Czytaj książkę: «Die Hure von Armageddon»
Han Kris
Die Hure von Armageddon

Impressum
Umschlaggestaltung: Harald Rockstuhl, Bad Langensalza
Titelbild:
Frau mit Schleier- Lizenz Stockfoto: 98202216
Urheber: Volicholi/Shotshop.com
Umschlagrückseite:
„pharaon“ Urheber: Ludovic LAN,
Lizenz https://de.fotolia.com/id/2243675
1. Auflage 2021
ISBN 978-3-95966-586-5
Layout und Lektorat: Hans-Ulrich Kriese
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Chaos in Ägypten
Exodus
Zippora
Die Schlacht bei Refidim
Die Hyksos in Kanaan
Die Hyksos erobern das Nildelta
Israels Wanderung durch Wüsten und Bergländer
Die Hure von Armageddon
Personen, die in historischen Quellen genannt sind
Prolog
Klimaänderungen können zum Untergang großer Weltreiche führen, anders aber auch die Entstehung neuer Zivilisationen begünstigen. Als es auf der Erde wieder einmal wärmer wurde, konnte sich die nordafrikanische Wüste unaufhaltsam ausdehnen. Das einstmals üppige Grün musste deren Sandmassen weichen. Die notleidenden Menschen und Tiere brachen auf, um neue Lebensräume zu finden.
Es schien, als könnte nichts dem Ansturm der vorwärts rollenden Dünen Einhalt gebieten. Doch welch ein Wunder, riesige Wassermassen bahnten sich von der Mitte Afrikas ihren Weg zum Mittelmeer. Dort, wo sie auf die Wüste trafen, entstanden zu beiden Seiten des Flusslaufes grüne Landstriche. Die alljährlich wiederkehrenden Hochwasser des Flusses transportierten Unmengen fruchtbaren Schlammes, der sich an den beiden Ufern absetzte. So entstand ganz allmählich ein fruchtbarer, schmaler Landstrich, der in ein Delta überging, in dem der Fluss in vielen einzelnen Armen verzweigt, seine Wasser in das Mittelmeer ergoss.
Die vor der Wüste geflohenen Menschen fanden bald heraus, dass es sich hier sehr gut leben ließ. Unter der Regie fähiger Häuptlinge lernten sie Kanäle anzulegen, um ihre Felder zu bewässern. Mit den erwirtschafteten Überschüssen konnten sie Handel treiben. Es war auch nicht mehr notwendig, dass jedermann in der Landwirtschaft mithelfen musste. So entstand eine Schicht geschickter Handwerker, die darauf spezialisiert waren, harte Gesteine zu bearbeiten oder Gegenstände aus Kupfer zu formen.
Jeder der Häuptlinge versuchte den anderen zu übertrumpfen, ging das nicht friedlich, ließen sie die Waffen sprechen, und irgendwann hatte einer schließlich alle anderen unterworfen. Das war die Geburtsstunde des geeinten Ägypten.
Chaos in Ägypten
Unter der Herrschaft tatkräftiger Pharaonen gedieh das Land. Die regelmäßige jährliche Überschwemmung garantierte gute Ernten, und die Bevölkerung nahm zu. Jedoch, wo es Höhen gibt, folgen auch Tiefen, sei es durch das Ausbleiben der Nilflut, oder wenn sie zu hoch ausfiel. Dann kam es zu Hungersnöten, Rebellion und Aufruhr. Wenn dazu auch noch ein unfähiger schwacher Herrscher auf dem Pharaonenthron saß, oder durch das plötzliche Ableben des Pharaos die Nachfolge ungeklärt blieb, dann war die Eintracht der Maat gestört. Die einzelnen Landesteile machten sich selbstständig, und Bürgerkriege erleichterten es fremden Invasoren vom Land am Nil Besitz zu ergreifen.
So geschah es nach dem Tod des tatkräftigen Königs Dedumose und seiner Söhne. Das Land lag durch eine Folge furchtbarer Plagen brach. Schreckliche Seuchen hatten viele Menschen dahingerafft. Felder blieben unbestellt, und die Deiche wurden nicht mehr instand gehalten.
Der General Neferhotep war mit einer Tochter Pharaos verheiratet. Somit durfte er auf eine steile Karriere hoffen. Er war der Vorsteher der östlichen Königsmauer, die das unkontrollierte Eindringen von Asiaten nach Ägypten verhindern sollte. Die vielen Plagen, Unwetter, Seuchen und Erdbeben, welche in kurzer Zeit das Land überzogen hatten, waren den Ägyptern und so auch dem General in dieser Heftigkeit bisher unbekannt. Schon viele Tage hatte der General keine Anweisungen aus der Kanzlei Pharaos erhalten. Weitaus schlimmer war das Ausbleiben von Versorgungsgütern für seine Soldaten. Würde nicht unverzüglich Nachschub kommen, müsste der General die Truppen aus den Befestigungen abziehen. Nur noch einen Tag wollte er ausharren.
Als seine Gebete an die Götter nicht erhört wurden, schickte er am Abend des folgenden Tages zu den Kommandanten der einzelnen Stützpunkte den Befehl, sich mit allen noch verbliebenen Männern im Hauptquartier einzufinden. Vor den angetretenen Soldaten versuchte General Neferhotep seine Unsicherheit zu verbergen, was ihm nicht ganz gelang. Seine Hände zitterten, als er anfing eine Rede zu halten. Er stützte sich auf seinen Stab, musterte Offiziere und Soldaten, bevor er begann: „Männer, seid stolz auf Ägypten! Unser göttlicher Pharao Djedhotepre Dedumose, er lebe, sei heil und gesund, lässt euch sagen, wie sehr er mit dem Eifer seiner Soldaten zufrieden ist, die hier in der Wüste die elenden Sandbewohner abhalten, in unser reiches Land einzufallen. Nun ruft uns die Majestät nach Auaris, seine Herrlichkeit zu schauen. Schon Morgen, in aller Frühe werden wir marschieren.“
Der General blieb noch einen Augenblick stehen, um die Reaktion seiner Soldaten zu ergründen. Dann befahl er seinem Stellvertreter Nehesy die Männer wegtreten zu lassen.
Als die Soldaten ihre Quartiere bezogen hatten, blieb Oberst Nehesy zurück. „Herr, ich weiß, es ziemt sich nicht danach zu fragen, was dich bewegt hat, ohne Botschaft von Pharao die Soldaten abzuziehen. Doch ich trage deine Entscheidung mit. Bleibt die Verpflegung aus, dann wird der Hunger auch die letzten verbliebenen Soldaten zu Flucht bewegen. Was mich betrifft, bitte ich dich darum, mir Urlaub zu gewähren. Ich möchte mich zurück nach Xois, auf das Gut meiner Eltern, begeben. Die Ländereien hat einstmals der Pharao Nehesy, der Herr über das Nildelta war, meinem Urgroßvater geschenkt. Aus Dankbarkeit haben mir die Eltern den Namen unseres Gönners gegeben. Meine Frau lebt auf dem Gut und erwartet dort ihr erstes Kind.“
General Neferhotep nickte. „Die verbliebenen Soldaten kann ich mit meinen Offizieren auch gut ohne dich nach Auaris führen. Gehe hin zu deiner Frau. Nimm dir ein paar Soldaten mit, und halte dich bereit, falls du gerufen wirst.“
Neferhotep hoffte, in Auaris Pharao zu treffen, der sich sehr oft in der Festungsstadt aufhielt. Der Marsch dahin wurde beschwerlich. Viele Dörfer lagen brach, von ihren Bewohnern verlassen. Dämme und Kanäle befanden sich in einem erbärmlichen Zustand, und die verbliebenen Menschen hatten nichts zu essen. Um die Versorgung der Soldaten zu sichern, musste er den Bauern das Wenige, das sie noch hatten, wegnehmen.
Als der General mit seiner Truppe vor den Toren der Stadt ankam, war er sehr verunsichert. Die Tore standen offen, aber keine Wachen waren da, um den Einlass zu kontrollieren. Ein Geruch von Verwesung schlug ihm entgegen. Viele Häuser waren beschädigt, einige zerstört. In mehreren Bezirken hatten Brände gewütet. Neferhotep ließ augenblicklich Gefechtsbereitschaft herstellen. Er fürchtete Fremde könnten die Stadt überfallen haben. Dann erschienen zwei Kinder. „Sind Raubbanden in Auaris eingefallen? Was ist da geschehen, dass die Stadt so verwahrlost darnieder liegt? Los, sagt mir schon, was passiert ist! Ich bin ein General Pharaos“, wandte er sich an den älteren Jungen.
„Du musst weit weg gewesen sein, dass du nicht weißt, welch schreckliches Unheil über uns gekommen ist. Unsere Eltern, alle sind gestorben. Es gab Erdbeben, Hagel und Heuschrecken. Alle Menschen wurden krank. Wir hungern. Die Lebenden sind abgehauen.“
Neferhotep erschrak wegen dieser Auskunft. Seine Frau und sein Sohn lebten im Palast. Er vergaß seine Vorsicht und rannte zum Palast. Wenigstens dort hielt man die Pforte verschlossen. Ein Wächter kam, um ihn einzulassen. Der General rannte weiter zur Terrasse. Dort fand er zu seiner Erleichterung seine Frau Iput und den kleinen Sohn. Überglücklich nahm er den Kleinen auf den Arm und küsste seine Frau. „Was ist hier geschehen? Welcher furchtbare Gott war der Stadt und seinen Bewohnern nicht wohlgesonnen? Sag mir doch, wo ist seine Majestät, Pharao Djedhotepre Dedumose, dein Vater?“
Seine Frau begann zu schluchzen. „So hast du gar nichts mitbekommen? Das ganze Übel, welches über Ägypten kam? Es war schlimm. Alles begann damit, dass ein Priester der israelitischen Sippen mit der Forderung kam, seine Verwandten aus Ägypten ziehen zu lassen. Vater war doch immer ein kraftvoller Regent. Die aufsässigen Gaufürsten hat er gezüchtigt und die Landesgrenzen wieder sicher gemacht. Doch als dieser alte Mann, Moses, ein Prophet seines Volkes erschien, kam es mir vor, als freue sich Pharao darüber. Voller Ehrfurcht sprach er von den Heldentaten des General Moses, der an der Spitze des ägyptischen Heeres alle Fremdvölker besiegt hatte. Mein sonst so gestrenger Papa, er lächelte, wenn er Anekdoten aus seiner Jugendzeit erzählte, und Tränen standen in seinen Augen. Moses war sein großes Vorbild, die beiden haben gemeinsam viele Abenteuer bestanden. Vater hat den Wesir fortgeschickt, als dieser vorschlug, Moses zu töten. Mir wurde bewusst, Pharao, der Gott Ägyptens, ist auch nur ein Mensch. Jeder andere hätte wegen Beleidigung der Majestät sterben müssen! Doch da gab es offenbar etwas, das wir wohl nie erfahren werden“
„Wo ist unser Herr, der Pharao? Ist er nach Itaui gegangen, oder führt er Krieg gegen Feinde Ägyptens? Ich habe sehr lange Zeit keine Befehle und Nachrichten bekommen. Die Versorgung der Soldaten ist ausgeblieben. Was ist geschehen?“ wollte Neferhotep erfahren.
„So weißt du es nicht? Fast zeitgleich mit dem Propheten Moses kamen viele Plagen einher. Mein älterer Bruder starb an einer fremdartigen Seuche. Hm, und schließlich gestattete Pharao den Israeliten zu gehen. Selbst da war immer noch diese Bewunderung, die er dem Moses entgegenbrachte. Nun ja, beide waren alte Männer. Aber Vater war der Gott Ägyptens! Ganz plötzlich ist er eins mit Osiris geworden, er war doch noch ganz gesund? Ach, ich bin verwirrt“, und sie begann zu schluchzen.
„Beruhige dich, ich bin jetzt bei dir. Du wirst sehen, alles wird gut. Nun, wer ist der Nachfolger des guten Gottes Dedumose? Die Eintracht der Maat muss erhalten bleiben. Sollten wir Grund haben uns zu fürchten? Ägypten hat starke Götter. Sie werden uns beschützen.“ Neferhotep sah seine Frau fragend an.
