Czytaj książkę: «Der Mann, der überlebte»

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

„George Washington Carver: The Man Who Overcame“

bei Prentice-Hall, Inc., Englewood Cliffs, N.J.

(c) 1966 by Lawrence Elliot

Aus dem Amerikanischen übertragen von Hans-Georg Noack

In diesem Buch wiedergegebene Dialoge enthalten diskriminierende Sprache,

die weder damals angemessen war, noch es heute ist.

Sie dient jedoch der authentischen Darstellung der damaligen Umstände.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. neubearbeitete Auflage 2021

© 1967 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com

unter Verwendung eines Bildes von © Triff (shutterstock.com), public domain

Textliche Überarbeitung: Dorothee Dziewas

DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com

Verwendete Schrift: Scala, Scala Sans

Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln

ISBN 978-3-7615-6729-6 E-Book

www.neukirchener-verlage.de

Inhalt

I. Der Sklave, der den Süden befreite 7

II. Ein Rennpferd als Lösegeld 10

III. Rosen und Dornen 33

IV. Getreu in Studium und Arbeit 69

V. Tuskegee 95

VI. Die fahrende Schule 117

VII. „Herr Schöpfer, wozu hast du die Erdnuss

erschaffen“? 147

VIII. Der Sand der Zeit 185

IX. Jahre der Ernte 220

X. Eine Zeit zu sterben 247

I. Der Sklave, der den Süden befreite

Messt mich nicht an den Höhen, die ich erreicht habe, sondern an den Tiefen, aus denen ich gekommen bin.

Frederick Douglass

Manche sagen, er sei der bemerkenswerteste Amerikaner, der je gelebt hat. Niemand wusste mehr als er über den chemischen Zauber der Pflanzen, niemand konnte ihn besser für die Menschen nutzen. Er arbeitete in einem Labor, das aus Schrott zusammengebaut war. Er benutzte rostige Tiegel und behelfsmäßige Messbecher, aber damit zerlegte er die Materie in ihre geheimnisvollen Bestandteile und fügte sie zu neuen Nahrungsmitteln, Arzneien und Baustoffen zusammen.

Er zerrieb heimische Erde zu Farben und malte mit den Fingern so herrliche Bilder, dass Galerien und Museen darum bettelten, sie kaufen zu dürfen. Er lehnte ab und verschenkte die Bilder stattdessen an seine Freunde. Heute hängen sie in bescheidenen Wohnungen in Chicago, Detroit und Tuskegee, Alabama. Er machte Kuchen aus Erdnüssen und Salate aus Kräutern, und die großen Hotels verwendeten seine Rezepte. Ohne richtige Ausbildung wurde er Pianist und gab Konzerte im ganzen Land, um Geld für das unbekannte kleine College zu sammeln, an dem er unterrichtete. Ohne lange nachzudenken, lehnte er das Angebot ab, für ein Jahresgehalt von 100.000 Dollar bei Edison zu arbeiten. Immer wieder sagte er, zum Heiraten habe er keine Zeit, aber wenn man ihn um Pflanzensamen bat, fand er die Zeit, sie zu verschicken. Und wenn er an einem Vorgarten vorüberkam, in dem die Rosen kränkelten, blieb er stehen und erklärte dem Besitzer, was den Blumen fehlte.

Die Präsidenten John Calvin Coolidge und Franklin Roose­velt besuchten ihn. Ausländische Regierungen fragten ihn ebenso um Rat wie einfache Leute aus aller Welt. Henry Wallace, Henry Ford und Mahatma Gandhi waren seine Freunde.

Und trotzdem wurden ihm unzählige Türen vor der Nase zugeschlagen.

Kein Mensch hatte einen raueren Start im Leben als er. Er kannte weder seine Mutter noch seinen Vater und wusste nicht einmal, wann er geboren war. Er wurde als Schwarzer und als Sklave zu Beginn des blutigen Bürgerkrieges geboren, der die legale Sklaverei beendete. Er kam schon krank auf die Welt und es schien sicher, dass er noch in Windeln sterben würde. Nachdem er allen Naturgesetzen zum Trotz doch überlebte, hätte er eigentlich verkrüppelt und verbittert und mit versehrtem Geist heranwachsen müssen, denn Menschen wie ihm wurde Tag für Tag eingebläut, sie seien nicht mehr wert als die Arbeitsochsen; oft genug wurden sie noch schlechter behandelt. Aber sein ganzes Leben lang kämpfte er gegen diese Lüge. Er hegte auch keinen Groll gegen die Menschen, die so etwas sagten. Die Welt, die er sah, war nicht immer sonnig, aber sie war immer voller Hoffnung.

Er war schon über dreißig, als er seine Ausbildung endlich hinter sich gebracht hatte. Von Stadt zu Stadt war er durch den Mittleren Westen gezogen und hatte seine Arbeitskraft gegen Unterrichtsstunden eingetauscht, wo immer er eine Schule fand, die bereit war, einen schwarzen Jungen aufzunehmen. Seine ganze Jugend lang war die Landstraße sein Zuhause; Hunger und Kälte waren seine treuesten Gefährten. Aber er zog immer weiter und forschte und lernte, und dann flammte der Funke seiner unglaublichen Kreativität irgendwann auf und sollte nie mehr aufhören zu leuchten.

Seine Entdeckungen befreiten den amerikanischen Süden von der Tyrannei des Königs Baumwolle. Millionen von ausgemergelten und unfruchtbaren Äckern gab er die Lebenskraft zurück und fand dann neue, starke Anbauprodukte, die man darauf aussäen konnte. Menschen, die es nicht über sich brachten, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen oder ihn auch nur höflich anzureden, profitierten von seinem Genie und taten es gern. Er machte die Häuser verarmter Frauen und Männer in den Südstaaten heller und gab ihren Kindern etwas Hoffnung.

Obwohl er sich nie zu den Ungerechtigkeiten äußerte, die schwarze Menschen in einer weißen Welt erleiden müssen, wird irgendwann deutlich werden, dass er mehr als jede andere Einzelperson dafür getan hat, dass Schwarz und Weiß irgendwann friedlich und gleichberechtigt Seite an Seite leben können.

Dieser Mann hieß George Washington Carver. An jedem Tag seines Lebens arbeitete er unermüdlich und ganz praktisch daran, die Erde für alle Menschen ein bisschen reicher oder gesünder oder schöner zu machen – egal, welche Hautfarbe sie haben. Als er starb, waren alle, die lebten und noch leben würden, plötzlich ärmer geworden.

II. Ein Rennpferd als Lösegeld

„Ich h-hab die Rosen umgepflanzt, Ma’am ... In die S-S-Sonne ... Rosen brauchen S-S-Sonne, Ma’am.“

Carvers George

Es war eine schlimme Zeit. Das Land stöhnte unter dem Krieg zwischen Norden und Süden. Den Farmern und Präriebewohnern Missouris schien es, als hätte sich alles Leid Amerikas zwischen den Grenzen ihres Staates eingenistet. Die meisten von ihnen besaßen einen Sklaven oder auch zwei, damit sie beim Pflügen des widerspenstigen Bodens Hilfe hatten, aber trotzdem hielten sie es mit Abe Lincoln und den Unionstruppen. Und nun waren ihre Prärien Niemandsland, ihre Äcker Schlachtfelder geworden. Freischärler aus dem freien Kansas und Buschklepper aus dem sezessionistischen Arkansas ließen das Land in unaufhörlichen Kämpfen ausbluten. Partisanen und Banditen zogen plündernd und mordend umher. Sie kamen in der Nacht, verbrannten Häuser und Ställe und die Ernte auf den Feldern, ohne lange zu fragen, wessen Besitz da in Flammen aufging. Sie stahlen Lebensmittel und verschleppten Sklaven nach Louisiana und Texas, wo man sie zu kriegsbedingten Wucherpreisen versteigerte.

Auf dem Ozark-Plateau, in der Nähe der Siedlung Diamond Grove, bekam Moses Carver die Schreckensherrschaft der Peitsche zu spüren. Maskierte Männer galoppierten in einer Winter­nacht auf seinen Hof, legten ihm Daumenschrauben an und hängten ihn in einen Walnussbaum. Sie peitschten ihn aus und verbrannten ihm die nackten Fußsohlen mit glühenden Kohlen, während seine Frau Susan von ihnen festgehalten wurde und sich vor Hilflosigkeit und Angst wand. Immer wieder schrien ihn die Männer an: „Wo hast du dein Geld versteckt? Wo sind deine Nigger, du Yankee-Heuchler?”

Sein Körper schrie nach Hilfe, aber über die Lippen von Moses Carver kam kein Laut. Das Wenige, das er besaß, hatte er sich unermüdlich und fleißig erarbeitet und er hatte einen stahlharten Kern: Lieber wollte er sterben, als diesen Terroristen nachzugeben. Kurz darauf hielten die Maskierten das aufgeregte Stampfen der Pferde im Stall für nahende Truppen. Rachedurstig und frustriert setzten sie eine leere Scheune in Brand und verschwanden dann in der Dunkelheit.

Susan machte ihren Mann von dem Walnussbaum los. Sie legte ihm Wegerichblätter auf die verbrannten Fußsohlen, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Keiner von beiden sprach, bis Moses schließlich zu seiner Frau sagte, sie solle die Sklavin Mary mit ihren kleinen Kindern aus dem Versteck unter dem Melkhaus holen. Dann saß Moses allein in seinem Blockhaus. Sein Atem ging schwer, während die Flammen der brennenden Scheune vor dem einzigen Fenster der Hütte flackerten und tanzten. Moses dachte darüber nach, wie irrsinnig das alles war. Er hatte so schwer gearbeitet! Er hatte der Trockenheit, den Unwettern und der bitteren Einsamkeit hier im Grenzland getrotzt. Und dass jetzt Männer, die doch Menschen waren wie er selbst, absichtlich sein Lebenswerk vernichteten, konnte er nicht begreifen.

Denn Moses Carver spürte, dass es noch nicht vorbei war. Die nächtlichen Reiter würden wiederkommen.

Er war in den mittleren Jahren, ein hagerer, bärtiger Mann, dessen Kraft seinem furchigen Gesicht anzusehen war – fast 150 Jahre weit konnte er seine Ahnenreihe zurückverfolgen, bis zu der Zeit, als seine Vorfahren auf der Suche nach Freiheit und Chancen von England in die Neue Welt aufgebrochen waren. Eine Generation nach der anderen war weiter westwärts in jungfräuliches Land vorgedrungen. Moses war 1812 an der Grenze von Ohio geboren worden und mit zwanzig zog auch er weiter. In Illinois heiratete er Susan Blue und gemeinsam fuhren sie stromabwärts nach Missouri, überquerten die Prärie und erreichten endlich die Walnussbäume und grünen Weiden am Fuße der Ozark Mountains. Hier, dicht an der Grenze zu Arkansas, erwarben sie ein Stück Land von 160 Morgen.

Es war ein unerbittliches Leben. Ein eiskalter Winterwind wehte von den Bergen herunter und im Sommer schien es keinen Schutz vor der sengenden Hitze zu geben. Ihr einziges Kind, ein kleines Mädchen, verloren sie schon wenige Tage nach der Geburt und es hatte Gott nicht gefallen, ihnen ein zweites zu schenken.

Doch Moses Carver war ein unerbittlicher Mann. Er kämpfte mit Wind, Boden und Sonne. Er baute ein festes Blockhaus und rodete mit Susans Hilfe das Land. Wo einst Wildnis gewesen war, lag jetzt eine ansehnliche Farm. Er züchtete Pferde, gute Pferde, und andere Siedler in der Umgebung sagten, Moses Carver sei der anständigste und fleißigste Mann in ganz Newton County.

Aber er hatte seltsame Ideen. Zum Beispiel hielt er nichts vom Kirchgang, doch er hatte ein Stück Land als Friedhof für die Toten von Diamond Grove hergegeben und in feierlicher Stille dabeigestanden, als der Pfarrer es weihte. Er wetterte auch laut gegen die Sklaverei und behauptete, sie sei sündig und unmoralisch. Und doch hatte er selbst ein Mädchen als Sklavin gekauft.

Niemand, nicht einmal Susan, wusste, welche inneren Kämpfe es ihn gekostet hatte, Geld für einen anderen Menschen zu zahlen. Er besaß keine Feldarbeiter wie die anderen Farmer. Mit den eigenen Händen und gelegentlich angeheuerten Helfern, die auf der Durchreise waren, hatte er all die mühsame Arbeit geleistet, die getan werden musste, und so sollte es auch immer bleiben, schwor er. Aber seiner Frau machte die Einsamkeit der langen Jahre allmählich zu schaffen. Susan hatte ihn gebeten, ihr ein Mädchen zu besorgen, das ihr bei der Hausarbeit helfen und mit dem sie sich während der endlosen Stunden unterhalten konnte, wenn ihr Mann auf den Feldern war. Und so war Moses vor sechs Jahren zu seinem Nachbarn Colonel James Grant gegangen und hatte 700 Dollar für Mary gezahlt. Damals war sie 13 gewesen, ein liebes, aufgewecktes Mädchen, das bei der Arbeit sang. Schon bald war es, als hätte Mary schon immer zur Familie gehört. Als dann Kinder kamen, zählten auch sie selbstverständlich zum Haushalt der Carvers, wenn sie am Leben blieben. Zwei kleine Mädchen lagen am Fuße des Berges begraben, wo auch Susans eigenes Kind zur Ruhe gebettet worden war. Aber die Tatsache, dass er Mary gut behandelte, hatte Moses’ Gewissen nicht gänzlich beruhigt. Sklaverei blieb Sklaverei und ob man nun einen Menschen oder hundert kaufte, das war kein Unterschied.

