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Karin Szivatz

Das Phänomen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

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Epilog

Impressum neobooks

Prolog

„Das ist nur rechtens! Wohlan, dies seiet eure Bestrafung, ihr greisen Muhmen, Metzen und Frohwen. Disputieret nichts ab, ihr nichtsnutzige Recken und Gesellen! Ihr sollt um Gunst heischen, sie nicht inkorporieren, in Aeternitas! Brandschatzen steht unter wackerer Arbet!“

1

Kühler Regen prasselte nun schon seit den frühen Abendstunden unablässig auf das Flachdach des geräumigen Hauses, als wollte er eine selbst komponierte Melodie spielen. Er änderte den Rhythmus des Liedes in unregelmäßigen Abständen und pochte zwischendurch dermaßen auf das Dach, als wollte er sich mit einer nachgeahmten Gewehrsalve gewaltsam Zutritt von oben in die liebliche Idylle des Hauses verschaffen. Dann wieder sandte er nur feine Tröpfchen herab, als würde er von einer leichten Sommerbrise erzählen, die sinnlich durch samtweiche, sattgrüne Grashalme gleitet.

In dieser Nacht regnete es nur von oben herab. Der Wind hatte in dieser Nacht beschlossen, nicht mit dem Regen um die Häuser zu ziehen und somit blieben die Fenster weitgehend trocken.

Der weitläufige Bungalow wurde vor wenigen Jahren nur wenige Meter weit weg vom feinen Sandstand errichtet. Gerade weit genug weg, dass die Zungen der Flut nicht an der Veranda aus hellem Kiefernholz lecken konnten, aber nahe genug am Wasser um den salzigen Geruch des Meeres noch im Wohnzimmer inhalieren zu können.

Rosalie lag bereits seit einer guten Stunde wach; sie wurde vom leisen Schnarchen Taylors und den arrhythmischen Klängen des Regens vom Schlafen abgehalten. Noch dazu hatte sie keinen wirklich guten Vertrag mit dem Sandmännchen abgeschlossen und auf Nachverhandlungen ließ er sich scheinbar nicht ein. Sie hasste es, Taylors Schnarchen hören zu müssen; diese Momente stellten ihre Liebe zu ihm auf eine sehr harte Probe. Mitunter fragte sie sich, ob nicht eine Affäre weitaus einfacher zu verzeihen war als das Röcheln und Zischen, das aus seinem leicht offen stehenden Mund kam. Sie hasste es und manchmal, wenn sie partout nicht mehr einschlafen konnte, hasste sie auch ihn. Und im Moment war sie gerade drauf und dran, ihn zu hassen. Obwohl sie vom Vortag noch ziemlich ausgelaugt war beschloss sie, aus dem Zimmer zu gehen. Weg von Taylor, weg von der miesen Atmosphäre, die das Ehebett dank ihrer mordlüsternen Gedanken umgab. Es hatte keinen Sinn mehr, auf den erlösenden Schlaf zu warten. Er hatte bereits seine Sachen gepackt und war abgereist. Morgen würde er hoffentlich wieder kommen, heute aber vermutlich nicht mehr.

Schwerfällig schlug sie die Decke zurück und hievte sich aus dem warmen Bett. Ihre nackte Gestalt zeigte sich nur schemenhaft im Spiegel des dunklen Zimmers. Kritisch betrachtete sie ihre Hüften, die Taille, die Oberschenkel. Dann breitete sie die Arme aus und ließ ihren Blick über die Oberarme streifen. Ein Spiegel lügt nicht, niemals, dachte sie und schlich barfuß aus dem Schlafzimmer; sie wollte Taylor nicht wecken, denn sie wollte keine Erklärungen abgeben, weshalb sie um halb zwei Uhr morgens nachts nackt im Haus herumlief.

Die Küche zeigte sich durch den Mond in fahles Licht getaucht. Die Möbel schienen einen Standaufnahme aus einem schwarz-weiß-Film aus den Neunzehnhundertzwanzigerjahren zu stammen. Ein Stummfilm aus längst vergangnen Tagen, der es geschafft hatte, sich heimlich, still und leise ins dritte Jahrtausend zu schmuggeln.

Rosalie sah sich aufmerksam in der etwas befremdlichen Küche um, drehte sich langsam im Kreis und versuchte zu eruieren, was hier nicht stimmte. Der Raum war derselbe wie seit Jahren, alles befand sich an einem Platz und dennoch schien etwas unerklärlich anders zu sein. Noch während sie sich auf die Einrichtung der Küche konzentrierte, packte sie plötzlich eine eiskalte Faust, die ihr ohnehin schon dumpfer und rascher schlagendes Herz zusammenquetschte und ein beklemmendes Gefühl in ihr auslöste. Sie schlug die Hand an die Brust, stützte sich mit der anderen am Esstisch ab und beugte sich vorn über. Sie japste nach Luft, keuchte und würgte. Todesangst kroch wie eine Eidechse an ihr hoch und zog eine heiße Welle hinter sich, die sie zu verbrennen drohte. Rosalies erster Gedanke galt einem Herzinfarkt, doch so rasch die Symptome aufgetreten waren, so rasch waren sie auch wieder abgeklungen. Die Ursache des darauf folgenden Schauers hatte nichts mit der Umgebungstemperatur zu tun. Die Hitze des Sommers hatte sich seit Tagen über der gesamten Ostküste ausgebreitet; gar so, als wollte sie zwei Wochen am Strand liegen und einfach nur da sein. Der heiß ersehnte Regen, der nach wie vor unablässig vom Himmel fiel, war deshalb eine willkommene Abkühlung für jedermann.

Rosalie lauschte noch immer ihrem Herzen, doch es schlug wieder gleichmäßig, langsam und kräftig. Ganz so, wie sie es gewohnt war. Etwas beruhigt richtete sie sich auf, atmete ein paar Mal tief durch und versprach sich selbst, gleich am Morgen ein EKG schreiben und einen Bluttest machen zu lassen. Das würde sie jedem anderen Menschen auf alle Fälle dringend nahelegen. Mit einem Herzinfarkt war schließlich nicht zu spaßen!

Während Rosalie ihren leichten Bademantel aus dem Badezimmer holte und noch immer auf ihren Herzschlag hörte, lief ganz leichter Kaffee durch die Maschine in ihren Lieblingsbecher. Obwohl er schon mehrere hundert, wenn nicht sogar tausende Wäschen in der Spülmaschine hinter sich hatte, liebte sie ihn abgöttisch. Er war das erste Geschenk, das sie von Taylor bekommen hatte. Sie waren auf dem nächtlichen Jahrmarkt gewesen und völlig verliebt. Eng umschlugen schlenderten sie zwischen den bunt beleuchteten Attraktionen durch, ließen sich von der Hexe in die Geisterbahn locken, von der Gefahr der Hochschaubahn anziehen und von der Köstlichkeit einer mit Schokolade überzogenen Riesenschaumrolle überzeugen.

Und dann war da noch der Schießstand, dessen Schausteller nur noch einen Arm hatte. Er rief unablässig ‚Schießen Sie Ihrer Liebsten doch ein weißes Einhorn!’ in die Menge und zog mit diesen einfachen Worten Scharen an jungen Männern an, die ihren Angebeteten imponieren wollten.

„Willst du das Einhorn?“, fragte Taylor so unsicher, dass Rosalie sofort darauf bestand, eines zu bekommen. Taylors Gesicht wurde schlaff. Sie sah ihm an, dass er auf gar keinen Fall das Einhorn von der Decke schießen würde, aber sie fand es echt süß, dass er es versuchte. Für sie versuchte!

Taylor kramte in der Tasche seiner Jeans und förderte einen Zehner zutage. „Ich will’s versuchen“, flüsterte er dem Schausteller zu und hoffte vermutlich insgeheim, nicht gehört zu werden. Doch der schmale Mann hinter der Theke hatte den Zehner blitzschnell gesehen und auch schon in seiner Tasche verschwinden lassen. Mit einem ziemlich linkischen Lächeln reichte er das geladene Gewehr über den Tresen und Taylor stellte sich breitbeinig in Position. Doch anstatt an die Decke zu zielen um das Einhorn zu bekommen richtete er den Lauf auf die unterste Reihe und landete gleich mit dem ersten Schuss einen Treffer. Den absoluten Glückstreffer.

Der Schausteller sah ihn aus listigen, zusammengekniffenen Augen an. Taylor erwiderte den Blick und ließ ihn lächelnd wissen, dass er ihm noch das Wechselgeld schulde. Und natürlich den Kaffeebecher, den er gerade gewonnen hatte. Taylor überreichte ihr den eigentlich ziemlich hässlichen Becher mit einer tiefen Verbeugung. „Madame, dies soll ab sofort der Kaffeebecher Ihres Lebens sein!“

Rosalie übernahm ihn mit einem höfischen Knicks und fiel ihm anschließend in die Arme. In diesem Augenblick verbanden sich ihre Herzen miteinander und ihr gemeinsames Leben war damit besiegelt worden.

