Czytaj książkę: «Rien ne va plus»
Katalin Sturm

Rien ne va plus
Geheime Spiele
Roman

www.Elysion-Books.com
1. Auflage: September 2020
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2020 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
FOTO: © Adobe Stock/Klein_Razoomanetu
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
ISBN (vollständiges Buch) 978-3-96000-136-2
eISBN 978-3-96000-137-9
www.Elysion-Books.com

Inhalt
Schicksalhafte Begegnung
Tagebuch Claudia
Schwere Entscheidung
Tagebuch Claudia
Erstes Treffen
Tagebuch Claudia
Der Anfang vom Ende
Tagebuch Claudia
Nachtgedanken
Tagebuch Claudia
Begehren
Tagebuch Claudia
Gefährliches Verlangen
Tagebuch Claudia
Sorgen
Tagebuch Claudia
Geschenke
Tagebuch Claudia
Entzug
Tagebuch Claudia
Drohender Abgrund
Tagebuch Claudia
Wiedersehen
Tagebuch Claudia
Bedenkzeit
Tagebuch Claudia
Sehnsucht
Tagebuch Claudia
Wiedersehen
Tagebuch Claudia
Erkenntnis
Tagebuch Claudia
Versuchung
Tagebuch Claudia
Sorgen
Tagebuch Claudia
Ausbruchversuche
Tagebuch Claudia
Hilflosigkeit
Tagebuch Claudia
Notbremse
Tagebuch Claudia
Erkenntnis
Tagebuch Claudia
Vergeblichkeit
Tagebuch Claudia
Abschied
»Ich bekenne: Das Herz klopfte mir stark, und ich war nicht kaltblütig; ich glaubte zuverlässig und sagte mir das schon lange mit aller Bestimmtheit, dass es mir nicht beschieden sein werde, aus Roulettenburg so ohne Weiteres wieder fortzukommen, dass sich da mit Sicherheit etwas zutragen werde, was für mein Lebensschicksal von tiefgehender, entscheidender Bedeutung sei.«
(Fjodr Michailowitsch Dostojewski »Der Spieler«)

Liebster Sascha,
ich hätte noch so vieles gern mit dir erlebt: Vor dem Kamin sitzen mit einem Glas Wein, ein Klavierkonzert hören, Lesen oder Schweigen. Durch buntes raschelndes Laub laufen, den Kindern beim Drachensteigen zuschauen und aus der Kälte des Herbstes in ein Café gehen, um dort heiße Schokolade oder Tee mit Rum zu trinken. Ausschlafen und dann gemütlich Frühstücken. Eine kitschige DVD ansehen und mich hinterher von dir trösten lassen. So vieles hätte ich gern noch mit dir erlebt, Liebster – ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich dich einmal, ein erstes und ein letztes Mal so nenne – doch es soll nicht sein.
Deshalb hältst du jetzt diesen Brief in deinen Händen. Ich finde es dem Anlass angemessener, auf die alte Weise und nicht auf der Tastatur diese letzten Worte an dich zu schreiben. Und ich schicke dir mein Tagebuch, denn ich weiß nicht, wem ich es sonst vermachen sollte. (Ich hoffe, du bekommst wegen dieses Päckchens keinen Ärger mit deiner Frau!)
Es bleibt mir nur, dir zu danken. Du hast mir in den letzten Monaten mehr gegeben, als je ein Mensch in meinem ganzen Erwachsenenleben zuvor. Durch dich habe ich mich noch einmal jung gefühlt. Als begehrenswerte Frau. Ganz. Bitte sei nicht traurig. Ich bin sicher, es ist das Beste so. Für mich und vor allem für dich. Behalte mich in guter Erinnerung. Wenn es da drüben so etwas wie ein Weiterleben gibt, wirst auch du bis in alle Ewigkeit einen Platz in meinem Herzen haben.
Für immer die Deine! Claudia.
Ich las den Brief, doch ich verstand nicht, was sich hinter diesen Worten verbarg. Claudia, tot? Das konnte nicht sein! Klar war mir aufgefallen, dass sie in den letzten zwei Tagen nicht auf meine Nachrichten geantwortet hatte und auch telefonisch nicht erreichbar gewesen war. Doch solche Auszeiten hatte sie sich zwischendurch immer mal gegönnt.
»Ich will nicht zu sehr von dir abhängig werden«, hatte sie als Erklärung angegeben, wenn sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht war. Deshalb hatte ich auch diesmal keinen Verdacht geschöpft. Auch wenn mir, wie jedes Mal, wenn sie auf Tauchstation gegangen war, ihre Nachrichten gefehlt hatten. Und wie! Es war, als sei ein Band gerissen, das mich mit einer Intensität an diese Frau geknüpft hatte, die mich zunehmend beunruhigte. Denn das, was ich zuerst von dieser Verbindung erwartete, war viel weniger gewesen, als das, was ich schließlich bekommen hatte. Konnte es auch ein Zuviel geben?
Mit zitternden Händen nahm ich das schwarze Notizbuch aus dem Umschlag, das zusammen mit dem Brief in meinem Kasten gelandet war, und zog das Gummi herunter. Ich schlug es auf. Die Schrift darin war dieselbe wie auf dem weißen Papier, auf das sie ihre letzten Worte gesetzt hatte. Bei diesem Gedanken musste ich schlucken. Ich blinzelte, um den Tränenschleier zwischen den Wimpern zu entfernen. Ein Tropfen fiel auf die erste Seite und ein Buchstabe begann zu zerlaufen. Ein E. Sie musste mit Tinte geschrieben haben. Leicht nach rechts geneigt, gleichmäßig, mit schön geschwungenen Ober- und Unterlängen.
Als ich das Datum auf der ersten Seite sah, ohne ein Vorwort oder Ähnliches, war mir klar, dass sie dieses Tagebuch schon am Folgetag unseres Kennenlernens begonnen hatte. Und ein Film begann vor meinem inneren Auge abzulaufen.

