Czytaj książkę: «Schluss mit der Donut-Pädagogik! (E-Book)»

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Klaus Oehmann, Patrick Blumschein

Schluss mit der Donutpädagogik

Lebensnahe Lernaufgaben leicht gemacht

ISBN Print: 978-3-0355-1566-4

ISBN E-Book: 978-3-0355-1567-1

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

Vorwort, Andreas Müller gewidmet

Die Autoren

1Einleitung: Veränderte Anforderungen, neue Aufgabenstellungen

2Bedeutung und Verständnis von Lernaufgaben

2.1Eine neue Aufgabenkultur entwickeln

2.2Eine Lernaufgabe ist keine Prüfungsaufgabe

2.3Alles Lernen ist Problemlösen − Ansätze aus der Forschung

3Der Aufgabendidaktische Kompass

3.1Problem

Was ist überhaupt ein Problem

Wie und wo finde ich unterrichtsrelevante Probleme?

Wie übertrage ich Probleme in eine Lernaufgabe?

3.2Situation

Problem und Situation gehören ohne Wenn und Aber zusammen

Nicht nur für die Prüfungen lernen, sondern für das Leben

Wie viel Wissen wird außerhalb der Schule erworben?

Die Situation verknüpft das Problem mit der Lernaufgabe

Situatives Wissen als Schlüssel für Problemlösen in Situationen

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

3.3Kompetenzen

Vom Input zum Output − Kompetenzmodelle zum Lernen

Wie komplex ist die Handlungskompetenz?

Wie baue ich die Kompetenz in die Lernaufgabe ein?

Wie nützlich sind Kompetenzmodelle für die Planung?

Wie viel Kompetenz steckt in der Bildung − oder umgekehrt

Die Kompetenz erscheint in der (gemeinsamen) Handlung

Wie es mir passt − die Selbstorganisationskompetenz fördern

Wie Aufgabentypen die Kompetenzentwicklung fördern

Reif für die Insel oder motiviert für das Lernen?

3.4Handlung

Keine Praxis ohne Theorie − keine Theorie ohne Praxis

Der Planungsablauf für handlungsbasierten Unterricht

Das AVIVA-Modell zur Unterrichtsplanung

Das Konzept der vollständigen Handlung

Der Planungszyklus PDCA

Je komplexer ein Problem, desto wichtiger der Anfang

Selbststeuerung und Selbsttätigkeit wird im Handlungsraum erlernt

3.5Lernende

Das wichtigste Ziel? Selbstwirksamkeit erleben!

Der erste Streich: Ein optimales Anforderungsniveau schaffen

Der zweite Streich: Autonomie und Selbstbestimmung ermöglichen

Der dritte Streich: Soziale Eingebundenheit und Kooperation arrangieren

Freitag ist nicht Frei-Tag, sondern Demokratietag

Gamification steigert die Attraktivität der Schule

Fazit:Lebensnahe Lernaufgaben sind der Dreh- und Angelpunkt des guten Unterrichts

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort, Andreas Müller gewidmet

Liebe Leserinnen und Leser,

versetzen Sie sich in die Situation einer typischen Unterrichtsstunde. Beobachten Sie die Schüler*innen. Überlegen Sie, wie viel Zeit diese pro Unterrichtsstunde tatsächlich aufs Lernen verwenden. Was macht er oder sie sonst noch so in der Stunde? Quatschen, spielen, träumen? Auf der anderen Seite, wenn Sie sich die Lernzeit anschauen, was tun die Schüler*innen eigentlich, wenn sie lernen? Einen Lückentext ausfüllen, etwas zusammenrechnen, nachfragen, zuhören? Bei unseren eigenen Betrachtungen haben wir festgestellt, dass die Schüler*innen ca. 50 Prozent der Zeit im Unterricht für das Lernen verwenden − maximal! Oftmals ist das, was wir in so einer Unterrichtsstunde beobachten, wenig ansprechend und wir kommen nicht umhin, festzustellen, dass sich die leistungsstarken Lerner schnell langweilen und die schwächeren gar nicht erst ins Lernen kommen. Dieser Zustand ist für alle recht unbefriedigend. Doch was können wir dagegen tun? Wie bewirken wir, dass die Schüler arbeiten und die Lehrer*innen weniger Stress haben? Das vorliegende Buch will hier anknüpfen und Sie dabei unterstützen, Lernaufgaben zu konstruieren, die für alle herausfordernd und erfolgreich bearbeitbar sind.

Andreas Müller vom Institut Beatenberg hat uns gezeigt, wie Lernaufgaben funktionieren und wie wir dafür die Lernenden ins Zentrum rücken müssen. Es ist nicht die erste Frage, wie toll ein Schulbuch ist und was der Lehrplan sagt, sondern vielmehr, wie sich der oder die Lernende für eine Aufgabe begeistern kann, wie er oder sie sich erfolgreich dabei erlebt, wie sie Lust haben, in die Tiefe zu gehen, und wie stolz sie sein können, wenn sie vor den anderen ihre Lösung präsentieren können. Das Lernen muss alle erreichen und es muss fordernd und fördernd sein.

Schule kann auch anders sein!

Wir widmen dieses Buch unserem Freund, dem inspirierenden Denker und Schulreformer Andreas Müller, der uns viel zu früh verlassen hat.

Die Autoren


Klaus Oehmann
Klaus Oehmann ist Fachleiter am Europa-Studienseminar für berufliche Schulen in Gießen. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Schul- und Unterrichtsentwicklung auf Basis der Reformpädagogik; Lernaufgaben sind der Schlüssel dazu. Er arbeitet als Lehrbeauftragter für Wirtschaftsdidaktik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und als Lehrkraft an der Max-Weber-Schule Gießen und ist dort verantwortlich für die Juniorenfirma Sinn & Zweck.


Patrick Blumschein
Patrick Blumschein ist Erziehungswissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Von zentraler Bedeutung in seiner Arbeit war und ist immer die Frage, wie Lernumgebungen menschliches Lernen herausfordern und unterstützen können. Seit 2015 leitet er das Zentrum für Lehrkräftefortbildung der pädagogischen Hochschule Freiburg und ist als Dozent in den BA/MA-Studiengängen tätig.

1
Einleitung: Veränderte Anforderungen, neue Aufgabenstellungen

«Aufgaben verleihen Flügel.»

In den letzten Jahren hat sich in der Entwicklung von Schule und insbesondere von Unterricht sehr viel getan. Manche reden von einer Reformwelle, andere erkennen bereits Dagewesenes wieder. Angestoßen wurden die Veränderungen durch Ergebnisse aus nationalen und internationalen Vergleichen von Schülerleistungen (z. B. PISA, TIMSS, IGLU, PIRLS, VERA) sowie durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus der Lehr-Lern-Forschung. Hinzu kamen gesellschaftliche Herausforderungen wie z. B. die Digitalisierung, Inklusion und Migration. Die Schulverwaltungen reagierten darauf mit neuen Lehr- und Bildungsplänen, und auf der Ebene der Lehrkräfteausbildung kamen neue Ausbildungsthemen hinzu. Ergänzend wurden auch in den Schulen den Lehrkräften vermehrt Fortbildungsangebote unterbreitet, wie z. B. das der Kompetenzorientierung.

Diesen aktuellen und zukünftigen Herausforderungen können wir in der Schule und Hochschule nur begegnen, wenn die Lehrkräfte grundlegend kompetenzorientiert professionalisiert werden und sich eine fundamentale Änderung in der Lehreraus- und weiterbildung vollzieht. Damit sich in der Schule die Grundlagen für lebenslanges Lernen und nachhaltiges Leben entfalten können, braucht es dafür die besten und kompetentesten Lehrkräfte, also Fachleute für Lehren und Lernen.

Auf die Lehrkraft kommt es an, so lautet eine Erkenntnis aus der Hattie-Studie. Dem können wir zustimmen, jedoch ist das nur die eine Seite der Medaille. Im Unterricht kommt es neben der Lehrkraft eben auch ganz entscheidend auf die Aufgabenstellung an, mit der die Lernenden konfrontiert werden und über die ein Lernprozess in Gang gesetzt wird. Schließlich ist es erst die Aufgabe, die dem Unterricht die zentralen Impulse verleiht. Stellen wir uns ein Flugzeug ohne Flügel vor: Es wird niemals abheben können. Und so verhält es sich auch mit einer Lehrkraft ohne Lernaufgaben. Sie bleibt vielleicht eine sympathische Lehrkraft, kann aber kaum Lerneffekte bewirken. In diesem Sinne ist es angezeigt, den Lehrkräften ein taugliches Werkzeug an die Hand zu geben, das sie in der Praxis beim Erstellen von Lernaufgaben unterstützt. Dieses Werkzeug haben wir entwickelt und ihm den Namen «Aufgabendidaktischer Kompass» gegeben.

