Czytaj książkę: «Die Säulen der Dummheit (E-Book)»

Katrin Hille
Die Säulen der Dummheit
Warum wir dumme Dinge denken
ISBN Print: 978-3-0355-1969-3
ISBN E-Book: 978-3-0355-1970-9
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 hep Verlag AG, Bern
hep-verlag.com
Inhaltsverzeichnis
Zum Geleit: Die Bielefeld-Verschwörung
01 Weil wir Muster erkennen, wo keine sind
Selbst ausprobiert!
Was steckt dahinter?
Mustererkennung überall
Übrigens: Das «Büro» für Gesichtserkennung
Darf ich vorstellen? Christine Weick
Übrigens: Allerlei Krankheiten
Darf ich vorstellen? The New England Society for Psychic Research
Was kann man dagegen tun?
02 Weil wir uns auf eigene Erfahrungen verlassen
Selbst ausprobiert!
Darf ich vorstellen? Suzanna Hupp & Leslie Ervin
Was steckt dahinter?
Übrigens: Erfahrungen in unserem Gedächtnis
Nancy, ihre Erfahrungen und das Klima ihrer Heimatstadt
Übrigens: «Unpassende» Erfahrungen
Darf ich vorstellen? Günter Wallraff
Was kann man dagegen tun?
03 Weil wir uns Geschichten zusammendichten
Selbst ausprobiert!
Was steckt dahinter?
Darf ich vorstellen? Der Split-Brain-Patient
Zur Wahrnehmung: Faule Kompromisse und steile Geschichten
Übrigens: Projektive psychologische Tests
Darf ich vorstellen? Chris, der als Kind in einer Mall verloren ging
Übrigens: Falsche Erinnerungen
Was kann man dagegen tun?
04 Weil wir Belege für unsere Meinungen suchen
Selbst ausprobiert!
Kaffeesatzbehälter leeren!
Darf ich vorstellen? René Blondlot
Was steckt dahinter?
Übrigens: Verblindete Studien
Darf ich vorstellen? Mark Lynas
Übrigens: Wer heilt, hat recht
Das OPERA-Experiment
Was kann man dagegen tun?
05 Weil wir im Auftrag unsere Gefühle denken
Selbst ausprobiert!
Gefühlte Mathe-Lösungen
Darf ich vorstellen? Prof. Paul H. Frampton
Was steckt dahinter?
Übrigens: Der Lügenfeldzug unserer Feinde
Patriotismus bis in die Felgen
Darf ich vorstellen? Der klassische Rationalist
Übrigens: Am Scheideweg der Menschheitsgeschichte
Was kann man dagegen tun?
06 Weil wir unsern Leuten glauben
Selbst ausprobiert!
Was steckt dahinter?
Übrigens: Groupthink
Darf ich vorstellen? Dr. Myron L. Fox
Übrigens: Fakenews – wer fällt darauf rein?
Darf ich vorstellen? Caleb Cain
Was kann man dagegen tun?
07 Weil wir uns hilflos fühlen
Selbst ausprobiert!
Darf ich vorstellen? Nongqawuse vom Volk der Xhosa
Was steckt dahinter?
Übrigens: Das Jahr-2000-Problem
Darf ich vorstellen? Steini aus Erfurt
Übrigens: Glücksbringer
Was kann man dagegen tun?
08 Weil wir nicht wissen, wie wenig wir wissen
Selbst ausprobiert!
Was steckt dahinter?
Darf ich vorstellen? Der Zitronensaft-Bankräuber
Übrigens: Alle überdurchschnittlich gut!
Darf ich vorstellen? Florence Foster Jenkins
Übrigens: Von unbewusst inkompetent zu unbewusst kompetent
Was kann man dagegen tun?
09 Weil wir wissen, dass wir viel wissen
Selbst ausprobiert!
Darf ich vorstellen? Luc Montagnier
Übrigens: Die Nobelpreisträger-Krankheit
Was steckt dahinter?
Übrigens: Berufskrankheit «allwissend»
Darf ich vorstellen? Nick Leeson
Was kann man dagegen tun?
10 Weil wir faul sind, auch beim Denken
Selbst ausprobiert!
Übrigens: Fit im Sitzen, schlank im Schlaf
Was steckt dahinter?
Rosinenpickerei
Darf ich vorstellen? Faule Versuchspersonen
Übrigens: Denken auf Sparflamme
Darf ich vorstellen? Rezo
Was kann man dagegen tun?
Nachwort
Verweise und Anmerkungen
Zum Geleit: Die Bielefeld-Verschwörung
Genug weiß niemand,
zu viel so mancher.
Marie von Ebner-Eschenbach
Bielefeld gibt es gar nicht. Auch wenn dunkle Mächte das verschleiern wollen. Genügend Schlafschafe glauben zwar an die Existenz des sogenannten Bielefeld. Aber ein paar wenige Wissende kennen die ganz wahre Wahrheit. Hier wurden ihre Belege zusammengetragen.

Manche Leute denken dumme Dinge. Und manchmal wir auch. In welche Fallen tappen Sie am ehesten? Welche Belege bringen in Ihnen ein paar Saiten zum Schwingen? Finden Sie heraus, welche Kapitel Sie unbedingt lesen sollten.
1 Sie sind ein Experte. Aber auch die können sich manchmal irren. Lesen Sie Kapitel 09.
2 Kann es sein, dass Sie sich zu sehr auf Ihre eigenen Erfahrungen verlassen? Lesen Sie Kapitel 02.
3 Manchmal gibt es auch Dinge, von denen wir noch nichts wissen. Lesen Sie es nach in Kapitel 08.
4 Ihnen geht es nicht gut. Denken Sie zurück an Zeiten, als sie alles im Griff hatten! Dann lesen Sie Kapitel 07.
5 Manchmal ist es Zeit für einen erweiterten Freundeskreis. Lesen Sie dazu Kapitel 06.
6 Nicht alles, was wir bemerken, hängt miteinander zusammen. Lesen Sie Kapitel 01.
7 Ganz ruhig. Tief durchatmen. Geifer vom Mund wischen. Zur Ruhe kommen und dann Kapitel 05 lesen.
8 Manchmal ist eine gute Story zu gut, um wahr zu sein. Lesen Sie Kapitel 03.
9 Und was spricht gegen diese Vermutung? Lesen Sie Kapitel 04.
10 Manchmal lohnt es sich, mehr Hirnschmalz zu investieren. Lesen Sie Kapitel 10.
11 Glauben Sie nicht alles aus zweifelhaften Internetgruppen. Lesen Sie das ganze Buch.
Kurz gesagt
•Es gibt viele gute Gründe, das Buch zu lesen. Einer davon ist, dass Sie damit die Wahrscheinlichkeit senken können, selbst dumme Dinge zu denken.
01 Weil wir Muster erkennen, wo keine sind
People want to see patterns in the world.
It is how we evolved. We descended from those
primates who were best at spotting the telltale
pattern of a predator in the forest,
or of food in the savannah.
Benoît Mandelbrot
Menschen wollen Muster in der Welt sehen.
So haben wir uns entwickelt. Wir stammen von
denen ab, die am besten das verräterische Muster
eines Raubtieres im Wald oder von Nahrung in der
Savanne erkennen konnten.
Benoît Mandelbrot
Selbst ausprobiert!
Was sehen Sie in dem Bild unten? Angenommen, Sie sollen jemandem am Telefon dieses Kanizsa-Dreieck beschreiben: Was sagen Sie?