Noch heute dachte sie gerne und mit einer gewissen Wärme im Herzen an diesen Augenblick zurück. Sie drückte den warmen Becher an ihre Brust und sah vom Wohnzimmerfenster auf das offene Meer hinaus. Sie hatte auch hier das Gefühl, als wäre irgendetwas anders als sonst, aber sie konnte es vom Haus aus nicht ausnehmen. Während sie den Gürtel um ihre Taille schlang, öffnete sie leise die Haustür, trat hinaus auf die Veranda, und blickte über den feinen Sandstrand in Richtung Meer. Der Regen fiel währenddessen vom dunklen Himmel und schränkte ihre Sicht ein. Sie erkannte auch noch etwas weiter draußen die Wellen, doch sie sahen nicht wie sonst auch immer aus. Sie waren anders, doch auch jetzt konnte sie nicht genau definieren, weshalb.

Irgendwie fühlte es sich anders an, aber das war auch nicht der richtige Ausdruck dafür. Vielleicht war es auch nur ihre Müdigkeit, die sich in diesem Augenblick bemerkbar machte. Immerhin waren es nur noch ein paar wenige Stunden, bis sie wieder die Tür ihrer Praxis aufschließen und sich all die Klagen der Dorfbewohner anhören musste. Sie liebte ihren Job über alles, übte ihn mit Inbrunst und Leidenschaft aus, aber im Moment konnte sie all zu viel an Leiden und Gejammere nicht ertragen. Doch dieses Gefühl kannte sie nach sieben Jahren im Dienste der Menschheit mittlerweile. Während des Medizinstudiums war sie voll Enthusiasmus und auch während der Praktikumsjahre danach ging sie förmlich darin auf, Anderen zu helfen, sie zu heilen und sie mitunter wieder ins Leben zurück zu holen. Doch als Landärztin beschränkte sich ihr Wirkungsbereich auf die Behandlung von Erkältungen, Rückenschmerzen und auf die Überweisungen zu Fachärzten. An manchen Tagen überlegte sie, ob sie nicht mit Taylor in eine Stadt ziehen und selbst eine Facharztausbildung beginnen sollte. Hier, am Strand von Nirgendwo würde sie ja doch nur versauern und ihr Talent verschwenden. So sehr ihr die wenigen Bewohner des Städtchens am Herzen lagen, so wenig konnten sie ihr als Gegenleistung bieten. Mit ihren zweiunddreißig Jahren war sie bereits ziemlich gelangweilt und sehnte sich nach einem aufregenden Leben, nach Adrenalin, nach Abenteuer, nach Gefahr und Herzklopfen. Hier fand sie nur Ruhe sowie niedrige Ansprüche an ihre Persönlichkeit, an ihren herausragenden Intellekt und an ihr berufliches Können. Das reichte ganz einfach nicht mehr aus. Dieses Leben war etwas für die Zeit nach vielen aufregenden Jahren oder nach der Pensionierung aber im Moment bot es ihr einfach viel zu wenig an Impulsen.

2

Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie konzentriert auf das Meer, das recht bald am Horizont den Himmel küsste. Eigentlich sah es nicht wie ein Kuss aus, sondern viel mehr wie ein panisches Anklammern, als wollte sich das Meer am Himmel emporziehen, ganz rasch weg von der Erde. Sie öffnete ihre Augen wieder ganz, atmete schwer aus und konzentrierte sich nun auf die weiße Gischt, die auf den Kämmen der Wellen tanzte. Sie schien grau zu sein und ganz ohne Leben. Ein lustloser Tanz, der eher mühsam statt lustvoll aussah. Doch noch ehe sie darüber nachdenken konnte, wie sie überhaupt darauf kam, dass Gischt Leben in sich tragen und fröhlich oder traurig sein konnte, fühlte sie eine andere Person in ihrer Nähe. Eine Ahnung, dass sie nicht allein war, überkam sie und sie drehte ihren Kopf nach rechts.

Marisha, ihre direkte Nachbarin, stand vor ihrem nun doch schon etwas in die Jahre gekommenen Haus und starrte ebenfalls auf das Meer hinaus. Die grauen, ausgedünnten Haare hingen wie viel zu lang gekochte Spaghetti von ihrem Kopf und legten stellenweise die bleiche Kopfhaut frei. Die Haarspitzen, die auf ihren Schulterblättern klebten, zeichneten eine Linie, die an ein zerklüftetes Küstengebiet erinnerte. Sie mussten dringend geschnitten und wieder in eine gerade Linie gebracht werden. Doch Marisha kümmerte sich nicht mehr um ihr Äußeres. Vielleicht nahm sie es auch nicht mehr wahr, denn sie lebte zeitweise in völlig anderen Sphären. Und diese Zeiten dehnten sich immer mehr aus. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sie einander die Hände reichten und die alte Frau völlig mit sich trugen. Manchmal fragte sich Rosalie allerdings, ob es nicht eine glücklichere Welt als die reale war, in der ihre Nachbarin seit Jahren lebte.

Rosalie nahm einen Schirm aus dem Ständer, spannte ihn auf und hielt ihn über ihrem Kopf, während sie auf die zerbrechliche Gestalt zusteuerte. Je näher sie der alten Dame kam desto deutlicher war ihre bereits völlig durchnässte Kleidung erkennbar. Wie lange sie wohl schon hier im strömenden Regen gestanden haben mochte?

Rosalie machte sich nicht die Mühe, sie danach zu fragen, denn sie würde keine Antwort erhalten, mit der sie auch etwas anfangen konnte. Vermutlich würde ihre Frage noch nicht einmal gehört werden. Sie stellte sich dicht hinter Marisha und drückte sich gegen ihren Rücken, damit sie beide im trockenen Kreis unter dem Schirm Platz fanden. Die alte Frau war beinahe einen ganzen Kopf kleiner, weshalb Rosalie mühelos über sie hinweg auf das Meer sehen konnte.

Viele lange Sekunden standen die beiden Frauen reglos da, lauschten dem Regen, den wispern der Wellen und bemerkten das Fehlen des Vogelgesangs; doch keine von beiden sprach es aus. Sie wussten, dass es die jeweils andere ohnehin wusste.

„Hörst du die Stimme des Meeres?“, fragte Marisha, sah aber nicht über ihre Schulter in Rosalies Augen. Sie wippte nur ganz sanft mit ihrem Körper nach vor und wieder zurück. Nach vor und wieder zurück. Unentwegt, aber für Rosalie nicht störend.

„Nein, Marisha, ich höre sie nicht. Was sagt denn die Stimme?“

Die kleine Frau blieb eine Weile stumm und wippte auch nicht weiter. Dann aber flüsterte sie kaum hörbar: „Sie sagt ‚Sie kommen! Lasst sie nicht herein, schickt sie weg!’“ Sie begann wieder zu wippen; sanft und nicht störend.

„Wen meint die Stimme damit? Wer kommt und wen sollen wir wegschicken?“

Marisha erschauderte. „Ich weiß es nicht.“

Rosalie beugte sich nach vor und sah sie von der Seite an. „Komm, wir gehen ins Haus, sonst holst du dir noch den Tod. Dir läuft schon der Schauer über den Rücken.“

Sie nahm die zerbrechliche Frau an der Schulter und drehte sie sanft zum Eingang ihres Hauses hin, doch sie drehte ihren Kopf in Richtung Meer und flüsterte erneut: „Sie kommen! Lasst sie nicht herein, schickt sie weg!“

Dann ließ sie sich ins Haus führen und ihrer Kleider entledigen. Während Rosalie ihr das Nachthemd überstreifte richtete Marisha ihren Blick auf den Küchenkasten. „Ist der Kaffeebecher da für mich?“

Rosalie drehte sich um und sah ihren Lieblingsbecher an. „Ja, du kannst ihn haben, wenn er leer ist.“

„Wirklich? Du schenkst ihn mir?“

„Ja, ich schenke ihn dir.“

Die alte Frau bedankte sich mit einem beinahe zahnlosen Lächeln, das so ehrlich wie das eines Kindes war. Rosalie strich ihr übers Haar, schob ihren linken Arm unter die knochigen Knie und hob die müden Beine ins Bett. Dann deckte sie die alte Frau zu und sah sie in dem riesig wirkenden Bett an. Marisha schien darin so verloren zu sein wie in ihrem Geiste.

„Liest du mir eine Geschichte vor?“, fragte sie und blickte erwartungsvoll zu Rosalie auf.

„Wenn du mir versprichst, die Augen dabei nicht aufzumachen, gern“, forderte Rosalie und holte das Buch aus der Nachttischlade.

„Versprochen!“, rief die kleine Gestalt aus und presste die Lider ganz fest aufeinander. Die Hände krallten sich vor Erregung in die dünne Decke und ihr faltiger Mund kräuselte sich in Vorfreude.

