Czytaj książkę: «Untreuen»
Kirsty Gunn
Untreuen
Kurzgeschichten
Aus dem Englischen
von Uda Strätling

Für Amelia und Katherine
So fängt es an …
«Diese Geschichten lagen immer bei mir», sagte ich.
«Wie meinst du das?»
Richard bedachte mich mit diesem gewissen Blick, einem Blick, der mit der späten Stunde und dem gemeinsam in einer schicken Bar konsumierten Tequila zu tun hatte, aber eben auch ein Blick, der verriet, dass er mich sehr gut kannte.
«Wie meinst du das?», fragte er noch mal.
Wir hatten über meine Erzählungen gesprochen, den Band, den ich zusammengestellt hatte, über die Art Geschichten, die mich interessieren und die Richards Ansicht nach genau die Art von Geschichten waren, die sich nicht verkauften. «Kurzgeschichten liest sowieso niemand», hatte er zuvor schon bemerkt. «Die Leute finden, es passiert darin nicht genug.»
«Ich meine, dass von Anfang an ich dahinterstand», sagte ich. «Die Auswahl, die Ideen zu den Geschichten, die ich geschrieben habe. Es lag ganz bei mir. Das war immer ich, dahinter, ich stecke mit drin. In der zum Beispiel, von der ich dir gerade erzählt habe, von der Frau und ihrem Mann, der Geschichte, die ich ‹Untreue› nenne … Du weißt schon. Aber in jeder von ihnen. In allen Geschichten. Ich könnte nie so tun, als wären sie wie von selbst auf dem Blatt erschienen, weißt du. Ich war ja da.»
«Puh», meinte Richard. Er leerte sein kleines Tequilaglas und setzte es ab. «Das warst du allerdings.»
«Wie ich jetzt hier bin.»
«Alles dein Werk, keine Frage.» Auf Richards Gesicht erschien das lange, langsame Lächeln, das ich so gut kannte. «Du stehst abseits, das hat schon der alte James Joyce vom Künstler gesagt.» Er klopfte an sein kleines Glas. «Der irgendwo im Hauseingang lungert und Fingernägel kaut oder was immer –»
«Nicht ‹kaut›» sagte ich. Ich trank jetzt selber von meinem Tequila. Hundertprozent Agave, wie es meine Freundin Jennifer aus Mexiko forderte, was anderes komme nicht in Frage.
«‹Schneidet› heißt es», sagte ich zu Richard und nahm einen weiteren Schluck. «Sich die Fingernägel schneidet. So formuliert es Joyce, so lautet seine Definition des Künstlers – abseits –, aber ja, du hast recht, da sind sie: er, sie …»
Richard schüttelte den Kopf und machte noch mal «Puh». Ich beugte mich vor und küsste ihn rasch, nicht auf die Stirn oder die Wange, sondern auf den Mund. Da schloss er die Augen. Und ich schloss meine. Als ich sie aufschlug, waren seine längst wieder offen, sein Blick tief.
Richard. Richard, Richard, Richard. Noch immer er selbst, noch immer der Alte nach so langer Zeit, derselbe wüste und bildhübsche Kerl, der es mir vor so vielen Jahren schon angetan hatte. Derselbe Richard. Der es mit dem Trinken übertrieb. Der es mit allem übertrieb – aber so, als könnte ihm nichts etwas anhaben. Käme nichts an ihn ran. Er trug noch immer Klamotten, wie er sie getragen hatte, als wir ein Paar waren, roch noch genauso – nach Rauch und Leder und irgendeinem altmodischen Rasierwasser, nach legendärem Club aus den Achtzigern. Richard. Richard, Richard, Richard.
«Der Künstler steht abseits, gleichgültig», sagte ich und merkte, dass ich die Stimme stark gesenkt hatte. Ich flüsterte fast. «Joyce sagt ausdrücklich ‹abseits›», erklärte ich. «Aber ich … ich bin nicht so. Ich bin nicht wie er. Ich stoße nicht zufällig auf etwas und verwende es. Ich stoße nicht auf eine Geschichte und schreibe sie auf. Nein. Ich bin von Anfang an da. Ich bin kein bisschen gleichgültig, verstehst du. Ich bin mittendrin.»
Inzwischen hielt Richard meine Hand. Mit dem Daumen rieb er sanft über meinen Zeigefinger.
«Ich sollte gehen», sagte ich. «Es ist spät. Das ganze Gerede über Kurzgeschichten, meinen Band … ich hätte nie davon anfangen dürfen. Dich da reinziehen.»
«Und prompt willst du plötzlich nach Hause.» Richard klopfte mit dem Daumen an meinen Finger. «Aber du musst nicht, noch nicht. Ruf deinen Mann doch einfach an, deine Kinder.»
«Für Anrufe ist es zu spät.»
«Wie dem auch sei», sagte Richard. «Ich möchte, dass du bleibst, dich nicht vom Fleck rührst. Wir sind hier doch gut aufgehoben, wir beide …» Mit einer knappen Kopfgeste erinnerte er an unsere Umgebung, das Restaurant mit den gelben Leuchten und dem vielen Marmor, den blanken Kübeln, dem Sekt, den Austern und dem Eis. «Ich möchte hier noch mit dir sitzen», sagte er. «Ein Weilchen. Bitte. Geh noch nicht.»
«Ach du», sagte ich.
«Kurzgeschichten liest sowieso niemand», sagte er zum zweiten Mal an diesem Abend. «Also brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen. Nichts kann uns was anhaben. Dir und mir. Und was du geschrieben hast … ist alles nur hier» – er tippte mir an die Schläfe – «und hier» – und berührte mein Herz. «Nirgends sonst.»
«Es steht alles in dem Buch», sagte ich. «Untreuen. Schon vergessen? Der Band ist fertig, er ist komplett.» Und ich beugte mich vor und küsste ihn richtig, ich küsste ihn auf seinen herrlichen Mund.
«Ich bin froh, dass wir zusammen weggegangen sind», sagte er, als ich von ihm abließ. «Lass uns wegbleiben. Wer weiß. Vielleicht gehen wir nie wieder heim, du und ich. Vielleicht sagen wir einfach, wir kommen nicht wieder.»
Inhalt
WEGGEHEN
So könnte sie sich die Geschichte erzählen
Elegie
Szenario
Glenhead
WEGBLEIBEN
Die Highland-Geschichten
Der Vater
Der Fels
Drecksbett
Der Geist
Der Caravan
Füchse
NICHT WIEDERKOMMEN
Der Wolf auf dem Weg
Tangi
Denkmal
Dick
Untreue
WEGGEHEN
So könnte sie sich die Geschichte erzählen
Bobby war spät aus dem Pub heimgekommen und meinte, alle dort hätten nur davon geredet. Von diesem Typ, richtig authentisch, sagte er, aus Tibet oder so, dem Aussehen nach, im safrangelben Gewand mit seiner kleinen Schale, stumm wie ein Fisch. Ist gerade erst einfach so mitten im Ort aufgetaucht und hat irgendwie eine Position eingenommen, so seine Worte, direkt in der Markthalle unter der Uhr.
Das war … wann? Vor zwanzig Jahren gewesen? Mehr. Und doch kommt es Helen selbst jetzt, nach so langer Zeit, wo sie über das alles nachdenken, auf Episoden ihres Lebens zurückblicken und sie bedenken kann – sich in sie hineinversetzen, scheint ihr manchmal –, so vor, als hätte damals irgendwie etwas für sie begonnen, an jenem Tag, in jener Nacht, oder beginne vielmehr weiterhin. Es zeigte sich schon in Bobbys damaliger Formulierung: «hat irgendwie eine Position eingenommen». Als hätte sogar er schon in der Wortwahl geahnt, dass dieses Bild, ein Mönch aus einer anderen Welt, sich mitten in ihre Ehe pflanzen könnte, zwischen sie beide, und klarmachen, wie weit sie auseinander waren.
Helen hatte ihn reden lassen und weiter Geschirr in die Spülmaschine geräumt. Bobby beschrieb immer alles, was passierte, wie persönlich erlebt – was in der Welt vorging, im Irak etwa oder in Irland –, als wäre er selbst gerade dort gewesen, wo doch jedermann wusste, dass er einfach wie eh und je zur Arbeit in die Agentur fuhr, seine Werbetexte schrieb und abends auf dem Heimweg von der Bushaltestelle auf ein Bier im Black Lion vorbeischaute. Das konnte er gut, Reden schwingen. Sie hatte das restliche Kindergeschirr in die Maschine geräumt, die kleinen Teller und die Fläschchen, hatte die Tür zugedrückt, hatte ihn reden und sich einer Sache bemächtigen lassen, an der er keinen Anteil gehabt hatte, ihn davon ausgehen lassen, dass sie da keinen Unterschied machte. Jetzt sprach er über die tibetische Praxis und was es hieß, in der heutigen Zeit Mönch zu sein, was es wohl bedeutete, einen hier in ihrem kleinen Ort in Oxfordshire auftauchen und sich in der Markthalle niederlassen zu sehen, genau dort, sagte er, wo Helen im vergangenen Sommer ihren Bio-Stand gehabt hatte, als ihr, sie erinnere sich gewiss, nach dergleichen noch der Sinn stand.
Da setzte sich Helen hin. Zu Bobby an den Küchentisch, bei laufender Spülmaschine und hinter ihr auf dem Herd der köchelnde Eintopf … Sie sagte: «Hör mal, ich weiß.»
Das hatte sie immer tun müssen, um auf sich aufmerksam zu machen, sich hinsetzen und ihm direkt ins Gesicht sehen, ihn frontal ansprechen, damit er sah, dass ihr Mund sich bewegte …
Also hatte sie gesagt: «Hör mal, ich weiß.» Dort direkt vor ihm, und sie erinnert sich jetzt an seinen Gesichtsausdruck, als sie ausgeredet hatte, der zwar nur momentan, aber doch panisch gewesen war, ja, panisch.
Er war aufgestanden, um sich aus dem Kühlschrank ein weiteres Bier zu holen.
Das lag natürlich an seinem Job. Zu dem gehörte ja der vertraute Klang der eigenen Stimme und das Wissen darum, dass man die Leute damit, wie man redete, mindestens so sehr überzeugte wie mit dem, was man sagte. Seit Helen Bobby kannte, hatte er das von sich behauptet, als wäre er stolz darauf, und hatte Helen alles stehen- und liegenlassen und sich direkt vor ihn setzen müssen, um seinen Redefluss zu bremsen. Interessiert dich überhaupt, was ich sage?, hatte sie sich oft in den ersten Wochen gefragt, als sie und Bobby langsam häufiger miteinander weggingen und sie merkte, dass er sie auf Partys, in bestimmten Bars und Restaurants, wenn andere dabei waren, einfach nicht hörte, ja nicht einmal sah. Geschweige denn anziehend fand, wusste sie, wenn sie sich nicht direkt in sein Blickfeld schob. Nicht genug, offenbar … hatte sie damals gedacht, aber sie waren dann trotzdem zusammengekommen und hatten Spaß gehabt, oder nicht, eine Weile? Dann hatten sie geheiratet, und es gehörte einfach zu ihrem gemeinsamen Leben, und Helen kannte es bald nicht anders, als dass Bobby redete und sie zuhörte in Situationen wie der an jenem Abend in der Küche – nur sagte sie diesmal zu ihm außerdem: «Ich war da. Ich habe den Mönch selber gesehen.»
Bobby nahm einen ordentlichen Schluck Bier, zuckte mit den Achseln, als dächte er: «Na und?» Die Flasche, die er aus dem Kühlschrank geholt hatte, schien fast schon leer, doch dazu konnte Helen schlecht etwas sagen. Schließlich war sie selbst längst bei ihrem Weißwein und sorgte dafür, dass das Glas stets mindestens halb voll war. Denn auch das gehörte zu ihrer Ehe, oder nicht? So hielt es Helen, wenn sie kochte und auf Bobbys Heimkehr wartete, das Geschirr hervorholte und darauf achtete, dass der Fernseher nicht zu laut lief und Winnie oder die Jungen weckte.
Aber sie wusste tatsächlich Bescheid. Über den Mönch und seine kleine Schale. Wie jeden Morgen hatte sie Win gerade zu ihrer Spielgruppe gebracht und die Babys mit leisem Unbehagen in ihren Körbchen im Haus zurückgelassen, sodass sie es wie immer eilig hatte, wieder heimzukommen, ehe sie womöglich aufwachten und merkten, dass sie fort war …
Nur war sie an diesem Morgen, als sie den Fußweg an der Kirche hinabeilte, von Elizabeth Ferry aus der Pfarrei aufgehalten worden, die ihr von dem «Wunder» erzählte, das sich auf dem Dorfplatz vollziehe. Dort sei ein prächtiger tibetischer Mönch, hatte Elizabeth gesagt, sei einfach mitten unter ihnen erschienen und sitze jetzt unter der Uhr in der Markthalle, und ob Helen nicht hingehen und sich zu ihm setzen könne, und sei es nur für einen Moment? Sie könne ihm ja ein paar Münzen in seine «knuffige Tonschale» werfen, wie sie sich ausdrückte, grob und unförmig, weißt du, als hätte er sie eigenhändig aus Lehm geformt. Elizabeth hatte gar kein Ende gefunden, während Helen sie die ganze Zeit zu unterbrechen suchte, damit sie zu den Zwillingen zurückkäme, aber dann hatte Elizabeth hinzugefügt, dass alle im Ort, besonders die Kirchgänger – das hatte sie besonders betont – hingehen und beim Mönch verweilen sollten, ein paar Minuten wenigstens, um zu demonstrieren, meine ihr John, dass die Kirche andere Glaubensrichtungen, andere Formen der Andacht und Wege zu Gott begrüße, mehr noch, unterstütze.
