Czytaj książkę: «Gelassene Eltern – glückliche Geschwister»

Czcionka:

Laura Markham

Gelassene Eltern –

glückliche Geschwister

Wie man das Streiten beendet und Geschwister Freunde fürs Leben werden

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Nicole Celik


Impressum

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel: PEACEFUL PARENT, HAPPY SIBLINGS bei Perigee, einem Imprint von Penguin Random House LLC, New York, USA.

Deutsche Erstausgabe


1. Auflage 2021

Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg

Copyright der Originalausgabe © 2015 by Dr. Laura Markham

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with Perigee, an imprint of Penguin Publish­ing Group, a division of Penguin Random House LLC.

Lektorat: Georg Grässlin

Titelfoto: © Patty Brito/unsplash.com

Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-325-9

Wenn Sie ein Kind haben, sind Sie Eltern. Wenn Sie zwei Kinder haben, sind Sie der Schiedsrichter.

David Frost

Bevor Sie Ihren Kindern beibringen können, wie man zuhört, Probleme erkennt, Gefühle ausdrückt, Lösungen findet und eine gemeinsame Ebene erarbeitet, müssen Sie diese Fähigkeiten zur Bewältigung von Problemen erst selbst erlernen.

Laura Davis und Janis Keyser, Becoming the Parent you want to be

Du meinst, das Baby könnte ein Junge werden? Aber ich bin dein Junge. Ich glaube, es ist okay … Wir können ihn immer wieder zurückgeben, richtig?

Sohn der Autorin, 3 Jahre alt

Inhalt

Einleitung

TEIL I Grundlagen der gelassenen Elternschaft

1 Wie man zu entspannten Eltern wird

2 Wie gelassene Disziplin die Geschwisterbeziehung unterstützt

3 Ursachen von Geschwisterrivalität – und wie Eltern es besser machen können

Teil II Frieden lehren

4 Kinder so coachen, dass sie Gefühle ausdrücken und lösen können

5 Wenn Probleme nicht gelöst werden können: Anleiten, wie man Konflikte beilegt

6 Warum können sie nicht einfach teilen? Warum Kinder sich um Besitz streiten

7 Den Wettbewerb erleichtern

8 Mittel, um Rivalität vorzubeugen und Bindung zu fördern

Teil III Bevor das neue Baby kommt und im ersten Jahr

9 Bevor das Baby zur Welt kommt: eine herzliche Begrüßung möglich machen

10 Einen guten Start erwischen: Die Geburt und die ersten Monate danach

11 Eine sichere Basis schaffen, wenn das Kind zu krabbeln beginnt

Schlussbemerkung: Entscheiden Sie sich für die Liebe

Danksagungen

Literaturhinweise

Über die Autorin

Einleitung

Auf die Reaktion meines Sohnes, als seine kleine Schwester zur Welt kam, war ich in keiner Weise vorbereitet. Er war damals vier und hatte bis dato nur ein paar wenige Wutanfälle in seinem Leben gehabt. Doch als das Baby da war, geriet er in Panik. Er war anhänglich, wütend, verängstigt. Ich bin zwar eine ausgebildete Psychologin, aber ich wusste mir nicht zu helfen.

Wie auch ich freuen sich viele Eltern auf das Staunen im Gesicht des älteren Kindes, wenn er oder sie zum ersten Mal das Neugeborene zu Gesicht bekommt. Wir stellen uns vor, wie der große Bruder lustige Grimassen schneidet und das Baby dabei lacht. Verletzt sich ein Kind, eilt das andere herbei und lässt ihm die gleiche Zuwendung zuteil werden, die es von uns bekommen hat, und gibt dem Geschwisterchen eine Umarmung oder ein Deckchen. Mit der Zeit weicht das Spielen mit dem Wassersprenger dem Fahrradfahren und Zelten, danach folgen Diskussionen darüber, wer das Auto am Samstagabend bekommt, und man tröstet sich gegenseitig bei verlorenen Spielen und gebrochenen Herzen. Nach der Schule sind die Geschwister vielleicht unterschiedliche Wege gegangen, doch dieses Band begleitet sie durch die Höhen und Tiefen des Erwachsenenlebens. Wir möchten glauben, dass wir unseren Kindern ein unbezahlbares Geschenk geben: einen Freund fürs Leben.

Aber irgendwann im Laufe des ersten Jahres – vielleicht schon bevor das Kind zur Welt gekommen ist – erkennen die meisten Eltern, dass vieles nicht so einfach sein wird, wie mir zum Beispiel Familien erzählen, die ich berate:

 »Sie liebt ihren Bruder … Ehrlich gesagt umarmt sie ihn so fest, dass es uns Angst macht … Ihre Hände scheinen am Ende irgendwie immer am Hals zu landen.«

 »Ich kann noch nicht mal sicher Auto fahren, weil sie einfach nicht die Hände voneinander lassen können.«

 »Als ich aus der Dusche kam und sah, dass er auf seinen neun Monate alten Bruder gepinkelt hat, stieß ich an meine Grenzen.«

Es führt kein Weg dran vorbei, Geschwisterrivalität gibt es auf der ganzen Welt. Denn letzten Endes ist jeder Mensch genetisch so programmiert, dass er die Ressourcen verteidigt, die ihm das Überleben sichern. Ihre Kinder sind darauf angewiesen und kämpfen um das, was in der Tat wertvolle Ressourcen sind: Ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Auch wenn genügend Liebe vorhanden ist, die Impulskontrolle ist bei jungen Menschen noch nicht sehr weit entwickelt, sodass sie gezwungen sind, in Konflikte zu geraten. Schließlich färbt das Temperament jede Beziehung. Kinder, die dazu neigen, schwierig zu sein, werden noch schwieriger, wenn sie einen Bruder oder eine Schwester bekommen – und einige Geschwister rasseln einfach aneinander.

Bedauerlicherweise wissen viele Eltern nicht, wie sie den Kindern helfen können, mit diesen starken Emotionen umzugehen. Somit können verletzte Gefühle zu Aggressionen führen und wie beim Domino­effekt negative Verhaltensmuster in Bezug auf den Umgang mit anderen ­Menschen zur Folge haben. Diese starken Gefühle können in einer Beziehung unter Geschwistern in der Teenagerzeit bestimmend sein und sogar während eines ganzen Lebens in schwierigen Momenten der Familie immer wieder auftauchen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. In der Geschwisterbeziehung werden die rauen Kanten unserer frühen Selbstbezogenheit geglättet und wir lernen, unsere schwierigsten Emotionen zu bewältigen. Geschwister werden oftmals gute FreundInnen, und da sie sich so gut kennen, sind sie in der Lage, sich gegenseitig ein tiefes Gefühl von Geborgenheit zu geben. Auch Geschwister, die sich viel streiten, entwickeln für gewöhnlich tatsächlich Respekt füreinander und kommen schlussendlich miteinander aus. Wenn sie erwachsen sind, fühlen viele Geschwister eine tiefe Verbundenheit zu den einzigen Menschen, die verstehen können, wie es war, in ihrem Zuhause aufzuwachsen.

Und jetzt kommt die Beste aller Nachrichten: Eltern können bei der Gestaltung der Geschwisterbeziehung enorm viel bewegen. Eifersucht unter Geschwistern lässt sich nicht vermeiden, aber es ist fast immer möglich, den Kindern dabei zu helfen, eine starke, positive Bindung zu entwickeln, die die natürliche Eifersucht übertrumpft. Es ist nicht immer leicht, Geschwister so zu erziehen, dass sie sich gegenseitig schätzen und Freunde fürs Leben werden – aber engagierte Eltern können den Unterschied ausmachen. Um Ihnen zu zeigen, wie das geht, habe ich dieses Buch geschrieben.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes hatte ich viel Mühe, und das einzige Buch über Geschwisterkinder, das ich finden konnte, war Hilfe, meine Kinder streiten: Ratschläge für erschöpfte Eltern von Adele Faber und Elaine Mazlish. Es lag jahrelang auf meinem Nachttisch. Eltern von schulpflichtigen Kindern, die Schwierigkeiten miteinander haben, empfehle ich zuerst noch immer dieses Buch. Doch als Mutter mit einem Säugling und einem Kleinkind sah ich mich tagtäglich mit Herausforderungen konfrontiert, nämlich wie z. B. beschäftige ich meinen Sohn, während ich seine Schwester stille, wie helfe ich ihm dabei, zu lernen, behutsam mit seiner Schwester umzugehen, wenn er sie übereifrig umarmt. Oder wie gehe ich damit um, wenn sie anfängt zu krabbeln und hinter seinen Spielsachen her ist. Zu Beginn unserer jungen Familie gab es permanent Herausforderungen. Ich wünschte mir konkrete Strategien, um diese Herausforderungen in Nähe zwischen meinen Kindern umzuwandeln. Ich hatte genügend Studien gelesen, um zu wissen, dass die Grundlage der Beziehung meiner Kinder in den ersten ein bis zwei Jahren geschaffen wurde. Aber ich fand keine Anleitung hierfür.

Im Laufe der Jahre machte ich meinen Doktor in Klinischer Psychologie an der Columbia University (USA) und rief die Webseite Aha­Parenting.com ins Leben. Bei meiner Arbeit als Coach für Kindererziehung erhielt ich Einblick in Zehntausende Familien und konnte so direkt erleben, was Familien bei ihren Schwierigkeiten half und was nicht. Ich baute auf dem von Faber und Mazlish und ihrem Mentor, Haim Ginott, einer der Urväter der heutigen Positive-Parenting-Bewegung, geförderten empathischen Modell auf, um neue Erkenntnisse aus der Forschung zu Emotionen, Bindung und Gehirnentwicklung zu integrieren (siehe Danksagungen).

Durch die Beobachtung der Dynamik in den Familien, mit denen ich arbeitete, und die Kombination mit meiner eigenen Achtsamkeitspraxis verstand ich, wie Eltern die Führung übernehmen können, um die Strukturen in ihren Familien zu ändern, indem sie nämlich nicht ihre Kinder kontrollieren, sondern ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen ändern. Mir ist klar geworden, dass Kindererziehung sehr viel leichter wird, wenn wir als Eltern drei sehr schwierige Dinge leisten können:

1 Die eigenen Emotionen regulieren

2 In Kontakt mit unserem Kind bleiben, auch wenn wir Grenzen setzen oder das Kind verärgert ist.

3 Coachen statt Kontrollieren, indem emotionale Intelligenz gefördert wird, empathische Grenzen gesetzt werden, anstatt zu bestrafen, und Beherrschung unterstützt wird.

Diese drei Konzepte werden die Beziehung zu Ihren Kindern dahingehend verändern, dass sie glücklicher, emotional glücklicher und kooperativer sind – und Sie werden ruhiger und erfüllter als Eltern sein. Die Konzepte sind in meinem ersten Buch Gelassene Eltern – zufriedene Kinder: Wie Sie liebevoll bleiben, statt zu schreien, zu schimpfen oder zu drohen umfassend erklärt. Für mich sind diese Konzepte der Schlüssel glücklicher Elternschaft. Da sie die Grundlage sind, um glückliche Kinder zu erziehen, sind sie auch für eine glückliche Geschwisterbeziehung essenziell, wie es eine Leserin von mir beschreibt:

Seitdem ich Ihre drei wesentlichen Konzepte (Selbstregulierung, Verbindung, Coaching) anwende, verstehen sich meine Kinder im Alter von sechs, fünf und drei Jahren nun viel besser. Da sich jeder von ihnen stärker mit mir verbunden fühlt, scheinen sie weniger Angst in sich zu tragen und haben somit nicht mehr das Bedürfnis, dieses Gefühl auszuleben und sich mit ihren Geschwistern zu streiten.

Anna

Auch wenn diese Konzepte Veränderungen in der Familie bewirken können, stellen mir viele Eltern noch genau die Fragen, mit denen ich zu kämpfen hatte, als meine Kinder klein waren. Wie können sie:

 kleinen Kindern dabei helfen, die Fähigkeiten zu entwickeln, um ihre Bedürfnisse ausdrücken und für sich einstehen zu können – und auch ihren Geschwistern zuzuhören?

 zwei oder sogar drei kleinen Kindern gleichzeitig dabei helfen, starke Emotionen zu verarbeiten?

 eine Familienkultur gestalten, die auf Kooperation und Unterstützung basiert und Geschwisterliebe die Chance gibt, letztlich über Geschwisterrivalität zu siegen?

Glücklicherweise gibt es Lösungen, die wirklich helfen. Jede Familie hat ihre ganz eigenen Herausforderungen. Aber es gibt belegte, forschungsgestützte Methoden, wie Sie dafür sorgen können, dass Ihre Kinder von Beginn eine gute Beziehung zueinander aufbauen und auf dem Weg zu einer erfüllenden Beziehung sind. Auch wenn Kinder vom Temperament her nicht gut zusammenpassen oder extrem konkurrenzfähig sind, gibt es Strategien, wie man Geschwisterrivalität minimieren und eine positive Bindung maximieren kann. Nicht alle Geschwister können beste Freunde sein, aber sie können alle lernen, sich zu respektieren und ihre Gegensätze zu würdigen. Dieses Buch beschreibt diese Strategien im Detail und gibt Ihnen Schritt-für-Schritt-Anleitungen, mit denen Sie die Beziehung Ihrer Kinder untereinander verändern können.

Wie Sie mit Sicherheit bereits festgestellt haben werden, lernen Kinder nicht, mit ihren Gefühlen umzugehen, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren oder ihre Streitigkeiten zu lösen, wenn man ihnen einfach befiehlt, »sich zu vertragen«. Ein friedliches Miteinander entsteht nicht dadurch, dass man Konflikte unter den Teppich kehrt. Sie tauchen unweigerlich und unvermittelt wieder auf, und das meistens, wenn Sie im Auto sitzen, den Einkaufswagen schieben oder gerade bei den Großeltern zu Abend essen. Wenn Sie allerdings Ihren Kindern Fertigkeiten an die Hand geben, um sich in diesem komplexen Terrain der menschlichen Emotionen und Beziehungen zurechtzufinden, werden Sie Kinder großziehen, die Streitigkeiten unter sich ausmachen können. Sie werden in der Lage sein, sich für ihre eigenen Bedürfnisse einzusetzen und dabei die Bedürfnisse anderer zu respektieren. Darüber hinaus werden sie lernen, nach Win-win-­Lösungen Ausschau zu halten, anstatt eine Opferrolle einzunehmen oder andere zu tyrannisieren. Kurz gesagt, Sie werden Kinder großziehen, die tiefe Liebe empfinden, ihre Emotionen regulieren und gesunde Beziehungen haben. Ihre Kinder werden nicht nur eine enge und lebenslange Bindung zu den Geschwistern aufbauen, sondern auch gut gedeihende Beziehungen mit FreundInnen, ArbeitskollegInnen und letztlich ihrer Lebensgefährtin bzw. Lebensgefährten erleben. Sie werden die Art Menschen sein, von denen wir noch mehr auf dieser Welt brauchen.

Familien sind die Schmelztiegel, die Säuglinge in reife Menschen verwandeln. Ganz gleich, wie schwer es gerade in Ihrer Familie ist, es ist möglich, ein Zuhause zu schaffen, in dem Streitigkeiten friedlich gelöst werden und in dem Kinder aufwachsen, die Freunde fürs Leben werden.

Wenn Sie ein Kind erwarten

Falls Sie dieses Buch vor der Geburt Ihres Kindes oder im ersten Lebensjahr des Kindes lesen, richtet sich Teil 3 vor allem an Sie. Ist Ihre Familie in einer anderen Phase, schlage ich vor, dass Sie Teil 3 überspringen und sich den Anregungen in Teil 1 und 2 widmen.

Wenn Ihre Kinder permanent streiten

Bei uns hat es sich bewährt, dass ich an anstrengenden Tagen da bin, um einzuschreiten, zu coachen, Vorbild zu sein, Zusammenbrüche und Raufereien zu verhindern. Für mich hat sich dadurch immens viel bewegt. Nicht viele meiner befreundeten Mütter machen das genauso … nicht einmal die richtig tollen Mütter. Und ich denke, sie machen das nicht, weil es ihnen egal ist, nein, sondern weil wir alle so beschäftigt sind! Es fühlt sich so an, als wenn uns jemand einmal die Erlaubnis geben muss, dass wir alles andere stehen und liegen lassen und uns auf die Beziehungen konzentrieren.

Beth

Wenn Ihre Kinder viel streiten, fühlen Sie sich wahrscheinlich entmutigt. Es kann helfen, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass ganz gleich wie Sie sich als Eltern verhalten, alle Kinder sich manchmal streiten – genauso wie Paare sich manchmal streiten, egal wie stabil ihre Beziehung ist. Sich zu streiten bedeutet nicht, dass jemand ein schlechter Mensch ist – weder Sie, noch Ihre Kinder.

Vielleicht fragen Sie sich, warum Ihr Kind immer dasjenige zu sein scheint, das das Neugeborene schlägt, während die anderen Kinder anscheinend immer ihre neuen Geschwister lieben. Denken Sie jedoch daran, dass man in keine Familie reinschauen kann. Alle Kinder sind einmal eifersüchtig, ganz gleich wie liebevoll sie sich in der Öffentlichkeit benehmen.

Vielleicht möchten Sie am liebsten losschreien, weil Ihr kleines Kind einfach nicht aufhört zu hauen, ganz gleich wie oft Sie ihm mit Engelsgeduld erklärt haben, dass Hauen wehtut. Geben Sie nicht auf. Studien belegen, dass kleine Kinder oftmals hauen, ganz gleich, was die Eltern tun. Dies liegt vermutlich daran, dass sich ihr präfrontaler Cortex noch entwickelt, der ihnen mehr Eigenkontrolle verleiht. Wenn die Eltern jedoch den Kindern eine friedvollere Vorgehensweise vorleben und vermitteln, zeigen sich diese ihren Geschwistern gegenüber freundlicher und eher in der Lage, ihre Emotionen zu regulieren als Kinder, die mit herkömmlicher Disziplin erzogen wurden.1 Ihre Geduld verändert tatsächlich etwas, auch wenn Sie es jetzt noch nicht sehen können.

Vielleicht schaffen es Ihre Kinder aber auch nicht, sich mal einen Tag nicht zu beschimpfen, und Sie fragen sich, ob Sie was falsch gemacht haben. Die Antwort ist: Nein. Sie haben das getan, was Sie in der Lage waren, zu tun. Schließlich werden Ihre Kinder mit bestimmten Charakteren geboren. Sie haben lediglich versucht, das Abendessen zu kochen, ohne dabei einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Weder Sie sind perfekt, noch irgendjemand anderes. Höchstwahrscheinlich haben Sie einfach anstrengendere Kinder. Eltern, die einfachere Kinder haben, können das vielleicht nicht verstehen, aber ich spreche mit Tausenden von Eltern und es ist offensichtlich, dass einige Kinder anstrengender sind als andere.

Die Wahrheit ist, dass es immer schwer ist, die besten Eltern zu sein, die wir sein können. Es ist wahrlich die größte Herausforderung, der sich jede und jeder von uns je gestellt hat. Es zehrt körperlich und emotional an den Kräften. Allzu oft müssen wir unsere eigenen Bedürfnisse zurück- oder sogar ganz hintenanstellen. Wenn wir Kinder großziehen, werden wir dazu aufgefordert, über unsere natürlichen menschlichen Gefühle von Bedürfnis und Wollen hinauszuwachsen und einen anderen Menschen, der zu klein ist, um sich dankbar zu zeigen, permanent zu versorgen.

Somit beinhaltet ein Leben mit Kindern immer Herausforderungen, auch unter den bestmöglichen Umständen – und die meisten von uns leben nicht unter den bestmöglichen Umständen. Die meisten von uns sehen sich mit mehreren Stressfaktoren in ihrem Leben konfrontiert und sind so sehr damit beschäftigt, Schritt zu halten, dass der Eindruck entsteht, man erziehe seine Kinder letztlich in der Freizeit. Wie jeder ganz normale Mensch sind wir manchmal gestresst und emotional »nicht in Balance«. In solchen Momenten verlieren wir die leichte, angenehme Verbindung zu unseren Kindern. Da unsere Kinder diese Verbindung zu uns brauchen, um ihre Gefühle regulieren zu können, geraten auch sie emotional aus dem Gleichgewicht und leben dies uns und anderen gegenüber aus.

