Czytaj książkę: «Halbe-Halbe, einmal und immer»

Czcionka:

L. S. Anderson, Kathrin Brückmann

Halbe-Halbe, einmal und immer

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 – Sophie hatte sich entschieden

2 – Sophie entdeckte den Brief

3 – In ihren letzten zehn Arbeitstagen

4 – Während der Feiertage

5 – Sophie suchte zum ersten Mal

6 – Nach dem Termin mit dem Notar

7 – Die Heizung von Sophies Wagen

8 – Sophie hatte keinen Wecker

9 – Wer immer da am Steuer saß,

10 – Sophie schloss ihr Auto ab

11 – In dem Lokal

12 – Sophie zahlte an der Theke,

13 – Das Bad in ihrem Hotelzimmer

14 – Um herauszufinden,

15 – Sophies Telefon tüdelte,

16 – Sophie war an einem Sonntag

17 – Sophie kannte einige Leute,

18 – Sophie bezog ein kleines,

19 – An jedem zweiten Tag

20 – In dem allgemeinen Trubel,

21 – Am Abend vor ihrer Abreise

22 – Als Stadtkind

23 – »Trenck.«

24 – Es war bitterkalt

25 – An einer Ampel

26 – »Das Haus ist gesund«,

27 – Sophie musste ihre

28 – Der Termin mit dem Notar

29 – Die Fahrt nach Hause

30 – Außer dem kleinen Rollkoffer,

31 – Die Leichtigkeit

32 – Sophie war wieder

33 – Es war noch dunkel,

34 – Sie begannen mit der Räumung

35 – Der Morgen graute,

36 – Geld war nur eines

37 – Während Sophie sich durch das Bad

38 – Als die Temperaturen stiegen,

39 – Sophie sah Trenck

40 – An einem frühsommerlichen Samstagmorgen

41 – Sophie badete

42 – In der Grobitzer Landstraße 210

43 – Im Internet

44 – Als sie im März

45 – Sophie und Trenck

46 – Es war, als hätte der Hochsommer

47 – Sophie hatte an der Grobitzer Landstraße

48 – In den Wochen nach dem Besuch

49 – Die Clubfrauen in Karolinas Gästehaus

50 – Um den immer wiederkehrenden

51 – Sophie war verhältnismäßig früh

52 – Sophie fand es unsinnig,

53 – An einem kühlen, trüben Vormittag

54 – Nachdem sie in etwa zwei Wochen

55 – Der Strom

56 – Als Trenck abfuhr,

57 – Während sie zunehmend lustlos

58 – Constanzes Besuch

59 – Sophie bekam nicht nur

60 – Die Tage waren

61 – Sophie hatte für die Räumung

62 – An ihrem letzten Tag

63 – Es gefiel Sophie,

64 – Am Tag ihrer Abreise

65 – Die Ungewissheiten,

66 – Sophie schlief schlecht

67 – Während Sophie Einrichtung zerlegte

68 – Die erste Hälfte

69 – Vitali wartete am Ortsausgang

70 – Sonntag fuhr Sophie gegen Mittag

71 – Am Montag nach dem Essen

72 – Irgendwie ging das letzte Wochenende

73 – Natürlich lag Sophie

74 – Im Nachhinein bedauerte Sophie,

75 – Mitten in der Nacht

76 – Statt eines Epilogs ein Kurzfilm:

Impressum neobooks

1 – Sophie hatte sich entschieden

Halbe-halbe, einmal und immer

Roman von L. S. Anderson

© 2021 L. S. Anderson

Sie würde unterschreiben. Doch bevor es so weit war, musste sie noch ein paar Formalitäten über sich ergehen lassen. Ihr gegenüber an dem langen Tisch des Konferenzraumes saßen ihr Gruppenleiter, ein Mann aus der Personalabteilung und eine Kollegin vom Betriebsrat.

»Du weißt ja schon Bescheid, Sophie«, sagte die Betriebsrätin, »aber fürs Protokoll muss ich dich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen: Du brauchst den Aufhebungsvertrag nicht zu unterzeichnen. Wie alle anderen Kollegen hast du eine Arbeitsplatzgarantie und Anspruch auf einen gleichwertigen Job am neuen Standort unserer Firma.«

Nur ist der dreihundert Kilometer entfernt, dachte Sophie und sagte: »Ich weiß, Gabbi.«

»Hast du es dir auch gut überlegt? Du gibst immerhin eine feste Anstellung gegen eine Abfindung her – ich meine, das ist vielleicht kein so guter Tausch … heutzutage.«

»Ich finde schon wieder was«, sagte Sophie.

»Ich würde dich gern als Kollegin behalten, Sophie«, sagte der Gruppenleiter. »Du gehörst zu meinen besten Mitarbeitern. Du hast Erfahrung, gute Kennzahlen, du bist bei unseren Kunden beliebt, und alle, die mit dir zusammenarbeiten, mögen dich.«

»Danke, Werner«, sagte Sophie.

»Du musst dich auch nicht heute entscheiden. Du kannst bis Weihnachten warten. Vielleicht überlegst du es dir ja noch mal und änderst deine Meinung. Es würde mich wirklich freuen.«

»Es tut mir leid, Werner«, sagte Sophie. »Wie ich dir schon gesagt habe, es sind persönliche Gründe, warum ich nicht umziehen will. Es hat nichts mit euch oder mit der Firma zu tun. Ich habe immer gern hier gearbeitet.«

Werner seufzte.

Es tat Sophie wirklich leid. Ihr Job war nicht der beste der Welt und auch nicht riesig bezahlt, aber sie war gut in dem, was sie tat, ihre Kollegen waren auch ihre Freunde und die Firma ein wenig wie Heimat für sie. Wie es sich eben so ergab, wenn man ein paar Jahre irgendwo arbeitete. Trotzdem, ihr Entschluss stand fest.

»Wenn Sie unterschrieben haben«, sagte der Mann von der Personalabteilung, »faxe ich den Aufhebungsvertrag in die Zentrale, und jemand anderes bekommt Ihren Job. Wir haben mehrere Bewerber, und wenn wir einem zugesagt haben, dann können wir das nicht mehr rückgängig machen. Das wäre nicht fair, verstehen Sie? Nach Ihrer Unterschrift gibt es kein Zurück für Sie.«

»Ich weiß«, sagte Sophie.

»Und Sie wollen es sich auch nicht noch einmal überlegen?«

Sophie schüttelte den Kopf.

Der Mann von der Personalabteilung schob Vertrag und Kugelschreiber über den Tisch, und Sophie unterschrieb an den angekreuzten Stellen. Es war ganz einfach. Kein Drama. Sie schrieb zweimal ihren Namen und besiegelte damit, dass sie in drei Wochen, zu Beginn des neuen Jahres, arbeitslos sein würde – zum ersten Mal in ihrem Leben. Das beunruhigte sie nicht. Sie hatte gute Zeugnisse, war noch jung und überhaupt eine Optimistin. Sie würde einen anderen Job finden. Vielleicht sogar etwas Besseres? Und wenn nicht sofort, dann später. Irgendwas ging immer. Vorläufig kam es ihr erst einmal darauf an, nicht umziehen und dann über dreihundert Kilometer hinweg eine Fernbeziehung führen zu müssen.

Sophie war die Letzte, die in dem Konferenzraum ihren Aufhebungsvertrag unterzeichnet hatte. Mit ihrer Unterschrift war die Sitzung geschlossen. Alle erhoben sich, um zu gehen. Über den Tisch hinweg schüttelte der Mann von der Personalabteilung Sophies Hand und sagte: »Alles Gute, Frau Schatz.«

Sophie und Werner hatten denselben Weg. Während sie nebeneinander durch einen trüb beleuchteten Korridor liefen, sagte Werner: »Echt schade, dass du nicht mitkommst. Hast du schon Pläne, was du als Nächstes machst?«

»Nicht wirklich«, antwortete Sophie.

Gabbi holte die beiden ein und hörte Werners Frage. Sie war neugierig, aber auf eine nette, harmlose Art und Weise. Wahrscheinlich gehörte das zu ihrer Funktion als Betriebsrätin. Sie sagte: »Bleibst du, weil ihr demnächst heiratet, Sophie?«

»Du heiratest?«, sagte Werner.

Sophie wehrte ab. »Das ist noch nicht raus«, sagte sie.

»Wie lange seid ihr denn schon zusammen, Jens und du?«

»Fünf Jahre«, antwortete Gabbi an Sophies Stelle. »Lange genug, um sicher zu sein.«

»Wir haben noch nicht darüber gesprochen«, sagte Sophie.

»Heiraten ist natürlich ein guter Grund dafür, nicht wegzuziehen«, sagte Werner. »Das verstehe ich.«

»Jetzt hört doch mal auf«, sagte Sophie mit Nachdruck. »Ich heirate doch noch gar nicht!«

»Nicht? Wann denn dann? Du solltest aber. Heirate, solange du noch jung bist.«

»Neunzehn ist jung«, sagte Sophie. »Ich bin neunundzwanzig.«

»Na, dann wird es doch höchste Zeit.«

»Heirate doch selbst, wenn’s dir so wichtig ist.«

»Ich bin für die Ehe nicht gemacht«, sagte Gabbi. »Bis später.«

Sie waren vor der Abteilung angelangt, in der Sophie und Werner arbeiteten. Gabbi musste weiter. Sophies Arbeitsplatz befand sich in einem großen, fensterlosen Raum. In blassem Neonlicht saß ein Dutzend Männer und Frauen, jeweils getrennt durch Sichtblenden, an langen Tischen vor großen Monitoren. Die Hälfte von ihnen trug Headsets, und einige waren dabei, ein Telefongespräch zu führen. Gemeinsam erzeugten sie ein halblautes, einschläfernd gleichmäßiges Stimmengewirr, das zusammen mit dem Rauschen der Rechnerlüftungen und der Klimaanlage und dem Summen der Leuchtstoffröhren den Raum erfüllte. Sophie fuhr ihren Rechner nicht hoch, als sie an ihrem Platz angekommen war. Sie saß untätig da und beobachtete für eine Weile einen großen Bildschirm unter der niedrigen Decke. Der zeigte an, ob und wie viele Anrufer sich in der Warteschleife befanden (und sich dabei eine nervtötende elektronische Melodie in Endlosschleife anhören mussten). Niemand wartete, und es war Viertel nach drei. Sophie entschied, dass das Anrufvolumen an diesem Tag so gering bleiben und sie nicht mehr dringend gebraucht werden würde und beschloss, einen Teil ihres Zeitguthabens abzufeiern. Sie stand auf, raffte ihre Sachen zusammen und ging.

Sophies Arbeitgeber war eine internationale Spedition. Um vom Verwaltungsgebäude der Firma zum Parkplatz der Angestellten und zu ihrem Wagen zu gelangen, musste sie sich im Halbdunkel des Dezembernachmittags einen Weg durch Schneematsch und zwischen schwarzen Pfützen vorbei an Reihen haushoher Sattelzüge und abgestellter Auflieger suchen. Ihr zwölf Jahre alter Golf startete nur widerwillig. Weil sein Innenraum erst nach längerer Fahrt zögernd und dann auch nur lauwarm wurde, behielt sie ihren Daunenmantel an. Hinter beschlagenen Fenstern schlängelte und drängelte sie sich eine Dreiviertelstunde lang durch den Nachmittagsverkehr. Es war fast Nacht, als sie auf der anderen Seite der Stadt, im Dortmunder Nordosten, zwischen anderen Wohnblöcken denjenigen erreichte, in dem sie sich im siebten Stock mit ihrem Partner eine kleine Wohnung teilte.

An gewöhnlichen Tagen war Jens oft vor ihr zu Hause und hatte bereits den Briefkasten geleert, wenn Sophie eintraf. Dieses Mal nahm sie, was auf den ersten Blick aussah wie die übliche Sammlung von Ramschpost, mit nach oben, um sie in einer ruhigen Minute zu sortieren, bevor sie die Werbeschreiben entsorgte. Es konnte ja doch einmal etwas Wichtiges dabei sein, und die Flyer der Essensbringdienste hob sie gern eine Zeit lang auf, für alle Fälle und die Wochenenden. Sophie konnte nicht richtig kochen, Jens erst recht nicht

In der kleinen Wohnung war es kalt und die Luft verbraucht. Sie behielt ihren Mantel an, während sie die Runde machte und lüftete. Drei, vier Minuten lang lauschte sie stehend und mit den Händen in den Manteltaschen dem entfernten, Rauschen des Verkehrs. Dann drehte sie die Heizkörper auf, schloss Balkontür und Fenster und legte ihren Mantel ab.

Jens kam eine Stunde später. Sophie stand in der winzigen Küche und sagt ohne Gruß und Einleitung über die Schulter in Richtung der Diele, von wo sie Jens hörte, »Ich mache was zu essen. Hast du einen besonderen Wunsch?«

»Ich esse jetzt nichts. Ich gehe noch mal ins Studio.«

Sophie antwortete nicht.

»Willst du nicht mitkommen?«

Die Frage traf Sophie unvorbereitet. Sie wusste nicht sofort, was sie antworten sollte. Wenn sie mitkam, würde sie sich langweilen. Sie fand Fitnesstraining öde, und Menschen, die mit fast religiöser Ernsthaftigkeit, ächzend und schnaufend, unter größter Anstrengung schwere Lasten oder sich selbst auf der Stelle bewegten, insgeheim einfältig oder albern. Natürlich wurde man davon auf die Dauer stärker, bekam eine bessere Figur und angeblich war es auch gesund – aber langweilig. Und obendrein auch noch anstrengend. Trainierte sie nicht, entging sie zwar Anstrengung und Langeweile, bekam dafür aber ein schlechtes Gewissen. Denn auch wenn sie sich insgesamt in ihrer Haut wohlfühlte, glaubte Sophie doch, dass ihr Körper an einigen wichtigen Stellen (und besonders auf der Rückseite) schmaler, flacher oder straffer sein sollte und es an ihrer Bequemlichkeit lag, wenn er das nicht war.

Jens’ sportlicher Eifer setzte sie zusätzlich unter Druck. Manchmal aber tat er ihr auch ein wenig leid. Seine in ihren Augen übertriebene Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren, mit Äußerlichkeiten überhaupt, hielt sie für Mittel, mit denen er tatsächliche oder gefühlte persönliche Mängel auszugleichen suchte. Er trug tagsüber gewohnheitsmäßig Anzug und Krawatte, aber das musste wohl so sein, denn er arbeitete bei einer Bank. Er verbrachte viel Zeit im Fitnessstudio, verbrauchte Kosmetika in industriellen Mengen und fuhr ein auffälliges und gefährlich schnelles Auto. Entschädigte ihn das dafür, dass sein Haar immer dünner wurde und er nicht gerade hochgewachsen war? Er trug Schuhe, die ihn größer wirken ließen. Wenn sie ausgingen, verzichtete Sophie stillschweigend auf Absätze, mit denen sie ihn überragte. Ohne dass sie je darüber gesprochen hatten, wusste sie, dass ihm das unangenehm war.

»Willst du nicht mitkommen?«

Oops, da war sie wieder, die Frage. Wie fast immer entschied sie sich gegen die Langeweile und für ein schlechtes Gewissen. »Nein«, sagte sie. »Ein anderes Mal. Mir ist heute nicht nach Sport.«

Jens antwortete nicht. Sie hörte, wie er die Türen des Dielenschranks öffnete und schloss und seine Sportsachen zusammenkramte. Dann sagte er: »Bis später!«, die Wohnungstür ging, und weg war er.

Bis später, Jens«, sagte Sophie in die einsetzende Stille. »Viel Spaß mit deinen Gewichten. Könnten wir nicht, statt in ein Fitnessstudio, einfach mal tanzen gehen? So richtig, nicht zu dieser Maschinenmusik …« Ihr wurde bewusst, dass sie halblaut vor sich hinbrabbelte, und sie hielt erschrocken inne. Mein Gott, dachte sie, was ist los mit mir? Ich spreche mit mir selbst!

Die Lasagne, die sie in die Mikrowelle hatte schieben wollen, stellte sie zurück in den Kühlschrank und machte sich ein Käsebrötchen. Das aß sie zusammen mit einem Apfel vor dem Fernseher stehend und während sie durch die Sender zappte. Das Vorabendprogramm bot nichts, was sich anzusehen lohnte, und weil sie nach einem Tag vor dem Bildschirm auch keine Lust mehr hatte, noch etwas zu lesen, beschloss sie, ein Bad zu nehmen.

Das Badezimmer der kleinen Wohnung war winzig und die Wanne deshalb zu kurz, um sich darin auszustrecken, aber wenn man sie richtig voll und dann keine Wellen machte, dann war man auch mit angezogenen Knien noch komplett mit Wasser bedeckt. Sophie wusch zuerst ihr Haar, weil das ein größerer Akt war, denn sie hatte viel davon. Danach schüttete sie reichlich Badekristalle in die Wanne, füllte sie zur Hälfte, stieg hinein und ließ so viel heißes Wasser nachlaufen, dass die Temperatur fast unerträglich wurde. Sophie liebte heißes Wasser. Wenn die Buddhisten recht hatten und man wiedergeboren wurde, dann war sie in einem früheren Leben bestimmt ein rundlicher bunter Fisch in einer warmen tropischen Lagune gewesen. In ihrer Badewanne, bis zum Kinn versunken, umgeben von kleinen Gebirgen aus duftendem Schaum, ließ sie ihre Gedanken wandern, während der Rest der Welt weit weg war. Ihr fensterloser Arbeitsplatz im fahlen Neonlicht, der nasskalte Dezember, der Schneematsch und der nervtötende Verkehr, ihr Nachhauseweg durch das winterliche Zwielicht in ihrem kalten Auto – all das schien für eine behagliche halbe Stunde unwirklich wie eine ferne Erinnerung. Und tatsächlich, ging ihr auf, bald würde es ihren jetzigen Arbeitsplatz nur noch in ihrem Gedächtnis geben. In zwei Wochen war Weihnachten, an den Arbeitstagen danach bis Silvester würde sie den Rest ihres Jahresurlaubs abfeiern, und ab dem 1. Januar war sie arbeitslos. Abgesehen von der Suche nach einem neuen Job hatte sie frei. Sie konnte sich etwas vornehmen, Pläne machen. Das heiße Wasser, in dem sie bewegungslos lag, und die Erkenntnis, dass sie demnächst vorübergehend ohne berufliche Verpflichtung war, brachte sie auf die Idee zu verreisen. Natürlich mit Jens. Der konnte auch Urlaub brauchen, so angespannt, wie er immer war. Ja, Urlaub! Irgendwo, wo der Dezember und der Januar nicht kalt und dunkel waren und wo es ein badewannenwarmes Meer gab. In Thailand … auf Bali … oder in der Karibik. Für zwei Wochen. Besser drei. Nein, vier. Sie würde einen Teil ihrer Abfindung dafür auf den Kopf hauen, aber egal, das war es ihr Wert. Sie würde schwimmen bis zur Erschöpfung, Beachvolleyball spielen bis zum Umfallen, in der Sonne liegen, bis sie brutzelbraun war, abends tanzen und bunte Schirmchen-Cocktails trinken, bis sie ohnmächtig oder ihr schlecht wurde. Sie würde sich von Kokosnusswasser und Obstsalat ernähren und dabei zehn Pfund abnehmen. Dann, zurück in Deutschland, sonnenbraun und schlank und sexy, würde sie einen coolen, hoch bezahlten Job in einer Eventagentur finden und sich mit den Promis, die sie betreute, duzen.

Ach, ja …

Sophie tagträumte vor sich hin, bis ihre Fingerkuppen runzelig waren und ihr Badewasser ungemütlich kühl wurde. Nur widerwillig stieg sie aus der Wanne zurück in die Realität, in das kleine, vollgestopfte Badezimmer, in dem man sich kaum bewegen konnte, ohne irgendwo anzustoßen und dabei etwas aus Regalen und Ablagen zu werfen. Der Ganzkörperspiegel auf der Innenseite der Badtür war beschlagen und ersparte ihr gnädig zu sehen, dass sie weder sonnenbraun noch schlank und sexy höchstens für jemanden war, der winterbleiche moppelige Frauen mochte.

Sie trocknete sich ab, föhnte ihre Haare und cremte sich von Kopf bis Fuß ein. In einem übergroßen Plüschbademantel, mit Wollsocken an den Füßen rollte sie sich auf der Couch vor dem Fernseher ein, sah sich eine Folge von »The Mentalist« an, die sie schon kannte, und wartete darauf, dass Jens vom Training zurückkehrte.

Darüber fielen ihr die Augen zu. Sie schaffte es noch, die Stummtaste auf der Fernbedienung zu drücken, dann schlief sie ein. Sie erwachte wieder, aber nicht vollständig, als sie Jens an der Wohnungstür hörte. Im Halbschlaf verfolgte sie minutenlang seine Wege durch die Wohnung. Auch mit geschlossenen Augen wusste sie immer, wo er war und was er tat, wie er seine Schlüssel auf eine Konsole neben der Tür warf, die Schuhe abstreifte, die Toilette benutzte, seine Sportsachen verstaute, sich umzog und etwas aus dem Kühlschrank nahm. Sie hörte, wie er näherkam, und dann fühlte sie den Druck seines Körpers neben sich auf dem Sofa.

»Habe ich dich geweckt, Süße?«

»Wie viel Uhr ist es?«

»Gleich zehn«, sagte Jens, und dann fügte er hinzu: »Wir waren noch was trinken.«

Das stimmte. Er roch ein wenig nach Alkohol, aber nicht schlimm. »Und sonst?«

»Wie immer.«

Sophie öffnete die Augen, setzte sich auf und sagte: »Ich habe heute meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben.«

»Deinen … was? Was heißt das?«

»Jens«, sagte Sophie vorwurfsvoll, »darüber haben wir doch schon ein paar Mal gesprochen.«

»Äh … ja. Du hast deinen Job gekündigt, oder?«

»Ja. Wenn nicht, dann hätte ich wegziehen müssen.«

»Ach so …«, sagte Jens. Aus seinem Tonfall glaubte Sophie herauszuhören, dass er entweder nicht begriff, was sie getan hatte, oder dass er mit seinen Gedanken woanders war. Vielleicht machte ihn auch der Alkohol langsam im Kopf. Langsamer, als er es eh schon ist, dachte sie und schämte sich ein wenig für diesen boshaften Gedanken. Sie wartete.

»Glaubst du, du kriegst so einfach wieder was?«, sagte Jens nach einer Weile.

Sie antwortete nicht. Enttäuschung, die die ganze Zeit an den Rändern ihrer Wahrnehmung auf eine Chance gelauert hatte, machte sich in ihr breit. Okay, sie wusste und hatte sich daran gewöhnt, dass Jens manchmal ein unsensibler Klotz war, aber trotzdem erwartet, nein – fest damit gerechnet, dass er ihre Entscheidung in irgendeiner Form gutheißen, ja sogar belohnen würde. Was war denn daran unklar, dass sie nicht dreihundert Kilometer entfernt von ihm leben wollte? Einen Moment lang war sie kurz davor, die von ihr erhoffte Reaktion von ihm zu erpressen, aber sie hielt sich zurück. Jens war ein Muttersöhnchen und geübt darin, Frauen nach dem Mund zu reden, vorausgesetzt, er erriet rechtzeitig, worauf sie hinauswollten, und hatte keine Gelegenheit mehr, sich einer Diskussion zu entziehen. Und außerdem, wenn sie ihn unter Druck setzte und er nicht geistesgegenwärtig genug war, ihr zu sagen, was sie von ihm erwartete, dann konnte es im schlimmsten Fall sein, dass sie auf eine provokante Frage, (»Hättest du lieber, dass ich wegziehe?«) eine Antwort bekam, die sie nicht hören wollte.

»Es ist gut, dass du nicht wegziehst«, sagte Jens, um das Schweigen zwischen ihnen zu brechen oder weil er erraten hatte, was von ihm erwartet wurde.

Und weiter?, dachte Sophie.

»So einen Job wie den, den du jetzt machst, bekommst du bestimmt wieder. Der kann so schwer nicht zu finden sein.«

Weil es ein Loserjob ist?, dachte Sophie. Einer, den niemand macht, außer er ist so dusselig wie ich? Ich werde mir einen besseren suchen. Ich habe einen besseren Job verdient.

Ihr Schweigen machte Jens unruhig. Er sagte: »Willst du ein Glas Wein? Ich hole mir welchen.«

Er kam mit zwei Gläsern aus der Küche zurück und setzte sich wieder nahe neben sie. »Cheers, Süße. Auf dich. Auf deinen Neuanfang. Mach dir keine Sorgen, du hast das Richtige getan.«

Ich mache mir keine Sorgen, dachte Sophie.

Jens trank, lehnte sich dann ein wenig zu ihr herüber und sagte: »Hmm … Du riechst gut.«

Seine Hand stahl sich unter ihren Bademantel. Sophie war nicht überrascht. Jens kam oft angeregt aus dem Fitnessstudio nach Hause. Sie richtete sich auf, schob seine Hand weg und sagte: »Lass uns verreisen.«

»Was?«

»Verreisen. Wegfahren. Urlaub machen. Irgendwo in der Sonne. Irgendwo, wo nicht Winter ist.«

»Aber …«

»Bitte!«

»Wie stellst du dir das vor? Wir können doch nicht einfach …«

»Doch, das können wir!«

»Nein … ich meine, du vielleicht. Ich nicht.«

»Warum denn nicht?« Sophie bereute ihre Frage sofort. Damit gab sie Jens eine Chance, sich rauszureden. Sie sprach hastig weiter. »Jens, ich muss mal raus. Raus aus dem Winter, der Nässe, der Kälte, der Dunkelheit. Raus aus dieser Stadt. Raus aus … allem. Wenigstens für ein paar Wochen … Bitte …«

»Ich kann nicht. Das weißt du doch. Ich habe für dieses Jahr keinen Urlaub mehr. Erst wieder Mitte nächsten Jahres.«

Sophie schwieg, und Jens fuhr fort: »Wir machen im Sommer Urlaub, versprochen. Wir fliegen, wohin du willst. Oder nach Island. Da scheint im Sommer dreiundzwanzig Stunden am Tag die Sonne, und überall kommt heißes Wasser umsonst aus dem Boden. Jedes Kaff hat ein Thermalbad. Wie findest du das?«

»Ich brauche eine Auszeit, Jens. Dringend. Jetzt. Nicht im Sommer. Im Sommer kann ich auch ins Freibad gehen oder an die See fahren. Außerdem habe ich bis dahin einen neuen Job und kann nicht gleich wieder Urlaub machen.«

»Wenn du nicht warten kannst«, sagte Jens, »dann flieg doch allein. Ist doch kein Problem. Andere Frauen tun so was auch.«

»Ach, Jens …«, sagte Sophie. »Ich möchte mit dir verreisen.« Gerade habe ich meinen Job aufgegeben, um mit dir zusammenzubleiben, dachte sie, und jetzt willst du mich allein in Urlaub schicken. Sie sprach den Gedanken nicht aus und entschied, für den Moment nicht weiter zu versuchen, Jens umzustimmen. Sie würde später, in ein paar Tagen, einen neuen Anlauf nehmen. Noch war ja Zeit. Viel Hoffnung hatte sie allerdings nicht, dass er seine Haltung änderte. Jens war nicht der Typ, der es wagte oder gar schaffte, seinem Arbeitgeber zwei Wochen außerplanmäßigen Urlaub abzuschwatzen. Und selbst wenn ihm das gelang, musste er immer noch seiner Mutter gegenüber durchsetzen, dass er vielleicht den Weihnachtsabend oder Silvester nicht ›zu Hause‹ verbrachte. Das war schlicht undenkbar – für sie und ihn. Trotzdem, beschloss Sophie, würde sie Jens weiter beknien. Und wenn es nur aus Prinzip war und erst einmal zu nichts führte, egal. Steter Tropfen … Er war ihr was schuldig, fand sie.