So war sie einfach, Elizabeth. John mochte der Pfarrer sein, aber es war damals seine Frau, die «hinausging», wie sie es nannte, unter die Pfarrkinder, Kontakt suchte und zu mehr Spiritualität ermutigte. Was Elizabeth wohl heute treibt?, fragt sich Helen. Das Gleiche, vermutlich, während John wie eh und je in seiner Klause hockt und liest und betet. Er war offenbar Anglo-Katholik, oder jedenfalls gewesen. Das hatte Helen mal von einer Nachbarin gehört. Dass John anfangs ganz angetan gewesen sei von dem ganzen Brimborium mit dem Weihrauch und den Heiligen. Als sie aber damals im Ort auch in die Kirche ging, nicht ganz regelmäßig, aber oft genug, um sich dazugehörig zu fühlen, hatte sie ihn immer eher als presbyterianisch empfunden, von dem Schlag, der ihr vertraut war, eigentlich, besonders mit einer Frau wie Elizabeth und ihrem Gerede vom Islam, vom Buddhismus und anderen Religionen. John selbst, fällt Helen ein, hatte vor allem von Kindern gesprochen, wenn er sonntags vor ihnen stand. Davon, dass die kindliche Einbildung ein Glaube eigener Art sei. Was für eine schöne Idee, findet sie heute. So gar nicht das, was man von einem erwartete, der mal Anglo-Katholik gewesen war. Oder doch? Damals war Helen davon ausgegangen, solche Bemerkungen seien vor allem darauf angelegt, mehr Leute in die Kirche zu locken, aber im Rückblick … Nun, vielleicht war Johns Interesse am Geheimnisvollen, an der Einbildungskraft dasselbe gewesen wie die Liebe zu Weihrauch und Kerzen … So war es letzten Endes wahrscheinlich. Und doch war ihr das an jenem Morgen seltsam erschienen. Dass Elizabeth sie angehalten und mehr oder weniger hatte durchblicken lassen, John sei diesmal derjenige, der die Leute zu etwas auffordere. Besonders Kirchgänger, das hatte Elizabeth gesagt. Kein Wunder, dass es im Pub Tagesgespräch gewesen war – dass der scheue John sich äußerte und Elizabeth alle Welt zu dieser besonderen Geste anhielt.
Helen jedenfalls hatte auf ihre Uhr gesehen und zu ihr gesagt: «Okay, fünf Minuten habe ich wohl», eingedenk der daheim schlafenden acht Monate alten Babys, die sie prompt vor Augen hatte, kleine Bündel in ihren Körbchen, schlafend noch, aber wer weiß, was alles passieren konnte, wenn sie aufwachten. Trotzdem sagte sie okay. Zeigte «guten Willen» – ein Spruch von Bobby, mit dem sie beide seit ihrem Zuzug aus London dergleichen bedachten, seit Winnies Geburt und der der Zwillinge und Helens zwangsläufigem Bemühen, sich ans ländliche Leben anzupassen. «Guten Willen» zeigen hieß, dass sie alles Erforderliche zu tun bereit wäre, um wie die anderen zu sein, die anderen Frauen im Ort, oder zumindest willig – meinte Bobby. Der war ihr mit diesem Spruch gekommen, als Strategie zur Überwindung der Großstadtarroganz gegenüber den Bewohnern englischer Marktflecken wie des ihren, und er war von seiner Wortfindung begeistert gewesen, weil sie Überlegenheit suggerierte, während man trotzdem die gesellschaftlich gebotenen Kontakte knüpfte, die so unverzichtbar waren an diesen abgelegenen konservativen Orten ein, zwei Stunden von London und damit quasi im Einzugsbereich, aber dennoch im Herzen der Home Countys. Es ging darum, als «verlässlich» zu gelten, auf – wie hatte Bobby sich ausgedrückt? – «Landei» zu machen. Aber was wusste er schon, denkt Helen jetzt, schließlich ebenso Großstadtpflanze wie sie, von Landeiern, und doch hatte sie guten Willen gezeigt. Bobbys Dämmerschoppen im Black Lion zählten da nicht. Denn guten Willen zeigen hatte so viel mehr verlangt, als einfach an der Bar mit Leuten abzuhängen, oder nicht? Es hatte bedeutet, Dinge zu tun, bei denen sie sich manchmal albern oder verkrampft vorkam und die sie trotzdem tat, um kontaktfreudig zu erscheinen, etwa den Bio-Stand betreiben mit einem Tapeziertisch, von dem sie Kartoffeln, Salat und Obst verkauft hatte, im Jahr, bevor all das passiert war. Damals hatte sie in der Tat guten Willen gezeigt, war Inbegriff der Bemühung und Kontaktfreude gewesen, wenn sie mit Nachbarn scherzte und Wechselgeld herausgab. Als strahlende Schwangere hatte sie sich damals sehen wollen. Vor sich die eigenen Bioprodukte, neben sich ein spielendes Kleinkind. Hatte jeden Freitag in der Markthalle guten Willen gezeigt, bis die Last ihres dicken Bauchs zu viel wurde, bis die in ihr größer und größer werdenden Zwillinge zu sehr zehrten und sie den Stand hatte aufgeben und, isoliert und erleichtert, daheimbleiben müssen.
Schon damals hatte Helen gewusst – das sieht sie heute glasklar –, dass sie sich mit dem Verzicht auf den Markt eigentlich eingestand, im Innersten nie so verlässlich werden zu können, wie Bobby das vorschwebte. Egal, wie viel guten Willen sie auch zeigen mochte, sie würde nie zu einer werden, die sich nicht mehr änderte oder anderes wollte. Während sie zugleich ahnte, dass die übrigen Frauen im Ort aber tatsächlich so waren, fröhlich, mit festen Gewohnheiten. Die huschten nicht in die Kirche und wieder hinaus, als gehörten sie da nicht recht hin, sie blieben hinterher noch und tranken miteinander einen Pulverkaffee, sie engagierten sich im Kirchenvorstand und bei den Bazaren. So war es auch in der Spielgruppe, in die sie Win brachte und wo sie umgeben war von Frauen, die sich in ihrer Rolle als ‹Mum› pudelwohl fühlten, mit ihren Gärten und Ehemännern und ihren ruhigen Abenden vor dem Fernseher … Nur, wie hatte Helen sich je einbilden können, dass sie in einem solch gesicherten Dasein ihren Platz gefunden habe, wo in ihr doch immerzu so etwas wie Panik aufstieg; sie wuchs im Laufe des Tages und ebbte erst abends, wenn sie sich das erste Glas Wein einschenkte, langsam ab, um sich gleich am nächsten Morgen zurückzumelden und sie, dunkel und lüstern, zu vereinnahmen.
Heute sieht sie, dass sie sich damals permanent veränderte – da die eine war, die an der Kirche auf Elizabeth traf, dort die andere, die Bobby abends ins Bett schaffen und sicherstellen musste, dass sie selbst ein großes Glas Wasser am Bett stehen hatte für den zu befürchtenden Nachdurst und die Übelkeit. Nein, sie war nicht verlässlich, das hatte sie damals ebenso gut gewusst wie heute. Nur war das damals überlagert gewesen von dem Dauerzustand Bobby, der Gewohnheit, ihn zu umsorgen und mit ihm zusammen zu sein. Also war das Haus ordentlich, waren die Zwillinge und Winnie gut versorgt, sauber, adrett, und niemand hätte im Traum gedacht, nicht wahr, dass darunter dieses andere Leben verlief – sich überstürzend und unsicher und, ja, beängstigend –, begleitet von dem Gefühl, dass einfach alles passieren konnte, alles Mögliche. Deshalb hatte sie doch Bobby geheiratet, oder nicht? Um sich vor diesem Gefühl zu schützen? Deshalb hatte sie ihm zugehört, ihn endlose Reden schwingen lassen. Als könnte sie ihr Leben in eine Geschichte verwandeln, die wer anderes erzählte – eine seiner Geschichten, genau genommen –, als könnte eine Geschichte dich beruhigen und im Dunkeln besänftigen, die Leere mit Worten füllen und Sprüchen und Sätzen, damit du schlafen kannst.
Wie dem Wort «verlässlich». Damals, findet Helen heute, war ihr Kopf vollgestopft mit solchen Wörtern und Gedanken – sie sollten sie möglichst zu einer machen, die guten Willen zeigte und das Richtige tat. Folglich war sie an jenem Tag natürlich wie versprochen zur Markthalle gegangen, und tatsächlich, da war er, der Mönch, gleich dort unter der Uhr, wie es Elizabeth gesagt hatte. Er saß im Lotussitz in seinem gelben Gewand mit seiner kleinen Schale da … nahm irgendwie eine Position ein. Nur sprach hier diesmal nicht Bobby. Dies war keine seiner Geschichten. Denn Helen hatte den Mönch gesehen. Sie hatte ihn selber gesehen.
Der Moment überwältigt sie, genauso wie damals. Denn schien das Ganze nicht, zunächst, unglaublich?
Er glich einer Statue, saß auf diese anmutige Art mit gesenktem Kopf da, die nackten Füße gelenkig im Schoß verschränkt, auf dem Gesicht ein Lächeln, wie man es aus allen Reisebroschüren über Tibet kannte. Wie das Lächeln der Mönche bei der Ausstellung zur tibetischen Kunst im Victoria & Albert Museum oder auch jener anderen im Metropolitan Museum seinerzeit, als sie bei einer alten Freundin ihrer Mutter in New York gelebt und die sich um sie gekümmert hatte, während Helen sich über ihr Leben klar zu werden und zu entscheiden bemühte, ob sie Bobby überhaupt heiraten sollte, und als man Mönche aus einem Kloster irgendwo in Indien eingeflogen hatte, die Sand-Mandalas auf dem Boden schufen …
Wie viel davon ihr aber in dem Moment wieder einfiel, als sie den Mönch erblickte – das vermag Helen nicht mehr genau zu sagen. Das kommt irgendwie daher, dass heute über die Details nachzudenken, über jenen Tag und das, was folgte … dass dieser Erinnerungsprozess weitere Erinnerungen heraufbeschwört. Und auch wenn sie nicht recht weiß, ob ihr damals so war, als kehrte beim Anblick des Mönchs wirklich schlagartig jene Phase ihres Lebens so deutlich zurück, die Erinnerung an ihre Zeit in New York … weiß sie, dass ihr jetzt so ist. Als wäre ihr gesamtes Leben um ihn aufgestiegen. Wer sie gewesen war. Was sie getan hatte. Die Erinnerung daran, wie frei sie sich in New York gefühlt hatte, aber auch wie panisch – weil sie erkannte, dass eine Entscheidung anstand, die sehr genau überlegt sein wollte, während sie doch blindlings darauf zustürmte, zustürmte inmitten der Clubs und Bars und der Partys, in New York herumhetzte und wusste, dass Bobby drüben in London wartete, wartete …
Sehr deutlich hatte sie allerdings wahrgenommen, wie sich der Tag, der Morgen, wie sich jedes Detail um den Mönch – die dunklen Steine und Ziegel der Markthalle, die Vergoldung des Ziffernblatts an der Uhr, das klare Porzellanblau des sommerlichen Himmels, wirklich frisch und gestochen scharf und wie blankes Porzellan, weil es in der Nacht zuvor geregnet hatte – aufzuladen schien, genauso war es, findet Helen noch heute, es «lud sich auf», jedes Detail bot sich ihr in seiner ganzen, wesenhaften Bedeutung dar. Und vor diesem Hintergrund, diesen Dingen, ihrer Dinghaftigkeit sozusagen, vor den Steinen und dem Himmel, gab es die leuchtenden Farben des safrangelben Gewands, der kleinen Tonschale, des hellen Strohs der Matte … die Aspekte des Mönchs, die, wo sie ihr doch direkt vor Augen standen, zu einer ganz anderen Sphäre zu gehören, einem Ort jenseits ihrer selbst zu entstammen schienen, ätherisch, ihr gänzlich unbekannt, einer Hoffnung, einem Glauben oder einem Traum.
In dem Moment fing für sie etwas an. Sie verspürte den starken Drang, den sie natürlich sofort unterdrückte, die Hände zusammenzulegen wie zum Gebet, wie der Mönch, und sich ihm zuzuneigen … Sie hatte es nicht getan, nichts unternommen, was verrückt oder bedürftig hätte wirken können. Stattdessen hatte sie es trotz des anfänglichen Gefühls von Glauben, Ungläubigkeit und Staunen geschafft, sich genau so zu verhalten, wie Elizabeth es gewünscht hatte. Sie hatte sich dem Mönch genähert, behutsam ein paar Münzen und einen zerknitterten Schein in die Bettelschale an der Ecke der Matte gelegt und langsam, auf sehr verlässliche englische Art gesagt: «Willkommen.»
Der Mann hatte ihr in die Augen gesehen. Wortlos.
