Czytaj książkę: «Freiheit auf Zeit»

Czcionka:

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KRISTINA MÜLLER

FREIHEIT AUF ZEIT
WELTUMSEGLER
ERZÄHLEN
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DELIUS KLASING VERLAG


Trudele durch die Welt, sie ist so schön.

Gib dich ihr hin und sie wird sich dir hingeben.

Kurt Tucholsky

Inhalt

Ein letztes großes Abenteuer

1 Durchatmen am Ende der Welt

Kap Hoorn und weiter: Tatjana Hartmann und Thomas Witt und ihr Traumtörn in eisige Breiten

2 Junge, komm heil wieder

Frei und weg: Der 25-jährige Martin Finkbeiner und seine Weltumsegelung mit Hindernis und Hilfsprojekt

3 Huckepack nach Hause

Schiffe bauen, Leinen lösen: Sabine und Heinz Solka und ihre ungewöhnlichen Reisen über Flüsse und Ozeane

4 Nach Westen mit der flotten Flotte

15 Monate, 30 Yachten, ein Ziel: Birgit und Uwe Strüwing und ihre weltumspannende Segelrallye

5 Michaels Mission

Aussteigen und Gutes tun: Dr. Michael Leppert und seine segelnde Zahnklinik auf zwei Rümpfen

6 Zwischen Hamburg und weit weg

Rekordverdächtig langsam: Ingrid und Jürgen Mohns und ihre 23 Jahre dauernde Reise

7 Chiemsee, Ostsee, Südsee

Ein junges Paar mit altem Boot: Christine und Christian Wagner und ihr spontaner Plan, zu den schönsten Orten der Welt zu segeln

8 Stradivari zur See

Handschmeichler aus Holz: Renate und Dieter Heller und ihr schwimmendes Schmuckstück

9 Pannen im Paradies

Von Schutzengeln und Schiffbruch: Moritz Herrmann und sein Einhandtörn bis zum bitteren Ende

10 Mit dem Traumschiff ins Blaue

Das Ziel ist alt, das Boot brandneu: Christine und Herbert Graßhoff und ihre Jungfernfahrt für Fortgeschrittene

11 Das segelnde Klassenzimmer

Ahoi, Herr Lehrer: Familie Winkelmann und ihre Weltumsegelung mit zwei schulpflichtigen Kindern

12 Dienstreise um die Welt

Doppelt hält besser: Wolfgang Weber und seine zwei Weltumsegelungen mit Gästen

Kleines nautisches Glossar


Ein letztes großes Abenteuer

Jede Weltumsegelung ist eine Liebesgeschichte. Sie erzählt von Männern und Meeren, von Frauen und Freiheit. Und von der Verwirklichung lang gehegter Träume. Vor diesen Geschichten sei gewarnt. Sie können akutes Fernweh auslösen und Reisefieber verursachen, bis hin zu dem drängenden Verlangen, jetzt gleich und hier alles stehen und liegen zu lassen, auf ein Boot zu steigen und davonzusegeln. Als Gegenmittel helfen vorübergehend nur das Stöbern in Gebrauchtbootanzeigen und das Verteilen von Kreuzchen auf dem Globus.

Zwölf Reisen deutscher Weltumsegler zeichnet dieses Buch nach, basierend auf zwölf Interviews mit Paaren, Soloseglern und einer Familie. Zwölf Träume, zwölf Entscheidungen des Loslassens, zwölfmal vollkommene Freiheit. Aber auch: Stürme, Kenterungen, Schlafmangel, leere Kassen und Bürokratie.

All diese Weltumsegelungen haben Menschen wie Sie und ich unternommen: keine Profisegler, keine Rekordjäger, keine Superreichen. Keine bärtigen »Salzbuckel«, keine Adrenalinjunkies. Sie alle teilen die Leidenschaft des Langfahrtsegelns, ohne dass sie zwangsläufig am Meer aufgewachsen, geschweige denn von klein auf Segler sind. Und sie alle haben vorgemacht, dass verdammt viel möglich ist, wenn man nur will.

Ähnlich, oft gar identisch, waren ihre Gründe, loszusegeln. Eines der »letzten großen Abenteuer« wollte Lars Winkelmann erleben. Die Welt zu sehen oder einfach mal weg zu sein sind weitere Motive, die regelmäßig auftauchen. Und dennoch hätten die folgenden Reisen und die Voraussetzungen dafür verschiedener kaum sein können. Genau das war der Grund, warum ich sie auswählte.

Von A bis Z durchgeplant und schnell wieder vorbei (zumindest aus Weltumsegler-Perspektive) war die Tour von Birgit und Uwe Strüwing. Sie schlossen sich einer Rallye um den Globus an. Gefühlt endlos ließen sich dagegen Ingrid und Jürgen Mohns über die Weltmeere treiben. An ihre große Runde hängten sie gleich eine zweite dran. Erst nach über zwei Jahrzehnten liefen sie wieder im Heimathafen ein.

Martin Finkbeiner zog als Mittzwanziger los, hungrig nach Abenteuern. Auf die Rente warten? Nein, danke. Auch andere wollten das nicht: Familie Winkelmann zum Beispiel, die sich von der Schulpflicht in Deutschland nicht abschrecken ließ und mit kleinen Kindern aufbrach. Oder Tatjana Hartmann und Thomas Witt: Sie kündigte, sein Chef genehmigte Urlaub, und sie waren fortan nicht mehr gesehen … So hätte die Geschichte zumindest weitergehen können, wäre es nach den beiden Seglern gegangen. Glücklicherweise wurden sie wiedergesehen. Doch die Abgeschiedenheit mancher Ankerplätze, das Fehlen von Zwängen und das langsame Leben an Bord hinterließen den nachhaltigen Gedanken an den ganz großen Ausstieg.

Dr. Michael Leppert ist diesen Schritt längst gegangen. Seine Weltumsegelung mit ärztlicher Mission ist (noch) nicht vollendet, sie wird es vielleicht niemals sein. Der Pazifik hält ihn fest, seit bald einem Jahrzehnt. Zum Geschäftsmodell hingegen hat Wolfgang Weber das Weltumsegeln ausgebaut: Als Gastgeber reiste er auf seiner Yacht um den Globus. Nicht einmal, gleich zweimal. Mit großem Erfolg.

Nicht allen Reisenden war Fortuna so wohlgesonnen. Eine der Weltumsegelungen endete dramatisch, eine andere löste Zweifel aus. Dies sind jedoch die Ausnahmen, der Großteil der Rückkehrer wäre am liebsten gleich wieder losgesegelt. Oder gar nicht erst zurückgekehrt. Gerade die jüngeren Crews wären wohl heute noch unterwegs, hätten leere Bordkassen sie nicht irgendwann in die Heimat geschickt.

Heimliche Hauptdarsteller der Geschichten sind die Segelyachten. Sie wurden zum Zuhause und zu Reisegefährten der Segler. Manche sind klein, alt und aus rostendem Stahl. Andere, wie die SCHÜSSEL von Christine und Herbert Graßhoff, brandneu und nach den Wünschen der Eigner in modernster Machart gebaut. Heinz Solka schweißte die Platten seines ersten Schiffes eigenhändig zusammen, das zweite konstruierte er selbst und spendierte ihm sogar eine Fahrt auf dem Frachtschiff. Renate und Dieter Heller brachen mit einem schmucken Klassiker zur Weltreise auf, einem Schiff mit hohem, pflegeintensivem Holzanteil.

Schließlich unterscheiden sich die Weltumsegelungen dieses Buches durch die gesegelten Routen, den »Fahrplan«. Viele führen entlang der Barfußroute, geschoben vom Passatwind. Doch nicht wenige Segler entfernten sich vom Strom, reisten abseits der Segelhighways: zu den abgelegenen Inseln des Nordpazifiks, auf Flüssen und Kanälen in Europa und Amerika, in den hohen Norden und tiefen Süden dieses Planeten. Zum Mythos Kap Hoorn und weiter.

Sie halten keinen Ratgeber für angehende Blauwassersegler in den Händen. Dennoch konnte ich es nicht lassen, die Weltumsegler um ihre besten Tipps, Tricks, Anekdoten und technischen Angaben zu ihrem Schiff zu bitten. Sie finden sich am Ende jedes Kapitels und vermitteln gemeinsam mit den Kurzporträts einen kompakten Eindruck davon, worauf es bei dem Unterfangen Weltumsegelung ankommt.

Was die Protagonisten der folgenden Seiten wohl erzählen würden, säßen sie alle in einer lockeren Runde versammelt? Vielleicht ginge es um die optimale Ausrüstung, die schönsten Ankerbuchten – oder um die Fragen, die ich ihnen gestellt habe: In welchem Moment war klar, dass ihr um die Welt segeln wollt? Was werdet ihr nie vergessen? Und wie war es, wieder zurückzukehren?

Für einige Stunden laden sie uns zu sich an Bord ein, um noch einmal, zwischen Seekarten und Konservendosen sitzend, zu planen und zu träumen, die Welt achteraus zu lassen und irgendwann wieder anzukommen.

Vielen Dank euch Weltumseglern. Für die Offenheit, mit der ihr über den Törn eures Lebens und den Weg dorthin berichtet habt – in Kajüten, Kaminzimmern, Kneipen oder über eine brüchige Skype-Verbindung. Ein Hoch auf eure Abenteuerlust, dank der zwischen den folgenden Zeilen die Erfahrung aus einer halben Million Meilen und rund 100 Jahren auf See fließt.

Kristina Müller, Hamburg 2017


Tatjana Hartmann und Thomas Witt mit SY BREAKPOINT, Mai 2004 bis Oktober 2009, Lübeck–Lübeck, 42.200 Seemeilen, 1984 Tage

1 Durchatmen am Ende der Welt
Kap Hoorn und weiter: Tatjana Hartmann und Thomas Witt und ihr Traumtörn in eisige Breiten


Thomas Witt, kurz Tom genannt, träumt davon, um die Welt zu segeln, ohne je einen Fuß auf ein Segelboot gesetzt zu haben. Er malt sich Kap Hoorn aus, den Ort, der mehr als jeder andere von Stürmen erzählt, von Schiffbruch und Abgeschiedenheit. Aber auch von Freiheit, grandioser Natur und Abenteuer. Von den Dingen eben, die der Meeresbiologe sein Leben lang gesucht hat. 1986 reist er mit dem VW Bus durch Afrika, arbeitet später als Tauchlehrer an entlegenen Winkeln der Welt. Für die Reise seiner Träume braucht er ein Schiff – und verliebt sich in die gutmütigen Aluminiumbauten aus der Feder Kurt Reinkes. Und schließlich in Tatjana Hartmann, die – welch Glück – segeln kann.

Hohe Breiten mit tiefen Temperaturen

Es bedarf keiner großen Überredungskunst, um Tatjana für seine Idee von der langen Reise zu begeistern. Zusammen suchen sie ein Schiff und finden in Emden eine Reinke 13M. Die Eisversion, mit Schotten und verstärkter Bodenplatte. Gerade fertig gebaut und von den Eignern nahezu perfekt für eben den Zweck ausgerüstet, der im Kopf des Paares spukt: weltweite Fahrt, in die hohen Breiten mit den niedrigen Temperaturen. Wie es der Zufall will, vereiteln Hund, Kind und Krankheit, dass die stolzen Erbauer selbst mit dem Schiff aufbrechen können. Ihr erster und einziger Törn ist der Testschlag mit Tatjana und Tom, bei dem der Funke endgültig überspringt. Tom verkauft einen Teil seines geerbten Grundstücks, um das Schiff zu kaufen. Eine Win-win-Situation, denn die Erbauer sind froh, dass wenigstens die Yacht die große Reise antreten wird.


