Czytaj książkę: «Geliebter Sohn»
Lise Gast
Geliebter Sohn
Roman
Saga
Geliebter Sohn
German
© 1970 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509401
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Meinem Mann, meinen Kindern und dem getreuen WB
I
Der Heimhof
Ullo erwachte mit einem Ruck. Sie setzte sich aufrecht hin, alle ihre kurzen Haare standen ebenfalls aufrecht, was ihr in dem blauleinenen Schlafanzug das Aussehen eines unternehmungslustigen Lausbuben gab, wenn man nicht genau hinsah. Sie hob den rechten Zeigefinger, wie der Lehrer Lämpel in ›Max und Moritz‹.
»Ich hab’s«, sagte sie laut zu sich selbst. »Ich weiß es. Und ich tu’s. Heute oder nie.«
Niemand hörte es außer ihr selbst. »Und der liebe Gott«, fügte sie verschmitzt hinzu. Nun konnte sie es also nicht mehr rückgängig machen, er hatte es gehört.
Ullo Amberg hieß eigentlich Uta Ludmilla Leonore Ottilie Amberg, verwitwete Freiwald, geborene von Georgy, sie trug also eine Reihe traditionsbeladener, heutzutage unmöglicher Namen, die sie übrigens als Kind schon unmöglich gefunden hatte, und die sehr bald in das handlichere ›Ullo‹ zusammengezogen wurden. Diese Ullo Amberg wurde heute fünfzig, und nicht nur deshalb sollte der Tag für sie schicksalhaft werden. Zum Glück wußte sie es nicht, wie die meisten Menschenkinder, die ahnungslos den Tag beginnen, an dem die Uhr ihres Lebens vom heiteren Alltag zu unvergeßlich Einmaligem vorrückt. Wäre es besser, es zu wissen? Lassen wir die Frage offen. Fünfzig Jahre, nicht mehr jung, wie jeder zugeben wird, aber auch noch nicht alt. So fand sie selbst. Darauf allein kommt es an, betonte sie vor sich. Kein anderer brauchte es zu finden, da sie ja doch Witwe war, auch das zweitemal bereits über zehn Jahre lang, und sie pfiff auf alles, was andere Frauen vielleicht bewog, jung und schön auszusehen: junge Liebhaber, alte Verehrer, Karriere oder Konkurrenz mit heranwachsenden Töchtern. Dies alles ging sie nichts an, dazu hatte sie glücklicherweise keine Zeit und brauchte keinen Gedanken daran zu verschwenden. Hätte allerdings sie jemand in diesem Augenblick kerzengerade im Bett sitzen sehen, so hätte er sie zweifellos jung aussehend gefunden, etwa, wie gesagt, wie ein braungebrannter Junge, dem ein toller Streich eingefallen ist. Aber niemand war da. Dies geschah nämlich ganz, ganz früh am Morgen; selbst die Sonne war noch nicht wach, und die Sonne hat es um diese Jahreszeit wahrhaftig eilig, einen zur Arbeit zu rufen. Ullo überzeugte sich davon durch einen Blick aufs offenstehende Fenster, legte sich aber nicht wieder hin, sondern blieb sitzen, damit sie nicht wieder einschlief und diesen Gedanken womöglich wieder vergaß. Hach, als ob das geschehen könnte!
Sie würde ein Pferd kaufen. Sie hatte es satt, sich immer in der drängendsten Arbeitszeit den Trecker borgen zu müssen. Denn natürlicherweise brauchte man ihn dann, wenn ihn der Besitzer auch brauchte. Ein eigenes Pferd, endlich! Sie wußte auch schon, was für eins: einen Norweger. Und sie wußte, plötzlich hellsichtig – nein, im Grunde wußte sie es schon ein paar Tage lang, nur hatte sie sich erst heute endgültig entschlossen, welchen Norweger. Den ›Klob‹. Eigentlich hieß er Pascha, aber man sprach von ihm immer nur als vom Klob, weil er wirklich sehr klobig war, so, wie man Norweger heute eigentlich nicht mehr züchtet. Das aber, daß er klobig war, erfüllte ihr diesen durch Jahrzehnte gehegten heimlichen Wunsch und rettete ihm das Leben vor dem Pferdeschlächter: er war stark. Mit ihm konnte man Heu einfahren, Mist schleppen, pflügen, auch Besuch vom Bahnhof abholen. Und Mammitzschka und Ahnchen und Onkel Panjie spazierenfahren, und, wenn es keiner erfuhr, selbst reiten. Manchmal. Gelegentlich. Ganz, ganz heimlich. Hurra!
Ullo Amberg, von einem schlesischen Gutshof stammend, ausgebildet als landwirtschaftliche Lehrerin, hatte sich seit ihrer zweiten Heirat vom Beruf zurückgezogen und bewirtschaftete den kleinen Hof, den ihr zweiter Mann, seines Zeichens Landwirtschaftsrat, ihr hinterlassen hatte. Mit der Pension, die sie durch ihn bezog, und Mammitzschkas tatkräftiger Hilfe war dies möglich. Sie, Ullo, versah die Außen-, die Männerarbeit, Mammitzschka, die sehr geliebte Mutter ihres zweiten Mannes, die der Frau. Auf diese Weise trug der Hof nicht nur sie beide, sondern auch, nachdem die Tochter Dorothee geheiratet hatte, die beiden alten Leute, die ihnen verblieben waren, und manche erholungsbedürftige andere dazu. Studenten, Kinder, alte Ehepaare, die Erholung suchten – im Sommer waren die Besuchszimmer immer besetzt.
Im Winter war es ruhiger, aber sie vier gehörten seit Jahren zusammen, Ullo, Mammitzschka, der Onkel und Ahnchen.
Ullo war die Jüngste. Und obwohl sie die meiste, die wichtigste Arbeit tat, hatte sie wenig zu sagen. Deshalb – jetzt oder nie – würde sie heute das Pferd kaufen, heute, an ihrem fünfzigsten Geburtstag. Keiner konnte ihr da widersprechen. Nochmals hurra!
Ein Pferd war in ihrem Fall auch billiger als ein Dieselroß. Und vielseitiger zu verwenden. Und stilvoller! Das vor allem. Ullo fühlte eine geradezu kindische Seligkeit in sich aufbranden, wenn sie sich vorstellte, daß sie von jetzt ab mit einem eigenen Pferd arbeiten würde.
»Herrlich!« seufzte sie, legte sich zurück und war im nächsten Augenblick, aller Gewohnheit entgegen, wieder eingeschlafen. Sie schlief bis vier, bis fünf – Ahnchen kam schließlich heraufgeschlichen, weil sie dachte, Ullo sei im Schlaf gestorben. Ahnchen dachte bei jeder Gelegenheit an den Tod und sprach auch davon, eine von Ullo heimlich beseufzte, aber dem Ahnchen nicht auszutreibende Gewohnheit.
»Einmal werde ich recht behalten!« sagte sie bedeutsam, und Ullo konnte dem verständlicherweise nicht widersprechen. Manchmal aber ertappte sie sich dabei, daß sie respektlos und aufsässig dachte (nur dachte, nie aussprach!): ›Was wird aus dem Leben, wenn man den ganzen Tag vom Tod redet?‹
Sie war also nicht tot. Sie erwachte in dem Augenblick, in dem Ahnchen durch den Türspalt guckte, ängstlich und gleichzeitig angenehm gespannt, wer recht behalten würde – nein, es war gemein, so zu denken. Ullo rief sich zur Ordnung.
»Hab ich verschlafen? Wie dumm, entschuldige!« Und sie warf das Deckbett von sich, im Schlafanzug mitten ins Zimmer springend, so daß Ahnchen entsetzt zurückfuhr und die Tür zuschlug.
Ullo grinste. Das Entsetzen in Ahnchens Gesicht galt bestimmt ihrem Schlafanzug, der kurzhosig war und damit ein ewiges Ärgernis für Ahnchen bildete. »Sowas trägt man nicht. Davon bekommt man Rheuma. Möchtest du etwa – sieh mich doch an!«, so begannen die belehrenden Sätze, die Ullo über sich ergehen lassen mußte, sooft Ahnchen den Stein des Anstoßes flickte oder bügelte.
»Du hast ja nie solches Zeug getragen«, sagte Ullo dann manchmal, meistens aber sagte sie gar nichts mehr. Auch Mammitzschka hatte sich abgewöhnt, Ahnchen in dieser Angelegenheit zu widersprechen.
