Czytaj książkę: «Der Frankfurter Spekulant»

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Der Autor

Klaus Barski, einer der von ganz unten kommt (Arbeiterfamilie, keine Schulbildung, Arbeitsbeginn mit 13 Jahren), schaffte mit harter Arbeit und gesundem Geschäftsinstinkt den Aufstieg vom Volksschüler und Sozialhilfeempfänger zum millionenschweren Immobilienkaufmann und Schriftsteller.

In all seinen Romanen schildert er mitreißend, schonungslos und doch immer mit einem selbstironischen Augenzwinkern knallharte, oftmals abenteuerliche Erfahrungen, wie sie ihm auch auf seinem Lebensweg in ähnlicher Weise widerfahren sind. Klaus Barski ist dementsprechend natürlich kein Leisetreter. Gerne erzeugt der Werbeprofi Aufsehen. So als er anlässlich der Veröffentlichung seines Romans Der deutsche Konsul medienwirksam echte und gefälschte Dollars aus dem Fenster warf. Oder als er mit Luxuslimousine im Frankfurter Café Schwille aufkreuzte um seinen Ozelot an einer Eisenkette auszuführen – Klaus Barski: eben ein echter (Erfahrungs-)Millionär mit Tick und Charme.

Bibliografie

Der Frankfurter Spekulant (1999) •

Der Loser (2000) •

Der deutsche Konsul (2001) •

Exil Ibiza (2003) •

Lebenslänglich Côte d’Azur (2005) •

Blut-Zeitung (2008) •

Prügel für den Hausbesitzer (2012) •

Sweet Florida Keys (2014) •

Klaus Barski

Der Frankfurter Spekulant

Abenteuerroman



1. Jöricke, Frank:

Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage

Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2007

ISBN 978-3-932927-33-1 / gebundene Ausgabe

ISBN 978-3-932927-36-2 / Broschur-Ausgabe

eISBN 978-3-932927-53-9 (epub)

2. Barski, Klaus:

Prügel für den Hausbesitzer

Tatsachenroman eines Immobilienspekulanten

Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2012

ISBN 978-3-932927-48-5

eISBN 978-3-932927-52-2 (epub)

3. Barski, Klaus:

Sweet Florida Keys. Abenteuerroman

Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2014

ISBN 978-3-932927-78-2

eISBN 978-3-932927-89-8 (epub)

4. Barski, Klaus:

Der Frankfurter Spekulant. Abenteuerroman

Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2015

ISBN 978-3-932927-92-8 (epub)

ISBN 978-3-932927-92-8

1. Auflage 2015

© SOLIBRO® Verlag, Münster 2015

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Wolfgang Neumann

Coverfoto: privat

Fotos des Autors: S. 2: privat

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INHALT

Der Autor

Florida Days

Frankfurt

Bremen

Paris

Oldenburg

Frankfurt II

Saalmünster

Frankfurt III

Ibiza

Everglades-Paradise

Florida Days

Verlagsanzeigen

FLORIDA DAYS

Wenn ich mit meinem Rolls Royce beim Colonial Paradise Club vorfahre, denken nicht nur die staunenden Touristen: Da kommt der King! Mit einem gutmütigen Grinsen grüße ich die uniformierten Wachmänner, die die Spreu vom Weizen trennen, die In-Leute von den Armleuchtern. Sie stehen stramm wie Soldaten und nicken mir mit ihren tropenhelm-bedeckten Köpfen ehrfürchtig zu. Ich tippe mit der rechten Fußspitze leicht auf das Gaspedal, und der tonnenschwere, goldbraune Rolls gleitet fast lautlos mit seiner glitzernden Chromschnauze auf den Golf von Mexico zu.

Valet-Parking. Eifrig öffnet uns der Einparker die Tür und grüßt untertänig. Kostet 5 Dollar Trinkgeld. Dann schreiten wir hinein, in den teuersten Strandspielplatz der Westküste Floridas. Happy hour: Die betuchten und gelangweilten Müßiggänger sitzen an einer endlos langen Bar und trinken Whiskey-Sour oder einen exotischen Zombie-Cocktail aus langstieligen Gläsern mit viel Eis, dekoriert mit Früchtescheiben und bunten Strohhalmen.

Millionenschwere Börsen- oder Häuserspekulanten, halbseidene Bankiers und wohlhabende Ärzte, verlebte Filmproduzenten, Leute aus dem Showgeschäft, Gangster mit koksentgleisten Zügen und goldbehangene Gigolos – vor dem Club parken ihre Angeberkarossen: elegante Bentleys und Jaguars, rasante Ferraris, Porsches und Mercedes-Cabrios, gigantische Stretchlimousinen mit Chauffeur und Video-Anlage.

Ich gehöre dazu, und ich trage, wie alle anderen, am linken Handgelenk meine diamantenbesetzte Rolex. Wir sprechen wie immer über die gute, alte Zeit, als in Florida Häuser und Grundstücke billig waren und der Dow Jones unter 2000 lag. Und wir sind immer noch am Spekulieren und treiben die Preise weiter in die Höhe.

Vor der Bar rollen die Wellen unablässig an den Strand und werfen, weil die letzten Tage sehr stürmisch waren, die seltensten Muscheln auf den Sand. Die glücklichen „Ahs“ und „Ohs“ der fündigen Muschelsammler hört man durch die dunklen, dämpfenden Glasscheiben hindurch.

Eine Gruppe Pelikane belagert den einzigen Angler auf dem Pier, der ihnen hin und wieder einen kleinen Fisch zuwirft.

Ich trinke Becks Bier und Jean einen violetten Strawberrry-Daiquiri. Die Palmen wanken leicht vor einer heranziehenden Gewitterfront und aus den Lautsprechern kommt gedämpfte, klassische Musik. Die großen mexikanischen Propeller der Deckenventilatoren brummen leise, und der Barmann mit Fliege und enger grauer Weste sortiert die Gläser, schneidet Limonen- und dünne Orangenscheiben zurecht und ordnet die Happy-Hour-Appetizer.

Ich blicke hinaus auf die blaugrünen, mit leichten Schaumkronen besetzten Wellen und denke darüber nach, wie alles angefangen hat – damals …

FRANKFURT

Mitten in der Nacht kamen wir 1967 auf einem Möbelwagen in Frankfurt am Main an. Ich, Adolf Bartels, 25 Jahre alt, Pleite-Kaufmann, und meine Frau Jean, ferner unsere Sammlung antiker Bauernmöbel aus besseren Zeiten und ein Aktenkoffer voll offener Rechnungen. Das war eine beschissene Situation, denn unsere Schulden betrugen zu diesem Zeitpunkt mehr als 30.000 Mark. Aber es war nicht das erste Mal, daß ich ganz unten war. Es hatte in meinem Leben zahlreiche Höhen und Tiefen gegeben.

Ein paar Tage vorher hatte ich mittels Sozialhilfe unsere neue Bleibe, eine heruntergekommene Altbauwohnung in Frankfurt-Bornheim, gemietet. Unser Wagen, ein klappriges, feuerrotes Sunbeam-Cabrio, war dort schon vor längerem abgestellt worden, weil wir Angst vor einer Pfändung hatten und keiner diese neue Adresse kannte. Um ein Uhr nachts waren wir dann, völlig durchgeschwitzt, eingezogen. Wir hatten es geschafft! Der Versuch, uns selbständig zu machen, war zwar gescheitert, aber der Ort mit unserer Pleite gegangenen Werbeagentur lag hinter uns. Wir waren wieder in Frankfurt, der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten für Deutschlands Habenichtse.

Die Wohnung war deprimierend. Sie befand sich im dritten Hinterhof, im Erdgeschoß. Direkt vor dem Wohnzimmerfenster prangte eine hohe Mauer aus Ziegelsteinen. Es war so dunkel in der Wohnung, daß wir sogar am Tag das Licht einschalten mußten. Aufgrund der schlechten Wohnverhältnisse wurde das Haus sonst nur von Türken bewohnt. Aber bei den überall üblichen hohen Kautionen blieb uns keine andere Wahl. Trotzdem waren wir gut gelaunt; wir hatten den jugendlichen Glauben an eine bessere Zukunft – von jetzt an konnte es nur noch aufwärts gehen.

Als wir am nächsten Morgen aufstanden und unsere besten Klamotten anzogen, waren wir in Hochstimmung. Nach dem ruhigen Leben auf dem Dorf freuten wir uns auf die Großstadt. Kaufhausbummel, Cafés, Kinos, Kneipen, Antiquitätengeschäfte und Museen – das alles hatten wir vermißt und jetzt endlich wiedergewonnen.

„Wie bezahlen wir die 30.000 Mark Schulden?“ fragte mich Jean, als wir durch Bornheim bummelten.

„Weiß der Henker“, erwiderte ich und dachte einen Moment über unsere triste Lage nach.

„Das schaukeln wir schon. In einer internationalen Geschäftsstadt wie Frankfurt läßt sich immer irgendwie Geld auftreiben.“

Als wir in die Berger Straße einbogen, hörten wir jemanden „He Adi!“ rufen. Vor uns stand Heinz Dreckmann, ein Bekannter aus früheren Tagen. „Heinz! Immer noch in Frankfurt?“ fragte ich lächelnd, als wir uns gegenseitig auf die Schultern klopften.

„Was machen die Geschäfte?“

Er war von Beruf Grafiker, Dekorateur, Schriftenmaler und Anstreicher, je nach Auftragseingang. Ein kleiner, aber drahtiger Körper, überdimensionierte getönte Brille und immer ein weißes Hemd mit Fliege – das war Heinz, der große Schaumschläger. „Ich lade Euch zum Essen ein“, sagte er großspurig.

Gerade das hatten wir nötig.

„Gehen wir ins Bilka. Die haben heute den 99-Pfennig-Erbseneintopf“, ergänzte er.

Wir bummelten zu dritt zum Kaufhaus. Während wir aßen, erzählte jeder dem anderen von seiner beschissenen Lage. Großzügig zahlte Heinz die Zeche, obwohl er, wie wir jetzt wußten, ebenfalls pleite war.

„Habt Ihr heute frei?“ fragte Heinz.

„Ja. Komm, fahren wir in die City und trinken einen Kaffee bei Schwille“, schlug ich vor.

Es war Freitag. Im Café Schwille, dem bekannten Tagestreffpunkt, wartete ich auf das Erscheinen der Abendausgabe der Frankfurter Rundschau, um die Stellenangebote zu studieren und nach meiner Kfz-Verkaufsanzeige zu suchen. Mit dem Geld vom Verkauf unseres Sunbeams hoffte ich unsere Finanzen zu regeln.

Wir unterhielten uns über die alten Zeiten und fühlten uns großartig in der langentbehrten Großstadtatmosphäre.

Dann fuhren wir mit der Straßenbahn zur Wohnung zurück; dort wartete bereits ein Kaufinteressent. In einer Viertelstunde hatten wir den Wagen verkauft.

Am folgenden Montag eröffneten wir ein Konto und zahlten das Geld ein. Dann machten wir uns an die Arbeit und schrieben all unseren Gläubigern den gleichen herzzerreißenden Brief. Jeder bekam einen kleinen Scheck und das Angebot, daß wir den Rest in Monatsraten zahlen würden. Tatsächlich erhielten wir in den folgenden Tagen von allen Gläubigern eine positive Antwort. Wir hatten Zeit gewonnen.

Das Jahr ging langsam zu Ende und seit drei Wochen schon studierte ich die Stellenanzeigen. Mein Arbeitslosengeld reichte nicht aus, und ich mußte endlich handeln. Ich träumte von einer ruhmvollen Karriere als Manager in Handel oder Industrie.

Dann sah ich die Anzeige. Kanadas größter Nähmaschinenhersteller Ontario Sewing Machine Company suchte einen Schulungsleiter. Das war etwas für mich!

Dr. Hoffmann, der Vertriebsdirektor der Firma, war ein gemütlicher, dickbäuchiger Mann. Er empfing mich mit Begeisterung, weil ich ihm am Telefon ein kreatives Verkaufsgespräch hingelegt hatte, nach dem er schon glaubte, nicht mehr ohne mich auskommen zu können.

„Dem neuen Schulungsleiter sind drei Bereiche unterstellt: Verkaufsförderung, Verkäuferschulung und das Schulgeschäft“, fing er an. „Das bedeutet die Erstellung von verkaufsförderndem Material, zum Beispiel Gebrauchsanweisungen, Verkaufstrainingsunterlagen und Verkäuferwettbewerbe.“ Er nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, faltete die Hände zusammen und fuhr fort: „Die Schulung der Verkäufer erfolgt durch Schulungsinfos und zwei Verkaufstrainer, die laufend mit neuen Unterlagen ausgerüstet werden müssen. Dazu gehören …“ – dann redete er fast eine Stunde ohne Pause.

Mir schwirrte der Schädel von den vielen Marketingphrasen, aber ich nickte begeistert.

