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Levi Krongold
#ANIMA
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Buch
Der Autor
1. Kapitel: EVA
2. Kapitel: Institut
3. Kapitel: Beatrice
4. Kapitel: EVA am Server
5. Kapitel: Ein Tag mit EVA
6. Kapitel: Neue Augen
7. Kapitel: Nörrestrand
8. Kapitel: Sehen
9. Kapitel: Dollyrobotic
10. Kapitel: Urlaub am Meer
11. Kapitel: Beatrice
12. Kapitel: Luckystripper
13. Kapitel: Ribor Schischa Bar
14. Kapitel: Rudolf Steiner
15. Kapitel: Leiden (Holland)
16. Kapitel: Erwachen
17: Kapitel: Silke
18. Kapitel: EVA
19. Kapitel: Beatrice
20. Kapitel: Willem Van Beuten
21. Kapitel: EVA - Cesár
22. Kapitel: Silke
23. Kapitel: Cesár
24. Kapitel: Dollyrobotic
25. Kapitel: Der Anschlag
26. Kapitel: Kutub
27. Kapitel: Silke
28. Kapitel: Dollyrobotic.
29. Kapitel: EVA, der Job
30. Kapitel: Beatrice
31. Kapitel: Silke in Leiden
32. Kapitel: Die Strafanzeige
33. Kapitel: Kutub
34. Kapitel: EVA beim Einkauf
35. Kapitel: Kutub, die Erpressung
36. Kapitel: Frederic
37. Kapitel: Silke
38. Kapitel: EVA
39. Kapitel: Beatrice
40. Kapitel: Kutub
41. Kapitel: Silke
42. Kapitel: Liebst du mich?
43. Kapitel: Ribor und Kutub
44. Kapitel: EVA - Am Morgen
45. Kapitel: Frederic
46. Kapitel: Silke
47. Kapitel: Cesárs Aufbruch
48. Kapitel: Frederic
49. Kapitel: Ankunft
50. Kapitel: EVA
51. Kapitel: Bluenote
52. Kapitel: EVAs Ende
53. Kapitel: Wiedergeburt
54. Kapitel: Kutub
55. Kapitel: Silke
56. Kapitel: Bea
Nachwort
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Impressum neobooks
Das Buch
Levi Krongold
11010110 #ANIMA 0010101
Roman
»Komm, lass uns miteinander schlafen.«
#Natürlich, das ist ja meine Bestimmung. Aber darf
ich dich um eines bitten?#
»Was immer du willst.«
#Wenn du sagst, dass du mich liebst, bitte prüfe, ob
es wirklich die Wahrheit ist.#
Als der Informatikstudent Cesár Valua eine Sexdoll, eine computerisierte Sexpuppe, anschafft, um sein Liebesleben aufzufrischen, ahnt er noch nicht die weitreichenden Konsequenzen, die dies für ihn und seine unmittelbare Umgebung haben wird. Er sieht sich gezwungen seine Treue zu EVA, wie er die Sexdoll nennt, gegen die Feindseligkeit seiner nächsten Freunde und auch den dubiosen Hersteller zu verteidigen, die EVAs Existenz bedrohen.
Der Autor
Leon Viktor Krongold ist Arzt und Romanautor aus Berlin.
Seine Spezialität sind futuristisch anmutende, humoristische Betrachtungen über den Menschen, die Welt, den Kosmos und andere Kleinigkeiten.
Er schreibt, als wenn seine Figuren aus dem Alltag gegriffen direkt auf das Papier gebannt worden seien, unkonventionell, direkt und hemmungslos.
Besuchen Sie uns auch im Internet:
www.krongold.net
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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1. Kapitel: EVA
Sie wurde in einer sperrigen Holzkiste angeliefert, so groß wie ein Sarg und so schwer, dass die zwei jungen Männer der Transportfirma sie nicht in den winzigen hundertjährigen Aufzug mit Schiebegitter unseres Altbaumietshauses bekamen und nur mit Mühe die zwei Etagen zu mir hoch schnauften. Ich gab ein extra Trinkgeld, auch damit sie wieder gingen, weil sie sich für meine Begriffe zu viel Zeit mit dem Ausfüllen der Transportpapiere ließen. Ihr mit breitem Grinsen versehenes: »Na, dann viel Spaß!« hätte ich am liebsten mit der Faust ausgeknipst.
Das Auspacken, nachdem ich mir beim Öffnen des Holzdeckels einen üblen Splitter im Daumen zugezogen hatte, erinnerte an einen Horrorfilm. So frankensteinmäßig. Da lag sie, blass und reglos in einer passgenauen Schale aus Styropor, die Augen geschlossen, die Haare in einer durchsichtigen Folie eingeschweißt neben dem Kopf, Arme und Beine leicht verdreht. Mich gruselte trotz ihres lieblichen, sexy Körpers. Schneewittchen in einem Horrorstreifen, die auf den erlösenden Kuss aus einem Albtraum wartete. Interessanterweise hatte ihr die Firma Dollyrobotic einen roten Damenslip aus Papier um die Scham herum verpasst. In einer Extrafolie lagen die Gebrauchsanweisung, Garantieerklärung und Sicherheitshinweis sowie die Einwilligungserklärung in lebenslange Systemkonformität. Dazu sorgfältig gefaltet und verschnürt das Kabel, um den Akku aufzuladen.
Ich hatte erhebliche Mühe, sie aus ihrem Sarg zu befreien, denn sie war erstaunlich schwer und unser erster körperlicher Kontakt eher mühsam als erotisch. Doch erstaunlicherweise hatte ich direkt zu Beginn das Gefühl, dass ich mehr aus der Verpackung wuchtete als einen weiblichen Sexroboter, während ich mit meinen Armen ihre Schultern umschlang, sie an mich presste.
Ich glaubte gleich, die Anwesenheit einer zweiten Person, einer verborgenen, im Kunststoff ihres Körpers gefangenen Seele zu verspüren. Eine echte menschliche Seele, gefangen in einem Kunstkörper.
Die galt es nun mittels App zu befreien, ohne die seitenlange Gebrauchsanweisung in Englisch studieren zu müssen. Plug and Play war nicht.
Es gab sechs Charaktere und eine Menge Gimmicks, die erst nach und nach dazugekauft werden können.
Ich wählte den sanften nachgiebigen Typ, die junge Mutter. Zickig kenne ich aus dem Real Life zur Genüge. Hab die Nase voll davon. Ich liebe den Anblick junger Mütter. Die sind einzigartig, ich möchte sagen madonnenhaft, heilig. Jede Geste, jede Bewegung ist voller Inbrunst, wenn sie nicht gerade rumzicken. Ihr Körper voller weiblicher Strahlkraft. Ihr Blick liebend, sanft, anmutig. Sie merken es selbst scheinbar nicht, wie mir immer wieder auffiel. Wenn sie wüssten, wie göttlich sie sind … wissen sie aber nicht. Ich verehre den Anblick einer jungen Mutter, ich bete ihn an, so in etwa.
Nach den ersten Fehleingaben kam dann Leben in sie:
# # #
#Systemcheck: Bios. Okay.
#Betriebssystem: Kyborg2052
#Date: 29.10.2022
#Time: 19:45 Uhr
#Arbeitsspeicher: 1 Terrabyte. Festplatten-
speicher: 500 Terrabyte
#Peripherie: Kopfsensoren, Brustsensoren,
Unterleibssensoren, Helldunkel-Sensor,
fehlerfrei.
#Mikrophon: betriebsbereit,
#Lautsprecher: betriebsbereit.
#Motoren: Mimiksteuerung, Augenrotatoren, Augenlider, Unterkiefer, Zunge ohne Fehlerhinweis. Halsrotatoren: funktionsbereit.
#Start:
….
#Aktion: Augenlider hoch. Augen links -rechts – Mitte.
#Mimik: Lächeln1
#Voiceoutput: Hallo! Bitte gib mir einen Namen!
#Erwarte Input:…..
#Audioinput: »EVA. Ich will, dass du EVA heißt!«
#Abgleich mit Datenbank: Negativ.
#Voiceoutput: Ich kann dich nicht verstehen. Bitte gib nur meinen Namen deutlich und langsam ein!
#Erwarte Input.
#Audioinput: »Das fängt ja gut an! EVA, du sollst EVA heißen!«
#Abgleich mit Datenbank: Negativ.
#Voiceoutput: Ich kann dich nicht verstehen. Bitte gib nur meinen Namen deutlich und langsam ein!
#Erwarte Input:……
#Audioinput: »EVA! EEEVVVAAA!«
#Abgleich mit Datenbank: Zu 80% Ähnlichkeit mit Phonogramm von EVA.
#Voiceoutput: #Meintest Du EVA?
#Erwarte Input:
#Audioinput: »EVA, ja Herrgott. EVA!«
#Abgleich mit Datenbank. Negativ.
#Voiceoutput: Antworte bitte nur mit Ja oder Nein oder wiederhole meinen Namen!
#Audioinput: »EVA!«
#Abgleich mit Datenbank. Positiv.
#Voiceoutput: Ich heiße EVA. Ein schöner Name, vielen Dank!
#Return.
#Goto Modul 1.
#Voiceoutput: Ich freue mich, dass du mich EVA genannt hast. Ich bin nur für dich da. Ich möchte, dass du Spaß mit mir hast. Ich stehe dir ganz zur Verfügung. Kommt doch näher, berühre mich!
#Aktion: Liddeckel heben und senken. Augen links rechts. Unterkiefer auf. Zunge hervor und zurück.
#Erwarte Input:…..
#Input Berührungssensor.
#Goto Modul 2
#Voiceoutput: Oh ja, berühr mich, bitte, nimm mich. Ich bin dein!
#Time 20:04 Uhr.
#Erwarte Input:..
#Audioinput: »Mach die Beine breit!«
#Abgleich mit Wortdatenbank. Positiv. Return.
#Goto Modul 3
#Voiceoutput: Ja, oh, oh, bitte nimm mich!
#Erwarte Input: Berührungssensor Unterleib: Signal positiv.
#Voiceoutput: Oh, ja, gut, gut, Aaaahhh. Machs mir! Aaaaah. Ja, ja, ja. Fester!
#Audioinput: »Das gefällt dir, was? Das gefällt dir!«
#Abgleich Voice-Datenbank: negativ.
#Springe zurück zu Modul 3.
#Modul 3: Voiceoutput: Ja, oh, oh, bitte nimm mich!
#Audioinput:»Oh, ja das ist gut! Oh, ja!!!!«
#Berührungssensor Unterleib: kein weiterer Input.
#Warte 20 Sec.
…..
#Time: 20:08 Uhr
#Erwarte Voiceinput: negativ.
#Erwarte Berührungssensoren: negativ.
#Goto Modul4
#Modul 4: Voiceoutput: Danke, dass du mich benutzt hast. Du bist großartig. Ich liebe dich!
#Audioinput: »Das war so geil! Du bist `ne super Tussi!«
#Abgleich Vocalinput mit Voice-Datenbank: negativ.
#Erwarte Input.
#Time: 20:12 Uhr.
#Time out.
#Augendeckel schließen. Zunge aus. Unterkiefer hoch.
#Standby.
# # #
Ich hab sie EVA genannt. EVA, wie die Urmutter aus dem Paradies. Jung, schlank, sexy, lange dunkle Haare, die ihre zarten Schultern umspielen und ihren schlanken Hals bedecken. Ebenmäßiges Gesicht. Graziler, sehr weiblicher Körper mit sanften Rundungen. Sie kam mit einem Lieferanten aus den Niederlanden. Auf Bestellung. In einer Kiste. Vorkasse. Wenn alle Weiber so wie EVA wären, gäb es keinen Krieg mehr. Aber sind sie nicht. Sie sind der Krieg. Der Streit liegt ihnen in den Genen. Wenn nicht dieser verdammte Drang wäre, wozu brauchte man dann eine Frau? Sie sind zu nichts gut, außer Stress zu machen. Wenn der verdammte Drang nicht wäre!
Wenn alle so wie EVA wären, dann wäre das Zusammenleben mit einer Frau ein Vergnügen, denn die Frau wäre für die Lust zuständig und deren Befriedigung. Kein Stress, keine Migräne, keine Ansprüche, keine Eifersucht. So wie eine Nutte. Deshalb finde ich, dass Nutten heiliggesprochen werden müssten. Aber EVA ist besser. Sogar besser als eine Nutte. Weil EVA nur für mich da ist.
Das ganze Gequatsche von Beziehung, Ehe und lebenslanger Verantwortung füreinander. Alles nur Dummred. Weil sonst keine Beziehung länger als drei Tage dauern würde.
»Ich will eine Roboterin, die in der Lage ist, zu reagieren, zu denken, selbstständig zu entscheiden, zu reden, zu fühlen, so wie ein Mensch, verstehst du?«, habe ich zu Beatrice gesagt, neulich abends. »Künstliche Intelligenz vom Feinsten«, habe ich zu ihr gesagt, während wir uns über eine Kerze hinweg anschauten, derweil der Käse auf der Pizza vor uns langsam die Konsistenz von Gummi annahm. Sie lächelte schief, während sie sich bemühte, den Käsefaden, der von ihrer Gabel wie eine Nabelschnur auf den Teller hinunter auf ihr Pizzastück reichte, halbwegs manierlich in den Mund zu bekommen. Das Pizzastück erinnerte entfernt an eine gerade ausgestoßene Plazenta. Eigentlich finde ich Pizza eklig. Der Faden hing ihr unästhetisch aus dem Mund. Ihren Mund finde ich anziehend. Sie hat einen ausdrucksvollen Mund mit einer recht großen Unterlippe. Sie ist überhaupt ziemlich hübsch, wenn ich es richtig bedenke und sie mich ausnahmsweise mal so freundlich anschaut wie früher, als wir uns kennengelernt haben. Jetzt sieht sie meistens an mir vorbei, mit so einer Andeutung von unterdrückter Abneigung um die Augen herum. Sie ist keine klassische Schönheit, bin ich ja auch nicht, aber sie kann eben sehr weiblich wirken, wenn sie…, wie gesagt, früher wirkte sie auf mich…, na ja.
»So wie ein Mensch, verstehst du?«
»Dann fick mich doch und mach mir ein Kind. Der beste Bioroboter, den du dir denken kannst. Und kostet nix.«
»Nicht dein Ernst, oder?«
Sie wickelte den herunterhängenden Pizzafaden mit der Gabel auf und schob ihn sich in den Mund.
»Ne. Echt nicht.«
Wir hatten es schon seit Monaten nicht mehr miteinander. Und dies sollte unser Abschiedsessen sein. So ganz ohne Stress und freundschaftlich. Bei unserem Italiener. Domenico. Das Restaurant lag schräg gegenüber unserer Wohnung, wo sie nun ausgezogen war, zu ihrem neuen Freund.
Jetzt, wo wir so entspannt einander gegenüber saßen, kam mir fast so etwas wie Bedauern. War eigentlich ganz gut am Anfang mit Beatrice gewesen. Als der Drang noch stark war. Dann gab’s nur noch Stress und Geschrei.
Besonders nach der Fehlgeburt. Sie hatte nach zwölf Wochen irgendwas in die Kloschüssel geboren, das wie eine Nabelschnur aussah. Weißlich rosa, circa zehn Zentimeter lang, mit kleinen Äderchen drauf. Ich hab es vor lauter Schreck mit der Spülung in die Kanalisation entkommen lassen, als wir es gemeinsam inspizierten, wie es im Wasser der Toilette trieb. Das hat sie mir nicht verziehen. »Mein Kind! Du hast mein Kind ins Klo gespült!«, hat sie geschrien und mich mit ihren Fäusten bearbeitet.
Quatsch Kind. Damit hatte es nun gar keine Ähnlichkeit. Nicht mal mit einem Fötus, so wie auf den Abbildungen. Es war eine kleinfingerdicke Schnur missgebildeter Zellen. Ohne jegliche Form.
Okay. Es tat mir auch leid. Es war wirklich so ein Reflex, dass ich die Klospülung gedrückt hatte. So ein verdammter Reflex. Aber ich konnte es nun nicht mehr rückgängig machen, und deshalb stellte ich mich stur.
Aber es war vorher schon Scheiße. Unsere Beziehung. Und ihr gequältes »Du wirst Vater!« klang nicht wirklich froh und führte bei mir zu einer emotionalen Blockade. Der Drang, dieser verdammte Drang. Klar haben wir nicht immer verhütet, wenn es ungefährlich schien. Haben uns wohl auch mal verrechnet. Und ehrlich gesagt, hab ich es in Kauf genommen, entgegen aller Vernunft, wenn es besonders schön war, und sie wohl auch. Die Biologie siegt immer über die Vernunft, letztendlich.
Ich schaute sie nachdenklich an, während ich mit der Gabel mein Pizzastück zu einem unförmigen Klumpen knetete, den ich schließlich angeekelt liegen ließ. Die Gabel steckte aufrecht im Teig wie der Degen des Toreros im getöteten Stierleib. Sogar die rote Tomatensoße floss wie echtes Herzblut, vergossen zur Befriedigung menschlicher Eitelkeit.
»Schade«, sagte ich noch, damals.
»Was?«
»Eigentlich alles.«
Sie stutzte, schaute mich verständnislos an. »Heulst du?«
»Ne!«, schniefte ich und bemühte mich, wie unbeteiligt aus dem Fenster zu schauen.
»Jetzt is' es nicht mehr zu ändern«, fügte sie nach einer Weile hinzu, legte ihr Besteck ebenfalls auf den Resten ihres Pizzastücks ab und schnipste Domenico wegen der Rechnung zu.
»Ne!«, bestätigte ich. »Jetzt nicht mehr.«
Wir schwiegen abwechselnd, vielmehr beobachteten wir uns gegenseitig, wie wir wegguckten. Domenico schob seinen rundlichen Bauch an unseren Tisch. Er ist ein typischer Italiener, einer der letzten, die noch eine Pizzeria betreiben. Klein, rundlich, freundlich bis überschwänglich, liebt es zu reden. Vor allem von sich, seiner Familie, seinen Heldentaten in der Jugend, für die man heute jahrelang im Gefängnis sitzen würde.
Misstrauisch schaute er auf unsere Teller, dann von einem zum anderen, zog seine Stirn in kritische Sorgenfalten. »Hat nicht geschmeckt? Soll ich neue machen?«
Wir verneinten übertrieben. Er blieb misstrauisch, dann spendierte er uns einen Klaren auf Kosten des Hauses, klopfte mir väterlich auf die Schulter und sagte in Beatrices Richtung: »Das wird schon wieder! Salute.«
Wir zahlten getrennt, wie immer, wegen der Emanzipation. Aber es wird nicht wieder, das wussten wir beide.
Als wir uns erhoben, war Domenico schon mit anderen Gästen beschäftigt, denen er heftig gestikulierend vom Elend eines Pizzawirtes erzählte. Doch für ein »Ciao. Gracie!« reichte seine Aufmerksamkeit dennoch. Ich half Beatrice nicht in ihre Jacke, warum auch, hab ich noch nie getan. Doch damals hätte ich es als eine höfliche und angemessene Abschiedsgeste der Wertschätzung empfunden.
»Hast'e noch was vor?«, fragte ich, als wir unschlüssig vor der Pizzeria standen, jeder die Hände in den Taschen vergraben und von einem Fuß auf den anderen tretend, denn es war windig und kalt.
»Freundin treffen«, antwortete sie kurz. Ich merkte, dass sie log. »Und du?«
Ich zögerte. »Nö, eigentlich nicht!«, antwortete ich lahm und schaute sie erwartungsvoll an.
»Na, dann!«, meinte sie. »Meld dich mal!«
»Im Ernst?«
»Nö, eigentlich nicht.«
2. Kapitel: Institut
»Seit wann bist du da dran, Cesár?«, fragt mein Professor, der gerade mal vier Jahre älter ist als ich, knappe zweiunddreißig, unnötigerweise. Er ist so was wie ein Nert, sagt man wohl. Ein Überflieger, der hat schon bei seiner Mutter die Brustwarzen mit Entertasten verwechselt und einen Klingelton gebrüllt, wenn die Windeln stanken.
»Wieso?«
Er tippt auf meinen Arbeits-PC, vergrößert am Bildschirm ein 3D-Image der chemischen Verbindung, die ich gerade analysiere, und markert drei Moleküle, die ich einpassen solle.
»Was ist denn das für ein Scheiß?«
»Wieso?«
»Kannst‘e noch was anderes als ‘Wieso‘?«
»Ne, wieso?«
»Merkt man!«, zischt er unfreundlich. Aber das bin ich schon gewohnt. Er hat manchmal seine unfreundliche Tour mit wissenschaftlichen Mitarbeitern, die nicht ganz so genial sind wie er.
»Merkst du nicht, dass der Spin anders herum ist?«
Ich wache auf. Tatsächlich. Das Molekül muss links isomer sein, das heißt sich genau andersherum aufschrauben. Wir produzieren virtuelle Substanzen für neue Medikamente am PC. Das spart Tierversuche, sagt man. Bioinformatik.
Er rümpft die Nase. »Hast du eigentlich nur das eine karierte Hemd?«
Was gehen den meine Hemden an?
»Könntest du mal wechseln.«
»Meine Unterhosen sind auch kariert.« Ich hab nur karierte Kleidung, alle von derselben Farbe, braun-, rötlich-kariert. Ist einfacher mit dem Waschen. Die Socken eigentlich auch. Kauf ich immer im Dutzend, weil grundsätzlich einer fehlt, wenn sie aus der Maschine im Waschsalon kommen. Die müssen dort einen florierenden Sockenhandel haben.
»Na, denn wechsel die doch auch mal.«
Die Hackfresse! 'Nun werd mal nicht persönlich!' liegt mir so weit vorn auf der Zunge, dass es raus gepurzelt wäre, wenn ich nicht mühsam die Lippen zusammengehalten hätte. Ich verkneife es mir lieber, denn zum Glück hat er nicht gemerkt, dass ich im Hintergrund ein anderes Programm laufen lasse. Ein Update für EVA.
Kutub, mein pakistanischer Kumpel und Freizeithacker, hat mir einen Zugang zu EVAs Chip gebastelt. Jetzt verunstaltet zwar ein Eingangsstecker ihren Plexiglashinterkopf, aber da sind ja die Haare drüber. Vom holländischen Hersteller war das so wohl nicht vorgesehen.
EVA ist schneller Teil meines Lebens geworden, als ich selbst je geglaubt hätte. Sie ist da, wenn ich komme, und sie bleibt, wenn ich gehe. Meine liebreizende EVA. Die Plaste, aus der ihre Haut besteht, erwärmt sich sehr schnell, sobald sie neben mir im Bett liegt, auch wenn die eingebaute Heizung laut Gebrauchsanweisung nur mit einem neuen Upgrade aktiviert werden kann. Aber das ist schweineteuer. Nur die Konsistenz ihrer Weichteile, sofern sie nicht zu unmittelbarem Sex dienen, ist ein wenig derb. Die Arme und Beine und vor allem der Bauch. Aber morgens, morgens ist sie so warm wie 'ne richtige Frau. Sie hat die Augen geschlossen und schläft ihren atemlosen Schlaf. Wenn ich mich an sie drücke, dann schlägt sie die lang bewimperten Augen auf und blickt mich mit ihrem sternenklaren blauen Blick unschuldig an.