Liebe, vernünftige, rotbackige Mammitzschka! Ullo liebte sie, diese ihre Ander-Mutter, wie sie sie nannte – das Wort Schwiegermutter, so oft im bösen Sinn angewandt, hatte sie gar nicht ins Haus gelassen. Mammitzschka war einfach goldrichtig, zuverlässig, praktisch, herzenswarm und erfüllt von einer heiteren Frömmigkeit. Immer mußte Ullo daran denken, wie sie damals Dorothee aus dem Teich gefischt hatte, obwohl sie selbst nicht schwimmen konnte. Und das Kind ins Haus getragen. »Nicht erschrecken! Die wird wieder!«, obwohl man das erst mindestens zehn lange, bange Minuten später hatte wirklich feststellen können. Aber Mammitzschkas herzhaftes Gottvertrauen hatte ihr, Ullos, Erschrecken in Grenzen gehalten – lieber Gott, nie werde ich dir genug danken können dafür, daß es ein Erschrecken blieb! – Damals war Ahnchen nicht dabei gewesen, zum großen Glück! Man hatte es ihr erst später erzählt, als alles schon wieder gut und im Gleis war. Ach ja, Ahnchen war manchmal ein wenig schwierig zu ertragen, immer wieder mußte man sich vor Augen halten, daß sie eben ohne den Heimhof ganz allein auf der Welt stünde, ganz, ganz allein. Verwandt war sie nicht mit Ullo, auch nicht verschwägert. Man wußte auch nicht viel von ihr und ihrem Leben, sie hütete sich ängstlich, etwas von ›früher‹ zu verraten. Um so herzlicher mußte man sein, fand Ullo. Und wollte ihr das mitunter schwerfallen, dann flüchtete sie merkwürdigerweise innerlich zum Ältesten, dem sehr alten Senior ihrer zusammengewürfelten »Familie«, zu Onkel Panjie, der, schmal, zart, dünn bis zur Durchsichtigkeit, ein Gelehrter vom Kopf bis zur Zeh, eigentlich den Idealtyp des alten Menschen darstellte. Immer freundlich, für jeden Handgriff dankbar, von einer reizenden Heiterkeit – und den ganzen Tag beschäftigt, ohne je hektisch zu wirken. Ob er sich mit der Lupe über seine Briefmarken beugte oder ein Buch aus dem Portugiesischen ins Englische übersetzte, ob er mit seiner gestochenen, so gut leserlichen und trotzdem fließend ausgeschriebenen Handschrift Briefe schrieb, wobei er etwa vorkommende Fehler radierte, das Papier glättete und sorgfältig darübermalte, mit sich selbst Schach spielte, weil er keinen Partner hatte, oder ob er, um doch auch irgendwie nützlich zu sein, Rabattmarken einklebte mit der Genauigkeit des Philologen – immer war er ein rechter Herzenstrost bei allen schwierigen Fragen oder gekräuselten Seelenoberflächen, und die gab es schon in diesem etwas schwierigen Haushalt. Ullo bemühte sich sehr um Frieden und Harmonie, mitunter aber vergeblich. Da war Onkel Panjie dann der Hafen, in den man einfuhr für gestohlene Minuten.
Heute waren sie alle drei schon auf, Mammitzschka, Onkel Panjie und Ahnchen, und hatten ihr einen wunderschönen Geburtstagstisch aufgebaut. Ein runder Kuchen prangte in der Mitte; Ullo hatte sich gestern blind, taub und auch noch verschnupft stellen müssen, um sein Werden im Backofen weder zu sehen noch davon zu hören, noch ihn zu riechen. Kerzen standen darum herum, inmitten ein dickes Lebenslicht mit Marienkäfern und Herzen darauf. Und daneben lagen die Geschenke. Ein Paar selbstgestrickte Handschuhe – jetzt im Juni! Aber lieb gemeint – von Ahnchen, ein Buch von Okel Panjie. Und Mammitzschka trug eben eine Schüssel Schinkenhörnchen herzu, selbstgebacken, sehr lecker, solche, wie Ullo sie sehr gern aß, sich aber immer verbot, denn sie wollte nicht dick werden. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus praktischen Gründen. Man kommt mit fünfzig die Heubodentreppe leichter hinauf, wenn man dünn ist, man kann besser rennen, wenn das Jungvieh ausgebrochen ist, und braucht sich vor sich selbst nicht zu genieren, wenn man während der Ernte manchmal heimlich in den Stausee springt, um sich abzukühlen.
Heute aber war Ausnahme, heute war Geburtstag, noch dazu fünfzigster! Ullo bedankte sich gerührt und glaubhaft erstaunt reihum.
»Jetzt aber muß ich füttern gehen«, sagte sie schließlich. Sie hatte es von Minute zu Minute hinausgeschoben und hoffte nun, endlich damit durchzukommen. Aber sie kam nicht durch.
»Ist schon gefüttert!« strahlte Ahnchen, und man sah, daß die beiden andern es auch gern verkündet hätten. Es war das größte Geschenk, so meinten sie. Und nun, da Ullo wirklich erstaunt war, antworteten sie im Chor:
»Dorothee ist da!«
»Was!«
Dorothee, Ullos Tochter, einziges Kind aus zweiter Ehe, seit einem Jahre verheiratet. Sie hatte schon einen Sohn und konnte nur mit Mühe weg von daheim, heute aber, zum Fünfzigsten ihrer Mutter, hatte sie es sich nicht nehmen lassen, zu kommen. Gestern in tiefer Nacht war sie eingetroffen, und heute früh hatte sie als erstes gefüttert.
Sie kam dann bald. Und nun konnte die ersehnte Begrüßung stattfinden, Ullo drückte die Tochter lachend ans Herz.
»O ihr Heimtücker, eine Verschwörung! Aber ich habe wirklich nichts geahnt, und du bist schon ein rechtes Gottesgeschenk, Dorothee! Ich freu’ mich sehr, sehr. Und ich habe auch noch eine Überraschung, daß ihr’s nur wißt!« In Dorothees Anwesenheit fühlte sie sich stark.
»Was denn?« fragte Ahnchen, brennend vor Neugierde. Ahnchen war neugierig wie ein kleines Mädchen, obwohl sie es zu verbergen trachtete. Auch in Mammitzschkas Augen blinkerte es begierig, und Ullo machte es Spaß, die beiden noch ein wenig auf die Folter zu spannen.
»Ihr müßt raten. Es ist groß und braun – nein, nicht eigentlich braun. Golden – hell – fahlgolden«, spann sie aus, »und dick und geliebt – und es wird euch viel, viel Freude machen.«
»Ich weiß schon«, sagte Ahnchen gekränkt. »Also ich finde – in deinem Alter – Ullo, denk an dein Alter!« setzte sie betont hinzu. Sie sagte das ungefähr seit zwanzig Jahren.
»Ich denke dran, deshalb will ich ja –« rief Ullo hitzig. Onkel Panjie hob beschwörend seine schmalen Gelehrtenhände.
»Aber sie hat ja noch gar nicht gesagt, was es ist!« dämpfte er ab.
»Als ob wir das nicht wüßten!«
»Also Dorothee, nun sag du mal –« setzte Ullo an, »ich hab’ es satt, mir immer den Trecker leihen zu müssen, wenn die andern ihn verständlicherweise nicht gern hergeben und –«
»Und? Da willst du also jetzt –«
Alle sprachen gleichzeitig, außer Onkel Panjie natürlich. Er versuchte zu schlichten, Ullo war plötzlich den Tränen nahe, sehr ungewohnt bei ihr, Dorothee merkte es genau und überlegte rasend schnell, wie sie die Katastrophe abbiegen könnte – Tränen am fünfzigsten Geburtstag am Frühstückstisch! Da kam, Gott sei gelobt, der Deus ex machina – die Tür öffnete sich, nicht leise, sondern mit einem Bums, und im Zimmer stand – endlich Ullos Generation. Nicht nur das, sondern eine sehr handfeste und respektgebietende Vertreterin dieser Generation, nämlich Ullos beste, allerbeste – richtiger: einzige Freundin. Mechtild, wahrhaftig!
Sie erschien im richtigen Augenblick. Ullo stieß ihren Stuhl nach hinten, daß er kippte, und sprang auf sie zu, und wäre Mechtild nicht Mechtild gewesen, also ein überaus standfester, kräftiger Mensch, den so leicht nichts aus den Pantinen stieß, so wäre sie zweifellos wieder durch die Tür zurückgeflogen, vielleicht sogar durch die geschlossene.
