Czytaj książkę: «Schattenspringer auf Kreuzfahrt»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 2
Vorwort 3
Zur Vorgeschichte 4
Schatten und Licht an Land und auf See 5
Erste Kreuzfahrterfahrungen 16
Nur Fidel – den haben wir nicht gesehn 18
Von einfachen Schiffsreisen zu Luxuskreuzfahrten 30
Charme und Frust alternder Kreuzfahrer 35
Alter Falter sucht wohlhabende Blüte 48
Superschriftstellerin mutiert zum Passagierschreck 51
Vom Schattenspringer zum vorsichtigen Sonnengenießer dank Möhrensaft, Botox und Co 61
Vom schattigen Osten in den sonnigen Westen springen 73
Lüsterne Lady bezirzt verknöcherten Junggesellen 86
Abenteuer Brasilien & Geheimnisvolles Amazonien 91
Pleite, Pech und Pannen auf dem Mittelmeer Die erste Kreuzfahrt nach der MS DEUTSCHLAND 105
Licht und Schatten auf dem Pazifik bei Südseeträumen und der Magie von Hawaii 116
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus 117
Wo Schatten sich andeutet, gibt es auch Licht 123
Stolz auf eroberte Plätze? 127
Einzelreisende auf dem Abstellgleis & Damenwahl beim Opernball 134
Es können nicht immer Kaviar und Eintracht sein 138
Aloha – Oahu – Kauai Hawaii, ich komme 145
Vorsicht bei Genitiv und Dativ 152
„Wohin soll denn die Reise geh’n? Wohin, ja wohin, ja wohin?“ 157
Nur nach Hause 168
Durch vier Tore musst du gehen 173
Es gibt (k)ein nächstes Mal 178
Dank 181
Quellenverzeichnis 182
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-903861-91-6
ISBN e-book: 978-3-903861-92-3
Lektorat: Tobias Keil
Umschlagfoto: Leo Lintang, Elenazarubina | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: AnnaliseArt, Pixabay
www.novumverlag.com
Vorwort
Zur Ermutigung
leidgeprüfter Schattenspringer
Zur Vorgeschichte
„Von weißen Inseln und den Wundern dieser Welt“ – von dieser erlebnisreichen und beeindruckenden Kreuzfahrt mit der MS EUROPA durch das Südchinesische Meer war ich gerade zurückgekehrt, als ich vom Reiseveranstalter ein persönliches Club-Notizbuch zugeschickt bekam mit der Empfehlung: „So können Sie Ihre vielen Reiseerlebnisse auf Papier verewigen.“
Wer hatte da meine Gedanken gelesen?
Hatte ich derartige verwegene Vorstellungen nicht schon seit geraumer Zeit?
War das der berüchtigte Wink mit dem Zaunpfahl?
Ein Anstoß war zumindest gegeben. Warum sollte ich es also nicht versuchen. Mal sehen, ob die kleinen grauen Zellen noch ausreichend funktionieren und was das Gehirn des Schattenspringers gespeichert hat.
Ein paar Tage später notierte ich mir im Club-Notizbuch erste Stichpunkte zu besonders erlebnisreichen Kreuzfahrten, Personen und Begebenheiten.
Schon bald erlahmte jedoch mein Interesse daran, weiter nur in Erinnerungen zu schwelgen. Aktuelle neue Kreuzfahrtangebote lenkten meine Aufmerksamkeit stärker auf eine schon lange geplante Traumreise nach Hawaii. Diese Kreuzfahrt mit der MS EUROPA im Frühjahr 2020 bildete völlig unerwartet den Höhepunkt und zugleich einen vorübergehenden(?) Abschluss meiner Kreuzfahrten.
Aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen nach dieser Reise hatte ich ausreichend Zeit und Motivation, erneut nach der Feder zu greifen und die stichpunktartigen Notizen zu kleinen Geschichten zu verbinden und mich dabei an schönen Kreuzfahrterlebnissen zu erfreuen.
Schatten und Licht an Land und auf See
Nach mehr als zwanzig Kreuzfahrten auf Expeditions- und Kreuzfahrtschiffen unterschiedlichster Kategorien sowie ausreichend Zeit und Muße zum Erinnern ermutigte mich die Empfehlung, über meine Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken auf Kreuzfahrten mit nunmehr gewissem Abstand noch einmal nachzudenken.
Gern gelesene Kreuzfahrterlebnisse bekannter Autoren und deren Erzählweise animierten mich dazu, aus meinen anfangs stichpunktartigen Notizen kleine Geschichten zu formulieren.
Bedenkenlos konnte ich mich dabei der Erkenntnis Wladimir Kaminers anschließen: „Auf einer Kreuzfahrt sammelt man in zwei Wochen so viele Geschichten wie auf dem Festland in Monaten nicht.“
Als bekannter Satiriker betrachtet Kaminer in seinem Buch „Die Kreuzfahrer“ ein Kreuzfahrtschiff als „schwimmende Oase des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit in die nächste“ mit verständlichem Augenzwinkern. Neben den gefälligen Glücksoasen habe ich auch manch andere Seite der Kreuzfahrt kennengelernt.
Die Schauspielerin Heidi Keller, bekannt als langjährige Chefhostess Beatrice in den Traumschiff-Filmen, wirft in ihren Erinnerungen „Traumzeit und andere Tage“ warmherzig, humorvoll und mit ein wenig Selbstironie einen Blick hinter die Kulissen der „Dreharbeiten an Bord und an den schönsten Orten der Welt“. Mehrmals konnte ich Heide Keller persönlich bei den einprägsamen Dreharbeiten zum „Traumschiff“ aus unmittelbarer Nähe beobachten und viele ihrer Eindrücke nachempfinden.
Christoph M. Herbst präsentiert uns in „Ein Traum von einem Schiff“, in seiner unverwechselbaren Art zu schreiben, Schiffsaufzeichnungen von drei Wochen Dreharbeiten auf dem Traumschiff. Für mich lässt er jedoch offen, ob die Zeit an Bord für ihn mehr Traum oder Alptraum war. Ich hätte es gern genauer gewusst. Denn bekanntlich gibt es ja überall Schatten und Licht. Natürlich auch auf Kreuzfahrten. Vieles liegt wie so oft im Auge des Betrachters.
Die erwähnten Geschichten von Kaminer, Keller oder Herbst entstanden im Wesentlichen im Zusammenhang mit beruflichen Tätigkeiten der Autoren und den entsprechenden Interessen.
Ich betrachte meine Kreuzfahrterlebnisse aus einer völlig anderen Sicht. Aus der Sicht eines in gewisser Weise außergewöhnlichen Touristen. Eines Kreuzfahrers, der das Sonnenlicht scheut und den Schatten bevorzugt. Der gern mal von der sonnigen in die entgegengesetzte Seite springt und dabei sowohl heitere als auch bedenkliche Dinge ganz privat und individuell erlebt und reflektiert. Ein Schattenspringer von Natur aus, ohne kommerzielle Interessen.
Warum Schattenspringer?
Wer ist denn ein Schattenspringer?
Worin unterscheidet sich ein Schattenspringer von einem der üblichen Kreuzfahrer?
Wie erlebt und reflektiert ein Schattenspringer Kreuzfahrten?
Diese oder ähnliche Fragen haben Sie sich vielleicht schon beim Lesen des Titels dieses Buches gestellt.
„Schattenspringer auf Kreuzfahrt“ – da hat der eine oder andere Leser unter Umständen an das eher bekannte Wort Schattenkinder gedacht. So wurden und werden oftmals Kinder bezeichnet, die aus unterschiedlichen Gründen weniger Aufmerksamkeit bekommen, als ihnen üblicherweise zuteilwerden sollte oder müsste. Dazu zählt man ebenso bemitleidenswerte, vernachlässigte und/oder notleidende Kinder in Kriegs- und Krisengebieten, die auf der Schattenseite unserer Gesellschaft leben. Aber auch Kinder mit einer außergewöhnlich blassen Gesichts- und Hautfarbe, die zumeist auf eine genetische Ursache zurückzuführen sind, werden den Schattenkindern häufig zugeordnet.
Nein, zu all diesen Personen gehört der von mir titulierte Schattenspringer im Allgemeinen nicht. Allein die blasse Hautfarbe trifft oftmals auf ihn zu. Für Schattenspringer, die ich meine, sind zumeist andere Eigenheiten, Verhaltensweisen und Ursachen kennzeichnend und typisch.
Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen schon mal eine Person beobachtet, belächelt oder gar gehänselt, die bei herrlichem Sonnenschein immer auf die Schattenseite der Straße flüchtet, die in Bus und Bahn vehement nach einem Platz Ausschau hält, auf den möglichst kein einziger Sonnenstrahl fällt. Es sind Frauen, Männer und Kinder, die immer – auch bei größter Hitze und selbst am Strand – den ganzen Körper bedeckende Kleidung tragen, mitunter sogar Handschuhe und Kopfbedeckung mit Nackenschutz. Wenn Ihnen Personen mit diesen Verhaltensweisen aufgefallen sind, dann könnten Sie eventuell so einem von mir gemeinten Schattenspringer begegnet sein.
Schattenspringer ist eine inoffizielle Bezeichnung für eine Person mit einer äußerst seltenen Erkrankung, die sich unter anderem in dem beschriebenen typischen Verhalten äußert: In einem auf den Beobachter manchmal fast panisch wirkenden Rennen von einem Schattenfleck zum nächsten, damit die Haut so wenig Sonne und Licht wie möglich abbekommt. Denn jeder Sonnenstrahl fühlt sich für diese Personen wie eine brennende Nadel an, die tief in die Haut eindringt, dort noch lange Schmerzen verursacht und die Haut verunstalten kann.
Derartige Schattenspringer sind Personen, die deshalb eine extreme Scheu vor Sonnenlicht entwickeln, sodass sie auf viele Aktivitäten im Freien verzichten müssen. Sonnige Strandaufenthalte am Tag sind fast undenkbar. Ebenso wie Schwimmen oder Ballspiele im Freien. Diese Personen leiden an einer äußerst seltenen Krankheit – an der Erythropoetischen Protoporphyrie, kurz EPP genannt.
Zu diesen seltenen krankhaften Schattenspringern mit den auffallenden Verhaltensweisen gehöre ich seit meiner Kindheit. Und bis heute fühle ich mich auch ein bisschen wie so ein erwähntes Schattenkind, obwohl inzwischen schon im fortgeschrittenen Alter. Eine Bleichnase mit markanten Spuren sowohl auf Nase und Haut als auch auf der Seele.
Wenn man wie ich mit diesem krankhaften Drang nach Schattensuche aufgewachsen ist und lange Zeit damit verbracht hat, ständig in die Dunkelheit zu fliehen, ist man eines Tages die Dunkelheit leid. Man sehnt sich insgeheim umso mehr hinaus in den Sonnenschein und in ein fröhliches Strandgetümmel. Man träumt von unbeschwerten Aufenthalten an exotischen Stränden in tropischen Gefilden. So geht es jedenfalls mir.