Das Buch richtet sich daher an alle Interessierten, die mehr darüber erfahren möchten, wie mit Hilfe des Aufgabendidaktischen Kompasses eine neue Aufgabenkultur in den Schulen etabliert werden kann. Die praktische Erprobung erfolgte am Europa-Studienseminar für berufliche Schulen in Gießen in der Fachrichtung «Wirtschaft und Verwaltung». Aufgrund der positiven Rückmeldungen der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zum Konzept und Instrument des Aufgabendidaktischen Kompasses kamen wir dem Wunsch nach, einen praxistauglichen Leitfaden darüber zu schreiben.

Im anschließenden Kapitel 3, «Definition und Bedeutung von Lernaufgaben», klären wir den Begriff «Lernaufgabe». In Kapitel 4 stellen wir Ihnen den Aufgabendidaktischen Kompass und dessen Anwendung vor. Zudem zeigen wir mit dem Aufgabendidaktischen Kompass, welche Bestandteile eine Lernaufgabe enthalten muss, damit diese überhaupt als Lernaufgabe bezeichnet werden kann. Angelehnt an K. Popper ist es nicht unser Anspruch, Wahrheiten über Lernaufgaben zu verkünden, sondern Irrtümer darüber zu vermeiden. Abschließend ziehen wir ein Fazit. Wir haben den Text durch drei zusätzliche Info-Elemente aufgelockert. In der Textbox «Erfahrungswert» berichten wir von konkreten Erfahrungen, die Ihnen das Verständnis erleichtern. In der Textbox «Praxistipp» geben wir konkrete Hilfen für Unterrichtsarbeit, die Sie gleich umsetzen können, und in der Textbox «Hintergrund» können Sie Ihren Wissensdurst stillen.

«Es gibt Berge, über die man hinübermuss.»


2
Bedeutung und Verständnis von Lernaufgaben

Schüler: «Warum machen wir das?»

Lehrer: «Für die Prüfung.»

Die Gestaltung von Unterricht und Aufgaben sind zweifelsfrei die zentralen Schwerpunkte der beruflichen Tätigkeit von Lehrkräften. In der Auseinandersetzung mit beiden Arbeitsbereichen überwiegt jedoch der Unterricht. Das zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Veröffentlichungen zu didaktischen Modellen und Methoden des Unterrichts, sondern es muss dabei ernüchternd konstatiert werden, dass Aufgaben in didaktischen Modellen leider zu wenig bis keine Beachtung geschenkt wird (vgl. Blömeke; Müller 2008, 241).

Das trifft auch lehramtsübergreifend auf die Studien- und Ausbildungsinhalte von Lehrkräften zu. Fortbildungsangebote über den unterrichtlichen Einsatz von Methoden finden sich in Fülle, solche zur Aufgabendidaktik jedoch eher selten. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in der Unterrichtspraxis eher Aufgaben dominieren, die den Unterricht methodisch ergänzen − und dies im Sinne von «den Stoff abarbeiten».

«Lernende sind keine Aktenordner.»


Abbildung 1: Warum wir die Schule schwänzen (Quelle: APA/BMUK)

Schule und Unterricht sollten Lernende nicht entmutigen, sondern bestärken und ihnen eine echte Freude bereiten, sodass Schüler*innen wieder «Bock aufs Lernen» und Unterricht haben. Über eine veränderte Aufgabenkultur können Lehrkräfte ganz gezielt Einfluss darauf nehmen, und hierbei kommt Lernaufgaben eine entscheidende Bedeutung zu, dass z. B. das Schulschwänzen seinen Reiz verliert.

2.1 Eine neue Aufgabenkultur entwickeln

Ergebnisse einer U. S.-amerikanischen Befragung durch die National Association of Independent Schools besagen, dass 79 Prozent der befragten Lernenden das eingesetzte Unterrichtsmaterial für uninteressant halten. 39 Prozent geben an, dass die Aufgabenstellungen keinerlei Relevanz für sie besitze.[1] Zu ähnlichen Ergebnissen würden wir sicherlich auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen. Um gerade dies zu verändern, haben wir den Aufgabendidaktischen Kompass entwickelt, ein Instrument, das Lehrkräfte bei der Etablierung einer neuen Aufgabenkultur unterstützt.

Es steht außer Frage, dass eine gute Lernaufgabe viele Funktionen übernehmen muss, die früher von der Lehrkraft getragen wurden. Sie muss u. a. Informationen bereitstellen, die Problemstellung verständlich machen, anregend und interessant sein, verschiedene Lösungswege bereitstellen und Rückmeldung geben. Daher kann eine neue Aufgabenkultur nur erfolgreich sein, wenn sie gut geplant an den Start geht. Mit am Start sollte auch der Aufgabendidaktische Kompass sein, denn er hilft, die Unterrichtsplanungen und den Einsatz von Lernaufgaben zu professionalisieren.

In der Schulzeit einschließlich der Hochschulzeit erledigen Schüler*innen bzw. Studierende unzählige Abarbeitungsaufgaben, und als spätere Lehrkräfte praktizieren sie demzufolge genau das Gleiche. Das wird als transgenerative Weitergabe bezeichnet, in der das Altbekannte unreflektiert weitergeführt wird: Zum einen geben diese alten Muster erst einmal Sicherheit und zum anderen verfügen viele Lehrkräfte nicht über die entsprechenden aufgabendidaktischen Kompetenzen. Ein Kreislauf mit dem Ergebnis, dass in Schulen das Lehren dominiert und nicht das Lernen. Schüler*innen nehmen am Unterricht jedoch dann mit Interesse teil, wenn sie lernen können und nicht durchgängig belehrt werden. Eine Unterrichtskultur, in der die Belehrung und das Abarbeiten von Aufgaben ohne echte Problemstellung überwiegt, wird den Lernenden und den gesellschaftlichen, privaten sowie betrieblichen Anforderungen nicht gerecht. Demzufolge braucht es in Schule und Unterricht einen Wechsel:

weg von einer, wie wir es nennen, Donutpädagogik, in der der Kern, eine zeitgemäße Aufgabendidaktik, immer hohler wird, und das Drumherum, wie Methodenzauber, didaktiklose Apps, häufige Gesamtlehrerkonferenzen über Budgets statt über Pädagogik und Didaktik, immer aufgeblähter,

hin zu einer Pädagogik, in deren Fokus die Lernprozesse der Schüler*innen und damit adäquate Lernaufgaben stehen. Diese bilden das Herzstück bzw. den Motor einer neuen Unterrichts- und Aufgabenkultur und machen Unterricht zu dem, was er sein sollte, und dies sind Sternstunden des Lernens in der Gemeinschaft.

Der Aufgabendidaktische Kompass wurde aus der Unterrichtspraxis entwickelt und eignet sich optimal als Werkzeug beim Erstellen von solchen Lernaufgaben. Er unterstützt diese veränderte Unterrichts- und Aufgabenkultur.

Lernaufgaben können sehr vielseitig konstruiert und durchlaufen werden. Sie sollten aber stets selbstgesteuertes Lernen der Schüler*innen fördern. Deswegen muss der Problemcharakter in jeder Lernaufgabe auffindbar sein, jedoch nicht immer in seiner vollen Komplexität, was wiederum vom Entwicklungsstand und Kompetenzniveau der Lernenden abhängt. Es wird deutlich, dass eine Lernaufgabe kein Puzzleteil des Unterrichts darstellt, sondern selbst den Rahmen bildet, in dem Lernen überhaupt erst stattfinden kann. Damit wird die Vorstellung überwunden, dass Lernaufgaben kleinschrittige Arbeitsabfolgen im Unterricht sind. Das Motto lautet: Think big, not small!

Es ist nicht unser Anspruch, alle Kriterien für die Qualität von Lernaufgaben allumfassend zu erheben, sondern wir konzentrieren uns mit dem Aufgabendidaktischen Kompass auf die fünf wesentlichen Merkmale, die eine qualitativ hochwertige Lernaufgabe kennzeichnen:

ein Problem, das neugierig macht,

eine Situation aus dem Leben,

eine Handlung, die einen mehrschrittigen Ablauf beinhaltet,

Kompetenzen, die mehrdimensional sind,

Lernende, die berücksichtigt werden und sich aktiv beteiligen können.