»Wie ein Geschoß!« sagte sie anerkennend und sah auf Ullo herab, die ihren Kopf an ihrem gewaltigen Busen unterzubringen versuchte, »armes Kind, was haben sie dir getan!«
»Tante Mechtild, nein, ist das aber eine Überraschung!« rief Dorothee und begann sofort, Schränke zu öffnen und mit neu herzugetragenem Porzellan zu klimpern. Heute waren die guten Tassen dran. Man trank nicht, wie sonst, aus braunen, an sich hübschen, aber doch recht bodenständigen Kummen ohne Henkel, die keine Untertassen benötigten. »Möchtest du Schinken oder Käse oder Marmelade oder ein Ei? Bist du für salzig oder süß?«
»Für sowohl als auch. Für alles. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich beides, pflegte unser lieber Chef zu sagen, einstmals, lang lang ist’s her, weißt du noch, Ullo?« lachte Mechtild und ließ sich am Tisch nieder. »Ich bin die Nacht durch gefahren und schauderhaft hungrig. Danke, Dorothee, geliebtes Patenkind. Ich hab’ dir auch was mitgebracht, und du bist immer noch so wohlerzogen, abzuwarten und nicht danach zu fragen.«
Alle lachten. Alles war gut. Mechtild hatte die angeborne Gabe, eine gespannte Atmosphäre allein durch ihre Gegenwart zu entgiften. Sie begann umsichtig zu frühstücken, erst salzig, dann süß. Es war ein Vergnügen, ihr dabei zuzusehen.
»Ich wollte dir eigentlich heute früh das Füttern abnehmen, deshalb komm’ ich so zeitig. Aber du hattest schon, wie ich gesehen habe.«
»Ich nicht, Dorothee hat«, gestand Ullo. »Ich habe heute wahrhaftig verschlafen, hältst du so was für möglich! Und es tut mir nicht mal leid. So eigensüchtig wird man im hohen Alter.«
»Protz nicht«, sagte Mechtild, die ein knappes halbes Jahr jünger war. Beruflich das gleiche wie Ullo, hatte sie es allerdings auf der Erfolgsleiter wesentlich weiter gebracht. Sie hatte, ebenfalls Witwe mit Kindern, den einstmaligen Beruf wieder ergriffen und war bis zur Direktorin aufgestiegen, was Ullo ihr völlig neidlos gönnte. ›Papierkrieg, Ärger mit den Ministerien und Kollegen, danke‹, hatte sie oft gesagt. Mechtild jedoch sah nicht so aus, als ob Ärger ihr zusetze.
»Ich bekam jetzt sogar einen ehrenvollen Ruf an die Regierung«, erzählte sie gerade, »ja, ihr werdet es nicht glauben. Dies aber ist Nebensache, Hauptsache bist heute du, geliebte Jubilarin. Nun sag, was hast du dir gewünscht? Wir hören.«
›Jetzt oder nie‹, dachte Ullo, und so antwortete sie, gleichzeitig wehmütig, weil man es ihr nicht gönnte, wie sie sagte, und trotzig, weil sie es immer noch durchzusetzen hoffte, und so monumental wie irgend möglich – Mechtilds erhabene Größe wirkte ansteckend: »Ein Pferd!«
»Bravo. Sehr vernünftig. Weißt du schon, was für eins?« fragte Mechtild gelassen und schlürfte die dritte Tasse Kaffee. Sie schlürfte wirklich, und bei ihr störte nicht einmal das.
»Ja. Es steht im Dorf. Bisher wollte es keiner.«
»Dann werden wir es nachher ansehen gehen«, bestimmte Mechtild. »Ich nehme an, du brauchst es für die Heuernte. Schön. Und sonst? Ich hab’ dir, im Gegensatz zu meinem Patenkind, noch nichts mitgebracht, sondern warte auf Wünsche.«
»Dann schenk mir bitte das Halfter!« sagte Ullo schnell. »Geschenkte Halfter bringen Glück.«
»So? Hab’ ich noch nie gehört.« Ullo auch nicht, sie hatte diesen Aberglauben im Augenblick erfunden, weil sie wußte, daß Ahnchen eine Schwäche für Aberglauben hatte. »Aber du bekommst es. Und was noch?«
»Nichts sonst«, sagte Ullo schnell. Nein, nichts. Wenn sie ein Pferd bekam, war sie glücklich, rundherum und wunschlos glücklich. So wenigstens glaubte sie. Was glaubt man nicht alles, ehe man merkt, daß die Schicksalsuhr den kleinen Rucker vorwärts macht und alles, aber auch alles plötzlich anders aussieht!
Kommen wir zum Pferd zurück. Dieses Pferd wünschte Ullo sich seit Jahren, weil sie es satt hatte, sich immer einen Schlepper borgen zu müssen.
Ullo und Mechtild sprachen darüber, als sie etwas später allein über den Hof gingen, sprachen davon und von vielem anderem auch. Sie waren ja Fachkollegen, sie wußten, worum es ging.
›Das Pferd muß bleiben‹, hörte und las man heute überall, wo es trappelte und wieherte. Deshalb kauften sich Bauernburschen Reitpferde und meldeten sie als »ländliche« an, obwohl sie nicht den leichtesten Hackpflug zogen. ›Das Pferd ist kein Zootier, rettet das Pferd!‹
Wer dies sagte und propagierte, hatte recht und unrecht zugleich. Natürlich ist das Pferd kein Zootier, und nichts ist wünschenswerter, als daß es bleibt. Aber wo rentiert es sich noch?
»Bei mir«, sagte Ullo hitzig, »ich bin die Ausnahme. Das bin ich ja auch sonst, ich, der Heimhof. Wer, frage ich dich, wirtschaftet noch wie ich, mit Kühen und Ziegen, Schafen, Hühnern, Enten – heutzutage hat man eins von alledem, spezialisiert sich, und fertig.«
»Genau«, antwortete Mechtild, »so und nicht anders lehre ich es meine Schülerinnen. Und du bist die Ausnahme. Bleib es! Du bist zwar ein kleiner, aber doch ein Bauernhof, wo es noch muht und gackert und quiekt und kräht.«
»Und wiehert!« fiel Ullo ein.
»Und wiehert!« fuhr Mechtild fort. »Du bist das, was man besucht als Museumsstück, und ich verspreche dir, meine nächste Schulreise hierher zu machen, jedenfalls auch hierher. Ich habe den Plan schon entworfen, ich gehe nämlich nicht in die Regierung, sondern bleibe bei der Jugend. Und diese Jugend soll bei dir sehen: so war es früher. Ein All-round-Bauernhof, wenn auch en miniature. Übrigens — hast du keine Schweine? Es fiel mir vorhin auf.«
»Nein«, gestand Ullo kleinlaut, als sei sie eine Schülerin und stünde im Examen, »Mammitzschka und Ahnchen vertragen das Fett nicht mehr. Für Fleisch sorgen bei uns die Kaninchen. Ich habe da Züchtungen ...«
»Weiß ich«, winkte Mechtild ab, »trotzdem, diese Lücke trübt das Bild etwas. Aber ich werde es meinen Jungbauern und -bäuerinnen schon plausibel machen. Könnten wir nicht sagen –«
»Vielleicht, daß wir vegetarisch leben?« fiel Ullo ein. Mechtild sah sie strafend an.
»Und der Schinken heute früh? Übrigens vorzüglich, selbst geräuchert? Du kaufst alljährlich ein halbes geschlachtetes Schwein? Na also. Und das Huhn im Topf? Und Schafwurst und Karnickelbraten? Bitte! Aber vielleicht merken sie es nicht, wenn ich sie herumführe«, sagte sie zuversichtlich. Ullo glaubte es auf Anhieb. Mechtild besaß eine geradezu königlich-souveräne Art, sich nicht widersprechen zu lassen. Beruf prägt, dieser Beruf, der der Lehrerin, schon gar. Ihr schauderte leicht bei der Vorstellung, Mechtild wäre hier und gegen das ersehnte Pferd gewesen. »Also dann hast du auch ein Pferd, geht in Ordnung«, sagte sie, als führe sie es schon hinter sich her. »Gut, gut. Und ich werde dich vor den jungen Leuten interviewen, na, wir sprechen noch drüber. Für diesmal habe ich mir zwei Tage frei genommen.«
»Wunderbar!« sagte Ullo und merkte immer noch nichts, so erfüllt war sie von dem Gedanken an das Pferd. Später verstand sie sich selbst nicht. Hier bereits hätte sie merken müssen, daß Mechtild für ihr Kommen einen besonderen Grund haben mußte. Es traf sich sehr gut so, denn niemand brauchte etwas zu wissen – vorläufig. Mechtild, gebieterisch und respektheischend, konnte, wenn nötig, sehr feinfühlig sein. Hier würde es nötig sein, das wußte sie genau. Deshalb war sie auch so sehr bestrebt, Ullo zunächst einmal zu bestärken, ihr diesen heißen Wunsch zu erfüllen, sie glücklich zu machen. Glück macht stark. Ullo würde Kraft brauchen.
