Czytaj książkę: «Leere Hand»

Czcionka:

Leere Hand

Kenei Mabuni

In Zusammenarbeit mit Masahiko Yokoyama

Leere Hand

Vom Wesen des Budō-Karate

Herausgegeben von Carlos Molina

Aus dem Japanischen

von Bernd Winter

Palisander

Zur Schreibweise der japanischen Personennamen: Auf dem Titelblatt wird der Name des Autors gemäß den Gepflogenheiten im deutschen Sprachraum in der Reihenfolge Vor- und Familienname geschrieben. Im Text folgt die Schreibung der japanischen Namen generell der in Japan üblichen Reihenfolge, nach der zuerst der Familienname und dann der Vorname geschrieben wird.

Der Verlag dankt Janett Kühnert und Norbert Wölfel vom Chemnitzer Karateverein für die fachliche Unterstützung bei der Redaktion und dem Übersetzer, Bernd Winter, Berlin, für die gute Zusammenarbeit. Des weiteren dankt der Verlag Patrick McCarthy, Brisbane (Australien), für die Zurverfügungstellung des Fotos von Itosu Ankō.

Deutsche Erstausgabe

2. Auflage 2010

1. Digitale Auflage

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

Titel der Originalausgabe:

武道空手への招待(»Einladung zum Budō-Karate«)

© 2001 by Sanko-sha Ltd.

Deutsch von Bernd Winter

© 2007-2010 by Palisander Verlag, Chemnitz

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Anja Elstner, unter Verwendung einer Zeichnung von Matthias Stein

sowie des Shitō-ryū-Wappens

Lektorat: Frank Elstner

Redaktion & Layout: Viola Börner und Frank Elstner

ISBN 9783938305232

www.palisander-verlag.de

Sōke Mabuni Kenei (2001)


Union Shitō ryū Europe

Internet: www.shitoryu-europe.org


Der Autor

Mabuni Kenei, Träger des 10. Dan, wurde 1918 auf Okinawa, dem Ursprungsort des Karatedō, geboren. Als Sohn von Mabuni Kenwa, Gründer des Shitō ryū und einer der bedeutendsten Karateexperten in der Geschichte der Kampfkünste, kam er von Kindheit an mit dem Karate und einigen seiner größten Meister in Berührung. Im Alter von 34 Jahren übernahm er den Vorsitz des Shitō ryū. Noch heute, im hohen Alter, hält er regelmäßig Lehrgänge in verschiedenen Teilen der Welt, in denen er authentisches Karatedō vermittelt.

Der Herausgeber

Der Herausgeber, Carlos Molina, 7. Dan, geb. 1947 in Quetzaltenango, Guatemala, war einer der ersten Schüler von Mabuni Kenei in Lateinamerika, führte seit 1976 das Shitō-Karate in der BRD ein und repräsentiert es heute in Deutschland.

Sōke Mabuni Kenei und Shihan Carlos Molina (2007)

Danksagung

Der Herausgeber dankt seiner Schülerin, Frau Silvia Pellegrini, für ihre außerordentlichen Bemühungen zur Realisierung des Projektes.

Illustrationen

Das Copyright für das Foto auf S. 4 sowie für Fotos 5-10, 12-15, 20, 22, 24-80, 82-87 und 94 liegt beim Autor. Das Copyright für das Foto auf S. 6 und Foto 21 liegt bei Carlos Molina. Alle anderen Fotografien und Abbildungen sind lizenzfrei. Auf zahlreichen Fotos ist – teilweise gemeinsam mit dem Autor – Mizuguchi Hirofumi bei der Demonstration von Techniken zu sehen.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Sōke Mabuni Kenei

Über den Autor

Vorwort des Herausgebers

Einleitung

Eine Kampfkunst für jedermann

Karate für die physische, kämpferische und geistige Entwicklung

Die Herausbildung des modernen Karate

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Karate

Die Wirkung des Karate-Trainings auf den Körper

Karate in gefährlichen Situationen

Karate als spirituelle Kampfkunst

Die Atemtechniken im Karate

Der Zustand der vollkommenen inneren Ruhe

I Das Budō Karate

1 Entstehung und Entwicklung des Karate

1.1 Karate als Kampftechnik

Formen des waffenlosen Kampfes in alter Zeit

Der Shaolin-Faustkampf als Kampftechnik der Mönche

Der Einfluß des chinesischen Kempō auf die japanischen und okinawanischen Kampftechniken

Karate als Grundlage aller Budō-Kampftechniken

1.2 Das Karate von Okinawa

Das ursprüngliche Okinawa-te

Die Kata des Shuri-te

Die Jigen-Schwerttechnik und das Shuri-te

Die Entwicklung des Naha-te

Mit einer geraden Linie einen Kreis beschreiben

Der Ursprung des Tomari-te

Shitō-Karate als Erbe des Okinawa-te

2 Shitō-Karate die Lehren des Mabuni Kenwa

2.1 »Gefangen« in der Welt des Budō

Das Streben nach einem gesunden Körper

Ein Leben frei von Habsucht

Kanō Jigorōs Lob

Funakoshi Gichin lernte Kata von meinem Vater

Die Entstehung des Shitō ryū

Auf den Spuren meines Vaters

Die Ziele meines Vaters

Shitō-Karate ist Budō-Karate

2.2 Die Freude am Lernen und Lehren des Karate

Über das Lehren des Karate

Karate für Kinder

Der Reichtum der traditionellen Kata

Karate in Europa

Ein Mangel an Führungspersönlichkeiten

3 Das Überwinden der eigenen Grenzen

3.1 Karate mehr als Stöße und Tritte

Yagyū Sekishūsai und die Technik des mutō dori

Karate macht den Körper zur Waffe

Wie kann man den Körper abhärten?

Stöße mit muchimi

Karate als Unterstützung für jeden Budōka

3.2 Block ist Angriff ohne Taktschlag

Mit einem Block beginnen

Den Angriff des Gegners mit einem mächtigeren Gegenangriff blocken

Rhythmus und Geschwindigkeit

Die fünf Prinzipien des Blockens

3.3 Die Aneignung der Techniken

Die Formenvielfalt der in den Kata enthaltenen Techniken

Drei Regeln des Bujutsu

Der Grundsatz des hikite

Das Verständnis der Kata Heian sandan als Kampftechnik

Die Kata Gojūshiho und Maßnahmen gegen einen unerwarteten Angriff

Die Kata Niipaipo und Haufā

4 Kritik am Budō unserer Zeit

4.1 Die Verwandlung des Budō in Sport

Sport oder Kampftechnik

Sportlicher Wettkampf und zeremonielles Spiel

Hagoita Zeremoniell und Spiel

Sport oder Budō, was ist »ernster«?

Trennung von Sport und Budō

Sundome und »Vollkontakt«

4.2 Moderner Wettkampf und Budō

Die Bewertung von Wettkampfkata

Ist das moderne Karate wirklich ein Fortschritt?

Fließende Techniken vorausgehendes Bewußtsein

Lernen im Fluß des Trainings

Der Reduktionismus des Sports

Die Wiederkehr der Antike im Wettkampfkarate

4.3 Die These von der Einheit von Seele, Körper und Technik

Wie prüfte man in Zeiten ohne kumite?

Harmonie statt Wettkampf

»Im Karate gibt es keinen ersten Angriff«

II Der Geist des Budō

1 Das Wesen des Budō

1.1 Der Unterschied zwischen Budō und Gewalttätigkeit

Leben nehmen und Leben geben

Karate und der Geist des Respekts (shurei)

Der Sinn der Karate-Techniken

Die »übermenschlichen Techniken« des Ueshiba Morihei

Wichtigster Grundsatz des Karate: »Der Körper folgt dem Geist«

1.2 Jenseits der gewohnten Körperbewegungen

Auf natürliche Veränderungen reagieren

»Göttliche« Techniken und der »fallende Tautropfen«

Der magische Moment der Manipulation des Schwerpunkts

Paßgang und Parallelstoß

Das Freisetzen der Kraft in Budō und Sport

Der Krabbengang und das »Herausnehmen der Knie«

2 Sieg oder Niederlage

2.1 So trugen sie die berühmten Kämpfe aus

Ōyama Masutatsus Bericht

Ein Mangel an Heldengeschichten

Matsumuras Kampf mit seiner Braut

Matsumura und der Stier, den sie »Mörder« nannten

Ein Schlag gegen den rasenden Stier

2.2 Nicht zu verlieren, heißt siegen

Ein kampfloser Sieg

Sieg durch Flucht

Matsumura Sōkon und der Riesenkerl

Der »Miyamoto Musashi der Ryūkyū-Inseln«

2.3 Der unbedingte Siegeswille im Yagyū ryū

Schwertkampf und »geistige Reinigung«

Das »lebensbewahrende Schwert«

Mutō dori und der Ausgangspunkt des Karate

Yamaoka Tesshū und das mutō dori

Karate und das Yagyū-rūy

2.4 Die »lautlose kamae«

Die Erleuchtung des Yamaoka Tesshū

»Im Karate gibt es keine kamae«

Der »gegenseitige Rückzug« (ainuke)

Die höchste Ebene des bu übertrifft Zen

Ein Schwert mit stumpfer Klinge

3 Karate als »Zen in Bewegung«

3.1 Die Sphäre der Leere (kū) im Karate

Karate die »Faust der Edlen«

Die Kata Sūpārinpai und die Leiden schaffenden Wünsche

Karate Hand, die in die Sphäre der Leere reicht

Die Erleuchtung des Romanschreibers

Die Buddha-Natur in der Tiefe des Herzens

3.2 »Zen in Bewegung« und Atemtechnik

»Zen in Bewegung« die Einheit von Seele, Körper und Technik

Das Ordnen der Seele

Die Regulierung von Körper und Atmung

Arten und Formen der Atmung

Yin und Yang in der Atmung

3.3 Der Unordnung vorbeugen

Techniken zur Vermeidung der Unordnung

Die Geschichte von der »hohen Kunst der Katzen«

Theorie und Erfahrung

Der Geist der Todesverachtung

Der Unordnung vorbeugen

Bu ewig unvollkommen

Nachwort des Herausgebers der japanischen Fassung

Fußnoten

Vorwort des Herausgebers

Im November 1965 kam Sensei Mabuni Kenei zum ersten Mal in meine Heimatstadt Quetzaltenango, die zweitgrößte Stadt Guatemalas und bereits im Altertum eine Maya-Stadt. Ich war damals 18 Jahre alt und konnte Sensei Mabuni im Rahmen einer Vorführung durch verschiedene Karateka aus der Hauptstadt Guatemala City erleben. Sensei Mabuni weilte bereits seit 1964 in Zentralamerika. Zunächst war er auf Einladung von Sensei Murata Nobuyoshi nach Mexiko gereist und kam anschließend nach Guatemala, wo es in jener Zeit ca. tausend Shitō-ryū-Mitglieder gab. Ich selbst praktizierte damals noch kein Karate, war aber von den Vorführungen tief beeindruckt, wobei ich einen großen Unterschied zwischen den Bewegungen von Sensei Mabuni und denen der anderen Karateka, die ihre jeweiligen Schulen repräsentierten, empfand. So beschloß ich nach dieser Vorführung, Karate zu lernen und schrieb mich in meiner Heimatstadt in die Schule des Shitō ryū ein. Meine ersten Lehrer waren Jorge Sosa und Nobuyoshi Murata – letzterer führte mich sowohl in die Grundlagen des Shitō ryū als auch in die Geschichte der Familie Mabuni ein.

Im Jahre 1969, als ich den 1. Kyū erhalten hatte, bekam ich die Gelegenheit, an einer Unterrichtseinheit bei Sensei Mabuni, der damals in Guatemala City lebte, teilzunehmen, was mir eine große Ehre war. Etwa 20 Schüler, die allesamt den 1. Kyū besaßen, nahmen daran teil. Wir alle hatten bereits jahrelang verschiedene Karatetechniken trainiert, aber Sensei Mabuni übte mit uns ausschließlich Atemtechniken. Nach zwei Stunden solcher Übungen waren von den 20 Teilnehmern nur ein Freund von mir und ich bereit weiterzumachen. Alle anderen verließen den Unterricht, da sie die Spannungen, die bei diesen Atemübungen auftraten, nicht aushielten. Als wir beide allein dastanden, sagte Sensei Mabuni zu uns: »Jetzt könnt ihr anfangen, Karatedō zu lernen.«

Sensei Mabuni blieb noch ein ganzes Jahr in der Hauptstadt. In jener Zeit legten wir Woche für Woche die 200 Kilometer von Quetzaltenango nach Guatemala City zurück, um Unterricht bei unserem Lehrer zu nehmen. 1974 bereiste Sensei Mabuni zum letzten Mal Guatemala. Zu jener Zeit trug ich den 2. Dan. Ich beschloß, mich auf den Weg zu machen, um meinen Sensei in seiner japanischen Heimat zu besuchen. Zunächst jedoch gelangte ich 1976 auf dem Weg dorthin nach Europa, und zwar nach Berlin. Dort ergab es sich, daß viele Interessierte bei mir Karate lernen wollten, so daß ich in Berlin blieb. Erst 1984 traf ich Sensei Mabuni zum ersten Mal nach langer Zeit wieder – auf Korsika. Sensei Nakahashi Hidetoshi, der in Frankreich lebt, hatte ihn eingeladen. Zunächst wurde dieser auch zu meinem Lehrer, bis Sensei Mabuni höchstpersönlich mich als seinen uchi deshi1 anerkannte. Seitdem widme ich mich der Vertiefung meines Wissens über das Shitō ryū unter der Leitung von Sensei Mabuni und unterstützt durch Sensei Nakahashi und Sensei Hatano. Durch Sensei Mabuni habe ich erfahren, was Budō-Karate ist. All die Jahre betonte er, daß Karate kein Sport, sondern eine Lebenskunst sei, die einem in jeder Lebenslage behilflich sein könne.

Ich bin sehr froh darüber, daß sich Sensei Mabuni entschlossen hat, dieses Buch zu verfassen, da es nicht nur eine Quelle des Shitō ryū ist, sondern auch die Geschichte der Ursprünge des Karate als Kampf- und Lebenskunst darstellt. Blicke ich zurück auf meine Anfänge im Karatedō und betrachte meinen heutigen Entwicklungsstand, erkenne ich große Unterschiede. Wenn ich dieses Buch lese, finde ich einen Teil meiner Entwicklung in den Worten von Sensei Mabuni wieder, und erst jetzt begreife ich langsam, was er seit damals unaufhörlich gelehrt hat. Sensei Mabuni betonte stets die Werte der Höflichkeit, der Nächstenliebe, des Respekts und der Gnade, und er hat uns immer vor der Gefahr des Mißtrauens, der Faulheit, des Neides und des Stolzes gewarnt. Obwohl es mir nicht zu jeder Zeit gelingt, dies in meinem eigenen Leben zu verwirklichen, beginne ich zu verstehen, daß diese Werte die Grundlagen des sozialen und menschlichen Zusammenseins bilden. Ein Motto, an das er uns stets erinnert, hat in meinem Herzen einen festen Platz gefunden: »Heute ein besserer Mensch sein als gestern, und morgen ein besserer Mensch werden als heute.«

An dieser Stelle möchte ich Sensei Mabuni herzlich dafür danken, daß er dieses Buch geschrieben hat. Es ist eine Schatzkammer, der wir viel Wertvolles entnehmen können!

