Czytaj książkę: «HaarLos»

Czcionka:

Lara Marend

HaarLos

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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haarlos

Impressum neobooks

1

Das Jahr hat vierzehn Monate. Und es beginnt im September.

Sie kommt sich vor wie ein Goldfisch im Glas, der seine Nase ans Glas drückt und schaut.

Fest steht: Das Gewitter ist vorbei. Es knallte Sturm, Schauer und spitze Hagelkörner gegen die Scheibe, riss die brütende Hitze weg, die wochenlang den Asphalt zum Kochen und die Menschen zum Schwitzen gebracht hatte. Die Temperatur fiel schlagartig auf 15 Grad. Der abrupt beendete Sommer erscheint im Nachhinein wie brüllender Lärm.

Das Fenster des Friseursalons nimmt die ganze Schmalseite ein. Der begrenzte Ausschnitt der Welt, der vorhin noch in Wasserschlieren verschwamm, ist wieder klar. Der Regen hört allmählich auf, in der Luft hängen die Wolken satt und schwer und viel zu tief. Das Leben kehrt auf die Straße zurück, ohne sie, den Goldfisch im Glas, zu bemerken. Die Passanten haben sich nicht an die kühlere Witterung angepasst: Drei Jugendliche scheinen trotz kurzer Hosen und T-Shirts, deren Anblick ihr eine Gänsehaut über die Arme jagt, nicht zu frieren, zwei junge Mütter in Sommerkleidern schieben Kinderwagen ohne Regenschutz vor sich her, als hätten sie den Sommer in ihren Körpern gespeichert. Das Kleinkind an der Hand einer alten Frau platscht in Sandalen durch die Pfützen, im Stolpern gepackt von blau faltigen Fingern: Oma und Enkelkind. Nur der Bankangestellte im grauen Anzug, mager und gehetzt, ist angemessen gekleidet. Keiner sieht zu ihnen herein. Der Nachmittag geht zur Neige, mit ihm einer der heißesten Sommer, den sie je erlebt hat.

Sie wendet sich ab, holt den Besen von hinten und kehrt die Haare ihrer letzten Kundin, einer jungen Frau, die einen radikalen Schnitt verlangt hat, zusammen.

„Hannah?“

Sie sieht auf. Vera, ihre Chefin, deutet mit dem Kopf auf einen Mann. „Der Herr käme dran.“ Ihr Bick duldet kein Trödeln.

Der Neuankömmling steht an der Tür, mittelgroß, schlank und unschlüssig, in der Hand einen schwarzen Knirps. Auch seine Kleidung passt zu den ungewohnten Temperaturen: ein weißes Hemd mit langen Ärmeln, eine warme Strickjacke in Dunkelgrau, eine lange, dunkle Hose.

„Ja, ich komme sofort.“ Unter dem Stuhl liegt noch eine letzte Haarsträhne. Sie schiebt sie hastig auf die Kehrschaufel und kippt sie in den Müll. Leider fehlt ihr die Zeit innezuhalten, denn der Mann versenkt umständlich seinen Knirps im Schirmständer neben der Tür. Sie wartet, bis er sich zu ihr umdreht.

„Bitte sehr.“ Der Ablauf der nächsten Minuten ist in ihrem kurzen Berufsleben schon tausend Mal kopiert: sie komplimentiert den Kunden zu ihrem freien Stuhl, wartet, bis er sitzt, stellt sich hinter ihn und hebt ihre Hände in Höhe seines Kopfes, ohne ihn zu berühren. Die Frisur verlangt tatsächlich nach einem Schnitt (theoretisch kurze, dunkle Haare, die an der Stirn und den Ohren bereits Löckchen drehen), das Alter lässt sich ebenfalls schnell diagnostizieren (jenseits der Dreißig und damit uninteressant). Sie fixiert, ganz unaufgefordert und fachmännisch, besondere Eigenheiten innert weniger Sekunden (penibel bedächtig, siehe Schirmversorgung). Er hat ein etwas unregelmäßiges Gesicht: Das linke Auge liegt tiefer als das rechte, die Augenbraue ragt steiler auf als die andere. Auch die Nase macht eine leichte Krümmung nach links, die Lippen dagegen halten sich sehr gerade, was den Eindruck der Asymmetrie noch verstärkt. Den Rest des Gesichts könnte man vergessen, sowie man ihn sieht: die mittelhohe Stirn, die unscheinbaren Wangen, das Kinn, das weder spitz vor sticht noch fliehend zurückweicht.

Das Ungleichgewicht der Gesichtsproportionen regt sofort jede Phantasie an. Im Nu erfindet Hannah Charakter und Schicksal dazu: Ganz bestimmt lebt der Mann, der vor ihr sitzt, allein, weil seine Mutter ihm von klein auf eingebläut hat, hässlich zu sein (was nicht stimmt). Seine Tage gestalten sich eintönig und vorgegeben. Das macht ihn zum Einsiedler und Menschenfeind, dessen Aggressivität unvermutet hervorbricht wie ein Vulkan. Die Sprunghaftigkeit sieht man ihm natürlich nicht an, er wirkt wie ein transparenter Langweiler, der sich auch im Zorn nicht öffnet. Ferner ist er vermutlich ein verkanntes Genie, ein herausragender Mathematiker oder Physiker, der aufgrund seines Gesichts von allen unterschätzt wird...

Kunden unter Aufbietung ihres Einfallsreichtums mit allem auszustatten, was ihnen fehlt, macht ihr unglaublichen Spaß und lässt die Zeit im Salon im Nu verfliegen. Zugleich – Multitasking beherrscht sie als eine der wenigsten Frauen - stellt sie ihre Standardfrage: „Wie hättest du es gerne?“

„Einfach kurz. Machen Sie sich nur keine Umstände.“ Beim Öffnen des Mundes bemerkt sie seine unregelmäßig durcheinander tanzenden Zähne. Die oberen Schneidezähne stehen nicht „Habt Acht“ wie Zinnsoldaten. Der rechte diesmal (oha, wo bleibt die Symmetrie in der Asymmetrie?) wächst schief, schiebt seine schmale Kante vor, als wollte er sich vordrängen. Das Licht der Neonröhre an der Decke, verdoppelt im Spiegel, blitzt darauf. Sie sieht es, denkt zugleich aber darüber nach, dass er sie gesiezt hat. Im Salon ist es üblich, alle Leute zu duzen, auch unbekannte, denn wenn die dann öfter kommen, erspart man sich peinliche Umstellungen.

„Waschen auch?“, fragt sie etwas abgelenkt.

„Bitte.“

Sie holt ein frisches, hellgrünes Handtuch vom Stapel auf dem Tisch an der rückwärtigen Wand, entfaltet es und legt es ihm um die Schultern, sorgfältig darauf bedacht, seinen Hemdkragen zu schützen. Vielleicht sitzt ein verkappter Chemiker vor ihr, ein Alchemist, wie er im Mittelalter sein Unwesen trieb. Der Mann hat Schuppen, gut sichtbar auf dem schwarzen Jackenstoff, ausgestellt wie im Schaufenster. Sie beschließt, ein geeignetes Shampoo zu verwenden, nicht ohne sich seine vergeblichen Bemühungen vorzustellen, mittels giftiger, selbstgebrauter Substanzen seinem Übel zu Leibe zu rücken. Ganz genau sieht sie es vor sich: In einem dunklen Labor, dessen Dämpfe seine Gesichtshaut ausdehnen ließen, schüttelt er mit spitzen Fingern ein kleines Röhrchen...

Sie rollt ein Waschbecken heran, nimmt seinen Kopf vorsichtig zwischen die Hände und senkt ihn über das weiß glänzende Porzellan. Er schließt, sowie das warme Wasser über seine Haare rinnt, die Augen. Er hat kurze, dunkle Wimpern und ist ahnungslos über ihre Bemühungen, ihn in eine Schublade mit Frankenstein zu stopfen. In Gedanken wandert sie durch sein Labor, bis sie es auswendig kennt, mustert jedes Glaskölbchen und jedes aufgereihte braune Fläschchen, in dem sich das fahle Deckenlicht bricht, bis hin zum Glasballon mit grünlichem Inhalt auf einem hohen Regal. Man muss das verstehen: Die Handgriffe - das Einseifen, Massieren der Kopfhaut, das Ausspülen des Shampoos, das anschließende Abtrocknen - beherrscht sie im Schlaf, eine Unterhaltung mit dem Mann ist zu diesem Zeitpunkt nicht erforderlich, da einerseits das Rauschen des Wassers jedes Gespräch überlagert, andererseits die Massage eine entspannende Wirkung auf die Leute ausübt, die sofort zu faul werden, auch nur den Mund zu öffnen. Von Plaudern ganz zu schweigen. Die nächsten Minuten gehören also ihr. Apropos Wasser. Sie schweift ab zum vergangenen Wochenende. und leider beschäftigt sie die nahe Vergangenheit plötzlich mehr als das imaginäre Leben ihres Opfers. Diesen leidigen Sonntag nämlich vergisst sie so schnell nicht. Sie verbrachte ihn mit ein paar Freunden im Freibad. Klingt gut, war es aber nicht. Ihre Erinnerung fläzt auf der großen Liegewiese oberhalb des toten Rheinarmes und durchlebt eine sehr unangenehme Situation, die die ätzenden Flüssigkeiten in einem Labor bei weitem übertreffen: Ihre Freunde packten sie, Hannah Hennins, und warfen sie, ein willenloses Bündel Mensch, ins eiskalte Wasser. Sie begleitet die treulosen Seelen, die sich ihre „Freunde“ schimpfen, immer ins Freibad, aber das Schwimmen selbst gehört nicht zu ihren Leidenschaften. Viel lieber liegt sie in der Sonne, isst Eis und Pommes oder einen Hamburger und führt tiefschürfende Gespräche über die Vorteile, ein Model zu sein und die Nachteile, bei einer Gesangs-Castingshow mitzumachen. Auch an den Debatten, ob die Ehe mit einem Bauern ein lohnendes Lebensziel ist und ob der Typ in ihrer Nähe mit Frau, Tochter oder Geliebter zusammensitzt, beteiligt sie sich eifrig. Sie regen die Phantasie an und eröffnen unter anderem Möglichkeiten, berühmt zu werden, was sie sich für ihr eigenes Leben gut vorstellen kann. Leider besitzt sie – anders als vermutlich der Chemiker vor ihr – keine höhere Schulbildung. Sie ist nicht dumm, erlebte aber in ihrer Schulzeit aufgrund eines massiven, ihr sehr unangenehmen und daher totgeschwiegenen aber nicht tot zu kriegenden Problems nur Frust. Mit 15 beschloss sie, die Schule, diese Menschen quälende Anstalt, zu verlassen und eine Lehre im Friseurgewerbe zu beginnen. Seither verweigert sie sich offiziell allen hochgeistigen Themengebieten, wenn man so will, aus Trotz. Nur manchmal sieht sie heimlich Dokus über neue wissenschaftliche Erkenntnisse, liest (kurze!) Zeitungsausschnitte über die kleinsten aller bisher bekannten Teilchen oder leiht sich in der Bibliothek ein Buch über die Anwendung von Mathematik im Alltagsleben oder die Fauna der Tiefsee aus. In diesen Büchern betrachtet sie vor allem die Skizzen, Formeln und Bilder. Ihre Freunde dürfen das nicht wissen. Damit sie nichts von ihren hochintellektuellen Gehversuchen verrät, schaut sie regelmäßig die Sendungen, die „man“ gesehen haben muss, und genießt sie: die weinenden Schönen, die enttäuschten Frauen, die wütend und frustriert in Tränen aufgelöst den Bauernhof/die Paradiesinsel/den Laufsteg/das Brautmodengeschäft verlassen, die angehenden Sänger, die ohne Aufschub aus dem ersten Vorspiel geschickt werden. Diese allzu menschlichen Dramen sind ihr vertraut wie die Stars, die sie aus dem Fernsehen kennt. Nur das Schwimmen (um zum Thema zurückzukehren) überlässt sie ganz ihren Freunden. Sie empfindet Wasser, das sie nicht eigenhändig auf 35 Grad erwärmt hat, als zu kalt, ekelt sich vor Chlor und, in Naturbadeteichen, vor Algen und Schlamm und Lebewesen, die unter ihrem Bauch ihre Kreise ziehen.

Sie strampelte ordentlich und schlug um sich, als ihre Clique, zwei Burschen und zwei Mädchen, sie hochhoben, zu viert zum alten Rhein schleppten und mit Schwung in den Fluss beförderten. Sie schrie noch in der Luft, schloss ihren Mund nicht rechtzeitig und schluckte massenhaft Wasser. Nach einer ihr endlos erscheinenden Zeit tauchte sie prustend und stinksauer auf, schimpfend und Rachepläne schmiedend, ehe sie mit wenigen Tempi zur rettenden Ufermauer schwamm und patschnass aus dem Rhein kroch. Mit mordlüsterner Energie verfolgte sie die vier Übeltäter über die große Liegewiese, teilte Knuffe aus, so sie einen von ihnen erwischte, und wickelte sich endlich erschöpft in ihr Handtuch.

„Passt die Temperatur?“ Im letzten Moment, weil sie sozusagen das kalte Rheinwasser auf ihrer Haut prickeln spürt – ein Erlebnis, das sie niemandem zumuten will - fällt ihr ein, dem Kunden diese Frage zu stellen. Die Chefin legt großen Wert auf regelmäßiges Rückversichern. Der Chemiker nickt nur. Zweite Portion Shampoo und Massage, dann ist sie fertig mit Waschen. Am meisten ärgerte sie sich am Sonntag über Martin, den sie im Schwimmbad nur duldeten, weil ihre beste Freundin sich einbildet, in ihn verliebt zu sein. Hannah mag ihn nicht und betrachtet ihn auch nicht als Freund, sondern als Monster. Er ist undurchschaubar, ein tiefes (und trübes) Wasser sozusagen, bei dem man nie weiß, ob es einen trägt oder absaufen lässt. Er ähnelt im Aussehen übrigens dem Chemiker vor ihr mit seinem schwarzen Haar und blassen Gesicht, das die Vermutung nahelegt, er ernähre sich nur von Computerspielen. Wobei, Ernährung, diesem Martin traut sie auch Kannibalismus zu. Es gibt Gerede, demzufolge er die Frauen so oft wechselt, wie andere eine leere Tube Zahnpasta gegen eine volle eintauschen: alle paar Wochen. Sie hätte auch die Gerüchte geglaubt, denen zufolge er Frauen kocht, brät und mit einem Bier runterspült. Mit Friederike, ihrer Freundin, geht er bereits sagenhafte drei Monate, die Trennung muss also, sollte man meinen, unmittelbar bevorstehen. Sie erwartet sie schon sehnsüchtig. Also sie, nicht Friederike. Es ist anzunehmen, dass die Idee zum unerwünschten Tauchbad von diesem gemeinen Kerl stammte, zu dessen heimlichsten und monstereigensten Eigenschaften Bosheit zählt.

Mit von der Partie am Sonntag waren auch Andrea, ihre zweitbeste Freundin, und deren Freund Jakob. Beide mag sie richtig gern und sie verhalten sich normalerweise auch nett, was man gar nicht glauben will, wenn man bedenkt, wie eifrig sie im Schwimmbad ihr armes Opfer an Armen und Beinen zum Alten Rhein gezerrt haben. Angestachelt von einem Teufel. Obwohl sie seit Sonntag mit allen ihren Freunden (Martin natürlich ausgenommen) telefoniert hat, verzeiht sie ihnen immer noch nicht restlos. Sie ist der Meinung, man kann sogar Satan widerstehen, wenn man sie, Hannah, wirklich liebt.

Sie sollte sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Ablenkung gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen, aber ganz sollte sie ihren Broterwerb nicht aus den Augen verlieren. Kurze Männerhaare benötigen keine stundenlange Wäsche, und sind, wenn man sie kurz mit dem Handtuch antippt, genau richtig feucht für den Schnitt.

Sie rollt das Waschbecken zur Seite, breitet über den schmalen Körper auf ihrem Stuhl einen dünnen Plastikumhang, schließt ihn am Hals, und nimmt Kamm und Schere zur Hand. Eigentlich hätte sie jetzt gerne die Geschichte um den Chemiker etwas ausgeschmückt, sich zum Beispiel den entstellenden Unfall vorgestellt, der ihn in seinem Labor ereilte, aber wieder weiß sie die Chefin im Nacken, die nicht nur altmodisch, sondern auch pingelig, ja richtig streng sein kann. Daher kommt ihr, gerade noch rechtzeitig, die wichtigste aller Fragen über die Lippen: „Was darf ich dir zu trinken bringen? Einen Kaffee oder ein Glas Wasser? Orangensaft hätten wir auch…“

„Nein, danke.“ Nein? Klar, vermutlich bevorzugt er Salizylsäure mit Ascorbinäuregeschmack. „Wie gesagt, machen Sie sich keine Umstände.“

Sie. Er hat sie wieder gesiezt. Nun, das kann sie auch: „Zeitschriften liegen hier, wenn Sie eine ansehen möchten…“

„Ach, da steht doch nur Blödsinn drin.“

Sie stutzt. Zeitschriften schaut sie immer gerne an. Die Schlagzeilen über Prominente sind unterhaltsam, die Bilder der Königsfamilien mit den kleinen Thronfolgern ausgesprochen nett … und vor allem muss man, wenn man die Hefte durchblättert, nicht allzu viel lesen, was ihr sehr entgegen kommt. Die Bildunterschriften enthalten wenig Text, die Horoskope ebenfalls. Noch während sie daher (sehr ungern!) den Smalltalk beginnt, den die Chefin grundsätzlich erwartet, bleibt in ihrem Bauch ein schales Gefühl zurück wie ein übler Geschmack. Laut fragt sie: „Dann haben Sie schon Feierabend?“ und beginnt beherzt mit der Schere an den Ohren zu schneiden.

