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Katharina Gato
Bittere Erdbeeren
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Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
HUNGRIG 1966
DIE VERSCHICKUNG 1963
DIE MUTTER
DER VATER
DIE LÜGE
AUẞENWELT
PURE FREUDE
TROTZ UND MISSTRAUEN 1967
FÜNFZIG PFENNIG
MICHAEL 1969
SCHEIDUNG 1970
DÄNEMARK
MINKA
DER SCHULAUSFLUG
DIE SCHULE BRENNT
FRAU SCHNEIDER
VATERSUCHE
ÜNAL
EDDY DER UNTERMIETER
ABSCHIED
NEUES ZUHAUSE
BEN UND JESS
JESS
SKIURLAUB MIT FOLGEN
ANGENOMMEN
WOHIN?
HEIMATLOS IM HEIM
AUẞERHALB DER SPUR
KIEZ
DIE ERSTE ECHTE LIEBE
ANGIE
UNGEWÖHNLICHE LÖSUNGEN
ANHANG
HILFSORGANISATIONEN
DANKE
Impressum neobooks
PROLOG
Mit tränenverhangenen Augen schaut Katharina in dem voll besetzten Kino auf die Leinwand. Gedanken stürmen auf sie ein. Gibt es hier Menschen, die so etwas auch erlebt haben? Der Film „Systemsprenger“ ist emotional kaum auszuhalten. Katharinas Atem stockt. Schluss. Im Raum herrscht für einen Moment absolute Stille. Dann folgt hier ein Aufschluchzen, da ein Schnäuzen, dort ein Räuspern. Langsam geht das Licht an. Der Psychologe und Kinder-/Jugendpsychiater vom Balintinstitut Hamburg steht auf. Sichtlich betroffen steht er da, um sich den Fragen zu stellen. Diese kommen nur zögerlich.
Katharinas Mund ist trocken. Ihr brennen so viele Fragen in der Seele, auf der Haut, in der Brust. Aber nur eine Frage, die noch nicht gestellt wurde, drängt sich vor alle anderen. Sie braucht darauf eine Antwort. Einen Trost. Ihre Hand hebt sich und sie stellt nur diese eine Frage in die Stille hinein: „Gibt es eine Statistik, wie viele dieser Systemsprenger es in die Gesellschaft zurückgeschafft haben?“
Die Antwort ist eindeutig – sie lautet: „Leider nein.“
In Katharina schreit es auf: „Doch, hier, hier bin ich! Ich lebe noch. Ich habe überlebt. Psychisch und körperlich. Habe 60 Jahre Leben geschafft!“
Sie möchte helfen, aufzeigen wie ein Mensch, ein Kind oder Jugendlicher psychisch überleben kann. Was wichtig ist in so einer Kindheit. In einer Jugend ohne Halt und Vertrauen. Zwischen Sehnsucht und Zerstörung.
Der Nachhauseweg wird lang. Jeder Schritt ist schwer.
Und dann trifft Katharina die Entscheidung.
„Ich werde meine Geschichte aufschreiben.
Ehrlich und schonungslos.“
HUNGRIG 1966
„Mama, Mama!“, aufgeregt klingelte Katharina Sturm, „ich habe dir Erdbeeren mitgebracht, die magst du doch so gern!“
Die Mutter war sichtlich gerührt. Sie wusste, dass ihre Tochter alles, auch ihr letztes Hemd für sie geben würde.
Katharina strahlte. Das Leuchten ihrer blauen Augen, das Lächeln und dieses unbändige Glück, wenn sie Freude bereiten konnte, rührte die Mutter immer wieder sehr. Mit ihren fünf Jahren verstand Katharina es, mit viel Charme und Liebe im Herzen, Menschen zu erfreuen. Sie spielte selten mit anderen Kindern oder mit Puppen. Sie war anders.
Katharina bot zum Beispiel alten Damen an, deren Tasche nach Hause tragen zu dürfen. Das Schönste, was dann meist folgte, war, dort im Wohnzimmer noch sitzen zu dürfen, einen Keks oder Kakao zu bekommen und die Stille zu genießen. Die ruhige Atmosphäre, die Vornehmheit und Freundlichkeit dieser älteren Nachbarinnen waren Balsam für ihre kleine, zarte Seele.
Inzwischen hatte sie drei dieser Damen für sich gewonnen: Frau Star, Frau Voigt und Frau Schlichting. Sie baten Kathi, wie sie von einigen liebevoll genannt wurde, sehr gern hinein. Wie oft hatte sich Kathi schon mit etwas schlechtem Gewissen, aber von Herzen gewünscht, eine Mama zu haben, die ähnlich war. So still und ruhig und freundlich. Nicht wie ihre Mutter tatsächlich meistens war: Laut keifend, strafend, überfordert, ungerecht und unberechenbar.
Doch mit diesem Schälchen Erdbeeren von Frau Voigt konnte sie die Mama für einen Moment freundlich stimmen. So freundlich, dass Mama sie auch Kathi nannte und auf den Schoß nahm. Dieses Gefühl, dass sie es aus Dankbarkeit und Liebe tat, spürte Kathi sehr genau und genoss den Moment.
Frau Voigt wusste nicht, dass Kathi Süßes über alles liebte und oft hungrig war. Kathi und ihre Schwester wurden so erzogen, dass sie bei Besuchen trotz reichlichen Angebotes nur ein Stück Kuchen, nur einen Bonbon oder ein Stück Zucker nehmen durften. Egal wie hungrig sie waren oder wie viel auf dem Tisch stand.
Das war für die Kinder jedes Mal aufs Neue eine große Herausforderung. Wenn sie dieses leere Bauchgefühl nicht mehr aushielt, ging Kathi mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Britta in Drogerien, um nach sogenannten „Proben“ zu betteln. Es war Glücksache, ob es etwas gab. Mal war es etwas Babynahrungspulver in einer Dose, mal zwei Bonbons in kleinen Tütchen.
Der Hunger quälte sie manchmal so sehr, dass sie, vorsichtig und unbemerkt, ausgekaute, ausgespuckte und ausgetretene Kaugummis vor dem Krämerladen Wischer mit den kleinen Fingern mühsam vom Pflaster pulten. Zu Hause wurden diese flachen, sandigen, harten Stücke, mit fremden Zahnabdrücken, in Kleinstarbeit unter fließendem Wasserhahn abgewaschen und der Sand so gut es ging entfernt. Sie tunkten das Kaugummi in Zucker und kauten darauf so lange herum, bis es sich weich anfühlte. Nur der Sand zwischen den Zähnen knirschte entsetzlich. Dieses Knirschgefühl hielt lange an. Nach dem Zähneputzen und tief im Gedächtnis. Die Schwestern versprachen sich, dass es ihr ewiges Geheimnis bleiben sollte, denn sie schämten sich.
Britta versuchte, das Wenige, was ihr allein gehörte, zu Hause zu horten wie große Schätze: Dauerlutscher, Schokoladengeschenke von Besuchern, Abendbrotschnitten, anderes Essbares. Selbst wenn es in ihrem kleinen Schrank Schimmel ansetzte.
Kathi hingegen stopfte alles in sich hinein. Das trockene Babypulver staubte aus ihrem Mund, denn schon vor der Drogerie musste es ohne Wasser gierig einverleibt werden. Das Gefühl im Magen war wie ein Schrei, ein Krampf. Dass sich Hunger so anfühlte, lernten die Schwestern früh.
Was wussten die Nachbarn? Für die ganze Familie war es das Wichtigste, dass nach außen hin eine Vorzeigefamilie in den sechs Räumen der Sozialwohnung der „Neuen Heimat“ lebte. Kathi machte sich darüber wenig Gedanken, was sicherlich mit ihrem Alter zusammenhing. Sie selbst hatte das Gefühl, dass es in Ordnung ist, was geschah. Eine Normalität, die in jedem Alltag, jeder Familie stattfand. Alles, was schlecht, schmerzhaft oder beschämend war, blieb in der Parterrewohnung ihrer Familie in Wandsbek-Gartenstadt.
Und nun diese köstlich süßen Erdbeeren. Kathi war versucht eine zu naschen, aber sie wollte ihre Mama einfach nur glücklich machen, denn die liebte Erdbeeren so sehr. Es war eine kleine Geste der Beschwichtigung, um für einen kurzen Moment etwas Flüchtiges, aber Berechenbares in dem Gesicht ihrer Mama zu sehen – ein Lächeln.
Kathi wusste nicht, warum nie Geld da war, warum es wenig zu essen gab, alles eingeteilt wurde. An Feiertagen gab es mittags Brathähnchen mit Kartoffeln und Bratensoße! So lecker! Kathi und ihre Schwester bekamen je einen Flügel des Hähnchens. Es war köstlich, aber kaum Fleisch dran. Und es war immer zu wenig.
Und wie liebten sie das Sonntagsfrühstück, wenn die Eltern ein Ei aßen! Akkurat wurden die Eier kurzerhand von der Mutter und dem Vater mit dem Messer aufgeschnitten. Für die Kinder gab es das Köpfchen. Es war Glücksache oder Wohlwollen und eine Freude für die Schwestern, wenn etwas Gelb für die beiden dabei war.
Der Vater, der früher einmal zur See fuhr, arbeitete von früh bis spät – als Tapezierer, half beim Dachdecken, schneiderte und abends lenkte er als Schiffsführer eine Barkasse im Hamburger Hafen. Kathi erinnerte sich genau, wie ihr geliebter Papa sie damals manchmal zu den Nachtfahrten mitnahm. Die Mutter putzte in der Zwischenzeit riesige Büroräume der Reedereien an den Landungsbrücken.
Arbeiter wurden an den Landungsbrücken von Kathis Vater mit der Barkasse vom Hafen und zu den Werften, Löschplätzen oder Stauereien gebracht. Müde, finster und erschöpft dreinblickende Tagelöhner, die ihr Bestes gaben.
Kathi war nicht älter als drei Jahre, ein blondgelocktes, zumeist fröhliches Kind, was dann vom Vater in eine warme Decke gehüllt auf eine Passagierbank gelegt wurde. Das Schaukeln des Wassers konnte sie als vertrautes, wiegendes Einschlafritual genießen. Aber erst einmal hielt sie die Augen geschlossen und tat, während sie auf etwas unbeschreiblich Schönes wartete, als schliefe sie.
Denn wenn die Leute auf die Barkasse traten und sie sahen, spürte sie die ganz federleichte Freude der müden Arbeiter nah über sich. Leise flüsterten sie, wie süß und wie hübsch sie doch sei. In diesen kostbaren Momenten wurde es ganz warm in ihrem hungrigen Bauch, wie eine sanfte Welle gingen diese Worte durch sie hindurch. Der ganz spezielle Geruch der Elbe, nach Fisch und Tank und dunkler Tiefe, blieb zeitlebens in ihrer Erinnerung verknüpft mit den liebevollen Worten der Arbeiter.
Es war nur eine gefühlt kurze Zeit auf der Barkasse. Aber eine Erinnerung, an der sie sich in Zeiten, in denen sie Trost brauchte, wärmen konnte.
Danach ging ihr Papa zur Feuerwehr. An den Heiligabenden stieg der Weihnachtsmann vor der Wache in Wandsbek von einer Drehleiter. Er wurde mit „Ah“ und „Oh“ begrüßt. Es war beiden Schwestern ein Graus, wenn sie dann im großen Saal saßen, warteten, bis auch ihr Name aufgerufen wurde. Diese unangenehme Spannung war nichts für sie. Dann mussten Kathi und Britta nacheinander nach vorne gehen und ein Gedicht aufsagen. Einen Knicks machen; dafür gab es eine bunte Weihnachtstüte mit Nüssen, Apfelsinen und einem Puzzle.
Kathi spürte neben dem Hunger oft eine tiefe Einsamkeit in sich. Eine Verlustangst, dass man sie nicht mag, dass man sie gar verhungern lässt, wurde tief geprägt, als sie zweijährig auf eine Verschickung musste. Getrennt von den Eltern und ihrer geliebten Schwester.
Diese Verschickung wurde zu einem Albtraum, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.
DIE VERSCHICKUNG 1963
Die Mutter hatte viel Liebe für Kathi. Denn sie war ein fröhliches Kind. Immer vergnügt, sie juchzte und lachte im Spiel, war kämpferisch und gab niemals auf. Wenn sie fiel, zog sie sich selbstbewusst hoch und wollte keine Hilfe. Dann konnte sie zauberhaft dickköpfig sein. Im Laufgitter beschäftigte sie sich stundenlang allein, warf Bauklötze aus dem Gitter, um sie dann angestrengt mit allen Mitteln wieder hineinzuangeln. Oft sah die Mutter schon damals, dass sie anders war: intelligent, fröhlich und einfach ein richtiger Sonnenschein. Oma und Opa und alle Tanten und Onkel erfreuten sich an dieser kleinen Kathi. Ganz anders ihre Schwester. Britta war fast schwermütig, still, ernst und zurückgezogen. Aber wenn es um die kleine Kathi ging, war sie da, nahm sie in den Arm und es fühlte sich für Britta an, als habe sie eine Puppe, die es zu beschützen galt.
Der Tag, an dem die Koffer gepackt wurden, kam unverhofft. Es hieß, dass sie verschickt werden sollten. Erholung, finanziert vom Staat, was durchaus üblich war, um die Kinder zu päppeln. Die Schwestern waren dünn und blass und husteten öfter.
Am Hamburger Hauptbahnhof standen große Reisebusse. In dem Lärm von Autos, quietschenden Einfahrgeräuschen der Züge und dem Menschengewirr, wimmelte es von Kindern und Erwachsenen. Ein lautes Durcheinander. Kathi hielt sich die Ohren zu. Eine für sie unangenehme Atmosphäre durchdrungen von Lachen, Weinen und Geschrei. Für Britta ging es in einen Zug mit vielen anderen Kindern Richtung Föhr. Die kleine Kathi wurde in einen Bus voller Kinder verfrachtet, der nach Cuxhaven fahren sollte.
Kathi schaute aus dem Fenster, neben sich ein größeres Mädchen, das seinen Eltern zuwinkte. Auch Kathi suchte panisch die Mutter. Als sie sie sah, winkte sie und weinte:
„Mama, Mama! Ich will zu meiner Mama!“ Der Bus entfernte sich langsam, sie sah hinaus und verstand die Welt nicht mehr. Eine Frau mit herrischem und unfreundlichem Gesicht tippte ihr auf die Schulter: „Aber, aber, wer wird denn weinen? Du bist doch schon ein großes Mädchen, sonst hättest du mit dieser Gruppe gar nicht fahren dürfen.“
Die Mutter war stolz darauf gewesen, dass ihre Kleinste mit nun zweieinhalb Jahren bereits komplett sauber war und aufs Töpfchen ging. Sie war die Jüngste in der großen Kindergruppe mit über sechzig Kindern.
Kathi verstand nicht was VERSCHICKUNG bedeutete. Warum musste sie weg, von der geliebten Schwester, von ihrem Zuhause?
Ankunft. Ein großer Raum. Der Speisesaal. Lange Holztische mit kleinen und großen Holzstühlen. Es roch gut dort. Nach Kartoffelbrei und Fischstäbchen.
Kathi hatte großen Hunger und sie liebte Kartoffelbrei. Und Fischstäbchen? Hatte sie nur zweimal bisher gegessen. Ein Traum wurde wahr. Sie saß an einer langen Tafel zwischen all den größeren Kindern.
