Czytaj książkę: «Aus Liebe zu Mutter Erde»

Wichtiger Hinweis
Die im Buch veröffentlichten Ratschläge wurden von der Verfasserin, der Herausgeberin und den Verlagen sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung der Verfasserin bzw. der Verlage und ihrer Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.
Titel der Originalausgabe:
Message for the Tribe of Many Colors
© 2011 by Kiesha Crowther
Herausgegeben von Jennifer Ferraro
orginally published in 2011 by
Earth Mother Publishing, Santa Fe/USA
www.earthmotherpublishing.com
Deutsche Ausgabe:
© 2012 KOHA-Verlag GmbH Burgrain
2. Auflage
Aus dem Englischen von Hanna Goldbach
Lektorat: Maria Müller
Illustrationen: www.fotolia.com
Layout: Birgit-Inga Weber
unter Verwendung von Motiven von Fotolia
Cover: © Sabine Dunst
unter Verwendung von Motiven von shutterstock
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
Ebook-Umsetzung Medialike GmbH, München
ISBN 978-3-86728-727-2
Für meine
persönlichen Engel auf Erden,
die mir durch ihre selbstlose Liebe und
ihr reines Herz ein inspirierendes Vorbild sind:
den wundervollen Engeln, dich ich stolz
meine Kinder und meine Brüder nenne.
Für meine anam cara, die meine Hand hielt und mich durch die Dunkelheit ins Licht geleitete, und für meinen Ältesten und Großvater Eesawu – deine Stimme wird mir immer in den Ohren klingen. Ich ehre und liebe euch beide.
Inhalt
Einleitung
Teil 1 Lektionen in der Wildnis
Der Anfang der Reise: das Herz als Grundlage und als Weg
Mit den Tieren reden
Alle Dinge sind von Energie belebt
Dem Unsichtbaren trauen: die Lektion des Brunnens
Wahre Schönheit erkennen: die Lektion der zwei Bäume
Die Angst vor dem Unbekannten bewältigen: die Lektion in der Nacht
Die Wildnis der Verzweiflung und ein Grund zu leben
Ein großer Verlust und eine erlösende Vision
Lektionen der Natur
Teil 2 Erinnern, wer wir sind
Die Rückkehr der Ahnen
Vom Verstand zum Herzen
Du bist das große ICH BIN
Erwartungen loslassen
Den Kanal wechseln
Deine Worte haben Macht
Das Erwachen des heiligen Weiblichen
Die Bedeutung der Kristalle
Würdigung unserer kostbaren menschlichen Schätze
Voreingenommenheit loslassen
Teil 3 Visionen der Gegenwart und der Zukunft
Geistführer, Lehrer und Kommunikation durch den »inneren Bildschirm«
Die Rückkehr der Sternenwesen/Lichtwesen
Die Offenbarung alter Wahrheiten und Weisheiten
Gegenwärtige und zukünftige globale Veränderungen
Die große Wandlung von Mutter Erde
Der Weg des Stamms der vielen Farben
Über Little Grandmother / Über die Herausgeberin
Einleitung
Dieses Buch enthält eine Geschichte, die dein Herz bewegen wird, und eine Botschaft, die hoffentlich ein Feuer in dir entflammen lässt – das Feuer einer leidenschaftlich brennenden Liebe zu Mutter Erde. Dieses Buch will tief in dir die Erinnerung daran wecken, wer du wirklich bist. Du, der du dies liest, bist viel mehr, als du dir je vorgestellt hast: Du bist ein göttliches Wesen, das die Wirklichkeit und die Zukunft verändern kann. Du kannst zu Liebe werden und aus der Liebe leben – und damit dich selbst sowie andere und Mutter Erde heilen. Dies ist die Essenz der Botschaft, die Little Grandmother jetzt verkünden möchte, da die Menschheit an der Schwelle zu einer ungeheuren spirituellen Transformation steht, die von vielen alten indigenen Kulturen für diese Zeit vorhergesagt wurde.
Viele von uns sehen überall um uns herum die Gefahren und Instabilitäten, die mit unserer Art, auf der Erde zu leben, einhergehen, und wir spüren, dass wir an einem evolutionären Wendepunkt stehen. So richtet sich der Blick auf jene Boten und Weisheitshüter, die in direktem Kontakt mit Spirit, mit der Erde und mit den Quellen alter Weisheiten stehen. [Im Kontext dieses Buches wird Spirit (der allumfassende, all-eine Geist) im Original belassen, während Great Spirit mit »Großer Geist« und spirit mit »Geist« übersetzt wird.] Diese Quellen prophezeien große Veränderungen auf unserem Planeten schon in nächster Zukunft. Niemand hier weiß genau, was geschehen wird oder wann es geschieht, aber manchen Wesen wurden bestimmte Aufgaben übertragen, ihnen wurden Informationen übermittelt, die zu dieser Zeit bekannt gemacht werden sollen. Little Grandmother gehört zu jenen, die von Spirit gebeten wurden, eine machtvolle und entscheidend wichtige Botschaft zu verkünden, eine Botschaft für den »Stamm der vielen Farben«: für alle Kinder von Mutter Erde. Hoffentlich trägt dieses Buch dazu bei, Herzen zu öffnen und zu erwecken. Möge es viele inspirieren, dem Ruf der Liebe zu Mutter Erde zu folgen, dem Ruf der unermesslichen Schönheit, die uns erwartet, wenn wir uns erinnern, wer wir sind.
Little Grandmother steht am Anfang ihrer Reise. Dieses Buch stellt also weder eine Biografie noch ein vollständiges Bild ihres Werks oder ihrer Botschaft dar. Zweifellos wird noch viel mehr folgen. Es soll also eher das erste Buch einer ganzen Reihe von Mitteilungen sein. Es enthält eine detaillierte Beschreibung der Botschaft, die Little Grandmother bis jetzt gelehrt und verbreitet hat, sowie spirituelle Erkenntnisse aus ihrem jungen Leben und ihren Erfahrungen mit der Natur, wo Spirit und Mutter Erde ihre Lehrer waren. Sie ist zwar noch jung, und ihr Weg ist noch in der Entwicklung und Offenbarung begriffen, aber Menschen aus aller Welt haben sie gebeten, ihre Botschaft näher zu erläutern und tiefere Einblicke in ihren Weg zu geben. Auch wenn es, wie sie immer wieder betont, um die Botschaft geht und nicht um die Botin, könnte es den Lesern meiner Meinung nach doch helfen, ein wenig über die Reise zu wissen, durch die aus Kiesha Crowther »Little Grandmother« wurde, damit ihre Botschaft tiefer erfasst und im Zusammenhang gesehen werden kann.
Kiesha wuchs in einer kleinen ländlichen Mormonen-Gemeinde in Colorado auf. Sie zeigte schon früh verblüffende Begabungen und machte Erfahrungen, die sie von anderen Menschen unterschieden. Sie kommunizierte mit Tieren und hatte Begegnungen mit Stimmen, die ihr bestimmte Lehren vermittelten. Sie konnte diese Dinge nicht einordnen. Obwohl ihre Familie mütterlicherseits in einem Indianerreservat lebt, hatte Kiesha in ihrer frühen Kindheit keinen Kontakt mit den indianischen Traditionen. Im Leben einer gläubigen Mormonin gibt es keinen Platz für paranormale Erfahrungen, für Gespräche mit Geistwesen oder Wahrnehmungen, die anderen verschlossen sind. So lernte sie schon früh, über diese Dinge nicht zu reden, und erwähnte ihre besonderen Fähigkeiten erst, als sie achtundzwanzig Jahre alt und bereits Mutter zweier Kinder war. Sie hatte keine Ahnung, wie schnell sich danach ihr Leben verändern würde.
Als Kiesha dreißig wurde, nahmen ein paar indianische Älteste mit ihr Kontakt auf und sagten ihr, die Ältesten würden sie seit ihrer Kindheit beobachten und es sei jetzt an der Zeit, ihre Rolle als Schamanin zu übernehmen. Sie wüssten, so sagten sie, dass die »Großmütter der Vergangenheit« mit ihr seit ihrer Kindheit sprechen und sie unterweisen. Kiesha erfuhr, dass ihre Aufgabe darin bestand, den »Stamm der vielen Farben« zusammenzubringen. Der Name, mit dem die Ahnen und die Geistwesen sie ansprachen, war »Little Grandmother« (Kleine Großmutter).
Zu diesem Zeitpunkt kannte Kiesha den Sinn des Wortes »Schamanin« nicht. Sie hatte keine Bücher darüber gelesen und wusste nicht genau, welche Bedeutung eine solche Rolle hat. Doch sie wurde weiterhin von den Geistwesen geführt, die ihr erschienen. Ihr wurde gesagt, sie sei eine von zwölf Weisheitshütern, die zu dieser entscheidenden Zeit auf der Erde leben. Jeder dieser Weisheitshüter sei von Kindheit an von Mutter Erde unterwiesen worden. Sie hätten alle dieselben Informationen und Botschaften erhalten, obwohl sie unterschiedliche Rollen auszufüllen hätten. Kiesha sei fähig, zu spüren, wenn etwas mit Mutter Erde geschieht, wenn sie sich verändert oder bewegt, wenn sie verletzt oder auf andere Weise stark beeinflusst wird. Wie die anderen Weisheitshüter sei auch Kiesha dafür verantwortlich, bestimmte Kristalle wieder in die Erde zurückzugeben, um die Ley-Linien bzw. Kraftlinien und das Energienetz der Erde zu stärken, bevor die große Wandlung geschieht. Aber vor allem obliege es ihr, eine Botschaft zu verkünden, um den Kindern der Erde zu helfen, sich daran zu erinnern, wer sie sind. Kieshas besondere Aufgabe bestehe darin, Menschen aus allen Ländern zusammenzubringen, diesen Stamm der vielen Farben zu versammeln, um das Bewusstsein auf dem Planeten Erde zu verändern.
All dies kam so plötzlich, dass Kiesha völlig verblüfft war. Sie hatte Mühe, es zu begreifen. Sie musste viel beten, um zu verstehen, was das alles bedeutete und worum sie hier gebeten wurde. Ob sie das schaffen würde? Redeten die wirklich über sie? Lag da vielleicht eine Verwechslung vor? Sie wusste, ihr Leben würde nicht mehr ihr selbst gehören, sie müsste aus der Anonymität treten und über ihre Erfahrungen, ihre Kindheit, ihre Visionen und Visitationen reden. Sie würde zum ersten Mal in ihrem Leben exponiert sein und sichtbar in Erscheinung treten. Was, wenn sie versagte? Sie würde sich auf das Unbekannte einlassen müssen, doch sie würde sich auch endlich der Aufgabe ihrer Seele stellen. Tief in ihrem Inneren hatte sie immer gewusst, dass sie hier eine große Aufgabe hatte. Nach all den Jahren, in denen sich ihr Leben irgendwie nicht ganz richtig angefühlt hatte, ergab plötzlich alles einen Sinn: warum sie als Kind bestimmte Dinge erleiden musste und gelernt hatte, mit Mutter Erde zu sprechen, warum sie diese Lehren erhalten hatte – all das diente dazu, sie vorzubereiten!
Nachdem sie einige Wochen lang gebetet und ihre Seele erforscht hatte, nahm Kiesha den Weg an; sie war bereit, Schamanin zu werden. Sie wurde durch die Zeremonie der Einweihung geführt, zu der Fasten, Gebete und bestimmte Rituale gehören. Sie lernte, zu beten und Heilungen und Zeremonien durchzuführen. Sie musste in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. In diesem ersten Jahr wurde ihr schmerzlich bewusst, wie wenig sie vorbereitet war. Warum sollte sie all dies tun, wo sie doch fern aller indianischen Traditionen aufgewachsen war, ohne eine andere Vorbildung als das, was sie direkt von Spirit gelernt hatte? Sie musste darauf vertrauen, dass es einen Grund dafür gab und dass Spirit und die Ahnen wussten, was sie taten. Sie betete darum, alles richtig zu machen und offen zu sein, damit Spirit ihr alles Notwendige mitteilen und ihr helfen konnte, wenn ihr Wissen nicht ausreichte.
In den folgenden Monaten erlebte sie eine Reihe synchronistischer Phänomene. Geschenke, Briefe und »Medizin« kamen per Post aus aller Welt von Menschen, die sie erkannt hatten, adressiert an ihren neuen Namen: Little Grandmother. Sie erhielt Postkarten, Medizinschilde und Zeremonialstäbe von Menschen aus den USA, aus Kanada, Australien, Afrika und Südamerika. Ein australisches Paar hatte von verschiedenen indigenen Stämmen gesagt bekommen, dass sie eine Medizin für die weiße Frau namens Little Grand-
mother anfertigen sollten. Mit größter Sorgfalt, vielen Gebeten und unter intensiver spiritueller Anleitung fertigten sie für sie verschiedene Schilde mit bestimmten Motiven und Schutzsymbolen an und bauten eine heilige Erdtrommel, die sie zum Gebet und für die Verbindung zu den Ahnen verwenden sollte.
Als Kind hatte Kiesha oft in der Wildnis Zuflucht gesucht und unter den Geschöpfen der Wildnis, den Bäumen und Pflanzen eine Familie gefunden. Sie erlebte direkt, was in der modernen Zivilisation nur wenigen vergönnt ist: dass Mutter Erde ein lebendiges Wesen ist und Spirit uns in der lebendigen Welt überall umgibt, wenn wir nur hinschauen und hinhören. Als Kind wurde sie von der »anderen Seite«, wie sie es nennt, durch Stimmen und Geistwesen unterwiesen. Sie lernte auch durch eine Art inneren Bildschirm, der ihr erschien und ihr Bilder von Personen, Orten, Ereignissen und Symbolen zeigte. Sie fühlte sich anders als die Menschen um sie herum und fragte sich oft, ob sie vielleicht ein bisschen verrückt sei. Ich glaube, viele von uns kennen dieses Gefühl der Entfremdung aufgrund unserer spirituellen Erfahrungen und Erkenntnisse, vor allem wenn sie nicht zu den religiösen Überzeugungen unserer Erziehung oder Kultur passen.
Was Kiesha Crowther auf ihrem Weg, Little Grandmother zu werden, durchleben musste, ist eine bewegende universelle Geschichte vom Glauben an und Vertrauen in die eigene Bestimmung. Sie erzählt von den Zweifeln, der Verwirrung und dem Schmerz, die mit unserer spirituellen Reifung einhergehen, um zu werden, wer wir wirklich sind. Sie zeigt, dass die Dinge, die uns widerfahren, in einem größeren Zusammenhang stehen, als wir uns vorstellen können – und dass unser Ringen und die Wunden, die wir erlitten haben, uns tiefer für spirituelle Führung und die Schönheit des Lebens öffnen können. Für mich ist das eine machtvolle Dimension ihrer Geschichte und ihrer Botschaften. Vielen von uns, die keine direkten Übertragungen von Spirit empfangen, kann dieser Aspekt ihrer Geschichte helfen, andere, eher esoterische Aspekte zu erden. Es hilft, sie aus dem Bereich des »Kann man glauben oder auch nicht« herauszuheben.
Während meiner Bekanntschaft mit Kiesha habe ich mit eigenen Augen Dinge gesehen, die ich sonst vielleicht bezweifelt hätte. Ich war anwesend, wenn Kiesha von Spirit Informationen erhielt, habe diese Botschaften sogar manchmal selbst niedergeschrieben, während sie durchkamen. Manche dieser Informationen waren unglaublich spezifisch, erwähnten Orte, von denen sie nie gehört hatte und die man auch kaum hätte erfinden können, wie zum Beispiel Pumapunku. Als sie esoterische Informationen über das Wesen und den Zweck dieses uralten Ortes empfing, der uns beiden völlig unbekannt war, bezweifelte ich, ob wir ihn auf irgendeiner Landkarte finden würden. Doch es ist ein Ort in Bolivien, und wir fanden Berichte über seine H-förmigen Bausteine, genau wie Kiesha sie auf ihren Notizblock gezeichnet hatte.
Manchmal hatte sie detaillierte Visionen eines Erdrutsches oder eines Erdbebens in einem anderen Land, und wenn wir am nächsten Tag die Nachrichten durchsahen, war tatsächlich genau dort eine Katastrophe passiert. Manchmal erschienen ihr mitten am Tag Geistwesen. Während einer Heilsitzung konnte es geschehen, dass ein verstorbener Verwandter der Person auftauchte und ihr ganz spezifische Informationen übermittelte. Sie konnte den oft tränenüberströmten Betroffenen die Verwandten genau beschreiben, was sie anhatten und was sie sagten. Ich hatte von solchen Dingen bis dahin nur gelesen oder im Fernsehen gehört. Kiesha kann diese Phänomene nicht willentlich steuern. Es scheint zu geschehen, wenn die Geisteswelt die Kommunikation für nötig erachtet. Ich bin zwar immer eine spirituell Suchende gewesen und habe lange meditiert, aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Diese Ereignisse bewiesen mir unwiderlegbar die Existenz der geistigen Welt und Dimensionen der Wirklichkeit, die weit jenseits dessen liegen, was die meisten von uns in ihrem Alltag erleben.
Kiesha und ich lernten uns 2006 in einem Frauen-Retreat-Zentrum in Crestone in Colorado kennen. Wir erkannten einander sofort als Seelenfreundinnen, und ich habe seitdem die Ehre, eine unmittelbare Zeugin ihrer Reise zu sein. Im Rückblick war dieses Retreat der Start für Kieshas Weg, wirklich zu Little Grandmother zu werden. Es war das erste Mal, dass sie ihre dörfliche Herkunft hinter sich ließ und an einem alternativen, spirituellen Retreat teilnahm, und zwar unter Frauen. Es war eine große Offenbarung für sie. Zum ersten Mal stand sie öffentlich zu dem, was sie war, und fühlte sich sicher genug, um über einige ihrer Erfahrungen zu sprechen.