Schicksalhafte Begegnung
Es war ein Bankjubiläum gewesen, zu dem ich mit drei meiner Kollegen und dem mobilen Casino nach Frankfurt gekommen war. Im Vorfeld hatte ich schon mit ihr gemailt und telefoniert, denn sie war für die Organisation der Veranstaltung verantwortlich gewesen. An diesem Abend hatten wir uns das erste Mal gegenübergestanden, noch ein paar letzte Details zur Zeitplanung und zum Ablauf des Abends besprochen. Ich hatte sie als Businessfrau wahrgenommen, in ihrem schwarzen Kostüm mit weißer Bluse darunter, der Rock eine Handbreit über dem Knie endend und die Füße in Pumps mit halbhohem Absatz. Sie war größer als ich, was nicht sehr oft vorkam, doch ihre Figur hatte ich nur beiläufig bemerkt. So, wie ich Frauen, die an meinem Tisch spielten, stets beiläufig mit einem raschen Blick wahrnahm. Hatte diese Dame etwas Besonderes an sich, eine Ausstrahlung, auffallend schöne Hände oder einen besonders lasziven Augenaufschlag? Ich war mittlerweile ein Meister im Einschätzen dessen, was sich hinter der aufgehübschten Fassade der elegant gekleideten Frauen verbarg. Einsamkeit? Leere? Sexuelle Unerfülltheit? Manchmal unterhielt ich mich in den Pausen mit meinen Kollegen über die ein oder andere Spielerin, und wir tauschten unsere Vermutungen über deren Leben aus. Welcher Gruppe war sie zuzuordnen: der der gelangweilten Ehefrauen, die das hart erarbeitete Geld ihres Mannes verspielten, um ihn für seine Abwesenheit und Kälte zu strafen? Oder der der Zockerinnen, denen es ein körperliches Kribbeln der Erregung bescherte, wenn sie die Kugel beobachteten, die im Roulettekessel unbeeinflussbar rollte? Es war eine Herausforderung für mich und ein Training meiner Menschenkenntnis. Außerdem machte es Spaß und gab den ansonsten recht gleich verlaufenden Abenden und Nächten eine gewisse Spannung.
Claudia nahm ich zunächst nur als Geschäftspartnerin wahr. Zudem sah ich, dass sie älter war als ich. Wie viele Jahre vermochte ich nicht einzuschätzen, zu oft schon hatte ich mich zuungunsten der Frauen verschätzt. Es gab jene Damen, deren Haut so runzlig und solariumgebräunt war, dass sie Jahre älter aussahen. Jene, die die Falten an ihrem Hals noch mit schwerem Gold- oder Perlenschmuck in den Blick des Betrachters rückten und jene, die das Make-Up so dick auftrugen, dass man die Befürchtung hatte, es würde bröckeln, sollte die Frau ihre Mundwinkel zu einem Lächeln verziehen. Zu all diesen Frauen gehörte Claudia nicht. Nur die Augen, die hinter einer Brille mit breitem braunem Rand wach blickten, waren geschminkt. Auf den Lippen trug sie einen Hauch Lipgloss. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Pagenschnitt geföhnt, dessen vordere Spitzen unter ihrem Kinn endeten.
Wie üblich bei solchen Veranstaltungen hatte es Reden gegeben und ein Buffet. Zwischendurch wurde gespielt. Wir hatten zwei Roulettetische, einen Black-Jack- und einen Pokertisch aufgebaut. Ich war Dealer an einem der Roulettetische.
Als Claudia das erste Mal neben mir stand, spürte ich schon ihre Aura. Und als sie saß, schweifte mein Blick öfter über ihre schwarzbestrumpften Beine, besonders, wenn im Eifer des Gefechts ihr Rock etwas nach oben rutschte. Sie setzte immer auf die gleiche Art: Fünf auf eine Zahl und zwanzig auf Reihen oder Carrés. Auch mal hundert auf Rot oder Schwarz, Gerade oder Ungerade. Es war nur Spielgeld für sie und die anderen. Jeder hatte am Anfang eine bestimmte Summe ausgezahlt bekommen, die er im Laufe des Abends möglichst vervielfachen sollte. Derjenige, der den höchsten Betrag erspielt hatte, war der Gewinner und erhielt einen Preis. Schon beim zweiten Einsatz kam ihre Zahl. Die 19. Sie freute sich sehr. Ein kleiner Jauchzer kam über ihre Lippen. Doch sie wartete sehr diszipliniert, bis ich allen Spielern ihre Gewinne ausgezahlt hatte und ihr zum Schluss den fünfunddreißigfachen Einsatz zuschob.
Irgendwann wollte sie einen Hunderter gewechselt haben, und als ich ihr die Jetons übergab, berührten sich unsere Hände. Ich schwöre, es gab eine elektrische Entladung. Ich sah einen Sekundenbruchteil in ihre atemberaubend grünen Augen und erblickte darin Verheißung.
Später stand sie mir gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. Wenn sie sich über den Tisch beugte, um auf eine weiter entfernte Zahl zu setzen, wehte ein Hauch ihres Parfüms zu mir herüber. Doch darunter nahm ich schon ihren Eigengeruch wahr. Und dieser Duft ließ mich nicht kalt, wie ich an meinen körperlichen Reaktionen merkte.
Im Raum war es heiß. Zu heiß. Ich schwitzte in meinem Smoking und unter der Fliege. Deshalb war ich froh, als ich endlich eine Pause machen konnte. Als ich vom Klo zurückkam, holte ich mir einen Kaffee und stand im Foyer herum. Da war auch sie – was für ein Zufall – und kam direkt auf mich zu.
»Na, kleine Pause? Heiß da drinnen, oder?«
Wir redeten Belangloses, über den Abend und über das Roulette. Sie erzählte, dass sie eben schon wieder am anderen Tisch eine Zahl hatte, die 22. Zwei Zahlen in so kurzer Zeit, das war beachtlich. Vielleicht gehörte sie zu jenen Spielern, die intuitiv eine Verbindung zur Kugel oder den Zahlen aufbauten. Dieses Phänomen war mir schon öfter begegnet. Niemand konnte sagen, wie das zusammenhing. Diese Spieler waren in jedem Casino gefürchtet. Besonders, wenn sie, nachdem sie einen hohen Gewinn gemacht hatten, aufhören konnten und mit dem Geld aus dem Casino herausspazierten.
»Haben Sie schon öfter im Casino gespielt?«, wollte ich wissen.
»Ich war einmal vor vielen Jahren in Baden-Baden«, sagte sie. Mehr nicht. Ihre Stimme, die ich schon von unseren Telefonaten kannte, war angenehm. Nicht zu laut, nicht schrill, wie so manche Frauenstimmen, die einem körperlich wehtun können. Es schwang ein Unterton mit, der mich neugierig machte. Was war das für eine Frau? War sie verheiratet? Hatte sie Kinder? Was tat sie in ihrer Freizeit? Ihre schlanken Fingerwaren ringlos. Ganz im Gegensatz zu meinen.
