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Leo Tuor, geboren 1959, verbrachte vierzehn Sommer als Schafhirt auf der Greinahochebene. 1989–2000 Arbeit an einer sechsbändigen Werkausgabe des rätoromanischen Dichterfürsten und Historikers Giacun Hasper Muoth. Leo Tuor lebt in Val. Er schreibt Erzählungen, Kurztexte und Essays, sie wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schillerpreis und dem Hermann-Lenz-Stipendium.
Peter Egloff, 1950 in Zürich geboren, ist freier Journalist und lebt in Sumvitg, wo er seit 1975 auf die Jagd geht. Er hat von Leo Tuor auch «Giacumbert Nau. Bemerkungen zu seinem Leben» und «Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren» übersetzt. Zuletzt ist von ihm «Der Bischof als Druide. Berichte aus Graubünden» erschienen.
LEO TUOR
SETTEMBRINI
LEBEN UND MEINUNGEN
ROMAN
Aus dem Rätoromanischen
von Peter Egloff

Zum Ruhm der Bündner Jäger
Geplünderte Zitate und zitierte Versesind der Intention des Autors angepasst.Wie Salman Rushdie in der bibliografischenNotiz seines geächteten Bucheshoffe auch ich, dass der Text einige derzahlreichen Autoren, von denen ichgelernt habe, enthüllt. Die anderen werdenanonym wirken.
Wenn du in klaren Nächten mit einem mächtigen Fernrohr ans Firmament schaust, wo der Himmelsjäger Orion allmählich hinter den dunklen Gipfeln heraufsteigt und seine Sterne mit Namen wie aus Tausendundeiner Nacht funkeln wie Kristalle, siehst du in dieser Konstellation ein gewaltiges Pferd, einen Wirbel aus stellarem Nebel und Staub auf rötlichem Grund, und in diesem einen geschweiften Stern, der durch die grenzenlose Leere gleitet. Wenn es dich nun Wunder nimmt, was es mit diesem Stern auf sich hat, dann versenk dich in die Nacht und lies dieses närrische Buch.
EINS
An einem schwülen, fliegenreichen Tag des Sommers 1509 ritt Erasmus von Rotterdam von Italien kommend über den Splügen mit Apostoli, seinem Schüler, und mit Barlichin, dem Stummelohr, den er in Cläven als Führer über den Pass in Dienst genommen hatte. Der gelehrte Mann war in Bologna gewesen. Hatte dort Papst Julius II. gesehen, wie er in voller Rüstung an der Spitze seiner Truppen im Triumph in die Stadt einmarschiert war. War – etwas erstaunt über die Aktivitäten des Stellvertreters Christi – nach Venedig zum berühmten Verleger Aldus Manutius weitergereist. Hatte dort inmitten des hektischen Druckereibetriebs gearbeitet: gelesen, geschrieben, redigiert, korrigiert. War weitergereist: Padua, Ferrara, Siena. Hatte Rom besucht und Neapel und befand sich jetzt auf dem Rückweg nach Engelland.
Der Weg war miserabel. Das Rösslein ging seinen Trott. Der berühmte Mann hatte für die Landschaft weder Sinn noch Zeit. Wollte so rasch wie möglich aus dieser Bergeinöde herauskommen. Wenig unterhalb der Passhöhe wird Barlichin, der historisch nicht dokumentiert ist, entlassen (bergab helfen bekanntlich alle Heiligen), kehrt über den Pass zurück und entschwindet unserem Blick. Wir werden ihn zwanzig Generationen später in einer anderen Gegend für kurze Momente wieder antreffen, als Jäger. Seine Abenteuer soll er auf fünf Oktavblättern festgehalten haben, vorn und hinten eng beschrieben, «augenmörderisch klein», wie sich einer ausgedrückt hat, der dieses Dokument in Händen gehabt hat. Titel: «Das Leben des berühmten Jägers und Bergbegleiters, des zweimalgeborenen Alpenführers Barlichin».
All dies konnte der große Humanist nicht wissen, und er verspürte auch nicht die leiseste Lust, im Sattel stundenlang diesem Possenreißer zuzuhören oder die Felsen zu bewundern. Erasmus reiste nicht zur Kurzweil. Er fand die Gegend zum Kotzen: Steine, Steine, nichts als Steine, und überdies machten ihm seit einiger Zeit Nierensteine zu schaffen.
Um all die Steine zu vertreiben, legte er sich im Kopf ein Buch zurecht, welches er seinem Freund Thomas Morus widmen und dem er den Titel «Lob der Torheit» geben würde. Schließlich erreichte er auf seinem Gaul Rheinwald und Schams, ließ erleichtert die Viamala hinter sich. Im schönen Domleschg mit seinen Burgen und Schlössern muss er einem imperialen Jagdtross begegnet sein und widmet diesen Narren, «denen die Jagd alles bedeutet», einige Zeilen. Erasmus schreibt lateinisch, denn noch ist Latein die Sprache des Geistes. Aber bereits 1534 wird diese Schrift in die heutige Sprache des Geistes übersetzt:
«Dahin» – zu den Narren – «gehören auch die, denen das höchste die Jagd ist, und die behaupten, es tue ihnen unglaublich wohl, wenn jenes abscheuliche Tuten der Hörner und das Geheul der Meute losgeht – ich glaube, wenn sie den Kot ihrer Hunde riechen, duftet es in ihren Nasen nach Zimt. Und welcher Genuss, das Wild auszuweiden! Ochsen und Hämmel darf die Plebs ausnehmen, aber Wild zerlegen nur der Edelmann. Mit entblößtem Haupt, gebeugtem Knie, in der Hand das diesem Dienste geweihte Messer – um Gotteswillen kein anderes! – beginnt er, mit bestimmten Gesten bestimmte Teile in bestimmter Folge feierlich zu zerlegen. (...) Wem erst noch vergönnt war, das Wildpret verspeisen zu helfen, bildet sich gar ein, er habe an Adel beträchtlich zugenommen.»
Weshalb hat das Schicksal den Erasmus nicht ein paar Jahre später durchs Domleschg geführt? Er hätte ein gänzlich anderes Bild von der Jagd gewonnen, denn 1526 wird sie in diesem Landstrich wieder ein Volksrecht. In seinem Buch «Adagia», das seinen Ruhm begründete, hatte Erasmus geschrieben: «In früheren Zeiten waren selbst unter der Herrschaft von Tyrannen (die damals freilich noch nicht so raffiniert waren und noch nicht ganz begriffen hatten, welche Möglichkeiten in einer absoluten Herrschaft liegen) zumindest Meere, Flüsse, Straßen und Jagden Allgemeinbesitz.»
Für die Bündner Männer jedenfalls beginnt jetzt wieder die Zeit der Freiheit. Die Veränderungen sind radikal. Schluss mit den verhassten Revieren. Schluss mit den Fisimatenten. Fertig Halali. Erasmus hätte eine andere Geschichte verfasst, wenn er die neuen Jäger gesehen hätte. Und fast fünfhundert Jahre später ist es an der Zeit, sie niederzuschreiben:
Dies ist die Geschichte meiner Zwillingsonkel, Gion Battesta und Gion Evangelist Silvester, Settembrini genannt, wenn sie nicht beide beisammen waren. Gemsjäger, Bewunderer des Himmels, Literaten. Literaten, ohne selber Literatur zu machen. Literaten in dem Sinne, dass sie Homer und Herodot, Plinius und Plutarch und all die anderen glänzenden Autoren unserer Kultur lasen und mit ihnen lebten. Sie waren Bergler, nicht zuletzt darum, weil sie schonungslos jenen fürchterlichen, per Kilo gehandelten «Monta Blau» rauchten, und einen noch fataleren Montagner tranken. Montagner trinken und Montaigne lesen, das war die Devise dieser beiden Meister im Pissen gegen den Wind. Auf der Jagd arbeitet man immer gegen den Wind. Gemsen und Bücher waren ihr Leben. Manch einer mag ebenso viele Gemsen ebenso viele Stunden zu Tal gebuckelt haben wie Settembrini. Aber keiner hat so viele dicke Wälzer über Grund und Grat geschleppt wie Settembrini. Die Literatur war sein Seelenelixier.
Settembrini hätte verunglücken müssen. Der Mythos will ja, dass der Mann der Berge in den Felsen zugrunde gehe. Settembrini hat es vorgezogen, sich einzuspinnen und ist ein Schmetterling geworden, so wie Kafka will, dass der Jäger sich verwandle und schließlich gaukelnd in die Lüfte entschwinde.
ZWEI
I DER GURUTÖTER
Ich wollte einen Guru töten, darum habe ich mich zur Jagdprüfung angemeldet. Mein Lieblingsengel war zu jener Zeit der Würgeengel Asrael. Er hat mich durch die Vorbereitungskurse und Prüfungen begleitet. Die Jagd ist ein Geschäft voller Sentimentalitäten und Reliquien, und davon wollte ich mich lösen, zur Schule gehen bei einem Meister der Kaltblütigkeit: beim Engel Asrael.
