Czytaj książkę: «Die Wölfin»
Über dieses Buch
Sein Vater hat sich umgebracht, seine Mutter ist darob kalt geworden. Jetzt wächst «der Bub» bei den Grosseltern und der Urgrossmutter Onna Maria auf. Die Letztere wird seine starke Instanz. Mit dem einarmigen Grossvater Pieder Paul teilt er den Phantomschmerz, iPiedern der Suche nach anderen Menschen, denen etwas fehlt, nach Einarmigen und Einbeinigen, nach Prothesen, nach Vätern und Übervätern. Onna Maria spricht wenig, aber bestimmt, Paul viel, aber nur in Zitaten.
Leo Tuor zeichnet eine ungewöhnliche Persönlichkeitsbildung nach in einem ganz gewöhnlichen, katholischen Dorf zu einer Zeit, als Welten und Weltbilder noch geschlossen waren. Und so leicht seine Prosa ist, so wenig glättet sie diese kleine, exemplarische Welt voller Schrullen und Schratten, Enge und Grösse, Schabernack und Tiefe. Und fliessend fügen sich die Erinnerungen zu einer surselvischen Geschichte anhand von vier Generationen und zu einer Integration des erzählenden Ichs in seine genealogia.

Foto Ayşe Yavaş
Leo Tuor, geboren 1959, wuchs in Rabius und Disentis auf, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur in Zürich, Fribourg und Berlin. Neben der Surselver Trilogie mit «Giacumbert Nau», «Die Wölfin» und «Settembrini» sind im Limmat Verlag seine Erzählung «Cavrein» sowie die Geschichten- und Essaysammlung «Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee» lieferbar. Leo Tuors Werk wurde vielfach ausgezeichnet.
Peter Egloff, 1950 geboren, lebt als freier Journalist in Zürich und Sumvitg. Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zu Graubünden und zur Surselva, zuletzt «Der Bischof als Druide». Im Limmat Verlag ist «Die Kirche im Gletscher / La baselgia el glatscher» lieferbar. Seine Übersetzung von Leo Tuors «Giacumbert Nau» wurde vom Kanton Zürich mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet, die Übersetzung von «Settembrini» war für den Paul-Celan-Übersetzerpreis nominiert.
Leo Tuor
Die Wölfin
Aus dem Rätoromanischen von Peter Egloff
Limmat Verlag
Zürich
Ihr naht euch wieder,
schwankende Gestalten
Goethe
Seine Vorfahren stammten vom Wolf. Er war neun Jahre alt. In seinem Dorf gingen damals am Sonntag alle in die Kirche, zwei Männer ausgenommen. Der eine war ein Protestant, der andere ein Taugenichts. Das war Mutters Verdikt.
Was ist ein Protestant?, hatte der kleine Bruder gefragt.
Einer, der nicht in die Kirche geht.
Warum geht er nicht in die Kirche?
Weil er ein Protestant ist.
Die Frage hatte sich in die Antwort verbissen.
Dass seine Vorfahren vom Wolf stammten, ging Mutter nichts an.
Oria, die greise Stammmutter, liegt Nase zur Decke unter schweren Federbetten, schließt für lange Momente die Augen. Man sieht nur den Kopf im weißen Kissen. Und auf dem Kopf die weiße Spitzenhaube der Großmütter, die in den Märchen im Bett liegen.
Der Bub steht in der Tür, verdeckt ein Auge mit der Hand und kneift das andere zu, um besser fantasieren zu können. Er stellt sich vor, dort im Bett sei nur ein Kopf. Wenn er von dieser Vorstellung genug hat, stellt er sich eine vollständige Oria vor, aber mit dem Kopf einer Wölfin unter der Spitzenhaube. Dann wird Oria grün, ihre Nase wird lang und flach, bekommt etwas von einer riesigen Mundharmonika, und Zähnchen schauen seitlich heraus, als ob sie lachen würde.
Oria ist ein Krokodil mit Großmutterhaube.
Die Alte öffnet die Augen und fragt: Bub, was machst du?, und er erzählt, und sie zeigt sich vom Nachkommen beeindruckt.
Oria war keine Urgroßmutter, die von Rotkäppchen erzählte. Orias Wolf war die säugende Wölfin, die Wölfin von Rom.
Oria war ganz in Schwarz gekleidet, wenn sie auf war, und sie trug ein weißes Hemd und eine weiße Haube, wenn sie im Bett lag. Es gab die weiße Oria und die schwarze Oria.
Er spürt, wie sich sein Körper regt und dehnt, erwacht.
Warum interessiert er sich für seine Vorfahren? Ist es gut zu wissen, woher man kommt? Ist es trostlos zu wissen, wohin man kommen wird? Die schiere Verzweiflung wäre es für seinen Vater gewesen. Der war auf der Jagd schwer verletzt worden und hatte dabei seine Männlichkeit verloren, hatte das nie verwinden können und schließlich Gott und alle seine Heiligen in die Hölle verflucht, Schluss gemacht und eine Frau und fünf kleine Kinder hinterlassen.
Die Mutter war hart geworden. Sie hatte das lange Gesicht leidender Frauen bekommen, hatte dem Vater nie verzeihen können. Was sollte sie allein mit fünf Kindern anfangen? Funktioniert ein Mann so simpel?
Die Mutter hatte den Bub zur Großmutter von Vitg gegeben, Vaters Mutter. Alle sagten der Bub, weil er hieß wie sein Vater. Und dieser Name wurde in der Familie nicht mehr ausgesprochen.
Ansonsten war Großmutter nicht kompliziert. Sie war einfach da, vertrat und verkörperte die Vorfahren.
