Czytaj książkę: «Geisel des Piraten»

Czcionka:

Keira Andrews

Geisel des Piraten

Aus dem Englischen von Julie Werner

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© Keira Andrews

Originaltitel: Kidnapped by the pirate, 2017

Übersetzung: Julie Werner

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© freya-photographer – Shutterstock.com

© fergregory – Stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-480-3

ISBN 978-3-96089-481-0 (epub)

Anmerkung der Autorin

Ich bin Alicia, Anara, Becky, Mary, Leta Blake, Davina Jamison und Robert Winter für ihre Hilfe beim Schreiben dieses Romans so dankbar. Vielen Dank auch an die Sprachpathologin Elizabeth J. für ihre unschätzbare Hilfe.

Obwohl ich in meinen Büchern immer nach Genauigkeit strebe – historisch und auch sonst – nehme ich mir manchmal etwas kreative Freiheit heraus. So bin ich mir sicher, dass auch ihr wisst, dass Primrose Isle rein fiktiv ist.

Inhalt:

Wird ein jungfräulicher Gefangener der sündhaften Berührung dieses Piraten widerstehen können?

Nathaniel Bainbridge ist daran gewöhnt, sich zu verstellen – sei es in Bezug auf seine Schwierigkeiten beim Lesen oder im Hinblick auf sein verbotenes Verlangen nach Männern. Unter dem Druck und der Knute seines ihn kontrollierenden Vaters, des Gouverneurs von Primrose Isle, segelt er in Richtung der gerade gegründeten Kolonie. Dort soll er zugunsten des Familienvermögens eine anständige Heirat eingehen. Dann schlagen die Piraten zu und er wird vom Sea Hawk, einem legendären Schurken der Neuen Welt, entführt, um Lösegeld zu erpressen.

Verbittert und erschöpft hegt Hawk den aussichtslosen Traum, die See zugunsten eines zurückgezogenen Lebens zu verlassen, aber Männer wie er verdienen keinen Frieden. Er hat mit Nathaniels Vater, eben dem Mann, dessen Betrug ihn in die Piraterie gezwungen hat, noch eine Rechnung offen, und er ist überzeugt davon, dass Nathaniel genauso verachtenswert ist wie sein Vater. Dennoch: Während die Tage auf engstem Raum vergehen, wirken Nathaniels lebhaftes Temperament und seine verlockende Unschuld bezaubernd und verführerisch. Obwohl Hawk weiß, dass er Distanz wahren muss, wächst das Verlangen danach, Nathaniel beizubringen, welche Lust Männer miteinander teilen können. Es ist allerdings auch nicht so, dass Hawk nur Lust für ihn empfinden würde …

Widmung

Ich bin in den 80ern mit dem Lesen von Bodice Rippern (in Deutschland Nackenbeißer oder auch Miederreißer genannt) aufgewachsen, und dieses Buch ist meine liebevolle Hommage an die herrlichen Geschichten von Piraten, Jungfrauen und an die Verwegenheit auf hoher See.

Kapitel Eins

1710

Wenn Piraten das blutige, wilde Ende von Nathaniel Bainbridge sein sollten, dann hoffte er darauf, dass sie ihn wenigstens schnell erledigten.

Unter seinen nackten Füßen war das windumtoste Deck feucht und erinnerte ihn an das taubenetzte Gras zu Hause. Was würde er nicht alles für die Freiheit geben, über die Felder von Hollington zu laufen, mit dem Wind in seinen Ohren, der das gleichmäßige Schlagen seines Herzens übertönte, und dabei die Welt hinter sich zurückzulassen.

Stattdessen war er umgeben von der endlosen, unruhigen See, die ihn in ihrer Wildheit zu verspotten schien. In England hatte er unzählige Geschichten von niederträchtigen Seeräubern und ihren heimtückischen Taten gehört. Die Menschen sprachen von dem Ozean, als ob es dort von Piraten nur so wimmelte, aber bis jetzt hatte die Reise Meile um Meile aus… Nichts bestanden.

Nathaniel schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit. Natürlich wünschte er sich nicht tatsächlich, dass Piraten ihr Schiff angriffen und sie massakrierten. Wenn er sich nur bewegen könnte, würde es ihm gelingen, die Langeweile in Schach zu halten.

Er umfasste die Reling und sehnte sich dabei nach Schmutz unter seinen Fingernägeln, nach Kratzern an seinen Händen, die er sich von der Baumrinde zuzog, während er kletterte und erkundete, und nach wunderbar schmerzenden Muskeln von stundenlangem Schwimmen im See. Könnte er doch nur eine Meile weit laufen. Kaum eine Entfernung, aber gefangen auf diesem Schiff kam ihm so viel freies Land wie ein Wunder vor.

Er wischte sich die Gischt aus den Augen. Wenn doch nur die Fähigkeit, schnell zu laufen und zu schwimmen in seiner Welt irgendetwas zählte, statt als kindische Torheit betrachtet zu werden, der er längst hätte entwachsen sein sollen. Männer kletterten nicht auf Bäume und schwammen nicht stundenlang, und ganz gewiss liefen sie nicht um des reinen Vergnügens Willen, so wie er es auf Hollington getan hatte.

Natürlich gehörte ihnen das Anwesen nicht mehr. Es war verkauft worden, um die Schulden zu tilgen. Selbst wenn er eines Tages wieder nach Kent reisen würde, würde er niemals in die liebliche Hügellandschaft zurückkehren. Die sattgrünen Bäume und der runde, stille See waren jetzt die Heimstatt einer anderen Familie.

Nein, in absehbarer Zukunft würde Primrose Isle seine Heimat sein: eine junge Kolonie, die sein Vater unbedingt florieren sehen wollte. Walter Bainbridge hatte sein Glück mitnichten in England gefunden, und als Gouverneur in der Neuen Welt stand ihm nun das zur Verfügung, was er am allermeisten liebte: Macht.

Auch Nathaniels zukünftige Braut wartete dort. Elizabeth Davenports Erbe versprach ein Vermögen, und damit die Kolonie – und Walter – wachsen und gedeihen konnten, mussten Allianzen geschlossen werden. Also würde Nathaniel das einzig Nützliche beitragen, was er konnte. Und heiraten.

Er wischte sich einen frischen Spritzer des salzigen Meerwassers aus dem Gesicht und starrte hinaus in die endlose Nacht, während er die Reling weiter fest umklammerte. Sein Hemd bauschte sich im Wind und unten an den Beinen lösten sich die Verschlüsse seiner Kniehose.

Im Dunkeln gab es niemanden, der seinen halb ausgezogenen Zustand kommentierte, und er vermutete, dass es die Mannschaft sowieso einen feuchten Kehricht scherte. Die Spitzen seiner frisch geschnittenen Haare kräuselten sich in der Feuchtigkeit. Er strich sich eine Locke hinters Ohr. Es war sein ganz eigener kleiner Akt der Rebellion gewesen, es viel kürzer als die meisten Gentlemen schneiden zu lassen. Und ganz sicher würde er auch keine der gefürchteten Perücken tragen – nicht, solange er es verhindern konnte.

Die Wolken verschworen sich und verbargen die Sterne und die hauchdünne Sichel des Mondes. Er zitterte in der Kälte der Spätseptembernacht; er hätte sich doch besser für die verhassten Schuhe und die Jacke entscheiden sollen. Wenigstens hatte der Wind jetzt nicht mehr der die bittere Kälte des Atlantiks, je näher sie den Westindischen Inseln kamen. Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere und stampfte dann wie ein ungeduldiges Rennpferd an der Startlinie.

Die Proud William hatte eine beachtliche Größe und war ein Handelsschiff, das eine Ladung Salzfisch und geschmiedete Werkzeuge zu den Kolonien bringen sollte. Als er nur einen leichten Trab über das Hauptdeck versucht hatte, hatte die Mannschaft im besten Fall mit Verwirrung und im schlimmsten Fall mit Feindseligkeit reagiert.

Zu Laufen war seine Lieblingsbeschäftigung und das, was er im Leben am besten konnte, sehr zum Missfallen seines Vaters. Im Sommer im See zu schwimmen und mit sicheren, gleichmäßigen Schwimmzügen durch das stille Wasser zu pflügen, war ihm gleichfalls eine Freude.

Jetzt zwar meilenweit von Wasser umgeben zu sein, aber nicht darin eintauchen und die verkrampften Muskeln lockern zu können, war die größte Qual. Er hatte den Captain gefragt, ob er wenigstens auf den Mast klettern dürfe oder bis in die Segeltakelage, und war rundweg abgewiesen worden. Also stand er Steuerbord an der Reling und ging hin und wieder auf und ab, sorgfältig darauf bedacht, der Mannschaft aus dem Weg zu gehen.

Wenigstens war ihm gesagt worden, dass sie gut vorankamen und dass sie nach einem Monat Reise – um genau zu sein, einunddreißig Tage und circa dreizehn Stunden, nachdem sie England verlassen hatten – die Insel innerhalb von weiteren vierzehn Tagen erreichen würden. Wenn der Wind anhielt. Er hatte gehört, dass manche Schiffe mehrere Monate brauchten, um die Kolonien zu erreichen. Segler konnten London an ein und demselben Tag verlassen und mit einer zeitlichen Differenz von mehreren Wochen ihr gemeinsames Ziel erreichen. So war nun mal das Wesen des Meeres.

Ins Nichts starrend, hielt er plötzlich in seiner ruhelosen Bewegung inne und blinzelte. Die schwach leuchtende Sichel des Mondes war sekundenlang den Wolken tapfer entkommen, und Nathaniel glaubte, eine seltsame Bewegung zu erkennen. Die Nacht selbst schien kurz Gestalt anzunehmen und verwandelte sich dann wieder zu einer einheitlichen Schwärze. Vielleicht war es eine große Kreatur aus den Tiefen des Ozeans gewesen, die hinauf an die Oberfläche getaucht war – ein Wal oder ein gigantischer Tintenfisch oder irgendein anderes geheimnisvolles Monster. Er lachte in sich hinein. Heute Abend hatte Susanna Fabeln aus einem der ledergebundenen Folianten vorgelesen, die sie von zu Hause mitgenommen hatte, und seine Fantasie ging eindeutig mit ihm durch.

Sie war schon immer die Nachsichtigere seiner beiden älteren Schwestern gewesen, und er wusste, dass sie die Bücher eingepackt hatte, die ihm gefielen, obwohl auch sie eher eine Vorliebe für abenteuerliche Geschichten hatte als für die rührseligen Erzählungen, die Damen eigentlich lesen sollten. Sie hatten beide mit großem Vergnügen das Tagebuch eines Marinekapitäns gelesen, der auf mehreren Schiffen gedient und das Leben an Bord lebendig und ausführlich beschrieben hatte.

Gleichwohl die Kabine, die sie sich teilten, winzig war, bot sie ihnen wenigstens etwas Ungestörtheit. Er sollte sich wirklich zu ihr gesellen, um zu schlafen und einen weiteren endlosen Tag zu beenden, aber die Wände dort schienen ihn wie in einem Gefängnis einzuschließen. Susannas beinahe donnerndes Schnarchen war ebenfalls nicht besonders hilfreich, aber er gönnte ihr ihren tiefen Schlaf von Herzen.

Zum hundertsten Mal fragte er sich, wie sein Leben auf Primrose aussehen würde. Die Kolonie war erst ein paar Jahre alt, und hinter vorgehaltener Hand hatte er von Problemen mit Ackerbau und Handel gehört, Gerüchte über Korruption und über Siedler, die schon jetzt wieder ihr Hab und Gut zusammenpackten. Er würde dazu gezwungen sein, für seinen Vater zu arbeiten oder einer anderen Tätigkeit nachzugehen, die ihm zugeteilt werden würde, so wie Susannas Ehemann Bart.

Der attraktive Bart war dreißig und mittellos, aber aus einem guten Stall und von angenehmem Wesen. Er und Susanna hatten aufeinander bestanden und mehrere Jahre gewartet, bis beide Väter nachgegeben und der Verbindung zugestimmt hatten. Bart schien darüber so glücklich gewesen zu sein, dass er Vaters Geboten gefolgt war, einschließlich des frühen Aufbruchs nach Primrose vor ein paar Monaten, nicht ahnend, dass Susanna sein Kind in sich trug.

Wenn Walter Bainbridge eine Forderung stellte, wurde sie befolgt. Manchmal wunderte Nathaniel sich, wie ein Mann, den er seit seiner Kindheit nur selten gesehen hatte, eine so große Bedeutung in seinem Leben einnehmen konnte. Susanna und Bart hatten es gehasst, sich trennen zu müssen, aber sie wurde gebraucht, um den Auszug aus dem Anwesen und die Auktion der wertvolleren Stücke zu überwachen. Gewiss konnte dies nicht Nathaniel überlassen werden, der nicht mal gewusst hätte, womit er beginnen sollte, da er so viel Zeit außerhalb des verzierten Hauses verbracht hatte, wie er nur konnte.

Nathaniel hatte es in Betracht gezogen, sich zu weigern, als er und Susanna fortzitiert worden waren. Aber was sollte er tun? Wo sollte er leben? Seine Heirat mit Elizabeth war von ihren Vätern arrangiert worden, und falls er seine Pflicht nicht erfüllte, würde Walter ihn enterben. Nichts würde ihm bleiben, nicht mal ein Dach über dem Kopf. Er schmeckte bittere Galle. Nein, das würde nicht gehen. Also auf Richtung Primrose Isle, um zu heiraten, wie sein Vater es für richtig hielt.

Von Elizabeth Davenport wusste er nur, dass sie einige Jahre mit ihrer wohlhabenden Familie in Jamaika gelebt hatte, bevor ihr Vater sich mit Walter zusammengeschlossen hatte, um auf Primrose Isle eine Reederei zu gründen. Nun, er wusste auch, dass ihre Handschrift ausnahmslos ordentlich war, und durch Susannas Zusammenfassung des Briefes wusste er auch, dass sie gerne stickte und sich wahrlich darauf freute, ihr Leben mit ihm zu teilen. Er hatte ihren Brief kurz vor seinem Aufbruch aus England erhalten und ihn auf dem Kaminrost in seinem Zimmer verbrannt. Wenigstens war die Reise eine angemessene Entschuldigung dafür, ihr nicht zu antworten.

Und so sehr er sich auch wünschte, in England zu bleiben: er konnte er es nicht zulassen, dass seine geliebte Schwester Susanna den gefährlichen Atlantik allein überquerte. Obwohl – wenn man in Betracht zog, wie reibungslos die Reise bis jetzt verlaufen war, auf der ein absoluter Mangel an Seemonstern geherrscht hatte und selbst ein nennenswerter Sturm ausgeblieben war, hätte er sich keine Sorgen um sie machen müssen. Dennoch, jetzt war es so.

Schon vor Jahren hatte er akzeptiert, dass er schwachsinnig war, und obwohl er wusste, dass er dankbar für die Möglichkeit sein sollte, wenigstens eine gewisse Position in der neuen Kolonie einnehmen zu können, fürchtete er die Vorstellung, einmal mehr wirklich unter der Knute seines Vaters zu stehen. Es war ein Segen gewesen, seinen Vater jahrelang auf der anderen Seite der Welt zu wissen. Vermutlich sollte er bei solch kleinlichen Gedanken eigentlich Reue empfinden, aber es gab für ihn noch viel mehr Schuld zu tilgen. So viel mehr, in der Tat.

Er wandte sich von der Reling ab und resignierte angesichts der Vorstellung einer weiteren langen Nacht in der schaukelnden Hängematte. Susanna schlief natürlich auf dem Feldbett in der einzigen Kabine, die sein Vater sich jetzt noch leisten konnte, da er so viel Geld verprasst hatte.

Ein Schrei über ihm durchdrang die Nacht, und Nathaniel sprang vor Schreck in die Höhe.

»Segel!«

In der einsetzenden Hektik und den lauten Rufen drückte er sich an die Seite, während die Besatzung wie eine Horde Ameisen aus dem Bauch des Schiffes auftauchte. Nathaniel spähte in die Dunkelheit und wandte den Kopf hin und her, konnte aber zunächst nichts erkennen. Dann sah er es: Der Rumpf eines Schiffes tauchte aus der Nacht auf. Es war stockdunkel, kein Licht brannte dort, und es schien von der Proud William angezogen zu werden wie eine Motte vom Licht. Nathaniel wurde schlecht. Sein Magen drehte sich und ihm wurde klar, dass er jetzt wirklich ein Monster vor sich hatte, und es war direkt über ihnen.

Er stürzte hinunter zu ihrer Kabine und riss die Tür auf. Haselnussbraune Locken fielen über Susannas Schultern, als sie sich erschrocken im Bett aufsetzte. Ihr Buch fiel zu Boden. Sie drückte eine Hand auf ihren runden Bauch und rief: »Was ist denn?«

»Ich glaube, es sind Piraten!« Als er es aussprach, konnte er seinen eigenen Worten kaum glauben. Hatte er sie herbeigerufen, als er über Langeweile gemurrt hatte? Oh, welch ein Narr er gewesen war.

Das Blut wich aus Susannas lieblichen, runden Gesicht. »Piraten?«

»Ich weiß nicht, wer es sonst sein sollte.« Hastig klappte er eine Truhe auf, wühlte darin nach seinem Dolch und verwünschte sich dabei, nicht doch schon eher den Alarm ausgelöst zu haben. Seine Gedanken rasten, während er den Griff der Waffe zu fassen bekam, die Lederscheide abzog und beiseite warf. Über ihnen donnerten Schritte und ließen die Decke beben, Staub wirbelte auf und Schreie erfüllten die Luft.

Susanna sah auf ihr Nachthemd hinunter und verzweifelte. »Es bleibt keine Zeit mehr für Unterröcke und ähnlichen Unsinn.« Sie zog sich ihr fließendes grünes Kleid über den Kopf und sagte durch den Stoff gedämpft: »Mein Gott, das sind wirklich Piraten, oder? Oh, ich glaube, ich stecke fest.«

Nathaniel half ihr, das Kleid über ihren geschwollenen Bauch zu ziehen. Sie tauchte aus den Falten des weichen Stoffes auf und spähte zur Decke, als könnte sie hindurchsehen. Wieder laute Schritte und lautes Schlagen. Angespannte Stimmen schrien Befehle, die zu weit weg waren, um sie zu verstehen.

Susanna flüsterte: »Keine Gewehrschüsse. Müssen zu viele sein. Die Mannschaft wehrt sich nicht. Hilf mir, das hier zu schließen.« Sie trug ihr Korsett nicht mehr und hatte damit während ihrer Schwangerschaft die neue französische Mode übernommen.

Als er endlich so viel Stoff zusammengerafft und festgesteckt hatte, dass das Kleid irgendwie hielt, wobei er sich in seiner Hast in den Finger gestochen hatte und ein kleiner Blutstropfen hervorquoll, zog er sich hastig seine eigenen Strümpfe an, befestigte sie an seiner Kniehose und quetschte die Füße in seine Schnallenschuhe. Er würde diesen Briganten nicht nur halb bekleidet gegenübertreten. Seinen Dolch steckte er sich in den hinteren Hosenbund, dann warf er sich seine Weste über und fummelte die Knöpfe durch die Knopflöcher. Für sein Halstuch und das Jackett blieb dagegen keine Zeit mehr. Schon erklangen laute Stimmen im Korridor. Verspätet wirbelte er herum, suchte nach etwas, mit dem er die Tür verbarrikadieren konnte.