„Nachfolger meines Vaters? Nachdem die Priester den guten Gott mit sich genommen hatten, um ihn auf seine Reise für die Ewigkeit vorzubereiten, hat sich mein Bruder Chonsemweset der Insignien der Macht bemächtigt. Wie du weißt, war er immer sehr aufbrausend und jähzornig. Er wollte es nicht hinnehmen, dass die Sippen der Israeliten so einfach aus dem Land gehen durften. Mit dem gesamten Streitwagenheer ist er ihnen nachgejagt. Als wäre das Land noch nicht genug gestraft, kam ein weiteres Unglück hinzu. Alle Männer, Zugtiere und Wagen sind im Schilfmeer versunken. Niemand kann sagen, was genau geschehen ist. Wegen der vielen Plagen haben die Menschen Auaris verlassen. Vaters neue Frau, dieses Flittchen, sie ist gleich abgehauen, sowie die ersten Unwetter aufkamen. Nun gibt es in Ägypten keinen Pharao“, klärte ihn Iput auf.
„Ich erkenne erst jetzt das ganze Unheil. Weit weg, an der Königsmauer wussten wir lange Zeit nichts von dem Verderben, das ein zürnender Gott gebracht hat. Erst als die Nachrichten aus der Hauptstadt und die Verpflegungslieferungen ausblieben, da bekam ich Angst, es könnte etwas passiert sein. Kann nun noch größeres Unheil über uns kommen?“, drückte Neferhotep seine Furcht aus.
„Nein, Schlimmeres ist uns erspart geblieben. Doch du sollst wissen, wie ich immer noch Ekel empfinde, wenn ich an den Wesir denke, diesem alten Scheusal. Sein hohes Alter hielt ihn nicht davon ab, selbst nach den zwei Kronen zu greifen. Er hat Eunuchen geschickt. Sie kamen und haben mich in seinen Palast gezerrt. Ich sollte seine Frau werden, um ihm die Legitimität zur Herrschaft zu geben. Es war ihm egal, dass ich bereits mit dir verheiratet war. Ich fühlte Angst, ja ich wusste, er würde dir nach dem Leben trachten“
General Neferhotep fasste seinen Dolch. „Wo ist er? Ich werde diesen Schuft eigenhändig in die Unterwelt schicken!“
Seine Frau schluchzte erleichtert. „Das Scheusal lebt nicht mehr. Seine Anmaßung war selbst für den Gott zu viel, der all diese Plagen über Ägypten geschickt hat. Dieser fette alte Wesir hatte auf dem Thron, auf dem nur der Herr der beiden Länder sitzen darf, Platz genommen, um sich huldigen zu lassen. Ich musste neben ihm auf einem Königinnenthron sitzen.“ Die Prinzessin hielt mit ihrer Erzählung inne und atmete tief bevor sie fortfuhr. „In der Wand des Thronsaales war ein Riss, dem niemand Beachtung schenkte. Darin hatten sich Wespen eingerichtet. Das Räucherwerk der Priester hat die Tiere wild gemacht. Sie flogen wie erregt durch den Raum. In seiner Überheblichkeit schlug der fette alte Lustgreis nach einem Insekt. Doch die Wespe war schneller, flog in seinen offenen Mund und stach ihn in den Hals. Er röchelte, es hat nicht lange gedauert, dann hatte ihn der Totengott fest gepackt. Die meisten Anwesenden gingen. Viele schienen erleichtert, waren wohl nur aus Furcht vor dem anmaßenden Wesir gekommen.“
Neferhotep nahm seine Frau in seine Arme. Beide schwiegen eine Weile, hatten die furchtbaren Geschehnisse der vergangenen Wochen verdrängt und waren einfach nur glücklich. Doch sehr bald war der General mit seinen Gedanken zurück in der Realität.
„Wie furchtbar, Ägypten wird auseinanderfallen! Ich sehe, hier können wir nicht bleiben. Die ganze Stadt stinkt. In manchen Häusern liegen noch verwesende Tote. Wer soll da die Dämme instand halten und Ziegel fertigen? Die Sippen der Israeliten, die das bisher gemacht haben, sind nicht den Horusweg gegangen. Alle Wege, die nach Kanaan führen, haben meine Soldaten kontrolliert. Hm, bleibt wohl nur der Zug durch den Sinai. Da kann nur der überleben, der einen guten Führer hat, einen der sich auskennt. Ich denke wir müssen nur warten, bis die Geflüchteten umkehren werden. Wir brauchen sie als Hirten und bei der Fertigung der Ziegel. Ich hätte sie nicht gehen lassen. Komm, wir sollten unser Gut in Buto aufsuchen. Dort lässt es sich gut aushalten“, schlug Neferhotep vor.
„Du sagst, das Land wird auseinanderfallen? Nein, das darf nicht geschehen. Ich bin Iput, die Tochter von Pharao Djedhotepre Dedumose, und du hast nun über meine Blutlinie Anrecht auf den Thron Ägyptens. Es hat bereits vor dir zwei Pharaonen gegeben, die den Namen Neferhotep trugen. Unter deinem Kommando stehen noch viele Soldaten. Niemand wird dir widerstehen können. Wir gehen nach Memphis und weiter nach Itaui. Dein Siegeszug soll dich bis Theben führen!“ rief Iput überschwänglich.
Neferhotep küsste seine Frau. „Du bist genial, meine große königliche Gemahlin. Er ging und befahl einem Offizier, mit der ersten Kompanie seiner Einheit zum großen Thronsaal zu kommen. Er trug dem Oberst auf, ihn zum Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep auszurufen, sobald sich dort alle hochrangigen Beamten eingefunden hätten.
Die Priester und Höflinge waren erleichtert, eine lähmende Ungewissheit war ihnen genommen. Ägypten hatte wieder einen Pharao. Sie huldigten freudig dem Sohn des Re, dem Herrn der beiden Ufer des Nil. Das Gleichgewicht der Maat war wiederhergestellt. Als erster wandte sich der Herr der Geheimnisse des Palastes an Pharao Neferhotep: „Große Majestät, reich an Jahren, Herr der beiden Länder, dessen Herrlichkeit Millionen Jahre dauern wird, als dein ergebenster Diener stehe ich vor dir. Alles Heil soll mit dir sein. Sieh hin, die ganze Dienerschaft huldigt dir. Ich werde dafür Sorge tragen, dass der Vorsteher der Haarschneider kommt, auch der Herr der königlichen Kleiderkammer soll erscheinen, und der Sandalenträger. Sie alle werden da sein, um dich auf den Dienst an den Göttern vorzubereiten. Die Priester werden….“
Hier unterbrach Pharao den Redeschwall des Dieners. „Das Zeremoniell kann warten. Zuerst muss ich das Land einen und meine Macht in beiden Landesteilen anzeigen. Den Dienst an den Göttern sollen stellvertretend die Priester verrichten. Ich werde zu gegebener Zeit nach Heliopolis kommen, um den Göttern ihre Opfer darzubringen. Ihr, meine treuen Diener, dürft gehen. Die Offiziere sollen bleiben.“
Es gab in ganz Ägypten kaum noch Pferde und Streitwagen, so musste das Pharaonenpaar mit ihrer Gefolgschaft auf dem Nil nach Memphis reisen. Der Hohepriester im Heiligtum des Ptah und ebenso sein Kollege des Tempels aus Hierakonpolis, beeilten sich, dem neuen Pharao zu huldigen. Doch dann passierte das Unerhörte. Angekommen vor Itaui, der Hauptstadt Ägyptens, weigerten sich die Wachen ihm die Tore der Stadt zu öffnen.
Der Bürgermeister Itauis erschien, um eine Botschaft zu überbringen, die da lautete: „Der Herr der beiden Länder, seine Majestät Pharao Ini, dem ganz Ägypten untertan ist, fordert euch auf, huldigt dem Herrn der beiden Ufer des Nils. Unterwerft euch dem kraftvollen König, dessen Herrlichkeit Millionen Jahre dauern wird.“
Mit dem Bürgermeister kam auch der Hauptmann Sobekhotep, der Kommandant der Garnison der Hauptstadt. In einem unbeobachteten Moment trat er zu Pharao Neferhotep und flüsterte ihm zu: „Mein Cousin, du bist der Herr Ägyptens und ich dein Diener. Ini hat keine Macht. Ihm fehlt es an Reichtum und an Soldaten. Halte dich mit deiner Truppe morgen in aller Frühe bereit. Dann werde ich dir das nördliche Tor öffnen, und alle Soldaten der Garnison werden dir die Treue schwören.“
Dem Bürgermeister wurde gestattet, unverrichteter Dinge nach Itaui zurückzugehen. Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep lagerte mit seinen Soldaten vor den Toren der Stadt. Wie ihm sein Cousin versprochen hatte, wurde ihm am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang das nördliche Stadttor geöffnet. Neferhoteps Soldaten konnten, ohne auf Widerstand zu stoßen, in die Stadt eindringen. Ini, den erst wenige Tage zuvor einige Priester zum Pharao ausgerufen hatten, konnte sein nacktes Leben retten. Ihm gelang auf einem Kahn die Flucht über den Nil und er wurde nie wieder gesehen.
„Dieser Ini ist schwach, verfügt nicht über Soldaten und auch nicht über Reichtümer, um sie zu bezahlen. Wir werden ihm nicht nachjagen. Irgendwann muss er meine Herrlichkeit anerkennen. Zuerst sollen mich die Einwohner der Hauptstadt als ihren Pharao huldigen“, entschied Neferhotep.
Hauptmann Sobekhotep, Pharaos Cousin, führte die Majestät durch die prächtigen Palastanlagen. Ini hatte Vorräte herbeischaffen lassen, um Brote und Bier an die Stadtbevölkerung verteilen zu lassen. Königin Iput schlug vor, ein großes Fest auszurichten und dazu die Stützen der Macht, die Priester aus den Tempeln, die hohen Beamten und alle Schreiber einzuladen. „Nein, das würden uns die einfachen Leute sehr übel nehmen. Die Menschen mussten zuletzt viel Leid und Hunger ertragen. Wir dürfen keinen Aufruhr riskieren. Es wird so werden, wie es verkündet wurde. Pharao wird seine Untertanen verköstigen. Die Herolde sollen es überall ausrufen, der Herr der beiden Kronen, Sechem Re Seanchtaui Neferhotep wird Brot und Bier an die Bauern und Handwerker verteilen“, befahl die Majestät.
Nun fühlte sich Pharao Neferhotep sicher, dass es niemand mehr wagen würde sein Königtum anzufechten. Ohne große Eile setzte er mit seinem Hofstaat und den Soldaten die Reise nach Theben fort, um sich auch dort huldigen zu lassen. Doch weit gefehlt. Nahe Abydos wurden zwei Männer aufgegriffen, die sich in der Dunkelheit nahe am Lager Pharao Neferhoteps aufhielten. Sie wurden von den Wachen zufällig aufgespürt, weil sich ein Hund ihrem Versteck genähert hatte und anfing zu kläffen. Hauptmann Sobekhotep führte das Verhör der Männer, die zunächst angaben, sie wären Bauern auf der Suche nach einer entlaufenen Ziege. Beide führten sie einen Dolch mit sich, untypisch für einfache Leute.
Inzwischen war auch die Majestät erschienen, um dem Verhör beizuwohnen. Die Verdächtigen blieben selbst bei Androhung der Folter bei ihrer Geschichte, sie wären nur harmlose Bauern. „Zeigt mir eure Hände. Ich werde daran erkennen, ob ihr die Wahrheit sprecht. Dann wird euch nichts geschehen, und ihr dürft zurück zu euren Familien gehen“, sprach Hauptmann Sobekhotep.
Zögernd streckten sie ihm ihre Hände entgegen. Sobekhotep ergriff sie und begutachtete sie sorgfältig. „Henker, schlag diesem da den kleinen Finger ab. Wir wollen sehen, wie lange er bei seiner Lüge bleibt. Das wollen einfache Bauern sein? Nein, Bauern haben keine gepflegten Fingernägel, ihre Hände sind schmutzig!“ rief er und wies auf den rechts neben ihm knienden Mann, den er für den Anführer der beiden hielt.
Der so verstümmelte schrie laut auf. Sein Blut tropfte auf den Boden. Sein Begleiter zuckte zusammen. „Pharaos Macht reicht vom Meer bis zu den Quellen des Nil. Alle Völker leisten ihm Tribut! Auch in Theben leben treue Untertanen seiner Majestät. Wir wissen, wer euch geschickt hat und kennen euren Auftrag. Doch aus eurem Mund wollen wir das Ungeheuerliche hören, dann bleibt euch die qualvolle Folter bis zum Tod erspart! Demjenigen von euch, der als erster alles gesteht, sei sein Leben geschenkt, und nur der andere soll sterben“, bluffte der Hauptmann und blickte zum zweiten der Gefangenen, der auf ihn einen labileren Eindruck machte.
