Czytaj książkę: «Opfer ohne Gewissen»
Lasse Blom
Opfer ohne Gewissen
Ein Schweden-Krimi

Zum Buch
Ein neuer Fall für Kommissar Casper Munk
Ganz Schweden wird von der Nachricht erschüttert, dass Rune Katt, der ehemalige Star-Fußballtorwart der Nationalmannschaft, in seiner Hütte nahe Grisslehamn erschossen wurde. Warum ist die tödliche Kugel farblich bemalt?
Kommissar Casper Munk übernimmt den Fall. Als großer Fan des Torwarts muss er bald feststellen, dass Katt nicht der war, für den er ihn gehalten hat. Ihm war es offenbar ein großes Vergnügen, seine Nächsten gewissenlos zu quälen und zu demütigen.
Seinen ehemaligen Trainer hat Katt ohne Grund als homosexuell geoutet und seine Ex-Freundin, die als Sámi in Lappland lebt, wurde immer wieder von ihm tyrannisiert.
Deutet die bemalte Kugel auf die Regenbogenfahne der Schwulen- und Lesbenbewegung hin oder auf die Farben der Sámi, die Ureinwohner Europas?
Als beide Spuren kalt bleiben, denkt sich Munk, der gerade zum Hauptkommissar ernannt wurde, einen Plan aus, um den Mörder endlich aus der Deckung zu locken. Einen Plan, durch den er nicht nur seinen Job, sondern auch sein Leben riskiert …
„Opfer ohne Gewissen“ ist der neue Krimi um Kommissar Casper Munk, der mit seinem Team Halldor Selander, Leila Andersson, Jari Huskonen, Per Henrik Grip zu seinen begeisterten Leserinnen und Lesern zurückkehrt. Hinzu stößt die ebenso kluge wie hübsche Kajsa Tapper, die auch den Kommissar überrascht und dessen bisherige Beziehung auf die Probe stellt.
Impressum
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.
Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.
Copyright © 2020 by Maximum Verlags GmbH
Hauptstraße 33
27299 Langwedel
www.maximum-verlag.de
1. Auflage 2020
Lektorat: Bernadette Lindebacher
Korrektorat: Angelika Wiedmaier
Satz/Layout: Alin Mattfeldt
Covergestaltung: Alin Mattfeldt
E-Book: Mirjam Hecht
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Made in Germany
ISBN 978-3-948346-24-9
Inhalt
Zum Buch
Impressum
Widmung
Zitat
1
2
3
4
5
6
7
8
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
Über den Autor Lasse Blom
Mehr vom Autor
Widmung
Für Pippi Langstrumpf, die in diesem Jahr ihren
75. Geburtstag feiert
Zitat
„Ach, wie dumm du bist, Annika … Pippi lügt nicht richtig, sie tut nur so, als ob das, was sie sich ausgedacht hat, gelogen ist. Verstehst du das nicht, du Dummerjan?“
1
Er trat auf einen Zweig. Ein Elch schreckte auf. Das Tier war etwa 50 Meter entfernt. Es sah ihn an und rannte davon. Er hob seine Pistole und senkte sie wieder. Nein, er war nicht hier, um auf einen Elch zu schießen; schon gar nicht mit einer Pistole.
Er war hier, um einen Menschen zu töten.
Er blickte nach vorne und versuchte, sich im Wald zu orientieren. Wie weit war es noch bis zur Hütte? Einen Kilometer? Zwei Kilometer? Ohne Eile ging er weiter. Bald stand er vor seinem Ziel. Ruhig hob er die Pistole – er spürte keine Nervosität. Dann trat er die Tür ein und stand kurz darauf vor dem berühmten Rune Katt, der an einem Tisch vor dem Fenster saß und seelenruhig seine Pfeife stopfte.
„Du?“, sagte Katt, als er seinen Besucher sah, und blickte auf die Pistole.
„Ich wusste, dass irgendwann irgendjemand kommen würde, aber dass gerade du es bist …“
„Einer muss es tun“, sagte er und überlegte, ob der Satz klischeehaft klang. Oder ob es der einzig richtige war.
„Einer muss es tun“, wiederholte Katt und kniff die Augen zusammen, was ihn für einen Moment irritierte. Er hob die Pistole ein Stück höher, sodass sie direkt auf den Kopf des alten Mannes gerichtet war.
„Und jetzt?“, fragte Katt.
„Jetzt sagst du noch einmal die Aufstellung des AIK Stockholm von 1977 und dann drücke ich ab.“
Rune Katt lachte.
„Ich mochte deinen Humor schon immer“, sagte Katt. „Ich befürchte, dass nur der erste Teil des Satzes ein Witz ist und der zweite nicht – du wirst abdrücken.“
„Der erste Teil ist auch kein Witz“, sagte er. „Du wirst jetzt die Aufstellung sagen.“
„Warum?“
„Weil ich wissen will, ob du dich erinnerst. Ob du die Namen noch kennst. Oder ob du immer nur an dich gedacht hast.“
Der alte Mann überlegte einen Moment.
„Einverstanden“, sagte Katt schließlich. „Aber nur, wenn du mir danach eine Chance gibst, das hier zu überleben. In einem fairen Wettkampf unter Männern.“
Er senkte die Pistole.
„Was für ein Wettkampf?“, fragte er. Er schien eher belustigt als neugierig zu sein.
„Du bist über 20 Jahre älter als ich – welchen Wettkampf unter Männern willst du gegen mich gewinnen? Ich nehme an, es soll ein körperlicher sein.“
„Ein Elfmeterschießen“, sagte Katt, „draußen zwischen zwei Bäumen.“
Der Jüngere überlegte. Was für ein Schwachsinn, dachte er, ein Elfmeterschießen sollte über Leben und Tod entscheiden? Andererseits: Nirgendwo passte das besser als hier – und außerdem war er in seinem Leben immer für Verrücktes offen gewesen.
„Gut, aber eines musst du mir noch verraten“, sagte er zu dem Alten hinüber. „Warum sollte ich mich darauf einlassen, wo ich doch nur verlieren kann? Ich könnte dich jetzt umstandslos über den Haufen schießen – aber wenn ich das Elfmeterschießen verliere, muss ich dich laufen lassen. Also: warum?“
„Weil du kein Feigling bist“, sagte Katt, „und vor allem: weil du ein Spieler bist.“
Der Jüngere nickte.
„Du kriegst die Chance“, sagte er, „aber nur, wenn du die elf Stammspieler von AIK aus der Saison 1977 nennen kannst.“
Der alte Mann sah aus dem Fenster, dann begann er: „Gentemot Gunnarsson, Carl Nilsson, Sten Tyresson, Olof Hösten …“
Nachdem er zehn Spieler genannt hatte, sagte er: „… und im Tor: Rune Katt.“
„Wo hast du den Ball?“, fragte der Jüngere.
„Im Schuppen hinter der Hütte“, antwortete Katt. „Nicht weit entfernt davon gibt es zwei Bäume, die etwa sechs Meter auseinanderstehen – das sind die Torpfosten.“
„Und die Querlatte? Wie hoch dürfen wir schießen?“
„Komm mit, dann zeige ich es dir.“
Die beiden Männer verließen die Hütte. Der Jüngere ging hinter ihm und hatte seine Pistole auf Katt gerichtet. Katt ging zum Schuppen, öffnete die Tür, die nicht verschlossen war, und kam mit einem alten Lederball wieder heraus. Er warf ihn in die Höhe und fing ihn wieder auf.
„Vorsicht!“, rief der Jüngere und richtete die Pistole auf Katt. „Keine Bewegungen, die mich nervös machen könnten.“
Rune Katt grinste.
„Hast du Angst, du könntest verlieren?“, fragte Katt.
Er hatte tatsächlich Angst, er könnte verlieren.
Katt war zwar 73 Jahre alt und würde einen platzierten Schuss nie und nimmer erreichen können, obwohl er einmal der beste Torwart Schwedens gewesen war. Aber was war, wenn er es verpatzte? Wenn der Ball an den Pfosten ginge, also an den Baum? Oder vorbei. Er musste dieses Risiko reduzieren.
„Ich habe drei Schüsse, und zwei davon müssen drin sein“, sagte er.
„Der Herr hat also doch Angst“, sagte Katt und lächelte.
„Ich habe keine Angst, aber ein Schuss kann immer mal daneben gehen“, sagte er.
„So ist das Leben“, antwortete der alte Mann. „Ich dachte, du bist ein Spieler? Hopp oder top. Leben oder Tod. Ein Schuss. Ist er drin, darfst du noch mal schießen – mit der Pistole. Halte ich den Ball, haust du ab und wir sehen uns nie mehr wieder.“
Der Jüngere überlegte. Er wusste, dass dieser Rune Katt sein Leben lang Menschen manipuliert hatte. Aber er musste einräumen, dass er es überzeugend tat.
„Komm, das ist die ehrlichste, beste, spannendste Variante“, schob Katt nach. „Ein Schuss entscheidet über Leben und Tod.“
„Gut“, sagte der Jüngere, „wo ist das Tor?“
„Hier ums Eck“, sagte Katt und lief mit dem Ball in der Hand um die halbe Hütte herum. Der Jüngere sah, wie eine Stange in etwa zweieinhalb Metern Höhe die beiden Bäume verband. Die Querlatte. Katt hatte hier schon öfter Fußball gespielt.
„Es sind genau 2,44 Meter – wie bei einem richtigen Tor“, sagte Katt. Sogar ein weißer Kalkstreifen war zwischen den beiden Bäumen zu sehen: die Torlinie.
„Mit wem hast du hier schon gespielt?“, fragte der Jüngere.
„Och, es waren einige zu Besuch“, sagte Katt. „Aber bisher haben wir nur darum geschossen, wer den nächsten Schnaps bezahlt.“
Katt lachte. Er schien überhaupt nicht nervös zu sein. Was machte ihn so sicher, dass er den Ball halten würde? Oder hatte er schlicht keine Angst vor dem Tod? Den Jüngeren machte diese Selbstsicherheit nervös. Er überlegte, ob er nicht gleich mit der Pistole statt mit dem Ball schießen sollte. Er verwarf den Gedanken wieder.
„Leg den Ball hier ab und geh ins Tor“, sagte der Jüngere, eine Spur aggressiver als gewollt.
„Nervös, Junge?“, fragte Katt und sah seinen Gegner mit zusammengekniffenen Augen an.
„Geh ins Tor!“, sagte der Jüngere noch schärfer. Er erinnerte sich daran, woher er diesen Blick kannte. Und genau dieser Raubtierblick erinnerte ihn daran, warum er diesen Mann töten wollte.
„Geh ins Tor!“, rief er noch einmal.
Der alte Mann legte den Ball etwa elf Meter vor dem Tor ab und stellte sich zwischen die Bäume. Rune Katt sah nicht mehr so imposant aus wie in seiner aktiven Zeit. Damals war er 1,87 Meter groß und muskulös gewesen. Jetzt stand er mit gebeugtem Rücken und grauen Haaren zwischen den Bäumen; er trug kein blaues Trikot, keine weiße Sporthose – wie hatte der Jüngere dieses Outfit früher geliebt – und keine Handschuhe wie damals, sondern eine Jeans, ein kariertes Hemd und eine Strickjacke. Er war schlank, aber Muskeln waren nicht mehr zu erkennen. Rune Katt sah aus wie ein gut erholter Großvater. Nie und nimmer würde er den Ball erreichen können, wenn der Jüngere ihn nur halbwegs in eine Ecke schießen würde.
Er fühlte sich jetzt wieder überlegen.
„Na, willst du nicht wenigstens die Strickjacke ablegen?“, rief er Rune Katt zu.