Reden Sie von Dreiecken? Eigentlich sind nur Winkel und Kreissegmente zu sehen. Die Winkel sind identisch und so aufeinander ausgerichtet, dass sie zusammen ein Dreieck mit blauem Rand bilden könnten. Auch die Kreissegmente sind identisch und so angeordnet, dass es drei vollständige blaue Kreise sein könnten, die aber zusammen von einem weißen Dreieck verdeckt sind.
Aber hätten Sie am Telefon von ausgerichteten, teilweise verdeckten Winkeln und Kreissegmenten geredet? Oder von Dreiecken?
Wir sehen ein weißes Dreieck, auch wenn keines abgebildet ist. Es fällt uns leicht, dieses Dreieck zu erkennen. Es fällt uns im Allgemeinen leicht, Muster zu erkennen. Menschen sind gut darin.
Was steckt dahinter?
Stellen Sie sich eine Mathelehrerin vor, die einen Schuhkarton voller Dreiecke, Kreise, Kreissegmente, Winkel und allerhand Figuren für den Geometrie-Unterricht in die Klasse trägt. Sie stolpert. Der Inhalt des Schuhkartons landet auf dem Boden. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kanizsa-Dreieck aus den herausgefallenen geometrischen Figuren ergibt? Schwer zu sagen. Aber es ist wahrscheinlicher, dass die Figur aus drei blauen Kreisen mit zwei weißen, darüberliegenden Dreiecken entstand. Nicht aus drei Winkeln und drei Kreissegmenten, die jeweils ganz zufällig ganz perfekt aufeinander ausgerichtet sind. Wenn wir gerade nicht wissen, womit wir es zu tun haben, sind Muster die sichere Wette.

Die Fibonacci-Folge beschreibt ein Muster, das sich in der Natur an vielen Stellen finden lässt.

Auch in den Blütenblättern einer Blume …

… und in einem Schneckenhaus. © Pixabay
Angenommen, Sie probieren zum ersten Mal eine Spielkonsole aus. Sie schalten sie «ein» und drücken wahllos auf ein paar Knöpfe. Verschiedene unbekannte Geräusche erklingen und bunte Bilder strömen auf Sie ein. Es ist ein heilloses Durcheinander. Ständig verändert sich etwas. Ob Sie diese Szenen durch das Drücken auf die Knöpfe beeinflussen, wissen Sie nicht. Sie können einfach keinen Sinn in Geräuschen und Bildern erkennen. Was jetzt? Sie könnten die Gebrauchsanweisung aufschlagen oder jemanden fragen, der sich auskennt. Bei der neuen Spielkonsole geht das sicherlich. Doch was, wenn es weder Kundige noch Gebrauchsanweisungen gibt? Das ist im Leben leider öfter der Normalfall als die Ausnahme.
Sie kommen in eine Situation mit unbekannten Menschen, die sich erbost in einer fremden Sprache über etwas aufregen. Über Sie und Ihr Verhalten vielleicht? Sie wissen es nicht. Sie müssen sich selbst helfen. Sie tun das, indem Sie Muster aus der Situation herauslesen. Wird der Ärger größer, nachdem man Sie anschaut? Verändert er sich, wenn Sie versuchen sich aus dem Staub zu machen? Was tritt zusammen auf? Was nacheinander? Außerdem: Was haben Sie in Ihrem Repertoire gemachter Erfahrungen, das solche Situationen beruhigt?
Ganz schlimm trifft es Neugeborene. Sie kommen in eine für sie völlig unverständliche Welt. Und sie können noch nicht einmal auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen. Aber Hilfe ist zur Hand: der Muster-Erkennungsmechanismus! Er hilft, Sinn aus den jeweiligen Situationen zu machen. Was tritt zusammen oder nacheinander auf? Dinge, die immer nacheinander auftreten, werden zu einem zusammengefasst. Das können schon die ganz Kleinen. Wenige Tage alte Babys wurden in einer Studie[01-01]1 hintereinander verschiedene Formen gezeigt, die einem logischen Muster folgten. Ungefähr so:

Haben Sie das Muster schon erkannt? Nach einem Quadrat kommt immer ein Kreuz. Nach einem Kreis kommt immer ein Dreieck. Die Neugeborenen haben nach wenigen Minuten schon Zusammengehörendes zusammengefasst. Die Babys haben die Bilderfolge gelernt und sich bei weiteren Kreis-Dreieck- oder Quadrat-Kreuz-Kombinationen gelangweilt. Erst neue Kombinationen erweckten ihr Interesse.
Ältere Babys lernen aus ununterbrochenen Lautströmen der Sprache, die auf sie einprasseln, erst die einzelnen Laute zu unterscheiden und dann die einzelnen Worte. In der Forschung wird bei all dem von statistischem Lernen01-02, vom Lernen der statistischen Eigenschaften der Umwelt, gesprochen. In einer Studie01-03 wurde acht Monate alten Babys Kunstsprache wie folgt vorgespielt:

Zwei Minuten reichten für die Babys. Dann hatten sie die Wörter dieser Kunstsprache entdeckt. Haben Sie die vier versteckten Kunstwörter finden können? Hier sind sie:

Mustererkennung überall
Das Erkennen von Mustern und Regelmäßigkeiten hilft uns, die Welt immer besser zu verstehen. Eine funktionierende Mustererkennung ist so wichtig für uns, dass die Evolution auf Nummer sicher gehen wollte. Dabei hat sie wohl etwas zu dick aufgetragen. Selten wird ein Muster übersehen, obwohl es da ist. Aber häufig werden Muster erkannt, wo keine sind. Und wir finden Muster überall.