Das «Willkommen» hatte sicher seltsam geklungen, aber Helen war sich deswegen nicht blöd oder verkrampft vorgekommen – in Grunde war es, als ginge sie in einen Traum ein. Alles verlangsamte sich. Es lag in der Luft um den Mönch eine Stille, die Helen mit einschloss – als wäre die Stille in sie gedrungen und Teil von ihr geworden. Ein Gefühl, von dem Helen heute ganz anders als damals weiß, es war Ruhe. Erst als Margaret Cockburn, eine Nachbarin, kam und zum Mönch hintrat und in ziemlich der gleichen Weise wie Helen zu ihm «Willkommen» sagte, war ihr, als fielen ihr mit Schrecken die daheim allein gelassenen Zwillinge wieder ein, und da war sie davongestürzt und mit rasendem Herzen die Treppe hinaufgeflogen, drei Stufen auf einmal. Doch die Jungen lagen da noch genauso, wie sie sie zurückgelassen hatte, still und zufrieden, und regten sich erst, als sie sich über sie beugte und sie mit ihrem Keuchen erschreckte. Sie blieb dort einige Zeit über ihnen stehen, betrachtete sie und lauschte den kleinen Schmatzlauten der sich in Erwartung des nächsten Fläschchens öffnenden und schließenden Münder … Doch schon dabei dachte sie nur noch an den Mönch unten im Ort und den Moment, da sie vor ihm gestanden und alles als so still empfunden hatte wie ein Gemälde, vor dem sie verweilen könnte, und an das Gefühl, solange sie verweilte, nie wieder Panik oder Angst oder tiefste Verzweiflung erleben zu müssen.
Den ganzen Tag damals hatte sie an nichts anderes gedacht. Das Gefühl beschworen. Es zurückzugewinnen versucht. Sodass sie zwar nicht wirklich verstand, weshalb sie den Mönch noch einmal sehen musste, nur wusste, dass es so war – also hatte sie die Jungen in den Kinderwagen gepackt und einen neuerlichen Besuch vor sich selbst mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, Winnie von der Spielgruppe abzuholen.
«Es ist ein toller Astronaut bei uns zu Besuch», hatte sie ihrer Tochter gesagt, als sie sie an der Tür zum Gemeindesaal abfing. «Wollen wir mal gucken gehen, wir beide?»
Winnie hatte mit ihrem von den morgendlichen Spielen verwuschelten Haar zu ihr hochgesehen, so wunderbar erhitzt, als breite sich wellenförmig, fand Helen immer, die Sicherheit ihrer kleinen Tochter aus, deren kleiner Körper so fest und in der Welt so sicher verankert schien.
«Können wir John-John und Barney mitnehmen?», fragte sie. Sie lugte zu den Zwillingen hinab und schnitt für sie eine Grimasse, bei der die beiden vergnügt strampelten.
«Natürlich», sagte Helen.
«Okay.»
So hatte Helen es angestellt, hatte es selbstverständlich erscheinen lassen, dass sie abermals hinmusste, wo sie bereits am Morgen gewesen war, um dort einfach noch mal stehen zu können. Sie hatte eine Tasche für eventuelle Einkäufe mitgenommen, als wären Besorgungen vielleicht der Grund für den Gang zum Marktplatz, und bei sich, als eine Art Alibi, die Tochter, der sie nachher ein Eis kaufen könnte oder eine Tüte Bonbons – denn was wäre sie damals manchmal gewesen ohne Winnie und ihren strammen kleinen Körper? Neben sich auf ihren Wegen und in den Läden, Winnie, die ihr einen Grund gab, da zu sein, die ihr zu tun gab? Die Hand einer Tochter konnte immerhin die der Mutter halten und sie schützen. Und wo, fragt sich Helen, wäre sie, selbst heute, ohne diesen Halt, wo?
Sie hatte zu Winnie runtergesehen, um sich zu vergewissern, dass das Kind es nicht seltsam fand, nicht schnurstracks heimzukehren, doch Winnie hatte sich schlicht den Daumen in den Mund geschoben und um Helen herumgelugt, um den Jungen zu winken, die Helen im Kinderwagen vor sich herschob. Die Zwillinge strampelten und wanden sich und krähten vor Vergnügen.
«Er ist wie ein richtiger Astronaut, weißt du», sagte Helen zu Win. «Er hat allerdings ein gelbes Gewand, also mehr wie Jesus.»
Winnie nickte, ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen. Eigentlich war es Zeit für ihr Sandwich, für ein Glas Milch und ihren Mittagsschlaf, sagte sich Helen. Sie sollten heimgehen. Und doch schwenkte sie den Kinderwagen herum und hielt auf den Marktplatz zu, weil sie glaubte, wenn sie ihn nur ein Mal noch sehen, ihn in den Blick nehmen könnte, den Mönch, das vorige Gefühl von Ruhe und Stille wiedererleben und dieses innere Bild würde mitnehmen können wie ein Foto – sie brauchte dazu nicht einmal besonders nah herangehen … Doch als sie eintrafen, war er von so vielen Menschen umringt gewesen, dass sie nicht einmal einen Blick auf sein gelbes Gewand erhaschte. Dann fing einer der Jungen an zu quengeln, John, und Winnie sagte: «Ich hab Hunger, Mummy, Hunger» – also gab Helen auf, und sie gingen nach Hause.
Das alles war am Morgen gewesen und nun, Stunden später, saß da Bobby vor ihr und erzählte ihr davon. Von dem Menschenauflauf, wer da gewesen war beim Mönch und wer nicht, wer was gesagt hatte. Eigentlich, hatte Helen gedacht, als sie ihn betrachtete, war es doch nett, wie Bobby sich für die Geschichte begeisterte, wie er sich einließ, aber andererseits verriet ihr sein unsteter Blick auch genau, wie viel er getrunken hatte.
Er grinste sie an. «Sieht man nicht alle Tage, oder? Dass wir hier im vorsintflutlichen Mittelengland so was erleben? Hier in unserer ‹Mittelerde›, ha. Das muss ein Schock gewesen sein, Darling. Nicht wahr? Wo du doch immerhin eine derer bist, die ihn gesehen haben.»
Er hatte sie fixiert, als er es sagte, mit seinen hübschen, tiefblauen Augen und dem dunklen, privaten Blick, den nur sie zu sehen bekam. Der von seinen allein in der Küche mit einer Whiskyflasche verbrachten nächtlichen Stunden sprach, den vor einem Lunchtermin mit Klienten gekippten Wodkas … Sie alle gehörten zur Geschichte. Bobbys Geschichte. Mitgefangen, mitgehangen, besagte der Blick. Du und ich, wir beide. Helen wandte sich ab.
«Ich rede mit dir», hatte Bobby gesagt.
«Ich weiß.» Und da hörte sie bereits in seinem Ton den drohenden Stimmungsumschwung. Käme jetzt jemand in die Küche, ein Nachbar, ein Freund, würde er leutselig und charmant sein und das sogar ein paar Stunden durchhalten können, aber hier mit ihr allein …
«Ich sagte, ich rede mit dir.»
«Ja. Was ist denn?» Helen war vom Tisch aufgestanden.
«Ich sage, es ist mir egal, was du gesehen hast oder nicht. Irgendjemand muss die Dinge in die Hand nehmen. Himalaya hin oder her.»
«Tut mir leid», sagte Helen. «Habe ich nicht mitgekriegt. Ich habe nach den Jungen gehorcht.»
«Ich sagte, dein Mönch verbringt die Nacht im Wald, müsste inzwischen schon dort sein. Und mir ist egal, ob er es gewohnt ist. Das hier ist England, Herrgott, wir sind hier nicht im indischen Hochgebirge …»
Helen hielt inne – vielmehr fühlte sie sich innehalten, so eher. Sie hatte einen Holzlöffel genommen und schob im Eintopf das Fleisch herum, sie tat etwas, aber es war, als täte sie es nicht, als wüsste sie nicht, wie. Da war der Tisch, waren die leeren Flaschen. Die helle Küche, die dunklen Zimmer oben, wo die Kinder schliefen. Da war Bobby, der sich erhoben hatte, betont langsam, und bedächtig die Kühlschranktür aufzog und hineingriff. Und da war sie, unfähig, weiterzumachen, unfähig, überhaupt etwas zu tun.
Da hob sie zu sprechen an: «Das wusste ich nicht –», aber Bobby unterbrach sie.
«Doch, doch», fuhr er fort, als wäre sie von Anfang an am Gespräch beteiligt gewesen, hätte alles gehört, was er gesagt hatte, als wäre sie mit ihm im Pub gewesen. «Irgendwer, ein Dolmetscher oder so, hat gemeint, das habe er vor. Wolle bei Sonnenuntergang rauf in den Ten Shilling Wood hinter Parson’s Farm und dort übernachten, die Nacht dort auf seiner verdammten Matte verbringen.»
Helen sah zum Küchenfenster über den Garten hinaus, über die Weide, und da lag er, der Wald. Sie stellte sich vor, wie der kleine, zarte Mann, den sie vormittags gesehen hatte, ihn betrat, während die Sonne hinter dichtem Geäst versank. Sie stellte sich vor, wie die letzten Sonnenstrahlen durchs Laub schossen, blitzenden Münzen gleich, Licht, das ihn blendete, aber rasch schwand, sah den Waldboden tiefer und weicher werden, je weiter er vordrang.
Sie musste ihn finden. Das wurde ihr just in dem Moment klar. Dass sie hinausgehen musste in den Wald, auf den Hügel, und nach ihm suchen. Obwohl es vollkommen verrückt schien, musste sie es tun, musste ihn irgendwie, aus irgendeinem Grund finden. Doch aus welchem Grund? Dahinter kommt Helen bis heute nicht. Zur Wiederbelebung? Korrektur? Um das Gefühl von Stille und Ruhe vom Morgen zurückzugewinnen? So wie sie noch am Morgen hatte zurückkehren, den Mönch noch einmal sehen und das Gefühl wiederaufleben lassen wollen, aber zu viele Menschen da gewesen waren, sodass sie nichts hatte sehen können? Oder steckte mehr dahinter? Glaubte sie, indem sie etwas Ungewohntes tat, Untypisches eigentlich – im Wald nach einem Fremden suchen –, sich der Stärke des Gefühls vergewissern zu können, das sie am Morgen gehabt hatte, eines Glaubens? Sie wusste es nicht. Sie weiß es bis heute nicht. Aber sie hatte sich vom Fenster abgewandt, während vom Himmel bereits das Abendrot wich, und was hatte Bobby noch gesagt: «bei Sonnenuntergang»? Da hatte sie gedacht: Ich muss sofort los.
«Das solltest du.»
«Bitte?»
Bobbys Stimmte störte sie auf.
«Was hast du gesagt?»
«Ich sagte, ich finde, du solltest in den Wald gehen und ihn suchen. Deinen Mönch. Ihm ein bisschen englische Gastfreundlichkeit erweisen, Herrgott. Du und deine Dorfladys. Ich habe am Tresen Geld hinterlegt; es gibt für ihn also im Lion ein Bett. So weit habe ich immerhin mitgedacht. Daran gedacht, immerhin. Also zieh los und finde ihn, wenn er dir so viel bedeutet, dass du ihn doch sehen konntest. Vielleicht hast du, habt ihr Ladys sogar sein Gewand berührt. Also los. Ich esse inzwischen», sagte Bobby. «Ich gehe inzwischen ins Bett.»
Helen hatte zögernd genickt. Sie hatte Bobby nicht angesehen, hatte es nicht über sich gebracht, und sie sagte auch nicht gleich etwas. Sie griff nach einem Teller, schöpfte Soße darauf, Fleisch und Kartoffeln, stellte ihn vor ihm ab und legte Messer und Gabel dazu.
Dann sagte sie, sehr leise, Danke zu ihm. Als würde er – ob das nun seine Absicht war oder nicht, ob sie seine Worte so verstehen sollte, wie sie es tat, oder nicht, ob sie demjenigen Teil von ihm entsprangen, der sie verstand und kannte, oder ob die Worte als Drohung gemeint waren, als Prüfung, und könnte sein Angebot schnell umschlagen – ihr gerade etwas schenken. Inmitten der Kinder, hier in diesem Haus, in dem ihre Söhne in ihren Körbchen schliefen, Winnie in ihrem kleinen Bett lag … inmitten dieses Heims, dieser Küche hier mit dem Eintopf, in dem der Saft blubberte, inmitten der Teller, die nicht mehr in die Spülmaschine passten und sich deshalb im Becken stapelten, inmitten des Gemüses und Salats, die sie zu ihrem Eintopf hatte anrichten wollen, die aber nach wie vor auf der Arbeitsplatte lagen, inmitten von alledem, den Flaschen und Bobbys Bier und ihrem Wein, seiner fahlen Farbe und der Notwendigkeit, diese fahle Farbe im Glas auf demselben Pegel zu halten, um überhaupt etwas mit ihrem Mann teilen zu können, bei ihm sein und ihn umsorgen zu können und mit ihm, mit seinen blauen Augen, mit dem, was er tat, so weit einverstanden sein zu können, um bei ihm zu bleiben … als habe sie ihm inmitten von alledem ein Danke zugeflüstert, als habe er ihr tatsächlich etwas geschenkt, als habe er sie freigegeben.
Sie griff nach den Schlüsseln am Haken hinter der Küchentür, wandte sich kurz noch mal um, um Bobby am Küchentisch zu betrachten, ehe sie hinaustrat. Doch in dem Bruchteil einer Sekunde war er weg, hatte den Kopf über seinen Teller gebeugt wie ein Tier und schaufelte sich Fleisch und Soße in den Mund, und das Gewicht und die Neigung seines Körpers am Tisch schienen aus dem Lot, als könnte er jeden Augenblick stürzen.