Eventuell führte gerade die jahrelange Lichtabstinenz in meiner Kinder- und Jugendzeit zu meiner ungebändigten Sehnsucht, Licht- und Schattenseiten fremder Länder und Menschen persönlich kennenzulernen.
Frei nach dem Rat des Dalai Lamas muss ich, seit die Reisemöglichkeiten es mir erlauben, einmal im Jahr ein Land besuchen, in dem ich noch nie war. Inzwischen sind es mehr als hundert Staaten und alle Erdteile.
Anfangs führten mich Rundreisen mit Bus, Bahn oder Flugzeug durch die DDR und in die Nachbarländer, später durch viele Länder der Welt.
Nach erlebnisreichen sonnigen Tagen und vielen darauf folgenden Nächten mit Schmerzen auf der Haut und der Seele, aber dennoch immer mit dem Gefühl, dem Licht und der Sonne getrotzt zu haben, entdeckte ich nach den ersten Reisen mit einem Schiff zunehmend die Vorzüge von Kreuzfahrten für mich.
Auf einem Schiff gibt es selbst am Pool fast immer Plätze auf einer Schattenseite. Allerdings manchmal schwer umkämpft, wie noch zu lesen sein wird.
Und wenn sich Lichtempfindlichkeiten auf der Haut andeuten, kann man sich auf einem Schiff unverzüglich und problemlos in die Kabine oder einen der Aufenthaltsräume mit Panoramablick auf das Meer oder den Hafen zurückziehen. Trotzdem ist man in unmittelbarer Nähe der Familie, der Freunde oder Reisebekanntschaften.
Da kann für Schattenspringer selbst eine dunkle klimatisierte Innenkabine im Bedarfsfall ein äußerst angenehmer und vorteilhafter Rückzugsort sein.
Außerdem kann auf einer Kreuzfahrt, wenn man seine lichtempfindlichen Einschränkungen wieder einmal vergessen oder überschätzt hat, bei gesundheitlichen Problemen der Schiffsarzt jederzeit konsultiert werden.
Nicht zu vergessen sind an Bord ebenso die Cafés oder Bars mit Panoramablick, in denen man das Meer und die Landschaft, vor intensiver Sonnenstrahlung geschützt, an sich vorbeiziehen lassen kann.
Abends haben es mir persönlich die teilweise überdachten Bars am Heck des Schiffes mit dem romantischen Blick aufs Meer und den nächtlichen Sternenhimmel sehr angetan, weil dort meist ein leichter Fahrtwind weht, der die manchmal arg strapazierte Haut angenehm kühlt.
Vielleicht können meine Erfahrungen auch andere Schattenspringer anregen, sich – soweit es natürlich ihre finanziellen Möglichkeiten erlauben – einmal auf Kreuzfahrt zu begeben und die erwähnten Vorzüge zu testen.
Als Kreuzfahrer aus dem Osten habe ich in der Wendezeit und leider noch Jahre später aber auch so manch andere unerwartete Schattenseite mit Schmerzen nicht auf der Haut, dafür auf der strapazierten Seele erlebt. In diesem Fall bin ich lange Zeit unter einem ganz anderen Blickwinkel als Schattenspringer gereist.
Für einige langjährige Kreuzfahrer aus den alten Bundesländern lebte ich viele Jahre im Schatten ihrer Welt. In einer fernöstlichen Provinz der DDR. Das wurde mir nicht nur einmal unmissverständlich zu verstehen gegeben. Daher konnte, durfte oder musste ich nach ihrem Verständnis erst nach der Wende aus dem Schattendasein des Ostens ins Sonnenlicht des Westens springen und konnte, durfte oder sollte mich ergeben und dankbar zu ihnen in den sonnigen Westen gesellen. Anfangs war ich diesem Sprung in eine Gesellschaft mit nicht wenigen sich besser dünkenden Bewohnern gar nicht gewachsen.
Wollte ich diesen gepriesenen sonnigen Westen eigentlich ganz so vorbehaltlos?
Zweifel für meine Bedenken und mein daraus resultierendes zurückhaltendes Auftreten ergaben sich zum Teil aus einer gewissen Schüchternheit meinerseits, meiner Empathie, manchmal auch aus Naivität, am häufigsten jedoch aus mangelnder Konfrontationsfähigkeit. Bisher hatte ich Erfolge mehr durch Fleiß und Disziplin erzielt als durch privilegierte Herkunft, überhöhte Selbstdarstellung und Ellenbogen.
Sicher ist die Erzählweise der einen oder anderen Episode zum Beispiel in der Geschichte
Vom Schatten ins Licht springen
aus dieser Sicht geschrieben und zu verstehen. Es ist die Sicht eines manchmal vielleicht zu nachdenklichen und empfindlichen, aber niemals wehleidigen oder zu Dank verpflichteten Ostlers.
Im Verlauf der Jahre hat sich meine Sichtweise teilweise verändert und außerdem sieht man nach jeder Reise und mit gewissem Abstand vieles sowieso ganz anders. Da halte ich es mit dem französischen Schriftsteller Stendhal: „Was ich am Reisen am meisten liebe, ist das Erstaunen bei der Rückkehr. Es verklärt die albernsten Menschen und die nichtigsten Dinge.“
In einem solchen Rückblick werden fast unbemerkt die unangenehmste Auseinandersetzung zur lehrreichsten Erfahrung, die peinlichste Situation zur albernen Lachnummer und das zärtlichste Rendezvous zur banalen Tragödie. Vielleicht sind Reiseerlebnisse gerade deshalb so erzählenswert und werden interessiert aufgenommen.
Sowohl rosege als auch stachlige Verklärungen und Fiktionen, sogar kleine Eulenspiegeleien sind in meinen folgenden Geschichten dabei mit Sicherheit nicht auszuschließen:

Wenn sich zum Beispiel Träume vom Aufenthalt an den Südseestränden in der Geschichte:
Aloha– Oahu – Kauai
Hawaii – ich komme
für einen Schattenspringer endlich zu verwirklichen scheinen, jedoch urplötzlich wie eine Blase zerplatzen,

wenn ein erfahrener Kreuzfahrer in der Geschichte
Alter Falter sucht wohlhabende Blüte
einem schüchternen Neuling an Bord schmunzelnd seine Tricks zur Eroberung wohlhabender Blüten verrät,

wenn bei Wendediskussionen unterschiedliche Meinungen und Verhaltensweisen von Ostlern und Westlern an Bord in der Geschichte
Vom schattigen Osten in den sonnigen Westen springen
kontrovers aufeinandertreffen
oder

wenn ein „Superweib“ in
Schriftstellerin mutiert zum Passagierschreck
unbeabsichtigt einen schüchternen Passagier verschreckt,

wenn zwei verzweifelte Passagiere in
Abenteuer Brasilien & Geheimnisvolles Amazonien
bedeutsame Erinnerungsstücke am Amazonas heimlich über Bord gehen lassen,

wenn eine Kreuzfahrt überraschend mit
Pleiten, Pech und Pannen
auf dem Mittelmeer
endet
bzw.

wenn ein Virus den Reiseverlauf einer langersehnten Kreuzfahrt total durcheinanderbringt und alles nur in die eine Frage mündet:
Wohin soll denn die Reise geh’n?
Diese und weitere Kreuzfahrtgeschichten erzähle ich vorrangig aus der Perspektive des definierten Schattenspringers. Dazu gehört auch, dass es durchaus schon mal vorkommen kann, dass ich bereits in Vorbereitung auf die Reise über meinen eigenen Schatten springen muss, wenn es z. B. darum geht, den überzogen wirkenden Preis für eine Luxuskreuzfahrt plus Aufschlag für Alleinreisende zu berappen. Das empfinde ich ebenso, wenn ich bei Nachfrage von meinen ostdeutschen Freunden und Bekannten zum Preis der Reise lieber nicht darüber reden möchte. Es könnte ja als Angabe oder Protzgehabe wirken. Diese und auch die folgenden Sprünge beim Überwinden von Grenzen kennen sicher viele Kreuzfahrer.
Ich muss bei Kreuzfahrten häufig über meinen eigenen Schatten springen, um das Gehabe und die Allüren aufdringlicher und unbequemer Passagiere, das Auftreten überheblichen Personals – ja, das gibt es auch auf Kreuzfahrten, insbesondere bei den Kontrollbehörden in den Häfen – tolerieren zu können und ein solches Verhalten dennoch mit einem typisch „rosegen“ Schmunzeln oder Lächeln zu bedenken.
Vielmehr in Erinnerung bleiben oft Erlebnisse, bei denen man sich persönlich überwinden muss, zuvor nicht zugetraute Hürden zu überspringen.
Wer kennt nicht das glückstrahlende Gefühl, wenn man sich trotz gesundheitlicher Bedenken dazu hinreißen lässt, an einem spektakulären Ausflug oder Programm teilzunehmen, und anschließend die eigene Courage bewundert.
Die Aufmerksamkeit einer interessanten oder prominenten Person an Bord zu erringen oder etwas zu tun, was man zu Hause in der Öffentlichkeit nie tun würde, können ebenso dazu führen.
Dieses sich anschließende beglückende Gefühl, über den eigenen Schatten gesprungen zu sein und dabei den inneren Schweinehund überwunden zu haben, kennt wohl jeder und viele werden sich vielleicht an ähnliche Situationen gern erinnern.
Begleiten Sie den Schattenspringer also in seinen Kreuzfahrtgeschichten bei solchen Gefühlsmomenten.
Vielleicht erkennen Sie sich selbst in einer der folgenden Geschichten wieder. Es kann ja sein, dass wir uns tatsächlich auf einer Kreuzfahrt begegnet sind und Sie die Vorlage für eine der beobachteten Personen bilden.
Bei den als äußerst angenehm empfundenen rosigen Begegnungen sind Sie es garantiert.
In den unliebsamen stachligen Auftritten und Darstellungen, die man besser vergessen hätte, irren Sie sich bestimmt. Da sind nicht Sie gemeint. Achtung, jetzt antwortet der Deutschlehrer aus voller Überzeugung mit Veronas schelmischen Worten:
„Das kann ich Sie versichern.“
Da stimmt doch nicht einmal der Name. Vorsicht Sprachspiel!
Oder aber Sie haben ähnliche Begebenheiten an Bord selbst erlebt und Sie kommen ins Grübeln:
Wie war das bloß?
Erste Kreuzfahrterfahrungen
Gemeinsam mit langjährigen Freunden, einige Male auch mit meiner Mutter, unternahm ich vor und nach der Wende mehrere Schiffsreisen.
Mit der sowjetischen MS „Fjodor Scheljapin“ kreuzten wir Anfang der Achtzigerjahre auf dem Schwarzen Meer.