Shihan Carlos Molina, Korsika, 1. August 2007

Einleitung
Eine Kampfkunst für jedermann

Ich wurde im Jahre 1918 geboren und hatte das Glück, mein ganzes Leben mit Karate verbringen zu können. Mein Vater, Mabuni Kenwa (1889-1952), der das Shitō-Karate gründete, vertrat den Standpunkt: »Alte und Junge, Männer und Frauen, jeder kann Karate üben.« Karate kann Menschen für verschiedenartigste Zwecke dienlich sein. Es kräftigt die Gesundheit und erhält das gute Aussehen. Zudem kann Karate zur Selbstverteidigung oder im realen Kampf genutzt werden. Aber Karate vermag noch mehr. Vor allem das Budō-Karate2 ist nicht nur ein System von Körpertechniken (taijutsu), sondern es ist auch reich an psychischen Techniken (shinjutsu). Einmal habe ich während der Katavorführung eines erfahrenen Karateka gehört, wie ein Zuschauer beeindruckt bemerkte: »Schon wegen dieser geistigen Energie ist Karate etwas sehr Kostbares.«

Andere lieben Karate als Mittel des künstlerischen Ausdrucks. So erregte die österreichische Mannschaft im Synchronschwimmen während der Olympischen Spiele 2000 in Sydney einiges Aufsehen, weil sie eine Karate-Kata, die Heian yondan, in ihre Darbietung integriert hatte. Als im August 2001 im Nihon Budōkan das 3. Welttreffen des Shitō-Karate eröffnet wurde, begrüßte mich ein bekannter japanischer Tänzer mit der Bemerkung: »Ich erkenne im Karate einen Bezug zum Tanz.«

Man kann sich Karate als ein gigantisches Bergmassiv vorstellen, das einem immer anders erscheint, je nachdem, wo man sich befindet oder welche Jahreszeit gerade herrscht. Weder die Ziele noch die Wege sind festgelegt. Manche werden langsam emporsteigen und in den Bergen wandern, um ihre physische Kraft zu stärken. Andere wiederum, ehrgeizige Bergsteiger, werden um jeden Preis versuchen, die höchsten und steilsten Gipfel zu erklimmen.

Karate für die physische, kämpferische und geistige Entwicklung

Karate wirkt auf Körper und Geist des Menschen. Es verhilft dem Praktizierenden zu einer besseren Gesundheit und sichert ein langes und gesundes Leben. Durch seine Praxis bilden sich Kampffähigkeiten aus. Darüber hinaus kann Karate die Vitalität und die psychische Energie entwickeln und festigen. All diese Aspekte lassen sich jedoch kaum voneinander trennen, sie bedingen und fördern einander. Welche dieser Funktionen in den Vordergrund tritt, hängt von den Motiven und Zielen des Praktizierenden ab.

Hinsichtlich der Ausbildung kämpferischer Fähigkeiten gibt es häufig Mißverständnisse. Mancher bekommt sicher etwas Angst, wenn er Begriffe hört wie »Realkampf-Karate« oder »Straßenkampf-Karate«. In Situationen realen Kampfes gerät man im normalen Alltagsleben allerdings relativ selten, es sei denn, man provoziert oder sucht sie. Dennoch, die Gewalttätigkeit hat in jüngerer Vergangenheit wieder zugenommen. Selbst in Japan, einer der sichersten und diszipliniertesten Gesellschaften der Welt, kam es in den letzten Jahren zunehmend in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Straßen zu völlig unprovozierten Angriffen oder zur Eskalation von Konflikten. Man sollte sich demzufolge darauf einstellen, daß man selbst in gewaltsame Auseinandersetzungen einbezogen oder zum Kämpfen gezwungen wird, um Familienmitglieder oder Freunde zu schützen. Der beste Weg, mit solchen Situationen fertig zu werden, war schon immer, dem Angriff des Gegners auszuweichen und ihn daraufhin an empfindlichen Stellen zu treffen, um damit Zeit zu gewinnen und weglaufen zu können.

Normale Leute werden heutzutage mit realem Kampf nur dann konfrontiert, wenn sie sich verteidigen müssen. Für die Samurai in den Zeiten der Feudalkriege oder für die Soldaten in den Weltkriegen bedeutete realer Kampf hingegen, sich gegenseitig zu töten. An dieser Stelle muß ich einräumen, daß Meister des Karate, wie ich sich selbst einer bin, sich Tag für Tag in einem Bujutsu-Karate3 schulen, das die Grenzen der Selbstverteidigung überschreitet. Und Kampftechniken, die die Grenzen der Selbstverteidigung überschreiten sind, geradeheraus gesagt, Techniken zum Töten von Menschen (satsuhō). Es mag gewagt klingen, das zu sagen, aber genau dies ist der Ausgangspunkt des Karate als Budō, als Weg des Kampfes oder des Kriegers. Aber man möge dabei bedenken, daß man, wenn man solche Techniken übt, grundsätzlich nichts anderes tut als Soldaten, die sich Tötungstechniken zur Verteidigung ihres Vaterlandes, des Landes ihrer Vorfahren, aneignen.

Die Techniken zur »minimalen« Selbstverteidigung, also jene Techniken, die nicht den Tod des Gegners bezwecken, wurden demzufolge aus Techniken zum Töten von Menschen entwickelt.

Die Herausbildung des modernen Karate

Der Mann, den man später den »Ahnherren der Erneuerung des Karate« nannte, war Itosu Ankō (1830-1916), auch Yasutsune genannt. Er war der größte Meister des Shuri-te, das die ursprünglichen okinawanischen Kampftechniken mit der bloßen Hand, die te, repräsentiert.4 Meister Itosu reorganisierte das Karate, als es in der Meiji-Zeit offiziell Eingang in die reguläre Mittelschulbildung fand.

Meister Itosu wählte traditionelle Techniken aus und gestaltete sie um. Orientiert an den Idealen der modernen Körpererziehung wurden lebensgefährliche Techniken ersetzt durch technische Abläufe, die bewegungsreich und hinsichtlich der Körpererziehung effektiv waren. So war die Sequenz vom Querfeger (yoko barai) zum Tritt (keri) in der Kata Passai dai ursprünglich eine Bewegungsfolge von einem Stich in die Augen mit den Fingern der offenen Hand (kaishu metsubishi) zu einem Tritt in die Genitalien (kinteki). Von Itosu Ankō stammt beispielsweise die Gruppe der fünf Kata Heian, die noch heute sehr beliebt sind. Entsprechend der Bedeutung des Begriffs Heian (Frieden und Ruhe) enthalten diese Kata keine Angriffe auf sogenannte »goldene Ziele«, d. h., auf Genitalien oder auf andere Vitalpunkte, oder gefährliche Techniken wie den »Augenzerquetscher« (metsubishi).

Auf ähnliche Weise ist Kanō Jigorō (1860-1938) vorgegangen, als er aus dem überlieferten Jūjutsu alle Würfe (nage waza) und Schläge (atemi) eliminierte, mit denen man töten konnte, und so das Kōdōkan-Jūdō entwickelte. Dies waren Ergebnisse, wie sie die Bewegung zur kulturellen Reform (bunmei kaika) im Prozeß der Modernisierung Japans angestrebt hatte.

Allerdings blieben im Shitō-Karate viele alte Kata erhalten. Und auch in den von Meister Itosu reformierten Kata waren etliche Techniken verborgen, die nur mündlich als Geheimwissen überliefert worden waren, darunter einige recht grausame Tötungstechniken. Einer meiner engagiertesten Schüler, Terada, leitete manchmal das Training im Schul-Karateverein, dem auch sein Sohn angehörte. Er erzählte mir einmal lachend, daß sein Sohn sich beschwert habe: »Papa, dein Karate ist immer gegen die Regeln!« Das berührt die Frage, ob man solche gefährlichen Techniken wirklich lernen muß, ob also eine kampftechnische Ausbildung sinnvoll ist, die die Grenzen der Selbstverteidigung überschreitet. Wie bereits erwähnt, gehört der Angriff im Rahmen der Verteidigung zum Wesen des Karate. Tatsächlich gibt es einen Grenzbereich beim Studium des Karate, in dem es darum geht, Kampftechniken beherrschen zu lernen, mit denen man auf sehr effektive Weise töten kann. Damit begibt man sich in die Welt des Budō. Dieses Problem ist der wichtigste Gegenstand dieses Buches. Zunächst möchte ich mich aber zu heutigen Werten und zur allgemeinen Funktion des Karate äußern.

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Karate

Bereits vor meiner Geburt hatte mein Vater sein Leben der Entwicklung des Karate als Methode der Körpererziehung verschrieben. In der Öffentlichkeit nannte man ihn »Mabuni, der Techniker«. Als Erbe der authentischen okinawanischen Techniken des Kampfes mit der bloßen Hand (te) galt er allgemein als außerordentlicher Experte. Sein Ziel bestand darin, Karate als Methode der Gesundheitsförderung zu verbreiten und damit zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation der breiten Bevölkerung beizutragen.

Im Unterschied zu anderen Kampfkünsten kann man im Karate seine körperlichen Fähigkeiten auf der Basis von Kata trainieren. Insgesamt gibt es etwa 50 klassische Kata. So viele muß man natürlich nicht lernen, es sei denn, man will selbst Karate lehren. Kata bestehen aus Folgen von Angriffs- und Abwehrbewegungen mit Bezug auf einen imaginären Gegner. Um sie auszuführen, braucht man keinerlei Gerätschaften. Außerdem kann man Kata leicht üben, auch in großen Gruppen und verbunden mit viel Freude. Manche Anfänger haben Angst vor Kataübungen mit einem realen Gegenüber, d. h., vor dem Training mit Partner (kumite). Aber wenn man Karate nur betreibt, um seine Gesundheit zu fördern, ist es gar nicht erforderlich, sich mit dem kumite auseinanderzusetzen. Man benötigt auch nicht viel Platz, um eine Kata auszuführen. Eine Fläche von 3½ bis 4 Tatami-Matten, d. h., etwa 7-8 m², ist ausreichend.

Das von meinem Vater entwickelte Shitō-Karate enthält die traditionellen Kata des Shuri-te und des Naha-te, der beiden wichtigsten Stilrichtungen der okinawanischen Kampfkünste mit der bloßen Hand. Was die einzelnen Techniken angeht, so sind die Unterschiede zwischen beiden nicht allzu groß. Es ist jedoch für die Kata des Shuri-te charakteristisch, daß sie viele effektive und schnelle Angriffs- und Abwehrbewegungen für einen Kampf auf lange Distanz enthalten. Typisch für das Naha-te sind dagegen der Nahkampf mit »schweren« Bewegungen und spezielle Atemtechniken, die aus dem chinesischen Fukien-Kempō5 stammen. Diese große Spannweite ermöglicht es, daß man ohne weiteres für jedes Alter, jeden Körperbau und jeden physischen Zustand geeignete Kata finden kann. Das ist der große Vorzug des Shitō-Karate.

Lange Kata enthalten etwa 70 Techniken, kurze Kata etwa 20. Eine kurze Kata dauert nicht länger als eine Minute. Es gibt keinen Teil des Körpers, der beim Üben von Kata nicht bewegt wird, und die Resultate lassen sich schon sehr bald erkennen. Männer bekommen einen ausgewogenen, starken Körper, und für Frauen ist es ein ideales Schönheitstraining. Da man weder einen besonderen Raum noch Gerätschaften oder spezielle Kleidung braucht, gibt es keine einfachere Methode, einen guten Gesundheitszustand zu schaffen. Selbst sehr beschäftigte Leute sollten die wenigen Minuten erübrigen können, die nötig sind, um sich mit dieser Methode fit zu halten. Manch einer mag nun einwenden, daß er hierfür zu alt sei. Tatsächlich jedoch kann man prinzipiell in jedem Alter mit dem Training beginnen. Ein paar Minuten Katatraining jeden Tag können ein langes Dasein garantieren. Nahezu alle Karate-Meister, ob aus Okinawa oder von den japanischen Hauptinseln, erfreuten sich eines langen Lebens.

Die Wirkung des Karate-Trainings auf den Körper

Mich selbst könnte man als lebendiges Beispiel nehmen. Ich bin jetzt 83 und war niemals ernsthaft krank. Mehrmals im Jahr fahre ich als Trainingsleiter ins Ausland. Die Zeitverschiebung spüre ich nie und trainiere immer gleich am folgenden Tag zusammen mit den jungen Leuten.6

1938 publizierte mein Vater das Buch »Einführung in die Angriffs- und Abwehrtechniken im Karate«.7 Das Werk enthält verschiedene Aussagen über die Auswirkungen des Trainings, wie z. B.: »Durch das Karate bereiten auch alle anderen Aktivitäten mehr Freude«, »Physisch schwache Personen können zu Hause trainieren und dadurch stark werden«, »Kranke und dicke Personen bekommen kräftige Muskeln und werden gesund«, »Man trinkt abends immer weniger Alkohol und arbeitet tagsüber effektiver« und »Nervenschmerzen und Nervenschwäche werden kuriert«.

Es lag meinem Vater am Herzen, Karate als hervorragende Methode der Gesundheitsförderung zu propagieren. In Zusammenarbeit mit einer medizinischen Universität gelang es ihm, die positiven medizinischen Wirkungen nachzuweisen, u. a. anhand von Blut- und Urintests. Sein Buch enthält auch Auszüge aus einem Forschungsbericht von Marineärzten, die die physiologischen Wirkungen des Karate beschrieben. Diesem zufolge fördert Karate den Stoffwechsel und die Nervenreflexe. Gleichgewichtswahrnehmung und Muskelkraft werden verbessert, und es kommt zu einer Harmonisierung des gesamten körperlichen Zustands. Damit war der positive Einfluß des Karatetrainings auf den Körper hinreichend belegt.8

Das Buch erschien, nachdem mein Vater zehn Jahre auf der japanischen Hauptinsel gelebt und dort für die Verbreitung des Karate gewirkt hatte. Das Karate, das mein Vater von Okinawa mitgebracht hatte, war sehr spirituell und religiös. Leider ist das heutige Karate in diesem Punkt weit von dem entfernt, was mein Vater damals verbreiten wollte. Die spirituell-seelische Erziehung sollte der auf Selbstverteidigung orientierten kampftechnischen Ausbildung nutzen. Am Ende des Buches schrieb er: »Wenn Sie wirklich einmal in eine Situation kommen, in der dies nötig ist, dann werden Sie handeln können.«

Karate in gefährlichen Situationen

Ich machte in meinem Leben mehrfach die Erfahrung einer spontanen Reaktion des Körpers auf eine plötzliche Gefahr. Als ich 16 oder 17 war, fuhr ich mit einem Freund an den Shirahama-Strand in der Präfektur Wakayama. Wir wollten die Aussicht von Senjōjiki genießen. Ich stand mit dem Rücken zum Meer und war gerade dabei, den Gürtel meiner Badebekleidung straffzuziehen, als plötzlich eine riesige Woge über mich hereinbrach und mich gegen einen Felsen schleuderte. Mein Freund, der die Welle kommen gesehen hatte, war weggerannt. In dem Moment, als ich begriff, daß eine Welle mich verschlungen hatte und mein Körper ein Spielball des Wassers geworden war, krallte ich mich instinktiv an den Felsen, gegen den die Brandung mich geworfen hatte. Hätte mich die Welle wieder ins Meer gesogen, wäre ich wohl nicht mehr lebend herausgekommen. Nicht wenige haben auf diese Weise ihr Leben verloren.

Später, gegen Ende des Großen Ostasiatischen Krieges9 war ich auf der philippinischen Insel Cebu stationiert. Die amerikanischen Truppen waren bereits mit großer Angriffswucht gelandet. Deshalb mußten wir zusammen mit den hier lebenden Japanern ins zentrale Hochland der Insel flüchten. Wir konnten nur nachts marschieren, denn tagsüber kreisten amerikanische Hubschrauber über der Gegend. Wir marschierten also in absoluter Dunkelheit, eine Hand am Gürtel oder auf der Schulter des Vordermannes. Plötzlich rutschte ich ab und stürzte einen Abhang hinunter. Als ich wieder zu mir kam, saß ich vier oder fünf Meter tiefer und hielt meinen Tornister umklammert. Ich war erstaunlicherweise unverletzt. Ich sagte zu mir selbst: »Ist vielleicht nicht so gut, zurückzubleiben«, kletterte den Hang schnell wieder hinauf und schloß mich den anderen an. Auch damals dachte ich, wie gut es doch sei, Karate zu trainieren. Denn auch diesmal hatte mein Körper offensichtlich spontan auf die plötzliche Gefahr reagiert und es vollbracht, daß ich den tiefen Sturz unbeschadet überstand.