Helen brauchte nicht lange, um den Wagen rückwärts die Einfahrt hinabzusetzen, zu wenden und Richtung Farm zu fahren. Dort, am dritten Gatter links, führte der Feldweg in den Wald hinauf, und Helen folgte ihm bis zu der Bucht am Wegrand, wo man parken konnte. Die Möglichkeit nutzten wenige im Ort oder von außerhalb. Es war angeblich der Startpunkt eines ausgeschilderten Wanderwegs, aber als sie und Bobby kurz nach ihrem Zuzug das erste Mal hier gewesen waren und Winnie noch ein Baby war, als sie noch glaubten, sie würden so was als Familie öfter unternehmen, picknicken gehen, wandern, da hatten sie, auch wenn sie selbst gar nicht ausgestiegen waren, niemand auf dem Weg gesehen und nirgends parkende Wagen. Auch später, als sie ein paarmal allein hergekommen war, einmal sogar mit Winnie, entsann sie sich, wusste aber nicht warum, es war lange vor der Geburt der Zwillinge gewesen, war weit und breit kein Mensch, kein Fahrzeug zu sehen gewesen und auch, als sie sich ein Stück in den Wald vorwagte, nicht die leiseste Andeutung eines Wegs. Vielleicht brauchte man eine Karte oder jemanden, der einem den Weg genau beschrieb. Seither hatte sie, wann immer sie sich in den Wald aufmachte, eine Beklemmung verspürt, sobald in ihrem Rücken die Bäume zusammenrückten, und hatte nach wenigen Minuten wieder umkehren und, um sich nicht zu verirren, denselben Weg zurückgehen müssen.
Jetzt aber parkte sie einfach, ließ den Zündschlüssel stecken und die Tür sperrangelweit offenstehen und marschierte einfach los. Plötzlich war an der Unternehmung, zu dieser Abendstunde ganz allein in den Wald zu laufen, um einen Mönch zu suchen, überhaupt nichts seltsam oder wunderlich. Die Wälder in diesem Teil von Oxfordshire bestehen aus uralten Buchen, Eschen und Eichen, wodurch drinnen der Eindruck Hunderter schmaler, sich in alle Himmelsrichtungen verlierender Wildwechsel entsteht, die dich allesamt auf eine Weise zwischen die Bäume locken, dass du unausweichlich dort landest. Einer davon mochte der Wanderweg derer sein, die die Parkbucht angelegt und sich die Mühe gemacht hatten, eine Tafel mit der Aufschrift «Ten Shilling Wood Walk: Rundgang, 10 M» und Anmerkungen zu Aussichtspunkten und Lichtungen zu errichten. Jetzt aber, für Helen, kann jeder der Wechsel ein Weg oder schlicht eine weitere Möglichkeit sein, sich zu verlaufen; ob so oder so, es ist egal, denn jeder ruft nach ihr und führt tiefer hinein.
Zwischen den Bäumen ist nichts als Stille. Im schwindenden Licht ragen die bleichen Baumstämme beige und grau und violett vor ihr auf wie Menschen in einer Menge, die zum Durchlass eine Gasse bilden. Es riecht nach feuchter Erde und Laub und dem Grün der Blätter, ein grüner Dunst, den sie verströmen wie Atem.
Das könnte sonst wohin führen.
Sonst wohin, denkt sie und stellt sich das schwirrende gelbe Gewand voraus zwischen Bäumen vor, wie Flügel. Wo soll sie ihn nur finden? Sie geht ein paar Schritte, wendet sich zur Seite, schlägt einen neuen Weg ein. Noch tragen die grün belaubten Äste den Himmel, kann er sie nicht schlucken, noch weichen die Bäume zurück, rücken zusammen, lassen sie passieren. Ihr Fuß verhakt sich in etwas, einer Wurzel, einer Kriechranke, und als sie sich bückt, um sie von ihrer Sandale zu lösen, merkt sie, wie feucht der Waldboden ist und dass die Schuhe dicke Stollen klumpigen Lehms angesetzt haben. Sie zieht sie aus und lässt sie zurück. Jetzt spürt sie die vielartige Beschaffenheit des Bodens, der Blätter und Zweiglein, des weichen Mulchs, und sie geht weiter, genießt das Gefühl von Füßen, die sich mit jedem Schritt dem Untergrund anpassen, die zu wissen scheinen, wo’s langgeht.
Sonst wohin …
Sie merkt, dass sie barfuß schneller vorankommt. Und dass das Geräusch, das sie hört, ihr eigener Atem ist, als liefe sie, keuchend. Mit hämmerndem Herzen.
Sonst wohin …
Mit schwellendem, hämmerndem Herzen. Sie geht schneller, immer schneller, als wollte sie eigentlich laufen. Im Gefühl, vor etwas davonzulaufen, vor jemandem, oder auf es oder ihn zu, im Gefühl, sich komplett verirrt zu haben. Sie hat jetzt wirklich die Orientierung verloren, das weiß sie ebenso gut, wie sie weiß, dass ihre nackten Füße sie weitertreiben, sorglos, dass ihr Körper hier glücklich ist mit dem Waldboden unter den nackten Sohlen, befreit von dem anderen Ort, der Küche und dem in der Küche und den Kindern im Zimmer über der Küche, entwischt in diesen Wald, wo sie im schwindenden Licht, in der anbrechenden Nacht zum weißen Schemen wird, zwischen den Bäumen auf eine Spur gelben Stoff zuschwirrt, vielleicht, einen flüchtigen Blick auf Safrangelb hinter lauter Bäumen, aber auch das scheint wie vergessen: was sie hergeführt hat, was sie sucht, obgleich sie weiter auf der Suche darauf zuläuft.
Sie hatte ihn nicht gefunden. Später konnte sie nicht einmal mehr sagen, wie lange sie dort gewesen war, unter den Bäumen, immer neuen Wechseln folgend, konnte sich nicht erinnern, wann das letzte bisschen Licht am Himmel zerrann, das letzte bisschen Violett sich zu Schwarz verfinsterte. Sie konnte sich ebenso wenig erinnern, an welchem Punkt ihr das Gefühl entglitt, dass sie den Mönch suchte, der, wie man ihr verrückterweise weisgemacht hatte, diese Nacht im Wald verbringen wolle. Sie erinnert sich bloß, wie sie in den Wald ging, um ihn zu suchen, und als sie wieder hervorkam, vergessen hatte, und zwar vorübergehend ganz und gar, wer sie war, was sie da machte, wie sie dort hineingeraten war.
Das allein war schon eine Art Wunder gewesen, überlegte sie viel später, als sie sich selbst die Geschichte erzählte, ihre Geschichte, als ob sie sie einer anderen erzählte, die sie vielleicht in allen Einzelheiten aufschreiben würde, Zeile für Zeile. Wie sie an jenem Abend aus dem Wald herausfand, zum Wagen zurück, und wie sie beim Anblick des Fahrzeugs und des wegen der offenen Tür brennenden Innenlichts, das die Nacht irgendwie noch dunkler machte, keineswegs die Riesenerleichterung empfand wie nach einer Panik zu erwarten, sondern vielmehr das Gegenteil. Denn der Himmel kam ihr nicht dunkel vor, die Erde nicht feucht oder unwegsam vor Steinen und Wurzeln, überhaupt nicht tückisch eigentlich, nichts, was ihr das Gefühl gab, ihr Verhalten könnte seltsam oder unnatürlich sein.
Wirklich, denkt sie rückblickend, nichts davon hatte sie erschreckt. Dort in jenem Schattenreich zu sein, auf unbekanntem Terrain, wo sie vielleicht, vielleicht nicht auf einen heiligen Mann stoßen würde, dessen Sprache sie nicht beherrschte … Was genau hatte sie überhaupt zu ihm sagen wollen, wenn sie ihn fand? Was, wenn überhaupt, hatte sie tun wollen? Nichts davon hatte im Grunde eine Rolle gespielt, war noch von Bedeutung gewesen – nur das unausweichliche Betreten des Waldes, dann, einmal drinnen, das Gefühl von Flucht, so schnell die Füße sie trugen, erst immer tiefer hinein und dann wieder hinauszulaufen zum Wagen, zum Licht, zum Schlüssel.
Der Motor war gleich angesprungen, und Helen war nach Hause gefahren, hatte leise das hell erleuchtete Haus betreten, leere Flaschen auf dem Tisch und ein verschmierter Teller … Bobbys Dreck. Ohne groß zu überlegen, räumte sie weg, was von ihm übrig war, knipste das Licht aus und machte sich auf den Weg ins Zimmer ihrer Tochter. Mit ihrem Mann das Bett zu teilen, kam jetzt nicht infrage. Der Gedanke stellte sich ein wie die Erinnerung an gelben Stoff im Wald – real, und doch nicht real, eingebildet, und doch gesehen … Wie eine Vision. Ja, eine Vision war es gewesen. Sie hörte sich die Worte sprechen. Eine Vision. War ihr zuteil geworden. War der ganze Tag gewesen. Leise zog sie sich bis auf ihr T-Shirt und die Unterhose aus, sah kurz nach den Jungen und schlüpfte zu ihrer Tochter ins Bett. Sie drückte Winnie an sich, an ihren Bauch, spürte das Gewicht des warmen, atmenden Körpers. Innerhalb von Sekunden war sie eingeschlafen.
Mitten in der Nacht aber, oder so schien es, weckte sie ihre schreiende Tochter. Winnie kauerte auf dem Bett, Bettdecke auf dem Boden. «Da ist Blut!» Sie zeigte. «Da! Blut!»
Und dort, geädert wie Eingeweide, verlief eine dunkle Schliere über das Laken, aus der Mitte bis hinab ans Fußende, und einen Augenblick lang dachte Helen, ihre Tochter habe recht – der glitschigen Farbe wegen, der im Dunkeln dicken, uterusartigen Konsistenz, alt und weiblich und urweltlich, wie ein blutiges Laken nach der Hochzeitsnacht oder einer Fehlgeburt, wie eine Nachgeburt, ureigenes Gewebe –, dass es wirklich Blut wäre. So sah es im Dunkeln aus. Aber es war der Lehm von ihren Fußsohlen, von dort mitgebracht, wo sie gewesen war, von dem, was sie gemacht hatte, er war mit ihr ins Bett gelangt. Auf dem Laken war verschmierte Erde, hatte die Spur hinterlassen, die Winnie so erschreckte – aber es hätte wirklich Blut sein können, begreift Helen nun viele Jahre später, wo Winnie erwachsen ist und die Jungen auch und Bobby weit, weit weg. Ein Teil von ihr, das Innerste nach außen gekehrt, eine Verwandlung, die sich in einem Tag, einer einzigen Nacht vollzogen und alles verändert hatte, sodass die Schliere im Bett wirklich wie Blut war. Hätte sein können.
Elegie
In den Magnolienbäumen an der Euston Road nisteten wieder Blüten. Frühling in London. Wie ein Lied, dachte Elisabeth, als sie die rosa Blütenblätter an den Zweigen flirren sah: Frühling in London. Magnolien. Ein Lied.
Allerdings war es keineswegs warm, das hatte sie schon, als sie in King’s Cross aus dem Edinburgher Zug stieg, bemerkt. Genau genommen war es bitterkalt, draußen am Taxistand wehte ein scharfer Wind, und ihr Wintermantel fühlte sich dünn an. Doch als sie wenige Minuten später im Taxi dahinglitt und nach der langen Abwesenheit zum Fenster hinaus in einen Himmel sah, der zu jeder Jahreszeit gehören konnte, das weiche Taubengrau einer einst so vertrauten Stadt … war er wieder da, ja doch, im Pastell der sich in den kahlen Zweigen plusternden Blüten: Wieder Frühling, hatte sie sich gesagt, selbst jetzt. Durfte Frühling sein. Sollte doch bitte Frühling sein.
Das Taxi schien jedoch für den Weg furchtbar lange zu brauchen, bei allen Tagträumereien, Gedanken zur Heimkehr und Erinnerungen. Es war eigentlich nicht viel Verkehr, aber was immer der Grund – die stockende Fahrt des Taxis, die roten Ampeln alle paar Minuten und die sich auf der Überführung zur Abzweigung Richtung Westbourne Park stauenden Autos –, sie kamen nur langsam voran … Also war vielleicht doch viel Verkehr, und sie hatte bloß nach den vielen Jahren in Schottland vergessen, wie es in London war, was die Zusammenballung von Menschen hier bewirkte. Die Schlangen der vom Westway kommenden Autos – die ganzen Taxis und Geländewagen, die heutzutage offenbar alle haben mussten, die Motorräder und Transporter und Busse … So unnötig, fand sie, die verlorene Zeit, wo sie der Wohnung nach zehn Minuten Taxifahrt doch so nah war und normalerweise aussteigen und zu Fuß gehen würde, wenn sie sich nur kräftiger fühlte. Früher hätte sie es getan. Aber hey. Das war eben damals, nicht? Und dies hier war jetzt. Wäre sie noch auf der Insel, würde sie an den Verkehr gar nicht denken, an nichts von alledem. Ob sie gehen konnte oder nicht, den Fortschritt eines Londoner Taxis an ihrem eigenen sehr akzeptablen Schritt messen, der sie in ihren geliebten Hügeln auf dem morgendlichen Rundgang zum Strand, hinauf zum Aussichtspunkt und wieder runter zum Haus geführt hatte … Aber auch das war jetzt eben damals. Die Insel, ihr dortiges Leben. Damals hatte sie nie an kräftig oder nicht denken müssen, an nichts von alldem. Sie wäre … einfach …
Nun, egal, was wäre. Es sollte doch bitte Frühling sein, einfach Frühling. Weiter nichts. Einfach Magnolienbäume. Und Blüten. Ein Lied in – G-Dur. Ja, das ginge. Oder A. Zu Anfang ein herrlich sattes Glissando, und dann gleich hinein in einen hellen, ausholenden Melodiebogen, leicht zu bewältigen für einen Alt. Nur an ein solches Lied denken und alles andere beiseitelassen, nicht bei anderem verweilen. Und wenn es hier eben ein bisschen länger dauerte, von A nach B zu gelangen, und wenn hier eben ein paar mehr Menschen unterwegs waren, alle wie sie darauf erpicht, von A nach sonst wohin zu gelangen … So war das eben in Großstädten, nicht wahr? Sie war doch mal Großstädterin gewesen, schon vergessen? «Du bist hier nicht auf deinem Hügel», würde Edward zu ihr sagen, wenn er hier wäre. «Sieh mich an, Schatz. Sieh mich an. Es wird alles gut, hörst du? Sieh mich an. Ich versprech’s dir.»