Es war meine erste Hochseekreuzfahrt. Ich war fasziniert von der ungezwungenen freundlichen Atmosphäre auf dem Mittelklasseschiff und natürlich von den unkomplizierten Rückzugsmöglichkeiten in die Kabine, wenn die subtropische Sonne mir auf der Haut gesundheitlich meine Grenzen schmerzhaft spüren ließ.
Fasziniert war ich aber auch von der Natur und den geschichtsträchtigen Orten am Schwarzen Meer. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich die Atmosphäre am Meer über mehrere Tage mit zeitlich begrenzten Aufenthalten im Freien fast ungetrübt genießen.
Nachhaltig in Erinnerung blieben mir die vom Meer aus bewunderten unendlich erscheinenden weißen Strände des Schwarzen Meeres sowie die traditionsreichen Städte Odessa und Jalta auf der Krim.
Die Stadt Odessa liegt auf Hügeln, von denen man wie von Terrassen auf den kleinen Hafen im Schwarzen Meer sehen kann.
Vom Hafen zur Altstadt gingen wir über die Potjomkinsche Treppe, dem Wahrzeichen Odessas. Die Treppe soll an die Russische Revolution von 1905 erinnern. Das von Meuterern übernommene Schiff „Potjomkin“ lief in den Hafen von Odessa ein, aber die Matrosen unterstützten nicht einen zu dieser Zeit stattfindenden Generalstreik in der Stadt. (Das Ereignis wurde später Grundlage für den weltbekannten Film „Panzerkreuzer Potjomkin“.)
Mit dem Ort Jalta am Fuße der Südkette des Krimgebirges, im Halbrund einer Bucht des Schwarzen Meeres gelegen, ist für viele von uns die Konferenz von Jalta (auch Krim-Konferenz genannt) verbunden. Sie war ein diplomatisches Treffen der alliierten Staatschefs Roosevelt (USA), Churchill (Vereinigtes Königreich) und Stalin (UdSSR) vom 4. bis zum 11. Februar 1945. Themen der Konferenz waren vor allem die Aufteilung Deutschlands, die Machtverteilung in Europa nach dem Ende des Krieges und der Krieg gegen das Japanische Kaiserreich. Die Konferenz fand im Liwadija-Palast statt.
Als faszinierendes Bauwerk mit prachtvollem Ausblick auf das Schwarze Meer blieb mir das „Schwalbennest“ in Erinnerung. Es ist ein Schloss an der Südküste der Halbinsel Krim in der Nähe von Jalta und steht etwa 40 Meter über dem Meer auf einer Klippe, dem Ai-Todor-Kap. Das Schloss verbindet Elemente der historistischen Neogotik mit der orientalisierenden Architektur.
In Nessebar (Bulgarien) habe ich das erste Mal Delfine in einem Delphinarium in einer Vorführung gesehen. Für mich war es eine außergewöhnliche Show, auch wenn es heute geteilte Meinungen zu einer solchen Veranstaltung gibt. Das Programm war sehr unterhaltsam, die Delfine machten einen guten Eindruck.
Ein außergewöhnliches Ereignis – noch vor der Wende in den Zeiten des Kalten Krieges und der eingeschränkten Reisemöglichkeiten– war für mich als DDR-Bürger der Transatlantik-Flug über Kanada nach Kuba und auf der Rückreise die Überquerung des Atlantiks mit der MS ARKONA.
Das Anliegen der Veranstalter dieser Kreuzfahrt bestand sicher darin, den Urlaubern auf erholsame Weise Kuba zu zeigen, damit sie Fidel Castros soziale Errungenschaften auf einer Insel vor den Augen der USA bewundern können. Uns Touristen öffnete es die Augen nicht nur für die gepriesenen rosigen Seiten, wie der folgenden Geschichte zu entnehmen ist.
Nur Fidel – den haben wir nicht gesehn
Nach den erwähnten Kreuzfahrten auf Wolga, Don und Schwarzem Meer bot sich mir noch zu DDR-Zeiten die einmalige Gelegenheit, über fünf Meere in die große weite Welt zu kreuzen. Die Kreuzfahrt sollte mit dem aus der gleichnamigen bundesdeutschen Fernsehserie bekannten „Traumschiff“ – für mich das Sinnbild bundesdeutschen Wohlstandes – erfolgen.
Im Jahr 1985 wechselte der Luxusliner nicht nur den Besitzer und die Flagge, sondern auch den Namen. Aus der MS ASTOR der Hamburger Reederei HADG wurde die MS ARKONA – das FDGB-Urlauberschiff der DDR.
Beim Namenswechsel soll auch der Anfangsbuchstabe A eine Rolle gespielt haben. Da man das Interieur, das Geschirr, die Gläser etc. übernehmen wollte, mussten die Initialen passen. Außerdem klingt Arkona, die nördlichste Spitze Rügens, als Schiffsname doch viel besser als Astor, die Bezeichnung für eine amerikanische Zigarettensorte.
Mit der MS ARKONA auf den Weltmeeren kreuzen zu dürfen, war für mich wie ein Fünfer im Lotto mit Zusatzzahlen.
Meinem langjährigen Kollegen und Freund, mit dem ich schon die anderen Kreuzfahrten in der Sowjetunion gemacht hatte, ereilte dieses Glück. Ihm wurde eine Reise mit der MS ARKONA angeboten. Ein Platz in einer Dreierkabine gemeinsam mit einem jungen Agronomen aus einer LPG in unserem Landkreis. Der Landwirt hatte die Reise als Auszeichnung erhalten.
Zufällig hatte mein befreundeter Kollege überdies mitbekommen, dass der dritte Kabinenplatz noch nicht vergeben war. Er riet mir, bei der Gewerkschaft ganz nebenbei mal in Erfahrung zu bringen, ob der Platz noch frei sei und zugleich um mein Interesse zu bekunden. Was ich selbstverständlich umgehend tat.
Es dauerte gar nicht lange, da teilte man mir mit, dass die vorgesehene dritte Person für die Kabine nicht mehr zur Verfügung stehe und ich als „Ersatz“ infrage käme. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Nach Abschluss aller Formalitäten erhielten mein Freund und ich kurz vor der Abreise die Nachricht, dass wir gemeinsam mit dem jungen Agronomen aus der Nachbargemeinde in der Kabine 328 untergebracht werden und zur Reisegruppe 12 gehören.
Am Abreisetag sollte sich unsere Reisegruppe um 2.30 Uhr auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld einfinden, um mit einer IL 62 nach Kuba zu fliegen. Bereits am Abend zuvor fuhren wir von unserem mecklenburgischen Wohnort mit der Bahn nach Berlin und nächtigten auf einer Bank im Flughafen, da es nachts weder Zug- noch S-Bahn-Verbindungen nach Berlin-Schönefeld gab. Aber das machte uns angesichts der verlockenden Ziele gar nichts aus. Es erhöhte lediglich den Adrenalinspiegel.
Nach einer komplikationslosen Flugabfertigung (heute Check-In) erfuhren wir im Flugzeug, dass unser Flug nach Havanna zwei Zwischenstopps zum Tanken enthält: Sao Miguel auf den Azoren sowie Gander in Neufundland/Kanada.
Dem kurzen Stopp auf den Azoren, bei dem wir das Flugzeug nicht verlassen durften, folgte – wie in den 80er Jahren bei Transatlantikflügen nach Amerika noch notwendig – ein obligatorischer Tankstopp auf dem International Airport Gander auf der kanadischen Insel Neufundland. Von Weltenbummlern wurde er als am Ende der Welt gelegen gesehen.
Für mich war es ein bedeutsamer erster kleiner Schritt auf den Boden einer anderen, der westlichen Welt, einer Welt, die mir bis dahin zu betreten verwehrt war. Allerdings nur kurzzeitig in einer improvisierten Abflughalle. Entsprechend war das Gefühl.
Einst war Gander der größte Flughafen der Welt. Jetzt, zur Zeit des Kalten Krieges, wurden die Landebahnen überwiegend von Jets aus dem sogenannten Ostblock beherrscht.
Selbst Fidel Castro, den bekanntesten kubanischen Revolutionär, von den meisten Kubanern nur Fidel genannt, hatte man in Gander schon gesehen. Vor Jahren war er dort, um sich angeblich einen Schlitten auszuleihen und in Neufundland sein erstes Winterwunderland zu erleben.
Ich hingegen hatte mich aufgemacht, um die Reize von Fidels Sommerwunderland Kuba zu ergründen. Auf dem Weg zu diesem Ziel war Neufundland für mich nur eine notwendige Durchgangsstation auf dem Weg nach Kuba. Für manche Osteuropäer, auch DDR-Bewohner, soll der Zwischenstopp in Gander allerdings eine geplante Durchgangsstation für eine Flucht in die westliche Welt gewesen sein.
Nach rund einstündigem Aufenthalt in der Empfangshalle von Gander, in der wir zwar die Auslagen in den Verkaufseinrichtungen bewundern durften, aber nichts kaufen konnten, weil wir über keine konvertierbare Währung verfügten, brachen wir auf, um wieder zu unserem Flugzeug zurückzukehren.
Auf dem Weg durch die Halle musste ich plötzlich an die Zeilen aus dem Lied von Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“ denken:
„Wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär
Ich müsste einfach geh’n
Für alle Zeit …“
Diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, war mir allerdings nie in den Sinn gekommen.
Wahrscheinlich schielte ich dennoch, natürlich vollkommen desinteressiert, jedoch, wie sich zeigte, nicht ganz unbemerkt auf die verschiedenen Ausgänge und ihre Aufschriften, als mir eine junge Frau aus unserer Reisegruppe unauffällig ins Ohr flüsterte:
„Durch diese Tür muss man gehen, wenn man abhauen will.“
Mein Freund und zukünftiger Kabinennachbar, der vor mir ging, drehte sich kurz um und raunzte mir zu:
„Wo bleibst du denn?“
Forschen Schrittes führte er mich weg von den geheimnisumwobenen Ausgängen, von meinen abwegigen Gedanken und von Udo Jürgens Aufbruchsstimmung wieder zu Fidels aktuellen Urlaubszielen.
Bei unserem Flug nach Kuba hatte, zum Glück für den Reiseverlauf, niemand die Chance zu einem Aufbruch gewagt, um nach New York, Hawaii oder San Francisco zu fliehen, so dass wir unser erstes Sehnsuchtsziel – die Hauptstadt Kubas – komplikationslos erreichten.
In Havanna gingen wir an Bord der MS ARKONA. Hingerissen von der prachtvollen Kulisse des Hafens mit seinen mächtigen Festungsanlagen zu beiden Seiten übersahen wir beim näheren Betrachten auch nicht die zerfallenden Bauten auf dem Malecon, der Uferstraße am Golf von Mexiko – dem einstigen Küstenboulevard.
Bröckelnde Fassaden der Häuser, dunkle Flure, notdürftig zusammengeflickte Stromleitungen an den Hauseingängen, Seilwinde, mit denen Wassereimer mühsam in die oberen Stockwerke gehievt wurden, und Wäscheleinen mit abgetragenen Kleidungsstücken stachen mir in die Augen und trübten meine Gedanken.