Der beeilte sich sein Leben zu retten und begann ein ausführliches Geständnis abzulegen. „Uns hat seine Majestät, Pharao Menchaure Senaaib, er lebe, sei heil und gesund, geschickt. Wir haben von ihm den Befehl bekommen, seinen Feind aus dem Norden zu töten oder wenigstens Informationen bezüglich der Anzahl der Soldaten, die mit ihm sind, zu bringen. Unser Herr hat mit seinen Soldaten unterhalb Abydos Stellung bezogen, um den, der sich König nennt, aufzuhalten und zu vernichten.“
Pharao Neferhotep fiel es schwer bei solch frevlerischen Worten ruhig zu bleiben. Ein Soldat schlug den Gefangenen mit dem Schaft seines Spießes auf den Rücken, und dieser fiel auf sein Gesicht, sodass seine Nase zu bluten anfing.
„Komm, erhebe dich auf deine Knie und sieh auf! Du bist ein Glückspilz, dir gegenüber sitzt seine Majestät, der Herr der beiden Länder, Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep, er lebe, sei heil und gesund. Er hat dir dein Leben geschenkt, also erwähne nie wieder den Namen des Elenden, der dich geschickt hat, dessen Hochmut bald ein Ende haben wird“, rief Hauptmann Sobekhotep, und die Wachen hoben den Gefangenen auf seine Knie. Auf ein Zeichen des Hauptmanns wurde dem anderen Mitgefangenen die Kehle durchgeschnitten, und man warf ihn auf eine Feuerschale. So war ihm ein Weiterleben in der Unterwelt auf ewig verwehrt.
Pharao Neferhotep war sehr zufrieden. „Du sollst zukünftig ein General sein und der Vorsteher der südlichen Grenze. Senaaib ist nicht mächtiger als es Ini war, aber genauso lästig. Wir wissen nun, was dieser Elende vorhat, der es wagt sich meiner Herrlichkeit zu widersetzen. Ich will ihn überraschen. Übermorgen werden wir seine Sperren erreicht haben. Schickt nach einem geeigneten Mann, der sich hier gut auskennt, damit ein Teil meiner Truppen den Hinterhalt umgehen kann“, befahl Pharao.
„Du hast mich sehr erhöht. Ich werde dich nicht enttäuschen und deine Soldaten an vorderster Front in den Kampf führen. Kein Feind soll es jemals wieder wagen sich deiner Herrlichkeit zu widersetzen“, sagte General Sobekhotep.
Der begnadigte Gefangene witterte seine Chance. „Herr, ich habe die große Herrlichkeit deiner Majestät zu sehen bekommen und werde darüber noch meinen Enkeln erzählen können. Ich stamme von hier und kenne einen Weg, auf dem es möglich ist, die Sperren des falschen Gottes unbemerkt zu umgehen. Man kann ihn sogar in der Nacht gehen. Gib mir die Ehre, die Soldaten führen zu dürfen“, wandte er sich an General Sobekhotep.
„Nehmt dem Gefangenen seine Fesseln ab. Er wird den Soldaten den Weg zeigen. Eine Kompanie Bogenschützen und eine Kompanie Speerträger sollen sofort losgehen. Morgen in aller Frühe sollen sie wie ein Sturmwind den Aufrührern in den Rücken fallen. Führe die Truppe gut, denn noch einmal wird dir seine Majestät einen Verrat nicht vergeben“, entschied der General.
Pharao Neferhoteps Hauptheer griff zwei Tage später die Verteidigungslinie des Senaaib, der ebenfalls den Titel Pharao beanspruchte, an. Dessen Soldaten fühlten sich hinter ihren Schanzen sicher und dachten nicht daran zu weichen. Senaaib erschien auf einem Lehmziegelturm im Königsornat, um die Angreifer zu verhöhnen. Plötzlich schwirrten Pfeile auf die Soldaten hernieder, die seine äußere Flanke bildeten. Die so unvermittelt angegriffenen räumten ihre Stellung und wandten sich zur Flucht. Die Angreifer rückten weiter vor, und einzelne Pfeile trafen die Lehmwand des Turmes, auf dem sich Pharao Menchaure Senaaib eben noch so stolz gezeigt hatte. Er verließ den Turm und wandte sich zur Flucht, obwohl der Kampf noch nicht entschieden war. Seine Soldaten taten es ihm gleich oder ließen sich gefangen setzen, als sie mitbekamen, wie ihr Herr Reißaus nahm.
Pharao Neferhotep hatte einen entscheidenden Sieg errungen und konnte seinen Marsch auf Theben unbehelligt fortführen. Der Hohepriester des Amun im Karnaktempel und die ganze weitere Priesterschaft huldigten ihm als Herrn der beiden Ufer des Nil, der die beiden Länder befriedet hatte.
Pharao beschloss eine Weile in Theben zu bleiben und eine ihm ergebene Verwaltung in Ägypten aufzubauen. Sein Arbeitstag begann früh am Morgen und dauerte bis in die Abendstunden. Da war der Besuch der Tempel, und die Bevölkerung verlangte die Majestät bei verschiedenen Götterprozessionen zu sehen. Aber noch wichtiger war das Einsammeln von Informationen bezüglich der angespannten Lage an den Grenzen und in den verschiedenen Landesteilen. Dazu hörte er täglich die Berichte, die ihm Beamte, Priester und Händler zutrugen. So erfuhr er von dem Vorrücken der Nubier ganz im Süden des Landes.
Pharao Neferhotep übertrug seinem Cousin Sobekhotep das Wesirat Oberägyptens. „Du hast bewiesen, dass du meine tapferen Soldaten gut führen kannst. Um die Feinde an unserer südlichen Grenze zurückzudrängen, sind Diplomatie und militärische Stärke notwendig. Vermeide risikoreiche Schlachten. Meine Armee muss ihre Kampfkraft behalten. Ich traue nicht allen Gaufürsten. Falls es zu einem Aufruhr kommt, muss ich ihn schnell beenden können. Beherzige meine Worte gut“, trug ihm die Majestät auf.
„Das Amt ist mir Ehre und Bürde zugleich. Ich will es immer zu deiner Zufriedenheit ausüben. Ich bitte dich, führe mir noch mehr Soldaten zu, denn die Feinde aus Nubien sind sehr hartnäckig. Bisher hatten sie große Furcht vor den ägyptischen Streitwagen. Aber dieses Streitwagenheer gibt es nicht mehr. Da sind nur noch drei Gespanne im Amuntempel. Und ich weiß von noch einer weiteren Gefahr. Informanten haben mir berichtet, unser Feind Senaaib, den deine Stärke besiegt hat, hält sich weiterhin in Theben versteckt“, erklärte ihm der Wesir.
„Den elenden Senaaib fürchte ich nicht. Viel wichtiger ist die Sicherung der Grenze im Süden. Du sollst für den Feldzug gegen die frechen Nubier gut gerüstet sein. Wir holen die Streitwagen des Tempels. Die Priester werden verstehen, dass wir auch ihren Reichtum verteidigen. Lasse die Streitwagen voranfahren, um den Feind zu schrecken. Nutze den Überraschungseffekt“, sagte Pharao.
Wesir Sobekhotep benötigte nur wenige Tage Vorbereitung, um mit seiner Armee den Vorstoß zur südlichen Landesgrenze anzutreten. Er hatte einige Kundschafter vorangeschickt, die den Aufenthaltsort und die Stärke der nubischen Krieger ausspähen sollten. So bekam er sichere Informationen über deren Vormarsch bis vor die Königsstadt Nechen. Die Ägypter rückten in Eilmärschen vor. Der Wesir wusste, ein Gegner, der mit Plündern beschäftigt ist, kann einem plötzlichen Angriff keinen organisierten Widerstand entgegenbringen. Die Überraschung gelang. Ein Trupp nubischer Krieger, die dabei waren, ein Gut zu plündern, konnte überrumpelt werden, und am Abend standen Pharaos Soldaten vor Nechen.
Der Anführer der Invasoren war sehr erschrocken. Er hatte wohl nicht mit so vielen ägyptischen Soldaten gerechnet. Nun versuchte er durch Verhandeln Zeit zu gewinnen. Dem Wesir Sobekhotep kam das sehr gelegen. Die Ägypter waren schon immer Meister der Täuschung. Der Wesir schlug einen Ort vor, der ihm passend erschien, um persönlich mit dem nubischen Fürsten zu sprechen.
„Wir wissen, wie schwach Ägypten ist. Pharao Dedumose ist tot, und Ägypten ist verwaist. Lass uns hier Frieden schließen. Ohne eure schnellen Streitwagen könnt ihr uns nicht mehr schrecken. Rückt nicht weiter vor, und wir werden auch nicht tiefer in Ägypten eindringen“, schlug der Nubier vor.
Auf ein geheimes Zeichen Sobekhoteps fuhren drei Streitwagen vorbei. „Seine Majestät, Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep, der Herr der beiden Länder folgt mit seinem Streitwagenheer nach. Ich brauche nicht abwarten, bis er eintrifft. Mein Heer ist gut gerüstet. Die Soldaten sind kampferprobt. Ihr werdet morgen früh sehen, wie stark Ägypten ist. Dann werden auch die mykenischen schwergerüsteten Söldner eingetroffen sein“, bluffte er.
Der nubische Fürst lächelte, um Stärke zu zeigen. Doch Sobekhotep erkannte an seinen unruhigen Augen, wie verunsichert er war. Eine Weile saßen sich die beiden Männer schweigend gegenüber. Der Nubier brach als erster das Schweigen. „Wir waren immer treue Verbündete Ägyptens und wollen es auch weiterhin bleiben. Gib uns drei Tage, dann werden wir zurück nach Nubien gehen.“
„Ihr habt keine drei Tage. Morgen früh werden wir kommen und viele Gefangene machen. Ihr seid als Arbeiter auf den Feldern Ägyptens sehr willkommen. Die vielen Gefangenen werden mir Ruhm und Reichtum bringen. Ich lasse dir noch eine Chance, straffrei umzukehren. Wenn ihr mir morgen in aller Frühe, sobald der Sonnengott aus der Unterwelt emporgestiegen ist, all euer Gold abliefert, gebe ich euch einen Tag, um ungestraft zu euren Dörfern zurückzukehren. Ich werde mit meiner Armee nachrücken, und diejenigen, die ich einhole, werden als Gefangene nach Ägypten gehen. Und glaube mir, das ist nicht nur eine Drohung!“, erklärte der Wesir. Er tat so, als wollte er noch etwas sagen, als ein Hauptmann erschien und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
„Herr, ich soll dir melden, Pharaos Armee ist nicht mehr weit. Die Majestät kommt mit vielen Soldaten“, der Offizier tat so, als solle die Meldung nur der Wesir hören, gab aber acht, dass ihn auch der fremde Fürst gut verstehen konnte.
Der nubische Fürst flüsterte einen seiner Diener ebenfalls etwas ins Ohr und schickte ihn weg. Dann sagte er: „Du sollst sehen, wie ernst es uns ist, mit dem starken Ägypten in Frieden zu leben. Sieh doch, wir haben seit Generationen immer Männer gestellt, die als gute Soldaten in Pharaos Armee gedient haben. Und es erfüllt uns mit Stolz, Freunde seiner Majestät, des großen Pharao Neferhotep, sein zu dürfen. Morgen früh, bevor wir zurück in unsere Dörfer gehen, werden wir kommen, um dem Herrn der beiden Länder das Gold Nubiens zu bringen.“
So wurde zum Vorteil beider Völker ein großer Krieg verhindert. Die Ägypter rückten den sich zurückweichenden Nubiern nach, ohne ihnen zu nahezukommen. Der Wesir beschloss, mit den Soldaten noch ein paar Tage vor dem zweiten Katarakt zu lagern, um den Aggressoren eine nicht vorhandene Stärke Ägyptens vorzugaukeln. Bis zur Festung Buhen vorzurücken und ihre Mauern wieder zu bemannen, wagte er nicht.
Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep hielt weiterhin Hof in Theben. Er besetzte wichtige Positionen im Land mit vertrauten Leuten aus seiner Umgebung. Er ließ den Königspalast erweitern und nicht nur das, auch der königliche Harem wurde größer, was seiner Königin missfiel.
„Was sollen all diese Mädchen? Du kränkst mich, bin ich dir nicht genug!“, schalt sie ihren Gemahl.