Susanna hatte anscheinend den gleichen Gedanken gehabt. »Die Koffer sind nicht schwer genug. Außerdem wird es sie nur in Rage versetzen. Es hat keinen Zweck.«

»Stell dich hinter mich.« Er drängte sie in den hinteren Bereich der Kabine, der kaum breiter war als sein ausgestreckter Arm.

»Pass auf, was du sagst«, warnte sie ihn. »Du weißt, dass deine Gedanken manchmal direkt aus deinem Kopf auf deine Zunge springen, bevor du sie noch einmal abwägst.«

Er schnaubte. »Worüber genau soll ich deiner Meinung nach mit Piraten sprechen?«

»Pst!« Sie schlug ihm auf die Schulter.

Sie warteten, lauschten. Noch mehr donnernde Fußtritte und Rufe, die eine unwiderlegbar barbarische Qualität hatten. Nathaniel standen die Haare zu Berge. Sein Mund wurde trocken. Vielleicht würden die Piraten an ihrer Kabine vorbeigehen. Vielleicht würden sie nur die Fracht plündern und sich damit zufriedengeben. Vielleicht …

Die Tür wurde aufgerissen und flog fast aus den Angeln. Nur mit Mühe konnte Nathaniel einen Schrei unterdrücken. Sein Herz klopfte so laut, dass die beiden Eindringlinge es sicher ebenfalls hören mussten. Einer der beiden strich sich sein struppiges Haar aus den Augen. Beide sahen abgerissen aus; sie trugen schmutzstarrende Hosen, die genauso sackartig wie ihre Hemden an ihnen herunterhingen, und ihre Stiefel waren abgenutzt.

Der langhaarige Mann ließ seine Knopfaugen an ihnen auf und ab wandern. Er fragte seinen gedrungenen Kumpanen: »Hast du schon mal 'ne Hündin mit 'nem Welpen drin gefickt?«

Nathaniel drehte sich der Magen um. Woher wussten sie das? Susanna versteckte sich hinter ihm. Er hob das Kinn und versuchte krampfhaft, mit kräftiger Stimme zu sprechen. »Ihr werdet meine Schwester mit euren schmutzigen Fingern nicht einmal anrühren!«

Der Gedrungene ignorierte ihn. Er lächelte anzüglich und entblößte dabei abgebrochene gelbe Zähne. »Süß und saftig, ich sag's dir.«

Hinter ihm grub Susanna ihre Finger in Nathaniels Schulter. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er zog seinen Dolch aus dem Hosenbund und schwang ihn in Richtung der Piraten. »Bleibt zurück!«

Die beiden blinzelten Nathaniel verdutzt an, dann brachen sie gleichzeitig in raues Gelächter aus. Der langhaarige Mann schnappte nach Luft und keuchte: »Oh nein, wir sind geliefert, Deeks!«

Schwere Tritte erklangen im Korridor, unverschämt und gebieterisch. Die beiden Männer strafften die Schultern und traten beiseite, als ein Mann in der Tür erschien. Seine Schultern berührten fast den Türrahmen. Er war groß genug, um sich beim Eintreten leicht bücken zu müssen. Sein scharfer Blick wanderte durch die Kabine, die noch nie so klein erschienen war.

Er trug Schwarz vom Kopf bis zu den goldenen Stiefelspitzen, ein Hemd mit offenem Kragen, eine Hose, die in die kniehohen Stiefel gestopft war, und einen langen Ledermantel, der sich hinter ihm bauschte. Eine Pistole steckte in seinem breiten Gürtel und ein Entermesser blitzte an seiner Hüfte. Die Gürtelschnalle war aus funkelndem Gold. Sie passte zu dem kleinen quadratischen Ohrring in seinem linken Ohr, den Ringen an seinen Fingern und den Spitzen dieser schwarzen Stiefel. Die Enden einer roten Schärpe hingen von seiner Hüfte herab. Abgesehen vom Gold, war das der einzige Farbtupfer an ihm. Er musste doppelt so alt sein wie Nathaniel. Sein Gesicht war wettergegerbt und eine Narbe zog sich über seine linke Schläfe. Sein dunkles Haar war ziemlich kurz geschnitten – das war überraschend, denn Nathaniel hätte eigentlich erwartet, dass alle Piraten lange, ungepflegte Haare hatten wie die Tiere, die sie nun mal waren.

Sein sorgfältig getrimmter Bart beschattete seinen ausgeprägten Kiefer. In dem gedämpften Licht konnte Nathaniel die Farbe seiner zusammen gekniffenen Augen nicht erkennen, und er stellte sich vor, dass sie so schwarz sein mussten wie die Seele des Piraten. Vielleicht war er sogar der Teufel höchstselbst.

Nathaniels Hand schwitzte am Griff seines Dolchs und beschämt wurde ihm klar, dass sein ausgestreckter Arm zitterte. Sein Hals fühlte sich schmerzhaft trocken an, als er krächzte: »Wir … wir besitzen nichts von Wert. Kein Gold oder Juwelen, die Eure Mühe wert wären.«

Susanna fügte hinzu: »Selbst mein Ehering ist nur vergoldet.«

Tully, eines der jungen Crewmitglieder der Proud William, hatte die Kabine betreten. Der Mann – ohne Zweifel der Kapitän der Piraten – sah ihn fragend an. Tully nickte. »'s stimmt. Nur Kleidung un' Kinkerlitzchen in ihr'n Koffern.« Er schnüffelte missbilligend und schüttelte seinen roten zotteligen Haarschopf. »Nichts irgendwo versteckt hier drin. Konnten nix finden, seit wir London verlassen ham.«

Nathaniel hatte eigentlich besser von der Mannschaft gedacht, aber jetzt sah er, wie naiv er gewesen war. Es musste Tully gewesen sein, der die Piraten darüber informiert hatte, dass Susanna ein Kind erwartete. »Was für ein elender Feigling du bist, Tully.«

Er schnaubte. »Sobald ich die Flagge erkannt hab, wusste ich, dass wir erledigt sind. Jeder weiß, dass der Sea Hawk dich vom Vordersteven bis zum Heck ausweidet, wenn er dich ers'ma' in den Krallen hat. Ich werd' bestimmt nich' sterben für 'ne Fracht, die mir scheißegal is', und für 'nen Käpt'n, der uns wie Dreck behandelt.«

»Euer Ziel ist Primrose Isle?« Der Pirat, dieser Sea Hawk, sprach ruhig und gelassen.

»Ja«, antwortete Nathaniel. »Es ist eine neue Kolonie.«

Tully nickte. »Ihr Ehemann is' da. Wir sollen sie da bei ihrem Vater absetzen. Der alte Mann is' da Gouverneur oder so.«

In diesem Augenblick schien Sea Hawk zusammenzuzucken, aber eine Sekunde später war er wieder ganz ruhig, furchteinflößend und leidenschaftslos. Nathaniel hatte sich das Zucken wohl nur eingebildet. Dennoch glomm jetzt ein Funken in den teuflischen Augen auf und Angst durchströmte Nathaniel. Sea Hawk kam näher, bis er sich unmittelbar vor Nathaniel auftürmte. Dann verlangte er in der gleichen bedächtigen und dennoch gebieterischen Art wie zuvor zu wissen: »Dein Name, Junge.«

Mit hämmerndem Herzen brachte er nur ein »Äh …« hervor.

»Dieser hier wird Bainbridge genannt«, sagte Tully hilfsbereit.

»Bainbridge«, wiederholte der Captain, die Stimme jetzt ein kaum hörbares Flüstern. »Wie in Walter Bainbridge?«

Seine Finger am Dolch wurden taub, aber Nathaniel nickte. Morgen würde er dort blaue Flecken haben, wo Susanna sich an ihn klammerte. Er spürte ihre hektischen Atemzüge im Nacken. Es machte keinen Sinn, es zu leugnen. »Unser Vater.«

»Du bist der Sohn, für den Walter Bainbridge seine Frau getötet hat?« So unmittelbar im Interesse des Captains zu stehen, jagte Nathaniel eine Gänsehaut über den Rücken. Er konnte ein Zusammenzucken nicht verbergen und nickte. Seine Mutter hatte ihn nicht mal mehr in den Armen halten können, bevor sie ihr Blut ganz und gar vergossen hatte. Susanna war sechs Jahre alt gewesen und hatte durch das Schlüsselloch zugesehen. Sie hatte Nathaniel nach seiner endlosen Fragerei schließlich alles gestanden, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Sonderbar, dass er selbst nach über achtzehn Jahren noch immer den schmerzhaften Verlust einer Berührung spüren konnte, die er in Wahrheit nie erfahren hatte.

Die Augen des Captains leuchteten auf. Gütiger Gott, der Mann war ein Riese. Nathaniel war mit einem Meter siebzig selbst ziemlich groß, aber dieses Monster überragte ihn noch und maß mindestens einen Meter fünfundachtzig. Um sich zu behaupten, blieb Nathaniel nichts anderes übrig, als standhaft auf seinem Platz stehen zu blieben und nicht nach hinten zu Susanna zurückzuweichen. Die Spitze seines Dolches bebte in seiner Hand, nur Zentimeter von dem schwarzen Herzen des Schurken entfernt.

Sea Hawk sah auf sie herab, als wären sie nur eine Art Beute für ihn, die er am liebsten sofort verschlungen hätte. »Euer Vater ist ein Lügner. Korrupt. Ein Übeltäter mit Seidenstrümpfen und feiner Lockenperücke.«

Nathaniel schluckte schwer, seine Hand zitterte. Sollte er ausholen und den Dolch in das Herz dieses bösen Mannes stoßen? Nicht, dass er besonders viel Liebe für seinen Vater empfand, aber hatte ein Pirat ihn über Übeltäter zu belehren?

Die Augen des Mannes glühten jetzt vor Hass. »Euer Vater hat mich betrogen. Er hatte die Aufgabe, für Gerechtigkeit, für Fairness zu sorgen. Stattdessen hat er eine Verschwörung angezettelt, um mich zu bestehlen. Er hat mich als Pirat gebrandmarkt, als ich ein Freibeuter war.«

»Ist das nicht ein- und dasselbe?«, platzte Nathaniel heraus.

Als die Nasenflügel von Sea Hawk sich aufblähten, grub Susanna ihre Nägel in Nathaniels Schulter. »Nein, das ist es verflucht noch mal nicht«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Freibeuter sind staatlich lizenziert. Legal. Freibeuter folgen Regeln. Gesetzen. Genauso, wie es Euer Vater als Richter am Gericht in Jamaika hätte tun sollen. Euer Vater versuchte, meinen Männern und mir alles zu nehmen, wofür wir gearbeitet und gelitten haben. Wir sind ihm entkommen, aber nach all den Jahren hat er nie dafür bezahlt.«

Furcht überfiel Nathaniel. Wieder einmal würden die Gier und Habgier seines Vaters Leid bringen. Wenn es Walters Schuldenberge nicht geben würde, wären Nathaniel und Susanna immer noch sicher zu Hause und würden bis zur Geburt des Babys warten, um die Reise zu unternehmen. Hollington müsste überhaupt nicht verkauft werden. Aber jetzt waren sie hier und sahen sich der Gnade der Piraten ausgeliefert.

Oh Gott. Bitte verschone Susanna und ihr Kind!

Bei dem Gedanken daran, dass seiner Schwester etwas zustoßen könnte, stieg ihm Galle in die Kehle, er spürte Angst klamm auf seiner Haut. Schweiß rann seine Wirbelsäule hinab. »Ich …« Er zerbrach sich den Kopf, um etwas, irgendetwas, zu sagen, einen Ausweg zu finden. Sein Dolch zitterte und er leckte sich über die trockenen Lippen. »Es tut mir leid.« Er musste das in Ordnung bringen.

Ein träges, grausames Lächeln verzog die Lippen des Teufels. »Das wird es.«

Kapitel Zwei

Hawk ignorierte den zitternden Dolch des Jungen und nickte seinen Männern zu. »Gebt diese Order an Mr. Snell weiter: Konfiszieren Sie jede Fracht, die es wert ist, mitgenommen zu werden. Lassen Sie Schiff und Besatzung unversehrt und mit genügend Nahrung und Wasser zurück, um zu überleben. Die Dame soll weiter nach Primrose Isle reisen. Unbehelligt.« Während die Männer hinaushuschten, gefolgt von dem rothaarigen Matrosen, der nur allzu freimütig alle Geheimnisse der Proud William preisgegeben hatte, blickte er auf Walter Bainbridges kostbaren Sohn herab. »Deine Reise dagegen wird sich verzögern.«

»Ver… verzögern?«, fragte Bainbridge. Er hatte ein glattes Gesicht und war schlank, langbeinig und mit gewöhnlichen braunen Augen. Seine kurzen hellbraunen Haare kräuselten sich feucht vor Schweiß. Er hatte vergessen, einen Knopf an seinem dunklen Wams zu schließen, und er hing schief über seinem weißen Hemd und der braunen Kniehose. Seine schwarzen Schuhe mit den quadratischen Spitzen waren überraschend abgewetzt, die weißen Strümpfe waren verrutscht. Rote Flecken überzogen seine blassen Wangen. Ganz sicher war er sein Leben lang, niemals mit der Verrichtung harter Arbeit belästigt worden. Äußerst unauffällig. Abgesehen von seiner Herkunft.

»Du kommst mit uns.«

Die Frau schrie auf. Hawk hätte fast gelacht, als Bainbridge all seinen Mut zusammennahm und sich auf ihn stürzte. Mit einer simplen Drehung und einem einzigen Griff befreite er ihn von seinem Dolch, der aus feinem Stahl und einem einfachen Holzgriff gefertigt war.

»Tut dir nicht weh, Junge. Dein Vater wird für eine Leiche kaum etwas zahlen.« Er erspähte die Scheide auf dem Boden und streckte eine gebieterische Hand danach aus. Bainbridge bückte sich und gab sie ihm zögernd. Hawk steckte die Waffe hinein und schob sie sich in den Gürtel.

»Zahlen?«, sprudelte Bainbridges Tochter hervor. »Aber er hat kaum Geld!«

Hawk trat auf sie zu. Eine Robe mäßigen Reichtums, aber Steine aus Strass. Er trat noch einen Schritt näher und sie wichen wie ein einziges Wesen zurück. Er fragte: »Und wie kam es dazu?« Wahrscheinlich kannte er fast die ganze Geschichte, aber vielleicht konnten seine Kinder ihn auch mit neuen Informationen versorgen.

Zögernd kam sie hinter ihrem Bruder hervor und stellte sich neben ihn, wobei sie seine Hand umklammerte. »Das Familienvermögen hat sein älterer Bruder bekommen. Er hat alles andere für seinen Traum von Primrose Isle verwendet. Es gelang ihm, das Gouverneursamt zu erreichen, aber abgesehen vom Geld der Krone für die Gründung der neuen Kolonie hat er kaum etwas.«

Der verdammte Hurensohn konnte noch nicht einmal mit meinem Geld haushalten, dass er mir gestohlen hat.

Die spanische Galeone war bis oben hin mit Gewürzen, Gold und Tonnen Rohsilber vollgeladen gewesen. Hawk krümmte sich innerlich immer noch bei dem Gedanken daran, wie stolz er gewesen war, als er mit seiner hart erarbeiteten Beute vor dem Admiralitätsgericht aufgetreten war. Bereit dazu, in Übereinstimmung mit den Regeln England seinen Anteil abzugeben, seinen Part zu leisten im Krieg gegen Spanien. Welch ein Narr er gewesen war.

Er gab vor, darüber nachzudenken. »In diesem Fall werde ich ihm die Fairness erweisen, die er mir verweigert hat.«

Die Geschwister atmeten aus, ihre Schultern senkten sich vor Erleichterung. Das Mädchen sagte: »Danke, Sir. Was immer unser Vater getan hat, ich schwöre …«

»Ich werde ihm einen Monat Zeit geben, die Mittel vor unserer Ankunft zusammenzubringen. Einhunderttausend Pfund.«

Wieder gleichzeitig fiel ihnen die Kinnlade herunter. Der Junge stieß hervor: »Das ist zu viel!«

Möglich, aber ein arroganter Mann, dem etwas an seinem Erben lag, würde einen Weg finden. Bainbridges Stolz würde ihm keine andere Wahl lassen. Außerdem hatte Hawk nicht jahrelang auf seine Rache gewartet, nur um jetzt nachsichtig mit dem Schwein zu sein. Er ignorierte ihre Bestürzung und verkündete: »Ungefähr in der Nacht des nächsten Neumonds werden wir auf Primrose Isle ankommen und uns zeigen. Euer Vater wird persönlich ein Skiff in den Hafen rudern. Und zwar allein. Er wird auf mein Schiff treffen. Ich werde seinen Sohn gegen das Lösegeld eintauschen. Ganz einfach.«

Bainbridges Kinder sahen sich an. Hoffnungslosigkeit breitete sich zwischen ihnen aus und Tränen liefen über die Wangen des Mädchens. Hawk verstand ihre Furcht, ihren Schrecken. Er erinnerte sich an seinen eigenen, nachdem er von ihrem Vater zu Unrecht verurteilt worden war, und weidete sich an ihrem Kummer.

Sie weinte: »Sir, habt Mitleid! Mein armer Bruder hat keine Sünde begangen.«

»Mitleid? Euer Vater hat mich geschaffen: den Sea Hawk. Und ich bin zu dem Monster geworden, dass er hervorgerufen hat, und zu noch so viel mehr.« Hawk fügte hinzu: »Und Euer Bruder wird nur der Erste sein, der leiden muss, wenn Bainbridge sich nicht fügt. Sagt Eurem Vater, dass seine kostbare Primrose Isle bluten und verbrennen wird, wenn er meine Forderungen nicht erfüllt.«

Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, aber ihr Flehen um Gnade ermüdete Hawk und so schnitt er ihr das Wort ab.

»Kein Verrat, und Euer Bruder lebt. Aber wenn Bainbridge eine Verschwörung gegen mich anzettelt …« Er sprach leise. Eine ruhige Äußerung wirkte manchmal bedrohlicher als Anschreien. Er blickte den Sohn vielsagend an, der seinen Arm um die zitternden Schultern seiner Schwester gelegt hatte. »Wenn Euer Vater mich betrügt, stirbt dieser Junge. Schmerzhaft. Langsam. Ich werde ihn ausweiden wie einen Fisch, ihn in Scheiben schneiden und sie Eurem Vater eine nach der anderen schicken.« Er war mit seiner Rache so geduldig gewesen, und dies war sein Moment. Er ergriff ihn mit beiden Händen, hielt ihn fest und gab keinen Zentimeter nach.

Sie schnappte nach Luft und schlug eine Hand vor den Mund. Der Brustkorb vom jungen Bainbridge hob und senkte sich schnell, aber er hielt den Kopf hoch erhoben. Die Augen seiner Schwester dagegen quollen über mit noch mehr Tränen. »Bitte, ich flehe Euch an. Lasst meinen Bruder mit mir ziehen. Er wird heiraten! Wir fangen ein neues Leben an! Er hat noch nie einer Kreatur etwas zuleide getan. Er ist freundlich und gütig.«

Hawk seufzte innerlich. Genug davon.

