Czytaj książkę: «Sind wir nicht alle ein bisschen tri?»

Czcionka:

LARS TERÖRDE

Sind wir nicht alle

ein bisschen tri?

NEUE TRIATHLONGESCHICHTEN

VOM KAISERSWERTHER KENIANER


Lars Terörde:

Sind wir nicht alle ein bisschen tri?

Neue Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer

Covadonga Verlag, Bielefeld – 2012

ISBN Print 978-3-936973-68-6

ISBN E-Book 978-3-936973-82-2 (ePUB)

Coverillustration: W. Heath Robinson / dpa Picture-Alliance; mit freundlicher

Genehmigung von J.C. Robinson / Pollinger Ltd / Mary Evans Picture Library.

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.

Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Inhalt

Zum Geleit

Cross ist krass!

Belohnung

Fettstoffwechsel

Das Joschka-Syndrom

Geburtstagsfreuden

Gruppenzwänge

Das erste Mal

Nackt im Netz

Geglückte Versöhnung?

103-95-104

Siebenundvierzig Minuten Urlaub

Der Fluch des schnellen Schwimmens

Dean Martin unterm Weihnachtsbaum

Kenianer vs. Daisy

Kollateralzeiten

Grundregeln des Sports

Weltjahresbestzeit

Natural Running

Cappuccino-Touren

Der Sengenholzer Weg

Der alte Sportplatz

Geheime Trophäen

Ärzteslang

Debakel am Möhnesee

Kompakt

Vlaanderens Mooiste

Rekord vorm Elternsprechtag

Qualvolle Tage

Ein Tag und 42.195 Meter

Kämpfende Wölfe

Funktionsfasern

Frank und Corinna

Abenteuer mit Windelservice

Tag der Trugschlüsse

Moderate Steigungen?

Duell am Jaufenpass

Der Tiger von Tuenno

Der Kater vom Tiger

Entscheidung am Ballino

Zieleinlauf

Danksagung

Zum Geleit

Bist du Schwimmer? Radfahrer? Läufer? Triathlet gar?

Wahrscheinlich. Darum hast du dich ja verleiten lassen, dieses Buch zu kaufen, oder deshalb dachten deine Freunde oder Verwandten, es wäre eine gute Idee, es dir zu schenken. Nach dem Motto: »Unsere Sportskanone sollte mal was lesen, dann ist sie zumindest mal zu Hause!« Oder weil alle andere Geschenkideen für den Triathlonsport einfach viel zu teuer sind.

Dann hast du jetzt wahrscheinlich gerade – mit dem Vorsatz, ein wenig zu lesen – die Beine hochgelegt, etwas Kühlgel auf die Schenkel verteilt und womöglich sogar den regenerationsfördernden Reizstrom appliziert. Vielleicht bist du heute gelaufen, Fahrrad gefahren oder geschwommen. Vielleicht sogar alles hintereinander. Entweder bei einem Wettkampf oder im Trainingslager auf Fuerteventura.

Doch bevor du dich jetzt ganz den Geschichten vom Kaiserswerther Kenianer hingibst, möchte ich mir einen kleinen Hinweis erlauben: Das hier ist eine Fortsetzung. Ein zweiter Band.

Und um ehrlich zu sein: Es wäre natürlich sehr im Sinne meiner Sparbemühungen für ein neues Fahrrad, wenn du dir auch den ersten Band kaufen oder schenken lassen würdest. Er steht in gutsortierten Buchhandlungen unter dem Titel Barfuß auf dem Dixi-Klo – Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer in den Regalen.

Gut möglich, dass er auch bereits ausgelesen in deinem Bücherschrank steht. Kennst du das Buch aber noch nicht, empfehle ich dir, schleunigst noch mal in deine Sportkleidung zu schlüpfen und eine kurze Laufeinheit zur nächsten Verkaufsstelle einzuschieben, um das Versäumnis auszubügeln. Am besten wäre es natürlich, wenn du bei dieser Gelegenheit direkt eine Sammelbestellung für deine Trainingsgruppe aufgeben würdest, damit auf der nächsten Weihnachtsfeier nicht wieder nur Badekappen verteilt werden. Und vielleicht beschenkst du ja auch noch ein paar Verwandte oder Kollegen in der Hoffnung, in ihnen einen Hauch Verständnis für die eigenartige Gefühlswelt von Ausdauersportlern zu wecken.

Oder bist du etwa selbst gar kein Sportler, sondern kennst nur einen Schwimmer? Einen Radfahrer? Einen Läufer? Einen Triathleten gar, mit dem du obendrein das Leben teilst? Hast du vielleicht viel Zeit, um zu lesen, während dein/-e Lebensabschnittspartner/-in den gemeinsamen Urlaub mit langen Rennrad-Ausfahrten füllt? Und möchtest du dich dank dieses Buches nur vergewissern, dass du nicht der Einzige bist, der ungewollt seine Ferien nach dem Jahrestrainingszyklus eines untalentierten Hobbysportlers richten muss. Dann solltest du mal nachsehen, ob der erste Band der Geschichten vielleicht gerade im Keller unterm Vorderrad des Rollentrainingsrades ruht oder als Unterlage für die spätabendlichen Krafteinheiten der Wadenmuskulatur neben dem Bett liegt. Wenn du Glück hast und ihn findest, wäre es ebenfalls ratsam, mit dem ersten Teil zu beginnen.

Sollte dir das aber für den Moment zu viel sein, weil du entweder deinen Trainingsplan für heute schon erfüllt hast oder dein Partner dir unter Androhung schwerster Sanktionen verboten hat, in die Nähe seiner Sportutensilien zu kommen, dann werde ich dich jetzt schweren Herzens auf den Stand dessen bringen, was du wissen musst, um den Geschichten des Kaiserswerther Kenianers folgen zu können.

Also: Seit er einmal in einem schwachen Moment seiner Frau gestand, dass er den virtuellen Laufpartner in seiner GPS-Laufuhr »Haile« nennt, muss er mit diesem Ehrentitel leben. Er ist seither der Kenianer, sie das Weib, und die Familie wird komplettiert durch den Sohnemann, der gerade die ersten Schuljahre in Angriff nimmt.

Das Familienidyll im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth könnte perfekt sein, wenn da nicht der Schwager wäre. Als langjähriger Freund seiner Schwester kratzt er beständig am Sportler-Ego des Kenianers, weil sie nun mal die gleiche sportliche Leidenschaft teilen. Den Schwager wollte er immer hinter sich wissen. In zahllosen Duellen hatten sie die Laufschuhe gekreuzt und die Windschatten verteidigt. Zum Schluss hatte der Kenianer mal wieder vorne gelegen. Allerdings mussten sie beide einen hohen Preis bezahlen, und die Bande innerhalb der Familie waren auf eine harte Probe gestellt worden …

Cross ist krass!

Endlich ein Wettkampf, zu dem sie ihn überreden musste. Auf der Website des Fremdenverkehrsvereins hatte sie von der Veranstaltung gelesen. »Ein Triathlon auf Ameland? Da müssen wir hin.«

Für einen Ausflug auf ihre holländische Lieblingsinsel nahm sie auch in Kauf, dass ihr Mann einen ganzen Tag mit Sporttreiben beschäftigt sein würde. Nicht, dass er für eine Kurzdistanz so lange brauchen sollte. Er war zwar wenig talentiert, aber mehr als einige Stunden würde selbst er für diese Distanz nicht benötigen. Trotzdem wusste sie genau, dass ein solcher Wettkampftag in aller Frühe mit einem ausgewogenen Frühstück beginnen und erst spät in der Nacht mit einem stöhnenden und krampfgeplagten Mann im Doppelbett enden würde. Und dazwischen würde er siebzehn Mal seine Tasche kontrollieren, immer wieder die Toilette blockieren und der ganzen Familie mit Verpflegungsanweisungen auf die Nerven gehen. Dennoch: Für einen Kurztrip an die Nordsee würde sie sich das alles gerne gefallen lassen.

»Warum sind wir da noch nie gewesen, Kenianer?«, fragte sie fast vorwurfsvoll. »Du weißt doch, wie gerne wir dorthin fahren. Selbst für ein Wochenende …!«

Was sollte er sagen? Vielleicht die Wahrheit? Dass ihn 36 Kilometer kurze Radstrecken nicht interessierten? Dass es doch kein richtiger Triathlon war, weil man nur mit breiten Reifen fahren durfte? Dass Veranstaltungen, die keine fünfzig Euro kosteten, keine ernstzunehmenden Wettkämpfe sein konnten? Dass der Termin nicht in seine Saisonplanung passte? Aber das würde sie bestimmt nicht verstehen.

»Ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, dass es dort einen Triathlon gibt. Aber wenn du möchtest …! Bitte – fahren wir halt hin.« An einem Triathlon teilzunehmen, gehörte definitiv zu den leichteren Gefallen, die er ihr tun konnte.

Sie hatte den Internet-Auftritt der Veranstaltung gefunden. »Cross-Triathlon? Was bedeutet das eigentlich?«

Das könnte sie doch eigentlich wissen. Zwar trieb sie selbst keinen Sport, aber der ständige Umgang mit einem Ehemann, der die Wohnung mit Magazinen zum Ausdauersport pflasterte, hatte auch ihr bereits ein gewisses Fachwissen vermittelt.

»Ist eigentlich alles normal«, erklärte er, »außer dass man mit einem Mountainbike fahren muss.«

»Aber du hast doch gar keins.«

»Ist kein Problem. Kann man auf der Insel leihen.«

Sie öffnete die Streckenbeschreibung. Eine blaue Linie auf einem Satellitenbild markierte den Verlauf der Radstrecke.

»Wo fahren die da?« Sie deutete auf die Karte. »Da sind doch gar keine Wege.«

»Ach, da sind vermutlich nur die Linien etwas verrutscht. Das muss an unserem Browser liegen. Die fahren bestimmt auf den Radwegen aus Muschelkalk und dann am Strand zurück«, behauptete er voller Überzeugung.

Doch leider trog sie ihn, die Überzeugung. Denn es lag nicht am Browser. Die Linie war nicht verrutscht, und die Radstrecke verlief wirklich auf Wegen, wo gar keine Wege waren, und am Ende würde ihm jeder Meter der Strecke zu viel sein. Auf brutale Weise sollte er den Unterschied kennenlernen zwischen gängigen Triathlons auf glattem Großstadtasphalt und der Cross-Variante der Sportart auf einer rauen und windigen Nordseeinsel.

Schon das Schwimmen war anders. Es war eine Premiere für ihn: Zum ersten Mal schwamm er bei einem Wettkampf in Salzwasser. Doch statt der klaren und warmen Dünung vor Hawaii wartete auf ihn vor Ameland das Wattenmeer. Fünfzehn Grad kaltes Nordseewasser schwappte an den Deich. Die erste Prüfung war das Fluten des Anzugs. Als das Wasser über den Kragen in den Neoprenanzug einlief, presste er Zeigefinger und Daumen heftig aufeinander, um seinem Sohn zu zeigen, wie kalt es war.

»Okay, Jungs, einmal reingehen reicht doch! Das ist doch nur ein Spaß, dass wir hier schwimmen sollen. Wahrscheinlich ein uraltes Inselritual, dass man als Mutprobe kurz reinspringt, oder nicht?«, hoffte er im Stillen. Wen hätte er auch fragen sollen? Landsleute waren kaum da. »Na, dann werde ich bestimmt bester Deutscher!«

Doch zu seinem Leidwesen war das Fluten des Anzugs kein friesischer Initiationsritus. Die Holländer meinten es ernst mit dem Wettkampf. Der Startschuss ertönte, und schon jagte das Feld durchs Watt aufs Meer hinaus. Fünfzig Meter konnte man noch im Schlick laufen, dann gab es kein Entrinnen mehr. Einen Kilometer durch eisiges Wasser mussten sie schwimmend hinter sich bringen. Um zwei Bojen herum, die in einiger Entfernung vom Deich in der Dünung tanzten. Doch in den Wellentälern sah er nichts als Berge aus dunklem Wasser und einige Badekappen.

»Was mache ich hier eigentlich?«, fragte er sich, nachdem er schon zum zweiten Mal einen kräftigen Schluck Salzwasser genommen hatte. Selbst im Neoprenanzug wurde es kalt, der Seegang machte das Atmen schwer und die Orientierung zur Glückssache. Er setzte all seine Energie ein, um die ganze Strecke durchzukraulen. Das waren die kleinen Ziele, die er sich als Durchschnittssportler setzte. »Wenn ich schon nicht als Erster aus dem Wasser steige, so will ich zumindest sagen können, dass ich nicht Brustschwimmen musste. Und wenn ich das Schwimmen geschafft habe, dann ist das Schlimmste eh vorbei …«, dachte er, als er durch die Nordsee pflügte.