2.2 Eine Lernaufgabe ist keine Prüfungsaufgabe

Unter dem Begriff «Lernaufgabe» wird vieles subsumiert. Mittlerweile sind Lernaufgaben fast alles, bloß nicht das, was sie sein sollten − nämlich: qualitativ hochwertige Aufgaben, die Lernprozesse im Unterricht anstoßen und ermöglichen. Eine einheitliche Definition der Lernaufgabe existiert bis dato noch nicht, jedoch finden sich etliche Überschneidungen. Eine Gemeinsamkeit besteht in der Literatur allerdings darin, sie von Kontroll- bzw. Leistungsaufgaben abzugrenzen. Diese werden nach Abschluss einer Lernaufgabe und somit eines Lernprozesses durchgeführt und dienen der Leistungsermittlung und -bewertung. In unserem Verständnis sind Lernaufgaben grundsätzlich bewertungsfrei und unterscheiden sich damit von Prüfungsaufgaben. Nichtsdestotrotz sollten die Prüfungsanforderungen in Lernaufgaben ihre Berücksichtigung finden.

Lernaufgaben werden traditionell definiert als «Aufforderung an Lernende, eine bestimmte Handlung auszuführen, eine Frage zu beantworten, ein Problem zu lösen, eine Anweisung umzusetzen, einen Auftrag zu realisieren, aber auch eine Entscheidung zu fällen und selbst Fragen zu stellen, die helfen, ein Problemfeld zu erhellen» (Pahl 1998, 13, in Bloemen et al. 2011, 21).

Neulich in der S-Bahn: Zwei Lehrkräfte unterhalten sich über die Funktion von Lernaufgaben und kommen zu dem Ergebnis, dass diese hier und da zur Veranschaulichung und Übung dienen, wenn Lehrstoff durchgenommen wurde.

Kontrolleur: «Das ist zu wenig, bitte nachlösen, ähm nachlesen.»

Diese Aussagen der beiden Lehrkräfte führen in die Lernzieldiskussion der 1960er-Jahre zurück. Die leitende Frage zu dieser Zeit war, durch welche exakte Handlung zeigt ein Lernender, dass er oder sie ein spezifisches Lernziel erreicht hat. Daran anknüpfend wurden Unterrichtsaufgaben entwickelt, die sehr eng an Prüfungsaufgaben herankamen, z. B. Multiple-Choice-Aufgaben und Lückentexte. In diesem Sinne werden Lernaufgaben als Instrumente verstanden, die zur Lernzielerreichung führen und sich sehr eng an den Vorgaben für das gewünschte Verhalten orientieren. Die Folge einer solchen Unterrichts- und Aufgabenpraxis ist das sogenannte «teaching to the test».

Bezogen auf die Aufgabenpraxis, die überwiegend heutzutage praktiziert wird, bedeutet dies, dass Unterricht und Lernaufgaben auf die Prüfung hin ausgerichtet sind. Das Ergebnis einer solchen Unterrichts- und Aufgabenpraxis ist für Lernende frustrierend und demotivierend. Mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag hat dies beileibe nichts zu tun, und der angesammelte Haufen Wissen ist größtenteils nutzlos, da es kaum Bezüge zur Praxis gibt und auch keine Anwendung stattfindet, was wir als isoliertes Wissen bezeichnen.

Dies veranschaulicht folgender Post einer Schülerin im Internet, die ihren Unmut über das für sie nutzlos angehäufte Schulwissen kundtut.

«Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.»

User @nainablabla auf Twitter

Die von B. Bloom vorgelegte Taxonomie kognitiver Lernziele berücksichtigt nicht ausschließlich das Wissen rund um das Auswendiglernen und Erinnern, sondern auch das Verstehen, Anwenden oder gar Analysieren, Entwickeln und Bewerten. Somit bewegen wir uns also weg von rein mechanischen Prinzipien hin zu eher selbststeuernden Tätigkeiten und dem Lösen von Problemen durch die Lernenden selbst. Das Problemlösen ist dabei ein individueller Vorgang. Um diesen Problemlöseprozess besser zu verstehen und ihn sinnvoll unterstützen zu können, wird zunächst das typische Expertenhandeln analysiert und versucht, die dahinter liegenden kognitiven Prozesse abzubilden. Zudem ist es ebenso wichtig, die Wissensstruktur der Novizen bzw. Anfänger zu analysieren, denn erst aus dem Abgleich von Experten und Novizen lassen sich letztendlich Konsequenzen für die Entwicklung von sinnstiftenden und gehaltvollen Lernaufgaben ableiten. So gibt es für viele Probleme zumeist mehrere richtige Lösungswege, und oftmals sind diese mit unterschiedlichen Inhalten realisierbar. Ein Businessplan kann für jede Art von Geschäft erstellt werden, egal ob für den Verkauf von Fahrrädern, Computern oder Kaffee. Interessant sind natürlich inhaltsspezifische Besonderheiten, aber auch hier gilt es, Unterschiede zu erkennen und zu berücksichtigen. Außerdem ist wichtig, die individuellen Unterschiede der Lernenden zu berücksichtigen, zum Beispiel in Bezug auf ihr Vorwissen, Arbeitstempo oder ihre Motivation. Zudem ist es sinnvoll, dass bestimmte Arbeitsaufgaben eher allein oder in Kleingruppen bearbeitet werden. Diese Überlegungen zeigen, dass die Anforderungen an eine Lernaufgabe recht bald komplex werden.

2.3 Alles Lernen ist Problemlösen − Ansätze aus der Forschung

Seit den großen Schulleistungstests wurde erkannt, dass der problemlösende Zugang zu einer Aufgabe viel stärker beachtet werden muss. Zentrale Fragen sind:

Was muss der Lernende können?

Wie zeigt sich das in der Performanz bzw. im Outcome?

Wie muss eine Lernaufgabe gestaltet sein, damit der Lernende seine Kompetenzen entsprechend der gesetzten Ziele entwickeln oder verändern kann?

Wie können wir Lernaufgaben gestalten, die für Nutzer*innen mit unterschiedlichen Fähigkeiten sinnvoll bearbeitbar sind?

Wie können Lernende aus Fehlern lernen?

Wie lernen Schüler*innen eigentlich das Lernen, damit sie auch nach der Schule und Ausbildung eigenständig weiterlernen können?

Mit Hilfe des Aufgabendidaktischen Kompasses ist es möglich, komplexe Lernaufgaben zu konzipieren, die eine Antwort auf die oben aufgeworfenen Fragestellungen geben. Somit erleben Schüler*innen ihre Anwesenheit im Unterricht als sinnvoll und gewinnbringend. Infolge der Befassung mit den zu bearbeitenden Lernaufgaben können sie ihre Ressourcen entfalten und neue erschließen, was zu einer Stärkung ihres Selbstkonzepts führt. Der Lernaufgabe kommt somit eine Schlüsselfunktion für erfolgreichen Unterricht zu. Um diesen Schlüssel auch nutzen zu können, gilt es, zu erfassen und zu verstehen, was eine Lernaufgabe überhaupt ist und wie diese sich von den üblichen, eher traditionellen Aufgaben der Abarbeitung unterscheidet. Hilfreiche Hinweise finden sich dazu u. a. bei U. Maier et al. (2014), G. Gerdsmeier und C. Köller (2008), J. Leisen (2010) sowie C. Arnes (1992), auf die wir nachfolgend kurz eingehen.

Im ersten Schritt stellen wir mit dem Kategorisierungsraster von U. Maier et al. (2014) ein allgemeindidaktisches Konzept zur Aufgabenkonstruktion und -analyse vor. Darüber kann bestimmt werden, ob eine Lernaufgabe auch tatsächlich das bewirkt, was von ihr verlangt wird.


Tabelle 1: Kategorisierungsraster (Quelle: Maier et al. 2014, 48)

Die vorgeschlagenen Dimensionen lassen sich in einer Lernaufgabe in verschiedenen Ausführungen realisieren und zeigen deren vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten auf. Dies kann mit einem Mischpult verglichen werden, bei dem die unterschiedlichen Einstellmöglichkeiten in der Folge zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Einen bedeutsamen Einfluss auf die Gestaltung von Lernaufgaben haben die Dimensionen Wissensart und kognitiver Prozess, wie Forschungsarbeiten hinreichend belegen (vgl. ebd. hier.). Diese wiederum korrelieren mit dem Umfang des in einer Lernaufgabe zu bearbeitenden Wissens, was U. Maier et al. als Wissenseinheiten bezeichnen und Einfluss auf die Komplexität einer Lernaufgabe hat.

