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Die Schlacht bei Königgrätz 1866. Die preußischen Armeen siegen über das österreichische Hauptheer. In der Bildmitte König Wilhelm, Helmuth von Moltke und Otto von Bismarck. Gemälde von Christian Sell
Klaus-Jürgen Bremm ist Historiker mit dem Spezialgebiet Militärgeschichte und Publizist. Er veröffentlichte zahlreiche Bestseller bei der wbg.
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Klaus-Jürgen Bremm
1866
Bismarcks deutscher Krieg

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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wbg Paperback ist ein Imprint der wbg.
© der 2., überarbeiteten Auflage 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt)
Neuausgabe der 2016 bei wbg Theiss unter dem Titel «1866.
Bismarcks Krieg gegen die Habsburger» erschienenen Ausgabe
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Redaktion: Kristine Althöhn, Mainz
Einbandabbildung: Schlacht bei Königgrätz, Farbdruck, 1894,
nach Aquarell von Carl Röchling © akg-images
Einbandgestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-534-27350-8
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-534-27392-8
eBook (epub): 978-3-534-27393-5
Inhalt
Einleitung
I. Der Weg in den Krieg
Eine vertane Chance – Der Deutsche Bund von 1815
Bismarck und das Trauma von Olmütz 1850
Italien und das Risorgimento 1815–1866
Reformen ohne Ziel – Österreichs Armee von 1848–1866
Zwischen Pickelhaube und Zündnadelgewehr – Preußens Armee als Säule der politischen Reaktion und Speerspitze des modernen Krieges
Exkurs: Vom Vorbild zur Verdammung – Der Preußische Generalstab von Massenbach bis Moltke
II. Entscheidung in nur sechs Wochen – Custoza, Königgrätz, Langensalza und Lissa
Anlauf zum großen Krieg – Kalkulationen und Planungen
Exkurs: Auszug mit Hindernissen – Die Preußische Garde verlässt Berlin
Preußens Feldzug gegen Hannover und Kurhessen – Grundzüge eines neuen Kriegsbildes
Auf den Spuren Radetzkys – Österreichs Sieg in der zweiten Schlacht von Custoza
Nutzloser Achtungserfolg der Hannoveraner – Die Schlacht bei Langensalza
Vorwärts nach alter Sitte – Nachod, Trautenau, Skalitz und Gitschin
Exkurs: Ein Stiefkind der preußischen Armee – Die elektrische Telegrafie
Königgrätz – Die Preußen im Nacken und die Elbe im Rücken
Vormarsch auf Wien
Die Operationen der preußischen Mainarmee in Süddeutschland
Exkurs: „Ich will keinen preußischen Pardon“ Die – Schlacht bei Kissingen am 10. Juli 1866
Exkurs: Österreicher alleingelassen – Die Schlacht bei Aschaffenburg am 14. Juli 1866
Italienischer Epilog – Österreich behauptet das Trentino und die Isonzo-Linie
Exkurs: Lissa 1866 – Antike Seekriegsführung an der Schwelle zur Moderne: Panzerschiffe im Rammeinsatz
III. Die Neugestaltung Mitteleuropas
Die „Revolution von oben“ Ein Monarchist stürzt Monarchien
Exkurs: „Weder die Ehre Englands noch seine Interessen sind betroffen.“ Apeasement und Kalkül – Großbritanniens Neutralität im Krieg von 1866
1866 – Triumph der Ungarn und Trauma der Deutsch-Österreicher
Nationalstaat oder Föderation? – War Bismarcks militärische Reichsgründung alternativlos?
Anhang
Anmerkungen
Abbildungsnachweis
Bibliografie
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Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Einleitung
„Graf Bismarck hat neben sich einen zögernden Souverän mit einem unsicheren Gewissen, das unter verschiedenen gemischten und gearteten Einfüssen handelt; er hat ferner eine feindliche Nation vor sich und hinter sich eine Sache, die, bis zu einem gewissen Grade in ihrem Ziel volkstümlich, doch in der Form und der Methode dem öffentlichen Gefühl widerstrebt.“
Francis Napier of Merchistone, Britischer Botschafter in Berlin, am 14. Oktober 18651
Am 3. Juli 1866 stürmte das I. Bataillon des 7. Westfälischen Infanterie-Regimentes Nr. 56 gegen 14.30 Uhr die Ortschaft Problus, den südlichen Eckpunkt der österreichisch-sächsischen Stellung bei Königgrätz. Gut 1500 Meter offenes Gelände hatten die Angreifer unter heftigem Gewehr- und flankierenden Kartätschenfeuer bis zum Ortsrand zu überwinden. Die preußischen Verluste waren beträchtlich: 18 Offziere sowie 317 Unteroffiziere und Mannschaften des in Köln stationierten Regimentes waren am Abend entweder tot oder verwundet.2
Zu den ganz übel Zugerichteten zählte auch ein gewisser Johann Konrad Adenauer aus der Domstadt, ein stattlicher Mann in den Dreißigern, der in 15 Dienstjahren zum Feldwebel aufgestiegen war. Schon im folgenden Jahr musste Adenauer, der zuvor noch ehrenhalber zum niedrigsten Offizierdienstgrad (Sekonde-Lieutenant) befördert worden war, wegen seiner Blessuren als „Ganzinvalide“ mit einer monatlichen Pension von zehn Talern aus der Armee ausscheiden. Johann Konrad Adenauers tapferes Verhalten in der Schlacht von Königgrätz fand immerhin Würdigung in der Regi mentsgeschichte, die Behauptung aber, dass der Vater des späteren ersten Kanzlers der deutschen Westrepublik im Kampf eine österreichische Fahne erbeutet haben soll, erwies sich als aus der Luft gegriffen.3 Hätte sich aber der Feldwebel Johann Konrad Adenauer im Jahre 1866 je träumen lassen, dass einer seiner Söhne einmal in einer unvorhersehbar fernen Zukunft zum Nachlassverwalter jenes Reiches werden würde, an dessen Entstehung er bei Königgrätz als Soldat mitgewirkt hatte?
83 Jahre und eine ganze Epoche später war der auf dem böhmischen Schlachtfeld gegründete preußisch-deutsche Machtstaat schon wieder Geschichte und der jüngste Sohn des Veteranen von Königgrätz freute sich als Regierungschef des soeben konstituierten westdeutschen Teilstaates geradezu diebisch, dass er anlässlich der Vorstellung seines ersten Kabinetts vor der Alliierten Hohen Kommission am 21. September 1949 auf dem Bonner Petersberg den roten Teppich hatte betreten können, ohne von den argwöhnischen Kommissaren zurechtgewiesen worden zu sein.4
Adenauers Gefallen an kleinen Unbotmäßigkeiten gegenüber den Vertretern der Alliierten erinnerte in gewisser Weise auch an Bismarcks lustvoll provokantes Verhalten gegenüber den Vertretern Österreichs während seiner Zeit als preußischer Gesandter am Frankfurter Bundestag. Deutschland oder das, was nach dem Ende der Hitlerdiktatur davon übrig geblieben war, schien nun endgültig auf ein verträgliches Maß zurechtgestutzt. Westorientierung und die Beschränkung nationaler Souveränität durch Einbindung in europäische oder transatlantische Institutionen waren der neue Königsweg des vorerst noch fragilen Adenauerstaates. Das 1866 von Bismarck durch „Blut und Eisen“ begründete Reich, Europa in einer Stunde der Unaufmerksamkeit abgetrotzt, erschien einer nachwachsenden Generation deutscher Historiker bald schon nicht mehr als historische Ausnahmeleistung. Plötzlich war das Werk des „Eisernen Kanzlers“ zu einer nationalen Verirrung mutiert, zum fatalen Beginn eines deutschen Sonderweges, der eine gedeihliche demokratische Entwicklung verhinderte und angeblich auch verantwortlich war für die kriegerischen Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Zu den prominentesten Vertreter dieser Richtung zählte wohl der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler, der in seiner Geschichte des Deutschen Kaiserreichs von einem strukturellen Grundproblem des Bismarckstaates sprach. Vorindustrielle Machteliten hätten demnach die Bildung einer freiheitlichen Sozial- und Staatsverfassung verhindert und eine aggressiv auftrumpfende Außenpolitik begünstigt.5 „Von Bismarck zu Hitler“ lautete wiederum in den 1970er-Jahren der Titel einer gedankenreichen Studie des renommierten Publizisten Sebastian Haffner, in der von einer Geburtshypothek des Bismarckreiches gesprochen wird. Für seine Nachbarn war es zu mächtig, für sich allein aber zu schwach, um einer gegnerischen Koalition erfolgreich trotzen zu können, und daher stets zum Prävenire geneigt. Das autoritäre Kaiserreich schien Historikern wie Heinrich August Winkler geradezu als der Gegenentwurf zur politischen Kultur des „Westens“ mit ihren Bürgerrechten, ihrer Gewaltenteilung und ihrer Toleranz.
Hatte also Bismarck 1866 die Büchse der Pandora geöffnet, um sämtliche Übel des Nationalismus in die Weltgeschichte zu entlassen? Historiker wie der Bismarckbiograf Lothar Gall oder Thomas Nipperdey haben dagegen immer darauf verwiesen, dass die Idee des Nationalstaates zu den wirkungsmächtigsten Kräften des 19. Jahrhunderts gezählt hatte. Eine in den 1850er-Jahren stark aufblühende Wirtschaft in Westdeutschland und Baden, in Berlin und Sachsen forderte geradezu die Vereinheitlichung von Maßen, Münzen und Tarifen in einem gemeinsamen Staat. Ökonomisch passte man schon längst nicht mehr zu Österreich, was der einflussreiche Staatssekretär im Handelsministerium, Rudolf Delbrück, dem preußischen Ministerpräsidenten im August 1864 unmissverständlich klarmachen musste, als dieser in der Zollfrage Zugeständnisse an Wien ernsthaft in Erwägung zog.6 Der Krieg von 1866 beschleunigte schließlich nur die unausweichliche Trennung vom Kaiserstaat.
Gab es aber 1866 überhaupt noch realistische Alternativen zu einer kleindeutschen Lösung unter preußischer Führung? Etwa eine Fortentwicklung des Deutschen Bundes mit seinen föderalen Strukturen unter Beibehaltung des preußisch-österreichischen Dualismus? War nicht gerade dieser Bund, dieser schale Aufguss des 1806 aufgelösten alten Reiches, längst zu einem Gebilde erstarrt, das immer noch die Kräfteverhältnisse von 1815 zu zementieren versuchte und das ein halbes Jahrhundert lang vielen Patrioten nur als Symbol engstirniger Kleinstaaterei und politischer Unterdrückung gegolten hatte? Nirgendwo löste die föderale Perspektive besonderen Enthusiasmus aus, ja eine deutsche Föderation wäre im Kontext der Nationalismen des 19. Jahrhunderts erst wirklich ein deutscher Sonderweg gewesen, da selbst Italien unter erheblich ungünstigeren Vorzeichen seine nationale Einheit anstrebte und die Gründung der Società nazionale im Jahre 1857 sogar Vorbild für den Deutschen Nationalverein wurde.
Bismarck hat 1866 und dann endgültig 1870/71 den deutschen Nationalstaat mit Waffengewalt errichtet, doch das Deutsche Reich von 1871 führte danach 43 Jahre keinen Krieg mehr. Selbst für das vergleichsweise friedliche 19. Jahrhundert war dies eine beachtliche Zeitspanne. Gewiss fügte sich das Reich von 1871 mit einem „Biegen“ in die europäische Staatenwelt, aber es war kein Brechen, wie Klaus Hildebrand betonte.7 Und überdies: Hätten die Deutschen auf ihren Nationalstaat verzichten sollen, nur weil dieser den Neid und den Revisionismus einiger Mächte hervorrief? Einzig linke Historiker mögen dies als eine echte Option betrachten. Sie verkennen in ihrer grundsätzlichen Ablehnung alles Nationalen aber auch gern, dass der Nationalstaat bis heute die einzige politische Organisationsform geblieben ist, die es wenigstens im atlantischen Raum geschafft hat, halbwegs stabile und ausgewogene Sozialordnungen hervorzubringen und mit demokratischen Mitteln zu bewahren. Ob dies auch der Europäischen Union mit ihrer von Krisen geschüttelten Währung gelingen wird, steht noch in den Sternen.
Der Krieg von 1866 hat fraglos die mitteleuropäische Staatenwelt revolutioniert und das Wiener System von 1815 begraben. Es erweist sich aber bis heute als überaus schwierig, den kampferfüllten sieben Wochen des Jahres 1866 überhaupt einen zutreffenden Namen zu geben. War es der Krieg Preußens gegen Österreich, von dem auch noch die meisten Nachschlagewerke im Kaiserreich sprachen?8 Politisch wäre das zutreffend, da der Krieg von 1866 in der Hauptsache den preußisch-österreichischen Dualismus, vom Potsdamer Autokraten Friedrich II. einst mit der Besetzung Schlesiens eröffnet, endgültig zugunsten des Hohenzollernstaates entschieden hat. Ein „Preußisch-Österreichischer Krieg“ würde aber der Mitwirkung der deutschen Staaten und vor allem Italiens nicht gerecht, selbst wenn die militärische Bilanz dieser Verbündeten 1866 nicht gerade beeindruckend ausfiel.
Auch die häufig verwendete Rede vom „Deutschen Krieg“ schließt das italienische Risorgimento vollkommen aus und müsste auch einräumen, dass die militärische Entscheidung in Böhmen, einem überwiegend von Nichtdeutschen bewohnten Gebiet, gefallen ist. Eine derartige Etikettierung würde zudem übersehen, dass auch in den österreichischen Regimentern Italiener, Kroaten oder Rumänen kämpften. Bei Nachod fochten am 27. Juni 1866 sogar auf beiden Seiten Polen unter fremder Fahne gegeneinander. Auch war der siebenwöchige Waffengang von 1866 nicht wirklich ein Einigungskrieg, denn immerhin schieden nach dem Sieg Preußens fast zehn Mio. Deutsch-Österreicher keineswegs begeistert aus dem jahrhundertealten Verbund der deutschen Nation aus. Der kleindeutsche Nationalstaat kam nur um den Preis einer schmerzlichen Trennung zustande, wie es Thomas Nipperdey einmal treffend formuliert hat.9
Inzwischen findet sich in aktuellen Darstellungen auch die Bezeichnung „Deutscher Bruderkrieg“.10 Tatsächlich sprachen im Vorfeld des Krieges viele Gebildete wie etwa der Bonner Rechtsprofessor Clemens Theodor Perthes, der in engem Briefkontakt zum preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon gestanden hat, von einem Krieg, der die Feindschaft mitten in die Familien hineintragen würde.11 Doch derartige Bedenken schienen eher ein Oberschichtenphänomen gewesen zu sein und wohl auch nur auf Preußen beschränkt. Die Frankfurter etwa sahen auch schon vor ihrer Besetzung in den Preußen nicht etwa die deutschen Brüder, sondern schlicht harte und unerbittliche Gegner. Für die Soldaten aller Armeen wiederum blieb der feindliche Soldat einfach nur der Widersacher, der einem unter Umständen ans Leder wollte. Gewiss eine extreme Ausnahme war der bayerische Jäger, der in einem Kissinger Hotelzimmer hoffnungslos von Angreifern umstellt, jeden „preußischen Pardon“ ablehnte und sich lieber totstechen lassen wollte, was dann auch geschah.12 Doch auch die Soldaten der Division „Goeben“ freuten sich bei Aschaffenburg, dass sie nun Gelegenheit hatten, nach den Bayern und Hessen auch noch die Österreicher zu prügeln.13 Der Nationalismus war 1866 fraglos noch ein Anliegen der gebildeten Schichten. Gerade Soldaten aus ländlichen Räumen, die es gewohnt waren, sich mit den jungen Leuten der Nachbarorte bei jeder Gelegenheit zu raufen, auch unter Inkaufnahme böser Verletzungen, konnten mit der Idee eines einigen deutschen Volkes wenig anfangen. Entscheidend für sie war stets die Primärgruppe, das Dorf, die Handwerksgemeinschaft und schließlich im Krieg die eigene Korporalschaft.14 Die 5700 Patronen, die preußische Füsiliere am 26. Juni im Gefecht bei Podol innerhalb kürzester Frist verbrauchten, waren längst nicht alle in die Luft geschossen worden.15
Der Krieg von 1866 war somit allenfalls im Rückblick ein Bruderkrieg. Vor allem aber schien er Bismarcks Krieg gewesen zu sein. Damit ist allerdings keine vordergründige Kriegsschuldzuweisung verknüpft, wie sie damals viele Zeitgenossen in einer Art von gerechtem Zorn vornahmen. Mit einer „solchen Schamlosigkeit und Frivolität“ sei „vielleicht noch nie ein Krieg angezettelt worden wie der, den Bismarck gegen Österreich zu erheben sucht“, schrieb etwa der Rechtsprofessor Rudolf von Jherings am 1. Mai 1866 aus Wien16 und stand mit seiner Ansicht bei Weitem nicht allein.
Seit seiner Zeit als Preußischer Gesandter am Frankfurter Bundestag hatte Bismarck die militärische Konfrontation gegen Österreich herbeigeredet, hatte es in seiner Korrespondenz gegenüber beinahe jedem in vielen Varianten immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass Preußen und Österreich in Deutschland einander die Luft zum Atmen wegnähmen und „einer […] weichen oder vom anderen gewichen werden“ müsse.17 Nicht noch einmal dürfe Preußen eine Demütigung wie die von Olmütz hinnehmen, als im November 1850 Österreich seinen norddeutschen Rivalen mit militärischem Druck und der Hilfe Russlands dazu gezwungen hatte, seine kleindeutsche Unionspolitik aufzugeben und der Wiedererrichtung des Frankfurter Bundestages zuzustimmen. Bismarcks Weg in den Krieg von 1866 verlief allerdings nie gradlinig. Er war Staatsmann genug, ernsthaft auch friedliche Optionen mit Habsburg auszuloten, sofern nur Preußens Status als Großmacht und seine dominierende Rolle in Norddeutschland gesichert war. Die Ausdehnung preußischer Macht war das primäre Ziel des Urpreußen Bismarck und Habsburg musste – so oder so – dazu gebracht werden, Preußens neue Rolle zu akzeptieren. Nur wenige sahen die Rivalität zwischen Preußen und Österreich mit dieser kristallklaren Nüchternheit. Sein kritischer Realismus versetzte ihn in die Lage, Machtverhältnisse unabhängig von ideo logischen Bindungen zu analysieren, zu durchschauen und ständig im Fluss zu halten. Der Gegner von gestern konnte der Alliierte von morgen sein, selbst mit Österreich schloss er 1864 ein Bündnis gegen Dänemark und brüskierte damit die gesamte deutsche Nationalbewegung. Bismarck war gewiss nicht der Magier, der alle diese Kräfte wirklich kontrollierte, aber er verstand sie zu nutzen, kombinierte sie oder spielte sie gegeneinander aus und dies mit einer titanenhaften Kraft, die keinen Augenblick ihren Kurs aus dem Auge verlor. Doch auch wenn Bismarck spätestens seit der Kronratssitzung vom 29. Februar 1866 den Krieg gegen Habsburg energisch vorantrieb und alle erdenklichen Kräfte mobilisierte, war es ihm am Ende doch nicht gelungen, den ihn umgebenden Ring aus Isolierung und Feindseligkeit zu durchbrechen.18 Es brauchte Mut, ja vielleicht sogar Verzweiflung, unter diesen Bedingungen seinen Hut in den Ring zu werfen. Bismarck tat es, indem er am 7. Juni Holstein besetzen ließ und damit die Lunte zum Waffengang mit Österreich und seinen Verbündeten zündete. Ein „neues Olmütz“ durfte es nicht geben. Der Krieg von 1866 war in diesem tieferen Sinn tatsächlich sein Krieg.
I. Der Weg in den Krieg
Eine vertane Chance – Der Deutsche Bund von 1815
„Damit aber die Bundesversammlung nicht eine störende Potenz, sondern ein wirksames und wohltätiges Werkzeug der vereinten Tätigkeit und Weisheit der deutschen Fürsten sei und bleibe, muss vor allem bei der Wahl ihrer Mitglieder nach gleichförmigen, festen, auf den Zweck allein berechneten Grundsätzen verfahren werden.“
Clemens Wenzel Fürst von Metternich, Österreichischer Staatskanzler, im Januar 1823
Der Bund als Trutzburg der politischen Reaktion
Unter den Schlägen dreier Niederlagen gegen das revolutionäre Frankreich war das mittelalterliche Reich, das sogenannte Heilige Römische Reich Deutscher Nation, beginnend mit dem 1. Koalitionskrieg von 1792 rasch zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Der Austritt der deutschen Rheinbundstaaten und zuletzt der Druck Napoleons hatten den Habsburger Franz II. zu der bitteren Entscheidung gedrängt, die fast tausendjährige Kaiserwürde, die bis auf Otto I., ja wenn man will bis auf Karl den Großen zurückreichte, am 6. August 1806 niederzulegen.

