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Czytaj książkę: «Die Sklavenkarawane»

Czcionka:

Ein Dschelabi

»Haï es sala« – rief der fromme Schech el dschemali, der Anführer der Karawane – »auf zum Gebete! El Asr ist da, die Zeit der Kniebeugung, drei Stunden nach Mittag!«

Die Männer kamen herbei, warfen sich auf den sonnendurchglühten Boden nieder, ließen den Sand durch die Hände gleiten und rieben sich denselben an Stelle des fehlenden, zur vorgeschriebenen Waschung nötigen Wassers sanft gegen die Wangen. Dabei sprachen sie laut die Worte der Fathha, der ersten Sure des Korans:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die sich deiner Gnade freuen, und nicht den Weg derer, über welche du zürnest, und nicht den der Irrenden!«

Dabei knieten die Betenden in der Kibbla, das heißt mit dem Gesichte nach der Gegend von Mekka gerichtet. Sie fuhren unter fortgesetzten Verbeugungen fort, sich mit dem Sande zu waschen, bis der Schech sich erhob und ihnen damit das Zeichen gab, daß die gottesdienstliche Handlung zu Ende sei. Das Gesetz gestattet dem Reisenden, in der wasserarmen Wüste, die bei den täglichen Gebeten stattzuhabende Reinigung mit Hilfe des Sandes bildlich vorzunehmen, und diese Milde verstößt keineswegs gegen die Anschauung des Wüstenbewohners. Er nennt die Wüste Bahr bala moïje lakin miljan nukat er raml, das Meer ohne Wasser, aber voller Sandtropfen, und vergleicht also den Sand der endlos scheinenden Einöde mit den Wassern des ebenso unendlich sich darstellenden Meeres.

Freilich war es nicht die große Sahara, auch nicht die mit ihren welligen Sandhügeln einer bewegten See gleichende Hammada, in welcher sich die kleine Karawane befand, aber ein Stück Wüste war es doch, welches rundum vor dem Auge lag, so weit dasselbe nur zu blicken vermochte. Sand, Sand und nichts als Sand! Kein Baum, kein Strauch, nicht einmal ein Grashalm war zu sehen. Dazu strahlte die Sonne wahrhaft glühend vom Himmel hernieder, und es gab nirgends Schatten als hinter der zerklüfteten, zackigen Felsengruppe, welche sich aus der Sandebene erhob und den Ruinen einer alten Zwingburg glich.

In diesem Schatten hatte die Karawane seit einer Stunde vor Mittag bis jetzt gelagert, um den Kamelen während der heißesten Tagesstunden Ruhe zu gönnen. Nun war die Zeit des Asr vorüber, und man wollte aufbrechen. Der Moslem und ganz besonders der Bewohner der Wüste tritt seine Reisen überhaupt fast stets zur Stunde des Asr an. Nur die Not kann ihn veranlassen, davon eine Ausnahme zu machen, und wenn dann die Wanderung nicht den gehofften günstigen Verlauf nimmt, so schiebt er sicher die Schuld auf den Umstand, daß er nicht zur glückverheißenden Stunde aufgebrochen sei.

Die Karawane war nicht groß. Sie bestand aus nur sechs Personen mit ebenso vielen Reit- und fünf Lastkamelen. Fünf von den Männern waren Homr-Araber, welche als sehr bigotte Muselmänner bekannt sind. Daß dieser Ruf ein wohlverdienter sei, zeigte sich jetzt nach dem Gebete; denn, als die fünf sich erhoben hatten und sich zu ihren Tieren begaben, murmelte der Schech den andern leise zu:

»Allah jenahrl el kelb, el nusrani – Gott verderbe den Hund, den Christen!«

Dabei warf er einen verborgenen, bösen Blick auf den sechsten Mann, welcher hart am Felsen saß und damit beschäftigt war, einen kleinen Vogel auszubalgen.

Dieser Mann hatte nicht die scharfgeschnittenen Gesichtszüge und die Glutaugen der Araber, auch nicht ihre schmächtige Gestalt. Als er sah, daß sie aufbrechen wollten, und sich nun erhob, zeigte sich seine Figur so hoch, stark und breitschulterig wie diejenige eines preußischen Gardekürassiers. Sein Haar war blond, ebenso der dichte Vollbart, der sein Gesicht umschloß. Seine Augen waren von blauer Farbe und seine Gesichtszüge von einer bei den männlichen Semiten ganz ungewöhnlichen Weichheit.

Er war genau so wie seine arabischen Gesellschafter gekleidet; das heißt, er trug einen hellen Burnus mit über den Kopf gezogener Kapuze. Doch, als er sein Kamel jetzt bestieg und sich dabei der Burnus vorn öffnete, war zu sehen, daß er hohe Wasserstiefel anhatte, eine gewiß seltene Erscheinung hier in dieser Gegend. Aus seinem Gürtel blickten die Griffe zweier Revolver und eines Messers, und an dem Sattel hingen zwei Gewehre, ein leichteres zur Tötung von Vögeln und ein schwereres zur Erlegung größerer Tiere, beide aber Hinterlader. Vor den Augen trug er eine Schutzbrille.

»Reiten wir jetzt weiter?« fragte er den Schech el dschemali im Dialekte von Kahira (Kairo).

»Ja, wenn es dem Abu ‚l arba ijun gefällig ist,« antwortete der Araber.

Seine Worte waren höflich: aber er bemühte sich vergeblich, seinem Gesichte dabei einen freundlichen Ausdruck zu geben. Abu ‚l arba ijun bedeutet »Vater der vier Augen.« Der Araber liebt es, andern und zumal Fremden, deren Namen er nicht aussprechen und sich nicht gut merken kann, eine Bezeichnung zu geben, welche sich auf irgend einen ihm auffälligen Umstand oder auf eine in die Augen springende Eigenschaft beziehen, welche der Betreffende besitzt. Hier war es die Brille, welcher der Reisende den sonderbaren Namen verdankte.

Diese Namen beginnen gewöhnlich mit Abu oder Ben und Ibn, mit Omm oder Bent, das heißt mit Vater oder Sohn, Mutter oder Tochter. So gibt es Namen wie Vater des Säbels ein tapferer Mann, Sohn des Verstandes – ein kluger Jüngling, Mutter des Kuskussu – eine Frau, welche diese Speise gut zuzubereiten versteht, Tochter des Gespräches – ein klatschhaftes Mädchen. Auch in andern, nicht orientalischen Ländern hat man eine ähnliche Gewohnheit, so zum Beispiele in den Vereinigten Staaten bezüglich des Wortes Old. Old Firehand, Old Shatterhand, Old Coon sind dort bekannte Namen berühmter Prairiejäger.

»Wann werden wir den Bahr el abiad erreichen?« erkundigte sich der Fremde.

»Morgen, noch vor dem Einbruch des Abends.«

»Und Faschodah?«

»Zu derselben Zeit, denn wenn Allah will, so werden wir gerade an der Stelle, auf welcher diese Stadt liegt, auf den Fluß stoßen.«

»Das ist gut! Ich kenne diese Gegend nicht genau. Hoffentlich wißt Ihr besser Bescheid als ich und werdet Euch nicht verirren!«

»Die Beni-Homr verirren sich nie. Sie kennen das ganze Land zwischen der Dschesirah, Sennar und dem Lande Wadai. Der Vater der vier Augen braucht keine Sorge zu haben.«

Er sprach diese Worte in einem sehr selbstbewußten Tone aus, und warf aber dabei einen heimlichen, höhnischen Blick auf seine Gefährten, welcher, wenn der Fremde ihn gesehen hätte, demselben wohl verdächtig vorgekommen wäre. Dieser Blick sagte mit größter Deutlichkeit, daß der Reisende weder den Nil noch Faschodah erreichen solle.

»Und wo übernachten wir heute?« fragte der Fremde weiter.

»Am Bir Aslan, den wir eine Stunde nach dem Mogreb erreichen werden.«

»Dieser Name hat keinen beruhigenden Klang. Wird der Brunnen durch Löwen unsicher gemacht?«

»Jetzt nicht mehr. Aber vor vielen Jahren hatte sich der ‚Herr mit dem dicken Kopfe‘ samt seiner Frau und seinen Kindern niedergelassen. Es fielen ihm viele Menschen und Tiere zum Opfer, und alle Krieger und Jäger, welche auszogen, um ihn zu töten, kamen mit zerrissenen Gliedern zurück oder wurden gar von ihm gefressen. Allah verdamme seine Seele und die Seelen aller seiner Vorfahren und Nachkommen! Da kam ein fremder Mann aus Frankhistan, der wickelte ein Gift in ein Stück Fleisch und brachte es in die Nähe des Brunnens. Am andern Tage lag der Fresser tot am Wasser. Sein Weib war darüber so erschrocken, daß sie mit ihren Kindern davonzog, wohin, das erfuhr man nicht, doch Allah weiß es. Möge sie mit ihren Söhnen und Töchtern im Elende erstickt sein! Seit jener Zeit hat es nie wieder einen Löwen an diesem Brunnen gegeben, aber den Namen hat er behalten.«

Der arabische Bewohner der Wüste spricht in einem so schlechten Tone nur dann von einem Löwen, wenn dieser nicht mehr lebt und ihm also keinen Schaden mehr bereiten kann. Einem lebenden Löwen gegenüber aber hütet er sich, solche beleidigende Ausdrücke oder gar Verwünschungen zu gebrauchen. Er vermeidet es sogar, das Wort Saba, Löwe, zu gebrauchen, und wenn er sich desselben je bedient, so spricht er es nur flüsternd aus, damit das Raubtier es nicht hören könne. Er meint, der Löwe höre das Wort stundenweit und komme herbei, sobald es ausgesprochen wird.

Wie die Negervölker des Sudan, so sind auch viele Araber der Ansicht, daß im Löwen die Seele irgend eines verstorbenen Scheichs stecke. Darum dulden sie seine Räubereien lange Zeit, bis er zu große Opfer von ihnen fordert. Dann ziehen sie in Masse aus, um ihn zu vernichten, wobei sie den Kampf durch hochtrabende Rede, welche sie ihm halten, einleiten.

Während der kühne europäische Jäger sich nicht scheut, dem Löwen ganz allein gegenüber zu treten, während er das fürchterliche Raubtier sogar am liebsten des Nachts an der Tränke aufsucht, um es mit der sicheren Kugel zu erlegen, hält der Araber das nicht nur für eine außerordentliche Kühnheit, sondern geradezu für Wahnsinn. Hat der Löwe die Herden eines arabischen Duar so gelichtet, daß den Leuten endlich doch die Geduld vergeht, so machen sich alle wehrfähigen Individuen auf, ihn zu erlegen. Das geschieht natürlich am hellen Tage. Man rüstet sich mit allen möglichen Waffen, sogar mit Steinen, betet die heilige Fathha und rückt dem Löwen vor sein Lager, welches gewöhnlich sich zwischen Felsen befindet, die von dornigem Gestrüpp umgeben sind.

Nun beginnt einer, welcher sich durch besondere Sprachgewandtheit auszeichnet, dem Tiere in höflichen Ausdrücken mitzuteilen, daß man wünscht, er möge die Gegend verlassen und die Rinder, Kamele und Schafe eines andern Dorfes verspeisen. Das ist natürlich ohne Erfolg. Es wird ihm der Beschluß der Dorfältesten nun in dringenderer, ernsterer Weise zu Gehör gebracht – ebenso umsonst. Darauf erklärt der Sprecher, daß man jetzt gezwungen sei, gewaltsame Maßregeln zu ergreifen, und man beginnt, so lange mit Steinen nach dem Dickicht zu werfen, bis der aus seinem Tagesschlummer aufgescheuchte Löwe erscheint, indem er stolz und majestätisch hinter den Felsen und aus dem Gestrüppe hervortritt. In diesem Augenblicke schwirren alle Pfeile, sausen alle Wurfspeere und krachen alle Flinten. Dabei ertönt ein Schreien und Heulen, daß der Löwe, wenn er nur ein wenig musikalisches Gehör hätte, augenblicklich davonrennen würde.

Keiner hat sich Zeit genommen, richtig zu zielen. Die meisten Geschosse gehen an dem Tiere vorüber; nur einige treffen, indem sie ihn leicht verwunden. Da sprühen seine Augen Feuer – ein Sprung, und er hat einen der Jäger unter sich liegen. Wieder krachen die Schüsse. Der Löwe, jetzt schwerer verwundet, holt sich noch ein zweites, ein drittes Opfer, bis er von den Geschossen, von denen keins wirklich tödlich traf, ganz durchlöchert tot zusammenbricht.

Nun aber ist es aus mit dem Respekte, mit welchem er vorher angeredet wurde, denn er ist tot und kann keine Beleidigung mehr rächen. Man wirft sich auf ihn; man tritt ihn mit Füßen und schlägt ihn mit Fäusten; man speit ihn an und besudelt sein Andenken, seine Vorfahren und Verwandten mit Schimpfworten, von denen die arabische Sprache einen fast unerschöpflichen Schatz besitzt.

Der Fremde lächelte ein wenig über den Bericht des Schechs. Es war ein Lächeln, welches bekundete, daß er sich gewiß nicht von dem »Herrn mit dem dicken Kopfe« und seiner Familie hätte »auffressen« lassen.

Diese kurze Unterhaltung hatte stattgefunden während man aufbrach. Dies geschieht nicht so leicht, wie der Europäer denken mag. Hat man Pferde als Reittiere, nun, so steigt man einfach in den Sattel und reitet davon. Bei den Kamelen aber ist es anders, besonders bei den Lastkamelen. Diese sind keineswegs die geduldigen Tiere, als welche sie in zahlreichen Büchern beschrieben werden. Sie sind vielmehr faul, bösartig und heimtückisch, ganz abgesehen von ihrer natürlichen Häßlichkeit und dem unangenehmen Geruch, den sie verbreiten. Dieser letztere ist so widerlich, daß es Pferde verschmähen, eine Nacht neben Kamelen zuzubringen. Das »Schiff der Wüste« ist ein bissiges Vieh; es schlägt vorn und hinten aus, hat keine Anhänglichkeit und besitzt eine Indolenz, welche nur von seiner Rachsucht noch übertroffen wird. Es gibt Tiere, denen sich kein Europäer nahen darf, ohne in Gefahr zu geraten, gebissen oder unter die Füße getreten zu werden.

Wahr ist‘s freilich, daß das Kamel sehr genügsam und ausdauernd ist, aber die außerordentlichen Leistungen, von denen man in dieser Beziehung gefabelt hat, beruhen auf Übertreibung. Kein Kamel vermag länger als drei Tage zu dürsten. So lange hält der Wasservorrat seines Magens aus, nicht länger. Wird es nach dieser Zeit nicht getränkt, so legt es sich nieder und ist selbst durch die grausamste Behandlung nicht wieder auf die Beine zu bringen. Es bleibt liegen, um zu verschmachten.

Ebenso ist es eine Lüge, daß der Beduine, wenn ihm das Wasser ausgeht, sein Leben rettet, indem er sein Kamel ersticht, um das in dem Magen desselben befindliche Wasser zu trinken. Der Magen eines geschlachteten Kamels enthält kein Wasser sondern eine blutwarme, dicke, mit Futterresten vermischte und schlimmer als ein Düngerhaufen nach allen möglichen Ammoniumsalzen riechende, dem Inhalte unserer Senkgruben ähnliche Jauche. Selbst ein Mensch, welcher vor Durst im Verschmachten liegt, wird keinen Schluck dieses entsetzlichen Zeuges trinken können.

Die schlechten Eigenschaften des Kamels zeigen sich während der Reise besonders nach der Ruhezeit, wenn es wieder beladen werden soll. Da wehrt es sich nach Leibeskräften mit dem Maule und den Beinen; da stöhnt und röchelt, da ächzt und brüllt es aus Leibeskräften. Dazu kommt dann das Zanken, Schreien und Fluchen der Männer, welche an ihm und der Ladung herumzerren. Es gibt das stets eine Scene, daß man davonlaufen möchte.

Von etwas edlerem Charakter sind die Reitkamele, Hedschin genannt. Es gibt da Tiere, welche sehr teuer bezahlt werden. Man hat für ein graues Bischarihnhedschin zehntausend Mark bezahlen sehen. Der Sattel des Lastkamels ist ein dachförmiges Gestell mit erhöhten Giebeln, welche den vordern und hintern Sattelknopf bilden. Er wird Hauiah genannt. Dagegen heißt der Sattel des schlanken, hohen Hedschin Machlufah. Er ist so eingerichtet, daß der Reiter in eine bequeme Vertiefung zu sitzen kommt, so daß er die beiden Beine vor dem vordern Sattelknopfe auf dem Halse des Kamels kreuzt. Wenn der Reiter aufsteigt, muß das Kamel am Boden liegen. Kaum hat er mit der Hand den Sattel berührt, so schnellt das Kamel erst hinten und dann vorn empor, so daß der Mann erst nach vorn und dann wieder nach hinten geworfen wird. Er muß gut Balance halten, um nicht abgeschleudert zu werden.

Ist das Kamel dann einmal im Gange, so hat selbst das Lasttier einen so steten und ausgiebigen Schritt, daß man mit demselben verhältnismäßig große Strecken zurücklegt.

Die Beni Homr hatten genug zu thun, den Kamelen die Lasten wieder aufzuschnallen. Während das geschah, war der Fremde auf sein Hedschin gestiegen und langsam vorausgeritten. Er kannte zwar die Gegend nicht, wußte aber die Richtung, nach welcher er sich zu wenden hatte.

»Dieser Hund hat sich nicht bewegt, während wir beteten,« sagte der Schech. »Er hat weder die Hände gefaltet noch die Lippen bewegt. Möge er im tiefsten Loche der Dschehenna braten!«

»Warum hast du ihn nicht längst dahin geschickt!« brummte einer seiner Leute.

»Wenn du das nicht begreifst, so hat Allah dir kein Gehirn gegeben; hast du denn nicht die Waffen dieses Christen gesehen? Hast du nicht bemerkt, daß er mit jeder kleinen Pistole, deren er zwei hat, sechsmal schießen kann ohne zu laden? Und in seinen Flinten hat er vier Schüsse. Das macht zusammen sechzehn; wir aber sind nur fünf Personen.«

»So müssen wir ihn töten, während er schläft.«

»Nein, ich bin ein Krieger, aber kein Feigling. Ich töte keinen Schlafenden. Aber gegen sechzehn Kugeln können wir nichts machen, und darum habe ich Abu el Mot gesagt, daß wir heute den Bir Aslan erreichen werden. Dort mag er thun, was ihm gefällt, und wir werden mit ihm teilen.«

»Wenn es etwas gibt, was des Teilens wert ist! Was hat dieser Christ denn bei sich? Häute von Tieren und Vögeln, welche er ausstopfen will, Flaschen voller Schlangen, Molche und Skorpionen, mit denen Allah ihn braten möge! Ferner Blumen, Blätter und Gräser, welche er zwischen Papier zerquetscht. Ich glaube, er bekommt zuweilen den Besuch des Schetan, den er mit diesen Dingen füttern will.«

»Und ich glaube, daß du wirklich den Verstand verloren hast. Oder hast du noch nie welchen gehabt! Warst du denn taub, als dieser Ungläubige uns erklärte, was er mit diesen Sachen machen will?«

»Ich kann das alles nicht gebrauchen, und also habe ich nicht acht gegeben, als er davon sprach.«

»Aber was eine Medresse ist, das weißt du?«

»Ja, ich habe davon gehört.«

»Nun, an so einer Medresse ist er Lehrer. Er unterrichtet von allen Pflanzen und Tieren der Erde und ist zu uns gekommen, um unsre Gewächse und Tiere mit heim zu nehmen und seinen Schülern zu zeigen. Auch will er große Kisten und Körbe voll davon seinem Sultan schenken, welcher besondere Häuser hat, in denen dergleichen Dinge aufbewahrt werden.«

»Was aber kann das uns nützen?«

»Sehr viel! Weit mehr als du denkst. Einem Sultan darf man doch nur kostbare Geschenke machen; also müssen die Tiere und Pflanzen, welche dieser Giaur bei uns geholt hat, in seinem Lande sehr hohen Wert besitzen. Siehst du das nicht ein?«

»Ja, Allah und du, ihr beide erleuchtet mich,« spottete der Mann.

»Ich habe darum daran gedacht, sie ihm abzunehmen und dann nach Chartum zu verkaufen. Man könnte dort einen guten Preis erzielen. Und hast du ferner nicht beobachtet, was er noch weiter bei sich hat?«

»Ja, eine ganze Ladung von Stoffen und Zeugen, Glasperlen und andern Gegenständen, mit denen man bei den Negern viel Elfenbein und viele Sklaven eintauschen könnte.«

»Und weiter!«

»Weiter weiß ich nichts.«

»Weil deine Augen verdunkelt sind. Sind seine Waffen, seine Ringe, seine Uhr nichts wert?«

»Sehr viel sogar. Und dann hat er ein Ledertäschchen unter seiner Weste. Ich sah, als er es einmal öffnete, große Papiere darin mit fremder Schrift und einem Stempel. Ich habe einmal in Chartum bei einem reichen Kaufmann so ein Papier gesehen, und da erfuhr ich, daß man sehr, sehr viel Geld bekommt, wenn man dieses Papier demjenigen gibt, dessen Namen darauf geschrieben steht. Diese Papiere werde ich bei der Teilung beanspruchen, dazu seine Waffen, seine Uhr und alles, was er bei sich trägt, auch die Kamellast mit den Zeugen und Tauschsachen. Wir werden dadurch reich werden. Das andre alles, die Kamele mit der Sammlung der Tiere und Pflanzen aber wird Abu el Mot bekommen.«

»Wird er damit einverstanden sein?«

»Ja, er ist bereits darauf eingegangen und hat mir sein Wort gegeben.«

»Und wird er gewiß kommen? Heute ist der letzte Tag. Der Giaur hat uns gemietet, ihn auf unsern Kamelen nach Faschodah zu bringen. Kommen wir morgen dort an, so ist es aus mit unserm Plane, denn er wird ohne uns weiter reisen.«

»Er wird nicht dort ankommen. Ich bin überzeugt, daß Abu el Mot uns auf dem Fuße folgt. Heute in der Nacht, kurz vor dem Morgengrauen, soll der Überfall geschehen. Zwei Stunden nach Mitternacht soll ich sechshundert Schritte weit gerade westwärts von dem Brunnen gehen und den Alten dort finden.«

»Davon hast du uns noch nichts gesagt. Wenn ihr euch in dieser Weise besprochen habt, so kommt er sicherlich, und die Beute wird unser. Wir sind Beni Arab, wohnen in der Wüste und leben von ihr. Alles, was auf ihr lebt, ist unser Eigentum, also auch dieser räudige Giaur, der sich nicht einmal mit verneigt, wenn wir zu Allah beten.«

Damit hatte er die allgemeine Ansicht der Wüstenbewohner ausgesprochen, welche den Raub für ein so ritterliches Gewerbe halten, daß sie sich dessen sogar öffentlich rühmen.

Während dieses Gespräches hatten sie ihre Tiere in Bewegung gesetzt, um dem Fremden nachzufolgen. Als sie ihn erreichten, ahnte er nicht, daß sein Tod eine von ihnen fest beschlossene Sache sei. Er hatte seine Aufmerksamkeit nicht auf sie, sondern auf einen ganz andern Gegenstand gerichtet. Plötzlich rief er seinem Kamele ein lautes »Khe khe!« zu, das Zeichen zum Anhalten und Niederknieen. Es gehorchte; er stieg aus dem Sattel und griff nach seinem Gewehre.

»Allah!« rief der Schech. »Gibt es einen Feind?«

Dabei blickte er sich ängstlich nach allen Seiten um.

»Nein,« antwortete der Reisende, indem er in die Luft deutete, »es gilt nur einem dieser Vögel.«

Die Araber folgten mit ihren Augen seinem Fingerzeige.

»Das ist ein Hedj mit seiner Frau,« sagte der Schech. »Gibt es ihn nicht auch in Eurem Lande?«

»Ja, aber von einer andern Art. Er wird bei uns Weihe, Corvus, genannt. Ich will auch einen Hedj haben.«

»Du willst ihn schießen?«

»Ja.«

»Das ist unmöglich, das bringt kein Mensch fertig, mit dem besten Gewehre nicht!«

»Wollen sehen!« lächelte der Fremde.

Die beiden Weihen waren der Karawane nach Art der Raubvögel gefolgt, immer gerade über derselben schwebend. Sie senkten sich jetzt, als die Reiter hielten, langsam weiter nieder, indem sie hintereinander eine regelmäßige Spirale beschrieben. Der Fremde setzte die Brille zurecht, stellte sich mit dem Rücken gegen die Sonne, um nicht geblendet zu werden, zielte einige Sekunden lang, mit der Mündung des Hinterladers dem Fluge der Vögel folgend, und drückte dann ab.

Das voran fliegende Männchen zuckte, legte die Flügel zusammen, spannte sie wieder auf, aber nur für wenige Augenblicke, dann konnte er sich nicht mehr in der Luft erhalten; er stürzte zur Erde nieder. Der Fremde eilte der Stelle zu, an welcher der Vogel lag, hob ihn auf und betrachtete ihn. Die Araber kamen herbei, nahmen ihm den Hedj aus der Hand und untersuchten denselben.

»Allah akbar – Gott ist groß!« rief der Schech erstaunt, »du hattest eine Kugel geladen?«

»Ja, eine kleine Kugel, keinen Schrot.«

»Und ihn doch getroffen!«

»Wie du siehst!« nickte der gute Schütze. »Das Geschoß ist ihm in die Brust gedrungen, mitten in das Leben, was freilich nur Zufall ist; aber auf den Leib hatte ich doch gezielt. Es freut mich, daß der Schuß so gut gelungen ist, denn so ist der Balg ganz unverletzt.«

»Einen Hedj zu schießen, mit einer Kugel, aus solcher Höhe! Und ihn auch an dieser Stelle zu treffen! Effendi, du bist ein ausgezeichneter Schütze, bei uns verstehen die Lehrer an den Medressen nicht zu schießen. Wo hast du das gelernt?«

»Auf der Jagd.«

»So hast du schon früher solche Vögel gejagt?«

»Vögel, Bären, wilde Pferde, wilde Büffel und viele andre Tiere.«

»Gibt es die in deinem Vaterlande?«

»Nur die ersteren. Die letzteren schoß ich in einem andern Weltteile, welcher Amerika heißt.«

»Von diesem Lande habe ich noch nichts gehört. Sollen wir den Hedj in das Gepäck stecken?«

»Ja. Ich werde ihn heute abend am Lagerfeuer abbalgen, wenn es überhaupt ein Feuer geben wird.«

»Es gibt eins, denn an dem Bir Aslan wachsen viele und dichte Sträucher.«

»So hebt ihn bis dahin auf! Es ist das Männchen, welches wertvoller als das Weibchen ist.«

»Ja, es ist das Männchen; auch ich kenne es. Seine Witwe ist davon geflogen und wird um ihn trauern und klagen, bis ein andrer Hedj sie tröstet. Allah sorgt für alle Geschöpfe, selbst für den kleinsten Vogel, am allerbesten aber für die Dijur ed djiane, welche er jährlich in sein Paradies aufnimmt, wenn sie von uns gehen.«

Dieser Glaube ist in Ägypten viel verbreitet. Der gewöhnliche Mann weiß nicht, daß die Schwalben, welche er eigentlich »Snunut« nennt, ihre wirkliche Heimat in Europa haben und nur während unsrer Winterszeit nach Süden gehen. Da sie im Frühling verschwinden, ohne daß er erfährt, wohin, so erklärt er sich, wohl meist auch infolge ihres traulichen, menschenfreundlichen Wesens, diese Erscheinung in der Weise, daß er annimmt, sie fliegen nach dem Paradiese, um bei Allah zu nisten und ihm die Gebete der Gläubigen vorzuzwitschern.

Nachdem der unterbrochene Ritt fortgesetzt worden war, sah man nach einiger Zeit einzelne kahle Berge, welche sich im Süden und Norden der eingeschlagenen Richtung erhoben. Dies gab dem Fremden Veranlassung, auch nach rückwärts zu blicken. Sein Auge blieb an einigen winzig kleinen Punkten hangen, welche dort scheinbar unbeweglich in der Luft schwebten. Er zog sein Fernrohr aus der Satteltasche und beobachtete dieselben einige Zeit. Dann schob er das Rohr wieder in die Tasche zurück und fragte:

»Ist der Weg, den wir reiten, ein vielbesuchter Handelsweg?«

»Nein,« antwortete der Schech. »Wenn wir den Karawanenweg hätten einschlagen wollen, so hätten wir einen Bogen reiten müssen, auf welchem uns zwei Tage verloren gegangen wären.«

»Hier ist also keine Karawane zu erwarten?«

»Nein, weil es in der trockenen Jahreszeit auf dem Pfade, den wir ritten, kein Wasser gibt. Das unsrige ist auch bereits zur Neige gegangen. Die Schläuche sind leer.«

»Aber am Bir Aslan werden wir sicher welches finden?«

»Ganz gewiß, Effendi.«

»Hm! Sonderbar!«

Er machte dabei ein so bedenkliches Gesicht, daß der Schech ihn fragte:

»Woran denkst du, Herr? Gibt es etwas, was dir nicht gefällt?«

»Ja.«

»Was?«

»Du behauptest, daß wir uns auf keinem Karawanenwege befinden, und doch reiten hinter uns Leute.«

»Hinter uns? Unmöglich! Dann müßten wir sie ja sehen!«

»Das ist nicht notwendig.«

»Wie kannst du es dann für so gewiß behaupten?«

»Weil ich zwar nicht sie, aber doch ihre Spur sehe.«

»Effendi, du scherzest!« meinte der Schech in überlegenem Tone.

»O nein. Es ist im Gegenteil mein vollständiger Ernst.«

»Wie ist es einem Menschen möglich, die Spuren von Personen, die Darb und Ethar von Personen zu sehen, welche hinter ihm reiten!«

»Du denkst nur an die Spuren, welche durch die Füße der Menschen und die Hufe der Tiere dem Sande eingedrückt werden. Aber es gibt auch Spuren, welche sich in der Luft befinden.«

»In der Luft? Allah akbar – Gott ist groß; er kann alles, denn ihm ist alles möglich. Aber daß er es uns erlaubt hat, Spuren in der Luft zurückzulassen, davon habe ich noch nichts gehört.«

Er musterte den Fremden mit einem Blicke, als ob er ihn nicht für ganz zurechnungsfähig halte.

»Und doch ist es so. Die Spuren sind da. Man muß nur Augen für sie haben. Denk an den Hedj, welchen ich geschossen habe!«

»Was hat er mit den Darb und Ethar zu thun?«

»Sehr viel, denn er selbst konnte unter Umständen die Ethar von uns sein. Hast du ihn schon bemerkt, bevor ich ihn schoß?«

»Ja. Das Pärchen folgte uns seit dem Morgen. Und als wir am Steine ruhten, schwebte es immer über uns. Der Hedj hält sich, wenn er kein andres Futter findet, zu den Kamelen, um dann alles, was die Reiter während der Ruhe beim Essen fallen lassen, aufzuzehren. Auch lauert er auf die Vögel, auf die Madenhacker, welche den Karawanen folgen, um den Tieren das Ungeziefer abzulesen.«

»Also du gibst zu, daß an der Stelle, über welcher der Hedj schwebt, sich eine Karawane befindet?«

»Ja.«

»Nun, da hinter uns fliegt ein zweites Paar, zu welchem sich jetzt unser verwitwetes Weibchen gesellt hat. Siehst du sie?«

Der Schech blickte rückwärts. Seinen scharfen, wohlgeübten Augen konnten die Vögel nicht entgehen.

»Ja, ich sehe sie,« antwortete er.

»Dort muß eine Karawane sein?«

»Wahrscheinlich .«

»Und doch befinden wir uns auf keinem Wege. Das hast du selbst gesagt. Die hinter uns reitenden Leute folgen unsren Spuren .«

»Sie werden den Weg nicht kennen und sich also an unsre Fährte halten.«

»Eine Karawane hat stets einen Schech el Dschemali und auch noch andre Männer bei sich, welche den Weg genau kennen.«

»Aber der beste Khabir kann sich einmal verirren!«

»In der großen Sahara, ja, aber nicht hier in dieser Gegend, südlich von Dar Fur, wo von einer wirklichen Wüste streng genommen gar nicht die Rede sein kann. Der Schech der Karawane, welcher hinter uns kommt, kennt die Gegend ebenso gut wie du; er muß sie kennen. Wenn er trotzdem vom Karawanenwege abgewichen ist, um uns zu folgen, so hat er es auf uns abgesehen.«

»Auf uns abgesehen! Effendi, welch ein Gedanke! Du denkst doch nicht etwa, daß diese Leute zu einer . . .«

Er sprach das Wort nicht aus. Er hatte Mühe, seine Verlegenheit zu verbergen.

»Daß sie zu einer Gum gehören, wolltest du wohl sagen?« fuhr der Fremde fort. »Ja, das ist meine Meinung.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig! Welch ein Gedanke, Effendi! Hier in dieser Gegend gibt es keine Gum. Die ist nur im Norden von Dar Fur zu suchen.«

»Pah! Ich traue diesen Leuten nicht! Warum folgen sie uns?«

»Sie folgen uns, aber verfolgen wollen sie uns nicht. Können sie nicht denselben Zweck haben wie wir?«

»Den Weg abzukürzen? Das ist freilich möglich.«

»Das ist nicht nur möglich, sondern es wird wirklich sein. Mein Herz ist ferne davon, Befürchtungen zu hegen. Ich kenne diese Gegend und weiß, daß man in derselben so sicher ist wie im Schoße des Propheten, den Allah segnen wolle.«

Der Fremde warf ihm einen forschenden Blick zu, welcher dem Schech nicht gefallen wollte, denn er fragte:

»Warum blickst du mich an?«

»Ich sah dir in die Augen, um in deiner Seele zu lesen.«

»Und was findest du darin? Doch die Wahrheit?«

»Nein.«

»Allah! Was denn? Etwa die Lüge?«

»Ja.«

Da griff der Schech nach dem Messer, welches in seinem Gürtel steckte, und rief:

»Weißt du, daß du soeben eine Beleidigung ausgesprochen hast? So etwas darf ein braver und tapferer Ben Arab nicht dulden!«

Das Gesicht des Fremden hatte plötzlich einen ganz andern Ausdruck bekommen. Es schien, als ob die Züge schärfer, gespannter geworden seien. Es glitt ein stolzes Lächeln über sein männlich schönes Gesicht, und er sagte in fast wegwerfendem Tone:

»Laß das Messer stecken! Du kennst mich nicht. Ich vertrage es nicht, wenn ein andrer mit der Hand am Messer von Beleidigung spricht. Läßt du die Klinge sehen, so erschieße ich euch binnen einer Minute!«

Der Schech nahm die Hand vom Gürtel. Er war ebenso zornig wie verlegen und antwortete:

»Soll ich es mir gefallen lassen, daß du mich der Lüge zeihst?«

»Ja, denn ich habe wahr gesprochen. Erst machte mich die uns folgende Karawane besorgt, jetzt aber traue ich auch dir nicht mehr.«

»Warum ?«

»Weil du die Gum, wenn es eine ist, gegen mich verteidigst und dir Mühe gibst, mich in Sicherheit zu lullen.«

»Allah yak fedak – Gott schütze dich, Effendi, denn deine Gedanken gehen irr. Was gehen mich die Leute an, welche hinter uns kommen!«

»Sehr viel, wie es scheint, sonst hättest du es nicht unternommen, das Mißtrauen, welches ich gegen sie hege, durch eine Unwahrheit zu zerstreuen.«

»Aber ich sage dir, daß ich mir keiner Lüge bewußt bin!«

»Nicht? Behauptetest du nicht, diese Gegend sei so sicher wie der Schoß des Propheten?«

»Ja, und so ist es auch.«

»Das sagst du, weil du weißt, daß ich ein Fremder bin. Du bist der Überzeugung, daß ich die Verhältnisse des Landes nicht kenne. Ja, die Reitpfade desselben sind mir unbekannt, obwohl ich sie mit Hilfe meiner Karten wahrscheinlich ohne deine Hilfe auch finden würde, aber das übrige kenne ich jedenfalls besser als du. In meiner Heimat gibt es Bücher und Bilder über alle Länder und Völker der Welt. Durch diese lernt man die Völker zuweilen besser kennen als diejenigen, welche zu ihnen gehören. So weiß ich auch ganz genau, daß man hier keineswegs so sicher ist wie im Schoße des Propheten. Hier ist viel, viel Blut geflossen. Hier, wo wir uns befinden, haben die Nuehr-, Schilluk- und Denkavölker miteinander gestritten. Hier sind die Dschur und Luoh, die Tuitsch, die Bahr, Eliab und Kiëtsch, die Abgalang, die Agehr, Abugo und Dongiol aufeinander getroffen, um sich zu ermorden, zu zerfleischen und auch gar wohl – aufzufressen.«

Der Schech war ganz steif vor Erstaunen.

»Effendi,« rief er von seinem Kamele herüber, »das weißt du; diese Völker kennst du, sie alle!«

»Ja, genauer jedenfalls als du! Und ich weiß auch noch mehr. Ich weiß, daß gerade da, wo wir jetzt reiten, zu nächtlicher Zeit sich die entsetzliche Ghasuah vorüberschleppt, um dem Pascha zu entgehen, welcher in Faschodah ein Auge auf die Sklavenjäger hat. Da ist mancher arme Schwarze ermattet niedergesunken und durch einen Hieb, eine Kugel für immer stumm gemacht worden. Unten am Mokren el Bohur werden die Ärmsten aus den Schiffen geladen und quer über das Land geschafft, um oberhalb Faschodahs wieder eingeladen und vor Chartum verkauft zu werden. Da hat mancher seinen letzten Seufzer ausgehaucht; mancher hat hier den Todesschrei in die finstere Nacht hinausschallen lassen. Und das nennst du eine Gegend, welche man mit dem Schoße des Propheten vergleichen kann? Ist es möglich, eine größere Lüge auszusprechen?«

Der Schech blickte finster vor sich nieder. Er fühlte sich geschlagen und durfte es doch nicht eingestehen. Darum antwortete er nach einigen Augenblicken:

»An die Ghasuah dachte ich nicht, Effendi. Ich dachte nur an dich und daran, daß du hier sicher bist. Du befindest dich in unserm Schutze, und ich möchte den sehen, welcher es wagen wollte, ein Haar auf deinem Haupte zu krümmen!«

»Ereifere dich nicht! Ich sehe klar und weiß genau, was ich zu denken habe. Sprich nicht von Schutz! Ich habe euch gemietet, damit ihr meine Sachen auf euern Kamelen nach Faschodah bringen möchtet; auf euern Schutz aber habe ich nicht gerechnet. Ihr selbst bedürft vielleicht des Schutzes mehr als ich.«

»Wir?«

»Ja. Hast du vielleicht die Schillukneger gezählt, welche die Leute deines Stammes hier raubten und als Sklaven nach Dar Fur brachten? Besteht etwa nicht deshalb ein unersättlicher Haß, ja eine Blutrache zwischen euch und ihnen? Befinden wir uns jetzt nicht auf dem Gebiete der Schilluk, welche, wenn sie euch sähen, sofort über euch herfallen würden? Warum habt ihr den Karawanenweg verlassen und mich durch einsame Gegenden gebracht? Um den Weg abzukürzen, wie du vorhin sagtest? Nein, sondern um nicht auf die Schilluk zu treffen. Vielleicht gibt es auch noch einen andern Grund.«

»Welchen?« fragte der Schech, der sich durchschaut sah, ziemlich kleinlaut.

»Den, mich hier umzubringen.«

»Allah, Wallah, Tallah! Welche Gedanken werden in deiner Seele laut!«

»Du selbst bist schuld daran. Denke an die Karawane, welche uns folgt! Es ist vielleicht die Gum, welche mich überfallen soll. Es gelüstet euch nach meiner Habe, welche ihr nicht erhalten könnt, so lange ich lebe. Auf euerm Gebiete könnt ihr mich nicht töten, der Verantwortung wegen, die euch sicherlich nicht erspart bleiben würde. Darum führt ihr mich durch unwegsame Gegenden nach dem einsamen Bir Aslan, wo die That geschehen soll, ohne daß ein Zeuge die Mörder verraten kann. Findet man dann meine Leiche, so geschah der Mord auf dem Gebiete der Schilluk und wird diesen zur Last gelegt. Auf diese Weise habt ihr dann zwei Vorteile zugleich erreicht, nämlich meine Habe und die Rache an den Schilluk.«

Er hatte das in einem so gleichmütigen, ja sogar freundlichen Tone gesagt, als ob es sich um etwas ganz Alltägliches und Angenehmes handle. Seine Worte machten einen ungeheuren Eindruck auf die Araber. Nach ihren Waffen zu greifen wagten sie nicht. Was waren ihre langen Feuersteinflinten gegen seine Waffen! In dieser Beziehung war er, der einzelne, ihnen überlegen. Aber sie mußten doch etwas thun, um sich den Anschein zu geben, als ob sie sich durch seine Anklage ganz unschuldig beleidigt fühlten. Darum hielten sie ihre Kamele an und erklärten, daß sie keinen Schritt weiterreiten, sondern die Lasten abladen und heimkehren würden.

Der Fremde lachte laut auf.

»Das werdet ihr nicht thun,« meinte er. »Wie wollt ihr ohne Wasser zurückkehren? Ihr müßt unbedingt nach dem Brunnen des Löwen. Übrigens habe ich euch mit Absicht nicht vorher bezahlt. Ihr sollt erst in Faschodah euer Geld erhalten, und wenn ihr mich nicht bis dorthin bringt, so bekommt ihr keinen einzigen Piaster. Was meinen Verdacht betrifft, so habe ich denselben ehrlich ausgesprochen, um euch zu beweisen, daß ich euch nicht fürchte. Ich habe es mit weit schlimmeren Gesellen zu thun gehabt, als ihr seid, und es ist euch gar nichts als der kleine Fehler vorzuwerfen, daß ihr mich nicht kennt. Ist meine Vermutung falsch, so bitte ich euch um Verzeihung. Aus Erkenntlichkeit werde ich in Faschodah ein Rind schlachten lassen und es unter euch allein verteilen. Und zu der Bezahlung, welche wir für eure Dienste festgesetzt haben, werde ich ein Bakschisch fügen, welches ihr zum Schmucke eurer Frauen und Töchter verwenden könnt.«

Das war eine nach hiesigen Verhältnissen sehr gute Aussicht, welche er ihnen eröffnete; aber ihr Groll wurde durch dieselbe keineswegs beseitigt, obgleich sie sich den Anschein gaben, als ob sie sein Versprechen mit ihm versöhnt habe. Sie wußten ja genau, daß er den kommenden Morgen nicht erleben werde. Um ihn sicher zu machen, erklärten sie, ihn weiterbegleiten zu wollen, wenn er seinen Verdacht fallen lasse und sein Versprechen zu halten beabsichtige. Er war damit einverstanden, bewies aber schon im nächsten Augenblicke, daß sein Mißtrauen noch fortbestehe, denn er ritt von jetzt an als letzter in der Reihe, während er sich bisher mit dem Schech stets an der Spitze befunden hatte.

Sie thaten, als ob sie das nicht beachteten, aber einige Zeit, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, that der Schech so, als ob er dem jetzt an seiner Seite reitenden Homr die Gegend erkläre; er deutete mit dem erhobenen Arme bald nach vorn, bald nach rechts oder links, sagte aber dabei in verbissenem Tone:

»Dieser Hund ist weit klüger, als es den Anschein hatte. Er kennt dieses ganze Land, alle Bewohner desselben und auch alle Ereignisse, welche hier geschehen sind.«

»Und hat alles, was wir beabsichtigen, ganz genau erraten,« fügte der andre hinzu. »Möge der Schetan ihn beim Schopfe nehmen!«

»Am liebsten möchte ich das thun!«

»Wer verwehrt es dir?«

»Seine Waffen.«

»Kann nicht einer von uns zurückbleiben und ihm von hinten eine Kugel in das Herz jagen?«

»Versuche es! Das Beste wäre es. Wir brauchten nicht bis früh zu warten und hätten die Beute nicht mit Abu el Mot zu teilen. Seine Leiche ließen wir liegen, ritten nach dem Brunnen, füllten unsere Schläuche und kehrten während der Nacht zurück. Morgen wären wir schon weit von hier, und kein Mensch wüßte, wessen Kugel den Hund getroffen hat.«

»Soll ich ihn erschießen?«

»Ich wollte nicht, daß er von uns getötet werde; nun er uns aber das Gesicht in solcher Weise schamrot gemacht hat, mag er von deiner Kugel sterben.«

»Was erhalte ich dafür?«

»Die goldene Kette an seiner Uhr.«

»Natürlich außer dem Beuteanteil, welcher überhaupt auf mich kommt?«

»Natürlich.«

»So mag es geschehen. Ich drücke das Gewehr so nahe hinter ihm ab, daß ihm die Kugel zur Brust herauskommt.«

Er hielt sein Kamel an und stieg ab; dann schnallte er an dem Sattelgurte herum, als ob derselbe sich gelockert habe. Die andern ritten an ihm vorüber. Der Fremde aber hielt bei ihm an und sagte in freundlich mahnendem Tone:

»Du mußt dir merken, daß man das stets vor dem Aufbruche thut. Durch das Absteigen verminderst du unsre Eile. Folge uns also, wenn du fertig bist, schnell nach. Dein Tüfenk ist fast unter das Kamel geraten; es könnte leicht zerbrochen werden, und ich will es lieber einstweilen an mich nehmen.«

Er langte von seinem hohen Sitze mit dem Metrek herab, steckte denselben unter den Riemen der am Sattelknopfe hängenden Flinte und hob dieselbe zu sich herauf. Dann ritt er lächelnd weiter.

Der Araber machte ein unbeschreiblich enttäuschtes Gesicht. Die Flinte war fort und eine Pistole hatte er nicht. Ein Überfall mit dem Messer vom hohen Kamelsattel aus war aber ganz unmöglich.

»Ob er es ahnt, dieser Sohn und Enkel des Teufels!« knirschte er. »Dieser Versuch ist mißglückt; aber bald wird es Nacht. Dann sieht er es nicht, wenn man auf ihn zielt, und ich kann ihn doch noch erschießen, ehe wir den Brunnen erreichen.«

Er folgte, nachdem er wieder aufgestiegen war, den Vorangerittenen. Als er an dem Fremden vorüberkam, reichte ihm dieser die Flinte mit den Worten zurück:

»Der Feuerstein ist ja zerbrochen und ausgefallen. Du kannst also heute nicht schießen. Morgen aber werde ich dir einen neuen geben. Ich habe welche im Gepäck.«

Es war klar, daß er den Stein heraus geschraubt hatte. Der Schech erkannte nun abermals, daß er durchschaut sei, und brannte nun förmlich darauf, dem Giaur die tödliche Kugel geben zu lassen oder auch selbst zu geben. Dieser aber ritt mit dem gleichmütigsten Gesicht hinterdrein, doch hatte er das eine Gewehr, welches vorher am Sattelknopfe hing, schußbereit in der Hand und beobachtete jede Bewegung seiner Begleiter mit scharfem Auge.

Die Zeit verging, und das Land wurde hügelig. Eine wenn auch unbedeutende Höhenkette zog sich hier von Norden nach Süden und brachte einige Abwechselung in das Landschaftsbild. Als sie durchquert war, kamen die Reiter wieder in die Ebene, wo, wie sie sahen, ein spärliches Gras gestanden hatte, welches aber von der Sonne vollständig versengt war. Mehr und mehr neigte sich diese dem Horizonte zu. Als sie ihn erreichte, hielt der Schech sein Tier an und rief im Tone eines Muezzin:

»Haï es sala – auf zum Gebete! Die Sonne taucht in das Meer des Sandes, und die Zeit des Moghreb ist gekommen!«

Sie stiegen alle ab und beteten in der bereits beschriebenen Weise. Fünfmal täglich hat der Moslem seine Andacht zu verrichten und sich dabei zu waschen, mag er sich nun zu Hause oder sonstwo befinden. Diese Gebete sind: el Fagr früh beim Aufgange der Sonne, el Deghri um die Mittagszeit, el Asr drei Stunden später, die Aufbruchszeit aller strenggläubigen Reisenden, el Moghreb beim Sonnenuntergange und endlich el Aschia eine Stunde später.

Es versteht sich, daß diese Zeiten nicht stets und überall streng eingehalten werden, und je weiter die abendländische Kultur im Osten vorschreitet, desto schwerer wird es dem Muselmann, diesen Vorschriften Folge zu leisten.

Als die Fathha gesprochen worden war, stiegen alle wieder auf, und der Ritt wurde fortgesetzt. Der Fremde war im Sattel geblieben. Es war ihm nicht zuzumuten, an ihrem Gebete teilzunehmen oder auch nur nach europäischer Sitte durch Entblößung des Hauptes ein Zeichen der Ehrfurcht zu geben. Er hätte sich damit entehrt, da der Mohammedaner es für eine Schande hält, den Kopf unbedeckt sehen zu lassen. Nur allein der Mezaijin hat das Vorrecht, den Anblick frommer, kahl geschorener Schädel, auf denen nur die mittelste Locke stehen bleiben darf, zu genießen. Diese Locke ist für den Muselmann sehr notwendig, weil ihn, wenn er auf dem Pfade strauchelt, welcher nach dem Tode in das Paradies führt und der nur so breit ist wie die Schärfe eines Barbiermessers, der Engel Gabriel bei diesem Haarschopfe faßt, um ihn fest zu halten und nicht in die Hölle hinabstürzen zu lassen.

Wenn die Sonne in südlichen Gegenden hinter dem Horizonte verschwunden ist, so tritt die Nacht sehr schnell herein. Eine Dämmerung wie bei uns ist dort unbekannt. Darum trieb Abu ‚l arba ijun, der Vater der vier Augen, die Araber jetzt zu größerer Eile an. Noch waren sie nicht weit gekommen, so sahen sie einen kleinen Reiterzug von Norden her sich im spitzen Winkel auf ihre Richtung zu bewegen. Es war eine Dschelaba, eine Handelskarawane, und zwar eine der anspruchslosesten, ja ärmlichsten Art.

Die acht Männer, aus denen sie bestand, saßen nicht etwa auf stolzen Rossen, auf hohen, langbeinigen Hedschins oder wenigstens auf gewöhnlichen, ordinären Lastkamelen, o nein, sondern sie hingen in den verschiedensten und keineswegs eleganten Stellungen auf jener Art von Tieren, deren Abbild früher unfleißigen Schuljungen als abschreckende Auszeichnung auf Holz gemalt um den Hals gehängt wurde – auf Eseln .

Der Zug glich also keiner jener großen, aus mehreren hundert Kamelen bestehenden Handelskarawanen, welche die Mittelmeerstaaten mit den großen Oasen der Sahara verbinden; es war vielmehr eine echt sudanesische Dschelaba, deren Anblick meist geeignet ist, Mitleid zu erwecken. Diese Handelszüge entstehen folgendermaßen:

Der Sudanese ist kein Freund der Arbeit und Anstrengung. Hat er sich als Matrose, als Diener oder in irgend einer andern leichten und vorübergehenden Stellung einige Mariatheresiathaler verdient, so wird er Handelsherr, welcher schöne Beruf ihm am meisten zusagt. Dazu ist vor allem andern der Ankauf eines Esels notwendig, welcher nur einen Teil des Kapitals verschlingt. Dann müssen zwei Gurab, lederne Säcke, angeschafft werden, welche die Handelsartikel aufzunehmen haben und auf der Reise zu beiden Seiten des Esels am Sattel hangen. Und drittens werden die im Lande gangbarsten Waren, durch welche der Handelsherr Millionär werden will, eingekauft. Diese bestehen in Khol, der bekannten Augenschwärze, in kleinen Stücken Rindstalg, mit denen sich die Stutzer des Sudans die Adonisgestalt einschmieren, um ein glänzendes Aussehen zu erhalten, in ebenso kleinen Salzwürfeln, die in Gegenden, wo es kein Salz gibt, eine sehr gesuchte und gut bezahlte Ware bilden, in einigen Stecknadeln, dem höchsten Schatze der Negerinnen, in wohlriechenden Sächelchen, bei deren Duft wir uns aber die Nase zuhalten würden, in andern ähnlichen Kleinigkeiten und vor allen Dingen in einigen Ellen Baumwollenzeug, da dies im Süden als Münze gilt. Je weniger man zu bezahlen hat, desto kleiner ist das Stückchen, welches von dieser Münze abgeschnitten wird.

Zum Schutze dieses Kauf- und Spezereiladens ebenso wie zum Schutze seines hoffnungsvollen Besitzers wird nun irgend eine fürchterliche Waffe angekauft, ein Schleppsäbel ohne Schneide, eine alte, entsetzlich weite Luntenpistole, welche in der Rumpelkammer des Trödlers von Mäusen bewohnt wurde, die vergnügt zum Zündloche herausschauten, oder gar ein flintenähnliches Mordinstrument, welches neben unzählichen andern guten Eigenschaften auch diejenige hat, nicht loszugehen, selbst wenn man sie ganz mit Pulver füllt und in einen glühenden Ofen steckt. Notabene nimmt an diesem Erfolge das Pulver ebenso großen Anteil wie die Mordmaschine selbst. Diese Waffen werden von ihrem Besitzer natürlich für unbeschreiblich wertvoll gehalten, aber nie im Ernst gebraucht. Er ist ein Anhänger der Abschreckungstheorie und wünscht, daß der etwaige Feind beim Anblicke dieser lebensgefährlichen Gegenstände die Flucht ergreife; geschieht dies nicht, nun, so reißt er einfach selber aus, was in neunundneunzig unter hundert Fällen mit aller Energie geschieht.

Nun ist die Ausrüstung beendet und der Dschelabi, der Händler fertig. Er könnte beginnen; aber sich allein in die weite, schlimme Welt zu wagen, das fällt ihm gar nicht ein. Er sucht nach gleichgestimmten Herzen und gleichgesinnten Seelen, die er auch unschwer findet. Bald sind sechs, acht, zehn solcher zukünftigen Kommerzienräte beisammen. Jeder hat einen Esel, aber was für einen! Viel haben die Tiere nicht kosten sollen, und darum sind sie alle mehr oder weniger lädiert und ramponiert. Dem einen fehlt ein Ohr, dem andern der Schwanz, den dritten haben die Ratten angefressen, und der vierte wurde blind geboren. Diese äußerlichen Mängel werden aber durch innerliche, durch Seelen- und Charaktereigenschaften reichlich aufgewogen, welche den Besitzer zur Verzweiflung bringen können. Trotzdem ist er stolz auf sein Reittier und belegt es mit den schmeichelhaftesten Namen und Stockhieben.

Um die Reise antreten zu können, werden die berühmtesten Fuqara aufgesucht und um wunderthätige Amulette angegangen. Die Welt ist schlecht, und es hausen böse Geister überall in Menge; da muß man an Brust und Armen mit Amuletten behangen sein, um allen Gefahren ruhig entgegensehen und im geeigneten Augenblicke mutig den Rücken kehren zu können.

Nun werden die beiden Gurab dem Esel aufgeladen. Der Dschelabi nimmt einen tüchtigen Knüppel in die Hand, um mit demselben dem Langohr zuweilen einen beherzigenswerten Wink geben zu können, und steigt auch mit auf. Das Schwert wird mittelst eines Kamelstrickes umgeschnallt oder die Pistolenhaubitze beigesteckt, und dann setzt sich der imposante Zug in Bewegung, von sämmtlichen Freunden und Anverwandten bis vor den Ort hinaus begleitet.

Thränen fließen, Herzen zerrinnen. »Be ism lillahi – in Allahs Namen!« erklingen die schluchzenden Segenswünsche. Der Zug kommt zehn und hundertmal ins Stocken, denn hier bockt ein Esel und wirft Ladung und Reiter ab; ein andrer wälzt sich im tiefen Kote, um sich von der Last zu befreien, und ein dritter stemmt sich mit allen Vieren ein, schreit wie am Spieße und ist weder durch Liebkosungen noch durch Schläge von der Stelle zu bringen, bis sich zehn Anverwandte vorn anspannen, um ihn am Maule zu ziehen, und zehn Freunde hinten am Schwanze schiebend und schwitzend nachhelfen. So gelangt die Dschelaba endlich glücklich ins Freie und bockt, stolpert, rennt, schreit, heult und flucht ihrem Glücke entgegen.

Sie trennt sich von Zeit zu Zeit, um sich an gewissen Orten wieder zusammenzufinden. Glänzende Geschäfte werden gemacht, großartige Abenteuer erlebt; manche gehen auch zu Grunde, während andre ihr kleines Anlagekapital durch Schlauheit und Ausdauer schnell vervielfältigen und wirklich zu reichen Männern werden.

Mancher Dschelabi wagt sich in den tiefsten Sudan hinein und kommt erst nach Jahren als ein gemachter Mann zurück. Mancher andre ist früher vielleicht ein angesehener Beamter gewesen und hat zum Esel greifen müssen, um im Sumpflande am Fieber oder anderswo am Hunger zu Grunde zu gehen. Niemand erfährt, wo seine Gebeine und diejenigen seines Esels bleichen. Vielleicht hat er den letztern vorher noch aufgezehrt.

Eine solche Dschelaba war es, welche der Karawane jetzt begegnete. Sie kam den Arabern höchst ungelegen, und der Schech murmelte einen Fluch zwischen die Lippen. Dem Fremden aber waren diese Leute sehr willkommen. Er ritt auf sie zu, rief ihnen einen freundlichen Gruß entgegen und fragte:

»Wohin geht euer Weg? Die Sonne ist gesunken. Wollt ihr nicht bald Lager machen?«

Die Leute waren nur sehr notdürftig gekleidet. Die meisten trugen nichts als nur die Lendenschürze; aber alle waren guten Mutes. Sie schienen gute Geschäfte gemacht zu haben. Sie gehörten nicht einer und derselben Rasse an. Es gab mehrere Schwarze unter ihnen. Voran ritt ein kleiner, dünner und, so viel man bei dem scheidenden Tageslichte sehen konnte, blatternarbiger Bursche, dessen Schnurrbart aus nur einigen Haaren bestand. Er hatte Hosen an, war sonst unbekleidet und trug ein riesiges Schießgewehr am Riemen auf dem Rücken. Eine Kopfbedeckung schien für ihn überflüssig zu sein; sein Haar hing ihm dick und voll vom Haupte bis auf den Rücken herab, fast ganz in der Weise, wie die in Deutschland als Blechwarenhändler und Drahtbinder umherziehenden Slowaken das ihrige zu tragen pflegen. Er war es, der die Antwort übernahm:

»Wir kommen vom Dar Takala herab und wollen nach Faschodah.«

»Aber nicht heute?«

»Nein, sondern erst morgen. Heute bleiben wir am Bir Aslan.«

»Das wollen wir auch. So können wir uns also Gesellschaft leisten.«

»Herr, wie könnten wir armen Dschelabi es wagen, den Hauch deines Atems zu trinken? Wir machen uns ein Lager fern von Euch. Erlaube uns nur ein wenig Wasser für uns und unsre Tiere?«

»Alle Menschen sind vor Allah gleich. Ihr sollt bei uns schlafen. Ich wünsche es.«

Das sagte er in bestimmtem Tone. Dennoch fragte der Dschelabi:

»Du scherzest, Herr, nicht wahr?«

»Nein. Es ist mein Ernst. Ihr seid mir willkommen.«

»Und deinen Leuten auch?«

»Warum diesen nicht?«

»Ihr seid Beni Arab. Darf ich erfahren, von welchem Stamme?«

»Von dem der Homr.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig, aber die Homr sind es nicht. Erlaube, daß wir fern von Euch bleiben.«

»Warum ?«

»Weil wir euch nicht trauen dürfen.«

Er hielt den Fremden auch für einen Homr, ja für den Anführer derselben. Um so mutiger war es von ihm, daß er so aufrichtig sprach. Der Europäer antwortete:

»Hältst du uns für Diebe?«

»Die Homr sind Feinde der Schilluk, in deren Gebiete wir uns hier befinden,« meinte der Dschelabi ausweichend. »Wie leicht kann es zu einem Kampfe kommen, und da ziehen wir es vor, fern zu bleiben.«

»Dein Herz scheint keinen großen Mut zu besitzen. Wie ist dein Name?«

Der Kleine richtete sich im Sattel höher auf und antwortete:

»Ob ich furchtsam bin, das geht dich gar nichts an. Wenn du meinen Namen wissen willst, so steige ab und hole dir ihn!« Er sprang von seinem Esel, warf das Gewehr weg und zog das Messer. Die Homr waren weiter geritten. Die Dschelaba hielt noch am Platze. Hinter dem bisherigen Sprecher befand sich ein ebenso kleiner Bursche, welcher befürchten mochte, daß die Scene sich zum Schlimmen wenden könne. Er wollte dem vorbeugen, indem er sagte:

»Verzeihe, Herr, dieser Mann hat stets einen großen Mund und ist doch nur ein kleiner Mensch, der nichts versteht. Er wird von uns Ibn el dschidri oder wohl auch Abu el hadaschtscharin genannt.«

»Warum dieser letztere Name?« erkundigte sich der Fremde.

»Weil sein Schnurrbart nur aus elf Haaren besteht, rechts sechs und links fünf. Und doch ist er außerordentlich stolz auf ihn, so daß er ihn gerade so sorgfältig pflegt wie eine Nuer-Negerin ihr Durrhafeld.«

Er bemühte sich, dem drohenden Konflikte eine heitere Bahn zu brechen, kam aber bei seinem Kollegen schlecht an, denn dieser rief ihm zornig zu:

»Schweig, du Vater des Unverstandes! Mein Schnurrbart ist hundertmal mehr wert als dein ganzer Kopf. Du selbst hast den großen Mund. Du rühmst dich deines Stammbaumes, aber niemand glaubt an ihn!«

Das war eine Beleidigung, welche den andern nun auch in Harnisch brachte. Er antwortete:

»Was weißt du von meinem Stammbaum! Wie lautet mein Name, und wie klingt der deine!«

Und sich zu dem Fremden wendend, fuhr er fort:

»Herr, erlaube mir, dir zu sagen, wer ich bin! Ich heiße nämlich Hadschi Ali ben Hadschi Ishak al Faresi Ibn Hadschi Otaiba Abu ‚l Ascher ben Hadschi Marwan Omar el Gandesi Hafid Jacub Abd‘ Allah el Sandschaki.«

Je länger der Name eines Arabers, desto mehr ehrt ihn derselbe. Von berühmten Vätern abzustammen, geht ihm über alles. Darum reiht er ihre Namen bis ins dritte und vierte Glied aufwärts aneinander und bringt so eine Riesenschlange fertig, über welche der Europäer heimlich lächelt.

Dieser Hadschi Ali blickte den Fremden erwartungsvoll an, was er zu dem berühmten Namen sagen werde.

»Also Hadschi Ali heißt du?« fragte der ‚Vater der vier Augen‘. »Dein Vater war Hadschi Ishak al Faresi?«

»Ja. Hast du von ihm gehört?«

»Nein. Dein Großvater hieß also Hadschi Otaiba Abu ‚l Oscher?«

»So ist es. Ist dieser dir bekannt?«

»Auch nicht. Und dein Urgroßvater war Hadschi Marwan Omar el Gandesi?«

»So ist es. Von ihm hast du doch jedenfalls vernommen?«

»Leider nicht! Und endlich war dieser letztere der Urenkel und Nachkomme von Jacub Abd‘ Allah el Sandschaki, also des Fahnenträgers?«

»Ja, er trug den Sandschak des Propheten in den Kampf.«

»Diesen Namen habe ich allerdings gelesen. Jacub Abd‘ Allah soll ein mutiger Streiter gewesen sein.«

»Ein Held war er, von dem noch heute die Lieder erzählen!« stimmte Ali stolz bei.

»Aber dein Ahne ist er nicht!« fiel der erste Dschelabi ein. »Du hast ihn dir unrechtmäßigerweise angeeignet!«

»Bringe mir nicht immer diesen Vorwurf! Ich muß doch besser als du wissen, von wem ich stamme!«

»Und mit eben solchem Unrechte nennst du dich Hadschi Ali. Wer da sagt, daß er ein Hadschi sei, der muß doch Mekka zur Zeit der Pilgerfahrt besucht haben. Du aber warst nie dort!«

»Etwa du?«

»Nein. Ich rühme mich dessen nicht, denn ich mache keine Lügen.«

»Du könntest dich auch gar nicht rühmen, denn du bist ein Christ, und Christen ist der Zutritt in Mekka bei Todesstrafe verboten!«

»Wie? Du bist ein Christ?« fragte der Fremde den ersten Dschelabi.

»Ja, Herr,« antwortete dieser. »Ich mache kein Hehl daraus, denn es ist eine Sünde, seinen Glauben zu verleugnen. Ich bin allerdings Christ und werde es bleiben bis an mein Ende.«

Bis jetzt hatte der »Vater der vier Augen« dem Konflikte der beiden mit stillem Behagen zugehört. Sie schienen sich in den Haaren zu liegen und doch die besten Freunde zu sein. Jetzt aber wurde er plötzlich ernst, und es lag eine tiefe Betonung auf seinen Worten, als er sagte:

»Daran thust du ganz recht. Kein Christ soll seinen Glauben aus irgend einem Grunde verleugnen. Das wäre eine Sünde wider den heiligen Geist, von welcher das Kitab el mukkadas sagt, daß sie nicht vergeben werden könne.«

»Sünde wider den heiligen Geist?« fragte der Dschelabi erstaunt. »Davon hast du gehört?«

»Jawohl.«

»Und die heilige Schrift kennst du also auch?«

»Ein wenig.«

»Und als Moslem rätst du mir, fest an meinem Glauben zu halten!«

»Ich bin kein Moslem, sondern auch ein Christ.«

»Auch ein Christ! Wohl ein koptischer?«

»Nein.«

»Aber was sonst für einer? Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Beni Homr ein Christ sein könne.«

»Ich bin kein Homr, auch kein Araber, überhaupt kein Orientale, sondern ein Europäer.«

»Mein Gott, ist‘s möglich! Ich auch, ich auch!«

»Aus welchem Lande?«

»Aus Ungarn. Ich bin Magyar. Und —«

»Davon später. Meine Begleiter sind mir weit voran und ich habe alle Veranlassung, ihnen nicht zu trauen. Ich muß ihnen schnell nach. Nun du gehört hast, daß ich auch ein Europäer bin, wirst du wohl bereit sein, bei mir zu lagern?«

»Von ganzem Herzen gern! Welch eine Freude, welch eine Wonne für mich, dich hier getroffen zu haben! Nun können wir von der Heimat sprechen. Laßt uns schnell reiten, damit wir die Homr einholen und den Brunnen schnell erreichen!«

Es ging vorwärts, so schnell die Esel laufen konnten, und sie liefen sehr gut. Diese Tiere sind in südlichen Gegenden ganz andre Geschöpfe als bei uns. Ein ägyptischer Esel trägt den stärksten Mann und galoppiert mit ihm so lange Zeit, als ob er gar keine Last zu tragen habe. Nach einer Viertelstunde waren die Araber erreicht. Sie sagten zu den Dschelabi kein Wort, nicht einmal eine Silbe der Begrüßung. Da diese acht Männer jetzt zugegen waren, war es unmöglich, den Fremden niederzuschießen, wie man vorher gewillt gewesen war.

Still ging es weiter. Der kleine Ungar machte keinen Versuch, sich mit dem »Vater der vier Augen« zu unterhalten. Es wäre das nicht gut gegangen, da der eine auf dem hohen Hedschin und der andre auf dem kleinen Esel saß.

Die Sterne des Äquators waren aufgegangen, und ihr intensives Licht leuchtete fast so hell wie der Mond, welcher jetzt nicht zu sehen war, da er in der Phase der Verdunkelung stand.

Nach einiger Zeit sah man eine Bodenerhebung liegen, welche schroff aus der Erde stieg. Der Sternenschimmer verlieh ihr ein gespenstiges Aussehen.

»Dort ist der Bir Aslan,« sagte der Ungar. »In fünf Minuten werden wir dort sein.«

»Schweig, Dschelabi!« fuhr der Schech ihn an. »Wann du dort sein willst, das kommt allein auf uns an. Noch haben wir dich nicht eingeladen, uns zu begleiten!«

»Dessen bedarf es gar nicht. Wir gehen ohne Einladung hin.«

»Wenn wir es euch erlauben!«

»Ihr habt gar nichts zu erlauben. Der Brunnen ist für alle da, und übrigens befindet ihr euch in Feindes Land.«

»Allah iharkilik – Gott verbrenne dich!« murmelte der Homr, sagte aber weiter nichts.

Der Dschelabi schien von Haus aus kein furchtsames Kerlchen zu sein, und seit er wußte, daß der erst für einen mohammedanischen Schech gehaltene Fremde ein europäischet Christ sei, fühlte er sich noch weniger geneigt, sich von den Arabern bevormunden zu lassen.

Sie langten bei dem Felsen an, an dessen Fuß sich der Bir befand. Dieser war kein laufendes Wasser; er bestand in einem kleinen, von dichtem Mimosengebüsch umgebenen Weiher, welchen eine nicht sichtbare Wasserader speiste. Man stieg ab. Während einige die von ihren Lasten befreiten Tiere tränkten, sammelten die andern dürres Geäst, um ein Feuer zu machen. Als es brannte, setzten sich die Homr so um dasselbe, daß für die Dschelabi kein Platz blieb. Der Ungar verlor kein Wort darüber. Er trug Holz nach der andern Seite des Wassers, brannte dort ein Feuer an und rief dem »Vater der vier Augen« zu:

»Nun magst du dich entscheiden, bei wem du sitzen willst, bei ihnen oder bei uns.«

»Bei euch,« antwortete er. »Nehmt dort die Satteltasche, welche meinen Proviant enthält! Ihr seid meine Gäste. Wir können alles aufessen, da wir morgen nach Faschodah kommen.«

»Da irrt er sich,« flüsterte der Schech den Seinen zu. »Er verachtet uns und zieht diese Erdferkel vor. Wir wollen so thun, als ob wir es nicht beachteten. Aber beim Anbruche des Tages wird er in der Dschehenna heulen. Mag er jetzt noch einmal, zum letztenmal im Leben, essen!«

Er suchte auch seine Vorräte vor, dürres Fleisch und trockenen Durrhakuchen, wozu das Wasser des Bir mit den Händen geschöpft wurde.

Indessen rekognoszierte der Fremde die Umgebung des Brunnens. Der kleine Berg stand vollständig isoliert in der Ebene. Er war mit Gras bewachsen, eine Folge der Verdunstung des Brunnenwassers. Auf seiner nördlichen und westlichen Seite gab es kein Strauchwerk; aber am östlichen und südlichen Fuße, wo der Brunnen lag, kletterten die Mimosen ein Stück am ausgewitterten Felsen empor und liefen auch eine ganze Strecke in die Ebene hinein. Menschliche Wesen waren nicht zu sehen; die Gegend schien vollständig sicher zu sein, auch in Beziehung auf wilde Tiere, falls nicht der Geist des hier vergifteten »Herrn mit dem dicken Kopfe« hier in nächtlicher Stunde sein Wesen trieb.

Als er nach der Quelle zurückkehrte, hatten die Kamele und Esel sich satt getrunken und fraßen von den jungen Zweigen der Mimosen. Er ließ sein ganzes Gepäck in die Nähe des zweiten Feuers tragen und dort am Felsen niederlegen, so daß er es im Auge haben konnte.

Der Ungar hatte die Tasche geöffnet und den Inhalt derselben vor sich ausgebreitet. Derselbe bestand aus Durrhabrot, Datteln und mehreren Perlhühnern, welche der »Vater der vier Augen« gestern früh jenseits der Sandstrecke geschossen hatte.

Es gibt im Sudan ganze Stämme, welche keinen Vogel essen. Die Dschelabi gehörten nicht zu diesen Verschmähern eines guten Geflügels. Sie rupften die Hühner, nahmen sie aus und zerlegten das Fleisch in kleine viereckige Stücke, welche, an zugespitzte Äste gespießt, über dem Feuer gebraten wurden. In dieser Form und Weise zubereitet, wird das Fleisch Kebab genannt.

Während dies geschah, zog der Ungar die ihm am Herzen liegenden Erkundigungen ein. Bei dem Ritte hatte er nur notgedrungen geschwiegen, nun aber fragte er, als der Fremde sich neben ihm am Feuer niedergelassen hatte, immer noch in arabischer Sprache, wie bisher:

»Darf ich nun erfahren, Herr, aus welchem Lande du bist? Bitte!«

»Sage mir vorher erst, aus welcher Gegend Ungarns du stammst!«

»Ich bin ein Magyar aus Nagy Mihaly bei Ungvar.«

»Von dort? Dann aber bist du wohl kein Magyar, sondern ein Slowak. Du hast dich dessen jedoch gar nicht zu schämen.«

»Ich schäme mich auch nicht; aber da ich in Ungarn geboren bin, bin ich doch auch Magyar. Du kennst meine Heimatsgegend? Warst du dort?«

»Ja.«

»Sprichst du ungarisch? Ich bin auch des Slowenischen mächtig.«

»Mir ist beides fremd, also können wir uns leider nicht in deiner Muttersprache unterhalten. Aber wie bist du nach Afrika, nach Ägypten und gar nach dem Sudan gekommen?«

»Durch meinen Herrn.«

»Wer war das?«

»Matthias Wagner, auch ein Ungar aus dem Eisenstädter Komitat.«

»Den kenne ich, wenn auch nicht persönlich. Er hat sehr viel erlebt. Er ging nach Ägypten, Arabien und Abessinien, war Begleiter des Herzogs von Gotha, bereiste später den ganzen Ostsudan und ist vor ungefähr einem Jahre gestorben, ich glaube in Chartum. Nicht?«

»Ja, Herr, so ist es. Du kennst alle seine Erlebnisse. Ich war zuletzt mit ihm nach Kordofan, um Straußfedern zu handeln. Nach unsrer Rückkehr mußten wir uns trennen. Er starb, und über mich brach ein Unfall nach dem andern herein, so daß ich endlich gezwungen war, das Leben eines armen Dschelabi zu führen.«

»Hast du da Glück gehabt?«

»Was nennst du Glück? Ich begann vor sechs Monaten mit fünf Mariatheresienthalern, und was ich jetzt besitze, ist vielleicht dreißig wert. Großwesier wird man nicht dabei.«

»Dazu hat Allah dir ja auch den Verstand gar nicht gegeben,« fiel der zweite Dschelabi jetzt ein.

»Schweig, Abu Dihk!« fuhr der Ungar ihn an. »Mich hat Allah für so einen hohen Posten eigentlich ausgerüstet. Du aber könntest nicht einmal Hamal werden, trotz deines falschen Stammbaumes!«

»Er ist echt und nicht gefälscht. In mir fließt das Blut vom Fahnenträger des Propheten. Hör‘ meinen Namen an! Soll ich ihn dir nennen?«

»Um Allahs willen, nein! Du trompetest ihn so unaufhörlich aus, daß ihn bereits im ganzen Sudan jeder Vogel pfeifen kann.«

»Das darf ich wohl, da er ein hoch berühmter ist. Höre ihn an, und höre auch, was meine Ahnen thaten! Wie aber heißt du? Ich habe es vergessen?«

»Uszkar.«

»Wie lautet das auf Arabisch?«

»Kelb.«

»Welch ein Name! Wie kann ein Mensch sich nach einem so verachteten Tiere nennen! Wie hieß dein Vater?«

»Auch Uszkar oder Kelb.«

»Dein Großvater?«

»Ebenso.«

»Und deine andern Ahnen?«

»Auch nicht anders.«

»Allah, welch ein Stammbaum ist das! Kelb ben Kelb Ibn Kelb Hafid Kelb, Kelb und nichts als Kelb! Es ist ein Wunder, daß du nicht bellst, sondern sprichst. Mein Name aber lautet Hadschi Ali ben Hadschi Ishak el Faresi Ibn Otaiba Abu – – —«

»Still, still, still!« rief der Ungar, indem er mit beiden Armen den ewig langen Namen abwehrte. »Ich mag ihn nicht mehr hören. Wenn ich ihn einatme, wird er sich als Bandwurm in meine Eingeweide legen und mich von innen heraus aufzehren. Was kann dein Name gegen meine Erfahrungen und Kenntnisse bedeuten! Ihn hast du ohne alles Verdienst von deinen Vorfahren; sie aber habe ich mir selbst angeeignet. Wisse, daß ich sogar die Sprache aller Weisheit, das Latein, verstehe! Ich habe es von meinem Herrn gelernt.«

»Und wisse,« schrie der andre, welcher sich ernstlich zu ereifern begann, »daß ich alle Länder und Völker der Erde, alle Städte und Dörfer des Weltalls kenne und beim Namen nenne.«

»Das ist Geographie, deine Leidenschaft. Wo aber willst du sie studiert haben?«

»Bei meinem Oheim, welcher erst in Stambul wohnte und dann in das Land der Nemtsche nach Lipsik ging, wo er an einer Straßenecke viele Jahre lang mit Asal ‚l abiad handelte. Dort wurde er wohlhabend und kehrte heim, mich zu belehren. Als ich ausstudiert hatte, ging ich nach Ägypten als Asker und bin so nach und nach bis in den Sudan gekommen.«

»O du Vater des Gelächters,« lachte der Slowak, »willst du dir darauf etwas einbilden, daß dein Oheim Honig verkaufte? Hat er in Leipzig auch Latein studiert?«

»Alles, alles, was es geben kann! Und ich hab‘s dann von ihm. Allah allein kennt die Millionen Länder und Dörfer, welche sich in meinem Kopfe befinden. Du aber weißt gar nichts. Du bist der Sohn der Blattern und der Vater der elf Haare. Du hast meinen Namen gehört. Wie kannst du mich den Vater des Gelächters nennen?«

Sie waren beide zornig geworden und griffen sich bei ihren gegenseitigen körperlichen Schwächen an. Die Spitznamen, welche man ihnen gegeben hatte, waren sehr bezeichnend. Das Gesicht des Slowaken war geradezu abschreckend pockennarbig, und es mußte fast als ein Wunder erscheinen, daß die zerstörende Krankheit ihm die wenigen Haarkeime übrig gelassen hatte. Freilich zählte sein Schnurrbart mehr als elf Haare, aber über dreißig waren es gewiß nicht. Und diese zerstreut und unregelmäßig über die Oberlippe verteilten Männlichkeitsbeweise hatte er so lieb, daß seine Hände während jedes freien Augenblickes bemüht waren, sie zu sammeln und ihnen die Form eines echt ungarischen Schnurrwichses zu geben.

Was den »Vater des Gelächters« betraf, so litt er an einer Krankheit, welche sein Gesicht in fast regelmäßigen Pausen, besonders aber bei Seelenerregungen und wenn er sprach, zur schrecklichen Fratze verunstaltete, nämlich am Gesichtskrampfe. Diese Verzerrungen brachten nie einen ernsten, sondern stets nur einen solchen Ausdruck des Gesichtes hervor, daß man meinte, Ali wolle sich über irgend etwas totlachen. Es ist ganz gewiß höchst verwerflich, sich über körperliche Gebrechen eines andern lustig zu machen, aber die Gesichter des Mannes, welcher Millionen Länder und Dörfer in seinem Kopfe hatte, wirkten so unwiderstehlich, daß der ärgste Melancholikus, der rücksichtsvollste Mensch geradezu gezwungen war, mitzulachen. Übrigens genierte ihn das keineswegs; er schien sich im Gegenteile ganz glücklich zu fühlen, stets lustige Gesichter um sich zu sehen.

»Und wenn du alle Völker und Inseln der Erde im Kopfe hast, so kennst du doch gewiß nicht ein einziges Wort Latein!« behauptete der Slowak. »Herr, verstehst vielleicht auch du lateinisch?«

»Ja, ein wenig,« nickte der »Vater der vier Augen« lächelnd. »Wo hast du es denn gelernt?«

»Auch in Leipzig.«

»Aber doch nicht an der Ecke bei dem Honigkasten?«

»Nein, sondern von meinen Professoren.«

»Professoren? Hast du etwa studiert?«

»Ja.«

»Was?«

»Medizin.«

»So bist du Doktor?«

»Allerdings. Auch war ich drei Jahre lang Lehrer an einer deutschen Medresse.«

Da sprang der Kleine auf und rief:

»So bist du ein Deutscher?«

»Ja. Wenn du deutsch verstehst, können wir uns dieser Sprache bedienen.«

»Natürlich verstehe ich es, und zwar ganz ausgezeichnet! Allah! Ein Ra-is et tibb! Und ich habe dich du genannt! Wo habe ich da meine Augen gehabt! Das soll sofort gut gemacht werden; ich werde höflicher sein. Darf ich deutsch reden?«

»Das versteht sich!« antwortete der Gelehrte, sehr neugierig darauf, wie der Ungar, welcher des Magyarischen, des Slowakischen und sogar des Lateinischen mächtig sein wollte und wirklich gar nicht übel arabisch sprach, sich im Deutschen ausdrücken werde. »Versuchen Sie es, und sagen Sie mir da einmal gleich, was Ihr Vater gewesen ist!«

Der Gefragte antwortete mit strahlendem Gesichte, nun in deutscher Sprache:

»Vatterr meiniges hatt Musika gewest. Macht dilideldum, dilideldei.«

»Auf welchem Instrumente?« fragte der Arzt, der sich nur schwer des Lachens erwehren konnte.

»Hatt blaste Klarniett: Viviviva viviviva!«

Er hielt die beiden Hände vor den Mund und ahmte die Klänge der Klarinette täuschend nach.

»Da haben Sie wohl auch ein Instrument zu blasen gelernt?«

»Nein. Mund meiniger hatt nicht paßte dazu.«

»Und wie ist Ihr eigentlicher Name?«

»Hab ich heißte Uszkar Istvan.«

»Also zu deutsch Stephan Pudel, wenn ich mich nicht irre, da ich zufälligerweise das Wort Pudel kenne. Ein ominöser Name hier in einem mohammedanischen Lande, wo das Wort Hund als größte Beschimpfung gilt. Sie hätten dieses Uszkar Ihren Gefährten nicht übersetzen sollen.«

»Serr richtig! Aber wie heißten Sie, Pane Doktorrr?«

»Ich heiße Emil Schwarz und bin hier, um die Fauna und Flora des Landes zu studieren und in möglichst vielen Präparaten mit nach Hause zu nehmen.«

»Fauna und Florrra! O, das seinte gut Latein! Auch ich verstehnte Latein. Latein meiniges ich hatt lernte bei Pane Wagner. Fauna heißte Pflanz, und Flora heißte Vieh.«

»Oder umgekehrt,« lachte Schwarz.

»Umkehrte auch richtig, beides richtig! Ich bin viel geweste in Sudan. Ich hatt sehnte das ganze Florrra und Fauna. Wenn Sie brauchte ein Dienerrr, ich sehr gern wernte Dienerrr Ihriges.«

»Wirklich?«

»Ja, Pane Doktorrr. Ich nicht willnte mehr handeln im Sudan, und ich nicht mehr magte sein ein Dschelabi. Sie mich könnte brauchte sehr gut. Ich Sie wollte unterrrstützte mit Latein meiniges und machte kleb an die Etiquetten an Präparaten Ihrige.«

»Dieses Anerbieten ist mir nicht unwillkommen, und ich werde – – —«

Er hielt inne. In der Ferne war ein Ton erklungen, welcher sofort die Aufmerksamkeit aller in Anspruch nahm.

»Was war das?« fragte Schwarz, sich in arabischer Sprache an die Dschelabi wendend. »Doch unmöglich Donner! Jetzt im Sef gibt es doch wohl keine Gewitter.«

»Nein, Donner war es nicht,« antwortete der Slowak, auch in arabischer Sprache, welche er nicht so schlimm radebrechte wie die deutsche.

»Was war es sonst?«

»Es war Aslan, der Herr der Herden.«

»Der Löwe? Also gibt es hier doch welche!«

»Es scheint so, und der Herr mit dem dicken Kopfe wird hierher kommen, denn er hat unsre Feuer gesehen.«

»So zeitig? Ich habe geglaubt, daß er erst um oder gar nach Mitternacht sein Lager verlasse.«

»Wenn er Hunger hat, geht er früher aus.«

Diese Fragen und Antworten waren mit lauter, vernehmlicher Stimme gegeben worden. Da kam der Schech vom andern Feuer herbeigeeilt und sagte mit leiser Stimme und in ängstlichem Tone:

»Um Allahs willen, sprecht nicht so laut, sonst hört er es und kommt herbei. Dann sind wir alle verloren. Horcht!«

Es erscholl derselbe Laut wieder. Er klang dem Rollen eines schweren Wagens, welcher über eine hölzerne Brücke fährt, sehr ähnlich. Die Kamele zitterten und die Esel drängten sich zusammen.

»Das also, das ist der Löwe!« sagte Schwarz, mehr zu sich als zu den andern. »Endlich, endlich höre ich seine Stimme in der Freiheit.«

»O, das ist seine volle und richtige Stimme noch nicht,« meinte der Slowak. »Er versucht sie erst. Er hat Hunger und ist mißmutig; er knurrt einstweilen.«

»Hast du ihn auch schon gehört?«

Er bediente sich, dem arabischen Sprachgebrauche angemessen, wieder des Du.

»Gehört und auch gesehen, und zwar sehr oft.«

»Ohne von ihm angefallen zu werden?«

»Er hat mir nie etwas gethan. Es gibt viel feige und wenig wirklich stolze und kühne Löwen. Die feigen kommen heimlich geschlichen und führen den Raub so leise aus, daß man erst am Morgen den Tod oder das Fehlen seines Opfers bemerkt. Ein kühner Löwe aber tritt gleich laut aus seinem Lager. Er sagt es aufrichtig, daß er Hunger hat und jetzt auf Raub ausgehen will. Er nähert sich dem Orte, dem er seinen Besuch zugedacht hat, nur langsam und brüllt dabei von Zeit zu Zeit, damit man sich genau berechnen könne, wann er erscheinen wird. Einen Löwen, der das thut, hält keine Gefahr ab, den Überfall auszuführen.«

»Wir haben es höchst wahrscheinlich mit so einem zu thun!«

»Ja. Wenn er wieder brüllt, werden wir hören, ob er zu uns oder nach einem andern Orte will.«

Zum drittenmal erklang die Stimme des Raubtieres, halb knurrend und halb heulend. Man hörte deutlich, daß sie aus größerer Nähe kam. Die Homr-Araber waren jetzt alle an das zweite Feuer gekommen. Sie fürchteten sich.

»Er kommt zu uns, er kommt wirklich,« flüsterte der Schech mit vor Angst heiserer Stimme.

»Du hast dich also geirrt,« antwortete Schwarz, »als du behauptetest, es sei kein Löwe hier an dieser Quelle zu erwarten.«

»Konnte ich wissen, daß sich einer eingefunden hat? Er haust wohl erst seit wenigen Tagen hier. Wären wir nicht in der Dunkelheit gekommen, so hätten wir wohl die Spuren seiner Tatzen gesehen. Der Bir ist seine Tränke, denn es gibt von hier bis zum Flusse kein andres Wasser.«

»So kampiert er auf der offenen Ebene?«

»O nein, Herr. Dreiviertel Stunden von hier gibt es ein Felsgewirr, welches er sich zur Wohnung ausersehen hat, denn seine Stimme erklang genau aus jener Gegend. Ich habe schon viele Löwen beobachtet und weiß, in welcher Weise sie sich nahen. Dieser kommt sehr langsam herbei, denn das Feuer macht ihn bedenklich; aber in einer halben Stunde wird er in der Nähe sein und unser Lager umkreisen.«

»Um den Raub auch wirklich auszuführen?«

»Ganz gewiß, Effendi. Er hat es uns laut gesagt und wird sein Wort halten. Beladen wir also schnell unsre Tiere, um diesen bösen Ort augenblicklich zu verlassen!«

»Fliehen sollen wir?«

»Ja, und zwar so schnell wie möglich.«

»Vierzehn Männer? Vor dieser Katze?«

»Effendi, es ist keine Katze!«

»Es ist eine, wenn auch eine sehr große. Wer fliehen will, der mag es thun. Aber die Kamele bleiben hier, denn ich habe sie gemietet.«

»Er wird mir eins zerreißen!«

»So bezahle ich es dir!«

»Er kann auch gar mich selbst zerreißen!«

»In diesem Falle kommst du noch heute in Allahs Paradies; also freue dich darauf.«

»Ich gehe. Ich will noch leben!«

»So mache dich von dannen; aber indem du dich von den Feuern entfernst, die auch der Löwe scheut, begibst du dich in eine noch viel größere Gefahr. In der Dunkelheit draußen vermagst du das Tier nicht zu erkennen, und es fällt über dich her, ohne daß du es geahnt hast.«

»Allah, Allah! Also sollen wir hier bleiben und ruhig warten, wen von uns er sich holen werde?«

»Nein, denn ich werde ihn töten.«

»Du? Niemand wird dir beistehen.«

»Das fordere ich gar nicht.«

»Also du allein willst dich ihm entgegenstellen? Effendi, bist du toll?«

»Nein. Ich habe Tiere erlegt, welche ebenso gefährlich wie der Löwe sind. Mit ihm habe ich zwar noch nie gesprochen, aber er wird mit sich reden lassen. Dabei werde ich dafür sorgen, daß er euch nichts thun kann.«

Jetzt erhob der Löwe seine Stimme wieder. Es war kein Grollen oder Knurren mehr, sondern ein wenn auch nur kurzer, aber doch fürchterlicher Ton, welcher auf die Hörer ganz den Eindruck machte, als ob er ihnen die Kopfhaut empor ziehen wolle.

