Czytaj książkę: «Hšr nichts Bšses»
Hör nichts Böses
Copyright © 2019 by Kayla Gabriel
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln ohne ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis der Autorin elektronisch, digital oder analog reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf, Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder Verwendung diverser Datenspeicher- und Abrufsysteme.
Veröffentlicht von Kayla Gabriel als KSA Publishing Consultants, Inc.
Gabriel, Kayla: Hör nichts Böses
Coverdesign: Kayla Gabriel
Foto/Bildnachweis: Depositphotos: fxquadro & VolodymyrBur
Anmerkung des Verlegers: Dieses Buch ist ausschließlich für erwachsene Leser bestimmt. Sexuelle Aktivitäten, wie das Hintern versohlen, die in diesem Buch vorkommen, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind und die weder von der Autorin noch vom Herausgeber befürwortet oder ermutigt werden.
Inhalt
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Die Tore von Guinee
Sieben Nächte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
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Bücher von Kayla Gabriel
Ausschnitt: Sprich nichts Böses, Buch 3
Über den Autor
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Die Tore von Guinee
Ein Auszug aus Withiels Enzyklopädie der Magie, Band IV
Die Tore von Guinee
Die Tore von Guinee stellen den Eingang zu dem spirituellen Raum zwischen dieser Welt und der nächsten dar. Seit eh und je ranken sich zahllose Geheimnisse um die Tore, über die man lediglich mit Bestimmtheit weiß, dass sie in New Orleans, Louisiana, liegen, höchstwahrscheinlich in einem der vielen betörend schönen Friedhöfe der Stadt. Es heißt, dass die Tore von Guinee von Vodou Loa Baron Samedi beschützt werden, dessen Hinweis, wie man den Zugang zu den Toren erreicht, für immer in einem uralten Kinderreim festgehalten wurde:
Sieben Nächte
Sieben Monde
Sieben Tore
Sieben Gräber
Man sagt, dass für den wahrhaft eifrig Suchenden der Schlüssel zur Reise zwischen den Reichen aus Fleisch und Geist einzig eine Frage der richtigen Reihenfolge und des Timings ist.
1
Cassandra Chase stand vor dem Ganzkörperspiegel in ihrem großzügig geschnittenen begehbaren Kleiderschrank und drehte sich nach links und rechts, während sie den wunderschönen Rosie Assoulin Rock bewunderte, der gerade für sie angekommen war. Der Rock war im intensivsten Saphirblau gefärbt, das man sich nur vorstellen konnte, saß hoch auf Cassies Taille und fiel wie ein Vorhang weich zu ihren Füßen. Sie hatte ihn mit einer glatten, ärmellosen weißen Satinbluse kombiniert, ihre flammendroten Haare nach hinten gebunden und das Outfit mit einem Paar Diamantohrstecker abgerundet. Ein Hauch Rouge auf ihren hohen Wangenknochen hob die zarten Züge ihres herzförmigen Gesichts hervor, ein wenig Mascara betonte ihre dichten Wimpern und ein rot-oranger Lippenstift akzentuierte ihre dramatischen, vollen Lippen.
Cassie drehte sich abermals zur Seite und musterte ihre Figur. Sie war groß und kurvig, ihr Vorbau und Hüften breiter als sie sein sollten. Dennoch liebte Cassie nichts mehr als wirklich hübsche Designerklamotten, weshalb sie die Kleider, die ihr sofort ins Auge stachen, kaufte und dann so abänderte, dass sie ihrer sündigen Gestalt passten.
Jeder brauchte ein Hobby. Frauen, die nur selten die vier Wände ihrer persönlichen Bleibe verließen, brauchten sie umso dringender.
Zufrieden damit, wie sie sich zurechtgemacht hatte, wirbelte Cassie herum und kehrte in den Wohnbereich ihrer Suite zurück. In dem Zimmer befand sich eine hübsche vergoldete Esszimmergarnitur von Anthropologie, eine umwerfende Bücher-Sitzecke mit Möbeln von West Elm sowie ein Bereich zum Nähen und zur Stoffaufbewahrung. Zusammen mit Cassies dekadentem Schlafzimmer und Bad und dem riesigen begehbaren Kleiderschrank machten diese Räume ihre ganze Welt aus.
Ihr hübscher, sorgsam erbauter und erdrückender goldener Käfig.
Cassie nahm ein Tablet in die Hand und spielte ein neues Album ab, das sie mochte und dessen Sängerin Florence Welsh genauso wie sie ein Rotschopf war. Sie verbrachte einige Minuten damit, zur Musik zu summen und ihren Nähbereich aufzuräumen. Da sie auf einem so begrenzten Raum lebte, konnte Cassie nicht das kleinste bisschen Unordentlichkeit ertragen. Es gab einfach keine Möglichkeit in ihren Räumlichkeiten irgendetwas zu entkommen, weshalb sie sie so ordentlich wie möglich hielt.
Es half, dass ihre Kidnapper ihr erlaubten, sich zu kaufen, was sie sich wünschte. Wenn Cassie online etwas sah und der Meinung war, es könnte sie amüsieren, musste sie einfach nur darum bitten. Solange der Gegenstand ihr nicht zur Flucht aus der ausladenden Villa verhelfen würde, in der sie lebte und mit einem Dutzend oder mehr anderer nützlicher Hexen gefangen gehalten wurde, würde ihr jeder Herzenswunsch erfüllt werden.
Cassie lebte mittlerweile seit vier Jahren in dem Vogelkäfig, wie die Bewohner der Villa ihn nannten. Nach dem ersten Jahr hatte sie jegliche Fluchtversuche vollständig eingestellt. Pere Mal mochte sie zwar an der kurzen Leine halten und ungefähr einmal die Woche den Gebrauch ihrer Kräfte verlangen, aber ansonsten hatte Cassie ein gewisses Maß an Freiheit gewonnen. Manchmal holte Pere Mal sie sogar aus dem Vogelkäfig raus und nahm sie mit zu schicken Kith-Clubs im French Quarter, wo sie wichtige Leute kennenlernte.
Cassie machte einen Satz, als ein leises Klopfgeräusch aus ihrem Schlafzimmer drang. Sich auf die Lippe beißend eilte sie in ihr Schlafzimmer und zog den schweren Schrank von der Wand weg. Hinter dem Schrank befand sich ein rundes Loch in der Wand, das ungefähr einen halben Meter im Durchmesser maß.
In dem Loch kauerte mit einem wilden Blick in den faszinierenden dunkelblauen Augen Alice. Cassies einzige Freundin und Vertraute und ebenfalls Gefangene des Vogelkäfigs. Spatzen, nannten sie sich.
„Du musst leiser sein“, schimpfte Cassie Alice.
Alice zog eine dunkle Augenbraue hoch und kletterte aus dem Tunnel, den sie zwischen ihre Schlafzimmer gegraben hatten. Anschließend strich sie über die zwei dunklen Fischgrätenzöpfe, zu denen ihre langen, welligen rabenschwarzen Haare frisiert waren. Alice trug ein schlichtes, aber umwerfendes schwarzes Kleid, dessen Vorderseite von Perlknöpfen und einem weißen Kragen geziert wurde. Es war zweifelsohne genauso teuer wie Cassies Outfit. Vermutlich ein Rag and Bone Kleid, wenn Cassie sich bezüglich des Designers nicht irrte.
„Wir werden schon nicht erwischt werden“, meinte Alice achselzuckend.
Cassie schürzte die Lippen und musterte Alice einen Augenblick. Mit sechsundzwanzig war Cassie nur zwei Jahre älter als Alice, aber Alice nahm oft das nervtötende, unbekümmerte Verhalten eines sehr viel jüngeren Mädchens an. Cassie vermutete, dass Alices jugendliche Momente ein Produkt leichten Wahnsinns waren, ein Ort, an den sich Alice zurückzog, wenn die Welt um sie herum bedrohlich oder erdrückend war.