Tja. Elisabeth lächelt. Edward und sein «Sieh mich an». Er hatte sein Bestes gegeben, und dafür liebte sie ihn, für seine ruhige, unaufgeregte Art. Dafür, dass er nicht ein Mal, nicht ein einziges Mal Angst gezeigt hatte, Schwäche oder Sorge. Er war gewesen wie sonst auch: Eins nach dem anderen, bloß nichts überstürzen, keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wenn es der eine Arzt so sah, würden sie eben einen zweiten konsultieren. Das hatte er gesagt, ganz am Anfang. Es gebe schließlich noch die Spezialisten, die, die mehr davon verstanden als die Kollegen vor Ort mit ihren Diagnosen, oft genug musste man sie nur finden, sie und die richtigen Ansprechpartner. Es würde alles gut. Also hatte sie ihn angesehen, ihm fest in die wunderbar steten Augen gesehen. «Alles klar?», hatte er gesagt. «Ich versprech’s dir.» Und es waren Briefe und Anrufe gefolgt, es hatte die Termine in den besten Krankenhäusern Schottlands gegeben, den Spezialkliniken … sie hatte sich der ersten OP unterzogen, der zweiten …
Sie würde ihn von der Wohnung aus gleich anrufen. Immerhin hatten sie beide den gleichen Gedanken gehabt, nämlich es in London zu versuchen, jetzt wo alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren, und er hatte sie begleiten wollen, sie selbst hingegen schließlich gesagt, sie wolle lieber allein fahren. Er würde wissen wollen, natürlich würde er das, wie die Reise verlaufen war, wie sie sich fühlte. Er schien irgendwie schon weit weg, Edward. Weit weg, wie ein anderes Leben. «Wenn du mich brauchst, nehme ich den nächsten Flieger», hatte er gesagt. Also würde sie ihn von der Wohnung aus sofort anrufen – obwohl …
«Nun, wir werden sehen.»
«Wie war das, luv?»
Der Taxifahrer sah sich halb nach ihr um, suchte ihren Blick im Rückspiegel. «Hab ich nicht mitgekriegt, was haben Sie gesagt?»
«Nicht so wichtig.» Elisabeth sah zum Fenster hinaus, die Bäume waren jetzt hier in diesem Teil von Paddington wieder kahl. Keine Spur von den herrlichen Blüten. «Ich habe bloß gedacht …», sagte sie und kehrte in die Gegenwart zurück. «Der Verkehr. Ist der in London schon lange so schlimm? Ich erinnere mich zwar an Verkehr, aber so …»
«Kennen Sie das nicht, wie?»
Der Taxifahrer lachte auf. Er war ihr noch immer halb zugewandt – es gab da doch diese Redensart, nicht wahr, draußen solle man hundert Augen haben? Wenn er das wenigstens im Straßenverkehr beherzigen würde. «Vorsicht», wollte Elisabeth sagen, obgleich sie selbst nicht mehr fuhr, auch nicht auf der Insel, warum sollte sie auch. Dennoch – Vorsicht.
«Jedenfalls kommen wir nicht sonderlich schnell voran, oder?», sagte sie stattdessen zu ihm.
«Nie, luv. Das hier ist London.» Er schüttelte den Kopf. «Geht weder jetzt schnell noch später. Eigentlich nie. Wo kommen Sie denn her?»
«Schottland.»
«Ach ja?»
«Von einer kleinen Insel ganz weit im Westen.»
Der Mann pfiff beeindruckt. «Von so weit oben, wie? Was wollen Sie dann hier? Zu wenig los da oben? Mal ein bisschen Großstadtluft schnuppern?»
«Tatsächlich werde ich sogar bleiben», sagte Elisabeth. «Ich kehre zurück, verstehen Sie. Ich habe hier mal gelebt. Ja, ich werde bleiben. Eine Zeit lang jedenfalls.»
«Ach ja?»
«Ja.»
Da spürte sie wieder den Druck, ein Brennen. Idiotisch. Das kam davon, wenn sie sich nicht vorsah, sich gehen ließ. Nicht auf die Blüten achtete. Zweifach idiotisch. Denk an das Lied. Sie würde keinesfalls weinen.
«Dann bleiben Sie über Ostern?», meinte der Taxifahrer. «Da kommen Sie gerade rechtzeitig, haben zum Auftakt gleich die Feiertage. Haben Sie Freunde in der Stadt. Familie?»
«So in der Art.» Elisabeth war nicht mehr zum Weinen zumute. Jetzt wollte sie nur noch in die Wohnung, die Überführung hinter sich lassen, in den Westbourne Park und nach Hause.
Nach Hause.
Komische Vorstellung. Die Mieterin war doch gerade erst ausgezogen und Elisabeth selbst seit Jahren nicht mehr in der Wohnung gewesen, da konnte man doch kaum sagen «nach Hause», oder? Aber Edward hatte bloß gemeint: «Wir rufen einfach an und erklären es ihr. Alice wird das verstehen.» Und das hatte sie, die reizende Alice Fairburn, die ideale Mieterin, hatte Elisabeth schon immer gefunden. Was hatten sie mit ihr für ein Glück. Nur Stunden, nachdem Edward mit Alice gesprochen hatte, war diese offenbar mit Sack und Pack zu ihrer Schwester nach Islington gezogen. «Nutzt sie, solange ihr wollt», hatte sie zu Edward gesagt, so hatte er es wiedergegeben. Kein Druck, keine endgültigen Entscheidungen. Weil es ja nicht sehr lange sein wird, denkt Elisabeth und hatte sie gleich gedacht. Während sie jetzt in die Straße einbogen, in der sie einst gewohnt hatte und die aussah wie eh und je, auch der Magnolienbaum an der eigenen Haustür in Blüte … Entgegen dem, was sie dem Taxifahrer gesagt hatte, war es das, was sie dachte, als das Taxi um die Ecke bog … Sie war nämlich doch nur zu Besuch da. Sie würde nicht bleiben.
Wie vertraut aber alles war. Ein Gefühl der Heimkehr, als sie über die Schwelle trat. Es war herrlich, wie bestimmte Häuser einem das gaben. Denn obwohl es etliche Jahre her war, viele Jahre, seit sie zuletzt in Circus Gardens gewesen war, erstand, als sie den Schlüssel im Schloss drehte und es Klack machte und sie in die Diele trat … ihre ganze Vergangenheit vor ihr auf, und es war wirklich, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen zwischen damals und jetzt, kein bisschen. Dort vor ihr schwang sich die Holztreppe hoch, die Stufen hier und da zerschrammt wie eh und je, die Farbe teils abgeplatzt, dort oben war der Treppenabsatz mit der Glastür zur kleinen Terrasse, auf der sie sich früher gesonnt hatte … Nichts hatte Alice verändert. Die Glastür – genauso. Die Terrasse. Wie viele Jahre war das eigentlich her? Seit sie dort draußen als junges Ding mit einem Buch und einer Tube Sonnencreme gesessen hatte? Das Leben ist eben doch lang. Siehst du? Dort draußen in der Sonne erschien hinter ihr Edward und schloss sie in die Arme. «Das treibst du also den liebelangen Tag, wie?», sagte er. «Und mir erzählst du, du komponierst?» – und sie lachte und bestand darauf, dass es stimme, sie habe dieses Stück geschrieben oder jenes begonnen. Oder denke an was Neues, ein größeres Werk vielleicht. «Eine Oper etwa?», sagte er dann. «Nein, nur ein Streichquartett.» «Ah ja. Verstehe. Ein Streichquartett.» Lachte und küsste sie noch mal.
Also …
Das Leben ist lang.
Da war die Glastür. Die kleine Terrasse.
Siehst du?
Und dann war auch das Wohnzimmer, als sie ihre Tasche am Absatz und an der Küche vorbei die Treppe hochgeschleppt hatte, genauso, wie sie es zurückgelassen hatte, der Studioflügel noch da – natürlich noch da. Sie ging hin und berührte eine Taste, das mittlere C. Sie fasste sich etwas staubig an, aber der Klang war rein. Sie spielte die Tonleiter mehrmals durch, dann D und dann E, spielte noch mal mit der linken Hand. Verstimmt natürlich, das war zu erwarten, aber nicht sehr. Sie setzte sich auf die Klavierbank. Sie hatte so viele ihrer frühen Stücke hier an diesem Klavier komponiert, selbst jetzt, wo sie oben im Bett liegt, scheint es unten auf sie zu warten wie ein guter Freund. Sie hatte weitere Tonleitern gespielt, C-Dur, D, E und F … Und das Klavier hatte treu auf den leisesten Druck ihrer Finger reagiert, wie eh und je. Dann fis-Moll. Autsch. Da. Der Ton. Da würde jemand gut zu tun haben, um den Ton wieder hinzustimmen – aber Elisabeth hatte trotzdem ihren Mantel abgelegt und Teile eines Préludes von Chopin gespielt, und es klang nicht einmal so schlecht, oder? Und danach ein Stück, das sie selbst geschrieben hatte, «Circus Gardens» betitelt. Sie hatte es einmal ganz durchspielen wollen, doch mitten im ersten Lauf hatte sie erneut den Druck verspürt, das Brennen. Und hatte die Hand vor den Mund legen müssen, um die Gefühle zurückzudämmen. Idiotisch. Idiotisch. Circus Gardens. Sie würde Edward vermutlich nicht wiedersehen.
Edward.
Die Anschaffung des Klaviers war seine Idee gewesen. Er hatte schon immer die besten Ideen gehabt. Es war Edward, der gesagt hatte: «Den kaufen wir», als sie den Studioflügel das erste Mal im Schauraum sahen, seine ideale Größe. «Spielen wirst zwar du, aber er ist für uns beide», hatte er gesagt – denn es sollte eine Art Prämie sein, irgendwie, eine Belohnung. Für die Uraufführung ihrer ersten Komposition, für den Roman, den er veröffentlicht hatte. «Mitgefangen, mitgehangen; wir sind ein Team», hatte Edward gesagt. «Lass uns den kaufen. Als Auftakt.»
Weißt du noch?
«Natürlich weiß ich es noch.» Sie sagt es oben im Bett laut zum Fenster, zum blauen Himmel. Das Klavier ist unten, stumm jetzt, aber es wartet.
«Ich weiß es alles noch.»
Sie hatte eine andere Melodie geklimpert, auch aus der Zeit damals, den frühen Jahren, als sie gerade erst eingezogen waren – aber dann aufgehört. Sie hätte wirklich dafür sorgen müssen, dass sich jemand um den Flügel kümmert. Alice war keine Musikerin, es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, jemand regelmäßig spielen oder das Instrument stimmen zu lassen. Vielleicht hätten sie jemand anders einziehen lassen sollen, der besser achtgegeben hätte – aber sie und Edward als Paar hatten nie zu denen gehört, die in der Weise vorausdachten, sie hatten die Dinge laufenlassen, losgelassen. Und so war es Jahre her, dass Elisabeth das Instrument selbst benutzt hatte, viele, viele Jahre, und damals war sie jung und, na ja, verliebt und stark gewesen und draußen vor dem Fenster eine ganze Zukunft, weit wie der blaue Himmel, als könnte es endlos weitergehen. Wie eine Oktave, die du mit den Fingern zauberst und wiederholst, immer weiter hinauf, Tonreihe um -reihe, weiter und höher und ohne Ende. Es gibt alle Töne der Klaviatur und über sie hinaus, die weißen Tasten, die schwarzen, ganze Töne, Akzidenzien und so weiter und weiter … Als spielte man sich durch alle Zeit, denkt Elisabeth, und da ist sie nun … Da ist sie … Als wäre das Ende erreicht, während doch tatsächlich alles zum selben Oktavraum gehört, das Ende der Melodie in den Noten schon angelegt, denn es gibt keinen Anfang, hier ausgestreckt auf dem Bett, und ebenso wenig ein Ende, also alles gut, schließ die Augen. Die herrliche Vergangenheit mit der vielen Musik um dich herum und der Sonne auf der Terrasse und deinen bloßen, lang ausgestreckten Beinen und der Hitze auf dem Scheitel, Edwards Armen … Schließ die Augen … Denn …
Da ist sie …
Sie weiß noch, dass sie das auch an dem Tag dachte, als sie in der Wohnung angekommen war und am Flügel stand. «Da bin ich», hatte sie zu sich selbst gesagt, der gefürchtete Augenblick löste sich, als sie aufhörte zu spielen, in der Stille auf. Eigentlich, hatte sie da gedacht, ist es gar nicht so schlimm. Allein zu sein. Allein beschlossen zu haben, was sie tun wird. Von ihrem Hügel herabgestiegen zu sein. Nicht so schlimm.