»Er ist wieder näher!« jammerte der Schech. »Er hat schon die Hälfte seines Weges zurückgelegt. In einer Viertelstunde ist er da. Meine Kamele, meine schönen Kamele!«

»Du selbst Kamel! Treffen wir schnell die nötigen Anstalten! Wir müssen ihn zwingen, sich nach der Stelle zu wenden, an welcher ich ihn erwarten werde. Durch das Wasser kommt er nicht, also muß er entweder von rechts oder von links zu uns, weil wir uns mit den Tieren zwischen der Quelle und dem Felsen befinden. Macht hier das Feuer breiter und facht es höher an, so wird er es vermeiden, hier herein zu brechen. Bindet die Tiere fest an die Zweige, daß sie nicht fliehen können. Und dann könnt ihr euch meinetwegen hinter das Gepäck verstecken.«

»Und du, was wirst du thun, Herr?« fragte der Slowak.

»Ich gehe auf die andre Seite, lösche dort das Feuer aus, so daß er nicht abgeschreckt wird, und warte, bis er kommt.«

»Du wirklich ganz allein?«

»Ja, ich bedarf wahrscheinlich der Unterstützung andrer nicht.«

Er gab diese Befehle und Antworten mit der Ruhe und Kaltblütigkeit eines Unteroffiziers, welcher auf dem Kasernenhofe seine Leute instruiert.

Die Araber und auch die Dschelabi hatten sich sehr beeilt, das Feuer zu vergrößern und die Tiere anzubinden. Nun drängten sie sich alle mit Ausnahme des Ungarn und Alis zwischen den Gepäckstücken und der Felswand zusammen. Die beiden Genannten aber waren bei Schwarz geblieben; sie halfen ihm das andre Feuer auszulöschen. Eben, als sie damit fertig waren, ließ sich der Löwe wieder hören, aber dieses Mal in ganz andrer Weise als bisher.

Ja, das war ein wirkliches Gebrüll, erst dumpf rollend wie ein unter den Füßen hingehendes Erdbeben, dann anschwellend bis zum mächtigen, in der stillen Nacht wohl meilenweit hörbaren Brusttone, welcher in einen durch Mark und Bein schneidenden, wahrhaft satanischen Kehllaut überging, um in einem langgezogenen und nach und nach ersterbenden Donner, unter welchem die Erde zu erzittern schien, wie in weiter Ferne zu verhallen.

Das war der wirkliche Macht- und Kampfesruf des Königs der Tiere gewesen, und Schwarz erkannte nun, warum die Araber ihm so oft den Namen Abu Rad, Vater des Donners, geben.

»Er ist höchstens nur noch tausend Schritte entfernt,« hörte man den Schech sagen. »Allah il Allah we Muhammed rassuhl Allah! Betet leise die heilige Fatha und dann laut die Sure der ‚Zerreißung‘, welche die vierundachtzigste des Korans ist! Das Verderben wird nur noch fünf oder sechs Minuten lang das Lager umschleichen und dann über uns hereinbrechen.«

Die Kamele zitterten und stöhnten vor Angst. Sie lagen eng nebeneinander auf der Erde, die Hälse lang und fest an den Boden geschmiegt. Die Esel schlugen um sich und versuchten, sich loszureißen.

Schwarz hatte seinen größeren Hinterlader zur Hand genommen, der Ungar seine Riesenbüchse und Ali einen langen, starken, eisenbeschlagenen Spieß, welcher seine einzige Waffe bildete.

»Zieht euch jetzt zurück!« flüsterte der erstere den beiden andern zu.

»Herr, du allein vermagst es nicht,« antwortete der Slowak.

»Sorge dich nicht um mich! Zu deiner Beruhigung will ich dir sagen, daß ich auf den Jagdgefilden Nordamerikas noch größere Gefahren glücklich überstanden habe.«

»Das mag sein; aber ich habe dich liebgewonnen und werde dich nicht verlassen.«

»Du wirst mir mit deinem Feuerprügel nur Schaden machen!«

»O nein, Herr. Es ist mein Katil elfil, dessen Kugel dem Löwen durch den ganzen Körper gehen wird. Sag, was du willst, ich bleibe bei dir!«

Sein Ton war ein so entschlossener, daß Schwarz einsah, der treue, mutige kleine Kerl lasse sich gewiß nicht abweisen. Der Augenblick der Entscheidung nahte, es durfte keine Sekunde durch zwecklose Reden vergeudet werden. Darum sagte der Doktor:

»Nun gut, so halte dich an meine Seite, aber schieß ja nicht eher, als bis ich selbst zwei Kugeln abgegeben habe!«

Er untersuchte sein Gewehr noch einmal, trat um vielleicht zehn Schritte vor und legte sich da lang auf den Boden nieder, den linken Ellbogen auf die Erde gestemmt, um in dem Vorderarme einen festen Stützpunkt für den Lauf zu haben.

Als der Slowak sich in gleiche Stellung neben ihm niedergelassen hatte, hörten sie hinter sich ein leises Geräusch. Sie sahen sich um und erblickten Ali, den »Vater des Gelächters«, welcher hart hinter ihnen auf einem Knie ruhte, in beiden Händen die Lanze, mit der Spitze nach vorn gerichtet, das andre Ende fest in den Boden gestoßen, so daß sie selbst durch einen starken Anprall nicht aus ihrer die an der Erde Liegenden beschützenden Lage gebracht werden konnte.

»Was willst denn du?« fragte Schwarz fast zornig.

»Wenn Ihr ihn nicht sofort tötet, wird er durch die Luft nach euch springen,« antwortete der Gefragte. »Dann schnellt euch von hier fort, und ich fange ihn mit der Lanze auf, daß er sich spießt.«

Schwarz wollte antworten, wurde jedoch durch ein abermaliges Brüllen des Raubtieres daran verhindert. Es klang jetzt fast noch schrecklicher als vorher, und ganz nahe. Der Löwe war gewiß nicht mehr hundert Schritte von ihnen entfernt.

Da mußte selbst den Kühnsten ein Grauen überlaufen, doch die Nähe der Entscheidung macht das Auge und den Arm des Mutigen sicher und läßt sein Herz noch ruhiger als vorher schlagen.

»Zitterst du?« fragte der Ungar.

»Nein,« antwortete Schwarz.

»Ich auch nicht. Er kann kommen!«

Die drei hatten hinter sich das Lager. Dort brach der Löwe höchst wahrscheinlich nicht ein, da das Feuer ihn zurückschreckte. Zu ihrer Linken lag der Weiher und zur Rechten stieg der Fels empor. Zwischen diesen beiden lag ein vielleicht fünfzehn Fuß breiter Raum, in dessen Mitte sie sich befanden. Bewährte sich ihre Voraussetzung, daß das Raubtier von dieser Seite kommen werde, so konnte es ihnen nicht entgehen; es mußte an ihnen vorüber oder über sie hinweg.

Schwarz hatte seine Schutzbrille abgenommen und hielt das vor ihm liegende Terrain scharf im Auge. Da – sie schraken wirklich zusammen – ertönte das Brüllen jenseit des Wassers, hart am Rande desselben, nicht zwanzig Schritte von ihnen entfernt.

»Jetzt aufgepaßt!« flüsterte der Slowak.

Die Gefahr verdoppelte die Schärfe ihrer Augen. Das Gehör war ihnen nichts mehr nütze, denn infolge des letzten Gebrülles fing der Schech jetzt an, mit lauter Stimme die vorhin von ihm bezeichnete Sure zu beten:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Wenn der Himmel zerreißt, pflichtgezwungen und seinem Herrn gehorchend, wenn die Erde sich ausdehnt und herauswirft, was in ihr ist, dann, o Mensch, wirst du dich bemühen, zu deinem Herrn zu gelangen – – —«

Während er in jammerndem Tone fortfuhr, hätte Schwarz ihn am liebsten niederschlagen mögen. Seine laute Stimme machte die leisen Schritte des Löwen unhörbar und konnte infolgedessen sehr leicht die Ursache des Verderbens der drei mutigen Männer sein.

Nun mußten die Augen doppelt angestrengt werden. Aber nicht sie waren es, welche den mächtigen Feind zuerst bemerkten, sondern der Geruch überzeugte die peinlich Wartenden, daß der Augenblick der Entscheidung gekommen sei. Jene scharfe, penetrante Ausdünstung, welche den Raubtieren eigen ist und in jeder Menagerie beobachtet werden kann, erfüllte plötzlich die Luft, und da – – da trat er um das dichte Gestrüpp, nicht schleichend nach Tiger- oder Pantherart, sondern stolz aufgerichtet, langsamen und sichern Schrittes wie ein Herrscher, der sich in seinem Reiche weiß und es verschmäht, das, was er durch offenen Befehl erlangen kann und muß, durch niedrige Heimlichkeit zu erreichen.

Seine weitgeöffneten Augen durchforschten den Rand des dichten Buschwerkes nach einem Durchweg zu der gesuchten Beute. Da fiel sein Blick auf die drei bewegungslosen Gestalten. Er zuckte und warf sich schnell auf die Erde nieder, um den Feinden nicht die leicht verletzliche Brust zu bieten. Dann musterte er sie mit einem großen, mächtigen Blicke.

Schwarz empfand ein Gefühl, als ob man ihm mit einem Eiszapfen über das Rückgrat streiche, doch gelang es seiner Willenskraft, dasselbe zu überwinden. Er hatte die Berichte berühmter Löwenjäger gelesen, und er kannte daher das Benehmen des Tieres in einer Situation wie die gegenwärtige.

Thut der Löwe den Sprung nicht sofort, nachdem er den Feind erblickt hat, so legt er sich nieder, die hintern Pranken eingezogen und die vordern nach vorn gestreckt. Er schließt die Augen fast ganz und betrachtet den Feind durch einen dünnen Spalt der Lider. Hat er seinen Entschluß gefaßt, so hebt er den Hinterkörper ein wenig empor, um dadurch die Schnellkraft seiner Schenkelmuskeln zu erhöhen; seine Augen öffnen sich langsam, und in dem Momente, wo die Lider ganz emporgezogen sind und die sich wie ein Feuerrad bewegende Pupille voll zu sehen ist, thut er den verderblichen Sprung.

Der Schütze muß auf eins der geöffneten Augen zielen und kurz vor dem Momente des Sprunges abdrücken. Der Löwe thut, durch das Auge in das Gehirn getroffen, seinen letzten Sprung und erhält dabei den zweiten Schuß, noch während er in der Luft schwebt, in das Herz. In demselben Augenblicke muß sich der Jäger weit zur Seite werfen, um nicht von den Tatzen des verendenden Tieres noch ergriffen und verwundet zu werden.

Ganz entgegengesetzt dieser Theorie hielt dieses Tier die Augen geöffnet und sandte einen so langen, langen Blick herüber, als könne es sich ganz und gar nicht erklären, was für Geschöpfe es vor sich habe.

Das wollte Schwarz benutzen. Er richtete den Lauf seines Gewehres nach dem Kopfe des Löwen, um demselben einen Schuß in das Licht zu geben. Aber da schloß das Tier die Augen und knurrte grimmig, als ob es die Absicht des Schützen ganz genau kenne.

Es dauerte eine lange Zeit, bevor es die Lider wieder öffnete, aber nur ganz wenig. Dennoch glühte es zwischen denselben in einem Scheine hervor, welcher demjenigen einer hellgrünen Papierlaterne glich.

Die Sterne leuchteten so hell hernieder, daß man den Löwen ganz deutlich sah. Er lag hart auf dem Boden, den Kopf auf die beiden Vorderpranken gesenkt und den langen Schwanz gerade ausgestreckt. Schwarz sah ein, daß er mit dem Schusse nun noch warten müsse, bis das Raubtier die Augen weiter öffnete und den Hinterleib erhob. um sich zum Sprunge anzuschicken. Dieser Meinung schien der »Vater der elf Haare« aber nicht zu sein, denn er raunte ihm zu:

»Jetzt ist die richtige Zeit. Schieß nun!«

»Nein; noch warten!« antwortete Schwarz.

»So schieße ich, denn dann ist es zu spät.«

»Um Gottes willen noch nicht, weil —«

Er konnte nicht weiter reden; seine Warnung kam zu spät, denn zugleich mit seinen Worten hatte der Slowak den Lauf seines »Elefantenmörders« auf den Kopf des Löwen gerichtet. Das alte Mordgewehr war nicht gut gehalten worden. Wer weiß, wenn der jetzige Besitzer den letzten Schuß aus demselben abgegeben hatte. Darum bewegten sich die Teile des Schlosses nur schwer. Der »Sohn der Blattern« mußte alle Kraft seines Zeigefingers anwenden, um abzudrücken, und dadurch kam der Lauf aus der Lage. Der Schuß krachte, und der Kolben der hochbejahrten Donnerbüchse schlug dem Kleinen mit solcher Gewalt gegen den Kopf, daß der Getroffene das Gewehr fallen ließ und in seiner slowakischen Muttersprache ausrief:

»Jakowa bezotschiwortj! Idi do tscherta – welche Unverschämtheit! Geh zum Henker!«

Mit der einen Hand den Kopf haltend, stieß er mit der andern den Elefantentöter weit von sich fort. Der Schlag schmerzte ihn so, daß er nur an die »Unverschämtheit« des Gewehres, nicht aber an den Löwen dachte.

Dieser war, als der Schuß krachte, aufgesprungen. Seine Augen weit öffnend, stieß er ein markerschütterndes Brüllen aus und setzte zum Sprunge an. Schwarz hatte glücklicherweise seine Geistesgegenwart nicht verloren. Er drückte auf das linke Auge des Löwen ab und rief zu gleicher Zeit dem Ungarn zu:

»Wirf dich zur Seite! Schnell, schnell!«

Der Genannte folgte diesem Gebote, indem er sich augenblicklich bis an die Wand des Felsens schnellte. Ob die Kugel in das Auge gedrungen sei, konnte Schwarz nicht sehen, denn kaum hatte sein Schuß gekracht, so befand der Löwe sich schon mitten im Sprunge in der Luft. Schwarz zielte kaltblütig nach der Gegend des Herzens, drückte ab und warf sich sofort mit solcher Gewalt nach links, daß er mit dem halben Körper zwischen die dichten Büsche hineinflog.

Die ungeheure und schier unglaubliche Sprungkraft des Löwen trug ihn von der Stelle, an welcher er gelegen hatte, genau bis dahin, wo die beiden Schützen sich soeben noch befunden hatten. Wären sie noch da gewesen, so hätte er sicherlich beide erfaßt. Jetzt kniete nur noch Abu Dihk, der »Vater des Gelächters«, dort. So klein die Gestalt dieses wackern Händlers, so groß war seine Unerschrockenheit. Es war ihm gar nicht eingefallen, die letzte Warnung des Deutschen auf sich zu beziehen und sich auch in Sicherheit zu bringen. Auch er hatte keinen Blick von dem Löwen gewendet. Er sah ihn springen; er sah ferner, daß das Tier zwei Schritte vorwärts, da wo die Schützen gelegen hatten, die Erde berühren werde. Schnell avancierte er, stemmte seinen Spieß von neuem ein, richtete die Spitze desselben auf den Leib des Löwen und ließ in dem Augenblicke, als sie sich einbohrte, die Lanze los und wälzte sich behend nach links, wo Schwarz lag oder vielmehr gelegen hatte, denn dieser war sofort wieder aufgesprungen und hatte das lange Messer gezogen, welches in seinem Gürtel steckte, um sein Leben Auge in Auge mit dem Raubtiere zu verteidigen, falls dasselbe nicht zu Tode getroffen sei.

Diese Vorsicht erwies sich glücklicherweise als überflüssig. Man hörte das scharfe Geräusch der zerbrechenden Lanze; der Löwe schlug auf den Boden nieder, erhob sich sofort wieder – ein sichtbares Zittern ging durch seine mächtigen Glieder – man sah ihn wanken – er wendete sich nach links, wo Schwarz und Abu Dihk sich befanden, holte zum abermaligen Sprunge aus, kam aber nicht von der Stelle. Ein kurzes, klagendes und schnell ersterbendes Gebrüll ausstoßend, brach er zusammen, legte sich zur Seite und dann auf den Rücken, zog die zuckenden Pranken an den Leib, streckte sie wieder aus und – blieb nun bewegungslos liegen.

Das war natürlich alles viel, viel schneller geschehen, als es erzählt werden kann, doch in solchen Fällen werden die Augenblicke zu Sekunden und die Sekunden zu Minuten, und der Geist des Menschen arbeitet so rapid schnell, daß zehn Entschlüsse sich in der Zeit folgen, welche sonst ein einziger Gedanke erfordert.

Die drei mutigen Männer hatten keine Zeit, sich zu überzeugen, ob der Löwe tot sei. Obgleich ihre Aufmerksamkeit zunächst auf ihn gerichtet gewesen war, hatten sie doch ein zweites Brüllen, welches gleich nach dem Krachen der Gewehre von fern erschollen war, nicht überhören können. Der Slowak war aufgesprungen, Abu Dihk ebenfalls. Sie lauschten, sie vernahmen die Stimme eines zweiten Löwen. Diese erklang aber nicht in einzelnen Abständen wie diejenige des ersten, sondern sie ertönte ununterbrochen fort, nicht so mächtig, nicht mit so donnerndem Schalle, sondern in dumpf keuchender Wut; es war ein bissiges, nach Blut lechzendes Stöhnen, aus welchem von Zeit zu Zeit ein knirschender Gaumenlaut hervorbrach wie eine verderblich züngelnde Flamme aus verborgener Glut. Man hörte dieser Stimme deutlich an, daß das Tier sich in raschen Sätzen näherte.

Da dort, wo die drei standen, das Feuer ausgelöscht worden war, so befanden sie sich im dunkeln Schatten des Felsens und konnten von den Arabern und Dschelabis nicht gesehen werden, und die letzteren wußten also nicht, welchen Verlauf der Angriff des Löwen genommen hatte.

»Allah il Allah!« hörte man die Stimme des Schechs. »Assad Bei, der Herdenwürger, hat alle drei ermordet und liegt nun bei ihren Leichen, um sie aufzufressen. Er hatte seine Frau bei sich, welche die Schüsse hörte und nun herbeigestürzt kommt, um ihm zu helfen. Sie wird sich auf uns werfen und uns zerreißen. Eure Leiber sind verloren, aber rettet eure Seelen, indem ihr mit mir die Sure Jesin betet und dann auch die Sure der Gläubigen, welche die dreiundzwanzigste des Korans ist!«

»Schweig!« rief Schwarz ihm zu. »Wir leben, und der Löwe ist tot. Durch dein Geschrei machst du seine Sultana auf dich aufmerksam, und sie wird dich fassen!«

»Allah kehrim – Gott ist gnädig!« antwortete der Feigling. »Ich bin still! Aber schießt sie tot, die Sultana; schießt auch sie tot, damit sie mit ihrem Manne dahin fahre, wo die Hölle am schrecklichsten ist!«

Obgleich Schwarz dem Schech geantwortet hatte, war er bemüht, jeden Augenblick auszunutzen. Er zog zwei Patronen hervor, um seinen Hinterlader wieder schußfertig zu machen.

»Es ist wirklich die Löwin, welche kommt,« sagte der Slowak. »Ich muß auch wieder laden. Wo habe ich nur —«

Er suchte in seinen Hosentaschen nach der Munition.

»Unsinn!« entgegnete der Deutsche. »Ehe du fertig bist, ist die Löwin da. Bringt euch in Sicherheit! Abu Dihk ist auch wehrlos, da sein Spieß zerbrochen ist. Macht euch fort!«

»Aber meine Kugel wiegt ein ganzes Viertelpfund, während die deinige —«

»Fort, fort!« unterbrach ihn Schwarz. »Sonst bist du verloren!«

Er war mit dem Laden fertig und kniete wieder an derselben Stelle nieder, an welcher er sich vorher befunden hatte. Er sah sich nicht nach den beiden um und bemerkte also nicht, daß sich nur der »Vater des Gelächters« zurückzog. Uszkar Istvan, zu deutsch Stephan Pudel, aber blieb. Er drängte sich zwei Schritte weit in das Gestrüpp hinein und lud dort sein Gewehr, was freilich nicht in einigen Augenblicken abgemacht werden konnte. Die Munition hatte er endlich im Gürtel gefunden, wohin sie vorhin, als er sich zum Kampfe rüstete, von ihm gesteckt worden war.

Die Stimme der Löwin ertönte jetzt ganz nahe. Das ergrimmte Tier blieb auf der Fährte des Löwen, wendete sich also erst nach der Seite, auf welcher das Feuer brannte und kam erst dann nach der andern herüber. Dadurch gewann der Slowak Zeit, mit seiner Donnerbüchse fertig zu werden.

Man hörte jeden Satz, den die Löwin machte, nicht etwa aus dem Geräusche, welches ihre Pranken auf der Erde hervorbrachten, sondern aus den einzelnen Accenten ihrer Stimme. Sie bog um das Gestrüpp; jetzt erschien sie an der Ecke desselben. Gewiß wäre sie in ihrer blinden Wut weiter- und an Schwarz vorübergesprungen, wenn dieser nicht, um sie auf sich aufmerksam zu machen, sich hoch aufgerichtet hätte. Sie sah ihn, flog, da sie nicht sofort anzuhalten vermochte, zur Seite gegen den Felsen und duckte sich dort nieder, um den Sprung abzumessen.

Er kniete augenblicklich wieder nieder und richtete den Lauf auf sie. Am Felsen war es dunkler; ihre Gestalt war selbst in den Umrissen nur schwer zu erkennen. Die Löwin war vom Zorne aufgeregt, also mußte Schwarz annehmen, daß ihr Sprung nicht in der vorhin bei dem Löwen beschriebenen Weise, sondern viel schneller, hastiger erfolgen werde. Es war nicht anzunehmen, daß sie die Augen langsam öffnen werde.

Diese Voraussetzung war sehr richtig, denn kaum hatte sie sich niedergeduckt, so glühten ihre Augen wie grüngelb schillernde Kugeln auf. Es war ein einziger Moment; im nächsten sprang sie gewiß. Schwarz mußte abdrücken, ohne mit der nötigen Genauigkeit visieren zu können. Sein Schuß blitzte auf – zu gleicher Zeit flog die Löwin unter wütendem Gebrüll durch die Luft auf ihn zu. Sein zweiter Schuß krachte; dann ließ er das Gewehr fallen und warf sich – nicht wie vorhin zur Seite, sondern ganz richtig berechnend, vorwärts, so daß er mit eng an den Leib gezogenen Armen und Beinen sich zweimal überkugelte und wohl fünf Ellen von seinem Platze entfernt zu liegen kam. Dort sprang er augenblicklich wieder auf, riß das Messer heraus und wendete sich nach dem Tiere um.

Hätte er nicht die Arme und Beine an sich gezogen sondern in mehr erhobener Stellung seinen Platz verlassen, so wäre er von der Löwin erfaßt worden. So aber befand er sich jetzt unbeschädigt hinter ihr. Sie mußte das wissen; sie mußte sich jetzt nach ihm umwenden – so dachte er; aber sie that es nicht. Ihr Auge war auf den vor ihr liegenden Löwen gefallen, ein kurzer Sprung, sie stand vor ihm, stieß ihn mit der Schnauze an, einmal, zweimal, drei-, viermal; dann hob sie den Kopf und stieß ein Geheul aus, ein langgezogenes, wahrhaft haarsträubendes Geheul, welches – – – durch einen Schuß unterbrochen wurde: Der »Vater der elf Haare« war behend aus dem Gestrüpp getreten und hatte, die Mündung seines Elefantenmörders ganz nahe an ihren Kopf haltend, ihr die »ein ganzes Viertelpfund« wiegende Kugel gegeben.

Wie von einem kräftigen Stoße getroffen, flog die Löwin zur Seite, fiel zur Erde, raffte sich wieder auf und wendete den Kopf gegen den neuen Feind. Dieser hatte sein schweres Gewehr schnell umgekehrt und arbeitete, es beim Laufe haltend, nun mit dem eisenbeschlagenen Kolben auf den Schädel des Tieres los, indem er dabei schrie:

»Allah rhinalek, Allah iharkilik, ia afrid el afrid! Ehsch khalak, ia kelb, ia kelbe, ia omm el kilab – Gott verfluche dich, Gott verbrenne dich, du Teufel aller Teufel! Wie befindest du dich, du Hund, du Hündin, du Mutter der Hunde?«

Er schien zu glauben, eine Hyäne und nicht eine Löwin vor sich zu haben. Seine Verwegenheit wäre ihm wohl schlecht bekommen, wenn ihm die Kugel nicht vorgearbeitet hätte. Das Tier war auf den Tod getroffen; es hatte keine Kraft mehr zur Gegenwehr und brach unter seinen Schlägen zusammen.

»Da liegt sie!« rief er triumphierend aus. »Hier zu meinen Füßen liegt sie. Ich habe sie erschlagen wie eine Katze. Sie hat nicht den Mut gehabt, mir ihre Zähne und Krallen zu zeigen. Komm her und schau sie an!«

Er beugte sich zu ihr nieder, um sie anzufassen, doch Schwarz zog ihn zurück und sagte:

»Sei vorsichtig! So ein Tier hat ein zähes Leben, und noch wissen wir nicht, ob sie wirklich tot ist. Wir wollen sicher gehen.«

Er lud sein Gewehr und gab dem Löwen und der Löwin noch je eine Kugel vor die Stirn. Die letztere zuckte noch einmal zusammen; sie war also doch noch nicht ganz tot gewesen.

Die beiden hatten laut gesprochen, waren also von den andern gehört worden. Jetzt fragte Abu Dihk, indem er sich langsam näherte:

»Habt ihr gesiegt? Darf man kommen?«

»Ja,« antwortete der Slowak. »Wir haben gesiegt. Ihr könnt kommen, unsre Heldenthat zu preisen, denn der Würger der Herden ist hinübergegangen in das Land des Todes und seine Frau mit ihm. Sie sind durchbohrt worden von den Kugeln und niedergeschlagen von dem Kolben meines glorreichen Katil elfil, dem niemand widerstehen kann.«

Abu Dihk kam herbei und ergriff erst den Löwen, dann die Löwin bei den Pranken, um sie hin und her zu zerren und sich von ihrem Tode zu überzeugen.

»Sieh, wie sie es sich gefallen lassen!« sagte der kleine Stephan stolz, indem er sich seine »elf« Barthaare strich. »Nachdem wir mit diesen Löwen durch unsre Kugeln gesprochen haben, kannst du mit ihnen wie mit jungen Katzen spielen.«

»Hadschi Ali hat auch mitgesprochen,« erinnerte ihn Schwarz. »Der Tapfere hat bei uns gekniet und den Löwen mit dem Spieße empfangen. Wir werden bald erfahren, wer von uns dreien ihm und ihr den Tod gebracht hat, demjenigen, der ein Tier erlegt, gehört das Fell. Jetzt holt einen Brand herbei, damit wir das Feuer wieder anbrennen.«

Obgleich die Araber und Dschelabi jedes Wort hörten, getrauten sie sich doch noch nicht herbei. Als die beiden Kleinen zu ihnen kamen, um Brände zu holen, krochen die Zaghaften hinter den Gepäckstücken hervor, und der Schech fragte:

»Ihr lebt? Ihr seid nicht von dem Herrn mit dem dicken Kopfe verschlungen worden und auch nicht von seiner Frau?«

»Das fragst du noch!« antwortete Stephan. »Ich lasse mich weder von einem Herrn noch von einer Frau verschlingen. Merke dir das! Und selbst wenn der leibhafte Schetan käme, um mich zu fressen, so fragt es sich sehr, wer in dem Magen verschwände, er in dem meinigen oder ich in dem seinigen. Kommt und seht euch das glorreiche Werk an, welches wir vollbracht haben, ohne daß der Herdenwürger und seine Goze el assad es gewagt haben, uns ein Haar zu krümmen!«

Sie folgten dieser Aufforderung, aber nicht allzu eilig. Als sie sich so weit genähert hatten, daß sie die Körper der erlegten Raubtiere liegen sahen, blieben sie stehen. Erst als das Feuer wieder brannte und sie sahen, daß die Tiere von den drei glücklichen Jägern hin und her gewendet wurden, gingen sie ganz heran.

Nun endlich, da sie vollständig überzeugt sein mußten, daß nicht die geringste Gefahr mehr vorhanden sei, wich ihre Furcht. Sie bildeten einen Kreis um die beiden Tiere, und der Schech erhob, die andern zum Schweigen auffordernd, seine Arme.

»Allah il Allah we Muhammed rassuhl Allah!« sagte er in pathetischem Tone. »Er hat Himmel und Erde geschaffen, die Pflanzen und die Tiere und zuletzt den Menschen. Und als alles geschaffen war, schuf er noch den Moslem, damit er Herr über alles Erschaffene sei. Ihm sind selbst die gewaltigsten Tiere unterthan, und wenn sie ihm nicht gehorchen, so tötet er sie mit starker Hand. Dieser Mörder der Pferde, Kamele, Rinder und Schafe, welcher hier vor uns liegt, hatte Hunger. Anstatt sich mit dem Fleische eines unreinen Halluff oder Wawi zu begnügen, hatte er die Verwegenheit, uns, die Lieblinge des Propheten, welcher das Paradies regiert, fressen zu wollen. Er hatte sein Weib mitgebracht, welches nicht einmal seine rechtmäßige Frau ist, denn als er sie nahm, hat kein Kadi sich unterschrieben. Sie lechzten nach unserm Blute. Sie freuten sich auf unser Fleisch und auf den Wohlgeschmack unsrer Knochen. Sie wollten uns verzehren ohne Chall und Zet, ohne Zibd und Bahahr, ganz so, wie der Racham eine gefallene Dibb verschlingt. Aber Allah war in unsrer Nähe. Wir beteten die heilige Fathha und die Sure Jesin, deren Worte den Gläubigen in der Gefahr beschützen. Da kam der Mut der Helden und die Kraft des Sieges über uns. Wir griffen zu den Waffen und sandten den menschenfressenden Teufel und seine Teufelin in die Hölle, wo sie nun am ewigen Feuer braten und kein Mensch sie essen mag. Wir triumphieren, und unsre Kindeskinder nebst deren Enkel und Urenkel werden uns preisen. In allen Städten und Dörfern wird man von uns erzählen, und die Musikadschi werden dazu die Pauken schlagen und auf allen Saiten spielen. Wir aber wollen jetzt unsern Sieg genießen und den Erschlagenen die Felle abziehen. Vorher jedoch müssen wir ihnen zeigen, wie sehr wir sie verachten, und daß sie Schmutz und Würmer sind gegen uns, die starken Helden, welche niemals Furcht gekannt haben!«

Er trat erst zum Löwen und dann zur Löwin, um beide anzuspucken. Kaum hatte er dieses Zeichen gegeben, so folgten die Homr und Dschelabi seinem Beispiele. Die Tiere wurden mit Fäusten geschlagen, mit den Füßen getreten und mit allen möglichen Schimpfworten, welche Verachtung bezeichnen, bedacht.

Dies dauerte wohl eine Viertelstunde lang, wobei die Leute sich wie verrückt gebärdeten. Dann zog der Schech sein Messer und sagte:

»Jetzt haben sie gefühlt und auch gehört, wie verächtlich sie uns sind. Nun wollen wir ihnen die Kleider nehmen, um uns mit denselben zu schmücken. Dem Sieger gehört das Fell des Besiegten. Wenn wir dann heimkehren zu den Zelten der Homr, werden die Männer uns beneiden und die Frauen uns mit Lobgesängen empfangen.«

Die andern Araber zogen auch ihre Messer.

»Halt!« gebot Schwarz. »Wir werden diesen Tieren die Felle allerdings nicht lassen; aber wer soll sie bekommen?«

»Die Sieger!« antwortete der Schech.

»Und wer ist das?«

»Wir alle sind es.«

»Ah, so! So sollen die Felle in vierzehn Stücke zerschnitten werden?«

»Nein, denn was wären sie dann wert? Aber du weißt, daß ich der Schech bin!«

»Das weiß ich, doch was hat dieser Umstand mit den Fellen zu thun?«

»Der Schech hat sie zu bekommen.«

»Das ist bei euch Sitte?«

»Ja.«

»Und vorhin sagtest du, daß das Fell des Besiegten dem Sieger gehöre?«

»Ja. Wenn aber mehrere Sieger vorhanden sind, so bekommt es der vornehmste. Der bin ich, und die Felle dürfen ja nicht zerschnitten werden.«

»Sonderbar! Du bist also auch ein Sieger?«

»Natürlich! Oder war ich etwa nicht auch zugegen?«

»Und sogar der vornehmste der Sieger bist du?«

»Ja, denn ich bin Schech.«

»Da irrst du dich außerordentlich, du weißt doch, was ich bin?«

»Ja, ein Effendi.«

Er sagte das in ziemlich wegwerfendem Tone.

»Der Effendi gibt es sehr verschiedene,« erklärte Schwarz. »Es stehen Hunderte von Effendis unter mir, deren niedrigster weit mehr ist und weit mehr weiß, als du weißt und bist. Der vornehmste der Sieger bin also ich! Und übrigens hast du nicht das geringste Recht, dich Sieger zu nennen. Von deinem Mute und deinen Thaten wird niemand singen und erzählen. Du schimpfest diese Tiere, aber was ist dein Mut gewesen, verglichen mit dem ihrigen! Als du ihre Stimme hörtest, wolltest du fliehen.«

»Das war Scherz. Ich bin doch geblieben.«

»Ja, als ich dir sagte, daß die Flucht gefährlich werden könne, und weil du hörtest, daß ich mit dem Löwen kämpfen wolle. Als dann der Herr mit dem dicken Kopfe kam, hast du dich mit den Deinigen verkrochen, und selbst dann, als die Tiere tot waren, hast du dich erst dann in ihre Nähe gewagt, als das Feuer wieder brannte und du dich überzeugt hattest, daß die Gefahr vorüber sei.«

»Effendi, willst du mich beleidigen?«

»Nein; ich will dich nur vor Überhebung warnen und vor unrechtlichen Eingriffen in das Eigentum andrer. Es sind nur drei, denen diese Löwen gehören, die drei, welche gekämpft haben, nämlich ich, Hadschi Ali und Ibn el dschidri. Kein andrer hat etwas mit den Trophäen zu schaffen.«

»Das dürfen wir andern nicht zugeben. Magst du ein Effendi aller Effendis sein, du bist doch nur ein Giaur, der kein Recht unter uns besitzt. Wir sind Moslemim und nehmen die Felle. Und weigerst du dich, so – – —«

Er hielt inne.

»So – – – nun, was wird dann?«

»So werden wir dich zwingen!« antwortete der Schech in drohendem Tone, indem er eine Bewegung mit der Hand machte, in welcher er das Messer noch hielt.

Da trat Schwarz nahe an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:

»Ihr habt euch vor dem Löwen versteckt, und wir haben ihn besiegt. Meinst du wirklich, daß wir uns vor euch fürchten, die Angst vor dem hatten, den wir erlegten? Wenn ihr nicht augenblicklich die Messer einsteckt, so schieße ich euch sofort nieder!«

Er zog einen Revolver hervor, und in demselben Momente verschwanden alle Messer.

»Und noch etwas will ich dir sagen,« fuhr er fort, »du hältst deine Religion für die richtige und ich die meinige. Jeder hat das Recht und sogar die Pflicht, dies zu thun; darum versuche ich es nicht, deine Meinung zu bekämpfen, am allerwenigsten aber werde ich dich ob derselben schmähen. Dasselbe kann und muß ich auch von dir verlangen. Nennst du mich noch einmal einen Giaur, so beantworte ich diese Beleidigung damit, daß ich dir meine Kamelpeitsche über das Gesicht ziehe und du die Narbe dann zeitlebens zu deiner Schande zu tragen hast! Verlasse dich darauf; ich halte mein Wort!«

Einem Beduinen Schläge anzubieten, ist die denkbar größte Beleidigung. Der Schech fuhr zurück; seine Leute murrten.

»Effendi,« rief er. »Weißt du, was du sagst?«

»Ja, ich weiß es, und was ich sage, das thue ich auch. Du nanntest mich Giaur, und ich drohte dir dafür mit der Peitsche. Wir sind also quitt. Sorge nun dafür, daß die Rechnung nicht wieder von neuem beginnt, und wage es nicht, diese Löwen, an denen du keinen Anteil hast, wieder anzurühren! Wir werden sie hinüber zu unsern Feuern schaffen; ihr mögt hier bei dem eurigen bleiben, wie es vorher gewesen ist, ehe euch die Angst von demselben verscheuchte.«

Mußte schon die hohe, breite Figur des Deutschen den schmächtigen Arabern imponieren, so gab sein Auftreten ihnen überdies zu erkennen, daß er ihnen nicht nur körperlich überlegen sei. Keiner von ihnen wagte, noch ein Wort zu sagen. Sie zogen sich zurück, bis der Platz am Feuer frei war; dann setzten sie sich an dasselbe nieder. Was sie dort leise sprachen, hörten die andern nicht; aber die Blicke, welche sie nach dem zweiten Lagerplatze warfen, ließen vermuten, daß sie über kein freundliches Thema verhandelten.

Die acht Dschelabi, welche sich zu Schwarz hielten, mußten alle ihre Kräfte anstrengen, die beiden Löwen die kurze Strecke hinüberzuschleifen. Dort wurden den Tieren die Häute abgezogen. Während dieser Arbeit und dann, als die Wunden genau untersucht wurden, stellte es sich heraus, welche tödlich gewesen war.

Die erste Kugel des Deutschen war dem Löwen durch das Auge in das Gehirn gedrungen; die zweite hatte ihren Lauf nahe am Herzen vorüber genommen. Diese letztere hätte den spätern Tod des Tieres zur Folge gehabt, während die erste schnell und absolut tödlich gewesen sein mußte. Das Fell gehörte also Schwarz.

Nun kam aber der Umstand, daß der Löwe sich die Lanze so tief in den Leib gestoßen hatte, daß die Spitze derselben am Rückgrat steckte. Der Schaft war einige Zoll unter der Haut abgebrochen. Auch diese Wunde hätte, wenn auch vielleicht erst nach Viertelstunden, den Tod herbeiführen müssen. Schwarz hatte das Vorrecht auf die Trophäe, weil seine Kugeln eher als die Lanze in den Leib des Löwen gedrungen waren, aber der brave »Vater des Gelächters« war gewiß auch einer Belohnung wert.

Was die Löwin betrifft, so war ihr die erste Kugel in das Gebiß gegangen, durch die Zunge und seitwärts oberhalb des ersten Halswirbels durch das Hinterhauptbein gedrungen. Diese Wunde war tödlich, wenn auch nicht sofort. Die zweite Kugel hatte die Lunge durch bohrt und sich an einem der letzten Brustwirbel platt geschlagen. Nach diesen beiden Schüssen hätte das Tier nicht mehr fünf Minuten zu leben vermocht.

Die »viertelpfündige« Kugel des »Vaters der elf Haare« war durch das Gehirn gegangen und hatte die fünf Minuten bis auf eine abgekürzt. Auch dieses Fell gehörte eigentlich dem Deutschen.

Hadschi Ali und Stephan Pudel gaben das zu, aber mit sichtbarem Bedauern. Sie hätten gar zu gern auch Teil an den Fellen genommen. Darum sagte Schwarz:

»Jedes der Tiere hat drei Wunden, zwei von mir und eine von euch. Nehmen wir also an, daß zwei Drittel von jedem Felle mir gehören, so würde das eine schlimme Teilung ergeben. Ich will also meine Ansprüche ermäßigen und nur die Hälfte nehmen: Der Löwe ist für mich und die Löwin für euch. So bekommt jeder von euch ein halbes Fell, also mehr, als er eigentlich zu fordern hat, und die Teilung ist bequem, wenn ihr die Haut quer oder lang in zwei Teile schneidet. Seid ihr zufrieden?«

»Sehr gern,« antwortete der Slowak. »Ich nehme den Kopf und Hadschi Ali erhält den Schwanz.«

»Den mag ich nicht,« erklärte dieser. »Warum willst du den Kopf?«

»Weil ich in den Kopf geschossen habe.«

»Allah! Habe ich den Löwen etwa in den Schwanz gestochen? Wir schneiden das Fell lang durch, so bekommt jeder einen halben Kopf und einen halben Schwanz.«

Das wollte Stephan nicht zugeben. Sie stritten sich hin und her, bis Schwarz fragte:

»Was wollt ihr denn mit den Fellen machen?«

»Ich kleide mich in meine Hälfte,« erklärte der »Vater des Gelächters«.

»Ich in die meinige auch,« antwortete der Sohn der Blattern.

»So dürft ihr nicht nach der Länge teilen, weil die Hälften dann unbequem zu tragen wären. Schneidet quer, und dann mag das Los entscheiden, wer die vordere und wer die hintere Löwin erhält.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen, und das Fell sofort zerschnitten. Das Los zeigte sich dem Slowaken günstig, er erhielt die Kopfhälfte.

»Das ist gut,« lachte er fröhlich. »Ich habe, was ich wollte. Du bist nun nicht mehr bloß der ‚Vater des Gelächters‘, sondern wir werden dich von nun an auch ‚Abu ed daneb, Vater des Schwanzes‘, nennen.«

Hadschi Ali wollte ein bitterböses Gesicht machen, was die Folge hatte, daß er wie toll zu lachen schien. Er breitete seine hintere Hälfte aus und zog das Messer, um die Fleischteile abzuschaben und die Innenseite mit Asche einzureiben. Dabei antwortete er:

»Und dich können wir ‚Abu el buz, Vater des Maules‘ heißen, denn du hast das Maul erhalten, obgleich das deinige bereits so groß ist, daß du es gar nicht zu schließen vermagst und es nur immer offen hast, um andre zu beleidigen. Hättest du so viele Völker, Länder und Dörfer im Kopfe wie ich, so besäßest du mehr Bildung und könntest ‚Abu‘l latif, Vater der Höflichkeit‘ genannt werden, was du aber niemals erreichen wirst.«

»Du weißt, daß ich weder deine Völker noch deine Dörfer haben mag, weil ich gern einen hellen Kopf besitze.«

»Ist‘s in dem meinigen etwa finster?«

»Ja, weil es in deinen Ländern und Dörfern keine Straßenlaternen gibt. Meine Wissenschaft dagegen ist das reinste Licht. Schon mein Latein allein könnte dich zum gelehrten Manne machen, ohne die andern Wissenschaften, mit denen Allah mich erleuchtet hat. Aber zu einem solchen Glanze bringst du es im ganzen Leben nicht.«

»Ich kenne alle Dörfer der Welt, aber nicht ein einziges, welches Latein heißt.«

»O Allah! Latein soll ein Dorf sein! Weißt du denn nicht, daß das eine Sprache ist, welche jenseit des Meeres – – —«

»Verstehen Sie denn wirklich so gut Latein?« fiel Schwarz, um den ausbrechenden Zwist zurückzuhalten, in deutscher Sprache ein.

»Sehr ausgezeichnet!« antwortete der Slowak schnell in derselben Sprache. »Ich hab es gelernte von Herrrr Wagner. Und Sie habend es gehörte schon von mirrr. Ich hab gesagte doch Fauna und Flora!«

»Aber verkehrt!«

»Das ist geschehnte aus einerr kleinen Versehenheit. Ich hab‘ verstehnte sogarrr die ganze Zoologie und Botanik.«

»Nun, was ist Zoologie?«

»Zoologie ist alles, was seinte in Herbarium.«

»Und Botanik?«

»Botanik seinte alles vom Geschöpf menschliches und Affen, tierlichen, bis herrrab zurrr Raupe, insektliche.«

»Abermals umgekehrt! Zoologie ist Tier-, und Botanik ist Pflanzenkunde.«

»Ist abermals nur aus einerrr kleinen Verwechstelung von Wissenschaft meiniger. Jedermann hat gewüßten, daß Latein ungarisches ist das vortreffenstliche von derrr ganze Welt. Ich hab studiumtierte der Horrraz und der Virgill.«

»Was zum Beispiel?«

»Kaiserrr Max österreichischer an der Martinswand von Virgill.«

»Dieses Gedicht ist, glaube ich, nicht von dem Römer Virgil sondern von Anastasius Grün.«

»So hab ich aberrrmals mich nur versehnte aus Wissenschaft meiniger, gründlicher. Ich hab lernen die Astronomie und Mathematigkeit und viel noch mehr.«

»Wie? Auch die Astronomie? Was versteht man darunter?«

»Das Einmaleins und Quadrat viereckiges.«

»Und unter Mathematik?«

»Die milchige Straße am Himmel und der Kommet, um den Mond laufte.«

»Wieder verwechselt. Die Mathematik handelt unter anderm auch vom Vierecke und die Astronomie von der Milchstraße.«

»So hab ich nur vertauschte Milch, himmlische, mit Einmaleins, auswendiges.«

»Sie scheinen immer zu vertauschen und zu verwechseln?«

»Das kann verzeihen wernte. Professor, zerstreuender, hat auch genommte Besen anstatt Regenschirm. Warum soll Gedächtnis meiniges sich mehr anstrengte als Aufmerksamte seinige? Kenntnisse, die ich habe, sind so viel und groß, daß Verwechselung, zufällige, einmal vorkommen kann.«

»Ja, diese Kenntnisse sind um so erstaunlicher, als ich annehmen möchte, daß Sie keine höhere Schule besucht haben.«

»Nein. Ich war nie der in Schule Gewesente. Ich hütete Schafe und Schweine, Vaterige, und hatte nicht Zeit gefinte, in Schule zu gehente. Aber ich hatte geschenkte bekommen eine Tafel, schieferige, und einen Stift, schieferigen, und zuweilen kam der Sohn, nachbariger, um mir zu zeigen, wie wird gelesen und geschreibt. Dann hab ich geborgt von allen Leuten Kalender, unbrauchbare, und habe studiumtierte fleißig weiter. Später bin ich wanderte aus liebe Heimat meiniger und habe besuchte Leihbibliothek überall, wohin ich kommte. Auch habe ich suchte Bekanntschaftlichkeit von Männern gescheite, um nach und nach zu bekommen Kenntnisse diejenigente, welche verleihen Bildung und alle Gelehrsamtekeitigen. Ich habe lernte sogar Mythologie und Pharmalogie!«

»Sie wollen sagen Pharmakologie. Was verstehen Sie darunter?«

»Pharmalogie ist Kenntnis von Jupiter und Proserpina, von Olymp und Donnergott.«

»Und Mythologie?«

»Mythologie ist Bewußtsein, gelehrtes, von Salben und Pflaster, von Silber, schwefelsaurem, und Rheumatismusketten, Geldbergerige, auch von Schweizerpillen, Richardt Brandtige, und Brechweintestein.«

»Das ist wieder eine Verwechselung. Die Mythologie oder Götterlehre ist es, welche uns über den Olymp und dessen Bewohner unterrichtet, und die Pharmakologie lehrt uns in streng wissenschaftlicher Weise die Arzneimittel kennen.«

»So habe ich nur vertauschte Jupiter mit Geist, salmiakigem, was ihm nicht gereichten wird zu Schaden, großartigem.«

»Darüber können Sie sich allerdings beruhigen. Zeus lebt schon längst nicht mehr. Aber wollen Sie sich Ihr halbes Löwenfell nicht auch so präparieren, wie der ‚Vater des Gelächters‘ es mit dem seinigen thut? Es ist das notwendig, wenn es nicht verderben soll.«

»Ja, ich werde Fell auch schabte ab von Fleisch und reibte ein mit Asche. Fell Ihriges ist auch schon in Arbeit.«

Diese letzteren Worte bezogen sich auf die Dschelabi, welche aus Dankbarkeit dafür, daß Schwarz sie von dem Löwen errettet hatte, die Haut desselben in der angegebenen Weise bearbeiteten, um sie für die eigentliche, spätere Präparation vorzubereiten.

Während dieser Arbeit sprachen sie von der Gefahr, in welcher sie sich befunden hatten, und von dem Mute der drei Männer, welche den Raubtieren so kühn entgegengetreten waren. Da gab es viel über die Person und die Eigenheiten des »Herrn mit dem dicken Kopfe« zu hören. Der Bewohner jener Länder umgibt kein Tier mit einem solchen Nimbus wie den Löwen.

»Glaubt doch nicht solche Dinge!« sagte der Ungar. »Der Löwe ist ein Tier wie jedes andre. Wenn er Hunger hat, so frißt er; dürstet ihn, so säuft er, und ist er satt, so schläft er. In ihm wohnt nicht die Seele eines verstorbenen Menschen. Er hat zwar sehr scharfe Sinne, aber was in stundenweiter Entfernung von ihm gesprochen wird, das kann er nicht hören. Und wenn er die Worte auch wirklich hörte, so könnte er sie doch nicht verstehen. Ich kenne das; ich muß das besser wissen als ihr, ich, der ich sogar Latein sprechen kann!«

Sie ließen sich aber nicht irre machen und fuhren fort, sich allerlei haarsträubende Geschichten zu erzählen, in denen natürlich der Löwe die Hauptrolle spielte. Schwarz hörte eifrig zu. Diese Geschichten waren, obgleich die Erzähler selbst an sie glaubten, nur Märchen, aber der Volkscharakter sprach sich in denselben aus. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, seine Aufmerksamkeit zu gleicher Zeit auch auf die Homraraber zu richten, welche sich auch sehr eifrig, doch mit leiser Stimme unterhielten.

Er wußte, daß jeder Beduine ein geborener Räuber ist, ferner daß er durch sein kräftiges Auftreten gegen den Schech sich die Feindschaft dieser Leute zugezogen hatte, und konnte endlich den Gedanken an die Hedj nicht los werden, welche er hinter sich hatte fliegen sehen. Selbst der Schech hatte zugeben müssen, daß diese Vögel ein sichres Zeichen von der Anwesenheit einer Karawane seien. Wo befand sich nun dieselbe? Sie hätte schon längst hier an der Quelle eingetroffen sein müssen. Warum kam sie nicht heran, sondern hielt fern von derselben Rast? Etwa weil die zu ihr gehörigen Leute die »Quelle des Löwen« nicht kannten? Dies war nicht anzunehmen. Und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so hätten die Kamele sich geweigert, sich niederzulegen. Diese Tiere riechen das Wasser oder vielmehr die Feuchtigkeit, welche eine Quelle in der Luft verbreitet, aus stundenweiter Entfernung. Sie sind dann nicht anzuhalten und eilen im Galopp, welche Gangart ihnen sonst streng verboten ist, auf den Brunnen zu. Es war anzunehmen, daß die Männer, aus denen die Karawane bestand, ihre Tiere mit Anwendung von Gewalt zurückgehalten hatten. Und warum? Doch nur, weil sie nichts Gutes beabsichtigten. Der Schluß, daß diese Karawane eine Gum sei, lag sehr nahe.

Man unterscheidet nämlich mehrere Arten von Karawanen. Das Wort lautet eigentlich Karwahn oder Kerwahn und bedeutet einen Wanderzug im allgemeinen. Eine Pilgerkarawane im besondern, also ein Zug von Leuten, welche entweder in Mekka, Medina oder Jerusalem anbeten wollen, heißt Hadsch. Eine Handelskarawane wird Kaffila, und in gewissen Gegenden auch Dschelaba genannt, daher Dschelab, der Händler. Eine Karawane aber, deren Teilnehmer auf Raub ausgehen, heißt Gum. Raubzüge sind nichts Seltenes, und es kommt auch vor, daß eine Kaffila oder auch gar eine Hadsch sich gelegentlich in eine Gum verwandelt, um nach vollendetem Raube sich wieder in einen friedlichen Handels- oder Pilgerzug zu verwandeln.

Eine ganz besondere Art der Gum ist die Ghasuah, plural Ghasauaht, welche den besondern Zweck des Menschenraubes hat. Sie kommt nicht in der eigentlichen Wüste vor, sondern in den südlichen Grenzländern derselben, deren Bevölkerung aus Negern besteht, welche man raubt, um sie als Sklaven zu verkaufen. Werden diese Raubzüge zu Wasser unternommen, so heißen sie Bahara, d. i. Flußreisen. Diese letzteren kommen besonders am obern Nile vor, dessen beide Hauptarme sich in so viele Nebenarme verzweigen, daß besonders während des Charif und einige Zeit nach demselben die Gegend nur mittels Schiff bereist werden kann.

Also Schwarz hielt die Karawane, welche er in der Nähe vermuten mußte, für eine Gum. Es war also alle Veranlassung zur Vorsicht und Wachsamkeit vorhanden, zumal er allen Grund hatte, anzunehmen, daß die Homraraber sich mit den Räubern im Einverständnisse befanden. Es war zunächst nichts zu thun, als die Araber zu beobachten und die Dschelabi von der auch ihnen drohenden Gefahr zu benachrichtigen. Er that dies, indem er während einer Pause, welche in der Unterhaltung der Leute eingetreten war, den »Vater der elf Haare« fragte:

»Ihr seid durch das Land der Baggara gekommen. Waren diese Leute friedlich gesinnt?«

»Ja,« antwortete der Slowak. »Es gibt keinen Stamm, welcher uns Dschelabi feindlich behandelt. Man braucht uns ja überall, da wir allein es sind, welche den Leuten bringen, was sie brauchen. Darum sind wir überall willkommen und werden von jedem als Freunde behandelt.«

»Und doch habe ich gehört, daß auch Dschelabi angefallen und ausgeraubt worden sind.«

»Das sind sehr seltene Ausnahmen und geschieht nur von solchen Stämmen, mit denen man nicht verkehrt. Wir sind auch stets so vorsichtig, uns überall genau zu erkundigen, ob vielleicht eine Gum sich unterwegs befindet oder gar gesehen worden ist.«

»Nun, habt ihr vielleicht in letzter Zeit so etwas erfahren?«

»Nein. Die Baggara sind augenblicklich alle daheim, und mit den Schilluk, in deren Lande wir uns jetzt befinden, leben wir in Freundschaft.«

»Kommt ihr auch zu den Homrarabern?«

»Nein. Ihre Dörfer liegen uns zu weit entfernt.«

»So würdet ihr euch unter Umständen vor ihnen wohl nicht ganz sicher fühlen?«

»Wir würden ihnen, wenn es sich thun ließe, aus dem Wege gehen. Heute, da wir ihnen und dir begegneten, war dies nicht gut möglich. Sie sind allerdings nicht freundlich mit uns gewesen, aber wir haben nichts von ihnen zu befürchten.«

»Denkst du?«

»Ja. Wir stehen doch wohl unter deinem Schutze?«

»Gewiß. Aber wird dieser Schutz im gegebenen Falle sich bewähren?«

»Jedenfalls, da sie dich begleiten und also deine Freunde sind. Der Araber ist stets der Freund der Freunde seines Freundes.«

»Hast du denn nicht gesehen und gehört, daß sie sich nicht sehr freundlich zu mir benahmen?«

»Ich habe es bemerkt, aber das thut ja nichts. Sie haben dir ihr Wort gegeben, dich sicher nach Faschodah zu bringen, und müssen es halten.«

»Und dennoch traue ich ihnen nicht. Sie haben mir das Versprechen gegeben, mich und meine Sachen auf ihren Kamelen zu transportieren. Ich dagegen versprach ihnen, sie in Faschodah dafür zu bezahlen. Das ist alles.«

»Wie? So ist nicht ausdrücklich ausgemacht worden, daß sie dich unter Umständen sogar mit ihrem Leben zu beschützen haben?«

»Nein.«

»Du hast nicht die Formel ‚Dakilah ia Schech‘ mit ihnen gewechselt?«

»Nein. Ich wollte es, aber sie behaupteten, daß dies bei ihnen nicht gebräuchlich und übrigens auch gar nicht nötig sei.«

»Dann darfst du ihnen allerdings nicht trauen, und auch wir sind nicht sicher. Die Formel hätte sie gezwungen, nicht nur ehrlich gegen dich zu sein, sondern dich auch nötigenfalls gegen alle Feinde zu verteidigen. So aber haben sie keine Verpflichtung gegen dich, und nach ihren Regeln und Begriffen können sie dich ausrauben und töten, ohne die geringste Schuld auf sich zu laden. Daß sie dir die Formel verweigert haben, ist ein fast sicheres Zeichen, daß sie Böses beabsichtigen. Daß sie es noch nicht ausgeführt haben, darf dich nicht sicher machen, sondern muß dich vielmehr für heute zur doppelten Vorsicht auffordern. Heute ist der letzte Abend. Morgen würdest du Faschodah erreichen, wo sie dir nichts mehr anhaben können. Vielleicht ist meine Befürchtung ohne Grund; aber ich rate dir, anzunehmen, daß dir heute eine große Gefahr drohe, dir und also auch uns. Ich werde nicht schlafen und sofort meinen Elefantenmörder wieder laden, was ich unterließ, da ich nicht wußte, daß unsre Sicherheit bedroht ist.«

Er griff auch wirklich nach dem gewaltigen Katil elfil und nach dem Pulverhorne. Der »Vater des Gelächters« zeigte, daß er ganz der Ansicht seines Kollegen sei, denn er sagte:

»Meine Harbi ist leider am Bauche des Löwen zerbrochen, aber ich werde mich mit den Armen und Händen wehren. Diese Väter und Söhne des Raubes sollen weder mein Leben, noch meinen Esel, noch meine Waren bekommen. Ich erwürge sie einzeln, einen nach dem andern. Ich kenne die Homr. Sie haben die Worte des Koran auf den Lippen. Sie versäumen weder das Abrik noch die vorgeschriebenen Salawaht, aber sie sind Diebe, und der Verrat ist bei ihnen Gebrauch. Wenn man von einer Gum hört, so hat sie ganz gewiß aus lauter Arab el Homr bestanden. Allah verschließe ihnen den Himmel mit hundert Riegeln!«

»So ist es jedenfalls auch eine Gum der Homr, welche sich hier in der Nähe befindet.« bemerkte Schwarz.

»Was? Wie?« fragte der Slowak. »Eine Gum ist uns nahe?«

»Gewiß weiß ich es nicht, aber ich vermute es.«

Er teilte ihnen die Beobachtung mit, welche er gemacht hatte, und die Vermutung, die er infolgedessen hegte. Seine Worte brachten eine Aufregung hervor, die er nur durch den Hinweis auf die in der Nähe sitzenden Araber dämpfen konnte. Diese durften nicht ahnen, in welchem Verdachte man sie hatte. Darum beherrschten sich die Dschelabi und zeigten beim Fortlaufe des natürlich leise geführten Gespräches eine möglichst ruhige Haltung.

»Wenn das so ist, Herr, so bin ich freilich ganz deiner Meinung, daß die Leute, denen die Vögel folgten, zu einer Gum gehören,« sagte der Ungar. »Wir müssen uns auf einen Überfall gefaßt machen. Wäre es nicht am besten, deine Homr sofort niederzuschießen?«

»Nein. Noch haben wir keinen Beweis. Und selbst wenn wir denselben hätten, würde ich dagegen sein. Ich kann mich zur Tötung eines Menschen nur dann entschließen, wenn dies unumgänglich nötig ist.«

»So wollen wir uns augenblicklich aufmachen und diesen gefährlichen Ort verlassen!«

»Auch dazu kann ich nicht raten. Hier wissen wir genau, was unser wartet. Diese Felsen gewähren uns gute Deckung, ebenso die Büsche. Reiten wir aber fort, so ist es sicher, daß die Gum uns folgt und draußen auf der freien Ebene überfällt. Wir wissen nicht, wie stark sie ist. Wir sind neun Mann. Selbst wenn sie nicht zahlreicher wären und wir den Angriff siegreich abschlügen, würden wir den Sieg mit Toten oder wenigstens Verwundeten bezahlen. Auf alle Fälle steht zu erwarten, daß die Homr mit der Gum gemeinsame Sache machen, was die Angelegenheit verschlimmert. Hier haben wir sie vor uns und können sie im Auge behalten. Ich rate also, hier zu bleiben.«

»Aber wir wissen ja nicht, wenn uns die Kerls überfallen werden, und können doch nicht immer mit angelegtem Gewehr hier sitzen!«

»Das ist auch nicht nötig, wenn wir unsre Vorbereitungen treffen. Zunächst müssen wir das Feuer ausgehen lassen. Es blendet uns. Wer an einem Feuer sitzt, kann nur schwer sehen, was jenseits desselben in der Dunkelheit vorgeht. Wenn es hier finster ist, können auch die Homr nicht erkennen, was wir thun. Lassen wir sie glauben, daß wir uns jetzt zur Ruhe legen. Ist dann die Flamme erloschen, so verlassen wir die Feuerstätte und placieren uns an die Felswand. Dann stecken wir hinter den Kamelen und Gepäckstücken und sind außerdem von dem Gebüsch gedeckt. Inzwischen werde ich zu erfahren suchen, wo sich die Gum befindet.«

»Wie willst du das erfahren?«

»Indem ich nach ihr suche. Sie ist, wie wir, von Westen gekommen und wird also in dieser Richtung zu finden sein.«

»Aber du begibst dich dabei in eine sehr große Gefahr!«

»In gar keine!«

»O doch, Herr. Man wird dich sehen und ermorden.«

»Man wird mich nicht sehen. Ich gehe nicht aufrecht, sondern ich schleiche mich am Boden hin.«

»Man wird dich dennoch bemerken, da die helle Farbe deines Haïk dich verraten muß.«

»Ich lege ihn vorher ab. Die Farbe der Bantaluhn und Kutrahn, welche ich darunter trage, ist dunkler, gleich derjenigen des Erdbodens, von dem ich dann nicht leicht zu unterscheiden bin.«

»Man wird dich dennoch erkennen. Die Sterne scheinen hell, und welcher Mensch kann wie eine Schlange an der Erde hinkriechen!«

»Viele können es, und auch ich habe es lernen müssen. Als ich drüben in Jeni dünja war, befand ich mich lange Zeit bei berühmten Jägern, mit denen ich allezeit auf der Hut vor wilden Indianern sein mußte. Von einem von ihnen, welcher Old Shatterhand hieß, in arabischer Sprache Abu Jadd ed darb, habe ich gelernt, mich so an einen andern anzuschleichen, daß er es gar nicht bemerkt. Diesen Leuten habe ich es auch zu verdanken, daß wir heute den Löwen und seine Frau besiegten. Ich war bei ihnen, um Pflanzen und allerlei kleines Getier zu sammeln, und wurde von ihnen im Kampfe mit wilden Menschen unterrichtet. Ich bin überzeugt, daß ich die Homr finden und vielleicht sogar auch belauschen werde, ohne von ihnen gesehen und gehört zu werden.«

»Aber ihre Kamele werden deine Nähe riechen und dich verraten. Willst du dich wirklich in diese Gefahr begeben?«

»Ja.«

»So will ich dir ein Mittel geben, welches die Kamele abhalten wird, unruhig zu werden. Sie riechen es gern. Ich habe es unter den Spezereien, mit denen ich handle. Du mußt, sobald du in ihre Nähe kommst, einige Tropfen davon auf deine Kleidung fließen lassen. Es ist Milh ennuschahdir, welcher mit Gir und Moje zubereitet wird.«

Er ging zu seinem Esel, neben welchem das ihm gehörige Gepäck lag, und brachte ein kleines Fläschchen, das den Salmiakgeist enthielt. Schwarz steckte es zu sich.

Die Dschelabi hatten sich vor dem Löwen verkrochen. Ihn fürchteten sie, weil sie so abergläubische Vorstellungen von ihm hegten. Die Gum aber hatte sie nur vorübergehend erschreckt. Zwar hatten sie fliehen wollen; aber nun sie einsahen, daß es geraten sei, zu bleiben, waren sie zur Gegenwehr entschlossen. Sie hatten es mit Menschen, aber nicht mit einem gewaltigen Raubtiere zu thun, in welchem ihrer Meinung nach der Geist eines Verstorbenen steckte.

Sie legten sich nieder und breiteten ihre Decken über sich aus, um die Meinung zu erwecken, daß sie nun schlafen würden. In kurzer Zeit ging das Feuer aus, und diese Abteilung des Lagers war nun in nächtliches Dunkel gehüllt, während die Homr auf der andern Seite ihr Feuer sorgfältig weiter unterhielten, so daß man sehen konnte, was sie thaten.

Jetzt schlüpfte Schwarz aus seinem Haïk und entfernte sich leise, von den Homr ungesehen. Seine beiden Gewehre, welche ihm nur hinderlich sein konnten, ließ er zurück.

Die Homr befanden sich auf der Südseite. Er schlich sich auf der nördlichen, wo, wie bereits erwähnt, kein Buschwerk stand, um den Felsen. Dort blieb er zunächst stehen, um zu lauschen.

Der »Vater der vier Augen« konnte, so sehr er seine Augen und Ohren anstrengte, ein menschliches Wesen weder sehen noch hören. Darum ging er langsam weiter, sich gerade westlich haltend.

Der Boden war fein sandig; die Schritte des Deutschen verursachten kein Geräusch. Langsam und vorsichtig vorwärts schreitend, ging er weiter und weiter, doch ohne etwas zu bemerken. Schon waren vielleicht zehn Minuten vergangen, und er nahm an, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen habe, obgleich er genau auf der Fährte ging, welche er mit seinen Begleitern gemacht hatte und auf der die Gum zu suchen war.

Da drang ein leises Klirren an sein Ohr, wie wenn zwei Waffen sich berührt hätten. Der Ton kam ganz genau aus der Richtung, welche er eingeschlagen hatte. Er verdoppelte seine Vorsicht und verlangsamte seine Schritte. – Schon nach kurzer Zeit tauchte es in unbestimmten Konturen wie graue Schatten vor ihm auf. Sie saßen auf der Erde und bewegten sich nicht. Zu gleicher Zeit wehte ihm die bekannte Ausdünstung von Kamelen entgegen. Er hatte die Gum vor sich, die zu derselben gehörigen Männer waren in die landesüblichen grauen Haïks gehüllt. Nun legte er sich nieder und kroch auf den Händen und Füßen weiter.

Da die Leute ihrer Aufmerksamkeit jedenfalls auf die Gegend gerichtet hatten, aus welcher er kam, so schlug er einen Bogen nach rechts, um sich von Norden her anzuschleichen. Seine Gestalt war trotz des hellen Sternenschimmers nicht von dem Boden zu unterscheiden. Da seine hellere Gesichtsfarbe vielleicht zur Verräterin werden konnte, so zog er sein dunkelrotes Taschentuch hervor und band es sich vor den untern Teil des Gesichtes, so daß er nur die Augen frei behielt. Den Fes, den er unter der Kapuze getragen hatte, zog er über die Stirn herein.

Als er näher kam, sah er die Kamele liegen, nicht eng beisammen, sondern einzeln. Nun konnte er die Personen zählen. Es waren ihrer zwölf. Sie saßen in einem kleinen Kreise, vor welchem zwei Kamele lagen.

Dieser Umstand war ihm sehr willkommen, da derselbe es ihm vielleicht ermöglichte, sich so weit hinanzuschleichen, daß er hören konnte, was gesprochen wurde.

Er schob sich sehr, sehr langsam vorwärts, fast Zoll um Zoll. Die Luft war leise bewegt; sie kam ihm entgegen. Das war die Ursache, daß die Tiere ihn noch nicht bemerkten. Nun war es an der Zeit, das Mittel des Dschelabi zu versuchen. Er öffnete das Fläschchen und besprengte sich mit dem Salmiakgeiste.

Es ist bekannt, daß die Ausdünstung des Kamels eine ammoniumartige ist und daß aus dem Miste und Urin dieses Tieres Salmiak gewonnen wird. Darum hielt Schwarz es für nicht ganz unmöglich, daß die Kamele eine Art von Vorliebe für den Geruch dieses Produktes besitzen. Er fand auch wirklich sofort Veranlassung, sich zu überzeugen, daß dies wirklich der Fall sei. Denn kaum hatte er das Fläschchen wieder eingesteckt, so wendeten beide Kamele die Köpfe nach ihm und öffneten die weit geschnittenen Nüstern, doch ohne ein Zeichen von Unruhe zu geben. Sie schienen den Geruch mit Behagen einzuziehen.

Dadurch beruhigt, kroch er näher. Schon war er so weit, daß die hohen Rücken der Tiere es den Arabern nicht mehr ermöglichten, ihn zu sehen. Er schob sich an das eine Kamel heran, schmiegte sich eng an dasselbe und begann, es mit der Hand zu krauen, wobei es einen leisen, behaglich grunzenden Laut hören ließ.

Die Gruppe der Männer war nicht mehr als drei Schritte von dem Tiere entfernt. Sie sprachen zwar nicht laut, aber doch so vernehmlich, daß er die meisten ihrer Worte verstehen und das übrige sich hinzudenken konnte.

Unter ihnen fiel ihm eine besonders lange und außerordentlich hagere Gestalt auf, welche die andern weit überragte. Der aufrecht sitzende Oberkörper dieses Mannes war fast vier Fuß hoch. Die Länge dieses Menschen mußte, wenn er stand, weit über drei Ellen betragen, eine große Seltenheit bei den Arabern. Er saß etwas zur Seite, als ob er dadurch einen Vorrang zum Ausdruck bringen wolle. Seine Stimme klang hohl und im Grabestone, als er jetzt sagte:

»Nein, wir brauchen uns nicht erst zu überzeugen. Wir haben die Spur gesehen. Es sind lauter Esel gewesen, acht an der Zahl. Und wer reist auf Eseln? Nur Dschelabi können es sein. Diese Krämer sind gewöhnlich feig. Wir haben sie nicht zu fürchten. Wollten wir einen von uns hinsenden, um nachzusehen, ob sie sich mit an dem Brunnen befinden, so könnte er durch irgend einen Zufall bemerkt werden, und wir wären verraten. Diese Dschelabi sind sicher dort, was uns nur lieb sein kann, da wir zu der übrigen Beute auch noch ihre Waren und Tiere bekommen.«

»Sollen wir die Krämer auch töten?« fragte einer.

»Ja.«

»Das könnte mir beinahe leid thun. Diese Leute sind nützliche Menschen und Anhänger des Propheten, während der Fremde ein Giaur ist, dessen Seele der Teufel fressen möge!«

»Hat die Sonne dir das Gehirn versengt, daß du von Mitleid redest? Sollen wir die Unvorsichtigkeit begehen, acht Zeugen leben zu lassen? Der Fremde steht im Schutze seines Unsul, welcher, wenn er seinen Tod erführe, so lange nach Rache schreien würde, bis man uns ergriffen und getötet hätte.«

»Aber wir würden den Dschelabi doch nicht sagen, wer wir sind!«

»Auch hier reicht dein Verstand nicht aus. Wie nun, wenn sich einer unter ihnen befindet, der einen von uns kennt?«

»Diesen einen könnten wir stumm machen.«

»So müssen wir sie eben alle umbringen, denn mich würden sie selbst in dem Falle erkennen, daß sie mich noch nie gesehen haben. Allah ist, als er meiner Seele den Körper gab, verschwenderischer als sonst gewesen, wofür ich ihm nicht dankbar bin, denn es ist meist sehr verdrießlich, eine Gestalt zu besitzen, welche jedem auffallen muß. Man weiß, daß ich ein Sklavenjäger bin. Das ist schon genug, seit die Franken, über welche die Verdammnis kommen möge, in Chartum es durchgesetzt haben, daß der Sklavenhandel verboten wurde. Nun sitzt selbst hier in Faschodah ein Mudir, welcher kein Sklavenschiff passieren läßt, so daß wir stets ausladen und den langen und beschwerlichen Landweg einschlagen müssen. Dieser Mudir hat sein Auge ganz besonders auf mich gerichtet. Falle ich ihm in die Hände und es befindet sich nur ein einziger Sklave bei mir, so bin ich verloren. Soll er nun auch noch erfahren, daß ich, wenn Allah mir die Gelegenheit sendet, meine Leute in eine Gum verwandle, so ist das Ende meines Lebens nahe, was der Prophet verhindern möge, denn ich habe Lust, den Preis von noch Tausenden von Negern mit euch zu teilen. Diese acht Dschelabi würden, sobald sie mich sähen, augenblicklich wissen, daß ich Abu el Mot bin, und es morgen dem Mudir verraten. Dieser wieder weiß, in welchem Gebiete ich nach Schwarzen jage; ebenso weiß er ungefähr, wenn ich mit meinen Sklaventransporten durch sein Gebiet muß, und so würde er mir mit doppelter Sorgsamkeit auflauern. Ist es schon jetzt schwer, ihm zu entgehen, so würde es nachher unmöglich sein. Nein, die Dschelabi müssen sterben! Wenn du Mitleid mit ihnen hast, so kannst du heimkehren und Durrha essen. Ich brauche keinen Mann, dessen Herz von Wolle ist anstatt von Eisen.«

Dabei zog er sein Messer und spielte in so bedeutungsvoller Weise mit demselben, daß der andre einsah, er werde nicht weit kommen, wenn es ihm einfallen sollte, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Darum antwortete er in begütigendem Tone:

»Hast du mich jemals weinen sehen, wenn mein Messer oder meine Kugel einen Menschen getroffen hatte? Warum soll ich jetzt auf einmal ein Weib geworden sein, da mir einmal ein milder Gedanke kommt? Ich werde der erste von euch sein, welcher sein Messer in das Herz eines dieser Dschelabi senkt.«

»Das hoffe ich auch, damit du die Zweifel zerstreust, zu denen du mir soeben Veranlassung gegeben hast! Ein Sklavenjäger muß ermorden können, ohne mit der Wimper zu zucken. Kann er das nicht, so taugt er nichts für dieses Geschäft. Morgen früh werden die Geier auf den Gerippen von neun Menschen sitzen und sich so dick angefressen haben, daß sie nicht davonfliegen können. Wir aber werden unsre Beute nach Kaka bringen und uns derselben erfreuen.«

»Nach Kaka? So müssen wir nach Nordost gegen den Nil, also zurück. Warum nicht nach Faschodah?«

»Das liegt zwar näher und ist auch ein besserer Handelsplatz; auch kann ich mich getrost dort sehen lassen, wenn ich keine Sklaven bei mir habe; aber ich würde dort keinen Käufer für die Sachen finden, welche wir diesem Giaur abnehmen werden. In Kaka aber habe ich meinen Agenten, welcher die Sammlung gern nach Chartum bringen wird, um sie für mich zu verwerten.«

»Wird man dort nicht Verdacht fassen?«

»Nein, denn der Agent wird so klug sein, den Leuten ein Märchen zu erzählen, welches sie glauben müssen. Dort gibt es Personen, welche den Wert einer solchen Sammlung kennen und einen guten Preis zahlen werden. Wir können sie auf anderm Wege unmöglich an den Mann bringen. Und daß sie viel wert ist, kann man daraus schließen, daß der Christ seine Heimat verlassen hat und sich so großen und vielen Gefahren aussetzt, um diese Pflanzen und Tiere zu holen. Wir werden bald einen zweiten, ähnlichen Fang machen. Der letzte Bote, der mir aus der Seriba Omm et Timsah gesandt wurde, teilte mir mit, daß dort zwei Weiße, ein junger und ein alter, eingetroffen sind, welche Gewächse suchen, um sie zwischen Papierblätter zu legen, und Käfer, Schlangen und allerlei Gewürm fangen, welches sie in Flaschen stecken. Beide haben schwarze Diener bei sich, viele Waffen und Tauschartikel und große, schwere Ballen Zeug, welches, wie ihr wißt, dort die Stelle des Geldes vertritt. Diese Europäer drängen sich mit großer Frechheit in unser Sklavengebiet. Wir dürfen das nicht dulden und werden sie also, sobald wir hinkommen, in die Hölle senden, ihre Sachen aber behalten. Diese Menschen glauben an Isa Ben Marryam, welcher gelehrt hat, daß es keine Sklaven geben dürfe, da auch die Schwarzen Allahs Kinder seien. Wenn wir sie nicht töten, wird diese Lehre überhand nehmen und unsern Handel zu nichte machen. Ich dulde keinen Christen im Bereiche meines Jagdgebietes, am allerwenigsten aber christliche Priester, welche die Schwarzen gegen uns aufwiegeln, indem sie denselben die alberne Lehre von der Liebe bringen. Darum werden diese beiden Weißen sterben wie der Giaur, der jetzt dort am Brunnen lagert.«

»Meinst du nicht, daß er sich verteidigen wird?«

»Nein, denn wir werden ihm keine Zeit dazu lassen. Unser Überfall wird so plötzlich geschehen, daß er gar keine Zeit finden wird, sich seiner Waffen zu bedienen. Wenn der Schech uns nachher aufsucht, wie verabredet worden ist, so werden wir von ihm erfahren, wo der Giaur liegt und wo die Dschelabi schlafen. Wir schleichen uns hinan und werden sie wohl gar im Schlafe töten, so daß sie zur Hölle fahren, ohne vorher zu erwachen. Vielleicht sind die Gewehre noch gar nicht wieder geladen, welche sie vorhin abgeschossen haben, um die Löwen abzuschrecken.«

»Allah ‚l Allah! In welcher Gefahr haben wir da auch uns befunden! Wie leicht konnte der Verderber der Herden auch zu uns kommen!«

»Nein. Er hat seine Wohnung im Osten des Brunnens und ist wieder dorthin zurück. Schliche er sich in unsrer Nähe herum, so würden die Kamele ihn durch ihre Angst verraten. Vorher waren sie unruhig; aber seit die Schüsse gefallen sind, haben sie keine Furcht mehr gezeigt. Der Vater des dicken Kopfes ist also fort. Laßt uns nun nicht mehr sprechen, sondern lieber aufpassen. Der Schech könnte eher kommen, als wir ihn erwarten, und wir müssen dafür sorgen, daß er uns nicht verfehlt.«

Aus diesen Worten war zu schließen, daß die Unterhaltung nun zu Ende sei. Darum hielt Schwarz es für geraten, sich zurückzuziehen. Er kroch so leise und vorsichtig davon, wie er gekommen war. In der Entfernung, in welcher er nicht mehr gesehen werden konnte, erhob er sich aus der kriechenden Stellung, da er nun getrost wieder aufrecht gehen konnte. Erst als er den Felsen erreichte, mußte er wieder vorsichtig verfahren, da die Homr nicht wissen durften, daß er fort gewesen war.

Es gelang ihm, seinen Platz von ihnen unbemerkt zu erreichen. Die Dschelabi hatten Sorge um ihn gehabt, da seine Abwesenheit eine ziemlich lange gewesen war. Er erzählte ihnen, was er gehört hatte und fragte sie, ob ihnen dieser Abu el Mot vielleicht bekannt sei. Sie alle kannten diesen Mann, ohne ihn aber jemals gesehen zu haben. Sie hatten gehört, daß er der eifrigste und unbarmherzigste Sklavenjäger sei, doch wo er sein Jagdgebiet habe, wußten sie nicht.

»Er scheint seine Raubzüge von einer Seriba, welche Omm et Timsah heißt, aus zu unternehmen,« sagte der Deutsche. »Ist euch diese nicht bekannt?«

»Nein,« antwortete der ‚Vater der elf Haare‘. »Ich kenne alle Seriben bis jenseits des Dinka-Landes, aber von einer dieses Namens habe ich noch nie gehört. Doch muß uns das einstweilen gleichgültig sein. Wir müssen an unsre Verteidigung denken. Wir müssen überlegen, wie wir uns am besten wehren können.«

»Da gibt es nicht viel zu überlegen. Die Hauptsache ist, daß der Feind uns nun nicht mehr überraschen kann. Wir wissen, wo er sich befindet.«

»Aber nicht, wann er kommen wird.«

»O doch. Der Schech will die Gum aufsuchen. Er hat also mit Abu el Mot den Überfall schon längst geplant. Es ist da drüben hell, und wir können also leicht sehen, wenn er sich entfernt. Er wird den Räubern sagen, wo und wie wir lagern, und dann werden sie kommen.«

»Wir schießen sie nieder?«

»Nein. Sie sind zwölf Personen und wir nur neun; aber da wir nun sie überraschen und nicht sie uns, so sind wir ihnen überlegen. Wir bleiben natürlich nicht hier liegen, sondern erwarten sie am Beginn der Büsche, zwischen welchen wir uns verstecken können. Sind sie an uns heran, so springen wir auf. Jeder nimmt seinen Mann und schlägt ihn nieder. Ein tüchtiger Hieb auf den Kopf genügt dazu; aber die Kerls müssen so getroffen sein, daß sie gleich zusammenbrechen. Mit den übrigen drei werden wir dann schnell fertig. Fliehen sie, so lassen wir sie laufen; wehren sie sich, nun, so können wir ihr Leben freilich nicht schonen. Die ersteren werden hoffentlich nicht tot sein. Wir nehmen sie gefangen und liefern sie in Faschodah an den Mudir ab.«

»Und was geschieht mit den Homr?«

»Das wird sich ganz nach ihrem Verhalten richten. Ich vermute, daß sie sich nicht direkt an dem Angriffe beteiligen werden; sie dürften das vielmehr der Gum überlassen, welche übrigens, wie ich aus dem Dialekte der Leute vermute, auch aus Homr besteht. Meine bisherigen Begleiter werden beabsichtigen, so lange dort an ihrem Feuer zu bleiben, bis wir getötet worden sind. Sie kommen also bei dem Kampfe zunächst nicht in Betracht. Die Hauptsache ist, daß jeder von uns seinen Mann richtig trifft.«

»Darin soll es bei mir nicht fehlen. Ich kehre meinen Elefantenmörder um und bearbeite den Kerl so, wie ich vorhin die Frau des Löwen erschlagen habe.«

»Und ich,« sagte Hadschi Ali, »habe hier den halben Schaft meines zerbrochenen Spießes. Das gibt eine Keule, mit welcher ich zuschlagen kann. Allah sei demjenigen gnädig, der sie auf den Kopf bekommt!«

In ähnlicher Weise äußerten sich auch die andern. Sie waren damit einverstanden, daß die Feinde nicht getötet werden sollten. Sie dachten an die Genugthuung, die ihnen würde, wenn sie morgen mit ihren Gefangenen in Faschodah einziehen. Wer von ihnen keine zum Zuschlagen passende Waffe besaß, der suchte sich unter den Gepäckstücken einen geeigneten Gegenstand aus.

Die Homr waren überzeugt, daß der Deutsche und die Dschelabi schliefen. Diese hatten nur leise gesprochen, und wäre je ein Wort etwas lauter gewesen, so hätte es doch nicht leicht gehört werden können, da die Kamele und Esel sich noch immer nicht ganz beruhigt hatten. Besonders die letzteren standen keinen Augenblick ruhig, weil die Kadaver der beiden Raubtiere sich in ihrer Nähe befanden. Die Kamele schnaubten ängstlich, mußten aber ruhig liegen, da ihnen die Füße gefesselt waren.

In Erwartung des Kommenden verging allen die Zeit sehr langsam. Endlich erhob sich drüben der Schech.

»Jetzt geht er!« flüsterte Ali.

»Nein,« antwortete der Ungar ebenso leise. »Er kommt erst hierher, um nachzusehen, ob wir wirklich schlafen. Er wird so thun, als ob er sich um die Kamele bekümmern wolle. Regen wir uns nicht!«

Der Schech kam wirklich langsam herbei. Er trat zu den Kamelen, als ob er nach ihnen habe sehen wollen, und blieb da eine kleine Weile stehen. Er lauschte nach den Dschelabi herüber. Als keiner derselben sich bewegte, sagte er, zu ihnen gewendet:

»Die Dschimahl fürchten sich noch immer. Wollen wir nicht die Leichen des Löwen und seiner Sultana fortschaffen?«

Er fragte das natürlich nur, um zu erfahren, ob die Dschelabi fest schliefen. Als er keine Antwort bekam, trat er leise näher und bückte sich zu ihnen nieder. Um ganz sicher zu sein, berührte er den Arm des Deutschen. Als auch darauf nichts erfolgte, war er seiner Sache sicher und schlich weiter, um den Felsen wie vorhin Schwarz.

Dieser richtete sich nach einiger Zeit auf und kroch ihm nach. Er sah ihn in westlicher Richtung davonschreiten und dann im Dunkel der Nacht verschwinden. Zu den Dschemali[Dschelabi] zurückgekehrt, forderte er diese auf:

»Jetzt ist es Zeit. Kommt mit fort, aber leise, damit die Homr es nicht hören!«

Er führte sie bis dahin, wo das Dickicht zu Ende war und sich in einzelne Büsche auflöste. Es war vorauszusehen, daß die Angreifenden da vorüberkommen würden. Jeder steckte sich hinter einen Busch.

Sie warteten wohl eine halbe Stunde und noch länger. Dann hörten sie leise Schritte, und zugleich erkannten sie die Gestalten, welche, eine hinter der andern, langsam herbeikamen. Als sie sich so weit genähert hatten, daß man die einzelnen Personen unterscheiden konnte, sah Schwarz den Schech als Führer an der Spitze. Die lange, schmale Gestalt Abu el Mots schwankte, sich herüber- und hinüberwiegend, am Ende des kleinen Zuges. Sie blieben an der Felswand stehen. Wäre es hier so hell gewesen wie draußen außer dem Bereiche des Schattens, den der Fels warf, so hätten sie die unmittelbar neben ihnen hinter den Büschen kauernden Dschelabi sehen müssen, denn die Sträucher waren nicht dicht und breit genug, einen Mann vollständig zu verbergen.

Schwarz befand sich dem verlassenen Lagerplatze am nächsten. Die Feinde waren nicht bis zu ihm herangekommen. Der Ungar, der am entgegengesetzten Ende kauerte, hatte sie gerade vor sich. Er hörte, daß der Schech sagte:

»So! Bis hieher habe ich euch geführt. Gleich um die Ecke rechts liegen sie im tiefen Schlafe; sie werden sterben ohne zu erwachen. Ich gehe jetzt zu meinen Männern, um ihnen zu sagen, daß der Augenblick gekommen ist.« Er entfernte sich, indem er einige Schritte zurückging, und verschwand an der Westseite des Felsens, an dessen Ostseite die Lagerstelle sich befand.

»Nun vorwärts!« gebot die Grabesstimme Abu el Mots. »Allah möge euern Messern sichern Stoß verleihen!«

Schwarz wollte natürlich warten, bis sie ihn erreicht hatten; aber der kleine Slowak fühlte sich von solcher Kampfeslust ergriffen, daß er den vorteilhaftesten Augenblick nicht erwartete.

»Rauwidschu – schnell, drauf!« rief er aus, indem er aufsprang. Sein Gewehr umkehrend, holte er aus und führte nach dem Nächststehenden einen so gewaltigen Kolbenhieb, daß der Getroffene sofort zusammenbrach und aber auch er selbst niederstürzte.

Die andern brachen auch hervor. Schwarz als der Entfernteste hatte wohl acht oder neun Schritte zurückzulegen, um an die Feinde zu kommen. Er hatte es auf Abu el Mot abgesehen gehabt, welche Absicht aber nun nicht auszuführen war.

Die Männer der Gum waren so erschrocken, daß sie sich für den ersten Augenblick nicht von der Stelle bewegten. Sie wären verloren gewesen, wenn der überhitzige Ungar nur noch drei oder vier Minuten gewartet hätte. So aber fanden sie Zeit, sich einigermaßen zu fassen, doch nicht hinreichend genug, ihre Waffen zu gebrauchen. Einige von ihnen empfingen die ihnen zugedachten Hiebe; andern gelang es, dieselben von sich abzuwehren.

Schwarz hatte die angegebene Entfernung springend zurückgelegt. Er schlug einen Araber mit dem Gewehrkolben nieder und im nächsten Augenblicke einen zweiten. Zornige Flüche er schallten.

»Wer sind diese Teufel?« schrie Abu el Mot. »Drauf auf sie!«

»Rettet euch!« schrie ein andrer. »Wir sind vom Schech verraten!«

Er drängte zurück. Eben wollte Schwarz den dritten niederschlagen, um dann an den Anführer zu kommen. Zu gleicher Zeit holte der »Vater des Gelächters« gegen einen andern aus, welcher an Schwarz vorüberfloh. Er drang hinter diesem drein, glaubte, ihn mit dem Hiebe noch zu erreichen, erhielt aber dabei von einem weiteren Flüchtling einen Stoß und – – schlug dem Deutschen mit seinem halben Lanzenschaft so gegen das Ohr und die Schläfe, daß Schwarz zur Seite taumelte und fast ohne Besinnung niederfiel.