Dann zeigte er mir die Unterlagen, die bisher von der Schulungsabteilung erarbeitet worden waren und sagte: „Auf dem deutschen Markt ist die Singer-Nähmaschine zur Zeit die Nummer eins. Aber das wird sich bald ändern.“

Feierlich schloß er einen Schrank auf und holte eine Nähmaschine heraus.

„Unser Kampfmodell, die neue SuperSew 2000. Vergleichbare Maschinen der Konkurrenz kosten das Doppelte“, sagte er so stolz, als hätte er sie persönlich erfunden. „In zwei Monaten kommt sie auf den Markt.“

Noch einmal mimte ich Begeisterung und wurde eingestellt.

An meinem ersten Arbeitstag betrat ich erwartungsvoll das Marketingbüro. Ja, ich wollte den Erfolg, den totalen Erfolg! Als Grundlage sollte mir die Erfahrung dienen, die ich hier in dieser Weltfirma sammeln würde. Dr. Hoffmann übergab mir mein Büro.

„Ein angenehmes Arbeitszimmer mit Blick auf die Allee“, sagte er.

„Sehr schick“, dachte ich, als ich es betrat. Es war mit einem beigefarbenen Teppichboden, einem Schreibtisch aus Edelholz und einem weichen Sessel mit Armlehnen und Rädern eingerichtet. Der Sessel gefiel mir besonders, weil er für mich der Inbegriff eines Topmanager-Sessels war.

Dann machte Dr. Hoffmann mich mit meiner Sekretärin Fräulein Heine sowie den mir unterstellten Angestellten und den zwei Verkaufstrainern bekannt. Das waren clevere Jungs, die es galt in Schach zu halten.

Ich stürzte mich in die Arbeit, entwickelte Verkaufsförderungsprogramme und einen Jahreseinsatzplan, sichtete Aktionen der vergangenen Jahre und sprach meine neuen Ideen mit den Mitarbeitern durch.

Ehe ich mich versah, war ich ein stinknormaler 8-Stunden-Arbeitstag-Mann geworden. Die Monate vergingen, und ich wurde immer unzufriedener. Ein Grund war das Monatseinkommen. Für eine schöne Zweizimmerwohnung in der City, einen Mittelklassewagen, zweimal Urlaub im Jahr, gepflegte Kleidung und einmal pro Woche gut Essengehen reichte das Einkommen vorne und hinten nicht.

Hinzu kam, daß ich mit 25 Jahren relativ jung für meinen Job war. Die nächst höhere Position eines Marketingdirektors hätte noch einige Jahre harte, sehr harte Arbeit und eine Portion Glück bedeutet.

In unserer Freizeit verkehrten Jean und ich im Viertel rund um die Freßgaß'. Hier gab es damals viele interessante Kneipen, die heutigen Schickerialäden existierten noch nicht. Wir verbrachten unsere Abende im Jazzhaus, im Club Voltaire oder in Weils Bodega, um Frikas mit Knoblauchcreme zu essen. Unseren Kaffee aber tranken wir immer im Schwille.

Hier traf sich alles, was bunt und schillernd war: Geschäftemacher, Hochstapler, Hasardeure, Protzer, Tagträumer – und auch ganz normale Leute, um den guten Kaffee und die köstlichen Kuchen zu genießen.

Die Stammgäste saßen immer vorn am großen Fenster. Viele trugen modische Klamotten und teure Uhren. Sie parkten ihre Angeberwagen mit Vorliebe direkt vor dem Caféhaus.

Diese in meinen Augen erfolgreichen Leute zogen mich an wie ein Magnet. Ich bewunderte sie! Sie schmissen mit dem Geld nur so herum, sprachen von gewinnträchtigen Geschäften, starken Frauen und schnellen Autos. Während ich mich nur eine Viertelstunde aus dem Büro davonstehlen konnte, saßen sie den ganzen Tag gemütlich an den Cafétischen und taten gar nichts.

Als ich einmal wagte, mich zu ihnen zu setzen, schaute mich einer von ihnen, ein VW-Cabrio-Fahrer im taubengrauen Anzug, entrüstet an. Dann deutete er nach hinten und sagte arrogant: „Hier ist alles reserviert. Mach die Mücke!“

Die anderen unterbrachen eine Sekunde lang ihre Unterhaltung. Man musterte mich verächtlich, als ob ich das letzte Arschloch sei, und diskutierte dann weiter.

Verdattert ging ich nach hinten, wo ich das bekannte Gesicht von Heinz Dreckmann erblickte. Er saß allein an einem Tisch und stocherte in einer Sahnetorte herum.

„Da vorne sitzt nur die Prominenz“, scherzte er und zog mich auf den Nebenstuhl.

„Ganz unangenehme Burschen“, sagte ich verärgert.

„Bei denen zählt nur die Kohle“, sagte er. „Da mußte mit 'nem Porsche vorfahren und einen Dreikaräter am kleinen Finger tragen.“

„Was sind das für Leute?“

„Der, der Dich weggeekelt hat, ist Meier, ein mittlerer Versicherungsangestellter.“ Er lächelte mit saurer Miene. „Links neben ihm, der kräftige Typ, ist Wilhelm Weich. War mal Boxer, ist nun Makler. Wenn Du dem die Hand gibst, dann mußte anschließend Deine Finger nachzählen, so 'ne Type ist das. Macht viel Geld und fährt ein neues Mercedes Coupé.“

Beeindruckt nickte ich mit dem Kopf.

„Der mit der Hornbrille ist Telly Goldstein, ein Architekt aus Tel Aviv und von Beruf Sohn. Er fährt 'nen roten Alfa und sein Vater besitzt Häuser im Bahnhofsviertel.“

Eine Kellnerin kam. Ich bestellte mir ein Kännchen Kaffee und hörte weiter interessiert zu.

„Der Blonde am Tisch, mit dem Rücken zu uns, ist der Baron von Bauerberg. Ein netter Typ, ein echter Baron. Sie nennen ihn Money, weil er nie Geld hat und davon träumt, durch Mauschelgeschäfte reich zu werden.“

Während Heinz sprach, hielt ein roter Jaguar vor dem Schwille. Ein schlanker Mann mit langen, gepflegten Haaren und einem blasierten Gesichtszug stieg aus. Er kam ins Café und setzte sich zur Prominenz, die ihn respektvoll begrüßte.

„Das ist Schulz, der Sklavenhändler aus Bremen“, flüsterte Heinz.“ Der macht jede Menge Kies mit Leiharbeitern, die er schwarz beschäftigt. Offiziell hat er eine richtige Zeitarbeitsfirma am Hauptbahnhof.“

Schulz setzte sich ans Ende der Gruppe, direkt unter die freischwebende Elementtreppe.

Heinz grinste wissend.

„Das ist ein Genießer. Da gehen immer die Schnallen zum Damenklo hoch.“

„Bei den Miniröcken heutzutage ist das eh egal“, bemerkte ich.

„Haste auch wieder recht.“

Er deutete nach vorn. Ein gut aussehender Dressmantyp kam herein und begrüßte die Prominenz.

„Mike von Habenberg, der Sprudelautomatenvertreter“, sagte er.

„Der will ganz nach oben und mit den großen Hunden pinkeln gehen. Dafür ist er bereit, seine Seele zu verkaufen. Trotzdem, er ist in Ordnung. Er hat es eigentlich nicht nötig, das Äffchen zu machen.“

„Heinz, Du kennst dich hier aus wie kein anderer!“

Er zuckte mit den Schultern.

„Na, ich gehöre auch zu den vielen hier, die es denen da vorne einmal zeigen möchten. Ich hab' ja auch 'ne Spitzenidee. Ich brauche nur noch den Finanzier, der bei mir einsteigt.“

„Was willst Du machen?“

„Eine Fernsehzeitschrift.“

„Aber es gibt jede Menge, Hörzu, TV-Hören und Sehen …“

„Die erscheinen wöchentlich. Ich mach' was Neues, meine wird alle 14 Tage erscheinen.“

Ich schaute ihn mitleidig an.

„Es kostet Millionen, eine Fernsehzeitschrift in Deutschland auf den Markt zu bringen. Heinz, das ist zu groß für Leute wie uns“, sagte ich und stand auf.

„Muß zurück ins Büro. Junge, ich wünsch' Dir was.“

Ich legte das Geld für unseren Kaffee auf den Tisch und ging. Als ich bei der Prominenz vorbeikam, guckte keiner von ihnen auf. Für sie war ich eine Null.

Kurze Zeit später las ich folgende Anzeige in der Wochenendausgabe der Rundschau:

„Gepflegte 3-Zimmer-Altbau-Eigentumswohnung.

Zum Preis von nur 99.000 Mark!

Bei 10% Eigenkapital finanziert unsere

Hausbank den Rest.“

„Jean, schau Dir diese Anzeige an“, sagte ich. „Schon mit 9.900 Mark könnten wir die Wohnung kaufen. Das ist fast so billig wie mieten.“

„Stell Dir vor, wir wären Eigentümer“, sagte sie schwärmerisch. „Aber haben wir genug Geld?“

„Ooh, ich glaube schon, daß wir es zusammenkriegen könnten“, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, woher.

Am Sonntag fuhren wir aus Spaß zur Besichtigung. Vor dem Haus parkte ein weißes Mercedes-Coupé, das mir bekannt vorkam.

Als wir zur Haustür gingen, rief jemand aus dem offenen Fenster des Autos: „Kommen Sie wegen der Eigentumswohnung?“

„Ja“, antwortete ich und erkannte ihn sofort: Wilhelm Weich, den Makler vom Café Schwille.

Während er seine Verkaufsunterlagen zusammenpackte, betrachtete ich die Fassade. Das Haus hatte 7 Stockwerke mit je zwei 3-Zimmer-Wohnungen. Das waren 14 Wohnungen. Gebaut in der Gründerzeit, hatte es eine rote Sandsteinfassade mit schöner Außenstukkatur.

Weich stieg aus. Er trug einen blauen Blazer und weiße Jeans. Mit seinem Stiernacken und der leicht lädierten Nase sah er noch immer wie ein Boxer aus, lediglich etwas dicklicher und sonnengebräunt. Und er hatte bereits das freche Siegerlächeln der Erfolgreichen.

„Guten Tag. Mein Name ist Weich“, er reichte mir charmant lächelnd seine Hand. „Ich bin der Besitzer des Gebäudes.“

Dann musterte er mich und sagte: „Ich glaube, wir kennen uns schon. Verkehren Sie nicht ab und zu im Schwille?“

Ich nickte.

„Mein Name ist Bartels, das ist meine Frau Jean“, stellte ich sie vor.

Wir schüttelten uns die Hände, und er schloß die Haustür auf.

„Dieses Frankfurter Patrizierhaus habe ich im vergangenen Jahr erworben“, erklärte er, als wir die erste Erdgeschoßwohnung betraten. „Ich habe ein Vermögen reingesteckt für eine neue, edle Fassade. Die Wohnungen haben alle ein neues Bad bekommen. Alles ist neu tapeziert und mit wertvollen Bodenbelägen ausgestattet.“

Er strich mit der Hand über die renovierte Tür.

„Diese Wohnung kostet nur 99.000 Mark. Vergleichen Sie diese solide Handwerksarbeit mit den neuen Eigentumswohnungen in den Außenbezirken, die kosten das Zweifache, und Sie kriegen nur billige Sperrholztüren und Auslegware miesester Qualität.

Und wenn Sie in die City wollen, müssen Sie eine Stunde Autofahrt rechnen. Hier sparen Sie den Zweitwagen ein.“

Er war ein guter Verkäufer. Das imponierte mir. Seine Sprüche von der Patrizierwohnung und der soliden Handwerksarbeit waren nicht schlecht.

Ich schaute mich um. Alles sah propper aus, aber es war nicht allzuviel gemacht worden. Die alten Fenster und Türen waren noch drin. Die Tapeten und Teppichböden waren zwar neu, aber es war, alles in allem, nur eine billige Einfachrenovierung.

„Die Wohnungen vom ersten bis zum sechsten Stock kosten etwas mehr, weil sie große Balkons haben“, sagte Weich, als wir höher stiegen. Ich rechnete aus, daß Weich für seine 14 Wohnungen cirka 1,5 Millionen bekommen würde. Gekauft hatte er das Haus für vielleicht 300.000 Mark und ungefähr die gleiche Summe investiert. Das macht einen Gewinn von 900.000 Mark. Ein phantastisches Geschäft!

Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, was ich in Zukunft tun wollte. Mir wurde ganz warm ums Herz, und ich fühlte mich schwindelig. War ich endlich auf der heißen Spur der Erfolgsleiter?

Wir kamen im sechsten Stock an. Auch dort schauten wir in die Wohnungen. Dann kam mir die Idee – die simple Idee, mit der alles anfing …

„Herr Weich, was passiert mit dem Dachboden?“ fragte ich und schritt bereits die Treppe weiter hoch.

