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Ben Hur
Lewis Wallace
Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Schluß
Impressum
Erstes Kapitel
Dschebel es Subleh heißt ein über fünfzig Meilen langer schmaler Gebirgszug, von dessen rotweißen Klippen man nach Osten auf die arabische Wüste blickt. Ungezählte Wadis, Rinnsale, haben sich in diesen Gebirgszug eingegraben, und zur Regenzeit füllen sie sich mit Wasser, um es dem Jordan oder dem Toten Meer zuzuführen.
Aus einem dieser Wadis, das vom äußersten Ende des Dschebel gegen Osten ausläuft und in das Bett des Jabbokflusses übergeht, kam ein Wanderer hervor, der dem Tafellande der Wüste zustrebte.
Dem Aussehen nach mochte er etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein über die Brust herabwallender schwarzer Bart zeigte Spuren von Grau, sein Antlitz war tiefbraun und zum größten Teil durch ein rotes Tuch verdeckt. Er ritt ein großes, weißes Dromedar, das ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Sonne war gerade aufgegangen, als das Tier sich aus dem Wadi herausarbeitete. Weithin erstreckte sich hier die Wüste, von einem Pfade oder Wege konnte hier keine Rede mehr sein. Aber das Kamel schien einer unsichtbaren Führung zu folgen und strebte in langen Schritten dem Osten zu. Genau um Mittag blieb es von selbst stehen und drückte durch einen klagenden Schrei seine Ermüdung aus.
Sein Reiter fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Schlafe. Sorgfältig prüfte er die Gegend nach allen Richtungen, wie um sich zu vergewissern, daß er am rechten Orte angelangt sei. Dann atmete er befriedigt tief auf und nickte, als wollte er sagen: Endlich! Er legte die Hände kreuzweise über die Brust, neigte das Haupt und verrichtete ein stilles Gebet. Nach Erfüllung dieser frommen Pflicht gab er dem Tiere das Zeichen zum Niederknien. Langsam und grunzend folgte es dem Rufe. Der Reiter setzte seinen Fuß auf den schlanken Hals und trat auf den sandigen Boden.
Wie es sich jetzt zeigte, war der Mann von wunderbar ebenmäßigem Körperbau, mehr kräftig als hochgewachsen. Der Schnitt seines fast schwarzen Gesichts, die breite Stirn mit der Adlernase und das herabwallende glänzende Haar verrieten seine ägyptische Abstammung.
Obschon allein in einer von Leoparden und Löwen wie auch halbwilden Menschen besuchten Wüste, trug er doch merkwürdigerweise keine Waffen, nicht einmal den zum Anspornen der Kamele dienenden gekrümmten Stab. Er befand sich also auf friedlichem Wege und war entweder sehr kühn oder stand unter einem außerordentlichen Schutze.
Der lange und ermüdende Ritt hatte seine Glieder steif gemacht, und daher umschritt er wiederholt sein treues Kamel, wobei sein Blick immer wieder den Horizont musterte. Jedesmal glitt dann ein leichter Schatten von Enttäuschung über sein Gesicht, der verriet, daß er Gesellschaft erwartete, vielleicht nach vorangegangener Verabredung. Allein, was konnte das für ein Geschäft sein, das an einem so abgelegenen Orte verhandelt werden mußte?
Er mußte wohl sicher sein, daß die erwartete Gesellschaft kommen würde, denn nachdem er sein Kamel gefüttert hatte, errichtete er mit Stäben aus seinem Gepäck und mitgebrachtem Tuch ein Zelt. Den mitgenommenen Vorräten entnahm er die Bestandteile eines Mahles: Wein in kleinen Lederschläuchen, getrocknetes und geräuchertes Hammelfleisch, syrische Granatäpfel, arabische Datteln, dazu Käse und gesäuertes Brot. Alles dieses stellte er in schöner Ordnung auf den Teppich unter dem Zelte, und legte zum Schlusse drei seidene Tücher als Servietten daneben. Hieraus konnte man auf die Anzahl der Personen schließen, die er als Gäste erwartete.
Alles war nun fertig. Er trat wieder hinaus, und sieh! fern im Osten war ein dunkler Punkt auf der Wüstenfläche zu bemerken. Wie festgewurzelt blieb er stehen; sein Auge erweiterte sich, ein heiliger Schauer durchrieselte seinen Leib.
Der Punkt wurde größer, endlich nahm er bestimmte Formen an. Etwas später erkannte er darin ein großes, weißes Dromedar, das genaue Seitenstück seines eigenen, mit der Reisesänfte eines Inders auf dem Rücken. Der Ägypter kreuzte seine Arme auf der Brust und blickte zum Himmel. »Gott allein ist groß!« rief er aus, während seine Augen mit Tränen sich füllten und Ehrfurcht seine Seele durchschauerte.
Der Fremde kam näher und näher, endlich machte er Halt. Auch er schien wie aus dem Schlafe erwacht. Er erblickte das kniende Kamel, das Zelt, und an seinem Eingange den Mann in betender Stellung. Er kreuzte ebenfalls die Arme, neigte das Haupt und betete schweigend. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Kamele ab und ging dem Ägypter entgegen und dieser ihm. Einen Augenblick sahen beide einander an, dann umarmten sie sich.
»Friede sei mit dir, o Diener des wahren Gottes!« sagte der Fremde.
»Auch dir, o Bruder im wahren Glauben,« entgegnete mit Wärme der Ägypter, »auch dir Friede und Willkomm!«
Der Ankömmling war von schlanker, hagerer Gestalt, die Augen lagen tief in den Höhlen. Haar und Bart waren weiß, die Gesichtsfarbe rötlichbraun. Auch er war unbewaffnet. Seine Kleidung war die eines Inders, um das Haupt gewunden trug er einen Turban mit reichen Falten.
»Gesegnet sind die, die dem Herrn dienen!« sagte nach einer Weile der Ägypter. »Aber warten wir ab, denn sieh, schon kommt dort auch der andere!« Sie blickten gegen Norden, von wo gerade, dem Auge schon deutlich sichtbar, ein drittes Kamel, das ebenfalls von weißer Farbe war, wie ein Schiff herankam. Sie warteten, nebeneinander stehend, bis der Ankömmling nahe und abgestiegen war und ihnen entgegenging.
»Friede sei mit dir!« sagte er, den Inder umarmend.
»Gottes Wille geschehe!« erwiderte dieser.
Der neue Ankömmling war seinen Freunden ganz unähnlich. Er war zarter gebaut und hatte weiße Gesichtsfarbe. Reiches, wogendes Haar von lichter Farbe bildete die Krone seines kleinen, aber schönen Hauptes. Das warmblickende tiefblaue Auge offenbarte ein zartes Gemüt und einen herzlichen, edlen Charakter. Er war unbedeckt und unbewaffnet, und an seiner Kleidung sah man, daß er ein Grieche war.
Nachdem er auch den Ägypter umarmt hatte, sagte dieser: »Der Geist hat mich zuerst hierhergeführt, daraus erkenne ich, daß ich zum Diener meiner Brüder erwählt bin. Das Zelt ist aufgerichtet, das Brot zum Brechen bereit, laßt mich meines Amtes walten!«
Sie bei der Hand nehmend, führte er beide hinein, band ihnen die Sandalen los, wusch ihnen die Füße, goß Wasser über ihre Hände und trocknete sie mit Tüchern ab.
Und als er sich selbst die Hände gewaschen hatte, sprach er: »Laßt uns nun für uns selbst sorgen, Brüder, wie unsere Aufgabe es erheischt, und uns stärken zur Verrichtung dessen, was uns heute noch obliegt. Während wir essen, können wir einander kennen lernen.«
Er führte sie zum Mahle und wies ihnen die Plätze so an, daß sie alle sich gegenseitig anblickten. Sie neigten nun gleichzeitig das Haupt, kreuzten die Arme über der Brust und sprachen gemeinsam und laut folgendes einfache Tischgebet: »O Gott und Vater aller! Was wir hier haben, ist von dir; nimm hin unsern Dank und segne uns, daß wir auch fürderhin stets deinen Willen tun.« Beim letzten Worte erhoben sie die Augen und blickten einander verwundert an. Jeder hatte in seiner Sprache gesprochen, die die anderen noch nicht gehört hatten, und doch verstanden sie sich gegenseitig vollkommen. Ehrfurchtsschauer durchbebte ihr Inneres; denn das Wunder ließ sie Gottes Gegenwart fühlen.
Diese Zusammenkunft fand, um nach der damaligen Zeitrechnung zu sprechen, im Jahre 747 nach der Erbauung Roms statt. Es war im Monat Dezember. Der Ritt durch die Wüste hatte in den dreien Eßlust erregt, und bald kam auch durch den Wein ihre Unterhaltung in Fluß.
»Einem Wanderer in fremden Landen ist nichts so angenehm, als seinen Namen von Freundesmund genannt zu hören,« sagte der Ägypter. »Viele Tage mag unser Zusammenleben währen, es ist darum Zeit, daß wir einander kennen lernen. Es soll also, wenn es so genehm ist, der zuerst sprechen, welcher zuletzt anlangte.«
Und langsam anfänglich, wie zurückhaltend, begann der Grieche. »Fern von hier im Westen ist ein Land, welches nie der Vergessenheit anheimfallen wird, schon darum, weil die Welt demselben zu sehr zu Dank verpflichtet ist, und zwar für Dinge, die der Menschheit die reinsten Freuden gewähren. Ich spreche von Griechenland. Ich bin Kaspar, Sohn des Kleantes von Athen. Das Volk, dem ich angehöre, hat sich ganz der Kunst und Wissenschaft hingegeben, und ich habe von ihm dieselbe Neigung ererbt. Unsere beiden größten Philosophen, Platon und Aristoteles, gaben uns die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und dem einigen Gott. Aber es mußte, dachte ich mir, eine bis jetzt nicht gekannte Beziehung zwischen Gott und der Seele geben, und da mir darüber die Schulen keine Auskunft gaben, verließ ich sie verzagt und ging in die Einsamkeit.«
Ein Lächeln der Befriedigung erhellte bei diesen Worten die hageren Züge des Inders. »Im nördlichen Teile meines Vaterlandes,« fuhr der Grieche fort, »in Thessalien, ist ein berühmter Berg, Olymp genannt. Die Sage meiner Landsleute nennt ihn die Heimat der Götter; auf ihm soll Zeus, der höchste der Götter, seinen Wohnsitz haben. Dorthin begab ich mich. An einem südöstlichen Ausläufer dieses Berges fand ich eine Höhle, da ließ ich mich nieder und widmete mich ganz der Betrachtung, oder vielmehr ich flehte mit jedem Atemzuge um Offenbarung.«
»Und du wurdest erhört!« rief der Inder lebhaft aus.
»Höret mich, Brüder,« fuhr der Grieche fort, während er nur mühsam seine Bewegung unterdrücken konnte. »Der Eingang zu meiner Einsiedelei gewährte Ausblick auf einen Meeresarm, den Golf von Thermä. Eines Tages sah ich einen Mann aus einem vorbeisegelnden Schiff über Bord stürzen. Er schwamm der Küste zu. Ich nahm ihn auf und trug Sorge für ihn. Er war ein Jude, wohlbewandert in der Geschichte und in den Gesetzen seines Volkes. Von ihm erfuhr ich, daß der Gott meines Sehnens wirkliches Dasein hat, ja seit Jahrhunderten der Gesetzgeber, Herrscher und König der Israeliten gewesen ist. Er erzählte mir auch, daß dieser Gott von neuem auf die Erde kommen werde, und daß diese zweite Ankunft unmittelbar bevorstehe, ja eben jetzt in Jerusalem erwartet werde.
Als der Jude weitergewandert und ich wieder allein war, suchte ich mich durch abermaliges Gebet würdig zu machen, den verheißenen König mit meinen Augen zu sehen und anzubeten, wenn er kommen werde. Eines Nachts saß ich am Eingang meiner Höhle und dachte über das Geheimnis meines Daseins nach; denn wenn ich dieses kenne, kenne ich auch Gott. Plötzlich begann in der Dunkelheit, die sich über dem Meere lagerte, ein Stern aufzuleuchten. Langsam stieg er empor und kam immer näher, bis er über dem Berge und der Höhle stehen blieb, so daß sein Licht voll auf mich fiel. Ich sank um und schlief ein. Im Traume hörte ich eine Stimme: ›O Kaspar, dein Glaube hat gesiegt! Gesegnet bist du! Mit zwei anderen, die von den äußersten Enden der Erde kommen werden, sollst du den sehen, der da kommen soll, und Zeugnis von ihm geben. Wenn der Morgen anbricht, stehe auf und eile ihnen entgegen; vertraue dem Geiste, der dich geleiten wird!‹
Und als ich am Morgen erwachte, leuchtete der Geist in mir heller als die Sonne. Ich legte mein Einsiedlergewand ab und kleidete mich wie ehedem. Aus einem Verstecke holte ich den Schatz hervor, den ich von der Stadt mitgebracht hatte. Ein Schiff segelte vorüber. Ich rief es an, ward an Bord genommen und landete in Antiochia. Dort kaufte ich dieses Kamel samt seiner Ausrüstung. Durch blühende Gärten den Ufern des Orontes entlang kam ich nach Emesa, Damaskus, Bostra und Philadelphia, und von dort hierher. Das, Brüder, ist meine Geschichte. Laßt mich nun die eurige hören!«
Der Ägypter und der Inder blickten einander an. Der erstere winkte mit der Hand, der letztere verneigte sich und begann: »Mein Bruder hat wohl gesprochen. Mögen meine Worte ebenso weise sein!« Er unterbrach sich und überlegte einen Augenblick, dann nahm er wieder das Wort: »Man nennt mich, Brüder, Melchior. Die Sprache, in der ich zu euch rede, ist, wenn auch nicht die älteste der Welt, so doch jene, in der zuerst Schriftstücke abgefaßt wurden: ich meine das indische Sanskrit. Ich bin von Geburt ein Inder. Mein Volk und seine Religion sind alt, aber diese Religion ließ trotz ihrer unzähligen Vorschriften und Gesetze in meinem Geiste eine Leere zurück. Ich suchte in meiner inneren Verlassenheit einen Ort, wo ich allein sein konnte mit meinem Gott. Ich wanderte den Ganges entlang, seiner Quelle zu, und kam hoch in das Himalayagebirge. Dort, fern von der Welt, ließ ich mich nieder, um im Umgange mit Gott in Gebet, Betrachtung, Abtötung und Fasten mich auf den Tod vorzubereiten. Eines Nachts wandelte ich die Ufer des Sees entlang und sprach zur lauschenden Stille: ›Wann wird Gott kommen und sein Eigentum fordern? Gibt es denn keine Erlösung?‹ Plötzlich begann ein Licht über der Wasserfläche emporzuzittern; bald erhob sich ein Stern, bewegte sich auf mich zu und blieb über mir stehen. Sein Strahlenglanz blendete mich. Während ich am Boden lag, hörte ich eine Stimme, die mit unendlicher Süßigkeit zu mir sprach: ›Deine Liebe hat gesiegt. Gesegnet bist du, Indiens Sohn! Die Erlösung ist nahe. Mit zwei anderen, die von fernen Erdteilen kommen werden, sollst du den Erlöser sehen und von ihm Zeugnis geben. Wenn der Morgen kommt, dann mache dich auf und eile ihnen entgegen; vertraue dich dem Geiste an, der dich geleiten soll!‹ Von der Zeit an blieb das Licht in meiner Nähe, daraus erkannte ich die unmittelbare Führung des Geistes. Unterwegs fand ich in einem Felsenspalt einen Edelstein von seltenem Wert, den ich verkaufte. Über Lahore, Kabul und Jezd kam ich nach Ispahan. Dort kaufte ich das Kamel und reiste sofort nach Bagdad, ohne erst eine Karawane abzuwarten. Ich wanderte allein meines Weges, ohne Furcht, denn der Geist war mit mir und ist noch mit mir. Welche Ehre erwartet uns, Brüder! Wir sollen den Erlöser sehen, zu ihm sprechen, ihn anbeten!«
Nunmehr begann der Ägypter mit würdevollem Ernst seinen Bericht:
»Eure Worte, Brüder, kamen aus dem Geiste; und der Geist wird mich lehren, sie zu verstehen. Ich bin Balthasar aus Ägypten. Ich wurde zu Alexandrien als Sohn eines Priesters aus fürstlichem Geschlecht geboren und erhielt eine meinem Stande angemessene Erziehung. Aber früh schon ward ich mit einer Lehre, die glaubte, daß wir Menschen immer wieder durch alle Stufen der Geschöpfe wandern müßten, unzufrieden. Ich glaubte, daß die Seele für eine höhere Bestimmung geschaffen sei. Schließlich sah ich ein, daß der Tod nur eine Scheidung zwischen Guten und Bösen bedeute, daß letztere dem Verderben anheimfallen, die ersteren aber zu einem höheren Leben aufsteigen. Ich zog mich von der Welt zurück und widmete mich dem Gebete. Weit in das Innere von Afrika hinein führte mich mein Weg. Eines Abends, als ich in einem Palmenhaine meiner Betrachtung oblag, blendete mich plötzlich ein strahlendes Licht. Ein heller Stern stand über mir, und eine Stimme sprach: ›Deine guten Werke haben gesiegt. Gesegnet bist du, Mizraims Sohn! Die Erlösung naht. Mit zwei anderen, die von fernen Landen kommen, sollst du den Heiland sehen und von ihm Zeugnis geben. Am Morgen erhebe dich und eile ihnen entgegen, und wenn ihr alle in die heilige Stadt Jerusalem kommet, fraget das Volk: Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten! Vertraue in allem dem Geiste, der dich geleiten wird.‹ Und das Licht leuchtete auch in meiner Seele und blieb bisher bei mir als Lenker und Führer. Es führte bis Memphis, wo ich Vorbereitungen für die Reise durch die Wüste traf. Ich kaufte mein Kamel und kam in rastloser Eile über Suez und Kufileh und hierauf durch das Land der Moabiter und Ammoniter bis hierher. Gott ist mit uns, Brüder!«
Er hielt inne; wie einer inneren Eingebung folgend, erhoben sich alle und blickten einander an. Unwillkürlich reichten sie sich die Hände.
»Ist das nicht eine wunderbare göttliche Fügung?« rief Balthasar. »Wenn wir den Herrn gefunden haben, werden jene Brüder und mit ihnen alle Völker der Erde ihm huldigen. Und wenn wir voneinander scheiden, wird durch die Welt die Kunde eilen, daß nicht durch das Schwert noch durch menschliche Weisheit der Himmel erobert werden kann, sondern nur durch Glaube, Liebe und gute Werke.«
Es folgte tiefes Schweigen. Die Freude, die ihr Herz bewegte, füllte ihre Augen mit Tränen. Dann lösten sich ihre Hände und sie traten zusammen vor das Zelt hinaus. Tiefe Stille herrschte ringsum, kein Lüftchen regte sich. Die Sonne eilte dem Untergange zu. Die Kamele schliefen.
Nach einer Weile brachen die Freunde das Zelt ab, stiegen auf und ritten einer hinter dem andern unter Anführung des Ägypters weiter. Sie nahmen ihre Richtung genau nach Westen. Die kühlende Nacht senkte sich auf die Wüste. Die Kamele trabten munter und so gleichmäßig vorwärts, daß die nachfolgenden immer in die Schatten des ersteren zu treten schienen. Die Reiter schwiegen.
Nach und nach kam der Mond herauf. Wie die drei hohen weißen Gestalten geräuschlos durch das fahle Licht dahinglitten, mochten sie fliehenden Gespenstern ähnlich erscheinen. Plötzlich erstrahlte vor ihnen, scheinbar nicht höher als der Gipfel eines Hügels, ein flammendes Licht. Ihre Herzen pochten schneller, ihre Seele durchrieselte heiliger Schauer, und wie aus einem Munde riefen sie:
»Der Stern! Der Stern! Gott ist mit uns!«
Zweites Kapitel
An der Westseite der Mauer Jerusalems befindet sich das Bethlehem- oder Joppe-Tor. Der Platz vor demselben ist einer der bemerkenswertesten der Stadt. Lange bevor David nach Zion strebte, stand dort eine befestigte Burg, und in den Tagen Salomos herrschte daselbst lebhafter Verkehr. Kaufleute aus Ägypten und reiche Händler aus Tyrus und Sidon boten ihre Waren feil. Nahezu dreitausend Jahre sind seitdem verflossen, und noch immer heftet sich an den Platz eine Art Handelsverkehr.
Es war um die dritte Stunde des Tages. Viele Juden hatten den Markt schon verlassen, doch schien das Gedränge kaum abzunehmen, denn es kamen immer wieder einzelne hinzu.
Unter den Neuangekommenen befand sich eine Gruppe, die aus einem Mann, einem Weib und einem Esel bestand. Der Mann hielt das Tier am Zaume und stützte sich auf einen Stab. Seine Gesichtszüge ließen ihn als fünfzigjährig erscheinen, eine Vermutung, die durch das Grau, womit sein sonst schwarzer Bart untermischt war, bestätigt wurde. Der halb neugierige, halb leere Blick, mit dem er das Treiben um sich betrachtete, bewies, daß er ein Fremder vom Lande war. Der Esel kaute gemächlich an einem Häuflein Gras, woran auf dem Markte kein Mangel war. In seiner schläfrigen Genügsamkeit ließ er sich weder von dem ihn umgebenden Lärm stören, noch schien er sich um die weibliche Gestalt zu kümmern, die auf seinem Rücken in einem gepolsterten Sattel saß. Ein Oberkleid aus dunklem Wollenstoff bedeckte vollständig ihren Körper, während ein weißer Schleier Kopf und Hals verhüllte. Hin und wieder lüftete sie den Schleier, um zu sehen, was um sie vorging, aber nur so wenig, daß ihr Gesicht unsichtbar blieb.
Endlich wurde der Mann angesprochen.
»Bist du nicht Josef aus Nazareth?«
Der Sprecher stand ganz nahe bei ihm.
»So nennt man mich,« erwiderte Josef und wandte sich um.
»Und du?« – O, Friede sei mit dir, mein Freund, Rabbi Samuel!«
»Das gleiche wünsche ich dir!« Der Rabbi hielt inne, blickte auf die Frau und fügte dann hinzu: »Friede sei mit dir und mit deinem Hause und mit all den Deinigen!«
Beim letzten Worte legte er eine Hand auf die Brust und verneigte sich gegen die Frauengestalt. Diese hatte, um ihn zu sehen, den Schleier etwas zurückgezogen, so daß ihr Antlitz sichtbar wurde. Sie schien erst seit kurzem dem Mädchenalter entwachsen zu sein.
Die Männer reichten einander die Hand, dann fragte der Rabbi:
»Ihr habt also einen langen Weg vor euch; doch nicht bis Joppe?«
»Nein, nur bis Bethlehem.«
Der bisher offene und freundliche Blick des Rabbi verfinsterte sich, und aus seiner Kehle kam es wie ein Geknurre herauf.