Ein Punk aus Felsen

Ein Gesicht im Flugzeug
Wir sehen optische Muster (wie ein Kopf im Felsen und bemerken zeitliche (wie nach «pa-bi» kommt immer «ku»). Wir finden aber auch Muster im Verhalten unserer Mitmenschen. Möglicherweise «erkennen» wir ähnliche Eigenschaften bei Menschen, die alle in den Wochen vor dem Frühlingsanfang geboren sind. «Fische halt!» Möglicherweise sehen wir auch Ähnlichkeiten bei denen, die im selben Jahr geboren sind, und schwören daher auf chinesische Astrologie. Möglicherweise drängen sich uns noch andere Muster für das Verhalten von Menschengruppen auf, die wir nicht so genau kennen.
Wer die alternden autoritären Staatsmänner sieht, kann das Muster einer ichbezogenen politischen Elite entwickeln: «Denen geht es nur um sich selbst!». Wer ein paar junge anspruchsvolle, aber leistungsarme Praktikantinnen beobachtet, erstellt sich ein Muster der «Jugend von heute» und schimpft über Generation Y oder Z. Wer über Ausländer nichts weiter weiß als das, was er in Polizeiberichten studiert, dem kann seine Mustererkennung glauben machen, dass alle Ausländer kriminell sind. Solche Muster haben noch einen anderen Namen: Vorurteile.

In der «Stadt der Gesichter» bei der experimenta Heilbronn sieht man Gesichter in Bauwerken und Bäumen.
Übrigens: Das «Büro» für Gesichtserkennung
Für das visuelle Muster der Gesichter hat unser Gehirn eine Art Extrabüro. Es liegt in einem hinteren, unteren Seitentrakt, zu finden im Bereich mit der Nummer 37.2 Der Ort heißt auf Englisch «Fusiform Face Area» oder kurz FFA. Hier läuft die Gesichtserkennung. Oder sie läuft auch nicht, nämlich wenn es dort klemmt. Falls es da nicht so zugeht, wie es sollte, wird es schwer, Bekannte wiederzuerkennen. Zumindest an ihren Gesichtern. Falls es ganz schlimm kommt, kann es einem ergehen, wie beschrieben im Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte».01-04
Darf ich vorstellen? Christine Weick
Christine Weick, eine amerikanische Christin, machte die Welt mit einem zweiminütigen Handy-Video01-05 auf sich aufmerksam. Es wurde über 14 Millionen Mal angeschaut. In dem Video präsentiert sie ihre Theorie über Monster-Energy-Drinks beziehungsweise das Logo der Firma.

Die Firma schleust nämlich mit ihren Aludosen den Teufel in gute christliche Haushalte ein. Das meint Christine Weick ernst. Und sie hat dafür Belege. Das Logo sieht aus, als hätte eine Kralle (deutsche Schlagzeile: «Krall dir eine Dose Monster Energy!») etwas aufgerissen. Der Betrachter kann ein M sehen. Christine Weick hat aber erkannt, dass es auch ganz anderes gesehen werden kann. Man könnte nämlich in dem Krallenzeichen ein hebräisches Waw sehen. Das Waw ist der sechste Buchstabe des hebräischen Alphabets und steht damit für die Zahl 6. Das M ist also kein M, sondern eine 666. Und wofür steht 666? Na klar, für den Teufel. Die Bibel weiß es genauer mit der Offenbarung an Johannes01-06: Die Zahl 666 steht für ein wildes Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen, das ständig über Gott lästert. Also 666 ist der Teufel beziehungsweise der Antichrist01-07. Da haben wir also den Beleg Nummer 1. Es gibt aber auch noch einen weiteren Beleg. Das O von Monster enthält ein Kreuz! Wer auf Kreuze steht, kann ein Kreuz erkennen, halt eines, an dem ein langes Springseil runterhängt. Hier also Beleg Nummer 2. Ein Kreuz im Namen. Und das, obwohl die Monster Beverage Corporation keine christliche Firma ist. Und jetzt kommt der Clou: Trinkt man den letzten Schluck aus der Dose, so wird das Kreuz umgedreht. Es entsteht das Petruskreuz. Zwar hat das nichts mit der christlichen Überlieferung zu tun, aber manche sehen im Petruskreuz eine Verhohnepipelung christlicher Werte und Traditionen. «So schlau ist der Teufel!», meint dazu Christine Weick. Und ein Adam Wood kommentiert unter ihrem YouTube-Video: «So viel Zeit müsste man haben!»
Übrigens: Allerlei Krankheiten
Apophänie hört sich nicht gesund an und ist es meistens auch nicht. Bei Apophänie werden bedeutungsschwangere Muster erkannt. Die sind zwar meist unsinnig, aber werden trotzdem als gewichtig und vielsagend erlebt. «Als ich den Gedanken gedacht habe, war es gerade 11:11 Uhr. Das muss etwas bedeuten! Dieser Gedanke wird vielleicht wahr?»
Die US-Amerikanerin Diana Duyser beißt eines Abends in einen Käsetoast. Sie hält inne, denn im geschmolzenen Käse sieht sie das Antlitz der Jungfrau Maria. Sie glaubt, die Heilige will ihr etwas sagen, auch wenn sie nicht sicher weiß, was. Diana isst nicht weiter, sondern bewahrt den angebissenen Käsetoast01-08 sorgsam auf. Zehn Jahre später versteigert sie ihn für 28.000 US$.
Der schwedische Autor August Strindberg starb an Magenkrebs. Die beginnenden Schmerzen hat er als Zeichen umgedeutet, dass seine junge Ex-Frau ihn noch liebt und begehrt01-09. Die Schmerzen überzeugten ihn, dass sie – mindestens spirituell – ständig bei ihm im Raum und Bett war. Kann eine Magengrube lügen?
Darf ich vorstellen? The New England Society for Psychic Research
Ed und Lorraine Warren haben 1952 ein Geistermuseum in den USA gegründet. Sie nannten es The New England Society for Psychic Research. Dabei hat es nach normalen Standards eigentlich nichts mit Forschung zu tun, auch wenn das Paar oft in Sachen Geister ermittelte. Das Museum ist eine Sammlung von mehr oder weniger überzeugendem Krimskrams und Klimbim, der die Existenz von Geistern belegen soll.
Steven Novella, ein bekennender Skeptiker, Autor und Podcaster, hat sich das alles genauer angeschaut. Auf der Suche nach Belegen hat er sich durch Hunderte von Geisterfotos gearbeitet. Aber auf denen ist vor allem eins zu sehen: Lichtflecken. Die Skeptiker sehen darin doppelt belichtete Filme (ja, früher waren Filme im Fotoapparat), reflektierte Blitzlichter und Kameraschnüre, die vor dem Objektiv baumelten. Aber in den Augen der Warrens und ihrer Geisterjäger-Nachfolger sind es Geister. Ganz eindeutig.
Was kann man dagegen tun?
Ja, Mustererkennung kann schiefgehen. Der Mechanismus mischt sich eifrig, altklug und vorlaut überall ein, liegt aber oftmals grandios daneben. Dennoch: Gäbe es eine Pille gegen die Mustererkennung, würde ich sie nicht nehmen. Zu wichtig sind die Vorteile der eifrigen, altklugen und vorlauten Musterkennung.
Es ist schwer, dagegen anzugehen. Man könnte natürlich versuchen, die erkannten Muster einem Realitätscheck zu unterziehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in einem Supermarkt auf irgendeiner Verpackung etwas sieht, was man als Gotteslästerung umdeuten kann? Ziemlich hoch …
Doch wir Menschen sind nicht sonderlich gut im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten. Unser mangelhaftes Gefühl dafür kann die überschäumende Mustererkennung nicht in Schach halten. Das wäre wie der lahmende Blinde, der ein hyperaktives hakenschlagendes Häschen unter Kontrolle bringen soll.
Eine andere, vielversprechendere Option ist es, die Mustererkennung mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Mehr Mustererkennung gegen die bereits erkannten Muster! 666 als Zahl des Tieres? Da streiten sich die Gelehrten. Manche meinen, die Zahl dieses Tieres ist 616. Und gut, das Waw sieht in der klassischen hebräischen Druckschrift anders aus als im Logo. In der modernen hebräischen Handschrift auch. Aber in der Raschi-Schrift, da hat es schon Ähnlichkeiten mit den M-Teilen aus dem Logo. Das O bei Monster als Kreuz? Vielleicht mit herunterhängendem Springseil. Aber es sieht doch eher aus wie eine durchgestrichene Null, die alte Unterscheidung der Computer zum großen O. Oder ein Phi, der griechische Buchstabe. Oder ein kyrillisches F. Oder der skandinavische Buchstabe, der Ö gesprochen wird. Oder, oder. So viele Muster lassen sich in diesem Zeichen erkennen. Sich für ein Muster und eine Interpretation zu entscheiden, hieße, sich gegen andere Muster zu stellen. Ist es nicht doch eher ein Phi? Man kann doch ein Phi erkennen? Dann infiltriert der Teufel vielleicht doch nicht christliche Haushalte mittels Getränkedosen … Ist eine alte Frau oder eine junge Frau zu erkennen? Wer abwechselnd beides sieht, kann sich nicht mehr festlegen.