Da lag nun das Kinderbesteck neben ihrem Teller. Kathi konnte damit noch nicht essen und versuchte mit einer Hand und der Gabel, die Fischstäbchen zu zerkleinern. Tränen blockierten ihren Hals, so dass sie weder essen noch weinen konnte. Eine Fremdheit, Hilflosigkeit und ein tiefer Schmerz, der sich wie eine Säure durch sie hindurch fraß.
Plötzlich packte sie die Frau aus dem Bus am Arm und zerrte Kathi mit den Worten: „Wer nicht essen kann, hat am Tisch nichts verloren“, grob vom Stuhl. Sie brachte Kathi in einen großen Schlafsaal mit vielen Betten. Dort wurde sie in ein Bett gelegt, das Gitter hochgezogen und aufgefordert, Mittagsschlaf zu machen. Es rollten die Tränen über die roten runden Wangen und Kathi schrie und weinte immer wieder nach ihrer Mama.
Die anderen Kinder kamen etwas später und mussten sich ebenso in ihre Betten legen und schlafen. Kathi weinte sich in den Schlaf und hörte und verstand die gemeinen Worte der Erzieherin nicht.
Plötzlich erwachte Kathi durch das Gefühl, dass das Bett und ihre Hose nass waren. Ein Schrecken durchfuhr sie!
Es war anders als vorher zu Hause, wo das manchmal noch passierte, weil sie träumte, sie säße auf dem Töpfchen. Nun lag sie ganz still und rührte sich nicht. Spürte die inzwischen erkaltete Pippi und die nasse Hose. Nach einer für sie endlos langen Zeit wurden alle Kinder geweckt. Als die Erzieherin das Unglück sah, wurde sie richtig böse. Die Mutter hätte ihr versprochen, dass Katharina aufs Töpfchen gehe und dann das! Sie sei ja noch ein Baby und nun gibt es eben wieder Windeln. Die Erzieherin verspottete Kathi und die Kinder lachten. Kathi weinte und schluchzte, dass sie nach Hause wolle, zur Mama.
Die Antwort der Erzieherin traf abgrundtief und brannte sich ein: „Deine Mama und auch niemand anderes will dich, denn du machst ja noch ins Bett und nur Arbeit und Ärger!“
So ganz war Kathi die Bedeutung der Worte nicht klar, aber so viel verstand sie: Dass kein Mensch sie mehr wollte.
Daumen lutschend und mit Windeln saß sie häufig in der Ecke, hatte keine Freude am Spiel, nur dieses unendliche Heimweh. Sie spürte, dass kein anderes Kind sie wollte, und es breitete sich eine trostlose Einsamkeit in ihr aus. Tiefe Trauer durchdrang sie und ohne, dass sie es wollte, trotz aller Anstrengungen, blieb sie dort Bettnässerin. Sie hätte es so gern geändert, aber sie wusste nicht WIE.
Diese Erzieherin hieß Frau Bause, was sie an „Brause“ erinnerte, wo es doch das seltenste und schönste Gefühl auslöste, sich an diesen süßen Geschmack zu erinnern, den sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben kosten durfte.
„Ich habe die Nase gestrichen voll von dir“, fluchte Frau Bause, als sie wieder einmal Kathis Windeln wechseln musste. Sie klatsche Kathi die nasse Windel an den Kopf und zerrte sie in den Keller, den sie schon mehrfach angedroht hatte, wenn Kathi weiterhin einnässen sollte.
Frau Bause machte ihr laut und deutlich klar, dass sie nun dort, nur in ihrer Unterwäsche, im dunklen Keller bei Ratten und Mäusen bleiben müsse, bis sie nicht mehr einnässen würde. Sie wird frieren und hungern, die Mäuse an ihr nagen, aber es sei immer noch besser, als nirgendwo zu sein, denn ihre Familie wolle sie ja nicht mehr.
Kathi saß im Dunkeln auf einer ausrangierten Turnbank, lauschte auf jedes Geräusch mit angezogenen Beinen, damit die Mäuse, wenn sie dort wirklich herumliefen, nicht an ihren Füßen nagen konnten. Den Kopf zwischen den Knien flach und leise atmend, hatte sie nur einen stummen, erstickten Schrei in sich, der nicht herauskonnte. Vor Angst, vor Schreck, vor Trauer, vor dem großen stummen Nichts in ihr.
Kathi erinnerte sich daran, dass sie schreiend und frierend nach gefühlter unendlich langer Zeit von einem Mann heraufgeholt wurde. Dieser wusch sie und zog ihr die schwarze, kurze Turnhose und das kurzärmelige gerippte Turnhemd an. Dann nahm er sie an die Hand und führte Kathi in einen großen Raum, wo schon andere Kinder am Boden auf Matten lagen. An der Decke war sogenanntes Rotlicht mit Ozon. Es war warm, es roch fremd, es tat irgendwie gut auf ihrem von Gänsehaut überzogenen Körper. Und es war ein Gefühl, das Chaos in ihr auslöste. Ein Nichtverstehen von widersprüchlicher, gleichzeitiger Grausamkeit und Wärme.
Kathi war lange in dem evangelischen Heim in Cuxhaven. Waren es nur sechs Wochen? Gefühlte zwei Jahre? Alles veränderte sich in ihr. Sie lernte in dieser Phase der Verschickung nichts weiter als: Gefühlschaos. Einsamkeit. Verzweiflung. Hysterie.
Die Verschickung endete. Die ganze Busfahrt über war sie im Ungewissen, in schrecklicher Angst, was nun mit ihr geschehen, wie es weitergehen würde. Sie wusste, dass die anderen Kinder abgeholt werden am Bahnhof. Alle sprachen davon und freuten sich darauf. Kathi kauerte am Fenster und schaute hinaus.
Die Erinnerung an die Ankunft am Busbahnhof blieb ihr unvergesslich: Mama, Papa, Britta standen draußen und winkten ihr zu. Kathi wischte sich über die Augen. Das konnte doch nicht sein!?
Diese zarte Seele konnte das nicht verstehen, nicht verkraften. Es wurde ihr immer und immer wieder eingehämmert von Frau Bause, dass sie keiner will, es kein Zuhause mehr für sie gäbe. Und da standen sie!
Kathi, schrie und klopfte an das Busfenster: „Mama, Papa, Britta!“ Dabei weinte sie und lachte. „Mama! Papa! Britta!“ Es war ein ganz neues, ungekanntes Gefühl. Und als die Mutter sie draußen als erste in die Arme schloss, lernte Kathi das erste Fremdwort: Hysterisch. „Kind, mein Gott, du bist ja vollkommen hysterisch!“
DIE MUTTER
Die Mutter verstand ihre Kinder nicht mehr. Britta erzählte wenig von ihrer Verschickung. Sie war wie gewohnt still und in sich gekehrt. Irgendwie fand sie keinen wirklichen Zugang zu dieser Tochter, sie verstand sie einfach nicht. Und Kathi war bisher ein so fröhliches Kind gewesen, ein Sonnenschein. Und nun, nach der Verschickung? Sie hatte eine verängstigte, panische, bettnässende und daumenlutschende Tochter zurückbekommen, die sie nicht mehr kannte.
Manchmal dachte sie darüber nach, dass es besser wäre, einen Psychiater mit ihr aufzusuchen, denn auch die Albträume in der Nacht waren wirklich schlimm für die Kleine. Und sie selbst bekam schließlich dadurch auch nicht genug Schlaf.
Aber was sollten die Leute denken? Ein Psychiater? Ihre Tochter ist doch nicht verrückt!
Ihr lag sehr viel an der Außenwirkung für sich und ihre Familie. Dem Vater oft noch mehr. Er nahm es übergenau mit allem. Wenn die Kinder am Tisch nicht ganz gerade saßen, schlug er sie auf den Rücken oder in den Nacken. Das Zucken der Kinder bei Tisch und die Abwehrhaltung ihrer Arme fand sie häufig bedrückend. Auch, dass die Kinder ständig bei anderen Leuten einen Knicks zur Begrüßung machen mussten, möglichst nicht einen einfachen, sondern mit einem Bein zurück und das Knie fast am Boden. So wie man es bei Hofe tut. Sie glaubte, dass es den Kindern, besonders Kathi, peinlich war.
Und nun? Wie konnte sie Kathi helfen? Ach, aber vielleicht wird das auch schon wieder. Öfter mal in den Arm nehmen. Sie wird sich schon einleben. Es ist schließlich ihre Familie.
Kathi und Britta hatten ein gemeinsames Zimmer. An jeder Wand stand ein Bett. Wenn die Eltern „Gute Nacht“ gesagt hatten und das Licht löschten, kam Kathi ganz schnell zu Britta ins Bett und schlüpfte unter ihre Decke. Immer und immer wieder musste Britta sich die Geschichten von Frau Bause anhören. Immer wieder: „Keller, Ratten, Mäuse, frieren, Mund zuhalten.“ Anfänglich nahm Britta ihre kleine Schwester in den Arm und versuchte sie zu trösten, aber es drang nicht zu Kathi durch und ihre Erzählung klang wie eine Schallplatte, die einen Sprung hatte.
Dann kam der Tag, an dem Britta endlich ihr eigenes Zimmer bekam und sie allen klar machte, dass sie es nicht mehr hören könne.
Kathi weinte sich nachts nun allein in den Schlaf. Erwachte von ihren eigenen Schreien aus den Albträumen, aber es war niemand da. Sehr früh entdeckte sie per Zufall, wie sie meinte, ihre kindliche Sexualität. So tröstete sich die fast Dreijährige mit spielerisch kindlichen Gefühlen und deren Befriedigung. Ein einsames Gefühl, dass die Tränen versiegen ließ und sie in einen traurigen Schlaf einlullte.
Kathi musste täglich Mittagsschlaf halten, Britta brauchte das mit ihren fünf Jahren nicht mehr. An einem Mittag, Britta war spielen, hörte Kathi in ihrem Bettchen, wie die Haustüre zuschlug. Nur dieses Zuschlagen reichte aus, um in ihr eine entsetzliche Verlustangst freizusetzen. Sie rannte verzweifelt durch die Wohnung, es war niemand da! Sie lief panisch auf den Balkon. Im Pyjama mit dem Teddy im Arm schrie sie den ganzen Hof zusammen. „Hilfe, ich bin allein! Ich muss verhungern! Alle haben mich verlassen!“ Tränenüberströmt und schluchzend rief sie es immer und immer wieder.
Eine Nachbarin von gegenüber war ziemlich erschrocken und lief um den Häuserblock, klingelte laut und heftig an der Haustüre unten. Das hörte Kathis Mutter im Keller in der Waschküche und eilte mit schnellen Schritten, zwei Stufen auf einmal nehmend, sofort zu Kathi hinauf. Sie versuchte Kathi vergeblich zu beruhigen. Da wurde es ihr wieder bewusst: Ihre Tochter war nicht mehr dieselbe und auch sie selbst war darüber verzweifelt und erschüttert.
Die Mutter war sehr fromm, jeden Sonntag mussten die Kinder in den Kindergottesdienst und danach in der Küche die Handlung der Predigt wiedergeben. Das war ein schweres Unterfangen. Wenn sie spürte, dass Kathi nicht aufgepasst hatte, musste Kathi nachsitzen. Sie las ihr dann das Kapitel aus der Erwachsenenbibel vor.
Wenn Kathi jedoch eine Geschichte spannend fand, dann gab sie es voller Freude mit eigenen Worten wieder. David und Goliath! Faszinierend. Kain und Abel – oh! Ja, das waren Geschichten! Spannend und etwas Angst machend. Kathi merkte sich alles, wenn sie nur wollte.
Jeden Abend kontrollierte die Mutter stets die Kinder, ob sie sich ordentlich gewaschen hatten und die Zähne geputzt waren. Eines Abends entdeckte die Mutter um Kathis Mund herum ein wenig Schmutz, den Kathi selbst nicht sehen konnte, weil der Spiegel über dem Waschbecken viel zu hoch hing. Auch auf Zehenspitzen auf dem kleinen Schemelchen war es ihr unmöglich. Die Mutter fragte, ob sie ihr Gesicht schon gewaschen habe. Das bejahte Kathi.
Wie aus heiterem Himmel schrie die Mutter sie an, dass sie lüge und dass sie ihr zeigen würde, wie „Gesicht waschen“ ginge. Mit diesen Worten füllte sie das Waschbecken bis zum Rand mit lauwarmem Wasser. Kathi musste wieder auf ihren Hocker steigen und die Mutter wusch und schrubbte mit dem Waschlappen durch ihr zartes Gesichtchen. Es tat weh, brannte und sie flehte: „Mama, hör auf, es tut so weh!“ Daraufhin wurde die Mutter erst recht wütend und drückte Kathis Kopf unter Wasser. Kathi spürte diese eiserne Hand im Nacken, diese Kraft, die sie nach unten drückte und kam nicht dagegen an. Schluckte Wasser, als sie schreien wollte, gluckste, gurgelte und konnte nicht atmen. Keine Luft, keine Luft, keine Luft. Keine Gedanken, nur Panik war in ihr. Dann ließ Kathi nach. Kämpfte nicht mehr dagegen an, obwohl sie nicht anders konnte als zu versuchen, nach Luft zu schnappen. Die Stirn stieß heftig innen an den Beckenrand. Da löste sich die eiserne Hand.
„Oh Gott, was habe ich getan?“, rief die Mutter erschrocken aus. Kathis Gesicht war rot-blau, ihre Augen starr und panisch. Schnell fügte die Mutter hinzu: „Du hast nun hoffentlich verstanden was „Waschen“ heißt und wehe es kommt noch einmal vor!“
Zitternd lag Kathi im Bett. Als sie endlich schlief, kamen die Träume wieder, vom Verhungern und nun auch noch vom Ertrinken.
Der nächste Morgen, die Mutter kam jeden Morgen mit ihrem Wachmachritual: Die Tür wurde laut aufgerissen, „Guten Morgen“ gebrüllt, das grelle Deckenlicht angeschaltet. Wenn Kathi es wagte, sich umzudrehen, um weiterzuschlafen, lief die Mutter ins Badezimmer, kam mit einem nassen, kalten Waschlappen zurück, der Kathi dann in das verschlafene Gesicht geklatscht wurde. Die Mutter hasste es, wenn die Kinder nicht das taten, was sie wollte und wie sie es sich vorstellte.
Britta schlief vorsichtshalber nur leicht, sie wollte schon wach sein, wenn die Mutter eintrat. So sagte Britta leise und brav: “Guten Morgen, Mama.“ In ihrer Stimme lag jeden Morgen spürbare Angst.
An jenem Morgen, nach diesem ersten Schockerlebnis, unter der Hand der Mutter ertrinken zu können, wollte Kathi nur noch eines: schlafen. Einfach weiterschlafen und nie mehr aufstehen müssen. Sie wusste nicht, was Totsein bedeutete. Aber so ähnlich stellte sie es sich vor. Schlafen, für immer und ohne Albträume und Schmerzen.
Jeden Samstag war Badetag. Darauf freuten sich die Kinder die ganze Woche. Da durften Kathi und Britta zusammen in die Badewanne. Sie spielten dann häufig mit den Waschlappen „Tatütata, die Feuerwehr ist da“ und fuhren damit quer durch die Oberfläche des Wassers. Oder sie bekamen ein altes, hartes Brötchen, das sie innen aushöhlten und als Boot herumfahren ließen, um dann gierig das klitschnasse Brötchen, das sich nun größer anfühlte, auszusaugen und zu verschlingen.