«Gut, fahr hin», hatte Edward gesagt. «Verschaffe dir Gewissheit. Lass die Tests machen. Suche die Leute von der Wigmore Hall auf, überrede sie, dich das Adagio so aufführen zu lassen, wie es dir vorschwebt. Nimm dir Zeit, regele das alles. Ich bin ja hier. Wenn du so weit bist, komme ich und hole dich. Ich warte solange.»
Weil sie im Grunde Bescheid gewusst hatte, nicht? Ab dem Moment, wo sie beschlossen hatte, allein zurückzukehren? Dass es nun ganz allein an ihr war, dass sie Edward nicht wiedersehen würde. Ab dem Moment, wo der Arzt das letzte Mal angerufen und sie zu sich gebeten hatte; weil seine Praxis in Edinburgh noch kälter schien als zuvor und keine Arzthelferin bei ihm war, weil er sie selbst an der Tür empfing … Weil ihr erster Gedanke nach der Unterredung gewesen war: Ich kriege das schon alles hin. Nach London fahren. Sie das Adagio spielen hören, sie im Wigmore spielen hören. Die rechtlichen Fragen klären, die medizinischen. Es blieb genug Zeit. In ein paar Monaten, zu Frühjahrsbeginn, würde noch genug Zeit sein für alles. Es würde Proben geben müssen, hatte sie Edward gesagt, und sie würde bei ein paar gern dabei sein, den Dirigenten kennenlernen, dem sie noch nie begegnet war, und – sagte sie ihm – den Spezialisten aufsuchen, von dem sie beide gesprochen hätten, die Tests durchführen lassen, die er anbot, die neue Behandlung, und Edward hatte Alice angerufen und mit ihr alles geregelt, und Alice hatte gesagt, sie solle sich «so viel Zeit nehmen wie nötig, kein Problem». Sie habe eine Schwester in Islington, hatte sie gesagt, Elisabeth könne einfach in die alte Wohnung zurückkehren und sich häuslich einrichten …
An der Diagnose war nicht zu rütteln.
Der letzte Termin, der Arzt, der selbst an die Tür gekommen war – wie hatte er sich dort in der Praxis in Edinburgh noch ausgedrückt? «Jetzt wissen wir, wo wir stehen» –, an ihn, David Sowieso, hatte Elisabeth dort in London am Flügel in Circus Gardens denken müssen. David Airdrie, so hieß er. Er kam ihr vor wie aus einem anderen Leben. Und wie aus einem Vorleben dazu ihr Termin bei Stewart Campbell in seiner Praxis im Dorf, in dem kleinen medizinischen Versorgungszentrum, in dem sie vorher so gut wie nie gewesen war – gelegentlich mal Antibiotika, einmal eine schwere Grippe –, aber Stewart hatte dagestanden und sich genauso ausgedrückt, beinahe jedenfalls. Sie würden ein paar Scans machen müssen, dann werde er sie an einen Kollegen überweisen. Auf dem Festland, in Inverness oder vorzugsweise Edinburgh, damit sie wüssten, «wie’s steht», lautete seine Version. Elisabeth hatte angesichts seiner Wortwahl an jenem Tag begriffen, dass die Leute nur so sprachen, wenn sie Gravierenderes meinten als eine OP. Auf einen Eingriff konnte man sich schließlich einstellen und sich von ihm erholen. «Operation» implizierte einen Zeitplan, der in der Wendung «wie’s steht» fehlte. Für «wie’s steht», hatte sie damals gefunden, gab es gar keinen Plan. Also war gegen Ende des Sommers, als sie ihren zweiten Spezialisten aufgesucht hatte, und wie hieß der gleich wieder, ein Bekannter von Stewart Campbell, nicht wahr, und von ihm die zweite Meinung eingeholt hatte und der Termin für die erste Operation vor einem Jahr festgelegt wurde … die Botschaft klar. Noch mal eine weitere Meinung einzuholen könne schließlich nicht schaden, damit sie wüssten «wo wir stehen», so hatte er sich ausgedrückt. Aber im Grunde hatte Elisabeth ziemlich genau gewusst, wo sie stand. Als sie vor vier Wochen in Edinburgh eingetroffen war, wusste sie längst Bescheid. Und in den Wochen, die auf die letzte, aussichtslose Diagnose gefolgt waren, hatte sie den Wigmore-Auftrag abschließen können, innerlich lodernd vor einer eigenartig elektrisierten Erregung, hatte alle Systeme in einem Rutsch notiert, die Streicher und dann, zu ihrer eigenen Überraschung, eine neue Instrumentierung – die wie ein Wirkfaden durch die gesamte Komposition gezogene quecksilbrige Spur einer Querflöte –, unter einer inneren Spannung stehend, deren Funke in den Wochen der Schöpfung von ihrem Körper auf die Musik überzuspringen schien … Ein Phantombild ihrer selbst vielleicht, wie ein pfeilender Vogel, wie der Flug des Sperlings durch die Königshalle, so hieß es doch in diesen altenglischen Versen, oder nicht? Auch die würde sie vertonen, wenn ihr die Zeit bliebe, die Flugspur des unbekannten Schöpfers …
Aber ihr Werk war jetzt abgeschlossen. Und vor ihr lagen nur die Begegnung mit dem Dirigenten. Die Proben. Die Aufführung. So würden die kommenden paar wenigen Frühlingswochen vergehen. Bis sämtliche Vögel durch die Musik gezogen wären, heimwärts, und bis dahin hatte sie die Wohnung, diese Räume, den Flügel. Also ja. Frühling in London. Magnolien. Es genügte doch, einfach noch einmal hier zu sein, oder?, bei dem einen Baum direkt vor ihrem Fenster an der Haustür, die Blütenblätter dickfleischig fest und gebogen wie Flügel?
Die Reise hatte sie allerdings ermüdet. Sie war daher, nach den paar Minuten unten gleich nach ihrer Ankunft, ziemlich sofort ins Bett gegangen. So ist es, krank zu sein, dachte sie, als sie die Treppe hinaufstieg. So ist es … Alles wurde erschlagend. Sie hatte gerade noch die Kraft, aus dem Wäscheschrank Laken und ein Federbett zu zerren, Kissenbezüge … gerade genug, um halbwegs das Bett zu beziehen – dabei auf das Federbett, das doch zu schwer war, zu verzichten –, und dann, als der letzte Baumwollkissenbezug übergestreift war, ihre Schuhe von sich zu schleudern, ihren Rock zu Boden gleiten zu lassen, zwischen die kühlen, frischen Laken zu kriechen und das leicht kratzige Federbett noch zu sich heranzuziehen, ehe sie in einen traumlosen Schlaf versank … So ist es, krank zu sein. War ihr erster Gedanke, als sie, wohl Stunden später, die Augen aufschlug und es dunkel war.
Zuerst wusste sie beim besten Willen nicht, wo sie war. Sie lag da, leicht panisch im Grunde, versuchte, sich zu erinnern, was für ein Fenster das sein sollte, was für eine Wand daneben, versuchte, sich an die Einsicht zu erinnern, die sie vergessen hatte, während sie schlief … Ach ja: Sie musste sterben. Die Erinnerung selbst war längst nicht so schlimm wie der Versuch, sie zu erhaschen, die verworrenen Nanosekunden nach dem Schlaf, während derer sie irgendwie mit Schrecken, so fühlte es sich an, das Bewusstsein wiedererlangte. Die Erinnerung längst nicht so schlimm wie der Versuch, sich zu erinnern. Eher … unausweichlich. Wie das Leben überhaupt. Eins, das zum anderen führte. Ein Tag zum anderen, manche, die mit einem Morgen endeten, während andere eben nur endeten.
Sie blieb noch einen Augenblick liegen, genoss die Dunkelheit und das Gefühl, zur Ruhe zu kommen in diesem ihr so vertrauten Schlafzimmer. Wie oft hatte sie hier im Dunkeln gelegen. Wie jetzt … jetzt … möge es jetzt sein, denkt sie, als könnte sie jetzt die Augen schließen und das Licht um sie herum wäre weg. Wie die vielen Male, wenn sie sich am frühen Abend kurz hingelegt hatte, ehe sie noch einmal wegging, sich einen Moment gegönnt hatte, ehe sie sich erhob und anzog, fertigmachte, still dagelegen und das Tageslicht langsam von den vertrauten Wänden und Kanten hatte rinnen lassen, das Violett und die Schatten einließ. Oder wenn sie mitten in der Nacht aufgewacht war und neben ihr Ed. Alles, all die Male und alles an diesem Zimmer ihr bekannt und vertraut. Alle Ruhepausen. Alle Dämmerungsstunden. Alle Mitternächte. Aller Schlaf.
Im Dunkeln dieses speziellen Abends lächelte sie. Fast konnte es einer der Abende vor langer Zeit sein, wenn sie und Ed noch etwas vorhatten, ein Konzert oder eine seiner Lesungen, einen Auftritt … das Gefühl, in einem wohlig dunklen Raum zu liegen, aber sehr bald schon wieder aus dem Haus treten zu können, wo sich dir eine ganz neue Phase des Abends eröffnete: hell erleuchtete Räume, Musik, das Klirren von Gläsern, Klänge und Stimmengewirr … Jetzt, wo sie daran dachte, packte sie plötzlich eine neue Energie, ein Ja – und sie beschloss, tatsächlich wegzugehen. Einfach aus dem Moment heraus. Alles andere zurückzustellen – die Telefonate, das Herrichten der Wohnung, das Auspacken – und stattdessen aufzubrechen, wie sie damals aufgebrochen war, ungebunden und klar und erfüllt von jugendlichem Elan und der Zukunft. Als könnte ihr nichts auf der Welt etwas anhaben, gar nichts.
Sie suchte aus ihrem Koffer eine Jeans hervor, stieg hinein, nahm ihr nachlässig über einen Stuhl geworfenes Jackett, ging nach unten und zur Tür hinaus.
Der Magnolienbaum war noch immer da. Stand wie erstarrt in der Nacht, die Äste weiß im Schein der Straßenlaterne, dicht besetzt mit herrlichen Blüten, aber vollkommen reglos, als warteten sie allesamt auf etwas. Selbst erwartungsvoll, blieb Elisabeth dort vor dem Baum einen Augenblick stehen, nein, eher eine geschlagene Minute. Es war eine laue Nacht. Die Kälte, die sie tagsüber angeweht hatte, als sie aus dem Zug stieg, war einer wunderbaren Anmutung gewichen, einer Art frühsommerlicher Wärme, fast, und auch das Klamme war verflogen, sodass der tiefblaue Himmel und die Luft draußen herrlich frei und weit wurden, wohltuend, friedlich. Ihr war, als könnte sie umgehend ihr Jackett ablegen, in der dunklen, weichen Luft nur ihr T-Shirt tragen … Und das tat sie, zog das Jackett aus, und mit der sorglosen Stimmung kam das Gefühl, wieder jung zu sein, so wie mit Anfang zwanzig, vor dem Komponieren, vor den Aufführungen, vor der Begegnung mit Edward und der Ehe und dem Umzug nach Schottland auf die Insel … vor alledem, und da war sie nun, trieb sich herum, wie sie sich früher herumgetrieben hatte, als sie spät noch wegging, die ganze Nacht wegblieb, in Bars und Restaurants jobbte, auf abgefahrene, exotische Musikfestivals und Konzerte in leeren Lagerhallen ging, die erst um Mitternacht anfingen und bei denen nur Kerzen brannten … Weißt du noch, damals … Weißt du noch? fragten die Magnolienblüten. Wer du mal warst? Wer du bist? Da merkte sie, dass sie, als sie zur Tür hinaustrat, keine Ahnung gehabt hatte, was sie mit dieser tief dunkelblauen Nacht anfangen sollte, aber jetzt wusste sie es.
Gleich gegenüber an der Ecke gab es einen Pub, den sie vor Jahren oft aufgesucht hatte, dort hatte sie sich manchmal nach der Arbeit mit Ed getroffen, oder sie waren auf einen Schlummertrunk hingegangen, und manchmal auch sie allein, hatte sich an die Bar gesetzt, mit dem vertrauten Barmann gesprochen, und dann war da noch ein alter irischer Priester gewesen, Stammgast und wie eine Figur aus einem Roman von Graham Greene, fand Ed. Auch mit ihm hatte sie sich öfter unterhalten, ein kluger, kluger Mann, hatte eine Weile bei ihm gesessen und mit ihm über Sünde und Tod und Hoffnung gesprochen … Wo mag der alte Priester jetzt sein? Der Pub hatte immer lange auf, sie entsinnt sich, häufig erst bei hellblauem Frühsommerhimmel unterm offenen Fenster wieder im Bett gewesen zu sein. Weniger wie ein Londoner Pub und mehr wie eine irische Kneipe oder New Yorker Bar. Aus der Nähe allerdings sah sie jetzt, dass der Pub neu gestrichen, irgendwie überholt, aufgepeppt worden war – wie das? Was früher eine heruntergekommene Schankstube gewesen war, hatte man zum Inbegriff einer solchen umgestylt, das war es, quasi zu einem modisch-maroden Salon – noch am selben Fleck wie damals mit den gleichen Gästen und Jukeboxklängen, eigentlich, nur sorgte heute für die Musik eine Band in der Ecke, Gitarrist und Drummer und Geigerin … Das war früher sie gewesen. Geigerin. Elisabeth schmunzelte. Die Tür stand offen, sie trat ein.