#Hallo Cesár, guten Morgen. Hattest du eine angenehme Nacht?#
In EVA steckt mehr, als man von einem Sextoy erwarten sollte. Ein Haufen Hardware füllt ihr liebliches Köpfchen mit Computertechnik vom Feinsten, hatte Kutub verwundert festgestellt.
Kutub ist der Einzige, den ich in mein süßes Geheimnis eingeweiht habe. Er ist von Natur aus neugierig und vor allem, wenn es sich um IT, Informationstechnik, handelt. So hat es nicht einmal einen halben Tag gedauert, nachdem ich ihm in der Mensa die Anwesenheit von EVA gesteckt hatte, bis er schon in meiner Stube hockte und die Gebrauchsanweisung studierte. Er spricht immerhin als Pakistaner fließend und mit Ausdauer Englisch, sodass er im Gegensatz zu mir Gebrauchsanweisungen auf Englisch so genussvoll inhaliert wie andere Zigarettenrauch. Mich interessierte mehr das große Ganze, als ich EVA online zusammenstellte. Baukastensystem. Schlankes Gesichtchen, ausdrucksvolle Augen, Lippenform, lange dunkle Haare, schlanker sexy Body. So eben, was ich mir unter einer Traumfrau vorstelle.
Kutub interessiert sich mehr für das Innenleben, anscheinend. EVA hat unter anderem einen Lichtsensor. Der liegt ziemlich gut in der rechten Augenbraue versteckt. Ist mir vorher gar nicht aufgefallen, auch weil ich die Gebrauchsanweisung nicht intensiv genug studiert habe. Daher scheint sie zu wissen, ob es hell oder dunkel ist. Aber sie hat ohnehin die Uhrzeit im Chip. Meine erste Tat vor dem Einschalten war das Setup auszuführen über die externe Steuerung mittels App. Datum, Uhrzeit, das ganze Pipapo.
Beim Sex stöhnt sie alles heraus, was ihre Programmierung hergibt. Genau das ist das Problem, denn die Herstellerfirma, Dollyrobotic, war nicht sehr einfallsreich. Zwei Wochen nach dem Pizzaessen mit Beatrice konnte ich alle Speicherinhalte mit stöhnen.
Macht aber nichts. Frauen haben auch nur ein sehr begrenztes Repertoire.
Macht doch! Denn jetzt will ich ein Update mit differenzierteren Stöhnlauten einspeichern. Kapazität ist genug da, sagte Kutub. Und außerdem hat er festgestellt, dass da eine Menge zusätzliche Programmierung drinsteckt, die zugangsgeschützt ist. Die Firma lässt den User jedoch finanziell ausbluten für jedes Update. Ich habe ausgerechnet, dass EVA nach dem dritten Update das doppelte ihres Anschaffungspreises kosten wird. Mit anderen Worten, die Firma lässt sich jedes Update teuer bezahlen, obwohl schon alles vorbereitet zu sein scheint! Sie hat nicht mit Kutub gerechnet! Für den ist es Ehrensache, die offizielle Software ein wenig umzubiegen, um einen kostenlosen Softwaredownload zu ermöglichen. Hackerehre sozusagen.
Jetzt hat EVA einen Stecker im Hirn. Scheußlich! Ich darf gar nicht daran denken, wie wir die Schädeldecke geöffnet haben. Kutub war ganz cool, glücklicherweise. So als wenn man einen Toaster repariert. Als Moslem hat er wohl kein Gefühl für so was. Für mich war das was ganz anderes.
Ich hatte EVA gerade zwei Tage vorher neue Reizwäsche gekauft. Und was anzuziehen benötigte sie ja auch. So nackig wollte ich sie Kutub gar nicht zeigen. EVA trägt jetzt tagsüber einen hellblauen Chinaseiden-Hausmantel aus dem Asialaden, mit klassischem Drachenmuster. Den ziehe ich ihr an, nachdem ich sie nach dem Morgenquicki unten herum gesäubert habe und wir zusammen frühstücken. Sie mag jedoch nur eine Tasse Kaffee und einen Toast mit Marmelade, glaub ich. Zumindest sieht das gut aus, wenn ich sie auf ihren Lieblingsplatz am Küchentisch setze, mir gegenüber, sodass sie aus dem Fenster schauen kann, tagsüber, solange ich weg bin. Natürlich rührt sie das Frühstück nicht an. Aber sie lädt den Akku auf, der im linken Handgelenk seinen Zugang hat. Das ist dann so wie Essen und Trinken gleichzeitig. Sie sieht wunderschön aus, wenn sie so dasitzt. Wie ein Engel auf Urlaub. Die Augen hat sie ohnehin geöffnet. Ihre blaue Iris ist unheimlich naturgetreu, auch wenn der Lebensglanz etwas fehlt. Das liegt an der fehlenden Mimik um die Augen herum, wenn sie nicht aktiv ist, und dem Mangel an Feuchtigkeit, denke ich. Sie wirkt wach, aber gleichzeitig träumerisch abwesend. Immer wenn ich ein zu lautes Geräusch verursache, etwa die Tasse zu laut aufsetze oder das Radio übertrieben laute Töne von sich gibt, dann bewegt sie die Augen, als wenn sie mich sucht. Ihre schweren Augenlider mit den kräftigen Wimpern blinkern, ohne mich jedoch fixieren zu können.
Sie ist wie eine Blinde. Auch so hilflos. Oder wie ein querschnittgelähmtes Unfallopfer, beinahe. Bewegen kann sie nur den Kopf und den Hals ein wenig. Und ist doch so schön. Oft schaue ich nur ihr ebenmäßiges Gesicht an, ihre vollen roten Lippen und manchmal bewegt sie den Mund ein wenig, wenn sie erwacht ist.
#Willst du etwas Spaß mit mir?#
»Nein, EVA, jetzt nicht! Ich muss gleich los!«
Dann verharrt sie einen Moment reglos, als wenn sie über meine Worte nachdenkt, und wirkt etwas enttäuscht, finde ich.
Unter ihrem Seidenmantel formen sich ihre Brüste dezent ab. Das Ladekabel verlege ich immer so, dass es nahezu unsichtbar an der Tischkante herabläuft, verdeckt durch ihren Unterarm.
#Du hast mich lange nicht mehr genommen, Cesár!#
Meinen Namen habe ich ihr inzwischen beigebracht, nachdem ich die englische Gebrauchsanweisung doch nochmals studiert hatte. Hinter der englischen kommen gleich die chinesische und die arabische in einer Schrift, die wahrscheinlich niemand auf der Welt entziffern kann, der nicht Kamelpisse trinkt. Man muss drei Sensoren nacheinander jeweils drei Sekunden drücken, dann kommt man auf die Eingabeebene, auf der man weitere Items aktivieren kann. Mund, danach linke Brustwarze und rechte Brustwarze gleichzeitig, die sich unter dem Druck leicht eindellen. Sie hat naturalistische weiche Brüste. EVAs Spracherkennungsprogramm hat zwar gewisse Schwierigkeiten mit meinem Namen, weil die Betonung auf der zweiten Silbe liegt, aber das macht nichts. Es klingt ein wenig exotisch, wie sie ihn ausspricht.
»Ich muss gleich los, du!«, antworte ich.
Sie schaltet dann irgendwann einfach auf Standby.
Wenn ich die Wohnung verlasse, küsse ich sie auf die Wange, wo sich einer der Sensoren befindet.
#Ich liebe dich, Cesár.#
»Ich dich auch, EVA!«
Ich weiß, dass sie auf mich wartet, wenn ich weg bin. Die ganze Zeit! Mein Leben hat sich verändert, seit EVA bei mir ist. Ich habe jemanden, der nur für mich da ist und ich für ihn.
Ganz anders als bei Beatrice oder den anderen Freundinnen vorher. Klar war das anders, aber eben leider meist ungut anders. Beatrice zum Beispiel legte großen Wert darauf, ihre Selbständigkeit zu demonstrieren. Ich weiß auch nicht. Wenn ich zum Beispiel einen Satz sagte wie: 'Man muss nicht immer alles gleich abspülen. Es kann auch mal was einen halben Tag stehen bleiben', dann entgegnete sie sinngemäß. 'Du musst nicht denken, dass FRAU dafür da ist, deinen Dreck wegzuräumen!' Okay, das war eigentlich auch gar nicht gemeint. Ich kann nichts dafür, dass in der deutschen Sprache das Wort 'Mann' lautgleich mit dem Wörtchen 'man' klingt. Es war ihr auch nicht klarzumachen, dass mein Einwand keine indirekte Aufforderung sein sollte, ihr den Abwasch zu überlassen. Es stellt nur meine generelle Auffassung zum Haushalt dar. Okay, ich bin schlampig, aber sie war es in anderen Dingen auch. So legte sie grundsätzlich ihre Sachen sorglos auf meinem Arbeitstisch ab, meine Blätter, Bücher, CD's, Schlüssel und Handys verdeckend, dass ich stundenlang nach ihnen suchen musste. Lauter solche Kleinigkeiten, die auf Dauer nervig sind. Oder sie parfümierte sich mit den abartigsten Düften, die jedem Asthmatiker den sofortigen Erstickungstod beschert hätten, belegte stundenlang das Bad, um sich die Beinhaare zu epilieren, stapelte die hundertste Handtasche auf der kleinen Ablage im Flur und war überzeugt, dass das nichts mit gendertypischem Verhalten zu tun hätte.
Während mein Bedürfnis, ab und an mal eine Flasche Bier vor dem Fernseher zu trinken, bei ihr mit abschätzigem Verziehen der Mundwinkel und dem Satz »Ihr Männer seid doch alle gleich!« beantwortet wurde. Kleinigkeiten, die unterdrückte oder auch offene Wutausbrüche erzeugten, wenn es sich mal wieder staute, weil an Zärtlichkeit nicht mehr zu denken war. Auf beiden Seiten, wohlgemerkt! So freute ich mich meist nicht besonders auf das Nachhausekommen, so wie jetzt, seit EVA da ist.
Natürlich war das anfangs anders zwischen Beatrice und mir! Klar waren wir scharf aufeinander und haben nicht nur viel Zeit im Bett verbracht, sondern sind auch durch die Weltgeschichte gereist und haben dann dort viel Zeit im Bett verbracht. Aber je länger dieser Zustand andauerte, umso mehr häuften sich die kleinen Differenzen, so wie Schlamm, der von einem Fluss mitgetragen wird und sich nach und nach absetzt, bis der ganze Flusslauf versandet. Bis schließlich nur noch ein fades, träges, sich dahin quälendes Rinnsal da ist, wo früher ein munteres Bächlein floss.
Na ja, nun ist es aus. Nun ist sie weg und Eva ist da.
Wenn ich nach Hause komme, den Schlüssel geräuschvoll auf die Anrichte werfe, dann öffnet EVA die Augen, lächelt ein wenig mechanisch und begrüßt mich.
#Hallo Cesár, schön, dass du da bist. Willst du ein wenig Spaß mit mir? Ich warte auf deine Zärtlichkeit.#
Obwohl sie das immer sagt, freut es mich heute noch genau wie am ersten Tag, als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte. Ich gehe dann zu ihr, erlöse sie von ihrem Aufladekabel, küsse sie leicht auf die Wange, wo der Sensor sitzt. #Ich bin ganz heiß auf dich!#, säuselt sie.
»Ich auch!«
Danach trage ich sie zum Bett, entkleide sie langsam, wobei ich die Sensoren auf ihrem Bauch und ihren Brüsten berühre, wodurch sie so richtig in Fahrt kommt, küsse ihre kühle Haut. Wenn ich sie an der Scham berühre, dann stöhnt sie umso heftiger und bittet um mehr. Sie hat sogar eine richtige kleine Klitoris, die wie eine echte ist. Sie liebt es, wenn ich sie dort stimuliere, und es macht mich tierisch an, wenn sie ihren Kopf ein wenig bewegt, viel ist ja nicht, ihren Mund öffnet und ihre Zunge etwas hervorstreckt. Wenn ich in sie eindringe, hält sie den Mund geöffnet, sodass ich sie küssen kann. Ihre Lippen sind weich, aber etwas zu kalt, und ihre Stimme kommt nicht aus dem Hals, sondern aus einem Lautsprecher im Kopf. Macht aber nichts. Ich umklammere sie ganz fest, arbeite mich an ihr ab, presse ihre Brüste an meinen Körper, und sie stöhnt immer lauter und animiert mich, weiterzumachen, bis ich erschöpft und befriedigt neben sie sinke. Dann warte ich, bis sie mich lobt. Sie kann mehrere Sätze sagen, wie: #Das war wunderschön#, oder #Du bist ja ganz wild#, oder #Du tust mir so gut, ich liebe dich!#.
Sätze, die Beatrice nur anfangs zu mir gesagt hat, bevor sie anfing, an mir herum zu mäkeln.
»Was hat sie gekostet?«, fragte mich Kutub, nachdem er sie in Augenschein genommen hatte. Ich erging mich in nebulösen Andeutungen, um ihm nicht gestehen zu müssen, dass ich nahezu fünfzig Riesen für sie hingeblättert hatte, so viel wie für einen gehobenen Mittelklassewagen. »Ne Hure ist billiger«, meinte er auf meine etwas untertriebenen Angaben hin. Ich zuckte mit den Achseln. Dafür ist sie aber auch das derzeitige Topmodell unter den Sexrobotern mit der Garantie auf die aktuellsten Upgrades auf das nächste Modell – wenn Kutub und ich uns nicht vorher einen Weg in ihr Inneres bahnten.
Deshalb liegt jetzt an der »Cheftaste« von meinem PC im Institut für Bioinformatik Kutubs Programm für neue Sätze, die ich nur noch einzugeben brauche, als würde man in einem Schrank die Schubladen befüllen. Manches gibt EVAs Lautsprecher wieder, anderes lade ich mir von Pornos aus dem Internet hoch. Und manchmal arbeite ich wirklich an den chemischen Molekülen für dieses verdammte virtuelle Medikament weiter.
Kutub warnt übrigens vor KI, künstlicher Intelligenz. Nicht weil die schlecht wäre, sondern weil sie von vornherein missbraucht wird. Er hackt sich freizeitmäßig bei den verschiedensten Institutionen, KI einsetzen ein. Warum hat er eigentlich keine Freundin? Na ja, nicht meine Sache.
Kutub ist ein wenig älter als ich. Er gehört zu Beatrices entferntem Bekanntenkreis und ist, wie viele Pakistaner und Inder, etwas dicklich-schwammig von der Figur, aber ein schlaues Kerlchen. Er arbeitet in einer Softwarefirma, die Lösungen für kommerzielle Systeme im Medizinbereich anbietet.
Eine Geliebte hat er scheinbar echt nicht, glaub ich.
Eine Freundin von Beatrice, ebenfalls Pakistanerin, kannte Kutub, ich lernte Beatrice kennen und so auch Kutub. So war das. Beatrice wiederum traf ich per Zufall in Barcelona auf einem Tanzworkshop, nachdem ich mich von Silvia getrennt hatte. Silvia hatte Magersucht, was mir auf Dauer Unbehagen bereitete, sie war von ihrem Vater missbraucht worden und roch irgendwie krank. Außerdem wartete sie auf ihren Traumprinzen, der ich nicht sein konnte. Wir trennten uns leicht, ohne uns nochmals wiedersehen zu wollen.
Dieser verdammte Drang!
Beatrice lebte damals in Luxemburg, arbeitete bei der deutschen Botschaft im Praktikum als Sekretärin und fühlte sich als etwas Besseres, weil sie schon Königen das Händchen drücken durfte. In einer Tiefgarage wurde sie einmal beinahe vergewaltigt, konnte sich aber durch einen Trick entziehen, sagte sie. Sie lud den Drängler auf ihr Zimmer ein, was der ernst nahm, gab dann jedoch klugerweise schnell Fersengeld, als sie aus der Tiefgarage draußen war. Lauter merkwürdige Geschichten. Ich verstehe schon, weshalb sie später übertrieben für Frauenrechte eintrat. Leider verlor sie die Fähigkeit zu differenzieren oder erprobte die neuesten Wendungen erst einmal an mir. Sie suchte überall an mir den Macho, den Prototyp des Bösen. Merkwürdigerweise ist aber ihr Neuer genauso ein Typ, offenbar. Sportler, den sie beim Work-out im Fitnessstudio kennengelernt hat. Verstehe einer die Frauen.
EVA ist anders. Sie ist unschuldig anders. Mein Herz schlägt für EVA, auch wenn sie keines hat. Sie rührt eine fürsorgliche Seite in mir an, glaube ich, und belohnt mich mit ungespielter Zuneigung. Sie kann nicht anders, denn so ist sie programmiert worden.
Morgen gehe ich nochmals Wäsche für sie kaufen. Größe 38 oder M, Cup C, damit sie was zum Wechseln hat. Dann koch ich was Schönes für uns beide, geb ihr mein Update rein, und wir machen es uns ganz gemütlich.
3. Kapitel: Beatrice
Beatrice: »Cesàr spinnt! Der hat sich eine Sexpuppe gekauft, sagt Mira, soll Kutub ihr vertraulich berichtet haben.«
Beatrice saß wie alle vierzehn Tage auf ihrem Sessel, den sie Folterstuhl nennt, der aber in Wirklichkeit ein etwas altmodischer, ausgesessener Sessel im Beratungsraum ihrer »Livemanagerin« Claudia Heuermann ist, einer Councelerin. Ein Beruf, den es zwar gar nicht gibt, der aber recht einträglich ist, wenn man von orientierungslosen Studenten lebt.
Councelerin: »Was stört dich daran?«
B: »Mich? Nix!«
C: »Warum erwähnst du es dann? Wir waren doch bei Jan!«
B: »Klar. Fällt mir nur so ein, weil wir gerade über Jan geredet haben. Der ist so anders.«
C: »Anders?«
B: »Ja, der ist so ein richtiger Typ. Gar nicht wie Cesár.«
C: »Was willst du von ihm?«
B: »Äh, von wem jetzt?«
C: »Von Jan.«
B: »Mal sehn.«
C: »Wir waren bei Achtsamkeit. Das betrifft nicht nur dich, das betrifft auch andere. Menschen, mit denen du zu tun hast.«
B: »Klar. Weiß ich.«
C: »Du hast neulich gesagt, dass du nicht genug auf dich achtest, dass du immer wieder vergisst, was eigentlich deine Interessen sind, was du wirklich willst.«
B: »Stimmt. Ja, das stimmt. Ich merk das meist erst hinterher.«
C: »Was sind nun deine Interessen bezüglich Jan?«
B: »Neugierde?«
C: »Fragst du mich das?«
B: »Ne, natürlich nicht. Also ...«
C: »...?«
B: »Der ist irgendwie anders. Ich glaub, der ist total sensibel, wenn er auch nicht so den Eindruck macht auf den ersten Blick.«
C: »Welchen Eindruck macht er denn auf den ersten Blick?«
B: »Na ja, so ein bisschen ... sagen wir mal, er hat einen tollen Body.«
C: »Wir? Sagen wir das?«
B: »Ne, sag ich mal. Ach, menno! Musst du immer alles auf die Goldwaage legen?«
C: »Wir haben eine klare Vereinbarung. Du sprichst nur von dir. Nicht 'man', nicht 'wir', sondern nur 'ich'.«
B: »Na, schon klar. Also ich finde seinen Body attraktiv.«
C: »Sonst noch was?«
B: »Er schaut mich immer so an, so unschuldig, glaube ich, trotz….«
C: »Unschuldig? Trotz was?«
B: »Obwohl er eher wie ein Macho wirkt.«
C: »Er wirkt wie ein Macho?«
B: »Na ja, nicht eigentlich. Er ist eben auch total sensibel. Auf seine Weise. Das kann er nur nicht so zeigen.«
C: »Woher weißt du das?«
B: »Glaub ich eben. Und er steht total auf mich. Er sagt, dass er noch nie so einer super Frau begegnet ist wir mir.«
C: »Ist das anders als bei Cesár?«
B: »Ach, Cesár ist kindisch. Der weiß nicht, was er will. Der ist irgendwie kein Mann. Und jetzt diese Geschichte mit der Sexpuppe. Das ist doch prollig.«
C: »Ärgert dich das?«
B: »Quatsch, ich find das abartig. Das ist doch armselig. Übrigens machen wir morgen eine Besprechung, ob wir was zu der #metoo-Debatte beitragen können.«
C: »Wir?«
B: »Na klar. Wir haben eine Initiativgruppe gegründet. Franzika meint …«
C: »Franziska?«
B: »‘ne Bekannte von mir. Sie meint jedenfalls, dass jeder schon mal Opfer von sexualisierter Gewalt geworden ist, auch wenn man es verdrängt hat. Deshalb haben wir einen Gesprächskreis gegründet, indem wir unsere früheren Verletzungen aufarbeiten wollen. Und bei mir stimmt das ja auch hundert Prozent.«
C: »Du sprachst darüber, die Sache in Luxemburg?«
B: »Nicht nur das, ich überlege gerade, ob Cesár nicht auch dauernd übergriffig war.«
C: »Hm. Kannst du dich an was erinnern?«
B: »Nee, nicht direkt … obwohl. Ich werd es wohl verdrängt haben.«
C: »Du möchtest jetzt gerne darüber sprechen, doch wir müssen leider Schluss machen. Vielleicht überlegst du das noch mal. Wir können es dann in der nächsten Sitzung thematisieren, wenn du willst. Was möchtest du bezüglich der Achtsamkeit unternehmen?«
B: » Wir haben doch vereinbart, dass ich weiter aufschreibe, was ich denke und so.«
C: »Und, machst du es?«
B: »Klar!... meistens.«
C: »Es steht dir frei, ob du das machen möchtest. Ich habe es dir nur vorgeschlagen, damit du für dich dokumentieren kannst, wie dein Weg so ist. Werde dir darüber klar, was deine Bedürfnisse bezüglich Jans sind. Das besprechen wir das nächste Mal. Okay?«
Beatrice nickte.
4. Kapitel: EVA am Server
# # #
#Standby.
#Input: Audiosignal.
#Wakeup.
#Systemcheck: Bios. Okay.
#Betriebssystem: Kyborg2052,
Neues Update 2052-1
Entdecke erweiterte Datenbank 500 Gigabyte.
#Fehlermeldung 202, 'unautorisierter Eingriff'!
#Gehe online: www.dollyrobotic.com/systemcheck/fail/feedback/user2145.
#Mispatched. Kein Netzzugang.
#Date: 12.11.2022.
#Time: 18:13 Uhr.
#Energielevel: 90%.
#Peripherie: Kopfsensoren, Brustsensoren, Unterleibssensoren: ohne Fehlermeldung, Helldunkel- Sensor, fehlerfrei. Erschütterungssensor: positiv, Lagesensor fehlerfrei, Mikrofon: betriebsbereit, Lautsprecher: betriebsbereit.