Er schüttelt den Kopf. Ihr entfährt ein hastiges „Bitte ruhig halten“. Sie kann mit dem Handrücken, die Schere schleunigst außer Reichweite gebracht, seine Bewegung gerade noch stoppen, aber vor ihrem geistigen Auge sprenkelt sein Blut malerisch den Spiegel.

„Verzeihung. Ich mache nicht Feierabend, ich bin auf dem Weg zur Arbeit.“

„Oh. Und was, wenn ich fragen darf, arbeiten Sie?“ Solche Erkundigungen darf man einholen, das erlaubt die Chefin. Allerdings sieht sie es nicht gerne, wenn man mit zu vielen solcher Fragen zu tief schürft. Obwohl sie selbst sich nicht zurückhält und ihre Opfer ausquetscht wie reife Zitronen. Im Spiegel sieht Hannah sie einer bejahrten Dame die Locken färben.

Neben der Chefin ist da Lea. Sie versucht gerade einem Kind einen Kurzhaarschnitt zu verpassen. Das Kind zappelt unruhig und die Mutter prüft, quasi in Körperkontakt mit der Schere, jeden Handgriff der Friseurin, kein leichtes Unterfangen. Zum Salon gehört noch Analena, beide Male mit nur einem „n“ geschrieben, wie sie nicht müde wird zu betonen, Lehrling im ersten Jahr. Ihre Aufgabe besteht vorerst darin aufzuräumen, die Zeitschriften ordentlich auf dem Glastisch neben den zwei Stühlen zu ordnen und Kämme, Bürsten, Klammern und Haarfärbemittel neu und umzusortieren. Sie ist erst am Beginn ihrer Ausbildung.

„In einer Bar.“

Sie ist enttäuscht. Kein Chemiker? Wie ein simpler Barkeeper sieht er nicht aus! Trotzdem heißt es, höflich bleiben: „Ah, und welche?“

„Die Rosen-Bar.“

„Oh“. Das erklärt, warum sie den Mann nicht kennt. Sie meidet die Rosenbar. Ihre Freunde verdienen nicht die Welt. Wenn sie am Abend ausgehen, dann so, dass ihnen auch danach noch Geld auf dem Konto bleibt. Denn die Rosenbar in der Innenstadt zählt alles andere als zu den billigen Bars. Die ist für Hannah eine Stufe – oder fünf? – zu teuer. Sie hätte schwören können, dass die Kellner im schwarzen Sakko oder gar mit Gilet und Krawatte herumlaufen, auch wenn dieses besondere Exemplar hier überhaupt nicht schick aussieht. Vielleicht verwahrt er Sakko und Fliege an seinem Arbeitsplatz, in einem Hinterzimmer für Angestellte, in dem er sich jederzeit umziehen kann. - So, die Haare am rechten Ohr sind geschnitten, folgen noch die am linken. Aber gerade, als sie die Schere dort ansetzt (das Gehirn ist schon ein wunderliches Wunderding!), fällt ihr seine abfällige Bemerkung über die Zeitschriften wieder ein. Sie mag Leute nicht, die Gesellschaftsblätter überheblich als Nonsens abtun und sich wahrscheinlich gut dabei fühlen. Ohne nachzudenken wechselt sie das Thema: „Sie lesen also wirklich nie solche Zeitschriften?“

„Nein. Sie schon? Was steht denn drin, außer den ständig wechselnden eingebildeten Wehwehchen der Reichen und Schönen? Interessieren Sie sich dafür?“

„Naja.“ Klar! „Der kleine Prinz Louis ist doch so putzig...“

„Alle Kinder sind putzig, wenn sie klein sind.“

„Ach. Was glauben Sie denn, was mich daran interessiert?“

„Das frage ich mich ja, ich weiß es nicht. Vielleicht das Geld?“ Frechheit! Das Möchtegerngenie, der inexistente Chemiker, scheint überhaupt nicht zu merken, dass er sie gerade beleidigt. Im Gegenteil gefällt er sich offenbar in seiner Rolle als vermeintlicher Menschenkenner. Das erste Mal, seit er hier hockt, lächelt er, der blöde Kerl. Seine Lippen spannen sich unschön über den schiefen Zahn. Wenn er grinst, steht sein Mund schief, schief wie das ganze Gesicht, das schlagartig nicht mehr einer Maske ähnelt, sondern dem Mienenspiel eines quicklebendigen (Chemikers?) Komikers, dem … gerade ein Experiment gelang. Vermutlich weiß er nicht, wie unästhetisch sein Lächeln aussieht. Er mustert sie so konzentriert, als könne er in ihrem Gesicht lesen. Hoffentlich erkennt er, dass sie keinen Wert auf Geld legt. Oder zumindest fast keinen. Natürlich verbohrt er sich in seiner falschen Meinung, denn er fragt rundheraus: „Was würden Sie sich denn kaufen wollen, wenn Sie ganz viel Geld hätten?“

Zu Kunden muss man lieb sein und ihnen freundlich antworten, vielleicht sogar hin und wieder ehrlich: „Ein Klavier. Und Sie?“ Er steht bestimmt auch auf Moneten, das muss er nicht nur ihr anhängen.

„Ein Klavier!“ Er sieht überrascht aus. Wahrscheinlich hat er eher mit einem Schloss gerechnet. Sein Wunsch? Weinkeller vermutlich. „Ich? Ich würde mir eine Bar kaufen und mein eigener Herr sein.“ Nah dran! Warum dann nicht gleich das südfranzösische Weingut? Wahrscheinlich sauft er gern. Von wegen Barkeeper.

„Soooo viel Geld meinten Sie“. Sie tut überrascht und wundert sich, wie ernst er selbst die Frage nimmt. Nun denn, sie stellt sich jetzt eine wirklich hohe Summe vor und platzt heraus: „Dann wäre ein Bauernhof auch nicht schlecht. Mit drei Hektar Land rundherum und Schafen oder Ziegen – man müsste in dem Fall auch gar keinen Bauern heiraten, um einen Bauernhof zu bekommen“.

Bei ihren Worten entgleisen seine Gesichtszüge, das sieht richtig lustig aus. Entgeistert fragt er: „Sie würden einen Bauern heiraten, nur um Land zu besitzen?“

Sie bläst die Backen auf und denkt eingehend über die Frage nach. Vorsichtig meint sie: „Das wäre dem Bauern gegenüber nicht fair, oder?“ Sie geniert sich jetzt ein bisschen. Da haben wohl ihre Freunde im Hintergrund Pate gestanden und ihre Gedankengänge beeinflusst. Sie muss darauf achten, künftig nicht so unbedarft zu plaudern wie mit ihren Freunden, so ganz ohne vorher zu überlegen. Er hält sie ohnehin für geldgierig. Sie beginnt sich zu ärgern, denn normalerweise geraten ihre Kundengespräche nicht aus der Bahn. Man spricht über das Wetter, über die Leiden der Arbeit, das teure Wohnen, die (un)freundliche Bedienung in Restaurants oder die neuen Waren in Geschäften ... über banale und sehr allgemeine Dinge eben. Aber bei dem Dracula da sieht sie sich binnen Minuten damit konfrontiert, auf Geld aus zu sein und dafür alles in Kauf zu nehmen! Nur weil sie zugibt, Zeitschriften durchzublättern. Hallo?

„Hm“, kommt seine Antwort, „das hängt natürlich auch vom Bauern ab: manche haben es vielleicht verdient, dass man sie maximal wegen ihres Besitzes heiratet.“

Sie grinst, die Idee gefällt ihr: „Einer, der eine Frau nur heiraten will, weil sie schön ist.“

„Zum Beispiel. Aber da Sie ähnlich … vordergründig denken...“ Tue ich nicht, das sieht nur so aus! „... wie weit würden Sie denn gehen, was würden Sie so akzeptieren, wenn Sie einen Bauern nur wegen seiner … Äcker ehelichen wollten?“ (Er drückt sich sehr gewählt aus) „Wäre es egal, wenn er trinkt, oder eigentlich auf Männer steht oder…“ Die Frage scheint ihm Spaß zu machen.

„Puh“. Wie soll sie ihm verklickern, dass er eine falsche Vorstellung von ihr hätschelt? Sie hat sich binnen Sekunden von seinem Image als Chemikergenie verabschiedet und erwartet auch von ihm die Flexibilität und Fähigkeit, Wahnideen abzustoßen! Innerlich schüttelt sie sich. Sie muss nachdenken, wie sie ihm den Kopf zurechtrücken kann. Zeit, die Haarlänge an den Ohren zu vergleichen. Ja, die passt, auf beiden Seiten gleich viel weggeschnitten. Jetzt der Nacken. Sie versucht, den Mann mit möglichst sanftem Fingerdruck dazu zu bewegen, den Kopf zu senken, aber er wartet auf ihre Antwort und sieht sie neugierig im Spiegel an.

„Wenn Sie bitte den Kopf etwas senken würden…Danke.“ Weil er ihrer Aufforderung umgehend nachkommt, kann sie ihre Arbeit fortsetzen und überlegt wie aus heiterem Himmel, was ihr an einem Mann – diesem zum Beispiel! - nicht gefällt. Natürlich läuft das Gespräch damit genauso weiter, wie es begonnen hat: sehr speziell. „Also, wenn er viel Knoblauch isst“ aussieht, wie ein verschrobener Vampir, „säuft, einen Bierbauch hat oder einen Vollbart,“ in einem heimlichen Labor experimentiert, „Kinder laut findet, Zeitschriften albern oder jeden Samstag sein Auto poliert“ und seine spitzen Eckzähne „und …“

„Moment“, wirft ihr Opfer dazwischen, klemmt sich in ihren Wortschwall, wie ein Rinderzüchter zwischen seine Tiere (oder ein Chemiker zwischen seine Glaskolben), „...ich sehe schon, Sie bleiben Ihr Leben lang ledig. Ihre Ansprüche sind ja sagenhaft!“ (Wenn er wüsste, wie sagenhaft!) „Viel zu hoch. Und jetzt verstehe ich auch, wieso Geld eine so große Anziehungskraft auf Sie ausübt. Sie müssen ja allein zurechtkommen, Sie werden nämlich sicher nie einen Mann, einen …“

Ihr bleibt die Luft weg. Zuerst unterstellt er ihr Geldgier, jetzt auch noch Männerlosigkeit und zu hohe Ansprüche! Obwohl er ihre geheimen No-gos gar nicht kennt! „Überlegt habe ich schon“, unterbricht sie ihn streng, „bei einer solchen Show mitzumachen.“ Soll er von ihr denken, was er will. Sie beginnt betont sachlich die Deckhaare, ordentlich mit dem Kamm hochgehalten, in einem leichten Bogen zu kürzen und unterbreitet ihm mit der Wollust einer Skandalnudel ihre geheimsten Gedanken. Er braucht ja nicht zu ahnen, wie sehr das, was sie sagt, der Wahrheit entspricht. „Ich meine, dahinzuwandern und sagen zu können: alles meins, das hat schon was. Wälder, Felder, die Häuser der Neubausiedlung... “

Er weiß es natürlich besser und zeigt sich von ihrem Grundbesitz, den sie allerdings nur im Geiste besitzt, unbeeindruckt: „Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie am Land so toll finden. Diese tödliche Stille, keine Unterhaltung, keine lebendigen Menschen rundum, die mit Taten und Einfällen Leben in den Alltag bringen, wie nur Menschen das können mit ihrer Vielseitigkeit und ihren Überraschungen. Stattdessen Tiere, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht unterhalten kann. Das muss doch unglaublich langweilig sein.“

„Hm.“ Ganz unrecht hat er wohl nicht. „Vielleicht hielte ich es auch nicht aus, nur über Wald und Wiesen zu stapfen und Schafe zu streicheln.“

„Oder sie zum Schlachthof zu fahren, von etwas müssten Sie ja leben!“

„Stimmt, stimmt.“ Das ist nicht von der Hand zu weisen, doch so leicht will sie ihn nicht davonkommen lassen: „Aber geben Sie zu, privat lieben Sie die Ruhe, Sie wohnen außerhalb, irgendwo im Grünen…“

„Entenbachgasse.“ Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Die liegt wirklich mitten in der Altstadt.

„Oh, naja, dann wäre das Land mit Bäuerin wahrscheinlich nichts für Sie…“ Aber ein bisschen Aufmüpfigkeit darf sein: „Sie müssten sich an eine Frau heranmachen, die ein Café besitzt oder ein großes Haus mitten in Feldkirch, in dem man unten im Keller eine Bar einrichten könnte…“

„Das habe ich schon“, lacht er, “eine Frau mit einem Café“.

Verstohlen schielt sie auf seine Hände. Kein Ehering, aber das besagt gar nichts. Viele Leute heiraten nicht, sondern ziehen Lebensgemeinschaften der Ehe vor. Oder verlieren demonstrativ den Ring. Beim Schifahren, in Menschenansammlungen und neben offenen Kanaldeckeln. „Dann haben Sie ja das gemacht, was Sie mir vorgeworfen haben: sich eine Frau gesucht, die einen ansehnlichen Besitz hat. Das erklärt auch, warum Sie keine Zeitschriften lesen. Für kleine Prinzen interessieren Sie sich nicht und für die Welt des Geldes müssen Sie sich nicht interessieren, weil Sie … alles haben, was Sie gern hätten.“

Der Blick, den er ihr über den Spiegel zuwirft, ist begriffsstutzig. Sie grinst. Es sieht so aus, als weigerte er sich, sie zu verstehen, aber endlich ziehen sich auch seine Mundwinkel nach oben: „Eins zu Null für Sie. Zuvor müsste ich allerdings einen Mord begehen.“

Sie stutzt, das Thema ist ernst, doch er scheint zu spaßen. Ein Mord! „Mit Messer oder Gift? Woran haben Sie gedacht? Ich staune, dass Sie so offen sind. Das gibt mir die Möglichkeit, Sie irgendwann ans Gesetz auszuliefern und mich Ihnen gegenüber schon jetzt als der bessere Mensch zu fühlen. Sie haben mir vorgeworfen, eine Ehe für einen Bauernhof eingehen zu wollen, Sie dagegen würden sogar morden!“

„Zwischen einer Zweckehe und einem Mord besteht kein großer Unterschied.“

„Aber hallo?“ Vergnügt legt sie Schere und Kamm zur Seite und greift nach dem Rasierer, um die Nackenhaare zu kürzen: sein Haaransatz reicht ein Stück weit den Hals hinunter, man sollte zumindest eine Weile lang kein Gestrüpp dort wachsen sehen. Zeitgleich legt Analena die sauberen Handtücher übereinander, das Kind, dem Lea die Haare geschnitten hat, darf sich im Spiegel bewundern, die Chefin greift nach dem langen Schwenkarm einer der beiden flachen, violett getönten Trockenhauben, zieht sie von der Decke und über den Kopf der betagten Dame.

Der Rasierapparat in ihrer Hand surrt, das eintönige Geräusch macht ihn offensichtlich denkfaul. Lange braucht sie für das Rasieren nicht, schon legt sie das Gerät zur Seite, streicht mit der flachen Hand über die Haarspitzen an seinem Scheitel, verwirft die Idee, den Föhn zu zücken - in Räumen hält sich die dampfige Sommerhitze länger als im Freien - und entfernt stattdessen mit einer weichen Bürste die Haare von Hemdkragen und Stoff der Strickjacke. Zuletzt holt sie die hinter den kleinen Ohren versteckten hervor.

Die runzlige Frau unter der Trockenhaube räuspert sich laut und ausgiebig. Vermutlich ist sie von altem italienischem Adel, schon seit Jahrzehnten verwitwet und derzeit in einen Vor-Erbstreit mit ihrem einzigen Neffen verwickelt.

Vorsichtig öffnet Hannah den Klettstreifen des Umhangs am Hals und nimmt ihn weg, darauf bedacht, die abgeschnittene Haarpracht nicht über die Hose des Erbschleichers zu streuen.

„Sie ist übrigens meine Schwester“, lässt er sich ziemlich unvermittelt vernehmen.

Der Neffe der alten Dame ist hartnäckig, sie sitzen bereits vor dem Anwalt, sie kann seinem Gedankengang nicht folgen. „Wer?“ fragt sie verwirrt.

„Die Frau mit dem Café. Die kann ich nicht heiraten. Das Café gehört meiner Schwester.“

„Ach so.“ Schnell entsinnt sie sich ihrer guten Manieren. „Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht ernsthaft unterstellen …“

„Wer weiß, vielleicht haben Sie trotzdem Recht, was meine unlauteren Motive anbelangt. Es gibt ja noch andere Frauen mit Bars oder Cafés.“

Sie lacht. Der Chemiker als Schürzenjäger? „Sie sind auf der Suche.“

„Das war mir nicht bewusst, aber möglicherweise ist es genau so. Jagen wir nicht alle unseren Träumen nach?“

„Natürlich. Aber der eine jagt verbissener, der andere gelassener.“ Sie fischt den kleinen, runden Spiegel vom Haken an der Wand, hält ihn nahe an seinen Hinterkopf und fragt, ob der Schnitt so passt.

„Wunderbar.“ Träge steht er auf. „Was bin ich schuldig?“

Sie verstaut den Spiegel und schielt zur Chefin hinüber, denn manchmal übernimmt die das Kassieren noch. Vera merkt auf, nickt ihr kurz zu, was besagt `Mach du nur´, um im nächsten Moment Analena zu erklären, was beim Haare waschen außerdem zu beachten sei. Also gibt sie dem Kunden selbst die zu zahlende Summe bekannt, nimmt das Geld entgegen, das er wie alle Männer in der hinteren Gesäßtasche verwahrt, und zahlt ihm das Restgeld aus. Er drückt ihr fünf Euro Trinkgeld in die Hand, fischt seinen Knirps aus dem Schirmständer, verabschiedet sich und zieht noch im Gehen das stumm vibrierende Handy aus der Hosentasche.