»Allah!« schrie der erschrockene Kleine. »Habe ich dich ermordet, Effendi?«

»Beinahe!« antwortete der Gefragte, indem er sich langsam und nur schwer erhob. »Laßt sie fliehen! Wir dürfen wegen den Homr nicht von hier fort!«

Es funkelte ihm vor den Augen, doch sah er die Leute der Gum fliehen. Er legte an und sandte ihnen zwei Kugeln nach. Dann konnte er nicht widerstehen. Es brauste ihm wie eine Brandung um die Ohren. Er lehnte sich an den Felsen und schloß die Augen.

Kein Dschelabi folgte den Fliehenden. Aber der Ungar rief, als er die Schüsse des Deutschen hörte:

»So ist‘s recht! Gebt ihnen eure Kugeln! Die meinige sollen sie auch haben.«

Er erhob seinen schweren Katil elfil und zielte auf den Flüchtling. Sein Schuß krachte, und der Mann stürzte nieder.

Die Dschelabi standen bei Schwarz, laut klagend über ihn.

»Was ist geschehen?« fragte der Slowak.

»Ich habe den Effendi erschlagen!« jammerte der »Vater des Gelächters«, indem er aus Verzweiflung das lustigste Gesicht der Welt machte.

»Bist du toll?«

»Nein. Ich wurde gestoßen.«

»Dummkopf! Du hast vor lauter Völkern und Dörfern, welche unter deinem Schädel stecken, nicht gesehen, wohin du schlugst! Effendi, Effendi, bist du tot?«

»Nein,« antwortete Schwarz, indem er die ihn überkommene Ohnmacht mit Anstrengung von sich abschüttelte und sein Gewehr, welches ihm entfallen war, aufhob.

»Allah sei Dank! Dieser ‚Vater der hintern Löwenhälfte‘ ist mit Blindheit geschlagen gewesen, und wir müssen – – —«

»Still!« gebot ihm der Deutsche. »Wir haben mehr zu thun. Ich sehe vier Teilnehmer der Gum hier liegen. Das ist weniger als ich dachte. Bindet sie! Wahrscheinlich sind sie nur betäubt.«

Er trat zur Felsenecke, von welcher aus er das Feuer sehen konnte. An demselben standen die Homr, welche nicht wußten, was sie denken sollten. Er nahm an, daß sie dort bleiben würden, bis sie von irgend einer Seite Aufklärung erhielten. Darum fuhr er fort:

»Bleibt hier! Vielleicht kann ich ein Kamel oder mehrere erbeuten.«

Er rannte fort, in der Richtung, in welcher die Araber geflohen waren. Er wußte, wo sie gelagert hatten. Auch ihre Kamele waren gefesselt gewesen, und da diese Tiere nicht schnell zum Aufstehen zu bringen sind, so mußten die Flüchtigen dort jedenfalls länger verweilen, als ihnen lieb war, da sie doch anzunehmen hatten, daß man sie verfolgen werde.

Sein zweites Gewehr hatte er über dem Rücken hängen; das erste lud er im Laufen. Dabei kam er an der Stelle vorüber, wo der von der Kugel des Slowaken Getroffene lag. Dieser regte sich nicht.

Hatte er vorhin, als er vorsichtig sein mußte, über eine Viertelstunde gebraucht, um an die Gum zu kommen, so ging es jetzt schneller. In weniger als zwei Minuten war er der Stelle nahe. Er sah die Gruppe der Männer, welche sich um die Kamele bemühten. Da blieb er stehen und schoß ein-, zweimal auf sie. Jeder von ihnen hatte vor allen Dingen sein eigenes Tier von den Fesseln befreit. Das sollte gerade auch mit den fünf übrigen Kamelen geschehen, als die beiden Schüsse krachten, von denen einer der Araber verwundet wurde.

»Fort!« schrie Abu el Mot, der sich unter den Entkommenen befand. »Laßt die Bestien liegen, denn die Schejatin sind hinter uns her!«

Und als Schwarz nun auch die beiden Schüsse seines andern Gewehres abgab, war kein Halten mehr. Die um fünf Menschen und Tiere verringerte Gum flog davon, in die Nacht hinein.

Schwarz näherte sich vorsichtig den Tieren, da leicht ein Feind hinter denselben sich versteckt haben konnte. Er überzeugte sich jedoch bald, daß dies nicht der Fall war. Die fünf Sättel lagen daneben, ebenso mehrere Kirban und Dattelsäcke.

Da nicht anzunehmen war, daß die Gum zurückkehren werde, so ließ der Deutsche die Tiere samt diesen Gegenständen liegen und eilte dem Felsen wieder zu. Die Folgen des Hiebes, den er kurz zuvor erhalten hatte, waren überwunden und sein Kopf wieder leicht und frei wie vorher.

Die Dschelabi standen bei den vier Gefesselten, welche sich noch nicht regten.

»Sind noch Stricke, Riemen oder Schnüre vorhanden?« fragte Schwarz.

»Genug, Herr,« antwortete der Slowak. »Ein Dschelabi hat deren stets in seinen Taschen.«

»So binden wir jetzt auch die Homr.«

»Wenn sie es sich gefallen lassen!«

»Versuchen wir es.«

Er ging wieder an die Ecke. Die Homr standen noch immer wartend am Feuer. Sie hatten die Schüsse und das Geschrei gehört und sagten sich, daß der Überfall nicht in der gewünschten und auch erwarteten Weise verlaufen sei; aber wie die Angelegenheit stand, das vermochten sie sich nicht zu sagen, da sie nicht hatten sehen können, was geschehen war. Nur das war ihnen gewiß, daß der Deutsche und die Dschelabi nicht geschlafen, sondern sich verteidigt hatten. Wer aber war da Sieger geblieben? Die Klugheit riet ihnen, sich entfernt zu halten und das Kommende abzuwarten.

Sie konnten nicht bis zur zweiten Lagerstätte, wo das Feuer nicht mehr brannte, sehen, doch war alle ihre Aufmerksamkeit nach dieser Gegend gerichtet. Da sahen sie den verhaßten Deutschen von dort herkommen. Er hatte seine Gewehre zurückgelassen. Seine Absicht war, sich zunächst des Schechs zu bemächtigen.

»Habt ihr das Schießen gehört?« fragte er in hastiger Weise.

»Ja,« antwortete der Schech. »Wer ist es gewesen, und was hat es gegeben?«

»Weiß ich es? Ich erwachte von dem Lärm und sah, daß die Dschelabi nicht mehr da waren. Ich suchte nach ihnen und hörte Schüsse im Osten von hier. Ihr seid wach gewesen und müßt also besser als ich wissen, was sich ereignet hat.«

»Nichts wissen wir, gar nichts, Effendi! Wir glaubten die Schüsse kämen aus euren Gewehren und es sei abermals ein Löwe erschienen.«

»Dann müßte er die Dschelabi mit Haut und Haar verschlungen haben, da sie vom Lagerplatze verschwunden sind. Nein, es muß etwas andres gegeben haben. Willst du nicht einmal mit mir nachsehen?«

»Ja, sogleich, ich komme mit.«

Es war gegen alle seine Wünsche, den Deutschen noch am Leben zu sehen. Wo waren die Dschelabi, und wo waren die Männer der Gum? Er brannte vor Begierde, es zu erfahren; darum ging er so bereitwillig auf den Vorschlag des Gelehrten ein.

Die beiden entfernten sich nach der erstgenannten Felsenecke hin. Als sie um dieselbe bogen, erblickte der Schech die Dschelabi, und es entfuhr ihm die unvorsichtige Frage.

»Da sind sie ja! Wo aber ist die Gum?«

»Die Gum?« antwortete Schwarz. »Du gibst also zu, von ihr zu wissen! Für so aufrichtig habe ich dich nicht gehalten.«

»Die Gum – Effendi – die Gum ist – ist – ist – ich habe – – —« stotterte er.

»Schon gut! Bindet ihn!«

Indem er diesen Befehl gab, faßte er ihn mit beiden Händen am Halse und drückte ihm die Kehle so zusammen, daß der Homr keinen Laut ausstoßen konnte. Es wurden demselben sofort Riemen um die Hände und Füße gebunden, worauf man ihn auf die Erde legte.

Jetzt rief Schwarz den erwartungsvoll am Feuer stehenden Homr zu:

»Suef el Abalik soll schnell hierher zum Schech kommen!«

Er kannte die Namen sämtlicher Homr und war überzeugt, daß der Genannte dem Rufe folgen werde. Damit derselbe nicht durch den Schech gewarnt werden könne, kniete der kleine Slowak bei dem letzteren nieder, setzte ihm die Spitze seines Messers auf die Brust und drohte:

»Gieb einen Laut von dir, so ersteche ich dich!«

Der Bedrohte wagte kaum zu atmen, und zwar nicht infolge dieser Drohung allein, sondern weit mehr noch vor Schreck über die Behandlung, welche ihm so unerwartet widerfahren war.

Suef kam. Mit ihm wurde kein überflüssiges Wort gewechselt, sondern Schwarz nahm ihn gleich, als er um die Ecke bog, bei der Gurgel. Er wurde zu Boden geworfen und gebunden. Ebenso erging es einem dritten, den Schwarz noch herbeirief.

Nun befanden sich nur noch drei Homr am Feuer, deren schnelle Überwältigung nicht schwierig war. Zwei Dschelabi blieben bei den Gefangenen. Mit den übrigen sechs ging Schwarz nach dem Feuer, wo je zwei von ihnen, ohne ein Wort zu sagen, einen Homr ergriffen. Dieselben waren so überrascht, daß sie fast gar nicht an Gegenwehr dachten. Einige zornige Fragen ihrerseits und einige kräftige Hiebe, welche sie vor die Köpfe erhielten, dann schlangen sich die Fesseln auch um ihre Arme und Beine.

Man ließ sie am Feuer liegen und schaffte dann die übrigen Homr nebst den vier Gumleuten herbei. Diese letzteren lebten, doch thaten sie, als ob sie noch betäubt seien; aber man sah, daß sie zuweilen die Augen ein wenig öffneten, um die Männer zu betrachten, denen sie in die Hände gefallen waren.

Nun schickte Schwarz drei Dschelabi ab, um den Verwundeten oder vielleicht auch Toten zu holen, welcher von der Kugel des Slowaken getroffen wurde. Als sie ihn daher brachten, zeigte es sich, daß er schwer verwundet war. Die Kugel hatte ihm den rechten Oberschenkelknochen zerschmettert, und Schwarz machte sich daran, das Bein so gut, wie die Umstände es erlaubten, zu verbinden.

Das alles geschah, ohne daß mehr als das Allernotwendigste gesprochen wurde. Die Gefangenen zumal zogen es vor, gar kein Wort hören zu lassen, wohl zumeist aus dem Grunde, weil der Schech sich schweigend verhielt.

Indem Schwarz das Lager in der Obhut der übrigen hinterließ, begab er sich nun mit vier Krämern nach dem Lagerplatze der Gum, um die Kamele und die bei denselben liegenden Gegenstände herbeizuholen. Als dies geschehen war, wurde einer der Dschelabi als Wache ausgestellt. Dies geschah, weil anzunehmen war, daß Abu el Mot sich wohl nicht allzu weit entfernt haben werde; er konnte wohl gar auf den Gedanken kommen, bezüglich seiner überwältigten Gefährten einen Befreiungsversuch zu unternehmen.

Als so alles Nötige geschehen war, setzten sich die Sieger um die Besiegten, und nun glaubte der Schech die Zeit sei gekommen, endlich ein Wort der Aufklärung zu verlangen.

»Allah ist unerforschlich; ihn darf kein Mensch fragen,« sagte er. »Von euch aber möchte ich erfahren, weshalb ihr mich und meine Leute überfallen und gebunden habt!«

»Das weißt du ebenso genau wie wir,« antwortete Schwarz.

»Nichts weiß ich, gar nichts!«

»Es geschieht euch viel weniger, als uns geschehen sollte. Wir sollten überfallen und getötet werden; ihr aber seid nur überfallen und gefesselt worden.«

»Wer hat euch töten wollen?«

»Die Gum, von welcher du selbst gesprochen hast.«

»Ich weiß nichts von ihr!«

»Lüge nicht! Mein Tod war längst beschlossen. Warum kamst du an unser Lager und hast meinen Arm ergriffen, um dich zu überzeugen, ob ich schlief? Wozu hattest du dann die Gum aufgesucht und die Männer derselben hierher geführt?«

»Allah akbar – Gott ist groß!« war alles, was der Schech darauf antwortete. Er wußte nun, daß man ihn überführen könne. Dennoch versuchte er, sich aufs Leugnen zu verlegen, indem er in fingiertem Zorne ausrief:

»Wer hat mich verleumdet? Wir sind deine Beschützer gewesen und müssen Dank erwarten. Anstatt dessen schlägst du uns in Banden und redest uns Übles nach. Wir sind freie Beni Arab. Wer hat euch Gewalt über uns gegeben? Und wer hat dich zum Richter über uns gesetzt? Ich fordere, daß du uns unverweilt die Freiheit wiedergibst!«

»Das kann ich nicht, eben weil nicht ich dein Richter bin. Dein Schicksal steht nicht in unsern Händen, sondern in der Hand des Mudir von Faschodah, dem wir dich morgen oder vielmehr heute übergeben werden.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig!« rief der Schech erschrocken. »Der Mudir ist aber unser Feind.«

»Er wird alle Veranlassung dazu haben, da er der Feind jedes Ungerechten ist. Seiner Hand wirst du nicht entgehen, selbst wenn du eure heilige Fathha und eure Sure Jesin betest. Macht ja keinen Versuch, euch zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen; er würde euch nichts nützen! Es werden weder Drohungen noch Bitten mich abhalten, euch dem Mudir zu überantworten. Er wird unsre Anklage und eure Verteidigung hören und dann sein Urteil sprechen.«

»Bedenkt, daß ihr der Rache des ganzen Stammes Homr verfallt!«

»Ich verachte den Stamm, dessen Schech sich feig verkriecht, wenn der Löwe brüllt, während arme Dschelabi den Mut haben, den ‚Herrn des Donners‘ zu töten.«

»So fürchte wenigstens Abu el Mot, den Gewaltigen!«

»Wie soll ich ihn fürchten, der vor mir davongelaufen ist! Er hat vor lauter Angst sogar vergessen, seine Kamele mitzunehmen. Gib dir keine Mühe!«

Der Schech gab sich noch weitere Mühe, Schwarz zu bewegen, die Gefangenen freizugeben, doch vergeblich. Er wendete sich endlich mit einem grimmigen Fluche ab. Keiner der andern hatte ein Wort gesprochen. Sie sahen die feste Entschlossenheit des Deutschen und fügten sich mit verhaltener Wut in ihre Lage. Jedenfalls hegten sie die Hoffnung, daß Abu el Mot kommen werde, sie zu befreien.

Diese Erwartung schien berechtigt zu sein, denn die ausgestellte Wache kam nach einiger Zeit herbei, um zu melden, daß sie eine Hyäne gesehen habe, welche aber vielleicht ein Mensch gewesen sei. Schwarz machte sich sogleich auf, dem Manne mit dem »Vater der elf Haare« zu folgen. Er führte sie an die betreffende Stelle, an welcher aber nichts mehr zu sehen war.

Schwarz entschloß sich, mit dem Ungar den Felsen in weitem Kreise zu umgehen. Indem sie das thaten, erblickten sie, als sie eine Strecke gegangen waren, wirklich eine tierartige Gestalt, welche sich zwischen ihnen und dem Felsen befand. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich ganz auf den letzteren gerichtet und sah die beiden nicht, welche hinter ihr standen.

»Soll ich diese neugierige Dibb erschießen?« fragte Stephan, indem er das Gewehr erhob.

»Nein, denn es scheint auch mir, daß es ein Mensch ist, der auf Händen und Füßen geht, um einen etwaigen Wächter zu täuschen. Kriechen wir auf die Gestalt zu! Sie bewegt sich langsam nach der Ruine hin. Vielleicht blickt sie sich nicht um, bis wir nahe genug sind, sie zu ergreifen. Wäre es eine Hyäne, so würde sie uns schon gewittert haben.«

Sie legten sich auf die Erde, und da sie sich schneller als die geheimnisvolle Gestalt bewegten, so kamen sie ihr rasch näher. Es war ein Mensch, jedenfalls zu der Gum gehörig, welcher den lichten Haïk abgelegt hatte. Er ahnte keine Gefahr hinter sich und achtete nur auf den Felsen, den er zu gewinnen trachtete.

Die beiden kamen ihm bis auf zehn oder zwölf Schritte nahe. Da erhob sich der Ungar, sprang auf ihn zu und warf sich mit solcher Gewalt auf ihn, daß er über ihn hinwegstürzte und im Festhalten einen ganz regelrechten Purzelbaum schlug. Der Mann riß sich los, sprang auf, um zu entfliehen, lief aber dem Deutschen in die Hände, der ihn packte und ihm die Ellbogen rückwärts auf den Rücken zog.

»Eine Schnur zum Binden!« rief Schwarz dem Kleinen zu.

»Ich habe keine mehr,« antwortete derselbe, indem er aufstand.

»So zieh mir das Mendil aus der Tasche!«

Dies geschah. Der Mann versuchte zwar, sich zu wehren, aber das hatte bei der Riesenstärke des Deutschen keinen Erfolg. Er wurde an den Armen gebunden; die Beine ließ man ihm frei, da er nach dem Lager zu gehen hatte.

»Wer sendet dich?« fragte ihn Schwarz. Als er keine Antwort erhielt, setzte er ihm den Revolver an das Ohr und drohte: »Rede, oder ich schieße!«

»Abu el Mot,« stieß nun der Mann widerwillig hervor.

»Du solltest unser Lager auskundschaften?«

»Ja.«

»Wo befindet sich der Rest der Gum? Sage die Wahrheit, sonst ist es doch um dich geschehen! Ich werde mich überzeugen.«

»Südwärts von hier.«

»Wie weit?«

»Zehn Flintenschüsse.«

»Gut, vorwärts!«

Man kann sich die Wut der Homr denken, als sie den neuen Gefangenen erblickten. Ihre Hoffnung auf Rettung mußte bis auf ein Minimum verschwinden. Der Mann wurde gleichfalls an den Füßen gebunden und zu den andern gelegt.

Schwarz gab einen Schuß ab, den Abu el Mot gewiß hören mußte. Derselbe sollte denken, daß die Kugel seinem Späher gegolten habe. Dann brach er mit Hadschi Ali und dem Ungar, welche er für die Mutigsten hielt, auf, um nach der Gum zu suchen. Der »Vater des Gelächters« lieh sich dazu das Gewehr eines seiner Genossen.

Als sie, stracks nach Süden gehend, die angegebene Entfernung zurückgelegt und noch nichts gesehen hatten, schlugen sie einen rechten Winkel, und bald zeigte es sich, daß sie das Richtige getroffen hatten, denn während sie ohne Burnus gingen und also nur schwer gesehen werden konnten, sahen sie bald die Haïks der Araber schimmern.

Sie näherten sich denselben so viel wie möglich und schossen dann ihre Gewehre ab, weniger um sie zu treffen, als vielmehr, um sie in die Flucht zu jagen, was ihnen auch vollständig gelang.

»So! Die kommen nun nicht wieder!« lachte der Slowak.

»Und senden auch keinen Späher wieder aus,« stimmte Hadschi Ali bei, »denn wir würden denselben gewiß auch fangen. Allah ist uns gnädig gewesen, und wir haben über einen gefährlichen Feind gesiegt.«

»Du aber nicht, denn du hättest fast unsern besten Freund erschlagen,« antwortete der Ungar. »Auf dich werden keine Heldenlieder gedichtet.«

»Etwa auf dich, du Vater des größten Löwenmaules? Kennst du von all meinen Völkern und Dörfern nur ein einziges beim Namen?«

»Ich mag diese Namen gar nicht wissen, da sie die Augen so sehr trüben, daß man diesen Effendi für einen Räuber hält. Du hast noch niemals einen so großen Beweis deiner Klugheit gegeben wie vorhin, da du ihn fast erschlugst.«

»Haltet Frieden!« gebot der vor ihnen her schreitende Deutsche. »Auch du, Ibn el Dschidri, hast eine große Dummheit begangen.«

»Ich?« fragte der Slowak verwundert.

»Ja. Ihr habt nichts voreinander voraus.«

»Welche Dummheit sollte das gewesen sein?«

»Ich wollte Abu el Mot ergreifen; aber dadurch, daß du nicht auf meinen Befehl wartetest, sondern zu zeitig losbrachest, hast du es unmöglich gemacht. Du hättest die Leute noch einige Schritte weitergehen lassen sollen.«

»Mein Mut war zu groß, Effendi. Er ließ sich nicht mehr zügeln!«

»Nur derjenige Mut ist lobenswert, welcher sich mit Klugheit und Überlegung paart. Der Fehler Hadschi Alis hat nur mich getroffen, der deinige aber wird weit mehr Menschen schädigen. Viele Reisende und Hunderte von Sklaven werden deine Übereilung zu büßen haben. Hätte ich diesen Abu el Mot in meine Hände gebracht, so stand mit Gewißheit zu erwarten, daß der Mudir von Faschodah ihn für immer unschädlich machen werde.«

»Das ist freilich wahr, Effendi,« gestand der Kleine. »Meine Seele ist von Wehmut erfüllt und mein Herz von Reue über meine Ungeduld. Doch hoffe ich, daß du sie mir verzeihen werdest!«

»Das werde ich. Dafür erwarte ich aber, daß du nicht andern dann Vorwürfe machst, wenn du selbst welche verdienst.«

»O, diese Vorwürfe haben nicht viel zu bedeuten. Hadschi Ali ist mein bester Freund. Wir lieben uns innig; aber diese Liebe ist gerade dann am größten, wenn wir uns zanken und einander ärgern. Nicht wahr, du guter Vater des Gelächters?«

»Ja,« bestätigte Ali in vollstem Ernste, wobei er jedoch eine höchst lächerliche Grimasse zog. »Allah hat unsre Herzen verbunden, so daß sie wie ein einziges schlagen. Aber unsre Kenntnisse sind zu verschiedener Natur. Es gelingt uns nie, sie zu vereinigen. Bitten wir den Propheten, daß er es bald verbessere!«

Als die drei beim Lagerplatze erschienen, mußte den Gefangenen der letzte Rest ihrer Hoffnung auf Befreiung schwinden. Sie hatten die Schüsse gehört, und da sie den Deutschen mit seinen Begleitern so ruhig und unverletzt zurückkehren sahen, mußten sie dieselben für die Sieger in dem stattgefundenen Gefechte halten.

Schwarz stellte noch eine zweite Wache aus, obgleich er überzeugt war, daß Abu el Mot seinen Versuch nicht wiederholen werde. Die beiden Wachen hatten kein Opfer zu bringen, da nach der großen Aufregung, welche der Angriff erst der Löwen und dann der Gum hervorgerufen hatte, vom Schlafe gar keine Rede sein konnte. Übrigens war der Morgen nicht mehr fern, und man nahm sich vor, ihn unter Gesprächen und Erzählungen zu erwarten.

Da die Gefangenen nicht zu hören brauchten, was von ihnen gesprochen wurde, so schaffte man sie zur Seite, wo sie lautlos lagen wie bisher. Nur der Verwundete ließ zuweilen ein schmerzliches Stöhnen hören und dann sorgte Schwarz stets dafür, daß ihm das Bein mit Wasser gekühlt wurde.

Bei einer solchen Gelegenheit konnte der »Vater der vordern Löwenhälfte« es nicht unterlassen, dem Gelehrten einen neuen Beweis von der Größe seiner Kenntnisse zu geben, indem er in deutscher Sprache erzählte, und zwar auf die Verletzung des Gefangenen anspielend:

»So ein Bruch, beiniger, seinte gar nicht schlimm. Er wernte geheilt in Zeit, sehr kurze. Auch ich hab‘ schon einmal heilte einen solchente.«

»So? Wer war der Patient?« fragte Schwarz.

»Das seinte freilich kein Geschöpf, menschliches, sondern nur ein Kranker, voglicher, gewesente. Herrrr Wagner hatt geschießte ein Abu miah, hatt gelahmte Flügel, und Schroot gingte auch in Bein, linkiges, so daß Bein war vorzwei. Hab ich genommte Storch, verwundeten, gebundelnte fest mit Schnur, damit er sich nicht können bewegente, und ihm dann machte Schiene an Bein, mitleidiges. Dann hatt Storch immer stehente auf Bein andres, bis seinte geheilt Bein, trauriges. Herrrr Wagner hatte mich lobente dafür sehr und mich genannt einen Dramaturg, großartigen.«

»Wohl Chirurg?«

»Nein, Dramaturg!«

»Dann befinde ich mich im Irrtume. Was ist ein Dramaturg?«

»Das Wort ist aus Sprache, lateiniger, in der ich seinte Meister, unbestreitlichbarer, und heißt soviel wie ein Arzt, studiumtierter, welcher kann wieder machte zusammen alle Brüche, knochige.«

»So! Und was ist ein Chirurg?«

»Unter Chirurg verstehente man Leute, künstlerige, welche hatten gespielt und gesungte ‚Preziosa dir, dir folgen wir‘ oder auch ‚Leise, leise, frommte Weise, schwingte auf zum Sterntekreise‘. Wird geblaste Musik dazu und gegeigte Violin.«

»Und das thun wirklich die Chirurgen?«

»Ja. Ich selbst hatt es gesehen im Theater, Olmütziges, auf Wanderschaft, meiniger. Es seinte gewesen die Opern Preziosa, das Mädchen, zigeuneriges, und Freischütz oder Samiel, teuflischer.«

»Dann habe ich abermals eine Verwechselung zu konstatieren. Chirurg ist der Arzt dann, wenn er äußere Schäden, also auch Beinbrüche, durch äußere Mittel heilt. Ein Dramaturg aber ist ein Gelehrter, dessen Arbeiten sich zwar auf das Theater beziehen, der aber niemals selbst auftritt, wenigstens nicht in seiner Eigenschaft als Dramaturg; er ist Schauspiellehrer. Sie verwechseln die Bühne mit dem Krankenbette.«

»Das seinte doch kein Umtausch, irriger! Warum soll Bett, krankes, nicht auch vorkommte einmal auf Bühne, theateriger? Warum soll stets ich es sein geweste, welcher hatt gemacht Verwechstelung? Ich hab tragte im Kopf sehr viel Bildung, kenntnisserige!«

»Ja, wie der ‚Vater des Gelächters‘ seine Länder, Völker, Städte und Dörfer!«

»O nein! Dummheiten, seinige, sind nicht zu vergleichte mit Kenntnis meiniger. Ich habe auf Reisen, vielfältigen, sogar kennen lernte Nautik und Anthropologie.«

»So! Wirklich? Was verstehen Sie denn da unter Anthropologie?«

»Das seinte die Lehre von Meerwasser, salziges, und Schiffahrt, gesegelte und gedampfte.«

»Schön! Und was ist Nautik?«

»Nautik sein gewesente stets die Kenntnis von Mensch, zahmer und wilder, von Eskimo, thrangetrunkener, und Neger, menschengefressener.«

»Das ist schon wieder ein Versehen. Anthropologie ist Menschenkunde, und Nautik heißt Schiffahrtskunde.«

»So hab ich mich beschuldigente nur einer Umgetauschterung, kleiner und verzeihlicher. Das hat konnte leicht geschehente, weil Anthropologie also fährt auf Nautik, in Kajüte oder Zwischendeck, schiffiges. Sind gefahrte Sie schon auch auf Nilschiff, hiesigem?«

»Ja, sowohl auf Dahabiën als auch auf Sandals.«

»Aber wohl noch nicht auf Noqer, hier gebräuchlichter?«

»Nein.«

»So werdente Sie sehen Noqer in Faschodah, sobald wir seinte morgen dort ankommen.«

»Sind Sie dort bekannt?«

»Sehrrer, außerordlichente sehrrer! Ich bin gewesente dort schon oft!«

»Haben Sie den Mudir gesehen, dem ich mich vorstellen muß, und dem wir die Gefangenen übergeben wollen?«

»Ich hab begegente ihm auf Straße, öffentlicher. Sein Name seinte Ali Effendi, wird aber sehr oft auch Abu hamsah miah genennte.«

»Das habe ich gehört. Der frühere Mudir Ali Effendi el Kurdi wurde abgesetzt, weil er sich Unterschlagungen zu schulden kommen ließ. Der neue Mudir, welcher auch Ali Effendi heißt, soll sehr streng sein, besonders in Beziehung des Sklavenhandels. Sein Urteil soll, sobald er einen Schuldigen erwischt, fast stets auf fünfhundert Hiebe lauten, weshalb er gern der ‚Vater der Fünfhundert‘ genannt wird.«

»Ja. Wenn morgen wir übergebten ihm die Gum und die Homr, so erhaltente gewiß jeder von ihnen die Fünfhundert, gepfeffertige und gesalztigente.«

»Kann denn ein Mensch so viele Streiche auf die Fußsohlen aushalten?«

»Das kann ich nicht gewüßte, weil ich noch nicht hatt bekommte fünfhundert. Aber wenn sie werden gegebt auf Rücken, entblößigten, so muß sicher sterben Verbrecher, kriminellter. Aber horch! Was seinte das? Hat es nicht raschelte in Busch?«

Schwarz hatte es auch gehört. Er forderte die Dschelabi, welche auch laut miteinander sprachen, auf, zu horchen. Bei der nun eingetretenen Stille vernahm man ein ziemlich starkes Schnaufen und Schnobern, wie wenn ein Tier sich auf der Fährte nicht zurechtfinden kann.

»Allah beschütze uns!« schrie der Schech. »Das ist wieder ein Löwe! Er wird uns fressen, da wir nicht fliehen können, weil wir gebunden sind.«

»Schweig!« rief ihm der »Vater der elf Haare« zu. »Es ist höchstens ein junger Löwe. Ein alter wäre längst schon zwischen uns. Dieses junge Tier aber hat eine ungeübte Nase und wird, sobald es uns erblickt, es gar nicht wagen, zu uns zu kommen.«

»Ein Junges?« fragte Schwarz. »Das möchte ich fangen!«

»Wenn du es haben willst, so wollen wir versuchen, es in unsre Hände zu bekommen. Aber wir müssen dennoch vorsichtig sein, denn wir wissen nicht, wie alt es ist. Vielleicht ist es nur eine Hyäne, welche den Geruch des frischen Löwenfleisches wittert.«

»Ich werde nachsehen.«

Er nahm sein Gewehr und verließ das Feuer. Noch aber hatte er den Lichtkreis desselben nicht überschritten, so kam das Tier um die Ecke des Gebüsches. Es hatte ungefähr die Größe eines tüchtigen Pudelhundes, war also schon im stande, sich nachdrücklich zu wehren. Es floh nicht etwa, als es den Deutschen erblickte, sondern es legte sich glatt auf die Erde nieder und fauchte ihn wütend an, ohne aber zu wagen, auf ihn einzuspringen.

»Da ist das Tier!« rief Schwarz. »Decken her, schnell mehrere Decken her!«

Hadschi Ali und der Slowak, die beiden Einzigen, welche sich nicht fürchteten, folgten diesem Rufe möglichst schnell. Das Tier war schon zu groß zur feigen Flucht, wagte aber doch den Angriff nicht. Also blieb es liegen, indem es die glühenden Augen auf Schwarz gerichtet hielt. Diesem wäre es leicht gewesen, es durch eine Kugel zu töten, aber er wollte es lebendig haben. Er langte hinter sich, um die beiden Decken in Empfang zu nehmen, welche die Genannten brachten. Sie bestanden aus starkem, kamelhaarenem Stoffe, welcher, doppelt genommen, den Krallen und Zähnen des Tieres für kurze Zeit widerstehen konnte. Schwarz legte, die Augen unausgesetzt auf den Löwen gerichtet, die Decken aneinander, spannte sie aus und warf sie auf den jungen »Herrn mit dem dicken Kopfe«.

Dieser hatte keine Bewegung der Abwehr gemacht. Die plötzliche Verhüllung schien ihn zu erschrecken, denn er zögerte, sich zu befreien. Dadurch gewann Schwarz Zeit, sich auf ihn zu werfen und ihn mit dem Gewichte seines Körpers niederzuhalten.

Leicht wurde ihm das freilich nicht. Der Löwe entwickelte eine Muskelstärke, welche seiner Jugend kaum zugetraut werden konnte. Es gelang ihm wiederholt, sich halb aufzurichten, doch Schwarz drückte ihn wieder nieder, eifrig bemüht, dem Kopfe und den Tatzen auszuweichen.

»Stricke her, Stricke!« rief er den beiden Genossen zu.

Man hatte vieler Schnüren und Riemen bedurft, die Gefangenen zu fesseln; glücklicherweise aber ist jede Karawane stets reichlich mit Stricken und dergleichen versehen. Das Verlangte wurde rasch herbeigebracht, und es gelang den vereinten und natürlich sehr vorsichtigen Bemühungen der drei Männer, das sich aus allen Kräften sträubende Tier vollständig einzuwickeln und so fest mit den Stricken zu umwinden, daß es sich nicht mehr regen konnte.

»Hamdulillah – Preis sei Gott!« rief Hadschi Ali. »Wir haben den Würger der Herden nebst seiner Frau erschossen und nun auch seinen Sohn besiegt. Da liegt er in schmachvoller Ohnmacht; er kann nur knurren, aber nicht sich retten. Aaïb aaleïhu – Schande über ihn!«

»Allah sei Dank!« seufzte der Schech erleichtert auf. »Wir sind gerettet. Er ist gebunden und kann uns nun nicht fressen!«

»Dir wäre besser, er hätte dich verschlungen,« antwortete ihm der Ungar, »denn morgen überantworten wir dich dem Mudir, der dir fünfhundert geben lassen wird. Dann wirst du einsehen, daß die Zähne des Löwen gnädiger sind als die Peitsche der Gerechtigkeit.«

»Ich bin ein freier Ibn el Arab! Wer darf mich schlagen?« widersprach der Homr.

»Wie nennst du dich? Frei? Siehst und fühlst du denn nicht, daß du gefangen bist? Wer könnte uns hindern, dir so viele Schläge zu geben, wie uns beliebt? Du hättest es verdient; aber wir sind zu stolz, es zu thun. Doch morgen wird die Peitsche sich mit deiner Haut unterreden, bis du wünschen wirst, von dem Löwen zerrissen worden zu sein.«

Das gefangene Tier wurde am Feuer niedergelegt, wo es am besten bewacht werden konnte. Es lag wie tot und gab keinen Laut von sich.

»Der Löwe seinte Ihr Eigentum,« sagte der Slowak zu Schwarz. »Zwar hatten wir geholfte, aber Sie seinte es, der ihn vorrrrher gefangte hatt. Was werden Sie mit ihm machte?«

»Ich will meine Sammlungen von Faschodah aus nach Chartum senden, wo ich einen Freund habe, welcher sie nach der Heimat expediert. Ihm werde ich auch den Löwen schicken. Vielleicht gelingt es, ihn lebendig nach Deutschland zu bringen.«

»Dort wird er wohl kommte in eine Menagerie, botanische?«

»Nein, sondern in eine Menagerie, zoologische,« lachte Schwarz.

»So seinte Zoologie wohl in Menagerie und Botanik nur in Löwenhaus, tiergartentliches?«

»Auch das Löwenhaus dient zoologischen Zwecken, mein lieber Stephan. Da Ihr Name Stephan Pudel ein zoologischer ist, sollten Sie sich einer solchen Verwechselung doch nicht schuldig machen!«

»Gibt es nicht auch Pudel, botanische?«

»Ja, aber die werden nur von Ihnen geschossen, wie es scheint. Sie haben sogar schon astronomische Pudel geschossen, wie ich mich entsinne. Sehen Sie gen Himmel! Ihre Straße, milchigte, beginnt zu erbleichen und die Sterne des Schlangenträgers verschwinden am Horizonte. Da wir im Monate März stehen, ist dies ein Zeichen, daß der Morgen sich naht. Wir können bald das Feuer ausgehen lassen und uns zum Aufbruche rüsten.«

»Das hab‘ ich auch gewüßte, denn ich hatt‘ alle Sternte kennte gelernt. Wie aber wernte wirrrr die Gefangte transportierte?«

»Sehr einfach. Wir binden sie auf die Kamele, deren wir genug haben, da wir fünf erbeuteten.«

»Aber von gefangte Gum sind sechs Männer. Da fehlt ein Kamel, reitendes!«

»So mag der Schech laufen. Er hat es reichlich verdient, daß er sich anstrengen muß.«

Nach einiger Zeit trat die in jenen Gegenden sehr kurze Dämmerung ein; dann wurde es Tag.

Während die Dschelabi den Zug rüsteten, brach Schwarz dem Löwen und der Löwin die Zähne aus, um dieselben als Trophäen mitzunehmen. Dann wurde aufgebrochen.

Die Araber waren wütend darüber, daß es ihnen, da sie gefesselt waren, nicht möglich gewesen war, el Fagr, das Morgengebet, in der vorgeschriebenen Weise abzuhalten. Sie waren gewöhnt, ihre religiösen Obliegenheiten streng zu erfüllen, wegen Raub und Mord aber machten sie sich kein Gewissen. Sie saßen gebunden auf den Kamelen, nur der Schech mußte gehen, was ihn mit ohnmächtiger Wut erfüllte. Dem Verwundeten bereitete der Transport große Schmerzen. Er wimmerte und stöhnte fast ununterbrochen, doch war es unmöglich, ihn in einer weniger schmerzhaften Weise fortzubringen.

Die Gegend war durchweg eben. Je mehr man sich dem Flusse näherte, desto feuchter wurde die Luft und desto dichter hatte sich infolgedessen die Erde mit Gras überzogen. Man näherte sich den Ansiedelungen der Schillukneger, denen man gern ausgewichen wäre, einesteils weil sie als Diebe und Räuber verschrieen sind, und andernteils wegen der Gefangenen, da sie mit den Homr in Blutrache leben. Es stand zu befürchten, daß sie sich derselben mit Gewalt bemächtigen würden, um sie umzubringen. Leider war eine Begegnung mit ihnen nicht ganz zu umgehen, da sie das linke Ufer des Bahr el Abiad von dessen Nebenflusse Keilak bis hinab nach Makhadat el Kelb bewohnen, und zwar in so dicht aneinander liegenden Dörfern, daß die Reihe derselben fast gar keine Unterbrechung erleidet.

Glücklicherweise kannten die Dschelabi die Gegend genau, und der »Vater der elf Haare« versicherte, daß er die Karawane, wenn man ihm folge, zwar nicht unangefochten, aber doch unbeschädigt nach Faschodah bringen werde.

Seiner Weisung zufolge wurde ein Umweg gemacht, um einige dicht bevölkerte Dörfer zu vermeiden. Zur Mittagszeit gönnte man den Tieren und Menschen einige Ruhe. Die ersteren mußten später sehr angestrengt werden, da man, um den Schilluk keine Zeit zu Feindseligkeiten zu lassen, ihr Gebiet in schnellster Gangart zu durchqueren hatte. Erst nach dem Asr wurde wieder aufgebrochen.

Schon nach nicht ganz einer Stunde sah man hinter Durrhafeldern, welche jetzt während der heißen Jahreszeit unbebaut lagen, die Tokuls eines Dorfes liegen.

»Wir sind glücklich bis hierher gekommen und noch keinem Schilluk begegnet,« sagte der Ungar in stolzem Tone. »Bin ich nicht ein vortrefflicher Führer gewesen? Das Dorf, welches hier vor uns liegt, ist das einzige, durch welches wir müssen; dann sind wir bald in Faschodah. Geben wir den Tieren die Peitschen. Sie müssen so schnell wie möglich laufen, damit uns niemand anhalten kann. Wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergeritten.«

Die Kamele und Esel gingen einzeln hintereinander. Der Slowak ritt voran. Er ließ seinen Esel im Schritte gehen; aber als er dem Dorfe nahe kam und die ersten Bewohner desselben erblickte, schlug er so auf sein Tierchen ein, daß dasselbe im Galopp davonflog. Die andern folgten. Der Schech war mit einem Stricke lang an den Sattel desjenigen Kameles gebunden, welches Schwarz ritt. Er mußte nicht laufen, sondern förmlich rennen, um nicht umgerissen und fortgeschleift zu werden, eine entsetzliche Schande für ihn, den Schech eines Stammes, dessen Angehörige es für eine Schmach halten, sich außerhalb ihrer Dörfer anders als nur im Sattel zu zeigen.

Die Tokuls lagen ziemlich weit auseinander. Sie waren meist von runder Bauart und aus Holz und Stroh errichtet; Nilschlamm bildete das Bindemittel. Die Dächer bestanden aus Schilf und Stroh und waren mit den Skeletten von Giraffen und Buckelochsen verziert.

Von einer Gasse oder gar Straße war keine Rede. Zwischen den Hütten lagen die Durrhafelder, jetzt dürr und hart; sie bildeten den Weg, den der kleine Führer einschlug, indem er im Galopp von einer Hütte immer um die andre bog. Er schien oft hier gewesen zu sein und die Tokuls so genau zu kennen, als ob er hier geboren sei.

Die ersten Schilluks, an denen man vorbeikam, sahen mit Staunen die Karawane so schnell an sich vorüberfliegen. Es waren schlanke, dunkelschwarze Leute mit schmalen, gar nicht negerartigen Lippen. Sie trugen keine Spur von Kleidung. Die einzige Toilette, die an ihnen zu bemerken war, erstreckte sich auf die sonderbare Anordnung ihres Haares.

Die Schilluk beschneiden nämlich ihr Haar nie. Sie lassen es lang wachsen und flechten es rund um den Kopf so geschickt ineinander, daß es die Gestalt eines Kranzes oder einer Hutkrempe erhält. Andre flechten es von hinten aufwärts bis nach vorn an die Stirn zu einem aufrecht stehenden Kamme, welcher mit der Raupe eines bayrischen Reiterhelmes große Ähnlichkeit hat. Viele machen sich aus weißen Federn rings um den Kopf eine Zierde wie einen Heiligenschein.

Einer saß tabakrauchend vor seiner Hütte. Aber was war das für eine Pfeife, deren er sich bediente! Der Kopf derselben war so groß wie ein Kürbis und das kurze Rohr so dick wie das Handgelenk eines Mannes. Da es keine Spitze hatte, so mußte der Schwarze den Mund so weit aufsperren, daß ihm die Augen aus den Höhlen traten. Aber dies erhöht nach der Ansicht der Schilluk den Genuß außerordentlich. Der Tabak wird bei ihnen gedorrt, zu Mehl zerrieben, in einen Teig geknetet und in Brotform aufbewahrt, um dann, mit beliebigen Pflanzenblättern vermischt, aus solchen Riesenpfeifen geraucht zu werden.

Diese Leute hatten die Karawane mit schweigendem Staunen wahrgenommen; aber dann, als sie vorüber war, erhoben sie ein weitschallendes Geschrei. Schwarz verstand die Schilluksprache nicht, er wußte also nicht, was sie schrieen; da aber das Wort Homr mit besonderem Nachdrucke gebrüllt wurde, so konnte er sich denken, daß man die Araber als Feinde erkannt hatte.

Aus den nahe liegenden Tokuls kamen die Männer, Frauen und Kinder gerannt. Das Geschrei wurde auch von ihnen angestimmt und drang schneller weiter, als die Kamele und Esel laufen konnten. Die Folge war, daß der Alarm vor ihnen hereilte. Im Nu befand sich das ganze Dorf in Aufregung, und wohin die fliegende Karawane kam, sah sie drohende Schwarze vor sich, welche aber vor den dahinrasenden Tieren zur Seite springen mußten.

Glücklicherweise sind Bogen und Pfeil den Schilluk unbekannt; sie führen nur Lanze und Keule; einige wenige haben alte Feuerwaffen. Daher kam es, daß sie ihre Waffen zwar drohend schwangen, aber nicht in Anwendung brachten.

Bald lag das Dorf hinter den Reitern, und der Slowak hielt seinen Esel an.

»Das ist geglückt!« rief er aus. »Sie haben uns nicht anhalten können, und da vorn seht ihr Faschodah.«

Schwarz sah in kurzer Entfernung vor sich den Ort liegen, welcher aus armseligen Hütten bestand, über denen sich die von Mauern umgebenen Regierungsgebäude erhoben. Der Schech war vollständig außer Atem. Er schnappte nach Luft und sein Gesicht war dunkelrot angeschwollen. Dennoch mußte er mit weiter, wenn auch nun langsameren Schrittes.

Zufälligerweise befand zwischen der Stadt und dem Dorfe sich niemand unterwegs, so daß man wenigstens für jetzt keine Belästigung zu erwarten hatte.

»Wo wirst du mit den andern Dschelabi wohnen?« fragte Schwarz den Ungar.

»Jeder von uns hat einen Bekannten im Orte, der ihn gern aufnehmen wird,« antwortete der Gefragte. »Aber bei wem wirst du absteigen?«

»Natürlich beim Mudir.«

»Kennt er dich?«

»Nein.«

»So hast du ein Teskireh bei dir?«

»Sogar einen Hattischerif des Vicekönigs und noch andre Empfehlungen.«

»So wirst du freundlich aufgenommen werden und dich um nichts zu sorgen haben. Soll ich dich gleich zum Palaste des Mudirs führen?«

»Ja, denn ich werde die Audienz nicht nur für mich, sondern auch für euch erbitten. Wir wollen ihm die Gefangenen sofort übergeben, und da wird er eure Aussage hören wollen.«

»Allah segne ihre Rücken und Fußsohlen! Die Fünfhundert sind ihnen gewiß.«

Faschodah ist keine Stadt zu nennen, sondern ein elender, wenn auch sehr alter Ort. Es steht an der Stelle der früheren Schillukresidenz Denab, welches als Danupsis, Hauptstadt der nubischen Äthiopen, bereits von Plinius erwähnt wird. Der Ort nimmt sich wegen der Regierungsgebäude von außen nicht übel aus, doch verschwindet dieser Eindruck beim Betreten sofort.

Das Haus des Mudir und die Kaserne sind von Mauern umgeben und aus Ziegeln gebaut. Auf den Mauern stehen einige Kanonen, und des Nachts patrouillieren die Wachtposten, eine gegen die stets rebellischen Schilluk gerichtete, gar nicht überflüssige Maßregel.

Um diese Gebäude stehen mehrere Häuser und zahlreiche Tokul, welche meist von Soldaten, die mit ihren Familien in der Kaserne keinen Platz haben, bewohnt werden. Faschodah hat nämlich eine ungefähr tausend Köpfe zählende Besatzung. Dieselbe besteht aus einer Anzahl von Arnauten, dann aber aus lauter Gehadiah, die ein höchst liederliches Leben führen, aber dennoch leichter zu disziplinieren sind als die Dongolaner, Berberiner, Scheiqieh und Ägypter, aus welchen die sonstige sudanesische Soldateska sonst besteht.

Außer den angegebenen Gebäuden sieht man nur liederlich gebaute Hütten, halbverfallene Baracken, Erdlöcher, übelriechende Lachen und ganze Berge von Unrat, welche die Luft verpesten. Rechnet man dazu, daß der eine Flußarm außerhalb der Regenzeit versumpft und daß der Uferdamm aus Pflöcken besteht, zwischen denen man Erde, Gras und Mist angehäuft hat, so läßt es sich sehr leicht erklären, warum das Klima des Ortes ein höchst ungesundes ist, und warum die nach hier verbannten Verbrecher zwar nicht zum Tode verurteilt, aber demselben doch geweiht sind. Faschodah ist nämlich Verbannungsort.

Außerhalb desselben gibt es einige wenige Gartenanlagen, in denen man Rettiche, Zwiebeln, Knoblauch, Melonen, Gurken, Kürbisse und das hier gebräuchliche Grünzeug baut.

Einen Bazar gibt es freilich da, aber was für einen! Zwei oder drei Griechen oder Ägypter treiben einen kleinen Handel. Sonst sind die Bewohner auf die umher ziehenden Dschelabi angewiesen.

Es wohnen auch Schillukneger in dem Orte. Als diese die Karawane zu Gesicht bekamen, erhoben sie ein eben solches Geschrei wie die ihnen stammesverwandten Dorfbewohner. Sie wagten unter den Kanonen der »Festung« und den Augen des Mudir zwar keine Feindseligkeiten, aber sie liefen drohend und schimpfend hinter dem Zuge her. Ihr Gebrüll machte, daß sich ihnen andre und wieder andre anschlossen, so daß die Begleitung der Reiter, als diese am Thore der Befestigung anlangten, aus mehreren hundert lärmenden Menschen bestand.

Eine unter dem Thore stehende Wache fragte nach dem Begehr der Ankömmlinge. Schwarz antwortete, daß er sich im Besitze eines Hattischerif befinde und den Mudir sprechen wolle. Der Posten schloß das Thor, um sich zu entfernen und Meldung zu machen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er mit einem Onbaschi zurückkehrte, welcher dieselbe Frage aussprach und dann davonging, um einen Buluk Emini zu holen, der ganz dasselbe wissen wollte und nach empfangener Antwort einen Tschausch suchte, welcher die Frage wiederholte und dann nach einem Basch Tschausch eilte, der sich nach ganz demselben Gegenstande erkundigte, worauf er auch hinter dem Thore verschwand, um die wichtige Angelegenheit einem Mülasim mitzuteilen. Dieser eilte zu seinem Jüsbaschi, welcher, nachdem er Schwarz gefragt hatte, was er wolle, einen Kol Agassi schickte. Dieser endlich ließ die Wartenden in den Hof.

Darüber war fast eine Stunde vergangen, während welcher die schreiende Menge sich verdreifacht und das Gebrüll sich verzehnfacht hatte.

Nun stiegen die Reiter ab. Waren sie aber der Meinung gewesen, daß sie nun zum Mudir geführt würden, so hatten sie sich geirrt. Der Adjutant holte vielmehr einen Alai Emini, dieser einen Bimbaschi, der wieder einen Kamaikam und dieser dann einen Mir Alai herbei, welch letzterer endlich die richtige Person zu sein schien, denn er forderte dem Deutschen seine Papiere ab und entfernte sich mit denselben. Nach ungefähr zehn Minuten kehrte er zurück. Diesmal war er bemüht, die größte Höflichkeit zu zeigen. Er lud Schwarz mit einer tiefen Verbeugung ein, ihm zu folgen und führte ihn nach dem Hause des Mudir.

Der Mudir kam seinem Gaste an der Thür entgegen, kreuzte die Hände über der Brust, und begrüßte ihn mit einem ausführlichen »Salam aleïk«, welches Schwarz mit »W‘aleïk issalam« erwiderte. Für den letzteren war der Gruß des Mudir eine Ehrenerweisung, da der strenge Moslem einem Christen gegenüber nur das erste Wort des Grußes, Salam, gebraucht.

Der Mudir führte ihn, was eine noch viel größere Auszeichnung war, selbst nach dem Salamlik, wo er ihn bat, auf einem Diwan von ihm gegenüber Platz zu nehmen. Gesprochen wurde noch nicht, sondern der Beamte klatschte in die Hände, worauf einige junge Neger erschienen. Der erste trug ein Seniëh, ein sechs Zoll hohes Tischchen mit polierter Kupferplatte, welches er zwischen die beiden Herren stellte. Der zweite gab die Fenagin herum, schüttete gestoßenen Kaffee hinein und goß kochendes Wasser darauf. Als die Herren den Kaffee getrunken hatten, brachte der dritte Pfeifen, welche bereits gestopft waren, und der vierte reichte glühende Kohlen dar, die Pfeifen anzustecken. Dann zogen sich die Schwarzen schweigend zurück.

Der Mudir rauchte aus einem gewöhnlichen Tschibuk; Schwarz aber hatte einen sehr kostbaren erhalten. Das Rohr desselben war von echtem Rosenholze, mit Golddraht umwunden, und mit Perlen und Brillanten ausgelegt. Die Spitze bestand aus einem großen, herrlichen Stücke rauchigen Bernsteines, welchen die Orientalen dem durchsichtigen vorziehen.

Je höher der Gast geehrt wird, desto kostbarer die Pfeife, welche man ihm präsentiert. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, konnte der Deutsche mit der ihm gezollten Hochachtung zufrieden sein.

Nun erst, da die Pfeifen brannten, war der Augenblick des Sprechens gekommen. Der Mudir nahm die Legitimationen des Deutschen, welche neben ihm auf dem Diwan lagen, gab sie ihm zurück und sagte:

»Du stehst unter dem Schutze des Khedive, dessen Wille uns erleuchtet. Ich habe deinen Namen gelesen und weiß nun, daß du derjenige bist, den ich erwartet habe.«

»Du wußtest, daß ich kommen würde?« fragte Schwarz.

»Ja. Mumtas Pascha, der Gouverneur, mein Vorgesetzter, welchen Allah segnen wolle, hat es mir geschrieben. Er hat dich in Chartum kennen gelernt und lieb gewonnen. Du bist mir von ihm sehr empfohlen worden, und ich harre deiner Wünsche, um sie dir zu erfüllen, soviel es mir möglich ist. Auch wartet bereits ein Bote auf dich, der dir einen Brief zu überbringen hat.«

»Von wem?«

»Von deinem Bruder, welcher im Lande der Niam-niam verweilt, und dich dort erwartet.«

»So ist er schon dort?« rief Schwarz schnell und erfreut. »Er ist von Sansibar nach Westen vor gedrungen, während ich von Kairo aus nach dem Süden ging. Bei den Niam-niam wollten wir uns treffen. Er versprach mir, als wir uns trennten, mir sofort, wenn er sich am Ziele befinde, Nachricht nach Faschodah zu senden. Und ich kam heute meist aus dem Grunde hierher, nachzufragen, ob ein Bote von ihm angekommen sei.«

»Er ist da und hat einen langen, langen Brief für dich. Er ist ein sehr junger, aber auch sehr kluger Mensch. Allah hat ihn mit einem schärferen Verstande ausgestattet, als Tausende von Männern in hohem Alter besitzen. Er wohnt seit mehreren Tagen bei mir, um dich zu erwarten. Du kommst nicht direkt von Chartum?«

»Nein. Ich ging von dort aus nach Kordofan und Darfur, um die Menschen, Tiere und Pflanzen dieser Länder kennen zu lernen. Ich habe eine Sammlung angelegt, welche mehrere Kamellasten beträgt, und will sie von hier nach Chartum senden.«

»Übergib sie mir; ich werde sie sicher dorthin bringen lassen. Aber du und dein Bruder, ihr müßt sehr kühne Leute sein. Hast du nicht gewußt, daß dein Leben in Kordofan, und ganz besonders in Darfur, in steter Gefahr schwebte?«

»Ich wußte es; aber die Liebe zur Wissenschaft war größer als die Furcht.«

»So hat Allah seine Hand über dich gehalten. Ihr Christen seid furchtlose, aber unbegreifliche Leute. Ein Moslem dankt Allah für sein Dasein und bringt es nicht wegen einiger Gewächse oder Käfer in Gefahr. Du scheinst bösen Leuten gar nicht begegnet zu sein?«

»O doch; aber ich weiß, wie man solche Menschen zu behandeln hat. Der letzten und wohl größten Gefahr entging ich gestern abend, als ich ermordet werden sollte.«

»Gestern abend?« fuhr der Mudir auf. »Von wem? Wer hat es gewagt, dir nur ein Haar krümmen zu wollen? Zu dieser Zeit hast du dich doch schon im Bereiche meiner Macht befunden!«

»Es war am Brunnen des Löwen.«

»Dieser Ort gehört zu meiner Mudiriëh. Wer ist‘s, über den du dich zu beklagen hast? Nenne ihn mir, und ich werde ihn finden, wohin er sich auch verkrochen hat!«

»Es sind die Arab el Homr, welche ich gemietet hatte, mich nach hier zu begleiten.«

»Die Homr stehen nicht unter mir. Ich kann sie nur dann bestrafen, wenn sie sich innerhalb meiner Grenzen befinden.«

»Sie sind hier, unten im Hofe, gefesselt. Ich habe sie als Gefangene mitgebracht, um sie dir zu übergeben.«

»Wie? Du hast sie mit? Sind sie mit dir gegangen, nachdem sie dich ermorden wollten? Wie ist das zu glauben? Sie mußten doch wissen, was hier ihrer harrt?«

»Ich habe sie gezwungen.«

»So erzähle, erzähle!«

Er war ganz in Feuer geraten. Er war Beherrscher einer Gegend, wo es eines kräftigen Armes und einer ungewöhnlichen Energie bedurfte, den Ehrlichen gegen den Unehrlichen in Schutz zu nehmen. Beides besaß er in hohem Grade.

Schwarz erzählte das gestrige Erlebnis, auch den Kampf mit den Löwen. Der Mudir hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sprang, als der Bericht zu Ende war, von seinem Sitze auf. Die Pfeife, die ihm längst ausgegangen war, von sich werfend, rief er aus:

»Zwei Löwen hast du getötet und ihr Junges gefangen genommen! Du bist ein Held, ein wirklicher Held! Und doch haben diese Hunde es gewagt, sich an dir vergreifen zu wollen! Sie werden zu mir und Allah um Gnade schreien, aber weder er noch ich werden sich ihrer erbarmen. Und diesen Abu el Mot hast du genannt? Kennst du ihn?«

»Nein, doch habe ich gehört, daß er ein berüchtigter Sklavenjäger ist.«

»Das ist er, der schlimmste von allen. Wehe ihm, wenn er in meine Hände fällt! Warum hat dieser ‚Vater des Gelächters‘ dich verhindert, ihn zu ergreifen! Nun muß ich für lange Zeit darauf verzichten, ihn zu erwischen; denn er wird nach der fernen Seribah Omm et Timsah gehen, und erst nach vielen Monaten zurückkehren.«

»Weißt du, wo diese Seribah liegt?«

»Ja, denn sie ist durch ihre Schandthaten berühmt geworden. Sie liegt weit von hier im Süden, im Lande der Niamniam.«

»Was?« horchte Schwarz erschrocken auf. »Wo mein Bruder sich befindet?«

»Ob er sich gerade in diesem Teile des Landes, welches groß ist, befindet, weiß ich nicht. Sie liegt im Gebiete des Makrakastammes.«

»Dieser Stamm ist mir unbekannt.«

»Der Bote, den dein Bruder gesandt hat, gehört zu demselben.«

»Dann befindet sich mein Bruder dort. Es wird sich auf ihn doch nicht etwa die Drohung beziehen, welche ich aus dem Munde des Abu el Mot hörte? Er hat erfahren, daß sich zwei Europäer dort befinden, welche auch Pflanzen und Tiere sammeln, und will sie ermorden.«

»Hat dein Bruder einen Begleiter mit?«

»Nein. Soviel ich weiß, ist er allein.«

»So kann er nicht gemeint sein. Du darfst also ruhig sein. Wir sprechen später darüber, und der Bote wird dir sichere Nachricht geben. Jetzt aber wollen wir Gericht halten über diese Homr. Ich werde erst die Dschelabi und dann sie vernehmen.«

Er klatschte in die Hände, und als darauf ein schwarzer Diener erschien, gab er ihm einige Befehle. Schon nach kurzer Zeit erschienen mehrere Offiziere, welche als Beisitzer des Gerichts still zu beiden Seiten des Mudirs Platz nahmen. Dann wurden die Dschelabi hereingeführt. Sie mußten kurz erzählen, was geschehen war und traten dann zur Seite. Ihre Aussage stimmte natürlich mit derjenigen des Deutschen genau überein.

Die Homr waren unter militärischer Bedeckung im Hofe zurückgeblieben. Nachdem man ihnen dort die Fußfesseln abgenommen hatte, brachte man sie jetzt herbei. Sogar der Verwundete wurde hereingetragen und bei ihnen niedergelegt. Hinter ihnen stellten sich mehrere Kawassen auf, welche mit Kurbatschen versehen waren.

Die Homr hatten unterlassen, den Mudir zu grüßen, und zwar nicht etwa aus Befangenheit. Der freie Araber dünkt sich vornehmer und besser als der angesessene; noch stolzer blickt er auf den Ägypter herab, den er den Sklaven des Pascha nennt. Der Schech nahm jedenfalls an, daß er im gleichen Range mit dem Mudir stehe. Vielleicht hielt er es für angemessen, demselben durch Trotz zu imponieren. Er wartete gar nicht ab, bis er angeredet wurde, sondern er rief dem Beamten in zornigem Tone zu:

»Wir sind hinterlistigerweise überfallen und gebunden worden; da wir in der Minderzahl waren, haben wir es uns gefallen lassen müssen. Nun aber befinden wir uns an einem Orte, wo wir Gerechtigkeit erwarten können. Wir sind freie Arab el Homr, und niemand hat uns etwas zu befehlen. Warum nimmt man uns die Stricke nicht von den Händen? Ich werde dem Khedive melden lassen, wie die Beni Arab von seinen Dienern behandelt werden!«

Er erzielte einen ganz andern Erfolg, als er erwartet hatte. Die Brauen des Mudir zogen sich zusammen. Er antwortete in jenem ruhigen, aber schneidenden Tone, welcher gefährlicher ist als zorniges Wüten:

»Hund, was sagst du? Frei nennst du dich? Mich willst du beim Pascha anzeigen? Wenn du es nicht weißt, daß du ein schmutziger Wurm gegen mich bist, so will ich es dir beweisen. Ihr seid hier eingetreten, ohne eure Köpfe auch nur einen einzigen Zoll vor mir zu beugen. Es gibt keinen Offizier oder Effendi, welcher mir den Gruß versagt, und ihr stinkenden Hyänen, die ihr als Verbrecher zu mir gebracht werdet, wagt es, dies zu thun? Ich werde euch zeigen, wie tief ihr euch zu verbeugen habt. Werft sie nieder und gebt jedem zwanzig Hiebe; der Schech aber soll als Lohn seiner Frechheit vierzig bekommen!«

Einer der Kawassen holte sofort eine hölzerne Vorrichtung herein, welche einer Bank glich, die nur an der einen Seite zwei Beine, an der andern aber keine hat. Sie wurde auf den Boden gelegt, und zwar so, daß die beiden Beine emporstanden. Dann ergriffen die Kawassen einen der Homr, zogen ihn nieder, legten ihn mit dem Rücken auf die Bank und schnallten ihn da fest. Seine nach aufwärts gerichteten Beine wurden fest an die Beine der Bank gebunden, so daß seine Fußsohlen nach oben blickten. Die pantoffelähnlichen Schuhe hatte man ihm natürlich ausgezogen. Dann ergriff ein Kawaß einen fingerstarken Stock und gab ihm auf jede Fußsohle zehn kräftige Hiebe.

Der Homr hatte sich wehren wollen, doch ganz vergeblich. Er biß die Zähne zusammen, um nicht zu schreien; aber als nach den ersten Schlägen die Fußsohlen aufsprangen, erhob er ein fürchterliches Lamento. Als er losgeschnallt war, konnte er nicht auf den Füßen stehen; er blieb wimmernd am Boden sitzen.

Ganz ebenso erging es seinen Kameraden. Der Schech erhielt die doppelte Anzahl Hiebe; nur der Verwundete blieb verschont, denn der Mudir sagte:

»Er hat vor mir auf der Erde gelegen, zwar nicht aus Höflichkeit, sondern infolge seiner Verletzung. Ich will ihn aber mit meiner Gnade erleuchten und annehmen, er habe sich aus Demut vor mir niedergeworfen. Diese Hundesöhne sollen sich nicht ungestraft gegen mich erheben und mir gar drohen, mich beim Pascha zu verklagen! Jetzt mag der Schech mir sagen, ob er den fremden Effendi kennt, welcher hier an meiner Seite sitzt!«

Auch dieser, der Schech, konnte seinen Schmerz nicht still überwinden. Er stöhnte noch lauter als die andern. Als er jetzt zögerte, die verlangte Antwort zu geben, drohte der Mudir:

»Wenn du nicht sprechen willst, werde ich dir den Mund öffnen. Für eine jede Antwort, welche mir einer von euch verweigert, lasse ich ihm zwanzig Hiebe geben. Nun sag, ob du den Effendi kennst!«

»Ja, ich kenne ihn,« stieß der Schech hervor, wohl wissend, daß der Mudir seine Drohung wahr machen werde.

»Du gibst zu, daß ihr ihn überfallen und töten wolltet?«

»Nein. Wer das behauptet, der ist ein Lügner.«

»Ich selbst behaupte es, und also hast du mich einen Lügner genannt, wofür ich deine Strafe schärfen werde. Kennst du einen Sklavenjäger, welcher Abu el Mot heißt?«

»Nein.«

»Du hast gestern in der Nacht mit ihm gesprochen.«

»Das ist nicht wahr!«

»Dieser Effendi hat, als du am Feuer saßest, sich an die Gum geschlichen, und das Gespräch dieser Leute belauscht. Dann sah er dich zu Abu el Mot gehen, und später brachtest du die Gum geführt. Das haben auch diese ehrlichen Dschelabi gesehen. Willst du noch leugnen?«

»Ich war es nicht, sie haben mich verkannt.«

»Du bist ein sehr verstockter Sünder. Weißt du nicht, daß man mich Abu hamsah miah, den Vater der Fünfhundert, nennt? Da du leugnest, was eine große Beleidigung für mich ist, weil du mich damit für einen leichtgläubischen Menschen erklärst, welchen Allah den Verstand versagt hat, so werde ich für dich ein Abu sittah miah, ein Vater der Sechshundert sein. Schafft ihn hinaus in den Hof, und gebt ihm die sechshundert auf den Rücken!«

»Das wage nicht!« schrie der Schech auf. »Sechshundert kann kein Mensch aushalten. Du würdest mich töten. Denke an die Blutrache! Die Krieger meines Stammes würden die Schmach mit deinem Leben sühnen!«

»So mögen sie vorher erfahren, daß ich auch Abu sabah miah, der Vater der Siebenhundert sein kann. Gebt ihm also siebenhundert, und für jedes Wort, welches er noch spricht, soll er einhundert mehr bekommen!«

Das war in einem so bestimmten Ton gesprochen, daß der Schech den Mund nicht wieder zu öffnen wagte. Er wurde von den Kawassen fortgeschafft, und bald hörte man sein Geschrei erschallen.

»Hört ihr ihn?« rief der Mudir den Homr zu. »Wenn er es überlebt, so mag er zum Pascha gehen, und mich verklagen! Ich werde dafür sorgen, daß im Bereiche meiner Macht ein jeder ungefährdet seinen Weg verfolgen kann. Menschen, wie ihr seid, achte ich den Raubtieren gleich, welche ausgerottet werden müssen. Wer mich belügt, oder mir gar droht, dem wird die Peitsche zeigen, daß ich sogar ein Abu alfah, ein Vater der Tausend sein kann. Also sage du mir, ob ihr diesen Effendi habt töten wollen?«

Er zeigte auf denjenigen Homr, welcher ihm am nächsten kauerte.

»Ja,« gestand der eingeschüchterte Mann.

»Und du?« fragte er einen zweiten.

»Ja,« antwortete auch dieser.

Ebenso gestanden die andern ihr Verbrechen ein. Sie erkannten, daß sie durchs Leugnen ihre Lage nur verschlimmern würden. Sie wären am liebsten über den Mudir hergefallen; sie konnten trotz aller Mühe den Grimm, welcher sie beherrschte, nicht ganz verbergen.

»Da ihr es gesteht, möchte ich euch ein gnädiger Richter sein,« sagte der Mudir. »Aber ihr legt dieses Geständnis nicht aus Reue, sondern vor Angst ab, und auf euern Gesichtern sehe ich den Haß und die Rache wohnen. Ihr sollt nicht mehr und nicht weniger bekommen, als der Name besagt, den man mir gegeben hat. Fünfhundert werden genügen, euch zu belehren, daß es gegen das Gesetz des Propheten und die Satzung seiner heiligen Nachfolger ist, einen Mann zu ermorden, welcher sich vertrauensvoll in euren Schutz gegeben hatte. Nur dieser Verwundete soll für heute verschont werden. Er mag im Sidschnah liegen, bis sein Bein geheilt ist; dann soll, wenn er es erlebt, das gleiche Urteil an ihm vollstreckt werden. Das Gericht ist beendet. Ich habe nach Recht und Gerechtigkeit gesprochen. Allah ist mit allen Gläubigen, welche seine Gesetze befolgen; die Missethäter aber wird er mit seinem Zorne vernichten!«

Er erhob sich von seinem Sitze, zum Zeichen, daß die Gerichtsverhandlung zu Ende sei, und die Offiziere thaten dasselbe. Sie entfernten sich, indem sie mit tiefen Verbeugungen Abschied nahmen, und dann erlaubte der Mudir den Dschelabi, die Homr in den Hof zu schaffen und dort Zeugen der Exekution zu sein. Als dann Schwarz sich wieder allein mit ihm befand, fragte der Beamte:

»Dir ist Gerechtigkeit geworden. Wäre das in deinem Lande ebenso schnell geschehen?«

»Das Urteil wäre allerdings später gefällt worden, da man den Fall eingehender untersucht hätte.«

»Was sollte das nützen? Man hätte sich doch jedenfalls überzeugt, daß die Homr schuldig sind?«

»Allerdings.«

»Nun, soweit bin ich viel schneller gekommen. Welche Strafe hätte sie nach euern Gesetzen getroffen?«

»Eine vieljährige Gefangenschaft.«

»Auch da bin ich kürzer. Die Schuldigen erhalten ihre Hiebe und können dann gehen.«

»Für Raubmörder ist diese Strafe außerordentlich milde, nämlich wenn sie die Schläge aushalten.«

Über das Gesicht des Mudir ging ein vielsagendes Lächeln, als er antwortete:

»Ob mein Urteil zu hart oder zu milde ist, das ist Allahs Sache. Er hat dem Verbrecher Glieder gegeben, welche es entweder aushalten oder nicht. Auch bei euch kommt es auf die Gesundheit und Stärke an, ob der Verbrecher die lange Gefangenschaft überwindet oder nicht. Mache dir keine Sorge um die Homr! Ihr Leben ist im Buche verzeichnet; ich kann es ihnen weder nehmen noch erhalten. Erlaube mir, dich zu dem Boten deines Bruders und dann in die Gemächer zu führen, welche für dich bestimmt worden sind.«

Das war dem Deutschen lieb, denn der Aufenthalt in dem Selamlük war jetzt kein angenehmer, da man dort das Brüllen der gepeitschten Araber allzu deutlich vernahm.

Nachdem sie mehrere Zimmer durchschritten hatten, welche nichts als die Wandpolster und einen Teppich enthielten, kamen sie in einen kleinen Hinterhof, in welchem ein Kiosk stand, an dessen hölzernen Wänden sich blühende und duftende Schlinggewächse empor rankten.

»In diesem Lusthause sollst du wohnen,« sagte der Mudir. »Und da ist der Knabe, welcher dir den Brief zu überbringen hat. Er soll dich zu deinem Bruder führen und wird dich auch schon hier bedienen. Er kann dein Dolmetscher sein, denn er spricht die Sprache der Niam-niam und ist auch des Arabischen mächtig.«

Neben der Thür des Gartenhauses war eine Schilfdecke ausgebreitet, von welcher sich die Gestalt des Knaben erhob, um sich gleich wieder vor den beiden demütig zur Erde zu werfen. Der junge Neger war gewiß nicht über sechzehn Jahre alt und fast unbekleidet. Die Farbe seiner Haut war ein erdiges Rotbraun, wohl ein Ergebnis des Bodens, welchen sein Volk bewohnt.

Es ist nämlich eigentümlich, daß, wie man bemerkt hat, die Färbung jener Negerstämme von der Farbe des von ihnen bewohnten Bodens abhängig ist. Die Bewohner der schwarzerdigen Tiefebenen, die Schilluk, Nuehr und Denka, zeichnen sich durch ein tiefes Schwarz der Hautfarbe aus, während die Bongo, Niam-niam und Monbuttu, welche ein rotes, eisenhaltiges Land bewohnen, eine rötliche Färbung besitzen.

Der Mudir befahl dem Neger, aufzustehen. Als er das gethan hatte, sah man, daß er von gedrungener, untersetzter und kräftiger Gestalt war. Die Muskeln seiner Beine waren kräftiger entwickelt, als man es sonst bei Negern zu beobachten pflegt. Seine Gesichtszüge näherten sich dem kaukasischen Typus. Der Mund war zwar aufgeworfen, aber klein, die Nase gerade und schmal. Die Augen waren groß und mandelförmig geschnitten; sie standen sehr weit voneinander ab und gaben dem vollen, runden Gesichte einen schwer zu beschreibenden Ausdruck kriegerischer Entschlossenheit und Vertrauen erweckender Offenheit.

Die Waffen des Knaben lagen neben ihm. Sie bestanden aus einem Bogen nebst einem mit Pfeilen gefüllten Köcher, einem Messer mit sichelartiger Klinge und einem Trumbasch oder Wurfeisen, welches als Waffe sehr gefürchtet ist. Dieses Eisen gleicht dem australischen Bumerang, ist mehrschenklig gebogen und mit scharfen Zähnen und Spitzen versehen. Die Cateja, welche in der Äneide genannt, und als eine Wurfkeule von zerschmetternder Wirkung beschrieben wird, ist jedenfalls auch eine ähnliche Waffe gewesen. – Außerdem trug der Knabe eine Art Schutzwaffe an sich, und zwar an den Armen. Diese steckten nämlich von der Hand an bis zum Ellbogen in einer Menge von Metallringen, die eng aneinander lagen und eine schützende Manschette bildeten. Eine solche Armbekleidung wird Danga-Bor genannt und ist besonders bei den Bongonegern gebräuchlich.

Ganz eigenartig, und gar nicht unschön, war das Haar des Knaben geordnet. Dasselbe war zwar wollig, aber ziemlich lang. In lauter dünne Zöpfchen und diese wieder untereinander verflochten, bildete es auf dem Kopfe eine runde Krone, in welcher ein bunt schillernder Federbusch steckte. Rund um die Stirn, ganz an die Grenze des Haarwuchses befestigt, trug er einen eigenartigen Schmuck, welcher aus den Reißzähnen von Hunden bestand, die an eine Schnur gereiht waren.

Der offene, freundlich ehrerbietige Blick, mit welchem er den Deutschen musterte, machte auf diesen einen sehr guten Eindruck.

»Wie heißest du?« fragte ihn Schwarz.

»Ich bin der Sohn des Bjiä,« antwortete der Neger in arabischer Sprache, in welcher er gefragt worden war. »Die Sandeh heißen mich Nuba; der weiße Mann aber, welcher mich hierher sendet, hat mich Ben Wafa genannt.«

»Das ist ein schöner Name, welcher dir Vertrauen erweckt. Wie heißt dieser weiße Mann?«

»Er nennt sich Schwa-za.«

»Du willst Schwarz sagen?«

»Ja,« nickte der Knabe, »aber ich kann diesen Namen nicht so aussprechen; darum sage ich Schwa-za.«

»Ich heiße ebenso, denn ich bin sein Bruder.«

»So bist du der Effendi, zu dem er mich sendet?«

»Ja.«

»Das freut mich sehr, denn du gefällst mir. Dein Auge ist gerade so mild und freundlich wie das seinige, nicht so grausam wie dasjenige der Araber, welche zu uns kommen, um Reqiq zu machen. Darum werde ich dich gerade so lieb haben wie ihn und dir ebenso treu dienen.«

Es war ihm anzusehen, daß dieser Herzenserguß ein aufrichtiger war, denn sein intelligentes Gesicht glänzte vor Freude.

»Nicht wahr, du sollst mich zu ihm bringen?« fragte Schwarz.

»Ja, Effendi.«

»Aber das ist schwer. Unser Weg führt durch Gegenden, welche den Sandeh und also auch dir feindlich gesinnt sind.«

Da ergriff der Knabe schnell des Deutschen Hand, küßte sie und rief:

»Effendi, du schimpfest uns nicht Niam-niamIst der Denkasprache entnommen und bedeutet ‚Allesfresser‘, auch ‚Menschenfresser‘, sondern nennst uns bei unsrem richtigen Namen! Ich bin ein Königsprinz und brauche keinem Menschen zu dienen. Für dich aber werde ich alles thun, was du verlangst. Nur deinem Bruder zuliebe bin ich sein Bote geworden, denn ein andrer wäre nicht klug genug gewesen, bis hierher zu gelangen; die Denka und Nuehr hätten ihn getötet oder zum Sklaven gemacht.«

»Hattest du das denn nicht auch für dich zu befürchten?«

»Nein, denn mich fängt keiner. Ich bin ein Krieger und habe unsre Männer schon oft in den Kampf geführt.«

Er sagte das mit einem ruhigen Stolze, welcher fern von Überhebung war. Der kleine, jugendliche Held mußte allerdings ein ganz tüchtiges Kerlchen sein, da er eine so weite Reise ganz allein durch feindliches Land unternommen und auch glücklich beendigt hatte.

»Wäre es nicht besser gewesen, wenn du noch einige Krieger mitgenommen hättest?« fragte Schwarz.

»Nein, denn mehrere werden leichter bemerkt, als nur einer.«

»Bist du gelaufen?«

»Nein. Ich habe mir eine kleine Flukah mit einem Segel gebaut. Mit derselben bin ich den Bahr er Rohl und dann den Bahr ed Dschebel herabgefahren. Es gab überall Wasser zum Trinken. Hatte ich Hunger, so fing ich mir Fische, und kam ein feindliches Schiff, so versteckte ich meine Flukah in das Gebüsch des Ufers oder hinter das hohe Schilf.«

»Aber kanntest du denn den Weg?«

»Ja, denn ich bin bereits zweimal in Chartum gewesen und habe dort die Sprache der Araber gelernt.«

»Bist du nicht einmal bei einer Seribah ausgestiegen?«

»Wie könnte ich das, Effendi! Das darf man nicht wagen. In den Seriben wohnen doch nur Sklavenjäger. Ich kenne sie alle, aber ich bin stets des Nachts und sehr schnell an ihnen vorübergefahren.«

»Kennst du auch eine, welche Omm et Timsah genannt wird?«

»Ja. Sie ist die gefährlichste für uns, da sie an der Grenze unsres Landes liegt und dem grausamsten Manne gehört, den es geben kann.«

»Wie heißt dieser Mann?«

»Abu el Mot.«

»Ah, du kennst seine Seribah! Hast du jemals auch ihn selbst gesehen?«

»Ja. Er hat das Angesicht und die Gestalt eines Gestorbenen, und der Tod folgt jedem seiner Schritte. Seine Seribah ist ein Schreckensplatz. Die Leichen zu Tode gepeitschter Sklaven, die frei umherliegen, der Sammelplatz aller Arten Raubvögel und aasfressender Raubtiere sind ihre Merkmale.«

»Und wo war mein Bruder, als du ihn verließest?«

»Bei meinem Vater.«

»Er befindet sich also in der Nähe der Seribah des Sklavenjägers?«

»Ja, Effendi. Die Entfernung beträgt nur drei Tage reisen.«

»Und ist mein Bruder der einzige Fremde, welcher jetzt bei euch weilt?«

»Nein. Es ist noch ein andrer Weißer bei ihm.«

»Ah! dann sind es diese beiden, von denen Abu el Mot gesprochen hat. Was ist und wie heißt dieser andre?«

»Er ist ein Baija et tijur. Er hat die Beine des Storches, und seine Nase ist lang und beweglich wie der Schnabel des Storches. Darum wird er Abu laklak genannt. Seinen eigentlichen Namen kann ich nicht aussprechen.«

»Wir müssen schleunigst abreisen, denn ihm und meinem Bruder droht die größte Gefahr. Abu el Mot will sie töten.«

»Hat er das gesagt?« fragte der Mudir.

»Ja,« antwortete der Deutsche. »Ich habe es selbst gehört.«

»Ich weiß allerdings, daß er keinen fremden Weißen im Bereiche seines Jagdgebietes duldet, und so glaube ich, daß er seine Drohung wahr machen wird, sobald er auf seiner Seribah eingetroffen ist. Die Gefahr, in welcher sich dein Bruder befindet, ist sehr groß, denn der König der Sandeh vermag ihn nicht gegen die Hinterlist und die überlegenen Waffen der Sklavenjäger zu schützen.«

»O, die Sandeh sind tapfer!« warf der Neger in stolzem Tone ein.

»Ich will das nicht bestreiten,« antwortete der Mudir im Tone gnädiger Überlegenheit, »aber wie viele von euch sind dennoch von den Sklavenjägern getötet oder geraubt worden! All euer Mut vermag nichts gegen die wilde Gier dieser Menschen, und was wollt ihr mit euern Pfeilen gegen die Schießgewehre solcher Räuber anfangen?«

»Aus wieviel Menschen besteht gewöhnlich ein solcher Raubzug?« fragte Schwarz.

»Oft aus mehreren Hundert,« belehrte ihn der Mudir. »Es kommt vor, daß sich die Besatzungen von zwei und noch mehr Seriben vereinigen. Dann sind so viele Jäger beisammen, daß selbst das bevölkertste Negerdorf nicht an Widerstand denken darf. Die Seribah Omm et Timsah ist die größte, von welcher ich weiß, und Abu el Mot hat also Leute genug, seine Absicht auszuführen.«

»Dann darf ich mich hier keine Stunde länger als nötig verweilen. Ich muß suchen, ihm zuvorzukommen, um den Bruder rechtzeitig zu warnen.«

»Das ist mir nicht lieb, denn ich hätte dich gern lange Zeit bei mir gehabt. Mein Herz findet Wohlgefallen an dir; außerdem bist du mir sehr warm empfohlen, und so will ich dich nicht unbeschützt der dich erwartenden Gefahr entgegengehen lassen. Mein Sinnen geht darauf, Abu el Mot in meine Hände zu bringen; dies kann durch deine Hilfe geschehen, darum werde ich dir fünfzig Soldaten mitgeben, welche ich mit allem, was sie brauchen, sorgfältig ausrüste. Bist du damit einverstanden?«

Der Deutsche gab natürlich eine bejahende Antwort; der Vorschlag mußte ihm ja hoch willkommen sein. Der Neger hatte indes die Pfeile aus seinem Köcher genommen; auf dem Grunde des letzteren steckte der Brief, welchen er Schwarz überreichte. Dann führte der Mudir seinen Gast in das Innere des Häuschens, welches aus zwei kleinen, aber sehr hübsch ausgestatteten Gemächern bestand.

»Hier wohnen nur solche Gäste, welche mir willkommen sind,« sagte er, »der Niam-niam wird dich bedienen. Er wartet draußen deiner Befehle, und ich werde meinen Leuten die Weisung erteilen, dieselben augenblicklich und so eifrig zu erfüllen, als ob sie aus meinem eigenen Munde kämen. Die Dschelabi, welche mit dir gekommen sind, werden auch meine Gäste sein, denn sie waren deine Begleiter.«

»Und was geschieht mit den Homrarabern?«

Der Mudir machte eine strenge, abwehrende Handbewegung und sagte:

»Was mit ihnen geschehen soll, das ist bereits geschehen, und du wirst nicht weiter danach fragen. Ich will Ordnung haben in dem mir anvertrauten Lande; wer dieselbe bricht, den richte ich schnell und streng. Allah mag ihren Seelen gnädig sein; bei mir aber gibt es keine Gnade, sondern nur Gerechtigkeit.«

Er ging. Schwarz ließ sich auf ein Polster nieder, um den Brief seines Bruders zu lesen. Dieser schrieb ihm, daß er von Sansibar glücklich nach dem Viktoria-Nyanza, und von dort nach dem Albert-Nyanza vorgedrungen, und von da nach den Quellen des Gazellenflusses gelangt sei und nun den Bruder bei den Makrakanegern, die zu den Niam-niam gehören, erwarte.

In Sansibar hatte er einen deutschen Naturforscher, einen ausgezeichneten Ornithologen, getroffen, von welchem er gebeten worden war, ihn mitzunehmen. Dieser Mann war ein Bayer von Geburt und trotz verschiedener Eigenheiten ein ganz tüchtiger Reisegesellschafter und mutiger Begleiter. Beide hatten es unterwegs zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Ausbeute gebracht und hielten nun Rast, um ihre Sammlungen zu ordnen und Schwarz bei sich zu erwarten. Den »Sohn der Treue« hatten sie ihm als zuverlässigen Führer entgegengeschickt.

Eben war der Deutsche mit der Durchsicht des Briefes fertig, als der Slowak bei ihm eintrat.

»Bitte Verzeihung, daß ich Sie könnte gestörten!« sagte er. »Ich hatt gewillt bringen einen Wunsch, unsrigen.«

»So ist dieser Wunsch nicht allein der Ihrige, sondern auch derjenige eines andern?«

»Ja. Vater des Gelächters hatt Bitte, meinige auch als Bitte, seinige.«

»Nun, was wünschen Sie denn?«

»Mudir hatt sprechte selbst mit uns und uns sagte, daß wir alle seinte Gäste, seinige, und wohnte in Haus, hiesiges. Hatt uns auch sagte, daß Sie willte abreisen in Zeit sehr baldiger, mit Soldaten, vieligen. Ich und Hadschi Alli, Freund meiniger, wollen nicht gebleibte zurück, sondern gehen mit Ihnen zu den Niam-niam, um zu machente dort Geschäft, vorteilhaftes. Wollen kaufte hier Sachen und verkaufte dort wieder mit Profit, großartigen. Darum ich kommte schnell hierher, um willte fragen, ob Sie wernte haben die Güte, zu nehmen mit mich und Hadschi Alli, freundschaftlichen.«

»Warum nicht? Ihr Vorschlag ist mir recht angenehm. Sie und der ‚Vater des Gelächters‘ sind brauchbare Leute, und je mehr ich solche Männer mitnehmen kann, desto besser ist es für mich.«

»Also Sie gebten Erlaubnis, Ihrige?«

»Ja, ganz gern.«

»Das seinte sehr schön. Das machte mir Freude, unendliche. Ich hatt gelernte Sprache, negerliche, und werd seinte Ihnen nützlich mit Kenntnissen, meinigen. Wir werden machte Forschungen, wissenschaftenkeitliche, und uns erwerbte Namen, unsrige, sehr berühmte. Ich willte gleich lauf zu Hadschi Alli, wartenden, um ihm zu sagente, daß wir könnte treffen Vorbereitung zur Abreise, schneller, weil Sie haben erfüllte Wunsch, unsrigen!«

Er eilte erfreut fort, um dem »Vater des Gelächters« die betreffende Mitteilung zu machen.

Eine Ghasuah

Da, wo der Bahr el Ghazal, der Gazellenfluß, in das Gebiet der Bongoneger tritt, sind an seinem rechten Ufer nur einzelne Dalebpalmen zu sehen, deren dunkelgrüne Blattwedel sich im leisen Luftzuge träumerisch bewegten. Am linken Ufer stieg ein dichter Mimosenwald bis an das Wasser herab. Die da an den Ästen und Zweigen hängenden dürren Gräser zeigten an, wie hoch zur Regenzeit das Wasser zu steigen pflegte.

Auf dem Wasser lagen große Inseln, welche aus Anhäufungen frischer und abgestorbener Grasrhyzome bestanden, und dazwischen gab es lange und breite Streifen von Omm Sufah, welche den jetzt schmalen Strom noch mehr einengten.

Im hohen Rohre, und von demselben fast ganz verborgen, lag ein Noqer, eine jener Segelbarken, wie sie am oberen Nile gebräuchlich sind. Der in der Mitte des Fahrzeuges angebrachte Hauptmast war niedergelegt, ebenso der kleinere am Vorderteile des Schiffes. Wer von der Anwesenheit dieses Noqer nichts wußte, konnte leicht in kurzer Entfernung von demselben vorüberfahren, ohne ihn zu bemerken.

Es war klar, daß die so vorsichtig versteckte Barke außer Gebrauch lag, und dennoch gab es Personen, welche sich emsig auf derselben beschäftigten.

Fünf oder sechs Sklavinnen knieten nebeneinander, um Durrha auf der Murhaqa zu reiben. Diese Murhaqa ist ein Reibstein, welcher den in Pfahlbauten gefundenen Mahlsteinen fast genau gleicht. Die angefeuchtete Durrah wird in die Vertiefung desselben geschüttet und mit dem Ibn el Murhaqa, einem kleineren Steine, mühsam zerquetscht und zu Mehl zerrieben. Diese primitive Weise des Mahlens, bei welchem den Sklavinnen der Schweiß von den Gesichtern in den teigigen Brei tropft, ist sehr anstrengend und zeitraubend. Hat so ein armes Wesen sich von früh bis abend abgemüht, so ist das Ergebnis kaum der tägliche Bedarf von zehn bis fünfzehn Mann.