»Ja, ja, ich verstehe,« sagte er. »Du bist in Bethlehem geboren und gehst nun mit deiner Tochter dahin, dich der kaiserlichen Verordnung gemäß wegen Besteuerung einschreiben zu lassen. Den Kindern Jakobs ergeht es wie einst den Stämmen in Ägypten; nur haben sie jetzt weder einen Moses noch einen Josua. Wie tief sind doch die Mächtigen gesunken!«
»Sie ist nicht meine Tochter,« antwortete Josef. »Sie ist das Kind Joachims und Annas aus Bethlehem, von denen du sicher gehört hast, denn sie standen in hohem Ansehen –«
»Ja,« bemerkte der Rabbi ehrerbietig, »ich weiß von ihnen; sie stammten in gerader Linie von David. Ich kannte sie gut.«
»Nun, sie sind schon tot,« sprach Josef weiter. »Sie starben in Nazareth. Joachim war nicht reich; doch hinterließ er ein Haus und einen Garten seinen beiden Töchtern Marian und Maria. Diese ist eine von ihnen; um ihr Erbteil sicherzustellen, mußte sie nach Vorschrift des Gesetzes ihren nächsten Verwandten heiraten. Sie ist nun meine Gattin.«
»Und du warst –«
»Ihr Oheim.«
»Ja, ja! Da ihr beide in Bethlehem geboren seid, zwingt dich der Römer, sie dorthin mitzunehmen, damit auch sie aufgeschrieben werde!« Der Rabbi schlug die Hände zusammen, blickte flammenden Auges gegen den Himmel und rief: »Noch lebt der Gott Israels! Sein ist die Rache!«
Mit diesen Worten wandte er sich ab und entschwand. Auch Josef und seine Gattin brachen bald auf. Sie zogen zum Tor hinaus und wandten sich dann links, um die Straße nach Bethlehem zu nehmen. Auf holperigem Wege an vereinzelten wilden Ölbäumen vorbei kamen sie in das Hinnomtal. Voll zärtlicher Sorge schritt Josef, den Leitriemen in der Hand, an der Seite seiner Gattin.
Die Sonne brannte heiß auf die steinige Fläche der berühmten Örtlichkeit. Maria, die Tochter Joachims, zog daher den Schleier weg und entblößte ihr Haupt. Sie schien nicht älter als fünfzehn Jahre zu sein. Gestalt, Stimme und Haltung deuteten an, daß sie das Mädchenalter noch nicht lange verlassen hatte. Ihr Angesicht war länglichrund, seine Farbe mehr blaß als hell. Die Nase war tadellos, die leicht geöffneten Lippen waren voll und rot und gaben den Mundlinien einen Ausdruck von Zartheit, Wärme und Vertrauen. Die Augen waren blau und groß und von gesenkten Lidern mit langen Wimpern beschattet. Reiches, goldfarbenes Haar in der Tracht der jüdischen Bräute fiel, um ihr Bild vollkommen zu machen, über ihren Rücken lose bis zum Sattelkissen herab, auf welchem sie saß. Ihre ungewöhnliche Schönheit wurde noch erhöht durch einen Hauch von Reinheit, den nur die Seele verleihen kann, und durch einen Zug von Verklärung, wie er jenen eigen ist, die ihren Geist vorzugsweise auf das Überirdische richten. Oft erhob sie, während die Lippen still sich bewegten, die tiefblauen Augen zum fast minder blauen Himmel, oft faltete sie die Hände auf der Brust wie zum Lobe Gottes und zum Gebete. Von Zeit zu Zeit blickte Josef mitten in seiner Erzählung nach ihr, und wenn er ihren verklärten Gesichtsausdruck sah, vergaß er seinen Gegenstand und schritt gesenkten Hauptes und voll Verwunderung den beschwerlichen Weg weiter.
So durchwanderten sie die ausgedehnte Ebene und erreichten endlich die Anhöhe Mar Elias, Von hier erblickten sie durch ein Tal Bethlehem, dessen weiße Mauern einen Hügelkamm krönten und aus dem Braun blätterloser Gärten hervorleuchteten. Hier hielten sie Rast und stiegen dann ins Tal hinab, wo ein großes Gedränge von Menschen und Tieren herrschte. Josef befürchtete, er könne in dem überfüllten Bethlehem kein Obdach mehr finden, und zog eilends weiter, bis er an die vor dem Tore gelegene Herberge kam. Die Herbergen im Orient, die man nach einem persischen Wort Khans nannte, waren meist nur geschlossene Umzäunungen, manchmal ohne Haus und Dach. Bei ihrer Anlage wurde nur Rücksicht auf die Wasserverhältnisse, auf sichere und schattige Lage genommen. Es gab darin keinen Wirt und keinen Koch, nur einen Türhüter, der den Neuankommenden mitteilte, ob noch Platz vorhanden war. Eine Vergütung brauchte man nicht zu bezahlen, mußte aber auch selbst für Beköstigung sorgen.
Josef war zwar aus Bethlehem gebürtig, hatte aber infolge seiner langen Abwesenheit dort kaum noch einen Bekannten, dessen Gastfreundschaft er in Anspruch nehmen konnte, besonders da es bei der Langsamkeit der römischen Behörden Monate dauern konnte, bis die ausgeschriebene Zählung beendet war. Darum war er auf die Herberge angewiesen und sehr besorgt, bei dem Andrang keinen Einlaß mehr zu finden. Und wirklich fand er beim Nähertreten, daß die Herberge überfüllt war.
Der Türhüter saß auf einem großen Zedernblock vor dem Tore. Hinter ihm lehnte ein Spieß an der Mauer, ein Hund saß an seiner Seite.
»Ich bin aus Bethlehem,« sagte Josef, nachdem er ihn begrüßt hatte. »Ist kein Platz für –«
»Es ist kein Platz mehr übrig.«
»Du dürftest von mir gehört haben. Ich bin Josef von Nazareth. Ich stamme aus dem Geschlechte Davids.«
Auf diese Bemerkung hatte Josef seine Hoffnung gebaut. Ein Nachkomme Davids zu sein, galt als die höchste Ehre, und auch jetzt blieb die Berufung auf seine Abstammung nicht ohne Wirkung. Der Torhüter glitt vom Zedernblocke herab, berührte mit der Hand seinen Bart und sagte ehrfurchtsvoll:
»Rabbi, ich kann dir nicht sagen, wann dieses Tor sich zuerst einem Wanderer zum Willkomm öffnete; es sind gewiß mehr als tausend Jahre, und in dieser ganzen Zeit ist kein Beispiel bekannt, daß ein rechtschaffener Mann abgewiesen worden wäre, außer es war für Unterkunft kein Raum mehr. Wurde es so dem Fremden gegenüber gehalten, so muß der Wächter, der einem Nachkommen Davids den Eintritt verweigert, einen triftigen Grund haben. Darum begrüße ich dich abermals, und wenn du mit mir gehen willst, werde ich dir zeigen, daß nirgends im Hause ein Platz frei ist. Darf ich fragen, wann du angekommen bist?«
»Eben jetzt.«
»Unter den vielen hier warten die meisten schon länger. Sie alle sind wie du infolge des kaiserlichen Befehls gekommen. Dann lagert hier noch eine Karawane aus Damaskus mit Kamelen und Gütern.«
Josef blickte zu Boden. Dann sagte er mit Wärme:
»Ich frage nichts nach mir, aber ich habe mein Weib bei mir und die Nacht ist kalt, kälter hier oben als in Nazareth. Sie kann nicht unter freiem Himmel bleiben. Ist vielleicht in der Stadt noch Raum?«
»Diese Leute« – der Hüter zeigte mit der Hand auf die Menge vor dem Tore – »haben sämtlich die Stadt durchsucht und, wie sie melden, alle Plätze schon besetzt gefunden.«
Wieder betrachtete Josef den Boden, während er halb zu sich selber sprach: »Sie ist so jung! Wenn ich ihr draußen auf dem Hügel ein Lager bereite, wird der Frost ihr Tod sein.«
Dann wandte er sich wieder zum Wächter:
»Vielleicht kennst du ihre Eltern, Joachim und Anna, die aus Bethlehem gebürtig und gleich mir aus dem Hause Davids waren.«
»Ja, ich kannte sie, sie waren gute Leute. Damals war ich noch ganz jung.«
Diesmal sah der Türhüter gedankenvoll zu Boden. Plötzlich hob er sein Haupt.
»Wenn ich dir auch keinen Platz im Hause anweisen kann, so will ich dich doch nicht abweisen,« sagte er. »Rabbi, was ich kann, will ich für dich tun. Ihr sollt nicht im Freien auf dem Hügel bleiben! Aber beeile dich, denn die Dunkelheit bricht herein.«
Josef beeilte sich, seine Gattin und den Esel herbeizuführen. Maria hatte den Schleier zurückgezogen.
»Blaue Augen und goldiges Haar,« murmelte der Wächter, als er sie erblickte. »So sah der junge König aus, als er vor Saul trat, ihn durch seinen Gesang zu erheitern.«
Er nahm den Leitriemen aus Josefs Hand und sagte zu Maria:
»Friede sei mit dir, Tochter Davids!« und zu Josef: »Rabbi, folge mir!«
Er führte sie durch den Hof der Herberge, dann auf einem schmalen Pfade zum grauen Kalksteinfelsen, der im Westen den Khan überragte.
»Wir gehn zur Höhle,« bemerkte Josef kurz.
Der Führer wartete, bis Maria an seine Seite gekommen war. »Die Höhle, zu der wir nun gehn,« sagte er zu ihr, »mußte auch deinem Ahn David eine Zufluchtsstätte bieten. Von dem Felde zu unseren Füßen und vom Brunnen unten im Tale pflegte er seine Herden hierher in Sicherheit zu bringen; auch als er schon König war, kam er nicht selten zu dem alten Hause hier zurück und brachte auch eine, große Menge Tiere mit. Die Krippen sind noch so erhalten, wie sie zu seiner Zeit waren. Besser ein Bett auf dem Boden, wo er geschlafen hat, als eines im Hofraume oder draußen am Saume der Straße.«
Eine niedrige, schmale Hütte war vor den Eingang der Höhle gebaut. An der Vorderseite befand sich eine Tür, die sich um gewaltige Angeln drehte. Der Führer öffnete sie und rief:
»Tretet ein!«
Sie traten in den Raum und blickten sich um. Durch die geöffnete Tür strömte das Licht auf einen unebenen Boden und ließ in der Mitte des Raumes Haufen von Getreide und Heu, irdene Gefäße und andere Hausgeräte wahrnehmen. Längs der Seitenwände standen aus Stein gemauerte Krippen, die auch für Schafe niedrig genug waren. Stallungen oder gesonderte Abteilungen waren nicht zu sehen.
»Diese Vorräte«, sagte der Führer, »sind für Wanderer wie ihr. Nehmt davon, was ihr benötigt.« Dann wandte er sich zu Maria: »Kannst du hier ruhen?«
»Diese Stätte ist heilig,« antwortete sie. »So will ich euch verlassen. Friede sei mit euch!«
Als er sich entfernt hatte, machten sie sich eilig daran, die Höhle wohnlich herzurichten.
Zu einer bestimmten Stunde am Abend hörte der Lärm in der Herberge auf. Gleichzeitig erhob sich jeder Israelit, blickte mit feierlich ernstem Gesichte gegen Jerusalem, kreuzte die Hände über der Brust und betete, denn es war die heilige neunte Stunde, zu welcher im Tempel auf dem Berge Moriah in Gottes geheimnisvoller Nähe das Opfer dargebracht wurde. Als das Gebet zu Ende war, begann das Gewoge aufs neue, jeder beeilte sich, ein Nachtmahl zu bereiten oder seine Lagerstätte herzurichten. Etwas später wurden die Lichter ausgelöscht; alles schwieg und sank in Schlaf.
Ungefähr um Mitternacht rief jemand auf dem Dache: »Was ist das für ein Licht am Himmel? Wachet auf, Brüder, wachet auf und schauet!«
Schlaftrunken richteten sich die Leute auf und blickten um sich, Staunen erfaßte alle, als sie zu vollem Bewußtsein gekommen waren. Ein Lichtstrahl, der in unermeßlicher Ferne über den nächsten Sternen seinen Anfang nahm, fiel schräg zur Erde, an seinem Beginne ein verschwindend kleiner Punkt, erweiterte er sich allmählich, so daß er auf der Erde sich auf Meilen zu erstrecken schien. Der Khan war so vom Licht beschienen. daß auf dem Dache jeder des andern Gesicht und das Staunen, das sich auf demselben malte, deutlich sehen konnte.
Minutenlang blieb der Strahl unverändert am Himmel. Das Staunen der Leute verwandelte sich in Scheu und Furcht: die Zaghaften zitterten, die Kühnsten sprachen nur im Flüsterton.
»Habt ihr je Ähnliches gesehen?« fragte einer.
»Es scheint gerade über dem Berge dort zu sein. Ich kann nicht sagen, was es ist: ich habe auch nie etwas Ähnliches gesehen,« lautete die Antwort.
»Ich weiß, was es ist,« rief einer. »Die Hirten haben einen Löwen gesehen und Feuer gemacht, um ihn von den Herden fernzuhalten.«
Die Umstehenden atmeten erleichtert auf und sagten:
»Ja, so ist es! Wir sahen die Herden heute drüben im Tale weiden.«
Die Beruhigung dauerte aber nicht lange. Einer der Umstehenden rief:
»Nein, nein! Wenn man alles Holz in allen Tälern Judas auf einem Haufen zusammentrüge und in Brand steckte, könnte die Flamme kein so starkes und helles Licht geben.«
Tiefes Schweigen folgte dieser Bemerkung auf dem Dache, das nur einmal unterbrochen wurde, solange die Erscheinung dauerte.
»Brüder!« rief ein Jude von ehrwürdigem Aussehen, »was wir hier schauen, ist die Himmelsleiter, die unser Vater Jakob im Traume gesehen. Gepriesen sei der Herr, der Gott unserer Väter!«
Drittes Kapitel
Ungefähr zwei Meilen südöstlich von Bethlehem liegt eine Ebene, die durch einen Gebirgszug von der Stadt geschieden ist. Gegen die Nordwinde wohl geschützt, war das Tal dicht mit Maulbeerbäumen, Zwergeichen und Fichten bewachsen, während die angrenzenden Schluchten mit Oliven- und Maulbeergebüsch bestanden waren. Alles das war um diese Jahreszeit von unschätzbarem Werte für die Schafe, Ziegen und Rinder, aus denen die wandernden Herden zusammengesetzt waren.
Am äußersten Ende des Tales befand sich unter einer schroffen Felswand eine geräumige, Jahrhunderte alte Schafhürde. Hirten, die am Tage vorher auf diese Ebene hinaufgezogen waren, um neue Weideplätze zu suchen, hatten bei Sonnenuntergang ihre Herden hineingetrieben, weil sie dort vor wilden Tieren in Sicherheit waren. Am Eingange zündeten sie ein Feuer an und nahmen ein einfaches Mahl, dann setzten sie sich zur Ruhe und Unterhaltung nieder, während einer Wache halten mußte. Nach einer Weile legten sie sich zum Schlafe nieder, und nur der Wächter schritt draußen auf und ab.
Die Nacht war, wie die meisten Winternächte in dem hügeligen Lande, hell und frisch; zahllose Sterne funkelten am Himmel. Kein Lüftchen regte sich. Nie schien die Luft so rein, und die Stille der Nacht war mehr als Schweigen; es war eine heilige Stille, ein Wink, daß der Himmel sich niederneigte, um der lauschenden Erde etwas Freudiges zuzuflüstern.
Langsam verstrich die Zeit. Endlich war es Mitternacht, und der Wächter wollte schon seine Ablösung wecken, um sich selbst zur Ruhe zu legen, als er plötzlich überrascht stehen blieb. Ein heller Lichtstrahl umgab ihn wie sanftes Mondlicht. Atemlos wartete er. Aber das Licht wurde immer heller, bis es die ganze Umgebung blendend erleuchtete. Von Schrecken erfaßt, rief er:
»Wacht auf, wacht auf!«
Die Hunde sprangen auf und liefen heulend davon. Die Herden rückten erschrocken eng zusammen. Die Männer standen auf und griffen zu den Waffen.
»Was ist's?« riefen sie wie aus einem Munde.
»Seht!« rief der Wächter, »der Himmel steht in Flammen!«
Der Glanz des Lichtes blendete sie so, daß sie ihre Augen verdeckten. Von Furcht und Schrecken erfaßt, warfen sie sich halb ohnmächtig mit dem Angesichte zur Erde nieder, wie um zu sterben. Eine Stimme aber sprach zu ihnen:
»Fürchtet euch nicht!«
Sie horchten auf.
»Fürchtet euch nicht! denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volke zuteil werden soll!«
Die Stimme klang so sanft und weich, daß sie keines Menschen Stimme sein konnte, und zugleich so hell, daß sie ihr ganzes Wesen durchdrang und sie mit Zuversicht erfüllte. Sie erhoben sich auf die Knie, und wie sie voll Ehrfurcht aufblickten, sahen sie in der Mitte des Lichtscheines die Erscheinung eines Mannes in glänzend weißem Gewande. Über seinen Schultern leuchteten die Spitzen zusammengefalteter Flügel hervor, über dem Haupte strahlte ein Stern in ruhigem Glanze wie der Abendstern. Und die Hirten erkannten, daß ein Engel Gottes zu ihnen herabgestiegen war.
Der Engel aber fuhr fort:
»Denn heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, welcher ist Christus, der Herr!«
Abermals schwieg er, während seine Worte sich tief in ihre Herzen senkten.
»Und dies soll euch zum Zeichen sein,« sagte der Himmelsbote weiter: »Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingewickelt und in einer Krippe liegend.«
Der Engel sprach nicht mehr; seine frohe Botschaft war verkündet; dennoch blieb er eine Zeitlang.
Plötzlich begann das Licht, dessen Mittelpunkt er zu sein schien, sich rosig zu färben und zu zittern; in hoher Ferne erschienen glänzende Flügel, und eine Menge strahlender Gestalten und viele Stimmen erschallten und sangen zu gleicher Zeit:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!«
Als die Hirten wieder zu sich gekommen waren, blickten sie einander wie traumverloren an, bis einer von ihnen sagte:
»Es war Gabriel, der Bote des Herrn an die Menschen.«
Keiner antwortete.
»Christus der Herr ist geboren; sagte er nicht so?«
Nun erlangte ein anderer die Sprache wieder und antwortete:
»Ja, das sagte er.«
»Und sagte er nicht auch: in der Stadt Davids? Das ist ja unser Bethlehem dort! Und wir würden ihn als Kind finden, in Windeln eingewickelt?« »Und in einer Krippe liegend.«
Der, welcher zuerst gesprochen hatte, starrte nachdenklich ins Feuer; wie wenn er zu einem plötzlichen Entschlusse gekommen wäre, sagte er endlich:
»Es gibt nur einen Ort in Bethlehem, wo Krippen sind; nur einen, und zwar in der Höhle dort bei der alten Herberge. Brüder, laßt uns hingehen und sehen, was sich zugetragen hat. Die Priester und Schriftgelehrten erwarten schon lange den Messias. Jetzt ist er geboren, und der Herr hat uns ein Zeichen gegeben, an dem wir ihn erkennen können. Laßt uns hingehn und ihn anbeten.«
»Aber die Herden!«
»Der Herr wird sie in seine Obhut nehmen. Beeilen wir uns!«
Sie standen alle auf und verließen die Hürde. Sie gingen um den Berg herum und sodann durch die Stadt der Herberge zu. Am Tor angelangt, wurden sie vom Wächter angehalten.
»Was wünschet ihr?« fragte er.
»Wir haben heute nacht wunderbare Dinge gesehen und gehört,« antworteten sie.
»Nun, auch wir haben etwas Merkwürdiges gesehen, gehört aber nichts. Was habt ihr gehört?«
»Gehn wir zuerst zur Höhle in der Einfriedigung, um Gewißheit zu erlangen. Der Messias ist geboren!«
»Der Messias! Woher wißt ihr das?«
»Er wurde heute nacht geboren und liegt nun in einer Krippe; so wurde uns verkündet. Es gibt in Bethlehem nur einen Ort mit Krippen.«
»Die Höhle?«
»Ja! Komm mit!«
Sie durchschritten den Hof, ohne beachtet zu werden, obgleich dort noch einige wach waren und über das wunderbare Licht sprachen.
Die Tür der Höhle war offen, eine Laterne brannte im Innern. Sie traten ohne weiteres ein. »Friede sei mit dir!« grüßte der Torwächter Josef. »Es sind Leute hier, die ein Kind suchen, das diese Nacht geboren worden sei. Sie wollen es daran erkennen, daß es in Windeln eingewickelt ist und in einer Krippe liegt.«
Josef war gerührt; er wandte sich um und sprach: »Das Kind ist hier.«
Sie wurden zu einer der Krippen geführt, dort lag das Kind. Das Licht wurde herbeigebracht, sodann betrachteten die Hirten in stummer Andacht das Kind.
»Es ist der Messias!« sagte endlich einer von ihnen.
»Der Messias!« wiederholten alle und fielen anbetend auf die Knie.
Die schlichten Männer küßten den Saum des Kleides der Mutter und entfernten sich dann mit freudestrahlendem Gesicht. In der Herberge weckten sie die Leute und erzählten ihnen, was sie gesehen und gehört hatten. Auf dem ganzen Wege durch die Stadt und bis zur Hürde zurück sangen sie das Loblied der Engel: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!«
Die Erzählung der Hirten verbreitete sich rasch und wurde durch das Licht, das weit und breit gesehen wurde, bestätigt. An den folgenden Tagen wurde die Höhle von einer Menge Neugieriger besucht, von denen manche glaubten, aber mehr noch lachten und spotteten.
Viertes Kapitel
Am elften Tage nach der Geburt des Kindes, um die Mitte des Nachmittags, näherten sich die drei Weisen von Sichem her der Stadt Jerusalem. Als sie den Bach Kidron überschritten hatten, wurde die Straße belebter. Alle, denen sie begegneten, blieben stehn und blickten ihnen neugierig nach. Obgleich große Verkehrsstraßen durch Jerusalem führten und viele Fremden hier waren, erregten die drei Weisen doch die Aufmerksamkeit aller durch die Größe und Schönheit ihrer weißen Kamele und durch die Pracht ihrer Ausstattung. Vor einer Menschengruppe, die an der Straße gegenüber den Königsgräbern saß, hielten die vornehmen Fremden.
»Gute Leute,« sagte Balthasar und beugte sich dabei von seinem Sitz herab, »liegt nicht Jerusalem in der Nähe?«
»Ja,« antwortete eine Frau, »wenn die Bäume dort auf dem Hügel etwas niedriger wären, könntet ihr die Türme auf dem Marktplatze sehen.«
Balthasar warf dem Griechen und dem Inder einen Blick zu und fragte dann:
»Wo ist der neugeborene König der Juden?«
Die Gefragten blickten einander verständnislos an, ohne zu antworten.
»Habt ihr nicht von ihm gehört?«
»Nein.«
»Nun, so erzählt allen, daß wir seinen Stern im Morgenlande gesehen haben und gekommen sind, ihn anzubeten.«
Die Freunde ritten nun wieder weiter.
Die gleiche Frage richteten sie auch an andere, aber mit demselben Erfolge. Eine Schar Menschen, die auf dem Wege zur Jeremiasgrotte war, geriet über die Frage und die Erscheinung der Männer in solches Staunen, daß sie umkehrte und ihnen in die Stadt folgte.
Sie waren von dem Gedanken an ihre Sendung so sehr erfüllt, daß sie keinen Sinn hatten für den herrlichen Anblick, der sich ihnen jetzt bot. Sie ritten durch das Damaskustor, an dem ein römischer Soldat Wache hielt.
»Friede sei mit dir!« grüßte der Ägypter mit klarer Stimme.
Die Wache gab keine Antwort.
»Wir kommen aus weiter Ferne, um den neugebornen König der Juden zu suchen. Kannst du uns sagen, wo wir ihn finden?«
Der Soldat hob das Visier seines Helmes und rief mit lauter Stimme. Rechts vom Eingange erschien ein Offizier. »Was wollt Ihr?« fragte er Balthasar in der Sprache des Landes.
Und Balthasar antwortete in derselben Sprache:
»Wo ist der neugeborene König der Juden?«
»Herodes?« fragte erstaunt der Offizier.