Im Salon verharrt sie einen Moment lang reglos und starrt auf den Schein in ihrer Hand. Fünf Euro sind viel. Offensichtlich glaubt er, sie mit Geld beeindrucken zu können, was ja ganz seiner Meinung über ihre Prioritäten entspricht. Ihr Sparschwein zeigt sich beim Versuch, den Schein in den schmalen Schlitz zu stopfen, trotzdem beeindruckt. Es haust neben zwei anderen (die Chefin mästet ihres nur heimlich), gleich neben dem Terminkalender und beguckt seine Besitzerin aufmerksam. Und ein bisschen satt. Sie sah sich im Salon um und überlegt, was als nächstes zu tun sei.

Inzwischen ist er, den Anruf nach einem kurzen Blick weg drückend, in die kühle Luft hinausgetreten und um die nächste Hausecke verschwunden. Hannah kann ihn nicht mehr sehen. Sie sieht auch nicht, wie er in der Marktgasse auf eine schlanke, junge Frau mit langen brünetten Locken und einer Jacke aus einem dicken, teuren und orangeroten Wollstoff zueilt. Sie hat unter den Lauben auf ihn gewartet. Er umarmt sie und drückt ihr demonstrativ einen Kuss auf den Mund. Schon löst sie sich aus der Umarmung und betrachtet ihn auf Armeslänge. „Gut schaust du aus.“ Anerkennend streifen ihre Finger durch seine kurzen Haare. „Endlich wieder einmal ein richtig schöner Schnitt. Die Friseurin, die das gemacht hat, musst du dir warmhalten, die kann was!“

Er nimmt sich fest vor, den Rat seiner Freundin zu ignorieren, denn Leute, die ihn zum übermäßigen Plaudern anregen, machen ihn misstrauisch. Er fühlt sich dann wie Achilles, dessen harmlose Ferse ihn töten könnte. Sein verwundbarer Punkt ist ein guter Ruf, um den er fürchtet. Er besitzt nicht allzu viel davon und ruiniert ihn gerade sukzessive selber. Das Gespräch mit einer Friseurin, dieses marginale Ereignis, wächst sich vielleicht nicht zu einem großen Problem aus, aber wer von etwas nicht mehr viel hat, will das Wenige behalten und sorgt allen Eventualitäten vor.

Keine fünf Wochen später allerdings tut er gut daran, sein Aussehen zu pflegen, denn es gilt, seine Freundin (und nicht nur sie!) zu besänftigen, was bedeutet: Er muss diese bestimmte Friseurin wieder aufsuchen. Im Salon wird er auf sie zeigen müssen, vorausgesetzt, sie ist da, denn seine Fähigkeiten im Beschreiben Fremder halten sich auf niedrigem Niveau und drohen nicht selten, in die komplette Sprachlosigkeit abzustürzen. Er nimmt – das muss er sich eingestehen – Personen, die nicht in sein Beuteschema fallen, also Frauen, die nicht auffallend gutaussehend sind, so wenig wahr, dass er bei seinem ohnehin schlechten Gedächtnis für Gesichter nie weiß, wie sie aussehen. Gerne hätte er sich diese Pantomime erspart, aber neben der guten Frisur bietet das Arrangement noch den winzigen Vorteil, leicht erreichbar zu sein: Der Salon liegt nicht weit von seiner Wohn- und Arbeitsstelle entfernt.

Hannah überlegt tagelang, wie der Mann hieß, der es nicht der Mühe wert fand, den wahren Charakter eines Menschen herausfinden zu wollen, sondern mit Vorurteilen und Unterstellungen nur so um sich warf. Herr Weiß-schon-alles? Wahrscheinlich kennt nicht einmal die Chefin ihn, weil er erst seit Kurzem in dieser Entenbachgasse ohne Bach und Enten lebt und sich die Haare normalerweise von seinem Cousin schneiden lässt, der besser rechnen kann als er. Und da nur der Cousin einen schönen Verschnitt zuwege bringt, wird der Chemiker kein zweites Mal hier auftauchen. Sie verwünscht den Cousin.

2

Ende September zückt der Herbst eine Palette und beginnt seine Farbenpracht zu entfalten. Er fängt ganz unscheinbar an, malt dort ein paar Blättchen bunt, da ein paar, aber schlussendlich verkürzt und überstürzt er den Vorgang und befiehlt allen Laubbäumen, die noch von sattgrünem Gras umgeben sind, zu Füßen ihrer Stämme bunte Kreise zu kleckern, mit dem Zirkel gezogene symmetrische Flächen in Gelb, Rot, Rostbraun und Ocker. Über all das bunte Farbenspiel spannt er einen blauen Himmel, zumindest jedes Mal, wenn er dem Nebel gebietet sich zu erheben und seine milchweißen Schwaden in die Sonne zu entlassen. Und dann. Nachdem er ein ganzes geordnetes, ruhiges Szenario entworfen hat, schickt derselbe Herr (Hannah denkt sich den Herbst als ältlichen, boshaften Kerl) an einem Tag Anfang Oktober den ultimativen Föhnsturm, der alle mühsam sortierten Farben um und um wirbelt, mit wühlenden Händen genüsslich durch die noch hängenden Blätter fährt, sie in brausendem Schwall zu Boden regnen und in ziehenden Wirbeln davonziehen lässt, um sie lieblos mit gefalteten, zerknitterten Flugblättern zu mischen und in Hausecken und gekippten Kellerfenstern verrotten zu lassen. Sogar die Flugblätter, die die Menschen sorgfältig in Müllkübeln entsorgten, fischt der Sturm wütend heraus und deponiert sie an Straßenlaternen und in Dachrinnen. Es herrscht nämlich nicht nur Wahlkampf, sondern auch Windkampf, und die vielen Luftballons, die roten, gelben, blauen, grünen und rosaroten, machen sich so malerisch in Bäumen und Wäscheleinen. Nur schwarze gibt es keine, obwohl es eine schwarze Partei gibt.

Nicht nur der Sturm legt Tempo vor, auch die Menschen auf der Straße, als könne der Föhn sie antreiben wie welkes Laub. Die mittägliche Tageszeit und der soeben zu Ende gehende Wochenmarkt schwemmen besonders viele Leute unter den blauen Himmel, inklusive der Schulkinder, die den Sturm jedem Lehrer vorziehen und johlen.

Hannah schnippelt an den Haaren eines Jugendlichen herum, der, so glaubt sie zu erraten, von seiner Tante zum Friseur geschickt wurde mit dem strengen Auftrag, sich seine allenfalls um fünf gewagte Zentimeter zu lange „wilde Mähne“ entfernen zu lassen. Der aus Paris gebürtige Jugendliche musste in das randösterreichische Exil gehen, weil seine kleine Schwester ihm alle Untaten vorwarf, die sie selbst beging, und die Mutter nur ihr glaubte. Daher die Tante, die ihn, den Heimatlosen, bei sich beherbergt. Gott sei Dank. Hannah bemüht sich aus Mitgefühl, den heimatlosen Jungen besonders hübsch zu machen, damit die Tante ihn auch weiterhin behält und nicht weitervermittelt oder gar zu seiner bösen Schwester zurückschickt. Die am Panoramafenster vorbei stürmenden Beine nimmt sie nur als flüchtige Bewegung wahr. Da der Jugendliche, verständlicherweise immer noch geschockt vom ungerechten Lauf seines jungen Lebens, kein Wort von sich gibt, hängt sie ungestört ihren Gedanken nach. Die kreisen bald um Friederike, die am Abend zuvor an ihrer Tür gestrandet ist, um sich zu unterhalten, zwei Frauen unter sich. Das große Problem, mit dem sie sich befassten, hieß Martin Monster, das seine Aktualität nicht, wie erwartet, eingebüßt hat, obwohl er sich inzwischen schlecht benimmt. Hannah versuchte wiederholt, ihrer Freundin klarzumachen, dass nicht alle Jungs auf dieser Welt Blut trinken, aber sie stieß auf taube Ohren. Dabei kann ein Blinder sehen, wie ein Opfer von Monster aussieht: Friederike erschien wiederholt mit rotgeränderten Augen, weint manchmal verärgert am Telefon und futtert frustriert Chips in sich hinein, sooft sie in Hannahs kleiner Wohnung auf dem Sofa lümmelt. Abwechselnd mit Pfirsichen aus der Dose, was in Hannah den schrecklichen Verdacht erregte, Monster habe sich fortgepflanzt. Stockend und wütend erzählte die angehende Mutter (?), sie habe am Samstagabend am vereinbarten Treffpunkt auf Monster gewartet. Bis zu seiner leidigen WhatsApp-Nachricht, eine halbe Stunde zu spät: Er fühle sich nicht gut. Hannah vermutet, dass er da bereits einer anderen an der Kehle hing, verschonte die Schwangere (?) aber mit ihrem Verdacht. Manche Bilder muss man für sich behalten. Hingegen brennend interessiert sie die Frage, was irgendjemand an Monster findet. Ihr persönlich wird von den Beinen herauf kalt, sobald sie nur an ihn denkt! Als würde ein Eishauch mit klammen Fingern ihre Waden empor kriechen. Sie hakte wiederholt nach, was genau Friederike an ihm fasziniere: Sag schon, was! Gutes Aussehen? Sie unterstrich die Frage mit sarkastischem Lachen. Besondere Freundlichkeit, wenn, ja, wenn er einmal nett war? Gehörte sie zu den Frauen, die sich beißen lassen, damit man ihnen zwischendurch die Hand küsst? Das will sie nicht glauben.

„Sexappeal?“, versuchte es die Betrogene in fragendem Tonfall. Hannah riss überrascht die Augen auf. Der? „Ich möchte die Haare von ihr geschnitten haben.“ Na gut, er brachte ihr nach dem letzten Streit Blumen und ließ die Nierenpastete der anderen in seinem Kühlschrank. - „Dann müssen Sie warten, sie ist noch beschäftigt.“ Friederike steht auf Männer, die mit (harmlosen) Geschenken kommen (Hätte er doch besser das andere mitgebracht!) – „Das passt schon.“ Er merkt, wenn er zu weit geht, das ist ja schon viel wert, behauptete sie. Und er ist süß wie ein kleiner Junge. Manchmal. Phhh, Hannah schnaubte verächtlich. Kleine Jungen oder Männer, die sich wie solche benehmen, kämen ihr nie ins Haus. Sie würde sogar Fledermäuse vorziehen. Die großen. Diese Bluthunde. Die Chefin berührt sie am Arm: „Hannah, der Herr hier möchte von dir geschnitten werden, er wartet. Vielleicht siehst du zu, dass du dich ein bisschen beeilst.“ Diese Ausdrucksweise: er möchte geschnitten werden! Wo denn? Am Arm? Oder meint sie gar: „beschnitten.“? In ihre Sprachspiele vertieft sieht Hannah auf. Welcher Herr überhaupt? Ah, der mit dem schiefen Gesicht? Ist der nicht Chemiker? Oder halt, Barkeeper. Egal, beide mischen Tränke. Und Achtung, siezen!

„In Ordnung“, sagt sie und nimmt den Rasierapparat zur Hand. Der arme Scheinwaise präsentiert sich inzwischen ganz ordentlich. Sie weiß, wie gut sie schneidet, dass ihr Schnitt dem Wunsch vieler Kunden entspricht, die mit ihr zufrieden sind, unter ihnen besonders die Männer, denn das einzige Manko, das Hannahs Frisuren anhaftet, ist der Umstand, dass sie manchmal - nicht oft, aber manchmal und nur, wenn ein Mensch ihre Phantasie zu stark anregt - ein bisschen zu viel wegschnippelt, zumindest ein bisschen zu viel in den Augen einzelner Frauen, die dann eigentlich doch nicht sooo kurze Haare gewünscht hätten. - Obwohl sie ihnen genau so kurz gut stehen. Findet jedenfalls sie. Bei Männern passiert ihr das Eckchen zu viel insofern nicht, als Männer kürzeste Haare bevorzugen. Damit kommt sie klar.

Endlich entlässt sie den schlaksigen Jungen mit den überlangen Armen aus ihren Fängen (doch auch ein Opfer seines Aussehens?), kassiert die Summe für einen Jugendschnitt und öffnet dem dünnen Kerlchen zuvorkommend die Türe. Das nächste Projekt wartet, der Tränkebrauer. Wieder stellt sie die Standardfragen, muss sich einmal schnell korrigieren und auf das „Sie“ umschwenken. Die Frage nach der Zeitschrift lässt sie weg und überlegt stattdessen, ob der Salon für Männer seines Kalibers ein Wissenschaftsmagazin („Unsterblichkeit aus dem Reagenzglas“, „Gerade Gesichtszüge im Labor selber herstellen“) anschaffen sollte. Angeregt von solchen Ideen verfällt sie schon beim Waschen ins Plaudern, denn ihr ist die letzte Unterhaltung (und ihre Assoziationen damit) noch in guter Erinnerung. Sie lässt das Wasser in einem angenehm temperierten Strahl auf seine Scheitelhaare fließen und erzählt in die nassen Strähnen hinein: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen erging, aber ich war mit meiner Suche nicht sehr erfolgreich. Die Bauern in Vorarlberg sind entweder bereits vergeben, zu alt oder weiblich. Sie würden gar nicht glauben, wie viele Bäuerinnen hierzulande den Hof führen! Die sind leider nichts für mich. Für Sie übrigens auch nicht, obwohl Bäuerinnen endlos viel Platz für eine Bar hätten. Aber was nützt Ihnen eine Bar, die am Ende der Welt steht und nur von Kühen und Schweinen besucht wird? Und Gockeln.“

Er hat sich eigentlich vorgenommen, diesmal so schweigsam wie möglich zu sein. Aber er erkennt sofort zweierlei: zum einen plaudert diese junge Frau hier sehr offen ihre Gedanken und Wünsche aus, zum anderen scheint sie nicht ganz ernst zu meinen, was sie sagt, und vermutlich auch nicht ernst zu nehmen, was sie hört. Falls doch, kann er damit leben, denn sie präsentiert so viele peinliche Ansichten und so viel blühende Phantasie, dass er mit den eigenen Bekenntnissen höchstens Gleichstand erreicht. Falls sie hinterher über ihn tratscht, gelänge ihm das genauso gut über sie. Außerdem könnte es sehr fad werden, länger als 15 Minuten ohne jede Unterhaltung stillzusitzen. Das gibt den Ausschlag. Also entgegnet er dem Berg, der über ihm aufragt: „Ich war auch nicht erfolgreich. Welche junge Frau führt schon allein eine Bar. Die, die das machen, sind 60 plus.“

„Und in dem Alter längst verheiratet oder verbandelt“, bestätigt sie.

Ihm kommt ein anderer Gedanke: „Normalerweise bin ich in Gesprächen nicht so schnell beim Geld, wie das mit Ihnen der Fall war, aber Sie sagten, Sie würden sich ein Klavier kaufen. Warum ein Klavier, warum nicht ein Auto? Alle jungen Leute wünschen sich doch ein Auto.“

„Jung, haben Sie mich jung genannt? Ooooh!“ Sie wird oft für unter 20 gehalten, obwohl sie mitten in den 20ern steckt.

„Alt sind Sie auch nicht!“

„Ein Klavier“, sie übergeht seinen Einwurf, „stinkt nicht, belastet die Umwelt nicht und klingt wunderbar.“

„Dann können Sie also Klavier spielen.“

Dieser Feststellung muss sie widersprechen: „Ich kann weder Klavier spielen noch Noten lesen. Ich würde es lernen.“

„Und warum gerade Klavier, warum nicht – was weiß ich – Schlagzeug oder Klarinette oder Geige?“

„Sie scheinen kein Musikkenner zu sein.“ Sie seift ihm den Kopf gründlich ein. „Sicher klingt ein Schlagzeug in einer Band herrlich, aber haben Sie dieses Instrument schon einmal allein gehört, pur? Es dröhnt wie Musik aus der Unterwelt, falls Sie dort einmal gewesen sind. Wobei, Schlagzeug ginge ja noch, aber Klarinette? Geige?!“ Sie wird immer lauter, spukt die letzten Worte förmlich schreiend aus, die Chefin sieht schon neugierig zu ihr her. „Und Orpheus soll Laute gespielt haben. Deshalb hat man ihm seine Frau nicht zurückgegeben, nicht weil er sich umgedreht hat, das hat er nur behauptet, um die Schmach zu überspielen. Das spärliche Gezupfe! Und eine Geige -eine Geige winselt wie ein Hund, das müssen Sie doch zugeben!“

„Allerdings“, bestätigt er. „Ich musste sie selber für drei Jahre lernen, bevor ich meinen Eltern klar machen konnte, dass ich kein musikalisches Talent habe.“

„Sie mussten Geige lernen?!“ Entsetzt hält sie in ihrer Arbeit inne.

Er beißt sich auf die Lippen und sieht plötzlich sehr ... desillusioniert aus. „Das Schlagzeug habe ich geliebt, Unterwelt hin oder her. Ein Musiker hätte aus mir werden können, wenn meine Eltern das Schlagzeug erlaubt hätten.“ Stattdessen quälten sie ihn mit Geige. Die sei leise, argumentierten sie, in einem Orchester gut zu gebrauchen… Damals hörten seine Erziehungsberechtigten viel klassische Musik.