Doch an diesem Abend wünschte sich Kathi etwas Anderes. Sie wollte „Unter Wasser bleiben“ üben. Britta musste zählen und darauf achten, dass Kathi wieder auftauchte, während sie ihr Gesicht unter Wasser hielt, ohne zu atmen. Und das so leise wie möglich.
Es wurde ihre neue Übung. Jeden Samstag zählte Britta die Zeit, die Kathi schaffte, unter Wasser zu bleiben. Sie waren schon bei siebenundsechzig angekommen und Kathi war froh darum. Warum sie das tat, das wusste sie in ihren kindlichen Gedanken noch nicht. Sie folgte wie so oft einfach ihrer Intuition.
DER VATER
Wie so oft in Kathis jungem Leben gab es Momente, die wieder und wieder völlig konträre Gefühle in ihr auslösten. Das verwirrte sie zusehends.
Der Vater kam nach einem anstrengenden Nachtdienst auf der Wache nach Hause. Es war für Kathi ein besonderer Tag, denn ihr Papa hatte danach frei und brachte Essen mit. Wenn er mit dem Kochdienst für die Kollegen an der Reihe war, kochte er viel zu viel, weil er wusste, dass die Familie sich über die übriggebliebene, große und kostenfreie Mahlzeit sehr freuen würde. Ein Tag, an dem Kathi glücklich war.
Es gab Labskaus. Das wunderbare Labskaus, das nur der Papa so gut hinbekam.
Nun rührte er in der kleinen Küche im großen Topf und erwärmte es. Kathi stand still daneben, um ja nicht zu stören. Sie sog den Duft von Cornedbeef, roter Beete, Gurke und Kartoffeln tief ein. Es roch so gut, so vertraut, so dass eine freudige Erwartung in ihr aufstieg. Erwartung, dass der hungrige Bauch gefüllt wird und sie es spüren würde. Am besten so spüren, bis es drückt, das war dann wirklich satt. Und sie hatte Glück.
Als alle vier bei Tisch saßen, wieder kerzengerade, „nur nichts falsch machen jetzt“, dachte Kathi, damit es keinen Schlag in den Rücken gab oder schlimmer noch, nicht genug zu essen!
Sie und Britta schauten sich an und es war in ihren Blicken ein stilles Verstehen, ein kleines, unmerkbares Lächeln und beide dachten und fühlten das Gleiche. Kein Konkurrenzgefühl, das die Mutter andauernd versuchte zu forcieren. Nein – es war ein stilles Einvernehmen. Das sah die Mutter und es gefiel ihr nicht. Schnell schauten die Schwestern auf ihre Teller und die Mägen knurrten. Heute war ein Festtag.
Kathi und Britta aßen und aßen und aßen, denn es war so viel da. Wohlwollend und mit scherzhaft erschrockenem Gesicht sagte der Vater: „Ihr werdet gleich platzen!“ Die beiden prusteten vor Lachen los und Kathi fühlte sich wie nur selten: angenommen.
Die Mittagsstunde kam nach dem Abwasch. Die Mutter wusch das Geschirr und die Kinder trockneten beide ab. Das war stets ein schwieriges und angstbesetztes Unterfangen, denn etwas fallen zu lassen wurde bestraft. Nicht gezielt und geplant, wie manchmal, wenn die selbstgebastelte Peitsche vom Vater hinter der Tür hing oder die Mutter langsam zum Schrank mit den Gürteln schritt. Nein, solche Schreckmomente waren dann sehr spontan. Unkontrollierte Wut stieg in der Mutter auf und es wurde noch in der Küche bestraft, mit Ohrenziehen, auf den Hinterkopf schlagen oder in die Oberarme kneifen.
Gott sei Dank ging heute alles gut. Die Mittagsstunde durfte Kathi mit dem Vater auf der großen, grün-gelben Couch im Wohnzimmer verbringen, während die Mutter im Schlafzimmer ihren stundenlangen Mittagsschlaf schlief und Britta sich in ihr Zimmer zurückzog. Kathi erinnerte sich daran, dass auch Britta früher, als sie selbst noch sehr klein war, mit auf der Couch lag. Aber das wollte Britta irgendwann nicht mehr. So hörten sie beide leise Klaviermusik, meist Chopin, Beethoven oder Mozart. Der Vater, ihr geliebter Papa, der immer so viel wusste, erzählte kleine Geschichten über die jeweiligen Komponisten oder wie das Stück entstanden war. Sie lagen Löffelchen.
Es war ein Gefühl, das Kathi sehr genoss. Wann sonst hatte sie schon so starke warme Arme um sich, die sie festhielten und ihr das Gefühl gaben, sie zu schützen. Schützen vor der oft jähzornigen und unberechenbaren Mutter. Denn das tat er tatsächlich ab und zu. Zum Beispiel, als die Mutter einmal schrie: „Hans, nun schlag du das Kind doch mal, ich will nicht immer der Buhmann sein!“ Da nahm er Kathi mit in sein Zimmer, klatschte in die Hände und flüsterte: „Schrei!“
Und sie schrie: „Auahhhh!“ Sie wusste nicht, warum er das tat, vielleicht aus einem Gerechtigkeitssinn heraus, weil Kathi oft keine Schuld hatte oder einfach, weil der unbändige und unkontrollierte Zorn ihrer Mutter sie traf?
Dann und wann, wenn die Mutter merkte, dass Kathi verzweifelte oder in sich gekehrt schien, was normalerweise nicht ihre Art war, überkam sie das schlechte Gewissen. Sie rief: „Kathilein, komm mal in meinen Arm und lass dich drücken!“ Kathi kam sehr zögerlich, was der Mutter deutlich missfiel und ließ sich drücken. Dieses Gefühl war völlig anders als bei Papa. Eng wie ein Schraubstock, dass sie kaum Luft bekam.
Die Mutter wurde dann ungehalten: „Nun wehr dich doch nicht so!“ Es war kein schönes Gefühl. Nicht warm, nicht herzlich und nicht geborgen. Kathis Brust schnürte sich zu. Wenn die Mutter ihr dann noch Küsse auf den Mund aufdrängte, stieg bei Kathi ein Gefühl des Ekels auf. Sie wusste, dass sie sich nicht ekeln sollte, aber der Kuss war so nass und sabberig und die Hand der Mutter, die ihren Kopf fest zum Mund drehte, damit sie auch die Lippen traf, war für sie einfach nur abstoßend.
Und nun lag die vierjährige Kathi glückselig in Papas Armen, ihrem Helden und Retter, dem einzigen. Ganz nah und kein enges Gefühl in der Brust. Zufriedenheit. Erholung für ihre Seele. Das Glück wäre perfekt, wenn nur eines nicht wäre… dieses harte Ding an ihrem Rücken und Po, das sich an sie presste und sich an ihr schubberte. Kathi sagte dann: „Nein nicht, Papa, das mag ich nicht.“ Mehr wusste sie nicht zu sagen.
Es gab Momente, da verstand sie ihren Vater nicht. Wenn er sie manchmal austrickste und beim Essen sagte: „Schau mal dort, der Vogel!“ und auf das Fenster zeigte. In dem Moment, als Kathi hinschaute, versteckte er ihren heißgeliebten Nachtisch, den es nur sonntags gab, blitzschnell unter dem Tisch oder hinter seinem Rücken. Dann fing Kathi an zu weinen und er stellte ihn wieder hin mit den Worten: „Das war doch nur ein Scherz.“ Er machte manchmal solche Scherze, die Kathi traurig und misstrauisch machten.
In der Badeanstalt Dulsberg nahm er sie mit in den Schwimmerbereich. Kathi hatte schreckliche Angst vor dem tiefen Wasser, denn sie konnte noch nicht schwimmen. Der Vater beruhigte sie und versicherte ihr, dass er aufpassen würde. Dann nötigte er sie, die Treppen hinaufzusteigen und auf die Rutsche zu gehen. Er spannte unten seine Arme weit auf und versprach: „Ich fang dich auf.“
Wenn Kathi rutschte, nahm er die Arme weg, sprang zur Seite und lachte. Kathi platschte in das tiefe Wasser. Gluckste und gluckerte in Panik und er angelte sie dann lachend wieder hoch. Diese „Spiele“ wie er es nannte, machte er des Öfteren in unterschiedlichen Varianten, an unterschiedlichen Plätzen. Mal fing er sie auf, mal nicht. Für Kathi war es furchtbar, nie zu wissen, woran sie war. Und es war ein Spiel, aus dem es für sie kein Entrinnen gab.
Als Kontrast gab es die schönen Sonntagmorgende, an denen sie oft allein mit dem Vater in den Eichtalpark ging, ohne die Mutter. Noch vor der Kirche. Hier gab es seine Stammgaststätte. Dort bekam Kathi eine ganze Flasche Brause für sich allein. Sonst teilte sie sich diese mit Britta. Aber Britta mochte nicht gern mit. Weil der Vater dort so viel rauchte und trank. Alles stank nach Schnaps, Bier, Rauch und lauten Männern. Bei dieser unangenehmen Mischung, die sich auf die hungrigen Kindermägen legte, wurde Britta meist speiübel. So hatte Kathi meistens, wenn er sie mitnahm, etwas ganz allein mit ihm, auch wenn es stank.
Es war ein schöner Sommertag. Kathi genoss es, draußen im Hof zu spielen oder auch nur den anderen Kindern dabei zuzuschauen. Sie mochte das Ballspiel „Probe“ zu gern. Man warf den Ball mit beiden Händen an die Wand und musste ihn fangen. Zehn Mal. Dann Neun Mal mit der linken Hand, Acht Mal mit der rechten. Dann mit der flachen Hand, rückwärts und so weiter, bis Null. Wenn der Ball zwischendurch herunterfiel, kam das nächste Kind dran. Oder: „Eine Tasse Tee, Schokolade und Kaffee.“ Beim Aufsagen musste man sich um die eigene Achse drehen und die anderen liefen weg. Wenn der Satz zu Ende war, mussten alle wie eingefroren stehenbleiben und durften sich nicht bewegen. Kathi liebte es, mitspielen zu dürfen und fühlte sich trotzdem einsam. So unerklärlich einsam.
Zu Weihnachten bekam sie einen Flummi, den sie sich von Herzen gewünscht hatte. Der Flummi war aus Hartgummi, ein kleiner, glatter, bunter Ball, der gut in die Faust passte und irrsinnig hoch sprang. An einem Nachmittag spielte sie wieder intensiv mit dem Ball und ließ ihn auf die harten Gehwegplatten aufprallen und hochschnellen. Das machte solche Freude! Doch er kam nicht immer dort herunter, wo er sollte, damit sie ihn fangen konnte. Dann plötzlich und unverhofft traf der Flummi den kleinen Nachbarjungen Dieter. Einen rothaarigen, mit Sommersprossen übersäten Jungen in ihrem Alter. Der Ball traf ihn unglücklich unter dem Kinn. Dieter schrie auf, heulte los und Kathi versuchte ihn zu trösten: „Das war doch keine Absicht, es tut mir leid!“
Dieter lief heulend nach Hause. Kathi spielte weiter. Hoffte, dass Dieter sich beruhigte und es nicht so schlimm sei.
Sie ging nach Hause. Kathi und Britta mussten jedes Mal klingeln, weil die Mama keine „Schlüsselkinder“ wollte. Das war für die Kinder oftmals schwierig und auch unangenehm, denn wenn die Schwestern auf die Toilette mussten und die Mutter nicht da war oder Mittagsschlaf hielt, blieb ihnen nur der Ausweg, im Treppenhaus auf dem Weg zum Keller unter die Treppe zu urinieren.
Was mit Angst besetzt war, denn jederzeit hätte jemand die Außen- oder Kellertüre öffnen können. Die Scham war groß, der Gestank auch. Leugnen, Abstreiten bei den Nachbarn, die nur einen Verdacht hatten, war immer wieder beschämend. Obwohl sie nie auf frischer Tat ertappt wurden. Aber in den Gebüschen draußen war es noch riskanter, weil dort ständig Leute am Weg vorbei gingen oder Kinder spielten. So klingelte Kathi nach dem ausgiebigen Ballspiel ganz vergnügt und gedankenverloren an der Tür. Die Mutter öffnete. Kathi sah sofort an dem zornigen Blick und den zusammengekniffenen Lippen, dass da wieder eine Menge Wut im Spiel war.
„Komm rein! Hast du mir nichts zu sagen?“ Presste sie zischelnd und trotzdem unüberhörbar laut hervor.
Kathi verneinte es. Was meinte Sie? Längst war die Geschichte mit Dieter vergessen. Die Mutter zerrte sie in die Wohnung, knallte die Tür ins Schloss und da sah Kathi sie: Die Peitsche, die hinter der Tür hing. Der Vater hatte sie auf „Befehl“ der Mutter hergestellt. Ein langer Knauf, der vorn auf der runden Oberfläche lange Lederbänder herunterhängen hatte, die mit Nieten befestigt waren. Monate zuvor wurde an der Tür extra ein Haken dafür angebracht und wenn die Peitsche DORT hing, wusste das jeweilige eintretende Kind, was ihm drohte. Ohne eine Chance, etwas erklären oder entschuldigen zu können. Diese Peitsche tat verdammt weh.
Die Mutter umklammerte Kathis Arm, der bereits etliche blaue Flecken aufwies und in dem die Fingernageleinkerbungen der Mutter tief als dunkle Zeichnungen sichtbar waren. Sie zerrte Kathi in das Esszimmer und legte sie über den Stuhl. „Zieh die Hose runter, mach schon!“
Und als es ihr nicht schnell genug ging, half sie nach. Schlug mit voller Wucht wieder und wieder auf die zarte nackte Haut. Schrie dabei: „Du hast mir nichts zu sagen?“
„Nein, Mama, was ist denn los? Was habe ich denn getan?“, wimmerte Kathi verzweifelt.
„Du lügst auch noch? Du hast dem kleinen Dieter den harten Flummi an den Kopf geworfen? Ich zeige dir schon, was weh tut und dass du das nie wieder tust!“
Kathi weinte und rief: „Das war doch aus Versehen!“, aber die Mutter schrie voller Wut weiter: „Du lügst! Du lügst! Du lügst!“
Ohne Abendbrot musste Kathi sofort ins Bett. Britta wollte ihr heimlich, nach dem Tischabräumen, eine Scheibe Brot bringen, aber das sah die Mutter und schlug sie ihr aus der Hand. „Mama, aber Kathi hat doch so einen Hunger“, schluchzte Britta.
„Misch dich da nicht ein! Und wehe du wagst es, die Tür zu öffnen!“ Die Mutter kannte kein Erbarmen.
Wieder einmal weinte sich Kathi in den Schlaf. Und auch wieder einmal ein Abend, an dem der Vater sich zu ihr ins Bett legte, um sie auf „seine Weise“ zu trösten…
Das spaltete sie komplett ab. Es war so, als passierte es nicht.
Das waren die Momente, wo sie woanders war. Sie war Heldin und rettet ein Kind aus dem Wasser vor dem Ertrinken. Oder eine Nachbarin vor brutalen Einbrechern. Auf jeden Fall hatte sie in ihren Geschichten keine Schmerzen und war damit beschäftigt die Welt und vielleicht auch ein wenig sich selbst zu retten.