Die letzte Seite der Abdankungsurkunde von Kaiser Franz II., dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, vom 6. August 1806
Als sich 1814 Europa glücklich wieder von der französischen Hegemonie befreit hatte, verzichtete der habsburgische Souverän, der schon 1804 als Franz I. den österreichischen Kaisertitel angenommen hatte, auf eine Erneuerung seiner früheren Würde. Für viele deutsche Patrioten wie Joseph Görres oder Ernst Moritz Arndt, zwei engagierte Publizisten im Kampf gegen Napoleon, war es eine herbe Enttäuschung. Anstelle des alten Reiches hatte der Wiener Beschluss eine nur lockere Vereinigung der Fürsten ohne jeden Transfer von Souveränität gesetzt.
Der neue „Deutsche Bund“, das wenig geliebte Kind des Wiener Kongresses, setzte sich nach Artikel 1 der Bundesakte vom 8. Juni 1815 aus zunächst 34 souveränen und gleichberechtigten Potentaten und vier freien Städten zusammen. Mit den Königen Großbritanniens (für Hannover), der Niederlande (für Luxemburg) und Dänemarks (für Holstein und Lauenburg) gehörten auch drei nichtdeutsche Herrscher zum Kreis der Bundesfürsten. 1817 kam mit Hessen-Homburg noch ein 39. Mitglied hinzu. Der Bund sollte nach dem Willen seiner politischen Geburtshelfer eine ständige Föderation sein, ein Austritt einzelner Mitglieder war nicht vorgesehen. Da sich der territoriale Umfang des Bundes an den Grenzen des alten Reiches (ohne Belgien) orientierte, traten gemäß der Bundesakte die beiden deutschen Vormächte Preußen und Österreich nicht mit ihrem gesamten Staatsgebiet der neuen Föderation bei. Preußens polnische Gebiete sowie Ostpreußen hatten auch vor 1806 nicht zum alten Reich gehört und blieben daher wie auch auf Habsburger Seite Galizien, Ungarn, Dalmatien und das Lombardo-Venezische Königreich außerhalb des Bundes. Gleichwohl umfasste die neue Föderation immer noch nichtdeutsche Gebiete wie Luxemburg, Limburg (ab 1839), Böhmen, Mähren, das Trentino sowie Istrien mit Görz und Triest. 1815 lebten innerhalb der Grenzen des Bundes 30,1 Mio. Menschen, bis 1865 wuchs ihre Zahl auf 47,7 Mio.1
Zwar wurde mit Frankfurt wieder die Stadt der früheren Kaiserkrönungen als Sitz des neuen Bundestages bestimmt, aber sonst erinnerte nur wenig an die alte Reichsherrlichkeit. Das zentrale Organ des Deutschen Bundes bildete die Bundesversammlung, ein Bundesoberhaupt gab es jedoch nicht. Die Funktion der Prärogative nahm in eingeschränkter Form der Vertreter Österreichs als Versammlungsvorsitzender in Anspruch. Damit besaß Habsburg gegenüber Preußen eine leichte Vorrangstellung, die im Grundsatz von Berlin auch akzeptiert wurde. Außer dem Plenum gehörte zur Bundesversammlung auch der 17-stimmige „Engere Rat“, zu dem die Vertreter der elf größeren Staaten mit je einer Stimme gehörten. Die kleineren Staaten mussten sich einvernehmlich eine Stimme teilen, so wie es auch schon im alten Reich der Fall gewesen war. Bei Beschlüssen innerhalb dieses engeren Gremiums reichte die einfache Mehrheit, im Falle einer Stimmengleichheit entschied der Vertreter Österreichs als ständiger Ratsvorsitzender.
Nach Artikel 2 der Bundesakte sollte der Bund die äußere und innere Sicherheit der deutschen Staaten garantieren, was durchaus auch Interventionen zum Schutz bedrohter Regime einschloss. So etwa schritt die Bundesversammlung ein, als der junge und sich offenbar überschätzende Herzog von Braunschweig, Karl II., die landständische Vormundschaft aufheben wollte. Zuletzt im März 1829 mit dem Frankfurter Beschluss zur Bundesexekution konfrontiert, machte der Potentat einen Rückzieher.2
Welche genauen Kompetenzen aber überhaupt diese Versammlung aus Gesandten ihrer Fürsten und Magistrate haben sollte, versuchte zunächst eine Kommission zu klären. Aber erst 1820 wurde vieles in der Wiener Schlussakte nachträglich geregelt. Der Artikel 50 der Schlussakte berechtigte den Bund seither sogar, Gesandtschaften an fremden Höfen zu unterhalten. Wohl auf sanften Druck Österreichs und Preußens beschloss der Engere Rat jedoch, diese bedeutsame Konzession nur in Ausnahmefällen in Anspruch zu nehmen.
Die Frankfurter Delegierten traten erstmals am 5. November 1816 im Palais Thurn und Taxis an der Eschenheimer Gasse zusammen und begannen sogleich, durchaus mit Elan und Eifer, eine Fülle von Eingaben, Anträgen und Beschwerden abzuarbeiten. Die ihnen vorgelegten Fälle stammten aus allen deutschen Staaten, von Regierungen und Privatleuten und bezogen sich auf Fragen der Länderverfassungen, auf das Presserecht sowie auf die Ordnung an den Universitäten.3 Für größeres Aufsehen sorgte in dieser Anfangsphase des Bundes die Klage eines gewissen Wilhelm Hoffmann aus dem kurhessischen Marburg, der sich angesichts einer drohenden Enteignung durch die Kasseler Behörden zunächst mit Erfolg an die Frankfurter Bundesversammlung gewandt hatte. Als sich jedoch Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel persönlich in Wien über die gegen ihn gerichtete Entscheidung aus Frankfurt beschwerte, sah sich Staatskanzler Metternich veranlasst, seinen Gesandten am Bundestag, Graf Johann von Buol-Schauenstein, energisch zurechtzuweisen. Wie er es überhaupt wagen könne, die Souveränität eines deutschen Fürsten infrage zu stellen, herrschte er seinen Gesandten an und drohte ihm sogar mit seiner Ablösung. Auch wenn dem schockierten Diplomaten diese Desavouierung vorerst erspart blieb, verstärkte der peinliche Zwischenfall doch die Neigung vieler Delegierten, sich zukünftig vor jeder anstehenden Beschlussfassung genaue Instruktionen an ihren heimatlichen Höfen einzuholen.4
Clemens Wenzel Fürst von Metternich, damals der einflussreichste Diplomat Europas, war fraglos der erste Architekt des Bundes und die treibende Kraft hinter dessen Maßnahmen. Der 1773 in Koblenz geborene Sohn eines reichsunmittelbaren Grafen und kurtrierischen Staatsministers leitete seit 1809 die Politik Österreichs. In seiner fast 40-jährigen Amtszeit war er, anfangs noch von Großbritannien unterstützt, bemüht, das in Wien sorgfältig austarierte Mächtegleichgewicht in Europa gegen Russlands Balkanambitionen und Preußens latente Unzufriedenheit zu verteidigen. Innenpolitisch bekämpfte er als leitender Minister des habsburgischen Vielvölkerstaates Liberalismus und nationale Bewegungen, in Deutschland die neuen Burschenschaften, in Italien wiederum die ins Kraut schießenden Geheimgesellschaften. Die Frankfurter Bundesversammlung sollte daher in seinen Augen vor allem ein Instrument der Überwachung und Unterdrückung aller als revolutionär empfundener Bestrebungen sein. Ruhe und Konsolidierung erschienen Metternich als das Gebot der Stunde nach immerhin einem Vierteljahrhundert voller Krieg und Verwüstung.
Der Mannheimer Mordanschlag auf August von Kotzebue, einen mittelmäßigen Dramendichter und erklärten Gegner der Burschenschaften, am 23. März 1819 kam dem österreichischen Staatskanzler nicht ungelegen. Eine Überraschung war die sinnlose und isolierte Tat des geistig verwirrten Studenten Karl Ludwig Sand jedenfalls nicht. Studentische Umtriebe in ganz Deutschland und insbesondere das berüchtigte Wartburgfest von 1817 mit seinen Bücherverbrennungen hatten den etablierten Kreisen bereits den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Ohne Mühe konnte Metternich nun, nur wenige Monate nach der Mannheimer Mordtat, im böhmischen Tepliz auch den zögerlichen Friedrich Wilhelm III. von Preußen für seinen reaktionären Kurs gewinnen und zusammen mit acht weiteren deutschen Potentaten wenig später in Karlsbad ein rigoroses Maßnahmenpaket gegen drohende revolutionäre Umtriebe in Deutschland beschließen. Die sogenannten Karlsbader Beschlüsse zielten auf die Überwachung von Hochschullehrern, verboten die Burschenschaften, schränkten die Pressefreiheit in allen Bundesstaaten ein und sahen die Gründung einer besonderen „Centralbehörde“ in Mainz zur Untersuchung revolutionärer Umtriebe vor. Zugleich wurde der Bundesversammlung ein Gesetz (Exekutionsordnung) vorgelegt, das zur Durchsetzung der Bundesakte auch militärische Maßnahmen gegen einzelne Bundesmitglieder ermöglichte, sofern ein vorangegangenes Schlichtungsprozedere ohne Erfolg blieb.5
Die Präsentation der ohne weitere Beratung zu beschließenden vier Gesetze in der Frankfurter Bundesversammlung im Rahmen eines Präsidialvortrages durch Graf von Buol-Schauenstein am 16. September 1819 hat der Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber einmal treffend einen Bundes-Staatsstreich genannt.6 Plötzlich war es dem Bund auch möglich, in die geheiligte Souveränität der Einzelstaaten einzugreifen. Dem öffentlichen Image der Frankfurter Versammlung haben die antiliberalen Dekrete dauerhaft geschadet. Vielen Patrioten erschien der Deutsche Bund seither geradezu als Trutzburg der Reaktion in Deutschland.
Metternich aber schien zu triumphieren. Er hatte das vormals so reformfreudige Preußen an die Kandare gelegt und dominierte nun zusammen mit Berlin die übrigen Mitgliedsstaaten. Zudem betrieb er erfolgreich die Abberufung von liberalen Gegnern wie etwa Karl Ludwig von Wangenheim, den Vertreter Württembergs in der Frankfurter Bundesversammlung und Protagonisten eines dritten Deutschlands ohne Österreich und Preußen.7
Metternichs rigorose Politik der Ruhigstellung in Deutschland blieb allerdings nur vordergründig ein Erfolg. Da selbst vorsichtige Reformansätze nur noch außerhalb der Bundesversammlung möglich schienen, versuchten die Bundesstaaten Wirtschaft- und Zollfragen seither in bilateralen Verhandlungen zu klären.8 Als Preußen sich überraschend 1833 mit seinen Plänen zu einem deutschen Zollverein durchsetzen konnte, saß Österreich nicht mit im Boot. Für das System Metternich war der Erfolg Berlins ein Desaster und der Staatskanzler sprach sogar von einem neuen „Staat im Staate“, der sich zu etablieren drohte. Die Präponderanz Preußens sei gestärkt und die höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands befördert.9
Offiziell verharrte Preußen auch jetzt noch im Fahrwasser Österreichs, doch sein solider Staatshaushalt, seine effektive Bürokratie, seine homogene Bevölkerung und vor allem der Besitz der Rheinlande und Westfalens mit ihrer dynamischen Ökonomie verschoben allmählich die Gewichte innerhalb des Bundes zugunsten des Hohenzollernstaates. Zugleich geriet Metternichs System auch auf der europäischen Bühne überraschend schnell in die Defensive. Mit Preußens Staatskanzler Carl August von Hardenberg und Großbritanniens Außenminister Robert Stewart Lord Castlereagh waren 1822/23 gleich zwei bedeutende Mitschöpfer der Wiener Staatenordnung verstorben. Zugleich verschaffte der Aufstand der Griechen gegen ihre osmanischen Herren dem nationalen Gedanken in Europa neuen Schwung. Zu Metternichs Verdruss war Castlereaghs Nachfolger, der Tory George Canning, nicht mehr bereit, liberale und patriotische Bewegungen auf dem Kontinent durch militärische Interventionen zu unterdrücken.
Nur mit Mühe konnte die europäische Krise von 1830 von den etablierten Mächten bewältigt werden. Während Russland die aufständischen Polen in langen Kämpfen in die Knie zwang, versuchte Österreich die Mazzinisten in Italien zu unterdrücken. Beide in der „Heiligen Allianz“ verbundenen Höfe mussten jedoch akzeptieren, dass sich die Belgier noch im selben Jahr von den Niederlanden lossagten und ein eigenes Königreich gründeten. In Deutschland wiederum war am 6. September 1830 der umstrittene Herzog von Braunschweig, Karl II., verjagt und sein Schloss in Brand gesteckt worden, während in Hessen-Kassel die bürgerliche Opposition den Landesherrn, Kurfürst Wilhelm II., im Januar 1831 zur Abdankung zwang und seinem Nachfolger eine liberale Verfassung abnötigte. Für weitere Aufregung in Wien sorgte im Mai 1832 das sogenannte Hambacher Fest in der Ruine des gleichnamigen Schlosses bei Neustadt in der Pfalz. Es war die größte Massenversammlung in Deutschland vor der Revolution von 1848/49. Vielleicht 30.000 deutsche und polnische Patrioten – neben der schwarz-rot-goldenen Flagge wurde auch der weiße Polenadler auf rotem Grund gezeigt – forderten das Recht zur freien Meinungsäußerung und die Beseitigung der Fürstenherrschaft.10 Anders als der gegen Frankreich gerichtete Nationalismus der Burschenschaftler vertraten die Hambacher einen eher liberal-republikanischen Nationalismus, der von einer friedlichen Gemeinschaft der Völker träumte, ohne allerdings zu bedenken, dass dies auch neue Grenzziehungen zulasten Deutschlands zur Folge haben würde. Metternichs Antwort auf die neuerlichen Unruhen in Deutschland waren weitere drastische Eingriffe in die Souveränität der Einzelstaaten. Genau einen Monat nach Hambach verabschiedete die Frankfurter Bundesversammlung am 28. Juni und am 5. Juli 1832 in insgesamt 16 Artikeln Verbote von Volksfesten und Versammlungen, schränkte das Petitionsrecht ebenso ein wie die Redefreiheit und das Budgetrecht in den bereits repräsentativen Parlamenten der süddeutschen Staaten. In Frankfurt wiederum marschierten nach dem gescheiterten „Wachensturm“ vom 3. April 1833 österreichische Truppen aus der benachbarten Bundesfestung Mainz ein. Der dagegen protestierende Senat der Stadt musste schließlich nachgeben, als ihm die Bundesversammlung mit der Bundesexekution drohte. Britische und französische Einwände gegen diesen autoritären Ruck ließ Metternich vom Bundestag als „Einmischung in deutsche Angelegenheiten“ brüsk zurückweisen.11 Dass der Staatskanzler Österreichs und oberste Protagonist einer europäischen Interventionspolitik nun seinerseits die inneren Verhältnisse in Deutschland durch eine „Nicht-Interventions-Doktrin“ (18. September 1834)12 abschirmen ließ, entbehrt gewiss nicht der Ironie.
Auf dem Papier ein Koloss – Das Militärwesen des Bundes
Als Teil der Wiener Gleichgewichtsordnung hatte der Bund auch das Recht, militärische Rüstungen zu betreiben, und durfte seine Mitgliedsstaaten zur Stellung von Truppenkontingenten verpflichten. Artikel 11 der Bundesakte regelte die Beistandsverpflichtung aller Bundesmitglieder im Verteidigungsfall. Auch wenn jedes Bundesmitglied grundsätzlich das Recht hatte, mit fremden Mächten Bündnisse einzugehen, durfte sich keine Allianz gegen ein anderes Bundesmitglied richten. Preußens antiösterreichischer Pakt mit Italien vom April 1866 war daher ein klarer Bruch des Bundesrechtes.
Die Verhandlungen über Gliederung und Umfang des Bundesheeres hatten schon 1817 begonnen und setzten sich ab April 1818 in einem besonderen zwölfköpfigen Gremium fort, aus dem später die Bundesmilitärkommission hervorgehen sollte. Schwierigkeiten bereiteten vor allem die kleineren Staaten, die sich wie etwa das Fürstentum Lippe-Schaumburg mit ihren Truppenfragmenten (187 Mann Infanterie, 34 Kavalleristen und 17 Artilleristen)13 auf keinen Fall der preußischen Militärhierarchie unterwerfen wollten. Im August 1820 kam schließlich eine Einigung zustande, die auf die Bedenken der deutschen Kleinsouveräne einging. Die neue Bundeskriegsverfassung bestimmte nunmehr, dass Preußen und Österreich je drei volle Armeekorps zum Bundesheer stellten, Bayern ein weiteres Korps, während die Streitkräfte der übrigen Staaten in drei gemischten Bundeskorps organisiert sein sollten.14 Das Zusammenwirken und die Einsatzbereitschaft der auf dem Papier mit ihren 300.000 Soldaten recht beeindruckenden Streitmacht waren jedoch erheblich infrage gestellt. Denn ein Oberbefehlshaber und damit Gesamtverantwortlicher für die Bundestruppen sollte erst kurzfristig im Kriegs- oder Krisenfall bestimmt werden. Die ständige Bundesmilitärkommission, die auch die Verantwortung für die Bundesfestungen (zunächst Mainz, Luxemburg und Landau, später dann auch Ulm und Rastatt) trug, war für dieses Manko nur ein unzureichender Ersatz. Preußens halbherzige Versuche, die Krisen von 1830 und 1840 zu einer festeren Anbindung der kleineren deutschen Kontingente unter seinem Oberbefehl zu nutzen, scheiterten jedes Mal am Widerstand Wiens.15
In seiner fast 50-jährigen Geschichte ist das Bundesheer jedoch nie in seiner Gesamtheit mobilisiert und eingesetzt worden. 1831 kam eine geplante Bundesexekution zum Schutze Luxemburgs nicht mehr zur Ausführung, 1848 jedoch und dann wieder 1863 wurde das X. Bundeskorps gegen Dänemark eingesetzt. Im März 1848, wenige Wochen vor ihrer Selbstauflösung, beschloss die Bundesversammlung, das VIII. Bundeskorps zugunsten des badischen Großherzogs gegen den sogenannten Heckerzug einzusetzen. Preußens erneuten Versuch, im Italienischen Krieg von 1859 das Oberkommando über alle nichtösterreichischen Bundestruppen zu erlangen, durchkreuzten die Österreicher diesmal durch den überraschenden Waffenstillstand von Villa Franca. Sieben Jahre später aber dürfte Preußen froh gewesen sein, dass seine Bemühungen, die Mehrheit der Bundestruppen unter seine militärischen Fittiche zu nehmen, keinen Erfolg gehabt hatten. Die Kämpfe seiner Mainarmee gegen das VII. und VIII. Bundeskorps im Krieg von 1866 wären sonst vielleicht nicht so glatt verlaufen. So aber zeigte dieser einzige ernsthafte Waffengang autonomer Bundestruppen, dass selbst nach einem halben Jahrhundert die Bundesmitglieder nicht in der Lage waren, sich zu einer kraftvollen Politik und Kriegführung gegen Preußen, den nachweislichen Störer des Bundesfriedens, zusammenzuraufen.
Das Ende des Bundes
Zwei Monate nach dem Zusammentritt der ersten deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche löste sich die Bundesversammlung am 12. Juli 1848 auf und übertrug ihre Rechte an den Reichsverweser Erzherzog Johann. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Metternich, der Mitbegründer und Lenker des Deutschen Bundes, bereits im Londoner Exil. Drei Jahrzehnte hatte der Bund unter seiner harten Hand verschiedene Zwecke erfüllt: Er hatte die revolutionären Bewegungen eingedämmt, den europäischen Frieden um den Preis der Freiheit bewahrt und den deutschen Klein- und Mittelfürsten geholfen, ihre Souveränitätsillusion zu bewahren. Das war nicht wenig in einer Epoche grundstürzender Veränderungen in Wirtschaft, Technik und Politik. Vor allem aber hatte der Bund geholfen, Preußen, die unfertige Großmacht, sogar mit dessen eigener Billigung in der zweiten Reihe zu halten.