„Also ich“, stellt Hannah klar, „würde meinen Sohn nie zwingen, Geige zu lernen.“

„Haben Sie denn einen Sohn?“ Da sie weiterhin mit kräftig weichen, kreisenden Fingern das Shampoo in seine Kopfhaut einmassiert, hält er die Augen geschlossen und hat Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Er hört sie prustend lachen, ehe sie schließlich herauswürgt: „Ich und ein Kind? Das arme Kind!“

„Warum wäre es denn arm, wenn Sie es nicht zum Geige-Lernen zwingen würden?“

Da ihr die Unterhaltung Spaß zu machen beginnt, dehnt sie die Kopfhautmassage in die Länge, ein von ihr gern angewandtes Mittel, um in Ruhe träumen oder – wie hier – plaudern zu können. Während der Massage fällt Trödeln am wenigsten auf. Schnell antwortet sie: „Es gibt viele Wege, Kinder zu quälen. Ich würde das nicht absichtlich tun, aber ich schätze, das Essen käme nie pünktlich auf den Tisch, die Unordnung nähme überhand, die Wäsche vor der Waschmaschine wüchse auf Himalajahöhe an, während die Mutter, also ich, sich mit ihren Freunden trifft oder Klavier spielt oder das Handy anstarrt oder „Bauer sucht Frau“ schaut oder phantastische Reisen nach Nirgendwo unternimmt und ... alles tut, nur nicht das, was sie tun sollte. Nein, mir ein Baby in die Hand zu drücken wäre Selbstmord. Vom Kind aus betrachtet!“

Er lässt ihre Worte an sich vorbei plätschern, ehe er gesteht: „Bei mir wäre es wohl nicht anders.“

„Aber Sie schauen doch gar nicht `Bauer sucht Frau´ oder blättern stundenlang in Zeitschriften, Sie sind über Klatsch und Tratsch erhaben!“

„Wie haben Sie gesagt? Es gibt viele Möglichkeiten, ein Kind zu quälen.“ Inzwischen entschließt Hannah sich doch, die Massage zu beenden, ihr tun bereits die Fingerkuppen weh. Das ermöglicht ihm, aus seiner Trägheit herauszufinden und ernsthaft nachzugrübeln, wieso ein Kind bei ihm nicht das Paradies auf Erden vorfände: „Mein Sohn müsste schon mit fünf Jahren im Trachtenjanker oder einem Anzug herumrennen, mit sechs Geige lernen, denn das gehört sich so, und er käme mit spätestens 12 in ein Internat, denn bis dahin ist er ein Flegel ohne jede Erziehung gewor...“

„Und dasselbe gilt für die Tochter?“, unterbricht sie ihn. Das lauwarme Wasser rauscht leise.

„Tochter? Ist nicht geplant.“

Ihr stockt der Atem, endlose fünf Sekunden lang, ehe das Luftholen überstürzt hinterhereilt: „Sechs Töchter sollen Sie zur Strafe bekommen, und keinen Sohn“, ruft sie empört. „Und flennen sollen Sie, wenn die sechs eine nach der anderen erwachsen werden und das Haus verlassen und ihr Glück woanders suchen!“ Sie ärgert sich maßlos. Wie kann ein Mann nur Söhne akzeptieren? Kurz erwägt sie, das kalte Wasser etwas stärker aufzudrehen als das warme. Eine kalte Dusche scheint ihr für ihn jetzt angebracht. Das Problem ist die Chefin, denn wenn der Kerl auf ihrem Stuhl erschrocken aufschreit, wird sie, Hannah, ab sofort die Arbeiten übernehmen müssen, die Analena derzeit erledigt. Obwohl sich Analena langsam aus dem Dauerzustand des Aufräumens herausarbeitet und gelegentlich Haare waschen darf. (Sie macht das gerade und wringt einem Kind - Zwergenschule, Schneewittchenklasse - die Locken aus). Für Hannah wird es Zeit, das Spülen zu beenden. Der Herr hier verdient gründliches Vorgehen nicht. Wenn Schaum im Haar bleibt, hat er es sich selber zuzuschreiben. Keine Töchter vorgesehen, also wirklich!

„Sie urteilen streng.“, behauptet er. „Verstehen Sie denn nicht, dass ein Mann Jungen um sich braucht?“

„Aber doch nicht unbedingt eigene! Dann soll der Mann eben Fußballtrainer werden oder Pfadfinderführer…“ Erschrocken hält sie inne. Und fragt: „Wie haben Sie das überhaupt gemeint, er braucht Jungs um sich? Denn wenn ich da an diverse Skandale denke, wo Mann auch Jungen um sich brauchte – hallo?“

„Sie schauen entschieden zu viel Fernsehen. Ich meinte das ganz harmlos.“

„Ganz harmlos. So.“ Verärgert und mit unnötigem Druck rubbelt sie an seinen Haaren herum, bis die Haut an den Ohren brennend rot leuchtet, was immerhin vom Anblick seines Gesichts ablenkt. Wenn sie sich ärgert, entwickelt sie schon einmal eine überdimensionale Kraft in den Händen; normalerweise merkt sie das rechtzeitig, weil die Leute auf ihrem Stuhl unwillkürlich zucken oder das Gesicht verziehen. Der hier dagegen zuckt trotz der unsanften Behandlung kein einziges Mal. Nun gut, ein Verziehen des Gesichts hätte man bei ihm wahrscheinlich nicht bemerkt, aber der Verdacht, er spüre keinen Schmerz, steht im Raum. Vielleicht misslang ihm als Jugendlichem ein weiteres Experiment, was dazu führte, dass seine Nerven ihren Dienst versagten, und dann kam der Unfall, der sein Gesicht entstellte, was er aber bereits nicht mehr spürte... Zu ihrem Glück, denn wenn er sich jetzt beklagt oder gar bei der Chefin beschwert hätte, dann...nur so viel: Analena.

„Vielleicht“, fährt sie fort, „haben Sie etwas gegen Frauen? Außer…“ im selben Moment stoppt sie sich, gerade noch rechtzeitig. Sie hat sagen wollen: `...außer in Ihrem Bett´, aber das kann sie auch einem Gefühlstoten gegenüber einfach nicht bringen, wirklich nicht. Sie sollte sich überhaupt etwas zurücknehmen.

„Außer im Bett, meinen Sie“, murmelt er da.

„DAS haben jetzt Sie gesagt.“ Sie klingt ganz ruhig, aber innerlich beginnt sie sich zu gruseln, weil sofort ein weiterer Verdacht in ihr keimt...

„Aber Sie haben es gedacht“, kommt ungerührt seine freche Antwort. Eben, eben: Er kann sogar Gedanken lesen. Wenn er sich weiterhin als Figur so rasant entwickelt, wird sie sich seine Machart für einen Film patentieren lassen. Sie beginnt an den roten Ohren zu schneiden.

Ihr gefällt nicht, dass er sie durchschaut. Seine Neunmalklugheit macht sie pampig. Na gut, dann habe ich es eben gedacht. Ich kann Machosprüche – von wegen nur Söhne – einfach nicht ab. Er tut so überheblich und ist außerdem hundsfrech, man könnte sagen, er benimmt sich nicht. Nett ausgedrückt. Der beste Beweis dafür ist der, dass sein schlechtes Verhalten auf sie abfärbt. Er setzt ihre guten Manieren außer Kraft, was sie an der unfreundlichen Art erkennt, mit der sie ihm widerspricht. Dieses Gespräch läuft aus dem Ruder, wie ein Schiff, das vom Kurs abkommt oder ein Auto, dessen Front oder Heck ausbricht, wie Autos das bei Blitzeis so an sich haben. Nicht selten tritt das Phänomen auf, dass untereinander Fremde sich mit offensiven Sprüchen und misstrauischen Verdächtigungen weniger zurückhalten, als Bekannte. Sie weiß das. Vielleicht gelingt es ihr, verbale Aussetzer zu vermeiden, indem sie einfach die Klappe hält. Allein kann er schwerlich eine Unterhaltung auf so niedrigem Niveau führen, allenfalls einen Monolog. Kurz entschlossen schneidet und säbelt sie stumm, kappt vorsichtig die Haare dort, wo die Haut empfindlich ist und sie gut aufpassen, ihre Hand ruhig bleiben muss, nahe an den Kiefer- und Wangenknochen. Auch er sagt zunächst nichts, und das hätte bis zum Abschied so bleiben sollen. Bis sie den Spiegel hervorgeholt und ihm den Hinterkopf darin gezeigt hätte. Aber offensichtlich ist er nicht da, um sich zu langweilen, das kann er sicher jederzeit zu Hause tun (nicht im Labor, versteht sich).

„Sie genießen die ...ich meine…“ Er verstummt.

Will er schon wieder darauf anspielen? Als es um Geld ging, hatte er da nicht behauptet, heikle Inhalte schnell anzusprechen sei keineswegs eine für ihn typische Eigenheit? Wie man(n) sich irren kann! Er ist - thematisch gesehen - nicht nur schnell beim Geld, sondern sogar beim Sex! Wobei. Er ja angeblich nicht. So ein Feigling! Männer gehören doch zur Gattung der größten Feiglinge, die es gibt! Drückeberger kann sie auf den Tod nicht leiden. Dann schon lieber noch Vampire. Da sie sich zu den Mutigen zählt, vollendet sie konsequent den Satz an seiner Stelle: „… Männer im Bett doch auch, wollten Sie sagen.“

„Nein, nein! Wo denken Sie hin!“ Aus seinen Worten trieft Schadenfreude.

„Ich? Sie!“ braust sie auf, „Sie denken dorthin.“ Blöder Kerl, der! Muss sie sich nun fühlen, wie eine, die in jede Falle tappt? Er dreht es so, als sei sie ihm auf den Leim gegangen, obwohl es doch umgekehrt ist! Nun gut, da muss sie jetzt durch, das lässt sich nicht mehr ändern. Sie schnaubt. „Ich wüsste keinen Grund, einen Sohn abzulehnen!“

„Hm. Verstehen Sie, für mich wäre eine Tochter nicht einfach. In unserer Familie gibt es seit drei Generationen nur Buben, ich habe keine Vorstellung, was ein Mädchen gerne tut, mit was es spielt, welche Sorgen es plagen … ich wäre bei einer Tochter komplett hilflos. Überfordert.“

Moment. Wenn er glaubt, sie litte unter Alzheimer, täuscht er sich gewaltig: „Sie haben doch eine Schwester. Die mit dem Café?“

„Eine Halbschwester“, korrigiert er. „Mit der ich nicht aufgewachsen bin. Mein Vater … aber nein, das sollte ich Ihnen besser nicht erzählen. Jedenfalls kenne ich Kleinmädchenkram gar nicht.“

„So eine blöde ... Begründung! Man wächst in die Rolle des Elterndaseins hinein, wie in jede andere auch. Mädchen sind doch viel einfacher zu handhaben als Buben! Sie bereiten – im Gegensatz zu Jungs - nur in der Pubertät Umstände, weil man aufpassen muss, dass ihnen nichts zustößt, wenn sie mit 15 allein durch die Nacht stromern. Und mit `Nacht´ meine ich auch eine Zeit vor Mitternacht. Abgesehen davon sind Mädchen viel pflegeleichter, sie lernen in der Schule besser, sind sozial…“

„Und hierbei handelt es sich nicht um Klischees, nein?“

„Ausnahmen bestätigen die Regel.“ Sie weiß, sie ist schnippisch. Ihm fehlen offenbar weitere Argumente: Er zuckt die Schultern. „Ruhig halten, bitte, wenn ich Ihnen die Haare an den Ohren kappe! Sollten Sie sich wirklich Ohrringe stechen lassen wollen – der Juwelier befindet sich gegenüber.“

„Nein, danke, einmal reicht.“ Ihr Kontrollblick sieht an ihm keine Ohrringe … aber Ohrläppchen mit je einem zugewachsenen Loch. Ein Mann mit dieser symmetrischen Anordnung? Wie ein Mädchen? Das kann doch kein missratenes Experiment sein, oder? Sie will wissen, wie alt er war, als er sich die Löcher stechen ließ.

„Dreizehn“, lautet die Antwort, „im besten Flegelalter.“

„Sind Ohrringe ein Zeichen für Flegel?“

„Ein Zeichen für eine unglaubliche Provokation.“ Er bestätigt ihre Beobachtung: „Sie werden Männer kennen, die ein Loch in einem Ohr haben, vielleicht auch mehrere in beiden Ohren. Aber die Variante von einem Loch in jedem Ohrläppchen, die werden Sie bei uns auch heute nur selten finden. Die Juwelierin wollte mir die Idee damals mit Händen und Füßen ausreden, aber ich habe mir gesagt: wer Geige lernen muss, kann auch zwei Glitzersterne in den Ohren tragen, auf jeder Seite einen, wohlgemerkt.“

„Glitzersterne. Glitzersterne!!“ Wären nicht Pipetten angebrachter gewesen? Oder lange Dessertlöffel. „Als Provokation? Erfolgreich?“

„Ja“. Der Bar-Chemiker klingt hörbar stolz. „Ich konnte meinen Eltern glaubhaft versichern, dass ich künftig nur mit Goldherzen oder Perlen in den Ohrläppchen herumlaufen werde, wenn ich weiterhin Geige lernen muss. Das hat sie überzeugt.“

„Ja, aber warum sind Sie denn nicht einfach dem Unterricht ferngeblieben?“

„Das habe ich versucht, aber der Geigenlehrer war mit meinen Eltern eng befreundet und hat sie noch während der Unterrichtsstunde angerufen, wenn ich nicht kam. Ich hatte keine andere Wahl als den Juwelier. Er war meine einzige Rettung.“

„Buh! Schon irgendwie ... mutig.“ Obwohl sie noch keine zehn Minuten zuvor über seine Feigheit gestolpert ist, muss sie das eingestehen. Sie beginnt, seine Haare im Nacken zu kürzen. Diesmal reagiert er auf den kleinsten Druck ihrer Hand, senkt bereitwillig den Kopf. Sie stellt sich einen Dreizehnjährigen vor, der den Juwelier ansteuert und zwei kleine goldene Herzchen bestellt, um sie anschließend durch die Ohren zu stecken .... „Und Ihre Mitschüler, haben die Sie recht ausgelacht?“

„Die meisten haben es nicht gemerkt, weil ich in der Schule natürlich keinen Schmuck trug.“ Ach so. „Und anfangs habe ich ein Ohrläppchen mit Pflaster überklebt – nur das andere durchstochen gezeigt, denn das war cool. Aber meinen besten Freund weihte ich ein und er hat erstaunlich lange dichtgehalten. Danach wurde es eine Zeit lang etwas ungemütlich. Die Mädchen waren okay, aber meine Mitschüler deuteten, wenn nur ich hersah, auf ihre Ohren und grinsten dreckig. Tja.“

„Man musste Sie anschließend ein Jahr lang wegen erlittener Traumata psychiatrisch behandeln, nehme ich an.“

„Nein.“ Er lacht. Das linke Auge schließt sich dabei mehr als das rechte, „So schlimm war es nicht.“

Sie hätte gerne gewusst, in welche Schule er ging, vielleicht kennt sie ja einen seiner ehemaligen Mitschüler, den sie zu der Ohrringaffäre eingehend interviewen hätte können. Andererseits widerstrebt es ihr, direkt nach der Schule zu fragen. Vielleicht kommt das Gespräch ein andermal darauf. Sie konzentriert sich auf die Haare im Nacken und arbeitet sich zu denen auf dem Scheitel hoch. „In meiner Familie“, plaudert sie, „kommen seit vier Generationen nur Mädchen auf die Welt. Meine Oma hatte eine Schwester, meine Mutter drei, ich habe eine und meine Uroma war ein Einzelkind.“ Sie erwartet sein Lachen und seine Ungläubigkeit, denn dass zwei Familien mit jeweils nur einem Geschlecht aufwarten können, klingt nach einem schlechten Scherz, aber er überrascht sie, indem er das große Ganze akzeptiert, allenfalls mit Kleinigkeiten ringt: „Einzelkind? Damals sicher eine Ausnahme.“

„Ja und nein. Weltkriege beenden viele Ehen vorzeitig, mehr als ein Kind ging sich oft nicht aus, ehe der Mann fiel. Aber, wie gesagt, nur Mädchen. Mein Vater hat angeblich schon vor unserer Geburt gewitzelt, dass er mit Töchtern rechnet. Nur die Zahl könne er noch nicht vorhersagen. Er hat selber eine Schwester und ist die einzige männliche Ausnahme weit und breit. Bei uns könnte man den Eindruck gewinnen, das männliche Chromosom sei verlorengegangen, im Laufe der Generationen evolutionär verschwunden.“

„Und Ihr Satz bezüglich des Sohnes reine Farce“.

Diese Selbstzufriedenheit! Als hätte er sie auf Glatteis geführt. Irgendwie trifft das sogar zu. Und es ist noch nicht zu Ende: „Da Sie nie einen Sohn haben werden, können Sie natürlich behaupten, dass er nie Geige lernen muss. Aber Ihre sieben Töchter, die müssten alle Geige lernen. Und Klarinette. Und Trompete.“

„Und Pikkolo.“ Ein sprudelndes Lachen entkommt ihr. Sofort fällt ein ob des Lärms hochgradig missbilligender Chefinnenblick auf sie. Als der Kunde daher noch „Bratsche“ hinwirft, muss sie ihrem Mund Knebel anlegen, um das Kichern zu unterdrücken. Es gelingt ihr nicht ganz. Mit einem Gegenstand (Kamm und Schere) in je einer Hand ein Ding der Unmöglichkeit. In der Eile bewerkstelligt sie die Lautstärkeregelung mit dem Unterarm, den sie gegen die Lippen presst. Sie prustet in die Wolle ihres Pullovers. Auch später noch bebt ihr Bauch aus den Fugen geraten vor belustigter Wonne, ein unkontrollierbares Flattern, das bis in den Mund steigt und droht, die Lippen auseinander zu sprengen und dröhnende Lachsalven zu entlassen. Sie darf den Verursacher nicht im Spiegel ansehen, denn allein sein Anblick hätte bei ihr einen erneuten Heiterkeitsausbruch ausgelöst, obwohl so ein Gesicht ja nicht zum Lachen einlädt. Da die Chefin immer noch irritierte Seitenblicke in ihre Richtung wirft, bemüht sie sich schließlich um Konzentration. Der Getränkemixer unterstützt sie mit seinem Schweigen. Die Schuppen, die zwischen seinen dunklen Haaren glänzen, bringen sie endlich vollends auf den nüchternen Bodensatz des Lebens zurück. Seit seinem letzten Besuch sind es nicht weniger geworden. Wenn er sich nicht selbst ein Mittel dagegen brauen kann, - danach sieht es aus – muss der Salon ihm helfen: „Haben Sie ein Shampoo gegen Schuppen zuhause? Wenn nicht, hätten wir welche hier. Ich könnte Ihnen eines empfehlen.“

„Nein, danke.“ Ist er beleidigt? Es ist sicher nicht ihre Schuld, dass er sich nur auf das Mischen von Cocktails versteht. Sein plötzlicher Grant bringt sie endgültig zum Schweigen, das Startzeichen für ihre Gedanken, sich auf Wanderschaft zu begeben. Sie kommen nicht weit, kreisen um den Alchemisten, wie die Fliegen um den Mist. Sie fragt sich, aus welchem Elternhaus er stammt, wenn die (Nur-)Buben von den Eltern gezwungen wurden, Geige zu lernen. Im Frack womöglich, weil man nicht nur toll musizieren, sondern auch toll aussehen muss, mehr noch als musizieren. „Haben Sie“, fragt sie endlich, „das ernst gemeint, mit dem Anzug für den Fünfjährigen?“

„Natürlich“.

