Czytaj książkę: «Berliner Industriekultur»

Czcionka:

Berliner Industriekultur

Geschichtstouren für Entdecker



Einleitung: Einladung zur Spurensuche

Ein Überblick: Berliner Industriegeschichte und ihre Besonderheiten

Berlins ungehobener Kulturschatz

Geschichtstour 1: ›Feuerland‹ und die AEG am Humboldthain

Station 1: Die Maschinenbauanstalt und Neue Eisengießerei von Franz Anton Egells

Vertiefung: Elende Wohnverhältnisse – ein zeitgenössischer Bericht von Bettina v. Arnim

Station 2: Borsig’sches Verwaltungsgebäude

Vertiefung: Theodor Fontane über die Oranienburger Vorstadt

Station 3: Edisonhöfe

Vertiefung: Aller Anfang ist mühsam – elektrisches Licht von der AEG

Station 4: AEG am Humboldthain

Vertiefung: Die AEG-Story

Station 5: Mietskasernen – Wohnungselend – sozialer Wohnungsbau

Vertiefung: Auf der Suche nach dem besseren Wohnen

Geschichtstour 2: Kreuzberger Mischung einst und jetzt

Station 1: Die Maschinenbauanstalt Hoppe

Vertiefung: Die Angst vor der »Gentrifizierung« in Kreuzberg

Station 2: Lagerhaus Süd-Ost

Vertiefung: Die Mauer vor Augen…

Station 3: U-Bahnhof Schlesisches Tor

Vertiefung: Einwandererquartier von Anfang an

Station 4: Höfe am Osthafen

Vertiefung: Zuses erster Computer

Station 5: Industriehaus Schlesische Brücke

Vertiefung: Ein Eierspeicher für Musik

Geschichtstour 3: Oberschöneweide – die »AEG-Stadt«

Station 1: Transformatorenfabrik

Vertiefung: Interview mit einem Trojaner

Station 2: Kraftwerk Oberspree

Vertiefung: Das Zwangsarbeiterlager in Niederschöneweide

Station 3: Kabelwerke Oberspree

Vertiefung: Das Attentat auf Walther Rathenau 1922

Station 4: Fabrik »Nationale Automobilgesellschaft«

Vertiefung: Zum Leben von Peter Behrens

Station 5: AEG-Reihenhaussiedlung

Vertiefung: Sport und Freizeit in Oberschöneweide

Orte außerhalb der Touren

Borsigwerke Tegel

Siemensstadt

Kulturbrauerei

Osram-, Narvawerke

Reichsbahnausbesserungswerk / RAW-Temple

Wasserwerk Friedrichshagen

Serviceteil

Literatur

Adressen

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN (eBook, epub) 978-3-940621-51-1

Lektorat: Waltraud Greczmiel

Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2009

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen oder digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Einleitung: Einladung zur Spurensuche

Einladung zur Spurensuche

Berlins Industriekultur ist ein wahrer Schatz, den es zu entdecken gilt. An eindrucksvollen und spannenden Relikten des Fabrikzeitalters hat sie mehr zu bieten als jede andere europäische Stadt: Um 1900 war Berlin das größte und modernste Industriezentrum Europas. Ausgedehnte Mietshausquartiere für die zahlreichen Zuwanderer machten es zur »Steinernen Stadt«. Das Gesicht der Spreemetropole ist von dieser Epoche wie von keiner anderen geprägt. Doch dieses faszinierende Kulturerbe der deutschen Hauptstadt wird oft vernachlässigt und ist, ganz zu Unrecht, nur wenig bekannt. Bisher fehlt auch ein Wegweiser für ein breites Publikum, der einerseits zu eindrucksvollen Denkmalen der Berliner Industrie führt, diese andererseits im historischen Zusammenhang verständlich macht. Das möchte diese Geschichtstour für Entdecker ändern.

Auf drei exemplarischen Geschichtstouren lädt Sie dieses Buch zu Erkundungen ein: Der Beginn des Fabrikzeitalters im 19. Jahrhundert lässt sich anhand der Spuren im so genannten »Feuerland«, im heutigen Szeneviertel vor dem Oranienburger Tor, nacherleben. Unmittelbar benachbart liegt das ehemalige AEG-Gelände am Humboldthain mit einzigartigen Schätzen der Fabrikarchitektur. Besonders schöne Gewerbehöfe, die für Kreuzberg so typisch sind, finden sich im Osten des Bezirks direkt an der Spree. Hier siedeln sich inzwischen junge Kreative mit Vorliebe an. Schließlich fasziniert die »ungeschliffene Perle« Oberschöneweide, einst Standort der AEG, heute eine Gegend zwischen Tristesse und Aufbruch, in der sich moderne Betriebe, Wissenschaft und Kultur niedergelassen haben. Insgesamt bieten diese drei Touren einen ungewöhnlichen Blick auf Berliner Geschichte und gegenwärtige Umbrüche.