Fest steht nur: Wir sind ausgezeichnete Muster-Erkenner. Michael Shermer meinte dazu, wir sind Muster-such-und-finde-Tiere.01-10
Kurz gesagt
•Wir sehen Muster, auch dort, wo keine sind.
•Das Muster-Sehen hilft uns, die Welt zu verstehen und uns zurechtzufinden. Die Welt enthält nämlich einiges an Regelmäßigkeiten, also Mustern.
•Besonders bedeutsame Muster, wie menschliche Gesichter, haben im Gehirn einen Extraplatz.
•Manchmal läuft das Muster-Sehen aus dem Ruder. Wenn man erstmal ein Muster sieht, fällt es schwer, es nicht mehr zu erkennen.
•Da hilft nur, andere mögliche Muster zu finden. Dann fallen wir nicht auf das eine Muster herein, das vielleicht nur in unserer Einbildung existiert.
1Der Verweis [01-01] (erster Verweis im ersten Kapitel) lässt sich im Quellenverzeichnis und online (siehe QR-Code) einsehen.

2Korbinian Brodmann unterteilte das Gehirn in 46 Areale. Die Gesichtserkennung findet in einem Teil des Brodmann-Areals 37 statt, der Fusiform Face Area (FFA).
02 Weil wir uns auf eigene Erfahrungen verlassen
Human beings, who are almost unique
in having the ability to learn from the experience
of others, are also remarkable for their
apparent disinclination to do so.
Douglas Adams
Die Menschen, fast einzigartig darin,
aus den Erfahrungen anderer lernen zu können,
sind überdies bemerkenswert für ihre deutliche
Abneigung dagegen, das auch zu tun.
Douglas Adams
Selbst ausprobiert!
Frauen in die Aufsichtsräte! Wie stehen Sie dazu? Wenn Sie eine Frau sind, beantworten Sie die Fragen 1 bis 3. Wenn Sie ein Mann sind, beantworten Sie die Fragen 1, 4 und 5.
1. Wie stehen Sie zur Forderung nach mehr Frauen in deutschen Aufsichtsräten?
Find ich nicht gut 1—2—3—4—5—6—7 Find ich sehr gut
| Fragen für Frauen | Fragen für Männer |
| 2. Als Frau haben Sie dazu sicher wertvolle Erfahrungen gemacht, die ein Mann einfach nicht haben kann. | 4. Frauen haben dazu sicher wertvolle Erfahrungen gemacht, die ein Mann einfach nicht haben kann. |
| Wie sehr trifft das auf Sie zu? | Wie sehr trifft das auf Frauen zu? |
| Gar nicht 1—2—3—4—5—6—7 Sehr | Gar nicht 1—2—3—4—5—6—7 Sehr |
| 3. Andererseits könnten Sie als Frau bei dem Thema auch voreingenommen sein und es wäre schwer für Sie, fair zu sein. | 5. Andererseits könnten Frauen bei dem Thema auch voreingenommen sein und es wäre schwer für sie, fair zu sein. |
| Wie sehr trifft das auf Sie zu? | Wie sehr trifft das auf Frauen zu? |
| Gar nicht 1—2—3—4—5—6—7 Sehr | Gar nicht 1—2—3—4—5—6—7 Sehr |
Natürlich weiß ich nicht, wie hier jeweils geantwortet wurde. Dennoch wage ich eine Diagnose. Sie heißt «Blind Spot Bias»02-01 für Fragen 2 bis 5. Die Symptome? Man überschätzt die Vorteile eigener Erfahrungen und unterschätzt gleichzeitig ihre Nachteile. «Ja, meine Erfahrungen sind wirklich wesentlich!» Und: «Nein, ich bin doch nicht parteiisch!» Mein Tipp: Der Mittelwert für die Antworten dürfte also bei Frage 2 höher liegen als bei Frage 4 und bei Frage 3 niedriger als bei Frage 5.
Wo nun der wahre Wert einer Erfahrung liegt, lässt sich so nicht ermitteln. Allerdings ist klar, dass es eine große Abweichung zwischen Selbstbild (ich) und Fremdbild (die) gibt. Dem «Meine Erfahrungen sind wertvoll!» steht ein «Sie sind voreingenommen!» gegenüber. Deshalb müssen wir uns wahrscheinlich auch noch gedulden, wenn es um einen ausgewogenen Anteil an Frauen in den Aufsichtsräten geht.
Darf ich vorstellen? Suzanna Hupp & Leslie Ervin
Suzanna Hupp ist eine US-Amerikanerin, die gelernt hat, mit einer Waffe umzugehen. Sie tritt vehement für das Recht auf Selbstverteidigung ein. Vor allem, nachdem sie ihre Eltern bei einer Schießerei in einem Restaurant verloren hat. Suzanna war mit ihren Eltern dort. In ihrer Handtasche hatte sie manchmal auch ihre Waffe versteckt. Ein Freund sagte zu ihr: Als alleinstehende Frau in einer großen Stadt musst du die Waffe immer bei dir haben. Hatte Suzanna aber damals nicht. Weil es verboten war. Sie wollte nicht damit erwischt werden und ihre berufliche Existenz gefährden. Nun lag Suzanna mit den anderen Gästen auf dem Boden des Restaurants, in dem auf wehrlose Menschen geschossen wurde. Sie hätte den Verrückten vielleicht mit ihrer Waffe stoppen können. Doch die Waffe war, wie das Gesetz es verlangte, nicht bei ihr. Suzanna macht dieses Gesetz für den Tod ihrer Eltern mitverantwortlich.02-02 23 Menschen verloren ihr Leben, bevor der Schütze sich selbst tötete. Eigene Erfahrungen haben Suzanna überzeugt, dass strikte Waffengesetze die Kriminalität steigern. Schließlich können sich rechtschaffene Bürger dann nicht wehren und ihre Lieben beschützen. Ihre eigenen Erfahrungen können es bezeugen.