„Gute Idee“, sagte Katt, zog die Jacke aus und warf sie in den Wald hinter sich. Dann stellte er sich mitten in sein Tor.
„Ich bin bereit“, sagte er.
Der Jüngere hatte den Ball in der linken und die Pistole in der rechten Hand. Er legte die Waffe neben sich, ganz nah, damit er jederzeit zugreifen konnte, sollte Katt sich auf ihn stürzen. Rune Katt behielt er dabei stets im Auge.
Dann legte er sich den Ball zurecht. Seine Nervosität war verflogen; er war selbst ein guter Fußballer gewesen. Jetzt konzentrierte er sich nur auf den Elfmeter. Er würde den Ball in die rechte untere Ecke schießen – so wie früher.
„Es geht los“, rief er Katt zu, der etwas in die Hocke gegangen war und mit zusammengekniffenen Augen auf den Ball schaute.
„Schade, dass du nicht im Tor stehst“, sagte Katt mit seinem Raubtierblick. „Mit deinen verkrüppelten Händen würdest du keinen Ball halten.“
Das saß.
Der Jüngere sah Katt in die Augen. Er wusste, dass der alte Mann ihn provozieren wollte. Und wer sich provozieren ließ, war nicht mehr ruhig. Der Jüngere aber zwang sich zur Ruhe. Er reagierte nicht auf Katts Worte, nahm zwei Meter Anlauf und trat wuchtig gegen den Ball, der flach in Richtung rechtes unteres Toreck rauschte.
Rune Katt legte alle Energie, die noch in seinem 73-jährigen Körper steckte, in den Sprung, er kippte wie ein Tipp-Kick-Torwart nach links unten und reckte die linke Hand nach dem scharf geschossenen Ball. Die Finger berührten den Ball und lenkten ihn an den Baum, von dort sprang er über den am Boden liegenden Katt hinüber zum anderen Pfosten, fiel nach unten – und kullerte deutlich hinter die Torlinie.
2
Kommissar Casper Munk aß ein Schokocroissant und blätterte in der Zeitung. Er blieb am Text einer Anzeige hängen: „Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten gesucht.“ Munk grinste. Während einer sehr stressigen Lebensphase hatte er Leuchtturmwärter in Neufundland oder Bahnwärter in der hinteren Slowakei werden wollen. Hauptsache ruhig. Aber das hier war auch nicht schlecht: Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten – und er würde, falls er den Job bekäme, darauf bestehen, nur für das zuständig zu sein, was tatsächlich im Grab passierte. Das wäre nicht viel.
„Warum lächelst du?“, fragte Tove, seine Freundin, die vor einem Kaffee saß und ein Buch in der Hand hielt.
„Falls ich mal bei der Polizei aufhören möchte, könnte ich Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten werden“, sagte Munk und deutete auf die Anzeige.
„Bist du dafür qualifiziert?“, fragte Tove.
„Ich habe in meinem Berufsleben viel mit Toten zu tun“, erwiderte Munk.
„Wir machen einen Test“, sagte sie und legte ihr Buch weg. „Ich frage dich jetzt, wie verschiedene Berufsgruppen standesgemäß sterben.“
„Keine Ahnung, was du meinst.“
„Der Gärtner?“
„Hä?“
„Er beißt ins Gras“, sagte sie.
„Ausgesprochen komisch.“
„Weiter“, sagte sie ungeduldig. „Wie stirbt der Pfarrer?“
Munk überlegte. Dann schüttelte er den Kopf.
„Er muss dran glauben“, sagte Tove. „Und ein Pornostar?“
Munk schwieg.
„Nibbelt ab“, sagte sie. Tove hatte einen leicht überlegenen Ton an sich.
„Der Gemüsehändler?“, fragte sie.
„Schaut sich die Radieschen von unten an“, antwortete Munk.
„Na bitte“, sagte Tove gönnerhaft. „Und was sagt der sterbende Mathematiker?“
Bevor Munk nachdenken konnte, sagte Tove: „Der sterbende Mathematiker sagt: ‚Damit war zu rechnen.‘“
Munk schaute Tove etwas genervt an. Seit sie mit ihm zusammen war, versuchte sie immer wieder, ihn in puncto Humor zu toppen. Und für Munks Geschmack triumphierte sie zu sehr, wenn ihr das gelang. Sollte er mit ihr darüber reden?
Das Klingeln des Handys unterbrach seine Gedanken.
„Munk.“
Halldor Selander war dran, sein Chef. Er entschuldigte sich, dass er ihn an seinem letzten Urlaubstag störte. Aber er solle doch bitte am nächsten Tag auf eine Beerdigung gehen.
„Auf eine Beerdigung?!“, rief Munk ins Handy und war versucht, Selander zu fragen, wie ein Polizist standesgemäß stirbt. Dann riss er sich zusammen.
„Wer ist denn gestorben?“, fragte er etwas ruhiger.
Munk hörte die Antwort und murmelte: „Dann hat der Torwart seine Handschuhe wohl endgültig an den Nagel gehängt.“
3
Folke Rydmark saß in seinem Auto und fluchte vor sich hin. Er hasste sich dafür, dass er diese Frau geheiratet hatte. Nein, er hasste sich dafür, dass er sie nicht verließ.
„Miss Uddevalla“, sagte er leise vor sich hin und lächelte bitter. Er hatte sich mit ihr eingelassen, weil sie schön war, und weil ihre Schönheit zu mehr gereicht hätte, als bloß Miss Uddevalla zu werden, benannt nach einer Stadt in der Region Bohuslän im Westen von Schweden. Vielleicht Miss Schweden? Locker. Aber sie hatte sich nie darum beworben. Sie hatte ihn geheiratet, Folke Rydmark, einen sehr guten Torwart, der lange beim IFK Göteborg gespielt hatte und noch mit 42 Jahren bei Nottingham Forest in der zweiten englischen Liga. Nationaltorwart in Schweden war er nie geworden, das ärgerte ihn. Rydmark war jetzt 52, er war mit einer Frau verheiratet, die er für dumm hielt und mit der er nur noch zusammen war, weil sie einen gemeinsamen Sohn hatten: Kenneth. Wieder lächelte Rydmark bitter. Seine Frau wollte es, dass der Sohn Kenneth hieß. Weil es so viele Kenneths gab, sogar einen Kenneth-Club in fast jedem Ort in Schweden.
„Da hat er dann gleich Anschluss“, hatte seine Frau gesagt.
Rydmark mochte das nicht. Sein Sohn sollte etwas Besonderes sein, kein Nullachtfünfzehn-Kenneth. Er sollte ein Individuum sein, nicht ein kleines Teil in einem Kollektiv. Kollektive gab es genug in diesem Gleichmacher-Schweden.
Folke Rydmark brach seine Gedanken ab. Er würde jetzt seine Frau von der Kosmetikerin abholen (Rydmark musste lachen, was für ein Klischee: Die Dame war natürlich bei der Kosmetikerin; ganz neu wäre es gewesen, würde er sie von einer „Fridays for Future“-Demo abholen) und dann würden sie beide zur Beerdigung fahren.
Rune Katt war tot, sein Idol von früher. Er war ermordet worden.
Rydmark kam am Kosmetikstudio an und stieg aus dem Wagen. Er kaute auf seinem Kaugummi und lächelte. Diesmal lächelte er nicht bitter, sondern freundlich. Er konnte das: sich über seine Frau ärgern und dann sofort umschalten, wenn er sie sah, denn er sah sie immer noch gerne, die Miss Uddevalla. Er tänzelte auf das Studio zu. Ein Boulevardblatt hatte einmal über ihn geschrieben, Folke Rydmark bewege sich, als hätte er zwei Väter: Bob Marley und Ingemar Stenmark. Für jüngere Leser erläuterte die Zeitung, Stenmark sei ein eleganter Slalomläufer gewesen, Marley ein lässiger Musiker.
4
Janne Kink trat aufs Gaspedal. Es waren noch zehn Kilometer bis zum Skogskyrkogården, auf dem Rune Katt beerdigt werden sollte. Und er hatte noch 13 Minuten, ehe die Zeremonie beginnen sollte. Das sollte eigentlich reichen für zehn Kilometer. Aber nicht im Stadtverkehr. Kink zog nervös an seiner Zigarette. Dann sah er aufs Armaturenbrett: Er fuhr 80. Mitten in der Stadt. Aber es war ihm egal. Er dachte an Rune Katt.
Janne Kink. Rune Katt.
Er war so stolz auf diesen ähnlichen Klang gewesen, damals, als Junge.
Er war neun gewesen, als Katt mit AIK Stockholm Meister geworden war; er hatte auf dem Sofa gesessen und am Radio zugehört, wie die letzten Minuten im letzten Spiel verronnen waren. AIK hatte bis dato ein 1:1 bei Malmö FF gehalten, das hätte zum Meistertitel gereicht.
„Noch vier Minuten“, hatte der Reporter gesagt und der kleine Janne hatte die Luft angehalten. Seine Daumen waren feuerrot gewesen, so fest hatte er sie gedrückt. Malmö war noch einmal vor das AIK-Tor gekommen, der Ball, so hatte es der Reporter geschildert, war in den Strafraum geflogen, Malmös großer Stürmer Niklas Berg war hochgestiegen – aber Katt hatte den Ball aus der Luft heruntergeholt. Janne war in seinem Zimmer herumgesprungen vor Freude.
„Nachspielzeit“, hatte er den Reporter sagen hören.
„Idiot!“, hatte Janne gerufen; er hatte nicht den Reporter gemeint, sondern den Schiedsrichter, wegen der Nachspielzeit.
Janne hatte sich aufs Bett geworfen, den Kopf im Kissen verborgen und sich die Ohren zugehalten. Er hatte nicht hören wollen, falls Malmö noch ein Tor schießen und AIK den Meistertitel verlieren würde. So war er drei, vier Minuten gelegen, dann hatte er es gewagt, die Hände von den Ohren zu nehmen. Aus dem Radio war in diesem Moment lauter Jubel zu hören gewesen. Jubel von AIK? Oder Jubel über das Siegtor von Malmö FF? Janne hatte sich über sich selbst geärgert, dass er sich die Ohren zugehalten hatte. Dann waren weitere Sekunden verronnen, der Reporter hatte davon gesprochen, dass man die Spieler des neuen schwedischen Meisters vors Mikrofon bekommen wollte. Janne hatte gehofft, dass es seine Spieler sein würden, die Spieler von AIK.
„Wir haben Rune Katt!“, hatte der Reporter gebrüllt.
„Jaaaaaaaa!“, hatte Janne gerufen. „Wir sind Meister!“
Noch acht Minuten, dachte Janne Kink. Er war mittlerweile auf dem Nynäsvägen, der im Süden Stockholms stadtauswärts führte. Der Skogskyrkogården lag in Enskede. Kink konnte nun richtig Gas geben. Ich schaffe es pünktlich, dachte er und drückte die Zigarette im Aschenbecher seines Autos aus. Als die Redaktion sagte, er solle zur Beerdigung Rune Katts fahren, um einen Artikel über „Schwedens größten Torwart aller Zeiten“ zu schreiben, hatte er nur halbherzig eingewandt, dass er gerade nicht könne, weil seine Recherche über die osteuropäische Welpenmafia in einer sehr entscheidenden Phase sei. Sein Chef hatte bloß gesagt: „Kümmer dich lieber um die Katze von AIK.“ Das war Katts Spitzname gewesen. Jetzt war die Katze tot.
