Czytaj książkę: «Auferstehung»
Auferstehung
Leo Tolstoi
Inhaltsverzeichnis
IMPRESSUM
Erster Band.
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel,
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Neununddreißigstes Kapitel.
Vierzigstes Kapitel.
Einundvierzigstes Kapitel.
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Dreiundvierzigstes Kapitel.
Vierundvierzigstes Kapitel.
Fünfundvierzigstes Kapitel.
Sechsundvierzigstes Kapitel.
Siebenundvierzigstes Kapitel.
Achtundvierzigstes Kapitel.
Neunundvierzigstes Kapitel.
Fünfzigstes Kapitel.
Einundfünfzigstes Kapitel.
Zweiundfünfzigstes Kapitel.
Dreiundfünfzigstes Kapitel.
Vierundfünfzigstes Kapitel.
Fünfundfünfzigstes Kapitel.
Sechsundfünfzigstes Kapitel.
Siebenundfünfzigstes Kapitel.
Achtundfünfzigstes Kapitel.
Neunundfünfzigstes Kapitel.
Zweiter Band
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Neununddreißigstes Kapitel.
Vierzigstes Kapitel.
Einundvierzigstes Kapitel.
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Dritter Band.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Zwei Fragmente zur »Auferstehung«
I. Die Exekution.
II. In den Kasematten.
In den Kasematten.
IMPRESSUM
Fragen oder Wünsche?

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Erster Band.
Dieser neue Roman Tolstois ist der schlechteste, den der berühmte Autor geschrieben hat, — insofern ein Roman uns leichte, leere Unterhaltung bieten soll. Und er ist der beste Roman Tolstois, einer der besten Romane, die die Welt überhaupt gesehen hat, — insofern der Roman, neben dem Theater, das modernste und erhabenste Mittel der Kunst ist, auf die Menschheit zu wirken, sie zu erziehen, zu veredeln. Wir sagen nicht zu viel, und die Zukunft wird uns Recht geben, wenn wir behaupten, daß nur sehr wenige Romane der Weltliteratur von so großem Einfluß auf ihre Zeit gewesen sind, wie dieser es für die seinige werden wird.
Das Lügengespinnst, daß das moderne soziale Leben umwoben, zerreißt der große Philosoph Tolstoi mit starker, rücksichtsloser Hand, um dem noch größeren Künstler Tolstoi Raum zum Aufbau einer neuen Weltordnung zu geben, die aus den Trümmern der alten in hinreißender, fast greifbarer Schönheit ersteht.
In der »Auferstehung« ist Tolstoi dem in seinem letzten Werke (Was ist Kunst?) aufgestellten Prinzip, daß wahre Kunst auf alle wirken müsse, treu geblieben. In der That wird dieser Roman alle gleich stark ergreifen, den Greis und die Jungfrau, den Mann aus dem Volk und den von den »Zehntausend«, — freilich in ganz verschiedener Weise. Aber alle werden sie dem, allein durch die Liebe bezwingenden Worte des Dichters unterthan werden, und niemand wird das Buch aus der Hand legen können, ohne daß es für sein Leben die Bedeutung einer Epoche gewonnen hätte.
In Bezug auf den Dichter selbst darf man wohl sagen, daß »Anna Karenina« und »Auferstehung« die beiden Grenzpunkte in seiner Entwickelung, in seinem eigenen Leben geworden sind. Darum wird auch der, den der gleißende Zauber des ersten Buches bestrickt hat, unentrinnbar der qualvoll-süßen Erkenntnis des letzten verfallen.
Die Übersetzung geschieht nach der zensurfreien, außer halb Rußlands erscheinenden Ausgabe und ist daher unverkürzt. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, die längeren Perioden des russischen Originals in kürzere, leicht verständliche Sätze aufzulösen und somit ein gutes, lesbares Deutsch zu bieten.
Matthäus 18,21. Da trat Petrus zu ihm und sprach:
Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der
an mir sündiget, vergeben? Ist es genug siebenmal?
22. Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal,
sondern siebenzig siebenmal.
Matthäus 7,3. Was stehest du aber den Splitter in
deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des
Balkens in deinem Auge?
Johannes 8,7 . . . Wer unter euch ohne Sünde ist, der
werfe den ersten Stein auf sie.
Lucas 6,40. Der Jünger ist nicht über seinem Meister;
wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er
vollkommen.
Erstes Kapitel
Wohl gaben sich die zu Hunderttausenden zusammengepferchten Menschen auch jetzt die erdenklichste Mühe, die Erde zu verunstalten. Sie pflasterten sie mit Steinen, damit nichts auf ihr wüchse, und vernichteten jeden Grashalm, der sich dennoch hervorwagte. Sie verpesteten die Luft mit Steinkohlen- und Petroleumqualm. Sie verschnitten die Bäume und verscheuchten alle Tiere und Vögel. Aber der Frühling blieb Frühling sogar in der Stadt. Die Sonne strahlte und wärmte. Das Gras belebte sich und begann nicht nur auf den Rasenflächen der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinen zu grünen, überall da, wo es nicht ausgerottet wurde. Birken, Pappeln und Faulbeerbäume entfalteten ihre klebrigen, duftenden Blättchen, die Linden schwellten ihre berstenden Knospen. Die Dohlen, die Sperlinge und Tauben gingen lenzesfreudig ans Nesterbauen. An den Mauern summten sonnendurchwärmt die Bienen und Fliegen. Pflanzen und Vögel und Insekten und Kinder jubelten in glücklichem Einklang.
Nur die Menschen, die großen, erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich selbst und einander zu hintergehen, zu quälen. Ihnen war nicht dieser Frühlingsmorgen das Heiligste und Wesentlichste, nicht die zum Wohle Aller offenbarte Schönheit von Gottes Natur — eine Schönheit, die nur zum Frieden, zu Einheit und Liebe mahnte, nein, den Menschen erschien das, was sie sich selbst erdacht und erschaffen, um über einander herrschen zu können, viel heiliger und wesentlicher.
So hielt man auch im Bureau des Gouvernementgefängnisses nicht das für heilig und wesentlich, daß alle Menschen und Tiere in Frühlingsfreudigkeit vergingen, sondern daß am Tage vorher ein mit Nummer, Siegel und Titelkopf versehenes Schreiben eingegangen war, demzufolge am heutigen Tage, am 28. April um neun Uhr morgens, drei in Untersuchungshaft befindliche Arrestanten — zwei Frauen und ein Mann, dem Gerichtshof vorgeführt werden sollten, und zwar die eine der beiden Frauen, als besonders schwere Verbrecherin, apart von den anderen. Und nun trat, auf Grund dieser Vorschrift, am 28. April um acht Uhr morgens, in den stinkenden Korridor der Frauenabteilung der Oberaufseher ein. Hinter ihm her schritt eine Frau mit abgehärmtem Gesicht und grauem, sich kräuselnden Haar, die eine Jacke mit betreßten Ärmeln anhatte und um die Taille einen blaugekanteten Gurt. Das war die Aufseherin.
»Sie wollen die Maslowa?« fragte sie, mit dem wachthabenden Aufseher an die Thür einer der am Korridor liegenden Zellen herantretend.
Der Aufseher öffnete rasselnd das Schloß und rief, indem er die Thür der Zelle, aus welcher ihm eine noch übelriechendere Luft entgegenflutete, aufsperrte:
»Maslowa, vor Gericht!« Dann machte er die Thür wieder zu und wartete.
Sogar auf dem Gefängnishof spürte man den frischen, belebenden Odem der Felder, den der Wind in die Stadt geweht hatte. Aber im Korridor war eine deprimierende, typhöse Luft, von Teer und Fäulnis gesättigt, die jeden Neuankommenden sofort mit Betrübnis und Trauer erfüllte. Auch die Aufseherin, die eben vom Hofe kam, spürte dieses, obgleich sie an schlechte Luft gewöhnt war. Sie fühlte sich plötzlich, als sie in den Korridor ein trat, müde und schläfrig.
In der Zelle hörte man Hasten und Gehen, weibliche Stimmen und das Auftreten nackter Füße.
»Nun, schneller, Maslowa, rühr’ dich!« — schrie der Oberaufseher zur Thür hinein.
Zwei Minuten später trat aus der Zelle ein junges, mittelgroßes Weib, mit sehr vollem Busen, in einem grauen, über eine weiße Nachtjacke und weißen Unterrock angezogenen Schlafrock. Sie drehte sich rasch um und stellte sich neben den Aufseher.
An den Füßen hatte sie leinene Strümpfe und darüber die Gefängnispantoffeln, um den Kopf hatte sie ein weißes Tuch, unter welchem sie, offen bar nicht ohne Absicht, einige Löckchen des krausen, schwarzen Haares hervorscheinen ließ. Das ganze Gesicht des jungen Weibes zeigte jene besondere Blässe, welche Leuten, die sehr lange nicht an der frischen Luft waren, eigen ist, und die an die farblosen Kellerschößlinge der Kartoffeln erinnert. Ebenso blaß waren auch die zwar nicht großen, aber etwas breiten Hände und der weiße, volle Hals, der unter dem weiten Schlafrockkragen hervorsah. Bei der matten Blässe des Gesichts fielen die tief schwarzen, glänzenden, von etwas geschwollenen Lidern umrandeten Augen besonders auf. Sie waren sehr lebhaft und das eine schielte ein wenig. Das junge Weib hielt sich aufrecht, indem sie die volle Brust herausdrückte. Mit einwenig zurückgeworfenem Kopf sah sie dem Aufseher gerade in die Augen und blieb stehen, bereit, alles, was man von ihr verlangen würde, zu erfüllen. Der Aufseher wollte bereits die Thür verschließen, als sich aus der Zelle das bleiche, strenge und faltige Gesicht einer barhäuptigen, alten Frau herausstreckte. Die Alte wollte der Maslowa etwas sagen, aber der Aufseher warf ihr die Thür vor der Nase zu und der Kopf verschwand. In der Zelle erscholl das Gelächter einer Frauenstimme. Auch die Maslowa lächelte und wandte sich zu dem kleinen, in der Thür befindlichem Gitterfenster. Die Alte drückte sich von innen an das Fensterchen und sagte mit heiserer Stimme:
»Vor allem: red’ nicht zuviel. Und bleib bei dem Einen und damit basta.«
»Ach, wenn’s nur ein Ende nähme, schlimmer kann’s nicht werden«, sagte die Maslowa.
»Natürlich, eins und nicht zwei«, sagte der Oberaufseher, überzeugt von der Trefflichkeit seines Vorgesetztenwitzes. — »Na, marsch, mir nach!«
Das durch das Fensterchen blitzende Auge der Alten verschwand und die Maslowa folgte in der Mitte des Korridors mit kleinen Schritten dem Oberaufseher. Sie stiegen eine steinerne Treppe hinunter und gingen an den Zellen der Männerabteilung vorüber, in der es noch viel übler roch und lärmender war. Hinter all den Guckfensterchen heraus schauten ihnen Augen nach. Als sie in das Bureau traten, standen dort schon zwei Eskorte Soldaten mit Gewehren. Ein Schreiber gab einem der Soldaten das von Tabakrauch durchdrungene Begleitschreiben und sagte, auf die Gefangene weisend: »Nimm sie in Empfang.« Der Soldat, ein Bauer aus dem Gouvernement Nishnij-Nowgorod, mit einem roten, pockennarbigen Gesicht, steckte das Papier hinter den Ärmelaufschlag und blinzelte, die Arrestantin anlächelnd, seinem Kameraden, einem Tschuwaschen mit starken Backenknochen, zu. Die Soldaten gingen mit der Gefangenen die Treppe hinunter und schritten dem Haupthaus gang zu.
In dem Hauptthor öffnete sich ein Pförtchen. Die Soldaten und die Gefangene traten über die Schwelle des Pförtchens in den Hof, verließen das Areal des Gefängnisses und marschierten durch die Stadt, in der Mitte der gepflasterten Straßen.
Droschkenkutscher, Krämer, Köchinnen, Arbeiter und Beamte blieben stehen und betrachteten neugierig die Gefangene. Einige schüttelten die Köpfe und dachten: »Dazu also führt ein schlechter Lebenswandel, ein anderer, als der unserige.« Die Kinder schauten voll Entsetzen auf die Räuberin und beruhigten sich nur damit, daß hinter ihr her die Soldaten gingen und sie jetzt niemand mehr was anthun könnte. Ein Bauer vom Lande, der seine Kohlen verkauft hatte und eben aus einem Theehaus herauskam, trat auf sie zu, bekreuzigte sich und reichte ihr einen Kopeken. Die Gefangene errötete, neigte den Kopf und murmelte etwas.
Sie fühlte die auf sie gerichteten Blicke und suchte unbemerkt, ohne den Kopf zu wenden, zu denen, die sie ansahen, hinüberzuschielen. Das Aufsehen, das sie erregte, freute sie. Auch an der, im Vergleich zu der Gefängnisatmosphäre, reinen Frühlingsluft empfand sie Freude, aber das Auftreten auf die Steine mit den des Gehens entwöhnten, mit plumpen Pantoffeln beschuhten Füßen that ihr weh und sie sah auf den Weg und bemühte sich, vorsichtig aufzutreten. Als sie an einer Mehlhandlung vorbeiging, vor welcher Tauben sorglos mit ihren wiegenden Schrittchen umherspazierten, streifte die Gefangene beinahe mit dem Fuß eine blaugraue Taube. Der Vogel flatterte auf, flog mit bebendem Flügelschlag hart am Ohre der Arrestantin vorbei und überschauerte sie mit Wind. Sie lächelte. Dann aber kam ihr ihre jetzige Lage in den Sinn und sie seufzte tief auf.
Zweites Kapitel
Die Geschichte der Arrestantin Maslowa war eine sehr gewöhnliche Geschichte. Die Maslowa war die Tochter einer unverheirateten Viehmagd, die mit ihrer Mutter auf dem Lande bei zwei Gutsbesitzerinnen, zwei Fräulein, lebte. Dieses unverehelichte Weib kam jedes Jahr nieder, das Kind wurde getauft, dann aber, wie das so häufig auf dem Lande zu geschehen pflegt, nährte die Mutter das unerwünschte, lästige und an der Arbeit behindernde Kind nicht mehr genügend, sodaß es bald vor Hunger zu sterben pflegte.
So starben fünf Kinder. Sie wurden alle getauft, nicht mehr genährt und starben. Das sechste Kind, das sie von einem vagabundierenden Zigeuner hatte, war ein Mädchen, und sein Schicksal wäre wohl dasselbe gewesen, wie das seiner Geschwister. Aber es geschah, daß das eine der alten Fräulein in den Viehhof kam, um den Viehmägden, wegen der nach der Kuh riechenden Sahne einen Verweis zu erteilen. Auf dem Viehhofe lag gerade die Wöchnerin mit dem hübschen, gesunden Kinde. Das alte Fräulein äußerte ihren Unwillen sowohl bezüglich der Sahne, als auch darüber, daß man eine Wöchnerin in den Viehhof gelassen hatte, und sie wollte schon gehen, als sie das Kind erblickte und von einer momentanen Rührung erfaßt, sich erbot, das Kind zur Taufe zu halten. Das Fräulein hielt dann auch das Kind zur Taufe und gab später, aus Mitleid für ihr Patenkind, der Mutter Milch und Geld. Und so blieb das Mädchen am Leben und wurde von den alten Fräulein mit Recht die »Gerettete« genannt.
Das Kind war drei Jahr alt, als die Mutter erkrankte und starb. Seiner Großmutter, der Viehmagd, war es zur Last, und so nahmen es die alten Fräulein zu sich. Das schwarzäugige Mädchen wurde ungewöhnlich lebhaft und nett, und die alten Fräulein hatten ihre Freude an ihm.
Von den beiden Fräulein hatte die jüngere und gutmütigere, Sofja Iwanowna, das Kind zur Taufe gehalten, es später geputzt und lesen gelehrt, um aus ihm eine Ziehtochter zu machen. Das ältere, strengere Fräulein, Marja Iwanowna, sagte, daß man aus dem Mädchen eine Arbeiterin, ein tüchtiges Stubenmädchen machen müsse, und war daher dem Mädchen gegenüber anspruchsvoll, strafte und schlug es sogar zuweilen bei übler Laune. So wuchs denn das Kind unter diesen beiden Einflüssen halb als Stubenmädchen, halb als Ziehkind heran. Es wurde daher auch weder Katharine, noch Käthchen genannt, sondern mit einem mittleren Namen — Käthe oder Katjuscha. Katjuscha nähte, räumte die Zimmer auf, putzte mit Kreide die Metallverkleidungen der Heiligenbilder, röstete, mahlte und servierte den Kaffee, besorgte die kleine Wäsche, und saß bis weilen mit den Fräulein und las ihnen vor.
Es fehlte ihr nicht an Freiern, aber sie wollte keinen nehmen. Sie fühlte, daß das Zusammen leben mit jenen Arbeitsleuten, die bei ihr anhielten, für sie, die durch die Süße des herrschaftlichen Lebens, bereits verwöhnt war, zu schwer fallen würde.
So lebte sie bis zum sechzehnten Jahr. Als sie aber sechzehn Jahr alt geworden war, kam zu den alten Fräulein ihr Neffe, ein reicher Fürst, der Student war, auf Besuch. Und Katjuscha verliebte sich in ihn, ohne es zu wagen, sich selbst, geschweige denn ihm dieses Geständnis zu machen.
Zwei Jahre später besuchte derselbe Neffe seine Tanten auf der Durchreise zum Kriegsschauplatz und blieb vier Tage bei ihnen. Er verführte und betrog Katjuscha, steckte ihr dann am letzten Tage einen Hundertrubelschein zu und reiste weiter. Fünf Monate nach seiner Abfahrt wußte sie genau, daß sie in anderen Umständen sei.
Von der Zeit an ward ihr alles gleichgültig, und sie dachte nur daran, wie sie der Schande, die ihr bevorstand, entgehen könnte. Sie bediente die Fräulein widerwillig und schlecht, und einmal — sie wußte selbst nicht, wie es gekommen war — platzte sie los, sagte den alten Fräulein Unverschämtheiten, die sie selbst später bereute, und bat um ihre Entlassung.
Und die Fräulein, die sehr unzufrieden mit ihr geworden, entließen sie. Von ihnen kam sie als Stubenmädchen zu einem Landpolizeimeister, aber konnte dort nur drei Monate bleiben, da der Polizeimeister, ein Mann von bereits 5O Jahren, ihr nachzustellen begann. Einmal, als er besonders unternehmungslustig war, brauste sie auf, nannte ihn einen Narren und alten Teufel und stieß ihn so vor die Brust, daß er hinfiel. Sie wurde wegen Grobheit entlassen. Eine neue Stellung anzunehmen hatte keinen Zweck, da sie bald niederkommen mußte, und so mietete sie sich bei einer Dorfhebamme ein, die nebenbei einen Branntweinhandel betrieb. Die Geburt war eine leichte. Aber die Hebamme, die vorher im Dorf bei einer kranken Wöchnerin gewesen war, infizierte sie mit dem Kindbettfieber. So wurde das Kind in das Findelhaus gebracht, wo der Knabe, wie die Alte, die ihn hingebracht hatte, erzählte, sofort nach seiner Ankunft verstarb.
Geld hatte Katjuscha, als sie sich bei der Hebamme einmietete, im ganzen hundert und sieben und zwanzig Rubel: sieben und zwanzig Lohn und hundert Rubel, die ihr damals ihr Verführer gegeben hatte. Als sie aber die Hebamme verließ, behielt sie nur sechs Rubel. Sie verstand das Geld nicht zu sparen, verausgabte selbst viel und lieh jedem, der sie darum bat. Die Hebamme nahm von ihr für Kost und Logis für zwei Monate vierzig Rubel, fünf und zwanzig Rubel kostete die Expedierung des Kindes ins Findelhaus, vierzig Rubel bat sich die Hebamme leihweise zur Anschaffung einer Kuh aus, gegen zwanzig Rubel gingen so, für Kleider, für Geschenke u. s. w. darauf. Auf diese Weise also hatte Katjuscha, als sie gesund wurde, kein Geld mehr und mußte sich nach einer Stellung umsehen. Sie fand dieselbe bei einem Förster. Der Förster war ein verheirateter Mann, aber auch er begann ihr, ebenso wie der Polizeimeister, vom ersten Tage an nachzustellen. Er war ihr widerwärtig und sie ging ihm aus dem Wege. Aber er war erfahrener und schlauer, als sie, und vor allem ihr Herr, der sie schicken konnte, wohin er wollte. So bemächtigte er sich denn ihrer in einem günstigen Augenblick. Die Frau erfuhr es, und als sie einmal ihren Mann mit dem Mädchen allein im Zimmer traf, stürzte sie auf Katjuscha los und wollte sie schlagen. Aber Katjuscha ergab sich nicht und so entstand eine Prügelei. Infolge dessen jagte man Katjuscha aus dem Hause, ohne ihr auch nur den Lohn auszuzahlen.
Da fuhr Katjuscha in die Stadt und stieg dort bei ihrer Tante ab. Der Mann der Tante war Buchbinder und lebte früher gut. Um die Zeit aber hatte er bereits alle seine Kunden verloren, ergab sich dem Trunke und vertrank alles, was ihm nur in die Hände kam.
Die Tante hielt eine kleine Waschanstalt und ernährte damit sich, ihre Kinder und den verlorenen Mann. Sie bot Katjuscha an, bei ihr als Wäscherin einzutreten. Aber da die Maslowa das schwere Leben, das die bei der Tante wohnenden Frauen, die Wäscherinnen, hatten, sah, so zögerte sie und suchte unterdes in den Bureaux nach einer Stellung als Dienstmädchen. Und so eine Stelle fand sich bei einer Dame, die mit ihren zwei Söhnen, Gymnasiasten, lebte. Eine Woche nach ihrem Eintritt hörte der ältere, ein schnurrbärtiger Tertianer, zu lernen auf und ließ ihr keine Ruhe. Die Mutter gab an allem der Maslowa Schuld und kündigte ihr. Eine neue Stelle fand sich nicht, aber es traf sich, daß die Maslowa in einem Stellenvermittelungsbureau einer Dame mit beringten Fingern und vielen Spangen an den vollen, nackten Armen begegnete. Diese Dame gab der Maslowa, als sie von ihrer Stellenlosigkeit hörte, ihre Adresse und lud sie zu sich ein. Die Maslowa ging hin. Die Dame empfing sie freundlich, bewirtete sie mit Pastetchen und süßem Wein, und schickte unterdes ihr Mädchen irgendwohin mit einem Briefchen. Abends trat in das Zimmer ein hochgewachsener Herr mit langem ergrauenden Haar und grauem Barte. Der alte Herr setzte sich sofort zu der Maslowa heran, begann sie mit glänzenden Augen zu betrachten und mit ihr zu scherzen. Die Hausfrau rief ihn ins Nebenzimmer, und die Maslowa hörte, wie sie ihm sagte: ein frisches Ding, vom Lande. Dann rief die Frau die Maslowa heraus und sagte ihr, daß der Herr ein Schriftsteller sei, der sehr viel Geld habe und der, wenn sie ihm gefiele, nicht knauserig sein würde. Sie gefiel ihm und der Schriftsteller gab ihr fünf und zwanzig Rubel und versprach, sie häufiger wiederzusehen. Das Geld verausgabte sich schnell zur Bezahlung der Schuld an die Tante, für ein neues Kleid, einen Hut, für Bänder. Nach einigen Tagen schickte der Schriftsteller wieder nach ihr und sie ging. Er gab ihr noch fünf und zwanzig Rubel und schlug ihr vor, in eine aparte Wohnung überzusiedeln.
Während die Maslowa in der vom Schriftsteller gemieteten Wohnung lebte, verliebte sie sich in einen lustigen Kommis, der auf demselben Hof logierte. Sie sagte das selbst dem Schriftsteller und zog in eine kleinere Wohnung hinüber. Der Kommis aber, der ihr versprochen hatte, sie zu heiraten, reiste, ohne ihr was zu sagen und mit der offenbaren Absicht, sie zu verlassen, nach Nishnij ab, und die Maslowa blieb allein. Sie wollte anfangs die Wohnung behalten, aber das wurde ihr nicht gestattet. Der Revieraufseher sagte ihr, daß sie nur dann so wohnen könnte, wenn sie eine gelbe Karte nehmen und sich der Kontrolle unterwerfen würde. Da ging sie wieder zur Tante.
Als die Tante sie jetzt in moderner Toilette, mit Mantelet und Hut wiedersah, empfing sie sie mit Respekt und wagte ihr nicht mehr eine Wäscherinnenstelle anzubieten, denn ihrer Meinung nach stand ihre Nichte jetzt auf einer höheren Lebensstufe. Auch für die Maslowa existierte die Frage, ob sie Wäscherin werden sollte, nicht mehr. Sie blickte voll Mitleid auf das Galeeren leben, das in den Vorderzimmern die bleichen, abgemagerten Wäscherinnen, von denen einige bereits schwindsüchtig waren, führten. Bei im Sommer und Winter geöffneten Fenstern wuschen und plätteten sie im Seifendampf, in einer Temperatur von dreißig Grad. Die Maslowa schauderte bei dem Gedanken, daß auch sie zu diesem elenden Sklavenleben hätte herabsinken können. Eben in dieser, für die Maslowa besonders trüben Zeit, wo sie keinen Beschützer finden konnte, wurde sie von einer Agentin aufgesucht, die für die öffentlichen Häuser junge Mädchen lieferte.
Die Maslowa rauchte schon seit langem, aber in der letzten Zeit ihres Verhältnisses mit dem Kommis, und besonders seitdem er sie verlassen hatte, gewöhnte sie sich immer mehr an das Trinken. Der Wein zog sie nicht nur darum an, weil er ihr schmeckte, sondern noch viel mehr, weil er sie all das Schwere, was sie durchlebt hatte, vergessen machte; er verlieh ihr jene Ungezwungenheit des Auftretens, jene selbstbewußte Sicherheit, die ihr sonst mangelten. Ohne Wein schämte sie sich ihrer selbst und war traurig.
Die Agentin bewirtete zuerst die Tante und machte die Maslowa betrunken. Dann proponierte sie der letzteren, in eine gute Anstalt, die erste der Stadt, einzutreten, indem sie ihr alle Vorzüge einer solchen Lage erklärte. Sie stand jetzt vor der Wahl: entweder die erniedrigende Stellung einer Dienstmagd, die sie sicher den Nachstellungen der Männer aussetzte und zu periodischem, heimlichen Ehebruch verführte, oder eine sorgenlose, ruhige, durch das Gesetz beschirmte Lage und offener, chronischer, vom Gesetze geduldeter, gut bezahlter Ehebruch. Sie wählte das letztere. Da durch glaubte sie sich auch an ihrem Verführer, am Kommis und an allen Menschen, die ihr Böses gethan, zu rächen. Außerdem verführte sie und war für ihren endgültigen Entschluß der Umstand ausschlaggebend, daß, wie die Agentin ihr sagte, sie sich Kleider, soviel und welche sie wollte, bestellen konnte: samtene, seidene, Ballkleider mit bloßem Halse und Armen. Und als sich die Maslowa sich im grellen gelben Seidenkleide mit schwarzem samtenen Besatz vorstellte, decolletiert, da konnte sie der Versuchung nicht mehr wider stehen. Am selben Tage nahm die Agentin eine Droschke und brachte das Mädchen in die berühmte Anstalt der Kitajewa.
Von der Zeit an begann für die Maslowa jenes, in der chronischen Übertretung menschlicher und göttlicher Gesetze bestehende Leben, das hundert und aberhundert Tausende von Frauen, nicht nur unter der Duldung, sondern auch unter dem Schutze der Regierung, die für das Wohl der Bürger zu sorgen hat, führen. Von zehn Frauen bezahlen es neun mit qualvollen Krankheiten, früh zeitiger Altersschwäche und frühzeitigem Tode.
Des Morgens und am Tage ein schwerer Schlummer nach den Orgien der Nacht. Um drei, vier Uhr ein mattes Aufstehen aus dem schmutzigen Bett; dann Selterwasser gegen den Brand, Kaffee trinken, ein müßiges Umherschlendern in den Zimmern im Nachtjäckchen, Peignoir oder Schlafrock, das Hinausgucken zu den Fenstern hinter den Gardinen her vor, lässiges Wortgeplänkel; dann das Waschen, Ein reiben und Parfümieren des Körpers und der Haare,das Anpassen der Kleider und der Streit um dieselben mit der Wirtin; dann das Stehen vor dem Spiegel, das Schminken; dann ein süßes und fettes Essen, das Anziehen einer grellen Seidentoilette; endlich der Eintritt in den geputzten, hellerleuchteten Saal, die Ankunft der Gäste, Musik, Tanz, Süßigkeiten, Wein, Cigaretten. Dann Ehebruch mit Jünglingen und Männern, mit halben Kindern und verfallenen Greisen, mit Junggesellen und Ehemännern, mit Kaufleuten, Kommis, Armeniern, Juden, Tataren, mit Reichen, Armen, Gesunden, Kranken, Betrunkenen, Nüchternen, Rohen und Zärtlichen, mit Militärs, Zivilisten, Studenten, Gymnasiasten — mit Leuten jeden Standes, Alters und Charakters.
Und Geschrei und Späße und Keilereien und Musik, Tabak und Wein, und Wein und Tabak, und Musik vom Abend bis zum Morgengrauen. Und nur am Morgen Erlösung und ein schwerer Schlummer. Und so jeden Tag, die ganze Woche hindurch. Am Ende der Woche aber die Fahrt in ein staatliches Institut, das Polizeibureau, wo im Staatsdienste stehende Beamte, Ärzte, Männer, — zuweilen ernst und streng, zuweilen unter Scherzen und Späßen, die von der Natur, zur Verhütung des Verbrechens, nicht nur dem Menschen, sondern auch den Tieren verliehene Scham vernichtend — diese Frauen untersuchten und ihnen dann das Patent zur Fortsetzung derselben Verbrechen, die sie mit ihren Genossen die Woche über vollführt hatten, erteilten. Und wieder eine eben solche Woche. Und so jeden Tag — im Sommer und im Winter, an Wochen- und an Feiertagen.
So lebte die Maslowa sieben Jahre hindurch. Während dieser Zeit hatte sie zweimal die Anstalt gewechselt und war einmal im Krankenhause gewesen. Im siebenten Jahre ihres Aufenthaltes im öffentlichen Hause und im achten Jahre nach ihrem ersten Fall, als sie sechs und zwanzig zählte, ereignete sich das, wofür man sie ins Gefängnis gesperrt hatte und jetzt, nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft in Gesellschaft von Mörderinnen und Diebinnen, vors Gericht brachte.
Drittes Kapitel
Um die nämliche Zeit, als die Maslowa, ermüdet vom langen Gehen, mit ihrer Eskorte vor dem Gebäude des Bezirksgerichts anlangte, lag derselbe Neffe ihrer Erzieherinnen, der sie verführt hatte, Fürst Dmitrij Iwanowitsch Nechljudow, noch in seinem hohen, zerwühlten Sprungfederbett. In sauberem holländischen Nachthemd mit feingebügelten Brustfalten, lag er mit aufgeknöpftem Kragen und rauchte eine Cigarette. Unverwandten Auges sah er vor sich hin und dachte darüber nach, was ihm heute bevorstünde und was gestern gewesen war.
Er dachte an den gestrigen Abend, den er bei Kortschagins, reichen und angesehenen Leuten, deren Tochter er nach der Meinung Aller heiraten sollte, verbracht hatte, und seufzte. Er warf die ausgerauchte Cigarette weg und wollte sich aus dem silbernen Etui eine neue holen, bedachte sich aber, streckte seine glatten weißen Füße zum Bett hinunter, und suchte mit ihnen die Pantoffeln auf. Dann warf er sich um die vollen Schultern einen seidenen Schlafrock und ging, mit schnellen, schweren Schritten in das neben dem Schlafgemach gelegene Toilettenzimmer, welches von einem künstlichen Geruch von Elixiren, Eau de Cologne, Vixatoirs und Parfüms durchsogen war. Dort putzte er sich die an vielen Stellen plombierten Zähne mit einem besonderen Pulver, spülte sich den Mund mit einem aromatischen Wasser, begann sich dann von allen Seiten zu waschen und mit verschiedenen Handtüchern abzureiben. Nachdem er sich die Hände mit einer parfümierten Seife gewaschen und die langen Nägel sorgfältig gebürstet, spülte er sich vor einem Marmorbecken das Gesicht und den dicken Hals ab und ging in ein drittes Zimmer, wo eine Dusche bereitet war. Dort übergoß er seinen muskulösen, fettbelegten weißen Körper mit kaltem Wasser und trocknete sich mit einem zottigen Handtuch. Dann zog er sich reine gebügelte Wäsche an, wie ein Spiegel glänzende Schuhe, und setzte sich vor den Toilettentisch, um sich, mit Hilfe zweier Bürsten, den kleinen, krausen schwarzen Bart und das vorne gelichtete, lockige Haupthaar zu glätten.
Alle Toilettengegenstände, die er benutzte, die Wäsche, die Kleider, das Schuhwerk, die Kravatten, Nadeln, Hemdknöpfe waren von der besten, teuersten Qualität, unauffällig, schlicht, dauerhaft und kostbar.
Nachdem er sich aus einem Dutzend Kravatten und Nadeln die ersten besten gewählt hatte — früher einmal war das noch neu gewesen, und hatte ihm Spaß gemacht, während er jetzt kein Interesse mehr dafür hatte — zog Nechljudow die gebürsteten und auf einem Stuhl bereitgelegten Kleider an. Dann trat er, zwar nicht besonders frisch, aber sauber und duftend, in das lange Speisezimmer, dessen Parkettboden gestern von drei Männern gebohnert worden war. Im Speisezimmer stand ein riesiges Eichen-Buffet und ein ebenso kolossaler Ausziehtisch, der mit seinen weit auseinanderstehenden, in Form von Löwentatzen geschnitzten Füßen etwas feierliches an sich hatte. Auf dem, von einem feinen Linnentuch mit gestickten Monogrammen bedeckten Tisch standen: eine silberne Kanne mit duftendem Kaffee, eine ebensolche Zuckerdose, ein Kännchen mit gekochter Sahne und ein Körbchen mit frischen Semmeln, Zwieback und Biskuits. Neben dem Service lagen die eingegangenen Briefe, Zeitungen und das neueste Heft der »Revue des deux Mondes«. Nechljudow wollte eben die Briefe vornehmen, als durch die in den Korridor führende Thür eine volle ältere Frau, in Trauer und mit einem Spitzenaufsatz, der den etwas lichten Scheitel verdeckte, hereinsegelte. Es war Agrafena Petrowna, das Stubenmädchen der seeligen, unlängst in ebendieser Wohnung verstorbenen Mutter Nechljudows, die jetzt beim Sohn die Stelle einer Wirtschafterin versah.
Agrafena Petrowna hatte zu verschiedenen Zeiten mit Nechljudows Mutter gegen zehn Jahre im Auslande verbracht und hatte das Aussehen und die Manieren einer Dame. Sie lebte im Nechljudowschen Hause von Kind auf und hatte Dmitrij Iwanowitsch noch als Mitenjka gekannt.
»Guten Tag, Dmitrij Iwanowitsch.«
»Guten Morgen, Agrafena Petrowna. Was giebt’s Neues?« fragte Nechljudow scherzend.
»Ein Brief von der Frau Fürstin, oder viel leicht auch von der Prinzeß. Das Mädchen hat ihn schon lange gebracht und wartet jetzt bei mir«, sagte Agrafena Petrowna, den Brief mit bedeutungsvollem Lächeln überreichend.
»Gut, gleich«, sagte Nechljudow. Als er aber den Brief entgegennahm, bemerkte er das Lächeln und machte ein finsteres Gesicht.
Das Lächeln Agrafena Petrownas bedeutete, daß der Brief von der Prinzeß Kortschagina war, mit welcher sich, ihrer Meinung nach, Nechljudow verheiraten wollte. Und diese, durch Agrafena Petrownas Lächeln ausgedrückte Annahme war dem Fürsten unangenehm.
»Ich werde ihr also sagen, daß sie wartet«, und Agrafena Petrowna segelte, nachdem sie eine nicht am Platz liegende Tischbürste im Vorbeigehen genommen und an den richtigen Ort gethan hatte, wieder zur Thür hinaus.
Nachdem Nechljudow den von Agrafena Petrowna überreichten parfümierten Brief geöffnet hatte, begann er zu lesen:
»Indem ich der von mir übernommenen Verpflichtung, Ihnen Ihr Gedächtnis zu ersetzen, nach komme«, so stand auf dem dicken, grauen Bogen mit gerissenen Rändern, in scharfer aber weiter Schrift, »erinnere ich Sie daran, daß Sie heute, am 28. April, im Geschworenengericht sein müssen und daher durchaus nicht in der Lage sind, mit uns und Kolossow nach der Gemäldeausstellung zu fahren, wie Sie es gestern mit dem Ihnen eigenen Leichtsinn versprochen hatten. A moins que Vous ne soyez disposé à payer a la, cour d’assises les 300 roudles d’amende que Vous Vous refusez pour Votrs cheval dafür, daß sie nicht rechtzeitig erscheinen. Es fiel mir gestern, als Sie eben gegangen waren, ein. Vergessen Sie es also nicht.
Pr. M. Kortschagina.«
Auf der anderen Seite war hinzugesetzt:
»Maman Vous fait dire que Votre couvert Vous attendra jusqu’à la nuit. Venez absolument à quelle heure que cela soit.« M.K.