Oder vielleicht war es auch nur eine Show und Alice verbarg ihr wahres Selbst vor Cassie genauso wie vor allen anderen. Obwohl Alice bereits vor drei Monaten angefangen hatte, ein kleines Loch zwischen ihren Zimmern zu graben und Cassie Botschaften zukommen zu lassen, hatte Cassie noch immer nicht das Gefühl, dass sie die andere Frau ganz verstand.
„Das kannst du nicht wissen, Alice“, wand Cassie ein, wobei sie sich bemühte, ihre Ungeduld nicht in ihrem Tonfall durchklingen zu lassen.
„Tatsächlich kann ich das“, sagte Alice und neigte den Kopf zur Seite. „Um dir das zu erzählen, bin ich hergekommen. Ich habe endlich eine Möglichkeit gefunden, einen Hilferuf abzusetzen. Es ist wie das Abschießen einer Leuchtpistole, aber mit magischer Energie.“
Alice hob ihre Hand und ahmte die Bewegung nach, wie sie einen Schuss über ihrem Kopf abgab, und Cassies Neugier war geweckt.
„Ich dachte, du könntest die Schutzzauber, die auf dem Vogelkäfig liegen, nicht entfernen“, erwiderte Cassie.
„Ich kann alles tun, was ich mir in den Kopf setze, Cassandra.“ Alice nannte jeden bei seinem vollen Namen. „Du solltest das doch mittlerweile von allen am besten wissen.“
Sie hatte natürlich vollkommen recht. Alice hatte den Großteil des Tunnels zwischen ihren Zimmern in einer einzigen Nacht gegraben, nur unter der Verwendung eines Metalllöffels, den sie von einem der Essenstabletts stibitzt hatte, die ihnen von der Küche geschickt wurden. Alice war sowohl entschlossen als auch furchtlos, eine bemerkenswerte und manchmal furchterregende Kombination.
„Das stimmt allerdings. Du glaubst also, dass du uns wirklich retten kannst?“, fragte Cassie.
„Ich bin mir so sicher, dass ich dir rate, deine Lieblingssachen einzupacken. Wenn ich ein Signal absetze, wird Pere Mal gezwungen sein, den Vogelkäfig zu räumen und uns alle woanders hinzubringen. Wenn wir erst einmal nach draußen kommen, werden wir unsere Taschen verstecken und dann werde ich für Ablenkung sorgen. Ab da…“ Alice zog ihre Augenbrauen hoch. „Flucht voraus.“
Cassie dachte eine Sekunde darüber nach.
„Wohin sollen wir denn gehen?“, fragte sie und schämte sich zugleich. Die Vorstellung von so viel Freiheit auf einmal jagte ihr Angst ein. Anders als Alice hatte Cassie niemanden, außer man zählte ihre Junkie-Eltern mit, die sie mit sechzehn verlassen hatte. Ihr beschissenes Zuhause war der erste vieler Faktoren und großen Peches gewesen, die sich lawinenartig gehäuft hatten, bis Cassie schließlich im Vogelkäfig gelandet war.
Wenigstens bist du nicht in einem der Blutbordelle auf dem Graumarkt, rief sie sich stets in Erinnerung. Hättest du keine Kräfte, würdest du jetzt genau dort sein.
„Irgendwohin“, antwortete Alice und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. „Wir können alles tun, was wir wollen.“
„Und wann setzt du das Signal ab?“, wollte Cassie wissen.
„Oh…“ Alice blickte Cassie mit großen Augen an. „Vor zehn Minuten, plus minus.“
„Alice!“, rief Cassie, packte ihre zierliche Freundin an den Schultern und schob sie zurück zur Wand. „Geh zurück in dein Zimmer. Wenn sie den Tunnel sehen, werden sie wissen, dass du das Signal ausgesandt hast.“
Alice seufzte.
„Cassandra, du liebes Mädel. Das wissen sie vermutlich bereits. Deswegen müssen wir ja fliehen.“
Ihrer Freundin einen finsteren Blick zuwerfend, drängte Cassie sie in den Tunnel.
„Wir treffen uns an der Seite des Hauses in der Nähe des Meerjungfrauen-Springbrunnens“, flüsterte Cassie. „Wenn sie kommen, um dir zu sagen, dass du packen sollst, versuch dir nicht anmerken zu lassen, dass du mit ihnen gerechnet hast, okay?“
Alice trat ohne ein weiteres Wort den Rückzug an und Cassie schob den Schrank ächzend zurück an die Wand. Einige lange Sekunden lehnte sie einfach nur an dem Schrank, ganz paralysiert vor Schreck, und starrte auf ihre liebevoll ausgewählten Schlafzimmermöbel. Es mochte ihr goldener Käfig sein, aber er war auch mit weiblichen, hübschen Dingen ausgestattet, die Cassie liebte.
Cassie stieß sich vom Schrank ab, rannte zu ihrem begehbaren Kleiderschrank und fing an, die Sachen herauszuziehen, die sie einfach nicht zurücklassen konnte. Der Haufen nahm innerhalb weniger Minuten gigantische Ausmaße an, weshalb sie gezwungen war, ihn wieder und wieder zu reduzieren.
Zu dem Zeitpunkt, an dem die Wachen an Cassies Tür hämmerten, hatte sie ihre Auswahl getroffen.
„Herein!“, rief sie und lief in den Wohnbereich.
„Du machst einen Ausflug“, erzählte ihr eine grimmige Wache im dunklen Anzug und warf zwei Koffer auf Rollen in den Raum. „Sei in zehn Minuten fertig.“
Cassie nickte nur, während ihr das Herz wie wild in der Brust schlug. Die Wache knallte die Tür hinter sich zu und das Geräusch ließ Cassie erschaudern. Sie sah sich einen Augenblick in dem Zimmer um und wünschte sich, sie hätte ein paar persönliche Erinnerungsstücke, die sie mitnehmen könnte. Ihre Finger tasteten instinktiv nach ihrer Halskette, ein Silbermedaillon an einer Kette, die so lang war, dass sie den Anhänger unter allem verstecken konnte, das sie anzog. Der Anhänger war das Einzige, das sie von ihrer Familie behalten hatte. Das letzte Geschenk ihrer geliebten Großmutter, die gestorben war, als Cassie zwölf gewesen war.
Sie schleifte ihre Koffer zum Schrank und verbrachte die nächsten Minuten mit Packen. Nachdem sie ihre Kleider eingepackt hatte, wühlte sich Cassie bis auf den Boden ihres Schranks vor und zog mehrere dicke Geldbündel hervor. Diese hatte sie im Verlauf der letzten Jahre sorgsam angesammelt, indem sie so getan hatte, als würde sie die Gegenstände, nach denen sie verlangt hatte, umtauschen und sie stattdessen verkauft hatte.
Nachdem sie die Stapel aufgeteilt und in T-Shirts eingewickelt hatte, legte sie einen Teil des Geldes in jeden der Koffer, falls sie einen verlieren sollte. Anschließend rollte sie die Koffer zurück zur Eingangstür und wartete. Cassie streifte sich ein Paar leichter, armlanger Ziegenlederhandschuhe von Burburry über, atmete langsam aus und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. In ihrem Kopf herrschte das reinste Chaos, ihre Hände zitterten und ihre Zunge war so trocken wie Sand.
Die Vorstellung, dem Vogelkäfig zu entkommen, war so aufregend und dennoch…
Die Tür schwang erneut auf, bevor Cassie Zeit hatte, ihren Gedanken zu beenden.
„Auf geht’s“, verkündete die Wache und winkte sie durch die Tür.
Tief Luft holend und die Schultern straffend packte Cassie ihre Koffer und lief aus der Schlafzimmertür, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, weil sie sich ihre Beklommenheit nicht anmerken lassen wollte.
