Czytaj książkę: «Die Schule»

Czcionka:

Leon Grüne

Die Schule

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1.Kapitel

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2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

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13

2.Kapitel

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3.Kapitel

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4.Kapitel

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5.Kapitel

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6.Kapitel

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7.Kapitel

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8.Kapitel

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9.Kapitel

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10.Kapitel

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11.Kapitel

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12.Kapitel

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Impressum neobooks

Prolog

Die Schule

Leon Grüne


Impressum

Texte: © Copyright by Leon Grüne

Umschlag: © Copyright by Hannah Schulz

Verlag: Leon Grüne

Eitzumer Hauptstraße 57

31028 Gronau

sfsgreenee@gmx.de

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Sind Sie ein Lügner? Können Sie sich Geschichten ausdenken und diese anderen als die Wahrheit verkaufen?

Ich bin mir sicher, dass nicht alle von Ihnen sagen würden, dass sie gut darin sind zu lügen. Ich für meinen Teil weiß nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Zum einen behaupte ich gerne, dass ich ein ehrlicher und direkter Mensch bin. Zum anderen schreibe ich Geschichten. Auf den ersten Blick schließt das eine das andere nicht aus, doch erinnern Sie sich einmal daran, was Geschichten wirklich sind. Geschichten sind auf Lügen aufgebaut. Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen, aber wie gesagt, ich versuche ein ehrlicher Mensch zu sein. Wissen Sie, ich sitze oft vor meinem Laptop, öffne das Schreibprogramm und weiß nicht, was ich tun soll. Mir geht es nicht anders als anderen, auch ich schaffe es nicht immer, mein Bestes zu geben, und oftmals ist das Schreiben auch ein hartes Stück Arbeit. Ich denke alle, die bereits selbst einmal versucht haben, eine Geschichte zu schreiben, können mir zustimmen. Es ist nicht immer leicht, sich hinzusetzen und sich etwas Neues auszudenken, von dem man überzeugt ist, dass es nichts als die reine Wahrheit ist. Besonders nicht, wenn es zwei Uhr morgens ist und man bereits vier Tassen Kaffee intus hat, von denen keine einzige im Kopf ankommt. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung, wenn ich Ihnen sage, dass es Vorteile hat, seine eigene Kaffeemaschine im Zimmer zu besitzen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Das Schöne an einer Lüge ist, dass man sie sich aussuchen kann, wohingegen das Schreckliche an der Wahrheit ist, dass man sie zu akzeptieren hat wie sie ist. Zwar sollen Lügen klingen, als wären sie die Wahrheit, aber das sind sie nicht. Wenn man sich eine Lüge ausdenkt, fällt es einem oft schwer abzuwägen, wieviel man erfinden kann, um sie noch glaubhaft klingen zu lassen. Doch jede Lüge hat einen wahren Kern und einen Grund, um erzählt zu werden. Goethe sagte einmal, dass man etwas zu sagen haben muss, wenn man reden will. Und genau das will ich. Allerdings weiß ich nicht so recht, wieviel ich erzählen kann. Ich weiß es genauso wenig, wie ich weiß, was ich alles erzählen soll. Es gibt so vieles, das in meinem Kopf herumschwirrt und um jeden Preis gesagt werden muss. Doch am besten fange ich dort an, wo Lüge und Wahrheit beginnt: Am Anfang. Denn dort nimmt jedes Übel seinen Lauf.

1.Kapitel

Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen,

wie entbehrlich man in der Welt ist.

Johann Wolfgang von Goethe

1

Das Sonnenlicht, welches durch die trüben, schmutzigen Fenster des Klassenraums strahlte, blendete David. Trotz des Gewitters letzte Nacht war es schwüler, als die meisten es aushalten konnten. Davids Sitznachbar Lance, ein rundlicher Junge mit Sommersprossen und orangenen Haaren, gehörte ebenfalls dazu. Sein überdurchschnittlich hoher Fluss an Schweiß hatte sein eigentlich hellgrünes T-Shirt bereits in ein dunkles Grün getaucht. Auch Mrs. Prenton war die Hitze anzusehen. Ihre strahlend weiße Stirn war ein einziges Meer aus Schweißperlen, die sie im Viertelstundentakt mit ihrem weiß-grün karierten Taschentuch abtupfte.

„Terry Attlee Baron“, sagte sie mit klarer, lauter Stimme. Ein gebräunter Junge in der zweiten Reihe setzte seine Brille auf und erhob sich beinahe anmutig. Dann strich er sein Hemd mit der Hand glatt und ging auf sie zu. Lächelnd empfang sie ihn, schüttelte ihm die Hand und überreichte ihm ein Blatt Papier.

„Überragend, wie immer, Terry“, lobte sie ihn und strahlte noch mehr, als er sein Zeugnis mit einer halben Verbeugung entgegennahm.

„Aus dir wird mal etwas ganz Besonderes.“

„Ein besonders großer Arschkriecher“, murmelte Tales aus der linken Ecke der dritten und letzten Reihe. Warren und Henry begannen neben ihm wie aufs Stichwort zu grunzen, was vermutlich eher einem Lachen ähnlich sein sollte.

„Crane!“, schnauzte Mrs. Prenton ihn an und unterbrach ihr breites Lächeln kurzzeitig. Dann wandte sie sich erneut, übers ganze Gesicht strahlend, Terry zu. David konnte Tales und sein Anhängsel nicht leiden. Tales war ein Macho, wie er im Bilderbuche steht. Seine gesamte Erscheinung schrie geradezu nach dieser Bezeichnung. Er konnte sich weder durch einen sonderlichen hohen IQ, noch durch Wortgewandtheit oder überdurchschnittliche Empathie auszeichnen. Alles, was er konnte, war Gewichte stemmen und dumme Sprüche wie am Fließband zu liefern. Aber trotzdem hatte er es jedes Jahr erneut geschafft, eine Klassenstufe nach oben versetzt zu werden. Was nach außen wie ein Kunststück wirkte, war in Wirklichkeit nichts anderes als das Ergebnis seiner Flirtkünste mit den jungen Lehrerinnen. Wenn man den Gerüchten glauben mochte, dann war es des Öfteren auch weit mehr als bloß das. Seine Versetzung war also der ungewöhnlich hohen Quote an jungen Lehrerinnen und deren verzweifelter Wunsch begehrt zu werden geschuldet.

Mrs. Prenton beendete den Dialog mit Terry und setzte wieder ihren alltäglichen „Ich-hasse-mein-Leben-und-ihr-seid-der-Grund-dafür“ Blick auf.

„Tales Crane“, rief sie mit minderer Begeisterung auf. Keine Reaktion. Tales war so sehr damit beschäftigt, mit Warren über die NBA-Playoffs zu reden, dass er sie gar nicht gehört hatte. David rollte genervt mit den Augen. Terry Baron hatte mittlerweile seinen Platz wieder erreicht und setzte sich gemächlich auf seinen knarzenden Holzstuhl. Seine Sitznachbarin, Mary, versuchte einen flüchtigen Blick auf seine Noten erhaschen zu können, doch er war schneller und ließ den Zettel eilig in seiner Mappe zu verschwinden. Beide führten jährlich ihr inoffizielles Duell um den nicht existierenden Titel „Bester Schüler/Beste Schülerin.“ Beziehungsweise sie führte es. Ihr Zeugnis war besser als das von jedem Einzelnen aus ihrer Klasse, und sie wollte sichergehen, dass es auch besser war als seins. Er jedoch hatte keinerlei Interesse an derartigen Vergleichen oder Ranglisten. Und um eben diesen aus dem Weg zu gehen, zeigte er es niemandem. Für ihn zählte nur seine eigene Leistung und mehr nicht. Hochnäsiges Bürschchen, dachte sich Mary. Sie konnte es nicht ausstehen, dass dieses kleine Kind von 13 Jahren möglicherweise bessere Noten als sie haben könnte. Mary war schlau, aber Terry war genial. Was genau er auf dieser Schule zu suchen hatte, konnte er sich jedoch auch nicht beantworten. Er selbst wäre viel lieber auf einer renommierten Schule für hochbegabte Kinder gelandet, denn dort gehörte er auch hin. Zu den Hochbegabten. Anders als Mary. Auch wenn sie das selbst natürlich ganz anders sah.

„Tales! Komm sofort her! Ich werde keinen Finger krumm tun, um dir dein Zeugnis zu geben!“, zeterte Mrs. Prenton und fuchtelte mit seinem Zeugnis in der Luft herum. Auch das interessierte ihn herzlich wenig. David genauso. Er hatte andere Probleme. Weitaus größere Probleme. Die Direktorin hatte ihn gestern zu einer Unterhaltung in ihr Büro eingeladen, zu der er in weniger als einer Stunde erscheinen musste. Angeblich musste sie dringend mit ihm über sein fehlerhaftes Verhalten reden. Das Seltsame daran war, dass er sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Sein Sozial- und Arbeitsverhalten entsprach den Erwartungen in vollem Umfang – endlich etwas in dem Terry dank seiner Arroganz nicht besser sein konnte – und er war nie sonderlich negativ aufgefallen. Die einzig logische Erklärung war also, dass, wie so oft, seine Mutter dahintersteckte. Sie nutzte die Position ihrer Cousine gerne das ein ums andere Mal aus, um ihren Willen bei David durchzusetzen, da er auf sie nicht mehr hörte, seit er sie beim Fremdgehen mit einem Immobilienmakler auf frischer Tat ertappt hatte. Ihr Verhältnis war noch nie sehr eng oder vertraut gewesen. Beide konnten auch ohne den anderen gut zurechtkommen und konnten lediglich durch ihre Verwandtschaft als echte Familie bezeichnet werden. Müde legte er den Kopf auf seine Arme, die er auf dem Tisch verschränkt hatte. Es war nicht nötig, dass er konzentriert aufpasste, ob sein Name genannt werden würde. „Williams“ stand auf der Klassenliste fast ganz unten. Nur „Young“, ein kleiner, schmaler, schwarzer Junge und „Zimmermann“, ein ursprünglich aus Deutschland stammender, athletischer Junge mit einem gewaltigen Ego, befanden sich noch unter ihm in der Klassenliste. David hatte also noch ausreichend Zeit bis Mrs. Prenton bei ihm ankommen würde, wo sie zudem grade ohnehin noch ihren Monolog darüber hielt, dass sie früh anfangen sollten, anderen gegenüber Respekt zu zollen. Dies bezog sich in diesem Fall besonders auf das Verhalten von Tales, der aufgehört hatte, sich mit Warren zu unterhalten und stattdessen das Mädchen, das vor ihm saß, umgarnte.

Das laute Knistern einer Plastikflasche riss David aus seinen Tagträumen. Es war Lance, der neben ihm einen großen Schluck Saft in sich goss, wobei ein großer Teil auf seinem ohnehin schon nassen T-Shirt landete. Davids Blick schweifte in Richtung der weißen, runden Uhr, die über der dunkelgrünen Klassentür hing und leise, aber dennoch hörbar, tickte. Viertel vor eins. Er hatte es tatsächlich geschafft eine halbe Stunde lang Mrs. Prenton, Tales und den Rest der sich im Raum befindenden Jugendlichen, die ihm alle gewaltig auf die Nerven gingen, auszublenden.

„David Williams“, sagte Mrs. Prenton erschöpft von der Hitze und ihrer Moralpredigt, die sie kurz zuvor hoffnungslos beendet hatte. Er war also grade noch rechtzeitig aus seinen Gedanken gerissen worden. Mit einer schnellen hektischen Bewegung stand er auf, wobei er mit seinen Oberschenkeln gegen die Unterkante des Tisches stieß und für ein leises Kichern bei dem weiblichen Part seiner Sitzreihe sorgte. Ein wenig verlegen zupfte er an seinem dunklen California T-Shirt und kratzte sich am Hinterkopf. Ein kurzes gemurmeltes „Herzlichen Glückwunsch“ und „Vielen Dank“ und schon war das Prozedere vorbei, und er konnte zu seinem Tisch zurückkehren. Wie erwartet. Er war in keinem Fach schlechter als B- und hatte keine negative Bemerkung erhalten. Also kein Grund für ein Gespräch mit der Direktorin. Seine Vermutung, dass in Wirklichkeit sein Verhalten zuhause gemeint war, schien sich zu bestätigen. Kopfschüttelnd setzte er sich hin.

„Und?“, fragte Lance neugierig. Es war sein üblicher Versuch, Anschluss zu finden, denn niemand hatte Interesse daran, sich mit „Ginger Fat“ zu unterhalten geschweige denn anzufreunden. David stöhnte in sich hinein und schob ihm sein Zeugnis rüber. Same procedure as every Year James, dachte er genervt. Ein Satz, den Terry bei seinem Vortrag über ein britisches Theaterstück aus den Zwanzigern des Öfteren erwähnt hatte und die gesamte Situation wohl am besten beschrieb. Um welches Stück es sich handelte, wusste David nicht mehr, es war ihm aber auch egal. Zimmermann ging nach vorne und nahm als Letzter sein Zeugnis entgegen. Mrs. Prenton schnaufte erleichtert und tupfte sich die Stirn ab. Tales machte eine feixende Bemerkung, die David jedoch nicht wirklich verstehen konnte. Henry und Warren wahrscheinlich ebenso wenig, aber trotzdem grunzten sie erneut wie kleine Ferkel. Davids Zeugnis landete wieder auf seinem Tisch, und er verstaute es in seiner Tasche. „Wie schaffst du es jedes Jahr so ein gutes Zeugnis zu haben?“, quiekte Lance und lachte über seine eigene Frage. Verdammt er war wirklich ein absoluter Pflegefall, dachte David sich. Anstatt eine Antwort zu geben, zuckte er nur uninteressiert mit den Schultern, was Lance natürlich sofort kommentieren musste, da selbst das schon mehr Aufmerksamkeit war, als er sonst erhielt.

„Voll krankes Tier“, sagte er lachend. Lance hatte es noch nie mit solchen Ausdrücken gehabt und seine Versuche, sie zu verwenden, scheiterten jedes Mal kläglich und machten seine Erscheinung noch trauriger, als sie ohnehin schon war. So peinlich seine Auftritte auch waren, steckte dahinter nichts anderes als der Wunsch nach Akzeptanz, welche er nirgendwo erhielt. Sein Vater hatte ihn und seine Mutter verlassen, und sie gab ihm auch heute nach zehn Jahren immer noch die Schuld dafür und verweigerte ihm jede Zuneigung. Aber so etwas war in dieser Schule nichts Besonderes. Insgesamt konnte man zurecht behaupten, dass die Schule neben ihrer hohen Quote an jungen Lehrerinnen auch eine hohe Quote an Scheidungs- und Waisenkindern vorzuweisen hatte. Beinahe sechzig Prozent der dort zur Schule gehenden Schüler lebten in einem zerrütteten oder zumindest beschädigten Verhältnis mit ihren Eltern. David war dabei keine Ausnahme. Sein Vater hatte sich, nachdem die Affäre seiner Frau aufgeflogen war, nach Irland abgesetzt, um möglichst großen Abstand zu ihr aufzubauen. Seitdem hatte er nichts mehr von ihm gehört und lebte alleine mit seiner Mutter in Kalifornien. Früher waren sie noch zu dritt, doch kurz nachdem Davids Vater verschwunden war, verschwand auch Bobby, Davids kleiner Bruder. Er war zwei Jahre jünger als David. Eines Tages als David vom Training zurückkehrte, fand er das Haus vollkommen verlassen vor. Seine Mutter war wieder einmal dabei, sich mit ihrem Makler einen vergnüglichen Abend zu machen, doch auch sein kleiner Bruder war nicht da. Von diesem Tag an war das letzte bisschen Vertrautheit zwischen ihm und seiner Mutter zerstört. Sie hätte zuhause sein sollen, wenn David nicht da war, weil Bobby oft zu depressiven Zügen ansetzte, und kurz davor stand, sich etwas anzutun.

Die Schulglocke ertönte. Alle griffen nach ihren Taschen, um endlich diesen Kochtopf zu verlassen und die nächsten Wochen in aller Seelenruhe vor dem Ventilator zu verbringen. Mary machte einen letzten hoffnungslosen Versuch, Terry seinen Notenschnitt zu entlocken, wobei sie ihn mit traurigem, beinahe bettelnden Blick ansah und sich ihre braunen, gewellten Haare aus dem Gesicht strich. Selbstverständlich zeigte auch dieser Versuch keine Wirkung, und sie griff nach ihrer Tasche und zog genervt von dannen.

„Schöne Ferien“, grinste Lance ihn an und offenbarte seine gelblichen Zähne, die – Gott sei Dank – größtenteils von einer Zahnspange überdeckt wurden. Wieder würdigte er ihn keiner Antwort, sondern nickte ihm nur schwach zu.

„Kommen Sie David, ich will auch in die Ferien“, sagte Mrs. Prenton ungeduldig.

„Jawohl Mrs. Prenton, Verzeihung“, antwortete er, während er seinen Rucksack auf seinen Rücken schwang und den Stuhl unter den Tisch schob.

„Schon gut“, murmelte sie und gab ihm mit ihrer faltigen Hand zu verstehen, dass er vor ihr gehen sollte. Vermutlich, um bevor sie den Weg nach Hause antrat, eine ihrer filterlosen Zigaretten zu rauchen, die ihr Mann so verabscheute.

„David“, hielt sie ihn zurück als er an ihr vorbeiging, „Ich weiß nicht wieso Ms. Robinson Sie sehen will, aber ich weiß ebenso wie Sie, dass Ihr Verhalten sowie Ihre Beteiligung am Unterricht stets meinen und den Erwartungen meiner Kollegen entsprechen. Lassen Sie sich nicht unterkriegen vom alten Geier.“ Die Bezeichnung von Ms. Robinson als „alter Geier“ war eigentlich in dieser Hinsicht falsch, denn sie war gut zwanzig Jahre jünger als Mrs. Prenton und damit keineswegs alt.

„Danke Mrs. Prenton. Angenehme Ferien Ihnen.“ Trotz der faktisch unkorrekten Aussage hatte er selbstverständlich den Kern ihrer Aussage verstanden. Er war das Opfer der Laune seiner Mutter und die Standpauke, die er wahrscheinlich erhalten würde, war von rein privater Angelegenheit und hatte absolut nichts mit seinen schulischen Leistungen zu tun.

„Ihnen auch David“, rief sie ihm kopfschüttelnd nach. Dann schloss sie die Tür, zog sich einen Stuhl heran, auf den sie stieg und den Rauchmelder abschaltete. Wenige Handgriffe später hielt sie eine glimmende, filterlose Zigarette zwischen den Fingern und blies mit geschlossenen Augen den Rauch durch ihre Nasenlöcher aus.

2

Der Flur, in dem David sich befand, schien endlos lang zu sein. Die kalten, grauen Wände waren mit Pinnwänden und Plakaten geschmückt und gaben dem Gebäude die einzig vorhandenen Farbakzente im Meer der Eintönigkeit. Milchig trübe Glastüren trennten den langen Korridor in einzelne Abschnitte. Das Geräusch seiner Skechers, die auf die schmutzigen weißen Fliesen traten, hallte durch den Gang. Schon wenige Minuten nach offiziellem Schulschluss war die Schule wie leergefegt. Die meisten Lehrer, die keine Lust hatten, bis zur letzten Stunde zu warten, gaben die Zeugnisse bereits zu Beginn heraus und entließen ihre Schüler dann frühzeitig in die lange Sommerpause. Keiner war sonderlich scharf darauf, den halben Tag in der Schule zu vergeuden, wo der eigentliche Grund des Erscheinens lediglich eine halbe Stunde benötigte. Das Geräusch einer sich öffnenden Tür mischte sich in den Takt seiner Schritte mit ein. Kurz darauf ertönte hinter der Abzweigung, die nach rechts führte, der Klang eines weiteren Schuhpaares auf den Fliesen. Als er abbiegen wollte, stieß er mit einem großen, blassen Jungen zusammen. Er trug ein weißes Tank-Top, um das eine Bauchtasche geschnallt war. Seine langen Haare waren verfilzt und sahen aus, als wären sie seit Jahren nicht gewaschen worden.

„Verpiss dich, Kleiner“, schnauzte der ungepflegte Junge ihn an. Doch als er aufsah und David erkannte, änderte sich sein Gesichtsausdruck, und er lächelte ihn schief an.

„Ey Billy, was geht? Dachte du bist eines von diesen nervigen kleinen Kindern, die noch hiergeblieben sind, weil sie Angst vor den Typen haben, die ihnen draußen die Fresse polieren“, sagte er, was wohl gleichzeitig als Entschuldigung und als Erklärung für seinen Auftritt eben fungieren sollte. Die beiden Jungen klatschten sich ab. „Kein Problem, Trae“, sagte David, den Trae öfter Billy nannte. Das kam daher, dass Trae nicht sonderlich gut darin war, sich Namen zu merken und ihn deswegen anfangs bloß immer Billy genannt hatte. Jetzt war es jedoch nicht mehr als ein Spitzname.

„Yo Mann, was machst du hier?“, fragte Trae, während er seine umgedrehte Cap zurechtrückte.

„Ich hab einen Termin bei der Direktorin, wegen meines respektlosen Verhaltens“, antwortete er, wobei er das Wort „respektlos“ besonders lächerlich betonte. Trae begann so laut zu lachen, dass sein Echo den gesamten Flur flutete.

„Starke Sache, Kumpel“, lobte er ihn und klopfte ihm auf die Schulter.

„Ey aber mal was anderes. Willst du nicht doch bei uns einsteigen? Billy, wir könnten dich echt gut gebrauchen. Die Bezahlung ist echt nicht…“

„Danke Trae, aber ich bleibe dabei. Dieses Geschäft ist nichts für mich“, unterbrach David ihn. Trae und seine Bande hatten ihm einen Job als Drogenlieferanten angeboten, nachdem er sie vor der Polizei gedeckt hatte. Seitdem gehörte er zu ihrem vertrauten Kreis und bekam, wenn er es denn wollte, kostenlos einen Joint pro Monat. Ein Freundschaftsabo für seine Hilfe sozusagen. Das Angebot war verlockend, denn die Qualität des Weeds war gut, doch er machte sich nichts daraus und hatte bisher so ziemlich immer darauf verzichtet. Letzte Woche hatte er das Angebot das erste Mal angenommen. Er hatte sich mit seiner Mutter bis aufs Äußerste gestritten und konnte die ganze Sache nicht mehr nüchtern ertragen. „Okay, aber denk dran, meine Tür steht immer für dich offen“, versicherte Trae ihm.

„Ich weiß.“

Beide reichten, sich die Hand und waren im Begriff sich voneinander zu verabschieden.

„Ich hab dich gestern Abend gesehen“, sagte Trae und ließ seine Hand los.

„Das kann nicht sein. Ich war den ganzen Abend zuhause“, erklärte David ihm verwirrt.

„Was? Nein. Nicht in Wirklichkeit. In meinem Kopf“, erzählte er. Davids Verwirrung verschwand. Trae war einfach wieder auf einem Trip und hatte die wildesten Sachen erfunden, dachte er.

„Ich habe gesehen wie du in eine Schule gegangen bist“, erzählte er.

„Nichts ungewöhnliches oder?“, fragte David belustigt davon, dass Trae es für real hielt.

„Doch, es war ungewöhnlich. Die Schule war im Wald, und ein Mann ging neben dir her. An seinem Mund und an seinen Händen klebte Blut, weißt du? Voll der kranke Scheiß“, fuhr Trae fort.

„Ich muss langsam los. Ich hätte schon längst da sein sollen“, redete sich David aus der ihm immer unangenehmer werdenden Situation heraus und entfernte sich ein paar Schritte von ihm. Trae schien ernsthaft besorgt zu sein, weswegen David sich nun doch umdrehte, um ihn zu beruhigen.

„Mach dir keine Sorgen, Kumpel. Du warst wieder auf einem Trip und hast dir das nur eingebildet. Kein Grund zur Beunruhigung“, beschwichtigte er ihn, was sofort Wirkung zeigte.

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Oh Mann, dieses Zeug wird mich noch umbringen“, stellte Trae einsichtig fest.

„Fahr lieber einen Gang runter beim nächsten Mal“, riet David ihm.

„Auf keinen Fall. Das Zeug ist der Schlüssel für meine unsichtbaren Handschellen“, sagte Trae, womit er auf Charles „Haywire“ Patoshik aus Prison Break anspielen wollte.

„Der einzige Weg, um wirklich befreit zu sein von all dem Bullshit in dieser Scheiß Welt.“

„Wenn du das sagst, wird’s wohl so sein“, stimmte David ihm unterschwellig zu.

„Sehen wir uns nächste Woche?“, fragte er abschließend, um das Gespräch zum Ende zu bringen.

„Klar doch. Schreib mir, wenn du Zeit hast, dann komm ich rum und sammle dich ein“, antwortete Trae, der den Hintergrund der Frage verstand und keine Anstalten machte ein neues Thema anzufangen.

„Alles klar. Man sieht sich.“

„Yo, machs gut.“

Die beiden Jungen gaben sich ein letztes Mal die Hand und gingen ihrer Wege. Während David um die Ecke ging um bei Ms. Robinsons Büro anzuklopfen, ging Trae zwei Klassenräume weiter, um Mr. Kennington abzukassieren, der ihm noch Geld für das Crack schuldete, das er ihm besorgt hatte.

3

„Herein“, murmelte Ms. Robinson mit ihrer hohen Stimme, als David an die Tür klopfte. Er öffnete die Tür und betrat den Raum. Ohne, dass er dazu aufgefordert wurde, setzte er sich auf den kleinen schwarzen Ledersessel gegenüber von Ms. Robinson. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Die Direktorin hatte ihn scheinbar nicht bemerkt. Sie saß immer noch in derselben Position wie vorher, mit dem Kopf über einem Haufen Papierkram und unterschrieb Briefe. Neben ihrer rechten Hand stand eine rote Kaffeetasse von den San Francisco 49ers auf dem Tisch, in der sich noch der kalte Kaffee vom Vortag befand. Ihre dunklen Haare hatte sie sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, damit sie nicht auf die Blätter herunterhingen.

Ob Tales wohl auch schon etwas mit ihr hatte? So nötig wie beide es haben, würde es mich jedenfalls nicht wundern.

In dieser Hinsicht war er trotzdem neidisch auf Tales. Viele der jungen Lehrerinnen waren teilweise mehr als einfach nur ansehnlich und zudem gut proportioniert.

„David“, stöhnte Ms. Robinson zugleich genervt und angestrengt auf.

„Hm“, brummte er den Anschein gebend, er wäre interessiert an dem, was sie gleich sagen würde.

„Deine Mutter und ich haben uns unterhalten“, fing Ms. Robinson an und legte den Kugelschreiber aus der Hand.

„Wo? Auf einer Swinger Party oder bei der Partnervermittlung?“, entgegnete er wütend.

„Hältst du wohl den Mund! Denk ja nicht, dass, nur weil wir verwandt sind, du mir gegenüber sagen kannst was du willst!“, schrie sie empört. Sie hatte sich wohl vor sich selbst erschreckt, da sie nach ihrer Schimpftirade verwirrter aussah als David. Ms. Robinson war ein eigentlich sehr zurückhaltender und schüchterner Mensch Schülern gegenüber, aber wenn sie müde und überarbeitet war, wie grade jetzt, dann konnte sie energischer werden, als sie es selber für möglich hielt.

„Und genau das ist auch der Grund, warum ich dich herbestellt habe. Ich muss mit dir etwas Wichtiges besprechen, David.“

Sie hatte sich wieder etwas beruhigt.

„Wenn Mom etwas will, soll sie es mir sagen und nicht an dich outsourcen. Wenn es wieder darum geht, dass ich sie zu Unrecht hasse und mich mit ihr versöhnen soll, dann bin ich hier raus.“

Mit diesem Satz stand er auf und schnappte sich seine Tasche. Er hatte keine Lust, sich erneut der belanglosen Beschwerden von seiner Mutter hinzugeben und am Ende zu lügen, dass er es überdenken würde. Doch dieses Mal sollte das Gespräch nicht von seiner sich ständig unfair behandelt fühlenden Mutter handeln.

„Setz dich wieder hin“, sagte sie genervt.

Ihre Augenringe waren fast so dunkel wie der ranzige Kaffee in ihrer American Football Tasse. Sie hatte die Nacht am Tresen einer Disco mit etlichen Cocktails verbracht, welche ihr ein Typ spendiert hatte, nur um sie dann später auf der verschmutzten Clubtoilette, in welche sie sich vorher übergeben hatte, ordentlich durchzuvögeln.

„Was soll das denn? Es ist schwachsinnig, mich wegen etwas, das außerhalb dieses Gebäudes passiert ist, hier vorzuführen!“

„Schwachsinnig ist wie du dich ausführst, obwohl deine Mutter nicht schuld an diesem Gespräch ist!”

Natürlich war es ihre Schuld. Sie hatte Bobby alleine gelassen. Sie hatte gewollt, dass er für immer aus ihrem Leben verschwand. Sie hatte keine Träne vergossen als er verschwunden war. Vielleicht hatte sie ihn sogar vorsätzlich verschwinden lassen. Schließlich gab es nie eine Vermisstenmeldung, geschweige denn auch nur die Idee ihn zu suchen. Als wüsste sie genau, dass es sinnlos wäre, weil er sich längst im Keller einer ihrer Stecher befand oder schon sechs Fuß unter der Erde lag.

„Ihr liegt etwas an dir, und es macht sie traurig, dass du ihr keine Chance gibst, ihr das zu zeigen“, erklärte Ms. Robinson ihm und deutete ihm an, sich wieder zu setzen.

David verharrte einen kurzen Moment und schnaufte tief durch. Es war tatsächlich dasselbe wie jedes Mal, dachte er. Wieso konnte diese verdammte Hure nicht einfach ihre Klappe halten und sich nicht jedes Mal von seiner Mutter beschwatzen lassen.

„Ich sagte, wenn es wieder so ist wie immer, dann bin ich hier raus. In diesem Sinne also: Schöne Ferien Ms. Robinson, genießen Sie ihren Urlaub und passen Sie auf, dass Sie sich kein Sonnenstich beim Ficken am Strand holen.“

„Ich bin noch nicht fertig!“, meckerte sie ihn an. Mittlerweile hatte sie ihre Stimme wieder unter Kontrolle und sprach wieder so leise wie vorher.

„Ich aber“, sagte David während er, mit dem Rücken zu ihr gekehrt, zur Tür ging und ihr mit der linken Hand zuwinkte.

„Ich habe dich nicht wegen deiner Mutter…“

Doch er hörte sie schon längst nicht mehr. David hatte bereits den Raum verlassen und die Tür mit so einer Wucht zugeschmettert, dass der veraltete Wandkalender aus dem Jahre 2017 – das Jahr in dem das Übel seinen Lauf nahm und Ms. Robinson zur Direktorin ernannt wurde - zu Boden fiel.

Er befand sich erneut im traurig aussehenden Flur der Schule. David holte seine Kopfhörer aus seiner linken Hosentasche und steckte sich einen davon in sein Ohr. Dass er diesen wenige Augenblicke später wieder herausnehmen musste, da dieser außer einem Rauschen keinen Ton von sich gab, störte ihn nicht. Es fühlte sich gut an, der völlig verkaterten Direktorin Paroli geboten zu haben und nun eine lange Pause von alle dem vor sich zu haben.

„David“, rief die Direktorin ihm aufgeregt hinterher und ließ die Tür hinter sich offen. Alles was er ihr mitzuteilen hatte, war sein Mittelfinger, den er ihr ausgestreckt nach hinten hielt.

„David Williams! Du wirst mir jetzt zuhören!“, rief sie ihm empört nach. Sie ließ sich durch einfachste Gesten schnell auf die Palme bringen, kam aber ebenso schnell wieder herunter. Das wusste er und nutzte es zu seiner Belustigung aus. Ihre hochhackigen Schuhe klackerten besonders laut auf den Fliesen, als sie ihm hinterherlief.

„Ich will dich doch nur warnen! Bitte, David, hör mir zu!“

Sie hatte ihre Schritte beschleunigt und rannte ihm jetzt beinahe schon hinterher. Doch er ließ sich nicht beirren und ging weiter schnurstracks den Flur in Richtung Ausgang entlang.

„David!“, schrie sie.

„David!“

Sie klang inzwischen gar nicht mehr wütend, sondern ängstlich.

„Sag meiner Mom, dass sie mit mir selber reden soll, wenn sie etwas will!“, entgegnete er ihr und stürmte aus der Vordertür. Mit seinen 1,83m lag er knapp 6cm über dem amerikanischen Durchschnitt, was ihm bei der Flucht vor Ms. Robinson sehr gelegen kam, da sie mit ihrer Körpergröße von lediglich 1,66m deutlich kürzere Beine als er hatte.