Ihre BREAKPOINT legen die neuen Besitzer an einen Abschnitt der Trave, den Besucher nur finden, wenn sie ihr Ziel kennen. »Dort konnten wir auch sonntags flexen«, lacht Tatjana. In den folgenden vier Jahren verbringen die Hamburger jede freie Minute an Bord. Segeln, schrauben, planen. Sie arbeiten und legen jeden Euro, der nicht ins Schiff fließt, zur Seite. Kein Kino, kein Essengehen, keine neuen Klamotten. Im Alltag treffen sie die nötigen Vorbereitungen: Tom, der im Vertrieb eines Energieversorgungsunternehmens arbeitet, kann einen fünfjährigen unbezahlten Urlaub durchsetzen. Tatjana kündigt. Als Fachkrankenschwester für Anästhesie hat sie keine Sorge, später wieder eine Stelle zu finden. So bekommt der Plan vom Ausstieg auf Zeit konkrete Züge: Fünf Jahre, sie wollen nach Patagonien, in die chilenischen Gletscherkanäle. Rund Kap Hoorn. Danach? »Das war alles offen.«

Stürmischer Start

Das erste schwere Wetter hinterlässt einen salzigen Vorgeschmack auf das, was sie abseits der Barfußroute erwartet.

Disziplin und Tatendrang ermöglichen es dem Paar, im Mai 2004 den Liegeplatz an der Trave zu verlassen – nicht ohne zuvor zu heiraten. Tatjana ist 36, Tom 44 Jahre alt. Es werden stürmische Flitterwochen auf See: Das erste schwere Wetter erwischt sie schon auf der Nordsee und hinterlässt einen salzigen Vorgeschmack auf das, was sie abseits der Barfußroute erwartet. Denn dass sie die Segelhighways verlassen wollen, ist klar. In Schottland tanken sie Diesel und Kraft und entscheiden sich aus Zeitmangel gegen die Passage der irischen Westküste. Denn noch im August wollen sie über die Biskaya segeln, bevor die ersten Herbststürme die Querung der Atlantikbucht in einen rauen Endspurt entlang des europäischen Festlandes verwandeln. Der Plan geht auf, und Portugal sagt sachte Adieu.

Dann knarren zwei Fragen in gebrochenem Englisch aus dem Lautsprecher: Wer seid ihr und wie viele?

Erst der nächste lange Schlag auf dem Atlantik, rüber nach Madeira, bringt einen Zwischenfall mit sich, der bei Tatjana und Tom noch heute Gänsehaut erzeugt. Die Sonne hat sich gerade zurückgezogen und die Nacht stockdunkel ihren Dienst angetreten, als ein Motorboot sich unnatürlich nähert. Tom nimmt Funkkontakt auf – keine Reaktion. Dann erst knarren zwei Fragen in gebrochenem Englisch aus dem Lautsprecher: Wer seid ihr und wie viele? Auf dem Radarschirm verfolgen die beiden Segler, wie offensichtlich zwei Beiboote ausgesetzt werden. Piraten oder Polizei? Die drei Schiffe kreisen BREAKPOINT ein, kommen bis auf 200 Meter heran. Toms weitere Funksprüche bleiben unbeantwortet. Schließlich setzt Segelyacht BREAKPOINT einen Notruf ab, den Amateurfunker an die Einsatzzentrale in Bremen weiterleiten. Als ahnten die Unbekannten, welche Notfallstaffel gerade zu laufen begonnen hat, drehen sie ab und verschwinden vom Radar. Tatjana und Tom atmen auf. Für den Rest der Nacht schalten sie die Positionslichter aus.

Reisen, um zu segeln, und segeln, um zu reisen

Die Atlantik- und die Äquatorüberquerung mit Kurs Brasilien sind Premieren für Schiff und Crew, die nun richtiges Blauwasserleben kennenlernt – und sich dabei von vielen Paaren auf Langfahrt unterscheidet: Es ist Tatjana, die Ozeanpassagen mehr abgewinnt als Tom. Sie genießt das Segeln und das Leben an Bord. »Das ist für mich, im wahrsten Sinne des Wortes, Freiheit.« Für Tom hingegen »war Ankommen stets wichtiger und das Schiff eher Mittel zum Zweck, Orte dieses Planeten zu erreichen, an die sonst keiner kommt«. Es ist auch Tatjana, die auf größere Segelerfahrung zurückblickt und für den Feintrimm zuständig ist. Auch wenn dieser, zugegeben, auf einem 16 Tonnen schweren Kimmkieler keine allzu große Rolle spielt.

Dennoch ist die Rollenverteilung an Bord in vielerlei Hinsicht klassisch. Tatjana navigiert, Tom repariert, manövriert und pflegt die Maschine. Die Frage, wer denn eigentlich Skipper sei, drängt sich dennoch auf. »Ja, das ist immer so ein Thema«, sagt Tatjana und lacht. »So ganz geklärt haben wir das nie.« »Aber wenn die Behörden im Hafen an Bord kommen und einen Mann und eine Frau sehen, bin ich automatisch ihr Ansprechpartner«, ergänzt Tom. Auf See teilen sie die Verantwortung und wechseln sich nachts im Drei-Stunden-Rhythmus ab.

Ein Virus ohne Gegenmittel

Sie will nicht mehr zurück in gesellschaftliche Zwänge und schlägt vor, das Haus in Deutschland zu verkaufen. Auszusteigen.

Die Ankunft in Rio de Janeiro hat das Duo sich anders vorgestellt: Kaum ist der Anker unter dem Zuckerhut gefallen, rasen sie mit Schlauchboot und Taxi zum nächsten Krankenhaus. Bei einem Segelmanöver war Tatjanas linker Ringfinger zwischen Block und Schot geraten. Das Resultat: ein durchtrenntes Sehnenband im Finger und eine stark blutende Wunde. Eine Verletzung, die heilt und schnell vergessen ist. Doch etwas anderes, nur schwer Heilbares (»schlimmer als ein Bakterium, denn dagegen gäbe es wenigstens ein Antibiotikum«), befällt die Krankenschwester: Der Langfahrtvirus erwischt Tatjana in Brasilien mit Macht. Sie will nicht mehr zurück in gesellschaftliche Zwänge und schlägt vor, das Haus in Deutschland zu verkaufen. Auszusteigen.

Es ist ausgerechnet der Abenteurer Tom, der eigentlich erst so richtig glücklich ist, wenn der Adrenalinpegel im Blut auf Anschlag steht, der Einwände hat. Er antwortet: »Wenn du mir sagst, wie wir das finanzieren wollen, dann lass uns das machen.« Seine gesicherte Rückkehr an den Arbeitsplatz ist ein weiterer Grund, am Plan festzuhalten. »Damals wussten wir noch nicht«, so Tatjana heute, »dass sich unterwegs so viele Möglichkeiten zum Arbeiten ergeben würden. Als Tauchlehrer oder in der Vercharterung beispielsweise. Aus Deutschland zu kommen ist da von großem Vorteil.«


So aber, es ist Herbst 2006, nimmt eine neue Idee an Bord der BREAKPOINT Gestalt an: Im Anschluss an Kap Hoorn soll es um die Welt gehen. Tom beantragt ein weiteres Jahr Urlaub, da sie ahnen, dass die Zeit für die komplette Runde sonst knapp wird. Denn das oberste Ziel ist, das Schiff unversehrt nach Hause zu bringen. Um irgendwann, das steht schon fest, noch einmal aufzubrechen.

Kreise vor Kap Hoorn

Zunächst aber steht der raue Ritt gen Süden an, entlang der argentinischen Küste, wo Stürme und rasante Wetterumschwünge zum Alltag gehören. BREAKPOINT bewegt sich in einem losen Konvoi aus Segelyachten, die alle dasselbe unwirtliche Ziel haben. Außerdem kommt mit Walter, Rentner und Stegnachbar von der Trave, ein echter »Salzbuckel« an Bord. Zwei Hände mehr geben ein gutes Gefühl und für Walter geht ein Lebenstraum in Erfüllung.

Dorthin, wo es keine Marinas mehr gibt und keinen Mobilfunkempfang. Wo Retter weit weg sind und Ruhe den Weitgereisten belohnt.

Schon in Hamburg hat Tatjana die Navigation bis hierher geplant, nach Feierabend in der Bibliothek des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie gestöbert und Seite um Seite aus Fachbüchern studiert. Nun bekommen die Namen von einsamen Orten und abgelegenen Buchten endlich scharfe Konturen vor dem tiefblauen Südhimmel, nun ist Ushuaia endlich mehr als nur ein Sehnsuchtsziel. In Puerto Williams, auf der chilenischen Seite des Beagle-Kanals, beantragen sie die Weiterfahrt nach Süden. Dorthin, wo es keine Marinas mehr gibt und keinen Mobilfunkempfang. Wo Retter weit weg sind und Ruhe den Weitgereisten belohnt.

Für Teilnehmer einer Nonstop-Hochseeregatta markiert die Passage des zornigen Zipfels Südamerikas den Weg vom Pazifik in den Atlantik quasi im Vorbeifahren. Die Kap-Hoorn-Rundung eines Fahrtenseglers kommt dagegen meist einer gezielten Expedition gleich. So auch für Tatjana und Tom, die mit Walter und zwei dänischen Seglern an Bord in fünf Tagen von Puerto Williams zur Isla Hornos und zurück segeln. Während Walter mit BREAKPOINT Kreise vor dem legendären Felsen zieht, fährt der Rest der Crew abwechselnd mit dem Beiboot an Land. Ankern ist auf dem zerklüfteten Grund zu gefährlich, die See zu rau. Einen Besuchssteg gibt es am Ende der Welt noch nicht.

Die folgenden Monate zeigen, dass BREAKPOINT nicht ohne Grund eine autarke Aluminiumyacht mit einer sechs Zentimeter dicken Isolierung ist, einen Dieseltank für 1000 Liter und ein ausgeklügeltes Heizsystem hat: Ihren Eignern gefällt die südchilenische Einsamkeit so gut, dass aus den geplanten drei Monaten vor Ort fast ein ganzes Jahr wird. Durchatmen, Ski laufen, einsam ankern, Spanisch lernen. Nur gelegentlich steuern sie Ushuaia an, um die Vorräte aufzufüllen. Erst am Ende des südlichen Winters, im Oktober 2006, brechen sie nach Norden auf und genießen drei Monate lang die eisige Schönheit Patagoniens. Nicht ohne den Risiken des Reviers zu begegnen: Ein unberücksichtigter Winddreher treibt eines Nachts Eisschollen in die Bucht, in der die Reinke ankert. Nur mit der vollen Kraft der Maschine arbeiten sich die Hamburger Meter um Meter aus der Falle heraus.

Next Stop: Hongkong

Glasfassaden der Wolkenkratzer, grelle Werbebanner und übervolle Supermärkte lösen einen kleinen Kulturschock aus.