Er bewegte überlegend seine Zunge in der Wange hin und her und lächelte sie anzüglich grinsend an. »Wenn Ihr es vorzieht, den Platz Eures Bruders einzunehmen …«

»Nein!«, schrie der Junge. Bainbridges Augen loderten mit einer Wildheit auf, die er zuvor hatte vermissen lassen. »Ich werde tun, was immer Ihr verlangt. Aber verschont meine Schwester.«

Hawks Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Wäre er ein weichherziger Mensch gewesen, hätte ihn das fast angerührt. Aber so wie die Dinge lagen, nun ja …

Schwer atmend riss Bainbridge seine Schwester an sich und umarmte sie. »Ich werde es schon schaffen. Ich liebe dich, Susie.«

Sie hing an ihm. »Geh nicht. Lass dich nicht von ihm mitnehmen.«

Mit dem Drang, die Augen zu verdrehen, zog Hawk Bainbridge aus der Kabine und zerrte ihn am Nacken heraus. Er kämpfte nicht, offensichtlich hatte er sich seinem Schicksal seiner Schwester zuliebe ergeben, oder vielleicht hatte er auch sein letztes bisschen Tapferkeit aufgebraucht.

Das Mädchen hätte für ihn keinen Nutzen gehabt. Wenn Hawk sich recht erinnerte, hatte Walter Bainbridge zwei Töchter. Aber es ging das Gerücht um, es gäbe auch einen Sohn, der seinen Namen weiterführen sollte, von dem er besessen war und den er über die Gesundheit seiner eigenen Frau gestellt hatte. Und nun war eben dieser Sohn in Hawks unmittelbarer Reichweite. Warum das Schicksal diese Nacht so vollkommen gesegnet hatte, würde er nie erfahren. Aber er würde es auch nicht hinterfragen. Nicht jeder Wind blies ihm so viel Glück in die Segel. Hier war endlich seine Chance auf Rache. Würde die Schlange das Geld aufbringen können? Vielleicht. Sogar wahrscheinlich, wenn man seine Beziehungen berücksichtigte. Aber zumindest hatte er seinen kostbaren Erben in der Gewalt. Oh, was würde er darum geben, das Gesicht des alten Mannes zu sehen, wenn er diese Neuigkeit hörte. Hawk lachte laut auf, das Wasser um ihn herum warf sein Entzücken in Wellen zurück. Er schob den Jungen zu Snell, der an der Reling stand. »Schauen Sie sich unsere Beute gut an, Herr Quartiermeister. Walter Bainbridges kostbarer Sohn.«

Snell war eine Haaresbreite größer als Bainbridge und um einiges umfangreicher; solide Muskeln verbargen sich unter den Fettschichten, die mit dem Alter gekommen waren, als er die Fünfzig überschritten hatte. Seine silbergeschmückten Finger packten Bainbridges Arm ohne Rücksicht. Dunkle Augen sahen Hawk unter schütter werdendem, blondem Haar an. Snell lachte mit weit geöffnetem Mund auf. Seine Ohrringe glänzten im Kerzenlicht. Sein schwarzes Hemd war halb aufgeknöpft und enthüllte ein Anker-Tattoo direkt unterhalb seines Halses. Er hatte sich fünf oder sechs davon in sein Fleisch stechen lassen. Hawk war mit einem zufrieden.

Nachdem er seine Befehle Snell gegenüber wiederholt hatte, gab Hawk die Lösegeldforderung an den Handelskapitän weiter, einen salzgegerbten alten Seemann, der nur mit den Schultern zuckte und nickte, wobei das Leben des Jungen offensichtlich keine große Rolle für ihn spielte. Bainbridge beobachtete den Austausch mit offensichtlicher Bestürzung.

Snell seinerseits beäugte den jungen Bainbridge mit nicht mehr als einer hochgezogenen Augenbraue auf seinem zerklüfteten Gesicht. »Dann komm schon. Rüber mit dir.«

Der Junge blinzelte und sah die lange Holzplanke an, die das Handelsschiff mit der Damned Manta verband. Er blickte über die Schulter zurück in Richtung der Treppe unter Deck, von wo das laute Schluchzen seiner Schwester widerhallte. Sein Körper krümmte sich, als wollte er davonlaufen.

»Na, na, nicht doch«, sagte Hawk lächelnd. »Wohin würdest du fliehen wollen?« Etwas Dunkles in ihm nährte sich von der Furcht des Bainbridge-Jungen. »Wenn du nicht als Futter für die Haie enden willst, gibt es nur einen Ort, an den du jetzt gehen kannst.«

Er schaute zum schattenhaften Rumpf seines Schiffes, dessen schlanke Segel vorübergehend aufgerollt waren, während die Besatzung seinen Befehlen Wort für Wort folgte. Jahrelang war dies schon sein Zuhause, doch er wurde ruhelos. Das war's. Das war es verdammt noch mal endlich. Die Rache würde endlich ihm gehören. Bis heute Nacht war ihm das Glück langsam davongelaufen. Er hatte es spüren können. Entweder würde sich sein Schicksal auf dem Meeresgrund erfüllen, oder er würde in eine Klinge laufen oder am Galgen baumeln. Aber jetzt stand er hier, der Bainbridge-Junge, wie eine lebendig gewordene atmende Chance darauf, zumindest etwas von dem wiederzugewinnen, was er verloren hatte. Vielleicht sogar die Chance auf ein neues Leben. Es war eine Torheit, aber … vielleicht.

»Hinauf mit dir.« Snell schubste den Gefangenen auf die Planke. »Captain Hawk ist kein besonders geduldiger Mann, ich warne dich. Und ich bin's auch nicht.«

Schwer atmend kletterte Bainbridge hinauf, seine Beine zitterten sichtlich. Er sah hinüber zur Manta, dann zurück zu Hawk. Dann hinab auf die Wellen.

»Denk nicht mal an ein edles Opfer«, knurrte Hawk und sprang hinter ihm auf die Planke. »Oder wir nehmen am Ende doch deine Schwester. Wenn wir mit ihr fertig sind, wird sie nicht mehr ganz so hübsch sein.« Wieder packte er den Jungen am Genick. »Beweg dich.«

Kaum hatten seine Stiefel das vertraute Deck berührt, marschierte er mit dem Gefangenen zum Heck und überwachte die Crew, wobei er Bainbridge immer noch festhielt. Als die Planke eingeholt und die Haken von der Proud William gelöst waren, gab er den Befehl zum Segelsetzen. Am Horizont dämmerte der Morgen, und mit dem Wind segelten sie los.

Selbst mit der geraubten Fracht war die Damned Manta das schnellere Schiff. Hawk blieb bewegungslos am Heck stehen und beobachtete das Handelsschiff, um sicherzugehen, dass sie keinen Versuch unternahmen, ihnen zu folgen. Es waren schon merkwürdigere Dinge passiert.

Bainbridge zitterte neben ihm, mit geballten Fäusten und aufeinandergepressten Lippen sah er zu, wie die Proud William immer kleiner wurde.

Manche Piraten bevorzugten Kriegsschiffe, aber Hawk gefiel die Beweglichkeit einer Schaluppe und ihre Crew, die sechsundvierzig Mann vergleichsweise klein war. Weniger Männer, mit denen die Beute zu teilen war. Weniger Männer, die Ärger machten.

Hawks Gedanken wirbelten. Fast schon immer, jedenfalls seit er sich erinnern konnte, hatte er von einem Leben auf dem Wasser geträumt. Aber Piraterie hatte er nie gewollt. Walter Bainbridge hatte ihm keine Wahl gelassen. Es gab keine Möglichkeit, seine ramponierte Ehre wiederherzustellen, aber vielleicht konnte er mit seinem Anteil des Lösegeldes der Brutalität entkommen. Vielleicht konnte er … einen Ort finden. Einen ruhigen Inselabschnitt außerhalb Englands Reichweite. Einen Ort, an dem er fischen und ein paar Tiere halten konnte, genug, um bequem zu leben. Frieden nach seinen eigenen Maßstäben finden konnte. Er würde allein sein, aber daran hatte er sich schon lange gewöhnt.

Wie ein weit entferntes Echo spürte er einen leichten Schmerz, der dumpf war nach all der Zeit. Vor Jahren hatte er geglaubt, einen Gefährten gefunden zu haben, einen Mann, mit dem er sein Leben teilen konnte. Er hatte sogar geglaubt, die Liebe gefunden zu haben. So eine Absurdität. Ungebeten flackerte eine Erinnerung an blonde Haare und blaue Augen voller Schalk in ihm auf und verschwand dann wieder im dunklen Morast der Vergangenheit. Für einen kurzen Moment hatte er Liebe empfunden, bevor sie ihm wieder entrissen worden war. Ach, die Narrheiten der Jugend.

Und doch stehe ich hier und träume von einem friedvollen Leben. Närrisch, in der Tat.

Hawk konzentrierte sich auf die Aufgabe, die unmittelbar neben ihm stand und spähte in die Ferne. Sie hatten eine gute Distanz zwischen sich und das andere Schiff gebracht, also zog er den Jungen mit sich unter Deck und ignorierte seinen Aufschrei. Durch das Heckfenster seiner Kabine strömte gerade genug trübes Licht, um ohne Streichholz etwas sehen zu können. Sein Schreibtisch befand sich im Heck, und sein Bett war auf der anderen Seite des offenen Raumes in die gegenüberliegende Wand eingebaut. Hier verschränkte Hawk die Arme und ließ seinen Blick an dem Gefangenen auf- und abwandern. »Junge …«

»Ich bin achtzehn Jahre alt.« Bainbridge reckte seine schmale Brust. »Ich bin ein Mann.«

Hawk musste lachen, es klang wie ein scharfes Ausatmen. »Bist du das?« Mit seinen einundvierzig Jahren konnte Hawk sich kaum noch daran erinnern, jemals so verdammt jung gewesen zu sein. »Hör zu, Junge. So wird es laufen …«

»Mein Name ist …«

»Unwichtig«, knurrte Hawk. Mit Sicherheit hatte er den Namen gehört, als er in Bainbridges Geschichte herumgestöbert hatte, aber das spielte jetzt keine Rolle. Tatsächlich war es so viel einfacher. »Du bist mir wie eine reife Pflaume in den Schoß gefallen. Mein Schatz, meine Belohnung, mein warmer Geldregen, mein Goldesel. Mehr bist du nicht, so lange, bis dein Vater das zahlt, was er mir schuldet. Ich würde dich am liebsten in den Frachtraum stecken, aber die Männer wären versucht, sich an dir zu vergreifen, und dein Vater würde das, was dann von dir übrigbliebe, nicht mehr haben wollen. Hast du das verstanden, du Junge?« Das war der einzige Name, den der Gefangene brauchte, abgesehen von seinem verfluchten Nachnamen.

Eine Antwort nicht abwartend, öffnete Hawk eine Truhe, die im Schiffsrumpf Steuerbord stand, holte eine kratzige Wolldecke heraus, die er nur selten benutzte, und warf sie zu Bainbridge. Sie traf ihn an der Brust und fiel ihm zu Füßen. Hawk nickte in Richtung einer Ecke unterhalb der Fenster. »Du schläfst da.«

Bainbridge nahm die Decke und richtete sich unbehaglich wieder auf.

»Während dein Vater im nächsten Monat das Geld zusammenbringt, wirst du diese Kabine nicht verlassen. Wasser und Essen werden dir gebracht. Du wirst den Eimer benutzen müssen, der regelmäßig geleert wird, damit dein Schmutz mir nicht die Kabine vollstinkt. Du sprichst mit niemandem aus der Crew. Sprich mich nicht an, es sei denn, du wirst angesprochen. Nicke, wenn du verstanden hast.«

»Die Kabine nicht verlassen?« Der Junge wurde blass, Angst stand ihm klar und deutlich in sein jungenhaftes Gesicht geschrieben.

»Ganz eindeutig verstehst du nicht.« Hawk machte einen Schritt auf ihn zu und registrierte zufrieden, dass der Junge zurückzuckte.

»Es … es ist nur … Bitte. Ich werde keinen Ärger machen.« Er atmete schnell, seine Brust hob und senkte sich. »Darf ich nicht mal nach oben aufs Deck? Und mir die Beine vertreten?«

»Sei dankbar, dass ich dich nicht ans Bett kette.« Wieder ließ Hawk seinen Blick auf dem Gefangenen auf und ab wandern und jagte ihm mit einem lüsternen Knurren noch mehr Angst ein. »Nackt.«

Die hellbraunen Augen des Jungen weiteten sich und richteten sich auf die Matratze.

Hawk drehte sich auf dem Absatz um und holte den Schlüssel vom Schreibtisch. Jetzt, da sie das endlich geklärt hatten, würde er …

»Ich könnte arbeiten! Oben an Deck. Der Crew helfen. Bei … bei allem. Was auch immer sie tun.«

Ungläubig richtete Hawk sich zu seiner vollen Körpergröße auf und wirbelte herum, dabei achtete er darauf, dass sein Mantel eindrucksvoll hinter ihm her wirbelte. Er hatte sich den furchteinflößenden Ruf des Sea Hawk in nur vier Jahren nicht ohne ein wenig Dramatik erarbeitet. Doch unglaublich: Bainbridge redete weiter.

»Ich würde mich freuen, zu arbeiten.« Seine Augen flehten ihn an, die Finger kneteten die Decke. »Ich würde alles tun, was Sie sagen.«

Ganz verdammt eindeutig nicht, da der Befehl, den Mund zu halten, bereits einfach ignoriert worden war. Hawk schnaubte spöttisch. »Arbeiten? Du? Sag mir: Hast du auch nur einen einzigen Tag in deinem zarten Leben gearbeitet?«

Zur Antwort starrte der Junge mit roten Wangen auf seine abgestoßenen Schuhe.

»Du wirst in dieser Kabine bleiben und du wirst nur reden, wenn du angesprochen wirst. Aber ich bin nicht ganz grausam.« Großmütig winkte er in Richtung Bücherregal. »Lies' alles, was du willst.«

Bainbridge betrachtete die Bände mit einer seltsamen Art von Verzweiflung, die an Geringschätzung grenzte, seine Schultern sanken noch tiefer.

Zorn flammte in ihm auf und Eisen grub sich in seine Hand, als er den Schlüssel noch fester packte. »Ist meine Bibliothek nicht zu Eurer Zufriedenheit, Mylord?«

»Nein, nein. Ich bin mir sicher, sie ist ganz ausgezeichnet«, antwortete der Bursche kleinlaut und wich einen Schritt zurück.

»Die meisten Männer auf diesem Schiff können noch nicht einmal ihren Namen schreiben. Ich habe Jahre gebraucht, um es zu lernen. Jahre, in denen ich mich Wort für Wort verbessert habe. Du bist ein kleines privilegiertes Stück Scheiße, und du wirst dich hinsetzen, dein Maul halten und darum beten, dass deine Schlange von Vater das Geld bezahlt, dass er mir schuldet. Oder du wirst derjenige sein, der bezahlen wird. Du und deine Schwester. Ihr Baby.« Tatsächlich hätte Hawk niemals einer unschuldigen Frau oder einem Kind etwas angetan oder zugelassen, dass seine Crew so etwas tat, aber das musste Bainbridge nicht wissen.

»Bin ich verstanden worden? Junge?«

Mit gesenktem Kopf flüsterte er: »Ja.«

Mit zwei großen Schritten durchquerte Hawk die Kabine. Er knallte die Tür hinter sich zu, steckte den Schlüssel ins Loch und … nichts. Eisen knirschte. Das sture Schloss wollte sich nicht drehen. Hawk rüttelte ein paar Augenblicke lang daran. Ausgerechnet dann, wenn er einem Gefangenen Angst einjagen wollte, musste sich das Schloss festfressen.

Verdammt noch mal.

Mit zusammengebissenen Zähnen drückte Hawk die Tür wieder auf. Der Bursche stand immer noch da, wo er ihn zurückgelassen hatte, und umklammerte die Decke.

Grob packte er ihn am Arm, zog ihn mit sich aus der Kabine und brüllte dabei: »Mr. Cooper! Bringt das Schloss in Ordnung. Ihr habt zehn Minuten!« Humorlos lächelte er Bainbridge an. »Es scheint, als bekämst du eine kleine Gnadenfrist. Es wird die letzte sein.«

Kapitel Drei

Nicht gerade sanft zog Captain Hawk ihn über die Leiter mit sich hinauf zum Hauptdeck. Nathaniel erhaschte einen Blick in die Quartiere der Crew im Bug des Schiffes: ein beengter Raum, dunkel und nach Schweiß, Schimmel und wusste –der –Himmel –was –sonst noch alles stinkend. Ein Koch schuftete an einem Herd. Die Männer verstauten ihre Hängematten, während die Sonne höher stieg, und zogen lange Tische zum Essen heraus. Dann wurde Nathaniel grob die Leiter hochgeschubst.

An Deck inhalierte er dankbar die kalte, frische Luft. Die Sonne, die gerade am Horizont aufging, blendete ihn. Er saugte alle Bilder und Gerüche um sich herum tief in sich ein, denn die Androhung eines ganzen Monats allein in der Kabine des Captains erfüllte ihn mit einer Angst, die ihn zu verschlingen drohte. Die Beengtheit eines Schiffes war schrecklich genug. Aber so lange in diesem einen Zimmer gefangen zu sein? Sein Magen verkrampfte sich.

Er blickte sich um, sein Herz hüpfte, als er in der Ferne Segel sah. War das die Proud William? Es musste wohl so sein, denn niemand sonst beachtete das Schiff. Nathaniel schaute bedrückt zu, wie es langsam zu einem winzigen Fleck zusammenschrumpfte. Aber Susanna war in Sicherheit, und das war alles, was zählte. Er hasste es, dass sie für den Rest ihrer Reise allein sein würde, besonders in ihrem verletzlichen Zustand. Schuldgefühle stiegen in ihm auf, obwohl er wusste, dass er nicht das Geringste dagegen hatte tun können.

Er sah den Captain an, der ihn schließlich aus seinem abscheulichen Griff entlassen hatte. Die aufsteigende Sonne enthüllte seine überraschend blauen Augen, die einen Stich Grau hatten. Sein kleiner quadratischer Goldohrring blitzte.

Der Quartiermeister, ein Mr. Snell, so die schroffe Begrüßung des Captains, näherte sich. »Captain, die Männer wollen etwas von dem Salzfisch essen, den wir mitgenommen haben. Soll der Koch ihn zubereiten?«

»Aye.«

Der Gedanke an Essen ließ Nathaniels Magen knurren, aber er würde lieber verhungern, als Captain Hawk – nein, einfach nur Hawk, denn er verdiente keinen ehrenwerten Titel – danach zu fragen. Als Hawk und Mr. Snell sich ein paar Meter entfernten und so leise miteinander sprachen, dass er nichts hören konnte, begutachtete Nathaniel sein Gefängnis.