Auch in vielen anderen weniger dramatischen Situationen wurde mir zutiefst bewußt, daß ich ohne Karate vielleicht mein Leben verloren hätte oder zumindest schwer verletzt worden wäre. Vielleicht wird manch einer einwenden, daß ich das gewiß nur mit einem speziellen Training erreicht habe. Das stimmt aber nicht. Jeder, der Karate ernsthaft und kontinuierlich trainiert, kann das erreichen.

Karate als spirituelle Kampfkunst

Da Karate immer mehr als Wettkampfsport betrieben wird, hat die Zahl der Frauen, die Karate vor allem zur Selbstverteidigung trainieren wollen, stark abgenommen. Aber neben der Gesundheitsförderung ist die Selbstverteidigung das ursprüngliche Ziel und nach wie vor eine wichtige Funktion des Karate.

Als mein Vater an der Meijō-Mädchenschule Karate unterrichtete, entwickelte er eigens zwei Kata für die Selbstverteidigung von Mädchen, die Meijō, »heller Stern«, benannt nach der Schule, und die Aoyagi, »grüne Weide«, Ausdruck von Eleganz und Sanftheit. Diese Kata sind sehr auf den realen Kampf ausgerichtet. Sie enthalten Techniken gegen typische Angriffe, wie z. B. plötzliche Umklammerung von vorn oder hinten, oder auch Techniken, die die Energie des gegnerischen Angriffs nutzen. Aber solche kurzen, kampforientierten Kata sind für Wettkämpfe nicht besonders geeignet und deshalb heute leider nicht mehr so beliebt.

Vor kurzem las ich einen Artikel in der Zeitung Asahi Shimbun, in dem darüber berichtet wurde, daß ein Mittelschüler in Ōsaka, der in seinem Haus von einem Einbrecher mit einem Messer angegriffen wurde, dem Angriff auswich und so die Chance bekam, wegzurennen. Dem Reporter sagte er danach: »Als ich das Messer sah, reagierte mein Körper ganz spontan. Ohne mein Karate-Training wäre ich sicher vor Angst erstarrt.«

Um Karate zur Selbstverteidigung zu nutzen, reicht es nicht, die einzelnen Techniken zu erlernen. Man muß auch eine bestimmte seelische Energie, ki,10 entwickeln, um seine Fähigkeiten genau in dem Moment zu mobilisieren, in dem sie gebraucht werden, nämlich, wenn man einer plötzlichen Gefahr begegnet. Ohne diese Energie kann man die Techniken nicht einsetzen, wie oft man sie auch geübt haben mag. Deshalb ist die psychische Entwicklung so wichtig.

Unter den Kampfkünsten wird gerade das Karate als Kampfkunst der Seele (ki no Budō) bezeichnet. Natürlich ist das ki nicht nur im Karate wichtig. Auch im Jūdō, Kendō oder Iaidō wird die seelische Energie entwickelt. Denn damit bereinigt man jede Art seelischer Unruhe und erlangt die Fähigkeit, die gesamte psychische Kraft auf einen Punkt zu konzentrieren. Da Karate darauf zielt, seinen eigenen Körper mit leeren Händen zu verteidigen, ist flexible seelische Energie, mit der man auf plötzliche Gefahren spontan reagieren kann, das wichtigste.

Selbstverständlich hat auch die physische Kraft Einfluß auf die Entwicklung. Grundsätzlich kann man sagen, daß Menschen, denen es an körperlichem Selbstvertrauen fehlt, anfällig sind für psychische Schwäche. Karate-Training beansprucht den ganzen Körper. Deshalb können auch Menschen, die anfangs physisch schwach sind, rasch körperliches Selbstvertrauen gewinnen.

Die Atemtechniken im Karate

Wie schüchtern und körperlich schwach man auch gewesen sein mag: Wer Karate ernsthaft betreibt, regelmäßig übt, auch wenn es immer nur ein bißchen ist, wird schnell wahrnehmen, wie sich der Körper mit Energie füllt, wie sich vom Bauchgrund her ein Gefühl des Selbstbewußtseins entwickelt und wie auf natürliche Weise Ruhe im gesamten Körper einkehrt. Das ist das Besondere am Karate.

Besonders die Atemtechniken des Naha-te (kisoku hō) zeigen, wie das Karate die seelische Einheit fördert.11 Die Atmung ist für alle Kampfkünste wichtig. Aber das bewußte Training der Atmung ist spezifisch für das Karate. Das Atmen, vor allem das Einatmen (iki o suru) ist aufs engste verbunden mit dem Leben. Das japanische Wort für »leben« (iki-ru) soll sogar abgeleitet sein von dem Wort für Einatmen. Menschen können einen Monat ohne Essen überleben. Aber ohne zu atmen lebt man bekanntlich nicht allzu lange.

Wird man in einer gewalttätigen Auseinandersetzung nervös, hat man schon verloren. Solch eine Nervosität kommt von Puls- und Blutdruckstörungen, die wiederum von Störungen der Atmung hervorgerufen werden. Aus diesem Grund sind manche Menschen auch aufgeregt, wenn sie vor einer Menschenmenge stehen. Laufen die Dinge nicht so, wie man es sich vorgestellt hat, fühlt man sich meist niedergeschlagen, deprimiert. Ohne daß man es merkt, wird auch die Atmung kurz und flach und geht kaum tiefer als bis zum Hals. Im schlimmsten Fall atmet man sozusagen nur noch mit der Nasenspitze. Wird solch eine Atmung zur Gewohnheit, braucht man nicht zu erwarten, mit einem langen Leben gesegnet zu werden.

Um die Seele zu harmonisieren, muß man die Atmung harmonisieren. Durch eine Atmung, die tief in den Bauch hineingeht, ordnen sich die Energien im Unterbauch. Wenn dort alles »ruhig sitzt«, kann man sich Hoffnung auf ein langes Leben machen. Die Wirkung richtigen Atmens erhöht sich natürlich, je besser die Atemregeln verstanden und bewußt befolgt werden. Bekanntlich gibt es mehrere Atemlehren, wie z. B. im Yoga oder im Qi Gong, die ich auch studiert habe. In diesen Lehren gilt das Anhalten des Atems (taisoku) als schädlich. Nach der Atemlehre des Karate ist es aber sehr sinnvoll. Es stärkt das Herz und fördert die Flexibilität der Atmung. Ich bin schon über 80, habe aber keinerlei Probleme beim Treppensteigen und komme nie in Atemnot.

Der Zustand der vollkommenen inneren Ruhe

Beim Karate-Training entwickelt man sich physisch, kampftechnisch und psychisch. Da diese drei Aspekte der Ausbildung in den Kata miteinander verknüpft sind, entwickelt man sich mit dem Katatraining selbstverständlich auch in dieser dreifachen Hinsicht. Solch eine Entwicklung ist ein Vergnügen, und zwar eines, das niemals enden muß.

In der Edo-Zeit (17.-19. Jh.) wurden die Samurai des Fürstentums Nabeshima im heutigen Saga auf der Insel Kyūshū auf der Grundlage des Hagakure12 ausgebildet, eines berühmt gewordenen Moral- oder Verhaltenscodex. Das erste, was ein Samurai zu beherzigen hatte, bezog sich auf seine Einstellung zum Älterwerden. Diese erste Lehre besagte, daß das Üben niemals endet. Wie gut man auch sein mag, es gibt keinen Grund zum Dünkel. Wie hoch man auch in der Hierarchie steigen mag, das Lernen hat kein Ende. Ein wirklicher Meister folgt seinem Weg ohne Ende und versucht Tag für Tag, sein ganzes Leben lang, sich zu verbessern.13

Wer nur übt, um gegen andere zu gewinnen oder besser zu sein als andere, der übt sozusagen auch für andere. Das ist nicht der wahre Weg. Wenn man jedoch Freude daran empfindet, Karate für sich selbst zu meistern, wenn man gar nicht mehr damit aufhören kann, was auch immer die anderen dazu sagen mögen, dann kann man Karate als Weg ohne Ende erleben.

Über einen solchen Zustand der Versenkung, der vollkommenen Konzentration und inneren Ruhe, zanmai,14 hat mein Vater einmal folgende Zeile geschrieben: »Ich genieße es, wenn der Geist sich leert beim Rudern zur Insel des bu«.15

Im Japanischen gibt es das Wort gunshū, das in etwa bedeutet: »Lernen durch Geruch annehmen«. Dem liegt der Gedanke zugrunde, daß sich der Geruch eines Gegenstands auf die Person überträgt, die ständig mit ihm umgeht. Wenn man regelmäßig mit Holz arbeitet, nimmt man nach und nach dessen Geruch an. Was jemand immerfort tut und denkt, wird schließlich Teil von ihm selbst, prägt seinen Charakter und im übertragenen Sinne seinen »Geruch«. Wenn mein Vater als Polizist auf Okinawa die hier und da zurückgezogen lebenden Karate-Meister besuchte, oder wenn er an der Fischereischule Karate unterrichtete oder zu Karatevorführungen ging, nahm er mich immer mit und ließ mich auf seinem Schoß sitzen. Auf diese Weise habe ich zweifelsohne seinen »Geruch« angenommen.

Immer wieder sehe ich in der Erinnerung meinen Vater vor Augen, wie er mit seinen Kameraden im Licht einer nackten Glühbirne mit freiem Oberkörper trainierte, und wie sie einander dabei anfeuerten und die Welt ringsum vergaßen. Nachdem er nach Ōsaka gezogen war, wußte er nie, was der nächste Tag bringen würde. Trotzdem widmete er sich weiter ganz dem Studium des Karate, immer in Gemeinschaft mit einigen Freunden, denen er häufig auch Essen und Unterkunft bot. Seine Sorge galt auch der Pflege der tatami-Matten, die im Training schnell verschlissen. Kehrte einer seiner Schüler unversehrt aus dem Krieg zurück, war er darüber genauso glücklich, wie er es bei meiner Heimkehr aus dem Kriege war. Dieser Art ist der Geruch meines Vaters, der sich unauslöschlich an meinen Körper geheftet hat und den ich nie verlieren werde. Auch ich werde wie mein Vater den Weg des Karate gehen, der kein Ende kennt. Ich werde mein Leben lang üben, solange, wie mein Körper sich bewegt, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Ich weiß nicht, wie weit ich dabei komme, ich weiß nur, daß ich gehen werde, solange ich kann. Tag für Tag besser zu werden, immer weiter voranzukommen, nur das hat Sinn und bringt Freude. Das ist es, wodurch sich das Budō-Karate auszeichnet, welches ich verbreiten möchte und das der Gegenstand dieses Buches ist.

I

1 Entstehung und Entwicklung des Karate
1.1 Karate als Kampftechnik
Formen des waffenlosen Kampfes in alter Zeit

Von allen Völkern sind Formen des waffenlosen Kampfes überliefert, so daß man davon ausgehen kann, daß es sich hierbei um ein gemeinsames Erbe der Menschheit handelt. In der ältesten japanischen Schrift, dem Kojiki16 wird von einem Kräftemessen der Götter Takemigazuchi no kami und Takeminakata no kami am Inasa-Strand von Izumo berichtet. Die Annalen des Nihonshoki erwähnen einen Kampf zwischen Nomi no Sukune und Taima no Kehaya. Dieser Kampf zwischen Sukune und Kehaya gilt als Geburtsstunde des Sumō.17 Anders als im heutigen Sumō muß es ein Wettkampf auf Leben und Tod gewesen sein, der zwar waffenlos, aber ansonsten ohne Verbote geführt wurde. Denn Sukune brach Kehaya mit Tritten die Hüfte und trat ihn dann zu Tode.

Solche Techniken des waffenlosen Kampfes gab es seit alter Zeit überall auf der Welt. Selbst aus dem alten Indien wird berichtet, daß Buddha mit seinem jüngeren Bruder gekämpft haben soll, um als Sieger ein schönes Mädchen zur Frau nehmen zu können. Ich selbst habe in Indien Kämpfe gesehen, die dem Sumō ähneln. Auch in China gab es von alters her Kempō-Faustkampftechniken.18 In der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722-481 v. Chr.) hießen sie »Tapfere Faust« (kenyū) oder »Kampfkunst« (bugei), in der Zeit der Streitenden Reiche (475-221 v. Chr.) »Schlagtechnik« (gigeki) und in der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) einfach »Technik« (gikō) oder »Rundschlagen« (shubaku).

Der Shaolin-Faustkampf als Kampftechnik der Mönche

Das Shaolin-Kempō entstand im chinesischen Shaolinkloster, das im Jahr 495 (späte Wei-Zeit) von Kaiser Xiào Wén (471-499) für den aus Indien kommenden Zen-Meister Ba Tuo errichtet wurde. Es liegt in der Provinz Henan südlich vom Gelben Fluß (Huanghe) am Fuße des Songshan-Gebirges (japanisch: Sūzan) und wird deshalb auch Kloster Songshan Shaolin genannt. Das Shaolinkloster wurde berühmt durch den Aufenthalt von Bodhidharma19 (jpn. Daruma), der zum Begründer des Zen-Buddhismus in China wurde und die zazen-Meditation20 einführte. Er wurde deshalb auch – wahrscheinlich fälschlicherweise – als Gründer des Shaolintempels oder Ahnherr des Kempō bezeichnet.

In den chinesischen Klöstern gab es viele Kunstschätze und anderes Vermögen. Die Notwendigkeit, diese in dem ständig von Unruhen geplagten Land verteidigen zu müssen, hat dazu geführt, daß sich die Kampftechniken in China vorrangig in den Klöstern entwickelten. Unter dem Begriff Shaolin-Kempō sind Techniken zusammengefaßt, die aus dem Shaolinkloster bzw. aus der Region, in der es sich befand, stammen. Einige davon sind im Laufe der Zeit verlorengegangen, wie z. B. die Techniken »Durchschlagende Faust« (tsūhai ken), »Beseelte Faust« (shin i ken) oder »Kosmische Faust« (rikugō ken).

Im Shaolinkloster unterschied man zwischen Gebetsmönchen, die sich auf die religiösen Studien spezialisierten, und Kampfmönchen, die vor allem die Kriegskünste studierten. Die Kampfmönche wurden gleich bei ihrem Eintritt ins Kloster kahlgeschoren und als Mönche gekleidet. Ihre Zeit verbrachten sie in der Folge eher mit dem Training der Kampfkünste als mit dem Studium des Buddhismus. Als religiöse Übung praktiziertes japanisches Shaolin-Kempō gibt es erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde von Meister Sō Dōshin (1911-1980) begründet.

Seit der Ming-Zeit war das Shaolinkloster im übrigen weniger für seine Fausttechniken, als vielmehr für seine Stocktechniken, Kompō21 bzw. Bōjutsu, bekannt. Andererseits wurde auch ein Fukien-Kempō überliefert, das sich in den südchinesischen Provinzen Fukien und Kanton herausgebildet hat. Auch das Fukien-Kempō soll aus einem Shaolinkloster stammen. Dabei handelt es sich aber wohl nicht um das ursprüngliche Songshan-Shaolinkloster, sondern um ein später in der Provinz Fukien errichtetes Tochterkloster.