Im Januar 2007, nach knapp zwei Jahren in Südamerika, ist die Zeit für den Absprung über den Pazifik gekommen. Der Faserpelz verschwindet im Kleiderschapp, nun ist Adamskostüm angesagt. Auf dem Weg nach Nordwesten besuchen Tatjana und Tom Rapa Nui, die Osterinsel. An Pitcairn, rund 1000 Seemeilen im Westen, müssen sie vorbeisegeln. Die Wettersituation macht das Ankern vor der schroffen Felsküste zu gefährlich. Nach Monaten in der Südsee, als das Gros der Segler vor der Wirbelsturmsaison nach Süden ausweicht, ändert BREAKPOINT den Kurs nach Norden. Das Ziel: die Metropolen Hongkong, Singapur, Kuala Lumpur. Nach der Abgeschiedenheit und Armut vieler Pazifikinseln lösen die Glasfassaden der Wolkenkratzer, grelle Werbebanner und übervolle Supermärkte einen kleinen Kulturschock bei dem Paar aus. Doch eine Segelpause ist willkommen: An der Nordspitze der Philippinen waren sie in die Ausläufer eines Taifuns geraten. Drei Tage lang Windstärke zehn und Hiobsbotschaften von in der Nähe gesunkenen Schiffen sorgen dafür, dass »eine kleine Auszeit nötig war«, sagt Tom.

So trödeln sie durch Malaysia und tauchen in die südostasiatische Kultur ein. Überlegen sogar zu bleiben, ein Haus zu kaufen. Und halten am Ende doch wieder am Ursprungsplan fest. Inzwischen ist es August 2008, und angesichts der noch vor ihnen liegenden Tausenden von Seemeilen durch den Indischen Ozean und um Afrika herum wird die Zeit knapp. Zumal aus einem »kurzen Tankstopp« auf den Seychellen ein Aufenthalt von sechs Wochen wird. »Wir haben einfach unheimlich nette Menschen getroffen und sind nicht losgekommen«, erklärt Tatjana. Kurz erwägen sie die Abkürzung durch den Suezkanal. Aber die Warnung vor Piraten und der Wunsch, Südafrika zu bereisen, sind Gründe genug, die Inseln mit dem Bug in Richtung Tansania zu verlassen. Ein Garant, der Kriminalität auf See zu entgehen? Mitnichten: »Nur eine Woche nachdem wir von den Seychellen losgesegelt waren, wurden dort britische Segler entführt. Mitten im Indischen Ozean«, erinnert sich Tom.

Ein Angebot im Südatlantik

Im April 2009 steigt ein zweites Mal Walter zu, um auch die Rundung des nicht weniger anspruchsvollen Kaps der Guten Hoffnung mitzuerleben. Danach zeigen die Segler ihrem behäbigen Schiff, was »Meilen machen« heißt. Endspurt, BREAKPOINT soll im Herbst wieder sicher vertäut an der Trave liegen. Eine E-Mail, die Tatjana auf Sankt Helena erreicht, scheint ein Ausrufezeichen hinter diesen Plan zu setzen: In ihrem ehemaligen Krankenhaus sei eine Stelle frei – »Hast du Interesse?« »Meine Kollegen hatten unsere Reiseberichte verfolgt und wussten, dass wir uns der Heimat näherten«, erklärt die Fachkrankenschwester. »So war ich am Ende ironischerweise noch vor Tom wieder im Job.« Doch noch wartet ein Kurs nahezu gegen den Wind zu den Azoren, »den unser vollbepackter Kimmkieler erstaunlich gut gemeistert hat«, sagt Tom. Noch etwas anderes wartet auf dem Nordatlantik: der letzte große Sturm der Reise, der sich als Ex-Hurrikan mit fatalen Folgen entpuppt. Das Fockstag bricht und nur das Kutterstag verhindert das Schlimmste; Tatjana und Tom bangen um ihr Rigg und sichern den Mast, so gut es geht.

Auf dem Nordatlantik wartet der letzte große Sturm der Reise, der sich als Ex-Hurrikan mit fatalen Folgen entpuppt.

Schon auf Fehmarn legen sie ihn. Die letzten Meilen der Weltumsegelung absolviert BREAKPOINT als Motoryacht. Noch am Tag der Ankunft hebt ein Kran den Alu-Koloss an Land, Tatjana und Tom ziehen in das freie Souterrain ihres vermieteten Hauses. Ihr Schiff zu verlassen, das nun, abgedeckt unter einer stabilen Plane, in einen Dornröschenschlaf fällt, geht besonders Tatjana nah. Umso größer ist die Freude, die Familie wiederzusehen. In den fünfeinhalb Jahren der Reise war nur Tatjana einmal für sechs Wochen in der Heimat – zum Familienbesuch und auf Ersatzteiljagd. Gegenbesuch kam nur auf den Kanaren und den Kapverdischen Inseln. »Es ist schwierig, Ankunftszeiten genau zu planen, wenn man abseits der Routen und ohne festen Zeitplan segelt. Auch, wenn wir gern mehr Besuch gehabt hätten.«

Amerika nun backbord

Der Wiedereinstieg ins Berufsleben fällt beiden leicht. Erst nach gut einem Jahr, voll angekommen im Alltagstrott, merkt Tatjana, wie heftig das Fernweh in ihr brodelt. Sie will wieder raus, Tom sowieso. Doch noch bis Januar 2013 steht BREAKPOINT an Land. Leer, nackt und irgendwie wartend. »Wir waren nicht segeln, gar nichts. Wir mussten die Reisekasse auffüllen!« Es ist die Aussicht auf die nächste große Reise, die beide erneut zu eisernem Sparen motiviert und den Landkoller erträglich macht. Eine Abfindung für Tom, dessen Abteilung schließt, wird letztendlich der Grundstein für ein komplettes Refit der BREAKPOINT. Denn ihre Eigner wollen in noch dickeres Eis vordringen, auf noch einsameren Routen segeln.

Erst nach gut einem Jahr, voll angekommen im Alltagstrott, merkt Tatjana, wie heftig das Fernweh in ihr brodelt.

Im April 2016 sind Tom Witt und Tatjana Hartmann mit ihrer BREAKPOINT wieder aufgebrochen. Über Skagen, Island und Grönland nach Alaska. Amerika haben sie diesmal, anders als auf der Weltumseglung, an Backbord liegen lassen und sich durch die Nordwestpassage getastet. Vor ihnen liegt Kanada, der Pazifik, vielleicht Neuseeland. Ein Heilmittel gegen den Segelvirus vermissen sie nicht mehr: Das Ende ist nun wirklich offen.


Nachgehakt: Tatjanas und Toms …

… Tipps für Weltumsegler

• Nicht alles ernst nehmen, was gesagt wird. Zum Beispiel, dass es auf der Barfußroute keine Stürme gibt.

• Prepare for the worst and hope for the best. Unser Credo war Redundanz bei allen wichtigen Systemen wie GPS, Funk, Steuerung, Stromerzeugung.

• Konservendosen probieren, bevor man sie für Monate bunkert!

… wichtigste Bücher an Bord

• »Patagonia & Tierra del Fuego – Nautical Guide« von Mariolina Rolfo und Giorgio Ardrizzi. Ist einfach, gut und stimmt 100-prozentig.

• Revierführer wie der »Reeds Nautical Almanach«.

• Ein E-Book-Reader.

… spontane Antworten

Nordsee oder Ostsee? Ostsee: klares Wasser, lieblicher, keine Gezeiten.

Atlantik oder Pazifik? Pazifik. Ist unendlich vielseitig.

Hafen oder Ankern? Ankern. Es spart Kosten und wir lieben die Einsamkeit. Mit BREAKPOINT können wir unberührte Stellen erkunden, da sie für völlige Unabhängigkeit ausgerüstet ist.

… Revier-Geheimtipps

Ganz Südamerika und Patagonien. Für Taucher: Palmerston in den südlichen Cookinseln und Yap.

… Vorgehen in schwerem Wetter

Unsere Sturmtaktik ist, unter Maschine abzulaufen. Dann steuert der Autopilot, wir sind im Decksalon und kein Fetzen Segel ist oben. Jedes Segel draußen ist eine zusätzliche Gefahrenquelle, da es bedient werden muss. Rigg und Aufbau sind so massiv, dass das Schiff quasi trotzdem segelt. Wir sind aus jedem Sturm mit einem besseren Bauchgefühl für das Schiff hervorgegangen, gestärkt als Team Schiff-Mensch.

… Mittel gegen Seekrankheit

Der jeweils andere. Wir ergänzen uns hervorragend: Wenn der eine seekrank geworden ist, was selten vorkam, hat der andere auf einmal Bärenkräfte entwickelt, obwohl er ansonsten vielleicht auch seekrank geworden wäre.

… wichtigstes Ersatzteil

Ein funktionierender Autopilot. Aber generell sind alle wichtigen Systeme an Bord doppelt, die wichtigsten sogar dreifach vorhanden. Sogar der Twinkiel ist quasi ein Kiel mit Redundanz [lachen].

… seglerisches Vorbild

Die natürlichen Wasserwege um die Welt haben mich [Thomas] schon immer fasziniert. Die Leistung, sie zu bezwingen, wie Magellan es beispielsweise getan hat, war immer meine Vorstellung vom klassischen Segeln.

… hilfreiche Seiten im Internet

Andere Segel-Reiseseiten. Darüber hinaus haben Gespräche mit Arved Fuchs authentische Informationen geliefert.

… Versicherungen auf Weltumsegelung

Auslandskrankenversicherung, Schiffshaftpflichtversicherung, ein Job für die Rückkehr.

… Lieblingsgericht bei Sturm

Vorgekochtes, zum Beispiel Eintopf oder Gulasch.

… Lieblingsgericht bei Flaute

Frisch gefangener und geräucherter Fisch.

… bewährte Passatbesegelung

Vor dem Wind unter Genua kreuzen.

… nützlichstes Kleidungsstück

Einfache Fahrradregenkleidung, da Ölzeug in unserem geschützten Cockpit oft nicht nötig war.

… Reiseblog der Weltumsegelungen

www.sy-breakpoint.de, www.sailing-adventure-services.com

Zwölf Fragen an Tatjana Hartmann und Thomas Witt

Warum wolltet ihr um die Welt segeln?

Weil es unheimlich befriedigend ist, sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Jeder Tag ist wie ein Abenteuerfilm.

Ohne was wärt ihr nie losgefahren?

Ohne den jeweils anderen.

Ein Ausrüstungsgegenstand, auf den ihr nicht mehr verzichten möchtet?

Vollkornbrot in Dosen [lachen], der Druckkochtopf, die Taucherausrüstung. Und auf der nächsten Reise kommt eine Getreidemühle zum Backen an Bord.

Das Werkzeug, das ihr am häufigsten in der Hand hattet?

Der Phasenprüfer. Man braucht ständig ein kleines, feines Werkzeug.

Die Stärken und Schwächen eures Schiffes?

Der Riss ist mit den hydrodynamischen Eigenschaften von heutigen Yachten nicht zu vergleichen. Wir sind sehr schwer, recht langsam und können nur 60 Grad zum Wind laufen. Dafür vermittelt BREAKPOINT auch in rauen Bedingungen ein sicheres Gefühl. Die Twinkiele schützen das Unterwasserschiff vor Korallen und Eis und erlauben uns trockenzufallen. Mit dem flachen Tiefgang kommen wir in Buchten, die anderen für immer versperrt bleiben.

Was bedeutet gute Seemannschaft für euch?

Die Kräfte der Natur niemals unterschätzen, immer einen Plan B haben, ein eingespieltes Team sein.

Was war unterwegs Luxus?

Fließendes Süßwasser, eine heiße Dusche, Strom, Cola oder ein Mars-Riegel. In den Tropen ein Regenschauer. Das war dann schon eine richtige Dusche, im Vergleich zur Anderthalbliterflasche, die sonst zur Verfügung stand.

Was hat euch gefehlt und was gar nicht?

Gefehlt hat uns Zeit. Gar nicht hingegen die Enge und die Zwänge der Zivilisation.

Habt ihr je überlegt aufzuhören?