Dieser Führer nimmt Sie auf eine Entdeckungsreise. Jede der drei Touren ist in mehrere Stationen unterteilt: Ein Stationstext beschreibt einen sehenswerten Anlaufpunkt der Tour, der darauf folgende Vertiefungstext stellt einen bestimmten historischen Aspekt näher dar und liefert Hintergrundinformationen. Kurze Überleitungstexte (»Auf dem Weg…«) erklären den Weg zur nächsten Station.

Die Bilder sind integraler Bestandteil des Buches – sie sollen nicht nur illustrieren, sondern liefern einen eigenständigen inhaltlichen Beitrag zur Geschichte der Berliner Industriekultur.

Die Informationen werden von einer Reihe ausgesuchter gastronomischer Tipps ergänzt. Hier können Sie während Ihres Spaziergangs einkehren, in diesem Buch schmökern oder sich einfach nur ausruhen. Die Touren sind so angelegt, dass sie in ca. zwei bis drei Stunden zu Fuß bewältigt werden können.

Ich wünsche Ihnen eine spannende und informative Geschichtstour!

Katja Roeckner

Ein Überblick: Berliner Industriegeschichte und ihre Besonderheiten
Berliner Industriegeschichte und ihre Besonderheiten

Berlin war durch die eifrige Förderung des Staates bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eines der ersten Industriezentren in Deutschland. Diese frühe Epoche hat jedoch nur wenige Spuren im Zentrum der Stadt hinterlassen. Denn die preußische Hauptstadt und die Industrie wuchsen ab Mitte des 19. Jahrhunderts so rasant, dass die Betriebe aus dem Zentrum an den Stadtrand wanderten. Mit dieser »Stadtrandwanderung« entstanden Ende des 19. Jahrhunderts die für Berlin so typischen Großansiedlungen von Betrieben außerhalb der historischen Stadtgrenzen: Die Borsigwerke mit der bis heute erhaltenen Werkssiedlung »Borsigwalde« zogen nach Tegel, in Spandau entstand die Siemensstadt, in Oberschöneweide die AEG-Stadt.

Ein Großteil der Berliner Infrastruktur wurde in diesen »Gründerjahren« geschaffen: ausgedehnte Mietshausquartiere, die sich, wie beispielsweise in Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder Friedrichshain, zur Zeit wieder großer Beliebtheit erfreuen; aber auch das einzigartig ausgedehnte S- und U-Bahnnetz der Stadt. Viele Kirchen, Schulgebäude, Rathäuser, Gerichte und andere öffentliche Gebäude aus diesen Aufbruchjahren sind bis heute erhalten.

Berlin war um 1900 – nach damaligen Maßstäben – von besonders modernen Industriezweigen geprägt: die Maschinenbauindustrie, für die der preußische Staat, der »Lokomotivenkönig« Borsig und andere die Grundlagen gelegt hatten; die Elektroindustrie mit den bald zu internationalen Großkonzernen aufgestiegenen Berliner Gründungen AEG und Siemens; schließlich die Chemie- und Pharmaindustrie, noch heute mit Schering als Teil des Bayer-Konzerns prominent in Berlin vertreten. Diese damals »neuen Industrien« profitierten von der vorherigen staatlich geförderten technisch-naturwissenschaftlichen Forschung, für die insbesondere Peter Christian Beuth als Direktor der »Technischen Deputation für das Gewerbe« als wichtigster preußischer Industrieförderer verantwortlich gezeichnet hatte.

So richtete er unter anderem eine Technische Schule ein, später umbenannt in Technische Gewerbeschule, an der ein Großteil der frühen Berliner Ingenieur-Unternehmer ausgebildet wurde. Aus dieser ersten technischen Bildungsstätte ging die heutige Technische Universität Berlin hervor. Berlin entdeckt sich erst gerade als Wissenschaftsstandort wieder und kann dabei auch auf dieses frühe Erbe zurückgreifen. Die Bezüge zwischen damals und heute lassen sich sogar anhand des materiellen und erinnerungskulturellen Erbes der Stadt nachverfolgen. So ist das letzte Überbleibsel der Borsig’schen Lokomotivenfabrik an der Chausseestraße 1 vor dem Oranienburger Tor – ein Arkadengang – auf dem Gelände der Technischen Universität aufgestellt. Ein Denkmal an die rasante industrielle Entwicklung, die erst durch die Teilung der Stadt als Folge von nationalsozialistischer Diktatur und dem von ihr begonnenen Zweiten Weltkrieg einen herben Rückschlag erlitt. Den Unternehmen der »Insel West-Berlin« fehlte das Umland, zudem war die politische Situation unsicher. So verlegten zuvor in Berlin beheimatete Großkonzerne, beispielsweise Siemens, ihre Zentralen nach Westdeutschland. Auch die großen deutschen Banken und Versicherungen, deren Hauptsitze zuvor meist in Berlin lagen, verließen die »Frontstadt«. Zwar wurden die verbleibenden Betriebe von Seiten der Bundesregierung großzügig subventioniert, das hatte aber auch eine stetige Überalterung der West-Berliner Industriestruktur zur Folge. Als die Subventionen nach dem Fall der Mauer eingestellt wurden, erwiesen sich viele als nicht konkurrenz- und überlebensfähig.1

