Czytaj książkę: «Meine blauäugige Pantherin»
Kingsley Stevens
MEINE BLAUÄUGIGE PANTHERIN
Liebesroman
© 2020
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-321-0
Coverfotos:
iStock.com/Kyslynskyy
iStock.com/Joaquin Corbalan
1
»»Verdammt, lassen Sie mich los! Ich kann allein laufen!«
Sascha beobachtete die große, dunkelhaarige Frau, die von zwei Justizwachtmeistern in den Gerichtssaal geführt wurde und sich gegen jede Berührung heftig wehrte, obwohl sie bereits Handschellen trug.
Sie starrte die Beklagte so lange fasziniert an, bis sie auf die Anklagebank gezwungen wurde. Die Angeklagte blickte um sich wie ein wildes Tier, ihre blauen Augen schossen Blitze in alle Richtungen, wütende Blitze, die auch Sascha kurz streiften. Aber sie verweilten nicht auf ihr. Sie hetzten wieder durch den Raum, wie auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.
Sascha war Jurastudentin, und sie saß nicht zum ersten Mal als Zuschauerin in einem Gerichtssaal. Sie hielt sich regelmäßig hier auf. Einerseits, weil es zu ihrem Fach gehörte, weil sie Richter, Anwälte und das Rechtssystem in der Praxis studieren wollte, andererseits aber auch, weil sie sich als Gerichtsreporterin etwas zu ihrem kargen Stipendium hinzuverdiente.
Meist waren die Verhandlungen wenig aufregend, Sascha konzentrierte sich darauf, ob sie anstelle des Richters oder der Richterin dieselbe Entscheidung getroffen hätte oder ob das Gesetz noch andere Möglichkeiten bot, die ihr lieber gewesen wären.
Oft fand sie die Urteile zu hart. Ihr erschien es so offensichtlich, dass die Verurteilten selbst nur Opfer waren, Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer Erziehung – oder von deren Fehlen –, Opfer von Gewalt, die sie seit ihrer Kindheit erfahren hatten und nun gegen andere ausübten. Sie kannten nichts anderes.
Manchmal saßen sie nur wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank, manchmal waren sie frech und unverschämt, manchmal auch aggressiv – aber so wild wie die große Frau mit den blauen Augen, deren dunkle Haare ungebändigt ihren Kopf umgaben und ihr ein noch wilderes, ungezähmtes Aussehen verliehen, waren sie selten. Sie schien keinerlei Beschränkung akzeptieren zu wollen.
Der Richter eröffnete die Verhandlung, und der Staatsanwalt las die Anklage vor. Danach rief der Richter die Angeklagte als Zeugin auf, um sie zur Anklage zu befragen. »Ihr Name ist Tyra Horvath?«
»Sie kennen doch meinen Namen!«, fauchte die Angeklagte zum Richterstuhl. »Sie haben ihn schließlich oft genug aufgeschrieben. Und im Übrigen: Tyr reicht. Den Rest können Sie sich schenken.«
Es entstand ein leichter Tumult. Der Verteidiger musste seine Mandantin mühsam besänftigen.
Der Richter war ein ruhiger Mann, die Gelassenheit selbst. Er attackierte die Angeklagte nicht, sondern versuchte, sich auf zivilisierte Art mit ihr zu verständigen. Viel Erfolg hatte er damit allerdings nicht. Er seufzte. »Sie sind uns keine Unbekannte, das ist wahr. Ihr Auszug aus dem Strafregister füllt Seiten. Schon als Jugendliche sind Sie verurteilt worden. Kürzlich wurden Sie sogar des Mordes angeklagt, aber man konnte Ihnen nichts nachweisen, also wurden Sie freigesprochen. Im Zweifel für den Angeklagten. Sie haben uns diese Milde nicht gedankt. Sie sitzen schon wieder hier.«
»Ich habe euch nicht gezwungen, mich herzubringen!«, fauchte Tyra Horvath wütend.
»Nein, Sie haben sich mit allen Mitteln dagegen gewehrt, das ist wahr. Haben Sie den Einbruch verübt, dessen Sie angeklagt sind und bei dem der Besitzer des Hauses verletzt wurde, oder nicht?«
Die Angeklagte schwieg.
»Bitte weisen Sie Ihre Mandantin an zu antworten, Herr Verteidiger«, sagte der Richter.
Der Verteidiger blickte verzweifelt auf die Frau, die größer war als er, und dann hilfesuchend zum Richter zurück.
»Sie wollen sich also nicht zu dem Vorwurf äußern?«, folgerte der Richter und blickte die Angeklagte noch einmal fragend an, gab ihr eine letzte Gelegenheit.
Sie nutzte sie nicht.
»Ihr verstocktes Schweigen nimmt das Gericht nicht für Sie ein«, sagte der Richter. Es klang väterlich besorgt.
Von der Anklagebank kam ein unterdrücktes Knurren.
Für Sascha klang es wie »Fick dich!«, aber sie konnte es kaum glauben.
Der Richter auch nicht. Er warf einen Blick auf die Angeklagte. »Wie bitte?«
Der Verteidiger erhob sich halb. »Nichts. Sie hat nichts gesagt, Herr Vorsitzender.«
»Dann hat sie wohl nur Magenschmerzen«, vermutete der Richter versöhnlich.
Der Verteidiger wirkte erleichtert. »Ja, das ist richtig. Es geht ihr nicht gut.«
»Aber sie kann der Verhandlung folgen?«
»Natürlich.« Der Verteidiger setzte sich.
Der Richter fuhr mit der Verhandlung fort, verhörte die Zeugen und verkündete dann die Mittagspause.
Sascha verließ den Gerichtssaal, nachdem sie noch einmal einen Blick auf die Angeklagte geworfen hatte. Die hatte die ganze Verhandlung mit unbewegter Miene verfolgt. Sascha fragte sich, was in ihr vorging. Eigentlich hätte Sascha am Nachmittag Vorlesung in der Uni gehabt, aber sie entschied sich dagegen. Sie wollte lieber die Verhandlung verfolgen und das Urteil abwarten.
Es sah nicht gut aus für die Angeklagte. Die Zeugen bestätigten, dass sie im Haus gewesen war. Ihre Fingerabdrücke fanden sich überall. Der Besitzer des Hauses hatte bei dem Überfall eine Platzwunde davongetragen, und sein Blut hatte sich an ihren Händen wiedergefunden. Wegen des Schlages auf den Kopf, der ihn ohnmächtig zu Boden geschickt hatte, konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Bei der Polizei hatte die Angeklagte behauptet, sie hätte dem Verletzten nur helfen wollen, aber vor Gericht wiederholte sie diese Aussage nicht. Der Richter wies sie mehrmals darauf hin, dass nur Aussagen, die im Gericht gemacht wurden, verwertet werden konnten, aber es schien ihr egal zu sein.
Sascha fragte sich, warum sie sich nicht verteidigte. War ihre Aussage vor der Polizei eine Lüge gewesen? Etwas, das sie sich schnell hatte einfallen lassen und nun nicht mehr behaupten wollte, weil es falsch war? Aber warum? Sie hatte ihr Leben lang gelogen. Auf einmal sollte es ihr etwas ausmachen?
Sascha setzte sich in die Gerichtskantine und trank einen Kaffee – oder das gefärbte Wasser, das sie hier so nannten. Von der Idee, hier auch zu essen, hielt sie diese Erfahrung ab. Da war ja selbst die Mensa noch besser. Sie würde heute Abend bei sich im Studentenwohnheim etwas kochen.
Der Nachmittag verlief ebenso unbefriedigend wie der Vormittag. Der Richter vertagte die Verhandlung, da er noch mehr Zeugen hören wollte. Als die Angeklagte an Sascha vorbei aus dem Gerichtssaal geführt wurde, zischte sie Sascha an: »Was starrst du mich die ganze Zeit so an, du grünäugiges rothaariges Monster? Hast du nichts Besseres zu tun?«
Sie hatte es also bemerkt. Sascha blieb kopfschüttelnd stehen.
Tyra Horvaths Aggressivität füllte immer noch den Raum, selbst als die Angeklagte schon längst verschwunden war.
Sie hatte eine außergewöhnliche Präsenz.
2
»Harry, kann ich dich mal sprechen?«
Der Lokalredakteur des Stadtanzeigers hob abwesend den Blick. »Ja?«
Sascha trat auf seinen Schreibtisch zu, der über und über mit Korrekturzetteln bedeckt war. »Harry, könnte ich – meinst du, es wäre mal möglich –«
»Komm zur Sache, Schätzchen.« Harry blickte zum zweiten Mal auf. »Verschwende nicht meine Zeit mit deinem Herumstammeln. Hast du die Berichte aus dem Gericht von heute schon geschrieben?«
Harry war ein bärbeißiger, liebenswürdiger Charakter, der selten zugab, wie sehr er gewisse Menschen mochte.
»Ja – ähm – also . . .« Sascha wand sich. »Eigentlich war ich nur bei einer Verhandlung, und da wollte ich –«
»Nur bei einer Verhandlung? Also hör mal!« Nun fuhr Harry endgültig auf. »Wie sollen wir denn da unser Blatt füllen?« Er schüttelte den Kopf und rollte die Augen zur Decke. »Wenn du schon im Gericht bist, solltest du wenigstens fünf Verhandlungen besuchen und zu jeder zehn Zeilen schreiben, fünfzig insgesamt. Die sind eingeplant.« Mit einem väterlich tadelnden Blick musterte er sie. »Willst du etwa fünfzig Zeilen zu einer einzigen Verhandlung schreiben? So interessant können diese kleinen Unfälle und Straßenverkehrsdelikte ja nun wirklich nicht sein.«
»Es war ein Einbruch. Mit Körperverletzung«, erklärte Sascha. »Der Besitzer des Hauses hat eine Platzwunde davongetragen.« Sie betrachtete Harry gleichzeitig vorsichtig und nachdenklich ein wenig von der Seite, beobachtete seine Reaktion. »Die Sache an sich – vielleicht ist die tatsächlich nicht so interessant, aber die Angeklagte . . . die Angeklagte könnte interessant sein.«
»Die Angeklagte?« Erstaunt runzelte Harry die Stirn. »Eine Frau? Und dann auch noch Körperverletzung? Ist bei solchen Delikten ja eher selten.«
»Ja, sie ist . . . Na ja, sie hat schon ein langes Register«, ging Sascha mehr ins Detail. »Hat als Crash-Kid angefangen und ist dann mit vierzehn das erste Mal im Knast gelandet, weil es vorher nicht ging.«
»Diese Kids.« Harry setzte seine Brille ab. »Wenn sie noch nicht vierzehn sind, werden sie nicht verurteilt, weil sie noch nicht strafmündig sind, und sobald sie das Alter dann erreicht haben, sind sie schon richtige kleine Verbrecher mit viel Übung und Erfahrung.«
»Ja, ich weiß.« Verlegen trat Sascha von einem Fuß auf den anderen. »Dann ist Hopfen und Malz verloren. Man sollte sie früher betreuen.«
»Betreuen?« Harry lachte gutmütig. »Du hast wirklich ein goldenes Herz, Kind! Einsperren sollte man die kleinen Biester und nie wieder rauslassen!«
»Du bist doch gar nicht so böse, wie du tust, Harry.« Beinah zärtlich lächelte Sascha ihn an. »Du denkst doch auch, dass man noch einiges retten könnte, wenn man diesen Kindern früh genug eine Chance gäbe.«
»Die beste Chance, die sie bekommen könnten, wäre, sie ihren unfähigen Eltern wegzunehmen und sie nie wieder in ihre Nähe zu lassen«, brummte Harry.
»Eltern und eine Familie sind sehr wichtig für Kinder«, erwiderte Sascha sanft.
Harry lachte trocken auf. »Mit einem gewalttätigen Alkoholiker als Vater und einer Gelegenheitsnutte als Mutter?« Er senkte leicht den Kopf und warf von unten einen strafenden Blick auf Sascha. »So sollte kein Kind aufwachsen.«
»Da sind wir uns einig.« Sascha fühlte, dass sie Harrys weiche Stimmung ausnutzen musste. Jetzt oder nie. »Bitte, Harry, ich möchte einen Artikel über diese Frau schreiben, nicht nur zehn Zeilen im Gerichtsreport.«
»Diese Frau? Welche Frau?« Harry setzte seine Brille wieder auf und studierte die Korrekturen auf seinem Schreibtisch.