Es gibt Hochs und Tiefs. Wenn wir Stürme hatten, haben wir es natürlich verflucht. Entweder hat der eine gesagt: »Ich steige aus und wir verkaufen das Schiff«, oder der andere. Es gab Momente, wo wir gesagt haben: »Das war’s.« Aber kaum hatte man den Fuß wieder an Land, war sofort alles wieder gut.

Hattet ihr mal Angst?

Es gab Situationen, in denen ich [Thomas] Angst hatte. Vielleicht, weil ich mir vorstellen konnte, was jetzt alles kaputt- oder schiefgehen könnte. Aber natürlich kann ich bei Sonnenschein, Backstagsbrise und springenden Delfinen nicht sagen, das finde ich blöd. Sonst wäre ich ja nicht hier.

Welche Eigenschaften sollte man als Weltumsegler haben?

Begeisterungsfähigkeit und Ausdauer. Es ist häufig kein Zuckerschlecken. Außerdem Mut und Abenteuerlust. Als solider Büromensch, der Sicherheit will, brauchst du nicht loszufahren.

Was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen?

Das, was wir jetzt anders machen: ohne zeitliches Limit losfahren. Das war oft ein Schatten über der Reise. Wir hätten gern ein Jahr länger Patagonien und auch Alaska bereist.


Die Segelyacht BREAKPOINT


Bootstyp, Baujahr Reinke 13M, 1999
Werft, Konstrukteur Benjamins in Emden, Kurt Reinke
Rumpfmaterial Aluminium
Länge über Alles 14 m
Breite 3,70 m
Gewicht 16 t (voll beladen)
Tiefgang, Kielform 1,55 m, asymmetrische Twinkiele
Rigg Sluptakelung mit Kutterstag und optionalem Babystag
Segelgarderobe Groß, Genua, Fock, Sturmfock, Blister
Ruderanlage Radsteuerung, voller Skeg, elektrohydraulischer Autopilot, Windsteueranlage (bis Französisch-Polynesien)
Maschine Mercedes, 88 PS, 1000-Liter-Dieseltank
Stromversorgung 2 Lichtmaschinen mit 55 A bzw. 90 A, Ersatzgenerator mit 2 kW, 1 Solarpaneel à 120 W, 2 Solarpaneele à 35 W, Windgenerator, 2 AGM-Batterien à 200 Ah
Wasserversorgung 450-Liter-Wassertank, Wassermacher
Kommunikation UKW-Seefunk, Kurzwellen-Seefunk mit Pactor-Modem (Provider: Winlink), Iridium-Satellitentelefon
Navigation AIS (Sender/Empfänger), Kartenplotter, Radar, Papierseekarten
Ankergeschirr 32-kg-Niro-Bügelanker (80 m Edelstahlkette), verzinkter 28-kg-Bügelanker, Klappanker aus Aluminium als Reserve, elektrische Ankerwinsch mit 1500 W
Beiboot 3,10-m-Beiboot, 15-PS-Außenbordmotor
Sonstiges Dieselheizung

Martin Finkbeiner mit SY IVALU, September 2010 bis August 2013, Kiel–Kiel, 38.101 Seemeilen, 1054 Tage

2 Junge, komm heil wieder
Frei und weg: der 25-jährige Martin Finkbeiner und seine Weltumsegelung mit Hindernis und Hilfsprojekt


Der Kampf um Leben und Tod findet weit draußen auf dem Ozean statt, mit einem Sieger, der festzustehen scheint. Doch noch zappelt die riesige Makrele, zieht und zerrt, macht ihrem Kontrahenten das Leben schwer. Kurz bevor zwei starke Hände sie über die Bordwand hieven können, ruckt es ein letztes Mal heftig und sie verschwindet im tiefen Blau der See.

Also kein frisches Fischfilet zur Feier des Tages. Grund zur Freude hat Martin Finkbeiner dennoch an diesem Novembertag: Es ist sein 28. Geburtstag, es sind noch 2000 Meilen bis Südafrika und der Indische Ozean liegt bald achteraus. Nicht mehr lange, bis Martin die Welt im Kielwasser haben wird und im Online-Logbuch steht: »Wir haben es überprüft: Die Erde ist wirklich rund.«

1000 Tage Robinson

Martin Finkbeiner aus einem beschaulichen Ort bei München weiß früh, was er nach der Schule einmal machen möchte: »Egal was es ist, Hauptsache irgendwas mit segeln.« Der Virus packt den sportlichen Schüler auf dem Ammersee und dem nahen Mittelmeer, wo die Eltern immer mal wieder ein Schiff chartern, schließlich ein eigenes kaufen. Martin beginnt eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann in einer Segelschule, arbeitet gleichzeitig als Segellehrer. Erst am Bodensee, später in Kiel für eine Firma, die Events auf ehemaligen America’s Cuppern anbietet. Damit könnte die Geschichte des jungen Mannes, der »etwas mit segeln« machen wollte, erfolgreich erzählt sein. Hätte der damals 23 Jahre alte Martin nicht bereits alle Klassiker der Segelliteratur verschlungen und in den Zeilen von Erdmanns »Tausend Tage Robinson« etwas entdeckt, das ihn mit aller Macht hinauszog. Robinson, das wäre auch er gern tausend Tage lang mal. Am liebsten sofort.


»Ich wollte nicht warten, bis ich in Rente bin«, lacht der Segelenthusiast. Das Geld für eine kleine gebrauchte Yacht hat er gespart, doch zum Kauf kommt es nicht. »Als meine Eltern merkten, wie entschlossen ich war, meinten sie: ›Junge, komm heil wieder, dann kannst du unsere IVALU für zwei Jahre haben.‹« Es ist der Schlüsselmoment, loszusegeln.

Martin legt seinen Job als mittlerweile selbstständiger Skipper auf Eis und kratzt die Ersparnisse zusammen. Von Sponsoren oder zahlenden Gästen will der junge Mann sich nicht abhängig machen. »Ich wollte einfach weg und frei sein.« Ein Freund wird ihn jedoch begleiten; Johannes, der zwar kein erfahrener Segler ist, aber genauso begeisterungsfähig.

Weihnachten feiert die Crew auf hoher See, spielt »Schneeflöckchen, Weißröckchen« auf der Mundharmonika, bei 30 Grad im Schatten.

Am 15. September 2010 werfen der 25-jährige Martin und der 24-jährige Johannes in Kiel die Leinen los. Zwei Jahre soll die Reise dauern, entlang der Barfußroute um die Welt. Jahre später wird Martin sagen: »Es hat Wochen gedauert, bis ich wirklich kapiert habe, was los ist.«

Junge Crew mit altem Antrieb

Als Martin und Johannes nach 2600 Meilen auf den Kanaren ankommen, hat sich Bordroutine eingestellt. Sie haben sich an Wachwechsel, den Sternenhimmel und an das, was sich wie die große Freiheit anfühlt, gewöhnt. In beständigem Passatwind segelt IVALU im Dezember 2010 über den Atlantik. Weihnachten feiert die Crew auf hoher See, spielt »Schneeflöckchen, Weißröckchen« auf der Mundharmonika, bei 30 Grad im Schatten.

In der Karibik ergänzt Martins Schwester Barbara, 24 Jahre alt, das Herrenduo zum munteren Trio. Sie hat unbezahlten Urlaub, um bis Fidschi an Bord zu bleiben. Weitere Freunde wollen später dazustoßen. Die IVALU-Crew macht Anstalten, das Durchschnittsalter der Weltumsegler rekordverdächtig zu senken.

Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht ein Problem mit dem einen Ausrüstungsteil, das Segler zwar vermeintlich nicht brauchen, ohne das sie aber dennoch meist aufgeschmissen sind: der Motor. IVALUS alter Diesel streikt ständig. Für die Passage des Panamakanals scheint er sich noch einmal zusammenzureißen und stirbt dann, kaum dass sich die Schleusentore zum Pazifik wieder geschlossen haben, endgültig. Niemand kann helfen, niemand weiß Rat.

Eine defekte Maschine ist jedoch nichts, was jemanden wie Martin, der von Computern und Smartphones so viel hält wie Fische von Anglern, lange aufhalten würde. »Wir wollen nach wie vor eine Weltumsegelung, keine Weltummotorung machen«, steht später im Logbuch. Ohne funktionierenden Motor geht es zu den Galapagosinseln, um Blaufußtölpel, Meeresechsen und Riesenschildkröten zu sehen.

Zickzack im Pazifik

Es bleibt nichts anderes übrig, als den Anker zu kappen und das Weite zu suchen.

Dort fällt Martin eine Entscheidung, die nur wenige Weltumsegler treffen: nach Süden abzuknicken, zur Osterinsel. Dem einsamen Flecken im Südostpazifik, der eher auf der Route der Kap Hoorniers als auf dem Weg der Barfußsegler liegt. Martin zieht er mit der rätselhaften Vergangenheit seiner weltberühmten Steinstatuen an. Nicht minder spannend, nicht minder abgelegen: Pitcairn, die Insel, auf der die Nachfahren der BOUNTY-Meuterer noch heute leben. Isoliert, ohne Flughafen und Hafen, mit nur einem unwirtlichen Ankerplatz. Für IVALU wird er zum Hexenkessel: An der rauen Küste steigen Brecher ins Cockpit, alle Versuche, den Anker zu bergen, misslingen. Es bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu kappen und das Weite zu suchen. Nächster Halt: die Gambierinseln im Südosten Französisch-Polynesiens. Hier vereiteln Tage später starker Wind, starke Strömung und der fehlende Motor das erfolgreiche Anlanden ganz und gar. Nach acht Stunden gescheiterter Versuche dreht IVALU ab, Kurs Tahiti.

Dort lassen Martin und Barbara nach der spannenden Überfahrt die Seele baumeln – zu zweit jedoch, Johannes hat die Reise beendet. Am Boot ist reichlich zu tun, und der junge Skipper trifft eine Entscheidung: Ein neuer Motor muss her, ohne geht es nicht. Er ist von dem Konzept eines Elektromotors überzeugt, dessen Versand in die Südsee zudem weniger kostet als der eines neuen Dieselantriebs. Nach Fidschi soll das Modell aus den USA geliefert werden, dort liegt das nächste Ziel der IVALU.

Robinson ist hängen geblieben – ein großes Problem bei einem straffen Zeitplan und einem schmalen Budget.

Auf den Einbau folgt jedoch Ernüchterung statt Erleichterung: Das heiß ersehnte Teil funktioniert nicht. Ersatzteile lassen auf sich warten, Tage und Wochen verstreichen und auch der Moment, um noch sicher in der Saison weiterzusegeln. Robinson ist hängen geblieben – ein großes Problem bei einem straffen Zeitplan und einem schmalen Budget. Für zwei Jahre hätten Martins Ersparnisse gereicht. 500 Euro pro Monat und Mitsegler hat er kalkuliert, jeder zahlt für sich selbst. Das ist zwar knapp, reicht aber – bis zum Motor-Aus.

Eine Idee ist, während der anstehenden Zyklonsaison in Australien oder Neuseeland zu arbeiten. »Aber wir waren ja nicht zum Arbeiten auf Weltumsegelung, sondern um etwas zu sehen«, lacht Martin. Es wird Plan B: ein Jahr länger segeln, das dabei entstehende Zeitfenster mit einer Route zu den abgelegenen Inseln des Nordpazifiks füllen und später durch Südostasien segeln. IVALUS Eigner in der Heimat zeigen sich wieder als Eltern, von denen weltumsegelnde Kinder träumen: Sie verzichten ein weiteres Jahr auf das Familienschiff und borgen Geld für die nächsten zwölf Monate.