»Herodes hat sein Königtum vom Kaiser. Nein, nicht Herodes.«
»Einen andern König der Juden gibt es nicht!«
»Aber wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten.«
Der Römer war erstaunt.
»Geht weiter!« sagte er endlich. »Geht weiter! Ich bin kein Jude. Fragt die Gesetzeslehrer im Tempel, oder Annas, den Priester, oder noch besser Herodes selbst. Wenn es außer ihm noch einen andern König der Juden gibt, wird er ihn zu finden wissen.« Er machte nun den Fremden die Bahn frei und diese zogen durch das Tor.
Bei Beginn der engen Straße hielt Balthasar sein Tier an und sagte zu seinen Freunden:
»Der Zweck unseres Hierseins ist nun genügend bekannt. Bis Mitternacht wird die ganze Stadt von uns und unserer Sendung gehört haben. Suchen wir nun die Herberge auf.«
An jenem Abend waren mehrere Frauen auf der oberen Stufe der Treppe, die zum Teiche Siloah hinabführt, mit Waschen beschäftigt. Eine jede kniete vor einer breiten, irdenen Schüssel. Ein Mädchen, das am unteren Ende der Treppe stand, versorgte sie mit Wasser und sang, während es den Krug füllte. Während sie fleißig die Hände regten, die Wäsche in den Schüsseln rieben und wandten, traten zwei andere Frauen, jede mit einem leeren Kruge auf der Schulter, zu ihnen.
»Friede sei mit euch!« grüßte die eine von ihnen.
Die anderen hielten in ihrer Arbeit inne, richteten sich auf, trockneten ihre Hände und erwiderten den Gruß.
»Wißt ihr, was Neues geschehen ist?« »Was soll denn geschehen sein?«
»Ihr habt also nichts gehört?«
»Nein!«
»Man sagt, der Messias sei geboren,« brach die Neuigkeitskrämerin mit ihrer Erzählung los.
Lebhafte Neugierde spiegelte sich in den Gesichtern der Frauen. Schnell wurden die Krüge niedergestellt und in ebensoviele Sitze verwandelt.
»Der Messias!« riefen alle.
»So erzählt man.«
»Wer?«
»Alle; es ist das allgemeine Gespräch.«
»Glaubt es denn auch jemand?«
»Heute nachmittag kamen drei Männer über den Bach Kidron auf dem Wege von Sichem her,« erwiderte die Erzählerin mit umständlicher Genauigkeit, um jedem Zweifel zu begegnen.
»Jeder ritt ein glänzend weißes Kamel von solcher Größe, wie man sie bisher in Jerusalem nicht gesehen hat.«
Die Zuhörerinnen sperrten Mund und Augen auf.
»Es waren sicherlich vornehme und reiche Männer,« fuhr sie fort; »denn sie saßen unter einem seidenen Gezelte. Die Schnallen ihrer Sättel waren von Gold, desgleichen die Borten ihrer Zäume, die Schellen waren aus Silber und gaben liebliche Musik. Niemand kannte sie; sie sahen aus, wie wenn sie von den Grenzen der Erde gekommen wären. Nur einer führte das Wort, und an alle, denen sie begegneten, selbst an die Frauen und Kinder, richtete er die Frage: Wo ist der neugeborne König der Juden? – Niemand gab ihnen Antwort, niemand begriff, was sie meinten; und so zogen sie weiter mit der Erklärung: Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Sie legten diese Frage auch dem Römer am Tore vor, und dieser, ebenso unwissend wie das einfache Volk am Wege, sandte sie zu Herodes.«
»Wo sind sie jetzt?« »In der Herberge. Hunderte sind hingegangen, sie zu sehen, Hunderte gehn noch immer hin.«
»Wen meinen sie mit dem König der Juden?«
»Den Messias, der soeben geboren sei.«
Eine von den Frauen lachte und ging wieder an die Arbeit, indem sie sprach:
»Nun, wenn ich ihn sehe, will ich glauben.«
Eine andere folgte ihrem Beispiel:
»Und ich, – nur wenn ich ihn die Toten auferwecken sehe, will ich glauben.«
Eine dritte sagte ruhig:
»Er ist vor langer Zeit verheißen worden. Mir soll es genug sein, wenn ich ihn nur einen einzigen Aussätzigen heilen sehe.«
So saßen sie und plauderten, bis die Nacht einbrach und mit ihrer Kühle sie zwang, nach Hause zu gehen.
Fünftes Kapitel
Am selben Abend, ungefähr zu Beginn der ersten Nachtwache, fand im Palast auf dem Berge Zion eine Versammlung von ungefähr fünfzig Männern statt, die immer nur auf Befehl des Herodes abgehalten wurde, und zwar nur dann, wenn er über die eine oder andere schwierige Frage aus dem jüdischen Rechte oder der jüdischen Geschichte Auskunft begehrte. Es war eine Zusammenkunft der Gesetzeslehrer, der Hohenpriester und der durch Gelehrsamkeit ausgezeichneten Männer, der Führer der öffentlichen Meinung und der verschiedenen religiösen Anschauungen. Darunter befanden sich die Häupter der Sadduzäer, Pharisäer und Essäer.
Das Gemach, in dem die Sitzung stattfand, lag in einem der inneren Hofräume des Palastes und war sehr geräumig. Der Fußboden war mit Marmorplatten ausgelegt, die fensterlosen Wände schmückten Freskogemälde in safrangelben Feldern. In der Mitte des Saales befand sich ein mit hellgelben Kissen bedeckter Diwan in Hufeisenform mit der Öffnung dem Eingange zu, an der Krümmung des Diwans stand ein großer dreifüßiger Sessel, der seltsam mit Gold und Silber ausgelegt war. Über ihm hing von der Decke ein Kronleuchter mit sieben Armen herab, deren jeder eine brennende Lampe hielt.
Die Männer saßen nach Art der Morgenländer auf dem Diwan, ihre Kleidung hatte gleichen Schnitt, aber verschiedene Farben. Sie standen größtenteils in vorgerücktem Alter, lange Bärte umwallten ihre Gesichter. Die langen, gekrümmten Nasen und die großen, schwarzen Augen, die von dichten Brauen überschattet waren, verliehen ihnen ein eigenartiges Aussehen; ihr Benehmen war ernst, würdevoll, sozusagen patriarchalisch.
Am obersten Ende saß der Vorsitzende, eine ungewöhnliche, seltsame Erscheinung. Sein von Natur großer und starker Körper war schon gebeugt und wie zu einem Skelett zusammengeschrumpft; ein weißes Kleid hing in losen Falten von den Schultern herab. Die Hände, die von seidenen, rot und weiß gestreiften Ärmeln halb verdeckt waren, hielt er gefaltet auf dem Knie. Sein Haupt war kahl und nur von wenigen silberweißen Haaren umsäumt; den unteren Teil des Gesichtes bedeckte ein lang herabwallender Bart, der ihm ein ehrwürdiges Aussehen gab. Das war Hillel, der Babylonier. In einem Alter von hundertundsechs Jahren war er noch Vorsitzender des Hohen Rates.
Auf dem Tische vor ihm lag ausgebreitet eine Pergamentrolle, die mit hebräischen Schriftzeichen beschrieben war, hinter ihm stand in abwartender Haltung ein reichgekleideter Knabe. Diesen rief er vor.
»Geh und melde dem König, daß wir bereit sind, ihm Antwort zu geben.«
Der Knabe eilte hinweg.
Nach einer Weile traten zwei Soldaten ein und stellten sich rechts und links von der Tür auf. Ihnen folgte langsam eine auffallende Persönlichkeit, ein Greis in einem Purpurgewande, das mit Scharlach verbrämt war. Eine Binde aus fein getriebenem Golde, die schmiegsam war wie Leder, umgürtete den Leib, seine Schuhe funkelten von Edelsteinen, ein schmaler Kronreif aus Filigran schimmerte an seinem Haupte, das in einen auf die Schulter herabfallenden Tarbusch aus feinstem roten Samt gehüllt war. Anstatt eines Siegels hing ein Dolch an seinem Gürtel. Er hinkte im Gehen und stützte sich auf einen Stab. Ohne aufzublicken, trat er bis zum Diwan vor. Als ob er eben erst die Versammelten bemerkt hätte, richtete er sich nun auf und blickte stolz um sich, so finster, argwöhnisch, drohend war der Blick, den er auf die Anwesenden warf, daß man hätte meinen können, er suche einen Feind.
Es war Herodes der Große. Gebrochen am Leibe durch Krankheiten, belastet mit schweren Verbrechen, ausgestattet mit herrlichen Geistesgaben –ein würdiger Genosse der Cäsaren –, behauptete er noch jetzt in seinem siebenundsechzigsten Jahre seinen Thron mit wachsamer Eifersucht, despotischer Macht und unerbittlicher Grausamkeit.
Eine allgemeine Bewegung ging durch die Versammelten; die älteren beugten sich zum Gruße vor. Andere, die Hofgunst mehr zu schätzen wußten, erhoben sich von ihren Sitzen, beugten das Knie und legten die Hände an den Bart oder auf die Brust. Nachdem Herodes Umschau gehalten hatte, schritt er bis zum Dreifuß gegenüber dem ehrwürdigen Hillel, der seinem kalten Blicke mit einer Verneigung des Hauptes und einer leichten Erhebung der Hände begegnete.
»Die Antwort!« sagte der König in gebieterischer Kürze, zu Hillel gewandt, und stützte sich dann mit beiden Händen auf den Stab. – »Die Antwort!«
Die Augen des ehrwürdigen Greises leuchteten in mildem Lichte. Er erhob sein Haupt, blickte dem König voll ins Gesicht und antwortete unter gespannter Aufmerksamkeit der Anwesenden: »Der Friede des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs sei mit dir, o König!« Seine Worte klangen feierlich wie ein Gebet; dann fuhr er in gewöhnlichem Tone fort: »Du hast von uns zu wissen verlangt, wo der Messias geboren werden, sollte.«
Der König nickte, während sein finsterer Blick fest auf Hillel gerichtet war.
»Nun denn, o König! In meinem Namen und im Namen meiner Brüder hier, die mit mir gleicher Meinung sind, sage ich dir: zu Bethlehem in Judäa.«
Hillel blickte aus die Pergamentrolle, die auf dem Dreifuße lag, zeigte mit zitterndem Finger auf eine Stelle hin und las: »Und du, Bethlehem im Lande Judäa, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird hervorgehn der Fürst, der mein Volk Israel regieren soll.«
Herodes war betroffen, nachdenklich ruhte sein Blick auf dem Pergament. Die Anwesenden wagten kaum zu atmen; sie schwiegen wie Herodes. Endlich wandte er sich um und verließ den Saal.
»Brüder,« sagte Hillel, »wir sind entlassen.«
Die Versammelten erhoben sich und gingen gruppenweise fort.
»Simeon!« sprach Hillel wieder.
Ein Mann im Alter von etwa fünfzig Jahren, aber in voller körperlicher Frische, antwortete auf den Ruf und trat zu Hillel.
»Nimm das heilige Pergament, mein Sohn, und rolle es mit gebührender Sorgfalt zusammen!«
Der Befehl wurde vollzogen.
»Nun reiche mir deinen Arm und führe mich zur Sänfte!«
So verließen der berühmte Lehrer und sein Sohn Simeon, welcher der Erbe seiner Weisheit, Gelehrsamkeit und seines Amtes sein sollte, den Sitzungssaal des Hohen Rates.
Am selben Abend, aber noch etwas später, legten sich die drei Weisen in einer Kammer der Herberge zur Ruhe nieder. Die Steine, welche ihnen als Kopfkissen dienten, gaben ihnen eine so hohe Lage, daß sie durch den offenen Eingang das Firmament erblicken konnten; und wie sie die blinkenden Sterne betrachteten, dachten sie daran, wann ihnen die nächste Offenbarung werden würde. Während sie mit diesen Gedanken beschäftigt dalagen, schritt ein Mann durch den Eingang. »Wachet auf!« rief er ihnen zu. »Ich bringe euch eine Botschaft, die kein Zögern duldet.«
»Von wem?« fragte der Ägypter.
»Vom König Herodes!«
»Bist du nicht der Wächter der Herberge?« fragte Balthasar.
»Ja, das bin ich.«
»Was wünscht der König von uns?«
»Sein Bote wartet draußen; er wird es euch sagen.«
»Saget ihm, er möge warten, wir werden sogleich kommen.«
Sie standen auf, legten die Sandalen an, warfen die Mäntel um und traten hinaus:
»Ich grüße euch und wünsche euch Frieden!« sagte der Bote. »Mein Gebieter, der König, hat mich gesandt, euch einzuladen, in den Palast zu kommen, wo er allein mit euch sprechen will.«
»Des Königs Wille ist unser Wille,« sprach Balthasar zum Boten; »wir werden dir folgen.«
Er trat dann zu dem Wächter der Herberge heran und sagte ihm leise: »Bereite, während wir fort sind, alles zu unserer Abreise vor, vielleicht ist es nötig, daß wir sofort aufbrechen.«
Die Straßen der heiligen Stadt waren damals ebenso eng wie heute; stumm folgten die drei Männer ihrem Führer, der sie endlich zu einem Tore führte. In dem Scheine zweier Kohlenfeuer, die vor dem Tore brannten, konnten sie die Umrisse eines Gebäudes sowie einige Wachtposten sehen, die regungslos auf ihre Waffen gestützt lehnten. Ohne angehalten zu werden, schritten sie durch das Tor. Und dann wurden sie durch ein ganzes Labyrinth von oft unbeleuchteten Gängen und Hallen, Hofräumen und Gemächern sowie über mehrere Treppen bis zu einem Turm von beträchtlicher Höhe geführt. Plötzlich blieb der Führer stehen, zeigte auf eine offene Tür und sprach zu ihnen: »Tretet ein! Hier ist der König.«
Der drückende Duft des Sandelholzes erfüllte das Gemach, in welches sie jetzt traten; die ganze Einrichtung zeugte von üppiger Prachtliebe. Ein schwerer Teppich war in der Mitte ausgebreitet und auf ihm stand ein Thron. Die Besucher hatten kaum Zeit, einen flüchtigen Blick auf den Raum und seine Einrichtung zu werfen, ihre ganze Aufmerksamkeit wurde von Herodes in Anspruch genommen, der in derselben Kleidung, die er in der Sitzung des Hohen Rates getragen hatte, auf dem Throne saß, um die Fremden zu empfangen.
Sie traten unaufgefordert bis zum Rande des Teppichs vor und verbeugten sich dann bis zum Boden. Der König klingelte. Ein Diener kam herein und stellte drei Stühle vor dem Throne auf.
»Setzet euch!« sagte huldvoll der Herrscher.
Als sie ihre Plätze eingenommen hatten, fuhr er fort: »Vom Nordtore her wurde mir heute nachmittag die Ankunft dreier Fremdlinge berichtet, die seltsam beritten und ausgerüstet waren und aussahen, als seien sie aus fernen Ländern gekommen. Seid ihr diese Männer?«
Auf einen Wink des Griechen und des Inders nahm der Ägypter das Wort und antwortete unter einer tiefen Verneigung:
»Wären wir andere als wir sind, so hätte uns der mächtige Herodes nicht hergerufen.«
»Wer seid ihr? Woher kommt ihr?« fragte Herodes weiter. Sie erstatteten ihm nun, einer nach dem andern, Bericht, indem sie einfach Ort und Land ihrer Geburt sowie den Weg, auf dem sie nach Jerusalem gekommen waren, angaben. Etwas enttäuscht, forschte sie Herodes genauer aus.
»Wie lautete die Frage, die ihr beim Tore an den wachehabenden Offizier stelltet?«
»Wir fragten ihn: Wo ist der neugeborne König der Juden?« »Ich begreife nun, warum das ganze Volk so in Bewegung kam. Ihr reget mich nicht minder auf. Gibt es denn noch einen andern König der Juden?«
Furchtlos antwortete der Ägypter:
»Ja, er wurde soeben geboren.«
Ein Zug des Schmerzes flog über das finstere Antlitz des Herrschers, wie wenn eine schreckliche Erinnerung seinen Geist folterte. »Nicht mir!« rief er aus, »nicht mir wurde er geboren!« Als er die Fassung wiedererlangt hatte, fragte er ruhig: »Wo ist der neugeborene König?«
»Das ist es eben, o König, wonach wir fragen!«
»Ihr setzt mich in Erstaunen! Ihr legt mir ein Rätsel vor, das schwieriger ist als jenes salomonische. Saget mir alles, was ihr über den Neugebornen wißt, und ich will euch helfen, ihn zu suchen. Und wenn wir ihn gefunden haben, will ich tun, was ihr nur wünschet. Ich will ihn nach Jerusalem bringen und ihn zum König erziehen, ich will meinen Einfluß beim Kaiser verwenden, um ihm hohe Stellungen und Ehren zu verschaffen. Eifersucht soll es nicht unter uns geben, das schwöre ich. Doch sagt mir zuerst, wie konntet ihr, die ihr doch durch Meere und Wüsten so weit voneinander getrennt waret, gleichzeitig von ihm hören?«
»Ich will es dir in Wahrheit sagen, o König!«
»Sprich!« gebot Herodes.
Balthasar richtete sich auf und sprach feierlich: »Es gibt einen allmächtigen Gott.«
Herodes erschrak sichtlich.
»Dieser befahl uns, hierher zu kommen und versprach uns, daß wir den Erlöser der Welt finden würden, daß wir ihn sehen
und anbeten und von seiner Ankunft Zeugnis geben sollten. Als Zeichen vom Himmel war einem jeden von uns beschieden, einen Stern zu schauen. Sein Geist war mit uns. O König, sein Geist ist jetzt mit uns!« Die drei Männer waren aufs tiefste bewegt; der Grieche vermochte mit Mühe einen Ausruf zurückzuhalten. Herodes' Blicke schossen von einem zum andern, er war noch unbefriedigter und noch mehr von Argwohn erfüllt als vorher.
»Ihr treibt mit mir Spott,« sagte er. »Und wenn nicht, so erzählt mir mehr. Was soll auf die Ankunft des neuen Königs folgen?«
»Die Erlösung der Menschen.«
»Wovon?«
»Von ihrer Sündhaftigkeit.«
»Wodurch?«
»Durch die Kraft Gottes; durch Glaube, Liebe und gute Werke.«
»Dann –« Herodes hielt inne, sein Blick ließ in keiner Weise die Gefühle erkennen, die seine Brust bewegten, als er fortfuhr: »Dann seid ihr die Verkündiger des Messias. Ist das alles?« Balthasar verbeugte sich tief: »Wir sind deine Diener, o König!«
Der König klingelte und der Diener erschien. »Bringe die Geschenke!« sagte der Herrscher.
Der Diener ging hinaus. In kurzer Zeit kehrte er zurück, kniete vor den Gästen nieder und reichte jedem einen Mantel in scharlachroter und blauer Farbe und einen golddurchwirkten Gürtel. Sie nahmen die Ehrengeschenke mit orientalisch unterwürfigen Dankesbezeugungen an.
»Noch ein Wort!« sagte Herodes, als die Förmlichkeiten beendet waren. »Ihr habt zum Offizier beim Tore und soeben zu mir von einem Stern gesprochen, den ihr im Morgenlande gesehen habt.«
»Ja,« sagte Balthasar, »es war sein Stern, der Stern des Neugeborenen.«
»Um welche Zeit erschien er?«
»Als uns befohlen wurde, hierher zu kommen.«
Herodes erhob sich, ein Zeichen, daß die Audienz zu Ende war. Er stieg vom Throne herunter, ging ihnen entgegen und sagte huldvollst: .
»Wenn ihr, erlauchte Männer, in der Tat die Verkündiger des neugeborenen Messias seid, wie ich nicht zweifle, so wisset, daß ich heute abend die weisesten der jüdischen Lehrer befragt habe, und sie sagen einstimmig, er solle zu Bethlehem in Judäa geboren werden. Ich sage euch also, geht dorthin; geht hin und forschet genau nach dem Kinde. Und wenn ihr es gefunden habt, so zeiget es mir an, damit auch ich komme, es anzubeten. Nichts soll euch auf dem Wege hinderlich sein. Friede sei mit euch!«
Und sich in seinen Mantel hüllend, verließ er das Gemach. Alsbald kam der Führer, geleitete sie hinab zur Straße und von da zur Herberge. Beim Tore angelangt, rief der Grieche bewegt:
»Laßt uns nach Bethlehem gehn, Brüder, wie der König uns geraten hat!«
»Ja,« rief der Inder, »der Geist drängt mich.«
»Es sei!« sprach Balthasar mit gleicher Wärme. »Die Kamele stehn bereit.«
Sie beschenkten den Torwächter, schwangen sich in die Sättel, ließen sich den Weg nach dem Joppe-Tore zeigen und ritten fort. Als sie auf die Ebene von Rephaim gelangten, erschien am Himmel ein Licht, zuerst unbestimmt und matt. Ihre Herzen pochten schneller. Das Licht nahm rasch an Stärke zu, und schließlich sahen sie wieder den Stern. Er stand ganz niedrig am Himmel und ging langsam vor ihnen her. Sie falteten die Hände und stießen im Übermaß der Freude einen Schrei aus.
»Gott ist mit uns! Gott ist mit uns!« jubelten sie und folgten dem Stern, bis er über einem abgelegenen Stalle in der Nähe von Bethlehem stille stand.
Eben begann die dritte Nachtwache. Im Osten dämmerte bereits über den Bergen der Morgen, aber so schwach, daß es im Tale noch Nacht war. Der Wächter auf dem Dache der Herberge lauschte, von Kälte durchschauert, sehnsüchtig den ersten vernehmbaren Lauten, womit das erwachende Leben den anbrechenden Tag begrüßt, als ein Licht den Berg heraufschimmerte und dem Hause sich näherte. Er hielt es erst für eine Fackel in der Hand eines nächtlichen Wanderers, dann meinte er, ein Meteor zu sehen. Der Glanz des Lichtes nahm aber immer zu, bis er sah, daß es ein Stern war. Aufs höchste erschreckt, schrie er auf und weckte dadurch alle Leute, die im Khan schliefen, sie eilten auf das Dach.
Die Erscheinung kam immer näher. Die Felsen, die Bäume und die Straße waren hell erleuchtet, und das Licht wurde so blendend, daß man die Augen hinwegwenden mußte. Einige unter den Zuschauern fielen auf die Knie nieder, verhüllten ihr Angesicht und beteten. Wer nach dem Stern zu schauen wagte, sah ihn gerade über dem Hause vor der Höhle, wo das Kind geboren wurde, stillstehn.
Als das Licht am stärksten strahlte, langten die Weisen bei der Herberge an. Vor dem Tore stiegen sie von den Kamelen und begehrten laut Einlaß. Erst nach einiger Zeit hatte der Wächter sich so weit von seinem Schrecken erholt, daß er ihrem Rufe Folge leisten konnte, er stieg hinab, schob den Riegel zurück und öffnete ihnen. Die Kamele erschienen in dem wunderbaren Lichte wie geisterhaft; das Fremdländische an den drei Besuchern, ihr ungestümer Eifer und ihre Begeisterung, die sich auf ihren Gesichtern wie an ihrem ganzen Wesen zeigten, mußten die Furcht und die Phantasie des Wächters noch mehr erregen. Er taumelte zurück und konnte eine Zeitlang die an ihn gestellten Fragen nicht beantworten.
»Ist dies nicht Bethlehem in Judäa?«
Es traten auch andere hinzu und ihre Gegenwart gab ihm wieder Mut.