»Wir machen im Sommer gemeinsam Urlaub«, sagte Jens. »Und was deine Arbeit angeht, such dir halt einen Job, bei dem du erst im Herbst anfangen musst.«

Was? Sophie sagte: »Und was soll ich bis dahin tun?«

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, rückte ein wenig näher an sie heran und schob seine Hand wieder unter ihren Bademantel. »Wir könnten doch schon mal einen kleinen … Kurzurlaub …«

Seine Hand kroch über ihren Oberschenkel.

»Nicht, Jens.«

»Nicht? Ferien, jetzt, gleich hier, auf dem Sofa?«

Sophie hatte gern Sex und reagierte auf erotische Reize rasch und manchmal auch intensiver, als ihr lieb war. Für einen Moment war sie geneigt, Jens’ Vorschlag anzunehmen, nicht, weil sie in Stimmung war, sondern einfach nur, weil sie sich gut fühlen wollte. Sie wollte Winterblues und Enttäuschung für eine Weile vergessen. Sex mit Jens sollte ihr dabei helfen. Aber Sophie spürte, dass sich gerade das Gefühl der Enttäuschung nicht vertreiben lassen würde. Es war zu stark und würde ihr den Spaß verderben. Sie packte Jens’ Hand durch den Stoff des Bademantels und sagte: »Nein. Hör auf!«

Jens befreite seine Hand aus ihrem Griff, aber er gab noch nicht auf. »Komm schon, Sophie, entspann dich. Du bist doch sonst auch nicht so.«

Sophie stand auf und raffte den Bademantel vor ihrem Körper zusammen. »Ich bin nicht so«, sagte sie. »Ich bin nur einfach nicht in Stimmung.«

»Hey, lass dir doch einfach von mir was Gutes tun. Es wird dir gefallen, bestimmt. Es gefällt dir doch sonst auch.«

»Heute nicht.«

»Ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst, oder schlecht drauf bist, oder so … irgendwas. Aber das brauchst du doch nicht an mir auszulassen«.

»Ich lasse nichts an dir aus«, sagte Sophie. »Ich gehe nur schlafen.«

»Jetzt schon? Es ist erst kurz nach zehn.«

»Na und? Ich muss morgen früh raus.« Sie wandte sich ab und hörte, wie Jens den Ton des Fernsehers wieder einschaltete.

»Mach den Fernseher nicht zu laut«, sagte sie über die Schulter. »Und sei bitte leise, wenn du kommst.«

Jens antwortete nicht.

Die Luftfeuchtigkeit im Badezimmer war so weit abgesunken, dass die Spiegel nicht mehr beschlagen waren. Sophie konnte sich beim Zähneputzen zusehen. Wenn nur der Winter schon vorüber wäre, dachte sie, während sie methodisch ihre Zähne schrubbte. Oder wenigstens Weihnachten und Silvester. Seit sie erwachsen und deshalb berufstätig war, empfand sie die Wochen von Mitte Dezember bis Anfang Januar als anstrengendste Zeit des Jahres. Abgesehen davon, dass Arbeits- und Feiertage wild durcheinander lagen und man erhebliches Organisationstalent brauchte, um Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden und zur rechten Zeit zu erledigen, waren die Stadt, die Kaufhäuser und die Läden überfüllt, die Parkplätze knapp, die Menschen leicht reizbar und das Wetter immer mies. Die Kunden, die Sophie für ihre Spedition am Telefon betreute, waren in der Vorweihnachtszeit noch anspruchsvoller und nörgeliger als im ganzen Rest des Jahres.

Das alles ist jetzt erst mal vorbei, dachte Sophie. Eigentlich konnte sie es noch gar nicht richtig glauben. Es war ihr zur Selbstverständlichkeit geworden, jeden Morgen um Viertel vor sechs aufzustehen. Tag für Tag drängelte sie sich von Viertel vor sieben bis halb acht durch den Berufsverkehr, um dann acht Stunden oder mehr zusammen mit einem Dutzend Kollegen in einem fensterlosen Raum am Telefon und vor Bildschirmen zu verbringen. Um die Mittagszeit saß sie eine zusätzliche halbe Stunde des Tages in der Kantine ihrer Firma, die, so schien es ihr, nur zehn Gerichte kannte, von denen immer zwei an einem Tag serviert wurden, eines davon vegetarisch. Diese immer selben Menüs kamen jede Woche von Neuem auf den Tisch. In sieben Jahren, schätzte Sophie, musste sie an die dreihundertfünfzig Mal ›Putengeschnetzeltes mit buntem Reis und gemischtem Salat‹ gegessen haben, dazu Götterspeise als Dessert. Immerhin besaß die Kantine Fenster, und man hatte einen Ausblick, wenn auch nur auf die Parkplätze und Zweckbauten des umliegenden Gewerbegebiets.

So dröge es auch war, das war ihr Leben. Man gewöhnt sich an alles, manchmal so sehr, dass man schließlich daran hängt. Würde sie es am Ende vielleicht sogar vermissen? Sophie lauschte in sich hinein. Sie fühlte weder Wehmut bei der Aussicht, Job, Kollegen und Freunde hinter sich zu lassen, noch war sie gespannt auf ihre Zukunft. War das gut oder schlecht? Wahrscheinlich war es noch zu früh, etwas zu fühlen. Und falls sie ihre Entscheidung doch irgendwann bedauerte, brauchte sie sich nur vor Augen zu halten, dass sie keine Wahl gehabt hatte. Ein Umzug, eine zweite Wohnung mit ihrem mageren Verdienst und eine Fernbeziehung über dreihundert Kilometer waren nun mal keine Option.

Schluss mit der Grübelei. Sophie spülte ihren Mund aus und lächelte sich mechanisch im Spiegel an. Auf ihre Zähne war sie stolz. Sie fuhr sich mit einem groben Kamm ein paar Mal durch ihr dichtes, schweres Haar, raffte es für die Nacht zu einem Pferdeschwanz zusammen und drehte dabei den Kopf hin und her, um sich von beiden Seiten zu sehen. Ich sollte etwas von meiner Abfindung dafür ausgeben, dachte sie, mir das Ohr machen zu lassen. Das kann nicht so teuer sein. Sophies rechtes Ohr stand deutlich ab. Manchmal kam es ihr sogar vor, als wäre es auch noch größer als das andere. Sie erinnerte sich nicht, ob es schon immer abgestanden hatte oder ob es erst durch eine unausrottbare Angewohnheit von ihr so geworden war: Immer, wenn sie sich vorbeugte oder den Kopf neigte, hakte sie mit einer kleinen, unbewussten Handbewegung die Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fielen, hinters Ohr. Es musste ordentlich Gewicht aushalten und hatte sich vielleicht deshalb nach und nach immer weiter abgewinkelt.

Sophie beendete die Selbstbetrachtung mit einem Seufzer, einer kleinen Grimasse für ihr Spiegelbild und schlappte auf Socken ins Schlafzimmer. Dort legte sie nicht einfach den Bademantel ab und schlüpfte unter ihre Bettdecke, sondern suchte aus der Tiefe ihrer vollgestopften Schrankhälfte einen alten Flanellschlafanzug heraus und zog ihn an. Der würde Jens bremsen, falls er heute Abend noch einen Annäherungsversuch unternehmen wollte. Und er würde ihr Zeit verschaffen zu überlegen, statt sich seinen lüsternen Wünschen und ihren hitzigen Reflexen vorschnell zu ergeben.

2 – Sophie entdeckte den Brief

erst am Abend des folgenden Tages, kurz bevor sie ihn mit dem nutzlosen Rest des Briefkasteninhalts in den Papierkorb werfen wollte. Es war ein Standardkuvert aus Recyclingpapier, und eine Frankiermaschine hatte den Absender außen darauf gedruckt: Amtsgericht Küstrow. Im ersten Moment glaubte sie an einen Irrläufer, denn sie kannte keinen Ort namens Küstrow. Aber ihr Name und ihre Adresse waren korrekt im Fenster des Umschlags zu lesen. Sie riss den Brief auf und las

Amtsgericht Küstrow,

Nachlassgericht,

Aktenzeichen …

Sehr geehrte Frau Schatz,

in der Nachlassangelegenheit

Marie-Luise Berkemann, geborene Schatz,

geboren am 25. 11. 1938 in Breslau (Wroclaw),

verstorben am 10. 7. 2018 in Küstrow,

mit letztem gewöhnlichem Aufenthalt in …

Tante Marie-Luise, die Schwester der Mutter ihres Vaters, also ihre Großtante, war gestorben. Schon vor Monaten. Die Nachricht löste weder Betroffenheit noch Trauer bei Sophie aus, denn sie hatte die Verstorbene so gut wie nicht gekannt und war ihr nur einmal vor zwanzig Jahren bei ihrer Erstkommunion begegnet. Die Erinnerung daran war mehr als verschwommen und bestand hauptsächlich darin, dass die Tante eine ziemlich große Frau und irgendwie extravagant gewesen war – sie trug in der Kirche einen Hut, einen großen mit einer weichen breiten Krempe, eine Art Florentiner. Sophie las, neugierig geworden, weiter:

… sind Sie von dem vom Gericht bestellten Nachlasspfleger als gesetzliche Erbin ermittelt worden. Eine Sterbeurkunde erhalten Sie vom zuständigen Standesamt. Bitte legen Sie zum Nachweis von Erbberechtigung und Verwandtschaftsverhältnis dem Nachlassgericht folgende Urkunden vor: Personalausweis, Geburtsurkunde, Geburtsurkunde des Vaters …

Sophie überflog den Rest des Textes, der hauptsächlich aus Hinweisen zum Verfahren bestand, und ging dann mit dem Schreiben ins Wohnzimmer, wo Jens vor seinem Rechner saß.

»Meine Großtante ist gestorben.«

»Was? Wer? Du hattest eine Großtante? Ich dachte, deine Mutter wäre deine einzige Verwandte.«

»Ich hatte die Tante vergessen. Ich kannte sie ja kaum. Ich bin ihr nur einmal in meinem Leben begegnet.«

Jens antwortete nicht.

»Googel mir bitte mal Küstrow. Mit W am Ende.«

»Googel selbst«, sagte Jens.

»Bitte«, sagte Sophie, »du sitzt doch gerade am Rechner. Bevor ich meinen hochgefahren habe, hast du mir Küstrow schon dreimal aufgerufen.«

»Was ist das? Wozu willst du das denn wissen?«

»Das ist eine Stadt. Ich muss dort aufs Gericht.« Sophie wedelte mit dem Schreiben.

»Aber doch nicht jetzt gleich, oder?«

»Jens, bitte …«

»Hat dich jemand verklagt?«

»Jens, bitte! Es ist wegen der Großtante. Ich bin ihre Erbin.«

Jens sah von seinem Display auf. »Ach, echt? Hast du was geerbt?«

»Anscheinend, ja.«

»Was denn?«

Er streckte die Hand nach dem Schreiben aus, aber Sophie gab es ihm nicht. Sie sagte: »Keine Ahnung. Steht hier nicht drin.« Dann deutete sie auf Jens’ Rechner. »Küstrow. Mit K am Anfang und W am Ende.«

Jens schnaufte. Er tippte auf seiner Tastatur und sagte dann: »Küstrow in Brandenburg, dreißigtausend Einwohner, ist das dein Küstrow? Eine kleine Stadt, irgendwo in der hinterletzten Pampa, an der polnischen Grenze?«

»Gibt es noch ein Küstrow?«

»Nein.«

»Dann ist es wohl das Richtige.« Oh je, dachte Sophie. Das sind mindestens fünf Stunden Fahrt. Zehn Stunden hin und zurück, oder mehr. Im Winter. In meinem altersschwachen Wagen. Nur um einige Papiere abzuliefern …

Sie ging ins Schlafzimmer und grub aus ihrem Kleiderschrank einen alten Schuhkarton aus, den sie ganz unten und ganz hinten aufbewahrte, wie um ihn zu verstecken. Seit Jahren hatte sie ihn nicht hervorgeholt. Er enthielt keine Geheimnisse, nur Dokumente, Papiere, Fotos und kleine Andenken an die Familie, von der Sophie einmal ein Teil gewesen war. Sie breitete den Inhalt des Kartons auf ihrem Bett aus. Dokumente und Briefe waren noch mit Schreibmaschine geschrieben, Fotos vom Alter verfärbt. Sophie betrachtete sie zunächst ohne besondere Empfindungen. Was sie vor sich hatte, waren Echos aus einer fernen, ihr fremden Vergangenheit. Auf einigen Schwarzweiß-Fotografien sah Sophie Menschen, die sie nicht einmal kannte, und es gab wohl auch sonst niemanden mehr auf der Welt, der noch sagen konnte, um wen es sich handelte. Vielleicht die Eltern ihres Vaters? Sie starben, ehe Sophie alt genug war, sich an sie zu erinnern. Die Eltern ihrer Mutter, Spanier, die vor fünfzig Jahren nach Deutschland kamen, kannte Sophie, und sie lebten noch. Ihre eigenen Eltern auf deren großformatigem Hochzeitsfoto erkannte sie nur, weil sie wusste, wer abgebildet war. Auch sich selbst war sie fremd auf ihren Kinder- und Jugendbildern. Erst auf den Fotos von ihrer Abiturfeier sah sie sich endlich ähnlich, und Vater und Mutter sahen darauf aus, wie sie sie in Erinnerung hatte. Sie waren ein schönes Paar und besonders Sophies südländisch anmutende Mutter fiel auf. Der Anblick ihres Vaters bewegte Sophie schließlich doch noch, und sie erlaubte sich eine Minute der Trauer. Es war lange her, dass sie an ihn gedacht hatte, aber noch viel länger war er tot, verunglückt in einer regnerischen Nacht auf der Autobahn. Für immer jung, dachte Sophie, während sie sein Bild studierte. Er würde nie vor ihren Augen altern, kränklich und hinfällig werden und sterben. Für sie würde für immer ein gutaussehender, optimistischer Mittvierziger bleiben, der eines Abends Frau und Tochter zum Abschied geküsst hatte, in einen großen weißen Sprinter gestiegen, davongefahren und nie zurückgekehrt war.

Sophie schob die Fotos zur Seite und wandte sich den Papieren zu. Sie entdeckte rasch die Geburtsurkunde ihres Vaters, und ihre eigene auch. Ein Dokument, das ausdrücklich ihre oder ihres Vaters Verwandtschaft mit Tante Marie-Luise belegte, fand sie nicht. Sophie entschied nach kurzer Überlegung, dass das kein Problem sein konnte, denn das Nachlassgericht hatte sie ja bereits als Erbin identifiziert. Die Forderung, weitere Nachweise zu erbringen, musste eine Formsache sein.

Bei den Papieren fand Sophie auch Briefe und Honorarrechnungen eines Notars, der mit dem Nachlass ihres Vaters befasst gewesen war. Das brachte sie auf die Idee, einen Notar mit dem Nachweis ihrer Erbberechtigung zu beauftragen, statt hin und zurück tausend Kilometer zu fahren. Sie studierte die Rechnungen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sie das kosten würde. Ein Notar war jedenfalls teuer, so viel fand sie heraus. Anscheinend wurde das Honorar irgendwie proportional zum Wert des Nachlasses berechnet. Es kam also darauf an, was sie geerbt hatte – hatte sie etwas geerbt? Was würde sie mehr (oder weniger) kosten, ein Notar oder eine Reise nach Brandenburg? Sophie musste solche Überlegungen anstellen. Sie hatte bisher nie viel verdient, und demnächst wäre sie arbeitslos. Sie besaß nur das wenige, was ihr der Vater in Form von ein paar Sparbriefen hinterlassen hatte. Dazu kam noch die Abfindung von ihrem letzten Arbeitsplatz. Aber das war auch nicht viel, sechs Monatsgehälter, und wahrscheinlich musste sie die auch noch versteuern … Seit ihrem Eintritt ins Erwachsenenleben lebte Sophie gezwungenermaßen sparsam, auch wenn ihr das nicht gefiel. Insgeheim fürchtete sie, dass ihr Geldmangel sie auf die Dauer kleinlich oder geizig machen würde oder schon gemacht hatte. Lieber wäre sie in Gelddingen so lässig, wie ihr Vater es gewesen war, und so unbekümmert wie ihre Mutter.

Eine Weile saß sie auf ihrem Bett zwischen Fotos und Papieren, bevor sie sich entschied. Es war letztlich wieder einmal Bequemlichkeit, die den Ausschlag gab: Sie würde einen Notar aufsuchen. Denn sie fürchtete sich mehr vor zehn Stunden Fahrt in ihrem alten Auto, noch dazu im Winter und in die tiefste, womöglich schneebedeckte ostdeutsche Provinz, als vor einer Rechnung über vielleicht einige Hundert Euro. Hatte sie erst einmal die Abfindung auf dem Konto, dann musste sie – wenigstes vorübergehend – keine Angst vor einer unvorhergesehenen Ausgabe haben. Und schließlich, sagte sie sich, irgendetwas würde sie ja ganz bestimmt erben, und das wog hoffentlich die Kosten für einen Notar auf.

Sophie legte die Urkunden, die sie brauchte, zur Seite, räumte den Rest der Bilder und Papiere wieder in den Schuhkarton und schob ihn zurück in den Kleiderschrank. Im Wohnzimmer saß Jens immer noch vor seinem Rechner.

»Jetzt, wo du reich bist«, sagte er, »solltest du endlich mal über zeitgemäße Anlageformen für dein Geld nachdenken. Sparbriefe bringen doch nichts.«

»Ich bin nicht reich«, sagte Sophie.

»Du musst die letzte direkte Verwandte deiner Großtante sein, sonst hätte jemand anderes vor dir geerbt«, sagte Jens. »Großnichten stehen in der gesetzlichen Erbfolge ganz weit hinten.« Sophie wusste nichts darauf zu sagen, und er fuhr fort: »Ich habe mal Seminare zum Erbrecht gemacht. Wir haben in meiner Bank oft mit Erben zu tun.«

Jens sagte immer ›wir‹ und ›meine Bank‹ und drängelte sich in jede innerbetriebliche Fortbildung. Er war fest entschlossen, irgendwie Karriere zu machen, und alles konnte nützlich sein.

»Ich glaube nicht, dass die Tante mir viel hinterlassen hat«, sagte Sophie. »Sie hat wohl den größeren Teil ihres erwachsenen Lebens in der DDR gelebt, wo es kaum Möglichkeiten gab, Reichtum anzuhäufen.«

»In der DDR …?« Jens verlor erkennbar das Interesse an Sophies Erbschaft. »Ist vielleicht auch besser so«, sagte er. »Als Großnichte musst du nämlich ohne Ende Erbschaftssteuer zahlen.« Dann wandte er sich wieder seinem Rechner zu.

Sophie suchte sich im Internet ein paar Notare heraus und schrieb deren Telefonnummern ab, um sie am nächsten Tag von ihrem Arbeitsplatz aus anzurufen. Sie würde zu demjenigen gehen, der ihr am ehesten einen Termin anbieten konnte.

3 – In ihren letzten zehn Arbeitstagen

war Sophie über Internet und Telefon mit einer dreihundert Kilometer entfernten Kollegin zusammengeschaltet, um sie einzuarbeiten. Die Frau hatte eine sympathische Stimme, einen leichten ostdeutschen Akzent und eine rasche Auffassungsgabe. Ehe eine Woche vergangen war, hatte Sophie kaum noch mehr zu tun, als über Kopfhörer und am Monitor zu verfolgen, was ihre Nachfolgerin sagte und tat.

Währenddessen verabschiedeten sich nach und nach diejenigen von Sophies Kollegen, deren Abteilungen am neuen Standort schon funktionierten und die hier nicht mehr gebraucht wurden, in den vorzeitigen Weihnachtsurlaub. Eine Entrümpelungs- und Umzugsfirma räumte die frei gewordenen Büros aus. Jeden Abend standen mehr Türen offen und gaben den Blick auf leere Räume frei. Jeden Morgen hallten Sophies Schritte lauter in den Fluren, auf denen sie fast nur noch die Männer traf, die die Büromöbel bewegten.

Die formlose Auflösung des Betriebs und der Belegschaft schlug sich auf die Stimmung bei der letzten Weihnachtsfeier nieder. Sie geriet zur rührseligen Abschiedsparty und lief ziemlich aus dem Ruder. Es wurde mehr getrunken als ohnehin üblich, und es fanden berauschte Verbrüderungen von Leuten statt, die sich bisher kaum gekannt oder vorher nie hatten leiden können. Es gab zahlreiche betrunken-feierliche Versprechen, einander nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn man nicht mehr miteinander arbeitete, und gelallte Liebesgeständnisse wie sonst nur an Fasching. (Werner: Schliebedisch, Sophie, schabedischonimmer … (Schluckauf); Sophie: Aber Werner, du bist doch verheiratet …) Nach Mitternacht kam es auf den Toiletten zu einigen unappetitlichen Eruptionen, wo sich Männer gegenseitig stützten und Frauen einander abwechselnd die Haare zurückhielten. Jens kam nicht zur Weihnachtsfeier von Sophies Firma mit, weil er, wie er sagte, in der Gesellschaft von besoffenen tätowierten Fernfahrern nicht feiern wollte. So musste Sophie nüchtern bleiben, um selbst heimfahren zu können, und obendrein fiel ihr dann auch noch die Aufgabe zu, morgens gegen drei eine Handvoll fahruntüchtiger Kollegen zu ihrem jeweiligen Zuhause zu bringen. Ihr Auto roch auch am nächsten Tag noch wie eine Kneipe.

Die Weihnachtsfeier von Jens’ Bank hatte dagegen fast den Charakter eines Balls und versammelte die Belegschaft aller Filialen in der Stadt. Sophie ging wie jedes Jahr gern mit. Es störte sie nicht, dass Jens sie als seine Partnerin sozusagen vorführte, weil er glaubte, dass Singlemänner bei seinem Arbeitgeber schlechtere Aufstiegschancen hatten. Sie freute sich einfach über die Gelegenheit, sich einmal festlich aufzubrezeln, ein Kleid zu tragen, Make-up und Schmuck, und zu tanzen – denn eine Dreimann-Band spielte auf der Feier richtige Tanzmusik. Jens konnte zwar tanzen, tat es aber nur widerwillig, sodass Sophie sich an seine Kollegen halten musste. Vor allem unter den Älteren von ihnen gab es hervorragende Tänzer, und sie hatte eine Menge Spaß, obwohl die allgemeine Stimmung nicht gerade ausgelassen war. Als der Abend früh endete, war niemand offensichtlich betrunken; keiner versuchte, jemand anderen zu umarmen oder gar jemandem an die Wäsche zu gehen, und alle konnten selbst nach Hause fahren.

Sophies letzter Arbeitstag war der vierundzwanzigste Dezember, und sie arbeitete bis spätnachmittags. Zu Hause angekommen nahm sie ein Bad und telefonierte dann im Bademantel und mit einem Handtuchturban um ihre feuchten Haare eine halbe Stunde mit ihrer Mutter. Carmen Schatz war einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes, als Sophie die Ausbildung abgeschlossen hatte und berufstätig wurde, zusammen mit ihren Eltern nach Spanien gezogen und betreute die alten Leute dort. Sophie hatte Mutter und Großeltern in den ersten Jahren nach ihrem Umzug dreimal besucht und einen vierten Besuch dann so lange verschoben, bis er sich nicht mehr richtig anfühlte. Währenddessen wurden die Telefongespräche immer seltener. Irgendwann war Sophies Mutter dann so lange in Spanien, dass sie einen Akzent bekam und spanische Worte in ihre deutschen Sätze einbaute. Sie sprachen nie über Sophies Vater, und Sophie wollte nicht wissen, ob ihre Mutter vielleicht einen neuen Mann kennengelernt oder sogar noch einmal geheiratet hatte.

Weihnachtsabend und Silvester verbrachten Sophie und Jens wie jedes Jahr bei Jens’ Eltern. Die beiden mochten Sophie, und besonders Jens’ Mutter fand, dass sie die richtige Partnerin für ihren Sohn war. Sie hielt Sophie für fleißig, geduldig und fürsorglich und hatte ihr irgendwann einmal (unter vier Augen) die Aussage entlockt, dass sie gern Kinder haben wollte (was stimmte). Spätestens seit diesem Zeitpunkt gehörte Sophie zur Familie. Sophie fand Jens’ Eltern nett, langweilte sich aber immer ein wenig in ihrer Gesellschaft und auch auf gelegentlichen Familienfeiern mit Jens’ weiterer Verwandtschaft. Doch weil das nur selten vorkam, hielt sie es aus, und war das nicht überhaupt normal? Jede Familie ist eine Welt für sich, nicht entzifferbar und deshalb uninteressant für Außenstehende. Spannende Familien gibt es nur im Kino und in Romanen.