Wieso interessiert dich das?, fragte ich mich später am Abend, als wir bereits mit dem Abbauen beschäftigt waren, und die Mitarbeiter der Bank die gemieteten Räumlichkeiten verlassen hatten. Denn eigentlich hätte es mich nicht interessieren dürfen, da ich selbst seit zehn Jahren verheiratet war. Und nicht nur das, sondern ich war auch Vater einer achtjährigen Tochter. Im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen legte ich meinen Ehering auch nicht ab, wenn ich mich an den Roulettetisch setzte. Auch sie musste ihn gesehen haben, denn er ist ziemlich pompös. Gehörte sie zu den Frauen, für die verheiratete Männer tabu waren?
Meine Ehe war weder besonders gut noch schlecht. Sie war gewöhnlich. Durch meine ständigen Nachtdienste sahen wir uns meist wenig. Wenn ich irgendwann am Vormittag aufstand, war meine Frau bereits im Büro, wo sie halbtags als Controllerin arbeitete. Meine Tochter ging in die Schule und anschließend in den Hort. Oft musste ich auch am Wochenende arbeiten; das Casino hatte nur an wenigen Tagen im Jahr überhaupt geschlossen. Meine Frau war einige Jahre jünger als ich, hatte eine gute Figur und sah auch gut aus. Ich konnte mich also nicht beklagen. Natürlich war der Sex nicht mehr so wahnsinnig aufregend, und zugegebenermaßen wollte ich öfter als sie, aber ich kam auf meine Kosten.
Allerdings gab es da diese Fantasien in mir, die mich oft in meinen Träumen heimsuchten. Fantasien von Dominanz und Unterwerfung, von besonderen Spielarten, die ich noch nie mit jemandem ausprobiert hatte. Sicher war es seit Shades of grey nichts Ungewöhnliches mehr, sich zu peitschen, zu fesseln oder sonstwie zu piesacken, doch warich, als ich einmal bei meiner Frau ihre diesbezügliche Meinung hatte erforschen wollen, bei ihr nur Unverständnis und Ablehnung gestoßen.
Vielleicht war das der Grund, warum mir Claudia auch in den nächsten Tagen nicht aus dem Kopf ging.

Tagebuch Claudia
Warum geht mir dieser Mann nicht mehr aus dem Kopf? Warum beginne ich jetzt, mit fünfzig Jahren, wieder Tagebuch zu schreiben? Weil ich mich wie ein Teenager fühle? Weil ich mitten im Herbst meines Lebens den Frühling spüre?
Der gestrige Abend verlief anders als die üblichen Feiern unserer Bank. Die Idee mit den Spieltischen war wirklich gut. Alle hatten ihren Spaß. Auch ich. Dieses prickelnde Gefühl, wenn die Kugel rollt und der Croupier sein »Nichts geht mehr« in die Runde ruft, die Spannung, wenn die Kugel endlich gefallen ist und man blitzschnell realisiert, ob man gewonnen hat oder ob die Jetons mit dem Rechen eingezogen werden und auf Nimmerwiedersehen in einem der vier Behälter am Tisch verschwinden; das machte, dass ich mich lebendig fühlte. Und dann der süße Croupier. Viel zu jung, außerdem mit Ring am Finger (wobei ja manche sich so auch vor zudringlichen Frauen schützen, habe ich gehört), aber mit einem Lächeln, einem Strahlen, das mich in den Bann gezogen hat. Eigentlich wäre er sonst überhaupt nicht mein Typ. Wenn ich sein Foto in einem der Dating-Portale gesehen hätte, in denen ich mich so einmal im Jahr für ein paar Wochen herumtreibe, wenn ich denke, dass es doch wohl nicht alles gewesen sein kann, wenn ich mir Komplimente und Bestätigungen hole, die ich aufsauge wie ein trockener Schwamm – wenn ich gelesen hätte, dass er kleiner ist als ich, dann wäre er bei mir sofort durchs Raster gefallen. Vielleicht sollte ich doch mal meine Kriterien überprüfen. Vielleicht habe ich auf diese Weise tatsächlich mein Lebensglück verpasst. Welch ein Unterschied, ob man ein unbelebtes Foto sieht – auf dem er ein zwar makelloses, aber recht glattes Gesicht gehabt hätte – oder den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie er agiert und interagiert, wie er lächelt und mit seinen Augen kommuniziert. Sicher macht er das mit allen Frauen, die an seinem Tisch spielen, ich will mir da gar nichts einbilden. Es ist sein Job, freundlich zu sein. Aber bei ihm scheint es von Herzen zu kommen. Diese Herzlichkeit, diese Zugewandtheit, die einem das Gefühl gibt, man sei die Einzige, auf die er fokussiert ist, das ist wirklich etwas Besonderes.
Wie auch immer, gestern Nacht vorm Einschlafen habe ich mich das erste Mal seit Langem wieder berührt. Und mir dabei vorgestellt, er würde es tun. Es war ein heftiges Erlebnis, das mir gezeigt hat, dass ich noch eine Frau bin. Dass auch mein Körper gern wieder mal von einer anderen Hand als meiner aufgeweckt werden möchte. Von einer Hand wie seiner, die kurze und kräftige Finger hat, Finger, die sicher zupacken können. Ich stehe nicht so auf Blümchen- und Streichelsex. Ich mag es, wenn Männer mich fest anfassen, wenn sie Sicherheit ausstrahlen und nicht von mir gesagt haben wollen, wo sie jetzt welche Knöpfe drücken müssen. Solche Schlaffis hatte ich in der Vergangenheit schon zu viele. Nichts ist so abturnend wie ein Mann, der sich als Frauenversteher begreift. Jedenfalls nicht im Bett.
Vielleicht schreibe ich ihm heute eine Mail. Einfach so. Bedanke mich für den gelungenen Abend im Rahmen meines Jobs. Mal sehen, ob er antwortet.