Rosalie setzte sich auf den Stuhl neben das knarrende Landhausbett, das bestimmt schon enorm vieles gesehen und hört hatte, und begann laut zu lesen. Schon nach wenigen Sekunden löste sich die Verkrampfung in Marishas Lidern und ihre Fäuste öffneten sich. Auch ihr Mund entspannte sich zusehends und bald hatte Rosalie den Eindruck, als würde sie ihre Worte nicht mehr hören. Mit einem milden Lächeln schlug sie das Buch zu, legte es leise in die Nachttischlade zurück und schloss sie. Als sie völlig geräuschlos auf die Tür zuging verzerrte sich Marishas Gesicht plötzlich zu einer hässlichen Fratze, die nur aus den Tiefen der Hölle stammen konnte. Und sie flüsterte etwas in den Raum hinein. „Sie kommen! Lasst sie nicht herein, schickt sie weg!“ Dann drehte sie sich zur Seite und war wieder die alte, schwache Frau von nebenan, die an Demenz litt.

Rosalie lief ein eiskalter Schauer über den Körper, der sich in ihren Haarwurzeln sammelte. Instinktiv zog sie ihren Bademantel enger um die Taille und rieb sich mit den Händen die Oberarme. Doch die Kälte kam nicht von außen.

Ohne ein weiteres Mal auf die schlafende Gestalt in dem riesigen Bett zu blicken nahm sie ihren Kaffeebecher und zog die Tür leise hinter sich zu. Die Nachbarin hatte längst vergessen, dass sie ihn haben wollte und dass er ihr bereits unzählige Male geschenkt wurde. Sie mochte den Gedanken, etwas geschenkt zu bekommen. Rosalie nahm an, dass es ihre Person aufwertete. Zumindest für den Moment, denn im nächsten war er schon wieder vergessen.

Als sie auf die kleine Veranda des Nachbarhauses trat wagte sie nicht, auf das düstere Meer hinaus zu blicken, denn sie hatte Angst, dieses Flüstern auch von dort draußen zu hören. Sie wollte nur noch in den Schutz ihres Hauses und in die erlösenden Arme des Schlafes sinken. Doch letzterer blieb, wie bereits erahnt, aus.

Sie war hellwach, dennoch todmüde und ausgelaugt. In ihr Bett zu gehen wäre völlig sinnlos, denn die Mischung aus Taylors Schnarchen und dem Regen wären noch eine zusätzliche Reizung ihrer ohnehin schon recht sensiblen Sinne.

Obwohl sie eine gewisse Schwere in sich fühlte, setzte sie sich an ihre Staffelei und drückte einen Klecks Farbe aus der Tube. Dunkles, sattes Rot glänzte auf der Spitze ihres Pinsels, der an Blut erinnerte. Eigentlich hatte sie für diese Farbe gar keine Verwendung in dem Bild und sie fragte sich, weshalb sie gerade diese gewählt hatte. Sie passte ganz und gar nicht in das pastellfarbene Bild. Damit würde sie den Gleichklang, die Weichheit und die Sanftheit der anderen Farben stören, wenn nicht sogar zerstören.

Etwas irritiert nahm sie die Farbe mit einem alten Tuch vom Pinsel und tauchte ihn anschließend in einen Becher Wasser. Sie liebte es zuzusehen, wie sich die wenigen Farbreste von den Pinselhaaren im Wasser auflösten und einen kleinen, hellbunten Ring darum bildeten. Und auch jetzt zeigte sich ein kleiner, roter Ring. Er schmiegte sich hellrot an die Pinselspitze und verharrte dort. Doch eine Sekunde später, weitete er sich aus, wurde größer und größer, bis er den Rand des Bechers erreicht hatte. Rosalies Stirn legte sich in Falten und sie beugte sich direkt über den Becher um die Farbausdehnung besser beobachten zu können. Die gesamte Oberfläche schimmerte in einem hellen rot, gewann jedoch mit jedem Augenblick an Intensität und zeigte sich recht bald in einem dunklen, intensiven Farbton, der beinahe schon in aubergine überwechselte.

Rosalie hob den Becher auf und betrachtete ihn von der Seite. Das ganze Wasser darin hatte diesen rot-schwarzen Farbton angenommen, der sie an eine Mischung aus frischem und getrocknetem Blut erinnerte. Wie normale Acrylfarbe sah diese Flüssigkeit nicht mehr aus. Außerdem waren in den Pinselhaaren nur noch Spuren von Farbe, die maximal einen kleinen Punkt auf die Oberfläche hätte zeichnen können. Sie starrte kurz ganz tief in das merkwürdige Rot, dann zuckte sie zusammen, als würde tödlicher Strom aus dem Becher fließen. Blitzschnell stellte sie ihn wieder auf seinen Platz und sprang von ihrem Stuhl auf. Das Ganze war ihr mehr als unheimlich und der Schauer von vorhin kroch wieder über ihren Körper und biss sich erneut in ihren Haarwurzeln fest.

Sie rieb ein weiteres Mal an ihren Oberarmen um sich zu wärmen, doch die eisige Kälte blieb tief in ihren Knochen stecken.

Um sich durch die rote Blutflüssigkeit nicht mehr irritieren lassen zu müssen schnappte sie das alte Farbtuch, fasste damit den Becher und kippte ihn rasch im Waschbecken aus. Dann ließ sie einige Minuten lang kaltes Wasser nachlaufen und warf den Becher mitsamt dem Tuch rasch in die Mülltonne vor der Haustür. Sie wollte beides nicht mehr im Haus haben.

Nach einer kurzen Sekunde des Überlegens lief sie zurück zur Staffelei, nahm den Pinsel in die Hand und verließ wieder das Zimmer. Zur Sicherheit versperrte sie es, indem sie den Schlüssel zwei Mal umdrehte. Um sich davon zu überzeugen, dass die Tür auch wirklich versperrt war, rüttelte sie daran. Dann trat sie erneut vor die Tür und warf auch den soeben benutzten Pinsel in die Mülltonne. Den Deckel der Tonne beschwerte sie mit einem umgedrehten Stuhl.

Dann schloss sie die Haustür hinter sich und versperrte auch diese sorgfältig. Als sie aus dem Fenster auf die Veranda sah, konnte sie die dunklen Bäume, die vereinzelt am Strand standen, durch den Regenvorhang nur verschwommen sehen. Allerdings formten sich ihre Äste nicht zu überdimensionalen Armen, die nach ihr greifen und in die Hölle ziehen wollten.

Jetzt musste Rosalie lachen und griff sich an die Stirn. Was war denn vorhin bloß mit ihr los gewesen? Wieso hatte sie wegen des bisschen Farbe so überreagiert? Sie fragte sich auch, ob denn das Wasser im Malbecher wirklich blutrot gewesen war; so ganz sicher war sie sich nicht mehr.

Dennoch warf sie einen Blick auf die Mülltonne, die, noch immer mit dem Sessel beschwert, regungslos auf den Holzdielen stand. Nichts in ihr versuchte, sich gegen den Deckel zu stemmen um Unheil über sie und ihre Lieben zu bringen. Alles war in bester Ordnung. Offensichtlich hatte sie sich von Marisha und ihrer verqueren Welt ein wenig beeinflussen lassen. Die Demenz schritt bei ihr zwar langsam, aber dennoch kontinuierlich voran und zeigte sich immer deutlicher. In absehbarer Zeit würde sie die alte Dame in ein Pflegeheim einweisen müssen. Sie würde nicht mehr allzu lang auf sich achten können. Schon jetzt vernachlässigte sie die Körperpflege sowie den Haushalt. Das Hungergefühl war nicht mehr ausreichend vorhanden und die Gefahr, dass sie etwas am heißen Herd stehen ließ, stieg mit jedem Tag. Vom medizinischen Standpunkt her hätte sie längst eine Einweisung ausstellen müssen, aber sie mochte die alte Dame und sie gab auch ein wenig auf sie Acht. Auf eine gewisse Weise liebte sie die kleine Frau sogar ein wenig und ihr wurde warm ums Herz, wenn sie an ihr Lachen dachte.

Von diesen tröstlichen Gedanken beruhigt legte sie sich im Wohnzimmer auf die Couch, deckte sich mit der orangefarbenen Tagesdecke zu und schlief nach nur wenigen Sekunden ein.

3

Der Tag erwachte und mit ihm die Sonne. Rosalie streckte sich ausgiebig in den warmen Strahlen und warf einen neugierigen Blick auf den Strand. Der Sand war bereits wieder hell und verriet damit, dass er wieder trocken war. Wahrscheinlich hatte es zu regnen aufgehört, als sie eingeschlafen war; oder zumindest nur eine kurze Zeitspanne danach. Nun lag auch das Meer mit seiner glatten Oberfläche wieder ruhig vor ihr und sah überhaupt nicht mehr bedrohlich aus; kein Vergleich zur vergangenen Nacht. Noch etwas müde aber doch schon voll Tatendrang stand sie auf und sah auf die Uhr. In einer Stunde würde sie in der Praxis sein müssen, also hatte sie noch ausreichend Zeit um zu duschen und in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken.