„Meine Liebe, du bist die große königliche Gemahlin. Durch dich bin ich der legitime Pharao geworden. Keine andere Frau ist dir ebenbürtig, und es wird nie eine geben, die deinen Platz einnehmen könnte. Doch ich bin der Herr der beiden Länder, der die beiden Kronen trägt und muss das den Großen, den Priestern, Fürsten und Prinzen zeigen. Dazu gehört auch der große Harem“, konnte er seine Frau beschwichtigen.
Königin Iput gefiel es Feste zu feiern, auf denen sie auch die Meinung der Priester und Beamten bezüglich deren Loyalität gegenüber Pharao ergründen konnte. Die große königliche Gemahlin war mit dem, was sie zu hören bekam, zufrieden. Sie ging zu ihrem Gemahl und sagte: „Ich bin sehr glücklich darüber, wie es dir gelungen ist, die Herzen unserer Untertanen zu erreichen. Deine Macht ist gefestigt. Doch ich habe auch großes Verlangen unseren Sohn Senebkay bei uns zu haben. Schicke Boten nach Itaui zu meiner Mutter. Sie möge mit unserem Kind hierherkommen.“
Neferhotep war gleicher Meinung, und da er noch einige Zeit in Theben bleiben wollte, sandte er Diener zu seiner Schwiegermutter nach Itaui.
Der besiegte Senaaib schien wie vom Erdboden verschwunden. Pharaos Häscher konnten ihn nirgendwo auffinden. Tatsächlich hielt er sich noch in Theben auf. Einer seiner Brüder war zweiter Prophet im Tempel des Mondgottes Chons. Eines Tages erschien dieser Priester zur Audienz und wurde zur Majestät vorgelassen. „Herr der beiden Länder, dem die beiden Ufer des Nil untertan sind, du bist der wahre Sohn des Sonnengottes. Auch der mächtige Gott Chons möchte dich begrüßen und nur dir seine Geheimnisse mitteilen. In zwei Tagen erscheint der Gott in voller Größe am nächtlichen Himmel. Komme dann in seinen Tempel. Ganz allein, nur dich will er in seinem Allerheiligsten empfangen“, sprach der verräterische Priester.
Pharao Neferhotep fühlte sich in Theben sehr sicher. Zur ausgemachten Zeit ging er mit seinen Wachen zum Tempel des Mondgottes. Chons dominierte die Nacht in voller Größe. Vor dem Allerheiligsten ließ die Majestät seine Leibgarde zurück und begab sich allein in den geheimen Raum. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel. Er hörte ein Geräusch und sah sich um. Aus einer Nische trat ein Mann hervor. War das etwa der Gott selbst? Doch der Fremde zückte einen Dolch und schrie: „Hier wirst du sterben, du Feind Ägyptens. Du sollst wissen, es ist Senaaib, der dir den Todesstoß bringt, um dann für immer auf dem Thron des Sonnengottes zu sitzen!“
Pharao zog ebenfalls seinen Dolch, um den Angriff abzuwehren. Ruhig wartete er ab, wie sein Gegner auf ihn losstürmte, wich aus und stieß ihm seinen Dolch in die Brust. Der tödlich getroffene sackte auf seine Knie und ritzte noch im Fallen mit seiner Waffe Pharao Neferhoteps Oberschenkel. Die Klinge durchtrennte eine Schlagader. Noch eine Weile stand der Herr der beiden Länder aufrecht und versuchte das Ausströmen des Blutes zu stoppen. Vergeblich, nicht lange, und auch er trat die Reise zu seinen Vorgängern an.
Als die Männer der Leibgarde, vom Kampflärm alarmiert, in den geheimen Raum eintraten, lag seine Majestät bereits reglos in einer Blutlache auf dem Boden. „Bringt mich in den Palast, zu meiner Frau“, röchelte er, bevor er ganz verstummte.
Königin Iput nahm gerade ein Bad, als ein Unteroffizier der Palastgarde, völlig außer Atem erschien und rief: „Herrin, Herrin, es ist ein großes Unheil geschehen! Seine Majestät, er der die beiden Länder befriedet hat, Pharao wurde ermordet!“
Gänzlich unbekleidet rannte die große königliche Gemahlin zum Thronsaal, wo man den guten Gott auf eine Liege gebettet hatte. „Nein, es darf nicht sein! Warum hat man mir das angetan? Wer konnte es wagen, den Sohn des Sonnengottes zu töten, meine Liebe!“, rief sie und brach in Tränen aus. Sie küsste noch einmal den Mund ihres Gemahls, dann sprach sie: „Ich will Rache, findet den Mörder und bringt ihn hierher. Ich will ihm jeden Fetzen seiner Haut abziehen! Er soll leiden. Für ihn darf es kein Weiterleben in der Unterwelt geben!“
„Meine Königin, neben seiner Majestät lag noch ein Mann. Er war nicht mehr bei den Lebenden. Pharaos Dolch steckte in seiner Brust“, sagte der Unteroffizier.
„Dann ist Pharao wie ein starker Stier gestorben. Er wird immer in meinem Herzen bleiben, bis wir vereint bei den Göttern sein dürfen. Geht und holt seinen Mörder. Er muss für alle Zeit ausgelöscht sein. In der Feuerschale soll er brennen, bis sein Körper und Geist vergangen sind“, befahl Königin Iput.
Die Wachen gingen, um ihren Auftrag auszuführen. Doch so sehr sie auch alle Räume im Tempel des Chons absuchten, sie konnten den Leichnam des Täters nicht finden. Auch der von Pharao Neferhotep vertriebene Vorgänger Senaaib hatte noch treue Unterstützer, die ihm ein königliches Begräbnis ermöglichten.
Die Königin schluchzte: „Auch meine Rache wollen sie mir nehmen. Es müssen Priester und Vornehme sein, die meine Feinde sind. Ich will sie sehen, will wissen, wem ich nicht trauen kann, wer mir übel gesinnt ist. Sie wissen, dass nur wenige Soldaten bei mir sind. Aber sie sollen sich in mir getäuscht haben. Geht und ruft sie alle zusammen. Morgen will ich Thebens Elite im Thronsaal sehen!“
Die Männer von Pharaos Palastgarde hatten sich neben der großen königlichen Gemahlin aufgestellt, als die Würdenträger Thebens vor ihr erschienen. An ihrer Spitze der Hohepriester des Amun. Sie alle fielen vor Königin Iput auf die Knie, und sie erlaubte es den Anwesenden erst nach einer Weile sich erheben zu dürfen.
„Große Königin, Herrin Ägyptens, wir alle trauern tief und empfinden mit dir. Pharao Neferhotep, der die beiden Länder geeint hat, er, der Sohn des Sonnengottes, hat unser aller Herzen sehr berührt. Wir alle wissen, der gute Gott wird uns immer wohl gesonnen bleiben. Wir stehen hier vor dir, du bist unsere große Königin“, sprach der Hohepriester des Amun.
„So schwört mir eure Treue, ich will als Regentin für Pharaos und meinen Sohn die Geschicke des Reiches lenken. So wie in mir, fließt auch in meinem Sohn das Blut des mächtigen Pharao Dedumose, der mein Vater war“, gab Iput den Anwesenden zu verstehen.
„Große Herrin, der du an Vollkommenheit der Isis gleich bist, du wirst immer eine Königin Ägyptens sein, und wir alle sind deine Diener. Doch sieh ein, wir müssen auch an das Wohl der beiden Länder denken. Da sind viele Gefahren für das Reich. Wir, die Vornehmen Ägyptens, müssen uns erst beraten, wie es weitergehen soll. Unsere Trauer, aber auch unsere Verantwortung ist sehr groß“, gab ihr der Hohepriester zu verstehen.
Iput konnte nur schwer einen Wutanfall unterdrücken. Aus den ausdruckslosen Minen der Anwesenden konnte sie nicht erkennen, wer auf ihrer Seite stand und wem sie nicht trauen durfte. Diese Heuchler, dachte sie, die wollen mich am liebsten loswerden. Aber ich werde kämpfen, und sie antwortete den Anwesenden: „Ich schätze eure Loyalität und sehe sehr wohl, wie sehr ihr um Ägypten besorgt seid. Nehmt euch Zeit und wägt gut ab, was das Beste für das Land ist.“ Ohne etwas erreicht zu haben, entließ sie alle Priester und die Beamtenschaft.
Die Königin eilte in ihre Privatgemächer, um ihre weiteren Schritte zu überdenken. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie hatte Angst. Ihr wurde bewusst, dass sie schnell und entschlossen handeln musste, um ihren Widersachern Paroli zu bieten. Sie atmete tief durch und befahl einer Dienerin den Hauptmann der pharaonischen Leibwache zu rufen. „Pharao Neferhotep hat dich immer sehr gemocht. Deinen Mut und deine Treue hat die Majestät sehr geschätzt. Genauso vertraue ich jetzt auch dir. Bestimme ein paar zuverlässige Männer und schicke sie zum Wesir, der mit Ägyptens Soldaten Nubien befriedet. Sie sollen ihm berichten, was geschehen ist. Er möge sich sofort zu mir begeben“, trug sie ihm auf.
Wesir Sobekhotep befand sich mit seiner Armee bereits auf dem Rückmarsch, als die Boten mit der schlechten Nachricht bei ihm eintrafen. Mit dem Boot erreichte er noch zwei Tage vor seinen Soldaten Theben. Er begab sich sofort unauffällig zur Königin, denn er wusste, in so einer unüberschaubaren Situation war auch sein Leben gefährdet.
„Große Herrin Iput, dein Diener ist gekommen, wie du es befohlen hast. In dieser schwierigen Lage will ich dir Beistand und Schutz geben. Auch ich bin tief betrübt, denn Pharao Neferhotep war mein Cousin“, eröffnete er der Königin.
„Ich weiß, wie sehr ich dir vertrauen kann. Doch ich habe erfahren müssen, dass nicht alle Priester und nicht alle Beamten hier in Theben mir so wohlgesonnen sind, wie ich es mir erhofft hatte. Die edlen Herren verweigern mir und meinem Sohn die Gefolgschaft. Ihre Argumente sind fadenscheinig. Sie denken nur an ihren Vorteil.“ Hier unterbrach der Wesir den Redeschwall der Königin. „Große Herrin, durch dein königliches Blut wird die Pharaonenwürde weitergegeben, so wie es einstmals Horus bestimmt hat. Pharao Dedumose war dein Vater, der mit Umsicht und Stärke die widerspenstigen Gaufürsten zum Gehorsam zwang und auch die Grenzen des Reiches wieder sicher gemacht hat. Doch die vielen Plagen, die von einem fremden Gott über das Land ausgeschüttet wurden, haben es ihm schwer gemacht, Ägypten zu regieren. Höre, wie wir alle Macht im Land behalten werden. Ich will dich zur Frau nehmen. Du sollst meine große königliche Gemahlin sein. Gemeinsam wollen wir regieren.“
„Waaas, du erstaunst mich sehr. Noch ist meine Trauer nicht vergangen. Mein Gemahl, der gute Gott Neferhotep hat noch nicht sein Haus für die Ewigkeit bezogen. Da schickt es sich nicht, einen neuen Mann zu nehmen.“
„Ich weiß, mein Antrag ist verwegen. Doch es ist nicht nur das Streben nach der Herrschaft, deine Anmut ist immer noch der Isis gleich. Du bist ein Traum für jeden Mann. Du hast einen kleinen Sohn, Enkel des Pharao Dedumose. Ich habe zwei Töchter. Wenn wir eine mit deinem Sohn vermählen, wird unsere Dynastie anhalten. In dieser Situation dürfen wir nicht zögern. Wenn sich der Tod Pharaos bis zu den Grenzen und in alle Landesteile herumspricht, wird es so mancher Gaufürst wagen selbst nach der Doppelkrone zu greifen. Nubier und Libyer werden ihre Raubzüge starten. Dem wollen wir vorbeugen. In zwei Tagen wird meine Armee zurück in Theben sein, und alle Würdenträger müssen dann unsere Macht anerkennen. Ägypten wird wieder mächtig sein“, erklärte ihr der Wesir.
Königin Iput ließ sich auf den Pharaonenthron nieder, um nachzudenken. „Du hast recht. Wenn die Soldaten hier sind, werden wir alle Großen einbestellen. Sie werden angekrochen kommen, damit sie uns huldigen dürfen.“
Die thebanischen Würdenträger waren überrumpelt. Sie mussten lange im Staub vor dem neuen Pharaonenpaar liegen. In Anbetracht der starken Streitmacht, über die seine Majestät verfügte, wagte es niemand aufzubegehren. Wie schon einmal vor etlichen Jahren, als dem mächtigen Chasechemre Neferhotep der noch mächtigere Chaneferre Sobekhotep nachfolgte, trug nun Maare Sobekhotep die Doppelkrone Ägyptens als Nachfolger des Sechem Re Seanchtaui Neferhotep.