Etwa eine Minute, nachdem David das Gebäude bereits verlassen hatte, verließ auch sie das Gebäude. Doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Der Junge hat keine Ahnung, was ihn erwartet, wenn er zuhause ankommt, dachte sie und schrie verzweifelt ein weiteres Mal seinen Namen. Ein silberner Mercury Cougar im New-Edge-Design fuhr vor dem Eingang vor und bremste mit quietschenden Reifen. Das Fenster wurde heruntergelassen, und David streckte seinen Kopf heraus.

„Halten Sie sich endlich aus meinem Leben raus!“, brüllte er ihr zu, dann beschleunigte er und verschwand aus den Augen der Direktorin. Das Letzte, was sie von ihm hörte, war das Quietschen seiner Reifen, als er Mr. Kennington ausweichen musste, der kurz zuvor von Trae eine neue Lieferung Crack in Empfang genommen hatte. Ms. Robinson setzte sich erschöpft auf die Treppenstufe vor den Eingang ihrer Schule.

„Verdammt! Scheiße!“, ließ sie ihren Emotionen freien Lauf.

Sie verweilte einen Moment, dann sprang sie wie vom Blitz getroffen auf und rannte zurück ins Gebäude. Ihre Schuhe hatte sie ausgezogen, um auf dem Weg zum nächstbesten Telefon keine Zeit zu verlieren. Das Erste, das sie fand, hing über einem Feuerlöscher und war eigentlich für Notrufe reserviert. Doch bevor sie nach dem Hörer greifen konnte, begann es von selbst zu klingeln. Das Klingeln des Telefons war schrill und klang unnatürlich. Sie zitterte. Etwas in ihr wusste, dass die Person am anderen Ende – wenn es denn eine war – ihr nicht wohlgesonnen war. Kalter Schweiß lief ihre Stirn hinunter und kühlte ihren erhitzten, roten Kopf. Trotz der hohen Temperaturen fror sie am ganzen Körper. Ihre Beine, die aus ihrem sommerlichen Rock herausschauten, waren mit einer Gänsehaut überzogen. Das Klingeln wurde lauter. Jetzt klang es beinahe bedrohlich. Alles in ihr riet ihr davon ab, den Hörer abzunehmen. Doch da war diese Neugier in ihr. Diese verdammte, elende Neugier, die sie einfach nicht losließ. Sie hatte ihr noch nie etwas Gutes gebracht. Schon damals nicht, wo sie es sich für eine Flasche Wein von jedem Jungen hatte besorgen lassen. Ihre Neugier sorgte dafür, dass sie den meisten erlaubte, es ohne Kondom zu tun. Und ehe sie sich versah, war es geschehen. Sie hatte sich infiziert. HIV. Wegen ihrer elenden Neugier hatte sie sich mit HIV infiziert. Und jetzt würde ihre Neugier wieder siegen, weil es einfach in ihrer Natur lag. Weil es in der Natur eines jeden Menschen lag, seine Neugier auszureizen. Egal wie oft sie uns schon niedergemacht oder geschadet hatte. Sie hob ihren rechten Arm, um ihn nach dem Telefon auszustrecken, zog ihn jedoch sofort wieder zurück.

Vielleicht hört es auf. Oh bitte lieber Gott mach, dass es aufhört.

Ihre Augen waren fest fixiert auf den Hörer, so als würde er sie jede Sekunde angreifen können. Sie machte einen Schritt in Richtung ihrer offenen Bürotür. Das Telefon klingelte energischer und hüpfte fast aus seiner Halterung heraus. Mit weit aufgerissenen Augen, die immer noch das Telefon anstarrten, lief sie zu ihrer offenen Tür, doch als sie kurz davor war, sie zu erreichen, fiel sie mit einem lauten Klick ins Schloss und verriegelte sich selbst. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt und ließ keinen Laut zu. Der Hörer hüpfte in seiner Halterung auf und ab. Langsam bewegte sie sich wieder auf ihn zu. Erneut streckte sie die Hand nach ihm aus. Dieses Mal zog sie sie nicht zurück und nahm den Hörer ab. Sie atmete einmal tief durch, schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn. Fast wie in Zeitlupe führte sie den weißen Plastikhörer zu ihrem Ohr. Es gab kein Zurück mehr.

„Hallo“, hauchte sie ängstlich in den Hörer, bevor sie für immer verstummte.

4

Du kannst meinen Wagen haben, hatte sein Vater gesagt und ihm den Schlüssel des silbernen Mercury Cougar in die Hand gedrückt, bevor er nach Irland ging. Das Auto stammte aus dem Jahr 2001 und somit aus der 9. Generation der Automobilserie. Eine große Kratzspur prangte an der Fahrerseite und zog sich von der Fahrertür bis zur Tür der Rückbank durch. Sein Vater hatte sie noch am selben Tag, an dem er das Auto gekauft hatte, bei einem Unfall erhalten. Die alte, verwitwete Nachbarsfrau, Mrs. Dalton, hatte kurz zuvor ihre Tochter, die an Speiseröhrenkrebs litt, verloren und war des Lebens überdrüssig geworden. Deswegen stellte sie sich an ausgerechnet dem Tag auf die Straße, an dem Paul Williams mit seinem damals noch kleinen Sohn David vom Autokauf zurückkam und grade spaßeshalber etwas auf die Tube drückte, um seinen Kleinen zum Lachen zu bringen. Er war vom ersten Tag an vernarrt in das Lachen, das ihn als Vater noch glücklicher machte als ohnehin schon. Doch seit diesem Tag jagte es ihm nur mehr Angst ein, als dass es ihm Freude bereitet hatte. So wie, als wenn man einmal in einen saftigen Apfel gebissen, in dem sich ein Wurm befunden hatte. Von dort an würde man sie schlichtweg nicht mehr mögen, sondern verschmähen. Verschmähen. Ein passendes Wort für das, was Davids Vater von jenem Tag an, als er die alte depressiv gewordene Mrs. Dalton überfahren hatte, mit David tat, wenn er lächelte.

Dieses Ereignis prägte seinen Vater so sehr, dass er psychisch krank wurde. „Sie haben eine posttraumatische Belastungsstörung, Paul“, hatte ihm der Arzt damals mitgeteilt und ihm zu einem geeigneten psychotherapeutischen Verfahren geraten. Welches das war, hatte David jedoch vergessen. „Besonders wichtig ist jetzt für Sie, dass Sie sich von Ihrer Familie und Ihren Freunden helfen lassen und sich nicht von ihnen abkapseln“, meinte sein Arzt Dr. Goodwin. Einige Jahre ging das auch gut und er konnte seine psychischen Probleme, die ihm der Unfall bereitet hatte, mit ausreichend Unterstützung, sowohl von seiner Familie als auch von seinem neuen besten Freund, Jack Daniel’s, gut bewältigen. Doch nachdem ihm der einfache Alkoholkonsum zu therapeutischen Zwecken – so redete er es sich jedenfalls ein – nicht mehr genügte, erweiterte er seinen Freundeskreis um namhafte Marken wie Johnnie Walker, Jim Beam, Buffalo Trace und gelegentlich stieß auch sein Bekannter Budweiser zur munteren Runde hinzu. Es fing morgens mit einem Glas Sekt an, welches er wenigstens noch mit einem Schuss Orangensaft mischte. Mittags trank er dann statt seiner üblichen Zitronenlimonade zwei bis drei Budweiser und füllte die Zitronen, die für die Limonade gedacht waren, abends in sein Whiskeyglas, das er mehrmals mit seinem Jack Daniel’s nachfüllte. Er wurde zum wahren Vollzeitalkoholiker. Aber dann zerfiel die Blockade, die er sich gegenüber der Vergangenheit aufgebaut hatte. „Numbing“ nannten die Ärzte seine immer wiederkehrenden Flashbacks, welche ihn zwar aus seiner Alkoholsucht holten, ihn aber wieder tiefer in seine psychische Krise stießen. Da seine Frau kein Interesse daran gehabt hatte, ihn erneut aus einem psychischen Tief zu holen, war die Gruppe der Anonymen Alkoholiker nun für seine Seelsorge zuständig. Es half ihm zwar und er fühlte sich besser, doch es befreite ihn nicht vom Numbing.

All das wurde Davids Mutter zu viel, ihr wurden die psychischen Probleme ihres Mannes langsam lästig. Deswegen suchte sie sich heimlich einen weniger bemitleidenswerten Mann, der sich um sie kümmern würde und nicht andersrum. Einige Zeit lang ging es gut, und sie wechselte ihre Liebhaber ebenso häufig wie ihre Socken. Aber eines Tages wurde sie unvorsichtig und plante ihre Treffen nicht mehr mit solch einer Sorgfalt, wie sie es hätte tun sollen.

So kam es, wie es kommen musste. Vor drei Jahren, als sie sich grade mit einem Immobilienmakler namens Ray vergnügt hatte, kehrte David von seinem Basketballspiel eine halbe Stunde früher zurück als erwartet. Er hatte die Tür aufgemacht und direkt das Stöhnen seiner Mutter aus dem Wohnzimmer vernommen.

„Sag es Baby“, hörte er eine fremde Männerstimme sagen.

„Oh mein Gott Ray, du Hengst“, stöhnte seine Mom erwidernd. Auf Rays Gesicht zeichnete sich ein fettes Grinsen ab. Seine gräulichen Haare hingen ihm vor den Augen und klebten an seiner Stirn fest. David, der alles gehört hatte, kauerte sich auf dem Boden zusammen und begann zu weinen. Seine Mutter stöhnte ein weiteres Mal. Er war nicht traurig. Er war wütend. Wütend auf seine Mutter, die seinen Vater in diesem Moment betrog, auf Ray, der seine Mutter wie eine billige Straßenhure behandelte und am meisten auf Mrs. Dalton. Warum musste sich die alte Schachtel auch ausgerechnet auf die Straße stellen? Hätte sie sich nicht einfach eine Kugel durch ihr Gehirn jagen können oder sich so lange zudröhnen können, bis sie an einer Überdosis starb. Diese Art zu sterben wäre doch schließlich auch für sie angenehmer gewesen, als von einem Kombicoupé überrollt zu werden. Warum konnte sie nicht einfach high sterben, ohne das Leben eines Menschen beziehungsweise dessen ganzer Familie zu zerstören? Die Richter hatten Paul zwar von jeder Schuld freigesprochen, aber er selber hatte das nicht. David hatte ein paar Augenblicke gebraucht, bis er die Situation realisiert hatte und sich zusammenreißen konnte. Mit Wuttränen in den Augen stürmte er aus der Tür hinaus und lief los. Erst einige Häuserblocks weiter blieb er stehen und schnappte nach Luft. Er schaute sich nach links und rechts um als würde er verfolgt werden. Erschöpft hatte er sich nach vorne gebeugt und sich mit seinen Händen auf seine Oberschenkel aufgestützt. Sein einziger Einfall war, seinen Vater anzurufen und ihm zu erzählen, was er gehört hatte. Und genau das hatte er dann auch getan. Sein Vater war gemeinsam mit Bobby zu einem Tagesausflug nach Anaheim zum Disneylandpark unterwegs. Knapp 7 Stunden mit dem Auto von ihrem Haus entfernt, das in einem Dorf zwischen Tambo und Ramirez steht.

Nachdem er seinen Vater erreicht hatte und ihm gebeichtet hatte, was in ihrem Haus vor sich ging, setzte er sich einfach auf den Boden und wartete. Worauf er gewartet hatte wusste er heute nicht mehr genau. Vielleicht wusste er es auch damals nicht. Jedenfalls hatte er so Trae das erste Mal getroffen und er hatte sich bis in den späten Abend mit ihm unterhalten. Trae hatte es sogar fertig gebracht, Davids Wut und Trauer für den Rest des Abends zu unterdrücken. Als er nach Hause kam, saß seine Mutter heulend auf dem Boden und erzählte ihm, dass sein Vater sich von ihr scheiden lassen wolle. Einen Grund hatte er nicht genannt. Dafür war David ihm mehr als nur dankbar, denn so wurde er nicht zum Sündenbock für seine Mutter und war in ihren Augen unschuldig an der ganzen Situation. Und dieses Geheimnis, dass er sie verraten hatte, hatte sie bis heute – 3 Jahre später – nicht gelüftet.

Am frühen Morgen des nächsten Tages war sein Vater mitsamt dem Schlafenden und von den Umständen total paralysierten Bobby wieder an ihrem Haus angekommen. Er ging einfach rein, umarmte David, packte seine Sachen und sagte seiner Frau, dass sie Post von seinem Anwalt bekommen würde. Dann ging er einfach aus dem Haus, verabschiedete sich von seinen Kindern, und eine Woche später waren sie geschieden. Ein Taxi hatte ihn von dem Haus seiner – von dem Tag an – Ex-Frau mit seinem restlichen Hab und Gut abgeholt. Das war der Tag, an dem er seinem ältesten Sohn David sein Auto vermacht hatte. In eben diesem Wagen war David weggefahren, wenige Minuten bevor das Telefon in der Eingangshalle von seiner Schule geklingelt hatte.

5

Jeder hat eine bestimmte Musikrichtung, die er bevorzugt beziehungsweise am liebsten hört. Davids Musik war der Rock’n Roll. Er brannte für ihn. Aus diesem Grund drehte er die Lautstärke des Radios ganz besonders auf, als Little Richard grade begann, Tutti Frutti zu singen. Mit den Fingern klopfte er den Takt auf dem Lenkrad mit und bewegte seinen Mund so zu dem Lied, als würde er es selbst singen. In ein paar Minuten würde er zuhause sein und das Wochenende durchschlafen. Er hatte keine Lust, sich wieder mit seiner Mutter wegen ihres ausgiebigen Liebeslebens zu streiten. Der Streit letzte Woche, bei dem sie sogar so weit gegangen war und ihn geschlagen hatte, hatte ihm gereicht. Natürlich hatte er dem nichts entgegengesetzt. Schließlich gehörte er nicht zu der Sorte Menschen, die jedes Mal, wenn man ihnen dumm kommt, anfangen zuzuschlagen.

David trat auf die Bremse und kam vor der roten Ampel zum Stehen. Sein Blick schweifte aus dem Fenster über Männer in Anzügen, die in Eile durch die Gegend liefen, Eltern, die versuchten ihre Kinder möglichst dicht bei sich zu behalten, Obdachlose und so weiter. Seine Augen blieben an einem Obdachlosen mit braunem Vollbart und einem verwaschenen, grauolivfarbenen T-Shirt haften. Der Obdachlose trug ein Pappschild um den Hals auf das: „Brauche Trinken!“, gekritzelt worden war. Er stand dicht an der Hauswand angelehnt, um sich halbwegs im Schatten zu befinden. Flehend sah er jeden der vorbeigehenden Menschen an und bettelte um ein wenig Kleingeld.

„Bitte Miss, geben Sie mir etwas Geld, ich habe so Durst. Bitte helfen Sie einer armen Seele“, flehte er eine Frau mittleren Alters an, die mit ihrer kleinen Tochter an ihm vorbeiging.

Erschrocken und angewidert vom Anblick des Obdachlosen nahm sie ihre Tochter und erhöhte das Tempo ihre Schritte.

„Komm schnell, Lucy“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen an ihrer Hand.

„Aber Mami, warum können wir dem armen Mann nicht helfen?“, fragte Lucy besorgt und beobachtete ihn traurig.

„Er ist selber schuld, dass er jetzt auf der Straße leben muss. Außerdem hat er bestimmt Krätze oder Lepra“, sagte sie, womit sie auf sein rechtes graues, trübes Auge hinwies.

„Krätze äußert sich durch Ausschlag und starken Juckreiz, gnädige Frau“, sprach sie ein älterer Mann an, der dem Obdachlosen eine Flasche Wasser gab, von welcher dieser sofort einen Schluck zu sich nahm. Sie blieb stehen und warf ihm einem tödlichen Blick zu.

„Ach ja, und Lepra kann zwar die Augen betreffen, würde aber dann sichtliche Verstümmelung oder Lähmung verschiedener Körperteile mit sich ziehen. Außerdem ist die Infektionsgefahr bei beiden Krankheiten nur bei längerem intensivem Körperkontakt besonders realistisch. Wenn Sie Ihr Kind schon anlügen wollen, dann lügen Sie es wenigstens so an, dass es realistisch wirkt“, fuhr er fort, ohne ihrem Todesblick größere Aufmerksamkeit zu schenken.

„Ich danke Ihnen. Gott segne Sie, mein Herr. Gott segne…“

Der Obdachlose verstummte, als er David sah und ihre Blicke sich trafen. Er krümmte seinen Hals auf die eigenartigste Art und Weise, die seine Wirbel zuließen und begann urplötzlich, schallend zu lachen. Das Lachen hatte große Ähnlichkeit mit dem eines verrückten Serienkillers, dem klar geworden war, dass er jemanden umgebracht hatte, der ihm eigentlich am Herzen lag. Sein rechter Zeigefinger schoss empor und zeigte auf David.

„Fahr endlich, du Affe“, brüllte ein wütender korpulenter Mann aus dem Jeep hinter ihm, „Bist du farbenblind Junge? Es ist grün!“

Seine Worte wurden von den kontinuierlich benutzten Hupen der hinter ihm stehenden Autos begleitet.

„Verdammt“, schrie der Obdachlose David entgegen und begann sich immer weiter von ihm wegzubewegen. Die losen Sohlen seiner Schuhe klatschten bei jedem Schritt auf dem Boden, was jedoch in den lauten Geräuschen der pulsierenden Stadt um ihn herum unterging.

„Du bist verdammt, Junge! Der Teufel hat dich in seiner Hand!“, schrie er ein weiteres Mal, während er ihn immer noch verrückt anlachte.

Offensichtlich aus seiner Schockstarre erwacht, legte David den ersten Gang ein und fuhr los. Erschöpft ließ sich der Bettler schwer atmend auf den Boden fallen. Selbstzufrieden grinste die Frau den verdutzten alten Mann an, der den Bettler grade eben erst vor ihr verteidigt und ihm eine Wasserflasche gegeben hatte. Das war genau die Wendung, die sie gebraucht hatte, um nicht vor ihm und ihrer kleinen Tochter dumm dazustehen. Die Kleine versuchte grade, eine auf dem Boden liegende, bunte Kaugummiverpackung aufzuheben, um nachzusehen, ob sich darin nicht doch noch ein allerletztes Kaugummi befand. Sie strich ihre nussbraunen Haare aus ihrem langsam faltig werdenden Gesicht und zog ihr kleines Mädchen von der Kaugummipackung weg.

„Ich habe außerdem gehört, dass geistige Verwirrung eine Folge von Aids sein kann. An Ihrer Stelle würde ich mich erstmal gründlich untersuchen lassen. Nicht, dass Sie neben seinen Flöhen und Läusen, die sowieso schon auf Sie übergesprungen sind, auch noch das Pech haben, in Kürze Ihr Testament aufsetzen zu müssen.“

Dann setzte sie sich zufrieden ihre Sonnenbrille auf und entfernte sich mitsamt ihrer Tochter von den beiden Männern, an die sie sich heute Abend schon nicht mehr erinnern würde.

6

Der linke Blinker des Mercury Cougar leuchtete auf. David bog in die Einfahrt des trüben Einfamilienhauses ein und parkte sein – ehemals das seines Vaters – Auto vor der geschlossenen Garage. Bevor er ausstieg, warf er einen flüchtigen Blick durch das Fenster des Wohnzimmers. Es war zur Routine geworden, dass er, aus reiner Vorsorge bevor er das Haus betrat, das Wohnzimmer von außen inspizierte. Er war nicht erpicht darauf, seine Mutter ein zweites Mal bei etwas Unschicklichem zu hören, geschweige denn zu sehen. Vielleicht konnte man in seinem Fall ebenfalls von Numbing als Folge ihrer damaligen Seitensprünge sprechen. Das wäre jedoch zu weitgehend, schließlich fühlte er keinen besonderen Schmerz bei der Trennung seiner Eltern. Trae hatte ihn am Abend, als sie sich kennengelernt hatten, gefragt, wie das wäre, von seinen Eltern erzogen zu werden. Diese Frage lag ihm deshalb so auf der Zunge, da er ein Waisenkind war. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt am Kindbettfieber. Die Sterberate würde bei ungefähr 0,016 % liegen, hatten die Ärzte hinter vorgehaltener Hand gemurmelt und so entschieden, dass es nicht nötig sei, Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu behandeln. Offiziell hatten sie nur gesagt, dass sie gesundheitlich in bester Ordnung wäre und es lediglich eine psychosomatische Reaktion auf den Stress sei. Einen Tag später starb sie. Trotz ihres Studiums und ihrer Erfahrung hatten sie den groben Fehler begangen, die Zahlen so zu legen, dass sie unbehandelte Fälle beschreiben würden. Jedoch starben 16 von 100.000 Personen, wenn sie behandelt wurden. Wieso Traes Mutter nicht behandelt wurde, wurde nie an eine höhere Stelle weitergegeben. Man beschrieb es als „nicht heilbaren, infektiösen Krankheitsausbruch“. Wer sein Vater war, konnte nicht ermittelt werden. Es gab keine namentliche Erwähnung oder irgendeinen Hinweis darauf, wer er sein könnte. Aus diesem Grund wollte Trae natürlich wissen, wie es gewesen wäre, wenn er eine Familie gehabt hätte. David – natürlich im pubertierenden Alter – hatte ihm gesagt, es sei wie Cholera. Man würde heftig darunter leiden, aber man hat nur eine zwei prozentige Chance, dabei draufzugehen. Traes Frage war für ihn wie der berühmt berüchtigte Finger in der Wunde gewesen. Besonders nachdem er seine Mutter bei einer Nummer mit einem gewissen Ray erwischt hatte, der zum einen zwar schicke Anzüge trug, aber zum anderen bei weitem nicht so viel verdiente, da er, wenn überhaupt, ein grade mal mittelmäßiger Immobilienmakler war. Also legte er noch einen drauf und erzählte ihm, dass man außerdem mit Schlägen, Bestrafung und im schlimmsten Fall sogar mit Misshandlung rechnen müsse. Dass er in seinem ganzen Leben noch nie mit Misshandlung in Kontakt gekommen war, verschwieg er aber. Es ging ihm nur darum, seinen Eltern eines auszuwischen. Wenn man älter wird, wäre es dann eher wie die Pest. Die Qualen würden schlimmer werden als vorher und die Chance, dass du draufgehst steigt, hatte David gemeint. Wieso, hatte Trae ihn gefragt. Weil sie denken, dass du mehr aushältst und sie dann weniger vor ihren Taten zurückschrecken, war seine Antwort gewesen.

Da das Wohnzimmer frei von Liebhabern und seiner leicht verführbaren Mutter war, nahm er den Rucksack vom Beifahrersitz und stieg aus dem Auto aus. Die Tür schlug er absichtlich mit großer Wucht zu, da er wusste, dass es seine Mutter besonders ärgerte. Während er den Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche kramte, winkte er einem kleinen Mädchen zu, das auf einem Dreirad auf dem Bürgersteig fuhr.

„David!“, quiekte sie vergnügt und stieg so schnell, wie ihre kleinen Beine es zuließen, von ihrem Dreirad ab und lief mit offenen Armen auf ihn zu. Ihre blonden Haare waren zu zwei Zöpfen zusammengebunden, die beim Laufen links und rechts auf- und abhüpften.

„Zoe, meine Kleine“, antwortete er und strahlte sie übers ganze Gesicht an. Endlich jemand, der sich ihm gegenüber nicht merkwürdig verhielt oder wirkte, als ob er was zu Starkes geraucht hätte, auch wenn das bei Trae genau der Fall war. Wenigstens würde sie den Tag nicht schlimmer machen, sondern den Vorhang, der sich – metaphorisch gesehen – vor seinen Gefühlen befand, etwas aufziehen und ihm so etwas Licht in der Dunkelheit schenken. Mit einem Lachen auf den Lippen sprang sie ihm in die weit geöffneten Arme, so dass er seinen Rucksack fallen ließ, als er sie auf den Arm nahm. Sie klammerte sich an ihm fest und drückte ihre Wange fest gegen seine.

„Du hast mir so gefehlt“, erzählte sie ihm mit voller Ernsthaftigkeit.

„Du mir auch, Zoe“, erwiderte er und drückte sie noch fester an sich.

„Du drückst mich ja so platt wie ein Pfannkuchen“, witzelte David und lockerte ein wenig seine Arme, die er um ihren kleinen schmächtigen Oberkörper geschlungen hatte.

„Ich liebe Pfannkuchen!“, quietschte sie vergnügt und begann auf seinem Arm zu hoppeln.

„Ist das so?“ Er setzte einen scherzenden verwunderten Blick auf und musterte sie von oben bis unten. Sie nickte heftig mit dem Kopf. Ihr Lächeln offenbarte ihre Zahnlücke, an deren Stelle sich eigentlich ihr rechter unterer Schneidezahn befinden sollte. Anscheinend hatte sie vor kurzem ihren Milchzahn verloren und erwartete dort nun bald ihren dauerhaft bleibenden „Erwachsenenzahn“, wie ihre Eltern es nannten.

„Was hältst du denn davon, wenn wir reingehen und welche machen?“

„Ja! Mit Erdbeeren und ganz viel Ahornsirup!“, schrie sie glücklich. David musste lachen. Am liebsten würde er von zuhause ausziehen und sich eine Wohnung suchen, wo er sie selbst aufziehen könnte. Würde es sie nicht geben, wäre er schon längst von diesem Ort hier verschwunden. Doch sie hielt ihn hier. Ihr Vater war ein Trinker und ihre Mutter nur selten daheim. Er fühlte sich verantwortlich für sie, denn er war sich sicher, dass sie das hier ohne ihn nicht durchstehen würde. Und er ohne sie auch nicht.

„Zoe“, ermahnte er sie und sah sie erschrocken an.

„Bitte David! Bitte. Dieses eine Mal.“, flehte sie ihn mit großen Augen an.

„Na gut. Aber nur dieses eine Mal! Dann darfst du das aber keinem erzählen“, flüsterte er ihr – immer noch lächelnd - geheimnistuerisch zu.

„Juhu“, jauchzte sie und warf sich nach vorne, um ihn wieder zu umarmen. Sie verharrten einen kurzen Moment so und genossen diesen schönen Augenblick der Ruhe. Dann setzte er sie langsam ab und streichelte über ihre Wange.

„Pass auf“, sagte er und beugte sich zu ihr herunter. Sie nickte mit dem Kopf und zog ihr violett-pink gestreiftes T-Shirt, an dessen Kragen sich ein kleines von Motten gefressenes Loch befand, wieder grade.

„Du fährst jetzt nach Hause und sagst deiner Mom, dass wir zusammen Pfannkuchen machen und uns danach noch einen Film ansehen werden. Um sechs bringe ich dich wieder nach Hause.“

„Sieben!“, erwiderte sie und stampfte mit dem Fuß empört auf dem Boden auf.

„Halb sieben und ein Glas Kool Aid“, bot er ihr an, „Einverstanden?“ Sie war einverstanden und nickte so stark, dass David kurzzeitig Sorge hatte, dass ihr kleiner blasser Kopf mit ihren wunderschön dunkelbraunen Augen von ihrem dünnen Hals kullern würde.

„Schön. Na los. Wenn du dich nicht beeilst, fange ich ohne dich an“, drohte er ihr im Spaß.

„Das ist gemein“, antwortete sie und schaute ihn böse an.

„Ich mach doch nur Spaß, Kleine“, beruhigte er sie und hob unschuldig die Hände.

„Außerdem bin ich nicht klein! Ich bin schon fast neun!“, berichtigte sie ihn und zeigte ihm neun Finger, die sie dann selbst noch einmal überprüfte und vorsichtshalber nachzählte. Er lachte herzlich, während sie angestrengt nachdachte ob nach der Acht nicht doch erst die Zehn kam.

„David?“, rief ihn seine Mutter, die in der offenen Tür stand. Er drehte sich kurz um und stöhnte genervt auf. Ihr graues T-Shirt, welches ihr zwei Nummern zu groß war, flatterte im warmen Sommerwind um ihre Hüften und ließ deutlich erkennen, dass sie, wie so oft, keinen BH darunter trug. Zoe wich ein paar Schritte zurück. Sie hatte Angst vor ihr, weil sie öfter hörte, wie sie David anschrie. Und jemand, der ihren über alles geliebten David anschrie, konnte nur böse sein.

„Na, dann fahr mal los. Ich schau mal, ob alles, was wir brauchen, da ist.“

„Okay, ich beeile mich.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief auf ihr leicht rostiges Dreirad zu.

„Bis gleich Zoe, ich hab dich lieb“, rief er ihr hinterher.

„Ich dich auch“, antwortete sie abwesend und setzte sich auf den Sitz ihres kleinen Gefährts. Sie winkten sich ein letztes Mal strahlend zu. Dann verschlang ihn die trübe und graue Einsamkeit des gelb gestrichenen Hauses, in dessen Einfahrt er stand. Einen Moment lang blickte er ihr traurig hinterher und wünschte sich, er wäre mitgekommen.

„David!“, rief seine Mutter ein weiteres Mal nach ihm.

„Ja, ich komme doch!“, brüllte er ihr entgegen. Er rollte mit den Augen, hob seinen Rucksack vom Boden auf und ging gemächlich zur Haustür.

„Wieso hast du so lange gebraucht?“, fragte sie besorgt. Es klang aufrichtig. Offensichtlich versuchte sie immer noch, den Anschluss zu ihm zu finden.

„Das weißt du doch ganz genau“, erwiderte er trocken, ohne ihr in die Augen zu sehen.

„Nein, das weiß ich nicht! Ich hab mir Sorgen gemacht!“

David ging wortlos an seiner Mutter vorbei. Er warf seinen Rucksack unter die Garderobe, an der seine Lederjacke und eine schwarze Fleecejacke von den Sacramento Kings hingen. Er hatte sie schon länger nicht mehr getragen. Um genau zu sein das letzte Mal vor drei Jahren, als er sich auf dem Flur zusammengekauert hatte und hören musste, wie Ray es grade seiner Mutter auf dem Sofa besorgte. Das Nicht-Tragen der Jacke war Teil seines persönlichen Numbings.

„Wo warst du?!“, fragte sie erneut und eilte ihm in die Küche hinterher.

Jedenfalls nicht auf unserem Sofa, um mich durchnehmen zu lassen. Ohne zu antworten, öffnete er den Kühlschrank und holte eine Dose Diät Cola und eine halbvolle Tüte Milch daraus hervor. Er schüttelte die Milchtüte prüfend und stellte sie dann auf den großen dunklen Ebenholztisch, der als Ablagefläche exakt ein Meter und fünfzig Zentimeter von der Küchenzeile entfernt stand. Ihr erster richtiger Partner, nachdem Davids Vater sich von ihr getrennt hatte, Owen Sterling, war Tischler gewesen und hatte ihn ihr zu ihrem 34. Geburtstag geschenkt. Er war ein Perfektionist, weswegen der Tisch auch auf den Millimeter genau in dieser Entfernung zur Küchenzeile stehen musste. Und das war auch der Grund, warum sie es nicht mehr mit ihm ausgehalten hatte. Eines Tages hatte er tatsächlich eingefordert, dass man in einer Beziehung treu bleiben sollte. Trotz seines verletzten Stolzes und seiner perfektionistischen Art hätte er ihr sogar vergeben. Doch sobald er begonnen hatte, sie dafür zur Verantwortung zu ziehen, war sie schon fertig mit ihm gewesen. Er schloss die Kühlschranktür und stellte seine Dose neben die Milchtüte auf den Tisch.

„Warst du wieder mit diesem Süchtigen unterwegs?“, fragte sie ihn traurig und fuhr sich mit der rechten Hand durch ihre mokkabraunen Haare. Ihre rot lackierten Fingernägel bildeten einen schönen Kontrast zu dem dunkleren Braun. Gemeint war Trae. Seit sie letzte Woche gerochen hatte, dass ihr Sohn gekifft hatte, fragte sie ständig nach, ob er mit Trae unterwegs gewesen sei. Das war jedoch auch die einzige mütterliche Besorgtheit, die sie je gezeigt hatte.

„Nein, und selbst wenn, geht dich das nichts an“, beantwortete er ihre Frage und wies ihren Annäherungsversuch erneut zurück.

„Wieso musst du sie immer mit darein ziehen? Wenn du etwas willst, dann sag es mir und nicht ihr. Die Nummer zieht nicht mehr, also lass es ganz einfach!“

„Wovon sprichst du? Mit wem soll ich geredet haben?“

„Mit dem heiligen Geist natürlich“, sagte er und hockte sich auf den Boden, um Mehl, Backpulver und Zucker aus dem Schrank unter der Herdplatte zu holen. Als er keine Antwort erhielt, drehte er den Kopf zur Seite und sah sie über die Schulter hin an. Sie stand mit fragendem Gesicht dort und sah ihn an, als hätte er sich einen tanzenden Affen auf die Stirn tätowieren lassen.

„Ach vergiss es“, sagte er genervt und wandte sich wieder den Zutaten für die Pfannkuchen zu. Die Türklingel läutete.

„Wir unterhalten uns nachher! Noch hast du Zeit, dich für das eben zu entschuldigen!“, warnte sie ihn und ging zur Tür.

