Czytaj książkę: «Die Weltenwanderin»
Liara Frye
Die Weltenwanderin
Kaltru
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Liara Frye
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Über die Autorin
Danksagung
Impressum neobooks
Liara Frye

I M P R E S S U M
»Die Weltenwanderin – Kaltru« von Liara Frye
Copyright ©
Vervielfältigung und Verbreitung (auch in Ausschnitten) ist ausdrücklich untersagt. Missachtung wird geahndet.
Coverzeichnung: Arndt Drechsler
Coverdesign: The Magical Bookcover Shop
Herausgeberin: Liara Frye
Lektorat: Isa Theobald
Prolog
Alexis
»Das ist unmöglich!«
Die Stimme des Arztes klang entrüstet, mehr noch, verzweifelt. Anscheinend konnte er nicht erklären, was da geschehen war. Er konnte sie nicht erklären. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass von einem Tag auf den anderen ein Wunder geschehen könnte, dass Alexis von ihrer Blindheit geheilt sein würde. Doch mit ihr saß vor diesem Arzt der lebende Beweis.
Alexis ließ ihre Beine baumeln, während ihre Augen die Umgebung fixierten und sich erneut auf die neuen Reize einstellten. Sie hatte auf dem Patientenstuhl Platz genommen und wartete jetzt auf ihre Entlassung.
Natürlich erwartete sie nicht, dass er es verstehen würde. Sie verstand es ja auch nicht, aber im Gegensatz zu ihm ließ sie das Ereignis fast kalt. Sie brauchte die Sehkraft nicht, hatte sie nie gebraucht. Wie auch, wenn sie die Magie in allem spüren konnte? Wenn sie … Aber die Stimme des Arztes durchbrach ihre Gedanken.
»Und Sie haben absolut nichts gemacht? Haben Sie etwas Anderes gegessen oder wurden geimpft oder …«
Alexis unterdrückte ein Augenverdrehen. Nun versuchte er schon, Erklärungen zu finden. Doch es gab keine und danach zu suchen hatte keinen Zweck.
»Ich möchte nun gerne gehen«, unterbrach Alexis das Geschwafel des Mannes im weißen Kittel, der mittlerweile in irgendwelchen Verschwörungstheorien gelandet war.
Sie musste nicht zu ihm schauen, um zu wissen, dass der Mann nun eben den Mund aufgerissen hatte und sie zerstreut hinausschickte. Sie konnte seine Gefühle spüren. Die Verwirrung und Fassungslosigkeit des Arztes drangen mit aller Kraft zu ihr vor, doch es gelang ihr, sie mit viel Konzentration von sich weg zu schieben. Noch während sie die Tür öffnete und dadurch physischen Abstand gewann, atmete sie erleichtert auf. Jetzt konnte sie ein wenig Mitgefühl für ihn aufbringen. Jetzt, da seine Gefühle nicht mehr greifbar für sie waren. Schließlich waren gerade all seine Glaubenssätze durcheinandergeworfen worden.
Draußen wartete Tante Claudia vor der Tür. Sie führte ein pinkes Handtäschchen mit sich, das sie stets auf- und zuknipste, wenn sie nervös war. So auch jetzt. Alexis konnte Claudias Unruhe mit jeder Faser ihres Körpers spüren und wappnete sich innerlich dagegen. So, wie sie es beim Arzt getan hatte.
»Und, was hat er gesagt?« Tante Claudia strich ihren grauen Rock glatt, obwohl niemand in der Nähe war, der ihr Aussehen hätte bewundern können. »Hat er gesagt, was ich dachte? Du warst nie blind und hast schon immer gelogen?«
Das Blut schoss Alexis ins Gesicht, als heiße Wut in ihr hochkochte. Wie so oft war sie froh, dass Claudia nur ihre Tante war. Es hätte schlimmer kommen können. Sie konnte die Frau nicht ausstehen.
»Ich habe nie gelogen«, erwiderte Alexis und war erstaunt über ihre Stimme, die so ruhig und gefasst klang.
»Jaja, streite es nur ab, streite es nur ab.« Claudia knipste ihre Handtasche wieder auf und zu, dann strich sie sich über ihre pinkfarbene Bluse. Offenbar hatte sie vor, Alexis zu berühren, denn sie streckte eine Hand nach ihr aus, der Alexis im letzten Moment ausweichen konnte.
»Aber was ist denn jetzt herausgekommen?!« Als Alexis nicht sofort antwortete, wurde ihre Stimme hysterisch. »Sag es mir, oder ich werde gleich höchstpersönlich den verehrten Doktor aufsuchen, der sowieso schon so viel um die Ohren hat und ich wette, er wird nicht sehr begeistert von einem ungehorsamen Gör sein, das sein ganzes Leben lang vor sich hin lügt, um Aufmerksamkeit …«
»Es ist nichts dabei herausgekommen! Es ist einfach so, wie es ist, okay?« Wütend schlug Alexis den Weg zum Ausgang ein, um diese Frau nicht mehr sehen zu müssen. »Er hat keine Erklärung dafür und ich habe auch keine. Und statt sich wie ein normaler Mensch darüber zu freuen, dass ich nun sehen kann, wirfst du mir vor, schon immer gesehen zu haben?! Tolle Familie, echt.«
Mit einem heftigen Ruck stieß sie die Tür auf, ging ein paar schnelle Schritte und besann sich dann darauf, ruhig zu atmen. Wie Claudia sie immer in Rage bringen konnte … Doch warum regte sie sich eigentlich auf? Sie freute sich doch nicht einmal selbst darüber, dass ihre Augen funktionierten, dass sie nun das konnte, was jeder Mensch als Selbstverständlichkeit ansah. Sie besaß etwas weitaus Besseres.
Denn obwohl sie nie etwas hatte sehen können, ja, sogar die Blindenschrift anzuwenden vermochte, war ihr nie in den Sinn gekommen, von der Sehkraft zu träumen. Sie fühlte die Dinge um sich herum. Sie wusste, dass sich vor ihr eine Rose befand, noch ehe sie sie gerochen hatte. Sie konnte die Energien von Menschen und Tieren unterscheiden. Sie wusste, wann jemand log, obwohl sie keine Möglichkeit hatte, seine Körpersprache zu lesen. Und sie hatte sich immer zurechtgefunden, die ganzen letzten Jahre ihres Lebens, und nie hatte sie es bereut, anders zu sein als andere Menschen. Sie empfand sich nicht als besonders. Sie war einfach nur anders.
Irgendwann hatte Claudia sie keuchend eingeholt. Ihre Tante strich sich durch ihre zerzausten Haare, die sich normalerweise in einem sorgfältig gemachten Dutt befanden. Heute war jedoch offenbar keine Zeit gewesen für das gewöhnliche Schickmachen am Morgen. Sobald Claudia erfahren hatte, dass Alexis sehen konnte, war sie zu dem Haus gegenüber gerannt, in dem Alexis mit ihrer Mutter wohnte. Ganz durch den Wind war sie angekommen, die Handtasche hatte schief über dem Arm gebaumelt und die Augen hatte sie weit aufgerissen. Alexis würde diesen Anblick nicht mehr so leicht vergessen.
Nun schlug sie den Nachhauseweg ein und hörte die klackernden Schritte von Claudia hinter sich. Vermutlich war Alexis´ Kopf knallrot, jedenfalls sammelte sich eine ganze Menge Hitze darin.
Nach zehn ewig dauernden Minuten waren sie angekommen. Das Haus lag einladend vor ihnen und lächelte sie mit seinen roten Blumen, die auf den Fensterbänken verteilt waren, an. Ihre Mutter wartete schon auf sie und nahm Claudia in Beschlag, die ihr mit hoher Stimme verkündete, was Alexis ihr entgegengeschleudert hatte.
Alexis durchquerte den Flur, als plötzlich etwas in ihrem Augenwinkel aufblitzte und ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie drehte sich in die Richtung, aus der die Bewegung gekommen war und zuckte zurück. Ein fremdes Gesicht starrte ihr entgegen. Ihr Herz setzte aus, nur um dann in einem beängstigend raschen Tempo loszuschlagen. Da bemerkte sie, dass das Gesicht in Glas eingeschlossen schien.
Große Augen funkelten ihr fasziniert entgegen. Das linke war blau, das rechte grün. Etwas an ihnen kam ihr vertraut vor. Nicht ihr Aussehen, nein. Das, was sich hinter ihnen verbarg. Sie sah in die Augen eines Mädchens … und erkannte ihre eigene Seele, die sich darin spiegelte. Das hier musste sie selbst sein. Ihr Körper. Probeweise kniff sie ein Auge zusammen. Das Mädchen im Glas tat es ihr gleich.
Erstaunt schnappte sie nach Luft und ließ ihren Blick hastig weiter zu den Punkten gleiten, die ihre Nase und teilweise auch ihre Wangen zierten. Sommersprossen. Diesen Begriff hatte sie einst aufgeschnappt. Ungeduldig musterte sie den Rest ihres Gesichts.
Ihre Lippen waren seltsam, die eine schien dicker zu sein als die andere. Doch das störte sie nicht, im Gegenteil. Ein warmes Gefühl der Freude stieg in ihrem Bauch empor und breitete sich bis in die Fingerspitzen aus. War das wirklich ihr Abbild, das sie hier sah?
Da fiel ihr das schwarze Haar auf. Alexis nickte nachdenklich. Natürlich wusste sie, welche Farbe ihre Haare hatten, ihre Mutter erinnerte sie alle paar Wochen daran. Und auch, wenn Alexis vorher nie sehen konnte: Farben hatten ihre eigene Schwingung und diese hatte sie sofort wiedererkannt, als ihre Augen das erste Mal die leuchtenden Flächen wahrgenommen hatten. Dabei löste die Farbe Schwarz ein tiefes, aber beständiges Vibrieren aus.
Sie neigte den Kopf leicht nach vorne, um ihren Mittelscheitel besser betrachten zu können. Es zeigte sich schon der erste weiße Ansatz, der an ihren Haarwurzeln begann und sich dann ein paar Millimeter lang erstreckte.
Alexis runzelte die Stirn und eine kleine Falte zeigte sich zwischen ihren Augenbrauen.
Zwar konnte sie die Energien von anderen Menschen erkennen, doch nie war sie in der Lage gewesen, sich selbst betrachten zu können. Sie hatte nie gewusst, wie sie wirklich aussah und dass ihre Nase länger und gerader war, als sie vermutet hatte. Und ihre Haare, die eigentlich schneeweiß waren, wirkten irgendwie schwach, leblos, als würde ihnen die schwarze Farbe die Kraft rauben. Nur zu schade, dass ihre Mutter sie immer wieder färbte. Sie sagte ihr immer, dass Weiß eine ungewöhnliche Haarfarbe sei, die nur alte Menschen trugen. Die Leute würden tuscheln, irgendwelche Gerüchte verbreiten und das würde Alexis nur schaden. Also ließ Alexis die Tortur jedes Mal über sich ergehen. Sie wusste, dass ihre Mutter es nur gut meinte.
Und doch. Weiße Haare waren außergewöhnlich. Und außergewöhnlich passte zu ihr.
Kapitel 1
Maya
Die Sonne prallte auf die Menschen nieder und ließ die Gebäude große Schatten werfen. Abgase stiegen auf und sorgten für eine stickige Luft. Kein Wunder, heute war viel Verkehr. Die Menschen zog es an diesem Samstagmorgen in die Stadt wie Bienen zum Honig, und die Frauen sorgten mit den schillernden Farben ihrer Röcke und Kleider für eine willkommene Abwechslung in dem sonst so grauen Alltagsleben.
Mayas Haare wurden kräftig nach hinten gewirbelt, als sie über den Zebrastreifen lief. Sicher, im Zentrum der Stadt wehte in der Deckung der vielen Kaufhäuser nur ein zartes Lüftchen, aber hier, wo sich nur wenige Häuser und mehr Bäume fanden, blies der Wind schon etwas stärker.
Maya machte sich gerade auf den Weg nach Hause, die braune Ledertasche hatte sie über ihren rechten Arm gehängt.
Der Autofahrer, der vor dem Zebrastreifen gehalten hatte, hupte wie wild. Ein Mann, vielleicht Anfang vierzig, steckte den Kopf aus seinem schwarzen Lamborghini und schrie ihr etwas entgegen, das sich nicht besonders freundlich anhörte. Zum Glück konnte sie ihn nicht verstehen, er schien eine andere Sprache zu sprechen.
Stattdessen schrie Maya zurück: »Ich geh' ja schon, nur Geduld!«, und marschierte schneller über den Zebrastreifen, um dem Mann mit der Halbglatze eine schnelle Weiterfahrt zu gewähren.
Ein Glück, dass sie ihren kleinen Bruder nicht mitgenommen hatte. Mit ihm in der Stadt hätte sie an jedem Spielzeugladen Halt machen müssen. Leo war nicht nur unglaublich nervig, er besaß auch eine große Ausdauer, wenn es ums Einkaufen ging.
Aber nicht heute! Heute hatte Maya ihre Lieblingsstifte nachgekauft, mit denen sie neue Bilder malen würde. Landschaften, Portraits, Szenen aus Filmen – es war alles dabei. Schon immer war das Zeichnen und Malen ihre große Leidenschaft gewesen. Früher hatte sie noch ganze Leinwände beklecksen können, doch seitdem ihre Mutter mit zwei Kindern allein auskommen musste, nicht mehr. Für solchen Luxus war nicht mehr genug Geld da, sowohl Leo als auch Maya mussten sich einschränken. Sie selbst verdiente etwas dazu, indem sie Zeitungen austrug. Später würde sie wieder mit einem dicken Stapel auf dem Arm durch die Straßen rennen. Zuerst würde sie jedoch ihre neuen Stifte einweihen.
Bald kam sie an dem Park an, dessen wenige Bäume nicht viel Schatten boten. Ihn und den angrenzenden Wald zu durchqueren war stets der schnellste Weg nach Hause. Anfangs gab es noch viele Besucher, aber je weiter Maya ging, desto weniger Menschen begegneten ihr.
Sie lauschte den Vögeln, die ihr ein Lied vom Frühling sangen und strich sich ständig die braunen Haare zurück, die ihr immer wieder ins Gesicht fielen. Einen Moment lang vernahm sie ein leises Geräusch. Es hörte sich an, als würde jemand etwas flüstern, ganz nah. Irritiert ließ Maya ihren Blick umher wandern, konnte aber niemanden entdecken, der sich in unmittelbarer Nähe befand.
Einige Meter hinter ihr lief ein hagerer Mann im grauen T-Shirt und ausgeblichener Jeans und links von ihr entdeckte sie zwei schnatternde Frauen, die ihre Einkaufstüten vor sich herschwenkten. Maya schüttelte den Kopf. Vermutlich hatte sie sich das eingebildet.
Wenige Augenblicke später konnte sie das Flüstern erneut hören. Nun klang es drängender, lauter.
Maya biss die Zähne zusammen. Nein, ich bin nicht verrückt. Ich höre keine Stimmen, sagte sie sich. Sie konnte die Worte auch nicht deuten, sie schienen einer anderen Sprache zu entstammen.
Als das Flüstern aufdringlicher wurde, warf sie noch einmal einen Blick nach hinten. Der Mann lief noch immer hinter ihr her, die Frauen waren nicht mehr in Sicht. Wenn dieser Mann sie nun verfolgte ...?
Sie beschleunigte die Schritte und schaute gen Himmel. Die Bäume standen dichter, immer weniger Sonnenlicht flutete zwischen ihnen hindurch und immer mehr Schatten tanzten über den Boden.
Die Tasche schien zunehmend schwerer zu werden, dabei war außer den Stiften nur ein neuer Block für die Schule darin. Nochmals beschleunigte sie ihre Schritte, mittlerweile nicht mehr sicher, ob die Stimmen wirklich um sie herum oder nur in ihrem Kopf waren.
Die Gedanken überkreuzten sich und schwirrten in ihrem Kopf umher. Was war mit ihr los? Halluzinierte sie? Wurde sie allmählich verrückt? Wie, zum Teufel, sollte sie diese Stimmen aus ihrem Kopf bekommen? Und warum passierte das gerade jetzt?
Maya hatte gar nicht gewusst, wie laut Geflüster sein konnte. Das Schlimme war: Diese Stimmen schienen einen direkten Einfluss auf sie zu haben. Maya achtete nun nicht mehr wirklich darauf, wo sie lang ging, sie versuchte nur, zu entkommen.
Sie fing an zu rennen, die freie Hand an ihr Ohr gepresst. Es half nichts. Immer weiter rannte sie in den Wald hinein, floh vor etwas, von dem sie noch nicht einmal wusste, ob es real war.
Irgendwann war sie aus der Puste. Sie nahm die Hand herunter, legte die Tasche neben sich ab und hielt sich die Seiten. Einige Male holte sie tief Luft, und schloss die Augen, um sich besser auf ihren Atem konzentrieren zu können.
Sie öffnete die Augen. Direkt vor ihr lag ein See, ein paar Meter weiter führte eine Brücke über das Wasser. Panik schlug wie eine Welle über ihr zusammen und die eben gewonnene Ruhe verflog im Nu. Mayas Hände begannen zu zittern. Sie ballte sie zu Fäusten, um sie kontrollieren zu können. Gleichzeitig wich sie zurück, kämpfte mit ihrem Gleichgewicht.
Der See rief Erinnerungen wach. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Sie war mit Justus hierhergekommen und hatte sich dann geweigert, auch nur einen weiteren Schritt auf den See zu zugehen. Sie hatte die Brücke noch nicht einmal betreten wollen. Justus hatte das nicht verstanden.
Maya spürte eine leichte Berührung an ihrem Handgelenk. Überrascht sah sie nach unten und verschränkte ihre Finger mit seinen. Justus‘ grüne Augen schauten tief in ihre blauen, als wollten sie ihre Seele ergründen.
Sie schlenderten gelassen nebeneinander her, während er sie über das kommende Wochenende ausfragte.
»Und am Samstag, da bist du also zu Hause?«
»Ja, genau«, antwortete Maya. »Keine Ahnung, was ich da mache. Aber ehrlich gesagt finde ich es mal schön, frei zu haben und entspannen zu können.«
Sie musterte seine roten Haare, die wild von seinem Kopf abstanden. Sie kannte ihn erst seit ein paar Monaten, als Justus in ihre Klasse gekommen war. Er war schüchtern gewesen, aber Maya wusste, wie es sich anfühlte, wenn man niemanden kannte. Und so hatte sie ihm den Ort gezeigt, in dem sie lebten, bis sie sich schließlich immer öfter getroffen hatten. Sicher, Justus hatte nun auch andere Freunde. Aber aus irgendeinem Grund hatte ihre Freundschaft gehalten.
»Oder um mit einem Freund etwas zu unternehmen?« Er sah sie bei der Frage nicht an, aber Maya konnte bemerkte, wie er leicht errötete.
»Ja, zum Beispiel.« Sie grinste ihn an und blickte wieder gerade aus. Dann wurde ihr klar, wo sie sich befanden.
»Ist das ...?«
»Ja, der See von Loch Ness.« Er grinste über seinen eigenen Scherz, aber als Maya plötzlich stehen blieb, legte er seine Stirn in Falten. »Was ist los?«
»Ich kann nicht weitergehen.« Sie biss sich auf die Unterlippe, ließ seine Hand los und ballte sie in ihren Hosentaschen zu Fäusten. Ihre Stimme klang kalt, ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Die Erinnerung zwängte sich in ihren Kopf und ließ sie erstarren.
»Wie, du kannst nicht weitergehen?«, fragte Justus entgeistert und vollkommen verständnislos.
»Ich kann es einfach nicht.«
»Schön, und wieso nicht?« Plötzlich war sein Tonfall harsch und fordernd geworden.
Wahrscheinlich war das auch ihm aufgefallen, denn er hängte noch ein mitfühlendes: »Maya, was ist los?« daran. Er versuchte, ihr beschützend eine Hand auf ihre Schulter zu legen, aber sie wich noch einmal zurück.