Nechljudow runzelte die Stirn. Dieses Briefchen war die Fortsetzung jener geschickten Arbeit, die von der Prinzeß Kortschagina nun schon seit zwei Monaten betrieben wurde und darin bestand, ihn mit unsichtbaren Fäden immer mehr und mehr mit der Prinzeß zu verknüpfen. Nechljudow dagegen hatte, außer der bei nicht mehr ganz jungen und nicht leidenschaftlich verliebten Männern gewöhnlichen Zaghaftigkeit der Ehe gegenüber, noch einen andern wichtigen Grund, weshalb er, auch wenn er gewollt hätte, nicht gleich um die Hand der Prinzeß an halten konnte. Dieser Grund bestand nicht darin, daß er vor zehn Jahren Katjuscha betrogen und verlassen hatte — dieses hatte er völlig vergessen und hielt es nicht für ein Hindernis für seine Ehe. Der Grund war vielmehr der, daß er zu gleicher Zeit mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis unterhielt, das zwar von seiner Seite jetzt gelöst, von ihr aber noch nicht als gelöst betrachtet wurde.
Nechljudow war Frauen gegenüber sehr schüchtern, und eben diese Schüchternheit hatte in jener verheirateten Frau den Wunsch erweckt, ihn sich zu unterwerfen. Sie war die Gattin des Adelsmarschalls von dem Kreise, in welchem Nechljudow wählte. Und diese Frau hatte Nechljudow in ein Verhältnis gezogen, welches für ihn mit jedem Tage immer bindender und zugleich immer ab stoßender wurde. Anfangs hatte Nechljudow der Versuchung nicht widerstehen können; nachher, im Bewußtsein der Schuld ihr gegenüber, konnte er das Verhältnis nicht ohne ihre Einwilligung lösen. Dieses war eben der Grund, weswegen Nechljudow sich nicht für berechtigt hielt, auch wenn er es gewollt hätte, bei der Kortschagina anzuhalten.
Auf dem Tisch lag gerade ein Brief von dem Manne dieser Frau. Als Nechljudow die Handschrift und den Stempel erkannte, errötete er und empfand sofort jenen Zufluß von Energie, der sich bei ihm immer beim Nahen einer Gefahr einstellte. Aber seine Aufregung war unnütz: der Mann, der Adelsmarschall jenes Kreises, in welchem die Hauptgüter Nechljudows lagen, setzte den Fürsten davon in Kenntnis, daß zu Ende Mai eine Extrasitzung der »Landschaft« einberufen war. Zu dieser Sitzung bat er nun Nechljudow durchaus zu kommen, um bei den wichtigen Beratungen bezüglich der Schulen und Zufuhrwege, wo man eine starke Opposition von Seiten der Reaktionspartei erwartete, »donner un coup d’épaule.«
Der Adelsmarschall gehörte zu den Liberalen, kämpfte mit einigen Gesinnungsgenossen gegen die unter Alexander III. eingetretene Reaktion, ging im Parteikampfe ganz auf und wußte nichts von seinem unglücklichen Familienleben.
Nechljudow dachte an alle die qualvollen Augen blicke, die er in feinen Beziehungen zu diesem Menschen durchlebt hatte. Er erinnerte sich, wie er einmal geglaubt hatte, daß der Mann alles wisse, und auf ein Duell, bei welchem er in die Luft schießen wollte, gefaßt gewesen; er erinnerte sich an die furchtbare Szene mit ihr, wo sie in Verzweiflung in den Garten zum Teich hinunter gelaufen war, mit der Absicht, sich zu ertränken, während er ihr nachstürmte.
»Ich kann jetzt nicht fahren und kann nichts unternehmen, ehe sie mir geantwortet hat«, dachte Nechljudow. Vor einer Woche hatte er ihr einen entschlossenen Brief geschrieben, in welchem er sich für schuldig und bereit zu jeder Sühne erklärte, aber dennoch, in ihrem eigenen Interesse, seine Beziehungen zu ihr endgültig abgebrochen wissen wollte. Auf diesen Brief erwartete er eine Antwort, erhielt sie aber nicht. Daß eine Antwort nicht kam, war in gewisser Hinsicht ein gutes Zeichen. Wäre sie mit einem Bruch nicht einverstanden gewesen, so hätte sie schon längst geschrieben, oder wäre sogar selbst gekommen, wie sie es früher gethan. Nechljudow hatte gehört, daß augenblicklich irgend ein Offizier bei ihr sei, der ihr den Hof mache, und dieses quälte ihn mit Eifersucht und erfüllte ihn zugleich mit Hoffnung auf Befreiung von dem peinlichen Lügengespinst.
Ein anderer Brief war von dem Verwalter seiner Landgüter. Der Verwalter schrieb ihm, daß er, Nechljudow, selbst kommen müsse, um sich in seine Erbschaftsrechte introduzieren zu lassen, und außerdem auch, um nun die Frage zu entscheiden, wie die Bewirtschaftung der Güter weitergeführt werden sollte: ob in der Weise, wie es bisher geschehen war, oder so, wie er es schon der seligen Fürstin vorgeschlagen hatte und es jetzt ihm selbst, dem Fürsten, vorschlägt? In letzterem Falle müßte man das Inventar vergrößern und das ganze, den Bauern verpachtete Land selbst bewirtschaften. Der Verwalter schrieb, daß eine solche Art der Exploitation bedeutend vortheilhafter sein würde. Bei dieser Gelegenheit entschuldigte sich der Verwalter, daß er sich mit der Absendung der plan mäßig zum 1. fälligen 3000 Rubel verspätet hätte. Das Geld würde mit der nächsten Post abgefertigt werden. Aufgehalten sei die Sendung dadurch worden, daß er das Geld von den Bauern auf keine Weise habe eintreiben können; sie seien in ihrer Gewissenlosigkeit so weit gegangen, daß man sich, um sie zu zwingen, an die Behörden hätte wenden müssen.
Dieser Brief war Nechljudow zugleich angenehm und unangenehm. Angenehm berührte ihn das Bewußtsein der Macht über ein großes Besitztum, und unangenehm war das, daß er, während er in seiner Jugend ein eifriger Verehrer Herbert Spencers gewesen war, jetzt als Großgrundbesitzer durch den Satz der Sozialen Statik, daß die Gerechtigkeit einen Grundbesitz nicht zulasse, ganz besonders getroffen wurde. Mit der der Jugend eigenen Geradheit und Entschiedenheit hatte er damals nicht nur behauptet, daß der Boden kein Objekt des Privatbesitzes bilden dürfe, und darüber in der Universität einen Aufsatz verfaßt, sondern auch in der That damals ein vom Vater ererbtes, kleines Stück Land unter den Bauern verteilt, um nicht gegen seine Überzeugung Grundbesitzer zu bleiben. Jetzt, wo er durch Erbschaft Großgrundbesitzer geworden war, blieb ihm nur eines von beidem übrig: entweder seinem Besitze zu entsagen, wie er es vor zehn Jahren, bezüglich der zweihundert Deßjatinen väterlichen Bodens gethan hatte, oder durch stillschweigendes Eingeständnis alle seine früheren Ideen für irrig und falsch zu erklären.
Das erstere konnte er nicht, weil er, außer vom Grundbesitz, keine anderen Einkünfte hatte. In den Staatsdienst wollte er nicht treten, anderseits aber hatte er bereits luxuriöse Lebensgewohnheiten angenommen, von denen er sich nicht mehr freimachen zu können glaubte. Und es hätte auch keinen Zweck gehabt, da er nunmehr weder jene Kraft der Überzeugung, noch jene Entschlossenheit, noch jenen Ehrgeiz und Wunsch besaß, andere in Erstaunen zu setzen, die er in der Jugend hatte.
Das zweite aber, — sich von den Begründungen der Unrechtmäßigkeit des Grundbesitzes, die er damals aus Spencers Sozialer Statik geschöpft hatte und deren Bestätigung er viel später in den Werken Henry Georges gefunden hatte, sich davon lossagen, — das konnte er unmöglich.
Und daher war ihm der Brief des Verwalters unangenehm.
Viertes Kapitel
Nachdem Nechljudow Kaffee getrunken hatte, ging er in sein Kabinett, um im Vorladungsschreiben nachzusehen, zu welcher Zeit er im Gericht sein müsse, und um der Prinzessin zu antworten. Ins Kabinett mußte er durch sein Atelier gehen. Im Atelier stand auf einer Staffelei ein angefangenes Bild, das umgekehrt war, und hingen an den Wänden Studien. Der Anblick dieses Bildes, an welchem er sich zwei Jahre lang abgemüht hatte, der Studien und des ganzen Ateliers — alles erinnerte ihn an das, in letzter Zeit besonders stark zum Bewußtsein gekommene Gefühl des Unvermögens, in der Malerei fortzuschreiten. Er erklärte sich dieses Gefühl durch ein zu fein entwickeltes ästhetisches Empfinden, aber immerhin war ihm diese Erkenntnis sehr unangenehm.
Vor sieben Jahren hatte er den Staatsdienst aufgegeben, in der Meinung, ein Talent zur Malerei zu haben. Und von der Höhe seiner künstlerischen Thätigkeit hatte er mit gewisser Verächtlichkeit auf alle anderen Berufsarten hinabgesehen. Jetzt zeigte es sich nun, daß er dazu kein Recht gehabt. Und darum war ihm jede Erinnerung daran unangenehm. Mit einem drückenden Gefühl betrachtete er die luxuriöse Ausstattung des Ateliers und betrat in nicht besonders heiterer Stimmung sein Kabinett, ein großes, hohes Zimmer, mit allen erdenklichen Einrichtungen, Bequemlichkeiten und Schmuckgegenständen ausgestattet.
In der Schublade des großen Tisches fand er unter der Rubrik »Terminsachen« sogleich das Vorladungsschreiben, in welchem es hieß, daß er um elf Uhr im Gericht sein mußte. Dann setzte Nechljudow sich, um der Prinzeß einen Brief, des Inhalts, daß er danke und sich bemühen werde, zu Mittag zu erscheinen, zu schreiben. Aber als er den Brief geschrieben hatte, zerriß er ihn wieder, denn er schien ihm zu intim. Der zweite Brief war wieder zu kalt, beinahe beleidigend; er zerriß auch ihn und drückte auf den Knopf an der Wand. Ein nicht mehr junger Lakai mit finsterem Gesichtsausdruck, rasiertem Kinn und Kotelettes, in einer grauen Kalikoschürze, trat ein.
»Bitte, schicken Sie nach der Droschke.«
»Zu Befehl.«
»Und sagen Sie, — hier wartet jemand von Kortschagins, — ich ließe danken und würde mich bemühen zu kommen.«
»Jawohl.«
»Höflich ist’s ja nicht, aber ich kann nicht schreiben. Ich sehe sie doch noch heute«, dachte Nechljudow und ging, um sich anzukleiden.
Als er angekleidet auf die Freitreppe hinaustrat, erwartete ihn schon seine ständige Droschke auf Gummirädern.
»Und gestern waren Sie eben vom Fürsten Kortschagin weg, als ich angefahren kam«, sagte der Kutscher, seinen braungebrannten, feisten Hals im weißen Hemdkragen halb umwendend, »der Portier sagte mir: »»eben durchgegangen.««
Sogar die Droschkenkutscher wissen von meinen Beziehungen zu Kortschagins«, dachte Nechljudow, und jene ungelöste Frage, ob er die Kortschagina heiraten sollte, stand wie fast immer in letzter Zeit, wieder vor ihm. Und wie die meisten Fragen, die sich ihm in dieser Zeit entgegenstellten, ließ sie sich auf keine Weise, weder so noch so, entscheiden.
Zu Gunsten der Ehe überhaupt sprach erstens das, daß die Ehe außer den Annehmlichkeiten eines häuslichen Herdes, auch die Möglichkeit eines »moralischen Lebenswandels«, wie er ein solches Familienleben nannte, bot. Zweitens und hauptsächlich erhoffte Nechljudow von der Ehe, daß Familie und Kinder seinem Dasein den inneren Gehalt verleihen würden, den er bis jetzt vermißte. Das alles sprach für die Ehe überhaupt.
Gegen die Ehe aber war erstens die, allen älteren Junggesellen eigene Furcht vor dem Verlust der Freiheit, und zweitens ein unbewußtes Bangen vor dem geheimnisvollen Wesen der Weiblichkeit.
Für die Ehe, mit Missy im besonderen (Prinzeß Kortschagina hieß Marie, hatte aber, wie es in allen Familien ihrer Kreise üblich, einen besonderen Zunamen) — war erstens das, daß sie Rasse hatte und in allem, von der Toilette, bis zu ihrer Manier zu sprechen, zu gehen, zu lachen, sich von gewöhnlichen Leuten unterschied. Dieser Unterschied bestand nicht gerade in etwas Besonderem, Exceptionellen, sondern einfach in ihrer »Anständigkeit«, — er fand für diese Eigenschaft keine andere Bezeichnung und schätzte diese Eigenschaft sehr hoch. Zweitens fiel auch das ins Gewicht, daß sie ihn höher als alle anderen Leute schätzte und folglich, wie er es auffaßte, ihn verstand. Und dieses Verstehen, diese Anerkennung seiner vorzüglichen Eigenschaften, galt Nechljudow als ein Beweis ihres Verstandes und sicheren Urteils.
Gegen die Ehe, mit Missy im besonderen, war erstens die große Wahrscheinlichkeit, daß man ein Mädchen mit noch viel größeren Vorzügen als Missy, ein ihm selbst also auch ebenbürtigeres, finden konnte; zweitens aber, daß sie bereits sieben und zwanzig Jahre zählte und daher wahrscheinlich schon früher Passionen gehabt hatte, und dieser Gedanke war für Nechljudow qualvoll. Sein Stolz konnte sich damit nicht aussöhnen, daß sie, wenn auch nur in der Vergangenheit, nicht ihn geliebt hatte. Sie konnte natürlich nicht wissen, daß sie ihm begegnen würde, aber der bloße Gedanke, daß sie früher jemand anderes geliebt haben konnte, verletzte ihn.
So gab es also ebenso viel Gründe dafür, als auch dagegen; in ihrer Überzeugungskraft wenigstens waren die Gründe vollkommen gleichwertig, und so verglich sich Nechljudow, sich selbst ironisierend, mit Buridans Esel. Und er blieb ein solcher auch in der That, da er nicht wußte, welchem der beiden Bündel er sich zuwenden wollte.
»Übrigens, so lange ich von Marja Wassiljewna, der Frau des Adelsmarschalls, noch keine Antwort habe, kann ich nichts unternehmen«, sagte er sich selbst.
Und dieses Bewußtsein, daß er die Entscheidung aufschieben könne und müsse, war ihm angenehm.
»Übrigens, das alles kann ich auch später über legen«, dachte er, als sein Wagen geräuschlos zur Asphaltrampe des Gerichtsgebäudes auffuhr.
»Jetzt aber muß ich gewissenhaft, wie ich es immer zu thun pflege und es für meine Schuldigkeit halte, meine öffentlichen Verpflichtungen er füllen. Zudem ist das zuweilen auch nicht uninteressant«, und mit diesen Gedanken trat er, an dem Portier vorbei, in die Vorhalle des Gerichts ein.
Fünftes Kapitel.
Als Nechljudow das Gericht betrat, herrschte dort bereits reges Leben.
Die Gerichtsdiener liefen atemlos, die Füße kaum vom Boden hebend, mit schlürfenden Schritten hin und her, besorgten Aufträge, trugen Akten. Die Kommissare, Advokaten und Beamten des Gerichts gingen hierhin und dahin, Supplikanten und die nicht eskortierten Angeklagten schlichen trübsinnig an den Wänden umher oder saßen erwartungsvoll da.
»Wo ist das Bezirksgericht?« fragte Nechljudow einen der Diener.
»Welches wünschen Sie? Wir haben eine Civilabteilung, einen Kassationshof . . . .«
»Ich bin ein Geschworener.«
»Kriminalabteilung. Hätten Sie das gleich gesagt! Hier, rechts und dann die zweite Thür links.«
Nechljudow ging, wie ihm gewiesen worden.
Bei der zweiten Thür links standen zwei Leute und warteten. Der eine von ihnen war ein großer, dicker Kaufmann, ein gutmütiger Mensch, der offenbar soeben ein Gläschen getrunken und gefrühstückt hatte und sich daher in heiterer Gemütsstimmung befand; der andere war ein Kommis jüdischer Herkunft. Sie unterhielten sich über Wollpreise, als Nechljudow sich ihnen näherte und sich erkundigte, wo das Geschworenenzimmer sei.
»Hier, mein Herr, hier. — Also auch einer von uns, ein Geschworener?« fragte mit lustigem Blinzeln der gutmütige Kaufmann.
»Schön, da machen wir also gemeinsame Arbeit«, fuhr er auf die bejahende Antwort Nechljudows fort. »Von der 2. Gilde, Baklaschow«, sagte er, seine breite und weiche, sich nicht zusammenbiegende Hand hinhaltend. »Mit wem also habe ich das Vergnügen?«
Nechljudow nannte seinen Namen und ging in das Zimmer der Geschworenen.
In dem kleinen Zimmer waren etwa zehn verschiedenartige Leute versammelt. Alle waren erst eben gekommen; einige von ihnen saßen, andere gingen umher, musterten einander und machten sich bekannt. Ein Offizier a. D. war in Uniform, andere waren in Salonröcken und Jacketts und nur einer hatte einen langen, volkstümlichen Rock an.
Obgleich viele durch diese Obliegenheit in ihren Geschäften behindert wurden und darüber klagten, so verlieh doch das Bewußtsein der Erfüllung einer wichtigen öffentlichen Pflicht allen den Ausdruck eines gewissen Vergnügens.
Die Geschworenen, die sich zum Teil bekannt gemacht hatten, zum Teil auch nur einer vom anderen vermuteten, wer er sei, unterhielten sich über das Wetter, über den zeitigen Frühling und die bevorstehende Verhandlung. Die, die es noch nicht waren, beeilten sich, mit Nechljudow bekannt zu werden, indem sie sich es offenbar zur besonderen Ehre anrechneten. Und Nechljudow nahm das, wie immer unter fremden Leuten, als etwas auf, was ihm von Rechts wegen zustand. Hätte man ihn gefragt, warum er sich für höher als die meisten anderen Leute hielt, so hätte er darauf nicht antworten können, denn sein ganzes Leben konnte durchaus keine besonderen Verdienste auf weisen. Daß er im Englischen, Französischen und Deutschen eine gute Aussprache besaß, daß er Wäsche, Kleider, Krawatten und Hemdknöpfe von den ersten Lieferanten dieser Waren bezog, das alles, fühlte er selbst, konnte durchaus kein Grund für seine Bevorzugung sein. Trotzdem aber er kannte er seine Überlegenheit vollkommen an, empfing alle ihm erwiesenen Zeichen der Hochachtung, wie etwas Selbstverständliches, und fühlte sich beleidigt, wenn sie ausblieben.
Und gerade jetzt, in dem Zimmer der Geschworenen, mußte er das peinliche Gefühl, welches in ihm durch unterlassene Hochachtungsbezeugung jedesmal erweckt wurde, empfinden. Unter den Geschworenen befand sich ein Bekannter Nechljudows. Es war Pjotr Gerassimowitsch (Nechljudow kannte seinen Familiennamen nicht und renommierte sogar damit ein wenig), der frühere Hauslehrer der Kinder seiner Schwester. Dieser Pjotr Gerassimowitsch war jetzt Lehrer an einem Gymnasium. Nechljudow war er immer unerträglich gewesen wegen seiner Familiarität, seines selbstzufriedenen Lachens und überhaupt wegen seiner ganzen »Communheit«, wie die Schwester es nannte.
»Ah, auch Sie sind also hereingefallen«, empfing ihn mit schallendem Gelächter Pjotr Gerassimowitsch. »Konnten diesmal nicht kneifen?«
»Ich dachte auch gar nicht zu kneifen«, antwortete streng und müde Nechljudow.
»So, das ist ja eine bürgerliche Heldenthat. Warten Sie nur, wenn Sie hungrig werden und nicht schlafen können, werden Sie schon ein anderes Liedchen singen!« lachte noch lauter Pjotr Gerassimowitsch.
»Dieser Pfaffensohn wird mich gleich zu duzen anfangen«, dachte Nechljudow und drehte sich von ihm mit einem so trübseligen Gesichtsausdruck ab, daß man glauben könnte, er hätte soeben die Nachricht vom Tode seiner sämtlichen Verwandten erhalten. Er näherte sich einer Gruppe, die sich um einen rasierten, hochgewachsenen, repräsentablen Herrn, der lebhaft etwas erzählte, gebildet hatte. Dieser Herr sprach von dem soeben in der Civilabteilung verhandelten Prozeß, wie von einer ihm nahe bekannten Angelegenheit, indem er die Richter und berühmten Advokaten beim Vor- und Vaternamen nannte. Er erzählte von der wunderbaren Wendung, die der berühmte Advokat der Sache zu geben verstanden, infolgedessen die eine der Parteien, eine alte Dame, trotzdem sie vollständig im Rechte war, der anderen Partei für nichts und wieder nichts eine große Summe auszahlen mußte.
»Ein genialer Advokat!« sagte er.
Man hörte ihm mit Achtung zu, und einige versuchten, ihre Bemerkungen einzuschieben, aber er schnitt allen das Wort ab, als könnte nur er allein alles, wie sich’s gehörte, wissen.
Obgleich Nechljudow spät gekommen war, mußte er dennoch lange warten. Der Aufenthalt geschah durch die Verspätung eines der Mitglieder des Gerichtshofes.
Sechstes Kapitel.
Der Präsident war schon früh im Gericht er schienen. Derselbe war ein großer voller Mann mit einem starken, ergrauenden Backenbart. Er war verheiratet, führte aber ein sehr zügelloses Leben, ebenso wie auch seine Frau. Sie störten einander nicht. Heute Morgen hatte er von der Gouvernante, einer Schweizerin, die bei ihnen im Hause im Sommer gelebt hatte, und jetzt vom Süden her nach Petersburg reiste, ein Briefchen erhalten, demzufolge sie ihn heute zwischen 3 und 6 Uhr im »Hotel Italic« erwarten würde. Und deshalb wollte er die heutige Sitzung möglichst früh eröffnen und schließen, um noch vor sechs Uhr Zeit zu einem Besuch bei der rotblonden Klara Wassiljewna, mit der er im vorigen Jahr in der Sommerfrische einen Roman angeknüpft hatte, zu finden.
Nachdem er in sein Kabinett eingetreten war, verschloß er die Thür und holte aus dem Aktenschrank vom untersten Regal zwei Hanteln, mit denen er zwanzig Ausfälle nach oben, nach vorn, seitwärts und nach unten machte, worauf drei gelinde Kniebeugen, mit über dem Kopf gehaltenen Hanteln, folgten.
»Nichts konserviert so gut, wie kalte Abwaschungen und Turnen«, dachte er, während er mit der mit einem Goldring geschmückten Linken den gespannten Biceps der Rechten befühlte. Es blieb ihm noch übrig die »Moulinet« zu machen (er führte diese beiden Übungen jedesmal vor der langwierigen Sitzung aus), als die Thür erdröhnte. Jemand wollte sie öffnen. Der Präsident legte die Hanteln schleunigst zurück und öffnete die Thür.
»Verzeihen Sie«, sagte er.
In das Zimmer trat eines der Mitglieder des Gerichtshofs, ein kleiner Herr, mit in die Höhe gezogenen Schultern, finsterem Gesicht und einer goldenen Brille.
»Matwej Nikititsch ist wieder nicht da«, sagte das Gerichtsmitglied unzufrieden.
»Nein, er ist noch nicht da«, antwortete, seine Uniform anziehend, der Präsident. »Er kommt immer zu spät.«
»Merkwürdig, daß er sich nicht schämt«, sagte das Mitglied und holte, sich ärgerlich setzend, seine Cigaretten hervor.
Dieses Gerichtsmitglied, ein sehr peinlicher Mann, hatte heute Morgen mit seiner Frau einen unangenehmen Konflikt, weil die Frau, noch vor
Ablauf des Monats, das ganze Wirtschaftsgeld ausgegeben hatte. Sie hatte ihn um einen Vorschuß gebeten, während er nicht von seinen Prinzipien abweichen wollte. Es kam zu einer Szene. Die Frau sagte, daß wenn dem so sei, es zu Hause auch keinen Mittag geben würde und er sich nicht heimzubemühen brauchte. Damit war er weggefahren. Und jetzt fürchtete er, daß sie ihre Drohung ausführen würde, denn von ihr konnte man alles erwarten.
»Da soll man nun ein gutes, moralisches Leben führen«, dachte er, den strahlenden, gesunden, heiteren und wohlwollenden Präsidenten anblickend, der, mit auseinanderstehenden Ellbogen, sich mit den schönen weißen Händen den dichten, ergrauen den Backenbart seitwärts vom gestickten Kragen wegstrich; »der ist immer zufrieden und heiter, während ich mich abquälen muß.«
Der Sekretär trat ein und brachte irgend welche Akten.
»Ich danke Ihnen sehr«, sagte der Präsident und rauchte sich eine Cigarette an. »Welchen Prozeß lassen wir denn zuerst von Stapel?«
»Ich denke den Giftmord«, sagte scheinbar gleichgültig der Sekretär.
»Schön, meinetwegen den Giftmord«, sagte der Präsident, indem er sich überlegte, daß ein Prozeß wie dieser bis vier Uhr wohl beendigt werden könnte und er dann die Möglichkeit hätte, wegzufahren. »Und Matwej Nikititsch ist noch nicht da?«
»Immer noch nicht.«
»Und Brede?«
»Ist da«, antwortete der Sekretär.«
»So sagen Sie ihm, wenn Sie ihn sehen, daß wir mit dem Giftmord beginnen.«
Brede war der Staatsanwaltsadjunkt, der in dieser Sitzung die Anklage vertrat.
Der Sekretär traf Brede auf dem Korridor. Mit hochgezogenen Schultern, im aufgeknöpften Uniformrock, ein Portefeuille unter dem Arm, ging er fast im Laufschritt, mit den Absätzen klappernd, den Korridor entlang, während er den freien Arm in der Weise schwenkte, daß die Handfläche immer perpendikulär zur Richtung seines Ganges blieb.
»Michail Petrowitsch bat mich, Sie zu fragen, ob Sie fertig sind?« fragte ihn der Sekretär.
»Natürlich, ich bin immer fertig«, sagte der Staatsanwalt. »Was geht denn zuerst?«
»Der Giftmord.«
»Wunderbar«, sagte der Staatsanwalt, in Wirklichkeit aber fand er es gar nicht wunderbar, denn er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie hatten einem Kollegen das Geleit gegeben, es wurde viel getrunken und bis zwei Uhr gespielt. Hernach fuhr man zu den Mädchen, in dasselbe Haus, in welchem vor sechs Monaten noch die Maslowa gewesen war, sodaß er zum Studium gerade der den Giftmord betreffenden Akten keine Zeit gehabt und sie jetzt erst durchlesen wollte. Der Sekretär aber, der sehr wohl wußte, daß der Staatsanwalt die Giftmordakten nicht gelesen, hatte eben darum dem Präsidenten vorgeschlagen, diesen Prozeß zuerst vorzunehmen. Der Sekretär war ein Mann von liberaler, ja sogar radikaler Denkungsart. Brede da gegen war konservativ und dem orthodoxen Glauben, wie alle in Rußland dienenden Deutschen, ganz besonders ergeben. Und der Sekretär mochte ihn nicht leiden und neidete ihm seine Stellung.
»Nun, und mit dem Prozeß der Kastratensekte?« fragte der Sekretär.
»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht kann«, antwortete der Staatsanwalt: »wegen Abwesenheit der Zeugen, und werde das auch dem Gerichtshof wiederholen.«
»Es ist doch gleich . . . «
»Ich kann nicht«, sagte der Staatsanwalt und lief, in gewohnter Weise mit der Hand schwenkend, in sein Kabinett.
Er schob den Prozeß der Kastratensekte, unter dem Vorwande der Abwesenheit eines Zeugen, der aber durchaus nicht wichtig und für die Sache von Belang war, nur darum auf, weil dieser Prozeß, wenn er vor einem Gerichtshof mit einem intelligenten Geschworenenpersonal verhandelt würde, leicht mit einer Freisprechung enden konnte. Um das zu verhindern, hatte er mit dem Präsidenten die Vereinbarung getroffen, daß dieser Prozeß bis zu einer Kreisstadtsession verschoben würde, wo es unter den Geschworenen mehr Bauern gab und daher auch mehr Chancen für eine Verurteilung.
Die Bewegung im Korridor wuchs immer mehr. Das meiste Publikum drängte sich an den Thüren der Civilabteilung, wo eben die Sache verhandelt wurde, von welcher den Geschworenen jener repräsentable Herr, der Prozeßliebhaber, erzählte. Während einer Pause trat aus dem Saal dasselbe alte Mütterchen, deren ganzes Eigentum der geniale Advokat zum Besten jenes Spekulanten, der nicht das geringste Anrecht auf das selbe hatte, zu rauben verstanden hatte. Daß das ein Unrecht war, wußten die Richter so wohl als auch ganz besonders der Supplikant und sein Advokat. Aber der von den letzteren erdachte Tric war derart, daß man gar nicht anders konnte, als das Eigentum des Mütterchens dem Spekulanten zu übergeben. Das Mütterchen war eine dicke Frau, in einem aufgeputzten Kleide, mit riesigen Blumen auf dem Hut. Nachdem sie aus der Thür herausgetreten, war sie auf dem Korridor stehen geblieben und wiederholte, mit den kurzen, dicken Armen fuchtelnd, zu ihrem Advokaten gewandt, immerfort: »was ist denn das? Erbarmen Sie sich doch! Was ist denn das?« Der Advokat betrachtete die Blumen auf ihrem Hut und hörte nicht auf sie, in irgend welche Kalkulation versunken.
Gleich nach dem Mütterchen trat aus dem Sitzungssaal mit schnellen Schritten jener berühmte Advokat, der es so eingefädelt hatte, daß das Mütterchen mit den Blumen das Nachsehen hatte, während der Spekulant dem Advokaten dafür zehntausend Rubel zahlte und hunderttausend Rubel erhielt. Der Plastron der tief ausgeschnittenen Weste und das selbstzufriedene Gesicht des Advokaten glänzten. Die Augen aller wandten sich auf ihn und er fühlte das und schien gleichsam durch sein ganze? Äußere zu sagen: »Ich verzichte auf alle Huldigungen.« Mit schnellen Schritten ging er an allen vorbei.
Siebentes Kapitel.
Endlich erschien auch Matwej Nikititsch, und der Gerichtskommissar, ein magerer langhalsiger Mensch, mit schrägem Gange und ebenso schräg zur Seite vorgeschobener Unterlippe, trat in das Zimmer der Geschworenen.
Dieser Gerichtskommissar war ein ehrlicher Mann, besaß akademische Bildung, konnte sich aber in keiner Stellung dauernd halten, da er einer periodischen Trunksucht ergeben war. Erst vor drei Monaten hatte eine Gräfin, die seine Frau protegierte, ihm diesen Posten verschafft, und er hielt sich bis jetzt auf ihm und freute sich dessen.
»Nun, meine Herren, sind Sie alle versammelt?« fragte er, seine Pincenez aufsetzend, während sein Blick über dasselbe hinwegschweifte.
»Ich glaube, alle«, sagte der lustige Kaufmann.
»So, sehen wir ’mal nach«, sagte der Gerichtskommissar, holte aus der Tasche eine Liste hervor und begann, die Anwesenden bald über das Pincenez hinweg, bald durch dasselbe musternd, die Namen aufzurufen.
»Staatsrat I.M. Nikiforow.«
»Ich«, sagte der repräsentable Herr, der über alle Gerichtsangelegenheiten so gut unterrichtet war.
»Oberst a. D. Iwan Ssemjonowitsch Iwanow.«
»Hier«, antwortete der magere Herr in Uniform.
»Der Kaufmann 2. Gilde Pjotr Baklaschow.«
»Jawohl«, sagte der freundliche Kaufmann, über das ganze Gesicht lächelnd. »Zu Diensten!«
»Gardelieutenant Fürst Dmitrij Nechljudow.«
»Ich«, antwortete Nechljudow.
Der Gerichtskommissar verbeugte sich, über das Pincenez hinwegblickend, besonders höflich und liebenswürdig, um den Fürsten gleichsam von den anderen zu unterscheiden.
»Kapitän Jurij Dmitrijewitsch Dantschenko, Kaufmann Grigorij Jefimowitsch Kuleschow u.s.w. u.s.w.«
Alle, außer zweien, waren zur Stelle.
»Jetzt, meine Herrn, bitte ich Sie in den Saal«, sagte, mit einer verbindlichen Handbewegung auf die Thür weisend, der Gerichtskommissar.
Alle setzten sich in Bewegung und traten, einer dem andern den Vortritt in der Thür lassend, zuerst in den Korridor und dann in den Saal ein.
Der Gerichtssaal war ein großes langes Zimmer, auf dessen einem Ende ein Podium, zu welchem drei Stufen führten, aufgebaut war. In der Mitte des Podiums stand ein mit grünem, etwas dunkler befranztem Tuch bedeckter Tisch. Hinter dem Tisch standen drei Lehnstühle mit sehr hohen, eichenen, geschnitzten Rücklehnen. Hinter den Lehnstühlen sah man im goldenen Rahmen ein lebensgroßes grelles Porträt des Kaisers, der mit vorgestrecktem Fuß, die Hand auf den Säbel gestützt, in Generals uniform mit Ordensband dastand. In der rechten Ecke hing ein Heiligenschrein mit einem dornengekrönten Christusbilde und befand sich ein Betpult. Auf der rechten Seite stand auch der Tisch des Staatsanwalts. Links, gegenüber diesem Tisch, stand mehr im Hintergrunde ein kleinerer für den Sekretär, und, etwas näher zum Publikum zu, befand sich ein gedrechseltes Eichenholzgitter, hinter welchem die noch unbesetzte Bank der Angeklagten war. Rechts auf dem Podium standen in zwei Reihen Stühle mit ebenso hohen Rücklehnen, für die Geschworenen, und unten Tische für die Advokaten.
Alles das befand sich im vorderen Teil des von einem Gitter durchquerten Saales. Der hintere Teil war ganz mit Bänken besetzt, die, immer höher aufsteigend, bis an die Rückwand reichten. Im hinteren Teile des Saales saßen nicht weit von der Barriere vier Frauen, etwa Fabrikarbeiterinnen oder Mägde, und zwei Männer, ebenfalls Arbeiter. Sie waren offenbar erdrückt von der großartigen Ausstattung des Saales und flüsterten darum nur schüchtern miteinander.
Bald nach den Geschworenen trat der Gerichtskommissar mit seinem einseitigen Gang mitten in den Saal hinaus und verkündete mit lauter Stimme, als wollte er die Anwesenden erschrecken, das übliche:
»Das Gericht!«
Alle erhoben sich von den Plätzen und auf dem Podium erschienen die Richter.
Zuerst kam der Präsident mit den muskulösen Armen und dem prächtigen Backenbart.
Dann kam das finstere Gerichtsmitglied mit der goldenen Brille. Es sah jetzt noch finsterer aus, denn kurz vor der Sitzung hatte er seinen Schwager, den Gerichtsamtskandidaten getroffen, der ihm mitteilte, daß er bei der Schwester gewesen sei und sie auch ihm erklärt hätte, daß es heute kein Mittagessen gäbe.
»Wir werden also in irgend ein Lokalchen fahren müssen«, sagte lachend der Schwager.
»Dabei ist nichts Lächerliches«, meinte das finstere Gerichtsmitglied und wurde noch finsterer.
Und endlich erschien das dritte Gerichtsmitglied, derselbe Matwej Nikititsch, der immer zu spät kam; er war ein bärtiger Mann mit großen, zu Boden gesenkten, gutmütigen Augen. Er litt an einem Magenkatarrh und hatte mit dem heutigen Morgen, auf Anraten des Arztes, ein neues Regime begonnen. Und dieses neue Regime hatte ihn heute noch länger als gewöhnlich zu Hause aufgehalten. Jetzt, als er auf das Podium hinauf stieg, hatte er ein konzentriertes Aussehen, da er nämlich die Gewohnheit besaß, in allen Fragen, die er sich stellte, auf jede erdenkliche Weise das Orakel zu befragen. Jetzt hatte er mit sich aus gemacht, daß, wenn die Anzahl der Schritte von der Kabinettthür bis zu seinem Lehnstuhl durch drei teilbar sein wird, ihn sein neues Regime vom Katarrh befreien wird, geht aber drei in der Zahl nicht auf — dann nicht. Es kamen sechs und zwanzig Schritte heraus, aber er machte noch ein kleines Schrittchen und setzte sich genau nach dem sieben und zwanzigsten in den Lehnstuhl.
Die Gestalten des auf dem Podium erschienenen Präsidenten und der Mitglieder waren in ihren goldgestickten Uniformen sehr imposant. Sie fühlten das selbst und beeilten sich alle drei, mit gesenkten Lidern, als wären sie durch ihre Großartigkeit er drückt, sich auf ihre hinter dem grünen Tisch befindlichen Sitze niederzulassen. Auf dem Tische prangten ein dreieckiges mit einem Adler gekröntes Instrument, der s. g. »Gerichtsspiegel«, und zwei Vasen, wie sie auf den Kredenzen der Restaurants, mit Konfekt gefüllt stehen; ferner stand da ein Tintenfaß und lagen frisch angespitze Bleifedern von verschiedener Länge sowie weißes Papier. Mit den Richtern zugleich war auch der Staatsanwaltsadjunkt eingetreten. Er schritt ebenso schnell, mit dem Portefeuille unter dem Arm und mit der Hand fuchtelnd, auf seinen Platz am Fenster zu, und versenkte sich sogleich in das Durch blättern und Lesen der Akten, indem er jede Minute zur Präparation auszunutzen suchte. Dieser Staatsanwaltsadjunkt führte die Anklage erst zum vierten Mal. Er war sehr ehrgeizig und hatte den festen Vorsatz, Karriere zu machen, weswegen er es für unerläßlich hielt, in jedem Prozeß, in welchem er die Anklage vertrat, auch eine Verurteilung zu erwirken. Das Wesentliche des Giftmordprozesses kannte er in allgemeinen Umrissen und hatte den Plan zu seiner Rede bereits entworfen, aber er brauchte noch einige genauere Daten und die exzerpierte er sich jetzt eilig aus den Akten.