Und so fährt IVALU zickzack auf dem Pazifik. Auf den weiten Schlag nach Süden folgt die lange Tour nach Norden. Sie will gut vorbereitet sein, da nur wenige Crews in die Richtung segeln. Tankstellen für Weltumsegler gibt es dort nicht. Frischwasser und Proviant werden bis zum Anschlag gebunkert, ein Haufen Geschenke für Tauschgeschäfte auf den Inseln ohne Bargeldverkehr kommt an Bord: »Angelhaken, Köder, Messer, Taschenlampen und bayerische Bierkrüge im Miniformat kamen immer gut an«, sagt Martin. Ein freundlicher Australier, der gerade aus dem Norden kommt, schenkt ihnen die nötigen Seekarten und Gastlandflaggen.


Ein heißer Tropfen auf einem rollenden Stein

Barbaras Urlaub ist vorbei, dafür kommt die Studentin Corinna an Bord. Und mit ihr ein Umweltprojekt, das diese Weltumsegelung noch ungewöhnlicher machen soll, als sie es ohnehin schon ist: Corinnas Initiative »Ivalu & You« soll auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machen.

»Unser Ziel war es, in den Ländern der Reise Workshops mit Kindern durchzuführen, um sie auf spielerische Art und Weise für die Müllproblematik zu sensibilisieren«, sagt Martin. »Natürlich war das vielfach nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Aber an manchen Orten haben wir vielleicht einen kleinen Stein ins Rollen gebracht.« Auf den Fidschi-Inseln beginnen sie, besuchen später Schulen in Tuvalu, Mikronesien und auf den Philippinen. Aus angeschwemmten Plastikteilen bauen Corinna und Martin Mülltonnen mit den Kindern der Pazifikinseln. Produkte in Verpackungsmaterial werden hier mit dem Versorgungsschiff angeliefert – der entstehende Plastikabfall begräbt manch kleine Insel.

Woher weißt du, dass schon März ist?

Ihre Energie wird nach wie vor von der Achillesferse der Reise in Anspruch genommen.

Etwa 15 Schulen besuchen Corinna und Martin während der Reise – weit weniger, als geplant war. Denn ihre Energie wird nach wie vor von der Achillesferse der Reise in Anspruch genommen – dem neuen Motor, der immer noch nicht so läuft wie er soll. Martin verdächtigt einen defekten Sensor, schuld daran zu sein, dass sie alle Riffpassagen und Ankermanöver unter Segeln statt unter Maschine absolvieren müssen. »Es war zwar cool, wenn man durch einen langen Pass segelt, seitlich die Wellen brechen und einen die alten Segler in der Hafenkneipe später ungläubig anschauen und fragen: ›Ihr seid da reingesegelt, oder?‹«, lacht Martin. »Aber ich würde es nicht noch mal machen.«

Seine Reiseplanung muss mangels Maschine besonders vorausschauend und exakt sein. Um durch die teils langen und engen Riffdurchfahrten zu gelangen, müssen Wind und Strömung aus der richtigen Richtung kommen, das Sonnenlicht von oben oder achtern, um Korallen und die Wassertiefe ausmachen zu können. Azur heißt flach, tiefblau heißt tief. Auch nach Wochen der Übung bleibt das Bauchkribbeln bei diesen Manövern, die die Crew stets mit einer geschützten türkisfarbenen Lagune belohnen. »Manchmal mussten wir zwei bis drei Tage vor einer Insel warten, bis die Bedingungen stimmten«, erzählt Martin. »Unter Motor kann man im Notfall noch mal abdrehen, unter Segeln hat man nur eine Chance. Kreuzen im Pass war mit einem Schiff wie IVALU quasi unmöglich.« Manchmal taucht Corinna vorher hindurch, um Tiefe und Kurven auszuloten. Manchmal helfen andere Segler oder Einheimische mit dem Dingi bei der Ausfahrt.

Einladungen auf eine Kokosnuss anstatt zum Feierabendbier, Regenwasser fangen statt Wasserhahn aufdrehen.

Doch bei allem Pech mit dem elektrischen Antrieb: »Im Nachhinein war die Panne mit dem Motor ein Glücksfall. Mit dem Verpassen der Saison begann ein neues Segeln, bei dem wir die Möglichkeit hatten, Orte und ihre Bewohner über einen längeren Zeitraum hinweg kennenzulernen. Die Tour über Tuvalu, Mikronesien und Palau zu machen, war die beste Idee der Weltumsegelung.« Die Inseln beeindrucken Martin mit der Gastfreundschaft ihrer in Einfachheit lebenden Bewohner. Kaum Internet, kein Handyempfang. Dafür Tauschgeschäfte statt Kreditkartenzahlung, Einladungen auf eine Kokosnuss anstatt zum Feierabendbier, Regenwasser fangen statt Wasserhahn aufdrehen. Verabredungen nicht zu einer Uhrzeit, sondern zum Sonnenuntergang. Einmal wird den jungen Seglern strahlend erzählt, dass sie nur knapp einen anderen deutschen Reisenden verpasst hätten – der Landsmann hatte die Insel zwei Jahre zuvor besucht. Das Zeitgefühl dieser anderen Welt überträgt sich auf das Paar. Auf Corinnas Aussage »Du, es ist schon März«, ist Martins Antwort: »Woher weißt du so was?«

Sie sind im Paradies für Robinson.

34 Tage im Südchinesischen Meer

Umso gewaltiger ist der Kulturschock, als die IVALU-Crew im Frühjahr und Sommer 2012 durch Südostasien segelt. Laute Städte, Millionen Menschen. Reizüberflutung. Großes Plus der Region jedoch: Es gibt Segelmacher für IVALUS lädierte Tücher, volle Supermärkte, aber auch einsame Buchten für die Momente, in denen der Skipper den Pazifik vermisst.

»Die Überquerung des Verkehrstrennungsgebiets war, wie eine vierspurige Autobahn zur Hauptverkehrszeit auf Krücken zu überqueren.«

Zeit für Wehmut bleibt nicht lange, denn der lahmende Motor führt auch zu verlängerten Aufenthalten an Orten, die man eigentlich möglichst schnell wieder verlassen will. Die Straße von Singapur und die Malakkastraße gehören dazu. Martin: »Abertausende von Schiffen drängen sich hindurch, noch mal so viele liegen zu beiden Seiten vor Anker. Der Panamakanal ist ein Witz dagegen. Die Schiffe sind bis zu 350 Meter lang und teils mit über 20 Knoten unterwegs. Die Überquerung des Verkehrstrennungsgebiets war, wie eine vierspurige Autobahn zur Hauptverkehrszeit auf Krücken zu überqueren.«

Zu dem Schiffsverkehr im Südchinesischen Meer gesellen sich heftige Schauerböen und Unwetter, Flauten, leichte, drehende Winde und starke Strömungen. Dem neuen Fahrplan hinkt die Crew durch das ständige Warten auf Ersatzteile für den defekten Antrieb und andere Reparaturarbeiten wieder hinterher. Der Nordost-Monsun hat bereits auf Südwest gedreht – und kommt nun direkt von vorn. 34 Tage brauchen Martin und Corinna kreuzend für die Strecke von den Philippinen nach Singapur, die eigentlich in der Hälfte der Zeit zu schaffen wäre.

In Phuket machen sie IVALU fit für den Indischen Ozean: Neue Leinen, ein neues Großsegel und, oh Wunder, der E-Motor wird endlich zum Laufen gebracht. Corinna muss zurück nach Deutschland, um ihr Studium fortzusetzen. Dafür kommt spontan der 20-jährige Thomas an Bord, ein ehemaliger Segelschüler von Martin, der gerade sein Abitur gemacht und nun Lust auf Abenteuer hat. Die soll er erleben.

Achterbahn im U-Boot

Ein Zyklon heftet sich auf dem dritten Ozean der Reise an ivalus Fersen. Seine Zugbahn scheint mit dem Kurs der Yacht identisch zu sein.

Denn ein Zyklon heftet sich auf dem dritten Ozean der Reise an IVALUS Fersen. Seine Zugbahn scheint mit dem Kurs der Yacht identisch zu sein. Martin beschließt, ein Ausweichmanöver nach Süden zu fahren. Rund 500 Seemeilen Umweg, doch die Alternative wäre, direkt ins Zentrum des Tropensturms zu geraten – mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ende der Reise. Ausläufer mit 55 Knoten Wind erwischen IVALU dennoch, knapp eine Woche herrscht Ausnahmezustand an Bord, vergleichbar einer Achterbahnfahrt im U-Boot. Martin und Thomas verriegeln Schotten und Luke und verbringen eine Woche am ruhigsten Punkt der Yacht: mittschiffs auf dem Kajütboden. Frohnatur Martin kann selbst dem etwas Gutes abgewinnen: »Es war ehrlich gesagt eine ziemlich gemütliche Woche«, erinnert sich der mittlerweile 32-Jährige. »Vorher war ich sehr angespannt. Aber als es dann losging, war das weg. Da wir weit von allen Schifffahrtsrouten entfernt waren, konnten wir relativ sicher sein, dass kein anderes Schiff aufkreuzt.«

Als Martins 28. Geburtstag an jenem Novembertag auf dem Indischen Ozean ansteht, ist der Zyklon abgezogen, der Passatwind schiebt wieder und langsam wird es kälter. Nachts herrschen nur noch 20 Grad – nach einer gefühlten Ewigkeit ein Anlass, die lange Kleidung wieder herauszusuchen.

In Südafrika ist Martin froh über helfende Hände beim Anlegen. Längst nicht mehr überraschend: Der Motor will wieder nicht. Doch Mutter Lilli und Schwester Barbara sind schon da, um Weihnachten an Bord zu feiern. Ohnehin nutzt die junge Crew gern jeden Anlass zum Feiern: Oktoberfest, Karneval, jede Äquatorüberquerung, der 1000. Tag auf See oder der Jahrestag des Ablegens in Kiel. Ein Schluck für Rasmus gehört immer dazu.

Plötzlich wieder Wassertiefen

»Wir haben zwei Anläufe gebraucht und das Beiboot ist gekentert. Aber es hat sich gelohnt.«

Ein letztes exotisches, nur mit dem Schiff zu erreichendes Reiseziel reizt Martin noch. Er segelt nun wieder mit Barbara, Thomas’ Auszeit ging in Südafrika zu Ende. Die Geschwister wollen die Suppenschildkröten beobachten, die einmal im Jahr auf der Atlantikinsel Ascension ihre Eier am Strand vergraben. »Der Aufwand, um die Genehmigung auf Sankt Helena zu bekommen, ist hoch und die Ankerbucht auf Ascension bescheiden«, resümiert Martin. »Wir haben zwei Anläufe gebraucht und das Beiboot ist gekentert. Aber es hat sich gelohnt.«

Die Kapverdischen Inseln zu erreichen, fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen. Die richtige Heimkehr würde Martin gern hinauszögern. »Hätte ich noch etwas mehr Geld gehabt und hätte ich das Schiff nicht wieder abgeben müssen, wäre ich mit Sicherheit wieder in die Karibik gesegelt. Und wäre wahrscheinlich immer noch unterwegs«, lacht der Weltumsegler.

Irgendwann hilft alles Aufschieben nichts mehr. Martin notiert auf den Kapverden: »Am 1. Mai war eine große Party für die Angestellten im Club Nautico. Dass auch ich eingeladen war, zeigt vielleicht, dass es langsam wirklich Zeit wird, weiterzuziehen.« Nachdem ein weiterer Crewwechsel stattgefunden hat, nimmt er Kurs auf die Azoren, die – wenngleich weit draußen im Atlantischen Ozean gelegen – doch die Rückkehr nach Europa markieren.

