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Levi Krongold

Viktor

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch:

Danksagung:

Die Dissidenten

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Die Infiltration

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Lion

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Impressum neobooks

Das Buch:

Levi Krongold

Viktor

Science-Fiction-Roman

Levi Krongold, Psychiater und medizinischer Gutachter eine. »Überwachungsbehörde für Personenschutz« wird mit einem dubiosen Fall betraut. Er soll die offenbar schizophrene Klientin »Suzanne Montenièr« auf ihre geistige Zurechnungsfähigkeit und Konformität mit gesellschaftlich erwünschten Gedankengut überprüfen. Merkwürdigerweise interessiert sich jedoch auch die Sicherheitsabteilung des Geheimdienstes für diese Dame. Als er den Kontakt mit der Klientin aufnehmen will, gerät er durch eine Intrige unversehens in die Hände einer Gruppe, die die herrschende autoritäre Staatsmacht stürzen möchte, die Dissidenten. Dort hat ein mysteriöser »Viktor« das Sagen und dann ist da noch diese hübsche Montenièr!

Danksagung:

Für ihre freundliche und hilfreiche Unterstützung danke ich Frau Klaudia Jacobs, Dr. Frank Weinreich, Frau Angela Volknant und Herrn Peter Lankes, die mir hilfreiche Anregungen zur Fertigstellung dieses Romans gaben.

Widmung:

Dieses Buch widme ich auf dessen ausdrücklichen Wunsch Raskovnik, der mich bereits durch alle meine früheren Romane begleitet hat.

Die Dissidenten
1. Buch

Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich reitet!

Ich schreie die Frau an, die neben mir auf der kleinen Steinmauer vor der Tankstelle sitzt, um den Verkehrslärm der Hauptstraße zu übertönen.

»Ich würde gerne zu Ihnen sagen, dass Sie mir als Frau durchaus sexuell sehr reizvoll erscheinen. Ich könnte mir sogar vorstellen, mit Ihnen drei oder vier Kinder zu zeugen. ...... Leider fürchte ich, dass Sie diese mit ihrer Macke so neurotisieren würden, dass ich von vornherein Bedenken hätte, sie könnten sich niemals zu gesunden, stabilen Menschen entwickeln. Deshalb sage ich es nicht!«

Sie lächelt ein feines unsicheres Lächeln, während sie sich bemüht, die Bedeutung der Satzfetzen zu entschlüsseln, die rumpelnde Lastwagen, wütend hupende Pkws und lautstarke Werbeansagen der allgegenwärtigen überdimensionalen Infotafeln zu ihr durchlassen. Ich rücke den »Applikator«, ein ringförmiges, an einen Heiligenschein erinnerndes Gerät, das auf einer Art Kopfhörer montiert ist, wieder gerade, da er mir bei der jähen Kopfwendung zur Seite in die Stirn zu rutschen droht. Auch sie trägt diese Spule über der Stirn, doch ihr steht sie deutlich besser als mir, finde ich.

Sie sitzt neben mir, ein wenig in sich zusammengesunken in ihrer unförmigen Armeejacke, die jede Körperform retuschiert. Ihre Augen suchen die Worte von meinen Lippen zu lesen, um einen Sinn in der Kakophonie von Lärm und Sprache zu finden. Ihr schlankes Gesicht mit den kurzen mittelbraunen Haaren wirkt fast unscheinbar, doch es sind die Bögen ihrer Augenbrauen und die weibliche Wangenpartie, der Ausdruck ihrer großen verwirrten Augen, die mich gefangen nehmen.

Als sie mich anlächelt und dabei eine Reihe hübscher weißer Zähne entblößt, weiß ich, dass sie kein Wort verstanden hat oder so tut, als ob sie nichts verstanden hätte. Immerhin wird sie nicht böse und springt nicht mit einem Fluch auf den Lippen auf.

»Können wir das jetzt wieder abnehmen?«, schreie ich und weise auf die Apparatur auf meinem Kopf. Sie winkt entschieden, fast panisch ab.

Es ist immerhin erstaunlich, dass uns noch niemand aufgespürt hat, das muss ich zugeben. Sitzen wir doch nun schon mindestens eine halbe Ewigkeit an dieser exponierten Stelle. Wenigstens einer der versteckten Sensoren in der Umgebung hätte Alarm schlagen müssen, weil wir uns nicht ordnungsgemäß weiterbewegen. Sie hätten die Ordnungskräfte in unsere Richtung lenken müssen, um uns zum Weitergehen aufzufordern oder uns einer intensivierten Personenkontrolle zuzuführen.

Aber nichts dergleichen geschieht. Statt dessen sind Gefühle in mir erwacht, die ich von früher kannte, als das hier alles noch nicht so war, wie es jetzt ist. Angenehme Gefühle, unerwünschte Gefühle, sozial geächtete Gefühle.

Sie schaut mich erwartungsvoll an, ein Blick den ich nicht deuten kann. Denkt sie über meine Worte doch nach, hat sie die Botschaft empfangen? Sie öffnet den Mund und muss wohl etwas gesagt haben, was ich nicht verstehe. Ich lehne mich zu ihr hinüber, um sie besser hören zu können, dabei rutscht de. »Applikator« von meinem Kopf. Erschrocken springt sie auf und bekommt ihn zu fassen, bevor er zu Boden rutscht und Gefahr läuft, beschädigt zu werden. Schnell setzt sie ihn mir wieder auf die Stirn. Dabei kommt mir ihr Gesicht so nah, dass ich meine, ihre Lippen auf meinen Wangen zu spüren. Einen kleinen Moment halten wir beide erschrocken inne.

»Kommen Sie, schnell, wir müssen jetzt hier weg!«, sagt sie entschieden und zieht mich am Ärmel hinter sich her.

Die Wohnung, die wir wenig später im soundsovielten Stockwerk eines verlassenen Bürogebäudes betreten, ist nahezu unmöbliert. Kabel mit blanken, kupferglänzenden Enden hängen wie in den Raum greifende Fangarme nutzlos aus den Wänden und der Decke. Eine große Fensterfront nüchterner staubiger Bürofenster ohne jeglichen Zierrat erhellt mit diffusem Licht den Raum und neutralisiert nahezu jeden Schatten.

In einer Zimmerecke entdecke ich eine abgenutzte Kunstledercouch, über die sie einige abgelegte Kleidungsstücke geworfen hat, direkt daneben Kartons mit zusammengewürfeltem Hausrat und weiteren Kleidungsstücken. Den Blick fesselt jedoch eine große Spule, eine fast armbreite Metallschlinge von über einem Meter Durchmesser, die aus einem unförmigen metallisch schwarzen Kasten ragt, von dem ein Kabel zu einer der am Boden befindlichen Steckdosen führt. Eine kleine rotblinkende LED weist darauf hin, dass dieser offenbar in Betrieb ist. Daneben steht eine alte Autobatterie, an die noch die großen roten und schwarzen Metallklemmen eines Starthilfekabels angeschlossen sind, das nun nutzlos auf dem zerschrammten und an einigen Stellen aufgerissenen Linolium des Fußbodens endet.

»Sie können jetzt die Spule abnehmen«, fordert sie mich auf, während sie die ihre bereits vorsichtig auf das freie Ende des Sofas ablegt.

»Hier wohnen Sie?«, frage ich erstaunt.

»Vorerst.«

»Allein?«

Statt auf meine Frage zu antworten, entledigt sie sich schweigend ihrer graugrünen Armeejacke, die sie achtlos über eine der Kisten wirft.

Ich verbiete mir den Gedanken, dass ich ihren schlanken, fast kindlich wirkenden Körper und ihre fließenden Bewegungen anregend finde und frage. »Gibt es noch Strom hier?«

»Glücklicherweise, wer weiß wie lange noch...«

»Und dann?«, forsche ich weiter.

Sie zuckt mit den Schultern und schaut mich prüfend an.

Verlegen und allein mit meinen unterdrückten Fantasien versuche ich mir einen Eindruck von der Perspektive zu machen, die sich von hier oben bietet.

»Gehen sie nicht zu nah ans Fenster. Sie könnten gesehen werden.«

»Ich dürfte gar nicht hier sein«, bemerke ich lakonisch.. »Nein«, antwortet sie knapp.

»Sie auch nicht!«, ergänze ich, ohne in ihre Richtung zu schauen.

»Doch, ich muss hier sein«, entgegnet sie leise. Draußen, soweit man etwas durch die schmierigen Fenster erkennen kann, verschwimmen mattgraue Wohntürme mit schemenhaften Silhouetten entfernter Hochhäuser. Ganz unten, wir sind mindestens im 20. Stockwerk, fließt nur durch schalldichte Fenster von seinem Lärm befreiter endloser Straßenverkehr dahin.

Ich nicke, gedankenverloren, während ich unbeweglich aus dem Fenster auf eine stumm gewordene Welt blicke, die zu einem mysteriösen Trugbild zu entarten scheint, bis mir etwas schwindelt.

Abrupt drehe ich mich zu ihr um. Sie steht noch immer neben dem Sofa und blickt mich ausdruckslos an.

»Und«, fragt sie nach einer ganzen Weile. »glauben Sie mir jetzt?«

Unwillkürlich muss ich einen tiefen Atemzug nehmen. Ich will mich um eine Antwort drücken, weil ich sie nicht verletzen will... oder mich selbst.

»Hmm«, murmel ich etwas unschlüssig und beginne die merkwürdige Apparatur in der Mitte des Raumes zu taxieren. Irgendetwas stört mich an diesem Gerät. Es ist zu groß, zu mächtig, es passt nicht hierher und es passt nicht zu ihr.

»Meinen Sie, es hilft?«

»Sicher!«

»Wodurch?«

»Es gibt ein Störsignal ab, so dass sie mich nicht orten können, soweit ich weiß«, erklärt sie. »Sie können nicht durchdringen zu mir, nicht bis in mich hinein vordringen!«

»Sie?«, frage ich etwas zu spitz.

Sie wendet sich abrupt ab und ballt zornig die Hände. »Sie haben überhaupt nichts verstanden, gehen Sie, gehen Sie jetzt!«

Erschrocken fahre ich zurück. »Oh, Verzeihung, ich wollte Sie ganz bestimmt nicht verärgern!«

Mir ist klar, dass ich sie jetzt nicht allein lassen möchte. Ich schelte mich selbst wegen meiner Überheblichkeit und meiner dummen Bemerkung. Wenn sie bloß nicht darauf besteht, dass ich gehen soll.

»Entschuldigen Sie bitte, wirklich, ich versuche doch, Sie zu verstehen.«

»Nein, Sie lügen! Sie wollten nur sich selbst bestätigen! Sie sind ein eitler Fatzke. Gehen Sie!«

»Bitte, es war nicht böse gemeint, wirklich«, versuche ich es nochmals, doch sie hat sich zornig umgedreht und die Arme über der Brust verschränkt. Unentschlossen nehme ich meine Jacke auf, die ich abgelegt hatte, werfe sie mir über die Schulter und nähere mich ihr einige Schritte, doch als sie immer noch nicht reagiert, gehe ich langsam auf den Ausgang zu.

Ich höre ihr leises Schluchzen, ihr Kopf ist, mir noch immer abgewandt, etwas auf ihre Brust gesunken.

Etwas in mir fasst neuen Mut, ich lasse die Jacke einfach fallen, nähere mich ihr behutsam und lege ihr die Hand sachte auf die Schulter. Sie dreht sich plötzlich zu mir um und verbirgt ihr Gesicht an meiner Schulter, während ihr Körper von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihr vorsichtig über das Haar streichele, sie wie ein kleines Kind leicht wiege und dazu »okay, okay« brumme.

Sie hat so einen zierlichen, fast zerbrechlich wirkenden Körper. Sie tut mir unendlich leid und ich fühle mich schuldig, verlogen und verkommen. Sie hat ja recht, sie hat ja recht!

Eigentlich ist es nicht meine Aufgabe, sie zu verstehen. Es ist meine Aufgabe, sie zu kontrollieren. Ich bin ein Kontrolleur von Amts wegen.

Aber da ist etwas Neues hier im Raum und auch vorher an der Tankstelle. Es ist ein angenehmes Gefühl, wie eine süße Erinnerung an etwas früher Gekanntes, aber lange Vergessenes. Eine Art Kindheitserinnerung, flüchtig wie ein Geruch und doch nicht verloren und es hat mir ihr zu tun. Es ist diese Sehnsucht nach ihrer Zuneigung, dem Kontakt zu ihr und ihrem Körper.

Ich schüttele unwillig den Kopf. Was, wenn sie recht haben sollte? Was, wenn ihre Psychose gar keine, ihr Wahn Wahrheit ist?

Sie hat sich etwas beruhigt und löst sich fast schon etwas zu heftig aus meiner sanften Umarmung.

Ich stehe nur da. Der Raum, den sie gerade noch eingenommen hat, erscheint mir plötzlich endlos kalt, leer und öde. Ich lasse die Arme hängen, die mir unendlich schwer vorkommen.

Sie steht in der Nähe des Fensters, eine schlanke Silhouette, und hält sich die Schultern, als wenn sie friere. »Warum verstehen Sie denn nicht? Warum verstehen sie denn alle nicht?«

Ich antworte nicht. Es fehlen mir einfach die Worte und ich will sie nicht noch einmal provozieren.

Es ist nicht mein Job, sie zu provozieren. Aber was ist eigentlich mein Job? Ich weiß es plötzlich irgendwie nicht mehr. Versuche mich zu erinnern. Warum zum Teufel bin ich ihr eigentlich hierher gefolgt?

2.*

Sie war aufgefallen.

Sicher, sie sollte kontrolliert werden, weil sie aufgefallen war. Eine psychische Anomalie, eine Störung, vielleicht eine Psychose. Ein atypisches Denkmuster. Nichts Ernstes wahrscheinlich, nur eine Routinekontrolle.

Ihre Akte, Suzanne Montenier, die ich neulich bei Dienstbeginn im Amt für Gesundheit und Soziales, Refera. »Medizinische Begutachtung und Rehabilitation«, auf meinem Schreibtisch entdeckte und die den Stapel auf der Ablage für unbearbeitete Fälle auf meiner Linken noch um einige Zentimeter erhöhte, trug allerdings den Vermerk. »Eilt, diskret!«, mit dem dafür üblichen blauen Aufkleber und der roten Diagonalen über der grauen Aktenfolie.

Merkwürdigerweise war sie offenbar auf meinem Schreibtisch von jemanden abgelegt worden und nicht über den zentralen Server eingetaktet, wie die anderen Akten. Denn am Tag zuvor war sie sicher noch nicht dabei gewesen. Außerdem unterschied sie sich schon farblich von den mattroten Folien der übrigen Akten.

Ich blätterte sie seufzend kurz durch, notierte routinemäßig das Eingangsdatum in der Bearbeitungsmaske im PC, der mir daraufhin das Abgabedatum des Berichtes diktierte.

8 Wochen, wie neuerdings üblich.

Aufgrund einer Beschwerde der übergeordneten Personenschutzbehörde waren nun aus der früher üblichen Bearbeitungszeit von 3 Monaten unlängst 8 Wochen geworden, bei gleichzeitiger Reduzierung des Personals. Dennoch betrug die Verfahrensdauer meist mehr als dreimal soviel, was auch irgendwie niemanden wirklich störte.

Nur, wenn mal wieder ein perfider Terroranschlag die Gazetten füllte, wie neulich, als die soundsovielte Bombe mehrere Opfer in einem der neuen Einkaufscenter zur Folge hatte und der oder die Täter nicht geortet werden konnten, weil sie sich mit einer neuen Technik vor den Sonden und Kameras unsichtbar gemacht hatten, dann wirbelte alles in den oberen Etagen der betreffenden Behörde durcheinander, rollten einige Köpfe untergebener Abteilungen, wurden neue Verfahrensweisen oktroyiert, Urlaubstage gestrichen, Versetzungen veranlasst und Bearbeitungsprogramme umgeschrieben, bis alles nach einiger Zeit wieder im alten Trott weiterlief.

So auch jetzt.

Ich strich über meine müden Augenlider, setzte mich seufzend zurück, schaute die absolvierten PC-Zeiten auf meinem Arbeitszeitkonto an, die mir sagten, dass ich mein Monatssoll noch nicht erfüllt hätte und beschloss, trotzdem einen Kaffee trinken zu gehen.

Die Cafeteria des Amtes für Personenüberwachung befindet sich im Eingangsbereich im Erdgeschoss. Sie ist der einzige Vorwand, wenn einem danach ist, für kurze Zeit einmal den PC-Arbeitsplatz zu verlassen und sich Bewegung zu verschaffen. Ansonsten ist wenig Grund geblieben, sich von seinem Computersessel zu erheben. Naja, manchmal fällt eine Aktenfolie vom Stapel und verschwindet unter dem Schreibtisch oder rutscht unter den Aktenschrank. Warum rutschen die Aktenfolien eigentlich immer wieder gerade in die verdammte Ritze unter diesem altertümlichen Schrank? Vielleicht liegt es am Material, diesen dokumentenechten, glatten, unzerstörbaren, reiß- und knautschfesten Folienchips? Immer wieder bin ich gezwungen, den letzten noch gerade mit der Fingerspitze erreichbaren unter der Stoßleiste vorlukenden Zipfel vorsichtig zu fassen und hervorzuziehen, um sie nicht versehentlich und auf alle Zeiten ganz unter den Aktenschrank zu schieben. Dann wünschte ich mir, dass alle Akten noch von der gleichen soliden Substanz wären, wie diejenigen im Schrank, die wohl schon einhundert Jahre darauf warten, endlich digitalisiert zu werden. Aber der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.

Aus meinem Referat führen zwei altertümliche Aufzüge nach unten, von denen einer, der linke, immer noch nicht repariert und außer Betrieb ist. Er ist genauso alt wie die muffigen Flure der Abteilung und genauso heruntergekommen. Die Gelder für die Sanierung scheinen immer wieder in den anderen vorrangigen Abteilungen zu verschwinden. Auf diese Weise nimmt die hochmütige Missachtung, die unserer Abteilung durch die anderen Referate entgegengebracht wird über bröckelnden Putz und der durch Jahrzehnte ausgeblichenen Verputz der Wände greifbare Gestalt an. Wir gelten im Amt als Sonderlinge, da wir noch persönlichen Kontakt mit Klienten ode. »Kunden« pflegen, wie wir beschönigend sagen, anstatt uns in vornehmer digitaler Distanz zu ihnen zu halten. So gleicht das Gedränge, dass morgens bei Dienstbeginn und abends bei Dienstende vor dem rechten Aufzug entsteht, einem Spießrutenlauf, bei dem die Blicke der anderen Mitarbeiter um so deutlicher ausdrücken, was die Lippen sorgsam verschweigen.

Zur frühen Nachmittagszeit hingegen war der Aufzug meist leerer. So auch jetzt.

Ich versuchte, die beiden Mitarbeiterinnen aus der Abteilun. »Hygiene und Seuchen«, eine ärztliche Kollegin und deren Vorzimmertippse, die sich angeregt über einen Impfverweigerer unterhielten, höflich zu ignorieren, da ich von ihnen auf meinem Arm-Pad nicht angepingt worden war, was deren Bereitschaft zur Kommunikation signalisiert hätte. Ihrem geflüsterten Gespräch war jedoch zu entnehmen, dass der betreffend. »Kunde« zwangsweise zum Impftermin vorgeführt worden war und wohl viel Geschrei veranstaltet hatte. Eine nicht alltägliche Abwechslung im üblichen Büroalltagseinerlei.

Beim Verlassen des Aufzuges nickte ich der ärztlichen Kollegin verständnisvoll zu, was mir einen verwunderten, jedoch nicht unfreundlichen Blick eintrug.

Die Cafeteria war wie immer um diese Zeit fast leer. Drei oder vier Gestalten saßen vor den Monitoren oder warteten vor den Serviereinheiten auf die Ausfertigung ihrer Bestellung.

Ich ließ mich auf einen freien Sessel sinken, legte meinen Codering an das Terminal und wartete die üblichen vier Sekunden auf das Ende des unvermeidlichen Werbetextes, bei dem diesmal eine neue Kaffeesorte, aus garantiert gentechnisch optimierten Kaffeebohnen, mit de. »gewissen Geschmacks-plus« angepriesen wurde. Dann nickte ich der virtuellen Bedienung, deren Konterfei heute ein asiatisches Aussehen hatte, bejahend zu, als sie mich lächelnd fragte, ob es wieder dasselbe sein dürfte wie vor 2 Stunden.

Vor zwei Stunden? Solange hatte ich es schon durchgehalten? Entspannt ließ ich mich zurücksinken und die Simulation auf mich wirken, die die neuesten Fortschritte bei der Umsetzung der Beschlüsse des 85. Kongresses der Regierung seit der Übernahme der Geschäfte durch ChemChi ins Bild setzte, schaltete jedoch bald auf das Konzertprogramm um, auf der Suche nach Vivaldis Frühling, meinem Lieblingssatz, inszeniert durch FengLang mit dem synthetischen Symphonieorchester Schanghai.

Ich ließ mir gerade mit geschlossenen Augen den wohltuenden Duft des vanillierten Kaffeegetränks in die Nase steigen, als ich angeplingt wurde.

»Krongold, bitte begeben Sie sich umgehend mit der Akte Montenièr zu Herrn Dr. Dr. habil Eschner.« Ich zuckte zusammen. Bereits der Name dieses Herrn fühlt sich für mich an wie Zahnschmerzen der übelsten Sorte.

Er ist der Typ, den man ums Verrecken nicht los wird in seinem Leben. Schon in meiner Assistentenzeit in der Psychiatrischen Landesklinik, kurz vor meiner Facharztprüfung zum Psychiater, nervte dieser Hornochse alle Kollegen auf der Station mit seiner überragende. »Intelligenz«, die sich aus dem Nachplappern gerade gelesener Fachartikel und einem ansonsten völliges Dummschwätz zusammensetzte, aber enormen Eindruck bei den Professoren und Chefärzten der Stationen machte. Schon damals duckmäuserte er hinter den Vorgesetzten her, intrigierte nach Leibeskräften, bis er es zum Stellvertreter des Chefarztes geschafft hatte, nicht ohne alle, die ihm im Weg gewesen waren, kaltblütig abserviert zu haben. Ich war einer derjenigen, die seinem Wirken zum Opfer fielen, was zur Folge hatte, dass ich mich unversehens in dieser Behörde wiederfand, im hintersten Winkel des Gebäudes auf die Erlösung durch Berentung wartend. Was leider noch lange hin ist.

Als ich dann vor anderthalb Jahren aus der Tür meines Büros trat und beim Gang zur Cafeteria zufällig einen anderen Weg durch einen sanierten Gebäudetrakt nahm, traf mich fast der Schlag, als ich vor dem Zimmer des Amtsleiters beinahe mit ihm zusammenstieß. Er verließ gerade mit den für ihn üblichen arrogant hochgezogenen Augenbrauen das Chefzimmer, stolperte ärgerlich fast in mich hinein, stutzte und zog die Mundwinkel nach unten.

»Ah, Krongold, im Weg wie immer!« Ich blieb verdutzt stehen.

»Was machen Sie hier?«, entfuhr es mir verblüfft.

Er starrte mich an, wie eine lästige Fliege, die man gerne mit dem Daumen genüsslich zerdrücken möchte. »Arbeiten. Arbeiten mein Lieber. Eine für Sie ungewohnte Beschäftigung, nehme ich an.« Und ohne meine Reaktion abzuwarten, fuhr er fort. »Dadurch lieber Krongold bringt man es eben auch zu was. Sollten Sie vielleicht auch mal versuchen!« Damit wandte er sich ab und schwebte davon.