Der anschließende Morgen mit Wecken, grellem Licht und Türen knallen, kaltem Waschlappen im Gesicht, war so ein Morgen, an dem Kathi, die noch nicht wirklich verstand was der Tod bedeutete, sich wieder einmal wünschte, nie mehr aufstehen zu müssen. Unter der warmen Bettdecke zu bleiben. „Bloß nicht bewegen, dann hab ich auch keine Schmerzen.“ Aber sie musste aufstehen. Das war erst einmal das Schlimmste.
Am Nachmittag spielte Kathi draußen auf dem Hof. Den Flummi hatte sie unter ihrem Bett gelassen, den wollte sie nicht mehr hervorholen, denn der war schließlich schuld an allem. Plötzlich hörte sie eine Stimme, die sie nicht kannte: „Ey, Katharina, was hast du mit meinem Bruder gemacht?“
Kathi dreht sich um und vor ihr stand der große Bruder von Dieter. Er war bestimmt schon siebzehn Jahre alt.
Ohne Vorwarnung schlug er zu. Die Faust landete direkt an ihrer Schläfe. Kathi fühlte nur ganz kurz einen dumpfen Schmerz am Kopf, dann sank sie einfach zu Boden. Kurzer Schwindel, der sich gut anfühlte, ein Wegtaumeln ins Nichts. Dann war es dunkel. Sie wurde erst im Wandsbeker Jüthornkrankenhaus wieder wach.
Niemand sagte ihr genau, was geschehen war. Sie hörte nur etwas von Gehirnerschütterung und Polizei, die nächsten Tag kommen sollte.
Ob sie etwas essen wolle? „Oh ja, wie gern!“ Kathi saß in dem weißen Bett, mit dickem, sauberem Kissen im Rücken und aß genüsslich die Stullen. Wärme, Ruhe und ein Gefühl von Sicherheit breiteten sich wohlig in ihr aus und sie schlief wunderbar ein. Da machte das bisschen Kopfschmerz gar nichts aus.
Am Morgen gab es Frühstück und sie bemerkte, dass die Eltern anscheinend im Krankenhaus gewesen waren, denn sie trug ihren eigenen Schlafanzug mit den kleinen Bärchen darauf.
Zwei Frauen und die freundliche Schwester betraten das Zimmer. Sie stellten sich als Kripobeamtinnen vor und hätten nur ein paar Fragen. Kathi musste sich erst einmal sammeln. Ängstlich, dass sie etwas vergessen könnte oder nicht mehr wusste, versuchte sie, auf die Fragen zu antworten. Sie wollten sehr genau wissen, was passiert sei. Kathi erzählte, woran sie sich erinnerte. Eigentlich nur an den Schlag. Kathi erfuhr, dass ihre Eltern Anzeige gegen Dieters Bruder erstattet hätten und noch regelrecht unter Schock ständen, weil ihre kleine Tochter aus der Ohnmacht nicht wachzubekommen war.
Für Kathi war nun alles gesagt und sie fühlte sich sehr wohl im Krankenhaus und wäre am liebsten dortgeblieben. Die Schwester wurde rausgeschickt. Dann fragte eine der Kripobeamtinnen: „Woher hast du die blauen Flecken an den Armen? Die Striemen auf deinem Po?“ Kathi wurde ganz heiß, hatte man das entdeckt, als sie in dieser Ohnmacht war? Ihr den Schlafanzug angezogen hatte?
Sie fing an zu weinen und sagte ihnen, dass sie etwas ganz Schlimmes getan hätte und die Mama dann so wütend geworden wäre. Aber das sei ganz allein ihre eigene Schuld gewesen.
„Kommt denn so etwas öfter vor? Was kann so ein kleines Mädchen mit vier Jahren denn so Schlimmes gemacht haben, dass man ihm dermaßen weh tut.“
Kathi schluchzte nur: „Bitte bitte, sagen Sie meiner Mutter nicht, dass ich das verraten habe, das tut sie sonst wirklich nie!“
Es quälte Kathi die Vorstellung, die Familie verraten zu haben. Sie wusste, dass das, was die Mutter mit den Kindern tat, nicht richtig war, aber das durfte niemand wissen. Hinzu kam die konkrete und doch diffuse Angst, dass ihre Mama, Papa und Britta sie verlassen könnten vor Wut und Verzweiflung. Sie verhungern lassen würden oder sie wieder in so ein Verschickungsheim müsste.
Kathi konnte noch am selben Tag entlassen werden. In ihr hämmerte nur ein einziges Wort: „Ich bin schuld.“ Mit einem Gefühl, des schlechten Gewissens und der Angst, ließ sie sich vom Vater in den Arm nehmen und nach Hause fahren.
In ihr machte sich nur ein Gedanke breit: „Ich bin eine Verräterin.“
DIE LÜGE
Kathi fühlte sich nach wie vor einsam. Da Britta nun ihr eigenes Zimmer hatte, klopfte sie oft an deren Tür und bettelte um Einlass. „Bitte, Britta, nur ein paar Minuten, ich sitze auch ganz still!“
Für die Bezahlung mit ein bis zwei Dauerlutschern, die sich Kathi für ihre Schwester aufhob, durfte sie dort sitzen, lauschte ganz leise dem Buntstift, der über das Papier malte. Britta konzentrierte sich akribisch auf die Hausaufgaben, denn sie ging bereits zur Schule. In die 2. Klasse. Und die vierjährige Kathi langweilte sich so allein. Dass sie noch nicht lesen konnte, ärgerte sie. Am liebsten wäre ihr gewesen, wenn Britta ihr ein Märchen vorliest. Brüderchen und Schwesterchen. Das war ihr liebstes. Sie musste dann immer weinen. Kathi erlebte es als ihre Geschichte mit Britta. Ebenso wie Hänsel und Gretel. Wobei die Mutter und die Hexe für sie ein und dieselbe Person waren. Einfach nur still zu sitzen war für sie extrem schwer. Kathi war immer auf Hab-Acht, ständig im Adrenalinstress. Wenn eines nicht ging, dann war es das Stillsein, Innehalten, Ruhe bewahren.
Also fing sie an zu erzählen und zu fragen, wie denn die Schule gewesen sei. „Ruhe!“
„Bitte Britta, lies mir ein Märchen vor!“
Britta war total genervt. Es reichte ihr. Sie schrie laut: „Raus hier, ich muss Schularbeiten machen, geh endlich!“
Es war die Zeit nach dem Mittagessen. Die Zeit, in der die Mutter schlief. Sie schlief jeden Mittag zwei bis drei Stunden, schloss sich dabei ein und wollte niemals, wirklich niemals gestört werden. Wenn sie am Spätnachmittag erwachte, war die Mutter schlecht gelaunt, nörgelig oder traurig. Besser war, man ließ sie dann in Ruhe. Sie brauchte erst einmal ihren Kaffee und einen Keks, um den sie die Kinder glühend beneideten.
In diese Situation hinein schrie Britta, dass Kathi verschwinden solle. Kathi hatte furchtbare Angst, dass die Mutter wach werden würde, denn sie wusste, was dann passierte. Umso unbegreiflicher war es für sie, dass Britta genau das riskierte. Es kam für sie einem Verrat gleich. Also versuchte Kathi ihrer großen Schwester den Mund zuzuhalten. Schon begann eine Rauferei, wie so oft. Sie zogen sich gegenseitig an den Haaren, bissen und kratzten sich. Wenn Kathi Angst hatte zu verlieren, und das war meist der Fall, schrie sie: „Aua, mein Auge, aua, das tut soo weh, warum hast du das gemacht, Britta?“
Es überkam Britta die Panik. So richtige Angst vor der Mutter. Sie war schließlich die Ältere und hatte dafür zu sorgen, dass alles ruhig bleibt, während die Mutter schlief. Die Angst, die Mutter könnte denken, dass sie Kathi geschlagen hatte, stand nun im Raum und das wäre sehr folgenreich für sie geworden.
Also nahm Britta ihre kleine Schwester schnell in den Arm: „Psst, bitte sei leise, bitte, du darfst hier auch weiter sitzen und mir zuschauen, bitte!“
Oft gelang dieser kleine Trick und Kathi war glücklich. Sofort tat nichts mehr weh und sie saß ganz brav und glücklich auf dem Sofabett der großen Schwester und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Es ging meist so auf. Doch leider nicht an diesem Tag. Sie hörten die Mutter bereits mit lautem Türenschlagen heraneilen. „Was ist hier los? Britta, habt Ihr Euch wieder gestritten? Meinen kostbaren Mittagsschlaf gestört?“
Kathi fasste sich ganz schnell an das Auge und jammerte wieder: „Aua, aua.“
Britta bekam links und rechts Backpfeifen, einen Hinterkopfschlag und wurde durchgeschüttelt. Sie schrie wie am Spieß: „Ich war das gar nicht, ich habe nichts getan!“
Die Mutter packte den Arm der kleinen Kathi, quetschte und kniff ihn wieder in der speziellen Form, die unerträglich war. Sie zerrte Kathi aus dem Zimmer, um Kathi in die Ecke zu stellen. Die Ecke war zwischen ihrem und Brittas Zimmer. Kathis Blick musste auf den Boden in der Ecke gerichtet sein. Die Hände auf dem Rücken gefaltet. Sie durfte sich nicht räuspern und nicht bewegen. Britta war es verboten, Kathi auch nur anzusehen oder gar anzusprechen.
Die Mutter ging wieder schlafen und Kathi musste dort zwei Stunden stehend ausharren. Dabei wurden die Beine so schwer und müde und sie hätte sich gern ein wenig hingehockt. Einfach nur mal kurz in die Knie gehen. Aber die Angst, dass die Mutter genau in dem Augenblick die Tür aufriss und es sah, war zu groß. Die Einrisse in dem kleinen Oberarm brannten noch zu sehr.
Eine neue Süßigkeit kam auf den Markt, die sogenannte Schleckmuschel. Sie kostete einen Groschen, war herzförmig und aus Plastik. Innen war ein harter Bontsche, wie man in Hamburg sagt, hineingegossen. Das Wort Bonbon kannte man im Norden damals nicht. Man konnte nach Herzenslust daran lecken und der Bontsche darin wurde nur wenig kleiner. Oder Kathi legte sie einfach irgendwo hin und schleckte sie nach dem Essen weiter. Das war toll. Sie freute sich unbändig, weil man so lange etwas davon hatte.
Kathi hatte so eine Leckmuschel von Frau Voigt geschenkt bekommen.
Nun schleckte Kathi also stolz und intensiv an der Muschel. Das harte Innere löste sich dabei aus der Plastikmuschel. Sie schob das Stück im Mund hin und her. Eigentlich war es viel zu groß. Und da war es auch schon geschehen. Der Bontsche rutschte in den Rachen, saß dort fest und eh sie es sich versah, war er verschluckt. War sie schon wieder zu gierig? Das Stück rutschte nicht tief hinunter und blieb in ihrem Schlund stecken. Sie bekam keine Luft mehr, rannte zu Britta ins Zimmer, zeigte immer wieder auf ihren Hals und bekam Panik, da die Luftröhre zugedrückt wurde. Es tat furchtbar weh und drückte. Kathi deutete per Gestik an, indem sie die Schleckbewegung nachmachte, dass es die Muschel war, die da nun im Halse steckte. Konnte aber nicht sprechen und nicht richtig atmen.
Sofort lief Britta zur Mutter, die den Vater anrief. Dieser kam eiligst mitten aus dem Dienst und fuhr mit Kathi ins Jüthornkrankenhaus. Dort wurde die Situation durch den Vater geschildert und Kathi wurde stehend durchleuchtet. Dafür stand sie nur in Unterwäsche bekleidet vor einer Kiste. Auf der anderen Seite schaute der Arzt durch. Das war schon sehr aufregend. Langsam wurde der Druck und das schwere Luftholen etwas besser, da der riesige Bontsche sich allmählich auflöste und kleiner wurde. Und dann hieß es, sie müsse zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben.
Sie dürfe auch nicht auf Toilette, sondern wenn sie „groß“ musste, sollte sie auf einen metallenen, kalten Topf mit Stiel, in eine Bettpfanne machen und der Stuhl würde durchgesiebt werden. Wenn die Muschel dann den normalen Weg nach draußen gefunden hatte, dürfe sie auch nach Hause.
Kathi ging es stündlich besser. Der Vater war gefahren, um ein paar Sachen für das Krankenhaus zu bringen.
Kathi kam in ein Vierbettzimmer auf die Kinderstation. Die anderen Mädchen waren nett zu ihr, sagten gleich „Hallo“. Als sie morgens das Frühstück sah: Brötchen, Honig, Marmelade, lachte ihr Herz und ihr Bauch! Es war wieder so paradiesisch! Kathi begann langsam zu verstehen, dass alle dachten, sie hätte das Äußere, die große Plastikmuschel verschluckt. Sie wusste nicht einmal, wo sie sie gelassen hatte, aber das war nun egal. Es war ihr zu peinlich, dieses Missverständnis im Krankenhaus aufzuklären. Sie wäre im Erdboden versunken.
Ihr ging es besser, sie bekam wieder Luft und es war für sie fast unbegreiflich, dass dieser schreckliche Druck in Hals und Brust sich tatsächlich ganz von selbst gab und verschwunden war. Kathi blieb drei Tage im Krankenhaus, die sie genoss. Die Abführmittel brachten außer Bauchkneifen keinen Erfolg, denn es war da natürlich kein einziges Plastikstückchen der Muschel im Stuhl.
Als die Eltern sie abholten, schauten sie Kathi nur böse, vorwurfsvoll und ungläubig an und sprachen zunächst kein Wort mit ihr.
Kathi schämte sich entsetzlich. Drei Tage lang hatten die Eltern Sorge um sie, drei Tage Krankenhaus, während alle sich um sie gekümmert hatten. Und sie konnte vor Scham und Furcht nicht die Wahrheit, nicht das Missverständnis erklären.
Als sie zu Hause versuchte darüber zu sprechen, dass sie doch nie die Plastikmuschel gemeint hatte, wurde ihr nicht geglaubt. Es schien für die Eltern den Anschein zu haben, dass sie gern im Krankenhaus war und es deshalb von ihr erfunden wurde. Der Vater, der immer gern mit Sprichwörtern aufwartete, sagte nun: „Merke dir das für alle Zeiten: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“
Wie lange dieser Spruch Kathi gedanklich und schmerzlich begleiten würde, das war für sie damals noch nicht vorstellbar. Denn dieser Satz traf besonders auf den Vater zu.
AUẞENWELT
Die Mutter stand an der Wohnungstür. Sie erwartete Gäste. Das kam eher selten vor, nur zu besonderen Anlässen. Heute war ihr Geburtstag. Herausgeputzt und betörend schön war sie. Die Schwestern liebten sie dann besonders. Schauten verstohlen auf diese attraktive Frau, von der viele sagten, dass sie eine Mischung aus Elizabeth Taylor und Sophia Loren sei. Die Kinder kannten beide nicht.
Sie hatte ein neues Kleid an mit großen bunten Blumen darauf. Ganz eng in der Taille und glockig weit um Hüften und Beine. Es sah so hübsch aus! Ihre strahlend grünen Augen zu den schwarzen Haaren, war umwerfend. Der Papa, ebenfalls groß und schlank, hatte zwar „Geheimratsecken“, wie die Mama zu sagen pflegte, aber ebenfalls schwarze Haare und blaue Augen. Es war ein Paar, was einfach sehr schön anzusehen war. Dann die blond gelockte Kathi mit ihren strahlend dunkelblauen Augen, Britta, ebenso blauäugig, nur mit sehr dunklem, langem Haar. Es war die perfekte Vorzeigefamilie.
