Czytaj książkę: «In der zweiten Reihe»

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Für Johann, Till und Wolfgang

Seid fröhlich in Hoffnung,

geduldig in Trübsal,

haltet an am Gebet.

Helenes Konfirmationsspruch

Römer 12,12

2019

Die beiden Kusinen fanden es interessant, auf des Großvaters Spuren unterwegs zu sein. In dem Wissen, dass ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald nicht leicht werden würde, wäre es sicher wichtig, anschließend darüber sprechen zu können.

Sie müssen sich einer Führung anschließen, bei der sie in praller Sonne über den damaligen Alltag im Lager hören. Der Leiter der Gruppe spricht über die unvorstellbar grauenvollen Dinge, die hier passiert waren. Sie fragt sich, wie er das schafft, immer und immer wieder über diese Zeit der furchtbaren Geschichten voller Brutalität und Hass, Menschenverachtung und Gleichgültigkeit zu berichten.

Sie werden aus dem Krematorium in den gekachelten Keller geführt, an dessen Wänden oben große Schlachter-Haken hängen, die ihrer Fantasie mehr Bilder bescheren als ihr gut tun.

Es ist genug.

Sie muss aussteigen aus der Gruppe und hier raus. Ihr leicht zu verwundendes Herz, das noch nicht einmal Krimis vertragen will, kann nicht mehr. Es ist übervoll.

Sie entfernt sich und kann ihrer Kusine noch signalisieren, dass sie weiter geht. Ihr fehlen die Worte, Tränen hat sie viele. Ihr ist übel und ihr Magen fühlt sich an, als hätte er sich verknotet. Gemeinsam schlendern sie schweigend unter dem wunderbaren blauen Himmel im Sonnenschein über den Platz, der Bruder schließt sich schweigend an.

Unvermittelt stehen sie davor.

Block 34.

Ein schlichter Sandstein, viereckig behauen und weniger als kniehoch. Auf seiner Oberfläche liegen neun kleine Steine, wie vom Boden aufgelesen. Rund gespülte, eckige, gebrochene, scharfkantige, ein kleiner ist ganz glatt, zwei sind winzig, verschwindend klein in einer Handfläche zu tragen, einer würde eine Jackentasche ausbeulen und hat es auf dem Weg hierhin vermutlich auch getan.

Zwischen den Steinen ist die Inschrift, die in die Oberfläche gehauen und mit grauer Farbe ausgemalt wurde, gerade noch lesbar.

Sie überlegt, ob sie die Steine ein wenig beiseiteschieben kann, aber ein Gefühl der Respektlosigkeit durchfährt sie.

Nein, denkt sie. Diese Steine drücken Schmerz, Verlust, Kummer und tiefe Trauer aus. Sie beiseitezuschieben steht ihr nicht zu.

Sie weiß ohnehin, was unter den Steinen zu lesen ist: Block 34.

In Block 34 war ihr Großvater zusammen mit anderen ‘Politischen‘ aus Münster und Polen eingepfercht, als er im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war.

Eins


1934

Kinderspitzel

Wilhelms Arbeit als Pastor gestaltete sich in Gernau von Anfang an schwierig. Es stellte sich schon bald heraus, dass die hiesige Gestapo mit seiner Art nicht einverstanden war. Eine ehemalige Konfirmandin, inzwischen BDM-Führerin, versuchte, die Mädchen aus dem Konfirmationsunterricht abzuwerben. Das ließ er sich nicht gefallen und schrieb ihr einen ärgerlichen Brief. Doch er hatte sie falsch eingeschätzt, die junge Frau gab seinen Brief sofort an die Geheime Staatspolizei weiter. Er wurde vorgeladen und verwarnt.

Dabei blieb es nicht. Einige Kinder leidenschaftlicher Nazis, die dennoch zum Unterricht kamen, hörten genau hin und gaben alles, auch ganz lächerliche Dinge, ihren Vätern wieder. Zum Beispiel erzählte Wilhelm in der letzten Stunde vor den Ferien von seiner Reise nach Dänemark, was für ein herrliches Land es sei, von der Schönheit der Natur und dem guten Essen, der dänischen Butter. Das reichte für eine erneute Vorladung.

Auch in den Gottesdiensten saßen regelmäßig Spitzel, die seine Predigt mitschrieben. Das wurde deutlich an den Vorladungen, die ihn wieder und wieder zum Büro des Gestapoleiters führen.

»Ich kann nicht anders«, meinte er zu mir, »ich sage als Mitglied der Bekennenden Kirche vieles mit Angst und Zittern, weil ich es sagen muss. Sonst würde ich meinen Auftrag verleugnen und wäre nicht mehr ein Knecht Christi.«

Ich war stets froh, dass er ein aufrechter Mann mit einer Haltung war. Ich fürchtete mich aber auch deswegen. Hoffentlich würde uns und unserer Familie das nicht einmal zum Verhängnis werden.

1920

Eine Frau ohne Kenntnisse

Seine Klarheit und seine Haltung war, was mir zuerst an ihm auffiel. Ich war jung und lernte ihn, den Studenten der Theologie, während meines Studiums in Bonn kennen. Damals hatte ich eine andere Hoffnung für meine Zukunft, eine andere Vorstellung von meinem Leben. Ich durfte selbst studieren und das war damals etwas Besonderes.

Ich bin in Köln-Kalk aufgewachsen. Meine Mutter starb, als ich erst sechzehn Jahre alt war. In meinem letzten Schuljahr wurde Vater versetzt. Meine Geschwister Erich und Martha zogen mit ihm nach Paderborn. Dass ich die Stadt unmittelbar vor meinem Abschluss noch wechsle, hielt Vater nicht für sinnvoll. Ich hatte zwar von meinem Lehrer eine Empfehlung für das dortige Knaben-Gymnasium bekommen. Aber was, wenn ich dort nicht zurechtgekommen wäre? Also blieb ich in Köln. Vater fand ein möbliertes Zimmer in der Nachbarschaft und versorgte mich finanziell, so gut er konnte. Die Familie eines Kollegen kümmerte sich ein wenig mit um mich. Zunächst war das Alleinleben eine aufregende Sache, doch es war auch nicht leicht für mich. Die Versorgungslage nach dem Krieg war immer noch nicht einfach. Manchmal nahm ich die Brotkrusten aus der Schule mit nach Hause, damit ich dort noch etwas zu essen hatte. Einmal bekam ich ein ganzes Pfund Butter aus Paderborn geschickt. Das war ein Fest - Brotkrusten mit richtig dicker Butter!

Vater war nach meinem Zeugnis der Reife der Meinung, dass ich eine gute Ausbildung erhalten sollte, weil er mich klug, fleißig und sprachbegabt fand. Das Lernen hatte mir in der Schule immer Spaß gemacht und auch herausgefordert, der Gedanke an ein normales Frauenleben, irgendwann nur noch kochen und putzen zu dürfen, erschreckte mich. Am liebsten wollte ich mich weiter mit meinem Lieblingsfach Religion beschäftigen und lernen, lernen, lernen. Deshalb unterstützte er mich in meinem Wunsch, Theologie zu studieren, obwohl nicht klar war, was ich damit anfangen sollte. Pastor konnte ich schließlich nicht werden, obwohl es damals zunehmend den Ruf nach einer Eigenständigkeit der Frauen gab. Sogar das Wahlrecht war gerade für uns eingeführt worden. Da Theologie also kein richtiges Studium sei, wie er meinte, empfahl er mir, mich auch noch im Fach Nationalökonomie einzuschreiben. Vielleicht konnte ich daraus einmal einen Beruf machen. Es würde sich zeigen. Jetzt wollte ich erst einmal studieren, und zwar, um meinen Wissensdurst zu stillen.

Um Studentin an der Rheinischen Friedrich- Wilhelms-Universität in Bonn zu werden, musste ich mich mit Handschlag an Eides statt verpflichten, die Gesetze und die Vorschriften treu und gewissenhaft zu beachten. Damit wurde ich unter die akademischen Bürger der Universität aufgenommen. Ich war aufgeregt und stolz. Wie schön das Leben doch war.

Ein kleines Zimmer fand ich in der Reuterstraße 55. Heimelig war es nicht, die Tapete war dunkel und die kleinen Fenster ließen nicht viel Licht und Sonne herein. Die einzige Lichtquelle war eine riechende Petroleumlampe, nicht mehr als eine Funzel. Aber es war günstig. Als Erstes hing ich meine Ahnengalerie an die Wand. Unser letztes Familienbild von 1915, als Mutter noch lebte. Das, auf dem meine kleine Schwester so keck auf der Balustrade sitzt. Und das Foto von 1903, ich war drei Jahre alt und saß mit meiner Puppe auf dem Schoß vor meinen Eltern auf einem kleinen Hocker. Mein ganzer Stolz, der neue Puppenwagen, war auch zu sehen. Schließlich das von 1905. Ich war fünf Jahre alt und stand bei meiner Tante Angelika, Vaters Schwester. Meine Großmutter hielt den kleinen Erich im Taufkleidchen auf dem Schoß. Meine Eltern waren im Hintergrund zu sehen.

Seit Mutters Tod freute ich mich über jedes Bild, das ich von ihr habe.

An meinem ersten Tag in der Theologischen Fakultät war mir bange zumute, aber ich atmete tief durch und lief im Strom mit den jungen Männern auf die Tür des Hörsaales zu.

Es gab zwar einige Frauen an der Universität, doch in der Theologie schien ich die Einzige zu sein. Mit klopfendem Herzen betrat ich das Hebräisch-Seminar, das ich mir aus dem Stundenplan herausgesucht hatte. Es war ein seltsames Gefühl, von so vielen, noch dazu männlichen Augenpaaren gemustert zu werden. Aber ich tat so, als sei das völlig normal, nahm meinen Platz ein, zückte Heft und Stift und machte ein möglichst unbeeindrucktes Gesicht. Der Professor betrat den Hörsaal und meinte nach einem kurzen Gruß: »Fahren wir dort mit der Übersetzung fort, wo wir letztes Mal aufgehört haben.« Ich hielt die Luft an, was meinte er? Es ging der Reihe nach, einer nach dem anderen übersetzte einen Text und bald war wohl auch ich dran. Ich konnte doch noch gar kein Hebräisch. Anscheinend saß ich hier gründlich falsch.

»Was mache ich bloß?« war mein einziger Gedanke. »Ich falle ohnehin auf, weil ich eine Frau bin, noch dazu eine ohne Kenntnisse.«

Mir wurde abwechselnd kalt und heiß. Die Gedanken tobten in meinem Kopf.

»Soll ich, wenn ich an der Reihe bin, sofort beichten, dass ich hier falsch sitze? Oder einfach schweigen und den Part ganz selbstverständlich an meinen Nachbarn weitergeben?«

Der Professor hatte mich sehr wohl schon bemerkt, alle anderen auch. Nur noch ein einziger Student saß zwischen der Blamage und mir – als die Glocke schellte und das Seminar vorbei war. Was für ein Glück! Aufrecht verließ ich den Hörsaal, wieder unter vielen Augen, die mir folgten.

Josef, lieber Josef mein

Ich fand allmählich die Seminare und Vorlesungen für das erste Semester, ich lernte Kirchengeschichte und büffelte hebräische Vokabeln. Das machte mich glücklich, dabei flog die Zeit an mir vorbei. Meinen Kopf und meinen Verstand zu füllen, war genau das, was ich mir gewünscht hatte. An die einsamen Wege als einzige Studentin hatte ich mich allmählich gewöhnt. Es war eben so. Ich blickte, wie ich es immer tat, auf das Gute in allem, dass ich studieren konnte.

Zwei Studenten bemerkte ich im Laufe der Zeit, die mich immer wieder besonders aufmerksam beobachteten. Ob sie dachten, dass ich es nicht merke? Ihre Gesichter leuchteten auf, wenn sich unsere Blicke trafen. Die beiden kamen und gingen oft zusammen und schienen Freunde zu sein.

Nach einer Weile traten sie auf mich zu und stellten sich mir mit einer angedeuteten Verneigung vor. Sie hießen Ernst Franke und Wilhelm Simon, beide studierten wie ich evangelische Theologie. Auch ich sagte meinen Namen: »Helene Schmidt, angenehm.« Wir reichten uns die Hände und wussten nicht so recht weiter. Ein gestammelter Satz über das schöne Wetter und wir gingen wieder auseinander. Ich hatte das Gefühl, die beiden hatten sich einen Ruck gegeben, um mich kennen zu lernen. Mit der Zeit begegneten wir uns häufiger, und damit entspannte sich die Situation. Manchmal wie zufällig auf dem Weg oder im Treppenhaus, sowohl in der Universität als auch in der Argelander Straße. Dort, im Studienhaus der Evangelischen Studentengemeinde, verbrachte ich wie sie nicht nur die Lernzeiten, sondern auch einen Teil meiner Freizeit.

Ich freute mich, die beiden auch in der dort tagenden Christlichen Studentenvereinigung wieder zu sehen. Sie diskutierten oft leidenschaftlich und auch gegeneinander, immer wieder ging es um den Einfluss der Marburger Richtung. Die besagte, dass Christus gar nichts war, der Mensch Jesus dagegen die herrlichste Gottesoffenbarung. Mich beeindruckte diese Art zu denken und auch die Diskussion darüber, so etwas hatte ich noch nie gehört.

Im Advent studierte diese Gruppe ein Krippenspiel für die Weihnachtsfeier ein und suchte dringend eine Maria. Das war endlich die Gelegenheit, sich gezielt mit mir zu verabreden. Theater, herrlich! Für so etwas war ich immer zu haben. Schon früher in der Schule versetzte ich mich gerne in andere Menschen hinein, hatte großen Spaß am Verkleiden und war auf Anhieb eine ganz andere Person. So auch bei diesem Krippenspiel. Auf diese Weise war es ganz leicht, den Mitstudenten zu begegnen, denn unsere Rollen waren klar.

Nach einer der Proben gesellte sich Herr Simon zu mir und bat darum, sich mein Kollegheft von Prof. Goeters ausborgen zu können. Er hatte eine Vorlesung verpasst, weil er in Wuppertal bei der Hochzeit seines Bruders gewesen war. Nun wollte er den versäumten Stoff nachholen. Natürlich gab ich ihm das Heft gerne, er schien eine ehrliche Haut zu sein und ich hatte nicht den Eindruck, dass dies ein aufdringlicher Kontaktversuch sei. Ich holte es aus meiner Tasche. Er streckte seine Hand aus, dabei blieb mein Blick an ihr hängen. Nur vier Finger und eine große Narbe. Kurz irritiert drückte ich ihm das Heft schnell in die Hand.

Am nächsten Morgen gab er es mir mit einem beeindruckten Blick zurück und den Worten:

»Sie haben die Vorlesung ja sehr gründlich mitgeschrieben. Vielen Dank. So habe ich wirklich gar nichts verpasst!«

Kein Wort zu meiner Reaktion. Dafür war ich ihm dankbar.

Eines Nachmittags, es war ein klirrend kalter Tag mit einer Menge Schnee, hörte ich es im Flur laut poltern. Ich saß im Mantel an meinem Schreibtisch, denn ich musste mir meine Kohlen gut einteilen. Was spielte sich da vor meiner Tür ab? Ich hatte keine Ahnung, lieber versuchte ich weiter, mich auf meine Vokabeln zu konzentrieren. Jetzt klopfte es laut an meiner Tür. Ich bekam einen Mordsschrecken. Das Gepolter hatte ich nicht einordnen können und ich befürchtete ... Ja, was befürchtete ich eigentlich? Vorsichtig öffnete ich die Tür einen kleinen Spalt. Zwei dick verpackte Männer standen keuchend vor meiner Tür, zwischen ihnen ein großer Sack.

»Fräulein Schmidt?« sagte der eine.

»Sie erkennt uns nicht«, erwiderte der andere.

Sie zogen lachend die Mützen vom Kopf und öffneten ihren Schal, da erkannte ich Wilhelm und Ernst, wie ich sie für mich schon nannte. Gemeinsam hatten sie den Sack zu mir und die Treppe hoch geschleppt, um mir ein Geschenk zu machen. Ich sah neugierig hinein. Briketts. Einfach so. Was für eine Freude.

Natürlich bat ich sie herein, damit sie sich wenigstens etwas aufwärmen konnten. Ein Brikett legte ich gleich in den Ofen, der bald schon seine Wärme verbreitete. Die beiden sahen sich um. Ernsts Blicke blieben an den Eisblumen am Fenster, Wilhelms an den Bildern hängen. Ich nahm sie von der Wand und stellte ihnen meine Eltern und Geschwister vor. Bald zogen sie wieder ab, sie sahen ja, dass ich lernte. Keck verabschiedete ich sie mit den Worten der Maria:

»Ihr Hirten, all mein Leben lang

weise ich für eure Lieb‘ euch Dank.«

Bei der nächsten Probe fielen mir natürlich bei dem Satz die Briketts ein und ich verhaspelte mich lachend.

In einem schlichten hellblauen Kleid und geschmückt mit einem zarten weißen Schleier stellte ich eine in den Proben vergnügte, später jedoch ernsthafte Maria dar, die sich lächelnd über eine Porzellanpuppe mit blauen Augen neigte.

Ernst gefiel mir gut in der Rolle des Josef, als Stiefkinds-Vater ganz dicht neben mir. Vor der Geburt des Jesuskindchens stützte er mich sanft und war anschließend sehr fürsorglich für die Puppe und mich da. Wir saßen auf beiden Seiten der Krippe und er legte seine Hände ganz dicht neben meine an das Holz, als ich sang:

»Josef, lieber Josef mein,

hilf mir wiegen mein Kindelein.

Gott, der wird dein Lohner sein

im Himmelreich der Jungfrau Kind Maria.«

Auch Wilhelm war ganz versunken in sein Spiel. Er kam als ein sehr aufrechter Hirte zu uns, mit einem kleinen Lämmchen auf dem Arm, dem Stab und einem großen Hut. Er fiel vor mir auf die Knie und drückte mir inbrünstig das Tierchen aus Wolle in die Hand.

Nach dem Spiel stiegen wir schnell aus den Kostümen und feierten. Der Saal war liebevoll geschmückt mit Tannenzweigen, Kerzen und sogar einem großen Weihnachtsbaum. Wilhelm war mein Tischherr, Ernst saß mit seiner Tischdame auf meiner anderen Seite.

Bei Tee und Gebäck hatten wir einen vergnügten Abend, wir plauderten zusammen, alles war ganz leicht. Es wurde zwei Uhr, als die meisten aufbrachen. Wilhelm bestand darauf, mich nach Hause zu bringen. Vor der Tür hielt er mir mit leuchtenden Augen ein Päckchen hin, mit blauem Band und etwas Tannengrün. Ich war überrascht. Ein Geschenk für mich? Das hatte ich nicht erwartet. Ja, ich mochte ihn, in seinem Blick lag so viel Tiefe, aber auch etwas Drängendes. So bin ich noch nie angesehen worden. Obwohl, Ernst und ich waren eben beim Krippenspiel auch so innig verbunden gewesen. Ich war verwirrt. Ich packte das Geschenk im Zimmer gleich aus. Es war Der wartende Acker von Sophie Renschel. Ich kannte es noch nicht, kroch in mein Bett und begann gleich zu lesen.

Schweben über der Wupper

Am nächsten Tag begannen die Weihnachtsferien. Zum Glück hatte ich meine Siebensachen schon zusammen gepackt, denn wir wollten früh aufbrechen. Ich hatte in der Nacht wenig Schlaf bekommen, ich hatte gelesen. Einen Teil des Heimweges konnten wir zu dritt reisen. Wir fuhren zu unseren jeweiligen Familien in die Weihnachtsferien. Ich freute mich auf meine jüngeren Geschwister, ich freute mich aber nach diesem Abend noch mehr auf unsere gemeinsame Fahrt. Am Morgen holte mich Ernst schon früh ab. Wie immer trug er keinen Hut. Dass er nicht fror?