Sascha konnte kaum glauben, dass er das bereits wieder vergessen hatte. »Die, von der ich dir gerade erzählt habe«, erinnerte sie ihn seufzend. »Die von heute aus dem Gerichtssaal.«
»Diese kleine Einbrecherin?« Harry blickte noch einmal erstaunt hoch. »Wieso sollte die mehr als zehn Zeilen wert sein?«
»Sie ist . . . Irgendetwas an ihr ist anders.« Eigentlich konnte Sascha es sich selbst nicht erklären, und doch spürte sie ganz deutlich, dass diese Tyra ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. »Sie ist furchtbar aggressiv –« Sie lachte leicht und schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Sie hat mich ein ›grünäugiges, rothaariges Monster‹ genannt!«
Nun blickte Harry interessierter auf und grinste. »Sie muss sehr gute Augen haben, wenn sie die Farbe von deinen von der Anklagebank aus erkennen konnte.«
Mit einem ein wenig verträumten Gesichtsausdruck wandte Sascha ihr Gesicht zur Decke. »Ihre Augen sind so blau, dass sie damit wahrscheinlich alles durchdringen könnte.« Sie zog leicht die Augenbrauen zusammen, während sie sich an diese blauen Augen erinnerte. »Eine Brille braucht sie bestimmt nicht.«
Als ihr Blick zu ihm zurückkehrte, bemerkte sie, dass Harry sie nachdenklich betrachtete. »Du weißt, dass ich das nicht entscheiden kann, Kleines. Dafür ist der Leitende Redakteur verantwortlich.« Immer noch musterte er sie, wie es ihr schien, auf eine sehr grüblerische Art. »Und der will wissen, warum. Warum du und warum sie. Schließlich bist du nur freie Mitarbeiterin bei uns.« Seine Mundwinkel zuckten. »Und das auch nur, weil du mich so lange vollgequatscht hast, bis ich nicht mehr anders konnte.« Er seufzte, griff erneut an seine Brille, als wollte er sie absetzen, tat es dann aber doch nicht und wandte sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. »Andere Leute wären froh, mit gerade mal zwanzig so einen Job wie deinen zu haben.« Sein Blick glitt über die Zeilen. »Sie würden gar nicht mehr wollen.«
»Ich bin aber nicht andere Leute«, entgegnete Sascha trotzig.
»Wie wahr, wie wahr.« Endgültig gab Harry es auf, arbeiten zu wollen, und erhob sich. »Also gut, Kindchen, ich werde mit ihm sprechen«, bemerkte er mit einem entsagungsvollen Ausdruck im Gesicht wie ein Vater, der seiner Tochter das mit den Blumen und den Bienen einfach nicht erklären kann. »Mach schon mal ein Interview mit der Tante, vielleicht findest du dabei ja einen Aufhänger.« Er hob seine buschigen, schon etwas angegrauten Brauen. »Ich sehe bisher noch keinen, muss ich dir ehrlich sagen.«
»Ein Interview?« Weit riss Sascha die Augen auf.
»Ja, was dachtest du denn?« Nun schmunzelte Harry sichtlich. Das erlebte er auch nicht zum ersten Mal bei jungen Leuten, dass sie vorpreschten und dann Angst vor ihrer eigenen Courage bekamen. »Dass du in einem Artikel Spekulationen verbraten kannst, irgendwelche Gefühle oder Vermutungen?« Er schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, blickte ernst auf sie hinunter. »Nicht in unserer Zeitung, mein Schatz. Wir brauchen Fakten, und das nicht zu knapp.«
Hektisch zischten die Gedanken durch Saschas Kopf, und sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg. »Ich könnte ihre Akte studieren«, stieß sie atemlos hervor.
Auch wenn sie im Gerichtssaal durchaus das Bedürfnis gehabt hatte, diese Tyra näher kennenzulernen, mehr über sie zu erfahren, deren gezischte Verabschiedung hatte dieses Bedürfnis doch sehr gedämpft. Saschas Interesse war mehr theoretischer Natur, wie sie es aus der Schule und der Uni kannte. Die praktische Umsetzung war immer weit entfernt gewesen und schreckte sie auch jetzt. Sie schrieb lieber über Dinge, als dass sie sie erlebte.
»Wenn du die bekommst«, wandte Harry zweifelnd ein. »Ich glaube, das wird schwierig sein.« Er setzte sich wieder. »Außerdem: Was sagt eine Akte schon aus?«, fuhr er aus den Tiefen seiner Korrekturzettel, denen er sich erneut zu widmen versuchte, fort. »Da steht drin, wie lange sie im Gefängnis war und weshalb, mehr nicht. Du willst doch eine Personality-Story machen, oder habe ich dich da falsch verstanden?« Kurz blickte er hoch, aber er erwartete eigentlich gar keine Antwort, wie deutlich zu erkennen war, denn sofort kehrte sein Blick zu den Zetteln zurück.
Für einen Moment stand Sascha wie erstarrt da. Auf einmal merkte sie, wie viel mehr an ihrer Idee dranhing. Worauf ein erfahrener Journalist wie Harry sie leicht aufmerksam machen konnte, während sie selbst gar nicht daran gedacht hatte.
»Ähm, eigentlich wusste ich bisher noch gar nicht, was ich machen –«, setzte sie an, brach aber gleich wieder ab. »Eine Personality-Story. Natürlich, was denn sonst?«, bestätigte sie dann fest.
Wenn Harry ihr schon so ein Stichwort gegeben hatte, dann sollte sie das auch ausnutzen, auch wenn sie jetzt noch nicht wusste, was so eine Story beinhaltete. Jedenfalls sicher viel mehr als nur ein paar Zeilen für den Gerichtsreport. Und das hatte sie ja gewollt. Oder nicht?
Harry nickte. »Mach nur, Kind, mach nur«, murmelte er undeutlich, und Sascha merkte, dass sie für ihn eigentlich schon gar nicht mehr da war.
3
»Was wollen Sie von meiner Mandantin?« Rechtsanwalt Bauer betrachtete Sascha mit gerunzelter Stirn.
Sascha blickte ihm fest in die Augen. »Ein Interview, nur ein Interview, weiter nichts.« Ganz gezielt lächelte sie ihn freundlich an. Die meisten Männer mochten es, wenn ein junges Mädchen sie anlächelte, die Erfahrung hatte sie schon gemacht. Sie wurden dann sofort viel entgegenkommender.
»Ich kann Ihnen gleich sagen, dass sie das ablehnen wird«, erwiderte er kopfschüttelnd. »Sie redet mit niemandem, nicht mal mit mir.« Sein Gesichtsausdruck war nicht besonders mitfühlend, eher abschätzig. Oder überfordert. Er hantierte mit einem ganzen Aktenberg vor sich, während er mit Sascha sprach.
Das erzeugte sofort eine Trotzreaktion in Sascha. Dieser Mensch hatte nicht das geringste Interesse an Tyra, das merkte man ihm deutlich an. »Vielleicht haben Sie es nur falsch angefangen«, vermutete sie etwas spitz. Lockte ihn das aus der Reserve?
»Ja, sicher!« Bauer lachte. »Ich habe außer ihr noch eine Menge anderer Fälle zu bearbeiten«, er tippte mit dem Finger auf die Akte, die gerade aufgeschlagen vor ihm lag, »und die meisten Mandanten sind wesentlich entgegenkommender als dieses Früchtchen.«
Ganz automatisch schossen Saschas Augenbrauen nach oben. »Sie nennen Ihre eigene Mandantin ein Früchtchen?«
»Waren Sie nicht im Gericht gestern? Haben Sie nicht selbst gesehen, wie sie sich benimmt?« Er blickte sie ungläubig an, dass ihr das entgangen sein konnte. »Ich bin ihr Pflichtverteidiger«, seufzte er fast. »Ich kann mich nicht dagegen wehren. Aber man sollte zumindest erwarten, dass einem die Angeklagte ein wenig hilft, die Vorwürfe gegen sie zu entkräften.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Sie tut das Gegenteil, das absolute Gegenteil. Sie macht sich jeden zum Feind, den sie nur erwischen kann.«
Das überraschte Sascha nicht wirklich, denn schon Tyras Reaktion ihr gegenüber, als sie den Gerichtssaal verlassen hatte, sprach dafür. Schließlich kannten sie sich gar nicht, und trotzdem hatte diese wilde blauäugige Pantherin – sie erinnerte wirklich an eine, selbst wenn sie gefesselt war, jede ihrer Bewegungen war wie die eines geschmeidigen Raubtiers – sich von ihr provoziert gefühlt, ohne dass es einen Grund dafür gab. Oder doch? Sie konnte Gründe haben, die sich Sascha einfach nur noch nicht erschlossen.
»Vielleicht hat sie Gründe dafür«, setzte sie ihre Gedanken in Worte um.
Bauer sah noch nicht einmal von seinen Akten auf. »Ihre Gründe sind mir völlig schnuppe.« Kurz hob er ein Augenlid, um einen gelangweilten Blick auf Sascha zu werfen. »Eine Angeklagte, die sich so benimmt, hat schon verloren.« Er machte einen Vermerk und ließ sich noch einmal dazu herab, sich zurückzulehnen und Sascha die Sachlage zu erklären. »Die Indizien sind eindeutig. Der Richter hätte natürlich lieber ein Geständnis, aber in diesem Fall wird er sie auch ohne das verurteilen. Das letzte Mal ist sie noch davongekommen, aber diesmal wandert sie in den Bau – für lange. Daran kann niemand etwas ändern.«
»Das letzte Mal?« Verständnislos zogen sich Saschas Augenbrauen zusammen. »Sie meinen den Mord? Den der Richter erwähnt hat? Wo sie freigesprochen wurde?« Aufmerksam spitzte Sascha die Ohren. Jetzt wurde es vielleicht interessant.
»Aus Mangel an Beweisen!« Rechtsanwalt Bauer warf die Hände in die Luft. »Sie wissen, was das heißt: Sie hat es getan, sie war nur zu geschickt dabei. Man konnte sie nicht überführen.«
»Hm.« Sascha überlegte. »Merkwürdig, dass sie dann diesmal bei dem Einbruch so ungeschickt war, wenn sie sogar einen Mord vertuschen konnte.«
Der Anwalt zuckte die Achseln. »Wer weiß, vielleicht ist sie schlampig geworden, hat sich zu sicher gefühlt.« Wieder beugte er sich über seine Akten. »Ich habe wirklich keine Zeit, darüber nachzudenken. Fragen Sie sie selbst.«
»Deshalb bin ich ja hier«, bemerkte Sascha übertrieben freundlich, auch wenn das nur gespielt war. Langsam ging er ihr auf die Nerven, regte sie geradezu auf mit seiner Gleichgültigkeit, aber da sie etwas von ihm wollte, durfte sie das nicht zeigen. »Darum habe ich Sie um die Erlaubnis gebeten, mit ihr sprechen zu dürfen. Geben Sie die mir?«
»Wenn Sie wollen.« Er winkte ab. Dann kritzelte er etwas auf ein Blatt Papier mit seinem Briefkopf. »Hier.« Er hielt es ihr hin. »Versuchen Sie Ihr Glück.«
Während sie schon aufstand und das Papier nahm, blickte Sascha ihn entschlossen an. »Das tue ich. Darauf können Sie sich verlassen.«
4
»Was wollen Sie von mir?« Kalte blaue Augen unter wirren schwarzen Haaren starrten Sascha an. Tyra streckte eine Hand aus. »Her mit der Kohle!«
Unbehaglich blickte Sascha auf die Hand. »Ich kann Ihnen nichts geben. Ich habe nichts.«
»Was? Sie haben gesagt, ich bekomme Geld für das Interview! Nur deshalb habe ich zugesagt. Sonst hätte ich nie mit Ihnen geredet.« Mit schweren Schritten ging Tyra zur Tür. »Verschwinden Sie!«, presste sie zwischen knirschenden Zähnen hervor. »Ohne Knete läuft gar nichts.«
»Ich kann etwas für Sie besorgen!« Sascha flüchtete sich in diese Lüge, weil ihr nichts anderes übrigblieb. »Aber erst, wenn das Interview gedruckt wird. Die zahlen vorher nicht.«
»Sie können mir viel erzählen.« Knurren wie das eines wilden Hundes begleitete die Antwort.
»Ich . . . Ich gebe Ihnen mein Wort.«
»Ihr Wort?« Tyra stemmte die Hände in die Hüften und lachte laut. Nach einer Weile hörte sie auf und betrachtete Sascha eingehender. »Ich glaube fast, Sie meinen das ernst.«
»Natürlich meine ich das ernst!«, antwortete Sascha nun richtig empört. Wenn ihr jemand so etwas unterstellte, konnte sie nicht anders, als automatisch zu reagieren. Leider dachte sie dann meistens erst zu spät über ihre Antwort nach, was sie schon das eine oder andere Mal bedauert hatte. »Mein Wort breche ich nie.«
»Kaum zu glauben.« Tyra setzte sich hin. »Ich bin ein Trottel, aber legen Sie mal los. Was wollen Sie wissen? Ich gebe keine Antworten, die ich nicht will.«
»Das ist mir klar.« Sascha zog ihr Diktiergerät heraus. »Darf ich das mitlaufen lassen? Mein Steno ist eher mäßig.« Sie lachte. »Das heißt, ich kann es gar nicht.«
Die andere betrachtete das kleine Gerät misstrauisch. »Und wenn Sie da irgendwas zusammenschneiden, was ich gar nicht gesagt habe?« Sascha blickte sie schon wieder leicht empört an. Tyra verzog die Mundwinkel. »Lassen Sie mich raten: Sie geben mir Ihr Wort, dass Sie das nicht tun.«
»So ist es.« Ohne weitere Verzögerung schaltete Sascha das Gerät ein. Sie konnte es ja immer noch wieder abschalten, wenn es gar nicht anders ging. »Meine Redaktion will mehr Informationen«, sagte sie, wobei ihre Stimme entschuldigend klang. »Was in den Akten steht oder im Gericht besprochen wurde, ist ihnen nicht genug.«
»Wer hätte das gedacht?« Tyra lächelte spöttisch.
