Czytaj książkę: «Avenae»
Lisa W. Barbara
Avenae
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
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Ich sah sie deutlich vor mir. Hörte die Stimme meiner Mutter, die meinen Namen flüstere. Sah die Bilder. Eine junge Frau mit schwarzen, vom Regen nassen Locken hetzte eine dunkle Gasse entlang. Sie hielt etwas in ihren Armen. Ein Baby. Vor einem großen weißen Haus blieb sie stehen. Zögernd sah sie sich um. Nichts regte sich in der Gasse. Kein Geräusch war zu hören, nur das Trommeln des Regens und das Keuchen der Frau. Das Kind in den Armen der Frau wachte langsam auf. Es regte sich unter den nassen Leinentüchern, die hastig um das Kind geschlungen worden waren. Es quietschte leise. Die Frau hob es hoch, so dass ihr Gesicht auf gleicher Höhe wie das des Babys war. Aus ahnungslosen, unschuldigen Augen blickte das kleine Mädchen seine Mutter an. Die Frau lächelte, obwohl ihr im Moment wirklich nicht danach war. Grüne Augen hatte die Kleine. Grüne Augen, genauso wie sie selbst. Das Kind lachte. Es wand sich in den Leinentüchern, ganz so, als wollte es ihre Mutter mit seinen Händen berühren, ihr das Wasser aus dem Gesicht streichen, ob es nun vom Regen kam oder ob es Tränen waren. Immer noch lächelnd strich die Frau dem Kind über den Kopf. Seufzend drückte sie es wieder an ihre Brust, als wollte sie es nie wieder loslassen. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Lange blieb sie so stehen und umklammerte das kleine Mädchen. Nach einer Ewigkeit, die der Frau nur wie Sekunden vorkamen, löste sie das Kind aus ihrer Umklammerung und küsste es auf die Stirn.
Nur widerwillig konnte sie sich von den grünen Augen ihres Kindes losreisen, die sie flehend ansahen. Die Frau legte das Mädchen auf die Stufen, die zu dem weißen Haus führten. Darauf bedacht, dass das kleine zierliche Köpfchen des Kindes nicht in die Pfützen fiel, strich sie dem Mädchen noch einmal über die Wange, schluchzte und drehte sich um. Ohne sich noch einmal umzuschauen, lief sie die verlassene Gasse entlang. Hinter ihr auf den Stufen fing das Baby an zu schreien, als es merkte, dass seine Mutter weglief und es allein ließ. Das Schreien des Babys zerriss der Frau das Herz, doch sie lief einfach weiter, die verlassene dunkle Gasse entlang, mitten in den Tod.
Lange dachte ich über diesen Traum nach. Diesen Traum, den ich schon seit dem ich denken kann fast jede Nacht träumte. Ich kannte ihn mittlerweile in und auswendig.
Während ich versuchte, dass die Bilder des Traums nicht vor meinem geistigen Auge verblassten, was sie immer taten, heulte der Sturm draußen unentwegt weiter. Zweige kratzten an den Fenstern meines Zimmers als beteten sie, der Wind würde sie verschonen. Ab und zu erhellte ein Blitz mein Zimmer, gefolgt von einem tiefen Donnergrollen. Ich fand den Sturm nicht schlimm. Ich fand ihn schön. Der Wind konnte tun und lassen was er wollte. Ungestört über das Land streifen und spontan entscheiden, ob er sich zum Orkan oder nur zum leichten Sommerwind verwandeln sollte. Er hatte sicher schon die ganze Welt gesehen. Er war frei. Etwas, was ich nie sein würde.
Seufzend drehte ich mich auf die andere Seite und versuchte wieder einzuschlafen, versuchte mich wieder an die Bilder zu erinnern, an das Gesicht der Frau.
Ich hörte den Windböen zu, die an mein Fenster schlugen. Sie schienen etwas zu erzählen. Eine Legende. Oder ein Märchen. Jedenfalls etwas Trauriges.
Ich schien die Geschichten zu kennen, als wären sie meine eigenen. Wenn ich sie doch nur verstehen könnte. Wenn ich doch nur hören könnte, was der Regen erzählte.
Viel wusste ich nicht über mich. Eigentlich gar nichts. Nur das, was mir die Schwestern im Waisenhaus erzählt hatten. Doch selbst davon wusste ich nicht einmal, ob es stimmte.
Der Regen wurde schwächer und rötliches Licht schien durch die Vorhänge, die schwer das Fenster verhüllten. Seufzend schaute ich auf die roten Zahlen des Weckers, die mir die Uhrzeit zeigten. Halb sechs.
Ich stand auf und ging durch das halbdunkle Zimmer zum Fenster. Wie jeden Morgen zog ich die weißen Vorhänge auf und lies die Sonne herein. Die Wärme strich sanft über meine Haut. Ein tolles Gefühl. Es hieß ja, dass Sonnenstrahlen Endorphine freisetzen, doch es war ja wie zu erwarten, bei mir wieder nicht. Manchmal fragte ich mich, ob ich mich nur in einer depressiven Phase befand (was dann schon mein bisheriges Leben anhielt) oder ob es einfach diese Stimmung hier war. Warum war ich nur so seltsam?
Tatsächlich war ich das. Ich gab mir zum Beispiel überhaupt keine Mühe zu den anderen nett zu sein. Zwar musste ich das nicht unbedingt, denn ich wohnte in einem Mietshaus am Rande Rügens wo eh fast keiner seinen Nachbarn kannte, doch ein bisschen sozialen Kontakt könnte mir nun wirklich nicht schaden.
Diesen eben genannten Kontakt bekam ich nur in meinem Job, wenn man es denn einen Job nennen konnte. Ich besaß ein kleines Café (Café Red, ein Sonnenstrahl an einem tristen Tag? Oder ein tolles Angebot an Getränken, warm oder kalt, Snacks und Mittagskarte) gleich neben einer Polizeistation. Es war immer sehr interessant, wenn gerade ein Verbrecher, was er nun auch immer angestellt hatte, den Polizisten eine über die Rübe zog oder wenn die blauen Männchen ihre ach so teuren Wägelchen direkt an das Parken-verboten-Schild setzten.
Aber so viel genug zu meinem Job, der zurzeit das einzige in meinem Leben war, an das ich mich klammern konnte. Denn Freunde hatte ich kaum welche. Wie das Schicksal es so wollte hatte es mir nicht nur ein langweiliges Leben sondern auch noch ein wahnsinnig vorlautes Mundwerk gegeben. Bei mir hielt es keiner länger als 10 Minuten aus, meistens nur um sich die neueste Ausgabe der Zeitung zu kaufen.
Deshalb gab es auch keinen Mann in meinem Leben. Zwar fehlte mir diese komplizierte Spezies überhaupt nicht (nur manchmal, wenn ich wieder so einsam war, aber das hatte ich noch nie laut gesagt) aber doch wäre es mal schön, ein bisschen Zärtlichkeit zu erfahren.
Aber es half ja nichts. Je mehr ich darüber nachdachte, desto größer wurde meine Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Dennoch musste ich mich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren, was mit meiner Miete zu tun hatte, also verwarf ich den Gedanken wieder.
Ich öffnete das Fenster und griff nach einem dunkelbraunen Haargummi, ging zum großen Wandschrank und sah in den Spiegel, der an der Schranktür hing. Aus einem blassen Gesicht starrten mir zwei blaue Augen entgegen. Das einzige, was mich noch an mein früheres Leben erinnerte. Mein früheres Leben war dieses eine Jahr, wo ich bei meinen Eltern gelebt hatte. Doch an meinem ersten Geburtstag hatte mich meine Mutter vor einem Waisenhaus abgegeben und sich seither nicht mehr gemeldet. Manchmal war ich sehr wütend auf sie gewesen, auf diese Frau, an deren Stimme ich mich nicht mehr erinnern konnte. Darauf, dass sie mich einfach im Stich gelassen hatte. Denn das Waisenhaus war die Hölle gewesen. Die Schwestern (ja es waren richtige Nonnen) hatten mich nicht sonderlich leiden können, was nicht zuletzt an meinem Charakter lag. Es ist echt eine Schande, dass man sich als Mensch erst mit ungefähr drei Jahren an etwas erinnern konnte. Doch manchmal bildete ich mir ein, ich würde meine Mutter sehen. Sie in den vielen Gesichtern auf der Straße erkennen. Als ich noch kleiner war, hatte ich bei einem Ausflug mit den Schwestern in den Zoo eine Frau gesehen. In ihr hatte ich zum ersten Mal meine Mutter gesehen. Jedenfalls hatte ich sie mir so vorgestellt. Ich war am nächsten Tag von dem Waisenhaus weggelaufen und in den Zoo, nur um sie wiederzusehen. Doch sie war nicht da und ich war bis zu meinem achten Lebensjahr davon überzeugt, dass das meine Mutter gewesen war. Und ja, ich hatte Märchen und Geschichten geliebt und mir immer gewünscht, dass sie mich holen würde.
Bei dem nächsten Besuch im Schwimmbad war sie wieder da. Ich hielt es damals als kleines Kind für ein Wunder, aber ich war zu schüchtern, um mit ihr zu reden. Sie sah traurig aus und als sie zu uns rüber kam, um sich mit der Schwester zu unterhalten, hatte ich nicht einmal den Mut, sie anzusehen.
Und dann, dann war es soweit. Sie und ihr Mann kamen in das Waisenhaus, um ein Kind zu adoptieren. Ich war davon überzeugt, dass sie niemals mich nehmen würden, doch als mich die Frau zum ersten Mal bewusst ansah, wusste ich, dass sie es war. Sie kam zu mir und redete mit mir, spielte mit mir und ich weinte fast vor Glück, als sie mich mit zu ihnen nach Hause nahmen.
Als ich ungefähr 12 war, erzählte sie mir wieder, dass sie nicht meine echte Mutter war. Sie wollte das so und erzählte mir das oft. Doch da wurde es mir zum ersten Mal richtig bewusst. Aber dennoch, ich liebte die beiden, die mich wie ihre Tochter behandelten. Und dann, war alles vorbei. Mein Kindheitstraum von einer normalen Familie mit Eltern, die mich liebten. Denn sie bekamen ein Baby. Eine kleine Tochter und auf einmal liebten sie das Kind mehr wie mich. Als ich dann 17 war, lief ich von ihnen weg. Ich suchte mir eine Wohnung, gab ein falsches Geburtsdatum an (es ist ziemlich einfach, wenn man adoptiert ist, die Vermieter davon zu überzeugen, dass das Datum auf der Urkunde des Waisenhauses nicht richtig war).
Ich meldete mich nie wieder bei den Meyers, auch nicht, als die Polizei vor meiner Tür stand. Ich wollte sie nie wieder sehen.
Ich weiß, das ist ziemlich dumm gewesen, immerhin hatten sie ihre eigene Tochter bestimmt nie mehr lieb wie mich. Doch so war ich.
Aber diese Zeit war jetzt vorbei. Seit drei Jahren wohnte ich nun schon in dieser Wohnung und versuchte mich durchzuschlagen. Eigentlich hätte ich das Abitur machen sollen, so wie die meisten in meinem Alter. Doch nach der Sache mit meinen Adoptiveltern wollte ich nicht noch länger in die Schule gehen. Zwar sagten immer alle, dass ich intelligent war, doch es nervte mich zu sehen, wie alle in meiner Klasse den ersten Freund hatten, die erste Trennung, und wie alle gleich aussahen. Wirklich, wenn ich mir heute das Klassenfoto von vor zwei Jahren ansehen würde, wüsste ich nicht mehr wer wer war. Die einzige, die ich am ehesten als Freundin bezeichnen konnte war Bea, die ich seit der 5. Klasse kannte. Wir hatten uns gut verstanden, sie war die einzige, die mir kontra geben konnte und die einzige, die immer zu mir gehalten hatte. Ja, eigentlich war sie die einzige und beste Freundin, die ich hatte.
Seufzend griff ich nach meinen Haaren und band sie hinten am Kopf zu einem Zopf zusammen.
Ich ging mit einem Grummeln im Magen zur Tür, während ich überlegte, welches Frühstück mein begrenztes Budget hergab. Es würde doch wohl bloß wieder eine heiße Schokolade aus meinem Café sein. Was war das für eine Ungerechtigkeit, wenn man sich nicht mal ein anständiges Frühstück leisten konnte?