5
Nora Törn war mit der U-Bahn zum Skogskyrkogården gekommen. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie zur Beerdigung gehen sollte. Zu groß waren die Wunden. Riesengroß waren sie. Wegen des Vaters und wegen … Jetzt stand sie am Grab. Und ihr kamen die Tränen. Die Trauergäste neben ihr dachten, sie weine um den Vater. Aber sie würde nie um diesen Vater weinen. Nora nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischte sich die Tränen ab. Sie wollte stark sein. Der Priester hatte mit seiner Rede bereits begonnen.
„Es fühlt sich heute so eigenartig leer an“, sagte er.
Nora wusste sofort, woran sie dieser Satz erinnerte: Der frühere Regierungschef Göran Persson hatte ihn gesagt – bei der Beerdigung von Astrid Lindgren. Nora kannte die ganze Rede auswendig, genauso wie die anderen Reden bei Lindgrens Beerdigung. Persson hatte damals gesagt: „Danke, Astrid. Danke für alles, was du uns gegeben hast! Du hast uns Bilder gegeben; Bilder, die uns zusammenführen.“ Und über Kinder hatte Persson gesagt: „Astrid hat wie wenige Kinder gesehen – ihr Ausgeliefertsein und ihre Stärke, ihren ganzen und vollen Wert.“
Jetzt rannen Nora die Tränen wieder über die Wangen, sie konnte nicht anders. Ihr Vater, der berühmte Rune Katt, hatte ihren Wert als Kind brutal mit Füßen getreten. Und sie war ihm ausgeliefert gewesen.
„Rune Katt ist von uns gegangen“, sagte der Priester. „Nein, man hat ihn uns genommen.“
6
Als Kommissar Casper Munk den Skogskyrkogården erreichte, war die Zeremonie bereits im Gange. Der Priester sprach zu den Trauergästen. Munk sah sich um – es mussten wohl Tausende sein, die Abschied nehmen wollten von Rune Katt, der nur wenige Meter neben Lennart Skoglund begraben werden sollte. War das Absicht? Skoglund war einer der besten Stürmer der Welt gewesen. Aber er hatte sich sozusagen in dieses Grab gesoffen. Hatte Katt mit Skoglund zusammengespielt? Wohl kaum. Katt war jünger. Auch Greta Garbo lag auf diesem Friedhof. Munk war sicher, dass Rune Katt niemals mit Greta Garbo zusammengespielt hatte.
Munk hörte nicht länger darauf, was der Priester sagte, es waren ohnehin nur die üblichen Floskeln. Der Priester gab sich keine Mühe. Vermutlich interessierte er sich nicht für Fußball. Und die Menschenmenge schien ihn auch nicht zu beeindrucken. Er machte seinen Stiefel.
Munk hing seinen Gedanken nach. Katt war das Idol seiner Kindheit gewesen. Munk war Fan von AIK Stockholm gewesen, und im Tor von AIK hatte dieser große, breite Mann gestanden, der fast immer einen dunkelblauen Pullover und eine weiße Sporthose trug. Weiße Hosen hatten damals vor allem die Keeper in England getragen. In Schweden und auf dem Kontinent hatten die Torleute schwarze Hosen an. Katt war also extravagant gewesen. Munk hatte ihn dafür bewundert. Viele Jungs in seinem Alter hatten Katt bewundert. Er hätte einen anderen Tod verdient gehabt, dachte Munk. Er blickte nach vorne. Dort betete der Priester die Stationen von Katts Karriere lieblos herunter. Der Mann hat die Herzen von vielen Menschen berührt, dachte Munk, und jetzt wird er von einem Priester ohne Leidenschaft von dieser Erde verabschiedet.
„Danke, Rune“, murmelte Munk, als der Priester seine Rede beendet hatte und der Sarg in die Grube hinabgelassen wurde.
Munk sah sich um. Er versuchte sich die Gesichter der Gäste einzuprägen, die dem Grab am nächsten standen. Er wusste, dass Katt in den letzten Jahren mit einer viel jüngeren Frau zusammengewesen war; Munk hatte das in den bunten Blättern gelesen. Und er wusste, dass Katt eine Tochter aus einer früheren Beziehung hatte. Munk hatte vor mehr als 40 Jahren ein Interview mit Katt gelesen, in dem dieser gefragt wurde, was sein „größtes außersportliches Erlebnis“ gewesen sei. Der Torwart hatte geantwortet: „Die Geburt meiner Tochter Nora machte mich überglücklich.“ Munk erinnerte sich daran, sogar an den Wortlaut der Antwort.
In der Nähe des Grabes stand eine dunkelhaarige Frau um die 50. Sie weinte. Das musste entweder die Tochter sein oder die Lebensgefährtin. Sie stand dort ziemlich alleine, niemand tröstete sie. Als der Sarg in der Grube verschwunden war, drehte sich die Dunkelhaarige ruckartig um und ging davon. Munk und einige Trauergäste sahen ihr hinterher.
„Das ist Katts Tochter Nora“, sagte eine Stimme von hinten.
Munk drehte sich um.
„Leila!“, sagte er eine Spur zu laut. „Schön, dich zu sehen.“
„Kannst du mich ins Präsidium mitnehmen?“, fragte Leila Andersson, seine Kollegin. „Ich bin mit der U-Bahn hergekommen.“
„Klar, wir gehen – wir lassen sie erst mal in Ruhe“, sagte Munk und schaute der Dunkelhaarigen hinterher, die gerade das Friedhofstor passierte.
„Geht ihr vermutlich sehr nahe“, sagte Leila.
Munk dachte anders – er hatte Wut in den Bewegungen der Frau gesehen. Aber er sagte nichts. Er speicherte es erst mal ab.
Sie gingen zu Munks altem Saab, den er in einer Seitenstraße nahe des Friedhofs abgestellt hatte.
„Wer ist älter – Rune Katt oder dein Auto?“, fragte Leila, als Munk die Tür des Saab 900 öffnete.
„Wie alt ist Katt geworden?“, fragte Munk.
„73.“
„Sie könnten Brüder sein – Katt und mein Auto“, sagte Munk und lächelte.
„Stiefbrüder“, sagt Leila. „Sie wurden erst verwandt, als dein Auto einen Kattalysator bekam.“
Sie lachte laut über ihren Witz. Katt und Kattalysator.
Munk lachte auch, aber mehr darüber, wie laut Leila über einen Witz lachte, den sie erstens selbst gemacht hatte und der zweitens höchst albern war. Wie viele Schweden würden über Katt und Kattalysator lachen? Drei Prozent? Der Rest würde Leila raten, sich mal untersuchen zu lassen.
Munk sah sie an und lächelte. Er hatte nun drei Frauen mit Humor um sich herum: Leila, Luna und Tove. Eine Kollegin, seine beste Freundin und seine Lebensgefährtin. Gerade jetzt ist das Leben schön, dachte er. Aber er sagte es nicht.
„Erzähl mir, was im Präsidium passiert ist, während ich im Urlaub war“, sagte er stattdessen. „Haben wir einen Neuen?“
Hauptkommissar Halldor Selander hatte angekündigt, dass ein neuer Mitarbeiter kommen würde, nachdem der Kollege Achatz Larsson beim Versuch, einen durchgedrehten Mörder festzunehmen, schwer verletzt worden war. Der Mörder hatte eine Stalinorgel gebaut, die er auf Larsson abgefeuert hatte. Munk hatte im Urlaub oft an Larsson denken müssen, und einmal hatte er ihn auch im Krankenhaus besucht. Larsson war noch nicht lange bei der Mordkommission gewesen, aber er war Munk bereits ans Herz gewachsen. Larsson fehlte ihm.
„Wir haben eine Neue bekommen“, sagte Leila.
„Eine Frau?“, entfuhr es Munk.
„Nein, eine Bergziege – die Uniform steht ihr ausgezeichnet.“
Munk lachte.
„Sorry“, sagte er. „Wie ist sie? Wie heißt sie?“
„Sie heißt Kajsa. Sie ist groß, jung, blond, durchtrainiert und selbstbewusst.“
„Sympathisch?“
„Sie fängt erst heute an. Ich habe sie einmal auf dem Flur getroffen und mit ihr gesprochen – ich finde, sie ist ein bisschen zu ehrgeizig“, sagte Leila. „Aber Halldor meint, wir bräuchten frischen Wind, denn Grip hätte nur seine Witze im Kopf, ich sei manchmal zu verträumt und du seist nach all deinen Erfolgen träge, fett und selbstzufrieden geworden.“
„So sehe ich das auch“, sagte Munk, grinste und drückte aufs Gaspedal.
7
Als Leila Andersson und Casper Munk im Polizeipräsidium im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen ankamen, saßen die alten Kollegen und die neue Mitarbeiterin bereits im Besprechungsraum: der bodenständige Hauptkommissar Halldor Selander, der ausgeglichene Kriminaltechniker Jari Huskonen, der lässige Per Henrik Grip – und Kajsa Tapper. Munk nickte ihr freundlich zu und setzte sich auf seinen Platz neben Selander, den Leiter der Mordkommission.
„Schön, dass du wieder da bist, Casper“, sagte Selander. „Ich hoffe, du hattest einen erholsamen Urlaub und kannst uns jetzt wieder deine volle Arbeitskraft widmen.“
Selander redete so. Förmlich. Ironiefrei. Munk hatte sich damit abgefunden. Er mochte ihn trotzdem, vielleicht gerade wegen seiner Ernsthaftigkeit.
„Das ist Kajsa Tapper“, sagte Selander in Munks Gedanken hinein. „Sie war bisher beim mobilen Einsatzkommando, ich muss euch ja nicht erklären, was sie dort gemacht hat.“
Die Polizisten schüttelten den Kopf. Beim mobilen Einsatzkommando ging es um verdeckte Observierungen und Zugriffe „in besonderen Bedrohungslagen“, wie es so schön hieß.
Kajsa Tapper stand auf, um ein paar Worte an die neuen Kollegen zu richten. Munk musterte sie. Kajsa war etwa 1,85 Meter groß, also unwesentlich kleiner als er selbst. Sie war sehr gut trainiert. Munk bemerkte, wie Grip Kajsa musterte. Grip, der seit längerer Zeit Single war, hatte Munk kürzlich gesagt, er sei mittlerweile schon erregt, wenn er von Weitem das Klappern von Stöckelschuhen höre.
„Ich freue mich, hier zu sein“, sagte Kajsa, „und ich werde mein Bestes geben.“
Dann ging sie reihum, gab jedem die Hand und blickte den Kollegen dabei in die Augen. Anschließend setzte sie sich wieder auf ihren Platz. Eine sympathische Vorstellung, dachte Munk. Sie schwätzt nicht. Und sie ist offen.
„Zum Fall Rune Katt“, sagte Selander. „Ich fasse für Casper mal zusammen, was wir haben: Katt wurde vor drei Tagen tot vor seinem Ferienhaus bei Grisslehamn gefunden. Der Nachbar hat ihn dort entdeckt. Er rief sofort die Polizei. Wir sind nach Grisslehamn gefahren und fanden Katt auf dem Boden vor seiner Hütte – mit einem Loch in der Stirn. Jemand hat ihn einfach über den Haufen geschossen. Er wurde nicht gequält, jedenfalls nicht physisch, es war einfach ein Schuss in den Kopf. Fertig.“
Warum so … so einfallslos, dachte Munk. Mörder töten doch oft und hinterlassen Symbole. Weil sie den Polizisten oder der ganzen Welt etwas sagen wollen. Munk hatte wenigstens erwartet, dass man den ehemaligen Torwart mit zwei angespitzten Stollen an die Querlatte eines Tores nageln würde. Oder dass man ihm zwei Torwarthandschuhe in den Mund stopfen würde, bis er erstickte. Oder dass …
„Der Todeszeitpunkt war zwischen 15 und 17 Uhr“, fuhr Selander fort.