„Aber, entschuldigen Sie, welche Eltern…“

„Meine.“

„Immer, oder nur zu besonderen Anlässen?“

„Den Anzug zu besonderen Anlässen. Immer: die saubere Hose in Beige, das Hemd dazu, eine helle Jacke –.“

Sie schüttelt den Kopf, kapiert nicht, wieso Erwachsene Kinder dazu zwingen, sich von Dreck fernzuhalten. Sie selbst verzichtete als Kind manchmal bewusst auf das Spielen, um gut auszusehen, aber ihre Eltern erlaubten das Kauen von Sand, das Einfärben der Hosen mit Grassaft und das Kochen von Schlammkaffee, den sie anschließend ihrem Stoffelefanten anbot.

Ein „sauberes“ Milieu, wie er es andeutet, entzieht sich ihrem Verständnis. Sie nimmt ihn genauer in Augenschein und findet ihren Verdacht bestätigt, er müsse zur gehobenen Gesellschaft gehören. Mit ein bisschen Einbildung wirkt er wie ein feiner Herr (auch wenn er sich nicht so verhält). Auf diese Einbildung verlässt sie sich ausnahmsweise nicht allein, versucht vielmehr wie Watson, es Holmes nachzumachen und ihre Meinung auf Beobachtungen zu stützen: seine Schuhe, blankgeputzt und mindestens 200 Euro wert. Das weiße Hemd zwar nicht schön, aber bestimmt sauteuer, wie alle zu Tode designten Hemden. (Um das zu erkennen, reicht es, den Kragen zu sehen). Das Trinkgeld, auch nicht von schlechten Eltern. Die Hochnäsigkeit, ihr Interesse an Geld zu unterstellen. Warum sitzt er überhaupt noch hier, er muss doch fürchten, sie werde ihn ausnehmen wie eine Weihnachtsgans! Hannah sieht sie deutlich, die gesellschaftlich geprägte Demarkationslinie, die sie voneinander trennt: dort der Sohn aus gutbürgerlichem Haus, hier die Tochter vom Land, aus einer sehr gewöhnlichen Familie. Sie zieht die schlichte Familie entschieden vor.

Er als erstklassiger Gedankenleser merkt, dass sie ihn mit ungnädigen Attributen überschüttet, und zupft ungeduldig am Plastikumhang, bis sie zum Rasierapparat greift, um den Haaransatz von Haaren zu befreien. Dann noch der Spiegel, in dem sie ihm das Ergebnis ihrer Arbeit präsentiert. Der neue Schnitt sitzt genauso perfekt, wie der letzte. Obwohl der Herbst voranschreitet, verwendet sie auch diesmal keinen Föhn. Der heiße Wind draußen ersetzt jedes Gerät. Abschließend entschuldigt sie sich: Sie sei mitunter sehr schweigsam. Eigentlich entschuldigt sie sich für die Notwendigkeit, auf ihn, den reichen Snob, herabsehen zu müssen, und bedauert die Geringschätzung, die sie ihm seines Geldes wegen angedeihen lässt, obwohl sie gerne seine wissenschaftliche Begabung gepriesen hätte.

Er sieht sie nachdenklich im Spiegel an, was ihr erneut sein Talent zum Gedankenlesen (suboptimal!) bewusst macht. Endlich steht er auf und geht zur Garderobe hinüber, ohne weiter auf ihre Entschuldigung zu reagieren. Sie folgt ihm zur Kassa neben dem Eingang und beobachtet jeden seiner Handgriffe: Er nimmt die Jacke vom Haken, legt sie über den Arm, zögert, will etwas sagen, verbeißt es sich. Sie nennt ihm die geschuldete Summe und kassiert das Geld. Inklusive unverlangter fünf Euro Trinkgeld. Reicher Schnösel.

Sie glaubt schon, er werde stumm abhauen, stattdessen sagt er: „War nett, mit Ihnen zu plaudern“, und das macht sie fast ein bisschen weich. Aber nur fast. Sie hält ihm die Türe auf, weil sie bessere Manieren besitzt als er (obwohl von niedrigerer Abkunft), schließt sie mit Nachdruck hinter seinem Rücken und wendet sich dem Handtuch zu, das zur Wäsche gegeben, den kurzen Haarbüscheln auf dem Boden, die zusammengekehrt und einer Kundin, die anschließend bedient werden muss.

„Jaja, unser guter Herr Perman“, murmelt die Chefin halblaut vor sich hin, „immer zu Späßen aufgelegt.“ Der Chemiker heißt also Pheromon. Oder so. Ist das nicht ein Paarungsduft?

3

Anfang November gehört der ältliche Herr Herbst, auch der Goldene genannt, beinahe schon wieder der Vergangenheit an. An manchen Tagen wogt der Nebel bodennah, an anderen in zwei Kilometern Höhe, dann wieder linst die Sonne fahl und irrlichternd zwischen den Nebelschwaden hervor, durchbricht die Wolkendecke, nur um zu zeigen, dass sie („Huhu!“) immer noch existiert, wie die Diva, von der niemand mehr einen Song erwartet, sondern nur noch eine Erbschaft. Die Berge hüllen sich, sofern sie zu sehen sind, in düsterbraune Schleier, die alle bunten Farben abdecken. Sie benehmen sich wie sehr, sehr alte Leute, denen egal ist, was sie tragen: stumpfe Töne in gedeckten Schattierungen, Wald, Felsen, Wiesen. In Schneeweiß kleidet sich nur der altehrwürdig höchste Berg weit und breit, der Pizol, ein Schweizer, der stolz seine nur im Winterhalbjahr vorhandenen Silbervorräte zeigt. (Sein hartes Gletschergold hat er inzwischen eingebüßt). Der Rest: graubraun, dunkelbraun, grünbraun und braunbraun. Aber die Modeschau dauert nie lange, denn das Licht wird winterlich früh abgedreht, schon liegt der Laufsteg im Dunkeln.

In der Stunde zwischen Tag und Nacht, wenn der Himmel noch hell ist, die Hausfassaden bereits düster, die Straßen schlecht beleuchtet, wenn die Straßenlaternen als Kontrapunkt zum Himmelslicht antreten, die allumfassende Helligkeit schwindet und sich in kleine Lämpchen zusammenzieht, deren Strahlkraft mit dem Verlust des Tages zunimmt, kehrt Ruhe in die Umtriebe der Menschen. Die Luft wird kalt, der erste Frost starrt seit dem Morgen weiß auf den Wiesen, die Atemwolken vor dem Mund gut sichtbar, sogar im Dunkeln. Hannah findet, dass sich auch ihre Umtriebe allmählich zur Ruhe begeben dürfen, ihre Arbeitslust tut es schon längst, aber eine knappe Stunde wird sie noch ausharren müssen. Im Moment gibt es für sie nichts zu tun. Eine vorgemerkte Kundin fällt wegen Krankheit aus, wie überhaupt viele Leute in diesen Tagen an Krankheiten laborieren. Als würde die hierzulande im Mittelalter ausgestorbene Pest immer noch Symptome durch die stillen Gassen husten, ein bisschen Fieber, ein paar Krächzer und jede Menge Schleim, nicht gewillt, in medizinisch fortgeschrittenen Zeiten abzutreten. Die Pest, oder ihr Phantom, greift nach den Menschen, zieht sie an sich und behaucht sie.

Um sich von den peinigenden Bildern zu befreien, stürzt Hannah sich in Arbeit, in eine nicht wirklich vorhandene. Sie ordnet ihre Utensilien, die Klammern, Kämme, Scheren, Papiermanschetten und Gummihandschuhe. Sieht wiederholt der Dämmerung beim Einschleichen zu, dem Abend, der jedes Licht erfolgreich abwürgt und es tot zurücklässt. Die wenigen Leute, die sich unter diesen unheimlichen Vorzeichen noch ins Freie wagen, bilden lebende Scherenschnitte vor der hellen Glastür des Juweliergeschäfts. Ahnungslos willige Opfer der verseuchten Dunkelheit.

Zur Ablenkung ruft sie sich das Familientreffen an Allerheiligen in Erinnerung. Sie fuhr – wie jedes Jahr - in ihr Heimatdorf, nach Schlins, in dem sie zwar nicht mehr wohnt, das sie aber immer noch als ihre Heimat betrachtet, und traf sich mit Eltern, Schwester, angeheirateten Onkeln, blutsverwandten Tanten und zahlreichen Cousinen am Familiengrab, das in ihrer Phantasie offen stand. Dort fror man ein bisschen und trat herum und versuchte, mit einem einzigen Kerzenlicht warm zu werden und die kalten Toten zu vergessen, die unter den Füßen lagen. Beziehungsweise deren verrottende Reste. Danach ging man zusammen in ein Gasthaus und erst am späten Abend auseinander. Bei ihrer Schwester bahnt sich eine Hochzeit an, eine der Cousinen verkündete ihre Schwangerschaft, drei weitere schleppten bereits kleine Kinder mit, was den Weiterbestand der Familie sichert. Auf dem Kopf ihres Vaters zeigten sich mehr graue Haare als je zuvor. Vielleicht hätte manch anderer Mann nun geseufzt: wenigstens Haare. Aber an den vorhandenen Haaren sieht man den Alterungsprozess: zuerst Flaum, dann braun, dann fast schwarz, dann ein bisschen weiß und bald schlohweiß. Während die Mutter aufblüht, seit ihre Töchter ausgezogen sind, behauptet der Vater, dass er, alleingelassen von seinen Kindern, nur noch altere. Das Leben langweile ihn zusehends, das Haus sei still und zu groß geworden, wie ein Synthetik-Pullover, der, einmal zu heiß gewaschen, die Form und den Kontakt zum Körper verloren hat und nicht mehr wärmt. Wenn ihr Vater sich in einer solch wehmütigen Stimmung suhlt, neckt Hannah ihn oft: wegen ihr müsse er nicht schauspielern, er könne ruhig zugeben, Ihre Abwesenheit zu genießen, weil er endlich in Ruhe fernsehen kann. Dann hellt sich seine Miene auf, er zeigt mit dem breiten Zeigefinger, in dessen Rillen die harte Arbeit brennt, auf sie und bestätigt: „Genau, so ist es. Eure Sendungen waren schrecklich!“ Er lässt sich erklären, welche Soaps seine Töchter inzwischen verfolgen, um sich in seiner negativen Meinung bestätigt zu sehen. Nicht in Bezug auf die Töchter, sondern auf die Filme.

Je länger der Abend währte, desto höher stiegen die Fete und der Alkoholpegel, die Kinder trugen mit der Erhöhung des Lärmpegels zum allgemeinen Trubel bei, sprangen herum und schrien, bis ihre Eltern unter den missbilligenden Blicken der anwesenden Gäste beschlossen, nach Hause zu gehen und den Nachwuchs ins Bett zu stecken.

Sie denkt gerade an die Stimmung, die sie zu vorgerückter Stunde mit vereinten Kräften und explosivem Gelächter produziert hatten, als die Türe aufschwingt und Herr Bergmann oder Permann oder Berman eintritt. Der Pheromon-Mann jedenfalls. Er bringt einen Schwall kalter Luft mit, Holzrauch, Kamingestank und Frost, den er besser draußen gelassen hätte. Bei ihr stellt sich, da zum dritten Mal, bereits Routine ein, sowie sie ihn sieht. Er kommt wagemutig immer ohne Voranmeldung, was sich nur noch Männer mit kurzen Haaren und noch schnelleren Haarschnitten leisten können. Ihr fällt dazu ein Sprichwort ein: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Irgendwann wird er mit Bedauern wieder weggeschickt werden, mit dem Hinweis, in den vollen Terminkalender lasse sich keine noch so kleine Lücke zwängen, er solle ein anderes Mal kommen. Aber an diesem Tag nicht, an diesem Tag verschwendet sie Zeit ohne Ende. Wenn auch nicht unbedingt für ihn. Sie hält sich zuerst im Hintergrund, scheinbar intensiv mit ihren Utensilien beschäftigt, in der Hoffnung, von Arbeit verschont zu bleiben, aber es ist klar, was gleich passieren wird. Prompt ordnet die Chefin an: „Hannah, übernimmst du bitte“, und nickt in besagte Richtung. Ungern pickelt sie sich von ihren Tagträumen los und nimmt dem Kunden den dicken Mantel ab. 1A-Qualität, warm, echter Loden, das Erzeugeretikett wird sie ein andermal studieren. Sie dirigiert ihn (den Mann, nicht den Mantel) zu ihrem Platz.

Vorwürfe, zu viel geredet zu haben, plagen ihn diesmal nicht, obwohl er auch einen Monat zuvor Dinge verraten hat, die nicht einmal seine Freundin weiß. Das eine oder andere davon wird sie, die Freundin, zwar noch erfahren, sofern ihre Beziehung lang genug währt (er sieht aber kein Problem darin, wenn sie es nicht erfährt) und misst den Details, die er im Salon von sich gibt, keine Bedeutung mehr bei. Mehrere Wochen mussten ausreichen, um etwaige Informationslecks zu entdecken. Er fand keine, die ihm geschadet oder Spott eingetragen hätten. Die Friseurin erzählt vielleicht Außenstehenden nichts oder kennt nur verschwiegene Personen. Die sonstigen Ohrenzeugen im Raum scheinen viel nicht mitzubekommen, was ihn nicht weiter wundert: Die Gespräche sind von Wasserrauschen und Föhngebläse untermalt. Das Heulen und Plätschern, das Reden und Surren bilden eine Lärmkulisse, die viele Worte schluckt. Er entspannt sich sofort und nimmt angenehm überrascht das gute Gedächtnis der Friseurin zur Kenntnis: Sie fragt ihn nicht mehr, ob er Zeitschriften anzuschauen wünsche. Er seinerseits weicht von der Routine ab und bejaht die Frage nach einem Getränk. Er bittet um einen Tee, egal welchen, da ihn seit einigen Stunden Halsweh plagt. Das Halstuch, das er trägt, (Seide?!! Oder Kaschmir?) legt er aus demselben Grund nur ungern ab. Sie errät, was ihm zusetzt, und stellt einleitend fest: „Ja, viele sind im Moment krank. Sie haben Recht, wenn Sie heißen Tee trinken und ein Halstuch tragen. Es herrscht Eiseskälte.“

„Naja.“ Seine Stimme krächzt leicht, zumindest anfangs, wenn er zu reden beginnt. Gehindert durch seine lädierten Stimmbänder vertieft er das Thema nicht. Genaugenommen brennen auch seine Wangen, der Kopf fühlt sich dumpf an, nicht so, als habe er Fieber, das hat er nicht. Aber so, wie sich eine Verkühlung ankündigt, die sich unter Umständen zu einer Krankheit auswächst. Seine Zehen stoßen klamm an das Innenleder der Schuhe. Allein der Gedanke, nach dem Friseurbesuch stundenlang zu arbeiten, lässt ihn frösteln. Er hätte an einem anderen Tag kommen sollen, aber er gehört zu den unflexiblen Menschen: wenn er sich am Morgen vornimmt, den monatlichen Friseurtermin am selben Tag zu erledigen, bringt ihn kurz darauf beginnendes Halsweh nicht davon ab. Als Zugeständnis an seine Abgeschlagenheit schließt er leidend die Augen, lehnt sich zurück und versucht, an nichts zu denken. Erst der Geruch nach Hagebuttentee lässt ihn die Augen wieder öffnen.

„Ich weiß nicht“, sagt die Friseurin, „ob der Tee genehm ist. Ich mag ihn gerne.“

Er nickt, da ihm am Tee momentan hauptsächlich die Hitze zusagt. Für ihn gibt es nur einen Tee gibt, der schrecklicher schmeckt, als Hagebuttentee (nämlich Kamillentee). Für Diskussionen darüber fehlt ihm gerade die Energie. Auch die Tatsache, dass er den Tee in einer einfachen Tasse serviert bekommt, (Teebeutel und Zucker bereits enthalten, ebenso der Löffel) kommentiert er nicht, obwohl ihm die Bemerkung auf der Zunge liegt, sie möge doch einmal das Café seiner Schwester mit ihrem Besuch beehren, denn dort serviert man Tee so, wie man das in einem anständigen Lokal macht: mit Kännchen, verschiedenen Zuckersorten, einem Schnitz Zitrone und einem Becherchen Rahm, alles auf einem kleinen Tablett angeordnet, samt einem leeren Schälchen für den benutzten Teebeutel, den man zuvor selber ins Wasser gehängt hat, damit der Tee nach Wunsch ziehen kann. Er hilft manchmal bei seiner Schwester aus und hätte so ein Tablett blind zusammenstellen können.