Ich komme zwar aus einer Familie von Jägern und Wilderern, die sich nie einen Deut um Geweihe, Gehörne, Krucken, Jahrringe, Enden, Rosen und Kronen gekümmert haben. Es waren Jäger, die töteten, um zu essen. Jäger, die Wild verzehrten. Alle Jäger stammen ursprünglich aus solchen Familien. Früher gab es hier nur Bauern und eine Handvoll Handwerker, die alle auch ein wenig Landwirtschaft betrieben und leidenschaftlich dem Wild nachstellten. In unserer Sippe bedeuten Gehörne und Geweihe bis heute nichts und landen bestenfalls im Maiensäß über der Stube unterm Dachgebälk. Ich bin der einzige, der Hörner auf Brettchen schraubt und an die Wand hängt.
Das mit den Hörnern sei importiert, pflegte mein Onkel Gion Battesta zu sagen. Das Importierte habe nicht nur die Jagd verdorben, sondern auch den Bündner Schlag. Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, sagte er: «Der Bündner Schlag war vor der Vermischung mit den Fremden ein robuster Männertyp, ein wenig wie die Rütli-Eidgenossen, breiter Nacken, kurze Beine, dazwischen ein stämmiger Rumpf, je behaarter desto besser, typische Fleischesser und wasserscheu. Die Stirn niedrig, insistent, der Blick stechend, prüfend, ausweichend. Die Ohren schief, die Zähne lückig. Aber das ist viele Jahre her», sagte er mit dem Ernst eines Beichtigers. Mein Onkel Battesta meinte die Zeit, als es noch Leute gab, die ihr Lebtag nie gebadet hatten und doch auch sauber waren. Man sah seinen Brauen an, wie er sich einen dieser Alten aus vergangenen Tagen in einem modernen Spital vorstellte, und wie eine Schwester es anstellen würde, ihn in eine Badewanne zu bugsieren. Eine Krankenschwester, die einem solchen Unglücklichen, der noch nie Wasser gesehen hatte, wie ein weißer Würgeengel vorkommen müsste.
In die Jagdtheorie wurde ich vom Kanton eingeführt, in die Praxis von Onkel Battesta Levy und seinem Zwillingsbruder. Alle beide waren sie hagere Jäger und Strahler, zäh wie Zangen, sehnig wie Grauvieh. Echte Bergler haben kurze Ohren und sind schmal und klein, wie man oft aus ihren Namen ersehen kann (Placi Pign, Testa Pign, Gian Marchet, Andrea Picenoni-Pignet, Gianin Sunaderin, Gian Miotin).
Die Zwillinge waren große Jäger vor dem Herrn, und wenn sie nicht auf der Jagd waren, fabulierten sie. Eigentlich waren sie Brüder meines Großvaters väterlicherseits und darum keine richtigen Onkel. Onkel wurde früher als Begriff nicht so eng gebraucht wie heute. Onkel zweiten und dritten Grades wurden auch Onkel genannt, genauso wie nicht verwandte Männer, die der Familie nahestanden. Die Großmutter sagte nie aug, Onkel, sondern immer nur auBattesta, auToni, und erst in der Schule habe ich gelernt, dass man aug mit einem c sage und mit einem g schreibe.
Diese Onkel nannten mich nicht nevs, Neffe, sondern navun. Dieses Wort habe ich nur von ihnen gehört, und ich war stolz, als einziger so genannt zu werden. Navun klang archaisch wie babun, Ahne, bloß dass babun sofort alt riecht wie schimmliges Brot, während navun jäh herauskommt – panf –, unerwartet, so wie der antike Gott Pan plötzlich hinter einem Baumstrunk dasteht.
«Am Anfang ist das Gesetz, werden sie euch sagen, wenn ihr die Prüfung macht. Ich sage: Am Anfang ist Diogenes Laertius I, 58:
‹Die Gesetze gleichen den Spinngeweben; denn fällt etwas Leichtes und Schwaches hinein, so wird es festgehalten, wenn aber etwas Größeres, dann schlägt es durch und kommt heil davon.›
Sie sollen aufhören, euch solche Sachen auswendig lernen zu lassen für die Katz. ‹Dem Kanton stehen im Rahmen des Bundesrechts das Jagdregal und das Verfügungsrecht›, und das Verfügungsrecht ..., ‹das Verfügungsrecht über die wildlebenden Säugetiere und Vögel zu ...›, so ein Schmarren, der einen die Wände hochgehen und nicht mehr runterkommen lässt. Hat irgendeiner irgendwann an so etwas gedacht, bevor er ein Tier geschossen hat?»
Und Onkel Battesta, der ein großer Erzähler war, ließ das Jagdgesetz fallen und erzählte, während er die Felswand gegenüber der Hütte abspiegelte, von Leben und Meinungen der Titanen, ließ unsere Technokraten nach ihrem Gusto Gesetze erfinden und Jagdbanngebiete definieren, lachte verstohlen und wartete geduldig, bis der Nebel kam und den Vorhang zog.
«Das Gesetz sind wir. Lass die da unten glauben, sie seien das Gesetz, warte, bis der Nebel dicht genug ist, und denk an Diogenes Laertius.»
Die Prüfung oder Wie der Kandidat den Experten schockiert und den Jagdinspektor beeindruckt hat, indem er die Geschichte vom Gramm, das durch einen leisen Fingerdruck zu tausend Kubikzentimetern wird, weiterspann.
Der Experte fragte deutsch. Der Kandidat antwortete in seiner Sprache. Der Experte saß wie auf Kohlen. Der Inspektor stand Kopf.
Experte: «Was ist der Drall?»
Kandidat: «Il tuorn ei la rotaziun d’in projectil entuorn igl agen ischel ... ist die Rotation eines Projektils um die eigene Achse.»
«Was bewirkt der Drall?»
«Il tuorn stabilisescha il projectil en sia via da pli tard ... stabilisiert das Projektil auf seiner späteren Bahn durch die Rotation der Kugel um sich selbst.»
«Was ist die günstigste Einschießentfernung GEE?»
«La distanza ... bei welcher das Projektil einer Waffe die Visierlinie zum zweiten Mal schneidet, ohne von dieser irgendwo mehr als vier Zentimeter abzuweichen.»
«Was bezeichnet man als Freiflug eines Geschosses?»
«...den Weg von 5–10 mm vom Verlassen der Hülse bis zum Eindringen in den gezogenen Lauf, oder genauer: den Weg, den das Projektil ohne Rotation zurücklegt, weil es die Hülse verlassen hat, ohne schon von den Zügen des Laufs erfasst zu sein.»
«Bei der Explosion setzt sich ein Gramm Nitrocellulosepulver in wie viele Kubikzentimeter Gas um?»
«Ein Gramm Nitrocellulosepulver verwandelt sich in tausend Kubikzentimeter Gas.»
Der Experte schaut mich über seine Brille hinweg an, als ob er noch etwas erwarte. Ich darauf:
«Das ist die Verwandlung von Gramm in Kubikzentimeter, von Pulver in Gas, von Stille in Knall, mit dem Resultat: Tier, du bist Leben und wirst Kadaver.»
Und er schaute, und ich fuhr fort:
«... die radikale Veränderung, die in der Glückseligkeit des Jägers gipfelt. Diese manifestiert sich im ‹Juhui›, von dem er selber nicht weiß, ob es nun der Orgasmus oder die Impotenz des Mannes ist, der Leben ausgelöscht hat.»
Mein Experte schaute mich an, als ob ich Hörner hätte, 27 Zentimeter oder länger, schaute dann hinüber zum Gastexperten aus Chur, dem Jagdinspektor höchstpersönlich. Der tat, als ob er Romanisch verstehe, verstand aber, wie man aus seinen Reaktionen ersah, nichts. Mein Experte hüstelte, froh, dass der Guru aus Chur staunte, wohl beeindruckt vom Tempo meiner Antworten, die kamen wie aus der Pistole geschossen. Er fuhr fort:
«Was geschieht mit dem Projektil durch den Gasdruck?»
«Il projectil vegn sfurzaus da suandar il tuorn dallas ragadas», antwortete ich und setzte keck, aus Mitgefühl für den Inspektor und damit der zum Schluss auch noch ein Erfolgserlebnis habe, die deutsche Übersetzung hinzu: «Das Projektil wird gezwungen, dem Drall der Züge zu folgen.» Dass dies die letzte Frage zur Ballistik gewesen war, hatte ich dem Gesicht des Experten angesehen, da ich schon durch mancherlei Prüfungen gegangen war und wusste, wie der Hase lief.
Im nächsten Raum saß der nächste Experte in einem frischen, grünen Hemd. Unterm Kantonswappen auf den Achseln stand deutsch: «Wildhüter». Dieser Mann, die Brille zuäußerst auf der Nasenspitze, machte sich noch Notizen zum vorigen Kandidaten, hieß mich Platz nehmen und fragte, ohne aufzuschauen:
«Worauf hat der Jäger unmittelbar nach dem Schuss auf Wild zu achten?»