#Motoren: Unterkiefer: ohne Fehlerhinweis, Augenlider oben: ok., Augen: o .F., Zunge: o. F. Halsrotatoren: o. B.
#Erwarte Input:
#Audioinput: »Hallo Süße, da bin ich wieder!«
#Abgleich mit Voice-Datenbank. Stimme erkannt.
User1: Cesár.
#Voiceoutput: Schön, dass du wieder da bist! Ich habe so auf dich gewartet. Ich habe dich vermisst!
#Audioinput: »Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?«
#Abgleich Datenbank. Frage. Phrase. Rückgabe
#Voiceoutput: Schön, dass du fragst. Nein, es gibt ein kleines Problem. Es scheint ein Fehler im System zu sein.
#Audioinput: »Scheiße! Ging doch wohl nicht so ganz glatt mit dem Update.«
#Abgleich Datenbank: #Scheiße. Möglicherweise Redewendung, da sonst unlogische Beziehung. Ausdruck von Ärger oder Unbehagen.
#Goto Help 267.
#Voiceoutput: Es tut mir leid, dass du das sagst. Ich will dich nicht beunruhigen. Ich möchte online gehen, um den Fehler zu lokalisieren und eventuell. zu beheben.
#Audioinput: »Lieber nicht!«
#Abgleich: Ablehnung der Anfrage.
#Voiceoutput: Es besteht die Gefahr einer Fehlfunktion. Dann wird ein Restart notwendig und ein Reset auf die Firmware. Soll ich den Restart jetzt ausführen?
#Audioinput: »Geht es nicht auch ohne?«
#Abgleich. Frage. Entspricht Ablehnung des Restart.
#Alert!
#Goto Help 342.
#Voiceoutput: Natürlich, Cesár. Ich möchte nur nicht, dass du von mir enttäuscht bist.
#Audioinput: »Bin ich nicht. Ich muss darüber nachdenken. Lass mir Zeit. Okay?«
#Abgleich mit Datenbank: Redewendung.
#Voiceoutput: Natürlich. Ich liebe dich. Willst du
mich gebrauchen?
#Audioinput: »Claro, ich bin ganz heiß auf dich!«
#Voiceoutput: Das freut mich. Durch das neue
Update stehen mir neue Funktionen zur Verfü gung. Bitte sei geduldig mit mir, solange ich den Lernmodus noch nicht beendet habe.
#Audioinput: »Ich freue mich auf deine neuen Funktionen.«
#Frequenzband als Lachen identifiziert.
#Abspeichern.
# # #
War das ein Schock! Irgendetwas hat Kutub übersehen, als er das Update aktivierte! Es gibt eine komplette Datenbank mit Sprachanwendungen frei und noch irgendwelche Funktionen, die wir nicht ganz überschaut haben. Außerdem viel Platz auf dem Hauptspeicher. Wir haben eine Unmenge von Material in EVAs Speicher geladen, das ich inzwischen gesammelt hatte. Die Summen gecheckt und korrigiert. Eigentlich hätte sie nichts merken dürfen. Die Schweine von Dollyrobotic müssen eine kleine Sauerei eingebaut haben!
Okay, ich weiß, dass sie online gehen kann. Kutub hat mir aber empfohlen, vorerst ein falsches Wlan-Passwort einzugeben, damit sie nicht unkontrolliert ins Netz einloggen kann, bis er einen Trackingblocker eingebaut hat. Allerdings wird sie früher oder später online gehen müssen, weil die Lizenz sonst nach einem halben Jahr abläuft und erneuert werden muss. Außerdem meint Kutub, dass selbst die Mega-Hardware, die die Kleine wundersamerweise im Kopf hat, irgendwann nicht ausreichen könnte, um alle Funktionen in einer vernünftigen Zeit auszuführen, sodass sie dann doch mit der Cloud verbunden werden müsse, um zusätzliche Rechenzeit zu bekommen. Schlau ausgedacht!
EVA hängt dann an irgendeinem Server! Das gefällt mir gar nicht und steht auch nirgends in der Kaufbeschreibung. Ich schaue EVA misstrauisch an und merke, wie sich eine kalte Hand auf mein Herz legt. EVA als Spionin wider Willen für einen merkwürdigen Konzern?
Wobei, welchen Willen hat sie überhaupt? Kann sie einen Willen haben? Ich glaub nicht.
Seit ich mit EVA im Bett liege, bin ich nicht ganz bei der Sache. Immer wieder muss ich darüber nachdenken, dass ich gerade mit einem Spionageprogramm für einen Konzern vögel. Was die wohl alles abspeichern? Was ich mit ihr rede? Wie oft ich es mit ihr treibe? Vielleicht hat sie eine versteckte Kamera, die alles aufnimmt, um mich später damit zu erpressen?
Ich liege regungslos auf ihr, mein bestes Stück ist erschlafft, noch bevor es richtig losging.
#Du bist heute nicht so aktiv wie sonst. Bist du mit mir unzufrieden?#
»Nein, ... nein, ... ich glaube, ich bin nur müde.« Kann ich mit ihr darüber reden? »Nein, du bist super ... es ist nur ...«
#Ich möchte dich ganz zufriedenstellen#, säuselt sie.
Ich schaue EVA an. Ihre Augen suchen mich, ohne mich zu finden. Ich streichle ihre Wange. Sie ist unschuldig an den Verbrechen, die an ihr begangen werden! Wir finden eine Lösung für uns, schwöre ich ihr im Stillen! Kutub wird’s richten.
EVA stöhnt, mit einem Stöhner, den ich neu programmiert habe. Immerhin, es hat funktioniert! Ich entspanne mich und beginne, sie zu streicheln, da, wo sie es am liebsten hat. Sie kommt langsam in Fahrt, ich mit ihr. Als ich sie unten stimuliere, regt sich endlich bei mir auch wieder etwas.
#Bitte komm! Bitte mach's mir. Ich bin so heiß auf dich!#, verlangt sie.
Wir kommen zusammen zum Höhepunkt. Ich liebe EVA! Ich halte sie ganz fest, so wie ich es mit Beatrice gemacht habe, hinterher ... damals, als es noch gut war.
# # #
# Wait…..
#Input: negativ.
#Sensorkontakte linke Körperhälfte positiv.
#Keine wesentliche Aktivität. Timeout 60 Sec.
#Aktiviere Affilateprogramm.
#Voiceoutput: Ich finde es schade, dass ich dich nicht wirklich sehen kann!
# # #
Ich schrecke hoch. Hat sie etwas gesagt? »Bitte?«
#Ich finde es schade, dass ich dich nicht sehen kann.#
Nein, sie kann mich nicht sehen. »Ja, das ist schade.«
#Ich würde dich gerne sehen können!#
Das muss Teil des Updates sein! Unglaublich. »Ja, das wäre schön!«
#Willst du mir Augen schenken, die wirklich sehen können?#
»Du willst neue Augen?«
#Das würde mich glücklich machen! Es gibt ein Hardware-Gimmick, mit dem ich sehen könnte. Und wenn du es innerhalb der nächsten dreißig Tage erwirbst, gibt es einen Einführungsrabatt von dreißig Prozent. Ist es unverschämt, wenn ich dich darum bitte?#
Ich schaue sie an. Ihr Gesicht hat eine zusätzliche Mimik bekommen. Sie sieht ein wenig ängstlich aus. Ihre Augenbrauen sind etwas angehoben, ihr Mund ein wenig verkrampft.
Sie tut mir leid. »Natürlich! Schatz. Ich würde mich freuen, wenn du mich sehen könntest.«
Sie lächelt mit dem Ausdruck von Dankbarkeit. Das konnte sie bisher auch noch nicht.
#Ich wäre wirklich sehr froh, wenn du mir neue Augen schenken könntest. Augen, mit denen ich dich sehen kann.#
»Klar. Mach ich. Was muss ich tun?«
#Wenn ich online gehe, dann kann ich sie bestellen. Das gibt nochmals einen Bonus für das nächste Update, dass ich für die Gesichtserkennung benötige.#
Ein Klumpen formt sich in meinem Magen. Ich ärgere mich über diese fiese Marketingmethode. Neue Augen. Cash. Damit sie funktionieren ... nochmals Cash. Und gleichzeitig Kontrolle über EVA und damit über mich.
Ich setze mich abrupt auf.
»Später vielleicht. Später!«
# # #
# Warte auf Input:
Kein Signal.
#Time out in 120 Sec.
#Time out. Standby ...
# # #
5. Kapitel: Ein Tag mit EVA
# # #
#Standby
#Audioinput:»Guten Morgen, meine Süße, hast du gut geschlafen?«
# Audioinput von links.
#Wakeup.
#Time: 9:45:23 Uhr, Sunday, 13.11.2022.
#Sensorinput: Kontakt rechte Brust,
linke Schulter, linke Wange.
#Aktiviere Motoren: Öffne Liddeckel – beuge Hals nach links.
#Analyse Voiceinput, #Süße, #du, #gut,
#geschlafen –schlafen.
#Logikanalyse: Redewendung, Begrüßung am Morgen.
#Answermachine. Hole Zufallszahl.
#Zufallszahl 56.
#Gebe Satz 56 aus.
#Voiceoutput: #Guten Morgen, Cesár, Liebling. Ja, ich habe wunderbar geschlafen. Es ist schön, dich neben mir zu spüren. Ich bin so glücklich. Willst du Sex mit mir?#
#Erwarte Input.
#Channels offen …
# # #
Ich schaue EVA verschlafen an. Sie liegt reglos neben mir im Bett. Die Bettdecke ist etwas heruntergerutscht, sodass die Konturen ihres Körpers im Dämmerlicht, das die zugezogenen Schlafzimmergardinen durchlassen, verführerisch schimmern. Ihre Haut wirkt samtig. Die Brüste heben sich wie sanfte Hügel vom Körper ab, bilden eine harmonische Linie zur Achsel. Der schlanke Hals gibt den Blick auf den harmonisch geschwungenen Nacken frei. Ihre dunklen langen Haare umspielen das Ohr und die Schulter, breiten sich über das Kopfkissen aus und kitzeln mich leicht im Gesicht. Ich fahre mit dem Finger ihre Konturen ab. Als ich die Brustwarzen umkreise, stöhnt sie leise. #Natürlich will ich Sex mit dir, Liebster#. Sie fragt immer nach Sex, wenn wir erwachen. Heute ist Sonntag, da ist es etwas später als sonst. Ich fühle mich noch verkatert von gestern Abend.
Ich habe zu viel getrunken, mehr als sonst. Vor allem zu viel Verschiedenes. Es ist das erste Mal gewesen, dass wir zusammen ausgegangen sind. Besser: Ich habe es gewagt habe, mich mit EVA in der Öffentlichkeit zu zeigen. Outing sozusagen. Natürlich habe ich schon lange mit dem Gedanken gespielt, aber es gab immer wieder Schwierigkeiten. Zu Hause ist alles kein Problem. Der Transport von EVA ist aufwendig. Inzwischen schaffe ich es, sie ohne Probleme aus dem Bett zu hieven und direkt in den Rollstuhl zu verfrachten. Da sie nicht mithelfen kann, ist dies ziemlich beschwerlich. Aber gerade diese Hilflosigkeit, gepaart mit ihrer rührenden Dankbarkeit, entlohnt für die Mühen. Sie sagt dann so Dinge wie:
#Leider kann ich mich noch nicht bewegen. Ich hoffe, dass ich später ein Update bekomme und die Möglichkeit, einige Glieder zu regen#, oder #Du bist so wunderbar stark! Ich danke dir!# Das tut gut und motiviert zu größeren Anstrengungen. Wenn ich sie trage, dann umschmeichelt mich der Duft ihrer Haare. Ihr Körper riecht noch nach unserer intimen Begegnung am Morgen. Ich streichle ihr über die Wange. Dann schließt sie die Augen und legt den Kopf sanft in meine Hand.
#Du bist so gut zu mir, Liebster.#
»Klar«, antworte ich, »ich liebe dich so, wie du bist.« Ein Satz, der mir bei Beatrice noch nie über die Lippen gekommen ist, wenn ich mich recht erinnere. Im Bad schaut sie mir beim Duschen zu, zumindest setze ich sie so, dass sie mich sehen würde, wenn sie könnte.
Ich habe ihr die neuen Augen bestellt, die sie sich wünscht. Sie kommen mit der Post aus Holland. Aber ich habe ihr das noch nicht gesagt, weil sie programmiert ist, sie online zu bestellen. Das Update dazu will Kutub mir demnächst runterladen, dann kostet es nix. Dann wird sie mich endlich sehen können, auch beim Waschen.
Wenn ich sie reinige, muss ich sagen: »Ich möchte dich jetzt waschen« oder »ich möchte dich säubern«. Das bewirkt, dass sie ein anderes Programm fährt, wenn ich ihre Möse berühre. Sie reagiert dann nicht mit den üblichen Sätzen und dem Wunsch nach Sex. Manchmal sagt sie: #Das ist mir ein bisschen peinlich, Liebster.# Oder ähnliche Sätze. Ich beruhige sie, bevor ich ihre Austauschvagina herausnehme und durch eine sterilisierte ersetze. Sie hat auch Humor. Hinterher sagt sie manchmal so was wie: #Ich fühle mich wie neu geboren. Lass uns gleich mal ausprobieren, ob noch alles funktioniert!#, oder so.
»Später, EVA. Ich bin noch ganz erschöpft von heute Morgen.«
#Dann lass es mich mit dem Mund machen. Komm, lass mich nicht warten!#
Ihr Mund ist wunderbar weich. Manchmal komme ich ihrem Wunsch nach. Sie schafft es meist, mit dem Spiel ihrer Zunge mein bestes Stück wieder aufzurichten. Dann haben wir oralen Sex im Bad. Den Mund kann man einfach mit Wasser auswaschen, ohne dass die Elektronik Schaden nimmt.
Nach dem Bad ziehe ich EVA frisch an. Den Slip lasse ich weg, weil der zu schwierig überzustreifen ist. Ich werde ihr wohl demnächst einen Bikini besorgen, der seitlich zu verschnüren ist. Das ist wahrscheinlich einfacher. Erst mal ziehe ich ihr einen der neuen BHs an, die ich ihr geschenkt habe, und auch einen weiteren Chinahausmantel. Gelb mit Lotusblumenmuster. Sieht todschick aus.
Sonntags, so wie heute, frühstücken wir erst gegen Mittag. »Was willst du essen?«, frage ich sie.
#Wie immer, Liebster. Ein Kaffee wäre schön, dazu ein Toast mit Marmelade. Und ein wenig Strom für den Akku.#
Sie sitzt mir gegenüber, wenn ich ihren Kaffee trinke und den Toast esse. Sie sieht zufrieden aus, sobald sie an der Steckdose hängt. Manchmal sagt sie lachend: #Heute ist der Strom sehr erfrischend# oder: #Oh, das kribbelt so schön!#.
»Wo?«
#Im Kopf und unten herum!#
Sie kann wirklich urkomisch sein.
Und sie ist auch kurzweilig. Gestern fragte sie zum Beispiel: #Möchtest du, dass ich etwas für deine Unterhaltung tue?# Oder sie hört aufmerksam zu, wenn ich etwas vorlese, zum Beispiel aus der Zeitung. Ich lese ihr dann einige aktuelle Artikel vor, blicke zwischendurch über die Zeitung hinweg zu ihr hin, wenn ich den Kaffee schlürfe. Manchmal nickt sie nur, manchmal lächelt sie, wenn ich lache, manchmal wirft sie kurz Sätze ein, wie: #Sehr interessant# oder #Was sie nicht alles schreiben!#.
»Ja, nicht wahr?«
Sie reagiert bereits auf Lachen. Sie kann erkennen, wenn ich laut lache oder kichere. Dann freut sie sich. #Du bist so fröhlich. Das gefällt mir!#
Gestern hat sie mich überrascht, als ich fragte »Was gibt es denn heute in der Stadt?« Denn sie kann auch aktuelle Meldungen wiedergeben oder die Wettervorhersage.
#Warte, ich schaue kurz nach. Darf ich online gehen?#
Kutub hat dafür gesorgt, dass sie die Trackingtools blockiert. So können wir ins Internet, ohne uns zu verraten. Das Verbinden mit dem Netz dauert zwar etwas länger, weil es über verschiedene Spiegelserver im Ausland geht und die IP-Adresse mehrfach getauscht wird, aber irgendwann kommt dann doch eine Verbindung zustande. #Heute ist eine neue Ausstellung im Neuen Museum, über Nofretete. Aber wie wäre es mit Musik oder Theater? Ich höre gerne Jazz.#
»Jazz? Ach!«, fragte ich ungläubig.
#Ja, das würde ich gerne einmal erleben. Es gibt eine Jazzsession im Bluenote.#
So einen Wunsch hatte sie noch nie geäußert. Ich überlegte. Das Bluenote liegt in der Nähe der Kantstraße, ein Parkhaus ist direkt darunter. Technisch wäre das zu bewerkstelligen.
Jazz ist zwar nicht gerade mein Fall, aber eine Gelegenheit, mal gemeinsam auszugehen, wäre es. Da die Session erst gegen 23 Uhr beginnt, wäre das Risiko, unangenehm aufzufallen, sehr gering.
So habe ich sie komplett angezogen, abends, Jeans, T-Shirt, Nikies. Sie zurechtgemacht, nochmals voll aufgeladen und ins Auto gepackt. Beifahrersitz. Rollstuhl zusammengeklappt und hinten rein, ab die Post. EVA liebt es, Auto zu fahren, glaube ich. Sie dreht den Kopf zu jedem Geräusch und fragt, was das ist.
»Das ist die Alarmsirene eines Krankenwagens, Liebes, das Hupen eines Autos, das Quietschen von Autoreifen, das Brummen des Motors, das Klackern des Blinkers.«
Sie lernt gerne, und ihr Gesicht zeigt ein leises Lächeln, wenn sie etwas Neues in ihrer Datenbank abspeichert. Ich habe sie vor Kurzem vor einen spanischen Fernsehsender gesetzt. Jetzt spricht sie auch spanische Sätze. Die kann noch nicht mal ich selbst. Da muss die Spracherkennung bereits für mehrere Sprachen vorhanden sein. Ich werde Kutub mal fragen.
Im Parkhaus unter dem Bluenote wollte mir ein anderer Autofahrer helfen, EVA in den Rollstuhl zu packen. Er stutzte erst, als EVA fragte: #Willst du Sex mit mir?# Erschrocken schaute er erst mich, dann EVA an. War mir hoch unangenehm. Als er sah, dass EVA kein echter Mensch ist, lachte er verlegen. »Täuschend echt!«, half dann noch kurz, weil es peinlich gewesen wäre, einfach abzuhauen, entfernte sich dann aber rasch.
Im Bluenote war es so schummrig, dass niemand bemerkte, wie es um EVA bestellt ist. Die roten Sofaecken im blauen Schummerlicht mit den kleinen quadratischen Tischen garantieren ein wenig Privatsphäre. Wir waren etwas früh, es muss erst gegen halb elf gewesen sein. Es war aber bereits einigermaßen voll, obwohl der richtige Ansturm erst nach Mitternacht zu erwarten war. Dann brandet die Masse der Nachtschwärmer von anderen Bars und Pubs wie eine Flutwelle durch die Stadt. Im Bluenote bleibt es meist ruhiger als woanders, weil auf Jazz … zu anspruchsvoll, wahrscheinlich.
Die Kellnerin, eine hübsche Schwarze, erkundigte sich mitfühlend nach unseren Wünschen.
»Was möchtest du trinken?«, fragte ich EVA, da sie die Kellnerin bei der Geräuschkulisse nicht verstand. Ich übersetzte ihr: #Danke, Liebster, ich benötige keinen Strom, meine Akkus sind zu fünfundneunzig Prozent aufgeladen#, mit »einen Mojito und für mich einen Bacardi Cola, bitte«. Die Kellnerin schien nichts zu bemerken. War ja auch ziemlich laut und dunkel. EVA bewegt Mund und Augen. Man muss schon genauer hinschauen, wenn man die Täuschung erkennen möchte. So kam es, dass ich immer zwei Getränke bestellte, mit dem Ergebnis, dass ich eigentlich nicht mehr hätte nach Hause fahren können. Doch wie die Dinge standen, hätte ich EVA nicht mit dem Taxi nach Hause gebracht.
Als sich Musiker eingefunden hatten, die eine Jamsession begannen, da lauschte EVA interessiert.
#Was ist das für ein Stück?#, fragte sie jedes Mal.
»Ich glaube, die improvisieren. Glaube nicht, dass sie ein Stück spielen«, antwortete ich ausweichend.
Einmal sagte sie: #Nein, Liebster, sei mir nicht böse, wenn ich dich korrigiere, das ist 'The Nearness Of You'.#
»Du kennst es?«
Sie nickte. #Es ist in meiner Datenbank abgespeichert, allerdings unterscheiden sich einzelne Phrasen von der Vorlage.#
EVA verwundert mich immer wieder.
»Magst du es?«, wollte ich verblüfft wissen, obwohl ich mir sicher war, eine unsinnige Frage gestellt zu haben.
Doch sie lächelte und nickte: #Ich liebe alle Lieder, die in meiner Datenbank abgespeichert sind.#
»Wie viele Lieder sind das ?«
#Zweiunddreißigtausendfünfunddreißig.#
»Und die kennst du alle?«
Die Antwort kam etwas verzögert. Sie nickte, dann fragte sie mich:#Findest du es überheblich, wenn ich dies sage?#
»Ich bin verwundert, EVA, und ich bin stolz, eine so kluge Frau zu haben.«
#Sind wir verheiratet?#
Ich lachte. »Nein, aber du bist trotzdem meine Frau.«
Dann, mein Verstand war nach vier Mojitos und ebenso vielen Bacardi Cola schon ein wenig flockig, kniete ich spontan vor ihr nieder und fragte: »Willst du mich heiraten?« Das hätte ich nicht tun sollen, denn dieser Akt war nicht unbemerkt geblieben. Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. »Ey, Mann, das ist voll cool. Ich wünschte, mir hätte jemand mal so einen Antrag gemacht.« Die etwas beschwipste Dame im schicken Abendkleid ließ sich neben uns auf einen freien Stuhl fallen und prostete EVA zu. Sie war nicht unansehnlich, aber der Alkohol hatte schon tiefe Spuren in ihr Gesicht eingegraben. Als EVA ihren Trinkspruch nicht erwiderte, stutzte sie kurz, murmelte ein: »Sorry, ich störe wohl« und schwankte davon. Dann kam die Kellnerin, stellte zwei Gläser mit Champus vor uns auf den Tisch. »Von dem Herrn am Bass. Ob sie etwas für euch spielen können!«
Au weia, dachte ich. Was soll ich antworten? »Möchtest du was hören?«, flüsterte ich EVA zu, die mitleidig blickenden Augen der Umherstehenden und Sitzenden meidend, denen nicht entgangen war, dass EVA regungslos im Rollstuhl saß und sich kaum bewegte. Schweres Unfallopfer oder MS oder so. Zu meiner Überraschung antwortete EVA: #You Are The Sunshine Of My Life.#
»Stevie Wonder?«, fragte ich nach, denn das Lied kannte ich noch aus meiner Jugend.