Ein Ausweg hierfür liegt darin, sich daran zu erinnern, dass unsere Kinder in Wirklichkeit unsere wichtigste Aufgabe sind. Wir erziehen Menschen. Wir gestalten nicht nur ihre Beziehungen miteinander, sondern auch ihre Gehirne. Indem Sie Ihre Kinder dahingehend unterstützen, emotionale Intelligenz zu entwickeln, wird sich ihre Beziehung untereinander verändern. Wen interessiert es, wenn Sie Ihren Kindern wieder einmal Nudeln mit Tomatensauce zum Abendessen servieren? Wichtig ist doch, zu welchen Menschen Ihre Kinder werden. Die Beziehung, die sie miteinander entwickeln, macht ihren Alltag als Kinder aus. Die Gene spielen dabei mit Sicherheit eine Rolle, aber die Interaktion dieser Gene mit der Umwelt ist es, die Ihre Kinder formt.

Dieses Buch zeigt Ihnen Möglichkeiten auf, mit denen Sie Ihr Leben als Familie neu gestalten können. Ich wünsche mir, dass Sie einige Aha-Momente beim Lesen erleben. Außerdem weiß ich, dass Sie feststellen werden, dass es Zeit und Engagement kostet, diese wirkungsvollen Methoden einzusetzen. Also erlaube ich Ihnen hiermit ausdrücklich, Ihre Kinder und ihre Beziehung miteinander an erste Stelle zu stellen. Es wird Tage geben, an denen Sie keine Zeit haben werden, sich um das Geschirr, die Wäsche oder die E-mails zu kümmern. Sie können die Kinder nur davon abhalten, sich zu streiten, indem Sie sich mit ihnen auf den Boden setzen und erklären, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können, ohne jemanden anzugreifen, und indem Sie Wege finden, Anspannung in Nähe umzuwandeln, sei es durch Lachen oder Weinen. Hierbei handelt es sich um heldenhafte Arbeit, vor allem weil es im Privaten geschieht: Niemand ist da und sieht, welche Kraft es Sie kostet. Aber ganz so unsichtbar, wie diese Arbeit zu sein scheint, ist sie nicht. Genauso wie anhand der Baumringe gespeichert wird, wie die Umweltbedingungen Jahr für Jahr sind, so beeinflussen die jetzigen Erfahrungen Ihrer Kinder die Menschen, die sie einmal sein werden. Tagtäglich formen Sie buchstäblich Ihre Kinder zu den Menschen, die sie ihr Leben lang sein werden. Und machen Sie sich keine Sorgen, Sie erhalten unmittelbar Lohn für Ihre Arbeit, den Sie in dem ansteigenden positiven Umgang Ihrer Kinder miteinander erkennen werden.

Ich sage dies auch in dem Wissen, dass es immer noch Tage geben wird, an denen sich Ihre Kinder alle fünf Minuten in den Haaren liegen. Das heißt nicht, dass Sie Ihre Sache nicht gut machen. Es bedeutet ganz einfach, dass es harte Arbeit ist. Wenn die Beziehungen in Ihrer Familie dauerhaft an erster Stelle stehen und alles andere, was Sie tun »sollten« hinten ansteht, wenn Sie tief in sich Ihre eigene emotionale Großzügigkeit erkennen, werden Sie beobachten, wie Ihre Kinder im Umgang miteinander weicher werden. Vielleicht fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Ihre Kinder beste FreundInnen werden. Aber der Grundstein emotionaler Intelligenz, den Sie legen, wird zumindest eine respektvolle Beziehung fördern – und vielleicht noch mehr als das.

Ist es leicht? Nein. Selbstregulierung ist das Schwierigste, das wir jemals tun werden, aber sie ist der wichtigste Baustein, um Kinder sanft zu erziehen. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie müssen das nicht perfekt beherrschen. Es ist ein stetiger Prozess. Perfekte Eltern gibt es nicht, denn es gibt keine perfekte Menschen. Was zählt, ist, dass wir erkennen, wenn wir vom Weg abkommen und uns dann zurück ins Gleichgewicht bringen und wieder eine Verbindung mit unseren Kindern herstellen. Zum Glück lernen unsere Kinder aus den Momenten, in denen wir am Ziel vorbeischießen, denn sie werden auch mal am Ziel vorbeischießen. Eines der größten Geschenke, die wir den Kindern und ihren Geschwistern geben können, ist vorzuleben, wie man die Untiefen der menschlichen Schwächen mit Würde durchquert – denn es lehrt sie, sich selber und anderen zu vergeben.

Also, bringen Sie all Ihr Mitgefühl auf und vergeben Sie sich selbst genau jetzt dafür, dass Sie ein Mensch sind. Entscheiden Sie sich genau jetzt dafür, dass Sie besonders gut für sich sorgen, anstatt sich zu kritisieren, wenn Sie nicht in der Lage sind, das Bestmögliche zu tun – und das widerfährt allen Eltern regelmäßig. Wirklich: Tun Sie dieses, ganz gleich, was passiert ist. Es ist egal, was Sie getan haben, als Sie erschöpft oder wütend waren. Sie sind ein Mensch, was bedeutet, dass Sie Fehler machen und dass Sie daraus lernen können. Sie müssen keine perfekten Eltern sein, nicht jetzt und nicht in der Zukunft. Wie auch immer die Situation bei Ihnen in der Familie gerade ist, mit der fangen Sie an.

Finden Sie heraus, welche Unterstützung Sie brauchen. Für sich selber sorgen? Informationen? Beratung? Eine schriftliche Vereinbarung mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin darüber, wie Sie mit gewissen Problemen umgehen? Oder vielleicht einfach nur Strategien für den Umgang mit Situationen, die Sie aus der Fassung bringen? (Dieses Buch wird Ihnen davon viele liefern.) Sobald Sie sich diese Unterstützung holen, können Sie bei Ihren Kindern etwas bewegen.

Ganz gleich, ob Ihre Kinder ganz klein, Vorschulkinder oder ältere Kinder sind, Sie können ihnen beibringen, wie sie es schaffen, sich zu verstehen. Sie können eine Familienkultur schaffen, die geprägt ist von gegenseitiger Unterstützung und Respekt. Viel wichtiger noch, Sie sind in der Lage, jedem Kind bei den Gefühlen zu helfen, die Feindseligkeit gegenüber dem Geschwisterkind hervorrufen. Und Sie können die Verbundenheit mit jedem Kind festigen, damit es sich sicher genug fühlt, um diese Emotionen zu verarbeiten und so niemals das Gefühl bekommt, dass Sie das Geschwisterkind mehr lieben. All dies beginnt mit Ihrer Fähigkeit, Ihre eigenen Gefühle zu regulieren und Wege zu finden, wie Sie mit jedem Kind in Kontakt kommen.

Befürchten Sie, dass der Schaden bereits angerichtet ist? Es ist niemals zu spät. Was zählt ist, dass Sie sich eingestehen, dass Sie mit der Situation nicht zufrieden sind und dass Sie sich vornehmen einzuschreiten, um die Dinge zu verbessern. Ihr Kind zu maßregeln, damit es sich der Schwester oder dem Bruder gegenüber besser verhält, wird nicht funktionieren. Auch Scham, Schuld oder Bestrafung führen nicht zum Ziel – weder beim Kind noch bei Ihnen. Wenn Sie allerdings Ihre eigenen Handlungen ändern, um die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen und ihm mit seinen Emotionen helfen, haben Sie Erfolg. Ist das viel Arbeit? Ja, es ist enorm viel Arbeit. Ist es das wert? Lesen Sie, was diese Mutter zu berichten hat:

Als Gerald geboren wurde, war es sehr schwer mit Daniel – es ging so weit, dass ich ihm nicht einmal den Rücken zukehren konnte, ohne dass er den kleinen Bruder schlug. Zu der Zeit halfen wir uns mit Auszeiten etc., wobei wir ihn oftmals in ein anderes Zimmer trugen und er dabei um sich schlug und schrie – ich fühle mich heute so schuldig dafür! Ich habe mich oft aufgeregt und ihn angeschrien, wenn er seinen Bruder schlug und Wutanfälle hatte. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass dieses eine Jahr, in dem ich mich so über ihn aufgeregt habe, einen bleibenden Schaden hinterlassen hat.

Die gleiche Mutter, zwei Jahre später:

Ich habe sehr, sehr hart daran gearbeitet, dass wir uns gegenseitig respektvoll und anständig behandeln – so, wie wir selber behandelt werden möchten. Ich lobe sie regelmäßig dafür, dass sie nett zueinander sind, und ermutige sie, kleine Gefälligkeiten füreinander zu tun. Zum Beispiel beschließt der drei Jahre alte Gerald, dass er seinen Lkw mitnehmen möchte, als wir schon fast aus der Haustür sind. Der fünf Jahre alte Daniel rennt nach oben ins Zimmer, um ihn zu holen. Ich singe ein Loblied für Daniel und tanze einen »Bester-großer-Bruder«-Tanz. Wir ermutigen sie, sich zu umarmen und zu küssen und rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Grundsätzlich lenken wir die Aufmerksamkeit einfach darauf, wie toll es ist, einen Bruder und Spielgefährten zu haben … und dass wir alle Teil dieser Familie sind.

Gerald und Daniel können sich glücklich schätzen, so eine Mutter zu haben, die nie aufgegeben oder ihrer Frustration und Hoffnungslosigkeit nachgegeben hat. Stattdessen hat sie sich an die Arbeit gemacht, jeden einzelnen Tag. Sie hat es geschafft, ihre Gefühle zu regulieren. Sie hat ihren Jungs mit ihren starken Emotionen geholfen. Sie hat die individuellen Bedürfnisse der beiden erfüllt. Sie hat eine Familienkultur der Wertschätzung und Unterstützung etabliert. Und sie zieht Söhne groß, die ein Leben lang Freunde sein werden.

Und das können Sie auch.

Mein erstes Buch, Gelassene Eltern – zufriedene Kinder: Wie Sie liebevoll bleiben, statt zu schreien, zu schimpfen oder zu drohen beschreibt, wie man die starken Emotionen, die über einen kommen, bemerkt, wie man sich wieder beruhigt, mit seinem Kind in Kontakt kommt und sein Kind emotional so unterstützt, dass es Selbstdisziplin entwickelt und kooperieren will, ohne dass es bestraft werden muss. In dem vorliegenden Buch erfahren Sie, wie Sie diese Methoden bei der Erziehung von ­Geschwisterkindern anwenden. Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich hier die Grundlagen der Erziehung, die in Gelassene Eltern – zufriedene Kinder im Detail beschrieben sind, erneut erläutere. Ich hoffe, dass Sie das Buch bereits gelesen haben oder noch lesen werden. Dieses Buch erklärt ausführlich die Hilfsmittel, die Sie dabei unterstützen sollen, eine glückliche Beziehung zwischen Ihren Kindern zu fördern. Sie werden feststellen, dass das Buch seine ganze Wirkung entfalten kann, wenn Sie diese Hilfsmittel mit Selbstregulierung, Verbindung und Coaching kombinieren, die detailliert in Gelassene Eltern – zufriedene Kinder beschrieben sind.

1 Stormshak, Elizabeth; Bullock, Bernadette und Falkenstein, Corrina: Harnessing the Power of Sibling Relationships as a Tool for Optimizing Social-Emotional Development. In: Kramer, Laurie und Conger, Katherine (Hg.): Siblings As Agents of Socialization. New Directions for Child and Adolescent Development. 126, 2009, S. 61–77. San Francisco, CA: Jossey-Bass, 2009.

Teil 1
Grundlagen der gelassenen Elternschaft

Alle Geschwister streiten in einem gewissen Maße, ganz gleich, was ihre Eltern tun. Konflikte sind Teil jeder menschlichen Beziehung, und Sie können Ihre Kinder nicht davon abhalten, Bedürfnisse und Wünsche zu haben, die manchmal miteinander kollidieren. Was Sie aber tun können ist, ihnen solide Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie sich durch diese Streitigkeiten durcharbeiten können. Werkzeuge, die sie den Rest ihres Lebens benutzen werden.

Jedes Kind ist einzigartig und manche Geschwister haben es schwerer miteinander als andere. Somit mag es für Sie vielleicht überraschend sein zu erfahren, dass der Schlüssel für eine gesunde, unbeschwerte, zufriedenstellende Dynamik zwischen Ihren Kindern nicht deren Verhalten oder Temperament ist. Diese Faktoren spielen auch eine große Rolle, ohne Frage. Aber der Schlüssel sind Sie.

Jahrzehntelange Studien über Geschwister und Familien ergaben faszinierende Erkenntnisse. Viele von ihnen werde ich in diesem Buch erläutern. Hier eine der wichtigsten Erkenntnisse, die durch zahlreiche Studien untermauert wurde:

Haben Eltern bessere Beziehungen zu ihren Kindern, dann haben diese Kinder glücklichere Beziehungen untereinander. Haben die Beziehungen der Eltern zu ihren Kindern einen negativen oder strafenden Charakter, so zeigen die Kinder ein aggressiveres und egoistischeres Verhalten untereinander.

Während Sie also Ihre Kinder nicht kontrollieren können, so können Sie jedoch jemanden kontrollieren, der einen enormen Einfluss darauf hat, was für eine Beziehung die Kinder zueinander haben: sich selbst.

Ja, Ihre Kinder werden zwangsläufig eine gewisse Rivalität untereinander spüren. In jeder Familie wird es Phasen geben, in denen sich Geschwister scheinbar wegen jeder Kleinigkeit streiten oder sagen, dass sie sich hassen. Für gewöhnlich ist es aber möglich, dass die Liebe über die Rivalität siegt, indem man ein Erziehungskonzept anwendet, das ich Gelassene Elternschaft nenne.

1
Wie man zu entspannten Eltern wird

Wenn ich präsent sein kann und atme, zeigt sich oftmals die Liebe. Wenn ich in der Vergangenheit und in der Angst bin, dann verursache ich eine Eskalation, die sich vielleicht noch nicht einmal in der Realität zusammengebraut hätte.

Staci

Gelassen bedeutet nicht, dass es bei Ihnen zu Hause nicht auch mal wild oder lebhaft oder lustig zugeht. Es bedeutet einfach, dass Sie darauf hinarbeiten, innerlich gelassener und weniger reaktionsfreudig zu werden. Dadurch sind Sie Ihren Kindern ein besseres Vorbild und helfen ihnen dabei, ein Gehirn inklusive Nervensystem zu kreieren, das sich selbst regulieren kann.

Kein Vater und keine Mutter ist immer gelassen. Doch Eltern, die sich mehr Frieden in ihren Familien und in ihren eigenen Herzen wünschen, betrachten diese drei Prinzipien als unverzichtbar:

1 Ein gelassener Vater reguliert seine eigenen Emotionen, auch angesichts starker Gefühle und Fehlverhalten seitens des Kindes. Dadurch sind wir in der Lage, eine positive Beziehung zu unserem Kind herzustellen, auch in Situationen, in denen die Gefühle überkochen. Wir können davon ausgehen, dass sich Kinder von Zeit zu Zeit kindisch verhalten. Deshalb liegt es in unserer Verantwortung, dass wir uns wie Erwachsene verhalten, was bedeutet, dass wir der Versuchung nicht nachgeben, selber einen Wutanfall zu bekommen. Als Eltern haben wir immer die Möglichkeit, die kindliche Aufruhr mit unserer eigenen Reaktion zu besänftigen – oder sie zu verschlimmern.Wie wirkt sich die Verpflichtung der Eltern, ihre Emotionen zu regulieren, auf die Beziehung der Geschwister aus? Da Eltern als Vorbild fungieren, werden Sie hören, wie Ihr Kind mit seinem Bruder oder seiner Schwester in der Art und Weise und in dem Tonfall spricht, wie Sie es tun. Kinder, deren Eltern ihre Emotionen regulieren, lernen ihre eigenen Emotionen zu steuern und somit auch ihr Verhalten – sowie das gegenüber ihren Geschwistern.Sie können sich leichter selbst beruhigen, sprich, sie streiten weniger. Sie werden zwar noch eifersüchtig, aber sie verfügen über eigene Ressourcen, um ihre gemischten Gefühle auf gesunde Art und Weise zu bewältigen. Und dann kann die Zuneigung die Rivalität besiegen.

2 Für gelassene Eltern hat die herzliche Verbindung zu ihrem Kind oberste Priorität. Jedes Kind braucht das Gefühl, gehört, verstanden und wertgeschätzt zu werden, einfach für sein So-sein. Ansonsten fühlt es sich nicht sicher und bringt seinen Unmut zum Ausdruck.Es gibt einen weiteren enormen Nutzen: Kinder sind motiviert, unserer Führung zu folgen, wenn sie sich mit uns verbunden fühlen. Ohne Anwendung von Gewalt können wir niemanden wirklich dazu bringen, etwas zu tun. Zudem hält dies nur solange an, wie wir einen erheblichen körperlichen Vorteil haben. Unsere Kinder müssen sich frei dafür entscheiden, das zu tun, was wir sagen. Aus diesem Grund erleben viele Eltern den Alltag mit ihren Kindern als eine endlose Abfolge von Bestechungen, Drohungen und Machtkämpfen, damit sie irgendwie den Tag überstehen. Doch wenn die Eltern sich innig mit ihrem Kind verbinden, will das Kind diese Beziehung beschützen und wird eher der Führung der Eltern folgen. Somit sind Kinder, die sich verbunden fühlen, kooperativer. Das macht es natürlich für die Eltern leichter, aber auch für Geschwister, die zur Familie gehören, denn das Kind ist fröhlicher und emotional großzügiger.Letztendlich wird ein Kind, das sich mit einem Elternteil verbunden fühlt, eher das wertschätzen, was dieser Elternteil wertschätzt, und dessen Vorbild folgen. Dies bedeutet, dass es sich dem Geschwisterkind eher so gegenüber verhält wie es sein Elternteil tut, sprich, es wird sich eher fürsorglich, freundlich und geduldig verhalten.

3 Ein gelassener Vater coacht, anstatt zu kontrollieren. Was bedeutet es, zu coachen anstatt zu kontrollieren? Ein Coach schult und unterstützt ein Kind dahingehend, dass es sein bestes Ich entfalten kann. Ein Coach bestraft nicht. Er schafft geduldig Gelegenheiten, in denen das Kind wachsen kann, und feiert jeden Schritt in die richtige Richtung. Kinder reagieren auf Coaching in der Weise, dass sie unbedingt ihr Bestes geben wollen und wie der Coach sein möchten. Kontrollierendes Agieren hingegen zwingt ein Kind dazu, sich unter Androhung von Strafe so zu verhalten, wie Sie es gerne hätten.Dies bedeutet, dass gelassene Eltern ihre Kinder nicht bestrafen. Natürlich setzen sie Grenzen, aber dies beinhaltet keine Bestrafung. Ich bin mir bewusst, dass viele Menschen der Meinung sind, dass Kinder, die streng erzogen werden, sich besser benehmen. Das ist einfach nicht der Fall. Wissenschaftliche Studien zum Thema Disziplin zeigen übereinstimmend, dass eine strenge oder autoritäre Kindererziehung tatsächlich Kinder hervorbringt, die ein geringeres Selbstwertgefühl haben und sich schlechter als andere Kinder benehmen – und aus diesem Grund noch öfter bestraft werden! 2Das Problem mit Bestrafung besteht darin, dass wenn das Kind sich nicht tatsächlich für das Verhalten entscheidet, dann »besitzt« es dieses nicht. Es ist nicht aus sich heraus motiviert, »das Richtige zu tun«. Als meine Tochter sechzehn Jahre alt war, habe ich sie für einen Blog-Post danach gefragt, wie sie gelernt hat, sich zu benehmen, ohne jemals bestraft worden zu sein. Sie antwortete, »So oder so – ob man nun bestraft oder nicht – das Kind lernt, nicht zu schlagen. Aber wenn man bestraft, um es dem Kind so beizubringen, dann lernt es, nicht zu schlagen, damit ES selbst nicht leidet. Wenn man mithilfe von Empathie versucht, es dem Kind beizubringen, dann lernt es, nicht zu schlagen, weil es die andere Person verletzt. Auf diese Weise wird das Kind zu einem besseren Menschen. Es sorgt sich mehr um andere.«Sprich: Ja, es wäre bequemer, wenn unsere Kinder uns einfach gehorchen würden! Aber ihr Bedürfnis, selber zu entscheiden, was sie tun wollen, ist in Wahrheit eine gute Sache. Denn dann beginnen sie, Verantwortung für sich selber zu übernehmen. Wenn Sie Ihr Kind coachen, helfen Sie ihm dabei, die Fähigkeiten zu entwickeln sowie den Willen, sein bestes Ich öfter zu zeigen. Sie werden in diesem Buch erfahren, wie Sie Ihrem Kind dahingehend ein Vorbild sein und es coachen können, dass es kooperieren will und Sie es nie wieder bestrafen müssen.Und wie wirkt es sich auf die Geschwisterbeziehung aus, wenn Eltern coachen statt zu kontrollieren? Studien zeigen, dass Eltern, die strafen und kontrollieren am Ende Kinder großziehen, die einen negativeren Umgang miteinander haben, da sie festgestellt haben, dass durch den Einsatz von Drohungen und Macht andere dazu bewegt werden, das zu tun, was man von ihnen will.3 Letztendlich haben sie ihren Eltern aufmerksam zugehört. Im Gegensatz dazu coachen gelassene Eltern ihre Kinder so, dass sie über die zwischenmenschlichen Fähigkeiten zur Konfliktbewältigung verfügen. Diese umfassen z.B., wie sie ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen und sich gleichzeitig respektvoll der anderen Person gegenüber verhalten. Auf diese Weise gelingt es ihnen besser, Schwierigkeiten im Zusammenleben mit anderen Menschen gekonnt zu meistern.