»Sechsunddreißig Kilometer Radfahren sind doch ein Klacks!«, hatte er noch kurz vor dem Start behauptet. »Da bin ich doch vor wenigen Wochen auf der Langdistanz von Stein noch viel länger auf dem Rad gewesen.« Während er sich an den Bojen vorbei wälzte, erinnerte er sich an den großen Tag, an dem er seinen Erzrivalen hinter sich gelassen hatte: den Schwager, der eigentlich noch gar nicht sein Schwager war. Der langjährige Freund seiner kleinen Schwester hatte schon häufiger versucht, ihn vom Thron zu stoßen. Aber noch hatte der Kenianer alle wichtigen Duelle gegen den jüngeren Herausforderer für sich entscheiden können. Noch war er der ungekrönte Triathlonkönig der Familie. Mit allen Mitteln, erlaubten wie unerlaubten, war es ihm bisher gelungen, seine Position zu verteidigen. Eine Niederlage gegen den Kontrahenten aus der Sippschaft würde seinem Sportler-Ego schwer zusetzen.

Doch heute war der Schwager gar nicht am Start. Er hatte sich seit ihrem letzten Aufeinandertreffen nicht mehr gemeldet, ihn brauchte er heute nicht zu fürchten. Deshalb setzte er sich andere Ziele.

Mit dem Kraulen hatte es schon mal geklappt. Er hatte das Brustschwimmen vermeiden können. Aber mit der Annahme, dass der angenehmere Teil des Tages an Land beginnen würde, lag er gründlich daneben, wie sich zeigte, als er sich auf das Leihrad mit den breiten Reifen schwang.

Er hatte es im Verleih kritisch beäugt. Ein solides Vehikel, perfekt für Jugendliche, die etwas um die Gruppenunterkünfte fahren möchten. Aber für einen echten Sportler wie ihn? Eine Schaltgruppe, deren Namen mehr einer Warnung als einer Verheißung nahe kam, und Bremsen, wie es sie schon lange nicht mehr im Handel gab. Aber egal. Erstens sollten es ja nur die paar Kilometer über die Insel sein, zweitens könnte er dann ja auch nichts Wertvolles kaputtmachen, und drittens wusste er eh nicht, wie sich ein gutes Mountainbike anfühlte. Um genau zu sein, wusste er überhaupt nicht, wie sich ein Mountainbike anfühlte. Weder ein gutes noch ein schlechtes. Er hatte noch nie lange auf einem gesessen.

Nach wenigen Metern merkte er, dass dies keine gute Idee war. Es war keine gute Idee, hier auf Ameland mit dem Mountainbiken zu beginnen. Und erst recht war es keine gute Idee, es in einem Wettkampf mit achthundert Teilnehmern zu tun. Zwischen Sandlöchern, Grasnarben, schmalen Matschpfaden, im steten Auf und Ab der Dünen, wurde er schnell zum Verkehrshindernis. Rechts und links überholten ihn die Holländer. »Chottverdommet!«, tönte es hinter ihm, wenn er mal wieder schmale Pfade blockierte, weil er mit gezogenen Bremsen eine Düne hinunterrutschte. Ohne jede Erfahrung hatte er sich in ein Abenteuer gestürzt, und nun zahlte er den Preis dafür. Erst fünf Radkilometer waren vorbei. Noch mehr als dreißig lagen vor ihm.

Gleich mehreren Teilnehmern konnte er aus nächster Nähe beim Stürzen zusehen. Der Erste fuhr auf dem Feldweg in ein Schlammloch und landete mit einem spektakulären Überschlag in einem Gemisch aus Brackwasser und Schafsscheiße, das im Entwässerungsgraben vor sich hinschwappte. Der Zweite versuchte erfolglos, von einer schmalen Furche auf eine breitere zu wechseln, und der Dritte überholte sein eigenes Vorderrad, als es im tiefen Sand stecken blieb. Das machte den Kenianer noch bänger.

Zudem war es auch noch brutal anstrengend. Keine Sekunde Pause. Lenken, Treten, Durchgeschüttelt- und Überholtwerden. Nach fünf Kilometern brannten die Beine, nach zehn taten die Hände weh, nach fünfzehn waren die Rückenmuskeln ein einziger schmerzender Granitblock. Was sollte er tun? Sich einfach ins Gras zu werfen und zu weinen, schien ihm eine verlockende Idee zu sein. Er wollte nicht mehr. Nicht mehr fahren durch wilde Naturschutzgebiete und auf Pfaden, auf denen er sonst nicht mal laufen würde. Rechts und links jagten holländische Meisjes an ihm vorbei und versuchten, ihn aufzumuntern.

Er hatte keine Ahnung, was sie sagten, aber es ließ ihn zumindest weiterfahren. Er sehnte sich nach dem Strand. Dort hoffte er, auf den letzten zehn Kilometern der Radstrecke etwas Entspannung zu finden. »Bei Ebbe lässt es sich bestimmt gut fahren, und die Rüttelei hat dann endlich ein Ende.«

Es war Ebbe. Aber es ließ sich nicht gut fahren. Für einen Doppelzentner war der Sand immer noch zu weich. Und es herrschte Gegenwind.

Kurz vor dem Ziel erwischte es dann auch ihn. Nachdem er sein Rad auf die Dünenkrone geschleppt hatte, schwang er sich wieder in den Sattel und versuchte weiterzufahren. Doch von einer schmalen Grasnarbe rutschte er in ein Sandloch, das Vorderrad blieb stecken, und der Kenianer überholte in zwei Metern Höhe den Lenker. Er rollte sich über den Unterkiefer ab und testete die Bissfestigkeit von Nordseesand. Der knirschte zwischen den Zähnen, aber sonst war alles gutgegangen. Er spuckte aus, schimpfte über die Ungerechtigkeit der Welt und schnappte sich sein Rad.

Ein beherzter Tritt in die Pedale, ein Ruck, und dann war kein Widerstand mehr auf der Kette. Was war denn jetzt noch? Er traute seinen Augen nicht. Der Tag hatte weitere Überraschungen für ihn parat. Jetzt war es die erstaunliche Erkenntnis, dass Schaltwerke in der Mitte durchreißen können. Es baumelte lose an der Kette. So etwas hatte er noch nie gesehen. An Fahren war nicht mehr zu denken. Ein Kilometer noch.

Doch seine erste Verzweiflung über den Defekt schlug schnell in Erleichterung um. Der Kenianer konnte sein Glück kaum fassen. Das gerissene Schaltwerk war sein weißer Ritter für die grauenvolle Cross-Triathlon-Premiere. Die glorreiche Ausrede für eine schwache Zeit. Es machte aus ihm einen Helden, als er das Rad in die Wechselzone schob.

Der Streckensprecher bejubelte den »Kenianer uit Duitsland«. Die Zuschauer klatschten begeistert. Trotz Defekts nicht aufgegeben. Was für ein toller Kerl!

Er deponierte den Schrotthaufen an seinem Wechselplatz und begab sich auf die Laufstrecke. Nach den ersten beiden Disziplinen machte er sich keine Illusionen mehr. Das Schwimmen und Radfahren war mörderisch hart gewesen. Fürs Laufen erwartete er nichts anderes.

Und diesmal hatte er ausnahmsweise recht. In dem kleinen Wäldchen wurde keine Steigung ausgelassen, jedes Loch war zu durchlaufen, und zu allem Überfluss musste er noch einige Kilometer am Strand rennen. Durch tiefsten Sand die Dünen runter und wieder hoch. Und das ganze zwei Mal.

Was half ihm jetzt noch? Die netten Zuschauer. Die anderen Teilnehmer, die klaglos über die Strecke liefen. Und der Gedanke an die Hotelsauna. Es war kein Vergnügen. 36 Kilometer Radfahren und zwölf Kilometer Laufen fühlen sich anders an, wenn sie mit der Vorsilbe »Cross« versehen sind.

Sein Kilometerschnitt? Er wollte es nicht wissen. Zeit und Platzierung? Völlig egal. Er war am Ende des Wettkampfs nur überglücklich, den schönsten Zielbereich seiner Karriere an der alten Windmühle laufend zu erreichen. Er hatte zuvor anderes erhofft, aber nach dreieinhalb Stunden war es das Beste, was er erreichen konnte. Zieleinlauf!

Doch seine Familie dankte es ihm nicht. Kein Jubel und kein Plakat begleiteten seinen Sprint um Platzierungen im Hinterfeld. Sein Weib und der Sohn waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie die Heldentaten des Kenianers gebührend feiern wollten. Denn es war in der Zwischenzeit Wichtigeres geschehen. Während der Kenianer Sand schluckte, hatte nämlich sein Sohn die Kindervariante zu Ende gebracht. Der kleine Mann hatte seine Triathlon-Premiere absolviert, und das verdiente natürlich mehr Aufmerksamkeit als die Heldentaten des Kenianers. Er berichtete ohne Unterlass. Vom Schwimmen im Hallenbad, wo er als Erster die Bahn verlassen hatte. Vom Radfahren über die Wiese und seiner geschickten Renneinteilung beim Laufen. Das Weib platzte vor Stolz und bereicherte die Erzählungen mit Hinweisen, wie schnell und toll der Sohn unterwegs gewesen war.

»Na, super!«, dachte der Kenianer. »Wenn ich Sport mache, ist es lästig. Aber beim Sohnemann ist das natürlich was ganz anderes!«

So sah es aus. Der Zieleinlauf des Kenianers war zur Nebensache geworden. Keiner interessierte sich für sein gerissenes Schaltwerk, das eiskalte Wasser und seine heldenhaft ertragenen Schmerzen. Er spielte die Nebenrolle.

Auch bester Deutscher war er nicht geworden. Einer der wenigen Landsleute war nämlich Georg Potrebitsch gewesen, der Deutsche Meister auf der Langdistanz. Er hatte die Insel und den Wettkampf genutzt, um sich für seinen Start auf Hawaii vorzubereiten. Nebenbei war er dabei freundlich lächelnd zum ersten deutschen Sieger der Veranstaltung geworden.

Noch in der Sauna war der Sohnemann nicht zu bremsen. »Ey, Papa. Das ist so Hammer. Ich habe meinen ersten Triathlon gemacht.« Auf der Finisher-Party am Abend stolzierte er durch die Reihen im Festzelt. Plötzlich noch einen ganzen Kopf größer.

Der Kenianer füllte derweil am Pasta-Büfett die leeren Speicher auf. Nach dem zweiten Teller fühlte er sich, als wäre er schon immer der beste Kumpel von Georg gewesen, mit dem er am Tisch die Vorzüge der Insel pries. Ein extrem versöhnlicher Abschluss eines harten Tages.

Denn Cross-Triathlon war fraglos etwas ganz anderes als das, was er sonst so machte. Wo schon hundert Meter Pflasterstein reichten, damit er böse Kommentare über skandalöse Streckenführungen ins Internet stellte. Hier hatten sich die Leute reihenweise »zerlegt«, ohne dass es für irgendjemanden ein Grund zur Beschwerde war.

Cross ist krass! Das hatte er heute gelernt. Trotzdem würde er sicher nicht zum letzten Mal dabei gewesen sein.

Belohnung

Wenn er etwas verdient hatte, dann war es die Flasche Bier, die er im handtuchgroßen Garten mit einem kraftvollen »Plop« öffnete. Er lag im Liegestuhl und blickte selbstzufrieden in den Abendhimmel. Es war ein Bier, wie er es früher getrunken hatte. Damals, als Weizenbier für ihn noch der Königsweg zu einem preiswerten Kneipenrausch war – und nicht der heißersehnte isotonische und alkoholfreie Durstlöscher nach einem Triathlon. Als der Gerstensaft noch der Kontaktfreude und nicht der Regeneration diente.

Im Laufe der Jahre hatten sich seine Präferenzen geändert. Inzwischen gingen ihm Platzierungs- vor Kontaktchancen. Frauen schaute er nur noch hinterher, wenn sie auf begehrenswerten Rennmaschinen saßen. Und selbst sein Weib wusste, dass er sich dann mehr für die Baugruppe des Rades als für das Fahrgestell der Fahrerin interessierte.

Was war es, was ihn so selbstzufrieden in die Dämmerung blicken ließ? Es war die vergangene Triathlonsaison, die er im Liegestuhl Revue passieren ließ. Natürlich war er auch in diesem Jahr nirgendwo aufs Treppchen gekommen. Den Zahn hatte er sich schon lange gezogen. Er hatte eingesehen, dass er zwar viel Ehrgeiz, aber wenig Talent mit auf die Wettkampfstrecken brachte. Trotzdem war er mit sich und seiner Sportwelt im Reinen. Vor dem Cross-Triathlon hatte er zum ersten Mal in seinem Leben am Start einer Langdistanz gestanden. Und dort hatte er mal wieder seinen Erzfeind – den Schwager – besiegt. Er schwelgte in Erinnerungen. An die vielen Wettkämpfe, an die kleinen Triumphe auf dem Rad, an den gewonnenen Kampf gegen den Rivalen. Es warteten keine neuen Herausforderungen mehr auf ihn. Er hatte alles geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Das Gefühl des Stolzes, der Zufriedenheit und des Glücks verstärkte sich mit jeder weiteren Flasche in der Abenddämmerung.