Immer wieder fragte die Großmutter von Cuoz: Welche Großmutter hast du lieber, die von Vitg oder die von Cuoz?
Er wand sich mit einem Trick aus der Schlinge: Alle beide!
«Von den Pflichten der Hebamme gegen Verunglückte und Scheintodte
Es kann sich wohl in jeder Gemeinde, so klein sie auch ist, der Fall ereignen, dass ein unglücklicher Mensch durch ungewöhnliche Ereignisse in Gefahr kommt, sein Leben zu verlieren, oder durch eine krankhafte Verwirrung seines Kopfes und Herzens sogar auf den Gedanken geräth, Hand an sein eigenes Leben zu legen. (…) Dem Erhenkten muss der Strick sofort abgeschnitten werden. (…) So einfach diese Regel auch scheinen mag, so häufig wird dagegen gefehlt; denn die lächerlichsten Vorurtheile verhindern oft die Rettung des Menschenlebens. Der Eine behauptet, der Verunglückte müsse so lange an dem Orte, wo er den scheinbaren Tod fand, liegen bleiben, bis die Gerichtspersonen ankommen, damit diese sich selbst überzeugen, auf welche Weise der Mensch ums Leben gekommen; der Andere glaubt gar, das Abschneiden des Stricks bei einem Erhenkten sei eine entehrende Handlung, sie sei die Gerechtsame eines gewissen Standes, welche sich mit der Beseitigung todter Tiere abgiebt. – Die von der Wichtigkeit ihres Standes und von dem Werthe eines Menschenlebens durchdrungene Hebamme denke anders. Wo es daher ihre schwachen weiblichen Kräfte erlauben, schreite sie (z. B. durch Abschneiden des Strickes) ohne Weiteres zu diesem Liebeswerke.»
Dr. Jos. Hermann Schmidt’s Hebammenbuch, Chur 1850
Warum nimmt einer, der seinem Leben ein Ende setzt, zuvor noch ein Bad und kämmt sich?
«Der Rota-Arm (von Ingenieur Meyer von den Rotawerken in Aachen) ist etwas leichter und gefälliger als der Jagenbergsche Arm. In seiner Beweglichkeit geht er über diejenige des menschlichen Armes erheblich hinaus ...»
Pieder Paul Tumera, mein Großvater, Turengia genannt, trug werktags den Arm mit Haken und an Sonn- und Feiertagen den Arm mit der schwarzen Lederhand. Es gab den Großvater mit Kralle und den Großvater aus Leder.
Als er geboren war, hatte der Großvater sich mächtig gefreut und den Kleinen gleich auf den Arm genommen. Was für ein Anblick – eine Prothese, die leise einen Säugling wiegte, und das winzige Köpfchen in der mächtigen verbliebenen Hand. Der Kleine schrie aus vollem Hals.
Das Leben ist banal. Deshalb muss man es variieren. Werde ein Meister der Variation, und wenn dir das nicht beschieden ist, so sei dein Leben zumindest kurz und dein Tod leicht.
Da hatte der Kleine erstmals die Stimme seines Vorfahren vernommen und zu lachen angefangen. Aber die Großmutter hatte gesagt, das sei die Kindergicht, auch Engelslachen genannt. So kleine Kinder könnten noch gar nicht lachen.
Der Großvater döst in der Sonne auf der Bank vor dem Haus. Ab und zu zieht er an seiner Pfeife, an deren Mundstück der Gummiring einer Bierflasche verhindert, dass sie den zahnlosen Kiefern entgleitet. Zwischendurch kommentiert er die Gemeindepolitik. Als sich die Sonne dem Horizont nähert, ist er in Bern angelangt, und wie sie untergeht, in Washington und Moskau.
Der Kleine thront wie ein Pascha in seinem Sitz, döst in der Sonne, zieht regelmäßig am Schnuller mit dem Ring. Hört von fern Großvaters Stimme, wie er mit halb aufgeknöpfter Weste ihnen beiden, zahnlos und kahl, die Politik der weiten Welt erklärt.
Großmutter war die Tochter eines anderen.
Deswegen brauchte sie sich nicht zu grämen. Außer ihrer Mutter wusste das niemand. Ihr Herrgott wusste es vermutlich auch, aber den schien es nicht groß zu beschäftigen, wer von wem sei. Er war ein Herrgott, der sich nicht in private Angelegenheiten einmischte. Ein Herrgott, der kein Waschweib zu sein schien.
Entscheidend war, dass die Leute von nichts wussten.
Kommts drauf an, woher man kommt? Die Leute wollen die Dinge an ihrem Platz wissen. Wenn die Leute wüssten, was in einem Dorf so alles geht und läuft, wüssten, wer tatsächlich von wem ist, wüssten, wer wie viel hat!
Die Leute, das ist eine Nase auf zwei Beinen. Diese Nase ist überall. Sie geht durch die Straßen wie der Pikenträger an der Landsgemeinde, benimmt sich wie der Pikenträger, ist angezogen wie der Pikenträger, hat einen Dreispitz auf wie dieser, mit einer Ecke nach vorn und zwei nach den Seiten, und hintendran gerade. Die Nase verbeugt sich tief nach vorn und hinten. Bis zum Boden.
Die Mutter war ein Problem. Sie war stillgestanden. Hatte die Gefühle verloren. War verfangen in der Missetat ihres Mannes, welche sie nicht mehr losließ. Und konnte nicht über dieses Grauen sprechen. Das Schweigen ist ein Kleister, der die Seele ans Fleisch pappt. Die Mutter war ein Gesicht, das sich nur noch in die Länge zog. Ihre Hand verdorrte. Der Bub wünschte aus ihrer Hand lesen zu können, wie alt sie würde. Sie ist steinalt geworden.