Das Shaolinkloster von Fukien existiert heute nicht mehr. Es ist auch nicht mehr genau feststellbar, wo es sich befand. Überreste, die auf ein solches Kloster hindeuten könnten, hat man an verschiedenen Stellen gefunden. Da das Songshan-Shaolinkloster nördlich des Yangtse-Flusses lag und sich das Fukien-Shaolinkloster südlich davon befand, spricht man auch von einem Nord-Shaolin und einem Süd-Shaolin bzw. von einem nördlichen und einem südlichen Kempō.

Wie auch in anderen Ländern gab es Zeiten, in denen die Staatsmacht bestimmte Religionen förderte und Zeiten, in denen sie sie unterdrückte. Das Shaolinkloster war davon nicht ausgenommen. Es erlebte sowohl Förderung und Prosperität, als auch Unterdrückung und Brandschatzung. Sicher gab es auch Mönche, die in beiden Klöstern praktizierten und andere, die in Zeiten der Verfolgung in anderen Klöstern Zuflucht fanden und ihr Wissen über die Kampftechniken weitergaben. Es ist auch anzunehmen, daß sie die Verbreitung und das Niveau von Kampftechniken im einfachen Volk beeinflußten. In China unterscheidet man zwischen dem Kempō der Mönche, dem »zum Haus gehörenden« oder Klosterkempō, und dem »nicht zum Haus gehörenden« oder Volkskempō. Repräsentativ für letzteres ist das Taijiquan.

So entstand das heutige chinesische Kempō aus verschiedenen Formen und Stilen des waffenlosen Kampfes, die einen langen Entwicklungsprozeß durchliefen und sich gegenseitig beeinflußten. Aber zweifellos waren es die beiden Shaolinklöster, die in ganz China den Heldenmut entfachten. Wie im japanischen Hieizan-Kloster im ausgehenden Mittelalter bewaffneten sich die Mönche und griffen in das weltliche Geschehen ein.

Ähnlich verhielt es sich in Japan mit Minamoto no Yoshitsune und Musashi Bō Benkei zum Ende der Heian-Zeit (794-1185). Yoshitsune, als Kind Ushiwaka-maru genannt, lebte im Kurama-Kloster im Norden der japanischen Hauptstadt. Er praktizierte dort buddhistische Geheimlehren (Mikkyō)22, begann aber vor allem auch, sich mit Kampftechniken zu beschäftigen. Der Überlieferung nach wurde er vom großen langnasigen Berggeist (Dai Tengu)23 von Kurama in den Kriegskünsten unterrichtet. Um sich abzuhärten, ging Yoshitsune jeden Tag den Weg aus den Kurama-Bergen ins Zentrum der Hauptstadt zu Fuß. Dabei traf er einmal auf der Brücke von Gojō auf Benkei und besiegte ihn.24 Diese Geschichte ist in Japan vor allem durch ein Kabuki-Stück25 gut bekannt.

Der Einfluß des chinesischen Kempō auf die japanischen und okinawanischen Kampftechniken

Nach alten Aufzeichnungen soll in der Edo-Zeit der Chinese Chin Gempin26 als erster das Kempō nach Japan gebracht haben. Es heißt, er habe Kempō im Songshan-Shaolinkloster gelernt und sei ein genialer Mensch gewesen, der im gesamten Wissen seiner Zeit bewandert war, d. h., nicht nur im Konfuzianismus, im Buddhismus und im Taoismus, sondern auch in der Kalligraphie und der Tuschemalerei, der Poesie, der Herstellung von Keramik, Süßigkeiten und Kräutermedizin und darüber hinaus auf dem Gebiet der Akupunktur und Moxibustion27. Nach seiner Ankunft in Nagasaki reiste er auf der Hauptinsel bis in die Region um das heutige Nagoya. Er soll dreimal vom Regenten Tokugawa Iemitsu empfangen worden sein und viele Fürsten getroffen haben, denen er seine Künste vermittelte. Der Kitō-Stil des japanischen Jūjutsu wurde von Fukuno Masakatsu Shichiroemon und Ibaragi Sensai entwickelt, nachdem sie von Chin Gempin unterrichtet worden waren.

Andere Stile hatten ebenfalls ihren Ursprung in China, so z. B. der bekannte Yōshin-Stil, der zu Beginn der Edo-Zeit in Nagasaki von dem Arzt Akiyama Shirōbei geschaffen wurde. Dieser beruhte auf Kempō-Studien, die der Mediziner während einer Chinareise betrieben hatte. Aus dem Tenshin-Shinyō-Stil, der aus dem Yōshin-Stil hervorgegangen war, sowie aus dem Kitō-Stil, entwickelte Kanō Jigorō später das Jūdō.

Daraus läßt sich allerdings nicht schließen, daß die ursprünglichen Stile des Jūjutsu direkt aus dem chinesischen Kempō stammen. Auch in Japan gab es seit alter Zeit Techniken des waffenlosen Kampfes. Der Takenouchi-Stil, der als der älteste im japanischen Jūjutsu gilt, hatte seinen Ursprung in Kurzschwerttechniken, die Takenouchi Hisamori angeblich in der Folge eines langen Gebets, in dem er den Geist des Berges Atago gebeten hatte, ihn zu einem Meister in den Kampfkünsten zu machen, von einem weißhaarigen Bergmönch vermittelt bekam. Dies ereignete sich einhundert Jahre vor dem Eintreffen von Chin Gempin (1587-1670), zu Beginn der Zeit der Feudalkriege im 16. Jahrhundert.

Selbstverständlich hat das chinesische Kempō das japanische Jūjutsu stark beeinflußt. Es war wohl nicht sein Ursprung, aber es nährte und förderte seine Entwicklung. Im Jūjutsu werden z. B. atemi, d. h., gegen bestimmte Körperteile gerichtete, lebensgefährliche K.-o.-Schläge, nicht eingesetzt und demzufolge auch kaum trainiert. Hingegen sind Würfe und Hebeltechniken sehr wichtig. Vor allem sollte das Jūjutsu den Kampf mit der Waffe unterstützen. Seit dem 12. Jahrhundert, der Kamakura-Zeit, als die Ära der Samurai begann, erlebte Japan eine Blütezeit der Schwerttechniken, so daß waffenlose Techniken nur eine sekundäre Rolle spielten.

Auch vom Karate wird oft behauptet, daß es seinen Ursprung im chinesischen Kempō habe. Wegen der technischen Ähnlichkeiten und der Bezeichnungen für die Kata ist das auch durchaus naheliegend. Aber es existieren darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen. Also kann man diese Hypothese auch nicht als bewiesen betrachten. Auf Okinawa gab es seit alter Zeit eine Form des Kempō, die man einfach »Hand« (jpn. te bzw. de) nannte. Dagegen bezeichnet man das chinesische Kempō als »Chinesische Hand«, Tōde.

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts war das Königreich Ryūkyū der Ming-Dynastie in China gegenüber tributpflichtig. Die Beziehungen zwischen den Ryūkyū-Inseln und China wurden in der Folge enger als die zwischen Japan und China. Bewohner der Ryūkyū-Inseln, die zu Studienzwecken oder als Gesandte China bereisten, wurden nicht nur durch die chinesische Kultur beeinflußt, sondern brachten auch Kenntnisse über die Kampfkünste in ihre Heimat. Natürlich kamen auch viele Chinesen vom Festland nach Okinawa und vermittelten den Insulanern ihr Wissen. Dabei spielten wahrscheinlich die Leibgarden der chinesischen Beamten, die als Gesandte – oder, um es mit einem modernen Wort auszudrücken, als Botschafter – nach Okinawa reisten, eine wichtige Rolle. In der Geschichte der Ryūkyū-Inseln gab es 23 solcher chinesischer Missionen, denen neben den Gesandten auch Wach- und anderes Begleitpersonal angehörte. Insgesamt waren es ca. 500 Chinesen, die auf diese Weise die Inseln bereisten. Schon wegen der Bedrohung durch Seeräuber mußten die Leibwächter zu der in den Kampfkünsten besonders geschulten militärischen Elite gehören. Während der Begrüßungsfeierlichkeiten für die Gesandtschaften aus China führten Leibwächter offenbar auch chinesische Kempō-Kata, sogenannte Tao, vor. Die Kata Wanshū und Kōsōkun des Shuri-te beispielsweise sollen nach den Leibwächtern benannt sein, durch die sie überliefert wurden.

Es gibt auch die Meinung, die Bezeichnung »Hand« (te) für die Ryūkyū-Techniken entspräche dem in Japan üblichen Sammelbegriff von den »18 Kampfkünsten« (Bugei jū happan).28 Denn ebenso wie die Samurai in Japan trainierten auch die Bushi29 auf den Ryūkyū-Inseln verschiedene spezielle Kampftechniken.

Die Herausbildung des originären okinawanischen Karate erfolgte insbesondere unter dem Einfluß von zwei Perioden des Waffenverbots auf der Insel. Nachdem es Fürst Oho (Shō) Hashi (1372-1439) gelungen war, das Land zu vereinigen, ließ König Oho (Shō) Shin (1465-1526) die lokale Oberschicht entwaffnen und zwang sie zur Ansiedlung in der Burgstadt Shuri. Er verbot das Tragen von Waffen, schuf eine Zentralgewalt und eine allgemeine Rechtsordnung.

Im Jahre 1609, nahezu anderthalb Jahrhunderte nach dem ersten Waffenverbot, eroberte der japanische Shimazu-Klan die Ryūkyū-Inseln. Diese Samurai hatten ihren Hauptsitz im Süden von Kyūshū, in der Region Satsuma. Erneut wurde allen Okinawanern das Tragen und der Besitz von Waffen verboten. Unter diesen Bedingungen mußte man sich bei der Entwicklung der te genannten Kampftechniken zwangsläufig auf den waffenlosen Kampf orientieren. So entstand unter dem Einfluß des chinesischen Kempō das Ryūkyū-Kempō, die Urform des heutigen Karate.

Wäre auch in Japan der Waffenbesitz verboten gewesen, hätten sich wahrscheinlich hier ebenfalls dem Karate ähnliche Formen des waffenlosen Kampfes entwickelt. Wären andererseits auf den Ryūkyū-Inseln Waffen erlaubt gewesen, hätten sich vermutlich dem japanischen Jūjutsu ähnliche Begleittechniken zum Schwertkampf herausgebildet. So aber entstand auf Okinawa eine einzigartig reine Form des waffenlosen Kampfes, über die mein Vater im Vorwort zu seinem 1934 erschienenen Buch »Angriffs- und Abwehrtechniken zur Selbstverteidigung im Karate Kempō«30 folgendes schrieb:

Am Südwestzipfel Japans gibt es eine Inselkette, die sich wie ein Tau (jpn. nawa) durchs offene Meer (jpn. oki) zieht. Deshalb heißt sie auch ›Tau im offenen Meer‹, also Okinawa. Seit alter Zeit sind diese Inseln berühmt als bewaffnetes Land ohne Waffen. Denn seine Waffen sind allein die Karate-Kampftechniken.

Karate als Grundlage aller Budō-Kampftechniken

Mein Vater pflegte zu sagen: »Karate ist der legitime Erbe der Bujutsu-Kampfkünste«.31 Ich denke, Karate ist tatsächlich die Grundlage aller Budō-Kampftechniken. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste besteht darin, daß der Kampf mit nichts als den eigenen Händen die primitivste, ursprünglichste Form des Kampfes darstellt. Darüber hinaus ist es gerechtfertigt zu sagen, daß die Waffen vom Stock über Schwert, Pfeil und Bogen und Gewehr, bis hin zur Rakete letztendlich nichts anderes sind als Verlängerungen der Hand.

Hat man keine Waffen oder verzichtet man auf ihren Einsatz, bleibt einem nichts, als mit den leeren Händen zu kämpfen. Wurde ein Samurai von einem Unbewaffneten zum Kampf herausgefordert, legte er ohne zu zögern seine Waffen zur Seite und stellte sich dem waffenlosen Kampf. Die Turniere der Heian- und Kamakura- Zeit begannen immer mit dem Bogenschießen. Danach folgten in kürzer werdenden Abständen Speer- und Schwertwettkämpfe. Wurden die Zweikämpfe zu hitzig, kam das Kommando: »Achtung! Auseinander!« Daraufhin wurden die Waffen abgelegt, und es begann der Kampf mit bloßen Händen.

Um den Kampf mit bloßen Händen zu unterstützen, nutzte man im übrigen grundsätzlich alle gerade verfügbaren geeigneten Dinge. Daraus entwickelten sich die verschiedenen Techniken zum Kampf mit Waffen. Im Unterschied zum Jūjutsu, welches ein technisches System zur Unterstützung von Schwert- und anderen Waffentechniken ist, hat das Karate zu seiner Unterstützung Waffentechniken integriert. So wurden auf den Ryūkyū-Inseln schon in alter Zeit verschiedene Alltagsgegenstände der Bauern und Fischer, unter anderem der Stock (bō), der Dreizack (sai), der Stock mit seitlichem Griff (tonfa) und der mehrgliedrige Stock (nunchaku) als Karate-Hilfsmittel eingesetzt.32

Der zweite Grund, Karate als Grundlage aller Budō-Kampftechniken zu bezeichnen, besteht darin, daß es im Karate keine verbotenen Schläge gibt. Schließlich besteht das Ziel ja darin, den Gegner tödlich zu verletzen und zwar nicht mit einer Waffe, sondern mit den bloßen Händen. Aus diesem Grund wird der gesamte Körper aufs äußerste für den Kampf vorbereitet, all seine Bestandteile und Funktionen werden dabei einbezogen. Während des Waffenverbots unter der Shimazu-Herrschaft wurde das aus alter Zeit stammende Wissen darüber, wie man ohne Waffen auf Leben und Tod kämpft, genau überliefert. Allerdings wurde das Wissen ausschließlich mündlich weitergegeben. Die Techniken waren in den Kata enthalten. Da man diese für sich allein übte, war es nicht notwendig, irgendwelche Schläge oder Tritte wegen ihrer Gefährlichkeit zu verbieten. Auf diese Weise ist Karate zu einer weltweit einzigartigen Kampfkunst geworden.

Dazu schrieb mein Vater im Jahre 1938 folgendes:

Wenn es Leute gibt, die glauben, man müsse, um mit der Zeit zu gehen, die Kata und das kumite des Karate in Sport verwandeln, sie unter dem Vorwand der Körperertüchtigung von ihrem Wesen als Bujutsu, als Kampfkunst ablösen, so muß man diesen Leuten sagen, daß sie offenbar nicht erkennen, daß sie damit den ersten Schritt machen zu einem unglaublich schwerwiegenden Fehler, nämlich zur Auflösung der Werte des Karate als Bujutsu, als Kampfkunst. Sicher muß man auch beim Kata- und kumite-Training die Bewegungen der Arme und Beine bis ins kleinste streng bewerten und korrigieren, aber vom Standpunkt der Kampfkunst aus gesehen. Physiologisch-rationale vorbereitende und unterstützende Übungen, die dazu dienen, die Funktionen des Bewegungsapparates und der inneren Organe zu optimieren, können in das Training einbezogen werden. Man darf aber nicht glauben, man könne den Kampfkunstgehalt des Kata- und des kumite-Trainings vervollkommnen, indem man beides in Sport oder Vergnügung verwandelt.

Mein Vater sah damit in gewisser Weise die heutige Form des Karate voraus und warnte vor dieser Entwicklung. Die Verwandlung des Karate in einen Wettkampfsport ist auch eines der großen Themen dieses Buches. Bevor ich mich dazu konkreter äußere, möchte ich noch etwas über die Geschichte des Karate sagen.

1.2 Das Karate von Okinawa
Das ursprüngliche Okinawa-te

Auf Okinawa entwickelten sich drei spezielle Stile des Karate, und zwar in Shuri, Naha und Tomari.33 Der Begriff Karate wurde in den Jahren 1911/1912 eingeführt, als das »Okinawa-Boxen« bzw. die »Okinawa-Hand« (Okinawa-te) zum Pflichtfach an den japanischen Mittelschulen wurde.