„Der richtige Dachboden liegt noch eins drüber“, informierte mich Weich. „In diesem Geschoß waren kleine Zimmer für die Dienstboten. Im Moment ist es in einem furchtbaren Zustand, mit schrägen Wänden und unpraktischen Nischen. Das baue ich im nächsten Jahr aus.“

„Darf ich reinschauen?“ fragte ich ihn.

„Gerne, aber seien Sie nicht zu schockiert. Es sind halt vergammelte Räume. Das Dach ist allerdings dicht und in gutem Zustand.“

Ich guckte hinein. Es sah gruselig aus: uralte Dachverschläge, fast verrottet und voller Gerümpel. Aber es waren 150 qm Fläche.

„Würden Sie mir das Dachgeschoß im jetzigen Zustand zum Sonderpreis verkaufen, Herr Weich?“

Weich war überrascht. Einen Moment dachte er nach, dann fragte er mit einem Pokergesicht: „Was würden Sie bieten?“

„50.000 cash down.“

Jean sah mich erschrocken an.

„Willst Du das nicht nochmal in Ruhe überlegen“, stammelte sie bestürzt über meinen Leichtsinn.

„Nein“, sagte ich todernst. „Herr Weich, Sie haben mein Angebot.“

„Ich muß das in Ruhe durchdenken. Ich rufe Sie morgen im Büro an, Herr Bartels. Einverstanden?“

Ich nickte, gab ihm meine Karte und wir verabschiedeten uns. Jean schimpfte los, als wir aus dem Haus waren.

„Du bist wahnsinnig, Adi! Wie kannst Du soviel Geld für den verrotteten Dachboden bieten. Oh Gott, Du weißt, wir haben nur 4.000 Mark auf der Bank.“

Ich gab ihr einen Kuß und streichelte sie.

„Jean, das rechne ich Dir zuhause vor“, erklärte ich. „Du glaubst nicht, was für Ideen mir bei dem Typen eingefallen sind. Wir werden die gleiche Art von Geschäft machen wie er. Nur zwei Nummern kleiner.“

In unserer Wohnung angekommen, stürzte ich wie ein Besessener an meinen Schreibtisch und fing mit dem Zeichnen an. Bis in den späten Abend hinein rechnete ich herum. Als ich mir über meinen Entschluß im klaren war, setzte ich mich zu Jean ins Wohnzimmer und schenkte uns einen doppelten Scotch ein. Dann zeigte ich ihr meine Zeichnungen.

„Aus dem Dachgeschoß könnte ich drei 2-Zimmer-Wohnungen machen“, sagte ich.

„Paß auf, wir leihen uns das Geld von der Bank. Wir bauen die erste 2-Zimmer-Wohnung aus und ziehen ein. In dem Moment haben wir die Sache schon geschaukelt, weil die ersparte Wohnungsmiete die Hypothek bezahlt.“

Jean hörte mir verwirrt zu.

„Dann machen wir weiter und ziehen Trennwände in die restlichen Räume und verkaufen eine Wohnung zum Selbstausbau. Das verschafft uns genug Geld für den Ausbau der dritten.“

Sie nickte zaghaft und sagte: „Okay, wenn Du glaubst, daß Du es finanziell packst, bin ich einverstanden.“

Sie umarmte mich und flüsterte: „Wer nichts im Leben riskiert, kommt zu nichts. Machen wir's halt.“

Am nächsten Tag rief mich Weich an. Er versuchte, den Preis um 10.000 Mark hochzudrücken. Ich lehnte ab. Zwei Stunden später rief ich bei ihm an, und wir einigten uns auf die Hälfte. Das gesamte Geld, das wir auf der Bank hatten, einschließlich genehmigtem Banküberzug deckte gerade die Anzahlung beim Notartermin. Der Rest war sechs Wochen später fällig, wegen der Bankfinanzierung.

„Allerdings müssen Sie zu mir ins Büro kommen, um den Vorvertrag zu unterzeichnen. Eine reine Formsache“, meinte Weich.

„Wissen Sie, auf dem Papier gehört das Haus meiner Frau. Sie hat meine Immobilienfirma EIWO beauftragt, die Wohnungen zu verkaufen. Wegen der Banken allerdings, die alles finanziert haben, darf ich nur verkaufen, wenn ich was Schriftliches habe. Wie wäre es morgen um elf?“

„Ich verstehe“, sagte ich. „Gut, bis morgen.“

Ich war sehr nervös. Es ging um viel Geld und unsere Zukunft. In der Nacht wachte ich zweimal auf und dachte erschrocken darüber nach. Aber pünktlich zum Termin erschien ich am nächsten Tag in Weichs pompösen Büro an der Hauptwache. Er präsentierte mir einen dreiseitigen „Kaufauftrag“.

Ich überflog die wichtigsten Eintragungen. Eigentlich war alles klar. Für die vielen Klauseln auf der Rückseite hätte ich allerdings einen Anwalt gebraucht. Ich wollte nicht unerfahren wirken – ich unterschrieb.

„Fein“, sagte Weich zu mir.

„98% aller Millionäre haben so angefangen wie Sie, Herr Bartels. Grundbesitz ist das einzige auf der Welt, das sich nicht vermehren läßt. Und er ist die sicherste Anlage“, er klopfte mir wohlwollend auf die Schulter.

„Wenn Sie aus dem Dachgeschoß ein paar vernünftige Wohnungen machen, können Sie sie in zwei Jahren mit sicherem Profit verkaufen.“

„Warum erst in zwei Jahren?“ fragte ich.

„Dann ist der Zugewinn steuerfrei. Selbst wenn er in die Millionen geht.“

Weich lächelte über soviel Unwissenheit.

Benommen trat ich wieder auf die Straße. Das war ein Spitzengeschäft! Fast risikolos und sogar steuerfrei. Kein Wunder, daß die Hausbesitzer im Westend gigantische Vermögen zusammenraffen konnten. Eines war mir nun klar: Die große Asche wird mit Immobilien gemacht!

Vom Büro aus rief ich die Zeitung an und inserierte meine Bauernantiquitäten. Jetzt brauchte ich Geld, viel Geld. Als ich ernsthaft darüber nachdachte, geriet ich wieder in Panik. Was würde passieren, sollte ich keine Bank finden, die mir das Geld leiht? Ich rief Heinz an.

„Mach Dich nicht verrückt, Adi. Du hast einen guten Job und die Immobilie ist Deine Sicherheit. Da sehe ich keinerlei Schwierigkeiten. Wichtig ist nur, daß Du 'nen Spitzenplan machst. Demonstriere der Bank ruhig, daß die Bude eigentlich 'ne Viertelmillion wert ist. Wenn der Bericht steht, besorge ich Dir einen Schätzer. Den mußte ein bißchen schmieren und dann gibt er Dir eine Schätzung von zweihundert bis dreihunderttausend Märker.“

Dieses Insiderwissen hätte ich Heinz nicht zugetraut.

„Woher weißt Du das alles?“ fragte ich ihn.

„Der Klaus vom Mercedesladen an der Bornheimer Landstraße ist ein alter Freund vom Weich. Die haben früher im gleichen Club geboxt. Als ich mir den Heckflossen-Daimler bei ihm gekauft habe, haben wir uns über Weichs Aufstieg unterhalten. Er hat erst vor zwei Jahren damit angefangen und scheint auf 'ne Goldader gestoßen zu sein: die Umwandlung von alten Mietshäusern in Eigentumswohnungen.“

Fasziniert fragte ich weiter: „Aber da braucht man Unmengen von Bargeld. Woher hat er das?“

„Nicht der Weich“, meinte Heinz. „Das ist ein stadtbekannter Zocker. Der kauft Mietshäuser ohne einen Pfennig Cash und verkauft sie sofort weiter gegen eine saftige Vorauszahlung.“

Ich bedankte mich, legte auf und fing sofort an, Etagenpläne zu zeichnen und entwarf mein Konzept für die Bank. Ein ganzer Bürotag und drei Feierabende gingen dafür drauf. Schnellstens übergab ich dann die Mappe meinem Bankfilialleiter.

„Das krieg' ich für Sie durch“, sagte er, nachdem er kurz reingeschaut hatte. „Sie können mit dem Geld rechnen.“

Zwei Wochen später gingen wir zum Notartermin. Weichs Notar Dr. Minke war eine ziemliche Persönlichkeit. Er war es so sehr, daß er uns nicht einmal die Hand gab. Er kam ruckzuck zur Sache und las uns den fertigen Vertrag vor. Dieser eingebildete Popanz war allerdings ein Experte in seinem Fach. Er bewies es dadurch, daß er bereits in dem Vertrag die Befreiung von der Grunderwerbssteuer beantragte.

„Ist das denn möglich?“ fragte ich eingeschüchtert.

„Sie kaufen verfallene Räume, die Sie wieder herrichten. Dadurch schaffen Sie Wohnraum und werden damit per Antrag von der Steuer befreit“, erklärte er ohne aufzusehen und schob uns den Vertrag rüber. Er drückte Jean einen Kugelschreiber in die Hand und deutete unter den letzten Absatz:

„Dort bitte unterschreiben. Und Ihr Gatte darunter.“

Wir machten, was er sagte. Dann unterschrieb Weich. Nun waren wir Hausbesitzer. Wenn auch nur anteilig. Aber trotzdem richtige Besitzer! Und wir waren sehr glücklich, obwohl wir uns damit viele Probleme aufgeladen hatten.

Ich besuchte unsere Druckerei am Anlagenring, um Werbematerial abzuholen. Die Firma war noch nicht mit dem Falzen fertig. Eine Stunde Zeit für einen Caféhausbesuch. Ich ging zum Schwille. Es war ein sommerlicher Vormittag. Die Sonne schien und in der Freßgaß' war Hochbetrieb. Ich kaufte eine Rundschau am Kiosk und betrat das Café.

Die Prominentenecke war voll besetzt. Telly Goldstein, Wilhelm Weich, Versicherungs-Meier und Zeitarbeit-Schulz zockten um die Frühstücksrechnung. Ich ging an ihnen vorbei zu Heinzens Stammtisch. Der unterhielt sich gerade mit Franz-Georg, dem Barmann vom Jazzhaus.

„Hallo, Leute“, sagte ich gutgelaunt und setzte mich dazu. Ich bestellte ein Kännchen Kaffee, gekochte Eier im Glas und ein Butterbrötchen. Dann las ich die Zeitung.

„Money, der Baron, hat einen riesigen Supermarkt in Friedberg gemietet“, erzählte Heinz.

„Der hat außer seinem Titel nur das Schwarze unter den Fingernägeln“, meinte Franz-Georg.

„Das ist ja der Witz. Er macht das mit Mike von Habenberg als Partner.“

„Der Mike hat auch nichts drauf“, sagte ich und trank den ersten Schluck des köstlichen Kaffees.

„Aber sie versuchen, ein großes Ding aufzuziehen. Sie haben den leeren Supermarkt zum halben Mietpreis und drei Monate lang das Rücktrittsrecht, wenn der Laden nicht läuft.“

Ich legte meine Zeitung beiseite und hörte interessiert zu.

„Sie haben mir den Auftrag gegeben, in goldenen Buchstaben Mega-Markt draufzumalen. Hab' ich gemacht, sieht Spitze aus.“

„Hast Du wenigstens Deinen Lohn gekriegt?“ Heinz grinste: „Zehn Kisten Wein.“

Franz-Georg und ich schauten ihn verständnislos an.

„Die haben doch keine müde Mark. Der ganze Deal läuft nur mit Naturalien“, erklärte er.

„Sie haben sich Briefbögen drucken lassen mit Mega-Markt und Herr Direktor drauf. Und jetzt fordern sie rund um die Uhr bei Großhändlern und Herstellern kostenlose Probeware zum Testen an. Nach dem Motto: Wenn Ihre Ware bei uns läuft, bestellen wir nach.“

„Und das funktioniert?“ fragte ich.

„Meistens. Hauptsächlich bei den kleineren Unternehmen, die es noch nötig haben. Der Laden ist schon zur Hälfte mit Ware gefüllt: vom Wein bis zum Dosenfleisch, von der Schokolade bis zur Marmelade. Tonnen von Waren haben sie reingemogelt.“

„Wie soll das weitergehen?“ fragte Franz-Georg.

„Is doch logisch. Nach den Probemonaten machen sie den Laden wieder dicht. Alles, was sie vorher verkaufen, klimpert schön in der Kasse und den Rest verhökern sie zu Dumpingpreisen.“

Jeder dachte beeindruckt darüber nach.

„Deren Nerven möchte ich haben“, dachte ich. Ich fing an, von meinem Dachgeschoß zu erzählen und hoffte, Heinz würde Interesse zeigen und sich vielleicht sogar bereit erklären, es anzuschauen. Er verstand etwas von Innenausbau.

„Ich guck' mir gerne Deine Bude an“, sagte er bereitwillig.