Schwere Entscheidung
Mein Herz begann wild zu pochen, als ich den Absender in meinem Mail-Account sah. Ihre Worte waren allgemein; man hätte ihnen auch normale Freundlichkeit unterstellen können, doch ich spürte hinter den Buchstaben genau, dass da noch etwas war. Eine Neugierde, eine Frage, eine Hoffnung vielleicht. Was sollte ich ihr antworten? Sollte ich auf der gleichen Ebene bleiben, oder sollte ich einen Haken setzen, dem sie sich nicht entziehen konnte? Ein unausgesprochenes Angebot, auf das sie eingehen, oder das sie überlesen könnte, ganz wie es ihr beliebte?
Ich grübelte an der richtigen Formulierung herum, wollte zeigen, dass ich nicht nur der ewig lächelnde Croupier war, sondern auch geistreich und eloquent sein konnte und mehr auf der Pfanne hatte, als im Kopf den Einsatz der Spieler mit den Gewinnfaktoren zu multiplizieren.
Doch warum wollte ich mich so anbiedern? Was erwartete ich von dieser Frau? Ich sah doch, wie das bei meinen Kollegen ablief. Die meisten waren zum zweiten oder dritten Mal verheiratet, manche wagten es gar nicht mehr, weil sie wussten, dass eine Ehe zum Scheitern verurteilt war bei diesem Job. Man geriet einfach zu oft in Versuchung. Wenn man nach dem Dienst noch irgendwo was trinken ging und dort auf Frauen traf, die vorher am Tisch gespielt hatten, brauchte man nicht einmal die Initiative ergreifen. Die Frauen sprachen einen von selbst an, zeigten, dass sie nicht abgeneigt waren, auch den Rest der Nacht mit einem zu verbringen. Und welcher Mann konnte schon auf Dauer zu einem solchen Angebot Nein sagen? Auch kleine Zettel mit Zimmer- oder Telefonnummern wurden da schon mal verschämt unter dem Tisch gereicht. Und manch eine wunderte sich, dass meine Smokingtaschen zugenäht waren.
Ich muss gestehen, dass ich auch schon manches Mal einer dieser Einladungen gefolgt war. Vor allem, als ich noch nicht mit Ulrike zusammen war. Oder aber auf Veranstaltungen mit dem mobilen Casino, wenn wir weiter weg eingesetzt waren und dort übernachten mussten.
Und da waren noch jene speziellen Nächte, die es leider nur ein, zwei Mal im Jahr gab. Der Inhaber einer ganz auf das erotische Vergnügen ausgerichteten Agentur, forderte uns ab und zu an. Seine Zielgruppe waren interessierte Singles und Paare, die sich in gepflegtem Ambiente miteinander amüsieren wollten. Und zu dem Ambiente gehörte eben manchmal eine Casino-Nacht. Da wurde schon mal der Croupier zum Gewinn bestimmt, und wem das Spielgeld ausging, der konnte erotische Dienstleistungen anbieten und bekam dafür unterschiedlich viele Jetons ausgezahlt. Auch in Deutschlands größtem Sexclub waren wir schon für einen Spieleabend engagiert. Interessante Einblicke konnte man da in die Szene bekommen. Ob Claudia auch auf solche Veranstaltungen gehen würde? Ob sie vielleicht sogar schon Erfahrungen im Swingen hatte?
Bei diesem Gedanken bekam ich eine Erektion. Was sollte ich ihr zurückschreiben? Sollte ich überhaupt antworten? Mich auf etwas einlassen, dessen Ausgang ich nicht abschätzen konnte?
Meine Mail wurde recht kurz, aber ich ließ durchblicken, dass ich sie gern mal privat auf eine Tasse Kaffee treffen würde. Obwohl – dann müssten wir auf jeden Fall irgendwohin gehen, wo uns nicht zufällig eine Bekannte von mir oder meiner Frau über den Weg laufen konnte. Sicher nicht hier in der Stadt. Bevor ich auf den Senden-Button drückte, schwebte mein Finger sekundenlang darüber.
Was soll’s, dachte ich schließlich, vielleicht würden wir schon beim Kaffeetrinken und Gespräch merken, dass wir doch nicht auf derselben Wellenlänge lagen. Vielleicht war alles nur ein Irrtum. Eine Ausgeburt meiner überreizten Fantasie.
So sagte ich mir, doch ich wusste im Inneren damals schon ganz genau, dass dem nicht so war. Ich ahnte, dass diese Frau einen sehr viel tieferen Einfluss auf mein Leben nehmen würde, als nur eine kleine Affäre zu sein, an die man sich Jahre später gerne erinnerte. Hätte ich damals, wenn ich mir des ganzen Ausmaßes wirklich bewusst gewesen wäre, die Reißleine gezogen? Das Bemerkenswerte daran ist, dass ich es nicht weiß.

Tagebuch Claudia
Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, seine Kaffeeeinladung anzunehmen. Fühle ich mich wirklich so bedürftig, so einsam, dass ich es nötig habe, mit einem viel zu jungen und noch dazu verheirateten Mann etwas anzufangen? Etwas anfangen. Wie das klingt. Was fange ich denn an? Wohin könnte das alles führen? Ich weiß es nicht, vermute aber, mehr oder weniger schnell ins Bett. Vermutlich meines, da seines ja nicht frei ist. Ist er einer, der auf dieser Masche reitet? Ältere Frauen anmachen, die er durch seinen Job kennenlernt, weil er bei ihnen mehr Chancen hat zu landen? Sich weniger ins Zeug legen muss? Hat er einen Mutterkomplex?
Ich muss gestehen, dass mich Sascha an Oliver erinnert. Dieselbe Größe und Statur; auch Oliver hatte diese ganz besondere Ausstrahlung, mit der er jeden und vor allem jede in seinen Bann ziehen konnte. Eloquent und schlagfertig, Eigenschaften, die ich so sehr schätze. Und auch Oliver war verheiratet gewesen. Nachdem er seine Frau zunächst wegen mir verlassen hatte, ging er doch nach ein paar Monaten zu ihr zurück, und ich stand wieder allein da. Weil ich ihn nicht jeden Tag in der Bank sehen wollte, ließ ich mich sogar in eine andere Filiale versetzen.
Nun also Sascha. Was erhofft er sich? Was erhoffe ich mir? Zugegeben: Ich hatte schon lange keinen Sex mehr. Ich hatte mich sogar schon damit abgefunden, nie mehr in meinem Leben welchen zu haben. Und es hätte mir nicht einmal was ausgemacht. Die Wechseljahre habe ich hinter mir, jetzt war meine biologische Uhr auf Ruhe eingestellt. Irgendwie. Aber ich habe auch gemerkt, dass da in meinem Körper noch nicht alles abgestorben ist. Dass da tief drinnen noch Bedürfnisse sind, die durch Sascha geweckt wurden. Ist das jetzt gut oder schlecht?
