Czytaj książkę: «Gehen, um zu bleiben»

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Travemünde, 1988

Klaus Müller, geb. 1941 in Dresden, lebt in Rostock. Ausbildung zum Maschinenschlos­ser. Nach der Abendschule, die er nicht beenden durfte, und Lehre als Kellner und Gast­stättenleiter viele Jahre im gastronomischen Gewerbe tätig. Für seine spektakuläre Italien­reise, bis heute Gegenstand des öffentlichen Interesses, eignete er sich umfangreiche nautische/seglerische Kenntnisse an. Nach der Wende war er als Projektleiter und ist nun als Sachbuchautor tätig.

Klaus Müller

Gehen, um zu bleiben

Aus der DDR nach Italien – und zurück


Inhalt

Cover

Titel

Der Autor

Ein Wort vorab

1. Kapitel: Der Plan

Das Seebäderschiff

Die Krise kommt näher

Erste Schritte

Eine Nachlässigkeit bringt große Gefahr

Die große Gefahr

2. Kapitel: Die Vorbereitung

Segelsommer

Schon mal auf Seumes Spuren

Wieder bei der „Weißen Flotte“

Ein Winterhalbjahr in der Vorbereitungsphase

Hiddenseefähre und Mitropa

3. Kapitel: „Die Lauer“

Heimatgefühl

Hiddensee-Sommer 1986

„Jubiläum 25 Jahre Mauerbau“

Ein weiteres Winterhalbjahr auf der Lauer

Hiddenseesommer 1987

Im „Kugelfisch“ mit Don Avocado

Der Samurai

4. Kapitel: Der Grenzdurchbruch über die Ostsee

5. Kapitel: Im Westen

Ankunft

Erste Eindrücke

Hamburg

6. Kapitel: Italien

Nach Süden

Nach Rom

Rom

Weiter nach Syrakus

Syrakus

Mein Rückweg über Palermo

Durch Italien in die Emilia-Romagna

Parma

Durch die Lombardei

Von Verona über die Alpen zurück nach Deutschland

Rückreise durch Deutschland

7. Kapitel: Wieder daheim

Stasi-Empfang

Das Wiederaufnahmelager Röntgenthal

Wieder bei Penelope, und: Mein Jahr 1989

Ein Wort zum Schluss

Impressum

Klappentext


EIN WORT VORAB

1958 – ich hatte gerade meine Facharbeiterprüfung als Maschinenschlosser mit gutem Ergebnis abgeschlossen – wurde ich von SED-Agitatoren zum Studium vorgesehen. Nachgeborene müssen wissen, dass die SED-Führung vor dem Mauerbau 1961 den Studenten, die zumeist dem Bürgertum entstammten, ideologisch höchst misstrauisch gegenüberstand – viele „hauten nach dem Westen ab“, mit dem DDR-Hochschul-Diplom in der Tasche. Deshalb intensivierte die SED-Führung die Facharbeiterausbildung. Facharbeiter erschienen den neuen Machthabern braver als die selbstbewussten und unruhigen Studenten. Man brauchte die Arbeiterschaft nur ausreichend zu ernähren, denn bei Hungerrevolten wie am 17. Juni 1953 konnte auch sie ungemütlich werden. Obwohl ich herzlich wenig Interesse für die Maschinenbauerei verspürte, verfüge ich noch heute über fundierte Kenntnisse in Materialkunde, Mechanik, Statik und bin ein exakter Technischer Zeichner.

Als im September 1961 das Abiturvorbereitungsjahr unseres Hochschulbefähigungs-Lehrganges begann, war es mit der Idylle vorbei, die Mauer stand. Uns empfing ein Trio NVA-Offiziere, die, vom Schuldirektor sekundiert, uns eine Verpflichtungserklärung vorlegten. Jedes Wort traf mich wie ein Peitschenhieb: Wir sollten uns bereiterklären, die sozialistische Ordnung in der DDR (die mich vor drei Wochen gerade eingemauert hatte) mit der Waffe in der Hand (und in jener peinlichen Naziuniform der NVA), unter Einsatz des Lebens (mit dessen Genuss ich gerade begann) und im Bündnis mit der schrecklichen Sowjetarmee (die in meinen Augen das Böse schlechthin war) zu verteidigen. Das Schlimmste aber war die Argumentation: Wir, als zukünftige sozialistische Leitungskader, wären verpflichtet, mit gutem Beispiel voranzugehen und den übrigen Jugendlichen als Vorbild zu dienen. Diese Kampagne hieß: „FDJ-Aufgebot“. Die Wehrpflicht in der DDR begann acht Monate später.

Bisher war meine Distanz zum SED-Regime in der DDR eher ästhetischer Art gewesen. Ich kam schließlich aus der Arbeiterschaft, und die SED wollte ja den Arbeitern geben und es den reichen Kapitalisten nehmen. Damit konnte man als jugendlicher Angehöriger der Arbeiterklasse ohne volkswirtschaftliche Bildung durchaus leben, wenn auch alles, was die SED tat, hässlich war. Ihre Reden, ihre Aufmärsche und Kundgebungen, ihre Bauten, ihr persönliches Auftreten und das Schlimmste, ihr Militär. Ein unüberwindlicher Ekel packte mich, ich fand daher sogar den Mut, als Einziger unserer Klasse die Unterschrift unter dieser Erklärung zu verweigern. Diese Verweigerung bewirkte eine brüllende Schimpfkanonade aus dem Munde der Uniformträger gegen mich und meinen Hinauswurf aus dem Abiturkursus durch den Direktor der Abend-Oberschule. Herkunft aus der Arbeiterklasse und gutes theoretisches Wissen hatten als Kriterien für meinen Verbleib in dieser Bildungseinrichtung ausgedient. Die Militarisierung des Lebens in der DDR deutete sich an.

Der Hinauswurf traf mich nicht als eine besonders tiefe Zäsur. Akademiker hatten in der DDR ohnehin nicht mit hohem Einkommen zu rechnen. Mittlerweile hatte ich als Aushilfskellner eine Möglichkeit gefunden, meine Liquidität aufzufrischen, was etwas Freiheit bedeutete. Mein Lehrberuf als Maschinenschlosser war schlecht bezahlt und bot keine Möglichkeit, ein Zubrot zu verdienen, so dass ich ihn aufgab. Die Kellnerei hatte auch den Vorteil, dass ich mit vielen anderen verhinderten Akademikern und auch mit Studenten in Kontakt kam. Aber auch wirkliche Akademiker entzogen sich nicht dem Umgang mit einem forschen jungen Mann, der gepflegte Umgangsformen, einiges Wissen und immer die Taschen voller Bargeld hatte. Ähnlich wie Alexej Maximowitsch Peschkow, der unter seinem Kampfnamen „Der Bittere“ (russisch: „Gorki“) zu Weltruhm gelangte, nenne ich diese meine Zeit in Dresden und später in Rostock „meine Universitäten“.

Verschiedene Verbindungen da und dort bescherten Glücksansätze von Liebe und Familienleben, denn einige meiner Geliebten hatten eigene Kinder. Die Beziehungen führten aber nie zu einer standesamtlichen Bindung; es blieb immer nur bei dem, was das schöne, französische Wort „Liaison“ nennt oder der katholische Klerus mit dem Schmähwort „Konkubinat“ bedenkt. Meine Ablehnung von administrativen Bindungen blieb auch dann noch, als ich Penelope kennenlernte, mit der ich, im oben angedeuteten Verhältnis, noch heute zusammenlebe.

Sinnlich und materiell konnte ich mich nun nicht mehr beklagen – sommers an der Ostseeküste einträgliche Saisontätigkeit bewältigend und die übrige Zeit des Jahres unterwegs, zum Lebensgenuss und der Libido des Lernens nachgehend. Schließlich war mir ein geisteswissenschaftliches Studium verwehrt worden, aber ich legte dennoch großen Wert auf Bildung. So nebenbei wurde ich in Dresden zu einem erfolgreichen Antiquitätensammler, -händler und auch -restaurator, der das im Sommer gescheffelte Geld nicht zur Gänze verjubeln musste oder wollte, sondern langfristig sichern konnte.

Im Urlaub war ich natürlich oft in unseren östlichen Nachbarländern unterwegs. Das war immerhin ein Hauch von Freiheit, wenn man auch, speziell in Polen, noch eine tiefe Abneigung gegen Deutsche verspürte. Diese Abneigung gegen uns Deutsche gab es, wie ich mich damals wieder anhand der Berichte und Erzählungen älterer Menschen erinnerte, in Italien nicht. Immerhin hatten ja die Italiener Hitlers Eroberungskrieg viele Jahre klaglos mitgemacht und müssten nun, nach meiner Vorstellung, unter den gleichen Schuldgefühlen leiden wie wir und würden uns, die Hauptschuldigen am Kriege von der Nordseite der Alpen her, womöglich mit Milde und Freundschaft behandeln.

Damals kannte ich auch schon Seumes Buch „Mein Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ aus der Schule. Bei Klassenwanderungen zum Großen Winterberg zeigten uns die Lehrer Seumes Weg durch Böhmen nach Italien. In meinen nächtlichen Glücksträumen bin ich dann auf der Suche nach dem Weg nach Italien zwischen den böhmischen Kegelbergen umhergeirrt.

Mitten in meinem lockeren Lebenswandel war ich dann plötzlich 40, nun war „Schluss mit lustig“ – es hatte etwas Bedeutendes zu geschehen. Eine Italienreise war das absolute „Muss“ eines deutschen Bildungsbürgers. So sah ich das jedenfalls damals. Am besten erschien es mir natürlich, diese Reise auf den Spuren Johann Gottfried Seumes bis hinunter nach Syrakus zu unternehmen. Nach 40 Jahren Spießbürgerlebens begann ich endlich mit praktischen Schritten zu meiner Selbstbefreiung. Und doch hatte ich bei allem Reisefieber Angst nicht wieder hereingelassen zu werden. Schließlich liebte ich inzwischen dieses Land, nicht den Staat. Sachsen mit seiner langsam verrottenden Pracht, Berlin und die Mark, wo noch immer der Hugenottengeist waberte, und Mecklenburg, wo sogar noch im Winter die Atemluft erträglich war. Und Penelope band mich an dieses Land.

1. KAPITEL: DER PLAN

Das Seebäderschiff

Ich musste also unbedingt meinen „goldenen Käfig“ einmal von außen sehen. Doch die existenzielle Frage stand im Raum – wie wieder rein?!

Der Gedanke lag nahe, mit einem spektakulären Grenzdurchbruch und der publizistischen Zurückhaltung im Westen nach dem Erfolg Druck auf das SED-Regime auszuüben und so diskret wieder in die DDR einzureisen. Der Plan der Wiedereinreise lag so auf der Hand, wie nun aber raus?

Das Strafgesetzbuch der DDR bedrohte Grenzverletzer im schweren Fall (§ 213 [2. Absatz] Ungesetzlicher Grenzübertritt) mit fünf Jahren Freiheitsstrafe. Schwerer Fall lag vor, wenn:

„1. Die Tat durch Beschädigung von Grenzsicherungsanlagen oder Mitführung geeigneter Werkzeuge oder Geräte oder Mitführen von Waffen oder durch die Anwendung gefährlicher Mittel oder Methoden durchgeführt wird. 2. Die Tat durch Mißbrauch oder Fälschung von Ausweisen oder Grenzübertretungsdokumenten, durch Anwendung falscher derartiger Dokumente oder unter Ausnutzung eines Verstecks erfolgt.

3. Die Tat von einer Gruppe begangen wird.

4. Der Täter mehrfach die Tat begangen oder im Grenzgebiet versucht hat, oder wegen ungesetzlichen Grenzübertritts bereits bestraft ist.“

Und in Absatz 3: „Vorbereitung und Versuch sind strafbar.“

Die Überwindung der Mauer an der Westgrenze war mir ohne Regime-Kenntnisse zu gefährlich. Über die Grenze der ČSSR nach Bayern oder Österreich zu gehen war durch die diplomatischen Verwicklungen, die es gebracht hätte, nicht als Druckmittel für die Rückreise geeignet. Vielleicht gab es einen Weg durch die Luft? Dazu hätte ich aber Flugkünste und gewiss einen Mitwisser benötigt. Es blieb also nur die Ostsee.

Die meisten Fluchtwilligen, welche die Ostsee als Grenzdurchbruchsort im Hinterkopf hatten, dachten an das Fischland oder den Weststrand der Halbinsel Darß, wo es nur 36 Kilometer bis zur dänischen Insel Falster sind, andere an die Insel Poel, die noch näher an der Küste Ostholsteins liegt.

Ohne schon konkrete Pläne im Auge zu haben, bemühte ich mich für die Sommersaison 1981 um die Bewirtschaftung eines von der Mitropa betriebenen Seebäderschiffs der „Weißen Flotte“, das in den östlichen Boddengewässern und an der Ostküste der Insel Rügen Urlauber in Tagesfahrten herumschipperte. Ich wollte auf keinen Fall mehr mit Tablett und Armserviette knechten müssen, es wurde aber dennoch höchst anstrengend, dabei jedoch äußerst einträglich – dies sei voraus gesagt.

Nach einigen Wochen hatte ich einen Saisonvertrag als Buffethaftungsleiter auf der MS SEEBAD WARNEMÜNDE, beginnend am 3. Mai 1981, im Briefkasten. Das Schiff sollte in Wolgast liegen und auch von dort seine Tagesfahrten unternehmen.

Die MS SEEBAD WARNEMÜNDE war ein alter Eisenschlorren von ca. 350 tons und wurde wie ein stolzes Hochseeschiff mit vierzehn Mann ganz seemännisch betrieben. Der Kapitän war ein großer, dicker Mann von Mitte fünfzig, der in den 60ern einmal Erster Offizier auf der VÖLKER-FREUNDSCHAFT gewesen war. Schließlich hatte das Schiff zwei nautische Offiziere an Bord, von denen einer mehrere Jahre bei der Hochseefischerei der DDR als Steuermann gefahren war. Er war an Bord der erfahrenste Mann. Dann gab es noch zwei Mann für die Maschine, einen Offizier und einen Assistent. Die acht Matrosen führte ein Bootsmann. Für die Verpflegung der Passagiere und der Mannschaft waren eine Küchenmeisterin, zwei Kellner und ich, der die Getränkelast unter sich hatte, zuständig. Alle achtzehn Menschen lebten auf dem Schiff, die Offiziere im Oberdeck, die Matrosen achtern und die Gastronomen im Bug.