Dieser durch das nasse Mahlen erzeugte dicke Brei ist die Grundlage des sudanesischen Speisezettels. Auf der Doka gebacken, gibt er die Kisrah, rotbraune, saubere Fladen, das gewöhnliche Brot des Landes, mit Wasser gekocht aber die Luqmah, eine Art Pudding, welcher keinem Europäer einen Ruf des Entzückens entlocken kann. Die Kisrah wird als Proviant auf monatelangen Reisen mitgenommen. Läßt man sie mit Wasser gären, so bekommt man die Merissah, ein säuerliches, überall gebrauchtes Getränk.

Unter dem Verdecke des Hinterteiles waren zwei Schwarze beschäftigt, Stricke aus Palmblattfasern zu drehen. Dabei sprachen sie leise miteinander. Die Blicke, welche sie dabei auf die Sklavinnen warfen, bewiesen, daß sie von diesen ja nicht gehört sein wollten.

Diese Schwarzen trugen die Guluf, drei wulstige Narben auf jeder Wange, ein sicheres Zeichen, daß sie geraubt worden waren. Ist nämlich eine Sklavenjagd glücklich ausgefallen, so empfangen die jüngeren männlichen Gefangenen diese sechs Schnitte als ewiges und unverwischbares Zeichen der Knechtschaft. Man reibt die Wunden mit Pfeffer, Salz und Asche ein, um den Heilungsprozeß zu verzögern, und die Narben möglichst aufschwellen zu lassen.

Bekleidet waren die beiden nur mit dem Lendenschurze. Das Haar hatten sie mit Anwendung eines vertrocknenden Klebstoffes steif und cylindrisch emporfrisiert, so daß es das Aussehen eines zerknillten Chapeau-claque ohne Krempe besaß. Sie unterhielten sich im Dialekte der Belandaneger, in welchem alle Worte, welche etwas Geistiges, Übersinnliches bezeichnen, dem Arabischen entnommen sind, wie es überhaupt bei allen sudanesischen Sprachen mehr oder weniger der Fall ist. Dabei wendeten sie die erste Person der Einzahl des Zeitwortes nicht an, sondern setzten an Stelle des »Ich« ihre Namen.

»Lobo ist traurig, sehr traurig!« flüsterte der eine. »Und Lobo darf doch nicht sehen lassen, daß er traurig ist.«

»Tolo ist auch traurig, mehr traurig noch als du,« antwortete der andre ebenso leise. »Als Lobo und Tolo geraubt wurden, hat Abu el Mot Lobos ganze Familie getötet, aber Tolos Vater und Mutter entkamen; sie leben noch, und armer Tolo kann nicht zu ihnen. Darum ist er doppelt traurig.«

Er sprach in der dritten Person, meinte aber sich selbst, da er Tolo hieß.

»Warum soll Lobo nur halb traurig sein?« fragte der erstere. »Wurden seine Eltern und Geschwister ermordet, so ist er unglücklicher als du. Und – —« er sprach so leise, daß sein Leidensgefährte es kaum verstehen konnte – »was hat ein Belanda zu thun, wenn der weiße Mann ihm die Seinen tötet?«

Toto blickte besorgt nach den Sklavinnen, ob diese vielleicht horchten, und antwortete dann, indem er die Augen rollte:

»Rache nehmen! Er muß Abu el Mot töten.«

»Ja, er muß, aber er darf nicht davon sprechen!«

»Seinem Freunde Tolo aber kann er es sagen; dieser wird ihn nicht verraten, sondern ihm helfen mit dem Messer oder mit dem Pfeile, welcher in den Saft der Dinqil getaucht und vergiftet ist.«

»Aber dann wird man uns zu Tode peitschen.«

»Nein; wir fliehen.«

»Weißt du nicht, wie schwer das ist? Die Weißen werden uns mit Hunden verfolgen, welche uns sicher finden.«

»So macht Tolo sich selbst tot. Peitschen läßt er sich nicht, und leben mag er auch nicht, wenn er nicht bei Vater und Mutter sein kann. Der Weiße denkt nicht, daß der schwarze Mann ein Herz hat; aber er hat ein besseres als der Araber; er liebt Vater und Mutter sehr, und will bei ihnen sein, oder sterben. Weißt du, ob wir leben werden, wenn wir hier bleiben? Wir sind Eigentum des Weißen, und er kann uns beim kleinsten Zorne töten. Und wenn er eine Ghasuah unternimmt, so müssen wir mit, und für ihn gegen unsre Brüder kämpfen. Auch da können wir getötet werden. Tolo will aber seine schwarzen Brüder nicht fangen und zu Sklaven machen!«

»Meinst du denn, daß es eine Ghasuah geben wird?«

»Ja. Warum reiben die Weiber dort nun schon seit vielen Tagen Durrah? Merkst du nicht, daß Kisrah gebacken werden soll? Viel Vorrat von Kisrah aber macht der Araber nur dann, wenn er sie als Vorrat bei einer Ghasuah braucht.«

Lobo schlug die Hände zusammen, machte ein erstauntes Gesicht und sagte:

»Wie klug du bist! Daran hat Lobo nicht gedacht. Er glaubte, der Zug würde erst dann unternommen, wenn Abu el Mot aus dem Lande der Homr zurückgekehrt ist.«

»Abd el Mot kann auch ziehen, wenn er will. Er ist der zweite Häuptling der Seribah und Abu el Mot der erste. Ist der erste nicht da, so befiehlt der zweite. Warum haben die Leute ihre Gewehre putzen und ihre Messer schleifen müssen, gestern und vorgestern schon. Niemand weiß vorher, was geschehen soll, aber wir werden bald etwas erfahren.«

»Weißt du, wohin es gehen soll?«

»Wie kann Tolo es wissen! Nicht einmal die weißen Soldaten, die sich in der Seribah befinden, erfahren es vorher. Abd el Mot allein weiß es, und – —«

Er hielt inne, bückte sich auf seine Arbeit nieder und drehte an den Seilfasern mit einer Hast, als ob er sich bei dieser Beschäftigung nicht Zeit zu einem einzigen Worte gegeben habe. Sein Genosse folgte seinem Beispiele. Beide hatten gesehen, daß ein Mann in einem Kahne an den Noqer gelegt, und das Deck desselben bestiegen hatte.

Dieser Mann war ein Weißer. Ein dichter, dunkler Bart umrahmte sein Gesicht, welches vom Sonnenbrande das Aussehen gegerbten Leders erhalten hatte; seine Züge waren hart, seine Augen blickten finster. Er trug einen eng anliegenden weißen Burnus, um welchen ein Shawl gewunden war, aus dem die Griffe eines Messers und zweier Pistolen blickten. Die nackten Füße steckten in grünen Pantoffeln, und der Schädel war in ein grünes Turbantuch gehüllt, ein Zeichen, daß dieser Mann seine Abkunft von dem Propheten Mohammed herleitete. In der Hand hielt er die lange, dicke Nilpeitsche.

»Abd el Mot!« flüsterte Lobo seinem Gefährten zu.

»Still, schweig!« antwortete dieser ängstlich.

Der Weiße war also der zweite Kommandant der Seribah. Er nannte sich »Diener des Todes«, während der erste Befehlshaber »Vater des Todes« hieß. Er blieb für einen Augenblick bei den Sklavinnen stehen. Diese arbeiteten mit doppeltem Eifer als vorher; doch schien ihr Fleiß seinen Beifall nicht zu finden, denn er schrie sie mit harter Stimme an:

»Allah zerschmettere euch! Wollt ihr ihm die Zeit abstehlen, ihr Faullenzerinnen! Heute soll gebacken werden, denn morgen brechen wir auf, und noch ist das Mehl nicht fertig!«

Er schlug mit der Peitsche ohne Wahl auf sie ein, daß die Getroffenen vor Schmerz heulten, aber ohne zu wagen, ihre Arbeit dabei auch nur für einen Augenblick einzustellen. Dann kam er zu den beiden Belandanegern. Er sah ihnen eine Weile zu, hob dann ein Seil auf, um die Arbeit zu prüfen, warf es wieder hin, und versetzte jedem einige Hiebe, von denen die Haut an den getroffenen Stellen sofort aufsprang. Die Schwarzen bissen die Zähne zusammen, daß es laut knirschte, gaben aber keinen Laut von sich, und arbeiteten ohne Unterbrechung weiter.

»Es that wohl nicht weh genug?« lachte er grausam. »Das nächste Mal werdet ihr schon heulen müssen, ihr Tagediebe. Werft euch nieder, wenn ich mit euch rede!«

Dieser Befehl war von einigen weiteren Hieben begleitet. Die Neger sanken zu Boden, was sie vorher nicht gewagt hatten, um nicht mit der Arbeit inne zu halten. Er betrachtete sie mit gefühllosem Blicke, versetzte jedem einen Fußtritt und fuhr fort:

»Ihr seid Belandas. Ist euch euer Land bekannt?«

»Ja, Herr,« antwortete Tolo ohne aufzublicken.

»Kennt ihr die Helle Ombula?«

»Tolo ist oft dort gewesen.«

»Was hattest du dort zu thun?«

»Die Schwester der Mutter wohnt mit ihrem Manne und ihren Kindern dort.«

»So hast du also Verwandte in Ombula! Wie viele Familien gibt es da?«

»Sehr viele, Herr, viel mehr als in andern Dörfern,« antwortete der Neger, dem es wie den meisten seinesgleichen unmöglich war, weiter als höchstens zwanzig zu zählen.

»Ist der Ort gut befestigt?« fuhr der Araber fort.

»Es ist ein doppelter Stachelzaun rundum,« antwortete der Gefragte.

»Ist die Umgebung offen, oder gibt es Wald?«

»Der Subakh steht in Büschen, aus denen Lubahn ragen.«

»Besitzen die Einwohner viele Rinder?«

»Nein, Herr, sie sind arm.«

Die Rinder sind dem Sklavenjäger nämlich noch lieber als die Gefangenen. Diese Tiere haben für den Neger einen so hohen Wert, daß er bei einem Überfalle vor allen Dingen sie zu retten sucht und dabei wohl seine Kinder opfert. Der Belanda hatte eine verneinende Antwort gegeben, um den Araber von dem Überfalle des befreundeten Dorfes abzubringen. Abd el Mot durchschaute ihn. Er zog ihm die Peitsche zwei-, dreimal über den Rücken, und donnerte ihn an:

»Hund, lüge nicht, sonst peitsche ich dich tot! Sage die Wahrheit, oder ich schlage dir das Fleisch in Striemen von den Knochen. Gibt es viele Rinder dort?«

»Ja,« gestand jetzt Tolo aus Angst.

»Und haben die Leute gute Waffen?«

»Pfeile, Spieße und Messer.«

»Keiner hat eine Flinte?«

»Keiner, Herr.«

Abd el Mot examinierte weiter und drohte: »Wenn ich ein einziges Gewehr finde, oder auch nur sehe, peitsche ich dir die schwarze Seele aus dem dunklen Leibe. Kennst du alle Wege dort?«

»Ja.«

»Und Lobo auch?«

»Auch er.«

»Wenn wir des Morgens von hier wegmarschieren, wann kommen wir hin?«

»Am Abende des dritten Tages, Herr.«

»Gut, ich habe beschlossen, Ombula zu überfallen, um Abu el Mot Sklaven und Rinder geben zu können, wenn er kommt, damit er sieht, daß wir thätig gewesen sind. Ihr beide sollet unsre Führer sein, und ich kann euch nur raten, daß ihr eure Sache gut macht. Bin ich mit euch zufrieden, so verkaufe ich euch an einen guten Herrn, der euch nicht prügelt, selbst wenn ihr faul seid. Im Gegenfalle aber grabe ich euch in einen Bau der Ardah ein, damit sie euch bei lebendigem Leibe fressen. Merkt euch das, ihr beiden schwarzhäutigen Schlingel, und nun frage ich: wollt ihr mir treu und gehorsam sein?«

»Ja, Herr!«

»Das versprecht ihr jetzt; aber ich traue keinem schwarzen Hunde. Ihr bleibt bis zum Aufbruche hier auf dem Schiffe, und werdet es nicht verlassen. Ich stelle euch einen Wächter her, welcher den Befehl hat, euch zu erschießen, sobald ihr euch dem Rande des Schiffes nähert. Und während des Marsches gebe ich euch Gewichte an die Füße, damit ihr die Lust zur Flucht verliert. Jetzt arbeitet weiter und schwatzt nicht dabei, sonst lasse ich euch den Mund zunähen, daß ihr verschmachten müßt. Ihr wißt, daß das keine leere Drohung ist. Ich habe das schon oft gethan.«

Er gab jedem noch einen Hieb, dann ging er und stieg in sein Boot. Sie sahen es im hohen Schilfe verschwinden, besorgten aber, daß er sie von dort aus beobachten werde. Darum arbeiteten sie schweigend weiter, bis sie ihn am Ufer erscheinen, und einen schmalen, durch den Mimosenwald führenden Weg einschlagen sahen.

Erst jetzt wagte es Tolo, seinem Gefährten leise zuzuflüstern:

»Du siehst, daß Tolo recht hatte, der Zug beginnt schon morgen.«

Lobo griff mit der Hand nach seinem schmerzenden Rücken, knirschte mit den Zähnen, rollte die Augen, als ob er sie herausdrehen wolle, und antwortete:

»In unser Land, nach Ombula. Allah, Allah! Unsre Freunde sollen Sklaven werden!«

»Und wir müssen die Weißen führen! Werden wir es thun?«

Lobo zögerte mit der Antwort. Er schien überhaupt geistig weniger begabt zu sein als sein Unglücksgenosse.

»Warum sagst du nichts?« fragte dieser. »Sollen wir die Araber führen und unsre schwarzen Brüder mit töten und gefangen nehmen?«

»Nein,« antwortete Lobo in bestimmtem Tone. Er war nun zu einem Entschlusse gekommen. »Wir fliehen. Dann aber können wir Abu el Mot nicht töten, was wir doch thun wollten. Er ist noch nicht wieder da.«

»So töten wir Abd el Mot an seiner Stelle. Das ist fast ebenso gut. Wenn wir ihm das Leben nehmen, so muß der Zug morgen unterbleiben, und wir retten die Leute von Ombula.«

»Werden sie es uns auch danken? Und wie töten wir ihn? Am Tage ist es ganz unmöglich, und das Nachts schläft er mitten unter den Wächtern. Man wird uns ergreifen. Ist es da nicht besser, wenn wir uns nicht in eine so große Gefahr begeben?«

Tolo erkannte gar wohl die Wahrheit dieser Worte. Er dachte nach. Jetzt erschallte von jenseits des Waldes ein schrecklicher Lärm herüber. Menschliche Stimmen sangen, jauchzten und brüllten. Dazu ertönten die ganz unbeschreiblichen Klänge der im Sudan gebräuchlichen Instrumente.

Das schien den nachdenkenden Neger schnell zu einem Resultate zu bringen. Er sagte:

»Hörst du den Jubel? Jetzt hat Abd el Mot gesagt, daß die Ghasuah morgen beginnen soll. Nun entfalten sie die Fahne und fragen den Zauberer.«

»Er wird dem Zuge günstig sein, und sie gehorchen ihm, denn er ist ein frommer Fakir. Auch wir sollten ihm eigentlich gehorchen, obwohl wir nicht zu Allah beten wie unsre Peiniger.«

»Nein. Tolo gehorcht nicht dem Fakir, sondern einem ganz andern.«

»Wem? Wer ist das?«

»Dem großen Schech, der über den Sternen wohnt und niemals stirbt, der alles sieht und jede That belohnt oder bestraft.«

»Du hast Lobo davon erzählt, aber Lobo kann ihn nicht sehen.«

»Er ist überall, wie die Luft, die man auch nicht erblickt.«

»Vielleicht hat dich der Fremde belogen, der dir von ihm erzählte!«

»Nein. Dieser fremde Weiße war ein Khassis, ein guter Mann, der keine Lügen sagte. Er erzählte von dem großen, allmächtigen Schech, welcher den Himmel und die Erde gemacht hat, und auch die Menschen. Er befahl ihnen, gut und fromm zu sein, aber sie gehorchten ihm nicht. Da sandte er seinen Sohn vom Himmel herab, der ihnen Gnade brachte und dafür von ihnen getötet wurde. Er lehrte, daß die Menschen einander lieben, und sich nur Gutes erweisen sollen. Diese Lehre brachte der Khassis zu uns. Wir gewannen ihn lieb und glaubten seinen Worten. Da aber kamen die Sklavenjäger und töteten ihn. Tolo weiß noch alle seine Worte und wird nach denselben handeln. Die Liebe gebietet ihm, seine Eltern aufzusuchen und die Helle Ombula zu retten. Das wird er thun, selbst wenn es sein Leben kosten sollte. Der Sohn des Schechs im Himmel ist auch ohne Murren gestorben. Und wer da stirbt, indem er Gutes thut, und die Gesetze des großen Schechs erfüllt, der ist nicht tot, sondern er steigt auf zum Himmel, zum Sohne des Schechs, um bei demselben zu leben und niemals zu sterben.«

Der Neger hatte das mit wahrer Inbrunst gesprochen, im Tone vollster Überzeugung. Der andre schüttelte den Kopf und sagte:

»Lobo versteht das nicht; aber du hast ihm noch niemals eine Lüge gesagt, und so will er es glauben, und ganz dasselbe thun, was du thust. Hätte er den Khassis gesehen und gehört, so würde er wohl ganz so überzeugt sein, wie du es bist. Also wir fliehen und retten Ombula!«

»Ja, und Abd el Mot töten wir zur Strafe für seine Thaten, und daß er morgen die Ghasuah nicht beginnen kann.«

»Aber ist es nicht der Wille des großen Schechs, von welchem du sprichst, daß man den Menschen nur Gutes erweisen soll? Und du willst den Araber ermorden!«

»Das ist nichts Böses,« entgegnete der Neger in einem Tone, der allerdings zu besagen schien, daß er noch nicht ganz bibelfest sei.

»Lobo glaubt es dir. Aber selbst wenn es uns gelingt, ihm das Leben zu nehmen, wie kommen wir fort? Einen Kahn können wir nicht bekommen, so müssen wir also gehen, und dann werden die Hunde uns schnell eingeholt haben!«

»Du darfst nicht so zaghaft sein,« entgegnete der andre, »denn der große Schech im Himmel wird uns beschützen. Man wird hier erst am Morgen den Tod Abd el Mots und unsre Flucht bemerken. Dann sind wir schon so weit entfernt, daß uns niemand einholen kann. Wir nehmen uns hier so viel Kisrah wie möglich, damit wir unterwegs nicht zu hungern brauchen.«

»Hat dein großer Schech das Stehlen nicht auch verboten?«

»Ja. Also werden wir es nicht thun. Aber wir finden überall Wurzeln, Früchte und Wasser, um den Hunger und auch den Durst stillen zu können.«

Lobo schien doch noch ein Bedenken zu haben. Er blickte nachdenkend vor sich nieder und sagte dann:

»Aber wie können wir vom Schiffe fort, wenn Abd el Mot uns einen Wächter sendet?«

»Wir warten, bis er schläft.«

»Er wird nicht schlafen, sondern den Befehl erhalten haben, kein Auge von uns zu lassen.«

»Nun, so töten wir auch ihn.«

»Das ist doch nichts Gutes, sondern etwas Böses!«

»Der Wächter ist auch bös, denn er wird ein Weißer, ein Araber sein. Ihm geschieht ganz recht, wenn er sterben muß; er gehört wohl gar zu den Leuten, welche uns gefangen genommen haben.«

»Du hast mir einmal erzählt, daß es der Wille des Schechs im Himmel sei, auch den Feinden Gutes zu thun; du aber willst ihnen nur Böses zufügen.«

»Daran sind sie selbst schuld,« sagte Tolo und half sich über das Bedenken mit Kopfschütteln hinweg. »Schweig jetzt und arbeite, der Wächter kommt!«

Der Kahn nahte wieder. In demselben saß ein andrer Weißer, welcher an Bord gestiegen kam. Er schien sehr zornig darüber zu sein, daß er auf das Schiff kommandiert worden, und nun von der Festlichkeit ausgeschlossen war, welche einer jeden Ghasuah vorherzugehen pflegt. Er warf den Sklaven drohende Worte zu, und setzte sich in ihre Nähe, die Peitsche in der Hand. Sie arbeiteten mit angestrengtem Fleiße weiter. Miteinander zu sprechen, durften sie nicht wagen; desto fleißiger aber dachten sie an ihr Vorhaben. Tolo war fest entschlossen, Abd el Mot und den Wächter zu ermorden. Das, was er von den Lehren des Missionars behalten hatte, kam nicht in Konflikt mit seinen heidnischen Anschauungen. Er wußte beides ganz gut in Einklang zu bringen. Lobo war weniger spitzfindig als er. Wie die meisten langsam denkenden und schwer begreifenden Menschen, konnte er nicht leicht eine neue Ansicht fassen, welche seiner bisherigen entgegengesetzt war. Hatte er den Gedanken aber einmal gefaßt, so hielt er ihn fest, und bewegte ihn fleißig im Herzen, soviel dies seinem Verständnisse möglich war. Es wollte ihm nicht recht begreiflich erscheinen, daß man zwei Menschen ermorden, und dabei doch den Willen des guten »Schechs im Himmel« befolgen könne.

Der am linken Ufer des Flusses liegende Mimosenwald war sehr lang, aber nur schmal. Vom Wasser führten einige schmale Wege quer durch ihn hindurch. Folgte man einem dieser Pfade, so hatte man schon nach fünf Minuten den Wald im Rücken und eine weite, freie Strecke vor sich liegen.

Im Süden nennt man jeden Weg, welcher neben einem Flusse hinläuft, Darb tachtani, den untern Weg. Ein Pfad aber, welcher von der Seite her, also senkrecht auf den Lauf des Wassers führt, eine Mischrah. Gewöhnlich steigt die Mischrah vom hohen Ufer herab. Die Wohnungen der Menschen müssen wegen der jährlichen Nilüberschwemmungen hoch liegen, und so kommt es, daß an einer Mischrah gewöhnlich sich Niederlassungen befinden. Besonders gern legt man die Seriben an solchen Stellen an, an denen ein Pfad hinab zum tiefen Ufer führt. Dies war auch hier mit der Seribah Omm et Timsah der Fall.

Hatte man, vom Flusse aufwärts steigend, den Wald hinter sich, so stand man vor einer hohen, stachlichten Umzäunung, hinter welcher die Tokuls dieser Sklavenjägerniederlassung lagen. Dieser Zaun war stark genug, um gegen Menschen und wilde Tiere Schutz zu bieten. Jede Seribah ist mit einer solchen Dornmauer umgeben, welche zwar europäischen Waffen nicht widerstehen könnte, gegen Pfeile und Lanzen aber vollständige Sicherheit gewährt. Die Ein- und Ausgänge haben keine Thüren nach unsrem Begriffe, sondern einige stachlichte Büsche genügen zum Verschlusse. Diese Stellen werden übrigens des Nachts mit Wachtposten besetzt, für welche gewöhnlich hohe Warten auf Pfählen errichtet sind, ganz ähnlich den russischen Kosakenwarten.

Die Seribah Omm et Timsah hatte einen bedeutenden Umfang. Sie enthielt über 200 Tokuls, deren Unterbau aus aufgeworfener Erde bestand, während die Wände und Dächer aus Schilf hergestellt waren. Sie alle hatten eine runde Gestalt und jede einzelne war für sich mit einer besonderen Dornenhecke umgeben. Dies alles bildete eine Art Dorf, welches innerhalb der kreisförmigen Hauptumzäunung lag.

Auch die Hütten hatten keine verschließbaren Thüren. Diebstahl kommt unter den Bewohnern einer Seribah nicht vor; diese haben sich nur vor den irrigen Eigentumsbegriffen der Eingeborenen zu hüten.

Die Wege, welche zwischen den Tokuls hinführten, waren ziemlich reinlich gehalten; desto schlimmer aber sah es vor der äußern Umzäunung aus. Da gab es Abfälle und Unrat in Menge; sogar die verwesenden Leichen natürlich gestorbener oder zu Tode gepeitschter Sklaven lagen hier, einen Geruch verbreitend, den die Nase eines Europäers nicht hätte ertragen können. Dies war ein Sammelplatz aller Arten von Raubvögeln. Auch die Hunde der Sklavenjäger befanden sich da, und des Nachts stellten sich wohl Hyänen und andre wilde Tiere ein.

Unweit der Seribah befand sich die Murrah, der umfriedigte nächtliche Pferch des Viehstandes, dessen Angehörige am Tage über im Freien weiden. Der Dünger dieser Tiere wird sorgfältig gesammelt und in der Sonne getrocknet, um abends in die Murrah geschafft und angebrannt zu werden. Der dichte Rauch, welcher sich dann entwickelt, gewährt den Tieren und Menschen Schutz gegen die schreckliche Plage der Baudah, der Stechfliegen des Sudans. Die Menschen graben sich bis an den Kopf in die ellenhoch liegende Düngerasche ein, wodurch, ganz abgesehen von dem Geruche, die schwarze Haut der Neger sich mit einem abscheulichen grauen Überzuge umhüllt, welcher das Auge des Europäers beleidigt, nach der Meinung der Eingeborenen aber so schön wie gesund ist.

In der Mitte der Seribah standen zwei Tokuls, welche sich durch besondere Größe auszeichneten. Sie waren die Wohnungen der beiden Anführer, Abu el Mots und Abd el Mots.

Da eine Hütte nicht bloß für eine einzelne Person bestimmt ist, so war bei der großen Zahl der Tokuls anzunehmen, daß die Gesellschaft gewiß aus wenigstens 500 Personen bestand. Rinder und Schafe weideten in Menge umher. Auch Pferde und Kamele gab es, doch nur bei gegenwärtiger Jahreszeit. Während und kurz nach der Regenzeit pflegen sie zu Grunde zu gehen.

Der eigentliche Besitzer einer Seribah ist nur höchst selten auf derselben anwesend. Diese Herren bleiben daheim, in Chartum oder wo sie sonst ihren festen Wohnsitz haben. Es fällt ihnen gar nicht ein, sich persönlich an der Sklavenjagd zu beteiligen; sie senden vielmehr ihre Stellvertreter, welche Wokala genannt werden und sehr ausgedehnte Vollmachten besitzen.

Unter diesen Wokala stehen die Reïsihn, Kapitäne und Nautia, Matrosen. Diese Leute werden gebraucht, weil die Jagden meist kurz nach der Regenzeit zu Wasser unternommen werden. Auch Sajadin und Asaker werden engagiert. Die ersteren sind Jäger und verpflichtet, die andern mit frischem Fleische zu verproviantieren. Die letzteren sind Soldaten, welche sich aus allerlei weißem und farbigem Gesindel rekrutieren, gewissenlose Menschen, welche mit den göttlichen und weltlichen Gesetzen vollständig zerfallen sind, und sich sonst nirgends sehen lassen dürfen, ohne daß ein strafender Arm sich nach ihnen ausstreckt.

Die Wokala erhalten eine beträchtliche Besoldung und oft auch noch einen besondern Anteil am Gewinne. Die übrige Mannschaft erhält einen Lohn bis zu zehn Mariatheresiathalern pro Monat und die Kost. Alles andre muß der Mann von dem Sold bezahlen und bekommt es zu den höchsten Preisen angerechnet. Daher bleibt ihm gewöhnlich nichts, oder wenig übrig. Ist der Fang gut, so kommt es vor, daß die Leute ihren Sold in Sklaven ausgezahlt erhalten. Der Schwarze ist dann dem Soldaten mit Leib und Leben angehörig, und dieser kann mit ihm machen, was ihm beliebt, ihn schlagen, verstümmeln oder gar töten.

Je zwanzig oder fünfundzwanzig Soldaten stehen unter einem Unteroffizier, Buluk genannt. Die Rechnungen hat ein Buluk Emini über, welcher lesen, schreiben und rechnen können muß und also gewöhnlich ein niederer Geistlicher, ein Fakir ist; er vertritt zugleich die Stelle des Zauberers, bestimmt die glücklichen und unglücklichen Tage und heilt alle möglichen Schäden des Leibes und der Seele mit Amuletten, welche er verfertigt und gegen guten Preis verkauft. Die Feindschaft eines solchen Mannes kann dem einzelnen sehr gefährlich werden.

Wird eine Ghasuah unternommen, so zwingt man den Schech des Gebietes, in welchem die Seribah liegt, seine Neger als Träger und Spione zu stellen. Dafür wird er nach dem Raubzuge mit Kühen entschädigt, was ihm natürlich lieber ist, als wenn er mit Sklaven bezahlt wird. Der Tag des Aufbruches wird von dem Fakir bestimmt, welcher von jedem einzelnen Tage des Jahres zu sagen weiß, ob er ein glücklicher oder unglücklicher ist.

Sobald der Kommandant die Ghasuah verkündet hat, wird die Barakha aufgesteckt. Sie besteht aus einem großen, viereckigen, roten Zeuge, auf welchem das mohammedanische Glaubensbekenntnis oder die erste Sure des Korans gestickt ist.

Sobald diese Fahne weht, weiß jedermann, daß ein Raubzug beschlossen worden ist, und die an demselben Beteiligten geben sich der tollsten Freude hin.

Abd el Mot hatte seine Absicht erst den beiden Belandanegern mitgeteilt, nachdem er selbstverständlich erst von dem Fakir erfahren hatte, daß der morgende Tag ein glücklicher sei. Dann zur Seribah zurückgekehrt, hatte er die Fahne aufstecken lassen. Der Jubel der ersten, welche dieses willkommene Zeichen erblickten, rief alle andern Bewohner der Tokuls aus den Hütten hervor. Die Musikinstrumente wurden geholt; man scharte sich zusammen und schleppte alle vorhandene Merissah herbei, um die glückliche Stimmung durch einen berauschenden Trunk zu erhöhen.

Der Fakir erschien, hielt eine anfeuernde Rede und bot Amulette aus, welche im bevorstehenden Kampfe vor Verwundung und Tod schützen sollten. Dann begann die Musik zu spielen, aber was für eine!

Da war zu sehen und zu hören die Rababah, eine sehr primitive Guitarre mit drei Saiten, die röhrenförmige Bulonk von ausgehöhltem Kamaholze, die Nogarah, eine Kriegspauke, aus einem hohlen Baumstumpfe konstruiert, die Darabukkah, eine kleinere Handpauke, ferner surrende Flöten, hölzerne Riesenhörner, deren schreckliche Töne dem Rindergebrüll gleichen, steinerne Klappern, geschüttelte Flaschenkürbisse, in denen Steine rasselten, Antilopenhörner, deren Töne dem Jammern eines frierenden Hundes gleichen, kleine und große Pfeifen, mit denen man alle möglichen Tierstimmen, besonders die Stimmen der Vögel nachmachte. Wer kein Instrument hatte, brüllte und heulte nach Belieben. Viele improvisierten ganz sonderbare Geräusche. Der eine schlug mit einem Stocke auf dürres Reisig, der andre kniff einem Hunde in den Schwanz, daß das Tier ganz zum Erbarmen musizierte; der dritte schwang an einer Schnur eine Blechplatte im Kreise, um das Pfeifen des Sturmes nachzuahmen. Kurz, es war ein entsetzliches Konzert, welches nur auf kurze Zeit unterbrochen wurde, als der Fakir die Helden aufforderte, das Sklavenjägerlied zu singen. Die Kerls stellten sich in zwei Reihen einander gegenüber auf und sangen:

»U marran basahli!

U marran alei dschebal,

U marran antah el woara,

El es soda kubar.

U marran besahli!

U marran ketir hami,

U marran fi woar kan ro dami;

U marran katach barrut,

Jentelik e reqiq schi dali!«

Das heißt zu deutsch: »Und trinken ist meine Lust! Und dann hinaus in die Berge, und hinaus in den Wald, wo der Löwe haust. Und trinken ist meine Lust! Und kommt die Verwegenheit über mich, da fließt wohl Blut in der Wildnis; und dann wird Pulver verpufft und ich bring Sklaven mit nach Hause!«

Doch welche Stimmen waren das, die dieses Lied sangen. Der eine brüllte wie ein Löwe und der andre wie ein Ochsenfrosch. Ein dritter schrillte im höchsten Fisteltone, und ein vierter schleppte, wie eine Baßgeige brummend, hinterdrein. Eine Melodie gab es nicht, jeder sang so hoch oder tief, wie es seinem Kehlkopfe angemessen war. Nur die einzelnen Worte klangen zusammen, da der Fakir mit hoch erhobenen Armen skandierte. Dies that er in einer Weise, daß er an einem andern Orte sofort als völlig unheilbar ins Irrenhaus geschafft worden wäre.

Als das Lied zu Ende war, wurde wieder getrunken und Musik gemacht. Dann ward ein Tanz arrangiert, den drehenden Derwischen nachgeäfft. So ging es unter steter Abwechselung von Musik, Gesang und Tanz bis in die späte Nacht, da es keinen Tropfen Merissah mehr gab.

Der Lärm schallte über den Wald hinweg bis zum Flusse und dem Schiffe. Dort saßen die beiden Belandaneger und vor ihnen der Wächter, die Peitsche stetig in der Hand. Die Sklavinnen waren nach der Seribah geholt worden, um zu backen.

Zuweilen erhob sich der Aufseher, um einige Minuten hin und her zu gehen. Dabei brummte er grimmig in den Bart, darüber, daß er weder mitsingen noch mittrinken durfte.

Kurz nach Mitternacht kam Abd el Mot noch einmal an Bord, um sich zu überzeugen, ob der Posten seine Schuldigkeit thue. Dann, als er sich entfernt hatte, wurde es drüben in der Seribah still. Die berauschten Sklavenjäger suchten und fanden den Schlaf. Als der Wächter wieder einmal seinen Spaziergang unternahm, flüsterte Lobo seinem Kameraden zu:

»Dieser Weiße ist zornig; er hat die Peitsche stets in der Hand, schlägt uns aber nicht. Lobo möchte ihn darum nicht gern töten.«

»Dann können wir nicht entkommen!«

»Wollen wir ihm nicht die Kehle zuhalten, daß er nicht schreien kann? Dabei binden wir ihn und stecken ihm den Mund zu.«

»Das hat auch Tolo lieber, als ihn zu töten; aber ein einziger Schrei kann uns verderben.«

»Lobos Fäuste sind stark. Er wird den Mann so fassen, daß derselbe gar nicht rufen kann.«

»Und während du ihn festhältst, wird Tolo ihn binden. So können wir es machen. Stricke sind genug da.«

»Wann beginnen wir?«

»Nach einer Weile; dann werden alle Weißen eingeschlafen sein.«

»Aber der Kahn ist nicht da. Er wird des Abends in die Seribah geschafft.«

»So schwimmen wir.«

»Hat Tolo vergessen, daß sich viele Krokodile im Wasser befinden? Darum wird die Seribah ja Omm et Timsah genannt.«

»Tolo läßt sich lieber von den Krokodilen fressen, als daß er die Weißen nach Ombula führt.«

»Lobo auch. Der gute Schech im Himmel wird uns beschirmen, da wir soeben dem Wächter das Leben geschenkt haben.«

»So glaubst du jetzt an diesen großen Schech?«

»Lobo hat während des ganzen Abends über denselben nachgedacht. Wenn der Khassis kein Lügner war, so ist es wahr, was er gesagt hat, denn er ist klüger gewesen, als wir es sind. Und für den schwarzen Mann ist es sehr gut, einen solchen Schech im Himmel zu haben, denn alle weißen Schechs auf der Erde sind seine Feinde. Lobo glaubt also an ihn und wird ihn jetzt bitten, die Flucht, welche wir vorhaben, gelingen zu lassen.«

Der Neger faltete die Hände und blickte zum Himmel auf. Seine Lippen bewegten sich, aber die Bitte war nur für Gott hörbar.

Der Wächter hatte sich wieder niedergesetzt. Dann dauerte es längere Zeit, bis er abermals aufstand, um hin und her zu gehen. Da fragte Lobo:

»Warten wir noch länger?«

»Nein. Tolo hält schon die Stricke in der Hand. Wenn er uns wieder nahe ist und sich umdreht, so springen wir auf und du ergreifst ihn von hinten.«

So geschah es. Der Wächter kam auf sie zu und machte wieder Kehrt. Im Nu standen die Neger hinter ihm, und Lobo legte ihm die beiden Hände um den Hals, den er fest zusammendrückte. Der Mann stand, wohl nicht nur infolge dieses Druckes, sondern mehr noch aus Schreck, völlig bewegungslos; er gab keinen Laut von sich. Er wehrte sich auch nicht, als Tolo ihm die Stricke fest um die Arme, Beine und den Leib wickelte. Er blieb sogar stumm, als Lobo ihm die Hände von dem Halse nahm und ihm seinen Fes vom Kopfe zog, denselben zerriß und aus den Stücken einen Knebel machte, der ihm in den Mund geschoben wurde.

Der Mann war vollständig überwältigt und wurde in den Raum hinabgeschafft. Lobo nahm ihm das Messer und Tolo die Peitsche ab; dann kehrten sie auf das Deck zurück.

Sie ließen sich so leise wie möglich, um ja nicht etwa durch ein Geräusch die Krokodile herbeizulocken, in das Wasser und strebten dem Ufer zu, was gar nicht leicht war, da sie sich durch die dichte Omm Sufah zu arbeiten hatten. Doch gelangten sie wohlbehalten an das Land. Das Naßwerden schadete ihrer mehr als einfachen Kleidung nicht das mindeste.

»Der gnädige Schech im Himmel hat uns vor den Krokodilen beschützt; er wird uns auch weiter helfen,« sagte Lobo, indem er das Wasser von sich abschüttelte. »Denkst du nicht, daß es besser wäre, wenn wir Abd el Mot leben ließen und unsre Wanderung sogleich anträten?«

»Nein. Er muß sterben!«

»Seit du heute von dem himmlischen Schech und seinem Sohne gesprochen hast, kommt es Lobo nicht gut vor, den Araber zu töten.«

»Wenn wir ihm das Leben lassen, ereilt er uns unterwegs. Töten wir ihn aber, so wird, wenn man ihn findet, alle der Schreck so ergreifen, daß sie versäumen, uns zu verfolgen.«

»Lobo thut alles, was du willst. Wie aber kommen wir in die Seribah? Die Wächter machen Lärm.«

»Hast du denn nicht das Messer, mit dessen Hilfe wir uns ein Loch machen können?«

»Aber die Hunde werden uns verraten!«

»Nein; sie riechen, daß wir in die Seribah gehören, und ich kenne sie fast alle nach ihren Namen. Komm!«

Sie schlichen sich vorwärts bis zum obern Rande des Waldes. Dort galt es, vorsichtiger zu sein, denn die Nacht war so sternenhell, daß man einen Menschen auf zwanzig Schritte erkennen konnte. Sie legten sich auf die Erde und krochen derjenigen Stelle der Umzäunung zu, von welcher aus sie die kürzeste Strecke nach dem Tokul Abd el Mots hatten.

Glücklicher und auch sonderbarerweise erreichten sie diese Stelle, ohne von einem Hunde bemerkt worden zu sein. Dort begann Lobo, mit dem Messer ein Loch in den dichten, stachlichten Zaun zu schneiden. Das war nicht leicht und ging außerordentlich langsam. Obgleich er der Stärkere war, mußte Tolo ihn einigemal ablösen, bis die Öffnung so groß wurde daß ein schlanker Mensch durchschlüpfen konnte.

Im Innern der Seribah angelangt, mußten sie nun doppelt vorsichtig sein. Sie blieben eine kleine Weile lauschend liegen; sie vernahmen kein verdächtiges Geräusch. Ein Rind schnaubte draußen im Pferche, und aus der Ferne tönte das tiefe Ommu-ommu einer Hyäne herüber. In der Seribah aber herrschte absolute Stille.

»Wir können es wagen,« sagte Tolo. »Gib mir das Messer!«

»Warum dir?«

»Weil ich den Stoß führen will.«

»Nicht du, sondern Lobo wird es thun, denn er ist der Stärkere von uns beiden.«

»Aber es ist dir ja nicht lieb, daß er getötet werden soll!«

»Aber du hast gesagt, daß er dennoch sterben muß, und da ist es gleich, von wessen Hand es geschieht. Sollte der Schech im Himmel darüber zürnen, so wird er Lobo eher verzeihen als dir, denn Lobo glaubt erst seit heute an ihn, du aber schon seit längerer Zeit. Bleib also hier und warte, bis ich wiederkomme!«

»Du willst allein gehen?«

»Ja.«

»Das duldet Tolo nicht. Er wird dich bis zum Tokul begleiten, um bereit zu sein, wenn dir etwas Böses widerfährt.«

»So komm, denn du hast recht.«

Sie kannten den Weg genau. Die meisten Schläfer befanden sich in ihren Hütten; mehrere lagen vor denselben, doch so fest im Merissahrausche, daß sie nicht aufwachten. Selbst ein Nüchterner hätte die beiden nicht gehört.

Als sie an den Tokul Abd el Mots kamen, lagen wohl acht bis zehn Soldaten um denselben. Der Unteranführer traute den Negersoldaten nicht und pflegte seine Hütte des Nachts mit weißen Söldnern zu umgeben. Aber auch diese lagen in tiefem Schlafe.

»Bleib hier liegen!« flüsterte Lobo. »Es ist nicht schwer, zwischen ihnen hindurchzukommen. Der Araber befindet sich ganz allein in der Hütte. Auch er wird getrunken haben. Ein Stoß, und dann ist Lobo wieder bei dir.«

Die Zuversicht, mit welcher er dies sagte, klang etwas hastig. Die That wurde ihm wohl schwerer, als er es merken lassen wollte. Das Messer in der Hand, kroch er schlangengleich zwischen zwei Schläfern hindurch. Schon hatte er den Eingang erreicht und streckte die Hand aus, um das leichte Schilfgeflecht, welches des Nachts die Thür bildete, beiseite zu schieben; da ließ sich hinter demselben ein lautes Knurren hören. Er zog die Hand zurück; aber der unerwartete Feind brach, anstatt sich zu beruhigen, in ein wütendes Gebell aus und kam, das Geflecht umreißend, aus der Hütte gestürzt. Es war einer jener großen Schillukhunde, welche die Sklavenjäger gern kaufen, um sie gegen die Neger abzurichten. Er warf sich auf Lobo. Dieser war, obgleich dem Alter nach noch kaum ein Mann, doch ein sehr kräftiger Mensch. Er wich dem Hunde mit einer behenden Bewegung aus, faßte ihn mit der Linken beim Genick, riß ihn empor und stieß ihm mit der Rechten mit außerordentlicher Schnelligkeit das Messer einigemal in die Brust. Der Hund brach unter lautem Geheul zusammen.

Von allen Seiten, allüberall antworteten die andern Hunde; die Menschen erwachten, und die vor dem Tokul liegenden weißen Schläfer waren aufgesprungen. Sie wollten sich auf Lobo werfen, dem es nun unmöglich war, sein blutiges Vorhaben auszuführen. Wohl zwanzig Arme streckten sich nach ihm aus; er war umringt und schlug und stieß um sich, um sich Luft zu machen. Dies wäre ihm wohl kaum gelungen, wenn ihm nicht Tolo geholfen hätte. Dieser sprang herbei und schlug mit seiner Nilpeitsche in der Weise auf die Bedränger seines Gefährten ein, daß sie, die so etwas nicht erwartet hatten, Raum gaben. Dies benutzend, flogen die beiden Neger in weiten Sätzen davon, um das Loch und durch dasselbe das Freie zu gewinnen.

Einer der Schläfer, welche Lobo hatten ergreifen wollen, war ein Unteroffizier, ein Mann, welcher zu befehlen gewohnt war und mehr Umsicht besaß als die andern. Er sagte sich, daß die zwei Missethäter wohl ihrer Strafe entgehen würden, wenn niemand sie erkannt habe. Darum schrie er mit lauter Stimme in den Lärm hinein:

»Wer waren die beiden? Hat jemand ihre Gesichter gesehen?«

»Lobo und Tolo, die zwei Belanda waren es,« antwortete eine Stimme.

»So sind sie vom Noqer entflohen und haben sich, ehe der Eingang geschlossen wurde, in die Seribah geschlichen, um Abd el Mot zu ermorden. Sie sind noch in der Umzäunung. Eilt an die Thore und besetzt dieselben, damit die Mörder nicht hinaus können! Aber ruft alle Hunde herein, welche uns die Flüchtigen aufspüren werden!«

Infolge dieses Befehls rannte alles nach den Eingängen. Abd el Mot war natürlich erwacht. Er kam aus dem Zelte, um sich nach dem Grunde der großen Aufregung zu erkundigen. Der Unteroffizier erstattete ihm Bericht, und der »Diener des Todes« erteilte der Anordnung desselben seine Zustimmung.

So kam es, daß die ganze Bevölkerung der Seribah sich an den Eingängen versammelte und die beiden Neger das Loch ungehindert erreichen konnten. Lobo wollte durch dasselbe schnell hinaus in das Freie kriechen; aber der schlaue Tolo hielt ihn zurück und sagte:

»Halt, warte! Hörst du nicht, daß man den Hunden ruft und pfeift? Gehen wir jetzt hinaus, so treffen wir auf diese Tiere, welche uns zwar vielleicht nichts thun, aber uns sicher verraten werden. Wir müssen warten, bis sie alle herein sind.«

Lobo sah die Wahrheit dieser Worte ein und blieb stehen. Die beiden hörten mehrere Hunde an dem Loche vorüber und nach dem nächsten Thore rennen. Dort erklang der Befehl Abd el Mots:

»Bindet sie an Leinen, damit sie uns führen können! Und bringt sie an meine Hütte, auf die Spur der Neger!«

»Jetzt ist es Zeit!« flüsterte Tolo. »Schnell hinaus und fort!«

»Die Hunde werden das Loch finden,« antwortete Lobo, »und die Verfolger auf unsre Fährte bringen. Könnten wir reiten, so würden unsre Füße den Boden nicht berühren und die Hunde verlören unsre Spur.«

»Reiten ist unmöglich.«

»Warum nicht? Draußen in der Murrah stehen Pferde und auch Kamele.«

»Aber die Wächter sind bei ihnen; diese Leuten haben den Lärm vernommen und werden sehr aufmerksam sein.«

»Überfallen wir sie!«

»Nein. Es sind ihrer zu viele für uns und wir haben nur ein Messer. Und selbst wenn es uns gelänge, sie zu überwältigen, würde dabei so viel Zeit vergehen, daß die Hunde bei uns wären, ehe wir die Pferde hätten. Wir müssen laufen.«

Sie krochen hinaus und rannten davon, an der Murrha vorüber und in der Richtung, in welcher ihre Heimat lag, in die Nacht hinein.

Als sie glaubten, daß das Loch schnell entdeckt werden würde, hatten sie sich geirrt. Es waren über zwanzig Hunde vorhanden, welche nach dem Tokul Abd el Mots geführt wurden. Dort gab es eine Menge von Spuren, und jetzt wurden dazu so viel neue gemacht, daß es für die Tiere ganz unmöglich gewesen wäre, die richtige zu entdecken. Aber die Hunde verstanden überhaupt gar nicht, um was es sich handelte. Man richtete ihre Nasen zwar auf die Erde, aber man konnte ihnen nicht begreiflich machen, welche Aufgabe man ihnen stelle. Sie suchten im Kreise umher und wollten in den verschiedensten Richtungen davon.

»So geht es nicht,« sagte Abd el Mot. »Sie wissen nicht, wen sie suchen sollen. Wir müssen es ihnen zeigen.«

»Das können wir nicht,« sagte ein alter Tschausch, welcher Befehlshaber über hundert war. »Etwas zu zeigen, was man selbst weder sieht noch weiß, ist unmöglich.«

»Dein Bart ist weiß, aber deine Gedanken sind dunkel,« antwortete der Kommandant. »Die Neger sind vom Schiffe entflohen; dort ist der richtige Ort, den Hunden zu zeigen, was wir wollen. Ich werde selbst gehen und nehme nur den meinigen mit; er ist der beste von allen. Schafft das Boot an das Wasser, doch nicht auf dem Pfade, den die Neger wahrscheinlich gekommen sind! Ihr würdet sonst mit euren Füßen die Fährte verderben. Ich werde euch führen.«

Er nahm seinen Hund an der Leine und schritt dem Haupteingange zu, wo das Boot lag. Sechs Männer nahmen es auf ihre Schultern und folgten ihm. Er wählte einen schmalen Pfad, welcher oberhalb desjenigen, welcher direkt nach dem Schiffe führte, durch den Wald an das Wasser ging. Als sie das Ufer erreicht hatten, wurde das Boot ins Wasser gesetzt und Abd el Mot stieg mit dem Hunde und zwei Männern, welche rudern sollten, ein. Die andern konnten zurückgehen.

Beim Noqer angekommen, stieg der Kommandant an Bord und ließ sich den Hund heraufheben; die Ruderer durften das Schiff nicht betreten, um die Fährte nicht zu verwischen.

Der gut dressierte Hund blieb bei seinem Herrn stehen, der das Verdeck überschaute, was ihm der helle Sternenschimmer erlaubte. Es war kein Mensch zu sehen. Abd el Mot rief den Namen des Wächters, empfing aber keine Antwort. Er rief die beiden Neger, doch mit demselben Mißerfolge. Der Hund bewegte die Ohren, richtete den Kopf zu seinem Herrn empor und stieß die Luft leise pfeifend durch die Nase.

»Du weißt etwas? Du hast etwas gehört? Führe mich!« forderte Abd el Mot das Tier auf, indem er die Leine lockerte

Das Tier zog ihn an derselben unter das Verdeck bis hin zur Stelle, wo der Wächter lag. Der Araber beugte sich zu demselben nieder, um ihn zu betasten, zog ihm den Knebel aus dem Munde, ohne ihm aber die Stricke zu lösen, und fragte mit vor Zorn bebender Stimme:

»Wer hat dich überwältigt und hierher gebracht?«

»Die Neger. Amahn, amahn!«

»Wo sind dieselben?«

»Jedenfalls entflohen. Ich kann nicht dafür. Sie überfielen mich von hinten und ohne daß ich es ahnen konnte. Du wirst es mir verzeihen!«

Er kannte die Strenge seines Vorgesetzten; seine Stimme zitterte vor Angst. Abd el Mot antwortete nicht und fragte auch nicht weiter. Er nahm den gefesselten Mann auf die Schulter und trug ihn hinauf auf das Deck.

»Um Allahs und des Propheten willen, verzeihe mir!« schrie der Wächter, welcher aus dem Verhalten des Kommandanten schloß, was dieser beabsichtigte.

»Allah und der Prophet mögen dir gnädig sein, ich habe nichts dagegen,« antwortete dieser; »aber mich darfst du nicht um Verzeihung bitten. Wer meinen Befehlen nicht gehorcht und seinen Dienst vernachlässigt, den kann ich nicht brauchen. Hast du die Sklaven über Bord gelassen, so sollst du zur Strafe denselben Weg nehmen!«

Der Mann wand sich vergebens in den Armen des Arabers, um sich los zu machen, und flehte mit vor Todesangst kreischender Stimme:

»Sei gnädig, Herr, denn auch du wirst einst von Gott Gnade verlangen!«

»Schweig, Hund, und fahre zur Hölle!«

Er warf ihn über Bord und blieb dann mit vorgebeugtem Körper stehen, um zu sehen, wie der Mann im Wasser verschwand. Nach wenigen Augenblicken tauchte derselbe für kurze Zeit wieder auf und brüllte, indem er das in den Mund gedrungene Wasser von sich sprudelte:

»Allah jilanak kullu abadli – Gott verdamme dich in alle Ewigkeit!«

»Ma‘ assalahme ia kelb – gehab‘ dich wohl, du Hund!« lachte der Araber ihm höhnisch nach.

Er sah zwei Furchen, welche sich blitzschnell der Stelle näherten, an welcher der Unglückliche wieder am Versinken war; sie wurden von zwei Krokodilen gezogen, die durch das Geräusch, welches der fallende Körper im Wasser hervorgebracht hatte, aufmerksam geworden waren. Sie schnappten zu gleicher Zeit nach ihm – ein entsetzlicher Schrei, und die gierigen Ungeheuer verschwanden mit seinem zerrissenen Körper in der Tiefe.

Das noch größere Ungeheuer droben auf dem Deck aber murmelte befriedigt:

»Wer meinen Befehl nicht befolgt, muß sterben. Nun jetzt zu der Spur!«

Er führte den Hund nach der Stelle, an welcher die Neger gearbeitet hatten, und drückte ihm da den Kopf nieder, indem er ihm gebot:

»Dauwir, fattisch – such, such!«

Der Hund fuhr mit der Nase am Boden hin, sog, sich erhebend, die Luft ein und stieß ein kurzes, scharfes Bellen aus.

»Du hast es? So komm!«

Er ging mit ihm nach dem Schiffsrande, hob ihn in den Kahn, stieg selbst nach und gebot den beiden Wartenden, nun nach dem Hauptwege, den sie vorhin vermieden hatten, zu rudern.

Die zwei Untergebenen waren Zeugen des Todes ihres Kameraden gewesen, doch fühlten sie nicht das geringste Mitleid mit demselben. Derartige Bestrafungen eines Soldaten waren für sie ganz gewöhnliche Ereignisse.

Als sie am Ufer ausgestiegen waren, nahm Abd el Mot den Hund fest an die Leine und ließ ihn suchen. Das Tier stieß schon nach einigen Augenblicken jenen Laut aus, welcher sagen soll, daß es sich auf der Fährte befände, und drängte mit allen Kräften vorwärts.

»Jetzt haben wir den Anfang,« sagte der Araber. »Der Hund ist vortrefflich und wird die Spur nicht verlieren. Das Ende wird der Tod der beiden Burschen sein.«

Der Hund zog so stark an der Leine, daß sein Herr alle Kraft aufwenden mußte, sie sich nicht aus der Hand reißen zu lassen. Fast im Trabe ging es das steile Ufer hinauf, durch den schmalen Wald und dann genau nach der Stelle, in welcher sich das Loch in der Umzäunung befand. Erst wollte der Hund hindurchkriechen; aber er besann sich, wendete sich wieder zurück und stieg dann, laut bellend und sich kaum halten lassend, an der Leine empor, um nach der freien Ebene, wohin die Neger geflohen waren, durchzubrechen.

In der Seribah hatte man indessen alle Feuer wieder angeschürt, und der Schein derselben fiel auf das Loch, so daß dasselbe deutlich zu erkennen war.

»Hier haben sie sich hindurchgearbeitet,« sagte Abd el Mot. »Und hier sind sie auch wieder heraus. Während wir suchten, haben sie Vorsprung gewonnen; aber es soll ihnen nichts helfen. Wir werden sie schneller ereilen, als sie es vermuten können.«

Er schritt nach dem Haupteingange, wobei er Mühe hatte, den Widerstand des Hundes, welcher den Flüchtigen nach wollte, zu bemeistern. Dort standen sämtliche Bewohner der Seribah. Er teilte ihnen das Resultat seiner Nachforschung mit und gebot dann den Unteroffizieren, vorzutreten, um seine Befehle zu empfangen.

»Herr,« sagte der bereits erwähnte alte Feldwebel, »dein Wille muß der unsrige sein und wir dürfen es nicht wagen, dir etwas vorzuschreiben; aber ich meine, daß sofort so viele Männer, als Pferde da sind, mit dem Hunde aufbrechen müssen, um die Neger schnell einzuholen. Beeilen wir uns weniger, so entkommen sie vielleicht nach Ombula und benachrichtigen die Leute dort von unsrem beabsichtigten Überfall.«

»Deinem Alter will ich es verzeihen, daß du mir Vorschläge machst,« antwortete Abd el Mot in scharfem Tone; »ein andermal aber wartest du, bis ich dich frage! Das mit den Reitern habe ich schon beschlossen, ehe du daran denken konntest. Aber meinst du vielleicht, daß ich ihnen befehlen werde, nach hier zurückzukehren, wenn sie die Neger ergriffen haben? Dann müßten sie von neuem mit uns aufbrechen, und den Pferden, welche uns kostbar sind, dürfen wir eine solche Anstrengung nicht auferlegen. Die Ghasuah ist beschlossen; ob sie gleich jetzt beginnt oder erst am Morgen, das kann euch gleichgültig sein. Ich will beim Fang der Neger selbst zugegen sein. Ebenso notwendig aber ist meine Anwesenheit beim Aufbruche des Zuges von hier. Also rüstet euch! In einer Stunde muß jeder zum Abmarsche fertig sein. Du aber wirst zur Strafe dafür, daß du mir Gesetze vorschreiben wolltest, nicht an dem Zuge teilnehmen, sondern als Befehlshaber der fünfzig Mann, die ich zum Schutze der Seribah auslosen werde, hier zurückbleiben.«

Für einen Sklavenjäger, und gar einen Feldwebel derselben, konnte es gar keine größere Strafe geben. Natürlich muß, wenn eine Ghasuah unternommen wird, eine Abteilung zum Schutze der Seribah zurückbleiben. Diese Leute erhalten zwar ihre Löhnung, doch ist ihnen die Gelegenheit entzogen, sich beim Überfalle des betreffenden Negerdorfes privatim zu bereichern. Aus diesem Grunde will keiner zurückbleiben, und es ist also der Gebrauch, das Los entscheiden zu lassen, und zwar nicht nur in Beziehung auf die gewöhnlichen Soldaten, sondern auch hinsichtlich der Chargierten. Hier nun sollte der Feldwebel verzichten, ohne durch das Los dazu bestimmt worden zu sein. Das hielt er für eine Ungerechtigkeit, die er sich nicht gefallen zu lassen brauchte, zumal es gar nicht seine Absicht gewesen war, Abd el Mot einen Befehl zu erteilen. Er hatte sich infolge seines höheren Alters, seiner großen Erfahrung und seines Ranges nicht für unberechtigt gehalten, eine Meinung auszusprechen, welche nicht einmal mit derjenigen seines Vorgesetzten in Widerspruch gestanden hatte. Darum sagte er, doch in ganz ruhigem Tone:

»Herr, ich sage dir, und Allah ist mein Zeuge, daß ich dich nicht beleidigen wollte. Ich bin mir keiner Schuld bewußt und habe diese Strafe nicht verdient. Du kannst meine Wangen nicht dadurch mit Schamröte überziehen, daß du mich vor den Hundert, die mir untergeordnet sind, erniedrigst!«

»Schweig!« donnerte ihn Abd el Mot an. »Sind dir etwa die Gesetze, nach denen in jeder Seribah gehandelt wird, nicht bekannt? Ich kann dich töten, sobald du mir widersprichst!«

»Das wirst du nicht thun, denn du weißt recht gut, daß ich der erfahrenste und kühnste deiner Leute bin. Durch meinen Tod würdest du dich um den brauchbarsten Mann der Seribah bringen, was ein Schade für euch alle wäre. Und was Abu el Mot, der Herr und erste Kommandant, dazu sagen wurde, das weißt du nicht.«

Er hatte das zwar in bescheidenem Ton, doch mit gewissem Selbstbewußtsein gesprochen. Abd el Mot gab innerlich die Wahrheit des Gesagten zu, doch hielt er es nicht für rätlich, solche Worte zu dulden. Darum antwortete er:

»Zu töten brauche ich dich zwar nicht; aber ich kann dich bestrafen, ohne daß du uns deine Dienste entziehen darfst. Du bist von diesem Augenblicke an nicht mehr Tschausch, sondern gewöhnlicher Soldat und bleibst als Gefangener auf der Seribah zurück. Nun kann das Los darüber entscheiden, welcher Unteroffizier hier während unsrer Abwesenheit das Kommando erhält.«

Das Urteil brachte den alten Feldwebel um die bisher bewahrte Ruhe.

»Was?« rief er zornig aus. »Ich soll gemeiner Asaker werden und sogar gefangen sein? Das wird Allah wohl verhüten! Noch gibt es hier Leute, welche es mit mir halten und mich nicht verlassen werden!«

Er sah sich stolz und auffordernd im Kreise herum. Ein leises Murmeln, welches sich vernehmen ließ, schien seinen Worten recht zu geben. Da zog Abd el Mot seine beiden Pistolen hervor, spannte die Hähne und drohte:

»Die Kugel dem, der mir zu widerstreben wagt! Bedenkt, wenn ein Tschausch fällt, so rücken andre nach ihm auf. Wollt ihr euch dieses Avancement entgehen lassen? Soll ich diejenigen, welche ihm helfen wollen, auch in Ketten legen? Nehmt ihm den Säbel und die Pistole ab und bindet ihn!«

»Mich entwaffnen und binden?« schrie der Tschausch. »Lieber will ich sterben. Schieß also zu, wenn du —«

Er hielt inne. Er hatte den Säbel aus der Scheide gezogen und ihn drohend gezückt; aber es schien ihm plötzlich ein andrer Gedanke gekommen zu sein. Er senkte die Klinge, strich sich mit der linken Hand langsam über das bärtige Gesicht, vielleicht um den momentanen Ausdruck desselben nicht sehen zu lassen, und fuhr in ergebenem Tone fort:

»Verzeihe, Herr! Du hast recht, denn du bist der Vorgesetzte, und ich habe zu gehorchen. Mache mich immerhin zum gewöhnlichen Soldaten! Ich werde mich doch bald so auszeichnen, daß ich wieder aufwärts rücke. Allah ist groß und weiß am besten, was geschehen soll.«

Diese letzten Worte enthielten eine versteckte Drohung, was aber Abd el Mot nicht bemerkte. Er nahm dem Tschausch selbst die Waffen ab und sagte:

»Danke es deinem Alter und meiner Gnade, daß ich mit deiner Ergebung einverstanden bin! Du hast den Säbel gegen mich gezogen und bist also des Todes schuldig. Dennoch will ich dir verzeihen. Ich schenke dir das Leben; im übrigen bleibt es bei dem Urteile, welches ich ausgesprochen habe. Führt ihn in das Gefängnis und bindet ihn dort an, damit er nicht entfliehen kann!«

Dieser Befehl war an zwei Unteroffiziere gerichtet, welche sofort gehorchten. Sie nahmen den Tschausch zwischen sich, um ihn abzuführen, und er ging ohne Widerstreben mit ihnen. Die Hoffnung auf Avancement hatte ihre Wirkung auf die Leute nicht verfehlt.

Nun begaben sich alle nach dem Tokul des Befehlshabers, wo unter Anrufung des Propheten und aller heiligen Kalifen die Lose gezogen wurden. Die fünfzig Mann und der Unteroffizier, welche von denselben getroffen wurden, ergaben sich schweigend, aber innerlich zornig in ihr Schicksal, die übrigen rüsteten sich zum Aufbruche, nachdem der Fakir erklärt hatte:

»Ein jeder gläubige Moslem tritt jede Reise zur Zeit des heiligen Asr an. Nachdem es aber Allah gefallen hat, uns zu erlauben, schon am Morgen aufzubrechen, ist es keine Sünde gegen ihn, schon nach einer Stunde auszuziehen, da die Mitternacht vorüber und es dann auch schon Morgen ist. Sein Name sei gelobt!«

Es waren an dem beabsichtigten Zuge weit über vierhundert Personen beteiligt, welche in zwei Abteilungen zerfallen sollten. Die erste bestand aus denjenigen Leuten, welche mit den vorhandenen Pferden beritten gemacht werden konnten. Ihr sollte die Aufgabe zufallen, voranzueilen und die beiden Neger zu fangen, um dann auf die zweite Abteilung zu warten, welche teils auf Reitochsen, denen das Klima nichts anhaben kann, teils zu Fuß nachfolgen sollte. Den ersten Trupp befehligte Abd el Mot selbst. Das Kommando des zweiten sollte derjenige Unteroffizier führen, welcher in die Stelle des abgesetzten Feldwebels aufgerückt war.

Nach einer Stunde hielten die beiden Abteilungen vor der Seribah, vor ihnen der Fahnenträger mit der heiligen Barakha in der Hand. So unmenschlich der Zweck einer Ghasuah ist, so wird doch niemals eine solche unternommen, ohne daß man vorher um den Schutz und Segen Gottes bittet, ganz ähnlich wie man früher in den Kirchen mancher Küstenorte mit lauten Gebeten um einen »gesegneten Strand« bat. Der Fakir, der das Amt des Geistlichen und zugleich des Rechnungsführers verwaltete, stellte sich neben dem Fahnenträger vor der Front auf, erhob die beiden Arme und rief mit lauter Stimme:

»Hauehn aaleïna ia rabb, Salam aaleïna be barakkak – hilf uns, o Herr, begnadige uns mit deinem Segen!«

Diese Worte wurden von dem ganzen Corps unisono wiederholt. Der Fakir fuhr fort:

»Hafitsina ia mobarek ia daaim – segne uns, o Gesegneter, o Unsterblicher!«

Auch dies wurde einstimmig nachgesprochen. Der erste Ausruf war an Gott und der zweite an Mohammed gerichtet. Dann folgten die vor dem Gebete jeder Sure vorgeschriebenen Worte:

»Be issm lillahi er rahmaan er rahiim – im Namen des allbarmherzigen Gottes!«

Hierauf wurde die erste Sure des Korans, die heilige Fathha gebetet, worauf die hundertsechsunddreißigste Sure folgte, welche von Mohammed den Namen »Herz des Korans« erhielt und seitdem von jedem Moslem so genannt wird. Man betet sie im Angesichte jeder Gefahr, und man liest sie den Sterbenden, wenn sie in den letzten Zügen liegen, vor. Sie ist ziemlich lang; ihr Schluß lautet:

»Der Ungläubige bestreitet die Auferstehung; er stellt Bilder an Gottes Stelle und vergißt, daß er einen Schöpfer hat. Er spricht: ‚Wer soll den Gebeinen wieder Leben geben, wenn sie dünner Staub geworden sind?‘ Wir aber antworten: ‚Der wird sie wieder beleben, der sie auch zum erstenmal in das Dasein gerufen.‘ Sollte der, welcher Himmel und Erde geschaffen, nicht die Kraft besitzen, Tote wieder lebendig zu machen? Sicherlich, denn er ist ja der allweise Schöpfer. Sein Befehl ist, so er etwas will, daß er spricht: ‚Es werde!‘ und es ist. Darum Lob und Preis ihm, in dessen Hand die Herrschaft aller Dinge ist. Zu ihm kehret ihr einst zurück!«

Es dauerte sehr lange, ehe diese Sure vorgesprochen und nachgebetet worden war. Als die letzten Worte verklungen waren, hatte sich der Osten gelichtet und die ersten Strahlen der Sonne zuckten empor. Nun durfte man nicht eher fort, als bis el Fager, das für die Zeit des Sonnenaufgangs vorgeschriebene Morgengebet, gesprochen worden war. Dann erhoben sich die Knieenden, um abzuziehen.

Zuerst bestieg Abd el Mot mit den Seinigen die Pferde. Er ritt voran mit seinem Hunde, welcher mit langer Leine an den Sattelriemen gebunden war und die Spur mit Eifer wieder aufgenommen hatte. Die Reiter flogen wie im Sturmwinde gegen Süden.

Die zweite Abteilung folgte langsam, voran der Fahnenträger mit der jetzt in ein Tuch gewickelten Barakha. Sie nahmen mit Gewehrsalven Abschied, welche von der zurückbleibenden Besatzung erwidert wurden. Diese Salven sind stets scharf, wie man auch Trupps, denen man unterwegs begegnet, nur mit scharfen Schüssen begrüßt, eine Munitionsverschwendung, von welcher man nicht lassen mag, weil die Sitte es erfordert.

Die Besatzung blieb vor der Einfriedigung, bis die Fortziehenden nicht mehr zu sehen waren. Sie befand sich in einer keineswegs freundlichen Stimmung. Es entging ihr der zu erhoffende Raub, und sie hatte dafür nicht einmal das Bewußtsein, der Mühen des Marsches und der Gefahren des Kampfes enthoben zu sein. Arbeit gab es nun in der Seribah mehr als genug. Was vorher fünfhundert gethan hatten, das mußte nun von nur fünfzig geschehen, und auch Gefahr war jederzeit vorhanden, da Seriben, deren größter Besatzungsteil sich auf einem Sklavenzuge abwesend befindet, von den anwohnenden Völkern oft überfallen werden. Es gab also mehr als doppelte Arbeit und Wachsamkeit.

Daher war es gar kein Wunder, daß hie und da ein unwilliges Wort laut wurde, unwillig über die Ungerechtigkeit des Loses und unwillig auch über die allzu große Strenge des Befehlshabers. Dieser war nur Stellvertreter des eigentlichen Herrn, Abu el Mots, in dessen Abwesenheit er sich stets so gebärdete, als ob er größere Macht besitze, als eigentlich der Fall war. Darum war er nicht bloß gefürchtet, sondern, was viel schlimmer ist, auch unbeliebt und von den meisten gehaßt. Der alte Feldwebel hingegen verstand es besser, diejenigen, deren Rang er früher auch eingenommen hatte, richtig zu behandeln. Er war streng, doch nicht grausam; er hielt auf seine Würde, doch ohne sich zu überheben. Darum war er beliebt, und darum hatten vorhin, als er gefangen genommen werden sollte, viele leise zu murren gewagt.

Der mit zurückgebliebene Unteroffizier bemerkte gar wohl die Stimmung seiner Leute; er hörte auch ihre halblauten Worte, sagte aber nichts dagegen. Er selbst war außerordentlich ärgerlich. Er hatte sich von seiten des Feldwebels stets einer freundlichen Behandlung zu erfreuen gehabt; darum fühlte er Teilnahme mit demselben. Er war bei der Degradation des Alten ruhig geblieben, weil er gehofft hatte, in seine Stelle aufzurücken. Dies aber war nicht geschehen. Abd el Mot hatte ihm einen andern vorgezogen, obgleich er meinte, größeres Anrecht zu besitzen. Kein Wunder, daß er sich nun doppelt unzufrieden fühlte und mit den Ansichten seiner Untergebenen einstimmte, aber ohne es ihnen merken lassen zudürfen.

Er mußte schweigen, nahm sich aber vor, seinem Unmute gegen Abd el Mot dadurch Luft zu machen, daß er den Feldwebel so gut wie möglich behandelte und ihm seine Gefangenschaft nach Umständen erleichterte. Er ließ Kisrah backen und am Flusse Fische fangen, welche gebraten wurden. Jeder erhielt von diesen Gerüchten[Gerichten] sein Teil. Dann begab er sich mit einer tüchtigen Portion nach dem Tokul, welcher als Gefängnis diente.

Dieser bestand nicht etwa aus starken Steinmauern, um das Entweichen zu verhindern; o nein, man hatte sich die Sache viel leichter gemacht, indem ein doppelt mannstiefes Loch gegraben worden war, in welches man die Missethäter hinabließ. Darüber befand sich ein Schilfdach, aber nicht etwa zur Erleichterung für die Gefangenen, damit sie nicht von den glühenden Sonnenstrahlen der hochstehenden Sonne getroffen werden sollten, sondern aus Rücksicht auf die Schildwache, welche die Eingekerkerten zu beaufsichtigen hatte. Da dieses Loch niemals gereinigt worden war, so mußte der Aufenthalt in demselben als selbst des rohesten Menschen unwürdig bezeichnet werden.

Gegenwärtig befand sich der Feldwebel allein darin. Der Wächter ging, als er den Unteroffizier kommen sah, respektvoll zur Seite.

»Hier bringe ich dir ein Essen,« rief der letztere hinab. »Kisrah und gebratene Fische, was sonst kein Gefangener bekommt. Später lasse ich Merissah machen; da sollst du auch einen Topf voll bekommen.«

Der Feldwebel stand bis an die Knie in halb verwestem Unrat.

»Allah vergelte es dir,« antwortete er, »ich habe aber keinen Appetit.«

»So hebe es dir auf!«

»Wohin soll ich es thun? Ist das ein Ort, Speise aufzubewahren?«

»Zu diesem Zweck ist die Grube freilich nicht bestimmt. Soll ich dir das Gericht in eine Decke wickeln?«

»Ja, und – ich kenne dich. Allah hat dir ein gutes und dankbares Herz gegeben. Habe ich dich jemals streng behandelt?«

»Nein.«

»Kannst du mir vorwerfen, daß ich dich jemals beleidigt oder übervorteilt habe?«

»Das hast du nie.«

»So verdiene dir den Segen des Propheten, indem du mir eine Gnade erweisest!«

»Was soll ich thun?«

»Ziehe mich hinauf und erlaube mir, oben bei dir zu essen. Dann kannst du mich wieder herunterlassen.«

»Das darf ich nicht.«

»Wer kann es dir verbieten? Du bist doch jetzt der Herr der Seribah. Oder glaubst du, nicht thun zu dürfen, was dir beliebt?«

Der Buluk fühlte sich bei seiner Ehre angegriffen; darum antwortete er:

»Ich bin der Kommandant. Was ich will, das muß geschehen.«

»So mangelt es dir an gutem Willen. Das hätte ich nicht gedacht.«

»Es ist zu gefährlich. Wie leicht kannst du mir entfliehen!«

»Entfliehen? Das ist doch ganz unmöglich. Ich habe keine Waffen; du kannst mich sofort niederschießen. Und deine fünfzig Männer werden wohl hinreichend sein, mich an der Flucht zu hindern.«

»Das ist wahr,« meinte der Buluk nachdenklich.

»Auch darfst du nicht vergessen, daß ich nicht für immer hier stecke. Abu el Mot weiß meine Dienste zu schätzen, und wenn er zurückkehrt, werde ich sehr rasch wieder Feldwebel sein.«

»Das denke ich auch,« gab der Unteroffizier aufrichtig zu.

»Dann kann ich es dir vergelten, wenn du mir die Gefangenschaft jetzt ein wenig erleichterst. Ich denke also, daß du mir die kleine Bitte erfüllen wirst.«

»Gut, ich werde es wagen. Aber meine Pflicht muß ich thun, und du darfst es mir nicht übel nehmen, wenn ich der Schildwache befehle, sich bereit zu halten, dich sofort niederzuschießen, falls du dich mehr als zwei Schritte von dem Rande der Grube entfernst.«

»Thue es! Es ist deine Pflicht, und du thust sehr wohl daran, sie zu erfüllen.«

Während der Buluk zu dem Posten trat, um ihm den betreffenden Befehl zu erteilen, strich sich unten der Tschausch befriedigt über den Bart und murmelte:

»Das war nur die Probe, und er hat sie bestanden. Allah wird ihn erleuchten, auch auf meine ferneren Vorschläge einzugehen. Ich werde in dieses Loch nicht wieder zurückkehren, und dieser Abd el Mot, den Allah vernichten möge, wird keinen Feldwebel wieder zum gemeinen Soldaten erniedrigen!«

Jetzt erschien der Buluk wieder oben in Gemeinschaft des Postens. Sie ließen ein Seil herab, an welchem der Tschausch emporkletterte. Oben angekommen, setzte er sich nieder und machte sich sogleich über sein Essen her. Die Schildwache zog sich außer Hörweite zurück, hielt aber das Gewehr zum Schusse bereit. Der Unteroffizier setzte sich vor dem Gefangenen nieder, sah ihm mit Vergnügen zu, wie es ihm schmeckte, und sagte:

»So lange ich hier kommandiere, sollst du ebensoviel und ebensogut essen, wie bisher. Ich hoffe, daß du es mir danken wirst!«

»Das werde ich gewiß. Ich weiß, daß ich es kann, denn ich werde später selbst Herr einer großen Seribah sein und sehr einträgliche Sklavenzüge unternehmen.«

»Du?« fragte der Buluk erstaunt.

»Ja, ich!« nickte der andre.

»Hast du das Geld dazu?«

»Geld? Braucht man da Geld?«

»Viel, sehr viel Geld, großes Vermögen, so wie Abu el Mot es hat.«

»Hm! Meinst du, daß er dieses Vermögen stets besessen hat?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber ich weiß es. Ich diene ihm über noch einmal so lang als du und kenne seine ganze Vergangenheit.«

»So bist du der einzige. Niemand weiß genau, woher er stammt und was er war.«

»Ein Homr-Araber ist er, und sehr arm war er. Er befand sich als gewöhnlicher Soldat bei einem Sklavenjäger und brachte es da, gerade so wie ich, bis zum Tschausch.«

Das war die Unwahrheit, aber es lag in dem Plane des Alten, den Buluk durch diese erfundene Erzählung zu gewinnen.

»Arm war er?« meinte dieser. »Und auch nur erst Buluk und Tschausch, so wie du und ich?«

»Ja, nichts andres.«

»Aber wie brachte er es dann zu dieser großen Seribah?«

»Auf eine ebenso einfache wie leichte Weise. Sein Herr hatte ihn einmal sehr beleidigt und dafür schwor er ihm Rache. Als dann später der Herr eine Ghasuah unternahm, traf es sich, daß er Abu el Mot als Kommandant der Seribah zurückließ.«

»Also ganz mein jetziger Fall!«

»Ja. Aber du wirst nicht die Klugheit besitzen, welche Abu el Mot und sein Buluk damals entwickelt haben.«

»Er hatte auch einen Buluk bei sich?«

»Freilich. Du kennst ihn ja!«

»Ich? Ich weiß von nichts.«

»Ach so! Ich vergaß, daß du die Geschichte gar nicht kennst. Sein damaliger Buluk ist noch jetzt bei ihm, und zwar als zweiter Befehlshaber.«

»Etwa Abd el Mot?«

»Ja. Beide haben damals den Streich gespielt, welcher sie reich gemacht hat.«

»Was thaten sie?«

»Etwas, worauf eigentlich jeder Unteroffizier kommen kann, welcher zurückgelassen wird und auf die Beute verzichten muß. Sie warteten, bis der Herr fort war, plünderten die Seribah aus, brannten sie nieder und zogen mit dem vorhandenen Vieh und allem, was mitgenommen werden konnte, nach Süden, hierher, wo sie diese Seribah gründeten und das Geschäft für ihre eigene Rechnung begannen.«

»Allah ‚l Allah! Mein Verstand ist weg!« rief der Buluk aus, indem er den Mund aufriß und die Augen fast ebenso weit.

»Das ist sehr bedauerlich für dich,« bemerkte der Tschausch. »Wenn dein Verstand entflohen ist, so wirst du niemals reich werden.«

»Ich – reich? – Wer hat jemals daran gedacht!«

»Du nicht?«

»Nie! Wer soll sich das Unmögliche als möglich denken!«

»Allah ist allmächtig; ihm ist alles möglich, und wen er mit seiner Gnade beglücken will, der braucht nur zuzugreifen, falls er Hände hat. Du aber scheinst keine zu haben.«

»Ich – ich habe doch welche, zwei sogar!«

»Aber du gebrauchst sie nicht!«

»Soll ich etwa zugreifen?«

»Natürlich!«

»Jetzt?«

»Ja. Es wird sich dir nie wieder eine solche Gelegenheit bieten, schnell reich zu werden.«

Der Buluk erfüllte als Unteroffizier seine Pflichten zur Zufriedenheit; aber besonders glänzende Geistesgaben besaß er keineswegs. Er saß vor dem Tschausch, als ob er gelähmt sei, ihn groß und fast verständnislos anstarrend.

»Allah akbar!« stieß er langsam hervor. »Habe ich recht gehört? Ich soll es machen wie diese beiden?«

»Nicht du allein, sondern ich und du.«

»Das – ist doch – gar nicht auszudenken!«

»So gib dir Mühe, es zu begreifen! Aber versäume nicht die gute Zeit. Abu el Mot kann jeden Augenblick zurückkehren. Dann ist es zu spät, und die Gelegenheit wird niemals wieder vorhanden sein.«

»Sprichst du denn wirklich im Ernste?«

»Ich schwöre dir bei Allah und dem Propheten, daß ich nicht scherze.«

»Und du meinst, daß es wirklich auszuführen ist?«

»Ja, denn Abu el Mot und sein Buluk haben es auch fertig gebracht. Denke doch an alles, was sich hier befindet, an die Waffen und die viele Munition, an die Kleider und Gerätschaften, an die Handelsgegenstände und Vorräte, welche wir, wenn wir etwas davon kaufen, von unsrem armen Solde zehnfach teurer bezahlen müssen! Denke ferner an die Rinder, welche wir bewachen müssen. Überlege dir, welch einen Wert das alles hat! Weißt du, wieviel Elfenbein wir bei den Negern für eine einzige Kuh eintauschen können?«

»O, das weiß ich schon. In Chartum würden wir dreißig und noch mehr Kühe dafür bekommen.«

»Wir haben über dreihundert Rinder hier. Machten wir es so, wie Abu- und Hamd el Mot[Abd el Mot] es damals gemacht haben, so wären wir mit einem Schlage reiche Männer.«

»Das ist wahr; das ist wahr! Aber es würde eine Sünde sein!«

»Nein, sondern nur eine gerechte Strafe für die beiden. Denke nach! Man darf in solchen Fällen ja keine Zeit verlieren!«

Der Buluk hielt sich den Kopf mit beiden Händen, griff sich an die Nase, an die Brust und die Knie, um zu versuchen, ob er wirklich lebe und existiere, und rief dann aus:

»Allah begnadige mich mit seiner Erleuchtung! Mir ist‘s, als ob ich träume!«

»So wache auf, wache auf, bevor es zu spät wird!«

»Gedulde dich! Meine Seele findet sich nur schwer in eine so ungeheure Sache. Ich muß sie unterstützen.«

»Womit?«

»Ich will mir Tabak für meine Pfeife holen!«

»Auch ich habe einen Tschibuk hier am Halse hängen, aber keinen Tabak.«

»Ich bringe auch für dich welchen mit.«

Er stand auf und eilte fort. Schon war er weit entfernt, da erinnerte er sich an seine Pflicht. Er blieb stehen, drehte sich um und rief zurück:

»Du entfliehst doch nicht? Du hast es mir versprochen!«

»Ich bleibe!« antwortete der Tschausch.

»Bedenke wohl, daß dich die Kugel des Wächters sofort treffen würde, denn du bist mein Gefangener!«

»Ich halte mein Wort! Aber sage keinem, was du von mir gehört hast!«

»Nein; auch würde es mir wohl niemand glauben!«

Er ging weiter. Der Tschausch rührte sich nicht von seiner Stelle. Er hatte die Kisrah und die Fische verzehrt. Jetzt strich er sich mit beiden Händen den grauen Bart und murmelte vergnügte, leise Worte vor sich hin.

Bald kehrte der Buluk wieder. Er hatte seinen Tabakbeutel in der Hand, dem man es ansah, daß er nicht viel enthielt. Der Tabak ist in den Seriben ein teurer Artikel. Dennoch reichte er, als er sich niedergesetzt und seine Pfeife gestopft hatte, auch dem Tschausch hin. Dieser griff hinein, ließ den zu Mehl zerstoßenen und mit weniger wertvollen Pflanzenblättern vermischten Tabak durch die Finger gleiten, machte ein pfiffig bedauerndes Gesicht, begann auch seinen Tschibuk zu stopfen und fragte:

»Wem gehört dieser Tabak?«

»Mir,« antwortete der Buluk verwundert.

»Woher hast du ihn?«

»Hier gekauft natürlich!«

»So hast du vorhin allerdings ganz richtig gesprochen: Dein Verstand ist weg!«

»Wieso?« fragte der Buluk, indem er mit dem Stahle Feuer schlug.

»Hast du keinen andern und bessern Tabak?«

»Nein.«

»O Allah! Hat dir denn Abd el Mot nicht die ganze Seribah übergeben?«

»Ja.«

»Auch die Tukuls[Tokuls] mit den Vorräten?«

»Ja. Ich soll sie wohl verwahren. Es hängen Schlösser vor den Thüren.«

Während nämlich kein Tukul[Tokul] verschlossen ist, sind diejenigen, welche als Magazine benutzt werden, mit hölzernen Thüren und Vorlegeschlössern versehen.

»Aber die Schlüssel hast du doch?« fragte der Tschausch.

»Ja, sie sind mir übergeben worden.«

»So kannst du hinein, wo die Fässer mit dem köstlichsten Tabak stehen, den nur Abu el Mot und Abd el Mot rauchen, und dennoch begnügst du dich mit diesem letzten, schlechten Rest?«

Der Buluk öffnete wieder den Mund, starrte den andern eine ganze Weile an und fragte dann:

»Du meinst —?«

»Ja, ich meine!«

»Allah, wallah, tallah! Es wäre freilich schön, wenn ich meinen Beutel füllen könnte, ohne ihn später bezahlen zu müssen!«

»Nur Tabak? Alles, alles kannst du nehmen, ohne es zu bezahlen. Du vernichtest diese Seribah Omm et Timsah und legst eine andre an.«

»Wo?«

»Im Süden, wo die Waren teurer und die Sklaven billiger sind.«

»Das wäre bei den Niam-niam?«

»Ja. Dort sind geradezu glänzende Geschäfte zu machen.«

Der Buluk rieb sich an den Armen, an den Beinen, an allen Teilen seines Körpers. Es war ihm höchst unbehaglich zu Mute, und doch fühlte er sich dabei so wohl wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er wäre gar zu gern reich geworden, aber nach längerem Nachdenken gestand er aufrichtig:

»Ja, wenn ich deinem Vorschlage folgte, so könnte ich sehr leicht eine Seribah gründen; aber – ich bin nicht klug genug dazu.«

»Du hast ja mich! Ich will doch Teilnehmer werden!«

»Ah ja! Das ist wahr!«

»Übrigens lernt sich so etwas ganz von selbst.«

»Meinst du?«

»Gewiß, du bist ja schon jetzt Kommandant einer ganzen Seribah!«

Da schlug sich der Buluk an die Brust und rief:

»Ja, das bin ich! Bei Allah, das bin ich! Wer das leugnen wollte, den würde ich peitschen lassen!«

»Wenn Abd el Mot dich zum Kommandanten gemacht hat, so weiß er gewiß, daß du der richtige Mann dazu bist. Er kennt dich also weit besser als du selbst.«

»Ja, er kennt mich; er kennt mich ganz genau! Er weiß, daß ich der richtige Mann dazu bin! Also du meinst —?«

»Ja, ich bin überzeugt, daß wir beide in kürzester Zeit die reichsten und berühmtesten Sklavenjäger sein würden.«

»Berühmt, das möchte ich werden,« nickte der Buluk.

»So folge mir! Ich habe dir den Weg dazu gezeigt. Und wenn du noch nicht wissen solltest, welche Vorteile dir erwachsen, falls du auf meinen Vorschlag eingehst, so will ich sie dir deutlich machen und erklären. Komm!«

»Wohin?« fragte der Buluk, als der Feldwebel würdevoll aufstand.

»Zu den Vorräten. Ich will sie dir zeigen und ihren Wert berechnen.«

»Ja, komm!« stimmte der Buluk eifrig bei. »Ich habe die Schlüssel in der Tasche und möchte wissen, wie reich wir sein würden.«

Er ergriff den Tschausch am Arme und führte ihn fort. Der Posten wagte natürlich nicht zu schießen, weil der jetzige Kommandant selbst seinen Gefangenen fortführte.

Die fünfzig Soldaten waren zerstreut, teils in der Seribah selbst, teils draußen bei den Herden beschäftigt. Einige von den ersteren sahen zu ihrem nicht geringen Erstaunen den Buluk mit dem Feldwebel, welchen sie im Gefängnisse wußten, gehen, doch sagten sie nichts. Es war ihnen ganz recht, daß der interimistische Gebieter nicht so streng verfuhr, als er eigentlich sollte. Erst als dieser sich mit seinem Begleiter beim ersten Vorratstukul[Vorratstokul] befand und die Thür desselben schon geöffnet hatte, fiel ihm ein, was er laut seiner Instruktion zu thun hatte.

»w‘ Allah!« fuhr er zornig auf. »Ich lasse den Hund peitschen!«

»Wen?« fragte der Tschausch.

»Den Gefängnisposten.«

»Warum?«

»Weil er dich nicht erschossen hat! Ich habe es ihm doch befohlen!«

»Aber du selbst hast mich ja weggeführt. Er sah also, daß du mir erlaubtest, mich zu entfernen, und so wäre es ein Ungehorsam gegen dich gewesen, wenn er geschossen hätte, nicht nur Ungehorsam, sondern Auflehnung und Aufruhr! Du bist ja der Kommandant!«

»Der bin ich allerdings, und ich will keinem raten, gegen mich aufzurühren! Beim Scheitan, ich würde den Hund totpeitschen lassen, wenn er auf dich geschossen hätte. Jetzt komm herein und zeige mir die Sachen, deren Wert du besser kennst als ich!«

Sie blieben ziemlich lang in dem Tokul; aus diesem gingen sie auch in die übrigen Vorratshäuser. So oft der Buluk aus einem derselben trat, sah man sein Gesicht glückseliger strahlen. Als er das letzte verschlossen hatte, legte er dem Feldwebel die Hand auf die Achsel und sagte:

»Jetzt schwöre mir bei deinem Barte, daß du von dem Gelingen deines Planes vollständig überzeugt bist!«

Der Anblick der reichen Vorräte hatte ihn für den Tschausch vollständig gewonnen.