»Können wir uns vielleicht öfter treffen? Ich könnte jeden Tag kommen, die ganze Woche.« Sascha legte ihre Stirn bittend in Falten wie ein kleiner Hund.
»Jeden Tag? Sie scheinen masochistisch veranlagt zu sein«, erwiderte Tyra, immer noch spöttisch lächelnd. »Ich kenne niemanden, der gern jeden Tag einige Stunden mit mir verbringen möchte. Die meisten laufen eher weg und sind froh, wenn sie mich nicht sehen müssen.«
»Wären Sie einverstanden?« Wenn sie sich einmal dazu entschlossen hatte, ließ Sascha nicht locker.
»Eigentlich –« Tyra brach ab. »Eigentlich habe ich lieber meine Ruhe«, sagte sie dann. »Da dieser verdammte Richter aber meine Verhandlung vertagt hat und ich sowieso noch drei Wochen bis zu meiner Verurteilung warten muss –«
»Vielleicht werden Sie gar nicht verurteilt. Vielleicht werden Sie ja freigesprochen«, unterbrach Sascha sie eifrig.
Tyra sah sie nur mitleidig an. »Sie glauben wirklich noch an den Weihnachtsmann, was?« Sie holte tief Luft und stand auf, lief ein paar Schritte im Besucherraum hin und her. »Also gut. Ich habe nichts Besseres zu tun als hier herumzusitzen und zu warten, da kann ich auch ein bisschen Geld verdienen.«
Sascha biss sich auf die Zunge, bevor sie einfallen und sagen konnte, dass es wahrscheinlich kein Geld geben würde, obwohl sie behauptet hatte, sie könne welches besorgen. Sie hasste sich selbst dafür, eine solche Lügnerin zu sein und dieser Frau falsche Hoffnungen zu machen, aber innerlich betete sie, dass die Geschichte so gut werden würde, dass sie ein Honorar herausschlagen konnte.
Zur Not würde sie der Frau eben ihr eigenes Honorar geben, wenn das auch nicht besonders hoch sein dürfte für diesen Artikel. Ein paar Cent pro Zeile, mehr zahlte die Zeitung nicht. Sie hätte dann zwar wochenlang umsonst gearbeitet, aber irgendetwas trieb sie dazu, ausnahmsweise einmal nicht an die Miete zu denken, die bezahlt werden musste.
»Was unsere Leser sicherlich interessiert«, begann Sascha, »ist Ihr Lebenslauf. Wo sind Sie aufgewachsen? Was machen Ihre Eltern?«
»Meine Eltern?« Tyra fuhr wie von der Tarantel gestochen herum. »Was gehen Sie meine Eltern an?«
»Gar nichts. Ich wollte nur –« Sascha brach ab. »Meine Eltern waren sehr gut zu mir«, fuhr sie dann leise fort. »Sie haben immer alles für mich getan. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Mutter. Mein Vater ist seit zwei Jahren tot.«
»Das hat er mit meinem gemeinsam«, erwiderte Tyra. Sie hatte es nicht sagen wollen. Nun hatte diese kleine Göre doch noch eine Information aus ihr herausgelockt.
»Vermissen Sie ihn sehr?« Sascha schob das Diktiergerät ein wenig in Tyras Richtung.
»Vermissen.« Tyra lehnte sich in eine Ecke des Zimmers. Es war sehr dunkel dort, und Sascha konnte nur die Umrisse ihres Gesichts erkennen. »Kann man etwas vermissen, was man nie gehabt hat?«
»Sie kannten Ihren Vater nicht?«
»Oh doch, ich kannte ihn!« Tyras Stimme klang hart.
»Sie wollen nicht über ihn reden?«
»Irgendwann einmal – vielleicht«, sagte Tyra. Sie stieß sich von der Wand ab und kam zu Sascha an den Tisch, setzte sich jedoch nicht, sondern blieb vor ihr stehen und blickte auf sie hinunter. »Meine Mutter spricht nicht mehr mit mir, seit er tot ist. Das nur zum ›täglichen Telefonieren‹.«
»Das . . . Das tut mir leid.« Sascha war ganz betroffen. »Ich wusste ja nicht –«
Tyra lachte verächtlich. »Was wissen Sie schon? Was können Sie schon wissen? Sie sind doch noch ein Baby!«
Genau wie andere Leute, die älter waren als sie, benutzte auch Tyra ihr Alter als Waffe, um sie mundtot zu machen. Aber das würde ihr nicht gelingen. So leicht war Saschas Selbstbewusstsein nicht zu erschüttern. »Ich war im Gerichtssaal, als Ihr Geburtsdatum verlesen wurde«, sagte sie lächelnd. »Sie sind nur ein paar Jahre älter als ich, sechs, um genau zu sein.«
»Das Geburtsdatum sagt gar nichts aus. Sie haben nichts erlebt. Ich bin –« Tyra stockte und sah Sascha an, dann setzte sie ein süffisantes Lächeln auf. »Ich bin durch die Hölle gegangen. Das können Sie sich nicht einmal vorstellen.« Sie schlenderte zur Wand und lehnte sich dagegen. »Wenn Sie etwas aus mir herausholen wollen, müssen Sie schon geschickter vorgehen.«
»Erzählen Sie doch einfach, was Sie erzählen wollen. Dann stelle ich nicht die falschen Fragen«, schlug Sascha vor.
»Weißt du –«, Tyra grinste sie an, »ich bin nicht gerade der Typ, der mit Worten kommuniziert. Ich musste schon früh meine Fäuste einsetzen.«
Sascha hatte das Gefühl, dass Tyra sich ihr öffnete, weil sie das steife ›Sie‹ verlassen hatte. Also ging sie darauf ein. »Schon in der Schule?«, fragte sie. »Was war in der ersten Klasse? Da warst du doch noch viel zu klein, um –«
»Ich war immer schon groß für mein Alter«, unterbrach Tyra sie. »Die Jungs wollten sich mit mir messen – haben aber meistens verloren –, und die Mädchen hatten Angst vor mir.«
Das kann ich mir vorstellen, dachte Sascha. Dieser wilde Blick, diese schwarzen Haare, diese blauen Augen, die kalt und gefühllos schienen, zumindest was den positiven Teil von Gefühlen anging, und andere durchbohrten bis auf den Grund ihrer Seele – das machte nicht gerade sympathisch.
»Wie war es mit deiner besten Freundin?«, fragte Sascha. »Hatte die auch Angst vor dir?«
»Welche beste Freundin?« Tyra blickte irritiert. »Du hattest bestimmt eine«, grinste sie dann. »Habt ihr Nagellack getauscht und über Jungs gekichert?«
»So ungefähr«, sagte Sascha. »Machen das nicht alle?«
»Alle außer mir«, sagte Tyra. Sie setzte sich an den Tisch zu Sascha. »Meine beste Freundin war ein Messer, das ich immer bei mir trug – für den Notfall.«
»In der Grundschule?«, fragte Sascha entsetzt.
»So lange, bis ich gut genug im Training war, um mich auch ohne Waffen verteidigen zu können«, sagte Tyra. »In der Nähe der Schule war ein Karate-Dojo. Ich kam jeden Tag daran vorbei. Da ich mir den Unterricht nicht leisten konnte, beobachtete ich alles durchs Fenster und brachte es mir selbst bei.«
»Du kannst Karate?« Sascha war beeindruckt.
»Mittlerweile ist es wohl mehr eine Mischform aus allem Möglichen, was ich mir beigebracht habe.« Gleichgültig zuckte Tyra die Schultern. »Was man halt so braucht.«
»Ich habe so was noch nie gebraucht«, sagte Sascha. »Ich bin der Meinung, man kann Auseinandersetzungen auch aus dem Weg gehen. Am besten, indem man miteinander spricht.«
»Klar!« Tyra lachte laut. »Wenn mich jemand angreift, spreche ich erst mal mit ihm!« Sie beugte sich vor. »Wenn ich mich so verhalten hätte, wäre ich längst tot.«
Sascha betrachtete Tyras Gesicht, das ihr plötzlich so nah war. Sie sah kleine Narben, vor allem an den Augenbrauen. Tyra tat ihr so leid. Sie konnte sich nicht zurückhalten und strich mit einem Finger über die Braue, die eine Narbe bedeckte.
Tyra fuhr in ihrem Stuhl zurück. Einen Moment sah sie so aus, als ob sie Sascha schlagen wollte. »Tu das nie wieder!«, fauchte sie. »Ich könnte dich umbringen!«
Sascha blickte sie lange an. »Ich glaube nicht«, sagte sie. »Das glaube ich nie und nimmer.«
»Oh Mann!« Tyra sprang auf und tigerte durch den Raum. »Wo bist du eigentlich aufgewachsen? In einem Nonnenkloster? Haben sie dich gerade erst freigelassen?«
Sascha lachte. »Nein, das nun gerade nicht.« Sie beobachtete Tyras unruhige Bewegungen, die den Raum mit Spannung erfüllten. »Es tut dir nicht gut, hier eingesperrt zu sein, nicht wahr?«
Tyra krallte ihre Nägel in den Wandverputz. »Ich könnte die Wände hochgehen!«, knurrte sie. »Ich fühle mich wie in einem Käfig.«
»Aber du bist nicht zum ersten Mal im Gefängnis.«
»Nein. Aber jedes Mal wird es schlimmer«, flüsterte Tyra und legte ihre Stirn erschöpft gegen die Wand.
»Warum versuchst du dann nicht, das zu vermeiden?«
»Das habe ich ja!« Tyra drehte sich schnell herum und starrte Sascha mit glühenden Augen an. »Aber wen interessiert das? Ich wollte diesem Typen helfen, und nun sitze ich hier. Das war das letzte Mal, dass ich jemand geholfen habe.«
»Du wolltest ihm also wirklich helfen? Warum hast du das nicht im Gerichtssaal gesagt? Der Richter hat dich mehrmals gefragt.«
»Ich hatte das schon den Bullen erzählt. Ich wiederhole mich nicht gern.« Tyra nahm ihre Wanderung durch das Zimmer wieder auf.
»Aber es könnte dich vor einer Verurteilung bewahren!« Sascha konnte Tyras Verhalten einfach nicht verstehen. »Wenn du unschuldig bist –«
»Ich bin nicht unschuldig!« Tyra sprach mit der Wand. »In diesem Fall wollte ich helfen – dumm genug von mir. Aber unschuldig . . . unschuldig ist etwas anderes. Unschuldig bin ich schon lange nicht mehr. Vielleicht war ich es nie. So werde ich jetzt dann eben für etwas bestraft, was ich nicht getan habe. Dafür habe ich früher viele Dinge getan, für die ich nie bestraft worden bin.«
»Hältst du es deshalb für gerecht?«, fragte Sascha.
Tyra gab ein hohles Geräusch von sich. »Gerecht. Was ist schon gerecht?« Sie schüttelte den Kopf. »Gerechtigkeit gibt es nicht. Für mich nicht und für andere nicht. Für niemand.«
»Doch, ich denke schon.« Sascha stand auf und ging zu Tyra hinüber. »Ich denke, dass es immer eine Gerechtigkeit gibt. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht immer im selben Augenblick, in dem man sie sich wünscht. Aber es gibt sie. Und sie wird siegen. Auch in deinem Fall.«
»Wie naiv muss man eigentlich sein, um das zu glauben?«, fragte Tyra. Ihr Blick ruhte einen Augenblick mit einer Sanftheit auf Sascha, die Sascha bislang noch nie an ihr wahrgenommen hatte. Doch der Augenblick verging schnell. Tyra ging zur Tür und trommelte dagegen. »Lassen Sie mich raus! Ich will in meine Zelle!«
Sascha blickte sie erstaunt an. »Das Interview – Machen wir morgen weiter?«
Tyra drehte sich halb zu ihr herum. »Kann ich nicht versprechen«, sagte sie.
Der Wächter kam und führte Tyra aus dem Raum.
5
Harry raufte sich die Haare. »Du bist doch nicht ganz richtig im Kopf, Kind! Du kannst ihr doch kein Honorar versprechen! Bist du denn des Wahnsinns?«
»Sie hätte sonst nichts gesagt.« Bedauernd zuckte Sascha die Schultern.
»Das hat sie auch so nicht. Oder hältst du das etwa für sehr aussagekräftig, was du da mitgebracht hast?« Er wedelte mit den Blättern vor ihrer Nase herum.
Sascha verzog schuldbewusst das Gesicht. »Sie ist sehr vorsichtig und misstrauisch. Wahrscheinlich muss sie sich erst ganz langsam an mich gewöhnen«, behauptete sie verlegen.
»Junge Dame, ich –!« Harry unterbrach sich aufstöhnend. »Wie viele Interviews willst du denn mit ihr machen, bis sie sich an dich gewöhnt hat, hä?«, fragte er sarkastisch.
»Na ja, ein paar –« Weiter kam Sascha nicht, da unterbrach Harry sie schon.