In der Silvesternacht morgens um zwei, als die Knallerei größtenteils vorüber war, bestand Jens darauf, noch in einen Club zu gehen. Weil sie mit Jens’ Wagen zu seinen Eltern gefahren waren, musste Sophie wohl oder übel mitkommen. Sie war müde, hatte sich einen Abend lang gelangweilt und das Silvesteressen, das Jens’ Mutter aufgetischt hatte, lag ihr schwer im Magen. Im flackernden Licht, der Hitze und dem monotonen Lärm des überfüllten Clubs verdichtete sich ihr Unwille zu einem starken Unbehagen. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie sich nach einer banalen Arbeitswoche bedingungslos den Beats aussetzte und unterstützt von Alkohol und gelegentlich einer Pille bis zu Erschöpfung tanzte. In dieser Silvesternacht gelang ihr das nicht; stattdessen bekam sie Kopfschmerzen. Sophie kam sich deplatziert vor unter all den Mädchen in Partyklamotten. In ihrem Pullover war ihr zu warm, der Bund ihrer Hose spannte unangenehm, und sie fühlte sich alt und fett. Sie sandte Jens, den sie aus den Augen verloren hatte, eine Nachricht und verließ den Club. Draußen in der kalten Nacht brauchte sie zehn Minuten, um sich ein Taxi zu erobern, aber immerhin ließen währenddessen ihre Kopfschmerzen nach. Zu Hause spielte sie mit dem Gedanken, den Finger in den Hals zu stecken, um ihr Abendessen loszuwerden und leichter zu schlafen, entschied sich dann aber dagegen. Trotz ihrer Müdigkeit lag sie lange wach, lauschte ihrem aufgebrachten Magen, und ihre Gedanken wanderten ziellos. Dass sie einschlief, bemerkte sie nicht, und sie hörte auch Jens nicht kommen. Am nächsten Morgen lag er wie immer neben ihr.

4 – Während der Feiertage

und zwischen den Jahren vergaß (oder verdrängte) Sophie fast vollständig, dass sie arbeitslos war. Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres stand sie zusammen mit Jens auf, bereitete Frühstück für beide und hörte zu, wie er sich für den Tag fertigmachte: die Dusche, den Föhn und die elektrische Zahnbürste, das Geräusch von Schranktüren, das Klappern von Absätzen. Ein kurzer Abschiedsgruß über die Schulter gesprochen, die Wohnungstür … und dann war Stille. Die Stille war so still, dass Sophie das Blut in ihren Ohren singen hörte. Sie war allein in der kleinen Wohnung und hatte nichts zu tun.

Wie es anfühlen würde, arbeitslos zu sein, das hatte sie sich nie ausgemalt, darüber hatte sie sich nie Gedanken gemacht. Seit Jahren, eigentlich schon immer, lebte sie mit dem Blick auf die Uhr. Arbeitszeiten strukturierten ihre Tage und Wochen. Es gab immer Wege, die sie zu gehen, und Verpflichtungen, die sie zu erfüllen hatte, Termine, die es einzuhalten, und Aufgaben, die es abzuarbeiten galt. Es war nicht vorgesehen, dass das einmal enden würde. Leben war Routine. Urlaube und Wochenenden, Sonntage, an denen sie bis mittags im Bett lag, das waren nur überschaubare Atempausen mit der Aussicht auf die unvermeidliche Wiederkehr des Immergleichen.

Nun kam es Sophie so vor, als hätte ihr Leben plötzlich angehalten. Das machte sie ratlos. Natürlich, sie wusste, es ging weiter, immer ging es irgendwie weiter … sie würde einen neuen Job suchen, finden und ihn auch antreten, aber das war Zukunft. Nichts, das sie an einem kalten, dunklen Wintermorgen in einer kleinen vollgestopften Wohnung im siebenten Stock sinnvoll beschäftigte.

Sie saß auf dem Sofa und sah zu, wie es vor den Fenstern langsam Tag wurde. Dann begann sie, die Wohnung aufzuräumen.

5 – Sophie suchte zum ersten Mal

in ihrem Leben Arbeit. Es war eine neue Erfahrung für sie, und es erwies sich als überraschend frustrierend. Die Jobbörsen im Internet und die Computer der Arbeitsagentur zeigten wochenlang immer die gleiche Handvoll Jobs in ihrer Stadt und Region, für die sie vielleicht oder vielleicht auch nicht qualifiziert war. Auch in den Zeitungen fand sie nichts Passendes. Die Firmen, die sie anschrieb, antworteten nicht, und wenn doch, dann bekam sie knappe Standardabsagen. Sie las Bewerbungsratgeber, aber deren Geschäftsmodell, stellte sie fest, bestand offenbar darin, Arbeitssuchenden einzureden, dass es an ihrer eigenen bewerbungstechnischen Unfähigkeit lag, wenn sie nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden, oder dabei scheiterten (weshalb sie Bewerbungsratgeber brauchten).

Eigentlich gab es Jobs – Vierhundertfünfzigeuro-Jobs ohne Ende. Leiharbeitsfirmen, die weit unter Tarif bezahlten, stellten immer Leute ein, und die Speditionen, bei denen sich Sophie bewarb, suchten Kurier- und Auslieferungsfahrer mit eigenem Fahrzeug als Subunternehmer. Aber einen normal bezahlten und sozialversicherten Vierzigstundenjob für eine Speditionskauffrau, den fand sie nicht. Natürlich gab sie die Suche nicht auf. Es konnte ja jederzeit irgendwo etwas genau für sie Passendes angeboten werden. Doch als immer wieder eine erfolglose Woche verstrich, als nach dreißig ergebnislosen Bewerbungen, Mails und Anrufen der Januar fast vorüber war, beschlich sie immer häufiger die Befürchtung, dass sie am Ende doch noch als Vierhundertfünfzigeuro-Hilfskraft oder für 1.300 brutto in einem Callcenter mit Schichtdienst oder hinter der Kasse eines Discounters landen würde.

Jens schien ganz zufrieden damit, dass Sophie viel zu Hause war. Wenn er von der Arbeit kam, fand er die Wohnung warm, aufgeräumt und sauber, den Kühlschrank gefüllt und meistens auch ein Abendessen vorbereitet. War sie unterwegs, machte es ihr nichts aus, seine Anzüge in die Reinigung und seine Hemden in die Wäscherei zu bringen und sie wieder abzuholen. Nachdem er sich versichert hatte, dass sie, obwohl sie kein Arbeitslosengeld bekam (denn sie hatte ja selbst gekündigt), die Hälfte der Miete für die gemeinsame Wohnung weiterzahlen konnte, hörte er auf, sie nach ihren Fortschritten bei der Jobsuche zu fragen.

6 – Nach dem Termin mit dem Notar

vor Weihnachten, über die Feiertage, mit dem Einbruch der Arbeitslosigkeit in ihr Leben und der Jobsuche hatte Sophie ihre Erbschaft halb vergessen. Es überraschte sie deshalb ein wenig, als sie wieder einmal ein Schreiben des Amtsgerichts Küstrow im Briefkasten fand.

Sehr geehrte Frau Schatz,

in der Nachlassangelegenheit

Marie Luise Berkemann, geborene Schatz,

geboren am …

… erhalten Sie anliegenden Erbschein zur Kenntnisnahme und weiteren Verwendung.

Mit freundlichen Grüßen …

Den Nachlass ihres Vaters hatte Sophies Mutter geregelt, deshalb kannte sie sich nicht aus. Sie rief das Amtsgericht in Küstrow an und fragte sich durch. Der Nachlasspfleger war ein unfreundlicher Mann mit einer Jungenstimme.

»Mit dem Erbschein und ihrem Personalausweis können Sie Ihr Erbe antreten«, sagte er. »Die Habseligkeiten Ihrer Großtante lagern noch in dem Heim, in dem sie die letzten Jahre ihres Lebens wohnte. Mit dem Erbschein können Sie auch alle sonstigen Formalitäten abwickeln, mit Ämtern, Banken, Versicherungen, Bestatter, eben alles, was so anliegt. Der Erbschein macht Sie zur Rechtsnachfolgerin Ihrer Großtante. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich denke schon«, sagte Sophie.

»Gut. Für manches brauchen Sie auch die Sterbeurkunde. Die müsste der Bestatter haben. Wenn nicht, bekommen Sie sie vom Standesamt. Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie vorbei oder rufen Sie mich wieder an. Haben Sie E-Mail? Ich maile Ihnen die Adresse des Heims, zu dem Sie fahren müssen.«

Sophie nannte dem Mann ihre E-Mail-Adresse.

»Ich weiß noch nicht, wann ich bei Ihnen vorbeikommen kann«, sagte sie. »Küstrow ist so weit weg von mir, und es ist Winter, Sie wissen schon …«

»Nun ja«, sagte der Mann, »wir sind hier in Brandenburg, nicht in Sibirien. Hierher können Sie auch im Winter kommen. Schieben Sie Ihren Besuch nicht unnötig auf. Ihre Tante ist immerhin schon vor sieben Monaten … äh … verschieden. Es hat sich einiges angestaut, was auf Erledigung wartet.«

Sophie hatte reichlich Erfahrung mit Leuten, die sie am Telefon unter Druck zu setzen versuchten. Sie sagte: »Dafür kann ich nichts. Hätten Sie mich vor einem halben Jahr angeschrieben, dann wären wir schon durch mit der ganzen Sache.«

»Wir wussten damals noch überhaupt nicht, dass es Sie gibt. Also, kommen Sie so bald wie möglich und bringen Sie ein bisschen Zeit mit, Frau Schatz.«

»Drängen Sie mich nicht«, sagte Sophie. »Ich kann jetzt hier nicht alles stehen und liegen lassen, bloß weil Ihnen etwas eilig ist. Was sieben Monate gewartet hat, hat auch noch ein paar weitere Wochen Zeit. Ich komme, wann ich kann.«

Der Nachlasspfleger verabschiedete sich und legte auf. Sophie bedachte ihn mit dem Schimpfwort, das mit A anfängt, und wahrscheinlich sagte er gerade am anderen Ende der toten Leitung etwas Ähnliches. Dann wurde ihr bewusst, dass sie versäumt hatte zu fragen, was genau sich ›angestaut‹ hatte und was er mit ›einiges zu erledigen‹ gemeint hatte. Mit dem Telefon noch in der Hand überlegte sie. Ämter? Welche Ämter? Versicherungen? Banken? Ja, klar, die Tante besaß sicher ein Konto, das aufgelöst werden musste. Ein Bestatter? Wenn es jetzt noch, nach mehr als einem halben Jahr, etwas mit einem Bestatter zu regeln gibt, dachte Sophie, dann ist da wohl eine Rechnung offen. Hoffentlich hält die sich in Grenzen. Wo war die Tante eigentlich beerdigt? Gab es irgendwo ein Grab? Ich muss mir mal eine Liste machen, dachte sie, von allem, was ich nicht weiß.

Sophie hatte mittags mit dem Nachlasspfleger telefoniert. Bis Jens spätnachmittags nach Hause kam, hatte sie sich im Internet das Wetter in Brandenburg angesehen, entschieden, dass es unproblematisch war, und sich entschlossen, sobald wie möglich zu fahren. Die Fahrt war eh nicht zu vermeiden, und Aufschieben brachte keinen Vorteil. Außerdem – und das war der wichtigste Grund für ihren Entschluss – bot ihr die Reise eine Abwechslung. Auf diese Art und Weise kam sie mal raus aus der Wohnung und aus der Stadt. Brandenburg war nicht die Karibik, aber auch im Winter immer noch besser, als im siebenten Stock allein und tatenlos auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu hoffen.

»Sonntag fahre ich nach Küstrow«, sagte sie beim Abendessen.

Jens war mit seinen Gedanken woanders. »Was? Wohin?«

»Na … du weißt doch, wegen der Erbschaft.«

»Äh, ja … Warum Sonntag? Ist doch alles geschlossen.«

»Sonntag ist nicht so viel Verkehr auf der Autobahn, und ich muss meinen alten Wagen nicht so treten, um mitzuhalten.«

Jens antwortete nicht. Sophie wusste, dass es nichts brachte, was sie gleich tun würde, aber sie tat es trotzdem. Ihr war nach einer kleinen Stichelei zumute. Jens schuldete ihr noch was.

Sie sagte »Es sei denn, wir tauschen die Autos. Mit deinem komme ich schneller hin und zurück und spare mir eine Übernachtung.«

Augenblicklich hatte sie seine Aufmerksamkeit. »Auf keinen Fall!«, antwortete er mit Nachdruck.

»Aber warum denn nicht …?« sagte sie mit gespielter Harmlosigkeit. Er tappte in ihre Falle und versuchte, seine Ablehnung zu begründen, aber ihm fiel nichts Gutes ein.

»Der Wagen ist geleast«, sagte er schließlich.

»Ja und?«

»Wenn du einen Kratzer reinfährst …«

»Wenn du selbst einen Kratzer reinfährst, ist das dann besser?«

Jens antwortete nicht

»Meinst du, ich verkratze dein Auto eher als du?«

»Fahr mit deinem eigenen Wagen.« Jens’ Gesicht war gerötet, sein Nacken sichtbar verspannt. Er starrte auf seinen Teller. Sophie ließ ab von ihm. Er würde eher seine Eltern in die Sklaverei verkaufen, als sein Auto zu verleihen.

»Ist schon gut«, sagte sie. »War nicht ernst gemeint.«

Als sie später den Tisch abräumte, setzte sich Jens nicht an seinen Rechner oder vor den Fernseher, sondern packte seine Sportsachen, um wieder einmal trainieren zu gehen. Er fragte Sophie nicht, ob sie mitkommen wolle.

7 – Die Heizung von Sophies Wagen

hatte auch nach längerem Betrieb nur gerade genug Kraft, um ein Beschlagen der Fenster zu verhindern, weshalb sie während der Fahrt in ihren unförmigen Daunenmantel gewickelt blieb. Er verhinderte leider nicht, dass sie kalte Füße bekam und die ganze Strecke über behielt. Ansonsten verlief ihre Reise nach Brandenburg problemlos. Die Straße war trocken, der Verkehr hielt sich in Grenzen, und der alte Golf schnurrte auf der rechten Fahrbahn brav vor sich hin. Um nicht auf das schlechte und teure Essen der Autobahnraststätten angewiesen zu sein, hatte Sophie ein Sandwich und eine kleine Thermosflasche Kaffee dabei. Weil sie aber gut und schneller vorankam als gedacht, hielt sie erst an, als sie den größeren Teil ihrer Reise schon hinter sich hatte. Auf einem kahlen, leeren Parkplatz an der A11 nördlich von Berlin machte sie Halt, stieg aus und lief auf und ab, um wärmere Füße zu bekommen. Sie aß im Gehen, während ihr Kaffeebecher dampfend auf dem Wagendach stand. Der Tag war trüb. Es blies ein scharfer Wind über das platte Land. Zu beiden Seiten der Autobahn erhoben sich in einiger Entfernung winterschwarze Wälder wie Mauern. Der Verkehr brauste anonym und gleichgültig vorbei. Die Düsternis, die Einsamkeit des Ortes und die Weite, die der niedrige Horizont schuf, hatten für Sophie etwas Großartiges, fast Dramatisches – und sie war mitten darin. Das gefiel ihr. Sie war Hunderte Kilometer von ihrem gewöhnlichen Leben entfernt und gespannt darauf, was ihr der kommende Tag bringen würde. Sie fühlte sich wie am Beginn eines Abenteuers. Sie fühlte sich gut.

Das Gefühl begleitete sie wie der gerade noch spürbare Nachhall einer großen Glocke bis zum Ziel ihrer Reise. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichte sie in einem Außenbezirk von Küstrow ein schlichtes Hotel, in dem sie übers Internet ein Zimmer reserviert hatte. Nach einem Abendessen in einem vietnamesischen Imbiss neben einer Tankstelle, ein paar Straßen von Hotel entfernt, und einer Stunde vor ihrem Notebook ging sie früh zu Bett. Als sie das Licht löschte, wurde ihr bewusst, dass sie zum ersten Mal seit Jahren allein schlafen und allein aufwachen würde. Allein. Wie war das? In den Minuten (oder waren es nur Sekunden?) zwischen Wachen und Traum erforschten ihre Sinne noch die für sie neue Situation. Das Hotelbett war nicht so bequem wie ihr eigenes (- das sind Hotelbetten wohl nie), aber es gehörte nur ihr. Die Bettdecke war nur für sie da. Es gab nur ihren eigenen Atem in der Stille. Niemand lag warm und schwer neben ihr oder drängte sich in der Dunkelheit mit erigiertem Penis an sie. Wenn sie sich streckte, wälzte oder rekelte, dann rempelte sie niemanden an, und niemand protestierte brummend. Sie musste keine Rücksicht nehmen. In dieser Nacht war sie für sich, hatte keine Verantwortung. Allein und verantwortungslos, auch das war Abenteuer. Sophie schlief ein.

8 – Sophie hatte keinen Wecker

mitgenommen, wachte später auf als geplant und begann den Tag in Eile. Daher verzichtete sie auf eine Dusche, wusch nur rasch ihr Gesicht und flocht sich eilig einen unordentlichen Zopf, den sie mit ein paar Haargummis zusammenhielt. Sie zog wieder die Kleidung vom Vortag an, Jeans und Rollkragenpullover, die noch nach dem vietnamesischen Imbiss rochen, und schlüpfte in Stiefeletten mit flachem Absatz. Ihr Frühstück beschränkte sie auf einen Kaffee und ein Croissant. Zuletzt putzte sie gründlich ihre Zähne – Sophie ließ schon mal eine Dusche aus, wenn sie annehmen konnte, dass das nicht auffiel, aber Zähne putzte sie immer und mit heiligem Ernst. Dann fühlte sie sich bereit für ihre Runde durch Küstrow und Umgebung, um ihr Erbe anzutreten – was immer das war.

Um nicht allein auf ihr Smartphone angewiesen zu sein, sondern auch einen Überblick zu haben, kaufte sie an einer Tankstelle einen Stadtplan und eine Umgebungskarte und studierte sie eine Weile, um sich zu orientieren. Ihr erstes Ziel war das Heim, in dem ihre Großtante die letzten Monate ihres Lebens verbracht hatte. Es war nicht schwer zu finden. Eine halbe Stunde fuhr sie auf schmalen, buckeligen Straßen, vorbei an winterlich kahlen Feldern, die sich bis zum Horizont erstreckten. Je weiter sie hinaus aufs Land kam, umso geringer wurde der Verkehr. Wie die wenigen Autos, die ihr begegneten, fuhr Sophie mit Licht, denn der Tag wollte nicht richtig hell werden.

An Rande eines Dorfes, eigentlich nur einer losen Gruppe von wenigen alten Häusern, fand Sophie etwas abseits das Pflegeheim. Es bestand aus einer Ansammlung von Bauten verschiedener Epochen in den Resten eines Parks. Das Hauptgebäude am Ende einer geraden Zufahrt und einer lückenhaften Allee war alt, vielleicht zweihundert Jahre, schätzte Sophie, drei Stockwerke hoch, breit, mit vielen Fenstern und einem spitzen roten Ziegeldach, ehemals wohl ein Gutshaus. Zwei andere lang gestreckte mehrgeschossige Häuser, kasernenartige Zweckbauten, stammten erkennbar aus der DDR-Zeit. Zwei weitere waren in jüngerer Zeit erbaut worden, von offenbar gleichgültigen Architekten ohne gestalterischen Ehrgeiz. Gebäude, Stellplätze und Zufahrten hatten den Park ausgehöhlt, nur kleine Rasenflächen und nur wenige alte Bäume übrig gelassen, die auch noch verstümmelt worden waren, um nirgendwo im Weg zu sein. Vielleicht war die Anlage im Sommer, wenn die Bäume Blätter hatten, noch irgendwie ansehnlich. Jetzt, im Februar, fand Sophie ihren Anblick deprimierend. Wer immer dieses Heim betrieb, gab sich keine Mühe, den Menschen, die er im letzten Abschnitt ihres Lebens aufbewahrte, noch ein wenig Schönheit zu bieten. In einem Laden wie diesem werde ich nicht enden, dachte Sophie trotzig, während sie die breite Treppe des Haupthauses ins Hochparterre emporstieg. Ich werde Kinder haben und gut zu ihnen sein. Dann werden sie mich nicht zum Ende meines Lebens an einen Ort wie diesen hier abschieben.

So prächtig das alte Haus von außen noch wirkte, so schäbig war sein Inneres. Sophie lief auf stumpfen PVC-Böden von undefinierbarer Farbe durch schlecht beleuchtete Korridore mit fleckigen Wänden und öffnete Türen voller Narben, alle auf gleicher Höhe, wo Rollenbetten oder Bahren anstießen. Es war still und roch ungelüftet und nach billigem Essen. In der Verwaltung im ersten Stock wurde sie schon erwartet, und die Frau schien sich über ihr Kommen sogar zu freuen. Obwohl sie wusste, wen sie vor sich hatte, studierte sie Erbschein und Personalausweis eingehend und machte sich Fotokopien davon. Sophie sah ihr dabei zu. Die Frau wirkte wie Ende vierzig, war aber wohl jünger. Ihre Kleidung, Schuhe und Haarschnitt deuteten darauf hin, dass sie entweder nicht gut verdiente, einen schlechten Geschmack hatte oder ihr Geld nicht für sich selbst ausgab.

Sie sagte: »Ich habe Ihnen die Sachen Ihrer Tante schon mal bereitgestellt.« Sie deutete auf einen alten Koffer und einen Umzugskarton in einer Ecke des Büroraums.

»Das ist alles?« sagte Sophie. Das ist alles, was von achtzig Jahren Leben übrig bleibt?

»Es gibt auch noch …«, sagte die Frau und zog aus einer Schreibtischschublade einen größeren Klarsichtbeutel mit Druckverschluss, »… einige persönliche Kleinigkeiten, die Ihre Tante immer bei sich trug.«

Sie hielt den Beutel hoch. Sophie sah ein altes Portemonnaie, einen Schlüsselbund, eine kleine Damenuhr und zwei Eheringe. »Das ist alles?«, wiederholte sie.

»Das ist alles. Die Menschen, die zu uns kommen, bringen nicht viel aus ihrem früheren Leben mit. Wir haben hier keinen Platz dafür. Aber die meisten bleiben ja auch nicht lange …«

»Ich verstehe«, murmelte Sophie.

»Mein herzliches Beileid«, sagte die Frau plötzlich.

»Danke«, antwortete Sophie automatisch.

»Als alleinige Erbin Ihrer Tante sind Sie ihre, äh, Rechtsnachfolgerin. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Ich weiß«, sagte Sophie. »Der Nachlasspfleger hat mir das auch schon erklärt.«

Die Frau schien erleichtert. »Gut. Wir müssen nämlich noch ein paar geschäftliche Dinge klären.«

In Sophies Kopf begann eine kleine Alarmglocke zu klingeln.

»Die, äh … Kosten für den Aufenthalt Ihrer Tante hier bei uns«, fuhr die Frau fort, »waren durch ihre Rente und die Pflegeversicherung nicht vollständig gedeckt. Es gibt da ein Defizit, verstehen Sie, das wir, äh … ausgleichen müssen. Eine Forderung, die wir Ihnen in Rechnung stellen müssen.«

Sophie dachte wieder: Oh mein Gott. Die wollen Geld von mir. Sie sagte: »Wie viel ist es denn?«

Die Frau hob suchend einige Papiere auf ihrem Schreibtisch an, bevor sie antwortete: »21.406 Euro. Und 52 Cent.«

Einundzwanzig … tausend … Sophie konnte nicht fassen, was sie hörte. Ihr Magen zog sich zusammen. Einen Moment lang ging in ihrem Kopf alles Drunter und Drüber. Dann war ihr erster klarer Gedanke: 21.000, das ist die Hälfte von allem, was ich besitze, die Abfindung für meinen Arbeitsplatz schon eingerechnet.

»Das muss ich bezahlen?« sagte sie.

»Als Alleinerbin Ihrer Tante, ja.«

»Das heißt, ich habe Schulden geerbt.«

»Man erbt halt auch Schulden«, sagte die Frau. »Aber sie haben ja noch das Haus.«

Die Überraschungen nahmen kein Ende. »Das Haus? Welches Haus? Meine Großtante hatte ein Haus?«

»Wissen Sie das nicht?«

»Ich kannte sie doch gar nicht. Zuletzt getroffen habe ich sie als Kind, vor zwanzig Jahren, und seitdem keinen Kontakt mehr mit ihr gehabt. Dann kam vor Weihnachten ein Schreiben des Nachlasspflegers, und plötzlich war ich ihre Erbin.«

»Ich verstehe«, sagte die Frau. »Wissen Sie, das Ganze wäre für uns alle, für Sie und uns, heute einfacher, wenn Ihre Tante uns ihr Haus einfach überschrieben hätte. Aber sie hat sich geweigert und noch versucht, es zu verkaufen, aber daraus wurde nichts. Keine Ahnung, warum. Währenddessen wuchsen ihre, äh, Verbindlichkeiten immer weiter an. Bevor wir sie pfänden konnten, äh … verschied sie.«

Pfänden … Sophie sagte: »Sie wollten meiner Großtante das Haus wegnehmen?«

»Frau Schatz, wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, kein Wohltätigkeitsverein. Wir müssen unsere Kosten gedeckt bekommen und auch noch einen Gewinn machen. Das ist nun mal so. Haben Sie zufällig kaufmännische Kenntnisse?«

»Ja.«

»Nun, dann sollten Sie ja wissen, wie das funktioniert.«

Sophie stand auf. »Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?«

»Wir schicken Ihnen die Rechnung«, sagte die Frau.

Sophie schlüpfte in ihren Mantel und stopfte den Plastikbeutel mit den Sachen ihrer Tante in ihre Schultertasche.

»Hilft mir jemand tragen?«

»Tut mir leid«, sagte die Frau. »Wir haben zu wenig Personal.«

Sophie trug den Umzugskarton zuerst nach unten. Er war nicht schwer. Als sie zurückkam, um den Koffer zu holen, stand er schon im Korridor, und die Tür zum Büro war geschlossen.

Sophie verließ das Gelände des Heims fast fluchtartig. Hätte ihr Wagen einen stärkeren Motor gehabt, wäre sie mit durchdrehenden Rädern angefahren. Sie durchquerte wieder die Ortschaft, an deren Rand das Heim lag, und fand am Ortseingang einen kleinen Parkplatz mit ein paar Hinweisschildern zu Rad- und Wanderwegen und einem Ortsplan. Dort hielt sie, um ihre Gedanken zu ordnen und zu überlegen, was sie als Nächstes tun sollte. Das Erste, das ihr einfiel, war, den Nachlasspfleger anzurufen. Als er sich meldete und sie erkannt hatte, hielt sich Sophie nicht mit langen Vorreden auf.

»Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass meine Großtante Schulden hatte?«

»Sie haben nicht gefragt.«

»Aber … was hätte es Sie denn gekostet …«

»Frau Schatz«, unterbrach er sie, »es ist nicht meine Aufgabe, Sie in Erbangelegenheiten zu beraten, und schon gar nicht, Ihnen rechtswirksame Auskünfte zu geben. Das darf nur ein Anwalt. Sie hätten sich eben informieren sollen, bevor Sie den Erbschein beantragt haben. Dann hätten Sie das Erbe noch ausschlagen können.«

Hätte, hätte … Nun ist es zu spät und sinnlos, weiter darüber zu reden, dachte Sophie. Sie atmete einmal tief durch, um ihre Frustration zurückzudrängen, und sagte dann: »Wo steht denn das Haus meiner Großtante?«

»Grobitzer Landstraße 210«, antwortete der Nachlasspfleger, ohne zu zögern.