Wir schellten bei Wilhelm.

»Bist du soweit? Beeil dich, wir frieren.«

Gemeinsam schlitterten wir auf vereisten Straßen zum Bahnhof. Das war diesmal kein Vergnügen, zumal wir mit schwerem Gepäck unterwegs waren. Ernst hatte auch noch seine Laute umhängen, die natürlich nicht zu Bruch gehen sollte.

Endlich im Zug kamen wir ins Plaudern und ich erzählte von meinem Geburtstag neulich, am 13. Dezember.

»Sie sind schon einundzwanzig Jahre alt, Fräulein Schmidt?« fragte Ernst.

Sie schauten sich erstaunt an.

»Wir haben Sie für deutlich jünger gehalten, höchstens achtzehn.«

Meinte er es ernst? Oder wollte er mir schmeicheln? Vorsichtig fragten sie mich nach meiner Kindheit und Jugend aus. Ich erzählte ihnen, dass ich aus einem Soldatenhaushalt stammte und deshalb statt mit Puppen lieber mit Pferden und Zinnsoldaten gespielt habe. Ich erzählte von Erich und Martha, meinen jüngeren Geschwistern.

Auch über Wilhelms Büchlein konnte ich schon berichten. Es waren Tagebuchaufzeichnungen, die in diesem Jahr gerade erst herausgegeben worden waren. Sie hatten mich so gefesselt, dass ich es noch in derselben Nacht in einem Rutsch durchgelesen hatte. Ernst kannte es auch bereits. So konnte er mitreden.

Für Ernst und mich gab es einen Aufenthalt von mehr als zwei Stunden, so dass Wilhelm uns zum Frühstück in sein Elternhaus einlud. Wir gaben unser Gepäck ab und machten uns auf den Weg durch die hügelige Stadt. Ganz oben auf den Sedansberg mussten wir laufen, dort wohnte seine Familie. Mir wurde beim Aufstieg so warm, dass ich ganz rote Wangen hatte, als Frau Simon uns die Tür öffnete. Ich konnte ihr den Gedanken förmlich ansehen, als sie mich musterte: »Wilhelm bringt einen Studenten mit – und eine Studentin, aha.« Ihr Sohn war der erste in der Familie, der studierte. Sie war sichtbar stolz auf ihn.

Ernst und mich platzierte sie auf ihr Sofa und verschwand in der Küche, um uns schnell etwas zum Frühstück zu zaubern. Wilhelm holte eine Gitarre und Ernst packte seine Laute aus. Wir sangen aus Herzenslust, das konnten wir von Anfang an gut zusammen. Wir begannen bei Vom Himmel hoch und endeten sogar bei Wie schön blüht uns der Maien. Ernst hatte eine sehr schöne Tenorstimme und Wilhelm sang den Bass. Ich ergänzte sie mit meinem Alt, ich konnte zu vielen Liedern die zweite Stimme, denn zuhause hatten wir mein Leben lang viel gesungen.

Schnell verrann die Zeit und wir mussten schon wieder los. Ein besonderes Erlebnis hatte Wilhelm noch für uns, eine Fahrt mit der Schwebebahn zurück zum Zug. Erstaunt betrachtete ich dieses seltsame Fortbewegungsmittel. Wir stiegen die Stufen hoch zur Haltestation, und zumindest ich stieg mit großem Interesse hinein. Zunächst war es ein ungewohnt schaukelndes Gefühl, aber sehr schnell fand ich es großartig. Wir konnten von hoch oben in die Fenster der Wohnungen schauen, unter uns das kleine Flüsschen, die Wupper. Ich hatte meine helle Freude daran, zeigte den beiden die schön mit Schwippbögen geschmückten Fenster und konnte mich nicht satt daran sehen. Wilhelm war natürlich schon als Kind mit der Bahn gefahren, Ernst dagegen war weniger begeistert und etwas blass um die Nase. Ihm war es unheimlich, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, vor allem wenn die Bahn sich in den Kurven auch noch neigte. Viel zu schnell war die Fahrt vorbei, ein beeindruckendes Erlebnis, jedenfalls für mich. Noch im Zug sprach ich immer wieder von dieser besonderen Art des Reisens. Während Ernst meine Freude daran nicht teilen konnte, merkte ich einmal wieder, wie groß meine Neugier und die Freude am Lernen und Ausprobieren von noch nie Erlebtem war.

In diesem Jahr hatte ich die Weihnachtsluft eindeutig schon vor den Feiertagen geatmet. Das bewegende Weihnachtsfest mit Schnee, mit Baum, Geschenken und der entsprechenden Stimmung hatte für mich schon in Bonn stattgefunden. Es waren die Proben für das Krippenspiel, die Aufführung gestern zusammen mit Ernst und Wilhelm, die innig-vertraute Stimmung und vor allem das Gefühl der Erwartung. Als ob etwas Schönes, Helles und Freudiges auf mich zukommen würde. Adventus, aus dem Lateinischen, heißt Ankunft, die Zeit der Erwartung und des Lichtes. Vermutlich wird es nicht der Sohn Gottes persönlich sein, aber vielleicht etwas ganz anderes?

Zuhause in Paderborn regnete und stürmte es heftig am Heiligen Abend. Durch das strahlende Gesicht meiner kleinen Schwester kam dann bei mir trotzdem eine kleine Weihnachtsfreude auf.

»Ist das dein Schatz?«

Am Ende der Weihnachtsferien, so hatten wir beschlossen, wollten wir auf gleichem Weg wieder gemeinsam nach Bonn fahren. Herr Franke und Herr Simon, im Stillen nannte ich sie schon lange Ernst und Wilhelm, waren mir nicht aus dem Kopf gegangen. Was für eine unbeschwerte Freundschaft hatte sich da entwickelt. Dass es so etwas zwischen Männern und Frauen geben konnte, ja, geben durfte, überraschte mich. War so das Studentenleben?

Ernst saß im letzten Waggon. Als der Zug in Paderborn einfuhr, sah ich ihn schon aus dem Fenster heraus winken. Seinen Kopf ohne den Hut erkannte ich sofort.

»Da hinten ist Herr Franke«, sagte ich zu Vater und Martha, die mich an die Bahn gebracht hatten. Vater nickte.

»Der Kommilitone aus der Theologie.«

»Ist das dein Schatz?« fragte Martha. Die Antwort sparte ich mir, weil Vater schon den schweren Koffer aufnahm und für mich bis zum letzten Wagen schleppte. Dort nahm Ernst ihn entgegen. Die beiden musterten sich kurz und wortlos. Eine Weile schauten wir gemeinsam aus dem Fenster dem Bahnsteig hinterher und sahen Martha mit Vaters großem weißen Taschentuch winken. Sie trug zum Glück leicht daran, dass ihre große Schwester schon wieder davon fuhr.

Wir berichteten uns von unsern Familienerlebnissen. Er hatte nicht viel zu erzählen, seine Weihnachten waren eher karg gewesen. Seine Eltern starben früh, er war bei seinen alten Großeltern gewesen, die auch nicht mehr gesund waren. Doch freute er sich mit an meinen Erzählungen über Marthas noch kindliche Begeisterung für das Weihnachtsfest. Erst recht jetzt, wo er diesen Wirbelwind kurz hatte erleben können.

Als wir in Barmen ausstiegen, hörte ich einen Pfiff, den Ernst erwiderte. Er richtete sich auf und ließ seine Blicke über den Bahnsteig schweifen. Er erblickte Wilhelm und beide winkten. Ich hatte noch beide Hände am Gepäck, als Wilhelm meine Hand vom Griff löste, in die seine nahm und sie vor Freude drückte. Die beiden Freunde begrüßten sich ebenso herzlich. Wilhelm hob meinen Koffer an, zog mit mir los zum anderen Bahnsteig und wir drei bestiegen den Zug in Richtung Bonn. Wir erzählten uns von den Ferien und sangen wieder, dass die Reise im Nu verging.

In Bonn versprachen mir die beiden, meinen Koffer später abzuholen und zu mir in die Reuterstraße zu bringen. Nachdem sie ihr eigenes Gepäck in ihren Zimmern ausgepackt hatten, zogen sie wieder los und schleppten den schweren Koffer herbei. Oben saß ich schon am geöffneten Fenster und hielt nach ihnen Ausschau. Die Nachmittagssonne schien so warm, ich hatte fast den Eindruck, dass ein Frühlingsahnen zu spüren war. Für einen Moment schloss ich die Augen und genoss die Wärme. Wie sollte ich den beiden bloß danken für ihre Mühe?

»Kann ich denn nicht auch einmal etwas für Sie tun? Ich könnte Ihnen doch einmal Ihre Strümpfe stopfen. Sie könnten dabei sitzen und lernen, wie man es macht.«

Sie lachten.

»Das haben wir in unserm Soldatenleben mehr als genug lernen müssen. Wir können es längst.«

Vergnügt zogen sie ab.

Vokabeln und Freundschaft

Jemand hatte ein Foto von der Krippenszene gemacht. Ernst und ich beschlossen, es zu vervielfältigen und an die Kommilitonen als Gruß zu verschenken. Als Gruß schrieben wir auf die Rückseite:

»Zur Erinnerung an unser Weihnachtsspiel von Helene Schmidt und Ernst Franke.«

Seinem Freund schrieb Ernst einen besonderen Gruß:

»Meinem Wegbruder!«

Das Semester ging weiter. Ich stürzte mich hinein in das Hebräische, eine Sprache mit den fremden und ungewohnten Buchstaben, ähnlich wie im Griechischen. Es machte mir große Freude, sie zu malen, und wenn ich es schaffte, einen Text zu übersetzen, war ich glücklich über meinen Erfolg. In meiner Tasche trug ich stets kleine Zettel mit Wörtern in beiden Sprachen und in Deutsch mit mir herum. So konnte ich in jeder freien Minute schnell ein paar Vokabeln lernen.

Wilhelm traf ich fast täglich im Kolleg und wir plauderten stets miteinander. Neulich erzählte er mir von seiner Freundschaft zu Ernst. Sie wohnten inzwischen zusammen in einer kleinen Zweizimmerwohnung, so dass sie abends oft lange zusammen saßen und sich das Herz gegenseitig ausschütteten. Sie hatten in ihrem Leben viel gemeinsam, zum Beispiel waren beide die Ersten in ihrer Familie, die studierten. So konnte ein tiefes Verständnis füreinander entstehen und die Notwendigkeit, einander zu unterstützen.

Eine solche Freundin hatte ich leider nicht. Im Gegenteil. Es gab nicht viele Frauen an der Universität und ich musste mich meistens alleine durchschlagen. Ich freute mich mit den beiden und für sie.

»Das ist fein, wenn man sich mit einem Menschen so gut versteht.«

Ernst dagegen sah ich leider nicht so oft, wie ich es gerne hätte, denn er gefiel mir ziemlich gut. Ich erinnerte mich immer wieder an unser Wiegenlied und seine Hände an der Krippe, ganz dicht an meinen. Er war außerdem so ein lustiger Vogel. Wir hatten einen ähnlichen Humor und er brachte mich oft zum Lachen. Ich ertappte mich dabei, dass ich bei den Andachten nach ihm Ausschau hielt und oft versuchte, mich neben ihn zu setzen.

Spaß oder Ernst

Als Wilhelm mich eines Tages zur Universität begleitete, lud er mich auf seine Bude ein, einen Kaffee zu trinken, bevor wir weiter ins Kolleg gingen. Ich lehnte es ab.

»Ich darf es nicht. Es könnte zu leicht falsch aufgefasst und beurteilt werden. Ein Mädchen darf nun einmal bei einem jungen Mann, der alleine wohnt, keinen Besuch machen. Und ich darf auch auf meiner Bude keinen empfangen.«

»Dann dürfen wir also auch nicht zu Ihnen kommen?«

»Lieber hätte ich es, Sie kämen nicht. Ich sage das nicht Ihretwegen. Wohnte ich hier bei meinen Eltern oder Verwandten, dürften Sie so viel kommen, wie Sie wollten. Dann würde ich mich freuen. Aber nicht hier, wo ich alleine bin in meinem Zimmer. Wenn es andere erfahren, können sie leicht Verkehrtes denken und erst recht, wenn ich es Ihnen gewähre und anderen nicht. Es sind nicht alle Menschen wie Sie beide. Man kann eben nicht allen jungen Männern so trauen wie Ihnen. Ich wollte das auch Ernst Franke sagen, weil auch er mich besuchen möchte. Erzählen Sie es ihm doch schon, damit es mir nicht so schwer fällt.«

»Das wird ihm sicher leidtun«, meinte er.

»Ja, das habe ich auch gemerkt und ich habe deshalb lange überlegt, wie ich Ihnen das sagen sollte. Aber ich finde keinen anderen Ausweg und sagen muss ich es. Es ist das Schlimmste für eine junge Frau, wenn sie ihren guten Ruf verliert.«

»Gut, ich gebe es an ihn weiter, aber es wird ihm weh tun. Sehen Sie, ich treffe Sie fast täglich im Kolleg und kann mit Ihnen sprechen. Er sieht Sie doch so selten. Darauf freut er sich immer. Es hat sich nun einmal unsere Bekanntschaft so entwickelt und da tut es weh, wenn sie droht abzubrechen. Machen Sie ihm doch die Freude, lassen Sie sich von ihm nach Hause begleiten oder setzen Sie sich in den Andachten neben ihn. Dann sieht er Sie auch zuweilen.«

Ich hörte es gerne, dass Ernst ein Interesse an mir hatte. Er gefiel mir, weil bei ihm mein Humor ein Echo fand. Wie Bälle flogen unsere Scherze manchmal zwischen uns hin und her. Er lachte oft laut über meine Witze von Tünnes und Schääl. Da ich in Köln aufgewachsen bin, habe ich diese beiden verinnerlicht. Mein Lieblingswitz ist:

»Guck mal, da is dinne Aahl. – Für dich immer noch das Fräulein Schmidt.«

Oder den, den meine Schulfreundin Gerti so gerne erzählte:

»Was gucken Sie mich so an? Ich habe mich heute für lange Ärmel gewaschen und musste dann kurze anziehen.«

Eines Tages wurden Ernst und ich von Elisabeth Dauner, der Frau unseres Professors, zum Kaffee eingeladen. Sie schaute mit prüfenden Augen zwischen uns hin und her. Ich fühlte mich nicht ganz wohl dabei. Was dachte sie und wie dachte sie über mich? Das Gespräch verlief jedoch sehr freundlich und ebenso verabschiedete sie uns auch.

Anschließend machten wir einen langen Spaziergang am Rhein entlang, meinem Rhein, der mir von Kindesbeinen an ein guter Freund war. Stundenlang konnte ich dem Vorbeiziehen des Wassers zusehen, ich hatte das Gefühl, meine Sorgen spülte er von mir und nahm sie mit sich fort. Im Moment allerdings hatte ich keine Sorgen, jetzt war ich zufrieden mit Ernst an meiner Seite.

Am nächsten Tag bekam ich eine Nachricht von Frau Dauner, dass sie mich gerne besuchen wolle. Das überraschte mich, doch natürlich empfing ich sie. Ich hatte mich in ihrem prüfenden Blick also doch nicht getäuscht. Zunächst sprach sie ganz allgemein.

»Ein Mädchen kennt keine Kameradschaft zwischen Mädchen und Jungen«, erklärte sie mir. »Zumindest im Unterbewußtsein spricht das Sehnen eine Rolle, das auf eine innigste, dauernde Verbindung zugehen will. Wenn es einmal durchbricht, gibt es kein Zurück mehr. Dann ist es, als hätten sie ihr Herz nicht mehr in Händen. Sie haben es jemand anderem gegeben. Will er es nicht, dann fällt es hin und zerbricht. Mädchen haben nicht die physische Kraft, über solch einen Bruch hinweg zu kommen. Sie brechen dann zusammen und sind für ihr Leben unglücklich.«

Worauf wollte sie hinaus? Ich hörte ihr aufmerksam weiter zu.

»Herr Franke muss sich sehr hüten im Umgang mit Ihnen, damit er nicht die Verantwortung für einen Zusammenbruch tragen muss.«

Das überraschte mich.

»Wie kommen Sie darauf, dass er es ernst oder auch nicht ernst mit mir meinen könnte?«

Darauf antwortete sie ganz eindringlich.

»Herr Franke hat eine ganz eigene Ansicht über das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen. Ich hörte, dass er in Ihnen einen guten Kameraden sieht, mit dem er ein paar Schritte Wegs gemeinsam gehen möchte. Wollen Sie das auch, ein paar Schritte Wegs gemeinsam?«

Ich überlegte schweigend. Noch bevor ich antworten konnte, fuhr sie fort.

»Es gibt jemanden, der nicht ein paar Schritte, sondern durch das ganze Leben mit Ihnen gehen möchte. Sie wissen, von wem ich spreche?«

Ich nickte.

»Schlafen Sie noch einmal darüber.«

Wie kompliziert plötzlich alles wurde. Ich wollte doch einfach bloß mit den beiden befreundet sein und ansonsten vor allem studieren. Warum sollte ich mich entscheiden müssen? Welch eine Sackgasse. Ich fand doch beide so klug, so belesen und fleißig. Ernst war außerdem sehr witzig, Wilhelm dagegen eher besonnen, allerdings auch ein Romantiker.

Ich fühlte mich überrumpelt und war auch erschrocken. Hatte ich etwa beiden Anlass gegeben, über eine nähere Verbindung nachzudenken? Hatte ich gar geflirtet? Ich wusste doch nicht einmal, wie das geht.

Ja, Ernst konnte flirten. Durch sein helles Lachen und intensives Strahlen hatte er mein Herz tatsächlich ein bisschen erobert. Es klopfte deutlich, wenn ich ihn sah. Ich musste es mir eingestehen. Aber auch Wilhelm war ich zugetan. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefielen sie mir. Beide.

Wieder tauchte die Frage auf, warum ich mich überhaupt entscheiden sollte? Frau Dauner war bei dem Gespräch sehr eindringlich gewesen. Fürchtete sie um den guten Ruf der Fakultät? Sollte es wirklich keine Freundschaft geben können?

Ich überlegte und wägte ab.

Ich sei zwar lustig, aber auch sachlich, nüchtern und unromantisch, hörte ich manchmal. Vielleicht war mir das jetzt hilfreich in meiner Ratlosigkeit. Also entschied ich mich.

Am nächsten Morgen traf ich an der Tür zum Kolleg Wilhelm, der mich erwartungsvoll ansah. Mir schoss das Blut in den Kopf, als ich ihn sah. Ich reichte ihm die Hand zum Gruß und wir gingen hinein. Ich hatte eine Ahnung, dass die beiden Männer sich darüber unterhalten hatten, für wen ich mich wohl entscheiden würde. Es bedeutete also das Glück des Einen das Unglück des Anderen. Was für eine Verantwortung.

Wilhelm setzte sich eine Reihe hinter mich. Seine Anwesenheit so dicht hinter mir machte mich nervös, immer wieder hatte ich das Gefühl, mich umdrehen und ihn aufmunternd anlächeln zu sollen, denn nach vielem Abwägen hatte mich für Ernst entschieden. Das tat mir für Wilhelm wirklich leid. Im Anschluss ließ er sich nicht nehmen, sich mit mir auf die Suche nach meinem verloren gegangenen Schlüssel zu machen, den wir sogar fanden. Er begleitete mich noch ein Stück zum nächsten Kolleg. Wir plauderten über das Wandern und als er Ernst erwähnte, schwieg ich lieber.