»Ein paar?« Er riss entsetzt die Augen auf. »Sind wir hier bei der New York Times, oder was? Wir sind eine Lokalzeitung, Kind!« Bald würde nichts mehr von seinen Haaren übrig sein, da er sie sich schon wieder verzweifelt raufte. »Wir recherchieren nicht den Watergate-Skandal. Wenn die Geschichte nichts hergibt, wenn sie nicht den Mund aufmacht, dann ist die Sache eben gestorben.«
»Dann musst du das dem Leitenden Redakteur nicht mehr verkaufen«, erwiderte Sascha etwas bitter, »und bist diese Sorge los.«
»Na, wenigstens eine! Ich habe ja auch sonst nichts zu tun.« Er kam auf Sascha zu und nahm sie freundschaftlich bei den Schultern. »Kind, solche Menschen sind es einfach nicht wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Das bringt nichts. Du machst dich nur unglücklich damit.«
»Sie ist es wert!« Fast hätte Sascha mit dem Fuß aufgestampft.
»Woher willst du das wissen?« Harry seufzte. »Schau, ich bin viel älter als du –« Er setzte sich an seinen Schreibtisch und fuhr mit einer Handbewegung in der Luft darüber. »Alles, was du hier siehst, waren einmal hoffnungsvolle Anfänge. Das meiste Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben. Wo wird das alles landen? – Im Papierkorb. Kein Mensch interessiert sich dafür. Niemand interessiert sich für eine Kleinkriminelle, die nichts Besseres zu tun hat, als ihr eigenes Leben zu verpfuschen.« Freundlich lächelte er sie an und sprach auf einmal sehr sanft. »Bleib bei deinen Gerichts-Zehnzeilern. Opa Schmidt beim Autofahren besoffen erwischt. Das ist das, was die Leute lesen wollen. Klatsch und Tratsch. Sie kennen Opa Schmidt, und deshalb wollen sie etwas über ihn erfahren.« Er schüttelte den Kopf. »Deine Pantherin mit den blauen Augen kennt niemand – und deshalb will auch niemand etwas über sie wissen.«
Sascha lächelte. »Die Pantherin mit den blauen Augen.« Sie blickte Harry schelmisch an. »Woher weißt du das? Sie sieht wirklich so aus.«
»Der Gerichtsfotograf hat ein paar Bilder gemacht«, brummelte er.
»Und du hast sie dir angeschaut? Also interessiert sie dich doch!« Triumphierend streckte Sascha das Kinn in die Luft.
»Sie interessiert mich nicht. Du interessierst mich«, entgegnete Harry genervt. »Du bist in meiner Redaktion und du unterstehst meiner Kontrolle. Wenn du Mist baust, wird man mich dafür verantwortlich machen.« Er brummelte immer noch.
»Wenn es wirklich so wäre, hättest du mich schon längst vor die Tür gesetzt.« Sascha grinste.
»Du bist eine Nervensäge«, seufzte Harry.
»Das gebe ich gern zu«, ein verschmitztes Lächeln überzog Saschas Gesicht, »wenn ich dann weiter an der Sache arbeiten kann.«
Scherzhaft drohte Harry ihr mit dem Finger. »Du hältst mich wohl für deinen guten Onkel, was?«
Schmunzelnd ging Sascha auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die hohe Stirn. »Genau das tue ich. Ich folge meinem Gefühl, und mein Gefühl hat mich noch nie im Stich gelassen.«
»Wenn du damit nicht mal auf die Nase fällst«, brummelte Harry wieder, seine Rührung zu verbergen suchend. »Sie ist nicht deine Kragenweite. Sieh doch ein, dass sie ganz anders aufgewachsen ist als du. Wahrscheinlich hat sie sich von klein auf durchboxen müssen. Du hattest eine behütete Kindheit. Ihr habt nichts gemeinsam, und sie wird dich nach Strich und Faden ausnutzen, wenn sie merkt, wie naiv du bist. Wahrscheinlich hat sie das schon längst gemerkt.«
»Ich naiv?« Vor Empörung klang Saschas Stimme laut.
»Oh ja, das bist du.« Harry lächelte liebevoll. »Das ist ja das Nette an dir. Du glaubst an das Gute im Menschen. Die meisten Leute heutzutage haben sich das längst abgewöhnt. Nicht zu Unrecht.«
»Doch zu Unrecht!« Saschas Augen funkelten. »Wenn niemand mehr an das Gute im Menschen glaubt, wo soll es dann herkommen? Es verkümmert wie ein Baum ohne Wasser. Man muss ihn gießen, diesen Baum, damit er wächst, damit er blüht und gedeiht.«
»Oh Kind!« Harry schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Gott erhalte dir deine Leichtgläubigkeit. Aber als Voraussetzung für den journalistischen Beruf ist das nicht gerade ideal.«
»Sie ist unschuldig, Harry, sie hat nur nie eine Chance gehabt.«
»Sie hat nie eine Chance gehabt?« Harry seufzte. »Ich will dir mal was sagen. Du bist nicht die Erste, die sich für sie einsetzt. Es gab einen Lehrer an ihrer Schule, der sie immer wieder rausgehauen hat. Er hat es fertiggebracht, dass sie versetzt wurde, obwohl sie ein halbes Jahr nicht in der Schule erschienen war oder nur sehr sporadisch. Er hat für sie gekämpft und sämtliche Lücken ausgenutzt, um ihr die Chance zu geben, die sie ständig mit Füßen getreten hat. Und weißt du, was er davon hatte? Was seine Belohnung war für all die Mühe?«
Sascha blickte ihn verwirrt an.
»Du kannst dir einmal sein Gesicht betrachten«, fuhr Harry fort und warf ein Foto vor ihr auf den Tisch. »Das war ihr Dank!«
Sascha schreckte zurück, als sie das Gesicht des Mannes auf dem Foto sah. Eine lange Narbe zog sich von seinem Auge bis hinunter zum Mund über die ganze Wange.
»Sie hat ihn mit einem Messer traktiert«, sagte Harry. »So lange, bis er in seinem Blut dalag und sich nicht mehr wehren konnte. Wenn seine Frau nicht nach Hause gekommen wäre, wäre er heute vielleicht tot.«
»Sie hat mir von dem Messer erzählt«, wisperte Sascha tonlos. »Aber ich wusste nicht –«
»Du dachtest natürlich, sie hat es nur so zum Spaß mit sich herumgetragen und nie etwas Böses damit angestellt. Das ist typisch für dich!« Harry machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Woher weißt du das alles? Woher hast du das Foto?«
»Ich bin seit zwanzig Jahren Journalist, ich weiß, wie ich an Informationen komme«, sagte Harry sanft. »Du musst noch viel lernen, Kind.«
»Es gibt keinen besseren Lehrmeister als dich.« Sascha blickte Harry erschüttert an. »Ich kann nicht glauben, dass sie das getan hat. Einfach so ohne Grund. Jemanden zu verletzen, der ihr nur helfen wollte.«
»Es gibt Leute, die können keine Hilfe annehmen«, sagte Harry. »Ich bin überzeugt, sie gehört dazu. Sie vermutet hinter jedem Hilfsangebot einen Angriff und verteidigt sich wie der Teufel gegen das Weihwasser. Verstehst du nicht? Sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Sie hat zu lange mit all dieser Gewalt gelebt, von klein auf, sie weiß nicht, wie man sich anders verhält. Für sie ist das Leben ein einziger Kampf. Keine ruhige Minute.«
»Ja, den Eindruck hatte ich auch«, sagte Sascha leise. »Aber da gibt es noch etwas anderes.« Sie sah Tyra vor sich, wie sie erschöpft den Kopf an der Wand abgestützt hatte, wie ihre Fingernägel sich in den Putz krallten, so verzweifelt, so hilflos. Wie ein Tier im Käfig. So fühlte sie sich, und deshalb schlug sie um sich. Sie wollte frei sein. Jeder will das, dachte Sascha. Das kann man ihr doch nicht verwehren. Es ist ihr gutes Recht.
Harry seufzte und gab es auf. »Wer nicht hören will, muss fühlen«, sagte er. »Ich hoffe, dass sie im Gefängnis gut auf sie aufpassen und dass sie kein Messer ins Besucherzimmer schmuggeln kann, wenn sie mit dir allein ist.« Er stellte sich vor Sascha hin und blickte sie besorgt an. »Ich sterbe tausend Tode, jedes Mal, wenn du zu ihr gehst. Bitte gib es auf. Du kannst ihr nicht helfen.«
»Ich kann nicht aufgeben, Harry«, sagte Sascha. »Ich kann sie einfach nicht im Stich lassen. Sie hat niemanden außer mir.«
»Sie hat Dutzende von kriminellen Freunden. Sollen die sich doch um sie kümmern!«, schimpfte Harry ärgerlich.
»Und wenn sie sich ändern will?«, fragte Sascha. »Wenn sie nicht mehr so sein will wie diese angeblichen Freunde? Wen hat sie dann?«
»Sie wird sich nicht ändern.« Harry winkte ab. »Mach deine eigenen Erfahrungen. Du bist alt genug. Aber nimm ein Messer mit, wenn du das nächste Mal zu ihr gehst.«
»Damit werden sie mich kaum reinlassen.« Sascha lachte. »Es ist süß, wie besorgt du um mich bist, aber ich kann schon auf mich aufpassen.« Sie lachte und verschwand aus der Tür.
»Das bezweifle ich, mein Kind«, sagte Harry leise zu sich selbst. »Eben das bezweifle ich.«
6
Sascha blickte sich im Besucherzimmer, in dem sie allein saß, um. Sie hoffte, dass Tyra kommen würde, aber nach ihrem Abgang das letzte Mal bestand auch die Möglichkeit, dass sie es nicht tat. Tyra beschäftigte sich nicht gern mit ihren Gefühlen, und Sascha trampelte ständig genau auf diesem Punkt herum. Wenn Tyra beschloss, dass sie Sascha nicht mehr sehen wollte, hatte Sascha keine Chance, sie zu zwingen.
Der Justizbeamte, der die Zellen bewachte, kam zurück. »Sie will Sie nicht sehen«, sagte er. »Sie kommt nicht.«
Sascha stand auf. »Kann ich nicht vielleicht zu ihr gehen?«
»In ihre Zelle?« Der Justizbeamte wunderte sich. »Nein, das ist nicht erlaubt.«
»Gibt es irgendeine Möglichkeit –?« Sascha brach ab und biss sich auf die Lippe.
»Sind Sie verwandt?«, fragte der Justizbeamte.
»Nein.« Sascha schüttelte den Kopf. »Ich bin nur eine Reporterin. Ich soll für die Zeitung etwas über sie schreiben.«
»Über die?« Der Justizbeamte lachte. »Warum schreiben Sie nicht über jemand Nettes?«
»Sie ist nett!« Sascha setzte ihren trotzigsten Gesichtsausdruck auf. »Lassen Sie mich raus. Ich will gehen.«
7
»Dichtung und Wahrheit, hm?« Harry blickte über die Gläser seiner Lesebrille wie ein Maulwurf in Saschas Gesicht. »Mehr Dichtung, würde ich annehmen.«
»Ich habe nichts erfunden. Das hat sie mir alles erzählt«, erwiderte Sascha beleidigt.
»Und hast du es auch überprüft? Hast du andere Leute befragt, ob sie die Sache genauso sehen?« Harrys Pupillen hinter den Brillengläsern schienen fragend immer größer zu werden.
Sascha zog die Schultern unbehaglich hoch. »Ich war in ihrer Schule, aber – dieser Lehrer ist nicht mehr da, und alle anderen haben nur bestätigt, dass sie ein schwieriges Kind war. Intelligent, aber schwierig. Aus problematischen Familienverhältnissen.«
»Na ja, das steht ja alles hier.« Harry tippte auf das Blatt vor sich. »Vater amerikanischer Soldat. Nicht verheiratet mit der Mutter. Mutter Ungarin. Daher kommt wohl dieser merkwürdige Name, oder?«
»Ja.« Das hatte Sascha recherchiert. »Es ist eine Abkürzung von Teresa auf Ungarisch.«
»Ausgerechnet!« Harry lachte. »Wie Mutter Teresa benimmt sie sich nicht gerade!«
»Sie kann doch nichts für ihren Namen!« In Sascha erwachten Trotz und Beschützerinstinkt.
»Nein, kann sie nicht.« Harry las weiter. »Na ja, so schlecht ist das gar nicht. So was hatten wir schon lange nicht mehr. Story mit Tränendrüse.«
»Tränendrüse?« Sascha war empört.