In dem Jahr, in dem wir uns kennenlernten und sie noch nicht Little Grandmother war, schrieb sie mir in langen Briefen ihre Lebensgeschichte und teilte dabei zum ersten Mal jemandem mit, was sie seit ihrer Kindheit von Spirit und Mutter Erde erfahren und gelernt hatte. Diese Briefe brachten mich oft zum Weinen, weil sie so viel Schmerzliches enthielten. Ich gewann zunehmend die Überzeugung, dass Kiesha keine gewöhnliche junge Frau war, sondern sie zu etwas Besonderem bestimmt war. Die Geschichte ihres Lebens, die sich mir Brief um Brief offenbarte, hatte eine mythische Dimension. Ihr Heilungsprozess hatte begonnen, und sie entfaltete sich wie eine Blume, die lange geschlossen gewesen war. In ihrer Heilung verbrannte sie all den Schmerz und die Negativität, die sie so lange in sich getragen und die sie fast umgebracht hatte. Ich spürte schon in jenen frühen Tagen, dass ihre Geschichte eines Tages erzählt werden würde, dass sie Dinge enthielt, die wichtig waren und die mitgeteilt werden müssen. Ich wusste, ihre Geschichte würde Herzen öffnen, so wie sie meines geöffnet hatte. Doch zu jenem Zeitpunkt konnte keine von uns auch nur ahnen, was ihr bevorstand und dass ihre Rolle viel umfassender war, als wir uns träumen ließen.
Inzwischen ist Kiesha etwas Besonderes; sie ist Little Grandmother und verfügt über ungewöhnliche Gaben und Fähigkeiten, doch sie ist auch sehr menschlich. Sie musste tief graben, um ans Licht zu kommen, genau wie viele andere, die mit den dunkleren Aspekten der Menschheit konfrontiert wurden und viel Schmerz und Feindseligkeit erfahren mussten. Ich spüre die grundsätzliche Demut, in der sie verwurzelt ist und die Menschen zu eigen ist, die schon früh so manches verloren haben, was anderen selbstverständlich ist, und deshalb einen tieferen Sinn finden mussten, um weiterleben zu können.
Doch wie jeder, der ihr begegnet, schnell merkt, hat sich Kiesha eine beeindruckende Unschuld und Reinheit des Herzens bewahrt. Das befähigt sie meiner Meinung dazu, die schwierige Verantwortung zu übernehmen, die mit der Rolle der Weisheitshüterin und Schamanin (die zwischen den Welten geht) verbunden ist. Diese Herzensreinheit und Unschuld sind ganz wesentlich.
Die Herausforderungen des schamanischen Wegs sind sehr groß; es erstaunt mich immer wieder, dass so viele Menschen im Westen unbedingt Schamanen sein wollen. Es vergeht kaum eine Woche, in der Kiesha nicht mit körperlichen Schmerzen, Krankheit, Schwierigkeiten oder ungewöhnlichen Phänomenen konfrontiert ist. Diese Ereignisse rangieren von »einfach beunruhigend« bis »enorm kraftzehrend«. Es erfordert große Sensibilität, doch genau diese Sensibilität öffnet die betreffende Person körperlich und psychisch für sehr viel Schmerz, Negativität und das ganze Spektrum der menschlichen Emotionen und Erfahrungen. Bekannt zu werden ist für solch empfindsame Wesen nicht immer einfach!
Kiesha hat nie nach Ruhm oder Anerkennung gestrebt, doch innerhalb von nur drei Jahren hat ihre Botschaft weltweit Millionen von Menschen erreicht. Ohne die Hilfe von Spirit wäre das einer weltunerfahrenen, wenig gebildeten jungen Frau vom Lande unmöglich gewesen. Als eine, die das alles mit ansah, erschien es mir klar, dass hier etwas Großes am Werk war. Es gab einfach keine andere Erklärung dafür, dass so viele von dieser jungen Frau namens Little Grandmother erfuhren und mehr von ihr wissen wollten.
Little Grandmother wurde 2009 weltweit bekannt, nachdem Bob Keeton einen Vortrag von ihr vor etwa fünfzig Leuten in Santa Fe auf Video aufgenommen hatte. In diesem Vortrag erzählte sie jenen, die nicht dabei gewesen waren, von der kraftvollen dreitägigen Zeremonie, die sie im April jenes Jahres geleitet hatte. Es war Little Grandmothers erste öffentliche Zeremonie gewesen. Die Organisatoren des Return of the Ancestors Gathering, der offiziellen internationalen Versammlung von indigenen Ältesten auf Hopi-Land in Arizona, hatten sie darum gebeten. Die Veranstaltung stand im Zusammenhang mit den Prophezeiungen der Maya und der Hopi. Sie hatte noch nie eine öffentliche Zeremonie durchgeführt und fürchtete sich sehr davor. Sie musste sich intensiv mit einer größeren Macht verbinden, um es zu tun, und tief darauf vertrauen, dass Spirit sie führen würde. Die meisten bei jener Zeremonie Anwesenden sagten hinterher, es sei die kraftvollste spirituelle Versammlung gewesen, an der sie je teilgenommen hatten. (Mehr über diese Zeremonie erfährst du im Kapitel »Die Rückkehr der Ahnen«.) Wir alle hatten das Gefühl, an etwas wirklich Wegweisendem teilgenommen zu haben, das von globaler spiritueller Bedeutung war. Bei jener Zeremonie waren viele, viele, ja Tausende von Ahnen anwesend und nahmen sogar an ihr teil, wie viele Anwesende spürten und Little Grandmother deutlich sah.
Die Zeremonie war für alle, die daran teilgenommen hatten, sehr eindrucksvoll gewesen, und in dem Vortrag, den Kiesha ungefähr einen Monat später hielt, schaffte sie es, den Zuhörern die Energie und die heilige innere Bewegung zu vermitteln, die während der Zeremonie spürbar gewesen war. Sie tat das auf eine berührende Weise, die die Herzen der Menschen öffnete. Für Bob hatte dieser Vortrag eine besondere Botschaft und spirituelle Energie, und er fragte, ob er ihn auf YouTube einstellen dürfe. Kiesha war einverstanden. Innerhalb von sechs Monaten hatte sich das Video von diesem Vortrag verbreitet wie ein Virus. Tausende von Menschen schauten es sich an. Aus aller Welt nahmen sie Kontakt mit Kiesha auf, weil sie sich so bewegt davon fühlten, weil sie sich leidenschaftlich dafür begeisterten, uns selbst und die Erde zu heilen und zu lernen, vom Herzen her zu leben, in Harmonie mit der Natur. Von überall her kamen Einladungen, zu reisen, zu reden und heilige Zeremonien durchzuführen.
In kurzer Zeit fühlten sich Hunderttausende zu Little Grandmothers herzerfüllter Botschaft und Präsenz hingezogen. Sie fühlten sich inspiriert, um unserer wunderschönen, kostbaren Mutter Erde willen zusammenzukommen, zu versuchen, das vorherrschende Bewusstsein auf dem Planeten vom Ego und Verstand zurück zur Liebe zu bringen, so wie es die indigenen Ältesten und Weisen lehren. Eine große Bewegung entsteht. Die Kinder von Mutter Erde versammeln sich als ein Stamm, als ein vereinigtes Herz, um die Art, wie wir leben und das Leben auf diesem Planeten erfahren, zu verändern. Little Grandmother reist und spricht, um die Botschaften, die sie von Mutter Erde und Spirit erhält, zu verbreiten. Ein weiterer kraftvoller Aspekt ihres heiligen Werks sind ihre Zeremonien für Mutter Erde (manche davon sind öffentlich und andere nicht). Sie wird angeleitet, durch sie das Energiegitternetz von Mutter Erde zu stärken und zu erwecken und die vergessenen Weisheiten hervorzubringen, die wir brauchen, um uns und den Planeten in dieser entscheidenden Zeit der Transformation zu retten. Wir hoffen von Herzen, dass auch dieses Buch diesem kosmischen Zweck dienen wird.
Little Grandmother wurde gebeten, den Stamm der vielen Farben zu versammeln. Wer gehört zu diesem Stamm? Er umfasst alle Kinder der Erde, von jeder Hautfarbe, jeder Nation, jedem Glaubensbekenntnis, die bereit sind, sich im Herzen zu vereinen und in der Vielfalt des Lebens die Einheit der Existenz anzuerkennen, die sich umeinander kümmern und zusammenarbeiten wollen, um eine schönere Welt zu erschaffen. Es geht um jene, die bereit sind, sich für eine neue Art des Seins, eine neue Erde, eine schönere, gesündere, fürsorglichere, ausgewogenere und weiter entwickelte Existenz einzusetzen.
Wir wollen Mutter Erde retten und uns mit ihr zu etwas Außergewöhnlichem hin entwickeln. Wir wollen sie nicht mehr vernachlässigen, verletzen oder missbrauchen. Wir wollen sie auf ihrem Thron sehen, in Fülle und Gesundheit, wir wollen jeden kostbaren Grashalm verehren, jeden Tropfen Wasser, und die kraftvolle Schönheit und Heiligkeit dieser Existenz erfahren. Immer mehr von uns entbrennen in dieser Liebe für die Schöpfung und glauben an die Liebe als den Weg, der uns nach Hause führen wird zu dem, was wir wirklich sind: wundervolle, großartige Wesen, fähig, unsere Wirklichkeit zu erschaffen. Wir wollen einen fürsorglicheren, liebevolleren, respektvolleren Umgang miteinander und mit unserer Mutter entwickeln. Wir sind ein Herz, eine Familie – die Kinder von Mutter Erde. Wie Little Grandmother oft sagt: »Wir sind die Stärksten der Starken«, wir sind genau in dieser Zeit der großen Herausforderungen auf die Erde gekommen. Wir sind jene, die die Prophezeiungen für diese Zeit vorausgesagt haben, »wir sind die, auf die wir gewartet haben«, wie es in den Hopi-Prophezeiungen heißt. Wir sind der Stamm der vielen Farben, wir sind es, die die Welt verändern werden. Wir sind bereit, zuzuhören und zu lernen.
Eine Anmerkung zum Aufbau dieses Buches
Der erste Teil »Lektionen in der Wildnis« gibt den später dargestellten spirituellen Informationen einen sehr menschlichen Rahmen. Er enthält einige wichtige Episoden und spirituelle Lektionen aus Kieshas Kindheit und Jugend. »Wildnis« ist hier sowohl wörtlich als auch symbolisch gemeint – es geht hier nicht nur um die Natur, sondern auch um jene Bereiche des Lebens, die schwierig sind und deren Sinn sich uns nicht so leicht erschließt. Der zweite Teil »Erinnern, wer wir sind« konzentriert sich mehr auf die inneren Aspekte der Botschaft, die Little Grandmother verbreiten möchte – jene Dinge, an die sich die Menschen erinnern und mit denen sie im Einklang sein müssen, um sich zu einem höheren Bewusstsein aufzuschwingen. Der dritte Teil »Visionen der Gegenwart und der Zukunft« befasst sich mit esoterischen und prophetischen Informationen und Lehren, die Little Grandmother direkt empfangen hat. Sie teilt diese Dinge aus ihrem eigenen Herzen heraus mit und möchte deutlich machen, dass sie nicht für irgendein indigenes Volk oder eine Gruppe spricht. Sie versucht nicht, indigene Lehren oder indianische Traditionen zu vermitteln, sondern berichtet nur von dem, was Spirit ihr direkt eingegeben hat, damit sie es weitergibt.
Jennifer Ferraro
Teil 1 Lektionen in der Wildnis
Der Anfang der Reise:
das Herz als Grundlage und als Weg
Lieber Leser, liebe Leserin,
ich schreibe dieses Buch, um der Menschheit zu helfen, sich mit dem Herzen zu verbinden, denn das Herz ist die eigentliche Grundlage allen Wissens, aller Inspiration und allen göttlichen Verstehens. Bei meinen Reisen in alle Welt habe ich überall mit Menschen gesprochen, und viele haben mich gefragt, ob ich über all die Dinge, von denen ich spreche, ein Buch schreiben könnte. Nach einer Menge schwerer Arbeit (und ich hatte gedacht, öffentlich zu reden wäre schwer!) übergebe ich dir, mein lieber Bruder, meine liebe Schwester, dieses Buch mit Liebe und Dankbarkeit. Es wurde für dich geschrieben, um dir zu helfen, zu erkennen, wie göttlich, majestätisch und machtvoll du bist. Du bist die Antwort auf deine eigenen Gebete. Du bist ein Funke des Schöpfers, und du kannst die Welt verändern, indem du in Liebe lebst, indem du dich daran erinnerst, dass dein eigenes höheres Selbst, dein großes ICH BIN, sich entschieden hat, zu genau dieser Zeit um einer bestimmten Aufgabe willen hierher auf die Erde zu kommen.
Auf der Welt gibt es viele großartige Bücher und Autoren, die über die anstehenden Veränderungen auf diesem Planeten Theorien und Spekulationen entwickelt haben. Es ist leicht, sich von dem, was über die Zukunft geschrieben und gesagt wird, ängstigen zu lassen. Deshalb möchte ich folgenden einfachen Rat geben: Alles, was dir nicht größeren Frieden, Inspiration und ein Gefühl liebevoller Dankbarkeit für dieses Leben schenkt, kannst du getrost beiseitelegen. Du brauchst es nicht!
Was du wissen musst, ist bereits in dir, in deinem Herzen. Was auf der Ebene des Verstands wirkt, kann nur den Verstand heilen – es hilft uns nicht, in unser Herz zu kommen. Nur das Erwachen des Herzens und die Verwirklichung dessen, was wir wirklich sind, wird unsere Art zu leben und unsere Zukunft verändern. Und das ist genau das, wozu uns viele indigene Ältesten und Weisheitshüter auffordern, ebenso wie die vielen Lichtwesen, die hier sind, uns beobachten und uns helfen. Wir sind aufgefordert, anzufangen, vom Herzen her zu leben und uns daran zu erinnern, wie göttlich, wundervoll und groß wir tatsächlich sind. Klingt einfach, oder? Es ist nicht so schwer, wie es uns unser Verstand weismachen will.
Wir sind menschliche Herzen, wir pulsieren mit lebendigen Emotionen und Gefühlen. Wir verbinden und lieben uns nicht durch gemeinsame Ideen über Dinge, sondern durch gemeinsame Gefühle. Deswegen gebe ich dir, lieber Bruder, liebe Schwester, auf diesen Seiten nicht nur die Informationen und die Lehren weiter, die ich von meinen Geisthelfern und Lehrern erhalten habe, sondern erzähle auch einiges von meiner persönlichen Reise. Mögen diese persönlichen Geschichten dein Herz berühren. Ohne sie würde die Botschaft, die ich dir mitteilen möchte, vielleicht zu weltfremd oder seltsam erscheinen. Ich bin ein einfacher Mensch, deshalb ist dieses Buch so einfach wie möglich geschrieben. Von Herz zu Herz teile ich mit dir, was ich durch Spirit als wahr erfahren habe. Das Wichtigste ist, auf der Herzebene in Verbindung zu gehen, denn dort kommen wir zusammen und können einander als ein anderes »Ich selbst« erkennen. Wir sind eines Herzens und können einander viel tiefer verstehen und lieben, als wir ahnen.
Wir sind wahrhaft Götter und Göttinnen. Wir sind alle spirituell ebenbürtig. Vor Spirit ist niemandes Reise bedeutender als die eines anderen. Ob du Hausfrau oder Hausmann bist, ob du Tischler, Autorin, Geschäftsmann oder Verkäuferin bist – du hast es in dir, die Welt zu verändern. Du hast alle Weisheit und göttliche Liebe des Schöpfers in dir, und es ist Zeit, dein wahres Wesen zu leben. Es ist Zeit, uns an das zu erinnern, was wir wissen und vergessen haben: dass wir Liebe sind, dass diese Schöpfung die eigentliche Essenz der Liebe ist. Dies wissend, können und werden wir unsere Welt verändern.
Ich schwöre, dass alles, was ich in diesem Buch berichte, meiner Erfahrung entspricht. Dabei ist nicht so wichtig, ob du selbst an solche Dinge wie Sternenwesen, Geisthelfer oder Prophezeiungen über Umwälzungen auf der Erde glaubst. Vertraue auf dein Herz; es weiß, was für dich wirklich ist. Nutze diese Worte, wie es dir entspricht. Erinnere dich an dein Herz, um zu wissen: Die Liebe ist wirklich die Antwort auf alle Fragen. Das ist das Allerwichtigste. Dein Herz wird dir eine kosmische Dimension des Seins zeigen, die wir uns noch überhaupt nicht vorstellen können und die wir doch alle bald erleben werden.
Wenn du in deinem Herzen bist, wirst du mit dem Herzen von Mutter Erde verbunden sein, und sie wird dich schützen und deine Schwingung der Liebe und Dankbarkeit spüren. Mit jedem Gedanken, Gefühl und Atemzug wählen wir, was uns in nächster Zukunft widerfahren wird.
Im gegenwärtigen Zeitfenster ist es ganz besonders wichtig, dies zu verstehen und anzufangen, sich zu erinnern. Wie mir gezeigt wurde, stehen der Erde immense Veränderungen bevor, nach denen die Menschheit nie wieder dieselbe sein wird. Wir sind im Begriff, uns auf ein spirituelles Abenteuer einzulassen, das noch niemand im Universum erlebt hat, auf einen Entwicklungssprung, wie es ihn im Kosmos noch nie gab. Evolution gab es schon immer, doch nie so schnell, wie die Kinder des Planeten Erde es gerade erleben. Wie sich das alles genau abspielen wird, ist noch unklar, aber vielen von uns werden Dinge und Informationen übermittelt, mit denen sie diesen Prozess unterstützen können, und genau das tue ich auch mit diesem Buch.
Auf den folgenden Seiten beschreibe ich meine Erfahrungen mit Sternenwesen, Lichtwesen, meinen Geistführern, den Ahnen und Mutter Erde und was sie mich gelehrt haben. Ich stelle dar, was ich auf diesem Planeten an Bewusstseinserweiterung für möglich halt, und berichte von den Veränderungen auf der Erde, die bereits im Gange sind oder höchstwahrscheinlich kommen werden. Aber vor allem möchte ich mitteilen, wie du diesen Bewusstseinswandel unterstützen und dich vorbereiten kannst, dich mit Mutter Erde auf eine höhere Ebene des Seins zu begeben. Möge dieses Buch dein Herz bewegen und dich dazu inspirieren, wach zu werden für das Mysterium und die wundervolle Chance, die vor uns liegt.