Cassie wusste, dass sie mit jedem Schritt, den sie machte, auf ein völlig neues Leben zuging. Vielleicht war ein Neuanfang ja genau das, was nötig war, um Cassandra Chases Herz aus seinem goldenen Käfig zu befreien.
2
Gabriel Thorne zog sein Langschwert und seine Lippen bewegten sich lautlos, als er einen Zauber wirkte, um seine Sicht zu schärfen, während er in die Tiefen einer langen, stockdunklen Gasse in New Orleans berühmtem French Quarter vordrang. Im Moment beschattete er einen garstig aussehenden Drekros Dämonen. Die schaurig bleiche Kreatur mit der von Beulen übersäten Haut kroch auf täuschend schwachen Beinen vorwärts. Ihr langer, dünner Hals trug einen grausamen Kopf, der hauptsächlich aus messerscharfen gelben Zähnen bestand. Speichel tropfte aus dem geöffneten Mund auf den grässlichen Körper.
Während Gabriel dem Drekros folgte, folgte dieser wiederum einem Paar kichernder Collegemädchen, die durch die dunkle Gasse schwankten zweifellos in dem Bemühen, zurück zur Straßenbahn zu gelangen, um damit zurück zur Tulane zu fahren. Der Drekros stoppte, hob seinen missgestalteten Kopf und schien anscheinend die Brise zu testen. Gabriel konnte im Gesicht des Drekros‘ keine Nase sehen, aber das hieß nicht, dass die Kreatur sein Herannahen nicht spüren konnte.
Die Kreatur drehte sich mit einem schrillen Stöhnen zu Gabriel um und versprühte säureartige Spucke in alle Richtungen, die alles verbrannte, was sie berührte.
„Oh, habe ich dir das Abendessen verdorben?“, fragte Gabriel grinsend.
Die Kreatur stöhnte erneut und starrte ihn an, da sie ihn nicht zu verstehen schien. Vielleicht hatte Gabriels englischer Akzent die Kreatur durcheinandergebracht. Vielleicht sprach das Ding aber auch nicht oder verstand Sprachen im Allgemeinen nicht. Gabriel wusste es nicht und es war ihm auch herzlich egal. Er wollte das Ding nur aus dem Verkehr ziehen und die letzte Stunde seiner Patrouille hinter sich bringen.
Die Morgendämmerung würde die Stadt schon bald erhellen und dann könnte Gabriel ins Herrenhaus zurückkehren und sein Bett aufsuchen, möglicherweise nachdem er einen kurzen Stopp in einem der Kith-Clubs eingelegt hatte, um sich eine sexy paranormale Bettgefährtin zu suchen. Dieser Tage war er vor allem an Succubi interessiert, solange sie versprachen, artig zu sein.
„Komm schon“, sagte Gabriel und schwang mit seinem Schwert nach der Kreatur.
Sie stürzte sich mit einem grollenden Fauchen auf Gabriel, Mordlust offenkundig in den Knopfaugen. Gabriel schenkte dem Drekros ein strahlendes Grinsen, während er ihn in zwei Hälften spaltete. Der Dämon röchelte, als er in Flammen aufging und sein Körper verschwand in einem hellen Aufblitzen von Feuer, Schwefel und Rauch.
„Viel Spaß in der Hölle. Grüß deinen Schöpfer von mir“, sagte Gabriel, obwohl die Kreatur schon längst verschwunden war. Gabriel zog ein dickes Stoffstück hervor und putzte damit seine Schwertklinge, ehe er die Waffe zurück in seine Scheide steckte. Er warf das Tuch in den nächsten Mülleimer und ging zurück zur St. Louis Kathedrale.
Nur wenige Schritte vom geheiligten Boden der Kathedrale entfernt, befand sich der Spitfire Coffee Shop, wo Gabriel am liebsten eine lange Nacht des Patrouillierens ausklingen ließ. Der Laden hatte wahnsinnig lang geöffnet und machte den verflucht besten Espresso, den er jemals gekostet hatte.
Nicht, dass es im London des neunzehnten Jahrhunderts haufenweise Espresso gegeben hätte. In Gabriels eigentlichem Zeitalter hatte man lediglich die bittersten vorstellbaren Kaffeebohnen produziert und geröstet, nicht die reichen, fruchtigen, nussigen Aromen, die Gabriel in seinem Espresso bevorzugte.
Mit einem traditionellen Macchiato, zwei Schuss Espresso getoppt mit einem Klecks Milchschaum, aus dem Spitfire zu laufen, war das perfekte Ende von Gabriels Nacht. Er nippte an seinem Getränk, während er zurück zum Herrenhaus lief und die Augen offenhielt. Die letzten Stunden der Dunkelheit warteten oft mit einer Menge Ärger auf, weil Kith Menschen oder einander nachstellten.
Als er ans andere Ende des French Quarter lief und die Frenchmen Street entlangschlenderte, schweiften Gabriels Gedanken ab. Er musterte mehrere Kith-Clubs, aber keiner von ihnen reizte ihn heute Abend. Seine selbstauferlegte dreiwöchige Trockenphase würde also vermutlich andauern.
Rhys Macaulay hatte alles verdorben. Rhys, ein Wächterkollege, der wie er mit dem Schutz der Stadt beauftragt war und für Gabriel einem Freund am nächsten kam, war gerade mal vor einem Monat seiner vorherbestimmten Gefährtin direkt in die Arme gerannt. Bärengestaltwandler erkannten ihre Gefährtinnen auf den ersten Blick und wenn sie ihre vom Schicksal vorherbestimmte Gefährtin erst einmal gefunden und sich mit ihr niedergelassen hatten, dann akzeptierte der Bär nie wieder eine andere.
Aus irgendeinem Grund machte Rhys‘ überschäumende Freude, nachdem er seine hübsche blonde Gefährtin gefunden hatte, Gabriel unglücklich. Weiß Gott, wenn es jemanden gab, der ein wenig Glück in seinem Leben verdiente, dann war es der noble, loyale Rhys. Aber das hinderte Gabriels Nackenhaare nicht daran, sich jedes Mal aufzustellen, wenn er Rhys und Echo dabei erwischte, wie sie in irgendeiner abgelegenen Ecke des Herrenhauses wie Teenager herummachten.
Gabriel war sich ehrlich nicht sicher, ob es Neid, Ekel, Angst oder eine Mischung aus allen dreien war, aber das Ganze hatte ihm One-Night-Stands madig gemacht.
„Nur ich und mein Kaffee“, sinnierte er laut, während er die letzten Tropfen seines geliebten Getränks hinabschluckte und den Becher in einen Mülleimer fallen ließ.
Sein Handy vibrierte irgendwo in seiner Kampfweste und er fischte es mit einer skeptischen Grimasse heraus. Ein klingelndes Handy bedeutete, dass von irgendwo in der Stadt ein Notruf eingegangen war. Notrufe wiederum bedeuteten, dass Wächter zu der Szene geschickt werden mussten. Als der Wächter auf Patrouille würde Gabriel höchstwahrscheinlich umkehren und zurück zum Quarter eilen müssen. Vielleicht handelte es sich um einen Kampf zwischen zwei Werwölfen oder einen schwachen Kith, der von einer der fieseren Dämonenrassen bedroht wurde.
„Ja“ sprach Gabriel in das Handy.
„Du wirst nicht glauben, was ich heute Nacht für dich habe.“ Echo, Rhys‘ neue Gefährtin, hatte die Aufgabe einer Art paranormalen Einsatzleitstelle übernommen und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, wenn sie Gabriel auf Missionen schickte.
„Ich hätte auf betrunkene Werwölfe getippt“, antwortete Gabriel und blieb an der Ecke Frenchmen und Dauphine stehen.