„Wie gedenkst du das Reich zu regieren? Wie können wir unsere Herrschaft in allen Gauen Ägyptens festigen? Wohin wir uns auch begeben werden, es müssen immer viele Soldaten mit uns kommen. Ist es zuerst die Grenze im Süden, oder werden wir die Macht der Gaufürsten im Norden beschneiden müssen?“, wollte Königin Iput wissen.
„Wir bleiben noch so lange in Theben, bis niemand mehr wagen wird sich unserer Herrschaft entgegenzustellen. Die Verwaltung muss organisiert werden, die Dämme und Kanäle sind zu reparieren, und ein Wesir muss ernannt werden. Ich will auch mehr Soldaten ausheben, um noch einmal mit einer starken Armee nach Süden, bis zum zweiten Katarakt, zu marschieren. Ich weiß nur zu genau, wie sehr die Nubier auf eine günstige Gelegenheit warten, um neue Raubzüge zu beginnen. So einfach werden sie sich nicht noch einmal einschüchtern lassen. Ägypten muss wieder eine Streitwagentruppe haben, nur dann können wir fremde Invasoren wirksam aufhalten. Ich werde mich auch darum sorgen müssen. Es gibt so viel zu tun. In Abydos will ich den Platz auswählen, an dem mein Königsgrab entstehen soll“, erklärte ihr Pharao Maare Sobekhotep.
Während sich seine Majestät um die Verwaltung des Landes und die Aushebung neuer Soldaten kümmerte, frönte die große königliche Gemahlin wieder ihrer alten Leidenschaft, sich ihren Vergnügungen hinzugeben und wilde Feste zu feiern. Schließlich stand Pharaos Armee abmarschbereit. Da trafen aus dem Nildelta Kaufleute mit ihren Waren in Theben ein.
Iput ging mit ihren Dienerinnen und Wachen zum Markt, um zu schauen, welche Luxusgüter die Händler anzubieten hatten. Neben Stoffen, Wein aus Syrien, Parfüms und Schmuck, fiel ihr ein Skarabäus mit der Widmung eines Pharao Aasehre Nehesy auf. Erstaunt befragte sie die Fremden, welche Bewandtnis es damit hätte.
„Hohe Herrin, weißt du denn nicht, dass in seiner Hauptstadt Xois der Herr der beiden Ufer des Nil, Pharao Aasehre Nehesy aufgestiegen ist, um über ganz Ägypten zu herrschen. Seine Mutter ist die große Herrin Tati. Vor nicht gar zu langer Zeit war schon einmal einer seiner Vorfahren, der ebenfalls Nehesy hieß, ein Mächtiger, dem das Nildelta untertan war.“
Ohne etwas zu erwidern, kaufte die Königin den Skarabäus mit der Widmung des Pharao Nehesy und eilte damit zurück zum Palast, um ihren Mann von dem unerwarteten Ärgernis zu berichten. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit“, eröffnete sie ihm. „Da wagt es dieser Nehesy sich ein König zu nennen. Du musst deine Kriegspläne sofort ändern und mit dem Heer aufbrechen, um den falschen König zu verjagen!“
Seine Majestät blieb gelassen. „So etwas ist lästig. Doch das soll uns nicht erschüttern. Ich werde meine Planung nicht ändern. Die Sicherung der südlichen Grenze gegen die nubischen Häuptlinge ist wichtiger. Der König im Nildelta ist für uns keine Gefahr. Er muss sehr darauf bedacht sein, die Libyer aus seinem Machtbereich fernzuhalten. Die Königsmauer nach Kanaan ist ebenfalls nicht mehr bewacht. Damit ist auch diese Grenze verwundbar. Ich werde den Wesir nach Memphis schicken und die Garnison dort verstärken. Wenn die Zeit reif ist, wird meine Armee das Delta befrieden und das Land einen.“
Die Königin stieß Flüche aus. „Nein, ich will nicht untätig bleiben. Der Elende soll leiden! Ich werde den Magiern befehlen, dass sie aus Wachs ein Krokodil fertigen sollen. Sie sollen ihm die stärksten Zauberformeln mitgeben wenn sie es in den Nil werfen. Als Ungeheuer soll es bis Auaris schwimmen und den Verruchten verschlingen.“
Irgendwann beruhigte sich die Königin wieder. Sie fand Ablenkung, als ihr Sohn Senebkay eintraf. „Dein Sohn soll auch mein Sohn sein. Es ist gut, dass er hier ist. Er soll Fürst in Abydos sein. Wir werden dort einen Palast für ihn errichten. Das festigt unsere Macht“, erklärte Pharao.
Sechem Re Seanchtaui Neferhotep fühlte sich nun stark genug, um aufbegehrende Gaufürsten und den Gegenkönig im Nildelta zu unterwerfen. Er ließ zusätzliche Soldaten ausheben und verfügte bald über eine ansehnliche Streitmacht. Pharao beratschlagte ausführlich mit seinen Generälen einen Schlachtplan, der ihm die alleinige Herrschaft in Ägypten sichern sollte. Dann weihte er die Königin in seine Pläne ein. „Ich will die Soldaten zuerst noch einmal an die Grenze zu Nubien führen, nur als Drohung an die dortigen Häuptlinge. Das wird sie schrecken und ihnen ihre Raublust nehmen. So haben wir den Rücken frei und können die Armee zum Nildelta führen und das Land einen.“ Seine Strategie war gut durchdacht und hätte sicherlich erfolgreich sein können.
Doch der Niedergang der einstigen Weltmacht ließ sich nicht aufhalten. Das Chaos hatte in Ägypten die Oberhand gewonnen. Die im östlichen Nildelta lebenden Israeliten waren aufgebrochen, um das gelobte Land zu finden. Die Grenzmauern nach Kanaan und die Festungen an der Grenze zu Nubien blieben unbemannt. Im Nildelta und in der südlichen Landeshälfte versuchten gleichzeitig mehrere Fürsten die Doppelkrone Ägyptens für sich zu gewinnen. Sie alle besaßen nur wenig Macht und durften sich immer nur für eine kurze Zeit ihrer Herrschaft erfreuen, bis ein anderer kam, um den Vorgänger zu verdrängen. Auch dem letzten Regenten, der den berühmten Namen Sobekhotep trug, blieb keine Zeit, seine großen Ziele zu verwirklichen. Er blieb im Kampf unbesiegt. Aber Malaria macht auch vor einem Sohn des Sonnengottes keinen Halt.
Exodus
Nachdem sie das Schilfmeer durchquert hatten, und Pharaos Streitwagentruppe, von einer plötzlich einsetzenden Flut überrascht, verschlungen wurde, konnten die von Moses angeführten Menschen unbehelligt den Weg durch den Sinai nehmen. Da waren an den Grenzstationen keine ägyptischen Soldaten, keine Beamten mehr. Die hatten alle die unwirtliche Region verlassen. Keiner wollte in der Fremde sterben.
Die israelitischen Männer, die noch vor nicht allzu langer Zeit für den ägyptischen Staat Nilschlammziegel fertigen oder Dämme reparieren mussten, die als Wüstenpolizisten die Grenze zu bewachen hatten oder nur einfache Hirten waren, ließen es locker angehen. Mit ihren Frauen, Kindern und Herden zogen sie ungeordnet durch die für sie fremdartige Landschaft, die keinen Fehler verzieh, wollte man hier überleben.
Ihr Anführer Moses ärgerte sich sehr über den desolaten Zustand, mit dem seine Landsleute unbekümmert, immer weiter in die lebensfeindliche Welt des Sinai vorrückten. Daher rief er eines Abends die Oberhäupter der einzelnen Sippen zusammen, um ihnen Ratschläge zu erteilen, wie man den weiten Weg in das gelobte Land bewältigen könnte.
„Ich mache mir Sorgen darüber, dass es viele meiner Landsleute nicht schaffen werden, den weiten Weg, den wir noch vor uns haben, zu gehen“, eröffnete er ihnen. „Hunger, Durst und Kälte werden unsere ständigen Begleiter sein. Feindliche Stämme werden uns den Weg versperren und nach unserem Hab und Gut verlangen. Das Volk muss lernen zu kämpfen. Denn dort, wo es sich gut leben lässt, wird man uns nicht mit offenen Armen empfangen.“
„Lass ihnen doch ihre Unbekümmertheit, ihre Freude über die gewonnene Freiheit. Sieh doch, hier sind keine ägyptischen Beamten, keine Steuereintreiber. Niemand kommt, die Männer zur Fertigung der Nilschlammziegel zu holen. Da verlangst du, sie sollen lernen in Reih und Glied zu fechten? Die Kinder müssen sich vor keinem Krokodil und keinem Nilpferd fürchten. Was soll ihnen da schon geschehen?“ widersprachen ihm einige der Ältesten.
Moses ließ nicht locker. „Das versprochene Land wird euch nicht in den Schoß fallen. Ich sage es euch noch einmal, ihr werdet darum kämpfen müssen. Doch vielleicht müsst ihr euch schon zuvor wehren, wenn euch feindliche Stämme den Durchzug durch ihr Gebiet verweigern und eure Herden rauben wollen.“
Die Sippenchefs wurden bei diesen Vorhaltungen nachdenklich. Als sie gingen, bat Moses zwei hoch angesehene Männer, Jefunne und Nun, zu bleiben. „Ja Herr, hier stehen wir vor dir. Wie können wir dir zu Diensten sein?“, sagte Jefunne.
„Zuallererst, indem ihr die Anrede Herr weglasst. In meinen Adern fließt genauso das Blut der Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Meine leibliche Mutter war Jokebed, die Tochter Levis. Mein Vater Amram war ein Sohn Kehats. Mirjam ist meine Schwester und Aaron mein Bruder. Also nennt mich nur Moses, auch wenn das der Name ist, den mir meine Stiefmutter, die Königin Tian gegeben hat“, erklärte er ihnen.
„Aber du wurdest bei den Ägyptern aufgezogen, warst ein ägyptischer Prinz? Die Ägypter haben uns immer sehr bedrückt. Wir beide mussten sogar in ihrer Armee dienen, als du deren General warst. Du hast den Krieg gegen den Fürsten der Nordländer gewonnen“, erinnerte sich Nun.
„Du hast recht. Ich war ein ägyptischer Feldherr, der Stiefsohn des mächtigen Pharao Chaneferre Sobekhotep. Doch glaubt mir, die einfachen ägyptischen Leute sind nicht unsere Feinde. Es waren die Beamten der Pharaonen die unsere Leute zur Fronarbeit gerufen haben. Doch neben euch haben auch Ägypter, Nubier und Libyer geschuftet, und viele Vornehme waren frei von Vorurteilen. Meine Stiefmutter, die Königin Tian, war eine ganz liebe Frau. Sie hat nie schlecht oder hochmütig über unsere Landsleute geredet. Als kleiner Junge durfte ich mit den Kindern unseres Dorfes spielen. Damals wusste ich noch nicht, dass Aaron mein Bruder ist. Meine leibliche Mutter Jokebed war meine Amme. Sie hatte zur Königin ein inniges Verhältnis und wurde von ihr hochgeschätzt. Ihr habt als Fremde bei den Ägyptern gelebt und musstet ihnen gehorchen, so wie ein Diener seinem Herrn zu Diensten sein muss. Das ist nun vorbei, der Gott unserer Väter hat uns aus Ägypten geführt und wird uns in das gelobte Land bringen. Ihr habt gesehen, dass sich kein Pharao seinem Willen widersetzen kann. Es war der Wille Jahwes, dass ich bei den Ägyptern erzogen wurde. So habe ich alle die Fähigkeiten erlernt, die man braucht, um ein großes Volk zu führen, damit es in einer unwirtlichen Landschaft bestehen kann. An euch beide kann ich mich noch gut erinnern. Ihr wart dabei, als wir auf dem Golan im Krieg dem Fürsten der Nordländer gegenüber standen. Du Jefunne, du standest in der Vorhut, welche die Angreifer in die Falle gelockt hat und hast dich rechtzeitig vor deren Streitwagen in Sicherheit bringen können. Du Nun, du warst ein geschickter Speerkämpfer und hast am Ausgang des Hohlweges gefochten, um den eingekreisten Feinden den Durchbruch nach Kanaan zu verwehren“, sagte Moses.