Welch erstaunliche Zeit, um auf der Erde zu leben! All unsere Seelen haben sich entschieden, hier zu dieser Zeit geboren zu werden. Wir haben uns entschieden, hierher zu kommen, um dieses kosmische Ereignis, auf welches das ganze Universum schaut, zu bezeugen und aus erster Hand mitzuerleben. Wir sind die »stärksten der starken Seelen«, die je auf diesem Planeten waren – und es gibt nichts zu fürchten, wenn wir in unserem Herzen bleiben und uns auf die Liebe einschwingen. Unsere Liebesschwingung kann uns mit höheren Dimensionen der Wirklichkeit verbinden, die parallel zu unserer dreidimensionalen Wirklichkeit existieren und von denen uns Führung, Wissen und Weisheit zufließen, um die Weiterentwicklung der Menschheit zu fördern. Mutter Erde ist dabei, sich von der Negativität und den Giften zu befreien, die sie umbringen, damit sie neu geboren werden kann.
Wenn wir uns daran erinnern, werden wir nicht nur Zerstörung um uns herum sehen. Vielmehr werden Licht und Liebe uns zu etwas Schönerem führen, als wir uns vorstellen können. Wir wissen, wie das geht, und wir werden es gemeinsam vollbringen. Wir werden uns daran erinnern, woher wir stammen und was wir einst wussten – und dann werden wir selbst darüber hinauswachsen.
Lasst uns unsere Herzen versammeln und die Liebesschwingung auf diesem Planeten vergrößern. Lasst uns zusammenkommen als ein Stamm, als Kinder von Mutter Erde. Lasst uns zu einem einzigen Herzen verschmelzen, voller Liebe für unsere liebe Mutter Erde und diese kostbare Schöpfung. Lasst uns einander versprechen, diese Erde niemals aufzugeben, uns niemals der Angst und Verzweiflung hinzugeben – und einander niemals aufzugeben. Liebe ist die tiefgründigste, weitreichendste und am wenigsten verstandene Energie auf der Erde. Durch sie werden wir ein Paradies erschaffen, wie es noch nie auf Erden gesehen wurde. Wir werden zu einer höheren Dimension des Seins aufsteigen und zu den göttlichen Wesen werden, die wir sind.
Ich bin so dankbar, mit dir und euch hier auf diesem schönen Planeten zu sein, auf dieser erstaunlichen gemeinsamen Reise. Mögen wir uns immer daran erinnern, wer wir sind und dass wir eines Herzens sind. Mögen wir gemeinsam eine neue Erde und eine neue Menschheit erschaffen und wissen, dass es nach jedem Tod eine Wiedergeburt gibt, so wie der Regenbogen dem Unwetter folgt. Mögen wir all das sehen und in unseren Herzen fühlen und uns nicht fürchten, vorwärtszutreten, Hand in Hand, in das Große, das uns erwartet.
In Liebe und Dankbarkeit
Little Grandmother
Mit den Tieren reden
Seit ich mich erinnern kann, sind die Tiere meine besten Freunde gewesen, Freunde, mit denen ich echte Gespräche führte. Seit ich ein Kind war, konnte ich Tiere auf eine besondere Art spüren und mit ihnen reden. In meiner Familie wurde nie offen darüber gesprochen, es war einfach so. Wir nahmen es hin, und es war in unserer kleinen Gemeinde auch anderen bekannt. Mein Vater war Farmer und Mitarbeiter auf einer Ranch, daher hatte ich das Glück, auf dem Land und mit vielen Nutztieren aufzuwachsen, ganz zu schweigen von all den Wildtieren in den Bergen Colorados.
Ich erinnere mich, wie mir als Kind zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich in einem Tier die Lebensenergie spürte. Es machte einen tiefen, unvergesslichen Eindruck auf mich. Es wurde damals schon früh dunkel, es muss Anfang Februar gewesen sein, denn um unser kleines Farmhaus lag noch viel Schnee. Meine Schwester Kelsy und ich standen in der Küche, unsere selbst genähten Nachthemden schlotterten uns um die Knie, und unsere nackten Füße pressten sich auf den kalten Linoleumboden. Wir waren sicher nicht älter als vier oder fünf, und wir warteten auf unseren Vater, der gleich mit den Kälbchen durch die Tür kommen würde. Meine Mutter heizte den Ofen an und bereitete hastig alles für die kleinen Kälber vor. Ich begriff nicht ganz, was vor sich ging, aber ich spürte, dass Eile und Angst in der Luft lagen, während meine Mutter Wasser heiß machte. Kelsy und ich standen Hand in Hand da, mit festem Blick auf die Hintertür, als diese plötzlich aufflog und die kalte Nachtluft hereinzog. Auf jeder Schulter ein Kalb, drängte sich mein Vater durch die Tür. Die Kälbchen bewegten sich nicht, und ich begriff die Aufregung. Sie waren fast erfroren.
Meine Mutter öffnete die Ofentür, und mein Vater legte die Kälbchen davor, damit sie sich aufwärmen konnten. Ich sah zu, wie das Eis auf der Nase eines der Kälbchen schmolz. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich konnte es nicht ertragen, zuzusehen, wie die Kälbchen starben. Ich kniete mich auf den Rand meines Nachthemds und legte meine Hand auf den Kopf des Kälbchens. In jener eiskalten Schneenacht spürte ich zum ersten Mal, wie sich Lebensenergie anfühlt. Ich erinnere mich noch ganz genau an dieses warme Kribbeln, ähnlich dem Gefühl von eingeschlafenen Händen, aber zusammen mit einem elektrischen Summen. Zuerst dachte ich, ich spürte einfach nur, wie das Kälbchen wärmer wurde, aber da war noch etwas anderes. Ich konnte spüren, wie das Leben in den Körper des Tieres zurückkehrte. Ich konnte es fühlen, schmecken, hören – ich wusste, das Kälbchen würde am Leben bleiben, bevor es auch nur das geringste Geräusch oder die kleinste Bewegung machte. Ich sprang auf, und Kelsy und ich machten uns daran, Milch aufzuwärmen. Meine Eltern hatten zunächst noch Zweifel, aber schon bald standen beide Kälbchen auf den Beinen, schwankten zitternd unter dem Gewicht ihrer kleinen Körper und saugten gierig die angebotene Milch auf.
Manchem mag es merkwürdig erscheinen, dass ein Kind Lebensenergie spürt oder so viele Sinneseindrücke gleichzeitig wahrnimmt: Geschmack, Klang, Struktur, manchmal sogar Zahlen. Aber vielleicht ist es auch nicht merkwürdig, schließlich hat mich meine Mutter in unserer Scheune mitten zwischen Kühen und Kälbern zur Welt gebracht. Während eines Schneesturms hatte meine hochschwangere Mutter versucht, meinem Vater dabei zu helfen, einer jungen, unerfahrenen Kuh das Kälbchen herauszuziehen. Sie rutschte aus, fiel hin und bekam Wehen. Vielleicht war das der Grund, warum ich mich schon als Kleinkind am liebsten bei den Kälbern und Lämmern im Stall aufhielt.
Ich wusste, was Tiere fühlen und was sie brauchen, ich erfuhr es durch Geschmack, Struktur, Farbe und Gefühl. Ich konnte mich auf die Gefühle eines Tieres einschwingen, es beruhigen und wortlos mit ihm reden. Ich konnte spüren, wenn ein Tier in der Nähe war, selbst wenn ich es nicht sah. Manchmal lernte ich das auf die harte Art. Bei einem der ersten Male, wo ich den Hilfeschrei eines Tieres hörte, saßen wir gerade mit der ganzen Familie vor dem Fernseher. Plötzlich bekam ich in der Brust ein Gefühl totaler Panik und hatte Angst, die Lämmer würden von wilden Hunden angegriffen. Ich dachte einen Augenblick lang darüber nach und lauschte, ob ich hinter dem Haus etwas hörte. Ich redete mir meine Gefühle aus und sah weiter fern.
Auf einmal hörte ich eine Stimme so laut rufen: »Geh!«, dass ich aufsprang. Ich sah die anderen an, aber offensichtlich hatte niemand von ihnen die Aufforderung gehört. Ich beschloss, einfach mal nach draußen zu gehen und nach den Lämmern zu sehen, um mich zu beruhigen. Doch als ich die Türe aufmachte, erwartete mich ein entsetzlicher Anblick. Mein Magen krampfte sich zusammen und meine Knie wurden weich, denn unser Lieblingslamm Abby hing im Maul eines wilden Hundes, und sein weißes Fellchen war voller Blut. Ich schrie nach meinem Vater und rannte los, um Abby zu helfen. Der Hund ließ das Lamm fallen. Abby hatte Bisswunden an der Kehle und am ganzen Körper. Wochen-, ja monatelang saßen meine Geschwister und ich bei dem Lämmchen und pflegten es wieder gesund, und ich schwor mir, hinzuhören, falls ich je wieder ein Tier rufen hören sollte.
Meine Freunde amüsieren sich oft darüber, wie ich Tiere, lange bevor man sie sieht, spüren kann. Wenn wir über die Landstraße fahren, merke ich schon weit im Voraus, dass da Wapiti-Hirsche auf der Straße stehen oder dass dort im Busch ein Bär, ein Kaninchen oder ein Waschbär sitzt. Jedes Tier hat für mich einen eigenen Geschmack, eine eigene Struktur und ein eigenes Gefühl. Es ist eine Mischung von Empfindungen, die nicht leicht zu beschreiben ist. Wenn beispielsweise eine Eule in der Nähe ist, schmecke ich bittere Schokolade, spüre ein dunkles Violett und fühle etwas Samtiges. So erkenne ich auch, welches Geschlecht das Tier hat, wie weit es entfernt ist und – wenn ich mich genau konzentriere – wie es sich fühlt und was es kommuniziert. Ein Wapiti-Hirsch hingegen schmeckt in meinem Mund nach Rinde oder trockenem Gras. Vielleicht gibt es eine wissenschaftliche Begründung dafür, wie das funktioniert. Ich weiß nur, dass diese Mischung aus Empfindungen mir mitteilt, welches Tier wo ist und was es mit ihm auf sich hat.
Wenn ich nachts unterwegs bin, schalte ich immer mein »Viecher-Radar« ein, wie ich es scherzhaft nenne. Sitzt eine andere Person am Steuer, bitte ich sie vielleicht plötzlich, langsam zu fahren, weil ich weiß, dass hinter der übernächsten Kurve Hirsche auf der Straße sind. Diese Fähigkeit ist vor allem auf der Strecke zwischen Santa Fe und Colorado oft sehr nützlich, denn in den San Antonio Mountains kreuzen nachts des Öfteren Hirsche die Fahrbahn, und es kommt immer wieder zu Unfällen.
Damals wussten zwar meine Familie und die Nachbarschaft um meine Fähigkeiten und baten mich um Hilfe, wenn ihre Tiere etwas brauchten, aber es wurde nicht als etwas Besonderes angesehen. Es war mir auch peinlich. In der kleinen, konservativen Mormonen-Gemeinde, in der ich aufwuchs, war es unmöglich, über solche Dinge zu sprechen. Ich fühlte mich immer sehr anders als die anderen und wusste, man hielt mich für einen verrückten Wildfang, der lieber mit Tieren redete als mit Menschen. Der Glaube der Mormonen lässt keinen Spielraum für irgendetwas, das von den eigenen Überzeugungen abweicht – um es einmal milde auszudrücken. Also schwieg ich über meine Erfahrungen mit der Natur oder später mit Geistwesen und den Stimmen, die zu mir sprachen. Aus Angst, für verrückt gehalten zu werden, behielt ich den größten Teil dessen, was ich erlebte, für mich. Ich war schon Ende zwanzig, als ich zum ersten Mal mit einem Menschen über diese Dinge redete.
Die Tiere sind meine Familie
Ich zog mich oft alleine an einen besonderen Platz zurück, wo ein kleines Stück vom Ort entfernt unter riesigen Pappeln zwei Flüsse zusammentreffen und warmes Wasser aus der Erde tritt. Kein Mensch konnte mich dort finden, und ich fühlte mich dort sicher. Ich hockte in diesem wundervollen Hain aus Pappelbäumen, am Rande des weiten Tals erhoben sich die Berge, und ich fühlte mich geschützt. Dort wurden die Bäume, Pflanzen und Tiere wahrhaft meine Familie.
Auf 2500 Metern Höhe sind die Winter in Colorado sehr, sehr kalt. Ich hatte nur selten mehr dabei als eine Jacke, einen Rucksack, eine alte Kaffeedose, in der ich Wasser kochte, und ein paar Lebensmittel, die ich auf dem Weg zur Tür einsackte – meistens ein paar Kartoffeln, eine Orange, eine Dose Bohnen. Ich hielt mich an einen alten Campingtrick, den mir mein Vater beigebracht hatte: Ich fachte ein Feuer an, ließ es eine Weile brennen und stopfte dann die Steine, die die Feuergrube eingefasst hatten, unter meine Kleidung. Dann schlief ich auf der Stelle, wo das Feuer gewesen war, um nicht zu erfrieren. Wenn es nicht allzu kalt war, bedeckte ich mich auch mit Erde und Laub. Ich vergrub mich in der Erde, als wäre sie meine Decke – was sie ja auch war.
Auch die Wapiti-Hirsche halfen mir. An diesem besonderen Ort lebte eine Herde von achtzehn oder neunzehn Tieren. Von meinem kleinen Hain aus konnte ich über den Fluss hinweg beobachten, wie sie sich nachts in das lange, weiche Gras betteten. Wenn ich mich langsam in ihrem Tempo bewegte, ließen sie mich an sich heran, und ich konnte zwischen ihren Kälbern schlafen. Tiere sprechen nicht nur durch ihre Gefühle, sondern auch durch ihre Körper. Ich sah genau auf ihre Ohren: Waren sie steil aufgestellt oder entspannt? Stampften die Muttertiere auf den Boden oder bewegten sie sich gemächlich? Wenn mich ein Muttertier anschnaubte, zog ich mich ein Stück zurück und setzte mich abwartend hin. Doch am wichtigsten war der Ausdruck ihrer Augen. Ich beobachtete die Augen der Muttertiere, achtete darauf, wann sie wachsam waren und wann der glasige Ausdruck von Angst und Schrecken wieder einem ruhigen, schläfrigen Blick wich. Ich wartete auf diese Veränderung, bevor ich versuchte, mich in den Kreis hineinzubegeben. Die Wapiti haben immer ihre Jungen in der Mitte, und die Körper der erwachsenen Tiere halten sie von außen warm. Sie ließen mich in der Mitte liegen und hielten mich so mit ihren Jungen am Leben. Bis zu diesem Tag gehören diese Wapiti und ihre Jungen, die inzwischen ausgewachsen sind, zu meiner Familie. Auch als Erwachsene bin ich noch ein paarmal zu ihnen zurückgekehrt, um nach ihnen zu sehen und sie zu besuchen. Meistens scheuen sie jetzt vor mir zurück, aber manchmal lässt mich eines der älteren Muttertiere herankommen, und wir nähern uns einander in der alten, vertrauten, subtilen Sprache, die wir vor langer Zeit miteinander sprachen.
Tiergeister und Totems
Alle Kreaturen auf der Erde tragen eine Medizin in sich und bieten uns Menschen jederzeit spirituelle Hilfe, Rat und Liebe an, aber nur selten bemerken wir es. Ich trage oft eine Eulenkralle um den Hals, vor allem wenn ich Zeremonien durchführe oder in der Öffentlichkeit rede. Das ist für mich nicht einfach ein Schmuckstück oder ein Glücksbringer – es ist eine starke Medizin von einem sehr lieben Freund, der mein Leben verändert hat.
Eulen haben in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt, vor allem Uhus. Gegenüber von dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, lebte während meiner ganzen Kindheit eine Uhu-Familie. Meine Urgroßmutter machte mich als Erste mit ihnen bekannt, als wir in der Nähe der riesigen Pinien wilden Spargel ernteten. Hand in Hand standen wir vor der Pinie und schauten hinauf zu dem herrlichsten Uhu, den ich je gesehen hatte. Seine Augen schienen meine Seele zu durchdringen. Wir starrten einander nur an, ohne ein Wort, ohne uns auch nur einen Zentimeter zu bewegen – ein höchst fasziniertes Schauen. Er war in dieser Pinie als Uhu-Küken groß geworden, und jetzt hatte er ein Weibchen gefunden und sein eigenes Nest. Jedes Jahr kam er mit seinem Weibchen hierher und zog kleine, niedliche Uhu-Küken groß. Sooft ich in die Wildnis hinauszog und zum Himmel hinaufschaute, war er unfehlbar da und zog über mich hinweg. An meinem geheimen Ort saß er in den Bäumen in meiner Nähe. Er brachte mir sogar Nahrung, kleine Nagetiere und einmal sogar ein Stück Fisch. Ich tat mein Bestes, um so zu tun, als würde ich essen, was er mir brachte, kaute übertrieben, brummte genießerisch und gab ihm dann noch etwas ab. Ich wollte die liebevolle Geste meines Freundes nicht zurückweisen, aber ich brachte es bei aller Dankbarkeit auch nicht über mich, die Mäuse wirklich zu verspeisen.
Die Eule ist eines meiner Schutztiere – und ich werde immer dankbar sein für die Fürsorge und Zuneigung, die sie mich spüren ließen. Als diese eine, mein besonderer Freund, die Erde verließ, gab er mir zuvor noch ein Geschenk, das mir sehr, sehr kostbar ist.