Lärm und Gedränge schlugen ihr entgegen. Männer und Frauen umlagerten den Tresen oder hockten an kleinen Tischen beieinander, lachten und schwatzten. Sie heizten den Raum auf mit ihrer Energie, jeder angeregt von seinen jeweiligen Nachbarn, von der Gesellschaft, sie sprühten vor Leben, alle möglichen Leute, als wäre die ganze Welt da. Elisabeth bahnte sich einen Weg an den Tresen, um zu bestellen, was sie einst immer bestellt hatte – Wodka Tonic, viel Zitrone, viel Eis. Es war das Party-Getränk damals, weißt du noch? Die Partys? Sie würde, später, sogar eine Schachtel Zigaretten kaufen und draußen vor der Tür eine rauchen.
«Hallo!», übertönte die junge Frau hinter dem Tresen die Band. «Was darf’s sein?» War sie Australierin? Vielleicht Neuseeländerin? Jedenfalls eine dieser patenten, aufgekratzten Stimmen, diese umgängliche Art. Die Stimme von einer, die viel Zeit in der Sonne verbracht hat, am Strand vor einem endlosen blauen Meer auf einem weiten grünen Rasen.
«Wodka Tonic also, ja?», meinte sie, als Elisabeth ihre Bestellung aufgab, und grinste. «Klingt gut.»
Elisabeth wühlte in ihrer Tasche nach Geld. «Ja», sagte sie. «Mit viel Eis, bitte. Und Zitrone.»
«So mag ich ihn auch.» Die junge Frau lächelte wieder breit, nur diesmal mit prüfendem Blick. «Alles in Ordnung?», fragte sie.
Elisabeth erstarrte, ihr blieb fast das Herz stehen – war es so? Blieb ihr das Herz stehen? Blieb ihr Körper stehen, war es das Ende, nicht etwa später, wie sie gedacht hatte, sondern hier, jetzt, jetzt … Dann fing sie sich wieder. «Haben Sie vielleicht Kleingeld für den Zigarettenautomaten?», fragte sie.
Die Barfrau widmete sich wieder dem bestellten Drink. «Nope.» Sie schüttelte den Kopf und schaufelte Eis in ein hohes Glas. «Gibt keinen Automaten mehr. Aber ich spendier Ihnen gern eine Zigarette, wenn Sie wollen. Ich habe gleich Pause. Wir können nach draußen gehen.» Sie drehte sich um und schenkte Elisabeth erneut ihr strahlendes Lächeln, wie direkt vom Strand, voller Sonne und langer, heißer Tage.
«Okay?», meinte sie.
«Okay», sagte Elisabeth.
Das Ganze war wie wieder jung sein. So dachte Elisabeth im Nachherein. Dieses Okay? Okay! Die Sorglosigkeit, die Offenheit für das, was kommen würde, weil alles okay wäre. Die Mühelosigkeit, das Gefühl, die Nacht schließe jeden mit ein, alle seien sie vereint, jeder dein Freund.
Okay.
Okay.
Sie hört es sich sagen.
«Okay», wiederholte die Barfrau. «Ich sag dann Bescheid, und wir gehen zusammen nach draußen und sündigen.» Sie führte gestisch eine Zigarette an den Mund, sog den Rauch ein und stieß ihn wieder aus.
Elisabeth nickte, «Alles klar», und wanderte Richtung Ecke und Band. Die Geigerin spielte ein herrliches Arpeggio in a-Moll, über ihr Instrument gekrümmt wie ein alter Highland-Fiedler, den Bogen über die Saiten führend wie bei einem Cèilidh in den Bergen, mit diesem federnd leichten Strich, den man auf der Insel bei allen Dorftänzen hörte … Hübsch klang das inmitten des dichten Pub-Geschnatters zum Puls der Gitarrenakkorde. Erinnerte Elisabeth an irgendwas. An ihre Flöte, begriff sie. Die Flöte in ihrer Elegie für Streicher, ihr Adagio – die gleiche Art unerwarteter Klang, der weniger mit der Musik der anderen im Orchester konkurrierte oder einherging als schlicht eine weitere Stimme dazu war, sich durch die Melodie hindurchwand und sie erhellte, lichtete, als bahnte sie sich klanglich einen Weg. Elisabeth war euphorisch. Und sich dessen bewusst. Diese Klänge hier zu hören. Und auf diese Weise gespielt. Zu später Stunde. Spät noch weggegangen zu sein, allein, zutiefst allein, wie sie es liebte, und alle Welt da, ihr Gesellschaft zu leisten, wenn nötig, aber wahrscheinlich wäre es das letztlich nicht. Sie wollte tanzen und mit Leuten reden, bis spät bleiben und … bleiben. Die Band spielte den Song zu Ende, und alle klatschten.
«Nun», sagte die Sängerin. «Nun», und sie begannen mit der nächsten Nummer.
Ein junger Mann beugte sich zu ihr herüber. «Gut, nicht?», und Elisabeth wandte sich ihm zu. Er war jung. Mitte, Ende zwanzig. Hinter ihm hob die Barfrau zwei Finger, mimte «jetzt» und deutete auf die Tür.
«Sind Sie Musikerin?», fragte der Junge.
Elisabeth lächelte. «War ich.»
Sie löste sich von ihm – er hatte ihr eine Hand auf den Unterarm gelegt – und machte sich auf den Weg nach draußen.
Dort stand ein Klüngel junger Leute, vier oder fünf Frauen in schwarzen Stiefeln und schmalen Mänteln, die Typen in dicken Jacken und Parkas. Elisabeth stellte sich neben sie an die Ecke. Von dort konnte sie ihre Wohnung sehen; sie hatte Licht gemacht, ehe sie ging, und die Fenster des Wohnzimmers waren rechtwinklige gelbe Flecken im Dunkel, auch aus dem Schlafzimmer oben schien Licht. Die Euphorie von vorhin, von drinnen hielt an, in ihrem Herzen, in ihrem Kopf, nur der Körper streikte plötzlich wieder. Sie musste sich setzen. Eine Bierkiste stand hochkant an der Wand, man hatte mehrere als improvisierte Sitzgelegenheit herausgeschleppt, und drum herum versammelten sich einige Raucher. Sie spürte neben sich Bewegung, die Barfrau; Elisabeth nahm ihren Arm, und sie setzten sich.
«Tja», meinte die junge Frau, und Elisabeth hörte erneut die Sonne in ihrer Stimme und das viele blaue Wasser. Sie kam von weit, weit her. «Da wären wir also.»
Sie zupfte zwei Zigaretten aus ihrer Schachtel, reichte Elisabeth eine und schnickte ihr Feuerzeug auf.
«Wohnen Sie hier in der Gegend?»
«Früher mal.»
Die Müdigkeit war überall, in den Knochen um ihre Augen, in ihren Fingerspitzen, im Gewicht der Zigarette in ihrer Hand. Sie wollte sich am liebsten gleich jetzt, gleich hier an der Straße niederlegen.
«Früher mal?», meinte die Barfrau. «Aber jetzt nicht mehr? Keine schlechte Gegend zum Früher-mal-Wohnen», sagte sie, «schätze ich.» Sie schüttelte den Kopf und zog an ihrer Zigarette. «Kenn ich, das Gefühl von ‹früher mal› …»
Da erreichte sie ein Johlen; die Band beendete einen Set, es gab Applaus und anerkennende Pfiffe.
«Wissen Sie …», hob Elisabeth an, konnte den Satz aber nicht beenden. Dort waren die Fenster ihrer Wohnung, leuchteten im Dunkeln.
«Ja, ich weiß, Honey», sagte die Barfrau. «Ich weiß. Kennen wir alle, oder? Unfassbar, verdammt.» Sie legte den Kopf in den Nacken, hob ihr Gesicht dem Himmel entgegen, dem Mond, als wäre er die Sonne und lasse sie sich wärmen, und Elisabeth tat es ihr gleich, hielt das Gesicht in den Mond, dass er auch sie bescheine. Nur war der Mond hier nicht zu sehen, das hier war London. Sie lebte schon sehr lange.
«Lassen Sie uns noch ein bisschen bleiben», sagte sie, und die junge Barfrau nickte. «Okay, geht klar. Zehn Minuten hab ich schon noch.»
Zehn Minuten reichen mir, denkt Elisabeth jetzt. Sie zeigte auf ihre Wohnung, das Haus, den herrlichen Baum davor. «Ich habe mal genau dort gewohnt», sagte sie zu der Barfrau, zeigte auf die erhellten Fenster, auf den weißen Baum, und wieder durchströmte sie die Euphorie wie eine köstliche Droge. Alles andere konnte warten. Alles, was noch kommen sollte. Die Klinik. Die Musik. Das Telefon und die Anrufe und was alles noch zu erledigen war. Edward zu sagen, dass es keine Tests mehr geben werde, dass damit Schluss sei, dass sie beschlossen habe, den Rest allein zu bewältigen. Zehn Minuten. Die Blüten waren dort in ihrem Baum, sie konnte sie sehen, sie hatten sich zu ihrer Heimkehr wieder eingenistet. Es blieb Zeit noch, bis sie sich zu voller Blüte entfalten, zu Boden sinken und wieder ein Jahr vorbei sein würden. Zeit nun, sagt Elisabeth zu sich im Schlafzimmer, zum weiten Himmel. Denn nun war es, als würden diese selben Blüten sich eine um die andere von den Zweigen lösen und als einziger dichter Schwarm abheben.
Szenario
Vor ein paar Wochen traf ich bei einer Dinnerparty auf meine alte Freundin Clare Revell, und es entspann sich sofort ein Gespräch über Wörter und Gefühle. Am Abend zuvor hatte ich Lars von Triers Film Melancholia gesehen, und ich erzählte Clare, dass mich daran die «fehlende Stringenz» gestört habe – so drückte ich mich aus, ziemlich formelhaft, um das, wie ich meinte, Ungereimte des Films zu charakterisieren, der zwar wirkungsvoll sei, aber geklittert, aus vielen disparaten Teilen zusammengestückelt, lauter Stars, typisierten Figuren, Filmhommagen und so weiter, mit denen der Film wichtigtue und denen die immer gleichen Takte aus Wagners Tristan und Isolde – und zwar die bekanntesten – Tiefe und Geschlossenheit verleihen sollten, wieder und wieder und wieder.
«Das finde ich überhaupt nicht», sagte Clare – und da nahm das Gespräch richtig Fahrt auf: Das finde ich überhaupt nicht. «Warum sollte eine Geschichte nicht collagiert sein?», meinte sie. «Und was heißt schon ‹fehlende Stringenz›? Damit mokierst du dich doch bloß darüber, dass jemand an die Dinge anders herangeht als du, dass dir der Zugang missfällt. Für mein Gefühl ist Melancholia ein ganz großer Film –»
«Dein Gefühl?», sagte ich. «Was habe ich von deinem Gefühl? Verrate mir doch mal, womit der Film das bei dir bewirkt hat – dieses ‹Gefühl›. Ich hätte schon gern einen Grund gehört, weshalb er groß sein soll – nicht bloß so ein olles ‹Gefühl›.»
Da lachte Clare, bleckte die Zähne auf diese hübsche, aufreizende Art, die, glaube ich, Tolstoi in seinem Porträt der kleinen Fürstin in Krieg und Frieden erwähnt, wenn er sie anhand ihres Erscheinungsbilds charakterisiert: «Ihre hübsche Oberlippe … war ein wenig zu kurz für ihre Zähne, doch umso liebreizender war es, wenn sie sich hob», schreibt er. Ich habe ein solches Lächeln stets sehr anziehend und sexy gefunden – verblüffend irgendwie – und spaßig. Daran ist der liebe alte Russe wohl schuld. Und Clare schälte ihre Strickjacke ab und machte es sich auf ihrem Stuhl erst einmal bequem, denn nun wurde es ernst mit der Debatte; wir hatten die Partie eröffnet und würden uns voll und ganz dem Thema in allen Facetten widmen.
Ich sah zu meinem Mann in der Ecke hinüber und musterte auch die anderen Gäste. Alle unterhielten sich angeregt. Keiner würde es bemerken oder sich daran stören, dass Clare und ich uns zu einem eigenen Gespräch über Gefühl und Verstand verstiegen, das bei einer solchen Party eigentlich unangebracht war – einer Cocktailparty im Grunde, aber mit Buffet und Musik, die später vielleicht zum Tanzen verleiten würde – und das alle anderen ausschloss, als rasselte ein Fallgitter herunter, «kein Zutritt» zu unseren hochtrabenden Reden. Ich nahm einen Schluck Wein, und Clare begann.
«Ich muss dir etwas erzählen», sagte sie, «was mir vor Jahren passiert ist, als ich noch studiert habe. Semantik und Philosophie, wie du weißt, Roland Barthes und Irigaray und Deleuze und Guattari rauf und runter. Bücher wie Sprache, Zeichen und der Text – kennst du das?»
Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte den Titel, hatte das Buch aber nicht gelesen, also skizzierte Clare kurz den Inhalt, der von «Zeichen und Bezeichnetem» handelte, wie sie sagte, und betonte, wie wichtig es damals für sie gewesen war, dieses Buch, als junge Frau, als sie zu ergründen versuchte, wer sie war, wer sie sein wollte. Daran habe sie unlängst denken müssen, sagte sie, weil sie gerade den neuen Roman von Jeffrey Eugenides gelesen habe, und der beginne mit einer Figur, die ein erhellendes Buch von Barthes lese, Fragmente einer Sprache der Liebe. Tatsächlich sei dieser Hinweis, verriet sie mir, der «Schlüssel» zu Eugenides’ Roman, den sie auch als groß empfinde. Sie habe sogar, sagte sie, dem Autor eine E-Mail geschickt und ihm mitgeteilt, wie sehr ihr sein jüngstes Buch gefallen habe, und er habe gleich «zurückgepingt», um sie wissen zu lassen, wie ihn das freue.