Leslie Ervin02-03 ist eine US-Amerikanerin, die auch Schlimmes durchgemacht hat. Sie tritt daher für striktere Waffengesetze ein. Sie hat ihren Mann verloren. Der gemeinsame Sohn hat ihn im Wahn umgebracht. «Weg da. Ich arbeite für die CIA. Dieser Mann ist ein Hochstapler. Er will die Familie töten und ich bin hier, um euch zu beschützen!», herrschte er seine kleineren Geschwister an. Leslies Sohn hatte Asperger, litt unter Schizophrenie und mochte Waffen. Therapien mochte er nicht. Er hat sich ein Waffenarsenal angelegt. Als Volljähriger, obwohl psychisch labil, durfte er sich Waffen kaufen. Und Therapien verweigern. Der Vater, ein Anwalt, wusste, dass rechtlich nichts unternommen werden konnte. Die Eltern sahen ein Unglück kommen, aber ihnen waren die Hände gebunden. Auch die Polizei konnte nichts tun. Als Leslie eines Abends das Haus verließ, erstach der Junge seinen Vater und hinderte die Geschwister daran, dem Verblutenden zu helfen. Unzurechnungsfähig lebt er jetzt in einem Krankenhaus, wo ihm geholfen wird. Leslie macht fehlende Gesetze für den Tod ihres Mannes mitverantwortlich. Eigene Erfahrungen haben Leslie überzeugt, dass strikte Waffengesetze die Kriminalität senken. Schließlich ist es für labile Menschen viel zu einfach, Waffen zu bekommen. Ihre eigenen Erfahrungen können es bezeugen.
Was steckt dahinter?
Vertrauen Sie Ihren Erfahrungen? Natürlich vertrauen Sie Ihren Erfahrungen. Alle Menschen vertrauen ihren Erfahrungen. Doch wir alle haben unterschiedliche gemacht. Und das ist gut so. Ein neunjähriges Mädchen steht mitten auf einem Platz und schreit alles zusammen, weil es gestolpert ist. Es lässt sich nicht von der Mutter und anderen herbeigeeilten Erwachsenen beruhigen. Dabei sieht niemand auch nur eine Schramme. So ein Verhalten ist heutzutage für ein Mädchen sinnvoll. Das arme Kind bekommt dadurch besonders viel Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Und auch noch eine Cola. Oder ein Eis. Wenn es nur aufhört, alles zusammenzuschreien. Das Mädel hat sicher in seinem Leben die Erfahrung gemacht: Heulen hilft und Übertreiben schadet nicht. Ein neunjähriges Mädchen in Aleppo, aufgewachsen im Streubombenhagel russischer Flieger, hat sicherlich andere Erfahrungen gemacht. Alles zusammen schreien wird für das Mädchen nach einem Stolperer nicht zielführend gewesen sein. Wie war das bei Ihnen, als Sie neun Jahre alt waren? Wäre es gut gewesen ganz besonders laut, mit weit aufgerissenem Mund zu heulen, wenn etwas nicht nach Plan geht? Oder wäre das nach hinten losgegangen? Hätte es vielleicht sogar eine Backpfeife gegeben, «damit du weißt, warum du heulst!»?
Menschenkinder kommen ziemlich hilflos auf die Welt. Es gibt fast nichts, was wir gleich nach der Geburt können. Weder sitzen noch laufen, weder verstehen noch sprechen, nach der Geburt können wir noch nicht mal richtig gucken. Aber die Natur hat uns etwas sehr Wertvolles mitgegeben: die Fähigkeit, aus eigenen Erfahrungen abzuleiten, was man tun und lassen sollte. So sind wir in der Lage, genau das zu lernen, was zu jedem und jeder Einzelnen von uns in seiner ganz konkreten Umgebung richtig gut passt. Und wir sind bestens gerüstet für das, was kommt. Wir haben unsere Erfahrungen gespeichert.
Was ist das eigentlich, eine Erfahrung? Douglas Adams meinte: «Eine Lernerfahrung ist eines dieser Dinge, die sagen: ‹Du weißt, was du gerade getan hast? Tu das nie wieder!›».02-04 Das ist vielleicht ein wenig einseitig. Schließlich machen wir auch allerhand gute Erfahrungen. Eine Erfahrung ist allgemein ein Trio, bestehend aus einer Situation, der eigenen Reaktion darauf und einem bemerkenswerten Ergebnis. Damit ist eine Erfahrung so etwas wie eine Formel. Eine einfache Addition: Situation + Reaktion = Ergebnis. Das Ergebnis bewerten wir entweder als so gut oder so schlecht, dass wir uns das Ganze als Erfahrung merken. Sie wird in die große Formelsammlung unseres Lebens aufgenommen. In der Formelsammlung des gestolperten Mädchens steht vermutlich das Folgende:

In anderer Leute Formelsammlungen stehen andere Erfahrungen, vielleicht trotz ähnlicher Situationen und Reaktionen.

Unsere Erfahrungen sind wertvoll. Keine Frage. Oft sind sie allerdings sehr einseitig. Vielfach sind unsere Erfahrungen nur passend für einen kleinen Kreis an Menschen, die unter ähnlichen, nämlich unseren Bedingungen leben. Wir und die anderen in unserer Blase betasten wie Blinde den Rüssel eines Elefanten und bestehen darauf, dass der Elefant wie eine Schlange ist. Aber ein Elefant ist nicht nur wie eine Schlange. Doch bevor wir nicht die anderen Erfahrungen gemacht haben, kennen wir den ganzen Elefanten nicht und können ziemlich dumm und ignorant rüberkommen. Arthur Schopenhauer meinte: «Die eigene Erfahrung hat den Vorteil völliger Gewissheit.» «Oder den Nachteil», möchte man ergänzen.

©Khoon Lay Gan/Alamy
Es ist dumm, mit zu wenig Erfahrung einen Elefanten oder irgendetwas anderes zu beurteilen. Es ist aber noch dümmer, deshalb Leuten mit andersartigen Erfahrungen Dummheit vorzuwerfen. Vielleicht sind sie dumm. Vielleicht haben sie aber auch einen Punkt. Doch das wird nie wissen, wer sie sofort als dumm abkanzelt.
Übrigens: Erfahrungen in unserem Gedächtnis
Manche Erfahrungen verblassen nicht. Es fühlt sich an, als hätten sie sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Suzanna Hupps Erfahrung, auf dem Boden zu liegen im Restaurant mit dem Todesschützen vor ihr, das ist so eine eingebrannte Erfahrung. Auch der Telefonanruf «Lex hat Papa erstochen! Komm schnell nach Hause!», den Leslie Ervin bekam, ist so eine. Alle unseren bedeutsamen Erlebnissen kommen in das sogenannte episodische Gedächtnis. Die üblen wie die prächtigen. In bedeutsamen Momenten wird im Gedächtnis eine Art Aufnahmetaste gedrückt, alles abgespeichert und dann sicher verwahrt.
Aber nicht alle Erfahrungen sind so. Die «Aufnahmetaste» gibt es nicht und sie wäre ein völlig falsches Modell für die anderen Gedächtnisarten. Fast jeder kann ein Frühstücksei köpfen oder eine Kartoffel schälen. Viele von uns haben die entsprechenden Erfahrungen gemacht. Wir wissen gekonnt mit Ei und Kartoffel umzugehen. Aber diese Erfahrungen, im sogenannten prozeduralen Gedächtnis gespeichert, brauchten einiges an Übung. Und Übung. Und Übung. Nicht sofort klappte es mit der nötigen Fingerfertigkeit. Ein weiterer Unterschied: Wir erinnern uns nicht an viele dieser einzelnen geköpften Frühstückseier und geschälten Kartoffeln. Sie verschwimmen zu einem Ei- und zu einem Kartoffelschema.
Dass China als der weltweit größte Kartoffelproduzent und die Niederlande als größter Kartoffelexporteur gilt, ist (wenn wir es denn wissen) Teil des sogenannten semantischen Gedächtnisses. Dort ist auch angesiedelt, dass es die Proteine sind, die sich im Eiklar anders anordnen und damit ab 85 Grad das Eiweiß hart werden lassen. Unwiderruflich. Mit Erfahrungen hat das eher wenig zu tun. Was ins semantische Gedächtnis reinkommt, kommt rein durch Auswendiglernen, Wiederholungen oder Eselsbrücken. Und dann vergessen wir es doch wieder. Oder wer bekommt noch den Zitronensäurezyklus aus dem Bio-Unterricht zusammen?
Wir machen Erfahrungen. Aber es gilt genauso: Die Erfahrungen machen uns. Sie verändern unsere Gehirne. Was wir erleben, und besonders auch das, womit wir unsere Wochen, Monate und Jahre füllen, verändert unser Gehirn. Beispiel gefällig? Versuchspersonen übten fünf Tage lang für zwei Stunden täglich am Klavier eine Tastenfolge. Dadurch vergrößerten sie die Gehirnregion, die für ihre Finger zuständig ist. Wer anschließend nicht weiterübte, verlor diese Vergrößerung aber wieder innerhalb einer Woche. Noch mehr Beispiele? Bei Londoner Taxifahrern, die sich tagtäglich in der Millionenstadt ohne Navi zurechtzufinden, fand man die Gehirnregion vergrößert, die für räumliche Orientierung zuständig ist. Bei jungen Erwachsenen, die über drei Monate hinweg Jonglieren übten, vergrößerten sich die Gehirnregionen, die für die Auge-Hand-Koordination zuständig sind. Junge Erwachsene, die fünf Tage lang ihre Augen verbundenen hatten und Braille-Schrift übten, begannen vorübergehend den Teil des Gehirns für das Tasten zu nutzen, der normalerweise für das Sehen zuständig ist. Und schließlich: Jungen Erwachsenen wurden die Finger einer Hand betäubt. In den nachfolgenden drei Stunden schrumpften die Gehirnregionen, die für ihre Tastempfindungen an diesen Fingern zuständig waren. Gleichzeitig wurde ihre Tastempfindung im Gesicht besser. Die „arbeitslosen“ Nervenzellen hatten sich einen neuen Job gesucht.
Nancy, ihre Erfahrungen und das Klima ihrer Heimatstadt
Über Nancy gibt es verschiedene Geschichten zu erzählen. Hier sind vier:
| 1. Nancy schwimmt gerne. Sie wollte zum Schwimmbad, hat sich aber verlaufen. Nancy hat dann einen alten Mann, der am Bus wartete, nach dem Weg gefragt. Doch der alte Mann konnte ihr nicht helfen. Aber als der Bus kam, hat er den Fahrer gefragt. Der Fahrer hat Nancy den Weg erklärt. So kam Nancy dann doch noch zum Schwimmbad. | 2. Eines Morgens war Nancys Wecker kaputt und sie hat verschlafen. Als sie aufwachte, merkte sie, dass es spät war und sie eine wichtige Vorlesung verpasst. Nancy hat sich so schnell wie möglich angezogen, hat das Haus verlassen und ist zur Vorlesung gerannt. Als sie ankam, war niemand mehr da. Sie hatte die gesamte Vorlesung verpasst. |