Bei der ersten Verholreise mit dem noch leeren Schiff von Stralsund nach Wolgast bekam ich meinen ersten nautischen Hinweis, hatte beim Besuch auf der Brücke die Luvtür geöffnet – der Bootsmann brüllte mich an: „Luvdöör tau!“

Mit bis zu 130 Fahrgästen begannen in den nächsten Tagen die Törns, die Peene abwärts, durch den Greifswalder Bodden und aus der Landtiefrinne hinaus in die Ostsee, wo die Reise über die Prorer Wieck nach Saßnitz ging. Bei starkem oder steifem Wind aus östlichen Richtungen holte das Schiff gewaltig über. So dicht vor der Küste der Halbinsel Stubnitz und des Mönchguts baute sich dann eine eklige Kreuzsee auf. Das Schiff hatte keinerlei Stabilisatoren, hätte, um das Schlingern zu dämpfen, gegen den Ostwind angehen müssen, doch dort wollten wir nicht hin. Für die Kellner, die das Mittagessen schon im ruhigen Peenestrom mittels ausgegebener Essenmarken kassiert hatten, war die Schlingerfahrt des Schiffes natürlich eine fette Beute, die sie mit der Köchin teilten, da keiner der Gäste mehr Appetit verspürte.

Bei Schlechtwetter fuhren wir oft leer nach Wolgast zurück, da die Landratten lieber mit dem Zug von Saßnitz aus in ihre Quartiere in Zinnowitz oder in den „Kaiserbädern“ zurückfuhren.

Manchmal führte der Törn auch aus dem Osttief hinaus, um die beiden winzigen Inseln Greifswalder Oie und Ruden zu umrunden und dann auf der Rückfahrt durch das Landtief wieder in den Greifswalder Bodden hinein. Wir schipperten dann nur noch einige Meilen durch den Bodden, das waren allerdings nur Halbtagsfahrten. Wobei die Fahrwässer, die hier Tiefs oder Rinnen genannt werden, nicht nur betonnt, sondern auch regelmäßig ausgebaggert werden mussten. Dieser Archipel war vor wenigen Jahrhunderten noch zusammenhängendes Land. 1629 landete hier Gustav Adolf mit seinem aus über 10.000 Mann bestehenden Schwedenheer, um von Wolgast aus das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ fast zur Gänze zu erobern. Im Frühmittelalter hatten Rügen und Usedom noch eine gemeinsame Landbrücke, so dass die Peene erst westlich von Stralsund bei Hiddensee in die Ostsee mündete. Die Gewässer waren daher denkbar flach und die Ausfahrten schmal, brachten potenzielle Grenzdurchbrecher daher, besonders bei diesigem Wetter, notgedrungen auf kühne Gedanken.

Daher waren unter den Fahrgästen auch oft Leute, die von ihrem Auftreten und ihrem Gehabe sowie von ihren Fragestellungen her für mich als Stasileute erkennbar wurden. Den Matrosen waren diese Leute schon bekannt. Sie berichteten von der Furcht der Stasi vor Schiffsentführungen, wie sie angeblich kurz nach dem Mauerbau auf der Ostsee von einer Greifswalder Abiturklasse versucht worden sei. Damals fuhr die „Weiße Flotte“ noch bis kurz vor Bornholm, machte aber nicht mehr im Hafen von Nexø fest, was jene Abiturklasse aber mit Gewalt angeblich hatte erzwingen wollen. Die Möglichkeit eines Grenzdurchbruchs mit einem Seebäderschiff der Weißen Flotte oder überhaupt einem Passagierschiff war für die SED-Machthaber seither ein Horror in ihrer Gedankenwelt., Deshalb auch die überdimensionierte Besatzung auf dem kleinen Schiff ‘, dachte ich.

Bei mir hatte sich nun aber schon der Gedanke festgesetzt: , Über die See geht der Weg, um einmal den Käfig von außen zu betrachten.‘

Die offene See mit dem freien Blick zum Horizont, der die Freiheit verheißt, oder zu Schiffen, die an der Kimm deutlich auftauchen, sind für Insassen in einem eingemauerten Land natürlich sehr verführerisch – heute ist das kaum noch zu verstehen. Diese permanenten Gedanken der Insassen nach draußen korrespondierten mit der permanenten Arbeit der Wächter oder der Teilhaber des Käfigs an der Verschlusssicherheit ihrer Anstalt.

Wie gesagt, war der Job höchst anstrengend. Morgens um fünf Uhr ging der Bootsmann durchs Schiff und brüllte jedem, der noch nicht aus der Koje war, sein „Reise, reise!“ ins Ohr. Um sechs Uhr war Dienstbeginn, obwohl wir dann zumeist noch beim Frühstück saßen. Bis zur Abfahrt mit den Tagespassagieren, zumeist zwischen sieben und acht Uhr, musste die Ware beschafft und eingelagert werden, dann ging die Arbeit mit mehreren Stunden Mittagspause im Zielhafen bis gegen 21 Uhr fort, was uns, an sechs Tagen pro Woche, immerhin neunzig Arbeitsstunden brachte. Jeden Freitag aber war Ruhetag für Schiff und Leute.

Jeden zweiten Ruhetag ersparte ich mir die 250 Kilometer auf mecklenburgischen Landstraßen nach Rostock und wieder zurück nach Wolgast, blieb an Bord. Diesen einzigen freien Tag alle zwei Wochen verbrachte ich dann zumeist in den Badeorten des nördlichen Usedom, in Zinnowitz oder Koserow.

Und hier hatte ich im Hochsommer 1981 ein berichtenswertes Erlebnis. Es war die Zeit des ultrarechten, francistischen Putschversuches in Spanien, über den auch im DDR-Fernsehen berichtet wurde, speziell über die Pistolenattacke jenes francistischen Majors in den Cortez, wo jener gestiefelt und gespornt in vollem Wichs die Parlamentarier mit Schüssen in die Decke unter die Tische trieb und nur die Tapfersten auf den Bänken sitzenblieben, wie ich mich noch entsinne.

Just an einem dieser freien Tage, ich saß zum Dinner im „Hotel am Strande“ in Zinnowitz, stiefelte der hiesige ABV mit seinem Gehilfen im Gleichschritt durch die Gasträume. Sie wollten gewiss nur ihr Personalessen einnehmen. Obwohl die beiden, mitten im Sommer, ihre leichte Sommerdienstuniform hätten anlegen können, lärmten sie aber gestiefelt, lederbekoppelt, mit Pistolentaschen und Sturmriemen-Dienstmütze, mürrischen Gesichts durch den Raum. Es wirkte geradezu albern, ich konnte mir ein feixendes Kopfschütteln nicht verkneifen. Ein älteres Ehepaar, das soeben die Mahlzeit beendet hatte und sich auf den Weg machen wollte, duckte sich aber nun verschüchtert und saß noch einen Moment stumm am Tisch. Als sie sich dann aber doch auf den Weg machten, sagte der Herr noch zu mir: „Für Sie, junger Mann, sind diese Leute wohl spaßig, wir haben sie aber noch in anderer, weniger spaßiger Erinnerung!“

Die Sommersaison bei der „Weißen Flotte“ ging Mitte Oktober zu Ende. Es war eine schwere Arbeit getan, die mir kaum Zeit gelassen hatte, die Geschehnisse in der Welt zu verfolgen. Die Ermordung von Präsident Sadat im Sommer wurde nur beiläufig erwähnt, die persönliche Verbindung nach Polen war bereits im Vorjahr durch die Stornierung der Visumsfreiheit durch die DDR-Behörden unterbrochen worden. Mir war klar, dass ich einen solchen Knochenjob nicht wieder annehmen durfte, wenn ich mein Ziel verwirklichen wollte. Die Schinderei auf dem Schiff hatte meine Liquidität aber noch einmal gewaltig aufgefrischt.

Erst nach unserem Jahresurlaub, den ich mit Penelope wieder im „Tal der Ahnungslosen“, in Rosenthal, verbrachte, kam die Lage in Polen deutlicher in mein Bewusstsein. Hier hatte die Solidarność das kommunistische Regime arg in Schwierigkeiten gebracht.

Die Krise kommt näher

Im Dezember 1981 stellte der Präsident der Volksrepublik Polen sein Land unter Kriegsrecht. Man vermutete, dass er zu dieser Maßnahme gegriffen hatte, um die Sowjetunion von einem militärischen Eingreifen in seinem Land abzuhalten, was zweifellos zu einem blutigen Krieg mitten in Europa geführt hätte.

Unglücklicherweise befand sich Bundeskanzler Schmidt zu diesem Zeitpunkt gerade bei Erich Honecker in dessen Gästehaus in der Schorfheide zu Besuch. Er konnte aber auch nicht so einfach aus Protest abreisen, wollte ja noch in Güstrow die Barlach-Gedenkstätte besuchen und auf der Orgel im Dom der Stadt dem Orgelspiel frönen. Vor allem aber wollte er die weltpolitische Situation nicht noch weiter aufheizen, die durch den Nachrüstungsbeschluss, der ja auf Schmidts Initiative zurückging, einen weiteren Höhepunkt erreicht hatte.

Dann war er aber doch in Güstrow, das keine dreißig Minuten Fahrzeit mit dem Bummelzug von Rostock entfernt liegt. Ich bin eigentlich kein Jubler, äußere meine Zustimmung zu politischen Dingen eher im privaten Kreis; dem geachteten deutschen Kanzler Schmidt wollte ich aber doch durch Anwesenheit meine Reverenz erweisen. Es fuhren an diesem Tag jedoch keine Züge nach Güstrow. Wer nach Waren oder nach Berlin löste, dem wurde gesagt, dass der Zug nicht in Güstrow hält. Wer aber glaubte, pfiffig zu sein und nach Karow oder nach Plau lösen wollte, der wurde auf den Schienenersatzverkehr verwiesen, der natürlich im weiten Bogen um Güstrow herumfuhr. Wem es aber doch gelungen war, seine Person in die Stadt hineinzuschmuggeln oder wer darin wohnte, der hatte weitere Hindernisse zu gewärtigen. Das deutsche Fernsehen hat nach der Wende mehrere eindrucksvolle Sendungen gebracht, die jene Schande besser dokumentiert haben, als es meine Zeilen jemals tun können.

Für alle Welt sichtbar, hatte die Sowjetunion durch Nach-Nachrüstung, Afghanistan-Invasion und polnische Solidarność-Bewegung gewaltige Probleme, zu Beginn der 80er Jahre kam ein weiteres Problem hinzu. In den baltischen, belorussischen und zentralrussischen Kartoffelanbaugebieten der Sowjetunion gab es eine schreckliche Missernte, die mit der Kartoffelfäule in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts in Irland vergleichbar war. Die DDR-Landwirtschaft musste in die Bresche springen. Bereits im Sommer 1981 bemerkte ich, wie man an der Küste bei Lubmin Kliffhäfen in den Bodden hineinbaute. Nun konnten die flachgehenden sowjetischen Wolgabaltschiffe, die für die Ostsee genauso wie für die großen russischen Flüsse gedacht waren, große Mengen Kartoffeln gleich vom LKW in die Laderäume kippen lassen. Bis zur Mitte der 80er Jahre habe ich diese Kartoffelexport-Praxis auch in den östlichen Hafenstädten der DDR beobachten können.

Die DDR war vom zehntgrößten Industrieland der Welt zum Lebensmittellieferanten geworden, denn auch Fleisch (Jungrinder nach Westen und Schweine nach Osten) wurde fleißig exportiert. Hafenarbeiter witzelten: „Demnächst kommen die Russen mit dem Tanker und holen sich die Soße, damit sie die Kartoffeln und das Fleisch einditschen können.“ Andere waren aber weniger pessimistisch, sagten: „Jetzt wird’s ja bald besser, auch in der DDR. Wir haben doch einen Handelsvertrag mit der Insel Dari!“ Wer nun zurückfragte, wo die Insel Dari denn gelegen sei, bekam zur Antwort: „In der Inselgruppe zwischen Soli und Tät.“

In dieser Situation brach im Frühjahr 1982 in den Nordbezirken der DDR die Maul- und Klauenseuche aus. Nach einigen Wochen machte sich in der gesamten DDR ein deutlicher Fleischmangel bemerkbar.

Zu dieser Zeit lief in den Kinos der DDR die überwältigende englische Verfilmung von Swifts „Gullivers Reisen“. Darin kommt eine Szene vor, in der es um Querelen der Liliputaner mit den Bewohnern der Nachbarinsel geht. Gulliver schlichtet hier den Streit, ob man das Ei oben oder unten aufschlagen sollte, indem er den Streithähnen empfiehlt, doch aus den Eiern einfach Omelette, verlorene Eier, Spiegeleier, Rührei, Senfei oder Hoppelpoppel zu machen. Diesen Hinweis befolgten die Gaststättenleiter in den Gaststätten der DDR. Es gab fast nur noch Eiergerichte oder Broiler dort, aber trotz der Solidarität mit den darbenden Sowjetmenschen keinen Lebensmittelmangel in der DDR.

Das Lebensmittelüberangebot im Westen, das durch das Westfernsehen in die Wohnzimmer der DDR-Bürger zumindest visuell gelangte, wurde von den Leuten lange Zeit als Propaganda angesehen, man log nun mal im Fernsehen. Westwerbung galt als Westpropaganda, und sozialistische Produktionserfolge waren die Ostpropaganda. Erst als die größere Zahl von Verwandtenbesuchen im Westen möglich wurde und auch normale Menschen berichteten, dass es im Westen tatsächlich ein überquellendes Kaufangebot gab, und das in für jeden zugänglichen Geschäften, kippte diese Meinung etwas.

Erste Schritte

Für mich war aber klar, im Sommer 1982 musste ich das Segeln erlernen und ein entsprechendes Boot erwerben, machte mich schon mal theoretisch mit der Sache vertraut. Ich muss voraussagen, dass ich ein Typ bin, der aus dem geschriebenen Wort leicht Kenntnis zu erlangen vermag und der für Kräfte, Größen, Orte und Zeiten äußerst zugänglich ist. Deshalb begriff ich nicht nur die Grundlagen des Segelns aus einem einfachen Segellehrbuch heraus, sondern wurde bald, allein aus dem tagtäglichen Hören des Seewetterberichts, zu jemandem, der zuverlässig die meteorologische Navigation erkannte und bald auch beherrschte.