»Das Wasser«, antwortete sie schlicht und hielt den Blick starr auf die glitzernde Oberfläche gerichtet, damit Justus die Verletzlichkeit in ihren Augen nicht sehen konnte.
Ihr Freund seufzte leise und hob ratlos die Hände. »Das ... Wasser also ...«
Kurz blieb es still, dann erklang seine Stimme erneut. »Hey Maya, was ist mit diesem See? Willst du mir sagen, dass du Angst vor Wasser hast?«
Noch immer konnte sie den Blick nicht von dem Gewässer abwenden. Ihre Schultern begannen vor Anspannung zu schmerzen.
»Ja. Gewissermaßen.« Ihre Stimme zitterte.
»Aber dein Körper besteht aus mindestens achtzig Prozent aus Wasser. Vor Regen hast du doch auch keine Angst. Und trinken musst du ja auch irgendwie.«
»Das hier ist was anderes.«
»Was Anderes? Okay ... Komm, Maya, wir gehen nur über die Brücke, dann sind wir da. Das Wasser tut dir doch ni-«
Doch ehe er seinen Satz vollenden konnte, hatte sich Maya umgedreht und war in die entgegengesetzte Richtung losgerannt. »Es tut mir leid ... Ich muss hier weg.«
Sie wusste nicht, ob er sie verstanden hatte oder wie er sich fühlte, jetzt, da sie ihn einfach stehen gelassen hatte. Doch die Emotionen, die über sie hereinbrachen, schwemmten die Schuldgefühle weg. Sie musste fort. So weit weg wie nur möglich.
Und hier stand sie nun, ein paar Monate später. Wieder vor dem See, wieder voller Angst. Justus hatte ja nicht wissen können, was hier einst geschehen war. Sie war nicht mehr baden gegangen, seit es passiert war, zu tief saß die Angst, sie könne das gleiche Schicksal ereilen wie ihren Vater. Immer hatte das Wasser sie daran erinnert, was sie nicht rückgängig machen konnte.
Ihr Herz schlug schneller. Sie versuchte ruhig zu atmen. Die Stimmen drangen wieder zu ihr vor, flüsterten ihr Dinge zu, die sie nicht verstand. Unruhig, drängend.
Das Wasser vor ihr hätte ruhig wirken können, aber für Maya war es bedrohlich.
Trotzdem bewegte sie sich darauf zu, als zöge es sie an. Innerlich stemmte sie sich dagegen, leistete Widerstand. Ohne Erfolg. Immer weiter wurde sie gezogen. Was ging hier vor? Wieso hatte sie ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle?
Bald berührten ihre Sneakers das Wasser. Maya spürte, wie es durch den Stoff sickerte, während sie immer weiter hineinging. Ihr Atem ging schwer, sie war noch immer panisch. Bald stand sie bis zu den Knien im Wasser.
Sie konnte nicht fassen, was hier geschah. Seit Jahren hatte sie sich nicht mal in die Nähe großer Wasserflächen gewagt und nun ging sie tiefer und tiefer in den See hinein, ohne es verhindern zu können. Ihr Gesicht glühte vor Anstrengung, ihre Fäuste waren schmerzhaft geballt, doch sie konnte sich dem Sog nicht widersetzen, der sie so fest im Griff hatte, dass es ihr wehtat. Sie wollte sich losreißen, gleichzeitig den Gefühlen entfliehen, die in ihr hochkamen und Erinnerungen mit sich brachten. Erinnerungen an ihren Vater, gegen die sie sich ebenso wehrte.
Vergeblich. Der Sog machte sie zu seiner Marionette, nahm ihr den Willen, der um sein Überleben kämpfte. Mit jedem Schritt bohrte sie die Fingernägel tiefer in die Handflächen hinein, bis sie nicht mehr konnte. Die Stimmen wurden leiser. Sie schienen zufrieden mit etwas zu sein. Maya schnappte nach Luft, ehe sie untertauchte.
Wie von selbst lösten sich ihre Fäuste. Entsetzt stellte sie fest, dass ihr Körper die Tiefe ansteuerte. Mayas Herz pochte rasend schnell, als wäre es das einzige, das sich ihr nicht widersetzte. Der Sauerstoff wurde knapp, sie musste Luft holen … Jetzt!
Ruckartig atmete sie ein … Und stellte fest, dass sie atmen konnte. Mit jedem Zug wurde ihr Herz ruhiger, ihr Kopf nebeliger. Wie in Trance glitt sie hinab, auf ein mächtiges Licht zu. Eine Stimme lullte sie ein, sagte ihr, wie sehr sie auf sie gewartet hatte. Maya kam dem Licht immer näher, wollte auf einmal so dringend zu ihm … Von Sehnsucht getrieben wollte sie die Hände nach ihm ausstrecken, doch sie gehorchten ihr noch immer nicht.
Und dann tauchte sie hindurch.
Der Nebel verschwand so schnell, wie er gekommen war. Das Wasser färbte sich dunkel, riss sie herum wie ein Spielball. Maya wollte schreien, aber es fehlte ihr plötzlich die Luft zum Atmen. So kräftig sie konnte, strampelte sie mit den Beinen und ruderte mit den Armen. Atemlos durchstieß sie die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Sie schwamm hektisch auf das Ufer zu, das im Dunkeln lag. Erst als ihre Füße den warmen Sand berührten und sie tief ein- und ausatmen konnte, fiel die Anspannung von ihr ab. Erschöpft wischte sie sich die klebenden Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Sie richtete sich wieder auf und blickte entgeistert auf das Meer, durch das sie gekommen war. Die Panik kehrte zurück, ballte sich in ihr zusammen und brachte ihren Puls auf Hochtouren. Wo zum Teufel war sie gelandet? Wo war der Wald hin und was war gerade mit ihr geschehen? Ein warnendes Ziehen machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar. Die salzige Luft zerrte an ihr. Mächtige Wellen richteten sich drohend auf und peitschten gegen die angrenzenden Felsen. Die Finsternis, an die sich Mayas Augen schnell gewöhnt hatten, färbte alles in ein dunkles Blau.
Sie wünschte sich zurück nach Hause. Dorthin, wo sie hingehörte. Maya atmete einmal tief durch und zwang sich dazu, einen ruhigen Gedanken zu fassen. Vielleicht träumte sie das Alles nur. Vielleicht war es gar nicht die Realität, die sie hier erfuhr. Wie sonst konnte man an einem hellen Tag in einen See steigen und bei Nacht aus einem Meer herauskommen?
Auf einmal legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. Mayas Herz machte einen Satz. Hinter sich hörte sie ein tiefes Brummen. »Wen haben wir denn da?«
Schlagartig fuhr sie herum.
*
»Ach komm, mach der Kleinen keine Angst«, beschwerte sich jemand hinter dem Typen, den sie trotz der anbrechenden Dunkelheit als recht stämmig und kräftig vor sich stehen sah. Weg war die Ruhe. Stattdessen machte sich ein unangenehmes Prickeln in ihrem Nacken breit. Ihr Herz donnerte ihr schmerzhaft gegen die Rippen, das Ziehen in ihrem Bauch nahm zu. Ihr ganzer Körper schrie vor Angst. Wer zum Teufel sind diese Typen? Reichte es denn nicht, dass sie keine Ahnung von dem Ort hier hatte? War sie jetzt auch noch Gefahr durch Fremde ausgesetzt?
Was sie wohl mit ihr anstellen würden … Sie war nur ein kleines Mädchen. Denn so hatte er sie genannt: klein. Doch genau den Eindruck durfte sie niemals vermitteln. Keinen dahergelaufenen Fremden, wenn sie die Gelegenheit hatte, sich zu verteidigen. Binnen einer Sekunde hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben und ihre Angst zeigen.
Also schnaufte Maya demonstrativ. »Ich und klein? Ich habe keine Angst. Und ihr steht mir im Weg.«
Sie machte Anstalten, an diesem Fels von Mann vorbei zu kommen, doch er hielt sie mit einer Hand zurück. Sie schielte an ihm vorbei und sah einen Jungen auf einem der größeren Steine sitzen. Er hatte die Beine ausgestreckt und kämmte sein Haar durch. Er erinnerte sie an einen Popstar, der es sich gut gehen ließ, und war ihr von Anfang an unsympathisch.
Trotzdem machte sie seine Anwesenheit nervös. Immerhin waren die Beiden zu zweit und sie allein.
Gleichzeitig kramte der andere Mann in seinen Taschen und richtete eine Lampe auf sie. »Zuerst müssen wir wissen, wer du bist.«
Ruckartig kniff Maya die Augen zusammen und legte so viel Wut in ihre Stimme, wie sie konnte. »Was spielt das für eine Rolle? Und halt gefälligst dieses Licht nicht in meine Augen!«
Tatsächlich gab der stämmige Mann nach. Nun wurde ihr Hals angestrahlt, aber ihr Gesicht konnte er bestimmt noch gut erkennen. Sie biss sich auf die Unterlippe, wie immer, wenn sie nervös war.
»Beantworte einfach die Frage. Nicht jeder läuft einfach aus dem Wasser heraus und wir haben dich auch nicht hineinlaufen sehen. Also, wer bist du?«
Das konnte nicht gut sein. Gar nicht gut. Sie wusste ja noch nicht mal selbst, wie sie hier her gekommen war … Und jetzt von zwielichtigen Typen ausgehorcht zu werden, die ihre Schritte überwachten, machte es nicht besser. Bestimmt träumte sie, hoffentlich träumte sie nur …
»Ich bin Maya. Und nun lasst mich durch, ich äh ...« Sie schaute hinunter zu ihren Schuhen, die sie in der Hand hielt. Wo sollte sie jetzt hin? »... muss nach Hause.«
Mit einem Mal rammte sie ihrem Gegenüber den Ellbogen in den Bauch und spurtete los. Der Bauch war nicht ganz so muskulös gewesen, wie sie vermutet hatte. Vielleicht hatte sie eine Chance und war schneller als dieser große Typ.
Hinter ihr knirschte der Sand und sie wusste, dass ihr jemand auf den Fersen war. Also rannte sie schneller, kam vom Strand runter auf eine schwach beleuchtete Straße und wollte gerade um die Ecke biegen, als …
Jemand packte sie am Arm. Da sie an den starken Mann gedacht hatte, verblüffte sie nun der Anblick ihres Verfolgers.
»Hast wohl noch nie so einen gutaussehenden Typen wie mich gesehen, oder?« Seine Zähne blitzten.
Natürlich, der Junge vom Felsen. Er war einen Kopf größer als sie und sein Haar schimmerte silbern im fahlen Licht der Straßenlaternen.
Rasch wandte sie den Blick ab. »Das glaubst du doch selbst nicht. Ich fasse es nicht, dass dein Kumpel und du nachts ein einsames Mädchen verfolgen.«
Er runzelte die Stirn. Hinter ihm konnte sie ein Schnaufen vernehmen. Der andere war also wirklich nicht so gut in Form. Zwar stark, aber auch ohne Kondition. Anders als der vor ihr. Leider.
Jetzt blieb ihr nur noch eins. Sie musste in die Offensive gehen, Fragen stellen, von sich ablenken. Vielleicht wollten sie ja wirklich nichts Böses von ihr, aber dass sie sie nicht gehen ließen, machte es nicht besser …
Sie schluckte die Panik hinunter und gab sich einen Ruck. »Jetzt beantworte mir doch mal die Frage, was ihr hier macht. Habt ihr gecampt? Auf etwas gewartet? Oder auf jemanden? Ich muss euch sehr enttäuschen, aber ich bin es jedenfalls nicht. Und -«
Aber die tiefe Stimme unterbrach sie. »Es tut mir leid.« Er ließ ihren Arm los. »Wir wollten dich nicht so erschrecken ...«
Erstaunt blinzelte sie. Meinte er das ernst? »Erschrecken? Ihr habt -«
»Und ich glaube, dass du wahrscheinlich wirklich aus dem Wasser gekommen bist, wie Ercan es gesagt hat. Du wirst keine Vorstellung davon haben, wo du bist.«
Mit einem Mal verrauchte ihre Wut. Sie schaute die verlassene Straße entlang. Ein Windstoß kam und brachte einen unangenehmen, jedoch wohlbekannten Geruch mit sich: Abgase, Metall, Staub. Auf einmal kam sie sich verloren vor. Verloren wie ein Kind. Die Erkenntnis traf sie mitten ins Gesicht. Sie war in einer Stadt gelandet, die sie nicht kannte und sie konnte nicht zurück.
»Wo sind wir?«
Sie konnte die Besorgnis in seinen Augen erkennen, aber da war noch etwas Anderes. Überlegenheit. Er wusste etwas, das sie nicht wusste. Und das gefiel ihr nicht.
»Wir sind in Kaltru. Und nicht in deiner Welt.«
Kapitel 2
Alexis
Der Gong hallte durch den Klassenraum. Niemanden schien es zu wundern, dass sich Alexis zwischen den Schülern befand und wie selbstverständlich am Unterricht teilnahm. Daran war ja auch nichts Ungewöhnliches.
Milans Blick traf sie nun schon das dritte Mal in dieser Stunde. Alexis hatte das registriert, langsam ging es ihr aber auf die Nerven und verwirrte sie. Schließlich war er einer der beliebtesten Schüler in ihrem Jahrgang. Er gab sich nicht mit Leuten wie ihr ab. Zwar war Alexis keine Außenseiterin, aber um zu den Beliebten zu gehören, hätte sie sich viel mehr in Schale werfen, angesagte Musik hören und sich den Mund über andere Leute zerreißen müssen. Darauf hatte sie dann doch keine Lust. Sollte Milan mal lieber in seiner Liga bleiben.
Da stupste ihre beste Freundin April sie an. Unter dem Tisch hielt sie ein Magazin, nein, eine Zeitung, die sie nun Alexis reichte, um ihr etwas zu zeigen. April war schon immer ziemlich klein gewesen und Alexis hatte nicht das Gefühl, dass sie noch viel wachsen würde. Ihre kurzen, roten Haare bildeten Stacheln und ihre Haut war gebräunt. Gerade im Unterricht vertrieb sie sich oft die Zeit mit irgendwelchen Zeitschriften. Die Stunden verstrichen einfach zu langsam.
»Das ist Maya Grant. Sie ist vor ein paar Tagen verschwunden«, erklärte April gerade aufgeregt und strich mit dem Daumen über das Bild des Mädchens.
Alexis bemerkte den Schatten von Traurigkeit, der sich in Mayas Blick gelegt hatte. Es war so ungewohnt, nun immer ihre Augen zu gebrauchen. Aber Bilder enthielten nicht die Energie der darauf befindlichen Personen und so war sie diesmal für ihre Sehkraft dankbar.
»Und sie kommt von hier? Wieso zeigst du mir das?«
April zeigte auf die Vermisstenanzeige darunter.
Wieder sah Alexis genauer hin. Ein Junge mit schokoladenbrauner Haut und genauso braunen Augen lächelte ihr entgegen.
»Das ist Kaja«, erklärte ihr April aufgeregt, während Alexis überrascht die Luft anhielt.
»Unser Kaja ist …?« Doch sie kam nicht dazu, ihren Satz zu vollenden. Sie spürte, wie eine Ladung gestauter Energie auf sie zukam und wandte sich ab. Herr Brauk schien nicht sehr begeistert zu sein, dass sein Unterricht nicht mit absoluter Hingabe verfolgt wurde.
»Wo ist die Stelle, die ich vorlesen soll?«, fragte Alexis nur, die die Absicht des Lehrers gespürt hatte.
Herr Brauk räusperte sich. »Seite 24, junge Dame. Und passen Sie in Zukunft besser auf!«
Alexis lächelte schwach. »Ich habe aufgepasst, sonst hätte ich wohl kaum wissen können, dass ich lesen soll.«
Und so begann sie auf Seite 24.
Vielleicht hätte sie es wissen müssen. Milan fing sie an der Tür ab.
»Hey«, sagte er und lehnte sich lässig an den Rahmen, doch sie konnte seine Anspannung spüren.
»Hallo«, erwiderte Alexis und wollte gerade aus der Tür gehen, als er vor sie sprang und dies verhinderte.
»Ich wollte dich nur fragen … Hättest du demnächst mal Zeit?«
Der Satz traf sie völlig unvorbereitet. »Was?« Sie runzelte die Stirn. »Nein, hab ich nicht. Echt toll, dass du ausgerechnet jetzt fragst.«
Nun war es Milan, der komisch dreinschaute. »Wie bitte, was?«
Demonstrativ verdrehte sie die Augen. »Ist nicht eben dein Freund verschwunden? Dein bester sogar, soweit ich weiß? Du scheinst ja wirklich besorgt zu sein.« Ihre Stimme wurde lauter, ohne dass sie es wollte. Wenn Milan so wenig an seinem besten Freund lag, was für ein Mensch musste er dann sein? Sie erinnerte sich nur zu gut, wie Kaja und er den Lehrern die Kreide durch Radiergummis ersetzten, die Tafel mit bunten Bilder vollmalten und wenig unauffällig voneinander abschrieben. Wieso also sollte sie sich auf jemanden einlassen, der sich kurz nach Kajas Verschwinden nach einem neuen Freund umschaute?
»Ehm … mochtest du ihn denn?« Fragend zog er eine Augenbraue hoch und Alexis wünschte sich instinktiv, das auch zu können.
»Was spielt das für eine Rolle?«
Milan schüttelte den Kopf. »Er ist schon wieder aufgetaucht«, versprach er, aber Alexis wusste, dass er log. Auch das konnte sie spüren. Da nützte auch das charmante Lächeln, das er aufgesetzt hatte, um sie zu überzeugen, nichts.
»Und, hast du nun heute etwas vor?«
»Du bist unmöglich«, erwiderte sie nur und schob ihn beiseite. »Ich bin heute im Kino, also habe ich ohnehin keine Zeit.«
Und das entsprach sogar der Wahrheit. April wollte unbedingt, dass Alexis das Augenerlebnis der großen Leinwand kennen lernte. Zoe und Jara, zwei Klassenkameradinnen, mit denen sich Alexis und April gut verstanden, wollten mitkommen. Und Alexis hatte natürlich nichts dagegen, sie freute sich sogar schon darauf.
Mit schnellen Schritten entfernte sie sich von diesem seltsamen Jungen, aus dem sie nicht schlau wurde. Sekunden später hallte seine Stimme den Flur hinunter.
»Sag mir nur, wie es kommt, dass du auf einmal hier bist. Wieso bist du hier?«
Was sollte das bedeuten? Kopfschüttelnd lief sie weiter, hielt jedoch an der frischen Luft inne.
Was hat er damit gemeint?
*
Schon als sie vor der Haustür stand und den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte sie durch das offene Fenster eine Schlagermelodie klingen. Alexis konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Sie ahnte bereits, was sie erwarten würde: Tante Claudia hatte mal wieder ihre Lieblingsmusik von Gudrun Schotter aufgelegt und sang jetzt in hohen Tönen mit. Dabei singt sie noch nicht einmal schlecht, dachte Alexis. Das Problem war nur, dass sie die Musik nicht leiden konnte. Wie eigentlich alles, was mit Claudia zu tun hatte.
Den Schlüssel einmal umgedreht und die Tür aufgeschoben, hastete Alexis in den Flur und auf die Treppe zu, die sie nach oben in ihr Zimmer führen würde.
Doch da hatte sie die Rechnung ohne Claudia gemacht, denn diese tauchte im gleichen Moment im Türrahmen auf – mit einer Schürze um den fülligen Bauch ertappte sie Alexis.
»War mir doch, als hätte ich jemanden reinkommen gehört«, meckerte sie und blickte ihr fest in die Augen.
Tante Claudias Dutt saß heute perfekt, was ihre Strenge unterstrich. Im Hintergrund lief noch immer in voller Lautstärke die Musik, sodass sich beide regelrecht anbrüllen mussten.
»Wie kannst du denn bei dem Lärm etwas gehört haben?«, fragte Alexis sichtlich verwirrt.
Da schnalzte Tante Claudia mit der Zunge. »Also wirklich, junges Fräulein …« Tadelnd betrachtete Claudia sie und schüttelte den Kopf.