Wie jeden Tag strich ich über die Möbel. Sie waren aus weißer weicher Eibe gefertigt worden, mein Lieblingsholz. Es ließ das Zimmer hell und einladend erscheinen, damit wenigstens etwas positives in dieses Zimmer kam. Die Wände hatte ich in einem dunklen Rosé-Ton gestrichen, die einen richtig schönen Kontrast mit den weißen Möbeln gaben. Die Möbel bestanden aus einem großen (sehr großen) Schrank in dem eigentlich meine ganzen Habseligkeiten verstaut waren. Außerdem besaß ich noch ein Bett mit pinken Bettbezügen und unzähligen lila, pinken und weißen Kissen. Dann noch einen Schreibtisch, worauf mein Laptop stand. Meine Stereoanlage und mein Fernseher standen auf einer kleinen weißen Kommode, die eine kleinere Ausgabe des Schranks war. Mein schwarzer Ledersessel diente mir auch noch als Schreibtischstuhl und Kleiderständer. Das schöne Parkett wurde halb von einem schweren weißem Teppich bedeckt und einem Klavier, auf das ich wahnsinnig stolz war.
Mein Zimmer war sehr groß und ich hatte viel freie Fläche, was nicht sehr gut war, denn Parkett, Kuschelsocken und meine nicht vorhandene Koordination vertrugen sich überhaupt nicht. Anfangs hatte ich meinen Schreibtisch geschrottet, weil ich mit meinen Kuschelsocken ausgerutscht und direkt auf das gute Holz gefallen war, was unter meinem Gewicht natürlich nachgab. Es krachte so laut, dass das gesamte sechste Stockwerk unter mir (ich wohnte im siebten Stock) in einem Protestmarsch vor meiner Tür stand, inklusive Vermieter. Ich hatte sie so laut angeschrien, dass sie es anscheinend für das beste hielten, wieder zu verschwinden, doch der Vermieter sah meinen kaputten Schreibtisch, und dass er eine winzigkleine Kerbe auf dem Boden verursacht hatte, die ihn fast zur Weißglut brachte. Doch bezahlen musste ich es nicht, dank meiner Überzeugungskraft. Er zog ein wenig später schlechtgelaunt von dannen.
So viel zum Thema große Klappe und Koordination.
Hier war einer der wenigen Orte, an denen ich mich geborgen fühlte. Ich liebte das Alte und Romantische. Ich weiß, romantisch passte zwar überhaupt nicht zu mir, zu meiner zynischen und beleidigenden Art, doch ich hatte mir so viele Liebesfilme reingezogen, dass ich mit den Taschentüchern einen ganzen Winter heizen konnte. Ja, ich hatte auch einen kleinen Kamin. Sie wissen gar nicht, wie wunderschön es ist sich vor den Kamin in eine warme Decke zu kuscheln, sich einen neuen Liebesfilm anschauen, den ich von Geld gekauft hatte, was ich eigentlich gar nicht besaß und eine schöne Tasse dampfende heiße Schokolade zu schlürfen.
Ich zuckte aus meinen Tagträumen als es plötzlich klingelte. Ich rappelte mich schnell hoch und wollte schon zur Tür rasen, als ich über meine Tasche fiel, die mitten im Raum stand und ich knallte der Länge nach auf das harte Parkett. Einen Moment sah ich nur noch Sterne und ich wusste ehrlich nicht, wo ich überhaupt war. Nach gefühlten zehn Minuten rappelte ich mich wieder auf und humpelte zur Tür. Doch draußen stand niemand. Ich fluchte laut. Hatte ich jetzt wirklich einen weiteren blauen Fleck in meiner nicht unbeträchtlichen Sammlung auf meinen Beinen für nichts und wieder nichts?
Wollte mich jemand veräppeln? Na, der kann was erleben! Wütend spähte ich durchs Treppenhaus, doch als ich nichts und niemanden sah, den ich zusammenstauchen konnte, wollte ich wieder in meine Wohnung gehen, als ein Geräusch an meine Ohren drang. Es war ein Wimmern, fast nicht zu hören, aber es war so bittend, dass ich einfach nachsehen musste.
Da ich einer der größten Angsthasen war, den es auf der Welt gibt, griff ich nach meinem Föhn, der an meiner Tür hing, nur um ganz sicher zu gehen, dass sich nicht ein Irrer auf mich stürzte.
Ich zog die Tür hinter mir zu, wobei ich im Eifer einen Schlüssel vergessen hatte, was mir fast jeden Tag passierte, fluchte leise und schlich die Treppen hinunter.
Keiner begegnete mir auf meinem Weg. Gelegentlich hörte ich jemanden hinter einer Tür schnarchen oder im Schlaf murmeln.
Dann, im fünften Stock erblickte ich die Wohnung, deren Türe nur leicht angelehnt war.
Ich atmete langsam durch, straffte die Schultern, hob den Föhn kampfbereit vor mich hoch und drückte die Tür auf. Immerhin bin ich sehr mutig, sagte ich mir, doch ich wusste, dass es nicht stimmte. Ich konnte noch nicht mal in meiner eigenen Wohnung ohne Licht im Dunkeln aufs Klo gehen, so viel Schiss hatte ich. Wenn das nun ein Typ war, der nur darauf wartete, dass ein kleines Mädchen, deren einzige Waffe ihr Föhn war, den Raum betrat, um sich an ihr zu vergreifen? Ich wusste nicht mal, ob ich den Mut besaß, jemanden ins Gesicht zu schlagen, wenn ich spüren konnte, dass ihm die Nase brach.
Eigentlich war ich fest davon überzeugt, rückwärts wieder den Raum zu verlassen, doch ich hörte plötzlich wieder dieses Geräusch. Es war nicht mehr als ein kleiner Schluchzer, aber immerhin, ich hörte es.
Langsam schlich ich um die Ecke und drückte mich an die Wand um nicht gesehen zu werden. Man, hatte ich vielleicht Angst.
Vorsichtig lugte ich hinter der Ecke hervor. Dort stand ein Mädchen im Bad mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich sah ihr Gesicht im Spiegel, es war schmerzverzerrt. Sie hatte schwarze lange gewellte Haare und helle Haut. Ich hatte sie noch nie gesehen.
Aufgrund ihres Schluchzens wollte ich zu ihr gehen, doch dann fiel mir wieder ihr Gesicht auf. Sie blickte auf etwas, dass sie in der Hand hielt und ihr offensichtlich diese Schmerzen zuzog, doch ich konnte nicht erkennen was es war. Um besser sehen zu können, machte ich einen Schritt nach vorne, was ein Fehler gewesen war. Das Mädchen wirbelte herum und sah mir direkt in die Augen. Mein Atem stockte. Ein Auge war blau und eines war dunkelbraun, zwar nichts schlimmes, aber es war seltsam und irgendwie machte mir das noch mehr Angst. Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick. Feindselig starrte sie mich an. Nur mühsam konnte ich mich von ihrem fesselnden Blick losreisen, um einen Moment später auf ihre Hände zu starren. In der rechten Hand hielt sie ein kleines Messer, das nun auf mich gerichtet war.
Ich hatte keine Ahnung, was sie machte, dann sah ich die Wunde. Doch bevor ich zu ihr gehen konnte, würgte ich und mir wurde schlecht. Ich konnte kein Blut sehen.
Wie perplex stand ich da, als sie auf mich zustürmte und mich zu Boden schmiss. Sie drückte mir das Messer an den Hals. Ich riss erschrocken die Augen auf und wollte schreien, doch meiner Kehle entwich nur ein klägliches Gurren. Ich merkte schlagartig, dass das auch besser so war.
„Einen Mucks und ich schneide dir die Kehle durch.“
Das Mädchen sah bei diesen Worten sehr ernst aus. Doch ich musste etwas sagen.
„Ich tu dir doch nichts“, versuchte ich und die kalte Klinge an meinem Hals wurde fester in meine Haut gedrückt. An der Stelle, wo das Messer meine Haut berührte wurde es nun warm und etwas rann an meinem Hals hinunter. Ich würgte, als ich den leicht salzigen Geruch vernahm und langsam konnte ich spüren, wie mein Geist meinen Körper verließ.
„Was willst du dann hier?“
„Kannst du bitte das Messer von meinem Hals wegnehmen? Du kannst mich ja weiter bedrohen, wenn's dir so viel Spaß macht, aber die einzige Waffe" ich deutete auf meinen Föhn, der nutzlos einige Meter weit weg lag und an den ich niemals kommen würde, "habe ich leider fallen gelassen und kann so keine Gefahr für dich darstellen.“
Ich sprach schnell und der Druck auf meinem Hals verstärkte sich. Das Blut rann nun warm über meinen Hals und meine Augenlider flackerten.
Dann wurde der Druck schwächer und ließ nach, als das Mädchen bemerkte, dass ich Recht hatte. Ich war keine Bedrohung für sie. Gottseidank. Ich konnte mich aufsetzen und meinen Hals berühren. Ein Schmerz durchzuckte mich und als ich die Hand vors Gesicht hob, sah ich daran rotes Blut kleben.
Das Mädchen reichte mir ein Tuch. Ich drückte es dankbar auf meinen Hals um die Blutung zu stoppen. Mit einer Hand versuchte ich aufzustehen, doch das Mädchen drückte mich mit beiden Händen erneut auf den Boden. Ich sah sie an. Sie hielt immer noch das Messer in meine Richtung, an dem mein und der Wunde an ihrem Arm nach zu urteilen, auch ihr Blut klebte. Ihgitt, hoffentlich bekam ich kein AIDS oder sowas!
„Es hat bei mir geklingelt, und als ich nachgesehen hatte, hab ich dich gehört. Ich wollte dir nur helfen!“
Und plötzlich lachte das Mädchen laut auf. Es war kein fröhliches Lachen, sondern ein gequältes, ein bisschen hysterisches, schrilles Lachen.
„Mir helfen?“, lachte das Mädchen mich aus.
War sie verrückt? Na toll. Ausgerechnet ich steh hier mit einem psychopathischen Mädchen im Bad, war ja klar.
„Wer hat dir das angetan?" Ich zeigte auf ihren Arm.
Sie wandte den Blick ab.
"Schon gut." Ich bekam unwillkürlich Mitleid mit dem Mädchen, das nun die Tränen zurückhalten musste, was allerdings ein bisschen unecht aussah, irgendwie gespielt.
"Brauchst du Hilfe? Ich kenn ein paar Polizisten, zu denen kann ich dich bringen?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, damit kannst du mir nicht helfen, das muss ich allein durchstehen."
"Aber…"
"Lass es stecken."
Das Mädchen schien die Verwirrung von meinem Gesicht ablesen zu können. Denn sie lächelte. Diesmal war es jedoch ein freundliches Lächeln.
„Danke.“
Ich zuckte mit den Schultern und nickte ihr zu.
Das Mädchen blickte mir in die Augen. Sie ließ das Messer sinken und stand auf. Ich erhob mich ebenfalls. Sie ging zum Spiegel und legte das Messer in das Waschbecken.
„Tut mir leid, dass ich dich bedroht hab. Ich dachte, sie kommen zurück… Und frag lieber nicht, wer sie sind, denn ich sag's dir nicht."
"Okay, schon gut. Lass mal deinen Arm sehen.
Oh, ich glaub das muss genäht werden. Du solltest in ein Krankenhaus gehen, sonst bekommst du eine hässliche Narbe. Würde zwar eh nichts an deinem Aussehen ändern, aber ich find Narben einfach nur hässlich..."
Ich ignorierte den Würgereiz und nahm ein Handtuch. Vorsichtig tupfte ich ihr den Arm ab und spülte das Blut weg. Der Schnitt war zwar nicht sehr tief, doch ziemlich lang und es sah echt übel aus.
"Nein, ich will keinen Arzt. Kannst du mir einfach nur einen Verband rummachen, dann geht’s schon wieder."
Sie ging zum kleinen Schrank und holte einen Verband hervor. Ohne mir in die Augen zu blicken, reichte sie mir den Verband und hielt mir ihren Arm hin.
"Na gut. Aber du versprichst mir, dass du morgen zum Arzt gehst?", versuchte ich erneut, während ich ihr den Arm verband.
"Ich…", sie seufzte und gab auf. "… okay, ich versprech´s."
"Sehr gut!", sagte ich erfreut.
"So, das wärs. Also, willst du wirklich nicht reden? Vielleicht kann ich dir helfen?" Woow, Ave, heute bist du aber mal wieder sozial.
Sie riss ihren Arm von mir weg und durchwühlte den Schrank.
"Ach, du hast überhaupt keine Ahnung, also lass es einfach und geh wieder dahin zurück wo du hergekommen bist."
Geschockt über ihren patzigen Ton wurde ich sofort wütend. Da ist man mal einmal nett und dann sowas?
"Na gut, ist mir doch egal."
Was bildete sie sich denn ein?
Darauf erwiderte das Mädchen nichts mehr, was auch besser für sie war, denn ich würde diese Diskussion ohnehin gewinnen.
„Du bist Avenae, hab ich Recht?“
Jetzt war ich ziemlich verwirrt. Woher in Gottes Namen kannte sie denn meinen Namen?