Die Dimension Offenheit gibt an, wie viele Lösungswege zum Ziel führen und ob das Ziel eindeutig bestimmbar oder eher offen ist, also wie viele richtige Lösungen es geben kann. Mit der Dimension Lebensweltbezug wird ausgedrückt, wie realistisch das dargestellte Problem bzw. die Situation überhaupt ist. Ferner ist die Sprachkompetenz der Lernenden bei der Aufgabenstellung zu berücksichtigen. Eine sprachsensible Aufgabengestaltung zeigt sich in den sprachlichen Formulierungen und Ausführungen und eröffnet damit wieder die Möglichkeit, die Komplexität einer Aufgabe zu steuern. Die Dimension Repräsentationsform geht auf die Darstellung der in einer Aufgabe präsentierten Information ein, die symbolisch oder bildhaft gemacht werden. Damit ist auch gemeint, ob z. B. die Schüler*innen eine Grafik zum Text anfertigen, was wiederum einen Wechsel des Repräsentationsformates bedeutet und dadurch herausfordernder wird.

Das Kategorisierungsraster verdeutlicht, dass eine Lernaufgabe über eine inhärente Struktur verfügt und idealerweise auf die Lerngruppe hin ausgerichtet ist. Demzufolge wäre es also möglich, für jeden Lerner eine individuelle Lernaufgabe zu konstruieren. Bleiben wir beim Bild des Mischpults: Es geht darum, für jeden Lerner ein aufgabenspezifisches Feintuning vorzunehmen. Dieser Gedanke des Customizings von Lernaufgaben übertrugen wir auf den Aufgabendidaktischen Kompass. Wir sind der Überzeugung, dass Lernaufgaben nicht der 7-G-Logik[2] folgen sollten.

Die Bedeutung von selbstgesteuertem Lernen in Lernaufgaben untersuchten G. Gerdsmeier und C. Köller (2008). Sie sehen darin ein großes Potenzial zur Gestaltung von anregenden und kompetenzfördernden Lernumgebungen. Aus Gründen der Praktikabilität komprimierten sie die unzähligen Möglichkeiten von Lernaufgaben in fünf Aufgabentypen:

Aufgabentyp 1: Aufträge ohne Problemorientierung.

Einfache Zuordnungsaufgaben oder Lückentexte geben exakt vor, wie zu handeln ist, und zumeist gibt es auch nur eine gültige Lösung.

Aufgabentyp 2: Gegebene geschlossene Problemstellung.

Typisch hierfür sind Knobelaufgaben. Ein Sachverhalt wird vorgestellt und klare Anweisungen für die auszuführende Handlungsabfolge gegeben. Unter Zuhilfenahme von Denkwerkzeugen wie Skizzen, Berechnungen, Simulationen kann die Aufgabe erschlossen werden.

Aufgabentyp 3: Gegebene komplexe Problemstellung.

Hier liegt ein echtes Problem vor, wozu diverse weitere Fähigkeiten und Kenntnisse aus anderen Bereichen benötigt werden. Beispiel: Wenn Schüler*innen einen Handkarren bauen möchten, der 100-kg-Traglast hat, so muss dieser geplant, konstruiert und ggf. ein Modell angefertigt werden. Später muss vielleicht die Konstruktion zusammengeschweißt werden und das erfordert entsprechende handwerkliche Fertigkeiten.

Aufgabentyp 4: Kommunikativ erzeugte kognitive Störung, großer Suchraum für Lösungen.

Wenn beispielsweise über den Bau neuer Windkraftanlagen auf einem Berg diskutiert wird, sind die Meinungen dazu sehr unterschiedlich. Die dahinterliegenden Interessen auch, Lösungen sind demzufolge mehrere in Sicht. Eine genaue Arbeitsanweisung gibt es nicht, das Problem muss diskursiv erschlossen werden. Oft sind viele Informationen verdeckt oder müssen in ihrer Wichtigkeit zuerst bestimmt werden.

Aufgabentyp 5: Partizipative Entwicklung eines komplexen Problems mit vielfältigen Implikationen und affektiver Involviertheit.

Das Thema «Klimaschutz» und die politischen Diskussionen darüber verdeutlichen die Komplexität dieses Aufgabentyps. Konkrete Arbeitsanweisungen gibt es nicht, ebenso wenig muss hier eine Regel gefunden werden, um das Problem zu lösen. Wohl aber wird das Problem erst durch Diskussion mit verschiedenen Interessenvertretern erschlossen, denn es ist nicht direkt ersichtlich. Es gibt zudem mehrere Lösungswege und vielseitige Probleme. Eine Lösung ist schließlich nur durch gemeinsames Handeln möglich. In diesem Aufgabentyp spiegelt sich die größtmögliche Komplexität wider.

G. Gerdsmeier und C. Köller weisen darauf hin, dass eine echte Lernaufgabe die Aufgabentypen 3 bis 5 umfasst und die Aufgabentypen 1 und 2 keine wirklichen Lernaufgaben darstellen. Dieser Auffassung können wir uns anschließen und sehen deutliche Parallelen zum Kategorisierungsraster von U. Maier et al. und zum Verständnis einer Lernaufgabe nach A. Müller. Er verwendet drei Aufgabentypen: Lernstep, Lernjob und Lernunit. Lernsteps sind kleinschrittig und fachbezogen, Lernjobs komplex und themenübergreifend, Lernunits projektartig mit Weltbezug. Analog zu G. Gerdsmeier und C. Köhler können die Aufgabentypen 1 bis 2 als Lernstep, die Aufgabentypen 3 bis 4 als Lernjob und der Aufgabentyp 5 als Lernunit bezeichnet werden.

Letztendlich ist die Bezeichnung einer Lernaufgabe, z. B. ob als Aufgabentyp 3 oder Lernjob, nicht entscheidend. Relevant ist das zugrunde gelegte Aufgabenverständnis, was eine Lernaufgabe kennzeichnet und wie sie sich von Nichtlernaufgaben unterscheidet. Der Aufgabendidaktische Kompass hilft sozusagen, Äpfel von Birnen zu trennen, d. h. ein Verständnis der Lernaufgabe zu erlangen, ihren Einsatz und ihre Wirkungsweise zu erfassen und sie von Nichtlernaufgaben abzugrenzen.

Für den naturwissenschaftlichen Unterricht hat J. Leisen (2010) ein kompetenzbasiertes Konzept für Lernaufgaben entwickelt, das an die vorherigen Ausführungen gut anschließt. Im Kern einer Lernaufgabe steht für J. Leisen eine Problemstellung, von der aus sich die Entwicklung der Kompetenzen bei den Lernenden vollzieht. Für ihn ergänzt eine Lernaufgabe nicht den Unterricht, sondern wird selbst zur Lernumgebung, indem sie die Steuerung des Lernprozesses übernimmt und die Lernenden aktiv mit einbezieht. Demzufolge muss eine Lernaufgabe nachfolgende vier Bestandteile aufweisen:

1.Aufgabenstellung

2.Lernmaterialien und Methoden

3.Gesprächsführung und Moderation

4.Diagnose, Rückmeldung und Reflexion

Die ersten beiden Bereiche weisen materialen Charakter auf und finden verstärkt in der Planungsphase statt. Die letzten beiden Bereiche haben personalen Charakter und steuern die Interaktionen zwischen allen am Lernprozess Beteiligten. Das von J. Leisen vorgelegte Aufgabenkonzept knüpft an reformpädagogische Ideen zur Konstruktion von Lernaufgaben an.

Ein weiteres Modell, das die Bedeutung einer Lernaufgabe für motivierendes Lernen herausstellt, ist das TARGET-Modell von C. Arnes (1992). TARGET steht für:

Twie Task oder Aufgabe, die herausfordert, aber nicht unter- oder überfordert

Awie Autonomie, die Selbststeuerung und -wertgefühl fördert

Rwie recognition oder Anerkennung

Gwie Gruppenfokus, gemeinsam geht es besser

Ewie Evaluation, Lernen braucht Feedback

Twie time oder Zeit, es muss genügend Zeit zur Verfügung stehen beim Lernen.

Eine erfolgreiche Lehr-Lern-Strategie baut auf diesen Postulaten auf und hat als Ausgangspunkt eine problemhaltige Lernaufgabe. Diese fördert die Kollaboration, lässt Individualität zu und ist fehlertolerant. Die Fehlertoleranz ist eine Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, damit sich Lernende voll entfalten können. In der Industrie wird zur Verbesserung der Qualität von Produkten und Prozessen häufig die Null-Fehler-Strategie praktiziert. In Schule und Unterricht geht es jedoch beim Lernen nicht darum, Fehler auszuschließen oder gar zu sanktionieren. Ganz im Gegenteil, diese sind willkommen und bieten Lernanlässe sowie Raum zum Experimentieren, Neues zu erfahren, gemeinsam zu arbeiten und weiterhin Fehler machen zu dürfen.