„Das kannst du auch vergessen!“, rief er ihr hinterher und erhob sich mit den gefundenen Utensilien wieder vom Boden.

„Ich warne dich David! Ich war immer sehr nachsichtig mit dir, aber langsam reicht es mir! Nimm das nicht auf die leichte Schulter!“ Sie öffnete die Haustür und fand die vom Geschrei verängstigte Zoe dort vor.

„Hey Zoe“, begrüßte Faye sie mit einem strahlenden, falschen Lächeln, das so breit war, dass man meinen könnte, sie wolle einem Breitmaulnashorn Konkurrenz machen.

„Hallo Ms. Williams“, grüßte sie ängstlich zurück und fummelte nervös an ihrem T-Shirtsaum herum.

„Komm ruhig rein, Kleine.“

„Danke.“

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Davids Mutter freundlich, was Zoe mit einem eifrigen Kopfschütteln verneinte. Gefrustet von der Ablehnung des kleinen Mädchens hörte sie auf, ihr Fragen zu stellen oder etwas zu erwidern. Schweigend begab sie sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer, welches sich im oberen Stockwerk befand.

„Überleg es dir gut! Verdirb es dir nicht noch mehr mit mir als ohnehin schon!“, zischte sie ihm zornig zu, als sie an der Küche vorbeiging. Zoe stand im Raum und fummelte erneut nervös an dem Saum ihres T-Shirts herum. Die Treppenstufen knarzten laut unter den stampfenden Schritten von Davids wütender Mutter.

„Alles in Ordnung, meine Große. Sie ist weg und schreit niemanden mehr an“, beruhigte er sie und nahm sie in den Arm. Sie umarmte ihn ebenfalls und krallte ihre Finger in seinen Rücken.

„Hört auf, immer zu streiten“, bat sie ihn traurig. Sie wurde jedes Mal furchtbar traurig, wenn sich jemand stritt. Kein Wunder, wenn sie ähnliche Szenarien tagtäglich zuhause zwischen ihren Eltern erleben musste.

„Wieso ist dir das so wichtig?“, fragte David sie und fand die Frage im Nachhinein selbst ziemlich blöd, da er dachte, dass er die Antwort darauf eigentlich schon wusste.

„Weil sie bald ganz sehr tot sein könnte und du dann nicht weißt, wie sehr lieb sie dich eigentlich hat“, antwortete Zoe mit wässrigen Augen. Ihre Antwort war bei weitem nicht das, was David erwartet hatte. Ihre Antwort handelte von Tod und davon, dass sie ihn doch eigentlich lieben würde. Beide Aussagen waren sowohl unerwartet, da er nicht wusste, dass sie über so etwas nachdachte und woher sie wissen wollte, dass sie ihn eigentlich liebte. Zudem verwirrte ihn der häufige Gebrauch des Wortes „sehr“. Es wirkte zwar so, als hätte sie es grade erst gelernt und machte deswegen so regen Gebrauch davon, aber es schien – unabhängig von der brüchigen Grammatik - trotzdem angebracht.

„Da mach dir mal keine Sorgen. So schnell stirbt es sich nicht“, sagte er und begann, ihren Rücken zu streicheln. Auch wenn es ihn interessierte wie sie überhaupt auf diesen Gedanken gekommen war, fragte er sie nicht danach. Es war ihm unangenehm, über mütterliche Liebe, die er in der Form nie erhalten beziehungsweise anerkannt hatte, zu reden. Er merkte wie ihre wässrigen Augen langsam sein T-Shirt benässten, und versuchte, sie daher möglichst schnell wieder auf andere Gedanken zu bringen.

„Hey.“ Er hockte sich hin und hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest, „Wollten wir nicht Pfannkuchen machen?“ Anstatt etwas zu sagen, nickte sie wieder nur. Diesmal jedoch nur schwach.

„Wie sieht es aus? Möchtest du ein paar Erdbeeren naschen?“ Dieses Mal hatte seine Frage die gewünschte Wirkung, und ihr Gesicht hellte sich mit einem Mal auf. Sie ließ sich von ihm hochnehmen und neben die Spüle setzen, wo die Schale mit den Erdbeeren schon bereits fertig zum Abspülen stand. Gezielt nahm sie sich die größte Erdbeere heraus, die sie auf die Schnelle gesehen hatte, hielt sie zwei Sekunden unter den kalten Wasserstrahl und biss genüsslich von ihr ab. Als sie mit der ersten fertig war, griff sie sofort nach der zweiten und verspeiste auch die in kürzester Zeit.

„Hey, Hey, Hey“, unterbrach David sie, „Wir brauchen auch noch welche für die Pfannkuchen. Es sei denn, du willst deine Pfannkuchen mit Sardinen essen. Die hätten wir auch noch da.“

„Ihhh“, sagte Zoe, wobei sie das Gesicht verzog, als hätte sie grade in eine Zitrone gebissen. Sie überlegte nicht lange und entschied sich doch für die Erdbeervariante und hörte auf zu naschen.

„Darf ich die Eier und die Milch vermischen?“, fragte Zoe und beugte sich interessiert über den Messbecher, in den David grade die Milch aus der Tüte goss.

7

Der restliche Nachmittag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Zoe und David aßen Pfannkuchen mit Erdbeeren und Ahornsirup, während sie sich auf dem Sofa sitzend „Frozen“ ansahen. Etwas unpassend für die Jahreszeit, fand David, aber das störte Zoe nicht. Ihr Glas Kool Aid hatte sie nicht bekommen. Stattdessen hielt sie nun ein Glas Orangensaft, den sie durch einen blauen Strohhalm trank, in der Hand und schaute gebannt zu, wie Anna und Kristoff sich grade auf dem Bildschirm küssten. David kannte die Szene in und auswendig. Schließlich sahen sie sich den Film gefühlt jede Woche an, da Zoe auch nicht bereit war, mal etwas Neues auszuprobieren. Sie hing etwas in dem Wunschdenken fest, dass sie eines Tages als Anna in David ihren Kristoff finden würde. Doch so lange sich dieser Wunsch nicht erfüllt hatte, blieb ihr nur der sehnsüchtige Blick auf den Fernseher und ihre Fantasie. Der Abspann des Filmes begann und David schaltete den Fernseher aus.

„Nochmal“, sagte sie müde und begann zu gähnen. Mittlerweile war es viertel nach sechs geworden.

„Oh Nein“, lachte David und nahm ihr das Glas aus der Hand, um es auf den Tisch zu stellen.

„Du musst gleich nach Hause und dann bald ins Bett, so müde wie du bist“, erklärte er ihr und stupste mit einem Finger ihre Nase an.

„Bin nicht müde“, entgegnete sie ihm empört und richtete sich aus ihrer liegenden Pose über seinem linken Oberschenkel wieder auf.

„Natürlich nicht.“ Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„David?“

„Ja, Zoe? Was ist?“

„Wirst du in den Ferien hier sein?“, fragte sie und kletterte auf seinen Schoß.

„Nicht jeden Tag, aber im Großen und Ganzen, ja. Wieso fragst du?“ Er griff ihr unter die Arme und half ihr auf seinen Schoß zu kommen. Sie zuckte mit den Achseln.

„Ich weiß nicht. Ich will nicht, dass du weg gehst. Du sollst hier bei mir bleiben. Dann beschütze ich dich“, erklärte sie ihm und lehnte sich mit dem Rücken an seine Brust an.

„Wie meinst du das?“ David sah sie amüsiert und zugleich verwundert an.

„Was macht ein Pirat mit seinem Schatz?“

„Er vergräbt ihn.“

„Und warum?“, fragte Zoe weiter.

„Ach so. Ich bin dein Schatz, den du vergräbst, damit andere Piraten ihn dir nicht klauen können?“, fragte David, der verstanden hatte, worauf sie hinaus wollte. Sie hatte Angst jemand könnte sie ersetzen, wenn er längere Zeit nicht in ihrer Nähe wäre. Statt etwas zu sagen nickte sie stumm und sah ihn traurig mit ihren großen dunkelbraunen Augen an.

„Mach dir keine Sorgen, meine Große. Du hast mich schon so tief vergraben, dass mich garantiert keiner finden wird“, beschwichtige er sie und streichelte ihre blonden Haare. Ihr trauriger Blick verschwand und machte einem freudestrahlendem Lächeln Platz. Seine Antwort schien sie zufriedenzustellen. Zoe drehte sich in einer etwas schwankenden Bewegung herum und umarmte ihn mit ganzer Kraft und schmiegte sich dabei eng an seine Brust. Davids Blick wanderte zu der Wanduhr aus Eichenholz, die sich an der Wand rechts vom Sofa befand. Sie zeigte zwanzig nach sechs an. Beziehungsweise sollte sie das. Um genau zu sein, zeigte sie eigentlich gar nichts mehr an. Der kleine Zeiger war bei irgendeinem Frühlingsputz abgefallen und nicht mehr aufgetaucht. Lediglich der große Minutenzeiger befand sich noch an der Uhr und funktionierte, wie er es auch sollte. Davids Mutter hatte sie jedoch nie reparieren wollen, da sie Sorge hatte, dass sie dabei beschädigt werden könnte. Deswegen ließ sie sie dort einfach ohne Stundenzeiger hängen. Eigentlich wäre es nicht dramatisch, weil sie ja auch so noch wunderschön – potthässlich würde es besser treffen – sei und dem Raum das gewisse Etwas verleihen würde. Dass das gewisse Etwas in diesem Fall die Wirkung eines Fremdkörpers im Auge hatte, kümmerte sie nicht. Denn dafür, dass sie die Uhr eigentlich so schön fand, sah sie den traurigen Kreis aus Eichenholz mit nur einem Zeiger ziemlich selten an.

„Trink deinen Saft aus und dann bringe ich dich nach Hause“, sagte David und streichelte ihr über den Rücken. Er fühlte den warmen Schweiß durch den dünnen Stoff des T-Shirts hindurch. Sie würde nachher - wenn sie sie nicht schon jetzt hatte - fürchterliche Kopfschmerzen bekommen, dachte er sich. Sie hatte definitiv mehr Flüssigkeit verloren, als sie aufgenommen hatte. Sie kletterte von seinem Schoß hinunter und griff nach dem Glas, das auf der Glasplatte des Couchtisches stand. David erhob sich und stapelte die Teller, von denen sie vorhin gegessen hatten, um sie in die Spüle zu stellen. Das Abwaschen würde er auch erledigen können, wenn er wieder da war. Als er die Teller in die Spüle gestellt hatte, bedeckte er die übrig gebliebenen Pfannkuchen mit einer Plastikhaube, um sie vor Insekten zu schützen. Er hatte die Hoffnung, dass die schlechte Laune seiner Mutter verfliegen würde, wenn er ihr nachher – aus reiner Herzensgüte versteht sich – die restlichen drei Pfannkuchen anbieten würde.

„Fertig“, verkündete Zoe müde, aber auch stolz und reckte ihr leeres Glas mit dem zerkauten Strohhalm in die Höhe.

„Sehr schön, bringst du mir das Glas noch kurz?“, fragte er sie freundlich, während er noch mit dem Gedanken beschäftigt war, wie er seine Mutter am besten besänftigen konnte, ohne dass er sich entschuldigen musste. Grade, als er gedankenversunken den Wasserhahn aufdrehte um den klebrigen Ahornsirup von den Tellern grob zu lösen, klirrte hinter ihm Zoes Glas, in dem sich noch ein Bodensatz Saft befand, auf den harten Fliesen. Erschrocken zuckte David zusammen und fuhr herum. Zoe hockte bereits auf dem Boden, im Begriff die Scherben aufzuheben. Doch bevor er sie warnen konnte, war es schon zu spät. Ihre Hand und die gut vier Zentimeter lange Glasscherbe färbten sich rot. Blut rann aus ihrer Handfläche und tropfte auf den Boden zwischen die Reste des zersplitterten Trinkgefäßes. Sofort begann sie vor Schmerz zu schreien und zu weinen. Sie ließ die Scherbe, die die Form eines Halbmondes hatte, aus ihrer Hand fallen. In Windeseile schnappte David sich geistesgegenwärtig zwei Fixierbinden und eine sterile Kompresse aus dem Erste-Hilfe-Kasten, welchen seine Mutter, nach diversen Schnittverletzungen beim Kochen, in unmittelbarer Nähe zum Herd deponiert hatte. Man konnte ihr zwar vorwerfen, dass sie eine schlechte Mutter, eine Schlampe oder eine engstirnige Person sei, aber man konnte ihr keineswegs Vorwürfe machen, dass sie leichtfertig mit ihrer Sicherheit oder der ihrer Mitmenschen umgehen würde. Speziell aus diesem Grund war es mehr als nur merkwürdig, dass sie sich kaum um Bobby nach dessen Verschwinden, gesorgt hatte. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass er sich nicht mehr in ihrem Kontrollbereich befand. Schließlich kümmerte sie sich um die Sachen, die sie kontrollieren konnte, ganz besonders. Jedoch interessierten sie die Sachen, die außerhalb ihrer Reichweite waren, schon immer recht wenig.

„Was ist denn da unten los?“, tönte es vom oberen Treppenende herunter. David, der gemeinsam mit den Binden und der Wundkompresse die auf dem Boden sitzende Zoe erreicht hatte, hörte sie gar nicht. Er war viel zu konzentriert darauf Zoe schnellstmöglich einen Druckverband anzulegen. Der Schnitt des Glases war sauber und ziemlich tief, wie David feststellen musste. Ihre Hand war genau entlang der in der chinesischen Astrologie genannten „Head Line“ aufgeschnitten. Unter dem lauten Jaulen des kleinen Mädchens packte er eine der Binden aus und drückte die Kompresse auf die blutende Schnittwunde. Dann versuchte er in Windeseile die Technik, die ihm im Erste-Hilfe-Kurs beigebracht wurde, anzuwenden und wickelte die erste Binde drei Mal um ihre Hand. Als nächstes nahm er die andere verpackte Binde und drückte sie auf die Stelle, an der er die Kompresse bereits fixiert hatte und wickelte den Rest der Binde um sein sporadisches Druckpolster und verstaute das Ende in einer der entstandenen Falten. In der Zwischenzeit war auch Faye unten am Ort des Geschehens angelangt und beobachtete, wie David nun die blutige Scherbe vom Boden entfernte und sie in den Mülleimer warf.

„Ist ja gut Kleines. Ist alles in Ordnung. Es hört gleich auf zu bluten“, beruhigte David sie und nahm sie auf seinen Arm, wobei er sorgsam darauf achtete, dass er ihre linke Hand nicht bewegte. Ihre Tränen durchnässten den Ärmel seines T-Shirts und vermischten sich dort mit dem aus ihrer Nase laufendem Sekret. Vor dem Sofa blieb er stehen und setzte sie ab.

„Sieh mich an, meine Süße“, sagte er mit beruhigender Stimme während er sich vor sie hockte und begann ihren Kopf zu streicheln. Zoes Blick wanderte zu ihrer verletzten Hand. Sie schien kurz davor zu sein, einen weiteren Heulkrampf zu bekommen.

„Hey, ich bin hier oben“, riss David sie aus ihrem Tunnelblick. „Alles wird gut werden. Deiner Hand wird es bald besser gehen. Hab keine Angst, es blutet bald nicht mehr so schlimm.“

Doch seine beruhigenden Worte hatten keinen Einfluss auf sie. Sie schluchzte und weinte weiterhin in derselben Lautstärke wie zuvor. Im Hintergrund kehrte Faye die Scherben vom Boden auf. Eigentlich wollte sie David eine Szene machen, dass er sich doch gefälligst um sie kümmern sollte, jedoch konnte und wollte sie das nicht mehr, als sie gesehen hatte, dass er beinahe lehrbuchmäßig reagiert hatte. Es gab also keinen Grund, ihm einen Vorwurf zu machen. Ein erfahrener Sanitäter hätte zwar bemängelt, dass er Zoe nicht erklärt hatte, was er tun würde, um sie nicht zu verunsichern, aber sie wusste genau, dass das bei ihr auch nicht nötig war. Zoe vertraute ihm in jeder Situation blind und würde keine seiner Handlungen anzweifeln. Die Scherben klirrten, als sie im Mülleimer landeten.

„Es ist gar nicht viel Blut.“

Zoe hörte plötzlich auf zu schluchzen.

„Keine Sorge. Es wird dir gut gehen, meine Kleine“, fuhr er fort in dem Glauben, sie damit weiter von der Verletzung an ihrer Hand ablenken zu können. Das tat er auch. Die Angst und die Schmerzen ihrer Wunde waren vergessen. Jedoch weckten seine Worte eine neue noch viel größere Angst in ihr. Sie wusste nicht wieso und wollte es auch nicht wissen. Alles was sie wusste war, dass das, was er sagte, ihr mehr Angst einjagte als der Schnitt, der sich durch ihre linke Hand zog.

„Was ist passiert?“, unterbrach seine Mutter ihn. Beide sahen zu ihr auf. Ihre Haare waren zerzaust und klebten an ihrer schweißnassen Stirn.

„Ich hab ein Glas fallen gelassen, und sie hat sich an einer Scherbe geschnitten, weil sie helfen wollte“, log er ihr vor, um Zoe vor seiner Mutter zu schützen. Er konnte jetzt keine wütende Faye Williams gebrauchen, die der ohnehin schon eingeschüchterten Zoe sinnlos noch mehr Angst einjagen würde. Zu seiner Überraschung wurde sie aber nicht wütend. Weder auf ihn noch auf sie. Im Gegenteil. Sie schien beruhigt zu sein. Beruhigt, weil ihr Sohn ohne sarkastische oder beleidigende Bemerkungen mit ihr geredet hatte. Das kaputte Glas war nun eher sekundär in ihren Augen. Auch sie begann, Zoe zur Beruhigung leicht an der Schulter zu streicheln. Hilfesuchend sah Zoe, die auf dem hellbraunen Ecksofa saß, Faye an.

„Es verheilt bald wieder“, tröstete sie das kleine Mädchen und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.

„Ich bringe sie besser mal nach Hause“, meinte David und sah seine Mutter in der Hoffnung auf Zustimmung an. Sie nickte verständnisvoll und streichelte ein letztes Mal Zoes Schulter.

„Wollen wir dich zu deiner Mom bringen?“ Sofort bejahte sie seine Frage. Nichts war ihr lieber, als nach Hause zu ihrer Mutter zu gehen, die sich vermutlich vollkommen überarbeitet um den Haushalt kümmerte, während ihr Vater mit einem Bier in der Hand auf dem alten blassgelben Gartenstuhl sitzen und ein Sportmagazin nach dem nächsten durchblättern würde. Ihm wäre es egal, ob sie wieder da wäre oder nicht, doch ihre Mutter würde sich sicher freuen, ihr kleines Mädchen wiederzusehen, bevor sie zu ihrem nächsten Job müsste. Schließlich arbeitete ihr Mann nicht mehr, seit er vor einigen Jahren wegen seinen Rücken- und Schulterproblemen von seinem Arbeitgeber gefeuert worden war. Seitdem hatte er nicht einmal versucht, sich eine neue Arbeitsstelle zu beschaffen, geschweige denn irgendwie anderweitig Geld zu verdienen. Er gab lieber das Geld, das seine Frau verdiente, für Alkohol, Zeitschriften und diverse Sportwetten aus. Wirklich Erfolg hatte er damit aber bisher noch nicht gehabt.

„Irgendwann wird er kommen, Sarah! Der große Coup! Der Tag, an dem ich mit einer Wette endlich abkassiere und keiner von uns mehr arbeiten muss. Vertrau mir! Ich brauche nur noch etwas Geld, um die Wetten zu finanzieren“, hatte er sie jedes Mal angebettelt nach einer vergeigten Wette und sie jedes Mal überzeugen können. Trotz seiner schlecht platzierten Wetten und seinem verschwenderischen Umgang mit dem Geld, das ihm formal nicht einmal gehörte, schlug sie ihm nie einen Wunsch ab. Ihre blinde Vernarrtheit in sein früheres Ich, das noch Erfolg im Leben hatte und sich nicht mittags um zwölf seine erste Dose Bier öffnete, war das Fundament ihrer Ehe. Früher einmal galt er als gefragter Security bei höheren Anlässen und war auf dem besten Weg, nach ganz oben aufzusteigen. Doch eines Tages nahmen seine körperlichen Beschwerden überhand, und er bekam noch im Krankenhaus sein Kündigungsschreiben. Einen physisch eingeschränkten Security konnte man schließlich nicht gebrauchen. Ein paar wenige Male hatte er versucht, als Türsteher bei einem miesen Nachtclub wieder den qualifizierten Security zu mimen, doch bereits die erste Auseinandersetzung machte sein Rücken nicht mehr mit, und er gab das Security-Dasein auf. Von dem Tag an saß er zuhause rum und vertrieb sich die Zeit mit Trübsal blasen und eine Dose Budweiser nach der nächsten in sich hinein zu kippen. Wie jeder andere in dem kleinen Dorf hatte also auch er eine Geschichte, die nicht als Komödie sondern als Tragödie zu erzählen war.

Zoe erhob sich leicht schniefend vom Sofa und versuchte, in ihre halboffenen zitronengelben Schuhe einzusteigen.

„Warte, ich helf dir“, bat David ihr an und weitete die Schuhe mit beiden Händen, um ihr den Einstieg zu erleichtern. Langsam steckte sie erst ihren rechten und dann ihren linken Fuß in die Schuhe, welche David dann mit dem vorhandenen Klettverschluss schloss.

„Bin gleich wieder da, Mom“, verabschiedete er sich kurz angebunden und zog sich nun auch seine Skechers an.

„Ich sauge die übrigen Splitter in der Zeit weg“, sagte sie, und ein Hauch von Zufriedenheit mischte sich in ihren Satz ein. Der Stolz darauf, wie ihr Ältester reagiert hatte, schien noch etwas vorzuhalten.

„Danke“, erwiderte er trocken und öffnete Zoe, der es immer noch aus Angst die Sprache verschlagen hatte, die Tür. Dann verließen sie gemeinsam das Haus und ließen eine unentschlossene Faye zurück, die sich im Unklaren war, ob sie es übers Herz bringen würde, ihren Sohn weg zu schicken. Wäre es ein ganz normaler Ort an den sie ihn schicken würde, würde ihr die Entscheidung leicht fallen. Aber da man so allerhand hörte und mitbekam von anderen Eltern, war die Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich hoch, dass er je zurückkehren würde. Sie holte den Staubsauger aus der Besenkammer und dachte nicht weiter über diese Frage nach, sondern beschäftigte sich mit der Problematik, wie sie, ohne sich Socken oder Schuhe holen zu müssen, nicht in die kleinen Splitter trat, die die Größe eines Reiskorns hatten und weit auf dem Boden verstreut lagen.

8

„Hey, meine Süße“, begrüßte Mrs. Hillton ihre kleine Tochter, die eilig durch das Gartentor auf sie zu lief.

„Guten Abend Mrs. Hillton“, rief David Zoes Mutter zu und blieb im offenen Tor stehen.

„Hallo David“, antwortete sie ihm lächelnd. Ihre hellblonden Haare waren zu einem Dutt zusammengebunden, der ebenso perfekt aussah wie ihre makellose, strahlend weiße Haut. Genau wie ihre Tochter hatte sie einen Eisenmangel, gegen den sie nicht wirklich etwas taten, weswegen keiner von beiden wirklich braun wurde, sondern sie ganzjährig blass wie Vampire blieben. Als ihre Mutter grade auf den Verband aufmerksam wurde, sah David bereits, wie ihr Vater sich schon von seiner Zeitschrift abwand und das Geschehen beobachtete.

„Mädchen, komm her!“, brüllte er seine Tochter an. Auch er hatte den Verband entdeckt.

„Cal, bitte hör auf!“, herrschte seine Frau ihn an. Sie wusste, wie er war, wenn er betrunken und frustriert war, wie genau jetzt in dieser Situation. Dadurch, dass es schon nach sechs Uhr war, arbeitete er immerhin schon seit fast sechs Stunden seinen Vorrat an Bierdosen ab. Zudem war er erst recht aufgestachelt, weil seine Frau ihn vorhin, als die kleine Göre weg war, nicht rangelassen, sondern nur gemeint hatte, dass sie nicht könne, weil sie sich um die Wäsche kümmern müsse. Dämliches Weibsbild. Wieso musste er auch immer so gnädig sein und ihr eine Wahl lassen, ob sie denn mit ihm schlafen wolle oder nicht. Schließlich war sie mit ihm verheiratet und hatte ihre eheliche Pflicht zu erfüllen. Keiner könnte ihn anzeigen, dass er sie vergewaltigen würde, es gehörte zu ihrer Pflicht, sich es von ihm besorgen zu lassen.

„Komm her, hab ich gesagt!“, wiederholte Cal sich lautstark und ungewollt lallend. Allgemein betrachtet ließen sich alkoholisierte Menschen in zwei Kategorien einteilen. Zum einen gab es berauschte Personen, die, wie Paul Williams, anhänglicher wurden und den Gegenüber nicht mehr loslassen wollten. Und zum anderen gab es Personen, wie Cal Hillton, die anfingen, aggressiv zu werden und ihren Gegenüber nicht umarmen sondern am liebsten dessen Auto – oder noch besser dessen Gesicht – mit seinem BB-10 Profi Baseballschläger von barnett (Modell 210 -4) ein neues, in seinen Augen optimiertes, Aussehen verpassen würden. Zögerlich ging Zoe auf ihn zu. Davids Blick und der ihrer Mutter folgten ihr sorgend.

„Was ist das?“, fragte ihr Vater und zeigte auf den Verband. Das Bild, das er bot, war das eines klischeehaften Arbeitslosen. Schlecht rasiert, Dreitagebart, glasiger Blick, das weiße Unterhemd spannte über den immer größer werdenden Bierbauch und seine Schultern wurden von einem aufgeknöpften, kurzärmligen, grün weiß karierten Hemd verdeckt. David musste sich an Mrs. Prentons Taschentuch erinnern, das sowohl dieselbe Farbe, als auch dasselbe Muster wie das Hemd des betrunkenen Cal Hillton hatte. Man könnte meinen, sie hätte es sich aus den fehlenden langen Ärmeln seines Hemdes selbst herausgeschnitten.

„Ich hab mich geschnitten“, erzählte sie kleinlaut. Sie hatte Angst, ihm in die Augen zu sehen. Außerdem konnte sie den strengen Biergeruch aus seinem Mund nicht ertragen, jedoch würde sie das nie offen zugeben, ansonsten würde er wieder einen seiner Anfälle bekommen, wie ihre Mom es ausdrückte.

„Wer hat das getan?“, fragte er weiter. Man konnte förmlich spüren, wie die Wut in ihm aufstieg. Zwar gab es keinen Grund dafür, doch nachdem seine Frau sich nicht hatte anfassen lassen, musste er seinen Frust an etwas auslassen. Auch wenn dies seine eigene Tochter war.

„David hat das gemacht“, antwortete Zoe ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass ihr Vater die Verletzung und nicht den angelegten Druckverband meinte. Keine Sekunde später hatte Cal seinen Sündenbock gefunden, an dem er seinen Frust auslassen konnte.

„Hast du meine Tochter verletzt?!“, brüllte er dem verwirrten David entgegen und erhob sich von seinem Thron, in Form eines gelben durchgesessenen Gartenstuhles. David wusste nicht, was er antworten sollte. Wie angewurzelt stand er auf den aus Muschelkalk gefertigten Pflastersteinen, welche den Weg vom Gartentor bis zur Haustür zierten. Bevor ihm überhaupt bewusst wurde, was sich in diesem Moment in Cals Kopf abspielte, hatte dieser bereits die Hälfte des gepflasterten Weges zurückgelegt.

„Was hast du meiner Tochter angetan?!“, brüllte er ihn immer noch lallend und voller aufgestauter Wut an. David wich ein paar Schritte vom Tor zurück.

„Daddy, er hat mir nicht weh getan!“, kreischte Zoe ihm in Angst um David hinterher.

„Cal, lass ihn in Ruhe!“, mischte sich nun auch seine Frau ein.

„Halt dich da raus, du Schlampe!“, peitschte er seiner Frau entgegen. Selber Schuld. Hättest du dich einfach von mir ficken lassen, dann wäre das hier auch nicht notwendig gewesen. Denn genau das war es. Notwendig. Irgendwie musste er ja seinen sexuellen Frust abbauen können. Dass es in dem Fall nun David traf, der ihm absolut nichts getan hatte, war halt einfach Pech für den Jungen.

„Ich habe Ihrer Tochter nichts…“, doch weiter kam er nicht, da Zoes aufbrausender Vater das Tor erreicht hatte und ihn nun am Kragen packte.

„Was hast du meiner Tochter angetan, du verdammter Hurensohn?!“

„Nichts, Mr. Hillton!“, antwortete David mit sicherer Stimme. Die Sicherheit in seiner Stimme stachelte Cal noch weiter auf. Wie konnte der Bengel es wagen, keine Angst vor ihm zu haben? Nahm er ihn etwa nicht ernst? Hielt er ihn für einen Witz? Für einen Trunkenbold, der einfach in eine Zwangsjacke gehörte und nichts tat, außer Reden zu schwingen? Für einen abgehalfterten Ex-Security, der nicht einmal mehr in der Lage war, sich selbst gegen einem Teenager zu verteidigen?

„Hör auf zu lügen!“ Er zerrte an seinem Kragen, der bereits deutlich weiter war, als es eigentlich vom Hersteller vorgesehen war.

„Na warte! Ich prügle dir deinen kranken, pädophilen Tick aus deinem beschissenem Hirn!“ Mit diesen Worten holte er aus und schlug ihm mit der Faust, trotz seines hohen Promillegehalts, zielsicher auf sein linkes Auge. Der Schlag war nicht wirklich das, was man einen Kanonenschuss nennen würde, aber auch nicht das was man als Windhauch bezeichnen würde. Man konnte deutlich merken, dass er nicht mehr in der Form war, in der er sich befunden hatte, als er auf dem Höhepunkt seiner Security Laufbahn angekommen war.

„Cal, hör auf!“, kreischte seine Frau hinter ihm, traute sich jedoch nicht an ihn heran. Zoes betrunkener Vater wollte grade zum zweiten Schlag ausholen, als David überraschenderweise zum Gegenschlag ausholte und ihm mit voller Wucht einen sauberen Haken verpasste. Mr. Hillton taumelte ein paar Schritte rückwärts, dann fiel er auf den Boden, wobei er sich zumindest so abfangen konnte, dass er auf seinem Hintern landete und nicht mit dem Kopf auf den harten Pflastersteinen. Er gab ein kurzes würgendes Geräusch von sich und erbrach eine galleähnliche Flüssigkeit, in der ein Stück seines Schneidezahns schwamm. Wegen seines hohen Alkoholkonsums und seinem geringen Konsum von fester Nahrung hatte er lediglich etwas Magenflüssigkeit erbrechen können. An dem Erbrochenen traf David keine Schuld. Cal hätte sich so oder so übergeben müssen, darauf hatte Davids Notwehr keinen Einfluss gehabt. An dem Stück Zahn, das darin schwamm jedoch schon. Der Kinnhaken, den David ihm verpasst hatte, hatte einen seiner oberen Schneidezähne so hart auf die unteren prallen lassen, dass dieser zur Hälfte abbrach und mit einer ordentlichen Portion seines „leeren“ Mageninhalts hinausbefördert wurde. Zoe stürmte auf David zu und klammerte sich mit ihrer gesunden Hand an seinem rechten Bein fest. Ihre Angst vor ihrem Vater war vergessen. Jetzt hatte sie nur noch Angst um David. Sie wusste, dass ihr Vater nicht so reagiert hatte, weil er sie beschützen wollte und sich um sie sorgte. Wenn er das wirklich machen wollen würde, hätte er sie nicht so oft geschlagen und ihr wehgetan. Mrs. Hillton lief währenddessen zu ihrem auf dem Boden sitzenden Mann, welcher schwer atmete und nach Luft zu ringen schien.

„Ruhig atmen, Cal. Atme ein“, sie holte Luft. „Und atme aus“, sagte sie und stieß die eben eingeatmete Luft wieder aus.

„Es tut mir so leid, Mr. Hillton! Ich wollte Sie nicht verletzen!“, entschuldigte er sich eifrig, wahrte aber weiterhin den Abstand zu ihm.

„Verschwinde Junge“, keuchte er, während er immer noch damit kämpfte, seine Atmung wieder regulieren zu können. Mrs. Hillton drehte sich zu David herum und nickte ihm mit einer unterschwelligen Entschuldigung zu, dass es besser wäre, wenn er jetzt gehen würde. Zoe aber hinderte ihn daran, indem sie sich noch fester in sein Bein krallte und ihn flehend ansah, bei ihr zu bleiben.

„Rufst du mich morgen an?“, fragte sie ihn traurig und legte ihren besten Bettelblick auf.

„Versprochen“, sagte er und tätschelte ihren Kopf. Ihr Klammergriff lockerte sich, womit sie ihn offiziell zu seinem Nachhauseweg entließ.