Der Sekretär saß am entgegengesetzten Ende des Podiums und sah, nachdem er alle, vor kommenden Falles nötigen Papiere bereit gelegt hatte, einen verbotenen Aufsatz durch, den er gestern erhalten und gelesen hatte. Er hatte die Absicht, wegen dieses Aufsatzes mit dem Gerichtsmitglied mit dem großen Barte, das seine Ansichten teilte, zu sprechen und wollte sich nun, vor der Unterhaltung, den Aufsatz wieder ins Gedächtnis rufen.
Achtes Kapitel.
Der Präsident durchblätterte die Akten, stellte einige Fragen an den Gerichtskommissar und den Sekretär und ordnete, nachdem seine Fragen bejaht worden waren, die Vorführung der Angeklagten an.
Sogleich öffnete sich die Thür hinter dem Gitter und zwei Gendarmen in Czapkas, mit gezogenen Säbeln, traten ein. Hinter ihnen her kam zuerst ein Angeklagter, ein rothaariger Mann mit Sommersprossen, und dann zwei Frauen. Der Mann war mit einem für ihn zu weiten und langen Arrestantenschlafrock bekleidet. Als er den Gerichtssaal betrat, hielt er seine Hände mit ausgespreizten Daumen krampfhaft an die Hosennähte gedrückt, um so das Herabhängen der zu langen Ärmel zu verhindern. Er blickte, ohne die Richter und das Publikum anzusehen, aufmerksam auf die Bank, um die er herumging. Nachdem er sie umgangen, ließ er sich vorsichtig auf dem äußersten Ende nieder, um den anderen Platz zu geben. Dann heftete er seine Augen auf den Präsidenten und fing an, die Muskeln seiner Wangen, als ob er etwas flüsterte, zu bewegen.
Nach ihm trat, ebenfalls im Arrestantenschlafrock, ein nicht mehr junges Weib ein. Um den Kopf hatte sie ein Arrestantentuch, das Gesicht war grauweiß, ohne Brauen und Augenwimpern, aber mit geröteten Lidern. Das Weib schien vollständig ruhig zu sein. Als sie zu ihrem Platz hindurchging, hakte der Schlafrock irgendwo ein; sie machte ihn sorgfältig und ohne Eile wieder los und setzte sich nieder.
Die dritte Angeklagte war die Maslowa.
Kaum war sie eingetreten, als sich sofort die Augen aller im Saal anwesenden Männer auf sie richteten und lange konnten sie sich von ihrem weißen Gesicht mit den schwarzen, feuchtglänzenden Augen und von der unter dem Schlafrock hervortretenden üppigen Brust nicht losreißen. Sogar der Gendarm blickte sie, während sie an ihm vorbeiging, unverwandt an und fuhr dann, als sie sich gesetzt hatte, wie über sein Vergehen erschreckend, zusammen, kehrte sich schnell weg und begann auf das vor ihm liegende Fenster zu stieren.
Der Präsident wartete, bis die Angeklagten sich gesetzt hatten und wandte sich, als die Maslowa Platz genommen, an den Sekretär.
Es begann die gewöhnliche Prozedur: das Aufrufen der Geschworenen, die Verhandlungen wegen der Nichterschienenen, die Belegung derselben mit Pön, die Entscheidung über diejenigen, die um Urlaub baten, und die Kompletierung der Fehlenden durch Ersatzmänner. Darauf legte der Präsident die Lose zusammen und schüttete sie in die Glasvase. Nachdem er seine gestickten Ärmel etwas in die Höhe gezogen hatte, wobei er seine stark behaarten Arme entblößte, begann er die Lose einzeln, mit den Gesten eines Kunststückmachers herauszuholen, aufzurollen und auszurufen. Dann strich er die Ärmel wieder zurück und bat den Geistlichen, die Geschworenen zu vereidigen.
Der Geistliche war ein alter Mann, mit auf gedunsenem, blaßgelben Gesicht, in einem braunen Talar, mit goldenem Brustkreuz und irgend einem kleinen, an der Seite angehefteten Orden. Langsam unter dem Talar seine geschwollenen Beine bewegend, schritt er zu dem Betpult, das unter dem Heiligenbilde stand.
Die Geschworenen erhoben sich und drängten ebenfalls zu dem Betpult hin.
»Ich bitte«, sagte der Geistliche, mit der dicken Hand an seinem Brustkreuz rührend, und wartete, bis alle Geschworenen herangetreten waren. Dieser Geistliche bekleidete sein Priesteramt schon seit sechs und vierzig Jahren und wollte nach drei Jahren sein Jubiläum feiern, wie es der Domprobst neulich gefeiert. Im Bezirksgericht aber diente er seit Eröffnung der neuen Gerichte und war sehr stolz darauf, daß er bereits so und so viele Tausende vereidigt hatte. Auch daß er, trotz seines vorgerückten Alters fortfuhr, zum Wohle der Kirche, des Staates und seiner Familie, der er außer einem Hause ein Kapital von dreißig tausend Rubel hinterlassen konnte, zu arbeiten, er füllte ihn mit Genugthuung. Daß aber seine Arbeit im Gericht, die darin bestand, die Leute auf das Evangelium, in welchem der Eid ausdrücklich verboten war, schwören zu lassen, eine schlechte Arbeit war, war ihm niemals in den Sinn gekommen. Und diese Beschäftigung fiel ihm nicht nur nicht schwer, sondern war ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden, die ihm zu mancher angenehmen Bekanntschaft verhalf. Jetzt eben hatte er mit Vergnügen die Bekanntschaft des berühmten Advokaten gemacht, der ihm dadurch, daß er für den einen Prozeß der alten Dame mit den großen Blumen zehntausend Rubel erhalten hatte, ganz besonderen Respekt einflößte.
Als alle Geschworenen zum Podium herauf gestiegen waren, neigte der Geistliche seinen fast kahlen grauen Kopf auf die Seite, steckte ihn durch die fettige Öffnung des Epitrachilions, ordnete sein spärliches Haar und wandte sich an die Geschworenen:
»Erheben Sie die rechte Hand und thun Sie die Finger so zusammen«, sagte er langsam mit greisenhafter Stimme, indem er seine dicke, mit einem Grübchen über jedem Finger versehene Hand erhob und die Finger wie zu einer Prise zusammenlegte.
»Jetzt sprechen Sie mir nach«, sagte er und begann:
»Ich verspreche und schwöre bei Gott dem All mächtigen, vor seinem heiligen Evangelium und dem lebenspendenden Kreuze des Herrn, daß ich in der Sache, in der ich . . . « Nach jeder Phrase ließ er eine kleine Pause eintreten. »Lassen Sie Ihre Hand nicht sinken, halten Sie sie so«, wandte er sich an einen jungen Mann, der lässig seine Hand hatte herabfallen lassen, . . . »daß ich in der Sache, in der ich . . . «
Der repräsentable Herr mit dem Backenbart, der Oberst, der Kaufmann und andere hielten ihre Hände mit den zusammengelegten Fingern so, wie es der Geistliche verlangte, und thaten dieses demonstrativ und energisch, während andere die Hände nur ungern und in einer unbestimmten Höhe hielten. Einige wiederholten die Worte zu laut, wie mit einem provocierenden Ausdruck, der gleichsam sagte: ich werde aber doch und doch sprechen; während andere nur flüsterten, hinter dem Geistlichen zurückblieben und dann, wie erschrocken, das Versäumte zur Unzeit nachzuholen suchten. Einige wieder hielten ihre Prise fest, ganz fest, als fürchteten sie etwas fallen zu lassen, mit herausfordernder Geste in die Höhe, während andere ihre Finger aufmachten und dann wieder zusammenthaten. Nach der Vereidigung forderte der Präsident die Geschworenen auf, sich einen Obmann zu wählen. Die Geschworenen erhoben sich und drängten zum Beratungszimmer, wo sie fast alle sofort ihre Cigaretten herausholten und zu rauchen begannen. Jemand schlug zum Obmann den repräsentablen Herrn vor und alle stimmten sofort zu, warfen die Cigarettenstummel beiseite und kehrten in den Saal zurück. Der er wählte Obmann teilte dem Präsidenten seine Ernennung mit und die Geschworenen ließen sich wieder, gegenseitig über ihre Füße stolpernd, auf die in zwei Reihen stehenden hochlehnigen Stühle nieder.
Alles ging ohne Unterbrechung, rasch und mit einer gewissen Feierlichkeit vor sich, und diese Gesetzmäßigkeit, Folgerichtigkeit und Feierlichkeit bereitete offenbar den Teilnehmern Vergnügen, indem sie sie in der Überzeugung bestärkte, daß sie eine wichtige öffentliche Handlung vollzögen. Dieses Gefühl empfand auch Nechljudow.
Sobald sich die Geschworenen gesetzt hatten, wandte sich der Präsident mit einer Rede an sie, in welcher er ihnen ihre Rechte, ihre Pflichten und ihre Verantwortlichkeit auseinandersetzte. Während er sprach, wechselte er beständig seine Pose: bald stützte er sich auf die linke, bald auf die rechte Hand, bald auf die Rücklehne, bald auf die Armlehnen des Stuhles; bald glättete er die Ränder des Papieres, bald betrachtete er das Papiermesser, bald die Bleifeder.
Ihre Rechte bestanden, seinen Worten nach, darin, daß sie durch ihn an die Angeklagten Fragen stellen konnten, daß sie Bleifeder und Papier bei sich haben und die corpora delicti besichtigen durften.
Ihre Pflicht bestand darin, daß sie nicht zu Unrecht, sondern gerecht urteilen sollten.
Ihre Verantwortlichkeit endlich zeigte sich darin, daß sie, im Falle der Verletzung des Amtsgeheimnisses und der Konspiration mit Nichtgeschworenen, einer Strafe unterlagen.
Alle hörten in ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit zu. Der Kaufmann, der um sich herum einen Alkoholdunst verbreitete und ein geräuschvolles Aufstoßen zu unterdrücken suchte, nickte zu jedem Satze beifällig mit dem Kopf.
Neuntes Kapitel.
Nachdem der Präsident seine Rede beendet hatte, wandte er sich den Angeklagten zu.
»Simon Kartinkin, stehen Sie auf«, sagte er. Simon sprang nervös auf. Die Muskeln seiner Wangen begannen sich noch heftiger zu bewegen.
»Ihr Name?«
»Simon Petrow Kartinkin«, klapperte er schnell die offenbar vorbereitete Antwort herunter.
»Ihr Stand?«
»Bauer.«
»Welches Gouvernement, welcher Kreis?«
»Das Tulasche Gouvernement, der Krapiwensche Kreis, die Kupjanskische Gemeinde, das Borkische Kirchdorf.«
»Wie alt sind Sie?«
»Im vierunddreißigsten, geboren tausendacht hundert . . .
»Welcher Konfession?«
»Wir sind russisch, rechtgläubig.«
»Verheiratet?«
»Zu Befehl, nein.«
»Womit beschäftigen Sie sich?«
»Wir waren auf dem Korridor in »Hotel Mauritanien« beschäftigt.«
»Vorbestraft?«
»Niemals war ich vor Gericht, denn da wir früher lebten . . . «
»Also nicht vorbestraft?«
»Gott beschütze, nie.«
»Haben Sie die Kopie der Anklageschrift er halten?«
»Jawohl.«
»Setzen Sie sich. Jewfimia Iwanowa Botschkowa«, wandte sich der Präsident an die folgende Angeklagte.
Aber Simon blieb stehen und verdeckte die Jewfimia.
»Kartinkin, setzen Sie sich.«
Kartinkin blieb immer noch stehen.
»Kartinkin, setzen Sie sich!«
Aber Kartinkin stand immer noch und setzte sich erst dann, als der herbeigelaufene Gerichtskommissar, mit zur Seite gebeugtem Kopf und unnatürlich aufgerissenen Augen ihm in tragischem Flüsterton zuraunte: sitzen, sitzen!
Kartinkin setzte sich eben so hastig, wie er auf gestanden war und begann, seinen Schlafrock zu ziehend, wieder lautlos die Wangen zu bewegen.
»Ihr Name?« wandte sich der Präsident mit einem Seufzer der Ermüdung zu der zweiten Angeklagten, ohne sie anzusehen und irgend etwas in dem vor ihm liegenden Papier aufsuchend. Die Beschäftigung war dem Präsidenten eine so gewohnte, daß er, zur Beschleunigung des Verfahrens, zwei Sachen zugleich machen konnte.
Die Botschkowa war drei und vierzig Jahre alt, Stand — Kleinbürgerin aus Kolomna, Beruf — Stubenmädchen in dem nämlichen »Hotel Mauritanien.« Angeklagt und in Untersuchung war sie früher nicht gewesen, die Kopie der Anklageschrift hatte sie erhalten. Ihre Antworten brachte die Botschkowa außerordentlich keck heraus und mit einer Betonung, als wollte sie jeder Antwort hin zusetzen: »jawohl Jewfimia, und Botschkowa, die Kopie hab ich erhalten, bin stolz darauf und werde niemandem erlauben, sich über mich lustig zu machen.«
Die Botschkowa setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, sofort hin, sobald alle an sie gerichteten Fragen erledigt waren.
»Ihr Name?« wandte sich der Präsident an die dritte Angeklagte. »Man muß aufstehen«, fügte er weich und freundlich hinzu, als er bemerkte, daß die Maslowa sitzen geblieben war.
Die Maslowa erhob sich schnell und sah, mit vorgestreckter Brust und dem Ausdruck der Bereitwilligkeit, ohne zu antworten, dem Präsidenten, lächelnd, mit den etwas schielenden schwarzen Augen gerade ins Gesicht.
»Wie nennen Sie sich?«
»Man nannte mich Ljubowj«, sagte sie schnell.
Nechljudow betrachtete unterdessen mit aufgesetztem Pincenez die einzelnen Angeklagten, je nach dem sie aufgerufen wurden. — »Nicht möglich«, dachte er, ohne von der Angeklagten die Augen zu wenden.
»Wie kann sie denn Ljubowj heißen«, dachte er, als er ihre Antwort hörte.
Der Präsident wollte weiter fragen, aber das Mitglied in der Brille unterbrach ihn und raunte ihm etwas mißmutig zu. Der Präsident nickte zustimmend mit dem Kopf und wandte sich wieder an die Angeklagte.
»Wieso denn Ljubowj?« sagte er. »Sie sind hier anders eingetragen.«
Die Angeklagte schwieg.
»Ich frage Sie, wie Ihr wirklicher Name ist?«
»Wie getauft?« fragte das finstere Mitglied.
»Früher hieß ich Katharina.«
»Es ist nicht möglich«, fuhr Nechljudow fort sich einzureden. Trotzdem aber wußte er jetzt ohne alle Zweifel, daß sie es war, dasselbe Mädchen, Ziehkind und Stubenmagd, in welches er eine Zeit lang verliebt, richtig verliebt gewesen, es dann in einem wahnsinnigen Taumel verführt und verlassen hatte. Später hatte er niemals mehr an sie gedacht, weil die Erinnerung daran zu qualvoll war, ihn zu deutlich überführte und ihm zeigte, daß er, der so stolz auf seine Anständigkeit und Korrektheit war, diesem Weibe gegenüber sich nicht nur unkorrekt, sondern geradezu niederträchtig und gemein benommen hatte.
Ja, sie war es. Er sah jetzt deutlich jene exzeptionelle, geheimnisvolle Besonderheit, die den einen Menschen vom andern unterscheidet, ihn zu etwas Apartem, Einzigem, Unwiederholbarem macht. Trotz der unnatürlichen Blässe und Fülle des Gesichts befand sich jene aparte, liebe Besonderheit in dem Gesicht, in den Lippen, in den etwas schielenden Augen und namentlich in diesem naiven, lächelnden Blick und in dem Ausdruck der Bereitwilligkeit, der nicht nur im Gesicht, sondern auch in der ganzen Figur lag.
»So hätten Sie gleich sagen sollen«, sagte wieder ganz besonders weich der Präsident. »Ihr Vatername?«
»Ich bin — eine Uneheliche«, stammelte die Maslowa.
»Doch, wie nannte man Sie nach dem Taufvater?«
»Michajlowa.«
»Und was konnte sie verbrochen haben?« fuhr unterdes Nechljudow, schwer atmend, zu denken fort.
»Wie ist Ihr Familienname, Ihr Zuname?« fragte der Präsident weiter.
»Nach der Mutter wurde ich Maslowa genannt.«
»Ihr Stand?
»Kleinbürgerin.«
»Rechtgläubig?«
»Rechtgläubig.«
»Ihr Beruf? Womit beschäftigten Sie sich?«
Die Maslowa schwieg.
»Womit beschäftigten Sie sich?« wiederholte der Präsident.
»Ich war in der Anstalt«, sagte sie.
»In welcher Anstalt?« fragte streng das Mitglied mit der Brille.
»Sie wissen es ja selbst«, sagte die Maslowa lächelnd und begann, nachdem sie einen schnellen Blick um sich geworfen, wieder den Präsident gerade anzusehen.
Es lag etwas so Ungewöhnliches in ihrem Gesichtsausdruck, etwas so Fürchterliches und Trauriges in der Bedeutung ihrer Worte, ihres Lächelns und des schnellen Blickes, mit dem sie dabei den ganzen Saal überschaut hatte, daß der Präsident seine Augen senkte und im Saal auf einen Augenblick tiefe Stille entstand. Diese Stille wurde nur durch das Gelächter irgend eines der Zuschauer unterbrochen. Ein anderer fing an zu zischen. Der Präsident erhob das Haupt und fuhr fort zu fragen.
»In Untersuchung und vorbestraft waren Sie nicht?«
»Nein«, antwortete die Maslowa leise mit einem Seufzer.
»Haben Sie die Kopie der Anklageschrift er halten?«
»Jawohl.«
»Setzen Sie sich«, sagte der Präsident.
Die Angeklagte hob ihren Rock hinten mit der Bewegung auf, mit welcher geputzte Frauen ihre Schleppe zurückzuschlagen pflegen, und setzte sich, die kleinen Hände in den Ärmeln des Schlafrocks bergend, die Augen unverwandt auf den Präsidenten gerichtet.
Es folgte die Überzählung und Abführung der Zeugen, die Verhandlung bezüglich des medizinischen Sachverständigen und seine Vorladung in den Gerichtssaal. Dann stand der Sekretär auf und begann die Verlesung der Anklageschrift. Er las vernehmlich und laut, aber so schnell, daß seine Stimme, die die Laute L. und R. fehlerhaft aussprach, in ein ununterbrochenes, einschläferndes Getöne zusammenfloß.
Die Richter stützten sich bald auf die eine, bald auf die andere Armlehne, bald auf den Tisch, bald auf die Rücklehne, bald schlossen sie die Augen, bald öffneten sie sie und warfen sich flüsternde Bemerkungen zu. Ein Gendarm hielt mehrere Mal einen beginnenden Gähnkrampf zurück.
Unter den Angeklagten bewegte Kartinkin unaufhörlich seine Wangenmuskeln, während die Botschkowa sich aufrecht und vollständig ruhig hielt, und nur von Zeit zu Zeit sich den Kopf unterm Tuch mit dem Finger kratzte.
Die Maslowa saß bald unbeweglich, dem vorlesenden Sekretär unverwandt zuhörend, bald fuhr sie auf und schien etwas einwenden zu wollen; dann wieder wurde sie rot und seufzte schwer auf, änderte die Lage der Hände, blickte umher, um ihre Augen von neuem auf den Vorleser zu heften.
Nechljudow saß in der ersten Reihe auf seinem hohen Stuhle und blickte, ohne daß Pincenez abzunehmen, auf die Maslowa. In seiner Seele ging eine komplizierte und qualvolle Arbeit vor sich.
Zehntes Kapitel.
Die Anklageschrift lautete: »Am 17. Januar des Jahres 188 . verstarb im Hotel »Mauritanien« plötzlich der angereiste Kurganskische Kaufmann 2. Gilde Ferapont Emeljanowitsch Smeljkow.«
»Der Polizeiarzt des 4. Bezirks stellte fest, daß der Tod durch Herzschlag erfolgt sei, hervorgerufen durch übermäßigen Genuß alkoholischer Getränke.«
»Der Leichnam Smeljkows wurde der Erde übergeben.«
»Nach Verlauf einiger Tage brachte der aus St. Petersburg zurückgekehrte Landsmann und Freund des verstorbenen Smeljkow, der Kaufmann Timochin, zur Anzeige, daß er auf Grund der Umstände, unter welchen der Tod Smeljkows erfolgt sei, den Verdacht hege, daß man seinen Freund zum Zwecke der Beraubung vergiftet habe.«
»Dieser Verdacht fand eine Bestätigung durch folgende Ergebnisse der eingeleiteten Voruntersuchung:
1. Kurz vor seinem Tode erhielt Smeljkow an der Bank dreitausend achthundert Rubel Silber. Während dessen wurden bei der zwecks Sicherstellung des Nachlasses des Verstorbenen angestellten protokollarischen Aufnahme in barem Gelde nur dreihundert und zwölf Rubel auch sechzehn Kopeken vorgefunden.
2. Den ganzen vorhergehenden Tag und die ganze Nacht vor seinem Tode verbrachte Smeljkow in Gesellschaft eines Ljubka genannten Mädchens (der Jekaterina Maslowa), zum Teil bei ihr, zum Teil in dem Hotel »Mauritanien«, wohin auch, in seinem Auftrage zwar, jedoch in seiner Abwesenheit, die vorgenannte Jekaterina Maslowa von ihrem Hause aus hinfuhr, um für den Smeljkow Geld zu holen, welches sie seinem Koffer entnahm, nachdem sie denselben mit dem ihr vom Eigentümer übergebenen Schlüssel geöffnet, und zwar in Gegenwart der im Hotel »Mauritanien« Bediensteten: Jewfimia Botschkowa und Simon Kartinkin. In dem Koffer Smeljkows sahen die seiner Eröffnung durch die Maslowa und nachherigen Verschließung durch ebendieselbe beiwohnenden vorgenannten Botschkowa und Kartinkin mehrere Pakete von Hundertrubelscheinen.
3. Nachdem Smeljkow zusammen mit der Ljubka in das Hotel »Mauritanien« zurückgekehrt war, gab diese auf Anraten des Korridorbedienten Kartinkin dem Smeljkow ein Glas Kognak zu trinken, in welches sie ein vom letztgenannten Kartinkin erhaltenes weißes Pulver hineingeschüttet hatte.
4. Am anderen Morgen verkaufte die Ljubka (Jekaterina Maslowa) ihrer Wirtin, der Zeugin Rosanowa, den Brillantring des Smeljkow, welchen sie angeblich von diesem zum Geschenk erhalten haben wollte.
5. Das Korridormädchen des Hotels »Mauritanien«, Jewfimia Botschkowa, machte auf ihre laufende Rechnung in der örtlichen Kommerzbank eine Einzahlung von tausendachthundert Rubel Silber.«
»Durch die gerichtsärztliche Totenschau, Obduktion und chemische Analyse der Eingeweide des Smeljkow wurde festgestellt, daß sich in dem Organismus des Verstorbenen zweifellos Gift befinde, welcher Umstand die Schlußfolgerung gestatte, daß der Tod Smeljkows durch Vergiftung herbei geführt sei.«
»Die vor die Anklage gestellten mehrgenannten Maslowa, Botschkowa und Kartinkin bekannten sich nicht für schuldig und erklärten:
Die Maslowa, daß sie in der That von Smeljkow in das Hotel »Mauritanien« geschickt worden war, um dem Kaufmann Geld zu holen. Daß sie dort, nachdem sie mit dem ihr vom Kaufmann übergebenen Schlüssel den Koffer geöffnet, demselben, wie es ihr gesagt worden war, vierzig Rubel Silber, aber nicht mehr Geld entnommen hätte, welches die Botschkowa und Kartinkin, die bei dem ganzen Vorgang zugegen gewesen wären, bezeugen könnten. Ferner sagte sie aus, daß sie, als sie zum zweiten Mal in das Hotel kam, dem Smeljkow auf Veranlassung Kartinkins wirklich irgend ein weißes Pulver in Kognak zu trinken gab. Sie that dieses in der Meinung, es handele sich um ein Schlafpulver, damit der Kaufmann einschliefe und sie früher nach Hause gehen könnte. Den Ring habe ihr Smeljkow selbst geschenkt, nachdem er sie geprügelt und sie von ihm weggehen wollte.«
»Jewfimia Botschkowa sagte aus, daß sie von dem verschwundenen Gelde nichts wisse und das Zimmer des Kaufmanns nicht betreten hätte. Dort habe die Ljubka allein gewirtschaftet, und wenn von dem Kaufmann etwas geraubt sei, so könne das nur die Ljubka gethan haben, als sie mit den Schlüsseln des Kaufmanns das Geld holte . . . «
An dieser Stelle der Vorlesung zuckte die Maslowa zusammen, öffnete den Mund und wandte sich nach der Botschkowa um.
»Als aber der Jewfimia Botschkowa ihr auf tausend achthundert Rubel Silber lautender Bankschein vorgelegt wurde«, fuhr der Sekretär zu lesen fort, »und sie gefragt wurde, woher sie so viel Geld habe, sagte sie aus, daß sie sich dasselbe im Laufe von zwölf Jahren zusammen mit Simon Kartinkin, den sie heiraten wollte, verdient hätte.«
»Simon Kartinkin gestand seinerseits bei der ersten Vernehmung, daß er zusammen mit der Botschkowa, auf Veranlassung der mit dem Schlüssel in das Hotel gekommenen Maslowa, das Geld geraubt und es mit den beiden Frauen geteilt habe . . . «
Bei diesen Worten fuhr die Maslowa wieder zusammen, wurde dunkelrot, sprang sogar auf und begann zu sprechen. Aber der Gerichtskommissar hieß sie schweigen.
»Endlich«, fuhr der Sekretär im Lesen fort, »gestand Kartinkin auch, daß er der Maslowa Pulver zur Einschläferung des Kaufmanns gebracht habe. In seiner zweiten Vernehmung leugnete der Angeklagte dagegen, an dem Raub des Geldes teilgenommen und der Maslowa irgend welches Pulver gegeben zu haben; an allem sei die Maslowa allein schuld. Bezüglich des von der Botschkowa bei der Bank eingezahlten Geldes aber sagte er übereinstimmend mit der Botschkowa aus, daß sie das Geld sich zusammen, während ihrer zwölf jährigen Dienstzeit im Hotel, von den Trinkgeldern der Herrschaften erspart hätten.«
Der Schluß der Anklageschrift lautete:
»Auf Grund des oben dargelegten Sachverhaltes werden der Bauer des Dorfes Borki, Simon Kartinkin, dreiunddreißig Jahre alt, die Kleinbürgerin Jewfimia Iwanowa Botschkowa, vierunddreißig Jahre alt, und die Kleinbürgerin Jekaterina Michajlowa Maslowa, siebenundzwanzig Jahre alt, angeklagt, am 17. Januar 188 . nach vorhergegangener Verabredung Geld und einen Ring des Kaufmanns Smeljkow im Gesamtwerte von zweitausend fünfhundert Rubel entwendet und dem Smeljkow in der Absicht, ihm das Leben zu nehmen, Gift gegeben zu haben, in welcher Folge der genannte Smeljkow mit Tode abging.«
»Dieses Verbrechen ist vorgesehen durch die §s 4 und 5 des 1453. Art. des Strafgesetzbuches. Daher und auf Grund des Art. 201 der Kriminalprozeßordnung unterliegen die obengenannten Simon Kartinkin, Jewfimia Botschkowa und Jekaterina Maslowa der Aburteilung des Bezirksgerichtes mit Hinzuziehung von Geschworenen.«
So schloß der Sekretär die Verlesung der langen Anklageschrift. Dann legte er die Akten zusammen und setzte sich, das lange Haar mit beiden Händen zurückstreichend, auf seinen Platz.
Alle atmeten erleichtert auf in dem angenehmen Bewußtsein, daß jetzt die Untersuchung beginnen, alles sich sogleich aufklären und dem Rechte Genüge gethan würde.
Nur Nechljudow teilte dieses Gefühl nicht. Er war bewältigt vom Entsetzen über das, was jene Maslowa gethan haben sollte, die er vor zehn Jahren als ein unschuldiges, reizendes Mädchen gekannt hatte.
Elftes Kapitel.
Nachdem die Verlesung der Anklageschrift beendet war, beriet sich der Präsident mit den Mitgliedern und wandte sich dann an Kartinkin mit einem Ausdruck, der deutlich sagte, daß man jetzt endlich alles und aufs genaueste erfahren würde.
»Bauer Simon Kartinkin«, begann er sich nach links vorbeugend.
Simon Kartinkin erhob sich. Er hielt die Hände an der Hosennaht und streckte sich mit dem ganzen Oberkörper vor, während seine Wangen nicht aufhörten, sich lautlos zu bewegen.
»Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188 ., gemeinsam mit Jewfimia Botschkowa und Jekaterina Maslowa, aus dem Koffer des Kaufmanns Smeljkow das demselben gehörende Geld entwendet zu haben, dann Arsenik gebracht und Jekaterina Maslowa überredet zu haben, das Gift im Weine dem Kaufmann zu geben, wodurch der Tod des letzteren erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?« fragte der Präsident und beugte sich nach rechts vor.
»Das ist ja gar nicht möglich, denn unser Geschäft ist, die Gäste zu bedienen . . . «
»Das können Sie später sagen. Bekennen Sie sich schuldig?
»Zu Befehl, nein. Ich habe nur . . . «
»Das können Sie später sagen. Bekennen Sie sich schuldig?« wiederholte ruhig aber fest der Präsident.
»Das kann ich nicht thun, denn . . . «
Wieder sprang der Gerichtskommissar zu Simon Kartinkin heran und hieß ihn mit dumpfem Flüstern aufhören.
Der Präsident stützte den Ellbogen der Hand, in welcher er das Papier hielt, auf eine andere Stelle mit dem Ausdruck, als wäre diese Sache nun abgethan, und wandte sich an Jewfimia Botschkowa.
»Jewfimia Botschkowa, Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188 . im Hotel »Mauritanien«, gemeinschaftlich mit Simon Kartinkin und Jekaterina Maslowa, dem Kaufmann Smeljkow aus seinem Koffer Geld und einen Ring entwendet zu haben, und nachdem Sie das Geraubte mit den andern geteilt hatten, dem Kaufmann Smeljkow zur Verbergung Ihres Verbrechens Gift gegeben zu haben, wodurch sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?«
»An nichts bin ich schuld«, begann flink und sicher die Angeklagte zu sprechen. »Ich bin überhaupt nicht in seinem Zimmer gewesen. Da dieses Luder aber drin gewesen, so hat sie auch alles gemacht . . . «
»Das können Sie später sagen«, bemerkte ebenso weich und fest der Präsident. »Sie bekennen sich also nicht schuldig?«
»Nicht ich habe das Geld genommen und nicht ich habe ihn vergiftet. Ich war überhaupt nicht in dem Zimmer. War ich da drin gewesen, hätte ich sie überhaupt hinausgeschmissen.«
»Sie bekennen sich nicht schuldig?«
»Niemals!«
»Sehr schön.«
»Jekaterina Maslowa«, begann der Präsident, sich an die dritte Angeklagte wendend: Sie sind angeklagt, in das Zimmer des Hotels »Mauritanien« mit dem Schlüssel des Kaufmanns Smeljkow gekommen zu sein, dort aus dem Koffer Geld und einen Ring entwendet zu haben . . . « Der Präsident leierte es wie eine eingelernte Schulaufgabe herunter, während er sein Ohr zu dem Mitglieds links hingebeugt hielt, um dessen Bemerkung bezüglich eines nach dem Verzeichnisse der corpora, delicti fehlenden Fläschchens besser zu verstehen.
»Aus dem Koffer Geld und einen Ring entwendet zu haben«, wiederholte der Präsident, »und nachdem Sie das Geraubte geteilt hatten und dann zum zweiten Mal zusammen mit dem Kaufmann Smeljkow in das Hotel »Mauritanien« gekommen waren, Smeljkow Gift gegeben zu haben, worauf hin sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?«
»Ich bin gar nicht schuldig«, begann sie rasch zu sprechen, »wie ich zuerst gesagt habe, so sage ich auch jetzt: ich habe nicht genommen, nicht genommen, nicht genommen, nichts habe ich genommen und den Ring hat er mir selbst geschenkt.«
»Sie bekennen sich nicht schuldig, zweitausend fünfhundert Rubel Geld entwendet zu haben?« fragte der Präsident.
»Ich sage, daß ich nichts genommen habe, außer den vierzig Rubel.«
»Nun, aber daß Sie dem Kaufmann Smeljkow im Wein ein Pulver eingegeben haben, bekennen Sie sich dessen schuldig?«
»Das bekenne ich. Nur dachte ich, daß es, wie man mir gesagt hatte, ein Schlafpulver sei, das nichts mache. Ich habe das nicht geglaubt und nicht gewollt. Vor Gott sag’ ich’s, ich hab’ es nicht gewollt«, sagte sie.
»Sie bekennen sich also nicht schuldig, dem Kaufmann Smeljkow Geld und einen Ring entwendet, aber Sie gestehen, ihm ein Pulver ein gegeben zu haben?«
»Das allerdings, aber ich glaubte, daß es ein Schlafpulver ist. Ich gab es nur, damit er ein schläft, das wollte ich nicht und dachte ich nicht.«
»Sehr gut«, sagte der Präsident, augenscheinlich mit den erzielten Resultaten sehr zufrieden. »Also erzählen Sie, wie die ganze Sache war«, sagte er, sich auf den Stuhlrücken lehnend und beide Hände auf den Tisch legend. »Erzählen Sie alles, wie es war. Sie können durch ein offen herziges Geständnis Ihre Lage lindern.«
Die Maslowa schwieg, den Präsidenten gradaus ansehend.
»Erzählen Sie, wie die Sache war.«
»Wie es war?« begann die Maslowa plötzlich und schnell. »Ich kam im Hotel an, man führte mich in sein Zimmer und dort war er schon sehr betrunken.« — Sie sprach das Wort er mit einem besonderen Ausdruck des Entsetzens, indem sie ihre Augen weit aufriß. — »Ich wollte wegfahren, er ließ mich nicht.«
Sie schwieg, als hätte sie plötzlich den Faden verloren, oder als wäre ihr etwas anderes eingefallen.
»Nun und dann?«
»Was denn dann? Ich blieb eine Zeitlang bei ihm und fuhr dann nach Hause.«
In diesem Augenblick erhob sich der Staatsanwaltsadjunkt zur Hälfte, indem er sich affektiert ans den einen Ellbogen stützte.
»Sie wünschen eine Frage zu stellen«, sagte der Präsident und zeigte dem Staatsanwalt auf dessen bejahende Antwort mit einer Geste, daß er fragen könne.
»Ich möchte mir die Frage gestatten, ob die Angeklagte schon früher mit Simon Kartinkin bekannt gewesen?« fragte der Staatsanwalt, ohne die Maslowa anzusehen.
Und nachdem er seine Frage gestellt hatte, preßte er die Lippen zusammen und runzelte die Stirn.
Der Präsident wiederholte die Frage. Die Maslowa starrte den Staatsanwalt erschrocken an.
»Mit Simon? Ja«, sagte sie.
»Ich möchte jetzt wissen, worin diese Bekanntschaft der Angeklagten mit Kartinkin bestand? Ob sie sich häufig sahen?«
»Worin die Bekanntschaft bestand? Er lud mich zu den Gästen ein; überhaupt keine Bekanntschaft«, antwortete die Maslowa, ihre Augen unruhig vom Staatsanwalt zum Präsidenten und zurück wendend.
»Ich möchte wissen, warum Kartinkin zu den Gästen ausschließlich die Maslowa und nicht auch andere Mädchen einlud?« fragte der Staatsanwalt und kniff die Augen zusammen mit einem leisen, mephistophelisch-listigen Lächeln.
»Ich weiß nicht. Woher soll ich das wissen«, antwortete die Maslowa, schaute sich erschrocken um und ließ den Blick für einen Moment auf Nechljudow haften. »Er lud ein, wen er wollte.«
»Hat sie mich wirklich erkannt?« dachte voll Entsetzen Nechljudow und er fühlte, wie das Blut ihm ins Gesicht schoß. Aber die Maslowa wandte, ohne ihn von den anderen zu unterscheiden, ihren Blick wieder ab und heftete ihre Augen von neuem voll Schrecken auf den Staatsanwalt.
»Die Angeklagte leugnet also, zu Kartinkin irgend welche näheren Beziehungen unterhalten zu haben? Sehr gut. Ich habe nichts mehr zu fragen.«
Und der Staatsanwalt nahm sogleich den Ellbogen vom Schreibpulte und begann etwas auf zuschreiben. In Wirklichkeit schrieb er nichts, sondern fuhr nur mit der Feder über die Buchstaben seines Zettels; aber er hatte gesehen, wie Staatsanwälte und Advokaten es machen: nach einer geschickten Frage tragen sie in ihre Rede eine Notiz ein, die den Gegner vernichten soll.