Die Mutter war ein kalter Specksteinofen.
«Ho, ho, ich meint’ in blondem Haar zu wühlen und muss nun hier zwei wüste Hörner fühlen.»
Gebhard Stuppaun, Die zehn Lebensalter, Ardez 1564
Alle, die ihm mit der Hand über den Kopf gestrichen hatten, waren erschrocken und verstummt. Da wuchs einer heran, nahm Tag für Tag an Größe und Weisheit zu und bekam Hörner.
Nach diesen Worten nahm der Großvater die Brille von der Nase und erhob sich feierlich. Wurde vom Erzähler zum Moses, der soeben am Fuß des Berges die Gesetzestafeln zerschmettert hatte.
Er hatte, in Pantoffeln, etwas sehr Wichtiges gesagt.
Als wir klein waren, durften wir den Fernsehapparat nicht anrühren, geschweige denn Knöpfe drücken oder gar drehen.
Hände weg vom Parat, sagte Großvater, halb zum Spaß, halb im Ernst. Die Abkürzung gefiel ihm. Er machte banale Verse und sagte sie her, wann immer ihm die Kiste in den Sinn kam:
Darf er nicht an den Parat
wird der Bub gleich rabiat.
Vom Parat herunter schaute mit entschlossener Miene die Büste eines Bruder Klaus aus gelblichbraunem Holz mit langem, bärtigem Asketenschädel. Etwa ab der Stelle, wo der Bub zu jener Zeit das Herz des Menschen vermutete, war der Rest des Körpers abgeschnitten. Um sich nicht einen entzweigesägten Körper vorstellen zu müssen, redete er sich ein, der Rest des Körpers stecke im Parat, aber die Arme waren halt doch verstümmelt. Diese Figur, wie sie so schaute und schaute, hatte etwas Beunruhigendes.
Rechts vom Heiligen bewahrte Großvater seinen Feldstecher auf. Finger weg vom Feldstecher. Finger weg vom Parat.
In jenen Jahren, da die Großmütter Kinder kriegten, gab es Piusse und Pias am laufenden Meter. (Der weibliche Pius ist die Pia, nicht die Piua. Piua nannte Großvater die einzige Kuh des Pius, bei welcher ein Horn ziegenartig nach hinten zeigte, das andere geradeaus nach vorn.)
In hellen Scharen waren die Kinder nach den beiden Päpsten Pius XI. und Pius XII. getauft worden, die aufeinander gefolgt waren. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts hatte es einen Pius gegeben, und etwa um die Mitte des vorhergehenden Jahrhunderts hatten ebenfalls drei Piusse regiert.
Die Piusse hatten aufgeräumt. Einer hatte dem Jesuitenorden wieder auf die Beine geholfen, einer hatte in Sachen unbefleckte Muttergottes sauberen Tisch gemacht und der Welt weisgemacht, dass der Papst unfehlbar sei. Einer hatte den Modernismus bekämpft und war vom übernächsten Pius heilig gesprochen worden. Pius XI. hatte knüppeldick Enzykliken zu Ehe und Erziehung herausgegeben, hatte dem Kommunismus den Tarif erklärt und sich von der Ökumene distanziert. Der letzte Pius war ein Monarch gewesen, runde Brille, gläserner Blick, hatte weiterhin den Kommunismus gepiesackt und verkündet, «nachdem Wir nun immer wieder inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben», dass es eine von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit sei, «dass die unbefleckte, immer jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden ist», um dann sofort auf die Konsequenzen zu sprechen zu kommen: «Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.» Das war jene Ankündigung vom ersten elften neunzehnhundertundfünfzig.
Er hat ein Problem, hatte Oria kommentiert.
Großmutter hatte an die Wand gleich unter die Kuckucksuhr einen Pius XII. gehängt, wie man ihn im Dorf von Tür zu Tür verkaufte. Er posierte in einem Oval aus Bronzeguss, welches wiederum auf einen Rhombus aus lackiertem Tannenholz geklebt war. Ein Pius im Profil, das Käppchen auf dem Hinterkopf, die Lippen schmal. Der Bub stellte sich vor, dass der Papst nie rennen konnte, ja nicht einmal mit dem Kopf nach hinten lehnen durfte oder sich nach vorne beugen und zwischen den Beinen hindurch die Welt hinter sich umgekehrt betrachten konnte, weil er sonst jedes Mal sein Käppi verloren hätte. Was für ein Leben musste das sein.
Später war dem Bub in Vaters Knaur, dessen Rücken ganz zerfranst war vom vielen Herausziehen aus dem Regal, etwas aufgefallen. Die Fotografie des gleichen Pius fand sich da neben dem Bild des Francisco Pizarro, Marqués de los Charcas y de los Atabillos. Beide hatten dieselben Augen und denselben Mund und dieselben glatten Wangen. Der eine mit Bart und Helm und Federn und Flaum, der andere mit Käppchen und bartlos und mit derselben Physiognomie aus Stahl.
Wer hatte auf seinen Vater geschossen in den Bleisas Verdas? Wie lange hatte der Schuss in den Felsen widerhallt? Hatte der Räuber den Schuss gehört? Hatte der Vater den Schuss gehört, das Feuer im Elsass gesehen? Wie ist es, wenn eine 270er-Kugel in den Körper dringt, das Fleisch zerfetzt? Wie sieht ein Finger aus, der sich ohne Zittern zum Schuss auf einen Menschen krümmt?
Dein Vater hatte il rir homeric, das homerische Lachen. Der Bub dachte an America.