»Nein, dies ist nur die Herberge; die Stadt liegt weiter drüben.« »Befindet sich hier nicht ein neugebornes Kind?«
Die Nebenstehenden blickten einander verwundert an, einige aber antworteten: »Ja, ja!«
»Führt uns zu ihm!« rief Balthasar, »denn wir haben seinen Stern gesehen, den nämlichen, den ihr dort über dem Hause seht, und sind gekommen, ihn anzubeten.«
Die Leute auf dem Dache stiegen herab und folgten den Fremden, als sie jetzt über den Hof und in die Einfriedung hinausgeführt wurden. Als die Fremden sich dem Hause näherten, erhob sich der Stern, als sie an der Tür waren, schwebte er erblassend hoch über ihnen, und als sie eintraten, entschwand er vollends dem Gesichtskreis. Alle Zuschauer begriffen, daß zwischen dem Sterne und den Fremden ein innerer Zusammenhang waltete, der sich auch auf die Bewohner der Höhle erstreckte. Als die Tür geöffnet ward, drängten sie sich hinein.
Der Raum, den sie betraten, war so weit von einer Laterne erleuchtet, daß es den Fremden möglich war, die Mutter und das Kind, das wach in ihren Armen lag, zu sehen.
»Ist das dein Kind?« fragte Balthasar Maria.
Und sie, die alles, was irgendwie das Kind betraf, in ihrem Herzen bewahrte und erwog, hielt es gegen das Licht und sprach: »Dies ist mein Sohn!«
Und sie fielen nieder und beteten ihn an.
Wie sie sahen, glich das Kind anderen Kindern, sein Haupt schmückte weder ein Glorienschein noch eine irdische Krone. Seine Lippen öffneten sich nicht zur Rede, wenn es auch ihre Freudenrufe, ihre Lobpreisungen und Gebete hörte, es gab doch kein Zeichen davon, sondern blickte nach Kindesart länger nach dem Lichte als nach ihnen.
Nach einiger Zeit erhoben sie sich und gingen zu den Kamelen. Dann kamen sie wieder mit Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrrhen, und legten sie unter ehrfurchtsvollen Reden und Gebeten dem Kinde zu Füßen. Dies war also der Erlöser, den zu suchen sie aus weiter Ferne gekommen waren! Und sie beteten ihn an ohne irgendwelchen Zweifel im Herzen.
Ihr Glaube gründete sich auf die Zeichen, die ihnen derjenige gesandt hatte, den auch wir als unsern Vater erkennen. Seine Verheißungen genügten ihnen so vollständig, daß sie nicht nach feinen Mitteln und Wegen fragten. Wenige waren es, welche die Zeichen gesehen und die Verheißungen gehört hatten: die Mutter und Josef, die Hirten und die drei Weisen, und sie alle glaubten in gleicher Weise.
Sechstes Kapitel
Wir übergehen nun die folgenden einundzwanzig Jahre und versetzen uns in den Beginn der Verwaltung des Valerius Gratus, des vierten kaiserlichen Statthalters oder Landpflegers von Judäa. Während dieser Zeit hatten in dem Lande große Veränderungen stattgefunden. Herodes der Große war innerhalb eines Jahres nach der Geburt des Kindes gestorben, und zwar in einer so elenden Weise, daß die christliche Welt nicht ganz mit Unrecht behauptet, er sei vom göttlichen Zorne getroffen worden. Wie alle Herrscher, die nur auf Verstärkung ihrer Macht bedacht sind, träumte er davon, Krone und Reich zu vererben, eine Dynastie zu gründen. In dieser Absicht verfügte er testamentarisch, daß sein Land unter seine drei Söhne Antipas, Philipp und Archelaus geteilt werden, der Königstitel aber auf letzteren übergehen sollte.
Der Kaiser Augustus bestätigte auch dieses Testament, doch sollte der Königstitel dem Archelaus so lange vorenthalten bleiben, bis er Beweise seiner Befähigung und loyalen Gesinnung erbracht haben würde. Dafür aber wurde er zum Ethnarchen ernannt. Als solcher führte er neun Jahre hindurch die Regierung, wurde aber dann wegen schlechter Verwaltung und Unfähigkeit abgesetzt und in Gallien in die Verbannung geschickt.
Judäa wurde nun eine römische Provinz und zur Präfektur Syrien geschlagen. Auch war nicht länger Jerusalem der Sitz der Regierung, sondern Cäsarea. Alles dies kränkte das Selbstgefühl der Juden sehr, und sie hatten nur den einen Trost, daß der Hohepriester im herodianischen Palast wohnte und dort wenigstens den Schein einer Herrschergewalt ausübte. Aber die Entscheidung über Leben und Tod war dem Landpfleger vorbehalten. Die gerichtlichen Verhandlungen wurden im Namen Roms und nach römischen Gesetzen geführt. Zudem war im königlichen Palast auch die kaiserliche Steuerbehörde mit ihrem Heer von Beamten, Unterbeamten, Schreibern, Einnehmern, Denunzianten und Spähern untergebracht. Und doch fanden die Juden in ihren Träumen von Freiheit und Selbständigkeit eine gewisse Genugtuung in dem Umstände, daß der oberste Beamte im Palast ein Jude war. Seine bloße tägliche Gegenwart daselbst erinnerte sie an die Verheißungen der Propheten, an den Bund Jehovahs mit seinem Volke und an die Zeiten, da er durch die Söhne Aarons die zwölf Stämme regierte. Es galt ihnen als sicheres Zeichen, daß Jehovah sie nicht verlassen habe.
Auf diese Weise nährten sie ihre Hoffnung und warteten in Geduld, bis der Löwe aus dem Stamme Juda kommen und Israel regieren werde.
Mehr als achtzig Jahre lang war Judäa eine römische Provinz gewesen, und die Römer waren zur Überzeugung gelangt, daß dieses Volk leicht zu regieren sei, wenn man nur seine Religion achte. Dementsprechend hatten sich die Vorgänger des Gratus jeder Einmengung in die religiösen Gebräuche ihrer Untertanen gewissenhaft enthalten. Dieser aber schlug einen andern Weg ein, und seine erste Regierungshandlung war die Absetzung des Hohenpriesters Annas, an dessen Stelle er den Ismael, den Sohn des Fabus, fetzte. Um diese Zeit gab es in Judäa eine Partei der Vornehmen und eine Volkspartei, die eine Zeitlang gemeinsam gegen Archelaus gekämpft hatten, dann sich aber immer mehr gegeneinander wandten. Die Vornehmen haßten den Hohenpriester Joazar, die Volkspartei hing ihm mit Eifer an. Als der von Herodes zum Thronfolger bestimmte Archelaus unterlag, teilte Joazar seinen Fall, an seine Stelle wurde von den Vornehmen Annas, der Sohn Seths, zum Hohenpriester erwählt. Dadurch wurde der Gegensatz zwischen beiden Parteien zu erbitterter Feindschaft verschärft. Die Vornehmen waren zwar nach Archelaus' Fall in der Minderheit, aber sie wußten sich doch fünfzehn Jahre, nämlich bis zur Ankunft des Valerius Gratus, sowohl im Tempel als auch im Palaste zu behaupten. Annas, der Liebling seiner Partei, hatte seine Macht getreulich im Interesse seines kaiserlichen Schutzherrn verwendet. Eine römische Garnison hielt die Burg Antonia besetzt, römische Wachen standen vor dem Tore des Palastes, römische Steuern, die mit unnachsichtlicher Härte eingetrieben wurden, lasteten gleich schwer auf Stadt und Land. Täglich, stündlich und in tausenderlei Weise wurde das Volk gedrückt und gequält und an den Unterschied zwischen Freiheit und Knechtschaft erinnert; dennoch wußte Annas es in äußerlicher Ruhe zu erhalten. Als aber Ismael sein Amt antrat, begann das Feuer der Unzufriedenheit immer stärker aufzulodern, und der Prokurator Gratus sah sich gezwungen, die Burg Antonia mit einer ganzen Kohorte Legionssoldaten zu belegen.
So lagen die Dinge in Jerusalem, als an einem heißen Julitag um die Mittagszeit sich zwei Jünglinge im Garten eines Palastes auf dem Berge Sion befanden. Der Garten war rings von Gebäuden umgeben, an deren Seiten sich Galerien und Altane hinzogen. Grasflächen, Gesträuche und Bäume boten dem Auge einen entzückenden Anblick. Ein Springbrunnen in der Mitte ergoß sein kühles Wasser in ein Marmorbecken. Die beiden Jünglinge, die ein Alter von ungefähr neunzehn und siebzehn Jahren haben mochten, waren beide wohlgestaltet und konnten auf den ersten Blick für Brüder gehalten werden. Beide hatten schwarzes Haar und schwarze Augen, die Gesichtsfarbe war tiefbraun. Der ältere hatte die Kopfbedeckung abgelegt. Eine lose Tunika, die bis zu den Knien reichte, kennzeichnete ihn als Römer. Und wenn er im Gespräche von Zeit zu Zeit stolz auf seinen Gefährten herabblickte und ihn wie einen Untergeordneten anredete, so konnte man das einigermaßen entschuldigen, denn er stammte aus einer vornehmen Familie, die selbst in Rom im höchsten Ansehen stand – ein Umstand, der zu jener Zeit jede Anmaßung als verzeihlich erscheinen ließ.
In den großen Kriegen der ersten Kaiserzeit hatte sich die Familie Messala stets ausgezeichnet, der Kaiser Augustus verdankte ihnen viel und überhäufte sie mit Ehren. Unter anderm sandte er, als Judäa eine römische Provinz geworden war, den jungen Messala, den vorhin beschriebenen Jüngling, nach Jerusalem und übertrug ihm die Eintreibung und Verwaltung der in dieser Provinz erhobenen Steuern. Als oberster Steuerbeamter wohnte er neben dem Hohenpriester im königlichen Palaste.
Der Gefährte des Messala war schmächtiger von Gestalt, seine Kleider waren aus feinem weißen Linnen, seine Gesichtszüge kennzeichneten ihn als Juden. Die Stirn des Römers war hoch und schmal, seine Adlernase scharf, seine Lippen dünn und gerade, seine Augen kalt und unter dichten Brauen verborgen. Der jüdische Jüngling hatte eine niedrige, breite Stirn, eine lange Nase mit weiten Flügeln, eine kurze Oberlippe, die leicht die untere beschattete und wie mit einem Bogen die beiden Grübchen an den Mundwinkeln überspannte.
»Sagtest du nicht soeben, der neue Landpfleger werde morgen kommen?«
Diese Frage wurde von dem jüngeren der beiden Freunde gestellt, und zwar in griechischer Sprache, die in den gebildeten Kreisen Judäas allgemeine Umgangssprache geworden war.
»Ja, morgen,« antwortete Messala.
»Wer hat es dir gesagt?«
»Ismael, der neue Palastverwalter – ihr nennt ihn Hohenpriester – hat es gestern abend meinem Vater mitgeteilt. Auch habe ich heute morgen mit einem Hauptmann von der Burg gesprochen, und dieser erzählte mir, es würden bereits Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen, Helme und Schilde geputzt, die Adler und Kugeln vergoldet und Räumlichkeiten, die lange unbenutzt waren, gereinigt und gelüftet, als sollte die Besatzung um eine neue Abteilung verstärkt werden. Wahrscheinlich handelt es sich nur um die Leibwache des großen Mannes.«
Die Wangen des jüdischen Jünglings färbten sich röter und stumm, wie geistesabwesend, blickte er in die Tiefe des Teiches. Der spöttisch überlegene Ton in den Worten des Römers hatte sein Nationalgefühl gekränkt.
»Vor fünf Jahren nahmen wir in diesem Garten voneinander Abschied, als ich nach Rom ging,« sagte Messala, das Gespräch ablenkend. »Du hast dich inzwischen prächtig entwickelt, Judah!«
»Ja, es sind fünf Jahre,« antwortete der Jüngere. »Ich erinnere mich jenes Abschiedes recht gut. Du gingst nach Rom, ich sah dich abreisen und weinte, denn ich liebte dich. Die Jahre sind dahin. Hochgebildet und weltgewandt kehrst du zurück – ich scherze nicht. Und doch wünschte ich, du wärest derselbe Messala, der damals von mir geschieden ist.«
Der Nasenflügel des Spötters zuckte, und noch gedehnter kam es von seinen Lippen: »Warum so ernst? Und was meinst du mit deinem Ausspruch, ich sei nicht mehr derselbe Messala wie vorher?«
Der Jüngling errötete von neuem, doch antwortete er fest:
»Du hast, wie ich sehe, die Gelegenheiten, die sich dir boten, wohl benützt, du hast dir von deinen Lehrern manche Kenntnisse und ein vornehmes Betragen angeeignet. Du sprichst mit der Gewandtheit eines Meisters in der Redekunst, aber deine Rede birgt einen Stachel. Mein Messala hatte dieses Gift nicht, als er von mir schied; nicht um die Welt hätte er die Gefühle eines Freundes verletzt!«
Der Römer lächelte, als ob man ihm eine Schmeichelei gesagt hätte, und stolz warf er den Kopf zurück.
»O feierlicher Judah, wir sind nicht in Dodona oder Delphi. Laß deine Orakelsprüche und rede deutlich! Womit habe ich dich verletzt?«
Dieser atmete tief auf und antwortete, während er an der Schnur seines Kleides zupfte:
»In diesen fünf Jahren habe auch ich etwas gelernt. Hillel mag sich ja mit deinem Logiker nicht messen können und Simeon und Schammai erreichen jedenfalls deinen Lehrer am Forum nicht. Ihr Unterricht aber führt nicht auf verbotene Pfade, wer zu ihren Füßen sitzt, steht auf, bereichert mit der Kenntnis Gottes, des Gesetzes und Israels. Die Frucht dieser Kenntnis ist Liebe und Ehrfurcht gegen alles, was mit diesen im Zusammenhang steht. Der Besuch der hohen Schule und der Unterricht, den ich dort genoß, lehrte mich, daß Judäa heute nicht ist, was es ehedem war. Ich kenne den Abstand zwischen einem unabhängigen Königreich und einer armseligen Provinz, wie Judäa sie ist. Ich wäre niederträchtiger und verächtlicher als ein Samariter, wenn ich diese Erniedrigung meines Vaterlandes nicht fühlte. Ismael ist nicht rechtmäßiger Hoherpriester und kann es nicht sein, solange der edle Annas lebt. Doch ist er ein Levite, einer jener Gottgeweihten, die durch Jahrtausende treu dem Herrn, dem Gott unseres Glaubens und unserer Anbetung, gedient haben.«
Messala unterbrach ihn mit einem höhnischen Lachen: »O! ich verstehe dich jetzt! Ismael, sagst du, ist ein Eindringling. Was für merkwürdige Menschen ihr Juden doch seid. Was für merkwürdige Menschen ihr Juden doch seid. Alle Menschen und Dinge ändern sich, nur ihr bleibt immer dieselben. Alles dreht sich für euch um den kleinen Kreis eures Glaubens, außerhalb dessen ihr für gar nichts, weder für Kunst, noch für Wissenschaft Interesse habt. Das ist euer Leben mit seinen Schranken! Wer kann es mir verargen, wenn ich über euch lache? Was ist euer Gott, der sich mit der Anbetung eines solchen Volkes begnügt, gegen unfern römischen Jupiter, der uns seine Adler leiht, damit wir dis ganze Welt mit unsern Waffen erobern? Hillel, Simeon, Echammai, Abtalion – was sind diese gegen unsere Meister, die lehren, daß alles wissenswert ist, was im Bereiche des menschlichen Wissens liegt?«
Der Jude erhob sich, Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. »Nein, nein; bleib sitzen, Judah, bleib sitzen!« rief Messala und begleitete sein Wort mit entsprechender Handbewegung.
»Du spottest meiner.«
»Höre mich ein wenig weiter!« sprach der Römer. »Ich danke dir, daß du hierher gekommen bist, um mich nach meiner Rückkehr zu begrüßen und die Freundschaft unserer Kindheit zu erneuern. Nun, inzwischen haben mir meine Lehrer gezeigt, daß heute Mars die Welt regiert, und daß Ruhm das einzige ist, was eines Römers würdig. Ich werde Soldat; und du, mein Judah? Ich bedaure dich; was kannst du werden? Von der Schule in die Synagoge, dann in den Tempel; und dann – welch hohe Auszeichnung! – ein Sitz im Hohen Rate. Ein Leben ohne Aussichten; mögen die Götter dir gnädig sein! Aber ich–«
Judah blickte auf, gerade im rechten Augenblicke, um den Ausdruck des Stolzes zu gewahren, den Messalas Gesichtszüge angenommen hatten, da er fortfuhr:
»Aber ich – noch ist nicht die ganze Welt erobert! Das Meer birgt Inseln, die noch niemand entdeckt hat. Im Norden wohnen Völker, die noch keinen Römer gesehen haben. Der Ruhm, den Zug Alexanders nach dem fernen Osten vollendet zu haben, ist bisher noch nicht errungen! Sieh, die ganze Welt steht einem Römer offen!«
Nach einer kleinen Pause verfiel er wieder in seinen gewohnten schleppenden Ton:
»Ein Feldzug nach Afrika oder gegen die Skythen; dann eine Legion! Hiermit beenden die meisten ihre Laufbahn; nicht so ich! Ich, ich lasse die Legion für eine Präfektur. Denke dir, was für ein Leben in Rom mit Geld – Geld, Wein, Weiber, Spiele – Sänger an der Tafel, Intrigen am Hofe, Würfelspiele das ganze Jahr! Ein solches Leben mit seinem Kreislauf kann eine fette Präfektur bieten, – und die muß ich haben. O mein Judah, hier ist Syrien; Judäa ist reich; Antiochien eine Hauptstadt für die Götter. Ich will der Nachfolger des Cyrenius werden und du sollst mein Glück mit mir teilen!« Bei den Sophisten und Rhetorikern Roms, die den Unterricht und die Erziehung der vornehmen Jugend fast ausschließlich in ihren Händen hatte, hätte Messala mit seinen Ausführungen jedenfalls Beifall gefunden, denn sie entsprachen ganz dem damaligen Zeitgeiste. Dem jüdischen Jüngling aber waren sie etwas Neues, da sie von dem feierlichen Gesprächston, an den er gewöhnt war, zu weit abstanden. Mit wechselnden Gefühlen, die immer mehr zu Zorn und herbem Schmerz anwuchsen, hörte er die spöttischen, hochfahrenden Worte feines Freundes an. Doch zwang er sich zu einem Lächeln, als er entgegnete:
»Es gibt, wie ich gehört habe, Leute, die es zustande bringen, in betreff ihrer Zukunft zu scherzen. Ich gehöre jedenfalls nicht dazu.«
Der Römer betrachtete ihn aufmerksam, dann erwiderte er: »Warum sollte man die Wahrheit nicht ebensogut in einen Scherz wie in einen Vergleich kleiden können? Eines Tages ging die große Fulvia mit anderen fischen, sie allein fing mehr Fische als die ganze übrige Gesellschaft. Man sagte, deshalb, weil ihr Angelhaken vergoldet war.« »Du hast also nicht bloß im Scherz geredet?«
»Ich sehe, mein Judah, ich habe dir noch nicht genug geboten,« antwortete der Römer lebhaft, während seine Augen blitzten. »Wenn ich einmal Präfekt bin und Judäa habe, um mich zu bereichern, dann – will ich dich zum Hohenpriester machen.«
Zornentflammt wandte sich der Jude zum Gehn.
»Bleib doch,« sagte Messala.
Der andere blieb unentschlossen stehn.
»Bei den Göttern, Judah, wie heiß die Sonne scheint!« rief der Patrizier, da er die Erregung seines Freundes bemerkte. »Suchen wir den Schatten auf.«
Judah antwortete kühl: »Es ist besser, wir scheiden. Ich wünschte, ich wäre nicht gekommen. Ich suchte einen Freund und finde einen –«
»Römer,« ergänzte Messala schnell.
Die Hände des Juden ballten sich, doch beherrschte er sich wieder und ging dann ruhig fort. Auch Messala erhob sich, nahm den Mantel von der Ruhebank auf, warf ihn um und folgte dem Gefährten. Als er ihn eingeholt hatte, legte er ihm die Hand auf die Schulter und schritt an seiner Seite dahin.
»In dieser Weise – meine Hand auf deiner Schulter – pflegten wir miteinander zu gehn, als wir Kinder waren. Gehn wir auch jetzt so bis zum Tore.«
Messala bemühte sich augenscheinlich, ernst und freundlich zu sein, obschon es ihm nicht gelang, den satirischen Ausdruck aus seinem Gesichte zu verbannen. Judah gestattete diese vertrauliche Annäherung.
»Du bist ein Knabe, ich bin ein Mann; als solcher will ich reden.«
Die Selbstgefälligkeit des Römers war ergötzlich.
»Judah, warum wurdest du so zornig, als ich davon sprach, einmal der Nachfolger des Cyrenius werden zu wollen? Du dachtest vielleicht, ich wolle mich durch Plünderung eures Judäa bereichern. Gesetzt den Fall, irgendein Römer wird es eines Tages doch tun. Warum nicht ich?«
Judah hemmte seine Schritte.
»Es haben schon vor den Römern Fremde über Judäa geherrscht,« sagte er mit erhobener Hand. »Wo sind sie jetzt, Messala? Judäa hat sie alle überlebt. Was einmal war, wird wieder sein.«
Messala nahm wieder seinen schleppenden Ton an:
»Nur nicht zu hitzig, mein Judah! Wie hätte mein Lehrer mir gezürnt, wenn ich in seiner Gegenwart diese Leidenschaftlichkeit entwickelt hätte! Ich hatte noch anderes mit dir zu besprechen vor, aber ich wage es jetzt nicht.«
Als sie einige Schritte gegangen waren, nahm der Römer wieder das Wort:
»Ich meine, du bist jetzt stark genug, mich anzuhören, zumal das, was ich dir mitzuteilen habe, dich selbst betrifft. Ich wollte dir nützlich sein, mein schöner Judah, ich wollte dir von Herzen gerne dienen. Ich liebe dich mit jener Liebe, deren ich überhaupt fähig bin. Ich sagte dir vorhin, daß ich Soldat zu werden gedenke. Warum nicht auch du? Warum nicht aus dem engen Kreise heraustreten, in den ihr durch Gesetz und Herkommen gebannt seid?«
Judah antwortete nicht.
»Wer sind die Weisen unserer Tage?« fragte Messala weiter. »Nicht jene, die ihr Leben lang sich über Totes und Vergangenes herumzanken: über einen Baal, Jupiter und Jehovah, über philosophische Systeme und Religionen. Nenne mir einen großen Namen, Judah. Es ist mir einerlei, wo du ihn suchst, sei es in Rom oder in Ägypten, im Osten oder hier in Jerusalem – Pluto soll mich holen, wenn er nicht einem Manne gehört, der sich seinen Ruhm aus dem Materiale schuf, das die Gegenwart ihm lieferte; der nichts heilig hielt, was nicht seinen Zwecken diente, und nichts verachtete, was ihnen förderlich war! War's nicht so bei Herodes? oder den Makkabäern? oder bei Cäsar? Folge ihrem Beispiel! Beginne gleich jetzt! Sieh, Rom reicht dir ebenso bereitwillig die Hand zur Hilfe wie dem Idumäer Antipater.«
Judah zitterte vor Erregung. Da sie schon dem Gartentore nahe waren, beschleunigte er seine Schritte, um dem Römer zu entrinnen.
»O Rom! Rom!« murmelte er.
»Sei weise,« drängte Messala weiter in ihn. »Laß die Torheiten eines Moses und die jüdischen Überlieferungen: betrachte die Verhältnisse, wie sie einmal sind. Blick' den Parzen beherzt ins Gesicht und sie werden dir sagen, daß Rom die Welt ist, und daß Judäa nur ist, was Rom will.«
Sie standen jetzt vor dem Tore. Judah blieb stehen, zog die Hand Messalas sanft von seiner Schulter und blickte ihn mit Tränen in den Augen an.