Doch Alexis verspürte keinen großen Drang, das Gespräch in diese Richtung fortzusetzen und sich wieder einmal anzuhören, ihr würden die Manieren fehlen. Claudia war nämlich stark der Meinung, dass in diesem Haus der Mann fehlte, der schon in Alexis´ frühen Jahren geflüchtet war und sie mit ihrer Mutter allein gelassen hatte. Aber als sie näher darüber nachdachte, verblasste die Erinnerung immer mehr in ihrem Kopf. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, was sie gerade gedacht hatte.
Irritiert wischte sie den Gedanken mit einer Handbewegung weg, woraufhin Claudia sie nur anstarrte, als stünde eine Geistesgestörte vor ihr. Offenbar hatte es sehr seltsam ausgesehen.
»Heißt das, Mum ist mal wieder nicht da?«, fragte Alexis und versuchte, die Enttäuschung zu verbergen, die in ihr hochstieg.
Wie so oft spielte ihre Tante die Babysitterin. Dass ausgerechnet sie die Rolle übernehmen musste, empfand Alexis als Demütigung. Aber ihre Mutter hatte nun mal nicht genug Geld, um jemanden einstellen zu können. Sie arbeitete von früh bis spät im Büro, sodass Alexis und sie sich kaum sahen. Und eigentlich war Alexis mit sechzehn Jahren mittlerweile alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, zudem nun ihr Augenlicht zurückgekehrt war. Trotzdem kam Claudia, zu ihrer beider Leidwesen, immer noch herüber.
Sie spürte den durchdringenden Blick ihrer Tante auf sich.
»Na, wenn ich mir dich so ansehe, frage ich mich doch glatt, wieso sie sich lieber in der Arbeit versteckt, anstatt hier zu sein.«
Autsch. Das tut weh.
»Ich habe übrigens gebacken«, sprach Claudia weiter, als wäre nichts geschehen, »heute Abend ist ein Fest im Dorf. Ich gehe mit Ralf dorthin, kommst du mit?«
Alexis schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht hin, hab schon was vor.«
Claudia warf ihr einen perplexen Blick zu, doch im nächsten Moment erhellten die Züge von Erkenntnis ihr Gesicht, als hätte sie sich eben an etwas erinnert. Obwohl es dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen nichts Gutes sein konnte. Schließlich war ihr Mund zu einem Strich geworden.
Ohne Claudias Antwort abzuwarten, sprintete Alexis endgültig die Treppenstufen hoch und ließ ihre Tante zurück. Noch während sie die Treppe nahm, brüllte sie: »Ich bin Hausaufgaben machen!«
*
»Wow, das war echt … cool«, gab Alexis zu. Ihre Mundwinkel verzogen sich automatisch zu einem verunsicherten Lächeln.
Es war so ungewohnt gewesen, die Personen nicht zu fühlen, die auf der Leinwand miteinander sprachen. Sie hatte keine Ahnung von ihren Energien, hatte sich ganz auf ihre Augen verlassen müssen. Natürlich faszinierte sie diese Art, die Dinge wahrzunehmen, aber es ließ sie auch stutzen. Es war, als hätte man ihr für diese Zeit einen Sinn entzogen, der sich sonst überlebenswichtig angefühlt hatte.
Umso überraschter war sie, als plötzlich jemand Neues hinter ihr erschien. Wieso hatte sie das nicht vorher gespürt? Es war, als würde ihr außergewöhnlicher Sinn allmählich verschwinden. Und ein Teil von ihr sehnte ihn sich mit aller Kraft zurück, auch wenn das bedeuten könnte, die Sehkraft wieder aufgeben zu müssen. Schließlich war er erst in den Hintergrund gerückt, seit sie ihr Augenlicht bekommen hatte.
Langsam drehte sich Alexis um und erkannte den schwarzen Haarschopf wieder. »Milan, schon wieder du?«, fragte sie müde. »Lass mich in Ruhe, habe ich dir nicht gesagt ...«
»Du hättest keine Zeit? Ja, das hast du.« Die Sonne sank allmählich tiefer und tauchte seine Haut in ein zartes Orange. Die Hand hielt er sich über die Augen, damit diese mit Schatten bedeckt wurden. »Aber es ist wirklich wichtig. Ich habe nur ein paar Fragen.«
Alexis zögerte. Sie warf einen Blick auf ihre Freundinnen, die sich bereits kichernd zurückgezogen hatten.
»Bis morgen«, rief April und verschwand mit ihren beiden Begleiterinnen kurz darauf hinter dem großen Einkaufszentrum.
Na toll. Alexis rollte mit den Augen und wandte sich wieder Milan zu. Ein weiteres Mal fragte sie sich, woher sein Interesse kam, da sie ja kaum etwas miteinander zu tun hatten. Nach allem, was sie wusste (und das war nicht viel), waren sie grundverschieden.
Als sie nicht antwortete, redete er einfach weiter. »Seit wann kannst du wieder sehen?«
Alexis runzelte die Stirn. Darum ging es ihm? Versuchte er wie der Doktor, eine Erklärung für ihr Phänomen zu finden? »Das war Samstag. Vor zwei Tagen.«
Der Junge nickte und runzelte nachdenklich die Stirn. »Das ging schnell … Das ging echt schnell …«
»Was ging schnell?«, hakte Alexis nach, die sein Gemurmel neugierig machte.
Doch er schüttelte nur den Kopf, mittlerweile blass geworden. »Seit wann bist du in dieser Klasse, Alexis?«
Fast musste sie lachen. Wollte er sie auf den Arm nehmen? »Das weißt du doch, wir sind von Anfang an auf diese Schule gegangen, seit ...« Doch sie konnte nicht weitersprechen, die Erinnerung wollte erst nicht kommen. Dann fiel es ihr wieder ein. »Seit wir zehn sind. Und soweit ich weiß, hatten wir nie besonders viel miteinander zu tun. Was also willst du von mir?«
Milan schloss kurz die Augen und antwortete, obwohl seine Lippen sich kaum bewegten. »Du warst nie in dieser Klasse.« Er öffnete die Augen und als sie hineinsah, wusste sie, dass es die Wahrheit war. »Vor heute«.
Er drehte sich um und wollte gehen, doch Alexis packte ihn am Arm. »Was redest du da? Wie kommst du darauf?«
Wahrscheinlich versuchte er zu lächeln, jedenfalls zogen sich seine Mundwinkel leicht nach oben. »Weil du vor ein paar Tagen noch blind warst und nicht lesen konntest. Auf welche Schule bist du vorher wirklich gegangen, Alexis?«
Er sprach mit ihr, als würde er einem kleinen Kind das Offensichtliche erklären. Sie hatte kaum wahrgenommen, dass er sich ihrem Griff entzogen hatte und bereits in der Dunkelheit verschwand. Auf welche Schule ging ich? Sie kannte die Antwort. Natürlich kannte sie sie. Schließlich konnte sie die Blindenschrift lesen.
Etwas in ihr tauchte auf, doch sie konnte es nicht erfassen. Es war wie ein Stück von Papier, das vom Großen und Ganzen abgerissen worden war und selbst der eine Buchstabe, den man erkennen sollte, war unleserlich. Sie wollte nach diesem Fetzen greifen, doch er verschwand schon wieder in der Tiefe.
Fragen wirbelten in ihrem Kopf umher und ließen nicht locker. Wieso ging sie auf eine normale Schule mit Leuten, die sie schon ewig zu kennen glaubte? Wieso konnte sie lesen, wie jeder andere Mensch auch? Und die wichtigste Frage war wohl überhaupt: Warum verschwand ihre Gabe?
Aber etwas war ihr klargeworden: Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Vergangenheit wirklich aussah. Und sie würde nicht ruhen, ehe sie Antworten auf diese Fragen gefunden hatte.
Kapitel 3
Maya
»Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, so unwahrscheinlich sie auch ist.«
- Arthur Conan Doyle
»Eine andere Welt?« Maya stemmte die Hände in die Hüfte. »Klar doch, und ich bin die Kaiserin von China«, stieß sie hysterisch hervor.
Der Junge runzelte die Stirn. »Du siehst nicht aus wie eine Kaiserin.«
Fast hätte sie gelacht, aber als sie ihn genauer betrachtete, stellte sie fest, dass er ernsthaft verwundert war. »Das ist nur so 'ne Redewendung. Ihr müsst ganz schön weit weg von der normalen Zivilisation leben, sonst wüsstet ihr das.«
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Maya die beiden und hob den Finger. »Also, wo bin ich?«
Wieder antwortete der Junge, diesmal in einem leicht genervten Ton. »Das sagte ich schon, in Kaltru. Wir wissen nicht, wie du hier her gekommen bist …« Er wandte sich an Ercan, der ihn nicht so überzeugt ansah. »Außer sie ist ...«
»Außer ich bin was?« Maya sah zwischen den beiden Männern hin und her, bis Ercan schließlich ein leises Seufzen hören ließ und antwortete. »Er denkt, du bist die Weltenwanderin.«
Sollte ihr das jetzt etwas sagen? Zumindest ging keine Glühbirne in ihrem Kopf an.
Da fing Ercan – der Starke von beiden – an, zu erzählen. »Die Prophezeiung spricht davon, dass jemand mit der Bezeichnung Weltenwanderin in unsere Welt übergeht. Wir haben auf diese eine Person gewartet.« Kurz sammelte er sich, dann redete er weiter. »Es gibt die Erde und es gibt unsere Welt. Diese beiden Planeten sind Parallelwelten, die sich in den Landbeschaffenheiten gleichen, aber andere Bewohner beherbergen. Auf eurer Seite sind die Menschen, auf unserer … Na, das erfährst du noch früh genug.«
Er räusperte sich, bevor er weitersprach. »Jedenfalls steht in der Prophezeiung geschrieben, dass beide Planeten aufeinander zusteuern und durch einen Zusammenprall alles ausgelöscht wird. Die Weltenwanderin kann zwischen den beiden Welten wechseln und soll dies verhindern. Allerdings ...« Er sah zu den Sternen, als würden sie ihm wie Hoffnungslichter entgegenblinken. Dann senkte er seinen Blick wieder. »Allerdings sollte das schon geschehen sein, daher wurden einige von uns unruhig. Schlachtpläne werden entwickelt, wie man die Erde vernichten kann, bevor sie uns vernichtet.«
Auch Maya sah nun in den Himmel. Ein Teil von ihr war bestürzt über die Ereignisse und sagte ihr, dass sie vorsichtiger sein musste, um nicht in etwas Großes hineingezogen zu werden. Der andere Teil versuchte, alles zu verstehen, und kam zu einem Entschluss: Sie musste träumen. Das war die einzig logische Erklärung. Sie lobte leise ihre Fantasie für diesen Traum und beschloss, einfach mitzuspielen. Sie würde noch früh genug ihren nervigen Bruder, ihre gestresste Mutter und ihre Stifte wiedersehen. Sobald sie aufwachen würde. Diese Vorstellung ließ ihre ganze Anspannung von ihr abfallen und sorgte für einen klaren Kopf. »Wenn es stimmt, was ihr sagt … frage ich mich, warum sieht man die Erde nicht am Himmel? Oder einen anderen Planeten?«
Nun war es wieder der Junge, der antwortete. »Die Erde ist noch zu weit entfernt von unserer Welt. Sie kommt aber im rasenden Tempo näher und es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Spezialisten schätzen zwei Monate. Und da sich auch dir bekannte Planeten ein gutes Stück entfernt befinden, kann man diese ebenfalls nicht sehen. Wir haben unsere eigenen Planeten, die uns mit Licht und Energie versorgen.«
Irgendwie klingt es schon plausibel, dachte sich Maya. Aber irgendwie auch nicht, denn wieso sollten sich die zwei Planeten selbst ansteuern? Sie äußerte ihre Frage und Ercan zuckte zur Antwort mit den Schultern.
»Es sind Parallelwelten. Es wird vermutet, dass nicht zweimal das Gleiche existieren kann, und um diesem Widerspruch zu entkommen, versuchen die Welten, sich gegenseitig zu vernichten. Es kann auch sein, dass sie sich gegenseitig anziehen, wie zwei Magnete. Niemand weiß das so genau …«
Maya nickte. Das verstand sie, auch wenn sie noch nicht ahnte, welche Wahrheit dahintersteckte. Vor allem fragte sie sich, warum die beiden Bescheid wussten und auf der Erde noch nie jemand von all dem gehört hatte. Oder doch? Vielleicht wusste sie einfach nichts davon. »Und es gibt verschiedene Wesen in den Welten?«
All das schien ihr doch zu abstrus, als dass sie es richtig ernst nehmen konnte. Ercan knackte mit seinen Knöcheln und ließ ein dröhnendes Gähnen hören. »Ja, aber … das wirst du noch erfahren. Eins nach dem anderen.«
Enttäuschung machte sich in ihr breit. So ein interessanter Traum, und dann erfuhr sie noch nicht mal alles!
Ihre Augen suchten die Umgebung ab. Es sah hier wirklich wie in ihrer Heimat aus: Vor ihr erstreckte sich eine lange Straße, die sich in der Dunkelheit verlor. Die Häuser wirkten wie bleiche Fassaden und ließen nichts von ihrem Charakter durchscheinen. In diesem fahlen Straßenlicht schien alles unwirklich und als sie die beiden Männer wieder ansah, bemerkte sie die dunklen Ränder unter deren Augen. Tatsächlich wirkten sie erschöpft.
»So, nun, wo geht es als Nächstes hin? Wo kann ich schlafen?« Die Hemmungen hatte sie wohl in dem Moment verloren, in dem ihr klar geworden war, dass all dies nicht Realität sein konnte. Ernsthaft etwas passieren konnte ihr ja ohnehin nicht.
Der Junge warf Ercan einen vielsagenden Blick zu, der anscheinend weniger überzeugt von der unausgesprochenen Idee war.
»Nein«, Ercan schüttelte den Kopf. »Unter keinen Umständen!«
»Ach, bitte. Du weißt, was passiert, wenn sie ins Hauptquartier gelangt … Wir müssen sie verstecken, bevor er sie findet.«
»Und das bei mir?« Ercan schnaufte verächtlich. »Wir wissen noch nicht mal, ob sie es ist.«
Plötzlich befiel Maya eine Welle der Müdigkeit. Ihre Augen wurden schwer und die Unterhaltung entglitt ihr, die Worte verwirrten sie nur noch … Sie starrte vor sich hin und wartete nur noch auf einen Entschluss.
»Wieso nimmst du sie nicht mit zu dir?«
Maya hatte schon fast vergessen, wie hochnäsig der Junge sein konnte, als er zur Antwort ansetzte. »Ich nehme doch kein Menschenkind mit zu mir! Bah! Nein, bei dir ist sie sowieso viel sicherer. Und mein Zuhause wäre außerdem viel zu gut für sie.«
Ihr wurde bewusst, wie sehr sie fror. Ihre Kleider waren noch immer nass und die Kälte drang bis in ihre Knochen. Bibbernd schlang sie die Arme um sich und betete um ein warmes Bett. Sicher würde sie bald aufwachen, daran hielt sie fest.
»Nun gut, ich nehme sie zu mir. Aber du solltest aufpassen, was du sagst. Sie ist vielleicht unsere Rettung.«
Dankbar warf sie dem großen Mann einen Blick zu. Von dem Jungen, dessen Namen sie nicht wusste, Beleidigungen hinzunehmen, war nicht sehr angenehm. Auch wenn ihr die Worte in diesem schläfrigen Zustand weniger ausmachten als im wachen. Die beiden Freunde brummten noch eine Verabschiedung und dann trottete Maya schräg hinter dem großen Ercan her, der sie durch die stillen Straßen führte.
Maya durchbrach schließlich das Schweigen. »Du glaubst nicht daran, oder?«
Ihre Stimme war leise, und so war sie sich nicht sicher, ob er sie gehört hatte. Unverwandt ging er weiter, nicht einmal den Kopf drehte er zu ihr nach hinten.
Nach einer Weile antwortete er dann doch. »Woran soll ich nicht glauben?« Im Gegensatz zu Maya sprach Ercan laut und scharf, als traue er ihr nicht, obwohl er sie in diesem Moment zu sich nach Hause führte.
Maya musste sich räuspern, ehe sie antworten konnte. Sie hob ihre Stimme an. »Daran, dass ich diese Weltenwanderin bin, wie der Junge es vermutet hat.«
Die Schritte von Ercan wurden langsamer, doch er drehte sich nicht zu ihr um. »Sein Name ist Ian. Und nein, das glaube ich tatsächlich nicht.«
»Wieso?«, drängte Maya weiter, denn sie hoffte sehr, nicht diese Person sein zu müssen. So viel Verantwortung und Aufmerksamkeit? Darauf konnte sie verzichten. Zwei Welten vor ihrer Zerstörung zu retten, wie sollte das gehen? Aber warum war Ian dann so überzeugt davon gewesen? Ian. So hieß er also. Der vorlaute Bengel, der ihr mit seiner arroganten Art gehörig auf die Nerven ging, obwohl sie ihn erst kennengelernt hatte.
Noch während sie auf Ercans Antwort wartete, wurde ihr bewusst, dass sie es diesmal vergebens tun würde.
*
Etwas an Ercans Haus kam ihr seltsam vor, aber in dem schlaftrunkenen Zustand, in dem sie sich befand, wollte sie einfach nicht darauf kommen, was es war. Zumal sie in der Dunkelheit sowieso nicht alles erkennen konnte. Morgen, wenn es hell ist, werde ich mir alles genauer ansehen. Irgendwie gelangte sie wohl ins Innere des Hauses und ehe sie sich versah, fiel sie auf das gemachte Bett, das vermutlich in einem Gästezimmer stand. Sie spürte bereits, wie ihre Augen zufielen, versuchte jedoch mit aller Kraft, wach zu bleiben. Dabei war ihr so schön warm und die Tatsache, dass sie sich in einem fremden Bett befand, störte das Gefühl der Geborgenheit kaum. Sie war so dankbar, sich nun endlich ausruhen zu können, dass sie kaum merkte, wie sie weiter abdriftete. In der festen Absicht alle Erinnerungen auch nach dem Aufwachen zu behalten, versuchte sie, die Geschehnisse dieses Tages durchzugehen, angefangen bei dem See …
Aber es war zu spät und so fiel sie in einen leichten Schlaf, der bald unterbrochen werden sollte.
Geweckt wurde sie von einem lauten Gong, der in jedem Winkel des Hauses widerhallte. Steif blieb sie liegen, da sie dieses ungewohnte Geräusch nicht einzuordnen vermochte, aber als eine Tür aufgemacht wurde, erkannte sie, dass es die Klingel gewesen sein musste, und entspannte sich.
»Du bist aber spät dran«, erkannte Maya Ercans Stimme wieder, dann kam eine zweite, tiefere dazu, die sanfter und leiser klang.
»Entschuldige. Es wird immer riskanter, hierher zu kommen ...«
Maya hörte, wie nun auch Ercan seine Stimme senkte. »Nebenan ist ein Mädchen, das plötzlich in dieser Welt aufgetaucht ist … Ian hält sie für die Weltenwanderin.«
Eine kurze Stille trat ein. Dann ein dumpfer Aufschlag. Jemand musste etwas abgestellt haben.
»Erzähl mir im Wohnzimmer mehr davon. Weiß sie, was wir sind?«
Seine Stimme klang besorgt und sie musste sich anstrengen, um sie überhaupt noch hören zu können.
»Nein … Und besser, sie erfährt es nicht.«
Die Schritte entfernten sich, eine Tür schlug zu und Maya war wacher denn je.
*
Es war ihr irgendwann gelungen, wieder einzuschlafen, allerdings hatte es einige Zeit gedauert. Viel geruht hatte sie also nicht.