Im Ostteil der Stadt erschwerten die Demontagen seitens der Sowjetunion den Wiederaufbau. Der Neuanfang unter planwirtschaftlichen Vorzeichen war mit zahlreichen Schwierigkeiten versehen: Nicht immer funktionierten Materialversorgung und Produktionszeiten so, wie in den Papieren der Planer vorgesehen. Trotzdem gelang auch in der DDR zunächst ein »kleines Wirtschaftswunder«, ehe der wirtschaftliche und industrielle Niedergang der DDR spätestens seit den 1970er Jahren begann. Nach dem Mauerfall mussten die meisten Ost-Berliner Industriebetriebe mangels Konkurrenzfähigkeit, auch wegen des raschen Zusammenbruchs ihrer Absatzmärkte in Ost- und Mittel-Ost-Europa, die Produktion einstellen. Ost- und West-Berlin vereint bis heute die aus diesem Erbe der Teilungszeit entstandene hohe Arbeitslosenquote. Nach 1990 fielen innerhalb weniger Jahre hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Industrie weg. Vergeblich hoffte man, dass Konzerne wie Siemens ihren Sitz wieder in die neue Hauptstadt zurückverlegen würden.2

Inzwischen gibt es einen neuen Aufbruch in der Stadt. Große Hoffnungen werden auf Kunst, Kultur und Wissenschaft gesetzt. Aber auch die stolze industrielle Tradition Berlins wirkt bis heute fort: Siemens produziert weiterhin in der Siemensstadt in Spandau, Berlin wächst als Standort der Chemie-, besonders der Pharmaindustrie. Und auch der Maschinen- und Automobilbau ist ein wichtiger Faktor der Berliner Wirtschaft bzw. der des angrenzenden Umlands: Mercedes lässt weiterhin am traditionellen LKW-Produktionsstandort in Ludwigsfelde fertigen, das Bombardier-Werk in Hennigsdorf ist ein führender Produzent von Eisenbahnzügen, U- und Straßenbahnen, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein Blick zurück in die Vergangenheit ist also durchaus hilfreich, um diese spezielle Situation des heutigen industriellen Bildes Berlins zu verstehen.

Berlins ungehobener Kulturschatz

Lange war es unbestrittener Konsens: Fabrikgebäude, die ihre Funktion als Produktionsstätten verloren hatten, wurden abgerissen. Wozu sollte man sich mit überflüssig gewordenen Zweckbauten beschäftigen? Nostalgische Gefühle hatte kaum jemand. Selbst für ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter waren diese Orte oft mit unangenehmen Erinnerungen verbunden: schwere, teilweise sogar gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, Ohnmachtsgefühle beim Verlust des Arbeitsplatzes. Der langsame Abschied von der Industrie seit den I960er/I970er Jahren, das Abwandern vieler Produktionszweige ins Ausland, die Rationalisierung, Automatisierung und der folgende Arbeitsplatzabbau ließen allerdings industrielle Relikte in steigenden Zahlen anfallen und neue Nutzungskonzepte notwendig erscheinen.

So regte sich langsam Widerstand gegen die umfassenden Abrisspläne in vielen Industrieländern, in Deutschland seit Ende der 1960er Jahre. Denn viele Städte drohten ihr Gesicht zu verlieren. Im Ruhrgebiet fehlten plötzlich die Zechentürme und -gerüste als Landmarken im flachen Terrain, in anderen Städten vermisste man schmerzlich die charakteristischen Schornsteine, Fassaden und die beeindruckenden »Kathedralen der Arbeit«. Industriebauten wurden zunehmend für ihre architektonischen Qualitäten geschätzt und als Kulturphänome wahrgenommen, als Ausdruck der Geschichte und des Geistes einer die Gesellschaft stark prägenden Epoche.

In Deutschland war zweifellos das Ruhrgebiet in den 1970er Jahren der industriekulturelle Vorreiter. Schon früh wurden hier Fabrik- und Zechengebäude unter Denkmalschutz gestellt und erhalten oder Industriemuseen in stillgelegten Industrieanlagen eingerichtet. Der Montanregion wurde damit eine eigene kulturelle Identität zugestanden. Andere Städte und Regionen folgten – oder entwickelten zur gleichen Zeit eigene Herangehensweisen an die Zeugnisse des Industriezeitalters. Die Industriekultur ist heute stärker angesagt denn je: Das Ruhrgebiet mit Essen als Zentrum ist 2010 europäische Kulturhauptstadt.3

Ungehobene Schätze, vernachlässigtes Industrieerbe: AEG-Halle in Berlin-Oberschöneweide

In Berlin wurde und wird dieses Erbe vergleichsweise wenig beachtet, was mit der besonderen Situation durch die Teilung der Stadt leicht erklärbar wird.

Viele Fabrikgebäude wurden hier in Ost wie West relativ lange weiter genutzt. Zudem hatte man vor und nach dem Mauerfall andere Probleme, die politische Situation stand hier stärker im Vordergrund. Und in einer Stadt mit dem kulturellen Reichtum wie der Spreemetropole hatte und hat es die Industriekultur schwer gegen andere Kulturbereiche: seien es hochkarätige Museen und Sammlungen, Galerien, Theater, Opern, eine vielfältige Subkulturszene oder die Welt des Films. Um sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, ist Berlin längst nicht so stark auf die Industriekultur angewiesen wie beispielsweise das Ruhrgebiet.