Aller Trübsinn des wahrgenommenen Daseins war jedoch wie weggeblasen, als wir in natura die ansteckende Freundlichkeit der Kubaner spürten, die uns überall temperamentvoll begrüßten. Auf der Plaza de Armas oder der Plaza de la Catedral ebenso wie auf der ältesten Festung der Stadt, dem Castillo de la Fuerza. Und dann haben wir endlich in nicht zu übersehender Größe Fidel auf dem Plaza de la Revolución entdeckt. Allerdings nur auf einem überdimensionalen Plakat.
Bei den Stadtrundgängen fiel mir noch auf, dass zahlreiche Kubaner die „Granma“ (übersetzt die „Großmutter“) stolz unterm Arm trugen. Gemeint ist natürlich die Tageszeitung der Kommunistischen Partei Kubas, benannt nach Fidels Boot, mit dem er 1956 von Mexiko kommend Kuba ansteuerte und gewissermaßen den Startschuss für die kubanische Revolution einleitete.
25 Jahre nach dieser ersten Reise mit der MS ARKONA führte mich erneut eine Kreuzfahrt diesmal mit der MS DEUTSCHLAND durch die Karibik nach Kuba. Inzwischen hatte man die Anziehungskraft der Insel für den boomenden Fremdenverkehr entdeckt. Die Besucher aus zahlreichen Ländern strömten in die stolze Hauptstadt Havanna und in Orte wie Santiago der Cuba, Cienfuegos und Trinidad. Überall wurde, soweit es die staatlichen Mittel erlaubten, restauriert. Der Malecon entwickelte sich in eine Flaniermeile, in dessen Umfeld sich kleine privat betriebene Restaurants etablierten und zum Verweilen einluden. Dennoch vermisste ich irgendwie den morbiden Charme der ersten Begegnung. Selbst Losungen wie PATRIA O MUERTE (Heimat oder Tod) verblassten zunehmend.
Auch diesmal haben mich die freundlichen und temperamentvollen Kubaner beeindruckt, die trotz ihres einfachen, manchmal besorgniserregenden Lebensstandards selbst bei prekärer Versorgungslage immer optimistisch wirkten und immer noch glaubten, eine gerechtere Gesellschaft schaffen zu können. Selbst wenn der Ruf VENCEREMOS (Wir werden siegen!) leiser und seltener wurde.
Schon bei unserem ersten Aufenthalt in Havanna hatten wir kurz nach der Ankunft der weltberühmten Revue des „Tropicana“ einen organisierten Besuch abgestattet.
Die Show im Freien mit rund 200 Mitwirkenden vor über 1000 Zuschauern bot einen wahren Karneval mit afrokubanischen Rhythmen, Kostümen, Tanz und Spaß. Bei Cola, Saft und einer Flasche Cuba-Rum für jeweils sechs Personen am Tisch verbrachten wir einen stimmungsvollen karibischen Abend. Zu uns gesellten sich die Künstler von Bord der MS ARKONA: Kurt Nolze, Gabi Munk & Ingo Krähmer sowie Ingrid Raack. Im „Tropicana“ waren wir alle gemeinsam ausgezeichnete FDGB-Urlauber.
Natürlich suchten wir an einem der folgenden Tage privat die ganz unscheinbar in einer schmalen Seitengasse von Havanna gelegene legendäre „Bodeguita del Medio“ (auf Deutsch „Kneipe in der Mitte“) auf, um den traditionellen Mojito (Rum, Limone frische Pfefferminzstängel, Soda und Eiswürfel) zu trinken. Genauso wie es berühmte Leute wie Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Brigitte Bardot, Salvador Allende und Fidel Castro angeblich getan haben sollen.
Doch auch hier habe ich Fidel beide Male leider nicht gesehen.
In der Erinnerung aber bleibt der an die weiße Wand geschriebene Spruch des kubanischen Autors Garcia Leandro: „Bodeguita, du bleibst, ich gehe!“
Bei den obligatorischen Rundfahrten und Ausflügen auf der gesamten Insel wurde uns bei der ersten Reise sehr bewegt demonstriert, wie sich Kuba vom Treffpunkt der internationalen Mafia zu einer Bastion des Sozialismus in ganz Amerika wandelte.
Wir besuchten die geschichtsträchtigen Orte der kubanischen Revolution Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
In Santiago de Cuba bei den Moncada-Kasernen erfuhren wir, dass dort bereits 1953 ein Ansturm von Rebellen um Fidel Castro auf das Bollwerk der verhassten Batista-Regierung erfolglos blieb.
Anschließend verweilten wir vor dem Rathaus von Santiago, vor dessen Fassade Fidel Castro dann sechs Jahre später den Sieg der Revolution verkündete.
Bei einer Bootsfahrt in der Schweinebucht hörten wir von der gescheiterten Invasion von Exilkubaner, die 1961 von den USA unterstützt worden war.
Unter dem Namen Invasion in der Schweinebucht ging dieser im Jahr 1961 nur drei Tage dauernde militärische Angriff auf Kuba in die Geschichte ein. Die Invasion hatte den Sturz der Revolutionsregierung unter Fidel Castro zum Ziel. Fidel Castro war jedoch von den Plänen informiert worden und erwartete die Invasoren in der Schweinebucht. Die Invasion scheiterte. Die Regierung des gerade erst gewählten Präsidenten John F. Kennedy war blamiert. Noch heute gibt die vom amerikanischen Geheimdienst CIA gesteuerte Aktion einige Rätsel auf.
Neben der revolutionären Geschichte Kubas erhielten wir aber auch nachhaltige Einblicke in die Landschaft und Natur sowie in die Kultur und Architektur auf dieser karibischen Insel und wir gewannen unvergessliche Eindrücke vom Leben ihrer liebenswerten Bewohner.
In Cienfuegos, wegen ihrer neoklassizistischen Architektur wurde die Stadt mit ihrem lebhaften Ortskern auch „Perle des Südens“ genannt, bewunderte ich den Nationalpark Zapata. Vor allem die Krokodilfarm hatte es mir angetan. So viele Krokodile in natura beobachten zu dürfen, überstieg alle meine Vorstellungen.
Kubas exotischste Stadt war für mich das karibische Santiago. Die Stadt schmiegt sich idyllisch an eine Bucht, an deren Einfahrt die mächtige Morro-Festung thront. Auf dem Ifigenia-Friedhof dieser Stadt ruht José Martí. Er war ein kubanischer Poet und Schriftsteller und gilt als kubanischer Nationalheld sowie als Symbol für den Unabhängigkeitskampf seines Landes.
Zu einem Einkaufsbummel hatten wir bei den Landgängen kaum Gelegenheit, vom Organisator sicher beabsichtigt. Die Vorzeige-Verkaufsstelle für Waren des täglichen Bedarfs, in die man uns führte, glich eher einem kleinen Lagerraum mit Kisten, Säcken und Regalen, aus denen Grundnahrungsmittel wie Eier, Reis, Mehl oder Waren des täglichen Bedarfs wie bestimmte rationierte Toilettenartikel entnommen und zum Teil auf Bezugschein vergeben wurden. Überall waren die Versorgungsengpässe spürbar. Zahlreiche leere Regale. Selbst überzeugte DDR-Bürger blickten verschämt auf das äußerst dürftige Angebot für ihre kubanischen Freunde.
Auf einem kleinen Bauernmarkt in Santiago, auf dem die Pioniere der kubanischen Marktwirtschaft agierten, fand ich dann endlich die Möglichkeit, ein Mitbringsel von der Reise zu erwerben. Die Wahl fiel mehr schwer. Das Angebot für einen Touristen war ziemlich begrenzt. Außer den berühmten kubanischen Zigarren, deren Herstellung wir in einer Manufaktur beiwohnten, und dem Zuckerrohrschnaps – dem kubanischen Rum – entdeckte ich kaum ein passendes Souvenir. Allerdings rauchten weder meine Freunde noch ich. Rum aus Kuba gab es auch bei uns im Konsum. Ohne Bezugsschein. Zudem war der Transport einer Flasche im Koffer nicht komplikationslos.
An einem Stand mit Werkzeugen entdeckte ich Macheten, deren Gebrauch uns auf einer Zuckerrohrplantage vorgeführt wurde. Eine Machete – ein Buschmesser – das wär’s. Ein Erinnerungsstück an ein führendes Land im Zuckerrohranbau und zugleich eine bei uns zuhause schwer zu erwerbende Waffe für einen möglichen Verteidigungsfall. Heute kaum vorstellbar hat mich die Machete problemlos durch Zoll und Flugsicherheit begleitet.
Ein wenig enttäuscht war ich nur, als ich zu Hause beim genauen Betrachten der Machete den Hinweis „made in china“ entdeckte. War es doch das einzige Souvenir aus Kuba, das ich käuflich erworben hatte.
Von den 25 Peso, die wir offiziell umtauschen durften, habe ich 15 Peso (42,30 Mark der DDR) wieder zurückgetauscht. Das lag nicht nur an dem mangelnden Konsumangebot auf Kuba, sondern auch an der ausgezeichneten Verpflegung an Bord, die bei mir kein Bedürfnis nach weiteren Leckerbissen an Land weckte.
Von dem zurückgetauschten Geld kaufte ich zu Hause eine Flasche echten Havanna Club, der in meiner Hausbar lange Zeit ein unbeachtetes Dasein frönte.
Nach sechs erlebnisreichen Tagen nahmen wir in Santiago de Cuba bewegt Abschied von der Insel und ihren stolzen Bewohnern.
Nur Fidel – den stolzesten Bewohner Kubas – den haben wir nirgends geseh’n.
An Bord der MS ARKONA stand uns eine zweiwöchige Kreuzfahrt über fünf Meere und mehr als 5000 Seemeilen nach Rostock bevor. Allerdings ohne Anlandungen, weder in der Karibik noch auf den Azoren und schon gar nicht am Ärmelkanal und an der Nordseeküste. Das waren die gefühlten Schattenseiten einer solchen Kreuzfahrt für DDR-Bewohner. Angeblich waren die Hafengebühren devisenpflichtig und zu kostenintensiv.
Selbst auf eine seemeilen- und zeitsparende Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal wurde verzichtet. Hier sah man von staatlicher Seite wohl eher die Gefahr, dass sich regimekritische Bürger durch einen Sprung ins Wasser schwimmend leicht an das andere erstrebte Ufer begeben könnten.
Auch ohne gelegentlich vermisste Anlandungen gestalteten sich die zwei Wochen auf See für mich als unvergessliches Erlebnis. Sie legten den Grundstein für meine erwachenden Sehnsüchte nach luxuriösen Kreuzfahrten. Über fünf Meere musste ich kreuzen, um die Vorzüge für einer Kreuzfahrt für mich als Schattenspringer zu entdecken.