Ich traf ihn später noch häufiger. Er hatte es wohl innerhalb weniger Monate zum stellvertretenden Leiter des Amtes Gesundheit und Soziales geschafft, dem neben meinem Refera. »Medizinische Begutachtung und Rehabilitation« unter anderem auch das Referat Hygiene und Seuchen untergeordnet ist.

Jedesmal wenn ich ihm begegnete, hatte er gerad. »etwas ganz Wichtiges zu tun und leider gar keine Zeit für mich«. Einmal kam er gerade aus dem Refera. »Gefährdung und Sicherheit«, schwebte mit in die Luft gehobener Nase und einem dicken Ordner in der Hand gewichtig schreitend und sich nach allen Seiten absichernd, ob er denn auch bemerkt werde, an der Cafeteria und an mir vorbei, plingte mich an, nur um mir mitzuteilen, dass er gerade mi. »ganz oben« über mich gesprochen hätte. Natürlich nur mit den besten Empfehlungen. Man müsse ja denen von der Sicherheit nicht immer alles auf die Nase binden. Schließlich kenne man sich ja bereits seit Jahren und er würde auch gerne Kräfte unterstützen, die es selbst nicht nach oben geschafft hätten.

Ich versuchte, den Druck in der Magengegend zu ignorieren, der mich bei seinem Anblick immer wieder quält, und wunderte mich nur. Was hatte ich mit de. »Oberen« des Referat. »Gefährdung und Sicherheit« zu schaffen?

Dieses Referat ist ohnehin ein wenig merkwürdig. Seltsame Geschichten ranken sich um dessen Existenz. Niemand scheint so richtig durchzublicken, was dessen Aufgabengebiet eigentlich ist. Nicht einmal die Mitarbeiter des Referates sind namentlich im Adressverzeichnis des Amtes auf den Mail-Servern aufgeführt. Anstelle des Namens findet sich dort nur ein graues Feld. Weshalb sie im Amt auch al. »die Grauen« bezeichnet werden. Es wird immerhin gemunkelt, dass sie einen direkten Draht zu hohen Regierungskreisen haben sollen, und dass man sich lieber nicht mit diesen Leuten einlassen sollte.

Es soll vorgekommen sein, dass das Arbeitszeitkonto plötzlich auf null gestellt war oder die angehäuften Überstunden plötzlich gegen minus unendlich tendierten, wenn man einem von ihnen irgendwie auf die Füße getreten war, sagt man.

Seufzend erhob ich mich aus meinem Sessel, nachdem die Meldung, ich solle bei Eschner vorstellig werden, inzwischen ungeduldig blinkte und auf Kenntnisnahme bestand, ließ den Kaffee-Vanilla allein weiterduften und begab mich mürrisch an meinen Schreibtisch.

Dort fischte ich die Aktenfolie vom Stapel und hielt sie vor den Scanner.

Suzanne Montenièr, 26 Jahre, ledig, keine Kinder, Studentin der Bioinformatik und Historik, las ich da.

Dem zugehörigen Bild aus der zentralen Meldebehörde, inklusive Genmuster-Code und Fingerabdruck zufolge, insgesamt ein smartes Persönchen.

Diagnose. »Verdacht auf paranoide Schizophrenie, Wahnvorstellungen von Fremdbeeinflussung.« Studium geschmissen, Nachbarn mit ihren Vorstellungen, sie würde von fremden Mächten bestrahlt, belästigt, auffälliges Sozialverhalten und zunehmende soziale Isolierung. Das übliche. Schade eigentlich!

Ich blätterte die restliche Akte lustlos durch und fragte mich, warum da so ein Bohei drum gemacht wird? Derartige Fälle sind relativ häufig geworden und kommen direkt nach den Angsterkrankungen von Leuten, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, weil sie befürchten, an der nächsten U-Bahnstation oder im Kaufhaus von einer heimtückisch im Mülleimer hinterlegten Bombe irgendeiner Terrorgruppe zerrissen zu werden. Letztere Erkrankung entbehrte leider nicht einer gewissen Berechtigung, führte aber bei den meisten Menschen nur dazu, dass sie sich in der Öffentlichkeit vorsichtiger bewegten, nicht jedoch das Haus gar nicht mehr verließen.

Außerdem, wer musste außer Post- und Paktetzustellern noch groß das Haus verlassen? Wer dennoch raus ging, etwa um seinen Robohund Gassi zu führen, der hatte schließlich die Security-App, die mögliche Gefährdungsstellen auf dem geplanten Fußweg in Form kleiner Bombensymbole darstellte. Außerdem gab es inzwischen kaum eine größere Straßenkreuzung, keinen Eingangsvorplatz öffentlicher Gebäude, keine Bahnstation mehr ohne die üblichen Videokameras, die deutlich die Präsenz der Polizeigewalt demonstrierten. Und schließlich schleppte jeder irgend ein technisches Gerät mit sich herum, das die Bewegungsdaten kontinuierlich, offen oder versteckt, wie man munkelt, weitermeldete.

Dennoch passierten mitunter diese mysteriösen Anschläge, bei denen es einzelnen Terroristen immer wieder gelang, unerkannt zu verschwinden, nachdem sie unschuldige Passanten ins Jenseits gebombt hatten.

Manchmal bis zu zwei oder drei Anschläge im Monat mit gleichbleibender Tendenz. Auch dazu gab es die passende Terror-App.

Was ich bei diesen diversen Terror- und Gegenterrorgruppen bis heute nicht verstanden habe, war, warum sie es meist auf die Oma von nebenan, die Schulkinder einer Grundschule, die Besucher von Kaufhäusern oder Theaterveranstaltungen, also unschuldige, unbeteiligte Menschen abgesehen hatten, jedoch nie Parlamentarier oder Chefetagen von großen Konzernen ins Visier ihres Zorns nahmen, die, wenn überhaupt jemand, für das ganze gesellschaftliche Durcheinander eher verantwortlich waren.

Sei's drum.

Ich nahm mir die Akte nochmals vor, die ich schon lustlos auf de. »Akteneingang« zurückgeworfen hatte, und ließ mir die letzte, die gelbe Auftragsseite anzeigen, wo genauere Angaben zur Art der Kontaktaufnahme ausgeführt waren und der Untersuchungsauftrag präzisiert wurde.

Das Kreuzchen war vo. »Kontaktaufnahme vor Ort, da Einladung mehrmals erfolglos« gesetzt, gefolgt von mehreren Daten derartiger vergeblicher Einladungsversuche.

Ich frage mich immer wieder, weshalb es immer noch Handakten gibt, wo doch letztlich alles im PC bearbeitet werden muss? Aber derartige Fragen stellt man in einer Bundesbehörde besser nicht, um sich nicht die Aufstiegschancen zu vermasseln.

Vorgehensweise, Doppelpunkt, 4a, rot unterstrichen, mehrere dick gemalte Ausrufezeichen, Unterschrift, i.V. Dr. med., Dr. phil., habil. Eschner!

Ich schaute erschüttert nochmals auf die Unterschrift, aber es war kein Zweifel möglich, da stand Eschner! Vor meinen geistigen Ohren erschallte ein dämonisches, boshaftes nachhallendes Gelächter aus einem zahnlosen nach Schwefeldampf stinkenden Mund.

Ich spürte das dringende Bedürfnis, fünf Liter Wasser auf einmal zu trinken, um genug Saft in der Blase zu haben, um ihm an die Bürotür zu pinkeln, wenn ich nun zu ihm ging,.

Der Code: 4a bedeutet nämlich nichts anderes, als. »Nähere Anweisungen vom Abteilungsleiter entgegen nehmen, vertraulich.«

Dies hieß, aus meiner Bürotür zu treten, zu der feindlichen Tür des Dr. Dr. Eschner zu gehen und zu klopfen. Zu warten, weil durch die schalldichten Türen keine Antwort zu vernehmen ist, nochmals zu klopfen, wieder zu warten, dann die Türklinke vorsichtig herunter zu drücken, in devoter Haltung vorsichtig den Kopf zum Zimmer hinein zu stecken, um sich darauf gefasst zu machen, unwirsch nach draußen gewinkt zu werden, weil der feine Herr gerade etwas höchst Wichtiges zu erledigen hat, etwa sich die Fingernägel zu feilen, ein Telefongespräch mit jemand sehr, sehr Hohem zu erledigen oder sonst was.

Ich spürte, wie sich mein schlecht verheiltes chronisches Magenleiden wieder bei mir meldete.

Üblicherweise ist es so, dass man einen Klienten, den man zu begutachten hat, einfach einlädt, ins Amt zu kommen. Dieser erscheint entweder allein, wenn die seelische Erkrankung es zulässt, oder in Begleitung eines Angehörigen oder Betreuers, wenn die Erkrankung schwerer zu sein scheint.Sinn der Überprüfung ist es, das Ausmaß der seelischen Störung zu beurteilen und zu entscheiden, ob der- oder diejenige soweit keine Gefahr für die Allgemeinheit oder sich selbst darstellt, ob alle therapeutischen Maßnahmen ergriffen wurden, derer man heute mächtig ist, und ob eine vertiefte rehabilitative Maßnahme notwendig sein wird, um das gewünschte Ergebnis, nämlich die aktive Teilnahme an der digitalen Interaktion, dem sozialen Leben und dessen Verpflichtungen oder gar dem Berufsleben zu ermöglichen.

Nur in wenigen Ausnahmefällen bewegt man seinen Amtsarsch aus dem Sessel und sucht den Klienten in seinem Wohnumfeld auf. Dies tut niemand gerne, wird auch nicht besonders honoriert, kostet Zeit und Nerven, insbesondere wenn man sich in die Niederungen des unteren sozialen Milieus begeben muss. Noch seltener wird ein Klient gar mit polizeilichen Mitteln gesucht und vorgeführt, so dass ein Weg in die Verwahrungspsychiatrie notwendig wird. Dort geht es zumindest etwas manierlicher zu, jedenfalls für den Gutachter.

Seit der Einführung der allgemeinen Impfpflicht und insbesondere den zunehmenden Terroranschlägen wurden die Definitionen, ab wann jemand zu begutachten sei, etwas erweitert und das Berufsbild des medizinisch-psychiatrischen Gutachters zum ‚Sozialpsychiatrischen Gesundheitsberater‘ umdefiniert. Ein eigener Weiterbildungsberuf mit all dem üblichen Pipapo, wie Seminaren, Weiterbildungszeiten in akkreditierten Bereichen und Prüfungen. In dieser Mühle befand ich mich seit anderthalb Jahren.

Die Aufgaben umfassten nun zusätzlich das einfühlsame Zugehen auf Menschen, denen man nicht eindeutig eine anerkannte psychiatrische Erkrankung unterstellen konnte, sondern eine gewichtige oder vermutete Feststellung einer sozial schädlichen Gedankenwelt.

Dazu bedurfte es natürlich neuer Befragungsmethoden, damit die betreffenden Personen sich nicht stigmatisiert fühlten und sich lauthals protestierend an die Medien wendeten. Nicht, dass diese begierig darauf gewesen wären, derartige Protestschreiben abzudrucken, aber um die allgemeine Lage, die bereits durch die andauernde Terrorgefahr belastet war, nicht noch mehr zu eskalieren, kehrte man derartige Dinge lieber unter den Teppich.

Es wurde daher in den letzten Jahren zunehmend notwendig, Menschen aufzusuchen, die glaubten, sich wider besseres Wissen der notwendigen Massenimpfung gegen die seit einigen Jahren grassierende Zoga-Virusepidemie entziehen zu müssen, und deren geistigen Zustand festzustellen, wie auch Menschen, die sich aggressiv in Blogs oder Kommentaren im Netz zu Wort gemeldet hatten. Das machte wenig Spaß, da man als Gutachter ode. »Controller«, wie man verächtlich im Volksmund betitelt wird, weniger soziale Anerkennung erhielt, als vielmehr auf unverhohlene Ablehnung stieß und schlecht unterdrückte Aggressionen aushalten und seelisch wegstecken musste. Man musste sich also ein dickes Fell anschaffen.

Ganz anders verhielt es sich jedoch in diesem Fall, bei dieser Suzanne Montenièr. Hier lag offensichtlich ein deutliches Missverhältnis vor im Vorgehen zwischen der offensichtlichen psychiatrischen Erkrankung, die eine Wahnerkrankung nun einmal ist, und der Art und Weise, wie dieser Fall eingetaktet worden war.

Noch mysteriöser wurde es, als von ihm, kaum war ich wenige Minuten vor meinem PC, eine dringliche Anfrage mi. »höchster Priorität«, rotes Ausrufezeichen, per Netz kam, in der er sich tatsächlich herabließ, mich zu duzen.

»Lieber Kollege Levi, komm doch mal bitte kurz zu einer Besprechung der Sonderakte Montenièr zu mir rüber. Die Sache eilt etwas!«

Ich gebe zu, dass ich es langsam angehen ließ. Mit einem Mal entdeckte ich den Reiz alter, verstaubter Aktendeckel aus dem letzten Jahrhundert in meinem antiken Aktenschrank wieder. Auch schienen mir die Aktenordner in meinen Regalen ungebührend unordentlich aufgereiht zu sein. Dies korrigierte ich, indem ich die Fronten millimetergenau zueinander ausrichtete, bis ein einheitliches Bild der Oberflächen entstand. Auch fand ich hinter den Akten größere Staubschichten, die ich wegen fehlender Arbeitsmittel mittels eines Papiertaschentuches beseitigte. Ich habe viele Aktenschränke! Hier und da entdeckte ich sogar jahrelang verschollen geglaubte Vorgänge wieder oder welche, die von der alphabetischen Ordnung so sehr abwichen, dass sie erst zurücksortiert werden mussten.

Erst als die dritte Eilmeldung im PC mit eine. »Pling« ihre Anwesenheit bekannt gab, schlenderte ich langsam zu Eschners Büro rüber, klopfte flüchtig und trat sofort mit einem vor meinem Spiegel sorgfältig einstudierten kameradschaftlichen Lächeln ein.

»Was gibt's altes Haus?«

Immerhin hatte sic. »mein lieber Kollege Konrad Eschner«, nachdem ihm zuerst kurz die Gesichtszüge entgleist waren, als hätte ihm ein Schlaganfall das Kleinhirn ausgeschaltet, relativ schnell wieder im Griff und wies mir mit säuerlicher Miene einen Platz auf seinem Besucherstuhl zu.

Was er darauf folgend eröffnete, gab mir noch einige Stunden später reichlich Stoff zum Nachdenken. Erst einmal stellte er fest, dass es keinen geeigneteren Menschen im ganzen Amt gebe als mich, diese Begutachtung durchzuführen. Da hätten bei mir schon alle Alarmglocken klingeln sollen! Ich stand allerdings zu sehr unter Anspannung, als dass ich entspannt hätte nachdenken können.

Die Art und Weise, wie er mir Honig ums Maul strich, strafte er allerdings durch seinen das genaue Gegenteil ausdrückenden Gesichtsausdruck wiederum Lügen.

»Wie kommt denn diese Akte auf meinen Schreibtisch?«, fragte ich nach. »Sie ist offenbar nicht auf dem normalen Dienstweg bei mir abgelegt worden.«

Eschner lehnte sich gewichtig zurück, betrachtete eine Weile seine Fingernägel und erhob sich dann.

»Sie kommt eigentlich aus dem Referat Sicherheit«, hob er an. Auf meinen verwunderten Blick hin fügte er schnell hinzu. »Das bleibt natürlich alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Ich hoffe, dass ich auf deine Diskretion vertrauen kann?!«

»Diskretion, weshalb?«

»Die Dame steht unter Beobachtung und man fragte mich, wen ich für geeignet hielte, Kontakt mit ihr aufzunehmen.«

Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Und da fielst du mir natürlich ein!«

»Aus alter Verbundenheit!«, setzte ich ironisch hinzu.

Er lächelte ein malignes Lächeln. »Aus alter Verbundenheit, selbstverständlich!«

Ich spürte, wie bei mir alle Wahnlämpchen anfingen zu leuchten.

Noch merkwürdiger erschien mir die Herangehensweise an den Fall. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Annäherung an die Klientin in mehreren Phasen verlaufen sollte. So eine Art zufälliges Zusammentreffen, das von mal zu mal vertieft werden sollte, damit die Dame nicht misstrauisch wurde.

»Wozu soll das gut sein?«, fragte ich ihn verblüfft. »Es ist eine Schizophrene, da muss man doch nicht mit geheimdienstlicher Beflissenheit vorgehen!«

Er gab zu, dass ihn das auch ein wenig gewundert habe, allerdings habe er Andeutungen vo. »ganz oben« erhalten, dass nicht die Frau selber, sondern ihr Umfeld Probleme bereiten könnte.

Wer das sein soll. »ganz oben?«, fragte ich. »Ich verstehe nicht, was diese Andeutungen sollen? Was heißt das Umfeld könnte Probleme machen? Sind das Rocker, Terroristen, Radikale oder Pestkranke?«

Er verzog seine Miene derart gekünstelt in Richtung Mitgefühl, dass ich ihm hätte spontan auf die hochglanzpolierten Schuhe kotzen können.

»Wenn ich nicht an völlige Geheimhaltung gebunden wäre, würde ich dir liebend gerne Auskunft darüber geben, aber leider ....« Er vollendete den Satz nicht, sondern setze sich wieder bequem in seinen Chefsessel. »Zum dortigen Referat haben nur wenige Zutritt, musst du wissen.«

»So wie du!«, ergänzte ich, bemüht ruhig zu klingen.

Er unterdrückte ein selbstgefälliges Grinsen, lehnte sich verschwörerisch nach vorne und flüsterte mit gesenkter Stimme. »Also hör zu. Es scheint, dass einige Abteilungen sehr beunruhigt sind, weil die Klientin nicht nur schizophren sein soll, sondern sich auch auf eine eigenartige Art und Weise der Überwachung entzieht.«

»Überwachung?«, fragte ich verwundert nach.

»Naja, du weißt schon. Eigentlich sollte sie irgendwo wohnen. Offiziell tut sie das auch, aber dort ist sie nie anzutreffen. Daraufhin wurde man aufmerksam auf diese Person und begann sie zu überwachen, Terrorgefahr, du verstehst?«

»Eine Verrückte?«, gab ich ungläubig zurück.

»Warum nicht, meinst du, die Terroristen wären alle ganz klar im Oberstübchen?«, konterte er.

Das deckte sich auch mit meiner Einschätzung. »Und weiter?«, forschte ich.

»Es stellte sich heraus, dass auch die im öffentlichen Raum zulässigen Mittel und auch die weniger offiziellen Mittel, wie Arm-Pad-Überwachung, nicht dazu führten, lückenlos heraus zu bekommen, wo sich diese Person aufhält. Sie scheint sich immer wieder in Luft aufzulösen.«

»Echt?«, fragte ich erstaunt. Es war mir natürlich bereits klar, dass die inoffizielle Überwachung entgegen aller offiziellen Versionen breite Anwendung findet, insbesondere als ich durch einen Zufall herausbekam, dass jedes Handy zwei Leitungen gleichzeitig benutzen kann, eine offizielle Gesprächsleitung und eben eine weitere, die ohne Wissen des Teilnehmers funktioniert.

»Und?«, regte ich ihn zu einer weiteren Erklärung an, da er mich abwartend anschaute.

»Es scheint in ihrem Umfeld Leute zu geben, die eine Technik anwenden, die sie vor Überwachung wirksam schützt. Das ist natürlich für die Abwehr von potentiellen Gefährdern ein großes Problem.«

Das verstand ich.

»Aber was habe ich damit zu tun?«, versuchte ich, nun langsam Licht in die Angelegenheit zu bringen.

»Man war der Ansicht, es wäre am unauffälligsten den üblichen Routineweg zu gehen. Einen Gutachter erwartet man ja in solchen Fällen und daher erregt dieser bei einem eventuell gefährlichen Umfeld am wenigsten Verdacht.«

Mir wurde ein wenig mulmig. Was aber, wenn das möglicherweise gefährliche Umfeld nun auf die Idee kam, mich einfach wegzubomben?

»Dafür bin ich zu deinem Schutzpatron ernannt worden«, gab er grinsend von sich.

»Ich kann dir auch nur versichern,« nickte er. »dass ich dich so gut wie möglich mit Rat und Tat unterstützen werde, wenn du nicht zurechtkommen solltest.«

»Firma dankt!«, erwiderte ich frostig.

Im Rausgehen rief er mir noch nach. »Ich kann mich auf dich verlassen, ja? Denk dran, die Sache eilt!«

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich an Einzelheiten bezüglich des Rückweges zu meinem Zimmer wirklich erinnern kann. Ich war damit beschäftigt, über die vielen Ungereimtheiten nachzudenken, als mein Arm-Pad angeplingt wurde. Raskovnik, einer meiner wenigen Bekannten im Amt, lud mich ein, kurz einmal in der Cafeteria vorbeizuschauen. Erfreut drehte ich auf dem Absatz um und erlaubte mir den kleinen Umweg durch das Erdgeschoss.

Raskovnik ist ein merkwürdiger Mitmensch. Er passt so gar nicht ins Amt. Offenbar ist er jedoch genauso hier gestrandet wie ich. Sein Vater soll ein hohes Tier bei der Uno gewesen sein. Das war, bevor die Eurasische Union zwischen Russland und China, Tuanti Sojus, kurz TUS, die militärische und wirtschaftliche Schwäche der USA nach deren strategischer Niederlage im Nahen Osten ausnutzte und die Hebel der Macht an sich riss. Zurück blieb eine ausgebombte, radioaktiv verseuchte und unbewohnbare vorderasiatische Region, mit der wirklich niemand mehr etwas anfangen kann und eine durch innere Konflikte auseinanderfallende Rest-USA, die Western Union, die im Weltgeschehen praktisch bedeutungslos geworden ist.

In diesem Verlauf wurde die UNO als nutzlos und zu kostspielig aufgelöst. Raskovnik's Vater floh offensichtlich in die TUS, wo er jedoch keine wesentliche Funktion mehr innehatte und sein Sohn, Vladic Raskovnik, versumpfte hier im Amt ohne Aussicht auf eine nennenswerte Karriere. Dennoch hatte er bei der besagten Abteilung für Gefährdung und Sicherheit eine unbedeutende, jedoch gesicherte Tätigkeit als Dolmetscher erstreiten können, auch wenn er unter ihrer Leitung nicht ganz glücklich zu sein schien.

Er wirkt ein wenig phlegmatisch, trotz des Stiernackens und seines fast quadratischen Körperbaus, was einem Ringer mehr entspräche als einem Sesselpfurzer. Allein die senkrechte Falte über seiner Nasenwurzel und sein verschlossenes, wortkarges Auftreten lassen den geschulten Psychiater die mühsam beherrschte Wut ahnen, die diese Seele peinigen muss. Dennoch, Raskovnik sprach gleich von Anfang an eine Seite in mir an, die ihm meine Zuneigung sicherte. Ihn traf ich häufiger in der Cafeteria. Auch wenn es nie zu einem tiefer gehenden Gespräch kam, so plingte er mich des Öfteren an, nur um mir ein paar belanglose Worte zu simsen.

Hinzu kam, dass auch Raskovnik als Mitarbeiter der Sicherheit ei. »Grauer« ist und dass er mir gegenüber im Laufe der Monate seinen Klarnamen erwähnte, was einen eklatanten Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen darstellt, zeigte mir, dass unsere Sympathien wechselseitig sein müssen. Kurz und gut, ich freute mich nach dem Gespräch mit Eschner vielleicht ein paar Hintergrundinformationen von ihm zu erhalten. Umso mehr wunderte es mich, dass er sich, wie ich mich erinnere, nur auf wenige Sätze beschränkte, nachdem ich ihm kurz die Zusammenhänge erläutert hatte.