„Tatsächlich habe ich gehört, dass heiße Mädels involviert sind“, sagte Echo, die amüsiert klang. „Eine Gruppe Hexen, die in einem von Pere Mals Schlupfwinkel gefangen ist und verzweifelt auf Rettung hofft. Also im Grunde genommen genau das Richtige für dich.“
„Wie lautet die Adresse?“, fragte Gabriel. Echo nannte ihm die Adresse, die ungefähr sechs Blöcke in nordöstlicher Richtung in der St. Roch Nachbarschaft lag. Gabriel konnte die Kreuzung vor seinem inneren Auge sehen, einen stark gentrifizierten Block neuer und alter Häuser. „Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“
„Eine der Hexen hat ein gigantisches Notrufsignal abgesetzt und Pere Mal namentlich erwähnt. Ich würde mich an deiner Stelle beeilen, bevor er sie zum Schweigen bringt. Dauerhaft“, erklärte Echo.
„Bin auf dem Weg“, sagte Gabriel. „Schick die anderen zwei zur Verstärkung, nur für den Fall.“
„Erledigt und erledigt“, erwiderte Echo. Sie beendete den Anruf, bevor Gabriel das tun konnte, und er stopfte das Handy zurück in seine Tasche und joggte los in Richtung der Adresse, die sie ihm gegeben hatte.
Als Gabriel das Stadtgebiet erreichte, bestand absolut kein Zweifel daran, zu welchem Haus er gehen musste. Ein baufälliges weißes Cottage mitten in einer ansonsten ruhigen Wohnstraße brummte vor Aktivität und zog Gabriel wie einen Magneten an. Der größte Hinweis war das Schwadron besorgt dreinblickender, bulliger Kerle in dunklen Anzügen, was ein Bild war, das man bei jeder von Pere Mals Operationen vorfand. Der Kerl mochte ein eiskalter Killer und ein Irrer sein, der vorhatte das Universum auf seiner persönlichen Suche nach Macht zu zerstören, aber er besaß definitiv Geschmack, wenn es darum ging seine Crew einzukleiden.
Auf der Straße vor dem Haus parkten vier große SUVs und einige von Pere Mals Kerlen scheuchten verwirrt aussehende junge Frauen in Handschellen im Gänsemarsch von der Eingangstür zu den Autos. Nach einer raschen Zählung kam Gabriel zu dem Schluss, dass bereits ein knappes Dutzend Hexen in die SUVs gequetscht worden sein mussten.
Gabriel zog im Näherkommen sein Schwert, während sein Kopf schnell einen Plan ersann, wie er so viele von Pere Mals Handlangern wie möglich aus dem Weg räumen konnte, ohne eine ihrer Gefangen zu verletzen. Gabriel beschloss, so viele von Pere Mals Männern zu betäuben wie er konnte, da er davon ausging, dass die Frauen, wenn er sie erst mal befreit hatte, von allein fliehen würden.
Die erste Überraschung war der Fakt, dass er es mehrere Schritte auf das Grundstück schaffte, ehe ihn auch nur einer der Bösewichte bemerkte. Gabriel war fast zwei Meter groß, bemerkenswert gut aussehend und im Moment strahlte er Magie in Wellen aus. Die Tatsache, dass seine Anwesenheit unbemerkt blieb, war ein Zeichen für das Chaos, das um ihn herum herrschte. Dutzende von Körpern bewegten sich in alle möglichen Richtungen, Männer luden Gepäck in die SUVs, manche der weiblichen Gefangenen schluchzten, während sie zu den wartenden Autos geschleift wurden.
„Hey!“, erklang ein Schrei.
Gabriel sah, wie einer von Pere Mals Kerlen eine große, gertenschlanke Blondine zu Boden stieß, bevor er eine Feuerwaffe zog. Gabriel holte eine kleine Phiole von Mere Maries Betäubungstrank aus seiner Tasche und schleuderte sie dem Kerl entgegen, der sofort wie ein Sack Kartoffeln zu Boden ging.
Unglücklicherweise wählte die Blondine genau diesen Moment, um einen ohrenbetäubenden Alarmschrei auszustoßen, und nur Sekunden später musste sich Gabriel gegen ein weiteres halbes Dutzend Männer erwehren. Er wollte keinen von ihnen töten oder zum Krüppel machen, wenn es sich vermeiden ließ, weshalb er einige durch Schläge auf den Kopf oder Verwundungen der Gliedmaße außer Gefecht setzte. Dämonen zu töten, war eine Sache, aber er tötete Kith oder Menschen wirklich nur dann, wenn es keine andere Wahl gab.
Gabriel drehte sich um und entdeckte zwei Männer, die einen wild kämpfenden Rotschopf an den Armen festhielten und sie zum letzten SUV zerrten. Ein anderer Mann folgte ihnen und schleppte zwei große Koffer hinter sich her. Die Frau schaute hoch und ihre hellgrauen Augen fingen Gabriels Blick ein. Da war etwas…
Die Welt entglitt ihm einen Augenblick. Gabriels Bär war normalerweise sehr zurückhaltend, wenn nicht sogar schweigsam, und spielte hinter seiner menschlichen Seite immer die zweite Geige. Jetzt erwachte sein Bär jedoch und ein ausgeprägtes Empfinden von Hunger und Besitzgier vibrierte durch Gabriels gesamten Körper.
Gefährtin. Der Gedanke sang in seinem Herzen auch dann noch, als ein Laut der Verleumdung über seine Lippen kam. Diese Frau, diese Fremde, war jetzt seine einzige Priorität. Ihre Augen lagen auf ihm und flehten um Hilfe.
Er verlor plötzlich und völlig die Kontrolle. Sein Bär verdrängte ihn, Gabriel, tief in sein Innerstes. Der Bär brauchte die Frau. Der Bär wollte nicht, dass diese Männer sie anfassten.
Dem Bären würde Folge geleistet werden.
Ein wütendes Brüllen entriss sich Gabriels Kehle, als er seinen Zauberstab und Pistole los und sich selbst nach vorne fallen ließ, während sein Körper zuckte und sich wandelte. In der Sekunde, in der seine Verwandlung vollzogen war, setzte er sich in Bewegung und galoppierte auf die Frau und ihre Wachen zu.
Der Kerl mit dem Gepäck warf einen Blick auf Gabriel und rannte davon. Die Koffer ließ er, ohne zu zögern, zurück. Die anderen zwei Männer tauschten Blicke aus. Einer zog eine Pistole, während der andere die Frau zu dem wartenden Fahrzeug bugsierte.
Gabriel erledigte den Ersten problemlos, indem er ihn mit einem einzigen Hieb niederschlug. Der andere Mann warf einen verängstigten Blick über seine Schulter und schluckte, ehe er die Frau nach hinten auf Gabriels wütende Gestalt zuschubste.
Gabriel fing sie auf und drehte seinen Körper so, dass er sie vor der Wache und dem Auto abschirmte. Sein tierisches Gehirn wusste nicht so recht, was es als Nächstes tun sollte, was Gabriel die Möglichkeit gab, das Steuer wieder an sich zu reißen und seine eigenen Handlungen einen Moment zu bestimmen. Sein erster Gedanke war, dass er die Frau zuerst von dem überall vorherrschenden Chaos wegschaffen und dann weitersehen musste.
Sich auf seine Hinterbeine erhebend gab Gabriel ein leises Grunzen von sich und scheuchte die Frau nach links, weg von den Autos und zu dem Nachbarshaus. Sie sah zu ihm, eindeutig in Todesangst, und floh.
„Gabriel!“
Er hörte Aerics starken nordischen Akzent in der Ferne, aber Gabriel wurde immer noch von seinem Bären beherrscht und war unfähig, sich von seiner Gefährtin abzuwenden. Er sank auf alle Viere und jagte ihr hinterher, überrascht, wie schnell sie war. Innerhalb kürzester Zeit gelang es ihm, sie auf der vorderen Veranda des Nachbarhauses in die Enge zu treiben.