„Irgendwelche Spuren?“, fragte Munk.
Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf.
„Keine Waffe, kein Fußabdruck, kein verdächtiger Fingerabdruck, nichts“, sagte er, „aber …“
Selander rieb sich die Nasenwurzel, als hätte er Kopfschmerzen.
„Aber was?“, fragte Munk.
„Die Kugel, die Rune Katt getötet hat, war angemalt“, sagte Selander.
„Ich rate mal“, sagte Munk. „Der Ex-Torwart wurde mit einer Kugel getötet, auf die der Täter weiße und schwarze Rautenmuster gemalt hatte – Muster, wie man sie von den alten Fußbällen kennt.“
„Ich würde gerne ernsthaft über den Fall reden“, sagte Selander trocken. „Nein, sie hatte kein Rautenmuster, sondern eher Streifen. Und sie wurde nicht schwarz und weiß angemalt, sondern sehr bunt. In den Regenbogenfarben.“
„Rot, orange, gelb, blau, grün, violett – die Farben der Homosexuellen“, sagte Grip. „Wir haben deshalb schon mal recherchiert, ob Katt vielleicht schwul war, sich aber nie geoutet hat. Seine Ex-Frau, die Tochter und seine Freunde haben dies verneint.“
„Und seine Freundin?“, fragte Munk.
„Sie lebt in Lappland, wir haben sie noch nicht erreicht“, sagte Selander. „Außerdem hatten sie sich vor einiger Zeit getrennt.“
„Zeig mal bitte die Kugel“, sagte Munk zum Kriminaltechniker Jari Huskonen.
Huskonen schob die Kugel, die in einer Klarsichthülle steckte, hinüber zu Munk.
Munk sah sich die Kugel kurz an. Ärger stieg in ihm hoch.
„Da sind zwar Regenbogenfarben drauf“, sagte er, „aber nicht so viele wie bei der Flagge der Homosexuellen, sondern nur rot, grün, gelb und blau.“ Dann äußerte er seine Vermutung: „Das sind die Farben der Sami!“
„Die Farben der Sami?“, riefen Leila, Kajsa, Grip und Huskonen. Sie schauten Selander an. Der schwieg betreten.
Die Sami waren die Ureinwohner im Norden Skandinaviens. Sie wohnten vorwiegend in Lappland und wurden deshalb auch manchmal Lappen genannt. Rot stand für das Feuer, grün für die Natur, gelb für die Sonne und blau für das Wasser.
„Habt ihr die Kugel nicht genau angeschaut oder kennt ihr die Farben der Sami nicht?“, fragte Munk streng.
Alle schwiegen.
„Es war meine Schuld“, sagte Selander schließlich. „Ich hatte mich auf die Homosexuellen festgelegt und das felsenfest vertreten – ich weiß gar nicht, ob sich die anderen die Kugel so genau angeschaut haben.“
„Du aber offenbar auch nicht“, sagte Munk. „Du kennst doch die Farben der Sami.“
Selander gehörte zu den Menschen, die sich als Bildungsbürger sahen und sich darauf etwas einbildeten. Er war belesen, er hatte zusammen mit seiner Frau ein Abonnement für die Oper und er las die Zeitung so intensiv, dass er zu jedem politischen Thema eine Meinung hatte. Natürlich kannte Selander die Farben der Sami. War er überarbeitet? Er blickte zu Boden.
„Was ist los mit dir, Halldor?“, fragte Munk. Diesmal war keine Schärfe in seiner Stimme, sondern Sorge.
„Entschuldigt mich bitte“, sagte der Hauptkommissar und verließ das Besprechungszimmer.
Die Polizisten sahen sich fragend an.
„So ist er schon seit ein paar Wochen“, sagte Grip zu Munk. „Aber er sagt nicht, was mit ihm los ist.“
„Ich weiß es auch nicht“, sagte Huskonen, auf den nun alle Blicke gerichtet waren. Huskonen war in etwa gleich alt wie Selander, also über 60, und hatte zu ihm das engste Verhältnis.
„Er blockt ab“, sagte Huskonen.
Munk stand auf und lief hinter Selander her. Er traf ihn in seinem Büro an. Selander blickte aus dem Fenster.
„Halldor“, sagte Munk.
Der Hauptkommissar reagierte nicht.
„Halldor, bist du krank?“
Selander drehte sich langsam um, er hatte Tränen in den Augen. Munk hatte Selander noch nie weinen sehen. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Ihn in den Arm nehmen? Undenkbar. Sie kannten sich lange, sie schätzten sich, sie mochten sich, aber es war immer eine Distanz zwischen ihnen geblieben.
„Meine Frau ist sehr krank“, sagte Selander tonlos. „Sie hat Krebs, sie wird nur noch ein paar Monate leben, wenn überhaupt.“
Selander war seit mehr als 40 Jahren verheiratet. Ulrika war seine Jugendliebe. Munk ging ein paar Schritte auf Selander zu, der mit hängenden Schultern am Fenster stand. Munk legte ihm die Hand auf die Schulter. Selander schloss die Augen. Beide schwiegen. Nach einigen Augenblicken löste sich der Hauptkommissar.
„Ich werde hier aufhören und die letzten Monate mit meiner Frau verbringen“, sagte Selander fest. „Du musst jetzt die Mordkommission leiten, Casper. Übergangsweise oder für immer. Ich weiß nicht, ob ich zurückkommen werde.“
Munk stand schweigend da. Er wusste, dass es keine Worte gab, die Selander trösten konnten, was die Krankheit seiner Frau anging. Aber er wusste, welche Worte Selander helfen würden, was die Mordkommission betraf.
„Ich werde dich vertreten, Halldor – so lange, bis du wieder bei uns bist. Jeder von uns will, dass du wieder zurückkommst.“
Selander machte ein paar Schritte auf die Tür zu. Er nahm die Klinke in die Hand und sagte: „Danke, Casper! Jetzt kann ich zu Ström gehen und ihn über die neue Lage unterrichten.“
Lasse Bosse Ström war der Polizeipräsident.
Munk blieb in Selanders Zimmer zurück. Er blickte aus dem Fenster, so wie Selander vor einigen Minuten aus dem Fenster geblickt hatte. Halldors Frau wird sterben, dachte er. Hätte er, Munk, fragen sollen, welchen Krebs sie hatte?
Ob es wirklich keine Hoffnung gab? Ob er irgendwie helfen konnte? Nein, wenn es Hoffnung geben würde, hätte Selander das gesagt. Es war so, wie er es gesagt hatte. Selander beschönigte nicht und er übertrieb nicht. Munk mochte das an ihm.
Und Selander helfen? Er half ihm, indem er seinen Job übernahm. Einen Job, den Munk nie haben wollte. Er war kein Chef, er wollte weder Mitarbeiter führen noch Verwaltungskram erledigen noch mit Vorgesetzten verhandeln. Er war ein Ermittler, manchmal ein eigensinniger, aber doch ein erfolgreicher. Er war ein guter Polizist, aber konnte er ein guter Chef sein?
Er ging zurück ins Besprechungszimmer, wo Leila Andersson, Kajsa Tapper, Per Henrik Grip und Jari Huskonen noch immer um den Tisch herumsaßen. Leila und Kajsa sprachen über den Fall, Huskonen redete mit Grip über Selander.
„Was ist mit ihm?“, fragte Huskonen, als Munk den Raum betrat.
Sollte er die Kollegen einweihen? Nein, das musste Selander selbst tun. Er würde sicher zu ihnen kommen, sobald er mit dem Polizeipräsidenten gesprochen hatte.
„Halldor hat ein sehr, sehr großes Problem“, sagte Munk. „Aber er wird es euch sicher gleich selbst sagen.“
Keiner sagte etwas. Aber allen war anzumerken, dass sie sich sehr, sehr große Sorgen machten wegen dieses sehr, sehr großen Problems. Selander war beliebt.
„Wir verteilen die Aufgaben“, sagte Munk schließlich.
„Wir haben bereits mit der Ex-Frau, der Tochter und Freunden geredet, wobei nichts herausgekommen ist“, sagte Leila. „Aber wir sollten jetzt dringend mit Katts letzter Lebensgefährtin sprechen – sie ist Sami. Und wenn die Kugel die Farben der Sami hat …“
„Hast du den Namen und die Anschrift der Frau?“, fragte Munk.
„Yep.“
„Wir fliegen morgen früh hin“, sagte Munk. „Die anderen machen hier mit Befragungen weiter – Nachbarn, frühere Mitspieler, Bekannte. Und geht ins Archiv, da findet man viele Artikel über Rune Katt. Vielleicht gibt es etwas in seiner Vergangenheit.“
Die Kollegen standen auf und verließen den Raum. Nur Jari Huskonen, der alte Kriminaltechniker, blieb sitzen.
„Halldor ist krank, oder?“, fragte er, als nur noch er und Munk im Besprechungszimmer waren. Munk überlegte einen Moment. Wäre es ein Vertrauensbruch, wenn er Huskonen von der Krankheit der Frau erzählen würde? Selander und Huskonen kannten sich seit bald 40 Jahren, sie hatten fast gleichzeitig bei der Polizei angefangen, sie waren bekannte Sportler gewesen, Sprinter der eine, Dreispringer der andere. Sie standen sich zwar nicht so nahe, dass Selander Huskonen von der Krankheit seiner Frau erzählt hatte. Aber sie mochten sich. Beide waren schwedische Männer vom alten Schlag. Schweigsam, ernsthaft, zuverlässig, politisch korrekt. Selander war ehrgeiziger als Huskonen, und deshalb war er Leiter der Mordkommission geworden. Huskonen war zufrieden mit dem, was er hatte.
„Halldors Frau hat Krebs“, sagte Munk. „Sie wird nicht mehr lange leben.“
Huskonen blickte zu Boden. Er sagte nichts. Dann stand er auf, legte Munk die Hand auf die Schulter und verließ den Raum. Munk, der gestanden hatte, setzte sich. Er spürte plötzlich einen Schmerz über das, was er gerade erlebt hatte, und er spürte die Verantwortung, die auf ihn zukommen würde. Er musste ein Team leiten. Entscheidungen für alle treffen. Da war es nicht gut, sprunghaft zu sein. Aber Casper Munk war sprunghaft.
8
Stockholm, 1973
Am Samstag kam immer Jens Sterbik zu Besuch, Vaters bester Freund. Sterbik war Sozialdemokrat, nein, sogar ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat. Er brannte für die Partei, seit Olof Palme Parteichef und Ministerpräsident Schwedens geworden war, also seit Ende der 1960er-Jahre. Palme war ein Charismatiker, der zwar aus der Oberschicht kam, der sich aber für die Gleichstellung aller Menschen einsetzte; der einnehmend lächeln konnte; der einen großen Willen zur Macht hatte; der sich gerne mit anderen maß und oft gewann, weil er ein famoser Rhetoriker war. Palme war ein Mann, der an Modernität und Fortschritt glaubte. Und er war mutig.
Sterbik liebte es, wie Palme den Amerikanern die Stirn bot. Der schwedische Regierungschef war so etwas wie der politische Arm der Gegner des Vietnam-Kriegs, den die USA seit Mitte der 1960er-Jahre mit großer Grausamkeit führten.