Kathi stand etwas hinter Mutters Rockzipfel, atmete den Duft von Fenjala ein. In diesem Cremeölbad badetet die Mutter zu nicht alltäglichen Gelegenheiten. Sie schaute bewundernd zur Mama auf und sagte ihr, wie schön sie sei und wie herrlich sie dufte. Das stimmte die Mama besonders glücklich. Freundlich sagte sie: „Kinder, geht jetzt mal in Eure Zimmer und wartet dort.“
An der Tür läutete es und nacheinander traten die Gäste ein.
Tanten und Onkel, die sogenannten Nenntanten und Nennonkels, die Freunde der Eltern. Schön war es immer, weil sie Schokolade mitbrachten. Eine Tafel, die sich die Schwestern teilen mussten. Kathi und Britta träumten davon, einmal je eine Tafel ganz für sich allein zu haben.
Cousinen und Cousins und die Kinder der Freunde kamen. Oma und Opa brachten Rittersport für die Schwestern – jede eine Schokolade für sie allein mit! Die war zwar kleiner und quadratisch, die Sorte Trauben-Nuss, mit den Rosinen darin mochten sie nicht wirklich. Aber wichtig war, dass sie süß schmeckte, das war genug zum Freuen.
Ein großes Hallo und Durcheinander herrschte auf dem Flur.
Kathi und Britta durften nacheinander alle Erwachsenen mit Knicks begrüßen. Die Tanten drückten ihre feuchten Münder auf deren kleine, sich widerstrebenden Schnuten. Kathi wischte mit dem Handrücken ungeniert den Mund ab, weil sie sich ekelte. Normalerweise fing sie sich deshalb eine Ohrfeige von der Mutter ein, aber wenn Gäste da waren, hatte sie Glück! Das wusste und erleichterte sie. Alle gingen in das Wohnzimmer, wo ein großer Tisch für die Erwachsenen und ein kleiner, so genannter „Katzentisch“ mit Kinderstühlchen und Hockern drumherum aufgebaut waren.
Die Mutter kommandierte charmant, aber sehr bestimmt, wie jedes Mal, die Kinder ins Badezimmer zum Händewaschen. So musste, wie bei einer Polonaise, das hintere Kind dem vorderen auf die Schultern fassen und warten, bis nacheinander alle die Hände gewaschen hatten. Die Kinder bekamen „Kalte Schnauze“, Kathis Lieblingskuchen, aus Schoko und Leibniz-Keksen. Die Erwachsenen aßen Torte und Windbeutel.
Alles war friedlich und in Ordnung. In den Kinderzimmern wurde weitergespielt. Höhle bauen. Unter Stühlen und Tischen machte das besonders viel Spaß. Oder Versteckspielen. Auch wenn man die laute Stimme der Mutter oft durchdringend und am häufigsten hörte, waren die Schwestern sehr stolz auf ihre Mutter und wussten, sie hatten nichts zu befürchten. Das waren die Momente, in denen sich eine kleine Entspannung, Erleichterung und eine warme Welle der Freude in Kathi ausbreiten konnte.
In der engen Nachbarschaft jedoch war es häufig anders. Wenn jemand tuschelte, die Mutter komisch anschaute oder es gar wagte zu kritisieren, zum Beispiel, dass die Waschküche nicht sauber hinterlassen wurde. Da konnte sie ganz anders werden. Dann schämte Kathi sich. „Gucken Sie nicht so! Was gibt es da zu tuscheln?“ Lautstark schleuderte die Mutter die Worte wie Giftpfeile den Nachbarn zu. Kathi wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Die Nachbarn, Radlowskis direkt über ihnen im ersten Stock, wohnten noch nicht lange dort und hatten sich beschwert über zu lautes Lachen der Mutter. Kathi ahnte nichts Gutes… Ach, was würde sie darum geben, bei einer ihrer alten Damen zu sein, Frau Voigt oder Frau Schlichting. Oder die gemütliche füllige Frau Star. Einfach still dasitzen und einen Keks essen. Kathi versuchte sich dorthin zu träumen.
Sie war gerade eingeschlafen, das stand die Mutter plötzlich mitten in der Nacht vor ihrem Bett und weckte sie lautstark: „Kommt Kinder, Ihr dürft laut sein, macht Krach!“
Voller Rachegefühl und Wut, sang sie laut: „Lalalalala“ und klopfte mit dem Besenstiel an die Zimmerdecke.
Britta wollte in ihr Bett zurück, aber da kam sogleich: „Sei nicht mimosenhaft, schau deine kleine Schwester an, die macht toll mit!“
Und so war es. Kathi fand es super! Einmal wach, kann man ja mal so richtig Remmidemmi machen. Sie sang lauthals mit und kreischte wie die Mutter. Aber es klang anders. Sie kreischte die Scham, ihre Verzweiflung und ihre Trauer laut hinaus. Das tat einfach gut.
Am nächsten Tag ging sie, zum ersten Mal ohne ersichtlichen Grund zu Frau Voigt. Diese war erstaunt. Sagte aber nichts und ließ sie einfach hinein. „Möchtest du einen Kakao?“
Oh, was tat das gut! Diese stille und vornehme Frau war nun die zuvor erträumte Wohltat für sie. Ganz still saß Kathi am Tisch, trank ihren Kakao und biss in den runden De Beukelaer mit Schokolade zwischen den zwei Kekshälften. So oft wünschte Kathi sich, dass die Mutter wie Frau Voigt sei, damit sie immer stolz sein konnte. Dabei lästerte die Mutter gemein über Frau Voigt, wenn sie sie zum Geburtstag eingeladen hatte, wie steif und vornehm sie doch sei. Kathi verstand es nicht, dass die Mama mal so schön und verführerisch sein konnte, dass alle sie anhimmelten. Dann bekam sie alles, was sie wollte. Und plötzlich, warum auch immer, war sie hysterisch, warf Teller gegen den Papa, knallte Türen oder den Telefonhörer auf, schrie herum und zeigte sich komplett überfordern. Es war schwer, sich darauf einzustellen, es zu begreifen.
„Kinder, ich habe zur Versöhnung unsere Nachbarin Frau Radlowski und ihre Söhne zum Kaffee eingeladen. Macht Euch schön!“
Die Schwestern mussten ihre Sonntagskleider anziehen und die Frau, die die Mutter wegen der Kritik so abgrundtief hasste, die sie in der Nacht zuvor terrorisiert und die Kinder mit eingebunden hatte, sollte nun mit ihnen Kaffee trinken. Das fühlte sich für Kathi nicht richtig an. Dieses oft paradoxe Verhalten der Mutter.
Es klingelte und der erwachsene Sohn Jens stand vor der Tür. „Meine Mutter kommt gleich nach, mein Bruder kommt nicht.“, sagte er nur ziemlich kühl. Kathi bat ihn in das Wohnzimmer, die Mutter brühte den Kaffee in der Küche auf. Nun saß sie da mit ihm allein in ihrem hübschen weißen Kleidchen mit grünen Stachelbeeren darauf. „Du bist ja süß.“, schmunzelte er. Sie hatte ihn vorher noch nie gesehen, vielleicht einmal von Weitem. „Komm doch mal auf meinen Schoß!“
Kathi tat es. Sehr schnell hatte Jens seine Hand in ihrem Höschen und fummelte an ihr herum.
„Was soll das? Ich will das nicht“, ging durch ihren Kopf. Herzklopfen vor Angst, dass Mama gleich reinkommen würde. Sie wusste nicht einmal, ob sie darüber froh sein sollte oder Angst haben musste. Nun, Kathi wusste vom Vater, wenn er bei ihr im Bett an ihr herumspielte, wie er das nannte, dass es niemals ein Mensch wissen durfte, auch nicht die Mama. So hatte sie jetzt einfach nur Angst. Die Mama kam mit der Kaffeekanne herein und blitzschnell zog Jens die Hand aus Kathis Hose.
„Warum sitzt meine Tochter auf Ihrem Schoß? Wo ist Ihre Mutter?“ Er setzte Kathi runter und sagte, dass die Mutter gleich kommen werde. Ein verkrampftes Kaffeetrinken, was die Wogen einfach nicht glätten wollte, folgte. Die Mutter ritt immer wieder auf ihrem Recht herum, laut sein zu können, wann sie wollte, und Frau Radlowski drang mit ihrem Wunsch nach dem Einhalten von Ruhezeiten nicht durch. Als sie gegangen waren, erzählte Kathi der Mutter, dass Jens in Ihre Hose gefasst hätte. Daraufhin trieb eine Zornesröte in das Gesicht der Mutter. Sie lief sofort die Treppen hinauf und klingelte Sturm. Kathi und Britta standen an der offenen Wohnungstür und lauschten in das Treppenhaus.
„Ihr Sohn ist ein Schwein! Nie wieder setzen Sie oder auch nur einer ihrer Söhne einen Fuß in unsere Tür! Wenn er sich noch einmal an meiner Tochter vergreift, dann sorge ich dafür, dass sie hier rausfliegen!“, schrie die Mutter lauthals, so dass das ganze Haus es mitbekam.
Britta flüsterte: „Das ist unsere Löwenmami.“
Kathi verstand nicht, was sie damit sagen wollte, aber sie fühlte sich stark und für den Moment geschützt. Im Herzen klang es nach: „Mama glaubt mir und scheint mich doch lieb zu haben.“
Ein besonderer Tag. Papa kam mit einem Kollegen und brachte eine Musiktruhe nach Hause. Mit Radio und dem magischen Auge. In der Truhe selbst konnte man mehrere Single Schallplatten hintereinander stapeln, die von ganz allein spielten!
Stundenlang saß Kathi davor und besah sich die Technik. Jede Platte, die anspielte, berührte sie in der Seele. Kathi hatte viel vom Papa bei den abendlichen Sperrmüllgängen gelernt, indem er mit ihr Radios, Fernseher und alles Mögliche nach Hause in seinen Bastelkeller schleppte, reparierte, probierte und schaute. Kathi war normalerweise ein hibbeliges Kind, aber in den Momenten konnte sie stundenlang ganz still etwas betrachten. Der Papa erklärte, wie es einmal funktioniert hat und wie es wieder funktionieren könnte, man muss nur lange genug schauen. Und als kleine Vierjährige fing sie bereits an, durch Zuschauen alles zu lernen, was für sie wichtig erschien. Hier entwickelte Kathi eine Engelsgeduld.
Die Mutter kannte sich mit keiner Technik aus und Kathi hatte diese Plattenkiste flugs durchschaut, deshalb durfte sie die Platten auflegen und das Gerät bedienen. Die Musik, die sie wirklich berührte, sang sie nach. In Verbindung mit der Musik, lernte Kathi blitzschnell die Texte. Eigentlich berührte sie alles, ob es Margot Eskens, Katharina Valente, Peter Kraus oder Nana Mouskouri waren. Sie sang und tanzte dazu, fühlte sich in einer anderen Welt, in der die Seele, die sich immer so hart anfühlte, ganz weich wurde, weich und leicht, wie eine Feder. Zum ersten Mal beglückte sie etwas wirklich und durchdringend: „Musik“.
Musik mit all ihren unterschiedlichen Schwingungen und Botschaften. Die Musik schaffte unsichtbare Mauern um sie herum, die sie schützten. Eine Welt mit dem Gefühl von Sicherheit, Wärme und Freude.
Kathi ging schon länger zum Ballett, war fast täglich im Turnverein, denn der Papa war ehrenamtlicher Aushilfstrainer. Hier mussten Britta und Kathi die Vorzeigemädchen spielen. Flickflack vom Kasten, Geräteturnen, Bodenturnen. Kathi fiel auf, dass der Papa die anderen Mädchen häufig mit diesem komischen Blick anschaute und wenn er Hilfestellung beim Überschlag oder vom Kasten gab, versuchte er sie zwischen den Beinen zu berühren. Das war ihr sehr unangenehm und sie konnte es gar nicht deuten. Warum machte er das? Selbst bei den Cousinen beobachtete sie seine gierigen und lüsternen Blicke. Die Angst, dass er ertappt würde, schien für sie unerträglich zu sein.
Auch beim Training trug Kathi einen Turnanzug mit Ärmeln bis zum Ellenbogen, damit wirklich niemand die durch die Mutter hinzugefügten Blessuren sehen konnte. Niemand! Der Schutz der Familie war ihr extrem wichtig und das einzige, was zählte. Sie wollte doch, dass alle glücklich sind!
Durch ihre Turnbegabung und dass die Eltern durch die Musiktruhe entdeckt hatten, wie schön ihre Tochter singen konnte, wurde Kathi dann ein wenig zum Vorzeigeäffchen. So fühlte sie sich zumindest. Egal ob Kollegen vom Papa, Freunde der Eltern oder Verwandtschaft, nun hieß es immer: „Kathi mach mal Handstand! Kathi sing doch nochmal etwas von Nana Mouskouri!“
Und sie tat es. Fühlte sich unter Druck, aber der Applaus und die Komplimente taten ihr gut. Und wenn sie sang, war sie woanders. Sie war einfach da. Ganz im Lied, getragen von der Melodie, gab sie ihre glockenklare Stimme zum Besten. Es war ein Sein und Fühlen im Hier und Jetzt, keine Schläge, keine Schreie, keine Ertränkungsgefühle, keine Wut, keine Übergriffe durch den Vater. Einfach nur Musik und ein Herz, das in diesem einen Moment bis hinauf zu den Sternen weit geöffnet war.
Nach Außen, da war diese vierköpfige Familie mit dem wunderschönen Elternpaar, entzückenden begabten Kindern, die Flöte spielten, sangen, turnten, Ballett tanzten, einfach nett. Und jedes einzelne Familienmitglied arbeitete an diesem Außenbild auf seine eigene Weise. Niemand durfte hinter die Kulissen schauen. Darin sah Kathi ihre Aufgabe, auch wenn Alpträume sie plagten. Es waren meist wiederkehrende Albträume, Einbrecher, die ihr Zuhause nahmen und die Mutter, den Papa sowie die Schwester töteten. Nur sie blieb unter dem Bett unentdeckt und wusste, dass sie verhungern und sterben musste. Und überall Blut. Dann wurde sie von ihrem eigenen Schluchzen geweckt.
Manchmal ergänzte sich der Traum, indem ein Mann kam, sie unter dem Bett hervorholte und sagte: „Vertraue mir, du bist in Sicherheit“, steckte seine Hand in ihre Hose und flüsterte: „Wenn du ganz still bist, passiert dir nichts.“ Der Mann sah mal aus wie der Jens von oben, mal wie der Organist der Kirche, der sie auch in der Realität häufig auf den Schoß nahm und besabberte und befingerte und mal sah er aus wie der Papa. Wie ihr geliebter Papa. Der sie vor der oft brutalen Mama beschützen wollte. Kathi hatte doch nur ihn! Der Preis war hoch. Aber das wusste Kathi damals nicht. Sie war ein Kind von fünf Jahren und all das war ihre Normalität. Nichts weiter.
PURE FREUDE
Ein tiefes Einatmen. Luft anhalten und spüren, wie sich die Luft im Brustraum ausbreitet, im Zwerchfell, im Bauch. Mit dem langen Ausatmen formt sie leise und doch kräftig einen hellen klaren Ton. „Mii_______“
Kathi, mit blonden, langen Korkenzieherlöckchen, den blauen Augen und einem so fröhlichen und liebenswerten Gesicht, steht eingereiht zwischen den Sopranstimmen neben ihrer Schwester. Britta sieht sehr schlank, ernst und hübsch aus mit ihren pechschwarzen, langen Haaren, die sie heute zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Stolz und zufrieden lässt Kathi den Ton klingen. Wie aus einem inneren Gefängnis schwebt er auf einer Wolke durch den kleinen, weit geöffneten Mund hinaus. Ein langer, wohlklingender, klarer Ton, der aus ihrem tiefsten Inneren kommt.