Dennoch prägt das Fabrikzeitalter die alte und neue deutsche Hauptstadt ganz besonders. Außerdem ist hier ein viel größerer Teil alter Industriegebäude als in den meisten deutschen Städten noch erhalten – ein wahrer Glücksfall angesichts der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen zahlreichen Brüchen. Wo gibt es schon solch ausgedehnte und auch ästhetisch beeindruckende Stadt- und Industriequartiere wie das ehemalige AEG-Gelände am Humboldthain, die Siemensstadt in Spandau oder die AEG-Stadt in Oberschöneweide?

Zu diesem kulturellen Erbe Berlins erschienen bereits in den 1980er Jahren zwei reichhaltig ausgestattete Bände (»Exerzierfeld der Moderne« und »Die Metropole«), das Deutsche Technikmuseum Berlin pflegt und präsentiert umfangreiche Sammlungen zur Berliner Industrie. Zudem hat das Landesdenkmalamt mehrere Schriften und Verzeichnisse über herausragende Berliner Industriequartiere veröffentlicht. Jüngst ist ein Verzeichnis samt Kurzbeschreibungen der 115 wichtigsten Bauten des Industriezeitalters in Berlin erschienen.4 Einen kleinen Beitrag zur Entdeckung eines ausgewählten Ausschnitts dieser spannenden Facette der Berliner Kultur, Geschichte und Gegenwart möchte das vorliegende Buch ebenfalls liefern.

Geschichtstour
1
Geschichtstour 1: ›Feuerland‹ und die AEG am Humboldthain

Bertolt-Brecht-Gedenkstätte, noble Restaurants und schicke Büros der neuen Kreativdienstleister prägen heute die Szene in Berlin-Mitte. Doch dass an der Chausseestraße vor dem ehemaligen Oranienburger Tor die ersten Fabriken Berlins standen, ist kaum noch bekannt. ›Feuerland‹ nannten die Berliner das Viertel bald: Die rauchenden Schornsteine und vor allem der nächtliche Feuerschein der vielen Eisengießereien wirkten beeindruckend und beängstigend zugleich. Vor 200 Jahren begann hier für Berlin eine neue Ära: Mit der massenweisen Produktion von Dampfmaschinen und Lokomotiven startete die preußische Metropole ins Industriezeitalter.

Den Anfang machte der Staat, ganz im Reformeifer der Zeit: 1804 nahm die Königliche Eisengießerei Berlin – kurz: Berliner Eisen – in der Invalidenstraße den Betrieb auf. Die Gegend lag damals noch vor den Toren der Stadt, zwischen unbebauten Feldern.

Das Schinkel’sche Nationaldenkmal beispielsweise ist ein Werk von Berliner Eisen. Man kann es noch heute auf dem Kreuzberg im gleichnamigen Bezirk bewundern. Vom Gebäude der Königlichen Eisengießerei dagegen, auf deren Gelände an der Invalidenstraße 43 heute das Naturkundemuseum steht, ist nichts erhalten. Das Beuth’sche Gewerbeinstitut in der Klosterstraße, eine Vorgängerin der heutigen Technischen Universität Berlin, zog wegen der guten Ausbildung viele künftige Industriepioniere in die Stadt. So auch Franz Anton Egells, bei dem der spätere ›Lokomotivenkönig‹ August Borsig seine Lehrjahre absolvierte.

Der Grundpfeiler der Berliner Industrie war also mit dem Maschinenbau in ›Feuerland‹ gelegt. Doch von dieser Keimzelle ist außer wenigen Spuren nichts erhalten. Schon ab 1850 wurde es für die immer größeren Fabriken zu eng, die Stadt wuchs, und so wanderten sie an den damaligen Rand der Stadt, an den Humboldthain und nach Moabit, später auch sehr viel weiter in die als reine Industriestandorte neu geplanten ›Städte in der Stadt‹ Borsigwerke Tegel, Oberschöneweide und Siemensstadt. Die ehemaligen Industriegrundstücke vor dem Oranienburger Tor wurden dringend für den Bau von Wohnhäusern –Mietskasernen – gebraucht. Berlin gewann in rasantem Tempo an Einwohnern, die zu Tausenden täglich in die aufstrebende Metropole kamen, um hier ihr Glück zu suchen – und auch dringend als Arbeitskräfte benötigt wurden.