Vom sonnigen Karibischen Meer ging es in das große besonders tiefe und klare Meeresgebiet der Saragossasee, in der sich die bei uns so beliebten Aale vermehren, bevor sie die Reise in unsere heimatlichen Gewässer antreten. Munter wie die Aale im Wasser feierten wir an Bord ein großes Kolumbusfest, bei dem sich Neptun, der Gott des Meeres, mit seinem Gefolge die Ehre gab.
Für mich war es ein besonderes unbeschwerliches Erlebnis. Zum ersten Mal nahm ich an einer solchen vorzüglich improvisierten Strandparty teil. Bisher hatte ich immer auf die Teilnahme an derartigen Veranstaltungen verzichten müssen, weil es direkt am Strand für mich meist viel zu sonnig war und die möglichen Rückzugsorte in den Schatten zu weit vom unmittelbaren Geschehen entfernt waren. Hier an Bord der ARKONA fühlte ich mich in das fröhliche Treiben am Pool unmittelbarer einbezogen. Das werktätige Volk feierte unbeschwert und ausgelassen, aber diszipliniert. Und ich gehörte dazu. Im Schatten des darüber liegenden Decks sangen wir alle voller Inbrunst gemeinsam mit dem Schlagerduo Gabi Munk/Ingo Krämer das Arkona-Lied:
„Auf der Arkona, ja da kommt so was vor.“
Ich nahm auch auf späteren Kreuzfahrten gern an den Neptun-Festen, Äquator-Taufen oder Piraten-Partys teil. Aber keines dieser Bordfeste blieb mir so nachhaltig in Erinnerung wie das Kolumbusfest auf der MS ARKONA.
Auf ewig im Gedächtnis bleibt mir ebenfalls die sich anschließende Fahrt über den stürmischen Atlantischen Ozean.
Brückenbesichtigung, Skatturnier, Popgymnastik sowie Foren und Filmgespräche mit bekannten mitreisenden DEFA-Schauspielern lenkten tagsüber von den zunehmend unangenehmer werdenden Witterungsbedingungen auf den Außendecks ab.
Die Abendessen krönten allerlei kulinarische Genüsse. Hervorzuheben der rustikale „Mecklenburgische Bauernmarkt“ mit Spezialitäten der norddeutschen Küche und typischen Seemannsgerichten. Da gab es den Müritz-Aal vom Grill, Labskaus mit Spiegelei, Plumm un Trüffel, Mecklenburger Schlachtesuppe, Anklamer Heidelbeeren mit Rahm und vieles, vieles andere aus der unmittelbaren heimatlichen Umgebung. Unvergessen aber auch die kulinarische Weltreise mit ausgesuchten Spezialitäten fremder Länder. Riesengarnelen aus Vietnam, Weinbergschnecken aus Frankreich, Truthahnsteak aus den USA, Melonensuppe aus Mexiko bzw. Kaffee Luzern aus der Schweiz. Unvergessen vor allem deshalb, weil ich Garnelen und anderen Meeresfrüchten seither, gelinde gesagt, skeptisch gegenüberstehe. Woran das liegt? Wahrscheinlich an der Einstellung: „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.“ Oder führten die folgenden Auswirkungen dazu?
Als wir uns am späten Abend nach der „kleinen“ kulinarischen Weltreise in unsere Kabinen begaben, wunderten wir uns über die Tüten, die überall hinters Geländer auf dem Gang und auf der Treppe geklemmt waren. Wir maßen dem aber weiter keine ernsthafte Beachtung bei. Eher machten wir uns lustig über unser Schwanken von einer Gangseite zur anderen. Auch im Bauch wurde es mir ein bisschen mulmig. Waren es die Folgen des Pub-Besuchs? Oder der kulinarischen Weltreise mit Meeresfrüchten? Oder schaukelte unser Schiff?
In der Nacht wurde ich plötzlich wach. Alles drehte sich. Meine Kameraden schienen zu schlafen. Mein Magen begann zu rebellieren. Nur gut, dass ich ein unteres Bett hatte. Mühsam schlich ich mich – an allem, was greifbar war, krampfhaft festhaltend – zur Toilette, wo ich mich von allem Ungemach geräuschvoll mehrfach entledigte. Und dabei hatte ich ständig diesen für mich immer wiederkehrenden äußerst unangenehmen Geschmack von Meeresfrüchten im Mund. So elend hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. In dieser Nacht raubte ich noch ein paarmal meinen Kameraden den Schlaf. Sie ertrugen es weitgehend kommentarlos. Am Morgen erfuhren wir, dass es in der Nacht angeblich Windstärke 7 Bf, Seegang 6 und Dünung 7 m waren.
Nur Windstärke 7? Für mich war es ein Orkan.
Der Frühstücksraum am nächsten Morgen soll ziemlich leer gewesen sein, wie mir berichtet wurde. Anscheinend ging es anderen Passagieren wie mir. Noch ein paar weitere Tage hatte ich mit meiner ersten Seekrankheit und flauem Magen zu kämpfen. Die Tüten auf den Gängen hatten plötzlich eine beruhigende Wirkung auf mich.
Wie durch ein Wunder blieb ich bei allen weiteren Kreuzfahrten allerdings von diesem Unwohlsein auf See verschont. Selbst in der Antarktis bei Windstärke 12 blieb ich später aufrecht und standhaft. Ich hoffe, dieser Zustand hält für ewig an. Die Aversion gegenüber Meeresfrüchten habe ich, nebenbei bemerkt, bis heute nicht überwinden können.
Ohne erwähnenswerte Beeinträchtigungen durchfuhren wir auch die beiden weiteren Meere unserer Kreuzfahrt über fünf Meere, die frühlingshafte Nord- und Ostsee.
Zum besseren Erinnern und um alles noch rosiger erscheinen zu lassen, hatte ich die Flasche Havanna Club, die seit vielen Jahren in der hintersten Reihe meiner Hausbar ein fast vergessenes Dasein fristete, hervorgeholt und sie neben die Machete gestellt.
Beim Anschauen der Flasche sollte es nicht bleiben. Der Augenblick war gekommen, den Inhalt nach Jahren erneut zu probieren. Ich mixte mir einen Cuba Libre, schlürfte ihn genussvoll und schwelgte in Erinnerungen. Schon beim zweiten Gläschen sprudelten die Wörter und Sätze in nie erahnter Poesie ungebändigt nur so aus mir hervor.
Das Klingeln des Telefons unterbrach meine poetischen Ergüsse. Meine langjährigen Freunde wollten sich, wie fast täglich in den Corona-Zeiten, telefonisch nach meinem Wohlbefinden erkundigen:
„Hallo, wir wollten nur mal hören, wie es dir geht. Quälst du dich noch mit den Erinnerungen an die Kuba-Reise?“ (Ich hatte sie über die Fortsetzung meines Schreibprojekts informiert.)
„Ich quäle mich doch nicht. Ich bin auf Wolke 7.“
„Wie das? Bist du so gut vorangekommen? Oder hast du was genommen?“
„Natürlich, ich habe endlich die Rumflasche von damals geköpft. Jetzt schwelge ich in ‚rosegen‘ Erinnerungen. Ganz zu meinem Namen passend.“
„Na, das Kapitel kann ja heiter werden.“
„Gebe es euch aber nur zum Lesen, wenn ihr dabei auch den Rum genießt. (Ich wusste ja, dass mein Freund dann lieber auf das Lesen verzichten würde.) Für heute höre ich jetzt aber auf. Der Flascheninhalt muss noch morgen für weitere Seiten reichen.“
In bester Laune verabschiedeten wir uns.
Dank der Schreibfortschritte und des Interesses meiner Freunde an meinem Wohlergehen (oder lag es am Rum?) ging ich mit einem glückseligen Gefühl zu Bett und schlief bald ein.
Doch was war das?
Plötzlich stand Fidel vor mir. Fidel Castro aus Kuba. Mit Zigarre im Mund, einer Flasche Rum in der einen Hand und mit der anderen Hand die Machete schwingend, winkte er mir am Strand von Varadero einladend zu. Ehrfurchtsvoll bedankte ich mich für die Einladung und den Aufenthalt auf Kuba mit den Worten nach dem damals bekannten Ost-Hit:
„Es war in Varadero.
Ich sagte: Kuba – Yote-quiero.
An seinem Lächeln da konnte ich seh’n:
Auf Kuba ist es schön.“
Der kommende Morgen gestaltete sich etwas leiser. Das Schreiben verschob ich vorerst um ein paar Tage. Woran das wohl lag?
Von einfachen Schiffsreisen zu Luxuskreuzfahrten
Häfen und Länder rund um das östliche Mittelmeer lernten wir gemeinsam mit ca. 700 internationalen Passagieren auf einer Kreuzfahrt mit der MS AZUR kennen. Das internationale Publikum und die vorrangige Orientierung auf die italienischen Gäste und ihre Sprache schmälerten allerdings meine Reiseeindrücke vom Leben an Bord, nicht aber die Erinnerung an einmalige historische Bauwerke und Ereignisse bei den Ausflügen.
Wir besichtigten die Ruinen der einstmals blühenden Stadt Pompeji, die 79 n. Chr. bei einem der schlimmsten Ausbrüche des Vesuvs zerstört wurde.
Wir entspannten uns auf der griechischen Insel Santorini und bestaunten in Limassol auf Zypern die Zeugnisse einer glorreichen Vergangenheit.
Noch weiter zurück in die Antike führten uns in Ägypten die Attraktionen von Kairo und Gizeh. Im Ägyptischen Museum bestaunten wir die berühmte Totenmaske des Tutanchamun und in Gizeh die Cheops-Pyramide und die Große Sphinx. Ungewohnte Hitze, gleißendes Licht der Sonne und nirgendwo ein schattiges Plätzchen trübten meine Stimmung und hinterließen Spuren auf meiner Haut, trotz aller Vorbeugungsmaßnahmen, so dass ich die Dunkelheit der Innenkabine und die Klimaanlage auf dem Schiff als Wohltat empfand.
Von Alexandria aus führte uns die Reise mit der MS AZUR in den israelischen Hafen Ashdod. Von dort unternahmen wir einen ausgedehnten Tagesausflug in die Heilige Stadt Jerusalem und in das nur 7 km entfernte Bethlehem. In Jerusalem atmete ich einen Hauch der Religionen und ihrer Geschichte ein, über die ich zu meinem Bedauern in der Schulzeit nur wenig erfahren hatte. Andachtsvoll verkrochen wir uns an der Klagemauer, dem heiligsten Ort des Judentums, in den Schatten und beobachteten von dort ehrfurchtsvoll das Verhalten der Gläubigen. Anschließend spazierten wir mit Hut und Sonnenschirm durch das christliche Viertel und die Via Dolorosa zur Grabeskirche.
Nach den Hitzeschlachten bei den Kreuzfahrten im östlichen Mittelmeer zog es mich in kühlere nördliche Gefilde. In einem der folgenden Jahre fuhren wir mit der MS A’ROSA BLUE in den hohen Norden zum Nordkap, nach Island und Großbritannien.