„Vielen Dank“, entgegnete ich erleichtert. „Ich brauche die Meinung eines Fachmannes.“

Heinz lehnte sich zurück, schaute kurz zu Weich rüber und sagte dann ernsthaft zu mir: „Mit dem Weich sollte man keine Geschäfte machen. Der ist zu clever. Da muß man Federn lassen.“

Heinz hatte recht, aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Am nächsten Tag war in der Post eine Mahnung. Sie kam von Weichs Maklerfirma – für eine Rechnung, die ich nie bekommen hatte. Sie betrug 2.750 Mark für 5% Maklergebühr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, ich hätte vom eigentlichen Besitzer gekauft.

„Scheiße“, fluchte ich.

Es war mir klar, daß auf der Rückseite von Weichs Kaufauftrag etwas über eine Maklergebühr stehen mußte. Ich rief ihn an und teilte ihm mit, daß ich mich weigere, die Gebühr zu zahlen.

„Da werden Sie ganz schön Ärger bekommen“, sagte er zynisch. „Sie haben unterschrieben.“

„Aber ich hab' den Betrag nicht miteinkalkuliert. Ich hab' ihn nicht“, jammerte ich.

„Hmm … Es gäbe eine Möglichkeit, Ihnen entgegenzukommen“, sagte er. „Ich wäre zufrieden, wenn Sie mir die Hälfte schwarz geben würden. Ohne Quittung, Sie verstehen?“

„Und in bar.“

„Ja, genau. Wann könnten Sie zahlen?“

„Wenn es sein muß, dann heute nachmittag“, seufzte ich.

„Okay, kommen Sie zu mir ins Büro“, sagte er und legte auf.

1.375 Mark in bar! Damit waren wir endgültig blank. Zum Glück war es kurz vor dem Ersten und mein Gehaltsscheck könnte schon da sein. Ich rief meine Bank an.

„Überziehen Sie ruhig und machen Sie das in den nächsten Monaten wieder glatt“, meinte mein Banker.

Zähneknirschend holte ich das Geld und brachte es Weich. Der gab mir eine Bescheinigung, daß ich von der Maklergebühr befreit sei. Mit einem Mordshaß ging ich zurück zur Arbeit.

Am selben Abend traf ich Heinz am Bau. Als wir hochgingen und ich das Dachgeschoß aufschloß, erzählte ich von Weichs Rechnung.

„Das ist ein aalglatter Lump. Da wurd'ste ganz schön gelinkt“, meinte er. „Laß bloß in Zukunft die Finger von ihm.“

Wir traten in den Flur, und ich packte meine Tasche aus. Zollstock, Papier, Bleistifte, eine Wasserwaage und zwei Dosen Bier waren drin. Das Bier war für Heinz, weil er immer bei der Arbeit was zum Schlucken brauchte. Heinz machte eine Dose auf.

„Der Bau sieht zwar vergammelt aus, ist aber trotzdem in gutem Zustand“, murmelte er und klopfte mit der Dose an die Balken.

„Solide. Der Fußboden ist auch gut“, sagte er aufmunternd zu mir. „Das Dach ist dicht. Da kommen Isoliermaterial und Nut- und Federbretter rauf. Die Zwischenwände machen wir aus Rigips und Isolierwolle.“

Nur die Fenster und Türen gefielen ihm nicht.

„Isolierfenster und Edelholztüren holen wir uns vom Baumarkt, möglichst im Sonderangebot“, meinte er.

„Langsam, Heinz. Du weißt, daß ich kaum Geld habe.“

Ich dachte nach.

„Vielleicht kann ich am Wochenende ein paar antike Bauernmöbel verkaufen. Das könnte klappen.“

„Du mußt einen Kleinkredit auftreiben. Wir werden mehr brauchen“, sagte er.

„Wenn ich mit einem Kumpel zusammenarbeiten kann, könnten wir die erste Wohnung in ungefähr acht Monaten fertig haben. Dann bauen wir die zweite Wohnung als Rohbau aus.“

Ich nickte eifrig.

„Wir können sofort anfangen. Von draußen sieht keiner, ob wir arbeiten. Und wenn die Baugenehmigung kommt, haben wir schon die Hälfte fertig.“

Wir besprachen die weiteren Details und einigten uns auf den Stundenlohn: schwarze fünfzehn Mark. Es konnte also losgehen.

Bald war ich Stammkunde in allen Baumärkten des Frankfurter Raumes. Ein Kleinkredit und der Antiquitätenverkauf hatten mich für den Anfang flüssig gemacht. In meiner knapp bemessenen Freizeit suchte ich die billigsten Rigipsplatten, Türen, Zargen und schleppte mich mit Werkzeug, Elektrozubehör und Isolierwolle ab.

Dann zogen wir endlich ein. Wir jubelten, als wir unsere eigene Wohnung betraten.

Die Wartezeit für die Steuerbefreiung war fast rum, und wir hatten die zweite Wohnung bereits fertig. In der Frankfurter Rundschau gab ich für das Wochenende folgende Anzeige auf:

Sensationelle Möglichkeit von Privat!

2-Zi.-Eigentumswohnung zum Selbstausbau.

Nur DM 49.000

Tatsächlich meldeten sich ein paar Interessenten und einer von ihnen biß an. Wir machten den Notartermin für die nächste Woche klar.

Jean und ich waren begeistert. Es war kaum zu glauben. Wir würden nicht nur den Kleinkredit, sondern auch die Hälfte der Hypothek zurückzahlen können. Außerdem hatten wir Geld für unseren weiteren Ausbau.

Mit neuem Elan bauten wir an der dritten Wohnung weiter. Die Hälfte unseres Monatseinkommens steckten wir in den Ausbau und lebten deshalb auf Dauerdiät. Zwei Tage vor Heiligabend verkauften wir die dritte Wohnung für 89.000 Mark. Abzüglich der Baukosten erzielten wir runde 50.000 Mark Profit!

Aufgrund dieses Geldsegens erfüllten wir uns einen lange gehegten Wunsch und fuhren zum Verkaufsplatz von Klaus an der Bornheimer Landstraße, um einen neuen Wagen zu kaufen. Da stand, top poliert, ein schwarzer 280er Mercedes mit hellgrauen Polstern – immer noch das neueste Modell. Er hatte allerdings 110.000 Kilometer auf dem Buckel. Wir gingen um den Wagen herum.

„Mit dem Daimler sind Sie doch wer“, sagte Klaus Schröter, ein Sympathie heischender Mann mit einer dicken Goldkette im offenem Sporthemd.

„Wenn Sie mit dem vorfahren, sind Sie für jeden der erfolgreiche Geschäftsmann.“

„Am hinteren rechten Flügel ist eine Schramme und dann der Tachostand. Mit dem Wagen ruiniere ich mich, wenn ich Pech habe“, sagte ich unsicher.

„Machen Sie eine Probefahrt, damit Sie selber erleben, wie die Reichen fahren.“

Er reichte mir die Schlüssel und stieg hinten ein.

„Setz Dich rein, Schatz“, sagte ich begeistert und hielt Jean die Beifahrertür auf. Sie nahm Platz.

„Die Sitze sind sehr bequem“, bemerkte sie.

Ich setzte mich ans Steuer und fuhr los, die Bornheimer runter, am Eschenheimer Turm vorbei bis zur Freßgaß'. Vorm Schwille hielt ich an und lud Klaus zum Kaffee ein. Am Tisch bot ich ihm meinen alten Ford und 4.800 Mark in bar.

In der Wichtigen-Ecke saßen Telly Goldstein und Zeitarbeit-Schulz. Sie hatten meine Vorfahrschau mitgekriegt und begrüßten … uns oder nur Klaus, der ja der beste Freund von Weich war?

Klaus grüßte sie, und ich tat es ihm nach.

„Sagen wir 5.500 in cash und davon zwei schwarz“, sagte er.

„Sagen wir fünftausend“, erwiderte ich.

„Okay, dann nehme ich noch das Radio raus“, pokerte er.

Er reichte mir die Hand, und ich schlug ein. Schon am nächsten Tag war der Wagen auf mich zugelassen. Ich strahlte. Mit dem Wagen konnte ich es den anderen jetzt richtig zeigen.

Abends waren wir oft in der Jazzgasse, und allmählich kannten wir viele der Stammgäste. An einem späten Samstagabend, als wir in der Bodega Frikas mit Knoblauchcreme aßen, kam Baron Money herein. Er trug in jeder Hand zwei prallgefüllte Plastiktüten. Als er uns sah, kam er rüber und setzte sich dazu.

„Wie läuft der Mega-Markt?“ fragte ich ihn interessiert.

„Das ist ein harter Brocken, Adi. Wenn man bei dem Geschäft nicht aufpaßt, hat man ruckzuck die Schmiere am Hals“, sagte er und bestellte sich ein Bier und einen doppelten Asbach.

Deutscher Ur-Alt-Adel, nicht so weltfremd wie ich immer dachte, sondern eher realistisch.

„Ich hab' gedacht, Euer Risiko ist begrenzt?“

„Ja. Aber wir haben doch viele Sachen auf Pump kaufen müssen. Die Elektrorechnungen für die Tiefkühltruhen sind sehr hoch. Trotzdem vergammelt und verschimmelt vieles, weil der Laden extrem lahm läuft.“

Um sich zu stärken, schluckte er den Asbach in einem Zug runter.

„Das Geld fliegt nur so davon. Es ist einfach unmöglich, in der jetzigen Zeit als Geschäftsmann klarzukommen, wenn man kein Startkapital hat.“

„Das große Geld der Nachkriegs-Goldgräberzeit ist lang gelaufen“, sagte ich verständnisvoll.

„Heutzutage muß man durch Politik oder Beziehungen an die fetten Pfründe kommen. Und vor allen Dingen das Finanzamt linken“, meinte er. „Schau Dir den Fischer an. Das ist nur ein kleiner Schornsteinfegermeister, aber er fährt einen Ami-Sportwagen und hat heimlich mehrere Mietshäuser in Florida gekauft.“

Ich kannte den großen, blonden Fischer. Er wirkte wie ein Einfaltspinsel und war doch ein gerissener Hund!

„Weißt Du, der zieht nicht nur aus seinem Bezirk ein sattes Monatssalär raus, sondern verordnet sich zusätzlich noch die Aufträge für Schornstein- und Dachsanierungen. Das zieht er mit Kanaken schwarz durch.“ Money kam richtig in Fahrt. „Das steuerfreie Geld legt er clever im Ausland an, dann fliegt er viermal im Jahr hin und macht auf reichen Rentier.“

Dann schaute er bedeutungsvoll auf seine Plastiktüten. „Und unsereiner hat nicht mal mehr Geld fürs Benzin.“

„Was hast Du da Money?“ fragte ich.

„Die feinsten Delikatessen. Alle zum halben Preis. Schau mal rein.“

Und so kauften wir Krabben in Dosen, Würste, Rosinenstollen, echten Champagner, französischen Käse und Schweizer Schokolade zu einem Spottpreis. Die anderen Gäste kriegten das mit und kauften danach direkt aus seinem Wagen, der bis zum Fensterrand gefüllt war. Money machte das jeden Abend, drei bis vier Wochen lang, bis der Mega-Markt geschlossen wurde. Alles in allem kam er mit einem blauen Auge davon. Als ich ihn später einmal im Schwille traf, sagte er schmunzelnd dazu:

„Wieder ein paar Monate des Lebens locker über die Runden gebracht. Gut gelebt und meine Spielschulden bezahlt. Was will ich mehr?“

„Was machst Du jetzt, Money?“

„Ich gehe Häuser abklopfen für Weich“, sagte er. „Ich suche günstige Gebäude für ihn. Dafür zahlt er mir eine gute Provision.“

„Und wie läuft's?“ fragte ich.

„Na ja, Adi. Sagen wir mal, beschissen ist geprahlt!“

Nach drei Jahren hatte ich mich bei der Nähmaschinenfirma gut eingearbeitet, als es eines Tages an meine Bürotür klopfte.

„Ja, bitte“, sagte ich, ohne von meiner Arbeit aufzuschauen. Die Tür öffnete sich und Dr. Hoffmann, zu dem ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte, trat ein.

„Bartels, ich komme, um mich von Ihnen zu verabschieden. Ich habe gerade gekündigt“, sagte er und reichte mir die Hand. „Der Geschäftsführer ist eben von einem Kanadier abgelöst worden. Für mich ist auch schon der Nachfolger da.“

Bevor ich mich von meinem Erstaunen erholen konnte, bedankte er sich für die gute Zusammenarbeit und wünschte mir alles Gute. Ein paar Tage später rief mich sein Nachfolger Mr. Cox in sein Büro und erklärte mir, daß die Schulungsabteilung aufgelöst wird. Die Aufgaben würden anderen Abteilungen zugeteilt.