Oma und Opa waren selten zu Besuch zu Hause. Aber sie sagten schon früher, dass einmal etwas aus ihr werden würde, bei dieser wunderschönen Stimme.
Mama hatte tatsächlich nach Kathis sechstem Geburtstag im Hamburger Kinderchor der Hauptkirche St. Petri nachgefragt, ob ihre Töchter in den Chor könnten. Kathi tanzte sich inzwischen wöchentlich auf Spitzenschuhen in der Ballettschule Boter-Adam die Füße wund und blutig und hasste diese Schmerzen in den Füßen. Aber das sei normal, wenn man schon mit vier Jahren Spitzenschuhe bekomme. Sie ging täglich zum Turnen. Blockflöte spielte sie bereits und auch hier fiel den Eltern das bemerkenswerte musikalische Talent ihrer kleinen Tochter auf. Nun also auch noch Chor.
Kathi war furchtbar aufgeregt. Die Mutter zog ihr die Sonntagssachen an, weiße, kratzige, gestrickte Kniestrümpfe, einen karierten Faltenrock, eine weiße Bluse und eine Klubjacke mit Hamburgemblem und goldenen Knöpfen daran. Britta durfte etwas legerer gehen, sie war nun schon fast neun Jahre alt. Mit der U-Bahn einmal Umsteigen am Hauptbahnhof, bis Mönckebergstraße die U3. Die gelbe Linie. Dann durch einen langen Bahnhofsgang, Treppen hoch und vor ihnen ragte hoch hinaus die imposante Kirche St. Petri.
Mama kämmte Kathi noch einmal durch die Locken vor der Tür zum Gemeindehaus, was schrecklich ziepte und feuchtete ihre Hand mit Spucke an, um die Stirnlocken im Zaum zu halten. Dieser Geruch von Spucke, ob es das Taschentuch war, mit dem sie ihr die Mundwinkel oder Wangen versuchte, sauber zu machen oder die Haare zurückstrich, dieser Geruch, war für Kathi unerträglich. Ihr war häufig kurz vorm Sich-Übergeben, ein Ekelschauer lief ihr von den Zehen über den Rücken bis in den Nacken. Ein: „Mama, nein, bitte nicht“, wurde ignoriert.
So standen sie zum ersten Mal alle drei vor Frau Koller. Frau Koller war eine kleine Frau, die sehr selbstbewusst wirkte. Mittelblonder Kurzhaarschnitt und ein leicht gerötetes Gesicht, das großes Engagement und Begeisterungsfähigkeit ausstrahlte.
Kathi war immer noch vom Ekelgefühl der Spucke gebannt und ihr saß die Angst vor dem Vorsingen im Nacken. Sie wusste nicht, was auf sie zukam und das machte ihr Angst. Da sie die Kleinste, aber auch die Pfiffigste war, sollte sie beginnen.
Mama, wie immer wunderschön, mit schickem Kleid und moderner Frisur, setzte sich hinten mit Britta auf die Stühle. Kathi stand neben Frau Koller am Klavier. Frau Koller stimmte Töne an, die sie nachsingen sollte. Hohe Töne, tiefe Töne. lange, kurze. Je höher die Töne wurden, desto klarer wurde ihre Stimme, desto fester und doch weicher, melodischer, fließender. In dieser Form und mit diesem Gefühl, hatte Kathi das selbst noch nie erlebt.
Frau Koller ermutigte sie, spielte kleine hohe Melodien und Kathi folgte immer leichter, immer leidenschaftlicher, fröhlicher und inniger. Es gab kein Richtig oder Falsch.
Frau Koller fragte, ob sie denn ein Lied singen könne, aber vor Aufregung fiel Kathi gar nichts ein. Frau Koller stimmte auf dem Klavier: „Wenn ich ein Vöglein wär“ an und fragte, ob sie das nachsingen könne. Und ob. Kathi sang glockenklar und hell, dass selbst Mama vor Rührung zwei Tränen herunter kullerten, Britta den Mund geöffnet hielt und Frau Koller, nachdem der letzte Ton verklungen war, ergriffen der Mutter sagte, dass Kathi hier in jedem Fall richtig sei. Sie würde sich glücklich schätzen, wenn Kathi dabei sein könnte in ihrem Kinderchor der Hauptkirche St. Petri. Kathi hätte ein so gutes, musikalisches Gehör, dass es gar nichts ausmachte, dass sie nicht nach Noten singen könne.
Nun war Britta dran. Sie tat sich etwas schwer, weil sie, perfekt wie sie nun einmal war, nur nach Noten singen wollte und durch die Blockflöte könne sie es ja schon, im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester, die „nur“ immer nach Gehör spielte und sang. Doch Britta sollte auch nach Gehör singen, was für sie weitaus schwieriger war. Die Unterschiedlichkeit der Schwestern wurde wieder einmal hier sehr deutlich. Sie wurden beide im Chor angenommen.
Und nun, vier Wochen später, standen die Schwestern nebeneinander in der Reihe des ersten Soprans und sangen sich warm. In Kathi kehrte Ruhe ein. Dieses Gefühl beim Singen, diese Abwesenheit in der Realität, in anderen Ebenen schweben, die sich watteweich wie Wolken anfühlten, die alles vergessen ließen. Jeder Schmerz, körperlich oder seelisch, jede Angst vor Verlust, Hunger, das tiefe Gefühl der Einsamkeit… weggetragen auf Tonschwingen ins Nichts. Ein Fest. Ein Fest für die Seele. Es war ein inneres Ankommen. Freude in ihr. Pure Freude. Sie betete zum ersten Mal am hellichten Tage in sich selbst hinein, ganz leise und dankte Gott für dieses Gefühl, für diesen Tag. Für dieses Erleben.
Britta ging nur einige Male mit ihrer kleinen Schwester an der Hand in den Chor. Ihre Ängstlichkeit, allein mit der Kleinen U-Bahn zu fahren nahm zu und sie hatte keine große Freude am Chorsingen. Kathi wurde mit ihren sechs Jahren nun wieder die Große, die der älteren Schwester Mut machte. Sie bemerkte, dass Britta während der Halts mit zusammengekniffenen Augen auf die Schilder der Bahnsteige schaute. Wie sich später herausstellte, war sie ziemlich kurzsichtig. Nun waren die Beiden wieder so vereint, wie sie es früher oft als Schwestern waren, wenn die Mutter nicht da war und keinen Keil der Konkurrenz zwischen sie treiben konnte. Kathi merkte sich markante Punkte beim Einfahren des Zuges und die Länge und Spitzen der Buchstaben auf den Schildern. Britta hielt sie bei der Hand. Sie waren ein Team, das sich für kurze Zeit gegenseitig Halt gab.
Schon einige Wochen später durfte Kathi sich allein auf den Weg machen. Es gab jedes Mal am Ende der Stunde eine Fahrscheinausgabe durch Frau Koller für das nächste Mal. Ein gelber, kleiner Zettel mit Tagesstempel des Datums der nächsten Probe. Hiermit durfte man am Stempeltag sogar den ganzen Tag über in ganz Hamburg fahren. Für jede Probe gab es zwanzig Pfennig und für einen Auftritt zwischen 1,20 DM und 1,50 DM Gage. Das war eigen verdientes Geld und Kathi kauft sich stolz dafür Dauerlutscher, Süßigkeiten oder Pommes im Bahnhof nur für sich. Manchmal gab sie etwas davon ihrer Schwester als Preis, bei ihr im Zimmer sitzen zu dürfen.
Kathi fuhr nun ganz allein quer durch die große Hansestadt. Alle Ängste waren dahin und die Freude, endlich singen zu dürfen, unendlich groß. Das Singen begann ihr Leben zu verändern. Kathi wurde selbstbewusster.
Sie wusste schon sehr früh, dass sie unbedingt Sängerin werden wollte. Operettensängerin. Wenn der Papa hinter der Bühne am Hamburger Operettenhaus als Feuerwehrmann Theaterwache hatte, dann durfte sie bei nicht ausverkauftem Haus öfter kostenlos als Zuschauerin mit der Mutter und Britta dabei sein. Viel war Kathi nicht bekannt von den musikalischen Sparten, so war es nur logisch, dass es Operetten sein mussten, im Operettenhaus.
Eines Tages war sie allein zu Hause. Die Mutter schloss stets das Wohnzimmer ab, wenn sie nicht anwesend war und zeigte somit schon früh ihr Misstrauen den Kindern gegenüber. Das Telefon im grünen Telefonmäntelchen stand auf einem kleinen Telefonschrank am Eingang des Durchgangsesszimmers. Da die Kinder keine Dummheiten machen sollten und womöglich telefonieren könnten, gab es nun etwas ganz Neues: Ein modernes Telefonschloss. Die Nr. 112 konnte man im Notfall trotz des Schlosses wählen, das zeigte der Papa den Schwestern.
Die Mutter predigte schon sehr früh den Kindern, dass man nicht den Hörer abnehmen sollte, weil die Post mithöre. Das war sicher als Drohung gemeint, damit sie es nicht wagten, zu telefonieren. Aber nun, so ganz allein… wo sie doch Sängerin werden wollte… Die Post war für Kathi eine Institution, die alles ist - so wie Polizei, Feuerwehr, Behörden, auf jeden Fall etwas Offizielles, eben eine Behörde.
Also atmete Kathi tief ein und aus, sang sich ein wenig ein und nahm den Hörer ab. In das Tut-Tutut hinein, nannte sie brav ihren Namen und ihren Wohnort, sagte klar und deutlich, dass sie Operettensängerin werden möchte und sie hoffe, dass sie entdeckt werde. So sang sie in ihrer schönsten Weise das Lied, das sie oft auf der Schallplatte bei den Eltern gehört hatte: „Du bist die Rose vom Wörthersee.“
Für Kathi folgten Tage der inneren positiven Aufgeregtheit. Immer wieder scharwenzelte sie um die Mutter herum, wenn sie vom Briefkasten kam. Als die Mutter fragte, warum sie da nun ständig mit in das Treppenhaus zum Briefkasten lief, zuckte sie nur mit den Schultern und schmunzelte ein wenig konspirativ. Aber es kam leider kein Brief von der Post, der sie berühmt gemacht hätte. Das war dann erst einmal für sie erledigt. Vorerst.
Weihnachten nahte und Kathi freute sich sehr darauf. Denn dieses Mal sollte es anders werden. Das übliche Weihnachten zu Hause war bisher verbunden mit Gedichten aufsagen, Weihnachtsmännern, die Angst machten und einer Mutter, die in getragener Stimme die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorlas: „Und es begab sich aber zu der Zeit…“
Es war furchtbar langweilig. Das gemeinsame Singen in Ordnung. Am schönsten war es, wenn Kathi ganz allein „Maria durch ein Dornwald ging“ singen durfte. Dann saßen alle still und gerührt da und Kathi fühlte Stolz, Freude und Liebe in sich. Sie musste aber leider trotzdem meist mit Britta zusammen die nicht wirklich geliebte Blockflöte spielen. Dieses Weihnachten war das erste Mal Singen in der Hauptkirche St. Petri. Es wurde im Chor viel geprobt für das berühmte Quempas-Singen.
Heiligabend am Nachmittag. Die Menschen standen Schlange vor der Petrikirche. Die Kirche war überfüllt, Klappstühle wurden dazu gestellt. Und die Chorkinder warteten aufgeregt hinten im Kirchenschiff neben dem Haupteingang im Probenraum. Die Chorkinder kamen auf ein Zeichen von Frau Koller in Zweierreihen von hinten durch den Hauptgang in die Kirche. Mit ihren schönen, bis zu den Füßen reichenden schwarzen Gewändern und den weißen Krägen, einem langen, weißen Holzstab mit Kerzenhalter und einer brennenden Kerze in der äußeren Hand. Sie schritten langsam und andächtig zur feierlichen Eingangsmusik von hinten durch den Mittelgang nach vorn in das Kirchenschiff zum Altar, wo die große prachtvolle Krippe aufgebaut stand. Das langsame Schreiten fiel allen Kindern schwer, das sah man. Aufgeregt und voller innerer Freude wurde der feierliche Gang zu einer echten Herausforderung. Selbst für die routinierteren Kinder.
Kathi nahm währenddessen wahr, wie die älteren Besucher am Rande der Bank sitzend, mit Tränen der Rührung in den Augen flüsterten: „Wie Engelchen!“, und versuchten noch kurz ein leichtes Streicheln am Ärmel. War das schön! Vorn angekommen, teilten sich die Chorkinder in Vierergruppen auf und schritten andächtig auf ihre Plätze. Links und rechts sowie in der Mitte auf der Empore die größeren, vorn an der Krippe im Hauptgang blieb Kathi mit der Gruppe der Kleinsten für den letzten Quempassatz. Dann ertönte von der Empore links: „Den die Hirten lobeten sehre“, rechts: „und die Engel noch viel mehre“, Mitte oben: „Fürcht euch fürbaß nimmer mehre“ dann an der Krippe unten (Kathi sang immer ein wenig lauter…) „euch ist geboren ein König der Ehrn“. Gemeinsam erschallte der Refrain aller Gruppen: „Gottes Sohn ist Mensch geborn.“ Dieses war einmalig und neu in Hamburg. St. Petri wurde zum beliebtesten Weihnachts-Gottesdienst durch dieses Quempassingen. Es kam von der Beliebtheit her sogar noch vor dem großen Weihnachtsfest im Hamburger Wahrzeichen, dem Michel.
Danach gingen alle glückselig nach hinten in den Probenraum, denn jetzt gab es einen Imbiss für die Chorkinder und die Angehörigen. Der Vater hatte Dienst. Die Mutter und Britta waren bei dem Gottesdienst dabei und schauten sich nach Kathi um. Kathi freute sich auf die heiße Wiener Knackwurst, aber nicht auf das ganze Drumherum mit den Anderen, mit Mama und Britta, denn in ihrer Anwesenheit spürte sie wieder die Einsamkeit in der Dreierkonstellation und die angespannte Hab-Acht-Haltung in ihr, was man Kathi zu ihrem Bedauern auch äußerlich ansah. In dem Fall sagten dann irgendwelche Kinder oder Erwachsene zu ihr: „Nun verhalte dich mal ruhig und nicht so hektisch.“ Die tiefe Einsamkeit verstärkte sich dadurch noch. Mit dem Gefühl der Verlassenheit, nicht dazuzugehören, immer schüchtern, verlegen und nervös stand sie dort herum. So unruhig und zappelig. Zumindest empfanden andere es so.
Heute, am Heiligabend, kam Kathi die Intuition zu Hilfe. Sie wuselte sich durch die Menschenmengen zu Frau Koller hindurch und fragte, ob sie denn nicht helfen könne beim Würstchen ausgeben. Frau Koller fand das sehr aufmerksam und freute sich aufrichtig. Kathi bekam ein Geschirrtuch dreieckig um die schmalen Hüften und die Lockenpracht zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Sie stand hinter aufgestellten Tischreihen, lächelte charmant und fühlte sich wie eine große Kellnerin. Keine Einsamkeit. Vollends war sie beschäftigt, Würstchen mit einer Zange auf einen Pappteller zu legen, der groß und gebogen auf ihrer kleinen flachen Hand lag. Senfklecks dazu und eine Scheibe Weißbrot. Alle waren hungrig. Alle wollten etwas von ihr. Und sie musste nicht einmal Angst haben, dass es einen Nackenschlag gibt, wenn etwas herunterfiel.
