf, dass dich nicht gleich einer mit der Klappe schlägt.«

»Ich hab nämlich einen Kumpel«, sagte Phil, »der hat einen Haufen von den Dingern rumliegen. Dir würde er bestimmt einen Sonderpreis machen.«

»Jetzt verzieh dich endlich«, sagte ich.

Aber er hatte die Ohren auf Durchzug gestellt. Kerle, die einem was verkaufen wollen, hören nie zu. Ich ließ ihn stehen.

»Überleg’s dir«, schrie Phil. »Eines Tages wirst du mir noch dankbar sein.«

Dankbar! Ich wäre ihm dankbar, wenn er seinen Kolben nicht in meine Angelegenheiten stecken würde. Ich wäre ihm dankbar, wenn er sich seine Gehörgänge mal auspumpen lassen würde, allerdings würde dabei wahrscheinlich auch noch seine einzige funktionierende Gehirnzelle draufgehen.

Wieso kann mich kein Mensch in Frieden lassen?

Ich kann Menschen nicht leiden. Immer wollen sie was von dir. Immer enttäuschen sie dich. Wenn ich kann, denke ich nicht an sie, aber einfach ist das nicht. Sie sind ständig da und brummen um dich rum wie die Fliegen um einen Haufen Hundescheiße. Manchmal hätte ich gern eine riesige Fliegenklatsche, um sie alle zu erschlagen – nur um ein bisschen mehr Luft zum Denken zu haben.

Ich mag Hunde lieber als Menschen. Hunde reden nicht. Sie sagen nichts, was du nicht verstehst. Sie versuchen nicht, dir tragbare Telefone anzudrehen. Sie machen dir nicht alles mies und trampeln auch nicht auf deinem Selbstvertrauen rum, bis es kaputt ist. Du sagst einem Hund, was er machen soll, und er macht es. Er steht nicht erst lange dumm rum und redet dir die Ohren fusselig.

Andererseits kann dir ein Hund kein Bacon-Sandwich machen.

Nach dem Training und dem ganzen Ärger hatte ich richtig Lust auf ein Bacon-Sandwich, aber ich hatte keinen Bacon im Hänger. Und wenn ich welchen gehabt hätte, hätte das nicht viel genützt, weil ich nämlich auch kein Brot hatte.

Ich ließ die Hunde aus dem Zwinger. Ramses kam als Erster herausgestürmt. Lineker versucht zwar immer, sich vorzudrängeln, aber Ramses hat ein besseres Raumgefühl und lässt sich nicht abdrängen. Ramses weiß, wo sein Platz ist. Wenn er mit Lineker allein ist, hat er zu bestimmen, aber wenn ich mit ihm allein bin, bin ich der Boss. Simpel. Das Leben ist so einfach für einen Hund – arbeiten, fressen, schlafen. Mehr wird von ihm nicht erwartet. Manchmal wünsche ich mir fast, ein Hund zu sein. Vor allem, wenn ich sauer und hungrig bin wie jetzt. Alle hatten es auf mich abgesehen, und ich hatte noch nicht mal Bacon in der Hütte.

»Manche haben wirklich Glück«, sagte ich.

Die Hunde beschnupperten mich und stupsten mich an, um sich zu überzeugen, ob ich noch die war, die ich immer war.

»Ihr habt mich, die auf euch aufpasst und euch füttert«, sagte ich. »Und wen habe ich?«

»Was ist denn mit dir los?«, hörte ich Ramses höhnen. »Du wirst doch nicht etwa sentimental auf deine alten Tage?«

»Kannst es ja mal probieren«, sagte ich. »Los, probier’s doch.«

Er sah mich einige Augenblicke an, dann drehte er sich um und marschierte los, um das Tor zu inspizieren. Dieser Ramses! Wenn er mich nicht kleinkriegen kann, ignoriert er mich.

»Wenn du ein Bacon-Sandwich machen könntest, wärst du perfekt«, schrie ich hinter ihm her. Aber er trottete einfach weiter. Also beschloss ich, in das Café in der Mandala Street zu gehen. Da gibt es spitzenmäßige Bacon-Sandwiches. Sie braten zuerst den Bacon, bis er schön knusprig ist, und dann braten sie das Brot auf der einen Seite in dem Bacon-Fett an. Dadurch bleibt das Sandwich außen schön weich, aber innen, direkt über dem heißen, knusprigen Bacon, ist es heiß und knusprig und salzig. Ein Wahnsinn. Schon bei dem Gedanken lief mir das Wasser im Mund zusammen, und als ich endlich im Café saß, hatte ich einen solchen Kohldampf, dass ich mir gleich drei bestellte.