Der Präsident wandte sich nicht sogleich an die Angeklagte, weil er eben das Mitglied in der Brille befragte, ob es mit der Vorlegung der bereits im voraus aufgestellten und notierten Fragen einverstanden sei.
»Was war denn weiter?« fuhr der Präsident zu fragen fort.
»Ich kam nach Hause«, berichtete die Maslowa, jetzt schon etwas kühner den Präsidenten allein betrachtend, »und legte mich schlafen. Kaum war ich eingeschlafen, so weckte mich unser Mädchen, die Bertha. »Geh, sagte sie, Dein Kaufmann ist wieder da.« Da wollte er — sie sprach das Wort er wieder mit demselben Ausdruck des Entsetzens aus — da wollte er nach Wein schicken, hatte aber kein Geld mehr bei sich und schickte mich ins Hotel auf sein Zimmer. Er sagte mir, wo das Geld sei und wie viel ich nehmen sollte. So fuhr ich denn hin.«
Der Präsident flüsterte im Augenblicke etwas dem Mitgliede links zu und hörte daher nicht, was sie sprach. Um aber zu zeigen, daß er alles gehört habe, wiederholte er ihre letzten Worte.
»Sie fuhren hin. Nun, und . . . ?« sagte er.
»Als ich angekommen war, that ich, was er mir befohlen: ich ging auf sein Zimmer. Ich ging nicht allein ins Zimmer, sondern rief Simon Michajlowitsch und die da«, sagte sie und wies auf die Botschkowa.
»Sie lügt, ich bin überhaupt nicht drin gewesen . . . «, begann die Botschkowa, wurde aber am Fortfahren gehindert.
»In deren Gegenwart nahm ich vier Zehnrubelscheine heraus«, erzählte die Maslowa weiter, die Stirne runzelnd und ohne die Botschkowa anzusehen.
»Hm, hat die Angeklagte als sie die vierzig Rubel herausnahm, nicht vielleicht bemerkt, wieviel Geld im Ganzen da war?« fragte wieder der Staatsanwalt.
Die Maslowa zuckte zusammen, sobald sich der Staatsanwalt an sie wandte. Sie wußte nicht, wie und warum, aber sie fühlte, daß dieser Mensch ihr übelwollte.
»Ich habe nicht gezählt, ich sah nur, daß dort Hundertrubelscheine waren.«
»Die Angeklagte hatte die Hundertrubelscheine gesehen. — Ich habe nichts mehr.«
»Nun, Sie brachten ihm also das Geld?« fuhr der Präsident fort, einen Blick auf seine Uhr werfend.
»Jawohl.«
»Nun und dann?« fragte der Präsident.
»Dann nahm er mich wieder mit sich«, sagte die Maslowa.
»So, und wie gaben Sie ihm denn das Pulver im Wein?« fragte der Präsident.
»Wie ich es ihm gab? Ich schüttete es in den Wein und gab es ihm.«
»Wozu gaben Sie es ihm denn?«
Sie seufzte tief und schwer auf ohne zu antworten.
»Er wollte mich immer nicht weglassen«, sagte sie nach einigem Schweigen. »Ich war schon ganz abgequält. Da ging ich auf den Korridor hinaus und sagte zu Simon Michajlowitsch: »wenn er mich doch weglassen wollte, ich bin schon müde.« Und Simon Michajlowitsch sagte: »wir sind ihn auch überdrüssig. Wir wollen ihm ein Schlafpulver geben; wenn er eingeschlafen ist, kannst du gehen.« »Gut«, sagte ich. Ich dachte, daß es ein unschädliches Pulver sei. Er gab mir ein Papierchen. Ich ging wieder hinein; er lag hinter der Scheide wand und ließ sich sofort einen Kognak reichen. Ich nahm vom Tisch eine Flasche Fine Champagne, goß zwei Gläser ein, eins mir, eins ihm, schüttete in das seinige das Pulver und gab es ihm. Hätt’ ich denn gegeben, wenn ich das gewußt hätte.«
»Nun und wie kamen Sie zu dem Ring«, fragte der Präsident.
»Den Ring hat er mir selbst geschenkt.«
»Wann hat er Ihnen denselben geschenkt?«
»Als ich mit ihm in das Zimmer gekommen war, wollte ich wieder weggehen, er aber schlug mich auf den Kopf, sodaß der Kamm zerbrach. Ich wurde böse und wollte wegfahren. Er nahm den Ring vom Finger und schenkte ihn mir, damit ich bliebe«, sagte sie.
Der Staatsanwalt erhob sich von neuem und bat immer mit demselben geheuchelt-naiven Ausdruck um die Erlaubnis, noch einige Fragen vorzulegen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten, neigte er seinen Kopf über den gestickten Kragen und fragte:
»Ich möchte wissen, wie lange die Angeklagte sich in dem Zimmer des Kaufmanns Smeljkow aufhielt?«
Die Maslowa wurde wieder von Furcht befallen und, unruhig mit den Augen vom Staatsanwalt zum Präsidenten schweifend, sagte sie schnell:
»Ich erinnere mich nicht, wie lange.«
»So, erinnert sich aber die Angeklagte vielleicht, ob sie sich nachdem sie aus dem Zimmer des Kaufmanns Smeljkow gegangen noch irgend wo anders im Hotel aufgehalten habe?«
Die Maslowa sann nach.
»In ein leeres Zimmer nebenbei bin ich hinein gegangen«, sagte sie.
»Wozu gingen Sie denn da hinein?« fragte interessiert der Staatsanwalt, sich direkt an sie wendend.
»Ich wartete auf die Droschke.«
»War auch Kartinkin mit der Angeklagten im Zimmer, oder war er nicht da?«
»Er war auch eingetreten.«
»Wozu war er denn eingetreten?«
»Da war noch Fine Champagne vom Kaufmann übrig geblieben, den tranken wir zusammen aus.«
»Ah, Sie tranken ihn zusammen aus. Sehr gut.«
»Hatte vielleicht die Angeklagte mit Simon irgend eine Unterhaltung?«
Die Maslowa zog plötzlich die Augenbrauen zusammen, wurde dunkelrot und sagte schnell:
»Was ich gesprochen habe? Ich weiß nichts mehr. Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich bin unschuldig und das ist alles. Nichts habe ich gesprochen. Was gewesen ist, habe ich alles er> zählt«, sagte sie.
»Ich habe nichts weiter«, sagte der Staatsanwalt zum Präsidenten und begann, die Schultern unnatürlich aufziehend, schnell in das Koncept seiner Rede das eigene Geständnis der Angeklagten, daß sie sich mit Simon in einem leeren Zimmer aufgehalten habe, einzutragen.
Es trat Schweigen ein.
»Haben Sie nichts mehr zu sagen?«
»Ich habe alles gesagt«, sprach sie seufzend und setzte sich.
Darauf trug der Präsident etwas in sein Papier ein und erklärte nach einer ihm vom Mitgliede links flüsternd gemachten Mitteilung, daß die Sitzung auf zehn Minuten unterbrochen werde. Darauf erhob er sich eilig und ging zum Saal hinaus. Die Beratung zwischen dem Präsidenten und dem Mitglieds links, dem starken, bärtigen Herrn mit den großen gutmütigen Augen, war dadurch veranlaßt worden, daß letzterer ein leichtes Unbehagen im Magen verspürte und deswegen eine kleine Massage ausführen und Tropfen ein nehmen wollte. Dieses teilte er dem Präsidenten mit, der daraufhin die Unterbrechung der Sitzung ankündigte.
Nach den Richtern erhoben sich auch die Geschworenen, die Advokaten und Zeugen und begannen, mit dem angenehmen Gefühle, einen Teil der wichtigen Sache vollbracht zu haben, hin und her zu gehen.
Nechljudow ging in das Geschworenenzimmer und setzte sich dort ans Fenster.
Zwölftes Kapitel.
Ja, es war Katjuscha.
Die Beziehungen Nechljudows zu Katjuscha waren folgende:
Zum ersten Mal hatte er sie gesehen, als er im sechsten Universitätssemester, während er seinen Aufsatz über den Grundbesitz schrieb, den Sommer bei den Tanten zubrachte. Gewöhnlich hielt er sich den Sommer über mit Mutter und Schwester auf dem in der Nähe Moskaus gelegenen mütterlichen Gut auf. Aber in diesem Jahr hatte sich seine Schwester verheiratet und die Mutter war in ein ausländisches Bad gereist. Nechljudow jedoch mußte seinen Aufsatz schreiben und entschloß sich daher, den Sommer bei den Tanten zu verbringen. Bei ihnen in ihrer Weltabgeschiedenheit war es still und gab es keine Zerstreuungen. Die Tanten liebten ihren Neffen und Erben zärtlich, und auch er liebte sie, liebte sie wegen ihrer Altväterlichkeit und der Schlichtheit ihrer Lebensweise.
Nechljudow durchlebte diesen Sommer bei den Tanten jenen begeisterungsvollen Zustand, da der Jüngling zum ersten Mal aus eigener Erkenntnis und nicht nach fremden Anweisungen die ganze Schönheit und Wichtigkeit des Lebens und die ganze Bedeutung der Aufgaben, die dasselbe an den Menschen stellt, erfaßt. Er erkennt die Möglichkeit der unendlichen Vervollkommnung seiner eigenen sowohl als auch der ganzen Welt. Und er giebt sich diesem Streben nach Vervollkommnung voll Hoffnung und mit der tiefsten Überzeugung von der Erreichbarkeit jener eingebildeten Vollkommenheit hin.
In diesem Jahre las Nechljudow noch auf der Universität die »Soziale Statik« Spencers, und Spencers Ausführungen über den privaten Grundbesitz machten auf ihn besonders darum den größten Eindruck, weil er selbst der Sohn einer Großgrundbesitzerin war. Sein Vater war nicht reich gewesen, aber seine Mutter hatte als Mitgift gegen zehn taufend Deßjatinen Land erhalten. Damals erkannte er zum ersten Mal die ganze Ungerechtigkeit des privaten Grundbesitzes, und da er einer von jenen Menschen war, denen ein den sittlichen Forderungen gebrachtes Opfer den höchsten geistigen Genuß gewährt, so entschloß er sich, von seinem Rechte auf Grundbesitz keinen Gebrauch zu machen, und verteilte damals schon das vom Vater geerbte Land an die Bauern. Derselbe Stoff bildete auch den Gegenstand seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Sein Leben auf dem Lande bei den Tanten verlief folgendermaßen: er stand sehr früh auf, zuweilen um 3 Uhr, und ging hinunter zum Flusse, um zu baden, manchmal noch im Morgennebel; wenn er zurückkehrte, lag noch der Tau auf dem Grase und den Blumen. Nachdem er am Morgen Kaffee getrunken hatte, pflegte er seine Arbeit vorzunehmen oder die Quellen zu derselben zu studieren, sehr oft aber auch statt dessen in Wald und Feld umherzuschweifen. Vor dem Mittag machte er irgendwo im Garten ein Schläfchen, zu Mittag belustigte und animierte er dann mit seinen Spaßen die Tanten, hernach ritt er oder fuhr im Boot und am Abend las er wieder oder saß mit den Tanten und legte Patience aus. Oft konnte er in der Nacht, besonders bei Mondschein, nur darum nicht schlafen, weil er eine zu große und aufregende Freude am Leben empfand. Und statt zu schlafen ging er dann mit seinen Träumen und Gedanken bis zum Morgengrauen im Garten umher.
So glücklich und ruhig verlebte er den ersten Monat seines Aufenthaltes bei den Tanten, ohne die schwarzäugige, schnellfüßige Katjuscha, das Pflegekind und Stubenmädchen, auch nur zu beachten.
Nechljudow, der unter dem schützenden Flügel der Mutter erzogen war, war mit 19 Jahren noch ein vollständig unschuldiger Jüngling. Das Weib erschien ihm in seinen Gedanken nur als Gattin. Alle Frauen aber, mit denen er nach seinem Begriff keine Ehe eingehen konnte, waren für ihn nicht Frauen sondern Menschen.
Es geschah, daß in diesem Sommer am Himmelfahrtstage zu den Tanten eine Nachbarin mit ihren Kindern, zwei jungen Mädchen und einem Gymnasiasten auf Besuch kam. Auch ein junger Maler aus dem Bauernstande, der bei ihr den Sommer verbrachte, war mitgekommen.
Nach dem Thee spielte man auf der abgemähten Wiese vor dem Hause Haschhasch. Auch Katjuscha beteiligte sich daran. Nachdem einige Paare gewechselt hatten, mußte Nechljudow mit Katjuscha laufen. Nechljudow hatte Katjuscha immer gern gesehen, aber daß zwischen ihm und ihr irgendwelche besonderen Beziehungen entstehen könnten, war ihm niemals in den Sinn gekommen.
»Die beiden wird man nicht so leicht fassen können«, meinte der haschende lustige Maler, der auf seinen kurzen und krummen aber starken Bauernbeinen sehr schnell lief.
»Nur wenn sie stolpern sollten.«
»Sie sollten die nicht fangen können?«
»Eins, zwei, drei!«
Es wurde drei Mal in die Hände geklatscht. Katjuscha, die kaum das Lachen verbeißen konnte, wechselte mit Nechljudow schnell den Platz, drückte mit ihrem festen, rauhen Händchen seine große Hand und stürmte vorwärts nach links, mit den gestärkten Röcken raschelnd.
Nechljudow konnte schnell laufen und, da er sich von dem Maler nicht fangen lassen wollte, stürmte er aus allen Kräften vorwärts. Als er sich umschaute, sah er, wie der Maler Katjuscha verfolgte. Aber mit ihren jungen, elastischen Beinen lief sie schnell und nahm dem Maler entweichend die Richtung nach links. Vorn stand ein Fliedergebüsch, hinter welches sonst niemand gelaufen war. Katjuscha sah sich nach Nechljudow um und gab ihm ein Zeichen, sich dort zu vereinigen. Er verstand sie und lief hinter die Sträucher. Nun war aber hinter den Sträuchern ein kleiner, mit Nesseln überwucherter Graben, den er nicht kannte: er stolperte hinein und verbrannte sich die Hände in den vom Abendtau befeuchteten Nesseln. Schnell jedoch sprang er unter Lachen auf, machte sich zu recht und lief auf den freien Platz hinaus.
Katjuscha, deren Augen wie taufrische Johannisbeeren glänzten, lief ihm mit strahlendem Lächeln entgegen. Sie kamen zusammen und faßten sich an den Händen.
»Sie haben sich wohl verbrannt«, sagte sie und ordnete mit der freien Hand den sich auf lösenden Zopf. Und schwer atmend blickte sie ihm lächelnd, von unten herauf gerade in die Augen.
»Ich wußte gar nicht, daß hier ein Graben ist«, sagte er ebenfalls lächelnd, ohne ihre Hand loszulassen.
Sie rückte zu ihm heran, und ohne zu wissen, wie es geschah, näherte er sich ihrem Gesicht. Sie zog sich nicht zurück, er aber drückte ihre Hand fester und küßte sie auf den Mund.
»Nanu!« rief sie, und mit einer schnellen Bewegung ihre Hand freimachend lief sie von ihm weg.
Als sie an den Fliederstrauch kam, brach sie sich zwei Zweige von den weißen, schon abfallen den Fliederblüten. Sie peitschte sich mit den Blüten das erhitzte Gesicht, blickte sich nach Nechljudow um und ging, mit den Händen fuchtelnd, zu den Spielenden zurück.
Von dieser Zeit an veränderten sich die Beziehungen zwischen Nechljudow und Katjuscha und nahmen jenen besonderen Charakter an, wie sie ihn zwischen einem unschuldigen Jüngling und einem ebenso unschuldigen jungen Mädchen, die sich beide zueinander hingezogen fühlen, zu haben pflegen.
Sobald Katjuscha das Zimmer betrat oder Nechljudow auch nur aus der Ferne ihre weiße Schürze sah, wurde für ihn alles wie von der Sonne beleuchtet, alles wurde interessanter, heiterer, bedeutsamer, das ganze Leben wurde freudevoller. Dasselbe empfand auch sie. Aber nicht nur die Anwesenheit oder Nähe Katjuschas übten auf Nechljudow diese Wirkung aus; von ebensolcher Wirkung war für ihn das bloße Bewußtsein, daß Katjuscha, und für sie, daß Nechljudow existierte. Erhielt Nechljudow einen unangenehmen Brief von der Mutter, oder ging es mit seiner Arbeit nicht recht vorwärts, oder wurde er von jenem grundlosen Trübsinn der Jugend befallen, — er brauchte blos daran zu denken, daß Katjuscha existierte und daß er sie sehen würde, und sogleich hob sich jede Verstimmung.
Katjuscha hatte im Hause viel zu thun, aber sie verstand es, mit allem schnell fertig zu werden und pflegte dann in den freien Augenblicken zu lesen. Nechljudow gab ihr Dostojewskij und Turgenew, die er selbst soeben erst gelesen hatte. Am meisten gefiel ihr »Das Stillleben« von Turgenew. Gespräche gab es zwischen ihnen nur gelegentlich, bei Begegnungen im Korridor, auf der Veranda, auf dem Hof und zuweilen im Zimmer des alten Stubenmädchens der Tanten, Matrjona Pawlownas, mit der Katjuscha zusammen lebte. Dorthin kam Nechljudow bisweilen zu einen Gläschen Thee. Und diese im Beisein Matrjona Pawlownas geführten Gespräche waren die angenehmsten. Waren sie allein, so wurde ihnen das Sprechen schon viel schwieriger. Sogleich begannen die Augen etwas ganz anderes und wichtigeres zu sagen, als der Mund; die Lippen zogen sich zusammen, es wurde den beiden unheimlich mit einander und sie trennten sich schleunigst.
Solche Beziehungen blieben zwischen Katjuscha und Nechljudow während der ganzen Zeit seines ersten Aufenthalts bestehen. Die Tanten bemerkten diese Beziehungen, erschracken und schrieben sogar darüber ins Ausland an Nechljudows Mutter, die Fürstin Jelena Iwanowna. Tante Marja Iwanowna fürchtete, daß Nechljudow mit Katjuscha ein Verhältnis eingehen könnte. Aber ihre Befürchtungen waren grundlos: Nechljudow liebte Katjuscha ohne es selbst zu wissen mit der Liebe der Unschuld, und diese Liebe schützte sowohl ihn als auch sie am besten vor einem Fehltritt. Es fehlte ihm nicht nur jedes physische Verlangen nach ihrem Besitz, sondern der bloße Gedanke an die Möglichkeit solcher Beziehungen zu ihr erfaßte ihn mit Schaudern.
Viel begründeter waren dagegen die Befürchtungen der poetisch angehauchten Sofja Iwanowna, daß Nechljudow mit seinem ungebrochenen, entschlossenen Charakter, wenn er einmal ein Mädchen liebte, es auch ohne Rücksicht auf dessen Herkunft und Stellung heiraten könnte.
Wenn sich Nechljudow damals klar seiner Liebe zu Katjuscha bewußt gewesen wäre und besonders wenn man ihn zu überzeugen gesucht hätte, daß er sein Schicksal mit dem dieses Mädchens nicht verbinden könne und dürfe, — dann hätte es leicht geschehen können, daß er mit seiner Geradlinigkeit zu der Entscheidung gekommen wäre, daß es keine Gründe dagegen gäbe, ein Mädchen zu heiraten, welches man liebe, wer sie auch sei. Aber die Tanten sagten ihm nichts von ihren Befürchtungen, und so fuhr er denn ab, ohne sich seiner Liebe zu Katjuscha bewußt geworden zu sein.
Er war überzeugt, daß seine Neigung zu Katjuscha nur eine der Betätigungen jener damals sein ganzes Wesen erfüllenden Lebensfreudigkeit sei, an der auch das anmutige, heitere Mädchen teilnehme.
Als er aber abfuhr und Katjuscha, die mit den Tanten auf der Freitreppe stand, ihn mit ihren schwarzen, thränenerfüllten, etwas schielenden Augen begleitete, da fühlte er doch, daß er etwas Schönes und Teueres verlasse, was sich nie mehr wieder holen würde. Und es wurde ihm sehr traurig zu Mut.
»Leb wohl, Katjuscha, und hab Dank für alles«, rief er, den Wagen besteigend, über die Haube Sofja Iwanownas hinweg.
»Leben Sie wohl, Dmitrij Iwanowitsch«, sagte sie mit ihrer angenehmen, schmeichelnden Stimme. Sie hielt die Thränen, die ihr in die Augen traten, zurück und lief in den Hausflur, wo sie sich ungestört ausweinen konnte.
Dreizehntes Kapitel
Von der Zeit an sahen sich Nechljudow und Katjuscha drei Jahre lang nicht wieder. Erst als er eben zum Offizier befördert auf dem Wege nach der aktiven Armee zu seinen Tanten einen Abstecher machte, traf er mit Katjuscha wieder zusammen. Jetzt aber war er bereits ein ganz anderer Mensch, wie damals vor drei Jahren, als er dort den Sommer verbrachte.
Damals war er ein ehrlicher, selbstloser Jüngling gewesen, bereit, sich für jede gute Sache aufzuopfern. Jetzt war er ein entarteter, verfeinerter Egoist, der nur seinen Genuß liebte. Damals erschien ihm die Welt Gottes als ein Geheimnis, das er entzückt und freudig zu enträtseln suchte; jetzt war ihm alles in dieser Welt klar und einfach, und bedingt durch die Lebensverhältnisse, in denen er sich befand. Damals war ihm der Verkehr mit der Natur und den Menschen, die vor ihm gelebt, gedacht und gefühlt hatten, mit Philosophen und Dichtern, notwendig und wichtig; jetzt waren es für ihn die menschlichen Einrichtungen und der Verkehr mit den Kameraden. Damals erschien ihm das Weib geheimnisvoll und reizend, ein Wesen, dessen Zauber eben in jenem Geheimnis bestand; jetzt war die Bedeutung des Weibes, eines jeden Weibes außer den eigenen Familienangehörigen und den Frauen der Freunde, eine sehr bestimmte: das Weib war eines der besten Mittel für einen ihm schon bekannten Genuß. Damals brauchte er kein Geld und konnte mit weniger als dem dritten Teile dessen, was er von der Mutter erhielt, auskommen, sogar auf das Gut des Vaters verzichten und es den Bauern schenken; jetzt genügten ihm die tausend fünfhundert Rubel nicht mehr, die ihm die Mutter monatlich gab, und er hatte mit ihr bereits peinliche Geldgespräche. Damals hielt er für sein wirkliches Ich sein geistiges Wesen; jetzt hielt er sein gesundes, rüstiges, animalisches Ich dafür.
Und diese ganze furchtbare Veränderung hatte sich in ihm nur dadurch vollzogen, daß er auf gehört hatte, sich selbst zu glauben und anderen zu glauben begann. Er hatte aber daher auf gehört, sich selbst zu glauben und anderen zu glauben begonnen, weil es zu schwer war zu leben, wenn man sich selbst glaubte. Wenn man sich selbst glaubte, mußte man jede Frage nicht zu Gunsten, sondern fast immer zu Ungunsten seines tierischen, nach leichten Freuden lechzenden Ichs entscheiden. Glaubte man aber anderen, so brauchte man nichts mehr zu entscheiden, alles war schon entschieden und entschieden immer zu Ungunsten des geistigen und zu Gunsten des animalischen Ichs. Und nicht genug, — glaubte er sich selbst, so setzte er sich immer der Verurteilung von Seiten der anderen Leute aus; glaubte er aber anderen, so hatte er den Beifall seiner Umgebung.
Wenn z. B. Nechljudow über Gott, über die Wahrheit, über Reichtum und Armut dachte, las oder sprach, so hielt seine ganze Umgebung dieses für deplaciert und beinahe lächerlich, und die Mutter und die Tante nannten ihn mit gutmütiger Ironie: notre cher philosophe. Wenn er aber Romane las, laxe Anekdoten erzählte, lustige Vaudevilles im französischen Theater besuchte und sie dann lustig wiedererzählte, so lobten und ermunterten ihn alle. Als er es für nötig hielt, seine Bedürfnisse einzuschränken, einen alten Mantel trug und keinen Wein trank, so hielten das alle für ein Sonderlingstreiben und renommistische Originalität. Wenn er aber für die Jagd oder zur Einrichtung eines außergewöhnlich luxuriösen Kabinetts viel Geld ausgab, so lobten alle seinen Geschmack und schenkten ihm noch kostbare Sachen dazu. Als er noch keusch war und es auch bis zur Ehe bleiben wollte, so fürchteten seine Verwandten für seine Gesundheit und sogar seine Mutter war durchaus nicht betrübt sondern eher erfreut, als sie erfuhr, daß er ein ganzer Mann geworden war und seinem Kameraden irgend eine französische Dame abspenstig gemacht hatte. An die Geschichte mit Katjuscha, daran, daß ihm der Gedanke hätte kommen können sie zu heiraten, konnte die Fürstin-Mutter nicht ohne Entsetzen denken.
Als Nechljudow nach Erreichung der Volljährigkeit jenes kleine Gut, das er vom Vater geerbt hatte, den Bauern schenkte, weil er den Grundbesitz für etwas Unrechtmäßiges hielt, — da versetzte diese Handlungsweise seine Mutter und seine Verwandten in Schrecken und blieb ein ständiges Ziel für alle möglichen Neckereien und Vorwürfe von Seiten der Verwandten. Man er zählte ihm unaufhörlich davon, daß die Bauern, nachdem sie das Land erhalten, nicht nur nicht wohlhabender geworden waren, sondern anfingen zu verarmen, im Dorf drei Schenken errichteten und ganz und gar aufhörten zu arbeiten. Als aber Nechljudow, nachdem er in die Garde eingetreten war, mit seinen hochgestellten Kameraden soviel verlebte und verspielte, daß Jelena Iwanowna ihr Kapital angreifen mußte, war sie darüber kaum betrübt, sondern meinte, daß das natürlich und daß es sogar gut sei, wenn diese Art Impfung in der Jugend und in guter Gesellschaft vorgenommen würde.
Anfangs kämpfte Nechljudow, aber der Kampf war zu schwer, denn alles das, was er nach seinem eigenen Gewissen für gut hielt, hielten die anderen für schlecht, und umgekehrt, was er seinem Gewissen nach für schlecht hielt, hielt seine ganze Umgebung für gut. Und das Ende war, daß Nechljudow sich ergab, aufhörte sich selbst zu glauben, und anderen zu glauben begann. Und in der ersten Zeit war diese Verleugnung seiner selbst ihm unangenehm. Dieses unangenehme Gefühl hielt aber nicht lange an, und sehr bald empfand es Nechljudow, der um dieselbe Zeit zu rauchen und Wein zu trinken anfing, gar nicht mehr, sondern fühlte sogar eine große Erleichterung.
Und Nechljudow gab sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Natur dieser neuen, von seiner ganzen Umgebung gebilligten Lebensweise hin, und erstickte die innere Stimme, die nach etwas anderem verlangte. Das begann mit der Übersiedelung nach St. Petersburg und erreichte seine Vollendung mit dem Eintritt in den Militärdienst.
Der Militärdienst demoralisiert überhaupt die Menschen. Er veranlaßt sie zum Müßiggang, das heißt zum Aufgeben jeder vernünftigen und nützlichen Thätigkeit. Er entbindet sie von den allgemeinen menschlichen Pflichten und stellt als Ersatz dafür nur die konventionelle Ehre des Regiments, der Uniform und der Fahne hin, nur die unbeschränkte Gewalt über andere Menschen oder sklavische Unterwürfigkeit vor den Vorgesetzten.
Wenn aber zu dieser demoralisierenden Wirkung des Militärdienstes überhaupt, mit seiner Ehre der Uniform und der Fahne, mit seiner Billigung von Gewaltthätigkeit und Totschlag, wenn sich dazu noch die verderbliche Wirkung des Reichtums und des nahen Verkehrs mit der kaiserlichen Familie gesellen, wie das inmitten der Elite-Regimenter der Garde, in welchen nur reiche und vornehme Offiziere dienen, zu geschehen pflegt, dann führt diese Verderbnis bei den Leuten, die ihr verfallen, einen vollständigen Egoismus-Irrsinn her bei. Und in einem solchen Zustand des Egoismus-Irrsinns befand sich Nechljudow, seitdem er in den Militärdienst eingetreten war und den Lebenswandel begonnen hatte, den seine Kameraden führten.
Man kannte keine andere Arbeit, als in einer vorzüglich sitzenden Uniform, in Helm und Waffen, — alles das nicht selbst, sondern von anderen Leuten gefertigt, geputzt und dargereicht —, auf einem schönen, ebenfalls von anderen Leuten gepflegten und zugerittenen Pferde zum Exerzieren oder zur Parade zu reiten, dort mit seinesgleichen zu galoppieren, die Säbel zu schwingen, zu schießen und in diesem allen auch andere Menschen zu unterrichten. Eine andere Beschäftigung gab es nicht, und die höchstgestellten Persönlichkeiten, jung und alt, der Zar und seine Vertrauten billigten nicht nur diese Beschäftigung, sondern ermunterten zu derselben noch durch Lob und Danksagung.
Außerdem hielt man es für gut und wichtig, in den Offizierskasinos und in den teuersten Restaurants Zusammenkünfte zu veranstalten, wo man das aus unsichtbaren Quellen fließende Geld veraß und vertrank, worauf Theater, Bälle und Frauen folgten, und dann wieder das Reiten, Säbel schwingen, und wieder Geldverschleudern, und Wein und Karten und Frauen.
Ein solches Leben wirkt auf das Militär ganz besonders verderblich, weil ein Nichtmilitär, wenn er dieses Leben führt, nicht umhin kann, sich in der Tiefe seiner Seele dessen zu schämen. Die Militärs aber glauben, daß es so sein müsse, prahlen damit und sind stolz darauf, besonders in Kriegszeiten, wie es auch mit Nechljudow, der nach der Kriegserklärung an die Türkei in den Militärdienst eintrat, der Fall war.
»Wir sind bereit, unser Leben im Kriege zu opfern, und daher ist eine solche sorglose, lustige Lebensweise nicht nur verzeihlich, sondern auch für uns notwendig. So leben wir denn drauf los.«
So dachte Nechljudow, wenn auch nicht ganz klar, in dieser Periode seines Lebens.
Nechljudow feierte in dieser Periode den Triumph der Befreiung von allen sittlichen Fesseln, mit denen er sich früher belastet hatte, und befand sich ohne Aufhören in einem chronischen Zustand des Egoismus-Irrsinns.
In so einem Zustand befand er sich auch, als er nach Verlauf dreier Jahre bei den Tanten wieder einkehrte.
Vierzehntes Kapitel.
Nechljudow besuchte die Tanten, weil ihr Gut auf dem Wege zu seinem bereits vor ausgegangenen Regiment lag, und weil sie ihn sehr darum gebeten hatten; hauptsächlich aber um Katjuscha wiederzusehen. Vielleicht befand sich schon in der Tiefe seiner Seele jene schlimme Absicht in Bezug auf Katjuscha, die ihm der jetzt entfesselte animalische Mensch einflüsterte. Jedoch kam ihm diese Absicht nicht zum Bewußtsein. Er wollte nur einfach den Ort, wo es ihm so wohl gewesen war, und die komischen aber lieben und gutmütigen Tanten, die ihn stets unmerklich für ihn selbst mit der Atmosphäre der Liebe und Bewunderung umgeben hatten, wieder aufsuchen. Auch die liebe Katjuscha, an die ihn so angenehme Erinnerungen fesselten, wollte er wiedersehen.
Er kam bei den Tanten Ende März an, am Charfreitag, bei schlechtestem Wege, unter strömendem Regen, durchnäßt und erfroren, aber rüstig und angeregt, wie er sich zu der Zeit immer fühlte. »Ob sie noch da ist?« dachte er, als er in den bekannten, von einer Ziegelmauer umgebenen altertümlichen Gutshof, an den vom Dach herabgerutschten Schneehaufen vorbei einfuhr. Er hatte erwartet, daß sie auf das Geklingel seiner Schellen herauslaufen würde. Aber auf der Leutetreppe standen nur zwei barfüßige, aufgeschürzte Weiber mit Eimern, die offenbar Dielen scheuerten. Auch auf der Paradetreppe war sie nicht zu sehen; nur der Diener Tichon kam heraus, mit einer vorgebundenen Schürze, augenscheinlich ebenfalls mit dem Aufräumen beschäftigt. Im Vorzimmer erschien Sofja Iwanowna im seidenen Kleide und Haube.
»Das ist nett, daß du gekommen bist!« sagte Sofja Iwanowna, und küßte ihn; »Maschenjka ist nicht ganz wohl, in der Kirche etwas müde geworden. Wir haben das heilige Abendmahl genommen.«
»Ich gratuliere, Tante Sonja«, sagte Nechljudow, Sofja Iwanownas Hände küssend, »verzeihen Sie, ich habe Sie naß gemacht.«
»Geh’ auf dein Zimmer. Du bist ganz naß. Und einen Schnurrbart hast du schon. Katjuscha! Katjuscha! Schnell für ihn Kaffee.«
»Gleich!« antwortete aus dem Korridor eine bekannte, liebliche Stimme. Und Nechljudows Herz Krampfte sich freudig zusammen: »Hier!« Es war ihm, als guckte die Sonne hinter den Wolken hervor und fröhlich begab er sich mit Tichon in sein altes Zimmer, um sich umzukleiden.
Nechljudow wollte Tichon in Betreff Katjuschas ausfragen: — Was sie mache? Wie es ihr gehe? Ob sie sich nicht verheirate? Aber Tichon war so ehrerbietig und zugleich streng, bestand so fest darauf, daß er ihm selbst das Wasser aus der Kanne auf die Hände gießen müsse, daß sich Nechljudow nicht entschließen konnte, ihn nach Katjuscha zu fragen, sondern sich nur nach seinen Enkeln, nach dem alten Hengst und nach dem Hofhund Polkan erkundigte. Alle waren gesund und am Leben, nur Polkan war im vorigen Jahr an der Tollwut verendet.
Als er alles Nasse abgeworfen hatte und sich eben auszuziehen begann, hörte er schnelle Schritte und an die Thür wurde geklopft. Nechljudow erkannte die Schritte und das Klopfen. So pflegte nur sie zu gehen und zu klopfen.
Er warf sich den nassen Mantel um und trat an die Thür. — »Herein!«
Es war sie, Katjuscha. Immer dieselbe, nur noch reizender als früher. Die lächelnden, naiven, unmerklich schielenden Augen schauten wie früher, von unten herauf. Wie früher trug sie eine saubere weiße Schürze. Sie brachte von den Tanten ein eben aus der Papierhülle genommenes Stück duftender Seife und zwei Handtücher: ein großes russisches und ein zottiges. Die noch unberührte Seife mit den aufgedruckten Buchstaben, die Handtücher und sie selbst — alles war gleich sauber, frisch, unberührt und angenehm. Ihre lieblichen, festen, roten Lippen kräuselten sich bei seinem Anblick wie früher in überquellender Freude.
»Willkommen, Dmitrij Iwanowitsch!« brachte sie mit Mühe hervor und errötete.
»Guten Tag! Wie geht es Dir . . . Wie geht es Ihnen?« er wußte nicht, ob er zu ihr Du oder Sie sagen sollte, und wurde ebenfalls rot.
»Gott sei Dank . . . Hier schicken Ihnen die Tanten Ihre Lieblings- die Rosenseife«, sagte sie, die Seife auf den Tisch legend, und hing die Handtücher über die Stuhllehne.
»Wir haben unsere eigene Seife«, sagte Tichon, der die Selbständigkeit des Gastes wahren wollte, und wies stolz auf das silberfunkelnde Necessaire Nechljudows, in welchem sich eine Unzahl Flacons, Bürsten, Vixatoirs, Parfums und aller erdenklichen Toilettengegenstände befand.
»Sagen Sie der Tante, daß ich danke. — Wie froh ich bin, wieder hier zu sein«, sagte Nechljudow. Und er fühlte, wie es ihm auf dem Herzen ebenso hell und heiter wurde, wie in früheren Zeiten.
Sie lächelte auf seine Worte und ging hinaus.
Die Tanten, die Nechljudow immer lieb gehabt hatten, empfingen ihn noch freundlicher als gewöhnlich. Dmitrij fuhr auf den Kriegsschauplatz, wo er verwundet, getötet werden konnte. Das rührte die Tanten.
Nechljudow hatte seine Reise so eingerichtet, daß er nur vierundzwanzig Stunden bleiben sollte. Aber nachdem er Katjuscha gesehen, entschloß er sich, das Osterfest, das in zwei Tagen war, bei den Tanten zu feiern und telegraphierte seinem Freunde und Kameraden Schönbock, mit dem er in Odessa zusammen treffen sollte, daß auch er kommen möge.
Vom ersten Tage an, sobald er Katjuscha gesehen hatte, erwachten in ihm die alten Gefühle für sie. Ebenso wie früher konnte er ihre weiße Schürze nicht ohne Erregung sehen, nicht ohne Jubel ihre Stimme, ihr Lachen, ihren Gang hören, nicht ohne Rührung ihr in die wie nasse Beeren glänzenden schwarzen Augen sehen, — besonders wenn sie lächelte. Am meisten aber verwirrte ihn ihr Erröten, das sich bei jeder Begegnung ein stellte. Er fühlte, daß er verliebt war, aber nicht so wie damals, als diese Liebe für ihn ein Geheimnis war, welches er sich selbst nicht gestehen wollte, nicht wie damals, als er noch glaubte, daß man nur ein Mal lieben könne. Jetzt war er mit vollem Bewußtsein verliebt und freute sich dessen. Und obwohl er es sich nicht gestehen wollte, so fühlte er doch, worin diese Liebe bestand und wozu sie führen konnte.