Harry hob die Hand. »Das ist nicht abwertend gemeint. Man braucht viel Gefühl, um so etwas schreiben zu können, und die haben Polizeireporter meistens nicht. Die Leser – und vor allem die Leserinnen – lesen so etwas sicher gern. Ich denke, das kann ich dem Leitenden Redakteur verkaufen.«
»Wegen der Tränendrüse«, sagte Sascha enttäuscht. »Mir geht es eigentlich um Gerechtigkeit.«
»Das allein drückt schon auf die Tränendrüse«, entgegnete Harry etwas schelmisch. »Gerechtigkeit ist mittlerweile ja selbst schon so etwas wie ein Märchen.« Er blickte Sascha an. »Womit ich nicht gesagt haben will, dass du ihr unbedingt Gerechtigkeit widerfahren lässt. Ich glaube nicht, dass sie so ein Unschuldslamm ist.«
»Das behaupte ich ja auch gar nicht«, verteidigte sich Sascha. »Ich behaupte nur, dass sie in diesem ihrem aktuellen Fall unschuldig ist. Daran glaube ich fest.«
Harry stand mit den Blättern, die Saschas Artikel enthielten, in der Hand auf. »Der Artikel ist jedenfalls gut, und ich werde mich dafür einsetzen. Das muss dir genügen. An ihre Unschuld glaube ich nicht. Aber es reicht ja auch, wenn du daran glaubst.«
Er verließ kopfschüttelnd den Raum.
8
»Hast du den Artikel gelesen?« Sascha schob ein Exemplar der Zeitung auf dem Tisch zu Tyra hinüber.
Tyra warf nur einen flüchtigen Blick darauf. »Ich bin damit heute schon von allen Seiten terrorisiert worden«, sagte sie abweisend. »So hatte ich mir das nicht vorgestellt.«
»Du bist unschuldig!« Sascha starrte sie erregt an, versuchte zu ergründen, warum ausgerechnet die Person, die es am meisten anging, an ihrem eigenen Schicksal kein Interesse hatte. »Ich will, dass die Welt das weiß!«
»Die Welt? Welche Welt denn?« Tyra gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Dein Enthusiasmus in allen Ehren, aber davon kann ich mir nichts kaufen. Hast du heute wenigstens Knete mitgebracht? Du sagtest doch, sie zahlen, wenn das Ganze gedruckt wird.« Sie schaute Sascha auffordernd an.
Sascha senkte den Kopf. »Es tut mir leid, ich . . . ich habe dich belogen. Es gibt kein Geld. Das heißt –«, sie hob den Blick, »du kannst selbstverständlich mein Honorar haben.«
»Du hast mich belogen? Du?« Tyra bog den Kopf zurück und lachte. »Du machst dich«, sagte sie dann. Sie stand auf. »Ich bin nur noch einmal hergekommen, um mir die Kohle abzuholen. Wenn du keine hast, war’s das dann wohl.« Sie ging zur Tür.
»Dieser Lehrer . . .«, sagte Sascha leise. »Warum hast du ihm das angetan?«
»Was?« Tyra fuhr herum. »Welcher – Oh . . .« Sie brach ab und blickte mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck auf Sascha. »Woher weißt du das?«
»Für Journalisten sind solche Informationen leicht zu bekommen.« Es war Sascha unangenehm, sich mit fremden Federn zu schmücken, aber ganz sicher war es Tyra egal, ob sie die Information selbst recherchiert hatte oder jemand anderer. Und Harry kannte sie ja sowieso nicht.
Tyra nickte grimmig. »Er hatte es verdient. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«
»Aber er hat sich für dich eingesetzt! Seinetwegen bist du nicht von der Schule geflogen!« Saschas Stimme zeigte deutlich, wie entsetzt sie war.
Tyra musterte sie eingehend. »Das verstehst du nicht«, sagte sie. »Ich musste es tun.«
»Es gibt immer eine Lösung«, behauptete Sascha. »Man muss nur miteinander reden. Warum bist du gleich mit dem Messer auf ihn losgegangen? Hättet ihr die Sache nicht anders klären können?«
»Anders?« Tyra lachte böse. »Ich hätte ihn umbringen sollen!«
Sascha betrachtete sie und versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen. Es war wutverzerrt, ja, aber da war auch noch etwas anderes. Sie stand auf und ging zu Tyra hinüber. Von unten blickte sie hinauf in Tyras verschlossenes Gesicht. Sie ist wirklich groß, dachte sie. Und trotzdem habe ich keine Angst vor ihr. Niemals könnte ich das. »Ich kann mir nur eine Sache vorstellen, die so schlimm ist«, sagte sie leise. »Hat er – Hat er dich . . . angefasst?«
»Mich fasst niemand an«, schnappte Tyra kalt. »Nicht, wenn ich es nicht will. Such nicht nach einer Entschuldigung. Du wirst keine finden.«
»Ich würde gern mehr über dich schreiben«, bat Sascha. »Mehr als einen einzigen Artikel. Wenn du mir erzählst, was damals passiert ist –«
»Das werde ich dir nicht erzählen.« Tyra ging zum Fenster hinüber und ließ Sascha einfach stehen.
»Tyra –« Saschas Stimme klang weich und sanft. »Du brauchst mir gegenüber keine Rolle zu spielen. Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken. Ich weiß, dass du nicht böse bist. Ich weiß, dass es einen Grund für dein Verhalten gibt, damals wie heute.«
»Ach, lass mich doch in Ruhe!« Tyra wandte sich ab. »Und ich heiße Tyr. Wenn du mich schon ansprechen willst, dann richtig.«
»Gut, also dann . . . Tyr«, stimmte Sascha zu. Insgeheim musste sie zugeben, dass das auch besser zu Tyra passte. Und was war schon ein Taufname? Sie betrachtete Tyras abgewandten Rücken. Es war eindeutig, dass sie heute nichts mehr erreichen würde. »Ich werde wiederkommen«, sagte sie sanft. »Ich lasse dich nicht einfach hier verrotten.«
Von Tyra kam keine Reaktion. Sie rührte sich nicht.
Sascha klopfte an die Tür, und der Justizbeamte ließ sie hinaus.
9
Tyra tigerte von einer Wand der Zelle zur anderen, sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück, dann wieder sechs Schritte, bis sie fast mit dem Kopf anstieß, eine schnelle Drehung, sechs Schritte zurück. Es war wie ein Ritual, das sie nicht unterbrechen konnte. So lief sie schon seit Stunden. Die Enge der Zelle machte sie verrückt. Sie konnte das Eingesperrtsein kaum mehr ertragen. Kurz blickte sie zum Fenster hinaus, sah die Gitterstäbe, wandte sich ab.
Plötzlich blieb sie stehen, als sie die Wand erreicht hatte. Die Drehung fand nicht statt. Stattdessen legte sie den Kopf an die Wand, schien auszuruhen. Sie atmete angestrengt, aber nicht besonders schwer. Ihr Körper war gut trainiert. Selbst stundenlanges Laufen konnte ihn nicht ermüden. Langsam entfernte sie ihre Stirn von der Wand, beugte sich wieder vor, ließ sie erneut liegen. Sie wiederholte die Bewegung schneller . . . und schneller . . . und schneller.
Ihr Kopf berührte die Wand immer heftiger, auf der Stirn zeigte sich eine gerötete Stelle, wo der raue Putz die Haut aufrieb. Ihr Oberkörper schwang vor und zurück, vor und zurück, die Stirn prallte immer rasender an die Wand, bis ein dumpfes Geräusch in regelmäßigen Abständen die Bewegung begleitete. Die Haut platzte auf, ein Strom feinen roten Blutes floss über die Nase hinunter, beim nächsten Mal über das Auge. Ein purpurner Tropfen landete auf dem grauen Zementboden und dekorierte die eintönige Zelle mit einem Farbtupfer.
Das Beobachtungsfenster in der Zellentür wurde aufgeklappt. »He, was machen Sie da?« Hastig wurde der Riegel zurückgeschoben und die Tür aufgestoßen. »Sind Sie wahnsinnig? Was soll das?« Der Justizbeamte griff an Tyras Arm und wollte sie davon abhalten, erneut vorzuschwingen und ihren Kopf an die Wand zu hämmern.
In einer ansatzlosen Bewegung drehte Tyra sich auf einem Fuß herum und säbelte mit dem anderen dem Justizbeamten die Beine weg.
Er ging in die Knie und stöhnte. »Alarm!«, brüllte er gleichzeitig. »Sie will ausbrechen!«
Tyra drehte sich erneut. Ihr Blut besprenkelte das Hemd des Justizbeamten mit einem feinen Netz roter Tröpfchen. Sie schwang einen Arm nach hinten und holte zum Schlag aus.
Durch die Tür stürmten zwei Wachleute herein. Jeder hängte sich an einen von Tyras Armen, und trotzdem wurden sie durch ihre Bewegung herumgeschleudert. Sie klammerten sich an sie wie Äffchen, die den Kontakt zur Mutter nicht verlieren wollten.
Tyra kämpfte mit aller Kraft und schüttelte die Beiden ab. Sie blickte wild um sich, versetzte dem nächstliegenden Justizbeamten noch einen heftigen Tritt, als er sich an ihrem Bein festkrallen wollte, und sprang aus der Zellentür auf den Gang.
Sie spürte nur noch eine Bewegung in ihrem Rücken, wollte herumwirbeln, da traf sie ein Schlag an der Schläfe.
Es wurde schwarz um sie.
Als sich ihre Augen wieder öffneten, blendete sie grelles Licht. Sie kniff die Lider zusammen. Aus dem grellweißen Einerlei schälte sich ein Gesicht. Es nickte, bevor Tyra es erkennen konnte, und entfernte sich.
Sie schloss die Augen, sammelte sich und riss sie dann mit Gewalt auf. Der stechende Schmerz in ihrem Kopf ließ sie unterdrückt aufstöhnen. Aber sie hielt es aus. Langsam – wie auf einem Polaroid-Foto – entwickelten sich die Umrisse in ihrer Umgebung zu Gegenständen. Alles war weiß, schmerzhaft weiß.
»Na, da haben Sie sich ja etwas Schönes geleistet«, sagte eine Stimme an ihrer Seite.
Sie drehte den Kopf und biss die Zähne zusammen, um den Schmerz nicht herauszulassen.
»Wir kennen uns«, sagte der Arzt, »von der Aufnahmeuntersuchung.«
Tyra musste grinsen, was allerdings auch nicht gerade schmerzlos ablief.
»Ich sehe, Sie erinnern sich«, sagte der Arzt.
»Ich mag nun mal keine Spritzen«, sagte Tyra. Ihre Stimme krächzte, und sie blickte sich nach etwas zu trinken um.
»Hier.« Der Arzt hielt ihr eine Schnabeltasse hin.
Tyra zögerte, doch dann nahm sie die Tasse und trank daraus. Sofort wurde ihr Hals freier.
»Kennen Sie keinen anderen Weg als Gewalt, um Ihre Probleme zu lösen?«, fragte der Arzt. »Ich dachte, Sie wären intelligenter als die anderen hier.«
»Wie schmeichelhaft von Ihnen, das von mir zu denken«, bemerkte Tyra sarkastisch. »Was für eine Enttäuschung muss es für Sie sein, festzustellen, dass Sie sich geirrt haben. So etwas haben Ärzte ja gar nicht gern. Ihr seid doch unfehlbare Götter in Weiß.«
»Ich habe mich nicht geirrt«, sagte der Arzt. »Ich bin gern unfehlbar.« Er grinste. Eine Weile betrachtete er Tyra. »Warum wollten Sie ausbrechen?«, fragte er dann ernst.
»Ich wollte nicht – Ach, das verstehen Sie ja sowieso nicht.« Tyra winkte ab und gab ihm die Schnabeltasse zurück.
»Ich glaube, Sie haben es ganz gern, wenn man Sie nicht versteht«, sagte der Arzt. »Das gibt Ihnen ein Gefühl der Überlegenheit.«
»Was sind Sie? Psychologe?«, fragte Tyra ärgerlich. »Dann sage ich Ihnen lieber gleich, dass ich die noch mehr hasse als Spritzen.«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Psychologe. Sie brauchen mich also nicht mehr zu hassen, als Sie es ohnehin schon tun. Ich suche nur nach einer Möglichkeit, Ihnen zu helfen.«
»Mir zu helfen?« Tyra spuckte fast aus bei dem Wort. »Das scheint irgendwie eine Epidemie zu sein in letzter Zeit.«
»Sie lassen sich nicht gern helfen, das ist mir klar«, sagte der Arzt, »auch ohne Psychologe zu sein. Sie kämpfen ganz für sich allein.«
»Und? Was dagegen?«, erwiderte Tyra unfreundlich. Ihr wilder Blick kehrte zurück.
»Jetzt sind Sie wieder die Alte!« Der Arzt lachte. »So gefallen Sie mir.« Er blickte auf die Patientenkarte in seiner Hand. »Sie werden bald wieder auf den Beinen sein. Die Gehirnerschütterung wird Ihnen schon morgen nicht mehr viel ausmachen. Dann können Sie in Ihre Zelle zurück.« Er musterte sie kurz. »Also wenn Sie das Krankenrevier für einen Ausbruch nutzen wollen, ist heute Nacht die letzte Gelegenheit. Aber ich sage es Ihnen gleich: Die Wachleute sind darauf vorbereitet. Ihre Chancen sind nicht gut.«
Tyra blickte ihn nur an und sagte nichts.
10
»Sie wollen ein Praktikum? Jetzt schon? Ist das nicht ein bisschen früh?« Dr. Katharina Kesselbach, ihres Zeichens Rechtsanwältin, blätterte in Saschas Bewerbungsunterlagen.