Nach dem zweiten fühlte ich mich besser. Ich wollte gerade in das dritte beißen, als die Feindin hereinkam.

Es läuft immer auf die gleiche Tour ab – sie kommt hereinmarschiert, als ob sie genau wüsste, dass ich hier bin, als ob ich ein Halsband um den Hals hätte. Sie bleibt eine Minute in der Tür stehen und sieht sich um, ob sich auch alle anständig benehmen. Dann kommt sie an meinen Tisch, als ob wir verabredet wären, was wir aber nicht sind. Sie führt sich auf, als ob ihr der Laden gehört – Kopf hoch, Schultern zurück, Augen offen. Typisch Bulle.

»Noch einen Tee?«, sagte sie. Kein ›Tag, wie geht’s, was für eine Überraschung, dich hier zu sehen‹. Kein ›Darf ich mich zu dir setzen?‹. Auf so was käme die gar nicht. Sie sagte bloß: »Noch einen Tee?«

»Wenn Sie zahlen«, sagte ich. Ich biss in das dritte Sandwich. Nicht einmal von der Feindin, nicht einmal von »Ich bin der Boss«-Anna Lee, lasse ich mir ein gutes Bacon-Sandwich vermiesen.

»Hast du heute Abend schon was vor?«, fragte sie.

»Wer will das wissen?«, sagte ich. Sie rückt nämlich nie direkt mit der Sprache raus. Sie sagt nie: ›Ich hätte heute Abend einen Auftrag für dich, Eva. Hast du Zeit?‹ Sie muss immer zuerst ihre blöden Fragen loswerden, wie bei einem Verhör. Das machen die Bullen immer so. Sie fragen dich was und sagen dir nie, warum sie es wissen wollen. Sie lassen dich raten. Und du kannst nur beten, dass du richtig rätst.

Der Kerl hinter der Theke brachte uns den Tee, und sie nahm ihre Tasse in beide Hände. Das macht sie auch jedes Mal so. Sie legt die Hände um die Tasse, als ob sie friert – was vielleicht an einem kalten Abend unter freiem Himmel einleuchtend wäre, was aber in einem miefigen Café in der Mandala Street saublöd aussieht.

»Warum bist du heute so gereizt?«, fragte sie.

»Warum sind Sie so neugierig?«

»Kannst du einen Auftrag gebrauchen?«

»Wieso? Haben Sie einen zu vergeben?«

Sie seufzte und starrte mich über ihre Teetasse hinweg an. Sie war genervt. Ich grinste.

Sie sagte: »Warum kannst du eigentlich auf eine einfache Frage nie eine einfache Antwort geben?«

»Und warum Sie nicht?«

»Auf welche Frage denn?«

»Haben Sie einen Auftrag für mich?«

»Bin ich nicht deswegen hier?«, sagte sie. Es sah aus, als ob sie mit den Zähnen knirschte. Dann holte sie tief Luft und sagte: »Eva, ich hätte einen Auftrag für dich, wenn du heute Abend Zeit hast.«

Gewonnen! Gewonnen. Gewonnen. Gewonnen. Ich schob mir den letzten Happen Bacon-Sandwich zwischen die Kiemen und kaute langsam darauf herum. Sie wartete. Sie klopfte mit dem Fingernagel an den Tassenrand. Ich schluckte. Ich spülte den Bissen mit einem anständigen Schluck Tee runter. Ich wischte mir den Mund ab. Mir ging es prächtig.

»Okay«, sagte ich, als ob ich es mir überlegen müsste. »Worum geht es?«

»Eins zu null für Eva«, sagte sie. »Aber es ist noch nicht einmal Halbzeit, also sieh dich vor.«

Ich musste mich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Sie ist zwar ein Bulle, aber sie blickt durch. Manchmal. Wenn du ihr lange genug Zeit gibst. Ich war richtig stolz auf mich. Ich hatte gewonnen, und sie wusste, dass ich gewonnen hatte. Was nützte mir der schönste Sieg, wenn die Feindin nichts davon mitkriegte?

Darmowy fragment się skończył.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
290 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783867548861
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