"Es ist sehr unhöflich Menschen einfach so auszuspionieren, wenn man nicht mal den eigenen Namen preisgibt."
"Oh, du hast nicht gefragt", meinte sie.
Richtig. Sie hatte dieses Duell gewonnen, wenn auch nicht auf faire Art. Aber was war schon fair?
Also gut, dann ließ ich ihr halt den Spaß und nickte.
„Mein Name ist Vivienne."
Ich musste mich ziemlich zurückhalten, um nicht laut los zu prusten. Doch irgendwie gelang es mir nicht so ganz und ich brach in großes Gelächter aus, was nicht lange anhielt, da sie mich über die Schulter anstarrte.
"Fifi?", fragte ich unter meinem prustenden Gelächter.
"Nein, Vivienne. Nicht Fifi. Sei nicht so albern."
Sie war ziemlich sauer. Aber ich konnte einfach nicht anders.
Vivienne. Fifi. Braves Hündchen.
"Und bist du heute schon Gassi gegangen, Fifi?"
Sie starrte mich an. Doch meine Worte hatten nicht die gewünschte Wirkung, denn sie ignorierte meinen spöttischen Tonfall und stand auf.
"Sehr lustig. Aber im Gegensatz zu dir habe ich schon geduscht und rieche also nicht nach Hund."
Zwei zu Null für sie. Verdammt, wenn sie so weitermachte, dann verlor ich womöglich noch meinen guten Ruf.
Ich musste ziemlich bescheuert aussehen, denn sie lachte laut und zufrieden auf.
„Das tut mir leid mit deinem Hals. Das wollte ich nicht."
Ja sicher, Hündchen.
Sie warf mir ein Pflaster zu. Ich fing es auf, wenn auch ziemlich ungeschickt. Wütend, dass sie es mir so blöd zugeworfen hatte, ging ich an den Spiegel, wusch mir das Blut weg, wobei ich schön brav an ein schönes Croissant mit vieeeel Marmelade dachte und klebte mir das Pflaster mit kleinen Kätzchen an die Stelle, wo das Messer meine Haut aufgeschnitten hatte.
"Ein bescheuerteres hast du nicht mehr gefunden, oder?"
"Oh, ich finde es passt ganz gut zu dir."
Verdammt, Drei zu Null für sie.
"Danke Fifi."
"Nenn mich nicht Fifi", sagte sie ruhig, wenn auch in ihrer Stimme ein bisschen Ärger zu hören war. Hah, Drei zu Eins.
Sie drückte sich von der Wand weg und packte ihre Sachen zusammen.
"Dusch dich lieber mal", meinte sie und drückte mir meinen Föhn in die Hand.
Ich schaute an mir herunter. Meine Jacke und die Jeans konnte ich vergessen. Na toll. Sie waren mit kleinen Blutstropfen übersäht und da ich nicht wollte, dass man mich einsperrte weil man mich für eine Mörderin oder so was in der Art hielt, fing ich an mich auszuziehen. Ich würgte erneut und als ich nur noch in dem Top dastand, drehte ich mich um und lief zu meiner Wohnung.
Naja egal. Ich würde ihr die Sachen einfach vor die Tür legen. Und wehe ich bekomm sie nicht sauber wieder zurück.
Dann würde ich halt heute mal mein neues Kleid einweihen, das ich mir letzte Woche gekauft hatte. 49,99 Euro, zwar kein Schnäppchen aber was leistet man sich schon im Leben.
Hoffentlich begegnet mir keiner, in meinem lächerlichen Aufzug. Und wie sollte es auch anders sein, ging die Nebentür von mir auf und ein junger Mann trat heraus, gerade, als ich den Zweitschlüssel unter einem kleinen Blumentopf hervorzog.
Er blickte mich verwirrt und belustigt an.
"Kein Wort", schnauzte ich ihn an und er hob kapitulierend die Arme und lehnte sich in den Türrahmen.
"Kann ich dir irgendwie helfen?"
Natürlich.
"Seh ich vielleicht so aus? Hast du mal einen Spiegel?"
Als er mich verwirrt ansah, meinte ich seufzend: "Ich wollte nur nachsehen, ob auf meiner Stirn hilfsbedürftiges Mädchen in Not steht."
Das Lächeln, das er aufsetzte, während er mich beobachtete, brachte mich zum rasen.
"Hast du nicht was zu tun? Vielleicht kleine Hündchen in Not vor bösen Katzen retten?"
Oh verdammt, andersrum. Naja, egal, solange er meinen lahmen Witz verstand.
"Nein, aber ich wollte dir eigentlich nur das Päckchen geben, das gerade für dich abgegeben worden ist, Avenae."
Ah, dann war es also der Postbote, der geklingelt hatte. Anscheinend war ich ihm zu langsam gewesen und er hatte es meinem Nachbarn gegeben, der offensichtlich ein Neugierdeproblem hatte und nicht mal die Post der Nachbarn in Ruhe lassen konnte.
"Oh vielen Dank. Du kannst es mir ruhig geben."
Da ich kein Päckchen sah, war ich im ersten Moment verwirrt. Doch dann zog er es hinter der Tür hervor. Es war klein. Sehr klein. Wenn nicht zu sagen winzig.
"Du bist doch die Kleine aus dem Red oder?"
Wunderbar. Warum lasse ich mir nicht gleich meinen Lebenslauf auf mein Gesicht tätowieren?
"Ja, stell dir vor."
Er reichte mir das Paket und ich wollte danach greifen, doch er zog es wieder weg.
"Ich heiße Tom. Du wohnst schon eine ganze Weile hier oder? Ich bin erst in dieses Haus gezogen, davor hab ich in Berlin gewohnt, aber das erzähl ich dir wann anders. Schade, dass wir uns bisher noch nicht kennengelernt haben. Wie wärs, wenn du später nach der Arbeit rüberkommst und wir ein bisschen feiern? Sozusagen als Einstand?"
Was bildete er sich ein? Das gibt’s doch nicht? Meinte er ernsthaft, dass ich ja sagen würde?
Wütend entriss ich ihm das Päckchen, während er mir lächelnd in die Augen sah und ich ging zu meiner Tür, wobei endlich das Schloss aufsprang und ich hinein schlüpfte.
Fluchend pfefferte ich alles in eine Ecke und holte aus meinem Schrank mein neues Kleid heraus. Es war wunderschön, strahlend weiß und Spitze am Saum.
Ich ging in mein Bad und duschte ausgiebig. Danach föhnte ich mir die Haare und zog mich an.
Mein Blick streifte die Uhr. Ojee, in zehn Minuten sollte eigentlich mein Laden offen sein.
Hastig griff ich nach der braunen Umhängetasche und stopfte eine Wasserflasche hinein. Gottseidank hatte ich immer alles in der Tasche, wenn es mal wieder schnell gehen musste, so wie jeden Tag eigentlich.
Dann griff ich nach meinem großen Schlüsselbund, rannte in Richtung Tür, wobei ich über etwas stolperte und zum zweiten Mal heute Morgen hinfiel. An manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben, dachte ich seufzend, blickte nach unten und sah das Päckchen und die Post. Richtig. Ich hob es hoch, packte es in meine Tasche und hob die Post auf, während ich aufstand. Rechnung, Rechnung, Rechnung, ein Katalog, noch eine Rechnung. Landete alles auf den Boden. Na toll. Ich bin ja so einsam.
Hinter mir schloss ich die Tür ab und hatte keine Zeit mehr auf den Aufzug zu warten (wo ich eh nur gezwungenermaßen hinauf fuhr; blöde Klaustrophobie) und rannte alle sieben Stockwerke hinunter. Für die Figur konnte es ja nicht schaden. Draußen hatte ich wieder Probleme mit dem blöden Fahrradschloss, bekam es dann doch auf und ich fuhr los.
Gerade noch rechtzeitig, nachdem ich ein langsames Polizeiauto überholte, kam ich zu meinem kleinen Stand. Ich fuhr beinahe den Postboten über den Haufen.
"Oh, sorry."
Keuchend und in Eiltempo stellte ich das Fahrrad ab, sperrte die Türe auf und hastete in mein kleines Café. Eine Sekunde später stand ich schon hinter dem Tresen und nahm dem Postmann die Post für mein Café ab (noch mehr Rechnungen, was auch sonst).
Ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und reichte ihm seinen Kaffee, den ich in Rekordzeit zubereitete, wobei die bescheuerte Kaffeemaschine zum zehnten Mal in der Woche verlangte, dass ich ihren Filter wechseln sollte. Ich verpasste ihr einen Schlag und sie blubberte schön brav weiter.
"Danke Avenae. Sie sehen heute wieder einmal bezaubernd aus."
Und natürlich gab er mir wieder viel zu viel Trinkgeld, der alte Sack.
Während er mein Café verließ und mir nochmal winkte, dachte ich darüber nach, ob er das schon jemals zu seiner Frau gesagt hatte, falls er überhaupt eine hatte.
Meine Kundschaft bestand hauptsächlich aus Polizisten, Studenten und was ich am allermeisten hasste, Touristen, denn mein Café lag, wie schon erwähnt, neben der Polizeistation und dem Strand. Außerdem konnte man, wenn man auf meiner Terrasse saß, auf das Meer blicken, das sich gleich dahinter erstreckte. Eigentlich ein Traum.
Nachdem sich allmählich der morgendliche Andrang der Kaffeesüchtigen gelegt hatte, machte ich mich über das Paket her. Ich wusste um Himmelswillen nicht, wer es mir geschickt haben könnte. Bestellt hatte ich nichts und Verwandte oder Freunde konnte ich auch ausschließen. Geburtstag hatte ich erst wieder nächstes Jahr, also von wem sollte es sein?
Neugierig zog ich an der Paketschnur, die partout nicht aufgehen wollte. Ich griff hastig nach einem Messer und schnitt mir fast meinen Finger ab, aber letztendlich löste sich die Schnur doch noch und ich riss das Papier ab. Mir fiel ein Brief entgegen. Er war aus gelblichem Papier. Ich hob ihn hoch und erstaunte. Da stand doch tatsächlich mein Name drauf. Und eine Verwechslung konnte es nicht sein, denn mit meinem Namen gab es sicherlich nur eine Person auf der Welt. Doch wer hatte auch nur einen Tintentropfen und vor allem das Porto verschwendet, mir einen Brief zu schreiben?
Langsam riss ich den Umschlag auf, zog ein Blatt Papier heraus und begann zu lesen.
Avenae,
glaub mir, um dir diesen Brief zu schreiben, brauchte ich all meinen Mut. Aber ich habe keine andere Wahl. Du musst endlich wissen, wer du bist, wer ich war.
Du wirst dich vielleicht nicht mehr an mich erinnern, aber wenn du diesen Brief liest, dann musst du wissen, dass meine Zeit abgelaufen ist. Ich kann nicht mit dem Gefühl gehen, dass du überhaupt keine Ahnung hast, was in meiner, deiner Welt vor sich geht.
Ich finde einfach nicht die richtigen Worte, dass du verstehst, warum ich dich verlassen musste, aber eins kann ich dir sagen, Avenae bitte vergib mir. Vergib mir für das, dass ich nicht bei dir war, als du mich brauchtest. Aber dort, wo du bist, bist du am besten aufgehoben, noch. Und irgendwann, vielleicht sogar sehr bald, wenn du diesen Brief erhältst, wirst du mich verstehen. Bitte Avenae vergib mir.
స 2 స
An manchen Stellen war die Tinte von Tränen verschwommen.
Was um alles in der Welt sollte das denn? Wollte mir jemand einen Streich spielen? Der Typ von nebenan? Wenn ich den in die Finger bekam, dann konnte er sich ja mal auf was gefasst machen.
Verärgert nahm ich das Päckchen in die Hand. Es war eine kleine Schachtel darin. Langsam hob ich den Deckel und öffnete sie.
In einem von Samt überzogenem Polster lag ein… Ja was sollte das sein? Ein Zahn? Ich nahm das Ding hoch und merkte, dass es an einer Kette hing. Nein… es war ein Mond, genaugenommen ein Halbmond. Jedenfalls der unterste Anhänger, genaugenommen waren es drei Anhänger. Der in der Mitte war eine Blume. Eine Rose, die aussah, als wäre sie einmal echt gewesen und dann in einer Art Gelee eingegossen worden. Ganz oben hing ein Plättchen, auf dem irgendwelche Zeichen eingraviert waren. Ich verzog das Gesicht, fast schon enttäuscht. Sowas bekam man für wenige Euros in jedem Chinaladen.
Ich war mir echt nicht sicher, ob das ein Scherz war oder nicht.
Aber was wenn die Sachen tatsächlich von meiner Mutter waren, auch wenn sie einfach nur billig und ramschig aussahen?