Gemeinsam mit fast 1600 Passagieren besuchten wir Bergen und durchquerten den Geiranger Fjord. Am Nordkap hatten wir von einem senkrecht abfallenden Plateau einen imposanten Blick auf das nördliche Eismeer. Wir sahen zwar die Mitternachtssonne, konnten aber die im Prospekt beschriebene einsame, wilde Schönheit und die Stimmung, die durch das Licht hervorgerufen wird, in der Ferne wahrnehmen, im Getümmel von Hunderten Menschen auf dem Plateau aber nicht wie erwartet genießen.
Auf Island faszinierten uns der Godafoss, der Wasserfall der Götter, ebenso wie das Gebiet der Geysire, wo der Strokkur im Abstand von wenigen Minuten eine imposante Wassersäule in die Luft steuert.
In Schottland blieb mir als Literaturliebhaber das eindrucksvolle Bilderbuchschlösschen Cawdor Castle, umgeben von einem Hauch mittelalterlicher schottischer Vergangenheit und dem Schauplatz von Shakespeares Drama „Macbeth“, in besonderer Erinnerung.
Nach nunmehr einschlägigen Erfahrungen bei Kreuzfahrten mit zahlreichen Passagieren wagten wir uns an eine Kreuzfahrt mit einem Clubschiff für rund 1200 Passagiere. Mit der AIDAcara unternahmen wir eine zehntägige Kreuzfahrt auf der Ostsee. Ausschlaggebend für die Wahl dieser Reise waren unter anderem die kurzen An- und Abreisewege von unserem Wohnort nach Rostock-Warnemünde und von dort wieder zurück.
Mein persönliches Interesse galt insbesondere den Städten Tallin und St. Petersburg (vormals Leningrad), die ich von Studienaufenthalten aus Vorwendezeiten kannte und deren Veränderungen nach dem politischen Umbruch ich noch einmal persönlich auf mich wirken lassen wollte. Aber auch Helsinki, Stockholm und Danzig sollten unseren Horizont über das Leben in den anderen Ostseeanrainerstaaten erweitern.
Nicht immer angenehm war für uns die äußerst legere Clubatmosphäre auf diesem Schiff. Dazu zählten für mich insbesondere die einseitigen Showprogramme, das Duzen aller Personen an Bord, aber auch das mangelnde Interesse einiger Passagiere an den Ausführungen der Reiseleiter bei den Ausflügen.
Obwohl wir bei den erwähnten Kreuzfahrten manchmal nur Innenkabinen in einer unteren Kategorie gebucht hatten, weil unsere finanziellen Mittel damit ausgereizt waren, hinterließen alle diese Kreuzfahrten bei mir bleibende unvergessliche Erlebnisse. In der einen oder anderen Geschichte werden sie noch erwähnt werden. Trotz der nicht immer nur erfreulichen Umstände und Begebenheiten habe ich im Nachhinein keine dieser Kreuzfahrten je bereut. Sie trugen alle wesentlich zur Bereicherung meiner Kreuzfahrterfahrungen bei.
Dennoch regte sich in mir allmählich der Wunsch, einmal allein und unabhängig auf Kreuzfahrt zu gehen. Als inzwischen alternder Single spürte ich einfach Lust, andere Reisende näher kennenzulernen, neue Bekanntschaften zu schließen sowie Ausflüge und Tagesabläufe ohne Absprache und Rücksichtnahme auf andere Interessen zu planen. Außerdem wollte ich mich bei den bereits angedeuteten gesundheitlichen Einschränkungen als Schattenspringer selbstbestimmter in den Lichtschatten zurückziehen können, ohne immer erklären zu müssen, warum.
Zum anderen hatte mich zunehmend das in der gleichnamigen Fernsehreihe luxuriös dargestellte Leben auf dem legendären „Traumschiff“ fasziniert: die nostalgische Innenausstattung des Schiffes im Stile der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, die romantische Atmosphäre in den Bars, die Eisbombe zum Abschluss der Reise und die elegante Garderobe der Reisenden bei Galas und Kapitänsempfängen. Ich wünschte mir nichts seliger, als die dargestellte Eleganz und das zur Schau gestellte Niveau einmal persönlich zu erleben.
Massentourismus und Clubatmosphäre und deren Auswirkungen hatten wir zur Genüge auf den Aida-Schiffen erlebt. In Erinnerung bleiben die Mahlzeiten in den überfüllten Buffet-Restaurants mit dem notwendigen rechtzeitiges Positionieren vor der Eingangstür, um einen Tisch für mehrere Personen zu ergattern, und mit dem lästigen Anstellen am Buffet, während einer den Platz am Tisch hüten muss. Unangenehm in Erinnerung bleiben ebenso der Anblick überfüllter Teller einiger Passagiere und das folgliche Warten auf das Nachfüllen beliebter Speisen. Nicht selten störte auch die aus der Sicht der Passagiere, die noch auf der Suche nach einem Tisch waren, verständlichen Fragen: „Wie lange brauchen Sie noch?“ oder „Brauchen Sie noch lange?“
In Urlaubsstimmung versetzen mich auch keine Ausflüge mit weit mehr als zwanzig bis auf den letzten Platz gefüllten Busse und Menschenmassen an beliebten Ausflugszielen wie dem Nordkap, wo man die Stimmung der Mitsommernacht doch eigentlich lieber in Ruhe einfangen möchte.
Sehr viel Toleranz muss man auch beim zum Teil überforderten Personal aufbringen, wenn man als älterer Herr (Ü50) zum Beispiel an der Rezeption eine Bitte vorbringen möchte und von einem jungen Mann gefragt wird: „Und, was willst du?“
Ja, was wollte ich denn? Mir verschlug es fast die Sprache, wie herablassend ich betrachtet wurde. So fühlte ich es jedenfalls.
Nach einigen dieser manchmal unvermeidbaren – vielleicht auch nur von mir wahrgenommenen – Einschränkungen auf den zunehmend größer werdenden Passagierschiffen war für mich die Zeit gekommen, meine Vorstellungen und Wünsche, einmal fern von Massentourismus und Clubatmosphäre den Zauber einer luxuriösen Kreuzfahrt zu erleben, in die Tat umzusetzen.
Wie immer gut beraten durch Frau G. von meinem damaligen Reisebüro „Kiek in de Welt“ wählte ich die Reise „Märchenhaftes Morgenland“ – von Mumbai (dem ehemaligen Bombay) in die Vereinigten Arabischen Emirate mit der MS DEUTSCHLAND.
Um mich dem in den Traumschifffilmen gesehenen luxuriösen Stil auch durch die Garderobe anzupassen, kaufte ich mir für die Galaabende extra ein weißes Sakko, ein Frackhemd mit roter Fliege und einen modischen dunklen Anzug von Lagerfeld. Nur nicht auffallen ist leider viel zu oft meine Devise. Erfahrungen eines Schattenspringers?
Von solchen und ähnlichen Vorstellungen, Wünschen und Träumen begleitet, begab ich mich auf meine erste Luxuskreuzfahrt.
Charme und Frust alternder Kreuzfahrer
Aufgeregt, voller Erwartung und das erste Mal alleinreisend auf einer Luxuskreuzfahrt, fand ich erst nach einigem Herumirren auf dem für unerfahrene seltene Flughafengäste völlig unübersichtlichen Flughafen in Frankfurt das Abfluggate für den Flug nach Mumbai, dem Einschiffungsort der Kreuzfahrt. Zu meiner Erleichterung erwartete mich am Gate bereits, wie bei der MS DEUTSCHLAND üblich, eine nette Flugbegleiterin von der Reederei Deilmann, die uns bei den Flug- und Einreiseformalitäten behilflich sein sollte. Das war, wie sich bald herausstellte, auch nötig für einen nicht geringen Teil der Reisenden mit der MS DEUTSCHLAND.
Nachdem ich mich von dem Anreisestress einigermaßen erholt hatte, blickte ich mich am Gate ein wenig nach den anderen Reisenden mit der MS DEUTSCHLAND um, die man ja an den Kofferanhängern leicht erkannte. Da ich mich in der Nähe des Einlasses platziert hatte, fielen mir vor allem drei im Rollstuhl sitzende Personen auf: zwei einzelne Herren und eine betagte Dame mit ihrer Begleiterin sowie ein paar ältere Ehepaare. Ich musste mich wohl auf eine Seniorenreise einstellen, ging es mir durch den Kopf.
Wer wie ich als Lehrer und Dozent das gesamte Berufsleben von jungen Leuten umgeben war und sich zumeist als Partner von ihnen fühlte, dem sticht der Altersunterschied besonders ins Auge. Wahrscheinlich will man es nur nicht wahrhaben, dass man selbst auch älter geworden ist. Bisher waren es eben immer nur die anderen.
Andererseits kannte ich das Durchschnittsalter der Passagiere schon von den Reisen mit der „Albatros“: viele Menschen jenseits der 60 und weit darüber hinaus. Für Kreuzfahrer gilt wohl „Mit 66 ist noch lange nicht Schluss“, wie Udo Jürgens einst sang. Zwar bestimmt diese Devise bis zum heutigen Tag auch meine Reiseplanungen, aber dennoch fällt es einem nicht leicht einzusehen, dass der Sommer des Lebens sich allmählich in einen Herbst verwandelt. Aber auch vom Herbst erwarte ich noch schöne Tage an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Im Innern reicht es mir ja auch, nette Reisende, egal ob jung oder alt, kennenzulernen, mit denen man bei Ausflügen und Veranstaltungen an Bord ein paar schöne Stunden verbringen kann. Schließlich suche ich auf einer Kreuzfahrt keine Lebenspartnerschaft. Dass jedoch nicht alle so denken, bekam ich später noch oft genug zu spüren. Wie heißt es doch reisegemäß in einem alten Seemannslied:„Heut grüßt uns die Südsee und morgen ein Fjord. Doch die Liebe, die Liebe ist immer an Bord.“ Davon konnte ich mich angesichts einiger Schmonzetten mehrfach überzeugen, wie später noch zu lesen sein wird.
Neben der Erfüllung mancher sehnsuchtsvoller Träume gibt es auf jeder Kreuzfahrt leider auch immer Situationen, in denen einem das Schmunzeln über Mitreisende vergehen kann.
Bereits am Frankfurter Flughafen zog einer der älteren Herren im Rollstuhl meine Aufmerksamkeit besonders auf sich. Er musste ungefähr in meinem Alter sein. Mir fiel auf, dass der allein reisende Herr schon bei der Anreise einen sehr eleganten dunklen Anzug mit „Schlips und Kragen“ trug. In diesem Aufzug wirkte er auf mich eher wie ein wohlhabender biederer Geschäftsreisender, nicht wie ein Tourist. Vielleicht braucht er das, um sein Image auch im Urlaub zu pflegen.