Und nun, an diesem kalten Winterabend, war Moses Carver tief besorgt. Die Banditen würden wiederkommen, daran zweifelte er nicht. Wenn sie das Geld fanden, das er unter dem Bienenkorb versteckt hatte – nun gut. Stahlen sie ihm aber Mary, um sie irgendwo in der Fremde zu versteigern, dann würde er diese Schuld für den Rest seiner Tage mit sich herumschleppen müssen.

Carvers Mary konnte ihre Ahnenreihe noch nicht einmal bis zu ihrer Mutter verfolgen. Wie so viele Kinder ihres Volkes war sie scheinbar ohne menschliches Zutun und ohne Liebe ins Leben gekommen. Jetzt saß sie in der kleinen, aus nur einem Raum bestehenden Hütte, in der sie mit ihren Kindern wohnte, und drückte ihren neugeborenen Sohn an ihre Brust. Fast pausenlos wurde sein kleiner, gebrechlicher Körper von qualvollem Husten geschüttelt. Mary wusste, wenn sie ihn nicht festhielt und ihr eigenes Leben in seinen Leib hineinbetete, würde der Kleine mit Sicherheit sterben.

Sie wiegte sich behutsam auf ihrem Stuhl hin und her, summte eine Melodie und ließ die sanften schwarzen Augen auf dem kleinen Jim und der vierjährigen Melissa ruhen. Sie lagen wach auf ihrem Rollbett und waren noch ganz steif von der Angst, die sie in dem dunklen Kellerversteck gehabt hatten.

„Macht die Augen zu“, sagte Mary. „Schlaft jetzt!“

Aber die Kinder starrten weiter ins Feuer, während die Mutter sich weiter vor und zurück wiegte und das röchelnde Baby an sich gedrückt hielt. Sie fühlte sich älter, müder und erfahrener, als sie es in ihren jungen Jahren hätte sein sollen. Sie glaubte inzwischen, dass dieses Elend ihrem Volk für immer zugedacht war, und sie hatte Angst, dass ihre eigenen Sorgen noch lange nicht vorüber waren. Zwei Babys hatte sie begraben und der kleine Junge, den sie jetzt im Arm hielt, schien sein Leben in ihren Armen aushusten zu wollen. Sie hatte einen guten Mann gehabt. Aber beim ersten Schnee – das neue Baby war noch keine zwei Monate alt – hatte man von der Grant-Farm einen Boten herübergeschickt und ihr ausrichten lassen, dass er tot war.

„Er hat Baumstämme abgefahren“, sagten die Boten mit gesenktem Blick, „und der Ochse ist durchgegangen. Giles ist vom Wagen gefallen und ein Stamm ist über ihn gerollt ...“

Sie sagten wohl noch mehr, denn sie sprachen lange, doch Mary Carver hörte es nicht. Giles war tot. Alles andere spielte keine Rolle. Sie dachte daran, wie er – wann immer er konnte – von der Grant-Farm herübergekommen war und dann neben ihr auf der Schwelle gesessen hatte. Die Nacht war immer etwas weniger finster gewesen, wenn er bei ihr war. Sie dachte an ihre eigene Mädchenzeit auf dem großen Hof zurück, an das rote Steinhaus und an die Hütten dahinter. Dort hatten die Sklaven in den Sommernächten auf dem Boden gesessen und die traurigen Lieder ihrer hoffnungslosen Hoffnung gesungen. Damals hatte Mary ihren Kummer und Schmerz nicht begriffen. Auf kindliche Weise hatte sie Mitleid mit ihnen gehabt, denn sie würden niemals glücklich sein. Aber jetzt verstand sie. Trotz aller Freundlichkeit der Carvers gehörte sie zu diesem Volk – und der Fluch ihres Volkes lag auch auf ihr.

Das Baby hustete und wand sich in ihren Armen, weil es zu ersticken drohte. Mary führte einen Löffel mit Honig und Rainfarn an die Lippen des Kleinen. Er würgte und atmete dann keuchend weiter. Nein, ihr Kummer würde niemals enden. Früher oder später würden die maskierten Männer wiederkommen –– und sie mitnehmen.

Sie kamen in der Woche vor Weihnachten, in einer Nacht, in der pfeifender Wind das Land peitschte. Wie im Traum hörte Moses das Hufgeklapper auf der gefrorenen Straße von Diamond Grove näherkommen. Er sprang aus dem Bett.

„Lauf in den Keller!“, befahl er Susan. Dann humpelte er mit Blasen an den Füßen durch die Dunkelheit zur Hütte und rief: „Wach auf, Mary! Sie kommen!“

Er stieß die Tür auf. Die Reiter waren noch nicht auf dem Hof. Verzweifelt dachte er: Es ist noch Zeit, noch ist Zeit! Doch Mary stand bewegungslos neben dem erlöschenden Feuer. Ihre Augen blickten in die Ferne, als hätte sie nichts gehört und verstanden. Sie hielt das kranke Kind an sich gedrückt. Die kleine Melissa klammerte sich an ihr Nachthemd.

„Im Namen des Himmels, beeil dich doch, Mädchen!“, schrie Moses. „Gleich sind sie hier!“

Sie schien sich zu rühren und noch einmal umzusehen, ehe sie floh. Moses nahm den kleinen Jim vom Bett und versuchte, Melissas Hand zu fassen. Aber die Unruhe hatte das Mädchen erschreckt und so vergrub die Kleine das Gesicht am Bein ihrer Mutter.

„Nimm das Mädchen mit!“, rief Moses, während er zur Tür lief. „Und bleib dicht hinter mir!“

Der eiskalte Wind fegte in die offene Hütte. Verzweifelt suchten Marys Augen den kleinen Raum ab. Sie brauchte warme Kleidung für ihr krankes Kind. Eine Decke! Und die ganze Zeit wurden die polternden Hufe der Pferde lauter. Blind und ziellos lief Mary von einer Ecke in die andere, bis endlich die maskierten Männer in die Hütte einbrachen, das Kind aus ihren Armen rissen und Mary gegen die Hüttenwand schleuderten. Dann banden sie ihr die Hände auf den Rücken, hoben sie auf ein Pferd und warfen ihr einen Schal um die Schultern. Wie betäubt von der plötzlichen Kälte flehte sie zitternd: „Bitte wickeln Sie meine Kleinen gut ein!“

Sie hörte keine Antwort, sondern nur den rauen Atem der Männer, die es eilig hatten, wieder aufzusitzen und fortzukommen. Gleich darauf jagten die Pferde die dunkle Straße hinunter.

„Sie haben sie“, flüsterte Moses seiner Frau zu, als er das Geklapper hörte. „Sonst würden sie nicht so schnell weiter­reiten.“

„Mary! Mary!“ Susan Carver weinte in der Dunkelheit des Kellers und hielt den kleinen Jim in den Armen.

Und Moses schloss die Augen und sagte: „Herr, vergib mir.“

Am nächsten Morgen ritt er mit einem zweiten Pferd am Halfter nach Diamond Grove, um einen Mann namens Bentley aufzusuchen. Gegen Ende der schlaflosen Nacht war ihm der Gedanke gekommen, dass es vielleicht doch noch eine Möglichkeit gab, Mary zu retten. John Bentley war früher selbst mit den Buschkleppern geritten, behaupteten die Leute, wenn er sich auch jetzt als Unionist bezeichnete. Es konnte doch sein, dass er wusste, wo er die nächtlichen Räuber einholen konnte. Jetzt, als er vor Bentley stand, verlor Moses Carver nicht viele Worte.

„Heute Nacht haben sie mir Mary und zwei von ihren Kindern gestohlen, Bentley. Ich will mich nicht in deine Angelegenheiten mischen, aber wenn du weißt, wo sie geblieben sind, zahle ich gut, wenn du ihnen nachreitest. Nimm Pacer mit. Es ist eines meiner besten Pferde. Kauf Mary dafür frei.“

Bentley fuhr sich mit dem Handrücken übers Kinn. „Was habe ich davon?“, fragte er.

„Bring mir das Mädchen zurück, dann gebe ich dir 40 Morgen Waldland“, versprach Moses Carver.

So einigten sie sich, und noch am Vormittag ritt Bentley gen Süden. Dann wurden für Moses und Susan Carver die Stunden lang. Jede fallende Walnuss klang wie Hufschlag und im winterlichen Dämmerlicht konnte ein windgebeugter Busch aussehen wie ein Mädchen, das sich vor Kälte krümmte und endlich heimkam. Als die Nacht hereinbrach, saßen die Eheleute stumm beim Feuer. Der zweijährige Jim spielte zu ihren Füßen. Es gab nichts zu sagen, nichts zu tun. Sie konnten nur warten.

Sie warteten fünf Tage. Weihnachten kam und ging. Es war eine düstere, freudlose Zeit. Moses stellte sich vor, wie Bentley jetzt vielleicht in einer Bar in Arkansas hockte, sich mit dem Handrücken übers Kinn fuhr und seinen Kumpanen ­lachend erzählte, dass ein blöder Yankee-Farmer ihm ein Pferd im Wert von 300 Dollar geschenkt hatte, weil er sich einbildete, Bentley würde hinter einer Bande von Buschkleppern herreiten, die dem Mann sein Sklavenmädchen gestohlen hatten. Dann aber, am sechsten Tag, war draußen im kalten Regen wirklich ein Geräusch vor dem Haus zu hören. Moses lief zur Tür und Susan versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. Es war Bentley. Er war allein, ritt sein eigenes Pferd und führte das Rennpferd hinter sich am Halfter.

Stumm und reglos sahen sie zu, wie Bentley abstieg und ins Haus gestapft kam. Bei jedem Schritt zog er eine Tropfenspur hinter sich her. Dann holte er ein nasses, schmutziges Bündel unter seiner Jacke hervor und streckte es den Carvers ent­gegen, doch keiner von ihnen griff danach. „Das ist alles, was ich habe“, sagte Bentley. „Ob es noch lebt, weiß ich nicht.“

„Das Baby!“, schrie Susan auf und riss das triefende Bündel an sich. Mit zitternden Fingern zog sie die Lumpen auseinander und sah in das verzerrte dunkle Gesichtchen des Kleinen. Die Lippen und Augenlider waren fast blau. Das Kind lag ganz still in Susans Armen, wie ein neugeborener Sperling, der im Nest gestorben war.

Susan lief, um etwas Milch aufzuwärmen, dann sank sie neben dem Herd auf die Knie und streifte das nasse Leinen von dem dürren kleinen Körper. Nackt hielt sie ihn so dicht ans Feuer, wie sie nur wagte. Sie drückte seine kleine Brust, ließ Moses nach der Milch laufen und nach einem Löffel Zucker, den er darin verrühren sollte. Während sie einen Löffel der Flüssigkeit an die blauen Lippen führte, war ihr Gesicht ganz angespannt und blass, denn die Milch rann dem Jungen übers Kinn. Dann aber regte er sich, schluckte, weinte leise und tastete mit den Lippen nach mehr.

„Er lebt! Wenigstens lebt er noch“, sagte Susan mit Tränen in den Augen.

John Bentley stand dabei und sah entgeistert zu. Er konnte sich nicht erklären, warum sich jemand so über ein krankes Sklavenbalg aufregen konnte. Doch als er dann sprach, klang seine Stimme sanft. „Das mit dem Mädchen tut mir leid. Ich konnte die Bande nicht einholen.“ Mit dem Daumen deutete er auf das wimmernde Kind und sagte: „Ich glaube, dafür kann ich dein Waldland nicht annehmen, Moses.“

Moses versuchte den Blick von dem schrecklichen Bild am Herd abzuwenden. Das Leben des Babys hing nur noch an einem seidenen Faden und Susan kämpfte erbittert, damit dieser Faden nicht abriss. Vorsichtig gab sie Tropfen um Tropfen gezuckerter Milch zwischen die Lippen und wartete geduldig, wenn der kleine Körper vom Husten geschüttelt wurde. „Ganz ruhig, ganz ruhig, mein Kleiner!“

„Behalte das Pferd!“, sagte Moses zu Bentley. „Du hast dein Bestes gegeben und wenigstens den Jungen zurückgebracht.“

Bentley nickte. Es war ihm recht.

„Weißt du, wohin sie geritten sind?“, fragte Moses.