«Auf das Zeichnen des Wildes und wie es sich verhält.»
«Was ist unter Zeichnen zu verstehen?»
«Das Verhalten des getroffenen Wildes und wie es auf Schmerz und Schock reagiert.»
Jetzt wollte der Experte, der noch immer schrieb und kein einziges Mal von seinen Papieren aufgeblickt hatte, doch noch ein paar Beispiele hören, und zwar im Detail und auf Deutsch. Und ich, der ich bei meinen Onkeln in die Schule gegangen war, beginne zu erzählen, ohne die Realitäten des Tötens zu verschweigen und wie es ist, wenn man Eisen in den Leib bekommt:
«Den traf Odysseus mit dem Speer in die Schläfe, und durch die andere Schläfe drang die eherne Spitze, und ihm umhüllte Dunkel die Augen.
Den traf der Phyleus-Sohn, der speerberühmte, nahe herangetreten, am Haupt ins Genick mit dem scharfen Speer. Und gerade den Zähnen entlang schnitt unter der Zunge das Erz, und er stürzte in den Staub und fasste das kalte Erz mit den Zähnen.
Idomeneus traf den Oinomaos mitten in den Magen, und das Erz schöpfte die Eingeweide heraus, und er fiel in den Staub und fasste die Erde mit verkrampfter Hand.
Meriones setzte dem Davongehenden nach und traf mit dem Speer mitten zwischen die Scham und den Nabel, da wo am meisten schmerzhaft der Ares wird den elenden Sterblichen: Dort hinein heftete er ihm die Lanze; und der folgte dem Speer und zappelte wie ein Stier.
Den stach er unter der Braue in die Bettung des Auges und stieß den Augapfel heraus, und der Speer drang durch das Auge und durch das Genick, und er setzte sich und breitete aus die beiden Arme.
Idomeneus stieß den Erymas in den Mund mit dem erbarmungslosen Erz, und gerade hindurch fuhr hinten heraus der eherne Speer, unterhalb des Gehirns, und spaltete die weißen Knochen. Und herausgeschüttelt wurden die Zähne, und es füllten sich ihm mit Blut die beiden Augen, und aus dem Mund und durch die Nasenlöcher sprühte er es, klaffend, und ihn umhüllte des Todes schwarze Wolke.
Den traf mit dem Speer der fußstarke göttliche Achilleus mitten in den Rücken, und gerade hindurch, am Nabel vorbei, fuhr der Lanze Spitze. Und aufs Knie stürzte er klagend, und eine Wolke umhüllte ihn, eine schwarze, und er zog an sich, zusammengesunken, die Eingeweide mit den Händen.»
Der Experte hatte aufgehört zu schreiben. Der Kugelschreiber war ihm entglitten, und seine Kinnlade ließ er hängen, als ob er selber Eisen zwischen die Rippen bekommen hätte.
«Erlaubt ist alles», pflegte Onkel Battesta in seinen besten Momenten in der Jagdhütte zu sagen, ausgestreckt auf der Bank hinterm Tisch, den Hut auf dem Kopf, die Toscano im Schnauz, «man darf sich nur nicht erwischen lassen.» (Diese primitive Art zu liegen, Hut auf dem Kopf und Schuhe an den Füßen, zu Hause üblicherweise auf oder hinter dem Ofen, hatten meine Vorfahren zweifellos aus der Zeit der Wölfe beibehalten, als es drauf ankam, jeden Augenblick fluchtbereit zu sein.) «Und ab und zu musst du ein Tier abgeben, dann denken sie, du seist ehrlich. Kein Aufhebens machen. Gelegentlich ein wenig flunkern. Alle Geschichten sind nur zur Hälfte wahr. Die reine Wahrheit könnten wir nicht ertragen. Sie ist langweilig, traurig, leer und unwiderruflich wie der Tod. Die Autoritäten nicht zu ernst nehmen, vor allem aber sich selbst nicht zu ernst nehmen. Sonst wirkt man mit den Jahren wie ein Monument.
Kein Wunder, dass sie dann verdrießlich werden und schimpfen. Ein wenig schimpfen sie auch, weil sie nix sind und das mit Krampfen kompensieren und glauben, so auf einen grünen Zweig zu kommen. Aber die Rechnung ist simpel: Mit Arbeit ist noch keiner reich oder weise geworden. So hart ist die Wahrheit.»
Diese Idee, wenn wir so sagen wollen, neben dem harten Ofen zu liegen, stets bereit, und nicht etwa auf dem Kanapee unter den Heiligenhelgen, das ist unser Charakter:
«Im Hof Portas unterhalb Val lebte Rest Modest Deportas der Ältere. An einem Morgen blieb er auf der Ofenbank liegen bis gegen Mittag. Plötzlich sagte er zu seiner Frau: Ich gehe in die Cavrida hinauf und fälle Holz. Seine Frau hielt ihn zurück: Geh nicht, Rest, heute nicht! Aber Rest Modest ist aufgestanden, hat die Axt ergriffen und ist gegangen und nicht mehr lebend zurückgekehrt. Seine Stunde hatte ihn gerufen.»
«Wenn du einen Guru töten willst, ist die Jagd eine gute Voraussetzung», hatte ich mir gedacht.
Ich wollte einen Guru umbringen, weil mir Gurus auf die Nerven gingen. Sie hatten mir meine Jugendfreunde weggenommen, hatten ihnen sichere Stellen verschafft, hatten ihnen das Lachen gestohlen und dafür eingebläut, dass die Loyalität zum Chef das A und O im Leben sei. Darum trippelten meine Freunde jetzt so brav hinter ihren Gurus her.
Ich wollte einen Guru an der Gurgel packen, damit er mit seinem Gurren aufhöre.
Aber dann habe ich, ach, gesehen, dass die Welt voll ist von Gurus und jenen, die ihnen hinterherlaufen. Und wenn einer auf die Schnauze fällt, erhebt sich sofort der nächste.
So plötzlich aller Hoffnungen beraubt, wollte ich gerade mein Auto über die nächste Brücke hinaussteuern, als mich der Würgeengel beim Kragen packte und sprach: «Spinnst du? Was ist los? Das Leben ist kein Sugus. Zeig dem Teufel, was leben heißt.»
«Was ist der Teufel?», fragte ich, und bekam die Antwort dreifarbig:
«Il diavolo è l´arroganza dello spirito, la fede senza sorriso, la verità che non viene mai presa dal dubbio. Il giavel ei la prepotenza dil spért, la cardientscha senza in surrir, la verdad che vegn maina tschaffada dil dubi. Der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der Glaube ohne ein Lächeln, die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfasst wird.»
Ich wollte nicht hören. Ich plante, ihm eine Kugel in den Bauch zu jagen. Aber ist der Guru einer Kugel in den Bauch würdig? Ist nicht der göttliche Puschkin diesen Tod gestorben? Sind nicht Diores und Peiroos und Oinomaos vom Eisen im Bauch in den Sand vor Troja geworfen worden? Schließlich habe ich mich entschlossen, ihn an der Gurgel zu packen. Ich wollte diesen flügellosen Engel zur Fratze machen. Ach, ich hatte doch gedacht, meine Freunde für ein ganzes, langes Leben lang zu haben. Als sie hinter dem Guru herliefen, brach eine Welt zusammen. Ich gab das Rauchen und Trinken auf und machte die Jagdprüfung, um dem Guru den Unterkiefer wegzuknallen. Ohne zu merken, dass auch die Jagd eine Welt voller Gurus ist.
Am Tag, den ich für die Vollstreckung bestimmt hatte, wartete ich vor dem Tempel, wo er mit seinen Jüngern versammelt war. Saß unter einem Baum auf einer Bank des Kur- und Verkehrsvereins und wartete, bis er herauskommen würde. Und während ich dort wartete wie Humbert Humbert: mit einem unbehaglichen Gefühl in der Prostata, benebelt, ausgelaugt, die Faust mit der Pistole in der Tasche des beigen Regenmantels vergraben, ist mir plötzlich aufgegangen, dass ich wohl eine Meise hatte und drauf und dran war, etwas Idiotisches zu tun. Die Chance, dass ein Pistolenschuss etwas nütze, stand eins zu einer Million. Ich verlor hier meine Zeit und den Verstand. War dermaßen töricht, hatte nicht gemerkt, dass man Gurus aus der Welt schafft, indem man die Wahrheit zum Lachen bringt.