Ich war etwa vierzehn, und ich schlenderte gerade gemächlich über den Hof meines Großvaters, als ich ein Rauschen hinter mir herannahen hörte. Als ich mich umdrehte, flog mir der Uhu voll gegen die Brust. Während ich um mein Gleichgewicht rang, griff ich aus reinem Reflex nach ihm, um ihn von mir wegzuziehen, doch er hatte eine seiner Krallen in meine Brust gegraben. Also nahm ich den Uhu in die Arme, ich spürte seinen schwachen Herzschlag, und während seine Kralle immer noch in meiner Brust stak, hauchte er seine letzten Atemzüge aus. Bis heute habe ich davon eine Narbe auf der Höhe meines Herzens, und seitdem trage ich seine Kralle um den Hals. Mein Freund hatte seine letzten Augenblicke mit mir verbracht und eine Spur in meinem Fleisch und in meinem Wesen hinterlassen. Diese Eule ist immer noch mein bester Freund, und wann immer ich wirklich in Not bin, tauchen Eulen auf und lassen mich ihre Gegenwart spüren. Ich gehe dann hinaus, rufe sie und warte darauf, dass aus der undurchdringlichen Nacht ihr zärtlicher Ruf ertönt, der mir Zuhause und Familie bedeutet.
An meiner Fähigkeit, mit Tieren zu kommunizieren und sie zu spüren, ist nichts Besonderes. Jeder kann mit Tieren reden – wir haben nur gelernt, es nicht zu tun; uns wurde gesagt, wir könnten es nicht und es sei lächerlich, Tieren zu viel Aufmerksamkeit zu widmen. Wir haben gelernt, unser Denken sei wichtiger als unser Fühlen. Das ist das Haupthindernis. Tiere sind geistige Wesen, genauso wie Mutter Erde ein geistiges Wesen ist. Mutter Erde redet mit uns, hilft uns und ist unser Lehrer, genauso wie die Tiere, wenn wir uns nur darauf einschwingen und zuhören. Tiere kommunizieren durch Gefühle, nicht durch Worte.
Wenn ein Tier Angst hat, kannst du es spüren. Du spürst, wie es sich gedrängt fühlt, sich zwischen Kampf und Flucht zu entscheiden. Du kannst seine Ängste, seine Traurigkeit und andere emotionale Reaktionen fühlen. Wir brauchen nur unsere Fähigkeit des Fühlens und Spürens zu entwickeln – ohne immer über alles nachzudenken und uns gar zu sehr auf das zu stützen, was wir mit den Augen sehen oder mit dem Verstand begreifen. Es ist wie bei einer Mutter und ihrem Baby: Eine Mutter weiß, was ihr Kind fühlt und braucht, auch bevor es das verbal oder körperlich ausdrücken kann. Sie kann fühlen, ob ihr Kind Angst hat, sich verletzt hat oder krank ist. So viele Mütter wachen auf, kurz bevor ihr Kind zu schreien anfängt, oder wissen einfach, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Es lässt sich nicht rational erklären, aber es ist so.
Wir können diese Dinge fühlen und wissen. Ich meine, es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass unsere Gefühle manchmal mehr Wahrheit über etwas enthalten als unsere Gedanken. In dem, was wir im Herzen oder im Bauch fühlen, kommt unsere Verbindung zu unserem höheren Selbst sehr viel mehr zum Ausdruck als in unserem Denken. Und ist es dann wirklich so weit hergeholt, zu sagen, dass jeder, der sich auf die Welt der Tiere eingeschwungen hat, fühlen kann, was die Tiere sagen? Das Großartige daran ist: Wir alle können es. Wir müssen diese Art des Fühlens nur üben.
Ich kann zum Beispiel nicht rational erklären, warum ich bei jedem Menschen in der Mitte der Brust ein bestimmtes Tier sehe. Ich habe keine Bücher über Schamanismus oder indianische Spiritualität gelesen, all diese Informationen über Tiertotems und was man mit ihnen macht, sind an mir vorbeigegangen. Ich habe auch nie darüber gesprochen, vor allem nicht in meinen frühen Jahren als Mormonin, aber ich konnte das Tier, das bei jedem Menschen ist, immer sehen. Die meisten Menschen haben ein Tier bei sich, das sie ihr ganzes Leben lang begleitet – aber ich bin auch schon Menschen begegnet, die zwei haben.
Wenn ich den Leuten sage, welches Tier ich bei ihnen sehe, überrascht es die Person oft nicht. Entweder sie hat es selbst schon gespürt, oder sie hat seit Langem eine Beziehung zu dieser Tierart, oder ein Schamane oder jemand anderes hat es ihr schon einmal gesagt. Manchmal ist es jedoch auch eine Überraschung, und manchen Menschen sinkt sogar der Mut, wenn sie hören, welches Tier ich bei ihnen sehe. Doch kein Tier ist in seinem Wesen, seiner Medizin und seinem Schutz, den es bietet, großartiger oder geringer als andere. Jeder will einen Puma, einen Bär, einen Wolf oder sonst eines der Tiere haben, die als stark und mächtig gelten, aber nur wenige wissen um die Macht von Dachs-Medizin oder die wundervollen Gaben des Stinktiers oder die schützenden Fähigkeiten der Maus.
Viele Menschen sind dem Tier, das ihr Geisthelfer ist, schon einmal in der materiellen Welt begegnet – und nicht unbedingt auf angenehme Weise. Ich kenne eine Frau, die am Tag, bevor ich ihr sagte, dass ihr Totemtier eine Maus sei, von einer Maus gebissen worden war. Wenn du eine beeindruckende Begegnung mit einem bestimmten Tier hattest, kann genau dieses Tier dich unter Umständen viel lehren und dir viel geben und versucht auf diese Weise, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Vielleicht ist es einer deiner Schutzgeister. Im Reich des Heiligen kommen die größten Geschenke oft in Begleitung von etwas Schmerzhaftem oder Schwierigem. Ich habe das am eigenen Leib erfahren, ich wurde von einer Klapperschlange gebissen und von einem Pferd getreten und hatte viele tiefe, angenehme und unangenehme Erfahrungen mit Tieren, die mein Leben prägten.
Botschaften der Tiere
Wie bereits gesagt, bringt uns unser häufiges Denken manchmal dazu, daran zu zweifeln, was uns unser Körper und unsere Gefühle von der Tierwelt vermitteln. Doch die Tiere können uns viel Weisheit schenken und stehen auf den feinstofflichen Ebenen ständig in Wechselwirkung mit uns, wenn wir uns auf ihre Schwingung und Energie einlassen.
Ich will von einer Begegnung erzählen; sie widerfuhr mir kürzlich im Zusammenhang mit einem Seminar, das ich außerhalb von Phoenix in Arizona gab. Es war am Morgen, und ich bereitete mich innerlich auf den Tag vor. Als ich in den Garten trat, um zu beten, spürte ich ein Tier in der Nähe. Ich wurde innerlich still, spürte nach und versuchte, von meinen Sinneseindrücken abzuleiten, welches Tier sich hier aufhielt. Ich spürte in meinen Fingern das Gefühl, an trockenem, langem Gras entlangzustreifen, ich roch feuchte, dunkle Erde, und die Zahl Vier tauchte auf. Plötzlich erschien direkt vor mir, nur wenige Fuß entfernt, eine Wildkatze auf der Gartenmauer. Sie begann sofort, mit mir zu kommunizieren. Die anderen, die im Garten in der Nähe waren, hielten inne und sahen staunend unserer Begegnung zu.
Wildkatzen sind eigentlich äußerst scheu. Sie nähern sich nur sehr selten den Menschen, und schon gar nicht mitten am Tag. Die Wildkatze und ich standen einander eine ganze Weile gegenüber und sahen uns an. Wir tauschten Liebe aus, und dann erzählte sie mir, sie sei gekommen, um mir eine Botschaft zu überbringen. Sie sagte mir, ich hätte einen Reinigungsprozess durchlaufen und jetzt sei der Weg für mich frei. Sie sagte mir einiges über dieses Stück Wüstenland, auf dem wir uns befanden: Es würde dort in Zukunft grüner sein und die Ureinwohner hätten dort früher Zeremonien abgehalten. Vor allem sagte sie mir jedoch, ich solle mehr auf die Tiere achten, weil sie ständig versuchten, mir Lehren und Botschaften zu übermitteln. Nachdem dies mitgeteilt worden war, veränderte sich ihre Energie und sie lauschte still. Nach einem kurzen abschließenden Austausch von Liebe und guten Wünschen sagte sie, sie müsse jetzt zu ihren Jungen zurück, und sprang davon. Doch während des gesamten Workshops spürte ich noch weiter ihre Energie in unserer Nähe.
Vielleicht hast du auch schon so eine direkte Kommunikation mit Tieren erlebt. So wie bei den Botschaften, die ich von Spirit oder von einem Geisthelfer erhalte, empfange ich keine gesprochenen Worte, sondern eine direkte Übertragung von Verständnis, in dem sich Sinneswahrnehmungen, Gefühle, Intuition, Schwingung, Farben, Geschmack und Struktureindrücke mischen. Wollte ich versuchen, es analytisch auseinanderzudividieren, würde ich die eigentliche Botschaft verlieren.
In unserem stark rationalen, technologiegeprägten Zeitalter bildet es eine große Herausforderung, unseren Gefühlen, Intuitionen und Imaginationen wieder zu trauen. Doch sie sind unsere direkte Verbindung zu den anderen Lebensformen auf diesem Planeten. Wollen wir mit Mutter Erde in einer guten Beziehung stehen, müssen wir uns wieder dem Fühlen öffnen, müssen unsere Herzen und unsere Sinne dem öffnen, was wir nicht sehen und nicht erklären können. Tun wir dies, werden uns die Tiere helfen, so wie sie es immer bereitwillig getan haben, und wir werden wieder erleben, wie uns die Verwandtschaft mit ihnen bereichert, und das Gefühl der Zugehörigkeit zurückgewinnen, das wir vor langer Zeit verloren haben.
Alle Dinge sind von Energie belebt
Spirit hat mir immer wieder gezeigt, wie alle Dinge von Energie belebt sind. Unsere physische Welt lebt und pulsiert, doch die meisten von uns haben das vergessen, einfach weil wir es nicht mit unseren Augen sehen können. Wir schauen oft nur auf die Oberfläche der Dinge, das scheinbar Feste der Materie. Doch es ist diese Energie, die uns am Leben erhält, und nichts anderes. Die Wissenschaft kann diese Energie inzwischen sogar messen. Wir sind ein einziger lebendiger, atmender, pulsierender Organismus. Wir sind lebendig dank der Energie, die Mutter Erde uns durch unsere Fußsohlen hindurch gibt, die uns mit allem Leben verbindet und uns unseren Atem schenkt. Diese Energie ist in jedem Moment, in dem wir im Körper sind, für uns da, um uns zu erhalten, uns zu nähren, uns wieder aufzufüllen. Doch wir nutzen sie nicht so, wie wir sollten. Wir haben vergessen, wie wir die Erdenergie nutzen und uns mit der Lebensquelle verbinden können.
Ich erinnere mich, wie ich als Jugendliche anfing, Energie und Farben in Dingen zu sehen. Ich wuchs in einer Gegend im südlichen Colorado auf, die für geheimnisvolle Phänomene, merkwürdige Lichterscheinungen sowie UFO-Sichtungen bekannt ist: San Luis Valley. Dieses Tal gilt bei vielen indianischen Stämmen als heilig, weil es in dem Dreieck zwischen dem Ute Mountain, dem Mount Blanca und dem San Antonio Mountain liegt. Es wird auch das »blutlose« Tal genannt. Genau wie viele andere Bewohner dieser Gegend habe auch ich in meiner Jugend dort erstaunliche Dinge erlebt. Mehrfach sah ich, wie ein riesiges rotes Licht über unserem Haus schwebte, und mehrere Male sind mir Wesen aus anderen Dimensionen erschienen. Ich weiß nicht genau, ob das Wesen, dem ich in jener Nacht begegnete, eine Außerirdische war. Auf jeden Fall veränderten sich dadurch mein Leben und meine Wahrnehmung für immer.
Begegnung mit einem Lichtwesen
Ich verbrachte wieder einmal eine zauberhafte Nacht an meinem Platz am Fluss. Es war gerade dunkel geworden. Ich lag da, schaute in den Sternenhimmel und lauschte auf den Wind in den Bäumen. Da sah ich auf dem Feld hinter den Bäumen etwas, das zunächst aussah wie die Scheinwerfer eines Traktors. Das Licht kam und ging, und ich dachte, da pflügt wohl jemand, obwohl das merkwürdig war, so spät am Abend. Das Licht war blau, und ich dachte, wie seltsam, ich habe noch nie einen Traktor mit blauem Licht gesehen. Doch dann kam das Licht immer näher, und mich durchfloss ein merkwürdiges Gefühl. Es war eine Wärme, die mich von meinem Kopf bis zu meinen Füßen durchströmte, fast wie warmes Wasser. Es war ein ungeheuer beruhigendes, wunderbares Gefühl. Als das Licht ganz nahe war, erkannte ich, dass es eine Frau war. Ihr Haar war lang und wellig und locker in einem Zopf zusammengefasst, der auf ihrem Rücken lang über ihr fließendes Gewand hing. Im ersten Moment sah sie für mich so aus, wie ich mir Ginevra, die Frau von König Artus, oder eine mittelalterliche Prinzessin vorstellte. Ihr langes Gewand war an den Ärmeln und am Saum mit feinen Spitzen besetzt, doch ihre Erscheinung war schimmernd transparent, sie bestand ganz aus blauem Licht und Musik. Sie kam auf mich zu und legte ihre Hand auf meine Wange. Es fühlte sich anders an als alles, was ich bis dahin gespürt hatte. Wo ihre Hand mich berührte, war kein Druck zu fühlen, nur Wärme. Sie sprach nicht in Worten, sondern in Klängen, in Schwingungen. Es war wie Musik, ähnelte aber keiner Musik, die ich je gehört hatte – sie war einfach himmlisch. Auf eine unbeschreibliche Art bestand sie aus Musik. Das Letzte, woran ich mich erinnere, bevor ich einschlief, war die Wärme ihrer Hand auf meinem Gesicht und der unglaubliche Klang dieser Musik.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war alles anders. Ich versuchte zu verstehen, was mir da widerfahren war. Es schien fast wie ein Traum, aber ich wusste, ich war wach gewesen. Etwas war geschehen. Die Frau war fort, doch sie hatte mir etwas Außergewöhnliches hinterlassen. Meine Augen waren irgendwie verändert, meine Art zu sehen war anders. Ich sah in allem neue Farben. Ich nahm Farben und die Bewegungen der Energie in jedem Grashalm wahr, in den Bäumen und in den Tieren. Ich nannte es »Punkte sehen«, weil die Farben in Häufungen auftraten, fast wie Pixelpunkte. Ich weiß nicht genau, wie sich diese Art des Sehens zum Aura-Sehen verhält, aber ich glaube, es ist anders, weil ich diese Farben im Körper der Lebewesen sehe. Ich betrachte sie als Lebensenergie. Manche Bäume haben mehr Licht und Farb-Schwingungs-Energie als andere, genauso wie manche Menschen mehr Licht in sich tragen und zu einem bestimmten Zeitpunkt an manchen Orten ihres Körpers mehr Farben haben als woanders.
Man mag versucht sein, Licht, Farbe, Schwingung und Energie getrennt zu betrachten, doch in Wirklichkeit ist es alles dasselbe, nur durch den Filter unserer menschlichen Sinne erscheint es unterschiedlich. Eine Farbe hat eine bestimmte Schwingung, einen Klang, eine Oberflächenstruktur, einen Geschmack und so weiter, und all das vermittelt mir Informationen über ein Lebewesen. So spüre ich, ob ein Tier in der Nähe ist, bevor ich es sehe. Ich habe einen bestimmten Geschmack im Mund und bestimmte Oberflächenempfindungen. Jedes Tier ist anders. Ich glaube, wir werden bald alle fähig sein, diese Dinge wahrzunehmen und mit Schwingungen und Energie auf eine Weise zu arbeiten, die wir Menschen seit Langem vergessen haben. Wir alle haben diese Fähigkeit, aber wir sind nicht mehr im gleichen Rhythmus wie Mutter Erde und haben vergessen, die Dinge spirituell, auf einer tieferen Ebene wahrzunehmen.
Erdenergie geben und empfangen
Ich habe von Spirit gelernt und bin gebeten worden, es weiterzugeben, wie ungeheuer wichtig es für uns ist, zu lernen, unsere Energie wieder richtig zu verwenden. Wir müssen lernen, wie wir von Mutter Natur Energie empfangen und ihr geben können, anstatt ständig zu versuchen, unsere Energie von anderen Menschen zu bekommen. Irgendwann im Laufe der Entwicklung haben wir uns von der Natur getrennt und fingen an, unsere grundlegende Versorgung und unser Wohlbefinden zu sehr von anderen Menschen abhängig zu machen. In jeder zwischenmenschlichen Handlung gibt es ein Geben und Nehmen. So ist die Art, wie wir wahrgenommen und energetisch von anderen angenommen werden, zur Grundlage für unsere Selbstwahrnehmung geworden. Zum Beispiel gibt in fast jedem Gespräch die eine Person Energie und die andere nimmt Energie. Manchmal ist es einigermaßen ausgeglichen, aber meistens nicht. Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, bestimmt diese energetische Beziehung dann, ob wir uns durch unsere Interaktionen mit anderen gut und energiegeladen fühlen oder erschöpft und niedergeschlagen. Unbewusst suchen wir oft nach Energie von anderen, um uns gut, wertvoll und lebendig zu fühlen. Doch das sollte nicht unsere primäre Art sein, uns wieder aufzuladen und uns Wohlbefinden zu verschaffen.
Wir Menschen müssen lernen, auch mit den Pflanzen, den Bäumen, den Flüssen, den Meeren und der Erde selbst in einen energetischen Austausch zu treten. Wenn wir uns mit der Energie von Mutter Erde füllen, brauchen wir weder uns gegenseitig noch andere begrenzte Energiequellen anzuzapfen. Die Energie von Mutter Erde ist eine in unendlicher Fülle ständig gegenwärtige Liebesenergie. Solange wir hier sind, in diesen Körpern, ist diese Lebensenergie in uns und überall um uns herum verfügbar. Und im Gegensatz zu all den anderen Ressourcen der Erde, die die Menschen ausgebeutet und nicht wieder aufgefüllt haben, ist diese Energie unerschöpflich. Je mehr wir uns damit verbinden und sie nutzen, desto mehr Lebensenergie erzeugen wir und desto mehr haben wir an Mutter Erde in Form von Liebe, Dankbarkeit und Freude zurückzugeben.