»Levi, sei auf der Hut vor Eschner! Da scheint eine riesige Sauerei im Amt zu laufen. Ich versuche heraus zu bekommen, woher der Wind weht. Ich melde mich bei dir!« Damit verließ er die Cafeteria eilig, ohne sich noch einmal nach mir umzuschauen.

Ich verbrachte den Rest des Tages vergeblich damit, meinen Bearbeitungsrückstand bezüglich der offenen Fälle zu verringern. Schließlich gab ich es trotz blinkender Warnhinweise wegen der Bearbeitungsdauer längst überfälliger Akten und tiefrot im Minus verweilender PC- Zeiten auf und beschloss, für heute Schluss zu machen, zumal auch keine Termine zur persönlichen Begutachtung mehr eingetragen waren. Ich bestellte per App ein AuTaX, eine automatische Fahrkabine, die die Funktion früherer Taxis übernommen hat, zum Amt.

Nachdem ich am Ausgangsterminal meinen Daumenabdruck und meine Iris gescannt hatte und ich erfolgreich ausgeloggt war, umfing mich feuchtkühler Nachmittagsnebel. Das AuTaX wartete bereits in der Haltebucht, so dass ich es mit dem Chip am Fingerring aktivieren konnte.

Ich zögerte kurz, wählte dann aber nicht meine Wohnadresse, sondern das italienische Bistro im benachbarten Park am See und legte mich entspannt zurück, als das AuTaX lautlos seine Fahrt aufnahm. An mir floss der dichte Personenverkehr mit viel Lärm und Gestank vorbei, während ich auf meiner AuTaX-Spur problemlos das Chaos neben mir zurückließ.

Ich fragte mich, wann es wohl gelingen werde, das vor 20 Jahren begonnene AVS-System endlich zu realisieren. AVS ist die Abkürzung für ‚Automatisiertes Verkehrssystem‘. Die Idee war ja nicht schlecht, alle innerstädtischen Fahrzeuge automatisiert und vor allem elektrisiert und auf Mietbasis zu betreiben. Keine lästige Parkplatzsuche mehr, keine verstopften Straßen, keine Staus. Leider stehen zwischen einer Idee und deren Verwirklichung die Dämonen der Verwaltung und auch des Besitzstanddenkens. Nicht nur die Autoindustrie zeigte sich eher schwerfällig, denn es sollten ja letztendlich keine privaten Pkw mehr auf die Straße, sondern statt dessen automatisierte Fahrkabinen, die auf Anforderung das gewünschte Fahrziel ansteuern. Auch die Verkehrsbehörde hatte massive Bedenken und torpedierte das Projekt, wo sie konnte. Übrig blieb vorerst nur die AuTaX-Fahrspur für automatisierte Taxikabinen, die in allen größeren Straßen realisiert worden war, immerhin. So fließt denn der führerlose Taxiverkehr weitgehend ungestört neben intelligenten Autos, die dennoch ständig irgendwelche Unfälle verursachen, und dem herkömmlichen Personenverkehr dahin, mit dem Ergebnis größtmöglicher Ineffektivität. Ich verzichte gerne auf den Besitz eines prestigeträchtigen Pkws, wenn ich so für die Überbrückung einer normalen Fahrstrecke nur ein Drittel der sonst üblichen Zeit benötige. Ganz zu schweigen von den öffentlichen Verkehrsmitteln, die inzwischen zu reinen Sicherheitsrisiken geworden sind und nur noch vo. »Mobb« benutzt werden.

Als der Verkehr ruhiger wurde, in dem Maße wie ich mich dem westlichen Außenbezirk näherte, entspannte sich auch mein strapaziertes Gehirn etwas. Für mich gibt es immer noch nichts Erfreulicheres als in dem kleinen Bistro am See zu sitzen und meine Gedanken schweifen zu lassen. Heute am frühen Nachmittag war hier noch nicht viel los. Ich checkte mittels Chip ein und ließ mir vom Getränke-Bot einen altertümliche. »Cafe Latte« servieren, setzte mich bequem in den Liegesessel vor die Monitorwand und schaltete das sommerliche Seeambiente dazu, denn der reale See lag derzeit im vorwinterlichen Graubraun. Sogleich erblühten die kahlen Bäume in virtueller Blätterpracht, zwitscherten längst ausgestorbene Vogelarten und wehte ein angenehmer, nach frischem Grün riechender Duft heran.

Was für ein Tag!

Mit einem Seufzer setzte ich das Kaffeeglas ab und schaute mich nach den wenigen Anwesenden um. Einige saßen mit ihren Virtual-Reality-Brillen ruhig in ihren Sesseln, andere machten es wie ich und benutzten nur den Monitor. Der in die Sessellehne eingebaute Screen zeigte nur eine Person an, die gesprächsbereit gewesen wäre, aber ich beachtete diesen Hinweis nicht, sondern schaltete mich auf offline.

In Gedanken ließ ich die heutigen Ereignisse Revue passieren. Alles, aber auch alles war bislang an diesem Tag merkwürdig. Ich schien plötzlich in höchst beunruhigende Ereignisse verwickelt, die eine unangenehme Vorahnung in mir hinterlassen hatten, ein unbestimmtes Gefühl der Unruhe in mir erzeugten, ohne dass ich hätte sagen können, wovor ich Angst bekommen hätte. Einerseits drängte es mich, den Fall Montenièr lieber zurückzugeben, andererseits spürte ich auch eine zunehmende Neugierde, geradezu eine Abenteuerlust, mich in dies Unternehmen zu stürzen. Denn abenteuerlich ließ es sich ja bereits an. Ich musste mit jemandem sprechen, nur leider war in meinem Privatleben auf fast allen Kanälen Sendepause. Meine Frau Iris hatte sich in ihren Beruf verabschiedet und dort eine neue Beziehung angefangen. Meine Tochter Clarissa schied ebenfalls aus, ich wollte sie nicht in die Probleme der Erwachsenenwelt hineinziehen. Sie saß derzeit zwischen allen Stühlen und zog es vor, tagsüber lieber in Ruhe ihr Telestudium zu absolvieren. Ohnehin wusste sie derzeit nicht, ob sie Fisch oder Fleisch sein sollte, da sowohl die Pubertät als auch die Trennung von meiner Frau sie in eine schwierige Situation gebracht hatten. Sie meldete sich so gut wie überhaupt nicht mehr bei mir, und wenn, dann nur um Forderungen an mich zu stellen. Das schmerzte.

Die Kyperbekanntschaften waren erwiesenermaßen genauso fleischlos wie unverbindlich, mein psychiatrischer Supervisor schied momentan aus, weil... weil... Er schied eben aus. Ein Psychobot tat es auch manchmal, wenn man die Erwartungen, die man an ein Gespräch mit einem Computerprogramm hatte, nicht zu hoch ansetzte. Ich schaltete die Musik ein, Vivaldi, das beruhigte mich sonst immer. Aber anstatt ruhiger zu werden, wurde ich immer nervöser, bis ich mich schließlich dabei ertappte, dass ich wie ein Maschinengewehr mit den Fingern auf das Terminal tackerte. Auf dem Screen öffnete sich ein Fenster, in dem das Gesicht einer hübschen Frau zu sehen war, die freundlich nach meinem Befinden fragte. »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«, lächelte sie ein professionelles Lächeln. Leider weiß man nie, ob das Gesicht eine Computersimulation ist oder ein reales Abbild. Ich tat so, als wäre mir das im Moment egal. »Nicht dass ich wüsste, danke.«

»Sind Sie mit irgendetwas unzufrieden, Sie wirken angespannt?«

»Oh, wirklich?«

»Ja, wir dachten, vielleicht gefällt Ihnen unsere Simulation nicht.«

»Oh, doch, doch vielen Dank, sie ist wirklich gut. Wirklich gut. Danke.«

»Wie schön, wenn wir irgendetwas tun können, um Ihren Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Für nur 24 Quian können wir Ihnen zum Beispiel eine Wohlfühl-App anbieten, entstressen auf höchstem Niveau, oder eine Harmoniser-XXL-App, neuestes Update, für nur 34 Quians. Gegebenenfalls könnten sie auch eine Libidoseur-Applikation erhalten, im günstigen Jahresabonnement um zehn Prozent günstiger, die erste Rate wird erst nach einer unverbindlichen Probewoche abgebucht.«

»Oh, danke, ich weiß nicht so genau.«

Die Dame lächelte ein entzückendes Lächeln. »Na, dann melden Sie sich einfach, wenn Sie möchten. Einen weiterhin schönen Aufenthalt wünsche ich Ihnen.«

Ich ließ mich ermattet zurücksinken und blickte auf das abstrakte Bildschirmmuster, welches auf dem Screen erschienen war und sich im Rhythmus von Vivaldi. »Vier Jahreszeiten« bewegte. Seltsamerweise wurde ich etwas ruhiger. Ich blickte wie im Traum auf die bizarren Figuren, die sich bildeten und wieder vergingen. Auch wenn sie zufällig entstanden, so waren sie doch auch faszinierend. Obwohl es keine ausgeprägte geistige Tätigkeit verlangte, sie anzusehen, brachten sie doch einige Free-bits ein, die ich zu einem kleinen Prozentsatz in mein Arbeitskonto einbuchen konnte und die zum Teil auch mein Payback-Quians-Konto vermehrten. Nach einer geraumen Weile, es war inzwischen schon dunkel geworden, beschloss ich, doch in die häuslichen Gefilde zurückzukehren. Ich schüttelte ein paarmal den Kopf, um die Müdigkeit loszuwerden, rieb mir kräftig über das Gesicht und bestellte ein Abendessen im Nutri-Shop nach Hause, danach ein AuTaX zum Café. Ich blickte nochmals auf den Bildschirm, der nun zwei potentielle Gesprächspartner anzeigte. Einer Frau im Alter meiner Exfrau simste ich eine Offerte für später und checkte mich aus. 50 Quians von meinem Konto für den hiesigen Aufenthalt waren nicht wenig, aber seis drum. Das Ausgangsterminal fragte diesmal nicht nach einem Trinkgeld, der Service gehe aufs Haus. Seit das Bargeld nun endgültig abgeschafft worden war, hätte zwar nur ein Druck auf die Trinkgeldtaste genügt, andererseits wüsste ich nicht, wem ich es in einem automatisierten Café hätte zuweisen sollen. Ich war eben noch ein wenig altmodisch in dieser Beziehung.

Auf dem Rückweg flimmerten die Lichter der abendlichen Stadt an mir vorbei. Überdimensionale Leuchtreklamen lenkten die Aufmerksamkeit von den Niederungen dieser Welt in eine virtuelle bessere Welt. Die Kabine nahm einige merkwürdige Umwege, wahrscheinlich weil ihr auf der berechneten Route Hindernisse gemeldet worden waren. Tatsächlich stauten sich auf der Hauptstraße die individuell gesteuerten Autos bereits, was zu dieser Tageszeit in Richtung Zentrum normal war. Einige hatten sich sogar auf die Fahrspur der Automatischen gewagt, was üblicherweise mit empfindlichen Geldbußen oder monatelangem Führerscheinentzug geahndet wird.

Der Himmel über der Stadt, der rötlich leuchtend die von den Wolken reflektierten Lichter zurückwarf, zeigte noch einige schwache Versuche der untergegangenen Sonne, sich mit einem letzten fernen Leuchten zu verabschieden. Jetzt waren wieder mehr Menschen auf den Straßen, obwohl dies eigentlich die riskanteste Zeit ist, das Haus zu verlassen und sich in die Öffentlichkeit zu wagen. Über 80 Prozent aller Anschläge werden nach Einbruch der Dämmerung verübt! Wir passierten die gelblich blinkenden Lichter eines Polizeifahrzeuges und eines wartenden Sanitätswagens. Aber da kein olivgrünes Fahrzeug des Terrorschutzes zu sehen war, handelte es sich wohl nur um einen Unfall. Ich zählte die Anzahl der Videokameras, die auf dem Weg zu entdecken waren, in Abwandlung eines alten Kinderspieles, bei dem wir früher die Autos einer bestimmten Automarke abgezählt hatten.

Die Welt hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Ich frage mich, ob das Leben leichter geworden ist, seit die neue Regierungsform notwendig wurde? Ich weiß es nicht. Andererseits konnte es so auch nicht weitergehen. Die diversen demokratischen Parteien und Splitterparteien hatten sich im Parlament nicht zu einer konstruktiven Lösung zusammen tun können, sondern sich nur gegenseitig blockiert. Bis auf das gemeinsame Interesse, bei jeder Kleinigkeit die Steuern oder Staatsschulden zu erhöhen, gab es keine erkennbare Gemeinsamkeit. Jeder gut gemeinte Reformansatz wurde daher im Mahlwerk der eigennützigen Interessen bis zur Unkenntlichkeit deformiert, durch eine Heerschar eifriger Juristen und Bürokraten ins glatte Gegenteil gekehrt und schließlich als neue Zumutung der Bevölkerung auferlegt. Wen wundert es, wenn die Netzmedien überwiegend von Hassbotschaften dominiert wurden? Bis zur Wahlreform, die lediglich die Möglichkeit einer einzigen Regierungspartei zuließ, versank das Land im Chaos sich gegenseitig bekämpfender Parteien, revoltierender Bürgerinitiativen, litt unter Terroranschlägen verschiedenster Gruppierungen und Wirtschaftskriminalität, so dass es ein Glück war, als ein chinesischer Konzern seine Wirtschaftsmacht ausnutzend, das Ruder herumriss und die dortigen zentralistischen Strukturen auch bei uns einführte. Nicht, dass dies auf allgemeine Zustimmung gestoßen wäre, aber unleugbar ging es seitdem auch bei uns wieder langsam bergauf.

Aber war das Leben auch leichter geworden? Es war geordneter, das wohl. Die persönlichen Probleme blieben einem allerdings treu, wie ehedem.

Mein persönliches Problem bestand aus der Ereignislosigkeit, aus der ermüdenden Routine des Alltags und der privaten Perspektivlosigkeit. Meine Familie hatte wenigstens die Illusion der Notwendigkeit eines derartigen Zustandes erzeugt, aber seit der Trennung wurde dieses Gefühl zunehmend zur Last.

Vor dem Wohnblock, in dem ich mein neues Zuhause gefunden hatte, checkte ich mich aus der Kabine aus, die sofort zum nächsten Einsatz fuhr, sog die kühle Abendluft noch einmal kräftig ein und wollte mich gerade mittels Daumenabdrucks an der Pforte identifizieren, als mein Arm-Pad sich meldete. »Bitte Rückruf, dringend. Raskovnik«.

Ich stutzte. Raskovnik rief mich privat an? Woher hatte der meine Privatnummer? Soweit ich mich erinnern konnte, hatten wir nie unsere privaten Nummern ausgetauscht.

Ich tippte die Antworttaste. Der kleine Bildschirm flammte auf. »Entschuldige, dass ich dich in deiner Freizeit störe...«

»Woher hast du meine Nummer?«

»Ist die nicht im System hinterlegt...?«, fragte er zurück.

»Nicht das ich wüsste...«, überlegte ich.

»Hör mal, es gibt eine geringe Chance. Es wäre wichtig, dass u diese Montenièr schnellstmöglich aufsuchst. Sie weiß dir einiges zu berichten, was ich dir hier nicht am Pad mitteilen kann. Es gibt eine Chance, dass du sie heute Abend in der Nähe vom ,Fleur' antriffst. Ich habe ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass sie sich dort aufhält.«

»Weshalb?«

»Kann ich dir nicht sagen, gerade. Aber du weißt schon. Es könnte wichtig sein für dich!«

Merkwürdig!

»In welchem Bezirk liegt das ‚Fleur‘?«

»Im 14.«

»Willst du mich etwa in diesen Abgrund schicken?«

»Es ist nun mal dort, tut mir leid.«

Das gefiel mir gar nicht, da ich es nicht gewohnt war, aus meinem Bezirk herauszugehen.

»Aber ich habe keinen Dienst jetzt.«

»Ich weiß, ich weiß. Nur das Problem liegt darin, dass es sonst schwer werden wird, sie überhaupt irgendwo anzutreffen.«

»Ich hab gar keine Akte dabei.«

»Levi, es geht um dich. Vertrau mir! Es ist von größter Wichtigkeit. Vielleicht ergibt sich eine Kontaktmöglichkeit. Mach dir mal ein Bild vom Zustand dieser Frau.«

»Randaliert sie?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Hör mal, das schmeckt mir überhaupt nicht. Wenn die Sicherheit ohnehin weiß, wo sie ist, warum schickt sie dann nicht einen ihrer Leute hin.«!«

Er räusperte sich. »Ist sozusagen eine private Angelegenheit... verstehst du?«

»Wieso?«

»Ich erklär es dir später. Ich schicke dir nochmals ein Bild von ihr, damit du sie erkennst. Gehst du?«

Was war nur mit Raskovnik los? Irgendwie passte die Art, wie er mir dies mitteilte, nicht zu dem Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte. Ob er etwas wusste, was mit Eschner und dessen obskuren Rolle in dieser Sache zu tun hatte?

Offenbar konnte er nicht offen reden am Pad. Andererseits, überlegte ich, hatte ich ohnehin nichts mehr vor heute und vielleicht entwickelte sich ja daraus die Perspektive, die mir gegenwärtig so dringend fehlte.

»Okay. Aber nur kurz.«

»Gut! Das AuTaX ist informiert.«

Kurz danach öffnete sich ein Anhang, in dem das Bild der schizophrenen Klientin angezeigt wurde. Missmutig schaltete ich das Teil aus.

Was ging hier eigentlich vor und warum um alles in der Welt ließ ich mich auf diese merkwürdig. »Begutachtung« ein? Ich hatte einige Zeit im AuTaX darüber nachzugrübeln, insbesondere da dort Fahrziel und Einbuchung schon vorgenommen worden waren. Die Antwort lag wohl im Konterfei dieser Suzanne Montenièr. Sie war mir nämlich irgendwie sympathisch. Genaugenommen konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie an dieser Wahnerkrankung leiden sollte, zumindest wünschte ich es ihr nicht. Obwohl das biometrisch korrekt erstellte Foto eher wie ein Auszug aus einer Verbrecherkartei wirkte, beeindruckten mich in dem schlanken Gesicht die großen Augen und markanten Augenbrauen, die dem Gesichtsausdruck etwas Sanftes verliehen. Aber man soll sich nicht täuschen! Schizophrene sind nicht grundsätzlich dumm oder geistig minderbemittelt. Im Gegenteil. Ich habe in meiner Laufbahn als Psychiater viele äußerst intelligente, phantasievolle Patienten erlebt, die erst durch die lange Einwirkung von Medikamenten oder den chronischen Krankheitsverlauf geistig abgebaut hatten. Mit anderen Worten, ich war neugierig auf die Frau. Andererseits war die amtliche Herangehensweise an diesen Fall mehr als seltsam.

Bis zu dem Punkt, wo die Klientin vor Ort aufgesucht werden sollte, konnte ich noch routinemäßig mitgehen. Aber diese merkwürdige Annäherung, ohne dass die betreffende Person von ihrer Ausforschung erfahren sollte, schmeckte mir nicht. Ich bin zwar nicht scharf darauf, gleich mit eine. »Verpiss dich« abgefertigt zu werden, andererseits billige ich meinem Gegenüber noch so viel Menschenwürde zu, dass es wissen sollte, worum es geht.

Stellen wir uns nur einmal vor, Suzanne Montenièr könnte die Geheimleute wirklich zu einem Terroristennetzwerk führen, dann würde ich annehmen, dass die sich Tag und Nacht an ihre Fersen heften und schauen, wo sie sich aufhält. Aber statt dessen eine psychiatrische Begutachtung zu veranlassen erschien mir wenig zielführend. – Es sei denn, dass dies nur ein Vorwand für etwas anderes war – oder dass die Beobachtung durch mich genauso wirkungsvoll wäre, nur andere aus der Schusslinie brächte. An diesem Punkt begann eine gewisse Verärgerung in mir aufzukeimen. Ich beschloss, ihr, sollte ich ihr begegnen, gleich reinen Wein einzuschenken. Andererseits... Eschner eins auswischen, indem ich Schleimipunkte irgendwo ganz oben einsammelte, war auch nicht schlecht.

Der Platz vor de. »Fleur«, ein in die Jahre gekommenes kleines französisches Restaurant, war genauso runtergekommen wie alle anderen Gebäude auch. Ich befand mich im Botanikerviertel, einer Promeniermeile aus besseren Zeiten, ganz in der Nähe des Botanischen Gartens und des kleinen Kanals, der die Metropole im Norden teilt. Einige imposante restaurierte Jugendstilbrücken führen zur anderen Seite des Viertels. Dahinter liegt heute das ehemalige Studentenviertel, aufgrund der Nähe der Universität so benannt und der Tatsache, dass dort wegen der damals schon heruntergekommenen Bausubstanz billige Wohnungen zu haben waren. Inzwischen wohnten dort in enger Nachbarschaft mit imposanten Büroneubauten vor allem Sozialhilfeempfänger in städtischen Sozialwohnungen, die ihnen zugewiesen worden waren. Die ganze Gegend weist eine mindestens doppelte Dichte an Überwachungskameras aus, wie der restliche Teil der Stadt zusammengenommen. Allerdings gibt es auch hier die höchste Kriminalitätsrate der gesamten Stadt. Hier und da kreisen plötzlich Polizeidrohnen über den Plätzen, scannen alles mit Infrarotkameras, um kurz darauf blitzartig wieder zu verschwinden. Nicht gerade ein Ort, wo man gerne nachts alleine rumsteht, so wie ich jetzt. Ich hatte kaum eine Minute unschlüssig auf dem Platz gestanden, als schon eine dieser Drohnen über mir kreiste. Ich setzte mit meinem Arm-Pad meinen Code ab, worauf sie sich entfernte. Wie sollte ich Frau Montenièr hier finden? Ich schaute mich um, ob irgendwo eine ausgeflippte Person die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zog oder in einer Ecke oder am Fuß einer Brücke eine zusammengekauerte Gestalt hockte. Fehlanzeige. Zweimal verfolgte ich eine Person, die die Gesuchte hätte sein können, sich jedoch als Prostituierte herausstellte. Die hätte aber ebensowenig hier sein dürfen. Immerhin wies diese Tatsache darauf hin, dass die staatliche Überwachung der Plätze doch nicht so lückenlos sein konnte, wie allgemein angenommen. Eine Überlegung, die die ganze Angelegenheit in ein anderes Licht rückte. Vielleicht war gar nichts Geheimnisvolles am Verschwinden der Frau, sondern die Überwachung war nur einfach lückenhaft. Dieser Gedanke beruhigte mich insofern, als die Wahrscheinlichkeit, unliebsamen Kontakt mit einer Terrorgruppe zu bekommen, etwas geringer erschien. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Ich hatte die Nase voll, war frustriert und müde und hungrig, deshalb beschloss ich, in. »Fleur« zu gehen, um dort etwas zu mir zu nehmen.

Trotz des antiquierten Eindrucks, den das kleine Restaurant machte, öffnete sich die Tür erst, nachdem Chip und Iris gescannt waren. Drinnen umfing mich gedämpftes Lampenlicht, in dem einige wenige Holztische zu sehen waren, die in kleinen mit riesigen Tonvasen und künstlichen kalkweißen Mauern dekorierten Nischen untergebracht waren. Überall hingen Sträuße getrockneten Lavendels an den Wänden und von der Decke allerlei antikes landwirtschaftliches Gerät, welches zweckentfremdet dort angeschraubt war.

Es dauerte eine Weile bis ein runtergekommener Wirt mit Baskenmütze und schmierigem Hemd nach meinen Wünschen fragte.

»Was Kleines, bitte!«, forderte ich müde. Er stieß einen kurzen Lacher aus.