Meine Zwillingsonkel sind katastrophale Christen gewesen, ungeachtet ihrer Namen aus dem Neuen Testament. Wohl deshalb waren sie ihr Lebtag nie krank. Außer einem einzigen Mal, und jenes Mal stand es so schlimm um sie, dass sie in der Lebensmitte eine halbe letzte Ölung erhielten. Das half. Der eine kam vom Geruch der Salbung zu sich, der andere, als dem Priester das Malheur unterlief, in irgend einem Gebet den Namen Jesu fallen zu lassen. Die Sterbenden standen stracks von den Toten auf und schimpften:
«Jesus, diese Katastrophe, dieses Gegenteil von einem scheuen Engel. Ein Mann stets in Eile, nur mit sich selbst beschäftigt, immer in Gesellschaft von Jungvolk und reifen, reichen Frauen. ‹Tschisses Craist›, das pure Gegenteil von Zeus. Redet doch von den Olympiern, die konnten lachen wie die Kühe und sich den Bauch halten und brauchten kein Publikum wie euer morscher ‹Tschisses›».
Der Priester hatte fluchtartig das Weite gesucht und das Viatikum mit allem Drum und Dran zurückgelassen. Und zwei knisternde Kerzen.
Meine Onkel, einer hagerer als der andere, haben mich zum Jäger gemacht. Die wichtigsten Erziehungsziele für einen jungen Mann seien die Kunst des Erzählens und die Jagd, mithin «ein Redner von Worten und ein Täter von Taten» zu werden.
Homer zitierten meine Onkel immer in der Sprache des Nordens, deutsch, so wie andere Jäger das Jagdgesetz auswendig hersagten, auch immer deutsch. Romanisch ist unsere Sprache des Fleisches, Deutsch aber jene des Geistes.
Mein Vater, behaupteten sie (und das war der einzige Moment, wo sie im selben Moment dieselbe Meinung über meinen Vater hatten), mein Vater sei auf der Jagd erschossen worden. An einem Nebeltag, im Schneetreiben. In den Felsen des Punteglias.
Ich habe nie an dieses Bild geglaubt. Der Vater meiner Fantasie war in einem Duell umgekommen, in welchem beide Duellanten Poeten waren, im selben Augenblick gezogen hatten und, jeder mit einem Schuss im Bauch, gegeneinander gestürzt waren.
Bestenfalls hat man ihn mausetot gefunden, Schirm zu, einen Schuss im Bauch, einen Schneehasen am Rucksack. Dies ist das erste und letzte Bild, das ich von diesem Vater habe: Kalt, erfroren, starr und steif im Schneetreiben der Glarner Bise. Achttagebart, die Augen offen, die Hände zu Fäusten geballt, daneben das geladene Gewehr, am Rücken den Rucksack mit dem Loch, wo die Kugel ausgetreten war. Das ist mein erster Vater gewesen. Er ist gestorben, bevor ich auf die Welt kam. Ein Mann, der zweimal begraben wurde, das erste Mal ganz sachte vom Schnee und dann, für immer, in der Erde. Ich bin ein Sohn mit zwei Ziehvätern und zwei Schutzengeln. Meine beiden Väter waren meine zwei Onkel, und meine Engel waren Gabriel und Asrael.
Seit diesem Unglück ist meine Sippe nicht mehr am Punteglias auf die Jagd gegangen. Einerseits rechnet der Bergler immer mit dem Tod in den Felsen, anderseits hofft er, dass er nicht komme; bedeutet er doch immer eine Niederlage, die besagt, dass man mit dem Gelände nicht zurechtgekommen sei. Mein Vater war dem Glaruner nicht gewachsen gewesen, wie sie auf der andern Talseite jenen Biswind nennen, der bei uns aura sut und zuhinterst im Lugnez aura dado heißt. Wenn du mit diesem Nordwind nicht vertraut bist, bist du verloren. Warum hatte mein Vater den Glaruner verkannt? Wenn ein Schuss fällt, ist der Wind ein wichtiger Faktor. Leichter Seitenwind von nur 7 m/s lenkt auf eine Distanz von 160 m die Kugel um 20 cm ab. Für den Wind ists demnach ein Kinderspiel, einen Schuss zu verpfuschen. Wohin soll ein Schütze im Sturmwind halten? Stürmt es von rechts, von links oder von beiden Seiten? Du musst es in jeder Situation so einrichten, dass du den Wind auf deiner Seite hast. Sonst wehe dir.
Als mein Vater erledigt war, wechselten meine Onkel für die Jagd auf die andere Talseite. Wenn deine Sippe den Berg, den Wind nicht auf ihrer Seite hat, musst du weichen. Sie haben andere Berge, andere Winde gesucht, gingen fortan dort auf die Jagd, wo die alten Karten ein Gebiet zeigen, das von Bergen rundum wie von einem Zaun umgeben ist und wo im Zaun die Worte stehen: «Hier sind lauter Eisberge, Gletscher gena
t, dahin noch kein Mensch geko
en.»
Das war – wie der Dichter zu sagen pflegt – zu Zeiten, als die Welt noch so jung war, dass viele Dinge keinen Namen hatten und man, um sie zu benennen, mit dem Finger auf sie zeigen musste. Als das Eis zu schmelzen begann und nach und nach Menschen in diese verlassene Gegend kamen, viele Menschen, ließen meine Onkel in den Ring von Bergen schreiben: There Be Dragons Here, und als das nichts nützte, machten sie wenigstens einen Zaun um ihre Hütte und schrieben darauf: Warnung vor dem Hund. Das hat genützt.
Alle Menschen sind voll von Geschichten. Aus den einen sprudeln sie wie Wasser aus der Quelle, aus den andern muss man sie hervorlocken wie die Grillen, die man mit einem Grashalm aus ihren Löchern kitzelt. Die Zwillinge waren so schräg, dass all ihre Geschichten schief waren. Aber, meinten sie, was nützen schiefe Geschichten, wenn bloß senkrechte Quadratschädel zuhören?
Punkto Geschichten redeten die Zwillinge feierlich der Illusion das Wort: «Die Leute, dieses Pack, wissen immer alles besser. Sie wollen nicht, dass du erzählst, wie es gewesen ist, sondern wie sie möchten, dass es gewesen sei. Die Wahrheit hat kurze Beine. Wenn du die Wahrheit erzählst, glaubt dir keiner. Ja, Tolstoi, dieser Arnaut» – Arnaut war ihr Lieblingsschimpfwort, wenn sie grantig waren – «Tolstoi sagt sogar: Wenn du die Wahrheit erzählst, werden sie sagen, du seist selber schuld, dass du nicht das erlebt hast, was Erzähler üblicherweise erleben müssen.» Dann kratzten sie sich am Kinn und fuhren fort: «Was für eine armselige Geschichte wäre die Kreuzigung Christi nach der Wahrheit statt nach den Evangelien: Reine römische Routine, reine Routine, mein Bester.»
Als ich wegen der halbwahren Geschichten in Settembrini – einen Levy – drang, rückte er zögerlich mit der folgenden heraus:
«Als Hallgrímur Pétursson, der isländische Dichterpfarrer, der auch über Zauberkräfte verfügte, einmal während der Predigt durch das Fenster einen Fuchs erblickte, welcher einem Schaf nachstellte, dichtete er einen Vierzeiler gegen Reineke, der sogleich tot umfiel. Da der Pastor durch seine Zauberei das Gotteshaus entweiht hatte, wurde ihm die Dichtergabe genommen, die er erst wieder zurückerlangte, als er sich entschloss, zur Ehre Gottes seine berühmten ‹Passionspsalmen› zu verfassen.»
Hingerissen von dieser Geschichte, wollte ich Lappi natürlich nicht, dass sie schon zu Ende sei. Wie ein Kind, das nicht weiß, wie gefährlich die Wahrheit einer Geschichte werden kann, fragte ich: «Und dann?» Der Fuchs, setzte mein Onkel Levy hinzu, sei beileibe nicht grundlos gestorben. Die Passionspsalmen, das populärste Buch der isländischen Literatur, seien antisemitisch. Mithin eine Warnung für alle Blauäugigen, dass auch halbe Geschichten keineswegs sauber sein müssten, und vor allem ein sprechendes Exempel dafür, wie fein der Satan seine Fäden spinne.
Jede Familie, die etwas auf sich hält, fabriziert Geschichten und Legenden, die in der Verwandtschaft kursieren. Ich hatte meine Vorbehalte gegen die Geschichte vom Leben und Sterben meines Vaters. Die Zwillinge ersannen Geschichten nach ihrem Ebenbild. Sie erzählten nicht einfach, wie es gewesen war, sondern wie es hätte sein müssen. In der Variante meiner Onkel war mein Vater als Wilderer erschossen worden, in der offiziellen Variante als Wildhüter. Für unsere Familie wäre es eine Katastrophe gewesen, auf immer und ewig einen Wildhüter in der Familie zu wissen, einen Polizisten. Ein Wilderer Levy, der zum Landjäger geworden war, musste wieder zum Wilderer werden. So war der Kreis geschlossen und die Sippenehre gerettet. Denn unsere Familie war aus Italien gekommen, wie die Steinböcke. Sie glaubte, anders als die Einheimischen, nicht an Autoritäten. Erledigte die Autorität zur Not auch mit der Fantasie.