»Du trinkst echtes Bier, Kenianer!? Bist du sicher, dass du dich nicht im Kasten vergriffen hast? Wo du doch sonst nur das Isotonische trinkst …« Sie glaubte kaum, was sie da sah. So lange hatte er dem Alkohol schon im Kampf um zeitraubende Pfunde entsagt. Sogar seine Freunde hatten es sich abgewöhnt, ihn wegen seiner Enthaltsamkeit zu verspotten. Genossen sie doch vielmehr den Umstand, immer einen fahrtüchtigen Triathleten in ihrer Mitte zu wissen.

»Jaja, Weib«, entgegnete er mit bierschwerer Zunge. »Aba das hab ich mia fadient!«

»Aber klar doch! Von mir aus kannst du mal wieder richtig zuschlagen. Wir haben uns schließlich in der Düsseldorfer Altstadt kennengelernt und nicht im Reformhaus. Ich finde es schön, wenn du hin und wieder so bist wie früher …«

Ihr Wunsch war ihm Befehl. Nach einigen Stunden im Garten wankte er voller Stolz zu Bett. Er hatte sein Ziel erreicht. Was vor Jahren als wirrer Wunschtraum während der Fernsehübertragung des »Eisenmannes« auf Hawaii begonnen hatte, war nun zu Ende gebracht. Er hatte in diesem Sommer eine Langdistanz geschafft.

»Unglaublich … Dasss hab ich gäschafft … Jätzz mach ich ersma tswei Wochän gaa nix mähr, un danach Uhrlaubb, Waib!«

»Jaja, mach das mal!«, entgegnete sie gelassen. Das würde ein übles Erwachen geben, so viel war ihr klar. Laktat im Blut konnte ihr Gatte deutlich besser verarbeiten als Alkohol. Denn die Milchsäure war er im Gegensatz zum vergorenen Gerstensaft inzwischen gewohnt.

Irgendwann schlief er auf dem Wohnzimmersofa erschöpft vorm Fernseher ein. Gleich mehrfach büßte er in dieser unruhigen Nacht über die Toilettenschüssel gebeugt für die stolzen Momente in der Abendsonne. Geweckt wurde er am nächsten Vormittag von seinem Sohn. Der hatte sich zunächst zwar gewundert, dass der Platz neben seiner Mutter im Ehebett leer war, aber bevor er sich auf die Suche nach seinem Vater machte, nutzte er die Gelegenheit, die verbotenen Comics am Nachtschrank des Kenianers eingehend zu studieren. Bewegte Männer aus der genialen Feder Ralf Königs erlebten dort ihre nicht jugendfreien Abenteuer.

»Warum sind die Männer alle nackt, und was machen die auf dem Tisch, Papa? Tanzen die da zusammen?«

»Warum haben die Stiefel an, aber keine Hosen?«

»Wer ist dieser Prinz Albert?«

All das waren Fragen, die er schon nüchtern nicht beantworten wollte. Aber jetzt …?

Er war in grauenvoller Verfassung. Die Haare stachen wie tausend Nadeln in der Kopfhaut, die Zunge lag wie ein trockener Schwamm im Rachen, und das Hirn fühlte sich an wie ein zu prall aufgepumpter Radschlauch beim Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris–Roubaix. Anstatt zu antworten, stellte er dem Sohnemann den Fernseher an. Der konnte sein Glück nicht fassen. Fernsehen am frühen Morgen. Und endlich mal nicht nur das pädagogisch wertvolle Kinderprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, sondern die aufregenden Filme der sonst verbotenen Privatsender. Dem Kenianer brachten sie die erhoffte Ruhe vor den Fragen.

Er rettete sich durch den trainingsfreien Tag. Am frühen Abend fand er die alte Regel bestätigt, dass ein Kater am besten mit dem Getränk bekämpft wird, das ihn verursacht hat. Nach einer Flasche Bier fand er die Lebensgeister wieder, nach der zweiten konnte er dem Tatort folgen, und nach der dritten spulte er im Kopfkino noch mal die Einzelheiten der langen Distanz ab.

Er fühlte sich eisern. Jetzt durfte er endlich faulenzen. Er freute sich auf zwei Wochen ohne Sport, auf die detaillierten Wettkampferzählungen im Freundes- und Kollegenkreis und den anschließenden Urlaub ohne Trainingspläne. Er war ein Langdistanz-Triathlet geworden!

Fettstoffwechsel

In zwei Wochen würde er endlich in den Urlaub gehen, bis dahin mussten seine Kollegen noch unter den detaillierten Schilderungen seiner Wettkämpfe leiden. Jeden Tag bereicherten neue Einzelheiten die Geschichten von seiner Triathlon-Saison: wie er mit dem schnellen Wechsel die übrigen Teilnehmer geschockt hatte … wie es ihm meisterhaft gelungen war, die Renntaktik den Wetterbedingungen anzupassen … wie er trotz der schweren Gesichtsverletzungen, die er sich im Finale bei einem »unglücklichen« Zusammenprall mit seinem Kontrahenten zugezogen hatte, den Weg ins Ziel gefunden hatte. Danach erhob er den zügigen Schlauchwechsel und die Geheimnisse innovativer Schuhschnürungen zu Themen von allgemeinem Interesse.

Er wurde nicht müde, seine Trainingsdisziplin zu preisen und die Wetterverhältnisse beim Wettkampf zu dramatisieren: »Und dann … ich im strömenden Regen … in vollem Tempo um die Kurve … da lag so ein Rookie auf der Straße … wäre beinahe reingesemmelt … rechts oder links vorbei ging nicht mehr … was sollte ich also machen? …« Er legte eine dramaturgische Kunstpause ein und deutete die Ruhe in der Kaffeeküche als atemlose Spannung. Er sah nicht, wie hinter ihm die Augen verdreht wurden.

»Raus aus dem Sattel, Lenker hochgerissen, Fersen unter’n Arsch und mit ’nem ordentlichen Bunny-Hop über den Typen drüber. Mein Reifenprofil ist als Abdruck auf seinem Trisuit, aber Gott sei Dank ist sonst alles gutgegangen!«

Er bekam Sonderaufgaben zugewiesen. Praktikantinnen durch den Betrieb führen. Auch diese Gelegenheit nutzte er, um den Wettkampftag neu aufzurollen und den wehrlosen Schülerinnen sein Fotoalbum von der Langdistanz zu präsentieren. Die Kollegen zeigten sich dankbar, als er endlich den Urlaub antrat. Klar, es war schon beeindruckend, was er da geleistet hatte, aber das wollten sie trotzdem nicht jeden Tag und jede Stunde hören.

Vierzehn Tage Family-Wellness hatten sie gebucht. Es lockte ein Clubhotel, in dem gestresste Großstädter bei sanften Ölgüssen ihre Wurzeln wiederfinden sollen, während das geschulte Personal ihnen die Kinder so lange wie möglich vom Leib hält. Und tatsächlich: Der Sohnemann verabschiedete sich Tag für Tag schon zur frühen Morgenstunde in die Obhut gut gelaunter Betreuerinnen, derweil sich der Kenianer und das Weib in den geschlechtergetrennten Spas aus dem Weg gingen.

Es war etwas unklar, was der Sohnemann den ganzen Tag trieb, aber da er sich zufrieden und gewohnt wortkarg zeigte (»Wie war dein Tag?« – »Schön«; »Wie war das Essen?« – »Lecker:«; »Was gab es denn?« – »Hab’ ich vergessen!«), gab es keinen Grund, der Wahrheit über das tägliche Treiben des Filius auf den Grund zu gehen.

Das Weib war mit immer neuen Masken und Packungen beschäftigt. Und solange der Kenianer brav bestätigte, dass ihre Haut immer frischer und straffer wirkte, war ihre Urlaubsbeziehung intakt.

Er selbst gehörte zur Wellness-Fraktion. Im flauschigen, weißen Bademantel ging er jeden Morgen auf der Suche nach Einkehr und Erholung in den »Men’s Club«. Er startete in der japanischen Bäderwelt. Asiaten scheinen ein besonderes Talent für Entspannungstechniken und Gesundheitspflege zu haben. »Warum stürzen sich japanische Manager dann ins offene Messer anstatt ins warme Wasser, wenn ihre Welt aus dem Lot geraten ist?«, fragte er sich zuweilen. »Warum ist die ayurvedische Medizin für westliche Besserverdiener gut und teuer, während in Indien die Massen an Typhus und Malaria leiden?« Und vor allem: »Wie soll ich mich mit den schmerzenden Knien im Lotussitz entspannen?«

Mit dem großen Fruchtsaft in der Hand schlurfte er in die »Recreation Lounge«. Dort, im wohltemperierten Raum, nickte er zu sphärischen Klängen zum ersten Mal ein.

Der Wecker seiner Sportuhr riss ihn aus den Walgesängen. Er hatte einen Termin mit heißen Steinen. Eine junge Frau begann, nach uraltem Ritus Stein um Stein auf seinem großen Rücken zu verteilen, während sie im Schnelldurchgang deren Wunderwirkungen anpries. Neben Weltfrieden und ewiger Jugend versprach sie ihm den Abtransport von Schlackestoffen. »Des undastützt bei ana Diäd!«

»Diät? Was soll ich denn mit Diät?«, wollte er sie empört fragen. Doch er beließ es bei einem verständnisvollen Grunzen. Sie hatte die Steine nach den Lehren der indianischen Medizinmänner verteilt und überließ ihn den Effekten.

Nach vierzig Minuten war sie wieder da. »Hamse a bisserl gschlafa?«

Er schreckte hoch. Die Steine fielen laut polternd auf den polierten Holzboden. Ein Euro für eine Minute Schlaf! Das gleiche Ergebnis konnte er zu Hause Sonntag für Sonntag bei den Übertragungen der Formel-1-Rennen umsonst haben. Das einschläfernde Dröhnen der Motoren und der Singsang des Moderatoren-Duos wirkten genauso beruhigend auf ihn wie die teure Massage.

Das Mittagessen rief. Der Vorsatz, es beim Salat zu belassen, hielt bis zum Anblick der Hackfleisch-Lasagne unter der Wärmelampe. Danach rundeten Tiramisu und ein doppelter Espresso die spontane italienische Motto-Mahlzeit ab.

Mittagspause. Tiefenentspannt, aufgeweicht und satt schleppte er sich ins Zimmer. Das Weib war schon eingeschlafen. Im Bett mit Lisbeth Salander und dem tragischen Wissen, dass es keine Fortsetzungen der Stieg-Larsson-Krimis geben würde. Er zappte sich durch die Neuigkeiten, die die Sender im Kampf um Einschaltquoten aus den entlegensten Winkeln der Erde in sein Hotelzimmer transportierten, bevor auch ihm die Augen wieder zufielen.

Nach einer dreiviertel Stunde weckte ihn ein brennender Reflux. Die Lasagne war auf dem Rückweg. Ein Liter Wasser aus verchromten Wasserhähnen wies ihr wieder die richtige Richtung.

Dann war es Zeit für den Sport. Laufen, Radfahren oder gar Schwimmen? Mitnichten! Allein der Gedanke, seinen vollen Magen durch Laufsport in Schwingungen zu versetzen, bereitete ihm Übelkeit. Er hatte seinen ersten Termin im »Men’s Gym«.

Früher, als das »Men’s Gym« noch »Kraftraum« hieß, war er mit seinen Kumpels häufig an den Geräten gewesen – im Kampf um einen freibadtauglichen Brustmuskel. Laut brüllend rangen die pubertätsgeplagten Jünglinge auf verschwitzten Lederbänken mit schwankenden Freihanteln. Um die Lenden ein breiter Gurt, in der Nase der Dunst von kaltem Männerschweiß. Frauen kamen nur zum Saubermachen in diese Testosterontempel. Und dem Geruch nach zu urteilen, auch nur äußerst selten.

Im »Men’s Gym« schrie niemand mehr. Die einzigen Geräusche lieferte der Fernseher, vor dem in stiller Eintracht Bürohengste Pedalachsen rotieren ließen. Wahlweise war noch Sturzprophylaxe auf bewegtem Boden im Angebot: das Laufband. Kein breiter Lendengurt. Kein Schweißspritzer auf den sauberen Armaturen. Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck wurden polierte Gewichtsplatten bewegt. Einziger Lichtblick war die dralle Sport studentin, die ihn im figurbetonten Fitness-Outfit in Empfang nahm.

»Erzähl mal ausnahmsweise nicht von deinen Heldentaten auf der Langdistanz«, hatte das Weib ihn noch ermahnt. »Das glaubt dir nach drei Wochen ohne Sport eh keiner mehr.« Den Zusatz hätte sie sich natürlich sparen können, aber er hielt sich trotzdem an ihren Rat und präsentierte sich bescheiden als Schreibtischtäter, der um die Erstellung eines Trainingsplans bitte.