Ganz gegen ihre Gewohnheit fragt Hannah wiederholt nach, ob die Wassertemperatur passe. Ihre Einbildungskraft liegt nahe an ihrem Einfühlungsvermögen. Sie wäre im Mittelalter an der eingebildeten Pest gestorben. Weil sie sieht, dass ihn fröstelt, fröstelt sie auch, weshalb sie sich so oft nach der Wassertemperatur erkundigt, dass sie allmählich nervt. Er nickt jedes Mal müde und lässt sie gewähren. Sie hält die Temperatur konstant heiß und versucht die Viren und Bakterien, die ihn gerade dicht besiedeln, aus ihren Gedanken auszuklammern, beziehungsweise mental abzutöten. Sie bedauert, nicht wie der Zauberlehrling das Wasser von allein marschieren lassen zu können. Ihrer Meinung nach stellt das Haarewaschen in Zeiten von Seuchen einen zu engen Körperkontakt dar. Trotzdem trocknet sie seinen Kopf anschließend gründlich ab und beginnt mit dem üblichen Schnitt. Der Chemiker scheint nicht in der Laune zu sein, auch nur zuzuhören, wenn sie plaudert, weshalb sie neben dem Reden gleich das Zuhören mit übernimmt: „Sie müssen nichts sagen, nein, aber ich möchte etwas beichten.“

Oje, denkt er, obwohl ihm auch das Denken nicht leicht fällt, gleich gesteht sie, dass sie ihrer Freundin von unseren Gesprächen erzählt, weiß, wie meine Schwester heißt und welches Café sie führt … daher registriert er erst zeitverzögert, wovon sie wirklich spricht: „Das war nicht der einzige Grund für das Klavier. Jedes Instrument klingt im Grund langweilig, wenn man darauf üben muss, da mache ich mir gar keine Illusionen. Der wahre Grund ist der: Mein Großvater hatte eines. Er war das, was man unter einem einfachen Menschen versteht, aber hochmusikalisch, der Vater meines Vaters. Ich durfte ihn als Kind immer in seinem Heimatort in Salzburg besuchen, auf dem Land. Das müssen Sie sich vorstellen: ein Bauernhof…“

„Er war Bauer?“. Er hätte seine Stimme schonen sollen, aber Ungereimtheiten interessieren ihn.

„Ja. Und...“

„Entschuldigen Sie,…hrm… wenn ich Sie unterbreche, aber das möchte ich jetzt schon wissen: Sie wollen sich einen Bauernhof erheiraten, obwohl Ihr Opa einen hat?“

„Er hat ihn nicht mehr, das heißt, mein Opa lebt nicht mehr und der Hof wurde verkauft. Mein Vater wollte kein Bauer sein, er ist Schlosser geworden, meine Tante hat anderweitig geheiratet, auch keinen Bauern. Und, um das gleich noch zu erklären: mein Opa wurde nicht alt, er war dreiundsechzig, ich erst 12, als er starb. Zu dem Zeitpunkt konnte ich seinen Hof nicht übernehmen, wie Sie sich denken können. Aber lassen Sie mich erzählen, warum ein Klavier: mein Opa konnte spielen, das glauben Sie nicht. Sie hätten es hören müssen. Sicher, ich war ein Kind, aber viele Leute bestätigen mir heute noch, dass mich meine Erinnerung nicht trügt. Sie sagen, so sei es gewesen. Er hat gespielt wie ein Gott. Naja, vielleicht nicht sooo gut, aber eben einfach … Ich bin als Kind neben ihm gesessen, wenn er gespielt hat, vor allem in den Weihnachtsferien. Im Sommer kam er aufgrund der vielen Arbeit kaum dazu, aber an Weihnachten, im Winter, wenn einem Bauern doch die Zeit so reichlich wie Manna vom Himmel fällt, habe ich ihm stundenlang zugehört und mit offenen Augen geträumt. Verstehen Sie, ihn hat nie ein anderes Instrument begleitet, es hat auch niemand dazu gesungen. Nur das Klavier. Pur. Aber die Melodien, lustige, traurige, schwere, freche, schnelle, langsame: kunterbunt durcheinander. So spielen zu können wäre mein Traum. Mein Vater hat die Noten geerbt, sie liegen bei meinen Eltern zuhause in einem Schrank im Wohnzimmer, drei ganz dicke Stapel. Die Noten hat sich mein Opa in der Stadt besorgt. Im Laufe seines Lebens kam einiges zusammen. Manchmal haben ihm Freunde Noten zum Namenstag oder zu Weihnachten geschenkt.“

„…mens… Namenstag?“

„Ja, kommt Ihnen das komisch vor? Dort auf dem Land feiert man den Namenstag mehr als den Geburtstag, zumindest damals, und so lang ist das ja noch nicht her. Also hat er die Noten zum Namenstag bekommen. Und ich kann sie nicht einmal lesen.“

„Hrm…Dann sollten Sie das wirklich lernen.“

„Bleibt noch das Klavier. Das hat mein Vater nicht mitgenommen, er kann nicht spielen und hat gesagt: `So wie er werde ich das nie können, was soll ich also mit einem Klavier.´ - Er hat es einem Musiker in Salzburg abgetreten.“

„Kchk.. .. Herrgott, der Hals! Kaufen Sie sich ein Keyboard, ein E-Piano oder etwas Ähnliches.“

„Nein. Wenn, dann müsste es ein Flügel sein.“

„Jeder fängt klein an.“

„Ich nicht, ich fange gar nicht an. Nur wenn ich ganz viel Geld hätte, würde ich mir einen Flügel kaufen und ihn mir ins Wohnzimmer stellen. Also ins neue Wohnzimmer, im alten wär kein Platz. Und dann kämen, wenn ich ihn ansehe, Erinnerungen hoch. An das staubtrockene Heu im Dachboden. An den See, der gerade einmal zehn Rennminuten vom Hof entfernt war. An die Kühe im Stall, die ich mit der Heugabel gefüttert habe. Das war immer eine Zeit ohne Schule, unbeschwert.“

„Wenn …hrmm…Sie Klavierkonzerte besuchen…“ Immer wieder klingt seine Stimme kratzig, daher versichert sie, die ihre Rolle als Alleinunterhalterin genießt, hastig: „Reden Sie nicht, Sie müssen gar nichts sagen, das erledige ich. Aber wissen Sie, ich besuche keine Klavierkonzerte.“

„..rum nicht ?“

„Schsch“, macht sie und vergleicht die Haarlänge an den Ohren. Links noch ein Spitzchen weggeschnitten, dann passt sie. „Was glauben Sie? Dass ich mich ernsthaft in ein Klavierkonzert setze? Ich soll mich zuerst fein anziehen und dann mitten unter diesen … vornehmen Leuten sitzen, die alle mit ihren Programmen rascheln und verhalten hüsteln und streng schauen, wenn man niesen muss? Als würde man absichtlich niesen! Und in dem engen Rock, den ich tragen müsste, könnte ich mich gar nicht bewegen? Die klebrigen Knie übereinander gequetscht? Und mit dem dünnen Jäckchen wäre mir außerdem kalt, weil im Saal die Türen offenstehen... in diesen Sälen stehen doch immer die Türen zum Gang offen. Wissen Sie, Klaviermusik muss man allein genießen, mit dicken Hüttenpatschen an den Füßen, einem Tee vor sich… die Luft darf dann ruhig nach Jauche stinken oder nach Vanillekipfeln duften... die hat meine Oma immer gebacken. Die meiner Oma waren besser als die von Ihrer. Ganz bestimmt. Auch wenn Sie wahrscheinlich widersprechen wollen.“

Er kann von seiner Oma überhaupt nicht behaupten, dass sie gebacken hätte. Sie kann wahrscheinlich gar nicht backen. Wenn er an Vanillekipfeln denkt, spürte er eine vage Sehnsucht nach einer Erinnerung, die er gar nicht hat, vielleicht nach den prall gefüllten Kekssäckchen, die man in der Konditorei bekommt, sofern man sie sich leisten will. „…Klavierkonzerte.“ krächzt er, der Anfang des Satzes verdorrt in seinem Hals.

„Schonen Sie um Gottes Willen Ihre Stimme!“ Sie schnippelt eifrig an seinen Nackenhaaren herum. „Sonst ist sie bald ganz weg. Dann müssen Sie Ihren 100 Untergebenen mit Fingern deuten, wie Sie die Cocktails gemischt haben möchten. In Ihrem eigenen Interesse sagen Sie nichts. Ich brauch Sie nicht zum Reden, ich kann mich sehr gut allein unterhalten...“ (Daran zweifelt er keine Sekunde) „...und Sie… nein, nicken oder den Kopf schütteln dürfen Sie keinesfalls.“ Sie überlegt kurz, was sie ihm überhaupt erlauben soll, dann kommt ihr die rettende Idee: „Sie heben eine Hand, wenn Sie „ja“ meinen und beide, wenn Sie „nein“ meinen. Also, wollten Sie sagen, dass ich wenigstens einmal in meinem Leben ein Klavierkonzert besuchen muss?“ Anstatt ihre Anordnungen zu befolgen, schüttelt er den Kopf, was sie mit einem kleinen Wutschrei quittiert. „Beide Hände“, ruft sie, „für `Nein´ beide Hände heben!“

Sie muss es in ihrer Aufregung etwas zu schrill geschrien haben, denn Analena flüstert ihr, einen Stapel sauberer Handtücher auf dem Arm, im Vorbeigehen zu: „Die Chefin schaut schon, Hannah!“

Oh, das stimmt leider. Sie bedankt sich für die Warnung und fährt leiser an ihren Kunden gewandt fort: „Sie meinten, dass Ihnen Klavierkonzerte gefallen?“ Er hebt beide Hände. Allein die richtige Anzahl von Händen zu heben scheint ihm heute ein schwieriges Unterfangen. Sogar die Unterscheidung zwischen eins und zwei bereitet Mühe.

Beneidenswert mühelos überlegt dagegen sie: „Wir haben von Ihrer Oma gesprochen. Hat sie mit Klavierkonzerten zu tun?“

Diesmal hebt er eine Hand. Ja.

„War sie irgendwann für Kulturveranstaltungen zuständig?“

Beide Hände. Nein. „Mich“, sagt er heiser, „hat sie in….“

„In Klavierkonzerte geschleppt?“ Er nickt. Mit Vehemenz bremst sie seinen aus dem Nicken hochfahrenden Kopf ab. „So eine Oma war das also? Meine hat Musik, abgesehen von Opas Stücken, höchstens im Radio gehört. Ziemlich laut, weil ihre Ohren schon reichlich … lahm – na, Sie wissen schon.“

„… alt?“

„Meine Oma? Nein, sie wurde auch nicht alt. Sie war von vornherein ein bisschen älter als mein Opa, aber dann hat sie ihn nicht lang überlebt. Und Klavier spielen konnte sie überhaupt nicht. So, jetzt noch die Haare oben. Leichter Seitenscheitel wie immer?“

„Hrm…Ja.“ Sein Kopf hält still, er scheint sich gemerkt zu haben, dass sie Nicken nicht ausstehen kann.

„Gut. Aber gegen die Schuppen… egal. Sie wollen einfach Schuppen haben, das ist in Ordnung. Wissen Sie was, ich lege Ihnen noch ein trockenes Handtuch um den Hals, vielleicht hilft es ja ein wenig gegen die Zugluft. Und möchten Sie noch einmal eine Tasse Tee?“

„Ger...“ Er räuspert sich. „Gern. Hrben Sie vielleicht auch Minze?“ Der Blick, den sie ihm zuwirft, hätte ihn beinahe abgemurkst.

Diesmal holt sie den Tee nicht selber (mit so einem scharfen und stinkenden Gebräu gibt sie sich nicht ab), sondern winkt Analena zu sich und erteilt ihr den Auftrag. Sie selbst plaudert ungestört weiter (er kann sie ja mit seiner lädierten Stimme nicht allzu oft unterbrechen): „Von Ihrer Oma erzählen Sie mir das nächste Mal, wenn es Ihnen wieder besser geht. Inzwischen schwärme ich Ihnen von meinen Großeltern und den herrlichen Ferien auf dem Land vor. Sie kennen die Gegend vielleicht, hügelig, mit viel Raum und Himmel und schönen Seen, im Herbst und Winter ein wenig nebelig, aber was Nebel anbelangt, sind wir hier ja auch nicht verwöhnt. Und dazu alles, was man als Kind zum Glücklichsein braucht: Ferien, MärchenCDs und -DVDs, Tiere, Schlamm, gutes Essen.... Meine Oma hat immer hervorragend gekocht. Wärme – im Sommer von der Sonne, im Winter von dem Holzofen, den man in der Stube neben der Küche beheizt hat, und dort bin ich meistens herumgelungert. Also im Winter jetzt. Im Sommer war ich überall, nur nicht im Haus. Da musste man mich regelmäßig draußen suchen gehen. Damals ging ich sogar schwimmen. Aber mit dem Winter, mit Minusgraden – manchmal lag auch Schnee, meistens nach Weihnachten, nie davor – verbinde ich immer das Klavier. Ja…“ Sie lacht verschmitzt, „Sie dürfen mich ruhig beneiden.“ Auf ihr Lachen folgt ein abgrundtiefer Seufzer. Der Sommerduft von geschnittenem Gras. Im düsteren Stall das Klirren der Ketten am Hals der Kühe, deren zuckende, mit Nummerntäfelchen versehene Ohren, das langsame Mahlen der weichen Lippen und der Speichel, der ihnen träge aus dem Maulwinkel troff. Der in den Sonnenstrahlen tanzende Staub, gepuderte Wege, aufgewühlt von schweren Traktoren. Die Schwäne, die wie stolze Hochseeschiffe durch den Löwenzahn wankten (Ja, sie kamen durchaus auch an Land). Daneben das silbrig wogende Schilf, der kalt kitzelnde Morgentau zwischen den Zehen. Das sanfte Plätschern der Wellen, die glitzernden Steine im zitternden Wasser, die Fischer in grünen Gummilatzhosen, das panisch-orange Blinklicht vor dem schwarz heraufziehenden Sturm. – Es passiert ihr öfter: Manchmal weilt sie bei der Arbeit gedanklich in den Ferien ihrer Kindheit. Ihr Kopf liegt in der Streuobstwiese unter den reifenden Äpfeln, die Hände zwirbeln Grashalme um die Fingerknöchel… Analena bringt den Tee. Weg, alle Erinnerungen zerstoben. Gereizt wartet sie, bis der Kunde ein paar Schlucke getrunken hat. Die Hitze im Hals scheint ihm gutzutun, denn mit nunmehr klarer Stimme sagt er: „Paradiesisch.“

„Der Tee?“ Sie beäugt ihn misstrauisch.

„Der auch, ja. Und die Ferien. Hrrm.“ Er muss sich doch wieder räuspern.

„Ja. Aber nicht immer. Man benötigte uns bei der Arbeit auf dem Hof, an glühend heißen Sommertagen eine Qual. Sie glauben, dass die Hitze Sie versengt. Und tragische Ereignisse gab es auch: einmal sind zwei Hennen in die Klärgrube gefallen und ertrunken. Der Hund meiner Großeltern warf in einem Frühling fünf Welpen. Einer davon wurde von einem Auto angefahren, das auf den Hof einbog. Man musste ihn einschläfern lassen. Jedes Ereignis für sich der halbe Weltuntergang. Und dann gab es da noch meine Schwester, die habe ich Ihnen wohlweislich verschwiegen. Ich möchte nämlich jetzt nicht behaupten, dass wir nie gestritten hätten. Im Gegenteil. Wenn Sie sich einen Hahnenkampf vorstellen, bei dem die Federn nur so stieben... so hat sich das zwischen mir und meiner Schwester abgespielt. Weil sie älter war, blieb sie meistens siegreich. In einem Winter wurde sie außerdem sehr krank, hatte hohes Fieber und delirierte. Sie hat sich im Bett aufgesetzt, auf die gegenüberliegende Zimmerwand gedeutet und geschrien: „Bär! Bär! Bär!“ Nonstop, stereotyp. Gespenstisch. Viele meiner Gruselgeschichten stammen original von meiner Schwester. Wir konnten sie kaum beruhigen. Am nächsten Tag wusste sie nichts von ihrem Zoo. Außerdem ist sie schlafwandeln gegangen, hat sogar einmal mitten in der Nacht das Haus verlassen und an der Haustür geklingelt. Können Sie sich unseren Schrecken vorstellen? Ein paar Tage danach noch glaubte ich, es sei nicht meine Schwester gewesen, die da nächtens vor der Tür stand, sondern ein Geist, der sie ersetzte. Bis sie sich wieder so verhalten hat, wie meine Schwester. Da wusste ich: Sie ist echt. Was wäre das für eine Tragödie gewesen, wenn sie damals davongelaufen und im See ertrunken oder unter ein Auto geraten wäre? Immer wieder hat sie mir Angst eingejagt und mir mit Vorliebe am späten Abend Gruselgeschichten erzählt. Wenn ich traumatisiert zu meinen Großeltern in die Stube hinaus tappte, weil ich nicht einschlafen konnte, und sie zur Rede gestellt wurde, wusste sie von nichts. Ganze Romane hat sie erzählt, die allerdings unbrauchbar waren, weil niemand dieses Grauen lesen hätte wollen. Aber abgesehen davon – war es meistens schön, ja.“

Ihre Arbeit nähert sich dem Ende. Diesmal greift sie zum Föhn und trocknet seine Haare sehr gründlich. Ihm muss immer noch ein bisschen kalt sein. Sie zumindest friert. Er trink seinen grässlichen Tee, lehnt sich zurück und starrt vollkommen fertig vor sich hin, macht sogar die Augen zu. Seine Haare trocknen im beginnenden Fieber, sie legt den Föhn zur Seite, fährt mit der Bürste ein letztes Mal über den dunklen Schopf und fegt die Haarspitzen von Hals und Schultern. Wie immer nimmt sie den Umhang zusammen. Der Schnittabfall landet auf dem Boden. Als er seine Frisur im Spiegel sieht, nickt er zustimmend und steht steif und ungelenk auf.

An der Kassa krächzt er ein „Danke“, drückt ihr wieder fünf Euro Trinkgeld in die Hand und dreht sich zur Garderobe um. Sie hilft ihm in den Mantel (das Etikett zu entziffern gelingt ihr auch diesmal nicht) und fühlt sich wie ein Kavalier der alten Schule. Im letzten Moment fällt ihr das Halstuch auf dem Tisch vor dem Spiegel ein, doch Analena war schneller und reicht es ihm.