„Bis morgen, Kleine.“

„Machs gut, David“, erwiderte sie.

„Mach dir keine falschen Hoffnungen! Ich werde dafür sorgen, dass dieser Perverse nie wieder ein Wort mit dir reden wird!“, hörte er Cal wutentbrannt sagen, während er sich vom Grundstück der Hilltons entfernte. Im Stillen hoffte er, dass Cal heute noch ein paar Bier mehr trinken würde und heute in der Nacht, während er schlief, sein eigenes Erbrochenes ihm die Luftzufuhr abschnüren würde.

9

Stille herrschte in dem Haus der Williams, als David die Eingangstür öffnete. Er zog seine Schuhe aus und stellte sie sorgfältig unter die Garderobe zu den High Heels seiner Mutter. Echte Markenschuhe aus schwarzem Leder von Christian Louboutin. Normalerweise standen sie in ihrem Kleiderschrank, damit sie bestmöglich vor Schmutz und anderen unschönen Verunreinigungen geschützt waren. Sie standen aus dem Grunde dort, weil Faye die letzte Nacht gemeinsam mit ihrer Cousine – der Direktorin von Davids High School – im Club, welcher sich etwas außerhalb des Dorfes befand, durchgetanzt hatte. Geschlafen, beziehungsweise gewartet, bis sie wieder halbwegs nüchtern und imstande gewesen war, sich auf den Heimweg zu begeben, hatte sie bei ihrer Cousine, die nur einen knappen Kilometer von dem Club entfernt wohnte. Praktisch, wenn man Single war und keine anderen Interessen hatte, außer sich zu besaufen und sich auf der Tanzfläche einen attraktiven – oder auch weniger attraktiven, was machte das schon, wenn man sternhagelvoll war - Mann zu suchen und mit diesem im Besten Falle schnell nach Hause ins heimische Bett steigen zu können. Als Faye gegen neun Uhr zuhause angelangt war, kümmerten sie die Schuhe keinesfalls mehr. Sie wollte nur noch ins Bett und ihren Rausch ausschlafen können. Nachdem David seine Schuhe ausgezogen hatte, begab er sich in die Küche und öffnete den Tiefkühlschrank. Sofort spürte er die Kälte, die er abgab und seine überhitzte Haut zumindest kurzfristig auf eine angenehme Temperatur herunterkühlte. Er öffnete das Mittlere der fünf Fächer und holte einen Beutel heraus, in welchem sich eine Mischung aus diversen tiefgefrorenen Waldbeeren befand. Das gesamte Fach war bis oben hin gefüllt mit den blauen Plastikbeuteln. Eigentlich war fast der gesamte Tiefkühler gefüllt mit gefrorenen Früchten und Beeren jeder Art. Die Ausnahme stellten ein paar „Ben & Jerry’s Cookie Dough“ Eisbecher in der obersten Schublade dar. Faye hatte sie sich nach Pauls Trennung gekauft, um klischeehaft gegen den Frust und die Trauer anzuessen. Jedoch hatte sie bereits bei dem ersten Becher nach der Hälfte aufgehört, zu essen und somit das Drama beendet. Seitdem standen die übrigen zwei Eisbecher dort unberührt. Auch David wollte sie nicht anrühren, da sie ihm erstens einfach viel zu süß waren, und zweitens wurde sein persönliches Numbing selbst durch diese Masse aus Zucker, Vanilleextrakt, Kakao und Eiern ausgelöst. Zwar würde kein Psychologe der Welt es wirklich als Numbing in der Situation bezeichnen, sondern als Assoziierung mit einem schmerzlichen und bisher unverarbeiteten Ereignis kennzeichnen, aber dieses Wort verfolgte ihn immer und überall. Numbing war der Grund für seine zerrüttete Familie, somit gehörte es auch ein Stück weit zu ihm.

David drückte die Packung mit den Beeren auf sein linkes Auge, welches vor wenigen Minuten der betrunkene und gefrustete Cal Hillton versucht hatte, zu malträtieren. Inzwischen war es etwas angeschwollen und färbte sich bereits unter dem Augapfel leicht bläulich. Mit Schwung warf er die Tür zu.

„So eine Scheiße!“, brüllte er sich selbst an und stützte sich mit den Ellenbogen auf der Küchenablage auf. Der gesamte Tag war ein einziges Desaster, und mittlerweile war er noch gereizter als heute Nachmittag, als seine vom Feiern übermüdete Mutter ihn aufgefordert hatte, sich für sein Verhalten und seine berechtigten Kommentare zu entschuldigen.

„Schatz, was ist los?“, fragte seine Mutter, die um die Ecke kam und immer noch dasselbe Outfit wie vor einigen Stunden trug.

„Wonach sieht es denn aus?“, entgegnete er genervt und starrte die blassgelbe Küchenwand vor sich an.

„Was meinst du?“ Verbittert erhob er sich aus seiner gebeugten Position und offenbarte seiner Mutter sein wachsendes Veilchen am linken Auge.

„David, was ist passiert?“, fragte sie erschrocken, „Bist du dem Abhängigen über den Weg gelaufen? Hat er dir das angetan?“

„Verdammte Scheiße, Nein! Lass doch endlich Trae aus deinen Fantasien raus, Mom!“, brüllte er ihr wütend entgegen und stützte sich wieder mit den Ellenbogen auf der Ablage auf. Seine Mutter war zwar verärgert über seinen Ausbruch, brachte dem jedoch nichts entgegen, da sie selbst wusste, dass es ungerecht war, direkt auf Trae zu schließen. Schließlich macht der Drogenkonsum einen Menschen nicht automatisch zum Schläger oder zu einem schlechten Menschen.

„Mr. Hillton hat mich geschlagen. Er war betrunken und dachte, ich hätte Zoe verletzt und sie absichtlich mit einer Glasscherbe geschnitten. Er hält mich für irgend so einen Pädophilen, glaube ich, der seine Tochter anfasst und irgendwelche kranken Fetische an ihr ausüben würde“, erklärte er seiner Mutter mit gedrosselter Lautstärke. Wie erwartet reagierte seine Mutter nicht. Alles, was sie tat, war ihm sanft den Arm um die Schulter zu legen. Keine tröstenden Worte oder eine Empörung über sein Verhalten. Einfach nur ihr Arm und seine Schulter. Genau wie früher schon, war sie unfassbar schlecht darin eine Mutter zu sein und sich wie eine zu verhalten. Sie scheute sich nicht einmal davor, ihr Desinteresse offen zu zeigen. Der einzige Versuch, einen Hauch an Interesse vorzutäuschen, bestand darin, dass sie sich überhaupt dazu herabließ, ihn zu fragen, was passiert sei.

„Wie ist es ausgegangen?“, erkundigte sie sich, wobei die Frage nach dem Ausgang der Situation aus ihrem Munde so klang, als würde sie nach den Ergebnissen vom Sport fragen, und nicht nach der körperlichen Auseinandersetzung ihres Sohnes mit dem betrunkenen Mr. Hillton.

„Ich habe versucht, mich zu wehren“, erzählte er.

„Ich habe ihm einen Kinnhaken verpasst. Er fiel hin und musste sich übergeben. Ich habe ihm scheinbar einen Zahn ausgeschlagen, jedenfalls hat er ein Stück davon ausgespuckt.“

Enttäuscht von sich selbst senkte er den Blick. Sein Vater hatte ihm früher beigebracht, dass, wenn jemand ihm auf die Wange schlägt, er auch die andere hinhalten solle. Er hatte gesagt, dass das eine von Jesus‘ Lehren aus der Bibel sei und er sich daran halten müsse und keinem Schaden zufügen dürfte, schließlich sei er ein guter Christ, was er in Wirklichkeit ganz und gar nicht war. Was er ihm jedoch nicht erzählt hatte, war, dass Jesus, wenn ein übergewichtiger, wütender Ex-Security auf ihn einschlagen würde, er sich diese Worte wahrscheinlich noch einmal gut überlegt hätte.

„Ich bin stolz auf dich“, sagte seine Mutter, womit sie erneut ihre Unfähigkeit bestätigte. Kein vernünftiges Elternteil würde seinem Sohn sagen, dass es stolz auf ihn wäre, wenn er einen Mann, der ihn geschlagen hatte, zurückgeschlagen hätte. Ein verständnisvolles „es war nicht deine Schuld, du hast dich schließlich nur gewehrt“ wäre die deutlich neutralere und pädagogisch wertvollere Aussage gewesen.

„Als ob du wüsstest, was es heißt, stolz auf mich zu sein“, entgegnete er ihr schlagkräftig und entzog sich ihrer Umarmung.

„Was soll das schon wieder heißen?“, fragte Faye aufgebracht.

„Sag mal, ist eigentlich alles, was ich sage, so ein großes Rätsel für dich?“

Seine Mutter reagierte nicht.

„Du hast doch keine Ahnung was es heißt stolz zu sein! Was du als Stolz bezeichnest, ist einfach nur deine Ignoranz und deine elende Vorstellung, alles zu wissen und jedem etwas vormachen zu können!“ Während er seine Schimpftirade hielt, entfernte er sich immer weiter von ihr, wobei er ihr jedoch weiterhin in die Augen sah. Er wollte, dass sie sah, wie ernst es ihm war. Ansonsten würde sie wieder mithilfe ihrer Klatschblattweisheiten schlussfolgern, dass er, wenn er sich von ihr abwendete, einfach zeigte, dass er verletzt wäre. Dies müsste dann nicht einmal auf sie zurückzuführen sein, hatte sie gelesen. Jedenfalls redete sie sich das ein, denn in Wahrheit hatte sie noch nirgendwo gelesen, dass der Angesprochene somit von jeder Schuld ausgenommen werden konnte.

„Toll, dass du dem Nachbarsjungen den Ball gestohlen hast, weil er ihn ausversehen auf unser Grundstück geschossen hat. Gut gemacht, ich bin stolz auf dich! Ja, wie wunderbar, dass du zugesehen hast, wie ein Kind, das neu an der High School war, von vier Jungen, die drei Jahre jünger als du sind, verprügelt wurde und nichts getan hast! Das hast du erstklassig gemacht! Super, dass du Mr. Hillton einen Zahn ausgeschlagen hast, weil man ja Schläge mit Schlägen vergelten soll! Noch besser wäre es gewesen, wenn er jetzt im Krankenhaus liegen würde, denn dann könnte ich noch viel stolzer auf dich sein!“, imitierte er lauthals seine Mutter. Doch dann geschah etwas, was er seit der Scheidung seiner Eltern nicht mehr gesehen hatte. Sie begann zu weinen. Nicht schluchzend oder irgendwie hörbar, aber man konnte beobachten wie einzelne, glänzende Tränen ihre Wangen hinunterkullerten. Jetzt drehte David sich doch von seiner Mutter weg und wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. Er hatte Sorge ein schlechtes Gewissen zu bekommen, nur, weil er das ausgesprochen hatte, was er schon längst hätte aussprechen sollen. Der Knoten war gewissermaßen geplatzt. Nach mehreren Jahren vergeblicher Liebesmüh, seiner Mom auf irgendeine Weise beizubringen, dass sie als Mutter ein einziger Katastrophenfall war, hatte er es nun nach diesem mehr als entnervenden Tag vollbracht, es ihr offen ins Gesicht zu schmettern. Aber er durfte jetzt nicht einlenken, denn wenn er das täte, dann würde sie es ganz einfach überspielen und vergessen lassen. Genau jetzt war der Zeitpunkt, reinen Tisch zu machen. Doch wozu noch? In nicht allzu langer Zeit würde er hier verschwinden und sich sein eigenes Leben aufbauen, fernab von alledem was ihn hier nur bedrückte. Er entschied sich, es nicht als Vorwurf oder beleidigend weiterführen zu wollen, sondern ihr es als Rat und Bitte für die Zukunft offenzulegen.

„Du hast mir nie irgendwelche Regeln aufgestellt oder mir gesagt, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Du hast mich nie wirklich erzogen. Du hast dich nie für das interessiert, was ich getan habe oder für das, was Bobby getan hat als er noch da war. Du hast dich nie für einen von uns beiden interessiert. Nie habe ich mich mit dir über meine Probleme aussprechen können, nie habe ich etwas Zuneigung oder Aufmerksamkeit von dir verlangt, weil du nie jemanden um dich wolltest, der auch nur eine Sekunde über seine eigenen Probleme sprechen wollte“, erzählte er ihr. David drehte sich erneut zu ihr um, um ihr in die Augen sehen zu können. Der Fluss an Tränen hatte nachgelassen und eine dünne glitzernde Spur auf ihren Wangen nach sich gezogen.

„Mom, was ich dir damit sagen will…“ Faye hob ihre Hand, um ihm zu signalisieren, dass er aufhören solle, weiter zu sprechen. Sie hatte sich genug Schwachsinn - welcher eigentlich keiner war - vorwerfen lassen müssen. Für sie war die Grenze nun lange überschritten. Ihre Entscheidung war gefallen. Nichts und niemand hätte sie nun noch umstimmen können.

„Das, was du sagst, verletzt mich sehr“, sprach sie mit gemäßigtem Ton und biss sich auf die Unterlippe.

„Du hast Recht. Das hier kann so nicht weitergehen.“

„Was meinst du damit?“ Jetzt war David derjenige, der nicht verstand, was vor sich ging.

„Wir brauchen eine Pause voneinander, um zu sehen, ob wir beide noch gemeinsam unter diesem Dach hier wohnen werden. Deswegen denke ich, brauchen wir etwas Abstand voneinander.“ Der Schock zeichnete sich deutlich in Davids Gesicht ab. Der Beutel mit den Tiefkühlbeeren entfernte sich langsam von seinem Auge und sank auf die Höhe seiner Hüfte herab. Er hatte mit vielem gerechnet. Aber mit Abstand? Ob sie noch gemeinsam wohnen werden? Er war erst 17 und noch gar nicht in der Lage, sich allein finanzieren zu können. Geschweige denn eine Wohnung oder einen einzigen Wocheneinkauf. Wie stellte sie sich das vor? Sollte er in seinem Auto leben? Oder bei Trae? Oder gar bei Zoe und ihrem Möchtegern Captain America von Vater? Das konnte einfach nicht ihr Ernst sein. Sie stritten zwar und waren kaum einer Meinung, doch würde sie ihn einfach so verstoßen?

„Du willst mich loswerden, stimmts?“

Die Wut stieg in ihm hoch. Nach all den Jahren, die sie es miteinander ausgehalten hatten, wollte sie ihn ausgerechnet dann loswerden, als er grade versuchte, etwas zu ihr zurückzufinden.

„Hör auf, David! Stell nicht immer mich als die Böse hin! Das ist auf deinen Mist gewachsen, und du hast es selbst zu verantworten! Akzeptier deine Fehler!“

„Ich soll meine Fehler akzeptieren? Und wieso tust du es dann nicht und gibst einfach zu, dass du versagt hast? Du hast Dad verscheucht! Bobby ist wegen dir abgehauen, und du hast noch nicht einmal versucht, ihn zu finden! Und jetzt brauchst du nur noch mich loswerden, und dann hast du es geschafft. Wenn ich weg bin, hast du dein Triple an verjagten Männern komplettiert. Dann kannst du für den Rest deines Lebens auf dem Sofa liegen und einen nach dem Nächsten zusehen, wie er angekrochen kommt, um sich dann doch abservieren zu lassen. Wieder und wieder.“

Sein Ausdruck von Schock war aus seinem Gesicht gewichen und hatte seinem Zorn die gesamte Kontrolle übergeben. Wie angewurzelt stand Faye einfach nur da, unfähig etwas auf Davids Wörterschwall zu erwidern.

„So denkst du über mich?“, quetschte sie mit aller Mühe doch noch aus ihrem scheinbar zugeschweißten Mund heraus. Diesmal würdigte David ihrer Frage keine Antwort. Langsam kam er auf sie zu.

„Was hast du vor? Wie sieht deine tolle Pause aus?“, fragte er mit sarkastischem Unterton. Faye atmete tief durch. Ein langer Atemzug, dann drehte sie sich um und verließ die Küche.

„Pff“, schnaubte David verächtlich und drückte sich die Tüte erneut auf sein angeschwollenes Auge. Doch anstatt, dass sie vor der Antwort flüchtete, kam sie wenige Sekunden später mit einem Zettel in der Hand zurück.

„Lauriea Summer School“, sagte sie emotionslos und legte ihm den Zettel auf den Ebenholztisch hinter ihm.

„Das ist unsere Pause. Du wirst die Ferien dort verbringen.“

Ein Lächeln bildete sich auf Davids Lippen.

Eine Sommerschule? Wie kreativ, um jemanden loszuwerden, um in Ruhe miese Immobilienmakler zu sich ins Haus zu locken, wie die Hexe in Hänsel und Gretel.

Nur mit der Ausnahme, dass sie in diesem Fall das Lebkuchenhaus darstellte und die Hexe ihren schlechten und unausstehlichen Charakter. Erst lockte sie die Männer mit ihrer Verführungskunst an, um sie dann von ihrer inneren Hexe alles für sie tun zu lassen, damit sie noch etwas länger von dem süßen Pfefferkuchenhäuschen naschen konnten. Denn genau das war sie. Eine süße Versuchung, die sich jedoch im Laufe der Zeit als tödliche Herausforderung offenbaren würde. Überrascht von dem bestimmten und offensichtlich geplanten Handeln seiner Mutter, drehte er sich herum und sah sich schmunzelnd den Schrieb an, den seine Mutter scheinbar schon länger in der Hinterhand hatte, falls es ihr einmal zu viel mit ihm werden würde. Sowohl am Briefkopf, auf dem als Datum der 23.05.2018 prangte, als auch an den unteren Ecken waren deutliche Falten zu erkennen, und in der Mitte zog sich ein Knick quer durch das Blatt. Es war bereits öfter zusammengefaltet und wieder auseinandergebreitet worden. Vermutlich in allen Situationen, in denen sie überlegt hatte, ob sie ihn dort hinschicken sollte oder nicht. Dutzende Male hatte sie den Brief überflogen und sich dann doch entschieden, es nicht zu tun. Doch der heutige Tag hatte das ohnehin schon randvolle Fass noch voller gemacht, als es eigentlich überhaupt sein könnte. Mit einem Male schien alles anders und all ihre Bedenken verschwunden zu sein. Trotz dessen schaffte sie es nicht, ruhig zu bleiben, während ihr Sohn das zerknitterte Blatt Papier in den Händen hielt und sich einen Überblick über dessen Inhalt verschaffte. Nervös fuhr sie sich durchs Haar und kratzte sich immer wieder im Nacken. Seltsam wenn man bedenkt, dass sie kein einziges Mal einen ihrer nervösen Tics hatte, als Paul überraschenderweise seine Koffer gepackt hatte. Scheinbar hatte sie das nicht so mitgenommen, wie es die aktuelle Situation grade tat.

„Reggieland?“, las er laut vor und sah seine Mutter fragend an.

„Das ist ein Dorf. Etwa drei Autostunden von hier entfernt“, erklärte sie ihm und kratzte sich nun an der Schläfe. Ohne etwas zu entgegnen wandte er sich wieder dem Brief zu. Er las das Infoblatt zu Ende und legte es wieder auf den Tisch. „Ich fasse das mal zusammen. Du schickst mich trotz meiner guten Noten auf eine Sommerschule mitten im Nirgendwo, wo der Ausgang sowie das Mitführen sämtlicher elektronischer Geräte und jeglicher religiöser Schriftstücke verboten ist“, zitierte er den Brief. Auch, wenn die Situation scheinbar ungünstig für so etwas war, musste er in sich hineinschmunzeln, als er die letzte Bedingung vorlas.

Gepriesen sei das Mobiltelefon, doch weder das eine noch das andere ist hier erlaubt, mein Sohn. Amen.

„Um Abstand generieren zu können, weil du unsere Lage neu bewerten willst?“, fuhr er fort und warf ihr einen verzweifelten Blick zu.

„Ja, das ist das, was ich dir sagen will“, bestätigte ihn seine Mutter. Ihr kalter Blick und ihr kühler Unterton erwischte ihn wie ein Blitzschlag und ließ ihn die Situation erstmals tatsächlich ernstnehmen.

„Behalt deinen dämlichen Wisch!“

Erzürnt zerknüllte er das Blatt und warf es durch die Küche. So einfach ließe er sich nicht vorführen.

„Wieso stellt du dich quer?“ Jedes Wort, das aus ihrem Mund kam, fühlte sich an wie eine Nadel, die direkt in seinen Gehörgang stach.

„Wieso ich mich…“ Empört schlug er die gefrorenen Beeren so hart auf den Tisch, dass es knallte.

„Warum ich mich quer stelle?!“, brüllte er sie an. „Du willst mich loswerden! Mich von der Bildfläche verschwinden lassen! Das ist es doch, was du willst!“

„Es ist eine Sommerschule. Kein Grund hier wie ein Verrückter zu schreien.“

„Oh ja, natürlich eine gewöhnliche Sommerschule. Eine ganz normale Schule auf die ganz normale Jugendliche gehen. Nur, dass normal in dem Fall verblödet oder wahrscheinlich gewalttätig heißt!“

„Nein, das heißt es nicht, denn das bist du nicht.“

„Weißt du auch warum? Weil ich dort nicht hingehöre! Ich bin keiner von denen! Ich bin kein Schulschwänzer, kein Mobber, kein Schläger und kein verblödeter Typ, der es zu nichts bringen wird im Leben!“ Mit lodernden Augen und brodelnder Wut in seinem Inneren stampfte er aus der Küche.

„Ich werde mich nicht wochenlang mit diesem Haufen von Irren einsperren lassen!“

„Du hast keine andere Wahl“, sagte Faye ruhig, ohne sich zu ihm umzudrehen. Er blieb im halbrunden, türlosen Durchgang zum Wohnzimmer stehen. Wortlos drehte er sich um und ging auf sie zu.

„Ach ja? Warum nicht? Wieso sollte ich freiwillig dort hingehen?“

„Wenn du nicht gehst, dann wirst du deine Sachen packen und dieses Haus verlassen.“ David stellte sich in ihr Sichtfeld. Jetzt war er derjenige, der ihr in die Augen sehen wollte.

„Du schmeißt mich raus?“ Seine Stimmlage klang erheblich entspannter. Ebenso wie seine Gesichtszüge, hatte sich auch seine Haltung verändert. Statt des selbstbewussten, wütenden Davids trat nun der verletzliche, traurige David in den Vordergrund. Sie versuchte jeglichen Blickkontakt zu vermeiden. Trotz ihrer klar definierten Position spielten ihre Gedanken wie verrückt miteinander Ping Pong.

„Ich schmeiße dich nicht raus. Wir werden nur nicht mehr gemeinsam in diesem Haus hier leben.“

Sie stockte einen Augenblick und stemmte die Hände in die Seiten. Erwartungsvoll sah David seine Mutter durch ihre zerzausten und verfilzten Haare an, die vor ihrem Gesicht hingen.

„Du wirst anderweitig unterkommen müssen, aber ich werde dich bei der Suche nach einer Bleibe unterstützen“, mit ernster und zugleich trauriger Miene hob sie den Kopf und blickte ihren Sohn mit ihren graublauen Augen an. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als ihre Blicke sich trafen. Kein einziges ihrer Körperteile signalisierte ihm unterschwellig, dass sie es nicht ernst meinte. Ihre Augen waren das Einzige an ihrer Erscheinung, die etwas anderes sagen zu wollen schienen. Sie wirkten im Vergleich zum Rest ihrer Körperhaltung unentschlossen. Die Verzweiflung in ihnen war in etwa so passend zu ihrem Auftritt wie ein in Ketten gelegtes Volk zu einem freien demokratischen Land.

„Ein milder Trost, findest du nicht?“

Keine Antwort.

„Wenn du mich loswerden willst, nur zu. Doch so leicht werde ich es dir nicht machen.“ Der traurige Ausdruck aus ihren Augen verschwand. Überraschung war nun das Gefühl, das sich in ihrem matten Glanz zeigte.

„Was meinst du?“ Er atmete tief ein und wieder aus. Sein Kopf senkte sich auf seine Brust, und er schloss die Augen.

„Ich gehe auf deine bescheuerte Sommerschule.“ Faye huschte ein Lächeln über die Lippen, wie man es eigentlich nur nach einem anstrengenden, aber schlussendlich siegreichen Kampf aufsetzen würde.

„Aber ich habe eine Bedingung!“, warf David ein, der das Siegesgefühl seiner Mutter schon witterte. Eigentlich war es hirnrissig, seiner Mutter nachzugeben. Sie war die Fehlermacherin, die für ihre Vergehen gradestehen sollte, nicht er, der diese Vergehen jahrelang miterleben und ausbaden musste, während sie schon längst wieder neue Fehler machte. Aber er war der Diskussionen und der Streitereien müde. Aus diesem Grund blieb ihm also nichts anderes übrig, als auf ihren Vorschlag, so schwachsinnig er auch sein mochte, einzugehen und zu hoffen, dass nach den Ferien wirklich alles besser werden würde.

„Wenn ich zurück bin, endet das hier. Keine weiteren Streitereien, Beleidigungen oder Vernachlässigungen mehr. Ich will mich nicht bis ans Ende meines Lebens mit dir streiten und allein gelassen werden. Wir beide werden mein letztes Jahr auf der High School zusammen in Frieden hier in diesem Haus verbringen. Einverstanden?“

„Ja, das bin ich“, antwortete sie ohne zu zögern. Ein weiteres Mal begann seine Mutter zu lächeln. Diesmal nicht triumphierend, sondern erleichtert. Auch David war erleichtert. Er hatte mit einem Bein schon auf der Straße gestanden und hatte sich mit diesem Kompromiss selbst wieder von dort zurück in die eigenen vier Wände gebracht. Wobei man diesen Beschluss auf keinen Fall einen Kompromiss nennen konnte. Die Definition eines Kompromisses war schließlich die Einigung auf etwas durch ein gegenseitiges Zugeständnis. Doch in diesem Fall gab es kein gegenseitiges Zugeständnis. Es gab nur die Androhung, ihn rauszuwerfen. Man konnte es also bestenfalls eine Erpressung von ihrer Seite aus nennen. Von einer Einigung oder einem Mittelweg konnte keine Rede sein. Sie schloss ihn in die Arme und drückte ihn an sich. Sein Kopf legte sich auf ihre Schulter, und erstmals am heutigen Tag fühlte er etwas wie Zufriedenheit in seinem Gefühlschaos. Zufriedenheit darüber, dass die Zeit des Streits so gut wie vorbei war. Ein paar Wochen würde er schon aushalten. Nicht gerne, aber er würde es tun, um den aufgestauten Zwist der vergangenen Jahre hinter sich zu lassen und nach vorne sehen zu können. Er hatte nach jedem Strohhalm gegriffen, den er in die Finger bekommen hatte und sah nun die Chance, endlich nach einem stabilen Stahlrohr greifen zu können. Seine Hoffnung, dass dies einfach nichts anderes war als ein weiterer Griff nach dem berühmten Strohhalm war verschwindend gering.

„Alles wird gut werden, Großer“, tröstete Faye ihn und streichelte ihm über den Rücken.

„Ich hoffe es“, entgegnete er seufzend.

„Keine Sorge. Bis du wieder hier bist, werden wir beide wieder im Klaren sein, und dann wird sich hier alles ändern“, versprach sie ihm, was sie jedoch sofort wieder bereute. Er löste sich aus ihrer Umarmung.

„Ich nehme dich beim Wort.“

Ihre Hand tätschelte seine rechte Wange. Unter ihren Fingerkuppen spürte sie die rauen, piksenden Bartstoppeln seiner kurzen, kaum sichtbaren Koteletten.

„Das darfst du“, versicherte sie ihm mit einem warmen Lächeln.

„Wann muss ich dort sein?“, unterbrach er die versöhnliche Stimmung.

„Am Montag schon. Aber die Schulleitung empfiehlt, bereits einige Tage vor Beginn der Unterrichtseinheiten vor Ort zu sein, um sich mit dem doch recht ungewöhnlichen Terrain sowie mit dem Schul- und Wohngebäude vertraut machen zu können.“

„Verständlich“, murmelte David gedankenversunken. Er konnte das, was grade passierte, immer noch nicht gänzlich verarbeiten. Zu überraschend war die Aufforderung seiner Mutter gekommen, die Ferien doch bitte am sprichwörtlichen Ende der Welt zu verbringen.

„Freut mich, dass du das auch so siehst. Wie wäre es, wenn ich dich morgen schon vorbeibringe? Dann hättest du genügend Zeit, die Lehrer kennenzulernen und dir die Schule anzusehen“, schlug sie ihm vor, ohne auch nur ihre Freude über das Fernbleiben ihres Sohnes zu verstecken. Du kannst es echt nicht abwarten, mich loszuwerden, wollte er sagen, entschied sich aber dazu, es besser nicht zu tun. Eine weise Entscheidung. Denn, wenn er seinen Gedanken laut ausplappern würde, hätte Faye ihm ohne zu zögern jede Chance auf ein Mitspracherecht, was den Abreisetag anbelangte, verwehrt. Doch somit wahrte er die Chance der Isolation von der Außenwelt, die ihn erwarten würde, noch einen Tag hinauszuschieben.

„Nein. Nicht morgen schon. Wir können Sonntag fahren. Ich muss mich noch von Zoe verabschieden. Die Kleine wird völlig aufgewühlt sein, dass ich weg bin“, versuchte er ihr mit seiner gesamten Überredungskunst zu erklären. Zu seiner Überraschung versuchte sie nicht, ihn umzustimmen, sondern willigte verständnisvoll ein. Scheinbar konnte sie sich doch noch etwas gedulden, bis sie das Haus für sich und ihre Verehrer allein hatte. Peinliches Schweigen trat ein. Keiner der beiden wusste, was er sagen sollte. Ratlos standen sie sich gegenüber und starrten auf die Fugen zwischen den Fliesen, welche den Küchenboden zierten. Der Klingelton seines Handys brach die Stille, die sich im Raum ausgebreitet hatte.

„Tut mir leid, ich schalte es aus“, entschuldigte er sich und griff in seine Hosentasche.

„Nein, schon gut. Geh ruhig ran. Ich muss mich sowieso beeilen. In einer Stunde beginnt meine Schicht“, erwiderte sie mit einem flüchtigen Blick auf ihre Uhr. Sie arbeitete als Pflegerin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und war eng mit dem dort zuständigen Chefarzt befreundet, was ihr schon den ein oder anderen Bonus eingebracht hatte. Zudem hatte sie das Glück aufgrund dieser Freundschaft mit besagtem Vorgesetzten, dass sie noch nie in ihrer bisherigen Berufslaufbahn zwischen den Schichten pendeln musste. Nach ihrem freien Tag gestern erwarteten sie nun vier Nächte, die sie damit verbringen musste, auf die mehr oder weniger schlafenden „Psychoratten“ – einer ihrer geläufigsten Begriffe für psychisch kranke Kinder – aufzupassen. Außerdem konnte sie ihren Beruf wunderbar als Ausrede nutzen, um sich nicht um Davids Probleme kümmern zu müssen. Jedes Mal wenn er es versucht hatte, wurde er immer wieder auf dieselbe Art von ihr zurückgewiesen.

David bitte, das kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Ich habe schon auf der Arbeit genügend Psychostress, dann brauch ich das nicht auch hier zuhause noch.

„Alles klar, dann gehe ich auf mein Zimmer“, sagte er und winkte ihr mit dem Smartphone in seiner Hand zu.

„In Ordnung. Bis morgen .“

„Bis morgen, Mom“, verabschiedete er sich ebenfalls von ihr und verschwand in den Flur. Sein Blick wanderte zu seinem Display auf dem groß der Name „Trae“ zu lesen war.

„Yo Trae, was gibt’s?“, meldete er sich.

„Hey Bruder, was geht?“

„Hol dir lieber was zu essen und machs dir bequem.“

„Wieso das?“, fragte Trae, der sowieso zweifelsohne in diesem Moment mit einer Tüte Paprikachips in seinem Bett lag und ihm zuhörte.

„Es könnte etwas dauern, wenn du das wirklich wissen willst“, seufzte David in das Mikrofon seines Handys und schloss schwungvoll die Tür hinter sich.

10

„Ist das dein Ernst, Bruder?“, fragte Trae überrascht und senkte die Hand, mit der er sich grade eine Portion stark gewürzte Chips in den Mund schaufeln wollte.

„Warum sollte ich mir so einen Mist ausdenken?“, entgegnete David am anderen Ende der Leitung genervt.

„Scheiße, Mann, und was machst du jetzt?“

„Die gesamten nächsten Wochen im Urlaubsort der Beschränkten und Minderbemittelten verbringen, was sonst? Wenn nicht, dann wirft mich meine Mom auf die Straße, und ich kann meinen Abschluss vergessen.“

„So eine…“

Den Rest hörte David nicht mehr. Er wusste auch so, was Trae sagen und wie er sie nennen würde. Seine Konzentration galt nicht Traes Beleidigungen, die er auf seine Mutter losließ, sondern der Frage, wie er die nächsten Wochen überstehen würde, ohne komplett wahnsinnig zu werden.