Dass Ruhepuls und Blutdruck bedenkliche Höhen erreichten, lag wohl mehr an seinem üppigen Mittagessen, den eindrucksvollen Kurven der Sportstudentin und ihrer körpernahen Methode der Herzfrequenzmessung als an einer manifesten Kranzgefäßschädigung. Schon nach wenigen Augenblicken auf dem Hamsterrad erklang ein hochtönender Alarm, und sie mahnte ihn freundlich zur Entschleunigung.

»Machen Sie langsam! Vor allem, wenn Sie es nicht so gewohnt sind.«

»Wenn du wüsstest, Mädchen«, dachte er still. »Was ich in diesem Jahr an Kilometern auf dem Fahrrad geschafft habe, fährst du bestimmt nicht im Auto.« Trotzdem drosselte er brav das Tempo, bis der Puls zu einem meditativen Bongoschlag verkam. Dann erzählte sie noch etwas von absoluter und relativer Fettverbrennung.

»Was hab’ denn ich mit Fettverbrennung zu tun?«, dachte er empört. »Außerdem … das musst du gerade sagen!« Wobei er sich verstohlene Blicke auf das üppig sortierte Rippengold gönnte.

Eine Stunde langweilte er sich an den Chrommaschinen und bewegte Gewichte. Begleitet von Bildern sprudelnder Ölquellen im Golf von Mexiko und den Neuigkeiten aus dem Sommerloch stärkte er seine Rumpfmuskulatur für den Alltagstrott.

Beim Abendessen kombinierte er den Fitness-Teller mit den Erzeugnissen lokaler Brauereien. »Ich habe schon tagsüber so viel geschlafen, da muss ich jetzt etwas für meine Bettschwere tun«, erklärte er dem Weib. »Außerdem predigst du doch immer, dass man regionale Produkte unterstützen soll.«

Am Morgen quälte ihn ein leichter Kater. Er hatte schlecht geschlafen und brauchte Erholung. Genau die richtige Verfassung, um sich einem neuen Tag voller Entspannungsverheißungen hinzugeben …

Das Joschka-Syndrom

Auch drei Wochen nach der Rückkehr aus dem Wohlfühlparadies für Stadtmenschen standen seine Laufschuhe noch immer unangetastet im Schrank. Der Dreck des letzten Wettkampfs klebte einsam unter den Sohlen. Seit diesem Tag hatte er keinen richtigen Sport mehr betrieben. Die Fettverbrennungseinheit unter vollbusiger Pulsdiktatur würde er auch bei bestem Willen nicht mit dem Begriff »Sport« in Verbindung bringen wollen. Zu echter, weil anstrengender und schweißtreibender Körperertüchtigung konnte er sich einfach nicht mehr aufraffen. Wozu auch? Hatte er nicht sich und allen anderen gezeigt, zu welchen Großtaten er fähig war? Er hatte eine Langdistanz absolviert! Was wollte er mehr?

Noch eine Zeit lang präsentierte er seine Wettkampfergebnisse jedem, der nicht schnell genug das Zimmer verlassen konnte. Doch Freunde und Kollegen zeigten sich zunehmend genervt von seinem Triathlon-Latein. Immer häufiger entzogen sie sich seinen Erläuterungen mit Hinweisen auf »das Archiv, wo ich dringend noch was holen muss«, oder »den Sohn, der schnell noch zum Töpferkurs gebracht werden möchte«. Was aber immer noch besser war als die Frage, ob er »Alzheimer, oder was?« hätte, weil er das »ja gestern schon« erzählt habe und »das mit der Wahnsinns-Endbeschleunigung« inzwischen wirklich »jeder hier im Haus begriffen hat«. Ja, so war das mit der Vergänglichkeit des Ruhms.

Es kam noch schlimmer. Nach und nach verlor er sogar selbst die Lust an seinen Wettkampferinnerungen. Ganz zu schweigen von der Freude an satellitenüberwachter Bewegung und dem Streben nach besseren Durchschnittsgeschwindigkeiten. Es wurde ihm zunehmend egal. Er fand Pulskurven unwichtig und Ergebnislisten nach der hundertsten Kontrolle langweilig. Selbst sein Lieblings buch, der tonnenschwere Katalog des Radsportversands, lag schon seit Wochen unberührt auf dem Nachttisch. Das war das letzte, untrügliche Zeichen, dass er sich auf dem Weg in die große Sportler-Depression befand. Litt nun auch er am gefürchteten »Joschka-Fischer-Syndrom«?

Mit diesem Begriff beschreibt der Sportwissenschaftler Hans Stollenwerck jenen Läufertypus, der nach einigen erreichten Zielen wieder in seine alten Verhaltensmuster zurückfällt und sich vom kurzfristig und exzessiv betriebenen Sport wieder abwendet. Normalerweise betrifft dies vor allem »Ein-Mal-Eventsportler«: Menschen, denen vor einem Jahr plötzlich klar geworden ist, dass ein teurer Wettkampf mit prominentem Label eigentlich ihr langgehegter Lebenstraum ist. Zwölf Monate lang stellen sie ihr Leben auf den Kopf. Exklusive Schwimmseminare werden gebucht, und das Rauchen wird von heute auf morgen zu Gunsten eines Dreierzugs eingestellt. Aktienfonds werden abgestoßen, um einen Carbonrenner anzuschaffen, auf dem sie ihre verschütteten Radfahrerfahrungen aus Erstsemesterzeiten wachrufen können. Die Flaute in der Agentur kommt plötzlich wie gelegen, bietet sie doch Zeit zu ausgiebigen Trainingseinheiten. Akribisch arbeiten sie den Trainingsplan ab, der ihnen von einem Personal Coach im Anschluss an einen spirometrisch unterstützten Laktattest auf den Leib geschrieben wurde.

Auf den letzten Metern ihres großen Tages begreifen die »Ein-Mal-Eventsportler« dann, dass ihr Ziel erreicht ist. Ein Jahr außergewöhnlicher Marter hat sie zu diesem Moment geführt. Und bevor sie vor lauter Selbstergriffenheit weinend zusammenbrechen, schleifen sie die Kinder fürs Beweisfoto über den Zielstrich und widmen den Lauf ihrem Lebenspartner – in völliger Fehleinschätzung der ehelichen Belastungen durch eine mehrmonatige Wettkampfvorbereitung.

Und nun …? Was kommt jetzt? »Schmerz vergeht, Stolz bleibt!«, ist ein beliebter Motivationsspruch für Ausdauersportler. »Leistungsfähigkeit vergeht, Kalorienbedarf bleibt!«, orientiert sich leider näher an der Lebenswirklichkeit.

Der Körper signalisiert, dass der Wettkampf ein ernährungsphysiologischer Notfall war, für dessen erneutes Auftreten er in Zukunft mit ausreichenden Reserven gewappnet sein will. Mit Chips, Mohnstriezeln und Hefeweizen befrieden die Event-Sportler nun ihre Ur-Instinkte und gewinnen schnell wieder an Gewicht und Trägheit. Im trügerischen Glauben, endlich selbst so eine Sportskanone zu sein wie das talentierte Nachbarkind, das früher immer als leuchtendes Beispiel herhalten musste, machen sie erst mal Pause.

»Bald fange ich wieder an. Aber nicht heute und auch nicht morgen.« Schon nach wenigen Wochen ist die Form im Keller. Zaghafte Laufversuche führen nur zu neuerlicher Frustration. Langsamer und erschöpfter als zuvor schleppen sie sich nach Hause und füllen die Leere des Feierabends erst mal mit einem Bier. Spätestens mit dem zweiten kommt der hehre Vorsatz, ab morgen wieder richtig zu trainieren.

Am nächsten Tag beginnt der Kampf von neuem. Nach wenigen Monaten in dieser Abwärtsspirale sieht der Event-Sportler aus wie Joschka Fischer wenige Jahre nach seinem beeindruckenden Marathondebüt. (Anm.: Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass der ehemalige Außenminister kein »Ein-Mal-Sportler« gewesen ist. Er hat es immerhin auf drei Marathon-Teilnahmen gebracht.) Ganz so weit war der Kenianer zwar noch nicht, aber ein kleines Stück dieses vorgezeichneten Weges war auch er schon gegangen. Er nahm zu, die Form nahm ab, und Sport machte ihm keinen rechten Spaß mehr.

Das Weib sah es mit Sorge. Eine Zeit lang hatte sie gehofft, dass weniger Sport mehr Familienleben bedeuten würde. Doch sie hatte sich getäuscht. Dass er immer mehr Ähnlichkeit mit einem korrupten afrikanischen Staatenlenker als mit einem gazellengleichen Wunderläufer bekam, war ihr egal. Aber dass ihr Mann mit weniger Trainingszeit zu einer übellaunigen Sofakartoffel wurde, ging ihr kräftig gegen den Strich. Was war das denn für ein Vorbild für den Sohnemann? Sie grübelte, wie sie ihn wieder in sportliche Bahnen lenken könnte. Doch ihr vorsichtiger Hinweis auf das schlechte Beispiel des ehemaligen Außenministers brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil. Es gab einen Streit, der in seiner Anspielung auf die vier Ehen des Herrn Fischer gipfelte. »Da habe ich ja noch ordentlich was nachzuholen …«

So konnte es nicht weitergehen, beschloss sie. Lieber einen Triathlon-Junkie mit wenig Zeit für gemeinsame Sonntagsausflüge als eine Couch-Potato im Haus. Und da sein Ehrentag näherrückte, fragte sie sich, ob ihn vielleicht das richtige Geschenk auf den Pfad der Körperertüchtigung zurückbringen würde.

Aber was könnte das sein, das richtige Geschenk?

Nur keine Ausrüstung, so viel stand fest. Unmengen von Funktions-Shirts und Laufhosen quollen längst aus allen Winkeln des Kleiderschranks. Und Stützstrümpfe oder Schwimmpaddels boten noch lange nicht die Gewähr, dass er sich aus dem Sessel erheben würde.

Doch dann dämmerte es ihr langsam. Hatte er nicht einmal etwas erzählt von Heldengeschichten auf mäanderndem Asphalt? Von grandiosen Herausforderungen, einmaligen Naturerlebnissen und den letzten Prüfungen, die das Leben für zivilisationsgeplagte Stadtmenschen bereithielt? Ja, sie wusste, was sie tun würde. Mit einer Idee im Kopf machte sie sich auf die Suche …

Geburtstagsfreuden

Seinen Geburtstag beging er so, wie es Großstädter in ihren Vierzigern üblicherweise tun. Die Kinder waren bei Aufsichtspersonen, der Laptop hing an der Stereoanlage, und das Bierfass stand in der Küche. Es gab Häppchen und einen großen Topf Bio-Chilli con Bio-Carne. Danach Espresso, gewonnen aus glücklichen Kaffeebohnen, gepflückt von fröhlichen Landarbeitern mit Sozialversicherung. Immer weniger Raucher sammelten sich mit schlechtem Gewissen vor der Türe, und ab halb elf taten alle so, als ob sie noch achtzehn wären.

Es wurde wild getanzt, viel getrunken und ausgiebig Unzucht gespielt. Laszive Latte-Macchiato-Mamis gaben den Vamp, und die Männer zeigten das Selbstbewusstsein, das sie sich in vier Jahrzehnten mühevoll erarbeitet hatten.

Gegen zwölf war es so weit. Marius Müller-Westernhagen weckte die letzten Erinnerungen an eine wilde Jugend. »Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, mit Pfefferminz, mit Pfefferminz, mit Pfefferminz bin ich dein Prinz …« Das Wohnzimmer bebte. Der Kenianer hüpfte schweißnass zwischen Unternehmensberatern und Marketingfachfrauen auf und ab.

»Hey, mach mal: Mit achtzehn!«, befahl der Ortsgruppenvorstand der Freien Liberalen dem Herrscher über die Musikdateien. Dem allgemeinen Zustimmungsgejohle folgte die unangenehme Stille zwischen zwei Liedern.

»Geht klar! Wo habe ich das noch gespeichert?« Der Mann am Laptop suchte hektisch. »Ich habe es gleich!« Peinliche Ruhe vor dem Sturm.

Der Kenianer sehnte sich zurück nach den Zeiten, als man am Morgen nach einer durchzechten Nacht die CDs aus dem Abtropfeimer des Bierfasses fischen musste, als am CD-Player noch das Recht des Stärkeren den nächsten Titel bestimmte und mindestens sieben Hüllen kaputtgehen mussten, damit die Party als gelungen durchgehen konnte.

»Ich hab ein Luxus-Auto …« Die Menge formierte sich im Kreis. »… Ich hab ’ne tolle Wohnung … nur was mir fe-he-helt. Ja, was mir fe-he-he-helt. Das ist ’ne richtige Dröhnung!« Und ab ging die Post.