Dein Vater hatte das Lachen, das nicht unterdrückt werden kann. Das rohe Lachen der alten Götter, das gnadenlos in den Schattenwänden des Kaukasus donnerte. Bei Rabelais wird noch so laut und öffentlich gelacht, im Don Quijote noch laut. Ab dem achtzehnten Jahrhundert wird das Lachen besänftigt. Jetzt ist das Lachen entwischt.
Dein Vater gehörte zur Alten Welt.
Für ihn ist es besser so, sagten sie zur Mutter, weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten.
Pieder Paul Tumera, genannt Turengia, war sich nicht so sicher, dass es für den Toten so besser sei. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass sein Armstumpf ihn in bösen Momenten bis in die Fingerspitzen hinaus schmerzte. Schlimmste der Möglichkeiten war also, dass der Leib vergangen sein mochte, die Hölle aber blieb. So spekulierte Großvater – ha! – wie Ahab, der wider die dunklen Mächte gewettert hatte: «Und wenn mich mein zermalmtes Bein immer noch schmerzt, wo es sich doch längst in ein Nichts aufgelöst hat, wäre es da so ganz undenkbar, Mensch, dass du die Glut ewiger Höllenpein spürst, ganz ohne Körper? Ha!»
«In Ansehung der Kleidung soll die Gebährende leicht gekleidet und nirgends gebunden, oder beschwert seyn, auch das Tragende leicht gewechselt werden können.»
Leitfaden zum Unterricht für Hebammen und ihre Lehrer, 1807
Er wollte sich nicht mit dem Kopf nach unten drehen. Sein erster Protest. Umsonst, die Geburt ließ sich nicht verzögern.
Es war eine Überschwemmung. Rauschen, gurgeln, strömen, ein Dröhnen in den Ohren. Herausgerissen werden aus dem Mutterschoß. Der schmale Weg durch den Geburtskanal hinaus ins Neue, das sich öffnet. So also war die große Welt, die sich ihm Wehe um Wehe aufgenötigt hatte: hell, hart, kalt.
Und er war ein Bub, und das Runde musste gerade werden, der Kreis zur Linie.
«Die Kindbetterin, dem Bösen besonders ausgesetzt, soll nicht ins Freie gehen, bevor sie in der Kirche war», hatte der Schwarzrock damals gesagt. «Oder nur mit Schirm oder mit einer Schindel auf dem Kopf, oder verkleidet, damit man sie nicht erkennt, wenn sie vorher unbedingt ins Freie muss», ergänzte Großvater, der die Regeln auch in ihren Varianten kannte.
Hatte der Schwarzrock, wie sie den Pfarrer nannte, zu Oria gesagt. Sie war Mutter geworden, war des Schwarzrocks unendlich langer Knopfreihe zuvor noch nie so nah gewesen und stellte sich vor, wie es wäre, wenn der Wanst des Mannes im Talar vor ihr sich noch mehr blähte, sodass die breite Schärpe um seinen Leib schließlich platzen und die winzigen Knöpfe einer nach dem andern – pingpingping – vom Bauch wegspringen würden. Und der Schwarzrock war ein Dicksack, und der Dicksack ein Einflüsterer, der über sie hinmurmelte, auf dass der böse Feind ihr nicht schaden könne, «nihil proficiat inimicus in ea.»
Die Benediktiner, seine Lehrer, wollten nicht allzu viel bemerken. Uneinnehmbare Festungen waren sie, seine Lehrer. Es war die Zeit des Totalunterrichts. Das ist eine schwarze Tafel an der Wand, ein Lehrer in einer weißen Arbeitsschürze hinter einem Pult, eine Büchermauer auf dem Pult, dahinter die Bänke mit je zwei Schülern. Die Streber zuvorderst, Gesindel und Giraffen ganz hinten. Die Duckmäuser an den Seiten. In den Bänken hat er gelernt, ruhig zu sein, das zu sagen, was sie hören wollten. Sie wollten ab der ersten Klasse hören, dass man nicht für den Lehrer zur Schule gehe, dass die Strafe auf dem Fuß folge, dass der Krug zum Brunnen gehe. Stopp. Ein gehender Krug, das interessierte ihn. Ein Krug mit Vogelbeinen und vielleicht auch mit Flügeln. Hatte er eine Kappe auf? Der Krug hatte eine Kappe auf. Und schon war er in einer andern Welt als der des dahindozierenden Lehrers.
In der Schule hat er gelernt, so zu tun, als ob er dem Lehrer zuhöre, während sein Kopf woanders war, zum Beispiel bei der Geschichte vom Krug, der ging und noch viel mehr konnte als das. Diese Technik des vorgetäuschten Zuhörens bei gleichzeitigem Träumen hat sein Hirn geschult. Er lernte so, zwei Dinge zugleich zu tun: an seiner eigenen Geschichte zu spinnen und dabei doch dem Lehrer zuzuhören, um die gewünschte Antwort geben zu können und nicht aufzufallen.
Es gab zu jener Zeit viele Schulen: den Kindergarten mit der Tante, die zeigte, wie man sang und betete, dann die Schule, wo man lesen, schreiben und rechnen lernte, dann die Sekundarschule der Großen, die schrecklich lang waren, eine picklige Haut und einen viel zu großen Kehlkopf hatten und halb erwachsen rochen, und dann noch die Schule des Lebens. Von dieser erzählte der Lehrer am meisten. Sie werde jenen den Kopf zurechtrücken, denen der Lehrer die Hörner nicht genügend habe abstoßen können.
Großvater hatte etwas anderes gesagt. Die Schule des Lebens sei ein Kindergarten. Das habe ich erst mit vierzig begriffen.
Die Mädchen rochen in den ersten Klassen noch wie wir. Nicht besser, nicht schlechter, und ihr Atem war derselbe. Das sollte sich ändern, gründlich.