In Nechljudow waren, wie in allen Leuten, zwei Menschen. Der eine, geistige, strebte nur nach dem Heil, das auch anderen zum Heile gereicht; und der andere, der animalische Mensch, nur nach dem eigenen Heil, bereit, diesem das Wohl der ganzen Menschheit zum Opfer zu bringen. In dieser Periode des Egoismus-Irrsinns, der durch das Petersburger Militärleben hervorgerufen war, dominierte in ihm der animalische Mensch, während der geistige Mensch fast erdrückt war. Aber als er Katjuscha wieder sah und von neuem das zu fühlen begann, was er ihr gegenüber früher empfunden hatte, da erhob der geistige Mensch das Haupt und begann sein Recht zu fordern. Und ohne Unterlaß ging während dieser zwei Tage vor Ostern in Nechljudow ein unbewußter innerer Kampf vor sich.
In der Tiefe seiner Seele wußte er, daß er jetzt fahren müßte und keinen Grund hatte, bei den Tanten länger zu bleiben. Er wußte, daß dabei nichts Gutes herauskommen konnte. Es war ihm aber so heiter und angenehm zu Mute, daß er sich das alles nicht sagte, sondern dablieb.
Am Sonnabend Abend vor dem Heiligen Osterfeste kam der Priester mit dem Diakon und dem Vorsänger, um die Frühmesse zu lesen. Der Weg von der drei Werst entfernten Kirche, erzählte er, sei so schlecht gewesen, daß man mit dem Schlitten durch die Pfützen kaum durchgekommen sei.
Nechljudow hörte mit den Tanten und dem Gesinde die Frühmesse, während er unaufhörlich nach Katjuscha hinsah, die in der Thür stand und das Rauchfaß besorgte. Dann küßte er der Sitte gemäß drei Mal den Priester und die Tanten, und wollte sich schon zu Bette legen, als er auf dem Korridor die Vorbereitungen des alten Stubenmädchens vernahm, das mit Katjuscha in die Kirche wollte, um dort die Osterbrok und Paschakuchen weihen zu lassen.,Ich will auch hin’, dachte er.
Da man zur Kirche weder mit dem Schlitten noch mit dem Wagen konnte, so befahl Nechljudow, der bei den Tanten wie zu Hause war, den alten Hengst zu satteln und zog, statt zu Bette zu gehen, seine glänzende Uniform mit den enganliegenden Reithosen an. Dann warf er sich den Mantel um und ritt auf dem alten, fett und schwer gewordenen Hengst in der Dunkelheit durch Pfützen und Schnee zur Kirche.
Fünfzehntes Kapitel.
Fürs ganze Leben blieb ihm diese Frühmesse eine der hellsten und greifbarsten Erinnerungen.
Als er in der schwarzen, nur stellenweise durch den weißen Schnee erhellten Finsternis, auf dem mit den Ohren spinnenden Hengst in den illuminierten Kirchenhof einritt, hatte der Gottesdienst schon begonnen.
Die Bauern brachten ihn, als sie in ihm den Neffen Marja Iwanownas erkannten, zu einer trockenen Stelle, wo er absteigen konnte, und geleiteten ihn zur Kirche, die von einer festlichen Menge erfüllt war.
Auf der rechten Seite standen die Bauern: die Alten in hausgewebten Kaftans, Bastschuhen und sauberen weißen Fußlappen, die Jungen in neuen Tuchkaftans, mit grellfarbigen Gürteln und in Stiefeln. Links standen die Frauen in roten Seidentüchern, sammtenen Jacken mit grellroten Ärmeln, in blauen, grünen, roten, bunten Röcken und in eisenbeschlagenen Schuhen.
Hinter ihnen standen bescheidene alte Mütterchen mit Weißen Kopftüchern, altertümlichen Jacken und Röcken, zum Teil in Bastschuhen. Den Platz zwischen diesen beiden Gruppen nahmen aufgeputzte Kinder mit von Öl glänzenden Köpfen ein. Die Bauern bekreuzten und verneigten sich, das Haar aus der Stirne schüttelnd. Die Frauen, besonders die alten, die ihre verblichenen Augen unverwandt auf ein von Kerzen hell beleuchtetes Heiligenbild gerichtet hielten, drückten die zusammengelegten Finger fest an das Kopftuch, dann an die Schultern und an den Bauch, beugten flüsternd den Oberkörper vorn über oder ließen sich auf die Kniee nieder. Die Kinder, die den Erwachsenen nachahmten, beteten eifrig, wenn man sie ansah. Die goldene Ikonostaswand, die das Allerheiligste vom Tempel trennte, erstrahlte im Lichterglanz, der von den kleinen Wachskerzen ausging, die je eine goldbandumwundene umgaben. Der Kronleuchter war mit Kerzen besetzt, von den Seitenchören ertönten die heitersten Weisen der freiwilligen Sänger, brüllende Bässe und feine, hohe Knabenstimmen.
Nechljudow ging nach vorne durch. In der Mitte stand die Aristokratie: ein Gutsbesitzer mit seiner Frau und einem Knaben im Matrosenkostüm, der Landpolizeimeister, ein Telegraphenbeamter, ein Kaufmann in steifen Stülpstiefeln, der Dorfälteste mit einer Medaille. Rechts vom Aufgang zur Königspforte, hinter der Gutsbesitzersfrau, stand Matrjona Pawlowna im schillernden lila Kleide mit weißem Shawl, und Katjuscha in einem weißen, am Busen gefalteten Kleidchen mit einem hellblauen Gürtel und einer roten Schleife im schwarzen Haar.
Alles war festlich, feierlich, heiter und schön; die Priester in Gewändern von Silberbrokat mit gestickten goldenen Kreuzen, der Diakon und die Vorsänger in festlichen gold- und silbergestickten Chorröcken, die aufgeputzten freiwilligen Sänger mit reichgeöltem Haupthaar, die heiteren Tanzweisen der Festgesänge, die immer wiederkehrende Segnung des Volkes durch die Geistlichen mit den blumenumwundenen dreiarmigen Leuchtern und der immer von neuem erschallende Ruf: »Christ ist erstanden!« »Christ ist erstanden!« Alles das war schön, aber am schönsten war Katjuscha, im weißen Kleidchen mit dem hellblauen Gürtel und der roten Schleife im schwarzen Haar und den vor Entzücken glänzen den Augen.
Nechljudow fühlte ohne sich umzublicken, daß sie ihn sah. Er hatte es bemerkt, als er nahe an ihr vorbei zum Altar gegangen war. Er hatte ihr nichts zu sagen, aber er ersann sich etwas und sagte im Vorbeigehen:
»Tante sagte, daß sie das Ostermahl nach der Spätmesse einnehmen will . . . «
Das junge Blut übergoß wie immer bei seinem Anblick ihr ganzes liebes Gesicht und ihre schwarzen, lachenden Augen schauten naiv zu ihm auf.
»Ich weiß . . . « antwortete sie lächelnd.
In diesem Augenblick drängte sich gerade der Vorsänger mit einer kupfernen Kaffeekanne durch das Volk und streifte Katjuscha, als er ohne sie anzusehen an ihr vorbeiging, mit dem Saume seines Chorrockes. Der Vorsänger hatte Katjuscha offenbar darum gestreift, weil er aus Ehrerbietung Nechljudow umgehen wollte. Aber Nechljudow er schien es unbegreiflich, wie dieser Vorsänger es nicht wissen konnte, daß ja alles das, was hier und überhaupt auf der ganzen Welt existierte, nur Katjuschas wegen da war, und das man alles in der Welt eher vernachlässigen könnte, als sie, die doch der Mittelpunkt von allem war. Für sie erglänzte das Gold am Ikonostas, für sie erstrahlten alle die Kerzen, ihr allein galten die fröhlichen Weisen: »Die Ostern des Herrn, freuet euch, ihr Menschen!«
Alles Gute, was in der Welt war, war ihretwegen da. Und Katjuscha selbst begriff, wie ihm schien, daß alles nur um ihretwillen da war. So schien es Nechljudow, wenn er seine Blicke über ihre zarte Figur im weißen gefältelten Kleidchen und über ihr freudig-aufmerksames Gesicht gleiten ließ. An dem Ausdrucke dieses Gesichts sah er, daß dasselbe, was in seiner Seele sang, auch ihre Seele ertönen machte.
Zwischen der Früh- und Spätmesse ging Nechljudow aus der Kirche. Das Volk trat vor ihm auseinander und grüßte. Die einen erkannten ihn, die anderen fragten: »Wer ist das?« In der Vor halle blieb er stehen. Die Bettler umringten ihn; er verteilte das Kleingeld, das er in der Börse hatte und stieg die Stufen der Treppe hinunter.
Es war bereits so hell geworden, daß man sehen konnte, aber die Sonne war noch nicht aufgegangen. Das Volk ließ sich auf den Gräbern um die Kirche herum nieder. Katjuscha war noch in der Kirche, und Nechljudow blieb stehen, um sie zu erwarten.
Die Leute strömten noch immer aus der Kirche. Mit den schweren Stiefeln traten sie geräuschvoll auf die Fliesen, stiegen die Treppe hinunter und zerstreuten sich aus dem Kirchhofe.
Ein hochbetagter Greis mit zitterndem Kopfe, der Konditor Marja Iwanownas, hielt Nechljudow an und küßte ihn, während seine Frau, eine Alte mit runzeligem Halse unter dem seidenen Kopftuche, ein gelbes, mit Safran gefärbtes Ei hervorholte und es Nechljudow überreichte. Auch ein junger muskulöser Bauer im neuen Rock mit grünem Gürtel trat lächelnd heran.
»Christ ist erstanden!« sagte er mit lachenden Augen, und küßte Nechljudow, ihn mit seinem krausen Bärtchen kitzelnd, dreimal mit den festen, frischen Lippen mitten auf den Mund.
Während Nechljudow sich mit dem jungen Manne, von dem ein besonderer, angenehmer Bauernduft ausströmte, küßte und von ihm ein dunkelbraunes Ei in Empfang nahm, zeigte sich das schillernde Kleid Matrjona Pawlownas und das liebe schwarze Köpfchen mit der röten Schleife.
Sie hatte ihn sofort über die Köpfe der Menge hinweg erblickt und er sah, wie ihr Antlitz erstrahlte.
Sie trat mit Matrjona Pawlowna auf die Treppe heraus und blieb stehen, um den Bettlern ein Almosen zu reichen. Ein Bettler mit einem roten verheilten Schorf anstatt der Nase trat an sie heran. Katjuscha holte irgend etwas aus ihrem Tuch hervor, reichte es ihm hin und näherte sich ihm, um ihn ohne jeden Abscheu, mit denselben strahlenden Augen dreimal zu küssen. Und während sie sich mit dem Bettler küßte, begegneten ihre Augen dem Blicke Nechljudows. Es war, als fragte sie ihn: »Ist’s so gut? thu ich recht so?«
»Ja, ja, Geliebte, es ist alles gut, alles schön, und ich liebe dich!«
Sie kamen die Treppe herab und er ging auf sie zu. Er wollte sich nicht mit ihr küssen, nur näher wollte er ihr sein.
»Christ ist erstanden!« sagte Matrjona Pawlowna lächelnd, in einem Tone, der sagen sollte, daß heute alle gleich seien. Und ihr Tuch zu einem Knäuel zusammenballend, wischte sie sich den Mund und bot ihm ihre Lippen.
»Wahrlich!« antwortete Nechljudow und küßte sie. Er sah sich nach Katjuscha um. Sie errötete und ging sogleich auf ihn zu.
»Christ ist erstanden, Dmitrij Iwanowitsch!«
»Wahrlich erstanden«, sagte er. Sie küßten einander zweimal und hielten dann inne, als überlegten sie, ob es noch einmal nötig sei. Und als hätten sie sich für die Bejahung dieser Frage entschieden, küßten sie sich zum dritten Mal und lächelten beide.
»Geh’n Sie nicht zum Geistlichen?« fragte Nechljudow.
»Nein, Dmitrij Iwanowitsch, wir bleiben hier etwas sitzen«, antwortete Katjuscha. Dabei holte sie mit voller Brust schwer Atem, als hätte sie eben eine freudige Arbeit vollbracht, und sah ihm mit ihren unterwürfigen, jungfräulichen, liebenden, kaum schielenden Augen ins Gesicht.
In der Liebe zwischen Mann und Frau giebt es immer einen Augenblick, wo diese Liebe ihren Zenith erreicht, wo sie noch nichts Zielbewußtes, nichts Verstandesmäßiges, nichts Sinnliches an sich hat. Einen solchen Augenblick bedeutete für Nechljudow diese heilige Osternacht. Wenn Nechljudow jetzt an Katjuscha dachte, so verdunkelte dieser Augenblick alle anderen Lagen, in denen er sie gesehen hatte. Das schwarze, glatte, glänzende Köpfchen, das weiße gefältelte Kleid, das ihre schlanke Gestalt und den zarten Busen umspannte, das Rot der Wangen, die zärtlichen strahlend schwarzen Augen, und jene beiden markantesten Züge ihres ganzen Wesens: die reine, jungfräuliche Liebe nicht nur zu ihm, nein, zu allen und zu allem, und nicht nur zu allem Guten, was es in der Welt gab, sondern auch zu dem Bettler, den sie geküßt hatte.
Er wußte, daß in ihr diese Liebe war, weil er dieselbe in sich selbst in jener Nacht und an jenem Morgen empfunden hatte, und daß er in dieser Liebe mit ihr in Eins zusammenfloß.
O, wenn es doch bei dem Gefühl dieser Nacht geblieben wäre! »Ja, jene ganze schreckliche That geschah erst nach dieser heiligen Osternacht!« dachte er jetzt, als er am Fenster im Zimmer der Geschworenen saß.
Sechzehntes Kapitel.
Nach Rückkehr aus der Kirche nahm Nechljudow mit den Tanten das nächtliche Ostermahl ein. Um sich zu stärken, trank er nach der im Regiment angenommenen Gewohnheit einige Schnäpse und Wein und ging dann auf sein Zimmer, wo er sogleich unausgekleidet einschlief. Er erwachte erst, als an seine Thür geklopft wurde. Er erkannte am Klopfen, daß sie es war, rieb sich die Augen und erhob sich, den müden Körper streckend.
»Bist du es, Katjuscha? Tritt ein«, sagte er aufstehend.
Sie öffnete ein wenig die Thür.
»Man ruft Sie zum Essen«, sagte sie.
Sie war im selben weißen Kleide, aber ohne die Schleife im Haar. Als sie ihm in die Augen sah, erstrahlte sie, als hätte sie ihm etwas ungewöhnlich Freudiges mitgeteilt.
»Ich komme gleich«, sagte er und nahm den Kamm, um sich das Haar zu ordnen.
Sie blieb einen Augenblick länger als nötig stehen. Er bemerkte es, warf den Kamm beiseite und ging auf sie zu. Aber in demselben Moment drehte sie sich schnell um und schritt mit ihrem leichten behenden Gang über den Korridor den Dielenläufer entlang.
»Ich Dummkopf, daß ich sie nicht aufgehalten habe«, sagte Nechljudow zu sich selbst.
Und er holte sie laufend im Korridor ein.
Was er von ihr wollte, wußte er selbst nicht. Aber er hatte die Empfindung, als sie zu ihm ins Zimmer getreten war, etwas thun zu müssen, was alle in solchen Fällen zu thun pflegten und was er unterlassen hatte.
»Katjuscha, wart’ . . . « sagte er.
»Was ist?« fragte sie und blieb etwas stehen.
»Nichts, nur . . . «
Und er that sich einen Zwang an, als er in Gedanken daran, was alle Leute in solchen Fällen zu thun pflegen, Katjuscha um die Taille faßte.
Sie blieb stehen und sah ihm in die Augen.
»Nein, nein . . . wozu, Dmitrij Iwanowitsch . . . « stammelte sie bis zu Thränen errötend, und entfernte mit ihrer rauhen, starken Hand den sie um fassenden Arm.
Nechljudow ließ sie los und ward für einen Augenblick vom Gefühle nicht nur der Verlegenheit und Scham, sondern geradezu des Ekels vor sich selbst befallen. Er hätte sich selbst glauben sollen, aber er begriff nicht, daß diese Verlegenheit und Scham gerade die besten Gefühle seines Herzens waren, die sich geltend machten. Er meinte im Gegenteil, daß es nur die Dummheit sei, die in ihm spräche und daß er handeln müsse, wie alle thun.
Und er holte sie nochmals ein, umarmte sie wieder und küßte sie auf den Hals. Dieser Kuß war bereits von ganz anderer Art, als jene zwei ersten: der eine unbewußte hinter dem Syringenstrauch und der andere heute früh in der Kirche. Dieser Kuß war beängstigend und sie fühlte es.
»Was thun Sie denn?« rief sie mit einer Stimme, als hätte er etwas unendlich Kostbares unwiederbringlich zertrümmert, und lief im Trabe von ihm fort.
Er kam in das Speisezimmer. Die auf geputzten Tanten, der Arzt und eine Nachbarin standen vor der »Sakuska«. Alles war so gewöhnlich, während in Nechljudows Seele ein Sturm tobte. Er verstand nicht, was man zu ihm sprach, antwortete falsch und dachte nur an Katjuscha. Die Empfindung jenes letzten Kusses, als er sie im Korridor einholte, war ihm fort während gegenwärtig. Er konnte an nichts anderes denken. Wenn sie in das Zimmer trat, empfand er ohne sie anzusehen mit seinem ganzen Wesen ihre Gegenwart und mußte sich Gewalt anthun, um nicht auf sie zu blicken.
Nach dem Mittag begab er sich sogleich auf sein Zimmer und ging dort aufgeregt lange auf und ab. Er horchte auf jeden Ton im Hause und hoffte, ihre Schritte zu vernehmen. Jener animalische Mensch, der in ihm wohnte, erhob jetzt nicht nur sein Haupt, sondern trat den geistigen Menschen, der er während seines ersten Aufenthaltes und sogar noch heute früh in der Kirche war, einfach mit Füßen. Dieser fürchterliche animalische Mensch herrschte jetzt allein in seiner Seele.
Obgleich Nechljudow nicht aufhörte, Katjuscha aufzulauern, so gelang es ihm dennoch während des ganzen Tages nicht, sie allein zu treffen. Wahrscheinlich mied sie ihn. Am Abend aber geschah es, daß sie in das Zimmer neben dem seinen gehen mußte. Der Arzt war zur Nacht dageblieben und Katjuscha mußte dem Gast das Bett zurecht machen. Als Nechljudow ihre Schritte vernahm, schlich er ihr leise, den Atem anhaltend nach, als ginge er auf ein Verbrechen aus.
Sie hielt mit beiden in den frischen Überzug gesteckten Händen das Kissen an den Ecken, blickte sich nach ihm um und lächelte. Aber ihr Lächeln war nicht mehr heiter und fröhlich, wie früher, sondern trübe und erschrocken. Dieses Lächeln schien ihm sagen zu wollen, daß das, was er that, etwas Schlechtes sei. Er blieb einen Augenblick stehen. Die Möglichkeit eines Kampfes war noch vorhanden. Die Stimme der wahren Liebe, die ihm von ihr, von ihren Gefühlen, ihrem Leben sprach, war, wenn auch nur schwach, immerhin noch hörbar. Schon aber sprach eine andere Stimme: paß auf, laß dir dein Vergnügen, dein Glück nicht entgehen. Und diese zweite Stimme übertönte die erste.
Entschlossen näherte sich Nechljudow Katjuscha. Und ein furchtbares, überwältigendes, tierisches Gefühl bemächtigte sich seiner.
Ohne sie aus seinen Armen zu lassen, setzte er sie auf das Bett, und da er fühlte, daß er noch etwas machen müsse, so setzte er sich neben sie hin.
»Dmitrij Iwanowitsch, Lieber, bitte lassen Sie mich«, sprach sie mit kläglicher Stimme. »Matrjona Pawlowna kommt!« rief sie sich freimachend aus. Und wirklich näherte sich jemand der Thür.
»So komm ich in der Nacht zu Dir . . . Du bist doch allein? . . . « sagte Nechljudow.
»Was denken Sie? Auf keinen Fall! Nein, nein . . . « sprach sie, aber nur mit den Lippen, denn ihr ganzes aufgeregtes, erschüttertes Wesen sagte etwas anderes.
Matrjona Pawlowna näherte sich in der That der Thür. Sie trat mit einer Decke in der Hand ins Zimmer und verwies Katjuscha ärgerlich, mit einem vorwurfsvollen Blick auf Nechljudow, daß sie nicht die richtige Decke genommen hätte.
Nechljudow ging schweigend hinaus. Er schämte sich nicht einmal. Zwar sah er am Gesicht Matrjona Pawlownas, daß sie sein Benehmen mißbilligte und fühlte, daß sein Vorhaben ein schlechtes und ihre Mißbilligung eine berechtigte war. Aber das tierische Gefühl, das aus der früheren, reinen Liebe herausgewachsen war, hatte sich seiner bereits völlig bemächtigt und erkannte neben sich nichts mehr an. Er wußte jetzt, was er zur Befriedigung dieses Gefühls zu thun hatte und suchte nur nach einer Gelegenheit dazu.
Den ganzen Abend war er außer sich, bald kam er zu den Tanten, bald ging er auf sein Zimmer oder auf den Flur und dachte nur daran, wie er sie allein treffen könnte. Aber sie mied ihn und Matrjona Pawlowna versuchte, sie nicht aus den Augen zu lassen.
Siebzehntes Kapitel.
So verging der ganze Tag und die Nacht brach herein. Der Arzt ging schlafen. Auch die Tanten legten sich zu Bette. Nechljudow wußte, daß Matrjona Pawlowna jetzt im Schlafzimmer der Tanten war und daß er Katjuscha im Mädchen zimmer allein treffen würde. Er ging wieder hinaus auf die Treppe. Draußen war es dunkel, feucht und warm. Jener weißliche Nebel, der im Frühling den letzten Schnee zerrinnen macht oder selbst durch den schmelzenden letzten Schnee entsteht, er füllte die ganze Luft. Vom Flusse her, der ungefähr hundert Schritt weit unterm Abhang am Hause vorbeifloß, vernahm man seltsame Töne: es war das berstende Eis.
Nechljudow stieg die Treppe hinunter und ging über Pfützen und übereisten Schnee zum Fenster des Mädchenzimmers. Das Herz klopfte ihm in der Brust so stark, daß er es hörte; der Atem stockte ihm bald, bald entrang er sich in einem schweren Seufzer. Im Mädchenzimmer brannte eine kleine Lampe und Katjuscha faß allein am Tisch und sah in Gedanken versunken vor sich hin. Nechljudow betrachtete sie lange, ohne sich zu rühren; er wollte wissen, was sie wohl thun würde, während sie sich unbeobachtet glaubte. Etwa zwei Minuten blieb sie regungslos, dann erhob sie die Augen, lächelte und schüttelte wie im Selbstvorwurf den Kopf. Plötzlich änderte sie ihre Stellung, legte stürmisch, beide Arme auf den Tisch und begann wieder vor sich hinzustarren.
Er stand da und betrachtete sie. Unwillkürlich hörte er zugleich das Pochen seines Herzens und die vom Fluß her kommenden Töne. Dort auf dem Fluß im Nebel ging eine rastlose langsame Arbeit vor sich, bald hörte man ein Schnaufen, bald ein Krachen und Rieseln und das gläserne Klirren der dünnen Eisschollen.
Er blickte auf das verträumte, von innerer Arbeit gemarterte Gesicht Katjuschas und sie dauerte ihn; aber seltsamerweise verstärkte dieses Mitleid nur sein Begehren.
Er klopfte ans Fenster. Wie von einem elektrischen Schlage zuckte sie mit dem ganzen Körper zusammen und Entsetzen zeigte sich auf ihrem Antlitz. Dann sprang sie auf, trat an das Fenster heran und drückte das Gesicht an die Scheibe. Der Ausdruck des Entsetzens verließ ihr Gesicht auch dann nicht, als sie ihn erkannte, indem sie die beiden Handflächen wie Scheuklappen an die Augen hielt. Sie hatte ein ungewöhnlich ernstes Aussehen — so ernst war sie ihm noch nie vorgekommen. Sie lächelte nur, weil sie sein Lächeln gesehen, sie that es, als unterwürfe sie sich ihm, aber in ihrer Seele war kein Lächeln, da war nur Furcht. Er winkte ihr mit der Hand, hinauszukommen. Aber sie schüttelte den Kopf und blieb am Fenster stehen. Er näherte sein Gesicht noch einmal dem Fenster und wollte ihr sagen, daß sie kommen solle, aber in diesem Augenblick drehte sie sich nach der Thür um — offenbar hatte jemand nach ihr gerufen.
Nechljudow trat vom Fenster zurück. Der Nebel war so dicht, daß Nechljudow, als er kaum fünf Schritt gemacht hatte, das Fenster nicht mehr erblicken konnte, sondern nur eine schwarze Masse sah, aus der die Flamme der Lampe rot und riesenhaft glühte. Vom Flusse her tönte dasselbe Schnaufen und Rieseln, das Klirren und Krachen des Eises. Nicht weit auf dem Hofe schrie aus dem Nebel heraus ein Hahn, in der Nähe antwortete ein anderer und weither aus dem Dorfe hörte man einander über tönende und in eins verschmelzende Hahnenrufe. Im übrigen war rings umher alles außer dem Flusse still. Die Hähne aber hatten bereits zum zweiten Male gekräht.
Nechljudow ging hinter der Hausecke ein paar mal hin und her, wobei er zuweilen in Pfützen geriet und kehrte wieder zum Fenster zurück. Die Lampe brannte noch immer und Katjuscha saß wieder wie unschlüssig am Tisch. Kaum hatte er sich dem Fenster genähert, als sie zu ihm hinblickte. Er klopfte ans Fenster. Und ohne hinzusehen, wer da klopfte, lief sie sogleich zum Mädchenzimmer hinaus. Nechljudow hörte, wie die Thür sich mit einem Schnalzen loslöste und dann knarrte. Er erwartete sie bereits auf der Treppe und empfing sie stumm. Sie drückte sich fest an ihn, erhob das Köpfchen und fing mit den Lippen seinen Kuß auf. Sie standen auf einer aufgetauten trockenen Stelle hinter der Ecke. Er war erfüllt von einem quälenden, unerfüllten Verlangen.
Plötzlich schnalzte und knarrte die Thür mit demselben Ton und die ärgerliche Stimme Matrjona Pawlownas ließ sich hören:
»Katjuscha!«
Sie riß sich von ihm los und lief ins Mädchen zimmer zurück. Nechljudow hörte wie der Riegel zuschlug. Dann wurde alles still, das rote Auge im Fenster verschwand, es blieb nur der Nebel und das Treiben auf dem Fluß.
Nechljudow trat ans Fenster heran, aber es war niemand zu sehen. Er klopfte, keine Antwort. Dann kehrte er von der Paradetreppe ins Haus zurück, aber legte sich nicht zu Bett. Er zog die Stiefel aus und ging barfuß auf dem Korridor zu Katjuschas Thür, deren Zimmer sich neben dem Matrjona Pawlownas befand. Er hörte, wie Matrjona Pawlowna ruhig schnarchte und wollte eintreten, als sie plötzlich zu husten begann und sich in dem knarrenden Bett umdrehte. Wie erstarrt hielt er inne und blieb so etwa fünf Minuten stehen. Als wieder alles still wurde und das ruhige Schnarchen von neuem ertönte, ging er weiter, indem er vorsichtig die nicht knarrenden Dielenbretter aussuchte. Er stand vor Katjuschas Thür, alles war still. Sie schien nicht zu schlafen, wenigstens konnte man ihren Atem nicht hören. Kaum aber hatte er ihre Namen flüsternd gerufen, als sie schon aufgesprungen war und ihn hinter der Thür, wie es ihm schien mit ärgerlicher Stimme, zu bereden suchte, wegzugehen.
»Was soll denn das sein? Wie kann man nur? Die Tanten könnten es hören . . . « — so sprach ihr Mund, während ihr ganzes Wesen ihm sagte: »ich bin Dein, Dein!«
Und Nechljudow verstand nur dieses Letztere.
»Nur auf einen Augenblick . . . öffne . . . Ich bitte dich . . . « stammelte er leidenschaftlich.
Sie regte sich nicht. Dann hörte er das Geräusch einer Hand, die den Thürhaken suchte. Der Haken klirrte und er drang durch die geöffnete Thür ein.
Er ergriff sie, wie sie war, hob sie empor und trug sie fort.
»Ach! Was thun Sie?« flüsterte sie.
Aber er beachtete ihre Worte nicht und trug sie in sein Zimmer.
»Ach nein . . . Lassen Sie mich«, sprach sie, während sie sich selbst fester an ihn schmiegte.
Als sie zitternd und schweigend, ohne auf seine Worte zu antworten, ihn verlassen hatte, trat er auf die Treppe hinaus und blieb stehen.
Draußen war es heller. Unten auf dem Fluß hatte sich das Krachen und Klirren und Schnaufen noch verstärkt, nur war jetzt das Rieseln vernehmlicher. Der Nebel senkte sich und hinter der Nebelwand hervor tauchte die abnehmende Sichel des Mondes auf. Sie beleuchtete etwas Schwarzes und Fürchterliches.
»Was ist das nun: ist mir ein großes Glück, oder ein großes Unglück begegnet?« so fragte er sich. »Alle machen’s so, alle«, war seine Antwort. Dann ging er schlafen.
Achtzehntes Kapitel.
Am nächsten Tage kam der glänzende, lustige Schönbock an und bezauberte die Tanten durch seine Eleganz, Liebenswürdigkeit, Heiterkeit, Freigebigkeit und durch seine Liebe zu Dimitrij. Seine Freigebigkeit gefiel den Tanten zwar sehr, machte sie aber durch ihre übertriebene Art doch etwas staunen. Blinden Bettlern, die gekommen waren, gab er einen ganzen Rubel, an die Leute verteilte er gegen fünfzehn Rubel Trinkgelder und als Susette, das Schoßhündchen Sofja Iwanownas, sich in seiner Gegenwart den Fuß blutig gerissen hatte, da wollte er ihr einen Verband anlegen und zerriß zu diesem Zwecke, ohne einen Augenblick zu zögern, sein feingerändertes Batisttaschentuch, — Sofja Iwanowna wußte, daß ein Dutzend davon mindestens fünfzehn Rubel kostete. Die Tanten hatten solche Leute noch nicht gesehen und wußten nicht, daß dieser Schönbock zweihunderttausend Rubel Schulden hatte, die er nicht hoffen durfte, jemals bezahlen zu können, und daß es ihm daher auf fünf und zwanzig Rubel mehr oder weniger nicht ankam.
Schönbock blieb nur einen Tag und reiste in der darauffolgenden Nacht mit Nechljudow ab. Sie konnten nicht länger bleiben, weil der letzte Termin für ihr Erscheinen im Regiment gekommen war.
Während des letzten Tages, den Nechljudow bei den Tanten verbracht hatte, kämpften in der Erinnerung an die verbrachte Nacht zwei entgegengesetzte Gefühle in seiner Brust. Das eine war das Gefühl brennender, sinnlicher Liebe, die allerdings bei weitem nicht alles, was sie versprochen, gegeben hatte, und eine gewisse Selbstzufriedenheit wegen des erreichten Zweckes; das andere, — das Bewußtsein einer schlechten That, die, wenn auch nicht um ihrer, so doch um seinetwillen gut gemacht werden mußte.
In dem Zustand des Egoismus-Irrsinns, in welchem Nechljudow sich befand, dachte er nur an sich selbst und nicht daran, was Katjuscha empfinden müsse und was aus ihr werden würde. Nur ob und in wie weit man seine Handlungsweise an ihr verurteilen würde, beunruhigte ihn.
Es schien ihm, daß Schönbock seine Beziehungen zu Katjuscha erriet und seine Eigenliebe fühlte sich dadurch geschmeichelt.
»Aha, darum hast Du die Tanten plötzlich so lieb gewonnen, daß Du eine ganze Woche lang bei ihnen kleben geblieben bist«, hatte ihm Schönbock gesagt, als er Katjuscha gesehen. »Ich an Deiner Stelle wäre auch nicht so ohne weiteres vorbei gefahren. Ein reizendes Ding!«
Nechljudow dachte auch noch daran, daß seine baldige Abreise ihm freilich auch den Genuß des Auskostens dieses Liebesbechers entzog, aber immerhin bot sie ihm den Vorteil, daß die Beziehungen, die auf die Dauer doch nicht aufrecht zu erhalten waren, auf diese Weise wenigstens einen schnellen Abschluß fanden.
Er dachte auch noch daran, daß er ihr Geld geben müsse, und wiederum nicht um ihretwillen, nicht weil sie es brauchte, sondern nur weil es alle so thaten. Er gab ihr denn auch soviel, wie er es seiner und ihrer Stellung entsprechend für an gemessen erachtete.
Nach dem Mittagessen am Tage der Abfahrt erwartete er sie auf dem Flur. Katjuscha errötete und wollte an ihm vorbeigehen, denn die Thür zum Mädchenzimmer war offen, aber er hielt’ sie zurück.
»Ich wollte mich verabschieden . . . « sagte er, das Kouvert mit dem Hundertrubelscheine in der Hand knüllend. »Hier . . . «
Sie erriet seine Absicht, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf und stieß seine Hand weg.
»Nein, nimm nur . . . « stammelte er und steckte ihr das Kouvert in den Busen. Und gequält und stöhnend als hätte er sich verbrannt, lief er in sein Zimmer.
Dort ging er noch lange auf und ab, krümmte sich, sprang sogar in die Höhe und stöhnte laut. Er empfand jedesmal einen heftigen physischen Schmerz, wenn er an diese Szene erinnert wurde.
Aber was war da zu machen? Es war immer so. So war es mit Schönbock und der Gouvernante gewesen, von der ihm jener erzählte, so war es mit Onkel Grischa, so auch mit seinem eigenen Vater, als er auf dem Lande lebte und ihm jener uneheliche Sohn, Mitenjka, geboren wurde, der noch jetzt existierte. Wenn es aber alle so machten, so mußte es also so sein.
So suchte Nechljudow sich zu trösten. Es gelang ihm aber nicht und die Erinnerung an diese That versengte ihm das Gewissen.
In der Tiefe, in der tiefsten Tiefe seiner Seele wußte er, daß er so niedrig, gemein und grausam gehandelt hatte, daß er im Bewußtsein dieser Schund- that nicht nur nicht jemand anderes, wer es auch sei, verurteilen, sondern einfach niemandem in die Augen sehen konnte. Natürlich konnte er sich auch nicht mehr für jenen edlen und großmütigen, prachtvollen jungen Mann halten, für den er sich bis jetzt gehalten hatte. Er mußte sich aber für einen solchen halten, um rüstig und heiter das Leben verbringen zu können. Nur ein Mittel kannte er dagegen: nicht daran zu denken. Das that er denn auch.
Das neue Leben, in das er eintrat, die neuen Orte, die Kameraden, der Krieg, erleichterten ihm die Ausführung dieser Absicht. Und je mehr er lebte, um so mehr vergaß er auch und vergaß zuletzt wirklich alles.
Nur einmal, als er nach dem Kriege in der Hoffnung, Katjuscha wiederzusehen, die Tanten nochmals besuchte, mußte sein Herz sich von neuem zusammenkrampfen. Er erfuhr, daß Katjuscha nicht mehr da war, daß sie bald nach seiner Abreise weggegangen war, um niederzukommen, daß sie dann auch gebar und hernach, wie die Tanten gehört hatten, ganz verkommen war. Der Zeit nach konnte das Kind, das sie geboren hatte, sein Kind sein, es konnte es aber auch nicht sein. Die Tanten erzählten, daß sie verdorben und ebenso liederlich wie ihre Mutter war. Und dieses Urteil der Tanten war ihm angenehm, denn es schien ihn zu entschuldigen.
Anfangs wollte er noch sie und ihr Kind aufsuchen, aber später, eben weil es ihm in der Tiefe seiner Seele zu wehe that, weil er sich vor sich selbst zu sehr schämte, machte er dazu nicht die nötigen Anstrengungen und vergaß noch gründlicher seine Sünde, an die er zuletzt gar nicht mehr dachte.
Und nun erinnerte ihn dieser wunderbare Zufall an alles und verlangte von ihm das Geständnis seiner Herzlosigkeit, Grausamkeit und Niedertracht, die es ihm möglich gemacht hatten, zehn Jahre lang mit einem, von einer solchen Sünde belasteten Herzen ruhig zu leben.
Jetzt aber war er von einem derartigen Geständnis noch weit entfernt und dachte augenblicklich nur daran, daß nicht alles das offenbar würde und sie oder ihr Verteidiger nicht alles erzählten und ihn so vor der ganzen Welt blamierten.
Neunzehntes Kapitel.
In einer solchen Gemütsverfassung befand sich Nechljudow, als er aus dem Sitzungssaal in das Zimmer der Geschworenen getreten war. Er saß am Fenster, horchte auf das Gespräch um ihn her und rauchte unaufhörlich.
Der lustige Kaufmann sympathisierte augenscheinlich von ganzem Herzen mit der Art, wie sich der Kaufmann Smeljkow die Zeit vertrieben hatte.
»Na, mein Bester, der hat ’mal ordentlich gelumpt, echt sibirisch. Der war darin Fachmann, so ein Zuckermädel . . . «
Der Obmann äußerte irgend welche Erwägungen, denen zufolge die ganze Sache dem Gutachten der Sachverständigen gemäß beurteilt werden müsse. Pjotr Gerassimowitsch scherzte mit dem jüdischen Kommis und beide lachten. Nechljudow antwortete einsilbig auf die an ihn gerichteten Fragen und wünschte nur eines, daß man ihn in Ruhe ließe.