„Nach Süden, weit nach Süden. Ich bin ihnen durch halb Arkansas nachgeritten, aber sie waren mir immer noch um einen Tag voraus und hatten es anscheinend sehr eilig, zum Mississippi zu kommen.“ Im Bergland habe er ihre Fährte verloren, sagte er, und dann sei er endlich umgekehrt. Zuerst habe er unterwegs gehört, Mary sei tot, aber dann habe man ihm auch wieder gesagt, sie sei an nordwärts ziehende Soldaten verkauft worden. „Aber ich glaube, sie war immer noch bei den Dieben. Man wird sie weiter unten am Fluss verkaufen. Sie und ihr anderes Kind.“

„Und der Junge?“, fragte Moses mit bebender Stimme. „Wo hast du den Jungen ...“

„Ach den ... Den haben sie ein paar Frauen in der Nähe von Conway gegeben. Er ist ja doch nichts wert.“

Er wurde George genannt, Carvers George; sein erstes Jahr war ein einziger Kampf ums Überleben. Weil er kränklich und schwach war, bekam er alle nur erdenklichen Kinderkrankheiten und jede davon brachte ihn an den Rand des Todes. Aber durch Susans beharrliche Pflege und eine unerklärliche Zähigkeit in der schwachen Brust des kleinen Jungen war es schließlich geschafft. Er hatte seine scheinbar unausweichliche Bestimmung überwunden. Der ständige Husten hatte allerdings seine Stimmbänder angegriffen und jetzt klang seine Stimme wie das Zirpen eines verängstigten Vogels. Und irgendeine unbewusste Erinnerung, vielleicht dieselbe Furcht seiner Vorfahren, die auch Mary gequält hatte, lähmte seine Zunge, so dass er mitleiderregend stotterte. Er war fast drei Jahre alt, ehe er die Stube ohne fremde Hilfe durchqueren konnte und dieses Abenteuer ließ ihn vor Erschöpfung und Triumph keuchen. Aber er lebte, und das war der größte Triumph von allen!

Der Krieg endete. Die niedergebrannten Ställe wurden wieder aufgebaut, die Felder bestellt. Bald regte sich in der Frühlingssonne das erste Grün.

„Ihr seid jetzt frei“, sagte Moses Carver zu George und dessen älterem Bruder Jim. „Alle Sklaven sind jetzt frei. Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt!“

George verstand nicht und Jim grinste nur.

„Tante Susan und ich, wir hätten euch gern weiter bei uns wie bisher. Aber vergesst nicht, ihr müsst nicht bleiben. Die Sklaven sind frei!“

Jim nickte und damit war alles gesagt. Am Abend krochen die beiden Jungen auf den Dachboden des Blockhauses und schliefen auf ihren mit Maishülsen gefüllten Säcken, wie sie es immer getan hatten. Es sollte noch lange dauern, bis Carvers George herausfand, was Onkel Moses gemeint hatte und was es bedeutete, frei zu sein. Jim sollte es niemals erfahren.

Jim war bald kräftig genug, um die Schafe zu scheren und beim Heumachen und Melken zu helfen. Moses, der sich nun schon den Sechzigern näherte, war froh, den starken dunkelhäutigen Jungen neben sich auf den Feldern zu haben. George hingegen hatte noch immer Mühe, sich ans Leben zu klammern und verließ nur selten die Küche. Noch immer sah er wie ein verkrüppelter Vogel aus. Die dunklen Augen waren zu groß für das noch dunklere Gesicht, seine Arme und Beine dürr wie Schilfrohr. Den ganzen Tag über folgte er Tante Susan auf Schritt und Tritt und ahmte ihre Bewegungen nach, wenn sie den Fußboden wischte oder die Zinnteller abwusch.

„Hier!“, sagte die Tante eines Morgens und gab ihm einen Besen. „Es ist Unsinn, wenn du das alles für nichts und wieder nichts machst!“

Er war begeistert und fegte mit Schwung, und wenn ihre Blicke sich trafen, beantwortete er ihr Grinsen, indem auch er grinste. Im Laufe der Monate übernahm er auch andere Arbeiten: Waschen, Geschirrspülen und sogar Kochen. Alles tat er hingebungsvoll und manchmal summte er dabei eine Melodie, die in Susan die schmerzliche Erinnerung an seine Mutter weckte. Hin und wieder, wenn Susan im Garten oder beim Brunnen war, glaubte George, sie könnte ihn nicht hören. Dann erfand er Texte für seine Melodie. Er sang sie mit seiner kleinen, hohen Stimme, ganz ohne zu stottern.

Es gab immer viel zu tun, denn die Farm an der Grenze war eine Welt für sich. Katastrophen wären vorprogrammiert gewesen, hätte man sich auf irgendwen oder irgendetwas außerhalb des eigenen Zaunes verlassen müssen. George sah zu, wie Tante Susan Wolle oder Flachs für die Kleider spann, und bald drehte er selbst eifrig die Spindel. Er lernte, wie man Felle gerbt, Schuhe näht und Schinken räuchert. Gemüse musste gesät, geerntet und eingekocht werden, Kerzen wurden gezogen und Gewürze gemahlen. War jemand krank, so musste man Wurzeln ausgraben, aus denen Tante Susan Medizin braute. Nichts wurde verschwendet. Nur Zucker und Kaffee kamen aus der Stadt. Diese Jahre der Sparsamkeit und der Findigkeit sollten das Leben des Jungen entscheidend prägen.

Seine Neugier war unersättlich, sein Lerneifer ließ niemals nach. Es kam ihm nicht in den Sinn, es merkwürdig zu finden, dass ein Junge Frauenarbeit tat. Die Arbeit musste getan werden und mit seinen flinken Händen und seinem wachem Verstand versuchte er fast alles. Eines Nachmittags sah er Tante Susan beim Stricken zu und sagte dann: „D-Das k-k-kann ich auch!“ Mit einer Truthahnfeder vom Hof und einem aufgeribbelten Fausthandschuh saß er neben ihr und brachte sich selbst das Stricken bei. Bis zum Sommer konnte er auch häkeln und sticken. Wenn Tante Susan eine komplizierte Patchworkdecke begann, brauchte sie ihm nur zu erklären, wie das Ganze am Ende aussehen sollte. Dann fingen beide an unterschiedlichen Ecken an und nähten jeden Stofffetzen, der ihnen in die Finger kam, zusammen, und am Ende konnte Moses nicht unterscheiden, welche Nähte von George und welche von seiner Frau stammten.

Moses hatte einen besonderen Grund, sich über die Geschicklichkeit des Jungen zu freuen. Seit Wochen drückten ihn seine Arbeitsschuhe. „Ich bin nun mal kein guter Schuster“, sagte er brummig und schnitt sogar die Fersen aus den Socken, um sich Erleichterung zu verschaffen. Trotzdem humpelte er und fluchte, und verarztete jeden Abend riesige Blasen. An einem dieser Abende nahm George beide Schuhe völlig auseinander, änderte die Fersen, nähte sie wieder zusammen und flickte dann die selbstgesponnenen Socken, so dass niemand sehen konnte, dass sie einmal zerschnitten gewesen waren. Dann sagte er: „V-Versuch mal, Onkel Moses!“ Die Schuhe passten genau und machten keinen Ärger mehr.

Oft saßen Tante Susan und George auf der Bank neben der Regentonne, sie eine alternde, weißhaarige Frau, er ein schmächtiger schwarzer Junge, und nähten gemeinsam im Dämmerlicht, bis Onkel Moses und Jim von den Feldern kamen. George fragte dann wohl, wohin die Sonne ging, wenn sie hinter den Hügeln verschwand, woher der Regen kam und warum die Rosen an der Tür gelb, die unter dem Fenster aber rot waren. Manchmal erzählte Susan ihm von seiner Mutter und dann hörte er ganz still zu. „Sie war flink wie du. Lesen konnte sie nicht, aber sie hatte ein gutes Gedächtnis. Wenn wir ein Rezept aus dem Almanach einmal ausprobiert hatten, kannte sie es auswendig.“

Wieder kam ein Frühling und George genoss es, in den Wald zu gehen. Er hatte dort eine verborgene kleine Lichtung entdeckt, auf der die Natur alle ihre Wunder vorführte, wenn ein Mensch nur sehen und hören wollte. Er spähte unter die Baumrinde und beobachtete die krabbelnden Insekten. Er studierte die Wildblumen, die sich an die Sonne drängten, und jene, die den Schatten suchten. Er lauschte auf das Quaken der Frösche, das Zwitschern der Vögel, und er spürte in sich das Verlangen, diese geheimnisvolle, vielfältige Welt kennen und verstehen zu lernen. Warum flohen die Nachtfalter vor der Sonnenwärme? Warum konnten die Lilien ohne Sonne nicht leben? Warum lieferten Wurzeln, die einander genau glichen, eine so verwirrende Vielfalt farbiger Blüten? Was wurde aus dem weichen, weißen Flaum, der aus den Kapseln der Seidenpflanze kam?

George liebte das Gefühl warmer Erde in seinen Händen. Jahre später erinnerte er sich daran und sagte: „Die Leute töten ein Kind, wenn sie ihm befehlen: ,Fass den Dreck nicht an!‘ Im Dreck steckt doch das Leben!“ Selbst an den finstersten Tagen fürchtete er sich im Wald nicht und schon bald war er auf der Lichtung eher zu Hause als im Blockhaus der Carvers. Die Stunden verflogen, wenn er auf den Knien lag, einen Farnzweig betrachtete und die Tapferkeit bewunderte, mit der ein neuer Trieb sich durch die Schicht toter Blätter vom letzten Winter zwängte. Farne, Blumen und Kürbisse wurden für ihn die Spielzeuge und Freunde, die er nie gehabt hatte. Er spielte und sprach mit ihnen. Die Entdeckung eines neuen Pflänzchens oder einer neuen Blüte ließ sein Herz schneller schlagen.

Vorsichtig schloss er nun auch Freundschaft mit Tante ­Susans Pflanzen. Er goss die Wicken und knipste welke Blüten von den Geranien. Einmal sah Jim, wie George sich mit den gelben Rosen an der Tür beschäftigte. „Was machst du mit den Blumen?“, fragte er.

„Ich liebe sie“, antwortete George.

Unter seinen Händen erblühten die Rosen und die Geranien schienen nie zu verblassen. Als Mrs Baynham zu Besuch kam und klagte, ihre Rosen sähen niemals so herrlich aus wie die von Susan Carver, versprach Tante Susan, George zu ihr zu schicken. „Das liegt nämlich nur an ihm“, sagte sie. „Er hat eine besondere Art, mit wachsenden Dingen umzugehen.“

Und so kletterte George eines Sommertages über den Zaun und lief querfeldein zum Hause von Mrs Baynham, das einmal Colonel Grant gehört hatte. Hier hatten seine Eltern gelebt. Er versuchte sich vorzustellen, wie sie über die Felder gelaufen waren. Aber es fiel ihm schwer, vor seinem geistigen Auge das Bild einer Mutter oder eines Vaters entstehen zu lassen, und bald lenkte das große rote Steinhaus ihn von diesem Versuch ab. Ehrfürchtig umkreiste er es. In der Mittagshitze war alles still, und es kam George vor, als wäre er allein in einem fremden Land. Es gab nur ihn und das mächtige Haus – und die Rosen. Er fand sie an der Nordwestseite und wusste sofort, warum sie so kümmerlich waren. Nur in den frühesten Morgenstunden konnte die Sonne sie erreichen. In einer guten Stunde hatte er sie umgepflanzt und begossen und bei der Arbeit sein seltsames kleines Lied gesummt. Dann ging er zur Hintertür, um Mrs Baynham zu suchen.

Die Küche war ebenso menschenleer wie der Hof. Aber im Haus war es einladend kühl und fast gegen seinen Willen trugen ihn die Füße durchs Esszimmer zur Eingangshalle. In der vornehmen Stille wagte er kaum zu atmen. Die Wände waren gestrichen, die Möbel glänzten, und als er nun in der Tür zum Salon stand, sah George etwas, das ihn mehr als alles andere staunen ließ: Überall im Raum hingen Bilder. Herrliche Bilder von Wäldern und Blumen. Selbst die bärtigen alten Männer, die auf ihn herunterblickten, schienen George wunderschön. Hungrig ging er von einem Gemälde zum anderen, als wollte er sich jeden Pinselstrich und jede Farbe einprägen. So sehr war er in diesen Zauber versunken, dass er Mrs Baynham erst bemerkte, als sie hinter ihm stand und sagte: „Gefallen dir die Gemälde, George?“

Er fuhr herum, bereit zur Flucht, doch sie lächelte ihn an. „Ich ... ich ...“

„Bist du gekommen, um nach den Rosen zu sehen?“

Er fand seine Stimme wieder. „Ich h-hab die Rosen umgepflanzt, Ma’am ... In die S-S-Sonne ... Rosen brauchen S-S-Sonne, Ma’am.“

„Ich danke dir, George. Und das hier ist für deine Mühe!“

Sie drückte ihm ein Fünfcentstück in die Hand, das er fest umklammerte, während er rückwärts das Zimmer verließ. Als er wieder über die Felder lief, dachte er weder an die Münze noch an die Rosen. Er sah immer nur diese Bilder vor sich. Am Abend quetschte er den Saft aus dunklen Kermesbeeren, tauchte die Fingerspitzen hinein und zeichnete sorgfältig einen Kreis auf einen flachen Stein. Von da an malte er, wann immer sich die Gelegenheit bot. Mit einem Stück Zinn kratzte er Gesichter auf Steine und auf jedes ebene Stückchen Boden zeichnete er die Umrisse von Blumen.