Auch egal, dachte ich. Die Kette war auf jeden Fall wunderschön und sie passte mit ihrem Goldton perfekt zu meinem Look. Ich zog sie heraus und band sie mir um. Neben dem Tresen hatte ich einen Spiegel stehen. Wow, dachte ich. Perfekter als perfekt.
Die Anhänger lagen warm auf meiner Haut, erstaunlich warm. Seltsam, dachte ich, normalerweise waren Ketten wenn man sie anzog ziemlich kalt und nicht warm.
In Gedanken sah ich hoch, denn ich bemerkte, dass ich beobachtet wurde.
Da war er wieder.
"War das in dem Päckchen, Avenae?"
Sofort war meine Stimmung im Keller. Da stand er, Tom, mit einem blauen Hemd und einer Polizeijacke. Grrr, ich steh auf Männer in Uniform, dachte ich unwillkürlich und verwarf den Gedanken sofort wieder mit einem Kopfschütteln.
"Okay, was willst du?", fragte ich schroff und schubste das Paket von meinem Schoß.
"Ich dachte, hier kann man Kaffee kaufen", meinte er lächelnd, legte seine Kappe auf den Tresen und lehnte sich lässig darauf.
Oh, natürlich. Hatte ich ja ganz vergessen. Genervt nahm ich die hässlichste Tasse die ich hatte und stellte sie unter die Maschine.
Die ganze Zeit über lachte er mich an und versuchte mit mir zu flirten, doch ich ging nicht darauf ein, sondern warf ihm nur böse Blicke zu.
"Und hast du schon darüber nachgedacht?"
Anscheinend musste ich ihn ziemlich dumm ansehen, denn als ich keinen Schimmer hatte von was er redete meinte er: "Naja, wegen heute Abend?"
Gottseidank machte die Kaffeemaschine Pieps und der vertraute Geruch von frischem Kaffee stieg mir in die Nase.
Ich knallte ihm die Tasse hin.
"Oh, kann ich den auch zum Mitnehmen haben, meine Schicht fängt gleich an, ja, eigentlich bin ich schon viel zu spät", sagte er sanft, während er mir mit einer Hand die Tasse zurückschob und meine Finger streifte, als ich sie wütend in Empfang nahm, die braune Flüssigkeit in einen Becher schüttete und sie ihm wieder hinschob.
"Das macht dann…", doch weiter kam ich nicht, denn sein Handy klingelte und er packte seinen Kram und verschwand mit einer gemurmelten Entschuldigung in Richtung der Polizeistation.
"… 2.20 €", murmelte ich und dachte still, das Geld hol ich mir schon noch.
Der Rest des Tages war eher langweilig, ich hatte nicht außergewöhnlich viele Kunden, ein paar hellten meine Laune auf und ich fuhr abends sogar pfeifend nach Hause, nachdem ich mein Café gut verschlossen hatte.
Als ich vor meiner Wohnungstür stand, fühlte ich mich schon wieder extrem beobachtet. Schnell schaute ich zu Toms Wohnungstür und konnte fast hören, wie er hinter dem Türspion den Atem anhielt. Genervt ging ich zu der Tür und klingelte.
Ich verdrehte die Augen, als er so tat, als würde er nicht hinter der Tür stehen und ich konnte mir richtig vorstellen, wie er in Gedanken von 10 runter zählte, um mir nicht gleich die Tür zu öffnen und den Eindruck zu machen, dass er gerade aus dem Wohnzimmer oder so kam.
Als er öffnete, breitete sich ein strahlendes, aber auch ein bisschen schüchternes Lächeln auf seinem Gesicht aus, sodass ich einen Moment nicht wusste, warum ich eigentlich geklingelt hatte.
"Avenae, was für eine Überraschung. Hast du dir mein Angebot überlegt?“
"Ähm, ja, ähm… Also, ich bekomm noch Geld von dir und ich dachte, ich klingle einfach mal und naja…", druckste ich herum und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
"Ja klar, ich geb es dir später.
Also, was sagst du dazu, wenn ich was für dich koche und du rüber kommst? Oder willst du ausgehen? Oder eine DVD anschauen und einfach plaudern?", fragte er und lächelte mich so süß an, dass ich echt fast schwach wurde und zu sabbern anfing. Er war schon ziemlich gut aussehend, wie er so dastand, mit seinen zerwuschelten Haaren und seinem süßen Lächeln…
Doch nein, ich hatte vorhin beschlossen, dass es nicht gut war, jemanden in mein Leben zu lassen und so musste ich Prioritäten setzen.
"Tut mir echt leid, aber ich bin ziemlich fertig und…"
"Komm schon, das ist keine Ausrede. Ich erwarte dich in einer viertel Stunde, und wehe du kommst nicht, denk dran, ich bin Polizist. Ich werde dich holen kommen."
Mit den Worten schloss er die Tür und murmelte noch etwas von wegen Geld oder so, aber nicht bevor ich einen Blick in seine Miniwohnung werfen konnte.
Es war das reinste Chaos, noch schlimmer wie bei mir. Viel schlimmer.
Verwirrt und auch ein bisschen frustriert ging ich zu meiner Tür.
Wütend schloss ich auf, wobei das Schloss schon wieder nicht richtig funktionierte und ich knallte die Tür hinter mir zu, nachdem ich in meine Wohnung gestolpert war.
Ich schmiss einfach alles inklusive mich selbst aufs Bett. Sicher werde ich nicht gehen. Ganz sicher nicht, da kann er warten bis er schwarz wird.
Und dann kamen die Gedanken. Ich stellte mir widerwillig vor, wie seine Lippen schmeckten und wie er roch und dann sagte ich mir, warum nicht? Ja, warum eigentlich nicht? Immerhin hatte ich noch nie richtig gefühlt was Liebe war, weder zwischen zwei Menschen, noch innerhalb einer Familie.
Gut, aber nur zum DVD schauen. Vielleicht würde es ja ganz lustig werden.
Ich stand auf und ertappte mich dabei, wie ich ein schönes Shirt aus dem Schrank zog und meine Haare glatt strich. Wo war meine Bürste?
Okay, Memo an mich: Aufräumen und mir zum x-ten Mal einen Ordnungsplan für meine Wohnung überlegen. Aber erst morgen, denn jetzt, tja ich hatte jetzt sowas wie ein Date.
Ich schlüpfte in das roséfarbene Shirt und in eine schwarze Jeans und fragte mich, ob das Shirt zu viel Ausschnitt hatte, aber verwarf den Gedanken wieder.
In meiner Euphorie hüpfte ich aus meinem Zimmer und natürlich hatte ich meinen Schlüssel vergessen. Verdammt, das war sogar der Zweitschlüssel.
Vergebens rüttelte ich an der Tür. Die war zu. Ich fluchte wie wild und schimpfte mein ganzes Repertoire an Flüchen gegen die Tür, doch die öffnete sich nicht. Und schon ging eine andere Tür auf, die lieber verschlossen geblieben wäre.
"Was machst du da?", fragte Tom endlich, nachdem er fünf Minuten lächelnd im Rahmen gelehnt hatte und mir mit verschränkten Armen zugesehen hatte, wie ich versuchte die Tür zu öffnen.
Ich strich mein Oberteil glatt und schnaufte: "Nach was sieht's denn aus?"
Er lachte nur und bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass ich in sein Zimmer kommen soll. Als ich mich nicht bewegte, kam er auf mich zu und hob mich einfach so aus dem Nichts hoch und trug mich in sein Zimmer. Ohne sich über meine Pfunde zu beschweren, die mir schon lange ein Dorn im Auge waren.
Ich strampelte so fest, dass er mich fast auf sein Bett/Couch schmiss und ich starrte ihn wütend an.
"Ganz ruhig. Hättest du auf mich gehört, dann hättest du auch selbst durch die Tür gehen können. Aber so… Jetzt komm, entspann dich. Was willst du anschauen?"
Ich versuchte, mich zu beruhigen und stand auf. Das Chaos von vorhin war verschwunden und ich fragte mich in welchen Schrank er den ganzen Kram gestopft hatte, so wie ich es immer machte, wenn ich spontan Besuch bekam, was leider nicht so häufig vorkam.
Man, hatte der komische DVDs. Lauter Action-Zeug. Meine waren da viel besser, aber ja leider in meiner verschlossenen Wohnung.
Mir sagten die Titel alle nichts und als er mich gelangweilt betrachtete und ich nicht alle Inhaltsangaben durchlesen wollte, nahm ich einfach eine mit der Aufschrift: Mission Impossible, The Phantom Protokoll.
Na gut, wenigstens nichts Grusliges, wo er auf den Gedanken kommen könnte, mich zu beschützen und mir einen Arm um die Schultern zu legen oder sowas kindisches.
Er stand seufzend auf, als ich mich in seinen Augen zu doof mit dem DVD-Player anstellte und legte sie selbst ein.
Und da saßen wir, zwischen uns viel zu viel Raum und ich konnte seinen Atem und sein leises Lachen hören, sein Rasierwasser und sein Shampoo riechen, und seine gelegentlichen Blicke, die er mir aus den Augenwinkeln zu warf, spüren.
Ich muss zugeben, der Film war richtig gut, was mich echt beeindruckte, denn am Anfang war er schon ziemlich brutal.
Das peinlichste war der Schluss. Denn das Problem war einfach der Schluss. Keiner sagte was, als Tom Cruise in den Nebel verschwand und der Abspann anfing. Ich spürte, wie rot ich wurde, weil er mich anstarrte.
Dann fühlte ich seine Hand und aus irgendeinem Grund zuckte ich nicht zurück. Auch nicht, als er mich küsste.
Die Frau fuhr fort und es war fast, als hätte sie das erlebt, was sie vorlas, was natürlich Schwachsinn war. Danielle schloss die Augen und stellte sich vor, wie die Hauptperson war. Wie sie ausgesehen haben mochte, wie sie mit ihrem Leben nicht zurecht kam. Stellte sich alles vor, was passierte und dass es Wirklichkeit sein könnte.
Währenddessen, an einem anderen, sehr fernen Ort passierte etwas, das ich mir nie hätte träumen lassen. Nie hätte ich gedacht, dass so was möglich wäre, bis zu dem Zeitpunkt, als ich selbst ein Teil des Ganzen wurde. Ein Teil von der Welt, die auf mich wartete.
Ein paar Jahre zuvor sollte ein Mädchen, das so schön wie die Sonne war, so ruhig und so fließend wie das Wasser, so gebildet wie die Götter und so gescheit wie alles Wissen war, seine Mutter nie wiedersehen. Auch um ihre Existenz gab es ein Geheimnis, mit dem niemand gerechnet hatte. Sie wurde von den Göttern verstoßen, zusammen mit einer Frau, die eine Dienerin des großen Gottes und eine Verwandte der Tochter des Gottes war.
In einem kleinen Haus an der Küste des Landes, das ihr später näher kennenlernen werdet, lebten sie und das Mädchen wuchs heran. Als sie 13 Jahre alt war, in dieser Welt ein Alter, mit dem man Verantwortung übernehmen musste, lernte ihre neue Mutter ihr alles über ihre Fähigkeiten. Was genau diese Fähigkeiten waren, das erzähle ich später, denn ihr würdet es sowieso nicht glauben. Sie bekam auch ein Geschenk. Ihre neue Mutter erzählte ihr, dass das ein Geschenk der Götter war. Ein Geschenk ihrer wahren Mutter und ihrer wahren Herkunft. Ein silberner Ring, mit einem Stein, der aussah, als würde er fließendes Wasser einschließen. Er war blau, ein schönes intensives Blau, fast dieselbe Farbe wie die Augen des Mädchens. Sie freute sich sehr und sie lernte noch schneller. Sie war sehr fleißig, sodass sie sehr viel Lob von ihrer neuen Mutter bekam. Ein Jahr lang lebten sie noch zusammen, in dem Jahr wurde sie genauso gut wie ihre neue Mutter und sie liebten sich sehr.
Eines Tages aber wurde alles anders. Schon vorher wütete ein Krieg in dem Land, von dem die beiden allerdings nichts mitbekamen. Doch an dem Tag sollte sich alles ändern. Soldaten kamen, töteten die Frau und als sie das Mädchen sahen, und das, was sie tat, waren sie wie verzaubert von ihr. Von ihrem langen, blonden, fließendem Haar und ihren blauen, kristallklaren Augen. Sie flehte sie an, sie nicht zu töten, also nahmen sie sie mit. Doch das, was sie mit ihr taten, verstieß gegen das Gesetz. Aber keiner war da, um ihr zu helfen. Denn der König war tot.
స 3 స
Das Problem mit der Tür hatte sich schnell erledigt, da Tom, der nun offiziell mein erster fester Freund war, ziemlich gut mit einem Dietrich umgehen konnte.