Hätte ich seine Kaffee-Einladung nicht annehmen sollen?

Erstes Treffen
Wir trafen uns in einem Ausflugscafé mitten im Taunus, das damals, im November nur spärlich besucht war. Als ich ankam, saß sie schon drin. Sie stand auf und streckte mir die Hand zur Begrüßung hin. Ich ignorierte die Hand und umarmte sie stattdessen. Ich küsste sie rechts und links auf die Wange. Sie roch gut. Sie trug über einem engen Bleistiftrock eine weiße, lose fallende Bluse, unter der man den BH sehen konnte. Er war schwarz. Sehr inspirierend. Ich stand auf schwarze Dessous. Ich durfte mir ihre langen Beine nicht in schwarzen halterlosen Strümpfen vorstellen, sonst hätte ich die Beule in meiner Hose nicht verbergen können. Die anfängliche Unsicherheit legte sich schnell, und wir redeten über unsere Jobs und Filme, die wir gesehen, Bücher, die wir gelesen hatten. Ich trank Kaffee, Claudia Tee. Ich hatte zwei Stunden Zeit, bis ich wieder ins Casino musste, um meinen Dienst dort anzutreten.
Sie schien beim Friseur gewesen zu sein, denn ihr Haar war dunkler und glatt geföhnt, so dass es etwas länger schien und ihren schlanken Hals umspielte. Sie gefiel mir. Als sie auf die Toilette ging, sah ich, dass sie Stiefel trug und ihre langen Beine in dem Rock ebenso gut zur Geltung kamen, wie ihr sehr frauliches Hinterteil. Der Gedanke, der mir angesichts von Claudias wiegendem Gang durch den Kopf schoss, ließ mir meine Hose zu eng werden. Als sie wiederkam, entschuldigte ich mich und ging ebenfalls aufs Klo.
Als ich zurückkam, setzte ich mich nicht mehr ihr gegenüber, sondern über Eck auf die andere Seite der Ledercouch, und während wir über unsere Vorlieben beim Wellness sprachen, legte ich, wie nebenbei, meine Hand auf ihr Knie. Würde sie es tolerieren? Mein Herz schlug wie ein Presslufthammer. Sie tat so, als merke sie es nicht. Also wagte ich mich ein Stückchen höher. Ich übte mit meiner Hand ab und zu ein wenig Druck auf ihren Schenkel aus und beobachtete ihre Reaktion. Sie hatte sich wirklich gut in der Gewalt. Aber ich spielte gern.
»Wenn es dir unangenehm ist, musst du es sagen«, warf ich in normalem Plauderton hin. Sie errötete leicht. Das »Du« hatte ich ihr kurz zuvor angeboten, und sie war einverstanden gewesen. Eine Frau, die in diesem Alter noch errötete. Interessant. Ich legte meine Hand wieder auf den Tisch und berührte ihre. Sie hatte schöne schlanke Hände, und auch heute trug sie keinen Ring. Ich dachte an all die Frauenhände, mit Nägeln, lackiert und unlackiert, rundgefeilt oder spitz wie Krallen, die sich auf dem grünen Filz des Tisches bewegten wie Spinnenbeine und über das Alter der Frau Auskunft gaben. Dicke Wurstfinger, mit protzigen Goldreifen und riesigen Klunkern geschmückt, von Altersflecken übersäte Handrücken, doch nur selten Hände wie Claudias. Hände, die nicht durch knotige Gelenke entstellt, durch Arthritis gekrümmt waren.
Claudias Fingernägel waren nicht allzu lang, aber perfekt gepflegt und mit einem farblosen Lack überzogen, der leicht rosig schimmerte. Ich hatte Mühe, mir diese Hände nicht auf meiner Haut vorzustellen. Immer wieder drifteten meine Gedanken in diese Richtung ab. Wie sie wohl in halterlosen Nylons aussehen würde? Oder in Netzstrümpfen? Bei diesen langen Beinen sicher atemberaubend! Ich muss gestehen, dass ich ein Fußfetischist bin. Ich liebe schön geformte Frauenfüße, ich küsse sie gern – mit und ohne Nylons – und sauge an den Zehen. Bei dem Gedanken, dass mir Claudias Füße in schwarzen Strümpfen meinen Schwanz massierten, wurde ich schon wieder ganz hart.
Die zwei Stunden gingen viel zu schnell vorbei, und ich brachte sie zu ihrem Auto, das in einer Tiefgarage stand.
»Sehen wir uns wieder?«, fragte ich sie und hielt ihre Hände fest.
»Willst du denn?«, fragte sie zurück. Statt einer Antwort zog ich sie zu mir heran und küsste sie auf den Mund. Ihre Lippen waren genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Weich und süß. Sie schmeckte gut. Sie schmeckte nach mehr. Wir knutschten wie zwei Teenager und meine Erektion schmerzte. Es schien ihr genauso zu gefallen wie mir; sie war durchaus nicht schüchtern, sondern legte schnell ihre anfängliche Zurückhaltung ab. Es schien ihr auch egal zu sein, ob uns jemand sah.
»Lass uns ins Auto gehen!«, schlug ich vor.
Als ich endlich neben ihr auf dem Beifahrersitz ihres Autos saß, ließ ich meine Hand auf ihrem Bein höher wandern. Leider trug sie eine Strumpfhose, was mein Vorgehen erschwerte. Doch ich fühlte durch den Stoff hindurch die Form ihrer Möse, und nachdem ich sie eine Weile gestreichelt hatte, durchdrang ihre Feuchtigkeit die dünnen Stoffschichten. Während ich sie bearbeitete, übte sie mit ihrer Hand Druck auf mein steifes Glied aus. Ich stand kurz vor der Explosion.
Leider musste ich mich losreißen, ich wäre sonst zu spät zum Dienst gekommen.
»Du riechst gut«, sagte ich, nachdem ich an meinen Fingern geschnuppert hatte. Sie wurde wieder rot. »Ich hoffe, wir können das fortsetzen«, sagte ich. »Ich will auch wissen, wie du schmeckst.«
Sie blieb mir eine Antwort schuldig.