»Ich schwöre es!« antwortete dieser, indem er die Hand erhob.

»Und du rätst mir wirklich, ihn auszuführen?«

»Ja, das rate ich dir, und wenn du später eine Million Abu Noqtah besitzest, so wirst du mir es Dank wissen, dir diesen Rat gegeben zu haben.«

»Aber wir allein können es doch nicht unternehmen?«

»Wir beide? Nein. Wir müssen unsre Soldaten dazu haben.«

»Werden sie es thun?«

»Ganz gewiß. Dafür laß mich sorgen. Ich werde mit ihnen sprechen.«

»Dann aber werden sie die Beute mit teilen wollen.«

»Darauf gehen wir nicht ein. Es würde jeder gleichviel erhalten, und so hätten wir die Mittel nicht, eine neue Seribah anzulegen. Ich verspreche einem jeden den doppelten Sold, wenn sie uns dienen wollen, und ihnen allen die Beute, welche Abd el Mot zurückbringen wird. Auf diese Weise bleibt uns alles, was sich hier in Omm et Timsah befindet.«

»Die Beute, welche Abd el Mot bringt? Wie kannst du ihnen diese versprechen? Du hast sie ja nicht!«

»Aber ich werde sie haben, denn ich nehme sie ihm ab.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig! Er wird dir doch nicht den Verstand verwirrt haben!«

»Nein, das hat er nicht. Mein Plan geht weiter, als du meinst. Ich werde Abd el Mot entgegenziehen und ihn während seiner Rückkehr überfallen.«

»Deinen eigenen Vorgesetzten!«

»Schweig! Er hat mir meinen Rang genommen und mich in das Gefängnis werfen lassen; das muß er büßen.«

»Aber es sind fünfhundert Krieger bei ihm!«

»Ich verheiße auch ihnen doppelten Sold, und außerdem dürfen sie in Gemeinschaft mit unsern fünfzig Mann die Beute, welche sie in Ombula gemacht haben werden, unter sich teilen. Darauf werden sie ein- und zu mir übergehen. Wer das nicht thut, der wird getötet, oder er mag laufen, wohin er will.«

»Bist du toll? Wenn sie nun alle Abd el Mot treu bleiben wollen, so sind wir verloren. Sie sind uns zehnfach überlegen.«

»Das schadet nichts. Ich weiß schon, in welcher Weise ich ohne alle Gefahr an sie kommen werde. Die Hauptsache ist, daß wir nicht säumen. Abu el Mot will viele Nuehrs anwerben und mitbringen. Trifft er mit diesen hier ein, während wir noch da sind. so ist es aus mit unsrem schönen Plane.«

»Dieser wird überhaupt nicht ausgeführt werden,« meinte der Buluk.

»Warum?«

»Weil er zu gefährlich ist. Du willst weiter gehen, als ich dachte.«

»So ziehst du dich zurück?«

»Ja. Ich wäre sehr gern reich geworden; aber ich sehe ein, daß unser Leben verloren ist. Ich mache nicht mit.«

»So wird mein Plan doch ausgeführt!«

»Von wem?«

»Von mir!«

»Von dir? Das ist ja ganz unmöglich, da du mein Gefangener bist!«

»Ja, der bin ich freilich. Aber ich werde mit deinen Leuten sprechen und bin überzeugt, daß sie mir sofort zustimmen werden. Dann aber wirst du mein Gefangener sein, falls du dich feindlich gegen uns verhältst.«

»Allah, Allah!« rief der Buluk erschrocken. »Du hast mir ja versprochen, nicht zu entfliehen!«

»Ich halte auch mein Wort. Ich habe nicht die mindeste Lust zur Flucht. Ich will vielmehr von hier fortziehen als Sieger, als Besitzer alles Eigentums, aller Herden und auch aller Sklaven, die sich hier befinden und natürlich mitgenommen werden.«

»Du bist ein schrecklich entschlossener Mensch!«

»Ja, entschlossen bin ich, und ich wünschte sehr, daß auch du es wärest. Jetzt ist es noch Zeit für dich. Sage ja dazu, so wirst du Mitbesitzer. Sagst du aber nein, so wirst du ausgestoßen oder darfst höchstens als gewöhnlicher Asaker mit uns gehen. Ich möchte nicht gern hart gegen dich verfahren, muß es aber thun, wenn du mich dazu zwingst. Also entscheide dich schnell! Willst du nichts wagen und von uns ausgestoßen sein, oder willst du mutig auf meinen Plan eingehen, mein Unterbefehlshaber sein und reich werden?«

Der Buluk blickte einige Zeit zur Erde nieder. Dann antwortete er in entschlossenem Tone:

»Nun wohl, ich bin mit dir einverstanden. Ich sehe ein, daß ich es bei dir und auf deine Weise weiter bringen kann als bei Abu el Mot, bei welchem ich höchstens das bleiben werde, was ich jetzt bin, ein armer Buluk. Wir werden Sklaven machen, Tausende von Sklaven, und wenn wir reich genug sind, gehen wir nach Kahira, kaufen uns Paläste und führen ein Leben wie die Gläubigen im Paradiese.«

»Gut, so gib mir die Schlüssel!«

»Muß das sein?«

»Ja, denn ich bin jetzt der Herr von Omm et Timsah.«

Er bekam die Schlüssel zu den Magazinen und ging dann mit dem Buluk, welchem das Herz außerordentlich klopfte, nach der Stelle, an welcher die weithin schallende Trommel an einem Pfahle hing. Auf den Schall derselben mußten alle zu der Niederlassung Gehörigen, sogar die draußen bei den Herden befindlichen Wächter, auf dem Versammlungsplatze in der Mitte der Seribah erscheinen.

Er rührte selbst die Trommel, und binnen wenigen Minuten befanden sich alle zurückgebliebenen Sklavenjäger auf dem Platze. Sie wunderten sich nicht wenig, als sie den gefangenen Tschausch neben dem Buluk stehen sahen. Aber ihre Verwunderung ging noch auf ganz andre Gefühle über, als er zu sprechen begann.

Er stand unbewaffnet vor ihnen, ohne alle Furcht und Sorge, daß sein kühnes Unternehmen mißlingen könne. Er kannte seine Leute. Sie gehörten, wie ja er auch selbst, dem Abschaume der Menschheit an; sie besaßen weder Gefühl noch Gewissen oder Religion, denn was sie von der letzteren hatten, das bestand nur in der Befolgung äußerer Formen, deren Bedeutung sie kaum kannten. Ein abenteuerliches Leben hinter sich und auch vor sich, waren sie an alle Gefahren gewöhnt und schreckten vor nichts zurück, was ihnen irgend einen Vorteil bringen konnte. Sie waren also ganz die Leute, für welche der Plan des alten Feldwebels paßte.

Er schilderte ihnen ihr jetziges, resultatloses Leben, entwickelte ihnen seinen Plan, soweit er dies für nötig hielt, nannte ihnen die Vorteile, welche ihnen derselbe bringen mußte, versprach ihnen, solange sie in seinem Dienste bleiben würden, einen doppelt höheren Sold als denjenigen, den sie jetzt erhielten, und sagte ihnen endlich, daß Abd el Mot die ganze Beute abgenommen werden sollte, um verteilt zu werden. Als er sie dann fragte, ob sie bereit seien, ihm zu dienen, sagten sie dies jubelnd zu. Kein einziger schloß sich aus; kein einziger schien auch nur das allergeringste Bedenken zu hegen. Nur verlangten sie Merissah, um diesen glücklichen Tag feiern und sich berauschen zu können.

Ohne ihnen zunächst eine Antwort zu geben, nahm er sie in Eid. Da kein Fakir oder andrer Geistlicher zugegen war, holte er aus Abu el Mots Tokul einen für solche Zwecke vorhandenen Koran, auf welchen jeder einzelne die rechte Hand zu legen hatte. Ein solcher Schwur war ihnen als Moslemim heiliger als einer, welcher ihnen von einem Imam abgenommen worden wäre. Dann erst, als sie nun fest zu ihm gehörten, versagte er ihnen die Erfüllung ihres Wunsches nach dem betäubenden Getränk.

Er stellte ihnen vor, daß kein Augenblick zu verlieren sei, da Abu el Mot noch heute mit den angeworbenen Nuehr eintreffen könne. Er überzeugte sie von der Notwendigkeit, sofort an das Werk zu gehen, und verhieß ihnen aber für dann, wenn sie sich in genügender Entfernung befänden, nicht nur einen, sondern mehrere Freudentage.

Sie mußten einsehen, daß er recht hatte, und ergaben sich in das Unvermeidliche. Um sie für diese Entsagung zu belohnen, verteilte er eine solche Quantität Tabak unter sie, daß sie auf Wochen hinaus mit dem geliebten Genußmittel versehen waren.

Nun wurden die Waren und alles, was mitgenommen werden konnte, vor die Umzäunung geschafft und die Rinder herbeigeholt, um sie zu beladen. Das war eine lange und schwere Arbeit, die erst gegen Mittag überwältigt war. Dann befestigte man die Sklaven und Sklavinnen, von denen gegen dreißig da waren, mit gebundenen Händen an ein langes Seil, und der Zug war zum Aufbruche bereit.

Jetzt wurde Feuer an die Tokuls gelegt. Der Noqer, welchen Abu el Mot zu seinen Sklavenjagden per Wasser zu gebrauchen pflegte, wurde auch in Brand gesteckt. Die glühende Sonne hatte das Material so vollständig ausgedörrt, daß sich das Feuer mit rasender Schnelligkeit verbreitete, und bald auch den großen, äußeren Dornenzaun ergriff. Es war vorauszusehen, daß die Seribah nach Verlauf einer Stunde in einen glühenden Aschenhaufen verwandelt sein werde. Die große Glut trieb Menschen und Tiere fort. Der Zug bewegte sich in derselben Richtung, in welcher heute früh die Ghasuah nach Süden gezogen war. – —

Die erste Abteilung der letzteren, die Reiter, waren so schnell wie möglich der Fährte der beiden entflohenen Neger gefolgt. Der Fluß machte hier eine bedeutende Biegung nach links, also nach Osten; die Spur führte in fast schnurgerader Linie in eine baumlose Steppe hinein, deren kurzes Gras, von der Sonne verbrannt, wie vom Winde zerstreutes Heu am Boden lag. Der weit sich hinausdehnende Horizont war ringsum durch keinen einzigen erhabenen Punkt markiert.

Die Stapfen der Neger waren auf der harten Erde nicht zu erkennen; aber der Hund war seiner Sache gewiß, und geriet nicht für einen einzigen Augenblick in Unsicherheit.

Stunde um Stunde verrann. Die Strecken, welche man zurücklegte, wurden immer bedeutender, und noch immer war von den Flüchtigen nichts zu sehen. Sie mußten, wenn auch nicht im Galopp, doch immer im scharfen Trabe gelaufen sein, eine ganz außerordentliche Leistung, wenn man bedachte, daß sie einen Zeitvorsprung von nur zwei Stunden gehabt hatten.

Freilich waren die Pferde der Sklavenjäger bei weitem keine Radschi bak. Im Sudan verkommt die beste Pferderasse sehr schnell, teils infolge der Feuchtigkeit zur Regenzeit, mehr noch aber durch die unvernünftige Behandlung seitens der dortigen Völker und der außerordentlichen Stechfliegenplage. Berüchtigt sind die Baudah- und Surrehtafliegen.

Zur heißen Jahreszeit trocknet der Boden so aus, daß die Pferde kein Futter finden. Da ziehen sich die Fliegen an die Flüsse zurück. Dann aber, wenn sich die Vegetation zu regen beginnt, entwickelt sich die Insektenwelt, und besonders die Familie der Dipteren zu einer geradezu entsetzlichen Landplage. Ungeheure Schwärme stechender Mücken und Fliegen erfüllen die Luft und peinigen Menschen und Tiere auf das fürchterlichste. Die Pupiparen bedecken dann die Pferde, Rinder, Kamele und andre Tiere in so ungeheurer Menge, daß die Haut gar nicht zu sehen ist. Die Surrehta wird den Tieren geradezu lebensgefährlich; dasselbe sagt man auch von der berüchtigten Tsetse. Doch darf man ja nicht denken, daß der Stich oder Biß eines oder einiger dieser Insekten den Tod herbeiführt. Diese weitverbreitete Anschauung ist grundfalsch.

Geradezu undurchsichtige Mengen von Tabaniden, Culicinen, Sippobosciden, Musciden und wie sie alle heißen, hüllen die armen Tiere förmlich ein, so daß der ganze Körper derselben eine einzige große Wunde wird. Das unaufhörliche Ausschlagen, Stampfen und sich Bäumen ermüdet das befallene Tier, raubt ihm jede Ruhe und benimmt ihm auch den Appetit. Eine solche Tage, Wochen und Monate währende Tortur muß es krank machen, und schließlich umbringen. Der geringste Hautriß oder Satteldruck wird da zur jauchigen, von Maden wimmelnden Wunde, welche den Untergang des Tieres nach sich zieht. Die Pferde, Rinder und Kamele besitzenden Stämme ziehen um diese Zeit, um ihre Tiere zu retten, nach dem Norden.

Aus diesem Grunde und noch andern Ursachen wird man im Sudan selten ein gutes Pferd zu sehen bekommen. Auch diejenigen, auf denen die Truppe Abd el Mots ritt, waren von der letzten Regenzeit und der jetzigen Dürre so mitgenommen, daß große Ansprüche an sie nicht gemacht werden konnten. Man mußte sie öfters langsam gehen lassen; sie trieften von Schweiß und hatten kurzen Atem. Diesem Umstande allein hatten die beiden Neger es zu verdanken, daß sie nicht so schnell eingeholt wurden.

Gegen Mittag rückte der östliche Horizont näher. Ein schwarzer Strich, welcher sich dort zeigte, ließ auf Wald schließen. Der Bahr Djur-Arm des weißen Niles kehrte von seinem Bogen zurück. Die Gräser waren hier weniger dürr, und endlich traten einzelne Suffarahbäume vor die Augen. Diese Akazienart hat eigentümliche Anschwellungen an der Basis der Stacheln, aus denen sich die sudanesischen Jungens Pfeifen zum Spielen machen. Suffar heißt im sudanesischen Dialekte »pfeifen«; daher der Name dieses Baumes.

Der Hund lief, mit der Nase immer am Boden, ohne irre zu werden, zwischen den Bäumen hin, welche immer enger zusammentraten und endlich einen ziemlich dichten Wald bildeten, so daß die Pferde nun langsamer gehen mußten.

Hie und da gab es eine trübe Wasserlache, in deren Nähe der Boden feucht war. An solchen Stellen konnte man die Fußspuren der beiden Neger deutlich sehen. Ein Indianer oder Prairiejäger hätte aus diesen Eindrücken leicht bestimmen können, vor welcher Zeit die Flüchtigen hier gewesen seien. Dazu aber reichte der Scharfsinn der Sklavenjäger nicht aus.

Leider befanden die Verfolgten sich gar nicht weit vor den Verfolgern. Sie waren bis zum Tode ermüdet. Als sie den Wald gesehen hatten, war ihnen der Gedanke gekommen, daß sie nun gerettet seien. Sich umschauend, hatten sie da aber am nördlichen Horizonte den Reitertrupp bemerkt, was sie zu einer letzten großen Anstrengung spornte.

Sie rannten in den Wald hinein, um sich dort zu verstecken. Freilich mußten sie sich sagen, daß dies vergebens sei, da Abd el Mot jedenfalls einen oder mehrere Hunde bei sich hatte. Sie suchten das Ufer des Flusses auf. Lieber wollten sie ertrinken, als sich ergreifen lassen. Da aber sahen sie die ekelhaften Köpfe von Krokodilen aus dem Schlamm ragen. Nein, doch lieber gefangen und erschlagen, als von diesen Scheusalen zerrissen und verschlungen! Sie huschten, so schnell es ihre Kräfte erlaubten, weiter.

Da begann Tolo, welcher zwar scharfsinniger und klüger, aber körperlich schwächer als Lobo war, zu wanken.

»Tolo kann nicht weiter!« klagte er keuchend.

»Lobo wird dich halten,« antwortete sein Gefährte.

Er legte den Arm um ihn und zog ihn mühsam weiter.

»Rette dich allein!« bat Tolo. »Sie mögen Tolo finden, und du wirst entkommen.«

»Nein. Du mußt lieber gerettet werden als Lobo. Du bist klüger, und wirst dich leichter nach Ombula finden, um sie zu warnen.«

So ging es eine kleine Strecke weiter, bis Tolo stehen blieb.

»Der gute Schech im Himmel will es nicht haben, daß wir leben sollen,« sagte er. »Er will uns zu sich rufen. Tolo kann nicht mehr gehen; er muß hier liegen bleiben.«

»So wird Lobo dich tragen.«

Der selbst furchtbar ermattete Neger nahm den Freund auf seine Arme, und trug ihn fort; aber kaum war er zwanzig Schritte gegangen, so konnte er selbst nicht mehr. Er legte den Kameraden sanft auf die Erde nieder, blickte trostlos umher und klagte:

»Das Leben ist zu Ende. Bist du wirklich überzeugt, daß es da oben bei den Sternen einen guten Schech gibt, der uns lieb hat und bei sich aufnehmen wird?«

»Ja, das ist wahr,« antwortete Tolo. »Man muß es glauben.«

»Und wenn man gestorben ist, lebt man bei ihm?«

»Bei ihm und seinem Sohne, um niemals wieder zu sterben.«

»So ist er besser, viel besser als der Allah der Araber, welche nur Sklaven machen wollen und uns töten werden!«

»Sei ruhig! Er wird es sehen, wenn wir sterben, und herabsteigen, um uns hinauf zu sich zu holen.«

»Lobo würde wohl gern sterben, denn er hat keine Verwandten mehr, bei denen er sein kann; aber der Tod ist gar so schlimm: hier die Krokodile, und dort Abd el Mot, der Araber. Wer ist böser, sie oder er?«

»Es ist eins so schlimm wie das andre, das Krokodil wie der Araber, denn beide glauben nicht an den großen Schech und seinen Sohn, der für alle Menschen gestorben ist, um sie zu erretten.«

»Wenn Lobo dich dadurch erretten könnte, würde er sich nicht weigern, sofort zu sterben!«

»Du kannst mich nicht retten; wir sind verloren. Ich weiß noch den Anfang des Gebetes, welches man sprechen muß, bevor man stirbt. Tolo wird ihn dir sagen, und du mußt ihn nachsprechen, dann kommen wir beide zu dem großen Schech. Sage also: ‚Ja abana iledsi fi ssemavati jaba haddeso smoka!‘«

Er hatte die Hände gefaltet und blickte zu dem Genossen auf. Dieser legte seine Hände auch zusammen und sprach die Worte nach, doch nur in halber Andacht, wenn auch mit vollem Glauben an die Wirkung derselben. Dabei schweiften seine Augen suchend umher, und als er »haddeso smoka« sagte, leuchteten seine treuen Augen auf, als ob er etwas Gesuchtes gefunden habe. Er fuhr gleich fort:

»Wenn der Sohn des großen Schechs gestorben ist, um die Menschen zu retten, sollen wir es wohl auch thun?«

»Ja, wenn wir es können.«

»Und wenn Lobo dich retten könnte, was würdest du thun?«

»Tolo würde sich nicht von dir retten lassen, sondern lieber selbst sterben.«

»Aber wenn nur einer von uns beiden gerettet werden könnte, wenn der andre für ihn stürbe, so müßtest doch du es sein, der leben bleibt!«

»Nein, sondern du!«

»Vielleicht können wir beide entkommen?«

»Wie denn?«

»Siehst du diesen Subakh und den Lubahn, welche hier nebeneinander stehen? Ihre Äste sind eng miteinander vermischt, und das Laub ist noch so dicht, daß man zwei Menschen, welche da oben sind, gar nicht sehen kann. Wir wollen uns hinauf verstecken!«

Der Subakh (Combretum Hartmanni) ist ein mittelgroßer, schöner Baum mit dichten Zweigen und saftig grünen, in lange Zipfel ausgezogenen Blättern. Der Lubahn wächst noch höher; er ist die Boswellia papyrifera, aus welcher der afrikanische Weihrauch gewonnen wird.

Beide eng nebeneinander stehende Bäume bildeten eine einzige große und dichte Krone, daß sich zwei Menschen, zumal Schwarze, allerdings gut in derselben verbergen konnten, ohne von unten gesehen zu werden.

»Tolo ist zu schwach, um hinauf zu klettern,« antwortete der andre.

»Lobo wird dich heben; dann kannst du den untersten Ast fassen. Versuche es einmal!«

Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und hob den Freund empor. Tolo, welcher nicht ahnte, daß Lobo den eines gläubigen Christen würdigen Gedanken gefaßt hatte, sich für ihn zu opfern, ergriff den Ast und kam glücklich auf denselben zu sitzen.

»Noch höher!« sagte Lobo. »Man sieht dich noch. Noch drei, noch vier Äste höher. Dort aber setzest du dich nieder, und umfängst den Stamm, um dich fest zu halten!«

Tolo kroch weiter hinauf, machte es sich bequem, und sagte dann:

»Nun komm auch du herauf!«

»Gleich, aber horch!«

Man hörte menschliche Stimmen und dann auch das Heulen eines Hundes. Es war ein blutgieriges Geheul.

»Sie kommen; sie sind da! Schnell herauf zu mir!« warnte Tolo voller Angst.

»Nun ist‘s zu spät,« antwortete Lobo. »Sie würden mich sehen. Ich muß mir ein andres Versteck suchen.«

»Dann rasch, aber rasch!«

Doch Lobo blieb stehen und sagte mit unterdrückter Stimme:

»Lobo hat gehört, daß ein solcher Hund, wenn er Blut gekostet hat, sofort den Geruch verliert. Dieser Hund soll Blut bekommen, damit er dich nicht riecht. Sei aber still!«

Ehe Tolo antworten und Einspruch erheben konnte, huschte der wackere Neger fort, nach einem andern Baume, um nicht an demjenigen gesehen zu werden, auf welchem Tolo saß. Das Geheul des Hundes ließ sich in großer Nähe hören. Pferde schnauften, und Menschen riefen einander zu.

Lobo entfernte sich noch mehr von den beiden Bäumen, und stellte sich so auf, daß er von dem Hunde, sobald dieser herbeikam, sofort erblickt werden mußte.

Der Wald gestattete nicht, daß zwei Reiter sich nebeneinander bewegen konnten. Die Sklavenjäger waren nicht abgestiegen, um ihre Pferde nicht zurücklassen zu müssen. Sie ritten einzeln, voran Abd el Mot mit dem Hunde. Sobald dieser erschien, setzte Lobo sich in fliehende Bewegung, damit man nicht erraten solle, daß er hier gestanden habe und sein Genosse sich noch in der Nähe befinden könne. Der Araber erblickte ihn.

»Scheitan!« schrie er auf. »Da läuft einer, und weiter vorn der andre, wenn ich mich nicht irre. Schnell nach, schnell nach!«

Er trieb sein Pferd an, gab aber glücklicherweise den Hund noch nicht frei. Die andern stürmten hinter ihm her, so schnell das Terrain es erlaubte. Der Hund zerrte mit wildem Ungestüm an der Leine und stieß dabei ein geradezu diabolisches Geheul aus. Die Araber brüllten um die Wette. Lobo schrie, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aus Leibeskräften. Tolo auf dem Baume stand eine schreckliche Angst um den Freund aus. Er schrie mit; doch zum Glücke wurde seine vor Ermattung schwache Stimme in dem allgemeinen Skandal gar nicht gehört. Die wilde Jagd ging an den beiden Bäumen vorüber, flußaufwärts weiter.

»Laß doch den Hund los!« brüllte einer der Reiter.

Abd el Mot hörte die Worte, zog das Messer, und schnitt die Schnur durch. Der Hund schoß mit doppelter Schnelligkeit dem Neger nach, dessen Absicht war, sich zerreißen zu lassen, um der Bestie den Geruch zu nehmen, wie er gesagt hatte. Doch jetzt kam ihm der Gedanke, ob es denn nicht möglich sei, das Tier zu töten. Er hatte doch heut schon einen Hund erstochen, warum nicht auch diesen? Hatten die Verfolger nur diesen einen mit, so war Rettung wohl noch möglich.

Auch er hatte den Ruf des Arabers gehört und ahnte, daß Abd el Mot demselben folgen werde. Da gab es keinen Augenblick zu verlieren. Er blieb stehen und lehnte sich an den Stamm eines Baumes, keuchend vor Aufregung, Müdigkeit und Atemlosigkeit. Er sah den Hund in großen Sätzen daherschnellen, die mit Blut unterlaufenen Augen stier auf sein Opfer gerichtet und aus dem Maule geifernd, und zog sein Messer aus dem Lendenschurze.

»Herab von den Pferden; wir haben ihn fest!« rief Abd el Mot, indem er sein Tier parierte und aus dem Sattel sprang.

Die andern folgten seinem Beispiele.

Jetzt war der Hund dem Neger nahe, noch drei, zwei Sätze, nur noch einen! Das blutgierige Tier warf sich mit aller Gewalt auf den Neger, und rannte – – da dieser blitzschnell nach links vom Baume wegtrat, mit dem Kopfe gegen den Stamm desselben, und prallte nieder. Ehe es sich wieder aufraffen konnte, kniete Lobo auf ihm und stieß ihm das Messer zwei-, dreimal ins Herz, wurde aber am linken Arme von den Zähnen gepackt.

Er riß sich von dem verendenden Tiere los, gar nicht darauf achtend, daß ein Stück Fleisch im Rachen desselben zurückblieb, und flog davon. Die Araber zeterten vor Wut und rannten ihm nach. Die Eile erlaubte ihnen nicht, von ihren Gewehren Gebrauch zu machen. Sie hätten stehen bleiben müssen, um zu zielen, und dabei nur Zeit verloren. Aber ihre Pistolen rissen sie heraus und drückten sie auf den kaum zwanzig Schritte vor ihnen befindlichen Neger ab. Ob eine Kugel getroffen hatte, war nicht zu ersehen, denn Lobo rannte weiter.

Aber er war matt bis auf den Tod, und sie besaßen noch ihre vollen Kräfte. Sie kamen ihm immer näher. Er sah sich nach ihnen um und bemerkte dies. Doch lieber zu den Krokodilen, als ihnen in die Hände fallen und zu Tode gepeitscht werden! Er lenkte also nach links ab, dem Ufer des Flusses zu.

Dieser machte hier eine Krümmung, an deren konkaven Seite die unmenschliche Hetze vor sich ging. Lobo erreichte das Wasser, und warf sich, einen Todesschrei ausstoßend hinein. Es spritzte hoch über ihn auf.

Wenige Augenblicke darauf langten seine Verfolger an derselben Stelle an. Sie blieben halten, die Augen auf das Wasser gerichtet.

»Er ist hineingesprungen, um uns zu entgehen!« rief einer enttäuscht.

»Uns entgeht er, ja,« antwortete Abd el Mot; »aber die Temasih werden ihn verschlingen. Paßt nur auf!«

Vom Ufer weg gab es eine vielleicht acht oder neun Ellen breite freie Strecke. Dann folgte die Spitze eines lang gestreckten Omm Sufah- und Schilffeldes, worauf wieder freies Wasser kam, welches von einer mitten auf dem Flusse an einer Schlammbank festgefahrenen Grasinsel begrenzt wurde.

Jetzt tauchte ganz in der Nähe der erwähnten Omm Sufahecke der Kopf des Negers auf. Er sah sich nach seinen Verfolgern um.

»Schießt, schießt!« rief Abd el Mot, worauf sein Nachbar das Gewehr an die Wange zog und schnell losdrückte.

Aber er war zu hitzig gewesen und hatte schlecht gezielt. Die Kugel schlug neben Lobo in das Wasser. Dieser hatte die Spitze erreicht, und umschwamm dieselbe mit einigen raschen Stößen. Dort hielt er an, als ob er über irgend etwas, worauf sein Auge fiel, erschrecke. Dann stieß er einen lauten, durchdringenden Schrei aus, den man ebensowohl dem Jubel, als auch der Todesangst zuschreiben konnte, und verschwand hinter dem Schilffelde.

»Was schrie er?« fragte einer der Araber.

»Er hat ein Krokodil gesehen,« antwortete Abd el Mot.

»Es klang, als ob er vor Freude geschrien hätte.«

»O nein, hier im Wasser gibt es nichts, worüber er sich freuen könnte. Da seht, dort kommt es geschossen. Seht ihr den Wasserstreif?«

Er deutete mit der ausgestreckten Hand nach der Grasinsel, von welcher aus sich eine Furche schnell über die freie Strecke nach dem Schilffelde bewegte. Die Spitze dieser Furche bildete die Schnauze eines riesigen Reptils.

»Ein Krokodil!« riefen mehrere zugleich. »Allah sendet ihn zur Hölle!« schrie einer der Sklavenjäger. »Et Timsah wird ihn holen und verspeisen!«

Jetzt verschwand das Krokodil hinter dem Rohre, und im nächsten Augenblicke hörte man einen wilden Schrei, dieses Mal ohne allen Zweifel den Schrei eines Menschen, welcher den Tod vor sich sieht.

»Es hat ihn; er ist dahin!« rief Abd el Mot. »Ihm ist noch wohl geschehen, denn ich hätte ihn in einen Termitenhaufen eingegraben, daß ihm das Fleisch bei lebendigem Leibe bis auf die Knochen abgefressen worden wäre. Aber was ihm nicht geschah, das soll Tolo geschehen, der sich noch da im Walde befindet. Diese beiden Schejatin haben mir die zwei besten Hunde getötet. Dafür wird nun Tolo eines doppelten Todes sterben!«

»Befindet er sich wirklich noch da?« fragte einer.

»Ja. Ich habe auch ihn gesehen. Er war dem Lobo noch voraus. Zwei von euch mögen die Pferde aus dem Walde führen, um uns draußen zu erwarten.«

Dies geschah. Dann begann die Suche von neuem.

Die beiden Negerjäger, welche sich außerhalb des Waldes bei den Pferden befanden, mußten wohl über eine Stunde warten, bis die andern zu ihnen kamen, aber – – ohne den Neger.

»Dieser Neger ist wie verschwunden,« knirschte Abd el Mot. »Wir haben bis jetzt nicht die geringste Spur von ihm entdeckt.«

»Aber du hast ihn doch vorher gesehen!« wurde ihm gesagt.

»Ganz deutlich sogar! Aber welches Menschenauge kann die Fährte eines nackten Fußes im Walde erkennen! Dieser Wald ist übrigens groß und zieht sich stundenweit am Wasser hin. Wer soll da suchen und finden!«

»So ist uns der schwarze Hund sogar lebend entgangen, während der andre wenigstens von et Timsah gefressen wurde!«

»Nein. Entkommen ist er nicht. Von hier aus zieht sich der Fluß fast gerade nach Sonnenaufgang, während Ombula gegen Süd und West liegt, wo wieder eine sehr große, freie Ebene ist. Über diese muß der Schwarze gehen. Wenn wir ihn haben wollen, brauchen wir nur hinauszureiten, um ihn dort zu erwarten.«

»Er wird des Nachts kommen, wenn wir ihn nicht sehen können!«

»So breiten wir uns aus, und bilden eine Kette. Dann muß er sicher auf einen von uns stoßen. Also vorwärts jetzt!«

Sie bestiegen ihre Pferde wieder und ritten gegen Süden davon. Der Umstand, daß er irrtümlicherweise überzeugt war, Tolo gesehen zu haben, hatte diesem vielleicht das Leben gerettet. Man hatte nur nach vorwärts, nicht aber nach rückwärts gesucht, wo die beiden Bäume standen. Hätte man auch die letztere Richtung eingeschlagen, so stand zu erwarten, daß der Neger bei der Aufregung, von der er wegen der Gefahr, in welche sich sein Freund für ihn gestürzt hatte, ergriffen worden war, entdeckt worden wäre. – Aber wo befand er sich? Noch auf dem Baume? Und war der todesmutige Lobo wirklich von dem Krokodile erfaßt und verzehrt worden?

Das hätte man am besten auf dem Flachboote erfahren können, welches um die Mittagszeit, oder kurz vor derselben, vom Negerdorfe Mehana den Fluß herabgerudert kam. Es war nicht groß und auch nicht allzuklein; es hätte wohl dreißig Personen fassen können, trug aber heute nur dreiundzwanzig. Davon waren zwanzig Neger, je zehn an jeder Seite, die Ruder führten. Am Steuer saß ein vielleicht sechzehn Jahre alter Jüngling von hellerer Hautfarbe, welche entweder auf arabische Abstammung oder gemischtes Blut schließen ließ. Die übrigen beiden waren Weiße.

Die Neger waren alle nur mit dem gebräuchlichen Lendenschurze bekleidet; sie hatten die wolligen Haare in kurzen, dünnen, wohl eingeölten Flechten rings um den Kopf hängen. Der Knabe am Ruder hatte schlichtes, dunkles Haar. Seine Kleidung bestand aus einem großen, hellen Tuche, welches er wie eine Toga um sich geschlungen hatte.

Daß die Fahrt keine friedliche war, oder daß diese Leute sich auf Feindseligkeiten gefaßt gemacht hatten, zeigten die Waffen, welche am Schnabel des Bootes zusammengehäuft waren. Dort saßen auch die beiden Weißen.

Der eine von ihnen trug einen Haïk mit Kapuze und hohe Stiefel, ganz genau der Anzug, welchen Doktor Schwarz getragen hatte. Er besaß auch die hohe, breite Gestalt desselben, und beider Züge hatten eine große Ähnlichkeit miteinander. Kurz, dieser Mann war Doktor Joseph Schwarz, welcher seinem Bruder den »Sohn der Treue« entgegengeschickt hatte, und ihm nun selbst entgegenfuhr, weil ihm die Ankunft desselben zu lange währte, und er besorgt um sein Schicksal geworden war.

Der andre trug graue Zeugschuhe, graue Strümpfe, eine graue, sehr weite und sehr kurze Hose, eine graue Weste, eine graue Jacke und einen grauen Turban. Grau war auch der Shawl, den er sich um die Hüfte geschlungen hatte. An ihm schien alles grau zu sein, selbst die Augen, die Gesichtsfarbe, das lange, bis auf die Brust herabhängende Halstuch und das dichte Haupthaar, welches unter dem Turban hervor bis zum Rücken niederfiel. Das Sonderbarste an ihm aber war seine Nase, eine Nase, wie man sie nur einmal im Leben, und auch das kaum, zu sehen bekommt.

Diese Nase war unbedingt ein sogenannter »Riecher«. Sie war entsetzlich lang, entsetzlich gerade und entsetzlich schmal und lief in eine förmlich lebensgefährliche scharfe Spitze aus. Sie glich dem Schnabel eines Storches, nur daß dieser nicht von grauer Farbe ist. Wer in Faschodah Gelegenheit gehabt hatte, den »Sohn der Treue« von Abu Laklak, dem »Vater des Storches« sprechen zu hören, der mußte hier unbedingt auf den Gedanken kommen, diesen Mann vor sich zu haben. Die beiden Weißen musterten mit Kennerblicken die Oberfläche des hier sehr breiten Flusses. Nichts entging ihren Augen, und besonders war der Graue wie elektrisiert, wenn irgend ein Vogel sich aus dem Schilfe erhob oder von einem Ufer nach dem andern kreuzte. Dabei ließen sie die Unterhaltung keinen Augenblick ruhen. Sie bedienten sich der deutschen Sprache, Schwarz des reinen Hochdeutsch, der Graue aber eines sehr kräftigen und dabei doch zutraulichen Dialektes, welcher irgendwo zwischen dem Thüringerwald, Böhmerwald, Innsbruck, dem Algäu und der württembergischen Grenze zu Hause sein mußte.

»Da gebe ich dir vollständig recht, lieber Doktor,« sagte Schwarz. »Wir haben daheim noch eine ganz falsche Vorstellung von diesen Sudanvölkern. Um sie kennen zu lernen, muß man zu ihnen kommen.«

»So gefallens dir gut, he?« fragte der Graue.

»Gar nicht übel.«

»Auch wanns Menschen fressen?«

»Auch dann, wenn sie nur mich nicht fressen. Sie haben gar keine Vorstellung von der Abscheulichkeit dieses Genusses; sie muß ihnen erst beigebracht werden. Nach geschlagener Schlacht verzehren sie die getöteten Feinde und behaupten dabei, es sei sehr gleichgültig, ob man dieselben in den Magen, oder in die Erde begräbt.«

»Na, mein G‘schmack wär‘ das schon nit. Ich will doch lieber in der Erden liegen, mit einer hübschen Kapellen drauf, als im Magen eines solchen Kannibalen!«

»Ich auch, lieber Doktor. Du mußt aber wohl unterscheiden zwischen – —«

»Halt!« unterbrach ihn der Graue, indem er seine Nase wie ganz aus eigener, völlig selbständiger Initiative auf und nieder senkte. »Wannst mich nochmals Doktor nennst, so bekommst halt sogleich eine Waatschen, daß‘t denkst, deine paar Knöcherln halten Kaffeevisit! Du bist auch Doktor, aber nenn‘ ich dich so? Wozu die Komplimenten zwischen Leutln, die Brüderschaft trunken haben, wenn auch bloß in dera Merissah, die mir g‘stohlen werden kann, nämlich aber nur dann, wenn ich einen guten Spatenbräu dagegen hab‘. Du weißt doch, wie ich heiß‘?«

»Allerdings,« lächelte Schwarz.

»Na also! In dera g‘lehrten Welt bin ich als Herr Doktor Ignatius Pfotenhauer bekannt. Daheim, wo ich z‘Haus bin, nennens mich nur den Vogel-Nazi, weil ich nun einmal eine ganz b‘sondere Liebhaberei hab‘ für alles was da fleugt, aber nit kreucht. Hier z‘Land heißens mich gar Abu el Laklak, den Vater des Storches, wegen meiner Nase, die mir aber ebensowenig feil ist, wie dir die deinige. Nachhero, weil ich dich einfach Sepp nenne, weil dein Vorname Joseph ist, so kannst mir auch die Lieb‘ und Güt‘ erweisen, mich Nazi, oder Naz, zu heißen, was bedeutend kürzer ist als Ignatius, mit vier Silben. Hast‘s verstanden?«

»Sehr wohl! Hoffentlich verspreche ich mich nicht wieder.«

»Das möcht‘ ich mir halt ausg‘beten haben! Weißt, ich bin einmal ein b‘sonderer Kerl, und so – – halt, siehst ihn fliegen?«

»Wen? Wo?«

Der Graue war eifrig aufgesprungen und rief erregt, indem er mit der Hand nach aufwärts deutete:

»Dort – hier – da kommt er g‘flogen! Kennst ihn schon?«

»Ja. Es ist ein Perlvogel, Trachyphonus margaritatus.«

»Richtig! Hast‘s schon g‘wußt. Weg ist er!« stimmte der Graue bei, indem er sich wieder niedersetzte. »Aber weißt auch wie die Eing‘bornen ihn nennen?«

»Noch nicht.«

»Da hast wieder aan‘ Beweis, daß sie gar gute und auch g‘spaßige Beobachter sind; sie benennen ihn und sie nach der Stimme, wanns schreien. Er schreit nämlich: bescherrrretu, bescherrrretu! Weißt, was das in dera hiesigen Sprachen bedeutet?«

»Ja, hast dein Kleid zerrissen, hast dein Kleid zerrissen!«

»Richtig! Das Weibchen sieht nämlich dunkel aus, und hat weiße Flecken drauf, was grad so ausschaut, als ob sie Löcher in dera Toiletten hätt‘. Sie aber antwortet ihm hernach: baksi-ki, bak-si-ki! Was heißt das?«

»Näh‘s zusammen, näh‘s zusammen!«

»Auch das ist richtig. Wann der Volksmund mit solcher Naivität von denen Vögeln spricht, so möcht‘ man diese Leutln nur schwer für Menschenfresser halten.«

»Man bezeichnet die Niam-niam als solche. Aber ich habe nichts davon bemerken können.«

»Weils halt wissen, daß wir solchen Schmaus verabscheuen, drum lassens gar nix merken davon. Dennoch sind wir vollständig sicher bei ihnen. Sie thun uns alles mögliche z‘lieb‘. Das muß man anerkennen. Sie jagen Tag und Nacht, um mir Vögel zu bringen. Ich hab‘ sonst in Jahreszeit nit so viel g‘sammelt, wie jetzt in aan‘ einzigen Monat.«

»Das wird wieder ein umfangreiches, gelehrtes Werk geben, nicht?«

»Ja, ich werd‘ schon was zusammenschreiben. Es hat noch keinen ‚geben, der sich um die hiesige Vogelwelt groß kümmert hat. Diese Lück‘ möcht‘ ich ausfüllen.«

»Du bist der geeignete Mann dazu. Woher kommt denn eigentlich deine große Vorliebe für die Vogelwelt? Hat sie einen besonderen Grund?«

»Daß ich nit wüßt! Und woher‘s kommen ist? Hm! An meiner Wiegen hat man mir‘s freilich nit g‘sungen, daß ich mich mal so auf die Ornithologie verinteressieren würd‘, und fünfzehn Jahre später auch noch nicht. Ich selber hab‘ auch nit dran gedacht, und erinnere mich noch heute mit Schreck an das erste ornithologische Abenteuer, das ich damals erlebte.«

»Was war das?«

»Das war – nun, dir kann ich‘s ja erzählen; sonst aber red‘ ich nimmer gern davon – das war, da ich als Gymnasiast in der Quart g‘sessen bin. Der Professor für die Naturgeschicht‘ hat mich nit gern g‘habt, weil ich ihn in meiner Dummheiten immer nach Dingen g‘fragt hab‘, die kein Mensch beantworten kann.«

»Das kommt in diesem Alter häufig vor, ist aber meist ein Beweis von regem Wissensdrang.«

»Wissensdrang? Der Professor hat‘s halt immer Voreiligkeit und Neugierd‘ g‘nannt, und nur auf eine G‘legenheiten gesonnen, es mir heimzugeben. Das war zum Osterexamen. Ich hab‘ a neues Vorhemd ang‘legt, und den neuen blauseidenen Schlips drumrum, und nachhero g‘meint, daß ich mit diesem Staat das Examen schon b‘stehen muß. Es ist auch ganz leidlich ‚gangen, bis hin zu dera Naturg‘schicht‘n. Die Fragen wurden reihum g‘richtet; als ich dran komm, erheb‘ ich mich, und was wird mich da der Professor fragen, he?«

»Nun, was denn?«

»Warum die Vögel Federn haben.«

»Ja, da hat er dir‘s freilich heimzahlen wollen. Was hast du ihm denn geantwortet?«

»Was ich g‘antwortet hab‘? Nun, zunächst hab‘ ich mir denkt, daß er – – halt, dort sitzt er! Siehst du ihn?«

Er war wieder aufgesprungen und deutete erregt nach dem Ufer, wobei seine Nase sich zur Seite bog, als ob sie sich ganz speciell für diese Gegend interessiere.

»Wer? Wo?« fragte Schwarz.

»Dort oben auf dem Sunutbaume, ganz auf der Spitze.«

»Ach so, ein Flußadler, Haliaetus vocifer, ein prachtvolles Tier!«

»Das ist er. Die Eingeborenen nennen ihn Abu Lundsch. Er frißt fast ausschließlich Fische, und weißt, wie die Leut‘ hier sein Geschrei verdolmetschen?«

»Nein.«

»Sef, Charif, jakull hut, hut. Wie heißt das auf deutsch?«

»Im Sef und Charif verzehre ich Fische.«

»Richtig! Auch hier hast wieder aan Zeichen von liebevoller Beobachtung der Natur. Die Negern sind gar nit so stupid und verständnisarm, wie man sie beschreibt. Wenn ich an deiner Stell‘ wär‘, so thät ich a Buch zu ihrer Ehrenrettung verfassen.«

»Das wird vielleicht geschehen, wenn ich die Zeit dazu finde.«

Jetzt wurde die Aufmerksamkeit der beiden auf den Steurer gelenkt, welcher ein kurzes Kommandowort aussprach, worauf die Schwarzen ihre Ruder einzogen.

»Wollen wir landen?« fragte ihn Schwarz, natürlich nicht in deutscher Sprache.

»Nein, Effendi,« antwortete er. »Hier landet man nie sofort, sondern man legt den Kahn erst für einige Zeit in das Schilf, um zu erspähen, ob sich keine Feinde am Lande befinden.«

»Und das willst du thun? Warum fahren wir nicht weiter?«

»Weil wir sonst zu weit an die Seribah Omm et Timsah kommen, wo Abd el Mot wohnt. Sieht er uns, so macht er uns zu Sklaven.«

»Das sollte er versuchen!«

»Er würde es nicht nur versuchen, sondern wirklich thun. Ihr beide seid kühne und kluge Männer, und wir verstehen auch unsre Waffen zu gebrauchen; aber er hat über fünfhundert Sklavenjäger bei sich, die wir nicht überwinden können. Wir würden dreißig oder vierzig, vielleicht auch noch mehr töten, von den übrigen aber erdrückt werden.«

Das klang so ruhig, klar und überlegt. Der Jüngling war gewiß seinen Jahren vorausgeschritten.

»So meinst du, daß wir nur des Nachts vorüberfahren können?« fragte Schwarz.

»Ja.«

»Aber das können wir doch auch am Tage thun. Wir rudern schnell und nehmen das Segel dazu.«

»Niemand kann wissen, wie der Wind in einer Stunde weht. Kommt er uns entgegen, so würde das Segel uns nur hindern, und auf die Ruder darf man sich nicht verlassen. Abd el Mot hat ein Schiff im Flusse liegen, welches er zwar geheim hält, aber ich weiß es doch. Er kann von seinem Ufer aus den Fluß aufwärts weit überblicken. Er würde uns also sehr zeitig bemerken, und braucht dann nur das Schiff nach der Mitte des Flusses zu steuern und die Trommel schlagen zu lassen, um uns sicher zu bekommen. Nein, wir müssen hier anlegen und die Nacht abwarten, dann können wir die gefährliche Stelle passieren.«

»Er kann uns auch dann zufällig bemerken.«

»Wenn wir Schilf und Zweige quer über das Boot legen, wird man es für eine losgerissene schwimmende Grasinsel halten. Erlaubst du also, daß ich gegen das Ufer steure?«

»Ja, thue es.«

Das Boot trieb mit dem Strome dem linken Ufer zu, fuhr an der bereits genannten, auf der Schlammbank lagernden Grasinsel vorüber, und gewann sodann den Rand des spitzen Feldes von Omm Lufah und Schilf, welches auch schon erwähnt wurde. Dort ließ man den eisernen, scharfen Bongoanker nieder, welcher sofort im Grunde festgriff und das Boot zum Stehen brachte.

Vom linken Ufer, in dessen Nähe es lag, konnte man es unmöglich sehen, weil das sehr hohe und dichte Rohr dazwischen stand. Das rechte Ufer war zwar weit entfernt, aber ein sehr scharfes Auge hätte es doch vielleicht zu erkennen vermocht; darum schnitten die Neger so viel Schilf und Rohr ab, um es vollständig in eine kleine Insel verwandeln zu können, welcher man es nicht ansah, daß der Grund derselben in einem vor Anker liegenden Kahne bestand.

Gesprochen wurde nur leise; dabei strengte man das Gehör an, um sich kein Geräusch am Ufer entgehen zu lassen. Man hatte die Maskierung des Bootes noch nicht beendet, da drangen unverständliche Laute herbei, welche einer menschlichen Stimme anzugehören schienen. Die Insassen des Bootes lauschten mit angestrengtester Aufmerksamkeit, bei sich selbst jedes Geräusch vermeidend.

Der junge Dumandschi erhob sich von seinem Sitze, um besser hören zu können.

»Es sind zwei Neger, welche dort am Ufer sprechen, nicht weit abwärts von uns,« sagte er leise.

»Woher weißt du das?« fragte Schwarz.

»Ich verstand nur wenige Worte, welche der Sprache der Belanda angehören, die nur von Schwarzen gesprochen wird.«

»Was sprachen sie?«

»Das weiß ich nicht. Die Worte gehörten mehreren Sätzen an. Rettung – sterben – Sklavenjäger, das habe ich gehört.«

»Ach! Vielleicht sind es verfolgte Sklaven.«

»Dann sind sie gewiß Abd el Mot entsprungen.«

»So müssen wir sie retten. Wir nehmen sie in unser Boot auf.«

»Das müssen wir uns vorher überlegen, Effendi. Ich bin bereit, jeden verfolgten Menschen zu retten, vorher aber muß ich überzeugt sein, daß ich mich damit nicht dem gewissen Tode in die Arme werfe. Gefahr kann ja dabei sein, vor ihr schrecke ich nicht zurück; aber einem sichern und voraussichtlichen Tode weihe ich mich nicht, denn dann wäre ja auch der, den ich retten will, mit verloren.«

»Du sprichst wie ein gelehrter und erfahrener Mann.«

»Spotte nur, aber gib mir recht. Horch!«

Man hörte jetzt wütendes Hundegebell und rufende Menschenstimmen.

»Scheitan! Da läuft einer, und weiter vorn der andre, wenn ich mich nicht irre. Schnell nach, schnell nach!« klang es deutlich herüber.

Das war der Ausruf Abd el Mots, als er Lobo erblickte. Dann folgte wütendes Hundegeheul und durcheinander brüllende Männerstimmen.

»Laß doch den Hund los!« rief jemand.

»Zwei Sklaven sind es, welche verfolgt werden!« sagte Schwarz. »Wir müssen sie retten!«

Er griff nach seiner Büchse. Auch der Graue nahm sein Gewehr und stimmte bei:

»Schießen wir die Halunken nieder!«

»Still, still,« bat der Steuermann. »Es scheinen der Verfolger gar viele zu sein, und jedenfalls gehören sie zu Abu el Mot. Wollen wir uns ihnen zeigen, ohne die Neger retten zu können? Das würde unklug sein. Und ehe wir den Kahn vom Anker losbringen und das Ufer erreichen, kommen wir zu spät, weil die Jagd schon vorüber ist. Horch! Ein Schrei. Da starb einer. Er sprang in das Wasser. Lebt er noch, so holen ihn die Krokodile!«

Er trat auf die Steuerbank; die andern stellten sich auf die Ruderbänke, um über das maskierende Schilf hinwegsehen zu können. In diesem Augenblicke kam Lobo um die Spitze des Schilffeldes geschwommen. Der Steuermann schob das Rohr mit den beiden Armen auseinander, um von ihm gesehen zu werden und winkte ihm. Lobo stutzte. Das war der Augenblick, an welchem seine Verfolger sagten, er müsse etwas gesehen haben. Der Schuß Abd el Mots fiel.

»Schnell, schnell – die Krokodile!« rief der Steuermann dem Neger zu.

Dieser sah einen Menschen scheinbar oberhalb des Wassers stehen. Seine Kräfte verdoppelten sich, und er schnellte sich mit einigen starken Stößen herbei. Schon ergriff er mit den Händen den Rand des Bootes, und mehrere Arme streckten sich aus, ihn hereinzuziehen; da warnte einer der Ruderer, welcher zufällig einen Blick hinaus auf den freien Strom und nach der Grasinsel geworfen hatte:

»Et Timsah, et Timsah, amal, amal – das Krokodil, das Krokodil, macht, macht!«

Glücklicherweise war der Mann so vorsichtig gewesen, nicht in lautem Tone zu sprechen.

»Von welcher Seite?« fragte der Steuermann schnell.

»Links«, antwortete der Ruderer.

»Schnell alle auf diese Seite nach links, sonst wirft es das Boot um!«

Lobo wurde förmlich emporgerissen; aber schon war das Tier da – ein gewaltiger Stoß gegen die linke Bootswand hätten die Insassen rechts gestanden, so wäre das Fahrzeug umgeworfen worden; so aber widerstand ihr Gewicht dem Stoße des gierigen Tieres – Lobos Unterschenkel geriet doch noch zwischen die vordern Zähne desselben, aber noch ehe es den Rachen vollständig schließen konnte, wurde er ihnen entrissen. Der Neger stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, den seine Verfolger für seinen Todesschrei hielten, und flog herein in das Boot, doppelt blutend, nämlich am Arme, wo ihn der Hund gepackt hatte, und am Beine, von welchem ein ganzes Stück der Wade fehlte. Er schloß die Augen. Es war über seine Kräfte gegangen, und eine Ohnmacht nahm ihn in ihre mitleidigen Arme.

»Ist er tot?« fragte Schwarz.

»Nein,« antwortete der Graue, welcher sich neben den Neger niedergekniet hatte, um ihn zu untersuchen. »Ein Biß in den Arm, ein Stück Fleisch aus dem Beine und Bewußtlosigkeit, das ist alles.«

»Still,« sprach der Steuerer. »Man spricht am Ufer.«

Sie horchten und vernahmen die Worte, welche dort gesprochen wurden. Sie hörten sogar die Schritte der sich dann Entfernenden.

»Einer ist gerettet, Gott sei Dank!« sagte Schwarz. »Aber der andre wird in ihre Hände fallen. Wie können wir das verhüten?«

»Wir brauchen es nicht zu verhüten,« antwortete der junge, kluge und umsichtige Steuermann. »Sie werden ihn nicht fangen.«

»Wie kannst du das behaupten?«

»Weil ich ihre Worte gehört habe. Sie haben zwei Hunde verloren. Dieser Neger hat ganz sicher einen getötet, denn er hält selbst jetzt noch das Messer fest in der Hand. Gäbe es noch ein Tier bei den Verfolgern, so wäre er nicht entkommen, sondern zerfleischt worden; auch wäre ihm der Hund gewiß ins Wasser nachgesprungen, um ihn festzuhalten. Gekämpft hat er mit so einem Negerfänger, das zeigt hier die Wunde an seinem Arme. Aus dem allen schließe ich mit Sicherheit, daß es dort am Ufer keinen Hund mehr gibt. Wie wollen sie da den andern Flüchtling finden, da der Wald viele Stunden lang ist, und sie seine Fährte nicht riechen können!«

»Du scheinst recht zu haben.«

»Ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Warten wir hier also in unsrer Sicherheit ganz ruhig ab, was noch geschieht; dann werden wir wissen, was wir zu thun haben.«

Die beiden Deutschen mußten diesen Sudanesen aufrichtig bewundern. Er machte trotz seiner Jugend den Eindruck eines gereiften Denkvermögens, fast hätte man sagen können, den Eindruck von Überlegenheit. Dabei waren seine Bewegungen und Gesten so ruhig und sicher, wie seine Art, sich auszudrücken.

Der Graue hielt dem besinnungslosen Neger ein Riechfläschchen an die Nase. Das wirkte. Lobo begann sich zu bewegen.

»Tolo – halte den – – Stamm fest,« flüsterte er, doch ohne die Augen zu öffnen.

Selbst jetzt, noch in halber Ohnmacht, war er nur auf die Rettung seines Freundes bedacht! Pfotenhauer ließ das flüchtige Salz noch einmal wirken; da öffnete der Neger die Lider. Sein noch verschleierter Blick fiel in das männlich schöne, wohlwollend ernste Gesicht Schwarz‘. Er schloß die Augen wieder und sagte lächelnd:

»Tolo – du lebst – und ich bin bei – – bei dem guten Schech über – – über den Sternen!«

»Er meint jedenfalls Gott,« sagte Schwarz. »Ob er ein Christ ist?«

»Christ oder Heide; er ist Mensch, und es soll ihm geholfen werden,« antwortete der Graue.

Er hob den Bugsitz empor, unter welchem sich ein Kasten mit Medikamenten und Verbandzeug befand und begann die beiden Wunden kunstgerecht zu verbinden, wobei ihm Schwarz mit gleicher Geschicklichkeit half.

In den oberen Nilgegenden werden selbst leichte Wunden, wenn sie eine Vernachlässigung finden, leicht lebensgefährlich. Das erhöht die Sterblichkeit dieser unter der Kriegs- und Mordlust ihrer Nachbarn leidenden Völker bedeutend.

Die Krokodilszähne hatten Fleischfetzen zurückgelassen, welche mit dem Messer entfernt werden mußten. Das konnte nur unter Schmerzen geschehen, infolge deren Lobo erwachte. Er sah sich im Kreise um.

»Weiße Männer und Sandeh!« sagte er, die Niam-niam an ihrer eigenartigen Haartracht erkennend. »Das sind keine Sklavenjäger!«

»Nein, wir sind keine,« beruhigte ihn Schwarz. »Du bist unter Freunden.«

»So – so ist Lobo nicht – gestorben?«

»Du lebst. Da draußen liegt das Ufer, von welchem aus du in das Wasser gesprungen bist.«

»Das ist ein – – ein Boot! Ja, ihr habt Lobo hereingezogen. Lobo besinnt sich jetzt. Ihr seid gute Leute. Aber wo ist Tolo?«

»Er wird auch gerettet sein, denn sie haben ihn sicher nicht gefunden.«

»Dann gleich, schnell zu den Bäumen gehen, wo er sich befindet!«

Er wollte aufspringen, aber die schmerzenden Wunden hinderten ihn daran; sie waren noch nicht einmal vollständig verbunden. Das Schicksal seines Gefährten bereitete ihm solche Sorge, daß er kaum beruhigt werden konnte; doch sah er ein, daß man nur sein Bestes wolle, und er sich fügen müsse. Während sein Verband vollends ausgeführt wurde, wobei er männlich die Schmerzen verbiß, mußte er erzählen, was geschehen war. Rührend war es dabei, ihn von dem guten Schech über den Sternen, von dessen Sohn, der für die Menschen gestorben sei, und auch von sich selbst, daß er sich für seinen Freund dem Tode geweiht hätte, erzählen zu hören. Als er geendet hatte, sagte Schwarz:

»Also Abu el Mot ist nicht auf seiner Seribah, aber nach derselben unterwegs? Das macht mich für meinen Bruder bange. Und Abd el Mot ist auch schon aufgebrochen? Da steht die Seribah fast verwaist da!«

»Man läßt stets fünfzig Mann daselbst zurück,« bemerkte Lobo.

»Die können uns nicht bange machen. Wir haben nun nicht nötig, den Abend zu erwarten und können noch am Tage weiterfahren.«

»So will Lobo heraus aus eurem Boote. Er muß bei Tolo sein!«

»Du? Du kannst nicht heraus. Du vermagst ja nicht einmal zu stehen, viel weniger zu gehen. Du mußt dich äußerst ruhig verhalten, wenn die Wunden sich nicht entzünden und lebensgefährlich werden sollen. Darum werden wir dich bei uns behalten und erst dann entlassen, wenn du vollständig geheilt sein wirst.«

»Das ist unmöglich! Lobo muß bei Tolo sein. Wo ist dieser?«

»Beruhige dich! Er ist gerettet. Du sagst, daß der Subakh und Lubahnbaum da rechts am Ufer stehen. Dorthin sind eure Verfolger nicht zurückgekehrt. Wir werden nach ihm suchen.«

»Er muß gefunden werden, denn er soll nach Ombula eilen, um die Leute dort zu warnen, da Lobo nicht mehr gehen kann!«

»Ich werde das Ufer betreten, um zu sehen, ob die Sklavenjäger noch da sind,« erklärte der Steuermann.

»Wir gehen alle; wir rudern das Boot die kurze Strecke hin,« antwortete der »Vater des Storches«.

»Das wäre unvorsichtig. Das Boot darf erst dann landen, wenn wir wissen, daß die Araber fort sind. Ich begebe mich allein hinüber.«

»So müßtest du schwimmen und würdest von den Krokodilen erfaßt werden.«

»Nein. Ich mache mir aus Schilf und Rohr schnell ein Kelek, auf welchem ich hinüberfahre. Das greift kein Krokodil an, wenn es nicht allzu klein ist. Ist es so groß, daß ich vollständig darauf Platz finde und kein Teil meines Körpers über den Rand weg in das Wasser ragt, so wird keins dieser Tiere sich um mich bekümmern.«

Er trieb mittels des Steuers das Boot etwas tiefer in das Schilfdickicht hinein und begann dann, Rohr für das Floß zu schneiden. Die Ruderer halfen ihm.

»Aber wenn sie noch da sind, kannst du leicht gesehen werden, und dann bist du verloren, denn entweder töten sie dich, oder sie machen dich zum Sklaven und führen dich fort,« warnte Schwarz.

»Sie werden keins von beiden thun,« antwortete der mutige Knabe. »Ich verstehe es, sie zu beobachten, ohne daß sie mich bemerken.«

Die Neger entwickelten eine große Fertigkeit im schnellen Flechten einer hinlänglich großen und dicken Matte, unter welche starke Schilfbündel befestigt wurden, die mehr als nur einen Menschen getragen hätten. Der junge Steuermann bestieg dieses Floß; er nahm ein Ruder mit, um es lenken zu können.

Er vermied es, aufwärts nach der Spitze des Schilffeldes zu rudern. Dort war Lobo in das Wasser gesprungen, und es stand zu erwarten, daß die Sklavenjäger, falls sie noch anwesend waren, ihre Aufmerksamkeit auf diese Stelle gerichtet hielten. Er gebrauchte vielmehr das Ruder einstweilen nur als Steuer. Auf dem Floße kniend, ließ er dasselbe geräuschlos abwärts gleiten, bis er eine Stelle erreichte, welche frei vom Schilfe war und ihm erlaubte, das Floß an das Ufer zu treiben.

Die Zurückbleibenden waren nicht ohne Sorge um ihn. Sie hätten sein Wagnis lieber selbst unternommen, mußten sich aber sagen, daß es für ihn nicht so groß sei, wie es für sie gewesen wäre. Im Falle eines Angriffs konnte er sich viel mehr auf ihre Hilfe, als sie sich auf diejenige ihrer afrikanischen Begleiter verlassen. Schwarz sagte in deutscher Sprache zu dem Grauen:

»Ein wackerer, kleiner Kerl! Beim geringsten Zeichen, daß ihm ein Unfall droht, heben wir den Anker und eilen ihm zur Hilfe!«

»Das versteht sich ganz von selbst,« stimmte der Genosse bei. »Der Junge ist mir ebenso lieb g‘worden wie dir. Er hat so was Appartes, so was Vornehmes an sich. Möcht‘ wissen, was für ein Landsmann er ist. Ein Niam-niam g‘wiß nit. Dazu passen seine G‘sichtszüg‘ und auch die Hautfarben nit.«

»Auch ich werde nicht klug. Einmal möchte ich ihn für einen Mulatten, das andre Mal für einen Somali halten. Wenn ich ihn nach seiner Abkunft gefragt habe, wußte er mir stets auszuweichen.«

»Mir auch. Nit mal die Niam-niam, bei denen er doch wie ein Stammesgenosse lebt, wissen zu sagen, wo seine Heimat liegt. Er scheint sich also auch ihnen gegenüber in das G‘heimnis g‘hüllt zu haben. Aber daß sie ihn Abd es Sirr nennen, das läßt vermuten, daß sie seine Abkunft für eine arabische halten.«

»Dann wäre er also Mulatte, denn ein reiner Araber ist er nicht. Mir scheint, er hat Schreckliches erlebt. Er lacht nie; höchstens sieht man einmal ein kurzes, leises Lächeln auf seinen Lippen. Hast du ihn jemals spielen und tollen sehen wie andre seinesgleichen bei den Niam-niam?«

»Nie.«

»Ich auch nicht. Der finstere Ernst, den er stets zeigt, läßt vermuten, daß er die Erinnerung eines tragischen Ereignisses, unter welchem seine junge Seele schwer gelitten haben muß, in sich bewahrt. Den wenigen religiösen Übungen nach, die man bei ihm beobachtet, ist er Mohammedaner. Hast du ihn einmal beten hören?«

»Im Gebet gesehen hab‘ ich ihn bereits, g‘hört aber noch nit. Er betet nit zu den vorg‘schriebenen Zeiten, sondern nur dann, wann er meint, nit g‘sehen und beobachtet zu werden.«

»Ich habe ihn zweimal belauscht. Er betete die Fathha; hinter den beiden Worten Weltenherr und Allerbarmer fügte er die gar nicht in diese Sure gehörenden Ausdrücke ‚Mir itakam und Sabit el meglis hinzu. Das deutet darauf, daß er sich mit einer Rache trägt.«

»Das hab‘ auch ich schon gedacht. Wann er glaubt allein zu sein, so brütet er finster vor sich hin und ballt und dreht dabei die Fäust‘, als ob er einen da hätt‘, den er erwürgen wollt‘. Dabei verdreht er die Augen und knirscht mit den Zähnen, daß man schier meinen möcht‘, er – – – halt, schau mal! Da kommens g‘flogen! Kennst sie auch bereits?«

Er war aufgesprungen, und deutete erregt auf eine Vogelschar, welche quer über den Fluß geflogen kam. Indem er mit den Augen dem Fluge derselben folgte, bewegte sich auch seine lange Nase von der rechten nach der linken Wange, als ob sie für sich ebenso diese genaue Beobachtung machen wolle.

»Ja, ich kenne sie,« antwortete Schwarz. »Es sind Bienenfresser, Merops caeruleo cephalus. Herrliche Vögel! Siehst du ihr prachtvolles Gefieder in der Sonne wie lauter Smaragde und Rubine funkeln?«

»Natürlich schau ich das gerade so wie du. Weißt auch ihren hiesigen Namen?«

»Ja. Man nennt sie Dschurull.«

»Warum?«

»Weil ihre Stimme gerade wie diese zwei Silben klingt.«

»Hast recht; bist kein übler Vogelkenner. Jetzt sinds weg, in die Bäum‘ hinein.« Er setzte sich wieder nieder, wobei seine Nase sich in ihre ordnungsmäßige Lage zurückbegab, und fuhr fort: »In Europa gibt‘s nur a einzige Art des Bienenfressers, Merops apiaster, mit weißer Stirn, blauem Augenstreif, blaugelbem Kinn, meerblauer Brust und grünblauen Handschwingen. Ich thu mich gerade für diese Vögerl außerordentlich verinteressieren, weil so a Merops der erste Vogel war, den ich ‚zeichnet und dann wieder auf den Rücken g‘malt erhalten hab.«

»So? Von wem?«

»Vom Professor‘n der Naturg‘schichten. Ich hatt‘ mir von ihm a Buch ausg‘borgt, in dem ein Bienenfresser in Holzschnitt abg‘bildet war. Es hat mich verdrossen, daß er so schwarz ausg‘schaut hat; darum nahm ich schnell den Malkasten her und hab‘ das Bild so bunt ang‘strichen, daß dabei die Farben fast ausgang‘n sind. Nachher hat der Professor das entdeckt und mich mit in seine Stub‘ g‘nommen, wo er mir mit dem Lineal den Merops so nachhaltig auf den Rücken koloriert hat, daß mir darüber das G‘sicht und G‘hör vergangen ist. Dieses Konterfei konnt‘ ich zwar nicht sehen, weil‘s eben auf dem Rücken war, aber so grün und blau wie der Merops ist‘s sicher g‘wesen, und g‘fühlt hab‘ ich‘s noch wochenlang. Dieser Professor hat überhaupt einen g‘heimen Blitz auf mich g‘habt, weil ich ihn immer nach Dingen g‘fragt hab‘, die er nit beantworten konnt‘. Dafür hat er mich dann im Examen tüchtig ausg‘wischt. Hab‘ ich‘s dir vielleicht schon verzählt?«

»Nein,« antwortete Schwarz sehr ernst.

»Nun, ich sprech gar nie davon, dir aber kann ich‘s schon mal sagen. Das war, als ich in der Quart‘ g‘sessen bin. Weil‘s Examen ‚geben hat, hab‘ ich ein reines Chemisetten umg‘bunden und dazu den neuen, schönen Schlips um den Hals, denn ich hab‘ denkt, daß es mir, so trefflich herausg‘putzt, gar nit fehlen kann. Aber es ist halt anders kommen. Nämlich als ich an die Reihe kam und deshalb aufg‘standen bin, um die Frag‘ in schuldiger Ehrfurcht entgegen zu nehmen, was hat der Professorn da g‘sagt?«

»Nun, was?«

»Warum die Vögel Federn haben, hat er mich g‘fragt.«

»Das war freilich für dich eine heikle Sache. Was hast du geantwortet?«

»Was ich für eine Antworten geben hab‘? Nun, zunächst hab‘ ich die Augen zug‘drückt und g‘wartet, ob mir vielleichten ein Einfall kommen will, und sodann, als keiner ‚kommen ist, hab‘ ich – – —«

»Abd es Sirr!« rief in diesem Augenblick einer der Ruderer, den Grauen unterbrechend, indem er mit der Hand flußaufwärts deutete.

Der Steuerer kehrte zurück. Er hatte sein Floß am Ufer aufwärts geschafft und kam nun auf demselben um die Spitze des Schilffeldes und auf das Boot zu getrieben. Als er dasselbe erreicht und sich hineingeschwungen hatte, meldete er:

»Der Wald ist leer; ich habe keinen Feind gesehen.«

»Auch Tolo nicht?« fragte Lobo besorgt.

»Nein; aber wir werden nun nach ihm suchen und ihn gewiß finden. Ich ging bis vor die Bäume hinaus und sah Reiter, welche sich über die Chala entfernten.«

»In welcher Richtung?« fragte Schwarz.

»Zwischen Süd und West.«

»So sind sie fort. Hoffentlich befindet sich Tolo nicht als Gefangener bei ihnen. Wir wollen sofort an das Ufer und nach ihm forschen.«

Der Anker wurde aufgewunden und das Boot an das Land gerudert. Lobo konnte nicht den Führer machen, da ihn seine Wunde am Gehen verhinderte. Er blieb also bei den beiden Schwarzen, welche zur Bewachung des Fahrzeuges zurückgelassen wurden, beschrieb aber den Ort, an welchem der Subakh- und der Lubahnbaum stand, so genau, daß die Suchenden nicht fehlgehen konnten.

Schwarz hatte sein Fernrohr mitgenommen. Er führte seine Begleiter zunächst bis an den Rand des Waldes, um sich zu überzeugen, daß der Steuermann richtig beobachtet habe. Er kam noch zeitig genug, um die abziehende Sklavenjägerschar durch die Gläser zu erkennen. Dann wurden die beiden Bäume aufgesucht.

Es war im Walde kein Laut zu hören; nur vom jenseitigen Ufer klang das »Nuk-nuk, kur-nuk« eines Pfauenkranichs herüber. Doch als sie die erwähnten Bäume erreichten, hörten sie ein leises, leises Wimmern in der Luft. Es kam aus den dichten Zweigen, deren Belaubung die Gestalt des Obensitzenden nicht zu erkennen erlaubte.

»Tolo, bist du da oben?« fragte Schwarz.

Es erfolgte keine Antwort, doch wurde das Wimmern lauter. Da die Wiederholung der Frage denselben Erfolg hatte, schwang Schwarz sich auf den untersten Ast und kletterte dann weiter hinauf. Er sah den Schwarzen über sich sitzen, die Arme krampfhaft um den Stamm geschlungen.

»Wir suchen dich; komm herab!« rief er ihm zu.

Der arme Mensch schrie wie in höchster Todesgefahr auf und antwortete:

»Tolo tot machen, immer Tolo tot machen, aber nur Lobo leben lassen. Lobo ist gut, hat Tolo retten wollen!«

»Ihr seid beide gerettet. Komm herab; es geschieht dir nichts. Wir sind deine Freunde und werden dich beschützen.«

»Das ist nicht wahr. Du bist weiß; du bist ein Araber, ein Sklavenjäger; du gehörst zu Abd el Mot!«

»Nein, ich bin sogar sein Feind. Ich meine es gut mit dir; ich will dich retten. Komm mit mir herab!«

»Tolo kann nicht klettern; Tolo ist jetzt viel zu schwach dazu.«

»So werden wir dir helfen.«

Der Schwarze war durch die Anstrengung der Flucht und die darauf folgende große Angst um seinen Freund so ermattet, daß er sich wirklich kaum mehr festzuhalten vermochte. Schwarz rief zwei Niam-niam zu sich herauf und dann gelang es der vereinten Kraft der drei Männer, den armen Menschen vom Baume auf die Erde zu schaffen.

Er sah noch immer nicht ein, daß er gerettet sei. Er wollte es trotz aller Versicherung nicht glauben und wimmerte unaufhörlich fort. Er konnte kaum gehen und mußte unterstützt werden, als man jetzt zu dem Boote zurückkehrte. Am Ufer angekommen, sah er Lobo auf der Ruderbank liegen. Einen lauten Schrei der Freude ausstoßend, brach er bewußtlos zusammen. Er mußte in den Kahn getragen werden.

Lobo war außer sich vor Entzücken, als er sah, daß sein Freund gerettet sei. Zugleich aber verursachte ihm die Bewußtlosigkeit desselben große Sorge. Die beiden Deutschen beruhigten ihn durch die Versicherung, daß Tolo bald wieder erwachen werde.

Dies geschah allerdings in sehr kurzer Zeit; der Schwarze erwachte, aber die Besinnung war ihm nicht zurückgekehrt. Er wand sich hin und her, stöhnte und wimmerte, und bat unausgesetzt um Gnade für seinen Freund Lobo. Die Gefangenschaft, die Anstrengung der Flucht und die Aufregung während der Verfolgung hatten ihn so angegriffen, daß seine Kräfte nun zu Ende waren. Der Arzneikasten mußte wieder geöffnet werden; der Neger erhielt ein beruhigendes Mittel, worauf er in Schlaf verfiel. Er wurde neben Lobo gebettet, welcher die Ruderbank verlassen mußte, und in der Mitte des Bootes einen Lagerplatz erhielt.

Jetzt wurde über das, was vorzunehmen sei, eine Beratung gehalten. Lobo drang darauf, daß ein Bote zu den Bewohnern des Dorfes Ombula gesendet werde, um diese vor den Sklavenjägern zu warnen. Er selbst konnte nicht gehen, Tolo ebensowenig. Von den Niam-niam wollte sich keiner dazu verstehen, den gefährlichen Auftrag zu übernehmen, sie kannten den Weg nach Ombula nicht und hatten überhaupt keine Lust, das Risiko zu übernehmen, unterwegs in Gefangenschaft und Sklaverei zu geraten. So blieben nur die beiden Deutschen übrig. Abd es Sirr, der »Sohn des Geheimnisses«, hörte den Verhandlungen zu, ohne ein Wort zu sagen. Er war überhaupt ein schweigsamer Mensch, und pflegte nur dann zu sprechen, wenn er gefragt wurde, oder wenn er es für nötig hielt.

»Was ist da zu thun?« fragte Schwarz in deutscher Sprache. »Die Sorge für unsre eigene Sicherheit verbietet, uns mit dieser Angelegenheit zu befassen; aber die Menschen- und Christenpflicht gebietet das Gegenteil. Sollen wir ein ganzes großes Dorf, welches wir retten können, der Vernichtung anheimfallen lassen? Was sagst du dazu, Doktor?«

Die Nase des Grauen stieg mit ihrer Spitze in die Höhe, als ob sie mit ihren beiden weiten Löchern den Sprecher zornig anblicken wolle; die Augenbrauen zogen sich finster zusammen, und dann erklang es im unwilligsten Tone:

»Weißt, wannst mich in dera Wildnis nochmal Doktor schimpfst, so hau ich dir a Backpfeifen ins Fenster, daß alle Scheiben entzwei gehen, du Malefizbub, du! Ich sag‘ Sepp zu dir, folglich hast du mich Naz zu nennen, und wann dir das nit g‘fallt, so kannst gehen, wohin d‘ willst! Verstanden?«

»Entschuldige noch dieses Mal; es soll nicht wieder geschehen!« lachte Schwarz.

»Das will ich mir ausg‘beten haben. Man muß jedem seine Ehr‘ geben; aber unter Freunden bedarf es keiner Titel und Komplimenten. Oder willst die Brüderschaft, die wir g‘macht haben, etwa wieder aufheben?«

»Das kann mir nicht einfallen!«

»Schön! Wärst auch übel dabei wegkommen, denn ich hätt‘ dich von nun an nicht wiederum Sie, sondern blos nur Er genannt. Und was nun dieses Ombula betrifft, so werd‘ ich mal nachschauen, ob ich es auf dera Karten find‘. Ich weiß nur, daß es im Gebiet der Belandaneger liegt.«

Er zog eine alte, vielgebrauchte und abgegriffene Karte aus der Tasche, faltete sie auseinander, breitete sie auf seine Kniee aus und begann sie zu studieren, wobei sich seine Nase so eifrig von einer Seite nach der andern bewegte, als ob sie die Absicht habe, den Ort noch eher zu entdecken, als der Name desselben von den Augen erblickt wurde.

»Steht nicht da,« sagte Pfotenhauer nach einer Weile, indem er die Karte wieder zusammenlegte und in die Tasche steckte. »Die Belanda wohnen zwischen den Bongo und den Niam-niam, also südwestlich von hier, wohl gegen die Pambisaberge hin; aber wo das Dorf Ombula steht, davon find‘ ich auf dera Karten nix und in meinem Kopf noch viel weniger.«

»Pambisa!« rief Lobo, welcher zwar kein Wort der deutschen Rede verstanden, aber diesen Namen herausgehört hatte. »Dort ist Ombula.«

»Also dort?« antwortete Schwarz. »Wie weit von hier?«

»Drei Tagereisen von der Seribah Omm et Timsah.«

»Also zwei und eine halbe von hier aus. Eine Warnung unsrerseits würde zu spät kommen. Die Sklavenjäger haben Reittiere, wir aber nicht. Wollte einer von uns diesen Weg machen, so müßte er gehen, und sie würden also vor ihm dort sein.«

»Nein,« sagte der Steuerer, indem er sich zum erstenmal in dieser Angelegenheit hören ließ. »Man kann doch noch eher hinkommen, als die Araber.«

»In welcher Weise?«

»Auf einem schnellen Reitkamele.«

»Aber wir haben doch keins.«

»Das Volk der Dschur besitzt in dieser Jahreszeit Kamele. Ich kenne ein Dschurdorf, welches westlich von der Seribah Omm et Timsah liegt. Wenn wir es aufsuchen, können wir ein Kamel, oder auch mehrere kaufen, oder geliehen bekommen.«

»Liegt dieses Dorf weit von der Seribah?«

»Nein. Die Bewohner sind von Abu el Mot bezwungen worden; sie müssen ihm dienen, er bezahlt sie dafür; aber wenn sie können, ohne daß es verraten wird, sind sie sehr gern bereit, ihn in Schaden zu bringen.«

»Würden sie wohl dazu zu bringen sein, aus ihrer Mitte einen Boten nach Ombula zu senden?«

»Nein, denn sie befinden sich mit den Bewohnern des Belandalandes in Feindschaft. Sie würden sich von dir bezahlen lassen, und den Boten auch wirklich vor deinen Augen absenden; aber er würde gewiß sehr bald umkehren. Wir sind gezwungen, einen von uns zu senden. Ich hätte mich dazu bereit erklärt, aber ich muß im Boote bleiben, da keiner von euch den Fluß kennt, und also steuern könnte.«

»So kommen nur wir beide in die engere Wahl,« sagte Schwarz zu dem Grauen. »Meinst du, daß wir uns mit dieser Angelegenheit befassen?«

»Natürlich! Erstens ist es unsre Pflicht, den Bedrohten zu helfen, und zweitens wird es mir eine wahre Passion sein, diesem Abd el Mot eine Nase zu drehen, die fast noch größer ist, als die meinige. Ich werde also schauen, daß ich ein Kamel bekomme, und dann nach Ombula reiten.«

»Das kann ich nicht zugeben. Ich habe dieselbe Verpflichtung, wie du. Die Sache ist außerordentlich gefährlich, und so mache ich den Vorschlag, daß wir losen.«

»Hab‘ nix dagegen. Gefahr gibt‘s hier überall. Ob ich mit dem Boote deinem Brudern entgegenfahr‘, oder ob ich nach Ombula reit‘, das ist schnuppe; denn hier wie dort kann‘s einem ans Leben gehen.«

»So nehmen wir zwei Stücke Schilf, ein langes und ein kurzes, und dann —«

»Nein!« fiel ihm Pfotenhauer in die Rede. »Wir selbst wollen das Los nit machen. Die Vögel mögen zwischen uns entscheiden. Paß auf, wann wieder einer über den Fluß kommt. Fliegt er von drüben herüber, so gilt‘s für dich; fliegt er aber von hier hinüber, so mußt du die Botschaft übernehmen. Soll‘s so gelten?«

»Ja, ich bin einverstanden. Zugleich wollen wir die unterbrochene Fahrt wieder aufnehmen, damit wir sobald als möglich das Dorf der Dschur erreichen.«

Die Niam-niam erhielten den Befehl, zu den Rudern zu greifen. Auch wurden sie aufgefordert, auf die Vögel aufzupassen. Der »Sohn des Geheimnisses« erklärte:

»Da nur fünfzig Männer in der Seribah zurückzubleiben pflegen, so brauchen wir uns nicht zu fürchten. Wir können uns sehen lassen und ganz offen vorüberrudern. Dann legen wir am linken Ufer unterhalb der Seribah an, verbergen das Boot im Schilfe, und ich führe euch zu dem Dorfe, dessen Schech ich kenne.«

Er steuerte das Boot nach der offenen Mitte des Stromes, und dann flog es, von den Rudern getrieben, wie ein Pfeil den Fluß hinab.

Die Arznei hatte gewirkt. Tolo lag im tiefen Schlaf, und auch Lobo schloß die Augen und schlief ein. Er wußte, daß jemand seine Landsleute warnen werde und fühlte sich nun von der Sorge frei, welche ihn so schwer bedrückt hatte.

Die beiden Deutschen saßen still am Bug des Fahrzeuges. Die bevorstehende Trennung sollte nur eine kurze sein, konnte aber auch eine lebenslängliche werden. Der »Vater des Storches« arbeitete innerlich; das war seinem Gesichte abzunehmen, welches sich von Minute zu Minute in andre Falten legte. Die Nase war unausgesetzt thätig. Bald blickte sie nach rechts und bald nach links, bald hob und bald senkte sie sich. Er half mit der Hand nach, schob sie herüber und hinüber, räusperte sich, schluckte und knurrte leise vor sich hin und sagte endlich:

»Wann‘s einem so zu Herzen geht, da mag der Teuxel Schlittschuh fahren! Wir müssen bald aus‘nander, und keiner weiß, ob er seinen guten Kameraden jemals wiederschaut. Aber was soll man machen? Ich würd‘ mich für den Schuldigen halten, wenn diese Schwarzen getötet oder in die Sklaverei geschleppt würden, ohne daß wir den Versuch g‘macht hätten, sie zu warnen.«

»Mir ergeht es ebenso. Übrigens darf man sich die Sache nicht so gefährlich vorstellen. Es reitet einer von uns nach Süden, und gibt sich Mühe, unterwegs nicht in feindliche Berührung zu kommen. Das ist doch nicht allzu schwer.«

»Nein. Doch wenn die Mühe vergebens ist, und er kommt doch mit Feinden zusammen, so ist er allein und wird ausg‘löscht, ohne daß der andre ihm helfen kann. Ich wollt‘, das Los thät‘ mich treffen. Lieber will doch ich derjenige sein, den es trifft.«

»Nimm es doch nicht so schwer, alter Freund!«

»Schweig! Wann ich einen lieb hab‘, so seh‘ ich ihn nicht gern einer Gefahr entgegengehen, in der ich ihm nit beistehen kann. Das kannst dir doch denken, und – – halt, schaust sie? Da kommen‘s g‘flogen!«

Er war aufgesprungen und deutete nach dem jenseitigen Ufer, von welchem eine ganze Schar schreiender und kreischender Vögel herübergeflogen kam. Seine ausgestreckte Hand folgte der Richtung ihres Fluges, und seine Nase, welche sich erhoben hatte, that ihrerseits ganz dasselbe.

»Kennst sie?« fragte er.

»Ja. Es sind Sporenkibitze, Hoplopterus spinosus.«

»Richtig! Du bist gar kein übler Vogelkenner. Es ist selten, daß sie um diese Zeit so hoch in die Luft gehen. Jedenfalls sind‘s da drüben von einem Nilpferd aufg‘scheucht worden. Weißt auch, wie sie hier zu Lande heißen?«

»Siksak.«

»Und warum?«

»Weil sie so schreien.«

»Hast recht. Dieses Sik-sak, sik-sak, wann man‘s am Morgen aus hundert Schnäbeln hört, klingt grad so, als ob der Fuchs seinen Namenstag feiert. Jetzt sind‘s herüber und im Schilf verschwunden, wo sie im Morast nach Schnecken suchen.«

Da er die Vögel nicht mehr sah, setzte er sich wieder nieder und fuhr fort:

»Ich will hoffen, daß wir im Dorf der Dschur wirklich a schnelles Kamel bekommen. Der von uns, den es trifft, hat sich für sechs Tag‘ mit Proviant zu versehen. Der andre aber hat zu warten und auf deinen Bruder aufzupassen. Aber wo soll er das thun? In der Nähe von der Seribah Omm et Timsah kann er es nicht thun.«

»Nein, das kannst du nicht, weil die Besatzung der Seribah dich nicht sehen darf,« antwortete Schwarz, indem er leise lächelte. »Du wirst vielmehr weiter hinab bis nach der Seribah Madunga fahren, deren Bewohner unser Steuermann kennt. Er sagte, daß wir dort gut aufgenommen würden. An dieser Seribah muß mein Bruder vorüberkommen; du kannst ihn gar nicht fehlen, falls er eher kommt, als ich von Ombula zurückkehre.«

»Du?« fragte der Graue erstaunt.

»Ja, ich!«

»Du willst nach Ombula? Nit ich soll hin? Wer hat denn das g‘sagt?«

»Du selbst hast es so angeordnet.«

»Ich? Ist mir im ganzen Leben gar nit eing‘fallen!«

»Oho! Wer hat denn bestimmt, daß der Flug der Vögel entscheiden soll?«

»Ich.«

»Nun, er hat doch entschieden!«

»Davon weiß ich nix. Willst mir wohl ‚was weiß machen? Denkst wohl, daß ich so a Firlfax bin, der – – —«

Er hielt inne, machte den Mund weit auf und starrte den Gefährten eine ganze Weile sprachlos an. Die Spitze seiner Nase hob sich auch empor, als ob sie ebenso betroffen sei wie ihr Herr. Dann platzte er los:

»Meiner Seel‘, daran hab‘ ich ja gar nit mehr g‘dacht! Die Sporenkiebitz‘ sind doch übers Wasser g‘flogen!«

»Na, also! Und in welcher Richtung?«

»Von drüben herüber.«

»Also bin ich es, auf den das Los gefallen ist. Das gibst du doch zu?«

»Ich muß wohl. Aber dieses nixnutzige G‘sindel hätt‘ auch was Bessers thun können, als da herüber zu kommen. Wär‘ mir die Flint‘ zur Hand g‘west, so hätt‘ ich sie alle mit‘nander derschossen! Wollen wir nit lieber nochmal losen?«

»Nein. Ich bin für den Ritt bestimmt und werde ihn also ausführen.«

»So mag sich von heute an kein Kiebitz mehr vor mir sehen lassen, sonst knall ich ihm eins auf den Frack, daß ihm der Atem vergeht! Wer hätt‘ denken können, daß das Los dich treffen thät!«

»Warum sollte es dich leichter als mich treffen?«

»Weil ich‘s so schlau darauf ang‘fangen hab‘.«

»Wieso?«

»Ich hab‘ g‘sagt, wann der Vogel von hier hinüberfliegt, so soll ich g‘meint sein. Ich hab‘ mir natürlich g‘dacht, daß wir auf unsrer Seiten hier mit dem Boote die Vögel aufstören werden.«

»Dann hast du dich freilich verrechnet, denn ein aufgestörter Vogel wird nicht über unser Boot hinweg nach dem fernen rechten Ufer fliegen, sondern vielmehr das nahe, linke aufsuchen.«

»Dann darf‘s nix gelten, weil meine Dummheit schuld ist, daß dich‘s ‚troffen hat.«

»Nein, lieber Freund, es gilt. Gib dir keine Mühe! Sie würde unbedingt vergeblich sein.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»So lang mal her und gib mir aane Ohrfeigen, aber a tüchtige! Ich hab‘s verdient. Wann dir was Böses g‘schieht, so werd‘ ich nie im Leben wieder Ruhe finden! Aber so ist‘s! Man denkt wunder wie g‘scheit man ist, und daß man den Sack bei allen vier Zipfeln hat, und doch macht man Fehler, die kein Schulbub‘ größer machen kann.«

Er senkte den Kopf und zog die graue Bedeckung desselben so tief in die Stirn, daß man von seinem Gesichte nur die Nase sah. Aus der fortwährenden Bewegung, in welcher sich dieselbe befand, war zu schließen, daß er sich mit allerhand reuevollen Gedanken beschäftigte, denen er aber keinen Ausdruck gab. Er blieb von jetzt an in beharrliches Schweigen versenkt und erhob selbst dann den Kopf nicht, wenn eine Schar von Vögeln über ihn dahin rauschte. Das war das sicherste Zeichen, daß er ungewöhnlich tief in sich versunken sei.