Das Licht traf ihre Augen völlig unvorbereitet, sodass sie sich reflexartig eine Hand vor die Stirn hielt. Die Sonne schien hell durch ein riesiges, blitzsauberes Fenster. Als sie sich umdrehte, nahm sie das riesige blaue Himmelbett wahr, auf dem sie geschlafen hatte. Was für ein Gästezimmer! Tatsächlich war alles sehr schön eingerichtet. Gelbe und rote Blumen, deren Namen Maya nicht kannte, standen in allen Ecken des Zimmers. Der dunkelbraune Boden glänzte und die silberne Lampe, die einem kleinen Kronleuchter glich, ließ zarte Farbenspiele auf Boden und Wänden entstehen. Doch außer diesen Dingen war nichts in dem Raum, nur das Bett nahm einen großen Teil der freien Fläche ein.
Maya wollte gerade näher an das Fenster herantreten, eine Hand auf den Mund gelegt, um ein Gähnen zu unterdrücken, als es sachte an der Tür klopfte. Schnell setzte sie sich auf die äußerste Kante des Bettes, in der Erwartung, den grimmigen Ercan wieder zu sehen.
»Herein«, sagte Maya und ihre Stimme klang viel zu hoch in ihren Ohren.
Daraufhin öffnete sich langsam die Tür. Der Anblick überraschte sie. Ein Mann von dunkler Hautfarbe streckte sein schmales Gesicht durch den Spalt. Seine dunklen Augen schimmerten neugierig. »Entschuldige die Störung.«
Da, sie kannte die Stimme … Die Stimme von gestern Abend? Das musste Ercans Mitbewohner sein. Maya erwiderte nichts und der Mann wartete unschlüssig, bis er zu ihr hinein huschte. Er sah so anders aus als Ercan. Seine schokoladenbraune Haut hatte etwas Warmes an sich, das gut zu seinen ebenso braunen Augen passte. Die Haare jedoch waren blond gefärbt und hingen in Rastazöpfen seinen Rücken herunter. Und während Ercan mit seiner stämmigen Figur mächtig Eindruck machte, verlieh die schmale Gestalt dieses Mannes ihm etwas Erhabenes, tatsächlich wirkte er auch einen halben Kopf größer als Ercan.
Doch Maya versuchte, sich von diesem eindrucksvollen Anblick nicht irritieren zu lassen. Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Nur weil er sympathisch schien, hieß das nicht, dass sie ihm sofort vertraute. »Wer bist du? Und wo ist Ercan?«
»Ich heiße Livian. Und Ercan ist auf der Arbeit. Ich könnte dich herumführen, wenn du magst ...« Seine Stimme wurde leiser, als er sah, wie Maya zurückzuckte.
»Warum bist du auf einmal so ängstlich? Ercan hat mir erzählt, dass du auf ihn ganz anders gewirkt hast. Eher … entschlossen.«
Maya war sich fast sicher, dass er ein anderes Wort im Sinn gehabt hatte, aber seine Worte führten zum gewünschten Effekt. Sie gab ihre verteidigende Haltung auf und stand langsam auf. »Es ist noch alles sehr neu für mich«, erklärte Maya. Und du verunsicherst mich, wollte sie noch hinzufügen, ließ es aber. Er schien so anders zu sein als Ercan und Ian, die ihr eher feindselig gegenübergestanden hatten. Was wollte Livian erreichen?
Sie seufzte leise und deutete auf die Tür. »Gut, ein Rundgang wäre nett. Und ein paar Auskünfte vielleicht?«
Livian zwinkerte ihr zu, bevor seine schmale Hand die Tür aufschob.
Zuerst wollte er ihr das Äußere des Hauses zeigen. Es sei wichtig für das Verständnis, wie sie lebten. Dort, wo kein Sonnenlicht war, kam ihr alles sehr kühl vor. Schließlich gingen sie hinaus und Maya fand sich in einer Art … Burghof wider. Vor ihr stand ein steinalter Brunnen, der von Efeu überwuchert wurde und vermutlich gar nicht mehr zu verwenden war. Stirnrunzelnd schaute sie hoch. Wie nobel und modern doch alles gewirkt hatte und nun, da sie draußen war, war alles wie im Mittelalter? Maya schmunzelte. Das hatte etwas.
»Warte.« Livian hielt sie sanft am Ärmel fest, als sie sich aus dem Hof hinausbewegen wollte, um die Burg von vorne zu sehen. »Warte bitte kurz hier.«
Als er sich umdrehte, bemerkte sie, dass sein langer Zopf nur von einem dünnen Band gehalten wurde, und fragte sich, wie lang es wohl halten würde.
Livian schien ihr sympathisch, trotzdem wäre das jetzt ihre Gelegenheit, sich auf eigene Faust loszumachen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie auf keinen Fall in einem Traum gefangen sein konnte. Das hier war wirklich. Echt. Träume konnten nicht so lange dauern. Sie hatte hier bereits zu viel Zeit verbracht.
Während die Wahrheit zu ihr durchdrang, lehnte sie sich an den defekten Brunnen. Die Sonnenstrahlen küssten sachte ihre Haut, als wollten sie sie beruhigen. Tatsächlich hätte es ein schöner Tag sein können, aber in ihr begann es zu toben. Ein Wirbel aus Emotionen, die ihr zuschrien, wegzulaufen, nach Hause zu kommen. Verzweiflung nagte an ihr. Es kostete sie all ihre Kraft, sich von ihr nicht auffressen zu lassen. Sie musste einige Male tief durchatmen. Das hier mochte real sein, aber das bedeutete nicht, dass sie für immer hier festsaß. Niemand durfte erfahren, wie schwach sie war, also baute sie erneut eine Mauer um sich herum.
Livian kehrte zurück. Er trug etwas Schwarzes auf seinen Händen.
»Was ist das?«, fragte Maya und betete, dass man ihr die Panik nicht ansah, die in ihr herrschte.
Doch Livian antwortete nicht, stattdessen breitete er das große Stück Stoff aus und legte es ihr über die Schultern. »Schieb die Kapuze nach oben, Chérie. Dann wird dich niemand erkennen.«
Maya tat wie geheißen und zum ersten Mal an diesem Tag schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Einen kleinen Moment lang vergaß sie ihre Angst. »Damit sehe ich ja aus wie ein Dementor.«
Livian runzelte die Stirn. »Bitte, was?«
Aber Maya schüttelte nur den Kopf. »Eine Figur in einem Buch … Ist nicht weiter wichtig.«
Sie gingen auf die Brücke, von wo aus Maya die Burg bewundern konnte. Tatsächlich erinnerten die Zinnen an Hexenhüte, der Stein jedoch war schmutzig und abgenutzt. Nun war es Livian, der ein Seufzen hören ließ.
»Ercan bemängelt immer meinen Hang zur Unordnung. Er meint, ich sollte mal alles putzen, aber darauf habe ich wirklich keine Lust. Und so sieht alles viel echter aus, nicht wahr? Wie früher. Dafür hält Ercan drinnen alles blitzblank, was mich, offen gestanden, manchmal fast wahnsinnig macht …«
Sie wischte nachdenklich ihre schweißnassen Hände an ihrer Jeans ab. »Ich habe euch gestern Nacht reden gehört«, sagte sie vorsichtig. »Ihr wollt nicht, dass ich erfahre, was ihr seid.«
Es war eine Feststellung, keine Frage und Maya spürte, wie Livian sich anspannte, wohl ohne es zu merken, denn er fragte höflich: »Ach wirklich?«
»Ja«, erwiderte Maya selbstsicher. »Aber ich muss euch enttäuschen, ich habe es schon von Anfang an vermutet. Aber keine Sorge, euer Geheimnis ist bei mir sicher.« Sie lächelte Livian aufmunternd zu, denn seine Miene schien so besorgt.
Mit einem Mal fiel seine Anspannung ab. »Das ist ja wunderbar! Keine Geheimnisse mehr, einverstanden, kleines Mädchen. So clever von dir ...«
Doch seine Lobrede wurde unterbrochen von einem lauten Gebrüll, das von dem dichten Gestein widerhallte, als hätte die Burg selbst gebrüllt. Da Maya aufgrund der Kapuze nichts im Augenwinkel wahrnehmen konnte, wollte sie sich gerade zur Seite drehen, um herauszufinden, woher das Brüllen stammte.
Doch es war zu spät. Ein Monstrum fegte sie um, ein erstickter Schrei entwich ihrer Kehle. Krallen wollten sich in ihre Brust bohren, Haare, nein, Fell bedeckte ihr Gesicht. Sie riss die Augen auf, erkannte die Mähne eines Löwen, der halb auf ihr lag, und nach einem weiteren Brüllen kamen seine Fangzähne näher, bald würde er ihr Genick durchbeißen …
Doch plötzlich wurde der Druck weniger und Maya rang nach Atem. Das Tier hatte direkt auf ihren Lungen gelastet.
»Was zum Licht machst du mit diesem armen Ding?« Maya blinzelte und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie es wagte, sich hinzusetzen. Doch wo sich der Löwe befunden hatte … war nun Ercan.
»Was ich mache? Ich dachte, einer von der Regierung wäre hier, der Umhang hat darauf hingedeutet! Ich dachte, sie wollen dich verhaften!«
»Mich verhaften?« Livian schüttelte den Kopf. »Und dann hättest du den vermeintlichen Gestaltwandler einfach umgebracht, der mit mir geredet hätte? Ich bin enttäuscht von dir!«
Ercan riss entsetzt die Augen auf, er schien mit sich zu ringen. »Warum sagst du das vor ihr? Sie sollte doch nicht wissen, was wir sind!«
»Tja, dank deinem Auftritt weiß sie das sowieso. Und nebenbei bemerkt wusste sie schon, was wir sind. Sie hat es mir gerade gesagt, als du auf sie draufspringen musstest!«
Maya schwirrte der Kopf. Mittlerweile hatte sie sich erhoben, wenn sie sich auch mit der einen Hand den Bauch hielt und mit der anderen das Gewirr aus Haaren durchkämmte. Sie musste wie eine Irre aussehen.
»Also«, meldete sie sich krächzend zu Wort, »eigentlich habe ich damit etwas Anderes gemeint.«
Beide Männer fixierten sie. Jetzt, wo sie nebeneinanderstanden, fiel der Gegensatz zwischen ihnen noch mehr auf. Der eine hell, der andere dunkel, der eine kräftig, der andere zart.
Aber in diesem Augenblick sahen die Beiden sie so zornig an, dass sie einmal schlucken musste, bevor sie fortfahren konnte. »Ich meinte … eigentlich eure … ähm … Beziehung. Es liegt doch auf der Hand, dass ihr beiden ein Pärchen seid. Dass du dich in einen Löwen verwandeln kannst … Nein, sowas habe ich nicht erwartet.«
Und es stimmte. Schließlich war Livian mitten in der Nacht erschienen und wohnte offenbar auch hier. Sonst hätte er sie niemals rumgeführt und ihr von Ercan erzählt. Außerdem schienen ihr die zwei Männer so gegensätzlich zu sein, dass sie perfekt zusammenpassen würden. Hatten sie wirklich gedacht, Maya würde keine Vermutungen anstellen?
Ercan und Livian sahen sich verblüfft an, aber der Zorn war offenbar noch nicht verraucht.
»Ich weiß nicht, was euer Problem ist. Aber ich lasse euch jetzt allein, bevor mich nochmal jemand von euch zu Boden haut.«
Sie machte auf dem Absatz kehrt, als Ercans eisige Stimme zu ihr hinüber wehte. »Es hatte einen Grund, dass Livian deine Gestalt verdeckt hat, Mädchen.«
Abrupt blieb sie stehen, ehe sie ihre Hände zu Fäusten ballte. »Und zwar?«
»Ganz einfach: es darf dich niemand sehen! Wir alle wissen in dieser Stadt voneinander, dich jedoch kennt keiner. Du würdest Aufsehen erregen. Und unsere Regierung wäre nicht so erfreut, wenn sie feststellen müsste, dass die Weltenwanderin hier herummarschiert.«
»Ich dachte, du glaubst nicht daran, dass ich es bin?«
»Es ist aber nicht ausgeschlossen.«
Maya drehte sich langsam zu den beiden Männern um. »Ich dachte, diese Wanderin würde euch Frieden bringen, indem sie die Welten vor einer Kollision bewahrt?«
Ercan nickte steif. »Das stimmt. Aber … es ist kompliziert. Manche von uns suchen nur nach einem Grund, um die Menschen auszulöschen. Wenn wir sie zuerst zerstören, wie können wir dann vernichtet werden? Und … es gibt noch jemanden, dem du nicht in die Hände fallen solltest.«
Als Maya nichts sagte, meldete sich Livian mit seiner ruhigen Stimme zu Wort. »Egal, was du uns glaubst oder nicht, du bist bei uns im Moment sicherer als irgendwo anders.«
»Nein, das glaube ich nicht.« Ihr wurde auf einmal kalt ums Herz. »Zuhause wäre ich am sichersten.«
Da tauchten Bilder in ihrem Kopf auf. Bilder von ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder, wie sie gemeinsam am Esstisch saßen. Wie sie Leo durchkitzelte, weil er eine Wette verloren hatte. Sie dachte an die Leinwände, die sie noch mit Farbe beklecksen wollte. Und sie dachte an ihre Freunde in der Schule, die jetzt viel weiter weg waren als je zuvor.
Als könnte es etwas bewirken, legte sie die Arme um sich. Doch dies war eine andere Kälte. Sie kam von innen.
Ercan wollte etwas erwidern, doch Livian hielt ihn zurück. »Ich glaube nicht, dass du einfach so wieder zurückkannst. Deine Fähigkeiten sind noch nicht ausgereift.«
»Und ich bezweifle, dass du überhaupt weißt, wie du hierhergekommen bist«, fügte Ercan hinzu, worauf Livian ihm einen Stoß mit dem Ellbogen verpasste.
»Ist doch wahr, schau sie dir an! Sie weiß gar nichts über uns! Schön, sie hat gemerkt, dass wir zusammen sind – ich möchte dir auch raten, das für dich zu behalten, Mädchen! Aber sie weiß rein gar nichts über unsere Rasse, über die Gefahren hier … Sie weiß noch nicht mal, ob und welche Fähigkeiten sie hat.«
Wie durch einen Schleier nahm sie die Umgebung um sich herum wahr. »Ich dachte, ich weiß, wer ich bin«, sagte sie mit brüchiger Stimme und verstummte dann. Sie wollte nicht schwach wirken. Nicht vor Leuten, die sie kaum kannte.
Sie räusperte sich. »Wenn mich hier noch einmal irgendwer Mädchen oder Kleines nennt, setzt es was. Ihr könnt mir alles zeigen, was ich wissen muss. Und wenn ich hier nicht hergehöre, wovon ich überzeugt bin, werde ich schon bald verschwunden sein.« Das hoffe ich jedenfalls.
»Komm, Maya.« Livian streckte eine Hand nach ihr aus und Maya machte einen Schritt und ergriff sie. »Du hast bestimmt Hunger. Es war ganz schön viel auf einmal für diesen Morgen.« Widerwillig ließ sie sich wieder hineinführen.
Kapitel 4
Alexis
Wenn man etwas anstarrt, dann meist aus Bewunderung oder Staunen. Manchmal ist es auch aus Verliebtheit oder Nachdenklichkeit.
Aber bei Alexis war es mehr als Nachdenklichkeit, und die Decke war auch nicht sonderlich bewundernswert. Seit Stunden lag sie wach in ihrem Bett und konnte nicht schlafen. Schließlich hatte sie das Licht angemacht und die weiße Zimmerdecke angestarrt, die immer noch genauso aussah wie vor drei Stunden. Auf die Decke jedoch kam es nicht an, vielmehr darauf, dass sie einfach keine Lösung finden konnte.
Es waren Milans Worte, die ihr durch den Kopf gingen. Wieder und wieder. Und obwohl es so unlogisch klang, waren es wahre Worte. Wie konnte es sein, dass sie urplötzlich in eine neue Klasse ging, obwohl sie sich an die vergangene Zeit erinnerte? Warum sah sie plötzlich wieder und warum wusste Milan mehr als sie, die ja wohl eher betroffen war als er?
Es ergab alles keinen Sinn und sie musste sich eingestehen, dass sie Milan treffen und mit ihm reden musste. Nach dem Kinobesuch war er so schnell weg gewesen, dabei schien er doch Antworten zu haben … Die Veränderungen machten Alexis Angst. Sie vertraute nun viel öfter auf ihre Sehkraft als auf ihren sechsten Sinn. Aber wenn es stimmte, dass Milan mehr über sie wusste, dann würde sie morgen alles erfahren … Alles …
*
»Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich fasse es nicht!« Alexis rieb sich die brennenden Augen.
»Hey, was hast du? Schon die ganzen Englischstunden warst du so aufgedreht und neben der Spur. Normalerweise liebst du das Fach doch?« Ihre Freundin klang mehr als besorgt.
Aber Alexis schüttelte den Kopf. »Milan ist nicht da.«
»Ja, und? Stehst du auf einmal auf diesen Idioten, oder was ist los?«
»Nein, ich … kann es schlecht erklären. Ich brauche Antworten von ihm. Das lässt mich die ganze Zeit nicht los, ich konnte kaum schlafen, weil ich einfach nicht mehr weiß, wer ...« Sie sah Aprils misstrauische Miene und schluckte einmal.
»Sprich ruhig weiter.«
In diesem Moment kamen ihr Aprils stachelartige Haare wie Dolche vor, die nur darauf warteten, ihren wunden Punkt zu treffen. »Ehm … Ach, ist nicht so wichtig, er hat nur … vergessen, mir was zu sagen.«
Aprils gerunzelte Stirn sagte alles: Sie glaubte ihr nicht.
»Okay. Ich glaube, es stimmt etwas nicht mit mir. Ich kann wieder sehen, toll, aber dafür verliere ich meine … Intuition.« Ein besseres Wort wollte ihr in diesem Moment einfach nicht einfallen. »Weißt du, ich glaube, etwas stimmt mit meinem Kopf nicht. Aber das geht bestimmt vorbei«, murmelte sie und klang dabei weniger überzeugend als erhofft.
April musste sich etwas auf die Zehenspitzen stellen, um an Alexis' Haare zu kommen, damit sie sie liebevoll verwuscheln konnte. »Kleine Identitätskrise, hm? Dann hoffe ich mal, dass der Idiot bald aufkreuzt und dir nicht noch mehr schlaflose Nächte bereitet. Und dass da oben nicht alles bei dir stimmt, wusste ich ja schon vorher.«
Aprils freches Grinsen erwiderte Alexis mit einem dankbaren Lächeln, ehe sie versuchte, sich auf die nächsten Unterrichtsstunden einzustellen. Andere Gedanken würden ihr guttun.
*
Tatsächlich fiel sie recht geschafft in ihr Bett. Sie hörte noch die gedämpften Stimmen ihrer Mutter Angelika und einem Mann. Wieder ein Neuer, dachte sie sich noch und schlief binnen Sekunden ein.
Sie spürte, wie sie sanft durch eine Wand glitt und fand sich in einer großen, weißen Halle wieder. Noch nie hatte sie so ein sauberes Zimmer gesehen: Wirklich kein einziger Fleck schien an den Wänden zu lauern. Und noch etwas war eigenartig: Es existierten weder Türen noch Fenster, weder Pflanzen noch Schränke, weder Betten noch Stühle … Der Raum schien leer und war es zugleich überhaupt nicht. Er schimmerte wie der Mondschein und doch strahlte er wie die Sonne. Obgleich sich keine Gegenstände in ihm befanden, schien Magie in ihm zu wirken.