Sie besahen miteinander den Norweger, prüften seine Gänge, fuhren an seinen Sehnen entlang. Ullo kaufte ihn. Mechtild kaufte das Halfter. Daran führten sie ihn gemeinsam und sofort – man mußte seine Leute vor vollendete Tatsachen stellen – auf den Heimhof. Ullo hatte vor Aufregung knallrote Backen, sie sah wirklich wie ein Junge aus, der ein neues Fahrrad erkämpft hat, obwohl sie, dem heutigen Feiertag zuliebe und weil sie keinen Handschlag arbeiten durfte, ein helles Kleid trug, ein ungewohnter Anblick bei ihr.
»Du brauchst noch mehr Kleider«, sagte Mechtild einmal, und da allerdings merkte Ullo auf.
»Wieso?« fragte sie.
»Nun, wenn du einmal eine Reise machst«, wich Mechtild etwas dümmlich aus. Ullo aber, in ihren eigenen Gedankengängen, die dem Pferd galten, befangen, winkte nur ab: »Ich reise nie.«
Mechtild ließ es dabei.
Es traf sich alles ausgezeichnet, fand Mechtild. Wenn Dorothee einen Tag herkommen konnte, um ihrer Mutter zu helfen, so würde sie das auch für eine oder zwei Wochen können, wenn es nötig würde. Sonst hätte sie, Mechtild, es getan. Dies aber würde sie nicht vorbringen oder nur als letztes, schwerstes Geschütz. Sie war überzeugt davon, daß schwere Geschütze nötig sein würden.
Da auch sie aus der Landwirtschaft stammte und immer mit ländlichen Menschen zusammen war, wußte sie genau, wie schwierig es ist, einen Bauern zu überreden, daß er im Sommer wegfährt, und sei es nur für einen Tag. Nur ein Tag würde übrigens nicht genügen. Nun, Mechtild war zuversichtlich. Sie setzte meist durch, was durchzusetzen war, deshalb war sie auch persönlich hergekommen und hatte nicht nur geschrieben oder telefoniert.
»Ich habe bis morgen Zeit«, sagte sie aus diesem Gedankengang heraus.
Ullo sah sie anerkennend an. »Toll, wirklich!«
»Vorausgesetzt, daß –«
»Aha. Natürlich ein ›Vorausgesetzt‹, also eine Bedingung –« sie kannte doch ihre Freundin. »Nun schieß schon los und sag, was du willst.«
»Erstens nicht ewig feiern. Ich trinke keinen Wein, weil ich mir nichts draus mache –« das wußte Ullo – »und zweitens, daß wir beide zusammen nächtigen. Damit wir –«
»Noch ewig kakeln können, natürlich!« lachte Ullo vergnügt. »Das werden sie schon einsehen.«
»Sie«, das waren die drei Altchen. Natürlich hatten diese sich auf einen gemütlichen Abend mit dem Geburtstagskind gefreut, und natürlich waren sie nicht müde, nicht so müde wie Ullo an jedem einzigen Abend ihres Lebens. Männerarbeit macht eine Frau müder als jedes Schaffen im Haus, und ein Mittagsschläfchen sprang täglich auch für Mammitzschka heraus, warum auch nicht! Und wenn sie wirklich einmal nicht so recht konnte, dann vertrat Ahnchen sie, so gut es ging. Ullo wurde von niemandem vertreten – nur heute von der Tochter, heute, an ihrem Fünfzigsten, ausnahmsweise. »Na schön, dann bleibe ich«, sagte Mechtild, und auch da merkte Ullo noch nichts.
Später war es ihr völlig unbegreiflich, daß sie nichts gemerkt hatte.
Mechtild rückte damit heraus, als sie im Bett lag und das Licht gelöscht hatte. Die anderen schliefen, Dorothee war abgereist, mit dem Nachtzug. Mechtild hatte vorher eine kleine Unterredung mit ihr gehabt. Auch das ging in Ordnung.
»Möchtest du eine Zigarette? Ich will dir was erzählen«, setzte Mechtild an. Jetzt wurde Ullo aufmerksam.
»Was –«
Stille.
»Ich rauche so gut wie gar nicht mehr, habe keine Zeit dazu«, sagte Ullo dann langsam, und danach, als Mechtild immer noch schwieg, erklärte sie etwas umständlich: »Bei der Arbeit kann ich es nicht, und nach den Mahlzeiten, wie wir es früher manchmal taten, laß ich es lieber bleiben, weil Ahnchen keinen Rauch verträgt.«
»Du wolltest mir was erzählen«, erinnerte sie dann, und nun klopfte ihr doch das Herz, daß sie es schmerzhaft im Hals spürte.
»Ich will, jawohl«, sagte Mechtild, und ihre Stimme klang ganz anders als sonst. »Etwas – also Ullo, es gibt Sachen – nun zünd dir schon eine an«, sagte sie rasch und ärgerlich und wieder, wie sie eigentlich gewöhnlich war: energisch und nicht an Widerspruch gewöhnt, und machte Licht. »Hier sind welche.« Ullo gehorchte. Wieder schwiegen sie.
»Ich weiß ja nicht, ob es stimmt«, sagte Mechtild dann mit einem merklichen Entschluß. »Und es wäre furchtbar, wenn es dann nicht stimmte. Verstehst du. Ich hab’ es mir hin und her überlegt, aber ich kann es doch nicht einfach sein lassen, weil es sich vielleicht als Irrtum herausstellen kann. Es war nie unsere Art, etwas sein zu lassen, was immerhin eine gewisse Chance in sich trägt. So denkst du doch heute noch, oder?«
»Klar.« Unwillkürlich waren sie beide in den Jargon ihrer jungen Jahre geraten. »Klar denke ich so. Nun gib mal Gas und fahr los! Hat es – hat es was mit damals zu tun?«
»Ja. Mit damals.«
Mit diesem Wort »Damals« war alles verändert. Sie zählten nicht mehr fünfzig Jahre und hockten nicht mehr in den Betten des Heimhofes, zwanzig Jahre waren nicht gewesen, und sie befanden sich miteinander, sonst aber sehr allein, im nie vergessenen Wohnzimmer des schlesischen Gutshauses, in dem Ullos erster Mann, der Jagdflieger Friedrich Freiwald, aufgewachsen war.
II
Die Flucht
»Wieder nichts«, sagte Mechtild und zog die Tür hinter sich ins Schloß. Sie trug zur Schihose den Pelz und hatte den Kragen hochgeschlagen, er war rund um das Gesicht bereift, und ihre Wangen glühten geranienrot nach der Kälte draußen. Das sah hinreißend zu ihrer Blondheit aus – Ullo wurde sich dessen bewußt und wunderte sich flüchtig, daß es ihr auffiel. Sie hatten jetzt andere Sorgen.
»Vielleicht fahren auf der anderen Straße mehr«, sagte sie, »jedenfalls mehr Privatleute. Militär darf sowieso nicht halten, glaube ich.«
»Es ist aber doch die Hauptstraße.«
Mechtild warf den Pelz auf einen Stuhl und beugte sich über die Karte, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte. »Hier, Richtung Görlitz-Lauban. Aber du hast recht, viele fahren vielleicht Nebenstraßen, weil sie Angst vor Stauungen haben.«
»Komm, trink was Warmes«, sagte Ullo und nahm die Teekanne aus dem Rohr. »Autsch, der Henkel ist heiß. Hagebuttentee, aber mit richtiger Zitrone. Ich habe neulich welche bekommen. Und Zucker. Wozu sollen wir noch sparen und Süßstoff nehmen!«
»Ja, wozu. Aber noch sind wir hier. Und vielleicht ist das unser Glück«, sagte Mechtild und setzte sich. »Ah, der Tee tut gut. Noch haben wir ein Dach über dem Kopf – was glaubst du, was da draußen alles erfriert – unterwegs, meine ich. An Gören. Ich sprach neulich einen, der zurückfuhr, nach dem Osten, warum, weiß ich nicht. Einen Landser. Der hat mir erzählt – nein, laß.«
Ullo hatte die Teekanne wieder warm gestellt und stand neben Mechtild, sah auf die Karte herunter und antwortete nicht. Sie knetete unaufhörlich eine Hand mit der andern. Sie wußte es natürlich auch, alle wußten es. Erfrorene Kinder rechts und links des Fluchtweges. Nicht einmal begraben konnte man sie bei dem steinernen Frost. O nein, das nicht, das nicht. Lieber ...