»Mit achtzehn rannt’ ich in Düsseldorf rum …« Der Abi-Jahrgang ’88 begann zu rocken. »… war Sänger in ’ner Rock’n’Roll-Band …«

»Wir verdienten vierhundert Mark pro Auftritt …« Ein Gast, der jeden Morgen seinen Sohn mit dreihundertzwanzig Pferdestärken zur Schulpforte kutschiert, kniete zur Luftgitarre am Boden und zuckte im Takt.

»Ich möchte zurück auf die Straße, möcht’ wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut! Denn Gold find’ man bekanntlich im Dreck, und Straßen sind aus Dreck gebaut …«

Ja, Dreck und Straßen. Auch der Kenianer wollte wieder zurück. Zurück auf die Straße. Wenn auch nicht unbedingt im Westernhagenschen Sinne. Er wollte wieder zurück in den Sattel und auf die schmalen Reifen. Das Radfahren, es hatte ihm doch gefehlt.

Er war nüchtern geblieben und freute sich schon auf den nächsten Morgen. Aber: Wie sollte er seine Partygäste nur rechtzeitig loswerden? All die Leute, die sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren in so verschiedene Richtungen entwickelt hatten. »Bescheuerte Autovorlieben«, warf der Kenianer dem Freund vor, mit dem er einst durch Goa getrampt war. Der konterte mit »pathologischem Sportkonsum«, und danach hatten sie sich wieder lieb und schwelgten für wenige Stunden in alten Zeiten.

Die Sorge um zu späte Gäste, die nicht gehen wollten, löste sich bald von selbst. Im Gegensatz zu den wirklich wilden Partys der Jugend sind die Feste der Mittvierziger schnell vorbei. Babysitter, Bürokram, Gemeindefeste, Golftermine, akute oder drohende Kopfschmerzen sprengen die Gesellschaft spätestens gegen halb eins.

Ihm war es recht. Denn er hatte am nächsten Morgen einen Termin mit seinem Fahrrad. Viel zu lange schon hatte es beschäftigungslos im Keller gestanden. Doch jetzt endlich brannte in ihm wieder die Sehnsucht nach übersäuerten Muskeln und Unterzuckerung.

Es war sein Weib, das ihm den Sportsgeist zurückgegeben hatte. Zum Geburtstagsfrühstück hatte ein unscheinbarer Umschlag auf dem Tisch gelegen. »Wie immer ein Gutschein«, dachte er zunächst. »Hosen vielleicht?«

»Du brauchst neue Hosen. Irgendwie sind die alten alle eingelaufen«, hatte sie vor wenigen Tagen augenzwinkernd gesagt. Nicht nett, aber wahr. Doch es war kein Hosengutschein. Auch kein Kochoder Tanzkurs, mit denen Frauen gerne ihre Männer martern.

Der Briefkopf eines Radreiseveranstalters weckte sein Interesse. Gespannt begann er zu lesen. Und dann …

… verschlug es ihm den Atem. Unmöglich! Gott sei Dank, dass er schon saß. Taumelnd hing er über dem Eierbecher. Eine Alpenüberquerung! Mit dem Fahrrad. »Du spinnst!«, stammelte er und las gespannt weiter.

Da stand etwas von etlichen hundert Kilometern und sechstausend Höhenmetern an vier Tagen zwischen Tegern- und Gardasee. Er schluckte. Wie sollte er das schaffen?

»Wie soll ich das schaffen?« Er hatte doch schon so viel zugenommen.

»Ich habe doch schon so viel zugenommen.«

Sie grinste.

»Dann wirst du wohl mal wieder trainieren müssen.«

Blanke Angst oder nackte Freude? Er konnte sich nicht entscheiden. Was für eine Herausforderung! Gegenden, die er nur aus Sportübertragungen kannte. Steigungen, gegen die jede Tour durchs Düsseldorfer Umland lächerlich war. Das konnte er nicht.

»Das kann ich nicht!«

»Sicher kannst du das! Du hast noch fast ein Jahr Zeit. Stell dich mal nicht so an.« Sie hatte seine Zweifel erwartet und war vorbereitet: »Lance hatte erst Krebs und hat danach sieben Mal die Tour gewonnen. Du hast nur Übergewicht!«

Das war trotz aller Vorbehalte gegen den texanischen Tour-Dominator überzeugend. Er entschied sich zaghaft für Vorfreude und erkundete im Internet den Streckenverlauf.

Was für ein Geschenk! Mit einem Schlag war der Sport in sein Leben zurückgekehrt. Hatte er noch gestern gedacht, dass fünftausend Meter Laufen unglaublich viel ist und ein Schwimmbadbesuch vor allem ein zweifelhaftes Sonntagsvergnügen mit Kindern, so änderte dieser Umschlag alles.

Plötzlich konnte sich der Kenianer nicht mehr gedulden. In den frühen Morgenstunden nach seinem Geburtstag sattelte er sein verstaubtes Rad. Den Tacho klebte er aus Angst vor niederschmetternden Geschwindigkeiten vorsorglich ab. Er genoss den Wind und das Licht des Spätsommers auf dem Radweg am Rhein. Am Altstadtufer fanden sich nur noch einige frischverliebte Pärchen, die von der Nacht an der längsten Theke der Welt übriggeblieben waren.

Er wollte fahren. Er wollte seine Vorbereitung auf endlose Serpentinen in den Alpen beginnen. Ein Mal Leverkusen und zurück? Der Rückenwind machte ihm die Entscheidung zu leicht. Sicherlich war es nicht klug, ohne Training hundert Kilometer aus dem Ärmel zu schütteln, aber die leichten Tritte begünstigten die fatale Entscheidung.

»Ach was! Ich habe doch vor wenigen Monaten noch Triathlon-Strecken unsicher gemacht, die länger waren. Da kann doch eine Sonntagsfahrt am Rhein kein Problem sein!«, beschloss er.

Zwei Stunden später leuchtete ihm das strahlende Kreuz des Südens entgegen. Das Logo des Chemiegiganten markierte seine Wendemarke.

Das Café mit Rheinblick bestätigte die Regel, dass schöne Aussicht und guter Kuchen nicht zusammen zu bekommen sind. Aber er brauchte Kalorien, um wieder nach Hause zu kommen.

Nachdem er die Rheinseite gewechselt hatte, machte er sich auf den Rückweg und bekam schnell die Quittung für die beschwingte Hinfahrt.

In Worringen, wo sich 1288 der Erzbischof von Köln und Johann von Brabant bekämpft hatten, schlug er seine Schlacht mit den Elementen. Verdammter Wind! Verdammte Kilometer! »Wie konnte ich nur so blöd sein, untrainiert hundert Kilometer fahren zu wollen!« Er verfluchte sich und seinen Übermut. Verzweifelt kalkulierte er Taxipreise. Das Ergebnis seiner Berechnungen aber ließ ihn auf dem Zahnfleisch weiterfahren.

Und was waren schon ein paar Kilometer Gegenwind gegen Alpenpässe? Nur ein schwacher Vorgeschmack auf das, was ihn in einigen Monaten erwarten würde. Mit weichen Beinen und leerem Magen kam er zu Hause an, wo das Weib in vorausschauender Fürsorge die Reste des Geburtstagskuchens gerettet hatte. Gegen alle Trainingsregeln war er aus dem Nichts hundert Kilometer gefahren. Aber er hatte es geschafft. Das war sein Anfang!

Nur noch halb lebendig schleppte er sich unter die Dusche und träumte von einer Form, mit der er über die Alpen kommen würde.

Gruppenzwänge

Es gibt viele Dinge, die schlimmer sind, als nach langer Pause wieder aufs Rennrad zu steigen. Aber eines dieser Dinge ist, nach langer Pause wieder mit dem Laufen zu beginnen. Die Schwerkraft schlägt gnadenlos zu, weil keine Kugellager zwischen dem Sportler und der Erdanziehung wirken. Und nur zwei leichte Sportschuhe dämpfen den einsamen Kampf gegen die Physik.

So waren Puddingbeine, Schmerzen und Muskelkater vorprogrammiert, als der Kenianer nach mehreren Wochen Abstinenz die Laufschuhe schnürte. Das wusste er. Deshalb wollte er beim Neuanfang auf keinen Fall bekannte Gesichter. Er wollte keine mitleidigen Blicke der Nachbarn und vor allem keine Läufer aus seiner Heimat, die ihn überraschend überholen würden. »Kommt nicht in Frage! Wie sieht das denn aus, wenn all die Fußkranken aus meinem Hausrevier auf einmal schneller sind als ich?« Nein, auf seiner Hausrunde würde er erst wieder laufen, wenn er sich im Fünfer-Schnitt unterhalten könnte.

Er fuhr zur Duisburger Regattabahn. Dort waren immer massenhaft Sportler unterwegs. Selbst in schlechter Form würde er hier noch einige langsamere Läufer finden. Und wenn es nur der Ü60-Lauftreff der katholischen Frauengruppe wäre, der sein geschundenes Ego aufbauen sollte. Denn auch wenn er es ungern offen zugab: Überholen war ihm wichtig. Mal wortlos mit starrem Blick nach vorne, mal mit einigen überheblichen Worten der Aufmunterung auf den Lippen. »Ich laufe dann mal mein Tempo weiter. Du weißt schon, ich will meinen Rhythmus nicht verlieren …« Besser ließ sich ein Läufer-Smalltalk nicht beenden.

In der Hoffnung auf viele Überholvorgänge parkte er am schönen Sportpark Wedau und machte sich auf den Weg zur beleuchteten Laufstrecke an der Regattabahn. Fünf markierte Kilometer, die Läuferherzen höher schlagen lassen.

In der Dämmerung startete er in den Herbstabend. Doch wo war sein Tempogefühl? Wo sein Rhythmus? Wohin die Leichtigkeit seiner Schritte? Alles war weg. Verloren in den letzten drei Monaten. Ausgedünstet in die Sofakissen. Die ersten Meter fühlten sich an, als ob er noch nie zuvor gelaufen wäre.

Mühsam kramte er gerade das Laufprogramm aus den Tiefen seines motorischen Gedächtnisses, als auch schon eine Gruppe gemächlicher Läufer vor ihm auftauchte. »Hervorragend! Sicher alte Männer beim pulsgesteuerten Koronarsport.« Er drückte den Rücken durch und betätigte die Läuferhupe. Kräftig ließ er den schweren Laufschuh ein Mal über den Schotter schleifen.

Der letzte Läufer blickte sich verschreckt um. »Ey Jungs, macht mal Platz, Laufgranate von hinten!« Allgemeines Gekicher. Er platzte vor Stolz, als sie ihm die Gasse öffneten. So schnell hatte er gar nicht auf Triumphe gehofft. »Tag, die Herren!«, rief er großmütig. »Immer schön auf den Puls achten …« Seine Form hatte mehr gelitten als die große Klappe.

»Hallo, Kenianer! Wie schön, dass du endlich mal mitmachst. Bist zwar ein bisschen spät, aber wir sind sowieso noch beim Einlaufen.«

»Hallo Kenianer«? Hatte er richtig gehört? Wer in aller Welt hatte ihn hier in der fremden Stadt erkannt? Jetzt erst bemerkte er ihn. Aber nun war es zu spät …

Bernd! Früher hatten sie gemeinsam Fußball gespielt. Bernd war der Schrecken aller lokalen Stürmergrößen. Ein zäher und ausdauernder Wadenbeißer, Knöcheltritte knapp über der Grasnarbe waren seine Spezialität.

Seit einigen Jahren aber war aus ihm ein friedlicher, vereinsorganisierter Triathlet geworden. Und immer, wenn sie sich über den Weg liefen, pries er die Vorzüge seiner Trainingsgruppe: »Wir ziehen uns gegenseitig hoch. Haben mehr Spaß am Wettkampf und lassen es im Trainingslager in Spanien ordentlich krachen. Komm doch auch mal vorbei …«

Nun, vor allem die Sache mit der Woche auf »Malle« klang natürlich verlockend, aber nach den vielen Jahren bierernsten Amateurfußballs wollte der Kenianer sich nicht mehr auf fremdbestimmte Wochenpläne einlassen. Und die Trainingswoche auf Mallorca würde sicher nicht auf Gegenliebe des Weibes stoßen. So hatte er stets fadenscheinige Ausreden gefunden, warum er dienstags nicht zur gemeinsamen Laufrunde an der Regattabahn kommen konnte: »Überstunden machen. Die Firma braucht mich. Leider! Sonst immer gerne.«, »Der Sohnemann ist krank!«, »Ich habe einen Termin zur Atemgasanalyse und Leistungsdiagnostik.« …

Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Was war heute noch mal für ein Tag? Richtig, Dienstag! Und welchen Ort hatte er sich ausgesucht, um bekannten Gesichtern aus dem Weg zu gehen? Ausgerechnet die Regattabahn! Wie sollte er aus der Nummer bloß wieder rauskommen? Vielleicht einen spontanen Milzriss vortäuschen? Belastungsasthma? Eine Wadenzerrung? Oder gar die Wahrheit sagen? Dass er gar nicht in Form war und nur zufällig hier? Nein, Schwäche zu zeigen, war seine schwerste Übung und kam nicht in Frage. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

»Klar. Ich wollte doch mal sehen, was ihr so macht! Was steht denn heute auf dem Trainingsplan?«

Vielleicht sah das Programm ja nur einen gemütlichen Regenerationslauf vor. Genau das Richtige für einen Herbstlauf nach einer langen Saison. Doch diese Hoffnung musste er schnell begraben.