»Das findest du eher draußen!« Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass er die Nutten auf dem Platz meinte. Ich lächelte verlegen.

»Ich möchte speisen, was Kleines.«

»Mon dieu, Sie befinden sich in einem französischen Restaurant, da ist alles klein, wissen Sie?«

Ich lächelte zurück. »Lassen Sie mich raten, nur die Preise sind groß?«

Er lachte kurz auf, wobei sich sein fast zahnloser Mund unter einem kleinen Schnäuzer öffnete, aus dem ein so derartig pestilenzartiger Tabakgeruch entströmte, dass ich kurz den Atem anhalten musste. Dann klopfte er mir herzhaft auf die Schulter, drehte sich um, um eine Karaffe mit einer roten Flüssigkeit auf einer Anrichte hinter sich zu ergreifen und mir wortlos auf den Tisch zu stellen.

Ich schaute ihn fragend an. »Was ist das?«

»Rotwein!«, gab er wie selbstverständlich zurück, wobei sein Blick einen stillen Triumpf ausdrückte, als er meine Überraschung bemerkte. Alkoholhaltige Getränke sind seit Langem nicht mehr legal zu bekommen!

Danach reichte er mir das Pad mit der Speisekarte. »Wenn ich etwas empfehlen dürfte, das Lamm muss noch weg«, lachte er, um danach wieder mit enthusiastischem Blick beide Hände an die Lippen zu führen. »Es ist süperb. Aber diese Trottel hier können das nicht richtig schätzen, deshalb hebe ich es für Gäste wie Sie auf.«

»Richtiges Fleisch?«, fragte ich überrascht.

Er verzog beleidigt das Gesicht. »Aber natürlich, was halten Sie von mir?«

Ich war erstaunt. Richtiges Fleisch hatte ich schon lange nicht mehr gegessen.

»Sie sind nicht von hier?«, fragte er beiläufig.

»Nicht aus diesem Viertel.«

Er nickte. »Also das Lamm?«

Ich gab mich geschlagen, weil ich mich viel zu erschöpft fühlte, es noch in einem anderen Lokal zu versuchen.

Nachdem ich die Lippenstiftspuren an dem Glas auf meinem Tisch mittels einer Ecke des Tischtuches beseitigt hatte und mich bediente, stellte ich fest, dass der Wein ausgezeichnet schmeckte.

Es dauerte allerdings gut zwei komplette Baguettebrote, die der Wirt mir reichte, um mir die Wartezeit zu verkürzen und über 30 Minuten, bis er mit einer kleinen Steingutschale zurückkehrte, in der eine winzige Portion würzig duftenden Lammfleisches neben einigen winzigen Bratkartoffelwürfeln und Bohnen ‚übersichtlich‘ dekoriert war. Darüber lag ein Rosmarinzweig, dessen Ende in einer Knoblauch-Kräuter- Paste unterging.

Ich schaute ihn fassungslos an, als er diese in der Geste eines Fünfsterne-Chefkochs vor mir plazierte.

»Fehlt etwas?«, fragte er mit gespieltem Erstaunen.

Ich zögerte. »Die Lupe?«

Er brach in ein wieherndes Gelächter aus, schlug mir wiederum mehrfach auf die Schulter und entfernte sich dann kopfschüttelnd und laut lachend.

Wider Erwarten schmeckte das Lamm köstlich, ich möchte sogar sagen, es war wohl das beste, was ich jemals gegessen hatte. Dies und die Tatsache, dass der Wein ein Übriges dazugab, verbesserte meine Stimmung erheblich. Einer plötzlichen Eingebung folgend, beschloss ich, den Wirt ins Vertrauen zu ziehen und nach Frau Montenièr zu fragen. Vielleicht kannte er sie ja zufällig?

Als er mir das Terminal reichte, um abzurechnen und ich mich überschwänglich einschließlich eines reichlichen Trinkgeldes bedankte, zeigte ich ihm das Bild von Frau Montenièr.

»Kennen Sie diese Frau vielleicht? Ich sollte mich mit ihr hier treffen.«

Er stutzte einen Moment, schaute erst das Bild, dann mich an, während sich seine Miene schlagartig verdüsterte. Dann kratze er sich geräuschvoll am Hinterkopf, wobei er seine Baskenmütze bis nach vorne in die Stirn schob. »Ne, nie gesehen!«, antwortete er schroff. »Sind Sie 'nen Bulle?«

»Nein, ein Bekannter«, log ich. Er schaute mich grimmig an und schnaubte scharf durch die Nase aus. »Ein Bekannter«, echote er, dann rief er in Richtung Küche. »Claude, hilf dem Herrn doch mal in den Mantel, der Herr möchte gehen!«

Verblüfft schaute ich zur Küchentür hinüber, aus der ein Bulle von einem Koch trat. Dessen Kittel war noch schmutziger als der Fußboden, doch sein kantiges Gesicht ließ erkennen, dass er sich nicht nur als Hilfskoch betätigte, sondern mindestens eine langjährige Karriere als Boxchampion hinter sich haben musste.

Auf ein Kopfnicken in meine Richtung durch den Chef des Hauses setzte sich dieser wortlos in meine Richtung in Bewegung.

»Entschuldigen Sie, vielleicht ist das ein Missverständnis?«, versuchte ich es.

»Hau ab!«, brummte der Riese.

»Aber, ich bitte Sie...«, weiter kam ich nicht, dann gingen bei mir die Lichter aus.

Ich wachte einige Zeit später durchnässt vom Regen mit teuflisch schmerzendem Kopf auf dem Straßenpflaster einer Seitenstraße liegend auf.

Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich erheben konnte, weil mir schwindelte und höllisch übel war.

Als ich es schließlich geschafft hatte, mich an einer Hauswand aufzurichten, musste ich mich übergeben. Benommen blieb ich stehen, mich mit dem Arm an der Wand abstützend, bis ich wieder einigermaßen klar sehen konnte. Ich muss hier weg! Wo sind diese verdammten Polizeidrohnen, wenn man sie braucht? Benommen torkelte ich einige Schritte weit. Ich musste ein AuTaX rufen! Allerdings stellte ich fest, dass mein Arm-Pad und mein Touch-Phone fehlten und auch mein Chip verschwunden war.

Wie sollte ich jetzt mit jemandem Kontakt aufnehmen? Verzweifelt hielt ich mich an einer Laterne fest, um nicht wieder umzufallen.

Verdammte Scheiße!

Was danach kam, ist nur noch bruchstückhaft in meiner Erinnerung. Irgendwann fragte ein Frauengesicht. »Was ist mit ihm?«

»Komm da weg, Suzanne, komm da weg«, hörte ich wie aus weiter Ferne eine schroffe Männerstimme befehlen. Dann vernahm ich ein Dröhnen, später meinte ich, blinkende Lichter wahrzunehmen, bis ich schließlich in einem mäßig verdunkelten Raum aufwachte.

Dieser stellte sich als Krankenzimmer in einer Überwachungseinheit heraus. Ein Infusionsschlauch schien zu meinem linken Handgelenk zu führen, ich konnte ihn allerdings nur aus einem Auge sehen, dass linke war monströs zugeschwollen. Neben meinem Bett flimmerte ein Monitor, der jedoch stumm geschaltet war und irgendeine Soap Opera im Programm hatte.

Wenig später kam eine uniformierte Frau von der Sicherheit in Begleitung eines Krankenpflegers und erkundigte sich nach meinen Identitätsausweisen und meinem Befinden, in dieser Reihenfolge. Ich stellte fest, dass mir das Sprechen schwerfiel, deswegen sagte ich nur. »Raskovnik, bitte benachrichtigen Sie Raskovnik von der Abteilung III der Personenschutzbehörde.«

Es dauerte eine geraume Weile, während der ich mich bemühte, wieder Anschluss an die Geschehnisse zu bekommen, um meine jetzige Lage richtig einzuschätzen. Das Erste, woran ich mich erinnerte, war ein zahnloser Mund, dem ekelerregender Tabakgeruch entströmte und an ein schrilles Gelächter, in das sich eine weibliche Stimme mischte, die immerz. »Was ist mit ihm?«, ausrief. Ich konnte mich nur nicht besinnen, in welchem Zusammenhang diese Erinnerungsfetzen standen. Wenig später allerdings, nachdem sich die SecurityDame in Begleitung eines Mediziners vor meinem Krankenbett einfand, wurde ich auf unangenehme Weise an die Zusammenhänge erinnert.

»Ich bin Dr. Ramso, Herr Kollege Krongold, können Sie mich verstehen?«, ließ er sich neben mir vernehmen.

»Woher kennen Sie meinen Namen?«, versuchte ich mühsam zu artikulieren. Er lachte. »Das war in der Tat etwas mühsam. Wissen Sie, dass Sie kurz davor standen, in einer Arrestzelle zu landen?«

Ich verneinte, denn mein Unterkiefergelenk schmerzte zu sehr, um es mit unnötigen Worten zu foltern.

»Erst durch den Iris- und Daumenscan konnten wir Ihre Identität ermitteln. Wo sind denn ihre Identitätsnachweise geblieben? Sind Sie ausgeraubt worden?«

»Scheint so«, flüsterte ich.

»Sie haben offenbar ganz schön was abbekommen«, fuhr er fröhlich fort. »aber keine Angst, es ist zum Glück nichts gebrochen. Wir erwarten keine bleibenden Schäden. Allerdings haben sie einige unschöne blaue Flecken im Gesicht.«

Ich betastete meinen Kopf, an dem ich nun ein dickes Mullpflaster über dem linken Auge feststellen konnte. Je mehr ich wieder zu mir kam, desto mehr schmerzende Stellen stellte ich stöhnend überall am Körper fest.

»Möchten Sie ein Schmerzmittel haben?«, fragte er nach.

Als ich nickte, ordnete er etwas dem im Hintergrund wartenden Krankenpfleger an, der sich daraufhin rasch entfernte.

»Gut, Herr Kollege, ich lasse Sie jetzt mit der netten Dame von der Sicherheit alleine, die hat noch einige Fragen an Sie, nicht wahr?«

Die Dame von der Sicherheit, eine Polizistin in Zivil, stellte sich als Frau Meyerring vor. Sie hatte einen unangenehm nach saurem Schweiß riechenden Körpergeruch, was wohl auch von ihrem erheblichen Übergewicht herrührte. Das maskenhaft geschminkte Gesicht mit den nach oben ausgezogenen tätowierten Augenbrauen und dem Permanent Make-up der Augenlider und der schmalen Lippen passten insgesamt zum negativen Eindruck, den sie auf mich machte.

»Herr, ähem, Krongold, richtig?«

Ich nickte.

»Ich muss Ihnen einige Fragen stellen.«

Diesmal verzichtete ich auf das Nicken. Sie fuhr allerdings auch bereits mit der Fragerei fort.

»Sie haben uns gebeten, einen gewissen Raskovnik in Ihrem Amt zu benachrichtigen?«

Wieder nickte ich brav.

»Nun«, hüstelte sie und sah mich streng an. »Ein solcher Herr ist dort nicht bekannt.«

Hä? Ich glaubte mich verhört zu haben.

»Tut mir leid. Er ist im Personalverzeichnis ihrer Dienststelle nicht aufgeführt.«

»Nicht meine Abteilung, Referat Gefährdung und Sicherheit«, korrigierte ich sie.

»Ja, ja, das haben wir schon verstanden, nein, auch dort ist er nicht aufgeführt.«

»Ich bitte Sie, ich treffe ihn jeden Tag in der Cafeteria!«, entgegnete ich entrüstet, was ich sofort bereute, da es in meinem Kopf unangenehm zu brummen begann.

»Tut mir leid, aber könnten Sie den Namen falsch ausgesprochen haben?«

»Raskovnik, nein absolut nicht! Ich habe sogar eine Nachricht in der Eingangsbox, warten Sie!« Ich war gerade im Begriff mein Handgelenks-Pad zu aktivieren, als mir einfiel, dass es nicht da war. In diesem Zusammenhang fielen mir plötzlichen wieder mein Auftrag und andere Dinge ein, das französische Restaurant, der Wirt und irgend so ein bulliger Boxer, der mich wohl ins Jenseits befördern wollte.

Erschöpft ließ ich mich wieder zurück sinken. »Könnte ich bitte eine Schmerztablette bekommen?«

Die Securitydame klingelte nach dem Pfleger, der wohl schon vor der Tür gestanden haben musste, dem Tempo nach zu urteilen, mit dem er gleich ins Zimmer stürmte.

Ich dachte über ihre Worte nach, während ich den Becher mit Wasser leerte, den er mir hinhielt, um die Tablette zu schlukken. Natürlich, durchzuckte es mich. »Er ist ein ‚Grauer‘!«

»Ein bitte was?«

»Ein Grauer, er ist nicht offiziell aufgeführt. Ein Geheimdienstler!«

Der Art, wie sie versuchte, ihre Augenbrauen hochzuziehen, was wegen einer Botoxliftung offenbar nur unvollständig gelingen mochte, entnahm ich, dass sie mir nicht glaubte.

Sie räusperte sich vernehmlich. »Wir werden das nachprüfen. Was wollten Sie denn nachts in diesem Viertel, Herr Krongold?«

Die Art, wie sie meinen Namen aussprach, als habe sie auf etwas Saures gebissen missfiel mir eindeutig. Dennoch beschloss ich, es mit einer wahrheitsgemäßen Antwort zu versuchen.

»Ich wollte etwas essen!«

»Nachdem Sie sich bereits etwas aus dem Nutri-Shop nach Hause bestellt hatten?«

»Woher...?«

»Wir haben Nachforschungen angestellt!«, antwortete sie triumphierend, als habe sie gerade einen berufsmäßigen Lügner überführt und erwartete deshalb eine Beförderung.

»Sie glauben mir nicht?«

»Sagen wir es einmal so, vielleicht fällt Ihnen noch eine bessere Antwort ein!«

Ich wurde langsam ungeduldig, was sich unangenehm auf meine Kopfschmerzen auswirkte.

Erschöpft ließ ich mich in mein Kopfkissen zurücksinken.

»Ich arbeite an einem Fall und habe versucht eine Klientin dort ausfindig zu machen«, versuchte ich es nochmals mit der Wahrheit.

»Eine Klientin? Dort? Nachts? Nach Dienstschluss?«, fragte sie, jedes Wort wie einen Pfeil auf mich abschießend.

»Ja!«, antwortete ich pampig.

»Finden Sie das nicht auch ein bisschen ... seltsam?«

Zugegeben, wenn ich es mir recht überlege, fand ich es auch ungewöhnlich, wenn nicht sogar eigentlich völlig meschugge. Wie hatte ich mich nur auf einen derartigen Quatsch einlassen können?

»Raskovnik hat mich darum gebeten ...«, versuchte ich eine Rechtfertigung, merkte aber, kaum dass ich die Worte ausgesprochen hatte, dass ich einen kapitalen strategischen Fehler gemacht hatte.

»Raskovnik? Ja? Der, wie sagten Sie noch, ‚Graue‘?« Sie sah mich mit demselben schrägen Blick an, den man geflissentlich aufsetzt, wenn man am Verstand seines Gegenübers ernsthaft zweifelt, dies jedoch aus taktischen Gründen nicht offen aussprechen möchte.

Wie um diesen Blick noch verbal zu unterstreichen setzte sie noch nach. »Raskovnik, den es in Ihrem Amt nicht zu geben scheint.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Sie sind Psychiater, nicht wahr?«, fuhr sie gnadenlos fort.

»Wie Sie wissen.«

»Sie sind mit der Untersuchung der geistigen Zurechnungsfähigkeit von Menschen beschäftigt, die eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könnten, nicht wahr?«

Ich zog es vor, nicht zu reagieren, sondern starrte statt dessen trotzig auf den Monitor an der Wand.

»Wann war denn ihr letzter Gesundheits-Check up, ihre letzte Personaluntersuchung?«

»Was soll das heißen?«, fuhr ich hoch.

»Wann?«, wiederholte sie und ihr Blick bekam etwas Lauerndes.

»Soweit ich mich erinnere vor einem Jahr ...«, versuchte ich mich zu erinnern.

»Vor 13 Monaten«, korrigierte sie mich.

»Wenn Sie es wissen, warum fragen Sie dann?«

»Ich stelle hier die Fragen!«, herrschte sie mich an.

»Wou«, entgegnete ich. »ich liebe dominante Frauen!«

»Die Scherze werden Ihnen gleich vergehen, Herr Krongold! Wann war ihre letzte Impfung gegen das Zoga Virus?«

»Sagen Sie es mir?«

»Es hätte vor zwei Monaten sein sollen. Warum sind Sie nicht hingegangen?«

Ehrlich gesagt, mochte ich dieses Impfgedöns nicht besonders. Es regte sich, aller medizinischen Einsicht zum Trotz, bei mir immer Widerstand, wenn etwas zwangsweise durchgeführt wurde. Natürlich kannte ich die Statistiken zu Genüge. Eine hundertprozentige Sicherheit, nicht an diesem heimtückischen Virus zu erkranken, gab es nicht, aber eine Durchimpfung der Bevölkerung um die 80 Prozent garantierte zumindest, dass Epidemien, wie die vor einigen Jahren in Südamerika, wenn es auch nur der brasilianische Dschungel war, nicht mehr vorkommen würden.

Damals waren mehr als zwei Millionen Menschen von der Seuche befallen, litten an diesen Symptomen, die ein Absterben der Hirnsubstanz zur Ursache hatten, sowie völliger geistiger Verblödung, schließlich Ausfall aller vegetativen Zentren im Körper und grauenhafter qualvoller Tod infolge stetigen Verfalls des Nervensystems. Damals wurde befürchtet, dass die Seuche sich explosionsartig über die ganze Welt ausbreiten würde, was nur dadurch verhindert werden konnte, dass man die gesamte brasilianische Bevölkerung durch den glücklicherweise eilig erzeugten Impfstoff immunisierte und entsprechende Impfzentren an Bahnhöfen und Flughäfen einrichtete. Ein Riesengeschäft für den Pharmakonzern.

Seither herrschte staatlich angeordneter Impfzwang in fast allen Ländern der Erde. Bürger aus Ländern, die nicht mitmachen konnten, erhielten keine Reiseerlaubnis oder wurden teils mittels drakonischer Strafen zur Impfung gezwungen. Obwohl die Datenlage über die Ausbreitung der Seuche, die punktuell immer wieder an verschiedenen Punkten auftrat, mehr als dürftig war, galten die Impfgegner als staatsgefährdend und wurden mit Entzug der Bürgerrechte bestraft. So konnte Kritik erst gar nicht in größerem Maße entstehen. Dummerweise hielt die Impfung lediglich maximal zwei Jahre und musste dann aufgefrischt werden.

Ich selbst hatte zwar in meinem Studium und meiner späteren Klinikzeit noch nie einen am Zoga-Virus Erkrankten gesehen, konnte aber alle Aspekte der Erkrankung theoretisch runterbeten. Und die Symptome waren alles andere als angenehm. Ich hätte also bereits der ersten Aufforderung zur Auffrischimpfung nachkommen sollen, hatte es aber bewusst oder unbewusst ‚vergessen‘, bis heute.

»Sie wissen, dass Ihnen dies nicht nur den Job kosten könnte?«

»Ich werde es nachholen«, seufzte ich ergeben.

»Worauf Sie sich verlassen können!«, zischte sie. »Was wollten Sie also wirklich in dem Viertel?«

Mir war klar, dass ich mit der Wahrheit nicht weiterkam. Aber welche Ausrede fiel mir ein, die die Dicke zufrieden stellen konnte?

Statt dessen sprach sie weiter. »Ich sag Ihnen, was Sie dort wollten! Sie wollten mit einem terroristischen Netzwerk Kontakt aufnehmen..!«

»Ich bitte Sie, das ist absurd!« Meine Empörung war echt.

»Wie erklären Sie es dann, dass mit dem Guthaben Ihres Kontos offenbar Waffen und Munition angeschafft wurden!«

»Wie bitte?«, fuhr ich hoch, was mein Kopf mir trotz der Schmerztablette sehr übel nahm.

»Wir haben den Weg Ihrer Quians durch das Netz verfolgt, obwohl versucht wurde, es durch vielfältige Umbuchungen über Deckadressen zu waschen. Es landete, Sie dürfen raten wo..!«

Ich war viel zu schockiert, um antworten zu können.

»Im Sudan, bei einer Rebellengruppe.«

»Das ist nicht Ihr Ernst!«, stotterte ich fassungslos.

Sie war aufgesprungen und schrie mich an. »Es ist mein verdammter Ernst! Und wenn Sie Bürschchen mir weiter solche Märchen auftischen wollen, dann werden Sie mich kennenlernen!«

Damit entschwand sie aus dem Raum und der Knall der zufliegenden Tür schoss mir fast ein Loch ins Hirn.

Ich kann nicht behaupten, dass mich diese Szene kalt gelassen hätte. Eine dumpfe Vorahnung von den übelsten Komplikationen keimte in mir auf, die sich später nur zu sehr bestätigen sollten. Vorerst tanzte vor meinen inneren Augen nur ein überdimensionale. »0 Quians« einen wilden Tango auf meinem geistigen Display. Wenn sich tatsächlich jemand meiner Chips bedient hatte, um Geld von meinem Konto abzuheben, dann musste er seltsamerweise auch den Übermittlungsschlüssel außer Kraft gesetzt haben, was bei der heutigen Technologie, die auf der Quantensicherung und einem Gen-Code beruht, eigentlich komplett unmöglich wäre. Und dass ich selbst in einem umnachteten Zustand Geld an Rebellengruppen im Sudan überwiesen haben sollte, war komplett ausgeschlossen. In was für eine Schweinerei war ich da hineingeraten? Aber es sollte noch dicker kommen, viel dicker!

Später, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit die Zimmerdecke angestarrt hatte, meldete sich der Screen mit einer Videonachricht. Eine Krankenschwester kündigte den Impftermin an, ich solle mich bereit halten. In der Zwischenzeit sollte ich die Kontaktdaten von meinem Rechtsanwalt herausfinden, um eine juristische Vertretung für meinen Fall zu beauftragen. Fü. »meinen Fall«? Jetzt war ich von einem medizinischen Fall schon zu einem juristischen Fall upgegradet worden? Das war wohl ein schlechter Scherz!

War es nicht.

Es half auch nicht, dass ich an die Vernunft meines Gegenübers in Form eines weiteren und wohl ranghöheren Sicherheitsbeamten, der mich noch vor der angedrohten Nachimpfung aufsuchte, appellierte. So meine Argumentation: Wieso sollte ich mich einer sudanesischen Rebellentruppe anvertraut haben und mich als Belohnung anschließend verprügeln lassen?

Er antwortete mit einer traurig ernsten Miene, die jedoch nicht mir galt, sondern offenbar Bestandteil seines Gesichtes war, ‚Das sei zwar alles sehr unschön, er müsse nun einmal von den Fakten ausgehen und die sprächen eindeutig gegen mich‘.

Welche Fakten bitte?

Erstens, so zählte er an seinen Fingern auf, sei ich unmotiviert nach meiner beruflichen Tätigkeit angeblich zufällig in diese berüchtigte Gegend gekommen, um angeblich zu speisen, obwohl ich nachweislich bereits Essen für den Abend geordert hatte. Noch dazu, weil, zweitens, ein angeblicher Geheimdienstmitarbeiter, der nachweislich nicht existierte, mich dazu aufgefordert habe. Drittens sei mit dem Geld, und zwar nicht nur dem Guthaben auf meinem Konto, sondern bis zur Ausschöpfung des gesamten Überziehungsrahmens, über verschleierte Umwege Geld an Rebellen zwecks deren Bewaffnung geflossen. Und das eindeutig mit meinem Gen-Code und unter Verwendung des modernsten Sicherheitsschlüssels, so dass eine unbeabsichtigte oder durch Dritte verbrecherisch durchgeführte Transaktion undenkbar sei. Viertens weise meine Impfverweigerung darauf hin, dass ich das Gemeinwohl nicht sehr ernst nehme und möglicherweise sogar sabotieren wolle. Das seien die Fakten. Warum und weshalb es zu den anschließenden Verletzungen bei mir gekommen sei, sei trotz meiner engagierten Aussage, die überprüft werde, in den Bereich der Spekulation einzuordnen und leider ohne jeglichen Belang.