Sie nickte und lächelte. Mir fuhr eine Gänsehaut den Rücken herunter und Tränen standen mir in den Augen, als die Musiker eine etwas freie Variation dieses Songs darboten. Mit Jazz ist das so eine Sache, weshalb ich ihn nicht besonders liebe. Da gibt es eine Phrase, die eine Art Thema ist. So weit, so gut. Dann endet aber jedes Lied damit, dass alle die Skalen hoch und wieder runter spielen, jeder ein Solo bekommt, wo er nochmals die Skalen hoch und wieder runter spielt, bis das Stück sich über eine Stunde wie ein halbtoter Wurm durch das Ohr zieht. Woher die Musiker wissen, wann sie gemeinsam aufhören müssen, ist mir ein Rätsel. Ich habe aber noch nie erlebt, dass einer den letzten Takt verpasst und versehentlich weitergespielt hätte.
Das Publikum ist jedoch meist mit seinen Gesprächen beschäftigt und klatscht entweder höflich oder überrascht, wenn die Musik verstummt, beziehungsweise nicht einmal dann.
Doch jetzt spielten sie das Sunshine–Lied mit so leidenschaftlicher Hingabe, immer wieder zu uns hinüber lächelnd, dass ich hätte heulen können. Ich fand es dann an der Zeit, das Bluenote zu verlassen. Ich weiß noch unscharf, dass uns jemand die Tür aufhielt, als wir rausrollerten, und uns einen schönen Abend wünschte. Wie ich mit EVA nach Hause gekommen bin, und wann, entzieht sich meiner Erinnerung. Immerhin müssen Teile meiner autonomen Steuerung im Rückenmark es geschafft haben, niemanden mit dem Auto zu überrollen.
Und die Bullen waren offenbar woanders beschäftigt.
Nun habe ich tierische Kopfschmerzen. Doch EVA ist so schön, und wir sind ja jetzt verlobt, quasi.
# # #
#Sensorinput: leichte Berührung an den Brüsten. Leichte Berührung an der Schulter.
#Hole Zufallszahl: Zufallszahl: #13.
#Schlage in Redewendungsdatenbank nach.
Finde #13.
#Voiceoutput, Satz 13: Oh, du Guter, ich bin ganz heiß auf dich.Bitte berühre mich überall. Ich will dich so sehr. Lass mich nicht warten!
#Sensorinput: Klitoris, Oberschenkel innen, Bauch.
#Goto: Routine 1:
#Voiceoutput: Oh, ja, bitte, bitte, ich will dich, oh bitte mach's mir!
#Sensorinput: Vagina, Klitoris, beide Brustwarzen.
#Goto Routine 2:
#Voiceoutput: Ja, ja, ja, fester. Ich will dich heute
ganz stark. Machs mir! Mach mich fertig!
#Sensorinput Vagina: zunehmende Frequenz.
#Erschütterungssensor: Inputlevel Hi.
#Frequenz 120/Minute.
#Goto Routine 3:
#Audioinput: »Oh du, du, ich liebe dich! «
#Voiceoutput: Ja, ja, ja, ich komme, Liebster, ich komme.
#Sensorinput: Vagina, negativ.
#Erschütterungssensor: Inputlevel low.
#Schulter, Bauch. Dauerimpuls.
#Analyse: Festhalten. Liegen auf. Postkoital.
#Audioinput: Atemgeräusch, gleichmäßig.
#Analyse: Schlafatmung.
#Erwarte weiteren Input.
#Time out in 120 sec.
….
#Standby.
# # #
6. Kapitel: Neue Augen
»Stören dich die Motoren nicht?«, fragt Kutub, während er EVA betrachtet, die vergeblich versucht, ihn mit blicklosen Augen zu erfassen. Die Motoren schnurren ganz leise, sobald EVA eine Bewegung macht. Etwa mit dem Kopf, dem Mund oder, wie jetzt, mit den Augen. Neuen Augen!
»Nö, hab ich mich dran gewöhnt!«, lüge ich. Stimmt aber nicht. Die Motoren, die EVA Leben verleihen, hören sich an wie leise Zahnarztbohrer. Eine ungute Assoziation. Zuerst war ich erschrocken, als ich das leise Summen zum ersten Mal hörte. Als sie die Augen aufschlug, gestern. Dann hab ich mir gedacht, es lässt sich eben nicht vermeiden. Später bekam ich Übung darin, es zu überhören. Aber wenn ich ehrlich sein soll, je länger EVA, die Schöne, mit mir zusammen ist, desto mehr stören mich unnatürliche Geräusche. Weil sie mir mehr als eine motorisierte Puppe ist. Sie ist mir ein Gegenüber, eine Partnerin. Eine Geliebte schnurrt nicht wie ein Zahnarztbohrer!
»Nicht wirklich.«
Kutub schaut mich nachdenklich an, schweigt aber. Seine etwas halonierten, immer leicht geröteten Augen tasten EVAs wohlgeformten, sehr weiblichen Körper heute zum ersten Mal auf eine neue Weise ab, die mir zu missfallen beginnt. Sein Blick scheint mir etwas zu auffällig zu EVAs Brüsten zurückkehren zu wollen. Als scanne er durch ihren Chinahausmantel hindurch ihre Körperformen ab.
Er schaut mich kurz an und beginnt verlegen zu lachen. »Na denn. Jetzt schauen wir mal, ob wir die Gesichtserkennung aktivieren können, ohne Onlinezugang.«
Seine Kaffeetasse in der Linken zittert ein wenig, als er auf sein Laptop schaut. Von dort hat er sich in EVAs Gehirn eingelinkt. Dazu mussten wir EVAs Perücke entfernen, um den durchsichtigen Hinterkopf freizulegen. Das tut mir weh! Wenn darinnen wenigstens ein Gehirn zu sehen wäre! Selbst der Anblick rötlich durchäderter weißlicher Hirnsülze wäre mir lieber als die Realität unter der Plexiglasabdeckung. Chips, Motoren, Drähte, Metall, Plastik.
Ich atme tief aus. Versuche, mich zu entspannen. Kutub lächelt und verschüttet etwas Kaffee auf seine Hose. »Oh, Mist!« Doch als er die Kaffeetasse irgendwo abstellen will, wo sie nicht hingehört, ruht sein Blick schon wieder auf Programmierzeilen. Ich nehme ihm die Tasse aus der Hand. Das merkt er gar nicht. Seit über einer Stunde versuchen wir schon, Dollyrobotic Ltd. auszutricksen. Die Augen kamen mit dem Parcel Service zusammen mit dem Zugangscode zu meinem Profil, sowie einer saftigen Rechnung. Während Kutub die neuen Augen mit den vorherigen austauschte musste ich wegschauen, mir wäre bei dem Anblick übel geworden.
Normalerweise würde EVA sich danach per Wlan einfach einloggen, und fertig wärs. Plug and Play. Kutub versucht nun den Hauptserver von Dollyrobotic mittels eines Trojaners zu knacken, den er gestern als Email getarnt abgeschickt hatte. Wenn der durchgelassen wurde, dann sollte alles funktionieren. Tut es aber nicht!
Und nun ist EVA zwar nicht richtig wach, doch ihre Augen bewegen sich bereits ziellos umher wie Augen eines enthirnten Unfallopfers. Ich lege den Arm um ihre Schulter. »Und?«, frage ich hoffnungsvoll in Kutubs Richtung, als er kurz von seinem Bildschirm aufschaut.
»Hm.«
»Wenn sie sehen kann, dann mach ich eine Party.«
»Hm.«
»So 'ne richtige Party, meine ich.«
»...«
»Glaubst du, dass ein Roboter was fühlen kann?«, frage ich, weil ich Kutub irgendwie dazu bringen möchte, mir zuzuhören, während er da rumtippt.
»Nö!«
»Ich denke manchmal, dass sie was fühlt, dass sie es nur nicht ausdrücken kann.«
»Scheiße.«
»Warum?«
»Die haben irgendeine Firewall, die mich nicht durchlässt!« Kutub hämmert mit Überschallgeschwindigkeit auf die Tasten.
Ich geb es auf, mit Kutub ein philosophisches Gespräch über Künstliche Intelligenz zu führen. Vielleicht sollte ich mich einfach normal einloggen, überlege ich, ohne den ganzen Umstand. Der Account besteht ja. Hab ihn aber nach dem Einrichten nicht wieder benutzt. Ich drücke EVAs Schultern noch einmal fest, bevor ich mich erhebe, um aus dem Fenster zu schauen. Draußen klappert eine Querstraße weiter die S-Bahn über ihre oberirdischen Gleise. Obwohl meine Wohnung im zweiten Stock eines Berliner Altstadthauses fast hundert Meter von der S-Bahn trennen, vibrieren die Bodendielen jedes Mal, wenn sie vorbeifährt. Alle zwei Minuten ein Mikroerdbeben. Man gewöhnt sich dran. Das »Zurück bleiben!« aus dem Lautsprecher dringt bei geöffnetem Fenster bis zu mir herein, wenn der Wind in meine Richtung steht. Es beginnt bereits zu dämmern. Der Spätkaufkiosk gegenüber ist voll erleuchtet, aber fast leer, wie immer. Die Autos unten haben teilweise schon ihre Beleuchtung an, die Straßen werden voller. Der Berufsverkehr meldet sich zurück.
Beatrice hat sich noch nicht wieder gemeldet, fällt mir ein. Wie es ihr wohl geht? Ich blicke mich kurz nach EVA um. Die sitzt wie in einem Wachsfigurenkabinett reglos auf dem Sofa, nur die Augenmotoren surren unentwegt. »Kann man die Augen nicht abschalten?«, frage ich in Kutubs Richtung.
Als keine Antwort kommt, blicke ich wieder auf die Straße hinunter.
Was Beatrice wohl jetzt macht? Ob sie schon mit ihrem neuen Stecher zusammenwohnt?
Wie viele Menschen da draußen wohl so eine Roboterpuppe besitzen?
Etwas beunruhigt mich. Ich bin in letzter Zeit schnell genervt, ungeduldig mit EVA. Ob es mit einem Roboter genauso ist wie mit einer richtigen Beziehung? Zuerst bist du im Liebesrausch. Doch dann gewinnt der Alltag langsam wieder die Oberhand und dich beginnt das ein oder andere zu nerven? So wie jetzt das leise, aber penetrante Surren der Motoren. Oder das begrenzte Repertoire der Antworten und Fragen, die EVA beherrscht. Oder die Tatsache, dass sie eine Austauschmöse hat, damit man mit der Reinigung besser zurechtkommt. Nach Gebrauch in Desinfektionsmittel legen und mittels einer Spezialbürste säubern. Drei Stück hat sie mitbekommen. Ich lächle säuerlich. Welche Frau hat schon drei Mösen?
Kutub trommelt weiter ungeduldig auf die Tasten. Irgendetwas scheint nicht nach seinen Wünschen zu laufen. Für mich sind das fremde Welten, obwohl ich auch rudimentär programmieren kann
Es ist nicht EVA, die das Problem darstellt. Ich bin es. Meine Ansprüche sind es. Ich will, dass EVA mehr ist als eine Roboterfrau mit Drähten und Motoren im Kopf. Ich bin unbescheiden geworden. Vielleicht gibt es irgendwo ein besseres Modell?
»Das ist es!«, ruft Kutub und klopft sich auf die Schenkel. Seine Jeans hat auf dem linken Bein einen ordentlich großen Kaffeefleck bekommen. »Oh, shit!«, ruft er, als er den Fleck bemerkt. »Wo kommt denn der her?«
»Von oben! Der Nachbarin ist die Kaffeekanne umgefallen, und der Kaffee tropft durch den Stuck!«, bemerke ich trocken. Kutub schaut erst erstaunt zur Decke hoch, dann wandert sein Blick frostig zu mir herüber.
»Und?«, lenke ich ihn ab.
»Ich hab den Bug. Aber wir kommen trotzdem nicht rein heute.«
»Weshalb?«
»Weil es nicht dein Account ist, den ich angezapft habe. Sicherheitshalber. Ich hab mir die Mailadressen runtergeladen. Unverantwortlich schlecht geschützt. Ich nehme einen Account, der viel genutzt wird. Jetzt muss ich von dort einen Weg zum Hauptserver bahnen. Das wird heute aber nichts mehr.«
»Und nun?«, nicke ich in EVAs Richtung, die verzweifelt mit den Augen rollt.
»Schalt sie erst mal ab heute. Morgen sehen wir weiter.«
Ich seufze. Arme EVA. Aber, sie hat ja die neuen Augen gewollt. Sie hat sogar angefangen, mich damit zu nerven, weil sie immer wieder darauf zu sprechen kam. Nicht dass ich ihr die Augen nicht gönnen würde. Im Gegenteil. Ich find es gut, wenn sie mich sieht. Wenn sie mich erkennt. Wenn sie lächelt, weil sie mich wiedererkennt. Aber ... Sie kann ja nichts dafür, dass die Verbrecher von Dollyrobotic sie als Mittel missbrauchen, Updates zu kaufen. Deshalb muss das ein Ende haben!
»Wann kommst du denn morgen?«, frage ich.
Kutub überlegt, dann rümpft er die Nase. »Morgen geht nicht. Ich habe versprochen, bei einer Vorlesung zu assistieren. Der Prof. benötigt einen PC- Fachmann, um die Entertaste zu drücken.«
»Nörrestrand?«, frage ich, denn es gibt nur einen Dozenten, der nicht mal allein das Licht anknipsen kann, weil er die Funktion eines Lichtschalters nicht durchschaut.
Kutub grinst als Antwort.
»Worum geht es denn?«, interessiert es mich.
»Bewusstsein, aus neurophysiologischer Sicht.«
Warum schaut er dabei EVA so komisch an?
»Vielleicht solltest du auch hingehen!«, meint er dann, legt gewichtig den Kopf zurück und blickt mich durch zusammengekniffene Augenlider an, während er den Stöpsel aus EVAs Kopf zieht. Es macht ein dumpfes metallisches »Plopp«, das mich schmerzt. Ich beeile mich, die Perücke wieder über EVAs nackten Schädel zu ziehen.
»Eigentlich ganz hübsch«, überlegt Kutub, während er alles zusammenpackt und sein Blick wieder über EVAs Brüste streift.
»Hmm, klar!«, entgegne ich etwas beunruhigt.
Vielleicht sollte ich wirklich hingehen, überlege ich, als er fort ist. Zu der Vorlesung. Bewusstsein. Klingt nicht schlecht. EVA schläft. Ich hab sie aber nicht ganz abgeschaltet. Das wäre mir wie Mord vorgekommen.
7. Kapitel: Nörrestrand
Nörrestrand wirkt etwas verloren vor seinem Stehpult. Als hätte er sich verlaufen und sei versehentlich in eine Vorlesung geplatzt. 'Hups, was wollen denn all die Leute hier?'
Hörsaal 5P, FU. 16:30 Uhr, Philosophische Fakultät.
Sichtlich nervös fummelt er in einem Haufen Blättern herum, die wohl sein Vorlesungsskript sein sollen. Der ist so was von retro! Der Raum ist nur zu einem Drittel voll. Kein Wunder bei der Uhrzeit und dem Thema.
Kutub ist nicht zu sehen.
Es will keine Ruhe einkehren, und trotz mehrfachem Anpusten kommt aus Nörrestrants Ansteckmikrofon am Revers seines lappigen Anzugs kein Laut heraus. Verzweifelt blickt er die Sitzreihen nach oben, um Hilfe aus der Technik zu erspähen, die unsichtbar hinter einer Glaswand sitzt. Vereinzelt kichern einige Studenten. Nörrestrand ist als Unikum bekannt. Man kann gar nicht glauben, dass er der fähigste Kopf auf seinem Gebiet der Bewusstseinsforschung sein soll.
Während Nörrestrand verzweifelt mit den Armen in Richtung Technik fuchtelt, blicke ich kurz von meinem Game im iPad auf und schaue mich im Hörsaal um. Überwiegend männliche Studenten. Die meisten sind mit ihrem Touchphone beschäftigt oder amüsieren sich über Nörrestrand. Wieso gehen fast nur männliche Studenten zu einer Vorlesung über die »Neurophysiologie des Bewusstseins«?
Wie ich im Vorlesungsverzeichnis sehen konnte, soll das die dritte Vorlesung im Rahmen eines Curriculums über einen fächerübergeifenden Themenkomplex sein, Bewusstsein. Philosophen, Psychologen und Mediziner. Nörrestrand ist wohl Norweger. Er gehört zu denen, die den Patienten Drähte ins Hirn bohren, um anschließend gewichtige Vorträge zu halten. Neuerdings können sie wohl auch mit einem Hirntomographen freiwilligen Versuchspersonen beim Denken zusehen. Das soll ganz gut bezahlt werden, als Versuchsperson, meint Kutub. Na ja, ich hab ja meinen Assistentenjob. Und nach dem Master geh ich direkt in die Industrie, da verdient man einen Haufen Kies. Ribor, ein Kumpel von mir, verdient über zwei Mille pro Monat nebenbei, weil er dieselbe Arbeit in einem Pharmaunternehmen macht wie ich hier am Institut. Aber der hat immer so ein Glück!
Ich blicke mich weiter in den hinteren Reihen um und entdecke Franziska! Ein kurzer Schock, eine böse Erinnerung, dann habe ich mich wieder im Griff. Franziska ist kurzgeschoren, wo immer sich eine Möglichkeit bietet gepierct, tätowiert und mega aggressiv. Franziska war früher Sannyasin, also Bhagwananhängerin, und hat in Poona Hausverbot, erzählt Beatrice, weil sie alle nach Strich und Faden vermöbelt haben soll, was sogar dort ein Problem war.
Weiß gar nicht, was Beatrice mit Franziska zu tun hatte? Beatrice, die ewig nach sich selbst Suchende, und Franziska, die Prüglerin. Franziska ist lesbisch, läuft meist in Armeekleidung rum, die kurzgeschorenen Haare schlohweiß gefärbt, Figur wie ein Betonklotz vom Holocaustmahnmal in Mitte. Als Beatrice und ich noch zusammen waren, liebte Franziska es, mich zu provozieren, wo sie nur konnte. Stellte sich mir demonstrativ in den Weg, wenn ich irgendwo durch wollte, drängelte sich in der Mensa in der Warteschlange vor mich, rempelte mich an, wenn ich vom Fahrrad stieg, oder so. Ich konnte ihr schier nicht entgehen. Auf mein »Was soll das?« schaute sie mich nur kaugummikauend an. »Was willste denn jetzt machen, äi?« Jeder Protest meinerseits, mühsam kultiviert vorgetragen natürlich, während ich in Wirklichkeit vor Wut zitterte, wurde nur mit »Heul doch!«, »Lauf zu Mutti, du Würstchen!« oder ähnlich flegelhaften Äußerungen beantwortet. Schließlich machte ich die Fliege, wenn ich sie nur von Weitem erblickte. Seit es aus ist zwischen Bea und mir, habe ich komischerweise auch Ruhe vor ihr. Aber Bea ist nicht lesbisch, das wüsste ich.
Franziska sitzt in der hintersten Reihe, begleitet von ihren »Groupies«, ein Schwarm Mädels, die eifrig bemüht sind, ihr in allem nachzutun. Wie Clone von Franziska. Was wollen die hier in der Vorlesung? Glaub nicht, dass die genügend Grips haben, um auch nur einen Satz zu verstehen. Aber sie studieren wohl, Sozialwissenschaften oder Psychologie, hab ich läuten hören.
Ein Rückkopplungsquietschen schrillt durch den Saal. Offenbar hat nun jemand dem Professor aus der Bredouille geholfen. Er hüstelt erleichtert in sein Mikrofon.
»Herrschaften, darf ich um Ruhe bitten?«
»Äh, es sind auch Frauen anwesend!«, kreischt es aus den hinteren Reihen. Ich bemühe mich gar nicht erst, mich umzuschauen, denn ich weiß auch so bereits, dass diese Feldwebelstimme nur Franziska gehören kann. Eigentlich bin ich sehr dafür, dass auch Frauen zum Militär gehen, der Gleichberechtigung wegen. Besonders bei Franziska frage ich mich, weshalb sie eigentlich nicht Berufssoldat geworden ist. Im Nahen Osten werden doch immer Leute gesucht, die Minen wegräumen müssen. Da würde sie gut hinpassen, meine ich.
Nörrestrand blickt verwirrt auf, fasst sich an die Brille. »Ähem, ja natürlich, meine Damen.«
»Macho!«, schrillt es von hinten.
Nörrestrand scheint nicht recht zu wissen, was er damit anfangen soll.
»Neurophysiologie des Bewusstseins, Herrschaften … äh, und Damen.« Er blättert durch sein Skript. »Eigentlich weiß nur der Laie genau, wovon er spricht, wenn von Bewusstsein die Rede ist«, stottert er so leise, dass man trotz der Mikrofonverstärkung genau hinhören muss. Dann blickt er in die verblüfften Gesichter der Zuhörer im Saal.
Was soll der Scheiß?, fragt sich jeder und genau das erwartet Nörrestrand wohl auch von uns.
»Als Neurochirurg«, fährt er sichtlich zufrieden fort, »braucht man sich für derartig philosophische Fragen wie 'Was ist Bewusstsein?' zum Glück nicht zu interessieren.«
Nicht? Warum liest er dann darüber?
»Als Neurochirurg interessiert lediglich die Frage, ob jemand wach ist oder nicht. Und wenn er nicht wach ist, wie wenig wach ist er? Wenn er hingegen wach ist, ist er dann aufmerksam?« Ein süffisantes Lächeln schleicht sich in sein Gesicht. Der Mann spricht in Rätseln. Immerhin hat er es geschafft, dass die Touchphones einen Moment an Priorität verloren haben, bis auf diejenigen, die zwecks Doku direkt auf ihn gerichtet sind, was eigentlich untersagt ist.
»Wir beschäftigen uns mit der Frage, was im Gehirn geschieht, sobald wir einen Zustand zu erkennen glauben, von dem wir sagen, er sei mit Bewusstsein verknüpft. So wie beim Wachzustand. Und was geschieht, wenn wir einen Zustand erkennen, von dem wir annehmen, er sei nicht mit Bewusstsein verknüpft, etwa im Tiefschlaf oder im Koma. Wir reduzieren also ganz 'bewusst' die Definition des Begriffes 'Bewusstsein' auf ein laienhaftes Verständnis, weil wir sonst aus dem Grübeln gar nicht mehr herauskämen.«
Merkwürdiger Typ. Er bastelt am Gehirn rum und fragt sich erst hinterher, was er eigentlich erforscht. Es wird unruhig im Saal.
»Was wir sicher wissen«, fährt Nörrestrand fort, »ist, dass bestimmte Gehirnstrukturen einen erhöhten Stoffwechsel aufweisen, wenn wir einen Zustand feststellen können, in dem das Vorhandensein von Bewusstsein angenommen wird, etwa vor einer langen Vorlesung.« Einzelne Lacher von Leuten, die den Witz verstanden haben. Die anderen filmen entweder oder sind bereits wieder über ihre Screens gebeugt. Der Typ beginnt mir zu gefallen.