Der Vater respektierte Palme, aber es entsprach nicht seiner Mentalität, etwas oder jemanden glühend zu verehren, schon gar nicht eine Ideologie oder einen Politiker. Außerdem mochte er Palmes Aggressivität nicht, seinen Spott und seine Überheblichkeit gegenüber Menschen, die ihm nicht das Wasser reichen konnten. Das hielt der Vater für ganz und gar unschwedisch. Er mochte es nicht, wenn er las, dass Palme seine Umgebung bisweilen hochnäsig behandelte, selten grüßte, oft zerstreut wirkte, leicht reizbar und dominant war und auf Kritik allergisch reagierte. Palme scherte sich offenbar nicht um Konventionen und manchmal auch nicht um Anstand.
Der Vater war ein Sozialdemokrat der alten Schule. Er hatte sich bei Palmes Vorgänger Tage Erlander besser aufgehoben gefühlt. Erlander war bedächtig, pragmatisch, vernünftig und durchschnittlich im guten wie im schlechten Sinn gewesen. Der ehemalige Regierungschef war in Stockholm in ein unscheinbares Mietshaus gezogen – er hatte gesagt, er wolle wohnen wie ein Arbeiter. Dem Vater hatte das gefallen.
An diesem Samstag redeten Sterbik und der Vater stundenlang über Politik – kein Wunder, Mitte September würden die Wahlen stattfinden. Ministerpräsident Palme musste sein Amt gegen den starken Spitzenkandidaten der Zentrumspartei verteidigen, gegen Thorbjörn Fälldin, einen Bauern aus Ångermanland in Nordschweden. Fälldin kam bei den einfachen Leuten sehr gut an. Auch der Vater, der immer die Sozialdemokraten gewählt hatte, mochte Fälldin, der auf einem kleinen Hof mit sieben Kühen und zwei Pferden aufgewachsen war. Der 1,90 Meter große Fälldin passte mit seiner bedächtigen Art und seiner Pfeife gut zur Zentrumspartei, der Partei der Bauernbewegung. Die Zentrumspartei galt auch als Vertretung der Stillen und Langsamen auf dem Land. Der Vater war still und langsam, obwohl er in der Stadt wohnte. Sterbik wusste, dass der Vater diesmal unentschlossen war, wen er wählen sollte. Deshalb warb er für Palme.
„Sieh doch, wie Palme Schweden verändert hat“, sagte Sterbik. „Wir sind heute eines der modernsten Länder der Welt – auch weil Palme es hingekriegt hat, die Frauen mit den Männern gleichzustellen. Viele Frauen können jetzt arbeiten.“
„Dafür war doch Lisbeth, Palmes Frau, verantwortlich“, sagte der Vater und machte eine abwehrende Handbewegung. Tatsächlich hatte Lisbeth Palme, eine Kinderpsychologin, ihren Mann in der Frage der Emanzipation etwas anschieben müssen.
„Ich glaube, er wollte das auch“, sagte Sterbik. „Viele seiner Mitarbeiterinnen und weiblichen Bekannten haben gesagt, dass er sie schon immer gleichberechtigt behandelt hat. Denk doch, er ist mit Schwester, Mutter und Großmutter aufgewachsen – da ist bestimmt etwas hängen geblieben.“
„Höchstens Frauenhass“, sagte der Vater und lachte.
Sterbik ließ sich nicht beirren.
„1966 waren nur 34 Prozent der Schwedinnen berufstätig, heute sind es mehr als 70 Prozent“, sagte er. „Palmes Steuerreform hat es Frauen ermöglicht, arbeiten zu gehen.“
Olof Palme hatte tatsächlich eine große Steuerreform auf den Weg gebracht. Bis 1971 waren die Einnahmen von Ehepartnern gemeinsam versteuert worden. Die Familie zahlte niedrigere Steuern, wenn die Frau nicht berufstätig war – der Mann konnte nämlich bei der Steuererklärung den Grundfreibetrag seiner Frau ausnutzen. Palme änderte das. Mann und Frau wurden seither fast völlig unabhängig voneinander versteuert. Es lohnte sich nun für Frauen, einen Job zu haben.
„Und die Elternzeit und das Elterngeld!“, rief Sterbik, der jetzt nicht mehr zu halten war und mit den Händen in der Gegend herumfuchtelte, was dem Vater missfiel. „Und die zusätzlichen Kindergartenplätze!“
Der Vater nahm seine Pfeife aus dem Mund.
„Du hast ja recht, Jens“, sagte er ruhig, „aber vom Charakter her gefällt mir Fälldin besser.“
Sterbik saß einen Moment unschlüssig da.
„Es geht um die Politik, die jemand macht“, sagte er dann.
Der Vater antwortete nicht. Er stand auf, ging zum Schnapskästchen, das an der Wohnzimmerwand hing, nahm zwei kleine Gläser und eine Flasche O. P. Anderson heraus, kehrte an den Tisch zurück und sagte: „Es geht aber auch um Gemütlichkeit.“
Sterbik lachte.
„Schenk ein!“
Nora und er hörten, wie Sterbik und der Vater fast gleichzeitig „Skål“ sagten und die kleinen Gläser klirrend gegeneinanderstießen. Sie saßen – wie immer am Samstag, wenn Onkel Sterbik kam – unter der Eckbank, auf der die beiden Erwachsenen hockten. Sie hörten den Männern zu und kicherten manchmal, wenn sie der Meinung waren, Sterbik und der Vater würden Unsinn reden. Wobei die Kinder oft schon eine falsche Betonung als Unsinn betrachteten – oder Wörter, die in ihren Ohren unsinnig klangen, wie Arbeitersozialversicherung zum Beispiel. Manchmal spielten sie unter der Eckbank auch Mühle.
Und wie jeden Samstag, so verließen sie auch diesmal nach einer Stunde ihren Platz unter der Bank und gingen in sein Zimmer. Sterbik rief ihnen immer ein „Pippi, Pippi, Katt, Katt, Katt“ hinterher, eine Art abgeänderter Sportlergruß – in diesem Fall bezogen auf das, was die beiden Kinder gleich leidenschaftlich bereden würden.
Nora war ein großer Fan von Pippi Langstrumpf.
Und er war ein großer Fan von Rune Katt.
Sie lieferten sich in seinem Zimmer einen Wettbewerb. Es ging darum, wer mehr über sein Idol wusste.
„Weißt du, dass sich mehr als 8000 Mädchen um die Rolle der Pippi beworben hatten?“, fragte sie. Eigentlich war es gar keine Frage. Es war eine Einleitung zu ihrem Monolog.
„Der Regisseur Ole Hellbom und Astrid Lindgren suchten die Pippi übers Fernsehen“, fuhr sie fort, ohne darauf zu warten, ob er antworten würde. „In der Sendung TV-Aktuellt wurde dazu aufgerufen, sich zu melden, wenn man Pippi, Tommi oder Annika spielen wollte. Die Resonanz war riesig …“
„Was ist Resonanz?“, fragte er. Er war acht Jahre alt.
Sie zog die rechte Augenbraue nach oben. Sie machte das immer, wenn sie sich überlegen fühlte. Er mochte das nicht.
„Resonanz heißt, dass sich ganz viele auf den Aufruf gemeldet haben“, sagte sie. „Und sie wurden alle eingeladen – Tausende! Und alle wollten Pippi sein – auch Maria Persson, die später die Rolle der Annika bekam, hatte sich auf Pippis Rolle beworben.“
„Keine Chance!“
„Nein“, sagte sie. „Maria hat später selbst gesagt, dass die Sache entschieden war, als Inger Nilsson vorsprach – Inger war einfach Pippi!“
Er sah sie lächelnd an. Er mochte es, wenn sie begeistert war.
„Ich glaube, dass Ingers Vater sie ermuntert hatte, sich zu bewerben“, sagte Nora. „Er hatte nämlich die Ähnlichkeit von Inger mit der gezeichneten Pippi in den Büchern gesehen: die Sommersprossen, das breite Lachen. Ole Hellbom war sofort begeistert, aber noch wussten sie nicht, ob Inger vor der Kamera funktionieren würde …“
Sie redet wie eine Erwachsene, dachte er. Dabei ist sie erst neun Jahre alt.
„… aber dann haben sie die Probeaufnahmen gemacht und Inger hat das wohl sehr gut hingekriegt. Sie mussten nur noch ihre hellen Haare rot färben.“
„Ich dachte, sie hätte eine rote Perücke getragen“, wandte er ein.
„Wer ist der Pippi-Experte – du oder ich?“, fragte sie und stieß ihn kumpelhaft in die Rippen. „Aber ich glaube, du hast sogar recht.“
Das mochte er an ihr: Sie musste nicht auf Biegen und Brechen recht haben.
„Und jetzt du“, sagte sie, „was sagst du mir heute über Rune Katt?“
Seine Augen strahlten.
„Weißt du, wie viele Länderspiele er schon gemacht hat?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“
„500.“
„500?“
Nora interessierte sich nicht sonderlich für Fußball, aber die 500 erschienen ihr dann doch zu viel.
„Ja, hat er selbst gesagt, ich habe das im Aftonbladet gelesen“, sagte er. „Katt sagte, er hat 36 Länderspiele gespielt, war 24 Mal bei Länderspielen auf der Bank gesessen und hat 440 Länderspiele im Fernsehen gesehen.“
Sie lachte.
„Und weißt du, dass er mit Abba ein Lied aufgenommen hat?“, fragte er. „Das stand auch in der Zeitung. Abba wollte das, und Katt hat am Anfang gesagt, er kann das nicht, er ist ja total unmusikalisch.“
„Sollte er singen?“, fragte sie.
„Ja. Und als sie das Lied dann im Studio aufnehmen wollten, ging es ziemlich schief. Björn und Benny haben immer wieder verzweifelt Takt, Takt, Takt gerufen – du musst doch mal merken, wann der Takt einsetzt. Aber Katt hat zurückgerufen: Was ist ein Takt? Es entstand ein Lied, aber es war total schlecht.“
„Haben sie das Lied Waterloo genannt?“, fragte sie.
10
Am nächsten Morgen saßen Leila Andersson und Casper Munk im Flugzeug nach Luleå. Von dort würden sie mit einem Mietwagen nach Jokkmokk fahren, wo Sanna Bak lebte, Katts mutmaßlich letzte Lebensgefährtin.
„Wie steht Liverpool?“, fragte Leila, nachdem der Flieger in Stockholm abgehoben hatte und Munk den rosa Sportteil von Aftonbladet las. Die Tabelle der Premier League in England war an diesem Tag nicht abgedruckt. Munk wusste natürlich trotzdem, wo Liverpool stand.
„Erster“, sagte er und lächelte. Der FC Liverpool war sein Verein.
Munk legte die Zeitung beiseite.
„Wo wir gerade beim Fußball sind“, sagte er, „kennst du die Geschichte von Rune Katt und dem Lottoschein?“
„Nein. Hat das etwas mit unserem Fall zu tun?“, fragte Leila.
„Eher nicht, es ist schon fast 50 Jahre her – aber es ist eine schöne Anekdote.“
„Erzähl.“
„Eines Tages kam ein großer Fan auf Rune Katt zu und drückte ihm einen Lottoschein in die Hand“, begann Munk. „Der Fan sagte: Ich spiele diese Zahlen seit 20 Jahren, sie haben alle mit dir zu tun: die 14, die 9, die 19 und die 46 für dein Geburtsdatum, die 47 für deine Schuhgröße und die 49 für das Jahr, als du zum ersten Mal in einem Tor gestanden bist. Ich schenke dir diesen Lottoschein für die Ziehung am nächsten Samstag.“
„Und?“
„Es war wirklich unglaublich. Katt hat den Schein zerrissen, weil er dachte: so ein Unsinn. Aber am Montag las ihm ein Mitspieler die Lottozahlen aus der Zeitung vor und Katt wurde hellhörig – die Zahlen kannte er doch! Zusammen mit seinem Mitspieler setzte er die Schnipsel des zerrissenen Lottoscheins wieder zusammen, und er hatte eine Fünf mit Zusatzzahl!“
„Das ist viel, oder?“
„Katt gewann 1,5 Millionen Kronen.“
„Wahnsinn!“, rief Leila. „Hat er dem Mann, der ihm den Lottoschein geschenkt hat, etwas davon abgegeben?“
„Nein“, erwiderte Munk.