Als der Gerichtsvollzieher mit dem schiefen Gang die Geschworenen wieder in den Sitzungssaal bat, wurde Nechljudow von einer Furcht befallen, als ob nicht er zu Gericht sitzen, sondern über ihn abgeurteilt werden sollte. In der Tiefe seiner Seele fühlte er bereits, daß er ein Schuft sei, der den Leuten nicht in die Augen sehen dürfte, er betrat aber gewohnheitsgemäß, mit den gewohnten selbst bewußten Allüren das Podium und setzte sich auf seinen Platz neben dem Obmann, das eine Bein über das andere geschlagen, das Pincenez zwischen den Fingern.
Auch die Angeklagten waren inzwischen irgend wohin abgeführt worden und wurden jetzt wieder vorgeführt.
Im Saal sah man neue Gesichter, Zeugen, und Nechljudow bemerkte, wie die Maslowa mehrere Mal, als könnte sie sich nicht satt sehen, auf eine in Samt und Seide geputzte dicke Dame hinblickte, die in einem hohen Hut mit großer Schleife und einem eleganten Ridikül auf dem bis zum Ellbogen entblößten Arm, in der ersten Reihe, gleich vor dem Gitter saß. Das war, wie Nechljudow sofort erriet, eine Zeugin, die Vorsteherin des Hauses, in welchem die Maslowa in ihrer letzten Stellung »gearbeitet« hatte.
Das Zeugenverhör begann. Name, Konfession u.s.w. Nach Befragung der Parteien, ob sie das Verhör mit oder ohne Vereidigung haben wollten, erschien wieder mit demselben mühsamen Gang der alte Geistliche und wieder legte er mit derselben Geste das goldene Kreuz auf der seidenen Brust zurecht und nahm mit derselben Ruhe und Sicherheit den Zeugen und dem Sachverständigen den Eid ab. Nachdem die Vereidigung beendet war, wurden alle Zeugen, mit Ausnahme von Maslowas Wirtin, der Kitajewa, wieder abgeführt. Sie wurde gefragt, was sie von der Sache wisse. Mit einem gemachten Lächeln erzählte sie mit deutschem Accent, indem sie den großen Hut wellenförmig bewegte, folgendes:
Zuerst kam ihr Bekannter, der Korridorbediente Simon zu ihr, um die Ljubascha abzuholen. Nach einiger Zeit kehrte Ljubascha mit dem Kaufmann wieder zurück. Der Kaufmann war bereits in Ekstase, — erzählte die Kitajewa mit einem leichten Lächeln, — und fuhr auch bei uns zu trinken fort. Da ihm aber das Geld bald ausging, so schickte er zu sich ins Hotel jene Ljubascha, zu der er eine »Prédilection« gefaßt hatte, — sagte sie mit einem Blick auf die Angeklagte.
Nechljudow schien es, als hätte die Maslowa dazu gelächelt und dieses Lächeln machte auf ihn einen widerwärtigen Eindruck. Ein eigentümliches Gefühl von Abscheu und Mitleid zugleich stieg in ihm auf.
»Und welche Meinung haben Sie von der Maslowa gehabt?« fragte zaghaft und errötend ihr vom Gericht ernannter Verteidiger, ein junger Aspirant.
»Die allerbeste«, antwortete die Kitajewa in gebrochenem Russisch. »Sie war gebildet und chic. In einer feinen Familie war sie erzogen und konnte Französisch lesen. Sie trank zuweilen ein übriges, vergaß sich aber nie. Ein wirklich braves Mädchen.«
Katjuscha sah auf die Wirtin, wandte dann aber ihren Blick plötzlich auf die Geschworenen und ließ ihn auf Nechljudow ruhen, wobei ihr Gesicht einen ernsten und sogar strengen Ausdruck annahm. Das eine ihrer strengen Augen schielte. Ziemlich lange blieben diese seltsam dreinschauenden Augen auf Nechljudow geheftet. Und trotz des Schreckens, der ihn erfaßte, konnte auch er seinen Blick von diesen schielenden Augen nicht wenden. In seinem Gedächtnis tauchte jene schreckliche Nacht auf mit dem berstenden Eis, dem Nebel und dem ab nehmenden umgekehrten Mond, der gegen Morgen aufging und etwas Schwarzes und Furchtbares beleuchtete. Diese zwei schwarzen Augen, die auf ihn und zugleich an ihm vorbei blickten, erinnerten ihn an dieses Schwarze und Furchtbare.
»Sie hat mich erkannt!« dachte Nechljudow und zuckte zusammen, als erwartete er einen Schlag. Aber sie erkannte ihn nicht. Sie atmete ruhig auf und begann wieder auf den Präsidenten zu blicken. Auch Nechljudows Brust entrang sich ein Seufzer. »Ach, nur schneller!« dachte er. Er empfand jetzt ein Gefühl, welches demjenigen ähnlich war, das er auf der Jagd hatte, wenn er einem angeschossenen Vogel den Rest geben mußte: Ekel und Mitleid und Missmut. Der verwundete Vogel zuckt in der Jagdtasche, er ist einem widerwärtig und thut einem leid, man möchte ihn schneller tot machen und vergessen.
Solche gemischte Empfindungen bewegten Nechljudow, während er der Zeugenvernehmung zuhörte.
Zwanzigstes Kapitel.
Aber gleichsam ihm zum Trotz dauerte die Verhandlung lange. Die Zeugen wurden einzeln vernommen, der Sachverständige angehört, der Staatsanwaltsadjunkt und der Verteidiger thaten mit der wichtigsten Miene die überflüssigsten Fragen. Endlich schlug der Präsident den Geschworenen die Besichtigung der corpora delicti vor, die aus einem kolossalen Ring mit einer Rosette aus Brillanten, der offenbar auf dem mächtigsten Zeigefinger getragen wurde, und aus einem Filter bestanden, in welchem das Gift untersucht worden war. Die Sachen waren versiegelt und mit Etiketten versehen.
Die Geschworenen schickten sich schon an, die Sachen zu besichtigen, als der Staatsanwaltsadjunkt sich abermals erhob und verlangte, daß vor der Besichtigung der corpora delicti das Protokoll der medizinischen Besichtigung des Leichnams verlesen werde.
Der Präsident wollte die Verhandlung möglichst beschleunigen. Er wußte sehr wohl, daß die Verlesung dieser Akten, auf welcher der Staatsanwalt nur darum bestand, weil er dazu ein gesetzliches Recht hatte, keine anderen Folgen als Langeweile und einen Aufschub des Mittags haben konnte. Je doch durfte er dieses Verlangen nicht ablehnen und erteilte seine Zustimmung. Der Sekretär holte die Akten hervor und begann mit seiner traurigen, bei den Buchstaben L und R schnarrenden Stimme zu lesen.
Bei der äußeren Besichtigung ergab sich, daß:
1) Der Wuchs des Ferapont Smeljkow zwei Arschin und zwölf Werschok war.
»War das ein kräftiger Kerl«, flüsterte der Kaufmann besorgt Nechljudow ins Ohr.
2) Sein Alter wurde dem äußeren Anschein nach auf ungefähr vierzig Jahre bestimmt.
3) Der Leichnam sah aufgedunsen aus.
4) Die Farbe der Haut war überall grünlich, stellenweise mit dunklen Flecken.
5) Die Epidermis der Körperoberfläche hatte sich in Blasen verschiedener Größe gehoben, stellenweise hatte sie sich gelöst und hing in großen Lappen.
6) Das Haar war dunkelblond, dicht und fiel bei der Berührung leicht von der Haut.
7) Die Augen waren aus den Höhlen gedrungen und die Hornhaut war trübe geworden.
8) Aus den Öffnungen der Nase, der Ohren und der Mundhöhle floß eine schaumige Blutserumflüssigkeit; der Mund war halb geöffnet.
9) Der Hals konnte infolge der Aufblähung des Gesichts und der Brust nicht unterschieden werden.
10) U.s.w. u.s.w.
Auf diese Weise folgte auf vier Seiten in siebenundzwanzig Punkten die Beschreibung aller Einzelheiten des äußeren Befundes des schrecklichen, riesigen, dicken und noch dazu aufgedunsenen, faulenden Leichnams des Kaufmanns, der sich in der Stadt amüsiert hatte: Das Gefühl eines unbestimmten Ekels, welches Nechljudow empfunden hatte, wurde durch diese Beschreibung des Leichnams noch verstärkt. Das Leben Katjuschas und das aus den Nasenlöchern fließende Blutserum, die aus den Höhlen getretenen Augen und seine an ihr verübte Schandthat, alles das waren Gegenstände derselben Ordnung und von allen Seiten wurde er von diesen Gegenständen erfaßt und umgeben.
Als endlich die Verlesung des äußeren Befundes beendet war, seufzte der Präsident schwer auf und erhob das Haupt, in der Hoffnung, daß es nun aus sei. Aber der Sekretär begann so fort die Verlesung des Protokolls des inneren Befundes.
Der Präsident ließ seinen Kopf wieder hängen, stützte ihn mit der Hand und schloß die Augen. Der Kaufmann, der neben Nechljudow saß, konnte sich kaum des Schlafes erwehren und schwankte ab und zu. Die Angeklagten saßen, ebenso wie die Gendarmen hinter ihnen, unbeweglich.
In dem Protokoll des inneren Befundes hieß es:
1) Die häutigen Schädeldecken lösten sich leicht von den Schädelknochen; Blutspuren waren nicht bemerkbar.
2) Die Knochen des Schädels waren von mittlerer Stärke und unverletzt.
3) Auf der harten Hirnhaut sah man zwei pigmentierte Flecken, etwa vier Zoll groß. Die Hirnhaut selbst war von matt-bleicher Farbe.
14) U.s.w. u.s.w. noch dreizehn Punkte.
Weiter folgten die Namen der Zeugen, die Unterschriften und darauf das Resümee des Arztes. Aus demselben ergab sich, daß die bei der Obduktion vorgefundenen und im Protokoll vermerkten Veränderungen im Magen und teilweise im Darm sowie in den Nieren, mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit die Schlußfolgerung nahe legten, daß der Tod Smeljkows durch Vergiftung herbeigeführt sei. Die im Magen und im Darm vorgefundenen Veränderungen lassen zwar nicht erkennen, welches Gift dabei verwendet worden war, jedoch darf man nach den im Magen Smeljkows enthaltenen großen Quantitäten Wein und Spirituosen annehmen, daß das Gift zugleich mit den letzteren eingeführt worden sei.
»Der, scheint’s, verstand sich aufs Trinken«, flüsterte der wieder zu sich gekommene Kaufmann.
Die Verlesung dieses Protokolls, die ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch nahm, stellte jedoch den Vertreter der Staatsanwaltschaft noch nicht zufrieden. Als die Verlesung beendet war, wandte sich der Präsident an ihn:
»Ich glaube, daß die Verlesung der Akten über die Untersuchung der Eingeweide unterlassen werden kann . . . .«
»Ich möchte doch um die Verlesung bitten«, sagte streng der Staatsanwalt, indem er sich, ohne den Präsidenten anzusehen, ein wenig seitwärts erhob. Der Ton seiner Stimme sollte zu verstehen geben, daß er auf dieser Verlesung zu bestehen ein Recht hatte und daß eine Verweigerung dieses Rechtes einen Grund zur Kassation ab geben würde.
Das Mitglied mit dem großen Bart und den gutmütigen, nach unten gezogenen Augen, derselbe, der am Katarrh litt, fühlte sich bereits ermattet und wandte sich an den Präsidenten:
»Und wozu ist diese Verlesung nötig? Die Sache wird nur in die Länge gezogen. Diese neuen Besen fegen nicht besser, sondern nur langsamer. . . . «
Das Mitglied mit der goldenen Brille sagte nichts und sah nur finster und entschlossen vor sich hin, ohne weder von seiner Frau, noch vom Leben etwas Gutes zu erwarten.
Die Verlesung auch dieses Protokolls begann:
»188., am 15. Februar, habe ich, der Endes unterzeichnete, im Auftrage der medizinischen Abteilung, laut Schreiben sub Nr. 638, im Beisein des Gehilfen des Medizinalinspektors die Untersuchung der inneren Organe und Eingeweide aus geführt . . . «
Der Sekretär hatte die Verlesung in einer höheren Stimmlage und energisch begonnen, als wollte er den Schlaf, der alle Anwesenden nieder drückte, verscheuchen.
»Und zwar:
1) Der rechten Lunge und des Herzens (in einem sechspfündigen gläsernen Behälter).
2) Des Mageninhalts (in einem sechspfündigen gläsernen Behälter).
3) Des Magens selbst (in einem sechspfündigen gläsernen Behälter).
4) Der Leber, der Milz und der Nieren (in einem dreipfündigen gläsernen Behälter).
5) Der Gedärme (in einem sechspfündigen gläsernen Behälter).«
Der Präsident beugte sich im Beginn der Vorlesung zuerst zu einem der Mitglieder hin und flüsterte etwas, dann zum anderen, und nachdem er eine bejahende Antwort erhalten, unterbrach er die Vorlesung an dieser Stelle.
»Das Gericht erklärt die Vorlesung dieses Protokolls für überflüssig«, sagte er.
Der Sekretär verstummte und legte die Akten zusammen. Der Staatsanwalt fing zornig an, etwas zu notieren.
»Die Herren Geschworenen können die corpora delicti besichtigen«, sagte der Präsident.
Der Obmann und einige der Geschworenen erhoben sich und näherten sich dem Tisch. Verlegen wegen der Bewegungen oder der Lage, welche sie ihren Händen geben sollten, betrachteten sie der Reihe nach den Ring, das Gläschen und den Filter. Der Kaufmann probierte sogar den Ring an seinem Finger.
Einundzwanzigstes Kapitel 139
»Na, das war ein Finger!« sagte er an seinen Platz zurückkehrend. »Wie eine gute Gurke«, fügte er hinzu. Er ergötzte sich augenscheinlich an der Vorstellung eines Recken, die er sich von dem vergifteten Kaufmann gebildet hatte.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Als die Besichtigung der corpora delicti beendet war, erklärte der Präsident die gerichtliche Untersuchung für geschlossen. Und ohne Unterbrechung, weil er sich möglichst schnell frei machen wollte, überließ er das Wort dem Staatsanwalt, in der Hoffnung, daß auch dieser ein Mensch sei, der ebenfalls rauchen und zu Mittag essen wollte und sich daher ihrer erbarmen würde. Aber der Staatsanwaltsadjunkt hatte weder mit sich selbst, noch mit ihnen Erbarmen. Dieser Adjunkt war seiner Veranlagung nach dumm. Zudem hatte er das Unglück gehabt, beim Verlassen des Gymnasiums mit einer goldenen Medaille ausgezeichnet zu werden. Auf der Universität erhielt er einen Preis für seine Abhandlung über »Servituten nach dem römischen Recht«. Durch diese Zufälligkeiten war sein Selbstvertrauen im höchsten Grade gewachsen, er war eingebildet und selbstzufrieden geworden. Dazu kamen noch seine Erfolge bei den Frauen. Die Folge von alldem war, daß seine natürliche Dummheit außergewöhnliche Dimensionen annahm. Nachdem er das Wort erhalten hatte, erhob er sich langsam, indem er seine graziöse Figur zur Geltung brachte. Er stützte beide Hände auf den Tisch, neigte ein wenig sein Haupt, warf einen Blick über den ganzen Saal, wobei er jedoch die Angeklagten vermied und begann:
»Der Fall, welcher Ihnen, meine Herren Geschworenen, vorliegt«, so fing er seine während der Vorlesung der Akten und Protokolle vorbereitete Rede an, »ist, wenn man sich so ausdrücken darf, ein typisches Verbrechen.«
Die Rede des Staatsanwaltsadjunkts mußte seiner Meinung nach eine soziale Bedeutung er halten, ähnlich jenen berühmten Reden, die von berühmt gewordenen Advokaten gehalten wurden. Freilich bestand das Publikum nur aus einem Kutscher und drei Frauen, einer Näherin, einer Köchin und Simons Schwester. Aber auch jene Berühmtheiten hatten ebenso angefangen. Sein Prinzip war, immer auf der Höhe der Situation zu fein, d. h. in die Tiefe der psychologischen Bedeutung des Verbrechens einzudringen und die Krebsschäden der Gesellschaft zu entblößen.
»Sie haben, meine Herren Geschworenen, ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, für das Ende des Jahrhunderts typisches Verbrechen vor sich, ein Verbrechen welchem, so zu sagen, die spezifischen Merkmale einer beginnenden Auflösung anhaften, einer Auflösung, der in unseren Tagen namentlich jene Schichten der Gesellschaft verfallen, welche den so zu sagen heißesten Strahlen jenes Prozesses ausgesetzt sind . . . «
Der Staatsanwalt sprach lange, wobei er sich einerseits bemühte, sich all der klugen Sachen, die er sich zurecht gelegt hatte, zu erinnern, anderseits und hauptsächlich aber, nicht einen Augenblick stecken zu bleiben, und es so einzurichten, daß seine Rede ununterbrochen eine und eine viertel Stunde dahinfloß.
Nur einmal stockte er und schluckte ziemlich lange. Aber sogleich überwand er die Schwierigkeit und glich die Bresche durch eine verstärkte Beredsamkeit aus. Er sprach bald mit zarter, ein schmeichelnder Stimme, indem er von einem Fuß auf den anderen trat und den Geschworenen in die Augen blickte, bald im ruhigen geschäftsmäßigen Ton, vertieft in das Konzept, und dann wieder mit lauter überführender Stimme, den Blick von den Geschworenen zu dem Publikum wendend. Nur die Angeklagten, die sich mit den Augen an ihm gleichsam festgesogen hatten, sah er nicht ein einziges Mal an. Seine Rede enthielt all das Neueste, was damals in seinem Kreise im Gange war, was für das letzte Wort der wissenschaftlichen Weisheit galt und noch gilt. Da gab es die Theorie der erblichen Belastung, des angeborenen Verbrechertums, Lombroso, Tardieu, Evolution, Kampf ums Dasein, Hypnotismus, Suggestion, Charcot, Decadence, — all das bunt durcheinander.
Der Kaufmann Smeljkow war nach der Auffassung des Staatsanwaltes ein Typus des kraftvollen, unberührten Russen mit seiner freien schrankenlosen Natur. In Folge seiner Vertrauensseligkeit und seines Großmutes fiel er als Opfer einiger tief entsittlichten Persönlichkeiten, unter deren Einfluß er geraten war.
Simon Kartinkin war ein atavistisches Produkt der Leibeigenschaft, ein verschüchterter Mensch, ohne Bildung, ohne Prinzipien, ohne Religion sogar. Jewfimia war seine Geliebte und ein Opfer erblicher Belastung. An ihr konnte man alle Kennzeichen eines degenerierten Subjekts beobachten. Die eigentliche treibende Kraft des Verbrechens war jedoch in der Maslowa verkörpert, die man zu den niederen Vertretern der Decadence zählen mußte. »Dieses Weib«, so sprach der Staatsanwalt, ohne die Maslowa anzusehen, — »hat Bildung gewonnen. Wir haben hier vor Gericht die Aussagen ihrer Wirtin gehört. Sie kann nicht nur lesen und schreiben, sondern auch Französisch. Sie ist eine Waise, die wahrscheinlich die Keime des Verbrechens schon in sich trug. Sie wurde in einer intelligenten adeligen Familie erzogen und hätte sich durch ehrliche Arbeit ernähren können. Aber sie verläßt ihre Wohlthäter, läßt sich von ihren Leidenschaften fortreißen und geht in ein öffentliches Haus. Sie fällt durch ihre Bildung auf und auch, wie Sie, meine Herren Geschworenen, hier von ihrer Wirtin gehört haben, durch ihre Fähigkeit, die Leute mit jener geheimnisvollen, eigentümlichen Kraft zu beeinflussen, welche in neuester Zeit von der Wissenschaft und namentlich von der Schule Charcots erforscht und unter dem Namen Suggestion bekannt geworden ist. Durch eben diese Kraft unterwirft sie sich den russischen Recken, den gutmütigen, zu traulichen Sagenheld und mißbraucht sein Vertrauen, um ihn erst zu berauben und dann erbarmungslos zu morden.«
»Na, da scheint er mir denn doch sich etwas zu hoch verflogen zu haben«, sagte der Präsident, indem er sich lächelnd zum strengen Mitglied hinüberbeugte.
»Ein fürchterlicher Schafskopf!« sagte das strenge Mitglied.
»Meine Herren Geschworen!« fuhr unterdessen mit einer graziösen Taillenwendung der Staatsanwalt fort. »Von Ihrem Machtspruch hängt das Schicksal dieser Menschen ab, aber in Ihrer Macht befindet sich zum Teil auch das Schicksal der ganzen Gesellschaft, die Sie durch Ihr Verdikt beeinflussen. Sie werden sich von der Bedeutung dieses Verbrechens durchdringen lassen, werden sich der Gefahr, welcher die Gesellschaft durch solche, so zu sagen, pathologische Individuen ausgesetzt wird, nicht verschließen, und werden die Gesellschaft, ihre gesunden, unschuldigen Elemente, vor Ansteckung und wahrscheinlichem Untergang wohl zu wahren wissen.«
Und als wäre er selbst von der Bedeutung des zu erwartenden Urteils erdrückt, ließ sich der Staatsanwalt auf seinen Sitz nieder, mit seiner eigenen Rede offenbar aufs höchste zufrieden.
Der Sinn seiner Rede war, abgesehen von den Blumen der Beredsamkeit, — daß die Maslowa den Kaufmann hypnotisiert haben sollte. Nachdem sie sich in sein Vertrauen eingeschlichen hätte, sei sie nach dem Gelds mit dem Schlüssel in sein Zimmer gegangen und hätte ursprünglich alles für sich behalten wollen. Da sie aber von Simon und Jewfimia überrascht wurde, so mußte sie natürlich den Raub mit ihnen teilen. Nachher, um die Spuren des Verbrechens zu tilgen, hätte sie den Kaufmann wieder ins Hotel gelockt und ihn dort vergiftet.
Nach der Rede des Staatsanwaltes erhob sich von der Advokatenbank ein Herr in mittleren Jahren, mit stark ausgeschnittener Weste und hielt eine geschickte Rede zur Verteidigung des Kartinkin und der Botschkowa. Es war der von ihnen für dreihundert Rubel engagierte Rechtsanwalt. Er suchte die beiden zu entlasten und die ganze Schuld auf die Maslowa zu schieben.
Er verwarf die Aussage der Maslowa, daß die Botschkowa und Kartinkin mit ihr zusammen gewesen seien, als sie das Gerd nahm, und bestand darauf, daß ihr Zeugnis, als das Zeugnis einer des Giftmordes überwiesenen, keinen Wert haben könne. Das Geld, die zweitausend fünfhundert Rubel — so sagte der Advokat — konnten von zwei ehrlichen und arbeitsamen Menschen, die von den Gästen zuweilen drei bis fünf Rubel täglich erhielten, sehr wohl erübrigt worden sein. Das Geld des Kaufmanns aber sei von der Maslowa geraubt und irgend jemand übergeben worden oder auch verloren, da sie sich in einem anormalen Zustande befunden hätte. Die Vergiftung hätte die Maslowa allein ausgeführt.
Daher ersuchte er die Geschworenen, den Kartinkin und die Botschkowa von der Entwendung des Geldes freizusprechen. Sollten sie aber die beiden in dieser Hinsicht dennoch für schuldig er achten, so möchten sie doch die vorgefaßte Absicht und die Teilnahme an der Vergiftung ausschließen.
Zum Schluß bemerkte der Advokat mit einem Stich gegen den Staatsanwalt, daß die glänzenden Ausführungen des Herrn Vertreters der Staatsanwaltschaft über die Frage der erblichen Belastung, obgleich sie dieselbe vom wissenschaftlichen Standpunkt beleuchteten, in diesem Falle doch nicht an gebracht seien, da die Botschkowa die Tochter unbekannter Eltern sei.
Der Staatsanwalt trug wütend und bissig etwas in seinem Konzept ein und zuckte in verächtlicher Verwunderung die Achseln.
Darauf erhob sich der Verteidiger der Maslowa und hielt schüchtern und stotternd seine Verteidigungsrede. Ohne die Teilnahme der Maslowa an der Entwendung des Geldes in Abrede zu stellen, bestand er nur darauf, daß sie nicht die Absicht gehabt hätte, Smeljkow zu vergiften, und das Pulver nur dazu gereicht hätte, damit er einschliefe. Er wollte auch etwas Beredsamkeit entwickeln, indem er eine Schilderung unternahm, wie die Maslowa in das lasterhafte Leben von einem Manne hin eingezogen war, der straflos geblieben, während sie jetzt die ganze Schwere ihres Fehltrittes tragen mußte. Aber dieser Exkurs in das Gebiet der Psychologie gelang ihm so schlecht, daß es allen peinlich wurde. Als er von der Hilflosigkeit der Frauen und der Hartherzigkeit der Männer zu stottern begann, unterbrach ihn der Präsident, um ihm die Situation zu erleichtern, und ersuchte ihn, bei der Sache zu bleiben.
Nach diesem Verteidiger erhob sich wieder der Staatsanwalt und begann seine Auffassung von der Vererbung gegen den ersten Rechtsanwalt zu verteidigen. Wenn die Botschkowa auch von unbekannten Eltern abstamme, so werde dadurch die Sicherheit der Vererbungstheorie in keiner Weise gemindert, denn diese Theorie sei von der Wissenschaft so weit fundiert, daß wir nicht nur das Verbrechen von der Vererbung, sondern auch die Vererbung vom Verbrechen herleiten könnten. Was übrigens die Annahme der Verteidigung beträfe, daß die Maslowa zum lasterhaften Lebenswandel von einem fingierten (er sprach das Wort »fingiert« besonders giftig aus) Manne verführt worden sei, so sprächen alle Ergebnisse der Untersuchung vielmehr dafür, daß sie die Verführerin vieler, sehr vieler Opfer gewesen, die durch ihre Hände gegangen seien. Nachdem er das gesagt hatte, ließ er sich wieder siegreich nieder.
Darauf wurde den Angeklagten anheim gegeben, sich zu rechtfertigen.
Jewfimia Botschkowa wiederholte nur, daß sie von nichts gewußt und sich an nichts beteiligt hätte und wies hartnäckig auf die Maslowa hin, als auf diejenige, die die einzige Schuldige sei.
Simon wiederholte nur einige Mal:
»Wie Sie wollen . . . aber schuldlos . . . ohne Grund . . . «
Die Maslowa sagte nichts. Auf das Ersuchen des Präsidenten, das, was sie zu ihrer Verteidigung vorzubringen hätte, zu sagen, erhob sie nur die Augen zu ihm und warf wie ein gehetztes Tier einen Blick um sich herum, senkte dann wieder die Augen und brach in ein lautes Schluchzen aus.
»Was ist Ihnen?« fragte der neben Nechljudow sitzende Kaufmann, als er den sonderbaren Ton vernahm, der diesem plötzlich entfuhr. Dieser Ton war ein zurückgehaltenes Schluchzen.
Nechljudow begriff noch immer nicht die ganze Bedeutung seiner jetzigen Lage und schrieb das kaum zurückgehaltene Schluchzen und die in die Augen tretenden Thränen der Schwäche seiner Nerven zu. Er setzte, um die Thränen zu verbergen, das Pincenez auf und begann sich zu schnauben.
Die Furcht vor der Schande, mit der er sich bedecken würde, wenn jetzt im Gerichtssaale alle seine Schandthat erkennen würden, erstickte die innere Arbeit, die in ihm vor sich ging. Diese Furcht drängte in der ersten Zeit alles andere in ihm zurück.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Nach dem letzten Worte der Angeklagten und nach der Besprechung der Parteien bezüglich der Form der zu stellenden Fragen, was noch ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm, wurden die Fragen vorgelegt und der Präsident begann sein Resümee.
Ehe er an die Darstellung des Thatbestandes ging, erklärte er den Geschworenen sehr ausführlich in einem angenehmen familiären Tone, daß Raub Raub sei, Diebstahl Diebstahl, und Entwendung aus einem verschlossenen Raum Entwendung aus einem verschlossenen Raum. Während dieser Erklärung blickte der Präsident besonders häufig auf Nechljudow, als wollte er gerade ihn auf diesen wichtigen Unterschied ganz besonders aufmerksam machen, in der Hoffnung, daß der Fürst ihn dann später auch seinen Kollegen klar machen würde. Nachdem er dann angenommen hatte, daß die Geschworenen von diesen wichtigen Wahrheiten genügend durchdrungen seien, begann er eine neue Wahrheit zu entwickeln, nämlich die, daß Mord eine solche Handlung genannt werde, durch welche der Tod eines Menschen erfolge, und daß Vergiftung daher auch ein Mord sei. Als auch diese Wahrheit, seiner Ansicht nach, von den Geschworenen ebenfalls erfaßt war, erklärte er ihnen, daß wenn Diebstahl und Mord zugleich verübt werden, der Bestand des Verbrechens sich aus Diebstahl und Mord zusammensetze.
Obgleich der Präsident selbst möglichst schnell fertig werden wollte und die Schweizerin ihn bereits erwarten mußte, so war er doch an seine Beschäftigung so sehr gewöhnt, daß er, als er ein mal angefangen hatte zu sprechen, nicht mehr auf hören konnte. Er belehrte daher die Geschworenen ausführlich, daß, wenn sie die Angeklagten für schuldig befänden, ihnen das Recht zustände, sie für schuldig zu befinden, wenn sie sie aber für unschuldig befänden, ihnen das Recht zustände, sie für unschuldig zu befinden; wenn sie sie aber in einer Sache für schuldig, in der anderen aber für unschuldig befänden, so stehe ihnen das Recht zu, sie in der einen Sache für schuldig, in der anderen für unschuldig zu befinden. Darauf er klärte er ihnen noch, daß, obgleich ihnen dieses Recht zuerkannt sei, sie davon nur in vernünftiger Weise Gebrauch machen müßten.
Er wollte ihnen auch noch erklären, daß, wenn sie auf eine der ihnen vorgelegten Fragen eine bejahende Antwort geben, sie durch diese Antwort alles das, was die Frage enthält, bejahen, und daß, wenn sie irgend einen Teil der Frage nicht bejahen wollten, sie das, was sie nicht bejahen, besonders erwähnen und ausscheiden müßten. Aber als er auf die Uhr blickte und sah, daß es schon fünf Minuten vor Drei war, entschloß er sich, so gleich zur Darlegung des Thatbestandes überzugehen.
»Der Thatbestand dieser Sache ist folgender«, so begann er und wiederholte dann alles das, was schon mehrere Male von den Verteidigern, vom Staatsanwaltsadjunkt und von den Zeugen gesagt worden war.
Der Präsident sprach, während die Mitglieder rechts und links von ihm tiefsinnig zuhörten und nur bisweilen nach der Uhr sahen. Sie fanden seine Rede zwar sehr schön, d.h. gerade so, wie sie sein mußte, aber doch etwas lang. Derselben Meinung waren auch der Staatsanwalt, alle Beamten des Gerichtshofs und alle übrigen Anwesenden.
Endlich hatte der Präsident sein Resümee beendet. Es schien jetzt alles gesagt worden zu sein. Wer der Präsident konnte sich von seinem Recht zu sprechen durchaus nicht trennen, so an genehm war es ihm, die eindringlichen Intonationen seiner Stimme zu hören. Er fand es also für angebracht, noch einige Worte über die Bedeutung des Rechtes, das den Geschworenen verliehen war, zu sagen, wie sie dieses Recht mit Vorsicht und Aufmerksamkeit benutzen und es nicht mißbrauchen sollten. Er erinnerte sie an den Eid, den sie geleistet, sagte ihnen, daß sie das Gewissen der Gesellschaft seien, daß das Geheimnis des Beratungszimmers geheiligt sein müsse u.s.w. u.s.w.
Seitdem der Präsident zu sprechen begonnen, hatte ihn die Maslowa unverwandt angeblickt, als fürchtete sie, ein Wort seiner Rede zu verlieren. Nechljudow brauchte daher nicht zu fürchten, ihren Augen zu begegnen und sah sie immerfort an. Und in seiner Vorstellung ging jene gewöhnliche Erscheinung vor sich, die man jedesmal beobachten kann, wenn man ein liebes, lange nicht gesehenes Gesicht wieder vor Augen hat. Zuerst pflegt es einen durch die vielen äußerlichen Veränderungen, die sich während der Trennung eingestellt, zu frappieren, dann allmählich wird es wieder dasselbe Antlitz, das es vor vielen Jahren gewesen war, alle Veränderungen schwinden, und vor dem geistigen Auge ersteht wieder jener Hauptausdruck der aus schließlichen unwiederholbaren geistigen Persönlichkeit. Eben dieses ging in Nechljudow vor sich.
Ja, trotz des Arrestantenschlafrocks, trotz des ganzen breiter gewordenen Körpers und der aus gewachsenen Brust, trotz des in den unteren Teilen gröber gewordenen Gesichts, trotz der Fältchen auf der Stirn und an den Schläfen, und der geschwollenen Lider, war es unzweifelhaft dieselbe Katjuscha, die am Heiligen Ostersonntag mit vor Freude und Lebensfülle lachenden, verliebten Augen so unschuldig von oben herauf zu ihm, ihrem Geliebten, geschaut hatte.
»Und so ein merkwürdiger Zufall! Mußte es sich doch gerade so treffen, daß dieser Prozeß auf meine Session fiel und daß ich sie, die ich zehn Jahre hindurch nicht getroffen, gerade hier, auf der Verbrecherbank wiedersehe! Und was für ein Ende wird das alles nehmen? Wäre es doch schneller, ach schneller zu Ende!«
Er wollte sich immer noch nicht dem Gefühl der Reue, das in ihm lebendig wurde, unter werfen. Es erschien ihm noch alles wie ein Zufall, der vorübergehen würde, ohne sein Leben zu stören. Er fühlte sich in der Lage eines jungen Hundes, der sich in der Stube schlecht aufgeführt hat und den der Herr am Kragen nimmt und mit der Schnauze in die Schweinerei, die der Hund gemacht hat, hineinstößt. Der Hund winselt, zieht sich zurück, um von den Folgen seiner That möglichst weit wegzulaufen und dieselben zu vergessen, aber sein unerbittlicher Herr läßt ihn nicht los. So empfand auch Nechljudow bereits die ganze Abscheulichkeit dessen, was er gemacht, er fühlte auch die mächtige Hand des Herren, aber er begriff noch immer nicht die Bedeutung seiner That und erkannte den Herren selbst nicht an. Er wollte immer nicht daran glauben, daß das, was er vor sich sah, sein Machwerk war. Aber die unerbittliche unsichtbare Hand hielt ihn fest, und er fühlte bereits, daß er nicht loskommen würde. Er markierte noch den Tapferen und saß noch mit selbstbewußter Miene auf seinem zweiten Platz in der ersten Reihe, die Beine übereinander geschlagen und das Pincenez zwischen den Fingern. Unterdessen aber fühlte er schon in der Tiefe seiner Seele die ganze Grausamkeit, Gemeinheit und Niedrigkeit nicht nur dieser seiner That, sondern auch seines ganzen müßigen, unsittlichen, grausamen und eigenwilligen Lebens. Und jener furchtbare Vorhang, der wie durch ein Wunder ihm diese ganze Zeit hindurch, während dieser ganzen zwölf Jahre, nicht nur dieses sein Verbrechen, sondern auch sein nachfolgendes Leben verborgen hatte, begann sich schon zu lüften, und er konnte bereits hier und da einen Blick dahinter werfen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel,
Endlich hatte der Präsident seine Rede beendet.
Mit einer graziösen Geste hob er die Frageliste in die Höhe und übergab sie dem heran getretenen Obmann. Die Geschworenen standen auf und waren froh, weggehen zu dürfen. Als ob sie sich vor etwas schämten und nicht wüßten, was sie mit ihren Händen beginnen sollten, gingen sie einer nach dem anderen in das Beratungszimmer. Sobald sich die Thür hinter ihnen schloß, trat ein Gendarm an dieselbe; er zog den Säbel aus der Scheide, legte ihn an die Schulter und blieb an der Thür stehen. Auch die Richter er hoben sich und gingen hinaus. Die Angeklagten wurden abgeführt.
Sobald die Geschworenen das Beratungszimmer betreten hatten, holten sie, wie auch vorher, in erster Linie ihre Cigaretten hervor und begannen zu rauchen. Das Unnatürliche und Falsche ihrer Lage, das sie alle mehr oder weniger empfunden hatten, als sie auf ihren Plätzen im Saale saßen, war nun vorbei, sobald sie das Beratungszimmer betreten und ihre Cigaretten angezündet hatten. Mit dem Gefühl der Erleichterung nahmen sie Platz und begannen sogleich ein lebhaftes Gespräch.
»Die Dirne ist unschuldig, sie ist da herein gefallen . . . . Man muß ihr mildernde Umstände zuerkennen«, sagte der gutmütige Kaufmann.
»Das wollen wir also nun besprechen«, sagte der Obmann. »Wir dürfen uns nicht unseren persönlichen Eindrücken hingeben.«
»Der Präsident hat sein Resümee gut gemacht«, bemerkte der Oberst.
»Jawohl, gut! Ich bin beinahe eingeschlafen.«
»Die Hauptsache ist die, daß die Dienstboten vom Gelde überhaupt nichts hätten wissen können, wenn die Maslowa mit ihnen nicht unter einer Decke gesteckt hätte«, meinte der Kommis mit dem jüdischen Aussehen.
»Also hat sie Ihrer Meinung nach gestohlen?« fragte einer von den Geschworenen.
»Um nichts in der Welt kann ich daran glauben!« rief der gutmütige Kaufmann aus.