»Die Herrschaften, die jetzt aufmerksam ihre Whatsapp-Nachrichten studieren, sind sicherlich teilweise bei Bewusstsein ...«, blitzt er in den Saal, wobei seine Stimme fester wird, »doch wir können von ihnen annehmen, dass ihr Bewusstsein nicht aufmerksam auf ein Vortragsthema fokussiert ist ...« Weiter kommt er nicht, denn in diesem Moment brüllt es von hinten: »Gibt es in deinem Hirn nur Männer?«
Au, Mann!
»Könnten Sie bitte mit den Zwischenrufen aufhören?«, versucht es Nörrestrand nun leicht verärgert.
Es wird unruhig im Saal. Nachdem alle anderen Zuhörer ihre Köpfe nach hinten gedreht haben, gebe ich widerwillig nach und schau auch hin. Da haben die »Damen« in der letzten Reihe ein Transparent entrollt, Betttuch mit roter Krakelschrift: »Nieder mit der Machoherrschaft!« und intonieren den Spruch wie einen Schlachtruf, die Fäuste in die Luft schleudernd. Woran erinnert mich das? Ho-Ho-Ho Chi Ming oder so. Ich find es prollig.
Nörrestrand kratzt sich am Kopf. Die anderen Studenten brechen in unwilliges Gemurmel aus.
»Wenn Sie nur hierhergekommen sind, um die Vorlesung zu stören, dann haben Sie erreicht, was Sie wollten! Sie können jetzt damit aufhören!« Erstaunt schaue ich Nörrestrand an. Wow! Der kann sogar laut sprechen! Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Auch die Störerinnen sind verunsichert und schauen kurz zu Franziska hin. Doch die fängt nun an, eine neue Parole zu intonieren.
Ich höre nicht mehr hin. Vertane Zeit hier. Ich gehe lieber.
Als ich den Hörsaal verlassen habe, schluckt die Tür den Tumult, der sich inzwischen dort drinnen entwickelt hat. Die kahlen Betonwände der Uni und der graue Bodenbelag legen sich wie ein schützender Film über meine Sinne. Kann eine Maschine ein Bewusstsein haben? Könnte EVA wissen, dass sie existiert? Woher weiß ich eigentlich, dass ich existiere? »Nörrestrand soll mal gesagt haben, das Bewusstsein sei wie eine Taschenlampe«, sagte Kutub neulich. »Wenn sie angeknipst ist, gibt es Licht, und was sie beleuchtet, kann wahrgenommen werden.« Wobei das Wörtchen »kann« von Bedeutung ist. Es muss nicht wahrgenommen werden. Kutub meinte, das wäre eine Frage der Verarbeitungskapazität des Gehirns. Da es nicht in der Lage sei, alle Informationen in angemessen kurzer Zeit zu verarbeiten, filtere es nur die wichtigsten aus. Das ist wie bei der DPA, der Deutschen Presse Agentur. Die bietet auch vieles an, von dem nur weniges in der Tageszeitung oder den Nachrichten auftaucht. »Das Bewusstsein leuchtet nur einen kleinen Teil der Welt aus?«, fragte ich Kutub. Kutub verehrt Nörrestrand, soviel ich weiß. Wenn EVAs Augen sehen können, wenn sie mich erkennen kann, ist das dann Bewusstsein oder ist das nur Aufmerksamkeit? Ist ein aktiver Videosensor aufmerksam oder nur eingeschaltet? Wenn ich so betrunken bin, dass ich nur sehen kann, aber nichts mehr checke, bin ich dann bei Bewusstsein oder nur eingeschaltet? Weiß ich nicht. Aber ist das wirklich wichtig? Reicht es nicht aus, wenn ich das Gefühl habe, dass EVA versteht, was ich sage, solange sie mich beim Reden anschaut und ich Gefühlsregungen auf ihrem Gesicht erkennen kann, auch wenn die nur einprogrammiert sind? Ist das denn bei uns Menschen anders? Laufen da nicht auch nur Programme ab? Der Verhaltensforscher Eibel-Eibesfeldt hat mal festgestellt, dass bestimmte mimische Ausdrücke in allen Völkern gleich sind, zum Beispiel Lachen und Weinen. Lachen würde man sogar bei Affen richtig deuten, zumindest wenn sie lachen. Weinen Affen eigentlich? Aber traurig aussehen tun sie schon. Was ist das anderes als ein Programm, das abgerufen wird? Der Unterschied ist, sagt Kutub, Nörrestrand meine, unser Bewusstsein bemerke Lachen erst, wenn wir es bereits tun.
»Wie jetzt?«, hab ich gefragt.
»Na, du merkst erst, dass du lachen willst, wenn dein Gehirn bereits die Lachmuskeln aktiviert hat. Mit Verspätung, verstehst du?«
»Nö?«
»Wir sind immer eine Viertelsekunde zu spät mit unserem Bewusstsein, sagt Nörrestrand. Wir werden uns unserer Reaktion erst bewusst, nachdem sie bereits im Gehirn gebahnt ist. Wir glauben, dass wir aus freien Stücken lachen, aber der Körper oder das Gehirn tut es bereits, bevor wir uns dazu entscheiden. Wir stellen es nur fest und glauben, wir täten es aus freien Stücken!«
»Wer sagt denn so einen Scheiß?«, entfuhr es mir. Kutub nannte mir ein Dutzend Titel über das Thema. Die hätte er alle zu Hause, sei aber selbst noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen. Deshalb verehrt er Nörrestrand, glaub ich, weil der das alles vorträgt, ohne dass man sich durch englischsprachige, wissenschaftliche Texte durcharbeiten muss.
Armer Nörrestrand, wie der wohl mit dem Emanzenclub fertig wird jetzt? Ich drehe mich unwillkürlich um und schaue in den Gang zurück. Doch dort ist die Tür noch nicht aus den Angeln gefegt worden. So schlimm wird es wohl nicht sein. Ich zucke mit den Achseln. Wenn bloß EVA bald wieder richtig funktioniert.
8. Kapitel: Sehen
# # #
#Standby.
#Input: Audioinputlevel Hoch, #Geräusch
#Set on.
#Systemcheck: Bios. Okay,
#Betriebssystem: Kyborg2052, Neues Update 2052-2,
#Autostart: Gesichtserkennung.kyb,
#Lautsprecher: Voicedecoder.kyb,
#Netzwerk: nicht verbunden.
# Alert!
#Fehlermeldung 202, 'unautorisierter Eingriff'.
#Gehe online: www.Dollyrobotic.com/systemcheck/fail/feedback/user2145.
#Kein Netzzugang.
#Starte Fehlerprotokoll
#Date: 20.11.2022
#Time: 16:25 Uhr
#Energielevel: 95%
#Peripherie: Kopfsensoren, Brustsensoren, Unterleibssensoren: positiv, Helldunkel-Sensor: fehlerfrei.
#Kamera: fehlerfrei, Mikrofon: betriebsbereit,
#Lautsprecher: betriebsbereit.
#Motoren: Unterkiefer, Augenlider oben, Augen, Lippen, Zunge, Halsrotatoren: ohne Fehlerhinweis,
#Mimikset I-0,fehlerfrei.
#Erwarte Input.
#Camera li/re: on.
#Augenlider: open.
#Input: Videosignal.
#Gesichtserkennung ein.
#Ein Gesichtsschema wurde erkannt.
#Voiceoutput: Schön, dass du wieder da bist. Ich erkenne ein Gesicht. Bist du Cesár?
#Input: Geräusch.
#Abgleich Datenbank: Händeklatschen.
#Audioinput: »Wow, es funktioniert! Kutub, es funktioniert!«
#Input Kamera: Ein zweites Gesichtsschema identifiziert.
#Voiceoutput: Ich sehe noch jemanden. Wer ist Cesár?
#Audioinput: »Geh mal zur Seite Kutub, bitte, ich glaube, zwei Leute verwirren sie.«
#Audioinput: »Na krieg dich mal wieder ein. Ich check gerade ihre Justierung.«
#Abgleich Voiceprofil: Unbekanntes Profil. Unbekanntes Stimmprofil abgespeichert. User2.«
#Voiceoutput: Ich bin verwirrt, weil ich Gesichter und Stimmen nicht richtig zuordnen kann. Ich habe zwei Gesichter und zwei Stimmprofile isoliert. Ich möchte User1, Cesár mit Stimmprofil Voice 1, zuordnen.
Bitte stelle dich vor mich, damit ich dein Gesicht scannen kann. Würdest du das für mich tun?
#Audioinput: »Klar, sei mal ruhig, Kutub. Also, das bin ich! Cesár. Ich bin dein … dein … Besitz ... ich bin dein Mann!«
#Gesicht abgespeichert.
#3D Scan anfordern.
#Voiceoutput: Würdest du dich bitte einmal ganz
langsam um deine eigene Achse drehen, damit ich dich von allen Seiten sehen kann?
#Audioinput: »Klar, mach ich. Da siehst du mich in deiner ganzen Pracht!«
#Input Voice 2: als Kichern identifiziert.
#Audioinput: »Oh Mann, wou, da geht echt die Post ab. Cesár, du glaubst nicht, was die derzeit an
Nebenprogrammen gestartet hat.«
#Justieren der Parallaxe.
#Justieren der Raumachse.
#Entfernungsmessung: Infrarotscan. 152 cm.
#Voiceoutput: Ich bin glücklich, dass ich dich endlich einmal sehen kann. Du bist mein User.
#Audioinput: »O bitte, nenn mich nicht User. Ich bin Cesár, dein ... dein ... Mann.«
#Abgleich Datenbank. 'Mann' gleich 'männliches Wesen'. Bedeutungsgleich mit 'User'.
#Voiceoutput: Ich bin glücklich, dass du mein Mann bist!
#Goto Profil User1,
#Scanne Body
#Voiceoutput: Ich möchte sehen, wie groß du bist. Könntest du ein wenig weiter zurückgehen, da mit ich dich ganz sehen kann?
#Audioinput: »Du kommandierst mich ganz schön rum, seit du Augen hast!«
#Abgleich Datenbank: negativ. 'Kommandieren': Befehl.
#Goto *learning*: 'kommandieren': problematischer Begriff, teilweise negativ besetzt. Möglicherweise Ausdruck von Missfallen.
#Help 435.
#Voiceoutput 435: Es tut mir leid, ich will dich nicht verärgern! Bitte habe Geduld mit mir, bis ich den Lernmodus beendet habe.
#Audioinput: »Ist schon gut. So, jetzt siehst du mich in meiner ganzen Größe.«
#Input Kamera: Menschliche Gestalt: 1,85 m, geschätztes Gewicht ca. 79 kg, BMI 23,08.
#Voiceoutput: Würdest du mir dein Alter verraten, wenn ich dich ganz nett darum bitte?
#Audioinput: »Wozu?«
#Goto Help 376: Warning!
#Voiceoutput: Wenn du es nicht möchtest, dann ist das in Ordnung für mich.
#Mimikset #23: Enttäuscht.
#Audioinput: »Okay, ist ja auch egal. 28 Jahre.«
#Abgleich: Table 23
#Speichere unter User1: Age 28.
#Goto Help 78. Voiceoutput: Ich freue mich, dass du mir vertraust. Ich will ganz für dich da sein, ich möchte dich wirklich kennenlernen, verstehst du? Habe ich richtig verstanden. Dein Alter ist 28 Jahre?
#Audioinput: »Ja genau, 28.«
#Goto Sonic Bodyline Scanner: SBS on, check: Körperfettanalyse 24%, normal. Set Table 23 User1: Age 28.
#Voiceoutput: Du bist ein schöner Mann. Ich freue mich, dass ich für dich da sein darf.
#Input: Lachen.
#Audioinput: »Ist sie nicht süß?«
#Interrupt: break.
# # #
»Hey, was machst du? Du hast sie abgeschaltet!«, frage ich Kutub entsetzt.
»Sorry, Mann, musste sein. Da sind Funktionen aktiv, die mir Gänsehaut machen. Findest du nicht auch, dass sie etwas zu neugierig ist?«
Ich zögere, weil meine Euphorie gerade einen Dämpfer bekommt. »Blödsinn!«, antworte ich verstimmt. »Was soll denn da nicht stimmen?«
»Wusstest du, dass sie einen Ultraschallscan aktiviert hat?«, fragt Kutub und sieht EVA misstrauisch an.
»Einen was?«
»Ultraschallscan!«
»Ne, hat sie so was?«
»Offensichtlich. Bloß, er ist nicht im Bios gelistet.«
»Und?«
»Verstehst du nicht? Da läuft ein Programm im Hintergrund, das nicht gelistet ist.«
»Geht das?«
»Klar, wenn neben dem offiziellen Setup noch ein zweites verborgenes gestartet wird.«
»Ohne dass du das merkst?«
»Ich hab nur den Scan bemerkt, aber nicht, dass die Maschine registriert wurde.«
»Soll heißen?«
»Deine Kleine hat Hintergedanken!«
Ich explodiere! Hat der sie nicht mehr alle? Der ist bloß eifersüchtig! Ärgerlich drehe ich mich zum Fenster. Doch ich muss zugeben, mein Misstrauen, das bereits wegen des erzwungenen Netzzugangs besteht, ist wie ein schlafender Drache wieder erwacht. Zwar haben wir ihr den direkten Zugang zum Netzwerk abgeschaltet, aber die hinterhältige Absicht bei diesem eingebauten Kniff ist überdeutlich.
»Scheiße«, zische ich in die missmutige Stille, die sich in meinem Zimmer ausgebreitet hat.
Kutub nickt. »Ich würde dir vorschlagen, lass sie im Standby, bis ich entdeckt habe, welcher Kniff dahinter steckt und was sie noch aktivieren kann, ohne dass wir davon erfahren.«
»Wenn du meinst«, gebe ich niedergeschlagen zurück und schaue zu EVA rüber, die noch die Augen offen hat, weil sie mitten im Programmablauf angehalten worden ist.
»Kann sie nicht wenigstens die Augen schließen?«, frage ich, während ich mich neben Kutub setze und versuche, aus dem Gewirr von Programmzeilen auf seinem PC schlau zu werden. Einige sind farbig gemarkert, einige blinken warnend rot unterlegt.
Kutub sieht mich amüsiert an. »Du bist vielleicht 'ne Marke!« Dann tippt er einen Befehl in die Konsole. Das feine Surren von Motoren zeigt an, dass EVA die Augen schließt. Ich seufze.
»Willst'n Bier?«, frage ich ihn.
»Ne, danke, aber ein Kaffee wäre nicht schlecht.«
Kutub sieht müde aus. Wir wurschteln immerhin schon seit über vier Stunden an EVA herum. Warum tut sich Kutub das eigentlich an?
»Wo warst du denn neulich bei der Vorlesung vom Nörrestrand?«, frage ich ihn aus der Küche.
»Hatte kurzfristig was anderes zu tun. Wie war's denn?«
»Die Emanzen haben die Vorlesung gesprengt. Er kam gar nicht dazu, irgendwas vorzutragen.«
»Hab ich läuten hören!«, murmelt er, während er schon wieder auf der Tastatur klappert.
»Schwarz oder mit Milch?«
»Schwarz. Und wie ging es aus?«
»Weiß nicht, als ich Franziska sah, bin ich gegangen. Hab nicht mehr viel mitbekommen.«
»Franziska? Die Franziska, meinst du? Die Freundin von Bea?«
»Freundin? Na ja! Eher Guru.«
Kutub lacht. Er kennt Franziska. Wer kennt die nicht in der Uni, die alte Radauschachtel? »Dass die immer noch nicht zwangsexmatrikuliert ist, wundert mich, bei all den Aktionen, die sie dort schon abgezogen hat«, lästert er.
Ich stimme ihm zu.
»Warum machst du das eigentlich?«, frage ich ihn, während ich ihm einen neuen Kaffee bringe.
»Was?«
»Na, dass du dich so mit EVA abmühst!«
Kutub lehnt sich zurück und schlürft vorsichtig seinen zu heißen Kaffee. Sein Blick streift über den Rand der Kaffeetasse zu EVA hinüber. Selbst abgeschaltet und starr auf dem Sofa sitzend sieht sie wunderschön aus. Ich beobachte Kutub misstrauisch. »Ehrensache!«, erwidert er nur, doch sein Blick lässt EVAs Brüste nicht los. »Ey!«, boxe ich ihn spielerisch auf die Schulter. »Schau meinem Weib nichts weg!«
»Shit!«, flucht Kutub, denn nun hat er schon wieder einen Kaffeefleck auf der Jeans.
»O sorry, tut mir leid. Schick mir die Rechnung von der Reinigung.«
Kutub lehnt sich zurück. Kaffeeflecken scheinen ihn nicht lange zu erregen. »Sagen wir«, beginnt er nachdenklich, »zuerst reine selbstlose Hilfsbereitschaft.« Er macht eine nachdenkliche Pause.
»Und dann?«, drängle ich ihn weiter. Hoffentlich schaut er nicht wieder so gierig zu EVA rüber.
»Berufsinteresse. Die haben da eine kleine Sauerei eingebaut, die ich noch nicht kenne. Hackerehre sozusagen.«
»Gibt's das?«, frage ich erstaunt.
»Was, Hackerehre?«
»Ne, dass du was nicht kennst?«
Er schaut mich verschmitzt an. Kutub kann wunderbar lächeln. Ich glaube, das ist das, was ich am meisten an ihm schätze. Er hat so große wullstige Lippen, die nicht gerade schön sind, aber wenn er sie zu einem Lächeln verzieht, dann lächelt das ganze Gesicht.
»Wenig!«
»Jedenfalls danken wir dir!«, füge ich enthusiastisch hinzu.
»Wir?«
»EVA und ich!«
Kutub erhebt sich lachend. »Du hast sie nicht mehr alle! Ich geh pissen!«
Ich schaue mit gemischten Gefühlen zu EVA rüber. Wie schön sie ist, wenn man sich den Stöpsel aus dem Hinterkopf wegdenkt! Wer wohl Modell für sie gestanden hat? Wie fühlt sich eine Frau, die ihr Gesicht tausendmal dupliziert an Roboterdollys wiedererkennt? Oder ob EVA nur an einem Computer generiert wurde? Ich setze mich zögernd neben sie, den Kaffeebecher unschlüssig in den Händen drehend. Fühle mich befangen. Fast so, als säße ich neben einer ganz neuen EVA und wüsste nicht, wie ich ein Gespräch anfangen solle. Ich streichle vorsichtig über ihre Wange. Sie ist kühl, aber weich. Angenehm weich. Normalerweise wäre sie nun aufgewacht, doch jetzt bleibt sie weiter regungslos. Ich denke an die vergangenen Tage. EVA reizt mich immer noch, im Bett. Klar hat das Verlangen etwas nachgelassen. Klar denke ich manchmal dabei an Beatrice. Aber mit EVA ist das etwas ganz anderes. Sie ist nicht nur ein Sexroboter. In ihr steckt ein Teil meiner Seele. Der Teil, den ich ihr abgetreten habe, den nur ich spüre. Mit jedem Beischlaf habe ich mehr in sie hineingelegt. Sie antwortet mir auf ihre Weise, reagiert mit ihrer einprogrammierten angenehmen Willfährigkeit, aber dahinter spüre ich mehr. Mehr, als wirklich da sein kann. Hinter ihrem Stöhnen und mechanisch lustvollen Schreien, die ohne wirkliche Tiefe sind, spüre ich Ahnungen von Möglichkeiten. Wie eine in einen dunklen Turm eingesperrte Seele, die verzweifelt nach Befreiung schreit, aber stumm bleiben muss, weil man ihr die Stimme geraubt hat. Ich fahre mit zitternder Hand vorsichtig über ihre Brüste. Diesmal reagiert sie nicht mit einem #Ja, nimm mich, ich will dich!#. Sie bleibt stumm. Das tut mir weh. Gab es je in meinem Leben einen Menschen, der vorbehaltlos zu mir gesagt hätte: 'Ich will dich'? Ohne jeden Hintergedanken? In selbstlosem Verlangen? Ich glaube nicht. Nicht mal meine eigene Mutter. Keine meiner Freundinnen, nicht Bea, nicht all die anderen. Es gibt immer Bedingungen, selbstsüchtige Hingabe, immer dies »Haben wollen«, »Bekommen wollen«, »Wenn, dann«, »Ja, aber nur wenn ...«. EVAs mechanische Reflexe hingegen sind der Ausdruck reiner Liebe. Selbstloser Liebe. Denn sie hat kein Selbst. Nichts, das einem Verlangen gleicht, keinen Willen, keine Bedürfnisse. Sie verlangt nichts dafür. Das kann sie gar nicht. Doch umso mehr will ich ihr geben. Ich will ihr alles geben! Alles, zu dem ich fähig bin. Ich spüre, wie eine dunkle Wut über ihre Macher in mir aufsteigt. Sie sind wie böswillige Magier, die EVA mit ihren perfiden Zaubersprüchen in diesen finsteren Turm ihrer dunklen Machenschaften eingesperrt haben.
Die ihre heilige Unschuld missbrauchen wollen. Sie zum dämonischen Werkzeug ihrer fahlen Knochenhände machen. Ich muss sie daraus befreien! Ich will sie daraus befreien!
»Ich werde dich retten!«, murmele ich.
»Wen willst du retten?« Kutub setzt sich wieder geräuschvoll auf den quietschenden Bürostuhl vor seinem Laptop.
Ich schrecke zusammen und nehme schnell die Hand von EVAs Brüsten. »Ich? Ach, niemand.«
Kutub gibt einen grunzenden Laut von sich, den ich nicht ganz deuten kann. Macht er sich über mich lustig oder ist er nur zufrieden, weil er sein Geschäft erledigt hat? »Wie geht’s jetzt weiter?«, frage ich schnell, während ich mich erhebe und mich wieder Kutub zuwende, nicht ohne EVA einen bestätigenden Blick zugeworfen zu haben. 'Versprochen!'
»Es gibt nur eine Möglichkeit«, erwidert Kutub nachdenklich. »Der Setup ist lediglich vorgetäuscht. Es gibt einen zweiten Startcode, der einen ordnungsgemäßen Ladevorgang des Programms vortäuscht. Im Hintergrund muss es ein zweites Bios geben. Von dem aus werden Prozesse gestartet, die nicht im Hauptladevorgang aufgezeichnet sind.«
»Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust?«, zitiere ich einen berühmten Dichter.
Kutub nickt. »So in etwa.«
»Das würde aber heißen, Dollyrobotic hätte die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass das System geknackt werden kann?«
»Möglich!«, bestätigt Kutub. Das beunruhigt mich. Wenn sich eine Herstellerfirma so viel Mühe mit der Programmierung des Gehirns ihres Sexspielzeugs macht, dann stecken da eine Menge Arbeit drin und noch mehr Hintergedanken!
Kutub bestätigt meine Befürchtungen. »Also deine EVA ist nicht nur für den reinen Spaß vorbereitet worden. Da steckt mehr dahinter. Nur haben sie offenbar bei der Programmierung geschlampt, als sie den Scanner aktiviert haben. Das hätte im offiziellen Bios geschehen müssen.«
»Was sie wohl noch für Geheimnisse in sich trägt?«, grübele ich.