Unter den Tisch hatte sie einen kleinen Hocker geschoben, darauf stellte sie ihren Teller mit Würstchen, bückte sich blitzschnell und biss zwischen Essensausgabe und Lächeln hinein. Sie war sich sicher, dass es keiner bemerkte, schon gar nicht, dass es ein paar Würstchen zu viel waren, bis ihr wirklich übel wurde. Übel, aber glücklich. Das war paradiesisch!
Alle drei fuhren mit der U-Bahn nach Hause. Die Mutter verzichtete das erste Mal und zur Freude der Kinder, auf das Lesen der Weihnachtsgeschichte, da das bereits durch den Pastor in der Petrikirche geschehen war. Ohne angsteinflößenden Weihnachtsmann. Sie durften schon vom bunten Teller naschen, auf den sich die Schwestern seit Tagen freuten. Leider war Kathi immer noch übel. Der Papa kam irgendwann dazu, sie sangen wie immer die Weihnachtslieder, spielten Blockflöte und packten endlich die Geschenke aus. Dabei ging an diesem Heiligabend ein langersehnter Wunsch in Erfüllung: Ein ganzes Stück Käse, ganz für sie allein. Nicht wie sonst, in Scheiben geschnitten, durch die man Zeitung lesen kann, wie der Vater stolz erklärte. Kathi konnte einfach reinbeißen! Wenn ihr doch bloß nicht so schlecht gewesen wäre.
An diesem Heiligabend war die Welt in Ordnung. Glückselig mit einem Glas Glühwein. Den durften die Schwestern, obwohl sie sehr jung waren – verdünnt versteht sich – an Heiligabend trinken. Glückseliger Dusel, einschlafen ohne Einsamkeit, ohne Weinen, ohne Ängste, einfach so. So wie Kathi wie ein Engelchen gesungen hatte, so schlief sie auch ein. Und kein Mensch hätte in diesem Moment glauben können, dass sie draußen auf dem Hof oder im „Schulkindergarten“ ziemlich heftig die Jungs verprügelte.
TROTZ UND MISSTRAUEN 1967
„Kathilein, komm doch mal bitte her, ich muss mit dir sprechen.“ Wenn die Mutter in diesem freundlichen Ton sie mit dem Spitznamen ansprach, dann war etwas im Busch. Aber was? Was wollte sie? Kathi ging langsam, zögerlich, wie eine geprügelte Katze auf die Mutter zu. „Komm, setz dich mal auf meinen Schoß.“ Sie strich dabei Kathi über die Wange. „Was ich dir jetzt sage, darf dich nicht erschrecken, ich weiß, dass wir dir etwas versprochen haben. Bisher konnten wir dich bei Oma, Tante Ruth oder Tante Gertrud unterbringen, wenn Papa und ich allein sein wollten, aber nun ist es etwas Anderes.“
Kathi wurde flau im Magen. Die Aufenthalte bei Oma und den Tanten waren fremd, aber schön. Lieb, genug Essen, keine Schläge, kein Papa, der sich abends neben sie legte, obwohl sie seine Arme und den Schutz durchaus vermisste. Auch war sie inzwischen mal wieder im Krankenhaus mit einer Nebenhöhlenentzündung und Bronchitis gewesen.
Zehn Tage. Rotlicht im Gesicht, Inhalieren, schönes Bett, tolle Zimmerkameradinnen, nette Schwestern. Kathi fing an, aus sich herauszukommen, wenn sie sich einigermaßen sicher und gemocht fühlte. Manche fanden sie dann schon etwas frech. Aber so war sie eben. Das war der Übermut, die Freude über dieses doch seltene Glück, sich angenommen zu fühlen.
Und nun saß sie auf Mamas Schoß, die ihre Wange tätschelte und ihr verkündete, dass sie doch wieder verschickt werden müsse. Mit ihrer Bronchitis, was sich zum Asthma auswuchs, sollte sie wieder an die Nordsee. Dieses Mal nach Westerland zur Kur.
„Mama, nein, bitte nein! Du hast es versprochen!“ Für Kathi brach eine Welt zusammen. Die Angst, ihr Zuhause zu verlieren, all das, was sie auf der ersten Verschickung erlebt hatte, war wieder lebendig. Es rauschte in ihrem Kopf, sie schluchzte und der Mama brach es fast das Herz, denn das tat ihr wirklich leid. Aber warum das wirklich sein musste, das war für Kathi nicht zu verstehen.
Es ging alles sehr schnell. Zwei Tage später wurde Kathi in den Zug gesetzt mit einer Betreuerin und einigen anderen Kindern und dann ging es los.
„Ich schlucke meine Tränen runter. Ich zeige nichts. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Kathi dachte vollkommen diffus. Auch verstand sie nicht, warum Britta und sie immer getrennt wurden. Nie konnten sie zusammen irgendwo sein, wo Britta doch ihr ein wenig Vertrautes, ein wenig Halt gab.
Angekommen, kam Kathi in ein Zimmer mit sechs Betten. Sie fühlte sich einsam und wollte einfach nur nach Hause. Heimweh war für sie ein schreckliches und schmerzhaftes Gefühl.
Morgens gab es Suppe. Suppe die nach Vanille oder Schoko schmeckte. Das war sooo lecker und großartig. Das Essen war toll. Auch die dicke Köchin, zu der sie gern durch den Hintereingang von außen ein paar Stufen herunterlief, war mütterlich und nett, gab ihr einfach mal ein paar Naschereien. Sie erinnerte sie an Frau Star, zu der sie schon länger nicht mehr gegangen war.
Es folgten Inhalationen, Turnen, Strandspaziergänge. Eine schöne große alte Villa, fast wie ein Schloss, mit Innenhof in dem es Saft aus Plastikbehältern an den Wänden gab. Oder kaltem Tee. Und ein paar Stufen herunter zum Meer. Kathi hatte nichts auszustehen. Aber in ihr wuchs ein unbändiger Trotz, gegen alles. Gegen die Mutter, den Vater, gegen die Welt. Für sie war es Verrat. Richtiger Verrat!
Sie hatte noch nie etwas verraten. Nicht, woher die Blessuren an ihrem Körper kamen, nicht die Hungerbestrafungen, nicht das stundenlange in der Ecke Stehen, ohne den Kopf zu drehen. Oder dabei in die Hocke gehen zu dürfen, oder auch nur ein Wort zu sprechen.
Verrat. Verrat. Verrat.
Kathi trat ohne Vorwarnung dem einen oder anderen Jungen gegen das Schienbein. Schon war sie in Raufereien verwickelt. Heftigst. Mit Fäusten bearbeitete sie ihr jeweiliges Opfer, bis eine Betreuerin sie auseinanderriss.
„Katharina, was ist denn in dich gefahren?“
Wenn sie das nur wüsste. Nur unbändige Wut und Verzweiflung spürte sie.
Aber sie merkte, dass es ihr guttat. Dampf, der irgendwie raus musste. Sie zog den Stuhl unterm Hintern weg, wenn sich ein Kind hinsetzen wollte, schlug mit dem Suppenlöffel auf den Kopf von irgendwem. Dass das nicht ohne Folgen blieb, hätte sie mit ihren sechs Jahren ahnen können.
Kathi musste zum Direktor des Hauses. Er fragte, was denn in sie gefahren sei und Kathi erwiderte nur immer wieder, dass sie nach Hause möchte.
„Wenn du dich weiterhin so aufführst und dich nicht sofort anständig benimmst, wirst du nach Hause geschickt, und zwar sofort!“ War das die Antwort, die sie hören wollte? Das kam überraschend.
Gut. Das war in Ordnung. Sie ging wortlos zur Tür, drehte sich um und spuckte, so wie sie es bei den Jungs schon häufiger gesehen und auch heimlich beim Weitrotzen geübt hatte, in Richtung des Direktors. War aber nicht weit genug.
Er war fassungslos. Ein so zauberhaftes Mädchen, das sich so verhielt? Was war da bloß schiefgelaufen? Kathi wurde ins Bett geschickt.
Frühstück aß sie wieder richtig gerne. Kathi hatte schon von einer Betreuerin gehört, dass Sachenpacken angesagt wäre, da die Mutter auf dem Weg sei, um sie abzuholen.
Juchhu, das Herz jauchzte in ihr! Kathi war glücklich.
Die Mutter nahm sie ziemlich unwirsch an die Hand, ärgerlich über die weite An- und Rückreise und die damit verbundene Arbeit und Zeitverschwendung. Aber es mischten sich durchaus andere Gefühle darunter. „Habe ich nicht auch ein bisschen Schuld, weil ich das Kind dorthin geschickt habe? Wäre ein Psychiater nicht doch besser gewesen, die Verschickung damals zu verarbeiten?“
Trotzdem musste sie im Zug natürlich schimpfen. „Wie kann das nur sein? Drei Tage hast du es nur ausgehalten? Wir haben dir extra etwas Schönes ausgesucht!“ Kathi schwieg und starrte aus dem Zugfenster.
„Britta ist ja da!“ Verwundert begrüßte sie ihre geliebte große Schwester. Ein Gefühl von Zuhause in ihr, aber auch ein Gefühl, von Nichtverstehenkönnen, warum Britta nicht wegmusste. Immerhin hatte Britta ihre Eltern ganz für sich allein? Sonst mussten sie doch alles teilen. Kathi trug die alten Sachen von Britta auf. Wenn Besuch kam, wurde die Tafel Schokolade geteilt. Aber in Trauer, in Strafe, in Verlassenheit waren sie jede für sich ganz allein.
Papa war mittags gekommen. Es gab Pfannkuchen, Kathis absolutes Lieblingsessen. Kam noch vor Milchreis.
„Was war denn los, Kathi, warum warst du so ungezogen in Westerland?“
Kathi wusste nicht, was sie sagen sollte, denn sie wusste es ja irgendwie selbst nicht.
Diese Frage passte der Mutter überhaupt nicht, ihre Nerven waren wieder sehr angespannt. „Was soll die Frage? Es klingt ja beinah so, als wenn du das für gutheißt, Hans! Sie braucht eine Tracht Prügel, um wieder zur Besinnung zu kommen!“
Bei diesem Satz zuckte Kathi zusammen. Der Vater wollte beschwichtigen, aber die Mutter ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. „Mach das du in dein Zimmer kommst, Hans! Zu essen gibt es nichts für dich!“
Der Vater stand wortlos auf. Er sah sehr traurig aus und ging in sein Bastelzimmer, wo er all die Flaggen und Mitbringsel aus seiner Seefahrtzeit hängen hatte, die ihm Trost spendeten und die Sehnsucht nach Meer und Freiheit aufrechterhielten. Kathi blieben die Pfannkuchen im Halse stecken. In einem unbemerkten Moment warf sie ihren Pfannkuchen auf den Schoß ihrer kleinen bunten Flügelschürze. Nahm sich einen neuen vom Teller, der in der Tischmitte mit vielen fertigen Pfannkuchen stand und schlang in sich hinein. Während sie aß, stopfte sie mit einer Hand ganz vorsichtig den Pfannkuchen in die Tasche der Schürze. Das hatte sie schon öfter heimlich mit sehr fettem und ekligem Fleisch vom Eisbein oder Grützwurst getan, denn es musste aufgegessen werden, sonst durfte man nicht aufstehen. Sie hatte es einmal getestet und saß über fünf Stunden vor dem fetten Fleisch. Seitdem tat sie so, als ob sie kaute und spuckte das Fett unbemerkt in die Hand und ließ es dann flink in der Schürzentasche verschwinden.
Eilig trug sie das Geschirr in die Küche. Während Mama und Britta noch diskutierten, wo der Abwasch und wo das trockene Geschirr diesmal stehen sollten, weil alles mal wieder voll stand, schlich Kathi sich zu ihrem Papa. Strahlend stand sie in der Tür, mit Stolz sagte sie: „Papa, ich habe für dich einen Pfannkuchen aufbewahrt!“, nahm den zermatschen Pfannkuchen ganz vorsichtig heraus. Sie bedauerte, dass weder Zimt und Zucker noch Apfelmus dabei waren. Die Enttäuschung war ihr anzusehen, als der Papa sagte, dass es lieb sei von ihr, aber er keinen Hunger hätte. Sie konnte gar nicht verstehen, wieso er keinen Hunger hatte! Traurig und unsicher legte Kathi den Pfannkuchen auf seine Bettcouch und lief schnell zurück in die Küche.
Sie fühlte sich so nah mit ihrem Papa, hatte so viel Mitleid, immer wenn das geschah. Sie beide hatten einen schweren Stand bei der Mutter. Im Vergleich zu Britta, die immer still war und nie Widerworte gab. Britta versteckte sich häufig und hoffte, nicht gesehen zu werden. Aber auch sie bekam hin und wieder Prügel von der Mutter.
Kathi hatte wegen ihres schlechten Benehmens, wie die Eltern es nannten, Stubenarrest. Zum Glück musste sie nicht in der Ecke stehen, sondern nur in ihrem Zimmer ausharren. Sie verstand nicht, warum sie erst ihr Lieblingsgericht bekam und danach Bestrafung.
Samstag. Papa hatte wieder Dienst.
Die Kinder durften in die Badewanne. Britta war schon neun Jahre alt und die Mutter hielt sie für zu groß, um mit der kleinen Schwester zusammen zu baden. Erst durfte Britta baden, dann stieg sie heraus, alles dampfte und Kathi legte sich in die Wanne und ließ viel warmes Wasser nachlaufen. So herrlich war das, in diesem lauwarmen, schon etwas schmutzigem Wasser, frisches heißes nachlaufen zu lassen. Eine halbe Badebrausetablette, die Britta ihr übriggelassen hatte, die soo gut nach Fichtennadeln duftete, löste sich langsam an ihren Füßen ganz kribbelig auf. Das war schön. Reinigung, Wärme. Kathi genoss es sehr. Wenn das Wasser immer heißer wurde, bekam sie davon eine Gänsehaut. Sie spürte sich. Sie fühlte sich lebendig.
„Kathi, bist du so weit, dass wir Haare waschen können?“, rief die Mutter aus der Essdiele. Der Zauber war vorbei. Nun kam wieder das grobe Haarewaschen, wo die Augen so schrecklich brannten. Die Mutter baute sich vor der Wanne auf und Kathi tauchte rückwärts mit den Haaren unter, um die Haare nass zu machen. Dann schnell den Waschlappen vor die Augen gedrückt, so hatte sie es mal im Friseursalon Meier gesehen, wo Mama zur Kaltwelle ging. Da bekam sie immer einen weißen Waschlappen beim Haarewaschen auf die Augen. Kathi war stolz, sich das gemerkt zu haben, denn so war das Brennen in den Augen erträglicher.
Die Mutter massierte den Kopf und es ziepte in dem langen lockigen Haar. „Aua! Es brennt, es brennt so in den Augen!“, Kathi wollte schnell Wasser für die Augen nachlaufen lassen.
Aber die Mutter kochte innerlich. Wieder lief alles aus dem Ruder und dieses störrische Kind machte nie, was es machen sollte. So packte sie nicht nur die Wut, sondern auch den Nacken der kleinen Kathi und drückte sie mit dem Kopf unter Wasser und schimpfte dabei unentwegt.