Der Strom floß rasch, und die muskulösen Arme der Neger setzten die Ruder so kräftig in Bewegung, daß es schien, als ob die Ufer an dem Boote vorüber förmlich aufwärts flögen. Dabei veränderte sich die Scenerie nicht im mindesten. Drüben, zur rechten Hand, sah man nur Schilf und wildes Zuckerrohr, während am linken Ufer der Wald ununterbrochen folgte.

So verging die Zeit. Die Sonne hatte den Zenith längst hinter sich und warf bereits die Schatten der Bäume über die Flut. Da lenkte der Steuerer das Boot mehr dem rechten Ufer zu. Schwarz bemerkte das und fragte ihn nach der Ursache.

»Die Seribah Omm et Timsah ist nahe,« antwortete der Jüngling. »Wenn wir unbemerkt vorüberkommen wollen, müssen wir uns möglichst nahe an das jenseitige Ufer halten.«

Jetzt erhob der Graue den Kopf zum erstenmal wieder, um sich die gefährliche Gegend zu betrachten. Da schien seine Nase sofort einen Grund zu ganz besonderer Thätigkeit zu finden. Sie bewegte sich nach allen möglichen Richtungen und schnüffelte die Luft mit hörbarem Geräusche ein.

»Was gibt‘s? Riechst du etwas?« fragte Schwarz.

»Ja. Du nicht?« antwortete Pfotenhauer.

»Nein. Ich bemerke nicht das Geringste, was mir auffallen könnte. Auch die Neger arbeiten nur mit den Armen und nicht mit den Nasen. Die deinige wird sich also wohl im Irrtum befinden.«

»Was? Wie meinst? Meine Nasen soll sich täuschen? Du, da kennst sie schlecht! Die nimmt mehr Luft ein, als ihr alle mit ‚nander. Auf sie kann ich mich verlassen.«

»Nun, was riechst du denn?«

»Es riecht nach Brand.«

»Schwerlich! Ich merke nichts.«

»Ja, du! Was willst auch merken mit deinem Naserl, was man kaum mit dem Fernrohre derkennen kann!«

»Vielleicht hat dort am Ufer irgendwer ein Feuer angemacht, um sich einen Vogel, einen Fisch oder sonst etwas zu braten?«

»Nein, das ist kein Braten; das riecht versengt, verbrannt, nach Holz und Lehm und Stein, wie wann ein Haus ang‘steckt worden ist. Ich wett‘ auf meinen Kopf, daß da drüben links aan Gebäud‘ verbrannt ist.«

Auch Schwarz spürte jetzt den Geruch, die Niam-niam wurden aufmerksam. Der Steuerer erhob sich auf seinem Platze, wendete das Gesicht dem linken Ufer zu, sog die Luft laut ein und sagte dann:

»Es brennt auf der Seribah Omm et Timsah. Anderswo kann es nicht sein. Es ist ein großer Brand, denn der Rauch steigt so hoch auf, daß er dort über den Bäumen liegt.«

Er deutete mit der Hand nach der betreffenden Stelle, an welcher man den Rauch dick über die Wipfel steigen sah. Die Schwarzen zogen die Ruder ein, so daß das Boot nur mit dem Strome trieb, und sahen den »Sohn des Geheimnisses« an, erwartend, was er thun oder befehlen werde. Er prüfte mit scharfen Sinnen die Gegend, die Luft, den Geruch und meinte dann:

»Die ganze Seribah brennt. Das ist nur dann möglich, wenn man sie mit Absicht angezündet hat. Bricht in einem einzelnen Tokul Feuer aus, so liegt der Fluß nahe genug, es schnell zu löschen. Die Weißen haben sie vielleicht ganz verlassen, um weiter im Süden eine neue anzulegen. Wir müssen Lobo fragen.«

Der Neger wurde geweckt. Als er erfuhr, was man von ihm wissen wollte, war er sehr erstaunt. Er erklärte, ebenso wie der fest schlafende Tolo nichts davon zu wissen, daß man die Absicht gehabt habe, die Seribah ganz zu verlassen und gar niederzubrennen. Und doch blieb der Steuermann bei seiner Behauptung, daß die ganze Seribah brenne. Er meinte, daß man alle Veranlassung habe, so vorsichtig wie möglich zu sein. Darum ließ er das Boot an ein Schilfdickicht treiben und dort festlegen. Es wurde da Rohr geschnitten, um das Fahrzeug so zu maskieren, daß man es vom Ufer aus für eine kleine schwimmende Insel halten mußte. Dann wurde die Fahrt fortgesetzt, aber so, daß das Boot nur mit dem Strome trieb und von dem Steuer in der Richtung erhalten wurde.

Je weiter man kam, desto schärfer wurde der brandige Geruch. Die Leute saßen still auf ihren Bänken und beobachteten das linke Ufer, indem sie durch das Schilf blickten, welches rund um das Boot angebunden war. Als man dem Herde des Feuers nahe gekommen war, deutete der »Sohn des Geheimnisses« hinüber und sagte:

»Dort hinter den Bäumen liegt die Seribah! Seht ihr den dicken Qualm, welcher da aufsteigt? Das ist nicht von einer einzigen Hütte, sondern die ganze Niederlassung hat in Flammen gestanden. Die Reste derselben, welche aus Erde bestehen, qualmen noch. Und auf dem Flusse hat es auch gebrannt. Seht ihr die Stelle in der Nähe des Ufers, wo das Schilf schwarz aussieht und der Rauch noch aufsteigt?«

»Der Fluß kann doch nicht brennen,« entgegnete der Graue.

»Der Fluß nicht, aber das Schiff, der Noqer, welcher da verborgen lag. Auch er ist angesteckt worden. Das können nur Feinde gethan haben. Sollte man die Seribah überfallen haben?«

»Das müßte ganz unerwartet geschehen sein!«

»So etwas geschieht stets unerwartet. Der Feind braucht gar nicht stark gewesen zu sein, da die Seribah nur noch fünfzig Verteidiger hatte. Vielleicht sind es gar die Dschur gewesen, zu denen wir wollen. Wir müssen unbedingt erfahren, was sich ereignet hat.«

»Aber direkt fahren wir nicht hinüber,« warnte Schwarz.

»Nein. Wir treiben so weit abwärts bis wir nicht mehr bemerkt werden, und legen dann im dichten Rohre an.«

Es war wirklich der Gestank von verbranntem Mauerwerk, welcher hier auf dem Flusse lag. Die beiden Deutschen mußten also die Ansicht des jungen Steuermannes zu der ihrigen machen. Voller Erwartung harrten sie des Augenblickes, an welchem sie das Ufer erreichen würden.

Dies geschah nach kurzer Zeit. Abd es Sirr lenkte das Boot nun nach rechts, dem Lande entgegen. Dort, wo er es erreichte, stand die Omm Sufah wie ein Maisfeld so dick und hoch im Wasser und bis an das Ufer heran. Das Boot wurde, ohne daß man den Anker fallen ließ, mit Hilfe eines starken Palmseiles an den Stamm eines Baumes gebunden. Die Sehwarzen durften es nicht verlassen und der Steuermann sagte ihnen, was sie thun sollten, falls sie von Fremden oder gar Feinden entdeckt würden. In diesem Falle sollten sie sofort vom Ufer stoßen, die Mitte des Stromes gewinnen und sich da abwärts treiben lassen, bis er ihnen vom Ufer aus, an welchem er dem Laufe des Bootes folgen wolle, ein Zeichen zum Landen gebe.

Dann stieg er mit den beiden Deutschen aus, sich nur mit dem Spieße und der Wurfkeule bewaffnend. Die Weißen nahmen ihre geladenen Gewehre, Schwarz auch sein Fernrohr mit. Sie stiegen zwischen den nicht dicht stehenden Bäumen am Ufer empor und schritten vorsichtig durch den schmalen Wald bis an den Rand desselben. Bis hierher hatten sie nichts Verdächtiges bemerkt.

Nun sahen sie die Ebene vor sich liegen, die ihnen einen weiten Ausblick erlaubte. Sie befanden sich im Norden der Seribah, welche als ein großer, qualmender Trümmerhaufe vor ihnen lag, und zwar so nahe, daß sie dieselbe in fünf Minuten erreichen konnten. Ein lebendes Wesen war nicht zu sehen; selbst die Vögel waren von den Flammen und dem spätern Geruche des Brandes verscheucht worden.

Die drei Personen schritten näher, sich immer unter den Bäumen haltend und von Stamm zu Stamm vorsichtig auslugend, ob nicht etwa ein feindliches Wesen vor ihnen verborgen sei. Die Umzäunung war vollständig niedergebrannt. Bald konnte man das Innere der Seribah überblicken. Da wo eine Hütte gestanden hatte, lag jetzt ein rauchender Erdhaufen, und zwischen diesen Haufen bewegten sich, wie erst jetzt zu erkennen war, dunkle Gestalten.

»Es sind Menschen da!« sagte der Steuermann. »Wer sind sie? Bewohner der Seribah können es nicht sein. Wüßte ich nur, ob sich Weiße bei ihnen befinden.«

»Das werde ich gleich erfahren,« antwortete Schwarz, indem er sein Fernrohr auszog. Als er mit Hilfe desselben den Platz genau betrachtet hatte, fuhr er fort: »Ich sehe nur Schwarze; auch sind ihrer nicht viele; ich zähle kaum zwanzig.«

»Sind diese Leute bewaffnet?«

»Sie haben Stangen, mit denen sie in den Trümmern herumstöbern.«

»Sie werden für sich holen wollen, was zu retten ist. Wie sind sie gekleidet?«

»Keiner trägt mehr als nur den Schurz um die Lenden. Das Haar liegt wie ein Kranz um den Kopf.«

»Dann sind es Dschur, also Freunde von mir. Ich werde mich an sie schleichen. Irre ich mich und werde ich überfallen, so werde ich laut den Namen Abu Laklak rufen. Dann kommt ihr, mir zu helfen. Eure Gewehre sind mehr als genug, sie alle zurückzutreiben.«

Er legte sich auf die Erde nieder und kroch vorwärts, in den langen Aschenstreifen hinein, welcher die frühere Umzäunung bezeichnete. Dann sahen sie ihn hinter einem Trümmerhaufen verschwinden. Sie hielten ihre Gewehre bereit, um, falls er rufen werde, ihm sofort zur Hilfe zu eilen. Minuten vergingen. Dann sah Schwarz durch das Fernrohr, daß die Leute alle sich an einer Stelle versammelten. Zu dem Haufen, der sich dort bildete, traten zwei Männer, welche er bisher noch nicht gesehen hatte. Beide trugen graue Haïks. Der eine war ein Schwarzer, der andre schien kein Neger zu sein.

Nach einiger Zeit löste sich der erstere mit einem Begleiter von der Gruppe und kam mit demselben schnellen Schrittes auf die Gegend zu, in welcher die Deutschen standen.

»Sie kommen zu uns,« erklärte Schwarz seinem Gefährten.

»Doch nit in feindlicher Absicht?« fragte dieser.

»Nein. Den einen halte ich für den Anführer der Schwarzen; der andre ist unser Steuermann.«

»So haben wir nix zu befürchten. Ich bin neugierig, mit welcher Art von Menschen wir es zu thun haben werden. Wann‘s Leute vom Stamme der Dschur sind, so werd‘ ich‘s loben.«

Die beiden waren jetzt so nahe gekommen, daß man ihre Gesichter deutlich sehen konnte. Der »Sohn des Geheimnisses« lächelte sehr befriedigt. Der andre war ein dicker Neger, dessen wohlgenährtes Gesicht vor Freundlichkeit glänzte. Er hob schon von weitem die Hände empor, legte sie zusammen und bewegte sie grüßend auf und nieder. Dann blieb er gar stehen, verbeugte sich bis zur Erde nieder und rief:

»Salam, Salam aleïk! Ich heiße euch willkommen! Allah gibt mir große Gnade, indem er euch zu mir sendet. Ich und mein Haus, mein ganzer Stamm mit allen seinen Kriegern steht zu eurer Verfügung.«

»Das ist freilich nicht ernstlich zu nehmen,« meinte der Graue leise. »Dieser Kerl weiß von Allah gewiß ebensowenig wie sein Kamel von der Sternkunde.«

Laut aber erwiderte er den Gruß mit großer Herzlichkeit, und Schwarz stimmte ein. Der Dicke kam darauf näher, verbeugte sich abermals und fuhr fort:

»Ich bin der Schech des Stammes der Dschur, welcher hier in der Nähe wohnt. Wir erblickten heute ein großes Feuer in der Gegend der Seribah und eilten herbei, den Weißen zu helfen. Als wir kamen, waren sie fort, und nun retten wir, was gerettet werden kann.«

»Wo sind sie hin?« fragte Schwarz.

»Allah weiß es, ich nicht.«

Der Mann war ein Heide, glaubte aber, in den beiden Mohammedaner vor sich zu sehen; darum bediente er sich des Wortes Allah.

»Kennst du die Bewohner der Seribah?« erkundigte sich Schwarz.

»Ich kenne sie alle.«

»Wann warst du zum letztenmal hier?«

»Gestern ist es ein Tag gewesen.«

»Was hattest du da zu thun?«

»Abd el Mot ließ mich kommen, um mit mir wegen der Reittiere zu verhandeln, welche ich ihm zu dem Zuge liefern mußte.«

»Wohin ging der Zug?«

»In das Land der Belanda.«

»Nach welchem Orte?«

»Das weiß ich nicht. Den Ort sagt er nie, so wenig wie Abu el Mot.«

»Wo befindet sich der letztere?«

»Im Lande der Homr, doch kehrt er bald zurück.«

»Bist du ein Freund von ihm?«

Der Schech zog den Mund von einem Ohre bis zum andern, was wohl ein diplomatisches Lächeln sein sollte, griff sich verlegen nach dem rund um seinen Kopf liegenden Haarwulste, welcher die Gestalt eines aufgeblasenen Luftkissens besaß, und antwortete:

»Herr, ein armer Mann muß der Freund aller großen Herren sein, wenn er nicht aufgefressen werden will. Auch dir diene ich gern, denn ich weiß, daß du mich gut bezahlen wirst.«

»Ob ich dich überhaupt bezahle, kommt nur auf deine Aufrichtigkeit an. Weißt du, wann Abd el Mot die Seribah verlassen hat?«

»Am frühen Morgen; ich mußte ihm meine Tiere bereits am Nachmittage vorher bringen.«

»Hat er eine Besatzung zurückgelassen?«

»Ja. Er thut das stets und sagte auch diesmal, daß er es thun werde.«

»Wo sind diese Leute?«

»Fort. Wohin, das weiß ich nicht,« wiederholte er.

»Wer hat die Seribah angebrannt?«

»Die Besatzung ist es gewesen. Sie wird sich empört haben, denn sie ist fort und hat alle Rinder und Schafe mit fortgenommen.«

»Ah! Ist es so! Dann ist also Abu el Mot ein armer Mann, wenn er zurückkehrt!«

»Er wird bald wieder reich sein, Herr. Als er ging, sagte er, daß er viele Krieger der Nuehr anwerben und mitbringen wolle, denn er werde bei den Niam-niam Sklaven fangen. Wenn er kommt und sieht, daß die fünfzig Männer die Seribah ausgeraubt und verbrannt haben, so wird er ihnen nachjagen, um sie zu töten und ihnen alles wieder abzunehmen.«

»Hat vielleicht Abd el Mot den Brand anbefohlen?«

»Nein, Herr, gewiß nicht, denn er ist dem Besitzer der Seribah treu.«

»So treu wie du!«

Er sah bei diesen Worten dem Negerhäuptling scharf in das fette Gesicht. Dieser verbeugte sich, lachte verlegen und antwortete:

»Herr, ich bin einem jeden treu, der mich gut bezahlt.«

»Womit lässest du dich bezahlen? Mit Zeug oder mit Rindern?«

»Mit beidem, aber der Abu Noktah ist mir noch lieber.«

»So ist es möglich, daß du einen oder mehrere von mir bekommst. Bist du mit den Belanda in Feindschaft?«

»Ja, Herr; die Blutrache ist zwischen ihnen und uns.«

»Aber du kennst den Weg nach ihren Dörfern?«

»Jeder Dschur kennt diese Wege.«

»Ich will nach Ombula. Kennst du es?«

»Ja. Es liegt an den Bergen, welche Pambisa genannt werden.«

»Hast du vielleicht einen Mann, welcher mich dorthin führen kann?«

»Jeder Dschur kann dich führen. Wenn du drei Abu Noktah bezahlst, will ich dir einen guten Führer geben.«

»Ich zahle sie, vorausgesetzt, daß der Mann seine Pflicht erfüllt.«

»Er wird sie gewiß erfüllen.«

»Nun gut! Er soll mich hin- und auch wieder zurückbringen. Ich zahle ihm freiwillig vier Abu Noktah, aber er bekommt sie erst dann, wenn wir zurückgekehrt sind.«

Da schlug der Mann die Hände zusammen und rief aus:

»Allah schütze dich, Herr! Was hast du für Gedanken! Du mußt sie sofort bezahlen!«

»Nein, das thue ich nicht.«

»Da werde ich sie ja nie erhalten!«

»Warum?«

»Weil du nie wiederkommen wirst. Die Belanda werden dich ermorden und den Führer auch. Darum wird dieser nur so weit mitgehen, als er seines Lebens sicher ist.«

»Ah, das ist sehr aufrichtig von dir! Ich werde also gar keinen Führer nehmen und du wirst keinen Abu Noktah bekommen.«

Der Neger sah ein, daß er keineswegs schlau gewesen sei. Um das Geld für sich zu retten, sagte er:

»Kein Dschur wird anders als mit Heeresmacht zu den Belanda gehen; aber der Führer wird dich bis zur Grenze ihres Landes geleiten. Dort muß er umkehren. Daß es dann für ihn zu gefährlich ist, wird dir auch der Sejad ifjal sagen, wenn du ihn fragen willst.«

Sejad heißt Jäger; ifjal ist der Plural von Fil = Elefant, ein Sejad ifjal ist also ein Elefantenjäger. Einen solchen unter den Dschur zu wissen, war für Schwarz höchst unerwartet, darum fragte er:

»Womit tötet dieser Jäger die Elefanten?«

»Mit seinem Gewehre.«

»Gibt es denn in deinem Stamme diese Art von Flinten?«

»Bei meinem Stamme? Nein. Er gehört ja gar nicht zu uns.«

»Zu welchem Stamme denn?«

»Das weiß ich nicht. Er ist gar kein Neger, sondern ein Weißer. Wir kannten ihn nicht, sondern nur seinen Namen. Er ist ein sehr berühmter Mann, von welchem alle Menschen erzählen. Er kam heute zum erstenmal zu uns, gerade als wir das Feuer bemerkten. Da ging er mit uns, um sich die Seribah anzusehen.«

»Wohin will er von hier aus?«

»Das weiß ich nicht. Wir hatten noch keine Zeit, davon zu sprechen.«

»Auch wir wollen die Seribah sehen. Zeige sie uns!«

»Kommt mit, und seid meine Gäste. Feuer ist da, und Fische haben wir auch gefangen; so gibt es also ein Mahl, welches wir euch vorsetzen können.«

Er machte den Führer, und sie folgten ihm. Es gab nicht viel zu sehen. Asche und verbranntes Mauerwerk, welches nur aus Nilschlamm bestanden hatte. Was in den Hütten zurückgelassen und nun gerettet worden war, hatte man auf einen Haufen zusammengetragen, nicht etwa, um es Abu el Mot später auszuhändigen, sondern um es selbst zu behalten.

Schwarz schickte den Steuermann zu dem Boote zurück, um die Ruderer zu benachrichtigen, daß nichts zu befürchten sei, und dann auf seine Ankunft zu warten. Die Dschurneger standen jetzt beisammen. Bei ihnen befand sich ein Mann, dem es anzusehen war, daß er nicht zu ihnen gehörte. Seine Haut war zwar von der Sonne verbrannt, aber doch viel heller als die ihrige, und seine Gesichtszüge zeigten ebensoviel arabischen, wie Negertypus. Seine Gestalt war nicht hoch, aber sehr breit und ungemein kräftig gebaut. Gekleidet war er in einen lichten Haïk, dessen Kapuze seinen Kopf bis zur Stirn bedeckte. An den Füßen trug er Bastsandalen, und in der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr von demselben starken Kaliber wie die einläufige Elefantenbüchse des Slowaken, welcher Vater der elf Haare genannt worden war. Ein langer, grauer Bart hing ihm fast bis auf den Gürtel herab. Sein Gesicht war tief eingefallen. Es machte den Eindruck inneren Leidens und äußerlicher Anstrengungen und Entbehrungen; doch war der Blick seines dunklen Auges lebhaft und von ungewöhnlicher Schärfe.

»Das ist der Sejad ifjal,« sagte der Häuptling, indem er auf ihn deutete. »Er wird mir bezeugen, daß es gefährlich ist, zu den Belanda zu gehen.«

»Ihr wollt zu den Belanda?« fragte der Neger, indem er die Deutschen mit einem langen Blicke musterte.

»Nur ich allein will hin,« antwortete Schwarz.

»Dann bist du ein kühner Mann. Darf ich erfahren, welchem Stamme du angehörst?«

»Keinem. Ich bin ein Nemsawi, welches Volk du wohl nicht kennen wirst.«

»Ich kenne es, denn ich habe bei einem Nemsawi gewohnt, welcher mich aus großer Gefahr errettet und mir dann von seiner Heimat erzählt hat. Dein Vaterland zerfällt in mehrere Länder, deren jedes einen großen, mächtigen Sultan hat; aber der oberste Schah, welcher über sie alle herrscht, wird Uilelem auwalani genannt. Ist es so?«

»Ja,« stimmte Schwarz bei.

»Sein oberster Wesir heißt Bisemar, und sein berühmtester Dschanaral ist Moltika geheißen?«

»So ist es.«

»Du siehst, daß ich dein Land und dein Volk kenne. Ihr habt große Kriege gehabt und alle Schlachten gewonnen, sogar den Sultan von Feransa gefangen genommen. Ich liebe die Völker, welche tapfer sind, und ich liebe ganz besonders euch, weil ich einem der eurigen das Leben zu verdanken habe.«

»Darf ich erfahren, welcher Mann das ist?«

»Du darfst es. Ich trage seinen Namen stets auf der Zunge, um ihn zu preisen und ihm dankbar zu sein. Er nennt sich Emin Pascha und beherrscht das Land Wadelai. Kennst du ihn vielleicht?«

»Ja; er ist ein hochberühmter Mann, welcher alles thut, um den Wohlstand seiner Unterthanen zu begründen und zu heben. Besonders duldet er keinen Sklavenhandel, den er in seiner Provinz aufgehoben hat.«

»Das ist recht von ihm, und darum bin ich doppelt sein Freund, obgleich er einer der Eurigen und nicht ein Anhänger des Propheten ist.«

»Wie? Ich halte dich für einen Araber, und so wundert es mich, daß du ein Gegner des Sklavenhandels bist.«

»Ich bin aus Dar Runga und besaß früher viele Sklaven, welche mich bedienten, aber ich hatte einen Feind, welcher mir aus Rache meinen Sohn, mein einziges Kind raubte und in die Sklaverei führte. Da gab ich sämtlichen Sklaven die Freiheit, vertraute meine Zelte und Herden meinem Bruder an und reiste fort, um den Geraubten zu suchen.«

»Und du hast ihn noch nicht gefunden?«

»Nein. Viele Jahre sind vergangen, und ich sah weder meinen Sohn noch meine Heimat wieder. Ich wandere umher wie der Jahudi el Abadi, von welchem die Christen erzählen, daß er in Ewigkeit wandern muß, weil er Isa Ben Marryam die Ruhe versagt hat. Auch den Feind, welcher mir meinen Sohn raubte, habe ich nicht wieder gesehen; nicht die geringste Spur fand ich von den beiden. Nun kann ich nichts anderes thun, als von Land zu Land, von Stamm zu Stamm ziehen, um es dem Zufalle zu überlassen, mir Kunde von dem Verlorenen zu geben. Jetzt komme ich von dem Idris und will zu den Belanda und Babukur.«

»Du sagst aber doch, daß es sehr gefährlich sei, die ersteren aufzusuchen!«

»Von hier aus, ja, weil sie mit den hiesigen Negern in Feindschaft leben. Ich werde ihnen aber nicht sagen, daß ich von hier, von den Dschur, komme. Was willst denn du bei ihnen?«

Schwarz antwortete ihm so leise, daß die Neger es nicht zu hören vermochten:

»Ich will sie vor Abd el Mot warnen, welcher ausgezogen ist, das große Dorf Ombula zu überfallen.«

»Wissen diese Dschur hier von dieser deiner Absicht?« fragte der Elefantenjäger ebenso leise.

»Der Häuptling kann es erraten; gesagt aber habe ich es ihm noch nicht.«

»Sprich nicht davon, denn die Dschur sind Freunde des Abu el Mot. Du mußt gewärtig sein, daß sie dir heimliche oder gar gefährliche Hindernisse in den Weg legen. Kommt lieber zur Seite, damit wir ungehört darüber reden können.«

Er führte die beiden so weit von den Schwarzen fort, daß sie von diesen nicht beobachtet werden konnten, und fragte, indem er sich mit den Händen auf sein Gewehr stützte, und die Deutschen forschend anblickte: »Warum wollt ihr den Belanda diesen Gefallen thun? Kann es euch nicht gleichgültig sein, ob sie Sklaven werden oder nicht? Seid ihr vielleicht befreundet mit ihnen?«

»Nein,« antwortete Schwarz. »Wir waren niemals dort und kennen sie nicht. Aber nicht nur unsre Religion, sondern auch unser Herz gebietet uns, sie zu warnen.«

»Dann seid ihr nicht diejenigen Christen, welche in andre Länder gehen, um die Völker derselben zu unterjochen und auszunützen, sondern wie Emin Pascha, welcher gekommen ist, seine Leute glücklich zu machen. Aus welchem Grunde aber seid ihr überhaupt in diese Gegend gekommen?«

»Um die Menschen, Tiere und Pflanzen, welche es hier gibt, kennen zu lernen.«

Der Araber schüttelte den Kopf und antwortete: »Das kann euch doch gar keinen Nutzen bringen!«

Schwarz wußte sehr wohl, daß es fremde ausgebildete Völker gibt, deren Angehörige es nicht begreifen können, daß ein Mensch sich den Gefahren ferner Länder aussetzen kann, nur um des Wissens willen. Dennoch antwortete er:

»Du hast doch von den verschiedenen Ulum gehört, mit denen sich die Gelehrten beschäftigen?«

»Ja, ich kannte einen, welcher alle Nächte durch ein Rohr die Sterne anschaute. Was hatte er davon?«

»Er berechnete den Lauf der Sterne und bestimmte nach demselben die Zeiten, Jahre, Monden, Tage und Stunden.«

»Das war ein guter Zweck. Aber ich habe gesehen, daß Emin Pascha Steine und Pflanzen sammeln ließ. Wozu könnte das dienen?«

»Um die Heilkräfte dieser Pflanzen zu untersuchen und dann mit Hilfe derselben die Kranken gesund zu machen. Die Steine wollte er kennen lernen, um zu erfahren, ob es wertvolle unter ihnen gibt oder gar Erze, Gold und Silber.«

»Wenn du es so erklärst, so erkenne ich freilich, daß die Wissenschaft ihre sehr guten Zwecke hat. Gehört ihr auch zu den Gelehrten?«

»Ja. Wir wollen bei den Niam-niam eine Station, einen Ort errichten, von welchem aus wir das Land untersuchen, um diejenigen Tiere, Pflanzen und Steine zu entdecken, deren Verkauf den Bewohnern Nutzen bringen kann. Wenn sie mit Hilfe eines solchen Handels das verdienen, was sie brauchen, so werden sie von dem verderblichen Sklavenhandel lassen.«

»Diese eure Absicht billige ich, denn sie ist sehr gut. Ihr seid als die wahren Freunde der hiesigen Völker gekommen.«

»Allerdings. Und weil dies der Fall ist, wollen wir die Belanda vor ihren Feinden, den Sklavenjägern warnen. Vielleicht ist es gar nicht nötig, daß ich zu ihnen gehe. Konntest du es nicht übernehmen, ihnen die Botschaft zu überbringen?«

»Nein. Ich würde verloren sein, da sie dann wüßten, daß ich hier bei den Dschur gewesen bin.«

»Dann bin ja ich ebenso verloren.«

»Nein, denn du bist nicht ein Araber, sondern ein Fremder. Ich werde nach dem Volke behandelt, bei welchem ich mich zuletzt aufgehalten habe. Darum muß ich aus Klugheit die Leute, welche ich aufsuche, stets in der Weise täuschen, daß ich behaupte, von einem befreundeten Stamme zu kommen. Bei euch ist das nicht nötig. Ihr als Fremde seid den Gesetzen der Blutrache nur dann verfallen, wenn ihr selbst, also in eigener Person, das Blut eines hiesigen Mannes vergießet. Woher wißt ihr denn so genau, daß Abd el Mot nach Ombula will?«

Schwarz erzählte ihm das heutige Abenteuer und gab ihm auch über sich und Pfotenhauer soweit Auskunft, daß der Araber am Schlusse der Auseinandersetzung sagte:

»Bei Allah, ihr seid gerechte, menschenfreundliche und sehr mutige Leute! Ich werde gern mit dir nach Ombula reiten, wo ich vielleicht eine Spur meines Sohnes oder seines Entführers finde. Nur mußt du dort verschweigen, daß du mich hier bei den Dschur getroffen hast, da ich sonst, weil ich Gast derselben gewesen bin, bei den Belanda als Feind aufgenommen würde. Erfahren sie es nicht, so vermag ich dich vor Feindschaft zu schützen, denn mein Name ist ihnen gar wohl bekannt. Alle Völker von hier bis hinunter zu den Leuten am Ufer des Tanganyikasees haben Ehrfurcht vor dem Manne, welcher überall nur Sejad ifjal genannt wird.«

»So preise ich den Zufall, welcher mich mit dir zusammengeführt hat.«

»Ja, du magst ihn preisen, denn ohne mich würdest du nie aus dem Gebiete der Belanda zurückgekehrt sein, denn du wärst ganz gewiß in die Hände der Sklavenjäger gefallen, da du nicht wissen kannst, wie dieselben reisen.«

Das klang so selbstgefällig, daß Schwarz es für geraten hielt, zu entgegnen:

»So schlimm wäre es wohl nicht geworden. Ich habe mit Menschen zu thun gehabt, welche wenigstens ebenso gefährlich waren, wie diese Jäger es sind, und wenn ich auch die Gegend nicht kenne, so wäre das doch nicht das erste Mal, daß ich mich durch ein feindliches Gebiet zu schlagen hätte.«

»Ja, ich weiß es, ich weiß es,« nickte der Araber, indem ein überlegenes, aber wohlwollendes Lächeln um seine bärtigen Lippen spielte; »die Gelehrten wissen alles und können alles, und also ist es wohl möglich, daß Allah dir geholfen hätte, den dir hier drohenden Gefahren zu entgehen; aber ich denke, daß ich dir immerhin von einigem Nutzen sein werde. Du bist ein Deutscher; ich wünsche, dein Freund zu sein, und hoffe, daß du mich nicht zurückweisen werdest.«

»Dich zurückweisen? Das kann mir gar nicht einfallen! Ich gebe dir vielmehr hiermit die Hand, dich willkommen zu heißen, und sage dir aufrichtig, daß ich mich sehr darüber freue, dich getroffen zu haben.«

Der Sejad ifjal schlug in die dargebotene Hand ein und sagte in wohlwollendem Tone: »Ich erkläre, daß ich mit dir gehen und dich beschützen werde. Du scheinst ein mutiger Mann zu sein; aber die Gelehrten verstehen es nicht, gegen den Löwen und Panther, den Elefanten, das Nashorn und Flußpferd zu kämpfen. Ich jedoch lebe von der Jagd dieser Tiere und kann dich von ihnen befreien. Mit deiner kleinen, dünnen Flinte könntest du nicht eins dieser Tiere erlegen. Da sieh dagegen einmal mein Gewehr an!«

Er hielt ihm die alte, schwere Waffe vor die Augen. Jetzt war es Schwarz, welcher mit einem leise ironischen Lächeln antwortete:

»Ja, es ist noch einmal so dick wie das meinige; aber Allah gibt zuweilen auch dem Schwachen Stärke. Doch freut es mich, überzeugt sein zu dürfen, daß ich mich auf deinen Schutz verlassen kann. Es ist fest beschlossen, daß wir zusammen reisen; wann aber bist du zum Aufbruche bereit?«

»Sobald ich mich bei den Dschur hier mit einem neuen Reittier versehen habe. Mein Ochse, der mich hierherbrachte, ist abgetrieben, und da unsre Reise schnell vor sich gehen muß, so werde ich ein Kamel oder ein Pferd kaufen.«

»Das muß ich auch thun. Bist du mit Geld versehen?«

»Nein. Geld habe ich nie. Ich bezahle alles mit Elefantenzähnen und Nashornelfenbein. Ich kam mit zwei Tieren. Das eine trug mich, das andre die Zähne, welche ich erbeutet hatte. Das reicht mehr als hin, zwei Pferde oder Kamele und auch Proviant für uns einzutauschen. Ich werde den Handel machen, und du kannst mich dann mit Geld bezahlen, damit ich auch einmal ein Silberstück in die Hand bekomme.«

»Schön! Aber du wirst es erlauben, daß ich mir mein Tier selbst auswähle!«

»Nein, das darf ich nicht erlauben. Wir dürfen keine Unklugheit begehen. Diesen Dschur ist nicht zu trauen. Sie halten es mit Abu el Mot, welcher in jedem Augenblicke zurückkehren kann. Wenn sie ihm sagen, daß du nach Ombula willst, wird er dich töten. Es ist ein Fehler von dir, daß du nach diesem Orte gefragt hast. Du mußt ihn dadurch wieder gut machen, daß du dir den Anschein gibst, als ob du diese Absicht aufgegeben hättest. Wie du siehst, beladen sich die Dschur soeben mit den Gegenständen, welche sie dem Feuer entrissen haben. Sie werden mit denselben in ihr Dorf zurückkehren, und ich begleite sie. Sobald ich dann den Handel abgeschlossen habe, komme ich wieder, um dich abzuholen.«

»So soll ich hier auf dich warten?«

»Ja; aber du mußt dich verbergen, damit Abu el Mot, wenn er je schon jetzt ankommen sollte, dich nicht finden kann. Du sagst jetzt dem Schech der Dschur, daß du nicht nach Ombula wollest, da dieser Weg für dich zu gefährlich sei. Ihr kehrt in euer Boot zurück und fahrt mit demselben ab. Sobald man euch von hier aus nicht mehr sehen kann, legst du wieder am Ufer an, um auszusteigen und heimlich hierher zurückzukehren. Siehst du dort links den hohen Hegelik über die andern Bäume ragen? An seinem Stamme magst du auf mich warten, während dein Boot nach der Seribah Madunga weiterfährt, wo du mit deinen Gefährten wieder zusammentreffen wirst.«

Schwarz erklärte sich einverstanden, fügte aber hinzu:

»Ich darf mich doch auf dich verlassen? Denke dir meine Lage, wenn mein Boot fort wäre und du nicht kämest!«

»Habe keine Sorge! Ich gebe dir hiermit meine Hand und schwöre dir bei Allah und dem Propheten, bei meinem Barte und bei allen meinen Vätern, daß ich jetzt alles, was du brauchst, für dich besorgen und dann zu dir zurückkehren werde!«

Diesen heiligen Schwur bricht ein Mohammedaner nie; er gibt vielmehr sein Leben daran, ihn zu halten. Darum fühlte Schwarz sich vollständig beruhigt. Gut war es übrigens, daß die Verabredung zu Ende war, denn jetzt kam der Schech herbei, welchem es aufgefallen war, daß die drei Männer so abseits heimlich miteinander verhandelten. Auf seinem Gesichte lag das deutlichste Mißtrauen, als er fragte: »Darf ich hören, was hier gesprochen wird? Wir gehen jetzt nach unsrem Dorfe. Wenn der fremde Herr wirklich zu den Belanda will, so werde ich ihm einen Führer auswählen, der ihn bis an die Grenze bringt.«

»Das hat sich erledigt,« antwortete der Elefantenjäger. »Diese Männer haben eingesehen, daß es gefährlich ist, jetzt ihren Vorsatz auszuführen. Sie werden also aufbrechen, um ihre Reise fortzusetzen.«

»Aber es wurde mir doch Geld versprochen!« meinte der dicke Schwarze enttäuscht.

»Für den Führer, ja; aber da sie ihn nun nicht brauchen, hast du nichts zu verlangen.«

»Wohin wollen sie von hier aus?«

»Den Fluß abwärts, bis sie ein Schiff erreichen, mit welchem sie nach Chartum fahren können.«

»So erfordert es die Höflichkeit, daß ich sie bis an ihr Boot begleite, um ihnen dort Heil für die Reise zu wünschen.«

Sein Mißtrauen war nicht geschwunden. Er wollte sich von der Abfahrt der Weißen überzeugen. Der Jäger verabschiedete sich sogleich von ihnen, wobei er durch eine heimliche Pantomime zu verstehen gab, daß er sicher Wort halten werde. Der Schwarze aber ging mit ihnen bis zur Stelle, an welcher ihr Fahrzeug angebunden lag. Er betrachtete die Insassen desselben genau und sagte dann:

»Ich muß auf das Geld verzichten; aber ihr werdet nicht abreisen, ohne mir ein Geschenk gegeben zu haben. Ich bin der Schech des Dorfes und habe von jedem Fremden, welcher unser Gebiet betritt, den Tribut zu fordern.«

»Wir haben nur die Seribah, nicht aber dein Dorf betreten,« antwortete Schwarz. »Dennoch will ich dir eine freiwillige Gabe nicht verweigern, damit du Gelegenheit findest, in Freundlichkeit an uns zu denken. Hier nimm!«

Er hatte, wie jeder Europäer, der die dortigen Länder bereist, einen Vorrat von Handels- und Tauschartikeln bei sich und entnahm demselben mehrere Perlenschnüre, die er dem Neger reichte. Aber in neuerer Zeit sind so viele Glasperlen durch die Händler nach dem Bahr el Dschur gebracht worden, daß diese Ware ihren früheren Wert dort fast ganz verloren hat. Der Häuptling hielt die Schnüre einige Augenblicke in der Hand, warf sie dann in das Boot zurück und rief in zornigem Tone:

»So ein Geschenk wagt ihr mir anzubieten? Ich brauche keine Perlen. Hängt sie euch selbst um die Hälse, wenn ihr solche Weiber seid! Allah sende euch schlechten Wind auf eurer Fahrt und tausend Krokodile, die euch fressen!«

Dann rannte er, so schnell es ihm seine Korpulenz gestattete, von dannen. Die Ruderer lachten ihm nach; die Weißen aber nahmen die Sache ernster. Als das Boot vom Ufer gestoßen war und der Mitte des Stromes zustrebte, sagte Schwarz:

»Dieser Mensch hatte sich wohl den Empfang einiger Theresienthaler eingebildet. Nun mag ich mich nur vor ihm und seinen Leuten in acht nehmen.«

»Ja, vorsichtig wirst du sein müssen,« antwortete der Graue. »Nun darfst dich von ihnen nit derblicken lassen. Sie schaffen jetzt die Sachen von der Seribah fort, kehren aber gewiß nochmals zurück, um vollends aufzuräumen. Wenn sie dich dabei entdecken, so will ich zwar nit sagen, daßt verloren bist, doch halt‘ ich‘s für besser, daß ich bei dir bleib‘, bis der Araber kommen ist und ihr glücklich abgreist seid. Was denkst du dazu?«

»Ich gebe dir nicht unrecht; du magst mich also begleiten. Damit auch du dich dann nicht allein befindest, nehmen wir noch einen Ruderer mit. Übrigens wollte ich es den Negern nicht raten, mich zu überfallen; sie würden vor meinen Kugeln bald davonlaufen.«

Das Boot hatte jetzt die Strömung erreicht und trieb mit derselben so schnell abwärts, daß man das Ufer bald wieder aufsuchen konnte. Dort wurde das Fahrzeug im Schilf verborgen, und Schwarz versah sich mit den Gegenständen, welche ihm als notwendig erschienen. Dann brach er auf, begleitet von dem Grauen und einem bewaffneten Schwarzen. Der Steuermann erhielt den Befehl, die Rückkehr der letzteren zwei hier zu erwarten und dabei den Fluß im Auge zu behalten.

Auch hier besaß der Wald nur eine sehr geringe Breite, so daß die drei Männer schon nach wenigen Schritten den Rand desselben und die offene Ebene erreichten. Dort schritten sie nun südwärts der Seribah wieder zu.

Nach Verlauf einer Viertelstunde sahen sie die Trümmer derselben, aus denen sich noch immer ein leichter Rauch erhob. Sie mußten, um unbemerkt zu bleiben, ihren Weg nun zwischen den Bäumen fortsetzen und erreichten glücklich den Hegelikbaum, unter dessen Dach sie sich niederließen, um die Ankunft des Elefantenjägers zu erwarten.

Die baldige Rückkehr desselben mußte ihnen um so erwünschter sein, als der Tag schon weit vorgeschritten war und die Sonne sich dem westlichen Horizonte schnell zuneigte.

Der Schwarze hatte sich aus Ehrerbietung in einiger Entfernung von den Weißen niedergesetzt. Die beiden letzteren sprachen von ihrer bevorstehenden Trennung, wobei der Graue nicht umhin konnte, seinen Gefährten allerlei gute Ratschläge zu erteilen.

»Hast doch g‘nug Patronen eing‘steckt, daßt brav schießen kannst, wannst ang‘fallen wirst?« fragte er.

»Versteht sich ganz von selbst,« antwortete Schwarz. »Bei einem Ritte, wie ich ihn vorhabe, ist ausreichende Munition das Notwendigste.«

»Und wie g‘fallt dir der Elefantenjäger? Als Begleiter muß er dir willkommen sein. Ich möcht‘ ihn für ehrlich halten, hätt‘ aber doch beinahe g‘lacht, als er seine alte Haubitz‘n mit deinem G‘wehr verglich und dabei versprach, dich mit derselben zu beschützen. Wann‘s auf den Treffer kommt, wirst halt du es sein, der ihn in Schutz zu nehmen hat.«

»Möglich. Er ist mir wirklich höchst willkommen, und ich schenke ihm alles Vertrauen. Sein Schicksal erregt mein Beileid. Ein Vater, welcher lange Jahre hindurch nach seinem geraubten Sohne sucht!«

»Ja, man zählt diese Leut‘ zu den Halbwilden; aber sie haben ebenso gut wie wir Herz und G‘müt. Der Mann thut mir wirklich leid, und – – halt, schaust sie? Da kommen sie! Es ist a Manderl und a Weiberl. Kennst sie auch schon?«

Er deutete auf zwei regenpfeiferartige Vögel, welche unter den Bäumen dahergelaufen kamen und, als sie die Männer erblickten, vorsichtig stehen blieben. Ihr Rücken war schwarz, ihr Bauch sandfarben, Schwanz und Flügel aber schwarz, weiß und grau gezeichnet.

»Ja, ich kenne sie,« antwortete Schwarz. »Krokodilswächter, Pluvianus aegypticus. Dieser Vogel wird schon von Herodot erwähnt.«

»Hast recht. Aber weißt auch, wie er von den Leuten hier genannt wird?

»Ter-, Habobd- und Ghafir- et Timsah«.

»Richtig! Bist gar kein übler Vogelkenner, und kannst mir helfen, wann ich später mein Buch schreib‘. Schau, da gehen‘s wieder fort. Hast auch schon zug‘schaut, wann so a Vogel sich dem Krokodil in den offenen Rachen setzt, um das darin befindliche G‘würm zu fressen? Die riesige Eidechs‘ sperrt dabei das Maul sperrangelweit auf, und es fällt ihr gar nit ein, das kleine Viecherl zu stören oder gar zu verschlingen; sie weiß vielmehr recht gut, daß dasselbige sein Wohlthäter ist. Dazu g‘hört nit bloß Instinkt, sondern die wirkliche Überlegung, die man diesen Geschöpfen so gern absprechen möcht‘. So a Tier hat auch Gedanken; es versteht zu folgern und Erfahrungen zu sammeln, und es kann vorkommen, daß so a Wesen klüger handelt als a Mensch, der sich für g‘scheit und weise hält.«

»Daß du da recht hast, habe ich nicht nur einmal an mir selbst erfahren.«

»Wieso?«

»Ganz so wie du: wie oft ist uns ein Vogel oder sonst ein Tier entgangen, welches wir fangen oder erlegen wollten. Es war eben vorsichtiger und klüger als wir.«

»Das ist sehr richtig. Es gibt Vögel, welche große Versammlung und Unterredungen abhalten. Ich hab‘ kürzlich g‘sehen, daß wohl an die dreißig Pfauenkraniche im Kreise standen und aaner in der Mitt‘ von ihnen, der in einem fort g‘schrieen hat. Die haben Reichstag oder Abiturientenexamen g‘habt, denn einzelne riefen, wann der in der Mitt‘ mal pausiert hat, ihr Kurnuknuknuknuk dazwischen, als ob sie auf seine Frag‘ die Antwort zu geben hätten. Vielleicht sind diese Antworten klüger ausg‘fallen als manche, die man in unsern Schulen zu hören bekommt.«

»Hoffentlich denkst du dabei nicht an dich selbst,« antwortete Schwarz, indem ein leises Lächeln um seine Lippen spielte.

»Warum nit? Denkst etwa, daß ich stets hab‘ richtig antworten können? Freilich sind die Fragen oft so g‘stellt gewesen, daß man ganz verblüfft dag‘standen hat. Da denk‘ ich gleich an damals, als ich in der Quarta g‘sessen bin. Weißt das vielleicht schon?«

»Daß du auch diese Klasse besucht hast, kann ich mir doch denken!«

»Das mein ich nit, sondern ich ziel‘ auf die Frag‘, welche ich damals bekommen hab‘. Ich glaub‘s nit, daß ich es dir schon verzählt hab‘. Es sollt‘ nämlich Examen sein, und ich hab‘ a saubres Vorhemd umgebunden und die neue, bunte Kravatt‘ um den Hals. Als ich dann in den Spiegel schau, hab‘ ich ‚dacht, daß es um mich gar nit fehlgehen kann. Aber, es ist doch anders kommen.«

»Wie denn?« fragte Schwarz, als der Erzähler eine Pause machte.

»Das wirst gar nit vermuten können. Der Naturg‘schichtsprofessorn hat‘s nämlich auf mich g‘spitzt gehabt, weil ich ihm immer mit Fragen ‚kommen bin, die ka vernünftiger Mensch beantworten kann. Dafür hat er mich im Examen auszahlen wollen. Als die Reih‘ an mich ‚kommen ist, bin ich voller Ehrerbietung aufg‘standen und hab g‘meint, daß man sich wohl über meine Kenntnissen wundern werd‘. Aber was sagst dazu, wannst derfährst, daß der Professorn mich g‘fragt hat, warum die Vögel Federn haben?«

»Das war freilich hinterwärts gemeint!«

»Ja, er hat mich tüchtig hereinlegen wollen.«

»Jedenfalls ist es dir gelungen, dich brav herauszubeißen. Was hast du denn für eine Antwort gegeben?«

»Zunächst hab‘ ich gar nix g‘sagt, sondern nur das Maul aufg‘macht, um meine sieben Gedanken in Ordnung zu bringen, und dann, als die Frag‘ zweimal wiederholt worden ist, hab‘ ich – – – —«

»Dir bahlak!« raunte in diesem Augenblicke der Schwarze den beiden Weißen zu, indem er mit der rechten Hand nach der Stelle deutete, wo der Weg vom Flusse nach der Seribah aus dem Walde trat.

Der Erzähler verstummte sofort, denn er erblickte zwei wohlbewaffnete Männer, welche dort standen und starren Blickes den Schutt- und Trümmerhaufen betrachteten. Sie schienen vom Schreck gelähmt zu sein; dann aber rannten sie unter lauten Ausrufen und lebhaften Gestikulationen auf die Brandstätte zu.

»Zwei Weiße!« sagte der »Vater des Storches«, indem er ihnen mit den Augen folgte, wobei seine Nase sich zur Seite bog wie der Kopf eines Vogels, welcher von einem Aste herab eine verdächtige Erscheinung betrachtet. »Wo kommen‘s her, und wer mögen‘s sein?«

»Europäer sind sie nicht,« antwortete Schwarz. »Ich halte sie für Leute, welche zur Seribah gehören. Ich vermute das aus dem Entsetzen, welches sie bei dem Anblicke der Trümmerhaufen verrieten.«

»Kannst recht haben! Sollten‘s zur Schar des Abu el Mot gehören? Sollten‘s etwa voraus sein, um seine Ankunft zu melden?«

»Das ist möglich, sogar wahrscheinlich. Ich werde sie beobachten.«

Er zog sein Fernrohr aus und richtete es auf die beiden so unerwartet Erschienenen. Sie rannten eine Zeitlang auf der Brandstätte umher; dann folgten sie eine kurze Strecke weit den Spuren der abgezogenen Sklavenjäger, und endlich liefen sie in höchster Eile westwärts davon.

»Sie gehen nach dem Dorfe der Dschur, um sich nach dem Vorgefallenen zu erkundigen,« sagte Schwarz, indem er das Rohr wieder zusammenschob. »Das gibt uns Zeit, nachzusehen, woher sie gekommen sind. Ich vermute, daß ihr Boot unten am Flusse liegt. Komm mit!«

Als die beiden an das Wasser kamen, erblickten sie einen kleinen, schmalen, zweiruderigen Kahn, welcher mit einem Baststricke an eine in das Wasser ragende Baumwurzel befestigt war. Die Stelle, an welcher er lag, war vom Schilfe frei. Die Ruder lagen auf dem Boden, sonst war er leer.

»Es ist so, wie wir dachten,« sagte Schwarz. »Diese Kerls sind vorausgesandte Boten Abu el Mots. Es steht zu erwarten, daß sie schleunigst zurückkehren, um ihm zu melden, was geschehen ist, und ihn zur Eile anzuspornen.«

»Das müssen wir zu verhüten suchen. Meinst nicht, daß wir ihnen das Boot zerbrechen?«

»Nein, denn sie würden daraus ersehen, daß Leute hier waren, welche ihnen feindlich gesinnt sind. Wir binden den Kahn los und lassen ihn abwärts treiben. Dann können sie denken, daß sie ihn nicht fest angebunden hatten.«

Er machte den Strick los und gab dem leichten Fahrzeuge einen kräftigen Stoß, daß es weit hinaus in das Wasser schoß. Dort wurde es von der Strömung erfaßt, einige Male rundum und dann schnell weitergetrieben.

Die beiden kehrten nach dem Baume zurück, an welchem die Niam-niam zurückgeblieben waren. Sie warteten mit Sehnsucht auf die Rückkehr des Arabers, doch vergeblich. Es verging noch eine Stunde; die Sonne berührte den westlichen Horizont, und noch immer war der Sejad ifjal nicht zu sehen. An seiner Stelle kamen die beiden Sklavenjäger schnellen Laufes zurück. Sie beachteten die Brandstätte gar nicht und verschwanden im Walde, auf dem Wege, den sie gekommen waren.

»Sie wollen wieder fort,« sagte Schwarz. »Wenn sie sehen, daß der Kahn weg ist, werden sie ihn wohl suchen. Damit sie uns nicht etwa sehen, müssen wir uns verstecken, bis sie fort sind.«

Es gab kein Unterholz, in welches man sich hätte verbergen können. Darum stiegen die fünf(.!!) auf Bäume, deren Wipfel dicht genug war, den beabsichtigten Zweck zu erfüllen.

Vom Ufer her ertönten die Stimmen der enttäuschten Männer. Sie schienen, wie Schwarz vorausgesehen hatte, überzeugt zu sein, daß sie den Strick nicht gehörig befestigt gehabt hatten, denn sie zeigten keinen Verdacht und kehrten ebenso eilig, wie sie gekommen waren, nach dem Dorfe zurück. Die fünf aber stiegen wieder von den Bäumen herab.

Die kurze Dämmerung ging vorüber, und der Abend brach herein; noch immer ließ der Araber auf sich warten. Die beiden Deutschen wurden um so besorgter, je mehr die Zeit verstrich. Stunde um Stunde verging; es wurde Mitternacht. Da endlich hörte man draußen auf der Ebene das Geräusch von nahenden Schritten.

»Das ist er!« atmete Schwarz tief auf. »Es sind die Schritte von Pferden oder Kamelen. Ich wüßte nicht, wer außer ihm mit solchen Tieren hieher kommen sollte.«

Er hatte recht, denn vom Rande des Waldes her erscholl der Ruf:

»Ja ishab elbet – he, Leute!«

Schwarz erkannte die Stimme des Erwarteten, dennoch fragte er:

»Min haida – wer ist da?«

»El Sejad ifjal. Ta‘ a lihene – der Elefantenjäger. Komm hieher!«

Die beiden Weißen folgten mit dem Schwarzen diesem Rufe, doch vorsichtig. Ihr Mißtrauen war überflüssig, denn als sie die letzten Bäume erreichten, sahen sie zwei an der Erde liegende Kamele, bei denen der Elefantenjäger stand. Die Sterne leuchteten hell genug, um sehen zu lassen, daß er allein war.

»Ich habe gedacht, daß du nicht allein kommen würdest,« sagte er, als er die Begleiter Schwarzens erblickte. »Ihr habt mit Schmerzen auf mich gewartet, wie ich mir denken kann; aber es war mir nicht möglich, eher zu kommen.«

»Warum nicht?« fragte der Graue.

»Der Schech war mißtrauisch dadurch, daß ich mit euch abseits gesprochen hatte, und euer karges Geschenk hatte seinen Zorn erregt. Er wollte mir keine Tiere verkaufen. Dann kamen die Boten des Abu el Mot, welche unsern Handel unterbrachen.«

»Es waren also wirklich Boten von ihm?«

»Ja. Sie sollten verkünden, daß er in zwei Tagen ankommen werde. Als sie hörten, was geschehen war, beschlossen sie, zu ihm zurückzukehren, um ihn zur Verfolgung der Verräter und Brandstifter aufzufordern. Aber sie konnten diesen Vorsatz nicht ausführen, weil sie ihr Fahrzeug nicht sorgsam angebunden hatten. Der Fluß hat es mit sich fortgerissen.«

»Nein, sondern wir haben das Boot losgebunden und dem Strom übergeben, weil wir vermuteten, wer die beiden seien und was sie thun würden.«

»Das war klug von euch. Es ist kein Fahrzeug vorhanden, welches sie benutzen könnten, und die Dschur besitzen nicht die erforderlichen Werkzeuge, schnell ein Boot zu bauen. Darum wird Abu el Mot unbenachrichtigt bleiben.«

»Wo befindet er sich?«

»Heute ist er zwei Tagereisen abwärts von hier. Er kommt auf dem Wasserwege. Er hat in Diakin zwei Fahrzeuge gefunden und gemietet, einen Sandal und einen Noqer, auf denen er über dreihundert gut bewaffnete Nuehrs nach der Seribah bringt. Der mitgenommene Proviant ist ihm ausgegangen; darum sandte er die Boten auf dem leichten Kahne voraus, um Fleisch und Mehl von der Seribah zu beordern. Er muß nun, wie die Sachen stehen, mit den Nuehrs hungern. Von hier aus kann er nichts erhalten, und in der Seribah Madunga, dem einzigen Orte, an welchem er noch vorüber kommt, darf er sich nicht sehen lassen, weil er mit dem Besitzer derselben in Feindschaft lebt. Er ist also auf das Fischen und Jagen angewiesen, was seine Ankunft sehr verzögern wird. Wenn ihr mit eurem Boote nach Madunga wollt, so rate ich, euch vor ihm in acht zu nehmen. Ihr müßt, sobald ihr seine Schiffe erblickt, anlegen und euch am Ufer verbergen, bis sie vorüber sind.«

»Wir werden gleich jetzt aufbrechen und die ganze Nacht fahren. Da wir die Strömung für uns haben, werden wir eher in Madunga sein als er. Du beginnst doch auch gleich jetzt den Ritt mit meinem Gefährten.«

»Nein, nicht jetzt, sondern erst wenn der Morgen graut.«

»Warum erst dann?« fragte Schwarz.

»Aus zwei sehr triftigen Gründen. Ihr seid Christen und wißt also wohl nicht, daß der Moslem jede Reise um die Zeit des Asr, drei Stunden nach Mittag anzutreten hat. Ist das nicht möglich, so darf er ausnahmsweise zum Fagr aufbrechen, früh wenn der Strahl der Sonne erscheint. Keineswegs aber ist es ihm gestattet, nach el Aschia, dem Nachtgebete, eine Reise zu beginnen. Von dieser Regel darf er nur in der höchsten Not abweichen. Ich erlaube dir, nach den Satzungen deines Glaubens zu leben, aber du mußt mir auch gestatten, die Gebote des meinigen zu befolgen. Und selbst wenn ich gleich jetzt mit dir reiten wollte, wozu könnte das nützen? Wir müssen der Fährte der Sklavenjäger folgen, welche des Nachts ja doch nicht zu erkennen ist.«

»Aber wenn wir warten, bis es hell geworden ist, so werden die Dschur wieder hierher kommen und mich sehen.«

»Sie kommen nicht. Sie sitzen noch jetzt beisammen und trinken berauschende Merissah, worauf sie dann gewiß bis in den Tag hinein schlafen werden. Der Schech war schon vorhin betrunken, und das war ein Glück für mich und dich, denn nur der Rausch machte ihn willig, mir diese zwei Kamele abzutreten. Das eine ist mit samt dem Sattel dein Eigentum, du hast mir dafür fünf Abu Noktah zu zahlen. Dieser Preis ist sehr gering, weil die Kamele hier doch in der baldigen Regenzeit zu Grunde gehen werden; aber dafür fordere ich, daß deine Abu Noktah keine Fehler haben.«

Der Mariatheresienthaler wird nämlich im Sudan nur dann angenommen, wenn die Prägung deutlich ist; außerdem müssen sich die sieben Punkte des Diadems, von denen der Thaler seinen Namen hatAbu Noktah = Vater des Punktes, ferner auch die Agraffe und die Buchstaben S. F. scharf zeigen. Fehlt eines dieser Merkmale, so wird der Thaler entweder gar nicht angenommen, oder um mehrere Piaster billiger berechnet.

Fünf Thaler für ein gesatteltes Kamel war gar kein Preis. Schwarz hatte Geld zu sich gesteckt, als er das Boot verließ, und bezahlte die Summe sofort. Da es zu dunkel war, als daß die Prägung gesehen werden konnte, so versprach er, ein etwa minderwertiges Stück am Morgen ohne Widerrede auszuwechseln.

Er konnte nichts gegen die religiösen Anschauungen des Arabers thun, und sah sich also gezwungen, die vier Stunden bis zum Morgengrauen hier zu bleiben. Anders war es mit Pfotenhauer. Da dieser noch vor Abu el Mot die Gegend der Seribah Madunga erreichen wollte, so durfte er keine Zeit verlieren; er mußte nach dem Boote zurückkehren, und sich also jetzt von Schwarz verabschieden.

»Geb‘s Gott, daß wir uns bald und glücklich wiedersehen!« sagte er, als er dem Gefährten die Hand reichte. »Nun ich dich fort lassen muß, denk‘ ich doch, daß die Belanda es gar nicht wert sind, daß‘t dein Leben für sie wagst. Sie gehn uns eigentlich gar nix an. Aber, wannst denkst, daß dein G‘wissen es gebietet, sie zu warnen, so reit in Gottes Namen zu. Oder willst mir‘s derlauben, an deiner Stell‘ es zu thun? Jetzt ist‘s noch Zeit dazu!«

»Nein, lieber Doktor, es kann mir gar nicht einfallen, dich – —«

»Willst gleich schweigen, du Malefizbub‘ du!« fiel ihm der Graue zornig in die Rede. »Nennst mich schon wieder Doktor! Und zwar gerade beim Abschiednehmen, wo du dir alle Müh‘ geben sollst, mich nit zu verzürnen!«

»Es war nicht so gemeint; ich habe mich versprochen; es fuhr mir so schnell heraus!«

»So nagel es drinnen fest an, daß es nit heraus kann! Wannst mich nit kurzweg Ignaz oder Naz, oder noch kürzer, Vogelnazi heißen willst, so brauchst gar nimmer wiederzukommen! Hab‘ ich etwa darum mit dir Brüderschaft g‘macht, daß‘t mir immer den Titel an den Kopf wirfst, und mich als hoffährtigen Kerl behandelst! Wann dies auch später so fortgehen soll, so bleib‘ lieber bei den Belanda, und laß dich von ihnen als Friseur und Komplimentenfex anstellen. Jetzt weißt, woran du bist. Leb‘ also wohl; laß dir nix Böses widerfahren, und denk‘ recht oft an deinen Nazi, der die Augenblick‘ zählen wird, bis er dich wieder bei sich hat!«

Er eilte davon, gefolgt von dem Schwarzen. Schwarz blickte ihm in tiefer Rührung nach, bis er im Dunkel der Nacht verschwunden war. Der alte, originelle Kauz war ihm ja ungewöhnlich lieb und wert geworden.

Der Sejad ifjal hatte sich niedergesetzt, und der Deutsche nahm nun an seiner Seite Platz. Sie unterhielten sich über ihr Vorhaben, doch war über dasselbe nicht viel zu sprechen. Ihr Plan bestand einfach darin, den Sklavenjägern zu folgen; sobald sie denselben nahe genug gekommen waren, wollten sie zur Seite weichen und einen Bogen reiten, um vor ihnen Ombula zu erreichen.

Dann saßen sie still bei einander. Wovon hätten sie sprechen sollen? Jeder hätte sehr gern über die Verhältnisse des andern etwas Näheres erfahren, aber beide hielten es für unhöflich, danach zu fragen.

So verging ihnen die Zeit in stillem Sinnen und zeitweiligem Einnicken, bis die lautschallende Stimme eines Kranichs den nahenden Morgen verkündete. Einige Reiher flogen über die Bäume; ein Sporenkibitz kreischte sein »Sik-sak«; das niedrige Volk der Enten und Klaffschnäbel wurde dadurch aus dem Schlafe geweckt, und fiel in allen möglichen Tönen ein. Die Sterne des Ostens wichen dem dort aufsteigenden Glanze, und der Elefantenjäger kniete auf seine ausgebreitete Decke, um sein Morgengebet, el Fagr, zu sprechen.

Auch Schwarz faltete die Hände. Wer könnte in dem Augenblicke, an welchem eine solche Natur rundum erwacht, nicht dessen gedenken, der sie geschaffen hat!

Nach dem Gebete stieg der Araber, ohne ein Wort zu sagen, in den Sattel; Schwarz folgte diesem Beispiele. Die Kamele sprangen auf und trugen ihre Reiter südwärts, auf der Fährte der Sklavenjäger hin. Der Ritt hatte begonnen, wer vermochte zu sagen, wie er enden werde!

Die Morgendämmerung hatte kaum zehn Minuten gewährt; dann brach der lichte Tag herein. Man konnte weithin die Ebene überblicken. In der Gegend, nach welcher hin das Dorf der Dschur lag, war kein Mensch zu sehen; der Aufbruch der beiden Männer erfolgte also unbemerkt.

Schwarz sah jetzt, daß sein Gefährte sich mit Nahrungsmitteln ziemlich reichlich versehen hatte. Am Sattelknopfe desselben hingen einige geschlachtete Hühner und zwei Ledersäcke, welche wohl mit Mehl gefüllt waren. An ein Hungerleiden brauchte also für jetzt nicht gedacht zu werden.

Weniger beruhigend wirkte die Beobachtung der beiden Kamele. Sie waren außerordentlich mager und trugen tiefe Geschwürsnarben in der Haut. Waren sie den Krankheiten und Plagen der letzten Regenzeit nicht zum Opfer gefallen, so mußte das in der nächsten Zeit sicher geschehen. Der dicke Schech hatte wohl seine beiden schlechtesten und schwächsten Tiere verkauft. Sie waren zu keinem schnellen Schritte zu bewegen, weder durch Zureden, noch durch Schläge. Ein guter Fußgänger hätte recht gut mit ihnen Schritt halten können.

So kam es, daß sie erst gegen Mittag die Gegend erreichten, in welcher gestern Lobo und Tolo gerettet worden waren. Man sah die Fährte deutlich; sie bog von hier nach Südwest ab, während sich der Nil mit dem Walde in einem weiten Bogen ostwärts wendete.

Die beiden Reiter ließen, ehe sie sich von dem Flusse wendeten, ihre Tiere tüchtig trinken, auch hieben sie mit den Messern einen Vorrat von grünen Zweigen ab, welche den Kamelen am Abende als Futter gegeben werden sollten. Dann ging es wieder der Fährte nach, und zwar in der Überzeugung, daß man heute weder Schatten noch Wasser mehr finden werde.

Die Hitze des Mittags wurde so drückend, daß die Kamele noch langsamer als vorher gingen. Das erregte in Schwarz die ernstesten Besorgnisse. Er hatte bisher geschwiegen, um seinen Gefährten nicht zu beleidigen; nun aber sagte er:

»Hatten die Dschur keine besseren Kamele? Oder hättest du nicht lieber Pferde kaufen sollen?«

»Pferde gab es nicht mehr; Abd el Mot hat sie alle gemietet,« antwortete der Ar aber. »Und von den Kamelen mußte ich diejenigen nehmen, welche ich bekam.«

»Aber Reitochsen gab es noch?«

»Auch nicht; Abd el Mot hat sie mit. Allah weiß, was geschehen soll!«

»Und ich weiß, was geschehen wird. Wir werden nämlich Ombula zu spät erreichen. Wir kommen nicht schneller vorwärts als die Fußtruppen Abd el Mots, und diese haben einen vollen Tagesvorsprung voraus! Es scheint, daß unsre Tiere eher zusammenbrechen, als rascher gehen werden. Sie sind weder durch Worte, noch durch Schläge anzutreiben.«

»So weiß ich noch ein Mittel, welches helfen wird. Wir haben die Zweige der Suffarah abgeschnitten, welche uns helfen sollen.«

Er zog sein Messer hervor und schnitt aus der Anschwellung eines dieser Zweige eine kleine Pfeife. Als sie fertig war, und er diesem Instrumente einen Ton entlockte, spitzten die Kamele die Ohren. Er pfiff weiter, und da setzten sich die Tiere freiwillig in einen ausgiebigen Trott, welchen man ihnen vorher unmöglich hatte zutrauen können.

»Siehst du!« lachte der Araber. »Ich werde auch dir so eine Suffarah anfertigen; dann können wir einander ablösen, um bei Atem zu bleiben.«

»Thue es,« stimmte Schwarz in heiterer Laune bei. »Hoffentlich gelingt es uns, die Hedschahn bis Ombula zu pfeifen. An mir soll es nicht fehlen.«

Er erhielt seine Suffarah, und dann blies bald der eine, bald der andre, als ob sie es bezahlt bekämen. Sobald die Pfeifen schwiegen, fielen die Kamele in den entsetzlichen, langsamen Gang, welcher Zustände erweckt, die denen der Seekrankheit höchst ähnlich sind. Ließen sich aber die schrillen Instrumente hören, so verwandelte sich der Schaukelschritt sofort wieder in den schnellen Trott.

So pfiffen sich die beiden Reiter während des Nachmittages über eine weite, dürre und vegetationslose Ebene, bis sie am Abend einen kleinen, fast ganz ausgetrockneten Sumpf erreichten, welcher sich zur Regenzeit wahrscheinlich in einen ganz respektablen See verwandelte.

Da gab es trockenes Schilf zum Feuer genug, aber kein tierisches Leben, außer den halb verhungerten Krokodilen, welche den Schlamm bevölkerten und, in Ermangelung einer andern Nahrung, jedenfalls gezwungen waren, während der heißen Jahreszeit von ihresgleichen zu leben.

Der Elefantenjäger war am Mittag und Nachmittag abgestiegen, um das vorgeschriebene Gebet zu verrichten. Jetzt war el Mogreb nahe, das Gebet bei Sonnenuntergang; darum hielt er am Sumpfe an und erklärte, daß er hier bleiben werde.

Schwarz fügte sich in das Unvermeidliche. Er war übrigens mit dem heutigen Ergebnisse nicht ganz unzufrieden. Die Pfeifen hatten so gewirkt, daß man den Sklavenjägern ein gut Teil näher gekommen war. Der Deutsche hatte an den Spuren gesehen, daß sie ihr Nachtlager eine nicht unbedeutende Strecke rückwärts gehabt hatten.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ein Feuer angebrannt, teils um ein Huhn zu braten, teils zur Abwehr wilder Tiere. Die Kamele durften wegen der Krokodile nicht allzu nahe an den Sumpf. Sie wurden gefesselt und bekamen die mitgenommenen Zweige vorgelegt. Wasser gab es nicht. Da das Feuer während der ganzen Nacht hell brennen mußte, so konnten die beiden Männer nicht zu gleicher Zeit schlafen; sie waren gezwungen, einander zum Wachen abzulösen.

Darum, und weil der Ritt ermüdet hatte, wurde nur das Notwendigste gesprochen. Als das Huhn, welches dem Deutschen gar nicht mundete, weil es schon in Fäulnis übergegangen war, verzehrt war, konnte ersterer schlafen, während der Araber die erste Wache übernahm.

Nach Mitternacht wurde Schwarz durch einen Schuß aufgeweckt. Er sprang sofort empor, und griff nach seinem Gewehr.

»Ma fi schi, bess timsah – es ist nichts, nur ein Krokodil,« sagte der Araber, welcher ruhig am Feuer saß, die rauchende Flinte in der Hand.

Er deutete seitwärts, wo ein riesiges Krokodil sich in Todeszuckungen wand. Der Hunger hatte es aus dem Sumpfe nach dem Feuer getrieben, wo ihm die Kugel des Elefantenjägers in das Auge gedrungen war.

»Das ist höchst einladend!« antwortete Schwarz. »Wollen wir uns nicht etwas mehr entfernen?«

»Ich halte es nicht für nötig. Der Schuß hat die Bestien so erschreckt, daß sich keine mehr heranwagen wird. Lege dich getrost nieder. Du hast noch eine halbe Stunde zu schlafen, um dann bis zum Morgen zu wachen.«

»Unter solchen Umständen beginne ich lieber gleich die Wache. Ich will lieber einige Krokodile erschießen, als mich von ihnen fressen lassen.«

»Wie du willst. Du hast aber gesehen, daß du unter meinem Schutze sicher bist. Ich hoffe, daß ich es unter dem deinigen auch sein werde.«

Er lud den abgeschossenen Lauf wieder und wickelte sich dann in seine Decke. Dieser Mann war jedenfalls kaltblütiger und brauchbarer, als Schwarz bisher geglaubt hatte. Der letztere warf einen Haufen Schilf in die Flamme und übernahm sein Wächteramt.

Die Nacht war für ihn einsam wie noch selten eine. Von fernher tönten undeutliche Stimmen von Tieren, welche sich nicht herbeiwagten, weil sie die Anwesenheit der gefräßigen Krokodile kannten, und außerdem vom Feuer zurückgescheucht wurden. Hyänen und Schakale sind ungefährlich. Löwen oder Panther waren nicht zu erwarten, da sich selbst für sie kein genießbares Wasser hier befand. Er hatte also seine Aufmerksamkeit nur gegen den Sumpf zu richten, um, falls abermals ein Saurier sich lüstern nähere, ihm eine Kugel zu geben. Doch erfolgte auch von dieser Seite kein weiterer Angriff.

Die Nacht verging, und kurz vor dem Morgengrauen weckte Schwarz seinen Gefährten, damit dieser die ihm vorgeschriebene Morgenandacht nicht versäume. Vorher hatte er den Kamelen als Futter Schilf vorgeworfen.

Die unverzehrten Hühner waren mittlerweile vollständig ungenießbar geworden; in jenen Gegenden hält Fleisch sich nur stundenlang. Der Araber hatte sie mitgenommen, weil man sie ihm umsonst gegeben hatte. Es gibt dort Stämme, welche Hühner in Menge haben, aber das Fleisch derselben nicht genießen. Er warf sie in den Sumpf, wo sich augenblicklich ein wahrhaft scheußlicher Kampf um das Aas erhob. Die Krokodile verletzten einander dabei selbst. Schwarz sah, daß dem einen ein Bein herausgerissen, dem andern der Schwanz, und einem dritten ein Stück des Rachens abgebissen wurde.

Nun entfesselte man die Kamele, um den Ritt von neuem zu beginnen. Er war heute nicht so beschwerlich, die Gegend nicht so trostlos wie gestern.

Der Fluß kehrte von seiner großen Krümmung zurück, und die Fährte, welcher man zu folgen hatte, suchte seine Nähe wieder auf. Da gab es Wasser zum Trinken, Grün für die Tiere, und – Enten für die Menschen. Schwarz erlegte auf einen Schuß zwei derselben.

Die Kamele waren, durch die Pfeifen aufgemuntert, heute noch fleißiger gewesen, als gestern. Man erreichte schon kurz nach Mittag die Stelle, an welcher die Sklavenjäger in voriger Nacht Halt gemacht hatten. Das veranlaßte die beiden Reiter, ihren schwachen Tieren eine Ruhestunde zu gönnen. Sie stiegen ab, machten ein Feuer und brieten eine Ente.

Auch während dieses Haltes wurde nur wenig gesprochen. Der Elefantenjäger schien ein höchst schweigsamer Mann zu sein, und Schwarz hatte keinen zwingenden Grund, ihn zur Beredsamkeit zu bringen.

Am Nachmittage wurde der bisher ebene Boden wellenförmig, und später sah man zur rechten Hand Höhen liegen, welche nach dem bisherigen Maßstabe ganz respektabel erschienen. Von dorther lief ein Chor herab, welchem die Fährte aufwärts folgte. Einige Stellen dieses in der Regenzeit einen Fluß bildenden Bettes waren feucht; in andern stand sogar noch Wasser. Da gab es pflanzliches und tierisches Leben in Menge. Aber zur Beobachtung desselben war keine Zeit vorhanden, da die Sklavenjäger bis spätestens morgen mittag überholt werden mußten. Aus diesem Grunde wurden die Suffarah heute noch anhaltender als gestern benutzt, und die Wirkung war, daß die Kamele fast über ihre Kräfte liefen.

Der weitere Weg führte zwischen den erwähnten Höhen hindurch und senkte sich dann wieder abwärts nach dem Flusse, welcher abermals einen Bogen gemacht hatte, der durch die Fährte abgeschnitten worden war. Doch blieb die Fährte nicht am Flusse, sondern lief am Rande einer Maijeh hin, um deren äußerste Spitze sie bog. An dieser Stelle mußten die beiden Reiter halten, weil der Abend hereinzubrechen drohte.

Der Nil bildet weit in das Land gehende Buchten, ähnlich den Bayous des Mississippi, welche zur Regenzeit mit Wasser gefüllt sind. Kehrt der Nil dann zu seiner ursprünglichen Breite zurück, so bleibt das Wasser in diesen Buchten stehen, wo es eine lebhafte Vegetation erweckt, um dann später mehr oder weniger auszutrocknen. Viele dieser Vertiefungen sind so energisch eingeschnitten, daß sie selbst in den heißesten Monaten Wasser halten. Sie werden Maijeh genannt, und an einem derselben hielten die beiden Reiter.

Mehrere hundert Schritte vom Rande desselben stand eine riesige Homrah, deren Stamm gewiß über fünfzig Fuß Umfang hatte. Dabei war sie kaum zwanzig Ellen hoch, und ihre jetzt kahlen Äste und Zweige senkten sich mit den Spitzen fast wieder bis zur Erde nieder, so daß der Wipfel eine hohle Halbkugel bildete, in deren Mitte sich der ungeheure Stamm befand. Dorthin leiteten die beiden ihre Tiere, um da die Nacht zuzubringen. Hier konnten sie sich durch das Feuer leichter vor den Nachtmücken schützen, deren Plage am Wasser viel ärger gewesen wäre.

Während Schwarz eine Sporengans zum Mahle schoß, holte der Araber Brennmaterial herbei, welches in großer Menge vorhanden war. Dann verrichtete er sein Gebet, nach welchem er vier Feuer anbrannte, zwischen denen sich die Reiter und Kamele lagerten. Dies letztere war notwendig wegen der hier vorhandenen Mücken, und weil man aus der Nähe der von Tausenden Vögel belebten Maijeh auf das Vorhandensein größerer Raubtiere schließen konnte.

Während der Deutsche die Gans rupfte, sie ausnahm und dann an einen über dem einen Feuer improvisierten hölzernen Bratspieß steckte, sah ihm der Araber zu, ohne ein Wort zu sprechen. Er schien auch heute noch nicht aus sich herausgehen zu wollen.

Die Kamele waren am Maijeh getränkt worden, und hatten dann ihr Futter erhalten. Als die Gans gar war, schritten auch die Reiter zum leckeren Mahle. Der Schein der Feuer drang zwischen den Zweigen der Homrah hinaus ins Freie, doch reichten die Blicke der beiden Männer nicht so weit, da sie von vier Flammen geblendet wurden.

Während sie schweigend aßen, hörten sie vor sich ein Knacken der Äste, und darauf ein tiefes, unruhiges Schnaufen. Sie blickten auf und griffen nach ihren Gewehren.

»Allah akbar, dschamus, dschamus – Gott ist groß, ein Büffel, ein Büffel!« rief der Araber.

Im Nu hatte er den Kolben an der Wange und drückte ab, beide Läufe schnell hintereinander, doch leider ohne den erwarteten Erfolg, da er in seiner Aufregung und von den Feuern geblendet, nicht genau gezielt hatte.

Der afrikanische Büffel ist noch viel stärker, wilder und unbändiger als der indische. Er liebt die Sümpfe, schwimmt ausgezeichnet und bricht sich durch das dichteste Unterholz im schnellen Laufe Bahn. Erfahrene Jäger halten seine Jagd für noch gefährlicher als diejenige des Elefanten, Nilpferdes und Nashornes. Selbst auf den Tod verwundet, kämpft er fort. Besonders gefährlich sind die einzelnen Umherstreicher, welche wegen ihrer wahnsinnigen Wildheit von ihresgleichen nicht geduldet und aus den Herden ausgestoßen werden. Von ihnen sagt der Sudanese: »Wenn du eine Herde Büffel erblickst, so flieht sie vor dir; findest du mehrere Büffel, so brauchst du sie nicht zu fürchten; begegnest du aber einem einzelnen, so sei Gott dir gnädig!«

Und ein solcher einzelner, ein solcher Umherstreicher war es, der so plötzlich seinen dicken Kopf mit den mächtigen Hörnern und niederhängenden Ohren durch die Zweige steckte. Die Feuer hatten, anstatt ihn zu verscheuchen, vielmehr herbeigelockt. Sie erregten seinen Grimm. Er sah die Männer und die Kamele und wollte sich auf sie stürzen, gerade als der Elefantenjäger ihm die beiden Kugeln entgegenschickte. Sie trafen ihn zwar, aber nur leicht. Er stand einen Augenblick unbeweglich, wie erstaunt, daß man es gewagt habe, an Gegenwehr zu denken, dann senkte er den Kopf, und warf sich unter wütendem Gebrüll vorwärts.

»Rette dich hinter den Baumstamm!« rief Schwarz dem Araber zu.

Es bedurfte dieser Aufforderung gar nicht, denn der Jäger war bereits hinter der Homrah verschwunden. Der Deutsche aber blieb kaltblütig stehen, das Gewehr in der Hand. Schon senkte das Tier den Kopf, um ihn mit den Hörnern zu fassen, da sprang Schwarz blitzschnell zur Seite, seine Schüsse krachten – der Büffel stand wie vom Schlage getroffen, unbeweglich; ein Zittern ging durch seine mächtigen Glieder, seine kolossale Gestalt, dann brach er auf demselben Fleck zusammen, auf welchem die Kugeln des Deutschen ihm Halt geboten hatten.

Dieser letztere war nicht von der Stelle gewichen. Um das zu wagen, mußte er seines Schusses außerordentlich sicher gewesen sein. Er griff in die Patronentasche, lud von neuem, und sagte dabei zu dem Araber in so ruhigem Tone, als ob es sich nur um die Tötung einer Fliege gehandelt habe:

»Du kannst nun wiederkommen, denn er ist tot.«

»Tot?« fragte der andre, indem er sehr vorsichtig nur die Nase sehen ließ. »Das ist nicht möglich!«

»Überzeuge dich!«

»So habe ich ihn also doch gut getroffen!«

»Du? Das glaube ich nicht! Du scheinst ja gar nicht zu wissen, wo sich die verletzbarsten Stellen eines Büffels befinden. Wohin hast du gezielt?«

»Nach der Stirn.«

»So wollen wir sehen, welche Wirkung deine Kugeln gehabt haben.«

Er kniete vor das Ungetüm nieder, um die Stirn desselben zu untersuchen.

»Allah jisallimak – Gott behüte dich!« schrie der Araber entsetzt. »Willst du dich ermorden? Wenn er noch nicht völlig tot ist, bist du verloren!«

»Habe keine Sorge! Ich weiß sehr wohl, was ich thue. Schau her! Deine eine Kugel hat das Ohr durchlöchert, und die andre ist vom Hörnerwulste abgeglitten. Du kannst es ganz deutlich sehen.«

Der andre kam nur zagend herbei; er streckte die Hand weit aus, um das Tier zu betasten; er faßte es am Schwanze und dann am Beine, um sich zu überzeugen, daß es wirklich nicht mehr gefährlich sei; dann erst näherte er sich dem Kopfe, um die Stellen zu betrachten, welche er getroffen hatte.

»Allah, Allah!« rief er aus. »Du hast recht. Ich habe ihn nicht einmal verwundet, denn das Loch im Ohre hat gar nichts zu bedeuten. Wo aber hast du ihn getroffen? Er stand mitten im Laufe, wie von Allahs Faust erfaßt, und sank dann zitternd zur Erde nieder, um sich nicht mehr zu regen.«

»Ich habe ihm den letzten Halswirbel zerschmettert, das hielt ihn fest, und ihn dann ins Herz getroffen, das warf ihn nieder. Ich hatte keine andre Wahl, da er mit gesenktem Kopfe auf mich zukam.«

»Du wolltest ihn wirklich an diesen beiden Stellen treffen?« fragte der Elefantenjäger erstaunt.

»Natürlich !«

»Aber du hast ja gar nicht gezielt!«

»Besser wie du. Man kann sehr genau zielen, ohne das Gewehr an das Auge zu nehmen. Ich habe die Mündungen gerade an die Stellen gehalten, die ich treffen wollte. Das muß freilich blitzschnell geschehen, wenn man sich nicht von den Hörnern fassen lassen will. Und seines Gewehres muß man absolut sicher sein, sonst ist man des Todes.«

Der Araber stand auf, starrte ihn mit einem geradezu ratlosen Blicke an, und rief dann aus:

»Das begreife ich nicht! Du bist ein Gelehrter. Wie darfst du so verwegen bei dem gefährlichsten der Tiere sein!«

»Es ist dies nicht der erste Büffel, den ich erlege. Ich war mit meinem Bruder in Amerika, einem Lande, wo es Herden von Tausenden von Büffeln gab, die wir verfolgt haben. Von mir selbst will ich nicht sprechen; aber glaubst du auch jetzt noch, daß dein Gewehr besser sei, als das meinige, weil es größer und stärker ist?«

»Herr, was ich glauben soll, das weiß ich jetzt noch nicht. Ich weiß nur, daß ich jetzt eine Leiche wäre, wenn du dieses Ungeheuer nicht so schnell erlegt hättest. Es hätte mich und dich, und dann auch noch die Kamele getötet, die nicht fliehen konnten, weil wir ihnen die Füße gefesselt haben. Wenn das kein Zufall ist, wenn du stets so gut triffst, wie jetzt, so wirst du mich besser beschützen können, als ich dich!«

»Wir sind Gefährten, und auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Keiner darf den andern in der Not verlassen. Wenn wir das zu unsrem Grundsatze machen, so brauchen wir die Gefahren, denen wir entgegengehen, nicht zu fürchten. Jetzt wollen wir unser Mahl fortsetzen. Da liegt die Gans, um welche es jammerschade wäre, wenn wir sie den Geiern oder Schakals überließen.«

Er setzte sich nieder und schnitt sich ein Stück von dem Braten ab. Der Sejad ifjal wußte nicht, was er zu dieser bewundernswerten Ruhe und Kaltblütigkeit sagen solle. Er hielt es für das beste, dem Beispiele des Gefährten zu folgen; darum legte er erst neues Holz in die Flammen, und setzte sich dann nieder, um seinerseits auch der Gans die ihr gebührende Ehre zu erweisen. Er konnte es aber nicht über das Herz bringen, schon nach einiger Zeit zu fragen:

»Was thun wir nun mit diesem Abu kuruhn? Wenn er hier liegen bleibt, wird er alle Raubtiere der Umgegend herbeilocken.«

»Jetzt noch nicht. Blut ist fast gar nicht geflossen, und da wir ihn nicht öffnen, wird der Geruch während der Nacht nicht bedeutend sein. Übrigens wird kein Löwe sich zwischen diese vier Feuer wagen. Das konnte nur ein so störrisches Tier, wie dieser Ochse war, thun.«

»Aber die Kamele fürchten sich vor ihm.«

»Sie sind jetzt freilich noch ängstlich, werden sich aber bald beruhigen. Das Fleisch dieses alten Kerls ist ungenießbar. Wir müssen es für die Geier liegen lassen. Unter gewöhnlichen Umständen würde ich das Skelett des Kopfes mit den prächtigen Hörnern mitnehmen; das kann ich aber jetzt nicht, da wir uns auf einem nichts weniger als wissenschaftlichen Ausfluge befinden. Also lassen wir diesen Vater der Hörner liegen, wie er ist, und begnügen uns mit dem Bewußtsein, den Plan, den er gegen uns hegte, zu Schanden gemacht zu haben.«

»Effendi, du bist gerade so ein mutiger und zugleich ruhiger Mann, wie Emin Pascha. Ich bewundere und achte dich. Darf ich deinen Namen erfahren, damit ich weiß, wie ich dich nennen soll?«

»Du würdest ihn nicht richtig aussprechen können; darum will ich ihn dir in arabischer Übersetzung sagen. Nenne mich Aswad; das wird genügen.«

»Ist er nicht länger?«

»Nein. In meiner Heimat führt man nicht so lange Namen, wie bei euch. Ein Mann mit dem kürzesten Namen kann bei uns ein berühmter Held oder Gelehrter sein. Nun darf ich wohl auch deinen Namen erfahren?«

»Noch nicht, Effendi. Als ich Dar Runga verließ, schwor ich bei Allah, meinen Namen abzulegen, bis ich die Spur meines Sohnes finden würde. Da dies noch nicht geschehen ist, darf ich ihn nicht über die Lippen bringen. Man nennt mich überall den Elefantenjäger. Willst du das nicht auch thun, sondern mir einen Namen geben, so nenne mich Bala Ibn; das ist ein Wort, welches auf mich paßt.«

»Ich werde mich dieses Namens bedienen, wenn ich von oder mit dir spreche. Aber hast du auch geschworen, darüber zu schweigen, unter welchen Umständen du deinen Sohn verloren hast?«

»Nein, Effendi. Wie könnte ich jemals hoffen, ihn wiederzufinden, wenn ich nicht davon sprechen dürfte. Ich habe schon Hunderten mein Unglück erzählt, doch keiner hat vermocht, mir einen Fingerzeig zu geben. Ich glaube nun, daß mein Sohn gestorben ist, aber ich bleibe dennoch meinem Schwur getreu, und werde nach ihm und seinem Entführer suchen, bis Allah mich aus dem Leben nimmt.«

Er legte die Hand über die Augen, wie um die tiefe Trauer, welche in seinem Blicke lag, zu verbergen, und fuhr dann fort:

»Ich war der reichste und angesehenste Mann meines Stammes, der Anführer unsrer Krieger, und der Oberste im Rate der Weisen; ich pries mich glücklicher als alle, die ich kannte, und ich war es auch, bis derjenige kam, welcher mein Unglück verschuldete. Ich liebte mein Weib und mein einziges Kind, einen Sohn, dem wir den Namen Mesuf et Tmeni Sawabi-Ilidschr gaben. Da sandte – – —«

»Wie hieß dieser Knabe?« unterbrach der Deutsche ihn. »Mesuf et Tmeni Sawabi-Ilidschr? Warum hast du ihm diesen Namen gegeben?«

»Weil er nur vier Zehen an jedem Fuße hatte. Ich weiß nicht, ob das bei euch auch vorkommt; bei uns ist es selten.«

»Bei uns auch. Aber ich habe Personen gekannt, welchen Finger oder Zehen von der Geburt an fehlten, und auch einen Mann, der sechs Finger, also einen zu viel an jeder Hand hatte.«

»Die Finger meines Sohnes waren vollzählig, doch fehlte ihm die kleine Zehe an jedem Fuße; dafür aber hatte Allah ihm eine um so reichere Seele gegeben, denn er war das klügste Kind im ganzen Stamme. Als er noch nicht drei Jahre zählte, begab es sich, daß ein Baija‘l abid in unser Duar kam, um Sklaven zu verkaufen. Es waren Knaben und Mädchen, auch Frauen, lauter Neger, außer einem Knaben, welcher helle Haut, auch schlichtes Haar und keine Negerzüge besaß. Der Händler errichtete einen Markt bei uns, um seine Waren zu verkaufen, und aus der ganzen Gegend kamen die Beni el Arab herbei, mit ihm zu handeln. Der helle Knabe weinte stets, aber sprechen konnte er nicht, denn man hatte ihm die Zunge herausgeschnitten.«

»Entsetzlich! Wie alt war er?«

»Vielleicht vierzehn Jahre. Als der Händler eine Woche bei uns gewesen war, kam plötzlich ein Mann mit mehreren Begleitern aus Birket Fatma zu uns, und klagte den Händler an, ihm seinen Sohn gestohlen zu haben. Der Vater war der Spur des Schurken gefolgt, und so zu uns gekommen. Der Händler leugnete; er schwor bei Allah, den Mann gar nicht zu kennen. Da er unser Gast war, mußten wir ihn in Schutz nehmen; aber die Erzählung der Männer aus Birket Fatma klang so wahrhaftig, daß wir sie glauben mußten. Es wurde eine Beratung abgehalten, in welcher ich bestimmte, daß der Knabe, welcher eingesperrt gehalten wurde, dem Fremden vorgeführt werden solle. Dieser letztere erhielt den strengen Befehl, dabei ganz ruhig zu erscheinen, und kein Wort zu sagen. Der Knabe wurde gebracht. Als er den Fremden erblickte, stieß er Jubeltöne aus und sprang auf ihn zu, ihn zu umarmen und zu küssen. Auch die übrigen Männer aus Birket Fatma begrüßte er mit großer Freude. War das nicht ein Beweis, daß er der Sohn des Fremden sei?«

»Ganz gewiß!« antwortete Schwarz.