Tom war einfach wunderbar. Ich hatte ihn gar nicht verdient. Aber aus irgendeinem Grund war er ganz verrückt nach mir und zeigte mir das auch in jedem nur erdenklichen Augenblick.
Wir unternahmen viel, er nahm sich frei, wir lachten und redeten und ich stellte eines Abends, als wir auf dem Balkon lagen und Erdbeeren mit Schokolade aßen und uns gegenseitig mit der geschmolzenen Schokolade vollschmierten, fest, dass es eigentlich gar nicht so schlecht war, jemanden in mein Leben zu lassen. Endlich fühlte ich mich einfach nur gut, jeden Moment meines Lebens wollte ich mit ihm verbringen.
Er war das tollste, was mir je passiert ist. Und ich Depp wollte ihn zuerst gar nicht.
Eigentlich hasste ich Leute, die meinten, wegen ihnen müsste ich mein ganzes Leben ändern. Tom meinte, ich müsse mehr aus meinem sehr bescheidenen Leben machen und hatte versucht, mich bei der Polizei für eine Ausbildung anzumelden.
Ich lehnte ab, denn ich hasste es wirklich, wenn mir jemand vorschrieb was ich tun und was ich nicht tun sollte, aber weil er mir die ganze Zeit über sauer war und ich konnte es einfach nicht ertragen, wenn er mich nicht mit seinen warmen braunen Augen ansieht und mir zärtliche Worte in mein Ohr hauchte, willigte ich wenigstens für ein Praktikum ein.
Mein Café wollte ich aber nicht aufgeben und wenn ich frei hatte, arbeitete ich darin mit. Ich hatte mir jemanden eingestellt, Jenny, eine hübsche kleine Blondine, die sich mit dem Kellnern auskannte und die ich auch mal allein lassen konnte. Ich vertraute ihr.
Das Schlimmste war jedoch, für Tom war seine Arbeit Prio eins im seinem Leben. Ich musste ihn mit Mördern und Schichtarbeit teilen, was nicht gerade einfach war.
Heute aber nicht!
Heute war unser erster gemeinsamer Tag seit langem. Er hatte Urlaub und ich noch einige Überstunden, die ich wegbringen musste, bevor das Praktikum zuende war. Ich hatte ihn so lange gebeten, dass er sich endlich mal freinimmt, und siehe da, meine Wünsche wurden erfüllt.
Es war ein schöner Tag und ich machte mich fertig. Ich zog eine weiße Bluse und einen Rock in A-Linienform und meine braunen Sandalen an. Ich nahm meine Handtasche und den Schlüssel, verließ meine Wohnung und klopfte an Toms Tür.
Als keiner öffnete, zuckte ich nur mit den Schultern und sprang die Treppen hinunter.
Unten wurde ich geblendet von der Sonne und von noch jemanden, der an der Wand lehnte.
Grr, er erfüllt wirklich jedes Klischee eines sexy Polizisten. Am liebsten würde ich ihm die Strähnen seines dunklen Haars aus der Stirn streichen und ihm das blaue Hemd herunterreißen, aber man kann ja nicht alles haben.
Über den Rand seiner Pilotenbrille blickte er mich an und verdrehte die Augen.
"Na endlich, kommst du?", fragte er ungeduldig und stieß sich von der Wand weg.
"Man Tom, wir haben Zeit. Hast du vergessen dass du heute frei hast?"
Er nickte und nahm meine Hand.
Ich hatte so viele Pläne für heute, wollte spazieren gehen, in der Stadt Kaffeetrinken, Tretboot fahren und das Leben genießen.
"Okay Baby, was willst du zuerst machen?", fragte er mich, während er den Arm beschützend um mich legte.
"Ich brauch erst mal einen Kaffee", und ich dachte sehnsüchtig an dieses wunderbare Getränk, das ich so liebte.
"Aber zuerst hab ich noch eine Überraschung für dich", sagte er mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht.
Jetzt war ich wirklich gespannt. Er war so süß und lieb zu mir, das war eigentlich mehr, als ich verdiente, aber wer hatte schon etwas gegen eine Überraschung?
Er fummelte an seiner Hosentasche herum und ich malte mir schon aus, dass es die kleinen Perlenohrringe waren, die ich ihm letztens in einem schönen kleinen Laden gezeigt hatte, oder aber den Ring mit dem Diamanten? Könnte es wirklich sein, dass er mir hier und jetzt einen superromantischen Heiratsantrag machen würde?
Während er immer noch mit seiner Hosentasche kämpfte, malte ich mir aus, wie ich wohl in einem Hochzeitskleid aussehen würde. Ein weißes? Oder ein ganz romantisches in rosé? Und Tom im Anzug… mhmmmm.
"Süße, da wir ja jetzt schon eine Zeitlang zusammen sind, hab ich mir was ausgedacht…", fing er an und ich strahlte übers ganze Gesicht. Gleich wird er es sagen. Gleich wird er die Worte sagen, die mein Leben endgültig vollkommen machen würden.
"Also ich wollte dich fragen, ob du…" Ich zitterte und ich konnte nicht anders: "Ja Tom, ich will!"
Einen Moment sah er mich verwundert an und zog etwas aus seiner Hosentasche hervor. Und er stand einfach nur so da. Es war nicht richtig so.
"Nein nein Schatz. Du musst dich hinknien, das ist nicht romantisch", meinte ich fast schon enttäuscht.
Und bevor er nun endlich die Worte sagen würde, sah ich auf seine Hand und als ich erkannte, was es war, war ich schon fast den Tränen nahe.
"Was ist das?"
"Nun, ich hab mir gedacht, wir haben uns noch fast nie zusammen diese Insel angesehen hab ich uns das hier ausgeliehen, damit wir uns mal Rügen anschauen können."
Er deutete an mir vorbei auf etwas. Als ich mich umdrehte, blieb mir fast der Atem weg, so enttäuscht war ich.
Da stand sie. Eine schwarze Vespa, die eigentlich ganz schön war, unter anderen Umständen vielleicht, in einem anderen Leben vielleicht.
"Äääh…", mehr brachte ich nicht heraus und Tom deutete es wohl als einen Ausdruck der Freude, denn ein breites Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
"Und wie findest du sie?"
Begeistert ging er zu der Vespa und schloss sie auf.
"Äääh…", machte ich immer noch, da ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
"Wow Ave. Deine Begeisterung hält sich ja mal wieder in Grenzen."
Er klang etwas beleidigt und ich schreckte aus meiner Starre.
Ich überbrückte die kurze Strecke zu ihm und der Vespa und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
"Schatz. Sie ist wirklich ein Traum. Aber du hast doch ein Auto?", fragte ich unsicher, während er sich wieder aufrichtete und zwei Helme in der Hand hielt.
Der eine war pink. Ernsthaft. Es war ein richtig schönes Pink und sofort konnte ich wieder lächeln. Wahnsinn, was hatte ich nur für einen tollen Freund (hoffentlich bald Verlobten)? Hatte ich nicht ein Glück?
"Die ist doch nicht für mich"… Erleichtert atmete ich aus. Er hatte sie also nur gemietet.
"Sie ist für dich."
Ich zuckte zusammen. Für mich?
"Waaas?" Ich war echt schockiert. Er schien es in meinem Gesicht ablesen zu können, denn er kam auf mich zu und hielt mir seine Lippen für einen Kuss hin. Er dachte doch ernsthaft, dass ich mich darüber freuen würde.
"Komm Süße, machen wir uns einen schönen Tag. Und sei so gut und tu wenigstens so als würdest du es genießen."
Ich nickte nur und er schwang sich auf die Vespa, mich an der Hand mitziehend. Langsam setzte ich den Helm auf, darauf bedacht meine Haare nicht zu zerdrücken und setze mich hinter ihn.
Und los ging's. Es war eindeutig viel zu schnell für meine Verhältnisse. Ich drückte mich an ihn und umklammerte ihn so fest, dass er sich unterm Fahren zu mir umdrehte und einen schmerzenden Gesichtsausdruck aufsetzte.
"Schau nach vorne um Himmels Willen!", schrie ich durch den Fahrtwind und er lachte nur.
"Ich meins ernst!" Ich zwickte ihn zur Bestätigung in die Taille.
Das half, denn er sah wieder auf die Straße.
Ich wusste nicht wo er hinfuhr und ich ließ mich überraschen. Vielleicht kam ich ja doch noch zu meinem romantischen Heiratsantrag im Sand, mit Picknick, Champagner und langsam geht die Sonne unter. Hach, herrlich.
Wir fuhren aus der Stadt heraus und ganz ehrlich, es gefiel mir. So schnell von einem Ort zum anderen kommen und dabei den Wind in meinen Haaren spüren, das Kribbeln, das sich langsam von Angst in unbändige Freude verwandelte. Ich lockerte den Griff um Toms Taille und stieß einen Schrei aus.
Er erschrak zwar kurz, aber er stimmte bald in mein Lachen ein. Eigentlich war es ja ein wirklich schönes Geschenk. Einfach frei sein.
Ich drückte mein Gesicht in seinen Nacken und küsste ihn, so gut es der Helm zuließ. Plötzlich verlangsamte er das Tempo und ich blickte wieder hoch.
Wir kamen an die Küste Rügens und ich sah die hohen Kreidefelsen. Ich liebte diese Insel. Mein Zuhause.
Ein bisschen zerzaust stellten wir die Vespa am Strand ab und liefen bis hin zum Meer. Er hatte mich an eine Stelle geschleppt, wo absolut niemand war. Keiner. Er kannte viele solche Stellen.
"Du siehst etwas verschwitzt aus, Liebes. Wie wäre es mit ein bisschen Abkühlung?", rief er und packte mich an der Hüfte, hob mich hoch und warf mich über seine Schulter, als würde ich nichts wiegen.
Ich kreischte wie wild, als er mich in das kühle Wasser warf.
Er lachte und sprang zum Strand zurück, zog sich seine Hose und sein Hemd aus, bis er nur noch mit der schwarzen, engen Boxershort dastand, in der er einfach unwiderstehlich aussah.
Ich rappelte mich auf und lief ihm nach.
"Du Idiot! Schau nur, wie ich jetzt aussehe. Ganz nass!"
Ein leises Lächeln erklang und er setzte seinen Verführerblick auf.
"Dann musst du aus den nassen Sachen raus, wir wollen doch nicht, dass du krank wirst..."
Seine Augen blitzten, als seine Hände anfingen, mir das Wasser aus dem Gesicht zu streichen, hinunter über meine Haare und meinen Hals.
Dann wanderten sie weiter über meine Brüste zu meinem Bauch. Sanft zog er mich an sich und es war elektrisierend, ihn so nah bei mir zu spüren, während das Wasser aus meinen Haaren auf meine Schultern tropfte.
Ich gab ihm einen kleinen Stoß mit meinen Händen und er plumpste auf den Sand.
Zur Strafe kitzelte er mich durch, bis ich keine Luft mehr bekam.
Eine Weile lagen wir so da, er auf dem Rücken und ich auf seinem Arm neben ihm. Um mich zu ärgern spannte er seine Muskeln immer wieder an, sodass mein Kopf von seinem Arm in den heißen Sand rutschte.
Die Sonne auf meiner Haut und Toms Atem in meinem Haar zu spüren zauberte mir ein Lächeln auf meine Lippen.
Er flüsterte mir zärtliche Worte ins Ohr und die Sonne war nur durch den leichten Sommerwind zu ertragen.
"Tom?", fragte ich ihn vorsichtig, da ich nicht wusste, ob er eingeschlafen war.
Ein Brummen erfüllte seinen Brustkorb und ich musste lächeln.
"Du, ich weiß, dass das noch früh ist, aber ich würde so gerne mal über unsere Zukunft reden."
Er setzte sich auf und sah mich an.
"Was soll damit sein?"
Ich räusperte mich und sah betroffen auf den Boden, schubste mit dem Finger kleine Sandkörnchen von meinen Beinen und er hob mein Kinn mit beiden Händen an.
"Hast du gedacht, ich frag dich, ob du mich heiraten willst?", platze er plötzlich heraus.
Schockiert riss ich die Augen auf und wollte schon meinen Mund zu einem Nein formen, als er mir zuvor kam.
"Ich weiß es, du brauchst es nicht leugnen. ´Ja, ich will´ ", äffte er mir mit einer sehr gut getroffenen Stimme von mir nach.
"Ach Ave. Du bist noch so jung."
"Also bitte, so viel älter als ich bist du auch nicht!", fauchte ich ihn an und mir war das alles so unendlich peinlich. Ich drehte den Kopf weg, doch er hielt ihn mit einem eisernen Griff fest und zwang mich, ihn anzusehen.
"Ist das so abwegig? Liebst du mich denn nicht?", flüsterte ich und hatte schon Angst vor der Antwort.