Am Nachmittag besuchte mich unerwartet Frau Dauner.

»Nanu«, sagte ich, »Sie kommen ja schon wieder.«

»Ja, ich bin geschickt worden, aber ich wäre ohnehin gekommen. Es muss nun Klarheit geschaffen werden. Die Herzen Ihrer Freunde sind zum Zerreißen angespannt. Wem werden Sie nun Ihr Herz schenken?«

Ich zögerte.

»Ich bin doch noch so jung und weiß nicht, ob es sich um die große Liebe handelt.« Ich hielt inne, atmete tief durch und fuhr fort: »Aber ich denke, es ist Ernst Franke. Deshalb muss ich wohl mit ihm sprechen.«

»Und Herr Simon?«

»Herr Simon ist mir ein lieber Freund und Bruder. Ich habe ihn als Ernst Frankes Freund auch für den meinen gehalten. Das soll er mir auch bleiben. Oder glauben Sie, dass er mehr erwartet hat als Freundschaft?«

»Ja«, sagte sie darauf.

Ich schwieg. So viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Dann richtete ich mich auf und sagte: »Er soll mir ein Freund bleiben. Ich will ihm immer mit der entsprechenden Liebe entgegen kommen.«

Eine folgenschwere Entscheidung

Also ließ ich mich nach der nächsten Andacht von Ernst nach Hause begleiten und so kam eines zum anderen.

Von ihm bekam ich neben einem wild klopfenden Herzen meinen ersten Kuss, der mir erstaunlich gut schmeckte. Allerdings erzählte er mir auch, wie sehr Wilhelm für mich schwärmte. Mein etwas schlechtes Gewissen beschloss ich damit gut machen, dass ich Wilhelm das Du anbieten wollte, wenn ich ihn das nächste Mal sah. Ob ihn das wohl versöhnlich stimmen oder gar trösten könnte? Zumindest zeige ich ihm damit seinen Platz, dass er mein Freund bleiben könnte. Ich bat Ernst, es ihm auszurichten.

Am nächsten Abend fand ich vor meiner Tür ein kleines Maiglöckchen-Sträußchen, gebunden mit einem blau-seidenen Bändchen. Daneben lag eine Karte mit den Worten: »Glück auf den Weg! Wilhelm«

Er hatte es verstanden. Ich sah ihn nach der Vorlesung am nächsten Morgen, ging auf ihn zu und bat ihn in eine Fensternische.

»Komm, komm«, begrüßte ich ihn dabei und bot ihm meine Hand. Als er einschlug, sagte ich leise:

»Ich danke dir, Wilhelm«, und huschte davon zur Garderobe. Er kam hinter mir her und half mir in den Mantel.

»Helene, ich danke dir. Du schenkst mir viel Vertrauen.«

In seinem Gesicht stand geschrieben, dass er litt, aber auch, dass er sich Mühe geben wollte, mir ein Freund zu sein.

Am Sonntag ging ich mit Ernst in die Kirche. Wir hielten uns nicht an den Händen, das hätte sich nicht gehört. Dass Wilhelm erbleichte, als er uns zusammen kommen sah, bekam ich nicht mit.

Später erzählte Wilhelm mir von seiner zerstörten Hoffnung nach meiner Entscheidung und zeigte mir ein Gedicht aus diesen Tagen. Schwärmerisch wie er war, gab er so oft seinen Gefühlen Ausdruck.

»Nun muss ich schweigen und stille sein,

Darf heimliche Tränen dem Glück nun weihen,

Das ich verloren.

Muss schweigen und warten auf bess’re Zeit,

Bis mir der Himmel in Gnaden verleiht,

Was er erkoren.

Euch aber will ich als treuer Freund

Zur Seite stehen. - Doch wenn es scheint,

Dass ich genesen,

Denkt, dass dem Herze sein Liebstes geraubt,

Was ich erhoffte, was ich geglaubt,

Ist nie gewesen!«

Er hatte aber auch feststellen müssen, dass der Wettbewerb mit Ernst um mich ihn angespornt hat.

»Wer mich wohl lieber hatte? So hat sich die aus Selbstsucht mitbestimmte Liebe ins Unendliche gesteigert«, bekannte er. »Nach deiner Entscheidung hat sich eine Mattigkeit eingestellt. Was soll ich noch mitlaufen? Ernst hat das Ziel bereits erreicht. Ich frage mich, ob er ohne mich als Mitstreiter noch genauso laufen kann wie vorher?«

Er empfand sich zu der Zeit als einen mächtigen Einspanner, wie er später erzählte. Der Frühling zeigte ihm Menschen, die zu zweit zusammen waren, überall ein Knospen und Blühen. Und er war noch immer allein. Auf der Suche nach einem Inhalt für sein Liebe suchendes Herz machte er sich auf dem Papier Luft:

»Mein Herz ist von Liebe so übervoll,

Und ich weiß nicht, wem ich sie schenken soll.

Ruth gab ich sie erst, und sie nahm sie nicht an.

Helene bekam einen anderen Mann.

Drum bin ich sie heute noch immer nicht los!

Ach, lieber Himmel, was mach ich da bloß?«

Die beiden hatten beschlossen, ihre Männerfreundschaft sollte darunter nicht leiden. Ob sie das wirklich schafften?

Inzwischen war vorübergehend ein kurzes Frühlings-Ahnen eingekehrt. Trotz fleißigen Lernens fand ich viel Freude an Spaziergängen und gemeinsamem Singen, aber noch mehr an den interessanten Diskussionsrunden. Wilhelm sah ich nicht mehr so oft, er hatte sich in die Arbeit gestürzt und damit abgelenkt. Auch Ernst und ich mussten uns unsere gemeinsamen Stunden oft genug von den Lernzeiten abzweigen.

Wir verlobten uns. Trotz dieses aufregenden Ereignisses schien mir am Wichtigsten, zusammen weiter zu studieren zu können. Alles andere würde sich fügen.

Womit ich nicht gerechnet hatte, ist, dass ich nun mein Studium abbrechen musste. So waren die Universitätsregeln. Eine Frau, die das Eheleben vor Augen hatte, war als Studentin nicht mehr geduldet. Wofür auch, hieß es. Sie brauchte schließlich in Zukunft keinen eigenen Beruf. Die Verlobung bedeutete also mein akademisches Ende.

Ich war fassungslos. Hätte ich das vorher gewusst. Hätte ich mich dann auf Ernst eingelassen? Vielleicht nicht. Doch auf wen sollte ich nun ärgerlich sein? Er konnte doch auch nichts für diese Regeln.

Ich bestand darauf, dass ich dieses Semester wenigstens abschließen und noch das Hebraicum ablegen konnte.

Von der Universität bekam ich ein Abgangszeugnis, in dem steht, dass Fräulein Helene Schmidt als Studierende der Nationalökonomie an der hiesigen Universität immatrikuliert gewesen ist. Hinsichtlich ihres Verhaltens ist Nachteiliges nicht zu bemerken. In meinem Vorlesungsbuch wurde mir bescheinigt, dass ich Vorlesungen über hebräische Grammatik, Kirchengeschichte des Mittelalters, Einleitung in die Philosophie und allgemeine Volkswirtschaftslehre gehört habe. Die Prüfung im Hebräischen bestand ich schriftlich und mündlich mit sehr gut und erwarb damit das Zeugnis der Reife im Hebräischen. Immerhin.

Diese Dokumente wollte ich zwar gut aufheben, sie jedoch in der Schublade lassen. Denn sie waren der Beweis, dass ich einmal große Träume hatte und Freude daran, einen ganz anderen Lebensentwurf zu versuchen. Doch wirklich gewagt hatte ich es letztlich doch nicht.

Entzündungsfieber

Ernst wurde allmählich immer stiller, es fiel mir auf. Ich hatte mitbekommen, dass Wilhelm ihn scharf angegangen hatte, er würde sein Pensum nicht mehr schaffen, wenn ich an erster Stelle stünde – bei allem Verständnis.

»Nein nein, mir geht es gut, ich habe nur so viel Arbeit«, antwortete er auf mein besorgtes Nachfragen. Doch recht glauben konnte ich es ihm nicht, er war so blass. Am nächsten Tag in einer Diskussionsrunde sah ich, wie er dicke Schweißtropfen auf der Stirn hatte, obwohl es alles andere als warm im Raum war. Er glühte. Wilhelm und ich halfen ihm zurück in sein Bett. Am nächsten Morgen gab er mir Bescheid, dass das Fieber noch immer hoch war. Ich lief gleich hin und wir beschlossen, einen Arzt zu rufen, der auch bald kam. Er vermutete eine Rippenfellentzündung.

»Hier kann er nicht bleiben, es ist viel zu kalt. Wir müssen ihn wohl ins Krankenhaus bringen.«

Ich bekam einen großen Schrecken. Doch wusste ich ihn dort wenigstens gut versorgt. Leider konnte ich selber nicht mehr länger in Bonn bleiben, denn das Semester war vorbei und ich musste aus meinem Zimmer ausziehen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zurück nach Paderborn zu meiner Familie zu fahren. Von dort aus schrieb ich Ernst fast jeden Tag und schickte ihm Päckchen mit allerlei, was ihm guttun könnte.

Doch eine Besserung war nicht in Sicht. Nach drei Wochen hielt ich es nicht mehr länger aus. Ich musste mir ein eigenes Bild von ihm machen. Also packte ich meine Sachen und fuhr nach Bonn. Auf Nachfrage erlaubte mir meine Vermieterin, einzelne Nächte doch in meinem alten Zimmer zu schlafen, um meine Sorge zu mindern.

Endlich bei ihm erschrak ich noch mehr, als ich ihn sah. Er hatte mich in seinen kurzen Nachrichten stets zu beruhigen versucht. Er fieberte noch immer, bei meinem Besuch sogar hoch bis 40 Grad. Dann fantasierte er, zog an der Bettdecke und sagte immer wieder:

»Das muss weg, ich muss doch zu Helene.«

»Ich bin doch hier, lieber Ernst«, versuchte ich, ihn zu beruhigen, und strich ihm über sein verschwitztes krauses Haar. Er sah mich mit großen Augen an.

Nach einer Viertelstunde musste ich wieder gehen, versprach ihm aber, am nächsten Morgen noch einmal zu kommen.

Ich hatte ihm Eingemachtes mitgebracht, Kirschen und Mirabellen. Nur Obst konnte er essen, sonst lebte er von Wein und Kaffee, dazu etwas Zitronensaft, der das Fieber senken sollte. Wie sollte er von dem bisschen wieder gesund werden? Sein Ernährungszustand war schon vorher nicht gut gewesen. Ich hoffte sehr, dass es bald wieder mit ihm bergauf ging, aber, ob er im Sommer schon wieder würde studieren können?

Es wurde Mai, als ich ihn endlich aus dem Krankenhaus abholen konnte. Erst ganz allmählich kam er wieder zu Kräften. Er schrieb mir voller Freude, dass er zum ersten Mal wieder draußen in der Frühlingsluft gewesen war. Wilhelm hatte ihn abgeholt und sie hatten einen Spaziergang gemacht. Beim nächsten Besuch ist er zurück in sein Zimmer gegangen und hatte als Erstes zu seiner Laute gegriffen. Die Finger wollten zunächst nicht so richtig, doch fanden sie bald wieder ihren Weg über die Saiten. Allmählich dehnten sich seine Wege weiter aus und er wurde mit jedem kräftiger. Mich beruhigte das und wir überlegten, wie es weitergehen konnte. Dass er in diesem Sommersemester würde weiter studieren können, stand noch außer Frage, er würde aussetzen müssen.

Also beschloss ich, und Vater war davon nicht sehr begeistert, meinen Bräutigam über den Sommer zu uns nach Paderborn zu holen und zu hegen und zu pflegen.

Als ich ihn in Bonn abholte, wohnte in meinem Zimmer in der Reuterstraße inzwischen eine neue Theologiestudentin, Maren Ottsen. Eine fröhliche und sehr lebendige Frau, die mir sofort gefiel. Wilhelm, der mir half, meine Tasche aus der Reuterstraße zum Bahnhof zu bringen, bekam leuchtende Augen, als er sie sah. Fräulein Ottsen begrüßte ihn sehr keck, ich sah, wie ihm das gefiel.

»Sie müssen es machen wie Helene Schmidt,« meinte Wilhelm zu ihr, »Sie können Ihr Hebraicum gewiss auch nach einem Semester schon mit sehr gut machen.«

Auf dem Weg zu Ernst fragte ich ihn:

»Ist das nicht ein reizendes Mädel?« Und begann gleich, all ihre Tugenden aufzuzählen, die mir aufgefallen waren. Wie gut wäre es, wenn er auch endlich ein liebendes Herz fände, damit seine Seele Ruhe finden könnte.

Wilhelm brachte uns noch zum Bahnhof und rief uns nach:

»Glück auf den Weg!«

Zu Ernst meinte ich im Zug:

»Du, mir schwant was. Hast du Wilhelms Reaktion auf sie gehen? Sie bleibt wohl auch nicht lange hier.«

Wer suchet, der findet?

Ernst hat Post von Wilhelm bekommen. Es war endlich so weit, sein Herz hatte ein Gegenüber gefunden. Anders als wir erwarteten, war es nicht Fräulein Ottsen, sondern eine Pfarrerstochter, die er schon von Kindesbeinen an kannte. Immer wieder einmal kehrte er bei seinen Wanderungen in seinen Ferien dort ein. In diesen Tagen waren sie sich näher gekommen, schrieb er. Verlobt hatten sie sich noch nicht, aber er stand kurz davor, sie zu fragen. Er war des Lobes voll über sie, wenn ihr auch eine höhere Schulbildung fehlte. Das sei zwar nicht ausschlaggebend für eine Pfarrfrau, aber er hatte das Empfinden, dass man manches nicht mit solchen Mädchen besprechen könnte, weil es Sprachkenntnisse und philosophische Bildung voraussetzte. Natürlich war ihm ein Mädchen mit liebem und treuem Herzen eher willkommen als eines, das einem Wörterbuch der allgemeinen Bildung glich. Doch solch ein Mädchen zu finden war sehr schwer. Wichtig war ihm vor allem Gesundheit an Leib und Seele, ein achtbares Elternhaus und ein Herz, das seinen Heiland kennt. Das fand er in Gertrude Holstemeier.

Wir sahen uns an.

»Wilhelm hat ziemlich hohe Ansprüche«, meinte Ernst und ich pflichtete ihm bei. Da war ich dann tatsächlich nicht die Richtige für ihn gewesen.

Allerdings war Gertrude nicht so stürmisch wie er, schrieb er noch, sie empfand nicht mit seiner Glut.

Wieder sahen wir uns an.

»Wenn das mal gut geht«, sagte ich und diesmal pflichtete Ernst mir bei.

Schürze statt Buch

Da ich bald heiraten würde, riet mir mein Vater, jetzt ganz praktische Dinge zu lernen, nämlich das, was ich wohl als Pfarrfrau brauchte. Damit war ich überhaupt nicht einverstanden. Doch er setzte sich durch. Mit meiner Verlobung war mir nun ein anderer Weg vorgezeichnet. Seufzend nahm ich mir vor, ihn anzunehmen und nach meinem Konfirmationsspruch geduldig und fröhlich in Hoffnung sein. Was das noch alles für mich bedeuten sollte, konnte ich mir damals noch nicht vorstellen.

Solange Ernst noch studierte, machte ich zunächst einmal ein Haushaltsjahr. Da meine Mutter so früh starb, hatte ich von ihr in dieser Hinsicht nicht viel lernen können. Niemand hat mich in solche Dinge eingewiesen, also schien das wohl nötig zu sein - fand mein Vater. Er schrieb ein Bewerbungsschreiben auf eine Anzeige und empfahl mich in einen Pfarrhaushalt.

»Sie wünschen sich ein gebildetes junges Mädchen«, sagte er. Gebildet? Vielleicht konnte es doch gut werden? Also machte ich mich auf den Weg nach Wehrendorf an der Weser. Dort kam ich tatsächlich in einen gebildeten Haushalt. Die Bibliothek war eindrücklich.

»Ja, du darfst dir gerne ein Buch ausleihen und lesen. Aber erst, wenn die Arbeit getan ist«, sagte die Frau des Hauses. So strich ich beim Abstauben die Bücherreihen entlang und suchte mir schon einmal eines aus. Doch zum Lesen kam ich kaum. Ich war neben allem, was ein solcher Haushalt alles an Kraft verbraucht, auch für die Kinder zuständig. Das war das Schönste in diesem Jahr. Die Kinder mochten mich und ich mochte sie. In erster Linie, das musste ich leider sehr schnell erkennen, war ich allerdings für die Wäsche verantwortlich, Stopfen, Bügeln und vor allem Waschen. Warum sollte ich dafür ein gebildetes junges Mädchen sein?

Ich fürchtete, dass ich wohl mein ganzes Leben lang, meine vom eisigen Wasser schmerzenden Finger spüren würde. Im tiefsten Winter musste ich nämlich die Wäsche im Wasser reiben, spülen und auswringen. Ich nahm mir fest vor, wann immer möglich diese Arbeit zu vermeiden und abzugeben. Vielleicht würde ich ja in unserem zukünftigen Pfarrhaushalt auch Hausmädchen bekommen. Zu ihnen würde ich immer freundlich sein. Unsere Bücher dürfen sie ausleihen und ich würde ihnen viel über Kunst erzählen.

Trugschluss

Als wir uns an Weihnachten endlich wiedertrafen, war es plötzlich aus mit Ernst und mir. Er löste die Verlobung, weil ich ihm zu kalt war und zu unnahbar, sagte er. Immer wieder hatte er deshalb auch Augen für andere Mädchen gehabt und verließ mich dann endgültig. Obwohl wir uns doch einander versprochen hatten, hielt ihn das nicht von einer Trennung ab.

»Ich hatte es mir fest vorgenommen, aber ich schaffe es nicht«, sagte er. »Kaum kommt ein Anstoß von der Seite, ist es mit meinem Entschluss vorbei.«

Was war an mir so schwierig? Liebte ich nicht tief genug? War ich nicht leidenschaftlich genug? Nein, leidenschaftlich war tatsächlich nicht meine Sache, aber ich war treu und blieb es auch. Ich hatte schon immer den berühmten langen Atem, der mich durch Höhen und Tiefen getragen hat. Vielleicht hätte ich die Leidenschaft noch lernen können. Hatte ich ihm etwa vorschnell mein Wort gegeben? Ich versuchte, Ernst keine Vorwürfe zu machen, aber es gelang mir nur schwer. Ich war sehr gekränkt. Zum einen, weil er mich vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Zum anderen war es eine Schmach, verlassen zu werden. Sollte ich die Trennung vor meiner Familie mit der fehlenden Leidenschaft begründen? Nein, da würde ich mich schämen.

Nun kam mir ein anderer Gedanke, der mich erstarren ließ. Für das Leben mit ihm hatte ich mein Studium aufgegeben, das war das Schlimmste. Zurück an die Universität war jetzt vermutlich nicht mehr möglich. Vater wollte davon nichts mehr wissen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich auf Ernst. Wie hätte mein Leben ohne diese dämliche Verlobung aussehen können? Ich weinte aus Enttäuschung und aus Wut – wenn mich niemand sah. Die Blöße gab ich mir nicht.