Sobald sie den Raum betrat, fühlte sie sich gut. Es war ihr so wohlig warm, alles war so rein und vertraut. Sie hätte sich keinen Ort vorstellen mögen, an dem sie jetzt lieber gewesen wäre. Sie war zufrieden mit Allem: Zufrieden mit sich, mit den Menschen und mit der Welt, und hätte sie jemanden getroffen, sie hätte ihm eine Umarmung geschenkt und ihm keinen Wunsch abgeschlagen. Es war, als existierte ein Feuer in ihr, das beständig war und so viel Wärme und Liebe mit sich brachte, dass es für ganze Galaxien reichen würde. Es war also verständlich, dass sie dieses Feuer einfangen wollte. Vielleicht hätte sie das nicht tun sollen, vielleicht wäre es dann anders gekommen … Aber in dem Augenblick, in dem sie es versuchte, entwich es aus ihren Fingern. Als hätte jemand einen Eimer schwarzer Farbe genommen und ihn über ihr ausgekippt, färbte sich der Raum plötzlich dunkel. Das Feuer erlosch, der Friede mit ihm und weg war die Ruhe, die sich doch so angenehm angefühlt hatte …
Jetzt fror Alexis, sie zitterte am ganzen Körper und verspürte eine solche Angst … Eine Angst vor der Dunkelheit, wie nur Kinder sie haben. Der Raum musste sich verformt haben, denn ein gutes Stück entfernt konnte sie ein kleines Licht ausmachen. Als sie bibbernd nähertrat, wurde ihr klar, dass der Raum zu einem Tunnel geworden war.
Unsicher hielt sie sich an seinen Rändern fest, um hindurch zu gelangen. Sie steuerte das Licht an, das ihr hoffentlich das schöne Gefühl zurückbringen würde … Mit ihren schweißnassen Händen fuhr sie den Stoff hinunter, der ihren Körper umhüllte. Sie spürte eine Lähmung, es war, als komme sie nicht voran …
Irgendwann war sie so weit gekommen, dass sie Genaueres sehen konnte. Sie erkannte eine vage Gestalt vor dem Licht, breit gebaut und mit starkem Buckel. Ihr Haar glänzte, jedoch nicht vor Schönheit, sondern weil es fettig war. Fettig und hässlich, und trotzdem so lang, dass es ihr den ganzen Rücken hinunterreichte und beinahe mit dem dunklen Umhang verschmolz.
Alexis vermutete, dass die Gestalt sie nicht wahrnehmen konnte, ansonsten hätte sie sich schon längst umgedreht. Aber sie blieb still und kam näher, während sie erkannte, was die Gestalt verdeckte.
Da war kein eigentliches Licht. Es war eine Person, von der das Licht ausging. Sie lag, ähnlich einer Leiche, auf einem schmalen Bett, während das Licht sie umhüllte, oder viel mehr aus ihr heraussickerte.
Vorsichtig trat Alexis an der buckeligen Frau vorbei zum Fußende des Bettes. Sie betrachtete das weiße Tuch, das auf der lichtbenetzten Person ausgebreitet worden war, als wäre ihre Seele bereits im Jenseits.
Alexis musterte die schmale, an den Hüften leicht gerundete Statur, die schlanken Finger, die langen schwarzen Haare … Immer heftiger schlug ihr Herz. Wo war denn auf einmal die Luft hin? Warum konnte sie nicht mehr normal atmen? Alexis starrte auf das bleiche Gesicht, die dichten Wimpern und geschlossenen Lider … und hätte am liebsten laut aufgeschrien. Sie hielt sich zurück und presste eine Hand auf den Mund, so geschockt war sie.
Vor ihr lag … sie selbst. Niemand anders. Sah sie hier ihren eigenen Tod? Sie merkte erst, dass sie zurückgewichen war, als ihr die Entfernung zu der buckeligen Gestalt auffiel. Alexis konnte nicht fassen, dass ihr Körper neben einer schwarzen Hexe lag, während sie selbst kaum mehr als ein Zuschauer war. Das Gesicht der düsteren Gestalt drehte sich in jenem Moment zu ihr, als wollte sie ihr beweisen, dass sie die wache Alexis sehr wohl bemerkt hatte. Gelbe Schlitzaugen ließen ihr einen Schauer über den Rücken laufen.
Die Frau in dem schwarzen Umhang fing an zu murmeln … Alexis versuchte zu entschlüsseln, was sie sagte, obwohl sie es am liebsten nicht wissen wollte.
»Bald ...«, sprach die hexenartige Gestalt, »bald bist du mein … Bald wirst du nicht mehr geschützt sein!«
Als stellten sich tausend Nadeln auf, waren auf einmal Alexis' Arme mit einer Gänsehaut übersät.
Es waren die gelben Augen und das höhnische Grinsen, das sie als letztes sah, bevor sie aufwachte.
*
»Du siehst irgendwie so gar nicht gut aus.«
Alexis warf ihrer besten Freundin einen vielsagenden Blick zu. »Vielen Dank.« Etwas zu laut stellte sie ihren Kaffeebecher ab, bevor sie den Kopf auf den Tisch aufschlagen ließ.
»Willst du nicht doch etwas von mir mitessen?« Besorgnis lag in Aprils Stimme.
Das hatte ihr jetzt noch gefehlt. »Nein, wirklich. Ich … danke, ich weiß, dass du es lieb meinst.«
Als sie den Kopf hob, musterte ihre beste Freundin sie von Kopf bis Fuß. An ihrem Hals blieb sie mit ihrem Blick ein wenig länger hängen, wo sich, wie Alexis heute früh festgestellt hatte, rote Flecken gebildet hatten.
April biss sich auf die Lippe, sichtlich beunruhigt. »Hast du schon wieder nicht schlafen können?«
Es dauerte einen Moment, bis die Worte zu Alexis durchdrangen. Fahrig strich sie durch die dichten Haarsträhnen hindurch. »Hm? Ehm, nein. Diesmal habe ich einfach schlecht geträumt und konnte nicht wieder einschlafen.« Oder wollte es nicht.
»Weißt du, es könnte helfen, wenn du eine Nacht bei mir übernachtest. Das haben wir doch schon ewig nicht gemacht! Und oft spiegeln Träume unsere Ängste wider, oder das, was uns beschäftigt.«
Zwar hörte sich Aprils Vorschlag nicht schlecht an, aber ihr letzter Satz war genau das, was Alexis nicht hören wollte. Trotzdem ließ sie sie einfach weiterreden.
»Wovon genau hast du denn geträumt?«
»Ich … war an einem schrecklichen Ort, zumindest kam er mir so vor … Und dann habe ich meine Leiche gesehen und eine komische Hexe, die vor diesem toten Ich gebeugt stand und geredet hat … Irgendwas von wegen, dass ich bald ihr gehören werde oder so ...«
»Die eigene Leiche zu sehen ist natürlich gruselig«, erwiderte April nachdenklich und fasste sich an ihren blauen Ohrring, »aber so schlimm klingt es nun auch nicht.«
Alexis nickte langsam. »Ja, wenn man es so sagt … Aber ich hatte so eine Angst, April. Es war mehr das Gefühl, das mich nicht mehr schlafen ließ. Es war so … real, ich kann es kaum beschreiben.«
April strich sachte über Alexis´ Hand und lächelte aufmunternd. »Lexi, wenn du bei mir bist, bringe ich dich auf andere Gedanken. Und auf keinen Fall wirst du mit Angst im Bauch einschlafen oder aufwachen, dafür sorge ich! Außer, ich packe die Spinnen aus dem Keller, die brauchen mal ein bisschen Gesellschaft ...«
Als sie Alexis' Gesicht sah, prustete sie los. »Du müsstest dich mal sehen! Keine Sorge, ich lasse sie schon da, wo sie sind.«
Auch Alexis musste schmunzeln, obwohl sie es nicht annähernd so lustig fand wie April, die immer noch laut lachte. Sie hatte eine Heidenangst vor Spinnen, seitdem ihr Vater es für eine gute Idee gehalten hatte, seinem Kind die Angst zu nehmen, indem er ihr eine Vogelspinne die Hand gesetzt hatte, die daraufhin in ihren Ärmel gekrabbelt war. Nie wieder!, hatte sie sich damals geschworen! Aber als sie näher darüber nachdachte … war das nie passiert. Sie hatte nie eine Vogelspinne mit ihren eigenen Augen gesehen. Sie hatte noch nie bei April übernachtet. Und wo ihr Vater war, das wusste sie auch nicht. Was war nur mit ihr geschehen?
*
Der lange Pferdeschwanz wippte von links nach rechts und wieder zurück, immer wieder, während Alexis die Straßen entlang schlenderte. Sie konnte das vertraute Ziehen an ihrem Hinterkopf spüren.
Sie war auf dem Weg zu April und hatte sich geschworen, nicht mehr weiter darüber nachzudenken, was sie wusste oder was sie nicht wusste. Was sie nicht wusste, war im Moment nämlich um einiges mehr, als sie es für möglich gehalten hätte.
Die laue Brise strich ihr über das Gesicht und verursachte ein leichtes Gefühl der Schläfrigkeit. Auf dem Rücken konnte Alexis ihren robusten Rucksack spüren, der mit den Schulsachen für morgen gepackt war, sodass sie gleich morgen früh mit April zur Schule gehen konnte, ohne noch einmal nach Hause gehen zu müssen. Sie hoffte inständig, dass ihre Freundin recht hatte und sie bei ihr besser schlafen würde.
Das Gesicht der komischen Hexe mit den gelben Augen hatte sie noch gut in Erinnerung, aber immerhin verblasste allmählich Milans Gesicht in ihren Gedanken. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, ob sie jemals verliebt gewesen war. Und sie wusste, dass sie sicher nicht in Milan verliebt war, obwohl sie oft gehört hatte, dass, wenn man oft an jemanden denkt, man automatisch große Gefühle für denjenigen entwickelt. Alexis hielt das für Unsinn und überhaupt zog sie sich gerne vor Leuten zurück, die sie nicht kannte.
Sie fragte sich, ob die zwei Schüler, die verschwunden waren, genauso gewesen waren. Bestimmt hatten sie Leute, die sich um sie sorgten. Freunde, Familie. Vielleicht besaßen sie auch Haustiere, die jeden Abend auf sie warteten, und das vergeblich. Mit diesen Gedanken stieg Alexis die Stufen aus Stein empor und klingelte an dem Schild, auf dem in geschnörkelter Schreibschrift der Name Scott prangte.
April hatte ihr schon erzählt, dass manche Briefe nicht angekommen waren und dass das bestimmt an der unordentlichen Schrift ihrer Mutter lag. Susan, die Chaotin, wie ihre Tochter sie oft nannte.
Bereits in dem Moment, da sie den Gong im Flur des Hauses widerhallen hörte, erklang ein Bellen, das innerhalb von zwei Sekunden immens laut wurde. Als sich die Tür öffnete, stürmte der Hund sofort auf Alexis zu.
»Billy, zurück! Billy! Tut mir leid, Lexi ...«
Der Hund hatte sie bereits umrundet, war an ihr hochgesprungen und hatte ihre Hand abgeschleckt, die sie belustigt zurückzog.
»Ja, mein Guter, ich liebe dich ja auch«, sagte Alexis an den Hund gewandt, streichelte ihn kurz und blickte dann auf. »Kein Problem, Susan. Wo ist April?«
»Bin schon da!«, hörte sie eine Stimme rufen und dann schob sich April vorbei an ihrer Mutter, um Alexis eine kräftige Umarmung zu verpassen. Die mit Haarspray gestylten Haare trafen auf ihre Wange und kitzelten sie leicht.
Alexis schielte vorbei zu Susan. Sie hatte ihre Freundin einmal gefragt, warum sie ihre Haare nicht so schön lang werden ließ wie ihre Mutter. Diese hatte geantwortet, dass sie es genau aus einem Grund nicht tat: Sie würde haargenau so aussehen wie sie. Tatsächlich ähnelten die beiden sich sehr stark, sie hatten eine schmale Statur, feuerrotes Haar, trugen gerne enganliegende Sachen und hatten einen Hang zum Chaos, oder wie April sagte, zur künstlerisch ungeordneten Kreativität. Der einzige weitere Unterschied bestand darin, dass April viel kleiner war als ihre Mutter. Ob sie mit ihren 15 Jahren noch wachsen würde? Vielleicht, vielleicht nicht.
»Und jetzt muss ich entscheiden, welche Begrüßung mir besser gefallen hat? April, dein Hund macht dir Konkurrenz«, meinte Alexis lachend, während sie die Wohnung betrat.
Der Hund quetschte sich an ihr vorbei und sprintete nach vorne, aber Susan und April kamen ihr gemächlich hinterher.
»Untersteh dich! Meine Begrüßung war um Längen besser! Weißt du auch warum? Weil ich es war, die dich begrüßt hat!«
Alexis grinste nur als Antwort und trat in Aprils buntes Zimmer, das, wie es sich vermuten ließ, in vollkommener Unordnung war.
»Ich habe für dich aufgeräumt!«, verkündete April lachend und ironisch, als sie Alexis' Blick sah.
»Mhm, Mann, bin ich froh drum. Der Boden ist so frei und schau, wo man sich überall hinsetzen kann! Auf deinem Schrank ist glaube ich noch Platz.« Mit diesen Worten schaufelte sie ein paar Anziehsachen beiseite, ehe sie sich auf das Bett setzte und den Rucksack auf den Boden gleiten ließ.
»Ich weiß doch, dass du das hier vermisst hast.«
Nachdenklich nickte Alexis. »Das habe ich wirklich.«
April hatte sich inzwischen neben sie gesetzt. Ihre Haut schimmerte kontrastreich in einem gesunden Braun, während Alexis' Haut immer kränklich blass wirkte.
»Und, was machen wir heute?« Alexis warf April einen fragenden Blick zu.
Das helle Licht der Zimmerlampen ließ Aprils Stacheln aufblitzen. Tatsächlich war es bereits später Abend.
»Wir gucken etwas, Watson. Auf, rein mit dem Film!«
»War das eine Anspielung darauf, dass du mal wieder auf den Detektivfilm aus bist, Holmes?«
»In der Tat, nun warten Sie nicht länger!«
Schmunzelnd nahm sie die DVD, die April wohl am häufigsten geschaut hatte, und schob sie in den Rekorder. »Ich wünschte, Sherlock wäre jetzt wirklich hier und könnte mir sagen, was in meinem Leben vorgeht. Milan zum Beispiel«, sagte sie, während sie April einen Blick zuwarf, »wo steckt er, nachdem er mich neugierig gemacht hat? Das ist nicht fair. Manchmal habe ich das Gefühl, dass andere mehr über mich wissen als ich selbst. Und das ist ein komisches Gefühl.«
»Ach, denk nicht weiter über den Idioten nach. Wenn er aufkreuzt, wird er von uns mit Fragen bombardiert, da sollte er sich lieber Zeit lassen mit dem Zurückkommen.«
Alexis nickte. Sie wusste, dass für April nichts Faules an der Sache war und sie ihn mit einer Grippe im Bett vermutete, aber Alexis wusste, dass dies nicht stimmte. Es konnte einfach nicht stimmen. Trotzdem hielt April zu ihr und das berührte Alexis‘ Herz. Und nachdem ihre Freundin noch einmal hinausgerannt war (sie hatte die Chips vergessen) und sich anschließend neben Alexis hatte plumpsen lassen, drückte sie auf Play. Später würde es eine Nacht sein, in der Alexis zwar nicht lang, aber wirklich gut schlafen konnte.
*
»April?«, fragte Alexis schläfrig, während sie ihre Augen rieb. Das Laken war leer und von ihrem Bett gefallen war April auch nicht.
Alexis war gerade von der Toilette gekommen und hatte das Licht angemacht, doch der Rotschopf war nicht in dem Zimmer. Die Bettdecke war zur Seite geschoben worden, als ob sie bereits aufgestanden war.
Alexis kniff einmal fest die Augen zusammen und schaute dann noch einmal durch das Zimmer. »April?«
Mit torkelnden Schritten lief sie durch die Wohnung, als erstes in die Küche, falls sie sich bereits ein Frühstück gönnte. Doch dort war niemand … Da hörte sie plötzlich Schritte.
»April, da bist du -« Doch mitten im Satz hielt sie inne und starrte Susan Scott an, die sich schick gemacht hatte und mit einem Aktenkoffer vor ihr stehen geblieben war.
»Weißt du zufällig, wo April ist? Sie ist doch nicht etwa schon zur Schule?«
Alexis´ Blick glitt zu der Uhr an der Küchenwand, die Viertel vor Sieben ankündigte. Nein, spät dran war sie gewiss nicht.
»Sie ist nicht da?«, fragte Susan irritiert und zuckte mit den Schultern. »Bestimmt ist sie nicht weit, du kennst sie doch.«
Unbekümmert griff Susan nach ihrer Jacke, bevor sie die Hand an den Türknauf legte. Ein letzter Blick traf Alexis. »Sie ist bestimmt hier, keine Sorge. April ist manchmal sehr unvorhersehbar.« Sie hielt kurz inne, ehe sie die Jacke über die Schulter warf und die Tür hinter sich zu machte.
Alexis hingegen hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend. Noch einmal rief sie nach ihrer Freundin, schaute überall nach, glaubte einen Moment sogar, ihr wäre ein Streich gespielt worden, bis sie schließlich ins Zimmer zurückkehrte und sich umzog. Vielleicht war April nur an die frische Luft gegangen, weil sie nicht schlafen konnte. Vielleicht war ihr dabei etwas zugestoßen … womöglich war sie entführt worden oder sie war irgendwo verunglückt …
Doch die Gedanken halfen nichts, Alexis musste zur Schule. Trotzdem war etwas faul. Es war aber nicht auszuschließen, dass sie sich unnötig verrückt machte.
Sie machte sich auf den Weg und sah schließlich wenig später das graue Gebäude vor sich aufragen. Wie ein Felsen stand es da und lud nur mithilfe seiner Lichter die Schüler und Lehrer dazu ein, näher zu kommen. Ihr Sinn zeigte ihr die verschiedenen Farben, die um das Gebäude flimmerten und ihr von den Stimmungen erzählten, die dort drinnen herrschen musste.
Bald saß sie im Klassenzimmer, das Buch vor sich aufgeklappt, doch die Augen hielt sie geschlossen. Lange durfte sie allerdings nicht so weitermachen, sonst würde sie noch einschlafen. Ihr Blick schweifte zu Aprils Platz: Leer.
»So. Jetzt, wo ihr alle die Arbeitsaufträge habt, werde ich mal die Namensliste durchgehen.«
Alexis runzelte die Stirn. Immer vergaß ihre Religionslehrerin, die Namen am Anfang der Stunde vorzulesen. Es irgendwo mittendrin zu tun, war eine nervige Angewohnheit von ihr. Aber immerhin lenkte sie so von den Arbeitsaufträgen ab.
Ein Name nach dem anderen wurde vorgelesen, doch bei Aprils stockte sie. »April? Ist sie da?«
»Frau Schmidt, ich glaube, April ist verschwunden. Ich habe bei ihr übernachtet, sie ist nicht krank. Ihr ist bestimmt etwas zugestoßen, als ich nicht da war.«
Frau Schmidt schob die große Brille zurück, die einen Großteil ihres Gesichts umrahmte. »Frau Scott … Nein, nein, ich erinnere mich und das sollten Sie auch, Tanner! Ihre Mitschülerin ist gestern in die Vereinigten Staaten geflogen, sie hat doch dieses Austauschprogramm, jaja … Nein, alles in Ordnung.«
Überzeugt schnappte sie sich ihren Stift, um eine Markierung hinter Aprils Namen zu hinterlassen. Als sie wieder aufschaute, neigte sie leicht verwirrt den Kopf. »Sie wirken etwas blass, meine Liebe. Ist Ihnen nicht gut?«
Alexis schüttelte den Kopf. Müssten Brillen nicht intelligenter machen? »Wie kommen Sie nur darauf? April ist verschwunden, ich -«
»Gehen Sie bitte an die frische Luft!«
Plötzlich erhitzte sich ihr Kopf und ihr Blick schweifte durch die Klasse. Alle schauten sie genervt oder besorgt an. Sie glaubten ihr alle nicht. April in Amerika? Das konnte doch nur ein Scherz sein!
Ihr Blick traf die grauen Augen von Milan. Sie zuckte zusammen. Er nicht. Alle taten so, als sei sie verrückt. Und wäre sie nicht felsenfest davon überzeugt, sie hätte sich selbst angezweifelt.
Ihr Kopf glühte, als sie den Klassenraum verließ, während das Getuschel sie begleitete.