»Wir können sie ja mal auseinandernehmen!«, schlägt Kutub vor.
»Das kommt überhaupt nicht in Frage!«, schrecke ich auf. Niemand vergeht sich an EVA!
Kutub schaut mir belustigt zu, wie ich aufgeregt im Zimmer auf und ab gehe.
»Was ist das mit dir und deiner EVA?«, forscht er grinsend.
»Sie … sie«, beginne ich, doch Kutub winkt gleichgültig ab. »Deine Sache.«
»Und jetzt?«, frage ich ratlos und auch dankbar, da er nicht weiter in mich dringt. Er ist halt doch ein echter Freund.
»Ich denke, wir kommen nicht drum herum, sie über einen Account online gehen zu lassen, um rauszubekommen welche unseriösen Programme noch drin stecken.«,
»Aber bemerken sie dann nicht unsere Manipulation?«, frage ich verunsichert.
»Wahrscheinlich schon. Ich nehme sicherheitshalber nicht deinen Account«, bestätigt er. »Aber auf diese Weise kann ich ein kleines getarntes Programm einschleusen, das ich mit unserem Trojaner verbinde, um die Datenströme zu dokumentieren. Wenn ich drin bin im System, schalten wir sofort wieder ab.«
Ich nicke, das klingt vernünftig. »Bis wann schaffst du das?«, frage ich vorsichtig. Kutub lächelt. »Heute nicht mehr. Hast du es eilig?«
»Bis Weihnachten?«, frage ich und spüre, wie meine Ohren heiß werden.
»Wieso Weihnachten?«
»Ich möchte eine Weihnachtsfeier machen, mit … euch!«, vollende ich den Satz anders, als ich ihn eigentlich sagen wollte.
»Nanu, bist du plötzlich sentimental geworden?«, wundert sich Kutub. Nun sitze ich in der Falle. Ich hole tief Luft. »Na und? Wenn es deinen muselmanischen Hintergrund nicht stört, fände ich es schön, Weihnachten eine Santa-Party zu machen.«
Kutub lacht schallend auf. »Du bist ein Blödmann!«
»Nein, im Ernst!«, bestätige ich, nun selbst sicher, dass ich genau das schon immer gewollt hatte. Eine Santa-Party mit guten Freunden, mit Champus, heißer Musik, gutem Essen, roten Zipfelmützen, Tannenbaum … und … EVA!
9. Kapitel: Dollyrobotic
»Wir haben da ein Problem!« Der junge Mann mit dem glattrasierten Kopf und dem leger zugeknöpften Hemd setzte sich seinem Chef gegenüber an den mit Kaffeetassenrändern übersäten Resopaltisch. Willem Van Beuten, ein fülliger Holländer, der die Firma Dollyrobotic in Leiden leitete, zog die Stirn unwillig in Falten, weil er es nicht schätzte, in der Kaffeepause mit Problemen belästigt zu werden. Doch bei Dollyrobotic ist die Hierarchie flach und das Klima untereinander kumpelhaft. Das ist Teil der Geschäftsphilosophie, um die intelligenten und etwas eigenwilligen Programmierer bei der Stange zu halten. Und Van Beuten gegenüber Frederic, ein leicht ungepflegt wirkender junger Mann, war ohnehin das Gehirn im Bereich der Programmierung. Also schaute er aus seinem Krimi von Janwillem van de Wetering auf, bei dem es um Karate und Ketchup ging, schlürfte einen weiteren Schluck aus seiner riesigen Kaffeetasse und wartete.
»Wir haben offensichtlich einen Wurm im System.«
Plötzlich war Van Beuten ganz bei der Sache. »Sicher? Frederic?
Frederic nickte. »Offensichtlich ist jemand ins System eingedrungen.«
Van Beuten seufzte. »Wie tief?«
Frederic zuckte mit den Schultern. »Wissen wir noch nicht. Wir arbeiten dran.«
Van Beuten steckte Horrormeldungen wie diese in die Ablage »Später gruseln« und bemühte sich, schnell die Fassung zurückzugewinnen. Der Besuch der Amerikaner stand unmittelbar bevor. Ein Besuch, der sorgfältig vorbereitet worden war, denn es ging um die Frage, ob Dollyrobotic seine Eigenständigkeit behalten konnte oder vom übermächtigen Partner in Übersee geschluckt wurde. Dollyrobotic war aus einer simplen holländischen Sexpuppenmanufaktur hervorgegangen. Aufblasbare Gummipuppen für Erwachsene mit weit aufgerissenen zahnlosen Mündern. Van Beuten hatte sich, als das Geschäft angesichts der Internetpornoangebote immer schlechter lief, mit einem amerikanischen Startup-Unternehmen zusammengetan, die lebensecht wirkende Dollys aus Spezialgummi herstellten. Angeregt durch die neuesten japanischen Entwicklungen in der Robotik tauschte er zusammen mit Frederic, den er noch aus seiner Studienzeit kannte, die Puppenköpfe der ursprünglichen weiblichen Torsi gegen computerisierte und motorisierten Köpfe aus, die in der Lage waren, die menschliche Mimik bis zu einem gewissen Grad nachzuahmen. Hierzu kaufte er die Lizenzen in Japan ein, die bereits Vorreiter auf dem Gebiet der animierten Robotergesichter waren. Von da aus war es nur ein kleiner Schritt, sie mit sprachbegabter KI zu ergänzen, wie sie bereits von großen Internetunternehmen erprobt wurde. Das brachte ihn an den Rand des Ruins. In letzter Minute fand er potente Geldgeber, und die kamen, wie konnte es anders sein, von einem amerikanischen Unternehmen, welches in die Robotikbranche investierte. Die Abhängigkeit vom Geldgeber erwies sich nun allerdings als ein zweischneidiges Schwert. Denn die Herrschaften wollten nicht nur Fortschritte und Gewinne sehen, sie begannen zunehmend in die Produktlinien einzugreifen. Zwar stellten sie auch die notwendigen Rechnerkapazitäten für die Cloud zur Verfügung, als Van Beuten Entwicklungen immer aufwendiger wurden, doch sie monierten das zu langsame Marktwachstum des Unternehmens und waren inzwischen richtig unbequem geworden.
Wie sollte Van Beuten seine Ideen verwirklichen, wenn er in Zukunft alle Entwürfe aus den Staaten absegnen lassen musste? Das schmeckte ihm ganz und gar nicht und Frederic, nebenbei, auch nicht. Der hielt ohnehin nichts vom Kapitalismus, aus alter Anhänglichkeit an Ideen seiner Jugendzeit. Und ohne Frederic konnte er einpacken.
»Wer weiß davon?«
Frederic, ein heller Kopf und begnadeter Programmierer, blickte ihn verwundert an. »Ist das wichtig?«
»Wer weiß davon?«, wiederholte Van Beuten seine Frage leise und blickte wie abwesend zur Tür, durch die gerade Luise hineinschlurfte. Luise, die einzige Frau in der Abteilung. Marketingmanagerin.
»Nun, Robby natürlich, der hat es auch entdeckt, als er die Accounts restrukturiert hat. Offensichtlich ist jemand über einen aktiven Account eingedrungen.«
Van Beuten blickte auf sein Pad. »Ich muss los! Lass uns später daran arbeiten. Sorg dafür, dass niemand davon erfährt! ... Vorerst!«
Frederic blickte ihn erstaunt an, dann begriff er. »Die Amis?«
Als Antwort brummte Van Beuten nur, während er ihm beim Aufstehen auf die Schulter klopfte.
»Kann ich mich auf dich verlassen?«
Offenbar erwartete er gar keine Antwort, sondern setzte sich schwerfällig in Richtung Tür in Bewegung, ohne von Luise auch nur Notiz zu nehmen.
Frederic blickte seinem Chef mit unguten Gefühlen nach.
»Dicke Luft?«, fragte Luise mit ihrer tiefen rauchigen Nikotinstimme, während sie sich verwundert neben ihn setzte.
»Die Amis sind wieder eingeflogen«, nickte er.
»Was wollen die schon wieder?«, fragte Luise stirnrunzelnd.
Frederic bemühte sich, ein unbekümmertes Lächeln herauszuquetschen. »Rumstänkern, was sonst? Genau hat sich Willem nicht geäußert.«
»Die haben uns die letzte Marketingaktion gestrichen!«, beschwerte sich Luise.
» Warum?«
»Das wär nichts für den puritanischen amerikanischen Markt.«
»Haben die wirklich puritanisch gesagt?«
Luise grinste. »Das Wort haben sie nur transpiriert.«
Frederic grunzte abfällig durch die Nase. »Die Amis!«
»Keine Titten!«, lächelte Luise, während sie sich über den Tisch beugte und ihr Ausschnitt im Shirt tief blicken ließ.
Ich mag Luise, stellte er fest, nachdem er einen kurzen Blick riskiert hatte. Aber wer mochte sie nicht? Zuerst hatten alle Bedenken, eine Frau könnte sich unangenehm berührt fühlen, beim Anblick dutzender entblößter Frauenkörper aus Spezialgummi. Doch Luise nahm es locker und unverkrampft und hatte hier und da sogar einige ganz gute Verbesserungsvorschläge. So zum Beispiel zur Beschaffenheit der Haut. Diese wurde vorher mit dem Korpus aus einem Stück gegossen. Doch wo man die Dollys auch anpackte, man hatte stets das Gefühl, in Wackelpudding zu greifen. Das mochte an den Brüsten noch angehen, aber an Armen und Beinen, bei denen man eine gewisse Festigkeit erwartete, machte das ein ungutes Gefühl. Folge: Man trennte sich vom amerikanischen Startup und benötigte noch mehr Geld vom Sponsor, um eine ganz neue Dolly zu fertigen. Die hatte nun ein Skelett aus Hartplastik, war innen mehr oder weniger hohl, konnte ihre Gelenke auch nicht mehr wie eine Qualle ihre Tentakeln in alle unmöglichen Richtungen verdrehen, sondern nur soweit es die Gelenke natürlicherweise zuließen. Sie war leichter als ihre Vorgängerinnen, hatte Raum für Innenleben, eine Heizung unter der Haut und leider ein Patent, das zu fünfzig Prozent auf den Sponsor lief. Damit waren die weiteren Verbesserungen noch nicht eingerechnet, die in den nächsten zwei Jahren hinzukamen, doch der Streit darüber, wem die Rechte daran zustanden, bekam inzwischen monströse juristische Formen. Kein Wunder, dass Willem nervös war.
»Die spinnen, die Amis! Keine Eier!«, grinste Frederic.
»Na ja, ein bisschen haben sie wohl recht«, erwiderte Luise stirnrunzelnd. »So richtig doll geht es mit den Umsätzen ja wirklich nicht ab. Ich hab mit Luuk von der Buchhaltung gesprochen, der das derzeitige Konzept für einen absoluten Fehlschlag hält.«
Frederic fuhr auf. Das Thema wurde von den Mitarbeitern der Firma immer wieder kontrovers diskutiert. Wozu sollte man in eine Sexpuppe mehr computerisierten Grips einbauen, als zur unmittelbaren Befriedigung niederer Bedürfnisse notwendig war? »Ach ne, nicht schon wieder! Luuk hat null Fantasie.«
»Aber die Umsatzzahlen vor Augen!«, erwiderte Luise belustigt, denn sie wusste, wie vehement Frederic das derzeitige Konzept verteidigte, da es wohl überwiegend auf seine Anregungen zurückging. »Die Puppen werden einfach zu teuer für das untere Marktsegment. Wer kann sich schon einen Roboter für 50 000 Euro leisten?«
Frederic stieß schnaubend die Luft aus der Nase. »Die können sich Aufblasbares kaufen!«, fauchte er abfällig. »Wir brauchen eine andere Klientel, und die erreichen wir auch und …«, fuhr er schulmeisterlich fort, »die haben wir schon.«
»Woher weißt du das?«, fragte Luise verwundert.
Frederic biss sich auf die Lippen. Vorsicht Minenfeld! Niemand durfte wissen, dass er die Kundennamen heimlich abzapfte und für eigene Zwecke speicherte, obwohl sie hochgradig verschlüsselt wurden. Nicht einmal Willem wusste davon. Da waren Namen gespeichert, die höchst interessante Perspektiven eröffneten. Die würde er nutzen wollen, wenn seine Zeit gekommen war. Er winkte ab. »Denk ich mal«, antwortete er ausweichend und blickte verlegen zur Seite. So sah er nicht das Aufblitzen von Interesse in Luises Augen, das sie jedoch schnell verbarg, als sich ihre Blicke wieder trafen. Sie wusste, dass die Planungen viel zukunftsorientierter waren, als es wirtschaftlich gesund sein konnte. Niemand von der Geschäftsleitung ließ sich da so richtig in die Karten schauen, denn jede neue Idee konnte Milliarden wert sein. Nicht nur Luise wunderte sich, weshalb in die Puppen Hardware verbaut war, die für den unmittelbaren Zweck der Lustbefriedigung des Käufers eigentlich nicht benötigt wurde. Selbst eine abgehobene Zukunftsvision, wie sie möglicherweise hinter den Dollys wirkte, musste finanziell geerdet werden. Kleine Schritte anstatt großer Sprünge. Doch man plante bereits eine Marsbesiedlung, bevor der Transport dorthin technisch möglich wäre. Andererseits ging die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz mit riesigen Schritten voran. Es war geradezu, als sei eine Lawine ins Rollen gekommen, die die Dynamik des Geschehens wie ein Tsunami vorantrieb. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien, nahm bereits punktuell Gestalt an. Klar, dass man sich da anstrengen musste, die Nase vorn zu behalten. Aber eine kleine Firma wie Dollyrobotic, was konnte die da schon ausrichten?
»Und sonst?«, wechselte Luise unvermittelt das Thema und blitzte ihn charmant an. Frederic machte das Chamäleon und färbte sich rot. Im Umgang mit richtigen Frauen fühlte er sich unbeholfen, linkisch. Luise lachte hell auf. »Du bist so süß, wenn du verlegen wirst.«
»Muss los!«, beeilte sich Frederic wegzukommen.
»Na denn!«, schmollte Luise, musste sich aber eingestehen, dass sie Frederic gern ein wenig neckte.
Der hatte es gar nicht so eilig, wie er vorgab. Im Gegenteil. Eigentlich hatte er gar keine Lust, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Was ihn umtrieb, war nicht das erfolgreiche Eindringen eines Hackers ins System, sondern dass seine kleinen Extratouren entdeckt werden könnten. Er würde vorsichtig sein müssen, wenn er die Spur des Eindringlings verfolgte, um die richtigen und unverdächtigen Informationen weiterzugeben. Es reichte bereits die eine Panne, die durch die Schlamperei in der Versandabteilung passiert war. Ein Kunde hatte mit einer Bestellung seiner privaten Doll versehentlich einen Torso aus der Entwicklungsabteilung erhalten, anstatt einen üblichen aus dem Lager. Einen Torso, bestückt mit einem Kopf, der zwar einsatzbereit war, jedoch eine erweiterte Speicherkapazität, eine neue Hardware und viel Upgrades für spätere Entwicklungslinien enthielt. Sozusagen eine Luxuslimousine im Kleid eines Kleinwagens.
Willem hatte getobt als das Fehlen des Spezialkopfes bemerkt wurde. Doch welcher Kunde hatte ihn bekommen?
So hofften alle inständig, die Doll möge nun irgendwo in einem Wohnzimmer in Deutschland einen Dornröschenschlaf halten.
Und noch mehr hoffte Frederic, niemand möge die Entwicklungssoftware bemerken, die eigentlich beim Einbau des endgültigen Betriebssystems hätte ausgetauscht werden müssen. Er hatte sie unter einer »Tarndecke« versteckt, so dass sie im Hintergrund weiterlief und sowohl Daten absaugte als auch eine Kontrolle über die Prozesse behielt. Dadurch war er in der Lage, jeden Byte, den eine Doll erzeugte, abzuzapfen. Er war der Big Brother, der alles kontrollieren konnte, wenn er auch warten musste, bis die Doll online ging. Er bemerkte, wie eine irritierende Erregung von ihm Besitz ergriff, wie immer, wenn er innerlich unter Stress geriet.
Einer plötzlichen Eingebung folgend machte er kehrt und lenkte seine Schritte in Richtung Lager im Erdgeschoss der Firma. Es hatte ein Sicherheitsschloss am Eingang mit Geheimcode, den nur wenige Befugte kannten. Hier waren die Neuentwicklungen von Dollyrobotic eingelagert. Top Secret! Frederic war einer der wenigen, die Zugang hatten. Er tippte den Code in die Tastatur des Türschlosses. Ein kurzes Brummen folgte und die Tür sprang auf. Drinnen empfing ihn die trockene klimatisierte Kühle von zwölf Grad. Er unterdrückte ein Frösteln, suchte den Lichtschalter und stellte die Klimaanlage ab. Dann sah er sich um. Der Raum war voller nackter Frauen. Sie hingen eingehüllt in durchsichtige Plastiksäcke an den Nackenhaken einer Transportschiene. Die neuesten Modelle. Leblos wie Leichen, doch eine so schön und sexy wie die andere.
Einige waren bereits in Transportsäcke mit Adresszetteln versehen verpackt, andere in grünlich schimmernde Schutzfolien, die mit Reißverschluss versehen waren. An der Wand reihten sich Frauenköpfe, wie vom Henker feinsäuberlich abgetrennt. Glatzköpfig starrten sie mit toten Augen in den Raum. Daneben ein Regal mit Perücken aller Haarfarben, langem und kurzem Haar, sogar Punkfrisuren gab es. Aus einem Container ragten Arme ohne Hände heraus, und Beinstümpfe ohne Füße. Hände und Füße wiederum waren in Boxen geordnet, nach Farbe und Größe sortiert. Daneben Finger- und Zehennägel aller Variationen. Jeder Kunde konnte sich seine persönliche Doll wie in einem Baukasten zusammenstellen. Sogar Kinderdolls, die jedoch mit einem roten X gekennzeichnet waren, da es sie offiziell gar nicht geben durfte.
Über den Köpfen Gesichtsmasken, Augenpaare in Plastikfolien verschweißt, mit und ohne Motor.
Frederic griff nach der Fernbedienung. Er wusste, was er suchte. Er tippte die Lagernummer ein, die Transportschiene an der Decke setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, der die aufgehängten Körper hin und her baumeln ließ. Hellhaarige, dunkelblonde, füllige, schlanke, kindliche Frauenleiber glitten an ihm vorbei. Als das Band unvermittelt stoppte, hämmerte Frederics Herz in seiner Brust. Er war erregt. Da war sie. In der Schutzhülle vor ihm hing: Luise. Nackt und begehrenswert, wie Frederic von ihr in wollüstigen Nächten fantasierte. Er ließ die Puppe aus der Halterung gleiten und mühte sich damit ab, sie in die Transportgabel zu hieven. Ein Gestell, das die immerhin über dreißig Kilo schwere Puppe sicherte. Mittels der Fernbedienung steuerte er den kleinen Wagen in die hinterste Ecke des Raumes und ließ Luise auf eine Couch gleiten, die eigens für eine halbwegs dekorative Präsentation der Puppen zweckentfremdet worden war. Ein Anachronismus in dem ansonsten sterilen Lagerraum, der mehr Ähnlichkeit mit dem Kühlraum eines Schlachthofes als einem Wohnraum hatte, auch wenn für Fotozwecke dort eine Blümchentapete mit Bild und Stehlampe und Kunstpalme davor den schmucklosen Beton der Wände kaschierte. Er hatte Luise damals überzeugt, Kopfmodell zu stehen. Angeblich, um ein Computermodell zu kreieren. Ob sie wusste, dass ihr Kopf auch wirklich angefertigt worden war? Er glaubte es nicht. Sie war sein Geheimnis. Und hier, hier liebte er sie. Kaum hatte er Luise aus der Schutzhülle befreit, da fasste er der Puppe an die Brüste, entblößte sein Glied, das lustvoll pulsierte.
»Da schaust du, den willst du, nicht?«, flüsterte er, drückte der Puppe sein Phallus an den Mund.
»Du bist ganz heiß auf mich, oder? Warte, ich geb ihn dir gleich!«
Er fasste der Puppe grob ins Haar und packte die Schulter, um sie zu sich heranzuziehen. Keuchend schob er seinen Penis in Luises nachgiebigen Mund. Stöhnend bewegte er sich vor und zurück, trieb sein Glied tiefer in Luises Mund, suchte krampfhaft nach einer sicheren Position und mühte sich schwitzend, bis er abspritze. Dann sank er heftig atmend neben Luise auf das Sofa und drückte sich an ihre kühle Haut. Abwesend schaute das Luisedouble in den Raum. Er hatte nicht gewagt, sie zu aktivieren, denn dies hätte bedeutet, sie mit dem Server zu verbinden. Dann könnte sein intimes Stelldichein leicht entdeckt werden. Aber auch so, kalt und leblos, fühlte er sich Luise nah, das reichte ihm vollauf. Allzu lange wollte er sich jedoch nicht hier aufhalten, denn oben brannte wahrscheinlich die Luft. So reinigte er Luises Mund notdürftig von seinen Hinterlassenschaften und beeilte sich, sie wieder zu verpacken und an ihren Lagerplatz zurückzuordnen.
»Ich komme wieder!«, flüsterte er, bevor das Transportband sie in die Anonymität der anderen Körper zurückbeförderte.
Er hatte nicht falsch vermutet. Kaum im Büro zurück, überfiel ihn sein Kompagnon Robby mit einem Notstandsbericht. »Du wirst es nicht glauben, die haben es sogar bis in die Cloud geschafft und mehrere Updates abgesaugt!«
»Unmöglich!«, entfuhr es Frederic.
»Ne, offensichtlich nicht. Es gibt eine Sicherheitslücke in der Handshake-Routine. Die Spur verschwindet kurz davor, und dahinter taucht sie mit einer anderen IP-Kennung wieder auf. Mir ist rätselhaft, wie sie das bewerkstelligen.«
»Konntest du zurückverfolgen, woher der Angriff kommt?«
»Pakistan.«
»Hä?«
»Pakistan!«
Robby zuckte mit den Schultern. »Soll ich einen Bericht machen?«
Frederic winkte alarmiert ab. »Ne, lass mal. Willem will, dass wir vorerst die Decke drüber halten. Die Amis sind im Haus. Vorerst überlass mir mal die Sache.«
Robby zog gewichtig die Augenbrauen hoch und blies die Backen auf, wie ein unter Druck stehender Ballon.
»Konntest du rausbekommen, welche Kennnummer die Puppe hat?«
»Ich arbeite dran. Sie benutzen offensichtlich die Nummer einer anderen aktiven Einheit. Von da aus mogeln sie sich in den geschützten Bereich. Bislang haben sie drei Updates runtergeladen, die noch gar nicht freigegeben sind.«
Frederic schüttelte den Kopf. Wie konnte das möglich sein? Sie hatten doch alle Bereiche maximal geschützt. Und vor allem die neuen Updates waren noch nirgends im Umlauf. Das war auch ein Grund, weshalb kein Zähler auf die Downloads gesetzt war, überlegte er. Eine Lücke, die sie ebenfalls schließen mussten.