1922

Listen statt Schürze

Endlich war dieses schreckliche Jahr geschafft. Nein, die Arbeit im Haushalt war nichts für mich. Ohne einen Mann an meiner Seite musste ich ohnehin Geld verdienen. Zurück in Paderborn bekam ich bei Vaters Arbeitgeber, dem Reichswehrministerium, eine Anstellung, in der Abteilung Heeresunterkunftsamt. In diesem Büro war es schön warm und insgesamt sehr viel angenehmer als in einer Waschküche. Dort wurde ich Büro- und Kassengehilfin, meine Aufgaben waren das Aufstellen von Lohnlisten, Krankenkassen, Invalidenversicherung und verschiedene Steuerangelegenheiten.

»Sie müssen die Ihnen übertragenen Arbeiten mit Sorgfalt und Fleiß pünktlich und gewissenhaft ausführen und Ihre volle Arbeitskraft den dienstlichen Pflichten widmen«, sagte mein Vorgesetzter. Darauf wurde ich mit Handschlag verpflichtet.

»Gleichwohl verpflichten Sie sich, über dienstliche Tätigkeit strengste Verschwiegenheit zu bewahren, das gilt auch noch nach Ausscheiden aus dem Dienst.«

»Jawohl, verstanden.«

Jeden Monat klebte ich mir gewissenhaft eine Steuermarke für meine Angestelltenversicherung in ein kleines Heftchen. In dem dafür vorgesehenen Feld musste ich diese handschriftlich mit dem jeweiligen Datum entwerten. Manchmal fragte ich mich, ob die Vorlesungen der Nationalökonomie dafür gut gewesen waren. Ich war froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. Solch kleine Tätigkeiten sorgfältig zu erledigen, machte mich zufrieden. Es erinnerte mich ein wenig an meine Briefmarken-Sammlung. Auch damit konnte ich mich lange beschäftigen.

Manchmal wurde ich gefragt, ob mir diese Arbeit gefiel. Auf jeden Fall fand ich sie besser als das Haushaltsjahr. Immerhin entsprach sie meiner Sorgfalt und meinem Ordnungssinn im Kleinen.

Wilhelm sagte später über mich: »Die Mutter ist in den kleinen Dingen ganz groß und in den großen Dingen ganz klein.« Dazu schwieg ich dann.

Leises Anklopfen

Eine Postkarte von Wilhelm kam vom Bodensee. Er studierte inzwischen in Tübingen und war zu Beginn der Semesterferien ein paar Tage auf Schusters Rappen unterwegs. Er dachte an mich, freundlich war die Postkarte. Ich fragte mich, ob Ernst ihm von der Auflösung unserer Verlobung berichtet hatte. Standen die beiden noch in Kontakt, waren sie noch Freunde?

Kurz darauf kam ein ausführlicher Brief. Hier schrieb er über sein bevorstehendes Examen und dass er auf der Suche nach einem Platz für ein letztes, ein besonderes Semester war. Utrecht stand zur Debatte. Er würde überall in Europa hingehen, am liebsten bliebe er allerdings in Deutschland. Und dann kam sein noch immer aktuelles Thema. Er schrieb mir ganz offen, wie es seine Art war, über die Einsamkeit. Er berichtete von seiner Unfähigkeit, ein Mädchen in Liebe an sich binden zu können, im Gegenteil, sie mit seiner Leidenschaft eher zu erschrecken. Dass er ausgerechnet mich zu diesem Thema als Ziel seiner Gedanken auswählte, überraschte mich.

Gleich setzte ich mich an den Sekretär und griff zu Papier und Feder.

»Lieber Wilhelm.

Ich würde mir an Deiner Stelle nicht so viel den Kopf darüber zerbrechen, wer einmal Deine Weggenossin sein wird. Lege alles in Gottes Hand. Wenn er Dich glücklich machen will, dann wird er Dir schon zur Zeit die Augen öffnen und Dir die Richtige in den Weg schicken. Binde Dich nur nicht eher, als bis Du die frohe Gewissheit hast: ,Sie ist die mir von Gott bestimmte‘, und als bis Du die Kraft in Dir fühlst, auch für sie die Verantwortung übernehmen zu können. Helene.«

Er ging mir immer wieder durch den Kopf. Auch die Worte von Elisabeth Dauner, dass er das ganze Leben mit mir gehen wollte. Damals ahnte ich nicht, wie kurz mein Weg mit Ernst werden würde. Der hatte mich verzaubert mit seinem Strahlen, seinem Charme. Nun verzauberte er eine andere.

In Wilhelms Antwortbrief las ich, dass er demnächst auf dem Weg nach Bielefeld sei. Er wollte sich Bethel ansehen, den Stadtteil, in dem die Anstalten lagen und mich gerne auf dem Weg dorthin besuchen. Ob mir das recht sei? Das war es natürlich. Ich freute mich auf den Besuch, denn ich hatte ihn lange nicht gesehen, gewiss eineinhalb Jahre. Zuletzt im Mai 1921, als Ernst aus dem Krankenhaus entlassen wurde und er uns zum Bahnhof brachte.

Er strahlte, als er aus dem Zug stieg. Er sah gut aus, zufrieden und stattlich. Vater gestattete es, ihn bei uns einzuquartieren. Ich zeigte ihm meine Bücher und wir saßen stundenlang zusammen und blätterten darin herum. Dann ließ er sich von mir durch die Stadt führen, wir gingen zusammen spazieren und holten Vater vom Büro ab.

Beide umschifften wir das Thema Ernst, bis Wilhelm irgendwann tief Luft holte:

»Ernst hat mir deinen Abschiedsbrief gezeigt.«

Also wusste er jetzt Bescheid. Jahre später erzählte er mir, dass Ernst ihm auch gesagt hatte:

»Jetzt kannst du gehen, der Weg ist frei.«

Wie gut, dass er jetzt schwieg.

Doch neugierig war ich auch.

»Wie geht es Fräulein Ottsen?«

»Das weiß ich nicht, ich habe sie seit dem Winter nicht mehr gesehen.«

Also hatte ich mich damals geirrt, als ich dachte, mit ihnen beiden könnte es etwas werden.

Jetzt schwieg Wilhelm wieder und ich fragte nicht weiter. Er hatte es also in dem Brief wirklich ernst gemeint, als er von seiner Einsamkeit sprach.

Vorwärts geschaut!

Mein Bruder fand Wilhelm einen beeindruckenden Mann und bat ihn, in sein Album zu schreiben. Das tat er gerne. Erich zeigte es mir später.

»Paderborn, 24.10.1922

Ein treuer Freund kann Dir sein, wer Deine Sehnsucht teilt und ein Bruder, der den gleichen Weg mit Dir gehen will. Aber der beste Freund und der liebste Bruder kann keinen Schritt für Dich gehen. Darum bist Du am Ende immer allein – mit Deinem Gott.

Zum Anfang unser Freundschaft

Wilhelm«

Ich ließ es mir nicht nehmen und bat darum, in sein Tagebuch schreiben zu dürfen, was er mir freudig gestattete. Nach allem, was er mir erzählte, war er ein Zweifler vor allem an sich selbst. Ich wollte ihm Mut und Gelassenheit geben.

»Willst Du ein Ziel erreichen,

ein schweres ohnegleichen,

darfst Du nicht ängstlich schwanken,

nach rechts, nach links nicht wanken:

Nein, vorwärts geschaut!

Auf Gott vertraut!

Dann wird’s gelingen,

Du wirst’s erringen!

(E.Schütze)

Dir, lieber Wilhelm, und Deiner Arbeit wünscht Gottes Segen

Helene«

Zum Abschied schenkte ich ihm mein Hebräisch-Wörterbuch. Er konnte es gut brauchen und bei mir stand es bloß auf dem Bücherbrett herum.

»Auf ein recht baldiges Wiedersehen«, verabschiedete Vater ihn, als er am nächsten Morgen weiter nach Bethel fuhr. Ich horchte auf. Mochten die beiden Männer sich?

Schon zwei Wochen später kam Wilhelm wieder. Diesmal hatte er einen anderen Vorwand. Wir hatten beim letzten Besuch über ein Muster für Stickereien gesprochen und über Bänder und Spitzen. Sogleich hatte er bei seinem Vater nachgefragt und kam mit einem kleinen Beutel voll an. Er musste gleich am nächsten Tag wieder zurück, aber auch diesmal hatten wir schöne Stunden miteinander. Er erschien mir nicht mehr so redselig und leidenschaftlich wie früher. Mein Gefühl sagte mir, er hatte sich ein wenig ausgetobt und ruhte mehr in sich.

Ich wusste selbst nicht so recht, was ich wollte. Es zog mich zu ihm. Meine Sorge war jedoch groß, dass ich wieder enttäuscht würde. Diesmal wollte ich mich gründlich prüfen, nicht wieder voreilig ja sagen. Immerhin hatte er schon für so manches Mädchen geschwärmt. Ich musste sicher sein, dass es ihm wirklich um mich ging und nicht darum, nicht mehr einsam zu sein.

Der nächste Brief kam aus Bethel. Tatsächlich hatte sich Wilhelm dort an der Theologischen Schule für sein vorletztes Semester eingeschrieben. Weil in Bethel eine meiner Tanten wohnte, nutze ich einen Besuch bei ihr als Anlass, mich mit ihm zu treffen.

Er hatte sich sehr gefreut, als ich mich ankündigte, allerdings war an diesem Wochenende auch seine Mutter da.

Bertha Simon, ich hatte sie schon kennengelernt, damals, als ich mit ihm und Ernst nach Hause in die Weihnachtsferien fuhr. In Barmen hatte sie uns ein blitzschnelles Frühstück gezaubert. Vielleicht wäre es gut, auch sie einmal wieder zu sehen. Vielleicht würde ein Treffen etwas mehr Klarheit bringen in meine Gedanken? Eine Mutter ist ja ein wesentlicher Mensch für einen Mann.

So saßen wir zusammen auf dem Sofa im Wohnzimmer des Studentenwohnheimes und Wilhelm ließ uns Kakao bringen. Es war November und kalt, da tat das heiße Getränk gut. Nur Ernst fehlte in dieser Runde. Diesen Gedanken scheuchte ich schnell beiseite. Er hatte sich selbst ausgeschlossen.

Als ich aufbrach, wollte Wilhelm mich unbedingt die kurze Strecke durch den Wald begleiten und ließ dafür sogar seine Mutter eine halbe Stunde alleine. Da es so dunkel war, hängte ich mich bei ihm ein, natürlich nur, um nicht zu fallen. Die etwas ängstliche Tante stand schon am Fenster und hielt Ausschau.

»Du brauchst keine Angst haben, Tante Gerda, ich bin unter männlichem Schutz gekommen.«

»Jaja, ich hab es mir doch beinahe gedacht.«, erwiderte sie. Wir verabredeten noch, dass Wilhelm und seine Mutter uns beide am nächsten Tag zum Spaziergang abholten. Es wurde zwar ein recht kalter und nebeliger Spaziergang, aber so haben wir uns doch wenigstens noch einmal sehen können. Wenn auch ein Spaziergang zu viert etwas ganz anderes war als einer zu zweit.

1923

Wie weiter?

Ernst hatte sich wieder verlobt, hörte ich. Das machte mir mehr aus, als mir lieb war. Er war immerhin meine erste Liebe gewesen. Doch weg mit dem Gedanken. Ob aus Wilhelm und mir etwas wurde, bezweifelte ich. Immer wieder kamen mir seine hohen Ansprüche in den Sinn und ich glaubte kaum, dass ich die Richtige dafür war. Und nur um unter die Haube zu kommen, ging ich bestimmt nicht noch einmal eine Verlobung ein. Es gab gewiss etliche, die durch Leid gute Menschen wurden. Ich glaubte nicht, dass ich dazu gehörte. Ich fürchtete, Leid und Sorgen hätten mich eher schlechter gemacht. Ich fand mich manchmal ungeduldig mit meinen Kolleginnen im Büro meines Vaters und auch mit meinen Geschwistern. Entgegen meinem Naturell hatte ich in diesen Tagen eine eher missmutige Stimmung. Im neuen Jahr 1923, das gerade begann, sah ich für mich keinen Lichtblick. Die Arbeit forderte mich nicht heraus, um mich herum geschah eine Verlobung nach der anderen und ich saß als alte Jungfer dazwischen. Was hatte ich schon vorzuweisen? Ein abgebrochenes Studium und eine abgebrochene Verlobung. In den Zeitungen konnte ich davon lesen, was Frauen jetzt alles leisteten. Sie wurden Pilotinnen und Ärztinnen, wir konnten wählen gehen und uns die Haare kurz schneiden. Wir durften Hosen tragen und ohne Ehemann leben. Für mich schien das alles nicht zu gelten.

Zum Glück hatte ich genügend Dinge, an denen ich mich erfreute. Ich las schon immer gerne oder ich setze mich ab und zu an unser Klavier. Viel konnte ich nicht, aber einige Lieder spielte ich immer wieder. Oder ich nahm die Gitarre, um die Volkslieder aus dem Zupfgeigenhansel zu singen. Dieses Liederbuch der Wandervogelbewegung kannte ich schon seit ein paar Jahren, im Laufe der Zeit wollte ich das gesamte Buch auswendig lernen. So könnte ich jederzeit und überall singen.

Auch meine Briefmarkensammlung, mit der ich mich schon seit meiner frühen Jugend beschäftigte, machte mich zufrieden. Ich hielt regelmäßigen Kontakt zu anderen Briefmarkenfreunden, zu Schulfreundinnen und Verwandten, denen ich fast täglich Briefe schrieb.

Mein reger Briefwechsel mit Wilhelm tat mir gut. Er schrieb so viel über sein Studium, ich konnte mich in seine Überlegungen, seinen Glauben und auch seine Zweifel gut hineinfühlen. Manches Mal versuchte ich auch mein Wissen mit einzuflechten, das schien er anzuerkennen. Dieser Austausch war vor allem für meinen Verstand eine Wohltat.

Anlässlich meines nächsten Besuches bei Tante Gerda ließ ich es darauf ankommen und ging auf dem Weg von der Bahn auf gut Glück bei ihm vorbei. Einen ganz anderen Wilhelm fand ich so vor. Ich entdeckte ihn auf dem Schulhof beim Turnen, bei seinen Freiübungen, in Hemd und Hose. Das war ihm ein bisschen unangenehm, doch was ich sah, gefiel mir. Ein durchtrainierter, stattlicher Mann, dem die Bewegung sichtlich Freude machte. Ich konnte nicht lange bleiben, es wurde nur ein kurzer Gruß, den ich ihm geben konnte.

Wenig später kam er wieder nach Paderborn. Vater hatte nichts dagegen und so wurden es einige Besuche, oft sogar zwei im Monat.

Erst nach einer Weile begriff ich es. Vater hatte nichts gegen eine Verbindung zwischen uns und hoffte sogar, dass ich so endlich unter die Haube käme. Dass Wilhelm bei ihm sogar schon um meine Hand angehalten hatte, wusste ich allerdings nicht. Beide schwiegen dazu.

»Die Milch!«

Über Pfingsten kam er wieder zu Besuch. Zwischen uns war eine immer deutlichere, durchaus angenehme Spannung gewachsen. Entgegen seiner Art schwieg er oft an meiner Seite, wenn wir uns nicht gemeinsam mit einem Bild oder Buch beschäftigten. Ob er sich nicht stürmisch zu meinen Füßen werfen wollte, sich lieber zusammen riss? Ob er Sorge hatte, frühere Fehler zu wiederholen? Diese Frage stellte ich mir immer wieder.

An den Feiertagen hatten wir viel Zeit und wenig Arbeit. Obwohl er mitten in seiner Examensarbeit steckte, hatte er gut vorgearbeitet, damit er diese Tage freihalten konnte. Wir saßen am Nachmittag in der guten Stube auf dem Sofa und lasen in alten Briefen meiner Brieffreundinnen. Ich war in der Küche gewesen und hatte Milch für einen Kakao aufgesetzt. Walters rechter Arm lag wie zufällig hinter mir auf der Sofalehne und wir saßen recht dicht beieinander. Da fand ich die Postkarte von Ernst und ihm, die sie mir zum ersten gemeinsamen Neujahrstag geschrieben hatten. Dort stand zum ersten Mal dieser Satz Glück auf den Weg!

»Kennst du die noch?« fragte ich ihn und sah ihn an.

»Aber natürlich«, antwortete er und blickte mir tief in die Augen.

»Hast du denn damals mit einem Gruß von uns gerechnet?«

»Ich hatte schon Weihnachten darauf gewartet«, erwiderte ich. Es klang wie ein Bekenntnis.

Da spürte ich seine Hand an meinem rechten Arm und wie er meine linke Hand mit seiner linken nahm.

»Ach du, jetzt kommt es also heraus.«

Eine Weile saßen wir so ganz still, ohne ein einziges Wort. Mir wurde eng um die Brust. Plötzlich sprang ich auf.

»Die Milch!« rief ich und lief hinaus in die Küche.

Zum Glück kochte sie noch nicht über, ich kam im allerletzten Moment, um sie vom Feuer zu ziehen. Damit war auch der Zauber vorbei. Es war noch einmal gut gegangen. Blitzschnell flogen die Gedanken durch meinen Kopf. Die Verlobung mit Ernst war schief gegangen. Bitte nicht nochmal diese Schmach. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt in der Lage war, richtig zu lieben. Wilhelm war so unglaublich romantisch. Würde ich ihm geben können, was er haben wollte, vielleicht sogar brauchte? Wenn ich es wagte, wenn ich mich ihm hingab, wurde vielleicht auch klarer, was aus mir werden sollte, nämlich doch eine Pfarrfrau.

Ich musste schon viel zu früh selbstständig sein, jetzt würde ich die Verantwortung für mein Leben teilen können. Mit diesem klugen Mann an meiner Seite, der schon viel erlebt hatte und über das Leben Bescheid wusste, bliebe ich auch dicht an der Theologie. Das alles sprach für ihn. Wie oft hatten wir über biblische Texte gesprochen und uns gegenseitig inspiriert. Wilhelm schien mir zwar ein schwärmerischer, aber auch ein ernsthafter Partner auf Augenhöhe zu sein.

Am nächsten Spätnachmittag fanden wir uns erneut auf dem Sofa wieder. Zog es uns so stark dorthin? Diesmal zeigte ich ihm einen kleinen selbst gefalteten Papierball. Draußen regnete es ununterbrochen und warm war es auch nicht. Er nahm meine linke Hand, um sie zu wärmen, und ich hielt mich spielend an dem kleinen Papierball fest. Als er mir wieder seinen rechten Arm umlegte, hatte ich nur den einen Gedanken. Soll ich oder soll ich nicht? Lange saßen wir ganz still. Da fasste sich Wilhelm ein Herz: »Helene«, sagte er, »dass wir nun hier so sitzen, was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht, dich zu fragen ...«

Weiter kam er nicht. Ich gab mir den letzten Ruck und ließ mich in seine Arme sinken.

»Wenn du mich nehmen willst, wie ich bin, wenn du noch Geduld mit mir haben willst?«

»Natürlich«, flüsterte er.

In der nun folgenden Ruhe, Herz an Herz und Wange an Wange, verschwand die Zeit. Bis wir die Augen hoben und Walter mich bat:

»Helene, gib mir den Brautkuss.«

Unsere Lippen fanden sich. Er küsste anders als Ernst, seine Lippen waren viel weicher, aber auch fordernd.

Anschließend saßen wir lange schweigend umschlungen und hörten den Glocken der Franziskanerkirche zu, die unsere Zeugen wurden.

Marthas Gesicht hellte sich auf, als sie hereinkam und uns so sitzend fand. Auch Erich tat ganz überrascht, als er abends kam und uns Hand in Hand sah.