»Fahrtspiel«, erklärte Bernd. »Einer darf drei Minuten bestimmen, dann fünf Minuten locker traben, dann der Nächste, wieder Trabpause und so weiter.«

Fahrtspiel! Die Wundertüte des Lauftrainings. Rasche Variation als Prinzip. Und als Grundvoraussetzung eine Bereitschaft zu außergewöhnlichen Übungen, von der man sonst höchstens in fragwürdigen Kontaktanzeigen liest: »Nichts muss, alles geht!«

Alleine wäre so was ja durchaus okay. Aber unter dem Druck von zehn Kerlen in ihren vermeintlich besten Jahren schwante ihm Übles. Denn moderne Männer machen sich das Leben unnötig schwer. Anstatt den Status in der Gruppe schlicht an der Körperkraft festzumachen, müssen inzwischen andere Kriterien her. Sei es die kumulierte PS-Zahl des Fuhrparks in der Garage, das Jahresgehalt, die Zahl der Google-Treffer für den eigenen Namen … oder auch – in der Welt laufender »Best Ager« ganz entscheidend – die Tempofestigkeit. »Wie lange und wie hart?«, bestimmt hier die Hackordnung.

»Kein Thema!«, hörte er sich sagen. »Wer fängt an?«

Im Geiste überschlug er, was ihn erwartete: drei Minuten intensiv, dann fünf Minuten besseres Spazierengehen, und das ganze mal zehn. In knapp anderthalb Stunden würde er aus diesem Alptraum heraus sein.

Ein fantasieloser Windhund zog das Tempo an. »Drei Minuten im Vierer-Schnitt«, lautete die Ansage. Sie hetzten im Gruppenverband die Schotterwege an der Regattabahn entlang, und es dauerte keine fünfzig Meter, bis der Laufcomputer des Kenianers lautstark »Pulsalarm« meldete. Vernichtende Blicke voller Mitleid trafen ihn. In der fünfminütigen Erholungspause bemühte er sich um seine Läuferehre.

»Sorry, Leute. Das war noch die Pulsobergrenze, die ich am Tag nach der Langdistanz zum Auslaufen eingestellt hatte.« Sie nahmen es ihm ab.

»Gott sei Dank gibt es an der Regattabahn keine Steigungen«, dachte er gerade, als ausgerechnet Bernd das Wort erhob: »Sollen wir nicht zur Sechs-Seen-Platte rüberlaufen, da können wir einige Hügel mitnehmen. Wir wollen unserem Gast doch etwas bieten, oder?«

Es traute sich keiner zu widersprechen. Verdammt! Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Horst befahl kurze Sprints auf den Aussichtshügel.

Fünf Minuten lockeres Traben reichten, um die Gruppe unheilvoll nah zur gelben Fußgängerbrücke zu führen. Hoch und steil ist sie, damit Freizeitkapitäne mit ihren Segelbooten unter ihr durchkreuzen können. Er ahnte, was kommen musste. Bernd war dran. Zwei Mal volles Tempo hin und zurück, hoch auf die Brücke und wieder runter! Solche masochistischen Spiele hatte er schon in der Saisonvorbereitung als Fußballer immer genossen. Auf dem Weg hinauf brannte die Lunge, auf dem Weg hinab die Oberschenkel. Milchsäurensatt hatte er fünf Minuten Zeit, sich auf die nächsten Schrecken vorzubereiten.

Rüdiger hatte an der Brücke erkennbar geschwächelt. Der Kenianer hoffte auf Milde. Doch vergebens. »Fünf Meter Abstand zum Vordermann. Fünfer-Schnitt, und dann spurtet immer der Letzte an die Spitze.«

Nach den drei Minuten war ihm speiübel. Tröstlich war lediglich, dass keiner mehr wirklich gut aussah. Aber niemand wollte sich eine Blöße geben und als Erster aufgeben. Und so ging es weiter mit Bockspringen, Slalomlaufen, Skippings und Antritten mit Partner auf dem Rücken. Willkommen im Boot-Camp für Erwachsene.

Alte Männer drillten sich im Kampf gegen die Zeit. Für eine kurze Unterbrechung der Qualen sorgte Kurt, der sich zuvor schon zwei Mal zum Pinkeln verabschiedet hatte. »Lauf-ABC für die Koordination!«

»Pah, Schwächling!« Der Kenianer dankte dem Himmel für die verlängerte Ruhepause, versuchte aber, einen gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Zum Schluss war es an ihm, der Gruppe den Rest zu geben. Er hatte sich etwas Besonderes ausgedacht.

»Simulierte Zweikämpfe. Spurt zwischen den Bäumen. Volles Wettkampftempo!«

»Hä? In den Wald? Runter vom Weg?« Kurt hatte den Ernst der Lage noch nicht begriffen.

»Na, klar! Das ist doch kein ordentliches Fahrtspiel, wenn ihr nicht ein Mal den Untergrund gewechselt habt!« Der Kenianer kannte die Regeln der Lehrmeister aus dem Effeff. Strafend blickte er in die Runde. »Wechselnde Untergründe und Unebenheiten gehören dazu! Aber bitte! Wer nicht mehr kann, darf gerne schon mal mit dem Dehnen anfangen …« Mehr brauchte es nicht, um die Gruppe zu überzeugen.

Zehn Triathleten sprinteten in den Wald, als wenn hinter jedem Baum ein Gratisrennrad aus Carbon auf sie wartete. In vollem Tempo stürmten sie auf die Bäume zu, als handelte es sich um Slalomstangen oder englische Verteidiger. Kurt schrie auf und sank theatralisch zu Boden wie Andi Möller im Karlsruher Strafraum. Eine ernsthafte Verletzung oder nur eine erneute Jahrhundert-Schwalbe? Der Rest ließ sich nicht aufhalten und stob weiter in alle Himmelsrichtungen auseinander.

Lediglich der Kenianer blieb stehen. Für ihn bot sich die Gelegenheit, unbeobachtet hinter einem Busch den Puls zu beruhigen. Er fühlte sich sowieso schon erbärmlich, da konnte er auf die abschließenden Spurts bestens verzichten.

Nach drei Minuten sammelte sich die Gruppe wieder auf dem Weg. Kurt jammerte über seinen geschwollenen Knöchel, und der Rest der Truppe trabte mit Schuhprofilen voller Hundedreck zurück zum Parkplatz.

»Super Idee, Kenianer! Querfeldein hatten wir bisher noch nie! Kommst du nächste Woche wieder?«

»Ganz bestimmt nicht!«, schoss es ihm spontan durch den Kopf.

»Nee, Bernd, leider nicht! Ich muss demnächst dienstags immer lange arbeiten. Der Dienstplan wurde umgestellt. Echt schade, denn es hat mir wirklich Spaß gemacht. So ein Fahrtspiel ist echt eine prima Abwechslung zwischen den ganzen harten Tempoläufen. Aber es geht wirklich nicht.«

»Schade, Kenianer. Du bist immer willkommen!«

»Danke! Tschüss zusammen!«

Unter anerkennendem Gemurmel wankte er davon. »Echt Klasse in Form, der Kerl! Hat zum Schluss ordentlich einen draufgesetzt!«

Wenn sie nur geahnt hätten, wie es wirklich in ihm aussah. Ihm war hundeelend. Viel zu viel hatte er sich zugemutet. Wochenlang hatte er nur gefaulenzt und gefuttert und nun mit dem ersten Lauf direkt ein absolutes Härtetraining absolviert.

Mit jedem Schritt von der Gruppe weg entglitten ihm die Gesichtszüge. Seine Maske fiel, als er außer Sichtweite war. Nein, es war nicht im Sinne der höheren Trainingslehre, das Ego an einer Gruppe Gleichaltriger zu testen. »Nie mehr im Leben werde ich dienstags an der Regattabahn auftauchen!«, nahm er sich fest vor. Kurz bevor er sich heftig in die Büsche erbrach.

Das erste Mal

Mit zittrigen Knien und ungesunden Flecken im Gesicht saß er im Auto und steuerte den Wagen nach Hause. Der Neueinstieg ins Laufen war schmerzhaft gewesen. Wie so vieles, was man noch nie oder zumindest lange nicht mehr gemacht hatte.

Was könnte das Leben doch schön sein, wenn man sich die Premieren sparen könnte, überlegte er. Wenn man alles schon beherrschen würde und sich nicht nachts im Bett voller Unheilserwartungen wälzen müsste. Wenn es nicht für alles ein erstes Mal geben müsste.

Mit neun Jahren hatte er mit atemloser Spannung das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 1978 gegen Polen verfolgt. Das Spiel war fad und langweilig, aber es war seine erste Weltmeisterschaft. Trotz seiner jungen Jahre war er sich der Tragweite des Ereignisses bewusst. Für ihn war alles neu und aufregend. Es folgte ein vierwöchiger Rausch aus Sammelbildern und Wandplakaten, in die er akribisch Ergebnisse und Tabellen eintrug – im festen Glauben, dass seine Favoriten zum Schluss auch die letzte Partie des Turniers bestreiten würden. Und dann lernte er seine erste Lektion in Premieren. Sie können unheimlich schmerzlich sein. Seine Welt aus hochgesteckten Erwartungen brach krachend in sich zusammen, als ein Österreicher die deutschen Rumpelfußballer und den Neunjährigen aus allen Träumen riss.

Das erste Fußballspiel, das er selbst bestritt. Unauslöschbar die Erinnerungen an den netten Weltkriegsveteranen am Spielfeldrand, der mit Zigarillo im Mund und tonnenweise Pomade im Haar seine Rasselbande auf die Spiele vorbereitete. Der Geruch der gestärkten Baumwolltrikots, das kalte Wasser der Waschrinnen, die dunklen Umkleidezellen im Vereinshaus des Dorfklubs. Er wollte nicht spielen. Er hatte Angst. Es brauchte viel freundliche Überredungskunst, bis er sich zum Match gegen den übermächtigen Nachbarklub aufs Spielfeld traute.

Die erste Fahrstunde. Auf einem Verkehrsübungsplatz quälte er das Getriebe und den Vater auf dem Beifahrersitz. »Langsam kommen lassen …« Was konnte man nicht alles falsch machen in der verwirrenden Vielfalt von Pedalen, Schalthebeln und dem Lenkrad? Unglaublich, wie schwer das damals war. Kaum zu glauben, dass sein Vater es beherrschte.

Der erste Vollrausch. Da hatte er auch eine Menge verkehrt gemacht. Zehn gefüllte Weingläser auf der Schulgala zu leeren, war eindeutig ein Fehler. Anschließend hatten ihn seine Mitschüler nach Hause tragen müssen. Zwei Tage büßte er für die Selbstüberschätzung.

Aus manchen dieser Fehler lernte er, andere testete er immer wieder neu.

Es gab so viele erste Male, an die er eine starke Erinnerung für den Rest seines Lebens gespeichert hatte. Auf manche hätte er verzichten können. Der erste Liebeskummer und die erste Polizeikontrolle, der erste Abstieg seiner Fortuna und die erste vergeigte Prüfung … Andere Premieren zaubern noch heute ein Lächeln auf seine Lippen. Doch es gibt kaum eine Erinnerung, die stärker ist als die an seinen ersten Triathlon.

Triathlon-Premieren sind meist unwürdige Veranstaltungen. Wochenlanger Aufregung und Beschäftigung mit Bekleidungsfragen folgen anderthalb Stunden Volkstriathlon, bei denen in der Regel so ziemlich alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Zu spät am Start, Ärger mit den Kampfrichtern, Panikattacken beim Schwimmen, zeitraubende Wechsel, Ernüchterung auf der Radstrecke, das finale Straucheln mit offenen Schnürsenkeln auf der Laufstrecke.

»Du machst was? Triathlon?« Das damals dreizehnjährige Schwesterherz war verblüfft. »Ich dachte, das gibt es nur auf Hawaii?!?«

So wie sie dachten in den frühen neunziger Jahren viele. Doch sie existierten damals schon: die kleinen Veranstaltungen, bei denen sich mutige Abenteurer unbekannten Herausforderungen stellten. Es gab auch bereits Ligen und Kampfrichter, aber die Teilnahme am modernen Dreikampf war noch ein sehr exklusives Vergnügen.

»Aber sag mal, muss man da nicht so irre lange laufen und vorher 180 Kilometer Rad fahren?« Sie blickte ihren großen Bruder mit einer Mischung aus Sorge und Stolz an.