1 – Maschinenbauanstalt Egells

2 – Borsig’sches Verwaltungsgebäude

3 – Edisonhöfe

4 – AEG am Humboldthain

5 – Mietskasernen

Station 1: Die Maschinenbauanstalt und Neue Eisengießerei von Franz Anton Egells

Novalisstraße 10 (Hof)

Verkehrsanbindung:

Station Oranienburger Tor, U-Bahn: U6, Straßenbahn: M1, M12

Station U Oranienburger Tor / Torstraße, Straßenbahn: M6, Bus: 240

Die Tour beginnt im Hof der Novalisstraße 10. In diesem sehr ruhigen Teil von Berlins Mitte, bis 1990 zum Ostteil der Stadt gehörend, liegt eines der ältesten erhaltenen Fabrikgebäude der Stadt. Franz Anton Egells (1788–1854) ließ hier 1823 die damals größte Maschinenbauanstalt Berlins errichten, bald ergänzt durch die erste private Eisengießerei Berlins. Der Firmenchef und seine Ingenieure und Arbeiter konstruierten und bauten Lokomotiven. Bald spielte das Geschäft mit Dampfmaschinen die größte Rolle. So wurde Preußen unabhängig von teuren Importen aus England. Egells hatte in der Königlich Preußischen Eisengießerei gelernt und einige Monate in England, der damals mit großem Abstand führenden Industrienation, verbracht – manche Quellen sagen: spioniert.

Im Hof, der über die Novalisstraße 10 zugängig ist, hat ein Gebäudeteil dieser ersten privaten Maschinenbauanstalt und -gießerei Berlins überlebt. Eine Gedenkplakette am Gebäude erinnert daran. Der Großteil der einst zahlreichen Gebäude der Egell’schen Maschinenbauanstalt und Neuen Eisengießerei wich seit Mitte des 19. Jahrhunderts Wohn- und Geschäftshäusern. Egells hatte vorgesorgt, bereits 1836 Grundstücke am Tegeler See gekauft und dort ein neues Werk aufgebaut. Seine Söhne übernahmen den Betrieb nach dem Tod des Vaters 1854 und expandierten über Jahrzehnte erfolgreich im Schiffbau. Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten allerdings stark zu. 1910 kauften schließlich die Borsigwerke Gelände und Anlagen.5

Egells Maschinenbauanstalt (im Hof), von der heute nur noch ein kleiner Teil erhalten ist. Ansicht von der Chausseestraße, Ende 1860er Jahre

Heute sind diese Zeitzeugen des Beginns der Berliner Industrialisierung aufwändig restauriert, neue Kreativunternehmen bevorzugen die Lage.


Gastrotipps: »Sarah Wiener ›Das Speisezimmern‹«Erstklassiges Restaurant der umtriebigen TV-Köchin Sarah WienerChausseestraße 8, 10115 Berlin»Weinbar Rutz«Bietet Spitzenküche und -weinkeller, mit einem Michelin-Stern ausgezeichnetChausseestraße 8, 10115 Berlin

Vertiefung: Elende Wohnverhältnisse – ein zeitgenössischer Bericht von Bettina v. Arnim

Die Schriftstellerin Bettina von Arnim berichtete 1843 über die elenden Wohnverhältnisse in der Gartenstraße, die unmittelbar neben »Feuerland« liegt. Diese Siedlung von armen Hauswebern wurde damals »Vogtland« genannt. Von Arnim lässt einen fiktiven Erzähler zu Wort kommen, auch mit dem Ziel, vom König und den Behörden mehr Unterstützung für die Armen zu erreichen. Gleichzeitig ist der Text ein beredtes Zeugnis für die in der frühen Industrialisierung oft katastrophalen sozialen Verhältnisse:

»Vor dem Hamburger Tore, im sogenannten Vogtland, hat sich eine förmliche Armenkolonie gebildet. Man lauert sonst jeder unschuldigen Verbindung auf. Das aber scheint gleichgültig zu sein, daß die Ärmsten in eine große Gesellschaft zusammengedrängt werden, sich immer mehr abgrenzen gegen die übrige Bevölkerung und zu einem furchtbaren Gegengewichte anwachsen. Am leichtesten übersieht man einen Teil der Armengesellschaft in den sogenannten »Familienhäusern«. Sie sind in viele kleine Stuben abgeteilt, von welchen jede einer Familie zum Erwerb, zum Schlafen und Küche dient. In vierhundert Gemächern wohnen zweitausendfünfhundert Menschen. Ich besuchte daselbst viele Familien und verschaffte mir Einsicht in ihre Lebensumstände.

In der Kellerstube Nr. 3 traf ich einen Holzhacker mit einem kranken Bein. Als ich eintrat, nahm die Frau schnell die Erdäpfelhäute vom Tische, und eine sechzehnjährige Tochter zog sich verlegen in einen Winkel des Zimmers zurück, da mir ihr Vater zu erzählen anfing. Dieser wurde arbeitsunfähig beim Bau der neuen Bauschule. Sein Gesuch um Unterstützung blieb lange Zeit unberücksichtigt. Erst als er ökonomisch völlig ruiniert war, wurden ihm monatlich fünfzehn Silbergroschen zuteil. Er mußte sich ins Familienhaus zurückziehen, weil er die Miete für eine Wohnung in der Stadt nicht mehr bestreiten konnte. […]