Man schrieb Karate zunächst mit den Zeichen für »Tang-China« (China in der Tang-Zeit) und »Hand«. Wie bereits erwähnt wurde, bezeichnete man die überlieferte heimische Kampfkunst auf Okinawa nur als »Hand« (te), das chinesische Kempō wurde hingegen tō-de genannt, also »tang-chinesische Hand«. Die lokalen Stile hießen entsprechend Shuri-, Naha- und Tomari-Stil bzw. Shuri-te, Naha-te und Tomari-te. Shuri-te ist die älteste dieser Stilrichtungen. Die aus Shuri stammende Kampfkunst ist die ursprüngliche okinawanische Technik des Kampfes mit der bloßen Hand, ein System von Kampftechniken, das sich, beeinflußt vom chinesischen Kempō, eigenständig entwickelt hat. Unter den alten Karatelehrern auf Okinawa war der stolze Spruch verbreitet: »Die einzig wahre Hand (te) ist das Shuri-te.«34 Der jüngste Stil ist das Naha-te. In diesem Stil sind die Formen des chinesischen Kempō am deutlichsten erhalten. Tomari-te liegt sowohl geographisch als auch technisch dazwischen.

Foto 1: Itosu Ankō (1831-1915), in der zweiten Reihe der zweite von links (mit weißem Schnurrbart). Dieses erst 2006 im Archiv von Kinjo Hiroshi (geb. 1919, 9. Dan, Präsident der Internationalen Ryūkyū Karatejutsu Forschungsgesellschaft) entdeckte Foto ist das erste bekannt gewordene Foto von Meister Itosu. Es entstand 1909 oder 1910, als Itosu Ankō seinen Unterricht an der Mittelschule der Präfektur Okinawa in Shuri aufgenommen hatte. Auf dem Gruppenbild sind außerdem der Schulleiter und weitere Lehrer sowie Kendō- und Jūdō-Studenten zu sehen.

Mein Vater erhielt im Alter von 13 Jahren durch Vermittlung eines Bekannten die Erlaubnis, in eine der großen Kampfkunstschulen einzutreten. Der Leiter dieser Schule war Itosu Ankō. Aus dem Kreis der Schüler von Meister Itosu stammen viele der bekannten Persönlichkeiten, die zur Herausbildung des modernen Karate beigetragen haben. Von Itosu wird berichtet, er habe entsprechend seiner allmorgendlichen Tagesplanung jeden Tag mehrere hundert Mal gegen um Holzpflöcke gewickelte feste Strohbündel (makiwara), die man auch als Bogenziele verwendet, eingeschlagen. Seine Fäuste waren so abgehärtet, daß sie schwarzen Steinen geglichen haben sollen. Meister Itosu soll einen sehr muskulösen Körper gehabt haben. Darüber gibt es verschiedene Anekdoten. Schlug man beispielsweise mit einem Rundholz gegen seine dicken Oberarme, dann prallte der Knüttel zurück, ohne daß Itosus Arme auch nur zuckten. Ein dickes Bambusrohr konnte er ohne Mühe mit einer Hand zerquetschen, und er war so stark, daß er sich an den Deckenbalken durch den Raum hangeln konnte.

Foto 2: Mabuni Kenwa (1889-1952).

Zu jener Zeit war Karate noch nicht so verbreitet wie heute, und die Trainingsräume (dōjō) waren meist recht einfach. Häufig wurde der eigene Garten zum dōjō, und es war üblich, im Freien zu trainieren. Als Kind sah ich meinem Vater oft beim Training zu. Im Garten, unter dem Licht einer nackten Glühbirne, schlug er mit freiem Oberkörper auf ein makiwara ein. Seine Muskeln stählte er mit Hilfe von Steingewichten.

Meister Itosus dōjō stand nicht jedem offen. Nur ein ausgewählter Kreis von Schülern wurde von ihm unterrichtet. Als mein Vater 19 war, erhielt er von Meister Itosu die Erlaubnis, auch bei Higaonna Kanryō (1853-1916), einem Meister des Naha-te, Unterricht zu nehmen. Dieser war als junger Mann in der chinesischen Provinz Fukien gewesen und hatte das dortige Kempō studiert. Nach seiner Heimkehr entwickelte er auf dieser Grundlage den Naha-Stil. Miyagi Chōjun, der spätere Begründer des Gōjū ryū, führte meinen Vater bei Higaonna Kanryō ein. Beide wurden Meisterschüler von Higaonna. Man nannte sie »Drachen und Tiger«, und beide sollte eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Außer dem Shuri-te und dem Naha-te studierte mein Vater auch den Tomari-te und andere Techniken des alten Ryūkyū-Budō. Von Meister Aragaki Seichō (1840-1920) lernte er Techniken mit dem bō, von Tawada Shinkatsu (1851-1920) Messertechniken und von Meister Soeishi Yoshiyuki spezielle Stocktechniken.


Foto 3: Higaonna (Higashionna) Kanryō (1853-1916). Er war der bedeutendste Vertreter des Naha-te.


Foto 4:Miyagi Chōjun (1888-1953). Schüler und Nachfolger Higaonnas, Gründer des Gōjū ryū.

Die Kata des Shuri-te

Karate ist eine Selbstverteidigungstechnik, die auf Okinawa seit dem 17. Jahrhundert, dem Anfang der Tokugawa-Ära, entwickelt und geheim überliefert wurde. Es diente dazu, sich mit bloßen Händen gegen mit Schwertern bewaffnete Gegner behaupten zu können. Das war, wie bereits erläutert wurde, vor allem während der Herrschaft der Satsuma-Fürsten wichtig, die den Okinawanern den Besitz von Waffen verboten hatten und jeden Widerstand unterdrückten. Die einzigen Waffen, die im Ryūkyū-Budō verwendet wurden, waren Ackergeräte.

Anders als bei den Schwerttechniken und beim Jūjutsu, welche von der Regierung in Edo und den Fürsten gefördert wurden, gab es zum Karate keine schriftliche Überlieferung. Die Meister des Karate formten die Techniken und Ideen, die auf ihren in gefährlichen Situationen erworbenen Erfahrungen beruhten, zu Kata, d. h., zu bestimmten Bewegungsabläufen, die sich allerdings von den Bewegungsmodellen anderer Kampfkünste unterschieden. Sie ähnelten den »Fausttanz« (genkotsu odori) genannten okinawanischen Tänzen. Während man sich den Gegner im Geiste vorstellte, führte man Schläge, Blöcke und Tritte als Abfolge von Angriffs- und Abwehrbewegungen aus. Das diente wahrscheinlich auch dazu, gegenüber den Behörden den wahren Charakter der Übungen zu verschleiern. Diese Kata sind die einzige Überlieferung des okinawanischen Karate. Indem der Schüler die Kata übt, eignet er sich Techniken und Geist des Karate an. Deshalb bedeutete früher die Aussage, daß jemand die »Hand«, te, erlernte, nichts anderes, als daß er die Kata übte. Die Kata wurden von den Lehrern entsprechend ihren eigenen Erfahrungen und ihren persönlichen Eigenheiten und Auffassungen arrangiert. Die Ishimine no Passai beispielsweise ist besonders für den Kampf mit kleinen Personen geeignet. Also kann man vermuten, daß Meister Ishimine selbst nicht klein war. Allein von der Kata Passai gibt es fünf Varianten, benannt nach Itosu, Matsumura, Matsumora, Tomari und Ishimine.

Im Gegensatz zu den großen Meistern Itosu und Higaonna vermittelten die meisten anderen Lehrer ihren Schülern oft nur eine einzige Kata. Unter den heute üblichen Kata des Itosu-Stils sind viele nach den Lehrmeistern oder den Herkunftsorten benannt, so z. B. die Kata Chatan Yara no Kōsōkun, Tomari no Passai, Matsumura no Passai oder Ishimine no Passai. Tomari ist ein Ortsname,35 Matsumura und Ishimine waren Lehrer. Chatan Yara no Kōsōkun bedeutet die Kata Kōsōkun (Kushanku), welche von Meister Yara aus dem Dorf Chatan stammt. Diese neuerdings auch in Wettkämpfen gern vorgetragene Kata ist im übrigen die repräsentative Kata des Shuri-te. In der von Yara überlieferten Form ist allerdings auch eine für das Naha-te sehr typische Technik, ein kreisförmiger Block (mawashi uke), enthalten. Als Wettkampfkata wurde sie jedoch erheblich umgestaltet. Die authentischen Kata des Shuri-te sind die Kata in der Form, wie Meister Itosu sie überliefert hat.

Die Jigen-Schwerttechnik und das Shuri-te

In jüngster Zeit gibt es Forschungen, die den Grundtypus der Karate-Kata in den Tao des chinesischen Kempō suchen. Sicher ist es möglich, hier Spuren zu finden, aber das Karate ist sowohl geistig als auch technisch etwas grundsätzlich anderes als das chinesische Kempō. Dies soll auf den folgenden Seiten erläutert werden.

Wie bereits erwähnt, entstammen die okinawanischen Techniken des Kampfes mit der bloßen Hand im wesentlichen zwei Hauptströmungen, dem Shuri-te und dem Naha-te. Das Shuri-te wurde als Geheimlehre innerhalb des Adels von Shuri weitergegeben und schließlich durch Matsumura Sōkon (1800-1896), dem unvergleichlichen Meister der Faust, vervollkommnet. Sein Lehrer war Sakugawa Shungo (1733-1815). Dieser war in Shuri als großer Könner auf dem Gebiet der Kampfkünste bekannt. Er hatte das chinesische Kempō, das Tōde, in China studiert und dem Adel in Shuri vermittelt. Deshalb nannte man ihn auch Tōde-Sakugawa. Er hatte sich den nördlichen Stil aus Peking angeeignet, der für manche auch als Urtyp des Shuri-te gilt. Matsumura wurde im Alter von 20 Jahren auf Befehl des Ryūkyū-Hofes nach Satsuma geschickt. Hier studierte er die Jigen-Schwerttechnik und erlangte darin den höchsten Meistergrad, den man als unyō (»Flammenwolke«) bezeichnete. Mit 27 Jahren kehrte er auf Okinawa zurück, aber schon bald hatte er Gelegenheit, Meister Sakugawa auf einer Reise mit dem Tributschiff nach China zu begleiten. So konnte er in Peking das nordchinesische Kempō studieren.

Im Jigen ryū gibt es keine obere, mittlere und untere Schwertposition. Es gibt nur eine einzige, hassō genannte Stellung. Die Arme werden dabei hochgehoben, als wolle man in den Himmel stechen. Dann schnellt man mit einem bis ins Mark gehenden kiai36 einen Schritt nach vorn oder man geht nach unten und läßt das tachi-Schwert heruntersausen.

Die Philosophie der Jigen-Schwerttechnik besteht darin, immer das kommende Geschehen zu beherrschen und die innere Einstellung anzustreben, stets mit dem ersten Schlag zu siegen. Kondō Isamu von der shinsen gumi37 erinnerte sich, daß man nichts mehr fürchtete als diese Technik und daß die Soldaten immer wieder ermahnt wurden, jenem ersten Hieb der Satsuma-Leute auszuweichen. Im Feldzug zum Sturz der Tokugawa-Regierung im Jahre 1868, aber auch während der Samurai-Rebellion von 1877 verschafften sich die Satsuma-Samurai mit diesem gefürchteten ersten Schwerthieb wirkungsvoll Respekt. Die Leichen ihrer Gegner waren für gewöhnlich mit einem »Schärpenhieb« von der Schulter bis zum Bauchnabel durchtrennt. Bei einigen war sogar das Stichblatt des eigenen Schwertes in die Mitte der Stirn gedrückt. Sie hatten ihr Schwert zur Abwehr gehoben, aber die Wucht und die Schnelligkeit des niedersausenden Satsuma-Schwertes weit unterschätzt, so daß das abwehrende Schwert in den eigenen Schädel geschlagen wurde.

Die Jigen-Schwerttechnik zielte auf eine besonders hohe Geschwindigkeit des Schwerteinschlags beim Gegner ab. Über die höchste Vollendung dieser Technik, die »Flammenwolke«, hieß es im »Handbuch über die soldatischen Techniken des Jigen ryū« wie folgt: »Ein Achtel einer Minute ist ein byō. Ein Zehntel von einem byō ist ein shi. Ein Zehntel von einem shi ist ein kotsu. Ein Zehntel von einem kotsu ist ein kō. Ein Zehntel von einem kō ist ein rin. Wenn man bis zu einem rin gekommen ist, dann hat man die Flammenwolke (unyō) erreicht.«

Von den Meistern des Jigen-Stils hieß es, sie hätten einen Regenwasserschwall, der vom Dach strömt, dreimal durchtrennt, bevor er auf der Erde auftraf. Um die Konzentration zu trainieren, die ein solcher Hochgeschwindigkeits-Schlag erforderte, gab es im Jigen-Stil eine spezielle Trainingsmethode, die man »einen stehenden Baum schlagen« (tachi ki uchi) nannte. Partnerübungen wie in anderen Schulen gab es nicht. Man schnitt einfach ein yusu genanntes Holz auf die richtige Länge, ergriff es wie ein Schwert und schlug dann mit einem lauten kiai diagonal von links nach rechts auf einen großen Holzklotz ein. Angeregt durch diese Methode, dachte sich Meister Matsumura die im traditionellen Karate übliche Trainingsmethode des Einschlagens auf mit Stroh umwickeltes Holz (makiwara zuki) aus, wie sie dann beispielsweise durch seinen Schüler Itosu Ankō praktiziert wurde.38

Von Meister Nakayama Hiromichi (1869-1958), den man auch den »Musashi (Musashi Bō Benkei oder nur Benkei) der Shōwa-Zeit« oder den »letzten Heiligen des Schwertes« nannte, stammen die folgenden Worte: »Karate macht die bloße Hand zum Schwert. Und das ist mehr als nur eine Metapher. Die Karate-Faust ist ein Schwert.«

In historischen Dramen sieht man die Kämpfer meist munter aufeinander einschlagen. Japaner nennen dies chanbara.39 Aber ein solcher Schlagabtausch ist nur möglich, wenn, wie beim Kendō, zwei mit Kopf- und Körperschutz bekleidete Trainingspartner, immer auf die richtige Distanz achtend, die Schläge aufeinander einprasseln lassen. Im Kampf mit dem wirklichen Schwert entscheidet der Moment des Schwertziehens über Sieg oder Niederlage, und der erste Schlag entscheidet über Leben oder Tod. Einen zweiten gibt es nicht. Auch wenn der erste Schlag nicht mit der Wucht der Jigen-Technik geführt wird, ist er tödlich.

Die Tatsache, daß Meister Matsumura die Jigen-Schwerttechnik, den »Hausstil« der Samurai aus Satsuma, perfekt beherrschte, sollte einen entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung des Shuri-te ausüben. Jene Samurai, die Okinawa seit 1609 besetzt hielten, waren es schließlich, die jedem, der auf Okinawa die Kampfkunst mit bloßer Hand lernte, beim Training als Gegner »vorschwebten«. Ohne Zweifel war es Matsumura Sōkon, der Vollender des Shuri-te, der Karate nach dem Grundsatz gestaltete, den Gegner mit dem ersten Schlag oder Tritt zu töten.