Bevor ich meinen Dienst antreten konnte, musste ich mir auf dem Klo Erleichterung verschaffen. Dabei hatte ich die langen Beine Claudias vor Augen, die sich öffneten und mir unbeschreibliche Wonnen bescherten.
Ich musste diese Frau haben!

Tagebuch Claudia
Unsere Fummeleien im Dunkel der Tiefgarage, das hatte schon was. Irgendwie pubertär. So heimlich, so verschämt. Und dann immer die Angst, jemand könnte kommen und unser Spiel sehen. Das erinnert mich an meine Träume, in denen ich genau solche Situationen erlebt habe. Sex in der Öffentlichkeit, die Angst vorm Entdeckt-werden.
Seine Küsse waren zärtlich und fordernd zugleich. Seine Hände kräftig zupackend. Jetzt, da ich hier sitze und schreibe, stelle ich mir vor, wie sie mich an allen Stellen meines Körpers berühren, ins Zentrum meiner Lust vorstoßen und mich endlich wieder auf einen Gipfel hinauftreiben, auf dem ich schon so lange nicht mehr gestanden habe.
Wenige Stunden später hatte ich auf WhatsApp eine Nachricht von ihm: »Danke für die schönen Stunden. Ich will mehr von dir! Beim Gedanken an deine Lippen, deinen Duft, wird mir gerade meine Hose wieder zu eng.«
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich weiß noch immer nicht, wohin dieser Weg führen wird, wenn ich mich entschließe, ihn zu gehen. Aber eins weiß ich: Ich will diesen Mann wiedersehen. Nicht nur an seinem Arbeitsplatz, an dem ich ihn gestern überraschte.
Zunächst beschäftigte mich die Frage, was ich anziehen sollte. Die Menschen, die ins Casino gingen, waren sicherlich sehr festlich angezogen. Da musste ich mithalten. Schließlich wollte ich, dass er mich im besten Licht sieht. In meinem Kleiderschrank befand sich, geschützt von einer Plastikhülle, ein schwarzes Paillettenkleid, das ich mir vor Jahren einmal für einen Opernbesuch geleistet hatte. Seitdem hatte ich es nicht wieder getragen. Ob ich überhaupt noch hineinpasste?
Der Stoff war dehnbar, und so schmiegte er sich um meine Brüste, die ich mit einem Push-Up betonte und endete zwei Handbreit über meinem Knie. War das nicht zu kurz? Nein, entschied ich, und suchte meine höchsten Absatzschuhe heraus. Dass meine Beine immer noch – zumindest in blickdichten Strumpfhosen – ansehnlich waren, wusste ich.
Die Haare föhnte ich über eine große Rundbürste, so dass sie mir weich auf die Schultern fielen. Ein bisschen Make-Up – der Lippenstift durfte diesmal auch ein wenig auffälliger sein – und zum Schluss noch mein neues Parfüm hinter die Ohren gespritzt. Als ich mich im großen Innenspiegel des Kleiderschranks betrachtete, war ich zufrieden. Man sah mir meine fünfzig Lenze nicht an. Wie alt Sascha wohl ist? Ich werde ihn bitten, mir sein Alter nicht zu verraten. Ich will nicht wissen, dass er zehn Jahre oder noch mehr jünger ist als ich. Das würde mich nur verunsichern.
Wieviel Geld wollte ich umtauschen? Wieviel war ich bereit, notfalls zu verlieren? Ich setzte mir ein Limit von hundert Euro.
Im hiesigen Casino war ich noch nie. Ich bin zwar oft im Kurpark und gehe dann auch meist am Casino und am Kaiserbrunnen vorbei, ohne es jedoch groß zu beachten. Ohnehin ist das gelbe Gebäude mit den Rundbogenfenstern und dem goldenen Gitter um den Anbau eher unspektakulär. Nicht zu vergleichen mit dem in Baden-Baden, das die Säulen des Kurhauses nebenan aufnimmt und wo ich einmal mit Kollegen zum Spielen war.
Ich parkte im zugehörigen Parkhaus, damit ich bequem mit meinen hohen Absätzen in den Casinobereich kam.
Wie in Baden-Baden musste ich meinen Ausweis vorzeigen; der Mitarbeiter trug etwas in seinen PC ein. Dann gab ich meinen Mantel an der Garderobe ab. Ein Angestellter hielt mir die linke Seite der doppelflügeligen Tür auf, und ich stand bereits im nicht allzu großen Spielsaal. Links standen drei Roulettetische, an zweien wurde gespielt, rechts zwei, wovon einer besetzt war. Hauptsächlich Männer liefen zwischen den Tischen hin und her, setzten mal hier und mal dort. Ich stand unschlüssig herum und fühlte mich nicht wohl. Deshalb ging ich erstmal aufs Klo. Ich durchquerte den Spielsaal, kam durch einen kleinen Raum, in dem ebenfalls Spieltische standen, wie es aussah Black-Jack und Poker, linkerhand schien die Bar zu sein, und bevor es durch eine weitere Glastür ging, sah ich die abwärts zu den Toiletten führende Treppe.
Ich ging die Marmorstufen hinunter und öffnete die Tür, auf der eine Frauenfigur aus Messing angebracht war. Der Vorraum der Toiletten war mit roten Lederhockern ausgestattet und in der Luft hing der Geruch eines Sprühduftes.
Die Kassen waren hinter der Bar vor dem Zugang zum Automatenspiel. Ich wechselte einen Hunderteuroschein. Vor mir standen zwei alte Männer, von denen der eine zweitausend Euro wechselte, der andere zweihundertfünfzig. Ich kam mir fast ein wenig schäbig vor mit meinem Hunderter. Aber der Mann, der hinter der Kasse stand, war nett und versuchte sogar, ein wenig mit mir zu flirten. Das meiste wechselte ich in Zwei-Euro-Jetons, das war die kleinste Einheit.
Weil ich immer noch etwas unsicher war, setzte ich mich auf einen der Hocker an der Bar, die alle noch leer waren. Sascha hatte ich beim Hereinkommen nicht an einem der Spieltische erblicken können. Wahrscheinlich war er gerade in der Pause.
Über den Sesseln und der Couch, alles in Grün, Türkis und Braun gehalten, hing ein Screen, auf dem die Ergebnisse der einzelnen Tische angezeigt wurden. Permanenzanzeige nennt man das, hatte Sascha mir gesagt. Die Decken waren mit verspiegelten Platten versehen, in denen kleine Halogenstrahler eingelassen sind. An den Wänden befanden sich tiefrote, in sich gemusterten Seidenstoffe. Links von der Bar schien der Raucherraum zu sein; auch hier standen ein Roulette- und ein Pokertisch. Hinter dem Raum, abgetrennt durch große Fenster, befand sich das Restaurant.