Hier hat der Skipper die erste Erkältung seit drei Jahren und hält den letzten Vortrag über Meeresverschmutzung. Vor der europäischen Küste kommt noch mal Unruhe auf, mangels Vertrauen in den Motor und weil »nach knapp drei Jahren mit Wassertiefen von mehreren Tausend Metern die Nervositätsgrenze schon anfängt, sobald das Echolot überhaupt eine Tiefe findet«. Die letzten Meter in den Hafen von Zeebrügge lässt Martin sich schleppen, und auch für die Passage des Nordostseekanals findet sich ein freundlicher Skipper, der IVALU zieht.

Am Steg in Kiel wartet das Empfangskomitee aus Familie und Mitseglern der letzten Jahre. Anspannung beim sonst so gelassenen Captain: bloß keine Blamage beim Anlegen!

Ein Plädoyer von Robinson

Über das Wiederankommen schreibt Martin: »»Die erste Zeit zurück in Deutschland war – entgegen aller Befürchtungen – supercool. Jedes Wochenende Grillen mit Freunden, super Sommerwetter und eine Willkommensfete, die sich gewaschen hat. Relativ schnell und unkompliziert habe ich einen Job gefunden: alles perfekt gelaufen. Trotzdem: Wenn man einmal die große Freiheit geschnuppert hat und über mehrere Jahre tun und lassen konnte, was man will (und das auch noch an den schönsten Orten der Welt), ist es manchmal gar nicht so leicht, sich wieder in ein von Konsum und Statussymbolen bestimmtes System einzugliedern. In eine Welt, in der man höchstens ein Viertel seiner Zeit frei, unabhängig und selbstbestimmt verbringen kann und sich die Leute vor lauter iPhone schwertun, einander in die Augen zu schauen. Was manchmal fehlt, ist die Erkenntnis oder der Wille, sich Zeit zu nehmen und den ganzen Alltagsstress einfach mal Alltagsstress sein zu lassen. Und an Tagen, an denen einem genau diese Tatsachen tierisch auf den Geist gehen, wünscht man sich auf ein kleines Segelboot irgendwo in die Weiten des Pazifiks, fernab von Smartphones, Facebook, Businesskasperei und Co.«


Aus dem Video- und Fotomaterial der Reise produziert Martin einen Film, der während gut 25 ausverkaufter Vorstellungen Fernweh in bayerischen Kinos auslöst. Ihr Umweltprojekt führen Corinna und Martin noch in einigen Schulen in der Heimat durch. Die Resonanz: riesig.

Ach ja, und dann wäre da noch … der Motor: IVALU hat inzwischen wieder einen Dieselmotor. Der E-Antrieb flog nach der Rückkehr raus, da das Vertrauen der Schiffseigener in ihn dann doch nicht so grenzenlos war wie das ihres Sohnes.

Der schmiedet bereits neue Pläne: »Ich habe tausend Ideen für weitere Reisen im Hinterkopf. Und jeder geht davon aus, dass ich irgendwann wieder weg sein werde.«

Irgendwann ist manchmal schon ganz bald.

Nachgehakt: Martins …

… Tipps für Weltumsegler

• Sich genug Zeit nehmen, drei Jahre sind das Minimum. Zwei Jahre, das klappt nicht.

• Auf gute Ausrüstungsgegenstände wie Anker und Selbststeueranlage achten. Sie können das Leben an Bord, vor Anker und unterwegs, sehr komfortabel machen.

• Improvisieren können: Mit Zwei-Komponenten-Kleber kann man auch mal einen abgebrochenen Zahn reparieren [lacht]. Hat bis zum Ende der Reise gehalten!

… wichtigste Bücher an Bord

• »Segelrouten der Welt« von Jimmy Cornell.

• Mein Lieblingsbuch: »Schiffbruch mit Tiger« von Yann Martel.

… spontane Antworten

Nordsee oder Ostsee? Eigentlich keine von beiden, sondern die Passatregion, wo der Wind stetig weht. Aber die Ostsee ist einfach wunderschön, hat viel zu bieten, tolle Ankerplätze. Die Nordsee sicher auch, ist aber wahnsinnig rau und ungemütlich. Ich würde immer schauen, dass ich da schnell durchkomme. Ein Freund von mir hat mal gesagt, die Nordsee sei kein Segelrevier, sondern eine Zumutung.

Atlantik oder Pazifik? Pazifik. Und da der Nordpazifik, der Leute und der Kulturen wegen. Die Menschen im Pazifik sind schon sehr besonders.

Hafen oder Ankern? Ankern. Die coolen Orte auf der Welt haben keine Häfen, denn sonst würde ja alle Welt dahin segeln.

… Revier-Geheimtipps

Die Orte, an denen es kein WLAN gibt. In Mikronesien gibt es die noch zahlreich.

… Vorgehen in schwerem Wetter

Eine Kanne heißen Kaffee kochen.

… Mittel gegen Seekrankheit

Ich habe kaum Probleme mit Seekrankheit gehabt, meine Mitsegler schon. Jeder hat etwas anderes ausprobiert, der eine Pflaster, der nächste Kaugummi. Das Wundermittel gibt es einfach nicht. Aber eine vernünftige Ernährung mit viel Obst mit Vitamin C hilft. Man könnte auch sagen: Augen zu und durch, abwarten bis es vorbei ist – nach zwei, drei Tagen gibt sich das bei allen.

… wichtigstes Ersatzteil

Ein zweiter Satz Reffleinen, die sind bei uns ständig durchgescheuert. Vielleicht liegt’s auch daran, dass wir wegen des hohen Mastes sehr häufig im Reff gefahren sind [lacht].

… seglerisches Vorbild

Vorbild nicht unbedingt, aber Wilfried Erdmann hat mich einfach wahnsinnig inspiriert. Vor allem mit den Büchern über seine ersten Reisen.

… hilfreiche Seiten im Internet

Unterwegs nichts, da haben wir ja selbst geschrieben. Oft aber www.noonsite.com.

… Versicherungen auf Weltumsegelung

Auslandsreisekrankenversicherung für drei Jahre, Schiffshaftpflichtversicherung.

… Lieblingsgericht bei Sturm

Nudeln oder Reis mit Tomatenmark in der Pfanne.

… Lieblingsgericht bei Flaute

Eigentlich würde ich sagen: frisch zubereiteter Fisch. Aber bei Flaute fängt man so schlecht Fische.

… bewährte Passatbesegelung

Das Groß mit ausgebaumter Genua.

… nützlichstes Kleidungsstück

Viel hat man ja nicht an, daher: die Sonnenbrille!

… Reiseblog der Weltumsegelung

www.sy-ivalu.blogspot.de

Zwölf Fragen an Martin Finkbeiner

Warum wolltest du um die Welt segeln?

Ich hatte Lust, einfach weg zu sein, und überhaupt keine Lust, jeden Tag auf 20 verschiedenen Kanälen ständig erreichbar zu sein. Ich hatte viele Bücher über Weltumsegler gelesen, die die Lust geweckt haben, es selber zu machen.

Ohne was wärst du nie losgefahren?

Ohne eine zuverlässig funktionierende Windfahnensteuerung.

Ein Ausrüstungsgegenstand, auf den du nicht mehr verzichten möchtest?

Epoxy-Zweikomponentenkleber [lacht].

Das Werkzeug, das du am häufigsten in der Hand hattest?

Mein Leatherman.

Die Stärken und Schwächen deines Schiffes?

Die IVALU war ziemlich perfekt für so eine Reise. Sie ist stabil und verglichen mit anderen Fahrtenyachten sehr schnell. Nur Kleinigkeiten würde ich ändern, wie eine größere Badeplattform oder eine feste Sprayhood installieren. Die größte Schwäche war der nicht vorhandene Motor.

Was bedeutet gute Seemannschaft für dich?

Grundsätzlich mag ich das Risiko, segle gern schnell und reize das aus, was das Boot zu bieten hat. Auf der Weltumseglung war das komplett anders. Da bin ich sehr vorsichtig und materialschonend gesegelt. Wichtig war, Boot und Crew sicher ans Ziel zu bringen, auch wenn man dadurch ein bisschen langsamer unterwegs war.

Was war unterwegs Luxus?

Ein kühles Bier, denn wir hatten ja keinen Kühlschrank an Bord, und gutes Brot.

Was hat dir gefehlt und was gar nicht?

Was ich vermisst habe, war eine richtig gute Brotzeit. Was ich gar nicht vermisst habe, war mein Handy. Genauso wenig den Kühlschrank – dadurch war das kühle Bier dann eben Luxus.

Hast du je überlegt aufzuhören?

Nö.

Hattest du mal Angst?

Ja, als uns einmal nachts in den Süd-Philippinen ein Boot mehrere Stunden lang gefolgt ist und uns angestrahlt hat. Sonst nicht. Ich hatte und habe einen unheimlichen Respekt vor Wind, Wetter, Meer, Wellen und all dem. Aber ich habe ziemlich genau gewusst, worauf ich mich einlasse.

Welche Eigenschaften sollte man als Weltumsegler haben?

Die nötige Neugierde und den Elan, das durchzuziehen.

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

Eine dickere Ankerkette mit zehn oder zwölf Millimetern und einen deutlich überdimensionierten Anker dabeihaben. Und mir mehr Zeit nehmen. Mindestens fünf Jahre sind nötig, um mehr von den einzelnen Inseln zu sehen. Drei Jahre insgesamt sind verdammt knapp.


Die Segelyacht IVALU


Bootstyp, Baujahr Einzelbau, 1989 in Hamburg
Werft, Konstrukteur Sandmeier Werft, Axel Monhaupt
Rumpfmaterial Aluminium
Länge über Alles 12,80 m
Breite 4,10 m
Gewicht 14 t
Tiefgang, Kielform 2 m
Rigg Topptakelung mit Kutterstag
Segelgarderobe Groß, Genua, Rollfock, Spinnaker
Ruderanlage freistehendes Ruder, Radsteuerung, Windfahne, Autopilot als Reserve
Maschine Zuerst: Volvo Penta, 41 PS mit 400-Liter-Dieseltank, danach: 48-Volt-Elektromotor mit 18 kW, versorgt von einer Batteriebank mit 200 Ah
Stromversorgung 2 Solarpaneele à 85 W, Windgenerator, 4 Verbraucherbatterien à 108 Ah
Wasserversorgung Trinkwassertank für 700 Liter, 100 Liter in Kanistern, Regenwasser
Kommunikation UKW-Funk, Satellitentelefon für Notfall
Navigation Eingebautes Garmin-GPS, Papierseekarten für fast die ganze Welt, Kartenplotter, AIS, weltweite Seekarten auf dem Laptop, Sextant zum Zeitvertreib
Ankergeschirr Je ein 20-kg-CQR- und Delta-Anker, 100 Meter 8-mm-Kette, elektrische Ankerwinsch
Beiboot 2,40-m-Schlauchboot mit 4-PS
Sonstiges Kein Kühlschrank mangels Strom

Sabine und Heinz Solka mit SY SAHÉ und SY MAGIC LIFE, Mai 1995 bis Juni 1998 (Artlenburg–Artlenburg) und August 2004 bis Juli 2015 (Artlenburg–Nonnenweier), etwa 65.000 Seemeilen und 19.000 Flusskilometer, 5113 Tage

3 Huckepack nach Hause
Schiffe bauen, Leinen lösen: Sabine und Heinz Solka und ihre ungewöhnlichen Reisen über Flüsse und Ozeane


Es wäre übertrieben zu behaupten, dass Sabine und Heinz Solka um die Welt segeln wollten, weil sie in einen Orkan gerieten. Aber zumindest waren die zwölf Windstärken, die sie und ihr Schiff eines Tages erwischten, nicht ganz unschuldig daran.