II DIE ZWILLINGE
Als der eine geboren war, wollte der Vater ihm den Namen Jeremias geben, indes der Großvater meinte, David klinge majestätisch. Aber die Mutter war für Gion Battesta, so wie der Vater hieß und wie es Brauch war. Und die andern fügten sich. Als sie sahen, dass es Zwillinge gab, kamen sie auf die Idee, den einen Gion und den andern Battesta zu nennen. Aber für die Mutter war Gion Battesta eine einzige Person, folglich bekam der zweite den gigantischen Namen Gion Evangelist Silvester. Sie glichen sich wie ein Ei dem andern, waren ein Mensch in zwei Personen, und nur die Mutter wusste, wer wer war.
Die Zwillinge sind im Spätherbst geboren, wenn der Orion hinter der dunklen Garvera emporzusteigen beginnt, und seine Sterne am Firmament wie Kristalle glitzern. Bei uns kennt niemand den Orion, obschon er das markanteste Sternbild an unserem Himmel ist. Aber auch die Riesenberge, die sie vor der Nase haben, kennen die meisten Leute kaum. Wie sollen sie da Riesensterne kennen, 1300 Lichtjahre entfernt, mit so exotischen, arabischen Namen wie aus Tausendundeiner Nacht: Alnitak, Alnilam, Mintaka, Beteigeuze und Bellatrix? Die Alten nannten Orion den Himmelsjäger. Es wird auch berichtet von einem riesigen Pferdekopf, der sich im Orion zeige, einem Wirbel aus stellarem Nebel und Staub in der unendlichen Leere vor einem rötlichen Grund. Jäger, die in diesem Zeichen geboren seien, hätten ein Auge für Kristallklüfte und würden ungern töten.
Die Zwillinge sind begeisterte Jäger und Erzähler geworden. Waren große Bewunderer des bestirnten Himmels. Wenn sie vom Himmel sprachen, leuchteten ihre Augen wie die Sterne des Orion. Und wenn sie von Gemsen sprachen, funkelten ihre Augen und die Augen der Zuhörer. Ist es mit den Gemsen doch so wie mit den Sternen: Je länger man schaut, desto mehr sieht man, und desto mehr kommen noch zum Vorschein. Bloß dass man bei den Sternen immer mehr sieht, je dunkler es wird, und bei den Gemsen umgekehrt: je heller es wird, desto zahlreicher werden sie. Und wenn er von Gemsen und Sternen erzählte, kam Gion Evangelist Silvester unweigerlich auf den von ihm hochverehrten Plinius zu sprechen, und zwar auf die Stelle, wo Plinius vom Elefanten berichtet, gleich nachdem er den Menschen behandelt hat:
«Das größte unter den Landtieren und dem Menschen an Verstand zunächst stehend ist der Elefant, denn er versteht die Sprache seines Landes, gehorcht den Befehlen, behält die erlernten Verrichtungen, zeigt Freude an Liebe und Ruhm und ist, was selbst beim Menschen selten ist, rechtschaffen, klug, gerecht und hat religio quoque siderum, Ehrerbietung für die Gestirne.»
Sagt, ist das nicht wundersam?
Auf der Jagd sah man die Zwillinge nie beisammen. Wenn einer auftauchte, wusste man nie, welcher es war. Einer hatte ein rotes Tuch um den Hals, der andere ein graues, und zwischendurch tauschten sie die Halstücher. Das machte die Leute zugleich verwirrt, ärgerlich und neugierig. Einzig am Bauchnabel hätte man die beiden unterscheiden können. Aber Bergler zeigen ihren Bauch niemals her.
In Tat und Wahrheit waren sie zwei vollkommen verschiedene Menschen, und nur die Unsicherheit der andern machte sie einander gleich und der eine Übername, den die Leute den beiden gegeben hatten: Settembrini.
Settembrini schien nur ein einziger Jäger zu sein. Er formte Menschen nach seinem Ebenbild und Gemsen nach seiner Fantasie.
Die Gemsen werden im Zeichen der Zwillinge geboren. Um zu gebären, verlassen die Geißen das Rudel. Das Kitz vom Vorjahr wird mit Läufen und Krucken verjagt. Es begreift das nicht. Immer wieder möchte es zur Mutter zurück. Die Geiß bleibt unerbittlich. Der Jährling muss von einem Tag auf den andern selbständig werden. Es gibt kein Zurück. Verloren und orientierungslos, allein oder mit ihresgleichen irren die Halbwüchsigen in der Gegend herum ohne zu wissen, wie ihnen geschieht.
Die Geiß steht da mit offenem Maul. Ihre Flanken bewegen sich in raschem Rhythmus. Sie legt sich hin, quält sich, presst, drückt, fünfzehn, zwanzig, dreißig Minuten lang. Mit erhobenem Kopf und aufgesperrtem Maul treibt sie das Kitz aus. Sie, das Tier, ächzt vor Schmerzen. Kaum ist das Neugeborene auf der Erde, erhebt sich die Geiß, wendet sich um mit heraushängender Nachgeburt. Eingehend beriecht sie das Kitz, beleckt und betrachtet es, staunt über das, was sie gemacht hat. Dann versucht sie, dem Kitz mit ihren Vorderläufen und Krucken aufzuhelfen. Nach drei, vier Minuten hebt es seinen Kopf und versucht, auf die Läufe zu kommen. Die Mutter hilft, stößt, stützt. Nach zehn Minuten steht es auf seinen langen, dünnen Läufen, nass und glitschig. Mehrmals knickt es ein. Steht wieder auf, versucht den ersten Bocksprung.
Nach zwanzig Minuten verlassen Geiß und Kitz den verschmierten Setzplatz und steigen in die schützenden Felsen hinauf.
Die Jäger meinten, der Name Settembrini komme von «September». Sie haben nur den September im Kopf, und ein bisschen Moos. Die Jäger wären auch fähig zu behaupten, dass «Mescalero» von mescal, Moos komme. Jäger sind nix im Erklären von Namen. Niemand wusste, woher der Name Settembrini kam. Hätte sich auch von sittar, schießen, oder von brin, braun herleiten können, entweder wegen der dunklen Haut der Zwillinge oder wegen der Eule der Minerva, von der Gion Evangelist Silvester sagte, dass sie ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung, enten far brin, beginne. Dem Gion Battesta imponierte der Rabe von Crestliandras mehr als die Eule der Minerva. Der Rabe sei ein Singvogel, der seine Heiserkeit nicht loswerde, die Antwort der Natur auf die romanischen Chöre.
Settembrini hätte auch der Name eines Gewehrs sein können oder eines Zaubers. Er bedeute jedoch nichts. Jedenfalls wecke dieser Name aber die Fantasie. «Was die Fantasie weckt, ist gut. Wegen seiner Fantasie glaubt der Wildhüter nicht, dass Settembrini nur erlaubte Tiere schieße. Das widerspricht meiner Theorie, dass Beamte keine Fantasie hätten.»
Das Stichwort ließ ihn sogleich vom Thema abschweifen. «Am meisten Fantasie haben die Kinder. Darum sind Kinder eine potenzielle Gefahr, und deshalb wird ihnen die Fantasie ausgetrieben – ihnen, die mit dem Tornister und voller Begeisterung in die erste Klasse kommen und angeödet die letzte verlassen.» Zum Thema Schule fiel ihm nicht viel Gutes ein. Die Besten seien die, die wüssten, ohne zu lernen. Er hielt mehr vom Hokuspokus des Weihwassers als von den Weihen der Pädagogik.
Er war ein Heide wie die Sonne.
Settembrini war bald ein Intellektueller, bald ein Handwerker. Je nach Farbe des Halstuchs. Er konnte zwei Dutzend Wörter zu einem ordentlichen Gedicht zusammenfügen, aber auch einen Stoß Bretter zu einem soliden Fußboden. Er konnte Homer interpretieren, aber auch eine Kristallkluft öffnen. Er konnte eine Kristallkluft ausräumen, aber auch Oscar Wilde plündern, wenn dieser über Rousseau sprach: «Die Menschheit wird Rousseau immer dafür lieben, dass er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat.» Er konnte von seiner Liebe zu den Gemsen sprechen und sie ohne Umstände töten.
Unsere Literatur sollte nicht mit der «Consolaziun» beginnen und mit der «Chrestomathie» enden. Es reiche, wenn die Jagd beim Kanton beginne und bei der Regierung ende.
DREI
III DER ENGEL
Als ich Barlichin zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass dies der Zweimalgeborene sei, welcher den Erasmus ein Stück weit über den Splügen begleitet hatte. Aber das interessierte ihn nicht. Er lebte jetzt in unserer Zeit. Kam gelegentlich vom Tessin her über den Grat, leichten Fußes, mit nur einem Ohr und schlaffem Rucksack, mit einem schlichten Gewehr und einem armseligen Feldstecher. Ohne Patent. Und ohne Jagdweste. Nur ganz wenige Jäger sind ohne Weste unterwegs. Wenn man sie anschaut, spürt man sofort, dass etwas fehlt. Wie wenn sich einer den Bart abrasiert hat und einen etwas stört. Und erst einen Moment später fällt einem ein, dass der ja einen Bart hatte.