Während sie versuchte, in ihre Hausschuhe zu schlüpfen und sich gleichzeitig den Bademantel anzuziehen, schüttelte sie leicht den Kopf. Die Mülltonne mit dem Stuhl auf dem Deckel war in ihr Blickfeld gewandert und sie musste lachen, weil sie noch vor ein paar Stunden so töricht war zu glauben, dass etwas abgrundtief Böses ihrer roten Malfarbe entwichen war. Sie war sicher, dass sie die Angst, die Marisha verspürt hatte, ungefiltert übernommen hatte. Das war alles. Es gab nichts Böses und niemanden, den man wegjagen musste oder sollte. Sich von einer dementen, alten Frau, die zeitweise in einer ganz anderen Welt lebte, ins Bockshorn jagen zu lassen, war mehr als töricht. Deshalb beschloss sie, niemandem von dem Vorfall zu erzählen; auch nicht Taylor, der stets ein offenes Ohr für sie hatte und es niemals wagen würde, sie auszulachen oder gar zu verspotten. Sie schämte sich vor sich selbst und wollte mit ihrer Gruselgeschichte niemandem einen Schrecken einjagen.

Kurz vor acht Uhr stellte sie ihren Wagen vor der Praxis ab und konnte bereits elf Patienten im Warteraum begrüßen. Sie war froh, viel zu tun zu haben, um von ihrer Blutgeschichte abgelenkt zu sein aber gleichzeitig war sie auch ein wenig demotiviert, weil sie schon vorab wusste, von welchen Beschwerden die Patienten erzählen würden. Es waren immer dieselben und im Prinzip hätte sie bei rund der Hälfte der Leute die Diagnose ‚Einsamkeit’ stellen müssen. Sie nahm sich vor, einen Umzug in die Stadt mit Taylor am Wochenende ausführlich zu diskutieren.

Mit einem Lächeln empfing sie jeden einzelnen Patienten und versuchte, zumeist auf psychologischem Weg, zu helfen. Während sie sich mit Mrs. Blackwood über ihren schlimmen Rücken unterhielt, riss die Sprechstundenhilfe die Tür auf und schnatterte so aufgeregt, dass sich ihre Stimme überschlug: „Benny ist in den Graben gefahren, Benny Alister, sie wissen schon, der Junge von Fred Alister. Die Rettung ist schon verständigt, aber sie braucht noch eine Weile. Sie müssen ihm helfen! Schnell!“

Rosalie entschuldigte sich rasch bei Mrs. Blackwood, die mit grimmigen Gesichtszügen ziemlich ungehalten auf die Unterbrechung ihrer Leidensgeschichte reagierte, packte ihre Notfalltasche und ließ sich noch rasch den Weg zur Unglücksstelle beschreiben. Zwei Sekunden später parkte sie verkehrswidrig aus und jagte die Straße entlang in Richtung Fluss, wo Benny hoffentlich nicht allzu schwer verletzt auf ihre Hilfe wartete.

Noch während sie mit Bleifuß in Richtung Unfallstelle jagte, konnte sie schon von weitem eine dünne, dunkelgraue Rauchsäule, die in den Himmel steigen sehen. Wie ein überdimensionaler Finger zeigte er ihr den Weg zur Unfallstelle punktgenau an. Die Szene wirkte direkt grotesk und Rosalie schüttelte entschlossen den Kopf. Sie musste hier weg, sonst würde sie über kurz oder lang den Verstand verlieren.

Als sie Sichtkontakt zu ihm aufnehmen konnte sah sie Benny am Straßenrand sitzen und ein weißes Taschentuch auf eine Rissquetschwunde an seiner Stirn drücken. Rosalie kniete sich neben ihn und sah sich die Wunde an. Sie war zwar lang, aber nicht besonders tief. Sie würde eine Narbe abgeben, aber mehr nicht. Der rechte Unterarm war eindeutig gebrochen und beide Lippen aufgeplatzt. Er war offensichtlich direkt mit dem Gesicht auf das Lenkrad gekracht. Rosalie fragte sich stumm, weshalb sich der Airbag nicht entfaltet hatte, aber das zu eruieren war sicher nicht ihre Aufgabe. Noch dazu war diese Frage im Moment völlig nebensächlich. Benny musste ins Krankenhaus und vorher wollte sie noch rasch seine offenen Wunden reinigen, desinfizieren und verbinden. Den gebrochenen Unterarm fixierte sie in einer harten Schiene und diese an seinem Oberkörper. Dann rief sie die Rettungsstelle an und musste erfahren, dass der Krankenwagen noch rund eine Stunde brauchen würde, um Benny abzuholen.

„Danke, stornieren Sie den Transport, ich bringe ihn selbst ins Krankenhaus.“ Mit diesen Worten legte sie auf, half Benny auf die Beine und hievte ihn vorsichtig in ihren nicht allzu großen Wagen. Der junge Mann stöhnte und sah die Ärztin etwas vorwurfsvoll an. „Wenn du bequem reisen willst, kann ich nur Don anrufen, der dich mit dem Traktor ins Krankenhaus bringen kann. Er hat auf seinem großen Anhänger Stroh geladen, dort hast du es bequemer als hier.“

Sie sah ihn lächelnd an und ihr Patient prustete los, verzog aber sofort das Gesicht; die aufgeplatzten Lippen ließen ein Lachen nicht zu. Instinktiv griff er sich an die Lippe und zuckte sofort zurück. Er sollte besser die Ärztin arbeiten lassen und selbst nichts tun.

Die Ersthelfer hatte Rosalie sofort dankend weggeschickt, weil sie deren geistreiche Kommentare nicht gebrauchen konnte. Sie wusste durchaus, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Nicht wenige Menschen glauben, Notfallmediziner zu sein, wenn sie einen sechsstündigen Kurs in Erste Hilfe absolviert hatten.

Nachdem sie ihren Patienten im Auto hatte, drehte sie um und fuhr ins Dorf zurück. Sie überlegte, ob sie ihn überhaupt ins Krankenhaus fahren müsste. Mit dem Röntgen des ansässigen Tierarztes würde sie sich die Fraktur des Unterarmknochens ansehen können und die Wunde an der Stirn würde sie ganz einfach selbst nähen. Nein, dafür musste er nicht extra ins Krankenhaus fahren, beschloss sie kurzerhand. Benny war außerdem ein bodenständiger junger Mann, dem man eine solche Behandlung durchaus zumuten konnte. Sie kannte ihre Patienten seit vielen Jahren und wusste, wie sie mit ihnen umgehen musste oder konnte. Als er sich neben ihr regte, wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein im Wagen saß. Sie war völlig in Gedanken versunken gewesen und hatte auch nicht sonderlich auf den Verkehr geachtet. Mit dem Anflug eines Schuldgefühls achtete sie sofort wieder auf die Straße und schenkte auch ihrem Patienten Beachtung.

„Wie ist denn das ganze passiert?“, fragte Rosalie ihren Beifahrer und sah ihn kurz von der Seite an.

Benny atmete lange aus und wand sich ein wenig, eher zu sprechen begann: „Ich bin ganz normal gefahren, so wie immer. Es war auch nicht viel Verkehr und ich habe den Lastwagen gesehen und da wurde mir plötzlich ganz komisch. Als ob jemand ein riesiges Loch in meinen Bauch geschossen hätte. Ich fühlte mich von einem Moment auf den anderen total leer und hatte ….“ Seine Stimme war immer zittriger geworden und versagte an dieser Stelle völlig ihren Dienst. Dicke Tränen rannen über sein mit Blut verkrustetes Gesicht; klarer Schleim kroch langsam aus seinem rechten Nasenloch und bahnte sich seinen Weg über die aufgerissenen Lippen nach unten.

Rosalie tastete nach einem Taschentuch, ohne die Augen von der Straße zu nehmen und reichte es dem Jungen. Er putzte sich vorsichtig die Nase und startete erneut einen Versuch, seine Geschichte zu erzählen. Doch seine Stimme versagte an der exakt selben Stelle wie schon zuvor.

„Hast du schon jemanden wegen deines Wagens angerufen? Holt ihn Harry gleich in seine Werkstatt?“, versuchte Rosalie die Situation zu entschärfen und ihm Zeit zu geben. So wichtig war der Unfallhergang nun auch wieder nicht. Sie war froh, dass ihm nichts Schlimmeres passiert war.

Als sie vor der Tierarztpraxis ankamen, saß Mike, der Tierarzt, vor der Tür und ließ sich eine Zigarette schmecken.