«Keine Fehler zu machen, ist auch keine Lösung.»

Die im Kapitel 2 vorgestellten Konzeptionen verdeutlichen die Komplexität, die es bei der Konstruktion einer Lernaufgabe und deren Einbettung in ein Lehr-Lern-Arrangement zu beachten gilt. Damit gaben wir Ihnen Einblicke in die Vielschichtigkeit einer Lernaufgabe. Was Sie jetzt noch brauchen: ein passendes Werkzeug zur Aufgabenkonstruktion. Der Aufgabendidaktische Kompass knüpft an die vorgestellte Konzeptionen an und unterstützt Sie im Prozess der Konstruktion einer problembasierten Lernaufgabe.

3
Der Aufgabendidaktische Kompass

«Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.»

Aristoteles

In den beiden vorherigen Kapiteln gingen wir auf die Bedeutsamkeit von Lernaufgaben für Lernprozesse ein. Anhand von verschiedenen theoretischen Ansätzen zu Lernaufgaben stellten wir Ihnen auch unser Verständnis vor. So wie es fast unendlich viele Kriterien für guten Unterricht gibt, existieren diese ebenfalls für gute Lernaufgaben. Doch nützen diese Auflistungen von Kriterien wenig, wenn Lehrkräfte damit nicht wirksam arbeiten können. Durch jahrelange unterrichtspraktische Erfahrungen an beruflichen Schulen, Hochschulen und Studienseminaren sind es für uns letztlich die Big Five, die die Qualität einer Lernaufgabe und deren Erfolg kennzeichnen: Problem, Situation, Handlung, Kompetenzen und Lernende. Im Aufgabendidaktischen Kompass finden sich diese fünf Merkmale wieder und geben Lehrkräften eine Orientierung bei der Erstellung von Lernaufgaben. Zudem begünstigt die Arbeit mit dem Aufgabendidaktischen Kompass eine strukturierte und zielführende Vorgehensweise in der Konstruktion qualitativ hochwertiger Lernaufgaben.


Abbildung 2: Aufgabendidaktischer Kompass

Der Begriff «Kompass», italienisch compasso, «Zirkel, Magnetnadel», abgeleitet vom lateinischen Wort compassare, «abschreiten», verknüpft die Vorstellungen von Orientierung (Magnetnadel zur Bestimmung der Himmelsrichtung) und Handlung (Bewegung des Abschreitens). Archimedes (287–212 v. Chr.) wird gern zitiert mit dem Satz Gib mir einen festen Punkt, dann kann ich die Erde bewegen. Er meint damit einen festen Punkt im physischen Sinn.

I. Kant hat in seiner Schrift «Was heißt: sich im Denken orientieren?» erklärt, wie Orientieren funktioniert. Er äußert sich verblüffend praktisch und verweist auf die Himmelsrichtungen, als spräche er von einem inneren Kompass (vgl. 1969, 12). In seinen Aussagen findet sich der Aufgabendidaktische Kompass wieder. Der Aufgabendidaktische Kompass mit allen seinen fünf Merkmalen ist in gewissem Sinne somit auch von I. Kant ableitbar.

Der umgangssprachliche Ausdruck Ich muss mich erst einnorden verweist auf eine kompassartige Orientierung und diese möchten wir mit dem Aufgabendidaktischen Kompass geben. Bei der Anwendung des Aufgabendidaktischen Kompasses ist zu beachten, dass nun mal die wichtigste Himmelsrichtung Norden ist, um in der Folge die Wegrichtung zu bestimmen. Als Fixpunkt − eingenordet − haben wir das Problem, denn dieses bildet den Ausgangspunkt einer Lernaufgabe. Die fünf Merkmale Problem, Situation, Handlung, Kompetenzen und Lernende korrespondieren miteinander und bilden ein in sich logisches Netz. In der praktischen Arbeit mit dem Aufgabendidaktischen Kompass ist eine assoziative Verknüpfung der fünf Merkmale erwünscht. Diese Arbeitsweise ist bereichernd und schafft Raum für kreative Prozesse, die es bei der Aufgabenerstellung braucht.

Erfahrungswert: Die Geburtsstunde des Aufgabendidaktischen Kompasses

Im Rahmen der fachdidaktischen Lehrkräfteausbildung sammelten wir am Europa-Studienseminar für berufliche Schulen in Gießen im Berufsfeld «Wirtschaft und Verwaltung» wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse zur Konzeption und Implementierung von komplexen Lernaufgaben in den Schulunterricht. Deutlich wurde, dass wissenschaftliche Darstellungen zu Lernaufgaben nur eingeschränkt in der Praxis der Aufgabenerstellung weiterhelfen. Dies war die Geburtsstunde des Aufgabendidaktischen Kompasses. Es brauchte nämlich ein Instrment, das die Lehramtsanwärter*innen bei der Konstruktion einer Lernaufgabe unterstützt und diesen Prozess klar strukturiert.

Mit dem Einsatz des Aufgabendidaktischen Kompasses konnten die Referendare ihre Unterrichtspraxis durch problemhaltige Lernaufgaben nachhaltig verändern. Statt eher kleinschrittiger und eng abgegrenzter Aufgaben wurden zunehmend komplexe und qualitativ hochwertige Lernaufgaben erstellt. Weitere positive Effekte waren Veränderungen von subjektiven Theorien über Unterricht und Aufgaben, mit dem Ergebnis modifizierter Lehr-Lern-Strategien, bei denen die Lernaufgabe das zentrale Element bildete.

Neben dem Aufgabendidaktischen Kompass führten wir die Aufgabendidaktische Analyse ein. Diese ist ein separater Gliederungspunkt in den Unterrichtsskizzen bzw. -entwürfen und dient zur Verschriftlichung der fachdidaktischen Begründungen zur eingesetzten Lernaufgabe. Darüber werden die Bedeutung und Wirksamkeit der Lernaufgabe für den Unterricht und die initiierten Lernprozesse bei den Schüler*innen herausgestellt. Es ist sehr hilfreich, diese Analyse mit dem Aufgabendidaktischen Kompass anzufertigen. Damit können Sie die der Lernaufgabe zugrunde liegende Logik des Aufgabenentwicklers offenlegen. Auf diese Weise werden aufgabendidaktische Entscheidungen transparent und ebenso legitimiert.

Die Rückmeldungen der Lehramtsanwärter*innen belegen eine sehr hohe Zufriedenheit mit dem Instrument des Aufgabendidaktischen Kompasses. Dieser hilft ihnen, den Schritt von der Theorie in die Praxis zu bewältigen und führt zu einer Erhöhung ihrer Professionalität, insbesondere im Bereich der Aufgabendidaktik. Auf Seiten der Lernenden wird geäußert, dass die «neuen» Lernaufgaben und der damit einhergehende Wechsel des Lehr-Lern-Arrangements ihnen auch wirklich etwas bringt. Es kann doch nichts Schöneres geben, als wenn Lehrende und Lernende mit Freude den Tätigkeiten des Arbeitens und Lernens nachgehen und darin eine Sinnhaftigkeit erkennen sowie innere Zufriedenheit erlangen.

Auf diese Weise kann Schule und Unterricht neu belebt und als wertvoll erlebt werden. Die Institution Schule profitiert davon, dass sie junge Menschen mit Begeisterung und ohne Ängste besuchen. Die Ergebnisse der Berliner Studie des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien aus dem Jahr 2014 sollten alarmierend sein, denn über 65 Prozent der Schüler*innen an den beruflichen Schulen haben im Schuljahr 2014 einmal oder mehrmals die Schule geschwänzt (vgl. Sälzer 2015). Die Gründe dafür sind vielfältig, jedoch sollte es Ansporn sein, dies zu ändern. Notwendig dafür ist eine veränderte Aufgabenkultur und -praxis hin zu problembasierten Lernaufgaben und eine damit einhergehende Öffnung von Unterricht. Diesen Veränderungsprozess kann der Aufgabendidaktische Kompass in doppelter Hinsicht befördern. Zum einen als Aufgabendidaktisches Werkzeug und zum anderen als Katalysator für Schul- bzw. Unterrichtsentwicklung.