Im Zimmer Nr. 113 des gleichen Hauses wohnt der alte Sinhold mit seiner Frau. Aus dem letzten Feldzuge kehrte er mit zerrütteter Gesundheit zur Arbeit in der Fabrik zurück. Er erzog neun Kinder. Die Armut zwang ihn, die Stadt zu verlassen und zwei Webstühle im Familienhause aufzustellen. Seit fünfzehn Wochen liegt er krank im Bette. Die Webstühle stehen still, die Frau ist mit der Epilepsie behaftet, verdient sonst mit Spulen anderthalb Silbergroschen täglich; jetzt findet sie keine Arbeit. Die wenigen Gerätschaften gehören den Juden, der letzte Rest ist verkauft. Von der Armendirektion erhält Sinhold jeden Monat einen Taler, den aber der Hausverwalter sogleich in Empfang nimmt. Der Krankenverein reicht ihm die »Krankensuppe«, die ihn und seine Frau ernährt. Vom Hausherrn ist er »ausgeklagt«, d.h. er ist für drei Monate Miete schuldig. Am 1. April wird man ihn in die Charité bringen, die Frau aus dem Hause jagen und das Zimmer versiegeln mit allem was darinnen ist.

Ich ging in den finstern Hausgängen auf und ab, horchte an den Türen, und wo ich weben hörte, trat ich ein. […] In Nr. 5 wohnt Unger, ein recht geschickter Weber. Er hat auf seinem Stuhle einsiebenachtel Elle breite gestreifte Leinwand. An einem Stücke von sechsundsechzig Ellen, mit welchem er in vierzehn Tagen fertig wird, verdient er drei Taler fünf Silbergroschen. Die Frau sagte mir, daß sie abwechselnd Kartoffeln und Hafergrütze koche; jede Mahlzeit koste zweieinhalb Silbergroschen. Wenn diese Leute nur zweimal essen im Tage, so beläuft sich die monatliche Ausgabe (zwei Taler Miete eingerechnet) mit sieben Taler fünfzehn Silbergroschen, während die Einnahme im günstigsten Falle nur sechs Taler zehn Silbergroschen beträgt. Ich unterhielt mich lange mit Unger und seiner Frau; er ist ein so verständiger und braver Mann, und sie so heiter und freundlich, daß es mir ganz wohl zumute wurde. Ich dachte nicht mehr an jenes ungünstige Zahlenverhältnis, sah das Stroh nicht unter der leichten Bettdecke und achtete nicht mehr auf die Lumpen, in welche die Kinder gehüllt waren. Ich hörte keine Klage; der Hausvater trieb emsig das Weberschiffchen hin und her und erzählte mir scherzend, daß es mit den Kindern gehe, wie dem bekannten Schuster Flick, der ein Kleines forttragen wollte und zwei zurückbrachte. Die Mutter hielt das kleinste Kind auf der Schürze und trieb das Spulrad. Dabei erzählte sie vergnügt, daß zwei Kinder die Schule besuchen und recht viel lernen. Es zeigt sich auch hier, daß die Armen ihre größte Freude an den Kindern haben und fest darauf rechnen, daß diese durch den Schulunterricht aus dem Elende gerissen werden.«

Auszüge aus: Bettina von Arnim: Dies Buch gehört dem König (Gesammelte Werke; Bd. 6), Berlin 1921, S. 456–459 (Originalausgabe 1843)

Auf dem Weg …

Gehen Sie nun wieder hinaus aus dem Hof auf die Novalisstraße, gehen Sie rechts in den benachbarten Hof der Novalisstraße 11, vorbei am »Speisezimmer von Sarah Wiener«, so dass Sie auf die Chausseestraße gelangen, in die Sie rechts einbiegen. An der nächsten Kreuzung (Tieckstraße) steht eine Erinnerungstafel an »Feuerland«. Folgen Sie der Chausseestraße bis zur Nummer 13.


Gastrotipp: Der Kiosk – Caffé-CucinaFür einen guten Kaffee und italienische Snacks zur Stärkung Chausseestr. 124, 10115 Berlin

Station 2: Borsig'sche Verwaltungsgebäude

Chausseestraße 13

Verkehrsanbindung:

Station Zinnowitzer Straße, U-Bahn: U6, Straßenbahn: M 6, M 8, M12, Bus: 245

Das erste Werk des legendären ›Lokomotivenkönigs‹ August Borsig, der hier von 1837 bis 1887 produzieren ließ, hat die Gegend vor dem Oranienburger Tor am stärksten geprägt und weit über Berlin hinaus bekannt gemacht.

An diese Fabrikanlage an der Chausseestraße 1, einst eine der größten der Frühindustrialisierung in Deutschland, erinnert am ursprünglichen Standort lediglich eine eher unauffällige Gedenktafel (am Haus Torstraße 231). Erhalten ist dagegen das Verwaltungsgebäude an der Chausseestraße 13, das so genannte ›Zentralbüro‹. Das repräsentativ im Stil der Neorenaissance verzierte Gebäu-de stammt aus dem Jahr 1899, errichtet nach Plänen des Berliner Architektenbüros Reimer & Körte. Auf den ersten Blick könnte es fast wie ein vornehmes Wohnhaus wirken, wobei die reichhaltig verzierte Sandsteinfassade deutliche Hinweise auf den ursprünglichen Verwendungszweck liefert. An das Schmiedehandwerk als den Ursprung von Borsigs Großunternehmen erinnert, neben kunstvollen schmiedeeisernen Sonnenblumen, eine imposante und großes Selbstbewusstsein ausstrahlende Bronzefigur. Auf das Unternehmen und seinen Gründer wird gleich doppelt verwiesen: Unter dem bronzenen Schmied sind die Initialen »A.B.« eingemeißelt, zudem krönt der Schriftzug »A. Borsig« die Hausfront.