Eine Stubenecke war mit Heiligenbildern voll gehängt. Über dem Kanapee schaute ein großer heiliger Josef von der Wand. Der Bub stellte sich vor, dass er die Augen rolle. Manchmal sah man das Weiße, manchmal streckte er auch die Zunge heraus, aber nur wenn Großmutter ihm den Rücken gekehrt hatte. Manchmal hatte er auch ein Blümchen im Mundwinkel. Er krampfte wie ein Kuli, war über die Maßen solid. Wenn es sein musste, konnte er sich auch beeilen. Das hätte man ihm eigentlich gar nicht zugetraut. Schwupps den Esel und seine Siebensachen und die Muttergottes und den Herrgott nehmen und nach Ägypten verschwinden.
Tscholi oder Held, Handlanger oder Ziehvater, dieser Heilige hat ihn immer beschäftigt. Fast noch mehr als jener, den sie an den Marterpfahl gebunden und über und über mit Pfeilen gespickt hatten, als ob er unter die Indianer gefallen wäre.
Wenn sie als Knirpse Verstecken spielten, schloss er fest die Augen, und keiner konnte ihn sehen. Dann haben sie ihm diesen Glauben genommen.
Jeglichen Glauben haben sie ihm genommen: das Christkind, den Nikolaus, den Hasen, den Aberglauben und den richtigen. Haben deutlich gemacht, dass es nur den einen gebe: den Glauben ans Geld, der sie umtreibt wie die dicken Fliegen um die Lampe.
Eines Tages hieß es, der Pfarrer sei Kanonikus geworden. Was das genau ist, weiß ich bis heute nicht. Großvater sagte, das habe etwas mit der Postur zu tun, vor allem mit dem Nacken, und quittierte die Nachricht mit dem Reim:
«Kanonikus Kanaster
stiehlt Maudimutz den Zaster.»
Das trug ihm einen wenig freundlichen Seitenblick von Großmutter ein. Da begann Großvater des Langen und Breiten zu dozieren über Kanoniker und Kanoniere, Kanonisten und Kanonissen, bis wir nicht mehr wussten, wo uns der Kopf stand. Großvater war ein großer Freund der Wörter und wusste, woher sie kamen. Er sagte, die Wurzel all dieser Wörter sei babylonisch, und schüttelte dann allein für das Wort Kanon dreizehn verschiedene Bedeutungen aus dem Ärmel, bis Großmutter Hör auf! sagte, worauf er seine Ausführungen mit dem Wort Kanone beendete, das er von canna, Spazierstock aus Meerrohr, herleitete, sodass er auf seinem tour d’horizon, wie immer, bei einer seiner bevorzugten Gerätschaften angelangt war: bei einem Ding mit einer Krümmung.
«Eins, zwei, drei
das Huhn sitzt auf dem Ei.»
Was war zuerst, das Ei oder das Huhn?, wollte Großvater wissen, während er mit zwei Eiern in der Hand aus dem Hühnerstall trat und sein Schnauz sich hin und her bewegte. Am einen Ei klebte ein Endchen Stroh, und in seinem Mundwinkel klebte ein Zentimeter erloschene Toscani. Man musste gut hinschauen, um sie zu sehen.
Am Anfang war das Wort, il vierv, hatte es im Religionsunterricht geheißen. Also muss das Ei, igl iev, vor dem Huhn da gewesen sein, denn vierv und iev klingen gleich, machte sich der Bub seine Gedanken. Aber es kam drauf an, ob man im Hühnerstall war oder im Religionsunterricht oder sonstwo.
Am Anfang des Lesebuches war der Gnom. Er hielt eine Tafel, die mit Blättern und Blumen umkränzt war – wie jene, die am Musikfest am Eingang und am Ausgang des Dorfes über der Straße hingen. Der Gnom trug einen schwarzen Mantel und auf dem Kopf einen Riesenhut. Darunter hingen die Haare weit über die Ohren, und der Bart, den er mit der Faust unter dem Kinn zusammenhielt, war so lang wie der Mantel. Er hatte eine runde Brille auf, die Augen waren zwei kleine Knöpfe. Er war etwas zwischen Sankt Nikolaus und einem Dompteur. Die rechte Hand bedeutete einem, still zu sein, der Zeigefinger war mahnend erhoben. Unterm linken Arm war der Stock bereit, und auf der Tafel stand blau geschrieben, was er gesagt hätte, wenn er aus dem Buch gestiegen wäre:
«Kleiner Knirps, nimm dich in acht,
behandle nicht das Büchlein schlecht!
Machst du ihm Ohren, Risse, Flecken,
musst du fürchten meinen Stecken.»
Am Anfang des Lesens war die Drohung.
Der Schwarzrock hatte den Kindern verboten, ohne Grund durch den Friedhof zu gehen, nur weil es die Abkürzung war auf dem Weg in den Dorfladen. Er wolle ab sofort keinen mehr erwischen. Und die Gittertore seien geschlossen zu halten, damit keine Hunde hineingingen.
Er fürchtete den Herrn Kanonikus. Von da an nahm er nur noch zusammen mit Großvater und Großmutter die Abkürzung durch den Friedhof. Die Großen, so hatte er festgestellt, machten nicht immer, was der Schwarzrock sagte. Jedes Mal schaute er zum Christophorus hinauf, der groß wie ein Ochse neben dem Portal an die Kirchturmmauer gemalt war. Jedes Mal, wenn man durch den Friedhof ging, musste man an ihm vorbei. Jedes Mal bekreuzigte sich Großmutter und sagte leise ein Gebet. Jedes Mal fuchtelte Großvater in der Luft herum und deklamierte laut:
«Heiliger Stoffel groß und fest,
Hat getragen Jesum Christ.