„Hey Mike!“, begrüßte Rosalie den älteren Mann und ging zur Beifahrertür. „Kann ich kurz dein Röntgengerät benutzen? Benny hat sich den Arm gebrochen und ich möchte ihn nicht unbedingt ins Krankenhaus schicken.“

Mike Golding schirmte seine Augen vor der Sonne ab, inhalierte den Rauch und nickte wortlos. Dann schloss er die Augen und lehnte sich wieder an die warme Mauer. Rosalie kannte sich in seiner Praxis aus und sie würde ihm das Geld für das Röntgenbild auf seinem Schreibtisch hinterlassen. Er vertraute ihr blind und ließ sich deshalb nicht von seiner Mittagspause abhalten; sie war ihm sogar noch heiliger als sein Sonntagsschlaf, über den er nichts kommen ließ.

Rosalie erklärte Benny, was er zu tun hatte, schoss zwei Bilder und sah sie sich gleich am Computer an. Ihre Diagnose am Unfallort war genau richtig gewesen; die Elle sowie die Speiche waren gebrochen, aber sie waren noch in der anatomisch korrekten Position. Nicht der kleinste Splitter befand sich in den Weichteilen. „Du hast Glück gehabt, Benny. So weit ist alles in Ordnung. Ich lege dir einen Gipsverband für sechs Wochen an, danach bist du wieder wie neu.“

Sie lächelte und nahm zwei Gipsbinden aus einer Schachtel. Benny hingegen starrte ins Leere und sie hatte das Gefühl, als hätten ihn ihre Worte nicht erreicht.

„Benny? Was ist los? Hast du mich verstanden?“, fragte sie und befürchtete, dass er eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. Doch er reagierte sofort.

„Ja, klar. Der Arm ist gebrochen, Gips für sechs Wochen.“

„Du bist ja ein richtiger Poet!“, rief sie aus, zog sich einen Hocker unters Gesäß und legte ihm die erste Gipsbinde auf den Unterarm. „Aber jetzt sag mir doch, was mit dir los ist. Was ist bei dem Unfall passiert? Oder vor dem Unfall.“

Benny sah betreten zu Boden. „Ich wollte… na ja, eigentlich wollte ich nicht, irgendwie musste ich… jedenfalls war da dieses Loch, diese plötzliche Leere in meinem Bauch und da wollte ich gegen den Lastwagen fahren. Eigentlich nicht absichtlich, aber dann doch wieder. Ich weiß auch nicht.“ Er sank in sich zusammen und ließ kraftlos den Kopf auf die Brust fallen.

Die Ärztin hielt inmitten ihrer Arbeit inne und sah ihren Patienten irritiert an.

„Du wolltest Selbstmord begehen, indem du mit deinem Wagen in einen LKW rast?“

Benny liefen die Tränen über die Wangen. „Es war ja nicht so, dass ich es geplant habe und ich will auch gar nicht sterben! Das Leben ist schön und ich weiß nicht, was da draußen los war. Halten Sie mich jetzt bitte nicht für verrückt, aber am besten kann ich es beschreiben: die plötzlich auftretende Leere in mir hat mich dazu veranlasst, das Lenkrad nach links zu ziehen. Doch ganz knapp vor dem Zusammenstoß hatte ich mich wieder unter Kontrolle und bin noch mehr nach links gefahren, weil der Lastwagen auf meine, also die rechte Fahrspur ausweichen wollte. So haben wir gemeinsam den Unfall verhindert. Meinen Sie, ich bin psychisch krank? Falle ich vielleicht gar schon unter die Rubrik ‚Reif für die Psychiatrie’?“

Rosalie wünschte, sie könnte ihm mit einem Lachen bestätigen, dass er völlig falsch lag, doch ihr keimte der Verdacht, dass mit seiner Psyche tatsächlich etwas nicht in Ordnung ist. Dennoch wollte sie ihn nicht beunruhigen.

„Ist so etwas schön öfter vorgekommen? Ich meine eine solche Leere oder Suizidgedanken? Fühlst du dich manchmal traurig oder so schwer, dass du morgens nicht aufstehen willst?“ Sie formulierte ihre Fragen bewusst weitläufig, denn ihr ist an ihm noch nie etwas aufgefallen, das sie als pathologisch eingestuft hätte.

„Nein, so gesehen nicht. Natürlich war ich traurig, als mein Vogel gestorben ist und wer steht morgens schon gerne auf? Aber nein, das ist so wie bei all den anderen Jungs in meinem Alter auch. Oder auch bei fast allen anderen Menschen, nehme ich an.“

Rosalie nahm ihre Arbeit am Gipsverband wieder auf und strich ihn nachdenklich glatt. Sie hatte nicht den Eindruck, als wäre er wirklich psychisch krank und sie wollte ihn auch nicht beunruhigen. Dennoch nahm sie sich vor, ihn ein bisschen im Auge zu behalten.

„Ich nähe noch rasch deine Platzwunde an der Stirn und dann bringe ich dich nach Hause. Du ruhst dich zwei Tage aus und dann kommst du zu mir zur Kontrolle. Ich würde diese Leere nicht überbewerten, aber sei achtsam. Wenn du sie wieder verspüren solltest, wenn du mit dem Wagen unterwegs bist, bleib sofort stehen und zieh den Zündschlüssel ab. Wenn du auf der Straße gehst, setz dich sofort auf den Boden und klammere dich an einer Dachrinne oder an einem Fahrradständer fest. Du weißt, was ich meine?“

Benny nickte erleichtert. „Danke, das werde ich. Und ich werde dann sofort zu Ihnen kommen, damit wir darüber reden können.“

Rosalie lächelte. Diese Landeier, die ihr blind vertrauten, werden ihr in der anonymen Stadt fehlen; ganz bestimmt.

„Aber auf den Jahrmarkt darf ich morgen am Abend schon gehen, oder? Sie bauen schon auf der großen Festwiese die Zelte und die Karusselle auf. Ich habe meinem Mädchen nämlich versprochen, sie morgen groß auszuführen.“

„Ach so? Ein Jahrmarkt? Aber natürlich, da spricht nichts dagegen. Wie lange bleiben denn die Schausteller im Ort? Ich habe gar keine Plakate gesehen.“

„Sie haben scheinbar keine aufgehängt, sie waren heute am Morgen einfach da. Aber sie haben ein großes Transparent aufgestellt, auf dem steht ‚pro Fahrt nur dreißig Cent! Bei allen anderen Jahrmärkten in der Umgebung zahlt man das Siebenfache und mehr. Um dreißig Cent darf man bei den anderen Jahrmärkten nicht mal bei den Fahrten zusehen. Und ich bin mir sicher, dass sie das ganze Wochenende über hierbleiben. All die Karusselle und Buden aufzubauen rentiert sich für einen Tag und eine halbe Nacht ganz bestimmt nicht. “

Rosalie lachte und legte ihm die Hand auf den unverletzten Unterarm. „Da hast du allerdings Recht. Die Fahrten sind heutzutage überall schweineteuer, das muss man ausnutzen. Ich werde auch hingehen, aber fühle dich nicht von mir kontrolliert, hörst du? Aber jetzt muss ich deine Wunde nähen, sonst heilt sie vielleicht noch von selbst zusammen und ich kann dir kein Honorar dafür ausstellen“, scherzte sie und holte die Vereisungsspritze, eine chirurgische Pinzette und den Nadelhalter mit der goldenen Spitze.

Nachdem sie die den Verband auf die Wunde geklebt, sich bei Mike bedankt und Benny nach Hause gebracht hatte, fuhr sie wieder in ihre Praxis und hielt noch tapfer weitere zwei Stunden mit ihren Stammpatienten durch. Dann fuhr sie nach Hause, legte ihre Kleidung inklusive BH und Slip ab, schlüpfte in ein leichtes Sommerkleid und ging barfuß am Strand spazieren. Ihr Kopf war überlastet und sie fühlte sich etwas erschöpft. Dagegen half nichts besser als ein kurzer Spaziergang am Stand. Schon die Wärme des Sandes unter auf ihren Füßen empfand sie als entspannend; von den sanften Tönen des leisen Merresrauschens ganz zu schweigen.

4

Doch an diesem Tag wollte sich die Entspannung nicht so recht einstellen. In ihrem Magen hatte sich eine schwer zu definierende Nervosität eingenistet, die sich nicht vertreiben ließ. Sie blieb stehen und ließ mit der Erinnerung an die überaus eigenartige Stimmung der letzten Nacht ihren Blick über das Meer schweifen und konzentrierte sich dabei nur auf ihre Gefühle. Sie lauschte in ihr Inneres, ob sich da beim Anblick des Wassers oder der Bäume noch etwas anderes in ihr regte, doch da war nichts. Sie fröstelte nicht und sie hatte auch nicht den Eindruck, als wäre die See irgendwie anders als sonst. Nichts fühlte sich eigenartig, mystisch oder abartig an. Dennoch war das eigenartige Gefühl der letzten Nacht noch deutlich in ihr spürbar. Sie fühlte sich nicht ganz wohl, wollte aber wieder unbelastet sein. Deshalb blickte sie sich rasch um, ob jemand in der Nähe war. Wie bereits vermutet war sie auf dem weitläufigen Sandstrand allein. Hierher verirrte sich so gut wie niemand. Wie schon so oft streifte sie ihr leichtes Kleid über den Kopf und legte sich nackt ins seichte Wasser. Die wenigen Wellen, die rhythmisch ans Ufer schwappten, benetzten ihren Körper hinauf bis an die weichen Brüste. Sie liebte diese zarten Berührungen des Wassers, denn sie waren sinnlich, erotisch und naturbelassen zugleich. Das leicht kühlende Element schwappte rhythmisch über ihre Haut und hinterließ ein leichtes Kribbeln; gar so, als würde es sich jedes Mal verabschieden, wenn es sich wieder zurückzog. Rosalie schloss die Augen und ließ ihre Gedanken los. Sie hörte nur noch das leise Wispern der salzigen Meerestropfen und den leisen Wind, der eine beruhigende Melodie in ihr Ohr sang.