Anfang der Neunziger auf der Ostsee: Das Paar aus Lüneburg reist im Sommerurlaub noch mit Kofferradio und Brötchentütennavigation von Hafen zu Hafen. Plötzlich, sie segeln entlang der schwedischen Ostküste gen Süden, zwingt ein aufziehendes Unwetter sie dazu, größtmögliches Vertrauen in ihr Schiff zu haben. Es wird nicht enttäuscht – ihre SAHÉ trotzt dem Spuk, und nach 24 schlaflosen Stunden ist die Ostsee wieder Freund statt Feind. »Da haben wir gedacht, wenn unser Schiff das kann, könnten wir doch mal was richtig Dolles machen«, sagt Sabine heute, über 20 Jahre und sieben Ozeanüberquerungen später. Das »richtig Dolle« ist nicht weniger als eine Weltumsegelung.


Das einzige Problem: Beide sind Mitte 40, berufstätig und wollen ihre Jobs nicht aufgeben. Also fragen der Fernmeldehandwerker und die Verwaltungsangestellte, beide im öffentlichen Dienst tätig, vorsichtig ihre Vorgesetzten, was diese von drei Jahren unbezahltem Urlaub halten würden. Heinz’ Chef, selbst Segler, sagt zu. Sabines, ein reisefreudiger Nicht-Segler, nach einigem Zögern auch.

Leinen los

In drei Jahren, am 1. Juni 1995, soll es losgehen. Für Solkas beginnt das Leben der Weltumsegler in spe: sparen und ihr Schiff für die Langfahrt ausrüsten. Letzteres fällt leicht, da Heinz die zehn Meter lange Reinke wenige Jahre zuvor eigenhändig aus Aluminiumplatten zusammengeschweißt hat. Solkas vermieten ihr Haus, verschenken ihr altes Auto, holen Reisechecks von der Bank ab. Sie verlassen Europa entlang der Nordseeküste: kreuzen dichten Verkehr im Ärmelkanal, bewältigen Brecher auf der Biskaya, tasten sich durch Nebel vor der portugiesischen Küste.

Heinz zeichnet, da der Gedanke, »das machen wir vielleicht noch mal«, schon längst mitreist.

Sie folgen der Barfußroute: Atlantik, Karibik, Panama, Galapagos, die Südseeinseln und schließlich Australien mit Zeit für eine ausgedehnte Inlandstour. Den Aufbruch bereuen sie keine Sekunde, genießen jeden Tag. Nur in unbeobachteten Momenten, während der Wache auf langen Segelschlägen, packt Heinz den Zeichenblock aus. So manche Eigenschaft seiner Yacht stört ihn doch – er skizziert ein neues Schiff. Ein wenig größer, mit tiefer liegenden Kojen, einem größeren Bad und einem Salon, in dem einen (so hofft er) die unruhige Ozeandünung nicht ständig von der Sitzbank in die Pantry katapultiert. Heinz zeichnet, da der Gedanke, »das machen wir vielleicht noch mal«, schon längst mitreist.

Australien verlassen Sabine und Heinz in Richtung Südafrika, entscheiden sich dann aber doch für die Abkürzung durch Suezkanal und Mittelmeer. Landschaft, Kultur und Architektur der Region am Roten Meer fesseln sie. Kairo, Luxor, die Pyramiden, der Duft von Tausendundeiner Nacht. Da das Urlaubsende rasend schnell näher rückt – in drei Monaten müssen sie wieder im Büro sein –, ordern sie einen Revierführer für die französischen Flüsse und Kanäle. Überprüfen Brückendurchfahrtshöhen, Wassertiefen und Schleusenbetriebszeiten auf den 1900 Flusskilometern, die von Marseille an die Elbe führen. Gegenüber der gut doppelt so langen Distanz »außen rum« eine verlockende Abkürzung.

Über 100 Schleusen Richtung Norden

SAHÉ kann mit ihrem Tiefgang von 1,10 Metern die Reise durchs Binnenland problemlos antreten. Einzig den Mast muss das Paar legen. In Port Napoléon, dort, wo die Rhône in die Bucht von Marseille mündet, bereiten Sabine und Heinz ihr Schiff auf die Flussfahrt vor.

Sie sprechen kein Wort Französisch, doch Hände, Füße und ein Lächeln verschaffen ihnen die wichtigsten Informationen: wer die Vignette verkauft, was in den Tunneln (!) zu beachten ist und wie die Dutzenden vor ihnen liegenden Selbstbedienungs- und Treppenschleusen zu bedienen sind.

Nach langer Zeit auf den Meeren saugen die Heimkehrer die historischen Uferlandschaften wie trockene Schwämme auf.

SAHÉ tuckert auf Rhône und Saône durch Städte, deren Namen das Verlangen nach Rotwein und knusprigem Baguette auslösen: Arles, Avignon, Lyon – von wohlklingenden Zungenbrechern wie Saint-Michel-sur-Rhône und Saint-Rambert-d’Albon ganz zu schweigen. Nach langer Zeit auf den Meeren saugen die Heimkehrer den Anblick der historischen Uferlandschaften wie trockene Schwämme auf. Dass sie nahe genug ans Ufer heranfahren können, um die Nächte ankernd außerhalb des Fahrwassers zu verbringen, schont die Reisekasse. In der lägen zwar noch ein paar Francs für Sightseeing am Wegesrand, doch die Zeit ist einfach zu knapp.

Bei Mühlhausen im Elsass treffen sie auf den Rhein. SAHÉ gleitet an der Loreley vorbei, an den Weinbergen bei Koblenz und den Flanierpromenaden in Düsseldorf. Anfang Juni biegen die Weltumsegler aus dem Elbe-Seitenkanal in die Elbe ein. 1000 Meter weiter liegt der Heimathafen Artlenburg.

Schade, schon vorbei.

Ein großes Loch fürs Boot im Garten

Sabine und Heinz haben vier Wochen Zeit, um ihr Haus einzuräumen, bevor sie wieder an ihren Schreibtischen Platz nehmen müssen. Es sind exakt dieselben wie vor drei Jahren. Die Rückkehr in den Beruf geht »merkwürdigerweise ganz schnell«, erinnert sich Heinz. »Als wären wir nie weg gewesen.« Daran, dass sie es doch waren, erinnert ein Blatt Papier im Zeichenblock: Die Skizze eines neuen Schiffes. Der Anfang einer neuen Reise.

War es bei Boot Nummer eins noch Heinz selbst, der aus den Plänen des Konstrukteurs ein Schiff baute, suchen Solkas nun eine Werft, die ihre Vorstellungen umsetzt. Der Verkauf von SAHÉ bringt das Startkapital für die neue Segelyacht, die auf den verheißungsvollen Namen MAGIC LIFE getauft werden soll.

Der Verkauf von – SAHÉ bringt das Startkapital für die neue Segelyacht, die auf den verheißungsvollen Namen magic life getauft werden soll.

Eine Werft im Hamburger Südwesten fertigt schließlich das Aluminiumkasko, das ein Tieflader vor die Haustür der Weltumsegler bugsiert. Den Ausbau der Yacht lässt Heinz sich nicht nehmen. Graben andere im Vorgarten ein Loch, um einen Baum zu pflanzen oder einen Brunnen zu bauen, buddelt er eines für den Kiel seines Schiffes – so steht der Rumpf tiefer und Heinz kann schneller an Deck klettern. Der leidenschaftliche Handwerker sägt, schraubt, schleift, flext. Da ein (für Solkas) glücklicher Zufall Heinz den vorgezogenen Ruhestand bringt, ersetzt das Schiff im Loch vor der Haustür den Vollzeitjob. Erst zwei Jahre später findet die Segelabstinenz des Paares ein Ende: MAGIC LIFE ist fertig. Zumindest fertig genug, um erst mal loszusegeln. Sabine hat noch ein paar Jahre bis zur Rente – diesmal kündigt sie.

Pflegeleichter Heimathafen

»Unser Ziel war: segeln, solange es Spaß macht und wohin es Spaß macht«, sagt Sabine. Doch die ersten Meilen mit gesetzten Tüchern lassen auf sich warten: Sie motoren auf den Süßwasserwegen, die sie vor sechs Jahren nach Hause geführt haben, nach Süden – neu ist der Schlenker durch Holland und Belgien.

Sabine und Heinz überqueren den Atlantik und gondeln mit MAGIC LIFE vier Jahre lang durch die Karibik. Alles ist perfekt – beinahe. Denn mit der Vermietung ihres Hauses in Deutschland werden sie diesmal nicht glücklich, leer stehen soll es aber auch nicht. »Da mussten wir uns entscheiden: Segeln oder Haus«, sagt Sabine. Die Entscheidung fällt, man ahnt es, aufs Segeln.

Für den Hausverkauf in Eigenregie kehren sie samt Schiff nach Europa zurück. Es ist früh im Jahr, Mai 2008, und die Tiefdruckgebiete von Island schicken ihre Ausläufer noch auf den Atlantik. Zwischen den Azoren und Portugal veranlasst der »heftigste Seegang all unserer Segeljahre« Sabine und Heinz dazu, sich im Cockpit festzubinden. »Wir konnten nur noch Dosenobst löffeln und hoffen, dass die elende Schaukelei endlich aufhört.«

Sie finden drei Zimmer, Küche, Bad ohne Garten, Treppenhausdienst und andere Verpflichtungen, die auf Weltreise nur nerven.

Um es kurz zu machen: MAGIC LIFE erreicht die Elbe wieder als Flussschiff, die Immobilie geht weg, Sofa und Stühle ins Lager. Auf dem Rückweg zum Mittelmeer (inzwischen keine Frage mehr, ob »außen oder innen rum«) halten Solkas Ausschau nach einer »pflegeleichten Wohnung« am Rande der Route. Sie wollen endlich wieder los, doch nicht ohne Anlaufstelle in der Heimat. Dort, wo der Rhein die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland markiert, wo ein Schiff auch das ganze Jahr über im Wasser liegen kann, ohne einzufrieren, werden sie fündig. Drei Zimmer, Küche, Bad und weder Garten, Treppenhausdienst, noch andere Verpflichtungen, die auf Weltreise nur nerven. Kaum stehen die Möbel, schließen Sabine und Heinz die Haustür ab und segeln, pardon, motoren wieder los. Es ist Juni 2010. Rhein, Saône, Rhône – nichts Neues mehr, aber nun, aus dem Südsüdwesten Deutschlands, ist dies erst recht der kürzeste Weg ins Mittelmeer.


»Das ist Amerika« – der Great Loop

Zum vierten Mal schaukeln Sabine und Heinz über den Atlantik, das Ziel heißt mal wieder Süßwasser: Bei Miami erreichen sie den Atlantic Intracoastal Waterway. Die Wasserstraße erstreckt sich auf rund 2500 Seemeilen parallel zur US-amerikanischen Ostküste. Ein Netzwerk aus Flüssen, Kanälen und Buchten, in dem sich in den Sommermonaten Scharen amerikanischer Freizeitskipper tummeln. Gleichzeitig ist der »Intracoastal«, wie Kenner schlicht sagen, Teil des »Great Loop« – der »Großen Runde« über die Seen und Kanäle der östlichen USA. Sie ist der Traumtörn vieler Amerikaner, die ein Boot mit nicht mehr als 1,50 Meter Tiefgang besitzen. Auch die Lüneburger Segler wollen die annähernd 10.000 Kilometer in den kommenden neun Monaten im Kielwasser lassen. Im Vergleich zu ihren bisherigen Runden auf dem Atlantik und um die Welt ist es eher ein »Small Loop«.