»Na endlich«, brummelte er.

Am nächsten Morgen gingen wir gemeinsam zu Vater und standen Arm in Arm vor seinem Sessel.

»Was wollt ihr denn?«

»Das, was Sie sehen, Ihnen sagen«, meinte ich.

Vater hob seinen Blick und musterte uns. Seine Augen blieben an unseren Händen haften.

»Ach, das ist mir gar nicht aufgefallen. Ich dachte schon, was ihr wohl Besonderes habt.«

So war er, aus allem machte er einen Scherz oder stellte sich so dumm, dass es ein Scherz werden musste.

Nun setzten wir uns hin und schrieben auch einen gemeinsamen Brief an Wilhelms Eltern nach Barmen. Auch für sie war es vermutlich keine Überraschung, meinte er.

Die feurige Mor

Nun kam er offiziell jeden zweiten Samstag am Nachmittag nach Paderborn und fuhr am frühen Montagmorgen wieder zurück. Er brauchte die restliche Zeit dringend für sein Examen. Deshalb war ich überrascht und auch erschrocken, als er eines Morgens schon früh um sieben Uhr in meinem Büro auftauchte. Was war passiert?

»Wilhelm!« entfuhr mir und die Kolleginnen sahen auf.

Er zog mich kurz hinaus und erklärte mir, warum er gekommen war. Er hätte die Chance bekommen, noch ein Semester in Dänemark anzuschließen, und müsste sich dazu schnell entscheiden. Aber ohne eine Zusage von mir würde er diese Möglichkeit ausschlagen. Für das Examen könnte und müsste er natürlich auch dort lernen.

»So viel Schönes darfst du doch nicht ausschlagen. Nein, fahr bloß hin. Ich freue mich für dich!«

Mit einem Kuss und einer Umarmung bedankte sich der frohe Student und sprang winkend vor Freude um die Ecke auf den Weg zum Bahnhof. Ich ging zurück an meine Listen und merkte erst jetzt, was das für mich bedeutete. Kaum hatten wir uns gefunden, sollte er schon wieder weg. Schade. Ich hatte es dennoch ernst gemeint, was ich ihm sagte, denn seine Freude über die Chance blitzte ihm aus den Augen.

Bevor er fuhr, war mir wichtig, ihn meiner Familie vorzustellen, auch Mutters Verwandtschaft in Rheda. Wir zeigten ihm ihr Grab. Auch von hier musste er bald wieder zurück an den Schreibtisch.

Dann war er weg.

Er schickte mir regelmäßige Briefe und erzählte von seinen Erlebnissen und Gedanken. Wie gut, dass ich auch selbst so gerne Briefe schrieb, so blieben wir in Verbindung. Er war in einer Pfarrfamilie untergebracht und nannte den Pastor und seine Frau Mor und Far, wie in Dänemark Kinder ihre Eltern nannten. Er tat es deren kleinen Kindern nach und fühlte sich schnell heimisch. Zwischen kleinen Aufgaben für die Gemeinde von Pastor Severinsen musste er auch dort natürlich fleißig lernen. Das Examen wartete nicht. Von Mor bekam er viel Mutterliebe, schrieb er, bei Pastor Severinsen erlernte er auch das Buchbinden mit großem Eifer. Für seine eigene Zukunft als Pastor fand er eine Menge Anregungen.

»Ich spreche mit Mor viel über dich, liebe Helene«, las ich. »Ich freue mich, wenn wir uns wieder durch’s Haar fahren können, deine Arme mich festhalten und ich ruhig werden kann. Du bist mein Hafen.«

Wilhelm wirkte unruhig in seinen Briefen, häufig erwähnte er Mor. Einmal traf mich fast der Schlag, als er schrieb, sie habe ihn geküsst. Ich kenne doch ihn und seine schwelende Leidenschaft, was war da passiert? Seine Beteuerungen glaubte ich ihm durchaus, es habe nichts mit mir zu tun, die um ein paar Jahre ältere Mor habe eben so ein feuriges Wesen. Auf jeden Fall hatte er heftige Sehnsucht nach mir, schrieb er – oder überhaupt nach einer Frau? Ich hatte zwar das Gefühl, ihm und seiner unruhigen Natur gutzutun. Doch zu oft tauchte der Gedanke in mir auf, ob ich dieser Aufgabe gewachsen sein konnte. Manchmal wollte er mehr, als ich zu geben in der Lage war. Bei seiner starken Leidenschaft fiel ich immer wieder wie in mich zusammen und wurde ganz passiv. Ja, ich gab mich ihm hin, soweit ich es durfte, solange wir noch nicht verheiratet waren. Hätte ich mich ihm ebenso stürmisch an den Hals geworfen, wäre es um uns geschehen. Hier trug ich die Verantwortung, weil nur ich diejenige war, die uns bremsen konnte.

Ende September kam er endlich aus Dänemark zurück. Ich hatte mich sehr beeilt, um pünktlich aus dem Büro auf dem Bahnsteig stehen zu können. Ich hielt Ausschau und reckte den Hals. Ganz hinten stieg er aus, ließ sein Gepäck fallen und flog auf mich zu. Ich musterte ihn so unauffällig wie möglich. Hatte sein Erlebnis mit Mor ihn verändert? Er war mir gegenüber ausgesprochen herzlich und freute sich so sehr, mich zu sehen, dass ich beschloss, diese Episode zu vergessen. Das Gute im Menschen zu sehen, das kann ich.

Drei Tage konnte er bleiben. Er lernte, während ich im Büro war, und wir genossen heimliche Abendstunden unter dem Sternenhimmel, bei einer Kutschfahrt oder Spaziergängen. Viel zu schnell waren die gemeinsamen Tage auch schon wieder vorbei. Wilhelm fuhr zu zwei letzten Paukwochen, wie er sie nannte, zu seinen Eltern nach Barmen und ich versuchte, so gut es ging weiter zu sparen für meine Aussteuer.

Wie gewonnen, so zerronnen

Inzwischen war die Inflation im vollen Gange. Bei Wilhelms Reisebeginn hatte eine dänische Krone bereits 30.000 Mark gekostet und bei seiner Rückreise ein Vierteljahr später schon 18 Millionen. Ein Dollar kostete 7.194.000.000 Mark. Wo sollte das alles hinführen? Mein selbstverdientes Geld stellte mich zwar zufrieden, jedoch die Entwertung machte mir einen dicken Strich durch die Rechnung. Von dem Lohn, den ich mittags ausbezahlt bekam, konnte ich am nächsten Morgen höchstens noch ein Brot kaufen. Wie sollte ich denn so weiter für meine Aussteuer sparen?

Eines Tages überlegte ich zusammen mit meiner dreizehnjährigen Schwester, was wir mit den Mengen an Papiergeld bloß machen sollten. Martha war schon immer pfiffig, natürlich hatte sie einen Einfall. Am nächsten Sonntag gingen wir zusammen in den Gottesdienst. Zum Glück schienen wir die Einzigen zu sein, die diese Idee hatten, als der Klingelbeutel vorbei gereicht wurde. Wir entleerten meine Handtasche und alle vier Manteltaschen auf Marthas Schoß. Ich hielt den Klingelbeutel gut fest und sie stopfte, so fest sie konnte, die Milliarden hinein.

Inzwischen war Wilhelm zu seinem ersten Staatsexamen in Bonn gewesen. Ich nahm mir ein paar freie Tage und fuhr nach Barmen. Dort wollte ich ihn willkommen heißen, wenn er nach Hause kam. Seine Mutter hatte mich eingeladen, um ihm eine Freude zu machen. Bei Simons kam mir in den Sinn, dass auch ich jetzt diejenige hätte sein können, die von der Prüfung kam. Diese Gedanken kamen und ließen sich zum Glück wieder beiseiteschieben. Was nutzte das Hadern? Warum sollte ich mir Gedanken über etwas machen, das nicht sein konnte? Es würde nur Kummer daraus wachsen. Ich hatte mir fest vorgenommen, meinen Frieden damit zu haben, dass mein Leben nun doch ein frauliches sein würde. Ich wollte mich für Wilhelm freuen, und das gelang mir auch.

Da kam er in die Stube, entdeckte mich, hob mich hoch und drehte sich mit mir im Kreis.

»Dich hält ein angehender Vikar in den Armen!« rief er und strahlte vor Stolz.

Theorien aus Österreich

Wie sollte es nun mit uns weiter gehen? Während ich weiter im Heeresunterkunftsamt arbeitete, suchte er eine Arbeit. Bis das Vikariat begann, musste er von etwas leben, denn seine Eltern konnten ihn nicht mit durchfüttern. Erst wollte er wieder in der Bank arbeiten, die ihn in den Semesterferien immer genommen hatte, doch er bekam das Angebot, ein paar Monate in St. Pölten bei Wien in einer Gemeinde als Assistent zu arbeiten. Das war wirklich weit weg. Er war doch gerade erst wieder aus Dänemark zurück.

Ich hatte mich auf die gemeinsame Zeit gefreut und musste tief durchatmen. Diesem reiselustigen Mann, dem seine Begeisterung für das nächste Abenteuer anzusehen war, konnte ich diese Möglichkeit nicht abschlagen. Er fragte mich zwar wie damals vor der Dänemarkreise nach meiner Meinung, aber die Frage erschien mir eher rhetorischer Art. Er fuhr natürlich lieber mit meinem Segen als gegen meinen Willen. Welche Möglichkeiten hatte ich denn? Wollte ich seinem Glück im Wege stehen? Wäre ich kleinlich, wenn ich ihn für mich haben wollte? Schon in der nächsten Woche hatte er seinen Koffer gepackt und war wieder weg, und ich wartete brav auf seine Wiederkehr.

Vor seiner Abreise hatte er mich gebeten, ein schönes Foto von mir machen zu lassen. Ich hatte ein neues Kleid in gerader Linie und ohne Gürtel bekommen. Die Taille war ganz modern bis auf die Hüfte gerutscht. Es war dunkelblau und hatte einen V-Ausschnitt mit Revers aus Satin. Natürlich zog ich es für das Foto an und war selbst zufrieden mit dem Ergebnis. Vielleicht guckte ich ein bisschen zu ernst. Wilhelm hatte mir gesagt, dass er eines davon seiner Mutter als Neujahrsgruß schicken wollte. Vielleicht war es deshalb besser, nicht zu heiter zu gucken? Ich kannte sie schließlich nur als eine sehr ernsthafte Frau. Anderseits schaute ich auch so, weil der Fotograf ein großes Theater um mich machte. So etwas verunsicherte mich eher. Wilhelm freute sich jedenfalls sehr darüber.

An dem Nachmittag seiner Abreise hatte ich frei bekommen und begleitete ihn zum Bahnhof. Es war für mich eine traurige, aber auch feierliche Stunde, die wir noch miteinander hatten. Zum Glück war ich nie zimperlich. Wann immer er gehen musste, war ich stark. Keine Träne rollte mir aus den Augen. Diesmal war es eine lange Zeit der Trennung. Es war Anfang Dezember und vor Mai sollte er nicht wiederkommen, die Reise wäre einfach zu teuer geworden. Eineinhalb Millionen Mark für eine Strecke, das war für ihn und auch für mich nicht möglich.

Mal wieder war es gut, dass ich so gerne Briefe schrieb. Noch viel besser war, dass die Währungsreform endlich diese furchtbare Inflation gestoppt hatte. Zuletzt musste ich mir gut überlegen, ob ich Wilhelm überhaupt noch einen Brief schreiben konnte. Ein Jahr vorher, im Oktober 1922 kostete das Porto von Paderborn nach Tübingen immerhin schon sechs Mark. Dann stieg es allmählich immer höher. Anfang November dieses Jahres sogar binnen einer Woche von 100 Millionen auf eine Milliarde, für einen einzigen Brief. Dann kam der Schnitt. Heute kostete das Briefporto nur noch zehn Pfennige.

Dadurch schrieb ich noch viel lieber. Ich erzählte ihm von meiner Arbeit, von Vater und Martha, von den Veränderungen nach der Inflation und dem Wetter. Auch er meldete sich in Briefen häufig und ausführlich. Manchmal kam eine kleine Postkarte zwischendurch, wie neulich. Auf der Rückseite stand einfach nur: »Kann i auch nicht immer bei dir sein, hab i doch mei Freud an dir.« So war er.

Immer wieder schrieb er auch über unsere Liebe. Er konnte so kunstvolle Worte schreiben, sie waren oft viel schöner als die gesprochenen. Allerdings hatten sie manchmal eine Klarheit, dass ich beim Lesen nach Luft schnappte. Es waren viele ernste Worte und ich merkte, wie viele Gedanken er sich um uns und sich in Bezug auf mich machte. Ein wenig jagten sie mir Angst ein. Mein Leben kam mir neben dem seinen dann so klein vor. Anderseits war ich mit meinem Leben, mit den Menschen um mich herum und unserm Zusammensein, dem Lachen und Singen beim Stopfen und meiner Büroarbeit meistens ganz zufrieden. Überhaupt fand ich Zufriedenheit eine gute Sache. Das Gute zu finden ist ein hilfreicher Weg zur Zufriedenheit. Wilhelm dagegen war oft getrieben, ein Suchender. Könnte das der Sinn meines Lebens sein? Ihm Halt zu geben? Damit wäre klar, dass ich ein ganz klassisches Frauenleben führen würde, das einer Pfarrfrau. Das heißt bekanntermaßen überwiegend Dienen.

»Wir sind zwei sehr verschiedene Menschen, wenn wir auch im Innersten unseres Lebens den Glauben an die Gnade gemeinsam haben. Doch in unserm Wesen sind wir völlig unterschiedlich. Unser beider Leben wird von zwei Polen aus bestimmt, vom leidenschaftlichen Ich und dem Du sollst der Pflicht. Bei mir wird das Erste vom Zweiten in Schranken gehalten. Bei Dir sollte das Du sollst ein wenig mehr von der wallenden Leidenschaft bewegt werden. Bei mir überwiegt das Impulsive, der starke Trieb, die Wucht des Ich. Bei Dir die stille alltägliche Art, das selbstverständliche Tun, die Nüchternheit. Damit ist uns die Hauptaufgabe für unser gemeinsames Leben gegeben. Du schreibst nie: ,Wie ich so lieb, so lieb Dich hab.‘ Statt dessen: ,Ich bin nicht verliebt in Dich.‘ Kalt, ohne Teilnahme erzählst Du, was Du so erlebt hast, kein Wort von der Freude auf das Wiedersehen, keine Spur von Sehnsucht, so scheint es. Aber ich müsste Dich schlecht kennen, wenn ich Dich danach beurteilen wollte. Ich mit meiner brennenden Leidenschaft, die ich im täglichen Kampfe bremsen muss, mein starkes Verlangen zur Zweiheit.

Ob Ernst deshalb von Dir ging? Ich bleibe bei Dir, liebe Helene. Ein Narr wäre ich und ein Verbrecher, wollte ich Dich von mir schicken. Gott hat uns einander als Aufgabe gegeben. Liebe haben wir beide viel. Ich habe die vom Sturm gepeitschten Wellen, Du hast die tiefe, ruhige See. Uns beiden fehlt etwas, mir die Tiefe, Dir die Leidenschaft. Was ist schwerer zu erwerben? Die völlige Verbindung wird Dir rasch geben, was Dir fehlt. Mein Erwerben muss lange, heiße Arbeit an mir sein.«

Zum Glück waren nicht alle Briefe so. Ich glaube, das hätte mich überfordert. Lieber erfuhr ich, was er machte und worüber er sich freuen konnte. Ab und zu fand ich in einem Brief tatsächlich ein bisschen Humor. Diese waren mir am liebsten, denn so erfuhr ich, dass es ihm gut ging. Humor machte das Leben eindeutig leichter. So berichtete er einmal von einer Zugfahrt nach Wien. Ihm gegenüber saß ein Paar. Er hatte ein wenig im Halbschlaf vor sich hin gedöst und wurde auf ein leises Tuscheln aufmerksam. Durch die Augenlider blinzelnd beobachtete er, wie das Paar seine Beine in den Kniebundhosen betrachtete. Auf eine Zeitung notierte der Mann etwas und schob sie hinüber zu seiner Frau, die daraufhin leise lachte. Nach einer Weile erwachte er demonstrativ, schaute ein wenig aus dem Fenster und tat gelangweilt. Schließlich fragte er sehr freundlich, als hätte er gerade den Einfall gehabt:

»Darf ich mir Ihre Zeitung einmal ausleihen?«

Da konnten sie natürlich nicht nein sagen. Gründlich arbeitete er sich Seite für Seite hindurch und fand schließlich die geschriebene Notiz: »Hat der Mensch Waden!«

1924

Zweiter Versuch

Es wurde Frühling. Von Wien aus fuhr Wilhelm direkt nach Soest ins Predigerseminar. Das war zum Glück nicht weit entfernt von Paderborn, allerdings wurde er dort sehr stark eingespannt. Sonntags konnte er erst am Mittag zu mir kommen und musste Montag in der Frühe schon wieder zurück. Aber immerhin, wir sahen uns fast jeden Sonntag, was für ein Unterschied zu Dänemark und Wien.

Wir beschlossen mit dem Kauf unserer Ringe, unsere Verlobung bekannt zu geben. Die Verwandtschaft wartete schon darauf und kam auf unsere Einladung gerne zusammen. Den 25. Mai 1924 hatten wir als Verlobungstag festgelegt. Vor lauter Vorbereitungen fanden wir erst am späten Abend endlich einen Moment der Stille. Wir legten unsere Hände ineinander und steckten uns die Ringe an.

Am nächsten Tag feierten wir mit der Verwandtschaft. Natürlich hatte ich dafür eine Menge zu tun. Wilhelm beschwerte sich, dass er an diesem Wochenende so wenig von mir hatte. Aber der Kuchen musste ja gebacken, der Tisch gedeckt und der Kaffee gekocht werden. Johanna, unsere langjährige gute Seele, half mir dabei und Martha auch. Vater und Erich rückten die Möbel. Tante Elschen, Mutters Schwester, Onkel Hugo und Tante Jutta kamen aus Rheda und Onkel Robert und Tante Gerda aus Bethel. Von Wilhelms Seite kam seine ganze Familie, seine Eltern Fritz und Bertha, sein Bruder Alfred mit seiner neuen Braut Anne und seinem kleinen Töchterchen Rita aus erster Ehe, Wilhelms Patenkind. Martha, seine erste Frau starb kurz nach ihrer Geburt. Friedrich mit seiner Braut Emmy, Roland und Heinrich und die Schwestern Erna und Lore. Es wurde ein fröhliches Fest mit einem großen Gedränge in unserm Wohnzimmer.

Wir mussten allerdings noch eine ganze Weile warten, bis wir endlich heiraten konnten. Denn wir hatten fast nichts. Vater wollte uns einen Anschub geben und kaufte uns ein Schlafzimmer und ein Esszimmer mit Schreibtisch. Das war schon mal ein gutes Stück unseres künftigen Zuhauses.

Jetzt gehörte ich mit zur Familie Simon. Meine Schwiegermutter feierte im September ihren 50. Geburtstag und ich fuhr ganz selbstverständlich mit nach Barmen. Wilhelm kam am Abend vorher nach Paderborn, um mich abzuholen. Wir hatten am Abend ein gemütliches und sehr sinnliches Stündchen miteinander. Wieder musste ich als die tiefe, ruhige See, wie er mich genannt hatte, alleine die Verantwortung tragen und ihm als vom Sturm gepeitschter Welle die Grenze aufzeigen. Er war solch ein leidenschaftlicher Mann, dass es mir schwerfiel. Es gefiel ihm nicht, aber anders ging es nicht. Hier wurde ich sehr klar, denn unsere Hochzeit war noch nicht in Sicht. Als er sich wieder besinnen konnte, dankte er mir dafür.