»Kindern tun sie nichts, angeblich«, murmelte sie verzagt, »ich hab’ das paarmal gehört. Zu Kindern sollen sie nett sein.«
»Jaja. So wird gesagt. Und dann wieder ... Nein, Ullo, heute nacht kommen wir nicht mehr fort, das ist klar. Da wollen wir lieber nochmal richtig ausschlafen, vor allem du. Wer weiß –«
Fast jede Überlegung fing jetzt an mit »Wer weiß«. Wer weiß, wo wir morgen sind, wer weiß, wann der Russe da ist. Wer weiß, ob das nicht das letzte Stück Brot, der letzte Schluck Milch ist –
Das Gut war leer, sie waren die letzten. Die Leute hatten sie weggeschickt: rettet euch, seht zu, wie ihr fertig werdet. Nur macht, daß ihr fortkommt. Nehmt die Pferde, die Zugochsen, die Schlitten, die Hand- und die Kinderwagen. Ullo hatte einen letzten Wagen, eine geschlossene Kutsche, und zwei Pferde zurückbehalten für sie beide und ihre Kinder, für Mechtild und ihre zweijährigen Zwillinge und für sich und ihren Sohn, heute drei Tage alt. Am nächsten Morgen waren Pferde und Wagen fort, gestohlen. Jemand hatte sie wohl dringend gebraucht, dachte sie grimmig – später sagte sie das auch. Mechtild sah sie an.
»Vielleicht waren mehr Kinder dabei als unsere drei«, sagte sie leise: Da schwieg Ullo.
Sie würden auch so wegkommen. Mechtild war der richtige Kamerad für so etwas, wahrhaftig, der Himmel hatte ein Einsehen gehabt und sie ihr geschickt. Wenn die Sache mit jemandem gelang, dann mit ihr. Seit einem halben Jahr lebte sie hier bei Ullo auf dem schlesischen Gut, evakuiert, sie stammte selbst vom Land, hatte aber in die Stadt geheiratet. Sie verstanden sich prächtig, hatten sich im landwirtschaftlichen Seminar kennengelernt und seitdem die Fühlung miteinander nie verloren. Es war keine Frage, daß sie auch weiterhin zusammenbleiben würden. Und dies, ihre Zusammengehörigkeit, ihr unbedingtes Einstehen der einen für die andere, gab ihnen beiden das Gefühl, als könnte ihnen nicht gar so viel passieren. Selbstverständlich war Mechtild nicht mit den Leuten getreckt, sie hatte Ullo weder zum Mitfahren überredet noch sie kurz vor der Entbindung hier allein gelassen. Das Kind kam zum Glück acht Tage früher, als sie erwarteten. Alles ging gut, ja hervorragend, sogar eine Hebamme fand sich, eine, die mit den von weiter östlich Kommenden auf der Flucht war. Die aus dem Dorf war längst fort. Diese aber tat ihre Pflicht, als Mechtild sie holte. Mechtild hatte nach einer gefragt, als Ullo schon lag und nicht mehr aufstehen konnte. Sie ging, als wäre sie die Gutsherrin, mitten durch das Chaos der Angekommenen und rief, und richtig, eine meldete sich.
Jeden Tag wurde für die Durchziehenden die große Diele geheizt, wo Decken und Stroh für die Alten, Kranken und Kinder bereit waren. Männer und Jungen kamen ins Heu. Alles war geregelt und klappte. Mechtild sorgte auch immer dafür, daß heißer Kaffee – was man damals Kaffee nannte –, oder Suppe da war. Die Hebamme hatte noch schnell ein paar Schluck getrunken, dann war sie mitgekommen. Das war, wie gesagt, vor drei Tagen gewesen.
Jetzt kam vom Osten niemand mehr. Die, die Ullos beide Pferde und die Kutsche mitgenommen hatten, schienen die letzten gewesen zu sein, vorgestern.
»Ist ja egal, vielleicht wären wir mit den Pferden gar nicht weitergekommen«, sagte Mechtild nach einer Weile, als ihre Gedanken wieder einmal diesen Weg gelaufen waren. »Auf Pferde sind die Russen scharf. Und was nützt dir die Kutsche, wenn du nichts vorzuspannen hast.«
»Ja, wenn sie uns eingeholt hätten –«
»Natürlich hätten sie das. Überrollt. Natürlich sind sie schneller. Aber wir konnten ja nicht los. Wir müssen ein Auto kriegen, das ist das Ganze. Und ich werde schon eins heranwinken. Es fahren ja jetzt so viele nach dem Westen. Besser unter den Amis als unter den Russen. Morgen geht’s los, und da bist du wieder einen Tag gesünder und kräftiger.«
»Das bin ich auch heute schon. Weißt du, der ganze Quatsch von früher – die schwache, zarte, blasse junge Mutter in ihren blütenreinen Kissen – wenn’s nötig gewesen wäre, hätte ich sofort aufstehen können. Manche Ärzte lassen die Frauen auch normalerweise sofort aufstehen, um Thrombosen zu vermeiden.«
»Stimmt, mir ging’s auch gut. Bloß weil alles schrie: ›Liegen, liegen, schonen!‹, blieb ich waagerecht. Ich finde, man muß auch ein bißchen stilvoll leben. Und zum Wochenbett gehört, daß man sich ein bißchen bedienen und feiern läßt. Ja, und Zwillinge, die setzen einem vielleicht auch ein bißchen mehr zu als eins, selbst wenn sie, weil kleiner, leichter zur Welt kommen. Aber du kannst aufstehen und laufen, wenn’s nötig ist, das hab’ ich gleich gemerkt, und ich hätt’ es auch gekonnt.«
»Manchen Frauen geht’s vielleicht auch schlechter als uns«, setzte sie nachdenklich hinzu, »nach Kaiserschnitt und so – aber auch ohne das. So was weiß man nicht. Aber keine Sorge, zu Fuß laufen werden wir nicht, ich beschaff’ schon ein Auto. Jetzt marsch ins Bett, wie schön, daß man noch eins hat!«
Sie gingen hinüber. Detlev und Dieter, Mechtilds beide Jungen, schliefen drall und rotbäckig in einem größeren Gitterbett, das noch von früher auf dem Boden gestanden hatte. Der kleine Friedrich, Ullos Sohn, war wach. Sie hatten das Schlafzimmer geheizt, Ullos wegen, und auch aus dem verzweifelten Übermut heraus: jetzt brauchen wir nicht mehr zu sparen.
»Leg dich hin, ich bring’ ihn dir«, sagte Mechtild. Ullo gehorchte, zog sich aus und streckte sich in eins der beiden Ehebetten. Hier schliefen sie seit dem Sommer miteinander, Mechtild und sie, die Kinder nahe dabei. Es war, trotz aller Bedrohung, eine wundervolle Zeit gewesen. Ullo sagte das, als Mechtild sich über sie beugte und ihr den Kleinen an die Brust legte.
»War es, Kamerad«, sagte Mechtild und schnaufte alles, was sie an Flüssigkeit in der Nase hatte, geräuschvoll bergauf, eine Angewohnheit, die Ullo bei anderen Leuten zur Raserei bringen konnte. Bei Mechtild störte es sie nicht, es gehört gleichsam zu ihr.
»Danke. Ja, er trinkt gut. Nur – allzuviel hab’ ich, glaub’ ich, nicht«, sagte sie leise. Mechtild winkte großzügig ab.
»Kann noch kommen. Kleine Saugpumpe du, nun zieh mal ordentlich. Geht’s? Also dann –« sie ließ sich ins Nebenbett plumpsen, daß es krachte, und zog genießerisch die Zudecke um die Schultern. »Ich für mein Teil finde es wunderbar, sich hier warm einzukuscheln, statt mit Reifenpanne auf der Landstraße zu liegen, bei der Schweinekälte.«
Ullo lächelte. Gleich darauf hörte sie an einem gelinden Schnarchen, daß Mechtild eingeschlafen war. Mechtild hatte Nerven wie Drahtseile. Gut so, Gott sei Dank.
Am andern Morgen, ausgeschlafen und sprühend vor Unternehmungslust, bekam Mechtild in der Tat ein Auto. Einen einzelnen Offizier in einem Pkw – es gelang ihr auch, ihn zu überreden, daß er den kleinen Umweg ins Dorf machte. Er hatte Hunger, war die ganze Nacht durchgefahren. Woher er kam, fragte sie nicht, immerhin fuhr er die gewünschte Richtung. Sie malte ihm ein deftiges Frühstück aus, und daß sie zu fünft und nicht sie allein mitfahren wollten, eröffnete sie ihm erst, als er bei Tisch saß. Er fluchte zunächst, machte dann aber einigermaßen gute Miene zu diesem Spiel. Man war an allerhand gewöhnt in diesen Zeiten.