»Das hat alles diese rotäugige Kanaille eingebrockt.«
»Die sind alle gut«, sagte der Oberst.
»Aber sie sagt doch, daß sie im Zimmer gar nicht gewesen sei.«
»Glauben Sie ihr nur. Ich würde diesem Luder nicht über den Weg trauen.«
»Ob Sie ihr trauen oder nicht, ändert die Sache wenig«, bemerkte der Kommis.
»Sie hatte den Schlüssel.«
»Was ist denn dabei, daß sie ihn hatte?« entgegnete der Kaufmann.
»Und der Ring?«
»Sie hat es doch gesagt!« schrie wieder der Kaufmann. »Der Kaufmann war ja temperamenvoll und noch dazu angetrunken. Zuerst prügelte er sie und nachher that es ihm leid. . . . Da hast du, weine nicht . . . Das war ja ein Bombenkerl, zwölf Werschok, gegen acht Pud schwer, wie ich hörte . . .
»Darauf kommt es ja gar nicht an«, unter brach ihn Pjotr Gerassimowitsch. »Die Frage ist die: hat sie die ganze Sache eingefädelt, oder die Dienstboten?«
»Die Dienstboten allein konnten das nicht aus führen. Sie hatte ja den Schlüssel . . . «
Diese zusammenhanglosen Debatten dauerten ziemlich lange.
»Erlauben Sie doch, meine Herren«, sagte der Obmann. »Setzen wir uns an den Tisch und besprechen wir die Sache. Bitte . . . « Und er setzte sich auf den Präsidentenplatz.
»Sind auch ein Pack, diese Frauenzimmer«, sagte der Kommis und erzählte zur Bekräftigung seiner Ansicht, daß die Maslowa die Hauptanstifterin sei, eine Geschichte, wie ein solches Frauenzimmer seinem Kameraden einmal auf dem Boulevard die Uhr gestohlen hatte.
Der Oberst begann bei dieser Gelegenheit einen noch frappanteren Fall zu erzählen, den Diebstahl eines silbernen Samowars.
»Meine Herren, ich bitte, sich an die Fragen zu halten!« sagte der Obmann und klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch.
Alle schwiegen.
Die Fragen waren folgendermaßen gefaßt:
1. Ist der Bauer des Dorfes Borki, Kreis Krapiwensk, Simon Petrow Kartinkin, drei und dreißig Jahre alt, dessen schuldig, daß er am 17. Januar 188 . in der Stadt N., in der Absicht, den Kaufmann Smeljkow ums Leben zu bringen, um ihn zu berauben, nach erfolgtem Einverständnis mit anderen Personen, dem Smeljkow im Kognak Gift gegeben hat, worauf Smeljkows Tod erfolgte, und demselben Geld, etwa zweitausend und fünfhundert Rubel und einen Brillantring entwendet hat.
2. Ist die Kleinbürgerin Jewfimia Iwanowa Botschkowa, drei und vierzig Jahre alt, des in der ersten Frage erwähnten Verbrechens schuldig?
3. Ist die Kleinbürgerin Jekaterina Michajlowa Maslowa, sieben und zwanzig Jahre alt, des in der ersten Frage erwähnten Verbrechens schuldig?
4. Wenn die Angeklagte Jewfimia Botschkowa nach der ersten Frage unschuldig ist, ist sie dann nicht dessen schuldig, daß sie am 17. Januar 188 . in der Stadt N., während sie im Hotel »Mauritanien« in Dienst stand, aus dem verschlossenen Koffer eines Logiergastes des genannten Hotels, des Kaufmanns Smeljkow, heimlich zweitausend fünfhundert Rubel Geld entwendet hat, zu welchem Zwecke sie den Koffer an Ort und Stelle mit einem mitgebrachten, passenden Schlüssel geöffnet hat?
Der Obmann verlas die erste Frage.
»Nun, meine Herren?«
Diese Frage wurde sehr schnell beantwortet. Alle waren mit der Antwort: »ja, schuldig«, einverstanden und erkannten den Kartinkin als Mitthäter an der Entwendung sowohl als auch an der Vergiftung. Nicht einverstanden, den Kartinkin als schuldig zu erklären, war nur ein alter Mann, Mitglied einer Arbeitergenossenschaft, der alle Fragen im Sinne der Freisprechung beantwortet haben wollte.
Der Obmann glaubte, daß der Mann die Sache nicht verstehe und erklärte ihm, wie es augenscheinlich sei, daß Kartinkin und die Botschkowa schuldig wären. Aber der Genossenschaftler antwortete, daß er alles sehr wohl verstehe, es aber immerhin für richtiger halte, Mitleid mit den Leuten zu haben. »Wir sind selbst keine Heiligen . . . « sagte er und blieb auch bei seiner Meinung.
Auf die zweite, die Botschkowa betreffende Frage, erfolgte nach langem Hin- und Herreden und Erklären die Antwort: »unschuldig«, da es keine klaren Beweise für ihre Teilnahme am Giftmord gab, — worauf ihr Advokat immer wieder hin gewiesen hatte.
Der Kaufmann, der die Maslowa freisprechen wollte, bestand zwar darauf, daß die Botschkowa die Hauptanstifterin von allem sei. Viele von den Geschworenen stimmten ihm bei, aber der Obmann wollte sich streng an das Gesetz halten und wiederholte, daß es keinen Grund gäbe, sie als Teilnehmerin am Giftmord zu erklären.
Nach langen Debatten siegte die Meinung des Obmanns.
Auf die vierte, ebenfalls die Botschkowa betreffende Frage antwortete man: »ja, schuldig«, und fügte dann auf Verlangen des Genossenschaftlers hinzu: »aber hat Anspruch auf Zuerkennung mildernder Umstände.«
Die die Maslowa betreffende Frage rief einen erbitterten Streit hervor. Der Obmann bestand darauf, daß sie sowohl des Giftmords als auch der Entwendung schuldig sei. Der Kaufmann wollte dazu nicht seine Zustimmung geben und wurde darin von dem Oberst, dem Kommis und dem Genossenschaftler unterstützt. Die übrigen schienen eine Zeit lang zu schwanken, aber die Meinung des Obmanns begann schließlich doch überhand zu nehmen, besonders weil die Geschworenen alle ermüdet waren und sich darum leichter der Meinung anschlossen, die die meiste Aussicht hatte, alle schneller zu vereinigen und somit auch zu befreien.
Nach alledem, was die gerichtliche Untersuchung zu Tage gefördert hatte und nachdem, wie Nechljudow die Maslowa kannte, war er überzeugt, daß sie sowohl an der Entwendung als auch am Mord unschuldig war. Anfangs war er auch überzeugt, daß alle das anerkennen würden, aber bald merkte er, daß die ungeschickte Verteidigung des Kaufmannes der Sache schadete. Diese Verteidigung war augenscheinlich darauf begründet, daß die Maslowa dem Kaufmann physisch gefiel, was er auch nicht verhehlte. Gerade dieses aber weckte den Widerspruch des Obmanns. Auch die Müdigkeit der Geschworenen trug dazu bei, daß sich die Entscheidung immer mehr der Schuldigsprechung zuneigte. Nechljudow merkte das wohl. Er wollte zuerst dagegensprechen, aber er fürchtete sich, für die Maslowa einzutreten, es schien ihm, daß alle sogleich seine Beziehungen zu ihr erraten würden. Dennoch fühlte er, daß er die Sache nicht auf sich beruhen lassen könnte und entgegnen müßte. Er wurde rot und blaß und wollte eben anfangen zu sprechen, als Pjotr Gerassimowitsch, der bis dahin geschwiegen hatte, offenbar durch den autoritativen Ton des Obmanns geärgert, diesem zu widersprechen begann und genau dasselbe sagte was Nechljudow hatte sagen wollen.
»Erlauben Sie«, sagte er, »Sie behaupten, daß sie des Diebstahls darum schuldig sei, weil sie den Schlüssel gehabt hätte . . . Als ob die Dienstboten den Koffer nicht nach ihr mit einem falschen Schlüssel geöffnet haben könnten? . . . «
»Nun ja, natürlich«, unterstützte ihn der Kaufmann.
»Sie konnte das Geld auch darum nicht genommen haben, weil sie in ihrer Lage mit dem selben nichts anfangen konnte.«
»Das sage ich ja auch«, bestätigte der Kaufmann.
»Viel eher brachte ihr Besuch im Hotel die Dienstboten auf diese Idee; diese benutzten dann die Gelegenheit und schoben hernach alles auf die Maslowa.«
Pjotr Gerassimowitsch sprach mit gereizter Stimme. Und seine Gereiztheit teilte sich dem Obmanne mit, der daraufhin seine entgegengesetzte Ansicht besonders standhaft zu verteidigen begann. Pjotr Gerassimowitsch sprach jedoch so überzeugend, daß die Mehrheit ihm beistimmte und zugab, daß die Maslowa an der Entwendung des Geldes und Ringes nicht beteiligt gewesen sei und den Ring vom Kaufmann geschenkt bekommen habe.
Als aber das Gespräch auf ihre Teilnahme am Giftmord überging, sagte ihr leidenschaftlicher Verteidiger, der Kaufmann, daß man sie für unschuldig erachten müsse, da sie ja keine Veranlassung gehabt hätte, den Smeljkow zu vergiften. Der Obmann aber sagte, daß man sie nicht für unschuldig halten könne, da sie ja selbst eingestanden hätte, das Pulver gereicht zu haben.
»Sie hat es gegeben, hat aber geglaubt, daß es Opium sei«, sagte der Kaufmann.
»Sie hätte ihm, auch mit Opium das Leben nehmen können«, bemerkte der Oberst, der sich gern auf Abschweifungen einließ. Bei dieser Gelegenheit begann er zu erzählen, wie sich die Frau seines Schwagers mit Opium vergiftet hätte und wohl auch gestorben wäre, wenn nicht ein Arzt in der Nähe gewesen wäre und man nicht rechtzeitig Maßregeln ergriffen hätte.
Der Oberst erzählte so eindringlich, so selbst bewußt und mit solcher Würde, daß niemand den Mut hatte, ihn zu unterbrechen.
Nur der Kommis, den das Beispiel lockte, entschloß sich, ihm ins Wort zu fallen, um seine Geschichte zu erzählen.
»Manche gewöhnen sich so sehr daran«, begann er, »daß sie bis zu vierzig Tropfen einnehmen können . . . Ich hatte einen Verwandten, der . . . «
Aber der Oberst ließ sich das Wort nicht nehmen, und fuhr fort, seine Geschichte von der Wirkung des Opiums auf die Frau seines Schwagers zu erzählen.
»Aber es ist schon über vier Uhr«, sagte endlich einer der Geschworenen.
»Also wie ist’s, meine Herren?« wandte sich der Obmann an die Geschworenen. »Wollen wir sie für schuldig erklären, aber ohne den Vorsatz, zu berauben, und fremdes Eigentum hat sie nicht entwendet?«
»Ist’s recht?«
Pjotr Gerassimowitsch, der mit seinem Siege zufrieden war, willigte ein.
»Aber sie verdient mildernde Umstände«, fügte der Kaufmann hinzu.
Alle waren einverstanden, nur der Genossenschaftler nicht, sondern er bestand darauf, daß man antworten müsse: »nein, unschuldig.«
»Das kommt ja darauf heraus«, erklärte der Obmann. »Auf diese Weise ist sie ja unschuldig.«
»Also drauf los: und verdient mildernde Um stände. Was also geblieben ist, auch das wird damit getilgt . . . « sagte lustig der Kaufmann.
Alle waren so müde geworden und hatten sich so in den Debatten verwickelt, daß es niemand in den Sinn kam, der Antwort beizufügen: ja, aber ohne den Vorsatz, des Lebens zu berauben.
Nechljudow war so aufgeregt, daß auch er es nicht bemerkte.
In dieser Fassung wurden die Antworten auf gezeichnet und in den Gerichtssaal getragen.
Rabelais schreibt, daß ein Jurist, den man um seinen Urteilsspruch anging, nach einem Hinweis auf alle möglichen Gesetze und nach Verlesung von zwanzig Seiten sinnlosen juristischen Lateins den Streitenden vorgeschlagen habe, einfach zu würfeln: Paar oder Unpaar. Wenn Paar — so habe der Kläger recht, wenn Unpaar — der Beklagte.
So war es auch hier. Dieses und nicht ein anderes Urteil wurde gefällt, nicht weil alle damit einverstanden waren, sondern erstens darum, weil der Präsident, der so viel Zeit zu seinem Resümee gebraucht, es diesmal unterlassen hatte, etwas, was er sonst immer zu erwähnen pflegte, zu sagen; nämlich, daß die Geschworenen die Frage auch so beantworten könnten: »Ja, schuldig, aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben.« Der zweite Grund war der, daß der Oberst sehr ausführlich und langweilig die Geschichte von der Frau seines Schwagers erzählte. Der dritte der, daß Nechljudow so aufgeregt war, daß er die Weglassung der Klausel: »aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben«, nicht merkte, sondern glaubte, daß schon die Klausel: »ohne vorgefaßte Absicht, zu berauben«, die Anklage vernichte. Der vierte Grund endlich für die Annahme dieses Urteils war der, daß Pjotr Gerassimowitsch im Zimmer nicht anwesend war; er war gerade hinausgegangen, als der Obmann die Fragen und Antworten noch ein mal durchnahm. Der hauptsächlichste Grund aber war der, daß alle ermüdet waren und möglichst bald frei werden wollten. Daher stimmten sie alle der Entscheidung zu, durch welche die ganze Sache am schnellsten erledigt wurde.
Die Geschworenen klingelten. Der Gendarm, der mit gezogenem Säbel an der Thür stand, steckte die Waffe in die Scheide und trat zur Seite. Die Richter setzten sich auf ihre Plätze, und einer nach dem anderen traten die Geschworenen ein.
Der Obmann trug mit feierlichem Ausdruck den Fragebogen. Er trat an den Präsidenten heran und überreichte ihm denselben. Der Präsident warf auf den Bogen einen Blick und machte mit der Hand ein demonstratives Zeichen des Staunens. Er wandte sich an seine Kollegen und begann sich mit ihnen zu besprechen.
Den Präsidenten wunderte es, daß die Geschworenen, während sie die eine Klausel: »ohne Vorsatz, zu berauben« eingefügt hatten, die zweite Klausel: »ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben«, außer Acht gelassen hatten. Es ergab sich also nach Ansicht der Geschworenen, daß die Maslowa Weder gestohlen, noch geraubt, zugleich aber ohne jeden ersichtlichen Zweck einen Menschen vergiftet hatte.
»Sehen Sie mal, was für einen Blödsinn die gebracht haben!« sagte er zu dem Mitgliede links. »Das bedeutet ja Zwangsarbeit, während sie doch unschuldig ist . . . «
»Nun, wo denn unschuldig«, meinte das strenge Mitglied.
»Ganz einfach unschuldig. Meiner Ansicht nach giebt das eine Veranlassung zur Anwendung des § 817.«
Der § 817 lautet dahin, daß das Gericht, wenn es die Verurteilung für ungerecht erachtet, das Urteil der Geschworenen aufheben kann.
»Wie meinen Sie?« wandte sich der Präsident an das gutmütige Mitglied.
Das gutmütige Mitglied antwortete nicht gleich, er sah auf die Nummer des vor ihm liegenden Papiers und addierte die Zahlen, — es ging nicht durch drei. Er hatte die Absicht, seine Zustimmung dann zu geben, wenn die Summe durch drei teilbar wäre. Aber obgleich drei in der Zahl nicht aufging, so stimmte er dennoch aus Gutmütigkeit zu.
»Ich denke auch, daß man es thun müßte«, sagte er.
»Und Sie?« wandte sich der Präsident an das mißmutige Mitglied.
»Auf keinen Fall!« antwortete dieser entschieden. »Die Zeitungen schreiben schon so wie so, daß die Geschworenen Verbrecher freisprechen, was werden sie erst sagen, wenn der Gerichtshof dasselbe thut. Ich bin in keinem Falle einverstanden.«
Der Präsident sah nach der Uhr.
»Schade, aber was ist da zu machen . . . « Und er übergab die Fragen dem Obmann zur Verlesung.
Alle erhoben sich, der Obmann räusperte sich, verlegen von einem Fuß auf den anderen tretend, und las die Fragen und Antworten vor. Alle Beamten des Gerichts, der Sekretär, die Advokaten und sogar der Staatsanwalt äußerten Zeichen des Erstaunens.
Die Angeklagten saßen teilnahmlos da, ohne, wie es schien, die Bedeutung der Antworten zu verstehen.
Wieder setzten sich alle und der Präsident fragte den Staatsanwalt, mit welchen Strafen nach seiner Ansicht die Angeklagten zu belegen seien.
Der Staatsanwaltsadjunkt war über seinen unerwarteten Erfolg bezüglich der Maslowa sehr er freut und schrieb denselben seiner Beredsamkeit zu. Er schlug irgendwo etwas nach, erhob sich ein wenig und sagte:
»Simon Kartinkin wäre auf Grund des Artikels 1452 und § 4 des Artikels 1453, Jewfimia Botschkowa auf Grund des Artikels 1659 und Jekaterina Maslowa auf Grund des Artikels 1454 abzuurteilen . . . «
Alle diese Strafen waren die strengsten, die nur angewandt werden konnten.
»Das Gericht entfernt sich, um die Entscheidung zu treffen«, sagte der Präsident, sich erhebend.
Alle erhoben sich nach ihm, und mit dem erleichternden und angenehmen Bewußtsein einer vollbrachten That fingen sie an, hinauszugehen oder sich im Saal hin und her zu bewegen.
»Aber mein Bester, wir haben doch etwas Schändliches zusammengepfuscht«, sagte Pjotr Gerassimowitsch, an Nechljudow herantretend, dem der Obmann etwas erzählte. »Wir haben sie doch zur Zwangsarbeit verdonnert.«
»Was sagen Sie?« rief Nechljudow aus, ohne diesmal die unangenehme Familiarität des Lehrers zu bemerken.
»Ja natürlich«, meinte der Lehrer. »Wir haben ja in der Antwort nicht gesagt: »schuldig, aber ohne den Vorsatz, des Lebens zu berauben.« Der Sekretär erzählte mir eben, daß der Staatsanwalt fünfzehn Jahre Zwangsarbeit beantragt.«
»Wir haben es doch so beschlssfen«, sagte der Obmann.
Pjotr Gerassimowitsch fing an zu streiten. Er meinte, daß es selbstverständlich gewesen wäre, daß, wenn sie das Geld nicht entwendet, sie auch nicht die Absicht gehabt hätte, den Kaufmann zu vergiften.
»Ich hatte doch die Antworten vor Schluß der Beratung verlesen und niemand protestierte«, entschuldigte sich der Obmann.
»Ich war damals gerade aus dem Zimmer hinausgegangen«, sagte Pjotr Gerassimowitsch. »Wie haben Sie es denn verpaßt?«
»Ich hätte das nie geglaubt«, sagte Nechljudow.
»Nie geglaubt . . . Da haben Sie es.«
»Aber das läßt sich noch gut machen«, sagte Nechljudow.
»Nein, mein Bester, jetzt ist Schluß . . .
Nechljudow sah auf die Angeklagten. Sie, deren Schicksal entschieden war, saßen noch immer ebenso unbeweglich hinter ihrem Gitter vor den Soldaten. Die Maslowa lächelte über irgend etwas. Und in Nechljudows Seele regte sich ein schlechtes Gefühl. Vorher, als er vorausgesetzt hatte, daß sie freigesprochen werden und in der Stadt bleiben würde, war er im Zweifel gewesen, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Und das Verhalten gegen sie war schwer. Die Zwangsarbeit aber und Sibirien vernichteten plötzlich die Möglichkeit jeglichen Verhältnisses zu ihr. — Der angeschossene Vogel würde aufhören in der Jagdtasche zu zucken und an sich zu erinnern.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die Vermuthungen des Pjotr Gerassimowitsch waren richtig.
Als der Präsident aus dem Beratungszimmer zurückkehrte, nahm er das Papier und las:
»Im Jahre 188 . am 28. April, hat auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers das Bezirksgericht zu N. in der Kriminalabteilung, kraft der Entscheidung der Herren Geschworenen, auf Grund des § 3 des Artikels 771, des § 3 des Artikels 776 und des Artikels 777 der Kriminalprozeßordnung erkannt:
den Bauer Simon Kartinkin drei und dreißig Jahre alt, und die Kleinbürgerin Jekaterina Maslowa, sieben und zwanzig Jahre alt, nach Entziehung aller bürgerlichen Rechte in Zwangsarbeit zu verschicken, und zwar den Kartinkin auf acht Jahre, und die Maslowa auf vier Jahre, beide mit den Folgen nach Artikel 25 des Strafgesetzbuches;
die Kleinbürgerin Jewfimia Botschkowa, drei und vierzig Jahre alt, nach Entziehung aller persönlichen Rechte in Sonderheit und der bürgerlichen Rechte im Allgemeinen, ins Gefängnis einzuschließen für den Zeitraum von drei Jahren, mit den Folgen laut Artikel 48 des Strafgesetzbuches;
die Gerichtskosten für diesen Prozeß zu gleichen Teilen den Verurteilten aufzuerlegen, und im Falle der Zahlungsunfähigkeit auf Rechnung des Fiskus zu setzen;
die zum Prozeß gehörigen corpora delicti zu verkaufen, den Ring zurückzuerstatten, die Gläser zu vernichten.«
Kartinkin stand da, ebenso stramm die Hände mit den abstehenden Daumen an den Hosennähten, während seine Wangen zitterten. Die Botschkowa schien vollständig ruhig. Die Maslowa wurde purpurrot, als sie das Urteil vernahm.
»Ich bin unschuldig . . . unschuldig . . . « schrie sie plötzlich über den ganzen Saal hin. »Das ist Sünde. Ich bin unschuldig . . . Ich hatte es nicht gewollt, nicht daran gedacht . . . Ich sage die Wahrheit . . . die Wahrheit . . . « Und mit lautem Schluchzen ließ sie sich auf der Bank nieder.
Kartinkin und die Botschkowa waren schon hinausgegangen, während sie noch immer dasaß und weinte, sodaß der Gendarm sie am Ärmel des Schlafrockes berühren mußte.
»Nein, das darf man nicht so lassen«, sagte Nechljudow, der die unangenehme Empfindung gänzlich vergessen hatte, zu sich selbst. Und er eilte hinaus auf den Korridor, um sie nochmals zu sehen.
In der Thür drängte sich lebhaft ein Haufen von hinausgehenden Geschworenen und Advokaten, die froh über die Beendigung der Verhandlung waren. Nechljudow wurde einige Minuten auf gehalten. Als er auf den Korridor hinaustrat, war sie schon weit. Ohne an die Aufmerksamkeit, die er auf sich lenkte, zu denken, holte er sie ein, überholte sie und blieb dann stehen. Sie hatte schon aufgehört zu weinen und schluchzte nur noch stoßweise. Sie wischte sich das gerötete Gesicht mit dem Zipfel des Kopftuches und ging, ohne sich umzusehen, an ihm vorüber. Er ließ sie an sich vorbeigehen und kehrte dann schnell wieder um, um noch den Präsidenten zu sprechen. Aber der Präsident war schon weggegangen und Nechljudow holte ihn nur noch im Treppenhause ein.
Nechljudow trat an den Präsidenten heran, als er bereits seinen hellen Überzieher angezogen hatte und nach dem Stock mit dem silbernen Knauf griff, den ihm der Portier reichte.
»Herr Präsident«, sagte Nechljudow, »darf ich Sie einen Augenblick wegen der Sache sprechen, die soeben verhandelt wurde? Ich bin Geschworener . . . «
»Ah, jawohl, Fürst Nechljudow! Sehr an genehm, wir haben uns schon früher gesehen«, sagte der Präsident, ihm die Hand drückend, wobei er sich mit Vergnügen daran erinnerte, wie gut und lustig, besser als alle jungen Leute, er an dem Abend getanzt hatte, als er Nechljudow begegnete. »Womit kann ich Ihnen dienen?«
»Die Maslowa ist das Opfer eines Mißverständnisses geworden. Sie ist am Morde unschuldig und man hat sie dennoch zu Zwangsarbeit verurteilt«, sagte mit einem konzentrierten, finsteren Ausdruck Nechljudow.
»Das Gericht hat sein Urteil auf Grund der von Ihnen selbst gegebenen Antwort gefällt«, sagte der Präsident, während er sich der Ausgangsthür näherte, »obgleich die Antworten auch dem Gerichtshof nicht ganz der Sachlage entsprechend erschienen.«
Der Präsident erinnerte sich, wie er den Geschworenen hatte einschärfen wollen, daß ihre Antwort: »ja, schuldig«, wenn ihr nicht die Klausel von der Verneinung des vorsätzlichen Mordes bei gefügt würde, den vorsätzlichen Mord bestätigen müßte, und wie er in der Eile dieses unterlassen hatte.
»Ja, aber kann man denn den Fehler nicht wieder gut machen?«
»Eine Veranlassung zur Kassation wird sich immer finden. Sie müssen sich an die Advokaten wenden«, sagte der Präsident, indem er sich den Hut etwas schief aufsetzte und sich immer mehr dem Ausgang näherte.
»Aber das ist doch entsetzlich!«
»Ja, sehen Sie mal, der Maslowa stand nur eins von beiden bevor . . . « sagte der Präsident, der augenscheinlich Nechljudow gegenüber möglichst liebenswürdig und höflich sein wollte. Er nahm ihn leicht unter den Arm und fragte, indem er ihn zur Ausgangsthür lenkte: »Sie gehen doch auch?«
»Ia«, sagte Nechljudow. Er zog sich schnell an und folgte dem Präsidenten.
Sie traten an die helle, heitere Sonne hinaus und mußten sofort, wegen des Rasselns der Räder auf dem Pflaster, lauter sprechen.
»Ihre Lage war, wie Sie wohl die Güte haben zu sehen eine merkwürdige«, fuhr der Präsident fort. »Ihr, dieser Maslowa stand nur eins von beiden bevor: entweder fast eine Freisprechung, eine Gefängnishaft, bei welcher ihr das, was sie schon abgesessen hatte, angerechnet werden konnte, ja sogar nur Arrest, oder aber Zwangsarbeit. Eine Mitte giebt’s da nicht . . . Hätten Sie die Worte hinzugefügt: »aber ohne Absicht, den Tod herbeizuführen«, so wäre sie freigesprochen worden.«
»Ich hatte das ganz unverzeihlicher Weise über sehen«, sagte Nechljudow.
»Das ist eben die Sache«, sagte lächelnd der Präsident und sah nach der Uhr.
Es waren nur noch dreiviertel Stunden bis zum letzten Termin übrig, der ihm von Klara bestimmt worden war.
»Jetzt, wenn Sie wünschen, wenden Sie sich an einen Advokaten. Man muß eine Veranlassung zur Kassation finden. Die findet man immer . . . Nach der Dworjanskajastraße«, antwortete er dem Droschkenkutscher, »dreißig Kopeken, mehr zahle ich niemals . . . «
»Bitte schön, Exzellenz . . . «
»Ich habe die Ehre. Wenn ich mit etwas dienen kann — Haus Dwornikow auf der Dworjanskaja . . . Leicht zu behalten . . .
Und mit einem freundlichen Gruß fuhr er davon.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Das Gespräch mit dem Präsidenten und die reine Luft hatten Nechljudow etwas beruhigt. Es schien ihm jetzt, als sei das von ihm empfundene Gefühl, infolge des ganzen, unter so ungewohnten Umständen verbrachten Morgens etwas übertrieben gewesen.
»Es ist natürlich ein sonderbares und frappantes Zusammentreffen! Und ich muß alles nur mögliche thun, um ihr Schicksal zu erleichtern . . .
Und zwar schnell, sofort . . . Ja, ich muß mich hier im Gericht erkundigen, wo Fanarin oder Mikischin wohnt.« Er erinnerte sich der Namen zweier berühmten Advokaten.
Nechljudow kehrte in das Gerichtsgebäude zurück, zog den Überzieher aus und ging nach oben. Aber schon im ersten Korridor stieß er auf Fanarin. Er hielt ihn auf und sagte, daß er ein Anliegen an ihn hätte. Fanarin kannte ihn von Ansehen und dem Namen nach, und sagte, daß er ihm mit Vergnügen zu Diensten stehe.
»Ich bin zwar müde . . . aber wenn es nicht lange dauert . . . sagen Sie mir Ihre Sache — Bitte, gehen wir hier herein.«
Und Fanarin führte den Fürsten in irgend ein Zimmer, wahrscheinlich das Kabinett eines Richters. Sie setzten sich an den Tisch.
»Nun, was haben Sie?«
»Vor allen Dingen möchte ich Sie bitten«, sagte Nechljudow, »daß niemand etwas davon erfährt, daß ich mich für diese Sache interessiere . . . «
»Das versteht sich von selbst. Also . . . «
»Ich war heute Geschworener, und wir haben eine Frau zur Zwangsarbeit verurteilt, — eine Unschuldige . . . Das quält mich.«
Nechljudow errötete, für sich selbst unerwartet, und blieb stecken. Fanarin warf auf ihn einen forschenden Blick, und senke dann wieder die Augen, um ihm zuzuhören.
»Nun . . . «, sagte er blos.
»Wir haben eine Unschuldige verurteilt und ich möchte nun das Urteil kassieren lassen, an eine höhere Instanz appellieren . . . «
»An den Senat«, korrigierte ihn Fanarin.
»Und ich bitte Sie also, das zu übernehmen.«
Nechljudow wollte möglichst schnell das Schwerste erledigen und sagte daher sofort:
»Das Honorar . . . Die Kosten dieses Prozesses übernehme ich, wie hoch sie auch sein mögen.« Und dabei errötete er wieder.
»Nun, das werden wir mit Ihnen vereinbaren«, antwortete der Advokat, über die Unerfahrenheit des Fürsten nachsichtig lächelnd.
»Worin besteht denn die Sache?«
Nechljudow erzählte.
»Gut, morgen lasse ich mir die Akten geben und werde dieselben durchsehen. Und übermorgen, nein, Donnerstag, fahren Sie bei mir vor, so um sechs Uhr nachmittags, dann erhalten Sie meine Antwort. Nicht wahr? Also gehen wir jetzt, ich muß hier noch einige Erkundigungen einziehen.«
Nechljudow verabschiedete sich und ging hinaus.
Das Gespräch mit dem Advokaten und der Umstand, daß er bereits Maßregeln zur Verteidigung der Maslowa ergriffen hatte, beruhigten ihn noch mehr. Er trat ins Freie. Das Wetter war schön, und er sog die Frühlingsluft freudig ein. Die Droschkenkutscher boten ihm ihre Dienste an, er ging jedoch zu Fuß. Und sofort erfüllte ihn ein’ ganzer Schwarm von Gedanken und Erinnerungen an Katjuscha und das an ihr begangene Verbrechen. Ihm wurde wieder trübe zu Mut, und alles erschien ihm finster.
»Nein, das will ich mir später überlegen«, sprach er zu sich selbst. »Jetzt aber muß man sich im Gegenteil von den schweren Eindrücken zerstreuen.«
Er dachte an das Mittagessen bei Kortschagins und sah nach der Uhr. Es war noch nicht spät, und er konnte noch zum Diner da sein. Ein Tramwaywagen fuhr klingelnd an ihm vorüber. Er lief dem Wagen nach und sprang hinein. Auf dem Platze sprang er wieder ab, nahm eine gute Droschke und hielt zehn Minuten später an der Auffahrt des großen Kortschaginschen Hauses.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Ich bitte, Ew. Durchlaucht! Die Herrschaften erwarten . . . «, sagte der freundliche dicke Portier des fürstlichen Hauses, indem er die sich geräuschlos auf englischen Angeln bewegende Thür des Vestibuls öffnete. »Die Herrschaften speisen, nur Ew. Durchlaucht werden gebeten . . .
Der Portier trat an die Treppe und gab ein Glockenzeichen nach oben.
»Ist jemand da? fragte Nechljudow während er ablegte.
»Herr Kolossow und Michail Sergejewitsch, sonst nur die Unseligen«, antwortete der Portier.
Auf der Treppe zeigte sich ein bildschöner Lakai im Frack und weißen Handschuhen.
»Ew. Durchlaucht werden gebeten . . . « sagte er.
Nechljudow stieg die Treppe hinauf und ging durch den bekannten prächtigen und geräumigen Saal ins Speisezimmer. Am Tisch im Speisezimmer saß die ganze Familie, mit Ausnahme der Mutter, der Fürstin Sofja Wassiljewna, die niemals ihr Kabinett verließ. Oben am Tische saß der alte Kortschagin, links neben ihm der Arzt: an der anderen Seite der Freund des Hausherrn Iwan Iwanowitsch Kolossow, Gouvernements adelsmarschall a. D. und Direktor einer Bank, ein Mann von liberaler Gesinnung. Weiter links saßen Miß Reder, die Gouvernante der kleinen Schwester Missys und das vierjährige Mädchen selbst, ihnen gegenüber auf der rechten Seite Petja, der einzige Sohn Kortschagins, ein Tertianer, wegen dessen Klassenexamen die ganze Familie in der Stadt blieb, und ein Student, sein Repetitor. Links folgte dann Katerina Alexejewna, ein vierzigjähriges slavophilisch angehauchtes Fräulein, und ihr gegenüber auf der rechten Seite Michail Sergejewitsch oder einfach Mischa Telegin, Missys Vetter. Unten am Tische saß Missy selbst und neben ihr war ein unangerührtes Gedeck.
»Ah, das ist schön. Setzen Sie sich, wir sind erst beim Fisch«, sagte, angestrengt und vorsichtig mit den falschen Zähnen kauend, der alte Kortschagin, während er die blutunterlaufenen Augen mit den kaum sichtbaren Lidern zu Nechljudow erhob.
»Stepan«, wandte er sich mit vollem Munde, indem er mit den Augen auf das leere Gedeck wies, an den dicken pompösen Maître d’hotel.
Obgleich Nechljudow den alten Kortschagin gut kannte und ihn häufig auch bei Tische gesehen hatte, so berührten ihn heute doch ganz besonders unangenehm dieses rote Gesicht mit den sinnlichen Gourmandslippen über der hinter die Weste gesteckten Serviette, der feiste Hals und die ganze wohl gemästete militärische Generalsfigur des Fürsten.
Nechljudow erinnerte sich unwillkürlich dessen, was er von der Grausamkeit dieses Menschen wußte, der früher als Statthalter die Leute Gott weiß wozu — denn er war reich und angesehen und brauchte sich nicht hinaufzudienen — hatte peitschen und sogar hängen lassen.
»Den Augenblick wird serviert, Ew. Durchlaucht«, sagte Stepan, während er aus dem mit silbernen Vasen besetzten Buffett einen großen Vorlegelöffel holte und dem schönen Lakai mit dem Backenbart einen Wink gab. Der Lakai begann sofort das neben Missy befindliche Gedeck mit der kunstvoll gehaltenen gestärkten und wappengeschmückten Serviette zu ordnen.
Nechljudow ging um den ganzen Tisch herum und drückte allen die Hände. Alle außer dem alten Kortschagin und den Damen erhoben sich, wenn er an sie herantrat. Und diese Wanderung um den Tisch und das Händedrücken mit allen Anwesenden, mit deren Mehrzahl er nie gesprochen hatte, erschien ihm heute besonders unangenehm und lächerlich.
Er entschuldigte sich wegen der Verspätung und wollte sich auf den leeren Platz am Ende des Tisches, zwischen Missy und Katerina Alexejewna, niederlassen. Aber der alte Kortschagin verlangte, daß er, wenn er auch keinen Schnaps trinke, doch zuerst von der auf einem besonderen Tisch servierten Sakuska essen solle. Auf dem Tisch standen Hummern, Kaviar, einige Sorten Käse, Hering und anderes. Nechljudow hatte nicht geglaubt, so hungrig zu sein, aber als er angefangen hatte, Brot mit Käse zu essen, konnte er nicht aufhören und aß gierig.
»Nun, haben Sie mal wieder die Grundlagen untergraben?« sagte Kolossow, den Ausdruck eines konservativen Blattes, das gegen die Geschworenengerichte kämpfte, ironisierend. »Die Schuldigen freigesprochen und die Unschuldigen verurteilt? Nicht?«
»Grundlagen untergraben . . . Grundlagen untergraben . . . « wiederholte lachend der Fürst, der zu dem Verstand und zu der Gelehrsamkeit seines liberalen Kameraden und Freundes ein unbegrenztes Vertrauen hegte.
Nechljudow riskierte unhöflich zu sein und antwortete Kolossow nichts. Er setzte sich zu der unterdes servierten dampfenden Suppe und fuhr fort zu kauen.
»So lassen Sie ihn doch essen«, sagte lächelnd Missy. Das Fürwort »ihn« sollte ihre nahen Beziehungen zu Nechljudow dokumentieren.
Kolossow erzählte unterdes lebhaft und laut den Inhalt des Artikels gegen das Geschworenengericht, der ihn empört hatte. Ihm stimmte Telegin, der Neffe des Fürsten, bei und gab den In halt eines anderen Artikels desselben Blattes zum Besten.
Missy war wie immer sehr »destinguée« und gut, unauffällig gut gekleidet.
»Sie sind wahrscheinlich furchtbar müde und hungrig?« wandte sie sich an Nechljudow, als er ausgekaut hatte.
»Nein, nicht besonders. Und Sie? Waren Sie in der Gemäldeausstellung?« fragte er.