Der Rotschopf drehte sich um, starrte Gabriel an und schlang die Arme um ihren Körper. Der Bär in seinem Inneren zwang Gabriel dazu, einen Schritt auf sie zuzumachen, dann noch einen. Ehe er sich versah, war er ihr fast so nah, dass er sie berührte. Gabriel verfluchte sich, aber er hatte jetzt jegliche Kontrolle verloren.
Er legte den Kopf schief, beugte sich zu ihr und atmete den Geruch seiner Gefährtin tief ein. Sie roch nach Vanille und Zimt, eine verlockende Kombination.
„Bitte“, flüsterte die Frau, die silbernen Augen weit aufgerissen in ihrem herzförmigen Gesicht. „Bitte, tu mir nicht weh.“
Gabriel entrang seinem Bären die Kontrolle. Er dämpfte seine Wut und trat einen kleinen Schritt nach hinten, um ihr ein wenig Freiraum zu geben, während er sich zurück in seine menschliche Gestalt wandelte.
In den Augen der Frau blitzte Erkennen auf, ganz kurz Schock und Verstehen, und dann rollten ihre entzückenden Augen nach hinten. Sie brach ohne einen Laut zusammen und Gabriel hatte wirklich Schwierigkeiten sie rechtzeitig aufzufangen, bevor ihr liebreizender Körper auf die Betonstufen der Veranda knallte.
„Verdammt nochmal, Gabriel.“
Die Worte wurden in einem unverkennbar schottischen Grollen ausgesprochen, einem, das der Engländer nur allzu gut kannte.
Gabriel drehte seinen Kopf und entdeckte, dass Rhys und Aeric hinter ihm standen, die Schwerter gezogen, aber gesenkt. Seine Wächterkollegen, einer dunkelhaarig und einer blond, beugten sich über einen Mann, der auf dem Boden zwischen ihnen kniete. Gabriel nahm an, dass es sich dabei um die einzige Wache handelte, die das Pech hatte, den Vorfall unbeschädigt überstanden zu haben. Jetzt würden sie ihn festhalten und über seinen Arbeitgeber befragen. Hinter ihnen war der Vorgarten mit einem Dutzend bewusstloser Wachen und einem ganzen Haufen Koffer übersät.
„Wo sind die SUVs?“, fragte Gabriel verwirrt.
„Fort“, antwortete Aeric und wedelte mit einer Hand. „Sie sind weggefahren, sobald sie sahen, dass ein riesiger Grizzly auf sie zukam.“
„Ah“, sagte Gabriel und verlagerte die Frau in seinen Armen.
„Hat sie die Verwandlung ausgelöst?“, erkundigte sich Rhys und linste um Gabriel herum, um einen Blick auf die bewusstlose Frau in seinen Armen zu erhaschen.
Gabriel warf Rhys einen abschätzenden Blick zu und nickte dann.
„Dann ist es dir also auch passiert“, sinnierte Rhys. Er sah sich nachdenklich im Garten um. „Ich schätze, wir sollten uns besser aus dem Staub machen, bevor die menschlichen Gesetzeshüter hier ankommen, oder?“
„Ein paar dieser Koffer gehören… ihr“, sagte Gabriel, der merkte, dass er sich mit jedem Moment merkwürdiger fühlte. „Die dort drüben in der Mitte des Gartens, glaube ich.“
Rhys wölbte eine Braue und seine Lippen zuckten auf eine Weise, die in Gabriel die Mordlust weckte. „Ich schätze, wir sollten den Wagen vorfahren und mitnehmen, was hier rumliegt für den Fall, dass wir die Falschen erwischen. Gefährtinnen sind sehr speziell, weißt du. Wir wollen schließlich nicht, dass ihr gleich auf dem falschen Fuß anfangt.“
„Hol einfach das verdammte Auto“, murrte Gabriel und hob die Frau in seinen Armen höher. „Es gefällt mir nicht, derartig auf dem Präsentierteller zu sein. Pere Mal könnte uns noch mehr Männer auf den Hals hetzen.“
„Wohl eher ihr“, grunzte Aeric, der sich bereits entfernte.
Gabriel trottete Aeric hinterher, denn er war erpicht darauf, ins Herrenhaus zurückzukehren. Er war sich nicht sicher, was der andere Wächter damit gemeint hatte, aber er hatte das Gefühl, dass es ihm nicht gefallen würde, wenn er es herausfand.
3
Cassie öffnete langsam ihre Augen und stellte fest, dass sie auf einem luxuriösen Ledersofa lag und ihre Hände auf ihrem Bauch ruhten. Sie befand sich in einem riesigen, hell erleuchteten Raum. Das reichlich vorhandene Sonnenlicht bedeutete, dass sie länger als eine Handvoll Minuten weggetreten gewesen war. Sie kniff die Augen vor dem Schmerz zusammen, der hinter diesen pochte, und versuchte sich daran zu erinnern, was genau passiert war.
Ganz plötzlich fiel ihr alles wieder ein. Die Wachen, die sie aus dem Vogelkäfig zerrten. Ein wütend aussehender Bärengestaltwandler war in Erscheinung getreten, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, woher er gekommen war. Sie war vor ihm weggerannt und hatte sich dann darauf verlegt, ihn um ihre Sicherheit anzuflehen. Und siehe da, der Bär hatte sich in ihn verwandelt.
Den Mann ihrer Träume, denjenigen, den sie wieder und wieder in ihren Visionen gesehen hatte… allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, ihn ausgerechnet heute zu sehen. Und in ihren Träumen war er nicht ganz so… nun, heiß gewesen.
Obwohl Cassie für eine Frau recht groß war, hatte sie im Vergleich zu ihrem Traummann beinahe wie ein Zwerg gewirkt. Er war buchstäblich groß, dunkel und gut aussehend. Sein dichtes schokoladebraunes Haar war von goldenen Strähnen durchzogen und so lang, dass es bis knapp unterhalb seines Kinns reichte. Ein Tag alte Stoppeln zierten sein Gesicht und betonten seine Attraktivität. Sein Kiefer und Wangenknochen waren hoch und scharfumrissen, seine Augenbrauen dunkel und dicht, seine Augen die dunkelste Schattierung von Mitternachtsblau, die man sich vorstellen konnte. Er hatte die Größe und Statur eines Linebackers gepaart mit dem Gesicht und den wohldefinierten Muskeln eines Armani Unterwäschemodels.
Sie wusste all das über ihn, weil sie so oft von ihm geträumt hatte. Zu ihrer Schande musste sie gestehen, dass sie mehr getan hatte, als nur von ihm zu träumen. Isoliert und einsam im Vogelkäfig war ihr Retter die einzige wiederkehrende Fantasie gewesen.
„Sie ist wach. Du bist wach.“ Eine Frau trat in Cassies Sichtfeld und Cassie drehte ihren Kopf, um sie zu betrachten.
Sie war eine umwerfende Frau Mitte sechzig und gekleidet in einen fließenden weißen Kaftan und eine weiße Kopfbedeckung. Ihre Haut hatte die Farbe von Milchkaffee, die so typisch war für kreolische Nachfahren, und ihr starker New Orleans Akzent bestätigte ihren Hintergrund. Im Moment starrte die Frau mit skeptischer Miene auf Cassie hinab.
„Ich bin wach“, stimmte Cassie zu und stemmte sich vorsichtig in eine aufrechte Position.
Vier weitere Personen saßen an einem riesigen Eichentisch auf der anderen Zimmerseite, drei Männer und eine Frau. Die drei Männer hätten sich auf den ersten Blick nicht unähnlicher sein können, aber irgendetwas an ihnen kam ihr vertraut vor. Die Frau war Cassie unbekannt, eine kurvenreiche, hübsche Blondine mit einem belustigten Gesichtsausdruck.