Fürst von Metternich auf einem Gemälde von Thomas Lawrence
Als im Frühjahr 1851 auf der Dresdner Konferenz die Erneuerung des Bundes beschlossen wurde, war dies bereits eine Totgeburt. Noch von seinem erfolglosen Alleingang in der Unionsfrage gezeichnet hatte Preußen nur unter Zwang in Olmütz der Wiedererrichtung des Deutschen Bundes zugestimmt. Österreich, der scheinbare Sieger im Nervenkrieg mit dem Hohenzollernstaat, musste jedoch schnell erkennen, dass die alte Geschäftsgrundlage einer gemeinsamen Lenkung der Bundesverhältnisse nicht mehr gegeben war. Auch wenn beide Mächte innenpolitisch wieder auf eine konservativ-reaktionäre Agenda zurückschwenkten, so war doch die außenpolitische Schnittmenge zwischen Wien und Berlin deutlich geschrumpft. Noch ehe Bismarck im September 1862 das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, hatte Preußen bereits im Bewusstsein seiner wachsenden ökonomischen und militärischen Potenz einen eigenen Kurs eingeschlagen. Besonders seit dem Krimkrieg (1853–1856) und dem Krieg in Italien (1859) betrachtete Berlin den Bund als eine politische Zwangsjacke, die keinem anderen Zweck diente, als Habsburgs fragwürdigen Großmachtansprüchen zu sekundieren. War Preußen 1815 noch ein überforderter Staat gewesen, so hatte sich schon in der Revolution von 1848/49 erwiesen, dass ihm durch seine Westverschiebung nunmehr Habsburgs alte führende Rolle in Deutschland zugefallen war. Bismarcks Politik einer klaren und nach Möglichkeit einvernehmlichen Trennung der Einflusssphären war daher im Kontext der ökonomischen Realitäten die schlüssigere Option. Dass Österreich sich nach seinem politischen Selbstverständnis nicht darauf einlassen wollte und konnte, war das Verhängnis, das schließlich 1866 zum Krieg der beiden deutschen Vormächte führte.
Bismarck und das Trauma von Olmütz 1850
„Aber wer, wie Euer Majestät alleruntertänigster Diener, seit 16 Jahren mit der österreichischen Politik intim zu tun gehabt hat, kann nicht zweifeln, dass in Wien die Feindschaft gegen Preußen zum obersten, man möchte sagen, alleinigen Staatszwecke geworden ist.“
Otto von Bismarck am 22. April 1866 an König Wilhelm I.16
Preußens Gang nach Canossa
Die Österreicher seien in vollem Rückzug auf Olmütz, schrieb Preußens Kriegsminister Albrecht von Roon am 5. Juli 1866, zwei Tage nach dem Sieg von Königgrätz, aus dem Quartier im böhmischen Horwitz an seine Frau. „Und dieser Gang nach Olmütz“, so fügte er mit grimmiger Genugtuung hinzu, „ist wohl demütigender als der unsrige vor 16 Jahren.“17
Als nur drei Tage später die Spitze der preußischen Mainarmee siegesgewiss das hessische Bronzell passierte, wusste jeder preußische Soldat, dass sich hier das Grab des berühmten Schimmels befand, der 1850 im Verlauf eines Scharmützels mit den Bayern getötet worden war.18 Theodor Fontane beschreibt die Szene: „Woran sich einst so viel bitterer Spott für uns geknüpft hatte, jetzt war es ein Gegenstand der Heiterkeit. Lachend zogen die Regimenter daran vorbei.“19
Anderthalb Dekaden nach dem spektakulären Scheitern von Preußens Unionspolitik und seinem bedingungslosen Einlenken gegen Österreich in der mährischen Hauptstadt war der „Gang nach Olmütz“ längst zu einer stehenden Redewendung geworden, vergleichbar mit dem legendären Gang Kaiser Heinrichs IV. nach Canossa. Die Angst vor einem „neuen Olmütz“ ließ sich dann auch im Frühjahr 1866 trefflich für einen strammen Kriegskurs instrumentalisieren, wenn etwa der preußische Gouverneur in Schleswig, General Edwin von Manteuffel, am 22. April 1866 in einem Immediatbericht an König Wilhelm I. von Österreichs „bösem Willen“ sprach und warnte, seinen Forderungen nachzugeben.20 Selbst der britische Botschafter in Berlin, Lord Augustus Loftus, benutzte in diesen kritischen Tagen die Olmütz-Metapher, als er nach London berichtete, dass Wilhelm zwar froh wäre, einem Krieg gegen Österreich zu entgehen, einen Waffengang aber wohl akzeptieren würde, wenn er dadurch ein „zweites Olmütz“ vermeiden könne.21
Knapp 16 Jahre zuvor, im Herbst 1850, hatte die nach den Revolutionswirren erneuerte Habsburgermonarchie mit der Rückendeckung des russischen Zaren den Hohenzollernstaat zur Aufgabe seiner revolutionären Unionspolitik gezwungen und sogar offen mit Krieg gedroht. Dabei war zu diesem Zeitpunkt der überhastete Versuch Preußens einer Lösung der deutschen Frage unter Ausschluss Österreichs schon längst gescheitert. Deutsche Mittelstaaten wie Hannover, Sachsen, Bayern und selbst Baden hatten König Friedrich Wilhelm IV. unter dem Druck Wiens die Gefolgschaft verweigert und waren wieder aus der Union ausgetreten. Doch der Habsburgerstaat wollte noch mehr. Aus österreichischer Sicht hatte Preußen offen mit der Revolution geliebäugelt und sich damit außerhalb der konservativen Solidarität der alten „Heiligen Allianz“ gestellt. Denn das in Erfurt zusammengetretene Unionsparlament war kein Fürstenbund mehr gewesen, sondern eine aus direkten Wahlen hervorgegangene Abgeordnetenkammer. Preußen, so sah es Staatskanzler Felix Fürst zu Schwarzenberg, musste wieder an die Kandare genommen und die 1815 etablierte Hierarchie zwischen beiden deutschen Führungsmächten demonstrativ wiederhergestellt werden. Schwarzenberg schien nun selbst vor einem großen militärischen Konflikt nicht mehr zurückzuschrecken, und tatsächlich schien die Lage zu eskalieren.
Als im Oktober 1850 Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel im Frankfurter Rumpfbundestag eine Bundesexekution gegen seine wieder einmal rebellierenden Behörden erwirkte, waren preußische Truppen präventiv zum Schutz ihrer wichtigen Militärstraßen zum Rhein ins Nachbarland einmarschiert. Bayerische Kontingente hatten daraufhin ebenfalls die kurhessische Grenze überschritten, während die österreichische Armee in Böhmen mehr als 100.000 Mann versammelte und Wien unverhohlen drohte, damit auf Berlin zu marschieren, sollte Preußen nicht der Wiederherstellung des Deutschen Bundes in seiner alten Form zustimmen. Auch der Hohenzollernstaat hatte damals seine Armee mobilisiert und nur wenig hatte gefehlt und der Krieg von 1866 wäre bereits im Herbst 1850 ausgefochten worden. Doch Friedrich Wilhelm IV. war angesichts der offenkundigen Isolierung Preußens in Deutschland und auf Druck Russlands vor dieser letzten Konsequenz zurückgeschreckt. Der Protagonist seiner ambitionierten Deutschlandpolitik, Joseph Maria von Radowitz, musste am 2. November 1850 von seinem Amt als preußischer Außenminister zurücktreten. Seinem Nachfolger Otto von Manteuffel, als trockene Bürokratennatur das genaue Gegenteil des von großen Projekten träumenden Radowitz, blieb es überlassen, im mährischen Olmütz vier Wochen später die sprichwörtlich gewordene Unterwerfungserklärung zu unterzeichnen. Preußen rückte von sämtlichen seiner Positionen in der deutschen Frage ab und akzeptierte sogar, zuerst mit der Demobilisierung seiner Streitkräfte zu beginnen.
Das konservative Lager, wo man die antirevolutionäre Solidarität mit Österreich beharrlich pflegte, begrüßte zwar das endgültige Scheitern des verhassten Unionsprojektes, empfand aber wie die einflussreichen Brüder Leopold und Ludwig von Gerlach die sogenannte Punktation von Olmütz als schmerzhafte Demütigung, nicht anders als die liberalen Kräfte in Preußen. Am 11. Dezember 1850 notierte etwa Karl August Varnhagen von Ense in seinem Tagebuch: „Die Niederlage Preußens wird täglich deutlicher. Unser lappiges, hinterlistiges und dabei feiges Wesen tritt hell an den Tag.“22 Manche fragten sich, ob Preußen überhaupt noch eine Großmacht sei. Und in Magdeburg klagte ein Oberst Helmuth von Moltke, damals Chef des Stabes des dort stationierten IV. Preußischen Armeekorps: „Ein schimpflicher Friede hat noch nie Bestand gehabt. Was für eine Streitmacht haben wir zusammen gehabt! Was für eine Truppe! 30 Millionen verausgabt für eine Demonstration und um alle und jede Bedingung anzunehmen. Aber die schlechteste Regierung kann dies Volk nicht zugrunde richten, Preußen wird doch an die Spitze von Deutschland kommen.“23
Bismarcks Einstieg in die große Politik
Einzig ein verlorener Krieg hätte nach damaligem Verständnis eine europäische Großmacht dazu zwingen können, eine derart einseitige Vereinbarung zu unterzeichnen. Wohl kaum jemand empfand die „Schmach von Olmütz“ tiefer als Otto von Bismarck. Erst drei Jahre zuvor hatte der pommersche Gutsherr erfolgreich für den erstmals einberufenen preußischen Landtag kandidiert. Als Sohn einer ehrgeizigen Mutter aus akademischem Hause und eines eher antriebslosen märkischen Junkers mit langem Stammbaum und niedrigem Reserveoffizierdienstgrad hatte der junge Bismarck als Student in Göttingen und später als Assessor in Aachen jahrelang ein zielloses und von amourösen Eskapaden geprägtes Leben geführt, ehe er, hofnungslos verschuldet, auf eines seiner ererbten Güter in Ostpommern zurückgekehrt war. Wirtschaftlich zwar nun erfolgreich, konnte ihn das geruhsame Landleben, das auch der Selbstfindung und der Familiengründung gedient hatte, auf Dauer nicht befriedigen. Seine alten Hoffnungen auf eine Karriere als Politiker und Diplomat, ohne zugleich die ihm verhasste Fron einer bürokratischen Laufbahn auf sich nehmen zu müssen, waren noch nicht begraben. Die Einberufung des ersten allgemeinen preußischen Landtages im April 1847 sollte ihm tatsächlich einen anderen Weg in die hohe Politik ebnen. Während der Revolution von 1848 war Bismarck zunächst als antirevolutionärer Scharfmacher aufgefallen, der sogar seine Schönhausener Bauern bewaffnen wollte, um die Monarchie in Berlin zu retten. Gegner sahen in ihm allerdings nur eine „verkrachte Existenz“, der seine Göttinger Studententage mit Trinkgelagen und Raufereien verbracht hatte und dessen Laufbahn im preußischen Justizdienst schließlich an seinem unsteten Wesen gescheitert war.24 Die Konservativen schätzten ihn immerhin als Mann fürs Grobe, und Bismarcks rhetorischem Talent mussten auch die Gegner unwillig ihren Tribut zollen. Seine Rede zur Olmützer Punktation im preußischen Landtag am 3. Dezember 1850 war dann auch ein meisterlicher Hieb gegen die Liberalen und ihren waghalsigen Kriegskurs. Von der konservativen Fraktion um die Gebrüder Gerlach wurde sie sogleich in 20.000 Exemplaren gedruckt und verbreitet.25
Nur kurz nachdem der designierte Ministerpräsident Otto von Manteuffel dem Landtag einen Bericht von den Verhandlungen in Olmütz gegeben hatte, ohne allerdings den Abgeordneten über den tatsächlichen Umfang des preußischen Zurückweichens reinen Wein einzuschenken, war Bismarck ans Rednerpult getreten. Es war eine der wichtigsten Reden in seiner gesamten politischen Laufbahn und weit mehr als nur eine simple Verteidigung des Manteuffelschen Verhandlungsergebnisses.
Eindringlich wies er die Forderungen einiger seiner Vorredner nach einem Krieg gegen Österreich zurück. Nur wenige Wochen zuvor hatte Bismarck einen Waffengang allerdings selbst noch befürwortet. Jetzt warnte er davor, mit dem populären Wind in die Kriegstrompeten zu stoßen, und belehrte die Kammer, dass die einzige gesunde Grundlage eines großen Staates der staatliche Egoismus sei und nicht die Romantik.26 Nur darin unterscheide er sich von den kleineren Staaten. Keinesfalls dürfe daher die preußische Armee, auch wenn sie tatsächlich dazu gerüstet wäre, für das Scheitern der falsch angelegten Radowitzschen Politik in die Bresche springen. Preußens Demütigung müsse vorerst hingenommen werden, denn für die deutschen Ambitionen der Liberalen könne es unmöglich zu den Waffen greifen. Hier zeigte sich überdeutlich, dass Bismarck sich durch und durch als Preuße fühlte. Die nationalstaatliche Einigung lehnte er nicht grundsätzlich ab, aber sie war vorerst für den später so sehr als Reichsgründer verehrten Politiker nicht mehr als ein Mittel, um die Macht Preußens zu stärken. Zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere empfand er sie als eine Herzensangelegenheit, eher als notwendiges Übel, um bei Bedarf die Liberalen auf seine Seite zu ziehen.
Trotz aller in seiner Rede demonstrierten Besonnenheit blieb die Kapitulation von Olmütz für den ambitionierten märkischen Junker ein politisches Schlüsselerlebnis. Selbst nachdem Schwarzenberg in den anschließenden Dresdner Verhandlungen mit seinem grandiosen Plan gescheitert war, den gesamten Habsburgerstaat in den erneuerten Deutschen Bund einzubringen, stand Österreich ganz oben auf Bismarcks Liste der passionierten Feinde Preußens. Zahllose Invektiven gegen das „selbstherrliche Wien“ und seine verschiedenen politischen Vertreter aus der folgenden Dekade belegen eine seit Olmütz konstante antiösterreichische Besessenheit. Mehr noch als Habsburg aber hasste der Schönhausener seither die deutschen Mittelstaaten, die Preußen und der Union von der Fahne gegangen waren, obwohl einige Souveräne es doch nur den preußischen Bajonetten zu verdanken hatten, dass sie noch auf ihren Thronen saßen. Doch Hannover, Sachsen und Kurhessen fürchteten Preußen mehr als Österreich und richteten sich daher wie Magnetspäne mit physikalischer Gesetzmäßigkeit stets nach Wien aus, was Österreich dreist auszunutzen versuchte, den Hohenzollernstaat immer wieder in die zweite Reihe zu stellen. Bismarcks Rache an Österreichs deutschen Vasallen sollte 1866 brutal ausfallen.
Anders als seine konservativen Förderer aus dem Umfeld der berüchtigten Kreuzzeitung war Bismarck keineswegs mehr bereit, die Preußen seit 1815 zugedachte Rolle als gefügiger Juniorpartner im antirevolutionären Kampf zu akzeptieren. Auch eine paritätische Regieführung beider Mächte im Deutschen Bund schien ihm nicht zu genügen. In seiner Radikalität ging er zeitweilig noch weiter und plädierte zum Jahresende 1853 in einem Brief an Leopold von Gerlach sogar freimütig für Österreichs Ausscheiden aus Deutschland: „Unsere Politik hat keinen anderen Exerzierplatz als Deutschland, schon unserer geographischen Verwachsenheit wegen, und gerade diesen glaubt Österreich auch für sich zu gebrauchen; für beide ist kein Platz nach den Ansprüchen, die Österreich macht; […]. Wir atmen einer dem anderen die Luft vor dem Munde fort, einer muss weichen oder vom anderen gewichen werden, bis dahin müssen wir Gegner sein.“27
Seine wiederholt betonte Konfliktbereitschaft bedeutete allerdings nicht, dass Bismarcks politische Agenda notwendig auf einen Krieg gegen Österreich hinauslaufen musste. Sein späterer Antipode in Frankfurt, Johann Graf Rechberg, Sohn eines bayerischen Ministers und österreichischer Karrierediplomat mit Stationen in Stockholm, Rio de Janeiro und Konstantinopel, lag nicht ganz falsch, wenn er vermutete, dass der preußische Gesandte wohl trotz seines glühenden Hasses gegen Österreich bei veränderten Verhältnissen einer Politik, die auf einem guten Einvernehmen mit Wien beruhte, seine Dienste nicht versagen würde.28 Dies galt jedoch ausschließlich auf der europäischen Handlungsebene, wo Österreich, anders als im Deutschen Bund, Preußens Großmachtstatus nicht anfechten konnte. Das gemeinsame Vorgehen von Bismarck und Rechberg in der Schleswig-Holsteinkrise von 1863/64 war hierfür das prominenteste Beispiel, zeigte aber auch, dass sich der österreichisch-preußische Dualismus zwar zeitweise in den Hintergrund schieben ließ, aber nur, um dann umso heftiger wieder hervorzutreten.
Tatsächlich glaubte Bismarck, dass die Frage von Krieg und Frieden zwischen den beiden deutschen Vormächten weder in seiner Macht noch in der eines anderen Politikers lag, wie er in einem Brief an Ministerpräsident von Manteuffel am 26. April 1856 betonte: „Ich will nur meine Überzeugung aussprechen, dass wir in nicht zu langer Zeit für unsere Existenz gegen Österreich werden fechten müssen“, schrieb er wenige Wochen nach dem Pariser Frieden, der nach drei verlustreichen Jahren den Krimkrieg beendet hatte, „und dass es nicht in unserer Macht liegt, dem vorzubeugen, weil der Gang der Dinge in Deutschland keinen anderen Ausweg hat.“
Bismarcks sogenannte Olmützrede am 3. Dezember 1850 hatte nicht nur vor einem großen Krieg gewarnt, der Preußens wirk lichen Interessen nicht diente. Sie war auch ein erstes offenes Bekenntnis zu einer Politik jenseits moralischer Prinzipien und ideologischer Fiktionen, die nach der Reichsgründung von 1871 weithin als Realpolitik verherrlicht werden sollte. Nicht zuletzt war sie aber die sorgfältig formulierte Bewerbung des einfachen preußischen Landtagsabgeordneten an die Adresse der maßgeblichen konservativen Kamarilla um König Friedrich Wilhelm IV., ihm ein neues und möglichst auch lukratives Amt zu verschaffen.
Bismarck als Gesandter Preußens am Frankfurter Bundestag
Dass der diplomatische Novize im folgenden Frühjahr sogar auf Empfehlung des neuen Ministerpräsidenten von Manteuffel mit der Vertretung Preußens am wiederbelebten Frankfurter Bundestag betraut wurde, dürfte dem 36-jährigen Vollblutpolitiker, der gern und regelmäßig den „Souveränitätsschwindel“ der deutschen Fürsten brandmarkte, wie ein Treppenwitz vorgekommen sein. Die Frankfurter Gesandtschaft war auch in finanzieller Hinsicht eine der attraktivsten Positionen der preußischen Diplomatie und sie wird Bismarck, dessen Aufnahme in den diplomatischen Dienst Außenminister Friedrich Ancillon noch 15 Jahre zuvor entschieden abgelehnt hatte, im Rückblick nicht wenig Genugtuung verschafft haben.29
Sosehr sich Bismarck in seinem neuen Amt sofort wohlfühlte, sowenig schätzte er den Deutschen Bund, dessen Mitglieder er gern als „Bundesphilister“ verhöhnte. In einem Brief an seine Schwester spottete er, dass Heinrich Heines berühmtes Diktum „Oh Bund, Du Hund. Du bist nicht gesund“ zum Nationallied der Deutschen erhoben werden sollte.30 Vorderhand war die Bundesversammlung seit 1815 ein Instrument der deutschen Fürsten zur Niederhaltung der Revolution, in Bismarcks Augen benutzte Österreich ihn aber vor allem, um Preußen möglichst kleinzuhalten. Als Preuße empfand er es daher als seine oberste Pflicht, das Funktionieren dieses Gremiums nach Möglichkeit zu behindern und damit der Wiener Präsidialmacht, wo es nur ging, Steine in den Weg zu werfen. Im Rückblick behauptete er im März 1859 anlässlich seiner Berufung nach St. Petersburg, seine achtjährige Amtstätigkeit sei ein ununterbrochener Kampf gegen Übergriffe aller Art gewesen, gegen die unablässigen Versuche, den Bund auszubeuten als ein Instrument zur Erhöhung Österreichs, zur Verminderung Preußens.31 Eine launige Spielerei war es da noch, wenn er gleich zu Beginn seiner Frankfurter Amtszeit sich im Plenum die gleichen Freiheiten wie sein erster Wiener Antipode, Friedrich Franz Graf von Thun und Hohenstein, herausnahm und sich etwa seines Rockes entledigte, sobald jener es vormachte, oder auch demonstrativ im Engeren Rat der Bundesversammlung eine Zigarre rauchte, wenn es der Österreicher tat.