Seit einigen Jahren hörte ich also schon den Seewetterbericht, den das DLF auf der Mittelwelle 1.289 KHz um 6.40 Uhr zur schönsten Frühstückszeit aussendete. Von den zwanzig Wetterstationen des Seewetterberichts kannte ich elf noch aus dem Erdkundeunterricht, die restlichen neun Stationen lagen zweifellos dazwischen, denn die Orte kreisten gegen den Uhrzeigersinn um die Nordsee, um Jütland herum und im Uhrzeigersinn um die Ostsee bis zur Halbinsel Hel. Bald entstand nach der Meldung des Luftdrucks der einzelnen Stationen ein Bild in meinem Gehirn, das man wissenschaftlich die Isobaren nennt, also die Linien gleichen Luftdrucks. Es genügte nun ein Satz aus dem Segelhandbuch, das auch Grundbegriffe der Meteorologie beinhaltete, wonach der Wind auf der Nordhalbkugel aus dem Hoch heraus im Uhrzeigersinn von der Corioliskraft abgelenkt und gegen den Uhrzeigersinn ins Tief hineinweht, um die Windrichtung vorherzusagen. Als ich dann noch las, dass sich mittels der Isobaren-Abstände der Gradient berechnen ließ, war die Grundlage für die Erstellung der Seewettervorhersage gelegt. Ich kann sagen, dass derjenige, der seine gesamte Lebenszeit nicht ausschließlich mit Erwerbsarbeit vertrödelt, sondern sich ihn interessierenden Wissensgebieten intensiv widmet, durchaus entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben kann. In Umkehrung des Ergehens vieler Sanitäter während des Krieges, die mit dem Skalpell auf den Feldsanitätsplätzen agierten, Verwundete behandelten, dabei Erfolge erzielten und nach dem Krieg nicht als Chirurgen tätig sein durften, weil sie die medizinische Theorie nicht an der Universität studiert hatten, hatte ich mir bald autodidaktisch die Navigation beigebracht, ohne jemals praktisch auf der Kommandobrücke eines Schiffes gestanden zu haben und mich nun auch nicht Navigator nennen darf.

Zeitparallel zu meinen theoretischen, nautischen Vorbereitungen eines Grenzdurchbruchs über die Ostsee unternahm ich auch legale Versuche einer Ausreise. Im Dezember 1981 bereits stellte ich einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft, Sektion „Italien“. Das neue Jahr war erst wenige Wochen alt, als ich schon ein Ablehnungsschreiben in meinem Briefkasten fand. Mir wurde darin mitgeteilt, dass die Liga für Völkerfreundschaft nicht für private Interessen gedacht sei, sondern für Delegierte der gesellschaftlichen Massenorganisationen der DDR, welche die Politik von Partei und Regierung in den entsprechenden Ländern zu vertreten hätten. Mir war schon vorher klar, dass ich auf legalem Wege nie aus dem Käfig hinauskommen würde, ich führte aber auch später noch meine Antragsflut fort, nicht in der Hoffnung auf Erfolg, sondern um das Bild des naiven Antragstellers zu festigen, der, unfähig zur couragierten Tat, leicht abzuwimmeln, weil harmlos ist.

Mit dem hereinbrechenden Frühjahr rückte die praktische Vorbereitung meines Planes immer dringlicher in den Fokus. Private Segelschulen gab es in der DDR nicht, ich musste mich also zeitweise einer sogenannten Betriebssportgemeinschaft (BSG) anschließen. Diese gab es jedoch als Segelsparte in den direkt an der Ostsee gelegenen Orten nicht. Der Rostocker Universitätssegelclub oder die in Warnemünde ansässigen Segelvereine waren für mich nicht zugänglich. Ich wollte das Segeln natürlich auch nicht in binnenländischen Gewässern oder in mitteldeutschen Talsperren erlernen und praktizieren.

Es hieß für mich, in den Boddengewässern entsprechenden Anschluss zu finden. In der Betriebssportgemeinschaft des Fischereikombinats Saßnitz, die im Großen Jasmunder Bodden einen kleinen Seglerhafen hatte, wurde ich schon bei meiner freundlichen Begrüßungsrede von einem schrecklichen Rüpel, der dort wohl Vereinsvorstand war, ‚weggebissen‘. In den Rostock nahen, kleinen Hafenstädten Ribnitz und Barth verlangte man von mir, den Hauptwohnsitz im Ort zu haben, was ich in beiden Fällen freilich nicht wollte.

Mehr Erfolg zeigte sich für mich in Groß Zicker, wo die Fischereiproduktionsgenossenschaft (FPG) des Mönchgutes in ihrer BSG ein halbes Dutzend 420er Jollen und eine Baracke für das Segelzubehör zu liegen hatte. Der hier Zuständige machte mir Hoffnung, als vorübergehendes Mitglied am Boddensegeln teilnehmen zu können, wenn ich im Kreis Rügen eine Saisonarbeiterstelle annehmen würde. Das war für mich die Chance. Ich bemühte mich daraufhin um einen Job beim HO-Kreisbetrieb Rügen, das heißt, ich fuhr zum Saisonbeginn in Binz vor und bekam spontan die Barleiterstelle in der Binzer Nachtbar „Fass“. Hier musste ich den Bartresen mit allen in der DDR gängigen Barangeboten und die ca. dreißig Tischplätze des Ladens bedienen. In einer Ecke des dunklen Raumes ‚schaffte sich‘ ein Einzelmusiker mit einem Synthesizer, lärmte aber nicht allzu sehr. Wie überall in den Nachtläden des Ostens war das Haus vom ersten Tag an bis auf den letzten Platz gefüllt. In Binz gab es damals, 1982, schon eine Türsteherszene, welche die Gewalttätigkeiten, die nun mal zum Nachtlokalgeschäft gehören, von mir fernhielt. Binz war schon von jeher das bevorzugte Seebad der Berliner Schickeria, auch zu DDR-Zeiten. Es gab einen Seebädersonderzug, der die Liebhaber des Seebades Binz in zweieinhalb Stunden vom Berliner Bahnhof Lichtenberg nach Binz brachte, er fuhr gegen 18 Uhr in Berlin ab und brachte die Leute kurz vor der Öffnungszeit des „Fass“ nach Binz. Besonders hauptstädtische Künstler und ihr Umfeld, aber auch andere Gestalten der Berliner Lebewelt fielen pünktlich um 21 Uhr vom Bahnhof Binz aus im „Fass“ ein. Die meisten Gäste dort waren aber im Ort ansässige Stammurlauber.

Obwohl diese Leute mir schon in den ersten Tagen meines Jobs bedeutende Einnahmen brachten, haben sie bei mir wenig Eindruck hinterlassen, ich hatte ja andere Ziele im Blick. Nur die „Römerin“ ist mir heute noch gut in Erinnerung. Sie war eine große, stolze Mittvierzigerin, trug eine füllige schwarze Mähne auf dem Haupt, zeigte ein tiefes Dekolleté über ihrem beeindruckenden Busen und wurde immer von einem Halbdutzend blonder Jünglinge begleitet, die der Größe nach geordnet lächelnd wie ein Schwanz hinter ihr hertänzelten, wenn sie das Lokal betrat und später ihre Herrin devot umschwärmten.

Es war also für mich wieder viel zu tun, das Geschäft ging bis zum Morgen um vier Uhr, ich war danach erst immer gegen fünf Uhr im Bett. Nach diesem Knochenjob schlief ich auch zumeist bis in den frühen Nachmittag. Danach fuhr ich mit meinen klapprigen „Mossi“ nach Groß Zicker, wo ich mir bei dem Vorstand des Segelvereins den Barackenschlüssel holte, um mir eine der 420er Jollen aufzutakeln und nach meinem theoretischen Segelwissen die ersten selbstständigen Einhand-Segelversuche im Zicker See zu unternehmen. Von Mal zu Mal wurde das besser. Ich hatte zuerst nur das Großsegel gesetzt, um das Grundgefühl des Segelns zu beherrschen, Gefühl für den Winddruck am Segel und die Balance auf dem kiellosen Boot, aber auch beim Ab- und Anlegen der Jolle, den Druck aus den Segeln nehmen, immer die Windrichtung im Blick, zu erlangen.

Dann setzte ich zusätzlich die Kreuzfock als zweites Segel, was schon schwieriger war. Als ich die Jolle sicher beherrschte, verlangte es mich natürlich nach einem längeren Törn in die größeren Boddengewässer hinein. Doch dazu musste ich auf einen Ruhetag warten, hatte ja jeden Abend noch vor 20 Uhr meinen Dienstpflichten und Vorbereitungsarbeiten zu genügen. Der Job im „Fass“ war natürlich wieder eine Goldgrube für mich, früher hätte ich ihn für einen ausgesprochenen Glücksfall angesehen. Jetzt hatte ich aber andere Ziele, zumal der „Mossi“, nun schon elf Jahre alt, zusammenzubrechen drohte.

Auf meinem Fahrweg zwischen Binz und Groß Zicker kam ich immer in Lobbe, ganz nah am Strand, an einem barackenähnlichen Gasthaus namens „Leuchtfeuer“ vorbei. Eines Tages machte ich hier Halt und ging hinein, traf dort einen ruppigen Typ, der mir aber sofort sympathisch war. Er betrieb den Laden gemeinsam mit seiner Frau, hatte aber kaum Angebote, weil die Maul- und Klauenseuche warenmäßig schon unerbittlich zugeschlagen hatte. Es gab kaum noch etwas, was man in einer Küche zu einem vollwertigen Mittagsgericht zusammenquirlen konnte. Der Typ, der Jochen hieß, nahm das aber locker, zeigte schon die richtige Endzeitstimmung, die sich immer weiter in der DDR ausbreitete. Der Laden befand sich kurz hinterm Strand, war also ideal gelegen, und hier war wenig zu tun. Nach einiger Zeit fragte ich Jochen, ob er für mich hier Quartier und Job hätte. Er war höchst erfreut von meinem Angebot, meinte: „Gern, wenn du auf die dicke Kohle verzichten willst, die das ‚Fass‘ abwirft, kannst du hier immer mal das Abendgeschäft machen und in dem Bungalow am Strand wohnen!“

Die Binzer wollten es erst nicht glauben, dass ich die Goldgrube im „Fass“ mit dem traurigen „Leuchtfeuer“ vertauschen würde, hielten mich wohl für einen verrückten Naturliebhaber.

Nun segelte ich täglich mit der 420er Jolle, war doch das Sommerhalbjahr 1982 wettermäßig eines der schönsten des 20. Jahrhunderts, nur in der zweiten Augustdekade regnete es ungewöhnlicherweise fast ununterbrochen. Hin und wieder blies bei klarem Himmel starker bis steifer Wind (Bf 6 und 7); „Kaiserwetter“, sagt der Seemann, hierbei sollte man aber Jollen an Land lassen. Ich wollte es aber doch wissen und ging mit der 420er Jolle in den Zicker See.

Der Wind blies steif aus Westen, und ich segelte, nachdem ich nur das Großsegel gesetzt hatte, mit diesem in Richtung Süd auf die Halbinsel Klein Zicker zu, hatte das Großschot weit gefiert. Eine hohe See konnte sich in dem kleinen Gewässer natürlich nicht aufbauen, es blies mir aber reichlich Gischt gegen Brust, Rücken und ins Gesicht. Als ich mitten im Zicker See wenden wollte, warf der steife Wind die Nussschale um, ich lag, glücklicherweise ohne Verletzung, aber auch ohne Lifejacket im Wasser. Das Segel drückte mich unter Wasser, ich versuchte, unter dem Segel herauszutauchen, was aber schwierig war, da ich es in der ganzen Länge nach abtauchen musste. Endlich war ich draußen und konnte wieder Luft schnappen.

Kurzzeitig hatte ich Todesangst empfunden, war aber nun belehrt, wie man sich im Falle des Kenterns verhält. Nach dem losgeworfenen Großschot gelang es mir, die Jolle mit Hilfe des Schwertes vor dem Wind wieder aufzurichten, mich in die Plicht zu schwingen und das Boot ans Ufer zu segeln.

Einige Tagestörns, wiederum im „Einhand“ (engl. „single-hands“) um die Insel Vilm herum und durch den ziemlich großen Greifswalder Bodden gaben mir das Selbstbewusstsein; ich war auf dem besten Wege, ein passabler Segler zu werden, der sich später auch auf die hohe See wagen konnte.

In dieser Zeit fochten die Briten im Südatlantik den „Falklandkrieg“ aus, von dem ich aber auf meiner westfernsehenlosen Insel fast nichts mitbekam. Nur bei einem Besuch im heimatlichen Rostock sah ich die Bilder im Fernsehen: von den Kämpfen im winterlichen Südatlantik und später, wie die siegreichen Männer der Royal Navy durch die Straßen Londons marschierten. Ich freute mich, dass eine westliche Macht den exotischen Tyrannen einmal siegreich die Zähne gezeigt hatte.

Ende August 82 teilte mir der Vorstand des Seglervereins mit, dass in den nächsten Tagen ein Instrukteur der BSG hier erscheinen und allen, die sich dafür interessierten, die praktische Segelprüfung für den Segelschein abnehmen würde. Natürlich wollte ich das!

Ich bestand die Prüfung und bekam das entsprechende Zertifikat ausgehändigt, so dass ich mich im Winter 1982/​83 in Rostock nur noch um den theoretischen Teil des Segelscheins zu bemühen brauchte. Diesen Schein wollte ich aber auf alle Fälle erwerben.

Jetzt benötigte ich nur noch eine eigene Jolle, um mich auch real an meinen großen Plan zu machen. In einer Sportzeitung, die in der Segelzubehör-Baracke herumlag, fand ich die Anzeige eines Berliners, seine xy-Jolle für 8.200 Mark verkaufen zu wollen. Das war genau das richtige Segelboot für mich. Ich schrieb dem Anbieter und kam mit ihm für die Übergabe noch im laufenden Jahr überein.

Im September fuhr ich dann mit dem „Mossi“ und einem geliehenen Trailer nach Berlin- Köpenick, wo der Anbieter in unmittelbarer Nähe des Müggelsees wohnte. Wir testeten gemeinsam die Jolle bei idealer Brise (Bf 4) auf dem nahen Gewässer, wobei der Verkäufer besonders die Geschwindigkeit des Bootes herausstrich. Er hielt mich wohl eher für einen Sportstypen als für einen Erkenntnissucher, der mit dieser Plasteschale die Seegrenze der DDR durchbrechen wollte.