Ich bestellte mir einen Sekt. Niemand beachtete mich. Niemand sprach mich an oder setzte sich zu mir. Alle schienen nur ihr Spiel im Kopf zu haben. Lediglich das Personal streifte mich hin und wieder mit Blicken, und ich fragte mich, was sie dachten.
Da öffnete sich die Tür gegenüber der Treppe, die zu den Toiletten hinunterführte und eine Gruppe schwarz gekleideter Croupiers betrat den Gang. Sascha war auch dabei, doch er sah mich nicht, weil er gerade in eine Unterhaltung mit dem neben ihm gehenden Kollegen vertieft war. Mein Herz schlug schneller. Der Sekt stieg mir langsam zu Kopf. Der Kontakt meiner Hand mit dem kühlen polierten Stein der Bar beruhigte mich etwas.
Da ich nicht wusste, ob ich das Glas Sekt mit in den Spielsaal nehmen durfte, trank ich es aus, bevor ich mich erhob und so locker wie möglich den Raum betrat. Sascha saß am Kopfende des Französischen Roulettes. Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihn, von dem gerade eine Frau aufgestanden war. Blond mit schwarzem langem Kleid, das ihre Tätowierungen auf der Schulter nicht verbarg. Das Gesicht künstlich gestrafft, die Wangenknochen vermutlich höhergelegt und die Lippen mit Botox aufgespritzt. Das Alter unmöglich zu schätzen, aber die Visage grauenvoll frankensteinmäßig.
Sascha gegenüber saß der Tischchef auf einem erhöhten Sessel, vor sich einen kleinen Bildschirm, auf den er bei Unstimmigkeiten die Kameraaufzeichnung herholen konnte. Ich wunderte mich, wie viele Jetons manche Leute setzten. Vor allem ein kleiner Japaner hörte gar nicht wieder auf, seine Stücke auf Zahlen und mehrfache Chancen zu setzen. Konnte er sich das alles merken? Ich fing klein an. Der Permanenzanzeige entnahm ich, dass vorher fünf rote Zahlen gekommen waren. Deshalb setzte ich auf Schwarz. Die Kugel rollte, der Croupier am Kessel sagte sein »Nichts geht mehr«, trotzdem platzierten noch einige Spieler ihre Jetons und gaben dem Croupier in ihrer Nähe Aufträge. Ich hatte gedacht, dass man danach wirklich gar nicht mehr setzen durfte. Aber anscheinend wurde das hier nicht so ernst genommen. Schließlich blieb die Kugel liegen. Im Fach mit der 21, und die war rot. Auf der Anzeige sah ich, dass dieselbe Zahl schon wenige Spiele vorher gekommen war. Erstaunlich. Mit Wahrscheinlichkeitsrechnung kam man hier wohl nicht weit. Als Sascha mit seinem Rechen, den man hier »Rateau« nannte, die Chips zusammenkehrte, blickte er mich kurz an und lächelte mit den Augen. Er hatte mich also wahrgenommen.
Den nächsten Jeton setzte ich wieder auf Schwarz. Irgendwann musste doch die Farbe wechseln! Aber wieder kam Rot. So langsam verlor ich die Lust. Vielleicht sollte ich mal auf eine andere einfache Chance setzen? Entweder »Pair« (Gerade) oder »Impair« (Ungerade), alternativ »Manque« – das waren die Zahlen von 1–18 oder »Passe« – die Zahlen von 19–36.
Am Fenster neben dem Tisch saß ein weißhaariger Herr, der in ein kleines Buch schrieb. Neben ihm stand ein Glas mit Bier. Im Fensterbrett die Statue einer schlanken Frauengestalt, die Arme vom Körper weggestreckt. Wie eine Tänzerin. Die Fensterscheiben waren mit undurchsichtigen weißen Folien abgeklebt. Über dem Ausgang hing eine Uhr. Immerhin musste man hier nicht die Zeit vergessen.
Die Zeit verging wie im Flug, schon verschwand Sascha in seine nächste Pause. Die Croupiers, die man auch Dealer nannte, wechselten jede Stunde und hatten dann fünfzehn Minuten Pause.
Während er weg war, ging ich noch einmal zur Toilette. Als ich mir die Hände wusch, bemerkte ich, dass ich meinen Ring nicht mehr trug. Siedend heiß fiel mir ein, dass ich ihn vor dem letzten Händewaschen abgezogen und neben das Waschbecken gelegt hatte. Dort lag er nun nicht mehr. Das hieß, entweder hatte ihn eine der wenigen Damen eingesteckt oder eine ehrliche Finderin hatte ihn abgegeben.
Als ich oben am Einlass danach fragte, schüttelte die Frau hinter dem Screen bedauernd den Kopf. Sie wollte aber die Toilettenfrau anrufen. Ich solle beim Verlassen der Spielbank noch einmal nachfragen. Aber ich hatte wenig Hoffnung. Dabei war der Ring ein Geschenk meiner Großmutter zu meiner Konfirmation gewesen. Ich trage ihn nur selten; für jeden Tag ist er mir zu schade, und Anlässe dafür gibt es nicht allzu oft.
In gedrückter Stimmung stellte ich mich erneut neben Saschas Tisch. Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr zu spielen. Doch meine Clutch war noch voll mit Jetons. Ob ich die auch mit nach Hause nehmen konnte? Für das nächste Mal?
Nein, ich würde nicht mit der Tasche voll Jetons nach Hause gehen! Ich würde jetzt erst richtig loslegen. Vorher würde ich mir aber noch einen Sekt an der Bar genehmigen. Vielleicht machte mich das ein wenig lockerer.