Sind Eltern immer gelassen? Natürlich nicht! Sie sind Menschen. Wie wir alle ist kein Vater und keine Mutter perfekt. Uns selbst zu regulieren ist die schwierigste emotionale Aufgabe, mit der wir konfrontiert sind. Somit kann es ungeachtet unserer guten Vorsätze ein schwerer Kampf sein. Ein gelassener Vater zeichnet sich dadurch aus, dass er sich der Selbstregulierung, dem In-Verbindung-sein und dem Coachen-statt-Kontrollieren verpflichtet. Eine Handlung nach der anderen ändert diese Selbstverpflichtung unser Verhalten. Da die Eltern-Kind-Beziehung nur eine Reihe von gemeinsamen Augenblicken ist, vermehren sich diese positiven Entscheidungen. Durch zwei Schritte nach vorne und einen Schritt zurück gelangt Ihre Familie dennoch auf einen positiveren Weg, und ehe Sie sich versehen, befinden Sie sich in einer ganz neuen Umgebung.

Diese Fähigkeiten werden Ihnen helfen, entspannte Eltern zu werden

Wenn Sie anstreben, sich zu einer gelasseneren Mutter oder einem gelasseneren Vater weiterzuentwickeln, wo fangen Sie am besten an? Mit zwei für die Erziehung wesentlichen Kompetenzen: sich selbst beruhigen und Emotionscoaching.

Sich selber beruhigen

Ich bin nie laut geworden, bis ich zwei Kinder bekam.

Elaine

Die meisten Eltern wünschen sich, sie könnten »ruhiger bleiben«. Aber niemand bleibt immer ruhig, zumindest dann nicht, wenn man mehr als ein Kind hat. Die Herausforderungen, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, werden uns immer aufrütteln und aus unserer Mitte reißen. Anstatt zu versuchen, »ruhig zu bleiben«, könnten Sie sich das Ziel setzen, aufmerksam zu beobachten, wann Sie beginnen, sich aufzuregen – und eine Reihe von Strategien entwickeln, wie Sie wieder innerlich ruhig werden.

Es ist ein bisschen wie wenn man ein Musikinstrument spielen lernt. Zuerst scheint es unmöglich, eine einfache Melodie zu spielen. Wenn Sie aber regelmäßig üben, können Sie nach einem Jahr eine Sonate spielen. Wie bei jeder Praxis werden Sie niemals perfekt sein, aber jedes Mal, wenn Sie sich beruhigen, wird es einfacher. Sie schaffen die Nervenverbindungen für eine bessere Selbstregulierung und vernetzen so tatsächlich Ihr Gehirn neu.

Wenn Sie genug Schlaf bekommen und Ihre Grundbedürfnisse erfüllt sind – was oftmals für viele Eltern ein Riesenproblem ist –, dann werden Sie in der Lage sein, sich wieder einzukriegen, bevor Sie in den »unteren Weg« oder »niederen Modus« abdriften, wie es der Co-Autor von Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen, Daniel Siegel, nennt.4 Sie kennen den »unteren Weg«. Es ist der Moment, in dem Sie sich gestresst, erschöpft, verärgert fühlen. Wenn Sie darauf bestehen, dass Sie recht haben oder Ihren Kindern eine Entschuldigung abringen. Wenn Sie sich im Kampf-oder-Flucht-Modus befinden und Ihre Kinder Ihr Feind sind. Wenn Ihr Geduldsfaden so kurz ist, dass Sie sich berechtigt fühlen, Ihren eigenen kleinen Trotzanfall zu haben. Sie kennen aber auch den richtigen Weg. Auf dem befinden Sie sich dann, wenn Sie sich richtig gut fühlen, sodass Sie emotional großzügig sein können. Wenn Sie mit Geduld, Verständnis und Sinn für Humor auf die Streitereien Ihrer Kinder reagieren. Wenn es Ihnen Freude bereitet, Vater zu sein.

Der erste Schritt besteht darin, dass Sie üben zu erkennen, wann Sie sich auf den unteren Weg zubewegen. Im zweiten Schritt tun Sie nichts bis Sie sich wieder in Ihrer Mitte befinden. Dies kann Ihnen schnell gelingen – ein paar tiefe Atemzüge. Oder es dauert zwanzig Minuten, in denen Sie etwas Sport machen oder meditieren. (Klappt beides nicht, wenn Ihre Kinder da sind? Versuchen Sie es mit Musik und tanzen Sie mit Ihren Kindern, um Ihre Gefühlslage zu verändern.)

Das hört sich schwierig an, und das ist es auch. Aber Sie können mit ein paar einfachen Übungen klein anfangen. Versuchen Sie es z. B. mit der Übung »Fünf Atemzüge nehmen«, um bei sich anzukommen und zu zentrieren. Atmen Sie einfach fünf tiefe, langsame Atemzüge. Um die Wirkung zu verstärken, nehmen Sie während der Atmung wahr, was in Ihrem Körper los ist. Stellen Sie sich vor, wie Sie Licht in alle angespannten Stellen in Ihrem Körper einatmen und Spannung ausatmen. Diese täuschend einfache Übung hilft Ihnen, sich Ihren Stress bewusst zu machen, damit Sie durch ihn durch atmen und loslassen können. Studien haben ergeben, dass man sich mithilfe bewusstes Atmens, wie die gerade genannte Übung, aus einen Gefühl des Gestresst-seins in nur fünf Atemzügen in einen entspannten Zustand bringen kann. Die Wirkung dieser Atmung wird noch effektiver, je häufiger Sie sie praktizieren.5 Sie können fünf Atemzüge nehmen, während Sie ein weinendes Baby auf dem Arm halten, während Sie Ihre Kinder baden oder wenn Sie an der Ampel stehen.

Am wichtigsten ist es jedoch, dass Sie diese Übung machen können, bevor Sie dazwischen gehen, wenn sich Ihre Kinder streiten. Und das ist notwendig, denn wenn die Emotionen zwischen unseren Kindern hochkochen, befinden sie sich bereits im Zustand von »Kampf, Flucht oder Starre«. Sprich: Sie glauben, es handelt sich um einen Notfall. Für uns Eltern ist es somit ganz normal, so zu reagieren, als wäre es wirklich ein Notfall. Das Problem hierbei ist, dass niemand klar denken kann, wenn das Gehirn mit Biochemikalien überschüttet wird, die uns während eines Notfalls überschwemmen.6

Überlegen Sie, wie dies funktioniert. Ihr Sohn stößt seine kleine Schwester um. Ist das ein Notfall? Genau genommen nicht. Aber es fühlt sich sehr wahrscheinlich wie einer an. Ohne dass es Ihnen überhaupt bewusst ist, befinden Sie sich in einem Zustand von »Kampf, Flucht oder Starre« und Ihr Sohn sieht wie der Feind aus. Bevor Sie sich versehen, schreiten Sie ein mit heulenden Sirenen, um den Feind zu besiegen und Ihr Baby zu retten.

Unglücklicherweise helfen diese heulenden Sirenen nicht, sondern verschlimmern nur den Zustand der Anspannung, in dem sich beide Kinder befinden. Ihre Tochter, die sich zwar erschrocken, aber nicht wehgetan hat, beginnt zu heulen. Ihr Sohn flieht hinter die Couch, wohin Sie ihn unter Schreien und Drohen verfolgen. Es braucht zwanzig Minuten, bis die Ruhe wiederhergestellt ist.

Wiederholt sich diese Situation in unserem Haus häufig, so werden die Amygdalas unserer Kinder – der Teil des Gehirns, der uns vor Gefahren warnt – aktiver und ängstlicher. Sie sind schneller auf 180, wenn sie sich ärgern. Da sie sich leichter bedroht fühlen und aus der Fassung zu bringen sind, streiten sie mehr miteinander.

Eine wichtige Information für Sie ist, dass Kinder mit unfertigen Gehirnen geboren werden, damit das Kind die größte Chance erhält, sich an die Besonderheiten seiner Umwelt anzupassen. Ihre Gehirne formen sich sprichwörtlich in Abhängigkeit von ihren Interaktionen mit uns.7 Und je öfter wir aus der Haut fahren, desto öfter erhalten unsere Kinder die Information, dass das Leben häufig ein Notfall ist. Sie erschaffen ein Gehirn, das auf Selbstschutz ausgerichtet ist, wodurch das Kind noch aggressiver wird.

Natürlich liefert das Leben mit Kindern den Eltern genügend Gründe, um verärgert, überwältigt und wütend zu sein. Der Säugling hört nicht auf zu weinen, das kleine Kind haut den Säugling, das Vorschulkind spült den Teddy der jüngeren Schwester die Toilette hinunter und der Sechsjährige wiederholt jedes Schimpfwort, das er in der Schule hört, um seinen kleinen Bruder zum Weinen zu bringen. Besonders wenn unsere Kinder streiten, ist es für uns selbstverständlich, dass wir verärgert sind. Also stürzen wir uns in den Kampf, wir schreien, ergreifen Partei und sagen Dinge, die wir später bereuen. Wir versuchen nur, das Problem zu lösen, doch wenn wir aus einem Gefühl des Notfalls heraus handeln, verschlimmern sich die Dinge unausweichlich zum einen in der unmittelbaren Situation und zum anderen in der Beziehung unserer Kinder untereinander.

Die Eltern von Camille wuchsen in lauten Haushalten auf, und wenn sie frustriert sind, schreien sie. Wenn die dreijährige Camille aus der Reihe tanzt, schreien sie sie an. Und wenn ihr kleiner Bruder Marco ein Spielzeug von ihr nimmt oder anfängt zu quengeln, schreit Camille ihn an. Genau genommen schreit Camille Marco an, wenn sie einfach nur mürrisch oder nicht gut drauf ist. Marco beginnt nun mit seinen sechzehn Monaten, sie zurück anzuschreien.

Die Eltern von Isabel wuchsen auch in lauten Haushalten auf, doch sie haben hart daran gearbeitet, mit dem Schreien aufzuhören. Natürlich sind sie auch frustriert, gerade wenn die dreijährige ­Isabel ihre Gefühle auslebt. Deshalb haben sie sich ein Repertoire an Möglichkeiten zugelegt, wie sie ihre Emotionen regulieren können, wenn sie verärgert sind, um so ihre Kinder weniger anzuschreien. Wenn Isabels kleiner Bruder Milo eines ihrer Spielzeuge nimmt, versucht sie nun mit ihm Spielzeuge zu tauschen. Wenn Milo anfängt zu quengeln, ahmt sie ihre Eltern nach: »Milo, du traurig? … Ich helfe dir.« Milo bietet mit seinen sechzehn Monaten nun Spielzeuge an und Isabel kann Milo besser aufmuntern als ihre Eltern.

Kinder lernen, was sie in ihrem Leben erfahren. Wenn wir schreien, dann leben wir das Verhalten vor, das unsere Kinder nachahmen werden:

 sich gegenseitig und uns anzuschreien

 auf unausweichliche Konflikte und Frustrationen im Alltag mit Schreien und Vorwürfen zu reagieren anstatt mit dem Gegenüber gemeinsam eine Lösung zu finden

 ihre Wut an anderen auslassen, wenn sie von der Rolle sind.

Es hört sich vielleicht überraschend an, aber indem Sie lernen, sich zu beruhigen, gehen Sie einen der wichtigsten Schritte überhaupt, um die Beziehung Ihrer Kinder untereinander zu stärken. Ist das einfach? Nein. Die eigenen Gefühle zu regulieren ist der schwierigste Teil des Elternseins und für gewöhnlich ein andauernder Prozess / andauernde Baustelle. Eine jede von uns wird die Grenze überschreiten, wenn wir zu weit getrieben werden. Aber aus diesem Grund ist es Ihre Verantwortung als Eltern, dass Sie von der Grenze wegbleiben. Das Regulieren der eigenen Emotionen ist für uns alle eines der schwierigsten Dinge, doch das ist keine Entschuldigung dafür, es nicht in Angriff zu nehmen. Wenn Sie jemand sind, der schreit, dann ist die beste Zeit jetzt, um dies zu ändern. Es ist nicht leicht, aber ich habe erlebt, wie Tausende Väter und Mütter es geschafft haben. (Weitere Unterstützung, wie Sie mit dem Schreien aufhören können, finden Sie in Teil 1 von Gelassene Eltern – zufriedene Kinder: Wie Sie liebevoll bleiben, statt zu schreien, zu schimpfen oder zu drohen.)

Die gute Nachricht ist: Wenn Sie ruhig reagieren können, auch wenn die Emotionen überkochen, lernen Ihre Kinder weitere zielführende Möglichkeiten, ihre Emotionen zu steuern, wenn sie verärgert sind. Sie lernen:

 Diese Situation erscheint mir wie ein Notfall, aber tatsächlich ist es keiner.

 Ich weiß, man hört mir zu, somit kann ich meinen Geschwistern auch zuhören.

Wir können immer eine Lösung finden: Emotionscoaching

Was ist Emotionscoaching? Es hilft Ihren Kindern dabei, emotionale Intelligenz zu entwickeln. Emotionale Intelligenz ermöglicht es uns, unsere Emotionen zu regulieren, gut mit anderen zu arbeiten und zu spielen, und in jeder Beziehung Konflikte durchzuarbeiten, sodass beide Parteien ihre Bedürfnisse auf gesunde Art und Weise erfüllt bekommen. Der Begriff »Emotionscoaching« wurde von John Gottman geprägt, Autor von Kinder brauchen emotionale Intelligenz: Ein Praxisbuch für Eltern.8 Er hat in seinem »Love Lab« in Seattle jahrelang Familien beobachtet und ist zu dem Schluss gekommen, dass, auch wenn es essenziell ist, es nicht ausreicht, eine liebevolle Mutter zu sein, um ein Kind großzuziehen, das sich selbst regulieren kann. Kinder brauchen unsere Unterstützung im Umgang mit den schwierigen Gefühlen, die für sie herausfordernd sind: Eifersucht, Wut, Angst.

Damit wir Kindern im Umgang mit Emotionen helfen können, müssen wir zunächst verstehen, dass sobald wir zulassen, die Emotion zu fühlen, beginnt sie sich aufzulösen. Wenn wir andererseits versuchen, die Emotion wegzuschieben, verfrachten wir sie am Ende in unser Unterbewusstsein, wo wir keine Kontrolle mehr über sie haben. Darum wird bei uns der »Knopf gedrückt« und wir explodieren: Diese aufgestauten Gefühle drängen unentwegt, an die Oberfläche zu kommen und geheilt zu werden. Da sie aber nicht bewusst kontrolliert werden können, strömen sie unkontrolliert heraus. Somit ist das Ziel des Emotionscoaching zum einen, Kindern Sicherheit zu geben, damit sie ihre Emotionen fühlen und so Ärger und Verstimmungen geheilt werden können, wenn sie an die Oberfläche kommen, zum anderen, Kindern dabei zu helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sobald sie mit ihren Emotionen umgehen können, können sie ihr Verhalten steuern.

Warum spielt Emotionscoaching bei der Bindung zwischen Geschwistern eine Rolle? »Sogar in Familien, in denen die Kindern ausreichend Zuneigung von beiden Elternteilen erhalten, kann es vorkommen, dass kleine Kinder nicht in der Lage sind, prosoziale Beziehungen zu ihren Geschwistern zu entwickeln, wenn es ihnen niemand zeigt«, erklärt ­Laurie Kramer, eine Expertin für Geschwisterbeziehungen, die mit ­Gottman zusammengearbeitet hat.9 Emotionscoaching hilft Kindern dabei, zu lernen, wie sie sich beruhigen können, die Sicht des Bruders oder der Schwester zu verstehen und ihre Bedürfnisse in Worten auszudrücken, statt in einem Konflikt mit der Schwester um sich zu schlagen – auf diese Art und Weise können ihnen Win-win-Lösungen einfallen.

Wir sprechen bereits von Fähigkeiten emotionaler Intelligenz, wenn ein Kind in der Lage ist, sich selber zu beruhigen, wenn es verärgert ist. Bei manchen Kindern ist die angeborene Fähigkeit, sich zu regulieren, ausgeprägter als bei anderen. Doch alle Eltern haben eine enorme Einwirkungsmöglichkeit, wenn sie ihren Kindern dabei helfen, die Fähigkeit des Sich-selber-Regulierens zu entwickeln. Da sich das Gehirn in den ersten Lebensjahren als Reaktion auf die gemachten Erfahrungen formt, legt das Gehirn eines Babys jedes Mal, wenn Sie es trösten, Nervenbahnen an, um seinen Ärger zu beruhigen.10 Indem Sie einfach Ihren Säugling oder Ihr Kleinkind trösten, wenn es traurig ist, bringen Sie dessen Körper dazu, beruhigende Biochemikalien auszuschütten und stärken somit die zukünftige Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen – die grundlegendste Kompetenz emotionaler Intelligenz. (Sie haben vielleicht davon gehört, dass Babys lernen, sich selber zu beruhigen, wenn man sie alleine lässt. Neuere Studien der Hirnforschung haben jedoch diesen veralteten Ratschlag widerlegt.11) Wenn Ihr Kleinkind älter wird, unterstützen Sie es weiterhin dabei zu lernen, sich selber zu beruhigen, indem Sie seinen Schmerz oder Frustration anerkennen. Dadurch kann es seine Emotionen annehmen. Dies ist der erste Schritt im Lernprozess, Emotionen zu bewältigen. Wenn Ihr Kind sich nur schwer selber beruhigen kann, können Sie ihm dabei helfen, diese wichtige Fähigkeit zu erlernen, indem Sie es in den Arm nehmen, während es weint, und tief atmen. Beim Ausatmen geben Sie einen beruhigenden Ton von sich. Wenn es sich dann wieder gefasst hat, können Sie ihm vorschlagen, dass es mit Ihnen zusammen auf diese Art und Weise atmet.

Beim Emotionscoaching besteht die wichtigste Kompetenz für Eltern darin, dass sie sich in die Gefühle des Kindes einfühlen. Dies hat zur Folge, dass sich das Kind beruhigt und gleichzeitig seine Fähigkeit, Empathie zu empfinden, entwickelt. Nahezu alle Kinder sind instinktiv von Geburt an in der Lage, die Emotionen anderer mithilfe der Spiegelneuronen und des limbischen Systems zu verstehen. Erleben die Kinder jedoch nicht, dass sie sich verstanden fühlen, lernen sie nicht, sich sicher im Umgang mit Emotionen zu fühlen. Dann machen ihnen aufgebrachte Gefühle anderer Menschen Angst. Aus diesem Grund ist Ihre Hingabe, sich in Ihr Kind einzufühlen, ein entscheidender Faktor in Bezug auf die Fähigkeit Ihres Kindes, seinem Bruder oder Schwester Verständnis entgegenzubringen.