„Toller Kerl, dein Katt“, sagte sie spöttisch.
Munk schwieg. Er hatte die Geschichte als Kind gelesen, und damals fand er es nicht schlimm, dass Katt das ganze Geld für sich behalten hatte. Es war schließlich Rune Katt, und dem gönnte er alles. Jetzt fand er das Verhalten schäbig.
„Kannst du eigentlich die Aufstellung der Mannschaft aufsagen, in der Rune Katt gespielt hat?“, fragte Leila.
„Klar. Aber welche soll das sein – zum Beispiel die Mannschaft von AIK Stockholm in der Saison 1974, oder die Nationalmannschaft 1976?“
„Die AIK-Mannschaft von 1974.“
Munk überlegte nur einen Moment, dann begann er: „Katt, Lundgren, Borg, Hedlund, Zetterberg, Nyman, Huskonen …“
„Jari Huskonen?“
Leila kicherte.
Munk verzog keine Miene. „… Sören Huskonen, Landin, Nilsson, Gunnarsson und Sandberg.“
„Respekt“, sagte Leila. „Und wann hat dein Vater Geburtstag?“
„Irgendwann im Juli“, sagte Munk. „Warum?“
„Ich wollte nur wissen, ob du dir auch die wirklich wichtigen Dinge im Leben merkst.“
Sie lachte.
Munk stieß sie mit dem Ellenbogen leicht in die Rippen.
„Und jetzt du“, sagte er.
„Was?“
„Jetzt sagst du mir die Aufstellung einer kompletten Fußball-Mannschaft, meinetwegen von Borussia Mönchengladbach.“
Leila, deren deutsche Vorfahren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Schweden geflohen waren, hatte Verwandte in Deutschland.
„Also gut“, sagte sie. „Pudelko, Gans, Löwe, Kalb, Hirsch, Schnuphase, Schaaf, Ziege, Rehbein, Hahn, Fuchs.“
„Das gilt nicht – das sind ja lauter Tiernamen“, beschwerte sich Munk, der etwas Deutsch verstand.
Sie lachte.
„Borussia Mönchengladbach kann ich halt nicht“, sagte sie. „Die Tiermannschaft konnte ich mir merken – mein deutscher Cousin hat sie zusammengestellt, und das sind alles echte Fußballer. Natürlich haben sie nicht gemeinsam in einer Mannschaft gespielt, aber sie waren alle Profifußballer in Deutschland. Mein Cousin hat auch noch eine Kuchenmannschaft und eine Sexmannschaft zusammengestellt.“
„Warum?“
„Aus Spaß.“
Munk konnte das verstehen: Dass man aus Spaß eine Tiermannschaft, eine Sexmannschaft oder eine Kuchenmannschaft zusammenstellt.
„Weißt du noch, wie die Spieler der Kuchenmannschaft hießen?“, fragte er.
„Einer war früher bei Schalke und Manchester City“, sagte sie.
„Leroy Sane!“
„Genau.“
„Wer noch?“
„Schwarzwälder und Kirsch. Schwarzwälder war Torwart und Kirsch rechter Verteidiger, und wenn die Mannschaftsaufstellung mit den Namen, aber ohne die Rückennummern vorgelesen wurde, hieß es immer: Schwarzwälder, Kirsch …“
„Das hast du erfunden!“
„Nein! Wenn, dann hat es mein Cousin erfunden, aber ich glaube, es stimmt.“
„Wer spielt noch in der Kuchenmannschaft?“, fragte Munk.
„Cacau. Zusammen mit Sane im Sturm.“
„Wer noch?“
„Jetzt reicht es“, erwiderte Leila. „Das wird zu albern.“
„Wir haben auch noch die Sexmannschaft“, sagte Munk. „Einen Namen, bitte.“
Leila lachte.
„Wann wirst du endlich erwachsen, Casper Munk?“
„Bitte!“
Leila überlegte kurz.
„Martin Trieb.“
„Nicht besonders originell“, antwortete Munk.
„Ich kenne dich – das sagst du nur, damit ich noch einen Namen nenne.“
„Und wenn es so wäre?“
Leila lachte.
„Hupe, Rohr, Sackewitz“, sagte sie dann. „Jetzt ist es aber genug, wir landen.“
Munk verstand nicht alles, aber es reichte, um laut zu lachen. Leila war ganz und gar kein primitiver Mensch, nicht einmal derb war sie, und dass sie nun diese Namen der Sexmannschaft aneinanderreihte, war zu viel für ihn.
Als er nicht aufhören konnte – oder wollte – zu lachen, stieß ihm Leila in die Rippen, aber viel heftiger, als Munk es bei ihr getan hatte. Munk musste husten.
„Ist schon gut“, sagte er und hörte auf zu lachen. „Lustiger Kerl, dein deutscher Cousin. Wie heißt er denn?“
Leila verdrehte die Augen.
„Er würde in einer Komikermannschaft spielen“, sagte sie.
„Laurel?“, riet er.
„Hardy“, sagte sie.
11
Die Fahrt von Luleå nach Jokkmokk war schön, aber beschwerlich. Leila und Munk fuhren durch eine verschneite Landschaft, der Schnee am Straßenrand war so hoch wie eine Hundehütte. Aber es war auch glatt. Zwischen Gammelstad-Nederluleå und Boden zogen sie einen alten Mann, der mit seinem rostigen Volvo in einen Graben gerutscht war, auf die Straße zurück. Der alte Mann sagte weder „Guten Tag“ noch „Danke“, sondern fuhr einfach wortlos weiter. Munk wollte sich aufregen, aber Leila sagte nur: „So sind die Nordschweden, sie meinen das nicht so.“
Danach gab es keine Zwischenfälle mehr, sah man davon ab, dass insgesamt acht Rentiere die Fahrbahn querten.
„Wo treffen wir Sanna Bak?“, fragte Leila, als sie sich Jokkmokk näherten.
„Direkt auf dem Markt in Jokkmokk – sie hat da einen Stand, an dem man warme Winterstiefel kaufen kann.“
Leila blickte aufs Armaturenbrett. Es zeigte minus 33 Grad an.
„Können wir gebrauchen“, sagte sie.
Leila stellte das Auto vor dem Haus ab, in dem sie zwei Zimmer für eine Nacht gemietet hatten. Während des Sami-Marktes in Jokkmokk waren alle Hotels ausgebucht, viele Einheimische im Ort und in der Umgebung verdienten sich deshalb etwas dazu, indem sie privat an Gäste und Händler vermieteten.
Leila und Munk waren bei der Familie Jönsson untergebracht. Eva Jönsson stand schon in der Tür, als Leila den Mietwagen parkte. Sie hatte die beiden Polizisten wohl durchs Fenster kommen sehen. Frau Jönsson war eine kräftige Frau von etwa 60 Jahren; ihre Wangen glühten dunkelrot, als sie Leila und Munk begrüßte.
„Zwei Polizisten in unserem Haus“, rief sie und breitete die Arme aus, als sich Leila und Munk dem Haus näherten.
Munk hielt sich den Zeigefinger an die Lippen.
„Nicht so laut“, sagte er.
„Eine geheime Mission?“, fragte Eva Jönsson. Sie sprach jetzt ebenso leise wie Munk. Ihr schien die Vorstellung zu gefallen, Teil einer verdeckten Ermittlung zu sein.
„Nein“, erwiderte Munk. „Aber Sie rufen ja auch nicht ‚zwei Elektriker in unserem Haus‘, wenn zwei Elektriker zu Ihnen kommen.“
Die Frau schien Munk nicht zu verstehen.
„Aber Sie sind doch Polizisten, oder?“, fragte sie. Sie sprach jetzt wieder lauter.
Munk hasste dumme Menschen. Und er hasste laute Menschen. Frau Jönsson war offenbar beides.
„Ich dachte, Nordschweden sind schweigsam“, sagte Munk.
Aber auch diese Spitze kapierte sie nicht.
„Ja, langweilig, nicht?“, sagte sie. „Wie gut, dass ich anders bin. Mein Mann sagt das auch immer. Er selbst ist eher schweigsam.“
„Ist Ihr Mann zu Hause?“, fragte Munk, der sich jetzt gerne mit einem schweigsamen Nordschweden unterhalten hätte.
„Ja, er sitzt in der Küche“, sagte Eva Jönsson.
„Kann er uns die Zimmer zeigen?“, fragte Munk.
Diesmal schaute die Frau nicht irritiert, sondern amüsiert.
„Ich mache das“, sagte sie.
Wortlos führte Eva Jönsson die beiden Polizisten in deren Zimmer. Munk glaubte, sie sei beleidigt, weil sie nichts mehr sagte. Aber warum lächelte sie jetzt permanent? Es verunsicherte ihn.
Nun war es Munk, der zu sprechen begann.
„Ist Ihr Mann noch berufstätig?“, fragte er, als er alleine mit Frau Jönsson in einem kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten Gästezimmer stand. Leila packte im Nebenzimmer ihre Sachen aus.
„Nein“, sagte Eva Jönsson knapp.
„Was hat er denn früher gemacht?“
„Er war Paläontologe.“
Munk wunderte sich, dass Frau Jönsson das Wort fehlerfrei aussprechen konnte. Und dass sie mit einem ehemaligen Paläontologen verheiratet war.
„Paläontologe mit dem Schwerpunkt Mammutforschung“, sagte sie.
„Aha.“
„Er war ein anerkannter Wissenschaftler.“
Und sie? War sie eine anerkannte Gerüchtevermittlerin, die Nummer eins als Tratschtante?
„Ich selbst, falls es Sie interessiert“, sagte sie in Munks Gedanken hinein, „hatte einen Lehrstuhl für Philosophie an der Uni in Lund.“
Dann drehte sie sich um und verließ den Raum. Munk blieb mit offenem Mund zurück.
Dann verließ er den Raum und klopfte heftig an Leilas Zimmertür. Leila öffnete.
„Ich brauche dein Smartphone, schnell“, sagte Munk.
„Der Empfang ist hier nicht optimal“, sagte sie und reichte ihm das Gerät. „aber es geht. Ich lese gerade ein paar Infos zum Abschlusstraining des FC Liverpool …“
Es war offenkundig ein Scherz. Aber Munk ging nicht darauf ein.
„Gib es mir bitte“, sagte er ungeduldig.
Leila lächelte.
„Der Herr Technikverweigerer hätte jetzt doch gerne ein Smartphone“, sagte sie. „Warum denn?“
„Ich brauche es halt.“
„Du kriegst es nur, wenn du mir sagst, warum du es brauchst.“
„Ich will nachsehen, ob Frau Jönsson früher einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität in Lund hatte.“
Leila hatte Munk zugehört, aber sie brauchte einen Moment, bis sie die Worte verstanden hatte. Dann lachte sie laut.
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte sie.
„Sie hat es mir gesagt.“
Leila lachte wieder. Dann hielt sie Munk das Smartphone hin.
„1000 Kronen, dass das nicht stimmt“, sagte sie.
Munk überlegte. 1000 Kronen waren nicht wenig. Und Leila hatte ja recht: Ein Philosophie-Lehrstuhl passte zu diesem Trampel wie der Friedensnobelpreis zu Assad. Aber hatte sie wirklich so einen Humor, dass sie ihn veralbert hatte?