Die Damned Manta war ein Einmaster, eine Schaluppe, die wahrscheinlich ursprünglich ein Handelsschiff gewesen war. Dicke Seilrollen bedeckten das Schiff. Wenn es anfangs ein Achterdeck in der Nähe des Hecks gegeben hatte, vermutete Nathaniel, dass es entfernt worden war, um weitere Geschütze hinzuzufügen. Er zählte vierzehn um das Oberdeck herum, das vom Bug bis zum Heck etwa sechzig Fuß lang und auf der ganzen Länge flach war. Aus weiter Entfernung musste es so aussehen, als läge die Schaluppe tiefer im Wasser. Sie war wie dazu gemacht, um auf ihr zu rennen, und es juckte Nathaniel in den Füßen. Nur zu gern wäre er vom Bug zum Heck, um das massive Rad des Schiffes herum und wieder zurück gerannt.

Er war sich nicht sicher, wie viele Piraten genau an Bord waren, schätzte ihre Anzahl aber auf fünfundvierzig bis fünfzig. Es schien ein bunt zusammengewürfelter Haufen zu sein, Männer jeder Herkunft, jeden Alters und jeder Größe, einige mit langen, einige mit kurzen Haaren, einige mit sauberen Gesichtern und wieder andere mit verfilzten Bärten. Viele trugen weite Hosen. Tattoos und Piercings schmückten nackte Haut. Ein Mann in einer Lederweste hatte so viele dunkle Bilder auf der Haut, dass Nathaniel zunächst dachte, er trüge ein dunkles Hemd.

Hoch über ihnen am Mast thronte der Ausguck. Die schwarze Flagge flatterte im Wind. Sie zeigte außerdem einen weißen Raubvogel mit weit gespreizten Schwingen und einem grausamen Schnabel. Einen Seeadler, vermutete er.

Jetzt rissen die Männer an den Tauen, um die Flagge einzuholen und sie den Blicken neuer Opfer zu entziehen. Er wandte den Blick von den Segeln und der Takelage ab.

Hawk und Snell schienen über ihn zu sprechen, denn sie beäugten ihn auf eine Art und Weise, die ihm die Haare auf den Armen zu Berge stehen ließ. Er konnte ihre Musterung kaum ertragen und sah hinaus auf die Wellen, seine Haut kribbelte. Der Wind toste ihm in den Ohren und ihm war nicht klar, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht, dass er ihre Worte nicht verstehen konnte.

In Wahrheit hatte er den schrecklichen Verdacht, dass Hawk den Wert, den Nathaniel für seinen Vater hatte, ziemlich überschätzte. Es stimmte, dass Walter sich einen Sohn mit einer an Besessenheit grenzenden Inbrunst gewünscht hatte, zumindest war das Nathaniel immer erzählt worden. Nathaniels Onkel, der ältere Bruder seines Vaters, hatte nicht nur das Familienvermögen, das Anwesen und den Titel des Baronets geerbt, sondern auch drei stramme, intelligente Söhne gezeugt. Walter hatte es ihnen allen bitter übelgenommen und war entschlossen gewesen, einen eigenen Sohn zu zeugen, als ein Emblem und Zeichen seiner Männlichkeit.

Margaret, Nathaniels Mutter, hatte Walter zunächst Hollington eingebracht. Dann eine Tochter, Jane, die mit ihrem Mann, einem Marineoffizier, der oft auf See war, und ihren vier Kindern in Kent lebte. Als Nächstes war Susanna gekommen; noch eine Enttäuschung für Walter. So hatte er Margaret wieder und wieder geschwängert, trotz der Warnung des Arztes, dass schon die ersten beiden Schwangerschaften sie beinahe umgebracht hatten. Nathaniel wusste nicht genau, wie viele Babys sie verloren hatte, bevor sie es geschafft hatte, ihn zur Welt zu bringen.

Walter hatte endlich seinen Sieg errungen, und obwohl er nach allem, was man hörte, seine Frau aufrichtig betrauerte, argwöhnte Nathaniel, dass Walters größte Trauer darin lag, dass sein Sohn völlig darin versagte, der Sohn zu sein, den er sich gewünscht hatte. Zu sagen, dass er eine Enttäuschung war, wäre eine milde Untertreibung gewesen. Für einen Moment gestattete er sich die kindliche Sehnsucht nach der Mutter, die er nie gekannt hatte. Sie hatte ihr Leben für seines gegeben und er war sich sicher, dass das kein guter Tausch gewesen war. Er hätte auch sie sehr enttäuscht. Ein Schwachkopf und ein Sünder, das war er.

»Die Zeit ist um«, verkündete Hawk und riss ihn aus seinen auf Abwege geratenen Gedanken. Dann verengten sich die blauen Augen. »Warum siehst du so schuldbewusst aus?«

»Es ist n… nichts«.

Mit einem großen, kraftvollen Schritt überwand Hawk die Entfernung zwischen ihnen. Die Reling drückte sich in Nathaniels Rücken. Hawk beugte sich vor und überragte ihn. »Welch heroische Idee auch immer dir im Kopf herumspuken mag, vergiss es. Wenn du irgendeinen Angriff auf mich oder meine Männer versuchst oder in einer irgendwie fehlgeleiteten Vorstellung eines edlen Opfers über Bord springst, werden wir dieses Handelsschiff jagen und deine Schwester und ihr ungeborenes Kind leiden lassen. Und wie sie leiden werden. Habe ich mich klar ausgedrückt oder muss ich noch deutlicher werden?«

Nathaniel schüttelte den Kopf und versuchte verzweifelt, sich von Hawks spöttischem Grinsen abzuwenden. Ohne Rückzugsmöglichkeit war er eingequetscht. Der Körper des Mannes vor ihm war wie eine undurchdringliche Mauer, seine Willensstärke unbezwingbar. Hawk hatte recht. Über Bord zu springen, wäre Selbstmord, und Nathaniel hatte nicht die geringste Chance, auch nur einen der Männer auf diesem Schiff zu überwältigen, ganz zu schweigen von fünfzig von ihnen. Er war gefangen.

»Noch Fragen?«

»Von wem habt ihr dieses Schiff gestohlen?« Die Wörter schossen ihm durch den Kopf und rutschten ihm irgendwie heraus. Nathaniel presste leicht verspätet die Lippen zusammen, das Blut rauschte ihm in den Ohren.

Hawk richtete sich auf, als sei er beleidigt worden. Er knurrte: »Dies ist mein Schiff. Ich habe sie bei einer Wette fair und ehrlich gewonnen. Es war dein Vater, der versucht hat, sie mir zu stehlen.«

»Ich verstehe nicht. Warum?«

Er stieß hervor: »Es spielt zwar keine verdammte Rolle, was du verstehst oder nicht. Aber nach jahrelanger Mühsal hatte ich endlich mein eigenes Schiff. Ich erwog, Handelsfracht damit zu befördern, aber ich wollte mehr für mein Land tun, obwohl …«

Nathaniel wartete ein paar Sekunden und sah, wie Hawks Kiefer sich verspannte. »Obwohl was?«

»Nichts«, spuckte er aus. »Man verlieh mir meinen Kaperbrief, der es mir erlaubte, feindliche Schiffe zu überfallen. Ich war ein stolzer Partner der Krone und bekämpfte den spanischen Herrschaftsanspruch auf die Westindischen Inseln. Ich hielt mich an die Regeln und teilte meine Gewinne. Ich war respektabel. Anständig.«

»Wie kam es dann, dass Ihr so tief gefallen und zu dem hier geworden seid?«

Hawks große Hand krampfte sich um Nathaniels Kehle. Seine Ringe gruben sich schmerzhaft in die Haut und schnitten ihm die Luft ab. Er beugte sich wieder zu ihm herab. »Mäßige deine Zunge, Junge, oder ich schneide sie dir ab und füttere dich damit. Verstanden?«

Nathaniel nickte verzweifelt. Entsetzen packte ihn, seine Lungen brannten. Er strampelte mit den Füßen, wollte um sich treten und sich irgendwie befreien. Hawk lockerte seinen Griff, aber er ließ ihn nicht los. Wenigstens reichte es, um wieder atmen zu können. Gerade so.

Mit versteinertem Gesicht neigte Hawk sich noch näher an ihn heran. »An jenem Tag vor sieben Jahren am Admiralitätsgericht, just als ich meine mit Schätzen beladene spanische Galeone vorführte, verkündete dein Vater, dass der spanische Captain von grausamer Behandlung berichtet hätte, die in direktem Widerspruch zu den Regularien stand. Ich wusste, dass dies eine Lüge war, denn der Mann war stets in meiner Kabine geblieben und völlig unverletzt. Ich sorgte dafür, dass kein Gefangener auf meinem Schiff jemals zu Schaden kam.«

»Vielleicht hatte der spanische Captain gelogen«, quetschte Nathaniel hervor. Um ehrlich zu sein, klang die Geschichte genau nach seinem Vater. Alles, um seine selbstsüchtigen Bedürfnisse zu befriedigen.

»Natürlich konnte der Captain selbst nichts mehr dazu sagen, da er in der Nacht zuvor in der Obhut des Gerichts plötzlich gestorben war. Aber mein Kaperbrief wurde für ungültig befunden und im Handumdrehen wurde ich zum Piraten erklärt. Mein Schiff und meine Männer wurden ebenfalls beschlagnahmt.« Wieder verstärkte er den Griff seiner Hand an Nathaniels Hals. »Dein Vater und seine Kumpane verurteilten mich und meine Mannschaft zum Tod am Galgen, ohne eine Sekunde zu zögern. Sie behielten die Galeone für sich und gaben nur einen kleinen Anteil des Goldes an Englands Schatzkammer weiter, habe ich später gehört. Dein Vater ist ein gieriger Lügner. Und du bist wahrscheinlich ganz genauso wie er.«

Nathaniel rang nach Luft. Zitternd griff er nach Hawks Handgelenken und versuchte, den krallenartigen Griff zu lösen.

Sicher will er mich jetzt doch noch nicht töten?!

Glücklicherweise löste Hawk seine Finger. Nathaniel spürte wieder die Reling im Rücken und er verfluchte seinen Vater.

Verdammt seien er und seine unersättliche Gier.

Nathaniel hatte schon viele Geschichten über die sich ausbreitende Korruption in der Neuen Welt gehört, und ein spanisches Schiff voller Schätze wäre mit Sicherheit sehr verlockend. Wieder einmal schwebte er wie ein dunkler Schatten über Nathaniels Leben, selbst in seiner Abwesenheit. Nathaniel sah Hawks grimmigen Ausdruck und die Bitterkeit, die sich auf seinen vollen Lippen abzeichnete. Aber Walter musste warten. Er musste sich mit dem Bösewicht auseinandersetzen, der ihn jetzt in seinen Krallen hielt. Der Geruch von Schweiß und Meerwasser drang in Nathaniels Nase.

Hawk fuhr fort. »Dein Vater und seine Mitverschwörer unterschätzten meine Männer, Mr. Snell und viele dieser Mannschaft. Sie überwältigten die Männer, die sie verhaften wollten, und befreiten mich aus meiner Zelle. Wir eroberten die Manta zurück, aber dieser Name passt nur zu einem gesetzestreuen Schiff. Seit wir als Piraten gebrandmarkt wurden, hielt ich eine Änderung für angebracht. Sie heißt jetzt Damned Manta.« Wieder griff er fester zu. »Und ich garantiere nichts mehr in Bezug auf das Wohlergehen der Gefangenen.«

Damit stieß er Nathaniel zurück unter Deck und in Richtung seiner Kabine, vor der ein nervöses Mitglied der Crew mit einem Metallwerkzeug in der Hand stand. »Schloss ist repariert, Captain.« Er übergab den eisernen Schlüssel.

Nathaniel stolperte Hals über Kopf in die Kabine, als Hawk ihm einen kräftigen Stoß gab, und verfehlte nur knapp die Kante des Schreibtisches. Er rappelte sich auf und hasste sich dafür, wie er vor Hawk kauerte und es ihn gleichzeitig danach drängte, sich vor ihm unter dem Schreibtisch zu verkriechen. Die Vorstellung, noch einmal gewürgt zu werden, war jedoch unerträglich.

Der Pirat schnaubte verächtlich, dann drehte er sich um, streifte seinen langen Mantel ab und hängte ihn an einen Haken. Sein dunkles, offenes Hemd bauschte sich leicht an den Ärmeln. Neben seinem Schwert und einer Pistole erhaschte Nathaniel einen Blick auf zwei Dolchgriffe, die er sich in den Gürtel geschoben hatte – einer davon gehörte Nathaniel selbst. Ihm war schwindelig vor Scham. Was für ein Versager er war. Er hatte es nicht mal geschafft, den Feind mit seiner Klinge zu kratzen, bevor sie ihm weggenommen worden war wie einem unartigen Kind. Was würde Mr. Chisholm von ihm denken?

Dass ich in allem ein Versager bin, nicht nur im Studium.

Er blinzelte, als die Tür sich schloss und der Schlüssel umgedreht wurde. Hawk war fort ohne ein weiteres Wort.

Danke, Gott, für die kleinen Gnaden.

Je weniger er unter der Gegenwart des Wüstlings leiden musste, desto besser. Immer noch auf dem Boden liegend, sah er sich in seiner Zelle um. Sonnenlicht fiel durch die quadratischen Fensterscheiben am Heck und erwärmte die Luft. Auf der Backbordseite der Kabine waren Bücherregale in den Rumpf eingebaut, in denen dicke Bücher und gerollte Seekarten ordentlich verstaut lagen. Er machte sich jedoch nicht die Mühe, näher heranzugehen, um einen der Titel zu entziffern. Auf der Steuerbordseite befanden sich eingebaute Fächer. Die große Truhe, aus der Hawk die Decke geholt hatte, stand ebenfalls dort. Nathaniel konnte es kaum ertragen, sie anzufassen, und er trat sie weit von sich fort in die andere Ecke des Raumes.

Er zog die Knie an die Brust. Gedanken wirbelten in seinem Kopf umher. Hätte er mit dem Dolch mehr anrichten können? Er sah Mr. Chisholms Gesicht vor sich, und Sehnsucht durchfuhr ihn. Sein Lehrer war ihm immer so tüchtig erschienen, so stark und intelligent. Nathaniel schloss die Augen und rief sich Mr. Chisholms kräftiges Kinn, seine grünen Augen und sein blondes, zu einem Pferdeschwanz zurückgebundenes Haar in Erinnerung. Die Breite seiner Schultern und die Art, wie sein Mantel sich an die kräftige Brust schmiegte.

Mr. Chisholm zwinkerte. »Die Welt da draußen in den Kolonien ist gefährlich. An Land und auf See.«

Nathaniel untersuchte behutsam das glänzende Metall in seiner Hand und drehte den glatten Holzgriff zwischen seinen Fingern. »Sie schenken mir das?« Sein Herz pochte fast schmerzhaft.

»Ich weiß, dass die meisten Lehrer eher ein Buch oder etwas Ähnliches verschenken würden, aber ich fürchte, das wäre bei Euch eher eine Verschwendung. Meint Ihr nicht auch?«

Das meinte er in der Tat. Nathaniel sehnte sich danach, ihn in seine Arme zu ziehen und seine Lippen auf den Streifen nackter Haut über Mr. Chisholms Halstuch zu drücken. Seit er ein Junge war, hatte er davon geträumt und wusste zugleich, dass sein Tutor ein guter, anständiger Mann war, kein Sünder wie Nathaniel. Er bewunderte ihn dafür, während er gleichzeitig daran verzweifelte.

Nachdem er wie ein Gentleman Mr. Chisholms Hand geschüttelt hatte, sah er mit einem Knoten in der Kehle zu, wie Mr. Chisholm bis zum Ende der Auffahrt ritt, um die Kurve bog und für immer verschwand.

Plötzlich gegen Tränen ankämpfend, riss Nathaniel seine Augen auf. Er saß immer noch auf dem Boden der Kabine des Piratenkönigs. Das hier war die Wirklichkeit. Er war entführt worden. Dies war nicht irgendein Albtraum, aus dem er nassgeschwitzt, aber ansonsten unversehrt wieder aufwachen würden.

Sein Lehrer hatte versucht, ihn so gut er es vermochte, vor der Welt abzuschirmen, aber auf so etwas konnte man sich nicht vorbereiten. Nathaniel vermisste ihn schmerzhaft, er sehnte sich nach seiner beruhigenden Anwesenheit, seinen freundlichen, wohlüberlegten Antworten und Ratschlägen. Sie hatten nicht genug Vermögen besessen, um Nathaniel in Cambridge oder Oxford einzukaufen, und Mr. Chisholm hatte Walter gewarnt, dass er, Nathaniel, einfach nicht die Eignung für einen Akademiker oder Juristen besäße. Das war seine wohlwollende Art gewesen, zu sagen, Nathaniel sei nicht intelligent genug.

Selbst die Kirche kam nicht infrage, denn die Fähigkeit zu lesen war eine grundlegende Voraussetzung. Nicht, dass Nathaniel auch nur den geringsten Wunsch verspürte, Geistlicher zu werden. Er hatte an die Marine gedacht, aber Walter hatte darauf bestanden, dass Nathaniel zuerst Eliza heiratete. Seine Studien waren ein steter Kampf gewesen, so lange er zurückdenken konnte.

Während Susanna gerne Stunde um Stunde mit Lesen verbrachte, hatte sich Nathaniel immer danach gesehnt, draußen zu sein, zu rennen, zu klettern und zu schwimmen, sich zu bewegen. Worte auf Papier schienen sich ihm nicht zu enthüllen und so zu fließen, wie sie es für andere zu tun schienen. Wenn Susanna ihm laut vorlas, schien sie nie zu stolpern oder sich im Dschungel der Buchstaben zu verirren. Die Wörter strömten aus ihr heraus wie Wasser, versehen mit Sinn und Betonung. Nathaniel verstand alles, was er hörte, aber mit Tinte auf Papier geschrieben, verwirrten ihn die Worte.

Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte sie ihm geholfen, sich Wörter zu merken, hatte ihm erklärt, was sie bedeuteten, und hatte ihn besser unterrichtet als jeder Lehrer, selbst besser als der liebe Mr. Chisholm. Sie würde eine wunderbare Mutter sein, geduldig und freundlich, mit einem schalkhaften Zug, von dem er hoffte, dass er ihr für den Rest ihres Lebens erhalten bliebe. Einmal, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, hatte Nathaniel seinem Tutor gestanden, dass er die Diener um ihre physische Arbeit beneidete. Mr. Chisholm hatte ihm einen ungewöhnlich strengen Blick zugeworfen und gesagt: »Gesprochen wie ein privilegierter Junge, der niemals dienen wird.«

Er hatte recht gehabt und die Scham darüber, dass er so unzufrieden mit seinem Los war, während es vielen anderen noch viel schlechter ging, quälte Nathaniel immer noch. Er wünschte sich einfach, sich nicht so falsch zu fühlen. Falsch auf so viele Arten …

Mr. Chisholm war dann schnell wieder sanfter geworden und hatte reumütig gesagt, dass der Storch ihn wohl im falschen Haus abgegeben haben musste, bevor er ihn wieder mit lateinischen Konjugationen quälte. Wenn es jemals ein nutzloses Unterfangen gegeben hatte, dann war es dieses gewesen. Er lachte trocken auf.