»Aber nur bis Görlitz«, verwahrte er sich, von dort aus müsse er vier Mann mitnehmen.
Mechtild meinte, Görlitz sei schon der halbe Endsieg. Der junge Mann zog bei diesem Wort ein Gesicht, als habe er Zahnschmerzen.
»O pardon«, sagte sie verständnisvoll. Da mußte er lachen. Und nun fanden sie einander ausgesprochen nett, und Mechtild flirtete, daß es nur so rauchte. »Ein Zweckflirt, reines Opfer für unsere Kinder«, betonte sie, als der junge Mann einmal hinausging. Ullo winkte ab. Sie packten. Das meiste lag ja längst bereit, aber immer noch gab es zu bedenken, umzupacken und auszusortieren. Die Zwillinge krochen dazwischen herum und brachten alles durcheinander. Trotz größter Beschränkung wurde es ein Berg Gepäck, bei dessen Anblick der junge Offizier ihnen beinah die soeben erst geschlossene Freundschaft kündigte. Als Krönung prangte auf dem einen Rucksack ein Kindernachttöpfchen, rosa mit bunten Tieren drauf.
»Das – das – ich verbitte mir ...«
»Wir können es ja verhüllen, wenn es Sie stört«, sagte Mechtild seelenruhig und zog einen bereitgelegten Überzug darüber, »eines vielleicht nicht fernen Tages sind Sie auch junger Vater und brauchen es. Außerdem ist es gut zu verwenden, wenn jemand autokrank wird und spuckt. Wir werden es nicht, das nebenbei!« versicherte sie vorsorglich, als sie sein erneut entsetztes Gesicht sah. »Nun nur noch das Familiensilber und den Koffer mit dem falschen Geld, Ullo, mein Herz, und ab durch die Mitte!«
»Ich glaube, Sie sind sich nicht ganz klar, was –« – er deutete mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Osten – »was da auf Sie zukommt.«
»Doch. Eben. Gerade deswegen«, sagte Mechtild unerschüttert. »Es ist auch nur die Maske der Heiterkeit, die ich vor mein Gesicht halte. Dahinter weine ich ... Auf nach Görlitz, dort sehen wir weiter!«
Sie rollten aus dem Tor. Ullo saß vorn neben dem Fahrer und hatte den eingewickelten Kleinen auf dem Schoß, Mechtild mit ihren beiden Kinder schwankte auf dem Rücksitz über dem Gepäck. Wenn sie den Kopf nicht einzog, stieß sie damit ans Autodach. Auf der holprigen Straße geschah das alle Augenblicke.
»Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen ja die Intelligenz erhöhen«, grinste der Fahrer, und Mechtild nickte lachend: »Au!« Es war ein heller Tag, kalt, und es schneite nicht. Ullo versuchte mit den Augen die letzten Bäume zu grüßen, die zum Gut gehörten. Die Felder lagen ja unter der weißen Decke, vereist und erstarrt. ›Das ist deine Heimat, du mein Sohn, die wir hier verlassen, heimlich und illegal wie Hergelaufene oder Verbrecher –‹
Sie krampfte die Hände ineinander, die sich am Rücken des Steckkissens trafen, versuchte zu beten. Ich darf nicht weich werden, lieber Gott, ich darf nicht heulen. Es geht um mehr als um Heimatgefühle, es geht ums Leben. Vielleicht gewinnen wir den Wettlauf mit dem Tode. Vielleicht – jeder Tag ist ein Gewinn. Jeder Kilometer ein Plus. Wir wissen nicht, wohin wir fahren, vielleicht aber ins Leben. Geliebter, kleiner, kleiner Sohn – so dunkel es auch vor dir liegt, ich wünsche es dir dennoch, dennoch, daß du leben darfst ...
Sie fuhren. Mechtild schwätzte mit dem Fahrer, und nach fünf Minuten bereits stellte es sich heraus, daß sie gemeinsame Bekannte hatten. Ja, die schlesischen Gutsbesitzer – sie waren im Grunde doch eine einzige große Familie. »Die Thielemanns – natürlich kannten meine Eltern die. Und die Quitzows ...«
Ullo hörte zu und lächelte. Ihr Mann war bürgerlich, obwohl auch Gutsbesitzer. Jetzt Flieger. Wo? Sie ahnte es nicht. Gerade hörte sie:
»Die Schalls? Natürlich, kenne ich auch. Mein Mann lag mit einem Schall zusammen, da bekam die Frau das vierte Kind.«
Sie hatten eine große Speckseite ausgepackt, von der schnitt Mechtild von Zeit zu Zeit eine Scheibe ab und steckte sie dem Fahrer in den Mund. Er kaute vergnügt. Wieviel Benzin er habe, wagten die beiden jungen Frauen nicht zu fragen.
»Und wohin wollen Sie?« fragte er nun.
»Zunächst nach Görlitz. Von dort aus nach Dresden. Ich habe da eine Möglichkeit, unterzukommen«, sagte Mechtild. »Drei alte Tanten von mir bewohnen in Radebeul, also in einem Vorort von Dresden, ein Häuschen oder bewohnten es, ich weiß nicht, ob es sie noch gibt.«
Mechtild und Ullo waren in endlosen Nachtgesprächen alle Möglichkeiten durchgegangen. Mechtild war ein Jahr lang in Sachsen als landwirtschaftliche Lehrerin tätig gewesen, das bedeutete eine große Chance. »Wenn wir in Radebeul unterkommen, sind wir erstmal aus dem Wasser«, sagte sie zuversichtlich. Sie verschwieg, auch Ullo gegenüber, daß diese drei Tanten keineswegs mit ihr verwandt waren, sondern Bekannte von Bekannten. In Wirklichkeit erinnerte sie sich nicht einmal an ihre Namen, geschweige denn an Straße und Hausnummer. ›Ich erkenne es dann schon wieder, wenn ich dort bin‹, sagte sie sich, ›und wenn nicht – auf der Straße werden wir mit unseren Ablegern schon nicht liegenbleiben.‹ In Gottes Namen, so wie sie reisten jetzt Tausende.
»Guck, das Gebirge! Schön, ja?« sagte sie in diesem Augenblick und deutete nach links. Ullo hob das Gesicht. Geliebte, geliebte Heimat – oh, es riß an ihrem Herzen. Sie vermochte nicht, wie Mechtild, einfach vorwärts zu sehen, so sehr sie sich auch darum bemühte. Tausend Kindheitserinnerungen überfielen ihr Herz, während sie krampfhaft nach vorn blickte, mit weit aufgerissenen Augen, damit sie nicht überliefen. Sie konnte nicht glauben, daß sie je wiederkommen würden.
Das Benzin reichte wahrhaftig bis Görlitz. Ein paar Mal hielt der Fahrer an und goß nach – jedesmal unterdrückten seine beiden Begleiterinnen gewaltsam die Frage, die ihnen auf den Lippen brannte: ist das nun das letzte? Kurz vor Görlitz schien es das zu sein. Er murmelte etwas, das sie nicht verstanden und nicht verstehen wollten. Bis er, ein wenig deutlicher, sagte:
»Wenn ich mehr hätte, würde ich Sie wahrhaftig weiter bringen.« Dabei tauchte er einen bereits ziemlich verlorenen Blick in Mechtilds blaue Augen. Immer war das so gewesen: ein männliches Wesen brauchte nur eine Viertelstunde mit ihr zusammenzusein, so zappelte es in ihren Netzen. Daran änderte weder ihre Heirat noch die Anwesenheit der äußerst munteren und zur Zeit nicht sehr erfreulichen Zwillinge etwas. Die waren während der Fahrt nicht müßig gewesen, hatten versucht, herumzukrabbeln, beschmierten sich und die anderen mit Eßbarem und schliefen leider nur in einer wohldurchdachten Ablösung: einer war immer wach und aktiv. Ullo, die vor ihnen saß, war mehrmals am Ende ihrer Nerven trotz aller ernstlichen Vorsätze, auszuhalten, aber Mechtild bekam es immer wieder hin, die beiden irgendwie abzulenken und außer Gefecht zu setzen. Natürlich durfte es nicht so weit kommen, daß dem Fahrer der Geduldsfaden riß.