Ihre Empathie hilft außerdem Ihren Kindern zu lernen, sich selbst zu regulieren. Wenn sich ein Kind verstanden fühlt, erlebt es ein Gefühl der Verbundenheit mit seinen Eltern und wird eher Grenzen akzeptieren und kooperieren. Es lernt, dass Gefühle nicht gefährlich sind und dass es sich entscheiden kann, ob es auf ein Gefühl reagiert oder nicht. Auf diese Weise baut es seine Fähigkeit, sich zu regulieren aus. Dadurch kann es mit Enttäuschungen besser umgehen und wird somit widerstandsfähiger. In Gegensatz dazu – und dies ist wichtig zu wissen – wird ein Kind, das denkt, dass seine Gefühle nicht in Ordnung sind, diese verdrängen. Leider sind unterdrückte Gefühle nicht bewusst kontrollierbar und werden später als »schlechtes« Verhalten an die Oberfläche katapultiert.

Was machen Sie eigentlich genau, wenn Sie empathisch sind? Empathisch sein bedeutet einfach, dass Sie anerkennen – in Ihrem Herzen, nicht nur mit Worten –, was die andere Person gerade fühlt. Der Trick hierbei ist, dass wir unsere eigenen Themen zurücknehmen, damit wir wirklich zuhören und wahrnehmen können, was unser Kind gerade fühlt. Immer, wenn Kinder Schwierigkeiten haben, gilt es, als Erstes empathisch zu sein.

»Es ist schwer, wenn du spielen möchtest, aber dein Bruder lieber alleine sein möchte.«

»Du kannst dich ausgeschlossen fühlen, wenn deine Schwester Geburtstag hat und dein Geburtstag noch Monate entfernt ist.«

»Oh Liebes, es tut mir so leid, dass deine Schwester dein Bild zerrissen hat … du bist so traurig und wütend, dass du schlagen möchtest. Komm, lass uns das deiner Schwester in Worten sagen.«

Emphatisch sein stellt sich für die meisten von uns nicht automatisch ein. Das liegt nicht daran, weil wir unfreundlich sind, sondern weil wir in unserem Alltag die anderen Menschen durch die Brille unserer eigenen Bedürfnisse und Wünsche sehen. Wenn unser Kind traurig ist, nehmen wir dies nicht automatisch aus der Sicht des Kindes wahr. Wir sehen es aus unserer Perspektive. Daher erleben wir die Emotionen unseres Kindes oft als lästig, überzogen und als wenn es unser Leben absichtlich schwer machen würde.

Wenn wir möchten, dass unser Kind dem Bruder oder der Schwester gegenüber Empathie empfindet, dann müssen auch wir Empathie dem Kind gegenüber empfinden. Dies bedeutet, dass egal, was es sagt oder tut, wir zum Ziel haben, seine Perspektive mit Verständnis anzunehmen – auch wenn Sie nicht seine Ansicht teilen.

Was ist, wenn Sie nicht immerzu empathisch sein können? Das ist in Ordnung. Es ist ein Ziel, und wie die meisten erstrebenswerten Ziele erfordert es eine Menge Übung. Manchmal werden Sie zu wütend oder zu abgelenkt oder zu müde sein. Ihr Kind braucht von Ihnen nicht, dass Sie 100 % der Zeit empathisch sind. Arbeiten Sie einfach daran, die Prozentzahl zu erhöhen.

Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind zu einer »Drama Queen« wird, wenn sie die Emotionen des Kindes anerkennen. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Wenn Eltern ihr Herz aufrichtig öffnen und einen Raum bieten, sodass ihr Kind alles zum Ausdruck bringen kann, lernt das Kind:

 »Meine Emotionen sind normal, nicht gefährlich.« Emotionen können sich überwältigend anfühlen, aber das Kind lernt, dass es o.k. ist, sie zu fühlen. Und wenn das Kind dies tut, verlieren die Emotionen ihre Kraft.

 »Wenn ich sage, wie ich mich fühle, werde ich nicht so wütend.« Die Emotionen bleiben unter Kontrolle. Somit kann das Kind sein Verhalten besser regulieren, sogar wenn es wütend ist.

 »Zu merken, was ich fühle, hilft mir dabei, mit Worten auszudrücken, was ich fühle, anstatt meinem Bruder wehzutun.« Es gefällt Ihnen vielleicht nicht, wenn Ihr Kind schreiend zum Ausdruck bringt, wie wütend es ist. Aber es ist ein Riesenschritt vorwärts weg vom Wild-um-sich-schlagen.

 »Ich habe gedacht, ich bin wütend, und das bin ich. Aber wütend ist kompliziert. Es ist alles eingepackt in Verletzt- und Verängstigt- und Traurig­-sein. Wenn ich diese Dinge bemerke, bin ich nicht mehr so wütend.« Dies ist die Grundlage von Aggressionsbewältigung. Wünschten Sie sich nicht, Sie hätten dies als Kind gelernt?

Diese Herangehensweise an Emotionen ist vielleicht neu für Sie. Denken Sie daran, ich schlage nicht vor, dass Sie die Verhaltensregeln ändern, die Sie bei sich zu Hause befolgen, sondern dass einfach alle Emotionen angenommen werden können. Auf diese Art und Weise kann sich Ihr Kind mit seinen Emotionen »anfreunden«, was ihm wiederum im Prozess hilft zu lernen, diese zu regulieren. Mit der Zeit wird es Ihnen leichtfallen, Emotionen anzunehmen, sogar wenn Sie gestresst sind. Sie werden feststellen, dass Sie nicht so leicht verärgert sind, wenn Ihr Kind verärgert ist, und dass Sie auf eine ganz neue Art und Weise geduldig sein können.

Während Sie diese empathische Herangehensweise ausprobieren, werden Sie einen sofortigen Wandel in Ihrem Kind feststellen. Vielleicht bietet es Ihnen sogar an, Sie zu umarmen, wenn Sie traurig sind. Ein Kind, das von Eltern großgezogen wird, die es im Umgang mit seinen Emotionen coachen, wird die Gefühle verstehen, die andere Menschen antreiben, und sich gekonnt in der komplexen emotionalen Welt der Beziehungen mit FreundInnen, MitschülerInnen und LehrerInnen zurechtfinden. Und – Halleluja! – Geschwistern.

2 Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. Freiburg: Arbor Verlag, 2010 (orig. ders., Unconditional Parenting: moving from rewards and punishments to love and reason. New York, NY: Atria Books, 2005).

3 Brody, Gene: Sibling Relationship Quality: Its Causes and Consequences. In: Annual Review of Psychology, 49, 1998, S. 1–24 (doi: 10.1146/annurev.psych.49.1.1).

4 Siegel, Daniel und Hartzell, Mary: Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen: Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Kinder einfühlsam ins Leben begleiten können. Freiamt: Arbor Verlag, 2003, 2. Aufl. 2009, Seite 193ff (orig. dies., Parenting from the inside out: How a deeper self-understanding can help you raise children who thrive. New York, NY: Tarcher / Penguin, 2003). Siegel, Daniel: The Low Road. In: ­PsychAlive, 3. März 2011. Auf: www.youtube.com/watch?v=WkEcpBU3TpE.

5 Benson, Herbert und Klipper, Miriam: Gesund im Stress: eine Anleitung zur Entspannungsreaktion. Berlin u. a.: Ullstein Verlag, 1978 (orig. dies.: The relaxation response. New York, NY: Avon Press, 1976; Kindle edition: New York, NY: HarperCollins, 2009).

6 Restak, Richard: Geist, Gehirn und Psyche: Psychobiologie: die letzte Herausforderung. Frankfurt a.M.: Umschau-Verlag, 1981 (orig. ders.: The Brain: The Last Frontier. New York, NY: Warner Books, 1980).

7 Schore, Allan: Affect Regulation and Repair of the Self. New York, NY: W.W. Norton & Co., 2003.

8 Gottman, John Mordechai und Declaire, Joan, Kinder brauchen emotionale Intelligenz: Ein Praxisbuch für Eltern. München: Heyne Verlag, 1998 (orig. dies., The Heart of Parenting: Raising an Emotionally Intelligent Child. New York, NY: Simon and Schuster, 1997).

9 Bronson, Po und Merryman, Ashley: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung: was eine Stunde Schlaf mit ADS zu tun hat, warum Sie Ihr Kind besser nicht loben sollten und warum besonders gut gemeinte Erziehung keine »Engel« produziert. München: Rieman Verlag, 2010 (orig. dies.: NurtureShock: new thinking about children. New York, NY: Twelve Books, 2011).

10 Schore, Allan: Affect Regulation and Repair of the Self. New York, NY: W.W. Norton & Co., 2003.

11 Sunderland, Margot: Die neue Elternschule: Kinder richtig verstehen und liebevoll erziehen. München: Dorsey-Kindersley, 2006 (orig. dies., The science of parenting: How today’s brain research can help you raise happy, emotionally balanced children. New York: DK Publishing, 2006). Schore, Allan (2003). Affect Regulation and Repair of the Self. New York: WW Norton & Company. Schore, Allan: Affect Regulation and Repair of the Self. New York, NY: W.W. Norton & Co., 2003.

2
Wie gelassene Disziplin die Geschwisterbeziehung unterstützt

Eine beeindruckende Anzahl an Forschungsarbeiten hat nachgewiesen, dass die Beziehung eines Elternteils mit jedem einzelnen Kind – inbegriffen die Art und Weise, wie der Elternteil bestraft – eine große Auswirkung auf die Qualität der Beziehungen zwischen den Kindern untereinander hat.12

Gene Brody, einer der angesehensten und erfolgreichsten Wissenschaftler in Bezug auf Geschwister, hat immer wieder festgestellt, dass wenn Eltern bei der Führung ihrer Kinder konsequent auf Strafen verzichten, ihre Kinder weniger streiten und netter zueinander sind. Wie ich bereits in der Einführung erwähnt habe, neigen jüngere Kinder dazu, miteinander zu streiten, auch wenn die Eltern nicht strafen. Das liegt vermutlich daran, weil es kleinen Kindern schwerfällt, sich zu regulieren. Aber wenn die Kinder von coachenden Eltern älter werden, sind sie eher in der Lage, ihre Emotionen zu regulieren und nett zu ihren Geschwistern zu sein als Kinder, die mit konventioneller Disziplin erzogen wurden.13

Eine Studie zu Geschwisterbeziehungen fand heraus, dass die Geschwister in der Studie, die »mitfühlend und fürsorglich zueinander waren« (etwa ein Drittel der Kinder), Eltern hatten, die warmherzig waren und ihre Kinder unterstützten, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Weitere 30 Prozent der Geschwister wurden als »in hohem Maße konkurrierend« und »manchmal aggressiv« eingestuft, obwohl auch »manchmal warmherzig« – im Grunde genommen so wie wir oft über Geschwisterbeziehungen denken. Diese Kinder kamen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil entweder streng, alles erlaubend oder gleichgültig war. Weitere 22 Prozent der Geschwister wurden als äußerst aggressiv und kalt im Umgang miteinander eingestuft; diese Kinder hatten Eltern, die beide entweder streng oder gleichgültig waren. Und die übrigen 10 Prozent? Sie kamen aus zerrütteten Familien, in denen die Eltern den Kindern emotional nicht zur Verfügung standen. Diese Kinder waren verstrickt, sprich, ihre Beziehungen waren gestört.14 Sie kümmerten sich umeinander, da ihre Eltern nicht für sie da sein konnten, aber Geschwister sollten sich nicht gegenseitig erziehen.

Das bedeutet also, dass Eltern, die angemessene Erwartungen stellen und ihre Kinder darin unterstützen, diese Erwartungen zu erfüllen, Kinder erziehen, die wahrscheinlich eher miteinander auskommen. Strenge und nachgiebige Eltern andererseits erziehen Kinder, die häufiger streiten.

Warum Bestrafung und Nachgiebigkeit dazu führt, dass sich Geschwister noch mehr streiten

Die Meisten von uns wissen instinktiv, warum Nachgiebigkeit unseren Kindern nicht dabei hilft, sich zu verstehen. Wenn wir wollen, dass sie sich gut behandeln, müssen wir eine klare Erwartungshaltung darüber festlegen, wie wir zu Hause miteinander umgehen, und unsere Kinder darin unterstützen, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Aus diesem Grund kann der Ratschlag, dass Eltern die meisten Streitigkeiten unter Geschwistern ignorieren sollten, kontraproduktiv sein. Dies wird in Teil 2 eingehender erklärt.

Für Eltern ist es dennoch oftmals schwer zu verstehen, warum Bestrafung dazu führt, dass Geschwister mehr streiten. Schließlich bestrafen wir, um für die Einhaltung unserer Grenzen zu sorgen und wichtige Lektionen zu lehren. Warum sollte das dazu führen, dass unsere Kinder weniger nett zueinander sind?

Betrachten wir dieses Thema durch die Augen des Kindes, so erhalten wir einige überraschende Einblicke. Aus der Sicht Ihres Kindes ist Disziplin kein Mittel, um ihm angemessenes Verhalten beizubringen. Vielmehr versteht Ihr Kind ganz richtig Disziplin als eine Möglichkeit, wie Sie mit Konflikten umgehen, wenn Familienmitglieder wütend sind oder kollidierende Wünsche haben. Mit anderen Worten, die Art und Weise, wie Sie Ihr Kind maßregeln, nimmt sich Ihr Kind als Vorbild für den Umgang mit zwischenmenschlichen Problemen. Somit lehrt Bestrafung, bei der Gewalt angewendet wird, immer dann Gewalt gegenüber dem Bruder oder der Schwester anzuwenden, wenn ein Problem gelöst werden muss.

Möchten Sie noch ein paar weitere Einblicke darüber erhalten, wie Ihr Kind Bestrafung empfindet und wie diese Ihr Kind und seine Beziehungen zu seinen Geschwistern prägt?

1 Bestrafung hat zur Folge, dass Kinder versuchen, weitere Bestrafungen zu vermeiden. Dies ist nicht das Gleiche, wie wenn einem andere am Herzen liegen. Sie lernen vielleicht, nicht ihren Bruder oder Schwester zu schlagen, unterlassen dies aber nur, weil sie nicht noch mehr Ärger bekommen wollen, und nicht, weil sie damit ihrem Bruder oder ihrer Schwester wehtun. Bestrafung verzögert die Entwicklung von Empathie. Dadurch ist es für Kinder schwieriger, die Perspektive des Bruders oder der Schwester wahrzunehmen.15

2 Setzt man Grenzen ohne empathisches Einfühlen, so nimmt man den Kindern die Möglichkeit, Selbstdisziplin zu verinnerlichen.16 Niemand mag kontrolliert werden, somit überrascht es nicht, dass Kinder ­Grenzen ablehnen, die nicht empathisch sind. Wenn Kinder sich unseren Grenzen widersetzen, nehmen sie die »Kontrolle« außerhalb von sich wahr. So verrückt es auch klingen mag, dies bedeutet, dass sie es als Ihre Aufgabe ansehen, sie davon abzuhalten, ihren Bruder anzugreifen, wenn sie wütend sind, und nicht als ihre eigene Aufgabe, sich zu regulieren. Wenn wir Grenzen setzen, bei denen sich das Kind verstanden fühlt, verinnerlicht es am Ende unsere Grenzen – und übernimmt Verantwortung für sich, sogar wenn keine Autoritätsperson anwesend ist.17

3 Kinder, die mit Bestrafung aufwachsen, lernen, diese gegen ihre Geschwister einzusetzen, um ihre eigene Position und Macht zu erhöhen. Wenn Kinder wissen, dass ihr(e) Konkurrent(in) bestraft werden wird, haben sie einen Anreiz zu petzen, denn so können sie entweder dem Geschwisterkind wehtun oder die Rolle des »braven Kindes« einnehmen.“ (Mehr über Petzen in Kapitel 4.)

4 Wenn Geschwister dafür bestraft werden, dass sie sich streiten, werden sie nachtragender zueinander und konzentrieren sich mehr darauf, sich zu rächen. Oftmals geraten sie in einen negativen Kreislauf von aufwiegelnden Konflikten und versuchen es so darzustellen, dass es die Schuld des anderen Kindes ist.

5 Wenn Kinder mit strafender Disziplin aufwachsen, neigen sie eher zu Wut und Depression.18 Das liegt daran, weil wir ihnen beibringen, dass der Teil ihres Ichs, der ihre Emotionen ausmacht, für uns nicht annehmbar ist. Da die Eltern ihnen nicht dabei helfen zu lernen, wie sie mit diesen schwierigen Gefühlen umgehen können, werden sie allein gelassen und versuchen für sich herauszufinden, wie sie ihre »niederen« Impulse überwinden können. Aus diesem Grund haben sie Probleme, ihre Wut zu beherrschen und neigen dazu, dies an ihren Geschwistern auszulassen, die sich in den meisten Fällen in unmittelbarer Nähe befinden.

6 Bestrafung lehrt Angst. Kinder lernen, was sie erleben und was Sie vorleben. Wenn Kinder das tun, was Sie wollen, weil sie Angst vor Ihnen haben, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Tyrannisieren. Wenn Sie schreien, werden die Kinder schreien. Wenn Sie Gewalt anwenden, werden die Kinder Gewalt anwenden. Und zwar gegen jede(n), gegen die oder den sie es können – auch ihre Geschwister.

Vielleicht ist es nicht leicht zu hören, aber die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Kinder lernen durch Bestrafung am Ende völlig unbeabsichtigte Lektionen über die Themen Macht ausüben, Streitigkeiten beilegen und Umgang mit aufwühlenden Gefühlen. Somit gefährdet es für gewöhnlich nicht nur die Entwicklung Ihres Kindes, wenn Sie es bestrafen, sondern es hat einen negativen Einfluss auf die Beziehung Ihrer Kinder zueinander.

Disziplin überdenken

Und wie ist es mit Disziplin? Wie kann sie in Beziehung zu unserer Diskussion über Bestrafung gebracht werden? Das Wort »Disziplin« bedeutet im eigentlichen Sinne »anleiten« und leitet sich vom lateinischen Wort discere – »lernen« ab. Bestrafung hat mehr mit Gewalt zu tun als mit Anleitung. Die Definition des Wortes Bestrafung lautet: einer anderen Person emotionalen oder physischen Schaden zufügen, um diese dazu zu bringen, das zu tun, was man ihr sagt. Aber in unserer Kultur ist meistens das, was wir für Disziplin halten, tatsächlich darauf ausgerichtet, dem Kind emotional (und manchmal physisch) wehzutun, damit es das tut, was wir wollen. Insofern ist Disziplin, wie wir sie verstehen und über sie denken, eine Form der Bestrafung.

Da das Wort »Disziplin« so oft und hartnäckig missverstanden wird, schlage ich vor, dass wir das Wort nicht verwenden. Stattdessen wollen wir bewusst die »Disziplin hinter uns« lassen und uns als Eltern verstehen, die mit liebevoller Führung ihre Kinder coachen. Was würde das ändern? Nun, es würde zunächst unser Verständnis über unsere Kinder verändern. Anstatt zu glauben, unsere Kinder bräuchten »Disziplin«, damit sie sich nach unseren Vorstellungen benehmen, würden wir sie mit komplett anderen Augen sehen.

1 Kinder werden geboren und müssen sich mit einem Erwachsenen verbunden fühlen, der sie leiten wird. Kinder werden unserer Führung folgen und diese Eltern-Kind-Verbindung beschützen, solange diese nicht ihre Integrität gefährdet. Wenn Sie mit Ihrem Kind verbunden bleiben, dann wird es kooperieren wollen. Wenn es dies nicht will, dann weil es nicht kann und es Ihre Hilfe bei den Emotionen braucht, die sein unangemessenes Verhalten steuern.

2 Fragen Sie sich, ob so manches Fehlverhalten daher rührt, dass das Kind einfach das tut, was es will? Aber selbstverständlich! Doch in diesem Fall ist es ein Anzeichen dafür, dass die Verbindung zu Ihnen für das Kind weniger wichtig ist als das zu tun, was es möchte. Somit muss die Beziehung gestärkt werden oder aber das Kind braucht Hilfe mit den Gefühlen, die es davon abhalten, mit Ihnen verbunden zu sein. Wenn ein Kind darauf vertraut, dass wir wirklich auf seiner Seite sind, wird es bereit sein, das aufzugeben, was es gerade will, um etwas zu tun, was es mehr will – nämlich mit uns hundertprozentig verbunden zu bleiben. Wenn Sie darüber nachdenken ist das die Definition von Selbstdisziplin – etwas aufzugeben, was man will (das Stück Kuchen), für etwas, das man mehr will (Gesundheit und Fitness). Sprich, jedes Mal wenn Ihr Kind sich entscheidet, die Schwester nicht zu schlagen, weil es Ihren warmherzigen Respekt mehr will, baut es die Nervenbahnen auf, um selbstdisziplinierter zu werden. Und diese Selbstdisziplin wird den Rest seines Lebens Bestand haben.