»Nein, wir haben es aufgeschoben. Wir waren aber zum Lawn-Tennis bei Salomatows. Mr. Crooks spielt wunderbar!«
Nechljudow war hergekommen, um sich zu zerstreuen, und immer pflegte es ihm in diesem Hause wohl zu sein, nicht nur wegen des guten Tones, der dem Luxus hier eigen war und der auf seine Sinne angenehm wirkte, sondern auch besonders infolge einer gewissen Atmosphäre schmeichelnder Liebenswürdigkeit, die ihn unmerklich umfloß.
Heute aber — war das nicht sonderbar? — erschien ihm alles in diesem Hause widerwärtig, alles, angefangen von dem Portier, der breiten Treppe, den Blumen, den Lakaien, der Tafeldekoration und bis zu Missy selbst, die ihm heute unsympathisch und unnatürlich erschien. Unangenehm waren ihm auch dieser selbstbewußte, banalliberale Ton Kolossows, unangenehm die stierartige, selbstbewußte, sinnliche Figur des alten Fürsten, unangenehm die französischen Phrasen der Slavophilin Katerina Alexejewna, unangenehm das genierte Gesicht der Gouvernante und des Repetitors, und ganz besonders unangenehm war ihm das Fürwort »ihn«, das ihm gegenüber angewandt worden war . . .
Nechljudow hatte immer zwischen zweierlei Stellungnahme zu Missy geschwankt. Bald hatte er, gleichsam die Augen zukneifend, oder wie bei Mondschein, in ihr alles Schöne gesehen und dann war sie ihm frisch, schön, klug und natürlich erschienen. Und dann plötzlich wieder hatte er, wie bei grellem Sonnenlichte, alles das, was ihr fehlte, gesehen, einfach sehen müssen.
Heute war für ihn ein solcher Tag. Er sah jedes Fältchen auf ihrem Gesicht, er wußte und sah, wie ihr Haar aufgekämmt war, er sah die Spitzigkeit der Ellenbogen, und er bemerkte namentlich den breiten Nagel ihres Daumens, der an den gleichen Nagel beim Vater erinnerte.
»Ein langweiliges Spiel!« sagte Kolossow vom Lawn-Tennis. »Da war doch das Ballspiel unserer Kindheit viel lustiger?«
»Nein, Sie kennen das nicht. Es ist furchtbar hinreißend . . . « entgegnete Missy, indem sie das Wort »furchtbar«, wie es Nechljudow schien ganz besonders unnatürlich aussprach.
Und es begann ein Streit, in den auch Telegin und Katerina Alexejewna eingriffen. Nur die Gouvernante, der Repetitor und die Kinder schwiegen und langweilten sich augenscheinlich.
»Immer müssen Sie streiten!« sagte laut lachend der alte Kortschagin. Und die Serviette aus der Weste hervorziehend, scharrte er mit dem Stuhl, den der Lakai sogleich auffing und stand vom Tische auf. Nach ihm erhoben sich auch alle übrigen und traten an das Tischchen heran, wo die mit warmem aromatischen Wasser gefüllten Spülschälchen standen. Das niemand besonders interessierende Gespräch wurde während des Mundspülens fortgesetzt.
»Nicht wahr?« wandte sich Missy an Nechljudow, um ihn zur Bestätigung ihrer Ansicht darüber aufzufordern, daß man bei nichts anderem den Charakter des Menschen so deutlich erkennen könne, als beim Spiel. Sie sah auf seinem Gesicht jenen konzentrierten und wie ihr schien verurteilenden Ausdruck, den sie an ihm fürchtete, und sie wollte erfahren, wodurch dieser Ausdruck hervorgerufen worden war.
»Ich weiß wirklich nicht . . . Ich habe nie darüber nachgedacht . . . antwortete Nechljudow.
»Gehen wir zu maman?« fragte Missy.
»Ja, ja«, sagte er, eine Cigarette hervorholend, in einem Tone, der deutlich zeigte, daß er eigentlich nicht gehen möchte.
Sie sah ihn schweigend und fragend an, und er schämte sich. »In der That, zu Leuten hin zugehen, um sie zu langweilen . . . « dachte er von sich selbst. Und mit dem Willen, liebenswürdig zu sein, sagte er, daß er mit Vergnügen gehen werde, wenn die Fürstin empfange.
»Ja, ja, maman wird sich sehr freuen. Rauchen können Sie auch dort. Iwan Iwanowitsch ist auch da . . . «
Die Hausfrau, die Fürstin Sofja Wassiljewna, war eine liegende Dame. Sie lag in Gegenwart der Gäste bereits das achte Jahr in Spitzen und Bändern, mitten unter Samt, Vergoldung, Elfenbein, Bronze, Lack und Blumen, fuhr nicht mehr aus und empfing nur, wie sie zu sagen pflegte, »ihre Freunde«, das heißt alle die, die sich ihrer Meinung nach irgendwie vor dem Haufen auszeichneten. Nechljudow war in die Zahl dieser Freunde aufgenommen worden, weil er erstens für einen gescheiten jungen Mann galt, weil zweitens seine Mutter eine nahe Freundin der Familie gewesen war, und weil es drittens gut gewesen wäre, wenn er Missy geheiratet hätte.
Das Zimmer der Fürstin Sofja Wassiljewna befand sich hinter dem großen und kleinen Salon. Im großen Salon blieb Missy, die Nechljudow voran gegangen war, entschlossen stehen und sah ihn, sich auf die Lehne eines vergoldeten Stühlchens stützend, an.
Missy hatte große Lust, zu heiraten, und Nechljudow war eine gute Partie. Außerdem gefiel er ihr, und sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß er der Ihrige werden müßte. Nicht sie sollte die Seinige, sondern er der Ihrige werden. Und sie kam ihrem Ziel näher mit jener unbewußten, aber ausdauernden Schlauheit, wie sie bei Geistes kranken vorkommt.
Sie redete ihn jetzt an, um ihn zu einer Erklärung zu veranlassen.
»Ich sehe, daß Ihnen irgend etwas passiert ist . . . Was fehlt Ihnen?« sagte sie.
Er dachte an seine Begegnung im Gericht, er rötete und wurde finster.
»Ja, es ist etwas passiert . . . «, sagte er in der Absicht, aufrichtig zu sein. »Ein seltsames, ungewöhnliches und wichtiges Ereignis.«
»Was war es denn? Können Sie mir nicht sagen, was es war?«
»Nein, jetzt nicht. Gestatten Sie mir, es Ihnen zu verschweigen. Es ist etwas geschehen, das ich noch nicht Zeit gehabt habe, zu über denken«, sagte er und errötete noch stärker.
»Und Sie werden es mir nicht sagen?« Eine Muskel ihres Gesichts erzitterte und die Prinzeß rückte mit dem Stuhl, an dem sie sich hielt.
»Nein, ich kann es nicht . . . « antwortete er. Und er fühlte, daß die Antwort, die er ihr gegeben, auch eine Antwort für ihn selbst gewesen war, ein Zugeständnis, daß sich mit ihm wirklich etwas außerordentlich Wichtiges begeben hätte.
»So wollen wir denn gehen.«
Sie schüttelte den Kopf, als ob sie die unnötigen Gedanken verjagen wollte, und ging vorwärts mit rascheren Schritten als gewöhnlich.
Es schien ihm, daß sie den Mund auf eine unnatürliche Weise zusammenpreßte, um die Thränen zurückzuhalten. Er schämte sich und es that ihm weh, daß er sie gekränkt hatte. Aber er wußte, daß die geringste Schwäche ihn zu Grunde richten, das heißt binden würde. Dieses aber fürchtete er heute vor allem. So folgte er ihr denn schweigend zum Kabinett der Fürstin.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die Fürstin Sofja Wassiljewna hatte ihr Mittagessen beendet, ein sehr feines und nahrhaftes Diner, das sie stets allein zu sich zu nehmen pflegte, damit sie niemand bei dieser unpoetischen Funktion sähe. Neben ihrer Couchette stand das Kaffeetischchen, und sie rauchte eine Pachitos.
Die Fürstin Sofja Wassiljewna war eine magere, hohe, sich noch immer jung machende Brünette mit langen Zähnen und großen schwarzen Augen.
Man sprach Übles über ihr Verhältnis zu dem Doktor. Nechljudow hatte früher nie daran gedacht. Heute aber geschah, daß er sich dessen nicht nur erinnerte, sondern auch ein Gefühl von unbezwinglichem Ekel bekam, als er neben ihrer Couchette den Arzt mit dem pomadisierten, glänzenden, geteilten Bart erblickte.
Neben Sofja Wassiljewna am kleinen Tische saß auf einem niedrigen weichen Lehnstuhl Kolossow und rührte seinen Kaffee um. Auf dem Tische stand ein Gläschen Likör.
Missy war mit Nechljudow zusammen bei der Mutter eingetreten, blieb aber nicht im Zimmer.
»Wenn maman müde wird und Sie wegjagt, so kommen Sie zu mir«, sagte sie zu Nechljudow gewandt in einem solchen Tone, als wäre zwischen ihnen beiden nichts vorgefallen. Und mit einem heiteren Lächeln schritt sie lautlos über den dicken Teppich und verließ das Zimmer.
»Nun, guten Tag, mein Freund, setzen Sie sich und erzählen Sie mir . . . « sagte die Fürstin Sofja Wassiljewna mit ihrem kunstvollen, verstellten, aber dem natürlichen vollständig ähnlichen Lächeln, welches ihre schönen langen Zähne entblößte, die so geschickt gemacht waren, als wären sie echt. »Ich höre, daß Sie aus dem Gericht in einer sehr trüben Gemütsverfassung zurückgekommen seien. Ich glaube, daß es für Leute von Herz sehr schwer sein muß . . . « sagte sie französisch.
»Ja, das ist wahr«, erwiderte Nechljudow. »Man fühlt sehr oft seine Un . . . Man fühlt, daß man kein Recht hat, andere zu richten . . . «
»Comme c’est vrai!« rief sie aus, als sei sie von der Wahrheit seiner Bemerkung frappiert. Wie immer, suchte sie auch jetzt ihrem Gegenüber zu schmeicheln.
»Nun, und wie steht es denn mit Ihrem Gemälde? Ich interessiere mich dafür sehr«, fügte sie hinzu, »wäre ich nicht so leidend, so wäre ich schon längst bei Ihnen gewesen . . . «
»Ich habe es ganz aufgegeben«, antwortete trocken Nechljudow, dem heute die Unwahrheit ihrer Schmeichelei ebenso offenbar war, wie ihr verheimlichtes Alter. Er konnte durchaus nicht die rechte Stimmung finden, um liebenswürdig zu sein.
»Sehr unrecht von Ihnen. — Wissen Sie, unser berühmter Repin hat mir gesagt, daß er entschieden Talent habe«, wandte sie sich zu Kolossow.
»Daß sie sich nicht schämt, so zu lügen!« dachte Nechljudow stirnrunzelnd.
Nachdem die Fürstin sich überzeugt hatte, daß Nechljudow heute nicht bei Laune sei, und es unmöglich sein würde, ihn in ein angenehmes und interessantes Gespräch hineinzuziehen, wandte sie sich an Kolossow mit der Frage nach seiner Meinung über ein neues Drama. Sie that dieses in einem Ton, als ob die von Kolossow zu erwartende Meinungsäußerung jegliche Zweifel beseitigen, und als ob jedes Wort dieser Äußerung verewigt werden müßte.
Kolossow verurteilte das Drama und sprach bei dieser Gelegenheit seine Ansichten über die Kunst aus. Die Fürstin zeigte sich von der Richtigkeit seines Urteils bewältigt, versuchte zwar den Autor des Dramas zu verteidigen, aber ergab sich sofort wieder, oder fand wenigstens eine vermittelnde Ansicht. Nechljudow sah und hörte zu, aber sah und hörte etwas ganz anderes, als was vorging.
Indem er bald der Fürstin, bald Kolossow zu hörte, sah er erstens, daß sowohl die Fürstin, als auch Kolossow sich eigentlich weder für das Drama, noch für einander interessierten. Wenn sie sprachen, so thaten sie es nur dem physiologischen Bedürfnis zuliebe, nach dem Essen die Zungen- und Kehlmuskeln zu bewegen. Zweitens sah Nechljudow, daß Kolossow, der Schnaps, Wein und Likör getrunken hatte, bereits etwas betrunken war, nicht so betrunken, wie es die selten trinkenden Bauern zu sein pflegen, sondern so, wie es Leute sind, denen der Alkoholgenuß zum gewohnten Bedürfnis geworden ist. Kolossow schwankte nicht, sprach kein dummes Zeug, sondern befand sich nur in einem anormalen, auf geregt-selbstzufriedenem Zustande. Drittens sah Nechljudow, daß die Fürstin während des Gesprächs immerfort beunruhigt zum Fenster hinüberblickte, durch welches sich ein schräger Sonnenstrahl zu ihr hinüberzustehlen begann. Sie fürchtete, daß die Sonne ihr Alter zu grell beleuchten würde.
»Wie wichtig das ist«, sagte sie auf irgend eine Bemerkung Kolossows hin und drückte dabei auf den gleich neben der Couchette angebrachten Knopf der Klingel.
Der Doktor erhob sich und ging, als eine im Hause gut bekannte Persönlichkeit, ohne ein Wort zu sagen, zum Zimmer hinaus. Die Fürstin begleitete ihn mit den Augen und führte das Gespräch weiter.
»Bitte Philipp, ziehen Sie die Gardine zu«, sagte sie, als auf ihr Klingeln der schöne Lakai eintrat, und wies mit den Augen auf die Gardine am Fenster.
»Nein, sagen Sie, was Sie wollen, es ist etwas Mystisches darin, und ohne Mystizismus giebt es keine Poesie«, sprach sie, indem sie mit dem einen ihrer schwarzen Augen geärgert die Manipulationen des Lakais, der die Gardine zuzog, verfolgte.
»Mystizismus ohne Poesie ist Aberglaube, und Poesie ohne Mystizismus Prosa . . . « sagte sie mit einem trüben Lächeln, ohne den Blick von dem mit der Gardine beschäftigten Lakai zu wenden.
»Philipp, nicht diese Gardine . . . Am großen Fenster . . . sagte die Fürstin endlich mit dem Ausdrucke einer Märtyrerin. Sie schien sich offen bar selbst zu bemitleiden wegen der Anstrengung, die sie machen mußte, um diese Worte auszusprechen. Und sogleich führte sie sich zur Beruhigung mit der von Fingerringen bedeckten Hand eine aromatisch rauchende Pachitos an den Mund.
Der muskulöse, schöne Philipp mit dem breiten Brustkasten verneigte sich ein wenig, als ob er sich entschuldigte. Mit weichen Schritten ging er mit seinen starken Beinen, an denen die Waden hervor traten, über den Teppich zum andern Fenster und begann, die Fürstin aufmerksam betrachtend, die Gardine so zu ordnen, daß nicht ein Strahl mehr seine Herrin belästigen könnte. Aber er hatte es wieder nicht recht gemacht, und wieder mußte die gemarterte Fürstin ihr Gespräch über den Mystizismus unterbrechen, und den sie unbarmherzig quälenden, ungeschickten Philipp zurechtweisen. Für einen Augenblick flammte in den Augen Philipps ein Funke auf.
»Der Teufel mag daraus klug werden, was du willst! — Das meint er wahrscheinlich innerlich«, dachte Nechljudow, der das ganze Spiel beobachtet hatte. Aber der schöne und starke Philipp verbiß sogleich wieder seine Ungeduld und fuhr ruhig fort, das zu thun, was ihm die ausgemergelte, kraftlose, durch und durch verkünstelte Fürstin befahl.
»Gewiß, es steckt ein großes Stück Wahrheit in der Lehre Darwins«, sprach, auf dem niedrigen Lehnstuhl ausgestreckt, Kolossow, indem er die Fürstin mit schläfrigen Augen ansah. »Aber er überschreitet die Grenzen . . . «
»Glauben Sie an die Vererbungstheorie?« wandte sich die Fürstin an Nechljudow, der sie durch seine Schweigsamkeit deprimierte.
»An die Vererbungstheorie? Nein . . . « antwortete Nechljudow, nachdem er die Frage aufgefaßt hatte. Er war in diesem Augenblick ganz von sonderbaren Vorstellungen gefangen genommen, die in seiner Phantasie aufstiegen. Neben dem starken, schönen Philipp, den er sich als Modell dachte, stellte er sich den nackten Kolossow vor, mit seinem, einer Wassermelone gleichenden Bauch, dem Kahlkopf und den wie Peitschenschnüre herabhängenden muskellosen Armen. Ebenso stellten sich ihm unklar auch die jetzt mit Samt und Seide bedeckten Schultern der Fürstin so vor, wie sie in Wirklichkeit aussehen müßten. Aber dieses Bild war zu schrecklich, und er gab sich Mühe, es wieder zu bannen.
Die Fürstin maß ihn mit den Augen.
»Übrigens, Missy erwartet Sie«, sagte sie. »Gehen Sie doch zu ihr hinüber, sie wollte Ihnen etwas Neues von Schumann vorspielen . . . Sehr interessant . . . «
»Nichts wollte sie spielen. Zu was sie das alles doch lügt!« dachte Nechljudow, als er sich erhob und die durchscheinende, knöcherne, beringte Hand der Fürstin drückte.
Im Salon begegnete ihm Jekaterina Alexejewna und sing sogleich an zu sprechen:
»Ich sehe, mein Fürst, daß auf Sie die Pflichten eines Geschworenen etwas niederdrückend wirken . . . « sagte sie, wie immer, französisch.
»Ja, nehmen Sie es mir nicht übel, ich bin heute nicht bei Laune und habe nicht das Recht, auch andere durch meinen Mißmut anzustecken«, antwortete Nechljudow.
»Warum sind Sie denn schlechter Laune?«
»Gestatten Sie mir, Sie damit nicht zu belästigen«, sagte er, nach seinem Hut suchend.
»Haben Sie es denn vergessen, daß gerade Sie es immer sagten, daß man die Wahrheit immer aussprechen müsse, und wie viel bittere Wahrheiten Sie uns damals gesagt haben. Warum wollen Sie es denn jetzt nicht thun? — Erinnerst du dich, Missy?« wandte sich Jekaterina Alexejewna an die zu ihnen herausgekommene Missy.
»Weil das damals Scherz war«, antwortete Nechljudow ernst. »Im Scherz geht so was, in der Wirklichkeit sind wir aber, das heißt, bin ich so schlecht, daß ich wenigstens die Wahrheit nicht aussprechen darf.«
»Korrigieren Sie sich nicht, und sagen Sie uns lieber, wieso wir denn so schlecht sind?« sagte Jekaterina Alexejewna, mit den Worten spielend, als ob sie den ernsten Ton Nechljudows nicht merkte.
»Nichts ist schlimmer, als seine üble Laune anerkennen«, meinte Missy. »Ich gestehe mir so etwas nie ein, und bin daher immer bei guter Stimmung. Nun, was ist dabei zu machen, gehen wir zu mir hinüber. Ich werde versuchen, Ihre mauvaise humeur zu vertreiben.«
Nechljudow wurde von einer Empfindung befallen, die dem Gefühl ähnlich sein mochte, das ein Pferd hat, welches man streicht und bürstet, um es zu zäumen und einzuspannen. Ihm war aber heute mehr als je unangenehm, zu ziehen. Er entschuldigte sich, daß er nach Hause müsse, und begann sich zu verabschieden. Missy behielt seine Hand länger als gewöhnlich in der ihrigen.
»Denken Sie immer daran«, sagte sie, »daß das, was Sie bewegt, auch Ihren Freunden nicht gleichgültig ist . . . Kommen Sie morgen?«
»Kaum . . . « sagte Nechljudow. Er errötete beschämt, er wußte nicht, ob um seinet- oder um ihretwillen, und ging eilig hinaus.
»Was ist denn das? Comme cela m’intrigue . . . « meinte Jekaterina Alexejewna, als Nechljudow gegangen war. »Ich muß es herausbekommen. Irgend eine affaire d’amour propre: il est très susceptible, notre cher Mitja.«
»Plutôt une affaire d’amour sale . . . wollte Missy sagen, die mit einem ganz veränderten, erloschenen Gesicht vor sich hin sah. Aber sie wollte sogar vor Jekaterina Alexejewna diesen calembour de mauvais ton nicht machen und sagte nur:
»Wir haben alle unsere guten und schlechten Tage . . . «
»Wird mich wirklich auch dieser betrügen?« dachte sie. »Nach alledem, was gewesen, würde das schlecht von ihm sein . . . «
Wenn Missy hätte erklären sollen, was sie unter den Worten »nach alledem, was gewesen« verstehe, würde sie nichts Bestimmtes haben sagen können. Und doch wußte sie ganz genau, daß er nicht nur Hoffnungen in ihr erweckt, sondern ihr so gut wie ein Versprechen gegeben hatte. Es waren das alles zwar keine bestimmten Worte, sondern nur Blicke, Lächeln, Anspielungen, stumme Zugeständnisse gewesen. Aber dennoch hielt sie Nechljudow für den Ihrigen, und ihn zu verlieren, wäre ihr sehr schwer geworden.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Es ist schändlich und abscheulich, abscheulich und schändlich«, dachte inzwischen Nechljudow, als er zu Fuß nach Hause über die bekannten Straßen zurückkehrte. Das drückende Gefühl, das er während des Gesprächs mit Missy empfunden hatte, verließ ihn noch immer nicht. Er wußte, daß er ihr gegenüber, wenn man so sagen dürfte, formell im Recht war; er hatte ihr nichts gesagt, was ihn binden könnte, ihr keinen Antrag gemacht. Aber dem Wesen der Sache nach, das fühlte er, hatte er sich an sie gebunden, ihr ein Versprechen gegeben. Und dennoch empfand er heute mit allen Fasern seiner Seele, daß er sie nicht heiraten könnte.
»Es ist schändlich und abscheulich, abscheulich und schändlich . . . « sagte er sich wieder, und jetzt nicht nur in Bezug auf sein Verhältnis zu Missy, sondern überhaupt in Bezug auf alles. »Alles ist abscheulich und schändlich . . . « wiederholte er, als er die Treppe seines Hauses betrat.
»Zu Nacht essen werde ich nicht«, sagte er zu Kornej, der ihn in das Speisezimmer begleitete, wo das Gedeck und der Thee bereit standen. »Sie können gehen.«
»Zu Befehl . . . « sagte Kornej, ging aber nicht, sondern begann, den Tisch abzuräumen. Nechljudow betrachtete Kornej mit einem Gefühl des Widerwillens. Er wünschte, daß alle ihn in Ruhe ließen, und es schien, daß alle, wie absichtlich und ihm zum Trotz sich an ihn herandrängten.
Nachdem Kornej mit dem Gedeck gegangen war, wollte Nechljudow an den Samowar herantreten, um den Thee einzuschütten, aber als er die Schritte Agrafena Petrownas vernahm, ging er schleunigst, um ihr nicht zu begegnen, in den Salon hinaus und schlug die Thür hinter sich zu.
Dies Zimmer, der Salon, war dasselbe, in welchem vor drei Monaten seine Mutter verschieden war. Jetzt, als er dieses Zimmer betreten, das von zwei Lampen mit Reflektoren — eine bei dem Porträt seines Vaters, die andere bei dem seiner Mutter — beleuchtet war, erinnerte er sich an seine letzten Beziehungen zur Mutter, und auch diese Beziehungen erschienen ihm unnatürlich und widerwärtig. Auch das also war abscheulich und schändlich. Er dachte daran, wie er in der letzten Zeit ihrer Krankheit ihren Tod geradezu gewünscht hatte. Er hatte sich damals gesagt, daß er dieses nur deshalb wünschte, damit sie von ihrem Leiden Erlösung fände, aber in Wirklichkeit hatte er es gewünscht, um selbst von dem Anblick ihrer Qualen befreit zu werden.
Er wollte in sich eine gute Erinnerung an die Mutter hervorrufen und blickte auf ihr Porträt, das von einem berühmten Künstler für fünftausend Rubel gemalt worden war. Sie war in einer schwarzen Sammetrobe, mit entblößtem Busen dar gestellt. Der Künstler hatte augenscheinlich mit besonderer Sorgfalt die Brust ausgeführt, den Zwischenraum zwischen den beiden Brüsten, den Hals und die Schultern von blendender Schönheit. Das war schon ganz abscheulich und schändlich. Etwas Widerwärtiges und Lästerliches lag in dieser Darstellung der Mutter in Gestalt einer halb entblößten Schönheit, um so widerwärtiger, als in demselben Zimmer vor drei Monaten dieselbe Frau gelegen, eingetrocknet wie eine Mumie, und dennoch das ganze Haus mit einem qualvoll schwerem Geruch erfüllend, den man durch nichts vertreiben konnte . . .
Und er erinnerte sich, wie sie am Tage vor ihrem Tode seine starke weiße Hand in ihr knöchriges, schwarzangelaufenes Händchen genommen, ihm in die Augen gesehen und ihm gesagt hatte:
»Verurteile mich nicht, Mitja, wenn ich nicht richtig gehandelt habe . . . während ihre vom Leiden geblichenen Augen durch Thränen getrübt wurden.
»Welche Scheußlichkeit«, sagte er zu sich selbst, als er nochmals auf das halbentblößte Weib mit den prachtvollen marmornen Schultern und Armen, und dem siegreichen Lächeln einen Blick warf.
Die entblößte Brust auf dem Bilde erinnerte ihn an ein anderes Weib, das er vor einigen Tagen ebenfalls entblößt gesehen hatte. Es war Missy. Sie hatte ihn unter irgend einem Vorwande des Abends zu sich kommen lassen, um sich ihm im Ballkleide zu zeigen, in welchem sie zu einer Soiree fuhr. Er dachte voll Abscheu an ihre schönen Hände und Arme . . . Und dieser grobe, tierische Vater mit seiner Vergangenheit und Grausamkeit, und diese Mutter mit der zweifelhaften Reputation eines Schöngeistes . . . Alles das war widerwärtig und zugleich beschämend. Abscheulich und schändlich, schändlich und abscheulich.
»Nein, nein«, dachte er, »ich muß mich befreien, befreien von meiner falschen Stellung Kortschagins, Marja Wassiljewna, meiner Erbschaft und allem übrigen gegenüber . . . Ja, frei atmen . . . Ins Ausland reisen, nach Rom . . . Mein Bild wieder vornehmen . . . « Die Zweifel an seinem Talent fielen ihm ein . . . »Nun, einerlei, einfach frei aufatmen . . . Zuerst nach Konstantinopel, dann nach Rom, nur um die Geschworenenpflichten so schnell wie möglich abzustreifen. Und die Sache mit dem Advokaten einrichten . . . «
Und plötzlich erstand in seiner Phantasie in ungewöhnlicher Lebendigkeit die Arrestantin mit ihren schwarzen schielenden Augen. Und wie hatte sie bei dem letzten Wort der Angeklagten geweint!
Er löschte und zerdrückte schnell die aus gerauchte Cigarette, zündete sich eine neue an und begann im Zimmer auf und ab zugehen. Und einer nach dem anderen tauchten in seinem Gedächtnis die Augenblicke auf, die er mit Katjuscha durchlebt hatte. Er gedachte des letzten Wiedersehens mit ihr, der Leidenschaft, die sich damals seiner bemächtigt hatte, und der Enttäuschung, die ihr gefolgt war. Er dachte an das weiße Kleid mit dem blauen Bande und an die Frühmesse. »O, ich habe sie geliebt damals in jener Nacht, geliebt mit der guten, reinen, wahrhaften Liebe, ich habe sie auch schon früher geliebt, und noch wie geliebt, damals als ich das erste Mal bei den Tanten war und an meiner Arbeit schrieb!« Und er erinnerte sich seiner selbst, wie er damals war. Er empfand den Hauch jener Jugend, Frische und Lebensfülle, und quälende Trübsal beschlich sein Herz.
Der Unterschied zwischen ihm, wie er damals gewesen, und wie er jetzt war, war ein ungeheuerer. Er war ebenso groß, wenn nicht noch größer, als der Unterschied zwischen jener Katjuscha in der Kirche während der Osternacht und der Prostituierten, die sich dem sibirischen Kaufmanne hingegeben hatte und die heute Morgen verurteilt worden war. Damals war er ein rüstiger, freier Mensch, vor dem sich unendliche Möglichkeiten eröffneten. Jetzt fühlte er sich allenthalben gefesselt durch die Fangnetze eines dummen, leeren, zwecklosen, nichtigen Lebens, aus welchem er keinen Ausgang fand, ja, in den meisten Fällen nicht einmal finden wollte.
Er erinnerte sich, wie er früher einmal stolz auf seine Offenheit und Geradheit gewesen war, wie er sich damals zur Regel gemacht hatte, immer die Wahrheit zu sprechen, und auch wirklich aufrichtig gewesen war, und wie er jetzt ganz in der Lüge steckte, in der entsetzlichsten Lüge, in der Lüge, die von allen Leuten, die ihn umgaben, für Wahrheit ausgegeben wurde. Und es gab aus dieser Lüge keinen Ausweg, wenigstens konnte er ihn nicht sehen. Und er blieb in ihr stecken, gewöhnte sich an sie, fühlte sich wohl in ihr.
Wie sollte er seine Beziehungen zu Marja Wassiljewna, zu ihrem Manne lösen, daß er sich nicht zu schämen brauchte, ihm und seinen Kindern in die Augen zu sehen? Wie sollte er ohne Lüge sein Verhältnis zu Missy lösen? Wie sich heraus arbeiten aus dem Widerspruch zwischen der Ungerechtigkeit des Grundeigentums und dem Besitz des mütterlichen Erbes? Wie feine Sünde Katjuscha gegenüber wieder gut machen? So konnte es doch nicht bleiben. »Ich darf doch eine Frau, die ich geliebt habe, nicht verlassen, und mich damit begnügen, daß ich das Geld dem Advokaten bezahle und sie von der Zwangsarbeit, die sie gar nicht verdient, befreie. Das hieße die Schuld wieder mit Geld tilgen, so, wie ich es damals gethan, als ich geglaubt hatte, daß es so sein müsse!«
Und er erinnerte sich lebhaft des Augenblickes, als er Katjuscha im Korridor eingeholt, ihr das Geld zugesteckt hatte, und dann weggelaufen war. »O, dieses Geld!« dachte er mit demselben Schrecken und Ekel, wie damals, an jenen Augenblick. »O, o! welch eine Scheußlichkeit!« rief er jetzt, wie auch damals aus. »Nur ein Schuft, ein Scheusal konnte das thun! Und ich, ich bin dieser Schuft, dieses Scheusal!« sprach er laut vor sich hin. »Aber bin ich denn wirklich . . . « er hielt im Gehen inne — »bin denn wirklich ich in der That ein Schuft? — Wer denn sonst?« antwortete er sich selbst. »Und ist es denn dieses allein?« fuhr er fort, sich zu überführen. »Sind denn deine Beziehungen zu Marja Wassiljewna und ihrem Manne keine Niederträchtigkeit, keine Schufterei? Und deine Stellungsnahme gegenüber dem Eigentum? Daß du unter dem Vorwande, daß das Geld von der Mutter komme, den Reichtum genießt, welchen du selbst für eine Ungerechtigkeit hältst? Und dein ganzes müßiges Luderleben? Und die Krone von allem, deine an Katjuscha verübte Schandthat? Du Schuft, du Scheusal! Sie, die Menschen, mögen über mich urteilen, wie sie wollen, sie kann ich betrügen, aber mich selbst übertölpele ich nicht!«
Und plötzlich begriff er, daß jener Abscheu, welchen er in der letzten Zeit und besonders heute gegen die Menschen empfand, gegen den Fürsten Kortschagin, gegen die Fürstin, gegen Missy, gegen Kornej, der Abscheu gegen sich selbst war. Und wie seltsam, in diesem Geständnis seiner Niedrigkeit war etwas Krankhaftes und zugleich Freudiges und Beruhigendes.
Nechljudow erfuhr nicht zum ersten Male im Leben das, was er »Seelenwäsche« nannte. Seelenwäsche pflegte er jenen Zustand der Seele zu nennen, da er plötzlich, nach einem größeren Zeitraum, die Verzögerung oder bisweilen auch den Stillstand in seinem inneren Leben erkannte und die Seele von all dem Schmutz zu säubern begann, der durch seine Anhäufung den Stillstand verursacht hatte.
Jedes Mal nach solcher Erweckung stellte Nechljudow sich Regeln auf, die er sich für immer zur Richtschnur nehmen wollte. Er begann ein Tagebuch zu führen und fing ein neues Leben an, welches er nie mehr zu ändern hoffte, — turning a new leaf, wie er zu sagen pflegte.
Aber jedesmal nahmen ihn die Verführungen der Welt wieder gefangen, und ohne es selbst zu merken, fiel er von neuem und zuweilen noch tiefer, als er vordem gestanden hatte.
Auf diese Weise hatte er sich mehrere Mal gereinigt und erhoben; so zum ersten Mal, als er damals den Sommer bei den Tanten verbrachte. Das war damals die aller lebhafteste und begeisterste Erweckung gewesen, und die Folgen derselben hatten lange angehalten. Eine ähnliche Erweckung geschah dann, als er seine staatliche Beamtenstellung aufgegeben hatte und in der Absicht, sein Leben aufzuopfern, während des Krieges in den Militär dienst getreten war. Da war aber die Verschmutzung sehr bald eingetreten. Die darauf folgende und letzte Erweckung war gewesen, als er seinen Abschied genommen, ins Ausland gereist war und sich mit Malerei zu beschäftigen begonnen hatte.
Von da an und bis zum heutigen Tage war eine lange Periode ohne Säuberung verflossen. Und daher war er auch noch nie bis zu einem solchen Grade von Verschmutzung und Zerwürfnis zwischen dem Gebot feines Gewissens und dem Leben, das er führte, gekommen. Und er entsetzte sich, als er den Zwischenraum gewahrte.
Der Zwischenraum war so groß, die Verschmutzung so stark, daß er im ersten Augenblick an der Möglichkeit einer Säuberung verzweifelte. »Ich habe doch schon versucht, mich zu vervollkommnen und besser zu werden, und es ist nichts daraus geworden . . . « sprach in seiner Seele die Stimme des Verführers, »wozu also es noch einmal probieren? Nicht du allein, sondern alle sind so, so ist das Leben«, sagte diese Stimme. Aber jenes freie geistige Wesen, welches allein wahr, allein mächtig, allein ewig ist, war schon in Nechljudow erwacht. Und er konnte nicht umhin, ihm zu glauben. Wie groß sich auch der Unterschied zwischen dem, was er war, und dem, was er sein wollte, erwies, dem erwachten geistigen Wesen erschien alles möglich.
»Ich zerreiße diese Lüge, in die ich verstrickt bin, möge es kosten, was es wolle . . . Ich sage alles und allen die Wahrheit und thue die Wahrheit«, sagte er laut und entschieden. »Ich werde Missy die Wahrheit sagen, sagen, daß ich ein Wüstling bin und sie nicht heiraten kann und umsonst ihre Ruhe gestört habe. Ich werde Marja Wassiljewna, der Frau des Adelsmarschalls — übrigens, ihr brauche ich es nicht zu sagen — ich werde ihrem Manne sagen, daß ich ein Schuft bin und ihn betrogen habe. Mit der Erbschaft werde ich so verfahren, wie es die Wahrheit gebietet. Ihr, Katjuscha, werde ich sagen, daß ich ein Schuft und ihr gegenüber schuldig bin, und ich werde alles thun, was ich kann, um ihre Lage zu erleichtern. Ja, ich werde sie sehen und sie bitten, mir zu vergeben. Ja, ich werde um Verzeihung bitten, wie Kinder bitten . . . «
Er blieb stehen.
»Ich werde sie heiraten, wenn es nötig ist.« Er blieb wieder stehen und faltete die Hände vor der Brust, wie er es als Kind gethan hatte.
Er erhob die Augen und stammelte die Worte des Gebetes:
»Herr, Herr Gott, hilf mir, lehre mich, komme zu mir, Herr, und ziehe in mich ein und läutere mich von allem Übel . . . «
Er betete und bat Gott, ihm zu helfen, ihn zu läutern, und während er dieses that, war das, worum er bat, schon geschehen. Gott, der in ihm lebte, nahm Besitz von seiner Seele. Nechljudow sah nicht nur das Leben bereits frei, rüstig und freudig an, sondern empfand auch die ganze Macht des Guten. Alles, alles Beste, was der Mensch nur thun konnte, fühlte er sich jetzt bereit zu vollbringen.
In seinen Augen standen Thränen, als er sich das alles sagte; gute und schlimme Thränen. Gut waren die Thränen, weil es Thränen der Freude über die Erweckung des geistigen Wesens waren, das alle die Jahre über in ihm geschlummert hatte. Und schlimm waren die Thränen, weil es Thränen der Rührung über sich selbst, über seine eigene Tugend waren.
Ihm wurde heiß. Er trat an das bereits für den nahenden Frühling hergerichtete Fenster und öffnete es. Das Fenster lag zum Garten hinaus. Es war eine stille, frische Mondnacht, auf der Straße rasselte ein Wagen und alles wurde wieder still. Gerade unter dem Fenster sah man den Schatten der entblößten Äste einer hohen Pappel, der in allen seinen Verzweigungen deutlich auf dem Sande eines freien Platzes lag. Links war das Dach eines Wirtschaftsgebäudes, das in dem hellen Mondlicht weiß erschien; vorn verschlangen sich die Äste der Bäume, hinter welchen der schwarze Schatten eines Zaunes lag.
Nechljudow blickte auf den im Mondschein flimmernden Garten, auf das Dach und auf den Schatten der Pappel, horchte hinaus und atmete die frische, belebende Luft ein.
»Wie schön, wie schön! Mein Gott, wie schön!« sprach er von dem, was in feiner Seele war.
Darmowy fragment się skończył.