„Herr Bartels, Sie sind ab sofort stellvertretender Werbeleiter“, sagte er. „Sie arbeiten für Herrn Krause, unseren Werbechef.“

Mir wurde schwindelig. Ich hielt mich am Schreibtisch fest. Krause konnte ich nicht ausstehen und umgekehrt war es wohl genauso. Einem Manager in gleicher Stellung unterstellt zu werden, das war …

„Das ist Degradierung“, stammelte ich. „Ich kündige zum Quartalsende und übernehme eine Position bei der Konkurrenz.“

Weil ich das sagte, wurde ich sofort beurlaubt. Damit hatte ich gerechnet. Jetzt hatte ich neun Wochen bezahlten Urlaub, den ich gut gebrauchen konnte. Ich lag zwar wieder einmal am Boden und mußte mich neu orientieren, aber daraus hatte ich in der Vergangenheit jedesmal einen Vorteil gezogen.

BREMEN

Schon als kleiner Junge war ich ein Einzelgänger, der in einer Traumwelt lebte. Ich hatte Hunderte von Abenteuerromanen verschlungen und träumte davon, Goldsucher, Pferdetramp, Schatzsucher, Journalist oder Rockstar zu werden, je nachdem, was ich gerade gelesen hatte.

Ich hatte immer neue Ideen. So gründete ich einen Verein zur Bekämpfung von Schundliteratur, um so ohne Geld an möglichst viele Groschenhefte heranzukommen. Mit meinen Freunden Achim und Hans legte ich die Statuten unseres Vereins fest und tippte sie auf der klapprigen Schreibmaschine von Achims Tante ins Reine. Mit diesem Dokument, das ich als Präsident und Achim und Hans als meine Stellvertreter unterzeichnet hatten, bestieg ich den Bus der Bremer BVG und fuhr nach Bremen-Blumenthal zur örtlichen Tageszeitung. Dort besprach ich meine ehrgeizigen Pläne mit dem zuständigen Lokalredakteur, der mir amüsiert zuhörte und versprach, mich zu unterstützen. Am nächsten Tag stand unter der Überschrift Schüler gründen Verein zur Bekämpfung von Schundliteratur in der Norddeutschen Zeitung, daß bei dem Präsidenten Bartels eben jene „Schundhefte“ (so wurden sie von den Eltern bezeichnet) wie Akim, Fulgor, Billy Jenkins und Tom Prox abgeliefert werden können. Damals war ich neun Jahre alt.

Tatsächlich kamen in den nächsten Tagen einige Kinder und brachten die Hefte; die meisten waren wohl von ihren Eltern dazu gezwungen worden. Die eingehenden Bestände wurden von uns sorgfältig sortiert und gebündelt. Es war das reinste Schlaraffenland; wir hatten Heftchen in Hülle und Fülle und konnten lesen, lesen und nochmal lesen.

Die meisten der zusammengestellten Sammlungen verschacherten wir dann, tauschten sie gegen Glasmurmeln, Gaspistolen, Fahrtenmesser, Inflationsgeld, Spielzeug, Hitlerorden oder Bargeld. Schon bald war meine Kommode bis zum Rand mit Schätzen gefüllt. Ich kapierte, daß eine gute Idee mit einer sorgfältig geplanten Marketingstrategie und hartem Arbeitseinsatz Berge versetzen kann.

Ich las damals gerade die Schatzinsel und fing an, gleich den Piraten im Buch, mir in der Umgebung geeignete Verstecke für meine Wertsachen zu suchen. Nicht weit von unserer Wohnung im Blumenthaler Forst gab es ein Flüßchen mit ausgehöhlten Baumstümpfen und kleinen Höhlen. Ich verstaute die Sachen in Keks- oder Kaffeedosen, die ich mit Teer, Wachs und Isolierband wasserdicht verschloß, und versteckte sie dort. Dann legte ich mit verschlüsselten Ortsbestimmungen eine Karte an, die einem alten Schatzplan glich.

Hinter dem Forst war ein Barackenlager für Flüchtlinge und fahrendes Volk. An einem schulfreien Samstagmorgen, an dem ich wieder etwas verstecken wollte, sah ich in einer Waldlichtung spielende Kinder aus dem Lager. Sie waren ungefähr so alt wie ich, sie sangen ein fremd klingendes Lied und tanzten und sprangen dazu. Die Jungen waren schmutzig und ihre Kleidung zerlumpt. Sie trugen keine Schuhe und ungepflegte, zottelige Haare fielen in ihre hübschen Gesichter. Ich blieb in den Büschen verborgen und lauschte ihrem seltsamen Treiben.

Da teilte sich das Unterholz auf der anderen Seite der Lichtung. Ein zierliches Mädchen, ungefähr drei bis vier Jahre älter als ich, kam tänzelnd mit ausgebreiteten Armen auf den Platz. Lange, schwarze Haare bedeckten ihren Rücken, und sie trug ein weißes Kleid, das bis zum Boden reichte. Eine goldene Maske mit einem silbernen V über engen Augenschlitzen bedeckte ihr Gesicht.

Das Mädchen sang zusammen mit den Knaben eine traurig wehmütige Klage, tanzte und drehte sich dabei. Regenwolken kamen auf, und es wurde dunkel. Die Kleine tanzte langsamer. Schließlich blieb sie abrupt stehen und zeigte mit dem Finger auf mich! Dann drehte sie sich mit einem schrillen Aufschrei um und rannte davon.

Die beiden Jungen kamen blitzschnell zu mir rüber. „He, da haben wir endlich den heimlichen Lauscher“, sagte der größere mit einer Drohgebärde.

„Ich wollte nicht stören. Ich bin nur zufällig hier vorbeigekommen“, stammelte ich verlegen.

„Halb so schlimm“, meinte er. „Tara ist nur furchtbar erschrocken. Sie ist so scheu.“

„Gehört sie zu Euch?“

„Ja, unsere Familie hat sie aufgenommen. Ihre gesamte Sippe ist im Krieg umgekommen.“

„Warum trägt sie die goldene Maske?“

„Die wurde von Generation zu Generation in ihrer Sippe weitervererbt und ist das einzige, was ihr geblieben ist. Über tausend Jahre alt ist sie und stammt aus Indien.“

Damals war ich von dem Tanz des Mädchens mit der goldenen Maske stark beeindruckt.

Als ich Wochen später ein paar Sachen aus meinen Verstecken holen wollte, stellte ich fest, daß alle meine Schätze geplündert worden waren. Jemand mußte mich beim Vergraben beobachtet haben. Ich weinte und eine ungeheure Wut stieg in mir auf. Ich ging rüber zum Barackenlager, aber es war leer. Städtische Arbeiter räumten den Platz. Das fahrende Volk war verschwunden. Ich fühlte mich verraten und hilflos. Für mich stand fest, daß die Kinder um Tara meine geheimen Schätze geborgen hatten.

Oft nahm ich den Schulatlas meines Vaters mit auf den Speicher über unserer kleinen Mietwohnung; dort hatte ich mir ein Versteck gebaut. Ich studierte die Karten und las die fremden Namen und stellte mir vor, diese exotischen und geheimnisvollen Orte später selbst einmal aufzusuchen. In Europa gab es nur zwei Städte, die mich faszinierten: Paris und London.

Natürlich wollte ich auch nach Amerika, nach New York mit seinen irrsinnigen Wolkenkratzern oder nach Key West, wovon ich keinen blassen Schimmer hatte, aber mich reizte die extreme Lage am Ende einer langen Inselkette, umgeben vom Atlantik und dem Golf von Mexico.

Ich träumte meine Träume, in denen ich ein strahlender, reicher Mann war. Mit einer großen schwarzen Limousine fuhr ich dann ein geheimnisvolles Mädchen mit einer goldenen Maske spazieren …

Es dauerte nicht mehr lange, bis ich begreifen sollte, daß der Schritt ins große Abenteuer eigentlich ganz simpel ist. Wenn Du die Schnauze richtig voll hast und mit Deinem Leben unzufrieden bist, dann mußt Du den totalen Bruch mit Deinen Lebensumständen riskieren. Du mußt radikal alles abbrechen, so daß es keinen Weg zurück mehr gibt. Das ist unabdingbar, denn dann bist Du gezwungen, mit der neuen Situation fertig zu werden und durchzuhalten – so wie ich es 1962 getan hatte.

Irgendwo hinter Metz stand ich im Morgengrauen auf der Landstraße. Die Nacht hatte ich, eingerollt in eine Wolldecke, im dichten Gras des Straßengrabens verbracht. Die Decke legte ich zusammen und verstaute sie in meinem Leinenkoffer. An einer Viehtränke strich ich mir die Haare glatt und putzte mir die Zähne. Ich setzte mich auf eine Milchrampe, aß ein Leberwurstbrot und nahm einen Schluck aus der Milchflasche. In meinem Transistorradio spielte französische Volksmusik – und wieder begann ein neuer Traumtag.

All die anderen armen Teufel auf der Welt rissen gerade ihren lausigen Acht-Stunden-Tag ab, und ich saß hier in der französischen Provinz und tat nichts. Kein Bürochef, der auf die Uhr schaut, wenn Du fünf Minuten zu spät kommst. Keine nervtötenden Zahlenkolonnen, die stunden-, nein tagelang addiert und miteinander verglichen werden müssen; keine lausigen Überstunden bis in den späten Abend hinein, die Dir außer einem anerkennenden Schulterklopfen keine müde Mark mehr ins Portemonnaie bringen.

Ich war zum ersten Mal seit Jahren glücklich, weil ich frei war. Meine Lehr- und Gehilfenzeit als Kaufmann hatte ich in einem Bremer Verlagshaus verbracht. Über fünfzig Stunden die Woche für einen Monatslohn von 50 Mark; mein letztes Gehalt als Gehilfe betrug 320 Mark brutto. Scheiße!

In dem Verlagshaus hatte ich schon im ersten Jahr bemerkt, daß ich gut verkaufen konnte, also bemühte ich mich immer um einen Job am Kundenschalter, um Drucksachen oder Anzeigen zu verkaufen. Da die Lehrlinge nach dem Ausbildungsplan alle Abteilungen einer Firma durchlaufen müssen, war es nicht immer einfach, sich aus der langweiligen Buchhaltung oder dem noch langweiligeren Versand davonzustehlen. Aber weil ich im direkten Kundenkontakt eine gute Figur machte und auch kleine Verkaufserfolge vorzuweisen hatte, setzte mich die Firmenleitung immer häufiger in der Kundenbetreuung ein.

Kurz vor Ende meiner Lehrzeit bat mich der stellvertretende Betriebsleiter, Herr Pickel, in sein Büro. Er legte eine Ausgabe seiner privaten Vereinszeitschrift Aumunder Vereinsleben, die er in seiner Freizeit als ein aus Anzeigen finanziertes Monatsblatt verlegen wollte, auf den Tisch.

„Bartels, das ist mein privates Blatt, das ich zusammen mit 18 Nordbremer Vereinen ab nächsten Monat verlegen will. Die Sache hat aber einen Haken, den hier …“

Herr Pickel legte einen Brief der Bremer Handwerkskammer daneben.

„Diesen Brief hab' ich heute morgen bekommen. Meine Zulassung zur Meisterprüfung. Darauf warte ich seit zwei Jahren.“

Die Meisterprüfung war die Voraussetzung dafür, Betriebsleiter zu werden. Aber Meisterprüfung und Freizeitverlag, das ging nicht zusammen.

„Bartels, Sie sind zwar noch ziemlich jung, haben aber Talent als Anzeigenverkäufer. Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“

„Ich möchte für unsere Tageszeitung als Anzeigenvertreter mit Fixum und Provision arbeiten. Möglichst schon im nächsten Jahr, sofort nach meiner Abschlußprüfung!“

„Sehen Sie, genau das hab' ich mir gedacht. Deshalb schlage ich Ihnen ein Geschäft vor, unter uns, versteht sich. Sie übernehmen in den nächsten drei Monaten den Anzeigenverkauf für mein Blatt. Das heißt, Ihre gesamte Freizeit, alle Abende, die Wochenenden und Ihr Urlaub gehen dabei drauf, wenn Sie für mich den Anzeigenvertreter machen. Wenn Sie Erfolg haben und meine Zeitung steht in drei Monaten noch gesund da, garantiere ich Ihnen den ersten freien Anzeigenvertreterposten im nächsten Jahr!“

Ich war vor Freude ganz besoffen. Überschwenglich bedankte ich mich und versprach den totalen Einsatz. Instinktiv erkannte ich meine Chance!

„Chef, Sie werden es nicht bereuen.“

„Viel Erfolg, Bartels.“

Ich schuftete wie ein Tier, arbeitete an den Wochenenden und nahm meinen gesamten Jahresurlaub. Mit meiner Begeisterungsfähigkeit und in dem blinden Glauben, daß Fleiß tatsächlich seinen Preis bringt, schaffte ich Rekordumsätze. Schon vor Erscheinen der ersten Ausgabe hatte ich zwei Drittel Anzeigenraum für drei Ausgaben verkauft! Mein Lohn: 3% vom Umsatz; Pickel kassierte 45%.