Mrs Baynhams Rosen gediehen prächtig und die alte Dame lobte George über den grünen Klee. Nun kamen auch andere Nachbarn zu ihm. „Warum geht meine Begonie ein, George?“ „Warum sind meine Rosen so fleckig?“ Und so entfernte er Ungeziefer von den Rosen, goss die Begonien und umwickelte sie mit Stroh. Später sagte er dann zu Tante Susan: „Sie schauen ihre Blumen nur an, aber sie sehen sie nicht richtig, sonst wüssten sie genauso gut wie ich, was ihnen fehlt.“

Stand es mit einer Pflanze ganz schlimm, so grub er sie aus und nahm sie mit auf seine geheime Waldlichtung, reinigte die Wurzeln und pflanzte sie in den reicheren Waldboden, um sie wieder gesund zu pflegen. Die Nachbarn nannten ihn den Pflanzendoktor und auch Meilen entfernt wusste jeder, dass Carvers George alles heilen konnte, was in der Erde wuchs.

Er merkte, dass Petunien im Lehmboden verblassten und manchmal sogar eingingen. Mischte er aber Sand in die Erde, dann erholten sie sich. Daraus schloss er, dass manche Pflanzen eben nicht so reichhaltige Kost vertrugen, so wie er selbst nicht zu viel von Tante Susans Maisbrot essen durfte, wenn er keine Magenschmerzen bekommen wollte. Danach prüfte er alle seine Pflanzen in verschiedenen Bodenmischungen. Er spürte Käfern und Würmern nach, die an den Wurzeln nagten. In jenem Sommer ärgerte sich Onkel Moses, weil sein bester Apfelbaum kränkelte. George kroch in den Zweigen herum, bis er den einen fand, in dem sich eine ganze Mottenkolonie eingenistet hatte. „S-säg den Ast ab, Onkel Moses“, sagte er, „dann geht es dem Baum wieder besser.“

„Es gibt nichts, was dieser Junge nicht weiß“, sagte Onkel Moses erstaunt zu seiner Frau.

Dabei gab es in Wirklichkeit vieles, was George nicht wusste. Warum liebten Bienen den Klee ganz besonders? Warum blühten manche Pflanzen im Frühling, einige im Herbst und andere gar nicht? Wie konnte aus einem Samenkorn eine drei Meter hohe Sonnenblume werden? Die Tage waren nicht lang genug, um über alle Geheimnisse der Natur nachzudenken, also brachte er Käfer, Tabakraupen und Eidechsen mit ins Haus, um sie im Feuerschein der Herdstelle zu beobachten. Sie waren seine Schätze, neben Steinen, Blumenzwiebeln und Baumblättern.

„Raus damit!“, befahl Tante Susan regelmäßig. „Alle diese Dinge verschwinden sofort aus meinem Haus!“

Dann trug George seine Schätze zögernd und bedrückt hinaus, um zwei Tage später einen Frosch und einen Maikäfer heimzubringen. Im Herbst brachte er zehn kräftige Seidenpflanzen mit in die Küche, denn er wollte beobachten, wie die Samenkapseln aufsprangen. Tante Susan warnte ihn, es würde Prügel setzen, wenn er ihr Haus schmutzig machte. An einem Spätnachmittag, während Gelee auf dem Herd kochte und frische Butter bereitstand, um in die Milchkammer getragen zu werden, saß George vor dem Haus, als er plötzlich einen fassungslosen Schrei hörte. Er stürzte in die Küche. Tante Susan stand stocksteif und sprachlos inmitten von seidig-flauschiger Watte. Die Samenkapseln der Seidenpflanzen öffneten sich eine nach der anderen und der Luftzug vom offenen Fenster wehte den weißen Flaum durchs Haus, wo er sich auf dem ­Gelee, auf der Butter und auf dem frischen Wasser im Eimer niederließ. George beobachtete es mit gebanntem Staunen.

Sobald sie sich von dem Schrecken erholt hatte, rief Susan nach Moses. Der kam und betrachtete das häusliche Unheil.

„Ich verlange, dass du mit dem Jungen in die Scheune gehst!“, forderte sie mit ihrer besten Jetzt-reicht’s-Miene. ­„Sofort!“

Der alte Mann und der Junge marschierten zur Scheune. George war von diesem Wunder noch immer wie verzaubert und sagte: „Du hättest s-sehen sollen, wie die Kapseln aufgesprungen sind!“ In der Scheune nahm er zehn Schläge über das bloße Hinterteil geduldig hin und sagte dann: „Du hättest es wirklich sehen sollen, Onkel Moses!“

Der alte Mann schüttelte den Kopf und sagte: „Ja, das hätte ich wohl.“ Dann gingen beide gemeinsam ins Haus zurück und halfen beim Aufräumen.

In Locust Grove, eine halbe Meile vom Blockhaus der Carvers entfernt, stand eine Hütte, die aus einem einzigen Raum bestand und sonntags als Gotteshaus diente. Jede Woche kam ein Geistlicher zu Pferd aus Neosho oder Joplin, um Gottesdienst zu halten. An den Wochentagen war die Hütte ein Schulhaus. Manchmal saß George dort auf der Schwelle und hörte zu, wie der Lehrer aus einem Buch vorlas oder die Kinder aufsagten, was sie gelernt hatten. Plötzlich lockte ihn eine neue Welt hinter dieser Tür. Sie war voller ungeträumter Träume und einer so atemberaubenden Vision, dass George ihre funkelnden Verheißungen zuerst gar nicht recht begreifen konnte. Wie herrlich musste es sein, zu lernen, lesen zu können, eine Antwort auf seine zahllosen Fragen zu finden!

Er rannte fast den ganzen Heimweg, fand Moses auf dem Feld und war so aufgeregt, dass er heftig stotterte: „W-Wann k-k-kann ich z-zur Schule gehen, Onkel Moses? Bin ich alt genug? Ja?“

Der alte Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn und suchte den Himmel nach Worten ab. Wie kann man einen Traum behutsam zerschlagen? Wie kann man einem, vor neuem Wissensdrang fast berstenden Jungen sagen, dass die Sklaven zwar frei waren und nach dem Gesetz von Missouri keinen anderen Herrn als Gott über sich hatten, dass George aber trotzdem niemals die Schule von Locust Grove oder sonst eine Schule für weiße Kinder besuchen konnte?

„Darf ich gleich morgen gehen, Onkel Moses?“, bettelte der Junge.

Endlich nahm Moses Carver ihn bei den Schultern und sagte klipp und klar Nein. „Dort sind schwarze Kinder nicht zugelassen, weißt du.“

„Schwarze Kinder ...“, wiederholte George.

Er wusste, dass er schwarz war. Er sah es im Spiegel. Aber bisher hatte das nur bedeutet, dass sein Gesicht eben dunkler war als das von Tante Susan. Die roten Rosen waren ja auch dunkler als die gelben und trotzdem waren beide Rosen. Eine war nicht besser als die andere. Aber jetzt wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass es bei den Menschen anders war. Eine weiße Haut war besser als eine schwarze. Niedergeschlagen verkroch er sich auf seiner geliebten Waldlichtung. Sein junger Verstand hatte Mühe, diesen Schlag zu verdauen, während er versuchte, Falsches und Wahres voneinander zu trennen. In der Natur – an der er so leidenschaftlich hing – beschien die Sonne alle Pflanzen und der Regen tränkte sie alle. Ihre Farbe spielte dabei gar keine Rolle. Das war wahr und es war recht. Aber wie konnten erwachsene Menschen dann einen solchen Fehler machen? Darauf fand er keine Antwort. Carvers George presste das Gesicht auf die Erde und weinte, voller Furcht und einer dunklen Vorahnung. Aber er weigerte sich kategorisch, seinen Traum aufzugeben.

Tante Susan kramte eine alte Fibel aus der Truhe, die sie aus Illinois mitgebracht hatte und brachte ihm die Buchstaben des Alphabets bei. Nach wenigen Wochen kannte er jede Zeile des Buches auswendig und er konnte jedes Wort buchstabieren, wenn er auch nicht immer die Bedeutung verstand. Moses brachte ihm einfaches Rechnen bei und führte seine Hand, bis er auch ohne Hilfe seinen Namen schreiben konnte. Stundenlang blätterte George im Almanach, rief dabei begeistert die Wörter, die er erkannte, und mühte sich, die Sätze zu verstehen. Und immer wieder hockte er auf der Schwelle der Schule und malte sich aus, wie schön es sein musste, dort drinnen bei den anderen sitzen und lernen zu dürfen. Aber was er von drinnen hörte, war zu wenig. Es war niemals genug.

Manchmal schenkte ihm Onkel Moses ein paar Pennys und ließ ihn mit Jim nach Neosho gehen. Die Kreisstadt war acht Meilen entfernt und für George der hektischste Ort der Welt. Alle Gesichter dort waren fremd, manche von ihnen waren schwarz wie sein eigenes, und er war immer froh, wenn sie sich wieder auf den Heimweg machten.

Die Brüder hatten sich getrennt, weil George nach einer Häkelnadel Ausschau halten wollte. Sie hatten verabredet, sich am nördlichen Stadtrand zu treffen, sobald die Sonne hinter den Kirchturm sank. George kaufte seine Nadel und lief dann durch die Straßen, bis er plötzlich vor einem Blockhaus stand, in das viele schwarze Kinder gingen. Als die Tür sich hinter dem letzten geschlossen hatte, presste George das Ohr daran und er hörte die nun schon vertrauten Geräusche des Schul­unterrichts. Aber diese Kinder waren schwarz wie er selbst! Also musste es eine Schule für Schwarze sein!

Er lief zum Treffpunkt mit Jim, doch als er seine Neuigkeit loswerden wollte, stotterte er so sehr, dass sein großer Bruder ihn schüttelte. „Langsam! Sprich langsamer! Ich verstehe dich ja nicht.“

„Ich k-kann nichts d-dafür ...“

„Doch, kannst du! Sprich langsamer!“

George holte tief Luft und begann noch einmal von vorn. „Hier gibt es eine Sch-Schule, eine Schule für Schwarze! Jim, da möchte ich h-hingehen!“

Unter der sinkenden Abendsonne gingen sie die staubige Landstraße entlang. Sie waren so unterschiedlich wie sie nur sein konnten. Groß und kräftig war der eine, klein und zart der andere. Jim verstand seinen Bruder nicht. Er begriff nicht, was er an dieser alten Fibel fand und erst recht an all den Blumen, Pflanzen und Steinen. Aber zwischen ihnen hatte es immer eine Gemeinsamkeit gegeben, die stärker war als alle Unterschiede. Und jetzt hatte Jim Angst um seinen kleinen Bruder – es war so folgenschwer und maßlos, was er sich da in den Kopf gesetzt hatte – Jim wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er scharrte mit den Füßen im Staub und fragte: „Und wo willst du wohnen?“

„Ich weiß nicht.“

Jim blieb stehen und wurde plötzlich böse. „Na also! Was soll das dann? Du hast ein gutes Zuhause, du lernst alle Wörter, die in Tante Susans Buch stehen ...“

„Aber ich will alle Wörter lernen“, sagte George mit ganz aufgeregter, schriller Stimme. „Ich möchte so viele Wörter können, dass ich selbst ein Buch schreiben kann! Es gibt so viel, was ich lernen will.“

Jim sah den kleineren Jungen forschend an, dann setzten sie sich wieder in Bewegung. Es hatte keinen Sinn, dachte er. Er würde George nie verstehen. Aber eins wusste er mit Sicherheit: Wenn George sagte, er wolle in die Schule gehen, dann würde er es auch tun.

Das wusste auch Moses Carver. „Ich kann dich nicht aufhalten“, sagte er ruhig, als George ihm von seinem Plan erzählte. „Und ich würd’s auch nicht, selbst wenn ich könnte. Aber wovon willst du leben? Wo willst du wohnen und essen?“

Der Junge hob die schmächtigen Schultern und sah zu dem bärtigen Mann auf. Seine Augen verrieten ihn. Sie waren nicht so selbstsicher wie seine Worte. „Ich k-k-kann doch k-kochen und f-fegen ...“

„Lass dir Zeit, Junge!“

„Und F-feuer machen!“

Moses nickte ernsthaft, legte George die Hand auf den Kopf und alles war geregelt. Tante Susan packte ihm noch einige Dodgers– mit gebratenem Speck belegte Maisbrote – ein und dann stand sie an einem Herbstmorgen stumm und traurig mit Moses und Jim vor der Tür und sah zu, wie der schmächtige Junge durch das Tor in eine unbekannte Welt ging. Ein paar von seinen Kräutern und ein sauberes Hemd hatte er in dem Bündel, das über seiner Schulter hing. Er sah so schrecklich allein aus auf der Straße, die erst am Horizont endete – ein kleiner schwarzer Fleck vor einem riesigen Himmel. Das war im Jahr 1875. Carvers George war damals wahrscheinlich 14 Jahre alt.