In dem Augenblick, in dem Cassie ihn sah, ihren „Mystery Man“, entspannte sie sich etwas.
„Ich rede mit dir“, giftete die Kreolin und fuchtelte mit einer Hand vor Cassies Gesicht herum.
„Äh…“, sagte Cassie und sah zu ihr hoch. „Okay.“
„Ich bin Mere Marie“, stellte sich die Frau vor, wobei Ungeduld klar und deutlich in ihrer Stimme mitschwang. „Du befindest dich im Herrenhaus, das von den Alpha Wächtern beschützt wird.“
Mehrere Dinge fügten sich für Cassie plötzlich zu einem Bild zusammen. Die Tatsache, dass ihr Traummann ein Schwert getragen hatte und dass ihr seine Kameraden so bekannt vorkamen. Das ergab jetzt alles Sinn, da Pere Mals Wachen im Vogelkäfig eine ganze Wand mit Fotos und Informationen zu den Wächtern gehabt hatten, aufgrund derer sie die Wächter sofort erkennen sollten.
„Cassie. Cassandra, meine ich. Chase“, sagte Cassie, während sie versuchte, Herrin ihrer Gedanken zu werden.
Mere Marie packte ihre Hand, drückte sie fest und Cassie keuchte auf, als Energie zwischen ihnen ausgetauscht wurde. Die Augen der anderen Frau weiteten sich und sie starrte Cassie einen langen Moment an.
„Orakel“, sagte Mere Marie und ließ Cassies Hand los. „Kein Wunder, dass Pere Mal dich hinter Schloss und Riegel hielt.“
Die hübsche blonde Frau meldete sich zu Wort, womit sie Cassies Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Hast du gesagt, dein Name sei Cassandra?“
„Das bin ich“, bestätigte Cassie nickend und sah sich ein wenig in dem Zimmer um. Es war nach dem Prinzip eines offenen Grundrisses gebaut worden und umfasste Wohn-, Ess- und Arbeitsbereiche zusammen mit einer wirklich hübschen Edelstahlküche. In der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers stand noch ein Mann. Dieser trug einen Smoking mit einem Schwalbenschwanz-Sakko und eine missbilligende Miene.
„Ich bin Echo“, stellte sich die Frau vor, erhob sich und trat näher, um Cassie zu mustern. Sie deutete der Reihe nach auf den blonden Mann, den Mann mit dem rötlichen Bart und dann Cassies Mystery Man. „Das sind Aeric, Rhys und Gabriel.“
Gabriel, murmelte Cassie zu sich selbst. Ihr Blick verhakte sich erneut mit seinem und ihr Verlangen, in seiner Nähe zu sein, wurde noch ein Stückchen größer.
„Sie muss das Zweite Licht sein“, erklärte Echo Mere Marie.
Cassie widmete Echo wieder ihre Aufmerksamkeit.
„Was weißt du darüber?“, fragte Cassie überrascht. Cassie hatte nie außerhalb ihrer Visionen von den Drei Lichtern gehört, weshalb es sie überraschte, die Worte laut ausgesprochen zu hören. Der beiläufige Tonfall der Frau hinterließ bei Cassie den Eindruck, dass die Drei Lichter ein völlig normales Gesprächsthema unter den Wächtern waren.
Die Blondine zuckte mit einer Schulter und errötete leicht.
„Nicht viel, außer, dass ich das Erste Licht bin. Oh, und meine Mutter und Tante waren diejenigen, die uns diese Situation überhaupt erst eingebrockt haben, glaube ich.“
„Wie lange hat Pere Mal dich festgehalten?“, mischte sich Mere Marie ein und ihre kastanienbraunen Augen hefteten sich auf Cassies Gesicht.
„Vier Jahre, glaube ich“, antwortete Cassie.
„Bittet er dich oft um Visionen?“, wollte Mere Marie wissen.
„Ja“, erwiderte Cassie. „Manchmal mehrmals in einer Woche. Aber damit wir uns hier nicht falsch verstehen, die Visionen kommen vom Orakel, nicht von mir.“
„Ich bin mir sicher, ich weiß nicht, was du meinst“, schnaubte Mere Marie.
„Das Orakel ergreift Besitz von mir, ich bin nur das Gefäß. Sie hat die Visionen, ich stelle nur… ich weiß nicht, eine körperliche Manifestation zur Verfügung. Sie lebt in der Geisterwelt und nutzt mich, um Zugriff auf das Reich der Menschen zu haben“, erklärte Cassie.
„Also könntest du theoretisch eine Visionsanfrage verweigern?“, warf Echo ein. „Wenn du es wollen würdest, könntest du dich weigern, deinen Mund zu öffnen oder so etwas, stimmt’s?“
Cassies Lippen zuckten, während sie darüber nachdachte.
„Vielleicht. Das Orakel kann mich überwältigen, wenn sie möchte. Aber wenn mir etwas geschieht, müsste sie ein neues Gefäß finden, was schwer werden würde. Glaub mir, ich habe mich ziemlich gewehrt, als sie das erste Mal zu mir kam. Jetzt finde ich es allgemeinhin einfacher, es zu dulden. Es kommt selten vor, dass ich gebeten werde, eine Prophezeiung von großer Wichtigkeit zu machen.“
Mere Maries Lippen wurden schmal und Cassie fragte sich, ob die Frau vielleicht wusste, dass es eines Opfers bedurfte, um Visionen von einem Orakel zu erbitten. Die Größe und der Wert des Opfers standen in direkter Korrelation zur Bedeutsamkeit der Vision, nach der man verlangte.
Oder vielleicht wusste Mere Marie auch, dass eine derartige Vision das Gefäß stark auslaugte und sich manchmal sogar als gefährlich für das Orakel selbst erwies. Die Fähigkeit eines Orakels, eine angefragte Vision zu verkünden, kam aus dessen Innerem und eine zu große Anstrengung könnte ein Gefäß auslöschen wie eine Kerze, der man den Docht entfernt.
„Das wirft die Frage auf, wie du festlegst, was du für wichtig erachtest“, sagte Mere Marie.
Mere Marie betrachtete Cassie noch einen Augenblick, ehe sie sich umdrehte, ihre Finger an ihre Lippen führte und einen schrillen Pfiff ausstieß, der alle im Raum zusammenzucken ließ. Die ältere Frau wandte sich abermals mit einem finsteren Gesicht an Cassie.
„Noch ein Test, dann darfst du zu deinem Gefährten gehen“, verkündete Mere Marie.
Cassie bäumte sich bei dem Wort Gefährten auf. Ihr Blick schnellte nochmal zu Gabriel und dann rundeten sich ihre Augen, als es ihr leicht dämmerte. Die magnetische Anziehungskraft, dieses eigenartige Sehnen, das sie verspürte, die unersättliche Neugier… all das bedeutete etwas. Und natürlich hatte sie mit eigenen Augen gesehen, dass Gabriel ein Bärengestaltwandler war. Es war durchaus möglich. Nur… unerwartet.
Cassies Mund öffnete sich, ein Dutzend Fragen brannten ihr auf der Zungenspitze, aber dann bemerkte sie eine haarige schwarze Gestalt, die den Raum betrat. Mere Maries Aufmerksamkeit lag allein auf der prächtigen, seidig glänzenden schwarzen Katze, die in das Wohnzimmer schlenderte und zu ihnen trottete. Sie stoppte vor Mere Maries Füßen und starrte mit einem beinahe fragenden Blick zu ihr hoch.
Dann schockierte die Katze Cassie über alle Maßen, indem sie tatsächlich zu reden begann.
„Du hast gerufen?“, fragte sie, die Stimme ein maskulines, melodisches Kratzen. Es war also ein Kater.
Cassie wurde bewusst, dass Mere Maries Pfiff die Kreatur herbeigerufen hatte, die ganz bestimmt nicht nur ein Kater war.