»Außerdem beschworen die Leute die Wahrheit ihrer Aussage. Der Händler hatte den Sohn eines gläubigen Moslem gestohlen und zum Sklaven gemacht, welches Verbrechen mit dem Tode bestraft wird. Sodann hatte er dem Knaben die Zunge geraubt, damit dieser ihn nicht verraten könne; darauf mußte eine weitere Strafe erfolgen. Die große Versammlung trat also wieder zusammen, um ihm das Urteil zu sprechen. Dieses lautete auf den Tod für den Raub. Für das Herausschneiden der Zunge sollte er täglich die Peitsche erhalten. Und für den Verlust seiner Sprache sollte der verstümmelte Knabe die Sklavenware des Verbrechers empfangen.«

»Wurde dieses Urteil vollstreckt?«

»Nur ein kleiner Teil desselben. Nach dem Gesetze mußte der Schuldige dem Vater des Knaben ausgeantwortet werden. Dies konnte erst nach einer Woche geschehen, denn er war unser Gast, als welcher er für vierzehn Tage in unserm Schutze stand. Darum sperrten wir ihn ein, um ihn nach sieben Tagen den Rächern auszuliefern; aber bis dahin sollte er an jedem Tage durchgepeitscht werden. Dies geschah zweimal unter meiner eigenen Aufsicht. Am dritten Morgen war er entflohen, ohne eine Spur zurückzulassen. Unsre Krieger bestiegen sofort ihre Pferde, um ihn zu verfolgen, aber sie kehrten alle zurück; ohne daß einer ihn gesehen hatte. Die Leute aus Birket Fatma kehrten mit dem Knaben und den Sklaven dorthin zurück, auf die Ausführung des Todesurteils hatten sie verzichten müssen.«

»Und dieses Ereignis steht im Zusammenhange mit dem Verluste deines Sohnes?«

»Ja. Nach wenigen Wochen brachte mir ein Bote aus Salamat einen Brief, welcher mit Ebrid Ben Lafsa, dem Namen des Sklavenhändlers, unterzeichnet war. Dieser Hund schrieb, er sei unschuldig verurteilt worden, und er werde sich an mir rächen, daß ich bis an mein Ende an den geraubten Knaben aus Birket Fatma denken solle. Einen Monat später war ich mit meinen Kriegern vom benachbarten Stamme zu einer großen Fantasia eingeladen. Kaum befanden wir uns dort, so kam uns ein Bote mit der Nachricht nach, daß mein Sohn verschwunden sei. Er war in der Nacht geraubt worden, und am Morgen hing an der Zeltstange ein Brief, in welchem Ebrid Ben Lafsa mir mitteilte, daß er sich meinen Knaben an Stelle des andern geholt habe, und daß ich das Kind im Leben nicht mehr erblicken solle.«

»Das ist ja teuflisch; das ist geradezu höllisch!« rief der Deutsche schaudernd aus.

»O, er schrieb außerdem, daß er meinen Sohn für die zweimaligen Schläge täglich peitschen, und ihm außerdem auch die Zunge nehmen werde. Ich war wie ein Wahnsinniger. Alle meine und auch die benachbarten Krieger streiften weit umher, um diesen Teufel zu ergreifen – vergeblich! Als wir nach Wochen zurückkehrten, lag mein Weib im Fieber, und da ich ihr den Sohn nicht brachte, starb sie nach wenigen Tagen. Als ich sie begraben hatte, that ich den Schwur, den du kennst. Ich gab meinen Sklaven die Freiheit, vertraute alle meine Habe meinem Bruder an und wanderte fort, um meinen Sohn zu suchen. Kein Negerfürst, der unter dem Chedive steht, darf einen weißen Sklaven kaufen; ich mußte also im Norden und Westen suchen. Darum wanderte ich nordwärts durch Wadai, durch die Wüste nach Borgu, wieder zurück nach Kanem und Bornu, nach Bagirmi und Adamaua. Ich frug und forschte an allen Orten, doch stets umsonst. Wenn ich einmal glaubte, die Spur entdeckt zu haben, grinste mir die Enttäuschung bald entgegen. Dann ging ich nach Osten, wo ich ganz Kordofan und Dar Fur durchsuchte; aber auch das war vergebens. Die Jahre schwanden, mein Herz lag im Blute, und mein Haar wurde grau. Der einzige Erfolg, der sich nur zeigte, war die nunmehrige Einsicht, daß ich dreizehn Jahre lang in falscher Richtung geforscht hatte. Ich wandte mich nun doch dem Süden zu, von Habesch aus bis zu den Galla und den größten Seen, dann zu den Völkern, die im Westen davon wohnen. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Ich lebte von der Jagd. Von den Leiden, die ich überstand, und den Gefahren brauche ich dir nicht zu erzählen. Seit mehreren Monaten durchforsche ich die Gegenden der vielen Wasser, aus denen sich der Bahr el Abiad bildet. Ich bin da als Sejad ifjal bekannt geworden, aber meinen Sohn werde ich auch hier nicht finden, ich habe darauf verzichtet, denn er wird seinen Leiden längst erlegen sein. Doch bitte ich Allah täglich um das eine, mich mit Ebrid Ben Lafsa, falls er noch lebt, zusammenzuführen. Sollte ich diesem hundertfachen Teufel begegnen, so siebenmal siebenmal wehe ihm! Die Hölle wird keine der Qualen haben, die er von meiner Hand erdulden soll!«

Diese letzten Worte hatte der unglückliche Vater in einer Weise durch die Zähne geknirscht, daß es seinen Nachbar schauderte; dann senkte er den Kopf und legte sein Gesicht in die Hände. Er fuhr fast erschrocken aus seinen düstern Gedanken auf, als Schwarz nach einiger Zeit in mildem Tone sagte:

»Allah ist allmächtig und allbarmherzig. Vielleicht hast du einst deine Sklaven hart behandelt, und da hat er dir zeigen wollen, welch ein unbeschreibliches und unendliches Herzeleid das Wort Sklaverei umfaßt.«

Der Araber stöhnte auf; dann seufzte er schwer:

»Ich war ein jähzorniger Gebieter. Mancher Schwarze ist unter meiner Peitsche gestorben; einigen habe ich die Hände abhauen, einem auch die Zunge nehmen lassen, weil er mich mit derselben beleidigte. Nach dem Verschwinden meines Sohnes kam die Reue über mich, und ich gab sie alle frei«

»So hat meine Vermutung mich nicht getäuscht. Alle Menschen, die weißen und die schwarzen, sind Gottes Kinder. Allah hielt Gericht über dich; nun er aber deine Reue gesehen, und deine Leiden gezählt hat, wird er Gnade walten lassen. Ich bin überzeugt, daß du deinen Sohn wiedersehen wirst, vielleicht schon bald.«

»Nie, nie!«

»Sprich nicht so! Warum willst du an Gottes Gnade verzweifeln? Bietet dein Glaube dir keine Versöhnung zwischen der göttlichen Liebe und dem reuigen Sünder? Du glaubst nicht an den großen Erlöser aller Menschen, welcher am Kreuze auch für dich gestorben ist, so sei wenigstens überzeugt, daß Allah alle deine Klagen, auch die jetzigen, vernommen hat, und daß seine Hilfe sich vielleicht schon unterwegs zu dir befindet.«

»Das ist undenkbar,« antwortete Bala Ibn. »Wollte er mir helfen, so hätte er es schon längst gethan.«

»Er allein weiß es, warum er es noch nicht that. Vielleicht hast du deine frühere Härte noch niemals so erkannt wie heute.«

Es fiel dem Araber sichtlich schwer, hierauf eine Antwort zu geben. Er sah eine Weile schweigend vor sich nieder und gestand dann:

»Niemand wagte es, mich darauf aufmerksam zu machen, und ich selbst war nicht ganz aufrichtig gegen mich. Du bist der erste, der mir in deutlichen Worten sagt, daß ich mich an meinen Sklaven versündigt habe, und gerade, daß du es bist, der Fremde, der Christ, der keine meiner früheren Grausamkeiten kennt, und den ich eigentlich als einen Giaur verachten sollte, das zeigt mir die Vergangenheit in ihrer ganzen blutigen Beleuchtung. Ich kann nie wieder gut machen, was ich that; ich verdiene es nicht, meinen Sohn wiederzufinden. Und doch würde ich mich im höchsten Himmel Allahs fühlen, wenn es mir vergönnt wäre, ihn noch einmal zu sehen, selbst wenn – – wenn ihm die Zunge fehlte, so daß er nicht einmal den Vaternamen lallen könnte!«

Er hatte mit tief ergreifender Innigkeit, mit einer wahren Inbrunst gesprochen. Der Deutsche legte ihm leuchtenden Auges und freudeglänzenden Angesichtes die Hand auf die Achsel und sagte:

»So ist es recht; so will Allah es hören, und nun darfst du die Überzeugung hegen, daß er den Wunsch deines Herzens erfüllen wird. Schon sehe ich die Erhörung nahen, und vielleicht wird sie dir dadurch zu teil, daß du dich mir so aufrichtig geoffenbaret hast.«

»Durch dich? Welch ein Wunder wäre das! Die Männer meines Stammes und befreundeter Stämme haben vergebens mit mir nach dem Verlorenen gesucht. Dann habe ich fünfzehn Jahre lang fast diesen ganzen Erdteil ohne Resultat durchforscht; tausend Einheimischen habe ich die Geschichte meiner Leiden erzählt, worauf sie ihre Mühe mit der meinigen vereinten, und trotzdem ist mir auch nicht der kleinste Hoffnungsschimmer geworden. Da habe ich dich, den Abendländer getroffen, der unsre Länder, unsre Völker und unsre Verhältnisse gar nicht kennt und sich erst so kurze Zeit hier befindet. Ich spreche zu dir von meinen Wünschen, weil du dich zufällig nach meinem Namen erkundigt hast, und dennoch solltest gerade du der Auserwählte sein, durch den mir Erhörung beschieden ist? Ich wiederhole, daß dies ein unbegreifliches Wunder wäre.«

»Es geschehen noch täglich Wunder, doch auf viel einfachere Weise, als sie früher zu geschehen pflegten. Wie nun, wenn ich deinen Sohn gesehen hätte, wenn ich ihm begegnet wäre? Kommt dir das so undenkbar vor?«

»Nein; aber es kann, es kann nicht sein!«

»So bist du dem Allerbarmer gegenüber ein Giaur, und ich bin der Gläubige. Willst du der Botschaft Allahs nur deshalb nicht glauben, weil ein Christ der Bote ist?«

Bala Ibn warf einen langen, forschenden Blick in das vor Genugthuung strahlende Gesicht des Deutschen; seine düstern Züge gewannen mehr und mehr Licht; seine Augen wurden größer und größer, und seine Stimme zitterte, als er sagte:

»Allah gibt den Tod; er sendet auch das Leben. Dein Gesicht sagt mir, daß du deine Worte nicht ohne Grund gesprochen hast. Vielleicht glaubst du, mir eine frohe Nachricht geben zu können; ich bin überzeugt, daß du dich irrest, daß es wieder eine jener Täuschungen ist, deren ich hunderte überwunden habe; aber rede, sprich! Kennst du eine Person, welche mein Sohn sein könnte?«

»Ja.«

»Wie alt ist er?«

»Ungefähr achtzehn Jahre.«

»Wo befindet er sich?«

»Er lebt bei den Niam-niam.«

»Wie heißt er?«

»Er wird Abd es Sirr, ‚Sohn des Geheimnisses‘ genannt; das ist ein Beweis, daß er von unbekannter Herkunft ist. Der Sohn des Fürsten der Niam-niam ist sein Busenfreund. Ich habe einst ein Gespräch dieser beiden belauscht und dabei bemerkt, daß dieser ‚Sohn des Geheimnisses‘, wenn kein andrer es hört, sich von seinem Freunde Mesuf nennen läßt.«

»Allah ist groß! Aber das wird nur ein Zufall sein.«

»Ich glaube nicht. Kommt der Name Mesuf so häufig vor?«

»Nein. Ich habe außer meinem Sohne keinen zweiten gefunden, der ihn führt.«

»Und ich hörte ihn bei jenem Gespräche zum ersten und heute von dir zum zweitenmal.«

»Von welcher Farbe ist der Jüngling?«

»Er ist vielleicht etwas dunkler als du in seinem Alter gewesen bist.«

»Das stimmt, das stimmt! Er mußte dunkler sein. Vielleicht ist es doch ein Strahl, der mir heute von dir in meine Dunkelheit geworfen wird. Aber die Hauptsache, die Hauptsache! Hast du die Füße dieses Jünglings gesehen?«

»Ja. Er hat nur vier Zehen an jedem Fuße; die beiden kleinen Zehen fehlen.«

»Gott ist groß; Gott ist barmherzig und gnädig!« rief der Araber fast überlaut. »Mein Herz gewinnt neues Leben, und ich habe ein Gefühl, als ob mein Haar in diesem Augenblicke wieder dunkel werden wolle. Ich möchte vor Wonne jauchzen, aber ich darf es nicht, denn wenn ich auch jetzt mich wieder irrte, so würde meine Kraft, es zu ertragen, vielleicht zu Ende sein. Ich darf es nicht wagen, mich mit Zuversicht an deine Worte zu hängen. Ich muß kalt und ruhig bleiben, um das, was du mir mitteilst, wie ein Fremder, den es gar nichts angeht, erwägen zu können. Ich muß alle möglichen Bedenken aufbringen, welche gegen deine Botschaft gefunden werden können.«

»Das sollst du auch. Du sollst ebenso genau erwägen wie ich. Wenn du Bedenken hast, so teile sie mir mit!«

»Ich werde es thun. Du hast mir gesagt, daß dieser Jüngling der Freund des Sohnes des Fürsten sei, daß er mit demselben gesprochen habe. Ich bin aber überzeugt, daß mein Sohn, falls er noch lebte, gar nicht sprechen könnte.«

»Wohl weil der Sklavenhändler dir damals gedroht hat, ihm auch die Zunge herauszuschneiden?«

»Ja.«

»Wahrscheinlich hat er es in der Absicht gethan, dein Leid dadurch zu vergrößern. Die Klugheit aber riet ihm, die Drohung nicht auszuführen. Früher gab es ja wohl Verhältnisse, welche einen stummen Sklaven als brauchbar erscheinen ließen; das ist aber heute nicht mehr der Fall. Ein Diener muß sprechen können, um im stande zu sein, alle Aufträge seines Herrn auszuführen. Einen Sklaven, welcher stumm, also nur in beschränkter Weise brauchbar ist, wird in der jetzigen Zeit nur selten jemand kaufen. Das wußte der Sklavenhändler. Folglich vermute ich, daß er deinen Sohn nicht verstümmelt hat.«

»Dagegen ist einzuwenden, daß er ihn aus Rachsucht, nicht aber des Geldgewinnes wegen, geraubt hat. Er mußte ihn stumm machen, um nicht von ihm verraten zu werden.«

»Ich wollte mich dieser Meinung anschließen, wenn der Knabe älter gewesen wäre. Und selbst in diesem Falle würde die Stummheit dem Händler keine genügende Sicherheit gewährt haben. Ein Stummer kann schreiben lernen und dann das, was er nicht mit dem Munde zu sagen vermag, zu Papiere bringen. Der Knabe war aber kaum drei Jahre alt. In diesem Alter genügen Monate, die bisherigen Eindrücke aus der Seele zu verdrängen. Der Sklavenhändler hat sich gewiß gesagt, daß der Knabe, wenn er in vollständig neue Verhältnisse komme, bald alles Bisherige vergessen werde.«

»Effendi, deine Einwürfe beglücken mich, obgleich ich aus ihnen entnehmen muß, daß der betreffende Jüngling sich der ersten Zeit seiner Kindheit und also auch seiner Eltern nicht mehr erinnern kann.«

»Was das betrifft, so bin ich nicht im stande, dir genaue Auskunft zu geben. Der ‚Sohn des Geheimnisses‘ spricht niemals von seiner Vergangenheit; aber ich weiß, daß er eine heimliche Rache im Herzen trägt, und vermute, daß sich dieselbe auf den Mann bezieht, der ihn geraubt hat.«

Der Araber saß längst nicht mehr an der Erde. Er war aufgesprungen, und auch Schwarz hatte sich aufgerichtet. Der erstere stand vor dem letzteren, welcher sein Glück, sein Leben von jedem Worte, welches er hört, abhängig weiß.

»Eine Rache, eine Rache also hat er!« sagte er. »Vielleicht hat er alles, alles vergessen, nur das eine nicht, daß er geraubt worden ist. Wie lange befindet er sich bei den Niam-niam? Kam er schon als Knabe zu ihnen?«

»Nein, sondern erst vor zwei Jahren. Er kam ganz allein und blieb da, ohne jemals mitzuteilen, wer er sei und woher er komme. Daher erhält er den Namen ‚Sohn des Geheimnisses‘.«

»Und was thut er bei diesen Schwarzen? Womit ernährt er sich?«

»Der Sohn des Fürsten war ihm im Walde begegnet und hatte ihn zu seinem Vater gebracht. Der fremde Knabe verstand mit den Waffen umzugehen und zeigte sich gleich in der ersten Zeit so mutig und überaus anstellig, daß der Fürst ihn in seine Leibwache aufnahm. In dieser Stellung befindet er sich so wohl, wie es unter solchen Verhältnissen nur möglich ist. Er hat sich die Zuneigung aller, die ihn kennen, schnell erobert. Er ist sehr schweigsam, aber meine Beobachtungen lassen mich vermuten, daß er trotz seiner Jugend ein viel bewegtes Leben hinter sich hat. Er kennt fast alle Völker vom Bahr el Abiad bis zu den großen Seen; er spricht mehrere ihrer Sprachen und Dialekte – —«

»Auch arabisch?« fiel der Jäger ein.

»Ja, auch arabisch. Ferner ist er in vielen Dingen geschickt, welche seinen jetzigen Genossen völlig unbekannt sind; kurz, er weiß soviel und ist so gewandt, daß ein jeder Niam-niam ihn beneiden würde, wenn er ihn nicht lieben müßte.«

»So ist er also ein guter Mensch und steht überhaupt nicht so tief wie ein gewöhnlicher Neger?« fragte Bala Ibn, indem zum erstenmal ein freudiges Lächeln über sein ernstes, hageres Gesicht glitt.

»Ja, sein Herz ist gut und rein,« antwortete Schwarz. »Er weiß, daß er den Schwarzen überlegen ist; dieses Bewußtsein spricht sich in seinem Wesen, in seiner ganzen Erscheinung aus, aber sein Stolz ist ein derartiger, daß er nicht verletzen kann. So oft ich ihn beobachtete, ist er mir vorgekommen wie ein junges, edles Roß, welches sich mit gewöhnlichen Pferden auf derselben Weide befindet. Es grast mit ihnen, es gehört zu ihnen, es verträgt sich mit ihnen, und doch sagt der erste Blick, den man auf dasselbe wirft, daß es einst einen schönern Sattel und einen vornehmern Reiter tragen werde, als die andern.«

»Allah, o Allah!« rief der Jäger, indem er die Hände faltete. »Wenn er mein Sohn wäre, wenn er es wirklich wäre! Ich muß zu den Niam-niam, um ihn zu sehen!«

»Du hast ihn schon gesehen.«

»Ich? Wo?« klang es erstaunt.

»Zwischen den Trümmern der Seribah Abu el Mots. Hast du den jungen Mann nicht bemerkt, der bei uns war, der allein zum Schech ging, um uns bei demselben anzumelden?«

»Ich habe ihn gesehen und großes Wohlgefallen an ihm gehabt. Als mein Auge auf ihn fiel, ging es wie ein fernes Licht in meinem Herzen auf, wie wenn ein verirrter Wanderer den Schein eines Lagerfeuers von weitem erblickt. Der also, der ist‘s, den du meinst. Oh Mohammed und alle ihr heiligen Kalifen! Der Jüngling ist in meiner Nähe gewesen, ich habe ihn gesehen, ich hörte seine Stimme und habe nicht geahnt, daß er vielleicht derjenige ist, den ich so lange Jahre hindurch mit Schmerzen suche! Wo befindet er sich jetzt? Wo ist er hin?«

»Nach der Seribah Madunga. Er ist der Steuermann meines Bootes.«

»So kennt er den Fluß? So sind ihm die Ufer und Länder desselben bekannt?«

»Sehr genau. Aber wie und bei welchen Gelegenheiten er sie kennen gelernt hat, davon spricht er nicht.«

»Er muß trotz seiner achtzehn Jahre ein außerordentlicher Charakter sein. Mein Herz klopft in freudiger und doch zugleich banger Erwartung, als ob es die Brust zersprengen wolle. Ich weiß, daß deine Leute in der Seribah auf dich warten sollen. Er wird bei ihnen bleiben, bis du kommst?«

»Natürlich! Ohne ihn könnte ich meine Reise nicht vollenden.«

»So gebe ich mein Suchen auf. Ich gehe jetzt mir dir nach Ombula, um die dortigen Leute zu warnen, und dann kehre ich in deiner Begleitung nach der Seribah Madunga zurück, um mit diesem ‚Sohne des Geheimnisses‘ zu sprechen. Ja, Herr, du hast recht gehabt, als du sagtest, man dürfe an der Gnade Allahs nicht verzweifeln, als du behauptetest, daß vielleicht gerade du es seiest, durch den mir Hoffnung werden könne. Ich fühle diese Hoffnung jetzt in mir. Ich bin plötzlich ein ganz andrer, ein ganz neuer Mensch geworden. Und das habe ich nächst Allah dir zu verdanken. Wir wollen Freunde sein. Wir wollen die Gefahren unsres Weges redlich miteinander teilen und uns in keiner Not verlassen. Sage mir, ob du mein Freund, mein Bruder sein willst?«

»Gern, herzlich gern! Hier hast du meine Hand darauf.« – Er reichte ihm die Hand entgegen. Der andre schlug ein und sagte:

»Da ist auch die meinige. Weißt du, mit welchen Worten man einen Bund auf Leben und Tod schließt? Mit den Worten ›es suhbi l‘ es suhbi, el umr la umr‹. Sage sie mir nach!«

Schwarz wiederholte diese Formel; dann schlang der Araber die Arme um ihn, küßte ihn und rief:

»Jetzt sind wir eins, eine einzige Person. Du bist ich, und ich bin du. Wehe dem Feinde, welcher dich oder mich beleidigt! Nun aber ist‘s genug der Aufregung. Setzen wir uns wieder nieder, und dann magst du mir alles erzählen, was du von dem ‚Sohne des Geheimnisses‘ weißt.«

Sie nahmen wieder am Feuer Platz, und Schwarz begann, den verlangten Bericht zu erstatten. Er mußte den Jüngling auf das Genaueste beschreiben und jedes Wort berichten, welches er mit demselben gesprochen hatte. Darüber verging eine lange Zeit, es wurde Mitternacht, und als dann der Stoff doch endlich ausgegangen war, mußte der Deutsche an die Ruhe denken, die ihm nach der Anstrengung der beiden Tage so nötig war.

»Schlafe in Allahs Namen!« sagte der Araber. »Ich werde wachen und dich nicht wecken. Nach dem, was ich von dir erfahren habe, ist es mir unmöglich, ein Auge zu schließen. Du wirst das begreifen und dich also nicht weigern, mich an deiner Seite wachen zu lassen.«

Schwarz sah ein, daß bei dem aufgeregten Manne an Schlaf unmöglich zu denken sei, darum ging er ohne Widerrede auf den Vorschlag ein, wickelte sich fest in seine Decke und schloß die Augen.

Die Nacht verging ohne jedwede Störung von außen her. Der Deutsche wurde nicht geweckt; er erwachte von selbst, als der Moslem bei Tagesanbruch laut seine Morgenandacht verrichtete. Die Feuer glimmten noch, und in der heißen Asche derselben wurden aus dem mitgebrachten Mehle eine Anzahl der landesüblichen Fladen gebacken, welche für den ganzen Tag ausreichten, zudem auch noch ein Stück der gestern gebratenen Gans übrig war.

Während der Araber diese Arbeit verrichtete, fütterte und tränkte Schwarz die Kamele. Dann wurde aufgebrochen.

Dem Elefantenjäger war keineswegs anzusehen, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Er sah fast jünger aus als gestern und behauptete, seit langen Jahren sich nicht so wohl befunden zu haben wie heute. Von so großem Einflusse ist der Gemütszustand eines Menschen auf seinen Körper!

Die beiden waren überzeugt, daß sie die Sklavenjäger um die Mittagszeit einholen würden. Es sollte aber anders kommen. Als sie den Maijeh hinter sich hatten, führte die Fährte, welcher sie folgten, wieder in die Nähe des Flusses. Dort stand ein dichter Wald, welcher zahlreiche Büsche als Vorposten in eine grasreiche Ebene sandte. Zwischen diesen Sträuchern schlängelte sich die Fährte hin.

Hier auf dem verhältnismäßig leichten Boden sah man deutlicher als bisher, aus wie vielen Spuren dieselbe bestand; sie wurde bedeutend breiter. Die vielen Rinder, welche die Brandstifter der Seribah mitgenommen hatten, waren hier, wo die Büsche ihnen Leckereien boten, schwer zusammenzuhalten gewesen.

Die beiden Männer ritten, sich laut unterhaltend, nebeneinander. Sie hatten keine Veranlassung, in dieser vermeintlichen Einsamkeit ihre Stimmen zu dämpfen. Eben hatten sie eine Stelle passiert, an welcher die Büsche enger zusammentraten, und wollten nun auf einen freieren Platz einlenken, als Schwarz, welcher für diese kurze Strecke vorangeritten war, sein Kamel plötzlich mit einem jähen Rucke anhielt, es schnell umlenkte, um wieder hinter das Gesträuch zu kommen, und dabei hastig, aber leise sagte:

»Alle Wetter! Einen Augenblick später, und wir wären entdeckt worden!«

»Von wem?« fragte Bala Ibn.

»Von Menschen, welche sich da draußen auf der Ebene befinden und ihre Herden weiden.«

»Schwarze?«

»Schwarze und Weiße.«

»Wer könnte das sein?«

»Werden es gleich sehen. Schauen wir uns diese Leute einmal aus dem Verborgenen an!«

Er ließ sein Kamel niederknieen und stieg ab. Der Araber that dasselbe. Hinter dem Gesträuch versteckt, blickten sie hinaus auf die vor ihnen liegende Scene.

Nach rechts hin, also nach West, dehnte sich eine weite, freie Ebene. Links, am Waldesrande, lagerten wohl gegen vierzig Menschen von allen Farben und in den verschiedensten Gewändern. Nahe bei sich hatten sie ihre Gewehre zusammengestellt. Gerade aus und nach rechts hin von den beiden heimlichen Beobachtern weideten zahlreiche Rinder nebst einigen Pferden und Kamelen. Unter den ersten Bäumen des Waldes lagen Waren aufgehäuft. Vielleicht zehn Männer befanden sich draußen vor den weidenden Tieren, um dieselben in Ordnung zu halten und sie zu verhindern, nach der Ebene auszubrechen. Hätte Schwarz sein Tier nur noch wenige Schritte machen lassen, so wäre er von diesen Leuten gesehen worden.

»Weißt du, wer diese Leute sind?« fragte er seinen Kameraden.

»Ja,« nickte dieser.

»Nun?«

»Die zurückgelassene Besatzung der Seribah, welche die letztere verbrannt und geplündert hat.«

»Das vermute ich auch. Aber ich kann nur nicht begreifen, wie diese Menschen es wagen können, sich hier festzusetzen. Ich kann mir überhaupt nicht sagen, aus welchem Grunde sie dieselbe Richtung wie Abd el Mot eingeschlagen haben. Sie müssen ihm doch in die Hände laufen.«

»Oder er ihnen!« bemerkte der Araber, indem er die Geste des Erstechens machte.

»Wie meinst du das?«

»Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Gedanken das Richtige treffe. Ich habe bei den Dschur gehört, daß Abd el Mot bei seinen Untergebenen keine Beliebtheit besitzt, weil er grausam und ungerecht ist. Darum wird die Besatzung von ihm abgefallen sein. Aber außer diesen fünfzig Männern wird es noch viele andre geben, welche ebenso denken wie sie und ebenso wünschen, frei zu werden, wenn sie dabei auch noch einen anderweiten Vorteil finden. Auf diese Gleichgesinnten wird der alte Feldwebel, der Anführer der Empörer, rechnen. Was soll er mit den entführten Gütern und mit den fünfzig Mann thun? Er kann sie nur in dem Falle, daß er eine neue Seribah gründet, recht verwerten, und ich vermute, daß dies auch wirklich seine Absicht ist. Zum Sklavenjagen sind fünfzig Personen viel zu wenig; er muß sich also nach mehr Leuten umsehen. Woher will er sie nehmen, und wo kann er sie leichter finden, als bei seinen bisherigen Kameraden?«

»Da magst du freilich recht haben,« stimmte Schwarz bei.

»Nur auf diese Weise,« fuhr der Jäger fort, »läßt es sich erklären, daß er der Spur Abd el Mots gefolgt ist. Er will auf die Rückkehr seiner Gefährten warten und diese veranlassen, zu ihm überzugehen. Die meisten werden dies thun, denn er wird ihnen natürlich einen viel höheren Sold bieten, als sie bisher erhalten haben.«

»Und was wird mit Abd el Mot geschehen?«

»Wahrscheinlich wird man ihn ermorden und sich dabei all seines Eigentums bemächtigen. Bei alledem habe ich natürlich angenommen, daß der Überfall von Ombula gelingt.«

»Es ist schrecklich, welche Verhältnisse der Sklavenhandel im Gefolge hat. Der Mensch wird zum Ungeheuer!«

»Das habe ich eingesehen. Also ich bin überzeugt, daß diese Leute hier auf Abd el Mot warten, um ihn zu töten. Aber falls ihnen das gelingt, wird die Strafe auf dem Fuße folgen.«

»Inwiefern?«

»Denke an Abu el Mot, welcher nach zwei Tagen mit über dreihundert Nuehrs auf seiner Seribah ankommen wollte! Er wird dieselbe in Trümmern finden und bei den Dschur erfahren, was geschehen ist. Was wird er darauf thun?«

»Er wird den Empörern nach jagen.«

»Natürlich. Er findet sie hier, wo wir sie sehen, und wird sie alle niedermachen. So zerfleischen sich die Geier untereinander, wofür man Allah doch nur danken kann. Für uns aber ist es nicht angenehm, daß diese Menschen sich hier gelagert haben. Wir dürfen uns von ihnen natürlich nicht sehen lassen und sind also zu einem Umweg gezwungen, welcher viele Zeit erfordert.«

»Das ist leider wahr. Auf unsern Kamelen sind wir weithin sichtbar, zumal heute die Luft von einer außerordentlichen Reinheit ist. Wir müssen eine bedeutende Strecke zurück, um dann draußen auf der freien Ebene einen weiten Bogen zu reiten. Bevor wir die Spur Abd el Mots wieder erreichen, werden drei oder vier Stunden vergangen sein.«

»Weniger nicht. Aber wir können nicht anders. Laß uns aufbrechen, damit wir so wenig wie möglich Zeit verlieren.«

Sie stiegen wieder auf und kehrten so weit, als sie es für erforderlich hielten, zurück; dann ritten sie nach West, um hierauf nach Süden einzubiegen. Auf diese Weise gelangten sie in die offene Ebene, von wo aus sie den Wald, an welchem sich das Lager des Feldwebels befand, als einen dunkeln, langen Strich liegen sahen. Schwarz sah durch sein Fernrohr da hinüber und erkannte die weidenden Tiere und die bei denselben befindlichen Menschen. Mit dem bloßen Auge hätte er sie nicht erreichen können, also war es gewiß, daß auch er mit dem Araber von dorther nicht bemerkt wurde.

Später mußten die beiden Reiter ihre Richtung ändern, indem sie wieder ostwärts hielten, um auf die verlassene Fährte zurückzukommen. Als sie dieselbe erreichten, waren von dem Augenblicke an, an welchem sie das Lager vor sich gesehen hatten, vier und eine halbe Stunde vergangen; sie befanden sich aber nun höchstens drei Viertelwegsstunden jenseits dieses Lagers und hatten also fast vier volle Stunden verloren.

Dieser Verlust war schwerlich einzubringen. Sie trieben ihre Tiere möglichst an; aber die Kamele waren gleich anfangs schwach gewesen, und die bisherige Anstrengung hatte sie nichts weniger als gekräftigt; sie hörten kaum mehr auf die Töne der Suffarah, welche doch vorher einen so aneifernden Eindruck auf sie gemacht hatte.

Noch im Laufe des Vormittages brach die Fährte plötzlich von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich fast gerade nach West. Je weiter sie sich vom Flusse entfernte, desto harter und öder wurde das Land, bis sie endlich gar fast eine Stunde lang durch Felsgeröll führte. Es war, als ob man hier einen ganzen Berg in faustgroße Stücke zerschlagen und diese mit großer Gleichmäßigkeit über die weite Fläche verteilt habe.

Dann traten unbestimmte Linien über den Horizont empor. Anstatt des Gerölles gab es wieder Erde, welche aber auch hart und trocken war. Später stieg der Boden allmählich an; leicht geschweifte Berge, welche zur Regenzeit wohl mit Gras bewachsen waren, traten von rechts und links heran. Zwischen ihnen gab es gewundene Thäler, durch welche der Weg führte. Je weiter man kam, desto bestimmter wurden die vorher am Horizonte bemerkten undeutlichen Linien. Der lang gestreckte Raum, den sie abwärts umfaßten, färbte sich erst grau, dann weißlich blau, bis er dunkler und dunkler wurde und dabei immer mehr an Höhe gewann.

»Die Pambisaberge,« sagte Bala Ibn, indem er mit der ausgestreckten Hand in die angegebene Richtung deutete.

»An deren Fuß Ombula liegen soll? Weißt du genau, daß sie es sind?«

»Wissen kann ich es nicht, denn ich war noch nicht dort; aber ich vermute es.«

»Wie weit meinst du, daß wir noch bis zu diesem Gebirge haben?«

»Vor Abend ist es unmöglich zu erreichen.«

»So kommen wir zu spät!«

»Das darfst du nicht denken. Kein Sklavenjäger überfällt ein Dorf am hellen Tage. Man wartet vielmehr am liebsten bis gegen Morgen. Es bleibt uns also Zeit, die Bedrohten zu warnen; wenigstens hoffe ich das.«

»So wird Abd el Mot ein verborgenes Lager bezogen haben, in welchem er wartet, bis es Nacht geworden ist.«

»Das glaube ich nicht. Die Ghasuah verfährt ganz anders. Du mußt den Umstand berücksichtigen, daß diese Gegend nur spärlich bevölkert ist. Es gibt keine zahlreichen Städte und Dörfer wie in Ägypten und anderswo. Wasser gibt es außer im Nile und in dessen Nähe nur selten, und doch kann ein Dorf nur da existieren, wo Wasser vorhanden ist. Am Flusse wohnen die Neger ungern, weil sie dort den Besuchen der Sklavenhändler mehr ausgesetzt sind. Sie lassen sich also lieber an einsamen Regenbetten oder an fern vom Nile liegenden Maijehs nieder. So wird es auch mit Ombula sein. Der Schech der Dschur sagte mir, daß es in einsamer Gegend, am Fuße der Berge in der Nähe eines großen Sumpfes liege, welcher zur Regenzeit einen mehrere Stunden langen und ebenso breiten See bilde. Eine solche Lage macht es nicht nötig, daß die Sklavenjäger sich vorsichtig verstecken. Sie gehen vielmehr gerade auf ihr Ziel los.«

»Aber da werden sie doch bemerkt!«

»Nein, denn so weit nähern sie sich am Tage nicht.«

»Wie aber, wenn ihnen Bewohner des Dorfes, welches überfallen werden soll, begegnen?«

»Die läßt man nicht entkommen. Sie werden sofort niedergemacht oder gefesselt; sie können also nicht zurückkehren und die Ihrigen warnen. Die Sklavenjäger ziehen nie in einer kompakten Masse an. Ist man dem betreffenden Orte auf eine halbe Tagereise nahe gekommen, so werden die geschicktesten Leute als Späher vorangesandt. Ihnen folgen andre, welche sich zerstreuen und eine Kette bilden, durch welche kein Feind schlüpfen kann. So umringt man von weitem das betreffende Negerdorf, ohne daß die Bewohner desselben es ahnen, und des Nachts wird der Überfall ausgeführt. Dieser geschieht meist so, daß die das Dorf umschließende Dornenhecke an vielen Stellen angebrannt wird. Sie steht sehr bald rundum in Flammen. Die Bewohner erwachen; sie können nicht entkommen, weil sie umringt sind. Wer von ihnen sich zur Wehr setzt, wird niedergeschossen. Überhaupt werden gewöhnlich alle Männer getötet, weil sie sich selten in ihr Schicksal fügen und also den Transport erschweren. Auch die älteren Frauen werden erschlagen, weil niemand sie kauft. Die Knaben, Mädchen und jungen Frauen bilden die erwünschte Beute. Auch die Herden sind hoch willkommen. Es kommt vor, daß man schon auf dem Rückwege nach der Seribah die erbeuteten Leute verkauft oder gegen Elfenbein vertauscht. Geht der Zug durch das Gebiet eines Stammes, welcher das Fleisch der Menschen demjenigen der Tiere vorzieht, so schlachten die Sklavenjäger die fettesten der erbeuteten Neger und verhandeln sie an die Menschenfresser.«

»Herrgott! Ist so etwas denn möglich?«

»Möglich? Herr, es ist wirklich und kommt sehr häufig vor. An den Zuflüssen des Bahr el Abiad und weiter nach Süd und West gibt es genug Völkerschaften, denen Menschenfleisch die größte Delikatesse ist. Ich kenne einen Häuptling, welcher versicherte, daß nichts besser schmecke als die innere Fläche einer gebratenen Menschenhand. Er führte mit den benachbarten Völkern Krieg, nur um Gefangene zu machen, welche geschlachtet wurden; auch seine eigenen Toten und Schwerverwundeten wurden verzehrt. Die Hände derselben wurden ihm abgeliefert; die übrigen Körperteile überließ er seinen Untergebenen. Ich sprach mit einem Sklavenhändler, welcher behauptete, daß in Afrika die Menschenjagd täglich wenigstens sechstausend Opfer fordere, was für jedes Jahr weit über zwei Millionen ergibt. Dieser Mann kannte das Geschäft und hat mit dieser Schätzung sicher nicht zu hoch gegriffen. Ebrid Ben Lafsa, jener Halunke, welcher meinen Sohn raubte, erzählte uns, daß er nur am Bahr Kuta jage; er hatte also nur ein kleines Gebiet, und doch behauptete er, jährlich über tausend Sklaven zu fangen. Dazu kommen gewiß ebensoviele andre, welche dabei getötet werden.«

»Woher war dieser Mensch eigentlich?«

»Aus Bagirmi.«

»Hast du dort nach ihm gesucht?«

»Natürlich. Ich bin sofort hin und dann später noch viele Male dort gewesen; aber er hat sich nie wieder in dieser seiner Heimat sehen lassen.«

»Würdest du ihn erkennen, wenn du ihm begegnetest, nach so vielen Jahren?«

»Ja. Er hat ein Gesicht, welches man nie vergessen kann und dessen Ausdruck das Alter nicht zu verändern vermag. Doch schau einmal den dunklen Strich da vor uns. Ob das Bäume sind? In diesem Falle gibt es dort einen Chor, welcher von den Bergen kommt und stellenweise noch Wasser enthält. Das liefert einen Trunk für uns und die Tiere, welche vor Schwäche kaum weiter können.«

Seine Voraussetzung hatte ihn nicht betrogen. Quer über die Richtung, welcher sie folgten, zog sich ein tiefes, breites Flußbett, von den Wassern gerissen, welche zur Regenzeit von den Pambisabergen herab dem Nile zuströmten. Solche im Sommer trockene Flüsse werden, wie bereits erwähnt, Chor, im Plural Cheran, genannt.

Als die beiden Reiter das Ufer desselben erreichten, befanden sie sich zwischen hohen Kafalahbäumen, von deren Stämmen und Ästen lose Epidermisfetzen hingen, welcher Umstand ihnen die botanische Bezeichnung papyrifera verliehen hat. Die dünneren Zweige trugen eine Menge kunstvoller Nester, welche von zahlreichen Orangewebervögeln bevölkert waren. Auf der Sohle des breiten Flußbettes stand ein fast undurchdringliches Dickicht von Ambag, welcher Strauch in der heißen Jahreszeit bis auf die Wurzel abzusterben, und während oder nach der Überschwemmung sich zu erneuern pflegt. Diese Büsche standen noch, weil es an diesem Orte zurückgebliebenes Wasser gab. Man ersah aus der deutlichen Fährte, daß die Sklavenjäger am diesseitigen Ufer hinab, an diesem Wasser vorüber und jenseits wieder hinaufgegangen waren, ohne anzuhalten und ihre Tiere zu tränken.

»Ich begreife nicht, warum sie das nicht thaten,« sagte Bala Ibn. »Unsre Kamele sind jedenfalls müder als die ihrigen, und wir müssen ihnen hier eine kurze Ruhe gönnen.«

Die beiden stiegen ab und leiteten ihre Tiere die Steilung hinunter bis an das Wasser. Dort setzten sie sich an einem Busche nieder, welcher von dichten Cissuswinden durchschlungen war. Während sie ihre Tiere trinken und dann an den Sträuchern knuspern ließen, sprachen sie über die Absicht ihres gegenwärtigen Rittes miteinander, und zwar nicht in leisem Tone. Sie glaubten sich vollständig allein, befanden sich dabei aber leider im Irrtume.

Auf der Höhe des andern Ufers stand ein Schedr es simm, an dessen Stamm zwei Männer gesessen hatten. Die Euphorbie war von ihnen angebohrt worden, und der Saft tropfte in ein untergestelltes Trinkgefäß. Beide waren Neger, nur mit dem Schurz bekleidet; aber ihre Bewaffnung, welche aus Messer und Flinte bestand, bezeichnete sie als Asaker, die zu Abd el Mot gehörten.

Schwarz und der Araber ahnten, als sie sich dem Regenbette näherten, nicht, daß sie sich ganz in der Nähe der Sklavenjäger befanden. Sie hatten nicht sehen können, daß es jenseits des Chors einen Maijeh gab, dessen Wasser der Entstehung eines kleinen Waldes günstig gewesen war. In diesem letzteren hatte Abd el Mot, welcher die Gegend von früher her kannte, sein Lager aufgeschlagen. Er hatte nicht die Absicht, das Dorf in der von dem Elefantenjäger beschriebenen Weise zu überfallen. Er sendete weder Kundschafter noch Posten aus, sondern er wollte mit allen seinen Leuten hier bis gegen Abend versteckt bleiben, um dann im Schutze der Nacht den Rest des Marsches zu unternehmen.

Beim Passieren des Regenbettes hatte einer der Asaker die Euphorbie gesehen und war dann mit einem seiner Kameraden zurückgekehrt, um sich in den Besitz des Saftes zu setzen, mit welchem man Messer, Lanzen und Pfeile zu vergiften pflegt. Während diese beiden Männer mit dieser Arbeit beschäftigt waren, erblickten sie zu ihrem Erstaunen die zwei Reiter, welche auf ihren müden Kamelen sich langsam dem Chor näherten.

»Zwei Weiße!« sagte der eine. »Wer sind sie, und was können sie hier nur wollen?«

»Zu uns gehören sie nicht,« antwortete der andre. »Bleib ruhig hinter dem Stamme sitzen, damit sie uns nicht sehen. Wohin können sie anders wollen als nach Ombula? Abd el Mot darf sie nicht vorüber lassen. Er wird sie kommen sehen und anhalten. Wir müssen hier verborgen bleiben, damit sie nicht vor der Zeit bemerken, daß sich die Ghasuah hier befindet.«

Hinter dem Giftbaume versteckt, sahen sie, daß die beiden Fremden das Flußbett nicht sofort durchquerten, sondern sich unten am Wasser niedersetzten.

»Das ist gut,« flüsterte der erste. »Sie sitzen hinter dem Ambag, durch dessen Zweige sie nicht sehen können. Wir werden erfahren, wer sie sind, und was sie in dieser Gegend wollen. Bleib hier, und mach kein Geräusch! Ich schleiche mich hinab an den Busch, um zu hören, was sie sprechen.«

Der Schwarze huschte schlangengleich am Ufer hinab und erreichte den Ambag, ohne von Schwarz und dessen Gefährten bemerkt worden zu sein. Dort niedergekauert, lauschte er ihren Worten; dann kam er zu seinem Kameraden zurückgekrochen und sagte: »Wer und woher sie sind, das habe ich nicht erfahren; sie sprachen nicht davon. Aber was sie wollen, das weiß ich. Sie wissen, daß wir nach Ombula gehen, um Sklaven zu machen und wollen vor uns hin, die Belanda zu warnen. Komm schnell fort! Wir müssen das Abd el Mot berichten.«

Sie eilten fort, dem Maijeh zu, und meldeten Abd el Mot, was sie gesehen hatten. Er saß unter einer hohen Talha, seine Unteroffiziere neben sich. Weiterhin standen, saßen oder lagen die andern Leute bei ihren angebundenen Tieren. Als er die unerwartete Meldung hörte, sprang er auf und rief:

»Zwei weiße Reiter, welche arabisch sprechen? Sie wollen uns verraten? Sie müssen unser sein! Kann man sie sehen, ohne von ihnen bemerkt zu werden?«

»Ja, Herr. Wenn du willst, so werde ich dich führen,« antwortete derjenige, welcher die beiden belauscht hatte.

»Du wirst mir die Stelle zeigen. Wenn wir sie auf das hohe Ufer lassen, finden sie vielleicht Zeit, uns zu entfliehen, oder sie verteidigen sich und töten einige von uns. Darum werden wir sie lieber überfallen, wenn der Platz, an welchem sie sich befinden, es erlaubt. Nehmt Stricke mit!«

Er wählte ein Dutzend seiner gewandtesten Leute aus und begab sich mit ihnen nach dem Chor. Vom Rande desselben vorsichtig hinablugend, musterte er die Stelle. Die Personen konnte er nicht sehen, da sie hinter dem Ambag saßen.

»Es ist nicht schwer, sie zu beschleichen,« entschied er. »Macht euch leise hinter sie, und fallt über sie her, so daß sie keine Zeit zur Gegenwehr finden! Gelingt es, so schenke ich euch den Betrag eines kräftigen Sklaven. Mißrät es aber, so wird derjenige, welcher daran schuld ist, erschossen. Vorwärts!«

Er sah zu, wie die Asaker einzeln hinabglitten und sich dann hinter dem Busche sammelten. Als der letzte von ihnen dort angelangt war, brachen sie hervor und fielen über die beiden auf das Äußerste überraschten Männer her. Es gab ein kurzes Ringen und Durcheinander von schreienden Stimmen – der Überfall war gelungen. Abd el Mot kehrte nach dem Maijeh zurück und setzte sich wieder unter der Talha nieder. Seine Leute versammelten sich um ihn.

»Die Hunde haben uns verraten wollen,« sagte er. »Sie müssen sterben, und zwar augenblicklich, wer sie auch sein mögen!«

Nach wenigen Minuten brachten die Asaker die Gefangenen geführt; sie hatten denselben die Ellbogen auf den Rücken geschnürt. Zwei Soldaten leiteten die Kamele hinterher.

Schwarz befand sich in einem eigentümlichen traumhaften Zustande, der Elefantenjäger ebenso. Das Unglück war so plötzlich und unerwartet über sie gekommen, daß es ihnen fast unmöglich war, ihre Gefangenschaft für Wirklichkeit zu halten. Aus den triumphierenden Worten, welche die Asaker einander zuriefen, ersahen sie, daß Abd el Mot hier sei, und daß sie zu ihm geführt werden sollten.

»Wir wissen nichts,« raunte der Araber dem Deutschen zu. »Laß nur mich sprechen!«

Er verzweifelte nicht. Er hatte in noch größeren Gefahren immer Rettung gefunden und hielt die gegenwärtige keineswegs für groß. Was hätten die Sklavenjäger für Gründe haben können, zwei ihnen unbekannte Weiße zu ermorden. Daß sein und seines Gefährten Gespräch belauscht worden war, daran dachte er nicht. Übrigens sollte es noch ganz anders kommen. Er stand, ohne es zu ahnen, vor dem Augenblicke, nach welchem er sich seit fünfzehn Jahren gesehnt hatte; freilich aber war die Situation gerade umgekehrt als er sie sich stets vorgestellt hatte.

Vom Chor bis zu der Maijeh war es gar nicht weit. Die beiden wurden von den Soldaten in rohester Weise vorwärts gestoßen und geschoben; sie nahmen das ruhig hin, in dem Glauben, daß es nur einer ernsten Vorstellung bei dem Anführer bedürfe, um der Fesseln entledigt zu werden. Beide waren gespannt auf die Person desselben. Sie hatten so viel von ihm gesprochen; nun sollten sie ihn zu sehen bekommen.

Jetzt standen sie vor ihm. Die Menschenjäger drängten sich rundum heran, um zu hören, was gesprochen werde.

»Herr,« begann der Elefantenjäger in stolzem Tone, »wie kommt es, daß deine Leute – —«

Er hielt mitten in dem angefangenen Satze inne. Sein Mund blieb offen, und seine Augen vergrößerten sich. Seine Gestalt und seine Glieder schienen die Fähigkeit jedweder Bewegung verloren zu haben. Er stand da, ein Bild starren Entsetzens.

Abd el Mot war, als der Gefangene zu sprechen begann, auch vor Schreck aufgesprungen; aber sein Schreck schien ein freudiger zu sein, denn seine Augen leuchteten auf; seine Wangen röteten sich, und sein Gesicht nahm den Ausdruck des Entzückens an.

»Der Emir!« rief er, nein, sondern er schrie es förmlich überlaut. »Barak el Kasi, der Emir von Kenadem!«

»Ebrid Ben Lafsa, der Sklavenhändler!« stieß der Araber hervor.

»Ja, der bin ich!« jubelte Abd el Mot. »Ich bin Ebrid Ben Lafsa. Erkennst du mich, du Hundesohn, du Enkel aller Hunde?«

»E – – brid – – Ben – – Laf – – sa – —!« wiederholte der Elefantenjäger, indem er den Namen kaum hervorbrachte, so daß die einzelnen Silben nur auseinandergerissen über seine Lippen kamen. »Oh Allah! Er ist es; er ist es!«

»Ja, ich bin es; ich bin es! Schau mich an! Schau mir ins Gesicht, wenn du es nicht glaubst! Ich bin der, den du zum Tode verurteiltest, dem du die Sklaven wegnehmen ließest! Ich bin der, den du zweimal peitschen ließest, der unter deiner Peitsche hätte sterben müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, zu entfliehen! Ich bin der, welcher seit fünfzehn Jahren seine Heimat meiden mußte, weil du mich dort verklagt hast, so daß ich hingerichtet worden wäre, wenn man mich dort gesehen und ergriffen hätte! Ich bin der, welcher sich diese langen Jahre hindurch gesehnt hat, dir einmal zu begegnen und dich in den Staub zu treten. Jetzt führt Allah dich in meine Hände. Ihm sei Preis und Dank!«

»Wo – wo – – ist mein Sohn?« fragte der Araber, ohne auf die Drohung zu achten, welche in Abd el Mots Worten lag.

Das Gesicht des letzteren verzog sich zu teuflisch-höhnischer Fratze, als er antwortete:

»Dein Sohn? Ah, du willst wissen, wo er ist? Soll ich dir das wirklich sagen?«

»Sage es! Sage es schnell!« bat der Araber mit fliegendem Atem.

»Unter den Negern ist er.«

»Wo?«

»Tief unten im Süden bei den Menschenfressern.«

»Ist das wahr?«

»Ja, ich sage die Wahrheit.«

»So lebt er also noch! Allah ist barmherzig. Ihm gebührt Preis in Ewigkeit!«

»Halt ein mit deinem Preise! Es wäre besser für diesen achtzehigen Hund, wenn er tot wäre, denn er ist der niedrigste, armseligste Sklave eines schwarzen Häuptlings, dem ich ihn unter der Bedingung geschenkt habe, daß er ihn täglich prügeln und immerwährend hungern lassen soll. Ich habe ihn kürzlich gesehen. Sein Leib ist voller Geschwüre; seine Augen sind erblindet; er stirbt in großen Qualen langsam hin und kann es doch niemandem klagen, weil ich ihm damals die Zunge herausgerissen habe; merke wohl auf: nicht herausgeschnitten, sondern herausgerissen!«

Er stieß diese Rede hastig hervor; er konnte gar nicht schnell genug sprechen, um seinen Feind möglichst rasch niederzuschmettern. Dieser wollte antworten, brachte aber vor Entsetzen kein Wort hervor. Nur ein schneidender, unartikulierter Laut rang sich über seine Lippen.

»Freu‘ dich also darüber, daß er noch lebt!« höhnte Abd el Mot. »Sein Tod wird ein fürchterlicher sein, trotzdem ihn derselbe von unsagbaren Leiden erlöst. Und doch wird dieser sein Tod eine Wonne sein gegen denjenigen, den du nun sterben wirst. Du bist in meiner Gewalt, und es soll keine Qual der Erde geben, die ich dir nicht zu kosten gebe.«

»Allah ‚l Allah!« hauchte der Emir, indem er in die Kniee nieder sank.

»Knieest du vor mir nieder, um mich um Gnade anzuflehen? Kniee nur, und jammere nur! Aber eher wird der Schetan eine Seele aus der Hölle entkommen lassen, ehe ich auf dein Zetern höre!«

Nicht die Furcht und nicht die Angst, sondern das Entsetzen über die Schilderung des Zustandes, in welchem sein Sohn sich befinden sollte, hatte den Araber niedersinken lassen. Als Vater konnte er Schwäche fühlen; als Mann aber war er stolz und stark. Er sprang schnell auf, richtete sich hoch empor und antwortete, indem seine Augen blitzten:

»Was sagst du? Ich soll jammern und zetern vor dir? Dich um Erbarmen anflehen? Hund, wie kannst du wagen, dies zu sagen. Ich bin Barak el Kasi, der Emir von Kenadem, und habe nur vor Allah gekniet. Du aber bist Ebrid Ben Lafsa, ein elender Kadaver, den nicht einmal der Racham fressen mag. Nie sollst du sehen, daß ich ein Glied vor dir beuge!«

Hund genannt zu werden, ist für den Mohammedaner eine der größten Beleidigungen. Es war ein großes Wagnis von dem Araber, sich dieses Wortes gegen Abd el Mot zu bedienen, und die Umstehenden waren vollständig überzeugt, daß der letztere darüber in Wut ausbrechen werde. Dies geschah aber nicht. Zwar ballte er die beiden Fäuste und erhob den Fuß, als ob er sich auf seinen Gegner stürzen wolle, aber er setzte den Fuß wieder nieder und antwortete in spottendem Tone:

»Das hattest du dir gut ausgedacht; aber ich durchschaue deine Absicht und sie wird dir nicht gelingen. Du willst deinen Qualen, welche dir bevorstehen, entgehen, indem du mich reizest, dich im Zorne auf der Stelle zu töten. Aber sage, was du willst, es wird mich nicht ergrimmen. Töten werde ich dich. Monatelang aber sollst du sterben. Schimpfest du mich noch einmal, so lasse ich dir die Zunge ausreißen; das merke dir!«

»Reiß sie heraus!« gab der Araber ihm zurück. »Du bist ein Hund, den alle andern Hunde fliehen, weil er räudig ist!«

Auch bei dieser gesteigerten Beleidigung blieb Abd el Mot ruhig. Er sagte:

»Ja, sie soll dir ausgerissen werden, doch nicht jetzt, nicht heute, sondern erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Einen Verwundeten kann ich jetzt nicht brauchen. Später wirst du täglich bis auf die Knochen gepeitscht werden; jetzt muß ich damit noch warten, weil du stark sein mußt, um mit uns marschieren zu können. Aber vergessen sind deine Worte nicht. Jetzt frage ich, woher du kommst und wohin du willst?«

»Frage soviel dir beliebt; von mir erhältst du keine Antwort!«

Er wendete sich ab.

»Du wirst noch antworten lernen,« lachte Abd el Mot. »Holt eine Schebah für ihn herbei!«

Unter Schebah versteht man einen schweren Ast, dessen eines Ende eine Gabel bildet. In diese Gabel wird der Hals der Sklaven während des Transportes gesteckt und durch ein Querholz fest gehalten. Der Ast geht nach vorn; an ihn werden die Hände des Gefangenen, mit denen dieser ihn tragen muß, gebunden. Dadurch behält der Gefesselte den freien Gebrauch der Füße und ist dennoch am Entrinnen verhindert. Eine solche Schebah wurde dem Emir angelegt. Dann wendete sich Abd el Mot mit finsterer Miene an Schwarz:

»Jetzt sage nun du, wer du bist! Aber lüge nicht, sonst erhältst du die Peitsche!«

Hätte der in dieser Weise Angeredete die Gefühle, welche er jetzt empfand, beschreiben sollen, er wäre nicht fähig dazu gewesen, er hätte keine Worte zu finden vermocht. Haß, Ekel, Abscheu, Zorn – die Summe aller dieser Begriffe deckte sich nicht mit dem, was ihn jetzt erfüllte. Er wußte, daß man auch ihn an eine Schebah fesseln werde; aber er wußte ebenso, daß man gezwungen war, ihn gerade so wie den Emir einstweilen zu schonen. Darum sah er keine augenblickliche Veranlassung, durch höfliche oder gar kriechende Antworten eine mildere Behandlung, die ihm ja doch nicht geworden wäre, zu erstreben. Darum sah er Abd el Mot wie von oben herab an und sagte:

»Welches Recht hast du zu dieser Frage?«

Der Sklavenjäger war sehr erstaunt über diese Worte; das sah man ihm deutlich an. Er mußte sich erst besinnen, wie er sich verhalten solle; dann lachte er höhnisch auf:

»Allah thut Wunder! Solltest du etwa der Sultan von Stambul oder wenigstens der Chedive von Kahira sein? Deine Worte lassen so etwas vermuten. Ich frage, weil du mein Gefangener bist.«

»Mit welchem Rechte hast du mich überfallen und binden lassen?«

»Es hat mir so beliebt. Jetzt weißt du es. Du siehst uns hier auf einer Ghasuah, bei welcher man keine Spione duldet.«

»Ich bin keiner!«

»Lüge nicht! Ihr habt die Belanda vor uns warnen wollen.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Ihr selbst. Meine Leute haben es gehört, als die unten im Chor standen, um euch zu belauschen. Von wem habt ihr denn erfahren, daß wir nach Ombula wollen?«

»Von Leuten. welche es wissen.«

»Wer sind diese Leute?«

»Das wirst du vielleicht später erfahren. Ich habe dir keine Auskunft zu erteilen.«

»Nicht?« rief Abd el Mot in zornigem Tone. »Dann ist deine Zunge überflüssig; ich werde sie dir also auch herausnehmen lassen!«

»Pah! Das wirst du nicht wagen; es wäre zu deinem Verderben.«

»Wieso?«

»Ich bin kein Araber, sondern ein Europäer. Meine Regierung wird dich zur Rechenschaft zu ziehen wissen. Ich verlange augenblicklich frei gelassen zu werden. Gehorchst du dieser Forderung nicht, so kommen die Folgen über dich!«

Da schlug Abd el Mot ein lautes Gelächter auf und rief:

»Ich sehe, du bist ein Narr! Meinst du denn wirklich, daß ich deine Drohungen fürchte? Du bist ein Franke, folglich ein Christ?«

»Ja.«

»Allah verderbe dich! Ein Christ, ein Giaur! Und du wagst es, mir zu drohen! Wer hindert mich, dich augenblicklich erschießen zu lassen?«

»Das Gesetz.«

»Hier gilt kein Gesetz, sondern nur mein Wille. Wenn ich dich töte, wie will deine Regierung es erfahren? Und wenn sie es erfährt, wie will sie mich fassen und bestrafen? Nicht einmal die Macht des Großherrn oder des Vicekönigs reicht bis hieher, viel weniger die Gewalt der ungläubigen Schakals, welche du meinst, wenn du von deiner Regierung redest. Wir haben dich bei dem Emir gefunden. Du bist sein Freund und Gefährte und wirst also ganz dasselbe Schicksal wie er erleiden. Du kannst dasselbe nur dadurch mildern, daß du alle meine Fragen beantwortest und ein offenes Geständnis ablegst. Wie lautet dein Name?«

»Ich nenne ihn nicht, denn er ist zu gut und zu ehrlich für deine Ohren!«

»Seit wann befindest du dich bei dem Emir?«

»Das geht dich nichts an!«

»Wo und von wem habt ihr erfahren, daß wir nach Ombula wollen?«

»Wenn ich dir das sagte, so wäre ich ein ebenso großer Schurke wie du!«

»Mensch,« brauste Abd el Mot auf, »du wagst zu viel! Der Emir kann mich beleidigen, ohne daß ich ihn sofort töte, denn ich habe mich an ihm zu rächen und will mir das für später aufsparen. Mit dir aber habe ich nichts vor. Ich kann dich sofort töten, ohne mir dadurch ein späteres Vergnügen zu rauben. Wenn du mich noch ein einziges Mal beleidigst, so bist du verloren!«

»Das mag sein, du kannst mich ermorden, denn ich bin gefesselt und vermag mich nicht zu wehren. Hätte ich aber die Arme frei, so wollte ich dir zeigen, wie man mit einem Abendländer zu sprechen und zu verkehren hat! Übrigens denke ja nicht, daß du mir ungestraft das Leben nehmen kannst! Ich befinde mich nicht allein in dieser Gegend. Es sind Männer bei mir, welche die Macht besitzen, dich mit einem einzigen Fingerzeig zu vernichten!«

Dieser Trumpf wirkte. Abd el Mot machte eine weniger zuversichtliche Miene, als er fragte:

»Wer sind diese Leute?«

»Auch das geht dich nichts an. Ich gestehe dir überhaupt kein Recht zu, mich zu verhören und auszufragen. Ich will mich aber herbeilassen, dir freiwillig zu sagen, daß sie wissen, wo ich mich befinde und wohin ich will. Kehre ich nicht zurück, so nehmen sie an, daß du mich ermordest hast.«

»Warum wolltest du die Belanda warnen?«

»Weil ich ihr Freund bin.«

»Du kannst unterwegs verunglückt sein, ohne mich getroffen zu haben. Niemand wird mir etwas beweisen können!«

»Täusche dich nicht. Man wird jeden einzelnen deiner Leute streng verhören. Und wie wolltest du meinen Tod bei Abu el Mot verantworten? Kehre ich binnen vier Tagen nicht zurück, so wird man ihn gefangen nehmen. Du bist sein Untergebener, und was du thust, ist also gerade so gut wie seine eigene That.«

»Kennst du ihn?«

»Ja.«

»Und er dich?«

»Nein. Aber er wird, selbst wenn du mich tötest, mich und die Meinen kennen lernen!«

Das feste, sichere Auftreten des Deutschen blieb nicht ohne Eindruck. Er sah es wohl und beeilte sich, diesen Erfolg zum Vorteile seines so schwer bedrohten Gefährten auszunützen. Darum fuhr er fort:

»Ich verlange losgebunden zu werden, und fordere meine Waffen und alles zurück, was deine Leute mir abgenommen haben! Übrigens ist der Emir von Kenadem mein Freund, und was ihr ihm thut, rechne ich so, als ob es mir geschehen sei. Er wird ebenso gerächt werden, wie man mich rächen würde!«

Er mußte sofort erkennen, daß er zu weit gegangen war, denn Abd el Mot fuhr zornig auf:

»Mann, nimm dich in acht! Wenn einer hier zu fordern und zu gebieten hat, so bin ich es allein! Wer überzeugt mich denn, daß du die Wahrheit redest! Wer hindert mich, anzunehmen, daß du mich belügst, um freizukommen! Ist alles, was dem Emir geschieht, für dich so gut, als ob wir es an dir gethan hätten, nun so betrachte ich alles, was er gethan hat, auch so, als ob es von dir begangen worden sei. Soll ich ihn als deinen Freund behandeln, nun gut, so behandle ich auch dich als den seinigen. Du wirst also ganz dasselbe Schicksal haben wie er, und ich will ruhig abwarten, ob es wirklich so mächtige Leute gibt, welche ihn und dich an mir rächen können. Bringt auch für diesen Christenhund eine Schebah und bindet sie dann beide aneinander!«

Es wurde eine zweite Schebah gebracht und die Gabel derselben Schwarz um den Hals befestigt. Die Enden der beiden Stangen band man dann vorn an den Spitzen zusammen. Als dies geschehen war, höhnte Abd el Mot:

»So! Jetzt seid ihr als Freunde vereint, und ich will es gern erlauben, daß ihr euch euer Schicksal gegenseitig so viel wie möglich erleichtert. Es thut mir sehr leid, daß es euch unmöglich wird, die Belanda vor uns zu warnen. Da ihr darauf verzichten müßt, werde ich euch als Ersatz dafür eine andre Freude bereiten. Ihr sollt nämlich dabei sein, wenn wir das Dorf überfallen. Ich werde euch einen Platz anweisen, an welchem ihr alles genau beobachten könnt. Für jetzt aber wird man euch an einen Baum binden, damit euch nicht etwa der Gedanke kommt, mitsamt der Schebah lustwandeln zu gehen!«

Schwarz und Barak el Kasi wurden zu einem Baum geführt und dort angebunden. In dieser Situation an Flucht zu denken, wäre geradezu Wahnsinn von ihnen gewesen. Man denke sich zwei Menschen, welche an einen Baumstamm gefesselt sind, und dazu zwei schwere, hölzerne Deichseln, zwischen deren hintern, gespaltenen Teilen ihre Hälse stecken; diese Deichseln sind vorn in spitzem Winkel zusammengebunden, und außerdem hat man den Männern die Hände an dieselben gefesselt, so daß jeder von ihnen die Last seiner Deichsel halten und tragen muß.

So standen Schwarz und Barak el Kasi jetzt im Lager der Sklavenjäger.

Die einzige Erleichterung gewährte ihnen der Umstand, daß man sich jetzt nicht mehr um sie zu bekümmern schien. Die Leute waren mit den Vorbereitungen für den heutigen Abend beschäftigt, und keiner stand nahe genug, um hören zu können, was die beiden miteinander sprachen.

»Welch ein Unterschied!« knirschte der Emir. »Wie ganz anders hatte ich mir den Augenblick gedacht, an welchem ich den Räuber meines Kindes sehen würde! Ich wollte ihm als Richter und Rächer gegenübertreten, und nun befinde ich mich in seinen Händen! Statt daß er den Tod von meiner Hand empfängt, wird er mich langsam und grausam zu Tode martern!«

»Ob er es wagt!« warf der Deutsche ein, weniger weil er Hoffnung hegte, sondern um den Gefährten zu trösten.

»Er wird es wagen; darauf kannst du dich verlassen. Allah hat es gewollt; ich ergebe mich darein. Aber es betrübt meine Seele, daß ich dich mit in das Verderben gezogen habe.«

»Sprich nicht so! Auch ich trage die Schuld. Wir sind so unbegreiflich unvorsichtig gewesen, daß ich mich über das, was geschehen ist, gar nicht wundern kann. Wir hätten, bevor wir lagerten, die Umgegend absuchen sollen. Und sodann hatten wir uns ungeschickter Weise gerade so gesetzt, daß wir der Richtung, aus welcher allein eine Gefahr kommen konnte, den Rücken zukehrten. Ich habe unter wilden Völkerschaften gelebt und weiß ganz genau, was man in einer Lage, wie die unsrige war, zu beobachten hat.«

»Wenn sie uns nur nicht gar so plötzlich überfallen hätten!«

»Wir wären dennoch verloren gewesen. Einer Schar Neger hätten wir wohl widerstehen können, nicht aber mehreren Hundert solcher Teufel, die so gut bewaffnet sind. Ein Glück ist es, daß man uns wenigstens unsre Kleider gelassen hat. Nimmt man uns auch diese noch, so wird die Lage doppelt schlimm und grausam.«

»Bei Allah, ich würde gern sterben und gern alle Qualen erdulden, welche dieser Mensch sich nur ersinnen kann, wenn mein Sohn nicht ebenso wie ich zu leiden hätte!«

»Du glaubst also, was Abd el Mot dir von ihm sagte?«

»Du etwa nicht?«

»Nein.«

»Ich zweifle nicht!«

»Und ich halte seine Worte für Lüge. Er hat die Unwahrheit gesagt, um dich zu quälen, um dich doppelt unglücklich zu machen.«

»Meinst du? Es wäre ihm wohl zuzutrauen.«

»Glaube mir, es ist so, wie ich sage. Ich bin vollständig überzeugt, daß der ‚Sohn des Geheimnisses‘ dein Mesuf ist. Ich hoffe sogar, dir beweisen zu können, daß Abd el Mot gelogen hat.«

»Wie willst du das anfangen?«

»Warte nur, bis er wieder mit uns spricht!«

»Du spannst meine Seele auf die Folter. Und wenn du recht hättest, wenn der ‚Sohn des Geheimnisses‘ der Gesuchte wäre, was könnte es mir nun nützen? Ich bekomme ihn nun doch nicht zu sehen, und er wird niemals erfahren, wer sein Vater war. Wir beide werden ermordet, und da wir die Einzigen sind, welche davon wissen, so kann dann niemand es ihm sagen.«

»Noch sind wir nicht tot; noch leben wir!«

»Jetzt, heute, ja! Aber wie lange?«

»An eine Flucht ist unter den jetzigen Umständen freilich nicht zu denken; aber Abd el Mot selbst hat uns die Hoffnung gemacht, daß man sich während einiger Tage nicht an uns vergreifen werde. Er will dich mit Genuß martern, was doch nur daheim in der Seribah geschehen könnte. Bis dahin muß er bestrebt sein, uns die zum Marsche nötigen Kräfte zu erhalten. Heute wird Ombula überfallen; morgen gibt es einen Fest- und Jubeltag, und übermorgen hat man noch vollauf mit der Vorbereitung zum Rückzuge zu thun, welcher jedenfalls länger dauert, als der Ritt hieher. Sieben oder gar acht Tage sind also von heute an nötig, um die Seribah zu erreichen. So lange Zeit hätten wir Frist. Aber nun bedenke, was auf der Seribah geschehen ist! Wir werden uns natürlich hüten, Abd el Mot auch nur ein Wort davon zu sagen.«

»Meinst du, daß uns daraus ein Vorteil erwachsen könne?«

»Ganz natürlich! Wenn die Absicht gelingt, welche wir dem alten Feldwebel unterlegen, so ist es um Abd el Mot geschehen und wir sind frei.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig! Du träufelst Balsam in mein Herz.«

»Vielleicht können wir uns von der Schebah befreien. Dazu ist weiter nichts nötig, als daß es einem von uns beiden gelingt, die Hände los zu bekommen.«

»Das ist bei mir unmöglich. Man hat die meinigen so fest an das Holz gebunden, daß der Strick mir in das Fleisch schneidet.«

»Dies ist auch bei mir der Fall; aber der Strick wird nach und nach locker werden, und lieber werde ich mir das Fleisch von den Händen würgen, als mich töten lassen, ohne wenigstens den Versuch zu machen, dem Tode zu entgehen.«

Jetzt begannen die Sklavenjäger den Pferden, Kamelen und Ochsen die Reit- und Packsättel aufzulegen. Man rüstete zum Aufbruche, denn es waren nicht zwei volle Stunden mehr bis zum Anbruche des Abends. Abd el Mot kam zu den beiden und fragte:

»Ich darf euch wohl höflich um Verzeihung bitten, daß ich euch nicht erlauben kann, zu reiten? Ihr werdet gehen müssen. Dafür aber soll euch die große Auszeichnung widerfahren, daß ihr an mein eigenes Pferd gehangen werdet. Ich liebe euch so sehr, daß ich euch in meiner Nähe haben muß. Du, Emir, kannst dich dabei deines Sohnes erinnern, welchen ich damals in ganz derselben Weise transportiert habe.«

»Das wissen wir,« antwortete Schwarz in ruhigem Tone.

»Du, Giaur? Was willst du wissen?«

»Was du mit dem Knaben Mesuf vorgenommen hast.«

Abd el Mot warf einen langen, forschenden Blick auf den Deutschen und sagte dann höhnisch:

»Du träumst! Wo warst du denn zu jener Zeit?«

»Daheim in meinem Vaterlande. Doch Allah ist allmächtig und allweise und leitet die Menschen durch tausend Wunder. Ich kenne den Knaben, den du raubtest.«

»Unmöglich!« rief der Sklavenjäger, indem er einen Schritt zurücktrat.

»Ich sage die Wahrheit; ich lüge nicht wie du. Du hast deinen Zweck nicht erreicht, sondern das Gegenteil. Indem du den Emir kränken wolltest, hast du ihm das größte Entzücken bereitet.«

»Ich verstehe dich nicht!«

»So will ich deutlicher sprechen. Ich kenne den Emir erst seit drei Tagen, nicht aber seine früheren Schicksale. Da sprachst du vorhin mit ihm von seinem Sohne; das erweckte meine Aufmerksamkeit; nachdem wir hier angebunden worden waren, fragte ich ihn, und er erzählte mir alles. Allah hat es gewollt, daß ich seinen Schmerz in Freude verwandeln konnte, denn ich kenne seinen Sohn.«

Abd el Mot vermochte nicht, sich zu beherrschen; er machte eine Bewegung der Überraschung und rief aus:

»Wo ist er? Wo befindet er sich?«

»Nicht dort, wo du sagtest.«

»Wo sonst?«

»In sehr guten Händen, nämlich bei meinen Freunden und Gefährten. Er ist nicht blind und krank; er kann auch sprechen, denn du hast ihm die Zunge nicht herausgerissen! Er ist ein prächtiger Jüngling geworden, und sein Vater wird ihn mit Wonne an das Herz drücken.«

»Das soll er bleiben lassen!« brauste Abd el Mot auf. »Noch seid ihr meine Gefangene, und ich werde dafür sorgen, daß Vater und Sohn sich erst jenseits dieses Lebens zu sehen bekommen. Wer konnte ahnen, daß das Weib des Fürsten mit dem Knaben fliehen werde!«

Schwarz hatte ihn dahin, wohin er ihn hatte haben wollen. Der Zorn entreißt dem Menschen manches unbedachte Wort; darum war der Deutsche bestrebt, den Ärger des Sklavenjägers zu erhöhen, indem er sagte:

»Du hattest es nicht klug genug angefangen. Daß du den Knaben nicht weiter fortschafftest, läßt mich vermuten, daß Allah dir ein sehr kleines Gehirn gegeben hat.«

»Schweige, Schakal! Liegt der Mukambasee nicht weit genug von Dar Runga? Muß man nicht mehrere Monate reisen, um von da bis zu dem Volke der Matwa zu gelangen?«

»Das bestreite ich nicht. Aber der Erfolg sagt dir, daß du ihn noch weiter nach dem Süden hättest bringen sollen. Es war eine Dummheit, ihn an den Fürsten der Matwa zu verkaufen.«

»Schimpfe nicht, sonst sollst du noch vor mir zittern! Der Fürst zahlte den Preis von zehn schwarzen Sklaven für ihn; er wollte ihn mästen, um einmal das Fleisch eines Weißen kosten zu können. War ich schuld, daß sein Weib ihn nicht liebte, weil er sie geraubt hatte, daß sie ihm entfloh und den Knaben mitnahm, den sie liebgewonnen hatte?«

»So hättest du später nach ihr und ihm forschen sollen!«

»Gib mir keinen Rat! Ich brauche ihn nicht; ich weiß selbst, was ich zu thun habe. Die Frau ist niemals zu ihrem Volke zurückgekehrt. Ich war bis jetzt überzeugt, daß sie unterwegs mit dem Kinde umgekommen sei.«

»Nun. so kann ich dich eines andern belehren: sie leben beide, und die Frau hat erzählt, daß du ihn an den Fürsten verkauft hast. Sie hat dich vor einiger Zeit gesehen und erkannt.«

»Wo? Wo ist sie jetzt?«

»Daß ich ein Narr wäre, dir das mitzuteilen.«

»Sprich, ich befehle es dir!«

»Darüber brauche ich dir keine Auskunft zu geben. Ich liebe den Knaben, welcher zum Jüngling herangewachsen ist, und nun ich ganz zufällig seinen Vater gefunden habe, werden beide bald vereinigt sein.«

»In die tiefste Hölle werden sie miteinander fahren, und du mit ihnen, Giaur!« schrie Abd el Mot, indem er sein Messer zog und gegen Schwarz zückte.

Dieser blickte ihm groß und ruhig in die Augen und sagte:

»Stoß zu, wenn du es wagst! Dieser Stoß aber würde auch dein Leben mit vernichten, denn indem du mich tötest, ermordest du den einzigen, der dich retten kann!«

Es war ein ganz außerordentliches Staunen, mit welchem der Knabenräuber fragte:

»Retten? Du mich, du? Vor wem und vor was denn?«

»Vor der Rache Mesufs, des von dir entführten Knaben. Dieser Rache wegen ritt ich dir nach, um die Belanda zu warnen und dich zu verderben. Du hörst, daß ich ohne Furcht und aufrichtig bin. Allah fügte es, daß ich dabei auf seinen Vater traf, welchen er bisher vergeblich gesucht hatte. Er hat mächtige Beschützer bei sich, welche sich seiner angenommen haben, weil er der Sohn eines Emirs ist. Kehrst du zurück, so bist du des Todes, und dein Ende wird ein doppelt schreckliches sein, wenn man mich nicht wiedersieht und im Gegenteil erfährt, daß ich von deiner Hand gefallen bin.«

Der Deutsche sagte das in einer so überzeugenden Weise, daß Abd el Mot eine ganze Weile in schweigender Bestürzung dastand. Dann sagte er halb fragend, halb behauptend:

»Du lügst, um dich zu retten?«

»Denke, was du willst,« antwortete Schwarz, indem er die Achsel zuckte. »Dein Schicksal steht in deiner Hand!«

»So wartet man also auf mich?«

»Ja.«

»Wo?«

»Wie kannst du Fragen aussprechen, die du selbst an meiner Stelle nicht beantworten würdest! Meinst du, ich sei weniger klug wie du?«

»Ja, klug bist du, so klug und listig, daß man nicht weiß, ob du die Lüge oder die Wahrheit sagst.«

Er blickte finster vor sich nieder. Gern hätte er die Behauptungen des Deutschen angezweifelt; aber diese wurden in einer solchen Weise und mit solchem Nachdrucke gegeben, daß es schwer war, ihnen nicht zu glauben. Dann hob er langsam den Kopf, fixierte Schwarz mit einem durchbohrenden Blicke und fragte:

»Wenn es so ist, wie du sagst, wie wolltest du mich retten können. Wo will ich hin, wenn dieser Zug beendet ist? Ich muß zurück zu Abu el Mot, zur Seribah, denn dort habe ich mein Vermögen. Wollte ich auf deine Worte hin von hier entfliehen, so wäre ich zum Bettler geworden.«

Schwarz jubelte innerlich auf; er glaubte schon gewonnen zu haben und antwortete:

»Nun man einmal entdeckt hat, daß du der Entführer bist, nun man weiß, daß Abd el Mot der damalige Ebrid Ben Lafsa ist, kannst du nicht mehr entkommen. Du könntest gehen, wohin du wolltest, man würde dich finden. Es sind fünfzehn Jahre des Jammers, des Unglücks an dir zu rächen; bedenke das! Sage ich aber den Meinen, daß wir uns in deiner Gewalt befanden und du uns dennoch verschontest, so wird man auch gegen dich mild sein.«

»Dieser da aber nicht!«

Er deutete auf den Emir, welcher bisher kein Wort gesagt hatte und auch jetzt keine Antwort gab. Darum richtete er nun direkt an ihn die Frage:

»Was würdest du thun, wenn ich dir jetzt die Freiheit schenkte? Würdest du dich dann an mir rächen?«

Diese Frage wog schwer. Die Antwort darauf konnte, oder vielmehr sie mußte über das Schicksal der beiden Gefangenen entscheiden. Wenn der Emir seinem Feinde Verzeihung verhieß, so stand zu erwarten, daß dieser sie beide freigab. Aber sollte er auf seine Rache verzichten? Sollte der elende Missethäter straflos ausgehen? Nein, lieber sterben!

»Allah weiß es!« murmelte der Emir zweideutig.

»Das ist weder ein Ja, noch ein Nein,« antwortete Abd el Mot. »Ich frage dich im Namen des Propheten und der Kalifen und fordere dich auf, die Wahrheit zu sagen! Würdest du mir verzeihen oder dich dennoch rächen?«

»Allah weiß es!« wiederholte der Gefragte.

»Ist das die einzige Antwort, welche du für mich hast?«

»Ja.«

»So habe ich nichts mehr zu fragen. Allah entscheide zwischen dir und mir!« – Er wendete sich ab und ging fort. Da holte der Emir tief, tief Atem. Er mußte sich bezwingen, nicht laut auf zujubeln:

»Freund, Bruder, du hattest recht! Mein Sohn lebt; er lebt! Er ist nicht tot und auch nicht verstümmelt!«

»Ich wußte es,« nickte Schwarz, selbst bis ins tiefste Herz erfreut. »Und wie schön hat er uns alles gesagt, ohne zu ahnen, daß wir gar nichts wußten!«

»Ich sage dir, daß ich an seiner Stelle mir auch alles hätte entlocken lassen. Du bist wirklich listiger als Talab, der heimlich Schleichende. Wärst du ein Kadi, so würdest du alle Verbrechen entdecken. Aber sage, lebt die Frau wirklich noch, die mit meinem Sohne von ihrem Manne floh?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe von ihr ja gar nichts gewußt! Aber warum beantwortetest du seine letzte Frage nicht?«

»Weil ich unmöglich konnte.«

»Ein Ja hätte uns vielleicht die Freiheit sofort wiedergegeben!«

»Und ein offenes Nein hätte zum sichern Tod geführt. Ich konnte keins von beiden sagen. Oder meinst du, daß ich meine und sogar auch deine Rettung einer Lüge verdanken möchte?«

»So kannst und wirst du nicht vergeben?«

»Nie!«

»Auf keinen Fall?«

»Niemals! Es würde eine Sünde gegen das Gesetz der Wüste, ja gegen das Gesetz des Propheten sein. Und selbst wenn ich diese beiden Vorschriften übertreten wollte, so würde mich mein Schwur daran verhindern. Ich habe Rache geschworen, und ich werde mich rächen. Was thätest du an meiner Stelle?«

»Nein. Unser Kitab el mukaddas befiehlt uns, die Rache Gott zu überlassen.«

»Auch wenn ihr geschworen habt?«

»Kein frommer Christ thut einen solchen grausigen Schwur, denn Isa Ben Marryam hat uns befohlen: ‚Liebet eure Feinde, segnet die, welche euch fluchen; thut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen!‘ Und hätte jemand dennoch einen solchen Schwur gethan, so würde er Gott bitten, ihn zurücknehmen zu dürfen.«

»Eure Lehre ist schön; sie ist gut für euch, falls ihr eure Feinde wirklich zu lieben vermögt; aber sie paßt nicht für diese Länder, nicht für die Wüste, nicht für uns. Auge um Auge, Blut um Blut, Leben um Leben, das ist unser Gesetz; wir müssen ihm gehorchen, und du darfst mir nicht zürnen, wenn ich es erfülle.«

»So bleiben wir also gefangen!«

»Ja. Ich habe dich lieb, aber ich kann selbst dich nicht durch eine Sünde retten. Werde ich schuld an deinem Tode, so mag Allah es mir vergeben, der ja auch der Gott der Christen ist.«

»Nun, was das betrifft, so brauchst du dir jetzt noch keine Vorwürfe zu machen. Ich weiß, daß meine Worte und Vorstellungen bei Abd el Mot haften geblieben sind; sie werden sicher, wenn auch langsam wirken. Ich habe ihn in Zwiespalt mit sich selbst versetzt, und wir müssen nun das Ergebnis in Ruhe erwarten.«

Er hatte die Worte kaum gesagt, so zeigte sich schon die erste der Wirkungen. Abd el Mot kam wieder herbei und fragte:

»In einigen Minuten brechen wir auf. Habt ihr Hunger oder Durst?«

»Nein,« antwortete Schwarz.

»Unterwegs erhaltet ihr nichts. Ihr seid also selbst schuld, wenn euch während des Marsches hungert oder dürstet.«

Er band sie los und führte sie zu den Lasttieren. Er selbst schlang einen Strick um die Spitze der beiden Halsgabeln und band denselben an den Sattel eines Lastochsen. Schwarz warf seinem Gefährten einen befriedigten Blick zu. Ohne die Mahnungen des Deutschen hätte der Sklavenjäger ihnen wohl nicht Speise und Trank angeboten und sie auch jetzt nicht an den Ochsen gebunden, nachdem er vorher gesagt hatte, daß er sie an sein eigenes Pferd fesseln werde. Es war also wohl Grund vorhanden, die Hoffnung auf Befreiung nicht ganz aufzugeben.

Jetzt erteilte Abd el Mot seine Befehle, und zwar laut, daß die Gefangenen es hören konnten. Von jetzt an befolgte er die Taktik, von welcher der Emir gesprochen hatte. Zwanzig Späher mußten auf den schnellsten Pferden voranreiten; ihnen folgten hundert andre, welche nach ihrer Ankunft das Dorf in weitem Kreise zu umstellen hatten. Darauf setzten sich die übrigen in Bewegung, teils zu Fuß, teils auf Ochsen reitend.

Diese Ochsen sind nicht die langsamen störrigen Tiere wie die unsrigen. Sie besitzen ein intelligenteres Auge und einen viel schnelleren und dabei sehr sicheren Schritt. Sie sind das Ergebnis hundertjähriger Zucht und dürfen keineswegs mit dem wilden Büffel verglichen werden.

Die Gefangenen mußten ziemlich rasch ausschreiten, um mit ihrem Ochsen Schritt zu halten. Die Schebah, welche jeder von ihnen trug, war von hartem, unzerbrechlichem Holze und wog wohl über dreißig Pfund. Diese Last war nicht übermäßig; aber die Gabel berührte bei jedem Schritte den nackten Hals und rieb ihn in der Folge wund. Später stellte sich noch ein zweiter Übelstand ein. Die vom Ellbogen aufwärts an die Schebah gefesselten Vorderarme waren diese Stellung oder Haltung nicht gewohnt und schliefen ein. Im übrigen war der Marsch mit keiner Beschwerde verbunden.