Das Shuri-te hat diese Idee des »tödlichen ersten Schlags« uneingeschränkt übernommen. Im chinesischen Kempō dagegen gibt es diese Idee nicht. Hier gilt die Regel »Hände und Beine suchen« (tanshu tantai). Der Kampf beginnt damit, daß die Gegner sich gegenseitig auf ihre technischen Fähigkeiten hin »abtasten«, einander studieren. Man beginnt mit hohen kamae (Haltungen), verringert schrittweise die Distanz und geht über zu niedrigen kamae, und nach einem Schlagabtausch zieht man sich wieder zurück. Dann nähert man sich einander wieder, und es kommt zu einem erneuten Schlagabtausch. So entwickelt sich ein relativ spektakulärer oder theatralischer Kampf. Das ist aber nur deshalb möglich, weil hier die bloße Hand nicht zum Schwert geworden ist.

Karate hingegen ist eine Kampfkunst, die entwickelt wurde, um sich gegen einen Gegner zu verteidigen, von dem man annehmen mußte, daß er, im Jigen-Stil geschult, den ersten Schlag wie eine »Flammenwolke« ausführen konnte. Also wurde es zur lebensentscheidenden Frage, den ersten Schwerthieb des Gegners richtig zu beurteilen und mit der eigenen Faust tödlich treffen zu können. Aus diesen Gründen ist es gerechtfertigt zu sagen, daß die Meister Matsumura und Itosu das Shuri-te unter dem Einfluß der japanischen Schwertkunst, vor allem der Jigen-Schwerttechnik, zur Vollendung gebracht haben.

Mit einer geraden Linie einen Kreis beschreiben

Im chinesischen Kempō ist die Grundlage der Bewegung der Kreis. Auch im Boxen und Kickboxen werden die Schläge und Tritte mit kreisförmigen Bewegungen ausgeführt. Im Karate der Nachkriegszeit sind unter dem starkem Einfluß dieser Techniken die Bewegungen ebenfalls kreisförmig geworden.

Vor einiger Zeit zeigte mir ein Schüler ein Buch von Aragaki Kiyoshi mit dem Titel »Die Essenz des okinawanischen Budō-Karate«. Der Autor hatte zuvor in der Monatszeitschrift Karatedō im Rahmen der Artikelserie Karate sankoku shi Schriften aus dem Nachlaß meines Vaters herausgegeben. Sein Buch war für mich sehr lehrreich. Er schreibt: »Die Essenz des japanischen Budō liegt darin, mit einer geraden Linie einen Kreis zu beschreiben.« Dieser Satz hat mich sehr bewegt. Was ich mit dem ganzen Körper wahrnehme, hat er sehr treffend in Worte gefaßt. Im Iaidō40 kann man sehr gut erkennen, daß die Arme sich geradlinig nach vorn bewegen, während das Schwert aus der oberen Position mit einer kreisförmigen Bewegung nach unten schneidet. Eine gerade Linie beschreibt also einen Kreis. Auch die Geschwindigkeit, mit der das Schwert im Jigen ryū als »Flammenwolke« aufschlägt, kann mit einer kreisförmigen Bewegung allein nicht erreicht werden. Nach Meister Aragaki wird die aus der kreisförmigen Bewegung gewonnene maximale Energie mit der geraden Linie über die kürzestmögliche Distanz übertragen. Diese Technik des japanischen Budō repräsentiert das höchste Niveau der Körperbeherrschung.


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Fotos 5-7:Das Ausführen des Fauststoßes. Die Faust ist neben die Hüfte eingezogen (5). Sie dreht sich aus dieser eingezogenen Position heraus (6), und es erfolgt ein Stoß in gerader Linie (7).

Nicht das Abhärten der Fäuste, ihre Verwandlung in Waffen, macht den Unterschied zum chinesischen Kempō aus, sondern die Körperbeherrschung im Moment des Stoßens oder Tretens. Alle Techniken schließen den ganzen Körper ein. Betrachten wir die Stoßbewegung der Faust im Karate, so wird anders als beim geraden Schlag im Boxen der Schlag in einer vollständig geraden Linie geführt, indem sich die Faust aus der zurückgezogenen Position (hikite) herausdreht (Fotos 5-7). Auch die Tritte des Karate beschreiben im Gegensatz zum chinesischen Kempō oder zum Kickboxen keine großen Kreise. Der Tritt geht gerade ins Ziel. Dazu wird das Bein nach innen eingewinkelt nach oben geschwungen und auf diese Weise Energie aus der Kreisbewegung gewonnen. Dann wird ein geradliniger Stoß mit dem Fuß ausgeführt (siehe Fotos 8-10).


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Fotos 8-10: Ausführung eines Fußtritts. Einnehmen derGrundstellung oder Bereitschaftshaltung (kamae) (8). Das Bein wird angewinkelt nach oben geschwungen (9). Der Tritt oder Fußstoß erfolgt in gerader Linie (10).

In den traditionellen Karate-Kata gibt es keine Halbkreisfußtritte (mawashi geri). Es gibt auch keine Tritte in der oberen Ebene (jōdan geri). Allerdings gibt es Sprungtritte (tobi geri), die jedoch nur als finale Fall- oder Selbstopferungstechnik (sutemi) zum Einsatz kommen. Tritte, die eine große Ellipse beschreiben, beeinträchtigen die Stabilität und legen die eigenen Schwachstellen bloß. Zudem sind sie für den Kampf mit einem Schwert-Gegner nicht schnell genug, und sie sind nicht für einen tödlichen ersten Tritt geeignet. Außerdem kann man Tritte häufig nicht wirksam gegen einen physisch stärkeren Gegner einsetzen.

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Foto 11: Mabuni Kenwa und sein Sohn Kenei bei der Übung des »Fallenden Baumes« (tōboku hō).

Es gibt eine für das japanische Budō spezielle Übung, die man »Fallender Baum« (tōboku hō) oder »zu Boden fallen« (tōchi hō) nennt. In dem oben erwähnten Buch »Die Essenz des okinawanischen Budō-Karate« von Meister Aragaki ist ein Foto abgebildet, das mich als Kind bei einer solchen Übung zeigt. Es stammt aus dem Buch meines Vaters von 1938 »Einführung in die Angriffs- und Abwehrtechniken im Karate«. Es zeigt, wie mein Vater mich stützt bzw. auffängt. Bei dieser Übung gewinnt der Körper seine Geschwindigkeit gleich einem fallenden Baum. Man bringt der Schwerkraft dabei keinerlei Widerstand entgegen. Dieses dem japanischen Budō eigentümliche Prinzip bezeichnet Aragaki als Gipfel menschlicher Körperbeherrschung. Mir persönlich gefällt die Formulierung, unter der die Technik im Itosu-Stil bekannt ist, am besten, auch wenn sie vielleicht nicht sehr wissenschaftlich ist. Man nennt sie hier »Kraft von der Erde leihen«.

Alle Anfänger im Itosu ryū beginnen ihre Studien mit den Kata des Shuri-te. Die Technik »Kraft von der Erde leihen« gehört zu den Übungen des ursprünglichen Okinawa-te, also zu den Grundlagen des Shuri-te. Der natürliche Fall wird durch die Kraft der Erde bewirkt. Ob man stößt oder tritt, immer wirkt diese Kraft, und man kann sie sich dabei zunutze machen. In allen Kata des Shuri-te wird das Prinzip des fallenden Baumes angewendet. Ob dieses Prinzip auch im heutigen Karate genutzt wird, ist eine Frage, zu der ich mich an anderer Stelle äußern möchte, wenn es um die Entwicklung des Karate zum Wettkampfsport geht.

Die Entwicklung des Naha-te

Das Naha-te soll seinen Ursprung im Dorf Kume haben. Kume wurde von Chinesen gegründet, die 1393, während der Ming-Dynastie, aus der chinesischen Provinz Fukien auf die Ryūkyū-Inseln gekommen waren.41 Unter ihren Nachkommen waren viele im Handel mit China tätig. Sie brachten Kempō-Kenntnisse aus ihrer chinesischen Heimat mit, die sie offenbar auch den Adligen von Kume vermittelten. Wahrscheinlich handelte es sich aber schon nicht mehr um reines chinesisches Kempō, sondern um eine vom Shuri-te beeinflußte und den auf Ryūkyū herrschenden Verhältnissen angepaßte Kampfkunst. Aragaki Seishō (1840-1920) aus Kume, der den Namen »Aragaki, die Katze« erhalten hatte, war ein großer Meister der Kampfkünste. Sowohl mein Vater, als auch Funakoshi Gichin und Miyagi Chōjun hatten bei ihm Unterricht. Er praktizierte nicht nur Karate, sondern auch bō-Techniken.

Higaonna Kanryō (1853-1916) hat ebenfalls bei Meister Aragaki Karate gelernt. Higaonna stammte aus einer Familie von Feuerholzhändlern aus Naha. Er muß sich durch besonderes Talent zum Kämpfen ausgezeichnet haben, da Aragaki ihn trotz seiner einfachen Herkunft Kempō lehrte, das eigentlich den Adligen aus Kume vorbehalten war. Er begab sich danach für 15 Jahre nach Fukien, studierte das dortige Kempō und entwickelte nach seiner Rückkehr das Naha-te. Deshalb ist das Naha-te jünger als das Shuri-te und der chinesische Einfluß noch stärker. Mein Vater sagte über das Karate von Higaonna: »Meister Higaonna war in China und hat dort das Fukien-Kempō studiert. Sein Unterricht ist anders als der heute sonst allgemein übliche.«

Während für das Shuri-te der Kampf auf Distanz charakteristisch ist, da man von einem Gegner mit Schwert ausgeht, ist das auf dem südchinesischen Kempō beruhende Naha-te auf den Nahkampf orientiert.

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Foto 13

Fotos 12 und 13: Die hängende, auf- oder angelegte Hand (kake-te). Foto 12 zeigt die Technik des kake-te, wie sie im Shuri-te eingesetzt wurde, und Foto 13 zeigt dieselbe Technik bei ihrem Einsatz im Naha-te.

Es gibt keine Stöße und Tritte wie im Distanzkampf. Natürlich ist auch das Naha-te nicht reines chinesisches Kempō, sondern vom Shuri-te beeinflußt und weitgehend an die Bedingungen Okinawas angepaßt, aber seine Besonderheit sind die im chinesischen Kempō »Explosivkraft« (hakkei) oder »Kraft des Moments« (sunkei) genannten Techniken. Im Naha-te werden sie zuerst anhand der Basis-Kata Sanchin (»drei Phasen«) und Tenshō (»Handfläche drehen«) trainiert.

Im Naha-te gibt es eine Übung, die im Shuri-te nicht existiert. Bei dieser kontrahiert man mit einer besonderen Atemtechnik die gesamte Muskulatur des Körpers. Anfänger üben, indem sie langsam ein- und langsam ausatmen, dabei langsam die Faust in die Hüfte ziehen (hikite) und langsam nach vorn den Stoß ausführen. In Kampfsituationen erfolgen Stöße und Blöcke natürlich schneller.

Der oben genannte Ausdruck »Kraft des Augenblicks« (sunkei), d. h., explosive Kraft, bezeichnet die Harmonie von Atmung und Aktion, um die inneren Energien zu akkumulieren, die gesamte Körpermuskulatur in einem Augenblick zu kontrahieren und dann explosionsartig loszulassen. Gewöhnlich spricht man dabei von ki oder omoi.

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Foto 14: Analyse des kake te im Shuri-te: Die Hand blockt und greift.

In den modernen Kata lassen sich die Unterschiede zwischen dem Shuri-te und dem Naha-te kaum noch erkennen. Die ursprünglichen Stile unterscheiden sich aber deutlich voneinander. Das betrifft nicht nur die Prinzipien der Stöße und Tritte, sondern auch die konkreten Techniken. Als Beispiel soll hier die Blocktechnik der aufgelegten Hand, kake-te, dienen (siehe Fotos 12-15). Diese Technik existiert sowohl im Shuri-te als auch im Naha-te, aber die Anwendung unterscheidet sich. Im Shuri-te als Distanzkampf wird der vorstoßende Arm des Gegners auf Distanz abgefangen, und das Auflegen erfolgt mit einer greifenden und ziehenden Bewegung (Fotos 12 und 14). Im nahkampforientierten Naha-te dagegen ist die Distanz zum Gegner reduziert, und sein Angriff wird mit der hochgestellten Hand abgelenkt (Fotos 13 und 15).

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Foto 15: Analyse des kake te im Naha-te: Die Hand blockt und leitet den Angriff ab.

Der Ursprung des Tomari-te

Das früheste Tomari-te wurde nach der mündlichen Überlieferung »von einem Pilger, den man Anan42 nannte, von der chinesischen Provinz Shandong auf die Ryūkyū-Inseln gebracht«. Mehr weiß man darüber nicht. Als Ahnherr des neuzeitlichen Tomari-te gilt Matsumora Kōsaku (1829-1898). Er soll unter den Lehrern Teruya Kise (1804-1868) und Uku Karyū (1800-1850) gelernt haben, die ihrerseits Schüler des oben genannten Anan waren. Im Itosu-Karate gibt es viele Kata aus dem Tomari-te, die nach Matsumora benannt sind. Mehrheitlich sind diese dem Shuri-te nahe, gelegentlich aber auch dem Naha-te.

Shitō-Karate als Erbe des Okinawa-te

Das moderne Karate auf den japanischen Hauptinseln umfaßt vier große Strömungen: Shōtōkan ryū, Gōjū ryū, Wadō ryū und Shitō ryū. Der Shōtōkan-Stil beinhaltet einen Teil des Shuri-te. Der Gōjū-Stil beruht ausschließlich auf dem Naha-te. Der Wadō-Stil enthält darüber hinaus auch einen Teil des Shuri-te, allerdings als Jūjutsu arrangiert. Die einzige Richtung, die alle Stile des Okinawa-te enthält, ist das Shitō-Karate.

Auf Okinawa gibt es heute hingegen drei Hauptströmungen: Shōrin ryū, hervorgegangen aus dem Shuri-te, Gōjū ryū, entstanden auf Grundlage des Naha-te, und Uechi ryū, ein Stil, der das südchinesische Kempō repräsentiert. In letzterem sind die Grundmuster des chinesischen Kempō noch stärker präsent als im Naha-te. Meister Uechi Kanbun (1877-1948) entwickelte den nach ihm benannten Stil nach seiner Heimkehr von einem Studienaufenthalt in der Provinz Fukien. Meister Uechi ging Anfang der 20er Jahre auf die Hauptinseln und eröffnete in der Präfektur Wakayama einen Verein, in dem sein Stil trainiert wurde. Als mein Vater ebenfalls auf die Hauptinseln und in dieselbe Präfektur zog, kam es zu einem regen Austausch mit Uechi Kanbun, dem er freundschaftlich verbunden war. So wurden auch einige der Kata des Uechi-Stils in das Repertoire des Shitō ryū aufgenommen. Auf der Grundlage von Techniken, die Uechi Kanbun meinem Vater in Wakayama zeigte, entwickelte dieser die Kata Shimpā. Da diese Kata unvollständig geblieben war, habe ich sie nach dem Tod meines Vaters vervollständigt.

Foto 16: Uechi Kanbun (1877-1948)

Uechi Kanbuns Sohn und Nachfolger, Meister Uechi Kanei (1911-1991), wohnte in Ōsaka, in der Nähe des Bezirks Nishinari. Ich erinnere mich, daß ich kurz nach meiner Ankunft in Ōsaka einen Okinawa-Heimatverein in Nishinari besuchte, in dessen Räumlichkeiten regelmäßig unter seiner Leitung trainiert wurde.