Mir stellte sich augenblicklich die Frage: Hast du in deinem Anorak und den Jeans hier schon die falsche Garderobe gewählt und dich unterpräsentiert? Schließlich möchte man auf der ersten Luxuskreuzfahrt ja nicht gleich zu Beginn schon aus der Reihe tanzen und sein Licht unter den Scheffel stellen. Es beruhigte mich allerdings, dass die anderen Mitreisenden ähnlich salopp wie ich gekleidet waren.
Sehr würdevoll ließ sich der nicht gerade untergewichtige Herr mit mehreren Handgepäckstücken in einem Rollstuhl von einer nicht viel jüngeren Flughafenangestellten mühevoll an uns vorbei als Erster ins Flugzeug schieben. Erst am Zielflughafen in Mumbai bemerkte ich ihn wieder, weil er durch unwirsches und borniertes Verhalten auffiel. In unserem Transferbus zum Schiff wurde er umständlich in die erste Reihe für Behinderte platziert. Beim Aussteigen behinderte er uns alle durch unnötig schwerfälliges Gehabe sowie unwirsches und borniertes Verhalten. Kopfschüttelnd, aber schweigend tolerierten die meisten Reisenden das ungehörige Verhalten.
Muss man jedoch Verständnis für Personen haben, wenn sie ihre Behinderung schamlos ausnutzen?
Durch die eigene Schwerbehindertenbrille betrachtet sei mir die Frage in dieser Situation erlaubt.
Mein Frust verstärkte sich, als ich kurze Zeit später ein noch ungehörigeres Verhalten an Bord erlebte, sodass meine folgenden Erinnerungen und Gedanken etwas zu sarkastisch oder zynisch klingen mögen.
Bereits in den ersten Tagen an Bord hatte ich mir einen Liegestuhl an einem schattigen Ort auf Deck 7 in der Nähe vom „Alten Fritz“ mit einem vorzüglichen Blick auf das Meer gesucht und ihn glücklicherweise immer gleich nach dem Frühstück belegen können. Bald schon kannte man die Passagiere neben sich und platzierte seinen Liegestuhl so, dass man den Nachbarn nicht zu sehr auf die Pelle rückte und ihnen die Sicht nahm. Aber diese Rücksichtnahme kennen einige Passagiere nicht.
Eines Vormittags näherte sich uns eine elegante ältere frisch ondulierte im Rollstuhl sitzende Dame, die von ihrer „Zofe“ mühevoll durch die Reihen der Liegen bugsiert wurde. Die Begleiterin schob den Rollstuhl an verschiedene Orte, erntete jedoch immer das energische Missfallen der herrischen Rollstuhlinhaberin.
Mit Bedacht hatte ich mein schattiges Plätzchen mit dem uneingeschränkten fantastischen Blick auf das Meer durch frühzeitiges Erscheinen ergattert.
Bestimmt wies die resolute „Herrin“ ihre besorgte Begleitung schließlich auf einen Platz genau vor meiner Liege.
Was sollte das?
Skeptisch, den Protest wohl ahnend, versuchte die Dame, ihren Rollstuhl genau vor mir zu postieren. Kopfschüttelnd blickten meine Nachbarn von ihren Liegen zu mir.
„Meine Damen, Sie nehmen mir völlig die Sicht“, versuchte ich höflich, aber bestimmt meinen Einwand zu äußern.
„Dann müssen Sie sich einen besseren Platz suchen“, erhielt ich aus dem Rollstuhl unverhohlen zur Antwort.
„Das geht doch nun wohl zu weit.“
„So etwas Unverschämtes.“
„Was bildet die eingebildete Tussi sich ein?“, mischten sich empört meine Nachbarn ein.
Aus dem Hintergrund vernahm ich sogar:
„Schiebt sie doch noch einen Meter weiter vor! Vom Wasser aus kann sie am besten sehen.“
Um einer weiteren Auseinandersetzung zu entweichen, schob die „taffe Zofe“ ihre „Herrin“ in Richtung Lift. Hoffentlich nicht, um den egozentrischen Willen „Ihrer Durchlaucht“ auf einem anderen Deck durchsetzen zu müssen.
Beim nochmaligen Lesen derartig stachlig wiedergegebener Begebenheiten an Bord frage ich mich bisweilen selbst:
„Was hat dich nur geritten, diese Situationen so negativ zu sehen und so sarkastisch zu beschreiben?“
Unwillkürlich fällt mir dann Mephisto ein, der sich für einen Teil der Kraft hielt, die „stets das Böse will und stets das Gute schafft“. (Faust)
Dabei denke ich: Vielleicht steckt so ein Teufelchen manchmal auch in mir. Selbst vom deutschen Schlager fühlte ich mich schon angesprochen:
„Ein kleiner Teufel steckt in dir, der darf da nicht mehr bleiben.“ (Interpretiert von Nina Lizell.)
Ich werde versuchen, diese Schwäche bei der Wiedergabe ähnlicher frustrierenden Begegnungen zu bedenken.
Zum Glück sind derartige verteufelte Situationen recht selten und nicht unbedingt prägend für Kreuzfahrten im gehobenen Segment und bei Reisenden im fortgeschrittenen Alter.
Ein Beispiel sei an dieser Stelle allerdings noch erwähnt. Der „kleine Teufel“ hatte ähnliche Besonderheiten und Kuriositäten im Umgang mit betagten Kreuzfahrern schon Jahre zuvor auf seiner ersten Hochseekreuzfahrt mit der MS SCHELJAPIN auf dem Schwarzen Meer erlebt.
Im Bordrestaurant war es üblich, dass am Vorabend der Servierer immer die Speisenauswahl für den nächsten Tag entgegennahm. Die ältere Dame neben mir ließ sich meist viel Zeit bei der Auswahl ihrer Gerichte, sehr zum Leidwesen des Kellners und der anderen Gäste am Tisch. Bisweilen wollte sie auch wissen, was ich bestellte, um ihren Kommentar hinzuzufügen und anschließend selbstverständlich etwas ganz anderes zu wählen.
Wenn mir dann am folgenden Tag mein bestelltes Gericht serviert wurde, sagte die Dame sofort und unmissverständlich: „Das habe ich bestellt.“ Obwohl sie im Irrtum war und der Kellner ihr seine Aufzeichnungen zeigte, ließ sie sich selten überzeugen. Das eine oder andere Mal überließ ich ihr sogar freiwillig mein Essen, um weiteren Frust zu verhindern.
Im Gespräch am letzten Abend äußerte die Dame dann ihre Enttäuschung darüber, dass sie immer das serviert bekommen hätte, was die anderen nicht wollten. Ihr Blick richtete sich dabei vorwurfsvoll auf mich. Ich verkniff mir diesmal eine Antwort.
Fragt sich nur, wer hier die Erinnerungslücken hatte. Aus Pietätsgründen ließen wir die Frage an diesem Abend ungeklärt.
Dass man hingegen auch im Alter von 90 Jahren noch allein an einer Kreuzfahrt teilnehmen kann, ohne spürbare Erinnerungslücken zu zeigen und ohne andere Mitreisende starrsinnig zu behindern oder auf ihre Hilfe angewiesen zu sein bzw. gar darauf zu pochen, erlebte ich bei einem der ersten Ausflüge auf der Kreuzfahrt „Märchenhaftes Morgenland“.
Ein sportlich gekleideter zuvorkommender älterer Herr setzte sich im Bus auf die mir gegenüberliegende Seite. Die Rundfahrt entlang der Ostküste Fujairahs und durch das Hajjar-Gebirge mit seinen Wadis und Gebirgsoasen zeigte eine faszinierende Variante von Wüstenlandschaften. Es ging entlang der Seepromenade mit modernen Hotelanlagen und dem restaurierten Fort zur malerischen Bidiya-Moschee, die von den Ruinen zweier portugiesischer Wachtürme flankiert wird. Der Bus erklomm mit uns mühsam die Passhöhe hinter Masafi und gab den Blick frei auf den Indischen Ozean und das ausgedehnte Oasenterrain von Dibba. Grüne Oasen vor karger Gebirgskulisse und moderne Dörfer hinterließen einen bleibenden Eindruck.
Während der Stopps und der Erklärungen des einheimischen Reiseleiters – zu meinem Leidwesen oft im grellen Sonnenlicht stehend – suchte ich gewohnheitsmäßig ein schattiges Plätzchen, von dem aus ich die Gruppe im Auge behalten konnte. Gleich beim zweiten Halt gesellte sich der vitale Busnachbar von gegenüber zu mir. Ich erfuhr, dass er vor kurzem 90 Jahre alt geworden war und der Aufenthalt in der prallen Sonne ihm nicht mehr guttue. Also suchten wir bei den nächsten Stopps gemeinsam nach einem schattigen Ort.
Das Schattenspringerverhalten setzten wir auch im Bus fort. Schien auf seiner Seite die Sonne, setzte er sich auf den freien Platz neben mir und ich floh zu ihm, wenn es auf meiner Seite zu sonnig wurde. Schattensucher hatten sich gefunden.
Am Abend trafen wir uns im Kaisersaal bei der Vorstellung der Künstler dieser Reise. Bei einem Glas Sekt – Entschuldigung, auf einem Luxuskreuzfahrtschiff trinkt man natürlich Champagner – unterhielten wir uns sehr angeregt über die ersten Eindrücke von dieser Reise und über unsere bisherigen Kreuzfahrterlebnisse.
So erfuhr ich, dass mein Gesprächspartner seit Jahren häufiger Gast auf der DEUTSCHLAND ist, aus der Nähe von Wolfsburg kommt und viele Jahre als Ingenieur bei einem dort ansässigen Automobilkonzern gearbeitet hatte. Seit dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren nutzte er die Kreuzfahrten, um dem tristen grauen Winteralltag in Deutschland zu entfliehen.
Als die Bordkapelle zu spielen ansetzte, stürmte sofort ein Herr im Smoking aus der ersten Reihe mit einer attraktiven jüngeren Partnerin auf die Tanzfläche. Ich traute meinen Augen kaum.
War das nicht der hilfsbedürftige brummige Herr im Rollstuhl, der mir schon bei der Anreise in Frankfurt aufgefallen war? Der zielgerichtet durch den Flughafen gefahren wurde, während ich mein Gepäck mühevoll über die endlosen Rollbahnen zum Abfluggate schleppen musste.
Natürlich war er es! So sportlich hätte ich ihn fast nicht erkannt. Diese leidenschaftliche tänzerische Eleganz hatte ich dem hinfälligen hilfsbedürftigen Rollstuhlfahrer vom Frankfurter Flughafen wirklich nicht zugetraut.
Als meinem Tischnachbarn meine Beobachtungen des Tanzpaares auffielen, fragte er mich:
„Kennen Sie das Paar?“
Darauf erzählte ich ihm meine Eindrücke vom Auftreten des Herrn bei der Anreise mit dem Flugzeug. Mein Nachbar gab mir mit einem Lächeln um die Mundwinkel zu verstehen, dass er die attraktive Tanzpartnerin von vorherigen Kreuzfahrten kenne. Sie reise immer mit ihrem älteren dementen Mann, der nur noch im Rollstuhl fortbewegt werden könne. Der jetzige schwungvolle Tanzpartner war wohl kaum der demente Ehemann. Ich dachte mir meinen Teil.