»Ich verstehe dich; du bist ein Römer. Du kannst mich nicht verstehn – ich bin ein Israelit. Du hast mir heute bittere Qual bereitet und mich überzeugt, daß wir nie mehr die Freunde sein können, die wir waren – nie mehr. Hier scheiden wir. Der Friede des Gottes meiner Väter sei mit dir!«
Messala streckte ihm die Hand entgegen, der Jude aber entfernte sich, unbekümmert um ihn, durch das Tor. Der Römer blickte ihm eine Weile schweigend nach; dann schritt auch er durch das Tor und sprach kopfschüttelnd zu sich selber:
»So sei es denn! Mars regiert die Welt!«
Siebentes Kapitel
Von jenem Tore der heiligen Stadt, welches jetzt den Namen des heiligen Stephan trägt, zog sich eine Straße längs der nördlichen Seite der Burg Antonia nach Westen hin, folgte dann eine Strecke dem Tyropöischen Tale nach Süden, wendete sich dann wieder westwärts bis über das sogenannte »Richtertor« hinaus, wo sie endgültig eine südliche Richtung annahm. Der mit der heiligen Örtlichkeit vertraute Reisende oder gelehrte Forscher wird in der beschriebenen Straße sogleich einen Teil jenes Leidensweges erkennen, der für den Christen reicher an heiligen, freilich traurigen Erinnerungen ist als irgendeine andere Straße der Welt.
An einer Biegung dieser Straße stand ein zwei Stockwerke hohes Haus, das aus unbehauenen Steinen erbaut war und fast wie eine kleine Festung aussah. An der Westseite befanden sich vier, an der Nordseite nur zwei Fenster; sie waren in der Höhe des zweiten Stockwerkes und in der Weise angebracht, daß sie gegen die Straße etwas vorragten. Im unteren Stockwerke waren die Tore die einzigen äußerlich sichtbaren Maueröffnungen.
Kurze Zeit, nachdem der junge Jude beim Palaste auf dem Marktplatze von dem Römer geschieden war, erschien er vor dem Westtore dieses Hauses und klopfte. Die kleine Tür, die in einem der Torflügel hing, wurde aufgemacht. Er trat hastig ein, ohne auf die tiefe Verneigung des Pförtners zu achten.
Der Gang, in den er jetzt trat, war einem engen Tunnel mit verzierten Wänden und durchlöcherter Decke nicht unähnlich. Zu beiden Seiten desselben zogen sich Steinbänke hin, die vom Alter geschwärzt und durch langen Gebrauch geglättet waren. Zwölf bis fünfzehn Schritte brachten ihn in einen Hofraum, der sich in Gestalt eines Rechteckes von Norden gegen Süden erstreckte und mit Ausnahme der Ostseite rings von zweistöckigen Gebäuden umgeben war. Die Diener, die hier ab und zu gingen, der Lärm der Mühlsteine, die Wäschestücke, die an straffgespannten Leinen flatterten, die Hühner und Tauben, die sich lustig im Hofe tummelten, die Ziegen, Kühe, Esel und Pferde, die sich von Zeit zu Zeit in den Ställen vernehmen ließen, sowie ein großer Wassertrog, der allem Anscheine nach zu gemeinsamem Gebrauche bestimmt war, wiesen darauf hin, daß hier der Wirtschaftshof des Eigentümers war. Im Osten befand sich eine Mauer mit einem Tore, das durch einen gleichfalls engen Gang in einen andern Hof führte.
Dieser war geräumig und ganz mit Gesträuchen und Schlinggewächsen bepflanzt. Ein Springbrunnen nahe einer Halle an der Nordseite verbreitete frische Kühle. Auf rebenumrankten Säulen erhoben sich luftige Steinlauben, die von rot- und weißgestreiften Vorhängen beschattet waren. Auf der Südseite führte eine Treppe zu den Terrassen des oberen Stockwerkes hinauf, über welche große Zelttücher zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen gespannt waren. Eine zweite Treppe führte von hier zum flachen Dache empor, das rings von einem steinernen Gesims und einer aus hellroten, sechseckigen Backsteinen hergestellten Brustwehr umgeben war.
In diesen Hof trat nun der Jüngling. Ein Pfad, der sich rechts durch das teilweise blühende Gesträuch wand, führte ihn zur Treppe. Er stieg die Stufen hinauf und kam zur Terrasse – einem breiten Gang, der mit weißen und braunen, schon sehr abgenützten Fliesen belegt war. Durch eine Tür an der Nordseite trat er in ein Gemach, das sich in Dunkelheit hüllte, als der Vorhang hinter ihm gefallen war. Trotzdem ging er sicheren Schrittes auf einen Diwan zu und warf sich auf ihn nieder. Die Stirn mit den Händen verbergend, lag er eine Zeitlang regungslos da.
Als die Nacht vollends hereingebrochen war, erschien eine Frau in der Tür und rief ihn mit Namen. Er antwortete und sie trat ein.
»Das Abendessen ist vorüber und es ist Nacht. Ist mein Sohn nicht hungrig?« fragte sie.
»Nein!« antwortete er.
»Bist du krank?«
»Ich bin schläfrig.«
»Deine Mutter hat nach dir gefragt.«
»Wo ist sie?«
»Im Sommerhäuschen auf dem Dache.« Er richtete sich auf.
»Gut. Bring mir etwas zu essen.«
»Was wünschest du?«
»Was du willst, Amrah. Ich bin nicht krank und doch fehlt mir etwas. Bring mir etwas, das gleichzeitig als Nahrung und Arznei dient.«
Amrahs Fragen und der ruhige, teilnahmsvolle, besorgte Ton, in welchem sie dieselben stellte, zeugten von einem herzlichen Verhältnis zwischen beiden. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und ging dann wie befriedigt hinaus, indem sie bemerkte: »Ich will sehen.«
Nach einer Weile kam sie zurück und brachte auf einer hölzernen Platte eine Schüssel voll Milch, dünne Schnitten weißen Brotes, einen zarten Brei aus zerstoßenem Weizen, einen gebratenen Vogel nebst Honig und Salz sowie einen silbernen Becher mit Wein. Eine bronzene Handlampe, die sie mitgebracht hatte, erhellte das Zimmer. Sie schob nun einen Stuhl vor den Diwan, stellte die Platte darauf und kniete daneben nieder, um Judah zu bedienen. Sie mochte etwa fünfzig Jahre zählen, hatte dunkle Hautfarbe und schwarze Augen, aus denen in diesem Augenblicke eine fast mütterliche Zärtlichkeit blickte. Sie war eine Sklavin von ägyptischer Abstammung, der auch nicht das heilige fünfzigste Jahr die Freiheit hätte bringen können. Aber sie würde dieselbe gar nicht angenommen haben, denn der Jüngling, den sie eben bediente, war ihr lieb wie das eigene Leben. Sie hatte ihn von Kindheit an genährt und gepflegt und konnte ihren Dienst gleichsam nicht entbehren. Für sie konnte er nie zum Manne werden.
Judah verzehrte schweigend das ihm vorgesetzte Essen. Dann, als Amrah die Platte fortgetragen hatte, ging auch er hinaus und begab sich aufs Dach.
Im Orient dient das Dach sehr verschiedenartigen Zwecken. Während des Tages treibt die Hitze jeden in das Dunkel der inneren Gemächer. Aber am Abend, wenn kühlende Lüfte durch das Land streichen und der Himmel von glänzenden Sternen erhellt ist, dann versammelt man sich aus dem Dach, das zugleich Spielplatz, Schlafgemach und Stelldichein für die Familie ist. Daher pflegt es auch bequem, manchmal sogar mit reichem Luxus ausgestattet zu sein.
Der Jüngling schritt langsam einem Turme zu, der sich an der nordwestlichen Ecke des Palastes erhob. Durch einen halb aufgezogenen Vorhang trat er in das Innere. Es lag in völliger Finsternis, doch befanden sich an allen vier Seiten bogenförmige Öffnungen, durch welche die Sterne sichtbar waren. An einer der Öffnungen ruhte in halb liegender Stellung auf einem Diwan eine Frauengestalt, die nur das wallende weiße Gewand bemerkbar machte. Als sie seine Schritte hörte, ließ sie den Fächer in ihrer Hand sinken und rief:
»Judah, mein Sohn.«
»Ich bin es, Mutter,« antwortete er und eilte auf sie zu. Er kniete neben ihr nieder, und sie schlang ihre Arme um ihn, küßte ihn und zog ihn an ihre Brust. Dann lehnte sie sich wieder bequem in den Diwan zurück, während der Sohn sich neben sie setzte und den Kopf in ihren Schoß legte.
»Amrah erzählte mir, daß dir etwas begegnet sei,« sprach sie, ihm die Wangen streichelnd. »Als mein Judah noch ein Kind war, schwieg ich, wenn Kleinigkeiten ihn in Aufregung brachten. Jetzt aber ist er ein Mann; er darf nicht vergessen,« – ihre Stimme klang ungemein weich – »daß er eines Tages mein Held sein soll.«
Sie redete in der Sprache, die im Land fast unbekannt geworden war und nur mehr von wenigen, ebenso alten als reichen Familien in ihrer Reinheit gepflegt wurde, um den Unterschied zwischen Juden und Heiden desto schärfer hervortreten zu lassen, in der Sprache, in welcher Rebekka und Rahel zu Benjamin redeten.
Diese Worte schienen ihn aufs neue nachdenklich zu machen. Nach einer Weile indes ergriff er die Hand, mit welcher sie ihm Kühlung zugefächelt hatte, und sprach:
»Heute, meine Mutter, wurden meine Gedanken auf Dinge gelenkt, an die ich bisher nicht gedacht habe. Sag' mir vor allem, was ich werden soll.«
»Habe ich es dir nicht gesagt? Mein Held sollst du werden.« Er konnte ihr Gesicht nicht sehen; doch wußte er, daß sie scherze. Er wurde ernster.
»Du bist so gut, so lieb, Mutter! Niemand wird mich jemals so lieben wie du.«
Er bedeckte ihre Hand mit Küssen und fuhr dann fort:
»Ich glaube zu wissen, warum diese Frage dir unangenehm ist. Bisher hat mein Leben dir gehört. Aber es ist des Herrn Wille, daß ich mich eines Tages auf eigene Füße stelle, es wird ein Tag der Trennung, ein Tag des Schmerzes für dich sein. Ja, ich will dein Held werden, aber du mußt mir den Weg weisen. Du kennst das Gesetz, jeder Sohn Israels muß einen Lebensberuf haben. Ich bin nicht ausgenommen. Darum frage ich jetzt: soll ich die Herden hüten? oder das Feld bebauen? oder die Säge führen? oder ein Schriftgelehrter oder Gesetzeskundiger werden? Was soll ich beginnen? Liebe, gute Mutter, hilf mir zu einer Antwort!«
»Gamaliel hielt heute einen Vortrag,« sagte sie nachdenklich.
»Ich hörte ihn nicht.«
»Dann warst du wohl bei Simeon, der, wie man sagt, die hohen Geistesgaben seiner Familie geerbt hat.«
»Nein, auch ihn sah ich nicht. Ich war auf dem Marktplatze, nicht im Tempel. Ich habe den jungen Messala besucht.«
Eine gewisse Veränderung im Klang seiner Stimme erregte die Aufmerksamkeit der Mutter. Eine dunkle Ahnung ließ ihr Herz schneller schlagen; der Fächer ruhte wieder.
»Messala!« rief sie aus. »Was konnte er denn sagen, das dich so beunruhigt?«
»Er hat sich sehr verändert.« »Du willst sagen, er ist als Römer zurückgekehrt.«
»Ja.«
»Römer!« fuhr sie, halb mit sich selbst sprechend, fort. »Der ganzen Welt bedeutet das Wort soviel als Herrscher. Wie lange war er fort?«
»Fünf Jahre.«
Sie hob ihren Kopf und blickte nachdenklich in die Nacht hinaus. Der Jüngling brach zuerst das Schweigen.
»Was Messala sagte, war an sich schon kränkend genug; die Art und Weise aber, wie er manches vorbrachte, war geradezu unerträglich.«
»Ja, fast alle Römer sind unerträglich stolz!« sagte die Mutter.
»Nun, Messala hat stets ein gut Teil von dieser unangenehmen Eigenschaft besessen. Als er noch ein Kind war, hörte ich ihn Fremde verspotten, die zu ehren selbst ein Herodes nicht unter seiner Würde hielt; Judäa aber hat er bisher stets verschont. Heute zum ersten Male hat er im Gespräch mit mir unsere Gebräuche und unseren Gottesglauben angegriffen. Ich habe, wie es dein Wunsch war, mit ihm endgültig gebrochen. Und nun, teure Mutter, möchte ich Gewißheit haben, ob die Römer wirklich Grund haben, uns zu verachten. Worin stehe ich Messala nach? Gehören wir einem minderwertigen Volke an? Warum sollte ich mich, sei es selbst in Gegenwart des Kaisers, als Sklaven fühlen? Weshalb sollte ich nicht, wenn ich mich fähig fühle und dafür entscheide, die Ehren der Welt auf allen Gebieten erstreben dürfen? Warum darf ich nicht zum Schwerte greifen und Kriegsruhm suchen? Warum als Dichter nicht alles besingen, was meine Brust bewegt? Ich kann Handwerker, Hirt, Kaufmann werden – weshalb nicht Künstler wie die Griechen? Sag' mir, Mutter – hierin besteht mein ganzer Kummer – warum darf ein Sohn Israels nicht alles tun, was ein Römer tut?«
Die Mutter hatte mit reger Aufmerksamkeit den Worten Judahs zugehört. Ihre Hand legte sich sanft auf seine Stirn und die Finger strichen liebkosend über sein Haar, während ihre Augen die fernen Sterne suchten. Ihr Nationalstolz war nicht minder entwickelt als der des Sohnes, er war kein bloßes Echo desselben, sondern entsprang ihrer innersten Natur. Sie wollte ihm antworten; aber um alles in der Welt nicht hätte sie ihm eine unbefriedigende Antwort geben mögen: eine Anerkennung der Überlegenheit des Römers mußte Judah entmutigen und seine Tatkraft für immer lähmen. Sie fürchtete, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
»Die Beantwortung der Fragen, die du mir vorlegst, ist für ein Weib zu schwierig. Laß mir bis morgen Zeit zur Überlegung; ich will den weisen Simeon bitten –«
»Sende mich nicht zu dem Lehrer,« sagte Judah rasch. »Ich bedarf mehr als eine bloße Belehrung. Diese könnte er mir besser geben als die Mutter. Du aber kannst mir etwas verschaffen, was er nicht kann, nämlich den Entschluß, der die Seele eines Mannes ist.«
Sie warf einen Blick zum Himmel und suchte die ganze Bedeutung seiner Fragen zu erfassen.
»Fasse Mut, mein Sohn! Es ist wahr, Messala ist von edler Abkunft. Schon in den Tagen des republikanischen Rom haben sich Glieder seiner Familie teils als Krieger, teils als Zivilbeamte ausgezeichnet. Doch wenn heute dein Freund seiner Ahnen sich rühmte, durch Aufzählung der deinigen könntest du ihn beschämen. Wenn er, um dir seine Überlegenheit zu beweisen, auf das hohe Alter hinwiese, bis in welches sich sein Geschlecht zurückverfolgen läßt, auf ruhmvolle Taten, Rang und Reichtum, so könntest du ohne Furcht in jeder Hinsicht den Vergleich mit ihm aufnehmen.«
Sie hielt inne; nach einigem Nachsinnen sprach sie weiter: »Es gilt heute als fester Grundsatz, daß der Adel der Geschlechter und Familien vorzugsweise durch hohes Alter bestimmt wird. Ein Römer steht aber hierin stets einem Sohne Israels nach. Er könnte höchstens bis zur Gründung Roms zurückgehn. Wie steht es aber in dieser Beziehung mit uns? Sind wir besser daran?«
Wäre es im Gemache nicht so dunkel gewesen, so hätte Judah den Ausdruck des Stolzes bemerken müssen, der sich bei diesen Worten über ihr Gesicht verbreitete. Ihre Stimme zitterte, zarte Erinnerungen tauchten in ihrem Geiste auf.
»Dein Vater, mein Judah, ist zu seinen Vätern versammelt. Doch erinnere ich mich, als sei es heute abend gewesen, des Tages, da er und ich mit einer Anzahl von Freunden in festlicher Stimmung zum Tempel hinaufzogen, um dich dem Herrn darzustellen. Wir opferten die Tauben, ich nannte dem Priester deinen Namen, und in meiner Gegenwart schrieb er in das Register: ›Judah, Sohn des Ithamar, aus dem Hause Hur.‹ Dieser Name wurde sodann in das allgemeine Familienbuch des Volkes Israel eingetragen. Ich weiß nicht, wann man anfing, den Namen jedes Israeliten in dieser Weise aufzuschreiben. Doch ist dieser Gebrauch gewiß älter als der Auszug aus Ägypten. Ich habe Hillel sagen hören, Abraham selbst habe das erste Geschlechtsregister angelegt und es mit seinem und seiner Söhne Namen eröffnet, dazu sei er bestimmt worden durch die Verheißungen des Herrn, welche ihn und seine Nachkommen von allen Völkern schieden und zu Stammvätern des edelsten Geschlechtes, des wahrhaft auserwählten Volkes machten. Unser Volk hat öfters in manchen Punkten das Gesetz Gottes mißachtet, aber in diesem Punkte nie. Nur einmal werden die Register unterbrochen, und zwar am Ausgange des zweiten Zeitraumes. Als aber das Volk aus der langen Verbannung zurückgekehrt war, hielt es Zerobabel für seine erste Pflicht gegen Gott, die Bücher wieder herzustellen. So sind wir imstande, die jüdischen Geschlechter in ununterbrochener Reihe durch volle zwei Jahrtausende zu verfolgen. Und darum, wenn hohes Alter der Prüfstein des Adels ist, dann sind die Söhne Israels, welche dort auf den Höhen Rephaims ihre Herden weiden, edler geboren als die Edelsten der Marcier.«
»Und ich, Mutter, wer bin ich nach diesen Büchern?«
»Was ich bisher sagte, mein Sohn, bezog sich schon auf deine Frage. Ich will dir genauer antworten. Wenn wir unsere Geschlechtsbücher zurückverfolgen bis zur Gefangenschaft, weiter zum Bau des ersten Tempels und endlich bis zum Auszug aus Ägypten, so erlangen wir unumstößliche Gewißheit, daß du in gerader Linie von Hur, dem Gefährten Josuas, abstammst. Willst du noch weiter gehn? Dann nimm die Thora und schlage das Buch Numeri auf, so wirst du dort unter den zweiundsiebzig Geschlechtern nach Adam den ursprünglichen Stammvater deines Hauses finden.«
Stille herrschte eine Zeitlang in dem Zimmer auf dem Dache. »Ich danke dir, Mutter,« sagte Judah dann, ihre beiden Hände ergreifend; »ich danke dir von ganzem Herzen. Ich hatte recht, daß ich den würdigen Lehrer nicht hierher bemühte. Er hätte mir nicht besser und befriedigender Auskunft geben können. Aber begründet denn hohes Alter für sich allein schon den Adel einer Familie?«
»Ah, du vergissest, mein Sohn; unsere Ansprüche gründen sich nicht auf das Alter allein; die Auserwählung durch den Herrn ist unser vorzüglichster Ruhm.«
»Du sprichst vom ganzen Volke, Mutter, und ich rede von der Familie, unserer Familie. Haben sich Glieder derselben seit der Zeit unseres Vaters Abraham irgendwie ausgezeichnet? Welche Taten haben sie vollbracht? Wie sich vor ihren Mitmenschen hervorgetan?«
Die Mutter zögerte. Sie fühlte, daß die Unterredung mit Messala wohl mehr in ihrem Sohn aufgewühlt habe, als sie gedacht hatte.
»Ich ahne, mein Judah,« sagte sie, ihm die Wange streichelnd, »ich ahne, daß ich mehr gegen einen wirklichen als gegen einen eingebildeten Feind zu kämpfen habe. Ist Messala dieser Feind, so laß mich nicht im Finstern mit ihm kämpfen. Erzähle mir alles, was er gesagt hat.«
Der Jüngling erzählte jetzt seiner Mutter die ganze Unterredung mit Messala und verweilte mit besonderem Nachdruck bei den verächtlichen Äußerungen, die dieser über die Juden, ihre Gebräuche und ihren engbegrenzten Lebenskreis getan hatte.
Ohne ihn zu unterbrechen, hörte ihm die Mutter zu, denn nun erkannte sie klar den Stand der Dinge. Die Liebe zu einem Spielgenossen der Kindheit hatte Judah zum Palaste auf dem Marktplatze geführt. Er hoffte, ihn so wiederzufinden, wie er ihn vor Jahren verlassen hatte; er traf aber einen Mann, der, statt unter fröhlichem Lachen der Spiele der Vergangenheit zu gedenken, nur von der Zukunft sprach und von künftigen Ehren, von Macht und Reichtum träumte. Sich selbst unbewußt, war Judah mit verletztem Stolze und von einem leicht erklärlichen Ehrgeiz erfüllt heimgekehrt. Sie aber, die wachsame Mutter, sah es, und da sie nicht wußte, wohin ihn dieser Drang führen könne, erwachte in ihr die Jüdin. Wie, wenn diese Gedanken ihn dem Glauben der Väter entfremdeten? In ihren Augen wäre dies schrecklicher als alles andere, was sonst daraus folgen konnte. Sie wußte nur ein Mittel, diese Gefahr abzuwenden, und sie wendete es an mit der ganzen Kraft ihres Geistes, die noch ihre zärtliche Liebe erhöhte. Daher nahmen ihre Worte den Ausdruck männlicher Entschiedenheit und öfters dichterischen Schwung an, als sie sprach:
»Es hat nie ein Volk gegeben, das nicht davon überzeugt war, jedem andern zumindest ebenbürtig zu sein, nie eine bedeutende Nation, die sich nicht für die größte hielt. Wenn der Römer mit Verachtung auf Israel herabsieht, so wiederholt er nur die Torheit der Ägypter, Assyrer und Makedonier, und da die Verachtung sich gegen Gott kehrt, werden auch die Folgen bei den Römern ähnliche sein.«
In noch entschiedenerem Tone fuhr sie fort: »Es gibt kein Gesetz, das einem Volke einen Vorrang vor anderen zugesteht. Hat ein Volk sich zur Macht erhoben und seine Aufgabe vollbracht, so geht es zu Grunde, um einem andern Platz zu machen, das seine Macht erbt und neue Namen auf die alten Denkmäler schreibt. Das ist die Weltgeschichte. Ich will nicht behaupten, daß es im Fortschritt der Nationen keinen Unterschied gibt, kein Volk gleicht vollkommen dem andern. Das größte Volk ist aber jenes, das Gott am nächsten steht. Dein Freund – oder dein ehemaliger Freund – hat, wenn ich dich recht verstehe, behauptet, wir hätten keine Dichter, Künstler und Krieger, damit wollte er, glaube ich, sagen, wir hätten überhaupt keine großen Männer. Fehlt es uns nun wirklich an großen Männern? Ein großer Mann, mein Kind, ist derjenige, dessen Leben den Beweis liefert, daß er von Gott, wenn nicht ausdrücklich berufen, so doch in seinem Wirken geleitet wurde. Ein Perser ward das Werkzeug Gottes zur Bestrafung unserer Väter, da sie von ihm abfielen, er führte sie in die Gefangenschaft. Ein anderer Perser wurde auserwählt, ihre Kinder in das heilige Land zurückzuführen. Größer als beide indes war Alexander, durch den der Herr die Verwüstung Judäas und die Zerstörung des Tempels rächte. Der besondere Vorzug dieser Männer bestand darin, daß sie von Gott zur Vollstreckung seines Willens ausersehen wurden; daß sie Heiden waren, kann ihren Ruhm nicht schmälern.