Angesichts dieser erdrückenden Beweislage zog ich es beinahe vor, die Waffen zu strecken. Es fiel mir schwer, ihm nicht eine gewisse Logik in seiner Sichtweise zu bescheinigen.

»Halt, Moment mal! Warum fragen Sie nicht unseren Dienststellenleiter, der wird ihnen wohl alles erläutern können!«, hoffte ich ihn überzeugen zu können.

»Das haben wir bereits veranlasst, obwohl derzeit nur sein Vertreter Herr Dr. Eschner zu erreichen ist. Er gab an, dass er sich ihr Verhalten auch nicht erklären könne und einen Mitarbeiter namens Raskovnik kenne er auch nicht.«

An dieser Stelle fiel mir der Unterkiefer runter. Dieser Kotzbrocken! Dieser Widerling, dieser, dieser...! Erschöpft ließ ich mich auf mein Kissen zurücksinken. De. »Oberwachtmeister« verabschiedete sich traurig, nachdem er mir mitgeteilt hatte, ich müsse verstehen, dass ich zur Zeit unter Haft stehe und das Krankenzimmer nicht verlassen dürfe, bis ein Richter über mein weiteres Schicksal entschieden habe.

Er notierte eifrig den Namen meines Anwaltes in sein Pad und verließ das Zimmer, nicht ohne mir einen Blick zuzuwerfen, mit dem man üblicherweise nur seinen todkranken Dackel beerdigt.

In meinem Kopf spielten die Gedanken ‚Fang mich‘. Man sollte doch besser auf sein Bauchgefühl hören. Das hatte mich eindeutig vor dem ganzen Fall gewarnt! Ich dachte über meine momentanen Möglichkeiten nach und konnte sie ohne große statistische Überlegungen überschlagsmäßig als null bezeichnen. Das Bild von Frau Montenièr fiel mir wieder ein bzw. ihre Augen. Genau diese Augen waren es wohl, die mich in das ganze Schlamassel gerissen hatten, neben meinen übermäßigen Gefühlen der Rachsucht gegenüber Dr. Dr. habil Arschloch Eschner.

Buddha hat wohl doch recht gehabt vor über zweieinhalbtausend Jahren, dass nur die Beherrschung der Leidenschaften und üblen menschlichen Neigungen ins Land der Glückseligkeit führt. Da klopfte ganz zaghaft die leise Stimme einer Erinnerung an mein gestauchtes Hirn. »Geh da weg, Suzanne!«, tönte ein feines Stimmchen in meinem Ohr. Wie hieß die Montenièr noch mit Vornamen?

Suzanne?

Suzanne!

Sollte das ein Zufall sein?

Ein Gedanke begann von verschiedenen Enden meiner Hirnwindungen ein eigenartiges Netz zu spinnen, dessen Fäden ich noch nicht genau sortieren konnte. Leider unterbrach das Geräusch einer sich öffnenden Tür die Suche nach einem Sinn gerade in dem Moment, als ich das Gefühl hatte, kurz vor einer Erleuchtung zu stehen.

Herein kam die Kollegin aus der Seuchenabteilung unseres Amtes mit dem Injektionsapparat in der Hand und beide riefen wir synchron die Worte. »Sie hier?« aus.

»Was machen Sie hier?«, fragte sie verblüfft und bemüht, nicht allzu entsetzt auszusehen.

»Ich bin Terrorist, Impfverweigerer und Häftling...«, grinste ich sie bösartig an. Ihre Gesichtszüge gefroren einen Moment, als sie versuchte, die Situation zu erfassen. Humor war wohl nicht ihre Stärke. Allerdings war der meine auch mehr von Verzweiflung geprägt als von echter Freude.

»Und Sie?«

Ihre Hand zitterte leicht, doch sie versuchte ihre Anspannung tapfer zu verbergen.

»Ich, ich habe Notdienst heute.«

Ach ja, die armen Kollegen von der Seuchenabteilung mussten ja tatsächlich ärztlichen Notdienst schieben. Das hieß allerdings, dass jetzt sowohl nach Dienstschluss als auch Wochenende sein musste. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich weder die genaue Uhrzeit noch den Wochentag wusste, den die Welt außerhalb dieses Zimmers beging. Immerhin zeigte mein wiedererwachtes Interesse an Ort und Zeit meinem geschulten Geist an, dass ich langsam aus der Agonie aufzutauchen begann und wieder am aktuellen Leben Anteil nehmen wollte. Sie trat zögerlich an mich heran, als fürchte sie, gleich Opfer eines tödlichen Überfalls meinerseits werden zu können.

»War nur ein Scherz, Frau Kollegin. Ich hab einfach den Impftermin verschwitzt. Zu viel unerledigte Akten, wissen Sie?«, beruhigte ich sie. Das mit den unerledigten Akten schien sie zu kennen, denn ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht.

»Ach so, und ich dachte schon...«

»Nein, nein, aber ehrlich gesagt, genau das wirft man mir hier vor.«

Sie zögerte wieder, etwas unsicher geworden.

»Haben Sie denn die Impfcharge schon individualisiert?«, fragte ich sie, um sie ein wenig abzulenken.

»Oh, ja, natürlich, sonst wäre sie ja nutzlos.«

Die Zeiten der ungezielten Massenimpfungen waren ein für allemal vorbei, als sich endlich herausstellte, dass die bis daher vertuschten Impfzwischenfälle meist an einer ungünstigen Genkombination beim Impfling mit dem Impfstoff lagen. Das Immunsystem reagiert nämlich sehr individuell auf den Impfschaden, der durch eine Impfung immer gesetzt wird. Bei ungünstigem Zusammenwirken bestimmter Gen-Typen mit dem abgetöteten Impferreger kommt es eben mitunter zu individuellen Überreaktionen mit einer Schädigung des Impflings, teilweise mit tödlichen oder auch lebenslangen Nebenwirkungen. Daher wurde der Zoga-Impfstoff mittels Gen-Check individualisiert, bevor er verabreicht wurde. Das heißt, bestimmte Komponenten wurden weggelassen oder verändert. Die Zahl der schwersten Nebenwirkungen konnte auf diese Weise deutlich reduziert werden und die Industrie war nicht mehr genötigt, ungünstige Impfreaktionen zu verheimlichen. Anhand des Gen-Codes, der auf jedem Chip hinterlegt war, war dieses Verfahren inzwischen reine Routine.

»Woher haben Sie denn meinen Gen-Code, mein Chip ist mir leider entwendet worden?«, fragte ich daher vorsichtshalber. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich denke, dies wurde bereits aufgrund Ihrer Daten vorgenommen. Dr. Eschner hat ihn persönlich freigegeben.«

Ich zuckte zusammen. »Eschner?«

Sie nickte ganz selbstverständlich. »Natürlich, er ist doch der Abteilungsleiter. Der Impfstoff steht doch unter Verschluss.«

»Ach, ja?«

»Natürlich, er muss doch individualisiert werden.«

»Aber haben Sie das auch überprüft?«, fragte ich sie. Diese Frage löst in ihr eine Kette bürokratischer Überlegungen aus. Ihre langjährige Erfahrung sagte ihr wohl, dass sie jeden Schritt der Impfung peinlich genau im Protokoll hinterlegen und kontrollieren musste. Sollte ihr ein Versehen unterlaufen, konnte dass für ihre eigene Karriere unangenehme Folgen haben. Deshalb achteten alle Mitarbeiter des Amtes darauf, zumindest die Krankenakte formal in Ordnung zu halten, was nichts anderes heißt, als die notwendigen Eintragungen vor oder nach einem peinlichen Zwischenfall vorzunehmen. Für den Richter zählte nur das, was auf dem Papier stand, in positiver wie negativer Auslegung.

»Ich habe es abgezeichnet«, antwortete sie ein wenig zu schnell.

»Frau Kollegin, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie Sie wissen, arbeiten wir im selben Metier. Haben Sie es auch überprüft?«

Aus der Rötung, die ihr Gesicht annahm, entnahm ich, dass dies wohl nicht der Fall war.

»Natürlich, aber Ihnen zuliebe mache ich es gerne nochmal!«, versuchte sie ihr Gewissen zu bereinigen.

»Ja, tun Sie das bitte«, forderte ich sie auf. Da ich ihr seelisches Gleichgewicht nun schon einmal erschüttert hatte, wagte ich mich zum zweiten Schritt vor.

»Sagen Sie mal, Frau Kollegin, Sie kennen doch auch den Kollegen von der Sicherheit, der immer in der Cafeteria sitzt, dieser leicht phlegmatische, wissen Sie, wen ich meine?«

Sie schaute mich einen Moment fragend an, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich gehe eigentlich nie dorthin.«

»Einen Raskovnik?«, versuchte ich es weiter. »Er ist von der Sicherheitsabteilung.«

Sie überlegte. »Meinen Sie vielleicht Herrn Svatousek? Marek Svatousek? Der kam neulich mit Eschner zu uns runter. Er wirkte irgendwie auch so zurückhaltend. Er hat kein Wort von sich gegeben, nur immer so merkwürdig geschaut.«

»Nein, ich meine Raskovnik, Vladic Raskovnik!«

»Nein, nie gehört, tut mir leid.«

Ich legte mich in mein Bett zurück und starrte sie fassungslos an.

»Nie gehört?«, fragte ich nach.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, erkundigte sie sich. »Sie sind plötzlich so blass geworden.«

»Ach, wissen Sie, ich habe gestern einen üblen Überfall erlebt, deshalb liege ich jetzt auch hier.«

»Gestern? Sie liegen doch schon drei Tage hier, soweit ich weiß«, sagte sie erstaunt.

»Drei Tage? Welcher Tag ist denn heute?«

»Sonntag, wissen Sie das denn nicht?«

Irgendwie hatte ich wohl jetzt die Reste ihres ärztlichen Mitgefühls geweckt. »Na, Sie scheinen ja ordentlich was abbekommen zu haben?«

»Scheint so!«, antwortete ich und fasste mir unwillkürlich an die verbundene Stirn.

»Ich werde noch mal den Impfstoff überprüfen. Ihnen zuliebe!«, beruhigte sie mich. Während sie die Chargenummer und den Gencode auf der Impfampulle mit den Angaben im Screen verglich, versuchte ich, das innere Gleichgewicht wieder zu erlangen. Wie war das möglich, dass sich Vladic plötzlich in Luft aufgelöst zu haben schien?

Erleichtert, wie mir schien, meldete sie die völlige Übereinstimmung beider Nummern.

»Darf ich?«, fragte sie höflich, bevor sie die Impfpistole an meinen Arm ansetzte.

»Nur zu, ich hab ja nichts dagegen, ich hab es nur verschwitzt.« Es zischte kurz und ein dumpfer Schmerz zeigte an, dass die Mikrokapsel mit dem Depotimpfstoff unter der Haut appliziert worden war. »Den Arm jetzt zwei Stunden nicht stark belasten, keinen Sport und keine berauschenden Getränke...«, begann sie ihren Routinetext abzuspulen. Kicherte dann jedoch selbst ein wenig, als sie sich des Widersinns dieser Bemerkungen bewusst wurde.

»Versprochen!«, gab ich müde lächelnd zurück und schaute ihr sinnend nach, als sie sich schnell verabschiedete.

Ich war völlig geplättet, und das lag nicht nur an der Immunreaktion, die der Impfstoff in den ersten Minuten seiner Inkorporation auslöst, ein grippeähnliches Gefühl mit Gliederschmerzen und allgemeiner Mattigkeit.

Daher wunderte es mich auch nicht, als ein routinemäßig herbei beorderter, übellaunig gestimmter Richter in Zivil mir mitteilte, dass ich vorerst in Haft bliebe, deshalb mit den üblichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zurechtkommen müsse, als da wären digitale Fußfessel, Einschränkung des persönlichen Kontos, Meldepflicht bei Beauftragung eines AuTaX und Aufhebung des kryptographischen Schutzes meiner Netzaktivitäten bzw. ohnehin Einschränkung des Zuganges und so weiter blablabla.

Ich unterzeichnete digital, die juristische Aufklärung verinnerlicht zu haben und mit drakonischen Strafen einverstanden zu sein, sollte ich mich eines Verstoßes gegen die Auflagen schuldig machen.

Und es wunderte mich auch nicht weiter, als am nächsten Tag der von mir angegebene Rechtsanwalt ohne rechtes Engagement nochmals die vorliegenden Beschuldigungen und meine Aussagen dazu zu Protokoll nahm, mir hoch und heilig versprach, sein Bestes zu tun, um mich aus der misslichen Lage zu befreien und etwas verstimmt das Krankenzimmer wieder verließ, als ich ihm andeuten musste, dass in diesem Fall meine Rechtsschutzversicherung wohl nicht eintreten würde, was sie eigentlich nie tut, wenn es sich um Fälle handelt, die üblicherweise vorkamen und eigentlich der Sinn solcher Versicherungen sein sollten. Auch besserte sich seine Stimmung nicht gerade, als ich ihm eröffnen musste, dass ich, wie die Dinge so standen, derzeit als zahlungsunfähig angesehen werden musste.

Meine eigene Stimmung verbesserte sich dadurch jedoch auch nicht. Denn eigentlich fühlte ich mich nackt und in einem Maß aus dem Sozialleben gerissen, wie ich es nie zuvor erlebt hatte.

Immerhin wies ein Sozialarbeiter, der in diesen Fällen hinzugezogen werden muss und den ungewöhnlich altmodischen Namen Erwin trug. »Hallo ich bin Erwin, wir können uns duzen!«, darauf hin, dass die PC-Punkte, die ich sammelte, wenn ich fleißig online sei, auf mein persönliches Konto übertragen werden könnten. Besonders, fügte er verschwörerisch hinzu. »Wenn du die Werbeblocks nicht vorzeitig wegklickst, sammelst du sowas von Punkte, ganz im Vertrauen. Brauchst ja nicht die ganze Zeit hinzuschauen.«

Der Typ ging mir eindeutig auf die Nerven, zumal es ihm nicht einging, dass ich nicht vom ihm geduzt werden wollte und somit der letzte Rest meiner Würde vor die Hunde ging.

»Die Gesichtserkennung?«, gab ich zu bedenken. »Was ist mit der Gesichtserkennung, die kontrolliert, ob du in den Bildschirm schaust oder woanders hin guckst?«

Da hatte er mir unter dem Siegel der Vertraulichkeit zu verstehen gegeben, dass man einfach ein zweites Programm in einem parallelen Frame aufmachen muss, in dem das läuft, das man eigentlich sehen möchte, das würde dann nicht stören.

Ich dankte ihm herzlich, weil ich ihn loswerden wollte.

Sei. »Ich werde dich alle zwei Tage aufsuchen, damit wir die Auflagen erfüllen, allerdings meist über den Screen. Wir können dann alles weitere besprechen!«, löste bei mir Mordlust aus.

»Ich freu mich drauf!«, log ich, insbesondere weil ich seinen Tipp mit den zwei Fenstern gedachte bei ihm direkt selbst auszuprobieren. So verabschiedeten wir uns vordergründig herzlich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Die Verabschiedung aus meinem Krankenhausgefängnis verlief hingegen unerwartet unspektakulär. Nach bereits zwei weiteren Tagen fühlte ich mich soweit wiederhergestellt, dass mein Kreislauf sogar die stehende Position einigermaßen aushalten konnte. In Ermangelung eines Chips und eines Arm-Pads hatte ich beides in Form eines vorläufigen Applets au. »Knastbasis« erhalten, sprich mit eingeschränkten Funktionen.

Der Sozialstaat ist bis heute insoweit intakt, dass er noch nicht rechtskräftig verurteilten Verdächtigen ein Mindestmaß an sozialem Komfort zugesteht, insbesondere wenn es sich um bisher unbescholtene Bürger mit höherem sozialen Status wie mich handelt. Insofern war die Haft erträglich, konnte sie doch weitgehend von zuhause erledigt werden. Ich hatte jedoch auch den Verdacht, dass meine erfreuliche Bewegungsfreiheit, die man mir trotz des Terrorverdachtes zugestand, nicht ganz uneigennützig sein könnte, weil man vielleicht hoffte, ich könnte die Sicherheitskräfte eventuell zu wichtigen Kontakten führen, die ich bislang nur heimtückischerweise erfolgreich verschwiegen hätte.

Nur Erwin war nicht abzuschütteln. Er verfolgte mich wirklich auf Schritt und Tritt, wenn auch nur virtuell. Seine unrasierte Visage gratulierte mir zur Haftentlassung ebenso wie beim Verlassen des Sicherheitstraktes. Er war der Ansprechpartner, als ich ein AuTaX nach Hause bestellen wollte, er oder sein ebenso unrasiert wirkendes virtuelles Abbild gab die Freigabe bei der Eingabe der Zielkoordinaten des Gefährts, sendete das Okay bei der Abbuchung der Transaktionsgebühr für den Fahrpreis, protokollierte den Eingangscode in mein Appartement und loggte sich auch beim Gebrauch des Netzcomputers mit ein. Mit einem Wort, er war nach kurzer Zeit für mich ein noch größeres Übel als Dr. Dr. habil. Arschloch Eschner. Er wurde zu einer ernsten seelischen Bedrohung für meinen ohnehin bereits angeknacksten seelischen Zustand. Ich begann mich nach dem Tag meiner Gerichtsverhandlung zu sehnen und mir sogar ernsthaft meine Verurteilung zu wünschen. Paradiesisch stellte ich mir die Einsamkeit meiner dunklen Einzelzelle vor. Allerdings war ich mir durchaus bewusst, dass dies ein Zerrbild der Wirklichkeit war, denn bei meinen beruflichen Besuchen in derartigen Hafteinrichtungen erlebte ich, dass von Romantik dort keine Spur zu finden war. Im Gegenteil wurden die Häftlinge, soweit sie psychisch dazu noch in der Lage waren, zu den stupidesten Tätigkeiten gezwungen, die der Reintegration in die Gesellschaft dienen sollten, meist aber in die Abgeschiedenheit des Wahnsinns mündeten.

Schon wenige Stunden nach meinem Wiedereintritt in den häuslichen Orbit erwartete mich auf meinem Mail-Server die Mitteilung, dass ich bis auf Weiteres von meinen beruflichen Tätigkeiten entbunden sei und ich sogar das Verbot zur Kenntnis nehmen müsse, dass ich das Amt bis zur Aufklärung meiner Angelegenheit nicht aufsuchen dürfe.

»Kenntnisnahme dieser Mitteilung durch Daumenabdruck und Irisscan bescheinigen!« Ich kann zwar nicht sagen, dass ich dies zuerst als einen tragischen Schicksalsschlag empfunden hätte, die Kränkung, die dies beinhaltete, nagte jedoch einige Tage an mir. Mit einem Mal wurde mir die Fragilität meiner bürgerlichen Existenz bewusst. Nur durch die tägliche Routine vom Selbstmord abgehalten, schlug jetzt die Tatenlosigkeit, zu der ich verurteilt war, umso härter auf mein Gemüt. Niemand, mit dem ich hätte mein Leid teilen können außer einem Psychoprogramm. Keine Person mit natürlicher Körperwärme in der Umgebung, mit der ich hätte zumindest streiten können. Nur die eigenen inneren Feinde, unausgelebte Dialoge mit den verhasstesten Personen, die nach kurzer Zeit begannen, ein munteres Eigenleben zu führen. Erschwerend kam hinzu, dass die Schuldenlast mir zunehmend Sorgen über meine Zukunft bereitete, auch wenn sie unverschuldet durch Ausrauben meines Kontos entstanden war. Der Überziehungskredit lag bleischwer auf dem Limit. So sind die Zahlen auf meinem Konto, auch wenn sie einen geringen taktilen Reiz haben, doch ein wichtiger Anker meines Selbstbewusstseins und meines Stolzes, ja integraler Bestandteil meiner gesellschaftlichen Rolle und Wertigkeit. Nach wenigen Tagen begann ich auf den Monitor zu stieren wie ein enthirnter Affe in der Hoffnung, einige PC-Payback-Quians anzusammeln und so teilweise in echtes Geld zu verwandeln, um meine Schuldenlast dadurch zu minimieren. Der soundsovielte Anruf bei meinem Rechtsverdreher, wann endlich mit einem Fortgang der Anklage gerechnet werden konnte, verhallte unbeantwortet, bis ich schließlich die leicht genervte Reaktion bekam, auch wenn ich persönlich zweimal täglich ins Anwaltsbüro käme, könne der Fortgang der Ermittlungen gegen mich nicht anwaltlich beschleunigt werden. Er riet mir, einfach abzuwarten. Außerdem müsse die Kostenfrage noch geklärt werden. Es folgten zwei Tage, an denen ich nicht einmal das Licht anschaltete, sondern es vorzog, bewegungslos in der Dämmerung zu sitzen, zumal auch die Fenstermonitore ausgeschaltet blieben. Ich wollte weder virtuelles Wellenrauschen, fröhliche Frühlingslandschaften noch andere irgendwie stimulierende Visionen der Wirklichkeit vorgespiegelt bekommen, ich wollte mich nur einfach bedauern können und mich so richtig mies fühlen.

Dann begann mit einem Mal mein Körper zu schmerzen. Erst war es ein feiner, ziehender Schmerz in einigen Muskeln der Arme und Beine, oder des Nackens und des Brustkorbs. In Ermangelung anderer Stimuli vertiefte ich mich in diesen Schmerz, bis er meine Aufmerksamkeit völlig in Anspruch genommen hatte. Ich kam zu der Überzeugung, ein schweres Rheumaleiden sei zum Ausbruch gekommen. Jedes Gelenk, welches ich bewegte, erzeugte einen scharfen ziehenden Schmerz, der nur langsam wieder abklang. In meinem Kopf bewegten sich dann stundenlang nur wenige unsinnige Worte hin und her, wie auf einer Schiffsschaukel. »Geh da weg Suzanne!« Immer wieder dieser Satz, bis ich völlig erschöpft einschlief. Ich wusste nicht mehr, ob es Tag und Nacht war, wann ich zuletzt etwas gegessen oder getrunken hatte, als mich mein Arm-Pad unsanft aus meiner Lethargie weckte. Erwin war diesmal persönlich auf dem Screen zu sehen.

»Hallo Levi, wie geht es?«

Ich starrte die verhasste Visage an und konnte mir gerade noch verkneifen, ein ‚Leck mich‘ auszusprechen. »Ich bin krank!«, jammerte ich statt dessen.

»Können wir helfen, wir haben uns schon über deine Inaktivität gewundert.«

»Ich glaube, ich werde sterben«, jammerte ich weiter.

»Du hast eine Isolationskrise, Levi, das ist ganz normal in deiner Situation.«

»Das ist beruhigend.« Ja, das war es wirklich.

Irgendwo in meinem Inneren erwachte plötzlich der Mediziner wieder, der bestätigte, dass dieser bescheuerte Erwin tatsächlich recht haben könnte. Depressionen gehen recht häufig mit unerklärlichen körperlichen Schmerzzuständen einher. Und ich war knatschdepressiv, fürwahr.

»Wir haben einen Ferncheck deiner Vitalfunktionen vorgenommen. Du leidest etwas an Wassermangel, aber sonst scheint alles okay zu sein.«

»Danke Doktor«, murmelte ich.