Peter Paule fest und groß,
Hat getragen Holz fürs Floß.»
Der Bub schaute auf die Riesenfüße des Christiefel, wie Großvater den Riesen mitunter auch nannte, kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen, schaute höher und höher, sah, wie sich der Kopf in einen Hundekopf verwandelte, nicht böse, nur schräg und irgendwie vertraut. Erblickte plötzlich den Kynokephalus.
Der Kynokephalus ist nicht zu verwechseln mit dem Kephalophoren. Der eine ist ein Hundeköpfiger, und der andere ist der Kopfträger, dozierte Großvater, der in der Ikonografie der Heiligen um einiges besser Bescheid wusste als der Pfarrer. Und wenn niemand mehr folgen konnte, sagte er, dass er ‹ad usum delfini› und ‹in maiorem dei gloriam› zusammenfasse: Der eine ist Sankt Christophorus, und der andere ist Sankt Plazi.
Und die Leute schauten einander dümmlich an und nickten bestätigend.
Die Asylanten sind eine Brut, sagte Onkel Blau, beziehen jeden Monat eine schöne Stange Geld vom Staat. Während viele Schweizer Familien mehr schlecht als recht durchkommen, halten die den ganzen Tag Maulaffen feil, spazieren mit teuren Lederjacken herum. Wir könnten uns so etwas nicht leisten. Im Mercedes fahren sie herum, betrügen die Leute, bringen Schweizer um. Ich werde halb verrückt, wenn ich durch Chur gehe. Man sieht fast nur noch solche Typen.
Der Großvater bewegte den Schnauz hin und her, zwinkerte dem Bub zu und pfiff: «Cur che jeu tras Cuera mavel ...»
Es war die Zeit der kurzen Haare, und nur wenige Privilegierte durften mit Erlaubnis der Eltern so aussehen wie die Beatles.
Der Bub steht in der Tür, klingeling, der Vater hats befohlen. Der Frisör sagt aaaalsodann, nimmt ein quadratisches Lederkissen aus einem Wandkasten, haut das steife Stück mit der Faust in den Sessel, damit der Bub hoch genug zu sitzen kommt. Der Frisör hebt ihn in den Sessel. Mit seiner Sandale pumpt er einen Hebel, der aussieht wie das Startpedal an einem Töff. Der Sessel hebt sich. Der Frisör macht jedes Mal dieselben Sprüche, er ist gleichzeitig auch ein Kiosk, klingeling, sagt, er sei gleich wieder da, verschwindet durch den Vorhang, verkauft ein Päckli Stella Filter und eine Rolle Pfefferminz, schwatzt eine Ewigkeit, klingeling, kommt durch den Vorhang, sagt aaaalsodann, heißt ihn den Kopf nach vorne beugen, bindet ihm den langen Frisörslatz um – der Bub hat jetzt keine Arme mehr und ist dafür breiter geworden –, reisst glattes Papier von einer Rolle hinter dem Stuhl und schiebt ihm das steife Zeug zwischen Hals und Kragen. Der Frisör geht hinüber und blickt durchs Schaufenster auf die Straße hinaus.
Srrr fuhr die Maschine, am Anfang noch kalt, gnadenlos den Nacken hoch durchs Haar, fräste, au, eine verschorfte Stelle weg – tu nicht so zimperlich! –, fuhr weiter und machte ihre Arbeit so lange, bis am Schluss alles, was du hattest, am Boden lag. Dort wurdest du zu einem Häufchen gewischt, zahltest einsfünfzig und ergriffst die Flucht, nackt, verraten, dem Gelächter der andern ausgeliefert. Das waren die Momente, wo ich ein Mädchen hätte sein wollen.
Schulbänke sind Joche, die immer zwei und zwei zusammenhalten. Kirchenbänke sind Joche, die immer zehn und zehn zusammenhalten. Reihe um Reihe, und wenn man einmal in der Reihe sitzt, gibt es weder Hin noch Her noch Ein noch Aus. Reihen, Pferche, und man konzentriert sich auf Gott den Allmächtigen. Aber die Bänke knarren. Das ist der Teufel, der in ihnen steckt.
Wer ist Gott? Ein Patriarch mit weißem Bart, den man immer nur sitzend erblickt hat. Blaue Augen. Ein weißer Großvater mit menschlichen Zügen.
Sein geheimer Gott hatte ein anderes Ebenbild. Geheim deshalb, weil er niemandem sagen durfte, wie der aussah: Hundeohren, also zweifellos ein Ägypter. Er hat das seine ganze Kindheit lang für sich behalten müssen. Der Pfarrer hätte das nicht begriffen. Das wäre für den zu viel gewesen. Der hätte ihn am Kragen gepackt und seinen Kopf fünfmal, zehnmal auf die Bank geknallt, bis er aus der Nase geblutet hätte. Hätte ihn geohrfeigt, bis er erledigt in einer Ecke gelegen wäre. Hätte ihm mit dem Evangelienbuch eins über den Kopf gezogen, dass er wie ein Sack zu Boden gegangen wäre. Hätte ihn – Herr, gib mir Flügel! – an den Ohren hochgehoben und schreien lassen wie am Spieß. Aber das Schlimmste wäre gewesen, dass er ihn die Geschichte gar nicht hätte zu Ende erzählen lassen. Die Erwachsenen hören nicht bis am Schluss zu. Sie verpassen die vollständigen Geschichten.