»Nee, nee. Es gibt auch kürzere Strecken. Ich mache bei einer Volksdistanz mit. Erst mal nur zum Ausprobieren. 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und dann noch eben fünf Kilometer Laufen.« Schwimmen konnte er, ein altes Rennrad stand im Keller, und die paar Meter geradeaus zu laufen, schien ihm keine Zauberei zu sein. Er fühlte sich bereit für einen kleinen Formtest, bevor er schnurstracks in die Weltspitze dieser Sportart vorstoßen würde.

Es waren noch jene Urzeiten, als Wettkampfanmeldungen mit der Post verschickt wurden. Bezahlt wurde mit Verrechnungsschecks. Die Abbuchung auf dem Konto galt als Anmeldebestätigung. Jeden Tag stand der Kenianer am Auszugsdrucker seiner Sparkassen-Filiale und prüfte den Status seiner Meldung. Irgendwann war es so weit. Der Verein hatte sein Geld angenommen, und er durfte starten.

Gänzlich unwissend, aber voller Hoffnung auf eine grandiose Karriere hatte er sich angemeldet. Und so fuhr er an einem schönen Sommertag nach Witten an der Ruhr. Er stand in der Blüte seiner Leistungsfähigkeit. Begleitet wurde er vom heftig pubertierenden Schwesterherz, das sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollte. Er hatte Unmengen an Bekleidungsstücken im Gepäck und einen Helm im Calimero-Style mit einem lilafarbenen Textilüberzug, der die Wespen abschrecken sollte.

Doch wie jeder Triathlon-Anfänger machte er sich auch Sorgen. »Was erwartet mich? Werde ich siegen oder mich blamieren? Werde ich untergehen oder stehe ich am Ende des Tages umjubelt auf dem Podium? Wie muss ich wechseln? Wo muss ich mich anmelden? Ist mein Fahrrad gut genug oder werden sie mich auslachen mit meinen Körbchenpedalen? Wie muss ich die Wechselzone präparieren, damit ich ohne Zeitverlust vom Schwimmen aufs Rad wechseln kann? Wie befestige ich die Startnummer, und was ist das überhaupt – eine Startnummer?« Und schließlich auch die Frage aller Fragen: »Schaffe ich das Ganze?«

Sie waren knapp dran. Eine Stunde vor dem Start kurvte er immer noch ums Gelände, um einen Parkplatz direkt neben der Wechselzone zu ergattern. Beim Einspannen des Hinterrades stellten sich die Akademikerkinder so ungeschickt an, dass ein vorbeikommender Athlet sich der Sache erbarmte und ihnen half. Der Kenianer stammelte kleinlaut, dass das gestern doch noch geklappt hätte, »da muss sich irgendwas verhakt haben«, bevor er sich einen schüchternen Dank abrang.

»Wo muss ich jetzt hin?«

»Ins Meldebüro!«

»Wo ist das?« (Und vor allem: Was ist das?)

Es wurde ihm beschrieben, und nach zwanzig quälend langen Minuten in einer zähflüssigen Schlange stand er mit der ersten Startnummer seines Lebens in der Hand vor einem neuen Berg unbeantworteter Fragen.

»Wo muss ich mit dem Fahrrad hin? Wo beginnt das Schwimmen? Wo ist die Toilette? Soll ich Socken anziehen oder lieber barfuß in die Laufschuhe schlüpfen? Warum haben all die anderen Plastikboxen mit geheimnisvollen Inhalten in der Wechselzone dabei? Was mache ich falsch?«

Bei der Eingangskontrolle des Rades monierten die Kampfrichter die fehlenden Stopfen an den Lenkerenden. »Da musst du noch was machen – bei einem Sturz kann sich der Lenker voll in den Oberschenkel bohren. So kommst du hier nicht rein!«

»Wie kleinlich!«, dachte er.

Die Existenz dieser Stopfen hatte er bis dato noch nie bemerkt, wie könnte er sie da vermissen? Außerdem war es noch die Zeit, in der man die Gurtpflicht als staatlichen Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte bewusst missachtete. »Ich bin in meinem ganzen Leben nicht gestürzt und habe es auch heute nicht vor. Wo soll ich 25 Minuten vor dem Start noch diese Dinger herkriegen? Ist das wirklich nötig?«

Ja, das war es. Die unerbittlichen Kampfrichter gaben ihm zumindest noch den Tipp, dass man die guten alten D-Mark-Stücke mit Klebeband auf den Rohrenden fixieren könnte. Mit vor Aufregung zitternden Fingern war es fast ein Ding der Unmöglichkeit, aber mit Hilfe seiner kleinen Schwester gelang ihm die Übung.

Achtzehn Minuten vor dem Start begann er darüber nachzudenken, wie er die Startnummer befestigen sollte. »Beim Radfahren hinten, beim Laufen vorne.« Das hatte ihm die freundliche Dame an der Anmeldung mit auf den Weg gegeben. Wie sollte das denn gehen? Er neidete einigen alten Hasen ihre vorgeknoteten Gummikordeln mit Sicherheitsnadeln.

»In fünf Minuten gehen die Volkstriathleten gesammelt zum Wasserstart!«, hörte er einen Offiziellen rufen.

»Oh, verdammt! Was mache ich jetzt mit der Nummer?« Er wurde zusehends hektischer.

Das Schwesterherz hatte mal wieder den rettenden Einfall: »Ich habe ein weites Shirt dabei. Daran mache ich die Nummer fest, und du kannst beim Wechsel vom Radfahren zum Laufen das Hemd einfach umdrehen. Das wird schon nicht stören, und für mich habe ich noch ein Holzfällerhemd dabei.« Hervorragend. Dreizehnjährige Schwestern waren doch nicht überflüssig.

Dankbar setzte er den Vorschlag um. Und dann ging es auch schon los. Etwa dreißig Teilnehmer wurden über Trampelpfade zu einem besseren Graben neben der Ruhr geführt, um fünfhundert Meter durch das trübe Wasser zu schwimmen. Er fühlte sich wie Störtebeker vor seinem letzten Auftritt. Warum hatte er sich das angetan?

Nach einer Wettkampfbesprechung, der er vor lauter Aufregung gar nicht gefolgt war, ertönte das Startsignal. Im Nachhinein erwies es sich als unklug, fünfhundert Meter Schwimmen mit einem Sprint zu beginnen. Schon nach einer Minute musste er völlig außer Atem den Stil wechseln. Mit wachsender Verzweiflung versuchte er immer wieder zu kraulen. Doch mal war es der störende Kontakt zum Nebenmann, dann der Griff in die Steine am Rand des Kanals und zu guter Letzt die Sauerstoffschuld, die ihn mehrfach anhalten ließen. Plötzlich wusste er, wofür in Schwimmbädern die schwarzen Linien am Boden gut waren. Im dunklen Wasser geradeaus zu schwimmen, war fast unmöglich.

»Sah die Wechselzone nicht vorhin noch ganz anders aus?«, schoss es ihm durch den Kopf, als er es endlich aus dem Wasser herausgeschafft hatte. »Wo um Himmels willen ist mein Fahrrad? Verdammt! Ich habe es doch eilig, warum hilft mir denn keiner?« Er rief nach seinem Stahlross, aber es antwortete nicht. Panisch rannte er durch die Reihen. Erst der helle Schrei der Schwester ließ ihn innehalten. »Du bist gerade dran vorbei! Fünf Meter zurück …« Was für ein Segen, eine kleine Schwester zu haben.

Eine gefühlte Ewigkeit brauchte er, um mit nasser Haut in das Baumwoll-Shirt zu schlüpfen, danach die Socken anzuziehen und zum Schluss die Joggingschuhe zu verschnüren.

»Du hast den Helm vergessen«, rief sie hinter ihm her.

Als das erledigt war, erschallte schon der nächsten Ruf. »Nicht in der Wechselzone fahren!« Ein Kampfrichter ignorierte sein Bestreben, so schnell wie möglich aufs Treppchen zu kommen.

»Was für ein Blödmann!«, dachte der Kenianer. »Merkt der nicht, dass er eine große Karriere im Keim erstickt?«

Endlich durfte er losfahren. Ungelenk und hektisch zwängte er die Laufschuhe in die Körbchenpedale und zog die Lederriemen fest.

Jetzt aber los! Volle Pulle voraus und Tempo machen. Tempo? »Oh, Mist, ich habe den Tacho vergessen!« Er ärgerte sich. Nun würde er zwanzig Kilometer komplett ohne digitale Rückmeldung absolvieren müssen.

Schon bald ging es steil bergauf. »Ach, die Rampe drücke ich auf dem großen Blatt weg«, hatte er auf den ersten Metern der Steigung noch selbstbewusst gedacht. Leider war die Rampe aber keine Rampe, sondern ein langer Anstieg und nichts für schwere Gänge. Mit den Füßen in den Körbchen und der Kette auf dem großen Blatt machte er Stehversuche. Hektisch wühlte er mit den Hebeln am Unterrohr im Getriebe und suchte nach einer kleineren Übersetzung. Doch unter voller Last wollte die Kette nicht so wie er. Gerade rechtzeitig, bevor ihn die Schwerkraft zu Boden warf, konnte er den Fuß aus dem Körbchen befreien. Er stieg ab, hob das Hinterrad und schaltete äußerst plump, indem er die Kurbel mit der Hand drehte. Nicht wirklich eleganter sah es aus, als er am Berg wieder anfuhr.

Nach quälenden Minuten am Limit war er oben angekommen. Er holte Luft und stürzte sich tollkühn in die Abfahrt. Im größten Gang trat er in die Pedale wie beim Ortsschildsprint mit seinen Kumpels und erreichte unvernünftige Geschwindigkeiten auf dem flatterhaften alten Stahlrahmen. Einige hundert Meter voraus weck te ein Teilnehmer seinen Jagdinstinkt. »Dich krieg’ ich noch, Freundchen!«

Wo genau er im Rennen lag, konnte er in dem verwirrenden Durcheinander der Startgruppen gar nicht sagen. Aber wenigstens diesen einen Platz weiter vorne wollte er sich noch erkämpfen.

Irgendwann endete seine wilde Radfahrt, und er kam mit brennenden Beinen in die Wechselzone gestürmt, wo er gleich mehrfach mit den Regelhütern des Triathlons aneinandergeriet. Erst überfuhr er die Markierung zum Absteigen (»Jaja, ist ja schon gut …«), dann riss er sich den Helm zu eilig vom Kopf (»Wie jetzt, erst am Wechselplatz ausziehen? Mann, Mann, Mann, was nehmt ihr es hier genau!«) und schließlich warf er sein Rad einfach auf den Boden und wollte losstürmen. Natürlich wurde er auch auf diesen Fehler hingewiesen. Verzweifelt stellte er sein Rad in den Ständer.

»Startnummer nach vorne!« Ach ja, stimmt. Im Laufen wühlte er die Arme aus dem T-Shirt, drehte es nach vorne und fand Gnade in den Augen der Kampfrichter.

»Was für eine glorreiche Idee«, dachte er und war seiner Schwester für den Einfall sehr dankbar. Weniger schön war aber, dass der Kragen des »Fruit of the Loom«-Shirts voller Abdeckpuder war. Die ersten Schminkversuche der kleinen Schwester hatten etwas von Kriegsbemalung. Sie bescherten ihm einen Wettkampf, den er immer als den Triathlon mit dem Pudergeruch in der Nase in Erinnerung behalten würde.

Er lief los und hatte noch das Tempogefühl fürs Radfahren im Kopf. Viel zu schnell ging er an. Auf den ersten 500 Metern trieb ihn das Adrenalin vorwärts. Zu dieser Zeit glaubte er noch, dass Sport nur dann Sport heißen durfte, wenn es heftig wehtat und er kaum noch Luft zum Atmen hatte. Und er dachte, dass es einen guten Triathleten auszeichnet, diesen Zustand so lange wie möglich zu ertragen. Schon bald kam die Quittung für den ungestümen Beginn auf der Laufstrecke. Atemlos drosselte er das Tempo.

Er hatte keine Ahnung von Kilometerschnitten, Pulswerten und Renneinteilung. »Fünf Kilometer können doch nicht weit sein, da werde ich Gas geben und schwuppdiwupp im Ziel sein.« Hatte er gedacht. Ums Laufen hatte er sich vorher die wenigsten Gedanken gemacht. Warum war es jetzt aber das Schwerste von allem? Er trug auch keine Uhr, wusste nicht, wie lange er schon gelaufen war. Irgendwann passierte er ein Schild mit der Aufschrift »Kilometer 1«. Wie jetzt? Erst ein Kilometer gelaufen? Unmöglich. Bestimmt war das die Markierung für den letzten Kilometer. Dieser Irrglauben trieb ihn hoffnungsvoll weiter. Der Puls hämmerte auf dem Trommelfell.