»Ich brauche das Geld«, sagte Sascha. »Und ich dachte mir, es wäre am gescheitesten, wenn ich gleich Erfahrung auf dem Gebiet sammle, das ich auch studiere.«
»Sehr lange studieren Sie aber noch nicht«, erwiderte Frau Dr. Kesselbach. Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück. Es war ein gebrauchter Sessel, ebenso wie das ganze Büro mit gebrauchten Möbeln ausgestattet schien. »Und Sie sind gut. Die Noten Ihrer Scheine . . . Warum bewerben Sie sich nicht bei einer großen Kanzlei? Ich stehe noch ziemlich am Anfang. Bei einer großen Kanzlei könnten Sie wesentlich mehr lernen.«
»Ich habe Sie im Gericht gesehen«, sagte Sascha. »Ich bin sicher, dass ich bei Ihnen am meisten lernen kann.«
»Sie haben mich im Gericht gesehen?« Katharina Kesselbach beugte sich interessiert vor.
»Ja . . . Ich . . . Na ja, ich schreibe ab und zu Gerichtsreportagen –«
»Gerichtsreportagen!« Dr. Kesselbach lehnte sich zurück und lachte. »Eine Reporterin!« Sie nahm die Blätter in die Hand, die bisher auf ihrem Schreibtisch gelegen hatten. »Sind das Fälschungen? Studieren Sie überhaupt Jura?«
»Das sind keine Fälschungen!« Saschas Stimme klang empört. »Die sind echt, und ich studiere Jura, genau wie es in meinen Unterlagen steht.«
»Na schön.« Katharina Kesselbach stand auf und reichte Sascha die Papiere. »Dennoch tut es mir leid. Ich habe kein Geld, Sie zu bezahlen. Und es würde Ihnen auch nicht viel nützen. Denn Aufträge habe ich auch so gut wie keine. Sie haben den Fall Kopitzky im Gericht gesehen?«
Sascha nickte.
»Das war mein letzter, dort war ich Pflichtverteidigerin. Aber nur, weil niemand anderer zur Verfügung stand. Normalerweise sind sogar solche Aufträge für mich Mangelware. Das ist so, wenn man sich noch keinen Namen gemacht hat.«
»Aber Sie könnten sich einen Namen machen!« Sascha blickte auf die Papiere, doch sie nahm sie nicht zurück. »Ich habe Sie gesehen. Sie sind großartig. Sie könnten alle anderen in die Tasche stecken.«
Katharina Kesselbach schaute Sascha ins Gesicht und lächelte leicht. Sie setzte sich wieder. »Vielen Dank für die Blumen. Aber dazu müsste ich erst einmal Mandanten haben.«
»Ich hätte eine Mandantin für Sie«, stieß Sascha schnell hervor.
Die Anwältin zog die Stirn kraus. »Haben Sie etwas angestellt?«
»Ich?« Sascha lachte überrascht. »Nein, es geht nicht um mich. Es geht um jemand anderen.«
Fragend hob Katharina die Augenbrauen. »Warum kommen dann Sie zu mir und nicht –?«
»Sie sitzt . . . im Gefängnis.« Sascha starrte unbehaglich zu Boden.
»Sie sitzt –?« Katharina Kesselbach brach erstaunt ab und blickte Sascha an. »Das heißt, sie ist bereits verurteilt worden? Was soll ich dann noch tun?«
»Sie sitzt in Untersuchungshaft, die Verhandlung wurde vertagt, und ihr Verteidiger tut nicht das Geringste, um sie herauszuholen.« Sascha warf einen verzweifelten Blick auf die Anwältin. »Deshalb dachte ich, dass Sie –«
»Einem Kollegen das Mandat wegnehmen?«, unterbrach Katharina sie brüsk. »Das ist nicht mein Stil. So etwas kommt für mich nicht in Frage.«
Sascha hob die Hände. »Nein, so meinte ich das nicht. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Bauer –«
»Bauer!« Dr. Kesselbach schüttelte amüsiert den Kopf.
Sascha bemerkte, dass ihre blonden Haare einen interessanten Gegensatz zu Tyras dunkler Mähne bilden könnten, wenn sie im Gericht nebeneinander sitzen würden. »Sie kennen Herrn Bauer?«
»Kennen ist zu viel gesagt.« Katharina Kesselbach schüttelte immer noch den Kopf. »Ich lege keinen Wert auf seine Bekanntschaft. Aber ich habe ihn kurz kennengelernt, als ich die Pflichtverteidigung Kopitzky innehatte.«
»Dann wissen Sie ja, wovon ich rede«, sagte Sascha. »Tyra hat keine Chance, wenn er sie weiter verteidigt – oder was er so Verteidigen nennt. Und eins kann ich Ihnen versichern: Er wäre heilfroh, sie als Mandantin los zu sein. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er ist nicht begeistert davon, dass er in diesem Fall zum Pflichtverteidiger bestellt wurde.«
Katharina Kesselbach zog die Augenbrauen hoch. »Das mag sein«, sagte sie. »Aber was er denkt, ist irrelevant. Wichtig ist nur, was seine Mandantin denkt. Will sie denn das Mandat anderweitig vergeben? Hat sie Sie geschickt?«
»N-Nein.« Sascha wurde erst jetzt bewusst, dass sie sich Tyras Zustimmung in keinem Fall sicher sein konnte. »Sie hat . . . Sie weiß noch gar nichts davon.«
»Na großartig!« Katharina Kesselbach stand auf und ging zum Fenster hinüber. »Das heißt, wir reden hier über ungelegte Eier?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah Sascha strafend an.
»Ja . . . Nein . . . In gewisser Weise. Sie ist . . . Ich meine, Tyra ist . . . etwas schwierig.« Sascha wand sich immer mehr.
Katharina Kesselbach kam zum Schreibtisch zurück und stützte sich darauf. »Das kann ich auch sein«, sagte sie, »wenn Sie mir nicht jetzt gleich einen guten Grund nennen, warum ich den Fall übernehmen soll – und vor allem, wie.«
»Sie sollen den Fall übernehmen, weil sie sonst keine Chance hat«, sagte Sascha leise. Sie hob den Kopf. »Über das Wie machen Sie sich keine Gedanken. Ich werde Tyra schon überzeugen, dass Sie das Beste sind, was ihr passieren kann.«
Katharina Kesselbach richtete sich auf und lachte leicht. »Bleibt noch die Frage, ob sie das Beste ist, was mir passieren kann«, erwiderte sie ironisch.
»Bitte, Frau Dr. Kesselbach –« Saschas Augen flehten sie an. »Ich weiß, ich habe es vielleicht nicht sehr geschickt angefangen, aber Tyra ist unschuldig, und ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie ablehnen.«
Dr. Kesselbach setzte sich. »Zuerst einmal klären Sie das mit Ihrer Freundin«, sagte sie. »Oder was ist sie? Ihre Schwester? Eine Verwandte?«
»Nein.« Sascha schüttelte den Kopf. »Keine Verwandte.«
»Also, bevor ich mich näher mit dem Fall befassen kann«, fuhr Frau Dr. Kesselbach fort, »muss erst einmal klar sein, dass Ihre Freundin das auch will. Ich brauche das Mandat und eine Vollmacht, die sie unterschreiben muss. Erst dann kann ich tätig werden. Und –«, sie grinste leicht, »Sie sollten auch Herrn Bauer informieren, wenn sie ihm das Mandat entziehen will. Das muss formell niedergelegt werden.«
Dieser Teil der Geschichte macht ihr Spaß, dachte Sascha. »Ich werde mich darum kümmern«, sagte sie und stand auf.
Dr. Kesselbach wedelte mit den Papieren, die Sascha ihr gegeben hatte. »Und das hier? War das nur ein Vorwand, oder wollen Sie wirklich ein Praktikum bei mir absolvieren?«
»Nun ja . . . Wenn Sie Tyras Fall übernehmen, würde ich natürlich gern –« Sascha fragte sich zwar, woher sie neben ihrem Studium und dem Job bei der Zeitung die Zeit für einen weiteren Job nehmen sollte, aber das war in diesem Augenblick nebensächlich.
»Und die Bezahlung?« Dr. Kesselbach runzelte die Stirn. »Wie ich schon sagte, ist es mir leider nicht möglich –«
»Kein Problem!« Sascha lachte. »Wenn Sie Tyra heraushauen, ist mir das Bezahlung genug.«
»Das muss ja eine tolle Freundschaft sein«, sagte Frau Dr. Kesselbach. »Sie kennen sich wohl schon sehr lange?«
Sascha antwortete lieber nicht auf diese Frage und verabschiedete sich schnell.
11
»Was ist das denn?« Sascha starrte voller Besorgnis auf die Beule an Tyras Stirn.
»Nichts. Ich bin hingefallen«, sagte Tyra. »Sie haben mich im Krankenrevier versorgt.«
Hingefallen? Sascha betrachtete zweifelnd Tyras muskulösen, durchtrainierten Körper. Sie bewegte sich wie eine Katze. Sascha konnte sich keine Situation vorstellen, in der sie nicht auf die Füße gefallen wäre. Wegen der abwehrenden Haltung, die Tyra eingenommen hatte, unterließ sie aber weitere Nachfragen. »Ich wollte dir nur dein Geld bringen«, sagte sie. »Dein Honorar für das Interview.«
»Dein Honorar, meinst du wohl«, sagte Tyra.
»Nein, es ist tatsächlich deins.« Sascha schob ihr die Scheine über den Tisch. »Der Artikel war sehr erfolgreich. Ich soll noch einen zweiten schreiben. Deshalb hat die Redaktionsleitung einem Honorar zugestimmt.«
Tyra betrachtete die Geldscheine misstrauisch. »Wenn es deins ist, will ich es nicht.«
»Es ist nicht meins.« Sascha beugte sich vor. »Es ist wirklich nicht meins. Du kannst es nehmen. Ich kann dir meine Kontoauszüge zeigen, wenn du willst. Ich habe mein Honorar ebenfalls bekommen.«
»Na gut.« Tyra steckte die Scheine in die Hosentasche. »Gebrauchen kann ich es.« Sie blickte Sascha an, die ihr etwas angespannt gegenübersaß. »Sonst noch was? Willst du noch ein Interview? Wo ist dein Diktiergerät?«
»Ich . . . Ich . . . Es ist eigentlich –« Nervös beugte Sascha sich hinunter und holte die Vollmacht aus der Tasche, die ihr Frau Dr. Kesselbach gegeben hatte. »Du müsstest das hier unterschreiben.«
»Was ist das? Eine Quittung?« Tyra blickte auf den Zettel. »Eine Rechtsanwaltsvollmacht? Was soll das heißen? Die hat Bauer doch längst.«
»Sie ist aber nicht für Bauer.« Saschas Stimme zitterte leicht.
Tyra sah genauer hin. »Ich kenne keinen Dr. Kesselbach«, bemerkte sie irritiert.
»Dr. Kesselbach ist eine Frau«, antwortete Sascha schnell. »Sie ist eine fantastische Anwältin, sie könnte deinen Fall übernehmen und dich hier herausholen.«
»Niemand kann mich hier herausholen«, erwiderte Tyra grimmig. Ihre Backenzähne mahlten. »Was mischst du dich in meine Angelegenheiten? Ich habe einen Anwalt. Das geht dich nichts an.«
»Bauer ist eine Null, das weißt du genauso gut wie ich«, versuchte Sascha sie zu überzeugen. »Frau Dr. Kesselbach ist brillant. Wenn sie dich vertritt, wäre das die Chance für dich.«
»Wenn sie so brillant ist, wird sie auch brillante Preise haben. Das kann ich mir nicht leisten. Und außerdem ist das alles Quark«, schnappte Tyra.
»Das ist kein Quark«, widersprach Sascha. »Bitte denk doch wenigstens darüber nach. Frau Dr. Kesselbach ist jung, ihre Kanzlei ist noch neu. Sie würde dich für denselben Preis vertreten wie Bauer, aber sie würde etwas für das Geld tun im Gegensatz zu ihm.«
»Sie werden mich auf jeden Fall verknacken.« Tyra atmete geringschätzig aus. »Der Anwalt ist doch nur Staffage, egal ob er nun Bauer oder Kesselbach heißt.«
»Du willst doch raus hier«, bettelte Sascha. »Es tut dir nicht gut, hier drin zu sein, das hast du selbst gesagt. Bitte, sei doch nicht so stur. Sie könnte dich rausholen, sie könnte dir ein Leben hinter Gittern ersparen. Wäre das nicht Grund genug?«
Tyra stand auf und blickte von oben auf Sascha herunter, dann drehte sie sich um und ging zur Wand, blieb stehen, tigerte zurück in die andere Richtung, blieb wieder stehen. Aus einiger Entfernung sah sie Sascha an. »Was willst du von mir?«, fragte sie.
»Nichts.« Sascha zuckte die Schultern. »Nur dass du das hier unterschreibst.«
»Aber warum?« Tyra kam an den Tisch zurück und stützte sich mit beiden Armen ab, beugte sich zu Sascha vor. Ihre Augen waren dicht vor Saschas und fixierten sie scharf.