Er war also wieder da. Aber was brachte das, wenn ihre beste Freundin verschwunden war? Und es war ihr fast so vorgekommen, als wäre Milans Blick ein Vorwurf gewesen.
Fahrig fummelte Alexis ihr Handy aus der Hosentasche und wählte Susans Nummer. Warum sie diese hatte, das wusste sie schon gar nicht mehr, aber sie war froh darüber, gerade jetzt.
»Hallo, Alexis, alles klar?« Susans Stimme klang unbeschwert und leicht. Alexis musste einmal schlucken, um nicht alle Worte auf einmal herauszuschleudern. Sie erklärte ihr, dass April verschwunden war und ihre Lehrerin meinte, sie sei in Amerika.
»Das ist völliger Irrsinn, April ist nicht hier, irgendwas stimmt nicht!«, beendete Alexis ihren Bericht.
Susan lachte herzlich in das Telefon. »Alexis, ist dir nicht gut? Sie ist doch gestern geflogen und heute Morgen angekommen!«
»Woher weißt du das? Hat April eine Nachricht hinterlassen? Wieso weiß ich nichts davon?«
»Nein, sie hat das doch schon wochenlang geplant! Du selbst hast mir erzählt, sie hätte dir in WordsApp, oder wie das heißt, eine Nachricht geschickt, sie wäre gut angekommen. Hast du eine Gehirnerschütterung? Ist was passiert?«
Alexis´ Blick erstarrte, ihre Hände zitterten. Was ging hier vor? Eine weitere Person, jetzt sogar ihre beste Freundin, verschwand und niemand kapierte es? Oder war Alexis verrückt geworden? Sie war ganz still, bis Susan schließlich fragte, ob sie noch da sei. Einmal. Zweimal.
Schließlich konnte sie ihre brüchigen Lippen auseinanderreißen. Die Worte klangen kalt, gestellt, aber was hätte sie sagen sollen? »Nein, mir geht es gut. Ich habe es nur vergessen, ich war heute Morgen wohl zu schläfrig. Entschuldigung für die Störung.«
Dabei erinnerte sie sich genau daran, dass auch Susan heute Morgen gefragt hatte, ob April weg war.
Gehirnmanipulation? Verfälschte Erinnerungen? Nur, an wem? An ihr oder all den anderen Menschen um sie herum?
Ihre Hand fühlte sich auf einmal schwer an, als sie sie sinken ließ und auf den roten Hörer drückte. Eiseskälte erfasste sie. Wie in Trance starrte sie auf einen Baum, dessen Blätter im Wind raschelten. Ein Schauer ging durch ihren Körper, als sich eine warme Hand auf ihre Schulter legte. Sie wollte sie wegschieben, aber dann stellte sie fest, dass es ihr egal war.
»Hey.« Es war Milans Stimme. »Ich wollte dir nur sagen, dass es April bestimmt gut geht. Ich habe eine Vermutung -«
»Was hast du mit ihr gemacht? Wo ist sie und wo warst du?! April hatte Recht, du bist so ein Idiot! Was hätte ich nur anderes erwarten sollen?« Sie zitterte vor unbändiger Wut, aber Milan blieb gefasst vor ihr stehen. Begriff er denn nicht, wie wichtig es war, herauszufinden, wo April steckte? Wie unfassbar qualvoll es war, über nichts Bescheid zu wissen, noch nicht einmal über sich selbst?
Milan pfiff durch die Zähne. »Wow, kannst du temperamentvoll sein. Hätte ich bei dir nicht gedacht.« Er biss sich auf die Lippe. Seine schwarzen Haare standen zerzaust in alle Richtungen. »Ihr geht es gut. Ich erkläre es dir.«
»Na dann los, mach schon! Ich warte.« Noch nie zuvor war Alexis bewusst gewesen, wie hysterisch sie klingen konnte. Doch dies war keine normale Situation.
Milans Stimme klang fast weich, weil er so leise sprach. »Es geht nicht jetzt, nicht hier ...«
Unauffällig sah er sich um und Alexis fragte sich unwillkürlich, wer denn so Spannendes in der Nähe sein konnte. Er warf ihr einen Blick zu, tat irgendwas, sie achtete nicht darauf. Schließlich berührte er ihre Hand und entfernte sich langsam von ihr.
»Ich sag ihnen, dir geht es nicht gut und du gehst nach Hause. Und lies!«
Und lies? Was meinte er damit?
Langsam setzte ihr Gehirn wieder ein, sie spürte etwas in ihrer rechten Hand. Ein Stück Papier. Sie schaute sich um, knüllte es auseinander und tat, was er ihr geraten hatte. Sie las.
Um 14 Uhr beim Bahnhof.
Alexis drehte sich um und ging nach Hause.
Kapitel 5
Alexis
Wieder glitt sie durch eine Wand. April stand mit rosa Wangen vor ihr. Es war in diesem Moment das Normalste auf der Welt.
Alexis lächelte ihr zu und ihre beste Freundin lächelte zurück. April und sie gingen aufeinander zu, mit ausgebreiteten Armen und erwartungsvoller Freude im Gesicht.
Ein Windstoß kam auf, wirbelte vor ihnen herum, als wolle er sie auseinandertreiben.
Etwas tauchte hinter April auf. Ranken mit Dornen und Äste voller Schimmel wucherten empor, machten Anstalten, Aprils Arme und Beine zu fesseln … Dann glitten sie um ihre Hüfte, um ihren Kopf … Es ging alles so schnell, bald waren nur noch wenige Partien von Aprils Gesicht zu erkennen. Der hohe Schrei ihrer Freundin wurde durch die Äste erstickt, die sie vollständig eingenommen hatten und mit sich nach hinten zogen. Sie starrte Alexis an. Ihre Augen flehten um Hilfe. Doch Alexis konnte sich nicht bewegen, der eisige Wind hielt sie fest. Sie wollte zu ihr, um jeden Preis … doch die Ranken rissen ihre Freundin mit sich und glitten mit ihr durch die kahle Wand. Und April war verschwunden.
Die Szene änderte sich schlagartig. Alexis fand sich in dem mittlerweile wohlbekannten weißen Raum wieder. Doch diesmal ließ sie sich nicht täuschen und wollte ihren bereits bekannten Traum nicht ein weiteres Mal durchleben. Sie wollte gegen das wohlige Gefühl ankämpfen, das bereits ihren Bauch erreichte. Wie zuvor auch färbte sich der Raum auf einmal dunkel und ein Tunnel entstand. Und Alexis wusste, dass sie ihn entlanggehen würde und wer sie am anderen Ende erwarten würde. Schließlich kam sie schwer atmend bei dem Licht an, die buckelige Frau verharrte wieder vor ihrem toten Ich.
Doch sie drehte sich nicht um, sie schaute auf, rief etwas, das Alexis nicht verstehen konnte, und dann warteten beide.
Alexis wollte nicht wieder sich selbst sehen, wie sie dalag, von einem weißen Tuch bedeckt, doch fliehen konnte sie ebenso wenig. So stand sie unbeweglich hinter der Hexe, die ungeduldig mit ihren langen Fingernägeln klapperte.
Dann trat jemand hervor und kam an den Rand des Lichts. Es war eine schmale Gestalt, gehüllt in einen braunen Umhang, die Kapuze fest über den Kopf gezogen. Das Gesicht konnte Alexis nicht sehen. Die Gestalt glitt eher über den Boden, als dass sie ging.
»Da bist du ja«, sagte die Frau in Schwarz gehüllt. »Ich habe auf dich gewartet. Sieh an, wer dein Auftrag ist. Sieh sie dir genau an.«
Die Kapuzengestalt schlich näher, die Arme hingen leblos neben ihrem Körper herunter. Alexis trat näher, den Blick auf diese fremde Gestalt gerichtet. Wer war das?
»Du weißt, was du zu tun hast?«
Die Gestalt nickte unmerklich und ihr Kopf drehte sich in Alexis' Richtung. Auch die dunkle Hexe wandte sich nun zu ihr um, die zusammengekniffenen Augen blitzten ihr hämisch entgegen.
Sie war es, die die Worte wieder an sie richtete. »Wie lange kannst du dich wohl noch verstecken? Du bist mein.«
Alexis konnte ihren Blick nicht abwenden, sie wurde zurückgezogen. Sie wollte etwas rufen, doch es kam ihr nichts über die Lippen …
Und plötzlich war alles weg. Um sie herum bildete sich ein kalter Ort, starre Mauern, ein Gitter und alles war sehr eng. Als wolle jemand Tiere in dieser Zelle halten, war Stroh in allen Ecken zu finden.
Alexis bemerkte einen Jungen, auf dessen Rücken große Schwingen zusammengefaltet lagen, übersät von weißen Federn, die zur Spitze hin immer kleiner wurden. Sein Haar musste einmal ebenso weiß wie die Federn gewesen sein, war jedoch braun und schwarz verschmiert.
Alexis merkte, wie er immer wieder zusammenzuckte und verstand dann, dass der Junge schluchzte. Ein Engel mit Flügeln, die fast die ganze Zelle einnahmen.
Doch warum war er hier drin? Alexis konnte spüren, wie aufgewühlt er war, wie verzweifelt … Sie streckte die Hand nach ihm aus, legte sie auf seine Schulter und plötzlich war es, als sei sie der Engel selbst.
Ich komme aus Majuri. Ich bin einer der vielen Boten aus dem Himmelreich. Jemand hat gewusst, dass ich die Schrift überbringen würde. Jemand wusste, dass ich diese Route nehmen würde. Mein Bruder hat mich gewarnt, er hatte Angst um mich. Irgendwann musste ich ihm mal beweisen, dass er Unrecht mit seiner übervorsichtigen Art hatte, oder? Aber jetzt habe ich das Gegenteil bewiesen. Sie haben mich abgefangen und hierhergebracht. Die wahre Überlieferung wird vielleicht nie ihren Besitzer erreichen. Sie werden sie wahrscheinlich vernichten. Aber ich kenne einen Teil der Botschaft, obwohl ich ihn nicht kennen durfte. Wir Engel stellen nur zu, wir lesen sie nicht. Aber ich war neugierig. Einen Blick konnte ich mir nicht verwehren. Sie werden nach mir suchen. Vergebens. Ich werde das wahrscheinlich nicht überleben.
Der Junge umfasste Alexis´ Hand, die noch immer auf seiner Schulter platziert war. Bitte rette mich. Ihr Herz schlug einmal so stark wie ein Hammer, dann fiel sie nach hinten.
Sie wollte sich aufrichten, sackte aber schnell wieder zurück in ihr Bett. Ein Schwindelgefühl erfüllte sie, das sie nicht erklären konnte. Nur ganz leicht drehte sie ihren Kopf und schaute auf den Wecker. 12:35 Uhr. Ihr Kopf dröhnte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als stocksteif liegen zu bleiben.
Ihre Träume waren so verwirrend gewesen. Sie erinnerte sich an den Engel, der direkt in ihrem Kopf mit ihr gesprochen hatte. Es hatte sich so real angefühlt. Aber genau wie die Hexe und die Kapuzengestalt war es nur etwas, das in ihrem Kopf stattfand.
Nach gut einer Stunde konnte sich Alexis aufrichten, sie wanderte kurz im Haus umher, doch niemand schien da zu sein. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Mutter ihr bewusst aus dem Weg ging. Es war kein Geheimnis, dass sie nur wenig Interesse an ihrer Tochter zeigte. Essen, schlafen. Das war es, was sie hier gemeinsam taten.
Schließlich ging Alexis an die frische Luft, noch immer leicht benommen, doch mit einem nervösen Gefühl in der Magengegend. Sie drehte sich kurz um, denn sie fühlte sich beobachtet, die kleine Straße war jedoch menschenleer.
Da beschloss sie, in die Stadt zu laufen, und war überrascht, als sie plötzlich mitten im Bahnhof stand. Sie hatte die Verabredung mit Milan nicht vergessen. Was würde er ihr preisgeben? Wusste er wirklich etwas, oder wollte er ihr nur Schwachsinn erzählen? Sie ließ sich auf einen der Stühle sinken, den Blick auf ihre zusammengefalteten Hände gerichtet. Mit einem Haargummi fasste sie sich die Haare zu einem Dutt, während sie weiter darüber nachdachte, was mit April passiert sein könnte. Hatte ihre beste Freundin ihr nicht geraten, die Träume zu hinterfragen?
Der Traum hatte ihr die Gefahr gezeigt, dass April ihr weggenommen wurde, von Dornen und Ästen verschlungen. Doch war das ihre Angst, die hier zu ihr sprach, oder gar die Wahrheit? Und standen die Äste für dunkle Mächte, oder war das nur ihre Fantasie, die ihr einen Streich spielte?
Ihr Blick wanderte umher und sie sah ständig auf die Uhr. Schließlich war es halb 3 und Milan war immer noch nicht da. Entschlossen sprang Alexis auf und wollte gerade zurück nach Hause wandern, als jemand sie sanft anrempelte.
»Du willst schon gehen?« Milans graue Augen sahen sie entschlossen an. »Ich dachte, du wolltest Antworten hören.«
Um sie herum herrschte Hektik, doch ein paar Leute standen nah bei ihnen. Es war immer jemand dabei, der sie würde hören können.
»Ja, was willst du mir sagen? Du bist spät dran«, erinnerte sie ihn, während ein Mann fast über den Rucksack stolperte, den Milan kurz auf den Boden abgelegt hatte.
»Ich wollte dir nur sagen … es … also ...«
Eine Ansage ertönte, die jegliche Konversation unmöglich machte. Als sie zu Ende war, versuchte es Milan erneut, doch ein älterer Mann drückte sich zwischen sie.
»Hey, was soll das?«, fragte Milan verärgert.
»Geht doch mal aus dem Weg!«, knurrte der Greis in Holzfällerjacke und schob sie beiseite.
Tatsächlich hatten Alexis und Milan direkt vor einem Süßigkeitenautomaten gestanden, an den der Mann unbedingt wollte. »Junge Leute, blockieren einfach alles ...«
Seufzend packte Milan Alexis am Ärmel, um sie mit sich zu ziehen, doch sie riss sich los. »Ich folge dir schon!«, rief sie ihm zu, während er sich durch die plötzlich erschienene Menge ankämpfte. Vermutlich gab es heute ein Heimspiel in Frankfurt. Anders konnte Alexis sich das nicht erklären.
Schließlich stolperten sie in einen Fotoautomaten, und Milan schob den Vorhang vor. »Puh. Das müsste gehen.«
»Du hast dir nicht gerade den besten Ort für ein Gespräch ausgesucht«, merkte Alexis an, während sie das Gemurmel von draußen zu ignorieren versuchte. »Also, was ist jetzt? Was weißt du über Aprils Verschwinden? Und über … mich?«
Milan sah sie nun zögernd an. »Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, ich muss mich sortieren ...«
Alexis verschränkte die Arme vor der Brust, obwohl alles in ihr drängte, seine Version der Geschichte zu hören.
»Also, ich … sage dir nicht direkt, woher ich das weiß, was ich dir erzähle. Sagen wir, ich habe einen Informanten. April ist tatsächlich nicht in Amerika, wie du angenommen hast. Obwohl jeder das zu glauben scheint.«
Alexis ertappte sich dabei, wie sie kaum merklich erleichtert ausatmete. Also war sie wirklich nicht verrückt geworden!
»Es ist vielmehr so, dass sie woanders hingegangen ist. In eine andere Welt, die sich Kaltru nennt. Sie … hat verborgene Eigenschaften, die sie gerufen haben. Sie wird jetzt ein anderes Leben führen.«
»Verborgene Eigenschaften? April? Sie ist das normalste Mädchen, das ich kenne. Und wo soll diese andere Welt denn sein?«
»Weit weg von der Erde. Es ist ein ganz neuer Planet. Aber April … wird klarkommen. So viel dazu.«
»Das genügt mir aber nicht. Scheint so, als wüsstest du selbst nicht so viel darüber Bescheid.« Alexis versuchte, eine einigermaßen bequeme Position auf der schmalen Bank zu finden.
Milan lächelte herausfordernd. »Es ist mehr, als du vorher wusstest, oder? Du scheinst das Ganze ja gelassen aufzunehmen.«
»Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nicht entschieden habe, ob ich dir glauben soll.«
Er biss sich auf die Lippe, während die Geräuschkulisse anhob.
Eine ältere Frau lugte herein. »Seid ihr endlich fertig? Herumknutschen könnt ihr auch wo anders! Ich will mit meiner Nichte Fotos machen!« Ihr Kopf war wieder verschwunden, sie hatte noch nicht einmal eine Antwort abgewartet.
»Gut, erzähl mir schnell, was du über mich weißt. Warum wusstest du, dass ich nie auf unsere Schule gegangen bin?«
Milan lächelte gequält. »Lexi ...«
»Nur Freunde nennen mich Lexi.«
»Du solltest mir wirklich allmählich vertrauen.«
»Sollte ich das?«
Milan seufzte. »Du bist nicht die, für die man dich hält.«
»Sag bloß, ich habe auch verborgene Eigenschaften?« Ihr wenig überzeugter Blick traf Milans.
»Bei dir ist es anders. Du hattest sie schon von Anfang an. Jetzt verblassen sie allmählich, wie dir bestimmt schon aufgefallen ist. In einer anderen Welt nennt man dich Die Weltenwanderin. Aber du … bist … vielleicht gefährlich. Ziemlich sicher sogar. Du wirst uns mit deinem Plan nur viel früher ins Verderben mitreißen.«
»Was?«
Die alte Dame schaute wieder herein, diesmal mit einem schicken blauen Hut. »Wird’s bald? Ich habe doch gesagt ...«
»Wir sind gleich fertig!« Energisch schob Milan den Vorhang wieder vor.
Alexis funkelte ihn an. »Und warum bin ich jetzt plötzlich gefährlich?«
»Vielleicht solltest du dich zurückziehen. Wir sollten nichts mehr miteinander zu tun haben, das wird sicherer sein …«
»Was zum … Du wolltest doch andauernd mit mir reden. Zuerst soll ich dir vertrauen und jetzt bin ich eine Gefahr für dich?«
»Nicht nur für mich, ich-« Milan schob etwas Geld in den Automaten, während Alexis das Ganze ungläubig beobachtete. Schließlich drückte er ein paar Knöpfe. »Komm, lass es uns hinter uns bringen.«
Nach ein paar Blitzen stiegen sie hinaus. Milan schob ihr etwas in die Tasche, bevor er in der Menge verschwand.
»Na endlich«, rief die alte Dame, bevor sie mit einer jungen Frau hinter den Vorhang trat.
Alexis schüttelte den Kopf. Sie hatte das Gefühl, noch weniger zu verstehen als zuvor.
*
Die nächsten Tage waren objektiv betrachtet langweilig – und die Nächte seltsam. Noch immer sah sie das Gesicht mit den gelben Augen und April erschien ihr auch immer wieder.
Als sie heute in die Pause ging, hakte sich Zoe bei ihr unter. »Alles in Ordnung bei dir?«, fragte sie. Seitdem sie gemeinsam im Kino waren, hatte Alexis Zoe und Jara nicht mehr gesehen. Letztere tauchte an ihrer anderen Seite auf und lächelte ihr ermutigend zu.
»Es … ist nur, weil April weg ist.« Unsicher sah sie von der einen zur anderen und fragte sich, ob ihre Gefühle ihr wirklich ins Gesicht geschrieben standen.
»Dafür hast du ja uns! Hey, wir könnten doch mal etwas unternehmen, oder? Joe, kommst du mit?«
Der Junge mit den blonden Haaren, an dem sie fast vorbeigelaufen wären, hob erstaunt den Kopf. »Äh … klar.«
Sie warteten auf ihn, bis er sein Gespräch mit der Lehrerin beendet hatte.
»Komm, besprechen wir das draußen«, meinte Jara schließlich.
So landeten Alexis, Jara und Joe zusammen auf dem Pausenhof. Alexis spürte einen Blick im Nacken, versuchte, jemanden zu erspähen – vergeblich. Oder?
Hinter einer Säule ragte ein brauner Jackenzipfel hervor.