»Hör zu Levi, ich bin nicht dein Feind, ich bin Sozialarbeiter und es ist nicht meine Aufgabe, dich zu foltern, sondern dich zu betreuen. Für die Auflagen, die man dir auferlegt hat, bin ich nicht verantwortlich...«

»Sprich mich nicht immer mit ‚du‘ an!«, schrie ich auf einmal los und schlug mit der flachen Hand auf den Monitor. Erwin blieb einige Sekunden stumm. Selbst auf dem kleinen Monitor war zu erkennen, dass er etwas aus der Fassung geraten war. Dann kam ein zögerliches, fast fragendes. »Okay?!«

Ich machte eine erschöpfte Pause. Es war ja auch schließlich egal. Alles war egal. »Ach, scheiß drauf!«, ließ ich mich vernehmen.

»Nein, nein, ist schon okay. Wir können es so machen«, stimmt er zu. »Ich sage, Herr Krongold und Sie. Ist völlig okay.«

Plötzlich stiegen meine Sympathiewerte für ihn ein wenig an.

»Aber ich bestehe darauf, dass Sie mich Erwin nennen.«

»Warum?«

Er grinste schmal. »Erwin ist mein Pseudonym, darum.«

Ich schluckte, was völlig überflüssig war, da sich meine Kehle völlig ausgetrocknet und rau anfühlte. Ich hatte mich wiederum zum Affen gemacht.

»Also, Herr Krongold, wir sehen, dass Sie Unterstützung benötigen.«

»Wir?«

»Natürlich, ich bin Mitarbeiter eines Teams und mit der Analyse Ihrer Daten beauftragt, neben Ihrer Betreuung.«

Scheiße.

»Ich soll Sie fragen, ob Sie zu Ihren Verbindungen mit dem fraglichen Personenkreis noch Angaben machen möchten? Wohlgemerkt, ich soll Sie fragen!«

Daher wehte also der Wind! Zuerst wollte man mich durch Isolierung mürbe machen, um dann um so leichter noch Informationen aus mir rauszuquetschen. Eine feine Gesellschaft.

»Dann sagen Sie ihrem Team, dass ich bereits alles gesagt habe, mich völlig unschuldig fühle, weder mit Terroristen oder sonst noch mit anderen -isten zu tun habe und die Herrschaften mich am Arsch lecken können!«

»Ist es recht, wenn ich den letzten Teil Ihrer Aussage weglassen?«, meinte er fein säuerlich.

»Tun Sie, was Sie wollen«, knurrte ich.

Es folgte eine kleine Pause, während der er wohl in seinen Monitor starrte und ich ebenso bemüht war, nicht auf das Pad zu schauen.

»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«

»Nur zu«, knurrte ich.

»Ich schicke Ihnen eine Relaxations-App auf den Heimmonitor und Sie lassen mal ein wenig locker?«

Als ich nicht sogleich antwortete, fügte er etwas leiser hinzu. . »Gibt einige Bonuspunkte bei der Beurteilung Ihres Verhaltens während der Haft.«

»Danke«, gab ich nun etwas weniger giftig zurück. Im Grunde genommen war meine Haltung ziemlich pubertär, entschied ich. Ich sollte mich zusammennehmen.

»Sorry! Ich werde sie mir anschauen«, fügte ich etwas versöhnlicher hinzu.

»Fein. Das freut mich. Wirklich.« Er schaltete ab. Vielleicht war er ja doch nicht so ein übler Kerl.

Eine Weile ließ ich noch die Dunkelheit in mir nachwirken. Immerhin hatte diese Auseinandersetzung meine Lebensgeister wieder etwas geweckt. Ich musste mich zusammenreißen, wenn ich nicht völlig versumpfen wollte. Initiative ergreifen. Ich schaltete den Monitor im Wohnraum wieder ein, auf dem die Nachricht aufblinkte, dass eine neue Applikation auf den Download wartete. Ich gab das okay, ging zum Kühlschrank und entnahm dort mit dem Chip einen isotonischen Drink aus dem Vorratsfach. Der Kühlschrank meldete, dass der Vorrat auf eine verbleibende Einheit geschrumpft war und bat darum, eine Neubestellung absetzen zu dürfen. Bei Abnahme des praktischen Einführungsangebots zusammen mit einem neu eingeführten Erfrischungsgetränk könne mir auf die Erstbestellung ein 10%iger Rabatt gewährt werden. Bei Gefallen wäre auch zum einmaligen Werbepreis das Jahresabonnement für 30 Dosen im Monat zum Vorzugspreis. »Zahle 11 bekomme 12 Monate«, möglich. Da ich davon ausging, dass der Staat dies bezahlen würde, drückte ich ausnahmsweise di. »Jetzt kaufen«-Taste. Leider klappte sofort danach eine Meldebox auf, die mir anzeigte, dass diese Order im Moment nicht möglich sei. Brummend schleppte ich mich auf meinen Liegesessel und startete die App.

Es erwartete mich eine kitschige tropische Strandlandschaft, mit Meeresrauschen, nur selten unterbrochen von einigen wohlgemeinten Motivationssätzen und Entspannungsformeln. »Bitte schauen Sie ganz ruhig und entspannt auf den Monitor und denken Sie einfach einmal an nichts. Lassen Sie alle Sorgen los. Lassen Sie alle Gedanken ziehen, wie die Wolken am Himmel.« Der Monitor zeigte träge dahinziehende Schönwetterwolken über endlosem türkisblauem Meer. »Lassen Sie die Muskulatur ihres Kiefers und der Wangen locker, atmen Sie tief ein.« Merkwürdigerweise begann ich mich nach und nach trotz der mich langweiligenden Autosuggestionen langsam etwas besser zu fühlen. Als Erstes verschwanden allmählich die merkwürdigen Muskelschmerzen, was ich eigentlich erst bemerkte, als ich mir eine zweite Dose Iso-Drink genehmigen wollte und das Aufstehen aus der Liege ohne den erwarteten reißenden Gelenkschmerz vonstattenging. Unsicher testete ich alle Bewegungen, die ich eine Stunde vorher noch sorgfältig vermieden hatte. Es blieb dabei, der Schmerz zog sich freiwillig aus den Tiefen meines Bewusstseins zurück. Erfreut nahm ich einen neuen Anlauf. Die App zeigte inzwischen eine blühende Almwiese, so eine, die es heute nirgendwo anders mehr gibt als in alten Kinderbüchern oder Dokumentarfilmen von vor hundert Jahren. Aber der Psychiater C. G. Jung hatte wohl recht, dass derartige Bilder als gemeinsame Archetypen im menschlichen Bewusstsein tief verankert sind. Eine angenehm seidige Frauenstimme flüsterte mir zu, ich solle doch das Leben genießen und einfach nur da sein. Suzanne.

»Entspannen, konsumieren.« Einatmen, ausatmen.

Suzanne.

»Den Atem kommen lassen, sich führen lassen«. Einatmen, ausatmen.

Suzanne, Suzanne.

Plötzlich fuhr ich wie vom Blitz getroffen ruckartig auf. Natürlich, das war es! Ich hatte die Montenièr schon getroffen, oder vielmehr sie mich. Ich war plötzlich davon überzeugt, die Zusammenhänge zu verstehen, die ich irgendwie bereits geahnt hatte. Die Montenièr hatte mich in der Gasse liegend gesehen und jemanden gefragt, was mit mir sei. Auch die merkwürdige Reaktion des schmierigen Wirtes im Fleur machte plötzlich Sinn. Er kannte die Montenièr, aber wollte dies aus irgendeinem Grunde nicht zugeben! Nicht nur das. Ich hatte mit meiner Frage den Falschen erwischt, mich zu weit vorgetraut. War zu neugierig geworden und hatte dies mit einer kräftigen Tracht Prügel bezahlt. Aber wenn er sie gedeckt hatte, warum? Sollte sie versteckt bleiben? Und wenn, weshalb? Was sollte dort verborgen werden? Hatte ich in ein Terroristennest gestochen? Mein Hirn begann auf Hochtouren zu arbeiten und gleichzeitig fühlte ich neue Lebensenergie durch mich fluten. Meine Neugierde erwachte. Da war aber noch mehr! Diese angenehme Frauenstimme, sie hatte fast dieselbe Stimmlage, die Montenièr. Ich versuchte, mich wieder zu entspannen. Ruhig bleiben. Nachdenken. Es gab da viel zu viele Unbekannte in der Gleichung. Was war mit Raskovnik? Wer wollte mich in diese Falle schicken und warum? Ich musste vorsichtig sein. Ich würde es langsam angehen müssen. Aber eins wusste ich damals, ich würde sie suchen, die Montenièr!

3.*

So in Gedanken versunken schaue ich die Montenièr an, die wie ein Schatten vor der milchweißen Fentsersilouette steht.

»Niemand versteht, weil niemand verstehen will!«, murmelt sie in die dimensionslose Leere der Welt hinter der Glasfensterfront.

»Wie bitte?«, fahre ich aus meinen Gedanken auf.

Sie antwortet nicht, dreht sich nur zu mir um und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ausdruckslos an.. »Was werden Sie jetzt tun?«, fragt sie mich.

»Setzen wir uns erst einmal«, antworte ich ohne auf ihre Frage einzugehen, denn genau dieselbe Frage stelle ich mir auch. Unschlüssig schaue ich mich im Raum um. Mein Gott, wie konnte sie hier nur leben? Die Wohnung, wenn man einen leerstehenden Büroraum eines Abrisshauses so nennen konnte, bot nichts, was einen längeren Aufenthalt möglich gemacht hätte. Außer dem Sofa, ein paar Packkartons mit notdürftig zusammengeworfenem Hausrat sowie diesem merkwürdigen Gerät mit der großen Metallspule entdecke ich nichts, was mir Anlass gegeben hätte, hier länger als einen Augenblick zu verweilen.

»Gibt es einen Anschluss hier, einen Zugang zum Netz?«. Sie stößt scharf und empört die Luft aus. »Wo denken Sie hin? Meinen Sie, ich will sie direkt hierher locken?« Ich schaue auf mein Arm-Pad, auf dessen Monitor nur ein weißes Rauschen zu sehen ist.

»Sie sind völlig isoliert hier?«

Sie nickt und ich meine, einen feuchten Glanz in ihren Augen zu entdecken. Das rührt mich zutiefst. Am liebsten wäre ich zu ihr hingegangen und hätte sie einfach nur getröstet. Aber erstens geht man seit Langem nicht mehr einfach zu einer Frau und berührt sie, ohne vorher eine Kontaktanfrage gesendet zu haben und zweitens begann ein Notprogramm in mir zu arbeiten, dass mich auch vor mir selbst schützen sollte.

»Ich bin Psychiater, wissen Sie?«

Sie lacht schrill und kurz auf und ich meine, die Spur eines Anzeichens ihres Wahnsinns erkennen zu können.

»Sie meinen, Sie waren Psychiater!«

Ich schlucke. Es ist, als wäre plötzlich alle Energie aus mir gewichen und ich fühle, wie meine Beine weich werden.

»Ja, ich fürchte, Sie haben recht. Ich, ich muss mich setzen.«

Bis eben zu dem Moment war ich Psychiater gewesen. Auch dieses letzte Teilstück meiner Existenz zerbröselte nun zu feinem illusionären Staub. Was eigentlich blieb übrig, wenn alle Illusionen zerstört waren, mit denen man seine Existenz notdürftig gefüllt hatte?

Ich spüre ihren Arm um meine Schulter. Als ich aufblicke, stelle ich fest, dass wir auf dem Sofa sitzen und sie mich sanft berührt. Wie wir dahin gekommen waren, kann ich nicht sagen, doch auch mir laufen die Tränen über die Wangen. Meint Gott, wie lange habe ich nicht mehr geweint?

Sie will ihren Arm zurückziehen, doch ich fasse schnell nach ihrer Hand auf meiner Schulter. »Nein, nicht, bitte, es tut so gut, bitte lassen Sie ihre Hand dort liegen!«

Ich schließe die Augen und spüre die Berührung des fremden Körpers. Es ist, als wenn aus ihrer Hand ein Strom von Wärme in mich fließen würde.

»Sie Armer!«, flüstert sie, entzieht mir dann aber doch sanft ihre Hand. Ich kann nicht mehr an mich halten und breche in ein verzweifeltes Weinen aus, krümme mich zusammen und verberge mein Gesicht in meinen Händen. Als ich wieder zu mir komme, sehe ich sie wie vorher wieder in der Nähe des Fensters stehen und mit verschränkten Armen hinaus in die Leere sehen.

»Sie sind ein Controller, nicht wahr?«

Ihre Stimme hat einen harten, verbitterten Klang angenommen.

»So sagt man wohl«, nicke ich.

»Sie haben ihn getötet!«, flüstert sie.

»Ich?«

Sie stößt einen spitzen Lacher aus. »Nein, die!«

»Die?«, frage ich verständnislos.

Sie schweigt. »Sie haben ihn einfach umgebracht«, fährt sie fort, ohne auf mich zu achten. »Kaltblütig abgeschlachtet.«

Ich warte auf eine Erklärung, die nicht zu kommen scheint.

»Was werden Sie jetzt tun?«, fragt sie mich nochmals.

»Ich kann nicht mehr zurück, nicht wahr?«, frage ich, weil mir dies langsam klar wird.

»Vermutlich nicht.«

Ratlos schaue ich mich nochmals im Raum um. »Wie kommt das hier her?«, frage ich sie mit dem Blick auf das technische Ungetüm in der Mitte des Raumes.

»Schweigen Sie!«, fährt sie mich an, geht dann mit einigen entschlossenen Schritten auf mich zu, hält mir drohend ihren Zeigefinger vor das Gesicht und stößt mit vor Wut verzerrtem Mund zischend aus. »Niemand, verstehen Sie, niemand darf erfahren, dass es so etwas überhaupt gibt! Verstehen Sie? Niemand!« Sie verharrt in dieser Geste, bis sie aus meiner Reaktion herauslesen kann, dass ich sie verstanden habe.

Ich nicke, erschrocken über die Gewalt ihres plötzlichen Ausbruches. Ich bin beeindruckt, weil ich eine derartige Energie bei ihr gar nicht vermutet hätte.

»Was also werden Sie jetzt tun?«, fragt sie mich nochmals fast zischend.

»Wir sind zu weit gegangen, nicht wahr?«, entgegne ich ratlos.

Sie nickt. »Ich bin zu weit gegangen. Mein Gott wie konnte ich nur so töricht sein? Ein Controller!!«

»Von mir haben Sie nichts zu befürchten«, versuche ich es.

Sie fährt herum. »Mann, begreifen Sie es denn nicht? Es sind nicht Sie, den ich fürchte. Es sind die Leute, die Sie zu mir geführt haben!«

»Ich bin nicht zu Ihnen geführt worden!«

»Mein, Gott, wie naiv kann man denn sein?«, fährt sie auf.. »Glauben Sie etwa, Sie könnten auch nur einen Schritt tun, ohne dass Sie manipuliert werden?«

»Glauben Sie mir«, entgegne ich entschieden. »Ich wollte Sie treffen und ich habe alles unternommen, um ihnen zu entkommen!«

4.*

Der Plan reifte damals langsam in mir heran. Ja, ich hatte beschlossen, die Montenièr dennoch aufzusuchen! Doch zuerst musste ich einige Vorbereitungen treffen.

Zunächst einmal musste ich mir über meine eigenen Motive klar werden, schließlich war ich offiziell nicht mehr mit dem Fall betraut, solange ich das Hausverbot im Amt hatte. Wenn ich mir über meine Motive nicht klar war, konnte ich auch nicht einschätzen, welches Risiko ich eingehen wollte. Denn ein Risiko würde ich eingehen, das war mir klar. Oder besser gesagt, ein Risiko würde ich eingehen wollen, es drängte mich geradezu nach dem Risiko. Ich würde es ihnen schon zeigen! Rache! Ja, es war der pure Rachegedanke, der mich trieb. Rache für die erlittene Schmach, für die Demütigungen. Rache für die monatelangen Frustrationen, wenn ich aus meiner Bürotür trat und diese Tür gegenüber sah. Rache für die schlaflosen Nächte, in denen ich in meiner Fantasie alle meine Vorgesetzten niedergekämpft hatte, um dann, sobald der Monitor meldete, dass es Zeit sei aufzustehen, dass es Zeit sei unter die Ultraschalldusche zu gehen, das Frühstück aus dem Küchenautomaten zu ordern, die Vergeblichkeit meiner Wut zu erkennen. Den Monitor anzuschalten, um den täglichen Stand der PC-Quians zu prüfen, nicht an die gescheiterte Ehe zu denken, nicht an die Zeit nach Dienstschluss zu denken. Wut und Rache für alles einschließlich mich selbst und meiner Unfähigkeit, jetzt selbst stellvertretender Referatsleiter zu sein!

Außerdem erinnerte ich mich an die Zeit meiner kindlichen Katz-und-Maus-Spiele mit meinen Schulkameraden. Geschwister hatte ich nicht, genauso wie die meisten anderen Kinder. Es war bereits die Zeit, als es schwer wurde, überhaupt eine Partnerschaft einzugehen. Die Zeit, in der bereits die plumpe Frage nach dem Weg oder ähnlichen Alltäglichkeiten an eine Frau für einen Mann zu einer juristischen Verwicklung wegen versuchter sexueller Nötigung führen konnte. Die Zeit, als unsere Eltern glücklich sein konnten, wenn sie es schafften, die Familie mit dem Zweit- oder Drittjob über Wasser zu halten, weil durch die Automatisierung maximal schlecht bezahlte Halbtags- oder Stundenjobs zur Verfügung standen. An Kinder war da gar nicht wirklich zu denken. Trotzdem spielten wir Katz und Maus miteinander, indem wir versuchten, einander mittels GPS-Peilung aufzuspüren. Ich würde es mit einer Neuauflage versuchen und ihnen entwischen. Ich würde...

Der Monitor plingte und zeigte ein eingehendes Videochat von Erwin an. Das ließ mich augenblicklich wieder zu mir kommen. Mürrisch klickte ich au. »Zustimmen«.

Erwins zerzauste Visage erschien auf dem Monitor.

»Hallo, Krongold.«

»Herr Krongold, wenn ich bitten darf!«

Er räusperte sich. »Äh, ja, Herr Krongold. Ich möchte mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Geht es besser?«

»Ja, besser. Glänzend, ja glänzend!«

»Glänzend? Oh fein, ja fein. Weil...«

»Ja?«, forschte ich und verspürte eine leise Warnung in mir aufsteigen. »Weil...?«

»Nun ja, wir haben einige respektable Piks in ihrem Aggressions-Score festgestellt. Sie machen doch keine Dummheiten?«

»In meinem was?«, fragte ich verblüfft nach.

»Aggressions-Score«, wiederholte er, als sei dies die größte Selbstverständlichkeit der Welt.

»Was soll das bedeuten?«

»Ihre Werte, Ihre Werte gehen signifikant aus dem Normalbereich.«

»Wie kommen Sie an... meine ‚Werte‘?«

»Ach so«, er hüstelte. »Nun ja, ich dachte Sie seien vom Fach. Über Ihr Pad natürlich. Es ist Teil Ihrer Auflage. Wir kontrollieren einige Ihrer Parameter, um Sie zu schützen!«

»Zu schützen, wovor?«

»Äh, vor Gefährdungen.«

»Gefährdungen!«, echote ich. »Gefährdungen!«

Er machte eine unwirsche Bewegung. »Ich habe leider keine Zeit, dies mit Ihnen zu diskutieren. Sie sollten als Psychiater wissen, dass Menschen in Isolation zu depressiven Kurzschlusshandlungen neigen können. Das brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Ich wollte mich einfach davon überzeugen, dass Sie nicht gefährdet sind, weil Ihre Erregungsparameter auf erhöhte Werte gestiegen sind.«

»Dann wären Sie mich und das Problem doch los!«, maulte ich, obwohl mir bewusst wurde, dass ich mich wie ein Trottel verhielt. ‚Nimm dich zusammen! Nimm dich zusammen!‘ ermahnte ich mich, hielt kurz die Luft an und atmete dann langsam wieder aus.

»Okay, Sie haben wieder einmal recht. Keine Sorge, ich bin verärgert, das ist wohl wahr, aber ich neige nicht zu Selbstmordgedanken.«

»Fein, dann ist es ja gut. Ich habe Ihnen eine weitere App freigeschaltet und möchte, dass Sie sich diese runterladen. Das gibt weitere Bonuspunkte. Im Übrigen hat sich etwas getan. Ihr Fall ist nun der übergeordneten Instanz zugestellt worden. Wir können also bald mit einer Entscheidung rechnen, ob Anklage erhoben wird.«

»Das ist ein Witz oder?«

Er lächelte süßsauer. »Ich weiß, dass es Ihnen nicht gefällt...«

»Was ist das für eine Justiz, die nicht die Täter, sondern die Opfer bestraft?«

»Das ist leider bei der Terrorismusfrage nicht immer einfach zu beantworten. Sie wissen, dass davon viel mehr als ein Einzelschicksal abhängen kann.«

»Sie wollen, dass ich für meine Inhaftierung noch dankbar bin?«, fauchte ich.

»Ich will gar nichts, sondern bin lediglich zu Ihrer Unterstützung da, das ist mein Job. Ihr persönliches Schicksal geht mir ehrlich gesagt am Arsch vorbei. Guten Tag.«

Damit schaltete er sich ab. Eine Weile starrte ich sprachlos auf den Bildschirm, der jetzt den Download einer neuen App signalisierte, um die ich nicht gebeten hatte.

»Sie haben nun die Möglichkeit, sich 15 PC-Quians gutschreiben zu lassen, wenn Sie den Code, der im Laufe der Sendung eingeblendet wird, bestätigen. Viel Vergnügen!«, signalisierte eine virtuelle Sprecherin. Ich fragte mich, ob bei Frauen vielleicht ein attraktiver männlicher Sprecher eingeblendet würde. Musste ich mal bei Gelegenheit jemanden fragen. Bevor ich auf den Startknopf drückte, beschloss ich jedoch erst einmal meine häuslichen Angelegenheiten zu ordnen, denn mein Entschluss stand fest, dass ich die Initiative nun wieder selbst ergreifen musste.