Soeben erst durch das Eingreifen russischer Truppen in Ungarn dem politischen Abgrund entronnen, hatte Wien seit der Niederschlagung der Revolution ein geradezu ungesundes Selbstbewusstsein entwickelt, das seine Kräfte bald hoffnungslos überfordern sollte. Mehr als noch im Vormärz ließ Österreich den preußischen Rivalen nun deutlich spüren, dass man es seit Olmütz nur noch als zweitklassige Macht betrachtete. Auch Karl Ferdinand Graf Buol-Schauenstein, der Nachfolger des bereits im April 1852 überraschend verstorbenen Fürsten Schwarzenberg, machte hier keine Ausnahme. Der Karrierediplomat und Zögling Schwarzenbergs erwies sich in seiner siebenjährigen Amtszeit im Zentrum der österreichischen Politik als eine wahre Verhängnisgestalt. So glaubte er tatsächlich, Österreichs Dominanz in Italien, auf dem Balkan und in Deutschland gleichzeitig aufrechterhalten und dabei das industriell erstarkende Preußen als eine Art Vasall behandeln zu können. Sein ambitionierter Kurs war allerdings kaum durch die Wirtschaftskraft der Donaumonarchie gedeckt.
Schon die gescheiterten Verhandlungen zur Aufnahme Österreichs in den Deutschen Zollverein hatten gezeigt, dass Preußen gegenüber Wien ganz und gar nicht wehrlos war. Trotz aller antipreußischen Vorbehalte in den deutschen Mittelstaaten wirkte die ökonomische Dynamik schlussendlich auf ein Zusammengehen mit der norddeutschen Großmacht hin. Preußen konnte sich in seiner Haltung gegen Österreich sogar bestätigt fühlen, als 1854 auch Hannover und Oldenburg der Zollunion beitraten, deren Außengrenzen damit bereits die spätere kleindeutsche Lösung der nationalen Frage vorwegnahmen.
Österreich wiederum hatte es nie in voller Konsequenz realisiert, dass schon die Wiener Beschlüsse von 1814/15 Preußen zur zukünftigen Führungsmacht in Deutschland gemacht hatten, als man ihm das Königreich Sachsen vorenthalten und es stattdessen allein als „Wachhund“ gegen Frankreich am Rhein platziert hatte. Habsburg wurde inzwischen nördlich des Mains immer weniger als deutscher Staat wahrgenommen. Wenn Bismarck im Frühjahr 1860 in einem Brief an Moritz von Blanckenburg, einem engen Freund aus seiner Zeit als pommerscher Gutsherr, von einem slawisch-romanischen Mischlingsstaat sprach, war dies längst keine Einzelmeinung mehr. Auch der junge Generalstabsoffizier Alfred Graf von Schlieffen bezweifelte wie viele seiner Kameraden, dass ein katholischer Kaiser an der Spitze von Tschechen und Kroaten über Deutschland gebieten sollte.32
Dahinter steckte jetzt auch ein wachsendes Unbehagen an Österreichs wiederholten Versuchen, die deutschen Staaten einschließlich Preußen für seine reichsfremden Ambitionen auf dem Balkan und in Italien zu instrumentalisieren.
Wiens Bruch mit Russland – Preußens große Chance
Nur drei Jahre nach dem Olmützer Triumph beging Wien seinen ersten entscheidenden Fehler. Als im November 1853 der türkische Sultan Russland den Krieg erklärte und wenige Monate später Frankreich, die Schutzherrin des päpstlichen Stuhls, und die Regierung ihrer allerchristlichsten britischen Majestät an die Seite der moslemischen Macht traten, glaubte Buol den Zeitpunkt gekommen, Österreichs alte Vormachtposition von 1815 im Konzert der europäischen Staaten wieder einnehmen zu können. Beeinflusst von Metternich, dem berüchtigten Staatskanzler des Vormärz und entschiedenen Gegner Russlands seit den Tagen des Wiener Kongresses, wagte Buol einen antirussischen Kurs, ließ österreichische Truppen die Moldau und die Walachai besetzen und schloss sogar ein Bündnis mit Frankreich und Großbritannien. Schließlich nötigte Wien den neuen Zaren, Alexander II., im Frühjahr 1856 mit einem scharfen Ultimatum an den Pariser Verhandlungstisch. Es war die Urkatastrophe der österreichischen Politik, die fortan mit Russland einen unversöhnlichen Feind im Rücken hatte. Ohne Not hatte Buol die zuletzt noch in Ungarn bewährte „Heilige Allianz“ mit dem Zarenreich beerdigt, dafür aber von den beiden Westmächten nicht den geringsten politischen Gegenwert erhalten. Österreich fürchte mit Recht für sein Italien, spottete selbst Leopold von Gerlach in einem Brief an Bismarck noch während des Krieges in Frankfurt, und verfeinde sich ausgerechnet mit Preußen und Russland, den einzigen Mächten, die es ihm gönnen.33 Vier Jahre später konnte Bismarck, inzwischen zum preußischen Gesandten in St. Petersburg ernannt, seiner Frau mit unverhohlener Freude berichten, dass hier der Hass auf Österreich ohne jedes Maß sei und seine kühnsten Hoffnungen überträfe. Die ganze russische Politik scheine keinem anderen Gedanken Raum zu geben, als dem, wie man Österreich ans Leben kommt.34
Statt die erstrebte Schlüsselposition im Konzert der europäischen Mächte wiedererlangt zu haben, war der Habsburgerstaat seit dem Ende des Krimkriegs beinahe völlig isoliert. Preußen dagegen hatte sich als einzige Großmacht des Wiener Systems im orientalischen Konflikt neutral verhalten, mehr allerdings aus Unsicherheit denn aus echter Überzeugung. Versuche der England gewogenen Wochenblattpartei, einer gemäßigten Abspaltung der Konservativen, die preußische Politik in das Fahrwasser der beiden Westmächte zu lenken, hatte ein in Frankfurt schier verzweifelnder Bismarck mit einem Bombardement warnender Briefe nach Berlin zu torpedieren versucht: Kein Zusammengehen mit Österreich und den Westmächten! Schließlich riet er, einen schon geplanten preußischen Aufmarsch wenigstens auf Schlesien zu beschränken, sodass er sich wahlweise als Drohung gegen Russland wie auch gegen Österreich deuten ließe.
Tatsächlich rettete das Zögern der süddeutschen Staaten, die ein Bündnis mit dem Neffen des kriegerischen Korsen aus verständlichen Gründen ablehnten, Preußen vor einem engeren Schulterschluss mit Frankreich und Großbritannien und damit vor einem militärischen Konflikt mit Russland. Zugleich gelang es Bismarck im Frankfurter Bundestag, einem Schutz- und Trutzbündnis Österreichs mit den deutschen Staaten die antirussische Spitze zu nehmen, was in Petersburg dankbar registriert wurde. Der Preußische Gesandte legte damit, so sein Biograf Ernst Engelberg, sein erstes diplomatisches Meisterstück ab.35 Der Hass der Pariser und auch der Wiener Diplomatie, die einmal mehr davon träumte, Preußen mithilfe der Westmächte auf „eine unschädliche Größe zu reduzieren“, kümmerten Bismarck wenig. In Berlin hielt ihm Ministerpräsident von Manteuffel den Rücken frei und ließ sogar Buol abblitzen, der angefragt hatte, ob der Preußische Gesandte nicht aus Frankfurt abberufen werden könne, da dessen Handlungen und Äußerungen das „Gepräge der Feindseligkeit gegen Österreich“ besäßen.36
Der Leiter der österreichischen Politik hatte nun allerdings ganz andere Probleme. Während Wien mit leeren Händen dastand, war Preußen trotz seiner schwankenden Neutralität der tatsächliche Gewinner des Krimkrieges. Zornig, enttäuscht und gebrochen wandte sich das besiegte Russland in den kommenden Dekaden Zentralasien und dem Fernen Osten zu, derweil die peinlichen Schwächen ihrer Armee vor der Festung Sewastopol die Lust britischer Politiker an zukünftigen Interventionen auf dem Kontinent erheblich gedämpft hatten. Der Sepoyaufstand in Indien und danach der amerikanische Bürgerkrieg absorbierten ohnehin einen erheblichen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit im Inselreich.
Erstmals seit drei Jahrhunderten hatte damit der Druck der europäischen Flügelmächte auf die Mitte des Kontinents nachgelassen. Mit Begeisterung realisierte Bismarck Preußens erweiterten politischen Spielraum. Selbst eine Allianz mit Paris, wo sich die Vertreter der Großmächte inzwischen die Klinke in die Hand gaben, erschien ihm nun nicht mehr abwegig. Hauptsache, Österreich ließe sich damit unter Druck setzen. Dass er diese Option überhaupt erwog, beschleunigte allerdings den Bruch mit seinen konservativen Förderern in Berlin, für deren ideologisch erstarrtes Weltbild Napoleon III. als Verkörperung der Revolution stets eine Persona ingrata blieb. Um sich für das Außenministerium zu empfehlen, forderte Bismarck nach dem Krimkrieg von Berlin eine zielstrebigere Außenpolitik und beklagte die „passive Planlosigkeit“ Preußens, das froh sei, wenn es in Ruhe gelassen werde. Man könne dies in der Mitte Europas nicht durchhalten, mahnte er am 30. Mai 1857 in einem Brief an Leopold von Gerlach, den Generaladjutanten des Königs, und erinnerte an das preußische Desaster von 1806: „Wir werden Amboss, wenn wir nichts tun, um Hammer zu werden.“
Doch die konservative Kamarilla um König Friedrich Wilhelm IV. hatte den Zenit ihrer Macht längst überschritten. Preußens stürmisch wachsende Ökonomie stärkte mit jedem Tag das liberale Lager, während der Monarch immer häufiger an geistiger Verwirrung litt.
Kaum zwei Jahre später endete, nicht ganz unerwartet, Bismarcks Zeit in Frankfurt, die er im Rückblick die glücklichste seines Lebens genannt hatte. Der Wechsel der politischen Verhältnisse in Berlin hatte auch für den nun völlig zwischen den Fronten stehenden Gesandten gravierende Folgen. Bereits im Oktober 1857 war Friedrich Wilhelm IV. durch mehrere Schlaganfälle regierungsunfähig geworden und hatte seinem jüngeren Bruder Wilhelm die Stellvertretung und schließlich ein Jahr später die Regentschaft übertragen. Ministerpräsident Manteuffel und sein gesamtes Kabinett mussten gehen. Obwohl durch und durch Soldat und bei den Berlinern seit 1848 zu Unrecht als „Kartätschenprinz“ in Verruf geraten,37 kündete Prinz Wilhelm einen Politikwechsel an, der in ganz Deutschland vielfach als Beginn einer liberalen Ära verstanden wurde. Unter dem Einfluss der anglophilen Wochenblattpartei sprach der neue Mann an der Spitze Preußens in seiner Rede vor dem Kabinett, in dem sogenannten Novemberprogramm, sogar von moralischen Eroberungen in Deutschland, wobei er als Beispiel Einigungselemente wie den Zollverband hervorhob. Obwohl darin Anklänge an das alte Radowitzsche Programm unüberhörbar waren, konnte Bismarck der neuen Linie durchaus etwas abgewinnen. Es war immerhin eine Strategie nach Jahren der Ziellosigkeit und des sich ängstlichen Versteckens.
Doch eine Chance auf das erhoffte Außenministerium hatte Bismarck nicht. Seine ausführlichen Denkschriften an die Adresse des Prinzregenten hatten kaum Resonanz gefunden. Er konnte von Glück reden, dass ihn Wilhelm zum neuen preußischen Gesandten in St. Petersburg ernannte. Bismarck empfand das als „Kaltstellung“, obwohl es ihn angesichts seines ramponierten Rufes als prinzipienloser Karrierist viel härter hätte treffen können. Entscheidend für den Fortgang seiner Laufbahn war wohl das Kalkül der neuen Regierung um Außenminister Alexander Graf von Schleinitz, dass ein konservativer Gesandter am Zarenhof, der zugleich als russophil galt, für Berlin in den kommenden Verwicklungen auf europäischer Ebene von erheblichem Nutzen sein konnte. Denn noch während sich Bismarck im März 1859 über Berlin auf den beschwerlichen Weg in die russische Hauptstadt machte, eskalierte in Norditalien der Konflikt Österreichs mit Piemont-Sardinien. Es war ein Krieg mit Ansage und kein europäischer Diplomat zweifelte daran, dass Napoleon III. an den entscheidenden Fäden zog.
Am 19. April 1859 forderte Wien das mit Frankreich verbündete norditalienische Königreich ultimativ auf, seine Rüstungen einzustellen und die Freischaren zu entwaffnen. Zehn Tage später, nachdem Turins Antwort ablehnend ausgefallen war, überschritt die österreichische Armee die Grenze. Wieder sah Bismarck sich in der Pflicht, die neue Regierung in Berlin von einem Eingreifen in den Italienischen Krieg zugunsten Österreichs abzuhalten, wie es die öffentliche Meinung in Deutschland vehement forderte. Er schreckte nicht einmal davor zurück, seinen neuen Chef mit russischen Interventionsdrohungen zugunsten Frankreichs in die Irre zu führen. Bismarck agierte hierbei in vollem Einvernehmen mit Russlands Außenminister Alexander M. Gortschakow, der damals über sein Verhältnis zum preußischen Gesandten erklärte, man sei wie die Hand und der Handschuh.38 Der um 17 Jahre jüngere Preuße übernahm in diesem Zusammenspiel willig die Rolle des Famulus, solange es nur gegen Österreich ging.
Tatsächlich hatte Außenminister von Schleinitz nie beabsichtigt, sich als österreichischer Vasall in den Italienischen Krieg hineinziehen zu lassen. Erzherzog Albrecht, der mit genau dieser Forderung nach Berlin gekommen war, musste mit einer klaren Absage den Rückweg antreten. Zum Verdruss Österreichs wollte sich Preußen lediglich auf eine bewaffnete Neutralität gegenüber beiden Konfliktparteien einlassen und bestand darauf, nur mit dem Oberbefehl über alle Bundestruppen am Rhein aufzumarschieren. Das war eine kluge Strategie, da sie Preußens Selbstständigkeit als europäische Großmacht wahrte und sich alle Optionen offenhielt. Aus der Ferne sah Bismarck das anders. Weitab vom Schuss in Petersburg zur Untätigkeit verurteilt ließ er in diesen Tagen nichts unversucht, um seine meist unaufgeforderten Ansichten im politischen Berlin zu verbreiten und sich als ministerielle Alternative im Spiel zu halten. Opfer dieser Taktik war auch der General Gustav von Alvensleben, als enger Vertrauter des Prinzregenten und späterer Generaladjutant eine der ersten Adressen, um Bismarcks politischen Kalkulationen an allerhöchster Stelle Gehör zu verschaffen. Weder seine Neutralität noch eine vasallenhafte Teilnahme am Krieg würde Preußen im Falle eines österreichischen Sieges irgendeinen verwertbaren Gewinn bringen, so der Petersburger Gesandte an den General, den er im selben Schreiben auch um die Ernennung zum Reservemajor bat. Preußens Position im Bund würde durch Wiens auftrumpfendes Gebaren nur noch weiter geschwächt werden. Dabei halte die gegenwärtige Konstellation, so glaubte Bismarck, wieder einmal das große Los für Preußen im Topf. „Falls wir den Krieg Österreichs mit Frankreich sich scharf einfressen lassen, und dann mit unsern ganzen Armeen nach Süden aufbrechen, die Grenzpfähle im Tornister mitnehmen und sie entweder am Bodensee oder da, wo das protestantische Bekenntnis aufhört, vorzuwiegen, wieder einschlagen. Alle diese Leute schlagen sich ja 24 Stunden, nachdem wir sie in Besitz genommen haben, für uns besser wie je für ihre eigene Obrigkeit.“39
Sähe das alles aber zu abenteuerlich aus, so brachte Bismarck wieder seinen alten Lieblingsgedanken ins Spiel, „so sollten wir doch wenigstens diesen günstigen Moment benutzen, um ein Bundesverhältnis los zu werden oder zu ändern, welches uns von Haus aus keine würdige Stellung und keine unseren Pflichten und unserer Macht entsprechenden Rechte gewährt.“
In seiner Ablehnung des vorsichtigen Schleinitzschen Kurses war vonseiten Bismarcks wohl auch viel Neid im Spiel, denn der um acht Jahre ältere Außenminister war 1836, anders als der damals zurückgewiesene Bismarck, in den diplomatischen Dienst aufgenommen worden und genoss inzwischen das volle Vertrauen des Hofes und vor allem der Gattin des Prinzregenten, die wiederum Bismarck seit den stürmischen Revolutionstagen in Berlin zutiefst verabscheute. Der Hass des späteren Reichskanzlers auf Schleinitz, den damals von vielen geschätzten Konkurrenten und weltgewandten Literaturkenner, war so pathologisch, dass er noch im Jahre 1881 seinem ältesten Sohn Herbert unter Selbstmorddrohungen untersagte, Elisabeth zu Carolath-Beuthen, die attraktive Stiefschwester der Gattin des Grafen, zu heiraten. (Schleinitz hatte 1865 im Alter von 58 Jahren die erst 23-jährige Marie von Buch geehelicht.)
Österreichs überraschender Waffenstillstand mit Frankreich am 8. Juli 1859 entzog allen bismarckschen Spekulationen den Boden. Gleichwohl konnte der Petersburger Gesandte mit dem Ausgang des Krieges zufriedener sein als die Berliner Administration. Die Österreicher suchten einen Sündenbock und es fiel ihnen nicht schwer, die preußische Politik an den Pranger zu stellen. Wie groß auch immer der Zorn der Öffentlichkeit auf das gescholtene Preußen sein mochte, auf realpolitischer Ebene hatte der Italienische Krieg ihm zwei gewichtige Vorteile verschafft. Denn nun gab es mit dem neuen italienischen Nationalstaat einen potenziellen Alliierten gegen Österreich. Innenpolitisch wiederum erweiterte sich das Feld der Optionen durch die Gründung des Deutschen Nationalvereins, mit dessen führenden Vertretern Bismarck umgehend Gespräche führte.40 Doch noch war seine Zeit als Leiter der preußischen Politik nicht gekommen. Während die Regierung der „Neuen Ära“ in Berlin immer tiefer in den Konflikt um die große Heeresreform geriet, verharrte der Schönhausener, geschüttelt von Krankheit, Resignation und Wut, drei endlose Jahre in der Warteschleife zum Ministerpräsidenten.
Als er schließlich am 22. September 1862 nach einem bangen Hin und Her an das Ziel seiner Wünsche gelangte, geschah dies auf dem Höhepunkt eines innenpolitischen Konfliktes, der längst zur Staatskrise eskaliert war. Vordergründig ging es um die Finanzierung der großen Heeresreform und um die vom König kompromisslos geforderte dreijährige Dienstzeit, tatsächlich aber schon um die Frage, ob die höchste Macht in Preußen noch dem Monarchen oder schon nach britischem Muster dem Parlament zufiel. Seit den Wahlen vom Mai 1862 dominierten die Liberalen und die Fortschrittspartei den Landtag und pochten auf die Unantastbarkeit ihres Budgetrechtes.
Bismarck hoffte, die Konfrontation entschärfen zu können, indem er nicht etwa Kompromisse anbot, sondern äußere Erfolge suchte. Sein Rezept lautete: im Inneren strikt konservativ, außenpolitisch dagegen die Agenda der Liberalen verfolgen. Hauptangriffspunkt seiner Politik war der Deutsche Bund, die verhasste Union der Fürsten, mit deren Hilfe Österreich den preußischen Konkurrenten immer noch kleinzuhalten hoffte.