Sie blieb lange liegen, obwohl sie sich immer wieder halbherzig zum Gehen ermahnte. Viel zu sehr genoss sie das Zusammenspiel von Wasser und Sonne; die warmen Strahlen heizten ihre Haut ein wenig auf und die sanften Wellen kühlten sie wieder ab.

Sie erlaubte ihren Gedanken, sich in die letzte Windung ihres Gehirns zurück zu ziehen und schaltete den Verstand ab. Sie ließ sich nur noch von den Elementen tragen und vergaß dabei die Zeit und alles, das sie umgab.

Als jedoch ein Schatten die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht raubte, öffnete sie die Augen und sah Taylor neben sich stehen. Ohne sich aufzurichten schirmte sie ihre Augen mit der Hand gegen die Sonne ab und lächelte. Doch noch ehe auch nur ein einziges Wort zwischen ihren Lippen hervorkam, hatte er sich auf sie gelegt und leidenschaftlich geküsst. Aus ihren Küssen entbrannte lodernde Leidenschaften, die sie ohne jede Scham in den kühlenden Wellen des Meeres genossen.

Nachdem sie sich den Sand vom Körper und aus den Haaren geduscht hatten, saßen sie bei einem frühen Abendessen auf der Veranda. Taylor hatte unbewusst seiner Frau die Schreckgespenster der Nacht durch seine Leidenschaft vertrieben und sie fühlte sich wieder frei und gestärkt. Während sie die Paella aufteilte, fragte sie ihn mehr beiläufig als direkt, wie denn sein Tag an der Uni gelaufen war.

„Im Moment sind meine Studenten ganz in Ordnung. Sie sind noch wissbegierig, aufmerksam, pünktlich und interessiert. Frag mich in zwei Monaten wieder, dann werde ich ganz anders von der Rasselbande berichten!“

Rosalie lächelte, denn sie wusste, wie sehr er seine Studenten und das Unterrichten liebte. Er forderte die Studenten, gab ihnen aber niemals das Gefühl, dämlich zu sein; und das wussten sie zu schätzen. Zumindest der Großteil. Für ihn hatte es niemals einen anderen Berufswunsch gegeben, als Geschichte an einer Universität zu unterrichten. Selbst wenn er sich hin und wieder über seine Studenten und deren Unfähigkeit lauthals beschwerte, liebte er seinen Job über alles. Besonders hatte es ihm das mystische Mittelalter, in dem Hexen verbrannt und Minnesänger umschwärmt wurden, angetan. Als Ritter für ein gar feines Burgfräulein die Schwerter zogen und die Lehnsherren den Untertanen das letzte Hemd auszogen, wenn die Ernte nicht genug für die Steuern abwarf. Darin konnte er sich stundenlang verlieren und dementsprechend kompetent war er auch. Während der letzten drei Jahre wurde er sogar immer wieder von anderen Universitäten eingeladen, an deren wissenschaftlichen Forschungen teilzunehmen und seine Expertenmeinung wurde vielerorts geschätzt und gewürdigt. Nicht selten wurde er auch zu feierlichen Anlässen in altehrwürdige Universitäten eingeladen und genoss dort stets die Aufmerksamkeit, die man ihm seitens des Professorenkollegiums schenkte; auch wenn er vergleichsweise noch sehr jung war.

Rosalie schätzte sich glücklich, einen so gebildeten und beliebten Mann an ihrer Seite zu haben. Sie liebte ihn während jeder einzelnen Sekunde ihres Lebens.

„Heute bin ich übrigens bei Don Henlins Feld vorbeigefahren“, platzte er plötzlich heraus und zerrte damit Rosalie aus ihren Gedanken.

„Den Geruch, der durchs Autofenster ins Innere gedrungen war, kann man nur mehr als widerlich, echt atemberaubend bezeichnen. Es hat bestialisch nach verfaultem Grünzeug gestunken und Don stand am Rand des Ackers und starrte in Richtung Wald, aber irgendwie ganz eigenartig. Also bin ich ausgestiegen und habe zuerst den verfaulten Kohl gesehen. Alle Köpfe waren völlig schwarz und lösten sich bereits zu einer dickflüssigen Masse auf.

Als ich Don angesprochen habe, reagierte er gar nicht. Erst als ich ihn an den Schultern gepackt und angeschrieen habe, kam er in unsere Welt zurück. Ich hatte den Eindruck, als wäre er völlig abwesend gewesen. Als er dann Worte fand erzählte er mir, dass noch gestern die Pflanzen hellgrün waren, der Boden saftig und die Blätter knackten noch so richtig gesund und voll Leben. Und am nächsten Tag lagen sie tot und zermatscht am Boden und stanken vor sich hin. Ich habe ebenso wenig Ahnung, was mit den Kohlköpfen passiert ist wie er, aber es ist schon sehr eigenartig.“

Rosalie ließ ihre Gabel mit der Paella in der Luft schweben. „War es vielleicht der heftige Regen von letzter Nacht?“

Taylor schüttelte den Kopf. „Das war auch mein erster Gedanke, aber Don meinte, das wäre keinesfalls möglich. Dafür war der Regen nicht intensiv und lang andauernd genug. Es würde zumindest eine Woche durchgehend regnen müssen, um die Pflanzen derart zu zerstören. Seine komplette Ernte ist hinüber – und somit auch seine Existenz.“

Rosalie schluckte schwer. Sie stellte sich vor, dass sie und Taylor vor dem Nichts standen und fühlte sich dabei schlagartig elend. „Dann sollten wir ihn unterstützen, damit er das Jahr bis zur nächsten Ernte übersteht.“

Taylor nickte und lächelte. Sie sah ihm an, dass er in seinem Kopf bereits ein Aktionsplan schmiedete, der dann auch realisierbar und vor allem brauchbar war. „Du bist die Beste!“, hauchte er und küsste sie auf ihr noch feuchtes Haar.

„Ich hatte heute auch ein eigenartiges Erlebnis“, unterbrach sie seinen Gedankenstrom, ohne es zu merken. Sie erzählte ihm von Benny und seinen Suizidabsichten, die er eigentlich gar gehabt hatte.

„Die beiden Vorfälle hören sich wirklich sehr eigenartig an. Noch dazu haben sie sich am gleichen Tag ereignet. Das Schicksal schlägt doch zeitweise richtige Kapriolen.“

Um diesem doch ziemlich deprimierenden Thema zu entkommen erzählte Rosalie vom Jahrmarkt, bei dem eine Fahrt angeblich nur dreißig Cent kosten sollte.

„Da gehen wir auf alle Fälle hin! Gleich morgen am Abend. Auf eine Fahrt mit der Geisterbahn warte ich ohnehin schon viel zu lange! Dich mit deiner weißen Peelingmaske zu sehen reicht auf Dauer nicht aus“, witzelte er und hob sofort die Unterarme in Abwehrstellung vor sein Gesicht. Rosalie sprang gespielt wütend auf und schlug mit ihrem Sitzpolster auf ihren Ehemann ein, der sie allerdings an der Taille packte, über seine Knie legte und ihr mit leichten Schlägen den Hintern versohlte. Sie lachten, rangen, küssten einander und gaben sich erneut der Leidenschaft hin, bis es vom Meer her zu dunkeln begann.

5

Schon am frühen Morgen, kurz bevor die Zeiger sich auf dreiviertel sechs Uhr, ausstreckten, als würden sie den Tag mit einer komplizierten Yoga-Übung begrüßen, läutete Rosalies Handy. Schlaftrunken tastete sie danach und stieß das Wasserglas auf dem Nachttisch um, das zu ihrem Glück, leer war. Die tote Fliege, die am Boden des Glases gelegen hatte, lag nun auf dem weichen Holzboden neben den blauen Pantoffeln.

Als Rosalie das läutende Ungetüm gefunden hatte, war sie zumindest so weit wach, dass sie den Anruf entgegennehmen und nicht nur die leuchtenden Ziffern anstarren konnte.