3 Kinder lernen, was sie erleben, durch wiederholte Erfahrung. Jede Interaktion mit Ihrem Kind ist Vorbild dafür, wie man sich selbst auskommt und sich anderen gegenüber verhält.

4 Jedes Fehlverhalten ist ein Schrei nach Hilfe oder Verbindung. Gehen Sie auf das Bedürfnis ein, und das Verhalten ändert sich. Wenn ein Kind sich nicht unseren Vorstellungen entsprechend verhält, dann benötigt es Unterstützung, um dies zu tun. Dies kann bedeuten, dass es Anleitung braucht, Verbindung zu uns oder Hilfe bei der Bewältigung der Emotionen, die ihm im Weg stehen. Vieles von dem, was wir als »Fehlverhalten« bezeichnen, ist normale Kindlichkeit und kann einfach mithilfe von liebevoller Führung »korrigiert« werden.

5 Sobald Kinder in der Lage sind, ihre Emotionen zu regulieren, können sie ihr Verhalten regulieren. Wenn sich Ihr Kind mit Ihnen verbunden fühlt, will es Ihrem Beispiel folgen. Aber manchmal kann es dies nicht, da seine großen Gefühle seinen sich immer noch entwickelnden präfrontalen Cortex überwältigen. Wie wir bereits erörtert haben, können Sie ihm mit dem wirksamen Mittel der Empathie helfen zu lernen, seine Emotionen zu regulieren. In manchen Fällen wird das nicht genügen, und heftige Emotionen werden Ihr Kind dazu bringen, um sich zu schlagen. In diesen Momenten braucht Ihr Kind Ihre Hilfe, um sich durch diese Gefühle durchzuarbeiten, damit es diese nicht anders ausleben muss. Mit zunehmendem Alter sind sie immer besser in der Lage, ihre Emotionen in Worten auszudrücken und sie so hinter sich zu lassen. Doch jüngere Kinder brauchen für gewöhnlich eine Möglichkeit, zu weinen. Dies wird später in diesem Kapitel näher beschrieben.

6 Der Schlüssel, um effektive Grenzen setzen zu können, liegt in der Fähigkeit, empathisch zu sein. Hierbei handelt es sich nicht um permissive Elternschaft. Sie sind die Person, die führt, und Sie sind verantwortlich dafür, das Verhalten Ihres Kindes zu lenken. Folglich bedeutet Coachen nicht, dass Sie Ihrem Kind einfach alles geben, was es will. Es darf nicht an die Wände malen, die ganze Nacht wach bleiben oder das Baby hauen. Aber gerade wenn wir darauf ­bestehen, dass es sich in Übereinstimmung mit unseren Regeln verhält, können wir ihm zeigen – indem wir zuhören, empathisch sind und gewillt sind, Win-win-Lösungen zu finden –, dass es uns interessiert, was ihm wichtig ist. Empathische Grenzen entschärfen Widerstand, denn das Kind fühlt sich zumindest verstanden, auch wenn es nicht das bekommt, was es will.

Wenn wir also unser Kind gelassen führen, beinhaltet dies, dass wir daran arbeiten, entspannt zu bleiben und mit Ruhe statt mit Gewalt anzuleiten. Wir leben vor, wie man Bedürfnisse ausdrückt und dem Verhalten einer anderen Person respektvoll Grenzen setzt. Gelassene Eltern wissen, dass sie das Verhalten ihrer Kinder nicht kontrollieren können. Dies kann nur das Kind selbst. Somit gestalten wir mit unserem Kind eine Beziehung basierend auf Vertrauen, damit es für unsere Führung offen ist. Seine gesunden Entscheidungen ergeben vorteilhafte Resultate in seinem Leben: Es beginnt die Vorteile zu erkennen und fängt an, diese erstrebenswerten Verhaltensweisen »in Besitz zu nehmen«. Aus diesem Grund entscheiden sich gecoachte Kinder eher dafür, das zu tun, was »richtig« ist: wenn sie älter werden, auch dann, wenn Sie nicht dabei sind.

Empathische Grenzen setzen

Die ideale Linie zwischen strengem und nachgiebigem Handeln verläuft da, wo wir das Kind so unterstützen, dass es unsere Erwartungen erfüllt. Wie können wir unterstützen, wenn wir gleichzeitig Grenzen setzen müssen? Setzen Sie die Grenze mithilfe von Empathie, sprich, Sie verbinden sich mit dem Kind und erkennen seine Sicht der Dinge an. Hier ein paar Beispiele dazu.

Atmen Sie zunächst immer einmal tief ein, um sich zu zentrieren. Führen Sie dann das Kind zu dem gewünschten Verhalten, während Sie sich mit ihm wieder verbinden.

Die Grenze setzen und gleichzeitig die Gefühle des Kindes anerkennen

 Statt zu sagen: »Schrei das Baby nicht an! Dadurch weint es nur noch mehr!«

 Versuchen Sie: »Ich verstehe, dass das Weinen des Babys so laut ist, dass dir die Ohren wehtun. Meine Ohren tun auch weh. Aber es anzuschreien ist nicht in Ordnung … Es macht ihm Angst und es weint dadurch nur noch mehr.«

Die Grenze empathisch setzen und dem Kind seinen Wunsch in der Fantasie erfüllen

 Statt zu sagen: »Sei nicht egoistisch. Ich spiele mit dir seit einer Stunde Kaffeekränzchen und das Baby hat Hunger!«

 Versuchen Sie: »Du wünschtest, wir könnten weiter Kaffeekränzchen spielen. Ich muss das Baby holen, wenn es weint, damit es sich nicht allein fühlt und verängstigt ist, genauso, wenn ich zu dir komme, wenn du weinst … Ich wette, du wünscht dir manchmal, dass es wieder nur uns beide gäbe, wie vorher, richtig? Es hört sich so an, als würdest du gerne mit mir hier den ganzen Morgen sitzen und Kaffeekränzchen spielen und müsstest mich mit niemandem teilen…«

Die Grenze empathisch setzen und dem Kind die Wahl lassen

 Statt zu sagen: »Das ist gefährlich! Gib mir den Stock!«

 Versuchen Sie: »Andreas, hörst du Lukas? Er sagt, dass er den Stock nicht so nah an seinem Gesicht haben möchte … Du kannst entweder den Stock runternehmen oder mit mir hier rübergehen, um ihn durch die Luft zu wirbeln, denn so ist er weit genug von deinem Bruder entfernt.«

Die Grenze empathisch setzen und das Kind spielerisch dazu auffordern, zu kooperieren

 Statt zu sagen: »Wenn ihr nicht aufhört, euch wegen der Couch zu streiten, müsst ihr beide von ihr runter!«

 Versuchen Sie: »Wir werden den Streit über die Couch lösen! Ich habe die Couch nie für mich alleine!«, während Sie sich auf die Kinder plumpsen lassen.

Die Grenze empathisch setzen und Ihre Grenzen durch Handeln wahren

 Statt zu sagen: »Ich habe dir drei Mal gesagt, du sollst aufhören, deine Schwester nass zu spritzen! Los, aus der Wanne raus! Hör auf zu heulen, es ist deine eigene Schuld.«

 Versuchen Sie: »Paul, sieh dir das Gesicht deiner Schwester an … Das ist zu viel Nassspritzen für sie. Und für mich auch, ich werde auch ganz nass. Kannst du bitte damit aufhören? Nein? Okay, dann ist das Baden für heute Abend beendet … Komm raus. Du weinst, du wolltest noch nicht aus der Wanne … Du liebst es, mit dem Wasser zu spritzen, nicht wahr? Wenn das Baby in der Wanne ist, ist es nicht in Ordnung, so mit dem Wasser zu spritzen. Wie wäre es, wenn wir morgen das Planschbecken im Garten aufstellen und du so viel wie du willst im Wasser planschen kannst?«

Die Grenze empathisch setzen und das Kind dazu auffordern, mit Ihnen eine Win-win-Lösung zu finden

 Statt zu sagen: »Nein, du kannst die Musik nicht anmachen, während das Baby schläft. Such dir eine andere Beschäftigung.«

 Versuchen Sie: »Du möchtest gerne laut Musik anmachen, damit wir Spaß haben und tanzen können … Ich möchte, dass es still ist, damit das Baby weiterschlafen kann und wir beide zusammen spielen können … hmm … Wie können wir alle nun zufrieden sein? Wie wäre es, wenn wir jetzt zusammen mit den Legos spielen, und wenn das Baby aufwacht, setze ich es in mein Tragetuch und wir können alle zusammen zu deiner Musik tanzen?«

Auszeiten überdenken

Ich habe Auszeiten mit meiner vierjährigen Tochter probiert. Genau wie Sie mich vorgewarnt haben, ging sie gleich über in »Ich bin so schlecht, ich kann nicht aufhören, meinen Bruder zu hauen, und du liebst mich nicht mehr.« Dies hat sie direkt beim ersten Mal gesagt, als ich sie, nachdem sie ihren zweijährigen Bruder gehauen hatte, in ihr Zimmer schickte.

Valerie

Wir haben untersucht, warum das Setzen von Grenzen ohne Bestrafung die Beziehung Ihrer Kinder untereinander verändern wird. Doch wie sieht es mit Auszeiten (Time-Outs) aus? Viele Eltern, die mehr als ein Kind haben, benutzen Auszeiten, wenn ihre Kinder sich streiten, um so ihre Kinder zu trennen, um ihnen so hoffentlich beizubringen, netter zueinander zu sein.

Doch Auszeiten sind eine Form der Bestrafung. In Wirklichkeit bringen sie den Kinder nicht bei, netter zueinander zu sein. Tatsächlich sieht es so aus, dass sie das Verhalten der Kinder eher verschlimmern, so, wie andere Arten der Bestrafung auch. Woran liegt das?

 Auszeiten verursachen Scham. Kinder glauben, dass wenn sie »gut« wären, könnten sie die schlechten Gefühle, die ihr schlechtes Verhalten verursachen, unterbinden. Leider verhalten wir uns schlecht, wenn wir uns schlecht fühlen. Somit erzeugt Scham einen negativen Kreislauf, der das Gefühl des Kindes, ein schlechter Mensch zu sein, verstärkt.

 Auszeiten helfen den Kindern nicht, zu lernen, ihre Emotionen zu regulieren. Wenn Sie das Kind alleine auf sein Zimmer schicken, wird es sich irgendwann beruhigen. Doch da es diese Gefühle in Wirklichkeit nicht äußern konnte, tauchen diese ab ins Unterbewusstsein und können nicht mehr bewusst reguliert werden. Aus diesem Grund werden Kinder durch Auszeiten eher wütender und emotional weniger reguliert. So kann es vorkommen, dass das Kind dann an der Schwester vorbeigeht und sie grundlos schubst.19

 Auszeiten lösen tatsächlich nicht das Problem zwischen den Kindern, das dazu geführt hat, dass einer oder beide aufeinander losgehen. Eltern sind oft der Meinung, dass sie sich um das Problem gekümmert haben, wenn sie das Kind zu einer Auszeit oder Standpauke verdonnern. Doch es lernt nicht, wie es mit dem nächsten Konflikt besser umgehen kann.

 Wie alle Bestrafungen schwächen Auszeiten die Verbindung mit unserem Kind. Unglücklicherweise ist diese Verbindung der einzige Grund, warum Kinder sich vor allem benehmen. Somit sorgen Eltern dafür, die Auszeiten wiederholt benutzen, dass ihr Kind in einen Kreislauf steigenden Fehlverhaltens gerät.

 Auszeiten heizen Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern an. Je machtloser sich Kinder fühlen, desto mehr lassen sie es an schwächeren aus – meistens dann am Bruder oder der Schwester.

 Auszeiten »funktionieren«, weil sie auf Angst basieren und ein symbolisches Verlassen darstellen. Alfie Kohn weist darauf hin, dass sie eine Form des »Liebesentzuges« sind.20 Da Geschwisterrivalität aus der Angst Ihres Kindes herrührt, Ihre Liebe an das Geschwisterchen zu verlieren, wird jegliche Form der Maßregelung, die Liebesentzug beinhaltet, die Geschwisterrivalität zwangsläufig verschlimmern.

Vielleicht haben Sie gelesen, dass es eine »richtige« Anwendung von Auszeiten gibt, die laut Studien »erfolgreich« ist. Aber wobei erfolgreich? Ich habe viele Studien gelesen, die belegen, dass Auszeiten Fehlverhalten für den Moment unterbinden. Aber das Gleiche gilt auch für das Hinternversohlen, und wir wissen, dass dies ein Risikofaktor für die emotionale Gesundheit des Kindes darstellt.21 Mir ist bisher keine Studie bekannt, die über einen langen Zeitraum die emotionale Gesundheit von Kindern untersucht hat, die in ihrer Zeit des Heranwachsens mit Auszeiten diszipliniert wurden, und diese Kinder dann mit solchen verglichen hat, die zu keiner Zeit Auszeiten oder andere Formen der Bestrafung erleben mussten. Und ja, es gibt mittlerweile Hunderttausende Kinder, die unter liebevoller Führung statt mit Bestrafung aufwachsen konnten dank Haim Ginott (dem Vater der Positiven-Disziplin-Bewegung), Jane Nelson (Gründerin der Positiven-Disziplin-Bewegung) sowie vielen anderen Menschen, die sich für Kinder einsetzen.

Wir haben allerdings eine Menge Belege dafür, dass Auszeiten dahingehend nicht funktionieren, dass sie ein wiederholtes Fehlverhalten verhindern, was die Frage aufwirft, ob es nicht sogar die Auszeit ist, die dieses wiederholte Fehlverhalten verursacht. Eine vom National Institute of Mental Health durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Auszeiten in der Weise wirksam sind, dass sie Kleinkinder zum Kooperieren bringen, dieser Effekt aber nur vorübergehend ist.22 Die Kinder zeigten öfter Fehlverhalten als solche Kinder, die nicht mit Auszeiten diszipliniert wurden, auch wenn ihre Mütter sich die Zeit nahmen, nach der Auszeit mit ihnen spazieren zu gehen. Die Autoren der Studie, Michael Chapman und Carolyn Zahn-Wexler, schlussfolgerten, dass die Kinder auf den empfundenen »Liebesentzug« in der Art reagierten, dass sie sich noch öfter nicht korrekt verhielten. Das steht im Einklang mit den Studien über Liebesentzug als Bestrafungsmethode, aus denen hervorgeht, dass Kinder, die dem ausgesetzt sind, dazu neigen, mehr Fehlverhalten, schlechtere emotionale Gesundheit und eine weniger entwickelte Moral zu zeigen.23 Diese Ergebnisse überraschen nicht angesichts der Tatsache, wie sehr sich Kinder mit uns verbunden fühlen müssen, um sich sicher zu fühlen, und wie wahrscheinlich es ist, dass sie sich aufführen, wenn sie sich nicht sicher fühlen.

Ich kann verstehen, wenn Sie jetzt ein wenig beunruhigt sind. Wenn Sie keine Auszeiten anwenden können, wie bringen Sie Ihre Kinder dazu, nicht völlig aus dem Ruder zu laufen? Die Antwort lautet, dass Auszeiten Ihrem Kind nicht helfen, sich besser zu verhalten. Stattdessen schwächen sie seine Verbindung zu Ihnen und bewirken weiteres Ausflippen. Ich habe Tausende von Familien erlebt, die zum Gelassene-Elternschaft-Ansatz übergehen, bei dem sie sich darauf konzentrieren, ihre Gefühle zu regulieren, sich mit ihren Kindern zu verbinden und empathisch Grenzen setzen – und die Kinder flippen weniger aus. Gelassene Elternschaft bringt Kinder hervor, die die Familienregeln befolgen wollen, sodass es für Sie immer seltener notwendig ist, zu bestrafen wie auch Auszeiten anzuwenden, und diese allmählich der Vergangenheit angehören werden.

Belohnungen überdenken

Mit Sicherheit ist es eine gute Sache, einen positiven Weg einzuschlagen. Warum also nicht Belohnungen statt Bestrafung einsetzen? Machen Belohnungen schließlich nicht das gewünschte Verhalten wahrscheinlicher?

Nun, ja – die Belohnung bringt das Kind dazu, mehr Belohnungen zu wollen. Sobald Sie von außen wirkende Belohnungen wie Sticker einsetzen, hört das Kind auf, die inneren Belohnungen wertzuschätzen wie zum Beispiel den glücklichen Gesichtsausdruck des Bruders, wenn es mit ihm teilt.24 Somit funktioniert die Belohnung nur solange, wie das Kind Sticker haben möchte. Unterdessen lernt es nicht, das warme Gefühl innen drin wertzuschätzen, das sich einstellt, wenn man sich umsichtig verhält. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Belohnungen bei einem Kind eher dazu führen, weniger zu teilen, es sei denn, Sie schauen zu.25

Das andere Problem, das entsteht, wenn man das Verhalten von Kindern mittels Belohnungen steuern will, ist, dass wenn sich Menschen von außen kontrolliert fühlen, ganz gleich ob durch Belohnung oder Bestrafung, sie von Natur aus rebellieren. Geht es Ihnen nicht auch so? Eine Mutter erzählte mir, dass ihre willensstarke Tochter sich endlich gut genug »benahm«, um sich im Laden eine Barbie aussuchen zu dürfen. Als sie aus dem Laden kam, riss sie der Barbie den Kopf ab und warf sie auf den Boden. Wenn sich Menschen manipuliert fühlen, entwickeln sie Widerstand.

Bitte beachten Sie, dass ich nicht damit meine, dass Sie Ihr Kind nicht ermutigen sollen. Kinder blühen, wie wir alle, bei Anerkennung und ermutigenden Worten auf. Aber Belohnungen geben ihnen nicht die Chance, zu entdecken, dass das Verhalten, das wir befürworten, Sinn für sie ergiebt, nicht nur wegen der Belohnung, sondern aufgrund von tieferen, erfreulicheren Gründen – diese beginnen bei dem begeisterten Gesicht der Mutter, entwickeln sich dann aber dahingehend, dass das Kind mehr Spaß mit der Schwester hat und sich gut fühlt, so wie es ist.

Der Unterschied zwischen Konsequenzen und Grenzen

Viele Eltern verwirrt der Unterschied zwischen Grenzen und Konsequenzen.

»Natürliche« Konsequenzen sind das Ergebnis des Verhaltens des Kindes und Sie haben mit ihrer Entstehung nichts zu tun. Wenn das Kind zum Beispiel seine Brüder immer im Gesicht nass spritzt, wenn sie sich im Garten Wasserschlachten liefern, wollen die Brüder vielleicht keine Wasserschlachten mehr mit dem Kind veranstalten. Oftmals lernen die Kinder viel effektiver aus diesen natürlichen Konsequenzen, als Sie es je leisten könnten – wenn Sie es schaffen, nicht einzuschreiten, um Ihr Kind vor der Konsequenz »retten« zu wollen.

»Grenzen« sind eine Form von Rahmen, die Sie festlegen, in Bezug auf welches Verhalten in Ihrer Familie erlaubt ist. Wenn Ihr Kind diesen Rahmen nicht einhält, lenken Sie es liebevoll in die richtige Richtung. Wenn es die Grenze nicht einhalten kann, nehmen Sie es aus der Situation heraus. Das ist keine Bestrafung, Sie halten lediglich an Ihrer Grenze fest. Wenn also eine Ihrer Regeln lautet, dass Wasserschlachten in Ordnung sind, aber nicht »Wasser ins Gesicht spritzen«, und Ihr Kind zum wiederholten Mal die Regel bricht, obwohl Ihre anderen Kinder dies auch nicht wünschen, dann ist es Ihre Aufgabe, diese Grenze zu wahren.

»Daniel, die Regel lautet, dass wir kein Wasser ins Gesicht spritzen. Deine Brüder sagen NEIN! Kannst du damit aufhören, Wasser in ihr Gesicht zu spritzen oder brauchst du meine Hilfe?«

Wenn Daniel sagt: »Okay, ich höre auf«, wird er dies vermutlich auch tun. Warum? Weil er sich dazu bewusst entscheidet. Doch was ist, wenn er das nicht tut? Dann braucht er Ihre Hilfe.