Überraschender Kurswechsel – Bismarck geht mit Österreich
Er sehe in dem Bundesverhältnis ein „Gebrechen Preußens“, hatte er schon am 12. Mai 1859, während des Italienischen Krieges, an Außenminister von Schleinitz geschrieben, das früher oder später ferro et igni geheilt werden müsse. Ähnlich lautete seine vielfach skandalisierte Formulierung vor der Budgetkommission des preußischen Landtages am 29. September 1862: Die großen Fragen der Zeit würden nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse entschieden, sondern durch Eisen und Blut.41 Dem österreichischen Gesandten in Berlin, Aloys Graf Károlyi, drohte er im Dezember 1862: „Sie werden mit uns als europäischer Großmacht zu tun bekommen.“ Die Beziehungen beider Mächte würden entweder besser oder schlechter werden, als sie es gegenwärtig seien, so Bismarck, er sei aber bereit zu einem gemeinschaftlichen Versuche, sie besser zu machen. Und ganz unverblümt regte er eine deutliche Trennung der Einflusszonen an. Für Preußens freie Hand in Norddeutschland bot der Ministerpräsident dem sichtlich erstaunten Botschafter an, „Österreichs Vitalinteressen“ in Italien wie auf dem Balkan zu den Seinigen zu machen und „dem Kaiserstaat darin unbedingt beizustehen“. Misslinge allerdings der Versuch durch Österreichs Weigerung, weil es sich in den Bahnen der Schwarzenbergschen Politik fortbewege, so möge niemand darauf rechnen, dass sich Preußen durch „bundesfreundliche Reden werde fesseln lassen.“42
Es war daher nur folgerichtig, dass Bismarck den von Österreich im August 1863 forcierten Versuch einer Reform des Bundes mit allen Mittel zu durchkreuzen versuchte. Nur mit seiner ersten Rücktrittsdrohung, dem sogenannten Kabinettsrevolver, konnte er König Wilhelm davon abhalten, der wiederholten und zuletzt vom sächsischen Monarchen persönlich überbrachten Einladung zum Frankfurter Fürstentag zu folgen. In seiner offziellen Antwort erklärte der preußische Ministerpräsident, dass eine bloße Reform der Bundesbehörden keinen echten Fortschritt bringen werde, sondern nur eine wahre, aus der direkten Beteiligung der ganzen Nation hervorgehende National-Vertretung. Auch wenn Bismarck nur zu gut wusste, dass sein Gegenvorschlag für Österreich und seine deutschen Verbündeten unannehmbar war, meinte er es gleichwohl damit ernst. Im April 1866 sollte er seinen Vorschlag erneuern und nach dem Sieg durch die Schaffung des Norddeutschen Bundes dann auch vollkommen realisieren.
Nur wenige Monate nach dem gescheiterten Frankfurter Fürstentag ergab sich für Bismarck endlich die lange erhoffte Gelegenheit, mit einem außenpolitischen Erfolg die liberale Opposition in Preußen zu spalten. Wie viele Streitpunkte der 48er-Revolution war auch die Schleswig-Holstein-Frage nur zurückgestellt, nie aber wirklich gelöst worden. Der dänische Monarch herrschte seither weiterhin in Personalunion über die beiden überwiegend deutschsprachigen Herzogtümer, von denen aber nur Holstein zum Deutschen Bund gehörte. Schleswig dagegen befand sich im staatsrechtlichen Niemandsland. Der Versuch der Großmächte, diesen Status quo im Londoner Protokoll von 1852 festzuschreiben, hatte weder die dänischen noch die deutschen Nationalisten zufriedengestellt. Als am 18. November 1863 der neue dänische König Christian IX. aus dem Hause Glücksburg unter dem Druck der Kopenhagener Öffentlichkeit eine Verfassung unterzeichnete, die das Herzogtum Schleswig staatsrechtlich in das Königreich Dänemark einfügte, war dies nach allgemeinem Verständnis ein klarer Verstoß gegen die Londoner Großmächtevereinbarung.43 Zudem galt immer noch die altertümliche Bestimmung, dass Schleswig und Holstein niemals geteilt werden dürfen. Obwohl für das Herzogtum Schleswig gar nicht zu ständig, beschloss die Frankfurter Bundesversammlung, von der nationalen Erregung mitgerissen, eine Bundesexekution gegen Christian IX., der als Herzog von Holstein auch deutscher Bundesfürst war. Wie schon 1848/49 hofften große Teile der deutschen Öffentlichkeit, dass die beiden überwiegend deutschsprachigen Herzogtümer jetzt endlich an ein deutsches Fürstenhaus fallen würden. In erster Linie infrage kam hierfür die Familie Augustenburg-Sonderburg, eine Nebenlinie der alten Herzöge von Schleswig-Holstein. Deren Familienoberhaupt, Herzog Christian August, hatte zwar in den Londoner Verhandlungen 1852 auf seine Rechte in den Elbherzogtümern verzichtet, was aber nicht für seinen Sohn gelten sollte, der nun zum Liebling und Favoriten der deutsch-nationalen Bewegung avancierte.
Bismarck sah das Vorgehen der Bundesversammlung höchst kritisch. Hätte es tatsächlich Erfolg, so wäre das Resultat eine politische Aufwertung des Deutschen Bundes, die er unter allen Umständen vermeiden wollte. Zudem wäre mit der Herrschaft der Augustenburger nur ein neues deutsches Fürstentum geschaffen worden, an dessen proösterreichischem Kurs er keinen Augenblick zweifelte. Bismarcks Ausweg aus der vertrackten Lage war eine politische Volte, die ganz Deutschland bestürzte und Europa in Erstaunen versetzte. Entgegen den Erwartungen der Nationalliberalen, mit denen er so oft kokettiert hatte, forderte Bismarck nun plötzlich die strikte Einhaltung des Londoner Protokolls. Preußen, die unfertige und unruhige Großmacht, die 1849 noch aufseiten der Nationalisten in Schleswig-Holstein gekämpft hatte, trat für den Erhalt des ungeliebten Status quo ein. Damit hatte niemand gerechnet, am allerwenigsten Wien, das Bismarck nun sogar für einen gemeinsamen Kurs in der Schleswig-Holstein-Frage gewinnen konnte. Auch wenn sein alter Bekannter aus Frankfurter Tagen, Graf von Rechberg, nunmehriger Leiter der österreichischen Politik, ebenso wenig wie Bismarck an die Möglichkeit einer Wiederherstellung des Londoner Protokolls glaubte, blieb dem Vielvölkerstaat fast gar keine andere Wahl, als die antinationale Karte zu spielen und gemeinsam mit Preußen eine streng legalistische Position zu beziehen. Anfang Dezember einigten sich Berlin und Wien zunächst formlos auf einen gemeinsamen Vorgehensmodus gegen Dänemark. Im Bündnis ließen sich auch die argwöhnischen europäischen Großmächte besser aus dem Konflikt heraushalten. Bismarck freute sich wie ein Schneekönig. Es sei noch nie da gewesen, so schrieb er am 24. Dezember 1863 mit unverhohlenem Triumphgefühl an den preußischen Botschafter in Paris, Robert Graf von der Goltz, seinen Widersacher und schärfsten Konkurrenten um das Amt des Außenministers, dass nunmehr die Wiener Politik en gros und en detail von Berlin aus geleitet wurde.44 Nur drei Wochen später, am 16. Januar 1864, erfolgte unter Androhung einer Pfandbesetzung von Schleswig das gemeinsame Ultimatum beider Mächte an Dänemark. Österreich verpflichtete sich ausdrücklich, alle weiteren Schritte mit Preußen abzustimmen, sodass anderslautende Beschlüsse der Frankfurter Bundesversammlung ohne Belang waren. Viel war erreicht, betrachtete man Preußens Ausgangsposition nach Olmütz, aber nun erhöhte Bismarck den Einsatz, indem er erstmals im preußischen Kronrat am 3. Februar 1864 offenlegte, dass nicht etwa die Beibehaltung des Status quo, sondern die Annektierung der sogenannten Elbherzogtümer durch den Hohenzollernstaat das tatsächliche Ziel sei. Hier drohte nun die Leine zu reißen, durch die das österreichische Boot an Preußen gebunden war. Doch der preußische Ministerpräsident verstand es mit seltener Virtuosität, sogar mitten im Rennen die Pferde zu wechseln und sich jetzt wieder die Sehnsüchte aller nationalen Strömungen im Lande zunutze zu machen, auch wenn er sie soeben noch vor den Kopf gestoßen hatte.
Kaum hatte die preußische Armee mit der Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18. April 1864 ihren ersten bedeutenden militärischen Erfolg erzielt, ließ er durch den ihm eng befreundeten Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg eine Petition zugunsten der Annektierung lancieren, die binnen weniger Wochen mehr als 70.000 Unterzeichner fand.45 Damit war die Katze aus dem Sack, aber einen Bruch mit Österreich bedeutete dieser Richtungswechsel noch nicht. Beide Mächte agierten auch während der Londoner Friedensgespräche im Mai und Juni 1864 gemeinsam, akzeptierten im Gegensatz zu den Dänen den britischen Vorschlag einer neuen Grenzziehung auf der Grundlage eines unabhängigen Schiedsspruches und setzen nach Ablauf des Waffenstillstandes auch gemeinsam den Krieg gegen das nun völlig isolierte Dänemark fort. Das nordische Königreich hatte trotz seiner überlegenen Flotte militärisch keine Chance. Am 29. Juni besetzten zwei preußische Divisionen in einer amphibischen Operation die Insel Alsen, wobei die dänische Armee noch einmal 3500 Mann verlor. Nur zehn Tage später bat die Regierung in Kopenhagen um Waffenstillstand und trat im Frieden von Wien am 1. August 1864 alle seine Rechte über Schleswig und Holstein an Preußen und Österreich ab.46 Bismarck triumphierte. Ein Kurs aus dem Lehrbuch der politischen Strategie hatte das, was anfangs nur ein sehr kühner Traum gewesen war, Wirklichkeit werden lassen. Wie aber sollte die Beute geteilt werden, die nun mit Österreichs Hilfe vor die preußische Haustür geschleppt worden war? Der preußische Ministerpräsident war zunächst entschlossen, an der Frage nach der Zukunft der Elbherzogtümer das plötzlich so gute Verhältnis zu Österreich nicht zerbrechen zu lassen. An der Seite Wiens war Preußen sehr weit gelangt, weshalb also sollte das neue informelle Bündnis jetzt wieder aufgegeben werden? In der Hofburg sah man das offenbar ähnlich. Nur drei Wochen nach dem Wiener Friedensschluss entwickelten Rechberg und Bismarck in viertägigen Verhandlungen in Schönbrunn eine preußisch-österreichische Konvention, in der beide Mächte auf der Basis einer Aufteilung der Interessensphären entlang des Mains eine konservativ-antirevolutionäre Allianz anstrebten. Preußen sollte Schleswig-Holstein annektieren dürfen, während es im Gegenzug versprach, Österreich bei einem möglichen Rollback in Italien zu unterstützen. Dass es Bismarck mit diesem Versuch durchaus ernst war, bewiesen seine hartnäckigen Bemühungen, dem Habsburgerstaat sogar in der strittigen Frage der Zollunion entgegenzukommen. Doch gegen die starke Wirtschaftslobby der Zollvereinsmitglieder, vertreten durch den Staatssekretär im Preußischen Handelsministerium, Rudolf Delbrück, kam selbst Bismarck nicht an. Erst 1862 hatte Preußen ein Freihandelsabkommen mit Frankreich geschlossen, was durch Österreichs Forderung nach Schutzzöllen für seine noch im Aufbau befindlichen Industrien ernsthaft infrage gestellt worden wäre. Wenn auch widerstrebend, musste der Ministerpräsident einsehen, dass es hier selbst für einen noch so vage formulierten Kompromiss keinerlei Spielraum gab.47 Die rasante Industrialisierung in Mittel- und Westeuropa hatte längst Tatsachen geschaffen, die auch der Machtmensch Bismarck nicht ignorieren konnte.
Der Streit um die dänische Beute eskaliert zum Krieg
Österreich machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Rechbergs Politik der Kooperation mit Preußen war gescheitert. Sie hatte für Wien zu keinem zählbaren Ergebnis geführt. Nach seiner Entlassung im Oktober 1864 zeichnete sich rasch ab, dass der Habsburgerstaat wieder auf seinen alten Kurs zurückschwenken würde, um sich notfalls an der Seite der deutschen Mittelstaaten gegen Preußen zu stellen. Zwar kamen im August 1865 Bismarck und sein neuer österreichischer Amtskollege, Alexander Graf Mensdorff-Pouilly, in Bad Gastein im Salzburger Land zusammen, um sich über die gemeinsame Verwaltung der Elbherzogtümer abzustimmen. Doch der neuen Vereinbarung, gemäß der Schleswig unter preußische Verwaltung kommen sollte, während Österreich Holstein erhielt, gaben beide Mächte insgeheim keine große Zukunft. Eine Zeit lang hoffte Bismarck noch, dass sich der notorisch überschuldete Habsburgerstaat keine dauerhafte Präsenz in Norddeutschland würde leisten können und daher vielleicht zu einer Abtretung seiner Rechte gegen eine angemessene Entschädigung bereit sei. Doch davon wollte man in Wien nichts wissen. Franz Joseph sah darin sogar einen unwürdigen Schacher, der das Ansehen des Kaiserstaates in ganz Deutschland schädigen musste. Über kurz oder lang, so fürchtete Bismarck jetzt, würde sich Österreich daher wieder der Position der übrigen deutschen Staaten anschließen, die nach wie vor eine Regierungsübernahme durch die Augusten burger favorisierten. Als daher die österreichischen Behörden am 23. Januar 1866 nicht gegen eine proaugustenburgische Massenversammlung in Altona vorgingen, wertete Bismarck dies als einen klaren Verstoß gegen das Gasteiner Abkommen und ließ durch den preußischen Geschäftsträger in Wien eine in scharfem Ton formulierte Protestnote übergeben. Der österreichische Ministerrat unter Vorsitz Kaiser Franz Josephs nahm den Fehdehandschuh am 21. Februar auf und erklärte, dass man sich nicht ohne Schwertstreich aus wohlerworbenen Positionen verdrängen lassen würde.48 Genau dies musste man dann aber doch, als der Kaiserstaat am 12. Juni 1866 in einem Geheimvertrag Venetien, seinen letzten italienischen Besitz, an Napoleon III. als Preis für Frankreichs Neutralität abtrat. Obwohl sich auch Preußen mit französischen Kompensationsforderungen in wechselndem Umfang konfrontiert sah, fasste der preußische Kronrat erstmals am 28. Februar ernsthaft einen Krieg gegen Österreich ins Auge. Bismarck beendete einen längeren Vortrag über den preußisch-österreichischen Dualismus seit dem 18. Jahrhundert mit der Feststellung, dass Preußen die einzige lebensfähige politische Schöpfung auf den Ruinen des alten deutschen Reiches sei. Mit Ausnahme des Kronprinzen stimmten sämtliche Teilnehmer mit dem Kurs des Ministerpräsidenten überein und man entschloss sich noch in derselben Sitzung, mit Italien in Allianzverhandlungen einzutreten. Generalstabschef Helmuth von Moltke sollte dazu nach Florenz reisen. Bismarcks nunmehrige Forcierung des antiösterreichischen Kurses bedeutete jedoch nicht, dass seinen vorangegangenen Bemühungen um einen friedlichen Ausgleich mit dem Habsburgerstaat von Beginn an die ernste Absicht gefehlt hätte. Die Österreichpolitik des späteren Reichskanzlers knüpfte ja nach 1871 genau an die Schönbrunner Leitlinien vom August 1864 an.
Das Olmütz-Erlebnis von 1850 hatte den Politiker Bismarck zwar geprägt und seinen Weg in die hohe Diplomatie lange bestimmt. Als Staatsmann besaß er aber auch die Größe, sein Ressentiment im richtigen Moment zurückzustellen und bis zuletzt einen Ausgleich mit Österreich zu versuchen, sofern nur Preußens Dominanz in Norddeutschland garantiert war.
Wiens nun unverhohlen gezeigte Sympathien mit den Augustenburgern konnte Bismarck jedoch niemals akzeptieren. Als der Kaiserstaat am 1. Juni 1866 die Entscheidung über die Zukunft der Elbherzogtümer in die Hände des Frankfurter Bundestages legte, war dies der entscheidende Schritt zum Krieg. Ein Sieg der verhassten Augustenburger Fraktion, die selbst in Preußen starken Zuspruch besaß, wäre aber Bismarck, wie er es schon früher in einem Brief an Kriegsminister Albrecht von Roon formuliert hatte, als ein noch „schlimmeres Olmütz“ erschienen.49 Schließlich hatte er keinen Krieg gegen Dänemark geführt und dabei sogar ein Eingreifen der Großmächte riskiert, nur um einem neuen deutschen Duodezfürstentum zur Existenz zu verhelfen. Die politische Arbeit von vier Jahren wäre zerstört, sämtliche bisherigen Erfolge zunichte gemacht. Ein Zurückweichen vor Österreich und seinen Verbündeten im Deutschen Bund kam für Bismarck daher nicht mehr infrage.

Porträt Otto von Bismarcks von 1864
Die ursprünglichen Revanchegelüste des einfachen Landtagsabgeordneten gegenüber dem scheinbar allmächtigen Kaiserstaat waren längst erloschen, aber die Furcht des Ministerpräsidenten vor einem neuerlichen preußischen Rückzug, für den sich „Olmütz“ als Synonym eingeprägt hatte, war immer noch wach und dieses Mal würden Preußens Regimenter nicht auf Österreichs Druck tatenlos in ihre Kasernen zurückkehren.
Italien und das Risorgimento 1815–1866
„Das italienische Volk ist zu 20 Prozent dumm, schurkisch und kühn, zu 80 Prozent dumm, ehrenhaft und zaghaft, und so ein Volk hat die Regierung, die es verdient. Selbst wenn die Österreicher aus freien Stücken abzögen, wären wir noch längst keine Nation. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, Italiener zu schaffen, wenn wir ein Italien wollen.“
Massimo D’Azeglio, Ministerpräsident Piemont-Sardiniens im März 184950
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schien Italien ein Land, das seine Geschichte schon hinter sich hatte und dessen pittoreske Trümmerlandschaften inzwischen Künstler, Literaten und sonstige Bildungsreisende aus ganz Europa in Scharen anzogen. Das große Zeitalter der Lagunenstadt Venedig war da bereits ebenso verblassende Vergangenheit wie der Glanz der Staufer oder der Ruhm der Päpste. Längst vergangen war auch die Epoche der Renaissance und Italiens ganz Europa beeinflussende Dominanz in Wissenschaft und Kultur. Seit mehr als einem Jahrhundert befand sich das Land bereits im Niedergang. Der Publizist und Dichter Giuseppe Ferrari nannte es Italiens jahrhundertelangen Schlaf. Zersplittert in eine Reihe mehr oder weniger nennenswerter Herrschaften und Königreiche war Italien zum Spielball auswärtiger Mächte geworden und vom geistigen Zentrum Europas allmählich an seine Peripherie gerückt. Doch die Französische Revolution, deren Heere bald auch in Norditalien auftauchten, stellte innerhalb nur eines Jahrzehnts die gesamte überkommende Ordnung des Landes auf den Kopf. Die Franzosen prahlten, dass man Italien die Freiheit gebracht habe, und ließen sich ihren dubiosen Dienst mit Steuern und Kontributionen in beispielloser Höhe vergüten. Die Kunstschätze des Landes wurden nach Paris gebracht, seine Soldaten in Spanien und Russland zu Tausenden geopfert und der Katholizismus Stück für Stück demontiert. Als Napoleon 1809 Papst Pius VII. nach Savona verschleppen ließ, erschien seine ungeheure Tat vielen Italienern nur als der unrühmliche Höhepunkt dieser epochalen Plünderei.
Als dauerhaftes Vermächtnis der Französischen Revolution blieb immerhin die Idee einer geeinten und freien Nation. So hatte etwa in Mailand Melchiorre Gioia bereits 1796, noch vor dem Einmarsch Napoleons, eine freie Regierung gefordert, unter der die gesamte italienische Nation geeint werden solle. Sein Text fand damals so viel Anklang, dass er sogar von den Mailänder Behörden prämiert wurde.51 Im selben Jahr war auch erstmals anlässlich der Gründung der Cispadanischen Republik, die für kurze Zeit die Städte Reggio, Modena, Ferrara und Bologna vereinigte, die republikanische rotweiß-grüne Flagge gezeigt worden. Die Parole vom Risorgimento, von der Wiedergeburt Italiens, kam jedoch erst ein halbes Jahrhundert später in Gebrauch, als im Dezember 1847 Cesare Balbo, der spätere Ministerpräsident Piemont-Sardiniens, in Turin eine Zeitung gleichen Namens herausgab. Zu seinen prominentesten Autoren zählte auch sein politischer Nachfolger, Camillo Benso di Cavour.52 Mit seinen beabsichtigten Anklängen an die Renaissance war das Risorgimento sogleich auch Projektionsfläche für vielerlei Vorstellungen vom Wiederaufleben der einstigen kulturellen Großmachtstellung und dem Wahn einer besonderen Mission Italiens in der Geschichte der Menschheit.