Der Storch.

Als Mr. Chisholm festgestellt hatte, dass Nathaniel alt genug war, um über die wahre Entstehung von Babys und über die Geburt aufgeklärt zu werden, hatte Susanna es ihm längst in allen Einzelheiten geschildert. Er wusste immer noch nicht genau, wie sie es erfahren hatte, denn die prüde Jane war nie eine Tratschtante gewesen.

Susanna.

Ging es ihr gut? Er war nicht imstande, sie zu trösten, und die Verzweiflung kehrte zurück, gemeinsam mit einer Welle der Einsamkeit, die ihn umgeworfen hätte, wenn er nicht schon auf dem Boden gekauert hätte. Wieder schloss er die Augen und Erinnerungen erfüllten seine Gedanken. Als er die Storchen-Theorie infrage gestellt hatte, hatte Susanna ihm zugeflüstert, dass sie zusehen könnten, wenn der Hengst die neue Stute schwängerte, und dass dies alles erklären würde. An diesem regnerischen, grauen Tag hatten sie sich auf dem Dachboden in eine Ecke der Scheune verkrochen, flach auf dem Bauch liegend, die Mäntel durchnässt, und sich mit Vaters aufwendig verziertem und doch völlig funktionalem Fernglas abgewechselt. Auf der Koppel hatte die Stute gewiehert und war hin- und hergerannt, bis sie schließlich in die Ecke getrieben und bestiegen wurde.

»Das hat Vater mit Mutter gemacht?«, hatte Nathaniel voller Grauen geflüstert.

Susanna hatte geschnaubt. »Nein, so machen es nur die Tiere. Frauen liegen auf dem Rücken. Aber sonst ist es das Gleiche.«

Den Hengst zu beobachten, der sich die Stute zu Willen machte, hatte Nathaniels Blut auf eine Weise in Wallung gebracht, die er nicht gekannt und nicht verstanden hatte. Als er dann irgendwann morgens in feuchten Laken aufgewacht war und sein Schwanz scheinbar beschlossen hatte, ein Eigenleben zu führen, hatte er oft Hand angelegt, das Bild des Hengstes wieder und wieder vor Augen. Kohlrabenschwarz, mit kraftvollen Hinterläufen, hatte er die bebende Stute bezwungen. Sein Glied hatte, als er sie in die Enge getrieben hatte, ungeheuer groß und dick ausgesehen, und Nathaniel hatte sich vorgestellt, wie sich dieses heiße, eisenharte Fleisch im Inneren anfühlen musste.

Als er von einem seiner älteren Cousins erfahren hatte, was Sodomie bedeutete, hatte das tief in ihm etwas Beunruhigendes aufgewühlt. Während seine Freunde der benachbarten Anwesen davon geträumt hatten, die Röcke einer Dame zu heben oder ihre sahneweißen, zarten Brüste zu berühren, war Nathaniel von den Reizen der Frauen unberührt geblieben. Nicht nur, dass er schwachsinnig war – er war obendrein ein Perverser. Es verlangte ihn nach einem Schwanz: hart, dick und unerbittlich. Manchmal reichten Regen oder Schlamm oder auch nur ein lebhafter Wind aus, um lebhafte Erinnerungen an diesen Hengst an jenem Frühlingstag wachzurufen. Da er in England lebte, war das ziemlich unberechenbar und oft geschehen.

Ihn schauderte bei dem Gedanken, ein unglückliches Mädchen zu einem Leben mit einem Dummkopf zu verdammen, der kaum zwei Wörter lesen konnte, bevor er stockte, und außerdem ein Sünder mit einem unnatürlichen Makel war. Er wusste, dass er sich bemühen sollte, seine Veranlagung zu überwinden, aber alle Versuche hatten ihn an der Aussichtslosigkeit verzweifeln lassen. Vielleicht wäre es sowohl für die arme Elizabeth Davenport als auch für ihn besser, wenn die skrupellosen Piraten zu seinem Verhängnis würden.

Sein sündhaftes Verlangen danach, sich mit Männern zu vergnügen, ja, von ihnen verzehrt zu werden, war nur umso stärker geworden, je mehr er versuchte hatte, es zu unterdrücken. Es hatte mehrere Male gegeben, als er sich Susanna voller Verzweiflung hatte anvertrauen wollen, aber er hatte ihre Zurückweisung stets zu sehr gefürchtet.

Nathaniel blinzelte. Irgendwann hatte er die Augen geöffnet, und er war immer noch in der fremden Kabine. Wenn er doch nur auf der Proud William von Susannas Schnarchen aufwachen könnte. Seine Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. Gott, würde er sie jemals wiedersehen? Er konnte nicht einfach nur hier sitzen. Er musste versuchen, etwas zu tun. Irgendetwas! Mit einem Auge in Richtung Tür schlich er auf Zehenspitzen über den quietschenden Boden. Wahrscheinlich würde der Pirat für einige Zeit fortbleiben. Er hielt inne, um seine Schuhe aufzuknöpfen und seine Wollsocken auszuziehen, und warf beides in die Ecke, in der er eigentlich bleiben sollte. Erleichtert spreizte er seine Zehen auf den ausgetretenen Planken.

Als er in den Schubladen stöberte, fand er dunkle Kleidung – Hosen und Hemden. Und ein paar helle Leinenunterhosen. Keine Strümpfe oder Westen, denn was sollte ein Pirat schon damit anfangen? Nathaniel konnte einen kurzen Stich der Eifersucht auf diese Freiheit nicht leugnen. Er knöpfte seine eigene, verhasste Weste auf und warf sie ebenfalls in die Ecke. Ganz sicher war er sich nicht, wonach er suchte. Hatte er geglaubt, er würde über eine Waffe stolpern und dann … was? Am besten nicht nur den Piratenkapitän, sondern gleich die ganze Mannschaft erledigen? Trotzdem suchte er weiter.

In der Truhe befanden sich nur noch mehr Wäsche und Krimskrams. Der dunkle Schreibtisch dominierte den größten Teil der Kabine und war der Tür zugewandt, die seitlich in der Nähe des Backbordrumpfes eingebaut war.

Das Bett wiederum war in die Wand neben der Tür eingelassen. Rote Samtvorhänge waren mit gelben Troddeln auf beiden Seiten des Bettes zurückgebunden. Die einst leuchtenden Farben hatte die Sonne verblassen lassen. Dem Staub nach zu urteilen, der auf dem Samt lag, waren die Vorhänge schon seit einiger Zeit nicht mehr geschlossen oder ausgeschüttelt worden. Die Bettwäsche war zerknittert, wenn auch erstaunlich weiß. Nathaniel warf einen Blick auf seine eigene kratzige, muffige Decke.

Gleichzeitig auf Schritte im Korridor lauschend, untersuchte er den breiten, dunklen Holztisch. Er hatte eine rötliche Maserung und war gut konstruiert worden. Das Holz reichte an der Vorderseite und an den Seiten bis zum Boden, was ihn zu einem einzigartig soliden Möbelstück machte. Der geschnitzte Stuhl dahinter war aus einem fast schwarzen Holz gefertigt. Die hohe Rückenlehne war in Form eines geflügelten Vogels geschnitzt, natürlich ein Adler, der über Schlangen schwebte. Der Hals einer Schlange war im Schnabel des Adlers gefangen, dessen Krallen sich in die Kreatur bohrten. Die Fangzähne der Schlange waren offensichtlich nutzlos, egal, wie sehr sie sich dagegen wehrte. Dieser Stuhl war mehr als ein Möbelstück. Er war eine unmissverständliche Aussage. Das Sitzkissen darauf, wiederum aus rotem Samt, wurde gern genutzt.

Der Schreibtisch selbst war aufgeräumt. Eine Seekarte lag zusammengerollt neben dem dicken, zugeklappten Logbuch des Captains. Tintenfass und Federkiel standen daneben. Ein geschwungener silberner Leuchter mit fast ausgebrannten Kerzen diente als Beleuchtung, Wachstropfen waren auf den Schreibtisch gelaufen und dort getrocknet. Für einen etwaigen Gast gab es an diesem Tisch keinen zweiten Stuhl, vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Pirat nicht viel Wert auf Rücksprache mit anderen legte. Der Schreibtisch selbst hatte natürlich noch ein paar Schubladen. In der untersten fand er ein paar Flaschen Rum und Portwein.

Als Nathaniel die oberste Schublade herauszog, hörte er einen dumpfen Schlag und Stimmen vor der Tür. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und erneut schoss Panik pochend durch seine Adern. Er flüchtete in seine Ecke und drückte sich auf der furchtbaren Decke an die Wand. Dann wartete er, die Augen auf die Tür gerichtet, darauf, dass der Schlüssel sich im Schloss umdrehte.

Es geschah jedoch nichts. Die Minuten vergingen, ohne dass jemand eintrat. Die Damned Manta segelte weiter, ihr Rumpf knarrte und schaukelte sanft. Würde das Handelsschiff Primrose Isle zu dem Zeitpunkt erreichen, den ihr Captain vorhergesagt hatte? Und würde er seinem Vater wichtig genug sein, sodass er versuchen würde, Nathaniel zu retten? Würde er die letzten Tage seines Lebens eingesperrt in diesem Raum verbringen, entweder allein oder mit einem Monster als Gesellschaft? Er war sich nicht sicher, was schlimmer war, und fuhr mit den Fingern über die zarte Haut an seiner Kehle, die nach Hawks grober Behandlung immer noch schmerzhaft pochte.

Dann stellte er sich vor, wie er mit Susanna nachmittags über das Deck der Proud William geschlendert war, ihre schlanke Hand in seiner Armbeuge. Er konnte den Klang ihrer heiteren Stimme hören, die ihm eine Geschichte nach der anderen vorlas. Sinnlose Tränen brannten in seinen Augen. Er beugte den Kopf und betete dafür, dass sie und ihr Baby ihre Reise nach Primrose Isle unbeschadet überstehen würden. Wenn ihr Vater sie nur nicht auf diese Fahrt in die Neue Welt geschickt hätte. Nathaniel verdrängte seine Angst zugunsten des Unmuts. Vater hatte lächerlich hohe Beträge dafür ausgegeben, Primeln und andere Blumen von England aus auf die Insel zu importieren. Laut Susannas Mann war er wütend geworden, als sie keine Wurzeln entwickelt hatten, weil die tropischen Pflanzen sie mit ihren blühenden Ranken und leuchtenden Blüten erstickt hatten.

Die Insel war zuvor unbewohnt gewesen, und Nathaniel hoffte insgeheim, dass sie für die nächsten Jahre auch wild und ungezähmt bleiben würde. Doch er wusste, egal wie widerstandsfähig die Vegetation war, wenn England dazu entschlossen war, sie zu überrennen, würde es das auch tun, ohne Rücksicht darauf, wie viele dabei leiden und versklavt werden würden.

Vor ein paar Jahren, als Walter bei einem seiner seltenen Besuche zu Hause gewesen war, hatte Nathaniel mit ihm beim Frühstück über die gerechte Entlohnung der Arbeit in den Kolonien gestritten. Wenn das Gesetz besagte, dass ein Mensch in England kein Sklave sein durfte, wie konnte das dann in der Neuen Welt anders und richtig sein? Er sah immer noch die rotgesichtige Wut seines Vaters über diese radikalen Ideen vor sich. Die Spucke war ihm nur so aus dem Mund geflogen, als er hatte wissen wollen, ob Nathaniel diese Einfälle von seinem Hauslehrer hatte. Mr. Chisholm in Schutz nehmend, hatte Nathaniel gesagt, dass er sie aus einer Quäker-Flugschrift hatte, die er bei einem Ausflug nach London gesehen hatte.

»Und wie konntest du das lesen, du Einfaltspinsel?«, hatte sein Vater gefragt.

Nathaniel hatte darauf beharrt, dass ein Junge aus der Nachbarschaft sie ihm weitergereicht hatte. Tatsächlich hatte es diese Flugschrift gegeben, aber Mr. Chisholm hatte sie ihm vorgelesen.

Vielleicht könnte Nathaniel für Fairness auf Primrose Isle kämpfen. Nicht, dass er darin besonders gut sein würde, er mit seinem beschränkten Geist … Trotzdem, er würde es tun. Wenn er überlebte. Er rollte sich in der Ecke seines Gefängnisses zusammen, wo er für die nächsten … wie lange noch? Vier Wochen, hatte der Teufel gesagt, bleiben würde. Und wenn Walter sich weigerte, zu bezahlen … Nein. Nathaniel durfte sich jetzt darüber nicht den Kopf zerbrechen. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass dies hier nicht sein blutiges Ende sein würde. Wieder berührte er seinen Hals und spürte den Druck von Hawks mächtiger Hand. Er musste seine Gefangenschaft ertragen, und wenn er seine Angst nicht beiseiteschieben konnte, würde er sich noch selbst in den Wahnsinn treiben. Nathaniel war machtlos allem gegenüber – mit Ausnahme seines Geistes. Und wenn er es schaffte, sich zu beschäftigen, würde er dies überleben. Er sah sich in seinem Gefängnis um und sein Herz sank. Natürlich war das leichter gesagt als getan, denn bewegen konnte er sich hier nicht. Selbst nachdem er von Piraten gekidnappt worden war, würde ruhelose Langeweile scheinbar einmal mehr zu seinem Begleiter werden. Mit Sicherheit war die Kajüte des Captains die größte auf dem Schiff – aber darin gefangen, würde Nathaniel innerhalb weniger Tage verrückt werden.

Kapitel Vier

Die Bootsmannspfeife durchschnitt die Luft, rief die Mannschaft an Deck und die Männer gehorchten und versammelten sich. Am Steuerrad stehend, Snell an seiner Seite, beobachtete Hawk sie schweigend und wartete darauf, dass das Schieben und das Gedränge aufhörten. Er wartete, bis er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte.

Er trug immer noch alle seine Waffen, einschließlich des Dolches, den er von dem Gefangenen konfisziert hatte. Sein unterer Rücken protestierte gegen das zusätzliche Gewicht an seinem Gürtel, und er verfluchte sich dafür, dass er ihn nicht sicher weggeschlossen hatte, bevor er wieder nach oben gegangen war.

Darauf achtend, dass seine Stimme laut und deutlich zu hören war, rief er: »Inzwischen wisst ihr alle von dem unerwarteten Schatz, den wir erbeutet haben. Meine Brüder, dieser Glücksfall wird uns eine viel größere Ernte einbringen, als wir uns hätten träumen lassen, als wir dieses Handelsschiff erspäht haben. Unsere neue Mission ist es, Lösegeld für Walter Bainbridges Sohn zu fordern.«

»Wieviel?«, rief eine Stimme.

»Einhundert…«, Hawk machte eine kleine Pause zugunsten des dramatischen Effekts, »…tausend Pfund.«

Die Männer sahen sich an, murmelten und lächelten, Visionen von ihrem Anteil des Lösegeldes tanzten in ihren Köpfen. Einer jedoch, Deeks, fragte: »Hätten wir nicht abstimmen sollen?«

Hawk seufzte innerlich. Ja, das hätten sie tun sollen, und er hatte nicht mal innegehalten, um das in Betracht zu ziehen. Sein Augenmerk war auf die Aussicht des doppelten Gewinns der Rache an Bainbridge und der Möglichkeit eines friedlichen Rückzugs von der See gerichtet gewesen. Aber er wollte auch, dass das Geld den Männern zugutekam, sodass sie gut leben konnten, sofern sie es nicht verschleuderten, was einige bestimmt tun würden. Doch das lag nicht in seinen Händen. Er nickte.

»Ja. Vergebt mir, meine Brüder. Ich habe mich in meiner Aufregung über unseren zukünftigen Reichtum hinreißen lassen. Wie dem auch sei, selbstverständlich werden wir abstimmen. Ihr habt die Wahl: Weitersegeln ohne einen konkreten Plan in der Hoffnung darauf, dass wir über Beute stolpern. Vielleicht ein bisschen Tabak oder Zucker, die wir in Nassau gegen genug Münzen eintauschen können, um ein paar Tage mit Trinken und Hurerei verbringen zu können, bevor wir wieder die Segel setzen und alles von Neuem beginnt. Und wieder. Und wieder.« Er wartete und ließ diese Vorstellung einsickern.

»Oder wir erpressen vom lügenden, betrügenden Walter Bainbridge Lösegeld für seinen Sohn von einhunderttausend Pfund.« Oder wie viel auch immer Bainbridge aufbringen konnte, aber das mussten die Männer ja nicht wissen. Hawk hatte die Summe auch den Männern zuliebe so hoch angesetzt, und hoffentlich würde sie annähernd so hoch ausfallen, damit sie sich ein großzügiges Kopfgeld teilen konnten. Mehr als sie jemals erreichen würden, es sei denn, sie stolperten irgendwann auf wundersame Weise über ein Schiff mit einem Schatz im Laderaum.

»Nächsten Monat entspannen wir uns. Wir kämpfen nicht um Brotkrumen gegen andere, die auch unter der schwarzen Flagge segeln. Wir riskieren nicht den Tod im Kampf gegen besagte Schiffe. Wir halten uns aus den Handelskanälen heraus. Dann liefern wir einfach dieses eine besondere Stück Fracht ab und werden mit einem Schlag reicher sein, als wir es jemals für möglich hielten.« Auch das ließ er einen Moment wirken. Dann sagte er: »Mr. Snell, die Abstimmung, wenn Sie so freundlich wären?«

Snell räusperte sich und bemühte sich redlich, nicht zu grinsen. »Wir alle wissen, dass der Captain ein Mann von Wort ist. Während sich die meisten Freibeuterkapitäne bis zu vierzehn Anteile an einer Beute nehmen, hat Captain Hawk immer nur zwei beansprucht, genauso wie er es jetzt tut. Einen fairen Anteil für die Arbeit, die er leistet, um uns anzuführen. Und um uns zu beschützen. Mr. Walker, wie viel verdienten Sie mit Ihrer Schufterei auf dem Anwesen des reichen Mannes in Boston?«

Walker antwortete: »Zwölf lausige Pfund im Jahr.«

Snell ließ den Blick über die Männer schweifen. »Zwölf Pfund. Ein Jahr. Wir sind sechsundvierzig Mann auf diesem Schiff. Der Captain bekommt zwei Anteile, eineinhalb für mich. Ein Teil geht in den Fonds für die Verletzten und so weiter. Aber am Ende sind es zweitausend Pfund für jeden von euch. Ich weiß, wir alle träumen davon, mit dem nächsten Schiff am Horizont auf spanisches Gold zu stoßen. Das hier mögen zwar keine Millionen sein, aber es ist ein nicht zu unterschätzender Betrag. Sind alle einstimmig dafür?«

Mit wildem Jubel warfen die Männer die Hände in die Höhe.