| 3. Nancy hat ein Verhältnis mit ihrem Professor, der verheiratet ist. Jetzt ist sie schwanger von ihm. Er hatte versprochen, seine Frau für sie zu verlassen. Aber seit sie schwanger ist, will er nichts mehr von ihr wissen. Nancy hat der Frau des Professors von dem Verhältnis erzählt. Die war am Boden zerstört und hat ihren Mann verlassen. | 4. Das Klima in Nancys Heimatstadt ist im Sommer trocken und heiß. Der Boden trocknet aus und die Pflanzen verdorren. Die trockene Vegetation fängt schnell Feuer und es gibt oft Waldbrände. Diese Waldbrände sind dafür verantwortlich, dass sehr viel CO2 in die Atmosphäre gelangt. Das trägt zur globalen Erderwärmung bei. |
Diese vier Geschichten sind Teil einer Studie02-05, die herausfinden wollte, welche Art von Information sich wie weit und wie genau verbreitet. Die Versuchspersonen spielten dafür so etwas wie Stille Post: Einer las eine der Geschichten und erzählte sie dem Zweiten. Der Zweite erzählte sie dem Dritten. Der Dritte erzählte sie dem Vierten. Wer schon mal Stille Post gespielt hat, weiß, da kommt am Ende nicht mehr viel an. Aber die Geschichten unterschieden sich in dieser Hinsicht. Besonders viel verloren ging auf dem Weg der Geschichte Nr. 4. Über das Klima in Nancys Heimatstadt hat die vierte Person im Durchschnitt kaum noch etwas aus der Originalgeschichte erfahren. Die staubtrockene Geschichte vom staubtrockenen Klima schmiert ab. Besonders gut überstand die Geschichte Nr. 3 die Weitergabe. Über Nancys Affäre und die Folgen hat die vierte Person noch immerhin ein Drittel korrekte Aussagen aus der Originalgeschichte erhalten. Klatsch und Tratsch, die schlimmen Erfahrungen von uns mit anderen Menschen, werden am weitesten und genausten verbreitet.
Sie vertrauen Ihren Erfahrungen. Vertrauen Sie auch den Erfahrungen von anderen? Egal, Sie hören jedenfalls eine Menge davon. Wenn wir uns mit anderen treffen, reden wir vor allem über persönliche Beziehungen und Erlebnisse, also über soziale Erfahrungen.02-06
Übrigens: «Unpassende» Erfahrungen
Erfahrungen lassen uns im Autopilot-Modus das Leben meistern. Wir kennen die Situationen, auf die wir treffen. Wir wissen, wie wir darauf reagieren können. Wir verstehen, mit welchem Ergebnis wir zu rechnen haben. Nachdenken nicht nötig. Aufmerksamkeit auch kaum. Manchmal passiert es allerdings, dass etwas nicht stimmt. In der Formelsammlung steht ein Duo aus Situation und Reaktion, das aber überraschenderweise nicht zum angegebenen Ergebnis führt. Der Autopilot springt sofort auf AUS. Und wir fragen uns, was ist denn jetzt los?
Schlanke Frauen erleben das gegen Ende ihrer Schwangerschaft. So manches geht aufgrund der Körperfülle nicht mehr. Es ist passé, sich im Supermarkt an einer engen Stelle zwischen Regal und einsamen Einkaufswagen wie immer seitwärts vorbeizudrücken. Wer es trotzdem versucht, erlebt eine von diesen unpassenden Erfahrungen.
Paula Williams02-07 hat eine Fülle unpassender Erfahrungen in ihrer Formelsammlung. Gesammelt hatte sie diese Erfahrungen 60 Jahre lang als Paul, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Wenn Paul in einem Businessmeeting ärgerlich geworden ist, galt das als Zeichen seiner Leidenschaft für das Thema. Wenn Paula dasselbe tut, gilt sie nun als hysterisch. Man nimmt sie beiseite und erklärt ihr, dass sie viel zu emotional sei. Auch bei Gesprächen mit Unbekannten muss Paula nun ihre alten unpassenden Erfahrungen gegen neue tauschen: Ständig wird sie von Männern unterbrochen und behandelt, als wisse sie nicht, wovon sie spreche. Diese Dinge standen nicht in ihrer alten Formelsammlung.
Auch Günter Wallraff machte neue Erfahrungen, als er sich in der Bundesrepublik der 90er Jahre als Türke Ali verkleidete.02-08 Saß er als Ali im überfüllten Bus, setzte sich niemand auf den leeren Platz neben ihm. In Restaurants und Kneipen wurde er als Ali geflissentlich übersehen. Beim politischen Aschermittwoch der CSU gelang es ihm nicht, ein Bier zu bestellen. Die Bedienung ignorierte ihn und beim Ausschank hieß es zu Ali: «Geh, schleich dich, aber hurtig!» Nichts davon war ihm zuvor als blauäugigem Deutschen passiert. Seine alten deutschen Erfahrungen passten so gar nicht zu seinem Leben als Türke.
Darf ich vorstellen? Günter Wallraff
Günter Wallraff hat in seinem Bestseller «Ganz unten» das Leben von Türken in der Bundesrepublik beschrieben. Für das Buch präparierte er eine alte Aktentasche mit einer Videokamera und schlüpfte in die Rolle des Türken Ali, mit dunkler Perücke, dunklem Schnauzer und dunklen Kontaktlinsen. Das hätte er einfacher haben können. Vom Sessel aus. Ganz ohne die eigene Gesundheit zu untergraben. Seine Beobachtungen und Befragungen hätte er zusammenfassen können zu «Türkische Arbeiter werden ausgenutzt». Die Aussage wäre in beiden Fällen dieselbe. Aber wie viel mächtiger ist die Erfahrung, die der Leser und die Leserin zusammen mit Ali im Buch durchleben können.