«Und das alles, weil das Buch mit einem Werk von Barthes beginnt», sagte Clare. «Das mich an eine entscheidende Phase in meinem Leben erinnert hat.»
Die eigentliche Geschichte – ich weiß, das habe ich anderswo schon gesagt –, habe, erzählte sie nun (wir hatten uns Wein nachgeschenkt und uns in unserer Ecke eingekuschelt, wie zwei Katzen, fand ich – aber mein Mann verriet mir viel später, bevor wir ins Bett gingen, dass ich während dieser ganzen Episode, während alle ihre Aperitifs zu sich nahmen, auf denkbar vulgäre Art dagesessen sei, mit weit gespreizten Beinen, sodass mir jeder hätte unter den Rock sehen können), ihren Anfang damals vor langer Zeit genommen, als Clare an der London School of Economics Semiotik studierte, und zwar bei einer Frau, die ich hier X nennen will, einer Koryphäe auf ihrem Gebiet und Verfasserin grundlegender und, Clare zufolge, «hochtheoretischer» Schriften zu Bedeutung und Wahrnehmung, Sprache und Körper. «Das waren ungemein hermetische Werke», sagte sie, «die ich verzweifelt lesen und verstehen wollte, weil ich so schrecklich scharf auf sie war.» Sie hielt einen Augenblick inne, dann lachte sie lauthals. «Für mich», sagte sie, «ging es bei den Büchern, der Lektüre … immer nur um Sex und Liebe und Gefühle und den Wunsch, sie möge auch auf mich scharf sein, und keineswegs um die Welt der Wörter oder Ideen!» Sie lachte erneut und zeigte die Zähne. «Ich wollte sie einfach küssen! Es hatte mit Büchern nicht das Geringste zu tun! Und ich kam mir wie eine Schwindlerin vor, weil ich diese viele Theorie doch verstehen und von ihr lernen sollte. Zeichen und Bezeichnetes. Ich sollte ihre Schülerin sein, sie meine Lehrerin – und ich kam mir vor wie eine Hochstaplerin, eine Heuchlerin, weil es eigentlich gar nicht darum ging, was sie mich lehren könnte. Es ging um Körper und Sex.»
«Wow», sagte ich. Sie hatte es so treffend beschrieben. Writing and the Body – lautete der Titel eines Buchs, das ich meinerseits an der Uni gelesen und sehr aufregend gefunden hatte, von Gabriel Josipovici; es behandelte ähnliche Themen. «Ach, deshalb kommst du jetzt nach dem Auftakt mit Melancholia darauf», sagte ich. Ich glaube jedenfalls, dass ich das in dem Moment sagte. Denn wir, Clare und ich, erlebten gerade dieses elektrisierende Gefühl, das man im Gespräch mit jemandem manchmal hat, dass man in Wirklichkeit über vieles gleichzeitig spricht – der Ausgangspunkt war in diesem Fall der Film und wieso wir dazu so ganz unterschiedliche Haltungen einnahmen, woraus sich aber nun dieses ganz anders gelagerte Gespräch ergab über Körper versus Sprache und das, was Clare als Studentin mit einer glamourösen älteren Frau widerfahren war. Und was war ihr widerfahren? Ich war neugierig, versteht ihr, wollte mehr darüber wissen, ob die Gefühle, die jede Reaktion auf was immer begleiten, ob ein Film von Lars von Trier oder die Geschichte, die Clare jetzt erzählte, von Wert und von Interesse waren oder nicht.
Ich saß also mit gespreizten Beinen da, wie mein Mann mir später sagte, und überlegte – während ich aber zugleich an meinem Ideal vom wahren Künstler als kreativen Kopf mit Gesamtkonzept festhielt, einem, mit anderen Worten, der sich nicht auf die berühmten Passagen aus Tristan und Isolde stützen musste – die Passagen, die sowieso alle lieben –, um sein Publikum zu überzeugen, und dass das, was er geschaffen hat, Bedeutung hat und irgendwie zwingend ist, ästhetisch gesehen, gelungen und dem Zweck angemessen, ein Kunstwerk eben.
Und mir gegenüber Clare, das ganze Gegenteil, die mir bei anderer Gelegenheit erzählt hatte – und sie bestand darauf, dass sie das keineswegs postmodern meine –, dass sie bei der Szene in Mary Poppins, wo die alte, gebeugte Frau in der Abenddämmerung erscheint und Mary Poppins dazu «Feed the Birds» singt, unweigerlich weinen müsse. Also ja. Wir waren verschieden, sie und ich. Wir waren grundverschieden, und mich faszinierte, das wurde mir im Laufe unserer Unterhaltung klar, die Rigidität meiner eigenen Ansichten, die mir so langweilig erschienen, irgendwie; ich dort in meinen schwarzen Strumpfhosen und meinen hochhackigen schwarzen Schuhen, meinem kurzen schwarzen Rock – unfassbar! – neben dieser freigeistigen und aufgeschlossenen Intellektuellen mit ihrem rosa Zahnfleisch und ihren weißen Zähnen, die wirklich was zu erzählen hatte … eine Geschichte, in der ein Fluss vorkomme, fuhr sie fort, und eine Brücke und die eisige Luft tiefsten Winters auf ihrer entblößten Haut, an ihrem Hals und ihrem Gesicht und, als erst ihre Bluse aufgeknöpft war, an ihren Brüsten, eine von Kälte belebte Geschichte, Dezember in London, ein klirrend kalter Wind, der über die Themse strich, die «fröstelnde» und «erregende» Stimmung.
Denn sie selbst steckte in der Geschichte, wild und frei. Besessen von dieser außergewöhnlich klingenden älteren Frau und – «Wie war sie denn?», fragte ich Clare immerzu. «Ich meine körperlich? Groß? Blond?»
«Aber ja, alles», kam es von Clare wie aus der Pistole geschossen. «Sie war unglaublich», und sie kehrte immer wieder zu der Feststellung zurück, wie scharf sie auf sie gewesen war. «Ich war unheimlich scharf auf sie», wiederholte sie.
Deshalb kriegte ich nie wirklich ein Bild von X für diesen Text hin, was mir aber, ehrlich gesagt, gefallen hätte, ein Porträt der Frau liefern zu können in der Manier von Henry James’ Figurenzeichnung, die nicht die von Tolstoi ist, sondern verklemmter, die bis ins Kleinste die Moral einer Person umreißt, ehe wir überhaupt von der äußeren Erscheinung etwas erfahren, wie das bei Tolstoi gleich der Fall ist, bei dem wir zuerst von der Erscheinung lesen. Stattdessen bleiben mir bloß das «groß» und «blond» meiner eigenen Formulierung – was X zur Walküre macht, womöglich, um das Wagner-Motiv wieder aufzugreifen, mehr eine Tochter des Gottes Wotan als eine irdische Isolde –, während Clare berichtete, dass sie jede Woche bei dieser Frau im Seminar saß und es natürlich genoss, alles in sich aufsog von Zeichen und Bezeichnetem und dazwischen die Sekundärliteratur verschlang, das Buch von Barthes und dazu Lacan und Foucault und wie sie alle heißen, und das alles, weil sie in diese X verknallt war und das die einzige Art und Weise war, wie sie sich X nähern konnte, indem sie die Bücher las, die X gelesen und über die sie geschrieben hatte.
«Schließlich», sagte Clare, «nach alledem, den ganzen Seminaren und den Signalen – denn ich wusste, sie flirtet mit mir, benutzt die Bücher, ihre Texte, um mich anzumachen –, schließlich also …» Und dann glaubte ich, Clare sagen zu hören: «War uns ein gemeinsamer Tag vergönnt.»
Schließlich war uns ein gemeinsamer Tag vergönnt.
Das glaubte ich wenigstens, gehört zu haben. Wie die Geschichte dann weiterging, steht und fällt damit, dass ich sie genauso wiedergebe – getreu, aber mit einem Schuss Drama und Dénouement –, wie von Clare berichtet, mit diesem «schließlich» als Wendepunkt, versteht ihr. Schließlich war uns ein gemeinsamer Tag vergönnt.
Clare weiß, dass sie an diesem Tag gut aussah. Sie trug eine Lederjacke und eines ihrer Lieblingshemden. «Das war von ‹Flip›», das immerhin gebe ich richtig wieder. «Aus erstklassiger Baumwolle», sagte sie. Als ich sie später nach Einzelheiten fragte – als wir darauf zu sprechen kamen, wie wichtig das Gefühl der Kleidung sei, die wir auf der Haut tragen, dieser innersten Schicht, und wie sich das anfühlt, wenn du mit jemandem bist, auf den oder die du scharf bist, wie dir jedes kleinste Detail in Erinnerung bleibt –, meinte sie, es sei ein hellblaues Hemd mit feinem gelben Streifen gewesen, «feingestreift», sagte Clare und hielt Daumen und Zeigefinger aneinander, um zu zeigen, wie fein. «Ziemlich preppy –»
«Ein Connecticut-Hemd», meinte ich. «Wie sie die Jungs dort an der Ostküste tragen.»
«Ja», sagte Clare. «Und es war, wie gesagt, aus erstklassiger Baumwolle, und ich wusste, ich sehe darin toll aus. Ich wusste, ich sehe umwerfend aus.»
Da ist sie also schließlich, ich wiederhole es noch mal. So gestylt – und alles «verboten». Clare benutzte das Wort mehrfach. «Es war verboten», sagte sie. Dass sie einen Tag zusammen verbrachten, sich davonstahlen, einen ganzen Tag, erst zum Lunch irgendwo in Soho und dann durch ganz London zogen, sie beide, während des Semesters und allein zu zweit … Und sie waren auf der Westminster Bridge gelandet, küssten sich in der Kälte, beißend kalt auf Clares entblößter Haut, denn diese Frau hatte ihr das Hemd direkt dort auf der Brücke aufgeknöpft, hatte das hellblaue Hemd mit dem feinen gelben Streifen unter der Lederjacke aufgeknöpft, um beim Küssen ihre Brüste berühren zu können. Dezember, und über die Themse säuselte ein kalter Wind, und da waren sie, diese zwei Frauen, eine jüngere in Lederjacke und ziemlich toll klingendem Männerhemd, und eine weltgewandte und – soll ich sagen prächtige? – ältere Frau. (Ich will, dass sie prächtig ist, also bleibt es so), eine schöne, stattliche ältere Frau, ihre Lehrerin. Ja, «groß» und «blond», und sie küssten sich, sie konnten gar nicht mehr aufhören, und X schob die Hand unter das Männerhemd, und «befingerte mich, sie hat mich befingert!», sagte Clare.
Sie griff sich eine Faustvoll Sojanüsse aus der Schale vor uns und mampfte sie weg. Ich sah das wunderbar wilde rosa Zahnfleisch blitzen, die weißen Zähne. Sie lachte, und ich lachte. Wir lachten beide.
«Verstehst du?», sagte Clare. «Es war verboten! Ich hätte nicht in der Weise mit meiner Lehrerin zusammen sein dürfen, sie hätte das nicht tun dürfen. Sie war die Seminarleiterin, und ich fand es toll, sie zu küssen und von ihr geküsst und befummelt zu werden. Ich war in sie verknallt, ich wollte mit ihr durchbrennen … und das alles auf der Westminster Bridge in der Kälte, im Dezember, wir küssten uns, wir waren ganz wild, und dann ließ sie plötzlich von mir ab», sagte Clare. «Sie ließ von mir ab und fragte: ‹Liest du die Feminist Review?›»
«Bitte?», sagte ich. Und dann: «Wow.»
«Ich weiß», sagte Clare. «‹Liest du die Feminist Review?›»
«Die kenne ich nicht einmal», sagte ich. «Oder habe sie jedenfalls nie gelesen. Davon gehört schon, aber –»
«Ich weiß», wiederholte Clare. «Ich hatte sie auch nicht gelesen – aber das konnte ich ihr natürlich schlecht sagen …»
«Und?», meinte ich. «Was hast du gemacht?»
«Na ja, ich habe yeah gemurmelt», sagte Clare. «Yeah, habe ich gesagt, ein bisschen. Ich kenne die Feminist Review.»
«Und dann?»
«Dann sagte sie zu mir – und du musst bedenken, es war eiskalt, mein Gesicht, meine Haut, das Hemd noch offen, die Jacke, da in der Dezemberluft –»
«Und unter euch der Fluss …», sagte ich.
«Klar, der Fluss. Und es war vielleicht kalt. Aasig kalt, und eben noch hatten wir uns geküsst und hatte sie mich befummelt und dann – pass auf. Das ist der Teil der Geschichte, auf den ich hinauswollte – sagt sie zu mir, nachdem ich gemeint hatte, yeah, ich kenne die Feminist Review, sagt sie: Und meinst du, das hier könnte ein Szenario sein?»
«Ha!», rief ich.
«Ich weiß!», meinte Clare.
«Wie ist denn das zu verstehen?», sagte ich.
«Genau das habe ich auch gedacht! Was soll das sein: ein Szenario?» Clare griff erneut in die Sojanüsse und kaute und knackte und schluckte so hastig, als wären hungernde Horden hinter ihr her.
Darmowy fragment się skończył.