Du kannst einfach nach draußen gehen und die Energie eines Baumes atmen, bis du dich erfüllt und ausgeglichen und wieder mit der Quelle verbunden fühlst. Jedes Lebewesen hat grenzenlos Energie zur Verfügung, um dich zu erhalten und zu nähren: eine Eichel, ein Blatt, ein Apfel, ein Stein, ein Berg. Wenn du dich schwach, niedergeschlagen, bedürftig oder krank fühlst, geh hinaus und atme in der lebendigen Energie der Natur. Fühle, dass du sie bist und sie du. Du brauchst an nichts Bestimmtes zu denken. Es spielt keine Rolle, was du von dir hältst oder was andere von dir halten. Wenn du darauf achtest, was um dich herum lebendig ist, dann sind deine Gedanken darüber, wer du bist und was du denkst, nicht mehr so wichtig.
Warum fühlen wir uns so gut, wenn wir draußen spazieren gegangen sind oder an einem Fluss gesessen haben? Weil wir uns dabei aufladen – als wären wir eine Batterie, die angeschlossen und wieder aufgeladen wurde. Doch so viele Menschen haben heutzutage keinen direkten Kontakt mehr mit Mutter Natur und nehmen sich keine Zeit, sich auf diese Weise mit Lebewesen zu verbinden; dadurch fehlt uns eine entscheidende Quelle des Ausgleichs und der Versorgung. Wir werden kränker und unausgeglichener, weil unsere Energien durch unseren Lebensstil ständig zerstreut und erschöpft werden, ohne dass sie durch Mutter Natur regelmäßig wieder erneuert würden. Alles, was wir brauchen, um uns gut zu fühlen, ist um uns herum, in der lebendigen, atmenden Natur.
Wenn jeder von uns das jeden Tag tun könnte – sich Zeit nehmen, um sich mit der lebendigen Energie der Erde zu verbinden und mit ihr zu atmen –, würde das unser Leben und unsere Welt drastisch verändern. Dann hätten wir nicht mehr das dringende Bedürfnis, gehört zu werden und die Kontrolle zu haben, weil wir nicht mehr die Energie anderer Menschen brauchen, um uns gut zu fühlen. Es spielt eine viel geringere Rolle, welchen Beruf du ausübst, wenn dein Selbstwertgefühl und Wohlbefinden nicht davon abhängt. Wenn du mit der Natur verbunden und mit Lebensenergie aufgeladen bist, kümmert es dich nicht mehr so, was andere von dir halten, weil es nicht nur Menschen gibt. Auch die lebendigen, atmenden Wesen des Universums sehen dich, kommunizieren mit dir und kennen dich. Die Natur wird dann wirklicher als die Gesellschaft, die unser Leben strukturiert und uns weismachen will, wer wir sind und was wir wert sind. Ob du eine berühmte Autorin bist, die Millionen verdient, oder ein alleinerziehender Vater, spielt dabei keine Rolle. Um uns mit lebendiger Erdenergie zu füllen, sind wir nicht abhängig von anderen Menschen, ihrer Liebe oder ihrer Anerkennung. Das setzt ungeheuer viel Energie frei, die wir für Freude und als Schöpfungskraft einsetzen können. All die Energie, uns zu erhalten, ist da und wartet auf uns. Wir brauchen sie nur einzuatmen, uns mit ihr zu verbinden, uns von ihr heilen und helfen zu lassen.
Es gibt genug Energie, um alle Menschen ständig damit zu erfüllen. Im Gegensatz zu unserem gewohnten Mangeldenken erzeugt diese naturgemäß in Fülle vorkommende Lebensenergie immer mehr Fülle. Es herrscht nie ein Mangel an Lebensenergie. Sie ist unser größtes Geschenk, und es ist an der Zeit, sie wieder zu nutzen. Wir sind hier als Schöpfer. Wir sind Götter und Göttinnen, wir sind hier, um Schönheit und Liebe zu erschaffen. In Liebe ist alles möglich. Und in der Verbindung mit der Lebensenergie von Mutter Erde, unserer Quelle, sind wir angeschlossen an den riesigen Quell der Liebe, der uns umgibt. Diese Liebe ist die eigentliche Substanz von Mutter Erde und der Sinn und Zweck des Lebens.
Übung: Erdenergie einatmen
Dies ist eine sehr einfache, aber kraftvolle Übung, die mich Spirit lehrte und die ich an andere weitergeben soll. Wenn du dich unausgeglichen fühlst oder dich erden willst, mach diese Atemübung. Ich mache sie oft mit Leuten, bevor ich eine Heilsitzung durchführe, denn sie hilft, die Energie richtig fließen zu lassen, und sie entfernt die Blockaden bestimmter Chakras, wo der Fluss der Lebensenergie stockt oder sich staut. Sie hilft auch, dich für spirituelle Führung zu öffnen, und bereitet dich auf tiefere Zustände der Meditation und des Gebets vor. Sie ist eine kraftvolle Möglichkeit, das loszulassen, was dich behindert, und dich mit der Quelle allen Lebens zu verbinden.
Stehe barfuß auf der Erde. Du kannst diese Übung auch im Haus machen, aber ziehe auf jeden Fall die Schuhe aus. Beginne damit, die Farbe Grün zu atmen, die Farbe der Erdenergie. Atme sie durch deine Fußsohlen ein. Fühle, wie diese Erdenergie deine Zellen erfüllt und jeden Zentimeter in dir nährt. Mit dem ersten Einatmen lass die Energie bis zu deinen Knien aufsteigen, dann atme sie nach unten aus deinen Fußsohlen in die Erde hinein aus.
Beim zweiten Einatmen lass diese grüne Energie bis zum unteren Ende deines Beckens aufsteigen (1. Chakra) und atme sie zurück in die Erde hinein aus. Fühle dabei, wie sie deine Schenkel umhüllt, deine Knie, deine Fußgelenke und wie sie durch deine Füße hinausströmt. Wenn du Schwierigkeiten hast, dich mit irgendeinem Bereich deines Körpers zu verbinden oder die Energie dort zu spüren, lass die Energie mit mehreren Atemzügen bis dorthin aufsteigen, bis du bereit bist, weiterzumachen.
Beim dritten Einatmen bringe die Energie bis in deinen Unterbauch, etwas unterhalb des Nabels (2. Chakra). Lass sie dann zurück in die Erde fließen. Achte darauf, jeden Bereich deines Körpers zu spüren, wenn du die Energie nach unten fließen lässt. Husche nicht über irgendetwas hinweg, sondern visualisiere und fühle, wie die Energie nach unten fließt und deine Glieder, deine Muskeln, dein Blut, deine Knochen und deine Zellen erfüllt.
Beim vierten Einatmen lass die Energie bis zur Mitte deines Leibes aufsteigen (3. Chakra) und fühle, wie sie deinen Solarplexus durchdringt und in ihm kreist. Viele Menschen tragen in diesem Bereich, der mit unserer Willenskraft und unserem Selbstgefühl zu tun hat, unterdrückte Emotionen mit sich herum. Vielleicht musst du in diesen Bereich mehrmals hineinatmen. Lass die heilende Erdenergie sanft deinen Bauch öffnen und Anspannungen lösen, in denen du alte Energien und Ängste festhältst. Wenn du dich entspannt und offen fühlst und sich eine Wärme in diesem Bereich ausbreitet, weißt du, dass du weitermachen kannst.
Beim fünften Ausatmen lass die Energie bis zu deiner Brust aufsteigen (4. Chakra) und fühle, wie sie dein Herz umhüllt und durchdringt. Fühle, wie sie deinen Brustkorb und deine Lungen erweitert. Im Herzen sitzen viele alte Emotionen und oft auch tiefe Verletzungen. Lass Mutter Erde diesen Ort in dir sanft berühren. Atme so oft hierhin, wie es nötig ist, bis sich dort eine Wärme ausbreitet und dieser Bereich sich entspannt und öffnet.
Lass, was immer du festgehalten hast, zurück in die Erde los, lass es durch deine Fußsohlen hinab in die Erde abfließen. So wie eine Mutter keinen Schaden daran nimmt, wenn sie ihre Kinder tröstet und deren Kummer auf sich nimmt, so leidet Mutter Erde auch nicht, wenn du dich mit ihr auf diese Weise verbindest.
Beim sechsten Einatmen lass die Energie bis zu deiner Kehle aufsteigen (5. Chakra) und fühle, wie sie diesen Bereich öffnet, der mit deiner Stimme und mit dem Ausdruck deiner Wahrheit zu tun hat. Dann atme die Energie wieder hinab in die Erde.
Beim siebten Einatmen lass die Energie bis in die Mitte deiner Stirn aufsteigen (6. Chakra oder Drittes Auge). Fühle, wie dieser Teil von dir, der mit dem spirituellen Sehen, mit höherer Wahrnehmung und Intuition zu tun hat, geöffnet, sanft liebkost und mit Mutter Erde verbunden wird. Atme wieder zur Erde hinab aus.
Beim achten und letzten Ausatmen lass die Energie bis nach oben zu deiner Schädeldecke aufsteigen (7. Chakra, Kronen-Chakra) und fühle, wie sich dein Kopf nach oben hin für spirituelle Führung und kosmisches Licht öffnet. Fühle, wie die Energie von Mutter Erde diesen Bereich von dir sanft durchdringt und öffnet und dich damit als ein Kind der Erde und des Kosmos in der Verbindung von Erde und Himmel verankert. Erfülle dein Gesicht, deinen Schädel, dein Gehirn, deine Drüsen und dein Haar mit dieser grünen, nährenden Energie, die dich mit allem Leben verbindet. Beim letzten Ausatmen atme die Energie deine Arme hinab und aus deinen Handflächen hinaus zurück in die Erde. Damit schließt sich der energetische Kreis. Jetzt bist du mit dem verbunden, was dich am Leben erhält, was immer für dich da ist. Diese potente grüne Lebenskraft kann dir helfen, dein ganzes Wesen zu heilen, neu zu beleben und auszugleichen.
Übung: Mutter Natur zuhören
Wenn ich Seminare gebe, verbringen wir oft eine gute Stunde mit dieser einfachen, kraftvollen Übung.
Viele von uns vertrauen nicht mehr auf ihre angeborene Fähigkeit, Mutter Erde zu spüren, mit ihr zu reden und von ihr zu lernen. Wir finden es verrückt, den Vögeln oder den Pflanzen zuzuhören. Wir meinen, uns das nur einzubilden. Doch die Pflanzen, Tiere, Bäume, Steine und Gewässer sprechen ständig mit uns, vermitteln uns Botschaften und Informationen, wenn wir nur zuhören. Wir müssen den Botschaften und Informationen trauen, die wir von Mutter Natur erhalten, und wissen, dass die belebte Welt mit uns durch unsere Gefühle kommuniziert. Wenn wir dem trauen, was wir durch unser Fühlen von Mutter Natur empfangen, beginnen wir, uns für die Weisheit, die Präsenz und die geheimnisvollen Tiefen zu öffnen, die immer für uns da sind. Die Pflanzen und Tiere wollen uns etwas lehren!
Geh hinaus und finde einen kleinen Gegenstand, der dich ruft. Das kann eine bestimmte Pflanze sein, ein Stein, ein Baum, ein Zweig, ein Insekt – nichts ist zu unbedeutend. Fühle, was deine Aufmerksamkeit auf sich zieht und mit dir kommunizieren will. Setze dich mindestens fünfzehn Minuten zu dem, was dich gerufen hat. Widme ihm deine Aufmerksamkeit. Öffne dich, so gut du kannst, für sein Wesen, seine Präsenz. Dieses Wesen ist lebendig, genau wie du. Wie schmeckt es, wie riecht es, wie fühlt es sich an, wie sieht es aus? Versuche, es weniger durch Denken zu ergründen und mehr seine Lebensenergie zu spüren. Kannst du seine Energie in deiner Hand spüren, wenn du es berührst oder hältst? Schwingt sie schnell oder langsam, glatt oder uneben, leicht oder schwer? Klingt sie hoch oder tief? Kannst du den Ton hören, den sie macht? Kannst du die Farbe sehen? Welches Geschenk könnte für dich darin liegen? Was würde der Gegenstand zu dir sagen, wenn er könnte?
Versuche, dir der Eindrücke, Bilder und Gefühle bewusst zu sein, die auftauchen, während du dich der Lebensenergie dieses Geschöpfes von Mutter Natur öffnest. Urteile nicht über dich oder das, was dabei erscheint. Mach dir Notizen oder schreibe ein paar Stichwörter in dein Tagebuch. Vielleicht werden es ein paar Zeilen eines Gedichts, vielleicht hörst du einfach ein Wort, möglicherweise wird dir auch etwas ganz Bestimmtes mitgeteilt. Was wird dir gesagt? Wie bewegt es dich? Was fühlst du, wenn du so ganz mit deiner Aufmerksamkeit dabei bist und die Verbindung in deinem Herzen spürst?
Ich staune immer wieder, wenn Seminarteilnehmer von ihren tiefen Erfahrungen mit dieser Übung berichten. Manche erhalten eine Menge Informationen und oft genau das, was sie in diesem Moment wissen mussten, weil es zu ihrer Heilung wichtig ist. Andere erfahren wie in einer Offenbarung etwas ganz Neues über das Wesen der Pflanze oder der Kreatur, mit der sie kommuniziert haben. Manche Menschen erleben dabei einen emotionalen Durchbruch und weinen, ohne den Grund dafür zu kennen. Fast jeder fühlt sich hinterher erfrischt und erholt, einfach weil die Aufmerksamkeit einmal nicht auf sich selbst gerichtet war, sondern auf etwas, woran man sonst achtlos vorbeigeht. Dies kann sehr heilend und ausgleichend wirken. Es öffnet das Herz und stellt wieder eine Beziehung zu Mutter Erde her.
Es dauert nicht lange, sich so mit Mutter Natur zu verbinden, es erfordert nur die Bereitschaft, sich zu öffnen und zuzuhören. Wir sind in einer modernen Gesellschaft aufgewachsen und haben gelernt, sehr rational und logisch zu denken; deshalb zweifeln wir unser Fühlen und unser intuitives oder durch innere Bilder gewonnenes Wissen leicht an. Doch was wir fühlen und imaginieren, ist mindestens so real wie das, was wir denken – eigentlich sogar noch viel realer. Die Wesen der Natur verbinden sich von Herz zu Herz, nicht über das Denken. Um uns mit Einbeinern, Vierbeinern und »Keinbeinern«, mit all unseren Brüdern und Schwestern auf dieser lebendigen Erde zu verbinden, müssen wir unsere Herzen öffnen und dürfen uns nicht davor fürchten, mit ihnen zu fühlen. Wir dürfen keine Angst davor haben, offenherzig zu sein, vielleicht von Freunden oder Verwandten für albern oder verrückt gehalten zu werden, weil wir mit Bäumen, Tieren und Pflanzen reden. Wir müssen lernen, wieder zuzuhören und in eine enge Beziehung zu all den Kindern unserer Mutter Erde zu treten, zu all unseren Brüdern und Schwestern, die mit uns sprechen und uns helfen wollen.
Dem Unsichtbaren trauen:
die Lektion des Brunnens
Seit meiner Kindheit bin ich dem Tod viele Male begegnet. Mein physischer Körper war häufig krank; ich hatte Nieren- und Herzprobleme und verletzte mich oft. Ich war ziemlich abenteuerlustig (mancher würde vielleicht sagen: tollkühn) und begab mich gerne an dunkle, schmuddelige Orte (wo die eigentlichen Reichtümer des Lebens verborgen sind), um dort irgendwelches »Viehzeug« zu finden. So bewegte ich mich immer auf einem schmalen Grat. Ob ich wollte oder nicht, ich geriet immer wieder in extreme Situationen und war oft nahe dran, dieses Leben zu verlassen. Und so manches Mal schaltete sich in solchen Grenzsituationen zwischen Leben und Tod Spirit in Form einer machtvollen Vision oder einer Stimme ein, die zu mir sprach und mich führte. Bei einer dieser Gelegenheiten rettete eine Stimme mein Leben und lehrte mich eine kostbare Lektion darüber, der inneren Führung zu vertrauen, welche Form sie auch hat und wie unverständlich sie in der Situation auch sein mag.
Ich war etwa fünf Jahre alt. Es war ein gewöhnlicher Sonntag; meine Familie war in der Kirche gewesen und danach wie jeden Sonntag zu meinen Großeltern väterlicherseits zum Essen gegangen. Diese Großeltern waren nie sehr nett zu mir. Aus einem mir unbegreiflichen Grund behandelten sie mich wie das schwarze Schaf der Familie. Alle wussten darum und akzeptierten diese Situation, also schlich ich mich nach dem Essen hinaus auf den Hof, während die anderen zusammensaßen und redeten oder Fußball guckten. Auf dem Hof gab es außer ein paar alten, aus Abfallholz und Brettern lieblos zusammengenagelten Schuppen nicht viel zu sehen. Es machte mich traurig, wie schlecht die Tiere gehalten wurden. Mein Großvater schien vor nichts Respekt zu haben, schon gar nicht vor seinen Tieren. Und er behandelte meine Geschwister und mich ähnlich wie seine Tiere, als wir unser Haus verloren hatten und eine Weile bei ihm und meiner Großmutter wohnen mussten. Am schlimmsten war es, wenn meine Eltern fort waren. Also war ich immer froh, sein Haus verlassen zu können. Es machte mir auch Spaß, die vielen Schuppen und den Ziegenstall zu erforschen oder nach den Kaninchen Ausschau zu halten, die darunter ihre Baue hatten. Manchmal ging ich dabei auch an Orte, wo ich, wie ich wusste, nicht hingehen sollte. An jenem Sonntag zog es mich zu dem alten Brunnen, der aus nichts weiter bestand als einem Dreckhaufen an der Westseite des Hauses und der genauso lieblos angelegt worden war wie alles andere auch.