«Hört auf mit euren Jagdwesten», sagte Barlichin. «Das ist etwas für Fröstler.» Er war noch jung. Er sagte: «Je älter man wird und je weniger Haare und Zähne man hat, desto weniger Munition trägt man mit, desto leichter wird man und desto behaglicher fühlt man sich in Hemdsärmeln.» Dem Barlichin guckte das Hemd aus den Hosen, und die Engel trotteten hinter ihm her.
Ihr denkt, es gebe einen Barlichin, so ähnlich wie es vielleicht einen Giachen Hez gibt. Es gibt mehrere Barlichins. Alle sind unisono gegen die Weste, gehen mit dem Peabody auf die Pirsch und kümmern sich einen Deut um den Jagdzirkus. Im übrigen aber sehen sie nur aus wie Barlichins. Ihr Verhalten ist, wenn man sich achtet, jedesmal anders. Sie werden geboren und verschwinden, zwei, vier, sechs, zehn Mal. Nur der Name bleibt.
«Es gibt keinen Ungeeigneteren als mich, um Geschichten zu erzählen», sagt Barlichin, «und wenn ich nicht den Gabriel hätte, der die Kisten, die Bücher, die Meere von Geschichten öffnet, bliebe ich stumm wie die Tiere. Die Geschichten sind nämlich alle dort, so alt wie die Engel, und wenn es keiner erwarten würde, sind sie hier, ganz oder in Splittern. Und dann ist der Engel da, und wenn sein Glanz dich packt, dann verpasst du die Geschichten. Und wenn du die Geschichten packst, flattert der Engel davon.»
«Du musst dich entscheiden, für den Engel oder für die Geschichten», sagte Barlichin, zog glückselig an einer kurzen Pfeife und fuhr ganz ohne Zusammenhang mit dem eben Gesagten fort: «Der Splitter kommt vom Stein, der Nebel kommt aus der Erde, die Geschichten und die Gemsen aber kommen aus dem Nichts. Je länger du schaust, desto mehr siehst du. Wie die Sterne am Himmel.»
Der Ansitz, der als «Posten des Engels» bekannt ist, ist ein magischer Ort hinter einem Strauch, wo jeder Jäger einmal während der Jagd auf der Lauer liegt. Das reicht ihm dann für die ganzen drei Wochen. Gegenüber ragen die Schründe der Ruinas hoch in den Himmel. Dauernd rumpelt dort Geröll zu Tal, ohne dass der Berg deswegen kleiner würde. Auf dem Posten des Engels verzehrt man seine Wurst und starrt in die Ruinas hinüber. Oder man verschießt seine ganze Munition. Oder man erlegt kapitale Tiere, zwei oder drei oder noch mehr aufs Mal. Das ist nichts für Barlichin. Er mag nicht mehr als ein, zwei Tiere töten während der ganzen Jagd, von so vielen aufs Mal ganz zu schweigen. Also kaut er hier sein Brot im Dunkeln und spiegelt bei Tagesanbruch das ganze Tal ab. Die Morgendämmerung hat an diesem Ort etwas Wundersames. Was soll man hier auf Geweihe spekulieren, die vielleicht nie aus dem Wald auftauchen, während das Tal erwacht? «Ich kann am Morgen nicht töten. Es braucht Enthusiasmus, um vor Sonnenaufgang zu töten. Die meisten Jäger schwärmen vom ‹Tod im Morgengrauen›. Mich dünkt, es reiche, am Mittag zu töten, mit der Sonne im Gesicht.»
Auf dem Posten des Engels hinter dem Strauch riecht es im Gras nach Blut und in der Luft nach Schießpulver. Dauernd trittst du auf Patronenhülsen und Wursthäute. Auf dem Blattwerk der Alpenrosen findest du Brosamen und kleine Fetzchen Silberpapier, und unter die Steine hat man Sardinenbüchsen und Klopapier gestopft. Der Jäger ist ein fleißiger Büchsenöffner und kehrt Steine um. Das störte Barlichin an diesem Posten, der für ihn ein Posten der Morgenröte war. Die andern störte es, dass er hier nie etwas schoss. Das machte ihnen schrecklich zu schaffen.
«Engel sind scheue Apostel», sprach Barlichin, zog schmatzend an seiner Pfeife, drückte mit schwarzem Finger den Tabak fest, mp mp, und fuhr in seiner Rede fort. «Engel pflegen sich dauernd zu unterschätzen, habe ich festgestellt. Sie denken immer, dass wir ihnen überlegen seien, dass wir Menschen sie dirigieren würden. Sie meinen, sie seien fast so etwas wie unsere Sklaven. Wir wissen zum Glück nicht um die Schwächen der Engel, sonst hätten wir sie unseren Zwecken unterworfen, so wie wir die Frauen unterworfen haben, die sich schon längst aus unserer Herrschaft befreit hätten, wenn sie um ihre Stärke wüssten.
Wir meinen, dass es Engel gäbe, wie es Marien gibt – Maria Verkündigung, Maria Empfängnis, Maria zum Schnee, Maria Himmelfahrt, Maria Lichtmess, Maria Licht, Maria Laach, Maria Einsiedeln, Mariazell, Mariastein, Maria Diesunddas – eine ganze Apothekersystematik. Es gibt bloß ein Wirrwarr von Engeln. Kommt hinzu, dass der einzelne Engel sich verwandeln kann. Aus einem Engel Gabriel kann ein Grußengel, Schutzengel, Todesengel, Paradiesvertreibungsengel oder der Würgeengel Asrael werden, je nach Bedarf und Einsatzort. Das Schlimmste am Engel ist, dass er sich nicht wehren kann. Darum ist er voller Komplexe.
Engel sind menschenähnlicher als Heilige. Heilige sind wie ausgestopfte Leute, stillstehende Uhren, Antoniusse in Formalin. Seltsam – Engel sind himmlisch und gleichen doch eher den Menschen, während Heilige irdisch sind und nach Himmel riechen. Engel fliegen, Heilige flattern. Engel sind aus Gold gemacht, Heilige aus Weihrauch», salbaderte Barlichin mit der Nase im Gebüsch auf dem Posten des Engels gegenüber den Ruinas. Da tritt der Rehbock mit dem Riesengehörn aus dem Wald. Barlichin macht hihi, der Bock macht huhu.
Am nächsten Morgen wartet Giachen Hez auf dem Posten des Engels. Giachen will Jack gerufen werden, weil ihn dünkt, das klinge lässiger. Wird aber Giacahuz genannt. Wartet also Giacahuz hinter einem Strauch, dessen Zweige sich sachte auf und ab bewegen. Wartet, dass der Morgen graue. Wartet auf das Wild, dass es sich am Waldrand zeige.
Gabriel, der Engel, hat als erster den Giachen ausgemacht, wie er hinter seinem Strauch kauert, aus dem nur das Gewehr hervorguckt. Giachen hofft, dass bald etwas passiere, weiß, dass ein wackerer Hirsch sein Erscheinen nicht anzukündigen pflegt. Giacahuz wird den Blick auf den Gegner richten, wird einen Buckel machen. Wäre er ein Hahn, würde ihm der Kamm schwellen. Wäre er ein Stier, träten seine Nackenmuskeln hervor, die Ohren würden zucken und der Schwanz sich heben. Aber der Hirsch wird nicht erscheinen. Es wird heller und heller werden. Giachen Hez wird nichts als öde Tännchen sehen, wird warten, wird sich langweilen, wird sein Gewehr einziehen und die Ohren, wird zusammenpacken, aus seinem Strauch kriechen und die Schutthalde hinuntergaloppieren. Ein zuverlässiger Hinweis, denkt Gabriel, dass der in einem früheren Leben, bevor aus ihm ein Jäger und Schnüffler wurde, ein kleiner Pampa-Klepper war.
Dem Leser wird das Lächerliche dieser Szene nicht entgangen sein. Erklärung: Ein lächerliches Moment ist dem Jäger stets eigen, wie dem Teufel im Märchen. Wenn er wartet, ganz besonders aber, wenn er sich durchs Gestrüpp windet, auf allen Vieren über Weiden kriecht, den Hintern in der Luft. Vor allem wenn er lange Beine hat und sich scheut, Bauch und Brust tief zu halten, um nicht die Weste zu beschmutzen oder Patronen zu verlieren oder mit Mutter Erde allzu intim zu werden. Aber selbst wenn er mit kurzen Beinen perfekt dem Boden entlang kriecht, ist und bleibt der Jäger ein Indianer in Bergschuhen. Ein Held bist du nur, wenn du Beute vorzeigen kannst. Und noch dann, mach dir nichts vor, bist du es bloß in deinen eigenen Augen.