Meine hintergründigen Gedanken bewahrheiteten sich schon bald.
An einem der folgenden Tage entdeckte ich am Pool in einer schattigen Ecke den eingenickten wirklichen Ehemann der scharfen Tänzerin allein in seinem Rollstuhl. Seine liebe Ehefrau vergnügte sich indes in einiger Entfernung im Pool und anschließend an der Poolbar bei einem Cocktail mit ihrem Tanzpartner. Ich gönnte ihnen ihr Glück, nur nicht die gespielten Heucheleien. Vielleicht brauchte der forsche Tänzer beim Rückflug dann auch keine Rollstuhlhilfe mehr. … Oder gerade doch, weil er sich im Hormonrausch übernommen hatte, dachte wieder der kleine Teufel in mir.
Diese märchenhafte Kreuzfahrt durchs Morgenland führte uns auch in eines der reichsten Länder der Welt – nach Qatar. Seit Ende des 18. Jahrhunderts herrscht der Klan der al-Thani in Doha, der Hauptstadt Qatars, über das erdölexportierende Land. Im Hafen von Doha erwartete uns diesmal ein moderner kleiner Reisebus.
Mein nunmehr bekannter Reisebegleiter und ich hatten diesmal nur hintereinander im hinteren Teil des Kleinbusses einen Platz gefunden, jeweils in der Hoffnung, dass der Platz neben uns frei bleibt.
Aber da hatten wir uns geirrt. In letzter Minute bestieg noch ein junger Mann mit seinem betagten Vater den nunmehr voll besetzten Bus. Als höflicher Mensch wollte ich mich gerade zu meinem Bekannten vor mir setzen. Doch der freundliche junge Mann winkte ab, platzierte seinen Vater neben mich und setzte sich auf den freien Platz in der Reihe vor mir neben meinen Bekannten.
Später wurde mir klar, dass der Sohn froh war, seinen Vater mal nicht in unmittelbarer Nähe zu haben.
Nach einem kleinen Nickerchen klapperte mein Banknachbar plötzlich hörbar mit seinem Gebiss. Noch lächelnd bemühte ich mich, es zu überhören. Als das Geräusch nachließ, blickte ich verstohlen zu meinem Nachbarn. Er hatte einen Zahnstocher in der Hand und puhlte damit auffällig zwischen seinen Zähnen herum. Um den Blick abzuwenden, sah ich etwas frustriert und krampfhaft aus dem Fenster. So bemerkte ich gar nicht, dass der wohl leicht demente Herr das Gebiss inzwischen aus dem Mund genommen hatte und es zu reinigen versuchte. Ich ersparte mir jeden weiteren Blick nach rechts zu meinem Nachbarn. Nach einem kleinen Ruck des Busses stieß mich der Mann an, zeigte auf sein Gebiss, das in der Nähe meiner Füße lag, und bat mich schmunzelnd, es aufzuheben und ihm zu geben. Das übersprang nun doch meine Toleranzgrenze.
Sichtlich genervt bat ich nach kurzer Erklärung den schräg vor mir sitzenden Sohn den unappetitlichen Vorgang zu übernehmen. Dem war das Verhalten seines Vaters sehr peinlich. Nachdem der Sohn sich bei mir entschuldigt hatte und das Objekt des Anstoßes in eine Tasche stecken wollte, motzte der Vater uneinsichtig weiter.
„Gib mir sofort das Gebiss“, zischte er fordernd.
„Das ist schmutzig. Wir müssen es erst reinigen“, erwiderte beruhigend der Sohn.
„Ich kann das doch jetzt gleich machen“, konterte sein Vater wütend.
Mit der befürchteten Ahnung, dass der Vater sich noch durchsetzen könnte, bat ich den Sohn dann doch darum, den Platz mit ihm zu tauschen, was er bereitwillig annahm.
Wie man spürt, ist es auch für die engsten Vertrauten nicht immer leicht, mit uneinsichtigen Pflegebedürftigen umzugehen und nicht selten erzeugen widerspenstige betagte Kreuzfahrer Frust bei anderen Reisenden.
War es bei dem alten Herrn nun Altersstarrsinn oder beginnende Demenz? Diese Frage kannte ich. Ich hatte sie mir in letzter Zeit oft bei der Pflege meiner Mutter häufig gestellt. Trotz Frust empfand ich deshalb eher ein gewisses Mitleid mit dem Sohn.
Die weitere Rundfahrt durchs Morgenland führte uns zu der alten Hafenstadt Al Khor mit schönen Stränden, einem bekannten historischem Turm und mehreren interessanten Moscheen.
Wir legten einen Fotostopp an den Mangroven von Al Zakhirah ein und bestaunten Artefakte früherer Epochen sowie Ausgrabungsstücke der einstigen Hauptstadt Zubara.
Bei der abendlichen Auswertung unserer Ausflugserlebnisse im „Alten Fritz“ konnte ich schon wieder über die kuriosen Begleiterscheinungen der beeindruckenden Rundfahrt durch Qatar schmunzeln. In der Rückschau wird Negatives sowieso häufig ausgeblendet und als halb so schlimm angesehen.
Um beim Aufenthalt im nächsten Hafen angesichts der zu erwartenden Hitze weitere größere Anstrengungen zu vermeiden, verabredete ich mit meiner Reisebekanntschaft, das heiße glitzernde Dubai, die florierende Feriendestination und das bedeutendste Handelszentrum der Vereinigten Arabischen Emirate, ohne Zeitdruck mit Shuttle und Taxi auf eigene Faust, unserem gesundheitlichen Befinden angepasst, zu erkunden. Wir konzentrierten uns auf das 1999 fertig gestellte Luxushotel der Superlative Burj Al Arab, das auf einer eigens geschaffenen künstlichen Insel thront und wie ein geblähtes Segel einer arabischen Dhau aussieht. So erschloss sich der mondäne Charme Dubais für uns in angenehmster Weise.
Dass der bleibende Eindruck von einer Kreuzfahrt neben dem Reiz fremder Länder und Kulturen sowie dem Ambiente des Kreuzfahrtschiffes weitaus mehr durch den Charme der Reisebekanntschaften als durch unbequeme Reisebegleiter – egal welchen Alters – geprägt werden kann, spürte ich auf vielen Kreuzfahrten.
Nachhaltig in Erinnerung blieb mir in dieser Hinsicht insbesondere die Südseereise „Wo die Sehnsucht das Ziel bestimmt“. Mit der MS EUROPA führte die Kreuzfahrt von Nouméa nach Manila.
Als Alleinreisender, wie immer unterhaltsame Tischnachbarn erwartend, hatte ich mir im Voraus für das Abendessen einen festen Platz an einem Achtertisch reservieren lassen. Beim ersten gemeinsamen Dinner im Restaurant „Europa“ machten wir uns bekannt. An unserem Tisch hatten vier seit vielen Jahren gemeinsam Reisende aufgeschlossene Langzeitkreuzfahrer mit einer Enkelin, zwei ebenfalls allein reisende Damen und ich Platz genommen. Es war eine angenehme Atmosphäre. Der auf der „Europa“ legendäre Oberkellner Fritz trug nicht unwesentlich dazu bei.
Nachdem an den nächsten zwei Abenden die beiden Damen zu meiner linken Seite fehlten, sprach mich eine von ihnen am darauffolgenden Tag am Pool an. Sie und ihre Bekannte hätten sich entschieden, mit zwei anderen sympathischen Damen, die sie an Bord kennengelernt hatten, künftig gemeinsam das Abendessen einzunehmen. Sie würden sich allerdings freuen, wenn ich mich zu ihnen geselle. Nach kurzem Überlegen willigte ich ein. Diese Entscheidung habe ich nie bereut, auch wenn ich mich anfangs in Begleitung von vier reizenden Damen unsicher und wie der Hahn im Korbe fühlte. Wahrscheinlich wurde ich wohl auch von manch anderem an Bord schmunzelnd so betrachtet.
Das störte mich allerdings wenig.
Aber nicht jeder in unmittelbarer Nähe unseres Tisches empfand unsere heitere Tischrunde im Restaurant „Europa“ wohlwollend. Am Nachbartisch, einem Zweiertisch, saß ein Ehepaar im mittleren Alter, das sich den ganzen Abend anschwieg. Sie hatten sich wohl nichts mehr zu sagen. Sie konnten sich alles leisten und hatten selbst an nichts mehr Freude und Spaß. Argwöhnisch beäugten sie daher unsere Unterhaltung.
Am Rosenmontag wurden wir in Begleitung vom Host und seinem auf dieser Reise an Bord weilenden Sohn in aufgekratzter Rosenmontagsstimmung zu unserem Tisch geführt. Missbilligende Blicke vom Nachbartisch begleiteten uns. Das störte uns aber nicht. Als der Getränkekellner uns den obligatorischen Sorbet brachte und fragte, ob er den Sorbet mit Champagner oder Wodka auffüllen dürfe, säuselte Anna spontan: „Beides.“ An diesem Abend folgten wir alle ihrer Entscheidung mit begeisterter Zustimmung. Dass die weitere Unterhaltung an unserem Tisch nicht ganz so distanziert verlief, dürfte verständlich sein, obwohl wir alle keine typischen Rosenmontagsfans waren.
An den beiden folgenden Abenden blieb unser Nachbartisch im Europa-Restaurant unbesetzt. Wir registrierten es und dachten uns unseren Teil. Unsere Vermutungen sollten sich bewahrheiten.
Beim Verlassen des Restaurants fragte ich unsere immer freundliche und zuvorkommende Getränke-Serviererin: „Haben die Herrschaften vom Nachbartisch einen anderen Tisch gewählt?“ Mit einem schelmischen Augenblinzeln beantwortete sie meine Frage.
Meine Südseeträume wurden auf dieser Reise voll erfüllt. Ungezwungene gesellige Abendessen in fröhlicher Runde im Restaurant bzw. in der Europa Longe an Spezialitätenabenden sowie die Absacker in der „Sansibar“ mit romantischem Blick auf die Südsee bildeten den krönenden Abschluss unvergesslicher Tage.
Bei den Landausflügen gewannen wir Einblicke in alte Traditionen, Rituale und Lebensgewohnheiten der Südseebewohner. In Papua-Neuguinea begegneten wir den „Mudmen“, den mit Schlamm beschmierten Männern, die durch ihr Aussehen früher die Feinde in die Flucht trieben. Eine paradiesische Idylle erschloss sich uns in den „Schwimmenden Gärten von Palau“ – dem UNESCO-Kulturerbe von 2012. Ebenso bewunderten wir das Farbenspiel der Natur: an den Küsten sattes Grün der Mangrovensümpfe, dunkle Regenwälder an den Berghängen und weiße endlose Sandstrände.
Darmowy fragment się skończył.