Sie schaffte es. Und er schaffte es auch, er fuhr sie in Görlitz wahrhaftig noch an den Bahnhof. Mechtilds unwiderstehlicher »Gebrauchscharme« bewährte sich, überhaupt mußten sie einen guten Stern haben. Als der Fahrer ihnen all ihr Gepäck, auch den Rucksack mit dem längst heruntergezogenen Überzug des genierlichen Gegenstandes, auf den Bahnsteig gewuchtet hatte, fuhr in dieser Sekunde tatsächlich ein leerer Zug ein, der von Westen kam und hier Kopfstation machte, um Flüchtlinge aufzunehmen: eine Chance, die man in dieser Zeit so wenig erwarten konnte wie dreimal hintereinander den Blitz in denselben, nicht einmal sehr hohen Baum einschlagen zu sehen. Sie erfaßten sie alle drei und warfen wortlos, was sie soeben auf den Bahnsteig gestellt hatten, in den Zug hinein, die Zwillinge hinterher, und Ullo zog sich, den Kleinen im linken Arm, mit dem rechten hinauf, um zwischen den unzähligen Anstürmenden jedenfalls ins gleiche Abteil wie Gepäck und Kinder zu gelangen. Hinter und vor ihr, rechts und links, arbeitete es sich empor gleich ihr, sie wurde gedreht und gequetscht, hielt das Kind schützend an sich gedrückt und fand sich dann plötzlich am Fenster wieder. Hinausschauend sah sie noch, wie ihr Fahrer Abschied von Mechtild nahm – er hatte ihr Gesicht mit beiden Händen umfaßt und küßte es unzählige Male, während er lachte, es ansah und wieder küßte – und dann schob er sie so kräftig und nachdrücklich in das schon übervolle Abteil hinauf, daß sie wirklich noch hineinging, ihr als letztes einen liebevoll knallenden Klaps aufs Hinterteil versetzend.
»Au – danke«, rief Mechtild noch, da rollte der Zug an. Ullo winkte – »danke danke danke –«
»Teufel nochmal, der konnte es aber!« ächzte Mechtild und wischte sich den Mund. »Seid ihr auch vollzählig da, ihr Trabanten? Hat Tante Ullo gut aufgepaßt? Na, haben wir nicht wieder mal Glück?« strahlte sie. Ullo nickte.
III
Dresden
Sie rollten über die Brücke. Es war früh am Morgen. Hier schien der Winter vorbei zu sein.
»Da, die Silhouette, sieh doch! Ist sie nicht wunderbar? Dresden ist wunderbar!« erklärte Mechtild voller Eifer. »Und ganz unzerstört! Sobald wir eingerichtet sind, rufe ich an, ich habe eine Menge Bekannter hier. Etwas wollen wir von unserer Reise ja auch haben! Bisher ließen wir die Räder immer nur für den Sieg rollen ... Ich war hier ein paar Monate an der Landwirtschaftskammer, weißt du, da wohnte ich richtig im Zentrum, in der Räcknitzstraße, ganz nahe an der Prager. Die Prager Straße – du, diese Eleganz, diese Schönheit – da kann die Kö in Düsseldorf nicht mit. Und der Altmarkt mit dem berühmten Kaffee Kreuzkamm – eine phantastische Konditorei, sag’ ich dir. Und die Kreuzkirche, berühmt durch ihren Knabenchor – hast du noch nie vom Kreuzchor gehört? Na warte, wir holen alles nach. Und die Brücken ... eine Stadt, die an einem Strom liegt, hat immer ein besonderes Gesicht. Und Dresden erst – ich hatte damals einen Bekannten, der besaß ein Faltboot. Das lag im Bootshaus unter der Marienbrücke, und von dort aus paddelten wir. Wir sind auf der Elbe gefahren bis über Meißen hinaus, einmal in den Sommerferien bis zur Ostsee. Ja, ich weiß auch, daß die Elbe in die Nordsee mündet, aber wir bogen hinter Lauenburg ab und paddelten durch den Kanal –«
Wie eine Mühle ging ihr Mund, wie eine Klappermühle. Dieter und Detlev waren tatsächlich einmal zu gleicher Zeit eingeschlafen, sie hingen halb auf, halb neben ihr, so konnte die Mutter in Erinnerungen schwelgen. Sie war plötzlich wieder die Junglehrerin von einst, blühend und lebendig.
Auch Ullo fühlte eine merkwürdige Hochstimmung. Sie wunderte sich selbst. Waren sie nicht auf der Flucht ins Ungewisse? Da weinte man doch ununterbrochen um das Verlorene, oder? So stand es in Büchern, die von Fluchten handelten – im Dreißigjährigen Krieg oder zur Zeit von Napoleon. Aber es war ganz anders. Sie hatten die schönsten Abteilgespräche – Mechtild verstand es, nicht nur mit jungen Männern, sondern auch mit alten Damen, Kindern oder Heranwachsenden den richtigen Ton zu finden und so mit ihnen umzugehen, daß jeder meinte, er habe eine Auszeichnung von einer jungen Königin erhalten.
Und wie sie lachte!
»Einmal fuhr ich mit einem aus der Kammer Faltboot, der zum erstenmal in solch einem Ding saß. Ich hatte ihn dazu überredet, um einmal einen Nachmittag mit ihm allein zu sein, und mir das Boot dazu geliehen. Wir stachen also in See, und als wir in der Mitte der Elbe schaukelten, fragte ich ihn stolz, wie er dies fände. ›Sehr hübsch‹, meinte er, ›nur sitzt man etwas unbequem.‹ Daran müsse man sich gewöhnen, sagte ich – man sitzt ja ganz flach, mit ausgestreckten Beinen. Als wir nach zwei Stunden an Land gingen, um irgendwo Kaffee zu trinken, sagte er nach dem Aussteigen: ›Ach so. Ich habe auf meiner Pfeife gesessen.‹ Er hielt sie mir entgegen – in zwei Teilen.«
Das ganze Abteil lachte.
»Erzählen Sie noch mehr!« sagte ein alter Herr. Und ein Junge krähte: »Haben Sie auch mal umgeworfen? Das denke ich mir prima!«
Am Hauptbahnhof stiegen sie aus. Hier war alles gut organisiert, man bekam heißen Kaffee oder Suppe, beides sogar ohne Marken. Sie stärkten sich und versuchten dann, durch Pendelverkehr, wie Mechtild es nannte, alles Gepäck an die Straßenbahnhaltestelle zu bringen.
»Wir haben ja Zeit und sind zu zweien«, sagte sie vergnügt. Und siehe, es fanden sich überall helfende Hände. So kam es, daß sie noch vor Dunkelheit in Radebeul eintrafen.
»Bleib hier beim Gepäck, ich gehe mit den Jungens voraus und suche das Haus, mach’ Quartier. Mit zwei Kindern auf dem Arm wird man als armer Ostflüchtling nirgends abgewiesen, so rührend wirkt man. Kommt, ihr Lauser! Später hole ich dich nach.«
Ullo fühlte sich recht verloren, sobald Mechtild verschwunden war, wie sie so stand, den Kleinen auf dem Arm. Der sah, wie sie fand, recht mickrig aus, sie war nicht sehr oft dazu gekommen, ihn trinken zu lassen. Außerdem merkte sie, wie die Milch nachließ. Das aber konnte sich ja sofort wieder bessern, wenn sie seßhaft waren und sich selbst genug zu trinken verschaffen konnten. Sie wiegte ihn ein wenig hin und her und sprach mit ihm, dachte an ihren Mann – wenn er wüßte, daß sie schon so weit waren, wie glücklich wäre er! Ob ihre Post ihn erreicht hatte? Man wußte ja gar nichts, gar nichts. Wo er stand, wie es ihm ging, wann man sich wiedersehen würde. Vielleicht wußte er noch nicht einmal, daß der Junge geboren war. Sie hatten ihn sofort taufen lassen, der Pfarrer war noch da gewesen, auf den Namen seines Vaters, Friedrich. Es war die letzte Amtshandlung ihres alten Pastors daheim, er kam, sich zu verabschieden, hatte eine Gelegenheit, fortzukommen – sie, Ullo, lag noch. So taufte er den Jungen daheim, ohne ein Fest, ohne ein Lied oder ein bißchen Orgel – aber eingetragen wurde der kleine Friedrich noch. Das Familienstammbuch hatte sie mit. Überhaupt alle Papiere, das war doch sehr beruhigend. Und eine ganze Menge Geld. Sie trug es im Brustbeutel.
Sie würden schon durchkommen. Ach, sicher kamen sie durch! Mechtild mit ihrer herrlichen Stoßkraft – die schaffte es. Sie selbst brauchte nur mitzugehen – wie gut! Es gab Menschen, die waren wie Motorwagen, die zogen die andern mit. Ullos Mann war auch so, frisch, tätig, unternehmend.