Dass die Vielfalt der italienischen Staatenwelt, seit jeher nur verbunden durch ihre gemeinsame Sprache und literarische Tradition, einmal in einem einzigen Staat aufgehen sollte, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings noch ein völlig neuer Gedanke. Nur wenige Gebildete sprach er an. Zu ihnen zählte gewiss der Dichter und Dramatiker Allessandro Manzoni, der 1821, wenige Wochen vor der Zerschlagung der piemontesischen Geheimgesellschaften durch die habsburgischen Behörden, in pathetischer Übertreibung erklärte, dass das italienische Volk eins sei und „vereint in Waffen, Sprache, Religion, Erinnerung an die Vergangenheit, Blut und Gefühl.“53
Die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress hatte jedoch Italien mehr denn je von den Zielen der neuen Nationalisten entfernt. Ein weiteres und ein letztes Mal wurden 1815 die Geschicke Italiens von fremden Staatsmännern bestimmt.54 Politisch präsentierte sich das postnapoleonische Italien, wie schon im Ancien Régime, als ein Sammelsurium unterschiedlichster Staaten, von denen das restituierte Königreich „Beider Sizilien“ noch die größte Ausdehnung besaß. Der Kirchenstaat, der sich über den Mittelteil der Halbinsel bis hinauf nach Bologna zog, war ein kaum reformierbarer Anachronismus – über seine primitiven Verhältnisse rümpfte selbst Metternich die Nase –, während das um Genua vergrößerte Königreich Piemont-Sardinien mit der Hauptstadt Turin noch am ehesten den Anschluss an die jüngsten europäischen Entwicklungen zu halten schien. Seine Herrscher schwankten allerdings zwischen dem vorrevolutionären aufgeklärten Absolutismus und vorsichtigen Zugeständnissen an ein mit wachsendem Selbstbewusstsein auftretendes Bürgertum.
Den Löwenanteil Italiens aber hatte sich 1815 Habsburg gesichert. Venetien und die Lombardei, zwei der am meisten entwickelten Gebiete der Halbinsel, waren als Lombardo-Venezianisches Königreich direkt der Monarchie einverleibt worden, während die mittelitalienischen Fürstentümer Parma, Modena und Toskana von Potentaten aus Habsburger Nebenlinien regiert wurden. Mit Genua und Venedig waren dagegen zwei uralte Staaten völlig von der Landkarte Italiens verschwunden, ein Vorgang, der kaum mit dem von vormärzlichen Staatsmännern gern beschworenen Legalitätsprinzip zu vereinbaren war.
Aufstieg und Untergang der Geheimgesellschaften
Wie in Deutschland hatte auch in Italien Metternichs neue antirevolutionäre Ordnung, welche die europäische Staatenwelt des Ancien Régime in leicht arrondierter Form wiederaufleben ließ, wenig Begeisterung ausgelöst. Die Fremdherrschaft der Franzosen war, so stellte sich rasch heraus, nur durch die Knute der Österreicher abgelöst worden. Pressezensur, Bespitzelung und hohe Steuern vergifteten das politische Klima. Dass die österreichische Verwaltung in der Lombardei und in Venetien an Effektivität und Weitsicht tatsächlich sämtliche italienischen Regime bei Weitem übertraf, war sogar einem Mann wie Camillo Benso di Cavour bewusst. Aber Habsburg blieb die auswärtige Macht, die man unbedingt loswerden wollte. Die Unzufriedenen organisierten sich in den Jahren nach 1815 in sogenannten Geheimgesellschaften, die zwar untereinander vernetzt und in ganz Italien aktiv waren, sich aber nie auf ein gemeinsames Programm einigen konnten. Es gab unter ihnen radikale Jakobiner wie etwa Filippo Buonarroti, der im französischen Exil gelebt und enge Kontakte zu Maximilien Robespierre unterhalten hatte, aber auch Befürworter nur moderater Reformen. Obwohl sich in den konspirativen Vereinigungen Teile des neuen Bürgertums und sogar liberale Adlige und Militärs zusammenfanden, gab man sich bewusst volksnah. So nannte sich die wohl am meisten verbreitete Geheimgesellschaft schlicht Carbonera, was übersetzt „Köhlervereinigung“ bedeutet.
Als 1820 in Spanien eine Revolte von Offizieren das ganze Land erschütterte und die Aufrührer die Wiedereinführung der freiheitlichen Verfassung von 1812 verlangten, sprang der revolutionäre Funke auch auf das Königreich „Beider Sizilien“ über. Ein zutiefst erschrockener König Ferdinand I. beeilte sich unter dem Druck von Öffentlichkeit und Militär, ebenfalls eine neue liberale Verfassung zu verabschieden. Die Lage beruhigte sich damit jedoch keineswegs, da die radikalen Vertreter der Carbonera ihre viel weiter reichenden Forderungen nicht erfüllt sahen und ein Aufstand der Barone auf Sizilien wiederum die dortige Bevölkerung auf die Barrikaden rief. Alles schien auf einen Bürgerkrieg hinauszulaufen. Die österreichische Hegemonialmacht konnte dem unmöglich länger zusehen und schickte Truppen, nachdem ihr die konservativen Regierungen Europas auf dem Laibacher Kongress im Februar 1821 das Mandat dazu erteilt hatten. Als schließlich auch in Piemont-Sardinien die Bewegung der Geheimgesellschaften eine Verfassungsänderung erzwang und im März 1821 verschiedene Garnisonen gegen König Vittorio Emanuele I. rebellierten, schritt Wien erneut zur Tat. Österreichische Truppen marschierten in das Nachbarkönigreich ein, dessen Monarch inzwischen, von der Lage überfordert, zugunsten seines Bruders abgedankt hatte. Nun begann Wien rigoros die Geheimgesellschaften zu verfolgen und ihre Führer einzukerkern. 19 Todesurteile, darunter auch das gegen den Dichter Silvio Pellico, wurden allerdings später zu lebenslanger Haft in der Festung Spielberg bei Brünn abgemildert. Erst neun Jahre darauf begnadigte Wien die Staatsgefangenen, sah sich aber schon bald in der Hoffnung getäuscht, durch seinen Akt der Milde die oppositionellen Kreise für sich gewinnen zu können. Im Gegenteil! Mit seiner unpathetischen Schilderung der brutalen Haftbedingungen (Le mie prigioni) erzielte Silvio Pellico europaweit Beachtung.55 Es war ein weiterer Schlag gegen das internationale Ansehen Österreichs, das bald nur noch als der „Gendarm Italiens“ verschrien war.
Viele Anhänger der Carbonera hatten sich 1821 der Gefangennahme durch Flucht ins Ausland entziehen können. Endgültig war das Rückgrat der Geheimgesellschaften damit aber noch nicht gebrochen. Während der nächsten revolutionären Welle, die Europa und Italien im Juli 1830 erfasste, spielten sie in Modena, Bologna und Parma noch einmal eine zentrale Rolle. Man berief sogar eine Nationalversammlung ein, zu der auch Vertreter der päpstlichen Gebiete erschienen, und erklärte die weltliche Herrschaft des Papstes für beendet. Der anschließende Zug eines patriotischen Heeres auf Rom veranlasste jedoch Papst Gregor XVI., die Österreicher zu Hilfe zu rufen. Gegen reguläre Truppen hatten die schlecht bewaffneten Aufständischen keine Chance. In der Schlacht bei Rimini wurden sie 1831 vollständig besiegt.56
Zu den Carboneras hatte ursprünglich auch der junge Giuseppe Mazzini gehört. Nach dem endgültigen Scheitern der Geheimgesellschaften und einer dreimonatigen Kerkerhaft in Savona beschritt der aus Genua stammende Advokat einen radikal anderen Weg. Die bisherigen Versuche der Carbonera, im Bündnis mit dem Herrschenden für Verbesserungen zu sorgen, verurteilte Mazzini als zwecklos und gründete 1831 in Marseille seine eigene Organisation, die Bewegung „Junges Italien“. Nach Mazzinis Überzeugung könne eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse einzig durch das Volk selbst zustande kommen. Eine Umwälzung müsse jedoch zugleich auch auf europäischer Ebene angestrebt werden und Italien käme hierbei sogar eine moralische Vorrangstellung zu. Dass seine wiederholte Forderung nach der Brennergrenze und anderer Gebiete des Deutschen Bundes (Triest) zur Konfrontation mit der deutschen Nationalbewegung führen musste, sah Mazzini offenbar nicht.57
Republikanismus, Unitarismus sowie die Notwendigkeit von erzieherischen Maßnahmen im Volk waren die Eckpunkte seines Programms, das viele Züge einer Heilslehre aufwies. Durch permanente Aufstände sollte das revolutionäre Bewusstsein der Bevölkerung entfacht und wachgehalten werden. Obwohl er in Italien starken Zulauf hatte und Mazzini später auch eine europäische Bewegung ins Leben rief, scheiterten in den folgenden zehn Jahren sämtliche von ihm inszenierten Aufstandsversuche. Nach einer fehlgeschlagenen Rebellion in Genua 1834 konnte ein junger Seemann namens Giuseppe Garibaldi nur mit knapper Not der Erschießung entkommen und sich nach Südamerika absetzen. Zu Mazzinis Anhängern zählten auch die beiden Brüder Attilio und Emilio Bandiera, Söhne eines österreichischen Admirals und selbst Offiziere der venezianisch-habsburgischen Marine. 1834 landete das Brüderpaar in Kalabrien, um dort eine bereits erstickt Revolte zu unterstützen. Beide wurden zu ihrem Erstaunen von der Bevölkerung verraten, samt ihrer sieben Kampfgenossen gefangen genommen und nach kurzem Prozess hingerichtet.58 Mazzini hatte zwar von dem stümperhaft vorbereiteten Unternehmen abgeraten, grundsätzlich aber befürwortete er den Opfertod junger Idealisten. Ideen reiften rascher, wenn sie mit dem Blut von Märtyrern genährt werden, befand der Salonrevolutionär, der zum Zeichen seiner nationalen Trauer stets in Schwarz gekleidet war.59 Er selbst lebte da schon im sicheren Londoner Exil, nachdem ihn Frankreich und später auch die Schweiz des Landes verwiesen hatten. In einem durch und durch katholisch geprägten Land hatte Mazzinis sozialistische und kirchenfeindliche Agitation bei den breiten Massen nie wirklich Fuß fassen können.
Geschickter agierte dagegen sein Landsmann Vincenzo Gioberti aus Turin. Vier Jahre älter als Mazzini, hatte er das dortige Priesterseminar besucht, war kurze Zeit auch Mitglied der Carbonera gewesen, ehe er – wie viele andere – Italien verlassen musste. Im belgischen Exil entwickelte er dann ein eigenes Konzept des Risorgimento. Gioberti betonte in seinen Schriften besonders die Rolle der freien italienischen Kommunen des Mittelalters, die mit Unterstützung der Päpste erfolgreich eine antideutsche Politik betrieben hätten. Obwohl Papst Gregor ein Reaktionär war und ja erst wenige Jahre zuvor österreichische Truppen gegen die Armee der Carboneras zu Hilfe gerufen hatte, glaubte Gioberti sogar, dass sich das Papsttum – analog zur mittelalterlichen Politik der Kirche – an die Spitze einer nationalen antiösterreichischen Bewegung stellen könnte, um schließlich geistig-kulturelles Oberhaupt eines auf föderativer Basis vereinigten Italiens zu werden. Die Souveränität der übrigen Fürsten sollte davon jedoch nicht berührt werden.60 Mit seiner sogenannten Neo-Guelfischen Position fand Gioberti viel Zustimmung, und selbst ein Kleriker wie Giovanni Maria Mastai-Ferretti, der 1846 als Pius IX. sein Pontifikat antrat, zeigte sich anfangs fasziniert von Giobertis Lehren.61
Auf dem Weg zur Revolution
Zu Beginn der 1840er-Jahre war längst klar geworden, dass ein Wandel der politischen Verhältnisse Italiens nur mithilfe einer starken Schutzmacht gelingen konnte.
In dieser entscheidenden Rolle sahen nun viele Patrioten wie etwa Cesare Balbo oder Massimo D’Azeglio das Königreich Piemont-Sardinien. Dessen Herrscher Carlo Alberto hatte zwar schon als Kronprinz mit der Carbonera sympathisiert, war aber auch 1833 nicht davor zurückgeschreckt, die gegen ein Dutzend Anhänger Mazzinis verhängten Todesurteile unbarmherzig vollstrecken zu lassen.62 Doch inzwischen war die Zeit des aufgeklärten Absolutismus abgelaufen. Mit der beginnenden Industrialisierung in Norditalien wuchs unweigerlich der politische Einfluss bürgerlich-liberaler Kreise. In Piemont wie auch in der angrenzenden Lombardei hatte sich besonders die Landwirtschaft seit 1815 revolutioniert. Gutsbesitzer produzierten in vergrößerten Betrieben rationeller und legten auch in wachsender Zahl Maulbeerplantagen für die lukrative Zucht von Seidenraupen an. Mit Baumwollimporten aus Ägypten und Amerika entstand zugleich eine aufstrebende Textilindustrie, deren inneritalienische Absatzchancen allerdings noch durch die zahllosen Zollgrenzen empfindlich beeinträchtigt wurden. Der Gedanke einer vereinten Nation fand allein schon deshalb wachsende Zustimmung in der neuen Schicht der Fabrikanten und Agrarunternehmer Norditaliens. Von radikalen Lösungen, wie sie Mazzini propagiert hatte, hielt man in diesen Kreisen wenig, dagegen fanden Giobertis Vorstellungen von einer engeren italienischen Föderation durchaus Anklang. Eine Zollunion nach deutschem Vorbild erschien vielen Kapitalisten sogar als der erste geeignete Schritt auf dem Weg zu einem föderativen Nationalstaat. Es zeigte sich jetzt deutlich, dass der italienische Einigungsprozess ein Elitenprojekt war und erst dann wirklich Fahrt aufnahm, als er versprach, konkrete ökonomische Probleme zu lösen. Tatsächlich nahmen Piemont, das Fürstentum Toskana und der Kirchenstaat noch im Verlauf des Jahres 1847 Verhandlungen über eine Zollunion auf. Die Verträge wurden schließlich im November unterzeichnet und Publizisten wie Massimo D’Azeglio glaubten bereits an die Möglichkeit einer politischen Liga, die einmal große Teile Italiens umfassen würde. Inzwischen hatte sich die politische Agitation gegen die österreichische Herrschaft in der Lombardei und Venetien verstärkt, und als Wien im Gegenzug die Stadt Ferrara besetzte, erntete Papst Pius mit seinem deutlichen Protest viel Beifall im Lande.
Fast am Ziel – Italien in der Revolution von 1848/49
Die neuerliche Revolution in Paris war der letzte Tropfen, der im Februar 1848 das brodelnde Fass zum Überlaufen brachte. Der europäische Völkerfrühling schien endlich gekommen. Auch in Italien brachen vielerorts Tumulte aus und die Souveräne versuchten verzweifelt und oft zu spät, durch einige liberale Reformen die Ruhe wiederherzustellen. Nacheinander gewährten Neapel, Florenz und Turin Verfassungen, die sich mit ihrem Zweikammersystem an der französischen Charta von 1830 orientierten. Selbst Papst Pius IX. erwog einige Verbesserungen in der Verwaltung des Kirchenstaates.Im März 1848 ernannte er ein neues Kabinett, dem immerhin sechs Nichtklerikale angehörten. Die Neuen galten sogar als Liberale. Zur selben Zeit sprang der revolutionäre Funke auch auf das Lombardo-Venezianische Königreich über. Am 17. März, nur zwei Tage nach Metternichs Sturz, fiel die Stadt Venedig in die Hände von Aufständischen. Unterstützt von vielen italienischstämmigen Soldaten und Arbeitern des Marinearsenals riefen nur sechs Tage später der Advokat Daniele Manin, den man zuvor aus dem Gefängnis befreit hatte, und Niccolò Tommaseo eine provisorische Regierung aus, die sich aber durchaus nicht als Teil eines zukünftigen Italiens verstand, sondern als Nachfolgerin der alten venezianischen Repubblica di San Marco.63
Noch am selben Tag musste sich Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radek mit seinen Truppen aus Mailand zurückziehen, nachdem es den Aufständischen unter Bürgermeister Gabrio Casati gelungen war, in langen Straßenkämpfen, die als die „Fünf Tage von Mailand“ in die Geschichte eingingen, sämtliche wichtigen Positionen der Stadt zu besetzen. Habsburgs Herrschaft über Italien stand unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Nun sah auch König Carlo Alberto den Zeitpunkt gekommen, trotz der mangelnden Kriegstüchtigkeit seiner Armee in den Konflikt einzugreifen. Seine Kriegserklärung an Österreich vom 24. März 1848 wurde von den lombardischen Patrioten allerdings mit zwiespältigen Gefühlen aufgenommen. Die Mailänder konnten darin nur den dreisten Versuch sehen, von ihren Erfolgen zu profitieren. Auch der aus dem Exil herbeigeeilte Mazzini wies die unverhohlenen Ansprüche Piemonts auf die reiche Nachbarprovinz strikt zurück und unterstellte Carlo Alberto sogar dynastische Expansionsgelüste. Eine derart beträchtliche Vergrößerung des sardischen Königreiches könne, so Mazzini, die Einheit Italiens gefährden. Aus dem gleichen Grund fiel die Unterstützung der piemontesischen Armee durch die übrigen Staaten Italiens nur sehr dürftig aus. Gleichwohl gelang es den Streitkräften Carlo Albertos, bis zum Mincio und sogar noch ins österreichische Festungsviereck vorzustoßen. Dort aber traf ihn der habsburgische Gegenschlag mit voller Wucht. Radetzky hatte inzwischen Verstärkungen erhalten und überrannte die piemontesische Armee in mehreren Schlachten. Am 6. August 1848 konnte der 82-jährige Feldherr wieder in Mailand einziehen. Drei Tage später musste Carlo Alberto um einen Waffenstillstand nachsuchen. Noch hielt aber Venedig aus. Radikale Patrioten wie Mazzini und der aus Südamerika zurückgekehrte Garibaldi waren jedoch nicht in die belagerte Lagunenstadt gegangen, sondern nach Rom. Dort hatte Pius IX. mit seinen Reformen zunächst überzogene Hoffnungen geweckt, dass sich der Kirchenstaat ganz im Sinne der Ideen Giobertis in den Dienst der nationalen Bewegung stellen würde. Doch schon die Neutralitätserklärung des Papstes vom 29. April 1848 hatte im ganzen Land für Ernüchterung und sogar Empörung gesorgt. Nach der Ermordung des ge mäßigten Regierungschefs Pelligrino Rossi am 15. September 1848 eskalierte die angespannte Lage in der Ewigen Stadt. Von Aufständischen bedroht, mussten Papst und Kardinäle das Land verlassen. Pius selbst fand Unterschlupf in der Hafenstadt Gaeta, die zum Königreich „Beider Sizilien“ gehörte. In Rom konstituierte sich derweil eine republikanische Regierung unter dem Triumvirat von Mazzini, Aurelio Saffi und Carl Armellini. Garibaldi übernahm das Militärwesen, während Mazzini hoffte, dass Rom zum Kristallisationspunkt für alle noch aktiven revolutionären Bewegungen im Lande werden würde. Unter großen Beifallsstürmen wurde im Januar 1849 Giuseppe Verdis Oper „Die Schlacht von Legnano“ in Rom uraufgeführt. Der Komponist dirigierte sein patriotisches Werk zwar selbst, reiste aber, nachdem er sich ausgiebig als revolutionärer Held hatte feiern lassen, noch vor Ausbruch der Kämpfe wieder nach Paris ab.64
Noch bis März musste die wieder erstarkte Schutzmacht Österreich dem Treiben der Revolutionäre in Rom untätig zusehen. Die endgültige Niederlage Piemont-Sardiniens in der Schlacht von Novara am 23. März 1849 und die unmittelbar darauf folgende Abdankung Carlo Albertos verschafften ihr endlich freie Hand, den revolutionären Brandherd auszutreten. An der Eroberung Roms beteiligte sich jetzt aber auch ein starkes französisches Korps, das der neue Präsident der Zweiten Republik, Louis Napoleon, nach Italien geschickt hatte. Mit Blick auf seine starke katholische Wählerschaft glaubte er sich als Schutzherr des Papstes inszenieren zu müssen. Nach zehntägigem schweren Beschuss gelang seinen Truppen am 3. Juli 1849 am Gianicolo der Einbruch in die Stadt. Die noch am selben Tag von der republikanischen Regierung verabschiedete Verfassung, die fortschrittlichste der gesamten Revolution, konnte nicht mehr in Kraft treten. Mazzini und Garibaldi glückte die Flucht nach Norden. Auf Umwegen erreichten sie Piemont, von wo aus sie erneut ins Ausland gingen. Der junge Dichter Goffredo Mameli, ein Gefolgsmann Garibaldis und Verfasser des Textes der späteren Nationalhymne (Brüder Italiens), verstarb dagegen in einem römischen Lazarett. Mit der Kapitulation Venedigs nach zehnmonatiger Belagerung am 28. August 1849 endete vorerst die italienische Revolution. Die Reaktion schien auf ganzer Linie gesiegt zu haben. Doch eine Rückkehr zu den vormärzlichen Zuständen war gleichwohl nicht mehr möglich. Zu stark war die revolutionäre Bewegung gewesen, zu tief war sie bereits im öffentlichen Bewusstsein verankert, als dass Österreich noch darauf rechnen konnte, ein zweites Mal Herr der Lage zu werden.