„Wir haben damals nicht wahrgenommen, dass du uns beachtet hast. Du warst ja der hochmütige, unnahbare Feldherr, dem eine riesige Armee gehorchen musste“, warf Jefunne ein.
Moses antwortete ihm: „Ich bedauere es sehr, dass es euch so vorkam. Ihr könnt mir glauben, Hochmut war mir nie zu Eigen. Genauso wie ihr hatte ich Angst, die Armee könnte untergehen. Ich hatte schlaflose Nächte, habe gegrübelt, wie man so eine Streitmacht, deren Kampfwagen unbesiegbar schienen, bezwingen könnte. Seht mich genau an. Nicht nur ihr beide seid alt geworden, auch ich bin ein alter Mann. Meine Ausdauer hat nachgelassen. Ihr sollt mir dabei helfen, die vielen Menschen anzuführen. Wir wollen aus den ungeübten jungen Männern unseres Volkes eine schlagkräftige Truppe formen. Frühmorgens, bevor wir aufbrechen und abends, wenn wir ein neues Lager errichtet haben, sollen sie den Umgang mit den Waffen üben. Sie müssen lernen, in geschlossener Formation einem Feind standzuhalten. Sie sollen die Wachen stellen, wenn wir einen Lagerplatz errichtet haben. Bei Gefahr müssen sie das Widderhorn blasen. Ihr beide kennt euch in militärischer Disziplin gut aus. Jeder soll eine Einheit dirigieren. Euren Kommandos werden die Männer bereitwillig Folge leisten, während viele in mir noch den Ägypter sehen.“
Die beiden sahen sich an, bevor Nun einwarf: „Moses, dein Vertrauen ehrt uns, doch sieh, wir sind ebenfalls alte Männer. Du verlangst sehr viel von uns.“
„Macht euch keine Sorgen. Es muss einen Anfang geben. Ich denke, wir können bald jüngere Anführer aussuchen, die im Kampf dem Heerbann vorstehen werden. Wir wollen zu Beginn die Männer nach ihrer Ausrüstung aufstellen, zuvorderst die Speerkämpfer mit Schild, Dolch und Spieß. Danach die Bogenschützen, und die ganz jungen sollen den Umgang mit der Steinschleuder erlernen.“
Jefunne und Nun waren gute Ausbilder. Zunächst murrten die Männer noch, da ihnen Disziplin etwas ganz Ungewohntes war. Aber mit der Zeit fanden sie Spaß daran, den Umgang mit ihren Waffen zu üben. Moses beobachtete alles ganz genau. Ihm fielen zwei junge Männer auf, die sich durch besonderes taktisches Geschick auszeichneten. Er fand, diese beiden könnten die Anführer der Krieger werden. Moses beschloss sich darüber mit Nun und Jefunne abzustimmen. Er erklärte ihnen: „Ich bin mit dem, was ihr bewirkt habt, sehr zufrieden. Ihr habt aus den widerspenstigen Lümmeln eine gute Armee geformt. Ich glaube, dass ihr zwei zukünftig nicht mehr bei den Kämpfern sein müsst, wenn sie ihre Übungen ausführen. Mir sind zwei junge Männer aufgefallen, die ich für fähig erachte, unsere Streitmacht anführen zu können.“
„Dein Lob tut uns gut. Wer sind die beiden? Zeige sie uns, damit auch wir unser Urteil abgeben können“, forderte Jefunne Moses auf.
„Seht dort drüben! Das sind sie, die beiden, die vor den anderen Männern stehen und ihnen zeigen, wie man geschickt die Vorteile des Geländes ausnutzt. Ich kenne nicht ihre Namen. Vielleicht könnt ihr mir sagen, wie sie heißen und wer ihre Väter sind?“
Nun war erstaunt. „Der vordere ist Kaleb, der Sohn Jefunnes, und der andere ist mein Sohn. Ist es Zufall, dass du gerade die beiden ausgewählt hast?“
Moses schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht an Zufälle. Dann würden wir noch in Ägypten festsitzen, und ihr müsstet immer noch aus dem glitschigen Nilschlamm Ziegel formen. Geht, schickt die beiden Männer zu mir, noch bevor wir zum nächsten Tagesmarsch aufbrechen. Ich will sie fragen, ob sie es sich zutrauen, die Streitmacht unseres Volkes anzuführen.“
In Begleitung Nuns und Jefunnes kamen die beiden Krieger zu Moses, der ihnen ihre zukünftige Aufgabe nannte. Ganz ohne Bedenkzeit erklärten sie sich bereit, den Auftrag zu übernehmen. Moses war von ihrem forschen Auftreten und Ehrgeiz beeindruckt. „Dann soll es so sein. Du bist der Sohn Nuns, ach ich nenne dich Josua, und deinen Namen weiß ich schon, du bist Kaleb, dein Vater ist Jefunne. Die Sippenältesten sollen gleich erfahren, wer zukünftig unsere Krieger anführen wird. Ich denke ihr werdet viel Zustimmung erhalten, schon eurer Väter wegen, die hohes Ansehen genießen.“
Josua und Kaleb erfüllten alle in sie gesetzten Erwartungen. Die wehrfähigen Männer waren unter ihrer Führung sehr bald eine flexible und kampfstarke Truppe geworden. Die ortsansässigen Sippen des bevölkerungsarmen Sinai wagten es nicht mit den durchziehenden Stämmen Streit zu suchen, und die vermieden es ihrerseits, die Einheimischen zu Bedrängen. Man war darauf angewiesen, die immer knapper werdenden Lebensmittelvorräte durch Tauschhandel mit den ansässigen Clans aufzufrischen und kam so auch an wichtige Informationen, die für einen gefahrlosen Weitermarsch sehr nützlich waren.
Aber Moses war mit der erreichten Organisation der Stämme noch nicht zufrieden. Eines Abends rief er die Stammesältesten zu sich. „Wie wird die Geschichte unseres Volkes bewahrt und weitergegeben? Ich weiß, ihr kennt die Namen unserer Vorväter und alle ihre Taten. Von Generation zu Generation wurden sie an den Lagerfeuern weitererzählt, und an manche Ereignisse konnte man sich irgendwann nicht mehr so genau erinnern. Auch ihr erzählt die Geschichten euren Nachkommen, und die werden sie ihren Kindern weitergeben. Unser Volk wird bald im verheißenen Land ankommen. Die Stämme werden dann feste Regeln und Gesetze brauchen. Man wird Richter bestimmen müssen, um deren Einhaltung zu überwachen.“ Moses redete viel, doch die Herrschaften saßen desinteressiert am Lagerfeuer lachten und sprachen über ihre eigenen Themen. Moses hielt verärgert kurz inne, konnte aber seinen Zorn gut unterdrücken. Dann sagte er: „Ihr wundert euch nun sicherlich, weshalb ich euch das erzähle? Ich will euch sagen, was zu tun ist, denn eure Nachkommen werden bald ein starkes Volk sein. Die Taten der Vorväter müssen aufgezeichnet werden, genauso wie die Gesetzte, die uns der Gott, der euch führt, noch geben wird“, erklärte er den Honoratioren.
„Nur die Ägypter haben eine Schrift. Sie ist umständlich. Du bist der einzige, der sie beherrscht. Von uns versteht sie niemand“, warf Aaron ein.
Moses ließ den Einwand nicht gelten. „Ich erinnere mich, dass vor noch nicht allzu langer Zeit einige Jungen die einfache Schrift der Stämme des Sinai erlernt haben. Haben sie dieses Wissen nicht an die Jüngeren weitergegeben? Fragt nach den Männern, welche diese einfache Schrift beherrschen. Sie sollen ausgewählte Knaben und Mädchen unterrichten.“
Einige der ehemaligen Schüler hatten das Erlernte wieder vergessen, doch es fanden sich noch fünf Männer, die in der Lage waren, ihr Wissen weiterzugeben. Für die einfachen Hirten und Handwerker, die den Ägyptern dienen mussten, waren die neuen Pflichten zunächst fremd. Nicht alle verstanden, warum die jungen Männer militärische Disziplin üben sollten und Kinder zum Erlernen des Schreiberhandwerks ausgewählt wurden. Aber nur wenige murrten. Die Begeisterung und Zuversicht, bald frei in einem eigenen Land leben zu können, überwogen.
Eines Abends, nachdem die Stämme einen guten Platz zur Errichtung ihres Nachtlagers gefunden hatten, machten sich die wehrfähigen Männer wieder auf, um zu exerzieren und sich im Gebrauch ihrer Waffen zu üben. Josua und Kaleb führten jeweils eine Einheit an. Die einen waren mit Speer und Dolch ausgestattet, die anderen kamen mit Pfeil und Bogen daher. Die ganz jungen oder diejenigen welche keine hochwertigen Waffen besaßen, waren inzwischen geschickte Steinschleuderer geworden. An einem Felsvorsprung übten sie markante Ziele zu treffen. Plötzlich war ein lauter Schrei vernehmbar. Ein Geschoss war am harten Felsgestein abgeprallt und hatte eine Frau, die hier unvorsichtigerweise unterwegs war, um eine entlaufene Ziege einzufangen, am Kopf getroffen. Zunächst hatte niemand den Unfall bemerkt, doch die Schreie der Schwerverletzten waren nicht zu überhören. Einige der jungen Männer eilten zu dem Felsspalt, aus dem die Schreie kamen und fanden dort die Verletzte. Doch noch bevor sie mit der Frau das Lager erreichen konnten, war kein Leben mehr in ihr.
Alsbald hatte sich die Nachricht vom Tod der Frau herumgesprochen. Einige Frauen und Männer kamen daraufhin zusammen. Sie diskutierten lautstark und fanden, dass die militärischen Übungen der wehrfähigen Männer Schuld am Tod der Frau seien.
Bei den Unzufriedenen waren auch Leute, die Moses nahestanden, unter ihnen zwei Söhne seines Bruders Aaron, dessen Frau und selbst seine Schwester Mirjam. Sie verlangten, dass man die straffe Disziplin lockern solle. Doch die Nörgler fanden nur wenig Unterstützer, die ihnen am nächsten Morgen nachfolgten, um ihre Beschwerden Moses und den Stammesführern vorzutragen. Der Ehemann der Getöteten forderte, dass ihm der Schuldige am Tod seiner Frau eine Entschädigung zu zahlen habe.
Moses hörte sich die Einwände, die seinen Führungsstil infrage stellten, ruhig an. Das, was geschehen war, konnte er nicht rückgängig machen. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er grübelte, ob er noch weiter der Anführer seines Volkes sein konnte. Doch er kannte auch die vielen Gefahren, die überall im Verborgenen lauerten. Ihm war bewusst, das Land, das den Nachkommen der Patriarchen versprochen war, konnte nicht so einfach in Besitz genommen werden. Es musste erobert werden. Er bemühte sich ruhig zu erscheinen, als er den Beschwerdeführern antwortete: „Ich bin tief betrübt. Ein Mann hat durch einen tragischen Unfall die Frau verloren, die Kinder ihre Mutter. Ich wünschte, ich könnte das, was geschehen ist, rückgängig machen. Doch das kann ich nicht. Warum hat der Gott der Väter so etwas zugelassen? Er hat es mir nicht verraten.“ Er musste erst seine Tränen abwischen, bevor er weiter sprechen konnte. „Glaubt mir, ich hatte Zweifel, ob ich überhaupt noch der Richtige bin, der euch führen soll. Doch ich weiß auch, wie vollkommen das Land ist, das Jahwe den Urvätern versprochen hat? Ich weiß nicht, ob ich noch erleben darf, wie es unser Volk es in Besitz nehmen wird. Ich bitte euch, habt vertrauen, seid zuversichtlich. Es geht euch ein viel Stärkerer voran. Ich bin nur sein Werkzeug. Die Sühne für den Tod der Frau will ich von meinen Mitteln bezahlen. Niemand hat den tödlichen Stein absichtlich geschleudert. Wir wissen nicht, wer der Schütze war, und das ist auch gut, so muss sich niemand mit dieser Schuld quälen. Ich verstehe, dass meine Worte nicht jeden überzeugen können. Manch einer wird unzufrieden bleiben, doch wir dürfen niemals zulassen, dass sich unsere Ordnung auflöst.“
Die Ruhe schien wieder hergestellt. Fast alle sahen ein, dass Moses recht hatte, dass man auch weiterhin wachsam und gerüstet bleiben musste. Nur einer seiner Gegner blieb stur. Er versuchte seine Landsleute zu manipulieren und forderte sie sogar zur Umkehr nach Ägypten auf. Datan, so hieß der Aufrührer, sprach offen die Sippenältesten an: „Habt ihr nicht auch Zweifel, jemals das gelobte Land zu finden?