„Frau Doktor, hier ist Frieda Elms. Meine Mutter atmet nicht mehr und sie ist ganz grau und kalt und…. Bitte kommen Sie schnell!“

Rosalie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hoffte, damit auch den Schlaf mitzunehmen. „Frieda“, sagte sie in beruhigendem Ton. „Ihre Mutter hat vermutlich ihr Leiden hinter sich gebracht und ist nun an einem besseren Ort. Wir haben gestern darüber gesprochen, dass es nicht mehr lange dauern wird. Wir können

Dankbar sein, dass sie nicht mehr lange leiden musste. Sie hat ihr Leben gelebt und etwas ganz Wunderbares hinterlassen: Sie, ihre Tochter und zwei hinreißende Enkelkinder. Ich denke, sie ist in Frieden mit sich und der Welt gegangen.“

Eine Weile hörte es sich so an, als wäre nicht nur Friedas Mutter tot, sondern auch die Telefonleitung. Doch noch ehe Rosalie nachfragen konnte, ob da noch jemand sei, seufzte Frieda. „Sie haben recht, vielen Dank. Ich muss in Liebe loslassen.“

„Das ist gut. Bedanken Sie sich noch bei ihr und geben ihr ihren Seelenfrieden mit auf den Weg. Ich komme in einer Stunde vorbei um mich von ihr zu verabschieden und um die Formalitäten zu erledigen. Sie ruht jetzt in Frieden; lassen Sie sie gehen.“

Damit legte sie auf und warf einen Blick auf Taylor, der sie, auf seinen rechten Ellenbogen gestützt, liebevoll ansah.

„Womit habe ich nur eine so warmherzige Frau, die um sechs Uhr morgens diese mitfühlenden Worte findet, nur verdient?“

Rosalie lächelte. „Das hast du altes Ekel gar nicht, aber mich hat der Weihnachtsmann zu dir gebracht und deshalb bin ich verdammt, auf ewig bei dir zu bleiben!“

Taylor warf sich auf sie, doch sie wich geschickt aus und war auch schon aus dem Bett. „So gern ich jetzt mit dir raufen würde, aber ich kann nicht“, beteuerte sie. „Mach mir lieber einen starken Tee mit viel Milch und Liebe!“, flötete sie und ließ ihm als Dank einen Blick auf ihr nacktes Hinterteil gewähren.

Bei den Elms herrschte tiefe Trauer, die schon am renovierungsbedürftigen Gartenzaun deutlich zu fühlen war. Als wäre das ganze Haus in eine dicke, schwarze Wolke aus Trauer, Tränen und Abschied gehüllt, die ihren Inhalt in voller Intensität auf die Bewohner vergoss. Das Innere des Hauses empfand Rosalie als so düster und beklemmend, als würde sie der Verstorbenen einen Besuch in ihrem Grab abstatten. Man kann auch übertreiben, dachte sie und überlegte, ob die alte Dame vierundneunzig oder sechsundneunzig Jahre alt geworden war. Doch noch ehe sie zu einem Ergebnis kam, hing Frieda an ihr und weinte ihre verbitterten Tränen auf die Schulter. „Hätte sie nicht noch ein weiteres Weihnachtsfest mit uns feiern können?“, fragte sie verzweifelt und schluchzte laut auf.

„Es ist immer viel zu früh, wenn die Eltern von uns gehen; egal, wie alt sie geworden sind. Es tut mir sehr leid, Frieda, sie war ein richtig guter Mensch. Wir alle werden sie sehr vermissen. Sie hinterlässt aber nicht nur eine Lücke, sondern auch ihr Licht, das sie zu Lebzeiten verbreitet hat. Erfreuen wir uns daran und denken wir oft in Liebe an sie.“

Mit diesen Worten löste sie sich von der Trauernden und bahnte sich ihren Weg durch die restlichen Familienmitglieder. Jedem von ihnen schenkte sie ihre stille Anteilnahme.

Die alte Dame lag friedlich auf dem Rücken und war eindeutig tot. Dennoch überprüfte sie die Pupillenreaktion und schrieb ein EKG, das natürlich nur eine stabile Nulllinie zeigte. Die Totenstarre hatte auch schon eingesetzt und die Totenflecken waren eindeutig am Rücken und Gesäß sichtbar. Jetzt war sie nur noch ein Fall für den Bestatter, ihre Arbeit war nach dem Ausfüllen des Totenscheins erledigt. Sie dachte an die wartenden Patienten, die sich in ihrer Praxis vermutlich schon türmten und verabschiedete sich relativ rasch von den Trauernden, die immer mehr zu werden schienen. Sie hatte das Gefühl, als würde das Haus aus allen Nähten platzen, würde sie noch eine halbe Stunde länger bleiben. Offensichtlich hatte Frieda die ganze Gemeinde von dem tragischen Vorfall informiert oder informieren lassen und sie gleichzeitig eingeladen, von ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Ganz gleichgültig, ob sie die Frau näher gekannt hatten oder nicht. Nach alter Sitte beließen sie die Verstorbene drei ganze Tage in ihrem Bett, damit jeder die Möglichkeit fand, sich von ihr zu verabschieden. Selbst für jene, die von sehr weit wegkommen wollten, bot diese Frist genügend Zeit. Rosalie bezweifelte allerdings, dass sie noch Freunde hatte, denn in ihrem Alter waren die meisten Freunde vermutlich bereits verstorben. Aber das war nun mal der Lauf der Welt. Einer kommt und einer geht. Am Anfang ist Freude, am Ende ist Trauer. Wir sollten uns langsam daran gewöhnt haben, dachte sie und ergatterte gerade noch den letzten Parkplatz vor ihrer Ordination.

Am Nachmittag brachte sie noch rasch zwei Hausbesuche im Dorf hinter sich und fiel dann erschöpft von der Arbeitswoche auf die Couch. Taylor kam zwei Stunden später von der Universität nach Hause und hatte frischen Fisch mitgebracht, den sie gleich würzten und in die Pfanne legten. Rosalie hatte zwar Appetit auf etwas Deftigeres, aber sie begnügte sich mit dem Kartoffelsalat aus dem großen Plastikbecher, den sie vor einigen Tagen aus dem Supermarkt mitgebracht hatte. Am Jahrmarkt würde sie sich ein heißes, fettiges Langos mit viel frischem Knoblauch gönnen und ihren Hunger auf Deftiges stillen. Darauf freute sie sich und ließ sich den Fisch trotzdem schmecken.

6

Und wieder war es kurz vor sechs Uhr morgens als das Handy der Ärztin läutete. Noch dazu an einem dunklen Samstag, an dem sie nur zu gerne ausgeschlafen hätte. Doch ihr Pflichtbewusstsein ließ sie nach dem Krachmacher auf ihrem Nachttisch greifen. „Baxter“, meldete sich knapp, denn sie war noch mehr im Land der Träume als in der Realität.

„Frau Doktor!“, kreischte eine beinahe hysterisch klingende Stimme ins Telefon. „Sie müssen sofort kommen! Meine Mutter…. Sie verlangt ihr Frühstück! O mein Gott, Sie haben sie für tot erklärt, dabei hat sie mächtig Hunger und sieht fitter als mit achtzig aus. Was haben Sie nur mit ihr gemacht? Kommen Sie schnell, ich muss Ihnen danken! Sie haben mir meine geliebte Mum zurückgebracht!“

Rosalie erkannte Frieda Elms Stimme und schüttelte energisch den Kopf, um klare Gedanken fassen zu können.

Taylor war wach und sah seine Frau fragend an. „Was ist denn mit der hysterischen Elms los? Ihre Mutter lebt?“

Rosalie zuckte mit den Achseln. „Blödsinn! Ich habe sie gestern untersucht, sie war eindeutig tot. Eine Nulllinie am EKG, die Pupillenreflexe waren weg und die Totenflecken sowie die Totenstarre waren eindeutig sichtbar. Sie lag mit offenem Mund in ihrem Bett als wartete sie darauf, dass man ihr eine Münze auf die ausgetrocknete Zunge legt, um den Fährmann auf dem Fluss Styx zu bezahlen.“

Taylor schüttelte den Kopf. „Vielleicht sollten wir der alten Dame rasch gemeinsam einen Besuch abstatten. Und auf dem Rückweg plündern wir die Bäckerei. Ich habe Lust auf Süßes, und wenn die Zimtschnecke nicht ausreicht, muss ich dich danach auch noch vernaschen“, witzelte er und schwang die Beine aus dem Bett.

Normalerweise nahm sie ihn nicht zu ihren Patienten mit, aber diese Situation war eine Ausnahme. Diese Frau war mit Sicherheit tot gewesen, als sie sie untersucht hatte, daran gab es keinerlei Zweifel. Was nun geschehen war, konnte sie sich nicht erklären. Deshalb war sie auch froh, dass von Taylor dieser Vorschlag gekommen war. Er gab ihr Halt und Selbstvertrauen, das sie jetzt ganz dringend brauchte. Denn obwohl sie sich sicher war, dass die alte Dame tatsächlich tot war, so krochen dennoch Zweifel an ihrer Kompetenz in ihr hoch, gegen die sie sich nicht wehren konnte.