Die Jolle, eigentlich eine Wanderjolle, hatte zwei Schwerter und zwei Schwertkästen, so dass auf dem Boden des Fahrzeuges eine rechteckige Fläche entstand, auf der eine größere Luftmatratze leicht Platz fand. Zudem hatte die xy-Jolle eine große, die gesamte Decks- und Plichtfläche überspannende Persenning, die wie ein geräumiges Zelt wirkte. Es war also das ideale Fahrzeug für meine Zwecke.

Mit dem Trailer hinter meinem klapprigen „Russenpanzer“ brachte ich die Jolle nach Groß Zicker, wo sie bis zum Segelsaisonbeginn 1983 bleiben sollte. Ich hatte im Jahr 1982 alles erreicht, was ich mir für mein Vorhaben vorgenommen hatte; das Jahr war aber noch nicht vorüber, und es würden sich noch gefährliche Situationen ergeben, die mich zu weiterer Vorsicht veranlassen sollten.

Eine Nachlässigkeit bringt große Gefahr

Noch vor dem Beginn von Penelopes Jahresurlaub war die Wartezeit für meinen PKW Škoda 105 (Nachfolger des MP 1000, den die Tschechen mit „1.000 kleine Fehler“ übersetzen) vorüber, nach elfjähriger Wartezeit konnte ich den Wagen in der DHZ-Zentrale auf der Dresdener Bremer Straße abholen. Das bescheidene Gefährt kostete 16.800 Mark, verbrauchte auf 100 Kilometer nur 6,5 bis 9 Liter Normalbenzin und besaß einen Heckmotor.

Unglaublicherweise gelang es mir damals, meinen ruinösen, von Rostlöchern zerfressenen, aber noch immer fahrbereiten „Moskwitsch“ für 2.200 Mark zu veräußern. Mit dem neuen Škoda gedachte ich nun, meine liebe Gefährtin Penelope durch die peripheren Gebiete unseres wunderschönen „Käfigs“ zu karren.

Mitte Oktober begann die Urlaubsreise. Ich wollte den Käfig möglichst dicht an der Staatsgrenze zur BRD entlang abfahren, ohne allerdings die strengen Bestimmungen, die dort herrschten, zu verletzen. Ich steuerte den neuen PKW also bei Salzwedel und bei Ilsenburg so nahe an die Grenze heran, bis Schilder am Straßenrand darauf hinwiesen, dass die Weiterfahrt nur mit Sondergenehmigung erlaubt sei.

Südlich des Harzes machten wir in Sondershausen Zwischenstation, einem gediegenen Residenzstädtchen mit völlig verrotteter Bausubstanz. Während Penelope in den leeren Geschäften des Ortes nach Brauchbarem Ausschau hielt, begab ich mich in ein hübsches kleines Kaffeehaus am Markt. Das Lokal gab einen wunderschönen Blick auf das Städtchen frei und hatte eine charmante Bedienung. Ich musste daran denken, dass der Tag unseres Aufenthaltes hier zugleich der Tag war, an dem im Bundestag das konstruktive Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt abgehalten werden sollte. Ich fragte deshalb die Kellnerin: „Haben Sie schon gehört, wie es im Bundestag ausgegangen ist?“ Da traten der Frau Tränen in die Augen, und sie sagte: „Der Andere hat gewonnen!“

Um sich nicht vor mir, dem fremden Gast, die Tränen aus dem Gesicht wischen zu müssen, zog sie sich wortlos in den Hinterraum des Cafés zurück. Ich musste zwar nicht weinen, war aber genauso traurig, dass der große Hoffnungsträger Schmidt aus dem Bundeskanzleramt scheiden musste.

Am nächsten Tag ging es weiter an der „Zonengrenze“ entlang, Treffurt, Vacha und Römhild blieben für uns verbotene Ortschaften. Im „Kunstführer durch die DDR“ (Urania Verlag, 4. Auflage 1973) wurde das Schloss Heldburg gepriesen, es lag jedoch in einem südlichen Zipfel der DDR, wo die Fünf-Kilometer-Sperrzone wenig Platz für Besucher ließ. Dort wollte ich aber mit meiner verängstigten Begleiterin natürlich hin. Und hier geriet ich, trotz großer Vorsicht, doch in das Sperrgebiet hinein. Ein hämisch-freundlicher Mensch, den ich nach dem Schloss Heldburg fragte, teilte mir mit, dass der gesamte Zipfel bis Heldburg Sperrgebiet sei und wir schleunigst umkehren sollten. Ich sah noch, wie er mein Kfz-Kennzeichen notierte, als ich mich wieder entfernte.

Weiter ging die Fahrt nach Sonneberg, wo wir ein Hotelzimmer bestellt hatten. Man muss wissen oder sich wieder in Erinnerung rufen, dass alle Kleinstädte im Fünf-Kilometer-Bereich zur Grenze, wie etwa Dassow, Zarrentin, Ilsenburg, Ellrich, Treffurt, Vacha und jenes Heldburg bis zum Ende der DDR nur mit Sondergenehmigung zu betreten waren. So ging es nach dem Mauerbau in den 60er und den frühen 70er Jahren auch der Mittelstadt Sonneberg mit ihren 28.000 Einwohnern. In der Stadt führte diese Situation natürlich zu gewaltigen wirtschaftlichen Nachteilen, so dass die SED-Machthaber nach einiger Zeit Sonneberg wieder aus dem Sperrgebietsstatus lösten, weshalb wir nun auch offiziell wieder die Stadt besuchen durften.

Auf der Straße von Hildburghausen nach Sonneberg sahen wir dann auf der rechten Seite erstmalig die Grenzsicherungsanlagen der DDR vom eigenen Land aus, sonst konnten wir sie nur im Westfernsehen von außerhalb betrachten. In Sonneberg, das zwar offiziell jedermann in der DDR zugänglich war, herrschte aber eine regelrechte Grenzsicherungsstimmung, man spürte das überall.

Nachdem wir unser Hotel bezogen hatten, es war gegen Mitternacht und wir hatten schon einige Zeit geschlafen, donnerte es gewaltig gegen die Zimmertür. Nachdem ich, im Pyjama, die Tür geöffnet hatte, brach eine waffenstarrende Grenzpatrouille, ein Offizier und zwei Mann in Stahlhelm und Munitionstaschen mit Kalaschnikows, in unser Zimmer ein. Der Offizier verlangte harsch Personaldokumente und die Fahrzeugpapiere. Der Anführer der Patrouille beanstandete, wir hätten beide eine Rostocker Adresse angegeben, der PKW hingegen habe ein Dresdener Kennzeichen.

„Können Sie diesen Widerspruch erklären?“, lautete die törichte Frage. Ich hatte also gegen keinerlei Bestimmungen dieses perversen Polizeistaates verstoßen, war ein völlig loyaler und legaler Untertan, konnte mir eine kesse Antwort leisten.

„Ich habe den PKW kürzlich von der DHZ Dresden, nach elf Jahren Wartezeit, erworben und gleich dort angemeldet. Das steht doch alles in meinen Dokumenten, die ich der Hotelrezeption vorgelegt habe. Und deshalb brechen Sie in kriegsmäßiger Ausrüstung in unser Schlafzimmer ein, lärmen uns aus dem Schlaf und verängstigen meine Frau!“, brüllte ich den Offizier an, war ja nun auch echt zornig.

Mit meiner verbalen Attacke habe ich aber einen schweren Fehler begangen, den man sich in einem Polizeistaat besser verkneifen sollte. Ich war jedoch kaum noch zu bremsen, nannte das Verhalten der Patrouille polizeistaatlich. Den schwerbewaffneten Kerlen standen nun Wut und Hass im Gesicht. Wegen der Zeugen im Raum, der verängstigten Penelope, auch die Concierge des Hotels war mit im Zimmer, hielt sich die Truppe aber mit Gewalttätigkeiten zurück. Die Typen verließen nach einigen Minuten bösen Blickes den Raum, drohten nur noch, ich würde schon sehen, was ich von meiner Undiszipliniertheit hätte.

Am nächsten Tag war Penelope kaum noch in der Stadt zu halten, zumal es in Sonneberg ja auch wenig interessante Sehenswürdigkeiten gab. Um dem Besuch in diesem Nest wenigstens noch einen kleinen Sinn zu geben, gingen wir dann aber doch noch ins dortige Spielzeugmuseum, das tatsächlich eine beeindruckende Einrichtung der Volkskunst ist.

Ganz gegen ihre sonstigen Interessen an der Volkskunst war Penelope unruhig und wollte nur noch weg aus der Stadt. Was hatte mich überhaupt dorthin gezogen? Es war wohl wieder nur die Insassenmentalität bei mir, ich wollte die Grenzen des Käfigs austesten, obwohl ich nie in Erwägung gezogen hatte, mich an der mörderischen Landesgrenze zu versuchen.

Wieder in Dresden, besuchten wir beide das Albertinum, wo damals gerade die Kunstausstellung der DDR mit einigen durchaus bedeutenden Werken stattfand. Ich erinnere mich noch eines beeindruckenden Ganzkörperporträts eines jungen Kohlenträgers, der den gesamten Oberkörper voller Knasttätowierungen hatte und der, unter seinem Kohlensack, selbstbewusst aus dem Bild blickte. In diesem Repräsentationsbau waren aber auch die „Neuen Meister“ (Gemälde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts) der Dresdener Gemäldegalerie untergebracht, besonders die Romantiker der Dresdener Schule, die mich bereits als Kind tief beeindruckt hatten, als sie noch im Schloss Pillnitz ausgestellt waren.

Romantiker heißt ja „Romfahrer“ – genau das, was ich auch werden wollte. Einer ihrer wichtigsten Vertreter, Ludwig Richter, ist hier mit seinem Monumentalgemälde „Überfahrt am Schreckenstein“ vertreten. Eine Gruppe, drei Generationen und ein Wandergeselle, überqueren in einem Fährkahn die Elbe bei Aussig, über ihnen im Hintergrund ist die Burg Schreckenstein zu sehen, wie ich sie nun auch oft schon vom Zugfester aus gesehen hatte, auf dem Weg nach Prag. Ich war aber noch nie oben auf der Burg. Nun wollte ich das nachholen und schlug Penelope vor, mit mir diesen Kurztrip zu machen, sie hatte ja noch einige Tage Urlaub. Penelope wies diesen meinen Vorschlag aber mit Nachdruck zurück, sie wollte auf keinen Fall noch einmal mit dem DDR-Grenzsystem zu tun haben, auch wenn es nur in die sozialistische ČSSR ging.

Wir kamen überein, dass Penelope mit dem Škoda zurück nach Rostock fahren sollte und ich meinen Schreckenstein-Trip allein durchführen würde, um dann einige Tage später mit der Eisenbahn nach Hause zu kommen.

Als sich Penelope mit dem neuen Auto in Richtung Norden entfernt hatte, beging ich einen zweiten Denkfehler in diesem Herbsturlaub. Schon die eigene Romreise und deren Finanzierung im Hinterkopf, hatte ich in den nächsten Tagen mein sicheres Valutadepot aus seinem unterirdischen Platz geholt, um es dann mit nach Rostock zu bringen. Glücklicherweise ließ ich die Valutasumme, immerhin 4.000 DM in eingewachsten 100-DM-Scheinen, in meiner Reisetasche in der Dresdener Wohnung stehen, als ich mich, mit Reisegeld und Zahnbürste in der Jackentasche, auf den Weg zum Hauptbahnhof machte, um nach Aussig zu fahren.

Die große Gefahr

Für mich war eine Zugfahrt durch den Dresdener Elbkessel und durch das obere Elbtal immer eine große Freude, wobei ich mir natürlich einen Sitzplatz auf der linken Zugseite suchte, um das Panorama des Dresdener Umlandes besser genießen zu können. So auch bei diesigem Herbstwetter wie an jenem 1. November 1982, als ich am späten Vormittag nach Aussig fahren wollte.

Hinter Pirna war ich in meinem Personenzugwaggon der Deutschen Reichsbahn völlig allein, kein Mensch teilte meine Freude an der herbstlichen Sächsischen Schweiz. Vielleicht hatten die Leute auch noch nicht aus den Betten gefunden, denn es war ein Sonntag, wie ich mich erinnere. In den Kurorten auf der anderen Elbseite, in Wehlen und Rathen, zeigte sich gegen elf Uhr ebenfalls noch keine Lebendigkeit, kein Mensch stieg an den Haltepunkten ein oder aus.

Nur in Bad Schandau stieg die Zolltruppe der DDR in Begleitung von zwei bewaffneten Grenzpolizisten zu. Gewöhnlich kontrollierten und durchleuchteten sie auf der Strecke bis Děčín die Fahrgäste. Wenn sie bis zur ersten Station in der ČSSR, Děčín, nicht fertig wurden damit, dann musste eben der Zug im Bahnhof warten, an diesem Tag ging es aber schnell, nach wenigen Minuten waren sie bei mir.

Personalausweiskontrolle und Abgleich mit einer Fahndungsliste war das Erste, dann folgte die Frage nach meinem Reisegepäck. Ich zeigte meine Zahnbürste in der Innentasche der Jacke und zuckte nur mit den Schultern, wollte ja nur einen, maximal zwei Tage in Aussig bleiben, wohin auch die Fahrkarte lautete.

Einer der Zöllner schraubte schon in meinem Zugabteil die Bilder von der Wand, um dahinter nach Conterbande zu suchen. Mein Zöllner untersuchte derweil meine Brieftasche, ließ sich das Bargeld vorzählen und verglich die Summe mit der Umtauschquittung von der Staatsbank der DDR. Hier stellte er fest, dass ich 180 Krčs (60 Mark) eingetauscht hatte, in meiner Brieftasche sich aber 300 Krčs (100 Mark) befänden.

„Bei Ihnen liegt ein Devisenvergehen vor!“, stellte er erfreut fest.

Ein Zivilist erschien und wies den zweiten Zöllner in das Nachbarabteil zum Bilderabschrauben. Ich wurde aufgefordert, den Zug zu verlassen und den Zöllnern in die Zollbaracke in Děčín zu folgen. Als ich mit den Zöllnern, den Grenzsoldaten und dem Zivilisten über den Bahnsteig zur Zollbaracke ging, fuhr mein Zug ab.