»Danke, dass du mich warten lässt. Auch darin liegt ein Segen. Denn sich sehnen bringt Leben, ist Leben. Haben ohne Sehnsucht ist Tod.«

Meist kam Wilhelm zu uns nach Paderborn, doch ich habe ihn auch einmal im Predigerseminar besuchen dürfen. Es war in einem alten Kloster und natürlich durfte ich nur tagsüber in sein Zimmer. Er hatte sich große Mühe gegeben und es extra für mich zurechtgemacht. Alle Spuren der Arbeit beseitigte er, soweit es ging. Einen neuen Lampenschirm hatte er angeschafft und saubere Decken besorgt. Damit wollte er es mir gemütlich machen.

»Verlobt oder verheiratet zu sein ist eine Aufgabe und nicht allein ein gedankenloses Genießen«, fand er.

Im Gegensatz zu mir hatte er sich wieder viele Gedanken um uns gemacht.

»Es ist Geben, Helfen und Dienen, nicht Nehmen, Befehlen und Haben. Da gibt es noch viel zu lernen. Einer passt sich den Besonderheiten des anderen an. Um es einmal modern auszudrücken: Wir erziehen einander. Das sehen und sich gefallen zu lassen, das ist Glück.«

Meist schwieg ich zu solchen Aussagen, sie kamen mir so theoretisch vor. Ich hatte das Gefühl, es gefiel ihm selbst, sich zuzuhören. Doch wenn diese Theorien drohten, mich zu sehr einzuengen, legte ich klar und eindeutig mein Veto ein. Das gefiel ihm längst nicht immer, entsprach es doch nicht seiner romantischen Sicht. Vielleicht könnten wir einander einfach lieben und sich alles entwickeln lassen? Es sollte sich doch gewiss das Meiste fügen, hoffte ich.

1925

Kopf über Wasser

Oft sahen wir uns in der kommenden Zeit nicht. Ich ging täglich ins Büro, während sein zweites Staatsexamen vor der Tür stand. Zu Beginn des Jahres hatte er vor allem damit zu tun. Ich bedauerte es, dass wir uns noch nicht einmal Weihnachten sehen konnten. Da wollte er nach Barmen zu seiner Familie.

Manchmal stritten wir tatsächlich darum, wer was von dem anderen erwartete. Beide waren wir zu selbständigem Leben erzogen und sollten nun mit einem Mal darauf verzichten. Es war natürlich unsere Entscheidung, den Lebensweg zusammen gehen zu wollen. Doch zunehmend merkte ich, dass Wilhelm seine eigenen Wege ging und ich entscheiden konnte, ob ich mitkam oder nicht. War so die Ehe? Stets Kompromisse eingehen zu müssen? An meinem verwitweten Vater hatte ich kein rechtes Vorbild, an dem ich mich orientieren konnte. Eine zweite geplatzte Verlobung konnte ich mir nicht leisten. Davor hatte ich, wenn ich genauer darüber nachdachte, mehr Angst als vor allem anderen. Manchmal hatte ich das Gefühl, alleine sehen zu müssen, wie ich neben Wilhelm meinen Kopf über Wasser halten konnte. Eines stand fest: Zumindest würden wir nicht aus allen Wolken fallen, wenn wir erst verheiratet waren. Ich wollte versuchen, das Gute in allem zu sehen und blickte eher pragmatisch auf diese vor uns liegende Zeit.

Ich bekam wohl einfach nur kalte Füße. Das käme oft vor, meinte Johanna.

Wilhelm teilte mir seine klare Vorstellung am liebsten in einem Brief mit. Denn dann konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen, ohne meine Reaktion sehen zu müssen. Meine fehlende freudige Zustimmung stand mir manches Mal ins Gesicht geschrieben. Ob ich das alles so leben konnte?

»Die Ehe ist eine geistig-seelische Gemeinschaft zweier Menschen, im Gleichgewicht mit den natürlichen Banden zwischen Mann und Weib. Für solch eine Ehe ist es nicht gut, wenn die geistigen Probleme immer wieder erstickt werden im Sinnlichen. Sie kommen dann wieder und sprengen die Ehe, sobald der Reiz des Sinnlichen der Gewohnheit des Alltags Platz macht.«

Natürlich würden wir keine normale Ehe führen, das war auch mir klar. Sondern eine, die auch unter dem starken Einfluss der Öffentlichkeit stand. Wilhelm wurde schließlich Pfarrer und ich damit eine Pfarrfrau. Ein Pfarrer war ein Hirte und alle anderen die Schafe. Vielleicht könnte ich in Zukunft wenigstens eine ergänzende Hirtin sein?

Während wir dabei waren, die Grundlagen für unser Miteinander neben der Liebe auszudiskutieren, veränderte sich mein Vater. Er wurde ganz weich und offen, seine Augen strahlten und ich kam erst allmählich dahinter, was mit ihm los war. Er war verliebt. Auf seine alten Tage hatte er einer jungen Frau, die dreißig Jahre jünger und damit nur zwei Jahre älter war als ich, sein Herz geschenkt. Zunächst war ich etwas erschrocken. So ein alter Mann und so eine junge Frau. Solche Verbindungen gab es jedoch öfter. Mich überzeugte, wie glücklich beide zusammen waren. Luise Hösen hieß sie, war katholisch und stammte aus dem Elsass. Es dauerte nicht lange und die beiden heirateten. So bekam ich eine Stiefmutter, die mir zur Freundin wurde, denn wir mochten uns auf Anhieb. Immerhin konnte ich auf diese Weise meinen Vater, der ja inzwischen auch schon achtundfünfzig Jahre alt war, in ihren Händen gut versorgt wissen. Denn ich würde demnächst das Haus verlassen.

Eine neuer Funken

Kurz vor seinen Prüfungen Ende März kam Wilhelm plötzlich unerwartet zu einem kurzen Besuch. Wieder hatte er eine neue Idee. Während wir auf der Promenade entlang eines Militärkonzertes spazieren gingen, berichtete er mir gegen die laute Musik an von seinem Plan. Die Volkshochschule Lindenhof in Bethel plante die Gründung einer zweiten Volkshochschule in Westfalen. In Lienen bei Tecklenburg hatte man einen geeigneten Hof dafür gefunden und gekauft. Nun wurde nach einem Leiter dieser neuen Einrichtung gesucht und jemand hatte seinen Namen ins Gespräch gebracht. Er war begeistert von dieser Chance, die er gerne ergreifen wollte, wenn er es selbst auch kühn fand, mit erst 26 Jahren schon zu den Sternen zu greifen.

Zunächst war ich etwas befremdet. Wollte er denn nicht Pastor werden? Doch je begeisterter er mir davon erzählte, desto mehr konnte ich mich dafür erwärmen. Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen reizte mich bald. In mir still begann eine winzige Hoffnung zu keimen. Ob ich vielleicht auch dort arbeiten könnte, anstatt eine Pfarrfrau zu werden? Vielleicht unterrichten? Das wäre besonders reizvoll für mich. Ich sagte dazu noch nichts, diese Hoffnung wollte ich in mir erst noch weiter betrachten, bevor ich mich davon verabschieden musste.

Als wir nach Hause kamen und Vater davon erzählten, sagte dieser gleich:

»Fahr hin und stell dich vor.«

Das tat er. In der Folge kam nach wenigen Tagen ein Telegramm.

»Erbitte Volkshochschule Mittwoch Donnerstag besuchen - Bibelbesprechung halten - Braut mitbringen.«

Braut mitbringen? Ich bekam einen großen Schrecken. So konkret wurde es plötzlich? Warum sollte ich dabei sein?

»Ob ich wohl kochen muss?«

Kochen war gar nicht meine Stärke. Wenn sie meine Haushaltsfähigkeiten überprüfen wollten, bekam er die Stelle nie.

Mein Vorgesetzter, der gerne zur Flasche griff, gab mir für diese Reise zum Glück frei. Schon manches Mal war er mir ein wenig zu nahe gekommen, was mir schrecklich unangenehm war. Wieder schien er nicht ganz nüchtern zu sein, als Wilhelm mich abholte, wie so oft. Frei heraus sagte er:

»Sie können mir glauben, Herr Simon, Ihre Braut liegt mir mehr am Herzen als Ihnen.«

»Nanu?« erwiderte Wilhelm.

»Sie ist wirklich ein liebes Mädel.«

»Da gebe ich Ihnen Recht.«

Ich zog an Wilhelms Ärmel, es wurde höchste Zeit, dass ich aus diesem Büro endlich heraus kam.

Am nächsten Tag besichtigten wir die Volkshochschule Lindenhof in Bethel. Zunächst hospitierten wir bei einer Deutschstunde der jungen Frauen, sie besprachen die Gretchen-Tragödie des Faust. Das war genau das Richtige für mich, Nahrung für meinen Verstand. Begeistert hörte ich zu. Am Nachmittag hielt Wilhelm für die jungen Männer eine Religionsstunde. Am Abend trafen wir die gesamte Lindenhof-Gemeinde. Dazu gehörten die Schülerinnen und Schüler, die Lehrer, die Familie des Leiters und das Haushaltspersonal aus Wäscherei und Küche.

Ich glaubte, dass wir ein recht gutes Bild von uns gezeigt hatten, obwohl wir beide noch sehr jung waren.

Bald war es tatsächlich so weit. Wilhelm bekam die Stelle als Leiter der Außenstelle des Lindenhofes in Lienen. Ich freute mich für ihn und für mich. Gerechnet hatte ich im Heeresunterkunftsamt täglich, Rechnen lag mir schon immer. Da kein Lehrer zur Verfügung stand, wurde ich tatsächlich damit beauftragt. Ich freute mich sehr, der kleine Keim in mir wuchs. Allerdings gab es dazu gleich eine Einschränkung.

Bei der Ehefrau des Leiters des Lindenhofes hatte ich den Eindruck hinterlassen, dass ich noch sehr »im Gebiet des Intellektuellen leben« würde. So wurde sie zitiert. Ich hätte anscheinend noch »zu wenig Fühlung mit dem alltäglich Fraulichen gehabt«. Wilhelm hatte dem entgegengesetzt, dass ich einen humanistischen Bildungsweg durchlaufen hatte und in den entscheidenden Jahren die Mutter entbehren musste. Dennoch würde ich gewiss Freude am Beruf der Hausfrau haben. Ich fürchtete, dass er sich darin irrte, schwieg aber dazu. Er versuchte, sich für mich einzusetzen, und empfahl, sich im Pfarrhaus in Wehrendorf über mich erkundigen. Dort hatte ich ja alles gelernt, was es für den Haushalt zu lernen gab.

Mit dem Lindenhofleiter kam er überein, dass ich noch ein paar Monate dort in die Aufgabe als junge Hausmutter eingearbeitet werden sollte. Ich stimmte zufrieden zu, da meine Zukunft rosig vor mir lag.

Endlich konnte ich meine Bürostelle kündigen. Endlich bekam ich einen Beruf, der mir Freude machte und wobei ich meinen Verstand einsetzen konnte. Noch dazu gemeinsam mit Wilhelm. Heiter und beschwingt packte ich meinen Koffer für den Lindenhof. Natürlich konnte ich mich auch in die Rolle der Hausfrau hinein versetzen, es war nur nicht meine Leidenschaft. Aber nicht Pfarrfrau zu sein, sondern Hausmutter für viele junge Menschen, und auch noch Lehrerin, das gefiel mir. Dafür nahm ich die Schürze in Kauf.

Wilhelm hatte schon im Mai in Lienen seine Stelle angetreten, um die Umbauarbeiten zu überwachen und Kontakte zu knüpfen. Über den Himmelfahrtstag besuchte er mich im Lindenhof und über Pfingsten trafen wir uns in Paderborn. Endlich einmal wieder Zeit für uns alleine, in der wir planen und uns freuen konnten.

Wir ließen ein erstes Foto von uns beiden machen. Darauf sitzt Wilhelm vor mir und ich schaue mit glücklichem, ganz weichem Blick auf ihn herab. Mein Bräutigam blickt mit verklärten Augen in unsere allmählich näher rückende, gemeinsame Zukunft. Meine Hand mit dem Verlobungsring hängt deutlich sichtbar über seiner Schulter. Das wollte der Fotograf unbedingt so, ich fand es etwas übertrieben.

Ich war sicher, diesen Mann zu lieben. Ich war jetzt hoffnungsvoll, dass es eine gute Ehe mit ihm werden würde, denn auch er liebte mich eindeutig. Wir führten kluge Gespräche und malten uns unsere gemeinsame Zeit in der Volkshochschule aus. Dieser neue Lebensentwurf machte mir Mut. Jetzt ging es nicht mehr um Wilhelms Theorien zur Ehe, sondern wir würden zusammen arbeiten können. Zwar hatte ich kein abgeschlossenes Studium, aber diese Verbindung war Teil unserer gemeinsamen Basis. Alles Weitere würde sich fügen.

Ich war vierundzwanzig Jahre alt und glücklich.

Schürze mit Zukunft

Im Lindenhof lernte ich viel über die Bedeutung der Frau für den Geist eines Hauses, wie es hieß. Wilhelm fuhr noch einmal auf Reisen. Er wollte sich ganze zehn Wochen lang in Dänemark die dortigen Volkshochschulen anzusehen. Sie waren Vorbild für die unseren in Deutschland. Er erhoffte sich von der langen Reise viele gute Anregungen und Erfahrungen für den Lehrplan, Handwerkszeug, Ideen und Regeln, die sich schon bewährt hatten.

Wie gerne wäre ich mitgefahren. Davon hätte ich gewiss mehr profitiert als von dieser erneuten Haushaltszeit. Doch das stand überhaupt nicht zur Debatte. Zehn Wochen, das war fast ein Vierteljahr. Auch Pastor Severinsen wollte er wieder besuchen. Als er endlich zurückkam, war zum Glück von Mor keine Rede mehr. Ich war in der langen Zeit ein bisschen unsicher geworden, hatte mir allerdings fest vorgenommen, ihm zu vertrauen. Was auch sonst? Schließlich wollte er mich zu seiner Ehefrau machen und nicht sie.

Nun dauerte es nicht mehr lange und es wurde September. Wir konnten endlich heiraten.

Kartoffeln und ein fehlender Finger

Mein zukünftiger Ehemann feierte kurz vor der Hochzeit seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Er war ein sehr attraktiver Mann mit einem weichen Gesicht, dichtem zurückgekämmtem Haar und einem kleinen Oberlippenbärtchen über seinem sinnlichen Mund. Seine Augen funkelten lebhaft und sahen hell und klar in die Welt.

Seine Kriegserlebnisse als junger Soldat an der Front in Frankreich schienen fast spurlos an ihm vorbei gegangen zu sein. Bis auf seine Handverletzung, die war natürlich stets sichtbar. Er erzählte lange nichts aus dieser Zeit. Lieber berichtete er von der lustigen Kartoffelgeschichte. Ich war froh, dass er überhaupt Lustiges zu erzählen hatte. Vielleicht konnten die Anekdoten diese schwere Zeit in den Schützengräben etwas leichter klingen lassen?

Ein Kamerad hatte eines Tages vor Hunger Kartoffeln von einem Feld neben der Division geklaut, war vom Bauern erwischt worden und musste sie abgeben. Mehr passierte ihm zum Glück nicht. Das hätte auch anders ausgehen können. Wilhelm selber durfte sich häufig in der Küche des Bauernhofes aufwärmen und auch zum Lesen dort aufhalten, weil die Bäuerin ihm zugetan war. Er erinnere sie ein wenig an ihren eigenen Sohn, der auch ein Bücherfreund war. Vielleicht würde auch ihm jemand eine warme Stube geben, hatte sie erklärt. An diesem Abend fragte sie ihn, ob sie ihm ein paar Pommes frites machen sollte. Sie habe nämlich von den Amerikanern gerade gutes Fett bekommen. Pommes frites kannte er bis dahin nicht, aber sie schmeckten ihm außerordentlich gut. Die Portion war allerdings für seinen Magen so ungewohnt riesig, dass er es nicht schaffte, alles aufzuessen. Ob er noch einen Kameraden holen dürfte? Aber gerne. Wilhelm holte seinen Freund, es war eben jener, dem die Kartoffeln vorher abgenommen wurden. Er hatte sich inzwischen gründlich gewaschen und sogar rasiert. Dennoch war er nervös und hatte große Sorge, wiedererkannt zu werden. Jedoch blieb der Bauer auf dem Feld. So entstand unerwartet eine völkerverbindende Mahlzeit, wie ihnen plötzlich bewusst wurde: Kartoffeln von einer freundlichen Französin, ausgebacken in amerikanischem Fett und zwei deutsche Kameraden mit vollem Magen.

Wilhelm erlebte natürlich auch viel Elend, mich erschreckten seine seltenen Erzählungen. Am liebsten wollte ich ihnen nicht zu viel Bedeutung zumessen. Meine Art war grundsätzlich ein offener Blick in die Zukunft, wenn möglich sogar ein humorvoller. Doch das kam bei Wilhelm nicht immer gut an. Er schmunzelte höchstens leicht, Missbilligung zeigte er zunächst durch ein winziges Hochziehen seiner Augenbrauen. Ich kannte das schon. Vielleicht war der heitere Blick meine Aufgabe an seiner Seite?

Er war in Frankreich in einem Schützengraben verschüttet gewesen und bekam später eine Verwundung am Bein, die er bei Berlin auskurierte. Wieder zurück in Frankreich wurde ihm bei der Gefangennahme durch die Engländer sein rechter Zeigefinger abgeschossen. Eine große Wunde klaffte bis hinunter zum Daumen. In der englischen Gefangenschaft in Dorchester hatte Wilhelm nicht zu leiden. Die Wunde wurde versorgt, er wurde gut behandelt, bekam genug zu essen und die Hand konnte in Ruhe heilen. Einen Freund für das Leben fand er dort auch, Walter Serkott, mit dem er später zusammen studierte.

Im November 1918 kam er wieder nach Hause. Die Entscheidung, evangelische Theologie zu studieren für den Fall, dass er den Krieg überleben sollte, war nun klar. Schon als Schüler hatte er darüber nachgedacht.

»Der Herr hat während des Krieges so oft seine schützende Hand über mich gehalten«, sagte er.

Als ich die vernarbte Hand zum ersten Mal sah, war ich erschrocken. Ich wollte natürlich wissen, was mit ihr passiert war, mochte aber nicht gleich fragen oder sie gar anstarren. Wilhelm merkte damals mein Interesse, erzählte mir jedoch erst später, dass ihm der Finger in Frankreich abgeschossen worden war. Als ich sah, wie viele junge im Krieg verwundete Männer ohne Arme oder Beine oder mit verbrannten Gliedmaßen und Gesichtern auf den Straßen zu sehen waren, hatte er mit nur einem verlorenen Finger großes Glück gehabt.

Wenn wir uns an der Hand hielten, fühlte sie sich für mich zunächst fremd an. Der Handteller war schmaler, die Proportionen waren anders als normal. Ich musste mich daran gewöhnen. Doch ich war beeindruckt, mit welcher Energie und Geduld er das Schreiben und sogar das Gitarrenspiel wieder gelernt hat und wie gut er den fehlenden Finger ausgleichen konnte.