Als dieses einzig erhaltene Borsig-Gebäude im ehemaligen ›Feuerland‹ errichtet wurde, hatte das Unternehmen unter der Leitung der Enkel des Firmengründers seinen Sitz gerade an den nördlichen Stadtrand nach Tegel verlegt. Das erste Werk war der Wohnbebauung gewichen. Die »Lokomotiv- und Maschinenfabrik A. Borsig« hatte auch längst über Berlin hinaus mit weiteren Werken und Beteiligungen expandiert. Im Berliner Zentrum brauchte man nun eine standesgemäße Repräsentanz. Begonnen hatte August Borsig, ein Breslauer Zimmermann, 1825 in Egells Maschinenbauanstalt mit einer Lehre, nachdem er das Beuth’sche Gewerbeinstitut ohne Abschluss verlassen hatte und ihm dort bescheinigt worden war, »er werde nie imstande sein, etwas zu leisten«. Bei Egells erwies er sich allerdings schnell als fähiger Maschinenkonstrukteur und wagte 1837 den Schritt in die Selbständigkeit.

Die erste Lokomotive von August Borsig – die Borsig 1, ca. 1841

August Borsig spezialisierte sich auf ein Pioniergeschäft des frühen Industriezeitalters: den Bau von Dampflokomotiven. In Preußen und anderen deutschen Ländern war man damals noch weitgehend auf den Import aus England und den USA angewiesen. Als Borsigs erste Lokomotive ›Borsig 1‹ 1841 eine Wettfahrt gegen die englische Konkurrenz gewann, bedeutete das den Durchbruch. Wenige Jahre später hatte er bereits über 1.000 Mitarbeiter und bekam nun auch wichtige Staatsaufträge. Er entwarf und baute die Eisenkonstruktionen für die Kuppeln der Potsdamer Nikolaikirche und des Berliner Stadtschlosses, auch eine mit etwa 80 PS für damalige Verhältnisse gewaltige Dampfmaschine für die Wasserspiele im Potsdamer Schlosspark Sanssouci. In wenigen Jahren wuchs Borsig rasant zum damals größten Unternehmen in Preußen. Seit 1847 betrieb Borsig eine zweite Produktionsstätte in Moabit an der Spree. Direkt daneben ließ er eine riesige, prunkvolle Villa errichten, von der König Friedrich Wilhelm IV. gesagt haben soll »So wie Sie, lieber Borsig, möchte ich auch leben«.

Über ein Jahrhundert blieb das Unternehmen in Familienhand, bis die Nachkommen August Borsigs 1931 Konkurs anmelden mussten. Verschiedene Unternehmensteile existierten aber unter dem Namen Borsig und wechselnden Inhabern weiter. Auch heute noch gibt es ein Maschinenbauunternehmen »Borsig GmbH« in Berlin-Tegel. Vor allem erinnern erhalten gebliebene Fabrik- und Verwaltungsgebäude in Tegel an dieses frühe Großunternehmen, ebenso wie die Wohnsiedlung ›Borsigwalde‹ für Werksangehörige direkt daneben. Auf dem Gelände der Technischen Universität Berlin in Charlottenburg ist noch ein Arkadengang des ursprünglichen Borsig’schen Werkes erhalten, der 1887 hierhin umgesetzt wurde. Er steht hinter dem Hauptgebäude der TU an der Straße des 17. Juni 135. An den Gründer und Firmenpatriarchen selbst erinnert, schräg gegenüber dem ehemaligen Verwaltungsgebäude, die aufwändig gestaltete Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße 126, unmittelbar neben dem Brechthaus mit Brecht-Gedenkstätte.6

Die Grabstätte von August Borsig auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Vertiefung: Theodor Fontane über die Oranienburger Vorstadt

In seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« gelangt Theodor Fontane etwa 1870 auch durch das neue Berliner Industriegebiet vor dem Oranienburger Tor und berichtet beeindruckt von der dortigen Geschäftigkeit. In scharfem Kontrast dazu beschreibt er den angrenzenden Wedding, der damals noch vorwiegend ländlich geprägt ist:

»Die Tour führt durch die volkreichste und vielleicht interessanteste der Berliner Vorstädte, durch die sogenannte Oranienburger Vorstadt, die sich, weite Strecken Landes bedeckend, aus Bahnhöfen und Kasernen, aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt. Diese vier heterogenen Elemente drücken dem ganzen Stadtteil ihren Stempel auf; das Privathaus ist eigentlich nur insoweit gelitten, als es jenen vier Machthabern dient. Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel oder begegnen einander; dazwischen gellt der Pfiff der Lokomotive und über den Schloten und Schornsteinen weht die bekannte schwarze Fahne. Hier befinden sich, neben der Königlichen Eisengießerei, die großen Etablissements von Egels und Borsig, und während dem Vorübergehenden die endlose Menge der zugehörigen Bauten imponiert, verweilt er mit Staunen und Freude zugleich bei dem feinen Geschmack, bei dem Sinn für das Schöne, der es nicht verschmäht hat, hier in den Dienst des Nützlichen zu treten.