Allgemein herrscht die Ansicht, daß der Krieg die edelste Beschäftigung des Mannes sei, daß der höchste Ruhm nur auf dem Schlachtfelde errungen werden könne. Wenn auch die Welt diese Ansicht angenommen hat, laß dich durch sie nicht täuschen. Der Mensch muß etwas Höheres über sich anerkennen und verehren; das ist ein Gesetz, das so lange gelten wird, als es Dinge gibt, die seinem Verstande unfaßbar sind. Das Gebet des Barbaren ist ein Aufschrei der Furcht vor einer überlegenen Kraft, der einzigen göttlichen Eigenschaft, die er klar erkennt. Wir aber waren die ersten, die über diesen rohen, barbarischen Glauben hinausgingen. An die Stelle der rohen Kraft setzten unsere Väter Gott, der Erguß der Furcht wich in unserem Kult dem Hosiannagesang und den Psalmen. Die Herrschaft der Römer ist weiter nichts als ein Rückfall in die alte Barbarei. Die Römer setzen den Krieg über alles, und nirgends außer im Kriegswesen hat Rom Selbständiges geschaffen. Seine Spiele und Schaustellungen sind griechische Einrichtungen, denen nur die Grausamkeit der Römer einen blutigen Charakter gegeben hat. Roms Religion – wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann – setzt sich aus Gebräuchen und Lehren aller anderen Nationen zusammen. Seine höchst verehrten Götter – Mars und selbst Jupiter nicht ausgenommen – entstammen dem griechischen Olymp. Der Römer ist gegen die Vorzüge anderer Völker blind, seine Selbstsucht verhüllt sein Auge wie mit einem dichten Schleier, der ebenso undurchdringlich ist wie sein Brustpanzer. O die ruchlosen Räuber! Unter ihrem Tritte erdröhnt die Erde wie eine mit Dreschflegeln bearbeitete Tenne. Unter anderen Völkern – ach, daß ich es dir sagen muß, mein Sohn! – sind auch wir gefallen. Sie haben unsere höchsten, unsere heiligsten Stellen besetzt, und niemand kann sagen, wie das alles noch enden wird. Allein soviel ist gewiß: mögen sie Judäa zermalmen, wie man Mandeln zerstampft, und sein Öl und Mark, Jerusalem, verzehren, der Ruhm der Männer Israels wird in unerreichbarer Höhe am Himmel leuchten, denn ihre Geschichte ist Gottes Geschichte. Durch ihre Hände schrieb er, durch ihren Mund redete er und er war mit ihnen in allem Guten, auch dem geringsten, das sie jemals taten. Ist es möglich, mein Sohn, daß jene, mit denen Jehova in solcher Weise verkehrte, nichts von ihm lernten, daß in ihrem Leben und Wirken die gewöhnlichen menschlichen Eigenschaften nicht von der Göttlichkeit durchdrungen und beeinflußt wurden, daß ihr Geist nicht – selbst nach Jahrhunderten noch – ein schwaches Abbild des göttlichen bewahrte?« Eine Zeitlang war das Rauschen des Fächers allein vernehmbar in der Stille, die nach diesen Worten eintrat.
»Beschränkt man«, sprach sie weiter, »die Kunst auf Bildhauerei und Malerei, dann ist es allerdings wahr, daß Israel keine Künstler hat. Aber man darf nicht vergessen, daß die Kunstfertigkeit unserer Hände unterbunden wurde durch das Verbot: ›Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Gleichnis von dem, was im Himmel oben oder auf der Erde unten oder was unter der Erde im Wasser ist!‹ ein Verbot, das die Sopherim über seinen Zweck und seine Geltung hinaus ausgedehnt haben. Noch darf man vergessen, daß lange, bevor Dädalus in Attika erschien, zwei Israeliten, Beseleel und Soliab, die Werkmeister der ersten Stiftshütte, die Cherubim zu beiden Seiten des Gnadenthrones über der Bundeslade gebildet hatten. Sie waren aus getriebenem Gold, nicht gemeißelt; es waren nicht rein menschliche, sondern himmlische Gestalten. Wer wagt es zu behaupten, daß sie nicht schön waren oder daß sie nicht die ersten Statuen waren?«
»O, ich begreife jetzt,« fiel Judah lebhaft ein, »warum die Griechen uns übertroffen haben. Und die Bundeslade – Fluch über die Babylonier, welche sie zerstörten!«
»Nein, Judah, sei doch gläubig! Nicht zerstört wurde sie, sondern allzu sicher in irgendeiner Bergeshöhle versteckt, daß sie verloren ging. Eines Tages wird sie, wie Hillel und Schammai versichern, nach dem Willen des Herrn wiedergefunden und ans Tageslicht gebracht werden, dann wird Israel wieder vor ihr tanzen und singen wie in der alten Zeit. Und jene, welche dann das Antlitz der Cherubim schauen werden, werden die Hand jedes Israeliten küssen wollen aus Ehrfurcht vor dem Genie seines Volkes, das durch Jahrtausende untätig schlummerte.«
Die Mutter war ganz in leidenschaftlichen Eifer geraten. Nun machte sie eine Pause, um sich zu sammeln und ihre Gedanken zu ordnen. »Du bist so gut, Mutter,« sprach Judah im Tone der Dankbarkeit. »Ich werde niemals ermüden, es zu sagen. Schammai und Hillel hätten nicht besser reden können. Ich bin jetzt wieder ein wahrer Sohn Israels.«
»Schmeichler!« entgegnete sie. »Du weißt freilich nicht, daß ich bloß wiederholte, was ich von Hillel hörte, als er eines Tages in meiner Gegenwart mit einem römischen Sophisten stritt.«
»Nun, die Herzlichkeit der Sprache ist doch dein Eigentum.« Sie wurde sofort wieder ernst.
»Wo bin ich stehn geblieben? Ja, ich beanspruchte für unsere Vorfahren die ersten Statuen. Die Fertigkeit des Bildschnitzers ist aber nicht die einzige Kunst, gleichwie die Kunst selbst nicht die einzige Größe ist. Ich denke mir immer die großen Männer aller Jahrhunderte als einen langen Heereszug, der nach den verschiedenen Nationen in Gruppen abgeteilt ist: hier Inder, dort Ägypter, dort Assyrer; unter Trompetengeschmetter und mit fliegenden Fahnen ziehen sie einher, während all die zahllosen Geschlechter vom Anbeginn an als ehrfurchtsvolle Zuschauer zu ihrer Rechten und Linken stehn. Und fortwährend ergießt sich über die ganze Reihe von einem bis zum andern Ende, von der grauen Vorzeit bis in die ferne Zukunft, ein Licht, das den Streitenden den Weg weist, ohne daß sie es kennen – das Licht der Offenbarung! Und wer ist sein Träger? Unser Volk, Judah! Wie schwillt einem jedem Israeliten die Brust bei diesem Gedanken! An diesem Lichte erkennen wir sie. Dreimal selig ihr, unsere Väter, ihr Diener Gottes und Hüter des Bundes! Dort ist auch dein Platz, Judah, und wäre auch jeder Römer ein Cäsar, du sollst ihn nicht verlieren!«
Judah war tief bewegt. »Ich bitte dich, Mutter, fahre fort!« rief er aus. »Deine Worte sind für mich wie Siegesgesang. Ich warte auf Miriam und die Frauen, die ihr singend und tanzend folgten.« Die gehobene Stimmung Judahs geschickt benützend, fuhr die Mutter fort: ›Nun gut, mein Sohn! Kannst du den Siegesgesang der Prophetin hören, dann kannst du auch weiter meinem Gedankengange folgen. Stelle dich im Geiste mit mir an den Wegrand, während die Auserwählten Israels an der Spitze des Zuges an uns vorüberschreiten. Sieh, sie kommen! Zuerst die Patriarchen, dann die Väter der Stämme. Es dünkt mir, ich höre die Glöckchen ihrer Kamele und das Blöken ihrer Herden. Wer ist der, der dort allein und abgesondert zwischen den Gruppen geht? Es ist ein Greis, doch ungetrübt ist sein Auge und ungebrochen seine Kraft. Er sah den Herrn von Angesicht zu Angesicht. Er war Krieger, Dichter, Redner, Gesetzgeber und Prophet. Wie die Morgensonne durch ihr strahlendes Licht alle übrigen Gestirne verdunkelt, so überragt er an Ruhm alle übrigen, selbst den ersten und edelsten der Cäsaren. Auf ihn folgen die Richter. Danach kommen die Könige: der Sohn Jesses, ein Held im Kriege und ein Sänger unsterblicher Gesänge; und sein Sohn, der reichste und weiseste aller Könige, der die Wüste bewohnbar machte und, während er auf ihren öden Flächen Städte baute, doch auch Jerusalems nicht vergaß, das der Herr zu seinem Sitz auf Erden auserwählt hatte. Neige dein Haupt tiefer, mein Sohn! Die jetzt kommen, sind die ersten in ihrer Art und die letzten. Ihr Angesicht ist nach oben gewandt, als ob sie eine Stimme vom Himmel hörten und lauschten. Ihr Leben war voll des Kummers. Ihr Gewand riecht nach Grab und Verwesung. Horch! Hörst du nicht die Stimme einer Frau unter ihnen: ›Singet dem Herrn, denn er hat glorreich triumphiert!‹ Neige dich vor ihnen in den Staub! Sie waren Gottes Herolde, seine Diener, die in den Himmel blickten und die ganze Zukunft schauten. Und was sie sahen, schrieben sie nieder und hinterließen ihre Schriften der Nachwelt, auf daß spätere Zeiten deren Wahrheit bewiesen. Sieh hier den Thespiter und seinen Diener Elisäus! Sieh dort die drei Jünglinge, die dem Bilde des Babyloniers die Verehrung versagten, und unter ihnen den, der am Gelage die Sternkundigen beschämte. Und dort, mein Sohn, sieh dort den Sohn des Amos, aus dessen Mund die Welt die herrlichen Weissagungen über den kommenden Messias vernahm!«
Die Mutter machte eine Pause, als sei sie in tiefe Gedanken versunken.
»Ich habe dir, Judah,« fuhr sie endlich fort, »so gut ich es vermochte, unsere großen Männer, die Patriarchen, Gesetzgeber, Krieger, Sänger und Propheten vor Augen geführt. Vergleiche sie mit den besten Männern Roms und frage dich, ob du dich unseres Volkes zu schämen brauchst. Darum, was deine Zukunft betrifft,« – sie sprach die letzten Worte langsam und mit zitternder Stimme – »was deine Zukunft betrifft, mein Sohn, so diene dem Herrn, dem Gotte Israels, nicht Rom. Für ein Kind Israels gibt es keinen Ruhm außer im Dienste des Herrn; darin aber findet es hohen Ruhm.«
»Ich darf also nicht Soldat werden?« fragte Judah.
»Warum nicht? Nannte nicht Moses Gott einen Herrn der Heerscharen?«
Es herrschte wieder tiefe Stille im Zimmer auf dem Dache. Endlich sprach die Mutter: »Du hast meine Erlaubnis, nur diene dem Herrn und nicht dem Cäsar!«
Judah ging auf diese Bedingung ein und sank allmählich in Schlummer. Die Mutter erhob sich, schob ihm das Kissen unter den Kopf, breitete eine Decke über ihn aus, küßte ihn zärtlich und ging hinweg.
Achtes Kapitel
Als Judah die Augen öffnete, stand die Sonne bereits hoch über den Bergen. Die Tauben flogen scharenweise hin und her und erfüllten die Luft mit dem schimmernden Glanze ihres weißen Gefieders. Gegen Südosten ragte der Tempel auf, dessen vergoldete Zinnen sich reizend vom tiefen Blau des Himmels abhoben. Doch das waren ihm bekannte Dinge, und nur flüchtig streifte sie sein Blick. Neben ihm saß auf dem Diwan ein kaum fünfzehnjähriges Mädchen, das mit leiser Stimme sang und dazu auf einer Harfe spielte, die auf seinen Knien lag.
Als sie bemerkte, daß er erwacht sei, schwieg sie und legte das Instrument beiseite; sie ließ die Hände in den Schoß fallen und blickte ihn erwartungsvoll an.
Die beiden Geschwister stammten aus einem Geschlecht, das unter der Regierung des Herodes zu großem Reichtum gelangt war. Der Vater Judahs war bei aller Anhänglichkeit an sein Volk und dessen religiöse Gebräuche auch dem Könige aufrichtig ergeben gewesen und hatte sich in der Heimat wie im Auslande als dessen treuer Diener erwiesen. Zu wiederholten Malen mit wichtigen Botschaften nach Rom gesandt, hatte er durch sein Auftreten die Aufmerksamkeit des Kaisers Augustus erregt und dessen rückhaltlose Freundschaft gewonnen. Daher fanden sich in seinem Hause manche jener Geschenke, wie Fürsten sie zu spenden pflegen, um der eigenen Eitelkeit zu schmeicheln, als Purpurtogen, elfenbeinerne Sessel, goldene Trinkschalen und ähnliche Gegenstände, die hauptsächlich dadurch hohen Wert erhielten, daß sie von kaiserlicher Hand stammten. Ein solcher Mann mußte reich sein; allein sein Reichtum gründete sich nicht einzig auf die Gunst und Freigebigkeit von Fürsten. Viele der Hirten, die auf den Ebenen und Hügeln bis zum fernen Libanon hin die Herden hüteten, nannten ihn ihren Herrn. In den Seestädten wie im Binnenlande gründete er Handelshäuser. Seine Schiffe brachten ihm Silber aus den Bergwerken Spaniens, den reichsten, die man damals kannte, während seine Karawanen zweimal im Jahre reichbeladen mit Seidenstoffen und Gewürzen aus dem fernen Osten heimkehrten.
Dieser Mann nun ging in der Blüte seiner Jahre, etwa zehn Jahre vor dieser zweiten Periode unserer Erzählung, durch einen Schiffbruch zugrunde, betrauert von ganz Judäa. Er hinterließ neben seiner Gattin zwei Kinder, seinen Sohn Judah und seine Tochter Tirzah.
Wer die beiden Geschwister betrachtete, dem konnte ihre Ähnlichkeit nicht entgehen. Sie hatte dieselben regelmäßigen Züge und zeigte denselben jüdischen Typus wie er. Nur lag auf ihrem Gesichte noch der Reiz kindlicher Unschuld. Die zurückgezogene Häuslichkeit, in der sie lebte, sowie das innige Band, das beide umschlang, erlaubten es ihr, in einem sehr ungezwungenen Morgenkleide zu erscheinen. Ein auf der rechten Schulter befestigter Überwurf, der lose über Brust und Rücken herabfiel und unter dem linken Arme sich schloß, verhüllte ihren Oberkörper nur zum Teile und ließ die Arme ganz sichtbar. Ein Gürtel hielt das Gewand, das kaum bis zu den Knien reichte, um die Lenden fest. Ihr Kopfschmuck war sehr einfach und dabei gefällig; er bestand in einem purpurfarbenen seidenen Häubchen und einem gestreiften, reichgestickten Tuche von demselben Stoffe, welches darüber in dünnen Falten um den Kopf gewunden war, so daß dessen Umrisse deutlich hervortraten. In den Ohren und an den Fingern trug sie goldene Ringe, an den Armen und Knöcheln ebensolche Spangen. Das Haar fiel ihr in zwei langen Flechten über den Rücken. Auf jeder Wange hing gerade vor dem Ohr eine gekräuselte Locke. Man konnte ihr Anmut, Zierlichkeit und Schönheit keineswegs abstreiten.
»Sehr schön, meine Tirzah, sehr schön!« rief Judah wie begeistert.
»Das Lied?« fragte sie.
»Ja, und die Sängerin auch. Es hat griechische Anklänge. Woher hast du es?«
»Erinnerst du dich des Griechen, der vorigen Monat im Theater sang? Es heißt, er sei früher am Hofe des Herodes gewesen und habe wiederholt vor ihm und dessen Schwester Salome gesungen. Er trat gerade nach einem Ringkampfe auf, während das Haus noch vom Lärme widerhallte; allein beim ersten Tone, den er sang, wurde es so stille, daß ich jedes Wort vernehmen konnte. Von ihm habe ich das Lied.«
»Er sang doch in griechischer Sprache!«
»Und ich in hebräischer.«
»Ja; ich bin deshalb auch stolz auf meine kleine Schwester.«
In diesem Augenblick trat Amrah herein und brachte eine Platte mit Waschschüssel, Wasser und Handtüchern. Da Judah kein Pharisäer war, nahm die Waschung keine Zeit in Anspruch. Die Dienerin entfernte sich jetzt, während Tirzah sich daran machte, das Haar des Bruders zu ordnen. War ihr eine Locke zur Zufriedenheit geraten, dann nahm sie den kleinen Metallspiegel, den sie nach Art der jüdischen Frauen im Gürtel trug, und reichte ihn dem Bruder, damit er mit eigenen Augen ihre Kunstfertigkeit sehe. Unterdessen setzten sie ihr Gespräch fort.
»Was sagst du dazu, Tirzah? Ich gehe fort.«
Erschreckt ließ sie die Hände sinken.
»Fort! Wann? Wohin? Warum?«
Er lachte.
»Drei Fragen in einem Atem! Wie neugierig du doch bist!«
Im nächsten Augenblick war er wieder ernst. »Du weißt, daß das Gesetz es mir zur Pflicht macht, einen Beruf zu ergreifen. Unser guter Vater gab mir das beste Beispiel. Selbst du würdest mich verachten, wenn ich die Früchte seines Fleißes und Wissens im Müßiggang verzehren würde. Ich gehe nach Rom.«
»O, ich gehe mit!«
»Du mußt bei der Mutter bleiben. Wenn wir beide sie verlassen, wird sie sterben.«
Trauer malte sich auf ihrem Gesichte.
»Ach ja! Aber mußt du denn fort? Hier in Jerusalem kannst du alles lernen, was ein Kaufmann zu wissen nötig hat, wenn es das ist, woran du denkst.«
»Daran denke ich nicht. Das Gesetz gebietet nicht, daß der Sohn den Beruf des Vaters wähle.« »Was willst du denn sonst werden?«
»Soldat!« antwortete er mit einem gewissen Stolze.
Tränen traten ihr in die Augen. »Du wirst getötet werden.«
»Wenn es Gottes Wille ist, so sei es denn! Aber, Tirzah, nicht alle Soldaten werden getötet.«
Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, als ob sie ihn zurückhalten wollte.
»Wir sind so glücklich! Bleib zu Hause, Bruder!«
»Das Vaterhaus kann für uns nicht immer das sein, was es bisher war. Auch du wirst in nicht ferner Zeit fortgehn.«
»Niemals!«
Er lächelte über diese Entschlossenheit.
»Bald wird ein Fürst Judahs oder eines andern Stammes kommen, um meine Tirzah werben und sie mit sich nehmen, damit sie einem andern Hause als Stern leuchte. Was wird dann aus mir werden?«
Ein Schluchzen war ihre Antwort.
»Soldatsein ist ein Beruf,« fuhr Judah mit noch mehr Ernst fort. »Um ihn vollständig zu erlernen, muß man in die Schule gehn. Es gibt aber keine bessere Kriegsschule als ein römisches Lager.«
»Du wirst doch nicht für Rom kämpfen?« fragte sie mit angehaltenem Atem.
»Auch du, selbst du hassest Rom! Die ganze Welt haßt es. Hierin, Tirzah, suche den Grund der Antwort, die ich dir gebe. Ja, ich will für Rom kämpfen, wenn ich dadurch lerne, einst gegen Rom zu kämpfen.«
»Wann willst du abreisen?«
In diesem Augenblick wurden Amrahs Schritte gehört.
»Still!« sagte er. »Laß sie nicht wissen, woran ich denke.«
Die treue Dienerin kam mit dem Frühstück und setzte die Platte, auf welcher sie es trug, auf einen Stuhl vor beide hin. Dann blieb sie mit weißen Tüchern auf dem Arme stehen, um die Geschwister zu bedienen. Sie tauchten eben die Finger in ein Gefäß mit Wasser und spülten sie ab, als ein Lärm auf der Straße ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie horchten und unterschieden kriegerische Musik, welche von der nördlichen Straße her klang.
»Soldaten aus dem Prätorium! Ich muß sie sehen!« rief Judah, vom Diwan aufspringend, und eilte hinaus.
Im nächsten Augenblick lehnte er sich über die aus Ziegeln gemauerte Brustwehr am nordöstlichen Winkel des Daches. Er war so in den Anblick, der sich ihm darbot, versunken, daß er nicht merkte, wie Tirzah an seine Seite trat und die eine Hand aus seine Schulter legte.
Da das Dach alle umliegenden Gebäude überragte, konnten sie von ihrem Platze aus ostwärts bis zum gewaltigen Turm der Burg Antonia, wo die Garnison lag und der Prokurator sein militärisches Hauptquartier hatte, alles überblicken. Die nicht zehn Fuß breite Straße war an vielen Stellen mit Brücken überspannt, die teils offen, teils verdeckt waren; diese begannen sich jetzt ebenso wie die benachbarten Dächer mit Männern, Weibern und Kindern zu füllen, welche von der Musik angelockt wurden. Das Wort Musik ist freilich hier nicht ganz das richtige, denn was man hörte, war vielmehr ein Trompetengeschmetter, begleitet von den schrillen, dem römischen Soldaten aber so trauten Tönen hölzerner Blasinstrumente.
Nach einer Weile wurde der Aufzug auch den beiden Geschwistern auf dem Dache sichtbar. Zuerst kam ein Vortrab Leichtbewaffneter, es waren zumeist Schleuderer und Bogenschützen, die in weiten Abständen marschierten; dann eine Abteilung Schwerbewaffneter zu Fuß mit großen Schilden und jenen langen Speeren, wie man sie schon bei den Zweikämpfen vor Ilion gebraucht haben mochte; darauf folgten die Musiker. Dann kam ein alleinreitender Offizier, dem eine berittene Leibwache folgte, dann wieder eine fast endlos lange Abteilung schwerbewaffneter Fußsoldaten, welche, eng gedrängt marschierend, die Straße von Mauer zu Mauer ausfüllte. Die sehnigen Gliedmaßen der Männer, die taktmäßige Bewegung ihrer Schilde von rechts nach links, der feste, selbstbewußte, rhythmische Schritt, die ernste Haltung der Masse, die einer riesigen Maschine glich, alles dieses machte auf Judah einen überwältigenden Eindruck. Was seine Aufmerksamkeit vor allem fesselte, war der Adler der Legion, der auf einer hohen Stange getragen wurde. Er wußte, daß man ihn mit göttlichen Ehren empfangen hatte, als er aus seinem Standorte im Turm geholt wurde.
Auch der in der Mitte der Kolonne allein reitende Offizier erregte sein besonderes Interesse. Er war in voller Rüstung; nur sein Haupt war unbedeckt. An seiner Seite hing ein kurzes Schwert, in der Hand hielt er den Kommandostab, der wie eine Rolle weißen Papieres aussah. Sein Pferd trug statt des Sattels eine, purpurne Decke.
Als der Mann noch in weiter Ferne war, konnte Judah schon bemerken, daß sein Erscheinen die Zuschauer in zornige Erregung versetzte. Diese lehnten sich weit über die Brustwehren der Dächer oder traten kühn vor die Haustore und ballten die Fäuste gegen ihn. Sie folgten ihm unter lautem Geschrei oder spuckten auf ihn hinab, während er unter den Brücken hindurchritt. Die Weiber warfen ihm gar ihre Sandalen nach, manchmal mit solchem Geschick, daß sie ihn trafen. Je näher er kam, desto deutlicher konnte man das Geschrei vernehmen: »Räuber! Tyrann! Römischer Hund! Nieder mit Ismael! Gebt uns unsern Annas zurück!«
Endlich war er so nahe, daß Judah seine Gesichtszüge unterscheiden konnte. Dabei bemerkte er, daß der Mann die von den Soldaten so stolz zur Schau getragene Gleichgültigkeit nicht teilte. Sein Gesicht war finster und drohend und die Blicke, die er von Zeit zu Zeit nach seinen Verfolgern schleuderte, waren wild und feindselig, so daß die Furchtsamen davor zurückschreckten.