„Cairn, du hast dir ziemlich Zeit gelassen, runter zu kommen. Überprüf sie und stell sicher, dass sie nicht aufgespürt werden kann“, befahl Mere Marie dem Kater.
Der Kater gab ein heiseres Schnauben von sich und drehte sich um, sprang auf die Couch und trat auf Cassies Schoß. Cassie widerstand dem Drang, ihre Hände zu heben und über das weich aussehende Katzenfell zu streicheln, als sich Cairn an Cassies Armen und Brust rieb. Er hüpfte vom Sofa und rieb seinen Mund an ihren Beinen, wodurch er für alle Welt den Anschein eines Katers erweckte, der sein Territorium markierte.
Cairn schaute mit seinen Augen, die so leuchtend und gelb wie Goldmünzen waren, zu ihr hoch und musterte sie mehrere lange Herzschläge. Es kostete Cassie einiges an Selbstbeherrschung, unter dem prüfenden Blick der Kreatur nicht auf ihrem Platz herumzurutschen. Was auch immer er sah, Cairn musste mit ihr zufrieden sein, denn er wandte sich wieder an sein Frauchen.
„Sie ist sauber“, schnurrte der Kater, dessen Schwanzspitze zuckte.
Cassie zog in Mere Maries Richtung fragend eine Augenbraue hoch, aber hielt den Mund. Sie blickte absichtlich nicht zu Gabriel, obwohl sie unbedingt seine Reaktion auf… nun, alles sehen wollte. Trotzdem, Cassie rühmte sich damit, eine außergewöhnlich willensstarke Person zu sein. Sie würde ihre Handlungen nicht einfach von einer merkwürdigen, magischen Lust kontrollieren lassen.
…uuuund drei Sekunden später sah sie doch zu Gabriel. Sie erwischte ihn dabei, wie er in ihre Richtung schaute, aber ihr nicht ganz in die Augen blickte und vielmehr den Eindruck machte, als würde er sich unfassbar unwohl fühlen. Nun, da waren sie schon zu zweit.
„Oh, um Himmels willen“, fauchte Mere Marie. „Gabriel, bring sie irgendwo hin und bringt das Gefährten-Zeug hinter euch. Im Moment seid ihr beide nutzlos für mich. Und was auch immer ihr tut, lass nicht zu, dass sie entführt wird. Wenn Pere Mal sie benutzt, um das Dritte Licht zu finden, dann sitzen wir alle so richtig in der Tinte.“
Alle anderen erhoben sich, also stand auch Cassie auf. Der Rest der Wächter machte sich recht zügig aus dem Staub und schon bald waren Cassie und Gabriel allein im Raum. Gabriel beobachtete sie einige Momente, dann winkte er sie zu sich.
„Wie wäre es mit einem Spaziergang?“, schlug er vor und deutete auf die Glastüren, die hinaus in einen gepflegten Garten führten.
Cassies Mund wurde trocken, als sie die ersten Töne seines ausgefeilten englischen Akzents hörte. Ihre Füße hatten sich bereits bei „Wie wäre“ in seine Richtung bewegt, was mehr als ein wenig peinlich war. Noch schlimmer war jedoch, dass Gabriel buchstäblich mit jedem Schritt, den sie machte, hübscher wurde und plötzlich hämmerte ihr Herz in ihrer Brust.
Gabriel schien sich leicht zu schütteln, bevor er die Tür öffnete und sie Cassie aufhielt. Sie biss auf ihre Lippe, senkte den Blick zu Boden und erzitterte, als sie an ihm vorbeitrat. Als sich seine Hand hob und federleicht über ihren unteren Rücken strich, stieß Cassie den angehaltenen Atem aus.
„Was zum Donnerwetter ist das?“, stöhnte sie, weil sie zunehmend frustriert wurde. Sie fühlte sich, als hätte sie keinerlei Kontrolle über die Sehnsüchte ihres Körpers, was nicht akzeptabel war. Sie trat hinaus in die helle New Orleans Sonne und lief einige Schritte weg in dem Versuch, sich zu sammeln.
„Es kommt auch für mich überraschend“, sagte Gabriel, der Cassie nach draußen folgte, ihr aber ihren Freiraum ließ.
Cassie sah zu ihm hinüber und verschränkte die Arme.
„Ich habe nicht geglaubt, dass du darum gebeten hast“, entgegnete sie und schürzte die Lippen. „Wer würde das schon wollen? Es fühlt sich furchtbar an.“
Gabriels dunkle Brauen hoben sich und irgendeine Emotion hellte seine dunkelblauen Augen kurz auf, aber er antwortete nicht sofort. Nur ein verräterisches Zucken an einem Mundwinkel und die leicht zusammengekniffenen Augen deuteten auf sein Missfallen hin.
„Niemand sucht sich seinen vom Schicksal bestimmten Gefährten aus“, seufzte Gabriel.
„Bedeutet vom Schicksal bestimmt, dass man am Ende auch glücklich wird?“, wunderte sich Cassie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so ist. Was war mit deinen Eltern, waren sie glücklich?“
Gabriels Gesicht verdüsterte sich mehrere Sekunden, bevor er die Emotion abzuschütteln schien.
„Ich kannte meine Eltern nicht gerade gut. Meine Schwester und ich waren Waisen.“
„Ahhh“, sagte Cassie, die spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. „Das kann nicht leicht gewesen sein. Im Betreuungs-System aufzuwachsen und all das.“
Gabriels Augenbrauen schossen erneut in die Höhe und dann kräuselte ein Hauch von Humor seine Mundwinkel.
„Glaub es oder nicht, aber so ein System gab es nicht. Mere Marie hat mich aus dem London der 1850er hierhergebracht. Meine Schwester und ich lebten auf der Straße und wir hatten Glück, dass wir überhaupt überlebt haben.“
Cassie klappte die Kinnlade runter und es dauerte ganze zehn Sekunden, ehe es ihr gelang, den Mund wieder zu schließen.
„Du… du bist… was, ein gestaltwandelnder Zauberer, der durch die Zeit reisen kann?“, fragte sie ungläubig.
Gabriels Lippen zuckten und er feixte offen, dann zuckte er mit den Achseln. Cassie dachte sich, dass kein Mann so gut aussehen sollte, wenn er sich gleichzeitig wie ein Idiot aufführte. Es war unfair, grenzte schon an eine Sünde.
„Um fair zu sein, ich bin nur einmal durch die Zeit gereist und Mere Marie hat die ganze Arbeit gemacht. Was ist mit dir? Du bist ein Orakel, etwas, von dem ich dachte, es sei mit den Griechen ausgestorben“, merkte er an. „Ich schätze, das macht uns zu einem recht ungewöhnlichen Paar.“
Cassie stieß erneut geräuschvoll Luft aus und schüttelte den Kopf. Gabriel drehte sich um und lief im Kreis, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Wie kann das nur echt sein? Als Orakel kann ich nicht leugnen, dass das Schicksal existiert, aber… wie kann ich plötzlich einfach zu jemandem gehören? Gestern habe ich noch mir selbst gehört.“ Sie rieb über ihre Arme, weil ihr trotz des sonnigen Wetters kühl war. „Ich schätze… ich dachte nur, ich hätte noch ein wenig Zeit, bis du mich findest.“
Sie sah, dass Gabriel einen Moment erstarrte, bevor er fragend zu ihr herumwirbelte.
„Was meinst du damit, bis ich dich finde?“, fragte er.
„Nun, ich bin ein Orakel. Ich habe Bruchstücke meiner eigenen Zukunft gesehen. In dem Moment, in dem ich dein Gesicht beim Vogelkäfig sah, wusste ich, wer du bist.“
„Was ist der Vogelkäfig?“, wollte er wissen. „Und wenn du wusstest, dass du einen Gefährten haben würdest, warum bist du dann jetzt so überrascht?“
„Der Vogelkäfig ist der Ort, an dem uns Pere Mal eingesperrt hat“, erklärte Cassie, da sie beschlossen hatte, die einfachere Frage zu beantworten. Zum Glück ergriff Gabriel sofort die Gelegenheit, Fragen über Pere Mal zu stellen.