"Klar lieb ich dich, aber Ave, schau du bist grad mal 20 und hast noch so viel Zeit im Leben. Warum willst du dich genau jetzt für immer an mich binden?"
Weil ich dich liebe, wollte ich sagen, aber ich brachte es nicht über die Lippen.
"Tomas, weißt du, wie mein Plan vom Leben aussieht, seit ich dich getroffen hab? Dich heiraten, am liebsten fünf Kinder mit dir haben und ihnen beim Großwerden zusehen und sie niemals im Stich lassen, so wie meine Eltern es getan haben. Denn das ist das Schlimmste, was einem Kind passieren kann." Meine Stimme brach ab und meine Augen füllten sich ungewollt mit Tränen. Mann, ich war doch sonst nicht so nah am Wasser gebaut…
Sein Mund verzog sich zu einem gekünstelten Lächeln.
"Ich glaube, ich sollte etwas klarstellen zwischen uns. Ich liebe dich, wie ich noch nie jemanden geliebt habe, kleine Avenae, aber um zu heiraten find ich das Ganze noch nicht besonders genug. Und Kinder, Kinder will ich überhaupt keine. Weißt du, ich hab so viel gesehen. Einmal hab ich einen verhaftet, der sein ganzes Zimmer voller selbstgedrehter Kinderpornos hatte. Glaubst du, in so eine Welt mag ich ein Kind setzen? Nein, ganz sicher nicht. Es tut mir leid."
Seine Worte trafen mich so hart, dass ich zurückzuckte und aufsprang. Er war so überrascht, dass er nach hinten fiel, rappelte sich aber erstaunlich schnell wieder auf und blickte mich von oben herab an.
"So denkst du also über mich? Dass ich dir nicht wichtig genug bin?", schrie ich ihn an und jetzt war mein Image als kalte, unnahbare, starke Frau tatsächlich hinüber, denn die Tränen rannen mir nun unaufhaltsam die Wangen hinunter.
Einen Moment blieb sein Blick noch kalt, doch dann wurde er weicher und er zog mich in den Arm.
"Tut mir leid. Das war blöd ausgedrückt. Ich wollte eigentlich sagen, dass mir das alles noch zu früh ist. Wir sind seit ein paar Monaten zusammen. Warum willst du unbedingt heiraten? Das ist doch nur ein kleines Stück Papier. Was ist so besonders daran?"
Toll. Ich wollte ihm gerade erklären, was so besonders und romantisch an Heiraten war, als sein Handy klingelte.
Er versteifte sich und ließ mich los. Sein Blick war echt mitfühlend, aber Wut bahnte sich von meinem Bauch aus durch meinen ganzen Körper.
Er zog sein Handy aus seiner Hose, die am Boden lag und drehte sich weg. Mit einer Handbewegung bedeutete er mir, zu warten, doch ich wollte nicht warten um mir meine Vorstellung von einem schönen Leben noch mehr zerplatzen zu lassen.
Ich bückte mich und hob meine Sachen hoch und blickte mich nach Tom um. Er stand ein paar Meter weiter weg und flüsterte energisch ins Telefon. Ich wusste was das bedeutete. Es war wieder irgendein Notfall und er musste weg.
Mein Verdacht bestätigte sich, als er sich zu mir umdrehte und meinen Blick erkannte.
Schnell schlüpfte ich in die Bluse und den dunklen Rock. Ich konnte noch hören wie er sagte: "Ich bin sofort da" und schon rannte ich über den Strand zurück zu der Vespa, ohne Tom auch nur eines Blickes zu würdigen. So schnell konnte es gehen. Ich rate euch, verliebt euch nie in einen Polizisten, verliebt euch am besten nie in irgendwen. Fahrig setzte ich mir den pinken Helm auf und wollte starten, als meine Hände ins Leere griffen.
Der Schlüssel. Warum hatten eigentlich alle Schlüssel ein Problem mit mir und waren nie da, wenn ich sie brauchte?
Etwas klapperte vor meinem Kopf herum. Da war er ja! Ich wollte danach greifen, aber meine Hände griffen wieder nur Luft.
Ich sah Tom an, der den Schlüssel immer wieder lässig in seine Hand schnappen ließ. Er hatte sich sein Hemd nur flüchtig über die Schultern gestreift und seine Hose hing ihm ein bisschen zu tief, was daran lag, dass sie offen stand. Aber nein, ich würde mich nicht von diesem Anblick ablenken lassen.
"Gib her!"
"Ach, Ave. Es tut mir leid, wirklich, aber ich kann dich nicht fahren lassen. Du hast keinen Führerschein", grinste er und mein Herz sackte in die Hose, bzw. in meinem Fall in den Rock.
"Das kannst du doch nicht ernst meinen! Und doch, ich hab einen ob du es glaubst oder nicht. Und jetzt gib her...", schrie ich ihn an, was ihn total kalt ließ, denn er setzte sich mit betonter Langsamkeit den Helm über den Kopf und quetschte sich vor mich auf den heißen Sitz der Vespa.
Er startete. "Du solltest dich lieber festhalten", sagte er und ich dachte gar nicht dran. Sicher nicht.
Ich änderte meine Meinung schnell, als ich auf die Straße plumpste, weil er extra fest Gas gegeben hatte.
Wütend rappelte ich mich auf, setzte mich hinter ihm, wobei ich ihm ausversehen in die Nieren boxte und wir fuhren los.
Vor unserem Haus blieb er stehen.
Ich schwang mich von der Vespa und er hielt meine Hand fest, bevor ich weglaufen konnte.
"Ave, lass uns abends weiterreden, okay? Ich weiß, das war hart, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich dich liebe. Das weißt du doch, oder?"
Er wollte mich zu sich hinziehen, um mich zu küssen, doch ich stemmte mich mit aller Kraft gegen ihn und dann drückte er mir zum Abschied einen Kuss auf meine Hand und fuhr weiter zur Polizeistation. Na toll. Jetzt steh ich hier, wie der begossene Pudel, nur ein trockener Pudel und meine Haare sahen bestimmt katastrophal aus.
Nachdem ich eine Weile vor der Tür gestanden war und mich die Leute komisch ansahen (Was vielleicht auch daran lag, dass ich meine Bluse falsch zugeknöpft hatte) und ein kleines Mädchen hinter hervorgehaltener Hand murmelte: "Mami, gugg dir die mal an! Die ist bestimmt auch in einen Brunnen gefallen, ob ihre Mami auch so schimpft wie du?", ging ich in das kühle Haus und rannte die Treppen hoch.
In meinem Zimmer schmiss ich mich auf den Boden. Tom hasste es so sehr an mir, wenn ich bockte, doch es war mir egal. Ich reagierte nicht auf die Anrufe und schaltete mein Handy wütend ab. Es kam immer irgendwas dazwischen. Wollte ich wirklich so weitermachen und vor allem nachdem er mir gesagt hatte, was er von unserer Beziehung eigentlich hielt?
Und dann dachte ich daran, dass es wahrscheinlich nie wieder anders werden würde. Was hätte ich davon, wenn ich meine Beziehung zu Tom aufgab und wieder alleine wäre?
Nein, in diesem Fall war ich vielleicht ein wenig egoistisch aber ich wollte auf keinen Fall wieder alleine sein.
Na gut, das Schicksal hatte mich soweit, dass ich wieder aufstand, mich umzog und einen Entschluss fasste. Ich würde Tom besuchen. Was sollte ich sonst den ganzen Tag machen? Vielleicht könnte ich Nadine, meiner Betreuerin in meiner derzeitigen Abteilung ein bisschen Ablage abmurksen.
Mit einem frischen Shirt und Jeans fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Polizeipräsidium.
Ich stellte es ab und ordnete meine Haare, die hoffentlich nicht allzu zerzaust waren und meine Gedanken, die ich einigermaßen aus dem Chaos lockte.
Dann straffte ich die Schultern und stapfte selbstbewusst in das Präsidium.
స 4 స
Viele grüßten mich auf meinem Weg und einige sahen mich verwirrt an.
Da war Theo, ein ziemlich guter Polizist, der unglaublich dick, aber auch unglaublich nett war. Ich fragte mich jedes Mal, wenn ich ihn sah, ob er noch Verbrechern hinterherjagte oder vorher einen Herzinfarkt bekommen würde.
"Nanu, wo kommst du denn her? Hast du heute nicht frei?", fragte er und musterte mich belustigt.
"Ja eigentlich schon, aber ich besuche Tom."
Ich lächelte ihm zu und ging weiter. Leise murmelte er hinter mir: "Jaja, die junge Liebe. Was würde ich geben, um noch einmal jung zu sein..."
Den Weg kannte ich auswendig und ich ging in Toms Büro, ohne vorher anzuklopfen.
Es war stickig und alle standen zusammen um eine Pinnwand an der Bilder hingen.
Schlagartig verstummte Toms Team und starrte mich an.
Nach einem kurzen Schockmoment lächelte Tom gezwungen und ich ging weiter in das Großraumbüro hinein.
Toms Team bestand aus zwei Frauen, die eine blond, Nikole und die andere mit roten Locken, Dana, und vier Männern. Phil, Alex, Andi und Flo. Ich kannte sie alle und hatte mit ihnen schon viel gelacht, vor allem mit Dana verstand ich mich super. Doch nun lachte keiner. Sie hatten Augenringe und ihre Zivilkleidung sah unordentlich aus.
Mein Blick fiel auf die Pinnwand und die Fotos. Ungefähr zehn Mädchen und junge Frauen im Alter von 12 bis ungefähr 30 Jahren starrten mir entgegen. Es waren fröhliche Fotos und ich wusste mit einem komischen Gefühl im Bauch, dass diese Mädchen und Frauen nie wieder glücklich sein werden, wie mir zwei Bilder, die unter den ersten Mädchen hingen, bestätigten. Darauf sah ich, wie sie verrenkt dalagen, mit offenen leeren Augen.
Tom trat auf mich zu und packte mich an den Schultern.
"Ave, schön dass du mich besuchst. Ich schulde dir noch einen Kaffee, richtig? Komm, lass uns einen Kaffee holen."
Er zog mich nervös aus dem Büro und schloss die Türe.
"Was ist passiert?"
Er überging meine Frage und redete mit einer ruhigen Stimme auf mich ein.
"Hör zu, ich hab ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil ich einfach so wegmusste und dich stehen gelassen habe…"
"Was ist passiert, Tomas Kellner?"
Ich nannte ihn nie Tomas weil ich den Namen schrecklich fand, und das ließ ihn aufhorchen.
"Ich darf dir das nicht sagen. Und auch nicht wenn du mich so ansiehst, du bist eine Praktikantin.“
"Warum nicht? Ich komme nächste Woche in dein Team, da werde ich es sowieso erfahren. Und selbst wenn du's mir nicht sagst, ich werde es herausfinden, glaub mir", drohte ich ihm.
Er seufzte und führte mich mit dem Arm um der Schulter zu der kleinen Cafeteria. Bestimmend drückte er mich auf einen Stuhl und holte zwei Cappuccinos, einen mit und einen ohne Zucker.
"Lass uns über uns reden."
"Nein Tom, ich will nicht über uns reden. Ich will darüber reden was passiert ist. Ich werde es herausfinden, du kannst es mir ruhig sagen. Bitte. Hast du den ohne Zucker?"
Er seufzte, ignorierte meine Frage mit dem Kaffee und sah sich um, ob uns niemand beobachtet aber es waren ohnehin nicht viele Leute in der Cafeteria.
"Okay, vielleicht ist es sogar besser, wenn du es weißt.
Es sind Mädchen und junge Frauen verschwunden und wir haben zwei von ihnen tot aufgefunden. Es war kein Unfall. Und alles deutet darauf hin, dass die Vermisstenfälle zusammenhängen.
Es ist uns unerklärlich, wie in so kurzer Zeit so viele verschwinden können, denn normalerweise verschwindet vielleicht ein Mädchen oder läuft eine junge Frau von zuhause weg, aber so viele innerhalb einer solchen Zeit, dass ist einfach nicht richtig. Es deutet auf einen Mehrfachtäter hin und wir glauben, dass er nicht eher ruhen wird, bis alle Mädchen tot sind."
Ich war schockiert. Die Insel, die ich seit 19 Jahren mein Zuhause nannte war nicht mehr sicher? Wer macht denn sowas, einfach irgendwelche Mädchen entführen und zu töten? Und zu quälen.
"Ich will, dass du das hier immer bei dir trägst. Und halte dich nie alleine auf, bleib immer bei mir oder in Begleitung von jemand anderem, bis wir diesen Kerl gefunden haben. Es darf dir nichts passieren."
Er küsste meine Hand und legte etwas hinein. Ich starrte ungläubig in den unberührten Latte Macchiato. Der Milchschaum war in sich zusammengefallen und bildete kleine Bläschen. Er war machtlos, gegen die Wärme des Kaffees. Machtlos.