Solkas amerikanischer Binnentraum beginnt unter Segeln, denn die Brücken über dem Intracoastal sind entweder hoch genug für Yachten wie die ihre oder werden geöffnet. Sie passieren amerikanische Vorgärten, Fort Lauderdale, Cape Canaveral und Charleston, besichtigen Washington mit dem Bus und ankern nachts in Seitenarmen. Nach sieben Tagen in New York reisen sie über den Hudson River weiter nach Norden. In einem Flecken namens Catskill können sie den Mast legen – die Voraussetzung dafür, in den Eriekanal Richtung Buffalo und Niagarafälle abzubiegen.

Niemand hält es für möglich, dass sie auf dem Wasserweg vom Atlantischen Ozean kommen.

Die Regeln ihres Cruising Permit für den Great Loop besagen, dass die Crew sich anmelden muss, sobald eine Leine MAGIC LIFE mit dem Festland verbindet. Die Beamten der Homeland Security sind freundlich, ausländische »Looper« treffen sie selten. Manch ein Offizieller will nicht einmal von der Meldepflicht wissen. Nur einmal, im Grenzgebiet der Großen Seen, unterstellen Polizei und Zoll Solkas, illegal aus Kanada eingereist zu sein: Niemand hält es für möglich, dass sie auf dem Wasserweg vom Atlantischen Ozean kommen.

Beinahe hätte das Paar die Rundreise hier, im Norden des Loop, beendet: Heinz träumt von der US-Westküste und überlegt, das Schiff auf dem Straßentransporter zum Pazifik zu bringen. Doch da Transporttermine rar sind und der Winter näher rückt, verlassen sie Chicago Richtung Süden. Über den Illinois River, den stark strömenden Mississippi, den Tennessee-Tombigbee Waterway (Tenn-Tom) und den Tombigbee River erreicht MAGIC LIFE im November 2011 den Golf von Mexiko. Es ist Thanksgiving in den Staaten, und freundliche Anwohner helfen nicht nur beim Maststellen, sondern laden die beiden Deutschen auch gleich zum Truthahnschmaus ein. »Die Hilfsbereitschaft der Amerikaner ist einmalig«, sagt Heinz und erzählt von Hafenmeistern, die Arzttermine organisieren und ihnen unkompliziert den eigenen Autoschlüssel in die Hand drücken. »Das ist Amerika.«

Poker mit dem Wirbelsturm

Die nordamerikanische Rundreise haben Solkas vollendet, ihre Weltreise noch lange nicht. Die Reisekasse reicht noch für ein paar Jahre und Heinz bekämpft den regelmäßigen Lochfraß im Geldbeutel durch anfallende Reparaturen mit seinem persönlichen Hausmittel: selbst machen. Ohnehin empfindet das Paar das Leben unterwegs als günstiger. Sabine erklärt: »Sämtliche Nebenkosten fallen weg, man ist keinem Modediktat unterworfen und in der Karibik kosten drei T-Shirts zehn Dollar. Mehr braucht man ohnehin nicht.«

Heinz schielt nun auf den Teil der Weltkarte, auf dem Kap Hoorn liegt – Sabine lehnt ab, zu kalt. Dann die US-Westküste, von Süden kommend? Lieber nicht, zu viel Wind gegenan. Also segeln sie in den kommenden zwei Jahren noch einmal durch die Südsee zu den Gambierinseln Französisch-Polynesiens und besuchen Neuseeland sowie erneut Australien. Danach, überlegt Heinz, könnten sie über Tahiti und die Marquesas nach Hawaii und von dort endlich an die Westküste der Vereinigten Staaten segeln. Die Route hat er schon abgesteckt.

Doch daraus wird nichts. In der Heimat kommen die eigenen Eltern mittlerweile nicht mehr allein zurecht. Häufige Heimflüge verderben Sabine und Heinz plötzlich die Freude am Reisen. »Wir haben also beschlossen, dass es für uns Zeit ist zu sagen: Es reicht.«

Die Solkas fliegen nach Deutschland, die Zwiebeln tragen magic life huckepack nach Hause.

Auf den Seeweg nach Hause, über das Great Barrier Reef, durch die Torresstraße und über den Indischen Ozean Richtung Heimat, verspüren beide wenig Lust. »Wir wussten ja schon, dass das kein Zuckerschlecken ist«, sagt Sabine. Die Alternative heißt Flugzeug für sie, Frachter für MAGIC LIFE. Sie vergleichen Angebote von Reedereien, wägen ab, für 70.000 Dollar auf der Passage an Bord ihres Schiffes zu wohnen oder es für rund ein Drittel des Preises auf einen Stückgutfrachter zu stellen, der im Laderaum Zwiebeln von Neuseeland nach Europa schippert. Es wird der Zwiebeldampfer. Im Februar 2015 soll Solkas Yacht in Newcastle, rund 80 Seemeilen nördlich von Sydney, verladen werden. Doch 14 Tage vorher meldet sich die Reederei überraschend mit einer Planänderung: Der Frachter läuft nun Brisbane an – 350 Meilen weiter nördlich! Sabine und Heinz müssen sich entscheiden: entweder zusagen und versuchen, rechtzeitig dort zu sein, dabei aber die Frachtkosten aufs Spiel setzen. Oder absagen und auf den nächsten freien Platz warten, was Monate dauern kann. »Wir kommen«, antworten sie – ein Pokerspiel.

Tag und Nacht kämpft das Paar sich an der australischen Ostküste nach Norden vor, macht nur einen kurzen Stopp, um eine Nacht durchzuschlafen. Als auch noch ein Zyklon auf- und vorbeizieht, hinterlässt er sechs Meter hohe Wellen und Starkwind – immerhin aus der richtigen Richtung. Außerdem bremst er das Frachtschiff und verschafft den entscheidenden Tag Vorsprung. Am nächsten Morgen wird der Bock, auf dem MAGIC LIFE den Heimweg antritt, an Deck des niederländischen Stückgutfrachters zwischen anderen Yachten festgeschweißt und mit Ketten gesichert. Solkas fliegen nach Deutschland, die Zwiebeln tragen MAGIC LIFE huckepack nach Hause: über Pazifik und Atlantik nach Gibraltar, wo Sabine und Heinz nach genau zwei Monaten wieder das Kommando übernehmen.

Das letzte Boot hat gerade Wände

Zum fünften Mal fährt das Paar unter Maschine durch Frankreich, Kurs Heimat. War anfangs noch der Weg das Ziel, so sagt Sabine heute, wo der Reiz des Neuen längst verflogen ist, die Vignetten online gekauft und die Schleusen per Funk gesteuert werden: »Das bleibt einem nicht erspart«, und lacht. Vielleicht passiert das, was nun auf den letzten Kilometern einer elf Jahre dauernden Reise passiert, gerade deshalb, weil sie inzwischen jede Kurve auswendig kennen. Sich vielleicht ein wenig zu sicher fühlen: Im Rhein-Rhône-Kanal übersehen sie eine Verengung im Kanal, eine tückische Mauer unter Wasser. MAGIC LIFE knallt bei schlechter Sicht davor. Es kracht fürchterlich, die Bordwand verbeult, im Vorschiff splittert Holz.

Es ist nur ein Materialschaden, der schnell behoben ist und Sabine und Heinz nicht davon abhält, ihren weiteren Unruhestand auf dem Wasser zu planen. Denn Heinz hat wieder gezeichnet: diesmal ein Hausboot mit geraden Wänden, Pfahlankern und einem Keller für Waschmaschine und Werkstatt. Wenn schon nicht mehr die Welt, dann wenigstens die Heimat bereisen, sagen sie sich, verkaufen Schiff und Wohnung und ziehen aufs Hausboot. Die neuen Ziele sind vielleicht nicht so exotisch wie Hawaii oder Tahiti, doch nicht weniger reizvoll: Donau, Seine, Berlin, Paris und – wenn nicht gerade Orkan herrscht – auch wieder die Ostsee.

Es klingt ganz so, als wäre Sabine und Heinz Solkas »Magic Life« noch lange nicht vorbei.


Nachgehakt: Sabines und Heinz’ …

… Tipps für Weltumsegler

• Auch auf See dafür sorgen, dass man immer ausgeruht ist. Das heißt genug schlafen, wenn es irgendwie geht.

• Sein Schiff so gut kennen, dass man es selbst reparieren kann. Das spart viel Geld und Zeit.

• Einen zweiten Reisepass mitnehmen. Wenn man sagt, dass man auf Weltumsegelung geht, stellt die Behörde ihn meist unproblematisch aus.

… wichtigste Bücher an Bord

• »Segelrouten der Welt« von Jimmy Cornell.

• Handbücher für Atlantik und Pazifik.

• »Binnengewässer Frankreichs: Alle schiffbaren Flüsse und Kanäle« von David Edwards-May.

… spontane Antworten

Nordsee oder Ostsee? Ostsee. Da ist einfach mehr drum herum und man muss nicht auf die Tide achten. Aber das Wattenmeer hat auch seine Reize.

Atlantik oder Pazifik? Beide sind schön. Der Pazifik hat traumhafte Inseln, aber die Wellen nerven. Der Atlantik ist ruhiger und hat so ein tiefes Tintenblau.

Ankern oder Hafen? Ankern. Die Freiheit ist toll und das Wasser schöner als im Hafen.

… Revier-Geheimtipps

Das Rote Meer, als wir 1998 da waren. Dann Maupiti, das ist nicht so überlaufen. Key West auf den Florida Keys, wo es sehr viel freizügiger zugeht als im Rest der Vereinigten Staaten. Und der Great Loop durch die USA.

… Vorgehen in schwerem Wetter

Das ist abhängig vom Schiff. In unserem Fall: Segel runter, alles festbinden, beidrehen und schlafen legen.

… Mittel gegen Seekrankheit

Immer wenn wir losgesegelt sind, habe ich [Sabine] die ersten zwei Tage gespuckt wie ein Reiher. Da hat Stugeron, ein Mittel gegen Innenohrschwindel in Tropfenform, geholfen. Als Tablette war es noch schlimmer als die Seekrankheit.

… wichtigste Ersatzteile

Die für den Motor und für alle Pumpen. Und Sicherungen.

… seglerisches Vorbild

Niemand. Aber wir haben vor langer Zeit »Komm, wir segeln um die Welt« von Beate Kammler gelesen. Das hat uns angemacht.

… hilfreiche Seiten im Internet

www.noonsite.com, www.greatloop.org, www.water-ways.net (Europas schiffbare Wasserwege), www.adac.de.

… Versicherungen auf Weltumsegelung

Schiffshaftpflichtversicherung (die wir während der Zeit in den USA erhöht haben), Auslandskrankenversicherung, Vollkaskoversicherung für das Schiff während des Schiffstransports.

… Lieblingsgericht bei Sturm

Eingekochtes Gulasch mit Pilzen und Salzkartoffeln.

… Lieblingsgericht bei Flaute

Selbst gemachte Pizza.

… bewährte Passatbesegelung

Schmetterling mit zwei Rollvorsegeln auf nahezu gleicher Höhe.

… nützlichstes Kleidungsstück

T-Shirt und kurze Hose, Badehose und Badeanzug.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
12 listopada 2025
Objętość:
228 str. 65 ilustracji
ISBN:
9783667121806
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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