»Wo ist das?«

»In Grobitz, nehme ich an.«

Sophie fragte nicht, was oder wo Grobitz war. Stattdessen sagte sie: »Wo ist meine Großtante eigentlich beerdigt?«

»Das weiß ich nicht. Das muss das Pflegeheim wissen, das hat die Bestattung organisiert.«

»Okay. Und bei welcher Bank hatte sie ihr Konto?«

»Bei der Volksbank Küstrow. Ich weiß aber nicht, bei welcher Zweigstelle.«

»Das finde ich selbst heraus«, sagte Sophie. »Ich melde mich wieder, wenn ich noch Fragen habe.« Sie unterbrach die Verbindung ohne ›Vielen Dank‹ und ›Auf Wiedersehen‹. Dann saß sie fest in ihren Mantel gewickelt in ihrem kalten Auto und blickte über die winterliche Landschaft, über verwaiste Viehweiden und leere Felder. Es hatte zu schneien begonnen, aber nur wenig, und der Schnee war fein wie Puderzucker. Er trieb waagerecht im Wind vor ihrer Windschutzscheibe vorbei und in Schlieren über den trockenen Asphalt der Straße.

Nach einer Weile kramte Sophie den Plastikbeutel aus ihrer Tasche und leerte seinen Inhalt auf den Beifahrersitz neben sich. Dann untersuchte sie mit spitzen Fingern die kleine Sammlung. Die Geldbörse war bis auf das hinterste Fach leer. Dort fand Sophie zwei kleine, alte Fotos. Sie waren so abgegriffen, vergilbt und verblichen, dass sich auf ihnen kaum noch etwas erkennen ließ. Mit Mühe machte Sophie aus, dass sie einen Mann in Uniform zeigten. Sie hielt die Bilder nebeneinander und stellte fest, dass es sich um zwei verschiedene Männer handelte, oder jedenfalls zwei verschiedene Uniformen. Die Gesichter waren wegen des Zustands der Fotos und des schlechten Lichts im Inneren des Autos nicht zu unterscheiden. Auf den Rückseiten stand nichts. Sophie schob die Bilder vorsichtig in ihre Brieftasche und steckte die leere Geldbörse wieder in den Beutel.

Die kleine alte Uhr lief nicht. Ihre Vergoldung war größtenteils abgenutzt, das Glas trüb und das Zifferblatt fleckig. Sophie erkannte den Markennamen nicht. Sie klopfte und schüttelte und lauschte an dem kleinen Gehäuse, bevor sie auf die Idee kam, die Uhr aufzuziehen. Und tatsächlich, nach ein paar vorsichtigen Umdrehungen der winzigen Krone nahm der Sekundenzeiger wieder seine Runden auf. Sophie hielt mit angehaltenem Atem die Uhr an ihr Ohr und hörte das Werk leise und fleißig arbeiten. Wie lange tat es das schon? Fünfzig, sechzig, siebzig Jahre?

Zwei Eheringe im Nachlass bedeuteten wohl, dass die Großtante Witwe gewesen war. Die Ringe waren ungewöhnlich breit und dick und deshalb spürbar goldgewichtig, der kleinere der beiden fast zu klobig für eine Frauenhand. Sophie streifte ihn über ihren rechten Ringfinger, und er passte perfekt. Sie besaß nur wenig Schmuck, nichts davon wertvoll, und trug nur welchen zu festlichen Anlässen. Deshalb fühlte sich der Ring ungewohnt an, aber er gefiel ihr auch. Sie drehte die beringte Hand hin und her und mochte den Anblick. Steht mir gut, dachte sie. Als sie den Ring wieder vom Finger ziehen wollte, saß er fest. Nach ein paar vergeblichen Versuchen entschied sie, ihn anzubehalten. Schließlich gehörte er ihr ja; sie hatte ihn geerbt. Sie musste ihn nicht wieder abnehmen. Solange sie ihn am Finger hatte, ging er jedenfalls nicht verloren. Den zweiten Ring verstaute sie in ihrer Brieftasche.

Und dann war da noch der Schlüsselbund: zwei Sicherheits- und zwei altertümliche Bartschlüssel, dann noch ein kleiner, der wohl zu einem Briefkasten gehörte, und ein Messingschlüssel, wie er für Möbel üblich ist. Nichts daran war ungewöhnlich – außer, dass es die Schlüssel für ihr Haus waren.

Ein Blick auf Telefon und Karte zeigte Sophie, dass sie sich gerade näher an Grobitz als an Küstrow befand. Es war noch nicht Mittag, und sie hatte noch keinen Hunger. Deshalb entschied sie, sich das Haus ihrer Tante anzusehen, bevor sie zurück in die Stadt fuhr, um irgendwo etwas zu essen. Das Haus, das sie geerbt hatte. Sie warf den Plastikbeutel und die leere alte Geldbörse in einen Abfallkorb am Rande des Parkplatzes und machte sich auf den Weg.

Die Fahrt dauerte nur zehn Minuten. Es schneite stärker, aber der Schnee war immer noch so fein und trocken, dass ihn der Fahrtwind von der Frontscheibe blies und Sophie keinen Scheibenwischer brauchte. Inzwischen durchquerte sie eine abwechslungsreichere Landschaft mit welligem Gelände. Die Felder waren weniger weitläufig und durchsetzt von flachen Anhöhen, auf denen Bäume oder Gebüsch wuchsen. Auch der Wald, der bisher immer nur eine schwarze Linie am Horizont gewesen war, rückte näher. Grobitz war kein Dorf, sondern bestand aus zwei kurzen Reihen kleiner, älterer, spitzgiebeliger Häuser auf beiden Seiten der Durchgangsstraße. Sophie suchte nach einem Schild mit einem Straßennamen und nach Hausnummern, fand aber nichts. Ehe sie anhalten konnte, war sie schon durch Grobitz hindurch und musste zweihundert Meter weiterfahren, bevor sie einen Feldweg fand und wenden konnte.

Auf dem Rückweg hielt sie beim ersten Haus auf ihrer Straßenseite auf dem Seitenstreifen an. Der Ort schien ausgestorben. Es war kein Mensch zu sehen, den sie fragen konnte, also musste sie an Türen klopfen oder klingeln. Irgendwo. Das erste Haus war so gut wie jedes andere.

Ein älterer Mann öffnete auf ihr Klingeln.

»Entschuldigen Sie, dass ich störe …«, begann Sophie, und dann fing im Haus ein kleiner Hund wie rasend an zu bellen.

Der Mann wandte sich halb von Sophie ab und rief: »Hilde … Hilde! Bring doch mal den Hund zum Schweigen!«

Das Hundegebell verstummte. Sophie sagte eilig, um der nächsten Störung zuvorzukommen: »Ich suche die Grobitzer Landstraße 210.«

Ehe der Mann antworten konnte, rief eine Frauenstimme aus der Tiefe des Hauses: »Herrmann! Ist das die Post?«

»Nein, das ist nicht die Post, hier ist eine junge Frau, die sucht …«

»Die Grobitzer Landstraße 210«, sagte Sophie schnell.

Hinter dem Mann erschien seine kleine, rundliche Frau in der Tür. Sie musterte Sophie neugierig.

»Grobitzer Landstraße, da sind sie hier richtig«, sagte der Mann.

»Wir sind 207«, sagte die Frau und zog ihre Strickjacke fröstelnd vor ihrem massigen Busen zusammen. »Da drüben das letzte Haus, das ist die 208.«

»210 gibt’s hier nicht«, sagte der Mann.

»Kommen Sie erst mal rein«, sagte die Frau zu Sophie. »Wir heizen ja sonst für die Straße.«

»Bitte, ich muss weiter …«, sagte Sophie.

»Nun kommen Sie schon. Wir können uns auch im Warmen unterhalten.«

Sophie folgte dem Paar widerwillig durch einen kurzen, engen Korridor in ein winziges, mit schweren dunklen Möbeln zugestelltes Wohnzimmer. Es roch nach Hund.

»Setzen Sie sich doch. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«

»Nein, danke, ich will Ihnen keine … ich muss weiter«, sagte Sophie.

»Wo soll das denn sein, 210?«, fragte der Mann.

»Sie sucht vielleicht das Russenhaus«, sagte die Frau zu ihrem Mann.

»Ach ja, das Russenhaus.«

»Auf der anderen Straßenseite, wo die geraden Hausnummern sind«, sagte die Frau zu Sophie, »gibt es bis zum nächsten Ort nur noch ein Haus, ungefähr eineinhalb Kilometer von hier, abseits der Straße. Das könnte die 210 sein.«

»Das sehe ich mir an«, sagte Sophie und bewegte sich vorsichtig rückwärts in Richtung des Ausgangs. »Sicher ist es das Haus, das ich suche …«

»Was wollen Sie denn dort?« Die kleine rundliche Frau bebte vor Neugier. »Das Haus steht leer. Wollen Sie es kaufen?«

»Es hat mal meiner Großtante gehört«, sagte Sophie.

Das Paar sah sich an.

»Die alte Frau Berkemann ist gestorben, nicht wahr?«

»Im vergangenen Sommer, ja. Also, vielen Dank für …«

»Wollen Sie wirklich keinen Kaffee?«

»Nein, nein, ich muss jetzt los«, sagte Sophie fast flehend. »Ich habe heute noch viel vor. Vielen Dank für die Auskunft.«

Sie ließen sie gehen. In der Tür des kleinen Hauses stehend sahen sie zu, wie sie den Wagen wendete und davonfuhr.

Der Schneefall hatte zugenommen. Sophie fuhr langsam und über das Lenkrad gebeugt und suchte das Gelände rechts der Straße nach dem Haus Nummer 210 ab. Einem Lieferwagen, der sich hinter ihr näherte, signalisierte sie mit dem Blinker, zu überholen. Die Fahrt zog sich hin. Eineinhalb Kilometer, hatte die Frau gesagt. Abseits der Straße. Wie weit war sie schon gefahren? Wie weit weg war ›abseits‹? War sie schon an dem Haus vorbei? Hatte sie es wegen des Schneetreibens übersehen? Sophie begann schon nach einer Möglichkeit zum Wenden zu suchen, um die Strecke noch einmal abzufahren, da bemerkte sie, dass das Gelände neben der Straße nicht mehr eben war, sondern anstieg. Und auf einer Anhöhe, in etwa zweihundert Metern Entfernung stand ein Haus. Sophie stampfte auf die Bremse. Das Haus war wegen des Schnees und des trüben Winterlichts nicht genau zu erkennen, aber es kam ihr groß vor. Vielleicht täuschte sie sich ja auch, aber es war jedenfalls nicht so klein wie die in Grobitz.

Ihr Herz schlug plötzlich fester. War es das, was sie suchte? Sie musste es sich aus der Nähe ansehen. Wie kam sie da hin?

Sophie hielt, stieg aus und lief suchend an der Straße entlang, bis sie an eine Stelle kam, einen Übergang, wo der Straßengraben verrohrt war und man ihn mit einem Auto überqueren konnte. Dort begann ein Weg, eigentlich nur ein Pfad, kaum erkennbar unter der dünnen Schneedecke. Er führte durch eine kleine Senke neben der Fahrbahn und über eine struppige Wiese die Anhöhe hinauf in Richtung des schemenhaften Hauses und sah aus, als wäre er befahrbar.

Okay, dann los. Sophie ließ noch einen Lastwagen vorbei, dann konnte sie einen weiten Bogen fahren, um den Übergang senkrecht zu treffen. Sie rollte vorsichtig, mit den Füßen auf Bremse und Kupplung, die kurze, abschüssige Strecke vom Asphalt in die flache Senke … alles gut. An der tiefsten Stelle angekommen, legte sie einen Gang ein, ließ die Kupplung kommen und gab Gas.

Es krachte dumpf, und das Auto neigte sich plötzlich nach vorn. Sophie schrie auf und klammerte sich an das Lenkrad. Für einen Moment fürchtete sie, dass ihr Wagen (mit ihr drinnen festgeschnallt!) mit der Nase voraus im Erdboden versinken würde. Aber er war nur irgendwo eingebrochen und bewegte sich nicht weiter. Der Motor schwieg. Wasser gluckerte unter dem Wagenboden.

Nach ein paar Sekunden hatte sich Sophie von ihrem Schrecken so weit erholt, dass sie den Versuch machte, den Wagen wieder zu starten. Sie drehte vorsichtig den Schlüssel, aber nichts geschah. Nicht einmal der Anlassermotor arbeitete. Mit einer Verrenkung und einem Spagat gelang es ihr, aus dem Auto zu steigen, ohne in schwarzes schlammiges Wasser treten zu müssen. Dann stand sie auf einer Eisfläche, die vom Schnee getarnt war.

Was nun? Sophie war nicht im ADAC, aber das war nicht weiter schlimm. Sie würde einfach die 1-1-0 anrufen und sich von der Polizei die Nummer eines Abschleppdienstes geben lassen. Der wiederum würde eine Werkstatt kennen, die ihren Wagen wieder flott machte. So weit, so gut. Aber das würde kosten … Mein Gott, dachte sie, heute hat sich wirklich alles gegen meine mageren Ersparnisse verschworen. Womit habe ich das bloß verdient? In den vergangenen vier, fünf Stunden bin ich von der Arbeit suchenden Speditionskauffrau zum Sozialfall geworden: arbeitslos und Schulden und Auto im Eimer. Fünfhundert Kilometer weit weg von zu Hause. Mitten im Nirgendwo. Im Winter.

Und das war noch nicht alles.

Sophies Daumen schwebte über dem Display ihres Telefons. Der ihr eigene Widerwille gegen das Geldausgeben ließ sie zögern. Wenn ich jetzt telefoniere, dachte sie, dann handele ich mir Hunderte von Euro Kosten ein. Aber habe ich eine Wahl? Sie entsperrte die Tastatur ihres Handys, und dann erst fiel ihr auf, dass sie kein Netz hatte. Sie steckte nicht nur in einem Schlammloch, sondern auch in einem Funkloch.

Sie würde die ein oder zwei Kilometer zurück nach Grobitz laufen müssen. Dort funktionierte entweder hoffentlich ihr Handy, oder sie würde wieder bei Herrmann und Hilde klingeln, um bei ihnen zu telefonieren …

Was für ein Tag!

Bevor sie sich auf den Weg machte, stieg Sophie noch einmal in ihren Wagen, um einen weiteren Startversuch zu unternehmen. Es konnte ja sein, dass … Aber der Golf hatte sich natürlich nicht von selbst erholt. Sie drehte ein paar Mal ergebnislos den Schlüssel, dann gab sie auf.

Auf der Straße näherte sich ein Fahrzeug.

Sophie achtete zunächst nicht auf das Geräusch, und als sie auf den Gedanken kam, dass da möglicherweise Hilfe an ihr vorüberfuhr, war es schon zu spät. Sie sprang aus ihrem Wagen, ohne auf das schlammige Wasser und ihre Schuhe zu achten, und stolperte zur Straße. Doch bis sie die Fahrbahn erreichte und die Arme in die Luft warf, war ein großer kantiger Geländewagen mit einem Anhänger schon an ihr vorbeigerumpelt und entfernte sich rasch.

Sophie ließ die Arme sinken.

Und dann, fünfzig Meter vor ihr, leuchteten im Schneegestöber erst Bremslichter auf, und dann Rückfahrscheinwerfer.

Der Wagen kam zurück!

9 – Wer immer da am Steuer saß,

konnte fahren. Er manövrierte die ganzen fünfzig Meter Strecke im Rückwärtsgang, ohne den Anhänger querzustellen. Das können nicht viele. Auf dem langen, flachen Anhänger mit Zwillingsachse transportierte der Geländewagen, ein dunkelgrüner, in die Jahre gekommener Landrover, eine schwere Ladung alter Holzbalken. Die Last wippte gefährlich, als der Rover neben Sophie bremste, und die Spanngurte, die die Balken hielten, ächzten.

Der Fahrer schob sein Seitenfenster auf, lehnte sich ein wenig nach draußen, und sagte: »Hallo. Ist das okay für Sie, wenn ich Ihnen Hilfe anbiete?«

Was? Die Frage überraschte Sophie. So hatte sie das noch nie gehört. »Äh … ja, doch, danke. Vielen Dank«, sagte sie. »Aber ich fürchte, Sie können hier nicht viel für mich tun.«

Der Fahrer schaltete den Motor ab, die Warnblinker ein und stieg aus. Er stellte eine Warnblinkleuchte auf das Dach seines Wagens und sagte dabei über die Schulter: »Haben Sie Angst vor Hunden?«

»Nein.«

»Gut. Cora …«

In der offenen Fahrertür des Landrovers erschien ein Hund, ein schwarz-weißer Bordercollie, sprang auf die Straße und kam auf Sophie zu. Sie hielt ihm den Handrücken hin, und er nahm ihre Witterung auf. Der Hund – die Hündin, Cora, hatte freundliche Augen, ein aufrechtes und ein Knickohr. Ihr Gerüchegedächtnis speicherte Sophie ab, dann verlor sie das Interesse und wechselte auf die verschneite Wiese neben der Straße, wo sie mit der Nase am Boden Figuren lief.

Der hilfsbereite Fahrer war ein Handwerker. Er trug graue Handwerkerhosen mit Cargotaschen und schwarzen Patches auf den Knien und über dem Gesäß, Sicherheitsschuhe und einen staubigen schwarzen Kapuzenpullover. Sophie sah zu, wie er einmal um ihren bis zu den Scheinwerfern eingebrochenen Wagen herumlief. Dem Mann schienen Schnee und Kälte nichts auszumachen. Er war schlank, dunkelhaarig und groß, aber nicht so groß, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen, stellte sie fest, als er zu ihr trat.

»Springt nicht mehr an, oder?«

Der Handwerker hatte irritierend blaue, fast violette Augen. »Ja«, sagte Sophie in die blauen Augen »Hab ich probiert.«

»Orgelt der Anlasser?«

»Nein.«

»Hat der Motor gestottert, bevor er ausging?«

»Nein. Er war einfach plötzlich aus.«

Der Handwerker schwieg und schien zu überlegen. Sophie betrachtete ihn von der Seite. Sie schätzte ihn auf höchstens Mitte dreißig. Auch wenn er mal wieder einen Haarschnitt und eine Rasur gebraucht hätte, war er trotzdem ein richtig gutaussehender Typ, fand sie.

»Ist das gut oder schlecht?«, sagte sie.

»Ich bin kein Automechaniker«, antwortete er. »Was ich weiß, weiß ich nur, weil mein Wagen auch gelegentlich liegen bleibt.«

»Könnten Sie mir einen Abschleppdienst rufen, wenn Sie in den nächsten Ort kommen? Wir stehen hier in einem Funkloch.«

Der Handwerker musterte den alten Golf und dann Sophie, die mit Schnee in den Haaren und in ihren unförmigen Mantel gewickelt von einem Fuß auf den anderen trat.

»Sie sehen nicht reich aus«, sagte er.

»Gut beobachtet«, antwortete sie.

Der Handwerker hatte ein Gehör für Sarkasmus. Auf einmal grinste er. Es war ein sympathisches Grinsen, und er hatte schöne Zähne. Sophie begann ihn zu mögen.

»Wenn ein Abschleppwagen erst hier rauskommen muss«, sagte er, »und Sie dann nach Küstrow bringt, sind Sie anschließend dreihundert Euro leichter. Und dann kostet es noch mal, Ihren Wagen wieder flottzumachen.«

Also? Sophie wartete.

»Wenn Sie wollen«, sagte der Handwerker, »ziehe ich Sie raus und schleppe Sie in eine Werkstatt.«

»Echt? Das würden Sie tun?«

»Klar. Kostet auch nichts. Nur die Werkstatt müssen Sie bezahlen.«

»Also … das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Ich weiß gar nicht, wie ich …«

»Moment, warten Sie. Bevor Sie Ja sagen, müssen Sie noch etwas wissen. Sind Sie schon einmal abgeschleppt worden?«

»Nein.«

»Ich kann Sie nicht am Seil hinter mir herziehen, denn Sie werden weder Bremskraftverstärker noch Servolenkung haben. Ich würde Sie an eine Stange hängen. Dafür ist Ihr Wagen aber nicht gemacht. Wahrscheinlich wird seine Frontschürze verkratzt oder eingedrückt, vielleicht auch die Abschleppöse verbogen. Können Sie damit leben?«

»Habe ich eine Wahl?«

»Ein Bergungsdienst würde Ihren Wagen aufladen und ihm dabei kein Haar krümmen.«

»Für mich ist die Frage«, sagte Sophie, »ob der Schaden, den Sie anrichten, auch nur annähernd so kostspielig ist wie ein Bergungsdienst.«

»Ach was. Wenn Sie nicht zimperlich sind, fahren Sie nachher einfach ein paar Kratzer und Dellen spazieren, das kostet null. Nichts für ungut, aber Ihr Wagen ist ja eh nicht mehr der Neueste.«

»Na dann …«, sagte Sophie. »Schleppen Sie mich ab.«

»Gut.« Der Handwerker grinste wieder, aber nicht anzüglich, sondern eher belustigt. Und ansteckend. »Dann bringe ich jetzt den Hänger weg«, fuhr er fort, »und komme wieder. Fahren Sie mit, dann müssen Sie keine halbe Stunde im Schnee warten.«

»Ich will zu diesem Haus da oben«, sagte Sophie. »Deshalb bin ich doch von der Straße runtergefahren. Hupen Sie, wenn sie zurück sind.«

Der Handwerker blickte zu dem Haus auf der Anhöhe.

»Ich komme hoch«, sagte er. Dann spitzte er die Lippen und machte ein kleines Knutschgeräusch. Die Hündin hörte es in fünfzig Metern Entfernung und kam angetrabt. Der Handwerker nahm die Warnblinkleuchte vom Dach seines Wagens. Er öffnete die Fahrertür und sagte: »Cora. Aufsitzen.« Und zu Sophie: »Bis nachher.« Die Hündin sprang in den Wagen, der Handwerker stieg ein. Der Landrover erwachte ächzend zum Leben und rollte rumpelnd davon.

10 – Sophie schloss ihr Auto ab

und machte sich auf den Weg. Bis sie die Anhöhe erstiegen hatte, war ihr und besonders ihren Füßen wieder warm geworden. Das Haus, vor dem sie nun stand, war alt und offensichtlich unbewohnt. Es lag in Längsrichtung auf dem Ende eines bewaldeten Höhenrückens. An drei Seiten des Hauses fiel das Gelände zu den umliegenden Feldern oder Viehweiden und der Straße hin ab. Der Backsteinbau war deutlich größer als ein ausgewachsenes Einfamilienhaus, aber noch nicht groß genug, um als repräsentatives Gebäude gelten zu können. Die Fassade über dem Bruchsteinsockel war schön gegliedert durch ein Gesims zwischen den Geschossen und zwei Reihen hoher und breiter Fenster. Sechs von ihnen saßen im oberen Stockwerk, drei rechts und zwei links der zweiflügeligen Hauseingangstür im Erdgeschoss. Alle Fenster bis auf eines im Obergeschoss waren mit zweiteiligen Läden verschlossen. Die meisten hingen schief in ihren Angeln, ihr Holz wie das der Eingangstür schwarz vom Alter.

Das Dach des Hauses war an einer Ecke eingesackt, die Ziegel verrutscht. Das Fallrohr der Dachrinne war dort abgerissen, das Mauerwerk unter der lose hängenden Rinne veralgt und bemoost. Das nächstliegende Fenster hatte keine Läden mehr und keine Scheiben. Jemand hatte sie eingeworfen. Die Läden lagen abgerissen oder abgefault im toten Gestrüpp am Fuß des Hauses.

Sophie sah sich um. Dreißig Meter entfernt, unter den ersten Bäumen des lichten Waldes, stand noch ein Haus, ein kleines mit hoch liegenden Fenstern und einem großen Holztor, auch ein Backsteinbau mit einem Ziegeldach – ein Stall, eine Scheune oder ein Geräteschuppen.

Sophie stieg die vier Stufen hoch zur Eingangstür und probierte ihre Schlüssel. Gleich der Erste passte. Sie war also richtig. Dies war das Haus, das sie geerbt hatte. Um Licht zu haben, öffnete sie beide Türflügel. Sie ließen sich nur schwer bewegen, und ihre Scharniere knirschten. Dann stand sie in einem breiten Korridor, eher schon einer Eingangshalle, die durch die gesamte Tiefe des Hauses reichte. Der Fußboden war wie ein Schachbrett schwarz und weiß gefliest. In der Höhe reichte die Halle über beide Geschosse. Eine breite hölzerne Treppe führte an einer Seite in den ersten Stock und auf eine umlaufende Galerie, von der aus man die oberen Räume erreichen konnte.

Alles, was Sophie sah, war dick von grauem Staub bedeckt.

Sie wandte sich nach links und öffnete die Tür, die ihr am nächsten war. Dahinter lag die Küche des Hauses. Sophie betrat sie nicht, leuchtete nur mit ihrer Handylampe hinein. Sie sah die gleichen Bodenfliesen wie in der Halle und einen großen alten Küchenherd mit einer gusseisernen Platte, einer Reling und einem emaillierten Korpus. Ansonsten war die Einrichtung spärlich: ein kleiner, schmutzverkrusteter Gasherd, der mit Flaschengas betrieben wurde, ein großer Tisch und ein paar Stühle, ein Kühlschrank, ein Küchenschrank und an einer Wand eine vorsintflutliche Spüle aus braun glasiertem Steingut mit zwei Becken, groß wie Duschwannen. Es roch faulig und nach Kanalisation. Auf dem Boden verstreut lag undefinierbarer Unrat. Die Schachbrettfliesen waren unter einer alten Schmutzschicht in der Mitte der Küche, um den Gasherd herum und unter dem allgegenwärtigen Staub kaum noch zu erkennen. Sophie schloss die Küchentür.

Hinter der nächsten Tür in der Eingangshalle lag angrenzend an die Küche so etwas wie ein Esszimmer. Sophie leuchtete kurz hinein, sah wieder den Schachbrettboden, einen langen Tisch und viele Stühle, Schränke und Sideboards, alles klobig und aus dunklem Holz, alles verstaubt. Der Raum hatte zwei mit Läden verschlossene Fenster zur Rückseite des Hauses.

Sophie durchquerte die Halle und öffnete die erste Zimmertür rechts vom Eingang. Sie fand das ›Wohnzimmer‹ des Hauses. Mit seiner hohen Decke und dem Parkettboden war es schon fast ein Festsaal. In seiner Mitte standen wie verloren ein paar plumpe Polstermöbel und eine Stehlampe um einen niedrigen Tisch und einen alten Röhrenfernseher herum. Sonst war der große Raum leer. Er roch modrig. Im Licht ihres Handys entdeckte Sophie eine Wolljacke auf einem Sofa und Bücher auf dem niedrigen Tisch davor. Eines davon lag aufgeschlagen da. Es sah aus, als ob ihre Großtante direkt vom Sofa und von ihrem Buch weg in das Heim gebracht worden wäre. Sophie schauderte.