IV DAS WILD
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Techniken der Heuernte.
In alten Zeiten ernteten die Murmeltiere ihr Heu in folgender Manier: Abwechselnd legten sich die größten und fettesten Murmeltiere auf den Rücken und streckten alle viere von sich. Die andern luden ihnen das gesammelte Heu auf den Bauch und zogen die Ladung am Schwanz in den Bau. Daher hätten alte Murmeltiere im Herbst einen abgewetzten Rücken. Von dieser Fertigkeit berichtet Konrad Gessner. Er hat das bei Plinius Secundus abgeschrieben, und der wiederum hat es vom ersten Plinius, und der hats von einem Hirten, und dem Hirten hat ein Jäger diesen Murmelbären aufgebunden.
Moderne Murmeltiere beißen die Heuhalme ab, machen Büschel und legen diese zu einem Haufen zusammen. Wenn der Haufen ordentlich groß ist, sperren sie das Maul auf und packen mit den langen Nagezähnen das Heu wie mit einer Zange. Rechts und links ragt es wie ein Riesenschnurrbart aus dem Maul, und so trippeln sie in den Bau, bis man nur noch das Hinterteil sieht, dann noch den Schwanz, dann nichts mehr. Daher kommt es, dass die Murmeli von heute keinen abgewetzten Rücken mehr haben.
Manchmal knallt es, und der Wächter fällt um. Die Jäger schießen mit Vollmantelmunition auf den Kopf. Auf fünfzig Meter muss man etwa drei Fingerbreit unter den Scheitel zielen, damit man nicht überschießt.
Der Jäger geht hinüber und stellt die Wache wieder auf. Steht eine tote Wache dort, ist die Jagd viel einfacher, wenn die Murmeltiere wieder aus dem Bau auftauchen: Der Tod schlägt nicht Alarm.
Das Wiesel streckt den Kopf aus dem Schnee. Verschwindet. Taucht wieder auf. Im Fang eine Spitzmaus.
Ein Jäger legt sich im weißen Maler-Overall in den Schnee. Hat eine kalte Fata Morgana. Durch sein Gehirn blitzt folgendes:
«Eine weiße Gemse. So weit, so gut. Habe ich je eine gesehen? Hätte ich je eine sehen können? Werde ich je eine sehen? Sollte ich also eine gesehen haben? Oder darf ich damit rechnen, eine zu sehen? Auf dem Gletscher, wenn ich auf dem Gletscher eine Gemse aus Eis sehen würde, müsste ich sie schießen? Oder wäre ich fähig, näherzutreten und sie nur anzuschauen, statt sie in tausend Stücke zu schießen?
Ein Kronenhirsch! Donnerwetter!»
«Eine Gemse, ganz und gar weiß, Krucken weiß, alles weiß, muss ich nicht in meiner Trophäensammlung haben, entschieden nicht, und auch keinen Dachs mit Brille. Aber einen Kronenhirsch muss ich haben. Das wäre ja noch. Ein Kronenhirsch muss an die Wand, koste es, was es wolle. Meine ganze Männlichkeit hängt durch, wenn kein Kronenhirsch an der Wand hängt. Eine Wand ohne Kronenhirsch ist absurd. Ohne die Stangen dieses Stiers der Stiere mit ihren Sprossen und Enden ist meine Wand eine gehörnte Wand. Stier oder nicht Stier, das ist die Frage, daran entscheidet sich, wer ein Jäger ist, Teufelnochmal. Tiridi. Holdrio.»
Das Wiesel, zack, streckt den Kopf aus dem Schnee. Windet. Verschwindet.
Jäger und Steinbock haben mehr gemeinsam, als man denkt: Diesen farbigen Penis, die Neugier, das Imponiergehabe, die kleinen Ohren, die falschen Proportionen.
Steinböcke können nicht zählen. Wenn du zu zweit auf die Jagd gehst, und einer bleibt hinter einem Felsblock zurück, während der andere weitergeht, achtet der Steinbock nur noch auf jenen, den er sieht, streckt den Äser in die Höhe und fährt mit Wiederkäuen fort.
Im Falle der Zwillinge wars dasselbe bei den Jägern. Sie dachten, dass Settembrini nur einer sei. Settembrini sprach:
«Jäger können nicht zählen. Wenn du zu zweit auf die Jagd gehst, und einer bleibt hinter einem Strauch zurück, während der andere weitergeht und hinter einem Felsblock verschwindet, denkt der Jäger, Settembrini sei fort, streckt den Äser in die Höhe und fährt mit Wiederkäuen fort.»
«Der Wolf ist die größte Gefahr für den Menschen und seine Art: Er hat die Großmutter gefressen. Darum haben wir ihn ausgerottet. Und jetzt möchten diese ahnungslosen Grünen ihn wieder aussetzen mit seinen furchtbaren Zähnen und seinem Riesenmaul, in dem ich tutti quanti Platz hätte, samt Achttagebart, gerecktem Gewehr, Trunser Hosen und Herkules-Hosenträgern, bis zum letzten Schuhnagel. Teufelnochmal.»
«Der Bär war die zweitgrößte Gefahr für den Menschen und seine Art: Sein Hintern war zu dick. Sonst wäre er ein durch und durch echter Bündner gewesen: Gedrungen, breite Brust auf kurzen Beinen, mächtige Pranken, runder Kopf, kleine Ohren, flaches Hirn hinter fliehender Stirn. Aufs Haar ein Bündner. Heiliger Strohsack.»
«Der Fischotter wäre keine Gefahr gewesen. Aber er fraß alle Fische. Sonst wäre er schon recht gewesen, der Fischotter. Wenn er nur den gestiefelten Tagedieben mit ihren Ruten, Rollen, Leinen und Lägeln die Fische gelassen hätte.»
VIER
V DIE WILDTÖTER
«Schießen, das ist wie Billard.» Pause.
«Billard, könnte man meinen, sei eine harmlose Zerstreuung. Und doch denke ich, dass Billard manchmal, oder überhaupt, ähnlich hohe Konzentration erfordert. Es ist die Verschmelzung von Gedanke und Ausführung. Ein sehr erzieherisches Spiel. Selbstbeherrschung und Körperkontrolle und intelligentes Kombinieren, wie der Stoß zu führen sei, damit die Kugeln dahin rollen, wo sie sollen.»
Als mein Onkel erstmals eine Abschussliste in die Hand gedrückt bekam, als mein Onkel erstmals eine Abschussliste in die Hand gedrückt bekam, schluckte er nicht mal leer, bevor er in ein Zetermordio und Donnerwetter ausbrach gegen «dieses Chur mit seinen Doktoren und Inspektoren». Exakt dieselbe Szene wiederholte sich nun alljährlich Anfang September. Die Brille saß ihm zuvorderst auf der Nase, die Stirn war tief gefurcht, das Haar gesträubt. Formulare waren für meinen Onkel Gion Evangelist Silvester das große Grauen. Wenn er Formulare erblickte, strafften sich seine Hosen, seine Hosenträger, sein Nacken, seine Nase, seine Stimme. Er war zutiefst angewidert, wurde zur lächerlichen Gestalt. Mit der Brille, die auch ohne eine solche Aufregung nicht in sein Gesicht passte, sah er aus wie eine Giraffe in Hosen mit zurückgelegten Ohren. Stand da, wedelte mit dieser grünen Liste in der Luft herum und stampfte mit dem Fuß auf wie die Hammel, wenn sie wütend sind: «Ein Formular, in das der Jäger jeden Furz eintragen soll, mit genauer Zeit, Ort, Höhe über Meer, in welcher Stellung, von welcher Konsistenz. Je voller das Formular, desto besser der Jäger. Der Jäger als Bürolist, es ist zum Heulen», schnarrte mein Onkel und fuhr fort: «Und was machen sie in Chur mit den Formularen? Statistiken!» Pause.
«Aber das Schlimmste, das Allerschlimmste ist, dass alle brav und fügsam alles machen, was befohlen wird. Sofort. Noch vor dem Ausweiden. Arme Tröpfe!»
Leser, du magst erstaunt sein über die Art, wie mein Onkel hier den Bündner Mann charakterisiert. Sicher hättest du erwartet, dass der sich keinerlei Formularen füge. Lange war der Bündner Typ folgsam, unterwürfig und servil in allem, was Gesetze und Autoritäten betraf. Wenn in Chur ein neues Gesetz herauskam, wurde gepoltert, die Faust im Sack gemacht und gehorcht. Das ging so weit, dass man die Patrone umgekehrt ins Gewehr geschoben hätte, wenn es so im Gesetz gestanden hätte. Diese Unterwürfigkeit stammte noch aus der Zeit der Landvögte und Schlossherren, die man fürchtete wie Gott. Die Geschichten von den Bauernrevolten und erbrochenen Tyrannenburgen sind Märchen. Selbst nachdem die französischen Armeen die alte Ordnung gestürzt hatten, kommandierten ein paar wenige Familien den Kanton. Die Bündner sind erst in jüngster Zeit echte Revoluzzer geworden. Wenn Chur vor zwanzig Jahren die Löhne der Wildhüter gekürzt hätte, hätten die wie Hunde mit dem Schwanz gewedelt und versichert, dass sie ihre Amtspflichten weiterhin mit einer positiven Arbeitshaltung und hohem Qualitätsbewusstsein erfüllen würden, hätten Schuhe und Sohlen geleckt und die Sache akzeptiert. Heute würden die stracks auf die Barrikaden gehen, würden streiken, bis die Regierung nachgäbe, oder würden alle miteinander den Bettel hinschmeißen.