"Wir werden ihn finden", sagte ich mit fester Stimme und stand auf.
Tom sprang ebenfalls auf.
"Nein Avenae. Du wirst ganz sicher nicht nach ihm suchen. Ich warne dich, wenn du es auch nur versuchen würdest, dann werde ich jemanden zu deinem Schutz schicken und glaub mir, ich bin in der Position das zu tun."
Ich hörte nicht auf seine Worte und verließ die Cafeteria. Auf der Treppe schaute ich in meine Hand und sah ein Taschenmesser und ein Pfefferspray darin liegen. Ich musste widerwillig grinsen. Tom machte sich wirklich Sorgen um mich. Ich war so froh, endlich einen neuen Lebensinhalt zu finden, was nicht mit Hochzeit und Babys zu tun hatte.
Tom war fast zur gleichen Zeit mit dem Aufzug da, doch ich war schneller in seinem Büro.
Dort standen sie und sahen mich an. Ich konnte in ihren Augen sehen, dass sie bereits wussten, dass ich Bescheid wusste.
"Also schön, was tun wir?"
"Wir tun gar nichts Avenae. Nur ich und mein Team."
Tom hatte mich eingeholt und ging zu seinen Leuten.
"Du wirst nach Hause gehen, Dana wird dich begleiten. Und du wirst dich nicht dahineinziehen lassen."
Ich war wütend, doch ich konnte absolut nichts tun. Ich war machtlos gegen ihn.
"Willst du noch einen Tee?", fragte Dana mich und werkelte an meiner kleinen Küchenzeile herum. Ich schüttelte den Kopf und trat auf den Balkon. Sofort kam sie mir nach. Als wie wenn ich so dumm wäre, vom siebten Stock nach unten zu springen. "Macht´s dir was aus?", meinte sie vorsichtig und zog eine Zigarette heraus. Wieder schüttelte ich den Kopf und wir schwiegen, während sie an ihrer Zigarette zog und der Qualm sich mit der Luft vermischte. "Darf ich auch mal?", fragte ich und sie sah mich mit demselben Blick an, als hätte ich sie gerade gefragt ob wir zusammen ins Bett wollten. "Was würde Tom dazu…?", fing sie an, doch ich war kurz davor, ihr eine zu scheuern. "Das ist mir sowas von egal. Wahrscheinlich lyncht er mich. Komm schon. Nur einen Zug", bettelte ich und wusste nicht einmal wieso ich das tat. Ich hasste Zigaretten. Dana sah für einen Moment so aus, als würde sie nun mir liebend gerne eine Ohrfeige geben wollen, doch dann reichte sie mir die Zigarette und ich nahm einen großen Zug. Sofort füllte sich mein ganzer Mund mit Qualm und ich hustete. Bäh, sowas ekliges. "Gib wieder her. Du hast genug", sagte Dana und versuchte, mir die Zigarette wegzunehmen. Doch ich drehte mich weg und nahm noch einen Zug. Gar nicht mal so schlecht. "Was macht ihr denn da?" Ich erschrak sosehr, dass ich die Zigarette fallen ließ. Na super. Warum musste Tom ausgerechnet jetzt auftauchen? "Nichts. Nichts. Rein gar nichts!", sagte Dana und versuchte sich von meinen Händen zu befreien. "Ahja. Sicher? Habt ihr geraucht? "Ich nickte heftig und deutete auf Dana. "Sie. Ich nicht. Das weißt du doch, dass ich das nicht mag." Er sah uns skeptisch an und ging mit hochgezogenen Augenbrauen in meine Wohnung zurück. Dana ging.
Und dann hatte uns der Alltag wieder. Genau das, was ich nie wollte. Wir fuhren zusammen zur Arbeit, gingen zusammen von der Arbeit, ich wurde nicht in Toms Abteilung versetzt und musste mit auf Streife gehen. Mein Freund erlaubte es widerwillig, dass ich mit Dominik auf Streife fuhr. Anscheinend waren er und ein Polizeiwagen Schutz genug. Dominik war ein guter Freund von Tom und er hatte mehr als einmal versucht, mich anzubaggern, obwohl er genau wusste, wie sehr ich Tom liebte. Er nannte mich immer Blondie obwohl ich überhaupt nicht ganz blond war. Nur ein paar Strähnchen hatte ich, doch der Spitzname stammte davon, dass ich mir einmal versucht hatte die Haare aufzublondieren und einfach nur schrecklich aussah, mit dem Grünstich in den Haaren. Außerdem sagte er immer ich stelle mich dümmer an als eine Blondine. Seitdem nannte er mich Blondie, auch als ich ihn einmal fast verprügelt hatte wie er durch die ganze Polizeiwache geschrien hatte ich sei grünhaarig.
Am Dienstag fuhren Dominik und ich wieder zusammen durch die Straßen und es war ruhig. Nichts spannendes passierte bis auf ein paar Jugendliche, die den Morgen genossen und es mit dem Alkohol übertrieben hatten. Wir brachten einen Jungen zur Schule, der Schwänzen wollte. Alles war wie immer und als wir wieder in der Polizeiwache waren, wollte ich Tom abholen, da er darauf bestand, dass wir zusammen heimfuhren. Als er zehn Minuten zu spät war, und er eigentlich immer überpünktlich war, ging ich zu seinem Büro und klopfte. Nichts. Keiner machte auf. Ich drückte die Tür auf und die automatische Lichtanlage ging an. Mhm, komisch. Wo war er nur? Ich ließ meinen Blick durch sein Büro schweifen und er blieb an der Tafel mit den vermissten Mädchen hängen. Neben den Bildern waren noch Karten aufgehängt, wo man die Mädchen gefunden hatte, wo man sie zuletzt gesehen hatte und Namen hingekritzelt waren. Und dann kam mir eine Idee. Schnell nahm ich mein Handy, lehnte die Tür an, sodass mich keiner sah und fotografierte die Tafel. Anschließend ging ich zum Schreibtisch. Ich wusste, dass Tom seine Unterlagen immer in der Schublade einschloss. Ich zog an der Schublade und wie sollte es auch anders sein, sie war zu. Schnell suchte ich den Tisch nach dem Schlüssel ab, fand ihn unter einem mehr als kitschigen Briefbeschwerer in roter Herzform, den ich Tom mal geschenkt hatte und schloss die Schublade auf. Darin lagen die Unterlagen, die ich brauchte. Fahrig, weil ich keine Zeit verlieren wollte, fotografierte ich jede einzelne Seite und schloss die Schublade wieder zu. Ich steckte den Schlüssel wieder unter den Briefbeschwerer, auf dem ein Foto von mir und Tom geklippst war. Er starrte mich an und ich bildete mir seinen tadelnden Blick ein, wenn er wütend war. Ach Tom. Dann fuhr ich auf. Ich hörte Schritte und schnell sprang ich zum Fenster. Die Tür wurde aufgestoßen und Tom stand darin. "Was machst du denn hier?", fragte er vorwurfsvoll und ich zuckte mit den Schultern. "Ich habe dich gesucht. Du warst ja nicht da. Ich war jedenfalls da", band ich ihm auf die Nase. Geschieht ihm nur Recht.
Abends kamen noch Dana und Dominik bei Tom vorbei und wir aßen selbstgemachte Lasagne. Tom machte die beste Lasagne auf der ganzen Welt und wir verloren kein einziges Wort über die Mädchen. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder zu ihnen. Bisher hatte ich noch keine Zeit gehabt, die Fotos, die ich gemacht hatte genau anzuschauen.
Ich sagte Tom, dass es mir nicht gut ging und er begleitete mich noch in meine Wohnung.
Endlich allein, schmiss ich meinen Laptop an, zog die Fotos auf die Festplatte und druckte sie aus.
Ich hielt es nicht mehr aus. Ich musste dringend mit jemandem reden, der kein Polizeiabzeichen hatte und mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. Mir fiel nur eine Person ein. Bea.
Ich packte meinen Schlüssel, die Fotos, die ich in meine Tasche stopfte und schloss die Tür hinter mir zu. Als ich die Treppe runterlaufen wollte, ging die Tür zu Toms Wohnung auf und ich drückte mich gegen die Wand, um mit ihr zu verschmelzen und unsichtbar zu werden. Aber leider gibt es ja sowas wie Bewegungsmelder, damit die Lichter angingen und er starrte mich böse an.
"Ich dachte dir geht’s nicht gut?", sagte er, während er zu mir runterkam, und mich die Stufen an der Hand wie ein ungezogenes Kind hochzog.
"Was hast du für ein Problem? Ich will doch nur zu Bea!"
"Was willst du denn bei der?", fragte er. Ich hatte ihm von Bea erzählt, dass sie eigentlich meine einzige Freundin war, aber er hatte sich nie mehr nach ihr erkundigt.
"Reden?"
"Ave… du sollst nicht mit anderen darüber reden, was in der Arbeit passiert. Das weißt du doch?"
Ich räusperte mich und sah ihn an.
"Es gibt auch noch andere Dinge, die ich mit ihr bereden will. Zum Beispiel, ähm, über Jungs. Sie hat mir geschrieben, dass sie wen kennengelernt hat und dass sie mir von ihm erzählen will. Also warum sollte ich nicht zu ihr fahren?"
Er seufzte und hielt mir die Hand her.
"Was?", fragte ich verwirrt und starrte total bescheuert seine Hand an.
"Handy. Ich will das sehen. Das was sie dir geschrieben hat."
Ich konnte es nicht fassen. Einen Moment später, als die Worte mein Hirn erreicht hatten, hatte ich einen Wutausbruch.
"Sag mal geht’s noch? Du willst jetzt auch noch mein Handy kontrollieren? Ich sag dir eins, Tomas Kellner, wenn ich dich einmal auch nur ein einziges Mal an meinem Handy sehe, dann… dann.."
Er lehnte sich gegen das Treppengelände und zog wieder die Augenbrauen nach oben.
"Dann was?"
"Dann… dann… dann setzt es was und zwar gewaltig!"
"Ja klar… Okay, ich glaub dir. Aber Babe, es ist sieben Uhr an einem Freitag Abend. Meinst du nicht, sie hat was zu tun, wenn sie gerade jemanden kennengelernt hat?"
"Nein, ich hab sie angerufen und sie freut sich, wenn ich komm", log ich und versuchte, seinem Blick Stand zu halten. Er glaubte mir anscheinend, ziemlich unerwartet weil ich eine lausige Lügnerin war, und er zog mich die restlichen Treppen rauf und in seine Wohnung.
Er griff nach den Schlüsseln und sagte den anderen zwei, dass er gleich wieder da wäre.
"Was machst du?", fragte ich ihn, als er mich in den Aufzug drückte, meine Proteste ignorierte (ich bin furchtbar klaustrophobisch) und auf den Erdgeschossknopf drückte.
"Naja, ich fahr dich zu ihr. Und ich will mit ihr reden, dass sie dich danach heimfährt, bzw du bei ihr über Nacht bleibst und ich dich morgen abholen kann."
"Du führst dich auf wie mein Vater", meinte ich beleidigt und hämmerte mit dem Finger auf den Erdgeschossknopf. Dass Aufzüge auch immer so langsam sein müssen.
Als die Tür aufsprang, sprintete ich hinaus und an der frischen Luft angekommen, atmete ich erst mal tief durch.
Als wir bei Bea angekommen waren, machte er Anstalten, auszusteigen.
"Nein, du bleibst hier. Ich will nicht, dass du wie mein Bodyguard oder so mit ihr redest. Ich kann das selbst. Ich verspreche dir, dass ich dich später anrufe, okay?"
Er sah aus, als würde er rasend schnell Pro und Contra in seinem Gehirn durchrattern, doch dann entschied er sich dafür, im Auto zu bleiben.
"Gut, aber ich warte bis du drin bist. Und ich will, dass du mich sofort anrufst, wenn du weißt, wann ich dich abholen soll, ist das klar? Ich will nicht, dass du allein nach Hause gehst!"
Ich zuckte mit den Schultern und öffnete die Tür.
"Bekomm ich keinen Kuss?", fragte er leise und ich hielt inne.
Upps, wie konnte ich das nur vergessen?
Ich beugte mich zu ihm und gab ihm einen sanften Kuss, doch er zog mich an sich und ich merkte, dass er Angst hatte, an der Art, wie er mich festhielt.
Ich drückte ihn sachte weg, lächelte ihn an und schloss die Tür. Seine Blicke durchbohrten meinen Rücken, als ich zu Beas Wohnungstür ging.
Ich klingelte und eine Mitbewohnerin von Bea, die glaub ich Ellen hieß, öffnete und lies mich in die Wohnung.
"Hi Ellen. Ist Bea hier?", fragte ich sie und ich merkte an der Lautstärke, dass hier eine Party in vollem Gang war.