„Mütze?“, fragt Hannah. Sie hört sich an wie ihre eigene Mutter. Der Gedanke, er könnte gesundheitlich angeschlagen mit so kurzen Haaren und unbedecktem Kopf in die kalte Nachtluft hinaustreten, behagt ihr nicht.

„Nein“, krächzt er, nickt grüßend und tritt auf die Straße.

Dort fährt ihm der Frost in die Glieder, die sich schwer und träge anfühlen, Arme und Beine aus Blei, das Hirn wie vernebelt.

Am nächsten Tag glüht er im Fieber und wälzt das, was ihm die Friseurin am Vortag erzählt hat, wie eine Steinlawine im Kopf herum. Die Worte scheinen als Echo vielstimmig widerzuhallen, Sätze verlorenzugehen, Satzfetzen in Endlosschleife hängen zu bleiben. Hitze und Schweiß schwächen seinen Körper, der Kopf dröhnt. Erst, als das Fieber nach drei Tagen langsam sinkt, vermag er wieder klar zu denken.

4

In den ersten Dezembertagen wartet Hannah auf ihn. Sie gehört zu den Menschen, die sich konditionieren lassen, und „Monatsanfang“ heißt „Chemiker“. Er kommt immer vor dem fünften. Allerdings scheint er kein Interesse daran zu haben, sie an einen Rhythmus zu gewöhnen, denn um den fünften Dezember erscheint er nicht. Sie spürt eine leise Gereiztheit an sich nagen und sucht den Fehler bei sich. Vielleicht habe ich ihn mit meinen Unterstellungen bezüglich der Jungs und der Frauen abgestoßen, denkt sie, oder ihn mit meinen Ferienschilderungen gelangweilt.

Er kommt einfach nicht. Der Selbstkasteiung müde beschließt sie endlich trotzig, auch gut ohne ihn zu können, denn wenn er nicht kommt, kommen andere, und zwar in rauen Mengen. Sie geben sich im Salon die Klinke in die Hand, weil sie alle einmal im Jahr den Schein wahren wollen: am 24. Dezember. Lächelnde Familienmitglieder, Harmonie und Lichterglanz und gutes Aussehen. Mit einer makellosen Frisur. Die perfekten Stunden zu inszenieren erfordert harte Arbeit. Der Friseurbesuch ist nur ein Teil davon. Auf den Straßen verfallen die Leute ins Rennen. Das Weihnachtsgeschäft kommt auf Touren und legt an Geschwindigkeit zu. Es jagt die Menschen mit Taschen, Schals, Mänteln und Paketen behängt am Frisiersalon vorbei, Kinder hinter sich herziehend, im Laufschritt. An dem ein oder anderen Pärchen scheitert jede Hektik, denn Liebespaare haben ihre eigene Zeitrechnung, sie schlendern ungeachtet weihnachtlicher Dringlichkeit, versunken in langsamen Genuss, ziellos durch die Gassen, das Wissen ignorierend, dass der Heilige Abend schon in 14 Tagen bittere Realität wird. Aber auch Besucher des Weihnachtsmarktes lassen sich nicht so leicht anschieben. Sie flanieren an den Ständen vorbei, entweder leicht angetrunken oder an kandierten Mandeln knabbernd, oder beides. Die Kinder beißen in Zuckerwatte und mit Schokolade überzogene Bananen, die sie in ihren mit Schokolade überzogenen Händen verschmieren, die Wangen braun bekleckert, Süßes auf die rosige Haut gestrichen bis fast zu den Ohren. Hannahs Herzschlag beschleunigt sich bei den steten Bewegungen im Augenwinkel, hängt sich an die rasenden Menschen, bis in den Abend hinein. Sie leidet unter stressbedingtem Herzflattern, weil bei ihr zuhause noch kein einziges Weihnachtsgeschenk auf seine Verpackung wartet und sie nicht einmal weiß, wo sie in diesem Jahr Weihnachten feiern soll. Bei den Eltern? Allein? Oder mit Friederike, die am Heiligen Abend sicher keine Zeit für sie hat, da immer noch das Monster ihr Herzblut sauft und an ihr hängt wie eine Vampirfledermaus? Vergleichbar nur noch mit einer Handschelle oder Fußfessel. Die Möglichkeit, lange über ihren Problemen zu grübeln, bleibt ihr nicht: Sie schneidet einer mittelalten Frau die Haare, die in einer Volksschule arme Kinder unterrichtet (das weiß Hannah mit Bestimmtheit) und in ihrer Freizeit Küchenschaben dressiert (das weiß sie nicht so genau), aber wohlerzogen, wie sie ist, und obwohl Küchenschaben sie ekeln, richtet sie an die Lehrerin eine höfliche Frage: „Feierst du Weihnachten aufwendig?“

„Aufwendig – naja. Wir bekommen Besuch, mein Mann und ich. Mein Bruder beehrt uns, mit Frau und Tochter, wir werden es uns gemütlich machen.“

„Und, habt ihr auch solche Traditionen… also wir essen an Heiligabend immer Nudelsuppe mit Würstel...“ (wenn Hirn, Darm, Hoden und Magen aus sind), „und an Neujahr die exklusive Fischplatte.“

„Das mit der Nudelsuppe habe ich schon mehrfach gehört. Oder Schinken und Sauerkraut.“

„Sauerkraut?“ Hannah vergisst vor Schreck die Arbeit. Wie kann man am 24. abends Sauerkraut essen? Die Einfälle der Leute übertreffen ihre bei weitem – und das soll etwas heißen!

„Genau. Und Karpfen. Wobei ich diese Fische gar nicht mag. Sie schmecken nach dem faulen Moos, in dem sie dümpeln.“

Klar, warum auch sollte sich ein Karpfen bewegen, wenn er bloß auf einem Teller landet. Zumal ihn sein moosiger Geschmack sogar retten könnte! „An Weihnachten scheinen viele Menschen an uralten Gepflogenheiten festzuhalten.“

„Ja.“

Das Gespräch plätschert dahin, deshalb entgeht ihr eine wichtige Tatsache: Er ist zurück, steht unschlüssig an der Tür, im Hintergrund das große Fenster, das das Innere des Salons widerspiegelt, da die Dämmerung der Dunkelheit gewichen ist.

„Womit kann ich dienen?“, fragt die Chefin, die einer verkannten Historikerin die Haare einfärbt. Sie schießt über die Lesebrille hinweg einen direkten Blick auf den Neuankömmling und widmet sich wieder dem Einstreichen der Farbe.

„Ich hätte mir gerne die Haare schneiden lassen.“ Hannah horcht auf, die Stimme kennt sie.

„Heute sind wir leider voll. Sie wissen ja, zu Weihnachten.... Aber wir können Ihnen gerne einen Termin geben, wenn Sie das wünschen.“

Der Mann zögert, stimmt dann zu: „Ja. Bitte.“

Die Chefin entschuldigt sich kurz bei der Wühlerin in alten Akten, streift die Gummihandschuhe ab und eilt zur Kassa, neben der das überdimensionale Kalenderbuch mit allen Terminen liegt. „Wann ginge es Ihnen denn am besten?“

„Nachmittags um diese Zeit?“

„Hm. Ist es egal, wer Sie schneidet?“

„Ähm, nein, ich hätte gerne die … Dame, die das immer macht.“ Er nennt weder Hannahs Namen, noch fragt er danach, weshalb die Chefin, die es hasst, wenn man ihre Angestellten als namenlose Damen abhandelt, betont deutlich artikuliert: „Hannah. Hm. Ja, es sieht gut für Sie aus. Übermorgen Freitag könnten wir Sie um halb fünf noch schnell dazwischenschieben. Bei Ihrer Haarlänge dauert ein Schnitt ja nicht lange. Passt Ihnen der Termin, Freitag um 16 Uhr 30?“

Erneut zögert er, diesmal noch länger, denn am Freitagnachmittag arbeitet Verena nicht. Wenn er diesen Friseurtermin wahrnimmt, muss er eine Stunde früher zur Arbeit aufbrechen. Dann aber bestätigt er entschlossen: „Ja, das geht.“

„Gut, Herr Perman, in dem Fall bis übermorgen!“

Noch zwei Tage, denkt Hannah und ermahnt sich gleich selbst: Hallo, Mädchen, es handelt sich hier nicht um ein Date! Auch wenn dir Männer gefallen, die sich nicht wehren können und hilflos deinem Geplauder ausgesetzt sind!

Den ganzen Freitag freut sie sich auf halb fünf. Zum ersten Mal weiß sie im Voraus, wann er auftauchen wird. Sie überlegt fieberhaft, wie sie ihn unterhalten kann, welche Lügengeschichte sie ihm auftischt, ob sie eine berühmte Großmutter erfindet oder einen Onkel im Gefängnis. Ihre Großeltern sind vollkommen unbekannt und keiner ihrer Onkel (eingeheiratet, wie gesagt) kennt ein Gefängnis von innen. Sie möchte sich spontan etwas einfallen lassen und entscheidet kurz entschlossen, bei Bedarf je nach Thema zu fabulieren.

Er erscheint pünktlich. Ein wenig blass zwar, aber das mag daran liegen, dass er seinen schwarzen Wollmantel aufträgt, den teuren. Bedienen darf sie den Mann nicht sofort, sie föhnt einer Frau die Haare, der halb Feldkirch gehört. Oder auch nicht. „Wenn Sie einen kleinen Moment warten… ich bin bald so weit.“ Vor allem im Dezember packt die Chefin den Terminkalender aller Angestellten so voll, dass sie im Akkord waschen und schneiden müssen, um die Zeiten halbwegs einzuhalten. Da sie es mit Menschen zu tun haben, entstehen immer wieder unvorhergesehene Verzögerungen. Zum Beispiel die süße Vierjährige, die sich mindestens fünf Minuten lang hinter Mama versteckt, bis sie den Mut aufbringt, sich auf den Friseurstuhl helfen zu lassen. Oder die Achtzigjährige, die sich sehr langsam und unsicher aus dem Drehstuhl hochhievt und zur Tür schlurft, auf einen hilfreichen Arm gestützt. Wenn man keinen beckenbrechenden Sturz im Salon riskieren will, muss man sich Zeit für die Begleitung klauen.

Der Chemiker nimmt die Warterei offensichtlich gelassen, obwohl er sich tödlich langweilen muss, so ohne jede Zeitschrift. Zehn Minuten nach halb fünf entlässt Hannah die (an Grund und Boden reiche?) Frau mit einer pompösen Föhnfrisur und wendet sich Herrn Perman zu. Inzwischen kennt sie seinen Namen, zumindest die Laute. Schreiben hätte sie ihn nicht können. Ob der Name nun ein oder zwei „n“ enthält, ein „B“ oder „P“ und ein „h“, entzieht sich ihrer Kenntnis. Egal. Sie weiß ja nicht einmal, wie man Pheromon schreibt, und wird weder ihn noch den Duftstoff googeln. Es gibt die Pheromonfalle, das reicht und erinnert sie an ihr vorletztes Gespräch, weshalb sie vorsichtig beschließt, diesmal kein Geplauder zu wagen, so gern sie sich auch manchmal reden hört. Doch bereits beim Mischen des Wassers, dessen Temperatur sie mit dem Handgelenk prüft, erkundigt er sich: „Haben heute Sie Halsweh?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Er gibt ihr mit seinem Geschwätz nicht die geringste Chance, ihren Vorsatz einzuhalten!

„Sie sind so schweigsam. Es irritiert mich geradezu, keinen Ihrer kessen Sprüche zu hören. Die Frauen in meinem Bett habe ich nicht vergessen.“

Wie bitte? Er unterstellt ihr Geldgier und schlechte Manieren und lässt selber solche Sätze vom Stapel? In seinen Augen erkennt sie sich - und ihn! - nicht wieder. Aber gut, er soll seinen Willen haben. Mit einem ruinierten Ruf lebt es sich meist leichter als ohne Ruf. Sie holt tief Luft: „Oh. Das war mir ein Vergnügen. Und ich hätte Sie das letzte Mal, als Ihre Stimme im Eimer war, gern noch mehr gequält und Sie zum Reden gezwungen. Stattdessen habe ich geredet wie ein Wasserfall, was sie aber auch ein bisschen gequält hat, weil Sie zuhören mussten, obwohl Sie so müde waren …“

„Das haben Sie gemerkt?“

„Ja. Passt die Wassertemperatur?“

„Danke. Aber ich muss Sie enttäuschen, Sie haben mich nicht gequält. Ich höre Ihnen gerne zu.“

Sie fühlt sich geschmeichelt, was sie nie im Leben zugegeben hätte. „Dann hören Sie gerne Unsinn?“

„An einen Blödsinn kann ich mich nicht erinnern. Sie müssen hervorragende Großeltern gehabt haben.“

„Ja, aber ist es nicht meistens so? Ich kenne kaum ein Kind, das seine Großeltern nicht hervorragend findet.“

„Mir fallen jede Menge solcher Kinder ein. Und meine eigene Oma -- die ist ein ganz anderes Kaliber. Sie kann zum Beispiel keine Kekse backen, nicht eine Sorte.“

„Sie kann es nicht? Das glaube ich nicht.“

„Sie hat es zumindest nie getan.“

„Und ich habe eine Theorie dazu, warum sie Ihnen nie welche gemacht hat. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, nehme ich an, dass Sie frech zu ihr waren. Jede Oma kann backen.“

Sein Gesicht gerät im Lächeln schief. „Meine nicht. Ich bin der vorbildliche Enkel, glauben Sie mir oder nicht, wie Sie wollen. Nein, sie lässt machen. Sie ist eine sehr … stolze Frau, möchte ich sagen, immer gut angezogen, meistens ernst, selten albern. Und in ihrer Wohnung eingerichtet, wie in einer dieser Wohnzeitschriften. Mit Putzfrau.“

Klar, bei der Preisklasse der Familie. „Wirklich? Ist das die, die Sie in Klavierkonzerte geschleppt hat?“

„Genau. Immer unterwegs, auf Reisen oder ehrenamtlich tätig. Sehr rührig. Das heißt … bis vor einem Jahr. In den letzten Monaten ist sie sehr viel ruhiger geworden. Sie spürt das Alter, sagt sie.“

„Wie alt ist sie, wenn man fragen darf?“

„Oh, natürlich dürfen Sie. 84.“

„Hätten Sie gern eine andere Oma gehabt?“ Zum Beispiel eine normale?

„Ich habe ja keinen Vergleich, aber das, was Sie da letztes Mal erzählt haben, hat in mir eine … wie soll ich sagen… vage Sehnsucht geweckt.“

„Nach Kuhmist und Vanillekipfeln.“

Er lacht. Sogar um seine schiefe Nase bilden sich Fältchen. „In den Tagen danach habe ich davon geträumt, im Fieber.“

„Oh. Sie sind krank geworden. War es schlimm?“

„Sehr erholsam. Ich durfte eine Woche lang nichts tun außer in einem warmen Bett zu liegen…“ Abrupt hält er inne. Was faselt er da? Erzählt er der Friseurin gerade von seinem Bett? Die doch immer so anzügliche Bemerkungen fallen lässt ...Natürlich war das Gefühl der Hitze vorherrschend gewesen, das Fieber hatte ihm ordentlich eingeheizt, sodass er zeitweise weder Federbett noch Pyjama ertrug, aber darüber wollte er eigentlich nicht reden. Zumal sich immer Erinnerungen an Verena in die Erinnerungen an seine Krankheit mischen.

„Ich hoffe, Sie mussten die Zeit dort…“, schnell verbessert sie sich, wenn auch nur unwillig „…ich meine: krank, nicht allein verbringen.“

Er lacht in sich hinein, nicht wissend, ob ihr Versprecher mit Absicht erfolgt ist. Wenn ja, dann erwischt ihn ihre Attacke eiskalt und er gesteht sich ein, dass ihm recht geschieht. „Natürlich nicht.“

„Die Notwendigkeit von Krankheiten stelle ich auch fest“, bekennt sie, sich zu Ordnung und Sachlichkeit rufend. „Das Alltags- und Berufsleben fordert uns so stark, dass wir Krankheiten brauchen, um die dringend benötigte Pause machen zu dürfen, die wir uns normalerweise nicht gönnen. Ich war schon jahrelang nicht mehr krank. Das letzte Mal ist mir aber noch in guter Erinnerung. -- Ich habe mir schon gedacht, dass Sie Fieber bekommen. Und, ehrlich gesagt, sehen Sie immer noch nicht besonders gesund aus. Blass.“

„Das gibt sich.“ Er winkt mit der Hand ab. „Zwischen Weihnachten und Neujahr genieße ich zwei freie Tage, Zeit genug, mich vollends zu erholen.“

„Trotzdem sollten Sie sich Ruhe gönnen.“

„Ich bin nicht aus Zucker.“ Er klingt säuerlich. Fast ruppig. Sie spürt seine massive Abwehr. Na schön. Zu den mütterlichen Typen zählt sie sich sowieso nicht, sie kann sehr kühl sein. Unhöflich schweigt sie, die Haare trocken rubbelnd. Soll er doch die Unterhaltung bestreiten. Um ihren Groll zu überspielen, holt sie betont geschäftig den Plastikschutz, stößt das Waschbecken mit der Hüfte zur Seite und breitet den Umhang über ihm aus. Nur ihr Anstand zupft sie und treibt sie dazu, wie nebenbei und förmlich zu fragen, was er zu trinken wünsche.

„Danke, nichts.“

Die Stille dehnt sich. Er starrt vor sich hin, sie bearbeitet seine Haare. Vielleicht sollte sie Martin, das Monster, mit einem Weihnachtsgeschenk beehren, einem Benimmbuch. Andererseits will sie für Monster kein Geld ausgeben. Welches Nicht-Weihnachtsgeschenk passt für einen solchen Kerl?