2 Shitō-Karate – die Lehren des Mabuni Kenwa
2.1 »Gefangen« in der Welt des Budō
Das Streben nach einem gesunden Körper

Vor einiger Zeit weilte ich als Trainingsleiter in Indien. Eines Tages kam einer meiner dortigen Studenten zu mir und berichtete voller Freude, sein Sohn, der schon seit dem sechsten Lebensjahr trainiere, habe nun den schwarzen Gürtel bekommen. Ich freute mich auch darüber und wir kamen ins Gespräch. Dabei fragte er mich, wann ich denn mit dem Karate begonnen hätte. Ich antwortete lachend, ich hätte wohl schon im Mutterleib treten geübt. Und das war genaugenommen mehr als nur ein Scherz. Denn dort, wo ich im Mutterleib war, war auch immer mein Vater irgendwo in unmittelbarer Nähe und trainierte mit wilder Energie sein Karate. Das hat mich wohl schon vor der Geburt erzogen. Ich wurde buchstäblich in eine Karate-Welt hineingeboren und wuchs in ihr auf. Nachdem mein Vater im Jahre 1952 mit nur 63 Jahren verstorben war, trainierte ich vier Stunden täglich ohne Unterbrechung, und auch heute ist Karate eigentlich alles, woran ich denken und worüber ich nachdenken kann.

Mein Vater wurde 1889 in der Stadt Shuri in der Präfektur Okinawa geboren. Einer seiner Vorfahren war Ōshiro Kenyū, ein Feudalherr (daimyō) im alten Ryūkyū-Königreich, der wegen seiner Tapferkeit berühmt war und »Ōshiro der Dämon« genannt wurde. Er gehörte zum Sippenverband der Ka (Ka Uji). Auf Okinawa hat jeder ein Zeichen in seinem Namen, das die Sippenzugehörigkeit signalisiert. Für die Mitglieder der Ka-Sippe ist es das Zeichen mit der Bedeutung »klug« und der Lesung »ken«. Die Familie Mabuni ist die Hauptfamilie des Verbandes, dessen legitimer Erbe in der 18. Generation ich bin. Da ich als Familienvorstand in Ōsaka lebe, haben die Familien der Ka-Sippe einen Verein gebildet, der sich um die Pflege des Sippenschreins kümmert.

Mein Vater war in seiner Kindheit extrem schwach. Die Familie machte sich deshalb große Sorgen. Bei jeder Gelegenheit erzählten sie ihm deshalb die Geschichten von seinem tapferen Vorfahren. Offenbar haben diese Erzählungen meinen Vater damals sehr beeindruckt, denn schon als kleines Kind soll er den Entschluß gefaßt haben, nach einem gesunden und starken Körper zu streben.

Ein Leben frei von Habsucht

Nach Abschluß der Mittelschule absolvierte mein Vater seinen Wehrdienst. Danach wurde er Polizist. Aber mehr als jeder andere engagierte er sich für sein geliebtes Karate-Training. Oft erzählte mein Vater, wie sehr ihm das Karate bei der Arbeit, bei der Festnahme von Verbrechern oder in anderen Situationen geholfen habe.

Um von seinem Karatelehrer angenommen zu werden, mußte er einflußreiche Bürgen vorweisen und nach mehrfacher Prüfung seines Entschlusses vor dem buddhistischen Altar Räucherstäbchen entzünden, lange starr davor sitzen und einen Schwur leisten, seine Fähigkeiten in den Kampfkünsten nie zu mißbrauchen. Damals konnte man noch nicht frei seinen Lehrer wählen und einfach in einen Karateverein eintreten. Man könnte sagen, daß zu jener Zeit gewissermaßen das Karate sich die Leute aussuchte, von denen es studiert werden wollte.

Da mein Vater als Polizist viel herumkam, boten sich ihm auch häufig Gelegenheiten, andere Arten des Budō kennenzulernen. So konnte er von Experten, die irgendwo in den Dörfern lebten, nicht nur Shuri-te oder Naha-te, sondern auch andere, lokale Karatearten und alte Kata lernen.

Mein Vater war ein charaktervoller Mann. Er war großzügig, kam gut mit den Leuten zurecht und war allgemein beliebt. Er war ohne Habgier und selbstlos. Oft half er Leuten, die in Schwierigkeiten waren, und hin und wieder geriet er deshalb später selbst in Not. Seine Großzügigkeit scheint er von seinem eigenen Vater geerbt zu haben. Nach der Abschaffung der feudalen Domänen und der Einführung der Präfekturverwaltung zu Beginn der Meiji-Ära, Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, wurde die Familie Mabuni in ihrem Adelsstand in der neuen Ordnung bestätigt. Mein Großvater erhielt von der Regierung eine finanzielle Entschädigung, mit der er ein Süßwarengeschäft gründete. Aber dieser Laden ging bald bankrott, weil, wie man scherzhaft sagte, mein Großvater die Süßigkeiten allzu großherzig an all seine Freunde verschenkt hatte.

Mein Vater hatte keine besonderen Talente. Auch mochte er weder das Go- noch das Schachspiel, und er interessierte sich nicht für Wetten. Seit seinen mittleren Lebensjahren trank er keinen Alkohol mehr. Aber er mochte Zigaretten. Seine Lieblingsmarke war Golden Bat.43 Da kurz nach dem Krieg alles rationiert war, waren auch Genußmittel knapp, und man bekam natürlich kaum Zigaretten. Wenn mein Vater gelegentlich welche bekam, teilte er sie mit seinen Schülern und reichte seine Schachtel herum, selbst wenn für ihn am Ende keine mehr übrig blieb. Auf Geld und Dinge war mein Vater wirklich nicht begierig.

Das einzige wonach er gierig war, war Budō. Wahrscheinlich trieb ihn auch die unbewußte Sorge, daß unter dem Ansturm der Wellen der Modernisierung auch das Okinawa-te verschwinden könnte. Überall auf Okinawa studierte er die überlieferten Techniken. Mittlerweile gibt es viele Persönlichkeiten, die den Beitrag meines Vaters zur Bewahrung des traditionellen okinawanischen Kulturgutes anerkennen und hochschätzen. Es ist sehr bedauerlich, daß heute bereits 70 Prozent der Kata, die mein Vater studiert hatte, sogar auf Okinawa verlorengegangen sind.

Kanō Jigorōs Lob

Die Leidenschaft meines Vaters für das Karate ließ nicht einen Tag nach. 1918, im Jahre meiner Geburt, gründete er in seiner Wohnung eine »Karate-Studiengesellschaft«. Mein Vater war damals 29. Den ganzen Tag lang herrschte in unserem Haus ein Kommen und Gehen von Leuten, die etwas mit Karate zu tun hatten. Schon als kleines Kind, seit ich einigermaßen verstehen konnte, worum es ging, saß ich immer an der Seite und sah dem Unterricht meines Vaters zu. Ich erinnere mich noch gut daran, daß mich oft Besucher Kata nachahmen ließen und ich als Belohnung von ihnen Süßigkeiten bekam. Wenn mein Vater an Schulen unterrichtete oder zu Budō-Vorführungen ging, nahm er mich meistens mit. Wie der »Novize vor dem Tempeltor« die heiligen Bücher kennenlernt, ohne sie studiert zu haben, so lernte ich Karate, ohne es zu trainieren.

Foto 17:Kanō Jigorō (1860-1938).

Mein Vater schied schließlich aus dem Polizeidienst aus und wurde 1924 Karate-Lehrer an der Fischereischule von Okinawa, am Lehrerseminar und an der Polizeischule. Im darauffolgenden Jahr gründete er den »Okinawa Karate Studienclub«, und er eröffnete sein erstes dōjō und begann mit der Ausbildung von eigenen Schülern. Das dōjō lag gleich hinter unserem Haus und war aufs beste mit allen für Okinawa typischen Trainings-Gerätschaften ausgestattet. Außer meinem Vater unterrichteten hier u. a. Miyagi Chōjun, Kyoda Jūhatsu, Motobu Chōyū, Hanashiro Chōmo, Ōshiro Chōjo, Chibana Chōshin und Go Kenki, der ein Meister des chinesischen Kempō war. Hier war wirklich die Elite des modernen Karate versammelt.

Im Jahre 1921 besuchten die Prinzen Kuninomiya und Kachōnomiya Okinawa und im Jahre 1925 Prinz Chichibunomiya. Sie gaben meinem Vater und seinen Kollegen die Ehre, sich deren Karatevorführungen anzusehen. Eines Tages im Jahre 1927, mein Vater und andere Lehrer waren gerade dabei, den Trainingsplan zu besprechen, erschien Kanō Jigorō (1860-1938), der Begründer des Jūdō, um zur Eröffnungsfeier des »Vereins der okinawanischen Jūdō-Danträger« einzuladen. Bei dieser Gelegenheit führten Miyagi Chōjun und mein Vater Karate vor und gaben einige Erläuterungen dazu. Meister Kanō war davon sehr beeindruckt und sagte: »Eine universale Kampfkunst, geeignet für Angriff und Verteidigung. Ein so ideales Budō muß im ganzen Land verbreitet werden.«

Funakoshi Gichin lernte Kata von meinem Vater

Bereits fünf Jahre zuvor, 1922, hatte Kanō während des Besuchs der in Tokio vom Kultusministerium veranstalteten »1. Ausstellung über die Ausbildung in den alten Kampfkünsten« eine Karatevorführung gesehen und hegte seitdem ein sehr starkes Interesse für Karate. Diese Vorführung hatte Meister Funakoshi Gichin (1869-1957) gemacht, der später als der »Vater des modernen Karate« bezeichnet wurde und dessen Kampfkunst damals auf den japanischen Hauptinseln als repräsentativ für das okinawanische Karate galt. Er blieb später in Tokio und begann, an der Verbreitung des Karate zu wirken. Dies geschah in einem Umfeld, das durch starke Vorbehalte geprägt war. Außerdem mußte Funakoshi damals in sehr ärmlichen Verhältnissen leben. Was ihn trotz aller Widrigkeiten in Tokio hielt, war Meister Kanō. Dieser herausragende Kampfkunstexperte besaß den Weitblick und das Gespür dafür, daß im Karate das Potential steckte, über seine lokale Bedeutung als Okinawa-Budō hinauszuwachsen und zu einer allgemeinen Kampfkunst zu werden.

Nachdem nun fünf Jahre später Meister Kanō durch die Vorführungen Meister Miyagis und meines Vaters auf Okinawa, im Zentrum der Kultur des Karate mit dessen Hauptströmung in Berührung gekommen war, war er natürlich noch tiefer beeindruckt. Das lag nicht zuletzt daran, daß Meister Funakoshi zu jener Zeit nur einige der Kata des Shuri-te gekannt hatte.

Um seine Kenntnisse zu erweitern, entsandte Funakoshi Gichin seinen Sohn Gigō44 nach Okinawa zu meinem Vater, damit er weitere Kata bei diesem erlernte. Meister Funakoshi Gigō war Karatelehrer an den Universitäten Takushoku und Waseda. Mein Vater hatte zwar schon einen bedeutenden Namen in der Welt des Budō, war aber um die 20 Jahre jünger als Meister Funakoshi. Deshalb fühlte er sich offenbar sehr geehrt und dankbar, daß dieser – über seinen Sohn – von ihm Unterricht angenommen hatte. Später war er auch immer sehr streng gegen Schüler, die an den Kata des Shōtōkan-Stils von Meister Funakoshi herumkritisierten. Über den Besuch von Meister Funakoshi Gigō hat mein Vater mir nie etwas erzählt. Erst nach seinem Tode erfuhr ich davon aus dem Munde meiner Mutter.

Foto 18: Funakoshi (Yoshitaka) Gigō (1906-1945) beim Training am makiwara.

Auf Drängen von Meister Kanō trat mein Vater von seinen verschiedenen Lehrämtern zurück und reiste allein auf die japanischen Hauptinseln. Das war im Jahre 1929, und er war zu jener Zeit 41 Jahre alt. Nachdem er eine Zeitlang bei Landsleuten in der Präfektur Wakayama gewohnt hatte, ließ er sich im südwestlichen Stadtteil Nishinari von Ōsaka nieder. Daß er Ōsaka und nicht Tokio wählte, hing sicher mit seinem Respekt und seiner Rücksichtnahme gegenüber seinem Landsmann und älteren Kollegen, Meister Funakoshi, zusammen, der das Karate in der Kantō-Region zu verbreiten suchte. In Ōsaka verstand man damals noch gar nichts vom Karate. Wenn die Leute Katavorführungen sahen, dachten sie, das seien irgendwelche »Kampftänze«. Erst als man anfing, Ziegel und Bretterstapel zu zertrümmern, verstanden die Leute, welche Kraft in den Karate-Fäusten steckte. Eine der damals üblichen Vorführungen war auch das Zerschlagen von Bierflaschen. Das konnte man zwar nicht den Assistenten überlassen und man brauchte etwas Geschick, aber es war eine relativ leichte Übung. Man durfte die Flasche nur nicht zu sehr fixieren. Wenn man sie halb mit Wasser füllte, flog der Flaschenhals in dem Moment effektvoll ab, in welchem die Handkante auftraf.

Foto 19: Sitzend in der Mitte Mabuni Kenwa. Stehend von links nach rechts: Funakoshi Gichin (1869-1957), Nakasone Genwa (1895-1978) Koautor des 1938 entstandenen Buches von Mabuni Kenwa), unbekannt, Konishi Yasuhiro (1893-1983), Mabuni Kenei. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 1930.

In der Öffentlichkeit gab es damals viele kritische Äußerungen zum Karate, denn man befürchtete, daß Leute, die Karate trainierten, ihre Fähigkeiten für Schlägereien mißbrauchen und andere verletzen könnten. Außerdem gab es Stimmen, die davor warnten, Polizisten im Karate zu unterrichten, da sie z. B. bei Verhaftungen von Straftätern Karate einsetzen und zu unangemessener Gewaltanwendung verleitet werden könnten. In dieser Atmosphäre war es schwer, Karate zu verbreiten. In gewisser Weise war es eine Vorbereitungsphase dafür, die sich allerdings recht lange hinzog.

Ich war gerade in den Sommerferien nach der 6. Klasse der Grundschule, als endlich der Ruf unseres Vaters aus Ōsaka kam: »Kommt alle hierher!« Später, als ich ins wehrdienstfähige Alter gekommen war, entschied sich die ganzen Familie für die behördliche Registrierung am neuen Wohnort. Denn wäre ich weiterhin auf Okinawa gemeldet gewesen, wäre ich unbequemerweise nach Kyūshū einberufen worden.

In Ōsaka fing ich auch an, aus eigenem Willen Karate zu trainieren. Damals war ich 13, genau so alt wie mein Vater, als er unter Meister Itosu mit dem Training begonnen hatte. Und ich muß betonen, daß mein Vater mich nicht ein einziges Mal auch nur im mindesten zum Karate gezwungen hat.

Die Entstehung des Shitō ryū

Nachdem mein Vater in Ōsaka ein dōjō eröffnet und das Schild mit der Aufschrift Yōshūkan45 angebracht hatte, kam zunächst erst einmal niemand, und das Leben war ziemlich hart. Der erste Schüler kam vom Jūdō-Verein der Kansai-Universität. Er hieß Sawayama Masaru (1907-1977) und wurde später der Begründer des japanischen Kempō (Nihon-Kempō).

In dem sechs tatami 46 großen Raum wurde Tag und Nacht trainiert, und bald waren die tatami kaputt und wurden notdürftig mit Schilfmatten abgedeckt. Der Fußboden wurde zwar bald mit Holzbrettern ausgelegt, aber noch immer war man wenig bekannt, und so kamen nur zwei bis drei Leute regelmäßig, halb Schüler, halb Nutznießer. Schließlich kamen doch einige Schüler, Studenten der Kansai-Universität, ein Rechtsanwalt und der Inhaber des Reisladens aus der Nachbarschaft, der stets etwas Reis mitbrachte. – So konnte man einigermaßen überleben.