„1000 Kronen dagegen“, sagte Munk.
Die beiden gaben sich die Hand.
„Wie geht das?“, fragte Munk und blickte auf das Smartphone.
„Wie geht was?“
„Wie kommt man damit ins Internet?“
„Gib her“, sagte Leila.
„Aber nicht schummeln.“
Leila wischte auf ihrem Smartphone herum. Nach wenigen Sekunden verdüsterte sich ihre Miene.
„Du hast recht“, sagte sie.
„Was?“
„Ich meine, sie hat recht – sie war Philosophie-Professorin in Lund. Hier, guck mal.“
Munk schaute auf das Display. Eva Jönsson hatte sogar einen Wikipedia-Eintrag. „Anhängerin von Schopenhauer“, las er da, „später beeinflusst von Kierkegaard und Wright, dessen politische Ansichten sie jedoch nicht teilt.“
Munk las weiter: „Emeritiert im Jahr 2017, danach Umzug nach Lappland, wo sie gemäß ihrem Credo Ruhe ist Frieden, aber Streit ist noch lange kein Krieg leben kann.“
Die beiden sahen sich an. Dann lachten sie.
„Und warum spielt sie einen Trampel?“, fragte Leila.
„Weil es mir Spaß macht.“
Leila und Munk hatten nicht bemerkt, dass Eva Jönsson ins Zimmer gekommen war.
„Oh, verzeihen Sie“, sagte Munk.
„Kein Problem“, erwiderte Eva Jönsson. „Es ist ein Spiel für mich – ich möchte wissen, wie die Menschen auf einen Trampel reagieren. Fast alle verachten mich nach wenigen Sekunden. Sie haben es auch getan, Herr Munk.“
„Sie haben recht“, sagte Munk etwas verlegen. „Und was machen Sie mit dieser Erkenntnis?“
Eva Jönsson schwieg einen Moment. Sie schien nach Worten zu suchen.
„Ist es so etwas wie ein Hobby?“, fragte Munk. „Trampel spielen. Andere spielen Schach. Wenn Sie Schach spielen würden, wären die Bauern Ihre Lieblingsfiguren, oder?“
Er lachte. Munk war nicht mehr verlegen. Er wollte sich jetzt messen. Es forderte ihn heraus, wenn ein anderer oder eine andere mit Humor oder Ironie spielten.
Eva Jönsson zögerte kurz, dann lachte sie auch.
„Ihr Witz war mittelgut“, sagte sie schließlich. „Aber jetzt mal ernsthaft. Es gibt nur einen Grund für meinen Auftritt bei Ihrer Begrüßung: Ich wollte Sie dafür sensibilisieren, dass man Menschen nicht mit Vorurteilen begegnen sollte. Halt – bevor Sie die Augen verdrehen, weil Sie es als Plattitüde betrachten! Es geht hier um Vorurteile gegenüber den Sami. Manche Schweden halten die Sami für rückständig, beschränkt, dumm. Zumindest im Unterbewusstsein. Machen Sie diesen Fehler nicht! Sie werden hier gar nichts erfahren, wenn die Sami spüren, dass Sie sie für minderwertig halten. Begegnen Sie ihnen unbedingt auf Augenhöhe, selbst wenn Sie ihre Tracht, ihr Aussehen, ihr Leben für eigenartig halten. Sami sind stolz.“
Eva Jönsson machte eine Pause.
„Und jetzt kommen Sie mit in die Küche“, sagte sie schließlich. „Es gibt Blaubeerkuchen.“
In der Küche saß ein älterer Herr mit grauem Bart. Herr Jönsson las Zeitung. Als die beiden Polizisten den Raum betraten, stand er auf und gab ihnen die Hand. Er schien keinen Trampel zu spielen.
„Mein Mann kann Ihnen die Geschichte des Sami-Marktes erzählen“, sagte Eva Jönsson, die zum Herd ging, um Wasser für den Tee aufzusetzen.
„Sie trinken doch Tee zum Blaubeerkuchen?“, fragte sie.
„Sehr gerne“, sagte Munk.
Leila nickte.
„Ich habe den Blaubeerkuchen gemacht“, sagte Herr Jönsson. „Es ist der erste, den ich in meinem Leben gebacken habe.“
„Ich stelle mich gerne als Vorkoster zur Verfügung“, sagte Munk, der einen Mordshunger hatte, und griff nach dem Kuchenmesser, um sich ein Stück abzuschneiden. Er hielt in der Bewegung inne, weil ihm Leila gegen das Schienbein getreten hatte.
„Ich meine, selbstverständlich sollten Sie den Kuchen als Erstes probieren, schließlich haben Sie ihn ja auch gemacht“, sagte Munk.
Jönsson schnitt wortlos ein großes Stück ab und legte es Munk auf den Teller. Munk wartete, bis auch Leila, Eva und Herr Jönsson versorgt waren. Dann begann er zu essen und hörte zu, was Herr Jönsson über den Sami-Markt erzählte.
„Der Markt ist schon über 400 Jahre alt“, sagte er. „Früher war dieser Ort ein Winter-Sammelplatz der Ureinwohner Nordeuropas. Später trafen sich die Sami in Jokkmokk, um Gericht abzuhalten, Handel zu treiben und Ehepartner zu finden. 1602 beschloss König Karl IX., im Norden offizielle Marktplätze anzulegen – er brauchte Steuereinnahmen, um seine Kriege zu finanzieren. Zunächst wurde in Jokkmokk eine Kapelle gebaut, dann kamen ein Pfarrhaus, Wohnhäuser und Marktbuden dazu. 1605 wurde der Sami-Markt erstmals abgehalten.“
Jönsson biss in seinen Blaubeerkuchen.
„Schmeckt wunderbar“, sagte Munk, der sein Stück schon gegessen hatte.
„Noch einen?“, fragte Jönsson.
„Warum nicht.“
Munk bediente sich mit einem vorfreudigen Grinsen.
„Der Sami-Markt“, fuhr Jönsson fort, „findet immer in der ersten Februarhälfte statt.“
„Wie viele Leute kommen da?“, fragte Munk. Offenbar wollte er zeigen, dass er hier war, um Fragen zu stellen und zu arbeiten – und nicht nur, um einen neuen Weltrekord im Blaubeerkuchen-Schnellessen aufzustellen.
„40.000“, sagte Jönsson. „Es kommen Händler aus ganz Lappland und manche sogar aus Stockholm.“
„Darf ich fragen, warum zwei Polizisten aus Stockholm zum Sami-Markt nach Lappland kommen?“, fragte Eva Jönsson. Sie hatte vier Tassen Tee auf den Tisch gestellt und sich dazugesetzt.
Leila und Munk sahen sich an.
„Sie dürfen fragen, aber eigentlich dürfen wir nicht antworten“, sagte Munk schließlich.
„Ich kann es mir denken“, sagte Eva Jönsson.
Wieder sahen sich Leila und Munk an. Diesmal waren sie verwundert.
„Es geht um Rune Katt, oder?“, sagte Eva Jönsson, „und um seine ehemalige Freundin, um Sanna Bak?“
„Kennen Sie sie?“, fragte Munk.
„Jokkmokk hat 3000 Einwohner, hier kennt jeder jeden. Und jeder kannte auch Rune Katt. Aber keiner mochte ihn. Er war ein Nationalist, er hat gegen Einwanderer gehetzt – man solle sie einfangen wie Hunde und außer Landes schaffen, sagte er. Und er hat Sanna Bak schlecht behandelt. Alle waren froh, als die Beziehung zu Ende war.“
„Was hat er ihr getan?“, fragte Leila.
Eva Jönsson wandte den Blick ab. Sie sah durchs Fenster hinaus in den Schnee.
„Ich weiß es nur vom Hörensagen“, sagte sie dann. „Fragen Sie sie selbst.“
Munk sah auf die Uhr.
„Wir treffen sie gleich zum Abendessen“, sagte er und stand auf. „Vielen Dank für den Kuchen, wir müssen leider los.“
„Darf ich Ihnen einen Kuchen mitgeben?“, fragte Eva Jönsson.
Leila schüttelte den Kopf.
„Sehr gern“, sagte Munk.
12
„Sehr gern“, äffte Leila Munk nach, als sie das Haus der Jönssons verlassen hatten. „Wir sind zum Arbeiten hier, nicht zum Fressen.“
Munk lachte.
„Du bist schon fast so streng wie Ström“, sagte er. „Vielleicht solltest du Polizeipräsidentin werden.“
„Lass ihn dir schmecken, Casper“, sagte sie und lächelte.
„Ich esse ihn nach dem Abendessen“, antwortete er. „Und ich denke dabei an Leroy Sane. Und an Schwarzwälder und Kirsch.“
Leila und Munk gingen vom Haus der Jönssons hinüber zum nur wenige Hundert Meter entfernten Sami-Markt. Die Kälte ist bestimmt gut fürs Geschäft, dachte Munk, als sie die ersten Stände erreichten, an denen Mützen aus Elchleder angeboten wurden.
„Die sind mit Schaf- und Fuchsfell gefüttert“, sagte der Verkäufer, als er bemerkte, dass Munk die Mützen fixierte. „Alles ist von Hand gefertigt.“
„Nein danke“, sagte Munk, der eine ordinäre Skimütze trug, „es geht schon“.
Sie gingen weiter.
„Sollen wir uns warme Stiefel kaufen?“, fragte Leila. „Ich friere an den Füßen.“
Sie deutete auf Stiefel aus Rentierfell, die an den Spitzen nach oben gebogen waren.
Munk sah sich die Schuhe an und las die Produktbeschreibung vor: „Schon im Altertum wusste man, dass das Pulver aus dem Rentierhorn mannhafter macht.“
Leila lachte.
„Aber was hat Rentierhorn mit diesen Rentierfell-Stiefeln zu tun?“, fragte sie.
„Keine Ahnung“, sagte Munk. „Ich kaufe jedenfalls diese Stiefel. Mir ist kalt.“
„Hat nicht auch Sanna Bak einen Stand mit Winterstiefeln? Vielleicht sollten wir bei ihr welche kaufen“, sagte Leila.
„Ich brauche aber sofort Stiefel, es ist eiskalt“, erwiderte Munk.
„Okay“, sagte Leila. „Ich kaufe sie auch.“
Die beiden bezahlten und zogen ihre Stiefel noch an Ort und Stelle an. Sofort wurden ihre Füße wärmer.
„Herrlich“, sagte Leila.
„Als würde man in Blaubeerkuchen spazieren gehen“, erwiderte Munk.
„Dort drüben ist das Zelt, in dem wir Sanna Bak treffen“, sagte sie.
Die beiden Polizisten gingen hinüber und hörten, wie Gesang aus dem Zelt drang.
„Das klingt ja wie ein Jodler“, sagte Leila, die deutsches Gesangsgut kannte.
Eine Frau mit Sami-Tracht kam auf die beiden zu.
„Der Gesang der Sami heißt Joik“, sagte sie und streckte Leila die Hand entgegen. „Mein Name ist Sanna Bak.“
Leila drückte ihr die Hand. Dann begrüßten sich Sanna Bak und Casper Munk.
„Woher wissen Sie, dass wir die beiden Polizisten sind?“, fragte Munk.
Die Frau lachte.
„Ich wusste sofort, dass Sie aus Stockholm kommen“, sagte sie und deutete auf die neuen Stiefel von Leila und Munk. „Nur Leute aus Stockholm kaufen diese völlig überteuerten Rentierstiefel.“
Leila und Munk sahen betreten auf ihre Schuhe. Vermutlich verkaufte Sanna Bak billigere.