Judah hatte von der Sitte gehört, daß Oberbefehlshaber nach dem Beispiele des ersten Cäsar zum Zeichen ihres Ranges in der Öffentlichkeit nur einen Lorbeerkranz zu tragen pflegten. Hieran erkannte er, daß der Offizier niemand anderer war als Valerius Gratus, der neue Prokurator von Judäa. Im Grunde hatte Judah Mitleid mit dem Römer, der in so unverdienter Weise unter dem Sturme der Volkswut zu leiden hatte. Als daher dieser die Ecke des Hauses erreichte, beugte sich der Jüngling noch weiter über die Brustwehr vor, um ihn besser sehen zu können, und dabei stützte er sich mit der Hand auf einen vorstehenden Ziegel. Dieser hatte im Laufe der Zeit einen Sprung bekommen, der bisher nicht beachtet worden war, und der Druck war stark genug, das äußere Stück des Ziegels loszulösen, es kam ins Rollen.
Ein jäher Schreck durchzuckte den Jüngling. Er streckte die Hand aus, um das fallende Stück zu erhaschen. Die Bewegung, die er hierbei machte, konnte den Anschein erwecken, als ob er etwas von sich schleuderte. Judah stieß vor Schreck einen lauten Schrei aus, so daß die Soldaten und ebenso der Prokurator hinaufblickten. In diesem Augenblick traf den Römer das Ziegelstück auf den Kopf und er fiel wie tot vom Pferde.
Die Kohorte machte Halt. Die Wachen sprangen von ihren Pferden und beeilten sich, ihren Befehlshaber mit ihren Schilden zu decken. Die Menge, die Zeuge des Vorfalles war, zweifelte nicht daran, daß der Wurf absichtlich geschehen sei, und jubelte dem Jüngling zu, der sich noch immer über die Brustwehr gebeugt hielt. Der Anblick des Unheils, das durch ihn entstanden war, und die Erwägung der Folgen, die ihm nur zu deutlich vor die Augen traten, hatten ihn wie betäubt. Ein böser Geist fuhr mit Blitzesschnelle längs dem Zuge von Dach zu Dach und erfaßte die Volksmenge in gleicher Weise. Die Leute legten Hand an die Brustwehren, lockerten die Ziegel und den sonngebrannten Lehm, woraus die Hausgiebel zum größten Teile gebaut waren, und begannen in blinder Wut Stücke davon nach den Legionären unter sich zu schleudern. Es entspann sich nun ein hitziger Kampf. Die Disziplin der Soldaten behielt, wie es vorauszusehen war, die Oberhand. Mit schreckensbleichem Antlitz hatte sich inzwischen Judah von der Brustwehr zurückgelehnt.
»O Tirzah, Tirzah, ich habe den römischen Landpfleger getötet!« rief er aus. »Der Ziegel traf ihn, es war ein Zufall!«
»Was werden sie uns tun?« fragte sie.
Er blickte nach dem immer noch zunehmenden Tumult auf den Dächern und in der Straße und gedachte der drohenden Miene des Gratus. War er nicht tot, wo würde seine Rache innehalten? Und war er tot, zu welchen Wutausbrüchen würden die Ausschreitungen des Volkes die Legionssoldaten aufreizen? Um einer Antwort auszuweichen, beugte er sich abermals über die Brustwehr und sah gerade, wie die Leibwache dem Römer wieder auf das Pferd half.
»Er lebt, Tirzah, er lebt! – Gepriesen sei der Gott unserer Väter!«
Mit diesem Ausrufe trat er von der Brustwehr zurück und antwortete nun mit mehr Ruhe auf ihre Frage:
»Sei unbesorgt, Tirzah! Ich werde ihnen erklären, wie es kam, und sie werden sich an unsern Vater und seine Verdienste erinnern und uns nichts tun.«
Er führte sie in das Turmzimmer.
Da erbebte das Dach unter ihren Füßen und man vernahm ein Krachen wie von stürzenden Balken und gleich darauf Schreckensrufe, die dem Anschein nach vom Hof heraufkamen. Er blieb stehn und horchte, die Rufe wiederholten sich. Die Soldaten hatten das nördliche Tor eingeschlagen und waren nun im Besitze des Hauses. Judah erkannte zu seinem Schrecken, daß man es auf ihn abgesehen habe. Für eine Flucht war es zu spät. Plötzlich hörte er die angsterfüllte Stimme seiner Mutter und lief eilends hinab.
Die Terrasse oder Galerie am Fuße der Treppe war voll von Soldaten. Andere rannten mit gezückten Schwertern die Zimmer aus und ein. In einer Ecke kauerte dicht zusammengedrängt eine Gruppe von Frauen, die um Schonung baten. An einer andern Stelle rang eine Frau mit einem der Soldaten und suchte sich von ihm loszureißen, so daß dieser seine ganze Kraft anwenden mußte, um sie festzuhalten. Ihr Kleid war zerrissen; das Haar hing ihr in langen Strähnen über das Gesicht; ihre Rufe übertönten jeden andern Lärm, so daß sie deutlich vernehmbar bis zum Dache hinausdrängen. Die Angst beflügelte Judahs Schritte; mit einem Satze war er bei ihr.
»Mutter, Mutter!« rief er aus. Sie streckte die Hand nach ihm, aber eben als er sie fassen wollte, wurde er ergriffen und zurückgerissen. Dann hörte er, wie jemand rief: »Der ist es!« Judah schaute um sich und erblickte Messala.
»Was, dieser ist der Meuchler?« fragte ein stattlicher Legionär in prächtigem Waffenschmucke. »Er ist ja noch ein Knabe!«
Die Liebe zu den Seinigen ließ Judah den Streit vergessen, den er mit dem Jugendfreunde gehabt hatte.
»Hilf ihnen, Messala! Gedenke unserer Knabenzeit und hilf ihnen! Ich – Judah – bitte dich!«
Messala tat, als hörte er ihn nicht. »Ich kann hier nicht weiter von Nutzen sein,« sagte er, zum Offizier gewendet. »Auf der Straße unten gibt es bessere Beschäftigung. Nieder mit Eros, hoch Mars!«
Mit diesen Worten entfernte er sich. Judah verstand ihn, und in der Bitterkeit seiner Seele flehte er zum Himmel: »In der Stunde deiner Rache, o Herr, sei mein die Hand, die ihn treffen soll!«
Mit Mühe konnte er sich einen Weg zum Offizier bahnen. »Herr,« rief er, »jene Frau ist meine Mutter. Verschone sie, verschone meine Schwester dort! Gott ist gerecht, er wird Barmherzigkeit für Barmherzigkeit erweisen.«
Der Mann schien bewegt. »In den Turm mit den Frauen,« rief er; »aber tut ihnen kein Leid! Ihr seid mir für sie verantwortlich.« Dann wandte er sich zu denen, welche Judah festhielten, und sprach: »Holet Stricke und bindet ihm die Hände, dann führt ihn auf die Straße hinab. Seiner Strafe soll er nicht entgehn.« Die Mutter wurde hinweggetragen. Die kleine Tirzah war ganz betäubt vor Furcht und ging in ihrem Hauskleide ohne Widerstreben mit den Soldaten, welche sie fortführten. Judah warf einen letzten Blick auf beide und barg dann das Gesicht in seine Hände, als ob er sich ihre Züge unvertilgbar einprägen wolle. Vielleicht vergoß er auch Tränen, doch niemand sah sie. Die Ereignisse dieses Tages hatten in Judah eine plötzliche Umwandlung bewirkt, er war aus einem Jüngling ein Mann geworden. Mit entschlossenem Gesicht bot er seine Arme den Fesseln dar.
Ein Trompetensignal erscholl im Hofe, die Soldaten sammelten sich. Als Judah hinabstieg, standen sie bereits in Marschordnung. Seine Mutter und Schwester sowie das gesamte Gesinde wurden durch das nördliche Eingangstor geführt, dessen Trümmer den Weg versperrten. Herzzerbrechend war das Weinen der Dienstpersonen, deren manche im Hause geboren waren.
Als endlich auch die Pferde und der gesamte Viehstand des Hauses fortgetrieben wurden, begann Judah den ganzen Umfang der Rache des Prokurators zu erfassen. Das Gebäude und alles, was dazu gehörte, war ihr verfallen. Sollte es in Judäa noch andere geben, die so verwegen waren, auf die Ermordung eines römischen Statthalters zu sinnen, so sollte ihnen die Geschichte vom Schicksal der fürstlichen Familie Hur zur Warnung dienen.
Der Offizier wartete draußen, indes eine Abteilung Soldaten das Tor einstweilen verrammelte. Auf der Straße hatte der Kampf beinahe aufgehört, die Legionäre standen größtenteils ruhig in Reih und Glied, sie hatten nichts von ihrem Glanze und ihrer Stärke eingebüßt.
Seiner eigenen Lage vergessend, war Judah nur um die Gefangenen besorgt, unter denen er vergebens nach seiner Mutter und Schwester spähte. Da erhob sich plötzlich ein Weib von der Erde, wo sie sich niedergekauert hatte, und rannte zurück nach dem Tore. Vor Judah sank sie nieder und umfaßte seine Knie, ihr Gesicht war vom staubbedeckten schwarzen Haar, das wirr vom Kopfe herabfiel, fast ganz verhüllt.
»O Amrah, gute Amrah,« sprach er, »helfe dir Gott. Sorge für Tirzah und meine Mutter! Sie werden zurückkehren und –«
Ein Soldat zog sie weg. Sie sprang behende auf und eilte durch das Tor und den Gang in den leeren Hofraum.
»Laßt sie nur!« rief der Offizier. »Wir werden Siegel an das Haus legen und es verriegeln; dann muß sie verhungern.«
Die Soldaten nahmen ihre Arbeit wieder auf; als sie damit fertig waren, begaben sie sich nach der Westseite und verriegelten auch den dortigen Eingang. Der Palast der Familie Hur stand nun öde und leer.
Die Kohorte marschierte nach der Burg zurück. Der Prokurator verweilte hier längere Zeit, um sich von seiner Verletzung zu erholen und über die Gefangenen Verfügungen zu treffen.
Am folgenden Tage kam eine Abteilung Soldaten zum verödeten Palast. Die Ecken der Torflügel wurden mit Wachs versiegelt und an die Mauern ein Plakat geheftet, auf welchem in lateinischer Sprache die Worte standen: »Dies ist Eigentum des Kaisers.«
Die selbstbewußten Römer waren überzeugt, daß diese einfache Ankündigung ihrem Zwecke entsprechen würde.
Wiederum einen Tag später zog ein Trupp von zehn Berittenen unter Anführung eines Hauptmannes von Jerusalem nordwärts gegen Nazareth und näherte sich dem Orte um die Mittagszeit. Nazareth war damals ein unbedeutendes Dorf mit wenigen Häusern, die an einem Hügelabhang zerstreut standen, die einzige Straße war kaum mehr als ein von den Herden ausgetretener Pfad. Das Tal am Fuße des Hügels und die ganze Umgebung waren mit Obst- und Gemüsegärten, Weinbergen und Weideplätzen bedeckt. Vereinzelte Palmen- und Olivenhaine gaben der Landschaft ihr orientalisches Gepräge.
Als der Reitertrupp sich dem Dorfe näherte, erscholl ein Trompetenstoß, der wie ein Zauber auf die Einwohner wirkte. Sie stürmten in Gruppen aus den Häusern heraus, da jeder den Grund des ungewöhnlichen Besuches zuerst erfahren wollte.
Es war ein Gefangener unter der Obhut der Reiter, der bald die Neugierde der Dorfbewohner erregte. Er ging zu Fuß, mit bloßem Kopf, zerrissenen Kleidern und auf den Rücken gebundenen Händen. An seinen Handgelenken war ein Riemen befestigt, der um den Hals eines Pferdes geschlungen war. Der Reiterzug wirbelte derart Staub auf, daß der Gefangene fast beständig in eine gelbliche Wolke gehüllt war. Völlig kraftlos und wund an den Füßen, taumelte er mehr als er ging. Die Dorfbewohner aber konnten erkennen, daß er sehr jung war.
Am Brunnen angelangt, machte der Zug Halt. Der Hauptmann stieg vom Pferde und die meisten der Reiter folgten seinem Beispiele. Der Gefangene sank wie betäubt in den Staub der Straße. Er bat um keine Labung, augenscheinlich hatte seine Erschöpfung den höchsten Grad erreicht.
Gern hätten die Dorfbewohner, da sie näher gekommen waren und sein jugendliches Alter erkannten, ihm geholfen, allein sie wagten es nicht. Während sie so neugierig und ratlos umherstanden und die Wasserkrüge unter den Soldaten von Mund zu Mund gingen, kam ein Mann die Straße von Sapphoris herab. Eine Frau rief, sobald sie ihn bemerkt hatte: »Seht, da kommt der Zimmermann! Jetzt werden wir wohl etwas erfahren.«
Der Mann, von dem sie sprach, hatte ein sehr ehrwürdiges Aussehen. Dünne weiße Locken quollen unter dem Rande seines Turbans hervor, während ein reicher Bart, der womöglich noch weißer war, auf die Vorderseite seines groben grauen Gewandes herabwallte. Beim Brunnen angelangt, blieb er stehn und trat dann zum Hauptmann.
»Der Friede des Herrn sei mit dir!« sprach er mit unvermindertem Ernst.
»Und derjenige der Götter mit dir!« entgegnete der Hauptmann.
»Euer Gefangener ist noch jung!«
»An Jahren, ja.«
»Darf ich fragen, was er verbrochen hat?«
»Er ist ein Meuchelmörder!«
Erstaunt wiederholten sich die Leute das Wort. Rabbi Josef aber fuhr fort zu fragen: »Ist er ein Sohn Israels?«
»Er ist ein Jude,« antwortete der Römer trocken.
Das bereits im Schwinden begriffene Mitleid der Umstehenden wurde neuerdings rege.
»Ich weiß nichts von euren Stämmen,« sprach der Römer weiter. »Ich kann euch aber von seiner Familie erzählen. Ihr habt vielleicht schon von einem Fürsten Jerusalems namens Hur gehört. Ben Hur nannte man ihn. Er lebte in den Tagen des Herodes.«
»Ich kannte ihn,« sagte Josef.
»Nun, dieser ist sein Sohn!«
Von allen Seiten hörte man bei dieser Nachricht Ausrufe des Staunens und des Mitleides, doch der Hauptmann beeilte sich, dieselben zu unterdrücken.
»Vorgestern hätte er beinahe in den Straßen Jerusalems den edlen Gratus ermordet, indem er ihm vom Dache eines Palastes – jedenfalls seines Vaters – einen Ziegel auf den Kopf warf.«
Eine Zeitlang herrschte Schweigen, währenddessen die Nazarener den Jüngling wie ein wildes Tier anstaunten.
»Hat er ihn getötet?« fragte der Rabbi.
»Nein!« »Er ist verurteilt?«
»Ja, zu den Galeeren auf Lebenszeit.«
»Der Herr steh' ihm bei!« sagte Josef bewegt.
Ein Jüngling, welcher mit Josef gekommen, aber bisher unbemerkt hinter ihm stehn geblieben war, legte nun das Beil, das er trug, neben sich auf die Erde, ging zum großen Stein neben dem Brunnen und ergriff einen der dort stehenden Krüge mit Wasser. Diese Handlung ging so ruhig vor sich, daß der Jüngling bereits über den Gefangenen gebeugt stand und ihm zu trinken gab, ehe seine Wächter es hindern konnten, wenn dieses überhaupt in ihrer Absicht lag.
Die sanft auf seine Schulter gelegte Hand weckte den unglücklichen Judah aus seinem dumpfen Brüten, und aufblickend sah er in ein Antlitz, das er niemals mehr vergaß: in das Antlitz eines Jünglings von ungefähr seinem eigenen Alter, das von goldig-braunen Locken überschattet war, in ein Antlitz voll Sanftmut und Milde, dessen tiefblaue Augen ihn so voll Liebe und heiligem Ernst anblickten, daß ihr Blick unwiderstehlich war. Alle bitteren Gefühle der Rachsucht schwanden in der Brust des Juden, und sein Herz, das durch Tage und Nächte des Leidens wie verhärtet war, schmolz unter dem warmen Blicke des Fremden und ward weich und sanft wie das eines Kindes.
Er setzte seine Lippen an den ihm dargebotenen Krug und trank lang und in vollen Zügen. Kein Wort wurde zwischen beiden gewechselt.
Als Judah getrunken hatte, legte sich die Hand, die bisher auf seiner Schulter gelegen war, auf sein Haupt und ruhte wie segenspendend einen Augenblick auf den staubbedeckten Locken. Dann brachte der fremde Jüngling den Krug wieder zum Brunnen zurück, stellte ihn auf den Stein daneben, nahm wieder das Beil und ging zu Rabbi Josef zurück, indes aller Augen, jene des Hauptmannes sowohl als der Dorfbewohner, auf ihn gerichtet waren. Damit endigte die Szene am Brunnen. Nachdem die Männer getrunken und auch die Pferde getränkt hatten, wurde der Marsch wieder aufgenommen. Im Verhalten des Hauptmannes trat eine Änderung ein, er selbst hob den Gefangenen aus dem Staube empor und setzte ihn hinter einen der Soldaten auf das Pferd.
Die Bewohner Nazareths gingen nach Hause, mit ihnen auch Josef und sein jugendlicher Gehilfe.
Hier begegneten sich zum ersten Male Judah und der Sohn Marias.
Neuntes Kapitel
Einige Meilen von Neapel liegt die Stadt Misenum mit dem gleichnamigen Vorgebirge, von dem aus man einen wundervollen Ausblick auf den Golf von Neapel hatte. Im Meer ankerte eine große römische Flotte, und die Segel blitzten in dem hellen Licht der Sonne.
Auf einem Wege, der von einem Tor der Stadtmauer nach einem breiten, sich mehrere Stadien weit in das Meer erstreckenden Damm führte, erschien an einem kühlen Septembermorgen eine Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Personen. Die meisten waren Sklaven, während ihre Herren vorausgingen. Einer von ihnen, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, der etwas kahlköpfig war, trug in seinem spärlichen Haar einen Lorbeerkranz. Er schien, da man ihm besondere Aufmerksamkeit erwies, der Mittelpunkt der Gesellschaft und der Gegenstand irgendeiner Feier zu sein. Alle waren mit weiten Togen aus weißem Wollenstoff bekleidet, die mit breitem Purpursaume besetzt waren.
»Nein, Quintus,« sagte einer zu dem Manne mit dem Kranze, »es ist nicht recht, daß Fortuna dich so schnell von uns hinwegnimmt. Erst gestern bist du vom Meere jenseits der Säulen des Herkules zurückgekehrt. Du hast dir ja nicht einmal den Landschritt wieder angewöhnt.« »Lästere Fortuna nicht,« meinte ein anderer, »sie ist weder blind noch launisch. Zu Antium, wo unser Arrius die Glücksgöttin befragt, antwortet sie ihm mit einem Nicken des Kopfes, und zur See weilt sie an seiner Seite und führt ihm das Ruder. Sie nimmt ihn aus unserer Mitte, aber bringt sie ihn nicht jedesmal mit neuen Siegen zurück?«
Mit solcher Unterhaltung trat die Gesellschaft auf den Damm hinaus und blickte über die Bucht, die im Lichte der Morgensonne herrlich vor ihnen lag. Dem alten Arrius klang das Plätschern der Wellen wie ein Willkommgruß. In tiefen Zügen holte er Atem, als ob der Duft des Wassers ihn lieblicher dünke als der Geruch der Narden, und hielt die Hand in die Luft.
»Seht, der Wind weht aus dem Westen,« rief er aus. »Und dort kommt meine Galeere. Welche Anmut! Welche Freiheit! ein Vogel kann nicht weniger sorglos sein gegen die schäumenden Wogen. Ja, meine Freunde, ich fahre jetzt nach dem Ägäischen Meere, und da meine Abreise so nahe bevorsteht, so will ich euch die Veranlassung nennen, nur behaltet alles für euch. Ich möchte nicht, daß ihr dem Duumvir Vorwürfe macht, wenn ihr in kurzem mit ihm zusammentrefft. Er ist mein Freund. Wie ihr wißt, ist der Handel zwischen Griechenland und Alexandrien kaum weniger bedeutend als der zwischen Alexandrien und Rom. Ihr habt vielleicht auch von den chersonesischen Seeräubern gehört, die am Euxinus sich festgesetzt haben, es gibt, beim Bacchus, keine verwegeneren Piraten. Gestern kam die Nachricht nach Rom, daß sie mit einer Flotte den Bosporus herabruderten, die Galeeren vor Byzanz und Chalcedon in den Grund bohrten, die Propontis durchstreiften und, noch immer beutegierig, in das Ägäische Meer einbrachen. Die Kornhändler, welche im östlichen Mittelmeere Schiffe unter Segel haben, sind voll Furcht und Sorge. Sie wandten sich an den Kaiser selbst, und von Ravenna segeln heute hundert Galeeren ab und von Misenum«
79 – er hielt inne, wie um die Neugierde seiner Freunde noch mehr zu erregen, und endigte den Satz, indem er mit besonderem Nachdrucke hinzufügte – »auch eine.«
»Glücklicher Quintus! Wir gratulieren dir!«
»Dieser Auszeichnung folgt die Beförderung. Wir begrüßen dich als Duumvir; nichts Geringeres wartet deiner.«
»Quintus Arrius, Duumvir, klingt besser als Quintus Arrius, Tribun.«
In solcher Weise überhäuften sie ihn mit Glückwünschen.
»Dank, vielen Dank!« antwortete Arrius, sich an alle wendend. Dann zog er aus den Falten seiner Toga eine Pergamentrolle hervor und reichte sie ihnen mit den Worten: »Dies erhielt ich gestern abend bei Tische von – Sejanus.«
»Sejanus!« riefen alle einstimmig und drängten sich hinzu, um zu lesen, was der allmächtige Minister geschrieben hatte. Das Schriftstück lautete:
»Sejanus an C. Cäcilius Rufus.
Der Kaiser erhielt guten Bericht über den Tribun Quintus Arrius. Im besonderen hörte er von der Tapferkeit, die derselbe in den westlichen Gewässern bewiesen hatte. Daher ist es sein Wille, daß der besagte Quintus sofort nach dem Osten versetzt werde. Ferner ist es des Kaisers Wille, daß Du unverzüglich hundert Dreiruderer erster Klasse mit vollständiger Ausrüstung gegen die Seeräuber sendest, die im Ägäischen Meere aufgetaucht sind, und daß Quintus den Befehl über diese Flotte übernehme. Einzelheiten bleiben Dir, Cäcilius, überlassen. Der Fall ist dringend, wie Du aus den Berichten ersehen wirst, die zu Deiner und des Quintus Unterweisung beigeschlossen sind. Sejanus.«
Arrius schenkte dem Vorlesen des Schriftstückes wenig Aufmerksamkeit. Er sah nur das Schiff, und Begeisterung leuchtete aus seinen Augen. Endlich schwang er einen Zipfel seiner Toga in der Luft, und als Antwort wurde auf dem Schiffe eine purpurne Fahne entfaltet. Das Fahrzeug schoß nun mit voller Geschwindigkeit in der Richtung des Arrius und seiner Freunde dem Ufer zu. Dieser beobachtete den ganzen Vorgang mit sichtlichem Wohlgefallen. In der Schnelligkeit, womit das Schiff dem Ruder gehorchte, und in der Festigkeit, mit der es seinen Kurs einhielt, besaß es zwei besonders wertvolle Eigenschaften, auf die man sich in einem Gefechte verlassen konnte.