»Daniel, deine Brüder sagen ‚›Hör auf, uns Wasser ins Gesicht zu spritzen!‹ und du machst trotzdem weiter. Komm rüber zu mir und lass uns zusammen etwas atmen und uns etwas beruhigen, damit du dich bremsen kannst, wenn dich etwas mitreißt.«

Grenzen setzen bedeutet, dass Sie konsequent bleiben müssen, und manchmal werden Sie Ihre physische Überlegenheit zum Einsatz bringen und Ihr Kind aus einer Situation wegbewegen. Beachten Sie jedoch, dass dies weder einer Strafe gleichkommt noch sind Sie gemein. Ja, Sie wahren die Grenze, aber anstatt dies zu »erzwingen«, coachen Sie eher Ihr Kind und unterstützen es, damit es Ihren Erwartungen gerecht werden kann.

Bevor Daniel wieder am Spiel teilnehmen darf, müssen Sie ihn fragen, ob er meint, sich regulieren zu können, helfen ihm dabei, einen Plan zu machen und fordern von ihm eine Zusage. »Daniel, warum gibt es die Regel, dass wir kein Wasser ins Gesicht spritzen? Wie wirst du dich daran erinnern? Was ist, wenn du dich nicht bremsen kannst? Super, somit lautet der Plan … Hand drauf!«

Sie sollten auch die natürliche Konsequenz seines vorangegangenen Verhaltens deutlich machen und ihm helfen, es wieder gutzumachen. »Deine Brüder befürchten, dass du ihnen wieder Wasser ins Gesicht spritzt. Wie kannst du ihnen dabei helfen, sich sicher zu fühlen, wenn sie mit dir jetzt spielen? … Super, du sagst ihnen also, dass du ihnen kein Wasser ins Gesicht spritzen wirst und dass du dich regulieren kannst?«

Was, wenn Daniel dies in fünf Minuten »vergisst« und einfach nicht widerstehen kann, seinem Bruder ins Gesicht zu spritzen? Dann nehmen Sie ihn aus dem Spiel. »Es war für dich heute einfach zu schwer … Wir versuchen es morgen noch einmal … Du wächst jeden Tag und kannst dich immer besser selbst regulieren, damit du ein verantwortungsvoller Spielgefährte sein kannst.« Was, wenn er weint? Es gibt schlimmere Dinge als zu weinen, und diese Trauer ist Teil dessen, was ihm helfen wird, sich beim nächsten Mal zu regulieren.

Haben Sie bemerkt, dass ich »Konsequenzen«, die vom Vater für das Verfehlen des Kindes durchgesetzt werden, nicht erwähnt habe, wie z. B. Auszeiten oder Verlust von Privilegien? Diese Methoden sind aus den gleichen Gründen wie andere Formen der Bestrafung nicht sehr effektiv, wenn es darum geht, das Verhalten junger Kinder zu ändern: wenn ein Kind bestraft wird, das eh gerade Schwierigkeiten hat, wird es noch weniger Lust haben, zu kooperieren. Vor allem hilft die Bestrafung dem Kind nicht bei der Verarbeitung der Emotionen, die sein Ausflippen verursacht haben.

Wenn das Kind zum Beispiel seinen Brüdern immer Wasser ins Gesicht spritzt, wenn sie eine Wasserschlacht machen, dann geht irgendetwas vor sich, bei dem es Hilfe braucht, um es zu bewältigen. Vielleicht sieht es nicht den Schmerz und das Unbehagen in ihren Gesichtern und es braucht Ihre Unterstützung, um Empathie zu lernen. Oder aber es sieht das Unbehagen und den Schmerz und sie machen ihm Freude. Dieses Verhalten deutet darauf hin, dass es Hilfe im Umgang mit seiner Eifersucht braucht oder dass es sich mächtiger in seinem Leben fühlen muss. Oder aber das Kind fühlt sich schrecklich, gleich nachdem es so etwas getan hat, aber kann sich nicht davon abhalten, es zu tun. In diesem Fall benötigt es Ihre Hilfe, seine Impulse zu steuern. Sie können erkennen, dass das Verhalten des Kindes während der Wasserschlachten nur ein Symptom eines größeren Problems ist und es Ihr Coaching braucht, damit es heilen kann.

Sie fragen sich vielleicht, ob dies nicht unnötiges Verhätscheln ist. Unabhängig davon, warum das Kind dies tut, würde es nicht aufhören, wenn sein Verhalten eine unangenehme Konsequenz zur Folge hätte? Anders gesagt: »Daniel! Du tust deinen Brüdern weh! Auszeit! Du setzt dich da drüben hin, bis du dich benehmen kannst!« Aber was genau lernt es? Ganz gleich, was Sie ihm sagen, bevor er wieder mitspielen darf:

 Anstatt zu denken, dass er einfach nur jemand ist, der ein wenig Hilfe braucht, da er immer noch lernt, sich zu regulieren, wird er schlussfolgern, dass er jemand ist, der anderen wehtut. Er muss ein schlechter Mensch sein; schließlich konnte er sich nicht davon abhalten und muss jetzt eine Auszeit nehmen.

 Anstatt Ihre Hilfe beim »Atmen und sich beruhigen« zu bekommen, soll er sich alleine beruhigen, was meistens bedeutet, dass er seine Gefühle herunterschluckt und sie jenseits der bewussten Kontrolle landen. Dadurch werden sie eher später wieder an die Oberfläche kommen, sprich, in zehn Minuten wird er seinen Brüdern wieder Wasser ins Gesicht spritzen. Aus diesem Grund landen Kinder an manchen Tagen immer wieder und wieder in Auszeiten.

 Anstatt zu sehen, dass Sie an seiner Seite sind, auch wenn Sie eine Grenze setzen müssen, beschließt er, dass Sie immer Partei für seine Brüder ergreifen – Sie müssen sie lieber mögen. Warten Sie nur ab, bis er wieder diesen Schlauch in die Hände bekommt!

Aber sollte es nicht eine »Konsequenz« geben? Natürlich! Schauen Sie sich all’ die Konsequenzen an, die hier eingetreten sind. Was hat Ihr Kind bewusst und unbewusst gelernt?

  »Wenn Mama sagt, dass ich was machen soll, dann meint sie es auch so. Es hat keinen Sinn zu versuchen, sie zu ignorieren.«

  »Wenn ich anderen wehtue, dann darf ich nicht mehr mitspielen, bis ich wieder mit mir klarkomme.«

  »Ich mache Fehler, aber Mama versteht das immer. Sie hilft mir, herauszufinden, wie ich es besser machen kann.«

  »Wenn ich jemandem wehgetan habe, kann ich die Situation retten.«

  »Jeder in unserer Familie nimmt unsere Familienregeln ernst. Die wichtigste Regel ist, dass wir uns respekt- und liebevoll behandeln.«

Er ist sich dessen nicht bewusst, aber aufgrund seiner Entscheidung, sich selbst zu regulieren, bilden sich neue Nervenbahnen im Gehirn, die in der Zukunft für eine erhöhte Selbstdisziplin und emotionale Regulierung verantwortlich sind.

Die Wahrheit ist, dass wir keinen Menschen dazu bringen können, das zu tun, was wir wollen. Wir können ihnen nur dabei helfen, es zu wollen. Empathische Grenzen helfen Ihrem Kind dabei, Ihrer Führung folgen zu wollen. So werden diese guten Angewohnheiten ein Teil von ihm, egal ob Sie da sind oder nicht.

Was ist, wenn Empathie nicht funktioniert?

Wenn Eltern damit beginnen, liebevoll zu führen, sind sie oftmals überrascht, wie gut Empathie »funktioniert«, um ihr Kind zu beruhigen und ihm dabei zu helfen, ihre Grenzen zu akzeptieren. Tatsächlich ist Empathie so effektiv, wenn es darum geht, sich mit unserem aufgebrachten Kind zu verbinden und ihm zu helfen, sich zu beruhigen, dass wir völlig überrascht sind, wenn es »nicht funktioniert«. Doch Empathie ist kein Trick, um die andere Person zu kontrollieren. Es ist ein Mittel, um sich zu verbinden und unserem Kind zu helfen, Gefühle zu verarbeiten. Wenn Empathie also nicht »funktioniert«, fragen Sie sich, ob Sie wirklich mit Ihrem Kind verbunden sind und ihm mit seinen Gefühlen helfen. Von Eltern höre ich in Bezug auf den »Gebrauch« von Empathie überwiegend die folgenden Schwierigkeiten:

1 »Empathie führt dazu, dass mein Kind noch mehr weint.« Dies bedeutet, dass Ihre Empathie tatsächlich ausgezeichnet »funktioniert«. Überlegen Sie, wann Sie einmal große Gefühle hatten, die tief im Inneren eingesperrt waren – vielleicht war etwas Schlimmes vorgefallen. Sie haben sich zusammengerissen. Dann kam ein Mensch, bei dem Sie sich sicher gefühlt haben und der hat Sie umarmt oder etwas Mitfühlendes gesagt, woraufhin Sie in Tränen ausgebrochen sind. Sprich, wenn Kinder große Gefühle haben und wir mit ihnen mitfühlen, kommen sie mit ihren Gefühlen stärker in Kontakt. Und das ist eine gute Sache. Denn wenn sie einmal diese Emotionen fühlen, verschwinden diese. Wenn man sich ausweint, wird unsere Körperchemie wie auch unser Gefühlszustand positiv transformiert.

2 »Empathie beendet den Wutanfall nicht.« Sobald sich Ihr Kind im »Kampf-oder-Flucht«-Modus befindet, helfen Worte nicht mehr. Anstatt also das Gefühl zu benennen, vermitteln Sie Sicherheit, damit Ihr Kind Ihnen all diese Gefühle zeigen kann. Je weniger Worte, desto besser. Sagen Sie nur so viel, dass Ihr Kind Ihr Mitgefühl hört und weiß, dass Sie da sind und bereit sind, es zu umarmen. Empathie wird den Wutanfall nicht beenden, aber sie unterstützt Ihr Kind darin, seine Gefühle zu zeigen und zu heilen.

3 »Ich wiederhole immer wieder ›Du bist sehr traurig und frustriert‹, aber er wird wütend und sagt mir, dass ich das nicht sagen soll.« Kinder spüren es, wenn wir Wörter einfach nur nachplappern, und es macht sie wütend. Wenn Sie es tatsächlich schaffen, zu fühlen, wie sehr Ihr Schatz innerlich zerrissen ist, werden Sie feuchte Augen bekommen. Und Ihr Kind wird sich verstanden fühlen.Außerdem spielt eine Rolle, wie alt Ihr Kind ist. Bei einem wütenden Kleinkind könnten Sie auf dessen Gefühlsebene gehen und Ihre Anerkennung zeigen mit einem »Du bist so wütend!« Das Kleinkind wird dadurch oftmals beruhigt: Mama denkt nicht, dass es ein Notfall ist; es gibt sogar ein Wort für diese Welle, die es übermannt. Werden die Kinder allerdings älter, macht es sie nur noch wütender, wenn man ihnen sagt, wie sie sich fühlen. Wie die meisten von uns Erwachsenen wollen auch sie nicht analysiert oder manipuliert werden; sie wollen sehen, dass wir ihre Sicht der Dinge verstehen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären verärgert und Ihr Partner würde immer nur wiederholen: »Du bist sehr traurig und frustriert!«Man muss dem Gefühl nicht immer einen Namen geben. Die Sicht des Kindes zu verstehen reicht aus: »Es tut mir leid, dass du aufgewacht bist und feststellen musstest, dass Papa mit deinem Bruder zum Einkaufen gefahren ist … Ich weiß, dass du gerne mitgefahren wärst.«Wenn Kinder größer werden, reicht ein einfacher Satz wie »Ach Schatz, es tut mir leid, dass es so schwer ist« aus, um zu vermitteln, dass Sie mitfühlen.Und Sie müssen Ihrem Kind, während es gerade einen Wutanfall hat, natürlich nicht sagen, wie traurig und wütend es ist. Jegliche Worte werden seine Wut nur steigern. Das Einzige, was es wissen muss, ist, dass es sicher ist und dass Sie da sind und es umarmen, wenn es dazu bereit ist.

4 »Ich fühle mit ihr, aber dann ist sie immer noch verärgert.« Empathie hilft uns, die Sicht unseres Kindes zu verstehen und uns mit ihm zu verbinden. Manchmal reicht das aus, um seine Emotionen zu entschärfen. Aber wenn das Kind eine Reaktion zeigt auf das, was ein großes Problem in seinem Leben darstellt, kann es eventuell nur dann die Emotion bewältigen, wenn wir es bei der Lösung des Problems unterstützen: »Du bist verärgert, weil deine kleine Schwester immer Sachen aus deinem Puppenhaus nimmt. Lass uns einen Platz suchen, an dem du ungestört damit spielen kannst und der für deine Schwester nicht zu erreichen ist.«Manchmal braucht unser Kind unsere Unterstützung, um das Problem selbst lösen zu können: »Du bist so wütend auf deinen Bruder. Ich glaube, er sollte hören, wie du dich fühlst. Lass uns deinen Bruder suchen, und ich bleibe bei dir, während du ihm sagst, wie du dich fühlst.«Manchmal kann es einfach nicht das haben, was es gerade will, aber Sie können ihm in Form eines Wunsches geben, was es möchte: »Es ist echt schwer, wenn dein großer Bruder nicht mit dir spielen will. Ich glaube, du wünschst dir, dass er dir jeden Tag dabei helfen würde, Schienen aufzubauen, richtig?«Es gibt aber auch Momente, in denen das Problem nicht gelöst wird. Vielleicht ist die Enttäuschung einfach zu groß oder sie bringt einen alten Schmerz hervor, der immer noch versteckt ist und darauf wartet, ausgedrückt zu werden, sodass hier nur noch Tränen helfen. In diesem Fall hat die Empathie »funktioniert«, denn Ihr Kind fühlt sich so sicher, dass es seinen Kummer zeigen kann. Auf diese Art und Weise bauen Kinder Resilienz auf – sie fühlen sich sicher genug, um ihre Enttäuschung in ihrer ganzen Größe zu fühlen – und sie lernen, dass sie sich am Ende des Prozesses gut fühlen. Es weint? Das ist gut.

5 »Ich sage ›Du bist wütend, aber wir schlagen nicht‹ und zehn Minuten später schlägt er wieder.« Wenn Ihre Botschaft nicht ankommt, dann liegt es meistens daran, dass Ihr Kind über Ihre Empathie hinaus mehr Unterstützung im Umgang mit seinen Gefühlen benötigt. Wenn wir das Wort »aber« benutzen, kann es sein, dass Kinder den Eindruck haben, dass ihre Gefühle nicht wirklich gewürdigt werden. Hier kann es hilfreich sein, ein »und« zu verwenden, wie z. B. »Du kannst so wütend sein wie du möchtest, UND wir schlagen nicht.«

Der häufigste Grund aber dafür, warum empathische Erinnerungen vom Schlagen nicht abhalten, lautet: Sie können einfach nicht erwarten, dass »Gespräche« jeglicher Art große Gefühle heilen können. Kinder, die schlagen, tragen eine unterdrückte Angst in sich. Sie haben das Bedürfnis, zu weinen, sich zu schütteln und Ihnen ihre Angst zu zeigen. Wie wir Kindern helfen können, sich durch große Emotionen durchzuarbeiten, sehen wir später in diesem Kapitel.

Tatsächlich funktioniert Empathie immer, um sich mit seinem Kind wieder zu verbinden und ihm mit seinen Gefühlen zu helfen. Sprich, wenn Ihre Empathie nicht zu »funktionieren« scheint, kommen Ihnen vielleicht Worte in die Quere. Versuchen Sie nicht weiter, die richtigen Worte zu finden. Stellen Sie sich stattdessen vor, Sie wären wieder Kind und fühlten, was Ihr Sohn oder Ihre Tochter in diesem Moment fühlt. Was sollten Ihre Eltern jetzt tun, damit Sie sich in dieser Situation geliebt fühlen? Tun Sie genau das.

Vorbeugende Maßnahmen

Die tägliche Wunschzeit bewirkt in unserer Familie wahre Wunder. Wann immer wir sie schleifen lassen, bemerke ich einen Verfall in der Beziehung meiner Kinder, und ich bemerke eine sofortige Verbesserung, wenn wir sie wieder regelmäßig nutzen, auch wenn es manchmal nur fünf Minuten am Tag sind. Sie scheint sogar noch wirkungsvoller zu sein, wenn wir noch ein spielerisches Familien-Raufen dazunehmen, bei dem sich die Kinder gegen die Erwachsenen zusammentun; es stärkt wirklich ihre Bindung.

Belinda

Was bedeuten vorbeugende Maßnahmen in Bezug auf Ihre Kinder? Nun, stellen Sie sich vor, dass Sie den Liebesspeicher Ihrer Kinder wieder auffüllen und ihnen täglich ein emotionales Sich-Einstimmen verabreichen, um nicht von der Fahrbahn abzukommen. In einem Leben mit mehr als einem Kind ist Trennung unausweichlich, und wenn Sie keine Methoden für den Alltag haben, um sich wieder zu verbinden, dann verursacht diese Trennung Probleme, bevor Sie es auch nur erahnen. Sobald Sie also mehr als ein Kind haben, werden die vorbeugenden Maßnahmen für jedes Kind enorm wichtig.

Bei der herkömmlichen Erziehung gibt es keine wirklichen vorbeugenden Maßnahmen; Sie schreiten lediglich mit Disziplin ein, wenn es nicht rundläuft. Doch mithilfe gelassener Elternschaft versuchen Sie an die Ursache zu gelangen, warum es nicht rundläuft, und erfüllen die Bedürfnisse Ihrer Kinder, damit es weniger häufig nicht rundläuft. Natürlich ist das Arbeit, aber Kinder groß zu ziehen bedeutet so oder so Arbeit, und diese Investition in positive Prävention schafft ein friedlicheres Zuhause, engere Beziehungen und kooperativere Kinder. Wenn Sie vor dem Abendessen eine Kissenschlacht veranstalten, sind Sie und alle anderen wesentlich besser gelaunt, sprich, die Stimmung ist besser und alle kommen besser miteinander klar – statt Ihre Kinder anzuschreien, wenn sie sich beim Abendessen nur streiten.

Die Vorteile vorbeugender Maßnahmen sind:

 Ihr Kind fühlt sich dafür geschätzt, einfach es selbst zu sein – das beste Gegengift bei Geschwisterrivalität.

 Ihr Kind fühlt sich tief mit Ihnen verbunden. Dies hilft ihm, mit Ihnen kooperieren zu wollen und macht Ihr Leben friedlicher.

 Ihr Kind fühlt sich sicher, dadurch gelingt es ihm, sich zu regulieren.

 Ihr Kind nimmt Ihre Hilfe in Anspruch, bevor es von seinen Gefühlen überwältigt wird. Dadurch minimieren sich die kritischen Situationen, in denen beide Kinder Sie dringend brauchen.

 Ihre Kinder genießen häufiger einen positiven Umgang miteinander. Laut Studien führt dies zu engeren Geschwisterbeziehungen, was wiederum zu weniger Konflikten führt und dies weiter zu häufiger positiven Interaktionen – ein positiver Kreislauf.26

Es folgen nun die grundlegenden vorbeugenden Maßnahmen, die jede Eltern-Kind-Beziehung zuverlässig transformiert – und somit auch die Geschwisterbeziehung transformiert:

1 Führen Sie regelmäßige Abläufe ein. Familien, die sich besser organisieren, berichten von besseren Geschwisterbeziehungen, auch wenn dies nicht bedeutet, dass es eine direkte Ursache und Wirkung gibt.27 Aber regelmäßige Abläufe bewirken tatsächlich, dass Kinder sich sicherer fühlen. Dieses Gefühl von Sicherheit hilft ihnen, sich emotional zu regulieren und folglich mit jedem in der Familie besser auszukommen. Dadurch minimieren Sie Ihren Job als OrdnungshüterIn und reduzieren Machtkämpfe. Das ist wichtig für die Geschwisterbeziehung, da ein Nebeneffekt von Eltern-Kind-Machtkämpfen ist, dass Kinder ihre Egos retten, indem sie Wege suchen, wie sie sich machtvoller gegenüber ihren Geschwistern fühlen können. Dies heißt nicht, dass Sie Ihren Kindern einen festen Plan aufzwingen müssen, sondern herauszufinden, was für Sie und Ihre Kinder am besten funktioniert und eine Alltagsroutine zu finden, auf die sich alle freuen.