„Wie viele von euch waren dort genau?“
Cassie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich habe fünf oder sechs kennengelernt. Aber als sie uns aus dem Vogelkäfig geholt haben, wirkte es, als wären noch viel mehr da. Sie sperrten uns alle in unseren eigenen Räumlichkeiten ein.“
„Und du denkst, Pere Mal wollte, dass du das Dritte Licht suchst?“, fragte er.
„Er hat mich gebeten, nach dem Dritten Licht zu suchen, ja“, sagte Cassie zögernd. „Es ist nur… was weißt du über Orakel?“
Gabriel blinzelte und rückte näher. Sie hatte jetzt eindeutig seine Neugier geweckt. Obwohl er die Statur eines Kriegers hatte, war ihr zukünftiger Gefährte vielleicht doch eher ein Gelehrter als ein Kämpfer.
„Nur das, was ich gelesen habe, was nur sehr wenig ist.“
Cassie nickte und versuchte, die richtigen Worte zu finden, um es ihm zu erklären.
„Es gibt zwei Arten von Prophezeiungen: angebotene und angefragte. Angebotene entstehen irgendwie in mir. Ich bitte nicht um sie und ich habe keine Kontrolle darüber, wann sie mir erscheinen. Eine Prophezeiung anzufragen ist jedoch etwas anderes. Ich kann versuchen, spezifische Informationen zu finden, nach dem Ergebnis einer bestimmten Tat zu suchen.“
„Und Pere Mal hat dich wahrscheinlich für Letzteres eingesetzt, nehme ich mal an.“
„Ich glaube, er hat für beide Arten Verwendung gehabt, aber ja.“
„Also warum hat er dich nicht einfach dazu gezwungen, den Namen des Dritten Lichtes zu erfragen?“
„Es ist sehr schwierig Prophezeiungen zu Dingen zu machen, die eigentlich noch nicht bekannt sein sollten. Das Schicksal hat seine Methoden, um die Dinge unter Verschluss zu halten.“
Gabriel warf ihr einen betroffenen Blick zu.
„Das erklärt es aber nicht“, wandte er ein.
„Eine Vision heraufzubeschwören erfordert ein Opfer. Je größer die Forderung, desto größer das Opfer. Pere Mal war gewillt, geduldig zu sein, weil er dann im Austausch nur kleinere Opfer darbringen musste. Wie beispielsweise sein Blut, Opfer von Mastkälbern, solche Sachen eben. Er war nicht bereit, die Art von Opfer zu bringen, die nötig wäre, um das Dritte Licht zu finden. Zumindest noch nicht.“
„Ah“, murmelte Gabriel nickend. „Ich schätze, das macht uns zu echten Glückspilzen, dass wir dich gefunden haben, bevor er ein Opfer gefunden hat, das zu machen er bereit war.“
„Ist das der einzige Grund?“, fragte Cassie verletzt.
„Cassie“, sagte Gabriel, trat näher an sie heran und nahm ihre Hand.
Seine Berührung sandte Hitzeschauer über Cassies Haut und als Gabriel an ihrer Hand ruckte, um sie näher an sich zu ziehen, konnte sie nicht widerstehen. Sie neigte den Kopf nach hinten und starrte in Gabriels Gesicht hoch. Interesse regte sich weiter unten in ihrem Körper, während sie beobachtete, wie sich seine Augen mit dem gleichen Hunger verdunkelten, den sie verspürte.
Obwohl das wirbelnde Verlangen zwischen ihnen zu schnell anwuchs, passierte der Kuss ganz langsam. Gabriel drückte ihren Arm hinter sie und presste ihre ineinander verflochtenen Finger an ihren unteren Rücken. Ihre Körper schmiegten sich aneinander, woraufhin sich Cassies Körper anspannte und ihre Zehen sich voller Vorfreude krümmten.
Gabriel strich mit einer Fingerspitze von ihrem Schlüsselbein zu ihrem Kiefer, seine Miene zeigte so etwas Ähnliches wie Verwunderung. Als er ihren Kiefer mit derselben Fingerspitze anhob und seine Augen auf ihren Mund sanken, öffneten sich Cassies Lippen einladend.
Gabriel beugte sich nach unten und strich mit seinem Mund über ihren, eine brennende Verlockung. Er wich zurück und zögerte, bevor er zurückkehrte. Als er sie schließlich küsste, fanden ihre Lippen einander, als könnte nichts natürlicher, nichts richtiger sein.
Gabriels Zunge berührte Cassies und entfachte ein Feuer tief in ihr. Sie schob ihre freie Hand zu seinem Hals hoch und vergrub ihre Finger in seinen Haaren. Gabriel gab einen leisen, tiefen Laut von sich, der Cassies Knie ganz schwach werden ließ, und sie knabberte an seiner Unterlippe. Ihre Augen schlossen sich und sie seufzte, während sie sich ihm entgegen reckte und mehr wollte.
Einen Herzschlag später gab Gabriel sie frei und trat zurück, wobei er aufgewühlt wirkte. Cassies Augen flogen auf und ihre Finger zu ihren geschwollenen Lippen. Sie sah Furcht klar und deutlich auf Gabriels Gesicht, was sich wie eine Ohrfeige anfühlte.
Ein humorloses Kichern entwich ihrer Kehle und Cassie schüttelte den Kopf.
„Okay“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Du bist offensichtlich nicht bereit dafür.“
Sie wirbelte herum, ging zurück zur Hintertür und schnitt eine Grimasse, als sie entdeckte, dass der Bedienstete im Smoking sie vom Fenster aus beobachtete.
„Cass, warte! Wohin gehst du?“, fragte Gabriel, der ihr folgte.
„Ich werde meine Freundin Alice suchen. Ihr Kerle habt nur ein Mädchen von Dutzenden gerettet und ich sehe nicht, dass du es eilig hast, die anderen zu retten. Wenn du es nicht tun wirst, werde ich es eben tun“, entgegnete sie.
„Wir sollten mit Rhys und Aeric reden, uns einen Plan überlegen“, sagte Gabriel. „Du weißt nicht einmal, wo sie ist!“
„Nein, aber ich denke, ich weiß, wen ich fragen kann“, erwiderte Cassie, zog die Tür auf und stürmte ins Haus. „Ich habe meine Quellen. Und du kannst aufhören, dich als mein Beschützer aufzuspielen. Ich versichere dir, ich kann auf mich selbst achtgeben.“
Sie stoppte abrupt, weil sie realisierte, dass sie gar nicht wusste, wie sie aus dem Haus rauskommen konnte. Als der Mann im Smoking eine Braue hochzog und zur anderen Seite des großen Wohnbereiches zeigte, nickte ihm Cassie widerwillig zu.
„Du warst vier Jahre lang eine Gefangene. Wie kannst du da Quellen haben?“, verlangte Gabriel zu wissen.
Cassie warf ihm über ihre Schulter einen bösen Blick zu und eilte zum Eingangsbereich des Herrenhauses, wobei sie nicht anhielt, bis sie aus der Eingangstür trat. Sie lief die breiten Marmorstufen hinab und sah sich um, während sie versuchte, einen kühlen Kopf zu erlangen.
„Wo sind wir, Esplanade?“, fragte sie.
„Ja, aber –“, versuchte es Gabriel.
Cassie drehte sich um und schaute ihn an.
„Kommst du mit oder nicht?“, wollte sie wissen.
Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie hinaus auf die Straße mit der festen Absicht, ein Taxi anzuhalten.
Darmowy fragment się skończył.