Wilhelm war nur selten fröhlich und leichten Sinnes. Er hatte einen eher vernünftigen Humor, der nicht immer zu meinem passte. Meist war er ernst und machte sich viele Gedanken um Gott und die Welt. Ihm war schon immer eine klare Haltung wichtig, zum einen sie zu haben und auch dazu zu stehen, komme was wolle. Er hat sich und uns im Leben damit nicht nur Zustimmung einhandelt, er brachte damit oft Zündstoff in seine Beziehungen und gefährdete später damit sogar unsere ganze Familie.

Am 6. August 1898 wurde er in Wuppertal-Barmen in eine freie evangelische Gemeinde hinein geboren und wuchs in diesem Geiste auf. Mit der Überlegung, vielleicht anschließend evangelische Theologie zu studieren, ließ er sich taufen, bevor er 1917 nach Frankreich in den Krieg zog.

Schon als Kind musste Wilhelm zuhause mitarbeiten, indem er bereits morgens vor der Schule Wäschepakete austrug. Seit die Firma seines Vaters Fritz bankrott ging, ernährte vor allem seine Mutter Bertha die große Familie. Sie baute zuhause eine Wäscherei auf (Waschen, Stärken, Bügeln) und spannte alle sieben Geschwister mit ein. Bertha hatte stets alles im Griff und packte die Dinge, die getan werden mussten, beherzt und patent an.

Da ich nie eine leidenschaftliche Hausfrau war, hatte ich es mit meiner Schwiegermutter oft nicht leicht. Ich versuchte, gelassen zu bleiben, wenn sie zu Besuch kam, aber vor allem in den ersten Jahren musste ich schlucken, wenn sie mir mein Unvermögen zwar durch die Blume, aber doch deutlich zeigte.

Wilhelms älterer Bruder Alfred ist zwei Jahre älter, ihm folgten Erna, Friedrich, Roland, Lore und Herbert. Bertha bekam sieben Kinder in acht Jahren. Das allein war neben ihrer Berufstätigkeit schon eine echte Lebensleistung und hatte immer meine Hochachtung.

»Helene und ich«

Wilhelm war sehr in mich verliebt. Einmal noch packte er sein Gedichtbüchlein aus und schrieb einen letzten Text:

Am 25. September 1925

Morgen haben wir Hochzeit.

Helene und ich.

Gott hat nun unsere Wege gewusst.

Er hat uns nicht unsere Wege laufen lassen.

Seit ich Helene habe, habe ich keine Gedichte mehr geschrieben.

Seit ich lebe, träume ich nicht mehr.

Morgen feiern wir Hochzeit!

Helene und ich!

Vormittags hatten wir den Termin in Paderborn beim Standesamt. Ich ging als Fräulein Helene Schmidt hinein und kam als Frau Helene Simon wieder heraus. Das war der erste Schritt. Am frühen Nachmittag wurden wir kirchlich getraut. Wir hatten so wenig Geld, dass mein Hochzeitskleid entsprechend ausfiel. Meine hellen Spangenschuhe wurden noch einmal auf Hochglanz poliert, das dunkelblaue Kleid mit der tiefen Taille und dem Satinkragen neu aufgebügelt. Tante Liesel, Vaters zweite Frau, die er erst vor kurzem geheiratet hatte, lieh mir ihre weißen Strümpfe und auch ihren Schleier, den ich mir mit ein paar Sonnenhutblüten im Haar feststeckte. Septemberzeit ist Sonnenblumenzeit, also trug ich einen Brautstrauß aus fünf Stielen, zusammengebunden mit Efeu.

Wie glücklich war ich an diesem Tag. Mein Leben mit diesem Mann lag wie ein offenes Buch vor mir, ich freute mich darauf.

Vater hatte uns zwei Kutschen von der Standortverwaltung gemietet, mit der wir zur Abdinghofkirche fuhren. Wilhelm, den eine Sonnenhutblüte am Knopfloch als den Bräutigam auswies, saß mit Martha im ersten Wagen. Sie war damals fünfzehn Jahre alt und konnte kaum still sitzen vor Aufregung, dass gerade sie mit ihrem neuen Schwager vorausfahren durfte. Sie hatte so lange gebettelt, bis ich auch ihr eine Blüte ins Haar gesteckt hatte.

»Du siehst schön aus«, hatte sie gesagt. Sie war so beeindruckt, dass sie entgegen ihrer Natur immer stiller wurde.

»Ob ich auch einmal heiraten werde?«

»Bestimmt«, beruhigte ich sie. »Warte nur ab.«

Im zweiten Wagen fuhr ich mit meinem stolzen Vater hinterher.

Als wir an der Kirche ankamen, war diese allerdings noch verschlossen und weit und breit niemand zu sehen. Das sorgte für Verwirrung. Zehn Minuten warteten wir in der Hoffnung, dass unsere Trauung nicht ausfallen musste. Da kam der Pastor mit hochrotem Kopf endlich angelaufen. Er hatte die Zeit aus den Augen verloren. Die nächste Verwirrung folgte gleich auf dem Fuße. Wilhelm hätte unser neues Familienstammbuch mitbringen müssen, daran hatte er nicht gedacht. Eigentlich konnten wir ohne das Dokument nicht getraut werden. Aber der Pastor drückte ein Auge zu, als er unsere erschrockenen Gesichter sah.

Aus Geldmangel feierten wir im engsten Kreise. Das hieß, dass wir zum Mittagessen zurück in Vaters Wohnung gingen, dieses Mal ohne Kutschen zu Fuß. Mit uns um den Tisch saßen unsere Eltern, Claus und Tante Liesel, Fritz und Bertha, dazu Martha und Erich, damit waren wir schon acht. Dazu noch zwei von Wilhelms Geschwistern, Erna und Herbert.

Am späten Nachmittag fuhren wir auf Hochzeitsreise nach Höxter an der Weser. Eines der Hochzeitsgeschenke war eine Fahrkarte der 2. Klasse anstelle der üblichen 3. Klasse. Das bedeutete ein angenehmeres Reisen auf gepolsterten Sitzen. Angekommen wohnten wir vier schöne Tage lang in der Pension Wilhelmshöhe mit einem herrlichen Blick über die Stadt und auf die Weserberge. Obwohl das Wetter wenig freundlich zu uns war, machten wir Spaziergänge und begannen unser gemeinsames Leben. Einmal sind wir dabei in einen Platzregen geraten und kamen bis auf die Haut durchnässt nach Hause. Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als so lange unter der Bettdecke zu bleiben, bis die Kleider trocken waren.

Viel zu schnell flogen diese innigen Tage vorbei. Von dort aus ging die Fahrt direkt in unser erstes eigenes Heim, nach Lienen.

Herbergsmutter und Lehrerin

Am Bahnhof angekommen erwartete uns eine große Überraschung, wir wurden mit einem blumengeschmückten Wagen abgeholt. Als wir in unseren neuen Hof einbogen, begrüßte uns Chor-Gesang. Die ersten Sommergäste waren schon eingezogen und schmetterten zusammen mit dem Hauspersonal das vierstimmige Lied »Du meine Seele, singe!«

Was für ein freundliches Willkommen. Wir strahlten vor Freude. Wir kannten diesen Liedsatz auch und stimmten freudig mit ein. Wilhelm ließ seinen dröhnenden Bass erklingen und ich sang die Altstimme.

Für meine Aussteuer hatte ich all die Jahre in Paderborn gespart. Neben den Möbeln von Vater waren ein ovaler Esstisch mit Stühlen, ein Sekretär und ein Vertiko, alles Hochzeitsgeschenke, bereits geliefert worden. Alles Weitere schafften wir uns nach und nach von Wilhelms Gehalt an. Meine kleine Entlohnung kam in die Spardose. Uns standen drei Zimmer zur Verfügung. Wir hatten schon auf Papier unsere wenigen Möbel gerückt. Es gab ein Schlafzimmer direkt neben dem allgemeinen Speisesaal. Dort passten unser Schrank, die Betten und die Kommode gut hinein. Von dort aus gingen wir in unsere Wohnstube und von da weiter ins Esszimmer, in dem Wilhelm eine Arbeitsecke für sich abgetrennt hatte. Eine Küche brauchten wir nicht, weil wir mit der Gemeinschaft essen konnten, ich also zum Glück nicht selber kochen musste.

Im Außengelände gab es einen Stall mit einem Pferd, einigen Ferkeln und fünf Kühen. Zum Haus gehörte der große Mischlingshund Ingo. Ein Bächlein floss durch die Wiesen, hier wollte Wilhelm unbedingt eine Bademöglichkeit einrichten lassen.

Das war also »unsere« Volkshochschule.

Gleich am nächsten Morgen ging die Arbeit los. Ich begleitete Wilhelm zu allen Terminen, wo es nur möglich war. Es war für mich reines Glück, mit ihm die Gegend zu erkunden, sich überall vorzustellen und zusammen für die Volkshochschule zu stehen. Wir fühlten uns gemeinsam für deren Gedeihen verantwortlich. Hier war ich in meinem Element, es war für mich eine sinnvollere Arbeit als das Erstellen von Lohnlisten und ein Vielfaches besser als das Waschen von Wäsche. Auch wenn gewiss beides nötig war im Leben.

In den Gemeinden, in denen er sonntags ab und zu predigen sollte, rührten wir die Werbetrommel. Wir waren drei Tage beim Pfarrer im benachbarten Tecklenburg eingeladen, zogen von Hof zu Hof und machten Besuche bei allen Bauernfamilien der Umgebung. Gerade die mit erwachsenen Söhnen und Töchtern kamen für uns in Frage. Begeistert erzählten wir von den Weiterbildungsmöglichkeiten für die jungen Menschen und hofften, dass unser Funke übersprang. Ich wurde auch nicht müde, bei Händlern, Fabrikanten und wohlhabenden Bauern, um Spenden zu bitten, um allen geeigneten jungen Menschen Verpflegung, Unterkunft und Unterricht zu ermöglichen.

Endlich war es soweit. Die Evangelische Volkshochschule Lienen wurde als eine Außenstelle der Volkshochschule Lindenhof in Bethel offiziell gegründet und feierlich eingeweiht. Höhepunkt war »Pastor Fritz«, wie Wilhelm Friedrich von Bodelschwingh nannte. Er hielt als Leiter von Bethel den Festvortrag vor über 400 Menschen im Gemeindehaus von Lienen. Dass so viele Menschen kamen, machte mich sehr glücklich. Wir stießen wohl ein dringend benötigtes Projekt an. Bodelschwingh zu hören war ein besonderes Erlebnis, fand Wilhelm.

»Er hat ein in Liebe brennendes Herz und schenkt einem großen Reichtum, wenn man ihn hören darf.«

Ich war auch beeindruckt von ihm, würde es vielleicht nüchterner formulieren: Er war ein hervorragender Redner. Vermutlich meinten wir dasselbe.

Unser Ansatz war, ein Angebot für die ganze ländliche Bevölkerung ohne Rücksicht auf Vermögen und soziale Stellung zu machen. Wir wollten, wie es der Name sagt, eine Volkshochschule sein, weder Fachschule, höhere Schule noch Universität. Wir wollten auch nicht in Konkurrenz treten mit anderen Fortbildungsschulen.

Wilhelm drückte es noch einmal anders aus. Das zeigte seine tiefe Verbundenheit mit der Idee.

»Wir wollen dem ganzen Menschen etwas geben für Geist, Seele und Leib, und alles, was unsere jungen Bauern in sich aufnehmen, soll zu ihnen als den Bauern sprechen, aus ihrer Umgebung, ihrer Anschauungswelt erwachsen sein. Darum muss die Heimatsprache, die Heimatgeschichte, die Heimatwirtschaft und die Heimatkirche Ausgangspunkt der Arbeit sein.«

Gleich am nächsten Tag begann unsere Arbeit, zunächst mit sieben Schülern. Nach einigen Tagen kam ein achter noch dazu, es war eine fröhliche Arbeitsgemeinschaft. Dazu trug gewiss bei, dass alle während der Lehrgänge im Haus untergebracht waren, die Gemeinschaft deshalb bis in die Abendstunden weitergehen konnte.

Die viermonatigen Winter-Lehrgänge begannen im November und waren für die erwachsenen Söhne aus bäuerlichen Familien gedacht, die sich so außerhalb der landwirtschaftlichen Arbeitszeiten weiterbilden konnten. Sie bekamen Unterricht von externen Lehrern in Landwirtschaftslehre, Bürgerkunde, Volkswirtschaft und Heimatkunde, Plattdeutsch, Gesundheitslehre, Sternenkunde und Gesang, die zunächst ehrenamtlich zu uns kamen. Deutsch, Geschichte, Religion und Turnen lehrte Wilhelm selber.

Ich übernahm mit großer Freude Rechnen und deutsche Grammatik. Die jungen Menschen bestätigten mir oft, wie gut ich erklären konnte. Ich genoss jedes Mal den Moment, in dem ihnen der Groschen sichtbar fiel und das Gesicht verstehend aufleuchtete. Zusätzlich war ich für alle die Hausmutter. Mit allen alltäglichen Sorgen kamen die jungen Menschen, die teilweise gar nicht so viel jünger waren als ich, zu mir. Bei mir liefen alle Fäden zusammen, die sich aus der Küche, der Wäscherei, dem Garten, der Schneiderstube, den persönlichen Problemen der Einzelnen und auch dem Haushaltsbuch bei mir bündelten.

In den Lehrgängen für die Töchter, die ebenfalls vier Monate dauerten und im März begannen, standen außerdem Säuglingspflege, praktische Handgriffe in der häuslichen Krankenpflege, Erziehungskunde und Familienfragen auf dem Stundenplan. Da es auch hier zunächst nur fünf Schülerinnen waren, hatte dieser Kurs einen stark familiären Charakter.

Auch der Spaß sollte bei uns nicht zu kurz kommen. Spielen und Vorlesen, die Beschäftigung mit den Deutschen Märchen, Wandern und Reisen standen mit auf dem Programm. Ebenso Besprechungen zu aktuellen Tagesfragen wie Geburtstagen, geselligem Zusammensein, Theaterspielen, Singen und Tanzen gehörte dazu.

Das Wissen bereicherten zusätzlich Ausflüge zu Fabriken, wie z.B. dem Besuch einer Seifenfabrik, einer Buch- und Kunstdruckerei, einer Weberei und Spinnerei, einer Hebammen-Lehranstalt, Besuche von Kirchen und Museen in Osnabrück oder Oldenburg.

Mit Jugendtreffen und gemeinsamen Festen für die Öffentlichkeit versuchten wir, die Volkshochschule im Kreis bekannt zu machen. Später veranstalteten wir auch regelmäßige Singwochen. Auch diese wurden gut angenommen.

Die ländliche Bevölkerung war allerdings nicht nur begeistert von unserem Bildungsangebot. Eine Großmutter sorgte sich um ihren Enkel.

»Do wät de Junge to klouk.«

Auch die Wirte der Umgebung merkten, dass die Jugendlichen wegblieben, und ärgerten sich.

Wilhelm und ich hatten wahrlich keine niedrigen Ansprüche an unser Tun. Ebenso wichtig wie die gemeinsame Arbeit war uns das gemeinsame Leben in Freude und Ernst, in Spiel und Gesang, in Tischgebet und Hausandachten. Uns lag es fast mehr auf dem Herzen, ihnen etwas für die innere Gestaltung ihres Lebens zu geben als im Unterricht zu glänzen.

In den Ferien bevölkerten Sommergäste das Haus und die freien Betten. Diese Wochen waren Erntezeit und niemand in der Landwirtschaft zu entbehren. Für uns galten sie als Werbezeit und wir waren dazu mit dem Rad unterwegs. Die Familien besuchten wir oft drei oder viermal, bevor diese sich endlich entschlossen, der Volkshochschule ihre großen Kinder anzuvertrauen.

1926

Kurzes Glück

Nach dem Osterfeuer, das von vielen Jugendlichen besucht wurde, boten wir jeden Sonntagabend ein Treffen auf unserm Gelände an, ohne eindeutige Absicht, nur für die Freude. Die Schar der Teilnehmenden, die mit Fahrrädern und Motorrädern nicht nur aus Lienen, sondern auch aus den Nachbarorten anreiste, wurde immer größer. Wir mussten sie bald in zwei Gruppen einteilen. Von 18 bis 20 Uhr kamen die unter Sechzehnjährigen, die Älteren lösten sie anschließend ab.

Es war ein vergnügtes Treiben rund um unsere Volkshochschule.

Nach Ostern begann der zweite Lehrgang, dieses Mal hatten sich fünf Schülerinnen angemeldet. Eine Sechste kam noch dazu. Wie hätte ich damit zufrieden sein können, doch mein Leben bekam eine neue Richtung.

Seit dem Jahresanfang glaubte ich, schwanger zu sein. Wilhelm geriet außer sich vor Freude. Ich freute mich auch, aber ich war auch verunsichert. Ein Kind war doch eine Anschaffung für das ganze Leben. Was kam da auf mich zu? Würde ich es schaffen, sowohl die Geburt, über die ich bis dahin fast nichts wusste, als auch eine gute Mutter zu sein? Mir fehlte jetzt ganz besonders meine Eigene, die ich um Rat fragen konnte.

Wilhelm meinte, dass ich den Unterricht in der Volkshochschule nicht würde weiterführen können. Denn als Mutter hätte ich andere Aufgaben. Ich starrte ihn an und war zunächst einfach nur sprachlos. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte, wir führten eine moderne Ehe.

Doch er ließ nicht mit sich diskutieren. Ich hätte heulen können vor Wut und tat es auch. Vor allem war ich maßlos enttäuscht. Sollte das jetzt meine Zukunft sein? Wieder in der Schürze leben? Waschen, Bügeln und Kinder aufziehen? Die klassische Pfarrfrau? Wann immer ich das Thema anschnitt, wiegelte er sofort ab.

»Wenn du willst, kannst du mir bei den Haushaltsbüchern der Volkshochschule helfen. Du kannst doch so gut rechnen. Aber sonst bist du Mutter.« Abschließend wollte er nicht länger diskutieren und auch nichts mehr davon hören.

Eine deutsche Mutter arbeitete aus seiner Sicht nicht mit dem Verstand, sondern dem Herzen und mit Fleiß. Sein Kind unter meinem Herzen war aus seiner Sicht wichtiger als mein intellektueller Anteil, mein Denken, meine Lust am Lernen und am Unterrichten. Mir fiel wieder ein, dass er mir einmal erzählt hatte, wie beeindruckt er damals von den fleißigen deutschen Frauen in der Landwirtschaft gewesen war. Er sah sie im Ersten Weltkrieg als junger Mann vom Zug aus, als er unterwegs nach Frankreich an die Front war. War das sein Frauenbild? Vielleicht verbunden mit dem Fleiß seiner Mutter in der Wäscherei? Darin konnte ich mich beim besten Willen nicht wiederfinden.

Ich brauchte lange, mich von dieser Enttäuschung zu erholen. In diesen Wochen zweifelte ich oft an seiner Liebe. Er beteuerte sie mir zwar immer wieder, doch sein Bild von mir liebte er wohl noch mehr.

Zum Glück hatte ich immer Hausmädchen, sowohl für meinen eigenen Haushalt als auch für den der Volkshochschule mit der großen Schar Menschen, zusätzlich mit den Übernachtungs- und den Sommergästen.

Da ich sie selber nicht gut anlernen konnte, wurden sie alle zum Glück schnell selbstständig. Kam allerdings Wilhelms Mutter Bertha zu Besuch, wurden sie zu ihrem Leidwesen heftig kritisiert und auf ihre Weise angelernt. Nichts ließ sie ihnen durchgehen, nicht einmal drückte sie ein Auge zu. Manches Mal atmeten alle auf, wenn sie wieder abreiste.