Sie schüttelte den Kopf und mein Herz sank in die Hose. Na toll. Hätte ich sie doch bloß vorher angerufen.
"Sie ist glaub ich bei den Pferden. Wenn du willst, dann fahr ich dich hin?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, schon gut. Kann ich mir nur ein Fahrrad leihen? Ich bin mit… ähm mit einem Freund hergefahren."
"Klar. Du kannst meins haben."
Sie gab mir ihren Fahrradschlüssel und ich kontrollierte erst mal, ob Toms Auto noch da war, als ich die Tür öffnete.
Nichts zu sehen.
Den Weg zu dem Hof, auf dem Bea ritt, kannte ich auswendig, da ich schon oft dort gewesen war.
Ich blickte auf die Uhr. Es war sieben Uhr abends. Nicht allzu spät.
Gut dass es Sommer war, und bis ungefähr zehn hell war, denn ein bisschen gruselte es mich schon, wie ich so ganz allein durch die gottverlassene Landschaft fuhr.
Ich bog in die Landstraße ein, an deren Ende der Hof lag. Von weitem konnte ich schon die Pferde sehen.
Langsam fuhr ich durch das Hoftor und vorbei an den Koppeln. Der Schotter auf dem Weg rüttelte mich ordentlich durcheinander.
Ich stellte das Rad ab und wunderte mich, dass hier fast keiner war.
Im Stall traf ich dann endlich auf jemanden. Ein Mädchen mit hübschen, blonden Haaren und das noch viel kleiner war als ich, mühte sich gerade mit der Mistgabel ab, die fast genauso groß wie sie war.
"Hallo. Ähm, ich suche Bea", sagte ich zu ihr und sie hielt inne, sah mich an und lächelte. Sie legte die Mistgabel ab, wischte sich die Hände ab und kam zu mir rüber.
"Hi, ich bin Eva. Bea ist glaub ich auf dem Reitplatz. Du musst einfach nach hinten über den Hof gehen, dann müsstest du sie schon sehen."
Ich folgte ihrer Beschreibung, fluchte ziemlich laut, als ich in Pferdemist stieg und sah Bea, wie sie auf einem schönen schwarzen Hengst ritt. Elegant sah sie aus, mit ihren langen blonden Locken, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte und den dunkelblauen Reiterklamotten. Ihre ganze Haltung war ziemlich anmutig. Ich stellte mir gerade vor, wie ich wohl auf einem Pferd aussehen würde, als sie mich entdeckte und mir zu winkte. Ich winkte zurück, während sie von dem Pferd sprang und auf mich zu kam.
"Ave! Das ist ja schön, dass du vorbeikommst!"
Sie umarmte mich und drückte mir Küsschen auf die Wangen, was sie immer tat, wenn wir uns sahen. Ich musste unwillkürlich lächeln, denn sie war eine große Frau und überragte mich um Längen.
"Was tust du hier?", fragte sie mich und band den Hengst an dem Zaun an.
"Ähm, ich wollte einfach nur mal mit dir Quatschen. Haben wir schon lange nicht mehr gemacht."
Sie strahlte wie immer übers ganze Gesicht. Gottseidank. Sie freute sich wirklich, mich zu sehen.
"Tut mir leid, Ave. Wenn du angerufen hättest, dann hätten wir was anderes machen können. Aber nicht so schlimm. Komm, wir setzen uns auf die Bank. Wie geht es Tom?"
Wir setzen uns und ich fing an, ihr zu erzählen, dass alles gut war, doch sie merkte schnell, dass ich log und dann erzählte ich ihr unter Tränen, was wirklich los war. Sie hörte mir zu und drückte meine Hand, ganz so, wie eine Freundin es tat und ich war zum ersten Mal in meinem Leben richtig froh darüber, dass ich sie hatte.
Sie unterbrach mich kein einziges Mal und als ich fertig war und wir uns in den Armen lagen, erzählte sie mir von dem Mann, den sie kennengelernt hatte.
"Er ist wirklich toll! Wahnsinnig gutaussehend und seine Augen…", fing sie an zu schwärmen und ich schaltete irgendwann ab, denn ich wollte es eigentlich gar nicht hören, wie glücklich sie war, während mein Glück langsam in Millionen Stücke zerbrach.
"Ave?", fragte sie mich und ich merkte, dass ich etwas zu lang abgeschaltet hatte.
"Jaja, hört sich echt super an! Wann lern ich ihn mal kennen?"
Sie sah mich etwas komisch an und meinte: "Das hab ich dir doch gerade gesagt. Er ist hier. Eigentlich müsste er gleich wieder da sein."
Ich konnte nicht mehr als ein Oh hervorbringen, denn da sah ich ihn.
Er war ein Mann, der alle Blicke auf sich zog, wenn er auftaucht und das auch weiß. Ein Mann, bei dem jede Frau in seinem Umkreis das Atmen aufhört, innehält und ihn einfach nur anstarren muss. Mit einem selbstsicheren Gang und einem breiten Grinsen kam er auf uns zu und fuhr sich mit der Hand durch die blonden Haare, die ihm etwa bis zum Kinn reichten. Seine breiten Muskeln spannten sich unter seinem Shirt und ich konnte schon von weitem seine schlanken, muskulösen Beine sehen.
Bea musste gemerkt haben, dass ich ihn schamlos anstarrte und vermutlich auch noch sabberte, denn sie kicherte leise und stieß mir den Ellenbogen in die Rippen, sodass ich aus meiner Trance gerissen wurde.
Als er vor uns stand und Bea aufsprang und ihm einen Kuss auf die Wange drückte, erhob ich mich so schnell, dass mein Fuß einknickte und ich vor ihm in den Staub gefallen wäre, wenn er mich nicht aufgefangen hätte. Schüchtern sah ich ihm in die Augen und das waren die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. Dunkel, fast schwarz und so ausdrucksstark, dass meine Knie zitterten und ich nicht wusste, ob ich stehen konnte, wenn er mich losließ.
Er drückte mich auf die Bank und würdigte Bea keines Blickes, die sich an seinen Arm klammerte.
Ich blickte ihn verwirrt an, dann sah ich Bea an und er sagte etwas zu ihr, sah ihr dabei fest in die Augen und sie nickte, ging zum Pferd und ließ uns allein. Mich wunderte das, denn normal hätte sie ihn mir vorgestellt.
Er setzte sich neben mich und ich hatte Angst, dass ich wieder zu sabbern anfing, wenn ich ihn ansehen würde. Also starrte ich auf meine Hände und zwang mich, sie ruhig zu halten, denn sie zitterten unaufhörlich.
"Hallo", sagte er mit einer tiefen Stimme und das Schweigen nach diesem Hallo brachte mich dazu, ihn anzusehen und ein Hi herauszuquetschen. Ich hörte mich jämmerlich an, doch er lächelte und tat so, als hätte er den quietschenden Ton nicht gehört.
Irgendwo her kannte ich den doch, schoss es mir durch den Kopf.
"Ich bin Jared", sagte er und streckte mir die Hand hin.
Ich starrte sie an, als könnte sie sich jeden Moment in eine Giftschlange verwandeln, doch dann nahm ich sie und schüttelte sie wie eine Wilde. Er lächelte wieder.
"Wie heißt du?", fragte er und ich zwang mich, mich zusammenzureißen. Was war ich nur für eine, die sich so wegen einem Mann aus dem Konzept bringen ließ?
Ich räusperte mich und hörte, dass meine Stimme nun wieder normal war.
"Ich bin Avenae."
Ich schüttelte immer noch seine Hand und als ich es merkte, zog ich sie blitzschnell zurück.
"Freut mich, dich kennenzulernen, Avenae. Außergewöhnlich schöner Name für eine außergewöhnlich schöne Frau."
Jaah, mich freut es auch, dich kennenzulernen, dachte ich, aber sagte nichts. Ich konnte einfach nichts sagen.
Woher kenn ich dich nur, fragte ich mich wieder, als ich ihn ansah und seine schwarzen Augen mich zu durchbohren schienen.
Ich wurde unterbrochen, denn mein Handy fing an zu läuten. Als ich nicht hinging, meinte Jared, ich solle doch rangehen.
Schnell zog ich ungeschickt mein Handy aus der Tasche und hörte Toms Stimme, als ich abhob.
Achja, den gibt’s ja auch noch.
Er sagte etwas von wegen warum ich nicht angerufen hätte und was los sei. Ich sagte ihm schlicht, dass ich bei Bea schlafen würde und sie mich morgen heimbringen würde.
Dann legte ich auf, ohne die gewohnte Ich-liebe-dich-Floskel und ich fing wieder Jareds Blick auf, der mich unentwegt ansah.
"Dein Freund?", fragte er und ich schüttelte instinktiv den Kopf.
"Nein, nur ein Bekannter." Wow, so schnell kann's gehen.
Ich erhob mich, als mir einfiel wo wir überhaupt waren. Ich sah zu Bea, die immer noch bei dem Pferd stand und uns nicht mal ansah. Seltsam.
Ich ging zu ihr und sie sah mich erst an, als Jared zu uns kam, ihr eine Hand auf den Rücken legte und etwas ins Ohr flüsterte. Äußerst seltsam.
Ihre Stimme war irgendwie komisch und sie gab sich ziemlich unecht.
"Ich muss schnell in den Stall und Nero reinbringen. Ihr könnt euch ja so lange unterhalten, wenn ihr wollt. Ich muss jetzt dann sowieso bald los. Arbeit…", meinte sie gespielt fröhlich und ich ging mit ihr zusammen zu dem Stall, Jared hinterher, dessen Blicke ich die ganze Zeit spüren konnte.
"Arbeit? Achja stimmt, du musst ja Freitag arbeiten, hab ich ganz vergessen. Schade", sagte ich und meinte es wirklich ernst. Ich hätte gerne mit ihr geredet und Zeit verbracht.
"Ja, tut mir leid. Ich fahr gleich von hier aus in die Stadt. Wenn du willst, dann kann Jared dich heimbringen?"
Ich schüttelte den Kopf, denn ich war ja mit dem Rad von Ellen da und wollte das erst zurückbringen.
Wir verabschiedeten uns und Bea versprach, mich morgen anzurufen.
Als ich mich von Jared verabschiedete und Bea schon im Stall war, nahm er meine Hand und drückte mir einen Kuss darauf.
"War wirklich ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder", meinte er und er sah mir mit seinen schwarzen Augen fest in die Augen.
Ich sah ihn verwirrt an, als er mich immer noch anstarrte. "Ist noch was?", fragte ich und endlich riss er sich los und schüttelte den Kopf.
"Nein, ich dachte nur…", sagte er, drehte sich um und ging in Richtung Stall.
Auf der Fahrt zurück zu Beas Wohnung dachte ich über den äußerst komischen Verlauf des Abends nach. Was sollte denn das Ganze? Und wie konnte mich ein Kerl, der nicht mein Freund war, so dermaßen aus dem Konzept bringen, wie dieser Jared? Ich überlegte den ganzen restlichen Weg zurück, wo ich ihn schon mal gesehen haben könnte.
Bei der Wohnung angekommen, stellte ich das Rad ab und beschloss, den Rest zu meiner Wohnung zu gehen. Tom musste das ja nicht wissen. Wie sagt man so schön? Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.
Ich kramte in meiner Tasche nach meinen Kopfhörern, als meine Hand auf etwas stieß, das ungewöhnlich war. Achja richtig, die Fotos. Ich zog es heraus. Ich sah sie mir im Schein der untergehenden Sonne an und kam zu dem Bild, wo ich die Adresse fotografiert hatte.
Dann fiel mir was ein. Ich kramte wieder in meiner Tasche und stellte mit Erleichterung fest, dass meine Dienstmarke da war. Also warum sollte ich nicht bei dem vorbeischauen, der vielleicht einen Haufen Mädchen getötet hatte? Ich befühlte meine Jackentasche. Das Pfefferspray und das Taschenmesser waren eine ausreichende Verteidigung, beschloss ich und machte mich auf dem Weg zu der Adresse.
Es war ein schönes Haus, in dem Licht brannte. Ich atmete tief durch, denn ein bisschen aufgeregt war ich schon. Ich suchte mit zittrigen Händen meinen Dienstausweis in meiner Tasche und atmete nocheinmal ganz tief durch.
Zögernd klingelte ich und tänzelte nervös von einem Bein auf das andere.
Nach kurzer Zeit öffnete ein junger Mann und ich war einen Moment wie gelähmt. Denn der, der da stand, mit dem hatte ich niemals gerechnet. Jetzt wusste ich auch, woher ich ihn gekannt hatte.
In der Tür stand Jared. Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.
"Ja?", fragte er mit seiner wunderschönen Stimme.
Darmowy fragment się skończył.