III. Rosen und Dornen

Dieser Junge sagte mir, er wolle in Neosho lernen, woher Schnee und Hagel kommen und ob man die Farbe einer Blüte verändern kann, wenn man ihren Samen verändert. Das muss man sich einmal vorstellen! Ich sagte ihm, das alles würde er in Neosho nie erfahren und wahrscheinlich auch nicht in Joplin oder sogar in Kansas City. Aber dabei wusste ich die ganze Zeit, er würde es doch herausfinden – irgendwo.

Mariah Watkins

Neosho war einmal die Hauptstadt von Missouri gewesen. Während des Krieges hatten Truppen und Rebellen in den Straßen gekämpft. Sie hatten das Gerichtsgebäude niedergebrannt und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Erst jetzt, ein Jahrzehnt später, erholte sich die kleine Stadt allmählich von den Verwüstungen der großen Rebellion. Eine der drei Bleiminen war wieder in Betrieb und man hatte eine neue Mühle gebaut. Die Behörde für Freigelassene, die schizoide Dienerin des Wiederaufbaus – halb brutale Korruption, halb leuchtender Dienst an den vier Millionen befreiten und verwirrten Spielfiguren dieses Krieges –, gab es inzwischen nicht mehr, und nur die Lincoln-Schule für schwarze Kinder zeugte noch von ihrer Arbeit.

Jetzt stand Carvers George, der aus seinem Traum und der warmen Sonne Mut geschöpft hatte, lange vor der baufälligen Hütte. Sie war leer und die Tür war verriegelt, denn die Sonne war längst hinterm Kirchturm verschwunden. Auf einmal war es dunkel und George fühlte sich klein und einsam. Niemand in der Stadt kümmerte sich um ihn oder wusste auch nur, dass es ihn gab. Er lauschte den vielsagenden Klängen der nächtlichen Geschöpfe und sehnte sich nach dem Blockhaus der Carvers. Jetzt saßen sie dort wahrscheinlich am Kamin, mit vollen Mägen, und die Geräusche der Nacht klangen ihnen freundlich in den Ohren.

Was sollte er tun? Wohin sollte er gehen? Er hatte jetzt nur noch seinen Traum und er war nicht sicher, dass dieser ihm über diese erste Nacht hinweghelfen würde.

Er umkreiste die Schule, erschrak vor jedem Knacken, er hatte Hunger und Angst und hatte sich noch nie so allein gefühlt. Er kletterte über einen Zaun und stand kurz darauf vor dem dunklen Schatten einer Scheune. Plötzlich schmerzten seine Beine vor Müdigkeit und als er die Tür zum Heuboden fand, schlüpfte er hinein und vergrub sich im Heu. Mit aller Kraft versuchte er, sein Zittern zu unterdrücken. Er roch die Pferde – Pferde mochte er – und schon bald versuchten seine Augen nicht mehr ängstlich, die Dunkelheit zu durchdringen. Er aß das letzte Speckbrot, dann legte er sich hin und sah im Geiste Tante Susan stricken und Onkel Moses im Feuer stochern. Dann schlief er ein.

Durchgefroren und verkrampft erwachte er, kletterte aus dem Heu, trat vor die Tür und stand im Morgennebel, der vom Boden aufstieg. Er lief zum Schulhaus und klopfte dabei das Heu von seinen Kleidern. Aber die Schule war noch immer geschlossen, also ging George zu der Scheune zurück, wieder hungrig. Am Zaun standen Sonnenblumen. George löste Kerne aus den Blüten, setzte sich auf einen Stapel Brennholz und kaute lustlos, ohne das kleine Haus auf der anderen Seite des Hofes zu beachten. Kurz darauf trat eine hagere schwarze Frau aus der Hintertür und sah den Jungen.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

„Ich s-s-sitze bloß hier“, erwiderte George.

„Das seh ich.“

Die Hände in die Hüften gestemmt, blickte sie streng auf ihn hinunter. George rappelte sich auf und musste zweimal schlucken, ehe er ein weiteres Wort hervorbrachte. „Ich w-warte, d-dass d-die Schule aufgemacht wird.“

„Da kannst du lange warten, heute ist Samstag.“

„S-Samstag“, echote er ratlos. „Ich ...“

„Nun hör auf zu stottern, ich beiße doch nicht. Wo ist deine Familie?“

„In D-Diamond Grove. Mr Moses Carver und ...“

„Und du willst hier zur Schule gehen?“

„Ja, Ma’am!“

„Hast du Hunger?“

„Ja.“ Zum ersten Mal bemerkte George, dass die Frau, obwohl sie so ruppig schien, Augen hatte, die so sanft waren wie Kerzenlicht.

„Geh da drüben zur Pumpe und wasch dich, und dann komm rein.“ Sie nahm ein paar Holzscheite und ging ins Haus zurück.

George starrte ihr einen Augenblick nach, dann wusch er sich gründlich Gesicht und Hände. Als er schüchtern an die Hintertür klopfte, hing schon süßer Brötchenduft in der Luft und gleich darauf strich er Sirup auf das goldgelbe, warme Gebäck, als hätte er gerade eben erst das Wunder des Essens entdeckt.

So kam George in das Haus von Mariah Watkins, die Wäscherin und Hebamme war und eine so zarte und gütige Seele hatte, dass sie sich für alle heimatlosen Geschöpfe verantwortlich fühlte, die ihr über den Weg liefen. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, ihr weiches Herz hinter einer Maske aus Strenge zu verbergen; sie wäre sonst beim Anblick jedes unglücklichen und hungrigen Wesens wie Carvers George in Tränen ausgebrochen. Sie und ihr Mann, der fleißige Gelegenheitsarbeiter Andrew, hatten keine eigenen Kinder, aber Mariah betrachtete alle Mädchen und Jungen, bei deren Geburt sie geholfen hatte, als ihre Babys, selbst wenn sie längst geheiratet und eigene Familien gegründet hatten. Jahre später, als ihre „Babys“, schwarze wie weiße, eine Party für sie veranstalteten, war die halbe Stadt anwesend und in ihrer Straße standen die Wagen der vornehmsten Familien von Neosho.

Den ganzen Vormittag über beobachtete George, wie Mariah körbeweise Wäsche wusch, und das Interesse des Jungen wuchs noch, als ihr Mann zum Mittagessen heimkam. Die beiden flüsterten miteinander und warfen George prüfende Blicke zu. Dann kam Mariah zu ihm und sagte: „Wenn du arbeiten willst, kannst du bei uns bleiben.“

„Ich will gern arbeiten“, versicherte George atemlos, fast verzweifelt. „Ich bin ein g-guter Arbeiter, Ma’am, wirklich! Ich kann putzen und F-feuer machen und ...“ Er unterbrach sich und fragte dann ängstlich: „Aber ich darf doch zur Sch-Schule gehen?“

„Natürlich“, versicherte Mariah. „Deswegen bist du doch hergekommen, nicht wahr?“

Der grauhaarige Andrew Watkins lächelte ihm zu. „Mich nennst du Onkel Andy, hörst du? Und das ist Tante Mariah. Wir sind richtig froh, dass du bei uns bist, mein Junge.“

George sagte: „Vielen Dank – euch beiden.“ Dann wandte er sich ab, weil sie seine Tränen nicht sehen sollten.

Am Abend, als Mariah im einzigen Raum des Hauses einen Schlafplatz mit Vorhängen abteilte, versuchte George noch einmal, seine Dankbarkeit auszudrücken. „Ich hab r-riesiges Glück gehabt, dass ich mich gerade auf diesen Hof g-gesetzt habe.“

Mariah unterbrach ihre Arbeit. „Mit Glück hat das nichts zu tun, mein Junge“, sagte sie bestimmt. „Gott hat dich hergeführt. Er hat eine Aufgabe für dich und will, dass Andrew und ich dir dabei helfen.“

„Ja, Ma’am“, flüsterte George.

Er hatte bisher nur ganz vage Vorstellungen von der Rolle, die Gott in dieser Welt spielte. Aber er war in das richtige Haus gekommen, um mehr darüber zu erfahren. Nach Mariah Watkins’ schlichtem und schnörkellosem Glauben war Gott überall. Er hatte einen Plan für jedes seiner Kinder. Nichts ließ er zufällig geschehen. Diese Wahrheit gehörte bald auch zu Georges unerschütterlicher Überzeugung, so wie er auch die beiden anderen Grundsätze übernahm, nach denen Mariah Watkins lebte – Sauberkeit und Arbeit. Das Zimmer war makellos, der Fußboden vom vielen Scheuern ganz glatt. Im Haus roch es nach Gewürzen und Kiefernholz und der Hof hinterm Haus war stets ordentlich gefegt und geharkt. Auf einer Bank standen das Waschbrett und die Fässer, mit denen Mariah ihr Geld verdiente. Selbst Jahrzehnte später brauchte George nur die Augen zu schließen, um sie vor sich zu sehen, den drahtigen Körper über diese dampfenden Bottiche gebeugt, rhythmisch, fleißig, endlos.

Am Samstag wischte er den Fußboden, spülte das Geschirr und holte Feuerholz. Am Sonntag zog er sein sauberes Hemd an und ging mit Onkel Andrew und Tante Mariah in die afrikanische Methodistenkirche. Ihm war ein bisschen mulmig zumute, weil er keine Vorstellung davon hatte, was im Innern einer Kirche vor sich ging, aber nach den düsteren Andeutungen, die Moses Carver gemacht hatte, rechnete er mit geheimnisvollen Beschwörungen, vielleicht sogar mit einem Menschenopfer.

Jemand musste neben Pastor Givens stehen und die Bibeltexte vorlesen. Aber als dann die kleine Gemeinde ihre Choräle sang, ließ die Musik alle Angst in Georges Bauch zerfließen. Und als Pastor Givens anfing, von der Liebe und Fürsorge Gottes für alle seine Kinder zu sprechen, für jedes einzelne von ihnen, die hier gespannt und voller Hoffnung unter dem Blechdach saßen, war es George, als würde die Sonne mit einem Mal stärker scheinen und ihn in ihre Wärme einhüllen. Am liebsten hätte er vor Freude geweint, so ein merkwürdiges Gefühl war in ihm geweckt. Dieses Gefühl war immer da, wenn er sonntags mit Andrew und Mariah zur Kirche ging, und auch später, sobald er ein Gotteshaus betrat.

Als George am Montagmorgen über den Zaun kletterte, um zur Schule zu gehen, rief Mariah ihm nach: „Du kannst dich aber nicht mehr Carvers George nennen. Du bist selbst jemand, hörst du! Von jetzt an bist du George Carver!“

„Ja!“ rief George zurück. Der Name kam ihm zwar noch nicht so leicht über die Lippen, aber so stellte er sich dem Lehrer vor, einem jungen und nervösen Schwarzen namens Stephen S. Frost. Dann setzte er sich auf einen Platz in der letzten Bank.

Fast 75 Schüler waren in dem kleinen Schulraum zusammengepfercht. Manche waren kleiner als George, andere schon fast erwachsen. George lauschte gebannt jedem Wort des Lehrers und ließ sich durch nichts ablenken. Im Schulzimmer herrschte ein ständiges Gemurmel, nur hin und wieder von einem Husten unterbrochen. Wenn jemand sich in der Bank rührte oder die Beine übereinanderschlug, mussten alle anderen es ihm nachtun. Die Luft war stets stickig und verbraucht. Im Winter pfiff der Wind durch die rissigen Wände. Abgesehen von den Kindern, die dicht am Holzofen saßen, behielten alle ihre Mäntel und Fausthandschuhe an und zitterten trotzdem noch vor Kälte.

Doch all das störte George nicht. Er war in der Schule! Er hatte seine erste Fibel und ein Stück Schiefertafel, auf dem er schreiben konnte. Am Mittag seines ersten Schultages kletterte er eilig über den Zaun und platzte ins Haus, um Tante Mariah diese Schätze zu zeigen. Er schlang sein Mittagessen hinunter, kümmerte sich nicht um die Spiele und das Durcheinander auf dem Schulhof, sondern wartete ungeduldig vor der Schultür, lange bevor der Lehrer die Glocke läutete.

Dieser Tag – und alle folgenden – verging für George wie im Flug. Immer hatte er sein aufgeschlagenes Lesebuch vor sich, selbst wenn er Geschirr spülte oder bei der Wäsche half. Manchmal überredeten ihn die anderen Kinder, in der Pause beim Spielen auf dem Schulhof mitzumachen. Aber das endete für ihn fast immer mit aufgeschürften Knien und dem beschämenden Gefühl, furchtbar ungeschickt zu sein. Vom vielen Geschrei eingeschüchtert, verdrückte er sich in eine stille Ecke. Dann zeichnete er Bilder auf seine Schiefertafel und vertrieb sich damit die Zeit, bis die Schulglocke läutete.