So zieht sich die Oranienburger Vorstadt bis zur Pankebrücke; jenseits aber ändert sie Namen und Charakter. Der sogenannte »Wedding« beginnt und an die Stelle der Fülle, des Reichtums, des Unternehmungsgeistes treten die Bilder jener prosaischen Dürftigkeit, wie sie dem märkischen Sande ursprünglich eigen sind. Kunst, Wissenschaft, Bildung haben in diesem armen Lande einen schwereren Kampf gegen die wiederstrebende Natur zu führen gehabt, als vielleicht irgendwo anders, und in gesteigerter Dankbarkeit gedenkt man jener Reihenfolge organisatorischer Fürsten, die seit anderthalb Jahrhunderten Land und Leute umgeschaffen, die Sumpf und den Sand in ein Fruchtland verwandelt und die Roheit und den Ungeschmack zu Sitte und Bildung herangezogen haben. […] Die Oranienburger Vorstadt in ihrer jetzigen Gestalt ist das Kind einer neuen Zeit und eines neuen Geistes; der »Wedding« aber, der nun vor und neben uns liegt, ist noch im Einklang mit dem alten nationalen Bedürfnis, mit den bescheideneren Anforderungen einer früheren Epoche gebaut. Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert, das ist die völlige Abwesenheit alles dessen, was wohltut, was gefällt. In erschreckender Weise fehlt der Sinn für das Malerische. Die Häuser sind meist in gutem Stand; nirgends die Zeichen schlechter Wirtschaft oder des Verfalls […]. Überall ein Geist mäßiger Ordnung, mäßiger Sauberkeit, überall das Bestreben, sich nach der Decke zu strecken und durch Fleiß und Sparsamkeit sich weiterzubringen, aber nirgends das Bedürfnis, das Schöne, das erhebt und erfreut, in etwas anderem zu suchen, als in der Neuheit eines Anstrichs, oder in der Geradlinigkeit eines Zauns. […]

Auszüge aus: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Havelland (Sämtliche Werke; Bd. 11), München 1960, S. 152–153 (Originalausgabe 1873)

Auf dem Weg …

Gehen Sie auf der Chausseestraße weiter bis zum Hausdurchgang zwischen Nr. 17 und 18. Folgen Sie diesem Durchgang, ausgeschildert ist der »Jazz Club Schlot«, bis in den Hof.

Station 3: Edisonhöfe

Chausseestraße 18 / Invalidenstraße 117 (Hof)

Verkehrsanbindung:

Station Zinnowitzer Straße, U-Bahn: U6, Straßenbahn: M6, M8, M12, Bus: 245

Bald ist sie Geschichte, die Glühbirne. Dagegen war es vor gut 120 Jahren noch eine wahre Pioniertat, eine Glühbirnenfabrik zu errichten. 1884 tat das Emil Rathenau an diesem Ort mit seiner neu gegründeten »Deutschen Edison Gesellschaft für angewandte Elektricität«, die schon bald darauf als »Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft« (AEG) als einer der weltgrößten Konzerne berühmt wurde. Hier liegt, fast völlig vergessen, einer der Ursprünge der AEG.

Der Name ›Edisonhöfe‹, den der heutige Eigentümer dem Areal vor einigen Jahren gab, erinnert noch an den Anfang: Mehrere hundert Arbeiter und Arbeiterinnen produzierten hier erstmals in Deutschland Glühbirnen. Die Ende des 19. Jahrhunderts neue und äußerst innovative Elektroindustrie trug wesentlich dazu bei, dass Berlin zur damals größten Industriestadt Europas wuchs. Die Gebäude sind typischer Berliner Fabrikbau, Klinker und Rundbogenfenster. Denkmalwürdig ist dieser Allerweltsstil offensichtlich nicht: Das Landesdenkmalamt hat das Ensemble nicht verzeichnet, ganz im Gegensatz zu den späteren AEG-Gebäuden am Humboldthain und in Oberschöneweide (s. S. 44 und S. 97). Der Anfang des AEG-Imperiums war bescheiden, auch in architektonisch-künstlerischer Hinsicht. Bis etwa 1910 wurden hier aus mundgeblasenem Glas und mit viel Handarbeit Glühbirnen hergestellt, bis die Fabrikation automatisiert und an den neuen AEG-Standort in der Ackerstraße verlegt wurde. Die ehemaligen Fabrikgebäude sind in den letzten Jahren zu modernen Büros umgebaut worden.7

Glühlampenfabrik Schlegelstraße, heute Teil der Edisonhöfe, Blick in den Hof, 1887

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Ograniczenie wiekowe:
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Objętość:
119 str. 50 ilustracji
ISBN:
9783940621511
Właściciel praw:
Bookwire
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