Kathi kämpfte. Kathi packte nackte Angst. Drückte sich hoch, zappelte mit den Armen, prustete. Doch der eiserne Griff der Mutter ließ kein Entkommen zu. Da besann sie sich in all der Panik auf ihre Technik, die sie immer wieder mit Britta geübt hatte: „Wer kann länger unter Wasser die Luft anhalten?“ Kathi ließ bewusst und plötzlich los, so wie sie es zigmal geübt hatte. Sie hielt still die Luft an, das Gekeife der Mutter drang wie dumpf wie durch Watte zu ihr durch. Im Kopf rauschte es, ihre Arme wurden locker, keine Gegenwehr mehr. So verharrte sie sekundenlang.
„Kathi! Kathi! Was ist?“ Die Mutter riss schnell ihr Kind hoch. „Oh Gott, was habe ich getan, oh Gott, was habe ich gemacht?“ Sie war außer sich, während Kathi schlapp halb in ihren Armen, halb über dem Wannenrand hing. Instinktiv blieb sie in der Haltung, schnappte aber nun kräftig nach Luft.
Der Papa war zum Dienst, kein Beschützer da. Mama rief nach Britta. Britta kam aufgeregt herangeeilt, sah erfasste die Situation.
„Hilf doch mal, Kathi aus der Wanne zu ziehen!“, bat die Mutter sichtlich verstört. Mit vereinten Kräften holten sie sie raus. Kathi hustete und war rot angelaufen im Gesicht. Es war eine wirkliche Leistung gewesen, so lange die Luft anzuhalten, aber sie hätte es sogar für länger, wenn nicht sogar für immer getan.
FÜNFZIG PFENNIG
Kathi mochte die Schule nicht besonders. Sie durfte mit sechs Jahren nicht eingeschult werden und musste in den Schulkindergarten, weil sie Linkshänderin war und auf rechts umerzogen werden sollte. Sie fühlte sich damit oft anders, am Rande. Eine weitere Verschickung war erfolgt. Dieses Mal mit den Eltern, die sich freiwillig gegen einen Obulus als Betreuer dem Jugendhilfswerk zur Verfügung stellten. Die Mutter war gelernte Kindergärtnerin und der Vater konnte als Turnlehrer von Kinder- und Jugendgruppen im Sportverein und somit mit pädagogischen Erfahrungen aufwarten.
„Dann wird Kathi es nicht so schwer haben, es ist ja kein Vertrauensbruch“, dachte die Mutter. Aber leider konnte sie auch bei der Verschickung nicht aus ihrer Haut. Sie blieb, wie sie war: Besonders streng zu ihrer Tochter. Häufig stellte sie Kathi in die Ecke, wenn die anderen Kinder schlafen mussten oder auch spielten. Britta war bei der Tante untergekommen.
Kathi spürte einen enormen Druck in ihrer Brust. Sie konnte kaum atmen. Ihr Asthma wurde schlimmer und sie fühlte sich verraten. So viele Bestrafungen durch die Mutter vor den anderen Kindern? Das war kaum auszuhalten. Aber sicherlich wollte sie es besonders gut machen. Oder sollte es anderen Kindern eine Warnung sein? Wenn sie schon so schlimm mit der eigenen Tochter war. Was tat der Vater in dieser Zeit? Kathi wusste es nicht. In jedem Fall half er ihr nicht. Sie bekam ihn dort in dem Schullandheim in Wedel kaum zu Gesicht. Und wenn, hielt er sich aus allem heraus, was die Mutter entschied oder tat.
Und nun diese verdammte Schule. Kathi wurde von den Lehrern gemocht, das spürte sie. Obwohl sie sich oft so konträr verhielt. Wenn ihr ein Thema Spaß machte, machte sie mit, meldete sich hin und wieder sogar und es war gut.
Aber wenn sie etwas nicht interessierte, saß sie nur da, träumte aus dem Fenster und wirkte eher teilnahmslos und zurückgezogen. Sobald die Pausenglocke läutete, stürmte sie mit den Jungen nach draußen.
Warum sie so oft in Prügeleien verwickelt war? Sie wusste es nicht. Aber dieser Kick, dieses Adrenalin, was ihr auch zu Hause immer wieder durch die Adern schoss: „Bekomme ich Prügel? Wie fühlt sich Mama heute? Hab ich heute genug zu essen? Wird der Papa wieder in mein Bett kommen? Streiten sie sich wieder? Werden sie mich allein lassen? Wie überstehe ich die Nacht mit den Albträumen?“
Das machte etwas mit ihr. Und wenn sie frech war, jemanden ein Bein stellte, ihn anspuckte oder schubste, dann war da wieder das vertraute Gefühl. Das Gefühl von Hitze und Kälte gleichzeitig, von Angst, die lähmte und mobilisierte, von Aufregung, die nur ihr Ventil im blinden Aktionismus fand. Es waren oft die kleineren Jungen. Mädchen schlug sie nie. Häufig wurde sie auf dem Schulhof eingekesselt von anderen Jungen und manchmal gesellte sich auch ein Mädchen dazu und sie skandierten: „Kathi, Kathi, hautse, hautse, immer auf die Schnauze!“
Und manches Mal wurde ihr schwarz vor Augen, vor Angst, vor Schmerz, vor… ja was eigentlich? Es fühlte sich ähnlich an, wie damals, als Dieters Bruder sie mit der Faust an der Schläfe traf und sie in Ohnmacht fiel. Bei den Schlägereien war es nur kurz davor, aber es fühlte sich ähnlich an.
Im Unterricht machte sie Blödsinn. Mit Krampen aus Papier schießen, eine Wasserpistole einsetzen oder mit dem Stuhl kippeln. Sie hatte inzwischen einen Einzelplatz ganz hinten. Und wenn es ganz arg wurde, flog sie raus. So ein Tag war gerade mal wieder. Sie stand draußen vor der Klassenzimmertür, durfte sich nicht entfernen und langweilte sich. Dieses Gefühl, ausgesperrt zu werden, kannte sie. Es hatte für sie keinen Schrecken mehr. Hier vor der Klassentür passierte ihr nichts und die Stille war irgendwie unerträglich, aber auch gut. Sie versuchte leise in ihrem Kopf und im Herzen zu singen. Das beruhigte sie und tat gut. Der Chor war das, worauf sie sich in der Woche freute. Oder, wenn sie singen konnte und sie niemand hörte. All die Schlager der Langspielplatten von der Mutter. So sang sie innerlich gerade „Heißer Sand“ von Mina. Aber es wollte nicht so trösten wie sonst. Sie schaute sich aus Langeweile alle Jacken an, die an der Garderobe hingen.
Dann griff ihre Hand wie von selbst in die Jackentasche der ersten Jacke. Es war pure Neugierde, was wohl darin sein könnte. Ein vertrautes Gefühl von Aufregung, der Angst, dass es jemand sehen könnte. In diesem Gefühl, diesem wohlvertrauten und doch ebenso schrecklichem Gefühl, verharrte sie und ging systematisch jede Jackentasche durch. In einer Jacke fand sie eine wunderschöne, schillernde Glasmarmel, die nahm sie schnell an sich und steckte sie in ihre selbst gebügelte Lastexhose.
Das spezielle Bügeln hatte der Papa ihr gezeigt. Wenn die Hose nach dem Schleudern noch nass war, wurde sie auf Bügelfalte aufeinandergelegt und unter der Matratze gerade mittig ausgerichtet, dann war sie am Morgen wie durch Zauberhand nur vom Schlafen gebügelt und hatte eine glatte Falte in der Mitte. Sie liebte diese Steghosen, auch wenn sie dieses klamme, feuchte Etwas morgens nicht gern anzog. Manchmal dauerte es bis zur fünften Stunde, bis sie am Körper getrocknet war.
Und nun verschwand die Marmel in der Hosentasche. Damit sie sich nicht abzeichnete, wurde geschwind ein zerknülltes Stofftaschentuch hinzugestopft. In einer blauen Jacke, ihr Herz pochte laut, fühlte sie ein Geldstück. Sie schaute sich nach allen Seiten um. Es war ein Fünfzigpfennigstück! Schnell steckte sie es ein, da läutete auch schon die Pausenglocke und die Kinder stürzten laut grölend aus dem Klassenraum. Keine Zeit, nachzudenken, es zurückzustecken. Das Herz klopfte am Hals ganz deutlich und laut. Sie erinnerte sich trotzig an die Eltern. Wie oft hatten sie immer nur schlecht von ihr gedacht? Wie oft wurde ihr gesagt, dass sie lüge? Wie oft hatte sie zu Unrecht Prügel bezogen? Kathi blieb eine Situation in Erinnerung, die sie nicht mehr losließ.
Es war bestimmt schon ein Jahr her, die Mutter hielt Mittagsschlaf. Auf einem kleinen Tischchen in der Essdiele lagen Mutters gesammelte Fünfzigpfennigstücke für die Waschmaschine im Keller. Sie wusste nicht, wie viele es waren, aber nie, niemals hätte Kathi trotz Hunger und Sehnsucht nach etwas Süßem ein Stück entwendet. Niemals!
Nachdem die Mutter wach war und sie die Münzen durchgeschaut hatte, schrie sie: „Kinder! Beide! Kommt sofort hierher!“
Kathi und Britta standen vor dem Tischchen und Kathi lief es heiß-kalt vor Angst durch den Körper. Britta stand ganz still da, man hörte nicht einen einzigen Atemzug von ihr.
Als wenn sie nicht da sei, so wie meist. Mama schaute beide durchdringend an: „Sagt die Wahrheit, wer von Euch hat ein Fünfzigpfennigstück gestohlen?“
„Ich nicht“, schoss es sofort aus Kathis Mund.
„Ich auch nicht“, antwortete Britta still.
Die Mutter packte Kathi am Oberarm und drückte fest zu. „Sag die Wahrheit, Kathi und gib das Geld zurück, dann passiert dir nichts weiter!“
„Ich war es doch aber nicht, Mama!“, weinte Kathi verzweifelt.
„Du lügst, sag die Wahrheit!“ Und die Mutter drückte weiter zu, die Fingernägel bohrten sich in ihren kleinen Oberarm. „Bis das Blut spritzt!“, schrie die Mutter erregt.
„Mama, bitte nicht, weinte nun Britta.“
Kathi biss die Zähne zusammen, sie wollte ehrlich bleiben, sie wollte es aushalten.
So oft hatte sie auch vor Brittas Augen geübt, Schmerz auszuhalten. Der Vater sagte hin und wieder zu ihr: „Indianerherz kennt kein Schmerz.“
So übte sie mit dem Kopf immer wieder gegen die Wand zu schlagen, dass sie keine Kopfschmerzen bekam, für den Fall, dass die Mutter ihr auf den Hinterkopf schlug oder Backpfeifen gab. Sie haute Arme und Beine gegen die Wände, um keine Schmerzen mehr zu empfinden. Manchmal brach sie sich den ein oder anderen Knochen, Finger oder Fuß und wusste nicht, ob es von den Übungen oder durch die Misshandlungen der Mutter ausgelöst wurde. Die Schmerzen kamen oft später oder gar nicht.
Brittas erschrockenes und die Ausrufe beim Üben spornten sie noch an und Kathi war stolz darauf, so viel ertragen zu können.
Doch jetzt, dieser schreckliche Schmerz im Oberarm, das Blut lief langsam zum Ellenbogen, weiter über den Unterarm herab und tropfte vom Handgelenk auf den Boden, da ertrug sie es nicht länger. Keine Übung darin, diesen Schmerz auszuhalten. Kathi schluchzte: „Ja, Mama, ich war es, ich habe das Geld genommen.“ Sofort lockerte sich der Griff und Kathi atmete tief durch.
Dieses Erlebnis hatte sie nie vergessen. Sie wurde gezwungen zu lügen! Kathi gestand etwas, was sie nie getan hatte. Und Britta steckte ihr später das Geldstück zu, damit sie es zurückgeben konnte.
Das ging Kathi durch Kopf und Herz. Die Mutter war sich doch sowieso sicher, dass sie stiehlt, dachte sie trotzig. Also warum sollte sie es dann nicht auch tun? So, hatte sie einen neuen Zeitvertreib, wenn sie aus dem Klassenzimmer flog: „Jacken kontrollieren“.
Kathi war die absolute Außenseiterin, aber mit bestimmten Aktionen machte sie auf sich aufmerksam. Sie schoss in der Pausenhalle häufig mit dem Turnbeutel die Deckenlampen kaputt. Die Haftpflichtversicherung ihrer Eltern schrieben regelmäßig Mahnungen.
Am Ende des zweiten Schuljahres standen zwei Sätze im Zeugnis, die ihr Schulleben bestimmten: Kathi ist eine Träumerin. Kathi prügelt sich häufig auf dem Schulgelände, anbei die Unfallprotokolle.
Kathi brauchte Steigerungen. Dieses Gefühl der Angst und dass doch alles gut geht. Sie kletterte aufs Schuldach. Sie klaute die Handtasche vom Pult der Lehrerin und schmiss sie ins Gebüsch – ohne etwas zu stehlen, denn sie mochte sie. Sprang aus dem Klassenfenster und brach sich den Fuß.
Das Verarzten, Röntgen, Verbinden ihrer körperlichen Wunden tat so gut. Obwohl sie wusste, dass das nicht richtig war, gestand sie sich dieses Gefühl nicht wirklich ein. Sonst hätte sie es viel mehr genießen können, dieses warme Gefühl, versorgt zu werden.
Aber um ihr Glück, ihre kleine verschüttete von Angst und Verletzung geschundene Seele, die voller Liebe war, kümmerte sich niemand. Und sie wusste nichts davon. Sie lebte einfach irgendwie und dachte, so muss das eben sein. Sie liebte die Mama und den Papa, die Schwester und die Lehrerin, Frau Voigt und Frau Schlichting, Frau Star und die Tauben unterm Sims, die gurrten, um sie damit beruhigten. Sie wollte sie alle beschützen und sie sollten glücklich sein. Dafür tat Kathi alles, was ihr möglich war. Die fünfzig Pfennig aus der Jackentasche, davon kaufte Kathi der Mama eine 5er Packung Milde Sorte, die rauchte sie so gern.
Und wenn sie abends mit diesen heiß-kalt-Gefühlen im Bett lag und ihr Nachtgebet sprach: „Lieber Gott, danke, dass ich lebe. Lass es Papa, Mama, Oma, Opa, Britta und auch den Tauben immer gut gehen“, die Tür leise aufging und vom Papa ein: „Schläfst du schon, Kathi?“, kam, dann musste sie ganz kurz überlegen, ob sie antworten sollte. Denn eine Antwort bedeutete, warme Arme und ihren Papa ganz für sich. Geborgenheit und Liebe spüren. Wenn dann die Dinge passierten, die sie nicht wollte, wusste sie schon, das hatte sie in ihrem jungen Leben schnell begriffen: „Das wollte Papa, das wollten die Männer, das ist das Wichtigste für sie.“ Und wenn das so war, dann musste und wollte sie ihm das geben, denn sie liebte ihn doch!
„Nein ich schlaf noch nicht“. Ganz steif lag sie da, kniff die Augen zu und dachte wieder einmal, wie sie einen Jungen aus dem eingebrochenen See im Winter vor dem Haus rettete, oder durch ein Feuer in ein brennendes Gebäude lief, um ganze Familien zu retten.
Darmowy fragment się skończył.