Harrrjesssas war der Ausdruck, den Großvater am häufigsten brauchte. Der Lehrer hatte behauptet, dass es keine Wörter gebe mit dreimal demselben Buchstaben hintereinander. Und da hatte der Bub Großvaters Beispiel, das er jeden Tag hörte, mit sogar zweimal drei Buchstaben hintereinander. Die korrigierte Schreibweise des Lehrers, Herr Jesus, war absurd. Von da weg war die Schule für den Enkel ein Saftladen. Waren Lehrer solche Hosenscheißer, dass es für sie keinen Harrrjesssas geben durfte, nur weil das Wort nicht im Wörterbuch stand?
Überhaupt, das Wörterbuch. Es war in der Schule die absolute Autorität. Es fixierte die Wörter, da gab es nichts zu markten. Die Wörter waren darin festgenagelt, so und nicht anders musste man sie schreiben. Der Lehrer hielt zum Wörterbuch, hörte nicht auf uns. Und das Wörterbuch hielt zum Lehrer. Es war eine heilige Allianz. Das Wörterbuch nannten wir nur voc und den Lehrer scoli. Denn da pflegten wir gerade den Spleen, alles abzukürzen. So wie es eine Phase gab, wo wir über ganze Seiten hin unsere Unterschriften trainierten, und eine Phase, wo wir uns die Namen unserer Idole auf die Arme malten. Und der scoli war das voc und das voc der scoli. Das war uns einerlei, gegen diesen Filz hatten wir ohnehin keine Chance. Unsere Diktate kamen über und über rot zurück. Der scoli, völlig verstört, vertrug in diesen Momenten keinen Pieps, sorgte mit dem voc für Disziplin, wenn dieses – harrrjesssas – mit flatternden Seiten quer durch die Schulstube dem Nachkommen in die Fresse flog.
Alle hatten einen Übernamen in unserer Gemeinde. Großvater war der Harje. Ich weiß nicht, ob er es wusste. Es hätte ihm wehgetan. Es tat auch mir weh. Sie sagten nicht Großvaters Harrrjesssas, das wohltönende, das einmal Verwunderung ausdrückte, ein andermal eine Klage war und dann wieder das Pünktchen auf dem i – ganz je nachdem, wann und wo Großvater es brauchte. Sie sagten ein kurzes, trockenes Harje, begleitet von einem boshaften Grinsen, das für Sekunden in einem Mundwinkel hängen blieb.
Mitunter sagten sie die Übernamen nur, um sie auszusprechen, besonders wenn sie noch neu waren, und sie sagten sie nur, wenn die Betreffenden nicht da waren. Es gab Leute mit zwei oder drei Übernamen.
Sie blühte in unserer Gemeinde, die Kultur der Übernamen. Da waren viele Tiere Afrikas unterwegs und fast alle Karten aus dem Tarockspiel. Maribarla Safoia: die Päpstin; Clau Spinas: die Kuh; Landammann Castelbert: Becher-König; Giacun Ten: das Huhn. Barlamengia Baronchelli war die Rakete, weil man sie immer nur in Eile sah. Giacasep Castrischer war der Beschtziit, seit er das Clubrennen am Ziel kommentiert und immer wieder dieses Wort ins Megafon gebrüllt hatte. Den Dumeni Calaberg nannten zuerst die Buben, später auch die Erwachsenen nur noch Dumeni Deckel, weil er den Buben immerzu sagte: Wenn ihr damit nicht aufhört, gibt’s eins auf den Deckel. Fanezi Talianer war der Maggagliini, seit er seinen Hund auf die Alp gegeben und zum Hirten gesagt hatte: Und wenn er magga Gliini, du sslaga tot!
Ganze Familien kannte man nur noch beim Übernamen, es war eine Pest, und man musste überlegen, wer nun gemeint sei, wenn einmal ein Fremder sich erkundigte, wo der und der wohne, und dabei den richtigen Namen nannte. Unsere Sippe wurde die Harjes genannt, dann gab es die Hopsis, die Hüschthotts, die Jokaschtänka, die Kannalles und viele mehr, und immer wieder gab es neue Namen und kuriose Erfindungen ohne Ende und Erbarmen.
In der Scheune gab es nur Gerümpel: Einen Wisch altes Heu, Holzkisten und kaputte Körbe, die wir zu einer Hütte zusammengebastelt hatten, altes Werkzeug, Dachziegel – zehn verschiedene Sorten, eine Anzahl alter Sprossenfenster, aneinander gelehnt und alle mit einem Loch in der obersten Scheibe rechts, seit Dumeni (den Onkel Blau nur Demuni nannte) mit dem Flobert eine .22 Standard durch die Reihe gejagt hatte, ferner alte Pflüge, Eggen, Feldgerät. Was davon wertvoll gewesen war, hatten sie dem Cadusch in den siebziger Jahren halb umsonst gegeben. Der Kessler hatte die Hunderter auf den Tisch gelegt, schon bevor der Handel abgeschlossen war, und da hatten sie gedacht, es sei wer weiß wie viel. Dann gab’s da noch zwei Beigen Bretter, Spinnweben, Heublumenstaub, Vogelnester im Gebälk, Mäusenester unterm Tenn.
Am Scheunentor hing ein Vorhängeschloss.
Sakkerment Buben!, machte Onkel Blau, früher hätte man so was einmal versuchen sollen. Ihr könnt etwas erleben, wenn ich nochmals einen sehe, der die Scheunenwand hochklettert. Und das Gebiss stand ihm ein wenig vom Gaumen ab, sodass er aussah wie ein kranker Tiger mit einer Schublade in der Schnauze.