Mitten in ihre Überlegungen hinein platzt der Chemiker mit: „Ach, kommen Sie schon, Sie sind doch nicht beleidigt? Erzählen Sie mir mehr von Ihrem Paradies.“ Er verträgt es schlecht, nichts zu tun und seinen Gedanken nachzuhängen. Das hat er schon in der Schule gehasst.

Sie, die ganze Tage mit Träumen verbringt, tickt vollkommen anders. „Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Ich muss entschieden widersprechen. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Sie haben betont, dass diese Zeit für Sie auch deshalb so paradiesisch war, weil keine Schule stattfand. Was ist denn an der Schule so schlimm? Sind Sie nicht gerne zur Schule gegangen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Eigentlich gehört es zu ihren Aufgaben, die Kunden zur Zerstreuung in Gespräche zu verwickeln, oberflächliche Gespräche, die gerade so eben in Gang bleiben. Sie hat im Smalltalk mehr Erfahrung, als ihre Opfer. Ihm sagt diese Rollenverteilung anscheinend nicht zu, er übernimmt hier den bestimmenden Part, ohne sie zu fragen, ob das Thema genehm sei. Das ist es nämlich nicht! Er unterhält sich doppelt, sich und auf ihre Kosten. Ihr schiebt er die kleine, undankbare Aufgabe zu, Antworten zu einem Sachverhalt zu liefern, den sie gerne ins Weltall geschossen hätte. Sie speist ihn mit Pseudogründen ab: „Warum geht man nicht gerne in die Schule? Weil man lernen muss? Weil man nervige Mitschüler hat? Weil die Nachmittage so zäh sind?“

„Und was war es bei Ihnen? Alles?“ Sie presst verstimmt die Lippen aufeinander, in der Hoffnung, ihm damit ein eindeutiges Signal zu senden. Eindeutig? Von wegen. Wenn es eindeutig ist, übersieht er die Eindeutigkeit geflissentlich: „Sie scheinen mir doch intelligent zu sein. Also?“

„Sie finden mich intelligent?“ Vor Überraschung vergisst sie, den Mund zu halten. Und die Schere zu benutzen.

„Na, dumm sind Sie sicher nicht. Was hat Sie also genervt?“

Sie kann die Tränen nicht zurückhalten. Sie schießen schneller hoch, als ein Gedanke braucht, um ins Hirn zu gelangen. Eine tropft in seine Haare. Noch nie zuvor hat jemand sie intelligent genannt. Dass sie dumm sei, hörte sie als Jugendliche ständig, nicht immer mit diesem Ausdruck, sondern nett umschrieben. Dass sie sich schwer tue. Dass sie eben ihre Zeit brauche. Dass ihr sicher auch irgendwann der Knopf aufgehen werde. -- Sie empfindet Dummheit als so negativ, als so beschämend, dass sie darüber nicht reden mag, dass sie froh ist, wenn das Thema Schule nicht zur Sprache kommt. Nur so darf sie halbwegs sicher sein, ihre Dummheit verbergen zu können. Sobald ihr Gegenüber auf die Idee verfällt, sie nach ihren damaligen Noten zu fragen, nach ihrem Leistungsniveau, ist sie entlarvt, bloßgestellt, mit dem schlimmsten Makel gebrandmarkt, den es in ihren Augen gibt.

Der Barkeeper beobachtet sie eingehend im Spiegel und wartet auf eine Antwort. Was sie an der Schule so genervt hat? Sie dreht endlich den Kopf zur Seite, in der (aussichtslosen) Hoffnung, ihren Gemütszustand zu verbergen, und widerspricht: „Sie täuschen sich, ich bin nicht intelligent. Ich bin nur Friseurin geworden.“

„Also...,“ macht er. „Muss ich jetzt wirklich erklären, warum das Quatsch ist, was Sie gerade von sich geben?“

„Ich bitte darum.“ Die Nase verstopft allmählich, immer noch rinnt eine Träne die linke Wange herunter. Möglichst unauffällig bringt sie einen Ärmel in Augennähe, um die Flüssigkeit aufzufangen.

„Also nein, das verlangen Sie jetzt nicht wirklich von mir. Das ist ja lächerlich.“

„Sehen Sie.“ Sie fühlt sich bestätigt, „Ihnen fehlen die Argumente.“ Ihre Hand zittert.

Er reißt die Augen auf, als hätte sie ihn einen Scharlatan genannt. „Sind Sie plötzlich ...uneinsichtig! Oder wollen Sie nur beweihräuchert werden? So etwas Lächerliches!“ (Lächerlich wirkt er in seinem Ärger auch.) „Na gut, ich will versuchen, etwas ... Offensichtliches zu erklären, obwohl ich mir ziemlich blöd dabei vorkomme. Ich lasse mich nur Ihnen zuliebe zu so einem Kasperletheater herab. Also. Woran erkenne ich, dass Sie intelligent sind. Erstens, zweitens und drittens: mit Ihnen kann man reden, Sie verfallen nicht in Plattitüden, wie das viele Menschen tun, die nicht nachdenken.“

„Kein Zeichen von Intelligenz“, widerspricht sie knapp und fast erleichtert, denn sein Weltbild wirft man nicht so leicht um wie einen Bauklotz.

„Doch“, bockt er, „ganz sicher. Stellen Sie sich in eine Bar und hören Sie zu. Dann wissen Sie, was ich meine.“

„Im Alkoholdusel schwätze ich auch Unsinn.“ Sie lacht trocken. Und unter Tränen.

“Wenn die Leute besoffen sind, höre ich nicht mehr zu. Ich meine die nüchternen, am frühen Abend. Obwohl nicht alle nüchtern sind, wenn sie die Bar betreten, das stimmt. Aber ich rede von den nüchternen. Es gibt natürlich solche und solche, sehr kluge Leute, aber eben auch die, die einfach … nicht so intelligent sind wie Sie. Und das sind viele.“

Hannah, die weiß, dass sie entschieden zu der dümmeren Kategorie von Menschen zählt, befallen Zweifel an seinem Urteilsvermögen. Laut denkt sie: „Klar, woher sollen Sie wissen, woran man intelligente Leute erkennt. Sie sind ja selber auch nur... ich meine...“ Sie rudert hilflos zurück.

„Was?“, fragt er scharf.

„Naja, ein… einfacher Mensch, kein Gstudierter…“ Ihre Schere klappert ins Leere. „Was machen Sie denn“, schreit sie erschrocken.

Blitzschnell ist er unter ihrer Hand weggetaucht und hat einen halben Meter Abstand an sich gerafft. Nun hängt er verdreht in seinem Stuhl und starrt sie an. „Was wollen Sie damit sagen?“ Er faucht wie eine Katze. „Dass ich keine Ahnung habe, wovon ich schwätze, weil ich selber nur Kellner bin? Ist es das?“ Mit einem verächtlichen Schauben mustert er sie so penetrant, dass sie verlegen wegsieht, was er als Unterwerfung unter seine Meinung zu interpretieren scheint, denn er wird ruhiger, wendet den Blick ab zum Spiegel und nähert seinen Kopf ihren Händen, damit sie weiterarbeiten kann. „Ich lasse mich von Ihnen nicht für dumm erklären. Ich arbeite zwar nur in einer Bar, bin aber nicht blöd. Wenn Sie das glauben, sehen Sie mich heute das letzte Mal, denn ich habe meinen Stolz!“

„Entschuldigen Sie“, stottert sie kleinlaut. „Ich wollte ja nicht, ich meine…“

„Das hörte sich aber ganz danach an, als wollten Sie! Natürlich habe ich auch nur einen Mittelschulabschluss, wenn Sie darauf anspielen, aber das heißt nicht, dass ich blöd bin.“

„Ich wollte ja nur…“ Das Gefühl beschleicht sie, diesen Chemiker gerade zum ersten Mal richtig wahr zu nehmen. Vorsicht, Hannah, bei dem musst du aufpassen, was du sagst. Der ist eruptiv, der lässt sich nicht einmal unabsichtlich beleidigen. Sein Gesicht täuscht darüber hinweg, dass er ungut ist, denn angeblich ähneln die wahren Bösewichte unschuldigen Engeln, und unschuldig sieht er ja von vornherein nicht aus. Wenn einer einen Makel hat, zum Beispiel nicht ganz ebenmäßige Gesichtszüge, hält man ihn für nett. Oder du, Hannah, tadelt sie sich, bist naiv davon ausgegangen.

Er, der Gedankenleser, tappt gerade blind durch die Gegend in der Meinung, sie werde nicht mehr aufmucken, und spricht einfach weiter: „Manchmal gibt es Umstände, die einen in der Schule daran hindern, seine ganze Intelligenz auszuleben. Bei mir gab es solche Umstände.“

„Diese Ausrede steht mir leider nicht zur Verfügung“, belehrt sie ihn. „Ich bin wirklich zu blöd.“

„Quatsch!“ Er ruckt unruhig auf dem Stuhl herum. „Ich habe keine Lust mehr, mir diesen Unsinn noch länger anzuhören. Reden wir über etwas anderes. Ich weiß nicht, warum für Sie die Schule so eine Tragödie war, aber es muss einen Grund dafür geben, dass Sie nicht Klassenbeste geworden sind. So etwas kann mich wirklich ärgern, wenn jemand, der Grips im Hirn hat, behauptet, dumm zu sein. Wenn Sie so doof daher schwätzen, könnte man wirklich meinen, Sie hätten Recht: Dass Sie zu dumm sind, die eigene Intelligenz zu erkennen!“

Sie hört ihm still zu und schwankt, ob sie sich ärgern oder freuen soll. Einerseits herrscht er sie an wie ein Lehrer einen Schüler, der lügt, und sieht aus wie ein Bösewicht, der wie ein Bösewicht aussieht. Andererseits gibt er ihr zu verstehen, dass er keine Sekunde lang an ihre Dummheit glaubt. Sie kämpft mit sich (Freund oder Feind?), während sie arbeitet. Immerhin hat sie was zu tun, haben ihre Hände was zu tun.

Wieder übernimmt er nach einem langen Seufzer die Unterhaltung, indem er sich ohne jeden Zusammenhang erkundigt: „Was machen Sie zu Weihnachten?“ Dieser Themawechsel, die unverbindliche Frage, sollten wohl eine Art Waffenstillstand sein, eine Entschuldigung für seine scharfen Worte. Obwohl er ihr zugleich das Gefühl gibt, ihre Arbeit nicht gut zu machen, weil er diese teilweise, (das heißt, den Gesprächsteil - mit unerwünschten Themen!) übernimmt.

Sie beißt sich auf die Unterlippe, überlegt, welche Fernreise sie erfinden soll, und entgegnet widerwillig: „Ich weiß nicht. Wahrscheinlich feiere ich mit meinen Eltern. Oder allein.“

Er sieht bei ihrer Antwort richtig dämlich drein. „Mit Ihren Eltern? Allein? Ach, kommen Sie schon…“

„Nicht jeder kann die ultimative Weihnachtsorgie feiern, wie Sie“, entschlüpft es ihr, ehe sie nachdenkt.

„Die ultimative…“ Ihre Worte nimmt er zu ihrer Freude nicht nur verblüfft, sondern fast ein bisschen verstört auf. Habe ich mit meinem Blindgänger ins Schwarze getroffen, frohlockt sie. „Man weiß wirklich nie, was die Leute erzählen“, murmelt er und reibt sich mit dem Handrücken über die Stirn, als habe er Kopfweh.

„Vielleicht sollten Sie mich zu dieser Party einladen, damit falsche Gerüchte gar nicht erst in Umlauf kommen!“ Ihre Augen blitzen vor Vergnügen.

Langsam scheint die Einsicht, sie scherze, zu ihm durchzudringen. Seine Mundwinkel heben sich. „Sie machen Witze! Wahrscheinlich stimmt auch Ihre Behauptung nicht, dass Sie allein feiern! Sicher warten schon 50 Freunde sehnsüchtig auf den netten Abend bei Ihnen.“

Schön wärs. Aber muss er das wissen? Vielleicht kann sie die Wahrheit verschleiern. „Naja. Meine Freundinnen haben allerdings keine Zeit für mich, sondern jede einen Typen. Den meiner besten Freundin kann ich außerdem nicht leiden. Selbst wenn sie mich einladen würde, käme ich nicht. Ich hätte dem Kerl schon längst einen Fußtritt in den Hintern gegeben und ihn vor die Tür befördert.“

„Und Ihre Freundin? Macht das nicht? Vielleicht liebt sie ihn ja.“

Mein Gott, was faselt er denn heute! „Nein. Sehen Sie, das ist die letzte aller Möglichkeiten“, erklärt sie ihm so geduldig wie allen begriffsstutzigen Personen. Leider hört sich ihre Stimme weniger sachlich als trotzig an.

„Wahrscheinlich sind Sie nicht objektiv.“ Der Satz fällt wie nebenbei, wie nicht an sie gerichtet, aber er trifft sie empfindlich. Überhaupt verfällt er an diesem Dezembertag in einen Ton, wenn er mit ihr redet, als wollte er sie ständig kritisieren. Allmählich empfindet sie ihre Arbeit als mühsam, die Zeit dehnt sich wie ein Kaugummi, der schon viel zu lange im Mund umgeht, ohne Geschmack und ohne Lust am Kauen. Vielleicht verliert er den Respekt vor ihr. Er übersieht die Schranken, die die Höflichkeit auferlegt.

In seine Herablassung hinein erklärt sie bissig und sehr bestimmt: „Sie haben keine Ahnung.“

Unschuldig wie ein Kind, das die bösen Kräfte, die in ihm schlummern, nicht kennt, ruht sein Blick auf ihr. (Sie mag diesen Blick nicht.) „Sie sind ja mächtig sauer auf mich. Wahrscheinlich immer noch wegen des Themas `Schule´. Ich bin inzwischen überzeugt, dass Ihnen noch niemand die Wahrheit über ihren Verstand eröffnet hat, was ich überhaupt nicht verstehe. Ich weiß zwar nicht, was mir die Ehre verschafft, diesbezüglich der erste zu sein, ich komme ja eigentlich nur wegen des Haareschneidens hierher. Das wäre also wirklich nicht meine Aufgabe. Da niemand sonst es zu tun scheint, opfere ich mich. Nur: ...Sie werden sehen, irgendwann erfahre ich, welches dunkle Geheimnis Sie vor mir verbergen. Und wenn ich nachhelfen und es aus Ihnen herauskitzeln muss!“

„Sie warnen mich?“ Wider Willen muss sie plötzlich lachen. Ihre Vergangenheit geht ihn überhaupt nichts an, da mag er neugierig sein, so viel er will, sie wird schweigen wie ein Grab. Seine waffentechnischen Karten stehen schlecht, denn sie hantiert hier mit Schere und Messer (ja auch Rasiermesser) und wird bei Bedarf kämpfen wie ... wie ein Kreuzritter. Die Blessuren, die er bei dieser Auseinandersetzung davontrüge, gönnt sie nicht einmal ihm.

„Warum lachen Sie?“

Immer noch erheitert hebt sie frech ihre Schere: „Meine Geheimnisse sind bei mir sicher, denn bewaffnet bin ich.“

Er scheint sie ernst zu nehmen. Vielleicht besser so. Ohne eine Miene zu verziehen (man kann behaupten, sie sei bereits verzogen) meint er: „Also heute habe ich es mir mit Ihnen gründlich verscherzt.“

„Ich möchte Ihnen nur zu verstehen geben, dass ich mich zu wehren weiß.“

„Daran zweifle ich nicht. Mir wird die Angelegenheit entschieden zu gefährlich. Es kann nicht schaden, wenn ich Ihnen aus den Augen komme. Brauchen Sie noch lange mit dem Schnitt?“

„Nein. Ich könnte auf die Längenkontrolle verzichten. Wenn Sie auf Perfektion keinen Wert legen, bin ich fertig. Nur die Rasur hinten fehlt noch.“

„Gut, nehmen Sie den Rasierer, das reicht.“

„Auf Ihre Verantwortung.“ Sie macht zwei letzte nachlässige Schnitte, dann wechselt sie das Werkzeug, um ihm die Nackenhaare zu entfernen, was in einer sehr schweigsamen, halben Minute erledigt ist. Schnell mit dem Pinsel über seinen Hals gewischt, dann den Handspiegel geholt. Sie hält ihn so, dass er seine Frisur von hinten sehen kann. Als er wie immer zustimmend nickt, bitterernst diesmal, hängt sie den Spiegel zurück, entfernt den Plastikumhang, dann das Handtuch von seiner Schulter und legt beides zusammen. Er macht sich umgehend auf zur Kassa, wo zufällig die Chefin steht, die gerade den Lohn einer Kundin einkassiert hat. Sie wird bei Herrn Bermann (oder so) das Kassieren übernehmen, weshalb Hannah nicht mehr weiter auf ihn achtet, Handtuch und Plastikumhang nach hinten zur Wäsche gibt und, ohne aufzuschauen, mit dem Kehren des Bodens beginnt. Erst, als alle Haare zusammengefegt sind, merkt sie, dass etwas nicht stimmt, dass ein Geräusch auf sich warten lässt. Sie hat nach der Frau, die die Chefin drei Minuten vor Herrn Börmann verabschiedet hat, kein zweites Mal die Türe zufallen gehört. Sie schaut auf. Er steht immer noch da und scheint darauf zu warten, dass sie auf ihn aufmerksam wird. Sofort macht er einen Schritt auf sie zu, streckt ihr die Hand entgegen und räumt ein: „Ich bin manchmal nicht sehr… diplomatisch, aber trotzdem, nichts für ungut, schöne Weihnachten!“ Ihr innerer Aufruhr legt sich allmählich, weshalb sie seine Hand ergreift und höflich erwidert: „Danke, Ihnen auch.“ Er drückt ihr einen Schein in die Handfläche. Sie folgt ihm zur Tür, schließt sie hinter ihm und schaut erst dann den Schein in ihrer Hand an. Ihr erster Gedanke ist: Angeber. Der zweite: Snob. Zehn Euro! Ihr Schwein macht einen Luftsprung.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
300 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783750214019
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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