Das sollte während seines ganzen Lebens so bleiben. Er schien für die Einsamkeit bestimmt zu sein und war am glücklichsten, wenn er still für sich arbeiten konnte. Tante Mariah brachte ihm bei, Wäsche zu bügeln. „Pass genau auf! Für meine Kunden muss alles tadellos sein.“ Das aufgeschlagene Lesebuch an einen Wäschestapel gelehnt, bügelte er zufrieden alles bis zum letzten Taschentuch.

Mitte November bummelte George einmal durch die Stadt und blieb vor einem Geschäft für Damenbekleidung stehen. Aufmerksam betrachtete er die kunstvoll gehäkelten Manschetten und den Kragen eines hübschen Kleides.

Dann ging er heim, tat jeden Abend so, als würde er faulenzen, aber stattdessen häkelte er heimlich Manschetten und Kragen für Tante Mariah nach. Als er ihr am Weihnachtsmorgen sein Geschenk überreichte, konnte sie es kaum glauben: „Das hast du gehäkelt? Ganz allein?“ Und dann drückte sie ihn fest an sich. „Tausend Dank, mein Junge!“

Ihr Geschenk für ihn war eine Lederbibel, die vom langen liebevollen Gebrauch schon ganz abgenutzt war. Nach einem Jahr kannte George große Teile des ersten Mosebuches, der Psalmen, der Sprüche und der Evangelien auswendig. Von da an las er bis zu seinem Todestag täglich in dieser Bibel, die er stets zur Hand hatte.

Dreimal in diesem Winter erkältete er sich, so dass er nicht in die Schule gehen konnte, und er wollte gar nicht daran denken, was er alles versäumte. Um ihn abzulenken, erzählte Tante Mariah manchmal aus ihrer Sklavenzeit. Sie hatte auf einer großen Pflanzung gearbeitet und von den vielen Schwarzen, die dort lebten, war Libby die einzige, die lesen konnte. Sie hütete sich aber, das ihren Herrn wissen zu lassen, denn Sklavinnen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten wurden gern verkauft. Also brachte Libby den anderen heimlich am Herdfeuer Wörter und Sätze bei. Auf diese Weise hatte Tante Mariah lesen gelernt, als sie schon über dreißig Jahre alt war.

„Genau das musst du auch tun, George“, sagte sie ihm eines Abends. „Du musst lernen, was du nur kannst, und dann musst du wie Libby sein. Geh hinaus in die Welt und gib dein Wissen an unsere Leute weiter. Sie wollen so gerne etwas lernen!“

George dachte darüber nach. Anfangs war ihm Tante Mariah wie ein großer, schattiger Eichbaum vorgekommen – stark, kühl, tröstlich. Solange er sein Wissen vermehren konnte, dachte er nicht daran, ihr Haus zu verlassen. Aber im Frühjahr begriff er, dass von seinem Lehrer bald nichts mehr zu lernen war. Mr Frost war selbst nicht sehr gebildet und sein langsames Tempo langweilte einen Jungen mit einem so wachen Verstand, wie George ihn besaß. Er wusste, dass er den Lehrer mit seinen Fragen in Verlegenheit brachte, aber etwas anderes bereitete ihm noch größeren Kummer.

„Ihr müsst wissen, wo euer Platz ist!“, mahnte der Lehrer immer wieder und versuchte, den Schülern seine eigene Unterwürfigkeit und einen engen Horizont einzuimpfen. Instinktiv, wenn auch heimlich, rebellierte George dagegen. Er gab sich keiner Täuschung hin – seine Hautfarbe war eine Fessel. Aber er würde sie entweder abschütteln oder stolz tragen. Sein Platz war an der Sonne und er wollte ihr so nahe kommen, wie Ausdauer und Mut ihn nur bringen konnten.

Im Mai kam sein Bruder Jim nach Neosho. George saß lesend auf einem Holzstapel, als er eine vertraute Stimme rufen hörte: „Hallo, alter Junge! Hast du endlich herausgefunden, warum es regnet?“ Es war Jim, der ihm vom Zaun zugrinste.

„Jim!“, schrie George und fiel fast auf die Nase, als er von seinem Hochsitz sprang. Dann stotterte er in seiner Erregung hilflos: „W-Wie k-k-kommst du hierher?“

Jim lachte. „Bis jetzt hast du ja noch nicht einmal gelernt, langsam und richtig zu sprechen!“

Sie lachten beide und klopften einander auf die Schultern und Tante Mariah kam heraus, um zu sehen, was es da für einen Lärm gab. „Das ist mein Bruder!“, erklärte George ihr stolz.

Mariah betrachtete Jim so streng, als würde sie ihn nach Läusen absuchen. „Aus dem könnte man ja zwei von deiner Sorte machen“, sagte sie dann und wandte sich an Jim: „Weißt du schon, wo du bleiben wirst?“

„Ja, bei den Wilsons. Sie wohnen ...“

„Das weiß ich. Sie sind feine Leute. Bei denen musst du dich gut benehmen, verstehst du?“

„Ja“, sagte Jim.

„Gleich gibt es Abendessen. Du kannst mit uns essen, wenn du willst.“

Sobald sie wieder im Haus verschwunden war, hüpften die Brüder noch einmal umeinander herum, dann setzten sie sich auf den Zaun, um sich zu unterhalten. Wie ging es Tante Susan und Onkel Moses? George wollte alles auf einmal wissen. Und warum war Jim in die Stadt gekommen?

Jim sagte, er habe den ganzen Winter darüber nachgedacht und dann beschlossen, dass er auch in die Schule gehen sollte. „Wenn du das für so wichtig hältst, muss doch was dran sein.“ Er legte George den Arm um die Schultern. „Findest du denn alles heraus über die Pflanzen und die Blumen?“

Georges Blick wanderte zum Schulhaus und dann zum dunkler werdenden Himmel dahinter. „Nein“, gab er zu, „noch nicht.“ Dann wandte er sich wieder an Jim. „Aber ich kann jetzt lesen und schreiben. Und du wirst es auch bald können.“

Aber es kam anders. Jim war nicht zum Schüler geschaffen und verließ die Klasse bald wieder, um Verputzer zu werden. George war enttäuscht, doch Jim, der so kontaktfreudig war wie sein kleiner Bruder schüchtern, fügte sich schnell in die schwarze Bevölkerung von Neosho ein und war sehr glücklich.

Inzwischen suchte George eifrig nach Gelegenheitsarbeiten; er sparte jeden Cent, den er dabei verdiente. Als die Slaters nach St. Louis verreisten, kümmerte er sich um ihr Haus und erzählte Tante Mariah jeden Abend, was er gemacht hatte – die Gartentür ausgebessert, die Lampen geputzt, den Kamin gekehrt ... Schließlich sagte sie zu ihm: „Hör mal, George, ich will gar nicht wissen, wie viel du gemacht hast und Mrs Slater will es auch nicht wissen. Niemand will das wissen. Es kommt nur darauf an, wie gut du es gemacht hast!“

Wieder wurde es Winter. George schniefte und hustete die ganze Zeit und wurde von einer dauernden Müdigkeit geplagt, die ihn tagelang von der Schule fernhielt. Das war nicht so schlimm, denn er hatte längst alles gelernt, was es dort zu lernen gab. Aber Gott konnte doch nicht wirklich wollen, dass er sein ganzes Leben lang schwächlich und krank blieb! Wenn er an einen anderen Ort ging, würde es vielleicht besser werden. Vielleicht fand er ja auch eine neue Schule. Vielleicht erwarteten ihn die Antworten auf alle seine Fragen irgendwo an einem fernen Ort, und er brauchte nur aufzubrechen, um diesen Ort zu suchen.

Im Dezember hörte er, dass die Familie Smith in das fast 75 Meilen entfernte Fort Scott in Kansas ziehen würde. Ob das der richtige Ort für ihn war? Das „freie Kansas“ hatten sie es früher genannt, und der Name hatte auch jetzt noch einen guten Klang. Er stand für Gleichberechtigung und eine ehrliche Chance für jeden. Würde George seine Antworten dort im weiten Westen finden? Tagelang kämpfte in ihm die Angst vor dem Neuen mit dem Wunsch, etwas zu lernen und zu wissen. Dann nahm er allen Mut zusammen und klopfte bei den Smiths an die Tür.

Ob sie ihn wohl nach Fort Scott mitnehmen würden?, fragte er. Er würde auch keine Last sein. Er würde sein eigenes Essen mitbringen und sich unterwegs um die Maulesel kümmern. Sie sagten Ja.

In den letzten Tagen ließen sich die Brüder zusammen fotografieren. Sie trugen zerschlissene Hemden und Hosen, die ihnen viel zu groß waren, und machten sehr feierliche Gesichter. Dann gingen sie über die vereiste Straße nach Diamond Grove, damit George sich von den Carvers verabschieden konnte. Von seinem Lehrer hatte er ein Zeugnis bekommen. Es trug das Datum vom 22. Dezember 1876. Und an einem beißend kalten Januarmorgen zog George sein Bündel zwischen Bettgestellen, Töpfen und Pfannen hervor und sagte Jim und den Watkins Lebwohl. Bis zu den Ohren eingepackt sah er wie ein kleiner Junge aus, obwohl er inzwischen sicher 16 Jahre alt war. Er war schmächtig und gebrechlich und seine schwarzen Augen glänzten groß in dem schmalen unverhüllten Streifen, der von seinem Gesicht zu sehen war. Aber Tante Mariah sah die Entschlossenheit und den Mut in diesen Augen, die noch nicht darin gelegen hatten, als George zu ihr gekommen war.

„Gib ihm eine gute Schule, Herr!“, betete sie. „Gib ihm einen tüchtigen Lehrer, Herr, denn der Junge will doch so schrecklich viel wissen.“

„Los geht’s!“, rief Mr Smith, und die Maulesel trotteten davon.

Es war ein langer Weg. Die Straße wand sich westwärts durch das Ozark-Plateau, dann nordwärts über eine weite Ebene.

Wenn die Tiere müde wurden, gingen die Smiths und George abwechselnd neben ihnen her. Der Wind fuhr ihnen ins Gesicht und bisweilen waren sie von einem dichten Schneewirbel umgeben, dessen Ende sie nicht einmal ahnen konnten. Abends drängten sie sich ums Lagerfeuer, aßen schweigend und rollten sich dann frierend zu einem kurzen Schlaf zusammen. Am vierten Tag erreichte der Wagen Fort Scott. Auf der kopfsteingepflasterten Hauptstraße sprang George von seinem Sitz, schulterte sein Bündel und blickte der Familie Smith nach, bis ihr Wagen langsam verschwand. Jetzt war er wieder allein.

Ein Reiter galoppierte heran und beschimpfte den Jungen, der ihm im Wege stand und ihn zwang, sein Pferd heftig zu zügeln. Zitternd zog George sich auf den hölzernen Gehsteig zurück und ging zaghaft auf das große Hotel an der Poststation zu. Menschen drängten an ihm vorbei, alle hatten es furchtbar eilig. Als er sich irgendwann ein Herz fasste und eine schwarze Frau fragte, ob sie nicht eine Arbeit für ihn wüsste, antwortete sie nur mit einem kurzen „Ha!“ und hastete weiter.

Er hielt sich dicht an den Häusern und bog in die nächste Seitenstraße ein. Lange streifte er ziellos umher und der Klumpen Angst in seinem Magen wuchs so sehr, dass er fast meinte, sie mit den Händen greifen zu können. Erst als es schon dämmrig wurde, zwang er sich, an die furchterregenden Küchentüren zu klopfen und stotternd seine traurige kleine Frage vorzubringen, ob die Hausfrau vielleicht jemanden brauchen konnte, der die Fußböden scheuerte und sich um das Feuer kümmerte. Manche verneinten höflich, andere schlugen ihm die Tür vor der Nase zu, ohne ihn auch nur anzusehen. Endlich sagte jemand, Mrs Payne im Haus gegenüber suche eine Hilfe.

Das Haus war riesengroß, strahlend weiß verputzt und von gepflegten Beeten mit Beerensträuchern umgeben. Wieder klopfte George und versuchte, so groß wie möglich auszusehen. Er hasste sich selbst, weil er so klein war. Im Stillen probte er seine Worte, damit er nur ja nicht stotterte, wenn die Tür geöffnet wurde.

„Man hat mir g-gesagt, Sie brauchen j-jemanden f-f-für die Hausarbeit!“ Er zeigte zur anderen Straßenseite hinüber.

Mrs Payne war groß und aufrecht und hatte dichtes schwarzes Haar. „Eigentlich suche ich ein Mädchen“, sagte sie.