In der Scheune spielten wir Tomsoier und Hackelberifin, mit den Mädchen Blindekuh und sonst noch allerlei, und vor der Scheune rumpelte Onkel Blau sein Sakkerment. Denn in die Scheune kam er nicht mehr, seit er einmal den Dumeni hatte packen wollen, dieser auf die Tennreite geflüchtet war, Onkel Blau wütend hinterher, der Knirps hob flugs zwei Ziegel hoch und war hopp! ab durch die Latten auf dem Dach. Blau musste zwei weitere Ziegel wegnehmen, um folgen zu können, dachte schon, jetzt habe er diesen Lump. Der Lump aber stand zuunterst an der Traufe und – Wenn du herunterkommst, spring ich.
Das war dem Onkel Blau doch in die Knochen gefahren, sakkerment. Ein letztes – Wart, wenn ich dich kriege! – und dann Abgang durch die Ziegel und hinunter aufs Tenn und zur Scheune hinaus, von oben bis unten verdreckt.
Einmaleins rückwärts
man hat einen Vater und eine Mutter
man hat zwei Großväter und zwei Großmütter
man hat vier Urgroßväter und vier Urgroßmütter
man hat acht Ururgroßväter und acht Ururgroßmütter
man hat sechzehn Urururgroßväter und sechzehn
Urururgroßmütter
man hat zweiunddreißig
vierundsechzig
Was die Deutschsprachigen Stammbaum nennen und wir stemma oder genealogia, ist ein Eichenwald, sagte in bedeutungsschwerem Ton Onkel Riget, Bruder der Großmutter väterlicherseits. Und er fuhr mit dem Gedächtnis eines Elefanten fort:
Einer deiner zweiunddreißig Ururururgroßväter, der Urgroßvater deiner Urgroßmutter, Mutter von Großmutter Fina, Crest Adalbert Genelin, geboren am 1.12.1730, war Landeshauptmann gewesen. Er war verheiratet mit Maria Baselgia, geboren am 16.9.1735, von Sumvitg. Sie hatten zwei Söhne und drei Töchter: Giachen Antoni, Maria Amarita, Maria Madleina und Bistgaun Andriu. Die Familie deiner Ururururgroßmutter Baselgia war in Laus-Sumvitg sehr begütert. Bistgaun Andriu, dein Urururgroßvater, wurde am 18.4.1814 mit Barla Turtè Faller von Sumvitg getraut. Dein Urururgroßvater ließ sich also in Laus nieder, um dort die Güter seiner Mutter zu bestellen. Die Eheleute Genelin-Faller hatten drei Kinder: Maria Margreta, Maria Barla Catrina und Giachen Adalbert. Giachen Adalbert ist der Vater deiner Urgroßmutter. Maria Margreta, geboren am 5.3.1815, ist am am 28.8.1841 ins Kloster St. Johann in Müstair eingetreten und hat die heilige Profess am 10.8.1843 abgelegt. Sie lebte im Kloster unter dem Namen Maria Ignazia und starb in Müstair am 24.7.1867. Die zweite Schwester deines Ururgroßvaters, Maria Barla Catrina Genelin, war mit Giusep Mattias Violand von Sumvitg in Cumpadials verheiratet. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn: Giulia, Giusep und Paula. Giulia war die Patin deiner Urgroßmutter und ist in Valdauna gestorben. Giusep war in Cumpadials verheiratet und hatte eine große Familie. Landammann Violand war ein Sohn von diesem Giusep. Paula, die zweite Tochter, hatte Emanuel Schmid de Grüneck in Bubretsch-Surrein geheiratet. Er war der Bruder des späteren Bischofs von Chur. Onkel Emanuel war der Pate meiner Schwester Josefina.
Was die Deutschsprachigen ‹Rätoromanen› nennen und wir ils Romontschs, ist ein Zoo, sagte Großvater mit gewichtiger Stimme, als ob er die Weisheit mit dem großen Löffel aus einem mächtigen Kessel geschöpft hätte. Vater!, sagte Großmutter mit einem drohenden Blick. Aber mein Großvater fuhr fort: «Ich sage immer, lieber neu-gotisch als romanisch-depressiv.»
Er hatte sich die Hosen aus Trunser Tuch bis fast unter die Achseln hochgezogen, und das gab den Buben das Gefühl, im Zirkus zu sein.
«Kajin erkannte sein Weib, sie wurde schwanger und gebar den Chanoch. Er aber wurde Erbauer einer Stadt und rief den Namen der Stadt nach seines Sohnes Namen Chanoch.
Dem Chanoch wurde Irad geboren, Irad zeugte Mechujael, Mechujael erzeugte Metuschael, Metuschael zeugte Lamech.
Lamech nahm sich zwei Weiber, der Name der einen war Ada, der Name der zweiten Zilla. Ada gebar den Jabal, der wurde Vater der Besitzer von Zelt und Herde. Der Name seines Bruders war Jubal, der wurde Vater aller Spieler auf Harfe und Flöte. Und auch Zilla gebar, den Tubal-Kajin, Schärfer allerlei Schneide aus Erz und Eisen. Tubal-Kajins Schwester war Naama. Lamech sprach zu seinen Weibern: Ada und Zilla, hört meine Stimme, Weiber Lamechs, lauscht meinem Spruch: Ja, einen Mann töt ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme! Ja, siebenfach wird Kajin geahndet, aber siebenundsiebzigfach Lamech!
Adam erkannte nochmals sein Weib, und sie gebar einen Sohn. Sie rief seinen Namen, Schet, Setzling! Denn: gesetzt hat Gott mir einen anderen Samen für Habel, weil ihn Kajin erschlug.
Auch dem Schet wurde ein Sohn geboren, er rief seinen Namen Enosch, Menschlein.
Damals begann man den namen auszurufen.
Das ist die Urkunde der Zeugungen Adams, des Menschen.»
Genesis 4,17 – 5,1
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