Das damalige Training unterschied sich vom heutigen allerdings erheblich. Tagein, tagaus übte man die gleiche Kata, bis der Meister sagte: »Gut so!« (yoshi). Die Kata wurden nicht wie heute bis in alle Einzelheiten erklärt. Wenn ein Schüler bei einer Technik um Hilfe bat, sagte der Meister nur: »Na los, greif an!« und ließ ihn frei stoßen oder treten und blockte dann oder wich aus. Dazu hieß es dann nur: »Na, hast du nun verstanden?!« Techniken, die nur Sekundenbruchteile dauerten, übte man nicht nur ein, zwei Mal, man wiederholte die körperliche Erfahrung so oft, bis man die Technik auf körperlicher Ebene wirklich begriffen hatte und sie in Fleisch und Blut übergegangen war.

Nachdem mein Vater auf die Hauptinsel gezogen war, hatte er auch regelmäßigen Kontakt mit erstrangigen Meistern der Kampfkünste jener Zeit wie Konishi Yasuhiro (1893-1983, Begründer des Karate Shindō Shizen ryū, siehe Foto auf S. 57), Ōtsuka Hironori (1892-1982, Begründer des Wadō ryū) oder Fujita Seiko (1899-1966, 14. Großmeister des Kōga-Ninjutsu). Sie gaben sich dabei gegenseitig viele Anregungen zur Entwicklung ihrer Stile und brachten vorbehaltlos ihre eigenen Kata als Studienmaterial ein.

Nachdem ich die Mittelschule verlassen hatte, schickte mein Vater mich für ein Jahr nach Tokio zu Meister Konishi Yasuhiro. Während ich dort beim Karatetraining assistierte, lernte ich Jūdō-Einrenktechniken47. Denn mein Vater machte sich Sorgen, daß ich womöglich vom Karate allein nicht leben könnte.

In Japan galt Karate im Vergleich zu Kendō oder Jūdō anfangs als relativ barbarische und minderwertige Kampftechnik. Der »Tempel« des Budō war damals der Dai Nihon Butoku Kai (Großjapanischer Verband für Kampfkünste). Daß Karate in diesem Verein gleich dem Jūdō eine eigenständige Stellung gewann, war vor allem den Meistern Kanō und Konishi zu verdanken. Letzterer setzte die Bemühungen von Meister Kanō mit großem Engagement fort. So kam es 1938 zur ersten Karatevorführung bei einer Butoku-Kai-Veranstaltung. 1939 wurde der von meinem Vater geschaffene Shitō-Stil offiziell bei der Butoku-Kai-Zentrale registriert. Im selben Jahr verlieh der Butoku Kai meinem Vater auch den Titel eines Karate-Großmeisters (karate jutsu renshi). Das Shitō-Karate bildete von nun an unter der Bezeichnung Shitō Ryū Kempō Karatedō eine eigene offizielle Strömung des Karate. Außerdem wurde der Dai Nihon Karate Kai (Großjapanischer Karateverband) gegründet. Nun konnte sich das Karate in klar bestimmten Bahnen entwickeln.

Auf den Spuren meines Vaters

Nachdem ich ein halbes Leben an der Seite meines Vaters mit Karate verbracht hatte, wurde ich im Januar 1940 zum 8. Ōsaka-Regiment einberufen. Einige Zeit diente ich im Stab in Ōsaka, dann auf Taiwan und schließlich auf der philippinischen Insel Cebu, wo ich das Kriegsende erwartete. Dort kam ich in ein Kriegsgefangenenlager und kehrte im Dezember 1945 wieder nach Japan zurück.

In jenen Jahren leitete mein Vater die Karateausbildung an der Kansai-Universität, an der Kansai-Gakuin-Universität und an der Tōyō-Universität. Die jungen Leute, mit denen er dort seinen Schweiß vergoß, halfen nach dem Krieg wesentlich mit beim Aufbau und bei der Entwicklung der Japanischen Karateföderation. Als ich heimkehrte, unterrichtete mein Vater an fast allen Universitäten der Region. Ich unterstützte ihn als Ausbilder und kam so an seiner Seite viel herum. Neben den genannten Bildungseinrichtungen lehrte ich auch an der staatlichen Ōsaka-Universität, der Städtischen, der Technischen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Universität von Ōsaka, außerdem an der Universität Kōbe sowie an der Kōbe-Fremdsprachenuniversität.

In den folgenden sieben Jahren, vom Kriegsende bis zum Tod meines Vaters im Jahre 1952, trainierte ich Karate in größter Nähe zu meinem Vater. Ich lernte von ihm viele Techniken und viele psychologische Dinge, die ich genau genommen erst später allmählich begriff. Das soll nicht bedeuten, daß ich damals nur durch Nachahmung gelernt habe. Manches braucht eben einfach seine Zeit.

Oft wird gefragt, worin denn das Wesen des Karate liege, das die früheren Generationen gelehrt haben. Als meinem Vater einst die Frage gestellt wurde, ob es so etwas wie einen Wesenskern des Karate gebe, antwortete er vor seinen Schülern ohne Zögern, daß es so etwas nicht gebe. Und er fügte hinzu: »In gewisser Weise kann man sagen, das alles zu seinem Wesenskern wird.« Und er sagte auch: »Die Techniken sind unendlich!« 48 Dieser Satz ist wahrscheinlich der Kern seiner Lehre.

Nachdem ich die Rolle meines Vaters als Oberhaupt des Shitō-Karate übernommen habe, habe ich viel studiert und einige Techniken verändert und manchmal auch die Frage gehört, ob das »nicht ganz anders als früher« sei. Dem ist jedoch nicht so. Auch das Karate meines Vaters änderte sich in den verschiedenen Phasen seines Lebens, von der Vorkriegszeit über die Nachkriegszeit bis in seine späten Lebensjahre. Die Menschen entwickeln sich nun einmal während ihres Lebens. Und das gleiche trifft auf das Karate zu.

Die Ziele meines Vaters

Ich habe bereits ausgeführt, daß es auf Okinawa den Begriff Karate nicht gab und daß die verschiedenen Kampftechniken dort Hand (ti, jpn. te) genannt wurden. Auch habe ich schon darauf verwiesen, daß aufgrund der Herrschaft der Satsuma-Samurai über die Ryūkyū-Inseln keine Aufzeichnungen über die verschiedenen Techniken und psychologischen Mittel der Schwertabwehr überliefert wurden. Unter dem Begriff Karate wurden die te, die verschiedenen lokalen okinawanischen Techniken des Kampfes mit der bloßen Hand, zusammengefaßt. Die entsprechenden physischen und mentalen Techniken wurden geordnet, in ein dem Kendō und Jūdō vergleichbares System gebracht und zu einem großen Ideal vereint. Jedoch blieben Meister Funakoshi und auch mein Vater die Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Karate schuldig, da sie ihr gemeinsames großes Ziel noch nicht erreicht hatten, als sie von uns gingen.

Meister Funakoshi hatte aus den Zeilen des Sutra Hannya Shingyō »Die Farbe ist die Leere, die Leere ist die Farbe« das Schriftzeichen für die Silben kara entnommen und so das Wort kara-te festgelegt.49 Welche konkrete Bedeutung er diesem Wort damit gegeben hat, ist aber bis heute unklar. Mein Vater hatte für die Benennung seines Stils Shitō die Anfangszeichen der Namen seiner beiden wichtigsten Lehrer, Itosu und Higaonna, den Meistern des Shuri-te und des Naha-te, verwendet und damit auch den Charakter seines Stils inhaltlich klar definiert. Das Shitō ryū sollte eine authentische Überlieferung der Kata dieser beiden Stilrichtungen, der Hauptquellen des Karate, gewährleisten. Mein Vater hat die beiden Richtungen tatsächlich aufs gründlichste studiert. Das machte ihn auch so einzigartig. Er, der den Ehrennamen »Mabuni, der Techniker« trug, war unter den Kampfkunstexperten seiner Zeit als die Koryphäe auf dem Gebiet der Beherrschung der Kata anerkannt.

Meister Funakoshi hatte, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, vermittelt durch seinen Sohn, Meister Gigō, etliche Kata von meinem Vater gelernt. Meister Funakoshi pflegte zu sagen: »Wenn es um Kata geht, fragt Mabuni.« Auch Meister Ōtsuka, der Begründer des Wadō ryū, und Meister Konishi, der Begründer des Shindō Shizen ryū, hatten Kata bei meinem Vater gelernt. Im Nachwort zum oben erwähnten Buch meines Vaters50 hat sich Meister Funakoshi zu den Leistungen meines Vaters deutlich geäußert:

Erinnerung an die Zeit vor zehn Jahren. Von Funakoshi Gichin.

Mabuni Kenwa und ich sind engste Freunde. Mabuni ist ein für unsere Zeit außergewöhnlicher Erforscher des Karate und er ist auf diesem Gebiet einer der besten zeitgenössischen Experten. Als wir noch auf Okinawa lebten, versammelten wir Gleichgesinnte um uns, Mabuni in Shuri und ich in Naha. Überall gründeten wir Vereine, förderten gegenseitig unsere Schüler und waren dabei so rastlos, daß wir zu essen und zu schlafen vergaßen. Wir stärkten unsere Körper zu jener Zeit buchstäblich mehr durch das Training des Karate als durch Essen und Schlafen.

Unser Ruf verbreitete sich auf der Insel, und immer mehr Leute wollten sich uns anschließen. Tag und Nacht ging man bei uns ein und aus, um etwas mitzuteilen oder zu fragen.

Mabuni erwies sich als warmherziger und charakterfester Kamerad. Die früheren Richtungskämpfe kümmerten ihn nicht mehr im geringsten. Auch die Altershierarchie war ihm nicht wichtig. Wenn er etwas nicht wußte, bat er auch Jüngere um Erklärung. Wenn er etwas Neues gelernt hatte, behielt er sein Wissen nicht für sich. Bei der nächsten Gelegenheit zeigte er es anderen und brachte es ein in das gemeinsame Studium.

Er ist für Offenheit und hat sich von der früher auf diesem Gebiet üblichen Geheimniskrämerei völlig gelöst. Über lange Zeit hat er sehr viel Material gesammelt, und er kennt sich in allen heutigen Arten des Faustkampfes aus. Es gibt sicher niemanden, der ihm in dieser Hinsicht gleichkommt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß er in diesem Punkt der Größte ist.

Er initiierte gemeinsame Treffen von Praktikern des Shuri-te und des Naha-te, stellte sich dabei auch der öffentlichen Kritik, verbesserte, was zu bemängeln war, und trat für gemeinsames Lernen und gemeinsame Entwicklung ein. Das brachte ihm von allen Seiten Bewunderung und Wertschätzung ein. Es gab niemanden, der irgend etwas zu kritisieren hatte.

Wie ich vor kurzem erfahren habe, ist er ist nach Ōsaka gezogen und hat dort Beziehungen geknüpft, so z. B. zur Kansai-Universität. Er leitet viele junge Menschen an und zeigt seine Entschlossenheit, sich ganz in den Dienst der Sache, unseres Landes und unserer Gesellschaft zu stellen. Glücklicherweise hat sein Engagement in jüngster Zeit endlich gebührende Anerkennung gefunden. Jetzt ist er auch in der Kansai-Region bekannt und wird dort respektiert. Deshalb sollten wir künftig noch enger zusammenarbeiten und miteinander in Verbindung bleiben, um unsere Aufgaben zu verwirklichen und unsere Ziele zu erreichen.

Diese Erinnerungen habe ich zu Papier gebracht, weil mich Meister Mabuni für sein Buch um einige Gedanken gebeten hat.

Als mein Vater den Shitō-Stil schuf, bezweckte er damit sicher nicht eine Aufspaltung in sich voneinander entfernende Stilrichtungen. Wie Meister Funakoshi in Tokio feststellte, strebte mein Vater die Schaffung eines Karate als japanischen Weg des Kampfes (Nihon Budō) an und war sich darin mit ihm vollkommen einig.

Shitō-Karate ist Budō-Karate

Mein Vater wollte deutlich machen, daß die technische Substanz und die Ideen des Shitō ryū in der Familie Mabuni weitergegeben werden. Deshalb benutzte er als Symbol für den Shitō-Stil einfach das Familienwappen der Mabuni. Nach der Erklärung meines Vaters bedeutet der äußere Ring die Harmonie (wa). Die beiden vertikalen parallelen Linien im Inneren des Kreises und die von ihnen waagerecht nach außen abgehenden Linien stehen für das Shuri-te von Meister Itosu und das Naha-te von Meister Higaonna. Das Wappen symbolisiert folglich die Harmonie zwischen beiden Richtungen.

Foto 20: Das Wappen der Familie Mabuni.

Shuri-te und Naha-te standen natürlich stellvertretend für alle te, also für alle okinawanischen Techniken des Kampfes mit der bloßen Hand. Denn mein Vater strebte von Anfang an nach einem Karate, das alle diese Techniken vereinte. Indem er dem Familienwappen so einen neuen Sinn verlieh, schuf er ein Symbol für das von ihm angestrebte Karate. Dieses war nicht nur eine oberflächliche Vermischung, sondern eine tiefgehende Fusion der beiden Richtungen.

Im Ausland bin ich oft gefragt worden, welche geistige Bedeutung das Wappen habe. Ich habe daraufhin viel über die höhere Bedeutung des Shitō-ryū-Symbols nachgesonnen. In anderen Ländern haben Wappen und Symbole immer irgendeine höhere Bedeutung. In Europa findet man z. B. oft Schwerter oder Löwen in den Wappen.51 Meine Vater hat zwar technische Bedeutungen vermittelt, aber er hat keine Lehren über den geistigen Sinn hinterlassen. D. h., er hat die technischen Aspekte des Shitō ryū systematisiert, aber nicht die geistigen. Dafür war ihm einfach nicht die Zeit geblieben. Meiner Ansicht nach können die parallelen vertikalen Linien im Kreis auch als einander gegenüberstehende Menschen gedeutet werden, der Kreis als Erdball. So könnte man zwei Menschen sehen, die gut ausbalanciert die Erdkugel stützen. Für die Wahrung der Harmonie muß genau der richtige Abstand gewahrt sein und es darf keine einseitige Bewegung nach rechts oder links geben. Das steht dafür, daß jeder Mensch ein Gefühl für das Gleichgewicht und die Harmonie mit anderen Menschen haben sollte. Eines Tages erwiderte ich, als mir während eines Karatelehrgangs wieder jemand diese Frage stellte, spontan und ohne zu zögern, daß das Wappen die »Harmonie zwischen den Menschen (wa)« symbolisiere und in diesem Sinne ein Symbol des Friedens sei. Und ich denke, das ist eine gute Interpretation. So habe ich der technischen Erklärung des Wappens noch eine geistige hinzugefügt. Ich glaube, mein Vater hätte diese Interpretation unseres Familienwappens gutgeheißen. Denn in seinem Buch aus dem Jahre 1934 hatte er geschrieben: »Das Wesen der Kampfkunst liegt im Gleichmaß (hei), ihr letztes Ziel ist die Harmonie (wa).« Beide Zeichen, verbunden zum Wort heiwa, bedeuten Frieden.

Beim 3. Treffen des Shitō-Karate im Jahr 2000 wurde auf meinen Wunsch im Informationsmaterial diese Erklärung des Wappens auf Japanisch und Englisch veröffentlicht. Damit wurde die von den Ideen der »Erneuerung des Karate« und des »Weltfriedens« bestimmte Bedeutung des Shitō-Symbols auch international bekannt gemacht.

Ich will mich jetzt noch einmal der Frage zuwenden, welche Art von Karate mein Vater anstrebte und was das Shitō ryū charakterisiert. Shitō-Karate ist Budō-Karate, ein Weg des Kampfes. Das entspricht genau der obenstehenden Formulierung meines Vaters über das Wesen der Kampfkunst. Das Karate wurde als Budō, als Weg des Kampfes, geschaffen, nicht als Freizeit- oder Wettkampfsport.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
366 str. 111 ilustracji
ISBN:
9783938305232
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