Ich war damals 17 Jahre alt und diese lächerlichen drei Prozent schienen mir viel, viel Geld. Ich war bereit, alles, wirklich alles zu geben, um nur den Hauch einer Chance zu bekommen, etwas höher zu steigen auf der Leiter des Erfolgs.

Aber wenn ich mich umsah und die anderen Angestellten betrachtete, ja selbst die Abteilungsleiter oder den Bürochef, wie sie jahrelang „für die Firma“ schufteten und dachten, es im Leben „geschafft“ zu haben, nur weil sie sich einen lausigen Mittelklassewagen leisten konnten, dann sagte ich mir, daß es das nicht sein könne, in zwanzig Jahren hier immer noch zu sitzen, in diesem stinklangweiligen Büro mit seinen kleinen popeligen Intrigenspielen. Ist das wirklich der Sinn des Lebens? Ich hatte schon als kleiner Hüpfer erlebt, wie sich die Älteren gegenseitig fertigmachen, sich zerfleischen für eine Gehaltsaufbesserung, für einen Bürosessel mit gepolsterten Armlehnen, und mir wurde klar, daß ich alles tun mußte, um hier rauszukommen. Alles!

Im nächsten Frühjahr kündigte ein Außendienstmitarbeiter und ging zur Konkurrenz. Durch sein Weggehen mußte sein Bezirk natürlich ein paar Federn lassen, aber es war immer noch ein umsatzstarker Bezirk, der vor allem ausbaufähig war. Pickel gab mir die nötigen Unterlagen: Kundenkartei, Vertretermappen, Verkaufsmuster und Auftragsblock.

„Arbeiten Sie sich in den nächsten 14 Tagen mal da ein“, sagte er und klopfte mir wohlwollend auf die Schulter.

In den nächsten Nächten lernte ich Anzeigengröße, Rabattstaffeln und Preise auswendig. Auf der Landkarte markierte ich mit kleinen Fähnchen meine Besucherroute und entwickelte eine Verkaufsstrategie. Ich war unheimlich glücklich.

Dann rief mich Pickel in sein Büro.

„Es tut mir sehr leid“, stammelte er mit gespielt trauriger Miene, „aber die Geschäftsleitung hat anders entschieden. Sie meint, daß Sie noch zu jung für diesen Posten sind, Bartels. Ich habe alles versucht, um den Chef zu überzeugen. Er schätzt Ihre Fähigkeiten sehr, ist aber der Meinung, daß Sie noch zwei, drei Jahre Erfahrung sammeln sollen, bevor Sie so einen wichtigen Posten übernehmen können.“

Ich war maßlos enttäuscht. Mir schwindelte, und ich setzte mich hin.

„Das ist nicht richtig, das ist nicht richtig“, stammelte ich und verließ sprachlos Pickels Büro.

Die anderen Angestellten hatten ihren Spaß und fragten scheinheilig, wann ich denn nun endlich den neuen Posten anträte.

„Bei dem Job kannst Du Dir bald einen Porsche zulegen“, hänselten sie, obwohl alle Bescheid wußten.

Ich schlich niedergeschlagen durch die Büroräume und war froh, wenn sie mich in Ruhe ließen.

Die alte Redaktionssekretärin aus dem ersten Stock setzte sich eines Mittags in der Kantine zu mir und löffelte ihre Bohnensuppe.

„Bartels, Sie sollten fairerweise etwas wissen. Der neue Außendienstmitarbeiter ist Pickels Cousin!“

Das war eine Bombe. Ich bekam kaum noch Luft. Ich stürmte an meinen Schreibtisch, kramte alle Unterlagen raus, nahm sie und eilte damit zu Pickels Büro. Dort angekommen, riß ich die Tür auf und warf ihm alles ins Gesicht. Ich nannte ihn ein Arschloch, rannte zum Personalbüro, kündigte mit lauter Stimme meinen Job und verlangte meinen restlichen Lohn. Die anderen Angestellten waren inzwischen zusammengelaufen und starrten mich entsetzt an.

„Bartels, machen Sie sich nicht unglücklich“, flüsterte der erste Buchhalter.

„Bartels, Sie verpfuschen sich Ihre ganze Zukunft“, die Chefsekretärin.

Und der hinterlistige Versandleiter sagte hinter vorgehaltener Hand zu seinem Assistenten: „Ich hab' immer gewußt, daß der Bartels eine Niete ist, ich hab's immer gewußt.“

Ich nahm mein Geld, ging zum Hauptbahnhof und kaufte mir eine Fahrkarte nach Hamburg, ohne Rückfahrt, denn ich wollte meinen Eltern nicht ohne Job vor die Augen treten.

Nach Hamburg wollte ich schon immer mal, vor allem auf die Reeperbahn, konnte es mir aber nie leisten. Ich verpraßte meinen gesamten Monatslohn in einer einzigen Nacht. Zuerst landete ich in einer schummrigen Bar mit Animierdamen, schließlich mit einer vollschlanken, blonden Nutte im Bordell. Ich durfte mit ihr all das anstellen, wovon ich bislang nur geträumt hatte, und es hat mir gewaltigen Spaß gemacht. Ich war damals gerade achtzehn Jahre alt.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sie weg. Nur der Hundertmarkschein, den ich klugerweise im Anzugfutter versteckt hatte, und mein Ausweis waren noch da.

Ich zog mich an, ging zu Woolworth und kaufte mir einen beschädigten Leinenkoffer für zehn Mark, dazu zwei Garnituren Unterwäsche, ein Handtuch, Rasierzeug, eine billige Decke aus Kunststoff, ein Oberhemd zum Wechseln und ein paar preiswerte Turnschuhe, dazu ein Messer und im Lebensmittelladen etwas Proviant. In meiner Aktentasche hatte ich noch Schreibzeug und mein kleines Transistorradio aus dem Büro.

Mit der Straßenbahn fuhr ich Richtung Autobahn und ging den Rest zu Fuß. Ich stellte mich mit erhobenem Zeigefinger an die Autobahnauffahrt.

Von Metz wollte ich weiter nach Paris. Irgendwann hielt ein Lastwagen und nahm mich mit.

PARIS

Ich hatte nur noch fünf Francs in der Tasche. Der Fettgeruch eines Hot-Dog-Stands drang herüber und löste in mir ein bohrendes Hungergefühl aus. Ein Straßensänger sang zur Gitarre: And I don't give a damn about a greenback dollar, ein ganz starker Song.

Für zweieinhalb Francs kaufte ich mir eine Tüte Pommes mit Wurst, gab mit dem großen Alu-Streuer mächtig Salz drauf und löffelte noch einen großen Senfklacks auf den Pappteller. Dann setzte ich mich auf eine kaputte Apfelsinenkiste und verspeiste genußvoll mein Abendessen. Um mich herum wurde das große alte Stück „Les Halles bei Nacht“ gegeben: Lachende Nachteulen trieben sich herum, Betrunkene versuchten, heil nach Hause zu kommen, und schwitzende Gemüsepacker ächzten unter ihren Lasten. Und dann war da wieder dieser wunderbare Song: „I don't give a damn about a greenback dollar.“

Durch die Gäste des teuren Cafés de l'Universe ging plötzlich ein Raunen. Ein riesiger, silbergrauer Rolls Royce-Phantom war vorgefahren. Der Chauffeur sprang raus und öffnete die hintere Tür.

Ich legte meine englische Filzmelone, die ich mir auf dem Flohmarkt gekauft hatte, mit der Öffnung nach oben auf die Obstkisten. Ich trug meinen abgewetzten Büroanzug und verdreckte Tennisschuhe, war unrasiert und hatte lange, schmutzige Haare; ich sah wie ein heruntergekommener Gammler aus.

Aus dem Rolls stieg ein kleiner, dunkelhaariger Mann im Frack; er war etwa 45 Jahre alt, hatte ein Bäuchlein und trug ein grünes Ordensband auf dem Revers. Nachdem er ausgestiegen war, half er seiner Begleiterin, einem bildschönen, jungen Mädchen mit langen, schwarzen Haaren aus dem Wagen.

Dabei hob sie den Saum ihres schulterfreien Abendkleides an. Sie war schlank und trug eine goldene Maske, in der Mitte über den Augenschlitzen konnte ich das silberne V erkennen. Ich erkannte Tara sofort. Sie lächelte mich freundlich an.

„And I don't give a damn about a greenback dollar“, klang es auf einmal ganz nah an meinem Ohr.

„Hey man, you like that girl?“ fragte mich der blonde, blauäugige Sänger, der dicht neben mir stand und frech grinste. Er war sehr muskulös, trug einen Oberlippenbart, eine Pilotenbrille, braune Lederjacke, Jeans und Bundeswehrstiefel.

Als das elegante Paar an uns vorbeiging, warf der ordengeschmückte Mann eine handvoll Münzen in meinen Hut und sagte lachend: „That's nearly a greenback dollar, friends.“

Ich sagte überrascht „Danke, Chef“, worauf sich der Sänger abrupt zu mir umdrehte.

„He, du bist ja Deutscher!“

„Ja, aus Bremen, ich bin schon seit ein paar Wochen in Paris.“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen. „Ich heiße Adi Bartels.“

„Wolf Schmidt, aus Essen.“

Ich nickte zur silbergrauen Limousine ‚rüber und sagte: „Ich steh auf Rolls Royce. Der Phantom ist für mich das absolut Größte, was es gibt.“

„Da brauchst Du aber jede Menge Kohle, Mann, genau wie der geölte Konsul hier“, antwortete Schmidt und deutete auf das CC-Nummernschild.

„Wenn man eine Panne mit 'nem Rolls hat, kommt ein Mechaniker per Hubschrauber direkt aus dem Werk, um ihn zu reparieren, hab' ich gehört.“

„Das ist blödes Gequatsche“, meinte Schmidt kopfschüttelnd.

„Wenn ich erstmal reich bin, dann kauf' ich mir auch einen Rolls Royce“, sagte ich, nahm die Münzen aus dem Hut und reichte sie Schmidt.

Er schlug vor, davon eine Flasche Rotwein zu kaufen und sie gemeinsam zu trinken. Die Gitarre hatte Schmidt von einer Freundin geschenkt bekommen. Sie hatte ihm auch das einzige Lied, das er spielen und singen konnte, beigebracht. Damit zog er jeden Abend den Boulevard St. Michel und St. Germain rauf und runter. Das Geld, das er bekam, reichte zum Leben … bis zum nächsten Abend.

„Das ist ein Spitzenleben hier in Paris“, sagte Wolf und reckte sich. „Du lebst wie ein Fürst, hast immer reichlich Mäuse in der Tasche und brauchst nicht zu malochen. Die einzige Scheiße ist nur, daß das nicht im Winter geht. Da geh' ich zurück nach Essen und arbeite als Gabelstaplerfahrer in einem Lagerhaus. Gott, wie ich das hasse!“

Er schlug einen harten Akkord an und sang: „And I don't give a damn about a greenback dollar!“

Ich wohnte damals im Arbeiterviertel Levallois, im Nordwesten der Stadt, in der Auberge de la Culture – von Kultur war da allerdings nicht viel zu spüren. Wir schliefen zu zwölft in einem Zimmer, das inklusive einfachem Frühstück nur zweieinhalb Francs pro Nacht kostete. Die Herberge war heruntergekommen und verdreckt und deshalb nur für Penner und gestrandete Existenzen akzeptabel. Mindestens einmal pro Woche waren wir von oben bis unten von Läusen und Wanzen zerstochen; dann kam der Kammerjäger und sprühte alles mit einem stark riechenden und wenig wirkungsvollen Insektengift aus. Wir schliefen auf Armee-Klappbetten und jeder bekam zwei dünne, verschlissene Wolldecken. Manche hatten einen Schlafsack und schliefen aus hygienischen Gründen darin. Ich hatte leider keinen. Zum Frühstück erhielt jeder von der Madame, einer freundlichen Herbergsmutter, zwei Baguettehälften, die mit einem Hauch von Margarine bestrichen waren, und heißen Malzkaffee, der allerdings entsetzlich schmeckte. Aber man hatte ein warmes Frühstück im Magen und das war, was zählte. Und wenn die Sonne schien und ich noch 11 und 1/4 Francs für eine Packung Gauloises hatte, dann war die Welt für mich mehr als in Ordnung.

Ich hatte mich mit Wolf Schmidt im Petit Café an der Seine verabredet. Als ich ankam, las er die Zeitung und saß an seinem Lieblingstisch, direkt an der Straßenecke.

„Setz Dich, ich spendiere Dir 'nen Kaffee“, sagte er lässig.

„Garçon, un café noir!“ rief er dem Kellner zu.