Der Anfang vom Ende
Als ich sie sah, blieb mir schier das Herz stehen. Fast hätte ich einen Gewinn falsch ausgezahlt. Sie hatte mich nicht vorgewarnt. War einfach gekommen. Als ich von unten aus der Kantine kam und beim Vorbeigehen einen Blick zur Bar warf, saß sie dort. Mit übergeschlagenen Beinen und in einem atemberaubenden Paillettenkleid. Eine wahre Lady. Und sie strahlte das gewisse Etwas aus, das ich schon von Anfang an bei ihr wahrgenommen hatte. Ich kann nicht erklären, was es war, aber diese Aura haben nur wenige Frauen. Dabei spielt das Alter überhaupt keine Rolle. Obwohl ich wusste, dass sie älter war – ich hatte sie noch nicht gefragt, wie viele Jahre, also würde es wohl ein Geheimnis bleiben – fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Nicht nur körperlich – wie ich sofort, als ich sie entdeckte, an der Reaktion meines besten Stücks merkte – sondern auch geistig. Ich wollte alles über sie wissen, sie kennenlernen, ohne sagen zu können, wozu das Ganze gut sein sollte.
Dann kam sie lächelnd auf meinen Tisch zu. Allein ihr Gang war hollywoodreif. Neben mir verließ gerade Barbie, ein Stammgast, ihren Platz, und Claudia setzte sich. Ich musste so tun, als kenne ich sie nicht, denn wenn etwas ganz argwöhnisch vom Saalchef beobachtet wird, so sind es vermeintliche oder tatsächliche Kontakte zwischen uns Croupiers und den Gästen. Nicht umsonst sind auch unsere Jackentaschen zugenäht. Man will verhindern, dass uns von Gästen als Belohnung für eventuelle Absprachen und Bevorzugungen Geld zugesteckt wird.
Natürlich kennen wir die Stammgäste mittlerweile, sogar mit Namen, und ab und zu ergibt sich auch ein kurzes Gespräch. Am Tisch jedoch darf man keine Namen nennen, die Gäste werden nur mit »die Dame« oder »der Herr« angesprochen, manchmal auch mit »Madame«. Wir Croupiers untereinander nennen uns ebenfalls nicht beim Namen, sondern sagen »Herr Kollege« oder »Frau Kollegin«. Außerdem ist es ein Unterschied, ob man sich mit Männern und alten Omas unterhält, oder mit gutaussehenden Frauen, die noch dazu das erste Mal da sind.
Doch dieses so tun als ob gab dem Ganzen noch zusätzlich den gewissen Kick. Mir war heiß; die Gegenwart von Claudia, ihr Parfüm und der Oberschenkel, mit dem sie immer wieder – ob absichtlich oder nicht – mein Bein berührte, stellten mich und meine Konzentration auf eine harte Probe.
Sie hatte anfangs gar kein Glück, obwohl sie vorsichtig setzte. Immer nur auf einfache Chancen. Dann ging sie kurz weg, wahrscheinlich an die Bar, und als sie wiederkam, versuchte sie es mit dem ersten Dutzend. Es kam die 2. Auch bei den folgenden Einsätzen blieb sie bei den niedrigen Chancen, einmal spielte sie erfolgreich eine Kolonne. Insgesamt machte sie ein intelligentes Spiel, und ich war gespannt, ob sie es wagen würde, wie bei der Veranstaltung ihrer Bank, auch auf eine Zahl zu setzen.
Ich musste nicht lange warten, da legte sie einen Zweier auf die 14. Ich wusste sofort, warum gerade diese Zahl. Am 14. November waren wir uns zum ersten Mal persönlich begegnet. Gespannt verfolgte ich den Lauf der Kugel. Was würde passieren? Die Scheibe schien sich diesmal besonders lange zu drehen. Gebannt starrte Claudia auf die Kugel, die einfach nicht in einem Fach liegen bleiben wollte und immer wieder über die kleinen Rhomben sprang. Schließlich verkündete der Kollege: Vierzehn, Rot, Pair, Manque.
Claudia sprang auf und ballte die Faust. Ich gratulierte ihr mit einem leichten Kopfnicken und hoffte, sie hatte sich gemerkt, dass sie für die Angestellten einen Jeton in Höhe ihres Einsatzes spenden sollte. Bei der Veranstaltung ihrer Bank hatte ich ihr erklärt, dass wir nur ein sehr niedriges Grundgehalt beziehen und hauptsächlich von den Trinkgeldern der Gäste leben, die nach einem bestimmten System, das die Berufserfahrung und Ausbildung der Croupiers berücksichtigt, verteilt werden. Sie hatte es sich gemerkt und sagte dem Kollegen am Kessel, der die Gewinne auszahlte »Für die Angestellten«. Er bedankte sich.
Dass sie mit ihrem Aufspringen gegen die Etikette in der Spielbank verstieß, merkte sie selbst durch die indignierten Blicke der anderen Mitspieler. Aber immerhin gratulierten ihr auch einige und nickten ihr anerkennend zu. Sie würde es schon lernen.
Erneut kam die Zeit meiner Ablösung. Was würde Claudia tun? Weiterspielen? Sie schob die gewonnenen Jetons in ihre Handtasche und erhob sich. Ich wartete kurz an der Tür, die hinunter zur Kantine führte. Gegenüber ging die Treppe zu den Gästetoiletten hinunter. Wie erhofft, kam sie kurz darauf vorbei. Viel durfte ich nicht mit ihr reden, auch hier hingen überall Kameras.
»Glückwunsch«, sagte ich so neutral wie möglich. Sie wurde rot. Richtig süß.
»Ich glaube, ich höre jetzt auf«, sagte sie. »Bevor ich alles wieder verliere.«
»Eine sehr gute Idee«, pflichtete ich ihr bei, obwohl ich sie gern noch ein wenig länger an meinem Tisch gehabt hätte. Doch schon zu oft hatte ich erleben müssen, wie sich Spieler und Spielerinnen um ihr ganzes Vermögen gebracht hatten. Trotz Aufklärung, auch auf der Website des Casinos, auf der Telefonnummern zur Hilfe bei Spielsucht sowie Erkennungsmerkmale derselben zu finden waren. Das allerdings war weniger der Einsicht der Casinobetreiber zu verdanken als den gesetzlichen Vorschriften. Vor allem seit die Spielbank im Besitz einer städtischen Gesellschaft war.
»Sehen wir uns?«, fragte sie leise. Ich nickte nur und wandte mich zum Gehen. Der Blick zurück zeigte mir, wie sie auf die Kassen zusteuerte, um sich ihren Gewinn auszahlen zu lassen.
Nachdem ich mich gestärkt hatte, tippte ich eine WhatsApp-Nachricht an sie: Hat mich sehr gefreut, dass du da warst. Ich melde mich wieder.
Darmowy fragment się skończył.