»So sollst du auch einmal werden, du, kleiner Friedrich, hörst du? So wie dein Vater –« sie hatte sich auf einen Rucksack gesetzt und lehnte sich an den Laternenpfahl, um den herum Mechtild das Gepäck aufgebaut hatte. »Deine Mutter ist ein bißchen lahm, weißt du, werd lieber wie dein Vater. Ach, du mein kleiner, kleiner, kleiner – du mein Sohn ...« Sie war eingeschlafen, ganz plötzlich, ohne Übergang. Und so saß sie und schlief und träumte, sie sei daheim, und Friedrich, ihr Mann, beugte sich über sie und lachte und sagte: »Aber die Nase hat er von mir, das mußt du zugeben!«
»Wach auf, mein Herz, und singe! Nein, wie kann man nur auf der Straße einfach einschlafen!« hörte sie Mechtilds Stimme. Ullo öffnete mühsam die Augen, wollte gar nicht wach werden. Die Freundin stand vor ihr, einen Handwagen neben sich, und fing soeben an, das Gepäck draufzuwerfen. »Dich zuoberst, ja? Oder kannst du laufen? Du siehst aus wie kurz vor dem ersten Schlaganfall«, behauptete sie lachend.
»Keine Spur. Ich hab’ wundervoll geschlafen«, antwortete Ullo. Keine Schwachheit spüren lassen, das war immer ihre Devise gewesen. Und der kurze Schlaf hatte sie wirklich wunderbar erfrischt. »Nein, nein, ich kann bestimmt laufen, es geht mir prächtig. Hast du das Haus gefunden?«
»Hab’ ich, auf Anhieb. Und es heißt Friedheim, was ich gar nicht mehr wußte, das Heim für Friedrich also! Wenn das kein Glück bringt! Ich hab’ überhaupt das Gefühl, wir haben das Schlimmste hinter uns«, plauderte Mechtild, während sie neben ihr herging, den Leiterwagen ziehend, der glatt und leicht über den Asphalt der Straße rollte. »Hier können wir erst mal bleiben. Zwei von den besagten Tanten sind schon im Himmel, und die dritte packt. Unverständlich, warum – ich habe sie gefragt, ob sie verreisen wolle. ›Nein, nach dem Westen will ich‹, sagte sie. ›Aber wir sind doch im Westen‹, staunte ich.«
»Na, weißt du, so sehr westlich liegt Dresden ja nicht«, gab Ullo zu bedenken. Mechtild lachte.
»Gegen Schlesien? Alles ist relativ, das haben wir schon in der Schule gelernt. Ja, mag sie ruhig packen und losfahren, ich hab’ nichts dagegen. Um so mehr Platz haben wir, denn ein Chateau mit mehreren Flügeln ist Friedheim nicht; – falls du dir das vorstellst, mußt du deine Phantasie zügeln«, gab Mechtild zu. »Es ist eine winzige Bude, immerhin zweistöckig –«
»Und niemand außer der alten Dame im Haus?« fragte Ullo.
»Du hast eine Ahnung – voll bis oben! Aber kein Rucksack ist so voll, daß nicht noch etwas hineinginge – das hast du doch beim Packen gemerkt. Wir kommen schon unter. Die meisten sind ja nur auf der Durchreise hier, wenn man es zivil ausdrücken will. Nur die Hausmannsfrau der Tanten ist eine Hiesige, eine Sächsin, wie sie im Buche steht, die Meyern, ich sage dir! Du kannst dich schon vorfreuen, du sammelst doch Originale! Schlampig, dick und redselig, aber mit einem Herzen von Gold. Die drei Kinder, die sie hat, sind sicher von drei Männern, sozusagen eine Sammelfirma –«
Mechtild wußte immer sofort alles, Ullo hatte sich oft darüber gewundert. Das war ihre Art. Sie war auch bei einfachen Leuten immer gleich beliebt, sprach deren Sprache, ohne sich gemein zu machen. Auch jetzt kam ihnen die Meyern entgegen, riß das Gartentürchen gastlich auf und belud sich mit Gepäckstücken, während sie unaufhörlich redete. Ullo kam kaum zu einem »Guten Tag«.
»Nee nee nee, un so e Sießer«, säuselte die Dicke, den kleinen Friedrich betrachtend, »nee, un außm Osten! Aber nu hammersch geschafft, nu Wollmersen dir mal scheen machen, warm un gemietlich –«
Sie nahm ihn Ullo vom Arm und trug ihn die spindlige Treppe hinauf, unausgesetzt redend. »Unterm Dach, juchhee, da genn Se untergomm, da sin grade welche weg. Nee, so e Glick, so enn Sießen ins Haus ze griechen –«
Ullo lernte in dieser Zeit, in der sie in Radebeul Station machten, viele stehende Redensarten dieser Frau, die sie zum Teil übernahmen, in herzlich amüsierter Erinnerung an diese Zeit. »Nu funkts aber aus der Appelgiste!« war eine Drohung, wenn ihre Sammelfirma-Kinder nicht sofort parierten, und »Hurra, die Enten! Meine Mutter lernt schwimm!« hieß: »Los, an die Arbeit!« Manchmal »rauschte auch der Wald im Babbgardong«, wenn alle drei gleichzeitig brüllten, und abends kam es vor, daß die Meyern heraufhatschte, um mit den beiden jungen Frauen ein Schwätzchen zu halten, und sich dann plötzlich erinnerte: »Nee, gloobtersch, ich hab heite noch geene Nester gescharrt!« Sie meinte: Die Betten noch nicht gemacht. Ihren Abwasch brachte sie vertrauensvollselbstverständlich immer angeschleppt, wenn Ullo abwusch – »ich ganns doch wohl dazuduhn?«, dafür aber war sie geradezu sagenhaft hilfsbereit und gebefreudig. Sie rückte mit dem letzten Stück Brot heraus, wenn es jemandem schlechter ging als ihr, und riß sich oder einem ihrer Kinder buchstäblich das Hemd vom Leibe für andere. Dies alles sollten Mechtild und Ullo noch erleben. Jetzt ließen sie den Redestrom der Meyern über sich hin plätschern, während sie einräumten, sagten »Ha« und »Ja« und »Nein, so was« und fühlten sich herzlich geborgen.
»Na, haben wir Glück?« fragte Mechtild wiederum. Ullo nickte.
Dies geschah am zwölften Februar neunzehnhundertfünfundvierzig.
Beim ersten Alarm weckte Mechtild die Freundin.
»Du, wir müssen in den Keller!«
Sie waren beide übermüdet, da sie die letzte Nacht im Zug verbracht und kaum geschlafen hatten.
»Müssen wir?« grunzte Ullo.
Mechtild hatte schon unter jedem Arm einen ihrer Jungen.
»Mach dir nichts draus. Wenn wir in den Westen kommen, kommen wir in Angriffe.«
Der Keller war klein und besaß keinen Ausstieg. Sie saßen und gähnten, hörten das Surren – merkwürdigerweise kein Krachen – und warteten sehnsüchtig auf die Entwarnung. Angst hatten sie nicht, nur müde waren sie. Mechtild ging dann ein bißchen spionieren.
»Man muß doch wissen, was man so durchmacht«, sagte sie sensationsfreudig. Schließlich kam sie zurück:
»Entwarnung. Alles nach oben. Das hätten wir hinter uns.«
Sehr bald darauf kam der zweite Angriff. Jetzt weckte Mechtild die Freundin zwar, sagte aber:
»Du, ich glaube, wir bleiben liegen. Hast du dich ein bißchen im Haus umgesehen? Winklig, vollgepfropft – unter jedem Bett und auf jedem Schrank verschnürte Pakete. Und kein Ausstieg aus dem Keller. Wenn es hier mal brennt, kommt keiner davon, der unten sitzt. Da haben wir, wenn wir oben bleiben, eine winzige Chance, das nackte Leben im bloßen Hemd zu retten, wie man so schön sagt. Bleib liegen, schlaf. Ich pass’ schon auf. Und wenn die Durchreisenden mal wieder wechseln, ziehen wir ins Parterre. Ich werd’ das schon regeln.«
Etwas später kam der dritte.
Ullo und Mechtild standen dann doch auf, an Schlafen war ja nicht mehr zu denken. Sie gingen in den kleinen Garten hinaus. Diesmal packte sie das Grauen, hielt ihre Herzen zusammengepreßt in der Faust. Der ganze Himmel war rot, blutrot, von einem Horizont zum andern. Und es surrte und surrte. Wer jetzt in der Stadt war – Gnade ihm. Keine Abwehr von unten, kein Jagdflieger oben. Ullo dachte an ihren Mann, der Jagdflieger war. Lieber Gott im Himmel, lieber Gott, kannst du so etwas zulassen ... Man sah die feindlichen Bombergeschwader nicht, aber man hörte sie. Und man hörte den Feuersturm sausen und sausen.
Darmowy fragment się skończył.