Ich wusste, ich durfte nicht dorthin; das hatte man uns oft genug gesagt. Der Brunnen war tief und dunkel, und man konnte leicht hineinfallen. Ich kroch über den Lehmhügel langsam heran, um hineinzuspähen. Meine Neugier war groß, also kroch ich schließlich auf dem Bauch so weit vor, dass mein Kopf über dem dunklen Loch hing. Die Luft roch feucht und modrig, wie dunkle Erde und Moos. Ich versuchte, bis zum Grund zu sehen, und ließ ein paar Kiesel hineinfallen, um zu hören, ob es darin Wasser gab, aber ich hörte immer nur ein dumpfes Aufschlagen. Da offenbar kein Wasser drin war, nahm meine Neugier noch zu. Sicher waren da unten Kriechtiere, vielleicht Schnecken, Salamander oder Wasserschlangen. Ich dachte nur noch daran, dass da unten sicher etwas war, was ich noch nicht gesehen hatte. Der Grund war, so schätzte ich, so etwa drei Meter entfernt. Die Versuchung war gar zu groß; ich beschloss, hineinzusteigen. Ich brauchte eine Leiter. Wie mir einfiel, stand eine hinter dem Heuhaufen; die holte ich. Langsam ließ ich sie in das Loch hinab. Zu meiner Überraschung war die Leiter nicht lang genug. Ich ließ sie hineinfallen und dachte mir, ich würde sie dann schon mit den Beinen erreichen. Langsam ließ ich mich mit den Beinen voraus in das dunkle Loch hinab. Ich rutschte auf dem Bauch immer weiter zurück und suchte mit den Füßen nach der obersten Leitersprosse. Jetzt hing ich bis zu den Achseln im Brunnen und konnte immer noch keinen Tritt finden. Meine Arme begannen zu zittern und zu brennen, während ich versuchte, mich an dem glitschigen Rand festzuhalten. Ich wollte mich wieder hochziehen, aber ich war schon zu weit unten und hatte nicht die Kraft dazu; meine Füße fanden die Leiter noch immer nicht. Ich bekam Angst, denn ich merkte, ich konnte mich nicht mehr herausziehen. Wie tief würde ich fallen, wenn ich losließe, und was würde ich unten vorfinden? Und wie würde ich wieder herauskommen?
Ganz langsam, wie in Zeitlupe, gab der Boden unter meinen Armen nach und ich sah den Himmel verschwinden. Ich grub meine Finger mit aller Kraft in den Dreck, doch ich konnte mich nicht mehr halten. Ich fiel, aber nicht direkt nach unten. Irgendwo stieß ich mit den Knien an die Leiter und brach die ersten paar Sprossen. Dann traf ich auf feuchte, kalte Erde auf. Der Aufprall war so hart, dass ich mich fast übergeben musste. Meine Jeans war am Knie gerissen und ich merkte, dass ich darunter ziemlich übel verletzt war. Aber am schlimmsten war die Dunkelheit. Ich konnte absolut nichts sehen, es gab keine Spur von Licht. Ich wusste nicht, wie tief ich gefallen war, es fühlte sich an wie etwa vier Meter. Nach oben hin war nichts zu sehen. Ich langte an mein Knie und fühlte warmes Blut durch meine Hose sickern. Ich wusste nicht, wie schlimm die Wunde war, aber ein aufgeschlagenes Knie war nicht meine Hauptsorge – viel mehr beunruhigte mich, wie ich hier wieder herauskommen würde.
Die Brunnenwände waren nicht gemauert, sondern bestanden nur aus blanker Erde. Der Brunnen war etwa zwei Meter breit. Ich fühlte um mich, ließ meine Hände die Wände entlangwandern und versuchte, mich an den dünnen Wurzeln festzuhalten, die aus der Erde ragten. Doch jedes Mal, wenn ich versuchte, nach oben zu klettern, rutschte ich wieder zurück. Die feuchte Kälte drang mir schnell in meine dünnen Knochen. Ich zog meine Arme in mein kurzärmeliges Hemd und hockte mich mit dem Rücken an die Wand. Ich versuchte, mich zu beruhigen und klar zu denken. Ich rief, aber das Geräusch wurde von der Erde verschluckt. Ich merkte, wie weit weg ich von allem da oben war. Ich wusste, niemand würde nach mir suchen, denn ich lief oft tagelang weg. Niemand würde mich vermissen, und wenn man mich fände, würde ich sicher üble Schwierigkeiten kriegen, weil ich zum Brunnen gegangen war.
Noch einmal versuchte ich erfolglos, die Erdwände emporzuklettern, bis meine Arme völlig erschöpft waren. Ich hockte mich hin und fing an zu weinen. Ich weiß noch, wie ich mir mit meinem Hemdchen die heißen Tränen vom Gesicht wischte und das Kratzen des Drecks auf meinem Gesicht spürte. Ich schien mehr Dreck auf dem Gesicht und auf meinem Hemd zu haben als um mich herum. Ich war fast am Ende. Ich fror, alles tat weh, und ich bekam wirklich Angst, dass ich hier nicht mehr herauskäme. Ich steckte in einem dunklen, tiefen Loch und hatte nichts als eine zerbrochene, halb verrottete Leiter. Ich hatte alles probiert, und nichts hatte geholfen. Es musste langsam spät sein, bestimmt war die Sonne schon untergegangen. Meine Finger und Zehen wurden taub. So kniete ich mich schließlich hin, beugte meinen Kopf und presste die Hände zum Gebet zusammen.
Heute lächle ich ein wenig darüber, wie oft ich in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte und betete: »Lieber himmlischer Vater …, hm …, ich bin‘s schon wieder, Kiesha …« Und dann erzählte ich, in welches Schlamassel ich wieder einmal geraten war. Ich muss damals toll ausgesehen haben, von oben bis unten voller Dreck, mit tränenverschmiertem Gesicht, die Arme unters Hemd geschoben, die Hände betend zusammengepresst, mit nur einem Schuh und einer Socke, die andere hatte ich um mein blutendes Knie gebunden. »Himmlischer Vater, bitte hole mich hier raus!«, betete ich. »Bitte hilf mir!« Mir war kalt, ich mochte die schwarze Dunkelheit nicht, und ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. So betete ich und hockte mich dann an die Wand.
Während ich benommen dasaß, mir Dreck aus der Wunde klaubte und ab und zu mit den Händen vor dem Gesicht herumwedelte in der Hoffnung, etwas zu sehen, hörte ich ihre Stimme: »Kind …, Kind, nimm das Holz und grabe.« Ich saß still und sagte kein Wort, aber ich dachte: »Graben? Ich sitze hier in einem Brunnenloch – wie soll Graben mich da rausbringen?« In meinem Kinderhirn dachte ich: »Ich kann mir doch hier keinen Tunnel rausgraben!« Während ich so darüber nachdachte, hörte ich es wieder: »Kind, nimm das Holz und grabe in der Wand!«
Auf Händen und Knien krabbelte ich umher und suchte nach einem Stück der zerbrochenen Leiter, das zum Graben taugte. Nach ein paar Versuchen, bei denen das Holz zerbrach, fand ich schließlich ein Stück, das die richtige Größe hatte. Ich begann, leicht oberhalb meines Kopfs in einer Erdschicht zu graben; sie war weicher als die übrige Wand, die aus härterem Boden und vielen kleinen Steinen bestand. Der weiche Lehm fiel mir in Brocken zu Füßen, während ich mich in die Erde hineinarbeitete. Immer wieder hielt ich inne, um zu Atem zu kommen und mir die Haare aus dem Gesicht zu streichen, bis das Brennen in meinen Armen nachließ und ich sie wieder über meinen Kopf heben konnte, um weiterzugraben.
Ich hatte das Gefühl, ewig zu graben. Je länger ich mich abmühte, ohne einen Fortschritt zu sehen, desto frustrierter wurde ich. Mehrmals fing ich an zu weinen, wurde wütend und schmiss den Stock auf den Boden. Dann musste ich umherkriechen und ihn wieder suchen. Ich zweifelte an »ihr« und fühlte mich dann schlecht, weil ich zweifelte. Minuten wurden zu Stunden, und die Stunden wurden zu einer Ewigkeit. Ich war völlig erschöpft, meine Arme brannten, weil ich sie immer über meinen Kopf halten musste. Ich konnte nicht mehr. Ich hockte mich wieder hin, legte den Stock auf den Boden und weinte. »Ich schaff es nicht«, wimmerte ich.
In dem Augenblick fing es an. In großen Brocken fiel Dreck um mich herum zu Boden. Ich geriet in Panik, weil ich befürchtete, jetzt lebendig begraben zu werden. Ich drückte mich an die gegenüberliegende Wand hinter einen alten Eisenträger und hielt mir die Hände schützend vors Gesicht, um atmen zu können, falls ich begraben wurde. Überall um mich herum fiel Erde herunter – ich hatte keine Ahnung, wie viel, aber es war laut und ich spürte die Klumpen auf meinem Rücken und meinen Schultern. Nach ein paar Minuten hörte es auf und es war wieder still. Nur ein paar Stücke rollten noch hinterher. Ich nahm die Hände vom Gesicht und fühlte um mich herum.
Meine Beine steckten bis zu den Knien in Erde, ich musste mich ein bisschen abmühen, um mich aus meiner Stellung zwischen Wand und Eisenträger zu befreien. Ich langte nach der Wand, in der ich gegraben hatte: Sie war nicht mehr da. Aus der weichen Erdschicht, die ich angegraben hatte, war ein großes Stück herausgebrochen und hatte im Brunnen einen großen, schweren Erdhügel angehäuft. Ich kletterte den weichen Hügel hinauf, und als ich oben ankam, sah ich zu meiner unglaublichen Erleichterung die Sterne! Ich sah den Gürtel des Orion, meine drei Lieblingssterne. An ihrer Stellung konnte ich erkennen, dass es erst acht Uhr abends war.
Meine erste Reaktion war: »Erst acht Uhr?« Ich war mir sicher gewesen, schon die ganze Nacht in dem Erdloch zu sitzen, doch tatsächlich waren es etwa sechs Stunden gewesen. Als ich die Sterne sah, wusste ich, dass ich es herausschaffen würde. Ich musste mich noch etwas abmühen, aber schließlich gelang es mir, mich aus dem Loch zu ziehen.
Eine Weile lag ich mit dem Gesicht nach unten auf der Erde, außer Atem und voller Staunen. Ich war draußen! Ich hatte es geschafft! Ich brauchte noch etwas, um zu mir zu kommen, dann rollte ich mich auf den Rücken und schaute zu den Sternen hoch. Je mehr ich darüber nachdachte, was geschehen war, desto mehr erkannte ich, wie sehr mir da unten geholfen worden war.
Ich war nie ganz allein, es gab große Kräfte, die in jener Nacht gewirkt hatten. Sie kümmerten sich um mich. Vielleicht wollten sie, dass ich hier bin? Vielleicht gab es einen Grund dafür, den ich noch nicht verstand? Ich hatte nicht verstanden, was mir gesagt wurde, warum ich graben sollte; ich musste der Stimme einfach vertrauen. Ich musste tun, worum ich gebeten wurde, ohne mich darin zu verwickeln, wie es funktionieren könnte. Ich hatte gedacht, ich sollte mir einen Tunnel als Ausweg graben! Aber ich sollte nur graben, so gut ich konnte, und dann zeigte sich die Lösung. Eine Lösung, die ich nie hätte vorhersehen können. Es schien völlig gegen den gesunden Menschenverstand zu gehen – aber nur, weil ich im vorgegebenen Rahmen dachte und keine anderen Möglichkeiten sah.
Damals lernte ich, der inneren Führung zu vertrauen, auch wenn sie unlogisch oder wenig sinnvoll erscheint. Die Situation lehrte mich, immer zuzuhören und dem zu vertrauen, was mir gesagt wird. Ich habe auch gelernt, mit vollem Einsatz zu arbeiten und mich um das zu bemühen, was ich will – nur dann kommt das ersehnte Ziel in Reichweite oder die göttliche Vorsehung schreitet ein. Hätte ich gebetet und plötzlich wäre eine Leiter erschienen, über die ich bequem aus dem Loch gekrabbelt wäre, hätte ich nicht so viel gelernt. Manchmal kommt die Antwort auf eine Weise, die wir nicht mögen, und auch dann müssen wir vertrauen. Missachten wir die Lösung – oder hören wir auf die Stimme, auch wenn das, was sie sagt, weit hergeholt scheint? Der Sturz in den Brunnen lehrte mich, auf Spirit zu vertrauen, auch wenn ich keinen Sinn darin erkenne, sowie auf die Präsenz und Weisheit, die wir nicht sehen, obwohl sie uns ständig umgeben und so wirklich sind wie alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen.
Wahre Schönheit erkennen:
die Lektion der zwei Bäume
Als Kind lernte ich auf sehr direkte Weise, dass der Schlüssel zu allem Leben, zu seinem Sinn und seiner Erfüllung in der Natur liegt. Als lebendige, atmende Lebenskraft spricht Mutter Natur mit uns; sie bittet uns, zuzuhören, zu sehen und zu verstehen. Nicht nur das Leben schenkt sie uns in jedem Augenblick, sondern auch die Freude, die wir im Leben erfahren. Alles, was sie uns anbietet, ist lebendig und brummt vor Energie, Liebe und Erregung. Kein Grashalm bleibt unbemerkt, für jedes Sandkorn ist gesorgt. Sie ist die große Mutter von allem, und das ganze Universum ist ihre Familie. Ich lernte diese Dinge durch Erfahrung, durch ihre Fürsorge für mich als ihr Kind. Ich lernte durch ein reines, freudvolles Gefühl, dass alles Lebendige ständig fühlt und miteinander und mit uns kommuniziert. Ich lernte auch durch Geistwesen der anderen Seite, bei denen ich sicher aufgehoben war. Seit ich etwa acht Jahre alt war, spricht eine sanfte Frauenstimme zu mir, die mich lehrt und mir klare, direkte Informationen über das Universum und die Gesetze des Lebens vermittelt.
Ich weiß nicht, warum diese Lehren zu mir kamen. Des Öfteren wurden sie mir vermittelt, wenn ich mich in höchster Bedrängnis befand. Zu anderen Zeiten vernahm ich sie, wenn ich ganz still und im Einklang mit der Natur war. Die Stimme sprach mich immer sehr mitfühlend als »Kind« an. Wenn ich es nicht verstand, wurde die ganze Lektion wiederholt. Später, als ich mit dreißig den Ruf als Schamanin erhielt, sagte mir ein indianischer Ältester, die »Großmütter der Vergangenheit« hätten da mit mir gesprochen und die Ältesten wüssten, dass ich seit meiner Kindheit auf diese Weise belehrt würde. Bis zu meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich keiner Menschenseele von diesen Dingen erzählt, und auch seit dieser Zeit erzählte ich davon nur mit großer Angst. Ich war als gläubige Mormonin aufgewachsen. Hätte ich zugegeben, dass Stimmen mit mir sprechen, wären mir Hölle und Verdammnis sicher gewesen. Ich wusste ja selbst nicht recht, was ich davon halten sollte, ob es erklärbar war oder ob ich vielleicht verrückt war. Ich wusste nur: Ich fühlte mich dadurch anders als andere und wollte es lieber nicht erwähnen. Und ich war ungeheuer erleichtert, als all das, was ich durchgemacht hatte, bei jemandem auf Verständnis stieß und mir erklärt wurde, dass es einen Grund dafür gab und ich doch nicht verrückt war.
Zu diesen Lektionen, die ich lernte, gehörte eine, die mir auf unvergessliche Weise zeigte, wie ich wahre Schönheit und den echten Wert von etwas erkennen kann. In jenem Sommer war ich gerade eine junge Frau geworden. Ich saß mal wieder an meinem geheimen Platz am Fluss. Ich floh oft dorthin, um der Wirklichkeit der körperlichen und sexuellen Misshandlungen zu entrinnen, die meine beiden nebenan wohnenden Onkel mir antaten. Tief verwundet von dieser sinnlosen Grausamkeit und Demütigung hockte ich in meinem Versteck unter den Bäumen und rang um meinen Selbstwert. Ich weinte und fühlte mich, gelinde gesagt, wertlos und keiner Liebe wert. Ich war fassungslos darüber, wie Menschen so voller Hass und Grausamkeit sein konnten. Wie konnte jemand einem anderen Menschen solche Gewalt antun?
Vor allem beschäftigte mich ein Gedanke: Jetzt würde ich nicht in den Himmel kommen. Gott würde mich nicht lieben. Die hässlichen Dinge, die mir widerfahren waren, hatten mich, so fühlte ich, hässlich gemacht. Unsere Religion lehrte, dass vor der Ehe selbst ein Kuss eine Sünde vor Gott und ernsthaft strafbar sei. Mir war sehr viel mehr widerfahren als ein Kuss. Ich wälzte dieses Trauma wiederholt hin und her und war immer mehr davon überzeugt, ich sei Gottes Liebe und des Himmels nicht mehr würdig. Wer, so die Tradition der Mormonen, nicht in den Himmel kommt, ist nach dem Tod auch einer Wiedervereinigung mit seiner Familie nicht mehr würdig; das brach mir endgültig das Herz.
In meiner Verwirrung und meinem Schmerz fing ich an, durch das hohe Gras zu den Pinien hinüberzuwandern, um mich dort bei den Bäumen zu verkriechen. Ich fand den schönsten aller Bäume und setzte mich darunter. Er hatte die perfekte Form einer Pinie, seine Nadeln hatten einen herrlichen Grünton, er duftete geradezu berauschend, und seine Rinde war ohne jeden Makel. Mir erschien er als der absolut vollkommene Baum. Während ich dort saß, sah ich direkt vor mir eine andere Pinie, die ein wenig größer war. Ihre Rinde war tief aufgerissen, und das Harz aus dem Riss hatte den ganzen Stamm bekleckert. Das allein schon fand ich so abstoßend, dass ich kein Verlangen spürte, diesem Baum näher zu kommen. Er sah verunstaltet aus, der Blitzschlag hatte tiefe Narben in ihm hinterlassen. Ich saß da zwischen den beiden Bäumen und sann darüber nach, wie viel schöner doch der Baum war, unter dessen Krone ich saß, und wie hässlich der andere dort vor mir.