»Meine Freunde,« sagte Arrius nach einer Weile, »der Duumvir ist verschwiegen. Was ich tun soll und wo ich meine Flotte finden werde, das werde ich erst auf dem Schiffe erfahren, wo ein versiegeltes Paket meiner wartet. Wenn ihr indes heute auf irgendeinem Altare Gaben darbringen wollt, so bittet die Götter für einen Freund, der irgendwo in der Richtung nach Sizilien rudert und segelt. Aber da ist das Schiff! Es wird gleich anlegen,« sagte er, sich umwendend. »Seine Führer interessieren mich, denn mit ihnen muß ich segeln und an ihrer Seite kämpfen. Es ist keine leichte Aufgabe, an einem Ufer von der Beschaffenheit dieses zu landen. So wollen wir denn ihre Gewandtheit und Fertigkeit kennen lernen.«
Das Schiff gehörte zur Klasse der naves Liburnicae, es war lang und schmal, hatte einen bedeutenden Tiefgang und war daher für schnelle Fahrten und plötzliche Bewegungen berechnet. Der Bug war schön und kunstvoll gebaut. Ein Wasserstrahl schoß während der Fahrt an ihm zur Höhe und fiel als sanfter Sprühregen auf das anmutig gebogene Vorderteil nieder, das sich zu doppelter Manneshöhe über das Verdeck erhob, unterhalb das Buges ragte das rostrum oder der Schiffsschnabel im Wasser vor, so nannte man eine am Kiel befestigte Vorrichtung aus starkem, eisenbeschlagenem Holze, die, mit eisernen Spitzen versehen, im Gefechte als Ramme diente. Ein starkes Gesims zog sich vom Bug an den Seiten des Schiffes entlang und begrenzte die zinnengeschmückte Brustwehr. Unter dem Gesims befanden sich drei Reihen Öffnungen, in denen sich die Ruder, sechzig auf jeder Seite, bewegten; jede Öffnung war mit einem Schutzleder aus Ochsenhaut bedeckt. In der Mitte des Schiffes, doch mehr gegen das Vorderteil, stand ein Mast, der durch Vor- und Bakstage und Wanttaue gehalten wurde, die letzteren waren durch Ringe an der inneren Bordwand befestigt. Das übrige Tauwerk diente der Leitung und Befestigung des großen viereckigen Segels und der Raa, an welcher dasselbe hing.
Außer den Matrosen, welche das Segel gerefft hatten und sich noch auf der Raa befanden, konnte man vom Damme aus nur einen Mann sehen, dieser stand am Bug und trug Helm und Schild. Die hundertzwanzig eichenen Ruder, welche durch öfteres Reiben mit Bimsstein und durch die beständige Bewegung im Wasser glänzend weiß waren, hoben und senkten sich, als würden sie von einer einzigen Hand geführt. Daher schoß die Galeere mit einer Schnelligkeit vorwärts, die von unseren modernen Dampfern nicht viel übertroffen wird.
Aber auf einen Wink des Mannes, der am Bug stand, erhoben sich plötzlich die Ruder, schwebten einen Augenblick in der Luft und fielen dann senkrecht nieder. Die Galeere erzitterte in allen Fugen und stand wie erschreckt stille. Wieder eine Handbewegung, und jetzt begann sich unter einer neuen Bewegung der Ruder das Schiff zu drehen, bis es sich langsam mit der Breitseite an den Damm anlegte. Als die Ruder den Damm streiften, wurde vom Steuermannsdeck aus eine Brücke an das Ufer gelegt. Dann wandte sich der Tribun mit einem Ernst, den er bisher noch nicht gezeigt hatte, an seine Gesellschaft und sprach:
»Nun ruft die Pflicht, meine Freunde!«
Er nahm den Kranz von seinem Haupte und dann umarmte er der Reihe nach seine Freunde zum Abschiede.
»Die Götter mögen dich geleiten, Quintus!« sagten diese.
»Lebt wohl!« entgegnete er.
Den Sklaven, die ihre Fackeln schwangen, winkte er mit der Hand. Dann wandte er sich dem harrenden Schiffe zu, auf dem jetzt die Reihen der Soldaten mit den blitzenden Helmen, Schilden und Spießen einen herrlichen Anblick boten. Als er die Brücke betrat, schmetterten die Trompeten, und es entfaltete sich die purpurne Fahne, der Wimpel des Flottenkommandanten.
Zehntes Kapitel
Der Tribun stand auf dem Steuermannsdeck. Er hielt das geöffnete Schreiben des Duumvirs, welches für ihn die nötigen Weisungen enthielt, in seiner Hand und sprach mit dem ersten Steuermann.
»Wie lange dienst du?«
»Zweiunddreißig Jahre.«
»Auf welchen Meeren warst du hauptsächlich?«
»Zwischen Rom und dem Osten.«
»Du bist der Mann, den ich brauche.«
Der Tribun warf wieder einen Blick auf die Weisungen des Duumvirs.
»Haben wir das Cap von Camponella hinter uns, so nehmen wir den Kurs auf Messina, von da folge der Krümmung der kalabrischen Küste, bis Melito zu deiner Linken auftaucht, dann – kennst du die Sterne, welche das Ionische Meer regieren?«
»Ich kenne sie genau.«
»Dann steure von Melito ostwärts gegen Kythera. So die Götter wollen, werden wir erst in der Bucht von Antemona vor Anker gehn. Die Pflicht drängt. Ich verlasse mich auf dich.«
Arrius war ein kluger Mann und echter Seemann, der nicht eher ruhte, bis er sein Schiff genau kannte. Nachdem er mit den einzelnen Befehlshabern gesprochen hatte, machte er einen Rundgang durch die Quartiere. Nichts entging seinem Scharfblicke. Als er mit dieser Besichtigung zu Ende war, blieb ihm nur noch übrig, auch das ihm unterstellte Personal genauer kennen zu lernen. Dieser Aufgabe, welche die schwierigste war und viel Zeit wie Klugheit erforderte, unterzog er sich auf seine eigene Weise.
Es war um die Mittagszeit des ersten Tages. Arrius lehnte gemächlich in dem großen Armsessel des überdachten Mittelraumes des Schiffes, von wo er die gesamte Mannschaft genau überblicken konnte. Am längsten haftete sein Auge an den Ruderern, von denen an jeder Seite des Schiffes sechzig Mann in drei Reihen saßen, die in genauem Gleichtakt ihre Arbeit verrichteten. Und ihre Arbeit war eine sehr schwere. Stumm nahmen sie Tag für Tag ihre Plätze ein, während des Ruderns konnten sie einander nicht ins Gesicht sehen. Nur zur Stillung des Hungers und zum Schlafen waren ihnen kurze Ruhepausen zugestanden. Sie lachten nie, noch hörte man je einen singen. Was nützt dem Menschen die Zunge, wenn sie nur in Seufzern und Stöhnen seine Gedanken äußern darf, da sie zum Schweigen verurteilt ist? Das Leben dieser Unglücklichen glich einem unterirdischen Strome, der langsam und mühevoll seinem Ausgange zufließt, wo immer derselbe sich finden mag.
Die Arbeit des Ruderns war zu einfach, um ihren Geist dauernd zu beschäftigen, mochte derselbe auch noch so stumpf und unentwickelt sein. Das Ruder vorwärts stoßen, ziehen, es schweben und sinken lassen, bildete die ganze Arbeit, sie wurde um so vollkommener vollbracht, je mehr automatisch die Bewegung ausgeführt wurde. So sanken die Unglücklichen infolge ihrer langen Knechtschaft fast zum Tiere herab, schließlich verfielen sie in jenen Zustand halber Bewußtlosigkeit, in welchem das Elend zur Gewohnheit und das Herz gänzlich gefühl- und empfindungslos wird.
Die Galeere war sozusagen das Grab der Sklaven, die zum Ruderdienste bestimmt wurden, es war daher nicht nötig, daß sie ihren Namen weiterführten. Man bezeichnete sie der Einfachheit halber gewöhnlich mit den Nummern, welche an den ihnen zugewiesenen Sitzen angebracht waren. Als der Tribun seine Augen von Bank zu Bank auf jeder Schiffsseite schweifen ließ, blieb sein scharfer Blick endlich auf Nummer 60 ruhen. Vom Gitterwerk fiel so viel Licht auf den Ruderer, der seinen Sitz inne hatte, daß der Tribun ihn deutlich sehen und beobachten konnte. Er stand aufrecht und, wie alle seine Genossen, bis auf ein Lendentuch unbekleidet. Er war sehr jung, nicht über zwanzig Jahre alt und, was Arrius in Erstaunen versetzte, von einem wundervollen Muskelreichtum. Mit großer Leichtigkeit und dabei mit einer gewissen Anmut bewegte er das Ruder. Sehr bald ertappte Arrius sich bei dem Wunsche, dem Manne voll ins Gesicht sehen zu können. Der Kopf war schön geformt und saß auf einem unten breiten, aber außerordentlich schmiegsamen und anmutigen Nacken. Das Gesicht zeigte im Profil orientalische Züge und jene Zartheit im Ausdruck, die immer als ein Zeichen edlen Blutes und hohen Geistes galt. Diese Beobachtungen erhöhten das Interesse des Tribuns. In diesem Augenblick wandte sich der Ruderer um und blickte nach dem Tribun, dieser konnte so sein ganzes Gesicht sehen.
»Ein Jude!« rief er aus, »und fast noch ein Knabe!«
Unter dem fest auf ihn gehefteten Blicke wurden die großen Augen des Sklaven noch größer, das Blut stieg ihm bis zu den Schläfen hinauf, und er zögerte einen Augenblick mit dem Ruder. Da fiel der Hammer des Aussetzers dröhnend auf den Resonanztisch. Der Ruderer zuckte wie betroffen, wandte den Blick von seinem Beobachter und ließ das Ruder halb plattliegend sinken. Als er dann wieder nach dem Tribun blickte, war er noch mehr erstaunt, denn dieser erwiderte seinen Blick mit einem freundlichen Lächeln.
Indessen bog die Galeere in die Meerenge von Messina ein, fuhr an der Stadt dieses Namens vorbei und nahm dann, die Rauchwolken des Ätna hinter sich lassend, den Kurs nach Osten. So oft Arrius auf die Plattform in der Kajüte zurückkehrte, suchten seine Blicke den Ruderer, und er sagte immer wieder zu sich selbst: »Der Mann hat Geist. Ein Jude ist kein Barbar. Ich will mehr über ihn wissen.« Am vierten Tage nach der Abfahrt segelte die »Asträa« – so hieß die Galeere – durch das Ionische Meer. Der Himmel war klar und der Wind so günstig, als ob alle Götter die Fahrt fördern wollten.
Da Arrius es für möglich hielt, die Flotte zu erreichen, bevor sie in die Ostbucht der Insel Cythera – den Ort, wo er sie erwarten sollte – einlief, brachte er die meiste Zeit in ungeduldiger Erwartung auf dem Verdeck zu. Er schenkte allem, was sein Schiff betraf, die vollste Aufmerksamkeit und war im allgemeinen recht unzufrieden. Schaukelte er auf seinem Sessel in der Kajüte, so kehrten seine Gedanken immer wieder zum Ruderer auf Nummer 60 zurück.
»Kennst du den Mann, der sich eben von jener Bank erhoben hat?« fragte er endlich den Aufseher.
Es fand gerade eine Ablösung statt.
»Nummer 60?«
»Ja.«
Der Aufseher musterte den vorübergehenden Ruderer.
»Wie du weißt,« erwiderte er, »befand sich das Schiff vor einem Monat noch beim Baumeister, und die Mannschaft ist mir ebenso neu wie das Schiff.«
»Er ist ein Jude,« bemerkte Arrius nachdenklich.
»Der edle Arrius hat ein scharfes Auge.«
»Er ist sehr jung,« fuhr Arrius fort.
»Aber unser bester Ruderer,« sagte der andere. »Ich sah das Ruder unter dem Druck seines Armes sich krümmen, daß es beinahe zerbrach.«
»Was für eine Gemütsart hat er?«
»Er ist gehorsam, weiter weiß ich nichts. Einmal richtete er eine Bitte an mich.«
»Was für eine?«
»Er wünschte, daß ich ihn abwechselnd auf der rechten und linken Seite rudern lasse.«
»Gab er einen Grund hierfür an?« »Er habe die Bemerkung gemacht, daß die Männer, die stets auf derselben Seite arbeiteten, mißgestaltet würden. Er sagte auch, es könne eines Tages bei einem Sturme oder einer Schlacht plötzlich die Notwendigkeit zu wechseln eintreten, und dann wäre er dienstunfähig.«
»Wahrhaftig, die Idee ist neu. Was hast du sonst an ihm bemerkt?«
»Er ist reinlicher als seine Gefährten.«
»Darin ist er ein Römer,« sagte Arrius beifällig. »Weißt du nichts von seiner Geschichte?«
»Nicht ein einziges Wort.«
Der Tribun überlegte einen Augenblick und kehrte zu seinem Sitze zurück.
»Sollte ich zur Zeit seiner Ablösung auf Deck sein,« sagte er nach einer Weile, »so sende ihn zu mir. Er soll allein kommen.«
Ungefähr zwei Stunden später sah Arrius den Ruderer herankommen. Der Tribun betrachtete die schlanke, sehnige Gestalt, die im Lichte der Sonne glänzte und durch den Blutreichtum rötlich gefärbt war, betrachtete sie bewundernd und dachte an die Arena. Auch die Art seines Auftretens machte auf ihn Eindruck. Seine Augen blickten ihn voll und offen, mehr neugierig als trotzend an. Unter dem scharfen, forschenden und gebieterischen Blicke, dem er ausgesetzt war, verlor sein Gesicht nichts von seiner jugendlichen Anmut. Seine Züge hatten nichts Klagendes, Trotziges oder Drohendes an sich, nur ein tiefer, anhaltender Schmerz hatte seine Spuren in denselben ausgeprägt. In stummer Anerkennung dieses günstigen Eindrucks sprach der Römer mit ihm mehr wie ein älterer Mann zu einem jüngern Gleichgestellten, als wie ein Gebieter zu seinem Sklaven.
»Der Aufseher sagt mir, du seiest sein bester Ruderer.«
»Der Aufseher ist sehr gütig,« erwiderte der Ruderer.
»Dienest du schon lange.«
»Etwa drei Jahre.« »Am Ruder?«
»Ich erinnere mich nicht, daß ich es auch nur einen Tag verlassen hätte.«
»Es ist schwere Arbeit. Wenig Männer ertragen sie ein Jahr lang, ohne zusammenzubrechen, und du – du bist ja noch ein Knabe.«
»Der edle Arrius vergißt, daß der Geist die Ausdauer erhöht. Mit seiner Hilfe gelingt manches den Schwachen, was die Starken überwältigt.«
»Deiner Sprache nach bist du ein Jude.«
»Meine Vorfahren, die lang vor dem ersten Römer lebten, waren Hebräer.«
»Der eigensinnige Stolz deiner Nation hat sich in dir nicht verloren,« sagte Arrius, da er die Nöte auf dem Antlitz des Ruderers bemerkte.
»Der Stolz offenbart sich nie so sehr, als wenn er in Ketten liegt.«
Arrius lächelte.
»Ich war nie in Jerusalem,« sagte er; »aber ich habe von feinen Fürsten gehört. Ich kannte einen von ihnen. Er war ein Kaufmann und durchsegelte die Meere. Er hätte ein König sein können! Welchem Range gehörst du an?«
»Ich muß dir von der Ruderbank aus antworten. Ich bin ein Sklave. Mein Vater aber war ein Fürst von Jerusalem und durchsegelte als Kauffahrer die Meere. Er war im Empfangssaal des großen Augustus bekannt und geehrt.«
»Sein Name?«
»Ithamar, aus dem Hause Hur.«
erstaunt hob der Tribun die Hand.
»Du – ein Sohn Hurs?« Er schwieg. Nach einer Weile fragte er weiter: »Was hat dich hierhergebracht?«
Judah senkte das Haupt; seine Brust arbeitete schwer. Als er seine Gefühle hinlänglich überwältigt hatte, blickte er dem Tribun offen ins Auge und antwortete:
»Man beschuldigte mich des Mordversuches an dem Prokurator Valerius Gratus.«
»Du!« rief Arrius, noch mehr erstaunt, und trat einen Schritt rückwärts. »Du bist jener Meuchler! Ganz Rom kam über die Geschichte in Aufregung. Ich erfuhr sie auf meinem Schiffe bei Lodium.«
Schweigend blickten beide einander an. Arrius nahm zuerst wieder das Wort und sprach: »Ich glaubte die Familie Hur von der Erde vertilgt.«
Eine Flut zarter Erinnerungen spülte gleichsam den Stolz des jungen Mannes fort; Tränen glänzten auf seinen Wangen. »Mutter, Mutter! Und meine kleine Tirzah! Wo sind sie? O Tribun, edler Tribun, wenn du etwas von ihnen weißt,« – er rang flehend die Hände – »so sag mir alles, was du weißt. Sag' mir, ob sie noch leben, und wenn sie noch leben, wo sie sind und in welcher Lage! O, ich bitte dich, sag' es mir!«
»Gestehst du deine Schuld ein?« fragte Arrius streng. Diese Frage bewirkte eine plötzliche, vollständige Veränderung in Ben Hur, die fast wunderbar schien. Seine Stimme wurde scharf, seine Hände ballten sich, jede Fiber an ihm erbebte, seine Augen flammten.
»Du hast vom Gott meiner Väter, dem unendlichen Jehova, gehört,« sagte er. »Bei seiner Wahrhaftigkeit und Allmacht und bei der Liebe, die er von Anbeginn gegen Israel gezeigt hat, schwöre ich: Ich bin unschuldig!«
Der Tribun war tief bewegt. Er wandte sich um und schritt auf dem Verdeck auf und nieder.
»Wurdest du nicht verhört?« fragte er, plötzlich stehenbleibend. »Nein!«
Der Römer hob verwundert das Haupt. »Kein Verhör! Keine Zeugen! Wer sprach dein Urteil?« »Sie banden mich mit Stricken und schleppten mich in ein Verlies des Turmes. Ich sah niemand. Niemand sprach mit mir. Am folgenden Tage brachten mich Soldaten an die Küste. Seitdem bin ich immer Galeerensklave.«
»Was hättest du zum Beweise deiner Unschuld vorbringen können?«
»Ich war noch ein Knabe, zu jung, um ein Verschwörer zu sein. Gratus war mir ein Fremder. Wäre es meine Absicht gewesen, ihn zu töten, so war dort weder der geeignete Ort noch die rechte Zeit. Er ritt inmitten einer Legion und es war heller Tag. Ich hätte unmöglich entfliehen können. Ich gehörte einer Klasse an, die den Römern wohlgesinnt war. Mein Vater war wegen der Dienste, die er dem Kaiser geleistet hatte, ausgezeichnet worden. Wir hatten ein großes Vermögen zu verlieren. Mir wie meiner Mutter und Schwester stand der sichere Untergang bevor. Ich hatte keinen Grund zu einer feindseligen Gesinnung, während anderseits manche Rücksichten – Eigentum, Familie, Leben, Gewissen, das Gesetz, der Lebensatem jedes wahren Israeliten – meine Hand zurückgehalten hätten, so mächtig auch der böse Drang in mir gewesen wäre.«
»Wer war bei dir, als der Wurf geschah?«
»Ich war auf dem Dache meines Vaterhauses. Tirzah, die Seele der Güte, stand bei mir, an meiner Seite. Wir beugten uns zusammen über die Brustwehr, um die Legion vorbeimarschieren zu sehen. Unter meiner Hand gab ein Ziegel nach und fiel auf Gratus. Ich glaubte, ihn getötet zu haben. Ach, wie groß war mein Entsetzen!«
Arrius hörte aufmerksam zu. Er nahm alle seine Erfahrungen, die er mit Sklaven gemacht hatte, zu Hilfe. War das in diesem Falle gezeigte Gefühl ein erheucheltes, dann war die Verstellung eine vollkommene; war es hingegen wahr und echt, dann konnte man an der Unschuld des Juden nicht mehr zweifeln. War er aber unschuldig, mit welch blinder Wut war dann die Macht ausgeübt worden! Eine ganze Familie vernichtet, um einen Zufall zu rächen! Der Gedanke erschütterte ihn. Trotzdem konnte der Tribun zu keinem Schlusse kommen. Sein Glaube war gewonnen. Aber, sagte er sich, es hat keine Eile oder vielmehr, er hatte Eile, nach Cythera zu kommen, den besten Ruderer konnte er daher nicht entbehren. Er wollte warten, er konnte noch mehr erfahren, er wollte wenigstens Gewißheit haben, daß dieser Jüngling wirklich der Fürst Ben Hur, und daß er offen und aufrichtig sei. Gewöhnlich waren Sklaven Lügner.
»Es ist gut!« sagte er laut. »Geh an deinen Platz zurück!« Ben Hur verneigte sich, noch einmal blickte er in das Gesicht seines Gebieters, sah aber dort nichts, was ihm Hoffnung machen konnte. Er wandte sich langsam zum Gehen, als ihn der Tribun noch einmal anredete.
»Was würdest du tun, wenn du frei wärst?«
»Der edle Arrius spottet meiner!« sagte Judah mit bebenden Lippen.
»Bei den Göttern, nein!«
»Dann will ich gern antworten. Meine erste Sorge wäre die Erfüllung der Pflicht. Ich würde nichts anderes kennen. Ich könnte nicht ruhen, bis meine Mutter und Tirzah, meine Schwester, der Heimat wiedergegeben wären. Jeden Tag und jede Stunde würde ich ihrem Glücke weihen.«
Diese Antwort kam dem Römer unerwartet und brachte ihn für einen Augenblick aus seinem Gedankengange.
»Ich wandte mich an deinen Ehrgeiz,« fuhr er dann fort. »Wenn deine Mutter und deine Schwester tot oder nicht aufzufinden wären, was würdest du dann tun?«
Eine tiefe Blässe bedeckte Ben Hurs Gesicht. Er blickte hinaus in das Meer. Offenbar hat er mit einem mächtigen Gefühle zu kämpfen; als er seiner Herr geworden war, wandte er sich an den Tribun:
»Ich will dir aufrichtig antworten, Tribun. Eben in der Nacht vor jenem schrecklichen Tage, von dem ich sprach, erhielt ich die Erlaubnis, Soldat werden zu dürfen. Ich hege noch dieselbe Absicht, und da es in der ganzen Welt nur eine Schule des Krieges gibt, würde ich sie durchmachen.«
Arrius hielt es jetzt für angebracht, das Gespräch zu beendigen. »Geh,« sagte er, »und baue nicht zu sehr auf das, was zwischen uns gesprochen ist.«
Bald darauf saß Ben Hur wieder auf seiner Ruderbank. Die Handhabung des Ruders schien Judah nicht mehr so mühevoll. Die Hoffnung umschwebte ihn wie ein singendes Vögelein. Daß der mächtige Mann ihn zu sich gerufen und um seine Lebensgeschichte gefragt hatte, war nun die Nahrung, woran sein hungriger Geist sich sättigte. Gewiß entsprang daraus für ihn etwas Gutes. Die Hoffnung mit ihren Verheißungen strahlte helles Licht auf seine Ruderbank herab und er betete: »O Gott, ich bin ein wahrer Sohn Israels, das du so sehr geliebt hast. Ich bitte dich, hilf mir!«
Darmowy fragment się skończył.