„Du hattest Recht. Mit Eltern zu leben, klingt echt scheiße.“ David widersprach ihm nicht. Schließlich waren es seine Worte, die Trae zitierte, und außerdem war es genau das bisher für ihn immer gewesen. Er konnte sich an keinen Moment erinnern, in dem seine Eltern ihm das Leben auch nur etwas erleichtert hatten.

„Wie auch immer. Das Schlimmste ist, dass ich mein Handy hierlassen muss. Das heißt, ich bin höchstwahrscheinlich gar nicht zu erreichen“, fuhr David fort.

„Mit Sicherheit nicht. Bestimmt gibt es dort ein Telefon, das du benutzen kannst.“

„Ja auf dem Schreiben stand etwas von einer Möglichkeit telefonieren zu können, doch nur zu festgesetzten Zeiten.“

„Dann schreib dir meine Nummer auf und ruf mich an sobald du kannst. Ich hab immer Zeit für dich, Bruder, das weißt du ja“, versicherte Trae ihm und wischte sich die fettigen und von Gewürzen bedeckten Finger an seinem weißen Tank Top ab.

„Danke Kumpel, ich werd dich garantiert anrufen“, antwortete er dankbar und drückte die Lautsprechertaste. Dann erhob er sich von seinem Bett und öffnete seinen Kleiderschrank. Unter ihm wurde die Tür des Wagens seiner Mutter zugeknallt. Ein kurzes Aufbrummen des Motors, und wenige Sekunden später rollte sie aus der geöffneten Garage auf den heißen Asphalt der Straße. Währenddessen entledigte David sich seines California T-Shirts und warf es auf seinen viel zu niedrig eingestellten Schreibtischstuhl. „Kein Problem, Amigo, ich hab immer Zeit.“

Inzwischen hatte David sich an Traes breit gefächertes Repertoire an Synonymen für das Wort „Freund“ gewöhnt. Anfangs hatte es ihn gestört, dass er in so gut wie jedem Satz mindestens eines davon benutzte, doch mit der Zeit hatte er sich an diese Macke gewöhnt.

„Ach, Trae, wie geht’s dir eigentlich? Hast du dich von deinem Trip erholt? Du wirktest heute nicht ganz auf dem Damm. Ich hab mir echt Sorgen gemacht, dass du durchdrehst oder anfängst verrückt zu werden“, wechselte David das Thema und zog sich ein ausgeleiertes hellblaues Unterhemd an.

„Soll ich dir mal was verraten?“, fragte Trae und stand ebenfalls von seinem Bett auf.

„Klar, warum nicht“, antwortete David verwirrt und schloss seinen Kleiderschrank. Gemächlich ging Trae zu seiner Zimmertür und betrachtete die dort an der Magnetwand hängenden Bilder. Es waren Zeichnungen, die er von seinen Alpträumen angefertigt hatte. Sein Psychotherapeut hatte ihm empfohlen, die Träume, die ihm Angst machten, aufzuzeichnen. Das würde sie greifbarer und reeller machen, meinte er. Wenig sinnvoll, wenn es sich dabei um Alpträume handelt. Doch nach den ersten Malen begriff Trae, dass es sie nicht nur greifbarer und reeller machte, sondern sie eben dadurch ihren Schrecken verloren. Ihr Abbild sorgte dafür, dass sie in seinen Augen ihre Unantastbarkeit verloren. Sie waren nicht mehr lebendig und unüberwindbar. Er hatte sie auf dem Papier erstarren lassen und sie handlungsunfähig und angreifbar gemacht. Seine Finger glitten über die schwarzen Linien auf den Blättern.

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich getan habe“, beichtete er ihm und neigte den Kopf etwas zur Seite.

„Ernsthaft? Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, was du mir erzählt hast? Du sahst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen“, erwiderte David ungläubig. Nachdem er einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen hatte, nahm er sich den kleinen Basketball, der hinter ihm in einer weißen Plastikschale lag, die auf einem kleinen Holzregal stand. Ein weiteres Geschenk von Owen, das er selbst gebaut hatte. Er war immer der Meinung gewesen, dass, wenn er Faye etwas mitbrachte, er auch David eine Kleinigkeit mitbringen sollte. Seine Zuneigung hatte nicht nur ihr gegolten. Ebenso schenkte er auch David etwas davon. Die Beiden hatten sich einwandfrei verstanden und kamen mehr als gut miteinander aus. Nicht selten hatte David sich gewünscht, dass Owen sein neuer Stiefvater werden würde. Doch seine Mutter hielt es nie besonders lange mit einem Mann aus, der tatsächlich die Vorstellung von einer richtigen Familie hatte und nicht nur auf die Zeit aus war, die er mit ihr im Bett verbringen würde

„Vielleicht habe ich das ja auch“, murmelte Trae unverständlich. Er entdeckte die Ecke eines weiteren Bildes, welches hinter einer Zeichnung hervorschaute, die sich in der Nähe des linken Türrandes befand. Obwohl er die Zeichnungen alle selbst entworfen hatte, konnte er sich nicht an alle erinnern. Jeden Tag entdeckte er einen neuen Alptraum, den er zu Papier gebracht hatte. Neugierig griff er nach der Ecke des versteckten Blattes und entfernte den Magneten von dem Bild, welches es verdeckte. Das Vordere befestigte er erneut mit dem Magneten an der Wand.

„Was hast du gesagt?“, fragte David und warf gelangweilt den Basketball in den ähnlich kleinen Korb, der über seinem Spiegel hing.

„Hm? Nichts, alles in Ordnung“, entgegnete Trae abgelenkt von dem Bild in seiner Hand.

„Wenn du meinst.“

„Ja, ja, schon gut. War wahrscheinlich einfach ein Blackout. Die Hitze setzt mir einfach zu, verstehst du?“

Mit dem Bild in der Hand setzte er sich wieder auf sein schmales Bett. Zum Glück war er selbst sehr schmächtig und passte deswegen noch problemlos hinein.

„Wem sagst du das. So geht es uns doch allen im Moment. Wenn man dann auch noch so high ist wie du, dann wundert es mich wenig, dass man einfach mal die Nerven oder das Gedächtnis verliert.“

„Mann, das liegt nicht an dem Stoff. Ich werde einfach nur alt, das ist alles“, erklärte er David scherzend.

„Mit deinen achtzehn Jahren sollte ich dich eigentlich längst ins Altersheim gesteckt haben“, führte David schmunzelnd weiter aus.

„Ist doch geil. Dann krieg ich das Zeug sogar legal und gehe gleich zum nächstbesten Cop, den ich finde und rauche genüsslich vor ihm meinen Joint.“

Die Vorstellung gefiel ihm so gut, dass er das Bild, welches er vor sich auf das Laken gelegt hatte, für einen Augenblick vergaß.

„Wie wärs mit Hank Thompson?“, fragte David und hob den Basketball vom Boden auf. Schallendes Gelächter ertönte aus den Lautsprechern des Handys.

„Billy, du bist genial“, lobte Trae ihn, „Hank Thompson. Die lebendige Mettwurst, die mich beinahe hätte auffliegen lassen. Gut, dass du ihn für seine schmutzigen Geschäfte angezeigt hast.“

„Er hatte es nicht anders verdient.“

„Da sagst du was Wahres, Bruder.“

Den Blick auf das Bild gerichtet, suchte er mit seinen Finger die halb aufgerauchte Packung Chesterfield, die auf seinem Nachttisch lag.

„In wie vielen Fällen haben sie ihn nochmal drangekriegt?“

„Dreizehn in Kinderpornographie, zwei in Kindesmissbrauch und vier wegen sexueller Belästigung“, zählte David auf und warf ein weiteres Mal auf den Korb an seinem Schrank. Zu seiner Enttäuschung musste Trae feststellen, dass sich in der Packung nur noch zwei Zigaretten befanden. Gekonnt schnippte er sich eine in den Mundwinkel und zündete sie mit einem Feuerzeug aus seiner Hosentasche an. Die Letzte ließ er unberührt in der Schachtel zurück. Er entschied sich, sie für eine Situation aufzuheben, in der er sich nur zu gerne an ihr festklammern würde, um Stress abzubauen. Die Schachtel legte er sorgfältig wieder auf den kleinen Tisch, der neben seinem Bett stand. Als er sie dort abgelegt hatte, griff er nach seinem Aschenbecher und stellte ihn neben sich ab. Entspannt nahm er den ersten Zug von seiner qualmenden Zigarette.

„Manche Menschen sind einfach nur krank. Wenn es einen Teufel gibt, dann sind das seine besten Freunde“, erzählte David sich selbst.

„Natürlich gibt es ihn, aber seine Freunde sind wir alle. Wenn wir sterben, landen wir alle in der Hölle, Bruder, so ist das nun mal.“ Ein wenig Asche fiel in den flachen schwarzen Aschenbecher. „Wieso?“, fragte David interessiert. Trae mochte zwar nicht der Klügste oder Hochbegabteste sein, aber manche Sachen, die ihm durch Kopf gingen, hatten viel Wahres und zum Teil auch Weises an sich.

„Komm schon. Nenn mir einen Grund, warum einer von uns beiden in den Himmel kommen sollte“, forderte er ihn auf.

„Vergebung“, antwortete David wie aus der Pistole geschossen. Er hatte sich lange Zeit mit diesem Thema nach den Ereignissen von vor drei Jahren beschäftigt. Sündenvergebung sei der Schlüssel zu Gottes Reich, den nur er uns geben kann, hatte ihm der Pastor der örtlichen Kirche gesagt, welchen er nach der Trennung seiner Eltern aufgesucht hatte. Sonderlich gläubig oder spirituell veranlagt war er nie wirklich gewesen, doch die Gespräche mit ihm hatten David immer einen inneren Frieden und eine Ruhe verschafft, die er bisweilen kaum erreichen konnte. An etwas wie ein Leben nach dem Tod konnte er glauben, doch der Gedanke eines reellen, gutmütigen Gottes schien ihm etwas weit hergeholt. Dafür gab es einfach keine ihm schlüssigen Erklärungen. Dafür gab es zu viel Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt. Wenn es einen Gott geben würde, wollte er ihn nicht. Ein Gott, der seine selbst geschaffene Welt zugrunde gehen lassen würde und den Menschen, die auf ihr lebten, so ein schmerzerfülltes Leben gab, hatte für ihn nichts Gutmütiges oder Barmherziges an sich.

„Wie viele Menschen leben auf der Welt? Sieben Milliarden? Acht Milliarden? Gehen wir mal von knapp acht aus. Davon bezeichnen sich über sechzig Prozent als religiös. Das bedeutet vierzig Prozent der Weltbevölkerung beten nicht um Vergebung und sündigen schamlos. Kannst du mir folgen?“

„Klar, sprich weiter“, bat ihn David. Die Neugier hatte ihn gepackt. Er wusste genau, dass Trae wusste wovon er redete. Das wusste er immer. Er überlegte sich immer genau, was er sagte und wenn er es sagte, war er fest davon überzeugt. Man konnte es meist kaum glauben, wenn man mitbekam, was er für einen Stuss redete, wenn er high oder betrunken war, doch wenn er nüchtern war, was relativ selten vorkam, konnte er zum gelehrten Philosophen aufdrehen.

„Das heißt über drei Milliarden Menschen haben einen Freifahrtschein ins Fegefeuer. Es gibt ungefähr zwei Milliarden Christen. Wenn wir das auf uns Christen übertragen, sind das knapp achthundert Millionen Ungläubige.“ Er schnippte etwas Asche von seiner glühenden Zigarette.

„Von den übrigen Gläubigen lassen sich fünfzehn bis zwanzig Prozent scheiden. Wieder mehr als zweihundert Millionen Sünder, die gegen die Gebote verstoßen.“

„Moment Mal“, unterbrach David ihn und jonglierte den Ball in seinen Händen.

„Was ist mit den restlichen sechs Milliarden?“

„Die sind nicht das Problem unseres Gottes, David. Buddhisten, Muslime, Juden. Sie haben andere Heilige, denen sie vertrauen und ihre Sünden beichten. Stell es dir wie eine Schulklasse mit zehn Kindern vor. Jedes der Kinder hat andere Eltern, und jeder hat ein anderes Verhältnis zu ihnen und sieht sie auf eine andere Art. Manche lieben sie, manche hassen sie und manche werden von ihnen verstoßen und verletzt.“

Bläulicher Rauch stieg zur Zimmerdecke empor. Wie so oft, wenn er anfing genauer über etwas nachzudenken und zu philosophieren, hatte er seine Redegewohnheiten abgelegt. In seinen Sätzen verfingen sich keine überflüssigen Ausdrücke oder Bezeichnungen für David. Je mehr ihn etwas beschäftigte, desto ernster und sachlicher redete er darüber.

„Okay gut, aber das sind bloß etwas mehr als eine Milliarde, die in die Hölle kommen. Deine Rechnung geht nicht ganz auf, um nicht zu sagen sie ist weit von dem entfernt, was du beweisen willst“, bemängelte er.

„Warte doch mal ab.“

Es grenzte fast an ein Wunder, dass die Zigarette in seiner Hand das Einzige war, das Rauch abgab und sein ratternder Denkapparat nicht auch noch einen Teil dazu beitrug.

„Was ist denn mit den ganzen anderen Sünden? Jeder Mensch lügt in etwa 25 Mal an einem einzelnen Tag. Das sind 25 kleine Sünden, die jeder Einzelne von uns täglich begeht.“

David musste an die Situation vorhin denken, als er seine Mutter wegen des Glases angelogen hatte. Aber schließlich heiligt der Zweck die Mittel, und der Zweck war es, Zoe vor seiner aufgebrachten Mutter zu beschützen. Manchmal muss man eben eine kleine Sünde begehen, um eine Katastrophe verhindern zu können.

„Meinst du nicht, dass solche kleinen Vergehen kaum eine Rolle spielen werden?“ Nachdenklich nahm er den Ball von der einen in die andere Hand.

„Okay, gehen wir mal davon aus, dass kleine Notlügen vergeben werden können und keine Rolle spielen. Was bleibt dann immer noch?“, fragte Trae David und gestikulierte wild mit der Zigarette in seiner Hand umher. Etwas Asche rieselte auf seine Bettdecke.

„Sag du es mir“, bat er ihn und betrachtete sich im Spiegel seiner Schranktür.

„Erst einmal sind da die 10 Gebote. Auch, wenn wir von einem augenscheinlich korrekten und sündenfreien Christen ausgehen. Du kennst doch bestimmt Charles Bloom oder?“

„Der alte Mann, der ehrenamtlich in unserer Schulbibliothek aushilft?“

„Ja, genau der. Nie geschieden gewesen, nie seine Eltern verschmäht, nie jemanden ermordet, nie jemanden bestohlen, war stets jeden Sonntag in der Kirche. Trotzdem wird er, wie wir auch, nach seinem Tod in die Hölle kommen. Denkst du, er hat sich jemals an die Fastenzeit gehalten? Denkst du, er hat auch nur einmal seinen Rinderbraten an Karfreitag gegen einen Fisch ausgetauscht? Denkst du, er hat nie jemanden zu seinem eigenen Vorteil angelogen oder geflucht? Oder glaubst du, er war noch nie auf irgendetwas oder irgendjemanden neidisch?“

„Natürlich denke ich das nicht“, gab David zu.

„Und warum nicht?“

„Weil es nun mal menschlich ist.“

„Ja, verdammt richtig. Es ist menschlich.“

Begeistert zog Trae ein weiteres Mal an seiner Kippe.

„Es liegt in unserer Natur, Grenzen und Regeln zu brechen. So haben wir uns weiterentwickelt. So konnten wir Großes schaffen. Nimm nur die sieben Todsünden. Jedes riesige Bauwerk, jedes noch so prunkvolle Gebäude und jeder noch so teure überflüssige Gegenstand ist das Ergebnis von Völlerei und Maßlosigkeit. Päpste, Bischöfe, Kardinäle, alle sind sie in der Hölle gelandet, wegen ihrem verschwenderischen Leben, ihrem Geiz und ihrem Übermut. Die, die unsere Kirche und Religion als Stellvertreter Gottes darstellen, predigen Gott als liebenden Vater und gutmütigem Schöpfer. Aber wenn sie nicht das Glück gehabt hätten, solch eine Ausbildung zu erhalten, wo wäre dann ihr liebender Vater, wenn sie bettelarm auf der Straße gelandet wären? Entweder sind sie einfach schlecht in ihrer Aufgabe oder Gott ist grausam. Denn, wenn er tatsächlich so wäre, würde das bedeuten, dass er einen Teil der Menschen bewusst mehr lieben würde und ihnen Reichtum und Macht gibt. Den Rest speist er ab mit dem was übrig ist.“

Er legte eine kurze Pause ein, um sich zu sammeln und fortfahren zu können.

„Das heißt aber, dass ihnen trotzdem vergeben werden kann. Wenn er ihnen ihre Sünden vergibt, kommen sie nicht in die Hölle“, ging David dazwischen. Nach seiner Begutachtung im Spiegel und der Einschätzung, dass er wieder eine Rasur nötig hätte, hatte er sich wieder auf seine Bettkante gesetzt und gebannt Traes Worten gelauscht.

„Denkst du tatsächlich, das will er? Warum sollte er jemanden auf seine Wolke hoch holen wollen? Merkst du nicht, wie es in der Welt zugeht? Krieg, Zerstörung, Gewalt, Armut finden direkt neben den Superreichen und ihren Luxusvillen statt. Der Klimawandel zerstört unsere Welt, auf der immer mehr Menschen leben. In dreißig Jahren wird es zehn Milliarden Menschen geben, die auf der Welt leben. Bis dahin wird unsere Welt noch mehr zerstört sein. Eines Tages werden Staaten vom Meer verschluckt werden, und wir werden immer weniger Land haben, das wir beherrschen können. Irgendwann wird der Tag kommen, wo wir an unserem eigenen Fortschritt ersticken werden, und die Erde wird zu einem Planeten, der frei von der Seuche namens Mensch ist. Der Tag, an dem wir aussterben, wird der Tag sein, an dem Gott sein zweites Paradies errichten kann, aber diesmal ohne Adam und Eva. Denk einmal darüber nach, David. Meinst du wirklich, er will uns retten und uns von unseren Sünden erlösen?“

Ein letzter Zug, dann drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus. Angestrengt dachte David nach. Er würde gerne etwas erwidern und das Ganze vielleicht doch noch ins Positive wenden, doch Trae schien so gut wie alle seine Argumente negiert zu haben.

„Vielleicht sollten wir über etwas anderes reden. Etwas mit weniger deprimierenden Aussichten. Davon habe ich heute weiß Gott schon genug erlebt“, sagte David erschöpft und wischte sich ein paar Mal über die Stirn.

„Klar, warum nicht.“ Er merkte, dass es ihn deprimiert hatte, die Diskussion gewissermaßen verloren zu haben.

„Yo Trae!“ Es klopfte ein paar Mal laut. „Was ist denn?“, antwortete er genervt in der Hoffnung, dass man ihn allein lassen würde.

„Mike, Cory und ich wollen draußen ein paar Körbe werfen gehen. Kommst du mit?“

„Verzieh dich, Vinnie!“, rief er durch die geschlossene Tür zurück.

„Penner“, hörte er den Jungen vor der Tür leise murmeln.

„Ich kann dich hören, du Wichser!“ Kurz danach fiel die schwere Eingangstür ins Schloss.

„Tut mir leid, Kumpel. Vinnie geht mir in letzter Zeit ziemlich auf die Eier“, entschuldigte er sich für die benutzte Beleidigung. Auch das tat er häufiger bei David als bei anderen, dass er sich für solche Lappalien rechtfertigte, obwohl dieser eigentlich absolut kein Problem damit hatte.

„Alles gut, kein Problem“, beruhigte er ihn.

„Gut. Lass uns morgen noch was machen, bevor du dich ans Ende der Welt verziehst.“

„Ich muss morgen noch meine Koffer packen und mich von Zoe verabschieden und schauen wie es ihr geht. Sagen wir, ich hol dich gegen vier ab und wir fahren was essen?“ „

Vier Uhr, Neun Uhr, egal wann, ich bin dabei, Bruder“, versicherte Trae ihm. Sein Blick wanderte ein weiteres Mal über das Bild vor ihm auf dem Bett. Irgendetwas daran schien ihn anzuziehen und zu faszinieren. Dabei sah es eigentlich nicht viel anders aus als die anderen, die an seiner Tür hingen. Vielleicht war es einfach nur, weil es sich halb versteckt hinter einem anderen verborgen hatte und ihm so lange Zeit nicht aufgefallen war. Doch dann hätte er auch hinter die anderen Zeichnungen gesehen, ob sich dort noch weitere Alpträume verstecken würden. Verzweifelt suchte er nach einem Grund, warum es ausgerechnet dieses Blatt war, das ihn so in seinen Bann zog, doch er fand keinen.

„Super, dann bin ich morgen pünktlich da und nehme dich mit.“ „Brauchst du vielleicht noch ein bisschen was für die paar Wochen?“ Davids Schmunzeln verschwand aus seinem Gesicht. Er hatte gehofft, dass er ihm diese Frage nicht stellen würde. Es war ihm unangenehm darüber zu reden, nachdem seine Mutter den Geruch sofort erkannt hatte und hysterisch geworden war. Dass es ein Fehler gewesen war, wusste er selbst auch. Ebenso bereute er es auch und wollte nichts weiter damit zu tun haben. Wenigstens konnte er nun mit Sicherheit sagen, dass diese Art der Entspannung keine Option für ihn darstellte.

„Nein, brauche ich nicht. Ich will damit nichts mehr zu tun haben, verstehst du? Ich wollte nur die Erfahrung machen, wie es ist. Nicht mehr und nicht weniger. Danke Trae, aber das ist einfach nichts für mich“, erklärte er ihm kühl.

„Respektiere ich vollkommen. Aber wenn du es dir anders überlegen solltest, sag mir einfach Bescheid.“

„Werde ich. Danke für dein Verständnis.“

„Immer wieder gerne, mein Freund. Du weißt doch auf den alten Trae ist immer Verlass.“ Mit einem Male stockte er. Ruckartig nahm er das Bild in seine Hände und betrachtete es genauer. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem gesamten Körper aus. Sein Hals wurde trocken, und er begann zu schlucken. Zaghaft strich er über die Linien, die er selbst auf das Papier gebracht hatte, als wollte er sich vergewissern, dass sie wirklich da waren und er sie sich nicht nur einbildete.

„Das weiß ich zu schätzen“, antwortete David, der nicht ahnte, mit welcher Angst sein Gesprächspartner grade zu kämpfen schien.

„Hey, mir ist grade aufgefallen, dass ich Kurt noch seine Bestellung liefern muss. Kann ich dich später wieder anrufen?“

Nun hatte auch er eine von seinen 25 kleinen Sünden ausgesprochen.

„Klar. Ich muss mir eh noch Gedanken machen, was ich alles mitnehme.“

„Gut, dann bis später“, verabschiedete Trae sich flüchtig und legte auf. Mit einem Satz sprang er von seinem Bett und lief zu seinem Schreibtisch hinüber. Eilig schaltete er seine Lampe an und riss ein leeres Blatt von seinem Zeichenblock ab. Hektisch setzte er sich auf den braunen dreibeinigen Holzhocker, den er unter dem Tisch hervorgezogen hatte. Ohne zu zögern, griff er nach dem nächstbesten Bleistift, den er in die Finger bekam. Stärke 6B. Eigentlich nicht optimal für die Vorarbeit von Zeichnungen, doch das spielte in diesem Moment keine Rolle. Er musste das, was er gesehen hatte – oder besser gesagt glaubte gesehen zu haben – so schnell wie möglich auf Papier bringen, bevor er es wieder vergessen würde. Ein letzter Blick auf das Bild, das er neben das leere Blatt gelegt hatte, dann setzte er den Stift auf und begann zu zeichnen.

11

Prüfend betrachtete David sein Veilchen im Badezimmerspiegel über dem Waschbecken. Es war weiter angeschwollen seit seiner Auseinandersetzung mit seiner Mutter. Noch leuchtete es schwach blau, doch bereits morgen würde es die Farbe einer prächtigen Blaubeere haben. Seine Hand griff nach dem schwarzen Nassrasierer, der auf einer kleinen Ablagefläche neben dem Spiegel über dem Waschbecken lag. Seine Bartstoppeln waren bereits mit weißen Rasierschaum überzogen. Das heiße Wasser befeuchtete die Klingen des Rasierers, als er ihn unter den laufenden Wasserhahn hielt. Er könnte etwas an seiner Fitness arbeiten, wenn er an der Sommerschule wäre, dachte er während er oberkörperfrei im Badezimmer stand und den Schaum von seinem Rasierer unter dem Wasserstrahl abspülte. Doch er konnte sich nicht dafür begeistern, genauer über diese Idee nachzudenken. Zu sehr geisterten ihm die Geschehnisse der letzten Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und sogar Jahre im Kopf umher.

Pass auf, Daddy! Oh Scheiße! Die Reifen des Mercury Cougar quietschten. Ein lauter Rums fuhr durch den Wagen, der abrupt stehen blieb. Eine Frau begann zu schreien, als Paul aus dem Auto sprang und zu der am Boden liegenden Ms. Dalton hastete.

Er stellte den Wasserhahn auf kaltes Wasser um.

Sie haben eine Posttraumatische Belastungsstörung, Paul. Besonders wichtig ist jetzt für Sie, dass Sie sich von Ihrer Familie und Ihren Freunden helfen lassen und sich nicht von ihnen abkapseln.

David füllte seine Hände mit etwas kühlem Wasser und wusch sich die Reste des Rasierschaums aus dem Gesicht.

Ich hab das im Griff, Faye. Es hilft mir, zu vergessen. Mach dir keine Sorgen, bald wird alles wieder gut.

Er nahm sich eines der Handtücher aus dem kleinen Holzregal, das rechts neben der offenen Tür etwa auf der Höhe von Davids Kopf hing. Das Handtuch war rau und kratzte, als er sich das Gesicht trocknete.

Sag es, Baby. Oh mein Gott Ray du Hengst.

Seine Schwellung begann zu schmerzen, als er mit dem rauen Stück Stoff darüberfuhr. Mit einem schmerzlichen Zischen zog er das Handtuch zurück und hing es an den metallenen Haken neben das Waschbecken.

Ey Mann, was ist los mit dir? Komm erzähl mir, was los ist. Ach ja, ich bin übrigens Trae.

Er hockte sich auf den Boden und öffnete den kleinen Schrank unter dem Waschbecken. Eine blaue Plastikkiste mit der Aufschrift „Salben und Lotionen“ kam hinter ein paar Rollen Toilettenpapier zum Vorschein.

Dein Vater will sich von mir scheiden lassen. Er will uns verlassen.

David holte die Kiste aus dem Schränkchen hervor. Eine Tube Voltaren fiel ihm ins Auge, die er, ohne zu zögern, herausnahm. Seine Mutter hatte ihm regelrechte Vorträge darüber gehalten, welche Salbe und Lotion er wofür nehmen musste. Seine Augen überflogen den Namen und den Text auf der Packung, dann stellte er die Kiste zurück an ihren Platz.

Machs gut, mein Großer. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Du kannst meinen Wagen haben. Der Schlüssel fiel lautlos in seine Hand.

Die Tür des Schränkchens knallte zu. Langsam erhob er sich und begutachtete sein Auge erneut im Spiegel.

Er ist weg, Mom! Er ist abgehauen, weil du nicht da warst! Du hättest da sein müssen! Das alles ist deine Schuld!

Der Deckel der Tube fiel in das Porzellanbecken. Eine kleine Portion der kühlen Salbe landete auf seinem Zeigefinger, die er sorgfältig in einer dünnen Schicht auf seinem blauen Auge auftrug. Bevor er den Rest von seiner Fingerkuppe wusch, fischte er den Deckel der Tube aus dem Becken und verschloss sie wieder.

Es wird nichts bringen, ihn zu suchen. Er wird schon viel zu weit weg sein.

Mit der Salbe in der einen und seinem Unterhemd in der anderen Hand verließ er das Badezimmer. Sein Zimmer lag mit dem Bad auf einer perfekten graden Linie. Das Bad befand sich direkt links am oberen Ende der Treppe. Von dort aus erstreckte sich der Flur etwa zehn Meter bis zu Davids Zimmer. Zudem befanden sich in der Flurmitte noch zwei weitere Zimmer. Das Zimmer, welches näher am Badezimmer lag, gehörte seiner Mutter und war außerdem das Größte von allen. Wenige Meter zwischen ihrem und seinem Zimmer, lag Bobbys ehemaliges Zimmer. Es war weder leer noch ausgeräumt worden. Seit seinem Verschwinden hatte niemand etwas darin geändert oder umgeräumt. Es war noch genauso mit Spielzeug, Büchern und sonstigem Schnickschnack überfüllt, wie zu der Zeit, als er noch darin gewohnt hatte. Wenn man es betrat und seine Sachen dort so liegen sah, konnte man meinen, dass hier vor wenigen Minuten noch gespielt und getobt wurde. Bobby hatte schon immer eine Vorliebe für jegliche Art von Actionfiguren und diversen anderen Figuren gehabt, die sich, nach seinem Befinden, ausgezeichnet in seine Fantasie einbauen ließen. David bekam es jedes Mal mit der Angst zu tun, wenn er an dem Zimmer seines Bruders vorbeiging. Auch wenn es schwachsinnig und unlogisch war, hatte er eine ungeheure Angst, dass jede Sekunde sein kleiner Bruder hinter der Tür sitzen und nach ihm rufen würde, dass er mit ihm spielen solle. Auch dieses Mal bekam er eine Gänsehaut, als er daran vorbeiging, der Tür den Rücken zukehrte und sie einen Moment aus den Augen ließ.

Das wolltest du doch, nicht wahr? Ein Problem weniger, um das du dich kümmern musst. Du konntest es doch kaum erwarten, dass er die Flucht ergreift.

Seine Hand, in der er immer noch die Salbe hielt, griff nach seiner Zimmertür und schloss sie hinter sich. Gähnend legte er die Tube auf seinen kleinen Nachttisch, der neben dem Bett stand.

Hast du meine Tochter verletzt? Was hast du meiner Tochter angetan, du verdammter Hurensohn?!

Anders als sein T-Shirt, landete sein Unterhemd auf seiner Bettdecke, welche völlig zerwühlt auf dem hellblauen Bettlaken lag. Müde setzte er sich auf seine Bettkante und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

Deswegen, denke ich, brauchen wir etwas Abstand voneinander.

Er kratzte sich am Kopf und warf einen flüchtigen Blick auf sein Smartphone, das neben seinem Unterhemd auf dem Bett lag. Es zeigte sechs Minuten nach neun an. Seine Mutter war also seit etwa einer Stunde aus dem Haus. Er nahm es in die Hand und stellte den Klingelton auf die höchstmögliche Lautstärke. Mit dem Display nach oben legte er es neben die Tube auf den Nachttisch. Er würde sich nur etwas hinlegen und warten, bis Trae ihn wieder anrufen würde. So lange konnte er noch schlafen.

Du hast Dad verscheucht! Bobby ist wegen dir abgehauen, und du hast noch nicht einmal versucht, ihn zu finden!

Mit diesem Satz, der ihm wie die anderen zuvor durch den Kopf geschossen war, legte er sich hin und schlief nur wenige Augenblicke später ein.

12

Ein Donnerschlag ließ David hochschrecken. Angespannt saß er kerzengrade auf seinem Bett und lauschte den Geräuschen, die sich vor seinem Fenster abzuspielen schienen. Kein Regen war zu hören. Kein Blitz durchzuckte die dunkle, sternenklare Nacht. Einen Moment verharrte er und lauschte angestrengt in die Stille der Hochsommernacht hinein. Verwirrt stand er auf und öffnete das Fenster. Die Luft war genauso schwül und stickig, wie wenige Stunden zuvor. Nichts deutete auf ein kühlendes Sommergewitter hin. Vermutlich hatte er sich den Donner nur eingebildet, dachte er sich. Schnell schloss er das Fenster wieder und sah zu seinem vibrierenden Handy hinüber. Die blinkende Lampe neben der Innenkamera signalisierte ihm, dass er eine neue Nachricht erhalten hatte. Trae hatte ihm geschrieben, dass er ihn in wenigen Minuten anrufen würde. Grade, als er sein Handy wieder zurück auf den Tisch legen wollte, tauchte eine neue Nachricht von seiner Mutter auf dem Display auf. Sie wünschte ihm eine Gute Nacht und bedankte sich, dass er ihr gegenüber vorhin so kooperativ gewesen sei. Was blieb mir den auch anderes übrig, dachte er sich. Er hielt sich nur kurz mit der Beantwortung ihrer Nachricht auf und wünschte ihr noch einen ruhigen Dienst.