Hawk grinste. »Das ist der wahre Geist der Damned Manta!« Er wartete ein paar Augenblicke, bevor er die Hände hob und die Männer um Ruhe bat. »Der Junge wird in meiner Kabine bleiben. Unberührt. Unverletzt. Einige von euch werden sich um ihn kümmern müssen, wenn es nötig ist, ihm Essen und Wasser bringen oder den Eimer leeren, wenn ich anderweitig beschäftigt bin. Sprecht nicht mit ihm und erlaubt ihm nicht, euch zu vereinnahmen. Einige von euch werden sich an seinen Vater erinnern oder kennen die Geschichte seines Verrats. Walter Bainbridge ist wie die Schlange im Gras, und sein Sohn ist sicher mindestens genauso raffiniert und hinterlistig.«

Die Männer nickten und murmelten zustimmend.

»Lasst euch nicht von seinem unschuldigen Gesichtsausdruck täuschen. Er ist ein verwöhnter, fauler Balg, dem alles in den Schoß gefallen ist, ohne auch nur eine Minute gearbeitet zu haben, ohne auch nur eine Minute echte Not gelitten zu haben.«

Noch mehr gemurmelte Zustimmung. Dann: »Was is', wenn der alte Mann nich' zahlt?«

Hawk entdeckte den Mann, der sprach. Rote Haare, dürr, mit einem permanent finsteren Blick und einem raubtierhaften Hunger in den langen Gliedern. Es war der Seemann, der sich ihnen gerade erst von der Proud William angeschlossen hatte. Dass er schon jetzt so kühn sprach, könnte Ärger bedeuten, aber Hawk würde ihm den Zweifel zugestehen. Er wusste, wie erbärmlich die Zustände auf diesen Handelsschiffen sein konnten, genau wie in der Marine: Man schuftete bis zu Umfallen für so gut wie nichts. »Ah, unser neuer Bruder. Dein Name?«, fragte Hawk.

»Tully.« Er schaute sich um, als ob jemand wagen würde, ihm zu widersprechen.

»Eine berechtigte Frage. Ich bin aber zuversichtlich, dass Bainbridge das Lösegeld zahlen wird.«

Ein weiterer Mann meldete sich zu Wort. »Ich habe gehört, dass Primrose Isle zugrunde geht. Angeblich gibt es dort kein Geld, nicht genug Essen, immer mehr Leute brechen ihre Zelte ab und ziehen auf die Karolinen oder nach Jamaika. Ich dachte, das sei der Grund, warum wir uns nie damit aufgehalten haben.«

»Absolut richtig. Aber Bainbridge ist ein käuflicher, gieriger Mann. Wir haben auch mitbekommen, dass er in einem großen Haus in der Kolonie lebt; dass er gedeiht, während seine Leute leiden. Er giert nach Macht. Und welches Signal würde es an den Rest der Neuen Welt senden, wenn er Piraten erlaubt, seinen einzigen Sohn zu ermorden? Wenn er eine solche Schwäche, eine solche Verwundbarkeit zeigen würde?«

Die Männer tuschelten und nickten sich zu.

Hawk fuhr fort. »Er kann es nicht erlauben. Sein Stolz wird es nicht zulassen. Wenn er die Mittel nicht besitzt, wird er sie so oder so beschaffen, ansonsten wird sein Ruf irreparablen Schaden erleiden. Egal, wie die Wahrheit aussieht: Er darf nicht schwach erscheinen. Dessen bin ich gewiss. Ich bin mir auch sicher, dass es zum Kampf kommen wird, wenn der Austausch erst stattgefunden hat.« Hawk grinste wölfisch. »Aber die Damned Manta geht keinem Kampf aus dem Weg, wenn der Preis so wertvoll ist. Wer stimmt mir zu?«

Die Männer jubelten und hoben die Fäuste. Einer schrie: »Die Rache wird verdammt süß schmecken!«

Hawk stimmte ihm aus vollem Herzen zu. »Jetzt segeln wir nach Nassau, um den Rest der Ladung einzutauschen.«

Noch mehr Jubel. Hawk verschwieg ihnen, dass der Aufenthalt in Nassau sehr viel kürzer ausfallen würde, als ihnen lieb wäre. Aber wenn sie länger dortblieben, würde das Risiko zu groß werden. Wenn sich die Nachricht über ihre Geisel verbreitete, würden sie andere Piraten abwehren müssen. Nein, es war besser, in Bewegung zu bleiben, sich von den Schifffahrtsrouten fernzuhalten und nahe genug an Primrose Isle heranzusegeln. Aber nicht zu nahe.

Die Männer machten sich wieder an die Arbeit. Die Aufregung beflügelte sie.

Hawk drehte sich um, um auf das Meer hinter sich und auf das rauschende Kielwasser zu schauen. Nach einer Weile gesellte sich Snell wieder zu ihm und fragte: »Seht Ihr etwas, das ich nicht sehe?«

Hawk lachte leise. »Ich fürchte, mein Augenlicht ist nicht mehr das, was es einmal war.«

»Alles an mir ist nicht mehr das, was es einmal war.« Snell fuhr sich mit der Hand über sein schütteres blondes Haar und tätschelte seinen dicken Bauch.

Sie standen nebeneinander in kameradschaftlichem Schweigen, und Hawk beobachtete den Horizont. Es stimmte, dass seine Sicht nicht mehr ganz so scharf war wie Jahrzehnte zuvor, als er seinen Spitznamen bekommen hatte, aber er hatte immer noch ein scharfes Auge. Als Junge war er schnell zum besten Ausguck auf dem Schiff geworden, auf dem er zuerst gedient hatte. »Du hast Augen wie ein Adler da oben!«, hatte man ihm gesagt. Er dachte an seine Kindheit auf Cornwalls Klippen zurück, als er die See beobachtet und sich nach ihrer Umarmung gesehnt hatte.

Pass auf, was du dir wünschst.

Manchmal vermisste Hawk den Frieden des Ausgucks, hoch oben über der Betriebsamkeit und dem Geschnatter. Es waren gute Männer, wenn sie doch nur manchmal die Klappe halten würden … Er schüttelte den Kopf. »Ich werde zu alt hierfür.«

Snell schnaubte. »Wenn Ihr zu alt seid, bin ich verdammt nochmal antik.«

»Nun ja, ganz so würde ich es nicht ausdrücken, aber …«

»Schon gut, schon gut.« Dann verblasste Snells Lächeln. »Walter Scheiß-Bainbridge. Dieses dämliche Stück Scheiße. Ich schätze, es war unvermeidbar, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen würden.« Einen Moment lang schwieg er, aber Hawk wusste, dass Snell noch mehr zu sagen hatte, also wartete er ab. Schließlich fuhr Snell, den Blick auf den Horizont gerichtet, fort: »Ich habe mich gefragt, warum wir Bainbridge nach dem, was er getan hat, aus dem Weg gegangen sind. Wegen ihm hätten wir fast gebaumelt. Viele Männer hätten ihm schon längst einen Besuch abgestattet, um mit ihm abzurechnen. Aber Ihr nicht.«

»Am Anfang war es das Risiko nicht wert. Wir mussten unseren Lebensunterhalt sichern. Uns unter der schwarzen Flagge etablieren.«

»Aye. Den Ruf des Sea Hawks aufbauen.«

»Mhm. Als Bainbridge dann zum Gouverneur dieser neuen Kolonie ernannt wurde, habe ich überlegt, ihn zu besuchen. Fantasiert.« Er umklammerte die Reling und beschwor die Vision seiner Hände um Walter Bainbridges Hals herauf … die Haut des Hurensohns war schon blau angelaufen, seine Augen quollen hervor und die Zunge hing ihm aus dem Maul, während Hawk das Leben aus ihm herauswürgte. Oder vielleicht würde er ihn auch mit seinem Schwert durchbohren oder ihn fesseln und …

»Dennoch haben wir uns ferngehalten. Warum?«

Er atmete tief ein und verbannte die Fantasien von Bainbridges blutigem Ableben. »Ich hatte schon viel eher mit Ihrer Frage gerechnet.«

Snell warf ihm einen schnellen Blick zu und grinste. »Ihr glaubt, dass ich nicht gelernt habe, dass Ihr erst handelt, wenn Ihr wirklich bereit dazu sind, und nicht einen Moment eher?«

Hawk musste lächeln. »Gutes Argument. Das Letzte, was ich wollte, war, aus dem Mann einen Märtyrer zu machen. Und das wäre passiert, wenn wir direkt in die neue Kolonie gestürmt wären und ihn aufgeknüpft hätten. Es wäre ein weiteres Zeichen der bösen Piraten gewesen, und er unser unschuldiges Opfer. Sie hätten wahrscheinlich eine verdammte Statue für ihn aufgestellt. Nein. Das hätte ich nicht ertragen. Ich wusste, dass die Zeit für Rache kommen und dass ich sie erkennen würde. Ganz gewiss. Und hier sind wir nun.«

»Und mittlerweile haben wir gehört, dass Bainbridge durch seine Misswirtschaft auf Primrose Isle das Vertrauen der Krone verloren hat. Dass wir seinen Sohn jetzt mitgenommen haben, wird ein weiterer Schlag für ihn sein.«

»Ja. Es gibt Gerüchte, dass seine Zeit der Macht bald enden wird. Ich vermute, die Zukunft der Kolonie selbst steht infrage. England will sein gutes Geld nicht dem Falschen schicken.«

»Warum zum Teufel sollte die Krone das auch tun? Nicht, solange überall in der Neuen Welt dieser Wohlstand herrscht.«

Hawks Blut kochte bei der Aussicht darauf, endlich seine Rache zu bekommen. »Bainbridge wird verzweifelt versuchen, so viel wie möglich von seinem Ruf zu retten und nicht geschwächt zu erscheinen. Das Geld ist das Mindeste, was er uns schuldet, nachdem er unseren Lebensunterhalt mit einem Federstrich vernichtet hat. Und wenn ich ihn jetzt töte, werden nur wenige um ihn trauern und niemand wird ihn mehr heiligsprechen.«

»Der Hurensohn hat uns schon einmal unterschätzt. Wahrscheinlich tut er das nicht noch einmal. Bin nicht sicher, ob das gut ist oder schlecht.«

»Ich auch nicht. Wir müssen vorsichtig sein.«

»Wird der Sohn Ärger machen?«

Hawk schüttelte verächtlich den Kopf. »Er ist ein Nichts, ein kleiner Mann. Ein wehleidiger Feigling wie sein Vater.« Der Gerechtigkeit halber hätte er hinzufügen können, dass Bainbridge bereit zu sein schien, alles zu tun, um seine Schwester zu beschützen. Wollte man den Wert eines Mannes beurteilen, war das aber nur ein kleiner Pluspunkt zu seinen Gunsten. »Er wird keine Probleme machen.«

Snell pfiff leise vor sich hin. »Stellt Euch nur vor, wir würden das schaffen.«

Hawk breitete die Hände über die Reling aus und beobachtete das Sonnenlicht, das auf den Wellen glitzerte. Ungeahnte Hoffnung durchströmte ihn. »Vielleicht wird es der letzte Einsatz des Sea Hawk sein.«

»Pardon?« Halb lachend starrte Snell ihn mit gerunzelter Stirn an. »Was für ein Unsinn soll das sein?«

Hawk widerstand dem Drang, unter dem prüfenden Blick von einem Fuß auf den anderen zu treten, und hielt seinen Blick auf das Meer gerichtet. »Mit diesem Lösegeld wüsste ich Sie und die Männer in guten Verhältnissen. Sie könnten der Captain sein, wenn ich weg bin.«

Snell schnaubte. »Ich bin ein verdammt guter Quartiermeister, weil ich weiß, wie ich die Männer so bei Laune halten kann, dass sie bei der Stange bleiben. Kapitäne müssen Schlachten und dergleichen planen, geheimnisvoll und unnahbar sein. Nicht mein Fachgebiet. Außerdem werdet Ihr nirgendwo hingehen.«

Sein Magen drehte sich. »Werde ich nicht?«

»Ich habe das schon mal an Euch gesehen. Diese Unruhe. Das geht vorbei. Ihr werdet nicht gehen können, wenn es darauf ankommt. Ich meine, was zum Teufel würdet Ihr allein anfangen?«

Er zuckte mit den Schultern und spürte, wie seine Wangen heiß wurden. »Angeln. Ein bisschen Landwirtschaft. Kein Kämpfen mehr.«

Snell lachte herzlich. »Innerhalb eines Tages würdet Ihr Euch zu Tode langweilen! Ich weiß schon, das Gras ist grüner und so weiter, aber könnt Ihr Euch so ein Leben wirklich vorstellen?« Er klopfte Hawk auf die Schulter. Dann verblasste sein Lächeln. »Außerdem gibt das Meer die Seinen nicht so leicht auf. Ihr wisst, dass es für uns nur einen Ausweg gibt. Also sollten wir uns in der Zwischenzeit amüsieren.«

Ein mulmiges Gefühl durchfuhr Hawk und seine Glieder wurden schwer. Er hatte plötzlich das Gefühl, eine Kanonenkugel im Bauch zu haben. Heiser krächzte er: »Aye.«

Snell seufzte. »Jedenfalls, wenn diese Holzköpfe alles auf die Reihe gekriegt haben.« Er rief über Hawks Schulter hinweg: »Peters, bist du eigentlich stocktaub? Was habe ich dir heute Morgen gesagt?«

Hawk lächelte zustimmend, als Snell ihm noch einmal auf die Schulter klopfte und sich dann seiner Arbeit widmete. Während er auf das weite Meer hinausblickte, kam er nicht umhin, sich vorzustellen, was dahinter liegen mochte. Ein kleines Haus, ein Herd und warmer Tee am Morgen und ein ehrliches Tagwerk vor ihm. Eine ganze Nacht lang in einem ordentlichen Bett durchschlafen und Boden unter seinen Füßen, der nicht unablässig schwankte. Vielleicht sogar ein Mann, der dieses Bett anwärmte und mit ihm an seiner Seite lebte. Er lachte bitter auf. Völliger Blödsinn. Männern, die sich dem Schwert verschrieben hatten, war kein friedlicher Ruhestand vergönnt. Er verdiente ihn auch nicht, und außerdem hatte Snell mit Sicherheit recht: Am Ende würde es auch gar nicht zu ihm passen. Nach einem Leben auf See hatte er sich gesehnt, seit er denken konnte, also warum sollte er es aufgeben wollen? Besonders jetzt, da er ein Piratenkapitän war mit mehr Macht, als er sich jemals hatte vorstellen können. Und dennoch konnte Hawk den Gedanken daran nicht ganz verbannen und verstaute ihn in eine Ecke seines Geistes, da er sich anscheinend wider besseres Wissen dann und wann selbst quälen wollte.

Eine Zeit lang übernahm er das Steuerrad. Der Tag verging langsam, und er musste sich mehrfach davon abhalten, in seine Kabine zurückzukehren, um zu sehen, wie es seinem Gefangenen ging. Je länger er den Kleinen allein ließ, desto schneller würde der Junge völlig eingeschüchtert sein. Als die Sonne unterging, aß Hawk sein Abendbrot mit den Männern der zweiten Wache.

Der junge Mann, der vor Hawks Kajüte stationiert war, schrak auf, als er sich näherte. Hawk fragte: »Hat er versucht, Sie zu bestechen?«

»Nein, Sir. Er hat kaum vom Boden aufgeschaut.«

Hawk streckte seine Hand nach dem Schlüssel aus. »Sehr gut, Mr. Porter. Seien Sie auch zukünftig vorsichtig in seiner Nähe. Wegtreten.«

Seinem eigenen Rat folgend, drehte Hawk den Schlüssel schnell um und betrat seine Kabine, innerlich auf einen Angriff gefasst. Es kam keiner. Die Arme um die Knie gelegt, kauerte der Junge in seiner Ecke, dort, wo die Steuerbordseite des Schiffsrumpfes auf das Heck traf. Hawk konnte gerade noch seinen Kopf über dem Schreibtisch erahnen.

Hawk bewegte sich vollkommen unbeschwert. Dennoch blieb er wachsam, die Hand lässig auf seinem Dolchgriff ruhend. Der Junge hielt den Blick weiter auf seine Füße gerichtet, die jetzt nackt waren. Wenigstens besaß er genügend gesunden Menschenverstand, um auf Schuhe und Strümpfe zu verzichten. Nach einem Tag in der prallen Sonne sehnte sich Hawk danach, ebenfalls seine drückenden Stiefel auszuziehen. Aber noch nicht. Er betrachtete die Schüssel auf dem Boden, das Essen darin schien unberührt zu sein. So viel zum Thema gesunder Menschenverstand. »Iss.«

Keine Antwort.

Hawk knurrte: »Bist du taub geworden?« Der Junge murmelte etwas und Hawk verlangte: »Schau mich an.«

Der Kopf des Jungen fuhr hoch. »Ich habe gesagt, ich bin nicht hungrig.«

»Ist das so? Und wieso denkst du, dass mich das einen Scheißdreck interessiert? Du wirst essen, wenn ich es dir sage. Ich kann dir gern auch die Nase zuhalten und dir den Eintopf in die Kehle stopfen.« Der Junge redete vollkommenen Schwachsinn. Natürlich war er hungrig. Wenigstens hatte er seinen Becher mit Wasser fast leer getrunken. Aber diese hirnlose Rebellion musste trotzdem niedergeschlagen werden. Also baute Hawk sich mit leicht gespreizten Beinen vor seinem Gefangenen auf und drohte: »Muss ich dich jetzt doch nackt ans Bett ketten?«

Der Blick des Jungen glitt zu der Ausbuchtung in Hawks Hose, hinter der sich sein Schwanz verbarg. Sein Adamsapfel hüpfte und er schien die Luft anzuhalten. War das einfach nur Angst oder auch noch etwas anderes?

Plötzlich war es, als flöge ein Funke durch die Luft, als schlüge Stein auf Feuerstein. Hawks Hoden zogen sich zusammen. Hm … Könnte es sein, dass es Bainbridge vielleicht auch einfach gefallen würde, so geschändet zu werden?

Aber nein, seine Lippen verzogen sich angeekelt. »Ihr seid abstoßend. Ein schmutziges Tier.«

»Wenn du weiter gegen mich kämpfst, wirst du feststellen, wie schmutzig ich wirklich bin.«

Sein kleiner Goldesel schauderte. »Ihr wisst, dass Vater nicht zahlen wird, wenn Ihr mich verletzt. Ihr Monster.«

Hawk ließ sich Zeit, musterte ihn ausführlich, als wäre er ein Stück Fleisch. Dann verzog er die Lippen zu einem anzüglichen Lächeln. »Es gibt viele Dinge, die ich mit dir machen kann, die keine Spuren hinterlassen.«

»Ihr macht meinen Vater dafür verantwortlich, dass er Euch als Pirat gebrandmarkt hat, aber Ihr wart eindeutig schon vorher verdorben.«

Hawk senkte seine Stimme um eine Oktave. »Ich werde dafür sorgen, dass es dir gefällt. Stell dir nur mal vor, wie sehr du dich danach hassen wirst.«

Bainbridges Antwort bestand darin, nach seiner Schüssel zu greifen und sich einen Löffel voll Eintopf in den Mund zu schieben. Er kaute wütend und Hawk überließ ihn seinem ohnmächtigen Zorn.

Dieser Bursche war nur eine Marionette der englischen Gesellschaft, daher war er natürlich entsetzt über die Vorstellung, dass Männer miteinander fickten. Er lebte ein spießiges, erbärmliches kleines Leben absoluten Gehorsams gegenüber seinem Vater. Dieser Exkurs auf einem Piratenschiff würde wahrscheinlich der einzige aufregende Höhepunkt seiner gesamten Existenz bleiben.