Dann saßen wir dort stundenlang und betrachteten die vorbeiziehenden Passanten. Die alten Pariser aus dem Viertel gingen zum Einkaufen, Studenten von der Sorbonne schlenderten vorbei, Hippies aus aller Welt vermischten sich mit amerikanischen und europäischen Touristen, gut gekleidete Geschäftsleute und Angestellte hasteten vorüber und Neger in langen exotischen Gewändern boten ihre Waren feil, auch Polizisten aus dem großen Kommissariat an der Ecke liefen vorbei.

In dem Café lernten wir die verrücktesten Leute kennen: Taschendiebe, Autoknacker, Künstler und Lebenskünstler aller Schattierungen. Mittags kam meistens der Engländer-Jeff in seiner abgeschabten Mönchskutte vorbei. Er hatte blaue Augen und rötlichblonde Haare, einen mächtigen Bart und trug indische Sandalen. Im Arm hatte er ein Bündel mit allerhand Diebesgut.

„Ich hab' heute Nacht mindestens dreißig Autos kontrolliert“, sagte er und entfaltete sein Tuch.

„Ich bin der Robin Hood vom Montmartre: den Reichen nehmen und den Armen geben. Sind interessante Sachen dabei: vier Paar Lederhandschuhe, zwei Transistorradios, Regenschirme und ein Topfeuerzeug, echtes Gold.“

Er hielt das Feuerzeug in die Höhe.

„Ein wertvolles Dupont-Feuerzeug, wer will es haben? Nur 50 Francs!“

„Ich geb' Dir 30 und keinen Centime mehr, Jeff“, rief Wolf und zog drei alte Tausender aus der Tasche.

„It's yours!“ Jeff stellte das Feuerzeug auf den Tisch und grapschte blitzschnell nach dem Geld.

Peter Hummer, der Maler von der Place du Tertre, kaufte einen Knirps für fünf Francs, und Hasch-Hermes aus Frankfurt erstand für die gleiche Summe eine Pilotenbrille. Gute Geschäfte auf beiden Seiten.

Ein Taxi hielt und ein gut aussehender, modisch gekleideter Typ hievte eine zusammengeklappte Staffelei und ein noch feuchtes, mit Drahtstiften und Spanplatte gesichertes Ölgemälde aus dem Auto. Er rückte seinen langen, grünen Wollschal zurecht, drehte sich um und nahm ein Bild entgegen, das ihm Kim, seine schwarze, afrikanische Freundin, aus dem Wagen reichte, bevor sie dann ebenfalls ausstieg. Der Maler hieß Rolf Bartewski und kam aus Hanau. Offenbar hatte er an diesem Tag ein Bild verkauft, denn er kam mit dem Taxi statt mit der U-Bahn, zudem spendierte er uns allen einen petit rouge.

Maler in Paris, das war für mich damals das Höchste, ich beneidete die Typen und war froh, daß sie mich in ihrer Mitte duldeten. In der Schule hatte ich zwar immer mit Begeisterung gemalt und gezeichnet, aber es hatte in jeder Klasse immer einen oder zwei mit mehr Talent gegeben. Sie kamen mir begnadet vor und ließen mich meine eigenen Ergüsse kritisch betrachten, so daß ich zu dem Ergebnis kam, daß man diesen Schuß Genialität haben muß, um erfolgreich zu sein und dem miesen Mittelmaß zu entkommen.

Bartewski liefen all die hübschen Mädchen nach, bei denen ich nicht den Hauch einer Chance hatte. Ich beneidete ihn.

„Wo ist der Place du Tertre?“ fragte ich Schmidt. Er erklärte mir, wie man mit der Metro zum Montmartre kommt und wo Sacre Coeur liegt.

„Wenn Du auch Dein Glück als Maler machen möchtest, dann fahr hin, ich spendier' den ersten Tag mit einem Kredit von zwanzig neuen Francs!“ sagte er und steckte mir großspurig zwei Scheine in die Brusttasche.

Wenn er genug Publikum hatte, war Schmidt ein überheblicher „Big Spender“.

Am nächsten Vormittag machte ich mich auf den Weg. Ich ging drei Kilometer zu Fuß von Lavallois zur Endstation der U-Bahn, fuhr dann bis Clichy und stieg in den Zug nach Barbes. Dort stieg ich aus und ging durch enge, bevölkerte Gassen, vorbei an den bekannten Tati-Textilhäusern, Kneipen, Bordellen und schmuddeligen Bistros, schob mich durch heftig gestikulierende Arabergruppen und Armeen von Touristen, die aus ihren Reisebussen kletterten, und stieg immer höher, bis ich endlich die majestätische Kuppel von Sacre Coeur sah. Die endlos wirkende Treppe mündete direkt vorm Bistro Sabout-Rouge. Der Himmel war von einem wolkenlosen, strahlenden Blau und die Sonne knallte erbarmungslos. Vor dem Platz standen unzählige Maler und pinselten an ihren Ölbildern. Ich war überwältigt von dem Treiben auf dem Platz. Die Touristen photographierten wie wild, und die Kellner wieselten in den umliegenden Cafés, die mit ihren rotkarierten Tischdecken und blauen Markisen aussahen wie auf den Postkarten.

Peter Hummer, der deutsche Maler, den ich schon vom Petit Café kannte, trug ein seidenes, chinesisches Käppchen und ein schwarzes Gewand. Sein schmales Kinn zierte ein Spitzbart. Er arbeitete an einer typischen Montmartre-Szene, die er mit Holzkohle vorgezeichnet hatte. Er trug eine Gasmaskenbrille aus der Armee, die beim Malen fast die Leinwand berührte. Er benutzte keinen Pinsel, sondern trug die Farbe mit einem kleinen, dünnen Spachtel sorgfältig auf. Seine Bilder gefielen mir. Aufgrund der eigenartigen Technik hatten sie eine strenge, weltentrückte Wirkung.

Ich bummelte weiter um den Platz herum, und kurz darauf entdeckte ich den Meister persönlich, Rolf Bartewski. Zu einem grauen Flanellanzug und grünem Rollkragenpullover trug er seinen grünen Wollschal. Auf dem Kopf hatte er einen Strohhut. Er war umringt von ein paar jungen Touristinnen, die seine Bilder bewunderten. Bartewski war dabei, das Bild zu datieren. Aufgrund irgendwelcher Gesetze durfte jeder Maler nur ein fertiges Bild zum Verkauf ausstellen und an einem neuen arbeiten. Hinter der Staffelei bewahrte er deshalb immer noch ein fertiges, gut verpacktes Bild als Ersatz für ein verkauftes auf. Natürlich war das Bild, an dem er arbeitete, ebenfalls fertig. Doch jeder Maler spielte ein bißchen Theater. Wenn ein Tourist stehen blieb und Interesse an seinem Bild zeigte, nahm er einen Pinsel, ging ein paar Schritte nach hinten und betrachtete kritisch sein Werk, trat dann wieder vor und machte mit dramatischer Geste einen schwarzen Punkt auf einen schon vorhandenen schwarzen Punkt. Dann ging er wieder zwei, drei Schritte zurück und betrachtete das Bild mit zusammengekniffenen Augen, stürzte erneut an die Staffelei, um abermals einen Punkt auf den Punkt zu malen. Rolf zog nun genau die Show ab und malte lange an seiner '62 herum, der Endlosdatierung. Dabei verwickelte er die drei amerikanischen Studentinnen, die interessiert sein Bild betrachteten, in ein Verkaufsgespräch.

„Do you like this picture?“ fragte er charmant, steckte dabei das Ende des Pinsels in den Mund und schaute die kleine Schlanke mit dem mächtigen Busen und den engen Jeans erwartungsvoll an.

„Oh yes, it's fantastic!“ antwortete sie verlegen, während ihre beiden Freundinnen kicherten.

Man war bereits am entscheidenden Punkt angelangt. Entweder versuchte er nun, das Bild zu verkaufen, oder er begann, sie anzubaggern. Und Rolf war gerade darin ein Meister. Das ging von der Einladung, mit ihm in dem nur ein paar Meter entfernten Bistro einen Kaffee zu trinken, bis hin zu dem Vorschlag, ihm in seinem Atelier Modell zu stehen. Die Masche mit dem Modellstehen benutzte natürlich jeder der Maler auf der Place und die jungen Mädchen fielen oft genug darauf herein. Aber Rolf war zur Zeit mit Kim liiert, die ihn eifersüchtig bewachte. Er erklärte der Amerikanerin, daß sein Bild ein stilisiertes Liebespaar darstelle.

„Dieses Bild hab' ich als Erinnerung an eine große, verlorene Liebe gemalt. Die letzten sieben Nächte hab' ich wie im Fieber daran gearbeitet.“

Dabei blickte er gedankenverloren und sehnsüchtig in die Ferne, seufzte und sah dem Mädchen in die Augen, lächelte und griff nach dem Pinsel, um erneut die Rundungen der '62 nachzumalen. Die Kleine war hingerissen und schaute ihn mit weit geöffneten Augen hypnotisiert an.

„Dir, schöne Fremde aus Amerika, schenke ich das Bild für nur 120 Dollar!“ sagte er und nahm ihre Hand. „Und dann trinken wir einen kleinen Roten im Bistro nebenan.“

Die junge Studentin sah zuerst den Maler und dann das Bild bewundernd an.

„I like it, I like it very much. Es wird eine phantastische Dekoration für mein Studierzimmer abgeben.“

Sie kramte in ihrer Handtasche und holte ein paar Dollars hervor. Auch ihre Freundinnen prüften ihren Bargeldbestand und liehen ihr ein paar Scheine. Sie zählte alles zusammen und sagte:

„Ich habe nur 90 Dollars?“

„Das ist nicht schlimm, dann verkaufe ich es Dir eben für neunzig und einen Kuß auf die Wange, okay?“ antwortete Wolf und hielt ihr seine geöffnete Hand und die Wange hin. Sie gab ihm das Geld und einen Kuß. Ihre Freundinnen kicherten wieder.

Bevor die Mädchen sich verabschiedeten, baten sie mich, sie zusammen mit dem Maler auf dem Platz zu photographieren. Ich machte das Photo und gab ihnen den Apparat mit einem Lächeln zurück; fröhlich gingen sie davon.

„Guter Tag heute, hab' schon zwei Bilder verkauft“, meinte Rolf, wickelte die Dollarscheine um ein Geldbündel und spannte einen Gummiring darum. Dann nahm er das Gemälde hinter der Staffelei hervor, packte es aus und spannte es in die Staffelei. Es war eine exakte Kopie des gerade verkauften Bildes.

„Das Erfolgsgeheimnis hier auf dem Platz ist, daß Du erstmal ein paar verschiedene Bilder malst und anbietest. Die zwei, die sich am besten verkaufen, kopierst Du dann. Die, die sich schlecht verkaufen, übermalst Du immer und immer wieder und entwickelst dabei einen neuen Stil, bis Du ein paar richtige Renner hast, wie zum Beispiel meinen Clochard hier.“

Er deutete mit dem Pinsel auf ein kleines Bild, das auf dem Boden stand. Es stellte einen schlafenden Vagabunden unter einer Seinebrücke dar, mit Rotweinflasche und Loch im Schuh.

„Das hab' ich schon über fünfzigmal verkauft!“ beteuerte er. „Ich geh' was essen. Hast Du Lust, bei meinen Bildern zu bleiben und sie zu verkaufen?“

Ich nickte erfreut.

„Das hier auf der Staffelei bietest Du für 300 an und gehst beim Verhandeln nicht unter 100. Den Clochard für 160, Minimum 70, okay?“

„Gerne, ich bin total pleite. Was ist für mich dabei drin?“

„Kommt auf den erzielten Preis an. Bei Höchstsatz ein Drittel, bei niedrigem Preis zehn Prozent. Mach halt das Beste draus.“

Er nahm seinen Skizzenblock, zwei Bleistifte und schwirrte ab.

Nun war ich Kunstmaler in Paris, auf dem weltberühmten Montmartre. Ich nahm seinen schwarzen Pinsel und ahmte Rolfs Malershow nach. Auf der Straße spielten zwei Amerikaner Folksongs auf Mundharmonika und Gitarre. Touristen mit PanAm-Taschen schlenderten vorbei, aßen ihre Eiswaffeln und wurden von Portraitzeichnern angehauen.

Monsieur Silhouette schrie: „Monsieur Directeur, Monsieur Doctor – gehen Sie nicht so achtlos vorbei. Ihre Frau Gemahlin hat ein so wunderbares Profil, ich mache Ihnen einen unvergeßlichen Scherenschnitt, für nur drei Francs! Monsieur Directeur, Monsieur Doctor, ich bitte Sie!“

Ich sprach jeden an, der auch nur in meine Richtung schaute. Die Amerikaner sprach ich mit „Do you like my paintings?“ und die Deutschen mit „Scheenes Bild, Chef! Tut Ihnen gefallen?“ an, denn ich war sicher, daß kein Deutscher in Paris je ein Bild von einem anderen Deutschen kaufen würde. Pausenlos verwickelte ich Leute in Verkaufsgespräche. Und so verkaufte ich einem Amerikaner aus New York das große Bild für 400 Francs und einer dänischen Studentin den Clochard für 220 Francs. Von dem Geld steckte ich schon einmal 160 Francs ein.