Wir haben Hunger. Nicht jeden Tag gibt es frisches Wasser. Bisher hatten wir nur Glück, dass wir nicht verdurstet sind. Ist es euch in Ägypten schlecht ergangen? Wir hatten unsere Herden, hatten immer Fleisch zu essen, und unsere Felder haben immer gute Ernten erbracht. Die Arbeit für Pharaos Bauten blieb auch erträglich. Seine Macht hat uns vor allen Feinden beschützt. Hier kann uns jeder fremde Kriegsherr überfallen, die Männer töten, Frauen und Kinder rauben. Ist es nicht auch ein Frevel, dass ihr die Gebeine Josefs aus seinem Grab gerissen habt, um sie irgendwo in der Fremde zu verscharren? Was hindert uns daran, zurück nach Ägypten zu gehen? Dort wird man uns wieder freudig aufnehmen. Moses und Aaron sind nicht besser als die ägyptischen Steuereintreiber. Erkennt ihr nicht, wie sich die beiden über euch erheben?“
Moses musste solchen Umtrieben entgegentreten und rief seine Landsleute zu einer Aussprache zusammen. Datan trug seine Vorwürfe erneut vor. Moses wartete die lebhafte Diskussion ab, bevor er sich äußerte: „Ich habe wohl erkannt, dass noch einige unter euch Zweifel haben, ob der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sein Versprechen wahrmachen wird, und sein Volk in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, führen wird? Doch die Prüfungen, welche wir zu bestehen haben, gehören zu seinem Plan. Was glaubt ihr denn, woher die vielen Plagen kamen, die Ägypten so sehr geschlagen haben? Habt ihr nicht selbst erlebt, wie wir trockenen Fußes das Schilfmeer durchqueren konnten, während die ägyptische Streitmacht, die uns verfolgte, darin untergegangen ist. Ägypten liegt noch immer brach darnieder und ist nicht mehr das Land der reichen Fleischtöpfe. Unser Vorfahr Josef hat uns einstmals das Leben in Ägypten ermöglicht. Seinen Vater Jakob hat er aber im Land am Jordan begraben. Seinen Nachkommen hat er bestimmt, dass man ihn dort auch begraben soll. Es ist unsere Pflicht, seinen Befehl zu erfüllen. Datan, du hast in Ägypten freilich gut gelebt. Du vermisst deinen Reichtum, den du mit deiner Werkstatt erworben hast, in der für Pharaos Soldaten die Sandalen gefertigt wurden. Doch schon deine Handwerker haben wenig von der Bezahlung abbekommen, die dir dein Geschäft eingebracht hat. Warum also willst du das Volk zurück in die Knechtschaft führen? Letztendlich geht es dir doch nur darum, dort weiterhin gute Geschäfte zu tätigen“.
Datan schnappte nach Luft. „Alles Lügen!“, rief er. „Ich habe meinen Landsleuten Arbeit gegeben, damit sie ein gutes Leben führen konnten. Sieh dir doch diesen elenden Menschenhaufen an. Sie gehen in ihr Verderben. Das ist ein mickriges Volk. Ganz anders die mächtigen Babylonier und die stolzen Ägypter, die sind große Völker!“
„Da muss ich dir recht geben. Babylonier und Ägypter sind große Völker, mächtig und stolz. Unser Volk scheint da gering zu sein. Doch wir sind das erwählte Volk. Das erhebt uns über alle anderen Völker. Datan, deine Widerrede kann den Pakt, den Jahwe mit Abraham geschlossen hat nicht beenden“, erwiderte ihm Moses.
Der so gescholtene verhielt sich nun eine Weile unauffällig. Doch die Eintracht hielt nicht ewig an. Dieses Mal waren es Mirjam und Aarons Frau, die für Unruhe sorgten. Die beiden Frauen verlangten erneut die strengen Regeln, die den Israeliten während ihrer Wanderschaft auferlegt waren, zu lockern. Mirjam äußerte ihre Unzufriedenheit mit dem harten Führungsstil ihres Bruders öffentlich. Wenige Tage später überfiel sie ein starker Juckreiz, und rote Pusteln bedeckten ihren Körper. Moses rief die Stammesführer zusammen und redete zu ihnen: „Ihr wisst, Mirjam ist meine Schwester. Ich bin ihr sehr zugetan, denn sie hat auf mich achtgegeben, nachdem mich meine Mutter Jokebed im Schilfdickicht des Nil versteckt hatte. Der weise Jobab hat meiner Schwester sein Wissen weitergegeben. Bisher hat sie die Befehle des Gottes unserer Väter immer befolgt. Doch nun habt ihr erlebt, dass sie auch nur ein Mensch ist, so wie wir es alle sind, unvollkommen und manches Mal starrsinnig. Wir alle haben dem Befehl Jahwes Folge zu leisten. Ungehorsam und Widerspenstigkeit duldet er nicht. Mirjam hat sich falsch verhalten. Das, was ihr nun an ihr seht, ist die Strafe, welche über sie gekommen ist. Deshalb soll sie für sieben Tage aus unserem Lager verstoßen sein, und wenn sie danach nicht geheilt ist, muss sie auch noch weitere Tage fernbleiben.“
Die Ältesten waren mit so einer Entscheidung zufrieden. Alle Streitigkeiten waren vorerst beigelegt. Die tägliche Suche, ausreichend zu essen und zu trinken zu finden, bekam wieder oberste Priorität. Der Tross wanderte auf den Wegen weiter, die schon seit undenklichen Zeiten von Händlern und ägyptischen Expeditionstruppen genutzt wurden. Moses rief alle Führer der kampffähigen Männer zusammen, um ihnen für die nächste Wegstrecke Instruktionen zu geben. „Wir werden sehr bald zum Serabit el Chadim kommen. Das ist der Ort, zu dem die Pharaonen seit alters her Expeditionen schicken, um das wertvolle Kupfergestein abzubauen. Es kann sein, dass dort noch ägyptische Soldaten stationiert sind. Josua, bestimme einige Krieger, die als Beobachtertrupp vorangehen sollen, um auszukundschaften, ob Transporte mit dem wertvollen Gut oder ägyptische Patrouillen unterwegs sind. Es bleiben noch fünf Tage, dann werden wir die Kupferminen des Serabit el Chadim erreicht haben.“
„Wieso betreibst du diesen Aufwand? Sobald wir bei dem ägyptischen Stützpunkt angelangt sind, marschieren wir ein. Niemand wird uns daran hindern können“, warf Aaron ein.
„Ich ziehe es vor, die Überraschung auf meiner Seite zu haben. Ich will vermeiden, dass ein übereifriger ägyptischer Offizier eine Situation falsch einschätzt und womöglich glaubt, uns mit Gewalt aufhalten zu können“, erklärte ihm Moses.
Diese Argumentation überzeugte die Sippenältesten. Ihnen war ein gesundes Maß an Vorsicht allemal lieber als ein unbedachtes Losstürmen. Sie gaben Moses freie Hand, damit er seinen Plan zur unblutigen Einnahme des ägyptischen Stützpunktes umsetzen konnte. Josua und Kaleb wechselten sich täglich in der Führung des Spähtrupps ab. Dann trug Moses Josua auf: „Du wirst noch heute, bevor die Sonne am Höchsten steht, zu den Kupferminen kommen. Dann begib dich mit zwei Begleitern zum Kommandanten des Stützpunktes und bitte ihn, zu einem Treffen mit mir zu erscheinen. Lasse dich nicht provozieren, die ägyptischen Beamten sind hochnäsig und überheblich. Bleibe ganz ruhig, und wiederhole dein Verlangen. Hinter ihrem arroganten Getue verbergen sich meistens nur Angst und Unsicherheit.“
Es geschah, wie es Moses vermutet hatte. Der Ägypter blies sich vor den israelitischen Abgesandten auf, machte sich wichtig, betonte sein hohes Amt und forderte, die Stämme sollten einen großen Bogen um das Bergbaugebiet machen. Da Josua hartnäckig blieb, begleitete er ihn schließlich mit einem Zug Soldaten zum Rand der Siedlung, dem sich Moses an der Spitze der wehrfähigen Männer näherte. Als er einige Schritte vor dem ägyptischen Statthalter stehen blieb, rief dieser: „Wie könnt ihr es wagen diesen heiligen Ort der Hathor zu entweihen. Dieser Ort ist Eigentum seiner Majestät, dem Herrn der beiden Länder, des mächtigen Pharao Djedhotepre Dedumose, er lebe, sei heil und gesund. Ich stehe hier im Auftrag des Herrn der beiden Ufer des Nil, der die Kronen der beiden Länder trägt und verbiete euch diesen Ort zu betreten. Ich befehle dir, kehrt um! Pharao selbst hat mir den Auftrag gegeben, diesen Ort zu behüten. Seiner Weisung werde ich bis in den Tod Folge leisten.“
„Ich achte deinen hohen Rang und dein Pflichtbewusstsein. Jedoch erkenne ich aus deiner Drohung, dass du lange Zeit keine zuverlässigen Nachrichten aus Ägypten bekommen hast. So scheinst du noch nicht zu wissen, dass du vom Treueschwur, den du Pharao Dedumose geleistet hast, entbunden bist. Seine Majestät weilt nicht mehr unter den Lebenden. Auch seine beiden Söhne sind ihm in das Reich der Finsternis nachgefolgt. Ich weiß nicht, wer Ägypten nun regiert, ob es vielleicht im Delta und dem Niltal mehrere Männer gibt, die sich Pharao nennen oder ob sich die Gaufürsten untereinander raufen. Wir kommen nicht als Bittsteller. Versuchst du uns den Weg zu versperren, werden wir mit Gewalt kommen. Aus Ägypten wirst du keine Hilfe erhalten“, entgegnete ihm Moses.
„Ihr seid Räuber, gekommen um alle Diener der Majestät zu töten! Ich werde um mein Leben kämpfen, und mit mir wird die ganze Garnison fechten, also kehrt um!“, versuchte der Gouverneur hart zu erscheinen.
Moses sah die Furcht im Gesicht des Mannes. „Wir sind nicht eure Feinde. Du hast mein Wort, es wird dir und deinen Untergebenen kein Leid geschehen. Aber wir werden uns nehmen, was wir benötigen. Deine Garnison ist unterbesetzt. Ich habe erkannt, wie schlecht die Soldaten ausgebildet sind. Sieh hinter mir. Meine Krieger sind euch zahlenmäßig deutlich überlegen und sehr diszipliniert. Sie stehen tief gestaffelt. Wir werden nehmen, wonach uns verlangt, Ausrüstung und Nahrung. Denke auch an die Frauen, Kinder und Männer, die dir anvertraut sind. Ihr dürft alle zurück nach Ägypten gehen. Euer persönliches Eigentum soll unangetastet bleiben. Ich weiß auch, wie sehr du dich davor fürchtest in der Fremde zu sterben.“
„Was soll dein Gerede? Es ist egal, ob ihr uns mordet, oder ob wir ohne Nahrung auf dem Weg nach Ägypten verhungern müssen!“, rief der Oberst.
„Ich habe dir bereits zugesichert, es wird keinem deiner Untergebenen ein Leid zugefügt werden. Wir sind keine Feinde. Ich habe Achtung vor der schweren Arbeit, die ihr hier verrichtet. Wir werden euch für zehn Tage Verpflegung lassen, wenn ihr den Landweg nehmen müsst. Der Schiffsverkehr wurde sicherlich schon eingestellt. Niemand soll auf dem Weg nach Ägypten verhungern. Nun liegt es an dir, du kannst mir vertrauen. Entscheide mit Verstand, was dir besser erscheint, die Rückkehr nach Ägypten oder ein sinnloser Tod in der Fremde“, sagte Moses.