„Damit Sie mich nicht falsch verstehen“, sagte Sanna. „Es gibt hier sehr gute und preislich annehmbare Kleidungsstücke, aber der Händler, der Ihre Stiefel verkauft, bekommt dafür zu Hause in seinem Geschäft in Luleå nur den halben Preis, den er hier verlangt. Er nutzt es aus, dass Touristen aus Stockholm von der Atmosphäre in Jokkmokk beeindruckt sind und sich über den Tisch ziehen lassen.“
Munk räusperte sich.
„Kommen Sie mit“, sagte Sanna Bak, „dafür lade ich Sie zum Essen ein.“
Sie ging voran in das große Zelt. Dort saßen mehrere Hundert Menschen auf Holzbänken an Holztischen. Auf einer Bühne sang eine junge Frau in Tracht.
„Joik kennt keine Worte, nur Laute“, sagte Sanna.
Sie setzte sich an einen Tisch neben zwei Männer, die sich gerade über Bärenfell-Handschuhe unterhielten.
„Die Sami glauben, dass der Bär das einzige Tier ist, das sich in einen Menschen verwandeln kann“, sagte Sanna. „Hat man das schon einmal gesehen?“, fragte Leila. Es amüsierte sie.
„Nein“, sagte Sanna, „und es glauben natürlich auch nicht mehr viele Sami, dass sich Bären in Menschen verwandeln können – ein paar Alte vielleicht.“
„Was machen die jungen Sami?“, fragte Munk. „Ich habe gehört, dass nicht mehr viele von der Rentierzucht leben.“
„Das stimmt“, erwiderte Sanna. „Fast alle haben sich an das moderne Leben angepasst – freiwillig oder unter Druck, weil die Sami immer weniger Lebensraum haben. Junge Sami arbeiten jetzt als Investmentbanker oder Computerexperten, viele von ihnen in Stockholm, Oslo oder Helsinki. Nur noch etwa zehn Prozent von ihnen leben von der Rentierzucht, in Schweden sind das etwa 2000 Sami.“
„Warum sind die Bedingungen schlechter geworden?“, fragte Munk.
„Die Schweden – und da meine ich auch die schwedischen Regierungen – verkleinern immer mehr unseren Lebensraum“, sagte Sanna. „Wir hatten keine Besitzurkunden für unser Land, und so kamen immer mehr reiche Schweden und haben uns unser Land genommen. Die Regierung baute Wasserkraftwerke und hat dafür auch unser Land benutzt. Und dann gibt es auch noch den Klimawandel, der uns zusetzt.“
„Wie das?“
„Die Winde werden heftiger. Stürme, die vom Atlantik kommen, bringen im Februar und März Schneemassen nach Lappland und verschütten das Futter der Rentiere. Der Schnee ist jetzt oft zwei Meter hoch, und die Rentiere kommen nicht mehr zu den Flechten durch, von denen sie sich im Winter ernähren.“
„Ich dachte, es würde wegen des Klimawandels wärmer?“, sagte Munk.
„Das ist richtig, hat aber nichts mit den Schneemassen zu tun, die durch die Stürme verursacht werden“, antwortete Sanna. „Und manchmal gibt es hier oben – wegen des Klimawandels – im Winter auch Plusgrade, und dann regnet es. Danach friert es aber wieder und über den Flechten bildet sich eine Eisschicht. Und wieder kommen die Rentiere nicht an ihr Futter.“
Munk fand, es sei an der Zeit, das Thema zu wechseln. Schließlich waren sie nicht nach Lappland gekommen, um über den Klimawandel zu reden, sondern über Rune Katt. Und über seine Beziehung zu Sanna Bak. Munk beschloss also, ins Private überzuleiten.
„Was machen Sie beruflich, Frau Bak?“, fragte er. „Sie verkaufen hier auch Winterstiefel?“
„Ja, aber eigentlich bin ich Rentierzüchterin“, erwiderte sie.
„Ach“, entfuhr es Munk.
„Warum? Dachten Sie, Frauen machen das nicht? Zwölf von 100 Züchtern sind weiblich.“
„Doch, doch, natürlich“, sagte Munk rasch.
Sanna Bak blickte zu einem Tresen hinüber, etwa 30 Meter von ihrem Tisch entfernt.
„Bevor wir weiterreden, hole ich uns was zu essen und zu trinken“, sagte sie und stand auf.
„Du bist ganz schön begriffsstutzig“, meinte Leila zu Munk, als Sanna Bak den Tisch verlassen hatte. „Da redet sie die ganze Zeit von den Problemen der Rentiere und du kapierst nicht, dass sie Expertin ist – mir war schnell klar, dass sie eine Züchterin sein muss.“
„Der Blaubeerkuchen hat mein Gehirn träge gemacht“, sagte Munk und lächelte. „Ich bin jetzt genauso schwerfällig wie die Leute hier drin. Guck dir doch mal diese Typen an.“
Munk sagte das in gebrochenem Deutsch. Leila sprach perfekt Deutsch, Munk ein wenig. Leila und Munk benutzten die Sprache, wenn sie nicht verstanden werden wollten. Und Munk wollte jetzt nicht verstanden werden, weil er lästerte.
Munk deutete mit dem Kinn auf einen gedrungenen Sami mit einer eigenartigen Frisur.
„Der Typ da drüben“, sagte er. „Der sieht aus wie ein rosa Ferkelchen mit Prinz-Eisenherz-Frisur. Und der Mann daneben mit seinen Zottelhaaren – das ist bestimmt ein verwandelter Bär.“
„Du bist unmöglich“, sagte Leila, musste aber lachen.
Munk lachte auch, obwohl er ein schlechtes Gewissen hatte. Er verstieß gegen das, was Eva Jönsson ihnen empfohlen hatte: Respekt gegenüber den Sami.
Gut, dass mich keiner verstanden hat, dachte Munk.
„Wollen Sie ein Stück Rentierfleisch probieren?“, fragte – in fast perfektem Deutsch – einer der Männer, die mit am Tisch saßen und die sich bisher über den Markt unterhalten hatten. „Das Fleisch macht garantiert nicht dick. Sie wollen doch nicht aussehen wie ein Ferkel.“
Der Mann grinste, als er Munk das Fleisch hinhielt. Munk wurde rot wie eine Tomate. Der Mann hatte alles verstanden.
„Ich bin Sami, wie das rosa Ferkelchen mit der Prinz-Eisenherz-Frisur, aber ich habe ein paar Jahre in Hamburg studiert“, sagte der Mann.
„Entschuldigen Sie bitte“, stammelte Munk. Es war ihm furchtbar peinlich.
Sanna Bak kam an den Tisch zurück und unterbrach die betretene Stimmung zu Munks Glück.
„Es wird Ihnen schmecken“, sagte sie zu Leila und Munk. „Geschnetzeltes Rentierfleisch mit Mandelkartoffeln und Pilzen – und ein einheimisches Bier dazu. Als Nachtisch gibt es dann geschmolzenen Käse mit Moltebeeren.“
Während Leila und Munk aßen, redete Sanna noch einmal über ihre Arbeit als Rentierzüchterin.
„Vor allem im Winter ist es hart“, sagte sie. „Manchmal muss ich im Freien übernachten. Vor einigen Wochen habe ich mich bei 30 Grad unter Null an einem Feuer warm gehalten. Ich musste mich beim Schlafen ständig drehen wie eine Wurst am Spieß, um beide Körperhälften zu wärmen.“
„Krass“, sagte Leila und schluckte ihr geschnetzeltes Rentier hinunter. Munk wunderte sich über Leilas Kommentar. Er vergaß manchmal, dass sie 15 Jahre jünger war als er. Wie alt war eigentlich diese Sanna Bak? Sie sah aus wie eine Indianerin, schwarze Haare, braune Haut. Hübsch. Er schätzte sie auf 50.
„Ich bin Rentierzüchterin geworden, weil es mir trotz allem Spaß macht“, sagte Sanna Bak, „und weil meine Familie schon immer Rentiere gezüchtet hat. Mir gefällt diese Lebensweise. Leider ist es nicht mehr so wie früher, als wir kein Geld und keine Rechnungen brauchten, sondern einfach mit Rentieren bezahlt haben. Aber ich bin viel in der Natur und ich komme auch herum.“
„Warum kann man Rentiere nicht wie Kühe im Stall halten und füttern?“, fragte Munk.
„Das Ren ist ein wildes Lebewesen, das wandern muss“, sagte Sanna. „Als Züchter muss man jeden Moment bereit sein, aufzubrechen.“
„Wie viele Tiere haben Sie denn?“
„500.“
„500!“
„Ja. 400 Rentiere sind notwendig, damit ein Züchter von ihnen leben kann. Rentiere bringen nicht viel Fleisch. Außerdem ist das Risiko groß: ein strenger Winter, schlechte Weidebedingungen, keine festen Preise – die Preise für Schlachtfleisch haben sich in den letzten Jahren halbiert. Das ist hart. Viele junge Sami haben in den letzten Jahren Selbstmord begangen.“
Munk musterte die attraktive, schwarzhaarige Frau mit den hohen Wangenknochen einen Moment zu lange. Sie bemerkte es.
„Ich bin 48“, sagte sie lachend. „Und ich bin schon seit 30 Jahren Rentierzüchterin. Sie müssen sich um mich keine Sorgen machen.“
„Sie waren mit Rune Katt zusammen“, sagte Munk, „und der war mehr als 25 Jahre älter als Sie.“
Die Augen der Frau verdunkelten sich fast schlagartig.
„Wir hatten uns vor drei Jahren hier auf dem Sami-Markt kennengelernt“, sagte Sanna. „Rune hatte damals eine Hütte in der Nähe von Jokkmokk, in die er sich wochenweise zurückgezogen hat. Wir haben uns sofort ineinander verliebt. Ich mochte seine Erfahrung und sein Charisma – er konnte unglaublich charmant und zuvorkommend sein. Und er fand wohl meine Unabhängigkeit anziehend, und meine Natürlichkeit. Ein paar Monate war ich glücklich mit ihm …“
„… und dann?“, fragte Munk.
„Rune Katt war ein Narzisst – und er war brutal“, sagte Sanna.
Sie blickte Munk direkt in die Augen. Munk sah darin Zorn, Trauer und Stolz.
„Es war ein schleichender Prozess“, fuhr sie fort. „Erst waren es kleine Bitten, die ich natürlich gerne erfüllt habe. Aber bald wurden es Forderungen und Drohungen, und die Dosis wurde immer mehr erhöht. Nach ein paar Monaten hatte er mich so vereinnahmt, dass ich mein eigenes Leben fast völlig aufgegeben habe – sieht man einmal davon ab, dass ich mich mehr schlecht als recht um meine Rentiere gekümmert habe. Immer musste ich erreichbar sein, fast immer musste ich bei ihm sein. Aber manchmal hat er mich einfach ignoriert. Ich hatte das Gefühl, ich sei ein Ding, das er hervorholt, wenn er es braucht, und das er weglegt, wenn es lästig wird. Aber kontrolliert hat er mich trotzdem immer.“
„Haben Sie sich nicht gewehrt?“, fragte Leila.
„Doch“, erwiderte Sanna. „Aber dadurch wurde es ganz schlimm. Er erniedrigte mich, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Zunächst hat er mir Schuldgefühle eingeredet. Ich sei an allem schuld: im Alltag, oder dass es in der Beziehung nicht mehr so gut klappte wie am Anfang. Dagegen habe er immer alles getan für eine gute und harmonische Beziehung.“
Darmowy fragment się skończył.