Das Zimmer hinter der vierten und letzten Tür in der Eingangshalle war eine große Rumpelkammer. Sophie erblickte Möbel, Kartons und Kisten übermannshoch aufgestapelt, einen Haufen prall gefüllter Müllsäcke und provisorische Regale, die sich unter der Last alter Bücher bogen oder schon zusammengebrochen waren. Der Parkettboden war übersät mit Zeitungs- und Packpapierfetzen. Es roch streng nach den Mäusen, die überall im Dunklen herumhuschten und mit ihren Knopfaugen gebannt und wie hypnotisiert ins Licht starrten, wenn sie der Strahl von Sophies Lampe traf.

In der Tiefe der Küche hatte Sophie Türen gesehen, hinter denen weitere Zimmer liegen mussten, Kammern oder begehbare Schränke. Aber sie verzichtete darauf, das Haus weiter zu erkunden, und stieg auch nicht hinauf in das obere Stockwerk. Sie erwartete nicht, dort etwas anderes zu finden als das, was sie schon kannte. Statt ihren Rundgang fortzusetzen, öffnete Sophie die zweiflügelige Haustür auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite der Halle und trat nach draußen. Sie fand sich auf einer überdachten breiten Veranda wieder, die über die gesamte Länge des Hauses reichte. An einem Ende, auf Höhe des Esszimmers, standen ein Bierzelttisch, zwei dazu gehörende Bänke, zusammengeklappt und an die Wand gelehnt, und ein paar rostige Klappstühle. Am anderen Ende war die Veranda zu einem Wintergarten mit deckenhohen Sprossenfenstern umgebaut worden. Alles Glas der Fenster war zerstört, der Boden mit Splittern übersät. Leere Flaschen, Getränkedosen und Zigarettenkippen lagen auf der Veranda herum. Laub, Kiefernnadeln und Schnee, vom Wind zusammengetragen, hatten sich in Ecken und Winkeln gesammelt.

Auf Höhe der Tür war die Balustrade der Veranda unterbrochen, und vier Stufen führten hinab zu dem, was ehemals ein Rasen gewesen sein musste. Im Sommer hatte man von hier sicher einen schönen Ausblick, fand Sophie. Jetzt war nicht viel zu erkennen. Der fein rieselnde Schnee schwebte wie Nebel über dem Land.

Sie holte sich einen der Klappstühle , setzte sich und wartete auf den Handwerker. Hoffentlich kam er, bevor ihr wieder kalt wurde. Sie zog ihren wattierten Mantel fester um sich. Ihre Gedanken wanderten, ziellos zuerst, dann nahm ihr Verstand ungerufen die Arbeit auf, und sie bilanzierte ihre Situation. Sie war fünfhundert Kilometer weit gefahren, hatte 20.000 Euro Schulden geerbt, einen alten Koffer, einen Umzugskarton und ein altes, kaputtes, stinkendes, vermülltes Haus am Ende der Welt. Und sie hatte ihren Wagen in einem Schlammloch versenkt.

Was für ein Tag.

Und alles nur, weil ein unsympathischer und wahrscheinlich übereifriger Nachlasspfleger sie Monate nach dem Tod ihrer Großtante als Erbin ermittelt hatte. Hätte er sie nicht einfach übersehen können?

Und nun? Sophie hielt sich für eine praktische Frau und bildete sich auch etwas darauf ein. Das Schicksal zu beklagen, glaubte sie, brachte nichts. Stattdessen musste man Probleme angehen. Was sonst? Eines nach dem anderen, sagte sie sich, das Wichtigste zuerst. Zuerst musste sie ihren Wagen wieder flottbekommen. Immerhin hatte sie dabei Aussicht auf Erfolg und Hilfe von einem netten Handwerker mit schönen Augen und einem schönen Hund.

Irgendwann hörte Sophie den Landrover. Eine Autotür klappte, Krallen wetzten auf den Fliesen der Eingangshalle, und eine Sekunde später stand Cora neben ihr und wedelte mit dem Schwanz. Sophie strich ihr über den Kopf und knetete sacht das Knickohr. Es war warm und unwahrscheinlich zart. Die Hündin legte ihr Kinn auf Sophies Schoß und stand still.

Schritte in der Eingangshalle.

»Halloo?«

»Ich bin hier draußen«, sagte Sophie mit erhobener Stimme. Der Handwerker erschien auf der Veranda. Er sah sie und sagte: »Verwöhnen Sie das Tier nicht, sonst werden Sie es nicht mehr los.«

Sophie beugte sich zu der Hündin und sagte: »Hast du das gehört, Cora? Der denkt, du wärst ein Tier.«

»Was ist das für ein Haus?«, sagte der Handwerker.

»Ich habe es geerbt.«

»Darf ich mich mal umsehen? Haben wir Zeit dafür?«

»Klar. Sie brauchen aber eine Taschenlampe.«

Der Handwerker verschwand. Cora hatte nach ein paar Minuten genug und verschwand auch. Sophie wartete ohne Ungeduld, obwohl ihr mittlerweile wieder kalt geworden war, besonders an den Füßen. Hin und wieder hörte sie Geräusche im Haus, Schritte, Türen, die geöffnet und geschlossen wurden. Der Handwerker ließ sich Zeit. Erst nach zehn Minuten tauchte er wieder auf. Er holte sich einen der Klappstühle und setzte sich in Sophies Nähe.

»Ein schönes Haus«, sagte er. »Glückwunsch.«

Was? Wozu? Sophie sagte: »Meinen Sie das ernst? Für mich ist es eine Ruine.«

»Nun ja …«, sagte der Handwerker. »Man könnte was draus machen. Die Bausubstanz ist gut, der Keller ist trocken …«

»Das Dach ist eingestürzt.«

»Das lässt sich reparieren.«

»Ist das Ihr Beruf? Alte Häuser reparieren?«

»Ich bin Zimmermann«, sagte der Handwerker. »Ich tischlere auch, aber nur so nebenher. Manchmal helfe ich als Dachdecker oder Gerüstbauer aus.«

»Wollen Sie das Haus haben?«, sagte Sophie. »Ich verkaufe es Ihnen. Für 21.406 Euro. Und 52 Cent.«

»Ich habe kein Geld.«

»Nehmen Sie einen Kredit auf.«

Der Handwerker, der Zimmermann war, lachte und sagte: »Oh je. Ich habe schon mehr Schulden, als es gesund ist.«

Damit sind wir jetzt zu zweit, dachte Sophie. Dann saßen sie schweigend nebeneinander. Es war kein unbehagliches oder verlegenes Schweigen. Es gab nur einfach nichts zu sagen. Es gab auch nichts zu sehen, von dort, wo sie saßen, nur rieselnden Schnee im winterlichen Zwielicht.

Nach einer Weile meinte der Zimmermann: »Okay. Fahren wir?« Sie erhoben sich gleichzeitig, wie verabredet. Ihre Blicke trafen sich.

»Ich bin Sophie, Sophie Schatz«, sagte Sophie in die blauen Augen. »Schatz ist mein Nachname.« Das sagte sie manchmal, wenn sie sich jemandem vorstellte. Dieses Mal bereute sie es, kaum dass sie es ausgesprochen hatte. Es war unnötig. Es war albern. Der Zimmermann war keiner von denen, die ihren Nachnamen für Anzüglichkeiten oder Scherze missbrauchten.

»Will Trenck«, sagte er mit einem Lächeln. »Will kommt von Wilhelm, Trenck mit ck am Ende.« Er reichte Sophie die Hand. »Sehr erfreut, Frau Schatz.«

»Sophie«, sagte sie. »Freut mich auch, Will Trenck.« Er hatte eine warme, trockene, feste Hand und einen guten Händedruck. Er fühlte sich an, wie jemand, dem man vertrauen konnte. Er lächelte auch vertrauenswürdig, doch Lächeln konnte täuschen, ein Händedruck nicht. Als Trenck ihre Hand losließ, fand Sophie es fast schade, und das wiederum brachte sie auf abwegige Gedanken. Wenn einer so einen Händedruck hat, dachte sie, wie muss sich erst eine Umarmung von ihm anfühlen? Sie schob den Gedanken von sich, verschloss die Türen des Hauses und folgte Trenck zu dessen Auto. Er hupte, als sie losfuhren. Für ein so großes Auto war die Hupe erstaunlich asthmatisch. Der Ton rief Cora, die wie aus dem Nichts erschien und neben ihnen herlief, während sie langsam die Anhöhe hinab zur Straße rollten. Das Innere des Landrovers war überraschend warm. Er hatte eine Standheizung. Die blies mit voller Kraft heiße Luft an Sophies eiskalte Füße und verschaffte ihr urplötzlich ein geradezu sensationelles Wohlgefühl. Sie schauderte vor Behagen, bewegte die Zehen in den Schuhen und fühlte sich gut. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr aus dem Wagen gestiegen.

Eis krachte, als der Golf aus dem Schlammloch befreit wurde, und schwarzes Wasser floss aus dem Motorraum, als er auf der Straße stand. Trenck hatte ein zwei Meter langes, zehn Zentimeter dickes Eisenrohr auf seinem Dachgepäckträger mitgebracht, an dessen einem Ende der Anschluss für eine Anhängerkupplung und am anderem eine stählerne Schlaufe geschweißt war. Ein Schäkel half, den Golf mit der Stange zu verbinden. Trenck stellte die Warnblinklampe in das Rückfenster von Sophies Auto und sagte: »Die Werkstatt, in die ich normalerweise gehe, liegt auf der anderen Seite des Flusses. Ist das okay, wenn wir da hinfahren?«

»Nach Polen?«

»Nicht?«

»Geht das so einfach?«

»Kein Problem. Polen ist EU. Gleich hinter der Grenze liegt Kystrowcze, das war mal ein Dorf und ist jetzt so eine Art Gewerbegebiet, mit Tankstellen, Discountern, Werkstätten und dem sogenannten Polenmarkt. Wir fahren dauernd da hin. Tanken, einkaufen. Samstags ist halb Küstrow auf der anderen Seite der Oder.«

»Kennen Sie die Werkstatt gut?«

»Sie gehört einem Freund von mir. Er hält mein Auto am Laufen. Mit deutschen Werkstattpreisen könnte ich mir keinen Landrover leisten.«

Sophie dachte, im Guten wie im Schlechten ist dieser ganze Tag ein einziges Abenteuer. Und nun der Höhepunkt: einem gutaussehenden fremden Mann ins Ausland folgen.

»Dann los«, sagte sie. »Auf nach Polen.«

Die Fahrt dauerte fast eine Dreiviertelstunde, denn Trenck fuhr nicht schnell. Sophie nahm wenig von ihrer Route wahr. Meist hatte sie nur das kantige Heck des Landrovers im Blick, wartete darauf, dass er blinkte, um mitzulenken, und hörte an ihrem Auto Blech knirschen, wenn er bremste oder enge Kurven nahm. Als die Straßen sich verbreiterten, waren sie in den Außenbezirken Küstrows angelangt. Auf einer langen, ebenen Geraden durchquerten sie die Oderniederung, auf einer stählernen Brücke rollten sie über den Fluss, und die hell erleuchteten Grenzposten passierten sie in einer Kolonne anderer Fahrzeuge und im Schritttempo. Angehalten wurden sie nicht. Die Fahrt endete kurz hinter der Grenze in einem Gewerbegebiet ähnlich dem, in dem Sophie jahrelang gearbeitet hatte, auf dem Hof einer Autowerkstatt. Ihre Arme und Schultern schmerzten von der Anstrengung des Lenkens ohne Lenkhydraulik. Ihre obere Körperhälfte schwitzte in dem dicken Mantel, aber ihre Beine und Füße waren taub vor Kälte. Sie schälte sich mühsam aus ihrem Wagen.

Trenck wartete neben dem Landrover auf sie. Er sagte: »Alles gut gegangen?«

»Alles gut«, antwortete sie, schüttelte ihre Arme und stampfte mit den Füßen.

Die Werkstatthalle war gleißend hell erleuchtet und blitzsauber. Ein Gebläse rauschte unter der hohen Decke und verteilte warme Luft. Auf sechs Hebebühnen waren ebenso viele Autos hochgefahren, und an jedem arbeitete ein Mechaniker. Kaum, dass sie die Halle betreten hatten, kam ihnen ein Mann entgegen.

»Will Trenck! Mein Freund, was geht?«

»Marek. Wie laufen die Geschäfte?«

Sie begrüßten sich mit einer kurzen Männerumarmung und klopften dabei einander auf den Rücken.

»Solange du alte englische Auto fährst, Will, wird mir Arbeit nicht ausgehen«, sagte Marek. Er war ebenso groß wie Trenck, aber älter, breiter und schwerer. Sein Overall spannte über einem komfortablen Bierbauch. An den Seiten seines Kopfes war sein blondes Haar kurz geschoren, und er trug einen prächtigen Vollbart. Ein Hörnerhelm hätte ihn zu einem veritablen Wikinger gemacht. »Was bringst du mir heute, Will?«

»Die junge Frau hier ist mit ihrem Wagen in ein Wasserloch geraten. Sophie – Marek, Marek – Sophie.«

Marek stellte die gleichen Fragen wie zuvor Will und versprach, den Golf gleich am nächsten Morgen zu untersuchen. Dann schickte er Sophie und Trenck ins Büro des Betriebs, um Fahrzeugschein und Telefonnummern zu hinterlassen und einen Auftrag zu unterschreiben. Auf dem Weg dorthin sagte Sophie: »Sollte ich den Wagen ausräumen?«

»Nicht nötig. Hier kommt nichts weg. Nehmen Sie nur mit, was Sie heute Abend und morgen brauchen.«

Der Innenraum des Landrovers war so warm, dass Cora hechelte. Sophie beeilte sich beim Einsteigen und streckte sofort die Füße in die Ecke des Fußraums, aus der die heiße Luft der Standheizung blies. Draußen war der Tag fast vorüber, im Inneren des Wagens war es Nacht. Trenck startete nicht sofort. Sie saßen schweigend nebeneinander und Sophie fühlte sich gut. Nähe, Stille, Wärme und Dunkelheit vereinten sich für einen kostbaren Moment zu einer Geborgenheit, wie sie sie seit ihrer Kindheit nicht mehr erlebt hatte. Ehe sie dem Gefühl nachspüren konnte, brach Trenck die Stille, indem er sich bewegte, um den Wagen zu starten.

Sophie räusperte sich und sagte: »Will …«

»Ja?«

»Danke.«

»Schon gut. Ich helfe gern.«

»Ich habe Sie einen halben Tag gekostet …«

»Ach was. Alle meine Baustellen sind eingeschneit. Bis zum Frühjahr habe ich viel Zeit.«

»Nein, was ich meine ist … ich will mich bei Ihnen revanchieren dürfen. Ich lade Sie zum Essen ein.«

»Wie, jetzt gleich?«

»Wann sonst? Es sei denn, jemand wartet mit dem Abendessen auf Sie.«

»Nein, das nicht«, antwortete er. »Aber ich kann mich so, wie ich aussehe, in keinem Restaurant blicken lassen.«

»Ach, kommen Sie, ich will doch nicht in einen Laden mit weißen Tischdecken, Kristall und Kerzen. Ich möchte nicht dinieren, ich will essen. Sie kennen sich doch hier aus – wo gehen Sie denn mit Kumpels oder Kollegen hin für eine ehrliche Portion Schniposa und ein Bier?«

Er überlegte einen Moment und sagte dann: »Wie wäre es mit Pizza und Wein?«

»Pizza und Wein sind perfekt.«

Trenck startete den Wagen. »Gut. Da haben wir es nicht weit«, sagte er. »Ein paar Ecken weiter gibt es hier eine Pizzeria.«

»Dann los«, sagte Sophie. »Ich habe einen Mörderhunger.«

»Ich auch«, antwortete er.

11 – In dem Lokal

schlug Sophie ein köstlicher Duft entgegen, und es war anheimelnd warm. Die fünfzehn oder zwanzig Minuten zwischen ihrem Eintreten und dem Moment, in dem eine vor Hitze noch brutzelnde Pizza vor ihr auf den Tisch gestellt wurde, bedeuteten für sie Folter. Es war später Nachmittag, und sie hatte seit dem Kaffee und dem Croissant am Morgen nichts gegessen. Der allgegenwärtige Essensgeruch steigerte ihren Hunger zu blanker Gier. Sie wurde unruhig, spielte mit dem Besteck, scharrte mit den Füßen und blickte immer wieder in Richtung der Küche. Trenck war nach der Bestellung zunächst verschwunden, um sich auf der Toilette ein wenig ansehnlicher zu machen und um Cora einen Napf Wasser in das überheizte Auto zu bringen. Als er zurückkehrte, trug er nicht mehr den schmutzigen Kapuzenpullover, sondern nur noch ein Jeanshemd zu seinen Arbeitshosen. Er bemerkte Sophies Verfassung.

»So schlimm?«, fragte er.

»Ja.« Mein Gott bin ich leicht zu durchschauen, dachte sie. Aber egal. Ich habe Hunger. Das muss mir nicht peinlich sein. Der Zimmermann ist ein netter Kerl. Dem ist es gleich, wie dick der Hintern einer Zufallsbekanntschaft ist und wie viel sie noch draufpackt.

Sophie war zutiefst erleichtert, als endlich ein Teller vor sie hingestellt wurde. Sie machte sich entschlossen über die Pizza her, obwohl die zunächst noch glühend heiß war, und aß sie ohne Pause zur Hälfte auf. Dann war ihr schlimmster Hunger gestillt und sie konnte sich entspannen. Sie und Trenck sprachen nicht, bis Sophie bei einem Griff nach ihrem Glas wieder einmal seinem Blick begegnete.

»Was ist?«, sagte sie.

Er lächelte. Lächeln machte ihn nicht jungenhaft. Er lächelt wie ein Mann, dachte sie.

Sie sagte: »Beobachten Sie mich? Schmatze ich, schnaufe ich beim Essen, schlinge ich? Habe ich Käsefäden im Gesicht?«

Er lachte. »Nein. Sie essen ganz manierlich. Ich finde es schön, wie sie essen.«

»Schön?«

»Besser gesagt, ich finde es schön, endlich mal zusammen mit einer Frau zu essen, die nicht verdrossen in einem Salat stochert, den sie bestellt hat, weil sie fürchtet, von einer Portion Fritten dick zu werden.«

»Mit wem gehen Sie denn sonst essen? Mit Models?«

»Nicht mehr. Irgendwann ist mir mal aufgegangen, dass Frauen, die nichts essen, nicht nur dünn und wegen des dauernden Hungers unausstehlich schlecht gelaunt werden, sondern auch dumm.«

Sophie witterte eine Pointe und lieferte Trenck bereitwillig das Stichwort. »Wie, dumm?«

»Hirn besteht überwiegend aus Fett«, sagte er betont ernsthaft. »Wenn man länger hungert oder gewaltsam abnimmt, dann verliert man auch Hirnmasse. Menschen auf Diät verblöden innerhalb kürzester Zeit.«

Das fand Sophie witzig. Sie hob ihr Glas. »Cheers, Will Trenck«, sagte sie lachend. »Das war wirklich das Netteste, was Sie einem dicken Mädchen beim Essen erzählen konnten.«

»Cheers, Sophie Schatz. Sie sind nicht dick. Danke für die Einladung.«

Sie tranken und wandten sich wieder ihren Tellern zu. Sophie aß jetzt, halb gesättigt, weniger konzentriert, und wenn sie sicher war, dass er es nicht bemerkte, studierte sie den Mann, der ihr gegenübersaß. Da waren seine Hände, schöne Hände, die so angenehm zufassten, und seine sehnigen Unterarme. Sophie stellte ohne Begehrlichkeit fest, dass sie sie erotisch fand. Trenck aß ohne Hast. Er saß mit geradem Rücken am Tisch, eine Serviette auf dem Schoss, obwohl sie nur aus billigem Papier war und er staubige Arbeitshosen trug. Er gebrauchte sein Besteck mit den Ellenbogen am Körper, ohne die Arme auf den Tisch zu lehnen, benutzte die Serviette, bevor er trank, und fasste sein Glas am Stiel an. Das alles tat er völlig ungezwungen. Er hatte Tischmanieren, fand Sophie, die sie so bei einem Zimmermann, also bei einem gewöhnlich eher raubeinigen Typ von Mann, nicht erwartet hätte. Aber das wiederum war wohl ein Vorurteil von ihr, oder? Warum sollte ein Zimmermann keine Manieren haben?

Außerdem ist er freundlich, sogar charmant, aber nicht aufdringlich, fuhr sie in Gedanken mit der Aufzählung ihrer Beobachtungen fort. An mir als Frau ist er nicht interessiert, warum auch, aber er will mich auch nicht loswerden. Dazu hätte er schon längst Gelegenheit gehabt, und ich hätte es ihm nicht übelgenommen. Er redet nicht mehr als nötig, das ist sehr angenehm, und nicht über sich selbst – aber, na ja, wir kennen uns auch kaum, und ich habe ihn nichts gefragt. Er spricht nicht wie die anderen Leute in der Gegend, also ist er vermutlich nicht von hier. Er ist mindestens so alt wie ich, eher älter, aber anscheinend nicht verheiratet (niemand wartet mit dem Abendessen auf ihn). Aber so gut, wie der aussieht, mit Manieren, Charme und allem, hat er sicher eine Freundin.

Warum verbringt er dann seine Zeit hier mit mir?

Er ist schwul, dachte Sophie, und dann: Komm schon, Sophie Schatz, nicht alle netten, unverheirateten Männer mit Manieren sind schwul. Zimmermänner sind nicht schwul. Oder?

Irgendwann waren ihre Teller geleert und abgetragen, und sie saßen nur noch vor ihren Gläsern. Die Aussicht, dass der ereignisreiche Nachmittag mit dem netten Zimmermann bald vorüber sein würde, gefiel Sophie gar nicht. Sie überlegte, wie sich der Moment, in dem sie aufstehen und gehen mussten, noch ein wenig hinauszögern ließe. Zugleich fürchtete sie aber auch, aufdringlich zu erscheinen, Trencks Freundlichkeit und Geduld zu strapazieren. Vielleicht wollte er ja gehen, ließ es aber nicht erkennen. Aus Höflichkeit. Wegen der Manieren und so …

Versuch macht kluch, dachte Sophie und sagte: »Kaffee?« Dabei forschte sie in Trencks Gesicht nach Anzeichen von Ungeduld oder Widerwillen. Aber da war nichts – oder nichts, das sie erkennen konnte.

»Gern«, antwortete er. Er wirkte entspannt, vielleicht etwas müde. Als sie bestellt hatten, suchte Sophie nach einem Vorwand, mit dem sie eine Unterhaltung in Gang bringen und am Laufen halten konnte. Es fiel ihr nichts ein außer …

»Verstehen Sie etwas von alten Häusern, Will?« Mein Gott, bin ich lahm, dachte sie, aber zu ihrer Erleichterung ging Trenck auf die Frage ein.

»Ja und nein. Theoretisch weiß ich, wie man alte Häuser restauriert. Praktisch habe ich nur mit ihnen zu tun, wenn sie abgerissen werden.«

»Wie muss ich mir das vorstellen?«

»Ich berge das Holz, das in ihnen steckt. Erst finde ich heraus, wo ein altes Haus abgerissen werden soll. Dann verhandele ich mit der Abrissfirma oder dem Bauleiter, damit ich brauchbares Holz vor dem Abriss ausbauen kann, oder mit einem Baggerfahrer, damit er es mir aus den Trümmern fischt. Das sortiere und säubere ich, und manches säge ich noch in Form oder glatt. Dann verkaufe ich es wieder.«

»Wer kauft so was?«

»Antik-Holz ist was für Liebhaber und Spezialisten. Reiche Leute, die in einem neuen Haus offen liegende Deckenbalken oder Türstürze aus dreihundert Jahre altem Eichenholz haben wollen. Kunsttischler, die antike Möbel nachbauen oder reparieren, und Restaurateure, die in historischen Gebäuden Treppen, Täfelungen oder Bibliothekseinrichtungen wiederherstellen.«

»Klingt wie ein gutes Geschäft«, sagte Sophie.

»Nicht wirklich. Manches verkauft sich, manches nicht. Manches Holz brächte richtig Geld, wenn es aufzutreiben wäre. In Ihrem Haus zum Beispiel gibt es Dielen, die sind wertvoll wie Gold.«

»Echt? Wo denn?«

»Im oberen Stockwerk.«

»Ich war nicht oben«, sagte Sophie.

Trenck legte den Kopf schief und musterte sie. »Richtig froh scheint Sie Ihr Erbe nicht zu machen«, sagte er.

»Das ist wahr. Ich habe eine Ruine geerbt. Und Schulden.«

»21.406 Euro?«

»Und 52 Cent.«

»Das ist doch nicht so viel Geld«, sagte Trenck.

»Für mich schon. Möglicherweise kommt noch was dazu, die Kosten für die Bestattung, Erbschaftssteuer, was weiß ich.«

»Ihre Erbschaftssteuer wird sich in Grenzen halten. Das Finanzamt kann das Haus in seinem jetzigen Zustand nicht hoch bewerten.«

»Immerhin etwas«, sagte Sophie. »Ich hoffe nur, ich finde einen Käufer und komme wenigstens null für null aus der Sache heraus.«

»Sicher. Hier in der Gegend sind immer Leute unterwegs, die alte Häuser billig kaufen, sie ein bisschen aufhübschen und dann reichen Berlinern teuer als Zweitwohnsitz andrehen.«

»Nett von Ihnen, dass Sie mir Mut machen, Will«, sagte Sophie.

»Gern. Wollen Sie auch noch einen Tipp von einem erfahrenen Schuldenmacher?«

»Untertauchen?«

»Ratenzahlung. Bestehen Sie beim Finanzamt und auch sonst auf Ratenzahlung. Dann können Sie Steuern und Schulden in bequemen kleinen Raten aus ihren laufenden Einnahmen abzahlen.«

»Laufende Einnahmen?« Sophie musste lachen. «Ich bin arbeitslos, Will. Ich bekomme nicht mal Arbeitslosengeld, weil ich für eine Abfindung selbst gekündigt habe.«

»Na dann …«, sagte Trenck grinsend, »viel Glück.«

Sie lachten beide.