„Ich kann p-putzen und G-Geschirr spülen und alles.“

Sie betrachtete ihn mit unverhohlenem Zweifel. „Kannst du auch kochen?“

„O ja! Ich k-kann ...“

„Komm rein! Hier ist es zu kalt.“

Ein warmes, behagliches Feuer brannte in der Küche. Ein herzhafter Bratenduft stieg George in die Nase, hüllte ihn ein und ließ ihn vor Hunger und Müdigkeit schwindlig werden. Er fragte sich, ob er es wagen durfte, sich gegen die Wand zu lehnen, entschied sich aber dagegen. Jetzt kam es vor allem darauf an, die Fragen der Frau zu beantworten, ohne in stotternde Unverständlichkeit zu verfallen. Sie wollte wissen, wie er hieß, woher er kam, was er schon alles getan und wo er die Hausarbeit erlernt hatte.

Und dann sagte sie endlich: „Also gut! Ich will’s mit dir versuchen. Mit dem Abendessen kannst du anfangen. Wir essen Fleisch und Brotpudding mit Brötchen. Alles, was du dazu brauchst, findest du dort im Schrank. Zum Nachtisch gibt es Apfelkuchen und Kaffee. Auf den Kaffee legt mein Mann ganz besonderen Wert.“

Damit wandte sie sich um und verschwand durch eine Schwingtür. George Carver stand fassungslos da und starrte hinter ihr her, überwältigt von der Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe. Er hatte nicht lügen wollen. Er konnte wirklich kochen – gewissermaßen. Er hatte für Tante Mariah Eier und Gemüse gekocht und sogar Schinken gebraten. Aber Pudding und Brötchen und Apfelkuchen – das alles war ihm so fremd wie der funkelnde Herd und die geheimnisvolle Sammlung von Töpfen, Pfannen und Geschirr auf dem Regal. Was sollte er jetzt machen?

Er hängte seine Jacke auf und wusch sich an der Pumpe – bis jetzt hatte er noch nicht einmal einen Wasserhahn in einem Haus gesehen. Dann öffnete er den Schrank und nahm Mehl, Kartoffeln und Kaffee heraus, starrte das alles mutlos an und fragte sich, ob er sich Mrs Payne auf Gnade oder Ungnade ausliefern oder versuchen sollte, sich wenigstens so lange durchzuschummeln, bis er eine Scheibe von dem köstlich duftenden Braten ergattert hatte. In diesem Augenblick kam Mrs Payne wieder in die Küche.

„George ...“, begann sie.

„Ma’am?“, platzte es aus ihm heraus.

Sie sahen einander an. George stockte der Atem und er suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

„Ja, was ist?“, fragte die Frau.

Und in irgendeinem Winkel seines gesunden Menschenverstandes fand er die Geistesgegenwart zu sagen: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbrochen habe, aber beim ersten Mal möchte ich schon alles g-ganz richtig machen. Wenn Sie mir vielleicht zeigen könnten, wie Sie alles zu-zube-zubereitet haben möchten ...“

„Hmm“, machte sie. „Am besten fangen wir mit den Brötchen an. Ich nehme zwei Tassen Mehl und ungefähr so viel Backpulver.“

George passte genau auf und merkte sich jedes Wort, das sie sagte, während seine Hände heimlich ihre Bewegungen nachahmten, während sie mischte, knetete und walzte. Als die Brötchen im Ofen waren, verstaute er das Rezept in einer Ecke seines Gedächtnisses und widmete sich ganz den Geheimnissen des Brotpuddings, einem Gericht, von dem er bisher nicht einmal gehört hatte.

Für den Apfelkuchen brauche man so viele Äpfel und so viel Zimt, erklärte Mrs Payne, und der Kaffee werde am besten, wenn sie sechs Teelöffel auf nicht mehr als einen halben Topf Wasser nahm.

Als sie ihn schließlich wieder sich selbst überließ, murmelte George die Mengenangaben bei der Arbeit unaufhörlich vor sich hin, tanzte zwischen Herd und Backofen hin und her, um das scheinbar unvermeidliche Unheil in der Küche irgendwie abzuwenden. Wunderbarerweise stand das Abendessen auf dem Tisch, als der Hausherr heimkam. George presste das Ohr an die Tür, doch er hörte kein Wort der Beschwerde. Er hatte es geschafft!

Schon bald reicherte er den Brötchenteig mit einem Ei an, würzte das Fleisch mit ein paar Lorbeerblättern und ließ seine Fantasie auch sonst mit erstaunlichem Erfolg spielen. Noch vor Ablauf eines Monats gewann er einen Kochwettbewerb. Und eines Abends hörte George Mr Paynes dröhnende Stimme: „Mein Kompliment – dein neuer Koch ist ein Juwel!“

Wenn seine Arbeit getan und die Küche blitzblank war, lag George oft in seinem kleinen Zimmer unter der Hintertreppe und hörte zu, wie Mrs Payne Klavier spielte. Die Musik schien irgendwie auf all das Wissen in all den Büchern hinzuweisen, die er nicht gelesen hatte, und alle Fragen zu beinhalten, die er noch nicht stellen konnte. Mit einer Melodie im Ohr und einem hartnäckigen Drängen im Herzen schlief er dann ein. Er war nicht nach Fort Scott gekommen, um Koch zu werden. Das war nur eine nützliche Arbeit, um Hunger und Kälte fernzuhalten, aber es war kein Ersatz für die Schule. Weder Lohn noch Lob durften ihn davon abhalten, alles zu lernen, was er wissen musste. Und die Zeit drängte.

Im Vorfrühling verließ er die Familie Payne. Jeden Cent seines Lohnes hatte er gespart. Er meldete sich im großen Schulhaus, um sich als Schüler eintragen zu lassen. Es gab hier lange Gänge und viele Zimmer und es war George, als richteten sich alle Augen auf ihn, als er mit seinen neuen Büchern, knarrenden Schuhen und beständig rutschenden Hosen durchs Schulhaus ging. Sobald er aber in der Klasse saß, dachte er nur noch an das, was es hier zu lernen gab. Er hatte Mühe mit Geografie und Mathematik – Fächer, die Mr Frost kaum einmal erwähnt hatte –, erhielt aber gute Noten im Lesen und in der Rechtschreibung. Und wieder einmal zog er Neid und Bewunderung seiner Klassenkameraden in Naturkunde auf sich, denn er kannte jeden Stein, jede Blume, jeden Samen und stellte Fragen, die nicht einmal seine Lehrer beantworten konnten.

In der Nähe der Poststation hatte er eine Unterkunft gefunden, eine windschiefe Hütte, die ihn einen Dollar wöchentlich kostete. Ebenso wenig gab er fürs Essen aus und keinen Penny für irgendetwas anderes. Den ganzen Nachmittag über lernte er und abends las er beim Schein einer Kerze alles, was ihm in die Hände fiel – Bücher, Rundschreiben, alte Zeitungen, Traktate. Schien am Sonntag die Sonne warm genug, ging er in den Wald und zögernd – er brauchte die stille Ermutigung durch die Dinge, die er am allermeisten liebte – zeichnete er sie: eine schwankende Birke, ein Kaninchen, das ihn neugierig, aber furchtlos musterte, die ersten jungen Wildblumen des Frühlings.

So genügsam George auch war, reichte sein Geld doch nur bis zum Sommer. Dann musste er wieder arbeiten gehen. Diesmal fand er eine Anstellung in einem Hotel. Er wusch die Bettwäsche. Er konnte kaum über den Rand des großen Bottichs gucken, aber seine Hände arbeiteten unermüdlich. Später wusch und bügelte er die Wäsche für Farmer und Geschäftsleute, die mit den Kutschen aus Kansas City kamen. Im September hatte er genug Geld zurückgelegt, um wieder zur Schule gehen zu können.

So ging es im steten Auf und Ab. Mehrere Wochen Arbeit mussten das Geld für seine Ausbildung einbringen. Das Lernen war für ihn Erholung und gab ihm Kraft für die nächste Arbeit. Oft war er einsam, denn er war älter und um Welten weiter als seine Klassenkameraden. Die meisten von ihnen waren weiß und manchmal hatte er Angst. Auch wenn Kansas frei gewesen war, so war Fort Scott im Bürgerkrieg doch eine Enklave der Sympathie für die Südstaaten gewesen; selbst jetzt schwelte noch das Feuer aus rassistischem Hass. Als er einmal in einem Schaufenster ein paar Bilder ansah, wurde George von zwei weißen Männern angerempelt.

„He, Boy! Woher hast du denn die Bücher?“

„Die habe ich gekauft, Sir. In der Schule.“

Einer der Männer lachte. „Hörst du das, Pete? Gekauft hat er sie, sagt er!“

„Seit wann lassen sie denn Nigger in die Schule?“, spottete der andere und seine wässrigen Augen verengten sich zu dunklen, bedrohlichen Schlitzen. „Ich sage dir, er hat sie gestohlen!“

Sein Verstand sagte George, dass er fortlaufen musste. Bestimmt konnte er sich zwischen den beiden durchzwängen und verschwinden, ehe sie einen Entschluss gefasst hatten. Aber etwas anderes ließ ihn wie angewurzelt stehenbleiben und seine Gegner ruhig ansehen, was auch immer kommen mochte. Er hatte nichts Böses getan. Die beiden sollten ihn nicht in die Flucht schlagen. Das war sogar noch wichtiger als seine Bücher.

„Gib sie her!“

„Sie gehören mir, Sir!“, sagte George.

Sie handelten schneller, als er ihnen zugetraut hatte. Einer traf ihn mit der Faust an der Schläfe und während George benommen zu Boden sank, riss ihm der andere die Bücher aus den Händen. Dann gingen die Männer ganz offen die Straße hinunter. Viele Menschen hatten den Vorfall beobachtet, doch niemand hielt die beiden auf. Niemand sagte etwas.

George streifte lange durch die Seitenstraßen und achtete nicht darauf, wo er war, weil er die ganze Zeit krampfhaft überlegte, was er tun sollte. Zur Schule konnte er nicht mehr gehen, denn er hatte kein Geld, um sich neue Bücher zu kaufen. Albträume verfolgten ihn in der Nacht und raubten ihm tagelang den Mut. Schließlich nahm er Arbeit bei einem dunkelhäutigen Schmied an. Er fegte die Ställe und lieferte die frisch beschlagenen Pferde ab; ansonsten blieb er für sich und sprach kaum ein Wort. Dann riss ein entsetzliches Erlebnis die Wunden seiner Seele noch weiter auf.

Als er an einem Nachmittag zur Schmiede zurückging, sah er eine dichte Menschenmenge, die sich um einen Holzkäfig drängte. Es war, als würde das Geschrei ihn ausweglos und ohne Hoffnung gefangen halten. Er hielt sich im Schatten auf der anderen Straßenseite, aber er konnte seine Füße nicht dazu bringen zu fliehen. Mitten auf dem Platz hatten Männer einen großen Scheiterhaufen errichtet, andere rüttelten an der Tür des Holzkäfigs.

„Holt ihn raus!“, schrien sie. „Wir machen ihn fertig!“

Und das taten sie. Ein blindwütiger Mob zerschlug die Tür. Die Rufe wurden zum kreischenden Geschrei, zu einem blutrünstigen Geheul. Gleich darauf wurde ein verstörter und zitternder Schwarzer der Menge vor die Füße geworfen. Die Männer stießen ihn und schlugen fluchend auf ihn ein. Eine Frau hob ihr kleines Kind hoch, damit es sehen konnte, wie ein Mensch dem Hass und einer brutalen Rücksichtslosigkeit geopfert wurde.

„Bitte! Bitte!“, bettelte der Gefangene.

„Nigger!“, schrien seine Peiniger zurück, als wäre dieses Wort Anschuldigung, Beweis und Urteil zugleich. Dann übergossen sie ihn mit Öl, schleiften ihn übers Pflaster und warfen ihn in die züngelnden Flammen des Scheiterhaufens. George sah, wie der Mann ein, zwei Mal versuchte, sich aufzurichten. Dann fiel er mit einem Blick tiefster Verzweiflung in die Flammen zurück, wo er regungslos liegenblieb.

Die ganze Nacht sah George das Gesicht des Mannes vor sich, hörte sein klägliches Betteln um Gnade und versuchte, den Gestank von brennendem Fleisch loszuwerden. Noch vor Sonnenaufgang packte er zitternd seine Habseligkeiten zusammen und floh für immer aus Fort Scott.

Viel später schrieb George Carver über diesen Lebensabschnitt: „Sonnenschein mischte sich immer wieder mit Schatten, die von Natur aus auf einen hilflosen Waisenjungen fallen, weil andere Jagd auf ihn machen.“

Hatte die verschlossene Schultür von Locust Grove ihm gezeigt, was für eine Last seine schwarze Haut war, so enthüllte der Lynchmord von Fort Scott ihm jetzt, welche Gefahren damit verbunden waren.