»Alexis?«
»Ja?«
»Wir haben gerade beschlossen am Freitag etwas trinken zu gehen. Kommst du mit?« Joe betrachtete sie schweigend.
Alexis Hirn ratterte langsam, noch immer war sie sich nicht sicher, ob sie beobachtet wurde. Das Gefühl hatte sie die letzten Tage dutzende Male verspürt und sie weigerte sich, dem Gedanken nachzugeben, dass sie halluzinierte.
Sie hatte noch nie Alkohol getrunken. Mit fast siebzehn Jahren war ihr das zwar strenggenommen erlaubt, aber es war für sie nie reizvoll gewesen. Da war sie sich sehr sicher, egal, wie stark ihre Erinnerungen von der eigentlichen Vergangenheit abwichen, das musste gleich sein.
»Ehm, ja klar. Wo treffen wir uns?«
»Wir kommen bei dir vorbei, liegt ja auf dem Weg.«
Alexis nickte und lächelte leicht. Es gab immer ein erstes Mal. Und sie hoffte, dadurch all das zu vergessen, das sie momentan so bedrückte und verwirrte.
Milan war die Tage nicht wieder in die Schule gekommen und Alexis fragte sich allmählich, wo er sich herumdrückte. Sie wusste nicht, ob er die Wahrheit gesagt hatte und sie kannte auch keine Möglichkeit, es jetzt noch herauszufinden. Ihre Gabe rückte weiter in die Ferne, sie fühlte sich schon fast normal und wollte glauben, dass es so war. Aber sie konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass April einfach verschwunden war. Wenn Milan Recht hatte, dann war ihre beste Freundin für immer an einem anderen Ort. Und niemand außer ihr und Milan wusste die Wahrheit. Nur, wieso war sie dort hingekommen? Welche Fähigkeiten sollte sie denn haben? Für Alexis ergab das alles keinen Sinn und dass sie selbst eine Gefahr sein sollte, noch weniger. Sollte sie versuchen, April trotzdem zu suchen? Sollte sie versuchen, ihre eigenen Fähigkeiten, wie Milan sie nannte, zu entdecken? Aber wie sollte das gehen? Und wo sollte Alexis anfangen? Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie Milan weitere Fragen stellen musste. Wer sonst konnte ihr nun weiterhelfen? Doch bis sie ihn wiedersah, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als die Augen offen zu halten.
Nach der Schule ging sie wie gewohnt nach Hause und ließ sich absichtlich mehr Zeit. Ein kurzer Blick nach hinten bestätigte ihre Theorie. Jemand war dort und verfolgte sie. Sie beschleunigte ihre Schritte, bis ihr das Herz bis zum Hals klopfte, wurde langsamer und drehte sich um.
Mitten auf dem Bürgersteig stand eine in einen braunen Kapuzenumhang gehüllte Person. Wurde ihr Traum gerade zur Wirklichkeit oder andersherum?
Alexis schien wie festgenagelt, doch nur einen Augenblick lang. Dann rannte sie auf die Gestalt zu. »Wer bist du?«, rief sie.
Aber der Unbekannte flüchtete und glitt in der gleichen gruseligen Art davon wie in ihrem Traum.
»Was willst du von mir?!« Sie rannte ihm weiter nach. Die Straßen wurden immer enger und kürzer, je weiter sie in die Altstadt vordrang, doch Alexis hielt mit und sah die Person um die nächste Ecke biegen. Sie sprintete ihr nach, schoss um die Ecke – doch die Gestalt war verschwunden. Frustriert strich sich Alexis über das Gesicht.
»Lass mich in Ruhe!«, schrie sie noch einmal. Da bemerkte sie, wie ein kleines Kind sie erschrocken ansah. Alexis biss die Zähne zusammen und machte kehrt. Sie musste wie eine Verrückte gewirkt haben.
*
Sturmklingeln. Das konnten nur ihre neuen Freunde sein, die sie mit in die Stadt nehmen wollten. Alexis musterte sich noch einmal kurz im Spiegel. Sie hatte sich heute Mascara auf die Wimpern gestrichen, versucht, einen dünnen Lidstrich aufzutragen, und roten Lippenstift verwendet. Eine Haarsträhne hatte sie geflochten, die anderen Haare hatte sie offengelassen. Sie hängte sich die Tasche über, öffnete die Tür und lachte überrascht, als gut zehn Leute vor ihr standen.
»Wow, ihr seid so Viele! Ich dachte, wir gehen nur zu Viert.«
Jara zwinkerte ihr zu, auch sie hatte sich heute mehr geschminkt als sonst. »Nein, heute doch nicht. Heute wird es legendär!« Das letzte Wort zog sie bedeutungsvoll in die Länge.
Das Gejohle konnte man bestimmt in der ganzen Nachbarschaft hören, aber Alexis genoss es.
»Bin dann weg!«, rief sie über die Schulter, bevor sie die Tür hinter sich zuschlug. Sie war gespannt, wie der heutige Abend verlaufen würde.
*
»Ich muss sagen … Alkohol ist ganz schön ... stark«, meinte Alexis zu Joe, der breit grinsend neben ihr saß. Sie beide hatten ein Bier in der Hand, davor hatten sie einen Schnaps getrunken.
Bunte Lichter bewegten sich auf der Tanzfläche, ebenso wie einige Jugendliche. Ohrenbetäubend laute 90-er Musik drang aus den Boxen und machte ein Gespräch in normaler Lautstärke unmöglich.
»Das liegt bestimmt daran, dass du nicht viel verträgst.«
Alexis nickte schwer mit dem Kopf.
Glücklicherweise hatten sie noch einen Tisch ergattern können, nachdem sich eine Schar Erwachsener erhoben hatte. Joe grinste immer noch. Alexis hatte sich erstaunlich gut über diverse Krimis mit ihm unterhalten können, die sich als ihre Lieblingslektüre entpuppt hatten.
»Daas ... könmte sen. Is' ja auch das esste Mal, dass ich was trink.«
Joe lachte leise und erhob sich. Seine sonst so hellen Haare schimmerten durch die Diskokugel rot und lila. Kurz danach kam er mit einem neuen Bier zurück. Er prostete Alexis zu, bevor er einen Schluck nahm.
»Dein erstes Mal, dass du was trinkst? Oho, es ist mir eine Ehre, dabei zu sein. Und dann hattest du schon einen Schnaps? Mann, mann, mann … Nach dem Bier solltest du erstmal eine Pause einlegen. Du lallst ja schon.«
Alexis riss sich so gut es ging zusammen, damit sie normal klang. Was … nicht so gut funktionierte. »Ja, also … eigentlich is' das schon mein zweites Bier, wenn man's gans genau nimmt. Und wen nennst du hier Süße? Ich bin ein Ungeheuer, das wurde mir schon oft klargemacht.«
Das entsprach der Wahrheit. Milan hatte es versucht. Ihre Mutter. Und dann war da noch ihre nervige Tante, die sowieso alles, was sie sagte, als Lüge abstempelte.
Nun sah Joe sie schräg an. »Was? Ja klar, ein knuffiger Minidrache vielleicht. Wenn du Feuer spucken kannst, sag mir Bescheid.«
Zoe kam zu ihnen herüber. Alexis hatte beobachtet, wie sie einige Male gegähnt hatte.
»Worüber unterhaltet ihr euch?«
»Ich binn ein Minidrache und er hatt su wenig getrungen. Hier, nimm mein Bier, ich bin grade mal auf der Toilette.« Leicht schwankend stand sie auf und versuchte, ihren Blick zu fokussieren.
»Warte, ich komme lieber mit.« Zoe stand gleich wieder auf und stützte Alexis leicht an der Taille. »Nicht umfallen, Lexi. Wir brauchen dich noch.«
Zur Antwort ließ sie ein überdrehtes Lachen hören, und nach einer kleinen Ewigkeit waren sie auf der Toilette angekommen.
»Ich glaube, Joe mag dich.«
Alexis sah sie irritiert an, ging dann in die Kabine und kehrte bald wieder zurück.
»Wie komms‘ du darauf? Weil ich einmal mit imm gesprochen hab?« Sie kippte kurz zur Seite, doch Zoe fing sie auf.
»Er sieht dich so an, weißt du?«
Mit einem ungläubigen Blick schüttelte Alexis den Kopf. »Mh, nö. Ich glaube, du bist in ihn verlibbt und deswegen fragst du mich das jetzz.«
Doch Zoe schien nicht überzeugt. Sanft legte sie ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich frag dich nochmal, wenn du nüchtern bist.«
»Tu das. Ich hol' mir ein Taxi. War schön mit euch.«
Sie schüttelte die Hand ab, küsste Zoe auf die Wange und fand dann die schwere Metalltür, durch die sie gekommen waren. Sie schaute nicht noch einmal zurück. Erst, als sie etwas Ungewöhnliches in ihrer Jackentasche spürte, hielt sie inne. Es hatte eine glatte Oberfläche. Sie zog es heraus und beleuchtete es mit dem Handy. Es war die Fotoserie, die Milan mit ihr im Fotoautomaten gemacht hatte. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sich eine Idee in ihr festbrannte. Sie musste jetzt Milan sehen!
Sie trat auf die düstere Straße, die von dem schwachen Schein der Straßenlaternen beleuchtet wurde. Die frische Luft strömte in ihre Lungen und ließ sie aufatmen. Sie würde Milan aufsuchen. Sie würde erfahren, was er gemeint hatte. Die Fotos steckte sie zurück in ihre Tasche.
Warum nur hatte er im Bahnhof mit ihr reden wollen? Die Adresse hatte sie schnell (mehr oder weniger, sie traf oft nicht die richtigen Buchstaben) mit dem Handy herausgesucht, und nun wanderte sie seit zehn Minuten in der Gegend herum.
Da erklang eine Stimme, die ihr vertraut vorkam. Ein paar Meter von ihr stand ein Baum, der einen großen Schatten warf. »Alexis Tanner. Ich habe lange auf dich gewartet.«
Sie kannte die Stimme. Woher kannte sie sie nur?
Die Gestalt trat langsam aus dem Schatten, die braune Kapuze verbarg das Gesicht. »Die Menschen fürchten sich vor allem möglichem. Vor Schlangen, vor Spinnen. Vor Prüfungen und Gefühlen. Wovor fürchtet sich wohl eine Wanderin?«
Die Person kam jetzt schneller auf sie zu. Eine Klinge blitzte auf. Etwas in Alexis sagte ihr, dass nun nicht der richtige Zeitpunkt war, um betrunken zu sein. Sie wusste nicht, wieso, aber ihr Kopf wurde allmählich klarer.
Reflexartig wich sie zurück, stieß Mülltonnen um, die scheppernd auf den Boden krachten. Die Gestalt kam immer noch auf sie zu. Alexis erkannte den Dolch, den sie in der Hand hielt. Sie kam näher, immer näher. Alexis konnte sehen, wie um die Brust des Unbekannten nicht das frische Grün eines guten Herzens, sondern das schlammige Braun eines verdorbenen waberte. Mit jeder Faser ihres Seins spürte sie die Gefahr, die von dieser Person ausging.
Alexis schrie entsetzt auf. Sie drehte sich um und rannte, als ob ihr Leben davon abhing.
Das Taumeln war Vergangenheit, sie nahm nur noch wahr, wie ihr Puls in die Höhe schoss. War das Todesangst?
Plötzlich schloss sich ein stählerner Griff um ihren Arm, wirbelte sie herum und stieß sie zu Boden. Der Fremde trat nach ihr. Ein heftiger Schlag in die Magengrube jagte Alexis Tränen in die Augen.
Langsam zog die Gestalt wieder den blitzenden Gegenstand hervor. »Wovor hast du Angst? Soll ich es dir zeigen?«
Alexis hielt die Augen keuchend geschlossen. »Nein ...«
Sie wollte nicht erfahren, wovor sie sich fürchtete, sie wollte nur weg hier, nur weg … Sie rappelte sich auf, wollte erneut die Flucht ergreifen, aber ein weiterer Schlag traf sie direkt an die Schläfe. Alexis krümmte sich vor Schmerzen. Ihr wurde schlecht, sie wollte sich hinlegen … Doch würde sie jetzt aufgeben? Entschlossen biss sie die Zähne zusammen.
»Wer ...«, stieß sie hervor, »wer bist du?«
»Das willst du wissen? Mein Dolch hat dich doch noch gar nicht berührt. Aber bitte ...«
Und als die Gestalt die Kapuze abnahm, verschlug es Alexis den Atem. Ein blaues Auge, ein grünes. Sie funkelten Alexis siegessicher entgegen. Dann verlor sie das Bewusstsein.
*
Zuerst bemerkte Alexis, dass auf ihr eine Decke lag. Das Nächste war ihr Körper, der sich anfühlte, als seien zehn Laster über ihn gerollt. Ein heißer Schmerz schoss durch ihren Kopf, als sie sich schlagartig aufzurichten versuchte. Die Erinnerungen an gestern Abend kehrten zurück. Da war diese Gestalt … Ein Angriff ... Oh nein.
»Alexis, bist du wach?«
Die Stimme kannte sie. Aber sie wollte nicht, dass er jetzt bei ihr war. Sie musste bestimmt grauenvoll aussehen.
»Ja«, antwortete sie dennoch.
Zaghaft öffnete sie die Augen und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Drei von den vier Wänden waren weiß, die letzte war tiefblau. Eine schwarze Couch stand am anderen Ende des Zimmers und Schreibtisch mit Stuhl fanden ihren Platz. Alles machte einen ordentlichen Eindruck, es lagen nur ein paar Klamotten auf den Stühlen. Er hatte auch ein Bücherregal, allerdings zur Hälfte voll mit DVDs und Computerspielen. Doch das Licht in seinem Zimmer war so hell.
»Alles in Ordnung?«
Alexis sah Milan an. Er hatte seine dichten Augenbrauen nach oben gezogen, seine nassen Haare tropften auf das Bett.
»Entschuldige«, murmelte er, als er ihren Blick sah. »Ich komme gerade aus der Dusche, äh …« Nun fiel ihm offenbar ein, dass er noch kein Shirt angezogen und nur das Handtuch um die untere Hälfte gewickelt hatte.
Alexis schoss die Röte ins Gesicht, aber Milan schien es nicht unangenehm zu finden.
»Bin gleich wieder da«, sagte er und zwinkerte ihr zu.
Am liebsten hätte sie sich unter der Decke zusammengerollt, aber sie riss sich zusammen. Während er weg war, versuchte Alexis, den gestrigen Abend zusammenzufügen. Sie war mit Klassenkameraden aus gewesen, dann hatte sie sich auf den Weg zu Milan gemacht … Wie war sie nochmal auf die Idee gekommen? Sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Plötzlich war diese Gestalt aufgetaucht, die … sie selbst war? War es das, wovor sich Alexis am meisten fürchtete? Sie selbst?
Als ein weiterer Stich durch ihren Kopf jagte, legte sie sich wieder hin. Sie atmete in ihre Handflächen, um ihre Hände zu wärmen. Wie lange hatte sie geschlafen? Und wieso war sie nun bei Milan?
Es dauerte nicht lange und der erschien in Jeans und grauem T-Shirt. »So, jetzt bin ich da.« Er setzte sich neben sie aufs Bett.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass es mit einer Star-Wars – Bettdecke bezogen war. Sie runzelte die Stirn. »Nein«, sagte Alexis.
»Nein?« Er sah sie fragend an.
»Du hast gefragt, ob alles in Ordnung ist. Die Antwort ist nein, nichts ist in Ordnung. Wie bin ich eigentlich hierhergekommen? Was ist gestern noch …« Sie schluckte. Sie konnte nicht weitersprechen.
»Zunächst mal«, erwiderte Milan ruhig, »habe ich dich gestern nur gefunden, weil du praktisch fast vor meiner Haustür lagst. Ich war gerade auf dem Nachhauseweg, da habe dich mit so einem Typen gesehen. Der ist aber abgehauen, als er mich entdeckt hat. Hab ihm noch nachgerufen, aber da war er schon weg.«
»Und wo warst du gestern noch? Wo warst du überhaupt so die letzten Tage?«
Milans Schultern spannten sich an und er wandte den Blick ab. »Das möchte ich dir nicht sagen. Es ist besser, wenn du es nicht weißt.«
Da war es mit Alexis Ruhe vorbei. Hätte sie nicht solche Kopfschmerzen, sie hätte noch viel lauter gesprochen. »Und für wen? Für dich, oder was? Du erklärst mir gar nichts richtig, ich weiß noch immer nicht, wer ich bin oder warum ich mich selbst angreife, oder was …« Eigentlich wusste sie, dass sie nicht fair war. Sie hasste es, wenn ihre Emotionen sie überwältigten. Trotzdem wollte sie endlich wissen, was Sache war.
Bevor sie weitersprechen konnte, unterbrach Milan sie. »Du greifst dich an?«
»Die Kapuzengestalt, die du gesehen hast. Sie hatte mein Gesicht. Sie hat mich schon tagelang verfolgt, erst ist sie … sie ist …«
Als ihr Tränen in die Augen traten, presste sie die Lippen aufeinander. Sie würde jetzt nicht vor Milan weinen, nicht hier, nicht jetzt. Ein tiefer Atemzug beruhigte sie ein wenig. »Sie ist mir schon in meinen Träumen begegnet. Ich weiß, es klingt verrückt …« Noch einmal atmete sie tief durch.
Milan strich ihr über den Arm. »Hey, ist es nicht. Alles, was ich dir sagen könnte, klingt noch tausend Mal verrückter. Du kannst es mir erzählen.«
Aber da tauchten schon Fragen auf, die Alexis unbedingt stellen musste. »Wieso hast du mich überhaupt zu dir gebracht? Du hättest mich einfach dort liegen lassen können. Schließlich bin ich ja doch eine Gefahr für alle. Das hast du doch gesagt?« Bitterkeit lag in ihren Worten. Sie wollte nicht von einem Typen getröstet werden, der sie sowieso nur hängen lassen würde.
»Das sagte ich.« Er klang unglaublich sanft.
Verdammt, wäre seine Stimme nicht so … weich. Es ärgerte sie, dass er so selbstbewusst mit ihr sprach, während sie mit den Tränen kämpfen musste.
»Aber vielleicht habe ich es mir ja überlegt? Ich war weg, weil ich … meinen Informanten getroffen habe. Aber dann habe ich mich gefragt, warum all das eigentlich stimmen soll. Es stehen Geschichten über dich in Büchern, Alexis. Nicht hier, auf der Erde. Aber sie sind sowas wie Weissagungen und die meisten glauben, dass sie wahr sind. Vielleicht sind sie ja falsch? Ich habe ein paar Sachen herausgefunden, während ich weg war ... «
Alexis schluckte. »Du bist ganz schön launenhaft, weißt du das? Du kannst dich auch nicht recht entscheiden, was du über mich denken sollst. Aber vielleicht kannst du mir ja erzählen, was du weißt? Ich glaube, nur so kommen wir weiter.«
Milan nickte mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. »Würdest du mir erst erzählen, was gestern vorgefallen ist? Ich bin ziemlich neugierig, warum du in meiner Straße gelandet bist, und das auch noch verwundet.«
Das war nun der zweite Moment, in dem sie die Hitze in ihre Wangen steigen spürte. »Bringst du mir erst ein Glas Wasser? Bitte?« Ihr war aufgefallen, wie trocken ihre Kehle doch geworden war und so würde sie nicht weitersprechen wollen. Aber vor allem brauchte sie etwas, das sie in der Hand halten konnte, etwas, das ihre Kopfschmerzen linderte.
»Ich war mit ein paar Leuten feiern. Und dann war ich wohl … etwas angetrunken«, sagte sie, als Milan mit dem Wasser zurückkehrte und es ihr reichte.
Sie nahm einen Schluck »Danke.«
»Du warst angetrunken? Verdammt, dass ich da nicht dabei war …«
»Milan!« Entrüstet und vorwurfsvoll zugleich starrte sie ihn an. »Was wäre daran so spannend gewesen?«
»Du kannst sehr verkrampft sein.« Er grinste über das ganze Gesicht.