Kann ihm dann ebenso gut eine Show bieten.

Gleichmütig, fast nachlässig schlenderte Hawk in der Kabine umher und zog sich dabei Stück für Stück aus. Er nahm seinen Gürtel ab und verstaute seine Waffen, einschließlich des Dolches des Jungen, in seinem Schrank und schloss ab. Dann überlegte er, ob er dem Burschen befehlen sollte, ihm die Stiefel auszuziehen. Hawk würde sich mit aufgeknöpfter Hose und ohne Hemd auf sein Bett setzen, die Beine so weit wie möglich spreizen und seinen Gefangenen vor sich knien lassen. Die Vorstellung ließ pochendes Verlangen in seinem Bauch aufsteigen, einen tiefen, heißen Puls. Es musste der anhaltende Kitzel der Jagd und der Gefangennahme sein, der ihn so erregte.

Aber Bainbridges Sohn zu piesacken, war eine Sache. Hawk musste seine Lust im Zaum halten. Normalerweise war das kein Problem. Er konnte monatelang nur mit sich und seiner rechten Hand auskommen, und das mit Freuden. Doch dieser junge Mann und seine kleinen Trotzanfälle hatten etwas Betörendes an sich. Viele andere Männer an seiner Stelle hätten sich eingenässt und geheult. Hawk hatte das im Laufe der Jahre oft genug gesehen. Dennoch hatte er diesem Jungen schon zu viel Zeit gewidmet. Obwohl es Spaß machte, mit ihm zu spielen …

Hawk zog sich sein Hemd über den Kopf und öffnete die Bänder seiner Hose, dann schob er sie und seine Unterhose die Beine hinab, obwohl er noch immer seine Stiefel trug. Er war sich ziemlich sicher, dass er Bainbridges volle Aufmerksamkeit hatte, als er sich mit nacktem Hintern vorbeugte und seine Füße befreite. Er widerstand dem Drang, vor Erleichterung laut zu seufzen, als er endlich seine Zehen strecken konnte und seine Hose wegkickte.

Nackt ging er langsam um den Schreibtisch herum und bis auf wenige Meter an den Gefangenen heran. Bainbridges Blick folgte ihm zweifellos, heiß auf seiner Haut. Hawk öffnete die oberste Schublade und zog seine Ringe nacheinander ab. Er verbarg seine Verärgerung, als einer von ihnen hartnäckig an seinem vernarbten Knöchel hängen blieb. Seinen goldenen Ohrring mochte er. Meistens vergaß er ihn und wurde dann gelegentlich im Handspiegel überrascht, wenn er sich rasierte und seinen kurzen Bart stutzte. Aber die Ringe fand er lästig, und sie kamen nur aus der Schublade, wenn Captain Hawk in ganzer Pracht auftrat.

Nachdem er die Lampe gelöscht hatte, streckte Hawk sich nackt auf seiner Matratze aus und zuckte zusammen, als er die Steifheit in seinem Rücken spürte. Er befahl: »Benimm dich. Denk daran, wie deine Schwester sonst leiden wird. Verstanden?«

»Ja«, war die Antwort, die vor Unmut schier überquoll.

Trotz seines Vorsatzes, seinen Gefangenen zu ignorieren, lächelte Hawk vor sich hin.

Kapitel Fünf

»Es gibt viele Dinge, die ich mit dir machen kann, die keine Spuren hinterlassen.«

Selbst bei Tagesanbruch hallten die Worte noch in Nathaniels Kopf nach, als würde der Teufel selbst sie ihm ins Ohr zischen. Er brauchte sich nichts vorzumachen … Er verachtete sich für seine Schwäche, sich nicht von den verräterischen Begierden befreien zu können. Er hatte sich schlafend gestellt, als Hawk in der Dunkelheit aufgestanden war. Ein paar Sekunden lang war es still gewesen, und er war sicher gewesen, beobachtet zu werden. Er konnte verstehen, dass Rehe unter dem Blick eines Raubtiers erstarrten. Selbst nachdem der Schlüssel sich im Schloss gedreht hatte und er sicher gewesen war, allein zu sein, war Nathaniel zusammengerollt unter der furchtbaren Decke liegen geblieben und wieder in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Jetzt stand die Sonne am Himmel und er wusste nicht, wie spät es war. Weder Essen noch Wasser waren ihm gebracht worden, aber vielleicht würde das nur einmal am Tag geschehen. Er würde sich sein Wasser einteilen müssen. Ansonsten würde er das Risiko eingehen müssen, sich an Hawks Alkoholvorrat zu bedienen; eine heikle Angelegenheit, falls er erwischt wurde. Nathaniel trank nicht gerne Alkohol, aber er war in Versuchung, seine Sinne zu betäuben.

Gütiger Gott, erst ein Tag war vergangen. Niemals würde er einen Monat überstehen, ohne irre zu werden. Und vielleicht würde er überhaupt nicht überleben. Wenn sein Vater nicht zahlte … Er wollte schreien. Es gab keine Möglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, also musste er sich auf die Gegenwart konzentrieren und die Sorgen verdrängen, damit er nicht verrückt wurde.

Er trat schwitzend die Decke weg, seine Hose spannte sich über seiner morgendlichen Erektion. Die Schwellung wuchs noch weiter an, als in rascher Folge Bilder des sich ausziehenden Piratenkapitäns in Nathaniels Kopf aufstiegen.

Ich kann nicht mal meinen eigenen schwachen Verstand kontrollieren.

Er hatte versucht, nicht hinzusehen. Das hatte er wirklich. Dennoch hatte er das gebräunte, muskulöse Fleisch gesehen, die dunkle Tinte einer Tätowierung auf dem Brustbein des Piraten, die – was auch sonst – einen Adler mit weit gespreizten Flügeln darstellte. Der Schurke hatte seine Unterhose bis zu den Knöcheln fallen lassen und sich dann gebückt, um seine Stiefel auszuziehen, wobei die blassen, festen Kugeln seines Hinterns Nathaniel zugewandt gewesen waren. Wieder fragte Nathaniel sich, wie die langen Narben auf die Pobacken des Piraten gekommen waren, die sich wie Finger in verblasstem Pink darüber zogen und zweifellos blutrot gewesen waren, als sie ihm zugefügt worden waren.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass Hawk sich dem Willen eines anderen beugte, überwältigt wurde, sich unterwarf. Dennoch hatte er es eindeutig getan, denn es gab nur wenig Zweifel daran, dass die Narben durch eine Bestrafung entstanden waren. Seltsam. Wie hatte er sie erlitten und wann? Nathaniel hatte geglaubt, dass Männer, die ausgepeitscht wurden, die Strafe auf dem Rücken erhielten und nicht darunter. Dieser Gedankengang ließ ihn an unten denken, an den Schwanz des Piraten und seine Hoden, die dick und schwer zwischen seinen Beinen gehangen hatten.

»Ich werde dafür sorgen, dass es dir gefällt.«

Die Erinnerung an Hawks Knurren, an seinen Akzent, der vielleicht einen Hauch Cornwall in sich trug, ließ Flammen der Begierde in Nathaniel auflodern. Er sprach mit der Ruchlosigkeit des Meeres, aber gleichzeitig wie ein Gelehrter. Nathaniel fragte sich, wie er von einem gebrandmarkten Piraten zum beeindruckenden Sea Hawk geworden war. Groß und breitschultrig, vernarbt und wettergegerbt, mit dunklem Haar, das über mächtige Muskeln fiel. Furchterregend und kühn, durch und durch männlich auf die primitive Art eines Pferdes oder einer Bestie des Dschungels.

Er stöhnte, gab auf und öffnete seine Hose. Keuchend umfasste er seinen Schwanz. Er musste sich die Wahrheit eingestehen: Dieser Teufel würde sich nicht besonders anstrengen müssen, damit es ihm gefiel. Er spuckte in seine Hand und masturbierte, dabei versuchte er erfolglos, sich nur auf das physische Gefühl zu konzentrieren.

Fickt er wirklich andere Männer? Würde er mich dazu bringen, seinen gewaltigen Schwanz zu lutschen? Mich vornüberbeugen und ihn mir reinstecken?

Stöhnend spreizte er die Knie, die Füße flach auf die hölzernen Planken gestellt. In der Vergangenheit hatte er seine Finger benutzt, aber wie würde es sein, den Schwanz eines anderen Mannes in sich zu spüren? Nicht nur einfach den irgendeines Mannes, sondern den des finsteren Piraten? Er wäre riesig, wenn er in ihn eindringen würde …

Als Mr. Chisholm ihm das Ringen beigebracht hatte, um endlich den Spieß gegen seine lästigen älteren Cousins umzudrehen, war das immer ein Spiel unter Gentlemen gewesen. Nathaniel hatte das Aneinanderdrücken ihrer Körper geliebt und fieberhaft von mehr geträumt, wenn er sich in der Ungestörtheit seiner Gemächer befriedigt hatte. Aber wenn er jetzt versuchte, Mr. Chisholms Gesicht vor seinem inneren Auge zu sehen – seine blonden Haare, die grünen Augen und die Lachfältchen, die nach Mr. Chisholms dreißigstem Geburtstag langsam zum Vorschein gekommen waren – war da nur die menschgewordene Dunkelheit: der Piratenkönig in seinem schwarzen und goldglänzenden Raubritterkostüm, so kühn und stolz wie der Hengst an jenem Tag auf der Koppel.

Nathaniel sollte das nicht wollen. Er sollte einen guten, freundlichen Mann wollen, der sanft wäre. Kein Monster. Doch als er sich anfasste, griff er mit der linken Hand an seine Hals und strich über die wunden Stellen, die Hawk an seiner Kehle hinterlassen hatte. Er dachte an die große, kräftige Hand, die ihn umklammert hatte, und sein Genick wie einen Zweig hätte brechen können, und stöhnte wieder. Er strich sich mit den Fingern über sein Gesicht, dessen Haut sich hartnäckig weigerte, Haare zu produzieren. Die andere Hand flog an seinem Schwanz auf und ab und er dachte an den Bart, der Hawks Mund umrahmte, und wie rau er sich an seiner Haut anfühlen würde; ein kompletter Gegensatz zu den zarten weißen Wangen der Damen. Bilder strömten auf ihn ein, wie Hawk ihn über die Reling des Schiffes beugte, ihn bestieg, ihn beherrschte …

Nathaniel hielt seine Hand über seinen Schwanz, als er kam. Er ließ den Kopf auf den Boden sinken und erschauderte mit jedem Pulsieren. Das Lustgefühl versengte ihn und ließ ihn wie wund zurück, leer und voll bitterer Scham.

Völlig aufgewühlt suchte er nach etwas, womit er seinen Samen abwischen konnte. Dann hörte er wie in einem Albtraum, wie sich schnelle Schritte näherten und der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Verzweifelt wischte er die Hand an der verfluchten Decke ab und schaffte es gerade noch, seine Hose zu schließen, sein Hemd hineinzustecken und aufzuspringen, als die Tür sich öffnete.

Und natürlich war es kein Mitglied der Mannschaft, sondern der Teufel höchstselbst. Hawk blieb wie eingefroren auf der Türschwelle stehen und seine Augen verengten sich. Er trat hinter sich die Tür zu. »Was zum Teufel führst du im Schilde?«

Nathaniel wich in die Ecke zurück. »N-Nichts.«

Hawks sah sich grimmig in der Kabine um, dann wandte er den Blick zurück zu Nathaniel. »Was du nicht sagst.« Er stürmte auf ihn zu. »Was hast du da?«

Zu spät bemerkte Nathaniel, dass er seine klebrige Hand instinktiv hinter seinem Rücken versteckt hatte, als Hawk die Kabine betreten hatte. Jetzt riss Hawk seinen Arm hinter dem Rücken hervor. Der plötzliche Schmerz ließ Nathaniel zusammenzucken. Er hatte es nicht geschafft, alles ganz abzuwischen, und zog den Kopf ein.

Mit einem spöttischen Lachen blickte Hawk auf Nathaniels verklebte Finger hinunter, sein Griff war grausam. »Dachtest dir, du könntest deine Zeit sinnvoll nutzen, hm?«

»Es gibt ja sonst nichts zu tun!« Nathaniel straffte die Schultern und hob den Kopf, zog seine Hand zurück und war überrascht, als Hawk sie tatsächlich losließ. »Ich … na ja … Warum sollte ich auch nicht?«

»In der Tat, warum nicht? Träumst du davon, deine hübsche kleine Zukünftige zu vögeln?«

Nathaniel stotterte: »Was? Wer?«

Eine dunkle Augenbraue hob sich. »Deine Schwester hat gesagt, du sollst verheiratet werden.«

»Oh. Ja.« Er räusperte sich und hob das Kinn. »Wagt es nicht, von ihr zu sprechen.«

Hawk drängte ihn gegen die Wand, ganz Hitze und Muskeln, und ein Wandleuchter bohrte sich in Nathaniels Nacken. »Du traust dich, mir zu sagen, was ich tun soll? Nein. Nicht in meiner Kajüte. Nicht auf meinem Schiff. Niemals. Verstanden?«

Irgendwie brachte Nathaniel ein Nicken zustande und verfluchte sich dafür, wie sein erhitzter Körper auf Hawks Nähe reagierte und sich anspannte. Aber da drehte Hawk sich schon wieder um und setzte sich an den Schreibtisch. Er entrollte eine Seekarte und öffnete sein Logbuch, nahm die Feder auf und tauchte sie ins Tintenfass ein. Minutenlang kratzte die Feder über das Papier und Nathaniel stand mit dem Rücken an der Wand, unsicher, was er tun sollte.

Schließlich ließ er sich wieder zu Boden sinken, und Hawk blinzelte nicht einmal, sondern ignorierte ihn völlig. Als ein Mann mit Wasser und der Essensration für Nathaniel eintrat, schaute er kaum auf.

Nathaniel entschied, dass er mit dem Essen warten würde, bis Hawk die Kabine wieder verließ. Er zog die Knie an die Brust, hielt seinen Blick auf den Boden und die Holzbohlen gerichtet. Wartete. Und wartete. Und wartete.

Dann stand er auf und nahm einen Schluck von dem lauwarmen Wasser, dabei beobachtete er Hawk aus den Augenwinkeln. Nichts. Es war, als sei er gar nicht da, und irgendwie fühlte sich Nathaniel dadurch noch niedergeschlagener und verzweifelter, als er es mit Hawks festem Griff um seinen Hals gewesen war. Warum sollte er die Aufmerksamkeit des Schurken wollen, der ihn vielleicht umbringen würde? Nein, natürlich tat er das nicht.

Nach einiger Zeit kam der Quartiermeister. Er hielt kurz inne, als er Nathaniel entdeckte, als hätte er vergessen, dass sie einen Gefangenen an Bord hatten. Hawk stellte ihm eine Frage und ignorierte weiterhin Nathaniels Anwesenheit. Mr. Snell tat es ihm schließlich nach, als er von Navigationsproblemen und dunklen Wolken in der Ferne sprach. Doch hin und wieder wanderte sein Blick zurück zu Nathaniel und er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während er sich auf die Vorderseite des Schreibtischs stützte, hinter dem Hawk immer noch saß.

Als Snell ging und Hawk weiter in sein Logbuch schrieb, als wäre er allein, wanderten Nathaniels Gedanken weiter und zu seiner zukünftigen Frau. Er kannte die Pflichten eines Ehemannes und würde tun, was er tun musste. Vielleicht konnten Elizabeth und er gute Freunde werden, und irgendwann Kinder zu haben, um die er sich kümmern könnte, wäre nicht unangenehm, ganz und gar nicht. Er hatte kleine Kinder immer sehr gemocht.

»Träumst du davon, deine hübsche kleine Zukünftige zu vögeln?«

Er wusste nicht einmal, wie Elizabeth aussah. Sie war nicht mehr als eine Vorstellung, eine vage Ahnung von vollen Röcken und blumigem Parfüm, von einer Dame. Nicht, dass es eine Rolle spielte, denn egal wie schön ihr Gesicht war, sie würde seine unnatürlichen Neigungen nicht ändern können. Er drückte seine klebrige Hand und erschauderte, heiße Scham stieg in seinem Bauch auf. So oft hatte er Mr. Chisholm fragen wollen, was manche Männer zu solchen Scheusalen machte, aber er hatte es nie gewagt. Sein Instinkt hatte ihm gesagt, dass er sich verraten würde, wenn er es täte. Obwohl Mr. Chisholm nie Andeutungen gemacht hatte, hatte sich Nathaniel manchmal gefragt, ob er die Wahrheit ahnte. Aber etwas zu vermuten oder etwas zu wissen waren zwei unterschiedliche Dinge.

Warum nur war er so geboren? Wurde er dafür bestraft, dass er seine Mutter getötet hatte, um zu leben? Denn er hatte sie getötet, genauso wie es der Pirat Nathaniels Vater vorgeworfen hatte. Es war Nathaniel gewesen, der ihren Leib aufgerissen und ihr den letzten Atemzug geraubt hatte. Er war zu einem halben Mann herangewachsen, aber sein Gehirn war fehlerhaft. Unfähig zu lesen, mit unnatürlichen Begierden.

Falsch.

Nathaniel bemerkte, dass Hawks Federkiel nicht mehr über das Papier kratzte. In der Stille wagte er einen Blick und sah, wie Hawk auf seinen frisch geschriebenen Logbucheintrag pustete, damit die Tinte nicht verschmierte. Hatte der Pirat irgendwo eine Frau? Eine Mätresse? Oder er besuchte vielleicht einfach die Bordelle, von denen Nathaniel gehört hatte, dass sie auf den Westindischen Inseln wie Unkraut sprossen.

»Ich werde dafür sorgen, dass es dir gefällt.«

Er konnte die Worte nicht aus seinem Kopf verbannen, und er grübelte erneut über die Bedeutung nach. Konnte es wirklich sein, dass der Piratenkönig Nathaniels Neigungen teilte? Natürlich konnten auch Männer auf See sich ihrer Anspannung entledigten und sich dabei gegenseitig zur Hand gehen, zumindest wenn es nach Nathaniels Cousins ging, die das angeblich aus zuverlässiger Quelle wussten. Sie alle hatten beim Gedanken daran geschaudert, während Nathaniel sich so sehr auf die Zunge gebissen hatte, um nicht nach weiteren Details zu fragen, dass sie geblutet hatte.

Hawk würde wahrscheinlich einfach Freude daran haben, Nathaniel zu quälen, ihn zu kontrollieren, ihn zu bestrafen. Nathaniel hatte seines Wissens nach noch nie einen anderen Mann getroffen, der seine sündige Veranlagung wirklich teilte und einen Mann einer Frau vorzog, statt sich nur aufgrund der Umstände unnatürlichen Verbindungen hinzugeben. Einen Mann, der sich ebenfalls nicht nur nach den Berührungen eines Mannes sehnte, sondern auch nach seinen Küssen und seinem Lächeln, nach einer Beziehung, wie sie eine Ehefrau bieten würde. Nicht, dass das ein Gesprächsthema war, über das bei Abendessen und Gartenpartys gesprochen wurde.