Im Verhörraum der Zollbaracke musste ich alle Einzelheiten aus meinen Hosen- und Jackentaschen auf den Tisch legen. Der Zöllner schaute sich nun jedes Teil, jeden Zettel und jedes Notizheft genau an. Das währte ca. eine halbe Stunde, keinerlei Anschuldigung wurde vorgebracht. Dann steckte der Mensch meine Gegenstände in einen Zollbeutel.

Nun wurde mir aber doch bange. Bisher hatte ich noch an eine gewöhnliche Schikane gedacht, wie sie in einem autoritäres Regime wie der DDR normal war und die Leute kaum erregte. Nun dachte ich aber, sie hätten etwas gegen mich, die Frage war nur: was? Ich hatte bisher noch nicht im Geringsten gegen ihre Gesetze verstoßen, wenn ich mal von meiner Valutadeponierung absehe, doch das hätten sie nicht an der Grenze zur ČSSR verfolgen müssen. Ich dachte nun an eine Retourkutsche für meine verbale Attacke gegen die Grenzpatrouille in Sonneberg. Vorsicht war also geboten, auf keinerlei Provokation durfte ich mit Aggressivität eingehen, denn ein Haftbefehl gegen mich hätte auch zwingend zu einer Wohnungsdurchsuchung geführt, und dann wäre auch mein Valutadepot, mit dem ich ja meine Italienreise finanzieren wollte, verloren gewesen und ich wäre als Devisenverbrecher zu einigen Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden, nach dem Einzug des gesamten Vermögens. Die Gefahr war also gewaltig, ängstigte mich mehr als das nun Folgende.

Nachdem der Zolltyp meine Utensilien in dem Beutel verstaut hatte, wurde ich in ein Nebenzimmer gebracht, wo die vergitterten Fenster nach der Stadt hin, ähnlich wie in Toilettenräumen, eingetrübt waren. Ich wurde angewiesen, mich nackt auszuziehen, was ich natürlich tat. Jedes einzelne Kleidungsstück, das ich ablegte, wurde von einem der beiden Zöllner akribisch durchsucht und abgetastet.

Als ich dann splitternackt dastand, musste ich mich bücken, und einer der uniformierten Ekeltypen schaute mir in den Anus. Dann nahm er einen groben Stielkamm und strich mir damit durch Bart und Schamhaar. Die Prozedur brachte natürlich keinerlei Erkenntnis zutage, war nur als Demütigung gedacht. Als ich mich wieder ankleiden durfte, kam ein bewaffneter Grenzsoldat in den Raum, den die beiden Zöllner verließen, sie gingen einfach weg. Noch immer gab es keinerlei Anschuldigung gegen mich, es gab auch niemanden, den ich hätte fragen können, der Grenzsoldat war dafür gewiss nicht kompetent.

Es waren ungefähr zwei Stunden in jedem traurigen Raum vergangen, als die beiden Zöllner wieder den Raum betraten und mich aufforderten, ihnen zu folgen. Wir stiegen nun zu dritt in den Zug Richtung Bad Schandau, wo wir in einem Dienstabteil Platz nahmen.

Meine Frage, was man mir vorwerfe und wo man mit mir nun hinwolle, beantwortete einer der beiden: „Das erfahren Sie in der Dienststelle der zuständigen Organe in Bad Schandau!“

Inzwischen fertigten die Zöllner das Konfiszierungsprotokoll meiner tschechischen Zahlungsmittel aus. Am Bahnhofsvorplatz in Bad Schandau stand schon einer jener „Lieferwagen“ bereit, mit denen die Sicherheitsorgane der DDR ihre Kunden transportierten. Nach wenigen Minuten Fahrt in dem verdeckten, fensterlosen Gefährt erreichten wir ein Gebäude auf der rechten Elbseite, das ich zwar schon kannte, dessen Schild „Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ mir bisher aber gar nicht aufgefallen war. Ich wurde in einen vergitterten Raum geführt, in dem ein Posten in der Uniform der Grenztruppen der DDR saß, ohne Stahlhelm und ohne Kalaschnikow, nur mit Dienstmütze und Pistole am Koppel. In dem Raum standen mehrere Stühle um einen Tisch, hier sollte ich Platz nehmen. Wieder geschah lange Zeit nichts, der Posten gab keinerlei Auskunft, sagte nur: „Ich darf mit Ihnen nicht sprechen!“

Nun überlegte ich, was sie in meinen Notizzetteln und -heften gefunden hätten, das mich belasten könnte. Immerhin hatte ich darin Konzepte für Reiseanträge und Listen für die Nachrüstung meiner Jolle verzeichnet und in meinem aktuellen Taschenkalender mit Kürzeln meiner privaten Vorhaben in den nächsten Wochen und Monaten viel von meiner Planung preisgegeben. Und dort stand auch das Kürzel „Valdep“, das mich für die ersten Tage nach meiner Rückkehr nach Rostock an die Neuanlegung eines Valutadepots erinnern sollte. Valdep, was könnte das sein?

„Geht Sie nichts an!“ zu sagen, war nicht möglich, das hätte zur Verhaftung und zur Wohnungsdurchsuchung geführt. Einen klaren Gedanken zu fassen, war in meiner Situation ebenfalls schwer, ich suchte krampfhaft nach einer Erklärung, wenn der Vernehmer fragte: „Was bedeutet Valdep?“

In der Stasidienststelle Bad Schandau waren zwar die Fenster ebenfalls vergittert, doch konnte man durch die Glasscheiben die auf der linken Elbseite stehenden Wälder sehen. „Du schöner deutscher Wald“ oder Karl-Hermann Roehrichts dritter Band seiner Autobiographie „Waldsommerjahre“ kamen mir in den Sinn. „Valdep“ bedeutet „Waldepos“, ich schreibe an einem Waldepos. Das Waldepos mit W und nicht mit V geschrieben wird, kann ich leicht mit Schludrigkeit erklären, das war die Lösung. Welches Problem gab es in meinen Zetteln und Heften noch? Ich war noch in Gedanken, als ein hässlicher, unangenehmer Kerl hereingeführt wurde. Erst im Raum wurden ihm die Handschellen abgenommen. Der Bursche setzte sich neben mich an den Tisch und begann sofort über die schlechte Behandlung zu räsonieren, die ihm zuteilgeworden sein sollte. Er erzählte von seinem Plan, mit seiner Freundin über die Tschechei in den Westen abhauen zu wollen, aber man hätte sie erwischt. Seine Freundin sei schon beim Vernehmer und würde gewiss nun schon von dem gefickt. Mir würde das erst passieren, wenn ich im Knast wäre, denn dort gibt’s keine Weiber, dort würden die Knastologen solche Kerle ficken wie mich.

Der Kerl war vielleicht doch ein Knastbruder, er hatte an den Unterarmen primitive Tätowierungen und eine fürchterliche Aussprache im anhaltinischen Tonfall, plapperte und plapperte. Erst als er sagte, ich solle beim Verhör besser gestehen, denn beim Gericht würde es als gut angenommen, ohne Geständnis aber werde es teuer – „beim Gericht haben die nämlich Jahre wie Mist“ sagte er noch – da war mir klar, das ist ein Provokateur.

Wenn er ein professioneller Stasimann war, dann hatte er seine Rolle vorzüglich gespielt, wahrscheinlich war er aber ein echter Knastologe, den die Stasi nur für diesen Job angeworben hatte. Gegen 19 Uhr, draußen war es schon dunkel, brachte man einen abendlichen Knastimbiss (Wurstscheiben, Gummikäse, mit Margarine beschmierte Brotscheiben und einen Klecks Fleischsalat) auf je einem Plasteteller mit Plastelöffel herein. Der Posten bekam das Gleiche wie wir beiden „Gefangenen“. Ich rührte nichts davon an. Der Knastbruder, der inzwischen hastig losspachtelte, sagte zu mir: „Iss mal, wer weiß, wann du wieder so etwas Gutes bekommst! Solche herrliche Fleischwurst und den feinen Fleischsalat gibt’s nicht in jedem Knast.“ Ich schob ihm wortlos meinen Teller hin, den er sofort mit vertilgte.

Weiterhin wortlos verbrachte ich nun dort Stunden um Stunden, der Provokateur wurde auch ruhiger, da ich ihm von Anbeginn seines Hierseins an mit keinem einzigen Wort bedachte. Plötzlich sagte er zu dem Posten: „Ich muß mal pinkeln!“ Der Posten drückte auf einen Knopf, und es kam ein Grenzsoldat herein, der den Typ hinausführte. Der kam aber nie wieder zurück.

Die Stunden gingen weiter, nach Mitternacht holte man mich zum Verhör in einen Nebenraum. Ohne eine Anschuldigung begann die Fragerei. Name, Adresse, Geburtsdatum und -ort, wohin, wie lange und warum? Der Verhörende hatte nun meine Notizzettel vor sich und fragte tatsächlich nach einzelnen Personen aus meinem Notizbuch und nach Kürzeln aus meinem Taschenkalender, unter anderem auch nach „Valdep“. Das größte Interesse allerdings bereitete der Stasi mein Antrag auf Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft, Sektion „Italien“, und mein Adressbuch.

Der Vernehmer machte sich immer mal handschriftliche Notizen, kurz nach drei Uhr wurde ich, ohne ein Protokoll unterzeichnet oder eine Anschuldigung gehört zu haben, aus der Stasidienststelle entlassen. In nächtlicher Finsternis ging ich, froh, aus der Stasimangel entkommen zu sein, über die Elbbrücke zurück zum Bahnhof Bad Schandau, war etwa dreiviertel vier dort angekommen. Um 4.15 Uhr fuhr der erste Arbeiterzug elbabwärts in Richtung Dresden. In dieser halben Stunde Wartezeit auf dem kalten Bahnsteig war ich noch immer hellwach, vielleicht waren sie mir noch auf den Fersen. Pünktlich fuhr der Zug aus Schmilka ein, er war schon halbvoll, die Chemiefabriken bei Pirna begannen zeitig mit ihrer Frühschicht und dort wollten die in den Elbdörfern wohnenden Arbeitermassen hin. Noch vor sechs Uhr, wo auch in Dresden der Berufsverkehr begann, war ich auf dem Hauptbahnhof eingetroffen und fuhr mit der gerammelt vollen Straßenbahnlinie 11 hinauf auf den Weißen Hirsch, wo ich wohnte.

Nun musste das dicke Bündel Westgeld schnellstens aus dem Hause und professionell wieder unter die Erde. Ich steckte also sofort, als ich in der Wohnung war, das noch immer wasserdicht verpackte Valutadepot in die Jackentasche, ging sofort wieder aus dem Haus, tat nun so, als wolle ich im Parkhotel-Restaurant frühstücken, ging aber nicht die Bautzener Landstraße entlang, sondern nahm den Weg durch die Dresdener Heide. Diffuses Tageslicht gab mir die Sicherheit, nicht verfolgt zu werden, das nahm ich dann als Gelegenheit wahr, im Wurzelwerk einer großen Buche ein professionelles Depot anzulegen. Ich grub mit dem Taschenmesser und mit der freien Hand ein mehr als ellentiefes Loch, in das ich das Valutadepot vergrub. Ich hatte es mit einem markanten Zweig gekennzeichnet, so dass ich später die Unversehrtheit des Schatzes überprüfen konnte, ohne ihn erneut ausbuddeln zu müssen.

Kurz danach fuhr ich wieder nach Rostock, erfuhr dort vom Tod Leonid Iljitsch Breshnews und von den tödlichen Rüpeleien des DDR-Zolls gegen westdeutsche Reisende, die nach der Kanzlerschaft Helmut Kohls plötzlich zunahm, aus dem Westfernsehen. Viele der Opfer waren schlicht vor Angst tot umgefallen, als man sie aus den Interzonenzügen holte. Einer wurde mit dem Kopf an einen Heizkörper in der Zollbaracke geschleudert, was ihn vom Leben zum Tode brachte. Die bundesdeutschen Politiker nahmen das ohne größere Aufregung hin, wollten die durch den Nachrüstungsbeschluss verschärften Beziehungen zwischen Osten und Westen nicht weiter anheizen. Nur Franz Josef Strauß nannte die Mörder deutlich Mörder.

Mir war noch nicht klar, wie ich das Valutareisegeld in den Westen bekommen könnte, ich wollte es aber auf alle Fälle in Rostock haben. Ende November fuhr ich also wieder nach Dresden, grub das Depot aus und brachte es mit der Eisenbahn an die Ostseeküste.

Der nächste Fehler, den ich beging, war nicht so existenziell wie in Bad Schandau, er soll nun erzählt werden.

Am nächsten Tag fuhr ich gegen Mitternacht mit dem Škoda, der noch immer das Dresdner Kennzeichen hatte, nach Warnemünde, um das Valutadepot im Stolteraner Küstenwald professionell anzulegen.

Warnemünde war in den frühen 80er Jahren im Herbst und im Winter nachts ein totes Nest. In der Parkstraße, in der Nähe des Hotels „Haus Stoltera“, war nicht ein Parkplatz besetzt. Ich stellte also kurz nach Mitternacht den Škoda dort ab, wollte mich schon auf den vier Kilometer langen Weg zum Naturschutzgebiet Stoltera machen, als mich eine Polizeistreife anhielt. Personalausweis und Fahrzeugpapiere wollten sie sehen, dann die Frage: „Was machen Sie um diese Zeit in Warnemünde?“

Ich sagte, dass ich im Kurhaus eine Kollegin abholen wolle, die dort in der „Achtern Strombar“ arbeite. Das erschien logisch, sie ließen mich laufen und gingen weiter in Richtung Kirchplatz. Nun ging ich in Richtung Kurhaus zur Standpromenade hin, wo das Kurhaus liegt; ich hatte immerhin 4.000 DM in eingewachsten Scheinen am Körper, wollte also nicht nochmal mit den Bütteln des real existierenden Sozialismus zu tun haben.

Der Weg zum Stolteraer Wald war bald geschafft. Ich kannte dort auf dem ca. drei Kilometer langen Gang an der Steilküste entlang jeden Baum, jede Wegbiegung, jedes Detail der Landschaft und war mir auch sicher, dass mich nachts gegen ein Uhr niemand beobachtete, und legte hier, wiederum perfekt, mein Valutadepot an. Endlich war, meiner Meinung nach, der wichtigste Punkt zur Finanzierung meiner Italienreise geklärt.