2 Machen Sie Empathie zu Ihrem bevorzugten Mittel, um mit Ihrem Kind in Kontakt zu treten. Als Eltern versuchen wir meistens unsere Kinder durch den Alltag zu bringen. Somit finden wir es oft unpassend, wenn sie negative Emotionen zum Ausdruck bringen. Und dennoch ist dieses empathische Eingehen auf unser Kind möglicherweise die wichtigste vorbeugende Gewohnheit, die wir uns aneignen können, denn es stärkt die Eltern-Kind-Beziehung und hilft Kindern dabei, Emotionen unmittelbar zu verarbeiten. Wenn Ihr Kind also sagt: »Ich hasse Hühnchen! Warum gibt es schon wieder Hühnchen?!«, könnten Sie sich zu einem Vortrag darüber hinreißen lassen, wie lang Ihr Tag war, dass sein Körper Proteine braucht, und warum es dankbar sein sollte, so ein gesundes Abendessen zu bekommen. Versuchen Sie stattdessen zunächst seine Perspektive anzuerkennen: »Du hast heute Abend keinen Appetit auf Hühnchen, richtig? Ich nehme an, wir hatten in der letzten Zeit ziemlich oft Hühnchen zum Essen. Und es ist nicht dein Lieblingsessen, das weiß ich. Ich glaube, du würdest am liebsten jeden Abend Nudeln essen, nicht wahr?« Ihr Kind isst das Hühnchen vielleicht nicht freudig, aber am Ende wird es ein friedlicheres Abendessen. Vielleicht gibt es einige gute Ideen bezüglich der Ernährung und wie man die Nahrungsvorlieben aller Familienmitglieder unter einen Hut bekommen kann. Und Ihr Kind wird die Mahlzeit beenden und sich mit Ihnen enger verbunden fühlen, anstatt gefrustet zu sein.

3 Tägliches Raufen. Kinder bauen den ganzen Tag über eine Form von Besorgnis auf (leichte Ängste), und sie brauchen ein Ventil, um diese rauszulassen. Zum Glück hat die Natur die Menschen mit einer fantastischen Möglichkeit ausgestattet, diese Ängste abzubauen und die entstandenen Stresshormone aus dem Körper zu befördern: das Lachen. Lachen ist wirklich die beste Medizin, und das beste Mittel, um Ihr Kind zum Lachen zu bringen, ist die Art von Raufen, die eine sehr leichte Angstreaktion hervorruft.28 Lachen setzt zudem Oxytozin und Endorphine frei. Deshalb bauen Sie jedes Mal, wenn Sie mit jemandem lachen, Vertrauen auf. 29 Das bedeutet, dass wenn Ihre Kinder miteinander lachen, sie eine Form von Verbundenheit erleben, die dabei hilft, das später am Tag auftretende geschwisterliche Gezänk abzufangen. Finden Sie heraus, was Ihre Kinder so zum Lachen bringt, dass sie sich den Bauch halten müssen, und planen Sie davon jeden Tag mindestens 15 Minuten ein. Das kann das Guckguck-Spiel sein, sich durch die Wohnung jagen, die Kinder wie ein Pferd auf dem Rücken tragen oder eine Kissenschlacht Kinder gegen Eltern. (Mehr zum Thema Raufen erfahren Sie in Kapitel 8.)

4 Wunschzeit. Die tägliche Zeit alleine mit einem Kind lässt Vertrauen wachsen, verbindet Sie wieder mit dem Kind und hilft Ihrem Kind dabei, seine Emotionen auszudrücken und so dann über sie hinwegzukommen. Patty Wipfler brachte in Hand in Hand die »Wunschzeit« auf ein ganz neues Level, indem sie Eltern empfahl, diese Zeit völlig ungeplant und das Kind das Zepter in die Hand nehmen zu lassen. Mit anderen Worten, es handelt sich hierbei nicht um Aktivitäten wie zusammen Kekse backen oder lesen, und es ist auch kein gewöhnliches miteinander spielen, bei dem Sie eine eher ebenbürtige Mitwirkende sind. Lassen Sie einfach das Kind entscheiden, was es tun möchte und überschütten Sie es mit Ihrer liebevollen Aufmerksamkeit. Widerstehen Sie dem Drang, eine aktive Rolle einzunehmen; beschreiben Sie stattdessen, was Sie das Kind tun sehen (»Jetzt krachen die LKWs zusammen!«). Wenn es darauf besteht, dass Sie mitmachen, übernehmen Sie die Rolle, die es vorschlägt, aber lassen Sie es entscheiden, wo es langgeht.

Die meisten Eltern berichten, dass sich, sobald sie damit begonnen haben, tägliche Extrazeit mit den Kindern zu verbringen, ihre Probleme mit ihren Kindern rasant verringerten, ganz gleich, ob es sich bei dem Problem um Aggressionen unter Geschwistern, Wutanfälle oder Trotz handelt. Sollten Sie es nicht schaffen, diese Wunschzeit jeden Tag einzuplanen, dann versuchen Sie am Wochenende, eine längere Zeitspanne hierfür einzurichten. Allerdings ist es wesentlich effektiver in Bezug auf die Bedürfnisse Ihres Kindes, sich jeden Tag zehn Minuten Zeit zu nehmen, anstatt bis zum Wochenende damit zu warten, sich mit Ihrem Kind wieder zu verbinden. Zudem hilft es womöglich, mit einem Kind von Zeit zu Zeit etwas Besonderes zu unternehmen und woanders zu übernachten. Dies kann einen Negativ-Kreislauf unterbrechen und Dinge in andere Bahnen lenken. Wenn Sie zu den Eltern gehören, die alleinerziehend sind oder sich oftmals alleine um die Kinder kümmern, lege ich Ihnen ans Herz, sich mit einem Freund, einer Freundin mit dem Babysitting abzuwechseln oder sogar zwei Mal die Woche einen Babysitter kommen zu lassen, damit Sie mit jedem Kind Zeit alleine verbringen können.

Wenn beide Elternteile nicht zu Hause arbeiten, können Sie die Suche nach Zeit für vorbeugende Maßnahmen entmutigend finden. Da ich aber der Meinung bin, dass es sich derart positiv auf Ihr Leben und auf die Beziehung Ihrer Kinder untereinander auswirken wird, schlage ich Ihnen folgendes Experiment vor: Streichen Sie alles, was unnötig ist, von Ihrem täglichen Zeitplan und versuchen Sie, drei Monate lang jeden Tag mit den Kindern zu raufen und Extrazeit zu verbringen. Seien Sie schonungslos konsequent. Keine Elternabende, kein Fernsehen, keine Arbeits-E-Mails am Abend. Ziehen Sie sogar in Betracht, eine Stunde pro Tag weniger zu arbeiten, auch wenn das bedeutet, dass Sie weniger Gehalt bekommen. Ich versichere Ihnen, dass Sie solch eine drastische Veränderung bei Ihren Kindern erleben werden, dass Sie erst wieder zu Ihrem alten Rhythmus zurückkehren wollen, wenn Ihre Kinder älter sind.

Die regelmäßige Anwendung der vorbeugenden Maßnahmen wird Ihrem Kind dabei helfen, Ihrer Führung folgen zu wollen. Wenn es Ihnen nicht folgen will, dann liegt es daran, dass es mit seinen Emotionen nicht umgehen kann. Wie können Sie ihm helfen? Die Antwort lautet: »Inzeiten« (Time-in) und »geplante Wutanfälle«. Diese werde ich in den folgenden zwei Abschnitten erläutern.

Wenn Ihr Kind seine Gefühle auslebt: »Inzeit« (Time-in)

Das Weinen und Schreien hält ein paar Minuten an, aber hört oftmals nicht auf, auch wenn er mich umarmt, sich beruhigt und sich sogar entschuldigt hat, ohne dass ich darum gebeten habe. Er wird bald drei.

Katrina

Bei der »Inzeit« (Time-In) handelt es sich um das, wonach es sich anhört – dem Gegenteil einer Auszeit. Während eine Auszeit das Kind isoliert, ist eine Inzeit, eine Möglichkeit, das »schlechte« Verhalten zu unterbrechen und so verhindern, dass die Situation eskaliert, indem Sie sich wieder mit Ihrem Kind verbinden.

Nehmen wir einmal an, Ihre Tochter ist schlecht gelaunt und streitlustig. Zu guter Letzt wirft sie ihren Becher durchs Zimmer. Sollten Sie ihr nun eine Auszeit verordnen?

Wenn sie formulieren könnte, was gerade los ist, würde sie vielleicht sagen: »Hey Mama, Papa, ich habe gerade eine echt schwere Zeit. Ich bin aufgewacht und fühlte mich knatschig. Wir hatten nichts mehr von meinem Lieblingsmüsli. Ich habe euch im Kindergarten so sehr vermisst. Es war so schwer für mich, solange still zu sitzen und Anweisungen zu folgen. Meine Freundin hat mir gesagt, dass ich nicht zu ihrer Geburtstagsfeier kommen kann, wenn ich das Spiel nicht so spiele, wie sie es will. Und dann komme ich endlich nach Hause und ich habe Hunger und bin schlecht gelaunt, und der kleine Bruder, den ihr immer so süß findet, sitzt die ganze Zeit auf eurem Schoß, während ich von euch immer zu hören bekomme, dass ich eine Minute warten soll! Ich frage mich, ob mich hier überhaupt irgendjemand lieb hat! Vielleicht habt ihr jetzt einen Ersatz, weil ich einfach nicht gut genug für euch bin!«

Natürlich kann sie das so nicht sagen. Deshalb lebt sie dies durch ihr schwieriges Verhalten aus. Sie hat den ganzen Tag lang Ängste und Tränen unterdrückt, darauf wartend, dass sich eine sichere Gelegenheit findet, um das alles rauslassen zu können. Jetzt kommen alle diese Emotionen hoch und sie »spielt diese Gefühle nach«. Wenn Kinder provozieren und absichtlich die Regeln nicht beachten, bitten sie um Hilfe im Umgang mit diesen aufwühlenden Gefühlen. Oftmals genügt es, sich wieder mit ihnen im Herzen zu verbinden, mittels einer Inzeit zum Beispiel. Dann können sie sich wieder selbst regulieren.

Deshalb bringen Sie Ihr ganzes Mitgefühl auf und erinnern sich daran, dass es ein kleiner Mensch ist, dessen Verhalten ein Hilferuf ist. Sie sagen »Becher sind nicht zum Werfen da. Mäuschen, du hast gerade eine schwere Zeit, richtig? Lass uns in unsere Kuschelecke gehen und ein bisschen kuscheln.« Sie umarmen es, gehen mit ihm in die dafür vorgesehene Kuschelecke und kuscheln. Sie fühlen die Herzenswärme, was vielleicht dem Kind schon ausreicht, um sich wieder zu berappeln. Nach diesem herzlichen, körperlichen Auftanken versuchen Sie es zum Lachen zu bringen, denn Lachen lässt diese angestauten Ängste fast so gut verschwinden wie Tränen dies können. Sein sonniges Gemüt kehrt zurück und es ist bereit, Ihnen beim Beseitigen des Becher-Vorfalls zu helfen.

Fragen Sie sich nun, ob Sie das Kind jetzt bestrafen sollen, damit es lernt, den Becher nicht zu werfen? Dies ist unnötig und kontraproduktiv. Es hat bereits gelernt, dass es das nächste Mal den Becher nicht werfen will sowie einige andere wichtige Lektionen:

 »Meine Eltern sind auf meiner Seite. Ich muss meinen Becher tatsächlich nicht werfen, auch wenn ich wirklich sauer bin. Meine Eltern sind immer da, um mir zuzuhören und mir zu helfen.« (Stärkt das Vertrauen in die Eltern-Kind-Beziehung und somit will das Kind kooperieren.)

 »Wenn ich wütend bin, habe ich oft das Gefühl, dass ich ganz dringend zeigen muss, wie unglücklich ich bin, aber wenn ich dann ein paar Minuten mit den Gefühlen bin, ohne um mich zu schlagen, gehen sie weg.« (Vermittelt Fähigkeiten, um Emotionen zu regulieren und somit auch das Verhalten.)

 »Meine Eltern lieben und akzeptieren mich so wie ich bin, auch dann, wenn ich schwierige Emotionen fühle.« (Das Fundament von Selbstwertgefühl.)

 »Nachdem ich mich beruhigt habe, kann ich immer einen Weg finden, um die Dinge besser zu machen.« (Der erste Schritt in Richtung Akzeptanz, dass niemand perfekt ist, dass wir aber unsere Fehler immer zugeben und reparieren können.)

Inzeiten sind keine Bestrafung. Sie bieten Ihrem Kind die Möglichkeit, die Verbundenheit zu Ihnen zu spüren, die es braucht, um seine Emotionen regulieren zu können. Die meisten Kinder brauchen diese Zeit der Verbundenheit jeden Tag, wenn sie von Ihnen getrennt waren. Oftmals reicht diese Zeit der Verbundenheit aus, um Ihren gesamten Abend wieder auf Kurs zu bringen.

Es gibt aber auch Momente, in denen »Aufmerksamkeit« einfach nicht ausreicht. Ihr Kind wird Sie dies wissen lassen, denn es wird sich kein Stück besser fühlen nach Ihrer Inzeit. In diesem Fall benötigt es mehr Hilfe mit seinen Emotionen, die einfaches Verbunden-Sein nicht leisten kann. Für gewöhnlich widersetzt es sich Ihrer Verbundenheit, denn wenn es Ihre Liebe für sich spürt, öffnen sich alle Schleusen und die Tränen, die es zurückhält, brechen hervor. Wenn Sie es aufmuntern, kann es sich vielleicht für eine gewisse Zeit zusammennehmen, aber ein Wutanfall steht kurz bevor. Warum diesen also nicht einladen?

Kindern mit großen Gefühlen helfen: Geplante Wutanfälle

Oftmals kündigt sich ein schwerer Trotzanfall in der Form an, dass mein Sohn schlecht gelaunt / streitlustig / im Streit mit seiner Schwester ist, und all die Dinge tut, bei denen die Eltern bestrebt sind, ihren Kindern beizubringen, diese nicht zu tun. Und dann bricht ein riesiger Sturm an Emotionen los. Auch wenn ich gelernt habe, (meistens) ruhig zu bleiben, ist es für mich dennoch sehr aufreibend, und meistens begreife ich erst, wenn sich der Sturm gelegt hat, dass er gerade einen »Wutanfall« hatte und dass es toll ist, dass er etwas von dem Ärger in seinem »emotionalen Rucksack« loslassen konnte.

Lindsay

Was ist ein geplanter Wutanfall? Es handelt sich hierbei um die gleiche Art von Trotzanfall, den Ihr Kind auf dem Spielplatz oder im Supermarkt hat, mit dem Unterschied, dass Sie ihm die Möglichkeit geben, diesen Trotzanfall zu Hause zu bekommen und Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit schenken können, während Ihr Baby schläft.

Vielleicht erscheint es befremdlich, Ihrem Kind die Möglichkeit zu geben, einen Wutanfall zu haben. Aber Ihr Kind wird diese Gefühle haben, ganz gleich, ob Sie diese willkommen heißen oder nicht. Bei kleinen Kindern entwickelt sich der Teil im Gehirn noch, der für Schlussfolgerungen zuständig ist, und somit überfordern Gefühle kleine Kinder schnell. Manchmal müssen Kinder (wie Erwachsene auch) einfach weinen. Sobald Sie dem Kind die Gelegenheit geben, diese beängstigenden Gefühle in der Sicherheit Ihrer liebenden Gegenwart zu fühlen, verfliegen die Emotionen und es kann einfach sein Leben weiterleben. Tatsächlich reduzieren Tränen die Stresshormone im Blut Ihres Kindes, sodass es glücklicher und entspannter ist. Somit ist es ein großes Geschenk, wenn Sie den Ärger Ihres Kindes willkommen heißen und ihm durch den Sturm helfen können. Ihr Kind wird nicht nur den Rest des Tages glücklicher sein (und wahrscheinlich den Rest der Woche auch), sondern sich Ihnen auch näher fühlen und kooperativer sein.

Ich habe noch keinen Vater und keine Mutter getroffen, deren erste Reaktion auf einen Tobsuchtsanfall ihres Kindes lautete: »Juchu! Jetzt kann es mir diese angestauten Emotionen zeigen und sich besser fühlen!« Von Natur aus reagieren wir auf das provokative Verhalten unserer Kinder in der Art, dass wir uns immer mehr aufregen, bis wir sie schließlich am liebsten im Zimmer einsperren oder Schlimmeres machen würden. Erst später sind wir in der Lage, zu verstehen, dass alles besser wurde, nachdem unser Kind geweint hatte. Es musste sich ganz offensichtlich durch ein paar große Emotionen hindurcharbeiten – aber wie hätten wir das wissen können?

Die Antwort lautet, dass, wenn Kinder jammern, unnachgiebig und fordernd sind oder sich bewusst daneben benehmen, es immer ein Anzeichen dafür ist, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dies kann etwas Körperliches sein, wie zum Beispiel die Abwehr einer Erkältung, oder etwas Emotionales, wie zum Beispiel die krankheitsbedingte Abwesenheit eines Lehrers, oder ein großer Entwicklungssprung, wie zum Beispiel Fahrrad fahren zu lernen. Doch oftmals ist es nichts Konkretes, sondern nur die Anhäufung von kleinen Belastungen, die das Kind nicht durch Spiel oder Worte aufarbeiten konnte und so im Unterbewusstsein, oder wie ich es nenne, im »emotionalen Rucksack« ablegt.

Wenn Ihr Kind also einen harten Tag hat, dann hat dieser harte Tag eine reale Ursache, genauso wie unsere harten Tage eine reale Ursache haben. Um unserem Kind im Umgang mit seinen Gefühlen helfen zu können, müssen wir glücklicherweise den Grund für sein Unglücklich-Sein nicht kennen. Wenn Kinder gestresst sind, werden sie dies immer zum Ausdruck bringen, und Lachen oder Weinen wird für gewöhnlich heilen, was auch immer nicht in Ordnung ist. Es sei denn, der Grund für den Stress bleibt bestehen. Sprich, immer dann, wenn Ihr Kind besonders schwierig ist, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Es ist nicht nur einfach widerborstig. Es ist emotional gestresst und braucht Ihre Hilfe.

Ihr Ziel ist es, Ihrem Kind dabei zu helfen, Ihnen zu zeigen, was los ist. Wenn Kinder verärgert sind, sind Worte kontraproduktiv, denn das Kind muss sich zu sehr anstrengen nachzudenken, und die Emotionen werden abgeschaltet. Angesehen davon sind die meisten Kinder nicht in der Lage, auszudrücken, warum sie verärgert sind, zumindest nicht bevor sie eine Weile geweint haben. Zum Glück sind Kinder so »konzipiert«, dass sie sich selber heilen können, indem sie ihre Schmerzen sichtbar machen, ganz genauso wie ihr Immunsystem eine Infektion an die Oberfläche bringt, um zu heilen. Alles, was Sie tun müssen, ist einen sicheren Raum zu schaffen, um diesen natürlichen Prozess zu unterstützen.

Gestehen Sie sich zunächst jegliches Gefühl von Ärger, das Sie fühlen, ein und versuchen Sie dann Ihre innere Haltung zu einer empathischen Haltung hin zu verlagern, damit Sie mitfühlen können. Dies ist nicht einfach, wenn Ihr Kind provoziert. In so einer Situation hilft es, ein Mantra zu wiederholen, das Sie daran erinnert, dass »Kinder genau dann am meisten Liebe brauchen, wenn sie es am wenigsten verdienen«. Ihr Kind braucht in diesem Moment von Ihnen das Gefühl, dass Sie es immer noch lieben, egal, was passiert.

Schaffen Sie einen sicheren Raum. Beginnen Sie mit körperlicher Zuneigung. Wenn Ihr Kind offen dafür ist, dann raufen Sie ein wenig mit ihm, um es zum Lachen zu bringen (siehe Kapitel 8). Dadurch schaltet sein Körper von Stresshormonen auf Bindungshormone um und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es weinen wird anstatt in der Wut festzustecken.