»Cheers, Will Trenck«, sagte Sophie und hob ihr Glas mit einem letzten Schluck Wein. »Auf Glück.«

»Cheers, Sophie Schatz. Und auf Ratenzahlung.«

Sie saßen noch eine Weile und tranken ihren Kaffee, ohne zu sprechen, denn es gab nichts mehr zu sagen, aber wenn sich ihre Blicke trafen, lächelten sie einverständig. Sophie fühlte sich gut. Sie war satt, ihr war warm, sie war in angenehmer Gesellschaft. Einen schöneren Abschluss für diesen verrückten Tag hätte sie sich nicht vorstellen können.

12 – Sophie zahlte an der Theke,

während Trenck den Wassernapf aus dem Wagen holte. Die Hündin lag im leeren Laderaum hinter den Vordersitzen des Landrovers. Sie freute sich, wieder in Gesellschaft zu sein, und klopfte mit dem Schwanz auf den Wagenboden, als Sophie und Trenck einstiegen. Sie fuhren schweigend und ohne Eile, vorbei an den Grenzposten, über die Brücke und durch die Oderniederung. Es hatte aufgehört zu schneien. Kurz bevor sie die Stadtgrenze von Küstrow erreichten, fragte er, wo er sie hinfahren solle, und Sophie bat ihn, sie an einem Taxistand abzusetzen.

Der Abschied war kurz. Keiner von beiden versuchte, ihn hinauszuzögern.

»Vielen, vielen Dank, Will. Ich weiß nicht, was ich heute ohne Sie getan hätte.«

»Ach was. Ich bin sicher, Ihnen wäre schon was eingefallen.«

Sophie raffte ihre Schultertasche an sich, langte hinüber zu Trenck und berührte ihn kurz am Oberarm als Ersatz für einen Händedruck. Dann kletterte sie aus dem Landrover. »Machen Sie es gut.«

»Sie auch, Sophie. Wenn Sie wieder mal in der Gegend sind, kommen Sie vorbei. Die nächste Pizza geht auf mich. Sie finden mich im Internet.«

»Du mach’s auch gut, Cora«, sagte Sophie zu der Hündin, die aufgestanden war und ihr zwischen den Sitzlehnen hindurch nachblickte. »Du hast echt Glück mit deinem Herrchen.«

Sie schloss die Wagentür und wandte sich ab. Hinter ihr knirschte das Getriebe des Landrovers, als ein Gang eingelegt wurde. Dann polterte er davon.

13 – Das Bad in ihrem Hotelzimmer

hatte keine Wanne. Für das nach der Pizza Zweitbeste an diesem Tag, nämlich heißes Wasser, musste Sophie unter die Dusche. Sie ließ sie so stark laufen, wie es der mickrige Duschkopf hergab, so heiß, wie sie es gerade noch aushielt, und so lange, bis sie gründlich aufgewärmt war. Danach cremte sie sich von Kopf bis Fuß ein. Sie zog einen anderen Pullover an, dicke Socken und eine Schlafanzugshose, drehte die Heizung ihres Zimmers voll auf und rief Jens an.

Er nahm nicht sofort ab, und er war nicht zu Hause. Das erkannte Sophie an den Hintergrundgeräuschen, als er sich endlich meldete. »Hallo Süße. Schön, dass du anrufst. Wo bist du gerade?«

»Hallo Jens. Immer noch in Brandenburg. Und du?«

»Ich sitze hier mit ein paar Kollegen.«

›Hier‹ schien eine Bar zu sein. Sophie hörte Gläser klingen und Frauenstimmen.

»Was macht deine Erbschaft?«, sagte Jens.

»Komplizierte Geschichte. Ich erzähle es dir, wenn ich wieder zurück bin. Das kann aber noch dauern. Deswegen rufe ich auch an: mein Wagen steht in einer Werkstatt, und ich weiß nicht, wie lange …«

»Was ist passiert? Unfall?«

»Nein, nein, kein Unfall. Ich bin …« …in einem Schlammloch abgesoffen, aber das musst du nicht wissen, dachte Sophie. Ich will keinen Kommentar zu meinen Fahrkünsten, und du sollst auch nicht recht behalten damit, dass du mir deinen Wagen nicht geliehen hast.

»Bist du noch dran, Süße?«

»Ja, ja. Entschuldigung, ich war abgelenkt. Es ist irgendwas mit der Elektrik. Was ich sagen wollte, war, dass ich wohl vor übermorgen Abend nicht zurück bin. Vielleicht wird es auch noch später. Kommt auf die Werkstatt an.«

»Ja, okay. Weißt du was, jetzt, wo du geerbt hast, solltest du dir endlich mal ein neues Auto kaufen.«

»Der Golf ist noch gut«, sagte Sophie.

Jens antwortete nicht. Er oder jemand anderes fummelte mit seinem Telefon herum. Für einen Moment hörte Sophie nur Klopfen und Rascheln, ein paar Wortfetzen, dann erst war Jens wieder dran.

»Hör mal, Süße, ich muss auflegen. Gibt es noch was Wichtiges?«

»Im Moment nicht, nein.«

»Dann bis später.« Er unterbrach die Verbindung so rasch, dass Sophie sich nicht verabschieden konnte. Eine Minute lang saß sie auf dem Hotelbett und starrte ihr Telefon an. Dann klappte sie ihr Notebook auf und googelte, Trenck, Antikholz und Küstrow. Sie erhielt sofort eine ganze Seite Treffer, und Trenck hatte eine Firmen-Webseite. Wilhelm Trenck, Zimmerei, Sägerei, Meisterbetrieb, las Sophie. Ihr Antikholzspezialist in Brandenburg. Großer Vorrat an Fichte und Kiefer, alle Formate, alle Altersklassen. Eichenbalken bis 5 m Länge, original handbehauen oder neu besägt, bis ca. 400 Jahre, Eichen-Gründungspfähle, 1.000 Jahre+. Linde, Birke, Birne, Kirsche, Nussbaum in kleinen Mengen und als Stammholz. Bohlen, Bretter, Dielen, Stufen, Täfelungen, min. 19. Jhdt. Preise auf Anfrage. Bei Bedarf Anlieferung. Wir reservieren und nehmen Suchaufträge an … Google Maps zeigte Sophie, dass der Betrieb im Norden Küstrows am äußersten Rand der Stadt lag. Sie speicherte seine Telefonnummer auf ihrem Handy. Eine persönliche Webseite hatte Trenck nicht, bei Facebook war er nicht angemeldet, und auch bei Twitter hatte er keinen Account. Sie schaltete ihr Notebook aus.

Es war noch früh am Abend, zu früh, um zu Bett zu gehen, und Sophie war auch noch nicht müde. Sie beschloss, sich vom Fernsehprogramm schläfrig machen zu lassen. Am einfachsten gelang ihr das gewöhnlich mit der Hilfe einer halben Flasche Wein. Den Impuls, sich aus der verboten teuren Minibar in ihrem Zimmer zu bedienen, unterdrückte sie erfolgreich – ihre Knauserigkeit half ihr dabei. Dafür musste sie dann fünf harte Minuten gegen ihre Bequemlichkeit kämpfen, bis sie sich dazu durchringen konnte, sich noch einmal anzuziehen und das Hotel zu verlassen. Sie lief zu der Tankstelle neben dem vietnamesischen Imbiss, in dem sie am Abend zuvor gegessen hatte, und kaufte eine Flasche Wasser und eine Flasche Chardonnay (mit Schraubverschluss). Zurück im Hotel und wieder in Schlafanzughose, dicken Socken und Pullover warf sie sich aufs Hotelbett, trank Wein aus einem Wasserglas und zappte durch das Fernsehprogramm. Jede der Sendungen, an die sie geriet, sah sie sich immer nur bis zur ersten Werbeunterbrechung an und schaltete dann um. Irgendwann landete sie aber bei einem alten Spielfilm aus den Achtzigern, in dem Tom Hanks und Shelley Long ein schönes altes Haus kaufen, das sich, während sie noch dabei sind einzuziehen, zunehmend zerlegt. Waschbären im Wandschrank, braune Soße aus den Wasserhähnen, eine Badewanne, die gefüllt durch die Geschossdecke bricht, eine prächtige Treppe, die sich unter Hanks’ Schritten in ihre Einzelteile auflöst … Sophie war begeistert und ertrug geduldig die Werbepausen, um den Film bis zum Ende sehen zu können. Alles wurde gut. Am Ende war das Haus repariert und ein Schmuckstück, und Hanks und Long blieben trotz einer Beziehungskrise ein Paar.

14 – Um herauszufinden,

welcher Bestatter ihre Großtante beigesetzt und bei welcher Bank sie ein Konto gehabt hatte, musste Sophie noch einmal das Heim anrufen. Nach einem Hotelfrühstück machte sie sich dann zu Fuß auf den Weg durch die Stadt. Es schneite nicht mehr, und es ging ein lebhafter Wind, der den am Vortag gefallenen Schnee wegschmolz. Der Fußmarsch durch die nassen, windigen Straßen tat Sophie gut. Sie fand das Bestattungsinstitut ohne Mühe. Der Bestatter schien erfreut über ihr Kommen.

»Unser tief empfundenes Beileid, Frau Schatz, zu Ihrem Verlust«, sagte er eingeübt, als sie ihm in seinem Büro gegenübersaß. Es roch nach welken Blumen.

»Danke.«

»Der Nachlasspfleger hat Sie uns schon angekündigt.« Der Bestatter machte Fotokopien von Sophies Personalausweis und dem Erbschein. Dann schob er ihr eine schmale silbergraue Mappe über den Schreibtisch entgegen.

»Die Sterbeurkunden für Sie.«

Sophie klappte die Mappe auf. Oben auf den Urkunden lag die Rechnung des Instituts. Die Tote war für 310 Euro und ein paar Gebühren eingeäschert worden, aber eine Beisetzung war nicht berechnet. Das konnte nur heißen … Sophie sah auf.

Der Bestatter hielt ihr eine Urne hin und sagte: »Möchten Sie vielleicht eine Tragetasche?«

Eine Minute später stand sie wieder auf der Straße. Vom Bestattungsinstitut zur Bank war es nicht weit.

Das Bankkonto der Großtante war bis auf einen symbolischen Betrag leer.

»Die Rente Ihrer Großtante«, sagte eine fitte junge Frau, die die Kontoschließung bearbeitete, den Blick fest auf ihren Bildschirm gerichtet, »ist immer an das Seniorenheim überwiesen worden. Auch das Geld von ihren Sparbüchern, als die aufgelöst wurden. Hätten wir einen Käufer für ihr Haus gefunden, wäre der Kaufpreis ebenfalls an das Heim gegangen.«

Moment, dachte Sophie. Sie sagte: »Sie haben versucht, das Haus zu verkaufen?«

»Unsere Immobilienabteilung.«

»Mit jemandem von der Abteilung möchte ich mal sprechen.«

»Gern. Ich mache Ihnen einen Termin.«

»Jetzt«, sagte Sophie. »Ich wohne fünfhundert Kilometer weit entfernt. Ich kann nicht irgendwann wiederkommen, wenn Sie einen Termin freihaben, oder so lange hier in einem Hotel warten.«

Die Immobilienabteilung der Bank bestand aus einem einzelnen Büroraum und einem Mann. Er war nicht mehr jung und auch nicht fit. Sophie konnte ihn atmen hören und roch, dass er Raucher war. Er war aber auch einer derjenigen, die ihren Kunden noch ins Gesicht sahen, wenn sie mit ihnen sprachen, und Papier umblätterten, statt eine Tastatur zu bedienen. Nach allem, was Sophie von Jens über Banken wusste, war der Mann ein Auslaufmodell. Als sie sich vorgestellt und ihr Anliegen vorgebracht hatte, suchte und fand er einen schmalen Aktenordner und studierte eine Minute lang dessen Inhalt.

»Grobitzer 210 … ja …«, sagte er dann. »Interessantes Objekt, schönes Haus. Schöne Gegend. Ich war im letzten Sommer ein paar Mal mit Interessenten da draußen. Aber keiner hat sich getraut.«

»Woran lag das?«

»Kennen Sie das Haus nicht?«

»Erst seit gestern.«

»Also … wo soll ich anfangen? Erst mal liegt das Objekt am Ende der Welt. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Haus wenigstens Telefon hätte. Hat es aber nicht. Mein Handy hatte da draußen auch kein Netz, aber vielleicht ist das mittlerweile ja besser geworden.«

Ist es nicht, dachte Sophie.

»Dann ist das Haus einfach zu groß, um nur darin zu wohnen, und zu klein, um es zu einem Hotel, einem Gästehaus, einer Tagungsstätte oder etwas Ähnlichem zu machen. Ein Umbau käme ohnehin nicht infrage, weil es unter Denkmalschutz steht. Das macht auch die Renovierung extra kompliziert und teuer. Sie müssen nämlich den Bau und seine Ausstattung komplett erhalten, und sich bei allem, was sie ausbessern oder ersetzen, am Originalzustand orientieren. Die Denkmalschutzbehörde nimmt es da ganz genau. Die achtet auch darauf, dass Sie Ihr Haus nicht einfach sich selbst überlassen, bis es einstürzt. Dann bekommen Sie nämlich ein sattes Bußgeld und werden schlimmstenfalls auch noch enteignet.«

Ich sitze in der Falle, dachte Sophie.

»Es gab Interessenten, die hätten das Objekt gern als Grundstück gekauft.«

»Warum? Was ist damit?«

»Es ist groß, hat mehr als einen Hektar Fläche, und die Lage auf der Anhöhe ist ausgesprochen schön. Es gab Investoren, die wollten darauf bauen, aber das geht nicht. Das Grundstück liegt in einem Landschaftsschutzgebiet und ist abwassertechnisch nicht erschlossen.«

»Abwassertechnisch …?«

»Ihr Haus hat eine Sickergrube. Das ist heute keine erlaubte Methode mehr, Abwässer zu entsorgen, aber bei alten Häusern weitab von öffentlichen Abwassersystemen wird das noch geduldet. Bestandsschutz nennt man das. Neubauten ohne Anschluss ans Abwassernetz sind unmöglich. Auf Ihrem Grundstück kann also auch nichts Neues gebaut werden.«

»Ich sitze in der Falle«, sagte Sophie, aber mehr zu sich selbst.

»Wie bitte?«

»Ach, nichts. Was mache ich denn nun mit diesem wertlosen Haus?«

»Es ist nicht grundsätzlich wertlos«, sagte der Immobilienmann. »Nur im Moment. Eigentlich ist es ein sehr schönes Haus. Wäre es bezugsfertig renoviert, könnte es …« er wiegte den Kopf hin und her: »… 200 bis 250.000 bringen. Oder sogar mehr. Die Frage ist aber, was die Renovierung kostet und ob dann noch Gewinn bleibt. Spezialfirmen, die Denkmalschutzhäuser restaurieren, sind teuer und selten.«

»Das hilft mir jetzt nicht weiter«, sagte Sophie. »Ich habe nicht die Mittel, um das Haus renovieren zu lassen. Ich habe auch nicht die Zeit, darauf zu warten, dass es mir, teuer renoviert, vielleicht, irgendwann, deutlich mehr einbringt, als das, was ich bekomme, wenn ich es jetzt gleich verkaufe, wie es ist.«

»Vorausgesetzt, Sie finden einen Käufer«, sagte der Immobilienmann.

»Finden Sie einen für mich«, sagte Sophie. »Bieten Sie das Haus noch einmal an. Billig – 22.000 Euro sind mir genug. Ich will nur nicht darauf sitzen bleiben.«

»Wir müssen schon etwas mehr verlangen«, sagte der Immobilienmann, »unsere Bank muss ja auch was verdienen. Ein Objekt, das zu einem Spottpreis weggeht, bringt uns nicht viel mehr als eines, das sich gar nicht verkauft.«

»Verlangen Sie, was Sie für richtig halten«, sagte Sophie. »Nur … verkaufen Sie es.«

Der Immobilienmann seufzte. Dann kramte er in einer Schublade seines Schreibtischs. »Das hier ist ein Vermittlungsvertrag«, sagte er und schob Sophie ein paar eng bedruckte Seiten Papier über seinen Schreibtisch zu. »Setzen Sie Ihre persönlichen Daten und die des Objekts ein, unterschreiben Sie und senden oder faxen Sie mir den Vertrag zusammen mit einem Grundbuchauszug zu.«

Einem was? Sophie sagte: »Was ist denn ein Grundbuchauszug und wo kriege ich den her?«

»Vom Grundbuchamt. Haben Sie das Grundbuch schon berichtigen lassen?«

»Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet«, sagte Sophie.

Der Immobilienmann erklärte es ihr.

Fünf Minuten später war sie auf dem Weg zum Amtsgericht, wo sich das Grundbuchamt befand.

15 – Sophies Telefon tüdelte,

als sie gerade die Stufen zum Eingang des Amtsgerichts nahm. Die Nummer des Anrufers sagte ihr nichts.

»Ja?«

»Sofia-Freundin-von-Will?«

»Marek, sind Sie das?«

»Ja. Marek Kapuczinsky. Sofia, Ihr Auto läuft wieder. Können Sie jederzeit abholen.«

»Was denn, jetzt schon?«

»Wir sind schnell«, sagte Marek.

»Wie viel Geld muss ich mitbringen, Marek?«

»Ist nicht teuer. Sie können zahlen, wie sie wollen. Visa, Master, Bankkarte, Euro, Dollar, Zloty, D-Mark, wenn Sie haben. Ist immer noch gutes Geld.«

Es war erst kurz nach zehn am Vormittag. »In spätestens einer Stunde bin ich bei Ihnen«, sagte Sophie.

Ihr Besuch beim Grundbuchamt war kurz. In einem Taxi fuhr sie über den Fluss und die Grenze nach Kystrowcze. Ihr Golf stand frisch gewaschen im Hof der Werkstatt.

»Was war denn dran?«, sagte Sophie zu Marek.

»Nichts kaputt«, antwortete er. »Wir haben Stecker trocken geblasen, Kontakte eingesprüht, ein paar Sicherungen ersetzt, neue Zündkerzen, einmal kärchern, halbe Stunde Arbeit. Das war alles. 40 Euro.«

»Nur 40 Euro!?« Sophies Taxifahrten waren teurer gewesen.

»Wollen Sie mehr ausgeben? Kein Problem«, sagte Marek.

»Nein, nein! Vielen Dank, Marek, dass Sie meinen alten Wagen noch mal gerettet haben.«

»Golf«, brummte er. »Gutes Auto. Nur zwölf Jahre alt. Läuft noch mal zehn.«

Sophie bezahlte im Büro der Werkstatt bei einer hübschen Brünetten mit Rehaugen. Eine Minute später saß sie in ihrem Wagen und war auf dem Weg nach Küstrow, erleichtert und beschwingt davon, dass der alte Golf und ihre Brieftasche den Ausflug in das Schlammloch an der Grobitzer Landstraße so glimpflich überstanden hatten. Während sie fuhr, machte sie wieder einmal Bilanz.

Was hatte sie geschafft von dem, was sie als Erbin zu erledigen hatte?

Sie hatte die Habseligkeiten ihrer Großtante aus dem Heim abgeholt (check) und ihre Urne vom Bestatter (check). Sie hatte das geerbte Haus besichtigt (check), die Eintragung als neue Besitzerin ins Grundbuch beantragt (check) und organisiert, dass es verkauft wurde (check).

Was gab es sonst noch, das sie tun musste?

Nichts. Für den Moment jedenfalls war das alles.

Und später? Sie würde sich mit dem Heim auf Ratenzahlung für die geerbten Schulden verständigen, darauf hoffen, dass das Finanzamt keine Erbschaftssteuer von ihr wollte und darauf warten, dass der Raucher in der Immobilienabteilung der Bank einen Käufer für das Haus fand.

Das war’s dann mit ihrem Erbe.

Und jetzt … würde sie wieder nach Hause fahren, sich schleunigst einen neuen Job suchen, auch, um die geerbten Schulden abzahlen zu können, und weiterleben wie bisher. Oder, mit einem neuen Job, besser. Ja, besser.

Sophie sah auf die Uhr. Es war Viertel nach elf. Wenn sie vor zwölf Uhr aus ihrem Hotel auscheckte und dann gleich losfuhr, sparte sie eine Übernachtung und war in fünf, sechs Stunden wieder zu Hause. Sie würde in der kommenden Nacht in ihrem eigenen Bett schlafen. Darauf freute sie sich. Sie überlegte, Jens anzurufen, aber weil er es nicht mochte, wenn sie ihn am Arbeitsplatz anrief, ließ sie es bleiben. Es gab ja auch nichts zu sagen, außer dass sie in ein paar Stunden zurück sein würde.

Dann los, sagte sie sich. Leb wohl, Küstrow. Sie trat aufs Gas. Noch bevor sie die Oderniederung ganz durchquert hatte, wurde der Innenraum ihres Wagens warm. Warm! Nach Jahren! Einer von Mareks Mechanikern hatte ungefragt und wie nebenbei die Heizung des Golfs wieder in Gang gebracht. Sophie konnte es kaum fassen. Sie musste nicht mehr frierend fahren. Konnte, ohne ihren dicken Mantel tragen zu müssen, hinter dem Steuer sitzen. Was für ein Luxus! Welche Erleichterung! Sie kurbelte ihr Seitenfenster herunter und rief in den Fahrtwind: »Danke unbekannter Mechaniker! Danke Marek! Danke Will Trenck, dass Sie mich ausgerechnet zu dieser Werkstatt gebracht haben!«

16 – Sophie war an einem Sonntag

nach Küstrow gefahren, auf nur mäßig belebten Autobahnen, und fuhr dienstags zurück, in dichtem Verkehr und entlang einer ununterbrochenen Kolonne von Lkws auf der rechten Spur. Während es in Brandenburg noch trocken war, schneite es in der Gegend von Magdeburg, und weiter westlich verwandelte sich der Schnee in fetten Schneeregen. Es wurde früh dunkel. Zweimal kam der Verkehr für jeweils eine Dreiviertelstunde zum Stehen, die Fahrzeuge rückten zusammen und machten den Weg frei für Polizei, Rettungsdienste und Abschleppwagen. Bis sie in Dortmund und vor dem Hochhaus ankam, in dem sie wohnte, war es Nacht und Sophie mehr als acht Stunden unterwegs gewesen.

Weil sie, einmal in der Wohnung, nicht wieder raus wollte, räumte sie ihr Auto sofort aus und stapelte alles, was sie mitgebracht hatte, in den Fahrstuhl des Hauses. Dann fuhr sie in den siebten Stock. Dort schob sie ihre Fracht mit den Füßen in den Korridor, ließ sie liegen und schloss die Wohnungstür auf, um erst einmal Mantel und Tasche loszuwerden.

Im Flur ihrer Wohnung brannte Licht, also war Jens zuhause. Bevor Sophie einen Gruß rufen konnte, hörte sie die Toilettenspülung. Sie klopfte an die Badezimmertür und sagte: »Ich bin wieder da-ha.«

Die Tür ging auf, und in den Flur trat eine nackte Frau.

Sophie war wie vom Blitz getroffen, sprachlos und verwirrt: Hatte sie sich in der Tür geirrt? War sie in der falschen Wohnung? Natürlich nicht. Ihr Schlüssel hatte ja gepasst.

Die Nackte erschrak nicht und war auch nicht befangen wegen ihrer Nacktheit. Sie sagte nur: »Wer bist du denn?« Dann wandte sie sich ab und lief ohne Eile mit patschenden Füßen und wippenden Hinterbacken in Richtung des Schlafzimmers. Bevor die Tür hinter ihr zufiel, hörte Sophie noch, wie sie sagte: »Na, was ist? Kannst du jetzt wieder?«

Jens’ Antwort war nicht zu verstehen. Sophie stand im Flur und wusste nicht weiter. Was geht hier vor?, dachte sie, wo bin ich hier? Für einen Augenblick fühlte sie sich wie in ein Paralleluniversum verschlagen. Wenn sie kurz die Wohnung verließe und dann zurückkehrte, wäre sie dann wieder in ihrer richtigen Welt?

Dann wich ihre Benommenheit, und ihr Verstand kam wieder in Gang. Dies war die richtige Welt. Sie hängte ihren Mantel an die Flurgarderobe neben eine kleine, strahlend blaue Daunenjacke, die sie nie zuvor gesehen hatte, ließ ihre Tasche fallen und war mit wenigen Schritten an der Schlafzimmertür. Die stieß sie hart auf. Das Zimmer war gedämpft beleuchtet. Jens lag auf dem Bett, zurückgelehnt und auf seine Ellenbogen gestützt und starrte sie mit hervorquellenden Augen an. Die nackte Frau kniete vornüber gebeugt zwischen seinen Beinen und präsentierte Sophie ihre Rückseite, ein Tattoo auf ihrem Steißbein und ein Intimpiercing.

Sophie sagte: »Raus aus meiner Wohnung!«

Die Nackte ließ von Jens ab und wandte sich um. Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte: »Ist das deine Frau, oder was?«

»Ich bin n-nicht verheiratet«, stammelte Jens.

»Raus aus meinem Bett!« Sophie ballte die Fäuste und trat einen Schritt ins Zimmer.

»Ist ja gut«, sagte die Nackte. Sie stand vom Bett auf und suchte ihre Kleidung zusammen. Ihr Körper war perfekt proportioniert und modelliert, vollständig haar- und fleckenlos, zart gebräunt, ohne Dellen, Dehnungsstreifen und sichtbare Adern. Sie hätte eine dieser japanischen Sexpuppen aus Silikon sein können. Ihr dummes kleines Gesicht verstärkte diesen Eindruck noch. Sie zog knöchellange Leggins an, Sneakers und einen weiten langen Pullover. Unterwäsche trug sie nicht. Die Farbe ihrer Daunenjacke passte zu den Strähnen in ihrem lackschwarzen Haar. An der Wohnungstür kramte sie in ihren Taschen nach Schlüsseln und Telefon. Sophie öffnete und stieß sie nach draußen.

»Raus!«

»Krieg dich ein, du Kuh«, sagte die Frau. »Ich nehme dir deinen kleinen Schnellspritzer schon nicht weg.«

Sophie warf die Tür zu.

Dann war sie wieder ratlos. Sie stand im Flur und wusste nicht, was sie als Nächstes tun sollte. Nichts, was sie tat würde aus der Welt schaffen, was geschehen war. Wie verhielt man sich überhaupt in so einer Situation? Gab es Ratgeberbücher, die so etwas behandelten? Was sollte sie sagen? Sollte sie Jens beschimpfen? Ihn anklagen? Weinen?

Oder … machte sie Gewese um eine Lappalie? Treue war gestern, und Jens war mal eben fremdgegangen – na und? So etwas passierte jeden Tag und jedem irgendwann einmal. So etwas musste man wegstecken können. Aber, wie machte man das? So wie im Kino? Man betrank sich, heulte einen Abend lang besoffen und anklagend herum und versöhnte sich am Ende, indem man zusammen in die Kiste stieg …?