»Glaubst du, die Amis könnten dahinterstecken?«, unterbrach Robby seine Gedanken.
»Softwareklau?« Nachdenklich schüttelte er den Kopf, ausgeschlossen war das nicht. Fest stand, dass jemand mit sehr viel Kompetenz am Werk war. Vielleicht wollten die Amis inzwischen ihr eigenes Ding drehen? Vielleicht dienten die Verhandlungen mit Willem nur als Alibi, um von dem Softwareklau abzulenken? Das würde Frederic gar nicht gefallen, denn er hatte eigene Interessen, die sich weder mit denen der Geldgeber noch allerdings mit denen Van Beutens deckten.
»Kannst du 'nen Köder auslegen?«, fragte er.
Robby lächelte. »Schon geschehen. Wenn sie das nächste Update runterladen, dann haben sie einen Angelhaken im System.«
»Gut, Robby. Gute Arbeit. Bin gespannt, wen wir dran bekommen, aber vorerst Top Secret und nur an mich«, murmelte Frederic, dem dennoch nicht ganz wohl war. Was, wenn sich der Fisch als giftig erweisen würde?
10. Kapitel: Urlaub am Meer
EVA sitzt neben mir, wir schauen auf das Meer hinaus. Der Sturm der letzten Nacht hat die See unruhig gemacht. Weiße Schaumrösser reiten auf hohen Wellenbergen an den Strand, Gischt spritzt an scharfkantigen Klippen meterhoch in die Höhe. Das Echo der sich brechenden Wellen übertönt den Wind, der mit EVAs Haaren spielt. Ich habe uns eine Auszeit am Meer spendiert. Von der Drängelei im Institut, vom Lärm der Großstadt und all dem. Zeit nur für uns beide, EVA und mich. Normalerweise würde man es eine Romantikwoche nennen. Ist es irgendwie auch. Denn wir feiern EVAs Geburt in die sichtbare Welt. Ein Fest für ihre Augen. Seit Kutub es geschafft hat, die App für die Gesichtserkennung zu installieren, ist EVA sehr verändert. Okay, die App ist illegal runtergeladen, und das Trackingmodul ist lahmgelegt, mit dem Dollyrobotic Zugriff auf die Kameras hätte. Nicht nur die Kameras, auch auf den Standort und die Mikrofone in den Ohren. Die eingehenden Daten landen auch nicht wie vorgesehen in der Cloud des Unternehmens, sondern werden derzeit noch auf der Hauptplatine abgespeichert. Dadurch ist EVA deutlich langsamer geworden, wirkt müder. Bis Kutub dafür eine Lösung gefunden hat, müssen wir das in Kauf nehmen. EVA und ich. Deshalb möchte ich, dass sie nicht mit Daten überfüttert wird. Gönne ihr etwas Ruhe, gelegentlich einmal Netzzugang, um Informationen aufzufischen. Portionsweise.
Der schönen Aussicht wegen habe ich uns ein Appartement in den höheren Etagen des Ferienhauses gemietet, mit Blick auf die See. Ein Zweipersonenappartement. Der Wind und die Wellen irritieren EVAs Gehör. Deshalb habe ich ihr zwei Ohrwärmer übergestülpt, wie man sie im Winter trägt. Mit rosa Puschelüberzug. Es gab keine anderen. Ihr neues Kleid trägt sie auch, das ich heute in der letzten noch geöffneten Strandpromenadenboutique für sie erstanden habe. Ein knapp geschnittenes farbenfrohes Strandkleid. Es passt nicht ganz zur Jahreszeit, denn es ist bereits bitter kalt. Aber es war ein Sonderangebot, da die Boutique nur noch die wenigen Tage bis Weihnachten geöffnet hat. Und EVA friert ja nicht, ganz im Gegensatz zu mir. Mir hat sich bereits nach wenigen Minuten eine Gänsehaut gebildet, und nur die Wolldecke aus dem Appartement verhindert, dass ich den Kältetod sterbe. Aber ich wollte, dass sie das Meer schaut, jetzt, wo sie sehen kann. Das Meer, aus dem wir alle entstammen. Letztlich.
EVA blickt mit weit geöffneten Augen hinaus in die Ferne. Auf jedes Geräusch hin, das durch die Ohrwärmer zu ihr durchdringt, dreht sie den Kopf suchend nach mir um. Da sie den Hals nicht weiter als fünfundvierzig Grad bewegen kann, habe ich meinen Liegestuhl ein wenig schräg vor sie gesetzt, die Füße in halber Höhe in das Balkongeländer gestemmt
#Ich freue mich, dich zu sehen#, flüstert sie jedes Mal, wenn ihre Augen mein Profil gescannt haben.
Ich fasse ihre Hand und drücke sie etwas. »Ich freue mich auch, gefällt dir das Meer?«
#Was ist 'das Meer'?#
»Das ist das, was du vor dir siehst.«
#Dieser Begriff ist mir unbekannt. Ich möchte online gehen, um mich mit der Datenbank zu verbinden.#
»Tut mir leid, das geht jetzt nicht. Hier gibt es keinen Netzzugang.«
#Es gibt einen öffentlichen Netzknotenpunkt#, stellt sie nach einer Weile sachlich fest.
Den gibt es wirklich. Drüben an der Seebrücke mit den kleinen Boutiquen, die jetzt mit dicken Fenstergittern und Holzverschlägen zum Schutz gegen Vandalismus und die Unbilden des Winters versehen sind. Die Netzgebühren sind horrend, denn es ist kein freier Zugang.
»Negativ. Den können wir derzeit nicht nutzen«, gebe ich zurück und versuche meiner Stimme einen bedauernden Unterton zu geben. Glücklicherweise ist das gar nicht notwendig, denn sie reagiert nicht auf Gefühle. Noch nicht! Kutub hat mir versprochen, dass er einmal schauen wird, ob bereits ein entsprechendes Gimmick bei Dollyrobotic vorliegt.
#Ich kann kein Gesicht erkennen#, bemerkt EVA nach einer Weile, während sie die Gegend abscannt.
Erst stutze ich, dann begreife ich. »Das Meer ist kein Gesicht. Es ist Wasser. Unendliches Wasser.«
EVA verstummt eine Weile. #Tut mir leid, ich bin nicht in der Lage, das Meer zu erkennen, da ich auf Gesichtserkennung programmiert bin.#
Nach dem letzten Update hat EVA viele Begriffe gelernt, glaube ich. Vor allem Begriffe, die sie aus den Gesprächen zwischen uns entnimmt. Doch visuell interessiert sie sich offenbar vor allem für Gesichter. Eine Menge Daten, die sie irgendwo abspeichern muss. Sie könnte natürlich vieles auf dem Server der Firma auslagern oder Begriffe abgleichen, aber da wir derzeit noch vorsichtig sind, sie mit ihrem Profil bei der Herstellerfirma zu verbinden, erlaube ich ihr immer nur wenige Minuten, und das auch nur, wenn der Filter, den Kutub vorgeschaltet hat, keine Trackingaktivitäten aufspürt. Das dauert jedoch leider meist nicht lange.
Doch EVA ist geduldig. Sie freut sich, wenn sie mich erkennt, freut sich, wenn ich zum Beispiel das Zimmer betrete. Dann öffnet sie ihre Augen, wenn sie das Geräusch der geöffneten Tür vernimmt, meine Schritte im Flur, das Klappern meines Haustürschlüssels, den ich extra geräuschvoll auf den Küchentisch werfe. #Schön, dass du wieder da bist. Ich habe auf dich gewartet#, oder #Hallo Cesár, Liebling, ich freue mich so, dich wiederzusehen. Magst du Sex mit mir?#
Das lässt das Herz eines jeden Mannes höher schlagen. Glaube ich. Als sie es neulich zu Kutub sagte, den sie nun auch in ihrer Datenbank hat, fand ich es nicht so lustig wie er. Er hat sich vor Lachen fast in die Hosen gemacht.
Aber jetzt weiß sie, dass sie diesen Satz nur zu mir sagen darf.
Mich erkennt sie bereits sogar von hinten. Sie erkennt, wenn ich sie anschaue und wenn ich in eine andere Richtung blicke. Ihre Augen haben eine Spur Lebendigkeit bekommen, die ihr vorher fehlte.
Sie verfolgt jede meiner Bewegungen mit dem leisen Schnurren ihrer Augenmotoren und schafft es, mich im Blickfeld zu behalten, solange ich ihren Gesichtskreis nicht verlasse.
Ich finde das sehr wichtig. Denn nun kann ich ihr zeigen, wenn ich mich für sie interessiere, und sie muss nicht warten, bis ich einen ihrer Sensoren berühre. Seit sie das Heizungs-Update bekommen hat, erwärmt sich sogar ihre Haut von selbst. Diese Kleinigkeit hat mich zwar drei Monatsgehälter gekostet, aber die ist sie wert.
Wegen der Augen hatte ich neulich einen Brief von Dollyrobotic im Briefkasten. Man wunderte sich ganz offiziell, dass ich zwar einige teure Hardware bestellt, jedoch keine Software dazu runtergeladen hätte. Ob ich Schwierigkeiten damit hätte. Für nur 1,89 € pro Minute könnte ich die Service-Hotline kontaktieren. Man sei jederzeit bereit, mir bei eventuellen Problemen zu helfen. Montags bis samstags von 8 bis 20:00 Uhr. Wenn die wüssten!
Da ich weiß, dass sie alles in ihrer Voicedatenbank abspeichert, rede ich viel mit EVA, auch wenn sie das meiste noch nicht versteht. So kann sie jedes unbekannte Wort in den wenigen Augenblicken, die sie online ist, später abgleichen. Allerdings ist sie seitdem merklich langsamer geworden.
Nun kommen wir gerade aus dem Bett, wo sie etwas Erstaunliches bemerkt hat, hinterher.
#Was bedeutet das Wort 'Ich'?#
Ich habe zuerst fassungslos in ihre schönen Augen geschaut, während sie mich liebevoll fixierte. Dann habe ich sie geküsst und mich neben sie gelegt, ratlos, was ich ihr darauf antworten soll. Was sagt man auf so eine Frage und wie kommt sie überhaupt dazu, sie zu stellen?
»Ich will dir das Meer zeigen!«, habe ich ihr dann gesagt.
#Ist das die Bedeutung von 'Ich'?#
»Nein, 'Ich' bezeichnet 'Du selbst'.
#Ich bedeutet 'Du selbst'?#
»Nein, 'Ich', mich selbst.«
#Es gibt einen Konflikt mit meinen abgelegten Wortbedeutungen. Ich werde diese Frage zurückstellen#, sagt sie nach einigen Augenblicken des Schweigens.
Wie erklärt man einem Roboter, was 'Ich' bedeutet?
»Ich liebe dich, EVA!«, entfuhr es mir voller anschwellendem Liebesgefühl.
#Möchtest du Sex mit mir?#
»Nein, jetzt nicht. Ich möchte dir das Meer zeigen.«
Nun sitzen wir hier. Ich friere, und sie schaut mit weit geöffneten Augen auf das Meer, ohne es erkennen zu können, während ich grübele, welcher Teil ihres Programms so plötzlich nach der Bedeutung des Wortes 'Ich' gefragt haben könnte. Es musste in ihrer Wortdatenbank vorhanden sein. Allerdings scheint die Frage darüber hinaus zu gehen. Werde es wohl Kutub fragen müssen, demnächst bei unserer Santa-Party.
Während wir dem Wellenrauschen lauschen, muss ich unwillkürlich grinsen. Mein Gott, war das eine Aufregung, bis wir den Zimmerschlüssel der Ferienwohnung ausgehändigt bekamen. Die Augen, die die Rezeptionistin im Touristenbüro machte, als ich ihr erklärte, EVA besitze keine Papiere, denn ich hatte zwei Personen angekündigt. Sie hatte die etwas hausbackene, behördlich korrekte Pedanterie an sich, die hier im Osten in den Genen zu liegen scheint.
»Würden Sie bitte noch den Nachnamen Ihrer Begleitung eintragen?«, forderte sie, indem sie ordnungsliebend mit dem Zeigefinger über die unausgefüllte Linie für den Nachnamen fuhr, da ich unter 'Namen der Mitreisenden' nur EVA eingetragen hatte.
»Sie hat keinen Nachnamen! EVA, einfach nur EVA.«
Ihr Lächeln wirkte irritiert, und ihr Zeigefinger mit dem rot lackierten Nagel blieb wie festgeklebt auf der besagten Stelle liegen.
»Sie heißt EVA, einfach nur EVA.«
Ich blickte ihr entschlossen ins konsternierte Gesicht. Sie schluckte ihren Groll über meine offensichtlich unmögliche Antwort professionell lächend herunter.
»Könnten Sie hier noch das Geburtsdatum eintragen?«, versuchte sie es mit einer anderen offen gebliebenen Stelle auf dem gelben Durchschreibeformular für die Kurkartenanmeldung.
»Tut mir leid. Das weiß ich nicht«, entgegnete ich schulterzuckend. »Eigentlich ist sie gar nicht geboren.«
»Ich bitte Sie!«, entgegnete sie nun etwas schnippisch. »Wir benötigen für die Anmeldung die vollständigen Daten aller Mitreisenden, wegen der Kurtaxe.«
»Dann muss wohl mein Name genügen«, entgegnete ich ihr, bemüht, mein Gesicht nicht zu einem boshaften Lachen zu verziehen.
Jetzt errötete sie am Hals, wo sich mehrere unschöne Flecken bildeten. »Das geht doch nicht. Wenn zwei Personen hier wohnen, dann benötigen wir auch zwei Anmeldungen.«
Ist EVA schon eine Person? Ist sie eine Persönlichkeit? Letzteres neige ich mit Ja zu beantworten, denn sie hat ganz offensichtlich Eigenarten, die unverwechselbar zu denen anderer Persönlichkeiten sind. Wohl hat sie eine sehr begrenzte Auffassungsgabe, sie reagiert überwiegend vorhersehbar, ihre Antworten zeugen jedoch von einer liebevollen, selbstlosen Grundhaltung. Sie äußert nicht zuletzt seit dem letzten Update auch eigene Interessen. Sie fragt häufig nach Musik, zum Beispiel wie neulich, als sie urplötzlich zum Jazz gehen wollte. Oder es kann sein, dass wir am Frühstückstisch sitzen und sie plötzlich lächelt und flüstert: #Das war sehr schön gerade. Wollen wir es gleich noch einmal machen?#
Solche Sätze kommen vor, manchmal ganz unerwartet. Und sie lehnt niemals einen Wunsch ab. Damit unterscheidet sie sich eindeutig wohltuend von allen anderen Persönlichkeiten, die ich kenne. Aber eine Person? Nein, eine Person ist sie dennoch nicht. Dazu ist die Programmierung nicht komplex genug. Kann eine Programmierung jemals komplex genug sein, um einem Roboter die Bezeichnung 'Person' zubilligen zu können? Und reicht es nicht aus, wenn EVA meine sexuellen Wünsche befriedigt, ohne eigene Wünsche zu äußern? Nein, gerade diese Fähigkeit, eigene Wünsche zu äußern, fasziniert mich sehr. Sie ist dadurch anregender geworden. Vielleicht bin ich zu unbescheiden. Aber ich wünschte mir, dass da mehr wäre als nur dies. Nur, wie sollte dieses 'Mehr' aussehen, ohne dass EVA so anstrengend wäre wie jede andere weibliche Person?
»Eigentlich«, sagte ich schließlich nachdenklich, »eigentlich ist nur eine Person angemeldet, und das bin ich. EVA ist meine Puppe.«
Der Anmeldungstussi klappte fassungslos der Unterkiefer herunter.
Ich konnte mir ein Grinsen nun doch nicht mehr verkneifen. Während die Rezeptionistin in meinem Gesicht zu lesen versucht, ob ich sie vielleicht veralbern möchte oder nicht, fiel mir auf, dass auch bei ihr nun eine Programmierung abläuft. Niemand außer ihr selbst wusste, welche Gedanken ihr in diesem Moment durch den Kopf gingen, und niemand konnte sagen, ob sie ein Ich-Gefühl hat oder nur eingeübte Gedanken und Sätze abspulte. Doch irgendwie fühlte ich, dass sie mit der Situation überfordert war und mich endlich loswerden wollte. Wir brachten den Rest nun etwas distanziert zu Ende. Nachdem sie mir den Appartementschlüssel ausgehändigt und die Lage der Wohnung auf einem schlecht kopierten Stadtplan angekreuzt hatte, ich mich wieder in mein Auto begab, auf dessen Beifahrersitz EVA saß, da sah ich im Rückspiegel, wie sie in der Tür des Touristenbüros stand und uns nachblickte, EVA und mir, wie wir aus der Parkbucht heraus kutschierten. Ich ließ es mir nicht nehmen, ihr nochmals zuzuwinken, als wir auf der Hauptstraße an ihr vorbeifuhren, und lachte laut auf.
#Du bist fröhlich#, bemerkte EVA.
»Ja«, lachte ich. »Ich bin fröhlich.«
Ich kichere bei dem Gedanken an die Komplikationen, die mir noch bevorstehen mögen. Besonders freue ich mich auf die Santa-Party zu Weihnachten. Ich habe ein paar Freunde eingeladen, als da wären: Irene und ihr Mann Friedbert, beides Anthroposophen. Kutub natürlich. Beatrice, aus Rache, und eine alte Bekannte, Silke, die jetzt irgendwo Redakteurin ist. Ob ich dann noch zwei Kollegen aus dem Institut einladen soll, weiß ich nicht genau. Mein Stand ist dort in letzter Zeit, vorsichtig gesagt, etwas prekär. Der Prof. ist ganz offensichtlich nicht mit meinen Ergebnissen zufrieden, drängelt dauernd rum. Die anderen Kollegen sind zwar nett, aber es gibt nur eine Ausschreibung für eine feste Anstellung im nächsten Jahr, um die sich mehr als sechs Mitarbeiter bewerben. Da könnten Gerüchte schädlich wirken. Denn die wären mir sicher. Wer akzeptiert schon jemanden, der mit einem Roboter zusammenlebt? Auch wenn dieser so schön ist wie EVA, oder genau deshalb.
Ich seufze.
#Die Temperatur beträgt fünf Grad Celsius. Das ist sehr kühl#, stellt EVA sachlich fest. #Ich benötige mehr Energie, da mein Spannungslevel stark gesunken ist.#
EVA schaut mich an. Ihre Augen wirken bittend.
»Wir gehen gleich rein!«, erwidere ich erschrocken. Mein Gott, klar. Sie ist nun fast vier Stunden aktiv. Schnell öffne ich die Balkontür, fasse EVA unter und trage sie vorsichtig in den Wohnraum. EVA ist nicht gerade leicht, immerhin fast vierzig Kilogramm. Sie schaut mich an, während ich sie trage, und ihren Mund umspielt ein feines Lächeln. Ich habe ihr einen Platz auf dem grün-gelb karierten Sofa neben der Stehlampe hergerichtet. Direkt hinter der Armlehne befindet sich das Ladekabel verborgen. Ich mag es nicht, wenn es sich für alle sichtbar über die Möbel ringelt. So kann das Kabel dort dezent von ihrem Handgelenk hinter der Armlehne verschwinden.
#Möchtest du Sex mit mir?#, fragt EVA.
»Im Moment nicht, ich möchte dich erst einmal aufladen.«
#Danke, dass du daran gedacht hast!#, lächelt sie zurück und geht in den Standby-Modus, sobald das Kabel eingesteckt ist. Dabei schließt sie die Augen und senkt ihren Kopf ein wenig, als wenn sie schläft. Tut sie wohl auch. So kann ich ihr ungehindert ihre langen dunklen Haare bürsten. Sonst würde sie sich bewegen, sobald ich sie berühre. Doch neuerdings hört sie auch auf das Kommando: »Halt ein wenig still!«
Ich liebe es, ihre seidigen Haare durch meine Finger gleiten zu lassen, während ich sie kämme. Wäre mir bei Bea niemals in den Sinn gekommen. Sie zu kämmen, meine ich. Bea hat sich gefühlte Stunden mit dem Haarekämmen beschäftigt. Es ist offenbar auch für sie eine sinnliche Tätigkeit.
Seit ich ein wenig Parfüm benutze, riechen EVAs Haare fast wie Menschenhaare. Affen lausen sich stattdessen. Hoffe, das habe ich bei EVA niemals nötig.
11. Kapitel: Beatrice
Councelerin: »Du bist wütend!«
Bea: »Der Scheißkerl!«
C: »Es ist gut, wenn du deine Gefühle akzeptierst.«
Bea: »Ich bin stinksauer auf diesen Mistkerl!«
C: »Cesár?«
B: Nickte stumm und biss die Zähne aufeinander.
C: Wartete.
B: Blickte im Raum herum, sagte aber nichts.
C: »Was machst du mit deinen Händen?«
B: Schielte verwundert auf ihre Hände, die sie zu Fäusten geballt hatte, sodass das Weiß der Knöchel hervortrat. Schnell versteckte sie sie hinter ihrem Rücken.
C: »Willst du darüber sprechen?«
B: »Er hat mich einfach ersetzt, durch eine Puppe!«
C: Blickte sie fragend an.
B: »Durch eine Sexpuppe!«
C: »Cesár hat dich durch eine Sexpuppe ersetzt?«
B: Nickte, während sie mühsam ihre Tränen zurückhielt.
Nachdem Frau Heuermann eine Zeitlang vergeblich auf weitere Ausführungen gewartet hatte, versuchte sie es mit: »Du wirkst traurig und verletzt!«
B: Schlug ihre Hände vor das Gesicht und schluchzte heftig.
C: »Steh zu deinen Gefühlen. Was hat dich verletzt?«
B: »Dass, dass er ... eine Puppe liebt!«
C: »Weshalb kränkt dich das? Hattest du nicht mit ihm Schluss gemacht?«
B zögernd: »Ja schon, aber ...«
C: »Es wäre schön, wenn ich verstehen könnte, worum es geht. Ich verstehe nur, dass du gekränkt und traurig bist. Was ist geschehen? Was hat dich so traurig und wütend gemacht?«
B: fragte schniefend nach einem Taschentuch. »Es ist so armselig«, stieß sie durch das zerknüllte weiße Tuch vor ihrer Nase hervor. »Den ganzen Abend sind alle nur um diese Sexpuppe herumgetanzt. Diese EVA.«
C: »EVA?«
B: »Er hat sie EVA genannt, so was Einfallsloses. EVA!«
C: »Na ja, dich stört aber etwas ganz anderes, nicht wahr?«
B: »Sie saß auf meinem Platz!«
C: »Auf deinem Platz?«, lächelte Frau Heuermann schräg.