Plötzlich tauchte das merkwürdige, schwere Gefühl auf, durch das sich mir eine Botschaft von Spirit ankündigt. Also ging ich nach innen und öffnete mich für das, was da kommen würde. Ich wartete geduldig, dann hörte ich wieder die ruhige klare Frauenstimme, die schon öfter zu mir gesprochen hatte: »Kind, was siehst du?«, fragte sie. »Bäume«, antwortete ich laut. »Welcher von diesen beiden ist der großartigere Baum?«, fragte sie. Ich antwortete, es sei der schöne, vollkommene, unter dem ich saß. Es schien mir offensichtlich.
Doch dann erfuhr ich etwas über den anderen, hässlichen Baum, was ich nie vergessen werde. Die stärksten und wichtigsten Bäume im Wald, so sagte mir die Stimme, sind jene, die viel durchgemacht haben und tapfer ihre Narben tragen. Damit ein Baum einen starken Kern entwickelt, muss er etwas Hartes durchmachen, was seine Überlebenskraft anstachelt: einen schweren Winter, eine Dürre oder einen Blitzschlag. Wenn ein Baum derartig bedroht oder beschädigt worden ist, geht er entweder ein oder er wird zu einem der stärksten Bäume des Waldes. Jene Bäume, die den Kampf überlebt haben, bringen nicht nur die meisten, sondern auch die kräftigsten Samen hervor. Pinien, denen das Leben hart zugesetzt hat, treiben ihre ganze Lebenskraft in ihre Zapfen: Diese Bäume sind es, die dann vorrangig den Wald erneuern und seinen Fortbestand sichern.
Stundenlang saß ich da und dachte über das Gehörte nach. Und dann fragte mich die Stimme wieder: »Welches ist der großartigere Baum?« Diesmal fiel meine Antwort anders aus. Mit brennender Brust und Tränen in den Augen antwortete ich, es sei der mir hässlich erscheinende Baum vor mir. Der stärkste, schönste Baum war jener, der viel durchgemacht hatte und die Narben seiner Kämpfe trug. Er brachte Unmengen an Regenerationskraft hervor und spendete unendlich viel neues Leben.
Als die Lektion vorüber war und ich wusste, dass die Stimme nichts mehr sagen würde, setzte ich mich ans Wasser und sah mein Spiegelbild an. Da saß ein Mädchen mit einem gebrochenen Geist, dem Tränen über die Wangen rannen. Ich schaute mich intensiv an. Vielleicht war ja auch ich nicht so hässlich, wie ich gedacht hatte. Ich zog mir die Kapuze meines grünen Sweatshirts über den Kopf und trottete nach Hause.
Heute als Erwachsene erkenne ich, wie wichtig diese Lektion für unser Leben ist. Wie viele von uns tragen Narben von Lebenserfahrungen in sich, die sie lieber nicht durchlitten hätten? Wie viele von uns bedauern vergangene Härten, Schmerzen, die immer noch wehtun, und wünschen sich, sie würden verschwinden? Wie viele von uns fühlen sich nicht schön oder liebenswert oder meinen, einen tiefen Makel in sich zu tragen? Mir ist es als Kind so ergangen, und ich ringe noch heute manchmal damit. Ich glaube, wir alle tun das. Ich dachte, mit mir stimme etwas Grundlegendes nicht, weil ich als Kind nicht geliebt und beschützt wurde. Ich konnte nicht begreifen, warum mir das widerfuhr. So wie viele misshandelte Kinder dachte ich, Gott liebe mich nicht, ich sei es nicht wert, geliebt und beschützt zu werden. Meine religiöse Erziehung förderte die Ansicht, dass wir Menschen von Grund auf sündhaft und schlecht sind und uns unseren Zugang zum Himmel verdienen müssen, indem wir ein möglichst vollkommenes, reines Leben führen. Diese religiösen Wertvorstellungen stehen im Widerspruch zum Leben und richten viel Schaden an. Sie entsprechen in keiner Weise der Wahrheit, doch als Kind hatte ich gelernt, so zu denken.
Wir werden durch unsere Wunden stark – das ist die Lektion, die ich von den zwei Bäumen lernte. Unsere Unvollkommenheiten sind Zeichen dessen, was wir durchmachen und lernen mussten, um zu überleben. Unser Leiden kann uns weiser, verständnisvoller, mitfühlender und stärker machen. Die Seele ist unverwundbar. Nur unsere Vorstellung von dem, was wir sind, kann verwundet werden. Statt uns durch das, was wir durchlitten haben, befleckt oder minderwertig zu fühlen, können wir unsere Narben annehmen und uns bewusst machen, dass die größte Schönheit tief unterhalb der Oberfläche liegt. Wahre Schönheit und Güte lassen sich nicht von der Oberfläche her beurteilen – sie erfordern tiefes Zuhören und Schauen. Nur selten erkennen wir unseren Wert oder unsere eigene Schönheit. Andere mögen sie sehen, aber wir sind dazu oft nicht in der Lage. Für die meisten von uns ist es eine lebenslange Aufgabe, sich wirklich selbst zu lieben und die Gaben anzunehmen, die unsere Kämpfe und unser Schmerz uns geschenkt haben.
Als ich Ende zwanzig war, hatte ich endlich den Mut, anderen etwas von dem, was ich durchgemacht hatte, mitzuteilen. Eine liebe Freundin schrieb mir daraufhin eine Zeile, die ich nie vergessen werde. Sie half mir sehr, mich mit meiner Vergangenheit zu versöhnen und die Gaben zu verstehen, die mir mein Leiden brachte. Sie schrieb: »Die Wunde ist die Öffnung, durch die das Licht hereinkommt.«
Manche von uns ringen jahrelang mit der Frage, warum ihnen etwas widerfahren ist und welchen Zweck es gehabt haben könnte, vor allem wenn sie dabei einen Verlust erleiden mussten. Die Heilung von Missbrauch ist zwar meiner Ansicht nach ein lebenslanger Prozess, aber ich kann erkennen, wie ungeheuer viel Licht in mein Leben kam, einfach indem ich überlebte und mich entschloss, zu leben und ein liebevoller Mensch zu sein. Meine schmerzhaften Erfahrungen brachten mich an die Grenze zwischen Leben und Tod, und dabei wurde mancher Schleier zerrissen. Weil ich so offen und hilfsbedürftig war, schritt Mutter Erde ein und hüllte mich in ihre Liebe. Spirit schritt ein und lehrte mich, was ich wissen musste, um da bleiben und weiterleben zu können.
Wie viele von uns schon spüren, bewirken oft gerade intensive Notsituationen, dass wir uns dem Segen der geistigen Welt öffnen und tiefer schauen. Auch wenn mich heute noch manchmal die Frage umtreibt, warum ich so eine schwierige Kindheit hatte, weiß ich inzwischen doch eines: Dass ich hier mit dir rede, hängt direkt mit dem zusammen, was ich als Kind in der Wildnis gelernt habe. Und auf geheimnisvolle Weise steht dies auch in Verbindung mit den leidvollen Erfahrungen, die mich in die Wildnis und in die Arme des großen Mysteriums getrieben haben.
Die Angst vor dem
Unbekannten bewältigen:
die Lektion in der Nacht
Während meiner ganzen Kindheit habe ich immer wieder ähnliche Lektionen wie die Lektion mit den zwei Bäumen erhalten, wo eine vertraute Stimme zu mir sprach. Ich lerne auch heute noch, doch inzwischen kommen die Lektionen in Form von Visionen und Bildern zu mir: Ich sehe sie auf einer Art Bildschirm, der sich vor mir öffnet, und nicht mehr durch die Stimme. In der Vergangenheit kamen die gesprochenen Lehren oft, wenn ich ihrer dringend bedurfte. Eine, die mich sehr viel über Angst gelehrt hat, ist mir besonders unvergesslich geblieben.
Es war Ende Juli, und das Gras unten am Fluss reichte mir bis zur Taille. Ich war wieder einmal so schnell ich konnte zu meinem besonderen Platz gelaufen. Dort leerte ich meinen kleinen Rucksack und breitete vor mir aus, was ich immer dabei hatte: mein Taschenmesser, meine Kapuzenjacke, mein Feuerzeug. Die Dämmerung setzte ein, und ich sammelte Holz für mein nächtliches Feuer. Als ich genug beisammen hatte, baute ich aus den Lavasteinen, die es in jener Gegend gab, eine Feuergrube. Es wurde schnell dunkel, aber das kümmerte mich nicht. Ich saß immer gerne im Dunkeln am Feuer, ich empfand es als schützend, als wäre die Welt in der Dunkelheit nicht so groß (den meisten Leuten geht es genau anders herum).
An jenem Abend war ich sehr in Gedanken und mit den Ereignissen des vergangenen Tages beschäftigt, und so bemerkte ich erst spät, dass sich ein ziemlicher Sturm entwickelt hatte. Ich rückte noch dichter an den Baumstamm, an dem ich lag, und kuschelte mich tiefer in mein Bett aus weichem Chico Bush. Ich ordnete das Feuer für die Nacht und hatte gerade die Augen zugemacht, als ich ein Geräusch hörte, das mir die Haare zu Berge stehen ließ. Es klang wie der Entsetzensschrei einer Frau. Ich hatte noch nie etwas Derartiges gehört und konnte es nicht einordnen. Mich im Freien zu fürchten war neu für mich. Normalerweise fühlte ich mich in der Natur weit sicherer als unter Menschen. Ich setzte mich auf, presste mich an den Baumstamm und versuchte, in die Dunkelheit jenseits des Scheins meines Feuers hineinzuspähen. Ob der Schrei noch einmal ertönen würde? Doch ich hörte nur das Rauschen der Bäume. Ich verhielt mich ganz still und versuchte, das Geräusch zuzuordnen. Ich hatte kein Gefühl dafür, was es sein könnte, und je mehr mir klar wurde, dass ich nicht wusste, womit ich es zu tun hatte, desto mehr fürchtete ich mich. Ich legte mehr Holz aufs Feuer, um mehr Licht zu haben, und dann hörte ich es wieder. Diesmal war der Schrei so laut und schrecklich, dass mir das Blut in den Adern gefror. Mein Verstand malte sich die schrecklichsten Dinge aus, die hier im Tal gerade passieren könnten. Ich wusste nicht, was tun. Sollte ich hingehen und versuchen zu helfen? Würde ich dann auch ermordet?
Mit zitternden Händen tastete ich herum und suchte nach etwas, mit dem ich mich verteidigen konnte. Schließlich fand ich einen halb vergrabenen Zaunpfosten. Mit dem Pfosten als Waffe kroch ich zurück zu meinem Baum und starrte in die Nacht. Immer wieder ertönten die Schreie. Ich konnte mich nicht erinnern, mich in der Dunkelheit schon jemals so gefürchtet und so hilflos gefühlt zu haben. Ich war bereit, auf alles einzuschlagen, was in meine Nähe kam. Mein Herz schlug heftig in meiner Brust, und heiße Tränen liefen mir über mein dreckiges Gesicht.
Da wallte plötzlich jenes bekannte Gefühl der Schwere und Wärme in meinem Körper auf, und ich hörte die vertraute Stimme von Spirit. Sie war wie immer friedvoll, angenehm und beruhigend. Klar und sanft fragte sie: »Kind, warum fürchtest du dich?« Ich senkte meinen Stock ein wenig und sagte: »Dieses Geräusch – ich fürchte mich vor diesem Geräusch!« Es folgte eine Stille, und in meiner Panik schrie ich: »Komm zurück!« Die sanfte Stimme kam wieder und versicherte mir, bei mir zu sein. Sie fragte mich noch einmal: »Kind, sag mir, wovor fürchtest du dich?« Ich versuchte, meinen Atem zu beruhigen und zog die Knie unters Kinn. Ich wusste, ich musste über die Antwort nachdenken. Schließlich sagte ich immer noch bebend: »Ich fürchte mich, weil ich nicht weiß, was da vor sich geht, was dieses Geräusch ist.«
Die Stimme erklärte mir daraufhin, es seien die Schreie von zwei Berglöwen, die sich auf der anderen Seite der großen Wiese paarten. Sofort entspannte sich mein ganzer Körper, und die Angst verpuffte – einfach so. Die Stimme sprach weiter und ich lernte viel. Ich begriff, dass wir uns nur vor dem fürchten, was wir nicht kennen; wir schlagen nur auf das ein, was wir nicht verstehen. Sobald ich genau wusste, was für ein Geräusch das war und woher es kam, fragte die Stimme wieder: »Kind, fürchtest du dich?« Natürlich grinste ich jetzt und schüttelte den Kopf. Jetzt wusste ich, es steckten Tiere dahinter, die etwas ganz Natürliches taten, und so brauchte ich mich nicht mehr zu fürchten.
Die Stimme sprach noch etwa eine Stunde lang weiter, und ihre Worte prägten sich mir stark ein, weil ich so erregt gewesen war. Sie redete davon, wie die Angst vor dem Unbekannten die Menschen seit Urzeiten dazu bringt, alles Mögliche zu verurteilen, einander zu verfolgen und sich zu bekriegen. Sie sagte nachdrücklich, wie wichtig es für die Menschen sei, zu verstehen, dass sie auf das Unbekannte oft im ersten Augenblick mit Gewalt und Aggression reagieren. Sie zeigte mir, wie auch ich in jener Nacht so voller Angst und so bereit gewesen war, zuzuschlagen, dass ich nicht mehr vernünftig denken konnte – und wie ich sofort aufgehört hatte, mich zu fürchten, nachdem ich wusste, woher das Geräusch stammte.
Wenn ich heute als Erwachsene an diese Lektion zurückdenke, scheint mir, Spirit wollte mir ein tiefes Verständnis dafür vermitteln, dass wir uns oft nur fürchten, weil wir etwas Wichtiges nicht verstehen: Wir sind alle Kinder einer einzigen Mutter, wir sind eher gleich als verschieden, eher vertraut als unbekannt. Meine furchterregende Erfahrung wurde glücklicherweise von der geistigen Welt unterbrochen, und ich erwachte daraus wie aus einem Albtraum, als wäre ein riesiger Schatten auf der Wand durch das Anschalten des Lichts entlarvt worden.
Vielleicht gilt für alle unsere Ängste und Schrecken das Gleiche: Sie sind nicht so real, wie wir meinen, und das erkennen wir, wenn wir uns für das Licht von Spirit öffnen und uns Zeit nehmen, das Unbekannte und Fremde mit dem Herzen zu verstehen.
Die Wildnis der Verzweiflung
und ein Grund zu leben
In jedem Leben gibt es bedeutende Ereignisse, die uns nachhaltig prägen. Auch familiäre Ereignisse können das Leben aller Beteiligten verschlechtern oder verbessern. Ich erzähle die folgende Geschichte nicht, um Eindruck zu machen oder zu erschrecken, sondern in der Hoffnung, anderen jungen Menschen zu helfen, denn sie zeigt, wie wir auch durch in jungen Jahren erlebte schwierige Situationen stärker und offener werden für die späteren Segnungen von Spirit. In meiner Familiengeschichte prägte uns alle ein einschneidendes Ereignis: Mein Vater verlor seine Schafranch. Ich war damals fünf Jahre alt.
Meine ganze Kindheit über waren wir sehr arm. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie eine siebenköpfige Familie in den USA von neunhundert Dollar im Monat überleben kann, aber wir taten es viele Jahre lang. Mein Vater war Farmer und Ranch-Arbeiter, er hatte nichts anderes gelernt. Mein Urgroßvater war einst im Planwagen über die Prärie gekommen und hatte die kleine mormonische Gemeinde im ländlichen Colorado mit begründet. Seit sich jene ersten, zähen Pioniere hier niederließen, hatten die Menschen vom Land gelebt. Es gab kaum andere Jobs als auf den Farmen und Ranches, und so tat mein Vater, was er konnte, um ein Auskommen zu haben.
Als ich etwa drei Jahre alt war, hatte er genug zusammengekratzt, um eine bescheidene kleine Farm am Rande einer Siedlung namens Blanca zu kaufen, die am Fuß des Mount Blanca liegt, einem der höchsten Berge von Colorado. Mit seinen letzten Dollars kaufte er die Lämmer, die er brauchte, um einen Anfang zu machen. Er wollte hier auf diesem schönen Stück Land eine Ranch aufbauen und seine Kinder großziehen. Doch dann geschah das Unvorstellbare.
Eines Nachts stahl sich jemand auf unser Land, lud mitten in der Dunkelheit alle Schafe und Lämmer auf einen Anhänger und machte sich davon. Das war das Ende aller Pläne und Träume meines Vaters. Unsere Familie war am Ende. Es gab keinen Rückhalt, keine Ersparnisse, keine Versicherung. Wir mussten das Haus verlassen und waren obdachlos, einfach so. Ich erinnere mich, wie wir all unser Hab und Gut auf einen Pick-up-Truck luden. Wir fünf Kinder saßen hinten auf der Ladefläche und hielten alle irgendwelche Haushaltsgegenstände fest, während wir den Feldweg entlang von unserem Haus wegfuhren, ohne zu wissen, wo es hinging oder was wir jetzt tun würden.
Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich meine Eltern gefühlt haben müssen, mit fünf Kindern, ohne zu wissen, wohin, ohne jedes Geld, ohne ein Zuhause. Vier meiner Geschwister haben eine angeborene Behinderung, eine genetische Erkrankung namens »Fragiles X-Syndrom«, die dem Down-Syndrom ähnelt, aber ohne die mongoloiden Gesichtszüge. Das machte die Situation noch schwieriger. Bei meinen beiden Brüdern ist es stärker ausgeprägt (wie meistens bei Männern) als bei meinen beiden Schwestern, bei denen es eher einer Lernbehinderung ähnelt. Inzwischen sind meine Brüder in ihren Zwanzigern, doch ihre Entwicklung entspricht der von Zehnjährigen. Sie sind unbedarfte Engel.