Sophie gab sich einen Ruck und ging in die Küche um sich Kaffee zu machen. Damit war der Gang ins Schlafzimmer erst einmal aufgeschoben. Während sie auf den Wasserkocher wartete, hörte sie Jens zur Toilette gehen. Mit angehaltenem Atem bereitete sie sich innerlich darauf vor, dass er danach in die Küche kommen würde. Das tat er aber nicht. Warum nicht?

Sophie rätselte. Fürchtete er sich vor einer Auseinandersetzung? Oder war sie, Sophie, ihm bereits so gleichgültig, dass er sich nicht mehr die Mühe machte, sich mit ihr auseinanderzusetzen? Oder tat er, als wäre nichts geschehen, und verlangte damit von ihr dasselbe? War es das, was von ihr erwartet wurde? Und wenn – wie sollte sie von nun an mit Jens umgehen? Wie ging das, ganz praktisch, einen Seitensprung … Seitensprung – was für eine idiotische Bezeichnung für die schlimmste Kränkung, die man jemandem antun kann, der liebt und vertraut … wie ging das, einen ›Seitensprung‹ hinzunehmen und auszuhalten? Um eine Beziehung zu retten und sechs Jahre Leben nicht als verschwendet abschreiben zu müssen … Sophie hatte keine Ahnung. Sie hatte keine Erfahrung mit untreuen Partnern und mit dem Zusammenleben im Schatten der Untreue.

Der Kaffee war fertig.

Dann los, sagte sie sich. Egal, was jetzt kommt, ich werde nicht weinen. Mit einer Tasse Kaffee, an der sie sich krampfhaft festhielt, machte sie sich auf den Weg zum Schlafzimmer. Es war nicht Streitlust oder Rachedurst, was sie antrieb, auch nicht die Suche nach Gründen (Warum? Waru-um?) oder gar der Impuls, sich zu unterwerfen (Bitte, bitte verlass mich nicht …). Sie wollte nur einfach nicht kneifen, nicht vor sich selbst schlecht dastehen.

Jens lag seltsamerweise noch immer nackt im Bett, aber die untere Hälfte seines Körpers war jetzt mit einem Laken bedeckt. Sophie zitterte vor Aufregung am ganzen Körper und fürchtete, dass ihr jeden Augenblick die Kaffeetasse aus der Hand rutschen würde. Trotzdem gelang ihr eine lässige Eröffnung. Sie lehnte sich an den Türrahmen, denn ihre Knie waren weich, und sagte: »Wartest du auf jemanden?«

Statt einer Antwort sagte Jens: »Du warst nicht hier.«

»Ja, und?«

»Ich hatte ein Bedürfnis.«

Was? Der verdruckste kleine Satz machte Sophie gegen ihren Willen ärgerlich.

»Das musstest du dann sofort ausleben, oder wie? Konntest du nicht warten, bis ich wieder zurück war?«

»Du bist so ungeil«, sagte Jens.

Sie begriff nicht sofort, aber dann war ihr, als hätte er sie ins Gesicht geschlagen. Sie wandte sich ab und schloss die Schlafzimmertür. Im Flur stellte sie mit zitternder Hand die Kaffeetasse ab. Danach wusste sie erst einmal nicht weiter. In ihrem Kopf ging alles Drunter und Drüber. Eine halbe Minute lang kämpfte sie um Ordnung in ihrem Denken, und der erste klare Gedanke, den sie fassen konnte, war, dass sie gerade aus ihrem bisherigen Leben vertrieben wurde. Mit drei kurzen Sätzen, bösartig wie Hiebe. Ich kann nicht hierbleiben, dachte sie, hier ist kein Platz für mich. Ich kann mich heute Abend nicht zu diesem Mann ins selbe Bett legen, ich kann die Wohnung nicht mit ihm teilen. Ich muss weg von hier, dachte sie, und zugleich fürchtete sie, dass sie, wenn sie ginge, nicht mehr zurückfinden würde. Lange Sekunden brauchte sie ihre ganze Kraft dafür, Tränen zurückzuhalten. Dann zog sie ungeschickt ihren Mantel wieder an und schlang sich ihre Tasche um. Sie verließ die Wohnung, schob das, was sie aus Brandenburg mitgebracht hatte, zurück in den Lift und fuhr wieder nach unten. Bis ihr kalt wurde, saß sie untätig in ihrem Auto und wagte nicht loszufahren, aus Angst, in ihrem aufgewühlten Zustand einen Unfall zu bauen.

17 – Sophie kannte einige Leute,

bei denen sie unterkommen konnte. Sie war eine beliebte Kollegin gewesen und hatte auch noch ein paar Freunde jenseits der Arbeit. Aber die liebste und älteste Freundin von allen, fast schon eine Schwester, war ihr eine Schulkameradin, mit der sie neun Jahre in eine Klasse gegangen war. Zwar sahen sie sich nicht mehr so oft wie früher und jedes Jahr ein wenig seltener, aber ihre Verbundenheit hatte nicht darunter gelitten.

Sabine Koch war die Art von Frau, die gewöhnlich nach vorn geschoben wird, wenn es gilt, bei Publikum und Kunden gut rüberzukommen – an einer Rezeption, am Tresen einer Sprechstunde, im Mittelgang eines Fliegers, an Messeständen. Nicht zu groß und nicht zu klein, schlank, stewardessenblond und eher gutaussehend als hübsch schien sie wie dafür geboren, schwarze Hosenanzüge und dunkelblaue Kostüme zu tragen. Sie brach ein ›Bullshit-Studium‹, wie sie es nannte, nach dem zweiten Semester ab, wurde Physiotherapeutin und lernte in einer Rehapraxis ihren Mann kennen. Holger, ein Ingenieur, ein freundlicher Riese, der Handball spielte, kurierte mit Sabines Hilfe einen Schlüsselbeinbruch aus. Sie wurden rasch ein Paar, heirateten, und kaum, dass der Pfarrer Sie-dürfen-die-Braut-jetzt-küssen gesagt hatte, war Sabine schwanger. Drei Jahre später kündigte sich das zweite Kind an. Mit seinen Ersparnissen, finanzieller Hilfe aller Eltern und einem Bankkredit kaufte das Paar ein Haus mit Garten in einer der älteren Speckgürtelgemeinden im westfälischen Umland der Stadt. Das Haus war nicht wirklich alt, aber aus der Zeit, als Waschbeton noch in Mode und Öl noch billig war. Eine neue Heizung, moderne Fenster und Rundumdämmung verschlangen das letzte Geld der beiden. Den großen Rest der Renovierung im Inneren des Hauses unternahmen sie in ihrer Freizeit selbst, was praktisch bedeutete, dass sie in einer Baustelle lebten.

Das sagte Sabine auch Sophie am Telefon. »Komm und bleib, solange es nötig ist, aber du wirst mit uns auf einer Baustelle wohnen.«

Eine halbe Stunde später umarmten sie sich an der Haustür. Das war nicht einfach, denn Sabine war im neunten Monat. Hinter ihr im Flur hüpfte eine blonde Dreijährige im Schlafanzug wie aufgezogen herum und rief immer wieder Sophies Namen. Die ging in die Knie und drückte auch die Kleine an sich. Die Umarmungen, besonders die des Kindes, brachten sie fast um ihre Fassung. Noch einmal musste sie sich mit aller Macht zusammennehmen, um die Tränen zurückzuhalten. Sie wollte das kleine Mädchen nicht traurig machen.

Die Versammlung verlagerte sich ins Innere des Hauses. Alle sprachen durcheinander.

»Sophie! Sophie!« (Hüpf, hüpf).

»Mariechen! Schätzchen, was bist du groß geworden!«

»Marie! Ab ins Bett!«

»Mama, Mama, ich will noch aufbleiben, weil die Sophie da ist!«

»Die Sophie ist morgen auch noch hier. Ins Bett. Los, sofort!«

»Lass sie doch noch ein paar Minuten.«

»Nein«, sagte Sabine. »Sonst kriege ich sie morgen früh erst nicht aus den Federn, dann schläft sie im Kindergarten noch vor Mittag wieder ein, und ich habe die verdammten Erzieherinnen am Telefon, die wissen wollen, was mit dem Kind nicht in Ordnung ist.«

»Sophie soll mich ins Bett bringen!«

»Ich bringe dich ins Bett, Mariechen«, sagte Sophie. »Lass mich nur meinen Mantel ausziehen.«

»Und vorlesen!«

»Da hast du’s«, sagte Sabine zu Sophie. »Eher wird sie jetzt ohnmächtig, als dass sie einschläft.«

Tatsächlich aber fielen dem Kind die Augen zu, kaum dass Sophie zu lesen begonnen hatte. Sie fuhr noch ein paar Minuten mit gedämpfter Stimme fort, bis die Atemzüge der Kleinen regelmäßig und tief waren. Dann stand sie auf und schlich aus dem Zimmer. Sie ließ ein kleines Nachtlicht brennen und die Tür einen Spalt weit geöffnet.

Maries Zimmer und ein Bad waren die einzigen Räume im Obergeschoss des Hauses, die schon vollständig renoviert und endgültig eingerichtet waren. Sophie suchte sich leise einen Weg über ausgelegte Plastikplanen an Leitern, Werkzeug und Farbeimern vorbei zurück ins Erdgeschoss. Sabine wartete im Wohnzimmer und hatte Tee gemacht. Holger war von irgendwoher aufgetaucht.

»Tee?«, fragte Sabine.

»Hallo Sophie«, sagte Holger. »Wein?«

Sophie entschied sich für Wein.

»Nun erzähl mal«, sagte Sabine.

Sie hatten zuletzt an Weihnachten telefoniert, und Sabine und Holger wussten deshalb schon, dass Sophie ihren Job gekündigt und eine Erbschaft gemacht hatte. Der Rest war rasch erzählt, auch mit einem Kloß im Hals. Als sie mit ihrem Bericht bei Jens und der nackten Frau anlangte, bemerkte sie, dass Sabine und ihr Mann einen Blick wechselten.

Sophie sagte: »Was guckt Ihr so? Was bedeutet das?«

Sie bekam keine Antwort.

»Habt ihr etwas gewusst? Habt Ihr gewusst, dass er eine andere hat?«

»Nein«, sagte Sabine, »aber wir haben uns gedacht, dass es mal dazu kommen würde.«

»Aber … warum habt ihr denn nichts gesagt?«

»Du weißt, dass das nicht möglich war«, sagte Holger. »So was tut man nicht. Ein Paar ist ein Paar. Da mischt man sich nicht ein. Solange du meinst, dass Ihr, Jens und du, zusammengehört, werde ich dir nicht das Gegenteil erzählen.«

»Aber wir sind doch Freunde …«

»Eben deshalb. Willst du denn von mir hören, dass ich den Mann, den du liebst, für den du einstehst, für einen Mistkerl halte? Im Umkehrschluss würde das ja heißen, dass ich meine, dass du eine dumme Nuss bist, weil du mit so einem zusammen bist. Was für ein Freund wäre ich dann?«

»Wir hätten ja auch falsch liegen können«, sagte Sabine. »Ihr hättet ja auch das perfekte Paar sein können. Von außen erkennt man doch nicht, ob zwei Menschen zusammengehören oder nicht.«

Sophie trank auf nüchternen Magen. Schon das erste halbe Glas Wein stieg ihr zu Kopf. Sie nahm noch einen tiefen Schluck.

»Es war offensichtlich, nicht wahr?«, sagte sie mit brechender Stimme. »Jeder konnte es sehen, nur ich nicht.«

»Nein«, sagte Sabine, »so war das nicht.«

»Weißt du auch, warum?«, fuhr Sophie fort. »Weil ich es nicht sehen wollte. Oh Gott … ich bin eine dumme Nuss.« Ihre Augen wurden nass. Sie hob die Hände vor ihr Gesicht und beugte sich vornüber. Endlich konnte sie ihren Tränen freien Lauf lassen.

»Nein. Bist du nicht. Du hast nur Pech gehabt«, sagte Sabine. Mit einem Blick und einer Kopfbewegung bedeutete sie ihrem Mann zu gehen. Den kommenden Jammer, mit Tränen und Rotz und Klagen, würden die Frauen unter sich ausmachen.

»Pech gehabt?« Sophie schluchzte in ihre Hände. »Nein, ich habe mir Illusionen gemacht, mit aller Kraft. Jens brauchte sich gar nicht anzustrengen, um mich zu täuschen. Ich habe mich selbst belogen.« Ihre Schultern zuckten. Sie weinte laut.

Holger stellte im Vorübergehen eine Rolle Küchenkrepp in Reichweite auf den Couchtisch. Sabine schwieg und wartete. Nach einigen Minuten hob Sophie ihr tränennasses Gesicht.

»Weißt du, was mir gerade klar wird, Bine? Es war harte Arbeit. Ich habe mich angestrengt, jedes Jahr ein bisschen mehr, um Jens auszuhalten. Es war harte Arbeit auszublenden, vor mir selbst zu verharmlosen, dass er kleinlich ist, selbstsüchtig, eitel. Ein Streber.«

Sophie zog die Nase hoch. Tränen rannen über ihr Gesicht und tropften von ihrem Kinn auf den Teppich zwischen ihren Füßen. Sie rollte Papier ab, um sich zu trocknen und die Nase zu putzen. Dann füllte sie ihr Glas nach und nahm einen tiefen Schluck. »Wenn mich etwas an ihm störte, wenn er mich verletzte, habe ich es hingenommen, weil, es ist doch niemand perfekt, oder? Man kann sich seinen Partner doch nicht nach Wunsch backen. Ich bin doch auch nicht perfekt, da dachte ich, wie kann ich das von jemand anderem erwarten?«

»So darfst du das nicht sehen«, sagte Sabine. »Wenn du auch nicht perfekt bist, dann jedenfalls nicht so mies nichtperfekt wie Jens. Und vor allem bist du nicht selbst schuld daran, wenn du gekränkt wirst.«

»Es gibt keinen Täter, wo nicht ein Opfer auf ihn wartet.«

»Was für ein Quatsch! Wo hast du das denn her?«

»Ich habe zugelassen, dass er mich verletzt.«

»Jeder, der liebt, macht sich verletzbar«, sagte Sabine. »Dass man liebt, macht einen zum Liebenden, nicht zum Opfer.«

Sophies Tränen versiegten für einen Moment. Sie blickte Sabine aus nassen Augen an, die Stirn gerunzelt. »Boah«, murmelte sie und schnuffelte. »Das war jetzt aber tiefsinnig. Was hast du noch mal studiert?«

Eine Minute oder zwei saßen sie sich schweigend gegenüber. Sophie, mit verschwollenem, nassem Gesicht und verstopfter Nase, atmete geräuschvoll durch den Mund. Sabine wartete geduldig. Dann sagte Sophie: »Ich bin jetzt gar nicht mehr sicher, dass ich Jens überhaupt jemals geliebt habe.«

»Das kommt dir nur so vor. Du wirst schon etwas für ihn empfunden haben, wenn du fünf Jahre mit ihm zusammen warst.«

»Ich dachte immer, wenn wir lange genug zusammen wären, würden wir irgendwann auch heiraten. Ich würde zur verheirateten Frau, Kinder bekommen, eine Familie haben … Ist das ein unmöglicher Wunsch? Ist das dumm, altmodisch, überholt, aus der Zeit?«

»Mich darfst du das nicht fragen«, sagte Sabine.

Sophie nahm wieder einen tiefen Schluck aus ihrem Glas. »Jens auszuhalten war halt der Preis, den ich meinte, zahlen zu müssen, für Familie und Kinder und alles … Ich bin eine Idiotin.« Sie begann wieder zu weinen.

»Sophie!«, sagte Sabine.

»Jetzt kann ich wieder von vorn anfangen«, sagte Sophie unter Tränen. »Im Sommer werde ich dreißig. Wer weiß, wie lange es dauert, bis ich wieder einen Mann kennenlerne, oder überhaupt … Wer weiß, wie lange es dauert, bis ich sicher sein kann, wenn überhaupt, dass er der Richtige ist, und wie lange es dann noch dauert, bis wir uns über das Kinderkriegen einig sind. Wenn überhaupt … und irgendwann ist es auf einmal zu spät …«

Sabine sah sich rasch um, beugte sich dann zu Sophie vor und sagte mit gesenkter Stimme: »Wenn es ums Kinderkriegen geht, darfst du nicht die Männer fragen. Das entscheiden wir ganz allein. Das war schon immer so.«

»Erst muss ich mal wieder einen kennenlernen. Mein Gott, ich weiß gar nicht mehr, wie das geht …«

»Ach, das verlernt man doch nicht. Außerdem bist du nett und ansehnlich, da musst du gar nicht viel tun, um jemanden kennenzulernen.«

»Meinst du?«

»Aber ja. Männer sind nicht kompliziert. Meistens reicht es schon, sie nicht zurückzuweisen, um einen abzukriegen.«

»Nein, was ich wissen will … meinst du, dass ich ansehnlich bin?«

»Ja, natürlich. Schau doch mal in den Spiegel.«

Sophie leerte ihr Glas. »Ich bin fett und langweilig.«

»Sophie! Nun ist aber gut!«, sagte Sabine streng. »Und du hast jetzt auch genug getrunken.«

»Jens meint, ich sei ungeil.«

Sabine rollte die Augen. »Ach, der! Hör nicht auf den, der hat doch keine Ahnung von geil.«

»Die Frau, mit dem ich ihn erwischt habe, hat gesagt, er wäre ein Schnellspritzer.«

Einen Moment lang starrte Sabine Sophie verständnislos an. Dann prustete sie los. Sie lehnte sich weit zurück, hielt mit beiden Händen ihren Babybauch und lachte, bis ihr die Tränen kamen. Am Ende lachte Sophie mit ihr. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder halbwegs beruhigt hatten. Schließlich stemmte sich Sabine schwer atmend aus ihrem Sessel hoch und sagte: »Ich glaube, ich habe mir gerade ein bisschen in die Hose gemacht.«

18 – Sophie bezog ein kleines,

noch nicht renoviertes Zimmer im Obergeschoss des Hauses, gegenüber dem Kinderzimmer. Weil sie frühes Aufstehen gewohnt war und weil sie anfangs etwas brauchte, das sie von ihrem Unglück ablenkte, übernahm sie es, die Morgenroutine der Familie abzuwickeln. Während Sabine im Bett bleiben konnte, bereitete Sophie Frühstück für Holger und Marie, machte das Kind für den Kindergarten fertig und fuhr es hin.

An einem dieser Morgen bedankte sich Holger. Sophie wehrte ab. »Ich muss mich bedanken«, sagte sie. »Wer weiß, wo ich ohne euch wäre. Ihr helft mir sehr, da ist es doch das Mindeste, dass ich mich ein bisschen nützlich mache.«

»Ehrlich gesagt, Sophie, bin ich froh, dass du hier bist, jetzt wo Bine so unbeweglich ist und kurz vor der Entbindung steht. Du bist sozusagen zur richtigen Zeit gekommen. Ich gehe ruhiger aus dem Haus, wenn ich weiß, dass du auf sie aufpasst.«

»Mach dir keine Sorgen, Holger«, sagte Sophie. »Ich passe auf.«

Sie erzählte Sabine später von der Unterhaltung. Die zuckte die Schultern. »Welche Sorgen? Schwangerschaft und Entbindung sind vielleicht mühsam, aber keine Krankheiten«, sagte sie. »Da muss man sich erst mal keine Sorgen machen. Wenn es gefährlich wäre, gäbe es nicht jedes Jahr hundert Millionen neue Menschen auf der Welt.«

»Du siehst das aber wirklich sehr entspannt. Hoffentlich schaffe ich das auch, wenn ich endlich einmal an der Reihe bin.«

»Weißt du was?«, sagte Sabine. »Du wirst mich in den Kreißsaal begleiten und mir bei der Entbindung die Hand halten.«

»Ich?«

»Klar. Du. Da kriegst du mal live mit, wie das ist, was du dir wünschst.«

»Aber … willst du nicht Holger dabeihaben?«

»Gott bewahre, nein! Der muss das nicht miterleben. Ich will nicht, dass mein Mann zusieht – oder irgendein Mann, wenn es sich vermeiden lässt – wie ich schwitzend und stöhnend unter mörderischen Schmerzen mit weit gespreizten Beinen ein Kind aus meiner überdehnten Vagina presse. Und all das, was da sonst noch aus mir rauskommt.«

»Du kannst einem echt Laune machen«, sagte Sophie.

»Das ist kein Anblick, den Holger im Kopf haben sollte, wenn ich Samstag abends im Bett zu ihm hinüberrücke. Ich will nämlich noch zwanzig Jahre Sex haben, und darum soll mich mein Mann auch und gerade untenrum hübsch und lecker finden, verstehst du?«

19 – An jedem zweiten Tag

fuhr Sophie in ihre (ehemalige) Wohnung, sah nach der Post und holte sich hin und wieder Kleidung zum Wechseln oder einige ihrer Kosmetika. Bevor sie den Fahrstuhl betrat, um sich in den siebten Stock bringen zu lassen, drehte sie immer erst einmal eine Runde durch die Straßen und über die Parkplätze in der Umgebung, um sicherzugehen, dass Jens zur Arbeit gefahren war. Sie wollte ihn nicht treffen. Die Demütigung, die er ihr zugefügt hatte, war tief, die Verwundung noch zu frisch und ihr Selbstvertrauen erschüttert. Indem sie ihm aus dem Weg ging, hoffte sie sich zu erholen. Tatsächlich entfernten sich Jens und das Leben mit ihm überraschend schnell und schmerzlos aus Sophies Gedanken und Gefühlen, oder jedenfalls kam es ihr so vor. Als sie sich dessen bewusst wurde, war sie zwar erleichtert, bekam aber auch ein schlechtes Gewissen. Ist das normal, fragte sie sich, dass man jemanden, mit dem man fünf, sechs Jahre eng und ausschließlich zusammengelebt hat, in zwei, drei Wochen und ohne Schwierigkeiten hinter sich lassen kann? Einfach so? Man geht sich aus dem Weg, und das war’s? Bin ich vielleicht irgendwie gefühlskalt? Gewissenlos? Müsste ich nicht etwas tun? Müsste nicht noch etwas kommen? So etwas wie eine Trennungsverhandlung wie bei einer Scheidung, eine Art abschließendes Ritual, ein letztes Gespräch? (Eine Abrechnung?) Oder wenigstens eine SMS? Weil Sophie keine Antworten auf diese und andere ähnliche Fragen hatte, entschied sie, einfach nichts zu tun, bis das, warum auch immer, nicht mehr möglich sein würde. Und außerdem, fand sie, hatte sie die Beziehung ja nicht zum Einsturz gebracht. Es war also nicht an ihr, die Trümmer zu sortieren.

Der Wohnung sah man zunehmend an, dass Jens es nicht gewohnt war, für sich selbst zu sorgen. Sie roch auch anders als früher. Die Einrichtung verstaubte. Immer wieder fand Sophie schmutziges Geschirr in der Spüle, obwohl der Geschirrspüler nicht voll war und sein Inhalt schon zu stinken begann, weil er nicht eingeschaltet wurde. Auf dem Couchtisch standen regelmäßig ein oder mehrere Gläser oder eine Tasse, vom Abend zuvor zurückgelassen, und hin und wieder ein Pizzakarton oder eine halb geleerte Chipstüte. Der Bettwäsche sah man schon von der Schlafzimmertür aus an, dass sie gewechselt werden musste. Waschbecken und Badewanne hatten Schmutzränder, und der Badezimmerspiegel war mit Zahnpastaspritzern gesprenkelt. Immerhin war der Toilettendeckel geschlossen. Sophie verzichtete darauf, ihn anzuheben oder die Toilette überhaupt zu benutzen. Die ersten Male, die sie nach ihrem Auszug in ihr ehemaliges Zuhause zurückkam, konnte sie sich nur mit Mühe davon abhalten, aufzuräumen und Staub zu saugen. Später ließ der Drang nach. In dem Maß, in dem die Wohnung schleichend verwahrloste, wurde sie ihr fremd und gleichgültig, und sie fühlte sich nicht mehr verantwortlich.

Die Post bot keine Überraschungen. Das Grundbuchamt Küstrow sandte ihr einen Grundbuchauszug, in dem sie, Sophie Schatz, geboren am …, wohnhaft … als neue Eigentümerin nach Marie Luise Berkemann, geb. Schatz im Grundbuch von Küstrow für die Liegenschaft Flur 16, Flurstück 91, Haus und Grundstück Grobitzer Landstraße 210, 10.414 Quadratmeter, ausgewiesen wurde. (Sophie fotokopierte den Auszug und schickte ihn zusammen mit dem ausgefüllten und unterschriebenen Vermittlungsvertrag an den Raucher in der Immobilienabteilung der Bank in Küstrow). Absagen auf Bewerbungen kamen in unregelmäßiger Folge per E-Mail. Seit sie bei Sabine und Holger wohnte, hatte Sophie ihre Arbeitssuche auf die gesamte Bundesrepublik ausgeweitet. Es gab für sie keinen Grund mehr, nicht umzuziehen. Wäre sie drei Monate früher hellsichtiger gewesen, hätte sie gar nicht erst gekündigt, sondern wäre gleich ihrem Job nachgereist. Aber nun … Sophie bemühte sich mit aller Kraft, Was-wäre-wenn-Gedanken nicht zu denken und Hätte-ich-nur-Überlegungen zu vermeiden. Die Dinge sind, wie sie sind, sagte sie sich. Akzeptiere ich das und setze einen Fuß vor den anderen, werde ich schon irgendwo ankommen. Hauptsache, die grobe Richtung stimmt.

Wenn Sophie nicht als Haushaltshilfe für Sabine zu tun hatte oder auf Arbeitssuche vor ihrem Rechner saß, half sie bei der Renovierung des Hauses. Sie riss abgenutzten Teppichboden heraus, löste alte Tapeten ab und füllte damit schwarze Müllsäcke. Mehrere Ladungen von ihnen fuhr sie zu einem Entsorger. Holger brachte ihr bei, mit einem flexiblen Spachtel und einer Glättkelle umzugehen. Dann spachtelte sie Risse, Narben und Unregelmäßigkeiten an Wänden und Decke eines Zimmers und glättete sie danach mit einer dünnen Schicht Gipsputz. Es dauerte einen halben Nachmittag, bis Sophie es heraushatte, die Putzmasse ohne Klumpen weder zu dick noch zu dünnflüssig anzurühren, sie ohne bedeutende Transportverluste an Wand oder Decke zu bekommen und sie dann gleichmäßig glatt und dünn zu verstreichen. Ehe sie sich entschloss, dabei eine Mütze zu tragen, hatte sie schon reichlich Putz in den Haaren, und als sie abends fertig war, sah sie aus, als wäre sie unter einen Schwarm ärgerlicher Möwen geraten. Am Tag darauf hatte sie Muskelkater in Schulter- und Trapezmuskeln.