Sascha fühlte sich unbehaglich, aber sie versuchte, dem Blick standzuhalten. »Aus keinem besonderen Grund«, sagte sie. »Nur weil ich glaube, dass du unschuldig bist.«
Die blauen Augen wirkten kalt wie Eis, während sie immer noch auf Saschas Gesicht starrten. »Ich bin nicht unschuldig. Wann begreifst du das endlich?«
»Ich glaube, was du der Polizei erzählt hast«, erwiderte Sascha fest. »Du wolltest ihm helfen. Was auch immer da schiefgelaufen ist.«
Tyras Mundwinkel zuckten. »Du bist ein unerbittliches kleines Luder. Sieht man dir gar nicht an.«
»Danke«, erwiderte Sascha ironisch. »Ich nehme mal an, aus deinem Munde ist das so etwas Ähnliches wie ein Kompliment.«
Jetzt verzogen sich Tyras Mundwinkel endgültig. Sie lachte auf. »So was Ähnliches . . .«, sagte sie. »Gib her, den Wisch. Ist ja sowieso alles egal. Bringt nichts, aber wenn es dich glücklich macht . . .«
»Das soll es nicht«, erwiderte Sascha leise. »Es soll dir die Freiheit bringen, das ist alles, was ich will.«
»Freiheit.« Tyra hatte unterschrieben und richtete sich wieder auf. »Was ist das überhaupt: Freiheit?«
Sascha schaute sie an und bemerkte das Flackern in ihren Augen. »Ein Zustand, den man in kleinen Schritten vielleicht erreichen kann«, sagte sie. »Und der erste kleine Schritt ist, dich hier herauszuholen.«
»Das schaffst du nie«, behauptete Tyra überzeugt. »Sie werden mich in den tiefsten Bau werfen, den sie finden können. Etwas anderes kommt für die doch gar nicht in Frage.« Sie drehte sich um. »Und vielleicht ist es auch richtig so«, fügte sie leise hinzu, offensichtlich mehr für ihre eigenen als für Saschas Ohren bestimmt.
Sascha nahm schnell den Zettel vom Tisch und steckte ihn ein, bevor Tyra es sich anders überlegen konnte. »Frau Dr. Kesselbach soll entscheiden, was richtig ist«, sagte sie. »Ich glaube, sie weiß da am besten von uns allen Bescheid.«
12
»Na gut«, sagte Katharina Kesselbach. »Sie haben es geschafft.« Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen. »Sogar Bauer haben Sie überzeugt.«
»Da war nicht viel zu überzeugen.« Sascha lachte ein wenig. »Wie gesagt ist er froh, Tyra los zu sein. Sie hat ihm mehr Ärger gemacht, als er sich wohl gewünscht hat.«
»Dann wird sie den jetzt mir machen?«, fragte Katharina. Sie betrachtete die junge Frau vor ihrem Schreibtisch nachdenklich. Was für ein energiegeladenes Mädel. Aber naiv. Viel zu naiv.
»Nein, sie will ja aus dem Gefängnis raus«, behauptete Sascha. »Es tut ihr nicht gut, da drin zu sein. Sie hat wohl eine Art Ausbruchsversuch gemacht, wie die Leute dort mir sagten –«
»Ein Ausbruchsversuch?« Katharina starrte sie entgeistert an. »Na, da haben Sie mir ja etwas Schönes eingebrockt.«
»Der Gefängnisarzt, mit dem ich gesprochen habe, war nicht ganz sicher, ob es wirklich ein Ausbruchsversuch war«, erklärte Sascha, während sie auf ihrer Lippe herumkaute. »Sie hat es wohl nur nicht mehr länger ausgehalten in ihrer Zelle, konnte das Eingesperrtsein nicht mehr länger ertragen. Es war wohl mehr eine instinktive Reaktion.«
»Ein Ausbruchsversuch eine instinktive Reaktion?« Zweifelnd zog Katharina die Augenbrauen hoch. Das Mädel war ja noch naiver, als sie gedacht hatte. »Sie erzählen mir vielleicht Geschichten . . . Aber Sie sind ja auch Reporterin.« Sie seufzte. »Dann werde ich mir diese Nicht-Ausbrecherin«, sie rollte ein wenig die Augen, »einmal persönlich ansehen. Eins muss ich sagen«, sie schaute Sascha eindringlich an, »neugierig haben Sie mich schon auf sie gemacht.«
»Darf ich mitkommen?«, fragte Sascha eifrig. »Ich bin doch jetzt Ihre Praktikantin.«
»Haben wir einen Vertrag?« Katharina seufzte. »Aber Sie machen wohl immer gern den zweiten Schritt vor dem ersten. Und außerdem kennen Sie meine neue Mandantin ja schon, da wird es wohl in Ordnung sein. Und vielleicht hilft es ja auch.«
Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch zuerst einmal nicht. Im Gefängnis zeigte Tyra sich genauso uneinsichtig wie zuvor, aber Katharina ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Sie hatte sich schon darauf eingestellt, nach allem, was Sascha ihr erzählt oder auch nur angedeutet hatte.
»Ich bin nicht Herr Bauer«, bemerkte sie nach ein paar Anfangswortgefechten im Besuchsraum zu Tyra. »Ich werde mich nicht über Sie aufregen, egal, was Sie tun. Sie sind meine Mandantin, und ich werde für Sie tun, was ich kann.« Geschäftsmäßig schlug sie eine Akte auf, die sie zuvor auf den Tisch gelegt hatte. »Ich habe mir das Protokoll der Polizei einmal angeschaut. Dort haben Sie ausgesagt, dass der Einbrecher den Mann niedergeschlagen hat, Sie dann dazugekommen sind und ihn vertrieben haben. Ist das korrekt?«
Kurz starrte Tyra sie an, dann verschränkte sie die Arme. »Klar ist das korrekt. Glaubt nur keiner.«
»Weil ein Nachbar die Polizei gerufen hat und Sie praktisch noch über den Mann gebeugt standen, als sie eintraf«, sagte Katharina. »Da haben die Beamten natürlich angenommen –«
»Was sie immer annehmen, wenn sie mich sehen«, unterbrach Tyra sie höhnisch. »Dass ich das hinterher richtigstellen wollte, hat niemanden interessiert.«
»Mich interessiert es«, betonte Katharina, suchte ihren Blick und hielt ihn fest. Sie ließ sich nicht von der Eiseskälte darin erschüttern. »Mich interessiert vielmehr die Frage: Was hatten Sie dort zu suchen?«
Wieder lachte Tyra abschätzig. »Das haben die Bullen mich auch gefragt. Abendspaziergang haben sie leider nicht geglaubt.«
»Und?«, fragte Katharina. »War es ein Abendspaziergang?«
Sascha hätte nicht gedacht, dass Tyra antworten würde, aber irgendwie schien sie Frau Dr. Kesselbachs ruhige Art zu beeindrucken.
»Na ja«, gab Tyra etwas widerstrebend zu. »Der Kerl hat eine ziemlich interessante Münzsammlung. Da könnte man schon ein paar Scheinchen rausschlagen . . .«
»Hatten Sie Einbruchswerkzeug dabei?«, fragte Katharina.
»Nee.« Tyra schüttelte den Kopf. »So weit war ich noch nicht.«
»Sie haben die ganze Sache also erst einmal ausbaldowert, und ihr . . . Kollege ist Ihnen da zuvorgekommen?«
Tyra nickte. »Aber es war wirklich so, wie ich gesagt habe. Ich habe einen Schrei gehört, bin über die Mauer, und da lag der Kerl schon auf dem Boden, und als ich mich zu ihm runterbeugte und sehen wollte, wie es ihm geht, zischte der andere Kerl zum Fenster raus. Mit der Münzsammlung, nehme ich an.« Ihre Stimme klang bedauernd.
»Nein, nur mit einem Teil«, berichtigte Katharina. »Den Rest haben Sie dem Besitzer durch Ihr Auftauchen erhalten.«
»Na, ist das nicht ein Glück«, kommentierte Tyra das hämisch.
»Ja, das ist es.« Katharina nickte ernst. »Weil das nämlich zu Ihren Gunsten spricht. Wären Sie nicht gekommen, wäre alles weggewesen. Und glauben Sie mir, der Besitzer wird Ihr Eingreifen durchaus zu schätzen wissen. Wenn er erst einmal glaubt, dass nicht Sie es waren, die ihn niedergeschlagen hat.«
»Ich bringe keine Leute um, wenn ich es vermeiden kann«, bemerkte Tyra sarkastisch.
Eine Weile musterte Katharina sie, sagte jedoch nichts dazu. »Man hat keine Fingerabdrücke von Ihnen am Safe gefunden«, fasste sie stattdessen weiter die Tatsachen zusammen. »Die Beamten haben angenommen, dass Sie Handschuhe getragen hätten, aber die haben sie nicht bei Ihnen gefunden.«
»Weil ich keine hatte«, sagte Tyra. »Ich hatte ja nicht vorgehabt –«
»Klar«, unterbrach Katharina sie. »Da die Beamten Sie direkt über den Besitzer der Münzsammlung gebeugt vorgefunden haben, ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass Sie die Handschuhe zwischendurch wegwerfen konnten. Das spricht für Sie.«
»Das ist aber auch das einzige«, sagte Tyra. »Wenn überhaupt. Davon will doch niemand was wissen.«
»Das müssen sie«, sagte Katharina. »Es gibt nur Indizien, keine Beweise. Und Indizienprozesse kann man immer gewinnen.« Sie lächelte leicht.
»Sie sind gar nicht so dumm, wie Sie aussehen«, meinte Tyra anerkennend.
»Tyr!« Sascha fuhr auf. »Frau Dr. Kesselbach ist deine Anwältin. Die einzige, die überhaupt ein Interesse daran hat, diesen Prozess für dich zu gewinnen. Willst du sie auch noch verlieren?«
»Lassen Sie nur«, sagte Katharina, packte ihre Akten in ihre Aktentasche und stand auf. »Ich weiß, was ich wissen musste. Denn warum ich überhaupt hergekommen bin«, sie schaute Tyra mit einem durchdringenden Blick an, »ist zu erfahren, ob Sie unschuldig sind. Wenn Sie es nicht wären, würde ich Sie nämlich nicht verteidigen und das Mandat jetzt niederlegen.«
»Und das tun Sie nicht?«, fragte Tyra erstaunt. »Wo Sie wissen, dass ich da einbrechen wollte?«
»Aber nicht zu diesem Zeitpunkt«, sagte Katharina. »Und Sie haben den Mann auch nicht niedergeschlagen. Was Sie vielleicht morgen oder übermorgen getan hätten, interessiert hier nicht. Hier interessieren nur die Tatsachen. Und die sprechen für Sie.«
»Unschuldig bin ich aber auch nicht«, sagte Tyra.
»Vor Gericht wird nur über die Anklage entschieden, über diesen einen Tatbestand, dessen Sie angeklagt sind. Und da sind Sie unschuldig«, sagte Katharina. »Ein allgemeines Urteil über Schuld oder Unschuld einer Person wird nicht verlangt. Vor Gericht nicht und von mir nicht.« Sie nickte Tyra zu. »Ich werde mich melden, wenn ich noch etwas wissen muss. Ansonsten sehen wir uns vor Gericht.«
13
»Im Namen des Volkes: Die Angeklagte wird freigesprochen.«
Laut atmete Sascha auf. »Na, das war eine schwere Geburt!«
»Wenn ich das gewusst hätte, als Sie vor ein paar Wochen zu mir kamen«, seufzte Katharina, die ihre Akten vom Verteidigertisch nahm und sie wegsteckte, »hätte ich mir die Sache vielleicht noch einmal überlegt.«
»Hätten Sie nicht.« Sascha schmunzelte. »Sie hatten Bedenken, aber es hat Sie von Anfang an gereizt.«
Katharinas Mundwinkel zuckten. »Ja«, gab sie zu. »Ihretwegen. Sie waren so engagiert, so eifrig. Und ich habe mich gefragt, warum.«
»Ich wollte, dass sie frei ist.« Sascha warf einen Blick auf den leeren Platz im Gerichtssaal, auf dem Tyra eben noch gesessen hatte. Sie war von den Beamten bereits wieder abgeführt worden. Oder eher: begleitet, denn schließlich hatte der Richter ihren Freispruch verkündet. Sie holte nur noch ihre Sachen aus dem Gefängnis.
»Hmhm«, erwiderte Katharina und schaute Sascha an.
Die letzten drei Wochen waren nicht einfach gewesen. Und das hatte nicht an Tyra gelegen. Die hatte sich gar nicht mehr eingemischt, als sie merkte, dass Katharina alles im Griff hatte.
Nein, das Problem war Sascha. Sascha war verliebt in Tyra, das merkte Katharina ganz deutlich. Und es machte ihr Sorge.
»Das war alles, was ich wollte«, beharrte Sascha jetzt so trotzig auf ihrer Aussage, als hätte Katharina etwas dagegen gesagt. »Sie denken wahrscheinlich, es geht mir nur ums Geld. Dass ich mit den ganzen Reportagen gut verdienen wollte und jetzt vielleicht noch«, sie rollte die Augen, »ein Buch darüber schreibe.«
»Über einen kleinen Einbruch, der noch nicht einmal einer war?« Katharina schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Das würde wohl niemand kaufen.«
»Eben«, sagte Sascha. »Ist ja auch nicht interessant. Aber ein Buch über Tyra . . .« Sie blickte wieder auf den leeren Platz, als ob Tyra dort noch säße, und ihre Augen glänzten geradezu.