Die Uhr zeigte ein Uhr morgens an. Gähnend legte er das Smartphone zurück auf seinen Platz. Verschlafen öffnete er die Tür und ging auf den dunklen Flur hinaus in Richtung des Badezimmers. Nachdem er seine Blase entleert und seine Zähne geputzt hatte, kehrte er auf den Teppichboden des Flurs zurück. Seine Schritte waren lautlos auf dem grauen weichen Boden, der sich über den gesamten Flur sowie die drei Schlafzimmer erstreckte. Er ging an dem Schlafzimmer seiner Mutter vorbei und blieb vor dem Schlafzimmer seines kleinen Bruders stehen. Die Tür war einen spaltbreit offen. Das Licht des Vollmondes schien durch das dreckige Fenster des Zimmers und machte einen kleinen Teil des Raumes sichtbar. Das vorher noch wild auf dem Boden verteilte Spielzeug war verschwunden. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er gab sich einen Ruck und öffnete die Tür noch eine Hand breit und wünschte sich schon kurz darauf, es nicht getan zu haben. Das Bett war das Erste, das ihm sofort auffiel. Auf ihm befanden sich eine frisch bezogene Decke und ein neues Kopfkissen. Vor dem Fuß des Bettes, standen zwei große Spielzeugkisten, die bis obenhin gefüllt waren. Die Bücher, die aufgeschlagen auf dem Boden verstreut waren, befanden sich nun fein säuberlich aufgestellt in den Bücherregalen. Nichts war mehr an dem Platz, wo es sich vor wenigen Stunden noch befunden hatte. Stattdessen war das ganze Zimmer in beste Ordnung gebracht worden. Ängstlich starrte er in den Raum, der früher einmal das Reich seines damals elfjährigen Bruders gewesen war. In dem Moment, als er das Zimmer noch weiter betreten wollte, hörte er sein Handy aus seinem Zimmer klingeln. Er zögerte einen Augenblick. Vermutlich hatte seine Mutter bereits vor einigen Tagen aufgeräumt, und ihm war es einfach nicht aufgefallen, sagte er sich in dem Wissen, dass das nur eine billige Ausrede sich selbst gegenüber war. Doch er schaffte es, sein Wissen in den Hintergrund rücken zu lassen und begnügte sich mit der eigenen Lüge. Die Zweite von 25 Sünden innerhalb der letzten acht Stunden, dachte er und musste Trae unbewusst Recht geben. Seine eigenen Lügen zu glauben und für wahr zu erklären, ließ sich nicht so einfach rechtfertigen. Aber sollte er sich jetzt unnötigerweise noch mehr Angst einjagen? Bei diesen recht überschaubaren Auswahlmöglichkeiten fiel ihm seine Entscheidung nicht sonderlich schwer. Entschlossen und von seiner kleinen Ausflucht überzeugt, schloss er die Tür wieder. Mit schnellen Schritten ging er in sein Zimmer und nahm, ohne auf das Display zu schauen, den Anruf an.

„Hey Trae, wieso hast du so lange gebraucht? Du glaubst nicht, wie ich mich grade erschrocken habe“, begrüßte er ihn.

„Gefällt es dir?“, antwortete eine kindliche Stimme am anderen Ende.

„Wie bitte? Wer ist da?“, fragte er stutzig.

„Ich hab mein Zimmer aufgeräumt, damit Mommy nicht wieder so schimpft. Gefällt es dir, David?“, entgegnete die Stimme, ohne genau auf seine Frage einzugehen.

„Wer zum Teufel ist da?“, fragte David ein weiteres Mal, obwohl er glaubte, die Antwort darauf schon längst zu kennen.

„Tut mir leid, dass ich eben so einen Krach gemacht habe, aber die Schranktür ist aus den Angeln gefallen, als ich meine Kuscheltiere darin versteckt habe“, fuhr die Person weiter fort, ohne auf Davids Frage einzugehen. Erschrocken drehte David sich um. Seine Augen fixierten seine weiß angestrichene Zimmertür.

„Bobby? Bist du es?“ Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. „Ich hab dich vermisst, David. Hast du mich auch vermisst?“

„Ja Bobby, das habe ich. Das habe ich so sehr. Wo bist du?“, fragte er weiter. Doch die Tatsache, dass es Bobby war, jagte ihm nur noch größere Angst ein. Seine Stimme klang wie damals, als er noch ein Junge im Alter von elf Jahren war. Doch das war nicht möglich. Inzwischen müsste seine Stimme erheblich tiefer und reifer geworden sein. Außerdem war da noch die schlichte Tatsache, dass Bobby vor Jahren verschwunden war. Sein Kopf ratterte und suchte angestrengt nach einer logischen Erklärung, fand aber keine. Er hörte, wie sich eine Tür im Haus öffnete. Welche es war, konnte er nicht zuordnen, jedoch konnte er fast sicher sagen, dass es eine im Untergeschoss sein musste.

„Ich hatte Hunger“, antwortete Bobby zaghaft. Ein Topf fiel hörbar unter ihm in der Küche zu Boden.

„Bobby. Wo bist du grade?“, fragte David ein letztes Mal ernst und versuchte, seine Angst zu unterdrücken, damit man nicht direkt hören konnte.

„Es ist einsam hier drüben, David. Ich möchte zu dir rüberkommen.“

„Was willst du, Bobby?“

Hastig drehte er den Schlüssel im Schloss seiner Tür herum. Dann eilte er zu seinem Fenster und verschloss auch dieses eilig.

„Ich möchte zu dir, David. Mach mir bitte auf“, bat ihn die kindliche Stimme seines Bruders. Bevor er etwas erwidern konnte, begann etwas, an dem Griff seiner Tür zu rütteln. Sie wackelte stark, aber hielt trotzdem weiterhin Stand.

„Bitte lass mich rein“, wiederholte Bobby freundlich und dennoch wütend zugleich.

„Oh mein Gott“, krächzte David. Seine Panik hatte ihm die Stimme zum größten Teil genommen und ihn unfähig gemacht, einen verständlichen Laut von sich zu geben.

„Ich habe Angst alleine, David, bitte mach mir auf“, rief sein kleiner Bruder ein weiteres Mal aus dem Handy in Davids Hand.

Die Tür vibrierte förmlich unter der Gewalt, mit der jemand versuchte, sie aufzubrechen. Ohne einen Ton von sich zu geben, sank David auf sein Bett zurück und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Sein Handy fiel ihm aus der Hand und landete auf dem Fußboden. Schwer atmend und leicht schluchzend, starrte er die immer noch wackelnde Tür an. Ein letztes Mal hörte er leise aus den Lautsprechern seines Handys die Aufforderung, die Tür aufzumachen. Mit einem Male verstummte alles. Die Tür war wieder so fest in ihrem Rahmen wie zuvor, und aus seinem Smartphone tutete das Freizeichen.

Einen Moment lang schien die Welt sich so weiterzudrehen wie sie es immer tat. Ohne gruselige Anrufe von verschwundenen Geschwistern, die mitten in der Nacht versuchten, in das Zimmer einzudringen. Panisch sah er sich in seinem Zimmer um. Es war genauso leer und unaufgeräumt wie immer. Nach ein paar tiefen Atemzügen begann sein Puls, sich wieder in den Normalbereich zu bewegen. Ein Alptraum, mehr nicht, sagte er sich überzeugt. Einige Momente verbrachte er noch sitzend in seinem Bett, ehe er sein Mobiltelefon vom Boden aufhob und es ausschaltete. Nur, um auf Nummer sicher zu gehen natürlich. Verzweifelt und immer noch ein wenig ängstlich rollte er sich in seine Decke ein und legte sich auf die Seite. Müdigkeit überkam ihn auf der Stelle. Etwas raschelte hinter ihm. Als er sich halb umgedreht hatte, sah er genau in die Augen seines kleinen leichenblassen Bruder, der aufgerichtet im Bett saß. Das Blut gefror ihm in den Adern. So wie seine Augen, sah auch alles andere an ihm tot aus und stank geradezu nach Verwesung. Doch das Schlimmste waren seine kristallklaren Augen, die ihm direkt in die Seele zu schauen schienen. Das Mondlicht reflektierte so stark in ihnen, dass sie weiß aufblitzten. Grinsend sah er seinen, vor Angst erstarrten, großen Bruder an. Zwischen seinen Lippen schimmerten weiße Zähne hindurch. Viel glänzender und reiner, als man sich die Zähne eines Kindes eigentlich vorstellte.

„Freust du dich, dass ich wieder da bin?“, fragte Bobby ihn freudestrahlend und offenbarte die ganze Pracht seines Gebisses. Sein Grinsen hatte bei weitem nichts freundliches mehr an sich, sondern hatte das Ausmaß einer Horrorfratze, wie man sie sonst nur in Filmen sah. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er das Ding auf seinem Bett an. Es trug dieselben Sachen wie sein Bruder. Es sprach und bewegte sich sogar wie er. Es war wie eine perfekte Kopie des elfjährigen Bobby Williams, nur eben etwas toter.

„Du freust dich nicht, oder?“

Die Mimik auf dem Gesicht des toten Bobby änderte sich schlagartig. Das diabolische Grinsen war verschwunden und hatte einem enttäuschten und traurigen Ausdruck Platz gemacht. David konnte nicht antworten. Der bloße Anblick der Gestalt, die auf seinem Bett wie aus dem Nichts aufgetaucht war und ihn seither ununterbrochen beäugte, schnürte ihm seine Kehle zu und machte jeden Versuch, etwas zu sagen, zunichte.

„Freust du dich denn gar nicht, großer Bruder?“, fragte der kleine Junge traurig in Erwartung einer Reaktion. Doch die gab es nicht. Der erschrockene und ängstliche Gesichtsausdruck hatte sich auf Davids Gesicht eingebrannt wie ein Brandzeichen auf dem Schenkel eines Pferdes. Seine Lippen klebten aneinander, als hätte man sie mit festem Garn zugenäht und hinderten ihn daran zu schreien.

„Liebst du mich nicht mehr?“

Mehr als ein leichtes Kopfschütteln brachte David nicht zustande. Bobbys Hände schossen hervor und griffen nach den Schultern seines großen Bruders.

„Liebst du mich nicht mehr?!“, schrie er ihn an und vergrub seine Finger immer tiefer in seine Schultern. Ein stummer Schrei entfuhr David. Die Finger in seinen Schultern fühlten sich an wie Nägel, die ihm gewaltsam eingeschlagen wurden. Plötzlich begann sich das Gesicht des leichenblassen Bobbys zu verändern. Seine strahlend weiße Haut zerfiel in Fetzen und offenbarte einen Teil seiner Gesichtsmuskeln. Kleine Löcher klafften in seinen Wangen und in seinen Armen. Ein Teil seiner Oberlippe verschwand, als hätte sie jemand mit einem Radiergummi einfach ausradiert. Er schien völlig in sich zu zerfallen. Er beugte sich ganz nah über Davids Gesicht und schrie ihn ein weiteres Mal an, wobei er seinen Mund – Maul würde es besser treffen – so weit aufriss, dass sein Kiefer längst hätte ausklinken müssen. Er spürte, wie etwas auf sein Gesicht hinuntertropfte. Speichel, vermutete er. Doch als das Ding, in Gestalt seines Bruders, zumindest das was von ihm übrig war, etwas von ihm zurückwich, sah er, dass es kein Speichel oder etwas in der Art war. Es waren Tränen. Tränen, die aus seinen Augen kullerten und von seiner Wange herunterfielen. Grade, als David es endlich über sich bringen konnte, etwas zu sagen, begann Bobby anstelle seiner Schultern nun seinen Hals zu drücken. Seine kleinen Hände waren wie die Krallen eines Greifvogels, der eine Maus in den Fängen hatte.

„Hab keine Angst. Wenn du so wirst wie ich, wirst du mich wieder lieben können. Dann wird alles wieder gut“, versuchte er den nach Luft ringenden David zu beruhigen und drückte seine Daumen noch weiter in seine Kehle.

„Entspann dich einfach. Gleich hast du es geschafft, dann sind wir wieder zusammen, David“, sagte er liebevoll und weinte noch bitterer.

13

Schweißgebadet wachte er auf. Sein Rücken hatte sein Bettlaken vollkommen durchnässt und klebte nun an seinem Rücken. Erleichtert stellte er fest, dass er, soweit er das sagen konnte, alleine war. Das Einzige, was gleich geblieben war, war der Vollmond, der dem Zimmer ein wenig Licht spendete. Ein paar Atemzüge später konnte er sich dazu aufraffen, das verschwitzte Bett zu verlassen. Jedoch kam er nicht drum herum, sich ein weiteres Mal ängstlich im Zimmer umzusehen, um erneut festzustellen, dass niemand außer ihm dort war. Unsicher betrat er den dunklen Flur. Ebenso wie in seinem Traum ging er ins Bad, entleerte seine Blase und putzte seine Zähne. Wenige Minuten später, als er an dem alten Zimmer seines Bruders vorbeiging, konnte er nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen. Er bekam eine Gänsehaut, als er nach der Türklinke griff und sie herunterdrückte. Da stand er also. Nachts um ein Uhr im Schlafzimmer seines verschwundenen Bruders und sah sich das Chaos an, das dort drinnen herrschte. Actionfiguren, die auf dem Boden verstreut waren, Kuscheltiere, die neben und nicht auf dem Bett lagen. „Der Zauberer von Oz“, lag aufgeschlagen auf dem Bett. Eine Version mit vielen großen Bildern und wenig Text. Es hatte vorher David gehört. Sein Vater hatte es ihm geschenkt. Deswegen wunderte es David auch recht wenig, dass es ausgerechnet dieses Buch war, das dort auf dem Bett lag, obwohl Bobby eigentlich schon viel zu alt dafür war. Beruhigt, aber dennoch traurig, schloss er die Tür wieder und überließ es für immer der Einsamkeit. Als er wieder auf den Flur hinaustrat, hörte er erneut das Klingeln seines Handys. Zögerlich und mit einem gewissen Unbehagen, ging er zurück in sein Zimmer und schaltete das Licht an. Der Moment, der Menschen, die Angst haben, am meisten Angst einjagte. Der Moment, in dem man damit rechnete, sein persönliches Schreckgespenst in der nächsten Sekunde vor sich stehen zu haben. Doch dort war niemand. Weder Bobby noch sonst irgendeine angsteinflößende Gestalt, die ihn mit hungrigem Blick anstarrte. Er war alleine. Alleine mit seiner Angst. Vorsichtig bewegte er sich zu seinem Nachttisch, auf dem sein Handy lag und pausenlos klingelte. „Trae“ stand in weißer Schrift auf dem Display. Einen Moment lang haderte er mit sich, doch dann nahm er den Anruf entgegen.

„Yo, sorry, dass es so lange gedauert hat, Bruder. Vinnie ist vollkommen durchgedreht, und wir mussten ihn in den Griff bekommen, bevor der Pfarrer uns wieder das Kreuz Christi einprügelt“, meldete sich Trae etwas aufgewühlt.

David fiel ein Stein vom Herzen. Er tat einen langen Atemzug, als würde er an einer Zigarre ziehen und fühlte sich sofort leichter. Seine verkrampften Muskeln und Gesichtszüge entspannten sich langsam, und seine angespannte Haltung löste sich schlagartig.

„Alles klar bei dir?“, fragte Trae verwirrt über Davids Reaktion.

„Ja. Ja, alles in Ordnung. Nur ein Alptraum. Nichts weiter“, antwortete er und atmete ein weiteres Mal tief durch.

„Mann, was ist denn passiert? Du klingst echt fertig.“

„Das bin ich auch. Ich erzähl es dir morgen. Ich glaube, wenn ich jetzt noch einmal daran denken muss, dann bekomme ich einen Herzinfarkt.“

„Klar, kein Problem, Kumpel.“

„Danke. Das hier nimmt mich ganz schön mit, weißt du. Ich komm einfach nicht mehr klar damit“, erzählte David ihm im Vertrauen.

„Ist heftig für dich Bruder, glaub ich dir. Vielleicht wäre es doch besser wenn…“

„Tut mir leid, aber ich kann im Moment keinen klaren Gedanken mehr fassen. Lass uns das morgen besprechen, in Ordnung?“

„Natürlich. Ist vielleicht auch besser so, mir geht’s grad nicht anders.“

Das bezweifle ich sehr, dachte David und belächelte innerlich Traes angebliche Verfassung. Seit sie sich kannten, hatte er ihn nicht einmal in einer psychisch labilen Verfassung erlebt. Ihn konnte praktisch nichts aus der Ruhe bringen, geschweige denn wirklich Angst einjagen. Seine Träume waren das Einzige, das er fürchtete, und selbst diese Furcht hatte er zum Großteil überwinden können. Sein Gemüt war quasi wie von einer Kettenrüstung umgeben, welche hinter einem Brustpanzer getragen wurde. Kaum zu durchdringen oder zu zerbrechen. Doch durch jede noch so gute Rüstung konnte früher oder später ein todbringender Pfeil hindurchdringen. Aber das erschien David ziemlich unwahrscheinlich, dass das passiert sein konnte. Jedenfalls blendete er diese Möglichkeit, in Anbetracht seines eigenen Zustandes, weitestgehend aus.

„Was ist los?“

„Nichts wichtiges, brauchst dir keine Sorgen machen“, lenkte er vom Thema ab.

„Okay, falls du reden willst, sag Bescheid.“

„Mach ich.“

Trae hatte sich seinen Hocker aus Holz neben das Bett gestellt, saß nun vor seiner Tür und betrachtete die Bilder, die dort hingen.

„Worüber hatten wir vorhin nochmal geredet, bevor du weggegangen bist?“, fragte David, der durch seinen Alptraum schon wieder alles vergessen hatte.

„Im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt“, erwiderte Trae lachend und hustete einige Male. Mit elf hatte er angefangen zu rauchen, was ihm bis jetzt nichts außer schlechter Kondition und einen gewaltigen Raucherhusten gebracht hatte. Besonders lange würde er es, dank seinem hohen Zigaretten- und Drogenkonsums, vermutlich auch nicht mehr machen, dachte David. Das hatte er ihm auch schon des Öfteren gepredigt in der Hoffnung, dass Trae seine Lebensweise vielleicht noch einmal neu überdenken würde. Aber Trae dachte nun mal nicht so wie er. Für ihn zählte nicht, wie lange er leben würde, sondern wie er leben würde. Frei und uneingeschränkt. In allem, was er tat. Das war das, was ihm wichtig war. Ob ihm das mit 30 das Leben kosten würde, spielte keine Rolle.

„Ach genau. Wir sind alle Sünder und kommen in die Hölle“, erinnerte sich David und legte sein Handy wieder mit Lautsprecher auf den Nachttisch.

„So siehts aus“, bestätigte Trae ihn schmunzelnd.

„Worüber diskutieren wir denn nun, Herr Pontifex?“, stichelte David ihn an, während er das Laken seines Bettes abzog.

„Mach dich nur lustig über mich. Wenn wir beide uns in der Hölle wiedersehen, verlange ich eine Entschuldigung.“

„Wenn wir beide in der Hölle landen, wird keiner von uns beiden Gelegenheit haben, sich bei irgendwem zu entschuldigen. Dann werden wir bis ans Ende aller Tage gefoltert und erleiden Qualen, schon vergessen?“, scherzte er und suchte in seinem Schrank nach einem neuen Bettlaken.

„Blödsinn. Warum sollte der Teufel diejenigen foltern und quälen, die nach seiner Ideologie leben? Wieso sollte er uns bestrafen, wenn wir doch genau das tun, was ihn ausmacht?“

„Du solltest dein Drogengeschäft aufgeben und Philosoph werden bei dem ganzen Kram, über den du nachdenkst“, riet er ihm.

„Es ist besser, die rechte Hand des Teufels zu sein, als ihm im Weg zu stehen.“

„Wie originell, jetzt zitierst du auch noch aus <<Die Mumie>>. Du hast zu viele Filme gesehen, mein Freund“, lachte David und stopfte den Rest des Lakens unter die Matratze.

„Anscheinend bin ich nicht der Einzige. Schließlich weißt du ja, was ich zitiere“, entgegnete Trae ebenfalls lachend.

„Da hast du wohl Recht“, gab David amüsiert zu. Das Gespräch mit Trae stellte seinen furchtbaren Alptraum in den Hintergrund und lenkte ihn von der inneren Unruhe ab, die er trotzdem weiterhin verspürte. Entspannt legte er sich mit seinem Smartphone in der Hand in sein neu bezogenes Bett. Viertel vor zwölf zeigte die Uhr auf dem Display an. Es waren keine drei Stunden seit ihrem vorherigen Telefonat vergangen, doch gefühlt lag ein gesamter Tag zwischen ihren Unterhaltungen. Eine halbe Stunde dauerte es, bis beide sich darauf einigten, sämtliche Gespräche zu einem späteren Zeitpunkt fortzuführen und etwas nächtliche Ruhe zu finden. Besonders David war froh, hoffentlich den erhofften Schlaf finden zu können. Doch bereits kurze Zeit nachdem er aufgelegt hatte, rückte sein Alptraum erneut in den Vordergrund und ließ ihn beim bloßen Gedanken daran erschaudern. Umso beruhigender war es für ihn, dass er, nachdem er seine Tür und seine Fenster vorsichtshalber versperrt, sowie sein Handy auf stumm gestellt hatte, schneller als erwartet den ruhigen Schlaf fand.

2.Kapitel

You never know how strong you are

until being strong is the only choice you have. Bob Marley

1

Müde und mit Augenringen, die in etwa so groß waren wie die riesigen kreisrunden Ohrringe seiner Mutter, stieg David in den schwarzen Chevrolet Orlando, der vor der Haustür parkte. Hinter sich zog er einen blauen Hartschalenkoffer mit 4 Rädern aus der Tür. Auf seinem Rücken trug er einen schwarzen Rucksack, der äußerlich nicht viel hermachte, jedoch erstaunlich robust war. Der gestrige Tag war anstrengender gewesen, als er angenommen hatte. Nachdem er bei Zoe angerufen hatte, um zu fragen, wie es ihr ging und um ihr zu beichten, dass er die Ferien über doch nicht zuhause verbringen würde, hatte wie aus heiterem Himmel ihr Vater vor der Tür gestanden, um sich bei ihm zu entschuldigen. Jedoch war dieser näher am Wasser gebaut als er je hatte durchblicken lassen und ergoss seinen Scham über seine Handgreiflichkeit in wahren Niagarafällen vor Davids Augen. So musste er nicht nur Zoe trösten, sondern auch ihren weinerlichen, reuevollen Vater. Zudem stellte sich heraus, dass seine Mutter offenbar doch nicht so gut über die Schule Bescheid wusste, wie sie wohl dachte. Also packte er neben seiner Kleidung und Handtüchern auch noch Bettzeug und Geld für die Kantine ein, falls er es denn brauchen würde.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag hatte er zwar keine Begegnung mit Bobby, aber Schlaf konnte er trotzdem keinen finden. Er war viel zu nervös und aufgewühlt wegen des heutigen Tages gewesen, als dass er ans Schlafen auch nur hätte denken können. Erst in den frühen Morgenstunden war es ihm gelungen, etwas zur Ruhe zu kommen. Jedenfalls kurzfristig, bis Faye ihn vier Stunden später wieder geweckt hatte, dass er sich fertig machen konnte. Da saß er also nun. Verschlafen, mit einer Thermoskanne voll Kaffee auf dem Schoß, in dem Wagen seiner Mutter. Sein Gepäck hatte er im Kofferraum verstaut. Er hatte sich sogar entschieden, trotz der Hitze, seine Fleece Jacke von den Sacramento Kings mitzunehmen. Vielleicht sei die Sommerschule eine gut Gelegenheit, um mit der Vergangenheit abzuschließen und sich wieder auf das hier und jetzt zu konzentrieren, hatte er Trae am Vortag gesagt, als sie gemeinsam im Asia Restaurant gegessen hatten.

Trae hatte ihm vorher angeboten, dass sie eine Wohngemeinschaft gründen könnten. So könne David dem Ort entfliehen, der ihn gleichermaßen quälte, wie er ihm Sicherheit bot. Aber er hatte abgelehnt und gemeint, er wolle sehen wie sich die Situation nach den Ferien entwickeln würde. Damit war das Thema vom Tisch gewesen. Das Tragen der Jacke, die ihn so an die Ereignisse von vor drei Jahren erinnerte, war für ihn der erste Schritt zum Vergessen der Vergangenheit. Er schraubte den Deckel der Thermoskanne ab und füllte sich die erste Kappe voll. Einen Moment später hatte er sie bereits mit einem Schluck geleert und verschloss die Kanne wieder.

Die Fahrertür wurde geöffnet und seine Mutter stieg in das Auto ein. „Hast du an alles gedacht?“, fragte sie ihn hektisch.

„Ja, habe ich“, beantwortete er gähnend ihre Frage.

„Geld, Bettzeug, Klamotten?“

„Ja, und auch alles, was ich sonst brauchen könnte.“

„Hast du dir auch alle wichtigen Nummern aufgeschrieben?“

David nickte.

„Meine, die von Zoe und die von deinen Freunden?“

„Herrgott ja, ich habe alle“, antwortete er genervt.

„Hör auf, dich aufzuregen. Du hast absolut keinen Grund dazu“, ermahnte sie ihn und warf ihm einen warnenden Blick zu.

„Ich habe jeden Grund dazu“, murmelte er verdrossen und lehnte seinen Kopf an die warme Glasscheibe. Sie tat so, als hätte sie es nicht gehört und schnallte sich schweigend an. Dann drehte sie den Schlüssel im Zündschloss und legte den ersten Gang ein. Gemächlich rollte das schwarze Familienauto aus der Einfahrt hinaus und steuerte den nächsten Interstate Highway an, der Richtung Norden führte.

2

Die erste Stunde verbrachten die beiden schweigend miteinander. David hatte bereits die dritte Kappe Kaffee getrunken, fühlte sich jedoch kein Stück wacher, geschweige denn weniger müde. Faye hingegen schien so wach zu sein wie noch nie zuvor. Trotz ihres Nachtdienstes, den sie in den Knochen hatte, wirkte sie geradezu unverschämt munter und aufgeweckt. Vermutlich konnte sie es einfach nur nicht erwarten, dass sie die gesamten nächsten Wochen ungestört ihre Stecher zu sich einladen konnte und war deswegen so aufgedreht, dachte David sich. Vielleicht reagierte er aber auch einfach nur ein wenig übersensibel aufgrund seines Schlafdefizits, und seine Mutter würde sich wirklich bessern und die Zeit zum Nachdenken nutzen. Doch wer konnte das schon so genau sagen. Fest stand nur, dass sowohl ihre Verfassung, als auch ihre Stimmung, sich deutlich von Davids abhoben.

Das Klicken eines Feuerzeuges durchbrach die Stille im Auto. David drehte den Kopf zur Seite und warf ihr einen Blick zu, der sie darauf aufmerksam machen sollte, wie sehr er ihr Rauchen, wenn sie müde war, hasste. Aber ihre Augen blieben auf dem Interstate Highway haften wie ein altes Kaugummi unter einem Turnschuh. Stöhnend entfernte er den Kopf von seinem Fenster und öffnete es zwei Handbreiten weit, um wenigstens etwas gegen den Geruch ihrer Marlboro Zigaretten anzukommen.

„Was ist los?“, fragte Faye, die sein Aufstöhnen bemerkt hatte.

„Mir wird übel bei dem Gestank“, entgegnete er knapp und ehrlich.

„Weed riecht wohl besser oder was?“, keifte sie ihn an. Kritik hatte sie noch nie gut vertragen. Die Tatsache, dass sie müder war, als sie aussah, trug nicht unbedingt zur Besserung bei. Ebenso wenig wie der Fakt, dass David ohnehin bereits ziemlich angefressen von der ganzen Situation war und die Keiferei seiner Mutter genauso wenig vertrug, wie sie seine Kritik.

„Du hängst dich echt ewig daran auf, oder? Als hättest du es früher nie auch nur ausprobiert. Ach ja, und zu deiner Information. Nein, tut es nicht“, erwiderte er und rollte mit den Augen.

„Selbstverständlich habe ich es ausprobiert und gemerkt, dass es nichts Gutes mit sich bringt“, erklärte sie ihm mit ruhiger Stimme. Dass sie dennoch aufgebracht war, konnte sie jedoch nicht verstecken.

„Aber deine Zigaretten sind besser oder was?“, stichelte er zurück. Genervt stieß sie den Qualm ihrer Kippe aus.

„Im Gegensatz dazu sind sie erstens legal, und zweitens lassen sie dich keine rosaroten Elefanten sehen, die dir nach den ersten paar Malen auf deiner Schädeldecke anfangen, herumzutanzen“, antwortete sie ihm nun in einem nicht mehr ganz so ruhigen Ton.

„Wirklich gesünder oder weniger schädlich sind sie trotzdem nicht. Auch nicht für andere, die den ekelhaften Rauch einatmen müssen.“ Damit war die Diskussion beendet, und keiner von beiden sprach mehr über das Thema. Kurze Zeit später drückte sie angegiftet ihre, nur zur Hälfte aufgerauchte, Zigarette im Aschenbecher des Autos aus. Während der gesamten Hinfahrt über verkniff sie es sich, eine weitere anzustecken und somit die Diskussion von neuem aufzurollen. Lange würde es ja nicht mehr dauern, dann konnte sie so oft und so viel quarzen, wie sie wollte, ohne sich weitere Kommentare oder sonstige Belehrungen gefallen lassen zu müssen.

„Was wirst du in den Wochen, die ich weg bin machen?“, fragte David und schloss sein Fenster wieder.

„Nun ja. Ich werde arbeiten müssen.“

„Das meine ich nicht.“

Faye überlegte einen Augenblick, ehe sie ihm antwortete.

„Ich möchte einiges im Haus verändern“, sagte sie vorsichtig.

„Okay, und was möchtest du verändern?“, fragte David überrascht.

„Bobbys altes Zimmer. Es ist jetzt schon drei Jahre her, dass er nicht mehr bei uns ist. Langsam, denke ich, ist es an der Zeit, damit abzuschließen.“

Ich hab mein Zimmer aufgeräumt, damit Mommy nicht wieder so schimpft. Gefällt es dir, David?

Da war er wieder. Sein Alptraum, der ihm nicht aus dem Kopf gehen wollte. Wie eine lästige Fliege surrte er durch seinen Kopf, ohne Aussicht darauf, je wieder von dort zu verschwinden.

„Was genau schwebt dir vor?“, fragte er neugierig.

„Ich dachte, ich könnte seine Sachen einem Waisenhaus spenden und es neu einrichten. Als Gästezimmer, verstehst du?“, sagte sie, unsicher darüber, wie ihr Sohn diese Idee aufnehmen würde. Für einen kurzen Moment hatte sie vergessen, dass das ohnehin keine Rolle spielen würde.

„Ja, ich verstehe. Mir gefällt es.“

Mehr zufällig als gewollt trafen sich ihre Blicke kurzzeitig, und sie lächelten einander an. Einen Moment lang war die Welt ein Stück weit in Ordnung.

„Das freut mich. Wir könnten es vielleicht neu tapezieren und anstreichen. Was hältst du davon?“, schlug sie vor.

„Finde ich gut“, versicherte David ihr mit einem Anflug von Vorfreude auf die Zeit nach der Sommerschule. Vielleicht würde doch noch alles gut werden, dachte er sich zufrieden. Doch anders als David freute sich Faye nicht über ihre Pläne. Im Gegenteil. Innerlich hasste sie sich dafür und verteufelte ihr vorschnelles Mundwerk. Sie konnte es sich nicht erlauben, auf den letzten Metern einzuknicken und sich für das zu schämen, was sie tat. Aber schließlich musste sie irgendwie den Schein auf Veränderung und Besserung wahren. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Sie hatte es begonnen und würde es nun auch zum Ende bringen. In etwa anderthalb Stunden wäre es vorbei. Dann wäre ihr Sohn David nicht länger ihr Problem. Er würde für niemanden mehr ein Problem darstellen können, wenn er erst einmal dort angekommen war. Schnell verwarf sie ihren Gedanken wieder und fokussierte sich wieder auf die Straße.

„Tu mir den Gefallen und kümmere dich um Zoe, falls sie von zuhause weg muss, weil ihr Vater wieder anfängt, das Haus auseinanderzunehmen“, bat er sie mit aufrichtiger Sorge.

„Wenn ich nicht da bin, hat sie niemanden, der sich ernsthaft um sie kümmert.“

Faye nickte ein paar Mal.

„Mach dir keine Sorgen, ich werde ihr garantiert nicht die Tür vor der Nase zuknallen, wenn sie verzweifelt ist und Hilfe braucht“, versicherte sie ihm. Hundertprozentig sicher war er sich nicht, ob es auch wirklich so kommen würde oder ob sie ihr tatsächlich ihre Hilfe anbieten würde. Doch für den Moment blieb ihm nichts anderes übrig, al ihr zu glauben. Während er sich kurz, aber ehrlich, bedankte, schenkte er sich den letzten Rest Kaffee aus der Kanne ein. In einem Zug trank er die Kappe aus, in der sich nicht mehr als ein Bodensatz befand und schraubte sie wieder auf die Thermoskanne. Ein Tropfen kalter Kaffee lief aus dem Deckel über das silberne Edelstahlgehäuse und landete auf Davids Zeigefinger. Gelassen wischte er ihn an seiner hellgrauen kurzen Sporthose ab und legte die Kanne in das Fach an seiner Tür.