Allmählich aber dämmerte ihm, dass er sich auf der Laufstrecke immer weiter vom Ziel entfernte. Und tatsächlich: Anstatt ins Ziel zu fallen, musste er bald ernüchtert am Schild »Kilometer 2« vorbeilaufen. Es war noch nicht mal die Hälfte geschafft.

Mechanisch bewegten sich die Beine weiter, während der Geist in anderen Sphären weilte. Er träumte vom Sieg, vom Beginn einer großen Karriere, von Hawaii und Sponsorenverträgen, von Niederlagen und Blamagen, als ihm plötzlich der Gottvater des Triathlons vor die Füße lief. Mark Allen erschien ihm auf dem staubigen Weg. »Gleich kriegen sie mich! Jetzt fange ich auch schon an zu fantasieren!«

Mark Allen war zu jener Zeit der unangefochtene Star der jungen Sportart. Ein Jahrzehnt lang hatte er sie dominiert. Sieben Mal gewann er den Ironman Hawaii. Für den Triathlon damals wie heute die Lichtgestalt.

Wie eine Fata Morgana war er um die Ecke gebogen. Er tauchte hinter einem Busch auf und kam dem Kenianer auf der Laufstrecke entgegen. Mark Allen grinste, hob die Hand zum Gruß und war wieder verschwunden. Auch wenn der Kenianer sicher war, dass er nur einem Trugbild aufgesessen war, traf ihn in diesem Augenblick eine Erkenntnis wie der Blitz: »So gut wie der Typ wirst du nie im Leben! Diese Leichtigkeit, diese Eleganz und dieses Tempo wirst du nie erreichen. Und dabei noch freundlich grinsen, während ich mich hier abquäle. Triathlon ist wohl doch nicht mein Sport.«

Er schleppte sich über die letzten Meter. Ausgepumpt, am Ende seiner Kräfte und ohne wirkliche Hoffnung auf eine vielversprechende Platzierung.

Im Ziel wartete das Schwesterherz voller Ungeduld und Begeisterung auf ihn. Sie war mächtig stolz auf ihren großen Bruder. Sie ahnte nichts von seinen zerstörten Träumen und von den Halluzinationen, die ihn während der letzten Stunde begleitet hatten. Zwar ließ er sich gebührend feiern, doch im Stillen war er ernüchtert. Er hatte sich insgeheim mehr erhofft. Auch die Veranstalter nahmen die Frage nach den Ergebnissen nur achselzuckend entgegen. »Unter den Ersten bist du nicht! Da drüben auf der Tafel stehen die Sieger. Alle anderen kriegen in den nächsten Wochen eine Urkunde zugeschickt.«

Er hatte sich schon abgedreht und wollte zu seinem Fahrrad schleichen, als eine flüchtige Wahrnehmung seine Alarmglocken schrillen ließ. Was war das? Irgendetwas stimmt doch hier nicht, dachte er. Nochmal drehte er sich um und blickte zu den Ergebnistafeln.

Und da stand tatsächlich sein Name auf der Tafel. Mark Allen! Der gute Mann tingelte gerade durch Deutschland und war wirklich am Start gewesen.

Dass er doch nicht halluziniert hatte, war zwar tröstlich, aber es änderte nichts an der niederschmetternden Einschätzung seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Im Gegenteil. Er würde sich später nicht einreden können, dass er alles nur geträumt hatte.

Das mit dem Gewinnen würde also nichts werden. Und dennoch: Als er mit müden Beinen im Auto saß – das mühsam auseinandergenommene Rad im Fond und das Schwesterherz auf dem Beifahrersitz –, da stieg aus den tiefsten Fasern seines geschundenen Körpers doch noch Stolz in ihm auf. Immerhin hatte er drei Sportarten hintereinander in buchstäblich atemberaubender Weise hinter sich gebracht. Im Geiste ging er noch mal die Eindrücke des Tages durch, die in der Aufregung nur so an ihm vorbeigerauscht waren. Schwimmen, Radfahren und Laufen. Eigentlich ganz einfach. Aber doch wahnsinnig spannend!

Nackt im Netz

Es ist noch nicht lange her, da bestand das Abendvergnügen des Kenianers noch aus wenigen Fernsehkanälen, und die Parallelwelt des Internets war ihm herzlich egal. So einen Unsinn würde er gar nicht erst anfangen. Das hatte er sich auf seine mittelalten Tage geschworen. »Wie muss man drauf sein, um sich einfach so mit wildfremden Menschen zu verabreden? Warum stellen Leute Partyfotos von sich ins Internet?« Facebook, Second Life und YouTube waren für ihn fremde und verschlossene Welten. Und das war auch gut so. »Ich kann mir meine Zeit auch besser stehlen!«, hatte er damals noch behauptet.

Die Homeoffice-Zeit des Weibes bescherte ihm dann ungewollt einen Zugang zum Netz. Ohne viel Begeisterung suchte er hin und wieder nach neuen Informationen zu Triathlon-Veranstaltungen. Später dann meldete er sich gar per Online-Registrierung zu Wettkämpfen an, obschon ihm die Herausgabe seiner wertvollen Kontodaten an Sportvereine zunächst noch beinahe körperliche Schmerzen bereitete.

Eines Tages aber, da berichtete ihm ein Laufbekannter von wundersamen und wirklich nützlichen Dingen in den virtuellen Weiten des Netzes. »Du kannst auf einer Internetseite deine Laufstrecken auf Satellitenbildern vermessen.« Oh, Wunder der Moderne! Triumph der Technik! Er war begeistert. Das würde das Ende all seiner heimlichen Zweifel an Streckenlängen bedeuten. Endlich brauchte er nicht mehr jeden Lauf mit dem Fahrrad nachzufahren, um metergenau die zurückgelegte Entfernung zu ermitteln.

»Alles, was du machen musst, ist, dich anzumelden …«

»Anmelden? Ist das nicht gefährlich? Was machen die mit meinen Daten? Ehe ich mich versehe, habe ich siebzehn Klingeltöne abonniert und drei Kaffeefahrten gebucht«, fürchtete er. Er tat es trotzdem. Zu verlockend war dieser Meilenstein menschlichen Fortschritts, als dass er ihm entgehen dürfte.

Es dauerte nur wenige Wochen, und er hatte all seine jemals gelaufenen Strecken erfasst. Sogar die Urlaubsläufe in Portugal. Bis auf zwei Stellen nach dem Komma wurde der Abstand zwischen zwei Wegpunkten angegeben. Freundliche Satelliten machten Bilder von Wegen, Pfaden, Wäldern und Seen und verlockten ihn bald, das anonyme Medium noch auf andere Weise zu nutzen. Es war der Einstieg in das erste Tagebuch seines Lebens, das er länger als drei Wochen führen sollte …

Im zarten Alter von siebzehn waren die hehren Vorsätze einer täglichen Aufzeichnung seiner Interrail-Erlebnisse quer durch Europa schnell den Verlockungen wechselnder Bekanntschaften zum Opfer gefallen. Zwischen schlaflosen Stunden am dunklen Strand von Lagos und der Nacht in einem Gepäcknetz des spanischen Fernzugs war das Schreiben auf dem Notizblock nach und nach zu einer lästigen Pflichtaufgabe verkommen, bis er ganz darauf verzichtet hatte. Jetzt aber sah es anders aus.

Tag für Tag wuchs die Liste seiner Trainingsprotokolle, die er ins Netz stellte. Grundlegenden Daten wie der Streckenlänge und der Laufzeit ließen sich noch weitere Merkmale der Trainingseinheit hinzufügen. Der Hinweis auf das gewählte Schuhmodell und Notizen zur Laufstrecke machten aus jedem Datumseintrag eine Erinnerung.

Und wenn er nicht sicher war, dass ihm die immer gleiche Beschreibung der absolvierten Route die passende Erinnerung an den Tag bescheren würde, dann fügte er dem Tagebucheintrag noch stichpunktartig weitere relevante Ereignisse hinzu: Hunde beim Liebesspiel am Baldeneysee; ein Sturz über eine Baumwurzel mitsamt einer unschönen Schürfwunde; der Weg, der im dornigen Unterholz im tiefen Wald endete; die unbequeme Toilettenpause im Dünengras ohne Papier; die aggressive Möwe am Nordseestrand; die lebensrettende Schokowaffel am Rheinkiosk; das Schneetreiben am Neujahrstag.

Aber das Internet hatte Läufern noch mehr zu bieten als nur die Möglichkeit, online ein Trainingstagebuch zu führen. Kilometerranglisten! Damit konnte er seine Laufleistung mit der anderer Nutzer vergleichen. Das führte dazu, dass ihn der Wettkampf mit gänzlich unbekannten Menschen zu Unzeiten auf die Straße trieb. Wer wollte schon im täglichen Vergleich hinten liegen? Monatelang lieferte er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem Nicknamen, hinter dem sich vieles verbergen konnte. Ein kerniger Naturbursche? Ein halbprofessioneller Sportler? Oder aber ein arthritischer Opa? Er weiß es bis heute nicht. Zumindest die Freude am Laufen und an heimlichen Wettkämpfen teilten sie. Gegen Ende des Jahres hatte der Kenianer die Nase knapp vorn. Und plötzlich fand sich in seinem elektronischen Postfach ein Glückwunschschreiben mit dem Hinweis, dass der Absender »die verschärfte Kilometerleistung des Kaiserswerther Kenianers im Herbst nicht mehr mitgehen konnte«.

Dabei hatte er seinem Kontrahenten zwischenzeitlich schon alle Schlechtigkeit der Welt angedichtet. »Möglicherweise sitzt da irgendwo ein pizzafutternder Computer-Nerd zwischen leeren Bierflaschen und will mich nur ärgern«, hatte er mehr als ein Mal gedacht, wenn am Ende eines Tages plötzlich wieder ein neuer Laufeintrag des Gegners aufgetaucht war und ihn ins Hintertreffen gebracht hatte. Um sicherzugehen, hatte er eines Tages eine Fantasieleistung eingetragen. Würde der andere auch hundert Kilometer in wenigen Stunden aufholen können? Er tat es nicht. Und das verlieh dem Wettkampf fortan noch mehr Ernst. »Der spielt ja ehrlich«, dachte der Kenianer und löschte – von seinem Gewissen geplagt – den erfundenen Hunderter.

Doch letztlich waren diese Spielereien nur ein erster Schritt in die wirklich zeitraubende Welt der Netzathleten. Blogs! Wo jedermann und -frau Gelegenheit hat, die Online-Welt an den eigenen Gedanken zum Laufsport und zum restlichen Weltgeschehen teilhaben zu lassen. Hier war der Kenianer inzwischen zum eifrigen Leser geworden. Verfolgte Geschichten vom ersten Lauf über fünf Kilometer und von der letzten Zigarette nach 35 Jahren Abhängigkeit, vom siebten Marathon in vier Wochen und von den ignorantesten drei Hundebesitzern der letzten Monate. Sportlergeschichten aus dem wahren Leben. Von schlicht bis spannend, von traurig bis erheiternd. Geschichten, die er lesen wollte, von Menschen, mit denen er eine Leidenschaft teilte.

Und irgendwann zeigte er Zivilcourage. »Misch dich ein. Erheb dich aus der schweigenden Masse«, sagte er sich, schrieb mit zitternden Fingern seinen ersten Kommentar und trat den eigenwilligen Meinungen einiger Netzmitglieder zur Behandlung von Muskelverletzungen entgegen. Damit war die nächste Hürde gefallen. Kommentare. Streit und Versöhnung. Glückwunsch- und Beileidsbekundungen. Meist aber hinterließ er Äußerungen mit dem augenzwinkernden Hinweis, dass hinter den schnöden Zeilen womöglich viel mehr Geist steckte, als man auf den ersten Blick vermuten könnte ;-).

Wenn er nach einem Lauf ins Wohnzimmer zurückkehrte, führte ihn sein erster Gang bald nicht mehr zum Kühlschrank. Der Rechner wurde schon angestellt, bevor der Erholungspuls erreicht war. Immer mehr gierte er nach Dialogen mit Menschen, denen er bisher noch nie begegnet war.

»Was machst du da eigentlich schon wieder am Rechner? Kannst du das blöde Ding nicht mal auslassen?«, klagte das Weib.

Er murmelte pflichtschuldig etwas wie »nur ganz kurz den Lauf eintragen …« und beobachtete selbstsüchtig die Kommentare zu den großartigen Schilderungen seiner Lauferlebnisse.

Es hatte kein halbes Jahr gedauert, und aus ihm, dem einstigen Internet-Verweigerer, war jemand geworden, der ungehemmt seine Ferientermine und -orte in die Welt hinausposaunte, Fotos und Filmberichte seiner Heldentaten veröffentlichte und sich letztlich sogar in äußerst knapper, körperbetonter Kleidung mit Internet-Bekanntschaften auf abgelegenen Waldparkplätzen traf, um sich mit Endorphinen vollzupumpen und das Date mit der besorgten Frage zu beenden, ob das Tempo gut gewesen sei.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
261 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783936973822
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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