Als Ali bei einer Bäuerin täglich zehn Stunden nur für Kost und Logis arbeitet: Wobei die Logis nicht etwa ein freies, warmes Zimmer in ihrem Haus war, sondern eine Baustelle ohne Tür mit einem Plastikeimer als Toilette.
Als Ali ohne Schutzmaske bei Thyssen mit Pressluftgebläsen die Staubschichten auf den Maschinen und in den Ritzen aufwirbeln und dann in Plastiksäcke schaufeln muss: Der Staub war so dicht, dass Ali und seine Kollegen die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnten. So dicht, dass sie den Staub nicht nur einatmeten, sondern auch schluckten, daran würgten. «Beeilung!», rief der Vorarbeiter wie ein Aufseher eines Sträflingskommandos. «Dann seid ihr in zwei, drei Stunden fertig und dürft wieder an die frische Luft.» Nach einer halben Stunde kam der Sicherheitsbeauftragte. Monteure hätten sich beschwert. In dem Dreck könnten sie nicht mehr arbeiten. Der Sicherheitsbeauftragte meint dazu: «Macht gefälligst mal schnell, dass ihr damit fertig werdet.»
Als Ali und sein Kollege Osman beim Chef der Leihfirma im noblen Vorort sind: Für die Arbeiten bei Thyssen haben Ali und Osman seit Wochen kein Geld bekommen. Osman gibt auf und will zurück in die Türkei. Vorher wollte er sein Geld abholen. Zum vereinbarten Termin war der Chef nicht da. An Osmans letztem Abend versucht er noch einmal, begleitet von Ali, sein Geld zu bekommen. Beide werden nach kurzen Diskussionen rausgeschmissen. «Raus jetzt, ihr lästigen Kerle.» Draußen auf der Straße treten Osman Tränen in die Augen: «Der hat mich um mein Geld betrogen. Jetzt bin ich für immer in der Türkei und kann nichts mehr machen.»
Türkische Arbeiter wurden in der Bundesrepublik ausgenutzt. Wallraff hat das in seinem Buch gezeigt. Dadurch, dass wir als Ali bei der Bäuerin einen Eimer als Toilette nutzen mussten. Dass wir bei Thyssen mit Ali ohne Atemmasken giftigen Schwermetallstaub einatmeten und daran würgten. Dass uns mit Osman und Ali das Geld für die schwere und gefährliche Arbeit verweigert wurde.
Man wird sich einer Situation erst bewusst, wenn man sie durchlebt hat. Die Situation der türkischen Arbeiter kann man im Buch zusammen mit Ali erleben. Zwar meinte Fjodor Dostojewski: «Niemals lässt sich aus Büchern lernen, was man nicht mit eigenen Augen sieht.» Aber Wallraff hat seine Leser Alis Erfahrungen mit eigenen Augen sehen lassen.
Was kann man dagegen tun?
Wir alle machen unterschiedliche Erfahrungen. Und manchmal fehlen uns wichtige. Manchmal lässt uns so ein Mangel an Erfahrungen dumm aussehen. Was können wir tun, damit uns das nicht so oft passiert? Wir könnten unsere Erfahrungen erweitern.
Wir könnten versuchen, die Punkte der anderen, die ganz offensichtlich nicht unsere Meinung teilen, zu verstehen. Wir könnten versuchen, an ihren Erfahrungen teilzuhaben. Wir könnten mit dem Blinden neben uns, der im Elefanten einen Teppich sieht, ins Gespräch kommen. Oder Erfahrungsberichte über den Elefanten als Baumstamm lesen. Einen Podcast hören, in dem es um das Speerhafte im Elefanten geht. Ohnehin sollten wir unsere Hauptinformationsquelle genauer unter die Lupe nehmen: Geht es dort um eine balancierte Darstellung verschiedener Seiten? Geht es um Polemik und Meinungsmache? Oder geht es um nichts, außer um Klicks?
Doch nicht jeder Mangel an Erfahrung lässt sich leicht durch die Erfahrungen anderer Leute ausgleichen. Besonders in der Wissenschaft sind erlebte Erfahrungen oft Mangelware. Klimawandel ist nur langfristig erfahrbar und vom zufälligen Wetter überlagert. Kein Wunder, dass mancher Spaßvogel meint: «Klimaerwärmung?! So kalt wie es heute ist?» Quantenphysik ist kontraintuitiv und unsichtbar klein. Nachvollziehbar, dass Esoteriker sie gern als Erklärung des Unerklärlichen anführen. Und als wäre die Unerlebbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse noch nicht schlimm genug, sie sind in fast allen Fachrichtungen meist mit vielen Einschränkungen versehen, bilden «nur» den letzten Stand des Irrtums ab und sind oft furchtbar abstrakt. Erfahrungen, zumal selbst erlebte, versteht jeder. Bei komplizierten Formeln und bei Kurven in Koordinatensystemen ist das nicht immer der Fall.
Wie war das noch mit dem Zitronensäurezyklus und dem Klima in Nancys Heimatstadt? Aber das mit dem Prof wissen Sie noch, oder? Abstrakte wissenschaftliche Erkenntnisse haben es gegenüber am eigenen Leib gemachten Erfahrungen schwer. Wissenschaftsjournalisten versuchen deshalb, wenn immer es geht, auch die persönliche Perspektive betroffener Menschen zu schildern.
Kurz gesagt
•Erfahrungen sind wertvoll. Im Alltag greifen wir darauf zurück und fliegen damit quasi per Autopilot durchs Leben.
•Wenn sich unsere Umwelt ändert oder wir uns, passen manche Erfahrungen nicht mehr.
•Jeder und jede macht ihre eigenen Erfahrungen. Kein Wunder, dass es nicht dieselben sind.
•Wenn wir uns über Sachverhalte in die Haare kriegen, liegt das oft daran, dass wir verschiedene Erfahrungen dazu gemacht haben.
•Wer viele verschiedene Erfahrungen machen konnte, gilt selten als dumm und bezeichnet auch andere nicht so.
Darmowy fragment się skończył.