„Wie lange sind wir noch unterwegs?“

„Etwa eine Stunde, wenn wir Glück und keinen Stau mehr haben.“

Er warf einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr. Es war eine schwarze Uhr mit ebenfalls schwarzem Lederarmband und Ziffernblatt. Das Einzige, was nicht schwarz war, war der rote Sekundenzeiger, welcher bereits etwas zitterte. Auf dem Ziffernblatt waren, anstelle der normalen, arabischen Zahlen, alte römische Zahlen zu sehen. Die Uhr war ein Geburtstagsgeschenk seiner ehemaligen Freundin, die sie ihm als hochwertig und teuer angepriesen hatte. Kurz nach ihrer Trennung erfuhr er jedoch von Trae, der auch sie mit dem nötigen Stoff versorgt hatte, dass die Uhr einfach aus einem Ramschladen um die Ecke stammte, und dort grade einmal die stolze Summe von fünf Dollar wert war. Doch es kümmerte ihn kein Stück weit. Selbst, wenn sie die Uhr aus einem Müllcontainer gefischt und lediglich etwas gesäubert hätte, würde er sie tragen, schließlich gefiel sie ihm ja. Geld war für ihn nie ein wichtiger Faktor, wenn es um Geschenke oder andere Gegenstände ging. Ob etwas viel oder wenig kostete war irrelevant für seine Sicht darauf, ob es ihm gefiel oder nicht.

Die Zeiger zeigten elf Uhr achtundvierzig an. Mittlerweile waren sie seit bereits etwa zwei Stunden unterwegs.

„Wieso diese Schule, Mom? Ich hätte doch auch auf eine Modernere in der Nähe gehen können. Die Colleges in Sacramento bieten doch auch Kurse über die Sommerferien an. Die Saint Mary bietet eine gute Sommerakademie an, meinte Trae. Er musste selber schon einmal dorthin“, berichtete er ihr.

„Das mag sein, aber die Lauriea Summer School ist nun mal etwas Besonderes. Dadurch, dass alle Schüler die Zeit über dort wohnen werden, habt ihr auch mehr Freizeit als auf einer normalen Sommerschule. Außerdem war es die Einzige, die deine Anmeldung noch so kurzfristig entgegengenommen hat und so freundlich war, dich trotz des späten Zeitpunktes noch anzunehmen“, erklärte sie ihm, ohne die wirklichen Beweggründe für ausgerechnet diese Wahl zu erläutern. Aber er akzeptierte ihre Antwort kommentarlos. Sein angeschwollenes Auge pochte sanft im Takt seines Pulses. Noch konnte er nicht ahnen, was die Wände der Gebäude inmitten des Waldes für ihn und alle anderen nichtsahnenden Jugendlichen bereithielten.

3

Gegen zehn Minuten vor eins, fast exakt eine Stunde später, rollte der schwarze Chevrolet Orlando mit gedrosseltem Tempo in die letzte Straße des Dorfes namens Reggieland, das sich etwa eine halbe Stunde nördlich von Weed befand. Die Häuser, an denen sie vorbeifuhren, unterschieden sich kaum voneinander. Trüb und grau standen sie säuberlich, in gegenüberliegenden Reihen, parallel zueinander. Man konnte meinen, man befände sich in einem der ersten Farbfilme, in denen selbst die grellsten Farben nicht mehr als ein Farbstich zu sein schienen. Die Bewohner hingegen waren alles andere als grau und trüb. Viele Familien saßen auf den Terrassen beisammen und frühstückten gemeinsam. Kinder tollten durch die Gärten, jagten ihren Bällen nach oder malten Bilder mit Kreide auf die Pflastersteine ihrer Auffahrt. Es war eben genau so, wie man sich nun mal ein Dorf an einem idyllischen und warmen Sonntag zu Beginn der Sommerferien vorstellen würde. Das Auto, in welchem sich Faye und David befanden, kam vor einem Schild am Ende der Straße zum Stehen. Ein weites goldenes Rapsfeld erstreckte sich vor ihnen, als wäre es aus einem Bilderbuch entsprungen. Das Schild zu ihrer Rechten war weiß angestrichen worden. Die herunterlaufenden Farbtropfen waren getrocknet und erhoben sich von dem Holz wie die Akne auf dem Gesicht eines Teenagers.

„Lauriea Summer School“, stand darauf in schwarzen Buchstaben geschrieben. Jedoch war von einer Schule, geschweige denn von irgendeinem Gebäude, welches kein normales Wohnhaus war, weit und breit nichts zu sehen. Hinter dem Schild befand sich ein steiniger und erdiger Weg, welcher gradewegs in den Wald führte, der etwa zweihundert Meter entfernt vom freudigen Dorfleben begann.

„Da wären wir“, verkündete Faye und begutachtete zuerst das Schild und dann den Wald.

„Bist du dir sicher?“, fragte David ungläubig und musterte die Umgebung. Alles in dem Dorf wirkte so natürlich und verständlich, dass es ihm fast wie eine Lüge vorkam, die ihnen vorgespielt wurde.

„Natürlich. Dort steht es doch. Lauriea Summer School.“

„Und wo ist sie dann bitte?“

„Ah, sieh mal da ist jemand“, bemerkte seine Mutter den Mann, der aus dem Wald herauskam und ihnen zuwinkte. Nun sah auch David ihn. Wie auf Wolken spazierte der junge Mann den Weg zu ihrem Auto entlang. Das laute Geräusch der zufallenden Autotüren verzerrte die Idylle und Ruhe des Dorfes für einen Augenblick. Die Familie, die scheinbar das letzte Haus am Straßenende bewohnte, blickte empört von ihrem reich gedeckten Tisch auf. Pancakes mit Sirup und Früchten stapelten sich über gebratenen Speck, frisch gekochten Eiern, altem Cheddar und diversen anderen Köstlichkeiten, deren Geruch David in die Nase stieg.

Mittlerweile hatte der Mann die Hälfte der Strecke zurückgelegt und war nun durchaus besser zu erkennen. Trotz der Hitze hatte er die untersten zwei Knöpfe seines rosa Polohemdes zugeknöpft und trug eine lange, verblichene Jeanshose. Seine braunen Haare waren zu einem klassischen Undercut frisiert worden und passten wie die Faust aufs Auge zu seinem ebenfalls braunen Vollbart. An seinem rechten Arm trug er, zusätzlich zu einer dunklen Uhr, mehrere schwarze Leder- und Stoffarmbänder. David öffnete den Kofferraum des Autos und holte seinen Koffer und seinen Rucksack daraus hervor. Mit einem lauten Knall schloss er ihn, was einen weiteren bösen Blick der Familie hinter ihm zur Folge hatte.

„Hallo. Ich bin Mr. Brenner, ich bin von der Schule“, stellte der Mann sich aus knapp zehn Meter Entfernung vor und deutete auf das weiße Schild.

„Ich bin Ms. Williams“, entgegnete Faye freundlich und reichte ihm die Hand.

„Ist mir eine Freude“, schmeichelte er und schenkte ihr ein warmes Lächeln, das sie erwiderte.

„Du bist vermutlich David, nicht wahr?“, fragte er und reichte auch ihm die Hand.

„Ja, Sir“, antwortete er höflich und schüttelte seine Hand. Sein Händedruck war fest und hinterließ weiße Flecken auf Davids Hand.

„Haben Sie eine gute Fahrt gehabt? Ich hoffe, die Wegbeschreibung war nicht allzu katastrophal. Es verfahren sich leider andauernd Eltern auf dem Weg hierher.“

„Tatsächlich?“, fragte Davids Mutter überrascht.

„Oh ja, leider schon. Meist haben wir fünf bis zehn Schüler weniger, als uns eigentlich angekündigt wurden, weil viele einfach nicht herfinden“, erklärte Mr. Brenner.

„Nun, also an Ihrer Wegbeschreibung liegt es jedenfalls nicht, wenn Sie mich fragen“, versicherte Faye ihm mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen. David drehte sich der Magen um. Er kannte ihr Lächeln genau und wusste, dass sie es meistens nur dann aufsetzte, wenn sie etwas haben wollte. Und in diesem Fall schien es der attraktive Mr. Brenner zu sein, den sie wollte.

„Verzeihung, Mr. Brenner?“, unterbrach der offensichtliche Familienvater des Hauses hinter ihnen die fröhliche Stimmung.

„Ja, Mr. Clarke?“, entgegnete er dem leicht korpulenten Mann, der ein beige, blau gestreiftes Leinenstrukturhemd trug.

„Ich möchte Sie freundlichst daran erinnern, dass es hier auch Bürger gibt, die ihren wohlverdienten Sonntag mit einer gewissen Ruhe verbringen möchten“, legte ihm Mr. Clarke nahe.

„Aber natürlich, ich bitte um Verzeihung. Ich versichere Ihnen, dass ich mich gleich wieder auf den Weg machen werde“, entschuldigte sich Mr. Brenner aufrichtig.

„Tun Sie das. Und Sie, gnädige Frau, bitte ich auch darum, sich möglichst leise zu entfernen“, wandte er sich nun Ms. Williams zu. Genervt rollte sie mit den Augen und stöhnte leise auf. Innerlich dankte David dem schlecht gelaunten Mann, der sich grade ein gewaltiges Stück des Cheddars abschnitt und genüsslich verspeiste, dass er den Verführungsversuch seiner Mutter unterbrochen hatte.

„Bis dann, mein Großer.“

Sie nahm ihn herzlich in den Arm und drückte ihn fest an sich. Er erwiderte ihre Umarmung und drückte sie ebenfalls fest.

„Pass auf dich auf.“

„Werde ich Mom, keine Sorge“, versprach er ihr.

„Ich ruf dich an, in Ordnung?“

Faye nickte in seine Schulter hinein.

„Ich hab dich lieb.“

Zum ersten Mal seit Jahren hatte er ihr das wieder sagen können, ohne dass es sich wie eine Lüge anfühlte.

„Ich dich auch“, erwiderte sie und drückte ihn noch einmal an sich, bevor sie ihn losließ.

„Bis dann, Mom.“

„Machs gut“, verabschiedete sie sich und drehte sich zu ihrem Auto um. Ihr Blick blieb an Mr. Clarke hängen.

„Haben Sie ein Problem?“, fragte er angesäuert.

„Wenn ich mir Sie so ansehe, Mister, merke ich eigentlich eher, dass ich ziemlich wenig Probleme habe, und es Menschen gibt, die es viel schlimmer haben“, entgegnete sie schlagfertig.

„Ein schönes Leben Ihnen noch, Mr. Clarke. So kurz es bei Ihren vermutlich längst verfetteten Organen auch sein wird.“

Empört stand er auf und blähte wutentbrannt seine Wangen auf, um etwas Schlagkräftiges zu erwidern. Doch ehe ihm ein passender Konterspruch eingefallen war, saß Faye schon in ihrem Chevrolet und startete den Motor. Sein Gesicht färbte sich vor Scham und Zorn gleichermaßen rot und stellte einen idealen Kontrast zu seinen grauen Koteletten dar, die ihm bis auf Höhe seiner Unterlippe reichten. David konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als Mr. Clarke sich auch, nachdem seine Mutter bereits weggefahren war, nicht setzen wollte. Beleidigt stand er an dem überfüllten Tisch auf seiner Terrasse und blickte ihr nach, als ob er immer noch etwas erwidern könnte und es jeden Moment aus ihm herausplatzen würde.

„Das findest du lustig, nicht wahr, du Bengel?“, meckerte er David an.

„Wenn ich ehrlich bin, schon“, gab er offen zu und musste noch stärker grinsen.

„Na warte, du Rotzlöffel!“

Er riss die Serviette aus dem Ausschnitt seines Hemdes und warf sie zornig auf seinen Teller. Doch bevor er den Tisch überhaupt wirklich verlassen konnte, ging Mr. Brenner dazwischen.

„Beruhigen Sie sich, Mr. Clarke. Sie wissen doch, wie das mit den Kindern ist. Sie denken nicht nach und sind nicht wirklich schlau, deswegen kommen sie ja zu uns. Ein gestandener Mann, wie Sie, steht da doch drüber, oder nicht?“ Einen kurzen Moment überlegte er, dann schien er sich wieder zu beruhigen.

„Sie haben natürlich Recht. Ich lasse mich nicht auf das Niveau dieser ungebildeten Proleten und Nichtskönner herab.“

Sein Gesicht nahm wieder eine normale gesunde Farbe an.

„Das weiß ich doch. Guten Tag, Mr. Clarke“, verabschiedete sich Mr. Brenner und hob seinen Arm. Der nun wieder beruhigte Mr. Clarke tat es ihm gleich und wünschte ihm ebenfalls einen guten Tag, bevor er sich wieder zu seiner Frau und seinen beiden Kindern an den Tisch setzte. Keiner von ihnen hatte während der Auseinandersetzung etwas gesagt oder versucht Partei für ihn zu ergreifen. Umso erfreuter waren sie, als David gemeinsam mit Mr. Brenner in Richtung des Waldes ging, und sie in Ruhe ohne weiteren Zwischenfall ihr Frühstück beenden konnten.

4

„Meinten Sie das eben Ernst?“, fragte David leicht angesäuert, „Was Sie Mr. Clarke gesagt haben?“

Mr. Brenner trat einen Stein beiseite. Staub wirbelte um seine Schuhe. Man sah dem Weg an, dass es seit Tagen nicht geregnet hatte. Risse zeichneten sich auf dem sandfarbenen ausgetrockneten Boden ab.

„Dass Kinder wie du nicht sonderlich intelligent sind und nicht nachdenken?“

„Ja, so ungefähr war Ihre Wortwahl.“

„Ach, weißt du, David“, begann er und blieb vor ihm an der Waldgrenze stehen.

„Mit Mr. Clarke ist es wie mit jedem anderen Mann, der sich in seinem Stolz verletzt sieht. Sag ihnen wie toll sie sind und wie dumm man selber ist, und alles ist wieder in Ordnung“, erklärte er ihm. David kam neben ihm zum Stehen. Es musste ein lachhafter Anblick sein, wie er dort, mit Rollkoffer und Rucksack, vor dem Wald stand. Mit Sicherheit würde es ein perfektes Foto für die Kategorie: „Finde den Fehler“ in einem Rätselheft abgeben. Jedoch war nicht bloß sein Outfit, an einem Ort wie diesem, fehl am Platz. Er selbst gehörte ebenfalls nicht dorthin.

„Das war also reine Beschwichtigung? Sie halten mich nicht für zurückgeblieben oder chronisch dumm?“

„Es ist wie mit einem Baby, David. Wenn sie anfangen zu plärren, gibst du ihnen die Flasche und sie sind wieder ruhig. Leute wie Mr. Clarke, Rechtsanwälte, Professoren, Wissenschaftler, Ärzte. Sie alle sind auf einer höheren Bildungsstufe als wir beide und wollen auch so behandelt werden. Schließlich sind wir ja die Dummen, die sich immer wieder an sie wenden, wenn wir etwas nicht wissen und uns helfen lassen müssen. Dass sie sich ebenfalls an Elektriker, Tischler und Bauarbeiter wenden, weil sie etwas nicht können, ist ihnen wiederum egal. Schließlich sind sie ja trotzdem die Dummen, die keine Akademiker mit hohen Abschlüssen und vortrefflicher Bildung sind. Verehrung und überschwängliches Lob sind ihre Flasche. Verstehst du, was ich meine?“

„Natürlich verstehe ich.“

Mr. Brenner setzte ein bescheidenes Lächeln auf.

„Dummheit ist nicht wenig wissen, auch nicht wenig wissen wollen, Dummheit ist, glauben genug zu wissen.“

„Und wer Konfuzius zitiert, ist noch lange nicht weise“, sagte David schmunzelnd.

„Da hast du wohl Recht“, stimmte Mr. Brenner ihm lachend zu.

„Entschuldigen Sie, dass ich frage, Sir. Aber ich habe die Schule nirgendwo gesehen.“

„Nun ja, das liegt daran, dass sie im Wald liegt und von den hohen Bäumen versteckt wird“, erklärte er und zeigte in den Wald hinein.

Die Schule war im Wald, und ein Mann ging neben dir her.

David erstarrte. Die Erinnerung traf ihn, wie der breit gestreute Schuss einer Schrotflinte. Der Kaffee, den er während der Fahrt getrunken hatte, schien sich seinen Weg nach draußen bahnen zu wollen und stieg ihm den Hals hoch.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Mr. Brenner verunsichert und sah ihn besorgt an. David griff an den rechten Flaschenhalter seines Rucksacks und holte eine Flasche stilles Wasser daraus hervor. Schnell öffnete er sie und nahm einen kleinen vorsichtigen Schluck daraus. Sein Magen entkrampfte sich ein wenig und nahm den bereits hochgestiegenen Kaffee widerwillig zurück.

„Ja, alles in Ordnung“, sagte er und versuchte sich nichts anmerken zu lassen, was ihm jedoch bei seiner bleichen Gesichtsfarbe nicht sonderlich gut gelang.

„Bist du sicher?“, fragte Mr. Brenner ein weiteres Mal. David nahm einen zweiten Schluck aus seiner Flasche und nickte bejahend.

„Wenn du meinst. Dann nehme ich aber deinen Koffer. Nicht, dass du mir gleich zusammenklappst.“

Er streckte die Hand aus, um Davids Koffer entgegenzunehmen. Ohne zu zögern, drückte er ihm den Griff des Trolleys in die Hand. Er atmete tief durch und wischte sich mit der Hand die Schweißperlen von der Stirn.

„Keine Sorge“, beruhigte Brenner David, „Im Wald scheint dir die Sonne nicht so stark auf den Kopf. Dort gibt es genügend Schatten.“

„Mr. Brenner?“

„Ja, David?“

„Aus welchem Grund hat man die Schule im Wald gebaut?“, fragte er. Wie angewurzelt verharrte er auf der Stelle und machte keine Anstalten, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

„Die Frage ist verständlich. Komm mit. Wir sollten uns auf den Weg machen, bevor wir weichgekocht sind. Wir haben genügend Zeit, währenddessen alle deine Fragen zu klären.“

Er lächelte David ein weiteres Mal an und machte einige Schritte nach vorne.

„Ach ja. Eine Sache ist da noch. Die erste und wichtigste Regel, die du dir merken musst. Gehe niemals ohne jemanden in den Wald, der sich nicht darin auskennt“, mahnte er ihn.

Mit diesen Worten überschritt Mr. Brenner die Waldgrenze und wurde von den Schatten der riesigen Bäume um ihn herum verschluckt.

5

Nachdem er den ersten Schock halbwegs verdaut hatte, folgte er Mr. Brenner hinein in den dunklen, aber durchaus naturschönen, Wald. Mammutbäume, die gut achtzig Meter gen Himmel ragten, nahmen dem Waldboden einen großen Teil des Sonnenlichtes und hielten es in ihren Blättern fest.

Ein Ast knackte unter Davids Füßen. Brenner steuerte auf eine kleine Steigung zu, die sich einige Meter hinter dem Waldübergang befand.

„Pass auf. Der Boden ist sehr trocken und auch staubig. Man kann leicht wegrutschen und sich einen spitzen Ast in die Hand rammen, wenn man sich versucht abzufangen“, warnte er David.

„Ist das denn schon mal passiert?“, fragte David neugierig.

„Öfter, als du wahrscheinlich denkst.“

„Wie oft? Fünf Mal?“, riet er.

„Weit daneben.“

„Zehn?“

„Ab 23 hab ich aufgehört zu zählen. Wie viele genau es schon geschafft haben, weiß ich nicht“, erzählte er und begann die Steigung hinaufzugehen.

„23 von wie vielen?“, fragte David überrascht.

„Wie bitte?“

David hatte die Steigung nun auch erreicht.

„Wie viele Schüler haben Sie schon hier langgebracht?“

„Das wäre doch schon eine schöne Rechenaufgabe zum Einstieg oder?“, fragte Mr. Brenner amüsiert.

„Wie viele Schüler hat Mr. Brenner in seinen zehn Jahren als Lehrer schon durch den Wald geführt, wenn jedes Jahr 50 Schüler an die Sommerschule kommen?“

„Sie haben schon 500 Jugendliche in die Schule gebracht?“, fragte David erstaunt.

„Mehr oder weniger. Wie gesagt, das sind grobe Schätzungen. Viele der Kinder, die angemeldet werden, erscheinen oftmals nicht“, entgegnete er und blieb in einer Rechtskurve stehen, um auf David zu warten. Obwohl er weniger Gepäck zu tragen hatte, war er deutlich langsamer unterwegs als der gut 20 Jahre ältere Brenner, der den Anstieg mit fast verspielter Leichtigkeit genommen hatte.

„Warum nicht?“

Mittlerweile hatte er seinen Lehrer – jedenfalls für die nächsten Wochen – erreicht.

„Das hat verschiedene Gründe. Die Einen finden den Weg nicht her, die Anderen kommen einfach nicht, weil sie es sich anders überlegt haben. Nichts sonderlich Spektakuläres oder Außergewöhnliches.“

Mr. Brenner sah in den Wald hinein. Von ihrer Position aus konnte David sehen, dass der Wald rechts von ihm stark abflachte und beinahe in ein seichtes Tal hinüberging.

„Ich denke, es ist am sinnvollsten, wenn ich dir den Grund für die Lage der Schule hier erzähle.“

„Wie Sie wollen, Sir.“

„Dann setz dich. Wir müssen ohnehin gleich noch lange genug laufen“, sagte Brenner und deutete auf einen kleinen Vorsprung, der sich direkt vor ihnen befand. David setzte sich an die Kante und ließ seine Füße frei in der Luft baumeln. Gemächlich stellte Mr. Brenner den blauen Koffer ab und setzte sich neben David an den Rand des Vorsprungs.

„Es begann im 13. Jahrhundert, als der Wald und dieses Tal noch nicht in der Form existierten, wie sie es heute tun. Damals war das alles hier nicht mehr als Gras- und Buschland. Der Wald begann erst viele Kilometer weiter nördlich von dem Platz entfernt, wo wir jetzt grade sitzen, und unten im Tal gab es einen Fluss mit einem großen See“, erzählte er und zeigte auf eine große Mulde inmitten des flachen Waldgebietes. „An diesem See lebten die Shasta Indianer, die der Sprachfamilie der Sioux angehörten. Ihr Reservat reichte vom See bis zum Ende des Waldes. Ihre Unterstämme jedoch, die Achomawi und die Atsugewi lebten weiter im Süden des Landes, in der Nähe des Pit Rivers und am Hat Creek. So hatten die Shasta ein riesiges Territorium, welches sie frei besiedeln konnten. Das taten sie auch und schlugen großen Nutzen aus der Umgebung, die sie gewählt hatten. Nahrung fanden sie in Fischen aus dem See und den Beeren und Wurzeln der Büsche um sie herum. Aus dem Holz der Bäume bauten sie Kanus, um mit den Indianerstämmen im südlichen Oregon und an der Westküste Handel betreiben zu können. Sie handelten mit Muscheln, Fischen, Salz und manchmal sogar mit den Kanus selbst. Von der Westküste bekamen sie beispielsweise Obsidian, um Pfeilspitzen für die Jagd anfertigen zu können. Das ging auch viele Jahre lang gut so, und sie hatten keinerlei Probleme oder Mängel, über die sie sich hätten beklagen können. Doch eines Tages kam es wie es kommen musste, und das Leben, wie sie es kannten, änderte sich für immer. Von dort an, bis in alle Ewigkeit, galt dieses Ereignis als einer der größten Entdeckungen und Verbrechen zugleich.“

„Die Entdeckung Amerikas?“, fragte David und sah Mr. Brenner interessiert an.

„So ist es. Verzeihung, darf ich?“ Er zeigte auf die zweite unberührte Flasche Wasser, die in Davids Rucksack steckte.

„Klar.“

„Sehr nett von dir, danke“, bedankte Mr. Brenner sich und griff nach der Flasche. Er nahm einen Schluck daraus und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

„Als Christoph Kolumbus damals bei seiner eigentlichen Route nach Indien unerwartet auf einen ihm unbekannten Kontinent stieß, bewies er nicht nur, dass die Erde keine Scheibe ist. Er bewies auch, wie gierig und egoistisch die Menschen sind. Die Entdeckung Amerikas ist eine wahre Bluttat, für die viele Menschen der indigenen Bevölkerung ihr Leben lassen mussten. Nach und nach drangen Spanier, Portugiesen, Niederländer, Franzosen und Engländer immer weiter in das Land ein. Die Spanier und Portugiesen beuteten die Ureinwohner regelrecht aus und nahmen ihnen alles, was ihnen lieb war. Keiner der eigenen Landsleute hatte moralische Bedenken dabei, schließlich waren es Heiden und Wilde. Ihre Gesetze erlaubten es ihnen sogar, weil es dem eigenen Land eine wirtschaftliche und politische Stärkung brachte. Auch die Kirche befürwortete die Ausbeutung. Man solle den Heiden alles nehmen, um sie für ihre Vergehen der Gottesleugnung und -lästerung gerecht zu bestrafen und dann zum christlichen Glauben zu bekehren.“

Mr. Brenner trank einen weiteren Schluck Wasser.

„Gesetzlich und religiös korrekter Völkermord. Ein wahres Paradoxon, nicht wahr?“

David nickte.

„Die Ironie ist beachtlich“, stimmte er ihm zu.

„So kann man es ausdrücken, ja“, bestätigte Brenner ihn und stellte die Wasserflasche neben sich auf den staubigen Boden.

„Was ist mit den Indianern im Tal passiert? Wurden sie auch ausgebeutet und versklavt?“, fragte David neugierig.

„Nun ja. Es gab nicht nur Mord und Totschlag bei der Invasion Amerikas. Die Franzosen zum Beispiel waren den Einheimischen nicht so feindlich gesinnt, wie die Portugiesen. Sie betrieben Handel mit ihnen, akzeptierten sie als Menschen und nutzten ihre Verbundenheit auch beim Siebenjährigen Krieg in Nordamerika. Die Shasta Indianer hatten das große Glück von ihnen und nicht von den plündernden Südeuropäern entdeckt zu werden. Trotz der Geschichten, die sie über die weißen Männer hinter dem großen See gehört hatten, begegneten sie ihnen offen und tolerant. Eine Tages kam es dazu, dass der führende General der Franzosen, Mathis <Bonhomme> Dubois, gemeinsam mit dem Häuptling der Shasta, Canowicakte, eine Übereinkunft traf, dass beide Völker Seite an Seite leben würden und sich unterstützen würden, wenn einer von ihnen in Not sei. Jedoch forderte Canowicakte, dass keiner von Dubois Männern je Hand an eine ehrbare Squaw legen würde. Er willigte ein, und das Abkommen war getroffen. Die Franzosen bezogen etwa einen Kilometer weiter ihre Lager und gaben den Indianern im Gegenzug dafür Waffen für die Jagd. Fortschrittlichere, tödlichere Waffen. Donnerbüchsen nannten die Indianer die Gewehre, die ihnen zwar geschenkt, aber nie wirklich verwendet wurden. Es war zu umständlich, ein Gewehr neu durchzuladen, wo sie doch in derselben Zeit bereits mehrere Pfeile hätten verschießen können. Einige Zeit funktionierte das Zusammenleben von Weißen und Roten gut, und beide Parteien schätzten sich sehr als Verbündete. Bis zu dem Tag, als einer der Weißen, sich entschloss, die Abmachung zu brechen.“

„Einer von Dubois Männern hatte mit einer Indianerfrau geschlafen?“

„Nicht wirklich.“

Mr. Brenner drehte sich zu David um.

„Dubois selbst war es. Und es war nicht nur irgendeine x-beliebige Squaw. Oh nein, ganz sicher nicht. Ausgerechnet Talutah, die Tochter des Häuptlings, war seine heimliche Liebe. Es war wie bei so vielen berühmten romantischen Paaren nichts weiter, als eine einzige Tragödie. Eine Tragödie mit einem tödlichen Ende“, erzählte er wissend.

„Wie kam es dazu?“, fragte David, der gebannt seinen Worten lauschte.

„Witashnah, eine unbedeutende Schönheit des Stammes, erfuhr von ihrer versteckten Liebe. Die Eifersucht hatte sie gepackt, da sie selbst heimlich ein Auge auf den jungen, französischen Soldaten geworfen hatte. In ihrem Zorn berichtete sie Canowicakte von dem Bruch der Abmachung mit den Franzosen und zerstörte damit alles. Der Häuptling beschloss, sich an dem ahnungslosen Dubois für seinen Verrat zu rächen. Gemeinsam mit dem Rat der Ältesten, stellte er ihm eine Falle, die ihm das Leben kosten würde. Bei einer scheinbar üblichen Besprechung überwältigten die Indianer ihn und warfen ihn in den See. Aufgrund der Ausbreitung der Pest hatten viele Menschen, so wie auch er, nie wirklich schwimmen gelernt. Für wenige, glückliche Augenblicke, die er mit Talutah gehabt hatte, musste er qualvoll sterben. Musste warten, bis sich seine Lungen so mit Wasser gefüllt hatten, dass er endlich sterben konnte. Das ist ein Tod, dessen Qualen für einen unbegreiflich sind, bis man sie selbst erlebt und förmlich bettelt, dass es aufhört, und man endlich sterben darf.“

Er legte eine Pause ein, sodass David darüber nachdenken konnte, ehe er ihm das Ende der Geschichte erzählen würde.

„Was passierte dann? Was war mit Talutah und was hat das mit dem Grund zu tun, warum die Schule mitten im Wald steht?“

„Nach dem Tod von Dubois brach ein Konflikt zwischen den beiden Volksgruppen aus. Während die Weißen den Tod ihres Anführers rächen wollten, sahen die Roten in seinem Tod die Rache für die Schändung ihres Stammes. Ein tagelanger Kampf brach aus, aus dem die Weißen, dank ihrer Feuerwaffen, als Sieger hervorgingen. Niemand, außer Talutah, hatte von den Shasta überlebt. Sie hatte sich, nach dem Tod ihres Geliebten, entschieden, die Seite zu wechseln und war bei Ausbruch des Kampfes längst nicht mehr in den Reihen ihres Volkes. Wenige Monate, nachdem die Franzosen ihren ermordeten Anführer erfolgreich gerächt hatten, bekam sie ein Kind. Ein Halbblut. Es wurde in Frankreich, der Heimat ihres Vaters, zur Welt gebracht. Doch Talutah war krank. Ihr Immunsystem war überfordert mit den Krankheiten, die es in Europa gab und auf die es nicht vorbereitet war. In ihren letzten Sekunden, die sie noch unter den Lebenden weilte, schaffte sie es grade noch, den Namen ihres Kindes zu sagen. Lauriea.“

Davids Gesicht hellte sich auf. Allmählich begann er zu verstehen, wieso Mr. Brenner ihm die Geschichte über die Indianer und die Invasion Amerikas erzählt hatte.

„Lauriea war ein wundervolles Mädchen. Schlau, wunderschön und wissbegierig. Als sie erwachsen war, erfuhr sie, wer ihre Eltern waren und welches Schicksal beide ereilt hatte. Mit dem Wunsch nach Antworten kehrte sie zurück in das Land, in dem einst ihre Mutter gelebt hatte. Zu dieser Zeit war der Wald bereits etwas gewachsen und reichte fast bis an das ehemalige Lager der Shasta heran. Auf der Suche nach ihrer Herkunft stieß sie auf Jean Michel, einer der Soldaten, die vorher ihrem Vater gedient hatten. Er erzählte ihr alles über das Verhältnis ihrer Eltern, den Verrat an ihrem Vater und schließlich auch über dessen Ermordung. Sie erkannte, dass der wahre Grund für die Ermordung ihres Vaters nicht die Pein des Häuptlings, sondern schlichte Intoleranz war. Zusammen mit Michel fasste sie den Gedanken, ein Zeichen für die Toleranz und das Gedenken ihrer Eltern zu setzen. Ihre Idee war es, zwischen den beiden Lagern ein Gebäude zu errichten, in welchem Menschen jeder Hautfarbe, Herkunft und Besonderheit Akzeptanz finden würden. Ein Gebäude, in dem ihnen gelehrt werden konnte, wie wichtig es sei, offen und tolerant anderen gegenüber zu sein. Ein Ort des Wissens.“

„Eine Schule“, vollendete David, der die Geschichte nun endgültig verstanden hatte.

„Ich weiß. Die Entstehung der Schule ist voll von kitschigen Klischees und klingt so, als würde man sie in einer typisch romantischen Tragödie finden. Doch sie ist wahr und gilt bis heute. Jeder ist gleich und wird bei uns aufgenommen und akzeptiert. Es ist das Vermächtnis, welches Lauriea uns hinterlassen hat und wir bis heute fortführen, weil es wichtig ist, dass es Orte gibt, an denen niemand nach weiß oder schwarz, groß oder klein, dick oder dünn unterschieden wird. An Orten wie diesen ist jeder Mensch einfach Mensch“, beendete er seine Geschichte.