Der Leser, wird erstaunt sein, dass ich so viel Mühe auf mein Geldbündel legte, seine Erhaltung geradezu als existenziell betrachtete. Es ist aber so, dass Unterschichtler, von denen ich ja abstamme, bei der Erkennung von Wünschen sich immer selbst fragen müssen: „Wie will ich das bezahlen?“ Die Finanzierung ist daher die erste Frage, bevor die Hauptfrage: „Wie willst du es tun?“, angegangen werden kann.

Wie gefährlich das Grenzsystem der DDR sein kann, hatte ich nun gerade erlebt, musste sogar mit Niedertracht und Dummheit rechnen, denn sie hatten meine harmlose Rundreise mit Penelope durch das periphere Thüringen als Vorbereitung zum illegalen Grenzübertritt gewertet, wie ich erst nach der Wende aus meinen Stasiunterlagen erfahren konnte. Der Bande war es aber doch gelungen, mir durch meine eigene Dummheit Angst zu machen, und das kreidete ich ihnen schwer an. Wer mich bestiehlt, betrügt oder verprügelt, der kann mit Nachsicht rechnen, bin ja in solchen Fällen auch meist selbst schuld, wem es aber gelingt, mir Angst zu machen, was schwer genug ist, den betrachte ich als Todfeind.

Alle Furcht vor dem Misslingen meines großen Plans, der letzte „Italienreisende“ oder „Romantiker“, im Gegensatz zu den Touristen, zu werden, war nun verschwunden, die Polizeistreife in Warnemünde hatte meine Vorsicht nur noch geschärft. Aber auch mein Willen, dieses System zu überlisten, es mit meinen schwachen Mitteln zu besiegen, war jetzt unwiderruflich gefestigt.

Alle Rationalität aus meinem bisherigen Leben als quasi Kleinbürger, das Rechnen nach Kosten und Nutzen, verdrängte ich von nun ab völlig. Ich musste mal raus, um bleiben zu können in diesem wunderbaren, von moskowitischer Misswirtschaft verunstalteten Land.

2. KAPITEL: DIE VORBEREITUNG

Segelsommer

Mit dem Anfang des Jahres 1983 begann auch mein Kursus zum Erwerb des Segelscheines für die Binnengewässer und die Seewasserstraßen, deren praktischen Teil ich am Zicker See schon abgelegt hatte. Der theoretische Teil zum Erwerb des Segelscheins wurde in einem Hörsaal der Rostocker Universität abgehalten, die Teilnehmer waren alle, wie ich meine, Universitätsmitarbeiter oder hiesige Studenten, ausschließlich männlichen Geschlechts.

Ein Dozent brachte uns Kursteilnehmern die theoretischen Grundlagen des Bootsbaus, der Meteorologie, der terrestrischen Navigation und der Segelkunde bei. Das Hauptgewicht der Veranstaltung lag aber auf den Bestimmungen des Seeverkehrs und der Betonung, speziell des Lateralsystems und den Besonderheiten des Grenzsystems an den Seegrenzen der DDR.

Mit einem kecken Unterton sagte der Dozent, mit erhobenem Finger: „Und vergessen Sie nie, die Sicherungskräfte der ‚Grenzbrigade Küste‘ haben das Recht der Nacheile, können also Grenzverletzer auch noch außerhalb der Staatsgrenze der DDR in internationalen Gewässern aufbringen und ihrer verdienten Strafe zuführen!“

Der Winter war noch nicht zu Ende, da hielt ich meinen Segelschein in den Händen, er war DIN A6 (Postkartengröße) groß und auf einem wachstuchähnlichen Gewebe aufgedruckt, den ich nun ständig bei mir in der Brieftasche trug.

Über den Winter 1982/​83 war ich, nach einer 14-tägigen Schnellausbildung, als Filmvorführer im Rostocker Filmtheater „Capitol“ tätig, und dort wurde mir eine wichtige Erkenntnis für die Vorbereitung meines Vorhabens zuteil.

Die exakten Ränder des Leinwandbildes werden durch schwarze Stoffvorhänge bewirkt, welche die Leinwand umrahmen. Die äußeren Ränder des Lichtstrahls, der aus der Vorführmaschine in den Zuschauerraum auf die Leinwand fällt, werden durch dieses schwarze Tuch völlig absorbiert, das schwarze Tuch bleibt trotz Lichtstrahl schwarz. So sollten auch meine Segel wirken, wenn ich nachts über die Ostsee segeln würde.

Soweit die Tarnung der Segel gegen Scheinwerferlicht, doch wie stand’s mit dem Radar?

Radar war eine Zaubertechnik, mit der schon die Engländer während des Zweiten Weltkrieges deutsche U-Boote geortet hatten und die von der Sowjetunion und ihren Satrapen zur Aufbringung von Flüchtlingen aller Art genutzt wurde. Die Radartechnik in ihrer Wirkungsweise wurde in jenem Theoriekursus zum Erwerb des Segelscheins zwar erläutert, hauptsächlich aber in ihrer Unüberwindlichkeit angedroht. Es musste aber auch eine militärische Radartarnung geben, dachte ich mir, schaute daher in der militärtechnischen Abteilung der „Norddeutschen Buchhandlung“ in der Kröpeliner Straße in Rostock, in ein entsprechendes Lehrbuch, das für die Ausbildung der Marineoffiziere der „Volksmarine der DDR“ gedacht war und das ich sogar hätte kaufen können. In diesem Buch war tatsächlich ein ganzes Kapitel über Radartarnung vorhanden.

Mit heutigem Wissen muss ich sagen, dass dieses Lehrbuch noch veraltete Techniken unterwies. Immerhin hatte damals schon die US-Airforce ihre Steltbomber und entsprechende Überwasserschiffe, welche das Radar rein formgestalterisch zu unterlaufen suchten. Hier wurden aber Techniken aufgezeigt, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammten, wo man die Aufbauten der Überwasserschiffe mit genoppten Gummiplatten belegt hatte, in der Hoffnung, so das gegnerische Radarbild zu stören. Die Erläuterung für die Wirkungsweise leuchtete mir aber ein.

Ich beschaffte mir also gummierten und genoppten Fußbodenbelag von einem Meter Breite, diesen schnitt ich in sieben Streifen von 20 bis 26 Zentimeter Länge, um den Mast von oben sieben Zentimeter bis unten neun Zentimeter Durchmesser belegen und mit einem Spezial-Kunststoff-Haftkleber anbringen zu können. Natürlich musste ich jeden dieser unterschiedlichen Streifen nummerieren und für die am Mast befindlichen Beschläge und die Anbringung mit verschiedenen Ausschnitten versehen.

Es wurde eine langwierige und komplizierte Arbeit, die ich während eines Aufenthaltes bei meinen Bekannten vom Segelverein in Groß Zicker bewältigte. Natürlich wurde die Anprobe der Noppenstreifen am Mast nachts vorgenommen, jeder Zuschauer hätte ja geahnt, was hier von einem „Straftäter“ gegen die DDR geplant wurde.

Die fertiggestellten und maßgerechten Tarnstreifen verpackte ich mit mehreren Büchsen des Spezialklebers und einer Büchse Lösungsmittel, Spachteln zum Bestreichen der Streifen und des Mastes sowie vier Schraubzwingen in einem größeren Plastesack und vergrub das auf dem Hügelkamm des Großen Zicker, exakt zwischen zwei großen Findlingen, die seit der letzten Eiszeit dort lagen. In den Ecken des Rasenausstichs, den ich mit einem Campingspaten gegraben hatte und nach dem Vergraben des Plastesacks wieder einsetzte, pflanzte ich zwei Strauchgewächse aus der Umgebung der Findlinge ein, damit ich das Vergrabene leichter wiederfinden würde, wenn ich es brauchte.

Das Ganze war natürlich eine Schnapsidee, wie ich bald bemerkte, denn das exakte Anbauen dieser Tarnung nur am Mast hätte ohne Tageslicht und ohne Helfer mindestens die halbe Nacht gedauert, und in dieser Zeit sollte ich schon weit draußen sein.

Zuvörderst musste ich aber erst einmal die xy-Jolle allein beherrschen lernen; dafür benötigte ich einen ganzen Segelsommer, ohne von schwerer und fortwährender Arbeit gestört zu werden. In Thiessow im Mönchgut, vis à vis von Groß Zicker, hatte ich einen Büffetleiterjob in einem größeren FDGB-Ferienheim im Blick, wollte das aber nur im Jobsharing betreiben, damit ich immer mal einige zusammenhängende Tage für meine Segelpraxis nutzen könnte. Ich hatte wieder Monsieur Bernard als Partner im Auge, musste aber bei telefonischer Anfrage in Berlin von seiner Mutter erfahren, dass der Bursche leider einsitzt. Er war bei seinem Militariahandel mit der staatlichen Außenhandelsorganisation KoKo des Schalck-Golodkowski in Konkurrenz geraten, hatte westdeutschen Interessenten gegen DM seine Erwerbungen verkauft, und das brachte ihm zwei Jahre Knast ein. Allein wollte ich den Prachtjob in Thiessow aber nicht übernehmen, ich gönnte mir daher einen Segelsommer gänzlich ohne Arbeit. Der Sommer 1983 wurde deshalb für mich auch zu einer perfekten Schule des Segelns. Ich war in allen mir zugänglichen Segelrevieren im heutigen Vorpommern mit meiner xy-Jolle unterwegs, bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit, auch nachts, obwohl das nicht erlaubt war, aber im Großen Jasmunder Bodden nicht kontrolliert und daher auch nicht verfolgt wurde.

Natürlich bin ich auch einmal gekentert, hatte vor Barhöft bei Starkwind aus West eine Halse gewagt, musste dann die relativ große Jolle wieder aufrichten und klitschnass zur Insel Ummanz segeln, wo ich die Jolle und mich selbst wieder in einen ordentlichen Zustand bringen konnte.

Eines anderen Vormittags kam vor der Halbinsel Zudar, bei der Ausfahrt vom Strelasund in den Greifswalder Bodden, ein solch heftiger Nordwest auf, dass ich es nicht wagte, mit einer Jolle im Einhand über das große Gewässer ins anzusteuernde Groß Zicker zu segeln, ich wollte daher bei Palmer Ort mit der Jolle an Land gehen.

Ich war schon gelandet, bei sommerlichen Temperaturen nur in Takelhose und barfuß, hatte die Jolle bereits halb an den Strand gezogen und wollte nun die nass gewordenen Klamotten abstreifen, um sie an Land trocknen zu lassen. Da sah ich, wie eine steife Böe die Jolle in die See trieb. Sofort die Klamotten vom Leib und dem Plasteboot hinterhergeschwommen. Ich konnte sie aber nicht mehr erreichen, war schon selbst in Gefahr, vom Strom hinausgetrieben zu werden. Also mit Kraft zurück an Land geschwommen und die noch feuchten Klamotten auf den Leib gebracht. Glücklicherweise war damit auch meine Brieftasche noch am Mann, mit Geld und allen Dokumenten. Nun fuhr ich über Mittag und Nachmittag jenes Tages barfuß in Bussen und mit der Eisenbahn über Stralsund und Greifswald nach Ludwigsburg an der dänischen Wieck. Von hier aus suchte ich bis zur Steilküste bei Loissin die Küste nach meiner Jolle ab. Dort fand ich tatsächlich das völlig verkrautete Plasteboot am Strand, es war vom Nordwest über den Bodden getrieben worden, konnte ja durch seine seitlichen Hohlkörper nicht untergehen und hatte auch kaum Wasser in der Pflicht.

Zuerst holte ich Schlafsack und Luftmatratze aus dem Heckschapp und baumelte sie an das Luvwant zum Austrocknen, dann säuberte ich den Bootskörper, was bis in die Nacht hinein dauerte. Nach diesem anstrengenden Tag, es war nun schon fast Mitternacht, legte ich mich in meiner wiedergefundenen und noch intakten Wanderjolle zur Ruhe. Der Tag war also nicht sonderlich glücklich gewesen, aber wiederum höchst lehrreich für mich.

Im Laufe dieses Sommers wurde mir klar, dass der Weg mit einer Jolle auf die offene Ostsee hinaus und an westliche Küsten nicht nach Osten, sondern von Hiddensee aus über die Priele an den Sandbänken vor den beiden Ausfahrten Bessin-Bug oder Gellen-Bock führte. Da die dänische Insel Møn von Dornbusch aus in fünfzig Kilometer Entfernung so verlockend zu sehen war, war mein erster Gedanke natürlich, den Weg nach Norden durch den Libben zu nehmen. Es lag nahe, vor dem Bessin über die Priele des Hahnentiefs in den Libben zu schlüpfen, von wo die Ostsee nach wenigen Meilen erreicht war. Seglerisch wäre das aber höchst kompliziert geworden. Ich hätte nachts auf einen Nordnordostwind warten müssen, der dann obendrein noch während der Nacht nach rechts hätte drehen müssen, damit ich bei anbrechendem Tageslicht weiter nach Norden gelangen konnte. Das war äußerst selten, es hätte bedeutet, dass der Kern des Tiefs sich hätte in westlicher Richtung bewegen müssen – was fast unmöglich ist – oder ein Azorenhochkeil sich nach Skandinavien ausbreitet, ohne Mitteleuropa zu berühren – auch selten. Aber zuerst musste ich persönlich überprüfen, ob vor der östlichen Spitze des Neubessin, der ja schon Sperrgebiet war, auch tatsächlich ein Priel verläuft. Bei der westlichen Spitze, dem Altbessin, konnte ich den Priel beim Törn nach Kloster zumindest sehen, wenn auch nicht genau erkunden.

Ich hatte also die Jolle für einige Tage an einem Liegeplatz nahe dem Hafen von Kloster festgemacht und genoss die herrliche Landschaft und die Strände des nördlichen Teils von Hiddensee. Der nördliche Teil des „Söten Lännekens“ ist landschaftlich zweifellos der schönste, wenn auch die Strände des südlichen Teils sich noch paradiesischer ausbreiten. Der über sechzig Meter hohe Dornbusch neigt sich sanft nach Süden und beschreibt in der West-Ostrichtung eine Biege, so dass hier, nach der Gemarkung Grieben zu, eine Kuhle entsteht, die zudem in der Leeseite der sommerlichen Hauptwindrichtung liegt. Verschlungene Wege lassen den Wanderfreund gemächlich am Hang hinabschreiten, nach der langgestreckten Halbinsel Bessin oder in den Ort Grieben. Der Dornbusch, eine Moräne aus der letzten Eiszeit, ragt also mächtig aus der flachen Insel empor, ist bei klarer Sicht schon von der Mole des Stralsunder Hafens zu sehen. Der Dichter Jot Es verglich ihn später mit einer erregten Klitoris.