In der Berufspraxis sowie im Privatleben treten Veränderungen oft erst dann ein, wenn die Menschen vor Problemen stehen. In der Welt der Schule und des Unterrichts finden wir jedoch eine andere Sichtweise. Der herkömmliche Lehr- und Bildungsplan schreibt keine zu lösenden Probleme vor, sondern er gibt den Lehrkräften inhaltliche und schwache kompetenzbezogene Vorgaben, die die Lehrkräfte in ihren Unterrichtskonzepten verarbeiten. Das Ergebnis ist ein Lernen in Fächern und eine inputgesteuerte Wissensvermittlung. Dies führt zur Beschulung von vermeintlichen Fachexperten, die im Volksmund gerne als Fachidioten bezeichnet werden. Leider können diese kaum übergreifende betriebliche oder auch gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge herstellen. Eigentlich liegt hier ein Konstruktionsfehler vor, denn ein Problem außerhalb der Schule wird nicht danach fragen, in welchen Fächern oder Lernfeldern etc. das entsprechende Wissen zur Problemlösung abgelegt ist, vergleichbar mit einer Kommode mit Schubladen. Klingt logisch, jedoch wird diese Logik bei curricularen Entwicklungsprozessen oft nicht beachtet. In Zeiten der Schnelllebigkeit in nahezu allen Bereichen des Lebens und einer rapiden Digitalisierung ist dies jedoch gefordert. Nun gut, könnten die Kritiker sagen, es braucht doch auch Spezialisten. Das stimmt, die braucht es, allerdings solche mit einem Blick über den Tellerrand. Aus diesem Grund ist es angezeigt, das Bildungssystem von der Kindertagesstätte bis zu den Hochschulen zu hinterfragen und samt den entsprechenden Lehr- und Bildungsplänen zu verändern. Mit den derzeit im deutschsprachigen Raum neu eingeführten kompetenzbasierten Bildungsplänen versucht die Bildungspolitik zwar, das Ruder rumzureißen und das Schiff auf Kompetenzkurs zu bringen. Wie das aber so ist mit «Supertankern», sie reagieren nur sehr träge, und so setzen sich Veränderungen im Bildungswesen nur langsam durch − aber dann hoffentlich auch mit viel Kraft und der gewünschten Wirkung.

Im Folgenden stellen wir dazu das Konzept und Instrument des Aufgabendidaktischen Kompasses mit seinen fünf Merkmalen: Problem, Situation, Handlung, Kompetenzen und Lernende in dieser Reihenfolge vor. Wir laden Sie sozusagen auf eine Schiffsexpedition mit uns ein. Wie Sie bereits wissen, ist der Ausgangspunkt einer Lernaufgabe ein Problem, und ausgehend davon navigieren wir von Osten nach Westen – keine Sorge, wir kommen garantiert mit Ihnen am Ziel an.

3.1 Problem


Am Beginn einer Theorie sollten Probleme stehen, so die Forderung von K. R. Popper. Eine Theorie wird also nicht um der Theorie willen aufgestellt, sondern zur Lösung von herausfordenden Frage- und Problemstellungen aus der Praxis und für die Praxis, das ist die Maxime.

Übertragen wir diese Forderung auf den Schulunterricht, so ist es angezeigt, nicht die theoretischen Inhalte als Ausgangspunkt eines Lernprozesses zu nehmen, sondern eine für die Schüler*innen bedeutsame Problemstellung. Exakt dieser Ansatz findet sich auch in den Handreichungen der Kultusministerkonferenz zur Erarbeitung der Rahmenlehrpläne für den berufsbezogenen Unterricht in der Berufsschule. Doch leider geht diese Forderung größtenteils unter, da sich Lehrkräfte beim Lesen des Lehrplans zumeist auf die zu vermittelnden Inhalte beschränken. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Referendar, der zu Beginn seines Referendariats nicht verstehen konnte, weshalb er sich in einem ersten Schritt mit den Handreichungen befassen sollte und erst im zweiten Schritt mit den Ausführungen zum entsprechenden Lernfeld im Lehrplan. Nach einem halben Jahr revidierte er seinen damaligen Standpunkt. Jetzt erst habe er verstanden, wie wichtig es ist, sich eben nicht zuerst auf die Inhalte zu stürzen. Dies hatte nämlich bei ihm zur Folge, dass er einen Unterricht durchführte, bei dem die frontale Inhaltsvermittlung im Vordergrund stand und diese ging an den Lernenden komplett vorbei. Gut erkannt! Die Vermittlung von Inhalten in dieser Form führt zu keinen nachhaltigen Lernergebnissen und zu keinem umfassenden Kompetenzerwerb. Ganz im Gegenteil, sie trägt dazu bei, die Wissensbulimie zu befördern. Damit ist gemeint, dass die Lernenden die relevanten Lehrplaninhalte zwar nett verpackt vermittelt bekommen und bei Klausuren und Prüfungen lediglich wiedergeben bzw. reproduzieren müssen. Zwangsläufig führt dies jedoch zu so genanntem trägem Wissen, das in der Praxis nicht angewendet werden kann. Letztendlich existiert bei diesem Unterrichtsansatz kein echtes Problem, denn sonst würde es auch nicht zu dieser Art der Wissensvermittlung kommen. Das Problem besteht für die Lehrkraft lediglich darin, wie die Lehrplaninhalte in die Köpfe der Schüler*innen transferiert werden können. Auch trägt diese Vorgehensweise zwar zur Gewissensberuhigung der Lehrkraft bei, denn diese kann sich sicher sein, dass alle Inhalte durchgenommen wurden, im Klassenbuch eingetragen und damit Rechtssicherheit besteht. Auf Seiten der Schüler*innen besteht dann das Problem, wie sie einen persönlichen Bezug zu den Inhalten herstellen können, zumal diese zumeist aktuell keine Relevanz für sie besitzen. Jetzt könnte man damit argumentieren: Gut, du lernst ja für dein späteres Leben und dafür brauchst du diese Inhalte. Doch leider hilft diese Argumentation nicht weiter, denn wer weiß, ob die Inhalte dann überhaupt noch notwendig sind. Auch die Begründung, dass die Inhalte im Lehrplan vorgeschrieben seien und behandelt werden müssten, hilft nicht, die Lernenden zu motivieren. Beispielsweise sind viele Lehrpläne schlichtweg veraltet, wie der Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann/-frau aus dem Jahre 2002. Die betriebliche Praxis eines sogenannten Kaufmannsgehilfen hat sich durch die Digitalisierung stark verändert. Schlagworte wie Online-Beschaffung und Industrie 4.0 belegen dies und der Lehrplan hinkt der Betriebspraxis deutlich hinterher. Schlussendlich macht auch diese Argumentation wenig Sinn und weist keinerlei Überzeugungskraft auf. Es gilt, Abstand zu nehmen von solchen Argumentationslinien. Lernende erreicht man damit nicht, ganz im Gegenteil, solche Aussagen disqualifizieren die Professionalität als Lehrkraft.

Wie heißt es doch zutreffend bei den Dakota-Indianern: «Wenn du merkst, du reitest ein totes Pferd, steig herab». Doch genau dieses Absteigen bzw. den Unterricht schwerpunktmäßig nicht an Inhalten zu orientieren, sondern an Problemen, ist in der Tat eine Herausforderung für Lehrkräfte.

Erfahrungswert: Nicht das tote Pferd reiten

Unseren Erfahrungen zufolge zahlt sich eine Orientierung an aktuellen Problemen aus, denn dadurch kommt es darüber bei Lernenden und Lehrenden zur Steigerung der Lern- und Arbeitsmotivation und Zufriedenheit.

Ein gutes Beispiel dafür ist eine Berufsschulklasse für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann/-kauffrau, die sich mit der Thematik «Marketing» befassen sollte. Erst als der Unterricht nicht auf Inhalte, sondern auf ein reales Problem hin ausgerichtet wurde, nämlich für eine heimische Brauerei umsetzbare Lösungen zu entwickeln, um dem Absatzrückgang entgegenzuwirken, kam es zur Initiierung von echten Lernprozessen mit dem freudigen Resultat, dass sich die Leistungen der Schüler*innen durchweg verbesserten. Ausschlaggebend dafür war eben eine real existierende Problemstellung, die die Motivation der Lernenden erst entfachte. Die Lernenden erkannten für sich eine bedeutsame Relevanz und beantworteten für sich die Frage, warum sie sich damit beschäftigen sollten, positiv. Aufgrund unserer Erfahrungen möchten wir Mut machen, die gewohnten Wege und Arbeitsweisen der reinen Inhaltsvermittlung zu verlassen, also vom toten Pferd abzusteigen und sich auf etwas möglicherweise Neues, auch Unbekanntes einzulassen. Das Instrument des Aufgabendidaktischen Kompasses unterstützt Sie dabei. Bestimmt denken Sie jetzt, das ist ja einfacher gesagt als getan. Stimmt! Auf Grund unserer Unterrichtserfahrungen können wir jedoch sagen, dass es funktioniert.