„Und der Wald? Sie haben gesagt, er war nicht immer hier. Und was ist mit dem See und dem Fluss passiert?“

„Kurze Zeit, nachdem Lauriea die Schule offiziell für eröffnet erklärt hatte, wurde weiter im Norden ein Staudamm errichtet. Der See und der Rest des Flusses trockneten aus. Lange Zeit später wollten Naturschützer den Bestand an Mammutbäumen sichern, da diese als bedrohte Art gelten. Ohne wirkliche Rücksicht auf die Schule oder das Leben der Menschen in der Umgebung zu nehmen, sorgten diese selbsterklärten Beschützer von Mutter Natur dafür, dass der Bestand nicht stabilisiert wurde, sondern aus dem Ruder geriet. Die großen Sägewerke begannen, die Aufforstung zu manipulieren und zahlten heimlich Bestechungsgelder an diejenigen, die mit dem Pflanzen der Bäume beauftragt waren. Sie hofften durch die deutlich überschrittenen Vorgaben an gepflanzten Bäumen, Aufträge zum Entfernen und Fällen der ungeplanten Bäume zu erlangen. Anstatt die Schule nur geringfügig im Wald verschwinden zu lassen, wurde sie über die Jahre hinweg immer mehr von geschmierten Naturschutzorganisationen regelrecht von der Außenwelt abgeschnitten. Jedoch hat die Holzindustrie noch nicht einen Cent damit verdienen können. Weitere Jahrzehnte gingen ins Land, und der Wald begann sich von selbst aufs Neue auszuweiten. Man erzählt sich Legenden über den Geist Canowicaktes, der nachts den Wald wachsen lässt, um das Land, auf dem er Rache für die Entehrung seiner Tochter genommen hat, für immer im Verborgenen zu halten. Und eines fernen Tages, wenn es vollständig in Vergessenheit geraten wäre, könne sein Geist zwischen den Stämmen der Bäume, die seine Trauer verstecken, Frieden finden und zur Ruhe kommen“, erklärte er ihm. David erwiderte nichts. Der Glaube an Geister und Übernatürliches war ihm schon immer fern gewesen. Für ihn bedeutete der Glaube an so etwas nur, dass jemand versuchte, eine gute Geschichte erzählen zu können. Sie waren nicht mehr, als ein Mittel zum Zweck. War eine Geschichte schlichtweg uninteressant oder öde, brauchte man sie nur mit Legenden und Mythen über Götter, Geister und anderen magischen Gestalten füllen, und schon war es vorbei mit langweilenden Fakten. Wie viele andere Sachen, waren sie nichts weiter, als ein Gestaltungs- und Unterhaltungsmittel in Erzählungen. So genannte Geisterjäger, die die Existenz von solchen paranormalen Aktivitäten beweisen wollten, glaubten daran, weil es ihnen Aufmerksamkeit und Geld einbrachte. Verängstigte und introvertierte Menschen waren ein gefundenes Fressen für sie. Unerklärliche Geräusche? Gegenstände, die sich von selbst bewegten? Ganz klar war das ein Geist, der sich bei ihnen eingenistet hat und nur gegen eine horrende Summe von den „Profis“ beseitigt oder ruhig gestellt werden könnte. Viele waren lediglich Opfer von Halluzinationen oder Einbildung gewesen, die sich durch den Placebo-Effekt, den die Geistervertreiber nutzten, beenden ließen. Andere nutzten die Einsamkeit der Menschen aus, die weder an Geister glaubten noch irgendetwas Seltsames erlebt hatten. Ihre schlichten Wünsche nach Beachtung und Kommunikation trieben sie dazu, Dinge zu erfinden, bloß, um nicht alleine sein zu müssen.

Mr. Brenner erhob sich und klopfte sich den Staub von der Hose. Auch David stand auf und setzte seinen Rucksack wieder auf seine Schultern.

„Ich denke, wir sollten uns langsam auf den Weg machen, wenn wir es noch rechtzeitig zum Essen schaffen wollen“, sagte Mr. Brenner.

„Keine schlechte Idee“, stimmte David ihm zu, „Wie weit ist es denn ungefähr?“

„Wenn wir dort hinten den schnellen Weg ins Tal nehmen, kommen wir an dem Punkt raus, wo einst das Lager der Franzosen stand. Von dort aus ist es noch etwa einen halben Kilometer bis zur Schule. Alles in allem ist es ein wenig mehr als einen Kilometer, den wir noch vor uns haben.“

David nickte und folgte ihm den Anstieg, den sie vorhin erst hinaufgegangen waren, wieder hinunter.

„Sir?“

„Ja, David?“

„Eine Frage hätte ich noch.“

„Bitte, nur zu. Du kannst mich alles fragen, was du willst.“

Die beiden erreichten den normalen Weg wieder und folgten ihm nun in die entgegengesetzte Richtung.

„Glauben Sie daran? An den Geist des trauernden Häuptlings?“, fragte er mit einem gewissen Sarkasmus in der Stimme.

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, es gibt ihn“, antwortete Mr. Brenner.

„Meinen Sie das ernst?“, fragte David verwirrt.

„Selbstverständlich. Ich bin kein großer Freund von Mythen und Legenden, musst du wissen.“

„Inwiefern macht dann Ihre Aussage Sinn, dass Sie daran glauben?“

„Abgesehen davon, dass ich eigentlich nie an solche Geschichten glaube, kann ich mir einfach keine andere Erklärung für das Wachsen des Waldes herleiten.“

„Ist es nicht normal, dass sich die Natur ausbreitet, wenn wir Menschen uns nicht einmischen?“

„Das zwar schon. Aber ein Wald, der in 20 Jahren mehrere Kilometer Fläche dazugewinnt? Wie kann da keine übernatürliche Kraft am Werk sein?“

„Ich verstehe nicht ganz. Was ist so besonders an den vielen Bäumen, die dazugekommen sind?“

„Die Antwort darauf ist so kurios, wie sie nur sein könnte. Sie waren allesamt ausgewachsen und so groß wie die bereits über achthundert Jahre alten Bäume. Sie sind nicht einfach gewachsen. Sie sind einfach aus dem Nichts erschienen.“

6

Sie hatte es gewusst. Er wusste nicht wie, aber sie hatte es von Anfang an gewusst, dass es so kommen würde. Er konnte es in ihrer Stimme hören, als sie ans Telefon gegangen war und fragte, wie es ihm gehen würde. Zoe, dieses kleine wundervolle, schüchterne Mädchen hatte gewusst, dass er gehen würde. Dessen war er sich sicher. Nicht erst als er angerufen hatte. Schon am Vortag, als sie beim ihm zuhause saßen und Pfannkuchen gegessen hatten. Je mehr er darüber nachdachte, desto offensichtlicher schien es ihm. Was hatte sie noch gleich gesagt? Dass sie nicht wolle, dass er gehen würde und er bei ihr bleiben solle? Aber was konnte das schon meinen. Sie war ein kleines Mädchen, das sich einfach, ohne einen triftigen Grund, um ihren besten Freund sorgte. Kleinere Kinder beginnen nun mal schnell, in Panik zu geraten oder Angst zu bekommen, wenn sie aus einer Phase heraus handelten. Das rationale Denken war noch nicht sonderlich ausgeprägt oder ausgereift. Emotionen kontrollieren und beherrschen vermehrt das Denken und haben einen größeren Einfluss auf ihre Psyche als sachliche und reelle Fakten. Ein wenig beunruhigte es ihn jedoch schon, dass sie augenscheinlich bereits gewusst hatte, dass er fortgehen würde. Doch das war nur eine der vielen Sachen, die mehr Fragen aufwarfen, als Antworten lieferten.

Des Weiteren ließ ihm Traes angebliche „Vision“ keine Ruhe. Er hatte von einer Schule inmitten eines Waldes gesprochen und von einem blutbeflecktem Mann neben ihm. Zwar hatte er mit der Schule im Wald Recht behalten, doch Mr. Brenner hatte kein Blut an seinen Händen oder an irgendeinem anderen Körperteil. Doch was hatte das zu bedeuten? Wahrscheinlich gar nichts. Es war reiner Zufall. Mehr nicht. Was sollte es auch anderes sein? Etwa eine übernatürliche Kraft, die in Trae durch einen seiner Joints eingefahren war und ihm die Zukunft zeigte? Selbstverständlich nicht. Weder gab es übernatürliche Kräfte noch etwas wie Visionen, die Realität werden würden. So etwas existierte schlichtweg nicht. Das wusste er genauso gut wie jeder normal denkende Mensch. Ebenso gut wusste er, dass es schwachsinnig war, seine Gedanken an solche Fragen zu verschwenden. Schließlich ging es bei den Personen um ein kleines emotionsgesteuertes Mädchen und um einen – so hart es nun mal klang – drogensüchtigen und halluzinierenden Teenager im Alter von 18 Jahren.

„Wenn Sie mich fragen, keine sonderlich glaubwürdigen Zeugen, ehrenwerter Richter George“, tönte es durch seine Gedanken.

„Dem stimme ich zu“, entgegnete Richter George, der etwas wie eine kleine Persönlichkeit in seinem Kopf geworden war. Wenn er Zweifel am empirischen Denken hegte, schaltete er sich ein und erklärte seine Beweggründe für ein Zeichen geistiger Verwirrtheit. Er war sozusagen derjenige, der sämtlichen Firlefanz und Aberglauben, der sich nicht beweisen ließ, abschmetterte und für surreal und dämlich erklärte. Die einzige Ausnahme stellte sein Glauben an das Leben nach dem Tod dar. Schließlich musste auch der strenge Richter George kleine Fantasien und Hoffnungen offen lassen, die er nicht sofort für schwachsinnig und Humbug erklärte, denn dies war leider eine Sache, über die selbst er nicht Bescheid wusste. Doch damit war seine Toleranzgrenze bereits erreicht. Besonders viel Spielraum ließ er ihm nicht, was seine Fantasien und Vorstellungen anbelangte.

„In Anbetracht der mangelnden Beweislage und der Unglaubwürdigkeit der Zeugen, wird der Antrag auf reinen Zufall und nichts als Spinnerei stattgegeben“, verkündete George und ließ seinen Holzhammer auf sein Richterpult knallen.

David entspannte sich ein wenig. Er war froh, dass George ihn bei klarem Verstand hielt und nicht seinen Hang zum überflüssigen Nachdenken und sich Sorgen machen befürwortete. Denn was sollte es sonst sein? Schließlich existieren Visionen und andere derartige Hirngespenste nur in der eigenen Fantasie. Real werden sie nur, wenn man anfängt daran zu glauben.

7

Ein Ast knackte unter den Füßen von Mr. Brenner. Der Weg, den sie ins Tal hinuntergingen, war steil und durch das lange Ausbleiben des Regens, staubtrocken.

„Wir haben Glück, dass es dieses Jahr so wenig geregnet hat. Vorletztes Jahr hatten wir das nicht. Da hatten wir so viele Sommergewitter, dass wir überlegen mussten, die Schule vielleicht ausfallen zu lassen. Dieser Weg hier“, er zeigte nach unten auf die trockene Erde, „war ein einziger Pfad aus Schlamm. Wir mussten die Schüler über einen anderen Weg zur Schule begleiten, der nicht so gefährlich und rutschig ist.“

„Es gibt noch einen Weg?“, fragte David überrascht und stützte sich an einem kleineren Baum ab, um nicht abzurutschen.

„Ja, es gibt einen. Wenn man eine Stunde in Richtung des Rapsfeldes um den Wald herumgeht, ist dort ein weiterer Weg. Er ist schmaler und unebener, aber wenn man ihn erreicht hat, dauert es genau so lange, als wenn man den normalen Weg gehen würde. Im Gegensatz zu dem normalen Weg jedoch, erreicht man über den Umweg den Ort, wo die Indianer ihr Dorf hatten.“

Brenner kam unten auf dem Boden des Tales an und sah zu David hinauf. Der war noch mit dem Abstieg am Kämpfen und begann, gefährlich zu schwanken.

„Halt dich an einem der Äste fest, wenn du glaubst das Gleichgewicht zu verlieren.“

Vielen Dank für diesen Tipp. Da wäre ich alleine bestimmt nie drauf gekommen.

Einen Meter noch, dann wäre er am Boden angekommen. Erleichtert ging er den letzten Meter schräg hinunter. Doch dann trat er mit dem Fuß gegen etwas Festes. Er stolperte, fiel hin und rollte den letzten Meter, der ihm gefehlt hätte, hinunter. Eilig hastete Mr. Brenner auf ihn zu. David war auf seiner rechten Schulter gelandet und mit dem Kopf auf dem trockenen Boden aufgeschlagen.

„David, bist du in Ordnung?“, fragte Brenner hektisch. David stützte sich auf seine Hände und hob seinen Oberkörper vom Boden ab. Staub klebte an seinen Unterarmen und an seinem T-Shirt. Ein pulsierender Schmerz machte sich an seiner Schläfe bemerkbar.

„David?“

Sein Blick war verschwommen. Ein dröhnendes Geräusch drang in seine Ohren und ließ ihn kurze Zeit taub werden. Er blinzelte ein paar Mal und schüttelte seinen Kopf. Als er aufschaute, sah er, wie Mr. Brenner vor ihm stand und ihm einen besorgten Blick zuwarf. Er wandte den Blick von dem besorgten Lehrer ab und sah an ihm vorbei. Etwa fünfzig Meter hinter ihm tauchte eine weitere Person aus dem Nichts auf. Seltsamerweise war die Person das Einzige, was seine Augen zu fokussieren schienen. Trotz der warmen Temperaturen, trug sie eine schwarze Jeans und ein schwarzen Strickpullover. An seinen Füßen trug sie ein altes Paar weißer Turnschuhe, das bereits kleine Löcher hatte. Die Haarfarbe war eine Mischung aus einem steinernen grau und einem schwachen braun. Sie sahen aus, als wären sie in Steinstaub gebadet worden. Man konnte nur noch ein wenig des eigentlichen Brauntons sehen, der unter der Staubschicht hervorschaute. Auf die Entfernung konnte er die Augen des Mannes nicht sonderlich gut erkennen, jedoch konnte er erkennen, dass sie vermutlich eher eine dunklere Farbe hatten. Seine Augenbrauen waren im Gegensatz zu seinen Haaren, die zu einen klassischen Männer Kurzhaarschnitt frisiert waren, eher bräunlicher als grau. Der Bart – falls er überhaupt einen hatte – hatte denselben Farbton wie seine Haare und war aufgrund seiner Kürze kaum zu erkennen. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt. Sein rechter Ärmel war hochgekrempelt und offenbarte eine silberne Uhr an seinem Handgelenk. Seine Körpergröße stimmte ungefähr mit Davids überein. Der Mann lehnte an einem der riesigen Bäume und beobachtete David mit einem Blick, der aus einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Trauer zusammengesetzt zu sein schien.

„David? Ist alles in Ordnung?“, fragte Mr. Brenner, der jetzt neben ihm hockte, erneut und schaffte es diesmal, zu ihm durchzudringen.

„Ja, ja. Alles in Ordnung“, versichert er ihm. Das Dröhnen aus seinen Ohren verschwand langsam, und seine Sicht klarte wieder auf.

„Zeig mal her“, forderte Brenner ihn auf und drehte Davids Kopf leicht zur Seite, um sich seine Schläfe anzuschauen. Blut trat aus der etwa fingerspitzengroßen Verletzung an seinem Kopf heraus.

„Nicht weiter schlimm“, sagte Mr. Brenner und klopfte ihm auf die Schulter, „Dr. Prince wird sie gleich säubern und dir ein Pflaster geben, damit kein Dreck hineingerät.“

„Danke. Ich hab mich ziemlich blöd angestellt.“

„Du konntest nichts dafür. Du bist über eine Wurzel gestolpert. Nichts wofür du dich in einem Wald schämen müsstest“, beruhigte er ihn lächelnd.

Er half David auf die Beine und klopfte ihm den Staub von den Ärmeln.

„Ich glaube, ich hab selten jemanden hierhergebracht, der es geschafft hat, mehr als einmal Schwierigkeiten zu haben“, erzählte Mr. Brenner.

„Warten Sie es ab. Noch sind wir nicht da. Noch kann ich es auch ein drittes Mal schaffen“, witzelte David und richtete seinen Oberkörper, nachdem er seine Hose abgeklopft hatte, wieder auf. Der mysteriöse Mann mit den graubraunen Haaren und der warmen Kleidung war verschwunden. Verwundert blickte David sich um und suchte nach ihm. Doch er konnte ihn nirgends finden.

„Wer weiß, wer weiß“, grinste Mr. Brenner und nahm den Rollkoffer wieder in die Hand.

„Suchst du etwas?“

„Was? Nein, alles gut, es ist nur…“

Verwirrt sah David erst in den Wald hinter seinen Lehrer und dann seinen Lehrer direkt an.

„Was ist es nur?“

Seine Augen suchten ein letztes Mal die Räume zwischen den Bäumen ab.

„Nichts. Es ist nichts. Alles gut.“

„Na, wenn das so ist, sollten wir jetzt endlich ohne weiteren Zwischenfall bei der Schule ankommen“, akzeptierte er seine Aussage.

„Unterschätzen Sie mich nicht, Sir. Ich schaffe es bestimmt, nochmal für einen zu sorgen.“

„Das glaube ich dir aufs Wort, David, aber das musst du mir bitte nicht beweisen“, entgegnete er lachend und übernahm erneut die Vorhut. Unsicher folgte David ihm in den nun dichter werdenden Wald.

„Siehst du die kleine Lichtung dahinten?“, fragte Mr. Brenner und deutete auf ein freies Fleckchen trockener Gräser und Büsche, das von den Bäumen umkreist wurde.

„Ist das der Ort, wo die Franzosen ihr Lager aufgeschlagen hatten?“ „Genau das ist er“, bestätigte er ihn. „Wieso ist ausgerechnet dort eine Lichtung?“ „Gerüchten zufolge soll Canowicakte dafür gesorgt haben, dass das Land der Franzosen nie wieder wachsen wird und in der Sonne vertrocknen soll. Im Gegensatz dazu lässt er aber das Land seines Stammes wachsen und gedeihen. Halte es für Spinnerei, aber der Ort, wo das Indianerdorf war, ist heute der Teil des Waldes, welcher am dichtesten bewachsen ist. Ein weiterer Grund, der für den Geist des alten Häuptlings spricht.“

„Abgelehnt“, brüllte Richter George und ließ seinen Hammer ein weiteres Mal hinunterschnellen.

„Die Schulgebäude liegen etwa einen halben Kilometer weiter in dieser Richtung. Wir haben es gleich geschafft.“

8

Die Hoffnung, dass die Auszeit ihm gut tun würde, verflüchtigte sich schnell, als er das erste der beiden Schulgebäude sah. Der einzige Weg, wie die Schule noch älter hätte aussehen können, wäre, wenn sie sich in einem riesigen Zelt befunden hätte. Scheinbar hatte sich seit ihrer Erbauung nicht sonderlich viel an ihrem Aussehen geändert. Die Wände bestanden aus grauen Ziegeln und sahen so aus, als wären sie tatsächlich vor fünfhundert Jahren aufgeschichtet worden. Das Gebäude teilte sich in einen linken und einen rechten Flügel vom Haupteingang ab. Der linke Flügel, den sie zuerst sahen, als sie die letzten Bäume hinter sich gelassen hatten, hatte exakt dieselbe Länge wie der rechte Flügel auf der anderen Seite. Beide waren jeweils in etwa so lang wie zwei Schulbusse. Der linke Flügel endete abrupt mit einer einfachen kahlen Wand aus Ziegelsteinen, an welcher sich drei einzelne Fenster knapp unter dem Dach befanden. Durch Fenster, welche sich an derselben Seite befanden wie die Eingangstür, konnte man die einzelnen Räume von außen jedoch nur leicht erahnen. Der Mittelteil des Gebäudes, welcher den Haupteingang darstellte, ragte höher als die beiden Flügel und erhob sich, wie der Turm einer Kirche, aus dem Gemäuer. Eine große Uhr war in der Frontseite des breiten Turmes eingebaut worden und zeigte kurz nach halb zwei an. Das gesamte Gebäude lag auf einer leicht erhöhten Fläche. Eine breite steinerne Treppe mit sechs Stufen führte zur großen hölzernen Doppeltür empor.

„Da sind wir“, verkündete Mr. Brenner fröhlich.

„Willkommen an der Lauriea Summer School, würde ich sagen“, ergänzte er.

„Okay, jetzt glaube ich Ihnen die Geschichte, dass sie im 17.Jahrhundert gebaut wurde“, murmelte David recht wenig begeistert.

„Ich weiß, sie macht nicht viel her, aber im Gegensatz zu den Neubauten, halten die alten Ziegel die Wärme im Sommer ganz gut draußen, und es bleibt meist erfrischend kühl in den Räumen.“

Davids Miene besserte sich, trotz der Aussicht auf kühle Unterrichtsräume, nicht.

„Keine Sorge, ihr werdet nicht dort drinnen wohnen müssen. Das Wohngebäude ist dort hinten“, beschwichtigte Mr. Brenner ihn und zeigte auf das andere Gebäude, welches 30 Meter schräg hinter dem alten Schulgebäude stand. Anders als das Gebäude mit den Unterrichtsräumen, wirkte der Bau, in dem sie wohnen und schlafen sollten, ziemlich neu und nicht wie aus einem vorherigen Jahrhundert. Ein massiver, rechteckiger, modern aussehender Kasten, dachte David, so ließ es sich treffendsten ausdrücken. Die Fassaden des Bauwerks waren grün, orange und cremefarben gestrichen. Zahlreiche Fenster, die scheinbar zu den Schlafräumen gehörten, waren an jeder Seite der Außenwände zu sehen. Zudem befanden sich, an jeder der vier Wände, jeweils zwei kleine Balkone, die zu den mittleren Zimmern in der obersten Etage gehörten. Die Balkone wurden von weißen hüfthohen Schmiedeeisenzäunen umgeben, welche an den Ecken des Balkons eine etwas erhöhte weiße Eisenstange mit einer Kugel darauf besaßen. Die Fenster der Schlafzimmer waren sichtlich keine hundert Jahre alt, besaßen jedoch eine alt wirkende Sprossenfensteroptik.

„Es wurde erst vor vierzig Jahren gebaut und ist deswegen noch relativ neu. Kein Vergleich zu dem alten Gebäude, in dem ihr Unterricht haben werdet“, erklärte Mr. Brenner.

„Wenn Sie das sagen“, entgegnete David missmutig.

„In dem Gebäude werdet ihr wohnen, essen, schlafen und eure Freizeit verbringen können, aber das wird dir Mr. Cross wahrscheinlich gleich alles erzählen.“

„Wieso nicht Sie?“, fragte David enttäuscht, dass Mr. Brenner zu gehen schien.

„Ich hab leider keine Zeit, David, ich muss die nächsten Kinder abholen. Außerdem kommt er da schon.“

Mr. Brenner stellte den Koffer neben David ab und nickte in Richtung des kleinen Mannes, welcher auf sie zugelaufen kam.

„Guten Tag, Herr Kollege“, begrüßte ihn Mr. Cross leicht schnaufend. Schweißperlen liefen von seiner Halbglatze auf seine Stirn hinunter. Leicht aus der Puste kam er neben den beiden zum Stehen. Seine Statur war quasi das Gegenteil des hochgewachsenen, athletischen Mr. Brenner.

„Ihnen auch einen guten Tag, James“, begrüßte er den kleineren schwitzenden Mann im kurzärmligen weißen Hemd. Sein Kopf hatte eine runde Form und thronte auf einem von der Sonne gerötetem Hals. Seine Nase war etwas breiter und länger als gewöhnlich und hatte gewisse Ähnlichkeit mit einer überdimensionalen Stupsnase. Unter seinen Augen waren deutliche Krähenfüße zu erkennen, und seine Wangenknochen waren ein Paradebeispiel für das Wort „markant“. David schätzte ihn auf etwa 50 bis Mitte 50. Jünger konnte er beim besten Willen nicht sein. Und falls doch, gehörte er definitiv zu der Sorte Männer, die schnell alterten. Das Einzige, was halbwegs dafür sprechen konnte, dass er sich irrte, war die Haarfarbe von Mr. Cross. Der noch kräftige Braunton seiner Haare verzerrte das Bild, das David von ihm hatte, geringfügig und ließ ihn bei näherer Betrachtung doch eher wie Ende 40, Anfang 50 aussehen. Seine dünnen Beine steckten in einer beigen kurzen Jeanshose, die durch einen braunen Ledergürtel mit silberner Schnalle oben gehalten wurde. Noch verwirrender war jedoch die Wahl seiner Schuhe. Anstatt normale Turnschuhe oder anderes festes Schuhwerk zu tragen, trug er ein Paar hellbrauner Sandalen. Für die Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Für den Ort, an dem sie sich befanden, aber umso mehr.

„Wie ich sehe, haben Sie den ersten Neuankömmling für heute auflesen können“, sagte James Cross und schnappte lächelnd einen Moment nach Luft.

„Das ist Mr. Cross, dein Englischlehrer für die nächsten Wochen. James? Das ist David, einer unserer neuen Schüler“, stellte er die beiden vor, um dem erschöpften Cross eine Verschnaufpause zu gewähren.

„Freut mich sehr“, sagte er, wobei er versuchte sein Keuchen möglichst zu unterdrücken.

„Mich ebenso, Sir“, antwortete David freundlich und streckte ihm die Hand aus.

„Sieh einer an“, wandte er sich Brenner zu und schüttelte David lächelnd die Hand, „Der junge Mann hat Manieren, die ich hier seit mindestens 14 Jahren nicht mehr gesehen habe.“

„Dafür ist sein Drang, frech zu werden, nicht zu übersehen“, erwiderte Brenner mit gespielter Empörung und musste selbst grinsen.

„Ach Blödsinn, Ralph, das hat doch überhaupt nichts miteinander zu tun.“

„Nun ja, Sie werden schon noch sehen, James. Entschuldigt mich, aber ich glaube, dass ich niemanden zu lange vor Mr. Clarkes Haus warten lassen sollte.“

„Besser wäre das“, pflichtete Cross ihm bei.

„Bis später dann. Ich freue mich auf unser nächstes Gespräch, David“, verabschiedete Brenner sich und klopfte David auf die Schulter.

„Ich mich auch, Sir“, erwiderte er.

„Bis nachher, Ralph. Wir sehen uns dann doch bestimmt beim Abendessen, nicht wahr?“

„Selbstverständlich. Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Also, bis dann“, rief er zurück und verschwand zwischen den Bäumen wieder im Wald.

„Also dann“, fing Cross an und wandte sich David zu. „Legen wir los.“

9

Mr. Cross begann, David an dem Basketballplatz aus Asphalt vorbeizuführen, welcher neben dem Schulgebäude lag. Die Körbe und die Bretter waren aus Metall sowie auch das Netz. Linien, die eine Zone oder gar eine Dreierlinie markierten, existierten nicht. Es war nicht mehr und nicht weniger als ein langes Rechteck aus Asphalt, an dessen kürzeren Kanten sich jeweils ein Basketballkorb befand. Die Führung durch das Wohngebäude begann mit dem Besichtigen des Eingangsbereichs. In der recht freundlich erscheinenden Eingangshalle befanden sich Sofas an den Seiten, an denen hölzerne kleine Tische standen. Die Mitte des Bereiches schmückte ein Billardtisch. Der Stoff, der auf der Oberfläche gespannt war, hatte die Farbe eines edlen Karminrots. Die dazugehörigen Queues hingen an einer Halterung an einer der Säulen, die aus dem gefliesten Boden herausragten. Links und rechts vom Eingang ging jeweils eine Tür ab. Geradeaus, am Ende des großen Raumes, befand sich eine Treppe, die nach oben führte und nach einigen Stufen einen Knick nach rechts machte.

Sie bogen nach rechts ab und landeten in einem großen Raum mit Tischen und Stühlen aus hellem Holz. Mr. Cross erklärte David, dass dies der Essensraum sei, sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer. Morgens und Mittags würden sie gemeinsam essen, aber abends würde es ihnen freistehen, wann sie essen wollten. Jeder konnte sich frei an Brot und Aufschnitt bedienen. Nachdem er ihn dort herumgeführt hatte, gingen sie durch die Tür, die sich auf der linken Seite des Eingangsbereiches befand. Hinter dieser Tür verbarg sich das „Reich“ von Dr. Prince oder anders ausgedrückt: der Sanitätsraum. Dr. Prince war eine mittelalte, etwa 1,75m große Frau. Ihr langes, braunes Haar hing ihr über den Schultern und rahmte ihr beinahe faltenloses Gesicht ein. Als sie David die Hand gab, fiel ihm auf, dass ihr linker Arm von Brandnarben übersät war. Vom Handgelenk, bis kurz über der Höhe ihres Ellenbogens, erstreckten sich sowohl kleinere als auch größere vernarbte Verletzungen, die zum Teil ihre Haut um einen halben Zentimeter einsinken ließen.

Der kleine, fensterlose Raum, welchen sie als ihre Praxis bezeichnete, bestand lediglich aus zwei kleinen Wandschränken mit Glastüren, einer Liege zum Behandeln und einem Waschbecken, neben dem sich eine weiße Holzkommode befand. Wie Mr. Brenner angekündigt hatte, nahm sich Dr. Prince seiner Verletzung an und gab ihm, nachdem sie die Wunde gesäubert hatte, ein Pflaster und noch etwas Salbe für sein Veilchen, welches er schon beinahe vergessen hatte. Als die beiden sich von ihr verabschiedet hatten und Mr. Cross auch sie nach einem gemeinsamen Abendessen gefragt hatte, führte er David wieder zurück in die Eingangshalle.

„Ich denke, nach dem anstrengendem Weg hierher, wirst du bestimmt erstmal etwas essen wollen, nicht wahr?“, fragte Cross ihn lächelnd. Davids Koffer und sein Rucksack lehnten an dem Billardtisch neben ihm. Er hatte beides erst vor wenigen Minuten dort abgestellt, doch selbst diese kurze Zeit kam ihm wie ein halber Tag vor. Etwas zu essen könnte er gut vertragen, dachte er sich in Anbetracht dessen, dass er noch ein paar Stunden vor sich hatte, in denen ihm sein Zimmer gezeigt werden würde und vermutlich der Rest des Gebäudes und die Unterrichtsräume.

„Wenn es keine Umstände machen würde, Sir“, antwortete David respektvoll.

„Mir sowieso nicht, mein Guter. Mir sowieso nicht“, entgegnete er beruhigend. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war tatsächlich schon seit längerer Zeit kein Schüler mehr mit ihm so manierlich und höflich umgegangen. Freundlich zeigte er an, dass er David den Vortritt gewährte und trat einen Schritt zur Seite. David bedankte sich bei Mr. Cross und ging an ihm in Richtung Essensraum vorbei. Die beiden nahmen sich ein Tablett und begaben sich zur Essensausgabe.

„Ach, hallo James“, begrüßte ihn die Frau hinter dem Tresen. Sie trug ein Haarnetz, eine weiße Schürze und Einweghandschuhe. Sie wirkte, ähnlich wie Mr. Brenner, sehr jugendlich. So, als wäre sie noch nicht sonderlich lange in ihrem Beruf tätig und grade erst aus der Ausbildung gekommen.

„Hallo Caren“, antwortete Cross lächelnd, „Darf ich vorstellen? Das ist David. Der erste der neuen Schüler, die heute ankommen. David? Das ist Ms. Daughton, sie ist Pädagogin und außerdem unsere Köchin. Wenn du Probleme mit etwas hast oder du vertraulich mit jemandem reden möchtest, ist sie die Richtige dafür.“

„Hallo Ms. Daughton“, begrüßte David sie.

„Hallo David. Schön dich kennenzulernen. Wenn du etwas auf dem Herzen hast, komm einfach in meine Küche. Ich kann immer jemanden gebrauchen, der mir beim Kochen helfen kann.“

„Dann werden Sie mich vermutlich des Öfteren in Ihrer Küche finden“, erwiderte David.

„Na dann, umso besser. Es gibt hier selten Schüler, die das gerne tun.“

Wer hätte damit wohl rechnen können, dachte er sich im Stillen. Es wunderte ihn kein Stück, dass er zu den Ausnahmen gehörte. Schließlich war er, im Gegensatz zu den anderen, die wahrscheinlich an diese Schule kommen würden, keiner, der ein Empathie- oder Intelligenzproblem hatte. Er war anders. Ein gefühlvoller, intelligenter, fleißiger und zielstrebiger Mensch. Keiner, der an diesen Ort gehörte. Natürlich war er dann etwas Besonderes hier und freundlicher, manierlicher und hilfsbereiter als der Rest der Jugendlichen.

„Also dann, Caren. Was hast du denn heute schönes für uns?“, fragte Cross und versuchte über den Tresen einen Blick auf das Essen erhaschen zu können.

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9783754170724
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