Für mich waren diese Schönheiten an diesem Tage erst einmal zweitrangig; ich strebte aus dem Hafen von Kloster, zum Bessiner Strand, der sich zum Libben hin, also bis zur offenen Ostsee, erstreckt.

Eines Nachts, Ende Juni 1983, um die astronomische Mitternacht herum, ging ich am Strand des Bessin zum Libben hin nach dem Neubessin, jener Südspitze, die schon Sperrgebiet war. Tatsächlich verlief an dieser Stelle ein Priel, den eine Jolle mit Halbschwert durchaus hätte passieren können.

Am nächsten Vormittag lag ich wieder, mich sonnend, am Bessiner Strand, als eine Motorradstreife der Grenztruppen nahe am Wasser mein Blickfeld passierte. Ein Soldat im Kampfanzug schob keuchend ein Motorrad durch den Sand, und ein Offizier in Sommer-Dienstuniform stapfte voraus. Sie suchten den Strand bis zu jener Südspitze ab. Mir war klar, sie hatten mich in der vergangenen Nacht, trotz Finsternis, eventuell per Infrarotgerät von ihrem Kontrollpunkt auf der Halbinsel Bug aus gesehen. Der Weg nach Norden war also nicht ideal, wenn nicht gar unmöglich.

Ich überlegte nun, ob ich nicht vielleicht doch mittels Spezialtrailer die wenigen hundert Meter Land südlich von Neuendorf zwischen Bodden und Ostsee mit der Jolle bewältigen könnte, hatte einen solchen Trailer schon einmal konstruiert. Es stand aber auch noch die Frage des Tarnsegels. Ich kaufte also in Stralsund in der HO „Spowa“ (Handelsorganisation „Sport und Wandern“) ein Großsegel für eine 420er Jolle, das etwas kleiner war als das für die xy-Jolle, setzte es für einen Probetörn, um zu sehen, ob es die xy-Jolle auch zieht. Später kaufte ich noch eine neue Kreuzbock hinzu. Diese beiden neuen Segel versuchte ich dann in der heimischen Badewanne mit dunkelblauer Textilfarbe einzufärben. Das Polyestergewebe nahm aber keine Farbe an. Die Farbe ließ sich sogar leicht mit der Duschbrause abspülen und verschwand ohne Rückstände im Ausguss. Ich benötigte also fachlichen Rat, wie man ein helles Polyestersegel deutlich dunkel einfärbt.

Während eines sommerlichen Kurzbesuches in Dresden sah ich am Hauptbahnhofsvorplatz an einer hier stehenden Baracke das Schild „Drogerie“. Ich dachte: ‚Hier holst du dir Rat, so weit von der Küste entfernt denkt kein Mensch an die Vorbereitung eines nächtlichen Grenzdurchbruchs über See.‘ Der Drogistin log ich vor, als Bandleader eine helle Polyesterplane dunkel einfärben zu wollen, um die goldenen Sterne, die später aufgenäht werden sollten, besser als Überdachung zur Geltung zu bringen, nun nehme das Polyestergewebe aber das Färbemittel nicht an. Die ahnungslose Verkäuferin gab mir den fachlichen Rat, das Färbebad mit reichlich Essigessenz aufzufüllen.

Mit neuem Färbemittel und einem Karton mit Essigessenz im Rucksack fuhr ich zurück nach Rostock, wo ich die Färbeprozedur mit den beiden Segeln in meiner Badewanne erneuerte. Jetzt klappte es. Die beiden Segel waren schön dunkel eingefärbt, aber klitschnass. Ich ließ die Segel abtropfen und legte sie dann in eine größere Plastewanne. Inzwischen hatte ich unsere Dachkammer, die mit einer lindgrünen Teppichware belegt war, mit einigen Lagen Zeitungspapier bedeckt. Dann brachte ich die Wanne mit den noch immer feuchten Segeln nach oben. Die Dachkammer war sommerlich aufgeheizt. Obwohl ich mich bemühte, die feuchten Polyestersegel vorsichtig über den ausgebreiteten Zeitungen auszulegen, sie waren tatsächlich nach wenigen Stunden trocken, zeigten sich blaue Flecken auf dem grünen Teppich. Wie das Penelope erklären?

Lesern, welche das DDR-System nicht erlebt haben, sei erklärt, dass die Unterlassung einer Anzeige (§ 225 [1] 4. StGB d. DDR) bei Kenntnis der Vorbereitung einer Straftat gegen die staatliche Ordnung der DDR mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden konnte. Diese Gefahr hatte ich von Penelope genommen, vom ersten Gedanken an einen Grenzdurchbruch an. Naive Leute nannten später meine „Reise“ deshalb einen Vertrauensbruch.

Ich musste Penelope also die blauen Flecken in der Dachkammer logisch erklären. Es gab damals in den HO-Textilgeschäften immer mal polnische Jeans, die aber noch nicht vor- oder ausgewaschen waren wie heute, wo diese amerikanische Arbeitskleidung gern als coole Szeneklamotte getragen wird. Ich kaufte mir also dieses Kleidungsstück und wusch es in der Badewanne vor. Dann legte ich es zum Trocknen in die Bodenkammer, so erklärte ich die blauen Flecken auf dem Fußboden meiner Lebenspartnerin, die das zwar missbilligte, doch nicht anzweifelte, während die Törnsegel nun im Segelsack einsatzbereit ihrer Verwendung harrten.

Der Segelsommer war noch nicht vorüber, ich trieb mich wieder mit meiner Jolle im Hiddenseeer Liegeplatz „Schwarzer Peter“ herum, als ein idealer Nordost als mäßige Brise über den Bodden blies. Der Wind hatte schon einige Dezimeter Hochwasser hereingetrieben. Das war die optimale Situation für einen Segeltörn in südliche Richtung. Ich dachte mir: ‚Jetzt machst du den Test mit der xy-Jolle, dicht unter Land des Gellen nach Süden zu, zwischen der Insel und der riesigen Sandbank Geller Haken hindurchzugelangen.‘ Natürlich war das alles schon Sperrgebiet, aber die Hinweis- und Verbotsschilder waren nur an Land angebracht. Dort stand auch ein verrotteter Stacheldrahtzaun, der das Vogelschutzgebiet Gellen vor den sonnenhungrigen Urlaubern abschirmte. Wenn mein Törn bemerkt werden würde, konnte ich mich immerhin mit Unwissenheit herausreden, wollte ja damals auch gar nicht den Grenzdurchbruch durchführen, war schließlich noch in der ersten Vorbereitungsphase.

Gedacht, getan, die Jolle schoss ideal mit Viertelschwert in Lee und Halbschwert in Luv in den von mir erwarteten Priel hinein. Hin und wieder schleifte das Ruderblatt im Sand des Grundes und gab einen knirschenden Laut von sich. Der Priel war aber da!

Ich dankte im Geiste meinem Heimatkundelehrer, der mir die Existenz eines Priels schon in der Schule vermittelt hatte, denn auf den mir zugänglichen Seekarten des Seehydrographischen Instituts der DDR war es nicht verzeichnet; hier gab es nur die Ein-Meter-Tiefenlinie, da geringere Wassertiefen für die Berufsschifffahrt völlig uninteressant sind.

Die Jolle rauschte also durch den Priel auf die Ausfahrt zwischen Gellen und Bock zu, und ich konnte bei Tageslicht jede Windung des Wasserweges sehen. Da ich immer auf der Luvseite blieb, hätte mich auch eine Grundberührung wenig behindert, weil mich der Wind dann ins Fahrwasser zurückgetrieben haben würde.

Nach ca. einer Stunde überquerte ich die Ausfahrt in die Ostsee und passierte mit südlichem Kurs den Kontrollpunkt Bock der „Grenzbrigade Küste“. Jetzt erst hatten die Grenzsicherungsorgane mich erspäht, weil die östliche Spitze der Insel Bock von ihrem Punkt aus die eigentliche Ausfahrt in die Ostsee versperrte. So hatte ich es auf der Seekarte ermittelt, und so war es.

Die Blinkzeichen von dem Kontrollpunkt ignorierte ich, segelte völlig unschuldig in das Fahrwasser nach Barth hinein. Vor dem Grabow, dort wo kleinere Lücken zwischen den Werder’schen Inseln sind, lag eines der Kanonenboote der „Grenzbrigade Küste“ und brachte mich auf.

Das folgende Verhör an Bord des Kanonenbootes, woher und wohin, gestaltete sich moderat. Ich behauptete, dass ich, vom Neuendorfer „Schwarzen Peter“ kommend, beabsichtigte, nach Barth segeln zu wollen. „Sie sind aber durch das Sperrgebiet gesegelt!“, meinten sie. „Tut mir leid“, kam meine Entgegnung, „ich wollte mir nur den großen Umweg um den Geller Haken herum und durch die Kadettrinne ersparen.“

Telefonate hin und her, Untersuchungen meiner Utensilien und der Jolle nahmen einige Zeit in Anspruch. Nach mehreren Stunden ließen sie mich laufen, heißt, weitersegeln, mit dem strengen Hinweis, künftig das Sperrgebiet zu beachten.

Durch Grabow und Barther Bodden segelnd, war ich noch vor Sonnenuntergang in Barth. Ich hatte nun die glückliche Erkenntnis: Hier geht’s raus, ohne von einem der in der Ostseeausfahrten befindlichen Kontrollpunkte aus direkt gesehen zu werden. Aber die Grenzwächter wussten das nun auch und würden den Priel mit einem Buhnendamm versperren, fürchtete ich.

Mein Versuch, in Barth Mitglied es dortigen Segelvereins zu werden und meine xy-Jolle da über den Winter zu belassen, scheiterte an der Forderung der Vereinsleitung, die von Mitgliedern verlangte, in der Stadt zu wohnen, also hier polizeilich gemeldet zu sein, oder hier zu arbeiten.

Anfang September segelte ich also wieder nach Groß Zicker zurück, wo mich der dortige Vereinsvorstand für einen dicken Schein wieder über den Winter mit meiner Jolle im Vereinsgelände liegen ließ.

Schon mal auf Seumes Spuren

1978 bereits hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt bei einer Sicherheitstagung der NATO-Staaten den Nachrüstungsbeschluss initiiert, der die Länder Westeuropas gegen eine sowjetische Nuklearbedrohung durch deren neue SS-20-Raketen beschützen sollte. 1983 wurde dieser Nachrüstungsbeschluss, gegen große Teile der Regierungspartei und gegen eine starke Friedensbewegung, durch den Bundestag gebracht. Bald darauf begann die Stationierung der Pershing-Raketen in der BRD, was zu einer fast hysterischen Kriegsfurcht führte und das auch in der DDR.

Heute ist die Geschichtsschreibung der Meinung, dass die Sowjetunion mit dem Sturz Nikita Chrustschows im Oktober 1964 die Weltrevolution und die Weltherrschaft aufgegeben habe und von da an, unter der neuen Herrschaftsschicht um Leonid Breschnew, nur noch das alte russisch-moskowitsche Herrschaftsgebiet erhalten bzw. an der Peripherie ausdehnen und sicherstellen wollte. Gegen ein wehrloses Westeuropa, das nur den strategischen Schutz der USA hatte, waren die sowjetischen SS-20-Raketen durchaus ein wirksames Mittel zur atomaren Erpressung, und wenn es nur zum ökonomischen Erhalt der Sowjetsystems wäre.

Mich persönlich hatte die Sowjetunion nie bestohlen, betrogen oder geschlagen (diese drei Attacken, welche ich ohne inneren Zorn dulde, da sie immer nur Folgen meiner eigenen Fehler gewesen wären: Ich hätte Taschen und Türen schlecht verschlossen haben, Geschäfte töricht anstellen oder mich mit Stärkeren handgreiflich einlassen müssen), sie hat mir aber immer durch ihre Kraftmeierei und ihre bloße Existenz Angst gemacht. Es ist daher logisch, dass ich dem Westen bei seiner Kontrastellung zu den sowjetischen SS-20-Mittelstreckenraketen Standhaftigkeit wünschte.

Die vermeintliche Unbesiegbarkeit des in den eigenen Augen so gesehenen Bösen hat in den späten 30ern bis hin zur Wende im Zweiten Weltkrieg viele Nazi-Gegner zum Suizid getrieben: 1935 Kurt Tucholsky, 1939 Ernst Toller, 1940 Walter Benjamin, 1942 Stefan Zweig und andere. Die Gefahr des freiwilligen Aus-dem-Leben-Gehens bestand bei mir nie, doch bereiteten mir militärische Demonstrationen der Stärke der Sowjetunion stets Depressionen (wenn sich ‚fortwährendes Missvergnügen‘ so bezeichnen lässt). Erst die Erfolglosigkeit der Sowjetarmee in Afghanistan machte dieser Gemütsverfassung ein Ende; ich wurde wieder fröhlicher.

In jenem Jahr 1983 hatte Franz Josef Strauß mit seinem „Milliardenkoffer“, wie der Volksmund sagte, die DDR noch für ein reichliches halbes Jahrzehnt finanziell über Wasser gehalten. Viele Leute, auch ich, glaubten damals, dass die pathologische Geschäftemacherei des zum Finanzhai aufgestiegenen bayerischen Kleinbürgers es nicht lassen konnte, selbst mit dem politischen Feind zu handeln und zu kungeln. Später vermutete ich eher, dass der weitsichtige CSU-Chef über seine Kontakte nach Moskau von der bevorstehenden Perestroika und dem Aufstieg Gorbatschows eine gefühlsmäßige Ahnung bekommen hatte und den Zusammenbruch der DDR bis in diese Zeit hinauszögern wollte. Denn im Jahre 1983 waren noch die alten Militärkader im Kreml an der Macht, und deren Reaktion auf einen Aufstand in ihrer ostdeutschen Satrapie war nicht zu übersehen.