Laden Sie den Wutanfall ein, indem Sie eine freundliche Grenze (bei egal was) setzen. Wenn Ihr Kind zum Beispiel nicht genügend Zeit mit Ihnen alleine hatte, dann wird ein »Ich befürchte, wir müssen bald mit dem Spielen aufhören, Schatz« all die Trauer darüber, dass es Sie verloren hat, hervorbringen und ggf. Tränen verursachen. Sie können auch in Bezug auf sein Verhalten oder auf etwas, das es will, eine freundliche Grenze setzen.

Wenn Ihr Kind wütend wird, vergrößern Sie Ihr Mitgefühl. Kinder werden oftmals wütend, wenn wir empathisch sind. Das bedeutet nicht, dass Sie etwas falsch machen. Ihr Kind schnauzt Sie an, weil es in Kontakt mit seinen Gefühlen gebracht wird, wenn Sie ihm Verständnis anbieten. Die Gefühle stehen in diesem Moment bedrohlich vor ihm und drohen, es mit Schmerz und Angst zu überwältigen. Somit macht es das, was wir alle machen, wenn wir uns bedroht fühlen – es schlägt um sich. Anders ausgedrückt: Seine Wut ist ein Schutz vor weiteren verletzenden Gefühlen. Ihr Ziel ist es, ihm dabei zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um hinter die Wut zu gelangen. »Mein Schatz, ich sehe, wie verärgert du bist … es tut mir leid, dass es so schwer für dich ist.« Wenn Sie mitfühlend genug bleiben können – was die Herausforderung schlechthin für die meisten von uns ist – wird es beginnen zu weinen. Und das hat eine heilende Wirkung, nicht die Wut.

Was, wenn es nicht weint? Nehmen Sie Abstand und stellen Sie für ein paar Tage Sicherheit und Verbundenheit her mithilfe der vorbeugenden Werkzeuge wie Empathie, Raufen und Wunschzeit. Dann nehmen Sie all Ihr Mitgefühl zusammen und versuchen es erneut.

Heißen Sie den Ärger willkommen. Wenn Sie auf die Wut Ihres Kindes mit Mitgefühl und einem weichen Herzen reagieren, wird es vermutlich weinen. Je mehr es weint, desto besser. Die Angst ist in seinem Körper eingesperrt. Vielleicht schlägt es um sich und schwitzt und will irgendwo gegendrücken; dies hilft seinem Körper, die Angst loszulassen. Wenn es um sich schlägt, gehen Sie etwas zurück, damit es Ihnen nicht wehtun kann. Denken Sie daran, die Wut gehört nicht zum heilenden Teil. Ihre Aufgabe besteht darin, dass Sie Ihrem Kind dabei helfen, sich sicher genug zu fühlen, um die Wut zu überwinden und an die verletzlicheren Gefühle von Angst, Trauer und Machtlosigkeit heranzukommen.

Was, wenn es Sie anschreit und sagt, dass Sie still sein sollen? Hören Sie auf zu reden. Die tiefste Heilung findet jenseits der Worte statt. Also stellen Sie keine Fragen, sobald Ihr Kind wütend ist, und sagen Sie selber so wenig wie möglich. Helfen Sie ihm einfach dabei, sich sicher genug zu fühlen, um weinen zu können. »Du bist in Sicherheit … ich bin hier … Jeder muss manchmal weinen.« Es wird später noch genügend Zeit geben, um Ihrem Kind etwas beizubringen.

Was, wenn Sie es nicht in den Arm nehmen dürfen? Bleiben Sie bei ihm. Sagen Sie: »Ich bin hier, wenn du eine Umarmung brauchst.« Versuchen Sie, beim Schmerz Ihres Kindes zu bleiben. Denken Sie nicht an Ihre Einkaufsliste. Schon bald wird Ihr Kind in Ihren Armen liegen und weinen.

Was, wenn es Sie anschreit und sagt, dass Sie weggehen sollen? Es versucht, die Intensität des Gefühls zu regulieren. Da es sich sicher bei Ihnen fühlt, kommen seine Gefühle in Ihrer Gegenwart intensiver zum Vorschein. Deshalb will es Sie wegschicken, damit es diese unerträglichen Emotionen nicht fühlt. Aber in Wirklichkeit will Ihr Kind nicht, dass Sie gehen, denn es braucht Sie, um ihm sicher beizustehen. Natürlich beruhigt es sich wieder, wenn Sie es alleine lassen – aber das hat nur zur Folge, dass Ihr Kind die Gefühle unterdrückt und diese dann später wieder auftauchen. Damit wir uns durch Emotionen durcharbeiten können, müssen wir uns erlauben, sie zu fühlen. Kleine Kinder fühlen sich nicht sicher genug, um diesen beängstigenden Gefühlen alleine zu begegnen. Sagen Sie »Ich rücke wieder hierher … ich lasse dich mit diesen starken Gefühlen nicht alleine. Ich bin hier, wenn du eine Umarmung brauchst.«

Sobald es aufhört zu weinen, will es wahrscheinlich kuscheln. Vielleicht redet es von etwas anderem, aber es möchte immer noch wissen, dass es okay war, diese Gefühle zu haben, und dass sie es immer noch lieben. Sie können einfach sagen: »Das waren ein paar starke Gefühle. Das war harte Arbeit. Ich glaube, wir brauchen eine feste Umarmung.« Helfen Sie dann Ihrem Kind dabei, zu reflektieren, indem Sie ihm in Form einer Geschichte erzählen, was passiert ist: »Du warst so wütend und traurig … Du hast Mama angeschrien und versucht, mich zu hauen … Mama hat gesagt, ›Nicht Hauen! Hauen tut weh!‹ und Mama hat dich festgehalten, damit du nicht hauen konntest. Die Mama wird immer jeden beschützen. Du warst so verärgert. Du hast geweint und geweint. Jeder muss manchmal weinen. Als du dann mit Weinen fertig warst, hat die Mama dich in den Arm genommen und dich fest gedrückt und wir haben gekuschelt. Danach ging es uns beiden besser.«

Was, wenn es Ihnen schwerfällt, das Weinen Ihres Kindes zu ertragen? Für die meisten von uns ist dies der schwierigste Teil. Atmen Sie ruhig weiter und machen Sie sich immer wieder klar, dass es sich hier nicht um einen Notfall handelt. Ihr Annehmen des Weinens hat heilende Wirkung auf Ihr Kind. Sie müssen nichts tun oder sagen, sondern nur so ruhig und mitfühlend wie möglich sein. Wenn es uns gelingt, angesichts des Schmerzes unseres Kindes durch unsere eigene Angst hindurch zu atmen, heilen wir damit auch etwas in uns selbst.

Lernen Kinder auf diese Art, »Drama Queens« zu werden? Genau das Gegenteil ist der Fall. Hierbei lernt das Kind, seine Gefühle anzunehmen, damit es sich durch sie hindurcharbeiten kann. Auf diese Weise lernen Kinder, sich zu regulieren. Einige sensible Kinder müssen vielleicht jeden Tag weinen, manche weinen einmal die Woche, aber alle werden über die Zeit gesehen weniger weinen, da sie es sich ermöglichen, all diese Emotionen zu fühlen, die sie angestaut haben.

Was am meisten Mut macht, ist die Tatsache, dass Sie einen großen Unterschied zwischen den Trotzanfällen erkennen werden. Sobald Ihr Kind Ihnen all diesen unverarbeiteten Schmerz gezeigt und sich verstanden gefühlt hat – auch wenn sich im Außen nichts ändert – wird es sich mit Ihnen enger verbunden fühlen und gegenüber dem Geschwisterchen emotional großzügiger sein. Es wird immer glücklicher und in der Lage sein, mit sich zurechtzukommen. Eltern sagen dann oft »Er ist wieder ganz der alte« oder sogar »Sie ist ein anderes Kind« über Kinder, die über Jahre zu kämpfen hatten.

Wie man jedem Kind mit großen Emotionen hilft, wenn mehr als nur ein Kind verärgert ist

Ich habe festgestellt, dass wenn ein Kind mitbekommt, wie Kindern im Umgang Emotionen geholfen wird, es sich dessen gewahr wird und in der Lage ist, zu helfen. Meine Kinder imitieren oft mein Verhalten und können sich somit sogar durch Gefühle wie Ärger mit Empathie und Verständnis gegenseitig hindurchhelfen.

Sabine

Wenn man mehr als ein Kind hat, sind die schwierigsten Momente diejenigen, in denen Ihre Kinder Sie gleichzeitig brauchen. Schließlich haben Sie nur zwei Hände, ganz gleich, wie groß Ihre Liebe auch ist.

Aus diesem Grund sind die vorbeugenden Maßnahmen so wichtig: Die Kinder verstreiten sich nicht so oft.

Aber es wird ganz unausweichlich Situationen geben, in denen Sie als einzige oder einziger Erwachsene(r) da sind und mehr als ein Kind haben, um das Sie sich kümmern müssen. Beide Kinder brauchen Sie sofort oder ein Kind braucht Ihre ganze Aufmerksamkeit für zehn Minuten, aber Sie können sich nicht auf das Kind konzentrieren, da das andere Kind noch da ist. Was können Sie also tun?

1 Wenn beide Kinder Sie gleichzeitig brauchen, versuchen Sie, sich um beide zu kümmern. (Wenn Sie sich für ein Kind entscheiden, werden Sie Ihre Kinder so wahrnehmen, dass Sie einen Favoriten haben oder Partei ergreifen.) Beschreiben Sie, was gerade passiert. »Ich habe hier zwei verärgerte Kinder, die gerade beide ziemlich unglücklich sind! Ihr braucht beide genau jetzt den Papa, nicht wahr … Kommt her, meine Süßen, ich habe immer genügend Platz in meinen beiden Armen … Du kommst auf die rechte Seite und du auf meine linke Seite, so habe ich euch beide im Arm … Genau, ihr könnt solange weinen, wie ihr wollt … dann bringen wir das wieder in Ordnung und alles wird besser … egal, was passiert, wir finden immer eine Lösung.« Das ist nicht einfach umzusetzen, aber es ist möglich. Nehmen Sie jeweils ein Kind auf eine Seite, damit zwischen den Kindern auch ein körperlicher Abstand ist.

2 Wenn Sie nicht bei beiden Kindern gleichzeitig sein können, sprechen Sie mit dem Kind, das warten muss. Zum Beispiel hat sich ein Kind (Benedikt) wehgetan, während das andere Kind (Karla) emotional Ihre Unterstützung braucht. Sie können Benedikt in diesem Fall schon mal auf den Arm nehmen und dabei zu Karla sagen: »Karla, ich höre, dass du mich brauchst, und ich bin gleich bei dir. Ich helfe ­Bennedikt eben mit seinem Aua und dann helfe ich dir mit deinen Gefühlen.«

3 Beschäftigen Sie das Kind, das gerade weniger Aufmerksamkeit braucht, und kümmern Sie sich um das aufgebrachtere Kind. Wenn ein Kind nicht besonders verärgert scheint, verbinden Sie sich kurz mit ihm, um sicherzugehen, das alles okay bei ihm ist. Geben Sie ihm eine innige Umarmung und sagen Sie ihm: »Du kannst ein paar Minuten etwas ganz Besonderes machen, während ich deiner Schwester mit ihren Emotionen helfe.« Geben Sie ihm dann eine Beschäftigung, die es über alles liebt, wie zum Beispiel ein Hörspiel oder die Kiste mit den Sachen, die Sie rausholen, damit Ihr Kind beschäftigt ist, während Sie das Baby füttern (siehe Kapitel 9). Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr 16 Monate altes Kind nicht gefahrlos beschäftigt werden kann? Schauen Sie im Internet nach Sensorik-Beuteln für Kleinkinder und kleben Sie diese mit viel Tesafilm zu, damit keine Möglichkeit besteht, dass es den Beutel öffnet. Sorgen Sie dafür, dass das kleine Kind für Sie sichtbar im Raum bleibt, während Sie dem verärgerten Kind helfen, durch seinen Wutanfall hindurchzukommen.

4 Wenn sich Ihr anderes Kind um die weinende Schwester Sorgen macht, nehmen Sie seine Gefühle wahr und beruhigen Sie es. »Deine Schwester ist traurig und wütend … ich helfe ihr mit ihren Gefühlen … es wird ihr bald besser gehen.«

5 Wenn das andere Kind unbedingt nahe bei Ihnen sein möchte, setzen Sie sich auf den Boden und nehmen Sie ein Kind auf jeweils eine Seite. Sie müssen die Aufmerksamkeit von einem zum anderen wechseln, aber Sie können die Gefühle von beiden wahrnehmen.

6 Das Kind, das den Wutanfall hat, wird oftmals darüber wütend, dass sein Bruder oder seine Schwester stört. Nehmen Sie seine Unzufriedenheit einfach wahr: »Du willst nicht, dass deine Schwester hier ist … Du hast schon ohne sie eine schwere Zeit … Manchmal fällt es einem schwer, eine andere Person um sich zu haben.« Schaffen Sie dann wieder den sicheren Raum: »Deine Schwester macht sich nur Sorgen um dich … Sie bleibt hier drüben, weg von dir. Ich bin hier für dich da.«

7 Bewahren Sie sich Ihren Humor. Zwei weinende Kinder zu haben wird sich wie ein Notfall anfühlen. Doch wenn Sie ruhig bleiben, helfen Sie den Kindern, ihre eigene Energie auch zu verändern. Wenn Kinder erschöpft sind, ist es für sie wichtig, dass Sie verstehen, warum sie verärgert sind. (»Du bist wütend und traurig … dein Bruder ist gegen deinen Turm gekommen und der ist dann eingestürzt.«) Genauso wichtig ist auch, dass Sie Ihren Kinder nonverbal kommunizieren, dass sie in Sicherheit sind. Es ist nicht das Ende der Welt, auch wenn es sich für sie so anfühlt. Nehmen Sie also einen tiefen Atemzug und rufen Sie sich ins Gedächtnis, dass Ihre Kinder sich besser fühlen (und verhalten) werden, nachdem sie sich ausgeweint haben.

8 Versuchen Sie nicht, ihnen etwas zu vermitteln. Wenn wir besorgt sind, versuchen wir häufig Probleme zu lösen, indem wir einen Sündenbock suchen. (»Wenn du nicht so zu deiner Schwester gewesen wärest, wäre alles in Ordnung. Höre nächstes Mal auf dich, wenn ich sage…«) Aber wenn die Emotionen überkochen, schalten sich die Gehirn­areale, die für das Lernen zuständig sind, ab, sodass Ihr Kind nicht lernen kann. Wenn wir wütend sind, sagen wir oft genau das Falsche, da es unserem Gefühl der Angst entspringt. Versuchen Sie, nichts zu sagen, es sei denn, Sie wollen die Verbindung auf der Herzensebene wiederherstellen. »Es tut mir leid, dass es so schwer für dich ist, mein Schatz.«

9 Was ist, wenn Sie auch weinen müssen? Nur zu! Erklären Sie einfach Ihrer Tochter, dass es nicht ihre Schuld ist und dass sie auch nichts tun muss, damit es Ihnen besser geht; dass jeder mal weinen muss und dass es Ihnen besser gehen wird, nachdem Sie eine Weile geweint haben. Sie leben vor, dass Emotionen keinen Notfall darstellen, und dies ist der erste Schritt in Richtung gesunder Selbstregulierung. (Sie sind Ihren Kindern natürlich keine Hilfe, wenn Sie jedes Mal anfangen zu weinen, Sobald Ihr Kind sich aufregt. Sollte dies der Fall sein, dann ist es für Sie an der Zeit, sich Unterstützung für Ihren eigenen Heilungsprozess zu holen.)

Es gibt keine einfache Lösungen für Situationen, in denen Sie von allen gleichzeitig gebraucht werden. Aus diesem Grund sind die vorbeugenden Maßnahmen so wesentlich. Sie verringern in der Tat unvorhersehbare Wutanfälle. Und Kindern dabei zu helfen, mit großen Emotionen fertig zu werden, ist harte Arbeit, denn Sie müssen Ihre eigenen Emotionen regulieren. Doch wenn Ihr Kind Sie dabei beobachtet, wie Sie dem Bruder oder der Schwester dabei helfen, seinen oder ihren Ärger zu überwinden, lernt es, jemandem gegenüber, der Schmerzen hat, Empathie zu zeigen und zu helfen. Dies ist eine Lehre, die sein Leben lang Bestand hat. Ein Ergebnis, das nicht übel ist für eine halbe Stunde harte Arbeit!

12 Brody, Gene: Sibling Relationship Quality: Its Causes and Consequences. In: Annual Review of Psychology, 49, 1998, S. 1–24 (doi: 10.1146/annurev.psych.49.1.1). Stormshak, Elizabeth; Bullock, Bernadette und Falkenstein, Corrina: Harnessing the Power of Sibling Relationships as a Tool for Optimizing Social-­Emotional Development. In: Kramer, Laurie und Conger, Katherine (Hg.): Siblings As Agents of Socialization. New Directions for Child and Adolescent Development. 126, 2009, S. 61–77. San Francisco, CA: Jossey-Bass, 2009.

13 Ebd

14 Brody, Gene; Stoneman, Z. und McCoy, J.: Contributions of Family Relationships and Child Temperaments to Longitudinal Variations in Sibling Relationship Quality and Sibling Relationship Styles. In: Journal of Family Psychology, 8 (3), 1994, S. 274–286.

15 Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. Freiburg: Arbor Verlag, 2010 (orig. ders.: Unconditional Parenting: moving from rewards and punishments to love and reason. New York, NY: Atria Books, 2005).

16 Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. Freiburg: Arbor Verlag, 2010 (orig. ders.: Unconditional Parenting: moving from rewards and punishments to love and reason. New York, NY: Atria Books, 2005).

17 Brody, Gene und Shaffer, D.: Contributions of Parents and Peers to Children’s Moral Socialization. In: Developmental Review, 2, 1982, S. 31–75.

18 Kochanska, G.: Toward a Synthesis of Parental Socialization and Child Temperament in Early Stages of Conscience. In: Child Development, 64, 1993, S. 325–347.

19 Siegel, Daniel und Bryson Paine, Tina: Timeouts Are Hurting Your Child. In: Time Magazine, September 23, 2014.

20 Kohn, Alfie, ebd.

21 Taylor, Catherine et al.: Mothers’ Spanking of 3-Year-Old Children and Subsequent Risk of Children’s Aggressive Behavior. In: Journal of the American Academy of Pediatrics.12. April 2010 (doi: 10.1542/peds. 2009–2678).

22 Chapman, Michael und Zahn-Waxler, Carolyn: Young Children’s Compliance and Noncompliance to Parental Discipline in a Natural Setting. In: International Journal of Behavioral Development, 5, 1982, S. 90.

23 Hoffman, Martin: Moral Development. In: Mussen, Paul (Hg.): Car­michael’s Manual of Child Psychology. 3. Aufl., Bd. 2. New York, NY: Wiley, 1970.

24 Kohn, Alfie: Punished by Re­wards. New York, NY: Houghton Mifflin Co., 1993.

25 Ebd.

26 Kramer, Laurie: The Essential Ingredients of Successful Sibling Relationships: An Emerging Framework for Advancing Theory and Practice. In: Child Development Perspectives, 4 (2), 2010, S. 80–86.S

27 Pike, Alison; Kretschmer, Tina und Dunn, Judith: Siblings – Friends or Foes? In: The Psychologist, 22 (6), 2009, S. 494–497.

28 Mora-Ripoll Ramo: The therapeutic value of laughter in medicine. In: Alternative Therapies in Health and Medicine, 16 (6), 2010, S. 56–64

29 Carr, Jimmy und Greeves, Lucy: Only Joking: What‘s So Funny About Making People Laugh? New York, NY: Penguin/Gotham, 2006 (Kapitel 2). Flindt, T.: Happy Lemons: How Laughter Breeds Success. Amazon Digital: Pine Tribe Ltd., 2014 (Kapitel 1). Van Vugt, Mark et al.: Laughter as Social Lubricant: A Biosocial Hypothesis about the Pro-social Functions of Laughter and Humor. Auf: www.researchgate.net/publication/265270173.

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420 str. 17 ilustracji
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9783867813259
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Bookwire
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