Als Rolf zurückkam, gab ich ihm 460 Francs. Er war hocherfreut und gab er mir als Provision 150. Ich war nun über 300 Francs reicher und bummelte glücklich über die Place du Tertre.

In einem Café an der Ecke setzte ich mich an einen Außentisch und bestellte einen café noir und ein großes Baguette mit Käse. Es war Samstagnachmittag, und zufrieden genoß ich das bunte Treiben auf dem Platz.

Allmählich lernten die deutschen Maler der Place du Tertre meine Verkaufsbegabung schätzen. Ich verkaufte schließlich für Bartewski, Hummer und Hermes und kam an manchen Tagen auf 500 neue Francs Gewinn. Ich fuhr nur noch mit dem Taxi, gab den Kellnern fürstliche Trinkgelder, spendierte Lokalrunden und legte mir schließlich eine Staffelei zu, um mit der Ölmalerei anzufangen. Allerdings waren meine eigenen Bilder so schlecht, daß ich keines verkaufen konnte. Dafür vertickerte ich für die anderen um so mehr und verabschiedete mich schwermütig von meinen Malambitionen.

Nächtelang hingen wir im Petit Café an der Seine rum. Wenn das schloß, marschierten wir zum Storyville, einem Jazzclub, und machten dort bis zum Morgengrauen weiter. Wir waren ein Haufen junger, lebenshungriger Kerle, die dachten, sie wären die Größten, weil sie ein paar Francs in der Tasche und ein paar Rouge getrunken hatten.

Wolf und ich hatten die wildesten Zukunftspläne. Reich und berühmt wollten wir werden und große, teure Wagen fahren. Wir stritten uns stundenlang darüber, ob nun der Rolls Phantom oder der Silvercloud das bessere Auto wären.

„Der Phantom kostet doppelt soviel wie der Silvercloud, außerdem brauchst Du dafür einen Chauffeur“, sagte ich.

„Der Phantom ist die größere Show und degradiert die simplen SCs“, meinte Wolf ganz cool.

Da saßen wir beide, abgerissene Vagabunden ohne richtige Bleibe, in einer Kneipe und überlegten tatsächlich ernsthaft, welchen Rolls wir uns später anschaffen wollten. Und das war noch nicht genug – ich erzählte Wolf, daß mein Traum war, später einmal ganz in der Karibik oder in Florida zu leben.

„Ich gehe nach Ibiza“, sagte er bestimmt. „Das ist nicht so weit weg von Deutschland und ebenfalls ein Paradies. Da ist die Mark viel wert, und als Deutscher ist man dort der King!“

Wolf nahm seine Gitarre und spielte And I don't give a damn about a greenback dollar. Es war eine warme Spätsommernacht mitten im Quartier Latin. Wir waren jung, vom Rotwein besoffen und große, glückliche Träumer.

„Ich hab' mal einen Film gesehen mit Humphrey Bogart, Gangster in Key Largo hieß er, seitdem träume ich von den Florida Keys“, sagte ich schwärmerisch. „Ich glaube, der alte Hemingway lebt da immer noch und sitzt jede Nacht im Sloppy Joe.“

„Okay Adi, nach der ersten Million hauen wir ab, von mir aus nach Key West. Fragt sich jetzt nur noch, wie wir an die Kohlen kommen.“

„Auf jeden Fall nicht mit unserer Hände Arbeit, das laß Dir gesagt sein. An die dicke Knete kommst Du nur als Geschäftsmann, als echter Schacherer! Links billig kaufen und rechts mit einem bißchen Profit weiterverkaufen. Und das Geld muß Du sofort anlegen und für Dich arbeiten lassen. Nur so geht's“, sagte ich ernst. „Man muß natürlich seinen eigenen Dreh finden – und den kriegen die meisten von ihren Eltern mitgeliefert.“

„Aber wir, Kinder von armen Schluckern, haben den leider nicht mitgekriegt, Adi“, murrte Wolf Schmidt. „An das Geld kommst Du nur durch 'nen guten Bruch oder 'nen Überfall. Und wenn ich erstmal mein Startkapital habe, cash auf der Hand, dann mach' ich einen schönen geilen Stoßbetrug.“

Ich schaute ihn fragend an.

„Stoßbetrug ist, wenn Du eine Scheinfirma gründest und jede Menge Ware auf Pump kaufst, dann verschleuderst Du die Sachen zu einem Bruchteil ihres Wertes und machst mit dem Erlös die große Mücke – nach Ibiza oder sonstwohin!“ sagte Wolf.

Er hatte tatsächlich die Idee, auf kriminellem Wege zum Erfolg zu kommen! Und er ließ sich nicht davon überzeugen, daß dies auch legal gehen könnte.

„Adi, alle großen Selfmade-Millionäre sind halbe Verbrecher, glaub mir. Du mußt über Leichen gehen, wenn Du erfolgreich sein willst“, sagte er mit leuchtenden Augen.

Es wurde Herbst und das Wetter schlechter; es regnete und über die Place du Tertre pfiff ein kalter Wind. Von Tag zu Tag standen weniger Maler auf dem Platz; durchgefroren, mit klammen Fingern versuchten sie durchzuhalten. Die Maler, die ihr Geld gespart hatten, waren zum Überwintern runter an die Côte d'Azur und später nach Süditalien oder Griechenland gefahren, und die, die den Sommer über gepraßt hatten, zitterten nun in der Kälte.

Täglich wurde es ungemütlicher. Um den ganzen Tag dort zu stehen, brauchte man gefütterte Stiefel, einen dicken Pullover oder eine warme Lammfelljacke. Das hatte ich mir in den profitreichen Tagen leider nicht angeschafft. Frierend stand ich nun bei den Bildern und sah, wie sich die Zahl der Touristen Tag für Tag verringerte. Die Maler saßen meist in dem blauen Café an der Ecke und schauten nur sporadisch mal vorbei, um zu sehen, ob ich etwas für sie verkauft hatte.

„He Adi, wie geht's, altes Haus?“ hörte ich jemanden sagen. Es war Wolf Schmidt, der an diesem kalten Oktobertag vor mir stand. Ich hatte eine Mordserkältung und war schlecht drauf.

„Meine Gitarre hab' ich an 'nen Ami verkloppt“, meinte er mit einer hilflosen Geste. „Ich hab' kaum noch einen lausigen Franc machen können in der letzten Zeit. An den Tischen draußen sitzt kein Schwein mehr und drinnen schmeißen sie Dich raus. Gestern haben mich vier Caféhausbesitzer vor die Tür gesetzt, da kommst Du Dir vor all den Leuten scheißblöd vor“, fluchte er.

„Ich mach' hier noch 'nen kleinen Überfall, Tankstelle oder so etwas, und dann hau' ich ab in den sonnigen Süden. Also, falls wir uns nicht mehr sehen sollten, tschüß, bis zum nächsten Sommer auf der Place!“ Er gab mir einen freundschaftlichen Boxerhieb in die Rippen und zog ab.

Am nächsten Tag verabschiedete sich auch der eigenbrötlerische Peter Hummer von mir. „Ich hab' im Sommer etwas gespart und gehe jetzt mit ein paar Typen runter nach Südspanien, der Winter in Paris ist nicht auszuhalten. Was machst Du?“ fragte er mich.

„Ich weiß noch nicht.“

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte tatsächlich keinen blassen Schimmer, was ich tun sollte.

Zwei Tage später saß ich allein im Petit Café und trank ein Biere d'Alsace. Es regnete in Strömen und heftige Windböen drückten den Regen gegen die Fensterscheiben. Es war so dunkel, daß die Autos ihre Scheinwerfer eingeschaltet hatten. Plötzlich ging die Tür auf und Hermes, der seine grüne Armeejacke über den Kopf gezogen hatte, stürzte herein.

„'n Abend Alter“, keuchte er. „Sauwetter, keine Touristen, kein Zaster, alles Scheiße!“

„Du hast es erfaßt, Mann“, pflichtete ich ihm bei. Er steckte einen Franc in den kleinen Musikautomaten und drückte zwei Songs. Die Maschine ratterte ein bißchen, knackte ein paarmal und fing dann ziemlich blechern an, Bill Haleys Rock around the Clock zu spielen. Er holte sich einen kleinen Roten an der Theke und setzte sich zu mir an den Tisch.

„Den kleinen Supermarché am Sacre Cour hat gestern jemand hopgenommen.“

Er kramte in seiner linken Hemdtasche und zog einen Fetzen zusammengefaltetes Zeitungspapier heraus.

„Hier steht's“, sagte er mit triumphierender Stimme. „Der maskierte Räuber sprach französisch mit deutschem Akzent, war bekleidet mit Jeans, brauner Lederjacke und schwarzen Stiefeln. Er hat den Kassierer der Hauptkasse niedergeschlagen. Beute: 8.000 neue Francs. – Mensch Adi, das ist unser Supermarché am Place.“

Er sah mich mit großen Augen an. „Das deutet doch alles auf Schmidt!“

Zur Unterstreichung seiner Worte schlug er mit der Faust auf den Tisch, so daß die anderen Gäste zu uns herüberschauten.

„Ruhig, ruhig, Junge“, sagte ich leise. „Die Beschreibung mag auf ihn passen, aber Du hast keinerlei Beweise. Natürlich traue ich ihm den Überfall zu, er hat ja selbst dauernd davon geredet, aber den brutalen Schläger nehm' ich Dir nicht ab. Ich denke, daß der Schmidt ein guter Kumpel ist.“

„Adi, da bist Du auf dem falschen Dampfer!“ sagte Hermes.

Ich machte eine abwehrende Geste und glaubte ihm nicht. Aus der Musikbox jaulte Elvis mit seinem Jailhouse Rock. Ein Penner kam vorbeigetorkelt und stocherte in dem Abfallkübel vor dem Lokal. Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen, als ein Taxi vor dem Bistro hielt. Rolf Bartewski stieg aus und zog die bildhübsche, schwarze Kim hinter sich her.

„Guten Abend, Freunde der Nacht“, begrüßte er uns freundlich und wickelte sich aus seinem riesigen grünen Schal. Dabei gab er Kim einen zärtlichen Klaps auf den Po.

„Garçon, zwei Rote“, orderte er zur Theke herüber. Hermes erzählte ihm aufgeregt die Sache mit dem Überfall und äußerte seinen Verdacht.

„Das gibt es nicht“, sagte Bartewski erstaunt, „dann ist er es gewesen. Er hat nämlich heute morgen die Rechnung im Hotel bezahlt und hatte neue Klamotten an, als er sich von mir verabschiedete. Auf meine Frage, ob er die Credit Lyonnaise überfallen habe, hat er schallend gelacht. Mensch, der Kerl hat Nerven!“

Schweigend schauten wir uns an.

„Der Schmidt, Adi, den kennst Du noch nicht so lange wie ich. Das ist eine ganz hinterlistige, gemeine Schlägertype, der hat irgendwo in seinem Hirn einen Schlag weg, glaub mir“, sagte Rolf nach einer langen Pause. „Ich hab mal gesehen, wie er einen jungen Araber zusammengeschlagen hat, nur so aus Spaß. Vergessen wir's.“

Ich holte mir an der Theke einen billigen Absinth. Die Sache hatte mich mitgenommen. Nach dem vierten Glas ging es mir besser und meine Träume kehrten zurück: weißer Strand, blauer Himmel – irgendwo auf einer kleinen Insel in der Karibik wollte ich mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

„Key West, I'm on the way – irgendwann werde ich kommen, irgendwann ...“‚ malte ich mir meine Zukunft aus.

Inzwischen war es Ende Dezember, ich hatte nichts mehr auf der Tasche, zudem war es saukalt in Paris. Ich beschloß, zurück nach Bremen zu trampen und hatte Glück. Der letzte Fahrer ließ mich mitten in der Bremer Altstadt raus. Von meinem restlichen Geld ließ ich mir in der City die Haare schneiden. Meine alte Jacke, sie war nur mehr ein Fetzen, schmiß ich in die nächste Mülltonne und kaufte mir im Sonderangebot eine Jeansjacke für nur 12 Mark, Ramschware von billigster Qualität, dafür aber neu und sauber. Ich wollte nicht so heruntergekommen aussehen, wenn ich bei meinen Eltern vorbeischaute.

Als ich nach Hause kam, lag dort mein Einberufungsbescheid für die Bundeswehr: 1. April 1964, Ausbildungskompanie 14, Wesendorf bei Oldenburg.

Oh Schreck, laß nach, dachte ich. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer Uniform zu stecken, außerdem war ich extrem unsportlich.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
263 str. 23 ilustracji
ISBN:
9783932927928
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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