Auf dem Weg zum Schmutzwäschebehälter orderte ich ein Standardmenü vom Imbiss, das mir heute die Softwarefirma ‚Interglobal‘ offerierte, um gleichzeitig auf eine neue Spielkonsole hinzuweisen. Der Startknopf des Wäschebehälters leuchtete blau, was bedeutet, dass neues Waschpulver geordert werden musste. Hier konnte ich mich zwischen drei Angeboten verschiedener Konzerne entscheiden. Ich nahm den, bei dem es die meisten PC-Payback-Quians gab. Der Behälter entleerte sich in die Waschanlage, die sich sofort mit einer Bestätigung der Waschmittelfirma über den Kauf einer Sechsmonatspackung ihres Waschmittels bedankte, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass auch weitere interessante Angebote in ihrem Programm seien. Durch die Wahl der Taste. »Später anzeigen« sprang das Waschprogramm dann endgültig an. Im Sanitärbereich meldete sich die Toilette mit der Meldung, dass ein neuer WC-duft zur Verfügung stünde. Sofern ich die Restbestände, vier Packungen einer anderen Firma, umtauschen wolle, könne ein Sonderpreis mit mir vereinbart werden. Ich cancelte, denn Duft erzeugte ich bereits selbst genug. Der Handtuchspender zeigte an, dass noch genügend saubere Handtücher für mindestens zwölf Wäschen vorhanden seien, was mich beruhigte. Auch der Wasserspülkasten der Toilette meldete, dass ich für noch über vier Monate Restlaufzeit des Abonnements von biologisch gereinigtem Recyclingwasser verfügen dürfte, allerdings könne mir ein Frühbucherrabett von 3 % gewährt werden, wenn ich jetzt bereits einer Verlängerung zustimmte. Ich tat ihnen den Gefallen, was mir mit einigen weiteren Payback Quians zusätzlich honoriert wurde. Dermaßen geläutert öffnete ich den Serviceschacht, wo ein garantiert schweinefleischfreier, weil ohnehin nur aus synthetischem Fleisch bestehender Döner serviert wurde. Seit mit der massenhaften Einwanderung arabisch und afrikanisch stämmiger Menschen, die die zahlenmäßig angestammte Bevölkerung schnell überwogen, auch teilweise deren Sitten und Gebräuche übernommen wurden, war die Speisekarte üblicherweise bereinigt worden. Zwar konnte sich die islamische Religion nur etwa 50 Jahre halten, bis di. »China National Chemical Corp (ChemChi)«, die weltweit die dominierende Rolle bei der Nahrungsmittel- und Saatgutkontrolle übernommen hatte, die Staatsgeschäfte führte, aber einige Überreste fanden sich immer noch im alltäglichen Umgang. Als das synthetische Fleisch aufgrund der Nahrungsknappheit die früher übliche Masttierhaltung ersetzte, erledigten sich allerdings auch die neuen Ernährungsvorschriften sehr schnell. Richtiges Tierfleisch war eine Rarität und sehr teuer. Insofern war es schon ein Wunder, es in einem so heruntergekommenen Restaurant wie dem ‚Fleur‘ damals angeboten bekommen zu haben. Es gab wohl einen florierenden Schwarzmarkt für so etwas.

Das Getränk, welches dem Menü gratis beigefügt war, ein isotonischer Drink namen. »Blue fish« oder so, ließ sich erst öffnen, nachdem man das Einverständnis zur Verwendung der IP Nummer zu Werbezwecken mittels Chip bestätigt hatte, schmeckte aber genauso fad wie alle anderen derartigen vollsynthetischen Gebräue.

Dennoch ließ ich es mir schmecken, denn ich merkte, dass ich ausgehungert war. Dann erst lehnte ich mich in meinen Liegesessel zurück und drückte den Startknopf der App.

Im Einzelnen weiß ich gar nicht mehr, was der Inhalt der App war. Ich folgte nur, beinahe automatisch, den immer wieder zwischengeschalteten Anweisungen, auf den Bildschirm zu schauen, weil das Programm mittels Pupillenkontrolle meinen Interesselevel überprüfen wollte, der meist im gelben Bereich lag. Das ergab zwar weniger PC -Payback Quians, aber ich wollte die Zeit nutzen, um über mein weiteres Vorgehen nachzudenken, muss dann aber eingeschlafen sein.

Ich erwachte einige Zeit später erfrischt und beschloss, Tennis zu spielen.

Wieso Tennis?

Ich hatte noch nie Gefallen an diesem Spiel gefunden. Dennoch meldete sich in mir unaufhörlich der Gedanke, ich könne es doch einmal versuchen. Der Monitor merkte offensichtlich, dass ich wieder aufgewacht war und fragte nach meinen Wünschen. Es waren verschiedene Möglichkeiten aufgeführt, mit denen ich die Freizeit ‚würzen‘ könnte. Ganz oben und gelb unterlegt blinkte die Eingab. »Tennis.« Warum sollte ich es nicht einmal versuchen? Ich betätigte den Button Probespiel, was einige Quians kostete, aber dafür einige Payback-Punkte gutschrieb. Die Order an das AuTaX setzte das Programm selbstständig ab. Ein grüner blinkender Punkt im Kontrollfenster zeigte mir, dass Erwin zugestimmt hatte. Wenig später befand ich mich in der Tennishalle, die bereits von außen durch eine gewaltige Leuchttafel auf sich hinwies. Lächelnde Tennis Champions auf animierten 3D-Monitoren wiesen den Besuchern den Weg ins Innere des Sportpalastes, der recht gut besucht schien. Über den Check in - Portalen waren die derzeitigen Punktstände der gegenwärtigen Spieler angegeben. An dem Empfangsterminal wurde, nachdem man sich mittels Chip und Irisscan identifiziert hatte, zuerst das Bewegungsprofil der letzten dreißig Tage aus meinem Arm-Pad ausgelesen, was ein Ergebnis im tiefroten Warnbereich erbrachte. Offenbar war der Computer der Meinung, dass ich den letzten Monat im katatonen Koma verbracht haben musste, was soviel bedeutete, dass sich sogar ein Stein mehr bewegt als ich.

Auch die Körperfett- und Muskelanalyse ergab nichts Aufbauenderes. Mein biologisches Körperalter wurde mit etwa 20 Jahren älter, als ich tatsächlich war, geschätzt, mit entsprechend verkürzter Lebenserwartung. Daraufhin erhöhte sich die Prämie meiner Krankenversicherung um ganze 10 Quians pro Monat ebenso wie die Raten meiner Lebensversicherung. Allerdings wurde mir tröstend mitgeteilt, dass ich durch regelmäßigen Besuch der Anlage auch zu einer Verminderung meines Risikoprofils beitragen könne mit dem Ergebnis geringerer monatlicher Raten. Ich habe nur nicht ausgerechnet, ob dies mit den Kosten des Besuches der Anlage wirklich zusammengenommen zu einer verminderten Gesamtbelastung führen würde.

An den weiteren Terminals konnte man sich verschiedene Spielvarianten aussuchen. Ich tippte auf Anfänger. Danach geleitete mich eine recht sportlich durchgestylte Servicedame zum Service Point, wo ich zwischen verschiedenen Modellen an Schuhen, sportgerechter Kleidung und Tennisschlägern auswählen sollte. Meine Wahl fiel wiederum auf den Anbieter, der die meisten Payback-Punkte versprach. So ausgerüstet fand ich mich bald in meinem Tennis Court wieder. Dies ist ein etwa 10 mal 10 Meter großer Raum, in dem ein mechanischer Schläger hinter einem Netz montiert, meine dilettantisch geschlagenen Bälle zurückschlägt. Nach etwa 10 Bällen schaltete er selbsttätig auf den Lernmodus um. Danach gelang es mir wenigstens einige der automatisch zurückgeschleuderten Bälle zu erreichen. Schon nach wenigen Minuten war ich in Schweiß gebadet, meine Lunge schmerzte und meine rechte Seite stach, so dass ich pausieren musste. Der Handtuchhalter bot mir gegen ein geringes Entgelt ein frisches Papierhandtuch an und ich nahm auch das Angebot des Getränkeautomaten an, der mir wiederum ein Abonnement für einen Sportdrin. »Tennis fit« unterbreitete, welches ich jedoch ausschlug. Ich setzte mich auf die Ruhebank außerhalb des Courts und fragte mich, was zum Teufel mich dazu getrieben hatte, Tennis zu spielen, während ich in die gläsernen Fronten einiger anderer Tennis Courts den Spielern und Spielerinnen zuschaute, die offenbar geübter waren als ich. Langsam wichen die Schmerzen in meinen Lungen und mein Puls beruhigte sich wieder. Ich beschloss, es für heute genug sein zu lassen und den Sportpalast ein wenig zu durchstreifen. Ein Monitor über den Courts zeigte verschiedene Betätigungsmöglichkeiten. Neben Golf, das man auf einem virtuellen Feld spielte, konnten noch Pferderennen auf mechanischen Pferden, Laufbänder und natürlich Fitnessgeräte benutzt werden. Im Swim and Diving Room war es sogar möglich, mittels einer Tauchausrüstung gegen einen Tauchroboter im Strömungskanal anzuschwimmen. Eine Sportart, die im chinesisch dominierten Fitnessgeschäft nicht fehlen durfte, war das Tischtennis. Auch hier schien dasselbe Prinzip wie beim Tennis realisiert zu sein. Aber der automatische Schläger war mir schon beim einfachen Hinschauen zu schnell, so beschloss ich, dies gar nicht erst zu versuchen. Ich würde mich einmal beim Golf umschauen, diese Sportart schien wie geschaffen für mich. Ich wandte mich einem der Laufbänder zu, die zu den oberen Etagen führten, wo es recht belebt war. Sportlich gekleidete Besucher kamen mir entgegen oder betraten hinter mir das Band. Wie in der Öffentlichkeit üblich, fand man es unhöflich, andere Besucher direkt anzusprechen. So versuchte man den Blicken derjenigen, die den eigenen Weg kreuzten, höflich auszuweichen. Für Kontaktanfragen kann man das Arm-Pad, wie auch sonst üblich, benutzen, da die Chips der Vorbeigehenden sich automatisch melden, wenn Gesprächsbereitschaft besteht. Ich wurde nicht angepingt und ich wollte auch niemanden sprechen. Allerdings verweigerte mir der Türautomat am Golfplatz den Zutritt mit der Begründung, dass mein Fitnesslevel noch zu gering sei und erst der gelbe Basisbereich zum Eintritt berechtige. Gegebenenfalls könne ein Aufpreis den Zugang ermöglichen. Dieser war jedoch in meinem Fall astronomisch hoch und Erwin verweigerte bei einer probeweisen Anfrage seine Zustimmung.

Mir reichte es nun langsam, insbesondere, da ich inzwischen an der ordnungsgemäßen Funktion meines Verstandes zweifelte, ein solches Etablissement überhaupt aufgesucht zu haben. Nachdem ich mich aller Utensilien wieder entledigt hatte, zog ich es vor, statt einen Regenerationsdrink mit Muskelaufbauproteinen an der Sportsbar zu mir zu nehmen, ein AuTaX zurück zu bestellen. Ich sehnte mich nach dem Schutz meiner heimischen Abgeschiedenheit.

Während das AuTaX gemächlich durch die nächtliche Stadt trieb, fragte ich mich, über was ich eigentlich hätte nachdenken wollen, bevor ich vor der App eingeschlafen war? Ich konnte mich ums Verrecken nicht mehr daran erinnern, wusste jedoch noch, dass es etwas von äußerster Wichtigkeit gewesen sein musste.

Nachdenklich ließ ich die Stadteindrücke an mir vorbeigleiten. Die wenigen Menschen, die sich in diesem Bezirk bewegten, waren meistens Sicherheitskräfte auf Elektro-Scootern. Jeder Bezirk ist streng abgeriegelt gegen andere Bezirke. Der Durchgang von einem in den anderen Bezirk geschieht über Check-Points, die eine persönliche Identifizierung erfordern, was jedoch von den AuTaX automatisch geschieht. Andere individuell gesteuerte Fahrzeuge werden an Mautpunkten vorbeigeleitet, die die Chipdaten des Fahrers und aller Insassen aufnehmen. Bezirke, die nur den besser gestellten Sozialschichten vorbehalten sind, können auch von AuTaX nur mit einer Sondergenehmigung befahren werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass Einwohner dieser Bezirke nicht durch Angehörige niedriger Sozialschichten belästigt werden. Das stellt für mich insofern keine Schwierigkeit dar, als ich selbst in einem Bezirk der Mittelschicht wohne, wo auch das Amt liegt, ebenso wie der Sportpalast, so dass ich die Bezirksgrenze praktisch niemals überqueren muss. In sozial niedrigere Bezirke zu fahren stellt an sich kein Problem dar, es wird jedoch auch nicht empfohlen, da die Sicherheit dort nicht hundertprozentig garantiert werden kann. Deshalb wunderte ich mich, dass das AuTaX plötzlich einen Weg einschlug, der offensichtlich nicht auf meinem berechneten Kurs lag, sondern in den 14. Bezirk einfuhr, der an der Grenze meines Bezirkes liegt, den übelsten Ruf genießt und an meiner jetzigen Situation Schuld war. Zuerst spekulierte ich, dass ein Verkehrshindernis auf der berechneten Route zu diesem Umweg zwang. Als die Gegend jedoch immer unwirtlicher wurde, die Fahrt nicht wieder in meinen Bezirk zurückgehen wollte, wurde ich langsam unruhig. Versuchsweise drückte ich die Stop-Taste, die normalerweise das Fahrzeug auf die Standspur lenkt.

Nichts geschah!

Nicht einmal ein Bestätigungssignal erschien. Ich begann Panik zu bekommen. Mein Versuch, über mein Arm-Pad Kontakt mit Erwin aufzunehmen scheiterte ebenfalls, da keine Verbindung zum Hauptserver aufgebaut wurde. Das Netzsymbol zeigte zwar Empfang, aber der Verbindungsmodus konnte nicht wieder hergestellt werden. Ein Knopfdruck auf die Türautomatik führte zu keinem Ergebnis, was insofern nicht weiter verwunderlich war, weil sich die Türen nur bei Stillstand des Fahrzeugs öffnen ließen. Ich schaute mich hektisch nach allen Seiten um.

In diesem Bezirk huschten einige Gestalten über die Gehwege und verschwanden im Schatten der Häuserfronten, sobald sich das AuTaX näherte. Von Sicherheitskräften war nicht viel zu sehen außer einigen Polizeidrohnen hier und da, die über den Straßen kreisten.

Ich war ein Gefangener in einem wild gewordenen AuTaX!

Entschlossen drückte ich den Not-Haltknopf, wieder ohne Ergebnis. Verzweiflung packte mich. Ich versuchte, die Tür mit Gewalt zu öffnen, indem ich mich mit aller Kraft dagegen lehnte. Sie rührte sich keinen Millimeter. Auch der Versuch die Frontscheibe mit den Füßen herauszudrücken, indem ich mich halb liegend dagegen stemmte, fruchtete nicht. Die Straßen, durch die ich fuhr, waren mir völlig unbekannt, die Gebäude in einem immer desolateren Zustand je weiter die Fahrt ging. Schließlich bog das AuTaX in eine finstere Seitenstraße ein, in der ein riesiger Abrissbagger den Weg versperrte. Die gewaltige Maschine, deren Kettenräder allein die Höhe des AuTaX mehr als zweimal überragten, stand drohend dort wie ein in Agonie erstarrtes Monster, das soeben im Begriff war, mit seinem gewaltigen Metallarm ein mehrstöckiges Gebäude in Schutt und Asche zu zerlegen, und versperrte den Weg. Ich schrie vor Schreck auf, den sicheren Aufprall und Tod vor Augen, als das AuTaX plötzlich mit einem so scharfen Ruck zum Stehen kam, dass ich unsanft gegen die Frontscheibe geschleudert wurde. Immerhin schien noch irgendetwas an dem Fahrzeug zu funktionieren! Erleichtert rieb ich mir den gestauchten Ellenbogen und wartete darauf, dass sich mein Herzschlag beruhigte. Die Tür des AuTaX öffnete sich mit dem bekannten kleinen zischenden Geräusch der Hydraulik, dann rührte sich nichts mehr. Kühle Abendluft strömte in die Kabine.Was mir als erstes bewusst wurde, war das völlig Fehlen von Geräuschen. Nichts regte sich!

Vorsichtig schaute ich durch die geöffnete Tür, wie eine Maus, die jeden Augenblick fürchtet, eine Katze könne auftauchen. Ich war wohl in einem Abrissviertel gestrandet. Derer gab es in den älteren Bezirken viele. Die marode alte Bausubstanz musste dem erhöhten Raumbedarf einer wachsenden Großstadt weichen. Obwohl die Metropole bereits gut ein Zehntel der gesamten Republik umfasste, war Wohnraum immer noch knapp und noch knapper war Büroraum. Ein Hochhaus unter 20 Stockwerken galt als unwirtschaftlich und wurde nach der neuen Agenda von ‚ChemChi‘ zum Sanierungs- oder Abrissobjekt erklärt. Ganze Viertel wurden aus der Architekturgeschichte gestrichen. Die Neubaugebiete erhielten die neue Straßen- und Sicherheitsarchitektur nach den Vorgaben des 86. Planungsbeschlusses. Dieser beinhaltete, dass in den neuen Vierteln ausschließlich das AVS, das Automatisierte Verkehrssystem, erlaubt war und ein Fahrverbot für individuell gesteuerte Fahrzeuge bestehen würde. Das AVS hatte unbestreitbar einige Vorteile, die nicht wegzudiskutieren waren. Da es ausschließlich auf automatisierten, verkehrsgesteuerten Fahrkabinen wie den AuTaX beruht, konnte die jeweils notwendige Fahrzeuggröße dem Transportbedarf angepasst angefordert werden. Der Raumbedarf auf den Straßen verringerte sich seitdem enorm. Die besondere Verkehrsführung, ein System, das den menschlichen Blutkreislauf zum Vorbild hat, beruht auf einem ausgeklügelten Einbahnstraßensystem, bei dem jede Kreuzung vermieden wird. Die Straßen verzweigen sich lediglich, kreuzen sich jedoch nie. Die Automatik lässt daher einen reibungslosen Verkehr zu, der ein Unterbrechen des Verkehrsflusses an Ampeln oder Vorfahrtstraßen vermeidet. Parkplatzraum gibt es nicht mehr, unnötig herumstehende, weil ungenutzte Fahrzeuge ebenfalls nicht, da alle Kabinen in ständiger Nutzung zu neuen Fahrzielen mit anderen Personen sind. Als Neuheit ist lediglich eine Haltespur hinzugekommen, die allerdings auch von Rettungsfahrzeugen benutzt wird. Der einzige Grund, warum dies System nicht bereits überall verwirklicht ist, sind die Eitelkeiten, die auch heute noch mit dem individuell gesteuerten Pkw verbunden sind. Aber auch dies ist nur eine Frage der Zeit. Die neue Regierung ist extrem kompromisslos, was unökonomische Prozessabläufe betrifft. Eine an sich lobenswerte Eigenschaft, die nur in Ämtern und Behörden wenig geschätzt wird, damals wie heute.

Allein hatte ich in der Situation, in der ich mich unerwartet wiederfand, wenig Sinn für derartige Überlegungen. Mich beschäftigte eher die Frage, wie ich von hier wegkommen konnte!

Langsam, nachdem ich mich nochmals davon überzeugt hatte, niemanden zu sehen, setzte ich einen Fuß aus dem Fahrzeug und schwang mich auf die Straße. Dies wäre normalerweise völlig unmöglich gewesen, ohne ein größeres Verkehrschaos mit Gefahr für Leib und Leben anzurichten, hier aber endete die Straße und außer meinem war kein weiteres Fahrzeug in Sicht oder hier gestrandet. Meine Schritte hallten an den Gebäudewänden wieder, als ich vorsichtig um das AuTaX herum ging, unentschlossen, wohin ich mich wenden sollte. Das Arm-Pad war eindeutig nutzlos, da es unerklärlicherweise keine Verbindung zum Server aufnehmen konnte. Aber ohne das Pad konnte ich keine Orientierung anfordern. Einfach so drauflos zu gehen hielt ich für zu riskant.

Ich lehnte mich an das AuTaX und schaute mir die Gebäuderuinen um mich herum an. Eingeworfene oder zersplitterte Fensterscheiben, zu großen Bergen aufgetürmte Trümmerhaufen bereits abgerissener Gebäudeteile, Rollen von Kabeln und Schläuchen.

Irgend etwas stimmte hier nicht! Es war das völlige Fehlen von Geräuschen, genau das! Dann fiel es mir ein. Wieso eigentlich war der Abrissbagger nicht in Betrieb? Wieso wurde der Schutt nicht abtransportiert? Wieso kamen und fuhren keine Lastwagen auf die Baustelle? Seit der Automatisierung waren Menschen zur Kontrolle der Arbeiten nur noch vereinzelt notwendig. Die Maschinen hätten Tag und Nacht ohne Pause arbeiten müssen. Nichts tat sich jedoch hier! Das war mehr als seltsam! Plötzlich schrak ich zusammen. War da nicht gerade ein Schatten hinter einem der Schuttberge weggehuscht? Ich drehte mich vorsichtig um. Und da, der Schatten einer geduckt laufenden Gestalt verschwand schnell hinter einem Betonhaufen. Ich blinzelte durch meine zusammengekniffenen Augenlider, um besser sehen zu können, denn die Strahler, die die Baustelle beleuchteten, blendeten so sehr, dass es mir schwer fiel, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Aber je länger ich in die Dunkelheit starrte, desto sicherer war ich mir, Schemen versteckter Gestalten erkennen zu können. Vorsichtig tastete ich mich zum AuTaX in der vagen Hoffnung zurück, darin Schutz zu finden. Vielleicht ließ sich die Tür doch wieder schließen. Ich tastete nach dem Türschalter, ohne den Winkel aus den Augen zu lassen, in dem ich die Gestalten zu erkennen glaubte. Die Tür rührte sich nicht. Als ich mich panisch umblickte, sah ich sie! Von allen Seiten lösten sich zerlumpte Gestalten aus der Dunkelheit der Ruineneingänge. Zuerst schienen sie nur unschlüssig dazustehen und zu schauen. Doch dann begannen sie, sich vorsichtig dem AuTaX zu nähern. Es waren vielleicht zehn, nein, zwanzig Gestalten. Einige trugen Metallstangen oder andere Gegenstände in den Händen, die sie aus dem Bauschutt geborgen haben mochten. Verzweifelt versuchte ich, die Tür des AuTaX mit den Händen zuzuziehen, doch sie rührte sich keinen Millimeter. Ich schaute mich nach einem Fluchtweg um. Noch waren die Gestalten weit genug entfernt, so dass eine Chance bestand zu entkommen. Daran, dass sie offensichtlich Gewalt gegen mich anwenden würden, zweifelte ich keinen Moment, obwohl die zusammengekrümmten Gestalten nicht gerade einen wohlgenährten Eindruck machten. Im Gegenteil meinte ich hier und da sogar alte faltige Gesichter erkennen zu können. Vielleicht sollte ich versuchen, sie anzusprechen? Bevor ich jedoch diese Idee in die Tat umsetzen konnte, ertönte plötzlich ein scharfer Pfiff aus der Dunkelheit. Die Gestalten blieben abrupt stehen und schauten in den Himmel. Mit einem Mal war Lärm um mich herum, Motorenlärm!

Das dumpfe Brummen von Kampfdrohnen war mir aus den Videosimulationen zwar bekannt, doch das durchdringende Dröhnen ihrer Sonotronenwerfer war derartig schmerzhaft, dass ich mir nach kurzer Zeit die Hände an den Kopf presste, weil ich befürchtete, er könne platzen. Die Infraschallwellen, die die zwei Kampfdrohnen aussendeten, die plötzlich über der Baustelle erschienen waren, können sogar Gewebe zerreißen und es sind nicht wenige Todesfälle bekannt, die von platzenden Hirngefäßen herrührten oder der Zerreißung von Lungengewebe. Ich sah noch, wie einige der Gestalten, die nicht schnell genug zurückgewichen waren, um sich hinter Mauern abzuschirmen, sich auf der Straße vor Schmerz zusammenkrümmten. Dann erfolgte eine heftige Explosion, die das AuTaX ein Stück zur Seite riss. Eine der Kampfdrohnen stürzte unweit von mir mit einem Krachen und zerbrochenen Rotoren auf die Straße. Steine spritzten umher, die Frontscheibe des AuTaX ging zu Bruch. Ich wurde hinausgeschleudert und landete unsanft auf dem Schotter. Eine weitere etwas fernere Explosion war zu hören, dann sank ein Teil des halb abgerissenen Hauses gegenüber in sich zusammen. Eine riesige Staubwolke wälzte sich heran und nahm mir den Atem. Das Dröhnen des Sonotrons der übriggebliebenen Drohne, die über mir schwebte, raubte mir nahezu den Verstand vor Schmerz. Ich stöhnte laut auf und versuchte irgendwie den Druck von meinem Kopf fernzuhalten, indem in mich wie ein Embryo zusammen krümmte.