Abd el Mot hielt sich stets in ihrer Nähe und ritt meist hinter ihnen her, schien jedoch auf das, was sie sprachen, gar nicht zu achten. Übrigens unterhielten sie sich wenig, und wenn sie es thaten, nur mit gedämpfter Stimme. Er hatte das Gewehr des Deutschen übergehängt und dessen Revolver in seinen Gürtel gesteckt. Mit diesen Waffen liebäugelte er so fleißig, daß man merken konnte, wie stolz er auf dieselben war. Das Fernrohr blickte aus der Satteltasche hervor, und die Uhr, den Geldbeutel und das übrige Eigentum Schwarz‘ hatte er auch an sich genommen.

Man kam über ödes, langsam ansteigendes Land. Von fernher winkten kahle Berge. Als man ihren Fuß erreichte, stand die Sonne am Horizont, und es wurde angehalten und zum Mogreb abgestiegen. Diese gefühllosen Barbaren beteten zu Gott, obgleich sie im Begriff standen, eine himmelschreiende That auszuführen. Auch der Emir kniete trotz der ihn hindernden Sklavengabel nieder, um sein Gebet zu verrichten, und Schwarz folgte seinem Beispiele, vielleicht auch um die Moslemin nicht gegen sich aufzubringen, meist aber aus wirklichem Herzensbedürfnis.

Dann, als die Sonne verschwunden war, ging es weiter. Es wurde finster, und nun war es dem Deutschen nicht mehr möglich, die Landschaft zu sehen, durch welche sie kamen. Er bemerkte nur, daß es stets bergauf ging, oft über steile Gelände, oft durch enge Thäler. Einige Male kam man an Sümpfen vorüber, von denen sich Myriaden Stechfliegen erhoben, um sich auf Menschen und Tiere zu werfen und den Zug auf weite Strecken zu verfolgen. Dann fühlten die Gefangenen es schmerzlich, daß sie mit ihren gefesselten Händen nicht im stande waren, diese Blutsauger von sich abzuwehren.

Je später, desto heller wurde der Glanz der Sterne, der den Marsch wesentlich erleichterte. Zuweilen kehrte einer der Späher zurück, um eine leise Meldung zu machen. Endlich, vielleicht eine Stunde vor Mitternacht, gebot Abd el Mot Halt.

Schwarz strengte seine Augen an, vielleicht das Dorf zu sehen, doch vergeblich. Boten kamen und gingen wieder; der Anführer verkehrte leise mit ihnen. Sämtliche Reit- und Lasttiere wurden unter der Obhut einer Anzahl Wächter nach einem sicheren Orte geschafft; kleine Abteilungen der Asaker marschierten ab, geradeaus, nach rechts und nach links, und endlich hielt Abd el Mot nur noch mit zehn Männern bei den Gefangenen, welche natürlich von ihrem Ochsen losgebunden worden waren.

»In kurzer Zeit werdet ihr sehen, wie man es machen muß, um Sklaven zu bekommen,« sagte er. »Denkt aber, wenn es losgeht, ja nicht, daß ihr diese Gelegenheit zur Flucht benützen könnt! Ihr würdet augenblicklich erschossen werden!«

Dem Deutschen war traurig zu Mute; er dachte nicht an sich, sondern an die armen, unschuldigen und nichts ahnenden Schwarzen, welche auf eine so entsetzliche Weise aus ihrer Ruhe gestört werden sollten.

»Liegt das Dorf in der Nähe?« fragte er, doch ohne Hoffnung, eine Antwort zu erhalten.

Er erhielt doch eine. Abd el Mot selbst gab sie ihm:

»Ja. Ihr werdet mit bis an die Umzäunung gehen und alles sehen.«

»Ist der Überfall unwiderruflich beschlossen?«

»Allah! Wer soll ihn widerrufen, und warum?«

»Bedenke, daß sie dir nichts gethan haben und Menschen sind wir du!«

»Schweig!« erhielt er barsch zur Antwort. »Ich habe dich nicht gefangen, um mich von dir belehren zu lassen. Diese Schwarzen sind wie das Vieh. Sie fühlen nichts und lecken die Hand, von welcher sie geschlagen werden. Sage mir vielmehr jetzt, wie man dein Gewehr zu handhaben hat. Ich weiß, es ist besser als alle unsre Flinten, aber ich weiß nicht, wie es geladen wird.«

»Willst du damit auf die Neger schießen?«

»Was soll ich sonst damit wollen!«

»So hänge es getrost wieder um! Ich will nicht durch eine solche Belehrung den Tod dieser Menschen verschulden.«

»Hund! Wirst du gehorchen oder nicht?«

»Nein!«

»Ich töte dich!«

»Immer zu!«

Abd el Mot besann sich, hing das Gewehr wieder um und sagte:

»Jetzt nicht. Du wirst deine Strafe später empfangen. Vorwärts!«

Zwei Mann nahmen Schwarz und zwei andre den Emir bei der Gabel und zogen sie mit sich fort. Die andern folgten leise, bis sich eine hohe dunkle Masse vor ihnen erhob, welche nach beiden Seiten mauerähnlich in der Finsternis verlief. Das war die Dornhecke, von denen bekanntlich zwei, eine innere und eine äußere, das große Dorf Ombula umgaben.

Schwarz hatte während des ganzen Marsches bis hieher nachgedacht, ob es nicht doch ein Mittel gebe, das Dorf zu retten; aber es war ihm keins eingefallen. Jetzt kam ihm ein Gedanke, aber ein Gedanke, dessen Ausführung ihm unbedingt das Leben kosten mußte. Dennoch war er entschlossen, sein Leben für dasjenige vieler zu opfern.

»Ich rette das Dorf doch noch,« raunte er dem Emir zu.

»Wie denn?« flüsterte dieser.

»Ich werde mit aller Macht meiner Stimme schreien, daß man es durch ganz Ombula hört und alle Schläfer davon erwachen.«

»Allah behüte dich! Du gibst dein Leben hin, ohne einen einzigen zu retten. Das Dorf ist eingeschlossen, und kein Mensch kann entkommen. Dein Rufen würde das Elend nur erhöhen, denn es ist besser, im Schlafe, als im Wachen erschlagen zu werden.«

Das waren triftige Gründe; dennoch öffnete Schwarz bereits den Mund, um seinen todesmutigen Vorsatz auszuführen, als einer der Unteroffiziere herbeikam, um dem Anführer zu melden:

»Es kann beginnen. Alle stehen bereit. Die Wächter des Eingangs sind still umgebracht worden, und auch der Pferch der Tiere ist umstellt.«

Da mußte Schwarz freilich einsehen, daß sein Opfer vollständig nutzlos gewesen wäre.

»Brenn an, den andern zum Zeichen,« gebot Abd el Mot dem Manne.

Dieser kauerte sich nieder – ein leiser Klang von Stahl und Stein – ein springender Funke – eine glimmende Flintenlunte und dann ein kleines Flämmchen, welches rasch anwuchs, sich zerteilte und dann in zehn, zwanzig Zickzackschlangen an der ausgedorrten Hecke emporlief. Wenige Sekunden später stand an dieser Stelle die Einfriedigung bereits mehrere Meter breit in Flammen, welche so schnell weiterliefen, als ob der Zaun aus geöltem Papier bestanden hätte.

Zur Rechten und zur Linken, fern und nahe, zuckten gleiche Flammen auf. Nach Verlauf von zwei Minuten stand die Umzäunung des ganzen Dorfes in hellen, haushoch emporschlagenden und keine Lücke lassenden Flammen. Von jenseits erschallten angstvolle Rufe, von Schüssen beantwortet.

»Die Wächter bei den Herden sind erwacht; sie werden erschossen,« erklärte Abd el Mot mit teuflischer Freude.

»Jetzt geht es los. Ihr werdet die Dscharahdin gleich winseln hören.«

Ein starker Luftzug, von den Flammen aufgeweckt, begann zu wehen, und die Stimme des Feuers ging wie das Brausen einer fernen Brandung durch die grell erleuchtete Nacht. Hierein mischten sich einzelne Schreie, welche den Lippen derer entsprangen, die durch die Schüsse aus dem Schlafe geweckt wurden. Die Bewohner des Dorfes waren erwacht. Sie sprangen aus ihren Tokuls und erkannten mit Entsetzen, daß die Umzäunung brannte. Noch war ihnen die ganze Größe ihres Unglücks verborgen.

Sie weckten die noch Schlafenden, um im Vereine mit ihnen das Feuer von ihren Hütten abzuwehren. Aber die umherfliegenden Funken fielen auf die aus dürrem Schilfe bestehenden Dächer und steckten diese trotz aller Bemühung der Bewohner in Brand. Bald standen sämtliche Tokuls in Flammen. Die Neger konnten es in der Glut nicht aushalten. Aber wohin? Durch die brennende Umzäunung konnten sie nicht ins Freie; Auswege gab es nur durch die Thore. Diese pflegten des Tages offen zu stehen und des Nachts mit Schilfmatten verhängt und durch Krieger bewacht zu werden. Diese letzteren waren von den Sklavenjägern aber überrascht und ermordet worden. Die Matten hatten sich schnell in Asche verwandelt, da sie aus einem Materiale bestanden, welches vom Feuer in wenigen Augenblicken verzehrt wird. Darum waren die Thore die einzigen Punkte, wo man aus der alles versengenden Glut hinaus ins Freie konnte. Diesen Stellen eilten die Unglücklichen zu.

Aber die Sklavenjäger hatten das vorberechnet und sich in ausreichender Anzahl dort postiert. Jeder erwachsene Belanda, welcher vor einem der Thore erschien, wurde sofort erschossen; dasselbe Schicksal erlitten die alten Frauen. Die jüngeren Personen riß oder schlug man nieder und band sie mit Stricken, welche zu diesem Zwecke in großem Vorrate auf den Lasttieren mitgebracht worden waren.

Die Scene, welche das gab, läßt sich unmöglich beschreiben. Männer kamen gesprungen, mit Kindern auf den Armen, die sie retten wollten. Sie stürzten, von den Kugeln getroffen, nieder, und dann riß man die Kinder aus ihren Armen. Hier kam eine alte Frau durch das Thor gerannt, laut aufjubelnd, daß sie dem Feuer entgangen war; in demselben Augenblicke wurde sie mit dem Kolben niedergeschmettert. Ein junges Weib flüchtete sich, zwei Knaben nach sich ziehend, durch das Thor. Die Kinder wurden ihr sofort entrissen; sie selbst warf man sofort nieder, um sie an Händen und Füßen zu binden. Ein stämmiger Neger, welcher in weiten Sätzen zwischen den brennenden Tokuls nach dem Thore rannte, wurde von der Kugel nicht tödlich getroffen. Er erhielt mit dem Flintenlaufe einen Stoß vor den Magen, so daß er niederstürzte; dann schnitt man ihm die Achillessehne durch, so daß der Ärmste nicht entspringen konnte.

Es geschahen ähnliche und noch viel schlimmere Thaten, so daß sich die Feder sträubt, sie zu beschreiben. Aus den einzelnen Schreien, welche man zuerst gehört hatte, war ein allgemeines Geheul und Gebrüll geworden. Die Neger hatten erkannt, daß sie es nicht mit einem zufällig ausgebrochenen Feuer, sondern mit einer Ghasuah zu thun hatten, welcher sie nicht entrinnen konnten. Die Männer wußten, daß sie dem unerbittlichen Tode verfallen seien. Viele von ihnen rotteten sich zusammen, um kämpfend zu sterben. Da sie aber keine Zeit gefunden hatten, ihre Waffen dem Feuer zu entreißen, so waren sie nur auf ihre Fäuste angewiesen und wurden schnell niedergemetzelt. Andre hatten ein Messer gefunden und benützten dasselbe, sich selbst den Tod zu geben, indem sie sich damit erstachen. Einige sprangen freiwillig in die lodernden Flammen und rissen ihre Frauen oder Kinder mit hinein, um sie vor der Sklaverei zu retten.

Schwarz war es unmöglich, solche Scenen anzusehen. Er wendete sich ab. Er fühlte sich unbeschreiblich unglücklich, nicht etwa aus Sorgen um sich selbst, sondern weil er gezwungen war, Zeuge dieser Grausamkeiten zu sein. Das Heulen der unglücklichen Neger, das Jauchzen der Sklavenjäger wollte ihm die Besinnung rauben. Die letzteren kamen ihm im Scheine der lodernden Flammen wie Teufel vor, welche um die Seelen der Verdammten ihre höllischen Reigen tanzen. Hätte es ihm ein Wort gekostet, sie alle in den Tod zu schicken, er hätte es gethan, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.

Als seit dem Aufzucken der ersten Flamme eine halbe Stunde vergangen war, sah man das grausige Werk vollendet. Es erschien kein Neger mehr, um sich aus den Flammen zu retten. Wer sich nicht in den Händen der Sklavenjäger befand, war von denselben getötet worden oder im Feuer umgekommen.

Draußen vor dem brennenden Dorfe befanden sich die erbeuteten Herden, von einer Anzahl Asaker bewacht. Die andern hüteten die Gefangenen. Diese befanden sich in einem Zustande teils der größten Aufregung, teils der tiefsten Niedergeschlagenheit. Die meisten saßen am Boden, still weinend oder lautlos vor sich hinstarrend. Andre rasten zwischen diesen umher, gebärdeten sich wie wahnsinnig und brüllten vor Verzweiflung wie wilde Tiere. Sie wurden mit der Peitsche sehr bald zur Ruhe gebracht.

Nun gebot Abd el Mot die Beute zu zählen. Die Unteroffiziere gingen umher, um die Gefangenen mit Kennerblicken zu mustern. Die einzelnen »Arten« wurden voneinander geschieden und zu Gruppen vereinigt. Man hatte gegen vierhundert Knaben, ebensoviel Mädchen und fast zweihundert jüngere Frauen erbeutet. Außerdem gab es noch viele kleine Kinder, welche man ihren Müttern einstweilen noch ließ. Im ersten Augenblick war es notwendig gewesen, den Gefangenen auch an die Füße Fesseln zu legen; dann aber hatte man sie von denselben befreit, um ihnen die notwendigste Beweglichkeit zu gestatten. Sie wurden wieder zusammengetrieben und mußten sich niedersetzen. An die Flucht dachte keine dieser unglücklichen Personen. Sie waren ja rund von bewaffneten Männern umstellt, und man hatte ihnen gedroht, daß wer es wage, von seinem Platze auch nur aufzustehen, augenblicklich erschossen werde.

An einen Schlaf war nicht zu denken, weder bei den Gefangenen, noch bei den Sklavenjägern. Diese letzteren hatten noch nie einen so reichlichen Fang gemacht. Beinahe tausend Sklaven, ohne das Vieh, welches eine ebenso wertvolle Beute war! Das machte diese Menschen beinahe wonnetrunken. Sie jubelten, lachten und scherzten und erzählten einander die Heldenthaten, welche sie ausgeführt hatten, indem sie die fliehenden Männer erschossen, erstachen oder niederschlugen.

Abd el Mot war stolz auf das Gelingen seines Raubzuges; er befand sich in der heitersten Laune. Die Folge davon war, daß er in fast freundlichem Tone zu dem Deutschen sagte:

»Ihr werdet Hunger haben. Soll ich euch zu essen geben lassen?«

»Nein,« antwortete Schwarz. »Ich bin satt, vollständig satt. Wer könnte jetzt ans Essen oder Trinken denken!«

»Ganz wie du willst! Freust du dich nicht, so viele Gefährten bekommen zu haben, denen du dein Unglück klagen kannst?«

»Spotte immerhin! Ich bin glücklicher als du. Wenn du einst über es Ssireth, die Brücke des Todes, gehst, werden die Seelen der heute Ermordeten dich in die grausigste Tiefe ziehen, und weder Allah noch dein Prophet wird sich dein erbarmen. Mir graut vor dir!«

»Du bist sehr aufrichtig. Eigentlich sollte ich dich dafür bestrafen, aber mein Herz ist heiter gestimmt, und so will ich dir verzeihen. Ich will dir sogar den Beweis einer Güte geben, zu welcher ich mich sonst nur schwer zu verstehen pflege. Ihr werdet ermüdet sein und der Ruhe bedürfen. Die Schebah verhindert euch, zu schlafen. Ich will sie euch abnehmen lassen und hoffe, daß ihr mir für diese Gnade danken werdet.«

Er gab einigen seiner Leute den betreffenden Befehl. Diese nahmen den beiden die Gabeln vom Halse, doch erstreckte sich die gewährte Erleichterung nicht so weit, wie Schwarz vermutet hatte. Er mußte sich vielmehr mit dem Rücken auf die Schebah legen und wurde mit derselben so zusammengebunden, daß er lang ausgestreckt am Boden lag und sich nicht bewegen konnte. Dem Emir erging es ebenso. Dann mußte sich ein Soldat zwischen sie setzen, um sie während der Nacht zu bewachen.

Diese Nacht war die schrecklichste, welche Schwarz jemals erlebt hatte. Er vermochte kein Auge zuzuthun, und wenn er die Lider je einmal schloß, so führte die aufgeregte Phantasie die erlebten Scenen an seinem Inneren vorüber. Die wenigen Stunden bis zum Morgen wurden ihm zur Ewigkeit, und er war unendlich froh, als der erste Schimmer des Tages die Sterne erbleichen ließ.

Aber wenn er der Ansicht gewesen war, daß der Tag ihn weniger Grausamkeiten werde sehen lassen als die Nacht, so hatte er sich geirrt.

Zunächst verrichteten die Sklavenjäger ihr Morgengebet. Dann wurde die Fahne aufgesteckt, und der Fakir las, an derselben stehend, die Sure des Sieges vor. Hierauf wurden mehrere Rinder und viele Schafe geschlachtet, um als Festspeise verzehrt zu werden. Die Gefangenen mußten die Orte angeben, wo ihre Matmurah und Siebah lagen.

Unter Matmurah versteht man große, tiefe Gruben, in denen die Durrah aufbewahrt zu werden pflegt. Siebah sind kleine, auf Steinen errichtete und gut zugedeckte cylindrische Bauten, welche dem gleichen Zwecke dienen.

Man schaffte ganze Haufen von Durrah herbei, welche die gefangenen Frauen mahlen mußten, um dann Kisrah daraus zu backen und Merissah zu bereiten. Für Abd el Mot, die Unteroffiziere und einige Soldaten, welche sich besonders ausgezeichnet hatten, wurde Mararah gebraten.

Diese gilt im ganzen Sudan als großer Leckerbissen und wird aus der Leber, den Gedärmen und der Galle bereitet. Diese letztere Zuthat läßt es ganz selbstverständlich erscheinen, daß die Mararah einem Europäer unmöglich munden kann.

Während diese Vorbereitungen getroffen wurden, ereignete sich etwas, was Schwarz mit Schauder erfüllte. Die Gefangenen sollten natürlich nach der Seribah Abu el Mots transportiert werden. Kleinere Kinder waren dabei hinderlich und unbequem. Darum gab Abd el Mot den Befehl, alle Kinder, welche das Alter von vier Jahren noch nicht erreicht hatten, zu töten. Die Aufregung, welche dieses Gebot bei den unglücklichen Müttern hervorbrachte, läßt sich gar nicht beschreiben. Sie wollten die Kinder nicht hergeben; sie wehrten sich wie die Löwinnen, doch vergeblich. Man bezwang sie mit der Peitsche. Als dieses unmenschliche Morden gethan war, wurde die übrige Menschenbeute in der bekannten Weise aneinander gebunden, und dann erst ordnete sich die ganze Kolonne zum Abzug. Vorher kam aber Abd el Mot zu dem Emir und dem Deutschen, welche noch auf der Schebah an der Erde lagen, und sagte:

»So macht man es mit dem schwarzen Fleische, welches man nicht gebrauchen kann. Ihr werdet mir zugeben, daß dies sehr klug gehandelt heißt.«

»Du bist ein Satan!« antwortete Schwarz in höchstem Zorn.

»Schimpfe und denke nicht, daß ich stets guter Laune bin.«

»Stände ich mit freien Gliedern vor dir, so wollte ich dir zeigen, in welcher Laune ich mich jetzt befinde!«

»Was würdest du thun?«

»Ich erwürgte dich! Ich sage dir, der Augenblick, welcher mir die Freiheit wiedergibt, ist zugleich der Augenblick deines Todes!«

»Drohe und belle immerhin, du Hund!« lachte der Sklavenjäger höhnisch. »Du wirst die Freiheit nicht wieder verkosten. Jetzt schone ich dich, sind wir aber auf der Seribah angekommen, so werde ich euch meine Rache in einer Weise fühlen lassen, daß euch die Verdammnis der Hölle dagegen als Seligkeit erscheint!«

Die Waka‘a en nahr

Als der »Vater des Storches« zu seinem Boote zurückgekehrt war, hatte er nicht mit dem Aufbruche gesäumt. Die Sterne leuchteten hell genug, die Stromfahrt trotz der Nacht wagen zu lassen. Das Boot wurde losgebunden und nach der Mitte des Flusses gesteuert, wo sich die Niam-niam kräftig in die Ruder legten. Sie hatten, während sie auf den Grauen warteten, gegessen und sich ausgeruht, so daß das Boot unter dem Drucke ihrer muskulösen Arme mit der Schnelligkeit eines Fisches abwärts schoß, von der kundigen Hand des »Sohnes des Geheimnisses« gesteuert.

Diese Leute waren an das südliche Klima und die hiesigen Verhältnisse gewöhnt; sie konnten selbst außergewöhnliche Anstrengungen vertragen. Anders ist es mit dem Fremden, dem die Sorge für seine Gesundheit die möglichste Schonung seiner Kräfte gebietet. Darum hüllte Pfotenhauer sich in seine Decke und legte sich im Vorderteile des Fahrzeuges nieder, um einige Stunden zu schlafen.

Er kannte den eigentümlichen Reiz, welchen die nächtliche Scenerie des gewaltigen Stromes gewährt, genug, um sich diesen Genuß für heute einmal versagen zu können. Sein Schlaf war tief und lang, denn als er erwachte, stand die Sonne schon hoch über dem Walde von Dalebpalmen, welcher am rechten Ufer stand, in dessen Nähe der »Sohn des Geheimnisses« jetzt steuerte, und als er die Uhr zog, sah er zu seinem Staunen, daß er bis morgens zehn Uhr geschlafen hatte.

Die Niam-niam arbeiteten jetzt in der Weise, daß nur die Hälfte von ihnen ruderte, um von den andern, wenn diese ausgeruht hatten, abgelöst zu werden. Übrigens hatte das Wasser hier einen so bedeutenden Fall, daß es, um schnell zu fahren, keiner anstrengenden Nachhilfe mittels der Ruder bedurfte.

Zum Essen brauchte man keiner besonderen Pause; wer essen wollte, der aß, wenn er von der Arbeit abgelöst worden war. Getrunken wurde sehr einfach aus dem Flusse, und so suchte man das Ufer während des ganzen Tages gar nicht auf, bis man am späten Nachmittag durch einen Umstand dazu gezwungen wurde, welcher den Insassen des Bootes beinahe gefährlich geworden wäre.

Man näherte sich einer scharfen Krümmung des Flusses. Der konvex vorspringende Rand des rechten Ufers machte, daß man nicht sah, was jenseits dieser Krümmung lag und geschah. Da stand der Steuermann von seinem Platze auf, hielt die Hand muschelförmig an das Ohr, lauschte einige Augenblicke nach vorn und sagte dann:

»Schu haida! Rina – was höre ich! Einen Gesang!«

»Wo? Auf dem Flusse?«

»Ja. Es kommen Menschen. Wer mag das sein? Doch nicht etwa Abu el Mot mit seinen Schiffen!«

»Wir dürfen uns nicht sehen lassen. Also rasch ans Ufer!«

»An welches?«

»An das linke, denn dort ist Schilf, in dem wir uns verbergen können; hier am rechten aber gibt es wenig davon.«

Der »Sohn des Geheimnisses« gehorchte und steuerte nach links. Als das Boot so weit hinüber war, daß man um die Krümmung blicken konnte, nahm der Graue sein Fernrohr zur Hand. Kaum hatte er es angesetzt, so rief er erschrocken:

»Schnell zurück, zurück nach rechts, sonst werden wir entdeckt! Ich sehe zwei Schiffe, aber auch Menschen, welche am Ufer laufen.«

Sofort riß der Steuermann das Ruder auf die andre Seite, und die Schwarzen legten sich so mächtig in die Riemen, daß das Boot eine so scharfe Wendung machte, daß es fast gekentert wäre.

»Leute am Ufer?« fragte der »Sohn des Geheimnisses« – »Lagen die Schiffe denn vor Anker?«

»Nein. sie fuhren. Ich habe die Segel gesehen.«

»Dann haben sie das Liban am Maste, um schneller vorwärts zu kommen. Wenn es zwei Schiffe sind, so gehören sie Abu el Mot. Ich war sehr unvorsichtig, daß ich deinem Befehle, nach links zu steuern, gehorchte. Ich hörte die Leute singen. Das thun sie nur, wenn sie am Liban ziehen oder mit den Mitarah arbeiten. Zum Glück hat hier rechts das Wasser eine Gras- und Omm Sufahinsel angeschwemmt, welche uns verbergen wird.«

Er steuerte das Boot scharf mitten in diese Insel hinein und ließ dann den Anker fallen. Das war, so weit man sehen konnte, am rechten Ufer der einzige Ort, welcher Schutz gewähren konnte. Aber diese Insel war so niedrig, daß die Männer sich in das Boot legen mußten, um nicht gesehen zu werden.

Der Deutsche mußte das scharfe Gehör des jungen Steuermanns bewundern, denn er selbst hatte nichts von einem Gesange vernommen. Er hörte selbst jetzt noch keinen Ton, obgleich der Jüngling behauptete, das Singen jetzt sogar deutlicher als vorher zu vernehmen.

Bald jedoch drangen die Töne auch in Pfotenhauers Ohr. Es waren die zwei Silben heh – lih, heh – lih, welche immerfort wiederholt wurden. »Heh« fiel auf den Grundton und »lih« auf die kleine Terz; die Tonart war also Moll.

Dann aber war eine längere Melodie, ein Lied zu hören, welches mehrere Strophen hatte. Die Worte der ersten waren noch undeutlich; bei der zweiten aber hatten sich die Schiffe schon so weit genähert, daß man den Gesang verstehen konnte. Der Deutsche vernahm die vier Verse:

»Gerebd el beled, gered laoda,

Tered ab schora a loba hamoda.

Ja Rabb, sber t‘adil taraqu,

De gib nau mah moktaf rafiqu.«

Man sieht, daß diese Verse sich reimen. Ins Deutsche übersetzt, lauten sie:

»Immer näher der Heimat.

Singen und freuen wir uns herzlich,

O Gott, gib gute Fahrt,

Wind und den Ruderern Kraft!«

Jetzt kam das erste Schiff um die Krümmung. Es war ein Sandal und hatte volle Segel an den zwei Masten. Vom Vordermast ging das Zugseil nach dem jenseitigen Ufer, an dem man etwa ein Dutzend Männer sah, welche sich vorgespannt hatten. Hinten neben dem Steuermann standen zwei Personen, welche sehr in die Augen fielen, eine sehr lange und sehr dürre, in arabische Tracht gekleidete Gestalt und neben derselben ein Mann, dessen Kleidung aus drei Stücken bestand. Das erste war eine Art Badehose, welche kaum bis an das Knie reichte, das zweite ein Pantherfell, welches ihm hinten von den Schultern niederhing, und das dritte eine sehr hohe, zuckerhutförmige Kopfbedeckung, welche ganz mit Kaurimuscheln bedeckt war und von deren Spitze bunte Glasperlen herabhingen. Sein Gesicht war nicht ganz negerschwarz.

»Der Lange ist Abu el Mot,« sagte der »Sohn des Geheimnisses«.

»Ist er es?« antwortete der Graue. »Diesen Kerl muß ich mir genau betrachten.«

Er legte sein Fernrohr auf den Rand des Bootes und richtete es nach dem berüchtigten Sklavenjäger. Dann fuhr er fort:

»Er hat freilich ganz das Aussehen des Todes. Dieser Mensch ist ein wahres Gerippe. Wer mag der andre sein, welcher neben ihm steht?«

»Er ist ein Beng-did der Nuehr, denn bei ihnen dürfen nur die Anführer solche Mützen tragen. Siehst du die Schwarzen, welche mit den Stoßstangen arbeiten und dabei singen? Das sind Nuehr. Ich ersehe das aus der Art und Weise, wie sie ihr Haar tragen.«

»So kommt dieser Abu el Mot viel eher, als ich dachte. Wie weit haben wir noch bis zur Seribah Madunga?«

»Wir werden sie gerade mit Sonnenuntergang erreichen. Sie liegt am rechten Ufer des Stromes; darum hat Abu el Mot sich an das linke gehalten. Wären wir nicht so schnell umgekehrt, so hätten diese Leute uns jetzt schon entdeckt. Weil ihnen die Lebensmittel fehlen, beeilen sie sich sehr und verlassen sich nicht bloß auf den Wind.«

Dieser war dem Sandal günstig, denn er kam aus Nord. Die Stoßstangen vermehrten die Geschwindigkeit des Fahrzeuges so, daß die Leute, welche am Ufer am Seile zogen, Trab laufen mußten.

Als der Sandal vorüber war, erschien das zweite Schiff, ein etwas kleinerer Noqer, welcher auch unter vollen Segeln ging und überdies vom Ufer aus am Seile gezogen wurde. Sein Deck war von Nuehrs gefüllt.

Das Lied war zu Ende; man hörte wieder das einfache heh lih, heh – lih, welches desto leiser wurde, je weiter sich die beiden Schiffe aufwärts entfernten. Doch erst nach einer Viertelstunde hatten sie eine so genügende Strecke zurückgelegt, daß der »Sohn des Geheimnisses« sagen konnte:

»Jetzt kann man uns nicht mehr sehen. Es war mir doch bange, als sie vorüberkamen. Allah sei Dank, daß wir nicht entdeckt worden sind!«

»Pah! Was hätte uns geschehen können!« meinte der Graue.

»Zu Sklaven hätte man uns gemacht.«

»Auch mich?«

»Uns sicher.«

»Wir hätten uns gewehrt.«

»Wahrscheinlich ohne Erfolg. Deine Waffen sind vortrefflich, aber wir wären doch zu schwach gegen diese Übermacht gewesen. Besser ist es auf jeden Fall, daß wir gar nicht gesehen worden sind. Jetzt wollen wir fort.«

Der Anker wurde aufgenommen, und dann nahm das Boot die unterbrochene Fahrt wieder auf. Die Ruderer strengten ihre Kräfte doppelt an, um die versäumte Zeit einzubringen.

Als die Sonne hinter dem linken Ufer des Stromes und den dort stehenden Bäumen verschwunden war, zeigte es sich, daß der Steuermann ganz richtig geschätzt hatte. Man sah am rechten Ufer eine breite Mischrah, unter welchem Worte man eine Landestelle für Schiffe, eine Tränkstelle für die Herden und zugleich einen Weg versteht, welcher vom hohen Ufer herab nach dem Flusse führt.

»Das ist die Seribah,« sagte der »Sohn des Geheimnisses«.

»Das?« fragte der Graue, indem er den Platz betrachtete. »Man sieht doch nichts von ihr!«

»Weil sie nicht am Wasser, sondern auf dem Thaharah liegt. Ich kenne den Herrn, welchem sie gehört, und weiß, daß er uns willkommen heißen wird.«

Er steuerte das Boot nach der Mischrah und legte an derselben an. Man ließ den Anker fallen und befestigte das Fahrzeug außerdem an einen der Pfähle, welche zu diesem Zwecke eingerammt waren. Ein zur Seribah gehöriger Kahn lag nicht am Ufer. Man pflegt die Boote innerhalb der Umzäunung aufzubewahren, damit sie nicht weggeführt werden können.

Pfotenhauer glaubte, daß seine Ankunft von der Niederlassung gar nicht bemerkt worden sei; aber er irrte sich, denn kaum war er ausgestiegen, so scholl es hinter einem nahen Gebüsch hervor:

»Halt, nicht weiter! Wer seid ihr?«

Er blickte nach der Stelle hin und sah einige Flintenläufe durch die Zweige auf sich gerichtet. Seine Nase schwang sich sofort nach der entgegengesetzten Seite des Gesichtes, als wolle sie es verhüten, von einer Kugel getroffen zu werden.

»Thut die Flinten weg!« antwortete er. »Wir kommen nicht in feindlicher Absicht.«

»Woher kommt ihr?« lautete die weitere Frage, ohne daß ein Mensch sich sehen ließ. »Antwortet, oder ich muß schießen!«

Die Stimme des verborgenen Sprechers klang eigentümlich schnarrend, als ob er die Laute alle hinten am Gaumen bilde. Der »Sohn des Geheimnisses« hatte sich noch im Boote zu schaffen gemacht. Jetzt stieg er als der Letzte aus und rief als Antwort nach dem Busche hin:

»Du kannst es glauben, daß wir Freunde sind. Ich erkenne dich an deiner Stimme, el Schachar. Komm nur hervor!«

»Dieser junge Mensch kennt meinen Namen,« erklang es wieder, »folglich habe ich nichts zu befürchten. Wir kommen.«

Das Gesträuch teilte sich, und es erschien ein alter, graubärtiger Mensch, der eine lange Flinte in der Hand hielt. Ihm folgten drei andre. Sie waren Weiße, aber ganz so spärlich bekleidet, wie die Neger es gewöhnlich sind.

»Woher kennst du mich denn?« fragte er, indem er näher kam.

»Das wirst du dir gleich selbst sagen, wenn du mich genauer anschaust.«

»So? Ich habe dich noch nie – —« er hielt inne, betrachtete den Jüngling noch einmal und fuhr dann fort: »Solltest du der Knabe sein, welcher damals so gern Abd el Mot kennen lernen wollte?«

»Ja, der bin ich.«

»Allah! Bist du wirklich der Junge, welcher besser schiessen konnte als ich? Dann hast du dich sehr zu deinem Vorteile verändert. Als ich dich nicht wiedersah, glaubte ich, dir sei bei Abd el Mot ein Unglück zugestoßen. Ich habe mich also geirrt, und das freut mich sehr. Sei mir willkommen!«

Er reichte dem jungen Manne freundlich die Hand. Dieser schüttelte ihm die seinige und fragte:

»Ist der Herr der Seribah daheim?«

»Nein. Er ist hinüber nach Jau geritten, um Pulver zu holen. Darum hat er mir selbst die Bewachung der Mischrah anvertraut. Du weißt, daß er sich auf mich verlassen kann.«

»Ja, du bist der älteste Askari dieser Seribah. Sahst du zwei Schiffe vorübersegeln?«

»Wir sahen sie, haben sie aber nicht angesprochen.«

»Weißt du, wer sich auf denselben befand?«

»Nein. Sie hielten sich hart an das andre Ufer, und der Fluß ist hier so breit, daß man wohl die Schiffe, nicht aber die Menschen, welche sich darauf befinden, sehen kann.«

»Es war Abu el Mot.«

»Dieser? Der Schetan mag ihn fressen! Wäre er näher vorübergekommen, so hätte ich ihm eine Kugel gegeben. Wer aber ist denn dieser fremde Mann, und was will er hier?«

Er deutete auf Pfotenhauer.

»Er ist ein väterlicher Freund von mir,« antwortete der Steuermann, »und wünscht einige Tage hier bleiben zu dürfen, um Bekannte zu erwarten, welche ihn hier abholen wollen.«

»Er wird willkommen sein. Führe ihn hinauf in die Seribah zum Lieutenant, welcher während der Abwesenheit des Herrn das Kommando führt! Das Boot könnt ihr hier lassen. Ich werde es bewachen.«

Der »Sohn des Geheimnisses« wandte sich wie einer, welcher den Weg genau kennt, der Mischrah zu und forderte den Grauen auf, ihm zu folgen. Die Niam-niam kamen schweigend hinterdrein.

Es hatte früher hier Wald gegeben, doch war er so gelichtet worden, daß er diesen Namen nicht mehr verdiente. Das Ufer war ziemlich steil und sehr hoch, doch verursachte der Aufstieg keine Beschwerde, denn der Weg war von täglich nach dem Flusse zur Tränke geführten Herden breit ausgetreten.

Als Pfotenhauer oben ankam, sah er die Seribah vor sich liegen. Sie war von größerem Umfange als diejenige Abu el Mots und besaß etwas, was hier eine große Seltenheit genannt werden mußte, nämlich ein aus Stämmen und Brettern errichtetes Türmchen, um welches eine schmale Galerie führte. Das war das Minaret der Seribah.

Vor dem Thore, welches durch die starke Umzäunung führte, stand ein Wachtposten, welcher die Ankömmlinge eintreten ließ, ohne eine Frage auszusprechen. Jetzt konnte man die zahlreichen Tokuls sehen, aus denen diese Niederlassung bestand. Zwischen den Hütten herrschte ein reges, kriegerisches Leben. Es sah aus, als ob man sich hier zu einem Kriegszuge rüste.

Rechts und links von dem Minaret stand je ein größerer Tokul, nach welchem der »Sohn des Geheimnisses« seine Schritte lenkte, ohne auf die neugierigen Blicke zu achten, mit denen er von den Bewohnern der Seribah angeschaut wurde.

»Rechts wohnt der Herr und links der Lieutenant,« erklärte er dem Deutschen. »Da der erstere nicht anwesend ist, müssen wir uns dem letzteren melden.«

Sie hatten den links liegenden Tokul noch nicht ganz erreicht, als der Herr desselben aus der Thür trat. Er sah überrascht auf, als er die Nahenden erblickte; kaum aber hatte er den Jüngling gesehen, so rief er aus:

»Knabe, du bist es? Du lässest dich wieder einmal sehen! Wir glaubten dich verloren. Sei willkommen, und sage, wen du uns bringst! Das sind Niam-niam. Soll ich sie zu Sklaven machen?«

Er war vielleicht noch älter als der »Schnarcher«, welcher unten am Flusse Wache stand. Auch er schüttelte dem Jünglinge die Hand; dieser antwortete:

»Sie sind meine Brüder, denn ich wohne bei ihnen. Ich komme, um dir diesen fremden Effendi zu empfehlen, welcher für einige Tage dein Gast sein möchte.«

Er deutete auf den Deutschen. Der Lieutenant reichte auch diesem die Hand und sagte:

»Wer du auch bist, ich heiße dich willkommen, da dich dieser Knabe zu mir bringt. Er mag deine Niam-niam zu unsern Negern führen, bei denen sie sich wohlbefinden werden. Dir aber will ich den Tokul anweisen, welcher für unsre Besucher bestimmt ist. Folge mir!«

Er brachte den Grauen nach einer Hütte, deren Bestimmung man ihr bereits von außen anmerkte, denn sie war sorgfältiger gebaut und sah viel sauberer aus als die andern Bauwerke, obgleich sie aus dem gleichen Materiale bestand. Das Innere entsprach dem Äußeren. Der Boden war mit Fellen belegt, und auf der sich rundum ziehenden Erhöhung, welche als Sitz und Schlafstätte diente, lagen weiche Decken. In der Mitte hing eine Lampe herab, und in der Wand waren sogar einige Fensteröffnungen angebracht.

»Dieses Haus ist dein,« sagte der Lieutenant. »Mache es dir bequem! Ich gehe, dir einen Diener zu senden, welcher den Befehl erhält, dir alles zu bringen, was du bedarfst. Wenn du ausgeruht hast, werde ich dich besuchen.«

Pfotenhauer konnte mit diesem Empfange sehr zufrieden sein. Er hatte ein eigenes Haus bekommen, ohne nach seinem Namen und seinen Absichten gefragt zu werden.

Als der Lieutenant den Tokul verlassen hatte, ertönte draußen der weithin hörbare Ton des Klangbrettes, und dann erscholl die Stimme des Ausrufers:

»Eilt zum Gebete! El Mogreb ist da, denn die Sonne will im Westen verschwinden. Es ist nur ein Gott, und Mohammed ist sein Prophet. Bezeuget, daß es nur diesen einen gibt! Allah akbar, Allah hu akbar!«

Der Deutsche trat an das Fenster und erblickte den Ausrufer auf der Galerie des Türmchens. Unten lagen die Leute auf den Knieen, um zu beten. Er konnte von seinem Fenster aus in gerader Richtung bis nach dem Thore sehen, durch welches er gekommen war. Eben als der Ausrufer seinen Spruch begonnen hatte, waren dort mehrere Männer erschienen, von denen anzunehmen war, daß sie nicht zu der Seribah gehörten. Auch sie waren auf die Kniee gesunken. Nach dem Gebete erhoben sie sich wieder und schritten auf den Tokul des Lieutenants zu.

Sie waren Soldaten, aber nicht etwa Asaker einer Seribah, sondern wirkliche Soldaten, denn sie trugen, nur einen ausgenommen, die Uniform des Vicekönigs. Der Voranschreitende war Offizier. Er trug die Abzeichen eines Kolarghasi. Neben ihm ging ein kleiner Kerl, welcher auch in eine Uniform gekleidet war, aber in was für eine! Er hatte nämlich eine blaue Hose an, deren Beine nur das Knie erreichten. Darüber trug er einen uralten, roten, englischen Militärfrack, auf dessen Achseln mächtige wollene, französische Epauletten befestigt waren. Um den Kopf war eine Art Turban geschlungen, von dem lange Federn herabhingen. Da der Frack vorn weit auseinander ging, sah man, daß dieser Mann weder eine Weste noch ein Hemd hatte. Um die Taille ging ein Ledergurt, in welchem zwei Pistolen und ein Messer steckten; auch hingen mehrere Beutel an demselben, welche wohl verschiedene notwendige Kleinigkeiten enthielten. In der Hand trug er ein altes, schweres Gewehr, welches von ungewöhnlich großem Kaliber war.

Dieser Mann trat mit dem Offizier bei dem Lieutenant ein. Die vier Soldaten, welche mit ihnen gekommen waren, blieben vor der Thür stehen.

Das war es, was der Graue bei dem schnell scheidenden Tageslichte hatte sehen können; dann wurde es dunkel, und ein Neger kam herein, um die Lampe anzubrennen und zu melden, daß er der verheißene Diener sei. Er entfernte sich wieder, um gleich darauf dem Gaste einen Krug voll Merissah und einige neugebackene Fladenbrote zu bringen.

Kurze Zeit später kam der »Sohn des Geheimnisses« zu dem Deutschen, um zu erfahren, ob es ihm in seiner Wohnung gefalle.

»Ganz gut,« antwortete dieser. »Wo wohnst denn du?«

»In dem Tokul des ‚Schnarchers‘, welcher sich sehr darüber freuen wird, mich bei sich zu finden, wenn er abgelöst worden ist.«

»Ich war ganz erstaunt, zu hören, daß ihr einander kennt. Du warst schon hier?«

»Wie du gehört hast, ja.«

»Wie lange?«

»Mehrere Monate.«

»Wann?«

»Vor vier Jahren.«

»Was wolltest du hier?«

»Herr, das ist ein Geheimnis.«

»So! Ich hörte, daß es sich dabei um Abd el Mot gehandelt hat. Du hast also ihn und Abu el Mot schon früher gekannt?«

»Ja, Effendi.«

»Ohne mir ein Wort davon zu sagen!«

»Zürne mir nicht! Es ist das eine Sache, von welcher ich nicht spreche.«

»Ich beabsichtige keineswegs, in deine Geheimnisse zu dringen. Aber sage mir nur das Eine, ob du damals allein oder in Begleitung hieher gekommen bist!«

»Auch hiervon spreche ich nicht gern.«

»Gut! Hast du die Fremden gesehen, welche vorhin gekommen sind?«

»Ja. Ich war dabei, als der Lieutenant mit ihnen sprach. Der Offizier ist mit einer Dahabiëh bis in die Nähe der Seribah gekommen und hat angefragt, ob er unten an der Mischrah Anker werfen darf.«

»Woher kommt er?«

»Stromaufwärts. Er fragte, ob der Lieutenant nicht wisse, ob Abu el Mot auf seiner Seribah angekommen sei.«

»Hast du nicht gefragt, ob dieser Offizier vielleicht Reisende auf seinem Schiffe habe?«

»Nein. Er sprach mit dem Befehlshaber, nicht aber mit mir.«

»Es ist doch leicht möglich, daß sich der Bruder meines Gefährten auf dieser Dahabiëh befindet. Ich werde zu dem Hauptmann gehen, um ihn zu fragen.«

»Er ist nicht mehr hier, sondern mit seinen Soldaten wieder fort, um das Schiff herbeizuholen.«

»So muß ich warten, bis er zurückkehrt.«

»Das ist nicht notwendig, denn sein Begleiter, welcher das Kleid eines Babral trägt, ist hier geblieben. Soll ich ihn zu dir senden?«

»Ja, hole ihn!«

Der »Sohn des Geheimnisses« ging, und bald darauf trat der Rotbefrackte ein. Sein Gesicht war voller Pockennarben, und vielleicht war es eine Folge dieser Krankheit, daß sein Bart nur aus wenigen Haaren bestand, welche er aber steif gummiert hatte, daß sie wie Borsten nach den Seiten standen. Er verbeugte sich auf orientalische Weise und sagte:

»Ich höre, daß du ein Effendi bist und mich sprechen willst. Was hast du mir zu sagen?«

»Ich wollte gern wissen, woher die Dahabiëh kommt, auf welcher du gefahren bist.«

»Sie kommt von Faschodah herauf.«

»Ah! Hast du dich gleich von Faschodah aus auf diesem Schiffe befunden?«

»Ja.«

»Wer sind die Passagiere?«

»Lauter Soldaten.«

»Sind keine Civilisten dabei?«

»Einige.«

»Wer sind diese Leute?«

»Vor allen Dingen ich!«

»Du bist also nicht Soldat?«

»Nein.«

»Trägst aber doch Uniform?«

»Weil es mir so beliebt, und weil meine Reise eine kriegerische ist.«

»Willst du mir deinen Namen sagen?«

»Meinen eigentlichen Namen würdest du nicht aussprechen können. Gewöhnlich werde ich Abu el Hadascht scharin, ‚Vater der elf Haare‘, genannt. Bei mir befindet sich mein Kamerad Abu Dihk, der ‚Vater des Gelächters‘.«

»Weiter niemand?«

»Noch einer, ein großer Gelehrter und Effendi, dessen Freund und Adjutant ich bin.«

»Wie heißt er?«

»Abu ‚l arba ijun, ‚Vater der vier Augen‘.«

»Der vier Augen. So trägt er wohl eine Brille?«

»Ja.«

»Wo will er hin?«

»Zu den Niam-niam, und vorher nach der Seribah, welche Abu el Mot gehört.«

Bisher hatte der Deutsche gesessen; jetzt sprang er auf und rief:

»Er ist ein Fremder, ein Deutscher, und heißt Schwarz?«

»Das ist er, und so heißt er, ja. Kennst du ihn?«

»Nein; aber ich kenne seinen Bruder, der ihm entgegengefahren ist. Also er ist da; er ist hier; er wird mit der Dahabiëh kommen?«

»So ist es. Ich werde jetzt hinunter zur Mischrah gehen, um ihn zu empfangen.«

»Ich begleite dich. Ich muß dort sein, wenn er aussteigt. Ich muß ihn begrüßen!«

»So komm! Deine Begleitung ist mir nicht unangenehm.«

Er sagte das in dem Tone eines Gönners, welcher sich in guter Stimmung befindet. Pfotenhauer nahm das ruhig hin. Sie verließen den Tokul und auch die Seribah, ohne von dem Thorposten angehalten zu werden, und schritten zum Strom hinab. Dort stand der »Schnarcher« noch mit seinen Leuten. Das Boot, mit welchem der Deutsche gekommen war, lag am Ufer. Da es bequeme Sitze bot, setzten sich die beiden hinein.

»Also du bist sein Freund und Adjutant! Seit wann denn?« fragte der Graue.

»Seit Faschodah. Wir lernten uns in der Wüste kennen, wo wir zwei Löwen töteten und die Homr besiegten, welche uns überfallen wollten. Er ist ein außerordentlich tapferer und gelehrter Mann.«

»Das weiß ich.«

»Und er thut nichts ohne mich!« fügte der Kleine wichtig hinzu.

»So! Dann seid ihr wohl recht vertraut miteinander?«

»Außerordentlich! Wie zwei Brüder! Das versteht sich auch ganz von selbst, da auch ich Gelehrter bin.«

»Du?«

»Ja, ich! Glaubst du das?«

»Ich glaube es, da du mir bis jetzt das Gegenteil noch nicht bewiesen hast.«

»Das wird auch nie bewiesen werden. Bei meinem Latein nehme ich es mit einem jeden auf.«

»Latein?« fragte Pfotenhauer erstaunt. »Wie kommst du auf dieses Wort?«

»Wort? Ich spreche ja die ganze lateinische Sprache!«

»Unmöglich! Wo hättest du das gelernt?«

»Bei dem berühmten Mathias Wagner, mit dem ich den ganzen Sudan bereist habe. Er war mein Landsmann.«

»Landsmann? Soviel ich weiß, war Wagner ein Ungar aus dem Eisenstädter Komitate!«

ÉDas stimmt. Auch ich bin ein Magyar, aus Nagy Mihaly bei Ungvar. Doktor Schwarz ist ganz glücklich, in dieser abgelegenen Welt mit mir deutsch sprechen zu können.«

»Was, du sprichst auch deutsch?«

»Ausgezeichnet!«

»Wirklich, wirklich? Das freut mich ungemein, denn ich bin auch ein Deutscher!«

Der »Vater der elf Haare« fuhr freudig erschrocken auf und rief, indem er sich sofort der deutschen Sprache bediente:

»Was? Wie? Ein Deutsches seinte Sie?«

»Ja, freilich!« antwortete der Graue in derselben Sprache.

»Woher?«

»Aus Bayern.«

»O, das seinte schön, das seinte gut! Ich warrr geweste auch in Land, bayrisches.«

»So! Das g‘freut mich halt außerordentlich, wann‘s meine Heimat kennen.«

»Ja, ich seinte gebliebte in München, wo ich hatt trunkte Bier, Sedlmeirisches; ich hatt dazu gegeßte Rettich, schwarzigen, und Würstel, senftigte.«

»Ja, a gutes Bier mit Rettich und auch Würstel, das ist bei uns zu haben; darauf versteht man sich bei uns in Bayern. Aber wann‘s aan Ungar sind, so heißen‘s doch nicht von Haus aus ‚Vater der elf Haare‘. Wie ist denn Ihr Name?«

»Ich heißte Uszkar Istvan. Und wie seinte Namen Ihriger?«

»Pfotenhauer. Aber, erlauben Sie, was sprechen Sie denn da für aan‘ Dialekt? So was hab‘ ich noch nie g‘hört.«

»Dialekt? Ich sprechte kein Deutsch, dialektiges, sondern ein Deutsch, reinheitlichtes.«

»So! Das möcht‘ ich wohl bezweifeln. Wann Ihr Latein auch ein so reines ist, so könnten‘s Ihna für Geld hören lassen.«

»Ja, das hätt‘ ich gekonnte. Ich sein geweste stets Philolog, erstaunlicher, und Pomolog, bedeutender!«

»Alle Wetter! Das also ist Ihr Latein? Was ist denn eigentlich Philologie?«

»Philologie seinte Wissenschaft von Baum, mit Äpfel und Birnen.«

»Ah! Und Pomologie?«

»Das seinte Kenntnis von Lehre, weisheitlicher.«

»Na, alter Freund, da sind‘s halt schön auf dem Holzweg g‘raten! Es ist ja grad umgekehrt!«

»Dann warrr es geweste Verwechstelung, wissenschaftliche. Ich hatt auffangte so viel Wissenschaft in Kopf, meinigen, daß, wenn wollte die eine heraus, sie bleibte oft steckte, und statt ihr kommte heraus Wissenschaft andre.«

»Ja, so geht‘s halt, wann man gelehrt ist und doch nit Zeit g‘funden hat, die Akademie zu besuchen!«

»O, ich hatt kennte Akademie und Apoplexie!«

»Wirklich? Na, dann sind‘s ja a fürchterlich g‘scheiter Pfiffikus! Was verstehen‘s denn unter dera Apoplexie?«

»Das seinte Hochschule, universitätliche.«

»Ach so! Und Akademie?«

»Das sein geweste Schlag, flüssiger, welcher treffte in Kopf und lähmte den Arm, linkigen, oder Bein, rechtiges.«

»Donner und Doria! So a G‘schwätz hab‘ ich all mein Lebtag noch nit g‘hört! Erstens was das für a Deutsch is! Welch Karnikel soll denn das verstehen? Und sodann haben‘s die G‘schicht wiederum grad umdreht. Akademie ist Hochschule, und Apoplexie ist Schlagfluß oder meinswegen auch flüssiger Schlag, wie Sie sich auszudrücken belieben!«

»Das warrr geweste nur Umkehrung, zufällige. Das kann passierte Mensch, jedwedigen.«

»Aber Ihnen scheint es regelmäßig zu passieren! Und dabei sind‘s gar der Freund und Adjutant des Herrn Doktor Schwarz? Na, dem werd‘ ich gratulieren! Da hat er eine Acquisition g‘macht, um die ich ihn nit beneid‘.«

Er lachte laut und herzlich auf. Der »Vater der elf Haare« fühlte sich beleidigt. Er fragte in scharfem Tone:

»Sein damit gemeinte Person, meinige?«

»Ja, wer denn sonst? Natürlich meine ich Person, Ihrige!«

»Das mußte ich verbitten mit Nachdruck, allergrößtem. Ich sein geweste stets Mann, respektabliger. Ich hatt nie gelaßte beleidigen Ehre, meinige, und wenn Sie nicht machte Abbitte, sofortige, dann ich werd‘ geforderte Satisfaktion, pistolige oder säbelige!«

Der Graue lachte lauter und anhaltender als zuvor und antwortete:

»Mann, was fallt Ihnen denn ein! Fordern wollen‘s mich? Also ein Duell, säbeliges oder pistoliges? Das lassen‘s lieber bleiben! Ich hab‘ gar nit Lust, mit Pulver und Blei Ihre schöne Wissenschaft und Ihr Latein zu verletzen. Wann‘s sich beleidigt fühlen, so kann ich nit dafür. Ich bin bloß Ornitholog und zieh‘ also nur Vögeln, aber nit den Menschen die Bälge ab!«

»Wenn Sie seinte Ornitholog,« antwortete der Ungar noch zorniger als vorher, »so warrr ich geweste Gelehrter, noch viel größerer! Ich hatt‘ studiumtierte Ornithologie und Orographie!«

»Auch! Wissen Sie denn, was diese beiden Worte bedeuten?«

»Ich hatt gewußte es besser als Sie! Wenn Sie nicht kennte Wissenschaft, beidige, so will ich gegebte Aufklärung, augenblickliche!«

»Nun, heraus damit! Was ist Ornithologie?«

»Das seinte Beschreibung von Berg, karpathentlicher oder riesengebirglicher.«

»Und Orographie?«

»Das hatt zu bedeutente Naturgeschichte, vogelige und gefiederte.«

»Aber, Liebster, das ist ja wieder verkehrt! Sie sind ja der reine Taschenspieler, welcher einem mit seinem Hokuspokus ganz irre machen kann! Ich werd‘ wirklich davon ganz dumm im Kopf. Hören‘s auf, ich mag nix mehr davon hören!«

Da sprang der Kleine aus dem Boote an das Ufer und rief im höchsten Grimm:

»Ja, Sie seinte dumm im Kopf, Ihrigen! Sie seinte Hokuspokus in Person, eigener! Sie könnte nicht sprechen und nicht verstehende Deutsch, reinigendes! Sie wollte sein Gelehrter, wissenschaftlicher? Laßte nicht Sie auslachte sich! Ich konnte nur bedauerte geistigen Bankerott, Ihrigen. Ich willte nichts wißte mehr von Individuum, Ihrigem. Lebte Sie also wohl für ewig und für immerdar! Adieu, do brau noc, poraucim se, gute Nacht, ich empfehlte mich, leletak sa‘ide, Allah jisallimak!«

Er rannte davon.

Der Graue sah ein, daß dieser Mann vielleicht ein Original war, den man als solches zu behandeln hatte. Es reute ihn, nicht nachsichtig, sondern fast grob gewesen zu sein. Darum rief er ihm nach, doch zurückzukommen. Das hatte keinen Erfolg. Schon wollte er ihm nacheilen, da sah er abwärts von der Mischrah ein Licht auf dem Wasser erscheinen. Das mußte die Dahabiëh sein, und darum blieb er im Boote sitzen.

Das Licht kam näher und näher; Pfotenhauer sah, daß es loderte. Es war ein Feuer, welches auf dem Deck brannte und die Segel beleuchtete. Das Schiff kam, vom Winde getrieben, langsam aufwärts geglitten, ging an der Mischrah vorüber, ließ dann die Segel fallen und sich vom Wasser zurück an das Ufer treiben, wo es den Anker fallen ließ und die Taue warf, welche von dem »Schnarcher« und seinen Leuten aufgefangen und am Lande befestigt wurden. Als die Landebrücke das Ufer berührte, kam der Graue herbei und rief in deutscher Sprache:

»Hallo! Ist Doktor Schwarz an Bord?«

»Ja,« ertönte die Antwort. »Ein Deutscher auf Seribah Madunga? Das ist mir eine außerordentlich frohe Überraschung!«

»G‘wiß, Landsmann, a Deutscher steht hier und heißt Sie willkommen. Wann‘s mich umärmeln woll‘n, so schauen‘s, daß S‘ herüberkraxeln. Aber nehmen‘s sich in acht, daß mich etwa nit vor lauter Freut‘ zerdrucken!«

»Aus dem Bayernlande, wie ich höre! Gleich bin ich drüben bei Ihnen!«

Der Graue sah die hohe, breite Gestalt über die Brücke kommen. Er breitete die Arme aus, schlang sie um Schwarz, küßte ihn auf die Wange und sagte:

»Willkommen also, herzlich willkommen! Mich kennen‘s freilich nit, und ich hab‘ eigentlich kein Recht, Sie so zärtlich zu empfangen; aber dieser Kuß soll nit von mir, sondern von Ihrem Bruder sein.«

»Von meinem Bruder? Von Joseph? Kennen Sie ihn?«

»Den Sepp? Na, den werd‘ ich doch kennen! Ich bin sein Kamerad. Haben‘s nicht seinen Boten in Faschodah ‚troffen?«

»Ja, und seinen Brief erhalten.«

»Na, ich bin der Pfotenhauer und Vogelfänger, von dem er wohl auch a Wort erwähnt haben wird. Oder hat er nix von mir mitg‘schrieben.«

»Ja, freilich hat er es gethan. Ich habe mich auf Sie gefreut. Aber was thun Sie hier, den ich oben bei den Niam-niam vermute, und wo ist mein Bruder?«

»Es hat ihm keine Ruh g‘lassen, und so sind wir fort, um Ihnen entgegen zu fahren. Es konnt Ihnen leicht a Unglück g‘schehen. Darum wollt‘ er lieber schau‘n, Ihnen eher zu begegnen, als ausg‘macht worden war.«

»Das sieht ihm ähnlich. So ist er also auch hier? Warum sehe ich ihn nicht?«

»Weil er noch nit hier ang‘langt ist. Ich bin einstweilen voran, und er wird nachfolgen.«

»Warum blieb er zurück? Wo befindet er sich?«

»Davon nachher! Sagen‘s mir vorerst, ob‘s droben in dera Seribah oder hier unten im Schiff übernachten wollen. Man hat mir den schönsten Tokul überlassen, in welchem Raum g‘nug ist für uns beide.«

»Ich danke Ihnen; aber ich ziehe doch vor, an Bord zu bleiben. Ich habe eine prächtige Kajüte, die mir kein Tokul ersetzen kann. Hoffentlich machen Sie mir die Freude, nicht nach der Seribah zurückzukehren, sondern bei mir zu bleiben?«

»Wann‘s Ihnen recht ist, so bleib‘ ich da. Oben oder unten, das ist ganz gleich; die Hauptsach‘ ist, daß wir beisammen sind.«

»So kommen Sie mit an Bord. Bitte!«

Er führte ihn hinüber und auf das Hinterdeck, wo ein schwarzer Diener die Thür der Kajüte öffnete, um sie eintreten zu lassen.

Schwarz erinnerte sich der Stelle des erwähnten Briefes, in welcher Pfotenhauer als ein sonderbarer Kauz und dabei doch wackerer, brauchbarer Mann beschrieben wurde. Er war neugierig, ihn kennen zu lernen.

Die Kajüte bestand aus mehreren fast prächtig eingerichteten Räumen. Eine Bronzelampe hing von der Decke nieder und beleuchtete die schwellenden Polster, den hohen Spiegel und die glänzenden Geräte, welche auf kleinen Tischen standen oder an den Wänden hingen.

»Was Teuxel fallt Ihnen ein!« rief der Graue erstaunt. »Sie fahren a richtiges Damenboudoir spazieren? Im Sudan, auf dem oberen Nil? Sind‘s etwa Millionär g‘worden?«

»Nein,« lächelte Schwarz, indem er den Landsmann heimlich musterte. »Diese Herrlichkeiten gehören nicht mir, sondern dem Vicekönig von Ägypten. Dieses Schiff ist eine Regierungsdahabiëh.«

»Auch nit übel! Wie aber kommen‘s zu diesem Regierungsschiff? Ist etwa a Pascha von drei Roßschweifen an Bord, der Sie als Gast mitg‘nommen hat?«

»Nein. Die Dahabiëh ist mir zur Verfügung gestellt worden. Augenblicklich bin ich der Herr derselben, dem die Bemannung zu gehorchen hat.«

Der Graue schüttelte den Kopf und sagte, indem seine Nase sich nach rechts und nach links wendete, als ob sie sich diese Herrlichkeiten recht genau betrachten wolle:

»Dann sind‘s a wahrer Glückspilz! Uns Deutschen, und zumal uns Bücherfexen, wird es nit oft so wohl, wie es Ihnen da g‘worden ist.«

»Sie haben freilich recht. Aber setzen Sie sich nieder und nehmen Sie fürlieb!«

Er hatte vorhin dem Schwarzen, welcher öffnete, einen Wink gegeben. Als er jetzt in die Hände klatschte, trat dieser Neger herein, zwei Tschibuks zu bringen. Hinter ihm kam ein zweiter Schwarzer, welcher dem Grauen Kaffee in einem silbernen Findschan bot. Als beide weitere Befehle erhalten hatten, entfernten sie sich.

»Wissen‘s, mir ist halt grad so, als ob ich jetzt einen Abend aus ‚Tausendundeine Nacht‘ erlebte,« meinte der Graue, indem er den köstlichen Trank schlürfte und dann nach der Tabakspfeife griff. »Bei uns hat‘s immer nur Merissah und harte Fladen ‚geben. Wann ich diesen Kaffee schmeck‘, so muß ich vermuten, daß Sie auch in Beziehung auf die Speisen nicht übel g‘stellt sind.«

»Haben Sie schon zu Abend gegessen?«

»Nein; soupiert hab‘ ich noch nit.«

»So thun Sie es hernach mit mir, um sich zu überzeugen, daß Sie ganz richtig vermutet haben.«

»So sagen‘s nur, was für a Kunststück Sie g‘macht haben, um diese Dahabiëh geliehen zu bekommen! Was zahlen‘s denn pro Tag oder Woch‘ dafür?«

»Keinen einzigen Piaster, keinen Pfennig.«

Der Graue machte ein ganz unbeschreibliches Gesicht, und seine Nasenspitze richtete sich auf, als ob sie Schwarz fragen wolle, ob er denn wirklich die Wahrheit gesagt habe.

»Nix, gar nix zahlen Sie? Wer soll Ihnen denn das glauben? Ich etwa?«

»Ja, Sie! Ich ersuche Sie ganz ergebenst darum,« lachte Schwarz.

»Dann ist‘s eben a Kunststück, a richtiges und wirkliches Kunststück!«

»Dieses Kunststück bestand sehr einfach in einer glücklichen Kur. Ich befand mich bei Ali Effendi Abu Hamsah miah, dem Mudir von Faschodah. Ich hatte ihm gesagt, daß ich ein wenig Arzt bin. Zufällig verschluckte ein kleiner Sohn von ihm beim Spielen einen elfenbeinernen Würfel, welcher in der Speiseröhre stecken blieb. Das Kind war dem Erstickungstode nahe, als ich geholt wurde, und es gelang mir, den Gegenstand zu entfernen. Die Freude und Dankbarkeit des Vaters war so groß, daß er mir jeden Wunsch, dessen Gewährung nicht gerade zu den Unmöglichkeiten gehörte, erfüllt hätte. Dazu kam nun freilich noch der Umstand, daß es ein eifriges Verlangen von ihm war, Abu el Mot in seine Hand zu bekommen.«

»Abu el Mot?« fragte Pfotenhauer ganz erstaunt, diesen Namen hier zu hören.

»Ja, so heißt der Mann, den Sie wohl nicht kennen, mit welchem Sie sich aber, falls Sie bei mir bleiben, in den nächsten Tagen zu beschäftigen haben werden.«

»So! Kennen Sie ihn?«

»Leider! Er ist der berüchtigtste Sklavenjäger am oberen Nile und macht zugleich, falls es ihm einträglich erscheint, den Wüstenräuber. Er hat mich kurz vor Faschodah überfallen, um mich auszurauben und zu töten.«

»Aber g‘lungen ist‘s ihm doch nit?«

»Nein, wie Sie sehen,« lächelte Schwarz. »Ich sitze ja lebend vor Ihnen.«

»So haben‘s seinen Plan vereitelt?«

»Ich habe seine Helfershelfer gefangen genommen und nach Faschodah transportiert, wo ihnen ihr Recht geworden ist; ihm aber gelang es, zu entkommen.«

»Das ist jammerschad‘ g‘wesen. Hätten‘s ihn derwischt, so wär‘ ihm das Handwerk wohl für immer g‘legt worden.«

»Ganz gewiß. Es wäre um seinen Kopf geschehen gewesen. Der Mudir brennt darauf, ihn zu fangen. Ich belauschte den Sklavenjäger, als er bei den Seinen saß, und was glauben Sie wohl, was ich da hörte?«

»Ich glaub‘ alles, was Sie g‘hört haben.«

»Er hatte schon längst einen Raubzug zu den Niam-niam geplant und war durch einen Boten unterrichtet worden, daß jetzt zwei Weiße, zwei Naturforscher bei diesem Volke seien. Er schwur, diese beiden zu ermorden.«

»Teuxel! Da war wohl gar ich und Ihr Bruder g‘meint?«

»Ja. Ich zweifelte zwar zunächst daran, weil ich glaubte, daß mein Bruder sich allein dort befinde; aber als ich aus seinem Brief ersah, daß er in Ihnen einen Gefährten gefunden hatte, da wurde es mir zur Gewißheit. daß Sie es waren, von denen man gesprochen hatte. Natürlich nahm ich mir vor, schleunigst aufzubrechen, um Abu el Mot zuvorzukommen. Der Mudir, dem ich die Angelegenheit vorstellte, versprach, mich zu unterstützen. Er wollte mir eine Anzahl Soldaten mitgeben, und dafür sollte ich ihm Abu el Mot senden, falls dieser in meine Hände fallen werde. Da ereignete sich am nächsten Morgen der Unfall mit dem Knaben, und aus Dankbarkeit für die Rettung desselben ging der Mudir noch über sein Versprechen hinaus. Kurze Zeit später kam diese Dahabiëh aus Chartum an, und er stellte sie mir zur Verfügung. Auch erhöhte er die Zahl der versprochenen Soldaten auf hundertfünfzig, welche unter einem Hauptmann mit mir gefahren sind. Sie haben diese Leute vorhin gesehen?«

»Ja. Das Verdeck wimmelte von ihnen. Also diesen Abu el Mot wollen‘s fangen! Das ist interessant, sehr interessant!«

»Aber nicht ganz ohne Gefahr! Er ist ein gewissenloser und verzweifelter Bösewicht. Leider war ich, wenn ich das Schiff benutzen wollte, gezwungen, einen vollen Tag länger, als sonst der Fall gewesen wäre, in Faschodah zu bleiben. Dadurch erhielt Abu el Mot einen Vorsprung, welcher nur mit Anstrengung eingebracht werden konnte. Wir hatten günstigen Wind. Wir mieteten Schilluks und dann Nuehrs, die Dahabiëh von ihnen ziehen zu lassen, und doch war Abu el Mot, als wir Diakin erreichten, schon seit fast zwei Tagen fort. Ich erfuhr, daß er über dreihundert Nuehrs angeworben hatte, jedenfalls für den Raubzug zu den Niam-niam. In Diakin hatte er einen Sandal und einen Noqer gemietet. Es galt nun, wer schneller segelte, seine Fahrzeuge oder unsre Dahabiëh.«

»Nun, wer war schneller?«

»Bis jetzt er, denn wir haben ihn noch nicht eingeholt.«

»Und wissen‘s vielleicht, wie weit er Ihnen voran ist?«

»Nein. Kann ich zu Lande einer Fährte folgen, so ersehe ich aus der Spur sehr leicht, wie nahe ich den Gesuchten bin. Das Wasser aber läßt keine solchen Zeichen zurück. Wir haben die möglichste Geschwindigkeit entwickelt. Wenn die Beschaffenheit des Ufers es erlaubt, so arbeiten wir am Zugseile; die Stoßstangen sind während des ganzen Tages in Thätigkeit, und da unser Fahrzeug ein vortrefflicher Segler ist, so vermute ich allerdings, daß wir dem Sklavenjäger ziemlich nahe sind.«

Der Graue nickte vor sich hin. Ein unbestimmtes Lächeln spielte um seinen Mund, und seine Nasenspitze drehte sich herüber und hinüber, als ob sie etwas sagen möchte und doch nicht sagen dürfe. Endlich fragte er:

»Wo ist denn der Bote, den wir Ihnen g‘sandt haben?«

»Hier an Bord. Dieser ‚Sohn der Treue‘ ist zwar jung, aber ein außerordentlich brauchbarer Mensch. Ohne ihn wären wir noch weit zurück, denn er kennt den Nil und das Fahrwasser desselben so genau, wie ich meine Tasche kenne.«

»Weil er mit seinem Freunde Abd es Sirr sehr oft Fahrten abwärts g‘macht hat, deren Zweck man nit derfährt.«

»Wer ist dieser Abd es Sirr, dieser ‚Sohn des Geheimnisses‘?«

»Das werden‘s schon noch hören. Sagen‘s mir vorher, wer denn eigentlich der Heiduck ist, der sich Ihren Freund und Adjutant nennt?«

»Meinen Freund und Adjutanten? Ich habe keinen Adjutanten. Wen meinen Sie?«

»Nun, den roten Puthahn, der sich aufbläht, als ob er die Klugheit nur so mit Schneeschippen ausg‘löffelt hätt‘.«

»Ah, der Ungar? Der ‚Vater der elf Haare‘?«

»Ja, dieser ist‘s.«

»Ein ganz vortrefflicher Kerl!«

»Wirklich?«

»Gewiß! Er ist treu, aufopfernd, klug und sehr mutig. Denken Sie, er hat mit mir zwei Löwen erlegt!«

»Das hat er mir freilich schon g‘sagt, und ich bin begierig, zu der fahren, wie das g‘schehn is. Aber auch klug soll er sein? Dafür möcht‘ ich ihn doch nicht gelten lassen.«

»Warum nicht?«

»Weil man sich in seinen Quirlquatsch, wann er spricht, weder hinein- noch wieder ‚raus finden kann. Er will Latein verstehen und spricht doch a Deutsch, bei dem einem alle Zähne aus dem Munde springen möchten.«

»So hat er also auch mit Ihnen schon angebunden? Er ist ein halbes Original und trägt sich mit der Marotte herum, ein gelehrter Kerl zu sein. Sie werden ihn schon noch kennen lernen. Ich habe noch einen andern da, einen Freund von ihm, welcher Hadschi Ali heißt und ‚Vater des Gelächters‘ genannt wird. Dieser behauptet, alle Länder und Völker, alle Städte und Dörfer der Erde zu kennen. Solche Leute muß man mit Nachsicht behandeln. Wenn man ihnen ihre ‚Neunundneunzig‘ läßt, sind sie die besten Menschen.«

»Da bin ich freilich voreilig g‘wesen, denn ich hab‘ ihn tüchtig ausg‘zankt.«

»O weh!«

»Ja. Ich war fast grob mit ihm, und im Ärger darüber ist er auf und davong‘laufen. Jetzund thut mir‘s leid. Ich hab‘ mir vorg‘nommen, es ihm abzubitten.«

»Das ist nicht nötig. Wenn Sie ihn freundlich behandeln, wird er es wohl vergessen. Die Sache ist mehr lustig als ärgerlich. Ich lasse ihn sprechen, und will mir je einmal die Geduld ausgehen, so denke ich daran, daß ich auch meine schwache Seite besitze und nicht immer klug und weise gehandelt habe.«

»Ich auch nit,« stimmte der Graue bei. »Ich hätt‘s wohl auch zuweilen g‘scheiter machen können, besonders damals!«

»Damals? Was meinen Sie?«

»Nun, als ich in der Quart g‘sessen bin.«

Schwarz glaubte, daß es sich um etwas Besonderes und Wichtiges handle, und fragte:

»Was ist Ihnen da geschehen?«

»A arger Streich. Ich sprech‘ zwar nie davon, und niemand braucht‘s zu wissen, aber unter Freunden darf man schon offen sein. Wissen‘s, der Professor von der Naturgeschicht hat ‚n Spitz auf mich g‘habt, weil ich ihn immer nach Dingen g‘fragt hab‘, welche selbst a G‘lehrter nit beantworten kann.«

»So, so!« dehnte Schwarz, vollständig überzeugt, daß er etwas Hochinteressantes erfahren werde.

»Ja, so ist‘s g‘wesen. Er hat nur auf die Gelegenheit g‘wartet, mich dafür in die Tinte zu bringen. Nachher ist‘s Examen kommen, und ich hab‘ die neue Chemisetten umg‘bunden und den bunten Schlips dazu, weil es mir dann mit dem Antworten gar nicht fehlen kann. Die Fragen sind nach der Reih‘ an uns g‘richtet worden, und als ich dran war, bin ich aufg‘standen und hab‘ wunder denkt, was er mich fragen werd‘.«

»Nun, bitte weiter!«

»Ja, weiter! Jetzt kommt das Loch, in welches ich g‘stolpert bin. Was denken‘s wohl, was er mich g‘fragt hat?«

»Das kann ich nicht erraten.«

»Nein, denn ich selbst hätt‘s nit derraten ‚konnt. Er hat nämlich wissen wollen, warum die Vögel Federn haben.«

Der Graue hatte seine Geschichte so ernst vorgetragen, als ob es sich um eine wichtige Staatsaffaire handle. Darum fühlte sich Schwarz jetzt ungeheuer enttäuscht. Er wußte sozusagen nicht, ob er lachen oder weinen solle, hielt es aber doch für seine Schuldigkeit, sich zu erkundigen:

»Welche Antwort haben Sie ihm denn gegeben?«

»Zunächst hab‘ ich gar nix g‘sagt.«

»Das wäre mir an Ihrer Stelle ganz ebenso passiert.«

»Nit wahr! Sie sind halt ein verständnisvoller Mann. Ich hab‘ zwei große Augen g‘macht und den Mund offen g‘habt, damit mir eine richtige Antwort kommen soll, und nachhero bin ich – —«

Er wurde unterbrochen, denn es klopfte an, und der »Vater der elf Haare« trat herein. Er würdigte den Grauen keines Blickes und wendete sich an Schwarz, ihm eine Meldung zu machen. Er hätte dies in arabischer Sprache thun können; aber da Pfotenhauer behauptet hatte, daß sein Deutsch nichts tauge, bediente er sich dieses letzteren, um den schändlichen Beleidiger niederzuschmettern:

»Ich meldete Besuch, kommender!«

»Wer will kommen?« fragte Schwarz.

»Es sein Lieutenant von Seribah, hiesiger.«

»Ah! Ist er schon da?«

»Noch nicht mit Vollständigkeit. Er kommte her hinter Rücken, meinigem.«

»Du warst jetzt oben?«

»Ja. Ich seinte gegangte hinauf, weil unten hatt geseßte Person, unhöfliche!«

Dabei warf er einen vernichtenden Blick auf den Grauen.

»Und da sprach der Lieutenant mit dir von mir?«

»Er willte haben gewißt, ob Sie wohnte auf Schiff, diesiges, oder herbergte in Seribah. Er hatt Absicht, freundliche, Sie einladente zu Mahl, abendliches. Er geschickte mich hieher, um zu erzählte von seiner Gegenwart, baldiger.«

»Gut! Wenn er kommt, so öffnest du ihm die Thür.«

»Es soll geschehente mit Vergnügen, allergrößtem!«

Er verbeugte sich und wendete sich zum Gehen, drehte sich aber wieder um, trat zwei Schritte näher und fragte Schwarz:

»Sie haben lernen kennte alle Fähigkeiten, meinige; ich bitt‘, mir zu gebte Zeugnis, wahrheitliches.«

»Worüber?«

»Über Latein, meiniges.«

»Für deinen Bedarf ist es mehr als ausreichend.«

»Ich sagte Dankbarkeit, herzliche!«

Er warf dem Grauen von der Seite her einen triumphierenden Blick zu und fuhr fort:

»Und noch eine Censur über meine Sprache, germanische. Wie drückte ich mich aus in die selbige? Mit Unkenntnis, wehmutsvoller, oder mit Leichtigkeit, außerordentlicher?«

»Ich verstehe dein Deutsch sehr leicht und vollkommen.«

»Gut! Weiter willte ich nichts haben gehörte. Sie seint Retter, edler, von großer Ehre, meiniger! Person, feindselige, ist geschlagte in Flucht, schimpflichte!«

Er machte eine energische Seitenschwenkung und stolzierte so hart, daß er ihm beinahe auf die Füße trat, an dem Grauen vorüber und zur Thür hinaus. Kaum aber hatte er sie geschlossen, so riß er sie wieder auf und rief herein:

»Er kommte gegangte, Kommandeur von Seribah, lieutenantlicher!«

Der alte stellvertretende Befehlshaber kam unter tiefen Verbeugungen herein. Er hatte von seinen Leuten gehört, daß das Schiff eine vicekönigliche Dahabiëh sei. Der Herr, den sie brachte, mußte also ein sehr vornehmer Beamter sein, welchem er unbedingt seine Aufwartung machen mußte.

Sein Besuch hatte freilich einen noch andern Grund, von welchem zu sprechen er sich aber sehr wohl hütete. Der Sklavenhandel war streng verboten worden, und doch war seine Seribah nur zu dem Zwecke errichtet und wurde zu dem Zwecke unterhalten, Neger zu fangen und zu verkaufen. Das war dem Mudir von Faschodah bekannt, und das mußte also auch der Effendi wissen, welcher jetzt auf der Regierungsdahabiëh angekommen war. Was nun hatte seine Ankunft für einen Zweck? Wollte er die Seribah besichtigen? Wollte er nach gefangenen Negern suchen? Glücklicherweise waren solche gerade jetzt nicht vorhanden. Vielleicht war er gekommen, neue Gesetze und Verordnungen zu verkündigen. Was es auch sei, was ihn hiehergeführt hatte, die Klugheit erforderte, ihn in entgegenkommender, schuldiger Unterthänigkeit aufzusuchen, seinen Befehlen entgegen zu sehen und bei dieser Gelegenheit listig nach seinen eigentlichen Absichten zu forschen.

Schwarz war klug und erfahren genug, ihn zu durchschauen und dem angemessen zu behandeln. Er ließ Kaffee und noch eine Pfeife kommen, lud den Alten ein, sich zu setzen, richtete an ihn die landläufigen Höflichkeitsfragen und vermied es, das Gespräch auf die Seribah und den Sklavenhandel zu bringen. Er sagte, daß er bis morgen bleiben und diese Nacht auf dem Schiffe schlafen werde. Auch teilte er ihm mit, daß Pfotenhauer nicht beabsichtige, nach der Seribah zurückzukehren.

Als der Lieutenant sich nach einer halben Stunde verabschiedete, war er so klug wie zuvor, ja er nahm eine gewisse Besorgnis mit. Er hielt es für kein gutes Zeichen, daß Schwarz sich so außerordentlich zugeknöpft verhalten hatte, und schickte, oben angekommen, sogleich einen reitenden Boten nach Jau, um den Herrn herbei zu holen. Er wußte, daß dieser schon unterwegs war, da er morgen mittag hatte eintreffen wollen, besser aber war es jedenfalls, wenn die Ankunft noch eher erfolgte.

»Der hatte Angst,« sagte Schwarz, als der Alte fort war. »Vielleicht kann ich das zu meinem Vorteil ausbeuten.«

»Angst vor Ihnen?« fragte der Graue. »Weshalb?«

»Weil er mich für einen Regierungsbeamten hält. Nun habe ich meinen Soldaten erlaubt, an das Land zu gehen und die Seribah zu besuchen. Sie werden dort erzählen, daß wir die Absicht haben, Abu el Mot zu fangen. Das wird seine Sorge vergrößern, denn der Gedanke liegt ihm nahe, daß ich die gleichen Absichten auch gegen diese Seribah verfolge.«

»Wann‘s das meinen, so täuschen‘s sich vielleicht. Ich weiß genau, daß diese Leute Abu el Mot hassen. Er darf sich gar nit in ihre Nähe wagen.«

»Das sollte mir außerordentlich lieb sein. Vielleicht könnte ich sie veranlassen, sich mir anzuschließen. Ich konnte nicht ahnen, daß Abu el Mot so viele Nuehrs anwerben werde. Mit meinen hundertfünfzig Mann brauche ich freilich dreihundert Nuehrs nicht zu fürchten, aber die Bemannung seiner Seribah soll fünfhundert Köpfe stark sein. Das gibt in Summa achthundert, gegen welche wir in offenem Kampfe doch zu schwach sein würden. Ich muß mich mehr auf meine List, als auf unsre Gewehre verlassen. Könnte ich mich hier verstärken, so würde mir das hoch willkommen sein.«

»Aber Sie haben‘s nun doch gar nit nötig, mit Abu el Mot anzubinden,« meinte der Graue, welcher noch immer zögerte, mit seinen Mitteilungen vorzugehen.

»Wieso?«

»Weil‘s diesen Entschluß nur aus dem Grund g‘faßt haben, Ihren Bruder und mich zu retten, was nun nit mehr nötig ist.«

»Selbst wenn das wegfiele, wäre ich verpflichtet, das Wort zu halten, welches ich dem Mudir von Faschodah gegeben habe. Und noch sehe ich meinen Bruder nicht. Sie haben mir ja noch nicht gesagt, wo er sich befindet und warum er nicht mit Ihnen gekommen ist. Ich strecke meine Hand auf jeden Fall nach Abu el Mot aus, und wäre es nur, ihn dafür zu bestrafen, daß er mich überfallen hat. Den Ausgang freilich kann ich nicht vorher sehen, und ich mute Ihnen auch nicht zu, sich mir anzuschließen. Sie können ja hier bleiben und den Erfolg abwarten.«

»So! Hier bleiben und warten, während Sie sich in G‘fahr begeben, da wär‘ ich ja aan schöner Kerl! Das brauchen‘s von mir nit zu denken. Nein, ich geh mit, und ich hau mit zu, daß die Funken fliegen, zumal ich überzeugt bin, daß die Sach‘ gar nit so schwer ist, wie Sie denken. Ich halt es vielmehr für sehr leicht, den alten Abu zu fangen, denn seine Seribah steht jetzt leer, und die Besatzung, welche zurückg‘lassen wurde, hat sich empört, das ganze Dings verbrannt und sich dann auf und davon g‘macht.«

Schwarz sah den Sprecher wortlos an. Das, was er vernahm, mußte er für unmöglich halten.

»Ja,« lachte der Graue, »da schauen‘s mich an und machen den Mund sperrangelweit auf wie damals ich, als ich sagen sollt‘, warum die Vögel Federn haben!«

»Weil Sie sich jedenfalls irren!«

»Ich irr‘ mich nit; ich weiß es genau, denn ich bin gestern abend selbst dort g‘wesen und hab‘ die Trümmer rauchen sehen.«

»Sie waren dort? Wirklich?«

»Ja freilich, und Ihr Bruder mit!«

»Was! Sie beide in der Höhle des Löwen, der es auf Sie abgesehen hat?«

»Er war ja nit da. Ich bin ihm erst heute unterwegs begegnet.«

»Sie haben ihn selbst gesehen?«

»Ihn und seine beiden Schiffe. Er stand auf dem Sandal neben dem Steuer und der Häuptling der Nuehr neben ihm.«

»So sagen Sie schnell, wann war das, und wie weit von hier?«

»Eine Stund‘ haben wir noch nötig g‘habt, um hieher zu kommen, also schätz‘ ich, wie Sie mit der Dahabiëh segeln gibt‘s vier Stunden, bis Sie die Stell‘ erreichen, an welcher wir ihm begegnet sind.«

»So nahe also sind wir an ihn gekommen! Wenn er des Nachts beilegt, wie wir es gethan haben, so kann ich ihn bis morgen abend einholen.«

»Das ist leicht möglich. Der Proviant ist ihm aus‘gangen, und er muß also jagen und fischen, wann seine Nuehrs nicht hungern sollen; das verlangsamt die Fahrt.«

»Auch das wissen Sie, daß er keine Vorräte hat?«

»Ja. Der Elefantenjäger hat mir‘s g‘sagt.«

»Wer ist das?«

»Das ist – – na, ich seh‘ es halt, daß ich nun heraus muß mit dera Sprach‘. Ich hab‘ bisher nix g‘sagt, um Sie vorher kennen zu lernen, ob‘s wirklich der Mann sind, als den Ihr Bruder Sie mir b‘schrieben hat. Jetzund nun werd‘ ich Ihnen alles verzählen, was g‘schehen ist.«

Man kann sich denken, welche Teilnahme Schwarz dem Berichte des Grauen entgegenbrachte. Er sprang, als dieser zu Ende war, von seinem Sitze auf, schritt erregt in der Kajüte auf und ab und rief:

»Wer konnte so etwas ahnen! Die Seribah eingeäschert, Empörung unter den Leuten und mein Bruder nach Ombula! Das ist zu verwegen von ihm. Er hätte es unterlassen sollen!«

»Damit die armen Belanda hingemordet oder in die Sklaverei geschleppt werden?«

»Ja, das ist wahr. Sie haben recht. Ich an seiner Stelle hätte ebenso gehandelt wie er. Aber, was das nächste ist: Wo befinden sich die beiden Belandaneger, dieser Lobo und Tolo?«

»Noch im Boote. Sie konnten nit hinauf in die Seribah g‘schafft werden, da ich erst wissen wollt‘, ob‘s mir selbst da oben b‘hagt. Ich hab‘ dem ‚Sohne des Geheimnisses‘ anbefohlen, nach ihnen zu schauen. Als ich vorhin mit dem ‚Vater der elf Haare‘ im Boote saß, schlief Tolo, welcher überhaupt in einem fort schläft, und Lobo wachte still bei ihm.«

»Dort dürfen sie nicht bleiben. Ich werde sie nach der Dahabiëh holen lassen.«

Er ging hinaus, um den betreffenden Befehl zu erteilen. Bei dieser Gelegenheit sah er den »Sohn des Geheimnisses« und den »Sohn der Treue«. Der erstere war von der Seribah herabgekommen, seinen Busenfreund zu begrüßen. Er nahm sie beide mit in die Kajüte, um sie an der nun notwendigen Beratung teilnehmen zu lassen.

Diese dauerte fast bis Mitternacht, dann legte man sich zur Ruhe. Die Schläfer wurden schon beim Sonnenaufgang durch das laute Morgengebet der Soldaten geweckt. Schwarz und Pfotenhauer standen auf. Sie hatten beschlossen, nach der Seribah zu gehen, um den Kommandanten zu bewegen, ihnen eine Abteilung seiner Leute mitzugeben.

Der Ungar hatte während der ganzen Fahrt sich Schwarz unentbehrlich zu machen gesucht. Er war eifersüchtig auf jeden andern und sah es nur sehr ungern, daß die schwarzen Diener mehr um den Herrn sein mußten als er. Kaum schloß er aus dem durch die dünnen Kajütenwände dringenden Geräusch, daß Schwarz wach sei, so trat er nach vorherigem Anklopfen ein und meldete, ohne dem Grauen einen Blick zu gönnen, in deutscher Sprache:

»Es seinte wieder da Besuch von Seribah, hiesiger. Willte sprechte Herrn Doktor, geehrten.«

Ograniczenie wiekowe:
12+
Data wydania na Litres:
30 sierpnia 2016
Objętość:
690 str. 1 ilustracja
Właściciel praw:
Public Domain

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