Die italienische Frage kommt auf die Agenda der Großmächte
Der nächste Akt der italienischen Staatsbildung vollzog sich jedoch nicht mehr auf der Straße, sondern auf der diplomatischen Bühne Europas. Der Mann, dem es gelang, die italienische Frage auf die Agenda der Großmächte zu setzen, hieß Camillo Benso di Cavour. 1852 hatte der ehemalige Offizier, Gutsbesitzer und schließlich Chefredakteur der Zeitung Il Risorgimento im Alter von 42 Jahren das Amt des piemontesischen Ministerpräsidenten von seinem Vorgänger Massimo D’Azeglio übernommen. An politischem Scharfsinn, Durchsetzungsvermögen und Skrupellosigkeit stand er kaum hinter Bismarck zurück. Er galt aber auch als aufbrausend, unbeherrscht und als notorischer Lügner. Die Chancen der ökonomischen und technischen Modernisierung verkannte er jedoch nicht. Piemont-Sardinien musste ein starker Staat werden, alles Weitere würde sich finden. Ausdrücklich verwarf Cavour den revolutionären Weg der Mazzinisten, deren letzter Aufstand im Februar 1853 von den österreichischen Behörden in Mailand nur allzu leicht vereitelt werden konnte. Zugleich trat er aber für eine großzügige Entschädigung aller Lombarden ein, die vor den Österreichern nach Piemont geflohen und deren Güter daraufhin eingezogen worden waren.
Als 1853 der orientalische Krieg zwischen Russland und der Türkei ausbrach und im Herbst 1854 britische und französische Truppen auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim landeten, sah der massige Ministerpräsident mit dem dünnen Kinnbart die Chance gekommen, das norditalienische Königreich auf internationaler Bühne zu positionieren. Begünstigt von Habsburgs ergebnisloser Schaukelpolitik zwischen Russland und den Westmächten, setzte er es gegen erhebliche Widerstände im eigenen Kabinett durch, dass Piemont-Sardinien ein kleines Korps von 15.000 Mann auf den entlegenen Kampfplatz entsandte. Den Kriegsverlauf mochte die sardische Streitmacht unter General Alfonso La Mamora zwar kaum zu beeinflussen, aber es verschaffte Cavour immerhin einen Platz am Tisch der Pariser Friedenskonferenz, auf der im Frühjahr 1856 die europäischen Verhältnisse neu geordnet wurden. Der norditalienische Kunststaat war damit bündnisfähig geworden und Frankreich, der favorisierte Kandidat für eine antihabsburgische Allianz, zeigte sich, anders als Großbritannien, den Avancen Piemonts keineswegs abgeneigt. Zwar hatte sich Napoleon III. durch seine Rolle bei der Niederwerfung der römischen Republik keine Freunde unter Italiens Patrioten gemacht, aber Cavour sah darüber hinweg, ging es ihm doch vorerst einmal nur um den Erwerb des Lombardo-Venezischen Königreiches mit französischer Hilfe. An eine italienische Einigung in einem Zuge, wie sie dann 1859/60 tatsächlich zustande kam, glaubte er damals noch nicht, sie war ihm als gebürtigem Savoyer mit einer schweizerischen Mutter auch keine Herzensangelegenheit. Cavour hatte sich Zeit seines Lebens nach Mittel- und Westeuropa orientiert. England und Frankreich hatte er bereist, sie waren seine Vorbilder, das Italien südlich von Rom war ihm dagegen völlig unbekannt.65
Im lothringischen Plombières-les-Bains einigten sich im Juli 1858 die beiden Politiker auf ein gemeinsames Vorgehen in Norditalien. Napoleon III. würde Piemont militärisch unterstützen, wenn es von Österreich angegriffen würde. Habsburg sollte ganz aus Italien vertrieben werden, während Piemont-Sardinien mit Lombardo-Venezien sowie mit Parma und Modena ein neues norditalienisches Königreich mit etwa elf Mio. Einwohnern bilden würde. Aus der Toskana und dem Gebiet des Kirchenstaates sollte ein zweiter Staat entstehen, der Papst auf Rom beschränkt bleiben, während das Königreich „Beider Sizilien“ unangetastet blieb. Alle drei italienischen Staaten könnten sich dann später zu einer Föderation zusammenschließen, deren Ehrenvorsitzender – gewissenmaßen als Entschädigung – der Papst sein würde.66
Die Abtretung von Nizza und Savoyen an Frankreich erschien Cavour als Preis nicht zu hoch für Turins gewaltigen Machtzuwachs, sollte der Plan aufgehen. Dass der freiwillige Verzicht auf alte italienische Gebiete den Zielen des Risorgimento zuwiderlief, störte ihn nicht im Geringsten. Überhaupt nahmen nur wenige Patrioten wie etwa der aus Nizza stammende Giuseppe Garibaldi an dem ungewöhnlichen Kuhhandel Anstoß.
Obwohl das geheime Abkommen in diplomatischen Kreisen bald durchgesickert war, tappte die Wiener Politik tatsächlich in die ihr von Cavour gestellte Falle. Am 23. April 1859 forderte Habsburg ultimativ die Abrüstung der piemontesischen Armee und die Auflösung der Freikorps. In den Augen Europas war es zum Aggressor geworden. Drei Tage später unternahmen österreichische Truppen sogar einen zaghaften Vorstoß über den Grenzfluss Tessin. Damit war der Bündnisfall eingetreten. Als bis Mitte Mai rund 150.000 Franzosen über die Alpen und zur See in Norditalien eintrafen, hatte Österreich seine Chance verpasst, die piemontesischen Truppen isoliert zu schlagen. Seine unentschlossene Kriegführung war auch die Ursache der Niederlage von Magenta am 4. Juni 1859 – eine Schlacht, die am Abend noch keineswegs verloren war – und der fluchtartigen Räumung von Mailand. In der Schlacht von Solferino siegten knapp drei Wochen später die Verbündeten, dieses Mal deutlich. Erneut aber hatten die Franzosen die Hauptlast des Kampfes tragen müssen, während die piemontesische Armee bei San Martino vollkommen versagte. Napoleon III. hatte inzwischen genug von seinem lächerlichen Verbündeten und beeilte sich, mit Kaiser Franz Joseph am 8. Juli 1859 den Waffenstillstand von Villafranca zu schließen. Cavour tobte, wollte den Krieg sogar alleine weiterführen und trat schließlich als Ministerpräsident zurück. Dabei war er selbst, da in Personalunion auch Kriegsminister, der Hauptverantwortliche für die schreienden Defizite der piemontesischen Armee. Doch während die beiden Kaiser in Verhandlungen standen und dabei vereinbarten, dass Parma, Modena und das Großherzogtum Toskana an ihre inzwischen geflohenen habsburgischen Herrscherhäuser zurückfallen sollten, hatten Cavours Vertraute von der Società nazionale dort schon Tatsachen geschaffen. Die 1857 gegründete Nationalgesellschaft mit dem einflussreichen Sizilianer Giuseppe La Farina als Sekretär stand in enger Beziehung zu Cavour und trat nachdrücklich für den Anschluss ganz Italiens an Piemont-Sardinien ein. Sie war auch das Vorbild für den zwei Jahre später gegründeten deutschen Nationalverein.
Kein geeintes Italien, sondern nur ein erweitertes Piemont
Sardische Truppen hatten schon im Juni die drei Herzogtümer besetzt, offiziell von den dortigen liberalen Übergangsregierungen zu Hilfe gerufen. Auch der im Aufstand befindliche nördliche Teil des Kirchenstaates, die Emilia Romagna, wurde besetzt, nur das Kerngebiet konnte die Schweizer Garde des Papstes militärisch behaupten. Noch vor dem Waffenstillstand von Villafranca hatte Cavour seinen Vertrauten La Farina beauftragt, „spontane Demonstrationen“ für die italienische Sache in den neu besetzten Gebieten zu organisieren und überall Plebiszite vorzubereiten, die den Anschluss an Piemont-Sardinien gutheißen sollten. Die scheindemokratische Absegnung war das Standardverfahren, das Turin schon 1848 in der Lombardei angewandt hatte und das nun auch alle zukünftigen Annexionen begleiten sollte. Als Cavour am 21. Januar 1860 wieder das Amt des Ministerpräsidenten in Turin übernahm, war die Anschlusslösung in Mittelitalien bereits so populär, dass auch der französische Kaiser nachgeben musste. Immerhin wurde ihm seine Entscheidung mit der Abtretung von Nizza und Savoyen versüßt. Die Volksabstimmungen in den drei Herzogtümern und im nördlichen Teil des Kirchenstaates erschienen am 11./12. März 1860 als eine glänzende Bestätigung der cavourschen Politik und machten den Züricher Friedensvertrag vom November 1859 zur Makulatur. Die föderative Lösung der italienischen Frage, wie sie eine Dekade später Bismarck in Deutschland realisieren konnte, war damit vom Tisch. Doch ohne die alten Fürstenhäuser und ihre Regierungen musste Piemont-Sardinien sein riesiges neues Herrschaftsgebiet erst einmal verwaltungsmäßig konsolidieren, ehe an weitere Einigungsschritte gedacht werden konnte. Cavour sah die Problematik und versuchte zu bremsen, aber die Entwicklung drohte nun auch über ihn hinwegzugehen.
Garibaldis Zug der Tausend
Noch hatten die Mazzinisten ihren alten Plan von der Besetzung Roms und der Absetzung des Papstes nicht aufgeben. Giuseppe Garibaldis legendäre Fahrt nach Sizilien Anfang Mai 1860 versprach nun den alten Traum wiederzubeleben. Die Insel galt als Schlüssel, mit dem sich der Weg nach Rom von Süden her öffnen ließ. Rebellen in Palermo hatten im April um Garibaldis Unterstützung gebeten und nach einigem Zögern hatte er zugestimmt. Seine kämpferischen Jahre in Südamerika hatten ihn tief geprägt. Garibaldi war der Typ des Guerrillero, einfach, gradlinig und gerissen, durch Vorbild und Charisma der ideale Anführer improvisiert zusammen gestellter Truppen.67 Eine formale militärische Ausbildung besaß er nicht. Viele seiner etwa 1000 Rothemden, mit denen der Revolutionsheld am 11. Mai 1860 in Marsala an der Westküste der Insel landete, waren Angehörige der regulären piemontesischen Armee. Sein Stabschef war Wilhelm Rüstow, ein ehemaliger Premierleutnant der Preußischen Armee, der seit 1849 im Schweizer Exil gelebt hatte.
Der junge König Francesco II. und seine überalterten Generale nahmen das Unternehmen zunächst nicht ernst, konnten aber auch nicht wissen, dass Garibaldi mit Wissen und Billigung König Vittorio Emanueles II. agierte und ständig weitere Unterstützung aus dem Norden erhielt. Auch Cavour wusste Bescheid, ließ aber Garibaldi vorerst gewähren. Scheiterte sein Zug, war er einen gefährlichen Konkurrenten los, hatte er jedoch Erfolg, ließen sich immer noch Mittel und Wege finden, um davon zu profitieren.
Nach einem ersten Sieg über ein mutlos geführtes neapolitanisches Kontingent am 16. Mai bei Calatafimi fiel die Stadt Palermo schon zwölf Tage später in die Hand der Rothemden. Obwohl sich die Landbevölkerung abwartend, später sogar feindlich gegenüber den Eindringlingen verhielt, hatten Garibaldis Männer die Insel zwei Monate später in ihre Hand gebracht. Er handelte im Auftrag Vittorio Emanueles II. und trat als Dittatore auf, Cavours Emissär La Farina schickte er allerdings sofort nach Turin zurück. Mitte August 1860 wagte Garibaldi den Sprung aufs Festland, besiegte mit unerwarteter Leichtigkeit die ihm entgegengesandten Truppen des Königs. Francescos Soldaten wussten nicht mehr, wofür sie kämpften, und desertierten in Scharen. Ein ganzes neapolitanisches Bataillon kapitulierte sogar vor sechs Rothemden, die sich verlaufen hatten. Richard Strauss sollte später in seiner Oper „Der Rosenkavalier“ spotten: „Ich bin kein Napolitanischer General. Wo ich steh’, steh’ ich.“68
Am 7. September traf Garibaldi mit einem kleinen Kommando in der Hauptstadt Neapel ein, anfangs von der Bevölkerung stürmisch begrüßt.
Derweil hatten sich Francesco II. und der Rest seiner Armee nach Norden hinter den Volturno zurückgezogen.
Nun war es für Cavour höchste Zeit einzuschreiten. Die piemontesische Armee rückte am 11. September in den Kirchenstaat ein, angeblich zum Schutz des Papstes vor Garibaldis Rothemden, in Wahrheit aber trieb er mit dem Kirchenoberhaupt ebenso wie mit Napoleon III. ein Doppelspiel. Piemont besetzte einfach den gesamten östlichen Teil des Patrimonium Petri – angeblich, um Aufständen der Mazzinisten zuvorzukommen – und ließ durch ein Plebiszit ihre Annexion vorbereiten. Frankreichs düpierter Kaiser durfte sich noch glücklich schätzen, vor den kritischen Augen der Katholiken in seinem Land den Kirchenstaat wenigstens im Prinzip gerettet zu haben. Eine französische Garnison in Rom sollte zukünftig die Integrität des päpstlichen Restterritoriums gewährleisten. Nicht weniger rabiat wurde mit dem alten Königreich „Beider Sizilien“ verfahren, dessen Gebiete Garibaldi nach seinem Sieg am Volturno in der legendär gewordenen Begegnung am Teano am 26. Oktober 1860 feierlich Vittorio Emanuele II. übergab. Zutiefst deprimiert zog sich Italiens Volksheld und das einzige echte militärische Talent seiner Revolution auf die Insel Caprera vor Sardinien zurück, um dort gleich seinem Vorbild, dem Altrömer Cincinnatus, auf den erneuten Ruf seines Vaterlandes zu warten.

Giuseppe Garibaldi bei der Schlacht am Volturno, 1. Oktober 1860
Cavours Kalkül war glänzend aufgegangen. Die bereits von den Kommissaren des Königs vorbereiteten Plebiszite in Sizilien und auf dem süditalienischen Festland brachten im November 1860 keine Überraschung. Die Wähler konnten die Frage, ob man Teil eines einigen und unteilbaren Italiens sein wollte, nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Was bei einer Ablehnung geschehen sollte, war nicht bekannt, auch schienen viele Neapolitaner gar nicht zu wissen, was mit Italien überhaupt gemeint war.69
Tatsächlich war die italienische Einigung nur ein geschickt arrangierter Eroberungszug gewesen und das neue Italien nichts anderes als ein nunmehr hoffnungslos überdehntes Piemont-Sardinien. Mazzini nannte es ein Trugbild, eine Parodie Italiens. Das Land war vergewaltigt, nicht geeinigt worden.
Für die ehemaligen Untertanen von Francesco II. war die Gründung Italiens auch alles andere als eine Befreiung, denn sie brachte ihnen überhaupt erst eine neue Fremdherrschaft. Tausende von sogenannten Briganten zogen in die Berge und Wälder und kämpften noch jahrelang gegen die piemontesischen Besatzungstruppen. Es war ein blutiger Guerillakrieg, der so gar nicht zu dem offiziellen Einigungsjubel passte.
Der neue Turiner Staat nutzte allein dem Großbürgertum und der rasch wachsenden Klasse von Fabrikanten. Für die sogenannten kleinen Leute brachte die zwangsweise Vereinigung dagegen nur höhere Steuerlasten und die Einführung der verhassten Wehrpflicht. Sie konnten nur die Faust in der Tasche machen oder in die Berge gehen. An den ersten allgemeinen Wahlen im Januar 1861 durften zudem wegen des hohen Zensus nur ganze zwei Prozent der Bevölkerung teilnehmen. Am 18. Februar traten die in allen Landesteilen gewählten Vertreter erstmals im Turiner Parlament zusammen. Nur fünf Tage früher hatte südlich von Rom die Hafenstadt Gaeta nach einer Belagerung von fast vier Monaten kapituliert. Mit seiner Gattin, einer bayerischen Prinzessin, ging König Francesco II. ins römische Exil, später dann nach Bayern und Tirol. Sein Königreich, von den Normannen gegründet, hatte nach über 700 Jahren zu bestehen aufgehört. Nur fünf Jahre später sollte es dem Königreich Hannover und zwei weiteren deutschen Staaten ebenso ergehen.
Reformen ohne Ziel – Österreichs Armee von 1848–1866
„In einer Welt ständiger Umwälzungen und größter Rüstungen hat man in Österreich damit begonnen, der Armee binnen zwei Jahren vom Staatsschutz 45 Mio., mithin den dritten Teil ihrer früheren Dotationen zu entziehen [und] sie auf die Hälfte ihres früheren Kriegsstandes zu setzen.“
Generalfeldmarschall Heinrich Freiherr von Heß, österreichischer Generalstabschef, am 26. Januar 1864 zu den Sparplänen des Finanzministeriums70
Am 18. Januar 1858 wurden die Bürger Wiens Zeugen eines beeindruckenden Leichenzuges. Eine Kolonne von 20.000 Soldaten begleitete am Vormittag den zwei Wochen zuvor in Mailand verstorbenen Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radek auf seinem letzten Weg vom neu errichteten Arsenal in die Wiener Innenstadt. Bei kaltem klarem Wetter bewegte sich der scheinbar endlose Zug langsam durch das Kärtnertor der damals noch existierenden Stadtbefestigung zum Stephansdom. An ihrer Spitze schritt mit gezogenem Degen der 28-jährige Kaiser Franz Joseph.
Nicht wenige Beobachter dürften beim Anblick des in einem prächtigen Leichenwagen aufgebahrten Sarges gespürt haben, dass mit dem Tod der fast 92-jährigen Feldherrnlegende nunmehr unwiderruflich eine Epoche zu Ende gegangen war, in welcher der habsburgische Kaiserstaat noch einmal seine Position als zentrale Ordnungsmacht Europas eindrucksvoll gefestigt hatte.
In zwei Feldzügen war es Radetzky zehn Jahre zuvor gelungen, die Truppen Piemont-Sardiniens mehrfach zu schlagen und schließlich sogar bei Novara am 23. März 1849 gänzlich zu vernichten. Über die außergewöhnliche Kühnheit und die Präzision seiner Operationen hatte damals ganz Europa gestaunt.71 Zeugen sprachen von einer gewissen Nonchalance, ja sogar von einer geistreichen Schelmenhaftigkeit, mit welcher der agile Greis seine Truppen kommandiert hatte. Selbst im Rollstuhl, so glaubten seine Offiziere, hätte er sie noch zum Sieg geführt.72
Nun war die dritte große Feldherrngestalt Österreichs neben dem Prinzen Eugen und Erzherzog Karl nach 72 Dienstjahren unter fünf Kaisern aus der Geschichte abgetreten und mit Sorge stellte man sich in der Wiener Hofburg die Frage, wer Radetzky an der Spitze der Armee ersetzen sollte. „In Deinem Lager ist Österreich, wir anderen sind nur Trümmer“, lautete eine Zeile des Gedichts, das ein begeisterter Franz Grillparzer 1848 dem siegreichen Feldmarschall gewidmet hatte. Es brachte die weitverbreitete Ansicht zum Ausdruck, dass allein die Armee das Lombardo-Venezianische Königreich für die Monarchie bewahrt und damit auch den Gesamtstaat gerettet habe. Die Armee war das wirkliche Vaterland der Patrioten im brüchigen Vielvölkerstaat und ihre Offiziere neigten naturgemäß zu einem starken Selbstbewusstsein. Die Überzeugung, jeder Bedrohung gewachsen zu sein, konnte allerdings auch eine ungesunde Ausprägung annehmen, wenn etwa nur ein Jahr nach Radetzkys Tod, im Vorfeld des Krieges von 1859, der einflussreiche Generaladjutant des Kaisers, Karl Ludwig Graf von Grünne, dem Feldzeugmeister Franz Gyulai, seinem Freund und zugleich Radetzkys Nachfolger im italienischen Oberkommando, die Ermahnung schickte: Was der alte Esel mit 80 Jahren gekonnt hat, wirst Du auch noch zustande bringen.73
Die Zeit der großen Kämpfe schien da jedoch schon der Vergangenheit anzugehören. In der zurückliegenden Dekade war die Armee unter Politikern wie Felix Fürst zu Schwarzenberg oder seinem Nachfolger, Außenminister Karl Ferdinand Graf von Buol-Schauenstein, zu einem politischen Drohmittel mutiert. Schon der grenznahe Aufmarsch des Heeres genügte offenbar, die Interessen der Monarchie durchzusetzen. Nur zu gern prahlten österreichische Diplomaten an Europas Höfen mit der gewaltigen Stärke der kaiserlichen Armee. Selbst wenn die dabei ins Spiel gebrachte Zahl von 850.000 Mann eher ein theoretischer Wert blieb, der sich aus acht aktiven und zwei Jahrgängen der Reserve zu je 83.000 Soldaten addierte,74 reichte sie immerhin aus, um im November 1850 den preußischen Rivalen an den Olmützer Verhandlungstisch zu bringen. Nur drei Jahre später war auch das Zarenreich eingeknickt, als Habsburg gleich zwei seiner Armeen in Galizien auf Kriegsfuß brachte, um seine Interessen an der lebenswichtigen Donaumündung zu wahren. Vordergründig waren Preußens Einlenken in der mährischen Hauptstadt und Russlands Rückzug aus den beiden sogenannten Donaufürstentümern (Moldau und Walachei) politische Erfolge, die ohne einen scharfen Schuss erzielt worden waren. Doch als Außenminister Buol im April 1859 erneut dieselbe Karte gegen das nunmehr mit Frankreich verbündete Piemont-Sardinien ausspielen wollte, musste er feststellen, dass der Riss im Verhältnis zu Russland, dem alten Verbündeten, nicht mehr gekittet werden konnte. Vor allem aber Preußen, der vermeintliche Juniorpartner im Deutschen Bund, war keineswegs gewillt, ohne weitreichende Konzessionen Wiens Teil einer österreichischen Drohkulisse am Rhein zu werden.