»Komm, komm schnell!« Eine Hand hatte mich an der Schulter gepackt und zog mir den Arm vom Ohr weg.. »Komm, weg hier!« Irgendwer hatte mich gepackt und schleifte mich über das Straßenpflaster. Ich bemühte mich, auf die Beine zu kommen, um nicht zu Tode geschleift zu werden. Kurz vor einem Hauseingang schaffte ich es, mich halbwegs aufzurichten. Eine weitere Explosion ganz in unserer Nähe schleuderte uns die letzten Meter an die Hauswand. Steine prasselten auf uns herab. Ich hörte ferne Schreie, dann das pfeifende Warnsignal mehrerer Securityfahrzeuge, die sich näherten. »Komm, weiter!«, rief die Gestalt, die mich noch immer am Arm gepackt hatte, obwohl wir beide am Boden lagen. Sie trug eine Art Helm, wie sie für Motorräder oder schnelle Elektroscooter vorgeschrieben sind. Der massige Körper war mit einem roten Schutzanzug bekleidet. Wir rappelten uns wieder auf und er zog mich weiter in die Dunkelheit. Aber anstatt in den nächsten Hauseingang zu fliehen, zog er mich fort und wandte sich einer kleinen Metalltür zu, die in das Souterrain eines Wohnhauses in der Nähe führte. Als die Tür hinter uns zufiel, nahm das Dröhnen schnell ab, doch er ging weiter. In einem weiteren Raum brannte eine altertümliche Deckenlampe. Es schien ein Kellerraum zu sein, dem Gerümpel nach zu urteilen, welches sich in baufälligen Regalen türmte. Die Gestalt wandte sich mir zu. »Warte hier, bis es vorbei ist!« Es war eindeutig eine männliche Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkam.

»Wer sind Sie?«

»Tut nichts zur Sache!«, entgegnete er. »Warte einfach, bis es vorbei ist und jemand vorbeikommt, der dir hilft.«

»Jemand vorbeikommt?«, fragte ich entgeistert.

Er nickte in seinem Helm, so dass sich dieser ein wenig bewegte. Da er jedoch nicht das Visier öffnete, klang seine Stimme hohl und sein Gesicht war nicht zu sehen.

»Du wirst erwartet von... jemandem«, brummte er im Gehen. Er war gerade im Begriff, die Kellertür zuzuziehen, als ich ihm zurief. »Warten Sie! Was soll das heißen, ich werde erwartet? Wer sind Sie?«

Er zögerte, doch statt meine Frage zu beantworten, fügte er nur hinzu. »Da draußen ist gleich die Hölle los.« Dann verschwand er durch die Tür, die mit einem Krachen zufiel. Ich sprang auf und versuchte, ihm hinterher zu laufen, doch die Tür erwies sich als verschlossen. Ratlos schaute ich mich um. Aus der Ferne hörte ich das Donnern von Explosionen, die teilweise so heftig waren, dass selbst hier der Boden vibrierte. Ich ließ mich auf einer Tonne nieder, die umgedreht in einer Ecke stand. Meine rechte Schulter und meine Knie, auf die ich gestürzt war, schmerzten, in meinen Ohren dröhnte und pfiff es, als sei darin eine Bohrmaschine angeschaltet worden. Ich kam auf die Idee zu überprüfen, ob mein Arm-Pad hier drin Empfang hätte, musste jedoch mit Schrecken feststellen, dass es nicht mehr da war. Ich musste es draußen verloren haben! Entmutigt ließ ich mich zurücksinken. »Warte bis jemand vorbei kommt...« Wieso kam mir die Stimme trotz des Helms so vertraut vor? Ich starrte in die Deckenlampe, bis vor meinen Augen bunte Flecken tanzten. Derartige Lampen waren eigentlich seit Langem verboten!

»Warte, bis jemand vorbeikommt...« Ich fuhr plötzlich auf. Nein, das konnte nicht sein! Es musste eine Täuschung sein! Doch, ich war mir plötzlich sicher. Die Stimme des Mannes, ja die gesamte Statur waren mir bekannt. Wenn es nicht völlig abwegig wäre, hätte ich sicher sein können, dass es... Raskovnik war! Ach, unmöglich. Wieso hätte er gerade zur Stelle sein sollen, als ich in das Gefecht geriet? Woher hätte er wissen sollen, wo ich mich befand?

Unruhig lief ich im Raum auf und ab, rüttelte wieder und wieder an der Tür, die zwar in den Fugen knarzte, sich aber nicht öffnete. Wer sollte mich hier erwarten? Ich horchte mit dem Ohr an der Tür. Es war ruhig geworden. Die Explosionen hatten offenbar aufgehört. Sonst war jedoch nichts zu hören. »Sie werden von jemandem erwartet.« So ein Quatsch! Oder doch? Ich hielt einen Moment mit dem Auf- und Abgehen inne. Wenn mich tatsächlich jemand hier erwartete, dann konnte das nur heißen, dass das AuTaX nicht zufällig hierher gefahren, sondern absichtlich hierher gelenkt worden war. Das würde dann aber auch bedeuten, dass jemand mit meiner Ankunft gerechnet haben musste. Was wiederum hätte bedeuten können, dass Raskovnik sehr wohl hätte hier sein können. Doch wozu? Wieso hatte er sich dann nicht zu erkennen gegeben? Ich seufzte unzufrieden. Die ganze Grübelei brachte mich nicht weiter. Ich musste hier raus. »Hallo, hört mich jemand?«, schrie ich.

Es kam jedoch keine Antwort. Ich klopfte gegen die Tür, wieder und wieder, rief lauter, nahm mir den erstbesten Gegenstand aus dem Regal und klopfte damit lauter und ausdauernder. Wenn ich erschöpft war, horchte ich an der Tür. Ein Rumpeln hatte begonnen, ein fernes Geräusch. Ich lauschte konzentriert. Es schien, als wenn in rhythmischen Abständen ein dumpfer Knall ertönte. Für eine Detonation war er zu regelmäßig. Nach jedem Knall zitterten die Wände ein wenig. Dann wieder das dumpfe Rumpeln.

Pause.

Ein Knall.

Vibrieren der Wände. Das Licht flackerte.

Oh, mein Gott! Das konnte nur heißen, dass der Abrissbagger wieder seine Tätigkeit aufgenommen haben musste! Ich hämmerte verzweifelt gegen die Tür. Sie werden doch nicht auch das Haus abreißen, in dem ich nun sitze? Der nächste Knall ließ die Tür und die Wände heftig erzittern, das Licht flackerte noch einmal und verlosch dann. Absolute Schwärze umgab mich. Das Geräusch herabfallender Steine drang zu mir durch. Ich tastete mich zu der Türklinke und rüttelte heftig daran. »Hilfe!«, schrie ich in panischer Angst, lebendig verschüttet zu werden. Plötzlich ein knirschendes Geräusch, die Tür bewegte sich. Der Schein einer Lampe flackerte in den Raum. Der Lichtkegel erfasste mein Gesicht und blendete mich.

»Ah, gut, kommen Sie. Schnell!«, rief eine Frauenstimme.. »Schnell, das Gebäude stürzt gleich ein!« Sie griff mein Handgelenk und zog mich mit einem entschiedenen Ruck aus dem Raum. Ich stolperte hinter ihr her durch das Dunkel eines baufälligen Ganges, der teilweise nicht einmal einen aufrechten Stand erlaubte. Das Krachen und Ächzen des Bodens nahmen zu. »Bücken Sie sich!«, schrie sie durch den Lärm. »hier ist die Decke sehr niedrig!« Sie warf sich auf Hände und Knie und schob die Lampe vor sich her, die einen schmalen Lichtkegel in den engen, gewölbeartigen Gang warf. Leider bemerkte ich das Hindernis zu spät und schlug heftig mit der Stirn gegen die Steinmauer, die den Gang begrenzte. Hinter mir hörte ich das Brechen von Wänden, eine Staubwolke, die von hinten heran gefegt kam, machte mir klar, dass der Weg, den wir eben noch genommen hatten, eingestürzt sein mochte. Ich zitterte so stark, dass ich mich kaum weiterbewegen konnte. »Kommen Sie, kommen Sie! Gleich ist es geschafft!«, rief sie, bereits einige Meter entfernt von mir. Sie leuchtete hinter einer Ecke, die sie gerade genommen hatte, zurück zu mir. Als ich ihr folgte, beleuchtete der Lichtkegel kurz ihr Gesicht, das bisher durch die Dunkelheit vor mir verborgen geblieben war. Ein dreckverschmiertes Gesicht einer jungen Frau.

Ich erkannte sie gleich. Es war Suzanne Montenièr!

Mir stockte einen Moment ungläubig der Atem.

»Weiter, weiter!«, befahl sie. Vor uns drang Licht in den Schacht. Ein unregelmäßiges Loch in der Wand tat sich auf. Sie schlüpfte hinaus und reichte mir von außen die Hand. Geblendet trat ich ins Freie. Die trostlosen Ziegelmauern eines alten Hinterhofes ragten um mich herum auf. Nur oben ließen sie ein bisschen Platz für das Tageslicht. Es war hell? War ich so lange in dem Keller gewesen? Ich erinnerte mich noch genau, dass es bereits dämmerte, als ich aus dem AuTaX gestiegen war. Unschlüssig blieb ich stehen und schaute abwechselnd in den Himmel und auf die Montenièr, die in einer schäbigen Armeejacke vor mir stand.

»Was ist?«, fragte sie mich ungeduldig. »Wollen Sie hier anwachsen?«

»Wo kommen Sie her so plötzlich?«

»Oh, Sie bluten ja an der Stirn!«, rief sie statt einer Antwort. »Kommen Sie weiter, wir dürfen nicht lange ungeschützt hier bleiben, sonst werden sie uns finden!«

»Sie?«

»Kommen Sie weiter, ich erkläre Ihnen alles später! Kommen Sie!«

Sie drängte mich zu einer weiteren Tür am Ende des Hofes, direkt neben einer Reihe von alten abgelegten Monitoren und anderem Elektronikschrott, der offenbar auf die Abholung wartete. »Hier durch!« Unsicher folgte ich ihr. Es ging eine ganze Weile treppauf und treppab. Wir durchquerten mehrere Hausflure und Treppenhäuser, kamen durch Keller, verließen sie wieder. Einmal mussten wir uns sogar vorsichtig und schnell über eine kleine, wenig belebte Straße wagen, um uns gleich darauf erneut in ein Labyrinth von Gängen, Treppen und Fluren zu begeben. Endlich schien in einer verlassenen Einraumwohnung die Flucht vorläufig zu enden.

»Kommen Sie«, winkte sie mir zu, nachdem sie die Tür mittels eines altertümlichen Schlüssels geöffnet hatte.

»Sie sind Suzanne Montenièr, nicht wahr?«, fragte ich. Erschrocken fuhr sie herum. »Woher wissen Sie das?«

»Ich habe Sie erkannt, auf dem Foto. Raskovnik hat es mir geschickt.«

Sie zögerte einen Moment, dann atmete sie offenbar erleichtert aus. »Ja, dann!«

»Kennen Sie Raskovnik?«

Sie fuhr erstaunt herum. »Nein, nicht direkt, warum fragen Sie das?«

»Es schien mir so, dass Sie ihn kennen. Hat er Sie geschickt?«

»Viktor hat mich geschickt!«, antwortete sie vorsichtig.

»Viktor?«, fragte ich völlig verdattert.

»Wer sonst?«, antwortete sie irritiert.

»Entschuldigen Sie. Es ist alles so verwirrend«, stammelte ich.

»Lassen Sie mal sehen«, wechselte sie das Thema und betrachtete meine Stirn. Ich fasste an meine Schläfe und besah mir die Blutflecken, die dies an meinen Fingern hinterließ. Das Blut war jedoch schon fast wieder getrocknet.

Sie begutachtete die Schramme sorgfältig, was mir Gelegenheit gab, ihr Gesicht näher zu betrachten. Wenn man sich den Dreck wegdachte, ein sehr anmutiges Gesicht. Anders als auf dem Bild in der Akte, etwas älter, das Gesicht wies Zeichen vergangener Strapazen auf. Aber die ausdrucksvollen Augen strahlten eine warme Offenheit aus, die mir gut tat. »Sie sollten es besser auswaschen, damit es sich nicht entzündet.«

Auf meinen fragenden Blick hin wies sie mit dem Daumen hinter sich wortlos auf eine Tür, hinter der ich das Bad vermutete. »Ich kümmere mich erst einmal um Ihre Sicherheit. Haben Sie den Chip noch?«

»Den Chip, ja, das Arm-Pad ist mir aber verloren gegangen.«

»Besser so. Geben sie den Chip her, schnell!«

Ich nahm den Ring mit dem Chip vom Finger und reichte ihn ihr. »Was wollen Sie damit machen?«, wollte ich eigentlich fragen, kam jedoch nicht mehr dazu. Sie ergriff eine Zange, die auf einer klapprigen Kommode lag, legte den Chip zwischen deren Backen und drückte zu. Mit einem hässlichen Geräusch zerbarst das Gerät.

»Was tun Sie da?«, fragte ich fassungslos.

»Ihr Leben retten!«, grinste sie. »Nun machen Sie schon, waschen Sie ihre Wunde. Ich kümmere mich um den Rest. Beeilen Sie sich!« Wie in Trance drehte ich mich um und ging durch die angegebene Tür. Ein altes Waschbecken ohne jeglichen Netzanschluss und Komfort ragte halb schräg aus der Wand. Aus einem rostigen Wasserhahn tropfte platschend etwas Wasser in das Becken. In einer Ecke befanden sich die Reste einer alten Duscheinrichtung und einer altmodischen Spültoilette, wie man sie nur noch im Museum findet. Ich schüttelte den Kopf. Dass es so etwas noch real gab, hätte ich nicht gedacht. Vorsichtig fingerte ich an dem Wasserhahn herum, bis ich herausgefunden hatte, dass sich ein Knopf drehen ließ, um gleich darauf einen heftigen Wasserstrahl freizusetzen, dessen Spritzer mich über und über nass machten. Ich sprang fluchend zurück. Sie kam in den Waschraum, sah mich an und lachte lauthals los. »Ungewohnte Technik, was?«

Schnell drehte sie den Knopf bis das Wasser in einem einigermaßen gemächlichen Strahl in das Becken floss.

»Ist hier alles so.... wie früher?«, fragte ich verärgert.

»Ja, fast alles«, antwortete sie lachend. »Wenn Sie sich sehen könnten!«

Ich fand wenig Gefallen an meiner Situation, aber ich wunderte mich, wann ich zuletzt einen Menschen so herzhaft lachen gehört hatte.

Eines der auffälligsten Merkmale der heutigen Zeit ist die relative Gleichgültigkeit der Menschen. In unseren psychiatrischen Kreisen nannte man das früher Affektarmut, die Unfähigkeit Gefühle zu erleben. Nicht dass Gefühle wie Freude, Zorn, Begierde nicht vorhanden wären, aber die Intensität der Gefühle hatte mit der Zeit deutlich nachgelassen, oder der Stimulus musste wesentlich stärker sein, um diese Gefühle auszulösen. Eine Erscheinung, die in der Fachliteratur immer wieder beschrieben wurde. Allerdings war dies offenbar auch zu einem Massenphänomen geworden, was eine zeitlang Gegenstand von verschiedenen Forschungsarbeiten gewesen war, bis eines Tages alle Forschungsgelder für diesen Bereich gestrichen wurden. Am auffälligsten war der Mangel an Gefühlen bei der Ausprägung des Sexuallebens. Die Folge war eine rapide Abnahme der Geburtenrate, ein Effekt der durchaus nicht unerwünscht war, angesichts der explodierenden Weltbevölkerung und der Versorgungsengpässe mit Nahrungsmitteln. Andererseits führte dieser Zustand auch zu einer Abnahme an Konflikten im sozialen Bereich, wenngleich noch immer genügend Zwistigkeiten übrig blieben, ohne die die menschliche Natur offenbar nicht auskommen kann. Ein so herzliches offenes Lachen allerdings hatte ich lange nicht mehr vernommen und ich sah sie interessiert an. Es tat gut, einen Menschen so lachen zu hören.

»Oh, tut mir leid«, kicherte sie. »Jetzt sollten wir uns aber beeilen!«

Vorsichtig benetzte ich meine Hand mit kaltem Wasser. Auch das war eine neue Erfahrung für mich. Üblicherweise sendet die Firma, die das Wasser in den Sanitärbereich schickt, angenehm temperiertes Wasser durch die Leitung. Trotz des Schmerzes, der mich durchzuckte, als ich die Blutreste von der Stirn wusch, benetzte ich mehrfach die Stirn mit kaltem Wasser. Glücklicherweise stellte ich fest, dass es sich offenbar nur um eine unbedeutende Schramme handelte. Sie beobachtete mich halb belustigt, halb besorgt, auf jeden Fall jedoch ungeduldig.

»Kommen Sie, wir müssen jetzt den Applikator benutzen, sonst sind wir hier nicht sicher.«

Ich folgte ihr in den angrenzenden Raum zurück. Er enthielt eine abgenutzte Sitzgarnitur mit einem fadenscheinigen olivgrünen Bezug, einem wackeligen Tisch, der wohl noch aus echtem Holz hergestellt zu sein schien, einen monströsen, aber ebenso baufälligen Schrank an der gegenüber liegenden Wand. Von allen Wänden löste sich der Verputz ab und hinterließ unschöne Löcher, in denen Ziegelmauerwerk zu erkennen war. Das Haus musste über 200 Jahre alt sein, denn heute baut man nur noch aus Carbonfasergeflecht, was wesentlich stabiler ist und eine bessere Energiebilanz erzielt. Eine Beleuchtung fehlte, statt dessen drang Sonnenlicht durch milchglasfarbene zersprungene Scheiben. Sie machte sich an dem Schrank zu schaffen, was mir Zeit ließ, sie zu beobachten.

Wenn die Montenièr eine Schizophrene war, dann eine recht hübsche. Natürlich muss man bei psychotischen Menschen aufpassen, dass man sie nicht falsch einschätzt. Wie ich aus jahrelanger beruflicher Erfahrung weiß, wirken viele sehr offen im Gespräch, ja geradezu vertraulich. Man durfte nur nicht in den Fehler verfallen, ihre mit viel Enthusiasmus erzählten Geschichten für bare Münze zu nehmen. Meist ist es ein abstruses Sammelsurium aus Wahn, Phantasie und wirklichem Erleben. Andererseits neigen Psychotiker nicht dazu, andere Menschen zu retten oder soziale Verantwortung zu zeigen. Ich wartete also gespannt darauf, welche Regung und welche Geste mir bei der Montenièr Gewissheit in die eine oder andere Richtung geben würde. Immerhin mochte ich sie vom ersten Augenblick an und das wiederum ist eine Seltenheit bei meiner Klientel. Da zeigt mir üblicherweise ein gewisses Unbehagen, welches ich in der hinteren Nackenregion spüre, dass ich es mit einem psychisch kranken Menschen zu tun habe. Allerdings sind die meisten auch durch Medikamente beeinträchtigt, die sie zu. »Therapie« erhalten oder besser gesagt zur Ruhigstellung. Die Montenièr stand mit Sicherheit nicht unter Medikamenteneinfluss. Ihre Mimik war zu lebhaft, die Bewegungen ihrer schlanken Gestalt zu fließend. Allerdings brauchte ich nicht lange zu warten, bis etwas so Ungewöhnliches geschah, dass sich mein berufsbedingtes Misstrauen wieder meldete. Sie entnahm nämlich dem Schrank einen kleinen kopfhörerartigen Gegenstand, auf dem eine Art Metallspirale montiert war.

»Sind Sie geimpft?«, fragte sie.

»Natürlich!«, antworte ich entrüstet.

Sie rümpfte verstimmt die Nase. Dann drehte sie an irgend einem Knopf an der Seite der Vorrichtung, wartete offenbar auf das Signal einer Kontrollleuchte, nickte zufrieden und reichte mir den Gegenstand. Ich schaute sie verständnislos an.

»Was soll ich damit machen?«, fragte ich sie unsicher.

»Das sollen Sie sich auf den Kopf setzen, sehen Sie, so!«

Sie nahm einen zweiten gleichartigen Gegenstand aus dem Schrank und setzte ihn sich selbst auf. Ich musste unwillkürlich lächeln. Derartig. »Geräte« waren mir bei meinen Patienten wohl vertraut. Manche versuchten sich sogar mittels umgedrehter Stühle vor fremdstrahliger Beeinflussung zu schützen. Und richtig, der nächste Satz zeigte mir, dass es auch hier nicht anders zu sein schien. »Das schützt Sie vor der Erkennung durch die Detektoren«, sagte sie im Brustton der Überzeugung.

»Mhmm«, brummte ich und zog mir das Gerät über den Kopf. Sie zögerte und in ihren Augen begann es böse zu funkeln.

»Sie sind sicher, dass dieser Raskovnik Sie geschickt hat?«

»Ja natürlich, ich sollte Sie in der Nähe vom ‚Fleur' treffen. Leider kam mir dort ein recht bösartiger Koch in den Weg, der dies wohl zu verhindern trachtete.«

Sie zuckte zusammen. »Dann waren Sie..?« Sie betrachtete mich nochmals, so als habe sie mich vorher gar nicht richtig gesehen. Dann begann sie zu kichern. »Oh, mein Gott. Dann waren sie der Arme, den Claude so vermöbelt hat?«

»Claude?«

Sie hielt sich die Hand vor den Mund wie ein kleines Mädchen, das einen kleinen bösen Streich ausgeheckt hat. »Mir scheint, sie sind ein wahrer Pechvogel!«

Ich war verstimmt, denn genau das fühlte ich auch so.

»Es tut mir so leid!«, sagte sie plötzlich sehr mitfühlend.

»Viktor war stinkesauer, als er das erfuhr.«

Ich checkte gar nichts mehr. Wer war dieser Viktor? Wahrscheinlich sah ich sie so zornig an, dass sie plötzlich voller Mitgefühl fortfuhr. »Sie glauben mir nicht, nicht wahr?«

»Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, was ich noch glauben soll, außer dass ich mich in einer völlig beschissenen Situation befinde.«

»Fürwahr, da haben Sie recht!«, antwortete sie ernst. »Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie recht haben!«

»Erklären Sie es mir?«

»Später, wir müssen jetzt hier weg. Die Wohnung ist nicht völlig sicher, wissen Sie?«

Ich nickte, obwohl ich ehrlich gesagt gar nichts verstand und sich in meinem Gehirn eine Unsumme von unbearbeitetem Stoffwechselmüll zur Klärung des Informationsüberschusses angehäuft hatte, so dass dort jeden Moment der Zusammenbruch drohte.

»Ich will Ihnen erst einmal zeigen, wozu der Applikator gut ist.«

Damit begaben wir uns aus dem Haus und ohne jede Deckung auf eine mittelmäßig belebte Straße und endeten vor der besagten Tankstelle, an der einige altertümliche Pkws, die immer noch mit Gas fuhren, betankt werden. Wir setzten uns auf eine kleine niedrige Betonmauer gut sichtbar für Überwachungskameras und vorbeifahrende Passanten, so dass ich jeden Moment erwartete, durch eine Ordnungskraft abgeholt zu werden. Doch nichts dergleichen geschah.

Es geschah jedoch etwas anderes, was mich auch gegenwärtig noch bewegt. Ich spürte mich, kurz nachdem ich den ‚Applikator‘ aufgesetzt hatte, seltsam euphorisch. Ein Gefühl, welches mich an meine Kindheit erinnerte und wenn ich die Montenièr ansah, spürte ich das Verlangen, sie zu beeindrucken, sie näher kennen zu lernen, sie für mich zu gewinnen, als Mensch und als ...Frau!

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452 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783742779670
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Bookwire
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