An einem Dienstagmorgen, zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin, wartete Sabine schon an der Haustür auf Sophie, als die vom Kindergarten zurückkam. Die Wehen hatten eingesetzt. Sie fuhren ins Krankenhaus. Drei Stunden später gebar Sabine einen acht Pfund schweren Jungen. Erst als alles vorüber war, sie und das Kind sich von den Anstrengungen der Geburt erholt hatten und in einem Einzelzimmer lagen, der Kleine an der Brust der Mutter, erlaubte Sabine Sophie, Holger anzurufen und Mariechen aus dem Kindergarten zu holen. Holger war gerührt, als er seine Frau und sein neues Kind sah, und er rührte Sophie, wie er so unverstellt glücklich war, zärtlich und fürsorglich seiner Frau und seinen Kindern zugewandt, ein guter Vater, ein guter Mann. Mariechen war von ihrem Brüderchen fasziniert.

»Das arme Kerlchen«, meinte Sabine, »er wird sein Leben lang eine große Schwester haben. Das ist ein hartes Schicksal.«

Der Junge sollte Robert heißen, ein Name, von dem die Eltern hofften, dass er sie dafür nie hassen würde, und der gleichermaßen weit entfernt war von Kevin wie von Tristan oder Finn-Thorben.

20 – In dem allgemeinen Trubel,

der mit Besuchen von Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten und Neffen, von Freunden und Kollegen der Eltern um das neue Kind entstand, hätte Sophie fast eine E-Mail an sie von der Volksbank Küstrow übersehen. Im Betreff stand »Grobitzer Landstraße 210; Objekt Nr. …bla bla … bitte rufen Sie uns an.« Sophies Herz hüpfte: Die Bank musste einen Käufer für ihr altes Haus gefunden haben. Freudig erregt rief sie an. Der Mann, mit dem sie sprach, war nicht der Raucher. Die Stimme klang jung.

»Frau Schatz«, sagte die junge Stimme nach der Begrüßung, »aus betrieblichen Gründen bereinigen wir zurzeit unser Immobilienangebot, und haben …«

»Moment«, sagte Sophie: »Mit wem spreche ich? Sie sind nicht der, mit dem ich vor ein paar Wochen zu tun hatte.«

»Nein, der Herr, äh … ist bei uns ausgeschieden. Ich leite jetzt die Immobilienabteilung. Wir bereinigen zurzeit unser …«

Sophie wusste, was ›bereinigen‹ zu bedeuten hatte. Ihre Laune sank schlagartig. Vor ihrem inneren Auge sah sie den neuen Leiter der Immobilienabteilung der Volksbank Küstrow vor sich: einen übereifrigen, aufstiegsorientierten Typen, nicht älter als sie selbst, der einen für seine Verhältnisse zu teuren Anzug trug und dazu billige Schuhe. Sie unterbrach ihn zum zweiten Mal.

»Machen Sie es kurz, Herr Wie-war-noch-mal-Ihr-Name. Sie werfen mich raus, nicht wahr? Sie wollen das Haus nicht länger anbieten.«

»Wir müssen unsere Immobilienvermittlung wirtschaftlich betreiben«, sagte der junge Mann. »Aufträge, bei denen unser Aufwand für die Vermittlung kalkulatorisch größer ist als die zu erwartende Provision, können wir nicht bearbeiten. Wäre Ihr Objekt gebrauchsfertig renoviert, sähe das natürlich anders aus.«

Wäre mein Haus renoviert, dann bräuchte ich dich und deine Bank nicht, dachte Sophie.

»Wenn es einmal renoviert ist«, sagte der junge Mann, als hätte er Sophies Gedanken gelesen, »stehen wir Ihnen gern zur Verfügung. Heute sind Sie besser bei einem Immobilienmakler aufgehoben. Wir schicken Ihnen Ihren Vermittlungsauftrag und die Schlüssel zusammen mit der Kündigung in den nächsten Tagen zu.«

Sophie legte auf.

Alles zurück auf Anfang. Sie ließ das Gespräch mit dem Mann von der Volksbank zwei Tage lang sacken, auch mit der vagen Hoffnung, dass ihr vielleicht in dieser Zeit irgendetwas Geniales einfallen oder gar ein Wunder geschehen würde. Aber das tat es nicht. Schließlich suchte und fand sie im Internet zwei Immobilienmakler, die in und um Küstrow aktiv waren. Sie überlegte, die beiden anzumailen, verwarf den Gedanken aber wieder. Bei E-Mails und Post konnte man nicht sicher sein, wann oder ob sie überhaupt gelesen wurden, und auch nicht, ob man überhaupt eine Antwort bekam. Sophie wollte und konnte nicht warten. Telefonieren kam ebenfalls nicht infrage. Aus eigener Erfahrung wusste sie, wie einfach es war, einen Anrufer abzuwimmeln. All das im Kopf, und nachdem sie einige Zeit mit sich selbst gerungen hatte, beschloss sie, noch einmal nach Küstrow zu fahren – nicht ohne Hintergedanken, einen, den sie fast nicht zu denken wagte. Denn wenn sie einmal dort war, dann konnte sie vielleicht (vielleicht …) den netten Zimmermann mit den schönen Augen, dem hübschen Hund und dem alten Landrover anrufen. Und vielleicht würde er sich ja nicht rausreden oder entschuldigen, sondern noch einmal mit ihr essen gehen und sie noch einmal in seinem klapprigen, aber behaglich warmen Auto spazieren fahren. Im Grunde war es der Hintergedanke, der Sophie den entscheidenden Schubs gab. Bis die Kündigung des Vermittlungsvertrags und die Schlüssel ihres Hauses bei ihr ankamen, war im Haushalt ihrer Gastgeber wieder Normalität eingekehrt. Um den kleinen Robert herum hatte sich eine Routine eingespielt. Sabine musste nicht mehr auf einem Kissen sitzen und konnte Mariechen selbst in den Kindergarten bringen.

Sophie packte einen kleinen Rollkoffer, um zum zweiten Mal nach Brandenburg zu fahren.

21 – Am Abend vor ihrer Abreise

bekam sie eine WhatsApp-Nachricht von Jens. Sie hatte damit gerechnet, dass er sich noch einmal bei ihr melden würde, wenn auch vielleicht nur aus organisatorischen Gründen. Schließlich gab es eine gemeinsame Wohnung, und so ziemlich alles, was Sophie besaß, befand sich noch dort. Aber sie erschrak doch, als sie seine Mitteilung entdeckte: Können wir reden? War sie schon wieder stark genug, um sich mit Jens auseinanderzusetzen? Auf jeden Fall war sie nicht vorbereitet. In den drei Wochen mit Sabine, Mariechen und Holger hatte sie geradezu hektisch alles Mögliche getan, aber sich nicht darauf eingestellt, Jens noch einmal gegenüberzutreten. Nun versuchte sie sich auszumalen, was auf sie zukommen würde, wenn sie mit Ja antwortete. Was bedeutete ›Können wir reden‹? Hieß es: ›Es tut mir‹ leid oder ›Stell dich nicht so an‹? Hieß es: ›Bitte komm zurück zu mir‹ oder ›Wann packst du deine Sachen, ich brauche den Platz‹? Was immer es hieß, sie fürchtete sich davor. Von allem, wovon sie nicht wusste, wie es weitergehen würde, war ihr die Zukunft ihrer Beziehung am wenigsten klar. Weder konnte sie weiter bestehen wie bisher, wenn überhaupt … noch war Sophie darauf vorbereitet, als Single zu leben. Sie war zwar ein Einzelkind, aber nie allein gewesen. Erst war sie Mitglied einer Familie, dann Teil eines Paares. Dazwischen gab es nichts. Seit sich ihre Familie aufgelöst hatte, nach dem Tod des Vaters und dem Umzug der Mutter nach Spanien, war ihr Jens in all seiner Unvollkommenheit ein Anker (gewesen), fester Boden unter den Füßen. Nicht, weil er ein guter Partner war, sondern weil er eben da war. Sie hatte sich an ihn gewöhnt. Wenn er sie nun um einen Neuanfang bat – würde sie einwilligen, weil sie an ihn gewöhnt war? Und mit seiner Untreue leben lernen? Warum nicht? Andere Frauen konnten das auch, wahrscheinlich sogar die meisten. Die Alternative dazu war, jedenfalls vorübergehend (hoffentlich nur vorübergehend), ein Singledasein. Das kannte sie zwar nicht, doch es konnte nicht so schwer sein. Zigtausende Frauen in ihrem Alter lebten ungebunden. Es war quasi der Normalfall. Allerdings – Single, ohne Angehörige und arbeitslos und wohnungslos und verschuldet, das war vielleicht eine Spur zu viel Ungebundenheit …

Im Grunde fürchtete Sophie das endgültige Aus ihrer Beziehung ebenso wie die Fortsetzung.

Können wir reden? Sie starrte auf das Display ihres Telefons. Was sollte sie antworten? Nichts? Welche anderen Möglichkeiten hatte sie? Ja. Nein. Was willst du. Nicht jetzt. ›Nicht jetzt‹ gefiel ihr am besten. Es verschaffte ihr Zeit. Es verschob Auseinandersetzungen, die sie nicht führen mochte, und Entscheidungen, die sie nicht treffen konnte oder wollte.

Sophie tippte ›Später‹ und drückte ›senden‹.

22 – Als Stadtkind

hatte Sophie ihr ganzes Leben in einem Ballungsgebiet verbracht. Ganz gleich, wo man war oder wohin man ging und fuhr, überall war der Horizont verbaut. Weites und offenes Land wie im nördlichen Brandenburg war sie nicht gewohnt, und daher wirkte die Landschaft stark auf sie. Die endlosen Felder, schwarze Wälder in der Ferne, ein niedriger Horizont und ein hoher, leerer Himmel konnten, besonders im Winter, einem Betrachter eintönig erscheinen; für Sophie hatte die Landschaft etwas Großartiges. Brandenburg, fand sie, war wie gemacht dafür, in Siebzig-Millimeter-Panavision abgefilmt zu werden.

Sophie war wieder an einem Sonntag losgefahren. Die Gegend um Küstrow und die Stadt selbst hatten sich seit ihrem ersten Besuch nicht verändert. Es lag zwar viel mehr Schnee als noch vor vier Wochen, aber der taute an den Stellen, die der Sonne (wenn sie denn schien) besonders ausgesetzt waren, schon wieder weg. Die dunklen Flecken an südwärts geneigten Rainen und Hausdächern, an Straßen- und Grabenböschungen zeigten, dass der Winter bald ein Ende haben würde. Aber es war ja auch schon fast März.

Sie quartierte sich in demselben Hotel ein wie bei ihrem ersten Besuch, obwohl es keine Wannen in seinen Bädern gab. Sie aß in demselben vietnamesischen Imbiss zu Abend wie vier Wochen zuvor, denn das Essen war gut und günstig, und das ließ sie in Kauf nehmen, dass ihre Kleidung danach streng nach asiatischer Küche roch. In der Tankstelle nebenan kaufte sie wieder Wein und Wasser für einen Abend mit einem unterirdischen, von Werbung zerfledderten Fernsehprogramm. Ein halber Tag hinter dem Steuer, ein Abendessen, ein Glas Wein und eine Stunde Fernsehen machten sie zuverlässig schläfrig. Sie stellte einen Wecker, den sie dieses Mal nicht vergessen hatte, und ging früh zu Bett.

Am nächsten Morgen, nach einem hastigen Hotelfrühstück und kaum, dass es hell war, fuhr Sophie nach Grobitz. Ihr Erbe stand scheinbar unverändert da, wie sie es verlassen hatte. Sie parkte am Straßenrand, umrundete vorsichtig die Eisfläche, in der sie vor vier Wochen eingebrochen war, und stapfte zweihundert Meter durch den verharschten Schnee die Anhöhe hinauf. Dabei fotografierte sie Haus und Umgebung mit einer kleinen Kamera, die sie von Sabine geliehen hatte. Erst auf dem Display fiel ihr auf, dass etwas anders war als bei ihrem ersten Besuch. Sie ließ die Kamera sinken und suchte mit bloßem Auge nach einer Veränderung.

Das Dach …

An der Stelle am Dach, die über einer Hausecke eingesackt war, fehlten die verrutschten Dachziegel. Auf die Balken und Sparren war schwarze Plastikfolie gespannt. Die vorher lose Dachrinne war befestigt und das Fallrohr wieder angeschlossen. Auch das Fenster, dessen Läden fehlten und das keine Scheiben mehr hatte, war mit Folie verschlossen.

Der Zimmermann! Sophies Herz hüpfte. Ihr wurde ganz warm vor Freude und Dankbarkeit, sogar an den Füßen. Was für ein rundherum netter Typ, dachte sie. Der gibt einem echt den Glauben an die Menschheit zurück. Sie entschied endgültig, ihn anzurufen, wenn all ihre Angelegenheiten in Küstrow geregelt waren. Beschwingt setzte sie ihren Marsch durch den Schnee fort, umrundete und fotografierte das Haus von allen Seiten und zuletzt auch noch mithilfe des Blitzlichts die Eingangshalle und die Treppe ins obere Stockwerk. Zurück in ihrem Wagen überspielte sie die Bilddateien auf ihr Notebook und machte sich auf den Weg zurück nach Küstrow.

Dort suchte sie den Makler auf, dessen Auftritt im Internet ihr am meisten imponiert hatte. Er residierte im Zentrum von Küstrow in einem schön restaurierten alten Bürgerhaus. Auf einer polierten Messingtafel neben der schweren, zweiflügeligen Eingangstür aus goldgelbem Holz war der Firmenname eingraviert. Die Tür und die Messingtafel warnten Sophie, aber ehe sie sich darüber klar wurde, wovor, war sie schon eingetreten und stand im Empfang der Firma. Der große Raum war bis auf ein paar Sitzmöbel aus Edelstahl und Leder und je ein Bild an jeder der vier cremeweiß gestrichenen Wände leer und von Halogenstrahlern schattenlos ausgeleuchtet. Sophies Schritte auf den Schieferplatten des Bodenbelags hallten in der Leere nach. Mit ihren nassen Schuhen, dem unförmigen Mantel und der vermutlich unordentlichen Frisur (sie betastete rasch ihre Haare und schob eine dicke, lose Strähne hinter ihr abstehendes Ohr) fühlte sie sich plötzlich in dieser klinisch anmutenden Umgebung fehl am Platz. In dem Moment, als sie sich wieder zu gehen entschloss, erschien wie aus dem Nichts hereingebeamt eine elegante, junge Frau, um sie zu empfangen. Kurz darauf saß Sophie in einem Büro einer anderen Frau, der Maklerin, gegenüber. Sie sah aus, als wäre sie seit vielen Jahren vierzig Jahre alt und als würde sie ein Reitpferd besitzen. Ihr Büro war fast ebenso kahl wie der Empfangsraum, der Schreibtisch aus poliertem Edelstahl und schwarzem Holz, der Rechner von Apple. Sie hörte ihrer Besucherin höflich, aber offensichtlich interesselos zu und sah sich die Bilder, die Sophie ihr auf dem Display ihres Notebooks präsentierte, nur flüchtig an. Als sie dann selbst sprach, wurde klar, warum.

»Grobitzer 210 kennen wir, Frau Schatz.«

»Ach ja? Haben Sie auch versucht, meiner Großtante einen Käufer zu vermitteln?«

»Nein. Aber wir kennen grundsätzlich alle Objekte in unserer Region, die zum Verkauf stehen. Außerdem die, die frei oder vererbt werden, jetzt, demnächst oder in absehbarer Zukunft. Wir studieren Luftbilder, wir hören uns um, wir recherchieren, wir forschen im Grundbuch nach und lesen die Todesanzeigen und die standesamtlichen Nachrichten. Das ist unser Job. Wir kennen auch den Zustand und den Wert all dieser Häuser und Grundstücke, aktuell und potenziell. Wir warten nicht darauf, dass uns etwas ins Büro geschneit kommt. Wir spüren lohnende Vermittlungen und potente Kunden auf. Was ich damit sagen will, Frau Schatz: Wenn uns Ihre Immobilie interessierte, wären wir schon auf Sie zugekommen. Und dass wir nicht interessiert sind, liegt daran, dass das Objekt zurzeit leider nicht verkäuflich ist.«

»Das habe ich schon einmal gehört«, sagte Sophie und dachte: Um das zu hören, bin ich nicht gekommen.

»Nun, dann wissen Sie ja auch, warum. Um das Haus verkäuflich zu machen, müsste es restauriert, renoviert, modernisiert werden. In seinem jetzigen Zustand ist es ein enormes Wagnis für einen Käufer. Mit ein wenig Pech, dem falschen Architekten oder der falschen Baufirma und mit der Denkmalschutzbehörde auf den Fersen können die Kosten einer Sanierung schnell aus dem Ruder laufen. Dann bekommt man beim Wiederverkauf sein Geld nicht wieder raus, ganz zu Schweigen von einem Gewinn. Dieses Risiko tut sich kein Investor an. Verstehen Sie?«

»Natürlich verstehe ich das.« Ich bin ja nicht blöd. Sophie klappte ihr Notebook zu, packte es in ihre Tasche und machte sich fertig zu gehen.

»Ich bedaure, dass ich im Moment nicht mehr für Sie tun kann«, sagte die Maklerin. »Ich kann Ihnen nur raten, das Haus auf eigenes Risiko zu restaurieren, und es dann noch einmal auf den Markt zu bringen. Je nach Zustand und Ausstattung könnten wir dann irgendetwas zwischen einer Viertel- und einer halben Million erzielen.«

Sophie stand auf. »Vielen Dank für Ihre Zeit«, sagte sie und dachte, danke für nichts.

»Sprechen Sie ruhig einmal mit einem Architekten, Frau Schatz. Es könnte sich lohnen«, sagte die Maklerin, als Sophie schon auf dem Weg zur Tür war.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit beiden Küstrower Immobilienmaklern zu sprechen, wenn ihr der Erste nicht weiterhalf. Aber als Sophie auf der Straße stand, war ihr die Aussicht auf ein weiteres, voraussichtlich ebenso ergebnisloses und deshalb unerfreuliches Gespräch gründlich zuwider. Der Montag war noch nicht einmal halb vorbei, und sie hatte schon so viel Geringschätzung und herablassende Belehrung abbekommen, dass es für eine ganze Woche reichte. Für diesen Tag (und überhaupt) hatte sie die Nase voll von Immobilienmaklern. Zugleich war ihr aber auch bewusst, dass sie ihre Bemühungen nicht einfach einstellen konnte. Sie wäre sonst tausend Kilometer gefahren, nur um ein paar Fotos zu machen und sich einen abfälligen Vortrag anzuhören. Ihr Problem, das angeblich unverkäufliche geerbte Haus, verschwand nicht, wenn sie sich nicht damit befasste. Also musste eine Lösung her – und nach Sophies Überzeugung war kein Problem unlösbar. Alles war nur eine Frage der Herangehensweise.

So in Gedanken lief sie ohne ein bestimmtes Ziel durch die Stadt und geriet dabei in Küstrows Fußgängerzone. Außer dass die ein wenig neuer und sauberer war als die durchschnittliche deutsche Standardfußgängerzone, hätte sie überall sein können. Der gleiche Straßenbelag, die gleichen Lampen, die gleichen Bettler, die gleichen Geschäfte: Douglas, Deichmann, Fielmann Kik und Kamps, zwei Telefonläden und ein Dönerimbiss. Immerhin gab es auch einen stylishen Coffeeshop. Weil sie durch das Fenster des Shops jemanden über ein Tablet wischen sah, trat sie ein, erfuhr auf Nachfrage, dass es offenes WLAN gab, und bestellte einen Cappuccino. Sie suchte sich einen ruhigen Platz und klappte ihr Notebook auf.

Sprechen Sie ruhig einmal mit einem Architekten, hatte die Maklerin gesagt.

Sophie glaubte zwar nicht, dass ihr ein Architekt beim Verkauf ihres Hauses weiterhelfen konnte, aber sie konnte sich ja einmal anhören, was so jemand zu sagen hatte. Vielleicht lernte sie ja etwas. Im Netz fand sie nur ein Architektenbüro in Küstrow. Es lag außerhalb des Stadtzentrums, und sie rief zur Sicherheit an, bevor sie sich auf den Weg machte. Das Büro war besetzt, der Architekt zu sprechen. Der Fußmarsch aus dem Zentrum Küstrows heraus in ein Wohngebiet am Rand der kleinen Stadt dauerte länger, als sie angenommen hatte. Wie die Maklerin residierte der Architekt in einem alten Bürgerhaus, hatte aber offensichtlich wenig Geld für dessen Renovierung zur Verfügung. Nur das Dach, die Fenster und die Hauseingangstür wirkten einigermaßen neu. Ansonsten war das Haus noch von Alter und DDR-Ruß geschwärzt, der Außenputz rissig und löchrig. Im Vorgarten lagen Haufen von Bauschutt, und in der Einfahrt stand ein alter Saab. Zu einem Messingschild hatte es der Architekt noch nicht gebracht.

Das Büro nahm mehrere Räume im Erdgeschoss des Hauses ein. Sie waren der bei Weitem unaufgeräumteste Arbeitsplatz, den Sophie je gesehen hatte. Der Architekt, ein mittelalter blasser Mann mit einem Rundrücken, bot Sophie Kaffee an. Sein dünnes Haar war grau und zu lang, sein Pullover auch. Er hörte sich an, was Sophie zu erzählen hatte.

»Normalerweise läuft das so, Frau Schatz«, sagte er, als sie geendet hatte, »wir, also ich, sehe mir das Haus an, stelle fest, was gemacht werden muss, suche und beauftrage geeignete Firmen, überwache deren Arbeit und rechne mit ihnen ab. Dabei bin ich Treuhänder des Auftraggebers, und der Auftraggeber wären Sie. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn, äh, Sie es, äh, bezahlen … wenn die Finanzierung gesichert ist.«

»Wie gesagt, ich habe kein Geld.«

»Sprechen Sie mit Ihrer Bank. Es gibt auch Fördermittel des Landes für den Denkmalschutz«, sagte der Architekt.

»Die Bank gibt mir nichts. Aber eigentlich will ich das Haus ja gar nicht restaurieren«, sagte Sophie »Eigentlich suche ich einen Käufer.« Auch diesen Weg hätte ich mir sparen können, dachte sie. Sie klappte ihr Notebook zu und griff nach ihrer Tasche.

»Es gibt noch eine andere Möglichkeit«, sagte der Architekt schnell. »Sie haben zwar kein Geld, aber Sie haben das Haus. Sie könnten die Restaurierung Ihres Hauses mit dem Haus bezahlen.«

Das stoppte Sophie. Sie sagte: »Wie soll das gehen?«

»Sie überlassen mir das Haus. Für einen symbolischen Preis, sagen wir, für einen Euro. Mit Grundbucheintragung, Vertrag und allem, was dazugehört. Ich wiederum reiche einen Anteil an dem Haus an eine Baufirma weiter, die es dafür restauriert. Dann verkaufen wir es und teilen den Gewinn durch drei.«

»Den Gewinn nach Abzug der Baukosten und Ihres Honorars.«

»Genau.«

»Woher weiß ich, dass es einen Gewinn geben wird?«

»Das weiß man vorher nie, Frau Schatz. Es gibt halt immer Unsicherheiten, gerade am Bau. Aber wenn man etwas verdienen will, muss man es schon mal drauf ankommen lassen. Natürlich könnten wir alle bei so einem Unternehmen drauflegen.«

Ja, klar: Wir alle, dachte Sophie.

»Lassen Sie es sich durch den Kopf gehen. Überlegen Sie mal: Sie bräuchten keinen Käufer mehr zu suchen, wären die Verantwortung für die Erhaltung des Hauses los, und irgendwann bekämen Sie auch noch Geld – sicherlich mehr als das, was Sie jetzt bekommen, wenn Sie doch noch einen Käufer auftreiben.«

Irgendetwas an dem Vorschlag gefiel ihr, aber sie konnte nicht auf Anhieb sagen, was. Und da war noch ihr Misstrauen. Der Architekt wollte ihr das Haus für einen, für einen Euro! abschwatzen. Egal wie alt, verdreckt und zugemüllt es auch sein mochte, für einen Euro würde sie es nicht hergeben.

Sophie sagte: »Ich habe einen anderen Vorschlag. Zahlen Sie mir 21.400 Euro für das Haus, dann können Sie damit machen, was Sie wollen. Wenn es Ihnen irgendwann einmal Gewinn bringt, dann gehört er ganz Ihnen.«

»21.000, das ist zu viel.«

»Holen Sie sich eine Baufirma mit ins Boot.«

»Auch die gibt nicht im Voraus Geld aus, weil es sonst nachher für die Bezahlung der Renovierung fehlt.«

»Tja … tut mir leid. Da kommen wir wohl nicht miteinander ins Geschäft«, sagte Sophie. »Vielen Dank für Ihre Zeit.«

Sie stand auf und zog ihren Mantel an. Dann ging sie, ohne Handynummer oder Adresse zu hinterlassen. Der Architekt würde sich nicht mehr melden, da war sie ziemlich sicher. Und wenn doch, dann würde er sie schon zu finden wissen.

Auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum dachte Sophie über das Gespräch nach. Auf den ersten Blick mochte es so aussehen, als hätte es schon wieder nichts gebracht, tatsächlich aber hatte sie etwas gelernt. Eine Menge, nämlich:

Sie war nicht arm. Sie hatte nur kein Geld.

Sie besaß das Haus.

Das konnte sie investieren. Anstelle von Geld.

Der Gedanke war gut, fand Sophie, die Renovierung des Hauses mit dem Haus zu bezahlen. Dafür musste sie es nicht vorher verschenken. Jedenfalls nicht ganz. Was sich der Architekt da ausgedacht hatte, das konnte sie auch selbst tun. Der Mann hatte ja kein Patent auf seine Idee.

Bis Sophie wieder das Stadtzentrum erreichte, schmerzten ihre Füße, und in ihrem Kopf hatte sich aus ihren Gedanken und Einsichten ein noch undeutliches Vorhaben geformt. Sie wendete und drehte es im Geist, um es besser erkennbar zu machen, aber es sträubte sich. Darüber war es Mittag geworden. Sie aß in einem Imbiss in der Fußgängerzone einen Cheeseburger im Stehen, trank eine Cola dazu und nahm sich dabei vor, sich irgendwann einmal, am besten bald, gesünder zu ernähren. Dann kehrte sie in ihr Hotel zurück. In ihrem Zimmer zog sie die Schuhe aus, legte sie die Füße hoch und dachte nach. Kurz nach vier rief sie Will Trenck an.

Darmowy fragment się skończył.

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ISBN:
9783753188614
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Bookwire
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