Bezogen auf die Arbeit mit dem Aufgabendidaktischen Kompass heißt dies nun, Ausschau nach Problemen zu halten und zu prüfen, inwieweit die geplante Lernaufgabe überhaupt eine für die Lernenden relevante Problemstellung enthält.

Was ist überhaupt ein Problem

Werfen wir einen Blick in die Literatur, um herauszufinden, was überhaupt ein Problem ist. Eine gute Hilfestellung geben die Ausführungen von D. Dörner (2014). Er unterscheidet zwischen einem Problem und einer Aufgabe. Vorsicht, die Begriffe Aufgabe und Lernaufgabe sind in diesem Zusammenhang nicht synonym zu verwenden. Wir müssen also zuerst prüfen, enthält die angedachte Lernaufgabe eine Aufgabe oder ein Problem. Doch worin liegt der Unterschied?

Ganz einfach, bei einer Aufgabe ist der Anfangszustand klar definiert bzw. bekannt und der Endzustand ebenso. Die Herausforderung für die Lernenden besteht darin, einem vorgegebenen Lösungsweg zu folgen, der zu einer eindeutigen Lösung führt. Ein Großteil der im Schulunterricht eingesetzten Aufgaben weist demzufolge eine Aufgabenstellung auf, jedoch keine Problemstellung. Dies wird auch als geschlossenes Problem bezeichnet, da das zur Anwendung kommende Lösungsverfahren vorher im Unterricht vermittelt und eingeübt wurde (siehe Aufgabentypen − hier).

Hingegen ist bei einer Problemstellung der Anfangszustand teilweise völlig diffus und unklar, beispielsweise, für die heimische Brauerei ein Konzept zu entwickeln, wie dem Absatz- und Umsatzrückgang mit Hilfe von Marketing entgegengewirkt werden kann. Dies bedeutet auch, dass die von den Schüler*innen entwickelten Lösungen im Vorfeld nicht feststehen und es zu verschiedenen Lösungsansätzen kommen kann. Dies wird auch als ein offenes Problem bezeichnet, dass es eben nicht den vorgezeichneten Lösungsweg der Lehrkraft gibt, sondern ganz vielfältige Herangehensweisen. Mit dem folgenden Beispiel wollen wir den Unterschied zwischen Aufgabe und Problem noch deutlicher herausarbeiten: Mit Auszubildenden für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann/-frau führen wir über ein Schulhalbjahr im 1. Ausbildungsjahr Charity-Projekte durch. Die Schüler*innen werden vor das Problem gestellt, in Kleingruppen reale Hilfsprojekte durchzuführen. Der Anfangs- und Endzustand ist in der Tat nicht bekannt, denn die Lehrkräfte wissen im Vorfeld gar nicht, welche Gruppen von Bedürftigen unterstützt werden sollen. Auch ist das Ergebnis der jeweiligen Kleingruppe im Vorfeld nicht bekannt. Der Weg für die Lernenden besteht darin, die Instrumente des Projektmanagements anhand einer realen Problemstellung zur Anwendung zu bringen.

Praxistipp: Der Wandel beginnt im Kopf

Nehmen Sie nun den Aufgabendidaktischen Kompass zur Hand und prüfen Sie, inwieweit Sie schon erste Schritte auf Ihrer mentalen Landkarte in Richtung Problem gehen können. Der Wandel von geschlossenen hin zu offenen Aufgabenstellungen beginnt in Ihrem Kopf.

«Jede Veränderung beginnt im Kopf.»

Geben Sie dem Neuanfang eine Chance!

Nehmen Sie die letzte Schulaufgabe zur Hand, mit der Sie Ihre Schüler*innen konfrontiert haben. Prüfen Sie nun, ob bei dieser Aufgabenstellung eine Aufgabe (geschlossenes Problem) oder ein Problem (offenes Problem) vorliegt. Wenn Sie im Studium sind, darf die Aufgabe gerne auch aus Ihrer Schulzeit oder aus der Hochschule sein. Denken Sie aber daran, bei einer Aufgabenbearbeitung werden ausschließlich reproduktive Tätigkeiten von den Schüler*innen eingefordert bzw. es wird nur mit Gedanken hantiert, etwas Neues wird nicht erschaffen und ein realer Bezug zur Lebens- und Arbeitswelt liegt auch nicht vor − ganz anders als bei der Problembearbeitung.

«Wir denken nur, wenn wir mit Problemen konfrontiert sind.»

J. Dewey

Hintergrund: Mentale Modelle − mentale Landkarten

Wenn wir vor einem Problem stehen und verzweifelt nach einem Zugang suchen, dann generieren wir ein mentales Modell. Darunter verstehen wir individuelle kognitive Konstruktionen, mit denen ein Mensch seine Erfahrungen und sein Denken so organisiert, dass es für ihn einen Sinn ergibt (vgl. Seel; Hanke 2010, 82). Ein mentales Modell können Sie sich als Denkmodell oder Wahrnehmungsmodell vorstellen. Ein Denkmodell ist eine Art geistige Concept-Map, eine Art Ursache-Wirkungs-Kette oder auch eine filmähnliche Episode. Bestimmt kennen Sie die Frage: Was läuft denn gerade bei dir im Kopf für ein Film ab? Im Marketing wird gerne der Begriff Image verwendet und dieser stammt von Imagination ab, d. h. Vorstellung bzw. Bild, das wir von einer bestimmten Sache haben. Ein Globus ist in diesem Sinne ein Wahrnehmungsmodell. Mentale Modelle stellen subjektive geistige Repräsentationen dar und sind weder richtig noch falsch. Bezogen auf Lernprozesse geben diese für den Lernenden in der jeweiligen Situation somit erst einmal einen Sinn. Von daher empfehlen wir Ihnen: Nicht zu früh verstehen!

Um sich einen komplexen oder fiktiven Sachverhalt veranschaulichen zu können, arbeiten beispielsweise Forscher*innen mit Modellkonzeptionen. Wenn diese im Laufe des Forschungsprozesses zu anerkannten brauchbaren Modellen werden, so bezeichnet man diese als konzeptuelle Modelle, wie etwa das Atommodell von E. Rutherford (vgl. Seel 2005, 201).

Aus einem individuellen internen Modell des Forschenden kann so im Laufe der Auseinandersetzung ein konzeptuelles externes Modell der Wissenschaft werden. Diesen kognitionswissenschaftlichen Ansatz der mentalen Modelle hat man versucht didaktisch brauchbar zu machen. Die zentrale Frage lautet dabei: Wie können Lernende unterstützt werden, in einer Problemsituation aus ihrem vorhandenen Wissen und Können sinnvolle, fachlich richtige Erklärungsansätze zu generieren? Hierzu haben N. M. Seel, S. Al-Diban und P. Blumschein (2000) eine problemorientierte Lernumgebung zum europäischen Wirtschaftssystem als Grundlage genommen und damit untersucht, wie Lernende mit dem didaktischen Ansatz der Cognitive Apprenticeship (Collins; Brown; Newman 1989) in der Modellbildung unterstützt werden (vgl. Seel et al. 2000, 142 f.). Es zeigte sich, dass Lernende mit geringem Vorwissen große Schwierigkeiten mit der anfänglichen Modellbildung haben. Sie konnten sich lediglich am vorgegebenen kausalen Erklärungsmodell orientieren und dieses im Laufe der Problembearbeitung weiter verinnerlichen. Daraus lernen wir, dass eine Lernaufgabe selbstorganisiertes Entdeckungslernen fördern sollte und den Lernenden auch mit passgenauen konzeptuellen Modellen weiterhelfen kann. Dies gibt den Lernenden wiederum die Möglichkeit, ihr mentales Modell der Problemsituation und -lösung weiterzuentwickeln, zu vervollständigen und zu stabilisieren (vgl. Seel 2005, 203).

Neben der Unterscheidung in Aufgabe und Problem differenziert D. Dörner (2014) noch näher aus, dass eine Problemstellung fünf Merkmale aufweisen sollte: Komplexität, Intransparenz, Dynamik, Vernetztheit und Unvollständigkeit. Bei der Erstellung und dem Einsatz der Lernaufgabe ist das zentrale Element die Komplexität, denn die anderen Merkmale hängen davon ab.