Außerdem gab es unsere unersetzliche Köchin Auguste Pieper, kugelrund und mit einer Nickelbrille auf der Nase. Sie und ihre unendliche Geduld waren mit Gold nicht aufzuwiegen.

Mich bewegte die Frage, ob ich mit dieser neuen Aufgabe wohl zufrieden sein konnte?

Immerhin hatte ich jetzt Zeit für das Klavier und den Zupfgeigenhansel, für die Briefmarkensammlung und meine Bücher, für die Betrachtungen von Kunstbüchern und meiner Kunstpostkarten. Eigentlich begeisterten mich Maler aller Art, vor allem die Expressionisten. Im Speisesaal stellte ich mein Altärchen auf, wie ich es immer nannte, eine immer wechselnde Auswahl meiner Postkarten. Die Hausbewohner durften sie jederzeit betrachten und gerne erzählte ich, was ich über die Künstler wusste. Ich hatte vor, dass alle, die in unser Haus kamen, sich auch daran erfreuen konnten.

Dann gab es auch noch Ingo, den schwarzen Mischlingshund der Volkshochschule, er erfreute mein tierliebes Herz. Überhaupt – den Umgang mit Tieren fand ich manches Mal leichter als den mit Menschen. Als ich einmal mit der Pastorenfrau von Lienen zum Einkaufen unterwegs war, begegnete uns eine Frau mit einem Kinderwagen und einem Hund. Während meine Begleitung in den Kinderwagen schaute, hatte ich nach einem kurzen Gruß vor allem Augen für den Hund und streichelte und kraulte ihn zu seiner Freude.

Die Kaiserhymne

Und mein Bauch? Er wuchs und wuchs und erschien mir riesig. Ob ich wohl irgendwann mit einem großen Knall platzen würde?

Beim Einkaufen wurde ich darauf angesprochen, ob ich wohl Zwillinge erwarte? Ich fragte unsern Hausarzt, der aber meinte: »Tja, Frau Simon, ich höre kaum die Herztöne von einem.«

Am 25. August 1926 spürte ich die ersten Wehen, doch das Kind ließ auf sich warten. Wilhelm zeigte sich zutiefst beeindruckt, mit welcher Kraft und Tapferkeit ich diese Schmerzen aushalten konnte. So ist ein Frauenleben eben, dachte ich, ich musste da jetzt durch. Andere Frauen hatten das auch geschafft. Die Presswehen waren jedoch so schwach, dass die alte Hebamme und die Vertretung unseres leider verreisten Hausarztes, ein junger Mann, sich schließlich dafür entschieden, die Geburtszange einzusetzen. Doch als hätte das Kind es gehört, kam es ihnen zuvor. Ein kleines Mädchen kam heraus, zart und fast unbewegt, so dass der Arzt und die alte Hebamme sich sehr viel Mühe machen mussten, um es durch Schlagen und Baden zum Schreien zu bringen. Darum hatten sie kaum Zeit, sich um mich zu kümmern. Endlich hörte ich das erlösende leise Maunzen, wie ein kleines Kätzchen. Ich merkte, wie ich vor Anspannung kaum atmen konnte, und seufzte erleichtert. Als sich die Hebamme mir zuwandte und meinen Leib abtastete, sagte sie fast entsetzt: »Da ist ja noch eins.« Also doch Zwillinge! Doch zunächst war es notwendig, dass ich mich von der Quälerei der letzten Stunden etwas erholen konnte. Ich bekam etwas zu essen und schlief sogar noch einmal kurz ein. Im Wegdämmern hörte ich, wie Wilhelm das Neugeborene in die Arme gelegt wurde und er der Hebamme den Namen mitteilte, für den wir uns entschieden hatten. Ingeborg sollte unser Töchterchen heißen. Zusätzlich hatten wir die Namen der beiden Großmütter für sie vorgesehen, Mathilde und Bertha.

Als ich erwachte, meinte Wilhelm: »Jetzt brauchen wir wohl noch einen zweiten Mädchennamen.« Ich war zwar erschöpft, aber durch das Erlebte auch ein bisschen überdreht. Die Wehenpause dauerte zum Glück länger und ich kam wieder ein wenig zu Kräften. Da schoss mir die Melodie der Kaiserhymne in den Sinn und ich fing nach Heil dir im Siegerkranz an zu singen: »Ingeborg und Erika, kommt zu dem Großpapa. - Erika wäre doch auch ein schöner Name.«

Es vergingen wohl drei Stunden, bis es zu der zweiten Geburt kam. Die kleine Ingeborg hatte ich inzwischen schon einmal an die Brust legen können, sie versuchte, auch ein wenig zu trinken. Als die nächsten Wehen einsetzten, schlief sie ruhig in ihrem Körbchen.

Diesmal dauerte es nicht lange und Ingeborgs Zwillingsschwester war da – es war ein Junge, der sich und uns mit einem gesunden Schreien zeigte, wer er war. Hans Peter nannten wir ihn. Und den Namen des Großvaters Friedrich bekam er noch dazu. So waren wir beide geplanten Namen schon über die Zwillinge los.

Als Wilhelm ein paar Stunden später nach kurzem Schlaf vor die Haustür trat, stand sein Kollege Bruder Schmitt, der Pfarrer aus Lienen, vor der Tür. »Ja, Bruder Simon«, sagte er, »geboren werden und sterben, das sind die schrecklichsten Dinge im Leben.« Wilhelm erzählte es mir lachend. Als Bruder Schmitt einige Tage später an unserem offenen Fenster vorbei ging, schaute er herein und gratulierte mir frischgebackener Mutter mit den Worten: »Guten Morgen, Frau Pastor! Kinder kriegen ist doch die herrlichste Sache der Welt!« Ich musste lachen und fand, er hatte mit beiden Sätzen Recht.

Um das Leben ringen

Den ganzen Tag war ich damit beschäftigt, die beiden zu stillen und zu nähren. Ingeborg und Hans Peter füllten meine Tage völlig aus.

Ich fürchtete bald, dass unser Töchterchen nicht ganz gesund war. Sie war deutlich ruhiger als ihr Bruder, schaute ernsthaft in die Welt und gedieh nicht. Sie verlor von ihrem Gewicht. Zwar liebte sie es, wenn ich sie badete, und freute sich, wenn wir mit ihr spielten. Doch dabei erschöpfte sie sich deutlich schneller als Hans Peter. Auch das Trinken strengte sie sehr an, sie schwitzte dabei und bekam zunehmend häufiger blaue Lippen. Nur winzige Mahlzeiten konnte sie zu sich nehmen und bei sich behalten. Unser Hausarzt hatte keine Erklärung, woran das liegen könnte. Gut war, dass ich beide stillen konnte, jedoch musste ich Ingeborg rund um die Uhr alle zwei Stunden anlegen, was mir zusehends meine Kraft raubte. Immerhin konnte mir Wilhelm wenigstens abends helfen, indem er das jeweils andere Kind hielt. Mit Hans Peter tat er das sehr gerne, er scherzte und lachte mit ihm. Hatte er dagegen Ingeborg auf dem Arm, betrachtete er sie zwar liebevoll, aber stumm.

In ihren großen, intensiv aus dem kleinen Gesichtchen blickenden Augen steckte nicht viel Kindliches. Die Ernsthaftigkeit und ein zunehmendes Ringen um ihr Leben wurden immer deutlicher.

Doch bald war es nicht mehr zu übersehen, unser kleines Mädchen war ernsthaft krank. Das ganze Heim war voller Sorge um sie. Die Kinder waren knappe drei Wochen alt, als wir nach ihrem wiederholten Atemnotanfall begreifen mussten, dass sie vielleicht nicht mehr lange bei uns bleiben würde. Deshalb taufte Wilhelm sie kurzentschlossen abends in unserem Wohnzimmer.

Vier Wochen später taufte er auch Hans Peter im Gottesdienst, Ingeborg ging es an dem Tag so gut, dass wir sie mit in die Kirche nehmen konnten.

»Wir haben am 10. Oktober die Taufe unserer Kinder feiern dürfen und freuen uns alle täglich an ihrem Fortschritt«, schrieb er in einem Artikel in der Zeitschrift von Bethel, »Die Deele«.

Wilhelm arbeitete viel und ich hatte das Gefühl, dass es ihm ganz entgegenkam. Für die tiefe Sorge um Ingeborg schien ich alleine verantwortlich zu sein. Zumindest trug er sie nicht sichtbar mit, denn er zog sich sehr zurück. Bestimmt sah es in seinem Inneren anders aus, aber er sprach nach dem Schrecken der Nottaufe nicht mehr darüber. Wenn überhaupt, dann nur von der Zuversicht, dass sich vielleicht alles doch noch zum Guten wenden konnte.

Und ich? Ich machte einfach weiter. Was sonst blieb mir übrig? Sachlich und nüchtern war ich. Das sollte ich noch öfter hören. Manchmal dachte ich, dass meine Art notwendig ist. Neben diesem eigentlich emotionalen Mann hielt ich damit unsere Welt zusammen.

Mich erinnerte dieses Warten an etwas, was unweigerlich kommen würde. Ich konnte es nicht glauben und wollte es auch nicht. Dass niemand das Wort Tod aussprach, all das erinnerte mich an eine Zeit in meiner Jugend.

1916

Der Steckrübenwinter

Ich war dreizehn, als der Krieg ausbrach. Damals lebte ich mit meinen Eltern Claus und Mathilde Schmidt in Köln-Kalk. Meine Geschwister Erich und Martha waren fünf und zehn Jahre jünger als ich.

Vater wurde eingezogen und nach Belgien und Frankreich geschickt. Unsere Haushälterin Johanna versuchte, mit der immer schwierigeren Versorgung zurechtzukommen. In Kalk wurden sogenannte Gulaschkanonen aufgestellt, damit es ab und zu wenigstens einen nahrhaften Eintopf gab. Nach der Schule nahm ich meine Schwester oft an die Hand und wir zogen mit unserm Napf los, damit wir etwas Warmes in den Bauch bekamen.

Der Hunger war allgegenwärtig. Vater meinte, dass wegen des Krieges falsch gewirtschaftet wurde, die nötigen Grundnahrungsmittel waren rationiert worden. Außerdem lag es an dem verregneten Herbst 1916, der die Kartoffelfäule mit sich brachte, und der unerwartet starken Kälte im folgenden Winter. Deshalb brach die Hungersnot aus. Auch die Steckrüben, die eigentlich Viehfutter waren und nun verteilt wurden, konnten sie nicht mehr aufhalten. Mutter und Johanna versuchten, trotzdem möglichst so viel Abwechslung wie möglich in unser Essen zu bringen, doch letztlich schmeckte alles gleich: Auflauf, Koteletts, Pudding, Marmelade, Brot und natürlich die tägliche Suppe. Immerhin hatten wir damit etwas im Magen. Es war eine schreckliche Zeit in diesem »Steckrübenwinter«, wie er später genannt wurde. Wir froren und hatten solchen Hunger.

Mutter, die ohnehin ein stiller Mensch war, wurde noch stiller. Als ich sie einmal umarmen wollte, sagte sie: »Nein, nein, lass mich.« Es war auch ihr nüchterner Wesenszug, aber vielleicht ahnte sie schon, wohin ihr Weg gehen würde. Denn plötzlich wurde sie krank, sehr krank. Im Februar 1917 wurde sie wegen Unterernährung und Tuberkulose ins Krankenhaus gebracht, sie hustete so furchtbar, dass uns angst und bange wurde. Drei Tage später, an einem eiskalten Morgen, starb sie.

Erich und ich waren in der Schule, als Mutter starb. Martha war noch kein Schulkind und öffnete uns mittags die Tür. Ganz aufgeregt rief sie uns zu: »Wisst ihr das Neueste? Mutter ist tot.«

Ich war sechzehn Jahre, Erich elf und Martha war erst sechs Jahre alt. Wie sollte es bloß ohne sie weitergehen? Johanna brachte uns ins Krankenhaus, damit wir uns verabschieden konnten.

»Darf ich ihr einen Kuss geben?« fragte ich Johanna.

»Das darfst du, aber nicht auf den Mund, nur auf die Stirn.«

Sie hatte Sorge, dass ich mir auch noch die Tuberkulose holte.

Tante Elschen, Mutters Schwester, war bei ihr gewesen und erzählte von ihren letzten Stunden.

»Sie sollte Ruhe durch eine Einspritzung haben, nachdem sie sehr stark gehustet hatte. Es ist mir gerade so, als wenn ich eine Lungenentzündung bekäme, hatte sie gesagt. Die furchtbaren Nervenschmerzen haben sie versucht, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu lindern. Sie hat dann ruhig schlafen können, bis sie wieder eine große Unruhe ergriff. Morgens um sieben Uhr wurde sie für den Tag fertig gemacht, trank ihre Milch und nach einer Stunde kam ihr Heiland sie holen, sie hat nach Vater gefragt und dann hat sie ihn mit Namen gerufen. Einmal wollte sie noch aufgerichtet werden, dann verschwand das Bewusstsein. Nun dürfen wir der lieben Mutter die Ruhe gönnen und ihr die Erde nicht durch allzu viel Klagen schwer machen.«

Zum Schluss folgte ihr Lieblingsspruch.

»Ausgelitten, ausgestritten auf der Erde, eingezogen in die sel’ge Ferne!«

Sie kümmerte sich jetzt um das Allernotwendigste, denn Vater war ja noch in Frankreich an der Front.

Tante Elschen nahm die kleine Martha nach der Beerdigung mit nach Rheda. Erich und ich gingen hier in Kalk weiter zur Schule. Johanna blieb natürlich weiterhin unsere Haushälterin. Als Vater endlich kam, gab es für mich kein Halten mehr. Ich verlor die Fassung und weinte und weinte. Er sah mich eine Weile stumm an und verließ dann das Zimmer. Ich blickte ihm voll Jammer hinterher. Wollte er mich denn nicht trösten? Es war doch alles so furchtbar traurig. Was hatte ich falsch gemacht, dass er mich nicht wenigstens in den Arm nehmen wollte? War es falsch, traurig zu sein? Nicht allzu viel klagen, hatte Tante Elschen gesagt, dass es der Mutter nicht zu schwer würde. Ich würgte den dicken Kloß im Hals hinunter und nahm mir vor, nie wieder eine Träne zu vergießen. Wenn, dann weinte ich später aus Wut, aber das kam nicht oft vor, denn ich war ja von Natur aus ein heiterer Mensch.

Vater gefiel das schwarze Zeugs, wie er meine Kleider nannte, überhaupt nicht, auch nicht meine ewige Trauermiene, wie er es nannte. Seine Art war es, mit seinem vergnügten Naturell den Alltag neu zu ordnen und nach vorne zu blicken. Er war immer ein lustiger Mann gewesen und schien seine Traurigkeit einfach weg zu lachen. Da Erich das sehr gelegen kam, fühlte ich mich mit meiner Traurigkeit sehr alleine. Nur bei Johanna fand ich Trost.

»Soldaten weinen nicht.«, erklärte sie mir. Ich war ein Soldatenkind. Dann galt das wohl auch für mich.

Ich hörte, wie sie einer Nachbarin erzählte, dass Herr Schmidt und die armen Kinder das Geschick gefasst und still ergeben tragen.

1927

Viel zu weit weg

Zu Beginn des neuen Jahres, Ingeborg war gerade vier Monate alt geworden, schickte uns unser Hausarzt nach Münster. Er konnte sich nicht erklären, warum es ihr immer schlechter ging. Bangen Herzens brachten wir sie, in warme Tücher gewickelt, mit der Eisenbahn dort ins Krankenhaus. Unterwegs sprachen wir kein Wort. Für unsere größte Sorge hatten wir keine Sprache. Wilhelm starrte aus dem Fenster und mein Blick wanderte zwischen dem kleinen Mädchen in meinem Arm und einer unklaren Ferne hin und her.

Doch auch in der Kinderklinik ergab die Untersuchung keinen klaren Befund. Der Arzt vermutete eine beginnende Lungenentzündung und legte uns nahe, sie bei ihnen zu lassen.

In der folgenden Zeit fuhr ich jede Woche einmal hin, um unsere Kleine zu besuchen.

Das Haus fühlte sich seltsam leer an ohne sie. Natürlich hatte ich jetzt mehr Zeit für Hans Peter, er hatte oft warten müssen, bis er an der Reihe war. Doch auch er schien seine Schwester zu vermissen. Er blickte sich manchmal wie suchend um. Auch weinte er viel in dieser Zeit und ließ sich nur schwer beruhigen. Das Zusammensein mit diesem doch eigentlich munteren Kerlchen tat mir gut, er tröstete mich über den leeren Platz an seiner Seite hinweg. Immer wieder wanderten meine Gedanken zu Ingeborg nach Münster. Ich sollte nicht zu oft kommen, hatten die Krankenschwestern mir geraten. Das arme Kind hatte so geweint, als wir sie dort gelassen hatten, dass sie wieder eine Atemnot entwickelt hatte. Es würde sie nur beunruhigen und sie könnte sich ohne uns besser an die neue Umgebung gewöhnen.

Mir schien, ihre Augen waren noch größer geworden, wenn sie mich bei meinem Besuch anblickte. Manchmal kam Wilhelm auch mit, dann suchten wir das Gespräch mit dem Chefarzt. Dieser vermutete, dass sie vielleicht einen angeborenen Riss im Zwerchfell haben könne, der ihr so zu schaffen machte. Wenn sie ein Jahr alt werden sollte, könne ein chirurgischer Kollege eine Operation versuchen. Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen.

Im Februar fuhr Wilhelm für eine Woche mit seinen Schülern »auf große Fahrt«, wie die Abschlussfahrt bei uns im Haus hieß, nach Oldenburg und Quakenbrück. Am letzten Abend sollte es, zurück bei uns in der Volkshochschule, eine große Abschiedsfeier geben. Auch alle Eltern waren eingeladen.

Zwei Tage vorher erreichte mich eine Postkarte aus Münster. Der Oberarzt schrieb, dass sich Ingeborgs Zustand verschlimmert habe. Ich war hin und her gerissen, ob ich sofort nach Münster fahren sollte. Der Entschluss, auf Wilhelm zu warten und mit ihm gemeinsam zu fahren, fiel mir schwer. Letztlich, wenn ich ganz ehrlich zu mir sein sollte, traute ich es mir nicht zu. Ich wusste nicht, ob ich meine Fassung würde halten können, ob ich es aushalten könnte, unser kleines Mädchen sterben zu sehen. Alles ohne ihn.

Am Morgen des Tages, als ich ihn mit der Gruppe zurückerwartete, erreichte mich der Anruf, dass sie in den Morgenstunden gestorben sei. Jetzt war es für mich keine Frage mehr, ich machte mich sofort auf den Weg. Ich hatte keine Tränen während der ganzen Fahrt, ich fühlte nichts. Der Chefarzt hatte erst ein einziges Mal dieses Krankheitsbild gesehen und erbat die Zustimmung zu einer Obduktion. Natürlich stimmte ich zu und ging davon aus, dass es auch in Wilhelms Sinne war.

Als ich nachmittags nach Hause kam, war die Gruppe noch immer nicht zurück. Als sie endlich kam, musste ich Wilhelm die traurige Nachricht überbringen. Zunächst konnte er sie sich nur anhören. Jetzt musste er erst die aufgeregten Schüler und die Abschiedsfeier mit den Eltern am selben Abend bewältigen, bevor er sich unserem Kummer stellen konnte. Es fühlte sich für mich an wie ein völlig falsches Leben, als ich mit ihm zur Abschiedsfeier ging und mich schweigend dazu setzte.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
364 str. 8 ilustracji
ISBN:
9783754137383
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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