Für mich stand aber ein völlig anderes Problem im Vordergrund. Ich musste unbedingt meine DM-Beträge aus der DDR in den Westen bringen, damit ich sie nicht bei meinem unsicher geplanten Grenzdurchbruch am Mann tragen musste. Schließlich wollte ich meine Pilgerreise zu den Quellen des Abendlandes durch Westdeutschland und Italien aus der eigenen Tasche bezahlen, war mir auch nicht sicher, ob ich nach kurzem Arbeitsaufenthalt in der BRD das Geld für meine Reise verdienen würde.

Ich kannte aber keinerlei Menschen im Westen. Kurz vor ihrer Übersiedlung in den Westen, im Sommer 1957, hatte ich die Nichte meiner Stiefmutter flüchtig kennengelernt, sie war also meine Stiefcousine. Wir beide hatten uns aber wenig zu sagen gehabt, die Bekanntschaft blieb damals sehr oberflächlich. Jetzt, nach 26 Jahren, erinnerte ich mich wieder an meine Westcousine.

Wie aber mit ihr in Verbindung treten? Telefonisch war das, ohne von der Stasi abgehört zu werden, nicht möglich, und der Post traute ich genauso wenig. Ich dachte also wieder an Prag oder die böhmische Provinz.

Ende Oktober 1983 holte ich mir mein sicheres Valutadepot aus dem Stolteraer Wald und fuhr mit der Eisenbahn nach Dresden, wo ich das tschechische Reisegeld und die Fahrkarte nach Prag löste. Dann fuhr ich mit dem Vorortzug nach Königstein in der Sächsischen Schweiz und von da mit dem Bus zu Freunden nach Rosenthal.

Obwohl ich schon ziemlich müde war, ging ich nach dem Abendessen noch über Ottomühle und durch die „Dürre Biela“ hoch zur tschechischen Grenze. Es war schon stockdunkel. Ich wusste aber, dass unterhalb des Schneeberges, von Tissa herführend, eine Straßenbiegung ist, an der ich meinen Valutaschatz kurzzeitig deponieren wollte, um am folgenden Tag mit dem Zug über die Grenze in die ČSSR zu fahren, ohne die wertvolle Contrebande bei mir zu tragen.

Das Unterholz des Grenzwaldes war so dicht, dass ich es nicht im Ulster passieren wollte. Ich hatte mich für Prag schon stadtfein gemacht, deshalb ging ich über den Grenzweg zu jener Straßenbiegung, die von Tissa nur zweieinhalb Kilometer entfernt ist, und legte hier mein Valutadepot an.

Am nächsten Tag stieg ich in Bad Schandau in den Prager Zug und wurde nach kurzer Fahrt in Děčín vom DDR-Zoll wieder aus dem Zug geholt. Man hatte mich noch in der Fahndungsliste vermerkt. Hier wurde ich aber kaum behelligt, man ließ nur ohne mich den Zug abfahren; dem Zoll war klar, dass ich nichts Verbotenes bei mir führen würde. Der Zoll durchsuchte nicht einmal meine Umhängetasche, das „Kleine Sturmgepäck“. Als der Zug weg war, ließen sie mich laufen.

Ich fuhr nach zwei Stunden Wartezeit mit dem nächsten Zug bis Aussig, dort nahm ich einen Zubringerbus, der die Dörfer am Gebirgshang abfuhr, nach Tissa. Immer scharf nach eventuellen Verfolgern Ausschau haltend, ging ich die zweieinhalb Kilometer zu meinem Kurzzeitdepot auf der Landstraße und grub dort mein Geldpaket wieder aus.

Das Wichtigste des Tages war erledigt, ich hatte mein Valutadepot über die Grenze gebracht, mit dem nächsten Bus, der gerammelt voll war, fuhr ich kurz nach 16 Uhr zurück nach Aussig, wo ich in den nächsten Zug nach Prag stieg.

Der Zug war mäßig besetzt, ich fand ein freies Abteil neben dem Speisewagen und nahm dort Platz. Nach einiger Zeit trat eine hübsche, junge und deutsch sprechende Blondine in mein Abteil, die einen stark bezechten Herrn um die fünfzig, auf ihn ständig französisch einplappernd, in mein Abteil bugsierte. Bald fragte sie mich nach Prag und dessen Hotels aus, die beiden waren auf Europarundreise und wollten in den nächsten Tagen nach Wien. Das gab mir die Möglichkeit für eine ausführliche Unterhaltung, an der sich der Franzose, von seiner Begleiterin gedolmetscht, fleißig beteiligte. Ich erfuhr, dass die beiden in Frankreich ein nobles Landhotel betrieben. Als sie merkten, dass ich ein weltinteressierter, eingemauerter Ostdeutscher war, sprühten sie geradezu von Berichten aus dem göttergleichen Frankreich.

Ich ertappte mich, daran zu denken, diese Frau, die sich durchaus sympathisch mir gegenüber zeigte, vielleicht doch als Valutakurier und als meine Bezugsperson im Westen aufzubauen. Sie schwärmte gerade von der herrlichen hügeligen Landschaft nahe der Garonne, in der sich das Landhotel befand, da sagte ich: „Sie meinen das Perigord?“

Sie fragte sofort hastig zurück: „Sie sagten doch, dass Sie Ostdeutscher sind. Woher kennen Sie denn das Perigord?“ „Das steht doch in jedem Schulatlas!“, sagte ich.

Darauf tuschelte sie mit ihrem Begleiter, stand hastig auf und zerrte den Bezechten aus dem Abteil, obwohl wir noch gar nicht im Hauptbahnhof Prag eingefahren waren. Lange machte ich mir Gedanken darüber, wie Menschen so hysterisch reagieren können, nur weil andere mehr wissen, als man ihnen zugetraut hatte.

Kurz darauf war der Zug in Prag angekommen. Es war schon nach 20 Uhr, die Stadt war schmuddelig vom Bauschutt, denn in den frühen 80er Jahren baute man die Metro in Prag. Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Smíchov. Von der Haltestelle am Clam’schen Palais, das nun eine hässliche Vorstadtfabrik war, ging ich über einen steilen Weg hinauf nach U Blaženky, wo meine vertraute Prager Quartiergeberin in einem geräumigen Haus lebte.

Frau Nowaček lebte mit einer heranwachsenden Tochter im Erdgeschoss eines Hauses aus den 20er Jahren und vermietete die oberen Etagen an Tagesbesucher, wovon sie offenbar lebte. Als bekannter Gast wurde ich freundlich aufgenommen, sogar am Abend mit einem Becherovka begrüßt, Panova Nowaček hatte natürlich auch ein angenehmes Quartier für mich.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich in einem parkähnlichen Umfeld ein verrotteter Kinderspielplatz, auf dem ich dann tagsüber keine Kinder sah, obwohl nahebei eine große Wohnzeile war. Der Kinderspielplatz, gewiss aus der Zwischenkriegszeit stammend, hatte an den Rändern Sitzbänke, hier sollten offensichtlich die nicht berufstätigen Mütter ihre Kinder beaufsichtigen. Und hier legte ich in der nächsten Nacht, wieder hochprofessionell, mein Prager Valutadepot an.

Das Westgeld war nun erst mal aus dem Territorium der DDR rausgebracht, nun wollte ich den Kontakt zu meiner Cousine herstellen, sie eventuell sogar nach Prag oder in die böhmische Provinz einladen. Aus Prag schrieb ich ihr also einen ausführlichen Brief, in dem ich die alte, fast vergessene Verwandtschaft zu beleben suchte. Um nicht Verdächtigungen von Seiten der Stasi aufkommen zu lassen, sollte sie mir keinen Brief schreiben, die würden von den Schnüfflern der Stasi unsachgemäß geöffnet und dann nicht weitergeschickt, sondern nur offene Ansichtskarten mit nichtssagenden Texten.

In Prag gab es weit mehr westdeutsche Besucher, als in den Kulturzentren der DDR. Das war mir schon früher aufgefallen, ich hatte ja auch schon in den 70er Jahren oft Gesprächskontakte mit Landsleuten aus der Bonner Republik und hatte erfreut festgestellt, dass sie hier in Prag lockerer waren als bei den wenigen Gelegenheiten zum Gedankenaustausch in der DDR.

Nach Prag kamen die meisten als Busreisende in größeren Gruppen. Es gab aber auch immer mal Einzelreisende, schließlich ist Prag die bedeutendste europäische Stadt außerhalb des ehemaligen Imperium Romanum. Die Konversation mit meinen Landsleuten aus Westdeutschland war aber immer oberflächlichen Charakters, man befragte sich gegenseitig nach den allgemeinen Lebensumständen in den einzelnen Teilen des geteilten Vaterlandes und war an keiner längeren oder intensiveren Bekanntschaft interessiert. Von westlicher Seite war auch oft Misstrauen vorhanden. Viele sahen in ostdeutschen Fragestellern Stasiagenten, oder sie fürchteten, von ihren ärmlicheren Landsleuten angebettelt zu werden.

Jetzt war das bei mir aber anders. Ich hatte bei jedem den Gedanken im Hinterkopf: ‚Ist er vielleicht zum Valutatransfer geeignet?‘

Ich habe keinen gefunden, der dazu getaugt hätte, vergaß also schnell diesen Weg, meine „Westkohle“ in den Westen zu bringen.

Das herbstliche Wetter war ungewöhnlich verlockend, ich erlag daher der Versuchung, mich noch auf die Route Seumes nach Syrakus eine weitere Strecke durch Böhmen zu bewegen. Über Kolin, Deutsch Brod (Havlíčkův) ging ich sogar zu Fuß, nahm ich diese klassische Route, bis mich der „Eiserne Vorhang“ zwang, zurückzukehren.

Noch immer aber war der Valutatransfer in den Westen ungeklärt.

Den Winter verbrachte ich dann mit Penelope, als deren Hausmann, der seine Frau verwöhnt, und widmete mich tagsüber der Marinemalerei. In unserer sonnigen Veranda kopierte ich sogenannte „Kapitänsbilder“ (ein Zubrot, dass sich ältere oder invalide Seeleute, die natürlich künstlerische Talente aufweisen mussten, in den Häfen des frühindustriellen Zeitalters verdienten, indem sie Schiffe malten, deren Bilder sie dann den Kapitänen verkauften), was auch für mich ein beachtliches Zubrot brachte. Die Vorlagen lieferte ein repräsentativer Bildband des Rostocker Schifffahrtsmuseums, und der Technik der Malerei nahm ich mir beim Zuschauen bei einem nicht unbekannten Maler in Rostock, mit dem ich befreundet war, an, der gestalterische Teil meines Tuns lag mir einfach im Blut.

Den Jahreswechsel hatten wir, Penelope und ich, bei Freunden im Rosenthal verbracht, bei der Rückreise nach Rostock sah ich auf dem Dresdener Altmarkt, ich traute erst meinen Augen nicht, Tietzes mit ihren drei Kindern in kampfanzugähnlicher Kleidung den Platz überqueren. Auf meine erstaunte Frage hin erfuhr ich, dass die Familie in wenigen Wochen schon nach Perth in Australien ausreisen würde, die Kriegsfurcht sei, angesichts von Nach- und Nach-Nachrüstung nicht mehr zu ertragen. Sie hätten daher einen Großonkel, der schon seit Jahrzehnten in Australien lebt, reaktiviert und der hatte die ganze Familie eingeladen und war obendrein bereit, sie vorerst aufzunehmen. Die herrliche Hangvilla in Oberwachwitz habe für sie, angesichts der Kriegsgefahr in Europa, keinen Wert mehr, die solle nun bewohnen, wer wolle.

Tatsächlich entledigte sich die DDR-Führung zu Beginn des Jahres 1984 eines großen Teils der Unzufriedenen im Lande und ließ sie kurzfristig ausreisen, wie ich dann im Februar dieses Jahres im Westfernsehen erfuhr.

Mit mir ging die Staatsführung der DDR nicht so großzügig um. Penelope hatte für uns im April ein Ferienquartier am Plattensee in Ungarn gebucht. Wir wollten, ohne besonderes Interesse, doch auch einmal einen Blick in die „fröhlichste Baracke des sozialistischen Lagers“ werfen, denn weder Penelope noch ich waren jemals in Ungarn gewesen. Der Winter war noch nicht vorbei, da steckte die Absage schon in meinem Postkasten, „die zuständigen Organe der DDR“ hätten die Reisegenehmigung für mich nicht erteilt.

In dieser Zeit starb Enrico Berlinguer, der Vater des Eurokommunismus und Kritiker des Sowjetsystems, auf den viele Leute im Ostblock große Erwartungen legten. Wir glaubten ja alle, dass die Mängel des „real existierenden Sozialismus“ nicht im System begründet seien, sondern nur der sowjetisch-moskowitischen Stupidität geschuldet wären. Wer wagte schon zu denken, dass der Geistesriese Karl Marx sich im Kern seiner Lehre geirrt haben könnte.

In diesem Sinne schrieb ich der Witwe des Modernisierers des Kommunismus und großem italienischen Denkers und Kämpfers Enrico Berlinguers einen zu Herzen gehenden Kondolenzbrief, nachdem ich mich telefonisch bei der italienischen Botschaft in Ostberlin nach der korrekten Adresse erkundigt hatte. Der Brief ist wohl nie angekommen, denn nach der Wende fand ich in meinen Stasiakten den Hinweis, dass der M. mit mehreren, der Staatsordnung der DDR gegenüber feindlich eingestellten Personen im kapitalistischen Ausland, so Erich Loest und der Witwe von Enrico Berlinguer, versucht hatte, Kontakt aufzunehmen und wo er seine feindselige Haltung gegen unseren Staat bekundete. Es ist logisch, dass die Stasi, wenn sie meine Briefe schon gelesen hat, diese nicht weitergeleitet haben wird. Meine Cousine hatte die Stasi aber nicht in ihrer Auflistung.

Ein halbes Jahr nach meinem Kontaktversuch von Prag aus bekam ich von meiner Cousine zu Ostern 1984 eine wunderschöne Ansichtskarte aus dem Schwarzwald. Darauf grüßte sie mich verwandtschaftlich und würde sich freuen, mich nach so vielen Jahren einmal wiederzusehen, stellte aber auch die entscheidenden Frage, wie ich denn einen Besuch im Westen finanzieren wolle, wo doch alles nun so teuer geworden sei.

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Data wydania na Litres:
26 maja 2021
Objętość:
274 str. 8 ilustracji
ISBN:
9783954623822
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