Er wusste jetzt, dass alle anderen auf breiten Straßen ihrem Ziel zustreben durften, dass er selbst sich aber an die Seitenwege halten musste. Jederzeit konnte er aus blinder Verbitterung, aus Vorurteilen oder aus bloßer Laune heraus zusammengeschlagen werden. Niemand würde sich darum kümmern oder es auch nur bemerken. Er wusste, dass es ein Wunder wäre, wenn er seinen Platz an der Sonne erreichte. Aber er ging trotzdem weiter.

Zehn Jahre lang zog er im Westen der Vereinigten Staaten von Ort zu Ort, übernahm Gelegenheitsarbeiten, ging zur nächsten Schule und blieb so lange, bis er dort nichts mehr lernen konnte. Er begann eine Klasse in einer Stadt und beendete sie in einer anderen und überall musste er drei Probleme lösen: Wo würde er schlafen, wer würde ihm Essen geben und wie konnte er die nächsten Schulbücher bezahlen?

Er kochte, wusch, hackte Holz, pflegte Gärten, reinigte Teppiche, hob Gräben aus, pflückte Obst, schlug Nägel ein, putzte Plumpsklos, strich Zäune – was immer jemand für ihn zu tun hatte. Einmal kam er im September an ein großes Weizenfeld und sah zu, wie der von vier Pferden gezogene Mäher die Halme fällte. Ein Mann folgte der Maschine, raffte die Halme zusammen und band sie zu ordentlichen Garben. Instinktiv machte George mit den Händen seine Bewegungen nach und kurz darauf ging er neben ihm übers Feld. Der Mann blinzelte überrascht, als der schlaksige Junge plötzlich neben ihm erschien und staunte dann nicht schlecht, als er sah, wie geschickt der Junge die Garben band. Noch vor Einbruch der Dunkelheit hatte George sich eine neue Fertigkeit angeeignet. Während der Erntezeit zog er nun von Farm zu Farm, ging tagein, tagaus hinter der Mähmaschine her und band in der spätsommerlichen Sonne die Weizengarben.

Er zog weiter, im Westen fast bis nach Denver, dann in den Süden, zurück nach Kansas und weiter zu den Städten und Dörfern von Iowa, immer unter Fremden, nie einer Sache ganz sicher außer der Tatsache, dass er in diesem Jahr die siebte Klasse abschließen wollte. Er versuchte, mit seinem Bruder Jim in Verbindung zu bleiben, war jedoch selten so lange an einem Ort, als dass ein Brief ihn erreicht hätte. Manchmal träumte er davon, irgendwo seine Mutter und Schwester wiederzufinden. Aber nur selten sah er überhaupt ein farbiges Gesicht.

Ganz plötzlich, so schien es, war er zu einem Mann herangewachsen, fast einen Meter achtzig groß, knochig und hager, ein wenig gebeugt von der vielen körperlich anstrengenden Arbeit und dem Mangel an Essen. Und obwohl er jetzt nicht mehr stotterte, blieb seine Stimme so hoch wie die eines Mädchens. Während er die Landstraßen entlanglief, hängte er sich oft die Schuhe um den Hals, um sie zu schonen.

In Newton, Iowa, arbeitete er in einem Gewächshaus und genoss es, von seinen geliebten Pflanzen umgeben zu sein. Dann beschuldigte der Sohn des Besitzers „diesen Nigger“, ihm sein Taschenmesser gestohlen zu haben, und George zog weiter. Einmal sah er vor einem großen Landhaus ein prächtiges Rosenbeet neben einem Springbrunnen und fragte den Gärtner, ob er hereinkommen und es zeichnen dürfe. Doch dann kamen einige weiße Jungen vorbei und behaupteten, er hätte das Grundstück unerlaubt betreten. Sie zerrissen sein Bild, warfen ihn in den Teich und lachten lauthals über die Unbeholfenheit, mit der er versuchte, sich vor dem Ertrinken zu retten.

In einem Sommer arbeitete er als Hilfskoch bei einer Eisenbahngesellschaft, dann schloss er sich – am Fuß der Rocky Mountains – einer Gruppe von Wanderarbeitern an und pflückte mit ihnen bis hinunter nach New Mexico Obst. Den ganzen Tag stand die Sonne als glühender Ball über dem schattenlosen Land, doch in den Nächten brachte frischer Wind Kühlung und George schlief fest und dankbar.

Bei einem Marsch durch die ausgedörrte Landschaft fand er eine Pflanze, die er noch nie gesehen hatte. Sie wuchs im unfruchtbaren Sand, war groß, hatte nadelspitze Dornen und eine blasse, wächserne Blüte. Auf einem zerknitterten Stück Papier zeichnete er die Pflanze sorgfältig ab und beinahe 15 Jahre später sollte sein Gemälde der riesigen Yucca gloriosa auf der Welt­ausstellung in Chicago einen Preis gewinnen.

Wo immer er war, stand George vor Sonnenaufgang auf und ging allein durch Gottes Garten. Im ersten Sonnenlicht durchstreifte er Wälder und Hügel. Er suchte nichts Bestimmtes, sondern fühlte sich von allem Wachsenden angezogen, liebte alles, was kroch und lebte. Er studierte den schwarzen Waldboden, das Rot eines Lehmfeldes und das schillernde Blau eines Berghanges und war sicher, dass er Bilder malen könnte, die herrlicher wären als alles, was Menschen je geschaffen hatten, wenn es ihm nur gelang, diese Farben aus dem Boden zu lösen.

Irgendwo auf seiner Wanderschaft kaufte er ein altes Akkordeon. Mit der für ihn bezeichnenden Geduld lernte er, darauf zu spielen. Dabei erinnerte er sich an die Melodien, die er in seinem Zimmer gehört hatte, wenn Mrs Payne am Klavier saß, und entlockte sie seinem Instrument. Swing Low, Sweet Chariot und Nearer, my God, to thee machten ihn zugleich traurig und stark. In der scheinbar so gefühllosen Welt gab es doch Schönheit und Güte, fand er. Es gab einen Gott, der keines seiner Kinder im Stich ließ. Und George wusste, dass er weiterziehen, sich mühen und beten musste. Und irgendwo ...

In Olathe im Bundesstaat Kansas wohnte George bei einem Friseur. Seine Arbeit durfte er nach der Schule erledigen; und so absolvierte er eifrig die sechste Klasse und begann die siebte. Dann verließ der Barbier mit seiner Familie die Stadt und George siedelte zu einem älteren schwarzen Ehepaar über, zu Christoph und Lucy Seymour. Sie sollten großen Einfluss auf sein Leben gewinnen.

Wie Mariah Watkins war auch Tante Lucy Wäscherin, aber sie hatte sich auf Feinwäsche spezialisiert – auf Herrenhemden, die gestärkt und gebügelt werden mussten, bis sie wie Porzellan glänzten, und auf hübsche Kleider aus feinem Organdy mit zarten Spitzen, gefältelt und bestickt, von denen jedes einen halben Tag Bügelarbeit erforderte. Tante Lucy war Sklavin einer Familie in Virginia gewesen und legte Wert auf eine gute Erziehung und gute Manieren. Jedes Hemd und jedes Kleid waren für sie ein Liebesdienst, ein sichtbares Zeichen vornehmer Herkunft im rauen Kansas, und es dauerte lange, ehe sie George erlaubte, ihr dabei zu helfen.

Onkel Seymour war tief religiös. Jeden Sonntag ging er morgens und nachmittags zu den Gottesdiensten der presbyterianischen Kirche und er freute sich, dass George gern mitging. Abends saß er andächtig dabei, wenn der groß gewachsene Junge, der wie die Antwort auf ein unausgesprochenes Gebet in ihr Haus gekommen war, aus seiner abgegriffenen Leder­bibel vorlas. Damals wurde George Presbyterianer und blieb es sein Leben lang. „Ich habe jedenfalls nicht gehört, dass man mich ausgeschlossen hätte“, sagte er später lächelnd. Aber eigentlich war es ihm nicht wichtig, welche Konfession jemand hatte. Wenn die Tür zu einer Kirche offen war – egal, welche –, dann ging er hinein.

Im Jahr 1880 zogen die Seymours westwärts nach Minneapolis. Hier würde sich für George vielleicht die Möglichkeit bieten, eine richtige High School zu besuchen. Die Familie zog in ein altes Holzhaus mit zwei Zimmern und klaffenden Rissen zwischen den Brettern, die George sofort wetterfest machte. Dann weißte er das ganze Haus und hängte ein schön geschriebenes Schild an die Tür: „Feinwäscherei.“

Die Schule war ein massives neues Gebäude und die Klassen eins bis acht teilten sich die ersten drei Räume, während die höheren Klassen sich im vierten drängten. Aber es war eine High School. Jeden Morgen ging George auf diesen vierten Raum zu, als wäre dieser Tempel höheren Wissens sein Ziel, um erst im letzten Augenblick in seine siebte Klasse ­abzuschwenken. Er wusste, dass er deutlich älter als zwan-zig Jahre war und noch mindestens ein Jahr brauchen würde, um in die Oberstufe aufgenommen zu werden. Aber er verlor seinen Traum nie aus den Augen und weder die vielen Jahre, die verstrichen, noch die verwunderten Blicke der Mitschüler auf ihren schlaksigen Banknachbarn konnten ihn entmu­tigen.

Bald zeigte sich, dass Tante Lucy die viele Wäsche nicht bewältigen konnte, die ihr gebracht wurde. Die Nachricht, dass sich eine tüchtige Wäscherin niedergelassen habe, hatte sich schnell verbreitet. Bald konnte sie nicht mehr am nächsten oder übernächsten Tag liefern, sondern hatte die Wäschestapel manchmal eine ganze Woche in ihren Körben liegen. So kam es, dass der junge George Carver mit ihrem Segen ein eigenes Geschäft eröffnete.

Sein Unternehmen befand sich in einer Hütte, bestehend aus einem Raum mit Kochnische, in einem Seitengässchen der Hauptgeschäftsstraße. Man konnte das Haus nur über eine Reihe von Bohlenbrücken und sorgfältig gelegte Steinplatten erreichen. Bald stellte sich jedoch ein beständiger Kundenstrom ein. „George Carvers Wäscherei“ war von Anfang an ein Erfolg.

Zum ersten Mal hatte George Freunde. Seine Klassenkameraden hatten erst über ihn gelacht, aber jetzt bewunderten sie ihn wegen seiner vielseitigen Kenntnisse und wegen seiner steten Hilfsbereitschaft. Oft kamen sie ihn nachmittags besuchen und bestaunten seine Zeichnungen und Gemälde, seine Steinsammlung und seine gepressten Wildpflanzen. Er erzählte ihnen Erlebnisse aus seiner Wanderzeit oder las ihnen aus einem Buch vor, während er bügelte. Als die Klasse schließlich in den High-School-Raum umzog, hätte der bescheidene George Carver den Titel „Beliebtester Junge in der Schule“ mühelos gewonnen.

Mit wachsendem Selbstvertrauen hängte er sich bei Ausflügen das Akkordeon um und führte die Klasse an, wobei ihm sein langer schwarzer Mantel bei jedem Schritt um die Schuhspitzen wippte. Er spielte freitagabends bei den geselligen Zusammenkünften – „Spiel den Yankee Doodle, George!“, riefen sie dann. Er trat sogar einer Laienspielgruppe bei und bekam trotz seiner Größe meist die Mädchenrollen, weil er eine so hohe Stimme hatte und ein echtes Talent, das die Illusion perfekt machte.

Etwa zu dieser Zeit legte er sich einen Mittelnamen zu. Es gab noch einen anderen George Carver in Minneapolis und es war schon öfter vorgekommen, dass George nicht die für ihn bestimmten Briefe erhalten hatte. Ohne lange zu überlegen, wählte er einen Buchstaben als Mittelnamen. Als man ihn einmal fragte, ob W. vielleicht Washington bedeute, fragte er grinsend zurück: „Warum nicht?“ Aber er unterschrieb niemals mit diesem Namen, sondern immer nur als George W. Carver oder auch nur George Carver, denn selbst als er längst berühmt war, fand er es angeberisch, den Namen Washington zu benutzen.

In seinem letzten High-School-Jahr erreichte ihn ein kurzer Brief von Tante Mariah. Sein Bruder Jim, so schrieb sie ihm, sei im vergangenen Sommer an den Pocken gestorben und liege in Seneca begraben. Sie hätte es ihm eher mitgeteilt, aber sie hatte es selbst gerade erst erfahren.

Lange saß George da, mit dem Brief in der einen Hand, in der anderen das Foto, das er und Jim vor sieben Jahren gemeinsam hatten aufnehmen lassen. Zwei Jungen vom Land in ihrer besten Kleidung sahen ihn aus diesem Bild an – ernst, aber furchtlos, und jeder von ihnen bereit, dem eigenen Stern zu folgen. Und nun war Jim tot, der Junge mit den starken Händen, der niemals krank gewesen war. Endlich kamen die Tränen und eine Zeit lang fühlte sich George unendlich einsam. Aber noch in seiner Traurigkeit wusste er, dass er nun erst recht seinen Stern finden musste, für sich selbst, aber auch für Jim.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
25 czerwca 2025
Objętość:
272 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783761567296
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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