Die Einsicht, völlig isoliert gegen Frankreich und Piemont-Sardinien zu stehen und diesen Konflikt nunmehr auch mit Waffengewalt austragen zu müssen, traf Buol wie ein Schlag ins Gesicht. Noch im April 1859 hatte er nicht an einen Krieg in Italien glauben wollen.
Rasch zeigte sich in dieser kritischen Stunde auch, dass an der Spitze der einst glorreichen Italienarmee inzwischen ein Befehlshaber stand, der offenbar nicht einmal einen Bruchteil der militärischen Qualitäten des „alten Esels“ Radetzky aufwies.
Fraglos hätte es bessere Nachfolger für Radetzky gegeben als den unsicheren und pedantischen Graf Gyulai, den 60-jährigen Spross einer ungarischen Magnatenfamilie, der in der Armee nicht einmal den besten Ruf genoss. Der ehemalige Kriegsminister galt sogar als aufgeblasen, entschlusslos und wenig einsichtig, Friedrich Engels nannte ihn einen hochadligen Schwachkopf.75 Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, wie es der große Radetzky 1848 fertiggebracht hatte, eine Weisung aus Wien, die ihn zu Waffenstillstandsverhandlungen mit Piemont-Sardinien aufforderte, einfach zu ignorieren und stattdessen eine Gegenoffensive zu beginnen. Gyulai fehlte dieser Mut und der klare Blick auf die Realitäten. Er schien sich lieber in unwichtige Details zu flüchten. Für Heiterkeit und Befremden in der Armee hatte besonders Gyulais Befehl gesorgt, dass bei Paraden alle seine Soldaten einen schwarzen Schnurrbart tragen sollten. Wo er fehlte, war er mit schwarzer Schuhcreme aufzumalen, die allerdings bei Hitze den Soldaten über Lippen und Kinn rann und ein eher groteskes Bild erzeugte.
Dagegen waren jene Offiziere, die unter Radetzky mit Auszeichnung gekämpft hatten, bei der Besetzung des Italienkommandos übergangen worden.
An erster Stelle stand hier der Feldmarschall Heinrich Freiherr von Heß, Radetzkys ehemaliger Generalquartiermeister und fraglos der geistige Urheber der spektakulären österreichischen Siege zwischen Mincio und Ticino. Doch Heß, der bereits als Oberleutnant in der Schlacht von Wagram (1809) gefochten hatte und inzwischen im 70. Lebensjahr stand, war kein charismatischer Truppenführer wie sein ehemaliger Chef. Nach dem Urteil Johann Christoph Allmeyer-Becks verkörperte der meist schweigsame Heß wie Helmuth von Moltke auf preußischer Seite das Ideal eines wissenschaftlich gebildeten, mit der Technik der Armeeführung bis ins Kleinste vertrauten Generalstäblers. Immerhin rückte Heß nach dem ersten Italienkrieg zum Generalquartiermeister im neuen Armeeoberkommando auf, musste sich dort aber in vieler Hinsicht der Generaladjutantur unter Grünne beugen. Im Herbst 1853 übernahm er dann den Befehl über die österreichische Observationsarmee in Galizien, die Russlands Balkanambitionen bremsen sollte.
Ebenso wie Heß fand sich auch das zweite bedeutende militärische Talent der Monarchie, Erzherzog Albrecht, in die östliche Reichshälfte versetzt, wo er in Ungarn als neuer Reichsstatthalter die seit dem Krieg von 1849 zerrütteten Verhältnisse stabilisieren sollte. Es war eine überaus prekäre Aufgabe, für die der älteste Sohn des Erzherzogs Karl, der sich unter Radetzky im März 1849 als Befehlshaber einer Division bei Novara bewährt hatte, weder Neigung noch Talent mitbrachte.76
Lediglich der 1848/49 vielfach ausgezeichnete Generalmajor August von Benedek, der Held von Mortara, das er am 21. März 1849 mit einem einzigen Bataillon erstürmt hatte, war in der Lombardei verblieben und diente dem alten Radetzky noch sieben Jahre lang als neuer Generalstabschef, ehe er 1857 das IV. Armeekorps in Lemberg übernahm.
Die Monarchie war mit Ausnahme der alten Militärgrenze gegenüber der Türkei seit 1849 in zwölf sogenannte Generalkommandos eingeteilt, in denen jeweils ein Armeekorps zu vier Infanterieregimentern und einer Kavalleriedivision stationiert war. Außer in Lemberg gab es noch Generalkommandos in Prag, Brünn, Wien, Pest, Innsbruck, Graz, Krakau sowie in Mailand und Verona. Die erforderlichen Führungsstäbe mussten allerdings erst mühsam aufgebaut werden, da das österreichische Heer bis dahin keine dauernden Kommandobehörden oberhalb der Divisionsebene vorgesehen hatte.
Die Regimenter dienten jedoch nicht nur der Landesverteidigung oder dem Aufbau einer außenpolitischen Drohkulisse. Sie waren, da in weiten Teilen des Vielvölkerstaates selbst nach Abschluss der Kämpfe von 1848/49 noch lange der Ausnahmezustand herrschte, immer auch ein Instrument der politischen Kontrolle. Grundsätzlich stammten daher die Rekruten aus anderen Landesteilen, um im Ernstfall ethnische Loyalitätskonflikte zu vermeiden, und die Regimenter selbst waren es gewohnt, nach einigen Jahren ihre Standorte zu wechseln. Die Nachteile einer dadurch stark verzögerten Mobilisierung im Krisen- oder Kriegsfall nahm das Armeeoberkommando in Wien in Kauf.
Der Faktor Zeit gewann jedoch in einer Epoche, die wie das nachrevolutionäre Jahrzehnt eine explodierende Fülle technologischer Neuerungen hervorbrachte, stetig an Bedeutung. Eisenbahnen, Telegrafen und vor allem verbesserte Schusswaffen setzten seither die Armeen aller europäischen Großmächte unter erheblichen Anpassungsdruck. Zuletzt hatte der Krimkrieg gezeigt, dass moderne Heere nur noch auf der Grundlage einer effektiven Stabsarbeit erfolgreich gelenkt werden konnten. Militärische Führung verwandelte sich mehr und mehr in einen komplexen Vorgang und damit veränderte sich auch das Anforderungsprofil für Offiziere in dramatischer Weise. Technisches Verständnis, vorausschauendes Planen und kalkulierte Eigeninitiative traten neben die klassischen militärischen Tugenden wie Tapferkeit und Loyalität. Als Teil einer umfassenden Reform des Armeebildungswesens war daher am 1. November 1852 in Wien auch eine neue Kriegsschule eröffnet worden, in der die von der Armee dringend benötigten Offiziere für den Generalquartiermeisterstab und die höheren Truppenstäbe ausgebildet werden sollten. Als zentrale Fortbildungsstätte für besonders befähigte Leutnants und Hauptmänner ergänzte sie die bereits bestehenden Militärakademien und Divisionsschulen. Eine Eignungsprüfung, in der die Kandidaten ihre Kenntnisse in Mathematik, Trigonometrie, Geografie, Festungslehre und Kriegsgeschichte belegen mussten, war nunmehr das Entree zur Mitgliedschaft in einer zukünftigen militärischen Elite.77
Auch hinsichtlich Bewaffnung und Ausrüstung der Armee waren bedeutsame Änderungen eingetreten. So hatte das Armeeoberkommando in Wien keine Kosten gescheut und seine Infanterieregimenter seit 1854 sukzessive mit einem völlig neu konstruierten Gewehr ausgerüstet. Anders als die bisher gebräuchlichen Musketen wies das neue Lorenzgewehr im Rohrinnern vier spiralförmige Züge auf, die dem Geschoss eine Drehung um die eigene Längsachse verliehen und es damit in seiner Flugbahn stabilisierten. Das Prinzip war zwar schon seit der Renaissance bekannt, jedoch für Militärwaffen wegen des hohen Ladeaufwandes nicht geeignet gewesen. Dem Büchsenmacher und Unterleutnant Josef Lorenz aus Wien war es jedoch gelungen, eine leicht unterkalibrige Spitzpatrone zu entwickeln, deren Boden mit Rillen versehen war. Beim Zündvorgang wurde das Geschoss in seiner Länge so weit gestaucht, dass es das Rohrinnere ganz ausfüllte und somit die angestrebte Führung durch die eingefrästen Züge erhielt. Zugleich sorgte die nunmehr bessere Verdichtung der Pulvergase für größere Reichweiten und eine höhere Treffgenauigkeit. Selbst ein nur mittelmäßig ausgebildeter Schütze konnte mit dem Lorenzgewehr Einzelziele schon auf 300 Meter mit Aussicht auf Erfolg bekämpfen. Für Scharfschützen und Unteroffiziere gab es anstelle des üblichen Standvisiers sogar einen verstellbaren Aufsatz für Distanzen zwischen 400 und 900 Metern.78 Auch wenn das Gewehr immer noch ein Vorderlader war, übertraf es an Reichweite und Treffsicherheit deutlich das Preußische Zündnadelgewehr, dem britischen Enfield-Minié-Gewehr war es mindestens ebenbürtig, wies aber mit nur 13,9 mm ein geringeres Kaliber auf, was eine willkommene Gewichtsersparnis bei der Munition zur Folge hatte. In der Feuergeschwindigkeit aber waren beide Modelle dem neuen Hinterlader der preußischen Armee klar unterlegen.
Die gegenüber den bisherigen Musketen weitaus aufwendigere Schießausbildung scheint allerdings nicht in allen Regimentern konsequent durchgeführt worden zu sein. Der Krieg von 1859 offenbarte, dass die Schützen das Entfernungsschätzen im Gelände nicht beherrschten, ja oft nicht einmal in der Lage waren, die Waffe richtig zu laden. So fanden sich auf dem Schlachtfeld von Solferino tatsächlich Lorenzgewehre, die in ihrem Lauf noch das Schmierfett aus der Fabrik aufwiesen.79 Der preußische Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen erinnerte sich, noch bei Königgrätz österreichische Gewehre gefunden zu haben, in denen die Patronen verkehrt herum steckten.80
Insgesamt fehlte es der Habsburgerarmee am Ende der Ära Radetzky durchaus nicht an Reformeifer, doch viele Neuerungen hatten auch einfach nur den Zweck, durch Neuorganisation und Zusammenlegungen Einsparungen zu erreichen. Wie wenig hinter all den Bemühungen ein wirklich leitender Gedanke steckte, zeigte sich vor allem in der Organisation des neuen Armeeoberkommandos, das unterhalb des Kaisers die Funktionen der Generaladjutantur, des Generalquartiermeisterstabes und des Kriegsministeriums bündeln sollte. Eine klare Abgrenzung der jeweiligen Kompetenzen kam aber nie zustande, schließlich wurde Feldzeugmeister Heß als Chef des Generalquartiermeisterstabes sogar bei der Auswahl der Kandidaten für die Kriegsschule von Generaladjutant Grünne übergangen. Das Kriegsministerium wiederum löste man 1856 sogar ganz auf, da der Kaiser über diese Behörde eine parlamentarische Einflussnahme auf seine Armee befürchtete. So waren also viele Reformprojekte angepackt, aber nur wenig zu einem befriedigenden Abschluss gebracht worden, als kaum drei Jahre nach dem Pariser Frieden von 1856 Habsburgs Armee erneut auf den alten Schlachtfeldern von 1848/49 den Truppen des Königreiches Piemont-Sardinien gegenüberstand. Anders als noch zehn Jahre zuvor kämpfte der Gegner jedoch nicht mehr allein, sondern hatte jetzt Frankreich, die neue Hegemonialmacht Europas, an seiner Seite.
Trotz aller Unfertigkeit und vieler Führungsschwächen musste der Krieg von 1859 für die Monarchie nicht verloren gehen. Auch der Gegner machte Fehler und Napoleon III. erreichte als Heerführer längst nicht die militärischen Qualitäten seines Onkels. Selbst noch nach der verlorenen Schlacht von Solferino am 24. Juni hätte der Krieg mit Erfolg fortgesetzt werden können, standen doch jetzt 300.000 Österreicher gegen nur 230.000 Franco-Sarden. Doch der Kaiser hatte inzwischen den Glauben an eine Besserung der Lage aufgegeben und zum Entsetzen seiner Generale schon am 8. Juli 1859 in einen Waffenstillstand eingewilligt. Zum ersten und auch letzten Mal hatte Franz Joseph nach der Ablösung Gyulais persönlich den Oberbefehl über die Armee übernommen und fürchtete nun wohl, sich in dieser ihn klar überfordernden Rolle noch weiter zu demontieren.
Selbst der viel gepriesene Heß, der dem Kaiser zuletzt als Generalquartiermeister zur Seite stand, hatte das Desaster von Solferino nicht mehr verhindern können. Zwar noch zum Feldmarschall befördert, wurde er im folgenden Jahr ebenso wie mehr als 100 andere Generale in den Ruhestand verabschiedet.81 Man brauchte jetzt dringend Sündenböcke. Ein noch bittereres Schicksal traf allerdings den Generaldirektor für ökonomische Angelegenheiten, Feldmarschall-Leutnant August Friedrich Freiherr von Eynatten, der unter dem Vorwurf der Korruption in Haft genommen wurde und sich kurz darauf das Leben nahm. Dass der Kaiser an einer schonungslosen Aufarbeitung der Niederlage nicht interessiert war, zeigte sich auch darin, dass der Generalquartiermeisterstab die offizielle Geschichte des Krieges von 1859 erst 13 Jahre später veröffentlichte. Eine von Generalmajor Wilhelm Freiherr von Ramming anonym veröffentlichte Studie über das Desaster von Solferino fand denn auch allerhöchste Missbilligung.
Ihre unerwartete Niederlage hatte die Armee des Kaiserstaates von ihrem hohen Sockel der Unantastbarkeit gestoßen. Trotz erheblicher Militärausgaben, die in der zurückliegenden Dekade gewöhnlich zwischen 40 und 50 Prozent der Staatseinnahmen ausmachten, hatten die Streitkräfte auf den italienischen Schlachtfeldern beinahe kläglich versagt. Für den zukünftigen Sparkurs bei den Militärausgaben war damit eine entscheidende Bresche geschlagen.
Sämtliche Hoffnungen einer zutiefst geschockten Öffentlichkeit und auch des Hofes richteten sich nach der Niederlage in Norditalien auf Feldzeugmeister von Benedek. Im zurückliegenden Feldzug hatte der Sohn eines Arztes aus dem ungarischen Ödenburg seinen Ruf als schneidiger Feldsoldat einmal mehr unter Beweis gestellt, ja mehr noch: Als einzigem Truppenführer war es ihm gelungen, mit seinem Armeekorps bei San Martino am 24. Juni den ganzen Tag seine Stellungen auf dem rechten Flügel der Armee gegen die Piemontesen zu verteidigen und damit Österreichs Waffenehre halbwegs zu bewahren. Euphorisiert sprach die heimische Presse von einem „neuen Radetzky“ und die Stadt Wien ernannte Benedek wie zuvor schon den greisen Feldmarschall zu ihrem Ehrenbürger. Nur vereinzelt waren in der allgemeinen Zustimmung auch nüchternere Kommentare zu vernehmen, die etwa kritisierten, dass Benedek nicht wenigstens mit Teilen seines Armeekorps dem bedrängten österreichischen Zentrum bei Solferino zu Hilfe gekommen sei.82 Zeitgenossen wie der spätere Feldzeugmeister Anton Mollinary von Monte Pastelli übersahen auch nicht, dass Benedek nur wenig auf taktische Übungen hielt und sich schon zufrieden zeigte, wenn nur bei einer Parade die Abteilungen gut geschlossen und gut gerichtet vorbeimarschierten.83
Nun folgte der 56-jährige General, der schon um seinen Abschied gebeten hatte, seinem Lehrmeister Heß in der Führung des Generalquartiermeisterstabes und übernahm außerdem in Personalunion das Oberkommando in Italien. Schlimmer noch als die unerwartete Niederlage und der Verlust einer notorisch unruhigen Provinz waren jedoch die falschen taktischen Schlüsse, die vor allem der Kaiser aus dem unglücklichen Verlauf des Feldzuges zog. Besonders imponiert hatte Franz Joseph der Angriffsgeist der französischen Bataillone, die bei Solferino das österreichische Infanteriefeuer einfach unterlaufen hatten, um dann auf kurze Distanz im Bajonettangriff zum Erfolg zu kommen. Der schockartige Angriff der dicht geschlossenen Bataillonskolonne galt dem Kaiser seither als Schlüssel zum Erfolg. Waren bislang die sechs Kompanien eines österreichischen Bataillons in zwei deutlich getrennten Kolonnen formiert gewesen, so forderte das neue Infanteriereglement jetzt nach französischem Vorbild eine Verringerung der Kolonnenabstände von 50 auf nur mehr drei Schritt. Das Reglement schrieb sogar vor, selbst in der Verteidigung möglichst die eigene Stellung aufzugeben und von Waldrändern oder von Hügelkämmen hinab den Gegner mit dem Bajonett zu attackieren.84 Niemand mochte dieser vom Kaiser selbst gebilligten Änderung widersprechen, zumal schließlich auch die österreichischen Erfolge während des Feldzugs gegen Dänemark im Frühjahr 1864 die Zweckmäßigkeit seiner Ansichten zu bestätigen schienen. Gleich in den beiden Gefechten von Schleswig und Översee überrannte Anfang Februar eine österreichische Infanterie brigade die verschanzten Dänen im Frontalangriff. Dass eine geschickte Umgehung der dänischen Stellung bei Översee den Feind möglicherweise daran gehindert hätte, sich auf die Insel Alsen zurückzuziehen, störte offenbar nicht. Die Armeeführung zeigte sich vielmehr äußerst befriedigt, dass es tatsächlich zum Bajonettkampf gekommen war. Die hohen Verluste nahm sie in Kauf. Noch in einem dritten Gefecht beim jütländischen Veile schien sich am 8. März die aus dem Feldzug von 1859 abgeleitete „Stoßtaktik“ vollends bewährt zu haben.85 Die schönen Erfolge trübten den Blick, klagte etwa Feldzeugmeister Mollinary im Rückblick: „Das Drauflosgehen unserer tapferen ‚schwarz-gelben Brigade‘ wurde zur nationalen Kriegstaktik empor gelobt und bejubelt.“86 Dabei hätte schon der Verlauf eines anderen kleinen Gefechts die Österreicher nachdenklich stimmen müssen. Am 3. Juli 1864 dezimierte eine einzelne preußische Kompanie vor dem Lim-Fjord bei Lundby einen doppelt so starken und in Kolonne angreifenden Gegner innerhalb von 20 Minuten. Trotz eines Verlustes von fast 90 Mann kamen die Dänen nicht einmal in die Nähe der Verteidiger. Die Wunderwaffe, die diesen Erfolg ermöglicht hatte, war das Zündnadelgewehr.87 Tatsächlich hatte das habsburgische Armeeoberkommando die Einführung des neuartigen Hinterladers seit den 1850er-Jahren mehrfach erwogen, zuletzt noch 1865, als sogar eine österreichische Kommission die Spandauer Gewehrfabrik besuchte. Letztlich aber fanden sich durchaus triftige Gründe, alles beim Alten zu belassen. So sorgte man sich etwa um den hohen Munitionsverbrauch, beanstandete die mechanische Anfälligkeit der preußischen Waffe und glaubte zuletzt auch, dass die Ruhe und Besonnenheit, die ein hinhaltendes Feuergefecht aus einer gedeckten Stellung erforderte, nicht der Mentalität des österreichischen Soldaten entspräche.88 Kurz, hinsichtlich der Infanterietaktik steckte das Armeeoberkommando in einer konzeptionellen Sackgasse.
Darmowy fragment się skończył.