Der Kommandant stand verunsichert vor seinen Untergebenen. Man sah ihm an, dass er auf einen Ratschlag aus ihrer Mitte wartete. Doch die standen reglos, wandten verängstigt den Blick von ihrem Herrn ab. Nur ein älterer Unteroffizier trat zu ihm heran. „Herr, du stehst vor Prinz Moses, dem Sohn des guten Gottes Chaneferre Sobekhotep. Moses war einstmals der Heerführer der ägyptischen Armee. Ich bin stolz, unter ihm gedient zu haben. Jede Schlacht haben wir siegreich gewonnen. Ich weiß, du kannst seinem Wort vertrauen, wenn er dir verspricht, dass wir Verpflegung für zehn Tage behalten dürfen. Aber sei dir auch bewusst, du kannst keiner von ihm angeführten Streitmacht widerstehen. Darum tue, was er von dir fordert“, riet ihm der Mann.
Für den Gouverneur war so eine neue Situation entstanden. Er vollzog eine Kehrtwende und verneigte sich tief vor Moses. „Edler Prinz, ich habe dich nicht erkannt. Hier steht dein ergebenster Diener vor dir. Dein freundliches Angebot ehrt mich. Ich bin froh, dir zu Diensten sein zu dürfen.“
Moses entgegnete ihm: „Ich bin nicht mehr der Prinz Ägyptens, der ich einstmals war, und du bist nicht mein Diener. Ich respektiere dich als verantwortungsvollen Offizier, du hast dich gegen Blutvergießen entschieden. Meine Krieger haben Befehl, nicht bei den einfachen Leuten zu plündern. Aber wir werden in die Magazine gehen und nehmen die Dinge, die uns von Nutzen sind, auch Waffen und Werkzeuge. Und schon morgen werden wir diese Gegend verlassen.“
Moses rief Kaleb, Josua, Mirjam und noch weitere der angesehensten Frauen und Männer zu sich. Sie sollten die Beschlagnahme der Lebensmittelvorräte und Ausrüstung des ägyptischen Stützpunktes überwachen und Ausschreitungen unterbinden, denn er wusste nur zu gut, dass seine Landsleute nicht über die Disziplin einer ägyptischen Armee verfügten. Die Älteren schickte er weiter, einen sicheren Lagerplatz zu errichten.
Die von Josua und Kaleb angeführten Gruppen begannen alsbald damit die Magazine des Stützpunktes auszuräumen. Moses hatte sich im Schatten des Hathortempels an eine Säule gelehnt. In den Händen hielt er seinen knorrigen Stab. Jefunne, Nun und Mirjam kamen hinzu. „Ich bin sehr erstaunt, wie diszipliniert unsere Krieger sind. Es hat keine Zwischenfälle gegeben. Wir haben alle Dinge gefunden, die wir benötigen und können uns mit alledem zurück in unser festes Lager begeben. Ja, wir wollen zufrieden sein. Seht nur, die vielen Schätze des Tempels, das Korn aus den Vorratshäusern und auch die Waffen aus den Arsenalen. Das alles hat uns der Gott unserer Väter in die Hände gegeben“, sagte Nun.
Moses und Nun gingen voraus. Die israelitischen Männer folgten ihnen mit dem Beutegut nach. Mirjam und Jefunne hatten es nicht so eilig und blieben noch. Der alte Unteroffizier aus der Gefolgschaft des ägyptischen Gouverneurs kam zu Jefunne. „Erkennst du mich? Wir haben damals in der gleichen Kompanie gekämpft, als es gegen den Fürsten der Nordländer ging. Am Hohlweg vor der Lichtung haben wir einen Streitwagen erobert. Du hast mich damals vor großem Ungemach bewahrt, als ich an einem Gespann festhing. Mit deiner Streitaxt hast du den Riemen durchtrennt, in dem sich mein Fuß verfangen hatte. Wir waren gute Kameraden, Ägypter, Kanaanäer und Nubier. In Ägypten wurden wir als Helden gefeiert, und unser gerechter Feldherr hat uns gegen den Rat seiner Generäle aus der Kriegskasse reich beschenkt. Danach bin ich in der Armee geblieben, und obwohl ich weder lesen noch schreiben kann, Unteroffizier geworden. Wir wollen Freunde bleiben, wie wir es damals waren.“
„Ich erkenne dich Kamerad. Du warst mir ein guter Freund. Unsere Wege trennen sich hier endgültig. Ich wünsche dir eine glückliche Rückkehr nach Ägypten. Ich gehe schon morgen mit meinem Volk weiter. Moses wird uns alle in das Land führen, das den Nachkommen der Vorväter versprochen ist“, und die Kriegskameraden umarmten sich zum Abschied.
Mirjam wollte das Gespräch der beiden älteren Herren nicht stören und schlenderte langsam voraus. Vor einem Gebäude, aus dem das Jammern einer Frau zu vernehmen war, hielt sie inne. „Bitte lass mir das Gewand! Auf dem Marsch nach Ägypten kann es während der Rast in der Nacht sehr kalt sein. Mein Neugeborenes wird erfrieren, wenn du mir die wärmende Decke nimmst!“
„Das ist nicht deine Decke. Sie lag hier in dem Schuppen des Tempels. Geh weg, und suche dir für dein Kind einen neuen Flicken. Ich behalte den Umhang!“ ließ sich ein Krieger nicht erweichen.
Mirjam ging in das Gebäude. Sie wollte schauen, was sich da zutrug. Der Krieger, der den Umhang in seinen Händen hielt, verneigte sich vor ihr. Die junge Ägypterin blickte verängstigt auf den Boden. Ihr schreiendes Kind hielt sie in ihren Armen.
„Du musst dich nicht fürchten. Wir sind keine Mörder und Räuber. Moses und die Ältesten haben dem ägyptischen Gouverneur versprochen, dass hier niemandem sein Eigentum genommen wird. Ich hoffe, mein Verwandter wird dir die Decke überlassen“, sagte Mirjam.
„Ich achte dich hoch Prophetin. Ich bin nicht von deinem Stamm, ich bin Benjaminit. Aber diesen Umhang werde ich der Ägypterin nicht überlassen, schon als Ersatz für meinen linken Zeigefinger, den ich verloren habe, als mich ein Schreiber des Wesirs zum Frondienst holte. Beim Entladen eines Transportkahns wurde durch das Gewicht der steinernen Sphinx meine Hand gequetscht. Ich hatte viele Tage Schmerzen. Nur mit der Unterstützung meiner Brüder konnte meine Familie die schlimme Zeit überstehen. Nein, nun sind wir die Stärkeren, und ich behalte dieses Stück Stoff als Wiedergutmachung“, erklärte ihr der Mann.
Mirjam schüttelte den Kopf. „Es war nicht die einfache ägyptische Magd, welche dich zur Arbeit rief. Du musst dem Wesir Pharaos zürnen. Neben unseren Leuten mussten auch die ägyptischen Bauern und Handwerker Frondienste leisten. Hier kannst du Barmherzigkeit zeigen.“
Doch der verbitterte Benjaminit ließ sich nicht umstimmen. Unbeeindruckt von dem Schreien des frierenden Säuglings verließ er mit dem Kleidungsstück das Gebäude.
Mirjam nahm ihr Gewand und gab es der jungen Mutter. „Dein Kind soll in den kalten Nächten nicht erfrieren. Der Stoff ist schmucklos, aber er wärmt gut. Ich wünsche dir viel Glück.“ Sie ging und beeilte sich zur Lagerstatt ihres Volkes zu gelangen. Alle anderen waren bereits gegangen.
Moses hatte doppelte Wachen vor dem Lager aufstellen lassen. Er wollte vermeiden, dass die Ägypter Mut fänden, sich das Beutegut zurückzuholen, oder dass einige seiner Landsleute nochmals zum Plündern aufbrechen würden. Weil er unruhig schlief, stand er am nächsten Morgen sehr früh auf und trat vor sein Zelt. Kurze Zeit später kamen auch Jefunne und Aaron auf den freien Platz.
„Seht, der neue Tag bricht an, als will er uns beglückwünschen. Ja, gestern war ein erfolgreicher Tag, das Volk hat seine Stärke erkannt, und alle sind zufrieden“, sprach Aaron zu den beiden.
„Lobet den Tag nicht vor dem Abend. Schaut dort drüben. Da sehe ich Datan und seine Unterstützer. Sie waren sehr lange ruhig. Ganz sicher kommen sie nicht, um dich zu der unblutigen Einnahme des ägyptischen Lagers zu beglückwünschen“, sagte Jefunne zu Moses.
Und er behielt recht. „Ich grüße euch. Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen. Gestern haben wir einen leichten Sieg errungen. Er hätte noch höher ausfallen können, wenn wir alle Ägypter getötet hätten. Du hast doch gesehen, wie elendiglich sie da vor uns kuschten. Die jahrelange Schmach, die sie unserem Volk zugefügt haben, gibt uns das Recht, sie alle zu erschlagen. Kommt, lasst uns zurückgehen und unseren Sieg vollenden. Danach wollen wir umkehren und Ägypten erobern. Da gibt es keinen starken Pharao mehr. Niemand verfügt dort über die Macht uns aufzuhalten. Warum sollen wir heute so früh den Weg durch das fremde Gebirge antreten? Treibe an diesem frühen Morgen das Volk nicht an. Sieh es doch ein, wir müssen umkehren. Mirjam ist bei den Schriftkundigen und diktiert ihnen die Taten der Vorfahren. Was gestern geschehen ist, wird nicht in Vergessenheit geraten. Ich sage dir, Ägypten ist das Land, welches Abraham versprochen wurde!“, wandte sich Datan an Moses.
Der war bestürzt. Er konnte nur schwer seinen Zorn unterdrücken, hielt seinen Stab fest umklammert. Er schüttelte den Kopf, aber ihm fehlten die Worte. Statt seiner antwortete Jefunne: „Dein Anliegen ist unehrlich. Dich leitet die Gier nach Reichtümern. Hast du in Ägypten nicht ein prächtiges Haus mit vielen Bediensteten in Auaris bewohnt? Deine Tochter hat einen Schreiber des Gaufürsten geheiratet. Du hast dem Tempel Figuren der Isis und des Horus gestiftet und damit den Gott deiner Väter beleidigt. Nun forderst du, man soll deine ehemaligen Geschäftspartner erschlagen. Wo bleibt dein Anstand?“
Datan blieb uneinsichtig. „Was kümmert mich die Vergangenheit. In Ägypten sind die Fleischtöpfe gut gefüllt. Es gibt Wein und Bier zu trinken. Schaut euch diese trostlose Gegend an. Hier haben wir nur bitteres Wasser, und die mickrigen Wachteln wollen sich nicht fangen lassen. Ich sage euch noch einmal, kehrt um und werdet die neuen Herren am Nil!“
„Und ich sage dir, wir werden nicht umkehren. Wenn du willst, kannst du mit deinen Freunden zurück nach Ägypten gehen. Das Wasser mag hier bitter sein, die Speisen fallen oft dürftig aus, aber niemand wird Hungers sterben. Vielleicht sind es nicht wir, die das Land, in dem Milch und Honig fließen, betreten werden. Doch unser harter Weg durch unwirtliche Gegenden und die bevorstehenden Kämpfe gegen fremde Stämme werden die nächste Generation stark machen. Ägypten mag derzeit verwüstet sein, und es gibt dort keinen mächtigen Pharao. Libyer, Nubier und Völker von weit her, aus Syrien, werden sich um das Land am Nil raufen. Wir wären dort fehl am Platz, müssten einen hohen Blutzoll entrichten, und gewiss werden sich die Ägypter irgendwann wieder erholt haben und die Oberhand zurückgewinnen. Habt Mut, euch geht ein Stärkerer voran. Was zaudert ihr noch, lasst uns weitergehen“, sprach Moses und die hinzugekommenen Stammesältesten stimmten ihm bei.
Datan versuchte sie zu verunsichern. „Glaubt ihr wirklich, Moses ist der rechte Anführer, auf den ihr euch verlassen könnt? Nein, er wird euch wieder im Stich lassen, wenn ihm seine persönlichen Belange wichtiger werden. Er ist jähzornig und feige! Erinnert euch daran, wie er seine Familie verlassen hat und ist aus Ägypten geflohen, nachdem er einen Diener Pharaos erschlagen hatte!“
„Du hast recht Datan. Ich war feige, als ich damals wegging. Für so viel Feigheit musste ich all meinen Mut aufbringen“, erwiderte Moses, und die Umstehenden lachten.
Zähneknirschend wandte sich Datan ab. Seine wenigen Unterstützer folgten ihm nach. Gut versorgt mit den frischen Vorräten, war die Stimmung der aus Ägypten geflüchteten wieder gestiegen. Mit den im Arsenal des Serabit el Chadim gefundenen Waffen waren die wehrfähigen jungen Männer nun eine schlagkräftige Truppe geworden.
Darmowy fragment się skończył.