So führte meine Familie den größten Teil meiner Jugend einen echten Überlebenskampf. Monatelang ernährten wir uns von nichts als Kartoffeln. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in besonders harten Zeiten eine Stange Sellerie herumreichte, von der jeder einmal abbeißen durfte. Wir waren oft hungrig. In unserer ländlichen, religiös geprägten Gemeinde verbargen es die Leute, wenn sie arm und bedürftig waren. Nicht genug zu haben, war schambesetzt, und man bat nicht um Hilfe. Auch staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen, war höchst peinlich, aber es ließ sich irgendwann nicht mehr vermeiden. Ich weiß noch, wie meine Mutter sich dafür schämte und lieber in den nächsten Ort fuhr, damit niemand sah, dass sie mit Essensmarken einkaufte. Aber es musste sein.
Diese Verzweiflung führte dazu, dass wir ins Haus der Eltern meines Vaters einzogen. Es war als vorübergehende Lösung gedacht. Mein Vater wollte selbst ein Haus zusammenzimmern, indem er nach und nach das Baumaterial kaufte, so wie er Geld übrig hatte. Leider dauerte das Jahre, die wir als Bedürftige im Haus meiner Großeltern zubrachten. Jene Jahre waren für keinen von uns gut. Meine schrecklichsten Erinnerungen sind aus jener Zeit, und meine Geschwister und ich mussten dort die furchtbarsten Dinge erdulden. Mein Großvater behandelte meine Mutter und uns Kinder, als wären wir Bettler von der Straße. Meine Mutter ging die ganze Zeit wie auf Eierschalen, um nichts verkehrt zu machen. Sie versuchte, sich so unsichtbar wie möglich zu machen und auch uns Kinder möglichst ruhig und aus dem Weg zu halten. Wir lebten zu siebt in einem Zimmer, schliefen in zwei großen Betten. Wir wussten, dass wir immer für irgendetwas beschuldigt wurden, und verhielten uns deshalb so still wie möglich, aber es war nie genug. Mein Großvater ließ uns immer seine Ablehnung spüren und behandelte uns wie Hunde.
Er war ein typischer Unterschichtmensch, der seine Tiere schlug, ständig schlecht über andere redete und sich beklagte, nur das Nötigste an Arbeit tat und das Geld schneller ausgab, als er es verdiente. Bildung galt ihm nichts, überhaupt interessierte er sich für nichts als seine eigene kleine Existenz. Er gehörte zu jenen Menschen, die ohne Würde leben. Sein ganzer Besitz war schäbig, abgenutzt und schlecht zusammengeflickt. Nichts strahlte Stolz aus. Sein Haus war krumm und schief, die Veranda bestand aus alten Schiebetüren, notdürftig von Nägeln, Klebeband und Draht zusammengehalten. Scheune und Schuppen wurden nie gereinigt, und der Mist stand mehrere Fuß hoch in den Ställen. Die Schuppen waren voller alter Fernsehgeräte, Radios und Waschmaschinen. Dazwischen lebten irgendwie die Tiere. Auch der Hof war voller Schrott und Gerümpel. Der einzige Kommentar meines Großvaters dazu war: »Für die, die hier leben, ist es gut genug.« Dieser Mangel an Würde und Anstand hatte nichts mit Armut zu tun. Er beruhte auf einer geistigen Verfassung, unter der wir alle leiden mussten.
Wir Kinder wurden für alles beschimpft, was wir im Haus aßen. Wir bekamen von ihnen nur Brot mit Mayonnaise, Ketchup oder Senf. Wenn wir durstig waren, bekamen wir Ziegenmilch. Bis heute dreht sich mir beim Geruch von Ziegenmilch oder Ziegenkäse der Magen um. Nachts lagen wir Kinder mit knurrendem Magen im Bett, während wir hörten, wie unsere Großeltern Popcorn, Chips und andere Leckereien aßen, die sie vor uns versteckten und die wir nie bekamen. Ich war krank vor Wut darüber, dass meine süßen, unbedarften Brüder nachts hungrig wach liegen und sich das anhören mussten. Ich erinnere mich daran, wie einer meiner Brüder einmal an den Kühlschrank schlich und dafür verprügelt und gedemütigt wurde. »Hass« ist ein starkes Wort, aber ich hasste es, wie sie uns behandelten.
Doch dann kam es noch schlimmer. Meine Schwester Kelsy wurde sehr krank und brauchte eine Herzoperation. Meine Eltern mussten mit ihr zum Kinderkrankenhaus nach Denver, zuerst für viele Untersuchungen, dann wegen mehrerer Operationen. Sie waren manchmal wochenlang weg, lebten dort in einem Haus der Ronald-McDonald-Kinderhilfe und versuchten, meiner armen Schwester das Leben zu retten. Es war hart für meine Geschwister und mich, bei den Verwandten zurückzubleiben, aber für meine Eltern muss es ebenfalls schrecklich gewesen sein, sich so um ihre todkranke Tochter zu sorgen und zu wissen, dass die anderen Kinder lieblosen Leuten ausgeliefert waren. Die Herzoperation lief nicht so gut wie erhofft, und meine Schwester musste drei Monate lang auf der Intensivstation bleiben. Meine Eltern hatten ihre liebe Not, sich selbst jeden Tag zu ernähren und all die Extrakosten zu bezahlen, während meine Schwester zwischen Leben und Tod hing. Schließlich schaffte sie es jedoch und konnte mit meinen Eltern nach Hause kommen. In der Zwischenzeit schien es uns, unsere Eltern wären ewig weg und wir wären auf uns selbst gestellt. Wir waren unseren Verwandten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Und manche von ihnen überschritten in dieser Zeit die Grenze zwischen häuslicher Grausamkeit und krimineller Gewalt.
Mein Vater war ein ehrbarer, hart arbeitender Mann, aber einige seiner Geschwister waren es nicht. Sie schienen den Sadismus und die Gemeinheit ihres Vaters geerbt zu haben. Während dieser Zeit begann mein Onkel, der in derselben Straße wohnte, mich zu misshandeln. Er band mich in der Scheune fest und peitschte mich aus. Es bereitete ihm ein perverses Vergnügen, mich leiden zu sehen. Bald darauf begann mein anderer Onkel, mich sexuell zu demütigen und zu missbrauchen. Dieser verhasste Onkel beobachtete mich ständig. Wenn ich zu meiner über alles geliebten Urgroßmutter ging, stand er da und beobachtete mich von der anderen Straßenseite. Wenn ich hinter unserem Haus in die Felder lief, sah er mir nach. Ich begann, mich wie eine gejagte Beute zu fühlen, immer in Angst und Schrecken davor, wann ich wieder verletzt werden würde. Ich begriff, dass ich den Erwachsenen um mich herum nicht vertrauen konnte.
Unter dem Eindruck der Grausamkeiten meines Großvaters und des Sadismus meiner Onkel wollte ich einfach nur verschwinden. Die einzige Erwachsene, bei der ich mich sicher fühlte, war meine Urgroßmutter, die ich »Grandma Jensen« nannte. Grandma Jensen war der einzige Mensch, der sich um mich kümmerte und mich mit etwas Fürsorge bedachte. Sie war eine altmodische, willensstarke, spirituelle, etwas strenge, aber sehr liebevolle Frau. Manchmal schlief ich unter ihrem Schlafzimmerfenster, nur um ihr nahe zu sein. Wir hatten eine besondere Verbindung, doch auch sie konnte mich nicht vor dem schützen, was vor sich ging. Ich erzählte ihr nie davon, um ihr nicht das Herz zu brechen. Es waren schließlich ihre eigenen Kinder und Enkel, die diese schrecklichen Dinge taten. Ich lernte, wegzulaufen und meine Sicherheit in der Natur zu finden, in der Wildnis, wo mich keiner finden konnte. Doch mein Lebenswille wurde allmählich davon untergraben, dass mich so viele Erwachsene in meinem Leben misshandelten.
Es schmerzt mich heute, wie verschreckt, gefühlstaub und einsam ich als Kind war. Ich sehe mich oft mit hohlen Augen, verschmiertem Gesicht und mattem, verfilztem Haar in dem alten Apfelbaum neben dem Haus meiner Großmutter oder hinter ihrem Hühnerstall sitzen und meine Wunden lecken. Ich hing meistens zwischen Schrecken und Starrheit. Glücklich war ich nur, wenn ich mit Tieren spielte oder die Natur erkundete. Ich dachte, ich würde es nie schaffen, erwachsen zu werden. Seit ich selbst Kinder habe und mir größte Mühe gebe, ihnen Sicherheit zu geben, sie zu lieben und gut zu versorgen, ist mir noch bewusster geworden, wie verzweifelt ich als Kind war. Es ist mir unbegreiflich, dass niemand etwas bemerkte oder einschritt, wo doch die Zeichen der Misshandlung und Vernachlässigung so deutlich waren.
Am schmerzlichsten ist die Erinnerung an jenen Tag, an dem ich beschloss, es sei jetzt genug. Ich war gerade wieder von meinem Onkel verhöhnt und gedemütigt worden. Ich hatte es geschafft, vor ihm wegzulaufen, und mich in einer alten Scheune bei den Ställen meines Großvaters versteckt. Dort hockte ich, völlig benommen, verletzt, beschämt, bloßgestellt und verschreckt. Die einzige Lösung, die ich noch sah, war, wegzugehen von dieser Familie, von diesem Ort, für immer. Ich passte hier einfach nicht her. Die Familie meines Vaters hasste mich ganz offen und quälte mich, ich fühlte mich nicht wahrgenommen und vernachlässigt. Ich konnte nicht einmal mehr weinen – ich war in einen Zustand tiefster Hoffnungslosigkeit, Gefühlstaubheit und Leere versunken. Kein Kind sollte so etwas je fühlen.
Überall lag fingerdicker Staub. An einer Wand hing ein altes Ziegenfell, an der anderen stand ein Fass mit Korn, neben der Türe hing Pferdezaumzeug, und auf einer schmuddeligen grünen Kiste mit alten Einmachgläsern lag ein altes Seil. Mein Blick blieb an dem Seil hängen. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Das Seil war alt, aber noch fest, und während ich es in die Hand nahm und sorgfältig eine Schlaufe band, blieben kleine Hanfsplitter in meinen Händen stecken.
Ich sah keinen anderen Weg mehr. Ich konnte über diesen Zustand nicht hinausdenken. Ich würde einfach weg sein. Weg von dieser Familie, die mich anekelte, die mir wehtat und vor der ich mich fürchtete. Weg von den anderen Schülern, den Mädchen, zu denen ich nicht passte, und den Jungen, die mich komisch ansahen, obwohl ich mich wie ihresgleichen fühlte und benahm. Einfach weg! Ich nahm das Seil und kletterte an der Scheunenwand hoch zu dem Balken. Langsam band ich das Seil um das Holz und zog das andere Ende über meinen Kopf. Die Schlaufe lag auf meinen Schlüsselbeinen. Dieses Leben würde gleich vorbei sein, und alles würde wieder grün sein, wie die Erde nach einem frischen Frühjahrsregen.
Meine nackten Füße glitten zum Rand des Balkens, auf dem sich seit Jahren der Staub gesammelt hatte. Meine Zehen krümmten sich um den Rand. Ich schloss die Augen, lehnte mich nach vorne, um das Gleichgewicht zu verlieren, und in jenem Sekundenbruchteil zwischen diesem Leben und meinem Entrinnen hörte ich etwas, das mir das Herz zusammenzog und mich vor Schreck erstarren ließ: Eine helle, vertraute Stimme rief meinen Namen. Es war mein kleiner Bruder Kent! Ich fing meinen Sturz mit den Händen an einem Balken der gegenüberliegenden Wand ab, krallte mich an das grobe Holz, so gut es ging, kämpfte dagegen an, nicht weiter zu fallen. Meine Hände bluteten, riesige Splitter stachen sich in meine Finger, während ich meine Füße weiter gegen den Balken presste, um mich in dieser fast horizontalen Position zu halten. Ich hörte seine Stimme wieder. Durch die Spalten zwischen den Brettern sah ich ihn näher kommen. Ich fing an zu weinen und betete gleichzeitig, flehte Gott an, dafür zu sorgen, dass er die Scheunentür nicht aufkriegen würde. Ich wollte nicht, dass er dies sah! Seine helle Stimme kam näher. »Kieshaaa!«
Meine Muskeln begannen vor Erschöpfung zu zittern, und meine Hände brannten und bluteten, doch ich war völlig auf den kleinen Schatten konzentriert, der vor der Scheune entlangging. Wenn ich fiel, würde er den Lärm hören und seine Schwester an einem Seil baumeln sehen, und wenn er jetzt die Tür öffnete, wäre der Anblick fast genauso schlimm. Ich sah, wie sich sein kleiner Schatten allmählich entfernte. Ich nahm eine Hand von der Wand und streifte mir das Seil vom Hals. Dasselbe Seil, das mich von hier wegbringen sollte, rettete mir jetzt das Leben. Ich zog mich mit seiner Hilfe langsam wieder auf den Balken, und dort saß ich dann erst einmal. Ich konnte an nichts anderes denken als daran, wie selbstsüchtig ich gewesen war und wie sich Gott meiner schämen musste. Mir wurde ganz übel bei dem Gedanken, mein Bruder Kent müsste ohne mich sein oder könnte mich gar so finden. Mein Magen krampfte sich zusammen, und ich musste mich vornüber neigen und mich vor Schrecken immer wieder übergeben.
Schließlich kletterte ich nach unten, wischte mir an meinem Hemd den Mund ab, stopfte meine blutenden Hände in die Taschen und presste sie gegen den Stoff, um das Bluten zu stoppen, während ich zu meinem Bruder lief, der inzwischen weinte, weil er mich nicht fand. Ich rief seinen Namen, rannte zu ihm und fiel vor ihm auf die Knie. Ich hielt ihn ganz fest umarmt und schluchzte, während er mir immer und immer wieder sagte: »Ich konnte dich nicht finden, ich konnte dich nicht finden …«
Dieser schreckliche Tag hat sich mir fest ins Gedächtnis gebrannt und erinnert mich immer daran, wie kostbar das Leben ist. Ich spürte, es gab nur einen einzigen Grund dafür, hier auf der Erde zu bleiben, in dieser Familie: Ich musste meinen Geschwistern eine liebevolle Beschützerin sein. In jener Nacht lag ich im Bett, meinen kostbaren Kent eng an mich gekuschelt, und spürte seinen Atem an meinem Hals, während ich ihn festhielt. Es gibt Tage, da kann man in die Sonne schauen, ohne geblendet zu werden – genau so sah ich ihn. Ich war benommen, wie verzaubert, und war ihm mit meinem ganzen Wesen dankbar. Ich schwor mir, mein Leben für ihn, für meinen anderen Bruder und meine Schwestern zu leben. Mir war absolut klar, dass ich um ihretwillen geboren war. Dieser kleine Junge brauchte mich, und ich brauchte ihn. Dieser Tag prägte mir eine ungeheure Lektion ein, eine Lektion von umfassenderer Liebe, Selbstlosigkeit und der Kostbarkeit menschlicher Wärme. Es war nicht mehr wichtig, was noch auf mich zukommen würde, welchen Stürmen ich ausgesetzt sein würde oder welch schreckliche Misshandlungen ich durchleiden müsste: Ich würde stark und tapfer sein und ein mitfühlender, liebevoller Mensch werden. Ich glaubte, dass mir vielleicht so schreckliche Dinge widerfuhren, um meine Geschwister vor ihnen zu bewahren. Das gab mir die Kraft, mich der Situation zu stellen, es gab meinem Leben einen Sinn. Ich konnte mich selbst nicht schützen, aber ich würde bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, um meine Geschwister vor allem Schaden zu bewahren. Es wurde zu meinem Lebensziel, dafür zu sorgen, dass sie nie unter meinen Onkeln zu leiden hätten, dass sie nie ihre Wut zu spüren bekamen, dass ihre Unschuld nie beschädigt würde. Als das Kind, das ich war, glaubte ich wirklich, sie vor Leiden beschützen zu können.
Das klingt vielleicht, als ob sich meine Welt in jenem Augenblick veränderte. Sie tat es nicht, aber mein Denken über die Welt veränderte sich. Ich fing an, eine umfassendere Schönheit im Leben zu sehen, das Leben als Geschenk zu betrachten, trotz der weiterhin stattfindenden Schläge und Misshandlungen. Ich lief immer noch weg, in die Felder oder zu den Ställen. Ich verlor mich immer noch auf meiner Suche nach Tieren, die ich dann stundenlang beobachtete, auf die Geschichten lauschend, die sie zu erzählen hatten. Ich kletterte auf Bäume und blieb stundenlang dort, Tag und Nacht, wiegte mich in den Zweigen und hörte dem Wind zu, wie er in den Blättern rauschte. Die Natur wurde zu meiner besten Lehrerin, sie gab mir immer Antwort. Wenn ich lange genug stillhielt und wirklich hinschaute, sah ich die Welt als lebendig, atmend, in ständigem Tanz.
Ich habe aus dieser schmerzhaften, beinahe tragischen Erfahrung unter anderem Folgendes gelernt: Wenn das Leben unerträglich erscheint, kann es lebensrettend sein, zu erkennen, wie wichtig wir für andere sind. Die Liebe, die wir empfangen und geben, kann Leben retten, und selbst wenn Hass und Missbrauch uns schweres Leid zufügen, gibt es einen Teil in uns, der nicht besiegt werden kann – jenen Teil, der die Schönheit des Lebens sehen will, der diese Schönheit empfangen kann, der leben will! Dieser Aspekt ist zu einer großen und gebenden Liebe fähig, selbst wenn wir persönlich nie geliebt worden sind. An jenem Tag beschloss ich, für die Liebe zu leben, das Leben nicht dahinfahren zu lassen. Liebe hielt mich hier, und Liebe hält mich noch heute hier, trotz der vielen großen Herausforderungen, die mir seitdem widerfahren sind.
Darmowy fragment się skończył.