»Ach ja? Liegt wohl daran, dass ich mich nicht in der rosigsten Situation befinde. Willst du nun die Geschichte hören?«
Betreten klappte er den Mund zu und sah sie mit großen Augen an. In dem Moment hätte sie lachen können, so komisch fand sie seine Augen, die an die eines Kindes erinnerten. Als erzählte sie eine spannende Gute-Nacht-Geschichte. Nur dass diese meist gut ausgingen.
»Ich war also dort in der Bar und habe mich verdrückt, als es mir nicht gut ging. Zu Zoe habe ich gesagt, ich fahre mit dem Taxi nach Hause … Mist, wo ist mein Handy eigentlich? Ich wollte ihr noch schreiben, dass ich gut angekommen bin.«
»Es lag neben dir, als ich dich gefunden habe. Habe es hier hingetan«, meinte er und fischte ihr Handy aus einer Schublade, um es ihr zu geben.
Ein Anruf von ihrer Mutter, drei Nachrichten von Zoe.
»Mist, ich schreibe den beiden gerade mal, dass es mir gut geht …
Nachdem sie die Nachrichten verschickt hatte, legte sie ihr Handy beiseite.
»Jedenfalls hatte ich so den Drang, nach Hause zu laufen und da bin ich wohl bei dir in der Gegend gewesen.«
»Du wohnst ganz wo anders.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Ich sagte doch, ich war betrunken.«
Milan sah sie ungläubig an und schmunzelte schließlich. Ihr war bisher noch gar nicht aufgefallen, was für volle, wohlgeformte Lippen er hatte.
»Gut, ich habe nach dir gesucht«, gab sie zu, »ich wollte Antworten.« Sie seufzte und trank noch einen Schluck.
»Ich war also fast da, als die Gestalt mir entgegengekommen ist. Wie gesagt habe ich sie schon öfters gesehen. Sie meinte … Naja, das weiß ich nicht mehr so genau.«
»Hm«, machte Milan. »Nicht so wichtig?«
»Nicht so wichtig«, bestätigte Alexis, obwohl sie es besser wusste.
»Sie hat mich auf jeden Fall angegriffen, und irgendwie muss ich dann wohl das Bewusstsein verloren haben.«
»Wahrscheinlich hat sie nur auf die Gelegenheit gewartet, dich attackieren zu können. Du warst ungeschützt und allein, perfekt also. Aber es ist recht unwahrscheinlich, dass sie wirklich du als Person war. Es gibt Wesen, die ihre Gestalt ändern können. Vermutlich hat sich jemand in dich verwandelt.«
Jetzt war Alexis wirklich verblüfft. Hatte er den Verstand verloren? Leute, die ihre Gestalt verändern konnten? Wie im Film? Andererseits hatte sie auch keine bessere Erklärung dafür. Es sei denn, eine verlorene Zwillingsschwester war auf einmal aufgetaucht, um ihr eine Heidenangst einzujagen. Auch das klang eindeutig nach einem schlechten Film.
Sie schluckte. All das konnte doch kein Zufall sein. »Das wäre zumindest eine Erklärung …«
Sie schob die Bedenken in den Hintergrund. »Also verrätst du mir jetzt etwas darüber, woher du von April und mir wissen konntest? Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, was ich glauben soll, was meine Erinnerungen betrifft. Mal ist alles ganz klar und dann weiß ich plötzlich gar nicht mehr, ob es das ist, was ich wirklich erlebt habe.«
Seine Mundwinkel gingen erneut nach oben und er blickte ihr kurz in die Augen, bevor er sprach.
»Mein Informant«, er dehnte das Wort, »hat mir erzählt, dass es jemanden geben soll, der deine Fähigkeiten hat, nämlich die Dinge anders wahrzunehmen. Laut ihm nennt man dich wie gesagt Die Weltenwanderin, aber auch Das letzte Schattenkind. Als Weltenwanderin bist du die Vermittlerin zweier Welten, also der Erde und einer anderen Welt, zwischen denen du wechseln kannst. Auf der anderen Welt, Kaltru heißt sie, gibt es diese Leute, die die Gestalt wechseln können. Was bedeuten muss, dass sie einen Weg gefunden haben, hier her zu kommen … Oder getrickst haben.«
Sie wusste, dass er die Wahrheit sagte, auch wenn sie nicht sagen könnte, woher. Ob es ihre Gabe war oder ihr Bauchgefühl. Auch wenn es ganz unglaublich klang und unlogisch. Es musste stimmen. Und trotzdem wehrte sich etwas in ihr. Das hier war kein Film, es war ihr Leben! Und auf einmal sollte sie eine komische Vermittlerin sein?
Milans Worte rissen sie aus ihren Gedanken. »Jedenfalls näherst du dich anscheinend immer mehr dem Menschen an. Die Rasse der Schattenkinder wird bald ausgestorben sein. Du bist die einzige Weltenwanderin, die eine Veränderung herbeiführen kann, sonst werden sich die zwei Planeten auslöschen. Das ist zumindest eine Version der Geschichte, die ich gehört habe. Die andere Version besagt, dass du der Auslöser des Ganzen bist und uns alle ins Verderben reißen wirst.«
Er musste sich räuspern, um weiter zu sprechen. »Daran will ich aber nicht glauben. Deswegen ist es mir so wichtig geworden, die Wahrheit herauszufinden. Dass du nicht mehr blind bist, das Schwinden deiner Kräfte, die neuen Erinnerungen – all das sind Anzeichen dafür, dass du schon bald keine Kräfte mehr besitzen und ein neues Leben führen wirst. Es sei denn, du erweckst sie erneut zum Leben.«
Plötzlich klopfte es an der Tür und Milan warf ihr einen schnellen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte. »Ja?«
Die Tür öffnete sich und eine Frau mit Pferdeschwanz kam herein. Alexis fiel auf, dass sie die gleichen grauen Augen hatte, außerdem markante Wangenknochen. In ihrem Kopf wirbelten jedoch noch immer die neuen Informationen umher.
»Milan hat mir gesagt, eine Freundin sei heute zu Besuch. Ich wollte nicht stören. Ich habe Kuchen gebacken, habt ihr Hunger?«
In diesem Moment gab Alexis´ Bauch ein Knurren von sich, das ebenso ein Donnergrollen hätte sein können. »Ehm. Ja, schon.«. Gott, wie spät ist es? Habe ich bis zum späten Nachmittag durchgeschlafen?
»Wir kommen gleich runter«, fügte Milan hinzu und die Frau schloss lächelnd die Tür.
»Deine Mutter?«, fragte Alexis.
Milan nickte. »Ich glaube, sie hält dich für meine feste Freundin. Ich bringe sonst nie ein Mädchen mit.«
Alexis lächelte.
*
Gemeinsam traten sie den Weg nach unten an. Alexis krallte sich ans Geländer, weil die Wendeltreppe so steil nach unten verlief. »Und hier hast du mich hochgebracht?«
Die Vorstellung, dass sie in Milans Armen gelegen hatte, während er sie hier hochtrug, verursachte in ihr ein seltsames Gefühl.
Betont lässig führte sie dagegen ihre Schritte aus, was jedoch die festen Griffe um das Geländer nicht wettmachten. So ging Milan nur langsam hinter ihr her, während sie angestrengt versuchte, ihre Panik zu verbergen. Unten angekommen fiel ihr sofort etwas auf, was im Haus der Scotts nie herrschen würde: absolute Ordnung. Alles schien mehr oder minder ein System zu haben, selbst die Schuhe lagen geordnet und nach Farbe sortiert nebeneinander. Es war alles sehr hell, nicht nur wegen der großen Fenster, die die Sonnenstrahlen nur zu gerne durchließen. Nein, auch aufgrund der Einrichtungsgegenstände, die sie bewundern konnte. Im Esszimmer war alles weiß, beige oder schwarz und Milan passte mit seiner Mutter perfekt in das Bild. Die schöne Schwarzhaarige hatte sich ein roséfarbenes Oberteil ausgesucht und eine cremefarbene Hose dazu angezogen. Sie passte perfekt in diesen Raum, mit ihrer makellosen Figur, dem akkurat sitzenden Pferdeschwanz und der dezenten silbernen Kette um den Hals – man könnte sich schon beinahe unwohl fühlen. Sie wirkte so ganz anders als ihre eigene Mutter. Die sah wie eine typische Deutsche aus.
Milan stand seiner Mutter nicht nach: Seine schwarzen Haare glänzten im Sonnenlicht, sein graues Hemd war gebügelt und seine Hose – seine Jeans fiel aus dem Schema heraus, doch seltsamerweise tat das dem Anblick keinen Abbruch.
Alexis hätte sich noch nicht einmal umsehen müssen, um zu wissen, dass kein einziges Staubkorn auf dem überdimensional großen Fernseher lastete, der durch die offene Tür im Wohnzimmer zu sehen war. Ihr Blick fiel auf den Mahagonitisch, der liebevoll gedeckt war. Zunächst schien das Geschirr schlicht, doch bei näherem Hinsehen konnte man die Perfektion und Einzigartigkeit darin erkennen.
Alexis setzte sich verlegen, nachdem Milans Mutter sie begeistert angelächelt hatte. Auf den Tellern waren geschwungene Linien eingraviert, die in verschiedenen Tieren endeten: Ein brüllender Löwe war zu sehen, zwei kleine Vögel, die gerade davonschwirrten und ganz unten am Rand des Tellers befand sich ein Salamander. Alles war natürlich einheitlich in Weiß.
Sorgsam nahm Alexis die Kuchengabel in die Hand, als könne sie zerbrechen. Ein Auge befand sich ganz unten, dort, wo die Hand beim Umfassen nicht hinkam.
»Ich glaube, sie ist gerade zu beschäftigt.«
Ruckartig blickte Alexis auf, als die Worte sie erreichten. »Hm?«, fragte sie unsicher.
»Ach, wir haben uns nur gerade gefragt, ob du auch etwas essen willst, oder ob dir der Anblick unseres Bestecks reicht.« Es war offensichtlich, dass Milan versuchte, sich ein Lachen zu verkneifen.
Alexis verdrehte genervt die Augen. »Ha ha. Nein ehrlich, es wirkt ziemlich edel. Und alles hier ist … faszinierend. So hell. Ich …«
Als sie Milans hochgezogene Mundwinkel sah und wie er seine Lippen amüsiert aufeinanderdrückte, ließ sie die Gabel sinken und grinste. »... hätte wirklich gerne Kuchen, danke.«
Milans Mutter tat ihnen etwas auf, nicht, ohne ihren Sohn tadelnd anzusehen. »Sei nicht so gemein zu dem Mädchen. Tatsächlich ist es sehr altes Geschirr, das von Generation zu Generation in unserer Familie weitergegeben wurde. Und es ist wirklich schön zu hören, dass dir unser Haus gefällt. Milan führt dich bestimmt noch herum. Wann bist du eigentlich gekommen? Ich habe gar nichts mitgekriegt.«
Alexis fiel plötzlich ein Unterschied zwischen den Augen von Sohn und Mutter auf. Ihre Augen waren zwar genauso grau, doch in ihnen lag eine Kälte, eine Schärfe, die Milans Augen nicht hatten. Als könnten sie die Wahrheit durch bloßes Sehen erkennen, wohingegen seine Augen eher belebt wie schwebende Wolken schienen.
Doch Milan sagte nicht die Wahrheit. »Sie ist heute Morgen gekommen. Da ist dieses Referat für die Schule, zu dem wir verdammt worden sind. Ihr ging es nur nicht gut, deshalb sind wir noch nicht dazu gekommen.«
Alexis stocherte in ihrem Zitronenkuchen herum, während Milan sprach. Wie leicht ihm die Lüge doch über die Lippen kam. Instinktiv fragte sich Alexis, ob er wohl öfter log. Das erste zarte Stück landete in ihrem Mund, als Milans Mutter ihren Blick auf sie richtete. Wie klar ihre Augen doch waren!
»Freut mich, dass es dir jetzt schon besser geht.«
Ihr herzliches Lächeln ließ Alexis alle Sorgen beiseite wischen. Sie hatte schon fast Angst gehabt, dass Milans Mutter zu streng sein würde.
»Schmeckt dir der Kuchen? Du kannst mich übrigens Tamara nennen, wenn du willst.«
»Mache ich gerne. Ja, fabelhaft«, antwortete Alexis und lächelte zurück.
»Ihr kennt euch von der Schule, oder? Seit wann seid ihr noch gleich ein Paar?«
Alexis verschluckte sich und hustete heftig, um die Krümel aus ihrer Luftröhre zu bekommen.
»Wir sind kein Paar«, schaltete sich Milan ein und seufzte. »Nur, weil ich nicht viele Mädchen mitbringe, heißt das nicht, dass die Nächste gleich meine Freundin ist.«
Schnell griff Alexis nach der Wasserflasche, die mitten auf dem Tisch stand, schüttete sich etwas in ihr Glas und ließ die Flüssigkeit ihre Kehle hinabrinnen.
»Entschuldigt, das war mein Fehler«, erwiderte Tamara, sah jedoch keineswegs peinlich berührt aus, eher, als sei sie zu neuen Schlussfolgerungen gelangt.
»Jedenfalls kennen wir uns wirklich von der Schule«, sagte Alexis, nachdem sie ihr Glas abgestellt hatte. Schon länger, wollte sie hinzufügen, merkte aber dann, dass dies ja nicht stimmte. Sie waren nie lange gemeinsam zur Schule gegangen, denn Alexis kannte ihre Vergangenheit nicht. Tamara nickte nur nachdenklich, während sie genüsslich weiteraßen.
»Trägt jeder von euch dieses Tattoo in der Familie?«, fragte Alexis mit einem Mal, woraufhin sie nur fragende Blicke erntete.
»Ihr Beide tragt ein Symbol auf der Hand. Ein Auge, das von Schwingen umspielt wird. Ist es kein Tattoo?« Sie deutete mit der Gabel auf die Hände der Beiden.
Die kurze Stille, die nun herrschte, war mehr als seltsam, sodass Alexis sie rasch überbrücken wollte. »Bei Milan ist es mir bisher noch nicht aufgefallen. Aber offenbar ist es ebenfalls eine Familientradition, oder? Es sieht haargenau aus wie bei dir, Tamara.«
Die sonst so gefasste Frau zuckte merklich zusammen, bevor sie ihr antwortete. »Ja, es ist wirklich so etwas wie eine Familientradition. Es ist gewissermaßen das Symbol unseres Stammes. Aber ein echtes Tattoo ist es nicht, dafür wäre Milan auch zu jung ...«
Milan klang nun etwas genervt. »Jetzt fängt das wieder an, immer bin ich für alles zu jung ...«
Tamara lächelte mit ihren schmalen, glänzenden Lippen. »Darüber reden wir ein anderes Mal.«
Milan gab nur ein »Mhm« als Antwort und lehnte sich dann zurück.
Alexis konnte nur den Kopf schütteln. Sie wäre froh gewesen, wenn ihre Mutter so frei mit ihr reden würde, wie es Tamara mit Milan tat. Stattdessen tauschten sie kaum ein Wort.
»Und was machst du gerne in deiner Freizeit, Alexis?«, fuhr Tamara fort und riss sie damit aus ihren Gedanken.
Ja, was machte Alexis in ihrer Freizeit? Sie versuchte, an Erinnerungen zu kommen, die irgendwo tief in ihrem Hinterkopf schlummern mussten. Erinnerungen, von denen sie wusste, dass sie nicht wahr sein konnten. Also musste sie sich wohl oder übel etwas ausdenken. Aber sie hatte ja noch ihre neuesten Ereignisse ...
»Ich gehe gerne ins Kino«, fing Alexis an. »Und ansonsten mache ich gerne was mit Freunden.«
»Spielst du auch ein Musikinstrument?«
»Ja«, riet Alexis und sagte, was ihr als Erstes in den Sinn kam, »Ich habe mal ein wenig Klavier gespielt ...«
»Ach, wirklich?« Tamaras Augen leuchteten jetzt auf. »Zufällig haben wir einen Flügel im Wohnzimmer stehen. Willst du es nicht mal versuchen? Milans Sache war es ja nie so richtig. Es wäre wirklich schön, wenn jemand die Töne noch einmal zum Erklingen bringen würde. Seitdem mein Mann uns verlassen hat, steht es unbenutzt dort. Ich wische noch schnell den Staub weg, dann kannst du anfangen.«
Das Ganze sagte sie in einer solchen Geschwindigkeit, dass Alexis keine Chance hatte zu widersprechen. Stattdessen versuchte sie, die Panik zu verbergen, die ihr bestimmt ins Gesicht geschrieben stand. Von der Seite aus musterte Milan sie skeptisch.
Als die Beiden aufstanden, kam er ihr kurz näher. »Du spielst gar kein Klavier, oder?«, raunte er ihr zu.
Sie schüttelte nur leicht mit dem Kopf, aber es war zu spät.
»Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann«, sagte Alexis daher laut, sodass auch Milans Mutter es hören konnte.
Tamara winkte entschlossen ab, während sie sie in das Wohnzimmer führte. »Das wirst du schon sehen. Ein bisschen was wird bestimmt hängen geblieben sein.«
Alexis schluckte, während sie sich der offenen Tür näherte. Den Fernseher hatte sie schon durch den Schlitz gesehen, aber nun, da sie den Raum betrat, nahm sie auch die übrigen Objekte wahr. Ein weißes Sofa stand fast in der Mitte des Zimmers, daneben zwei Sessel. Ein hellblauer Teppich bedeckte den blankpolierten Boden. In zwei Ecken waren volle Bücherregale zu sehen, die bis an die Decke reichten, und in der dritten Ecke stand …
»Der Flügel, er wartet auf dich.« Tamara winkte sie zu sich. Alexis, die schüchtern von einem Fuß auf den anderen getreten war, ließ sich unsicher auf dem Stuhl nieder.
Sie betrachtete die weißen und schwarzen Tasten. Etwas in ihr pochte laut und es dauerte eine Weile, bis sie bemerkte, dass es nicht ihr Herz war. Es war ein Gefühl, eine Schwingung. Wie eine Welle an den Strand kam sie an die Oberfläche und ließ sie ein Kitzeln in den Fingerspitzen spüren. Sie schloss kurz die Augen, legte die Finger auf die Tasten. Sie stellte sich das Klavier im Geiste vor, seine Klänge und die Stimmung, die es dadurch verbreiten würde. Wie ein Bach floss sie in das Wesen des Instruments hinein, bis sie sagen würde, dass sie es in- und auswendig kannte. Und dann glitten ihre Finger über die Tasten, erst langsam und bewusst, dann immer schneller.
Sie spielte ein Lied, doch welches? Kein Ton ging daneben, die Etüde gelang ihr, als hätte sie sie schon tausend Mal gespielt. Mit dem Körper wippte sie leicht vor und zurück, gefühlvoll strich sie über die Tasten und hatte das Gefühl, in dem Lied zu fliegen, zu reisen und erst, als der letzte Ton verklungen war, wusste sie, dass die Melodie nur für den Moment ihr gehört hatte. Sie hatte noch nie gespielt, nein. Aber ihre Fähigkeit, Dinge zu erspüren, ihr Wesen zu erkennen, die hatte sie nicht verloren. Zumindest hatte sie sie für den Augenblick zurückgeholt und nun, da er vorbei war, schien es seltsam leer in ihr.
Tamaras aufgeregtes Klatschen nahm sie kaum wahr, bis sie sich schließlich umdrehte und ein Lächeln versuchte.
»Du und nicht lange gespielt? Du bist ein Naturtalent!«, sagte Tamara mit einem Strahlen im Gesicht.
Aber Milan hatte die Arme vor der Brust verschränkt, was sich Alexis nur schwer erklären konnte. »Ich glaube, wir müssen dann mal mit dem Referat anfangen, sonst wird es zu spät.«
Alexis klappte den Deckel hinunter, bevor sie aufstand. »Danke für den Kuchen und die Möglichkeit, zu spielen.«
Dann folgte sie Milan, der den Raum auffallend schnell verließ.
Darmowy fragment się skończył.