Wie auch immer, meinem armen Onkel wollte es einfach nicht in den Kopf, dass die Büroarbeit jedes einzelnen Jägers die Bündner Jagd gewaltig aufgewertet hatte. Und als man begann, mit Mobiltelefonen, GPS, Distanz-und Höhenmessern auf die Jagd zu gehen, wollte der eigensinnige Mann auch diesen Klimbim nicht begreifen. Aber er war schlauer geworden, lachte sich ein wenig in den Bart, genoss seine private Jagd, stellte seinem bevorzugten Wild nach und führte die Bürolaten hinters Licht.
«Ein Jäger», sprach mein Onkel, während er vor mir durchs Gebüsch ging und die Zweige festhielt, damit sie mir nicht um die Ohren schlugen, «ein Jäger braucht nicht viele Bücher über das Leben des Wildes, über Waffen und Munition gelesen zu haben.» Jäger sollten mit Lesen zurückhaltend sein. Zu viel Lektüre verderbe die Freude an der Jagd. Don Quijote, der findige Junker, sei Jäger gewesen, bevor er angefangen habe, gnadenlos Ritterromane zu verschlingen. Diese Folianten hätten ihm die Jagd verdorben. Mein Onkel empfahl als Jagdlektüre ein paar Biografien, aber nicht etwa die blutigen Viten der Heiligen. In der Jagdpraxis habe man es mehr als genug mit spritzendem Blut, krachenden Knochen und schlenkernden Gliedmassen zu tun. Ein Jäger, meinte mein Onkel, solle die «Berühmten Philosophen» des Diogenes Laertius lesen, ferner die «Meinungen des Tristram Shandy» und vielleicht noch «Leben und Meinungen des Dr. Samuel Johnson». Das seien zwar dicke Wälzer, hätten aber kurze Kapitel. Kurze Kapitel hätten lange Beine. Ich folgte meinem Onkel auf dem Fuß, um nicht die Zweige in die Schnauze zu bekommen – er vergaß jetzt, sie festzuhalten – und horchte staunend, wie der alte Jäger in den Erlen ausführte, was einem Weidmann zur Lektüre zieme. Im «Tristram Shandy» zum Beispiel könne man eine Menge lernen über Ballistik und Fortifikationsbau, über das Schießen und Pirschen; vor allem aber könne man Charakterstudien machen. Und Jagd sei Charaktersache.
Schreiben solle ein Jäger nie. Bloß nicht auf die Idee kommen, zu schreiben. Schreiben sei eine noch zweifelhaftere Angelegenheit als das Auskochen von Trophäen. Zum einen gebe es schon genügend Bücher, und zum andern erfahre man, wenn ein Jäger sich entschließe, über die Jagd zu schreiben, mehr über den Mann als über die Sache selbst. Diese sei auch viel zu simpel. Ein Jagdbuch sei nach zehn Seiten geschrieben, und den Rest müsste man mit Bildern füllen, um auf einen anständigen Umfang zu kommen.
Das waren die Theorien meines Onkels über das Lesen und Schreiben. Dann fügte er noch gewohnheitsmäßig, mit Falsettstimme und gerecktem Hals, hinzu: «Sollen wir ewig neue Bücher machen, wie die Apotheker neue Mixturen, immerfort umgießen aus einem Glas ins andere? Soll es uns auf ewig bestimmt sein, an Werk-und Feiertagen die Reliquien unserer Gelehrsamkeit vorzuzeigen, wie Mönche die Reliquien ihrer Heiligen – ohne nur ein einziges Wunder damit zu bewirken? Wer hat aus dem Menschen, dieser edlen, erhabenen Kreatur, diesem Ebenbild Gottes, einen solch schlaffohrigen Jammerlappen mit dem Verstand eines Aktuars gemacht?»
Eine Strophe aus dem Lied von Theodor von Castelberg, wie sie Barlichin in den Sinn gekommen war, als wir auf Runfoppa im Schafstall dem Fuchs passten, zusammengekauert auf einer lottrigen Bank, die immer zu kippen drohte, wenn er aufstand oder sich setzte. Alle fünfsechs Minuten ging er nämlich hinüber und spähte aus dem Fensterchen, das mit einem Kartoffelsack halb verhängt war, linste hinüber zum Pfahl, der beim Luder im Schnee stak. Tastete sich dann wieder zurück zur Bank und setzte sich. Im Stall wars schwarz wie im Bauch einer Kuh. Nach einem Weilchen hat er, eigenartig genug, dieses alte Lied aufgesagt, das ihm eingefallen war, während er dem Scharren und Stoßen der Schafe lauschte.
«Alte Schafe, man weiß, ach
machen dauernd sehr viel Krach.
Lärmen, blöken immerzu
fressen leer die Kripp’ im Nu.
Blöken stets mit vollem Maul
wie jene Weiber, ihr wisst schon
die jeden Tag am Brunnen stehn.»
Dann ist er jählings aufgestanden und hat wahrhaftig begonnen, wie von Sinnen zu tanzen, in wilder Lebensfreude herumzuhopsen:
«O Theodor, du Schwänzer
lässt hüpfen deine Tänzer.
Schlaue Füchse, schwarze Raben
sind alle scharf auf deine Gaben.
Sie müssen dir gehorchen
die Frösche und die Lurchen.
Gimpel, Gockel, allerhand
fällt herein auf deinen Tand.
Auch weise Eulen, Narren, Luder
fahren mit auf deinem Fuder.»
Die Schafe flüchteten in Panik von einer Stallecke in die andere. Plötzlich geht er zum Fensterchen, schiebt den Kartoffelsack zur Seite und erklärt zum Loch hinaus dem Pfahl, dass ihn der Fuchs mal könne, für diese Nacht sei Feierabend.
Stellt euch einen Onkel vor, geschliffen und gewitzt, den Kittel immer bis oben zugeknöpft.
Kittel bis oben zugeknöpft und immer den Hut auf dem Kopf, das kennzeichnet die echten Bündner und stammt noch – wie bereits erwähnt – aus der Zeit der Wölfe. Es brauchte viel, bis einer dieser echten Bündner sich an einem Ort so behaglich fühlte und einer Sache dermaßen traute, dass er den Kittel ausgezogen hätte – vom Hutabnehmen ganz zu schweigen. Die Erscheinung ohne Kittel gabs in der Regel nur während des Rasierens, und jene ohne Hut nur in der Kirche. Die Variante ohne Hut, Kittel und Bergschuhe gabs nur kurz vor dem Schlafengehen – aber dann war das Licht schon gelöscht. Selbst im Sarg lagen echte Bündner mit Kittel, Bergschuhen und Hut.
Stellt euch also einen geriebenen Onkel vor, bis oben zugeknöpft, aus der linken Kitteltasche gucken ein paar Patronen. Das Gesicht ein bisschen streng, wie jenes des Apostels Paulus. Das Haar nach hinten gekämmt. Helle Augen. Italienische Ohren, oben leicht behaart. Struppiger Bart. Die Stirn eigensinnig wie bei einem Pottwal, aber verdeckt vom breitkrempigen Schlapphut, der bei Regen bis auf die Schultern hängt. Enge Hosen. Wadenbinden, Ordonnanzschuhe. Schmaler Hintern, ungeeignet für Generalversammlungen.
Fassen wir diesen Onkel in einem Satz zusammen: Pottwal-Stirn und intelligent. Eine ausgesprochen seltene Kombination. Die Menschheit unterteilte er in zwei Kategorien: Jene, die draußen bleiben, wenn es regnet, und jene, die sofort ans Trockene wollen. Diese Marotte, um nichts in der Welt nass werden zu wollen, wenn es regnet, sei ein verhängnisvoller Tick mit schlimmen Folgen für die zivilisierte Welt. Er ersticke unsere letzten Instinkte, blockiere das natürliche Verhalten unzähliger Menschen, die, sobald ein paar Tropfen fielen, an nichts anderes mehr denken könnten, als unter einem Dach zu verschwinden. Giraudoux sage sogar, dass der Mensch dank des Regens zum aufrechten Gang gefunden habe: L´homme, cet animal qui se tient debout pour prendre moins de pluie et accrocher plus de médailles sur sa poitrine.
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