»Ist genauso wenig interessant«, behauptete Katharina. »Ich glaube nicht, dass jeder Frau Horvath so sieht wie Sie.«
»Sie ist . . . Sie hat nur nie eine Chance gehabt«, brachte Sascha wieder ihre bekannte Argumentation vor, die schon Harry nicht überzeugt hatte.
»Es gibt Chancen und Chancen«, sagte Katharina. »Eine Chance zum Beispiel ist das Leben an sich. Jeder bekommt es ohne jede Bedingung geschenkt. Was er dann daraus macht, ist seine Sache.« Sie nahm ihre Aktentasche und ging zum Gerichtssaal hinaus.
Sascha kam ihr nach. »Manche haben aber bessere Voraussetzungen als andere«, setzte sie ihre Argumentation fort. »Und manchen werden die Voraussetzungen eine nach der anderen weggenommen.«
Katharina blieb stehen. »Ja, ich gebe zu, sie hatte es schwer«, sagte sie. »Aber sie ist außergewöhnlich intelligent. Außerdem hat sie einen gesunden, gut trainierten Körper, keine Krankheiten, gar nichts. Sowohl geistig als auch körperlich hat sie eine Menge Möglichkeiten. Aber was tut sie? Schlendert durch die Straßen und baldowert einen Einbruch aus.« Sie seufzte. »Glauben Sie mir, regelmäßige Arbeit wäre nichts für sie. Deshalb tut sie das.«
»Es hat ihr ja noch nie jemand regelmäßige Arbeit angeboten«, hielt Sascha dagegen, obwohl sie noch nicht einmal wusste, ob das stimmte.
»Als was?«, fragte Katharina. »Hat sie irgendetwas gelernt oder kann sie etwas besonders gut?«
Darauf konnte Sascha keine Antwort geben. Oder sie wollte es nicht.
»Ich kenne ihren Lebenslauf«, sagte Katharina. »Die Schule hat sie abgeschlossen, aber das war auch alles. Keine Lehre, keine Ausbildung, gar nichts. Sie haben ein paarmal versucht, sie irgendwo unterzubringen, aber sie hat immer wieder Ärger gemacht, und das war es dann. Vorschriften hat sie ignoriert, wenn ihr jemand etwas beibringen wollte, hat sie einfach nicht zugehört oder sie hat ihn sogar beleidigt. Das nenne ich nicht das Geschenk des Lebens nutzen.«
»Sie hat sich selbst Karate beigebracht«, hielt Sascha dagegen. »Weil sie kein Geld hatte, hat sie von außen durchs Fenster geguckt und alles nachgemacht. Sie hat die Anweisungen genau befolgt. Und jetzt ist sie sehr gut in Karate.«
Katharina lachte. »Das glaube ich sofort. Das war ja auch etwas, das sie lernen wollte. Unbedingt lernen wollte. Da hat sie sich natürlich dahintergeklemmt.«
»Also kann sie Anweisungen befolgen, und sie kann auch etwas lernen.« Wieder einmal ließ Sascha nicht locker, weil sie sich in etwas verbissen hatte. »Sie könnte bestimmt auch eine Ausbildung machen. Wenn es die richtige wäre.«
»Wenn es die richtige wäre . . .«, wiederholte Katharina zweifelnd. »Und was sollte das sein? Bei der Polizei werden sie sie wohl kaum nehmen mit ihrem Strafregister.« Sie zuckte die Schultern. »Vielleicht könnte sie Karatelehrerin werden. Das wäre doch etwas, das sie schon kann.«
»Das ist ein guter Vorschlag!« Sascha war sofort ganz begeistert. »Den werde ich ihr machen.« Es schien fast so, als wollte sie Tyra hinterherstürzen, auf dem Weg, auf dem sie vorhin mit den Beamten den Gerichtssaal verlassen hatte.
»Und wo wollen Sie sie finden?«, fragte Katharina da in ihrem Rücken. »Haben Sie ihre Adresse?«
Überrascht blickte Sascha sich um. »Die steht doch in den Akten, oder?«
Katharina nickte und schürzte ein wenig die Lippen. »Haben Sie mal überprüft, was für eine Adresse das ist?«
Etwas aus dem Konzept gebracht runzelte Sascha die Stirn. »Nein. Was für eine Adresse ist es denn?«
»Eine falsche«, sagte Katharina. »Da wohnt niemand. Es ist die Adresse eines Supermarkts. Möglicherweise hat sie da mal auf dem Parkplatz übernachtet, mehr aber auch nicht.«
Kurz überlegte Sascha. »Vielleicht erwische ich sie noch im Gefängnis!«, rief sie dann und stürzte wieder los.
»Das hoffe ich nicht«, murmelte Katharina. »Das hoffe ich wirklich nicht.«
14
»Katharina, Katharina . . . Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Eine Jurastudentin?« Steffi Langner, Katharinas Freundin seit Studienzeiten, schüttelte tadelnd den Kopf. Mit einem Glas Rotwein in der Hand saß sie neben Katharina auf der Couch in ihrem Wohnzimmer.
»Das war ich vor gar nicht so langer Zeit auch noch«, hielt Katharina dagegen und stellte ihr Glas erst einmal beiseite.
»Ich auch. Aber jetzt sind wir doch ein bisschen älter.« Als wollte sie darauf hinweisen, hielt Steffi sich einen Finger an den Augenwinkel, obwohl sie beide noch zu jung waren, um da schon viele Fältchen zu haben. »Auf jeden Fall ist es interessant, wie du immer an solche Püppchen kommst wie diese . . . Sascha.«
»Passt viel besser zu ihr als Alexandra, ihr Taufname«, sagte Katharina. »Der wäre viel zu . . . hart.« Sie lächelte ein wenig.
»Ja, du stehst auf sowas, ich weiß«, seufzte Steffi wieder. »Du bist unverbesserlich. Wie viele von denen haben dich schon ausgenutzt?«
»Keine hat mich ausgenutzt«, widersprach Katharina. »Sie brauchten eben einfach . . . Hilfe.«
»Genau. Hilfe in jeder Beziehung. Geld, Gefühle, mal eine kostenlose Vertretung vor Gericht . . .«, zählte Steffi auf. »Und immer war die liebe Kathi da. Die Kleine jetzt ist genauso. Wollte sie nicht ein Praktikum von dir?«
»Darum ging es doch nicht.« Katharina winkte ab. »Das war nur ein Vorwand, weil sie ihrer . . . Freundin helfen wollte.« Als hätte sie damit etwas bewiesen, schaute sie Steffi herausfordernd an. »Siehst du, sie ist genauso wie ich. Sie will nur helfen.«
»Ihrer Freundin«, wiederholte Steffi. »Was willst du dann noch von ihr? Sie ist doch versorgt.«
»Na ja, so richtig ist sie nicht ihre Freundin.« Nachdenklich biss Katharina auf ihrer Lippe herum. »Ich weiß nicht, ob sie es überhaupt ist. Da ist keine Verbindung. Ich meine, Sascha weiß eigentlich nicht mehr über diese Tyra, als in den Akten steht. Trotzdem läuft sie ihr hinterher wie –«
»Wie ein herrenloser Hund?«, fragte Steffi. »Also braucht sie doch Hilfe. Denn anscheinend fühlt sie sich einsam.« Sie grinste auf einmal. »Und wenn ich dich so ansehe, dann bist du doch schon in dieses Mädel investiert. Die dieser Kriminellen nachläuft.« Sie hob eine Hand in die Luft. »Was für eine Konstellation!«
»Du hast ja recht«, sagte Katharina. »Sie ist viel zu jung und zu . . . naiv.« Aber dabei lächelte sie. »Sie glaubt wirklich noch an das Gute im Menschen.«
»Und dann studiert sie Jura?« Nicht besonders kollegial hob Steffi die Augenbrauen. »Da ist sie wohl falsch.«
»Ich glaube auch an das Gute im Menschen«, widersprach Katharina. »Zumindest an die Möglichkeit. Aber wohl nicht ganz so«, sie seufzte, »blauäugig wie sie. Diese Tyra hat blaue Augen«, setzte sie trocken hinzu. »Vielleicht liegt es daran.« Sie nahm ihr Glas Rotwein, trank einen Schluck und starrte dann nachdenklich in die Luft.
»Deine sind haselnussbraun, was immer sehr seelenvoll wirkt«, stellte Steffi mit einem tiefen Blick in Katharinas Augen fest. »Sehr nett, finde ich.«
Katharina seufzte. »Du hast ihre nicht gesehen. Die sind wie Eis, wenn sie dich anschaut. Durchdringen alles und geben dir das Gefühl, du könntest nichts vor ihnen verstecken.«
»Und darauf steht die Kleine?« Verständnislos schüttelte Steffi den Kopf. »Hat sie irgendwas mit SM am Laufen?«
»Steffi . . .« Tadelnd blickte Katharina sie an. »Musst du es immer gleich ins Extrem treiben?«
»Ich nicht«, entgegnete Steffi locker, »aber dein neues kleines Flämmchen steht wohl darauf.«
»Es wundert mich immer wieder, warum du Staatsanwältin geworden bist«, bemerkte Katharina schmunzelnd. »Du bist so ein mitfühlender, warmer Charakter.«
Das traf Steffi überhaupt nicht, sondern sie sprach unbeirrt weiter. »Wie alt ist sie eigentlich? Zwanzig?«, fragte sie. »Und sie ist offenbar noch nicht sehr hart mit den Realitäten des Lebens konfrontiert worden. Sonst könnte sie nicht so naiv sein. Was ist, wenn diese – wie hieß sie gleich? Tyra? – sie auf einmal damit konfrontiert? Oder noch schlimmer: Wenn sie sie in ihre kriminellen Machenschaften mit hineinzieht?«
Bekümmert nickte Katharina. »Das ist auch meine Sorge. Diese Tyra hat eine Ausstrahlung . . . Ich meine, sie ist kein schlechter Mensch, das glaube ich nicht. Aber sie hat gelernt, dass man keine Rücksichten nehmen darf. Und sie hat schon einiges getan, was diese Hemmschwelle noch niedriger hat werden lassen.«
»Ich bin ja noch nicht lange Staatsanwältin«, nachdenklich nahm Steffi noch einen Schluck Rotwein, »aber von der Sorte habe ich schon einige gesehen. Und das geht normalerweise nicht gut aus. Selbst wenn sie noch sehr jung sind. Sie haben schon zu viel gesehen, zu viel erlebt. Sie haben keine Illusionen mehr.«
»Und Sascha ist Spezialistin darin.« Tief seufzte Katharina auf. »Man könnte fast sagen, Illusionen sind ihr Geschäft. Weil sie ja auch schreibt. Und sie schreibt gut. Sie hat einen sehr einfühlsamen Stil.«
»Sentimental«, übersetzte Steffi das. »Und weißt du, wohin Sentimentalität einen bringt?« Sie hob zwar fragend die Augenbrauen, beantwortete ihre Frage aber gleich selbst. »Nirgendwohin. Sie verschleiert nur das eigene Urteilsvermögen.« Etwas spöttisch fügte sie hinzu: »Wenn sie das denn überhaupt hat, die Kleine.«
Beinah peinlich berührt verzog Katharina das Gesicht. »Du hast natürlich in allem recht«, sagte sie, »aber trotzdem . . .«
»Aber trotzdem magst du sie«, führte Steffi den Satz für sie zu Ende. »Und du willst etwas von ihr.« Sie hob ihr Glas und ließ es gegen Katharinas stoßen, sodass der Klang ein wenig durch die Luft schwang. »Aber wenn ich dir einen guten Rat gegen darf, lass dich nicht zu sehr da hineinziehen. Wenn deine Sascha dieser Tyra hinterherlaufen will, lass sie das tun. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen.«
»Ich würde sie so gern davor bewahren.« Katharina verzog das Gesicht. »Denn ich kann mir nur zu gut vorstellen, was da kommt.«
»Das kann ich auch«, sagte Steffi. »Aber deine kleine Sascha kann es anscheinend nicht. Deshalb muss sie jemand vom Gegenteil überzeugen. Und wer könnte das besser tun als diese Tyra? Sie wird ihr den Kopf schon zurechtsetzen, indem sie ihr zeigt, wie hart die Realität ist. Und wenn das passiert«, jetzt grinste sie schon fast unverschämt, »dann bist du ja da, um sie zu trösten.«
»Ts, ts. Als wie berechnend stellst du mich denn damit dar?« Katharina schaute Steffi mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Dann wäre ich ja wie eine Spinne, die im Netz sitzt und darauf wartet, dass die Fliege vorbeikommt.«
»Wenn die Fliege hübsch ist . . .«, meinte Steffi lässig und immer noch grinsend. »Was ist dagegen zu sagen?«
»Du bist ekelhaft«, sagte Katharina und wandte sich ab. Aber trotzdem konnte sie es nicht verhindern zu schmunzeln.
Hübsch war Sascha auf jeden Fall.
Das konnte man so sagen.
Darmowy fragment się skończył.