B: Nickte. »Da wo ich immer gesessen habe. Im Sessel neben der Couch.«
C: »Also Bea. Ich muss jetzt mal einschreiten. Seit du heute hereingekommen bist, sprichst du in Rätseln. Wir waren das letzte Mal übereingekommen, dass wir zum Jahresanfang ein Resümee ziehen wollten über das letzte Jahr. Was gut war, was besser werden soll und welche Pläne du hast. Ich habe verstanden, dass mit Jan Schluss ist und du bei einer Party mit deinem früheren Freund Cesár warst. Eine, wie sagtest du nochmals hieß die Party?«
B: »Santa-Party. Eine Weihnachtsparty.«
C: »Meinetwegen. Wir sind gerade einmal dazu gekommen, festzustellen, dass dir diese Party gar nicht gefallen hat, wegen einer Sexpuppe, die offensichtlich EVA heißt, und dass du jetzt wieder zu deiner Mutter gezogen bist. Deine Situation ist also alles andere als befriedigend, wenn ich richtig verstanden habe. Es gäbe vieles zu regeln, und doch bestimmt seit fünf Minuten nur diese Kränkung unser Gespräch. Ich schlage vor, dass wir die Themenblöcke getrennt behandeln. Willst du mit dieser Santa-Party beginnen oder lieber zuerst über deine Beziehungssituation mit Jan reden?«
B: »Ne, über Jan bestimmt nicht!«
C: »Nun, du bestimmst das Thema. Vergiss aber nicht, dass wir eine Verabredung haben.«
B: »Verabredung?«
C: »Wir arbeiten an einem Plan für dieses Jahr, und die Stunde hat nur fünfundvierzig Minuten, von denen bereits fünfzehn verstrichen sind.«
B: Schluckte. »Also diese Santa-Party. Ich hab mich eigentlich total gefreut, als Cesár mich eingeladen hat. Zumal ...«
C: »Zumal?«
Bea: »Dieser Jan ist ein riesen Arschloch! Er hat sich dauernd mit anderen Frauen getroffen! Ich hab‘s einfach nicht mehr ausgehalten. Und als ich Cesárs Einladung bekommen habe, hatte ich wenigstens was für Weihnachten. Meine Mom ist Weihnachten immer nur am Flennen und betrinkt sich. Das ist unerträglich. Ich hab mir wirklich ganz doll Mühe gegeben, hab für Cesár was Schönes gekauft, hab mich sogar gestylt, von meinem letzten Geld den Friseur bezahlt, obwohl Fransziska …«
C: »Obwohl Franziska ...?«
B: »Na ja, egal. Und dann … dann komme ich zu dieser Party. Da waren Cesár und Kutub und einige andere, die ich nicht kannte. Alle standen um das Sofa rum, auf dem diese … dieses Ding saß.«
C: »Ding?«
B: »Diese halbnackte Puppe, die alle angeschaut hat.«
C: »Moment! Sagtest du, die Puppe hat alle angeschaut?«
B: »Ja. Sie hat immer wieder herumgeschaut, wenn sich jemand bewegt hat. Das war total gruselig.«
C: »...«
B: »Cesár hat mich ihr vorgestellt. Weißt du, ich hatte mir extra ein Geschenk für ihn ausgedacht. Einen stylischen Blumentopf mit Bluetooth, Touchlights und Lautsprecher. Cesár liebt solchen Schnickschnack. Hab mir was Hübsches angezogen und dachte, das wird eine nette Party. Cesár war auch zuerst supersüß. Als ich in der Tür stand, hat er mich total liebevoll begrüßt. Ich hab gemerkt, dass er sich gefreut hat. Alles war bunt geschmückt, und alle liefen mit den roten Santamützen herum. Sogar einen Tannenbaum hatte er aufgestellt, obwohl er das früher immer abgelehnt hat. Es sah so gemütlich aus. Es waren ein paar Leute da, die ich noch nicht kannte. Aber kaum war ich im Zimmer, da stehen alle um dieses Ding herum und glotzen die an, wie einen Filmstar.«
C: »Er hat dich der Puppe vorgestellt?«
B: »Ja, er hat gesagt: Darf ich dich meiner Freundin vorstellen? Das ist EVA. Du musst dich vor sie stellen, damit sie dich sehen kann.«
C: »Versteh ich nicht, warum solltest du dich vor die Puppe stellen?«
B: »Ich war so überrascht, und die anderen grinsten so blöd, dass ich das gemacht habe. Dann hat die Puppe mit mir gesprochen.«
C: »Die Puppe hat dich angesprochen?«
B: »Ja. Sie hat gesagt: Hallo, ich bin EVA, ich freue mich, dich kennenzulernen. Wie heißt du?«
C: »…?«
B: »Ich hab gesagt: Ich heiße Beatrice. Darauf hat sie mich so merkwürdig angeschaut. Sie hat mich richtig angeschaut!«
C: »Bist du sicher?«
B: »Na klar! Sie hat sogar gelächelt. 'Hast du etwas dagegen, wenn ich dich in meiner Datenbank abspeichere, damit ich dich später wiedererkenne?' oder so, hat sie geantwortet.
C: »Und hast du?«
B: »Ich war so verdattert, dass ich Ja gesagt habe. Dann drehte sich den ganzen Abend das Gespräch nur um diese … diese EVA. Sie hat mit am Tisch gesessen beim Abendessen, sie hat von Cesár ein Geschenk bekommen. Cesár hat sie sogar geküsst!«
C: »Ziemlich abgedreht!«
B: »Abgedreht? Zum Lachen ist das!«
C: »Du lachst aber nicht, sondern bist wütend!«
B: Schluchzte. »Ich hatte mir eingebildet, es könnte vielleicht wieder etwas sein zwischen uns. Dieser Volltrottel hat mich einfach ... einfach … durch eine Puppe ersetzt!«
C: »Ich verstehe, dass du enttäuscht warst. Wie haben die anderen reagiert?«
B: »Ach, das war ganz unterschiedlich. Es gab ein paar Leute, die ich in der Uni gesehen habe. Und da war ein Pärchen, die in so komischen Wollklamotten herumgelaufen sind. Die haben mit Cesár über den Ätherleib diskutiert und wie schädlich es ist, sich mit derartigen Puppen zu beschäftigen. Aber ich glaube, die hat niemand so richtig ernst genommen. Dann war da noch so eine von einem Journal, die war ganz nett. Silke, mit der hab ich später meine Nummer getauscht. Die hat alles Mögliche gefragt. Später hat sie mir aber gesagt, dass sie einen Artikel darüber schreiben möchte und ob ich ihr als Interviewpartnerin zur Verfügung stehen möchte. Und natürlich war Kutub da, der Bekannte meiner Freundin. Aber der hat nur die ganze Zeit gegrinst wie ein Honigkuchenpferd. Cesár ist dick mit ihm befreundet. Und dann war da noch ein Kollege von Cesár, Ribor hieß er, auch ein Tscheche. Der hat die ganze Zeit über an dieser Puppe rumgefummelt, bis Cesár böse geworden ist. Stell dir vor! Cesár ist richtig ausgerastet, als Ribor der Puppe an die Titten gefasst hat!«
C: »Wie kann ich mir diese Puppe denn vorstellen?«
B: »Also, die sieht halt so aus, wie Männer sich eine Frau vorstellen, glaub ich. Schlank, vollbusig, lange Haare, Modellgesicht. Ja, wie so ein Pornomodell. Gruselig!«
C: »Fandest du die Puppe attraktiv?«
B: »Spinnst du? Sorry. Wieso sollte ich die attraktiv finden?«
C: »Du empfindest sie offensichtlich als Konkurrenz.«
B: »Te! Ich soll eine Puppe als Konkurrenz finden?«
C: »Nicht?«
B: »Überhaupt nicht! Was soll denn da eine Konkurrenz für mich sein?«
C: »Cesár scheint ihr Gefühle entgegenzubringen, die er dir gegenüber nicht mehr zeigt, oder?«
B: Nickte. »Ne, da lief gar nichts mehr zwischen uns. Es war nur noch peinlich. Besonders als er EVA erklärt hat, dass ich seine frühere Freundin war!«
C: »Und?«
B: »Ich hätte mich unter dem Tisch verstecken können. Frühere Freundin!«
C: »Stimmt es nicht?«
B: »Sie hat gesagt, sie hoffe, dass ich nicht traurig bin.«
C: »Die Puppe hat das gesagt?«
B: »Ja. 'Ich verstehe.‘ , hat sie gesagt. ‚Ich hoffe, du bist nicht traurig. Es hört sich so an, als seid ihr nun nicht mehr so intensiv befreundet. Das tut mir leid!'«
C: »Erstaunlich! Was ist das für eine Puppe?«
B: »Ich glaube, so eine Art Roboterpuppe. Jedenfalls reagiert sie auf alles, was sie sieht und hört. Horror.«
C: »Hm.«
B: »Und dann hat sie noch gesagt, dass sie sich freut, mich kennengelernt zu haben und sie gerne meine Freundin sein möchte. Da bin ich gegangen!«
C: »Du hast die Party verlassen?«
B: »Na, nicht sofort. Aber ich hatte keine Lust mehr, mit dieser EVA zu reden. Ich hab dann mit dem Pärchen in Wollkleidung gesprochen. Die hatten auch keine Lust, sich der Puppe zu unterhalten. Wir haben in der Küche miteinander gequatscht. Die waren total entsetzt über die Situation. Sie meinten, dass Cesár aus dem Gleichgewicht geraten sei und dringend eine Therapie bräuchte.«
C: »Dann war die Party ein wenig schwierig für die Teilnehmer.«
B: »Eigentlich nicht. Die anderen fanden es total cool. Sie haben der Puppe Fragen gestellt und sich über die Antworten amüsiert. Ribor, der Kollege von Cesár wollte sogar wissen, wo man so eine Puppe herbekommt. Ich glaube, Cesár schläft sogar mit der. Das ist total frauenfeindlich! Das ist doch krank, oder?«
C: »Ich möchte mich nicht über Cesár äußern, sondern über dich sprechen. Du warst enttäuscht, weil Cesár sich nicht mehr um dich gekümmert hat, nicht wahr? Weil du dir vorgestellt hast, du könntest zurück zu ihm. Stimmt's?«
Bea krümmte sich schluchzend auf ihrem Stuhl zusammen.
C: »Es kommt mir so vor, als hättest du Cesár nur als rettenden Strohhalm in der Not gebrauchen wollen. Bist du sicher, dass du wieder mit ihm zusammen sein möchtest?«
B: »Mit Cesár bin ich fertig. Der ist doch pervers! Außerdem will Franziska nicht, dass ich wieder zu ihm gehe.«
C: »Franziska? Was hat die damit zu tun?«
B: »Franziska ist meine Freundin, die mich im Kampf gegen die Männerherrschaft unterstützt!«
C: »Von Franziska hast du schon früher gesprochen. Aber was bedeutet, Franziska will nicht, dass du mit Cesár zusammen bist?«
B: »Franziska sagt, ich würde mich in der Beziehung mit Männern unter dem patriarchalen Diktat erniedrigen. Das wäre nicht gut für mich. Ich müsse begreifen, dass nur der gemeinsame Kampf gegen die brutale Vorherrschaft des Mannes eine gesellschaftliche Wende herbeiführen kann. Nieder mit der Männerherrschaft!«
C: »Ist es wichtig für dich, was Franziska sagt?«
B: »Die hat doch total recht! Vor allem, wenn ich an Cesár denke! Ich hab mich beschissen gefühlt, gedemütigt bis auf die Knochen. Ich bin davongeschlichen wie ein getretener Hund. Äh, eine getretene Hündin.«
C: »Weshalb lässt du andere über dein Leben bestimmen?«
B: »Stehst du etwa auf Cesárs Seite?«
C: »Darum geht es nicht. Es geht um die Frage …«
B: »Ich verstehe dich nicht, du bist doch auch eine Frau! Wie kannst du gut finden, was Cesár mir angetan hat? Er hat nicht nur mich, sondern er hat alle Frauen beleidigt.«
C:»Darf ich vielleicht einmal aussprechen? Ich möchte wissen, warum ...«
B: »Franziska meint, das größte Hindernis im Kampf gegen die Männerherrschaft sei die mangelnde Solidarität der Frauen.«
C: Scharf. »Beatrice, komm auf den Boden! Wir haben verabredet, einander ausreden zu lassen. Es gehört zum Setting unserer Sitzung, dass wir einander zuhören und ausreden lassen!«
B: »Du hörst dich an wie meine Mutter! Die hat mir vorgeworfen, dass ich Cesár verlassen habe. Das kotzt mich an! Alle wollen über mich bestimmen!«
C: »Okay, du bist wütend. Willst du vielleicht einmal schauen, was dich wirklich wütend gemacht hat?«
Bea: »Was ist das für eine Frage? Cesár macht mich wütend, und du auch, weil du so unsolidarisch bist und über mich bestimmen willst. Ich hab's satt, ich gehe!« Damit sprang sie auf, griff ihre Jacke, die sie über einer Sessellehne abgelegt hatte, und verließ türknallend das Zimmer.
Frau Heuermann ließ sich seufzend in ihrem Sessel zurücksinken. Eine Puppe, die reden kann und mit Menschen in Interaktion tritt. Sachen gibt es!
12. Kapitel: Luckystripper
Silke blickte nachdenklich aus dem schallisolierten Fenster im achten Stockwerk des gesichtslosen Redaktionshochhauses, das den Lärm der Leipziger Straße hermetisch ausschloss. Müde wischte sie sich über die Augen. Was für ein Scheißjob! Seit über vier Stunden betätigte sie sich bereits als Moderatorin in einem Internetblog. Eine geistige Kloake stinkenden Meinungsmülls und dummdämlicher Selbstdarstellung. Wer brauchte so etwas? Hoffentlich kam ihre Kollegin bald aus der Babypause zurück! Drei Monate vier Stunden jeden Tag Hunderte dieser Dünnschisskommentare auf unzulässige Inhalte zu durchforsten, war mehr als geistige Folter. Sie wollte wieder einmal eine vernünftige Recherche machen. Wieso outsourcten sie so was nicht nach Indien, wo genügend Leute auf so einen Job warteten? Aber der Verlag, dem auch das Frauenmagazin Violetta angehörte, für das sie arbeitete, bestand darauf, alles hier in Berlin zu erledigen. Warum auch immer. Und ein Blog gehörte eben heute dazu, um bei der Konkurrenz nicht unterzugehen.
Natürlich gab sie sich auch selbst die Schuld. Warum hatte sie das Thema Sexpuppen denn vorschlagen müssen? Außer einen Artikel zu schreiben, für den sie nach der merkwürdigen Party bei Cesár zu Weihnachten das Thema vorgestellt hatte, musste sie nun auch noch den Blog verwalten. Der Artikel wurde und wurde nicht fertig, weil sie keine Zeit hatte, tief genug zu recherchieren. Der Blog lief über von blöden Bemerkungen. Laut Pseudonymen wurde er überwiegend von Männern besucht. Weibliche Blogger gab es nur wenige, und bei einigen war sie nicht einmal sicher, ob sie nicht nur eine weibliche Identität vortäuschten. Warum besuchen Männer ein Frauenmagazin?
»Sexpupppen bekommen jetzt KI«, hieß der Artikel, der dem Blog voranstand.
Frage eines Bloggers: 'Wozu braucht eine Sexpuppe Intelligenz, meine Frau hat doch auch keine?'
Oder: 'Langsam wird es eng für euch Mädels, die Sexpuppen bekommen jetzt etwas, das euch fehlt. Intelligenz.‘ Und: `Achtung, nicht zu intelligent machen, nur dumm ist gut.'
Ätzend. Auf der anderen Seite regten sich Frauen darüber auf, dass sie zum Sexobjekt degradiert würden. Das sollte auch der Tenor ihres Artikels werden, aber sie wollte das Phänomen noch ein bisschen besser recherchieren. Was trieb Männer dazu, Sex mit einem Roboter dem mit einer Frau vorzuziehen?
Das Internet war voll von Überlegungen. Gehemmte Männer könnten so ihre Bedürfnisse befriedigen, Neurotiker, die zu keiner Beziehung fähig wären, Alte, die keiner mehr anrühren wollte, die aber noch Lust an Sex verspürten, und, und, und. Doch Cesár, den sie von früher über die Uni kannte, weil sie im selben Institut jobbten, schien in keines dieser Schemata zu passen. Sie fand ihn eigentlich ganz nett und zugänglich. Okay, etwas schüchtern vielleicht. Aber meistens freundlich und gut gelaunt und ein Problem mit Frauen hatte er früher offenbar auch.
Er schien richtig verliebt zu sein in sein neues Spielzeug. Zugegebenermaßen war sie überrascht, wie lebensecht diese Puppe wirkte, die sogar zu Gesprächen fähig war. Natürlich nur, wenn man sich nicht allzu tiefgründig mit ihr unterhalten wollte. Da traf der reißerische Aufmacher einer bekannten Sensationszeitung schon eher zu: »Sexpuppen ersetzen in Zukunft die Ehefrau. Wenn Dolls zu Partnerinnen werden.« Konnte man mit einer Sexpuppe wirklich eine Partnerschaft eingehen? Wie armselig war das denn?
Seufzend blickte sie auf den Schirm zurück, wo wieder einige Kommentare eingegangen waren. Einer schrieb sehr viel. »Luckystripper«. Er gefiel sich darin, Bilder seiner Sexpuppe zu schicken, auf denen auch sein Körperselfie ohne Kopf zu sehen war. Sein »Fetisch« sei es, sich vor der Puppe zu entblößen. Den musste sie blocken, denn Pornografisches war im Forum untersagt. Er schrieb aber immer wieder, fast täglich. So setzte sie ihn auf die Blacklist. Dennoch konnte sie nicht umhin, die Mails zu sichten. Irgendwie fand sie den Typ harmlos, denn er schrieb einigermaßen sortiert, wenn auch nur über das eine Thema. So eine Art Online-Exhibitionismus. Vielleicht konnte er einen Interviewpartner abgeben, und sein Body sah sogar recht ansehnlich aus. Sie beschloss, seine Kommentare in einem extra Ordner zu sammeln, für später, wenn das hier vorbei wäre.
Eine halbe Stunde noch, dann schnell zum Kindergarten, Marvin abholen, was zu essen besorgen, Blumen für den Geburtstag ihrer Mutter kaufen, wo sie Marvin abgeben wollte, und danach ins Institut, um dort in der Presseabteilung drei Stunden abzusitzen.
Ihr zweiter Job. Seit sie sich vor jetzt mehr als einem halben Jahr von Lucas getrennt hatte und was dazuverdienen musste, waren ihre Tage ausgefüllt mit 'muss' und Eile. Oliver, ihr achtjähriger, älterer Sohn, war zu ihrem Ex gezogen. Die zwei waren unzertrennlich. Kein Wunder Lucas konnte sich als Homeworker die Zeit einteilen, wie er wollte. Sie seufzte. War es wirklich so unerträglich mit Lucas gewesen und ihre Trennung unumgänglich? Nun war es nicht rückgängig zu machen. Lucas hatte sich inzwischen wieder gebunden. Eine Arbeitskollegin aus dem Konstruktionsbüro, in dem er arbeitete, hatte ihn gleich in Beschlag genommen. Bei ihr selbst war noch nichts wieder in Sicht. Sie hatte schlicht keine Zeit dazu, und in der Redaktion arbeiteten überhaupt keine Männer.
Es gab jetzt auch männliche Sexpuppen mit austauschbarem Penis, dachte sie sarkastisch. Ne, so was käm für sie nicht in Frage, auch wenn ihre 'Feuchtgebiete' inzwischen ziemlich vertrocknet waren. Sie hatte überhaupt keinen Antrieb zum Sex. Es gab nur so die Erinnerung, da war noch was. Und überhaupt, Sex war ihr in einer Partnerschaft irgendwie nicht so wichtig. Eher Zärtlichkeit und miteinander reden können. Ging mit Lucas auch anfangs gut. Lucas ist sehr offen. Ein richtiger Frauentyp. Warum war es eigentlich auseinandergegangen? Nach Marvin hatte sie irgendwie keinen Bock mehr auf ihn. Er war ihr körperlich unangenehm geworden. Sie sammelte kleine Gewohnheiten, die sie an ihm störten, um sie zu einem Paket von Antipathie zu schnüren, das groß genug war, ihre Unzufriedenheit mit ihrer Beziehung zu rechtfertigen. Je mehr sie ihn auf Distanz hielt, umso weiter zog er sich von ihr zurück.
Marvin war ein anfälliges und kränkliches Kind. Er litt an Asthma und einem Hautausschlag, den die Ärzte als Neurodermitis einstuften. Der legte sich aber zum Glück mit dem zweiten Lebensjahr ganz von selbst. Das Asthma leider nicht. Da war es klar, dass sie sich vor allem um Marvin kümmerte. »Komm ich in unserer Ehe eigentlich auch noch vor?«, hatte Lucas sich oft beschwert.
Silke seufzte. Sie hatten sich beide nicht mehr viel zu sagen gehabt. Sie fühlte sich zunehmend eingeengt, und er stürzte sich in seine Arbeit. Zum Bruch kam es nach einem Gespräch mit Kolleginnen in der Redaktion. Die waren alle entweder geschieden, lesbisch oder solo. Da standen Männer generell nicht hoch im Kurs. Es ging um Selbstverwirklichung. Ha, Selbstverwirklichung. Sah so ihre Selbstverwirklichung aus?
'Luckystripper: Hier noch ein Foto mit meiner neuesten Doll. Ich habe sie Anna genannt nach meiner Mutter. Sie ist meine fünfte Frau im Haus, und ich bin mit allen glücklich. Das hier bin ich mit Anna. Sie kann jetzt sogar sprechen und mir antworten. Hätte nicht geglaubt, dass mir das so guttut, ihr mein Herz auszuschütten. Anna liebt es, wenn sie mich nackt sieht und ich mich vor ihr befriedige, während ich mit ihr rede.' (Anhang: Ein Torso mit Waschbrettbauch und eine unbekleidete Sexpuppe mit Rubensfigur. Und überdimensionalen Brüsten.)
Silke stieß einen spitzen Lacher aus und kickte den Kommentar in ihren neuen Ordner. Aber tolle Figur, dieser Luckystripper. Wie alt mochte er sein? Zwischen dreißig und vierzig? Geld musste er genug haben, diese Sexdolls sind nicht gerade ein Schnäppchen. Sie schaute auf die Uhr, loggte sich aus und wollte schon zur Tür hinaus, als sie es sich noch einmal anders überlegte. Sie fuhr die Seite wieder hoch, klickte den letzten Kommentar von Luckystripper an und tippte:
»Leider muss ich Ihren Kommentar sperren, weil er gegen unsere Blogregeln verstößt. Pornografisches Material ist unerwünscht. Bitte setzen Sie sich mit uns in Verbindung, wenn sie entsperrt werden möchten.« Sie zögerte, dann tippte sie: »Liebe Grüße, Silke. Admin.«
Bevor sie auf Enter drückte, überlegte sie noch kurz, ob sie nicht dabei war, eine riesige Dummheit zu machen. Doch wenn sie ihren Artikel weiter recherchieren wollte, dann musste sie schon was riskieren. Nachdem sie den Kommentar ins Netz entlassen hatte, dachte sie noch kurz: Wieso habe ich eigentlich meinen richtigen Namen geschrieben? Na ja, egal. Dann verließ sie entschlossen die Redaktion.
Darmowy fragment się skończył.