Scheinbar seine Aufzeichnungen überfliegend, krempelte Hawk abwesend die weiten Ärmel seines schwarzen Hemdes hoch und knöpfte sie am Ellenbogen zu. Schwarze Härchen wuchsen auf der gebräunten Haut, die Unterarme waren kräftig mit seilartigen Muskeln. Doch als er ihn jetzt ohne den ausladenden schwarzen Mantel sah, stellte Nathaniel fest, dass Hawk nicht ganz so groß war, wie er zunächst gedacht hatte. Zwar war er immer noch einen guten Kopf größer als er, aber nicht der Riese, für den er ihn zu Beginn gehalten hatte. Eine weitere Narbe verlief über den Rücken von Hawks rechter Hand, die neben dem Logbuch ruhte, während seine linke den zarten Federkiel mit präziser Genauigkeit in das Tintenfass tauchte. Mit der linken Hand zu schreiben, war angeblich das Erkennungszeichen des Teufels.

Nathaniel fragte sich, warum ihn das trotzdem so überraschte. Die Vorstellung, dass er wirklich hier war, war der reinste Irrsinn. Hier. Auf einem Piratenschiff. Und dass er nicht in der schrecklichen Hängematte schaukelnd aufwachen und so tun würde, als schliefe er noch, während Susanna den Nachttopf benutzte. Keinen weiteren langen, langweiligen Tag auf dem Handelsschiff verbrachte, wo er weder rennen noch schwimmen oder auch nur klettern konnte.

»Iss.« Hawk sah ihn nicht an, seine Augen immer noch auf sein Logbuch gerichtet.

»Ich bin …« Nathaniel verstummte, ohne die Lüge auszusprechen. Er war hungrig. Es war sinnlos, es zu leugnen oder sich zu schwächen, indem er seine Essensrationen zurückwies.

Gerade hatte er sich einen Löffel voller matschigem Fischeintopf in den Mund geschoben, die zu weichen Kartoffeln hinuntergewürgt und dann schmerzhaft in einen dünnen, steinharten Keks gebissen, als die Schiffsglocke läutete, Hawk die Kabine verließ und hinter sich den Schlüssel umdrehte.

Nathaniel dachte an Primrose Isle, seinen Vater und an eine standesgemäße junge Dame namens Elizabeth, an ein neues Leben, das in der neuen Kolonie wartete. Ein neues Leben, das ihn noch mehr in die Enge treiben würde, als es ohnehin schon geschehen war. Dann lachte er laut auf. Vielleicht war es vorzuziehen, der Gefangene eines Monsters auf einem Piratenschiff zu sein oder sein Leben hier zu beenden. Irrsinn, in der Tat.

Kapitel Sechs

»Wird es mir irgendwann im Laufe des Monats gestattet werden, mich zu reinigen?«

Hawk schaute nicht auf. Er studierte weiter die vor ihm liegende Karte. »Ja, lass mich schnell die Diener herbeirufen. Im Handumdrehen wird die Wanne mit perfekt temperiertem Wasser gefüllt sein. Mit Lavendel parfümiert. Oder darf es Jasmin sein?«

Bainbridge räusperte sich aus seiner Ecke heraus. »Ich bin schon eine Woche hier unten.« Seine Stimme nahm einen hoffnungsvollen Unterton an. »Vielleicht könnte ich schwimmen gehen, wenn wir in der Nähe des Ufers vor Anker gehen? Nur ein paar Minuten? Das ist alles, worum ich bitte. Es ist nicht viel.«

Hawk ließ mit offenkundig falschem Mitgefühl die Zunge schnalzen. »›Wahrlich, ich wurde geboren, um ein Exempel des Unglücks zu sein und eine Zielscheibe, auf die die Pfeile des Gegners gerichtet sind‹.« Er sah den Jungen an, der ihn wiederum verständnislos anstarrte. »Du hast doch sicher Don Quijote gelesen.«

»Natürlich!«, versicherte sein Gefangener zu schnell und schaute mit geröteten Wangen zu Boden.

Sonderbar.

»Gleichwohl ich weiß, dass du denkst, du hättest ›die Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschicks zu erdulden‹, versichere ich dir, dass es schlimmer sein könnte. Viel schlimmer.«

»Ich bin von Piraten entführt worden. Wenn das kein wütendes Geschick ist, weiß ich auch nicht.«

Da hatte nicht ganz unrecht, und Hawk unterdrückte ein Lächeln, das zu einem Lachen zu werden drohte. »Dein Los könnte weitaus schlimmer sein als der Wunsch nach einem Bad und als die offensichtliche Langeweile, unter der du leidest, obwohl ich dir Dutzende Bücher angeboten habe, um dir die Zeit zu vertreiben. Natürlich könntest du dich auch auf eine andere, eher körperlichere Weise amüsieren.«

Er musste nicht zu seinem Gefangenen hinübersehen, um zu merken, dass er knallrot angelaufen war. Der Spott hatte den beabsichtigten Effekt und minutenlang herrschte Schweigen. Die unbeabsichtigte Folge dagegen war, dass Bilder des Jungen, wie er sich selbst befriedigte, in Hawks Gedanken auftauchten. Die geschwungenen Lippen, die sich leicht öffneten, um leise Schreie auszustoßen, sein angespannter Schwanz … wie er sich in ein paar Minuten der Unbefangenheit, der Freiheit verlor. Der Junge hatte einen ruhelosen Geist, den Hawk bei Walter Bainbridges Sohn am allerwenigsten erwartet hatte. Obwohl er nach einem Bad gejammert hatte, hatte Hawk eher das Gefühl, dass es ihm darum ging, wieder nach oben an Deck zu kommen, um sich frei bewegen zu können. Er war wie eine zusammengedrückte Sprungfeder, die verzweifelt versuchte, sich zu beherrschen, und doch unaufhörlich hin und her zappelte. Hawk hatte eine viel trägere Kreatur erwartet.

Und prompt sagte der Junge: »Wenn ich doch nur an Deck gehen könnte, wenn es das nächste Mal regnet. Wie ich den Regen vermisse. Früher bin ich dann stundenlang draußen gewesen, um alles zu erkunden. Und wenn es nur ein paar Minuten wären …«

»Welche List auch immer du dir ausgedacht hast, vergiss es.«

»Es ist keine List! Seit Tagen schon ist es bedeckt, und es wird bestimmt bald regnen. Ich möchte nur frische Luft atmen und sauber werden.«

Die Heckfenster in Hawks Kabine waren zum Schutz gegen den kühlen Seewind geschlossen, und wenn der Bengel sich nicht die Mühe machte, sie von Zeit zu Zeit zu öffnen, dann zum Teufel mit ihm. Ganz offensichtlich war er also einfach faul. »Nein.«

»Wenn ich so unbrauchbar bin, warum lasst Ihr mich dann nicht da rauf? Was könnte ich denn schon auf einem Schiff voller Piraten ausrichten?«

»Abgesehen davon, im Weg zu stehen?«

»Ich sagte, ich würde helfen. Ich bin sicher, ich könnte es lernen.«

Hawk lachte schroff. »Du weißt wahrscheinlich nicht einmal, wie man einen einfachen Haken an der Leine festknotet.«

»Ich könnte es lernen«, wiederholte er. »Ich wette, ich kann es.«

Hawks ohnehin schwelende Gereiztheit flammte erneut auf. »Eine Wette? Na gut, wenn du willst. Stellen wir dich auf die Probe. Du bekommst es einmal gezeigt und du bekommst eine Chance, es selbst zu knoten.«

Der Junge nickte und sprang eifrig auf die Füße. »Wenn ich gewinne, darf ich die Tage oben an Deck verbringen. Ich werde nicht versuchen zu fliehen, und niemanden verletzen.«

»Als ob du das könntest. Und, nein. Wenn du gewinnst … Wenn du gewinnst, werden dir ein Eimer Wasser und ein Stück Seife zugestanden.«

Mit zusammengepressten Lippen nickte der Junge. »Abgemacht.« Er wippte auf und ab. »Los geht's.«

Hawk ging zurück zu seiner Karte und nahm seinen Zirkel auf. Das kühle Messing erwärmte sich in seiner Hand, während er die Küstenlinie einer Insel westlich von Nassau vermaß. »Wir werden gehen, wenn ich es sage.«

Während er seine Arbeit fortsetzte, verlagerte der Junge sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, dann ging er in der Kabine auf und ab. Die Minuten verstrichen. Hawk hätte längst aufhören können, aber er ging zum Bücherregal und holte eine weitere Karte heraus, bevor er sich wieder hinter seinen Schreibtisch setzte und sich über die zunehmend unruhigen Schritte seiner Geisel amüsierte.

Schließlich bemerkte er: »Ich bin sicher, du bist es gewohnt, alles, was du willst, mit einem Fingerschnippen zu bekommen. Leider wirst du an Bord dieses Schiffes diesbezüglich enttäuscht werden.«

Der Junge lachte bitter auf. »Ich habe noch nie das bekommen, was ich wirklich wollte. Und das werde ich auch nie.«

»Oh, und unter welchen armseligen, unerfüllten Sehnsüchten leidest du? Bitte erzähl.«

Der Bursche schloss den Mund.

Hawk fuhr fort. »Wenn du etwas über wahre Not erfahren willst: Wir haben im letzten Frühling ein Sklavenschiff befreit. Ein paar der Männer haben sich dafür entschieden, bei uns zu bleiben. Ich bin mir sicher, dass sie zu diesem Thema viel zu sagen haben.«

Der Junge wurde rot und ließ die Schultern hängen. »Ja. Das haben sie bestimmt. Ihr habt recht.«

Von der Kapitulation überrascht, starrte Hawk seinen Gefangenen ein paar Augenblicke lang an. Dann ließ er den Zirkel auf den Schreibtisch fallen und umrundete ihn. »Na schön, dann wollen wir dich mal auf die Probe stellen.« Er packte ihn am Arm und schob ihn aus der Kabine und die Leiter zum Hauptdeck hinauf.

Fragende Blicke der Crew. Snell kam heran und fragte: »Was ist los?«

Hawk drückte Bainbridge nach unten auf die Knie. »Ich habe eine kleine Wette mit unserem Gefangenen abgeschlossen. Er meint, er kann die Knoten genauso gut binden wie die meisten Männer an Bord.« Die Männer lachten schallend und Hawk spürte, wie angespannt die Schultern des Jungen an der Stelle waren, wo er ihn festhielt. Er konnte sich vorstellen, wie rot seine Wangen waren. »Was meint ihr? Sollen wir diese zarten Hände im Gegenzug für einen Eimer Wasser ihr Können unter Beweis stellen lassen?«

Inmitten des Jubels und des Gelächters rief eine Stimme: »Ich dachte, Wetten sind auf dem Schiff nicht erlaubt.« Es war Tully. Er war nützlich gewesen, als sie an Bord des Handelsschiffes hatten gelangen wollen, und er hatte auch nicht ganz unrecht. Als jetzt aber einige Männer zu murren begannen, wünschte sich Hawk, Tully würde ab jetzt sein großes Maul halten, bevor er gezwungen war, es ihm für immer zu stopfen.

Snell antwortete: »Das ist wahr. Aber da wir hier sowieso die Zeit totschlagen, während wir auf unser Lösegeld warten, können wir vielleicht dieses eine Mal eine Ausnahme machen.« Er warf einen Blick auf Hawk. »Vorausgesetzt, die Männer können ihre eigenen Nebenwetten abschließen.«

»Natürlich. Nur dieses eine Mal.« Snell wusste immer, wie er Frieden unter den Männern wahren konnte, was ihn zu einem hervorragenden Quartiermeister machte. Der Bengel würde sowieso im Handumdrehen scheitern, und die Wetten würden nicht aus dem Ruder laufen. »In Ordnung!«, rief Hawk. »Wir fangen mit einem einfachen Halbschlag an. Mr. Lee, würden Sie es demonstrieren? Der Junge bekommt einen Versuch.«

Während die Männer sich unterhielten und untereinander ihre Wetten abgaben, wandte der Junge den Kopf über seine Schulter nach oben. »Und wie viele Knoten muss ich hinbekommen, damit ich gewinne?«

Hawk warf ihm ein wölfisches Grinsen zu. »So viele, wie ich es sage.« Er stieß kräftig mit dem Knie in den Rücken seines Gefangenen. »Na gut, beweis uns, dass wir falsch liegen. Leg das Seil.«

Und dann … tat er es. Jeder Knoten und jeder Stek, den Lee vormachte, gelang ihm sofort. Achter, Kreuzknoten, sogar der Trompetenknoten. Hawk umrundete ihn und betrachtete die Konzentration auf seinem Gesicht, die rosige Zunge, die manchmal zwischen seinen Lippen hervorlugte, den Blick, den er auf Lees Hände gerichtet hielt, und wie er das lauter werdende Gemurmel der Crew ignorierte, die Lee Vorschläge für immer schwerere Knoten machten, um den Gefangenen zu verwirren. Aber das passierte irgendwie nicht. Das raue Seil rötete seine Finger und Handflächen, aber er zögerte kein einziges Mal, während er Lees Bewegungen nachmachte und ihn ganz genau beobachtete. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, trotz der kühlen Brise des Tages. Unwillkürlich erwachte Bewunderung in Hawk. Der Bursche war ungebrochen, nicht eingeschüchtert. Ein paar Männer begannen ihn anzufeuern und die Wetten flogen nur so durch die Luft.

Schließlich, als ihm auch ein Rückspleiß gelang, beendete Hawk es. »Finden wir, dass er seinen Preis verdient hat?« Die »Ayes!« waren fast einstimmig.

Dann grinste der Junge ihn von unten an. Und einen irrsinnigen Moment lang wollte Hawk zurücklächeln.

Verdammt noch mal.

Sein Gehirn war ganz eindeutig verwirrt von zu vielen Tagen, die er in friedlicher Routine an Bord verbracht hatte, statt auf dem Meer auf die Jagd zu gehen. Glücklicherweise riss er sich gerade noch rechtzeitig zusammen, zog den Jungen auf die Beine und brachte ihn zurück in die Kabine. Einer der Männer brachte den Eimer mit Meerwasser und Hawk schnitt ihm ein Stückchen Seife ab.

Wieder zurück hinter seinem Schreibtisch, konnte er seinen Blick nicht abwenden, als der Junge sein Hemd auszog und überraschend feste, schlanke Muskeln zum Vorschein kamen. Der Junge merkte, dass er beobachtet wurde, und seine Hände hielten am Hosenbund inne. Plötzlich fühlte Hawk sich seltsam schuldig und hätte fast den Kopf abgewandt, aber dann rief er sich in Erinnerung, dass er ein gottverdammter Pirat war und dies sein Gefangener, dem er weder Höflichkeiten noch den kleinsten Funken Privatsphäre schuldete. Er drehte seinen Stuhl herum, sodass er ihm zugewandt war, und lehnte sich zurück. Der Junge, der immer noch seine Hose trug, blinzelte ihn an. Er blickte an sich herunter, dann wieder zu Hawk. Offensichtlich war er verunsichert, aber da war noch etwas anderes – ein feines Vibrieren im Raum, eine leise Anziehung. Hawk spürte etwas an diesem Jungen … irgendetwas war da, dass in seine Nüstern drang und sein Blut in Wallung brachte.

Mit gespreizten Beinen, die Stiefel fest auf den Boden gestellt, betrachtete er seine Geisel. »Wo hat der verhätschelte Sohn von Walter Bainbridge gelernt, so Seemannsknoten zu knüpfen?«

»Das habe ich nicht. Jedenfalls nicht bis zum heutigen Tag. Ich bin einfach gut darin, meine Hände einzusetzen und zu gebrauchen.«

Besser als gut, und schneller als die meisten Männer, mit denen Hawk je gesegelt war. Vielleicht steckte doch mehr in dem jungen Bainbridge, als es auf den ersten Blick schien.

Nicht, dass es darauf ankommt, denn letzten Endes ist er nichts weiter als ein Mittel zum Zweck.

Und doch ertappte sich Hawk bei der Frage: »Ist das so? Hm. Mehr Muskeln, als ich dachte. Du bist klein, aber stark. Ich habe dich viel … weicher eingeschätzt.«

»Ich … ich habe immer …«

Er hob eine Augenbraue. »Fahre fort.«

»Ich habe es immer geliebt, draußen zu sein. Auf Bäume zu klettern, zu rennen, zu schwimmen. Und dann auch noch zu ringen. Mein Lehrer hat es mir beigebracht.« Er lief bis zur Brust scharlachrot an und bewegte sich unbehaglich.

»Hat er das, wirklich?« Hawk lächelte träge und verschlagen. Er senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Hat dein Lehrer dich auch besinnungslos gevögelt?« Die Vorstellung, dass ein anderer Mann diesen Schatz gehoben haben könnte, war auf sonderbare Weise enttäuschend.

Der Junge riss die Augen auf und keuchte: »Nein! Er war ein guter Mensch. Nicht wie …« Er schluckte schwer und überlegte sich seine nächsten Worte offenbar gründlich. »Nein. Ich habe niemals … ich würde niemals! So war mein Lehrer nicht. Er war gütig und anständig.«

»Ah. Gütige und anständige Männer sind spärlich gesät. Wie glücklich du dich schätzen kannst. Schade nur, dass das Glück dich jetzt verlassen hat.«

Der Junge fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, sein Blick wanderte mit unmissverständlichem Hunger von Hawks Gesicht nach unten zur Wölbung zwischen seinen gespreizten Beinen. Er erschauerte.

Ah ja. Da ist es …

Hawks Instinkte hatten ihn nicht getrogen – er hatte es bis tief in die Knochen gespürt. Die Frage war: Warum sollte ihn das auch nur Geringste kümmern? Welche Rolle spielte es, dass sie gemeinsame Begierden und Sehnsüchte teilten? Viele Männer taten das. In den Jahren nach dem anfänglichen Erwachen von Erregung und Zärtlichkeit hatte Hawk nicht mehr viele Gedanken daran verschwendet. Dann und wann hatte er sich den einen oder anderen namenlosen Mann zur körperlichen Befriedigung gesucht.

Mit ihm war es ganz anders gewesen. John. Unwiderstehliches Lächeln, blonde Haare, die ihm ständig in die blauen Augen fielen, rebellisch und schön. Sie waren so unschuldig, so verdammt naiv gewesen und hatten geglaubt, dass sie an Bord dieser Fregatte etwas Gutes und Reines zusammen haben könnten. Dass sie trotz ihrer widrigen Umstände, ihrer faktischen Gefangenschaft, Glück erfahren könnten.

Vielleicht war es die offenkundige Unschuld seines Gefangenen, die ihn anzog. In der Royal Navy war Sodomie strengstens verboten und Hawks Fummeleien mit John hatten nur im Dunklen stattgefunden. Aber als Freibeuter und jetzt als Pirat war das ganz und gar nicht ungewöhnlich. Männer vögelten miteinander, wie es ihnen gefiel, abgestumpft und fern vom Rausch der jugendlichen Entdeckungen. Jahrelang hatte er nicht mehr an John gedacht, und es war schwach und töricht, es jetzt zu tun.

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