Aus diesem Grund ist es an dieser Stelle angezeigt, sich näher mit dem Merkmal «Komplexität» zu befassen, denn die Komplexität eines Problems zeigt sich letztendlich bei der Lernaufgabe auch darin, in welchem Umfang sich die Lernenden selbsttätig neue Wissensinhalte erschließen. Das Ausmaß an Komplexität stellt sich in einer Lernaufgabe wie folgt dar:


Abbildung 3: Komplexität: Auf die Verknüpfungen kommt es an

Nicht die Anzahl der einzelnen Merkmale in einer Lernaufgabe ist für die Komplexität entscheidend, sondern deren Verknüpfung und gegenseitige Beeinflussung.

«Kompliziert ist nicht gleich komplex. Aber komplex ist auf jeden Fall kompliziert!»

Erfahrungswert: Die Apfelmostanlage

Ein Referendar berichtete stolz, dass seine Schüler*innen ihm den Vorschlag unterbreitet hätten, die Funktion einer Elektroschaltung an einer Apfelmostanlage kennenzulernen. Zuerst dachte die junge Lehrkraft: «Wie soll das nur funktionieren, ist es nicht besser, wenn die Auszubildenden das relevante Wissen von der Lehrkraft erklärt bekommen? Schließlich ist der Bau einer solchen Anlage ein recht komplexes Vorhaben und die Schüler*innen haben kein Vorwissen − außer dass ihnen der Apfelmost schmeckt!» Der Referendar hatte Mut und folgte dem Wunsch seiner Lernenden. Das Ergebnis war ebenso überzeugend wie schmackhaft.

An diesem Beispiel wird sichtbar, was unter der Komplexität eines Problems zu verstehen ist. Der Bau einer Apfelmostanlage durch die Schüler*innen ist deutlich aufwendiger und komplexer als die frontale Vermittlung der Inhalte durch die Lehrkraft. Ausgehend von dem Wunsch der Lernenden wurde ein Lernprozess in Gang gesetzt, bei dem das Problem, nämlich wie die eigenen Äpfel zu Apfelmost verarbeitet werden können, durch den Bau einer entsprechenden Maschine gelöst wurde.

Praxistipp: Überforderung vermeiden

Überfordern Sie sich und Ihre Schüler*innen nicht − fordern und fördern Sie diese ganz gezielt, indem Sie die Komplexität der Problemstellung zunehmend erhöhen. Nutzen Sie eine Skala von 1 bis 10, um Schritt für Schritt in Richtung 10 zu gelangen. Schätzen Sie die Komplexität bei jeder Lernaufgabe neu ein und erhöhen Sie diese entsprechend der Kompetenzentwicklung der Lernenden.

Berücksichtigen Sie, dass es keinen Sinn ergibt, eine problemerzeugende Lernaufgabe zu entwickeln, wenn diese kleinschrittige Arbeitsanweisungen enthält, das wäre kontraproduktiv.


Abbildung 4: Selbsteinschätzung der Komplexität einer Lernaufgabe

Vor einiger Zeit sprach uns eine Lerngruppe darauf an, dass wir als Lehrkräfte noch nicht verstanden hätten, wie Selbsttätigkeit bzw. selbstorganisiertes Lernen funktioniere. Das fanden wir höchst interessant und so ließen wir uns von den Schüler*innen die richtige Herangehensweise erklären. Also schauen Sie, sagten die Lernenden, unsere Religionslehrerin gibt uns zu Beginn der Unterrichtsstunde eine Schulaufgabe und dann sehen wir sie erst wieder am Stundenende. Sie fragt uns danach, wie wir mit der Aufgabenbearbeitung zurechtgekommen sind. Nach Beendigung des Erklärungsversuches mussten wir alle laut lachen, obwohl es eigentlich eher traurig ist. Auf Seiten dieser Lehrkraft liegt ein Irrglaube vor, denn «selbstständig», «selbsttätig», «selbstreguliert» oder «selbstorganisiert» heißt nicht, wir lassen die Schüler*innen einfach loslegen und hoffen, irgendwie werden diese sich das entsprechende Wissen aneignen. Das ist ein völlig verqueres Lehr- und Lernverständnis!

Lassen Sie Ihre Schüler*innen beim Kompetenzerwerb nicht allein, begleiten Sie sie, denn ansonsten ist unklar, ob es überhaupt zum Kompetenzerwerb kommt. Die Tätigkeit einer Lehrkraft ist eine aktive. Damit meinen wir nicht «aktiv» im Sinn von «Ich erkläre euch das», sondern von «Ich gebe euch Rückmeldung oder Feedback». In seinem Forschungsbericht stellt J. Hattie heraus, dass die Selbsteinschätzung der Lernenden im Lernprozess und das Feedback der Lehrkraft wesentliche Erfolgsfaktoren in einem Lernprozess und somit Problemlöseprozess seien.

Wie und wo finde ich unterrichtsrelevante Probleme?

Die Antwort auf die titelgebende Frage eines Referendars: «Wie und wo findet man ein Problem für eine Lernaufgabe?» verdanken wir Margit, einer ehemaligen liebenswerten Kollegin am Europa-Studienseminar in Gießen. Sie war bestechend einfach und doch so zutreffend: «Auf der Straße.» Zuerst war er etwas verblüfft und fragte uns: «Wie, auf der Straße?» Gemeint ist damit, dass das eigene Leben im privaten und beruflichen Bereich voller interessanter Probleme steckt, die gilt es anzugehen und zu lösen. Also, Augen und Ohren auf! Nicht nur sehen, sondern auch zuhören.

«Der Alltag ist das beste Lernfeld.»

Praxistipp: Aktiv einbinden

Folgen Sie dem Prinzip «Betroffene zu Beteiligten machen». Binden Sie die Schüler*innen aktiv ein und werden Sie zu einem Team, idealerweise zu einem Flow-Team (vgl. Gerber; Gruner 1999).

Erfahrungswert: Die Lagerkennziffer macht Schule

Das Brauerei-Projekt wurde schon vorgestellt (hier). Auch hier war es die Idee des Auszubildenden, der in einer Brauerei seine Ausbildung absolvierte. Es müssen aber nicht immer Projekte sein, um Schüler*innen einzubeziehen. Bereits bei einer kleineren Unterrichtseinheit kann dieses Prinzip realisiert werden.

Der Lehrplan für angehende Industriekaufleute sieht im Lernfeld 6 vor, dass diese sich u. a. mit Lagerkennziffern befassen. Das ist auf den ersten Blick eine recht einfache Thematik, die sich wunderbar schnell und zügig mittels Frontalunterricht vermitteln und durch ergänzende Übungsaufgaben festigen lässt. Doch was kommt letztendlich bei den Lernenden an? Damit für die betriebliche Praxis etwas herumkommt, bekamen die Auszubildenden einen Forschungsauftrag. Ihre Aufgabe war es, in ihren Ausbildungsbetrieben den Lagerkennziffern auf die Spur zu kommen und eine Präsentation darüber zu erstellen. Die Auszubildenden stellten anhand von Screenshots für ausgewählte Artikel in ihren Ausbildungsbetrieben die jeweiligen Lagerkennzahlen vor. So weit ist das immer noch kein Problem. Das Problem entstand, als ein Schüler fragte: «Wie berechnen sich eigentlich die Lagerkennziffern? In meinem Ausbildungsbetrieb hatten wir eine Retoure und die Lagerumschlagshäufigkeit dieses Artikels lag bei 0,15 und das verstehe ich nicht!» Nachdem sich durch den Forschungsauftrag alle Lernenden intensiv mit Lagerkennziffern in der betrieblichen Praxis auseinandergesetzt hatten, war es an dieser Stelle möglich, gemeinsam mit der Lerngruppe nach einer Lösung zu suchen und diese auch zu finden. Freudestrahlend kam der Schüler zur nächsten Stunde, da er nun verstanden hatte, was eine solch niedrige Lagerkennziffer für das Unternehmen und den betrieblichen Ablauf bedeutet. Nachdem die Auszubildenden die Zwischenprüfung geschrieben hatten, schauten wir uns die Prüfungsergebnisse an und waren begeistert, dass alle Schüler*innen die Prüfungsaufgabe zu den Lagerkennziffern richtig beantwortet hatten und dies mit lebensnahen Lernaufgaben, ganz ohne Frontalunterricht.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
191 str. 69 ilustracji
ISBN:
9783035515671
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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