Rosalie lenkte ihren Wagen langsam durch die Straßen, denn sie hatte es nicht allzu eilig, die lebende Frau, die sie für tot erklärt hatte, zu sehen. Allerdings konnte sie es noch immer nicht glauben und brauchte die Bestätigung, indem sie sie ansah und mit ihre redete.

Sie betrat auch ganz vorsichtig das etwas muffig riechende Zimmer und fand die alte Dame tatsächlich fröhlich kauend und mit rosa Bäckchen in ihrem Bett vor. Rosalie verschlug es die Sprache und sie musste sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer setzen. Er ächzte und neigte sich ein wenig zur Seite, sodass sie Angst hatte, er würde unter ihrem Gewicht zusammenbrechen. „Wie geht es Ihnen?“, fragte sie beinahe tonlos, doch die Frau verstand sie sehr gut. Aus munteren Augen sah sie ihren Besuch an und lächelte. „Danke! Ich fühle mich wie neu geboren, aber Sie! Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. Vielleicht sollten Sie ein paar Tage ausspannen.“ Dann biss sie herzhaft von ihrem Schinken-Käse-Bagel mit reichlich Mayonnaise ab, kaute ihn kräftig, schluckte, trank Tee nach und rülpste herzhaft, ohne sich dafür zu entschuldigen oder schämen.

Rosalie stand mit zittrigen Knien auf, rang sich ein Lächeln ab und ließ sich von Taylor zum Wagen führen; auf das Messen ihres Pulses verzichtete sie irritiert. Er bugsierte sie gleich auf den Beifahrersitz, denn er wusste, dass sie im Moment nicht fahrtüchtig war.

In dem Haus hatte eine widerlich fröhliche Stimmung geherrscht, die angesichts der Wiederauferstehung der Mutter, Großmutter und Urgroßmutter nicht nachvollziehbar war. Wie konnte das sein? War sie scheintot gewesen? Oder waren da dunkle Mächte am Werk gewesen? Jedenfalls vertraute er dem Urteil seiner Frau. Die alte Dame war mit Sicherheit tot gewesen.

Tief in Gedanken versunken fuhr er an der Dorfbäckerei vorbei, denn er verspürte nun keinen Hunger mehr. Der Appetit auf Zimtschnecken war ihm gerade gehörig vergangen. Und auch auf seine Frau, was noch viel seltener vorkam. Gedankenversunken fuhr er nun ebenso langsam wie Rosalie auf dem Weg zu den Elms und musste den Rest seiner geringen Konzentration auf die Straße lenken, was ihm allerdings nur sehr schwer gelang. Ein sehr flaues Gefühl hatte sich wie ein Eispickel in seinem Inneren festgesetzt und ließ sich nicht mehr herausziehen. Im Wagen herrschte eine Art von Schockzustand; keiner von beiden sprach auch nur ein einziges Wort und die Luft war dick wie Gelee.

Zu Hause löste sich ihre Starre und sie diskutierten mehr als eine Stunde über das plötzliche Wiederkehren der Lebensgeister in der alten Dame. Doch es gab keine wissenschaftliche Erklärung dafür und an Wunder glaubten sie beide nicht.

„Auch wenn das jetzt verrückt klingt, aber ich habe langsam den Eindruck, als würden sich hier im Dorf seltsame Dinge abspielen, denen man auf den Grund gehen sollte. Denk doch nur an Don Henlins verfaultes Kohlfeld und an Benny, der sich umbringen wollte, aber es doch nicht wollte. Und dann die Tote, die nach vierundzwanzig Stunden wieder bei bester Gesundheit im Bett sitzt und rülpst, als wäre sie ein Holzfäller nach der Mittagspause. Das ist doch alles nicht mehr normal!“

Rosalie nippte an ihrem inzwischen lauwarm gewordenen Schwarztee und nickte stumm. „Wenn man es in Summe betrachtet, hast du absolut Recht. Es könnte aber auch reiner Zufall sein. Und wer glaubt schon an dunkle Mächte? Es muss eine rationale Erklärung für diese drei Vorfälle geben. Ein Mensch wird nicht mehr lebendig, nachdem sich Totenflecken auf seinem Rücken gesammelt und die Totenstarre eingesetzt hatte. Sie war tot! Sie war ganz eindeutig tot! Ich bin doch nicht verrückt.“

Taylor konnte ihre Verzweiflung regelrecht spüren und sprang auf, um sie in die Arme zu nehmen. Beinahe im gleichen Augenblick begann sie heftig zu schluchzen und zu weinen.

In diesem Moment wurde Taylors Neugierde endgültig geweckt. Er verspürte dieses altbekannte Verlangen in sich, wenn er bei Ausgrabungen auf weitreichende Erklärungen, die die Artefakte ihm stumm mitteilten, wartete. In seinem Inneren flammte ein Feuer auf, das sich in kürzester Zeit zu einer Feuersbrunst entwickeln und in einen Flächenbrand übergehen würde. Nun hatte ihn die Leidenschaft, bislang Unerklärliches und Unentdecktes zu erforschen, zu benennen und die Rätsel zu lösen mit eisernen Klauen gepackt. Von diesem Punkt weg gab es kein Zurück mehr, die Würfel waren gefallen.

Er ließ sie los, setzte sich wieder ihr gegenüber an den Tisch und faltete die Hände vor der Nase. „Fassen wir zusammen: Benny wird von irgendetwas getrieben, seinen Wagen gegen einen LKW zu steuern um sich selbst zu töten. Don Henlins Kohlfeld verfault von einem Tag auf den anderen und eine tote Frau wird nach genau vierundzwanzig Stunden wieder lebendig. Drei verschiedene Begebenheiten, die nichts miteinander zu tun haben außer, dass sie für unseren Verstand unerklärlich sind. Also muss es einen gemeinsamen Nenner geben, den wir suchen müssen.“

Rosalie sah ihn fragend an. „Müssen? Wir? Wieso wir? Eigentlich betrifft uns das ganze doch gar nicht, wir sind doch nur Randfiguren, die zufällig in die drei Geschehen involviert wurden. Wieso siehst du es als unsere Aufgabe an, das Mysterium dahinter zu erkunden?“ Taylor sah sie streng an. „Da geht etwas bombastisch Unerklärliches, ja direkt schon Mystisches vor sich und du willst dir die Gelegenheit entgehen lassen, es am Schwanz zu packen und in die Hölle zurück zu befördern? Ist das wirklich dein Ernst?“

Rosalie versuchte mit all ihrer Kraft, ein Lachen zu unterdrücken, doch schon nach nur wenigen Sekunden prustete sie laut und verlor sich in einem Lachkrampf. Ihr Mann war einfach genial! Er schaffte es immer wieder, sie in kürzester Zeit aus einem emotionalen Tief zu holen.

„Lass uns doch heute am Abend mal den Jahrmarkt genießen; ich mag nicht mehr über lebende Tote und verfaulte Kohlköpfe nachdenken. Ich will mich wieder einmal so richtig amüsieren. Und bei den Preisen, die sie angeblich verlangen, können wir völlig ungehemmt die Sau rauslassen.“

7

Am folgenden Abend war das ganze Dorf auf den Beinen. Sie alle wollten das mehr als großzügige Angebot des Jahrmarktes nutzen um sich hemmungslos zu amüsieren, ohne dabei an die Kosten denken zu müssen. Kaum ein Haus zeigte sich beleuchtet; nur die Schwachen und Kranken blieben zu Hause und malten sich vielleicht aus, wie sich eine Fahrt auf dem großen Kettenkarussell oder durch die Geisterbahn anfühlen mochte. Erinnerungen aus Jugendtagen stiegen in ihnen auf und ließen so manchen von ihnen wehmütig seufzen. Wohin ist nur die Zeit gekommen, fragte sich so mancher und schwelgte weiter in alten Erinnerungen während sich seine Einlage in der Hose langsam füllte und die dritten Zähne vor Erregung leise klapperten.

So mancher hatte das Glück und konnte den einen oder anderen Blick aus dem Fenster werfen und war von all den blinkenden Lichtern auf den Buden und Ständen fasziniert. Schon von weitem konnte man die bunten Lichter sehen, die die abendliche Dunkelheit in lebendiges Treiben verwandelte. Sie konnten mitunter das Knallen der Gewehre an den Schießbuden hören, an denen junge Männer ihre Mädchen beeindrucken wollten. Doch nur selten bekam eine von ihnen den großen Preis, der verlockend im Rampenlicht der Bude hing um kräftig zahlende Kundschaft anzulocken. Die Taktik der Schausteller änderte sich offenbar nie.

Rosalie und Taylor durchschritten eng umschlugen den hell beleuchteten Torbogen am Eingang und fühlten sich sofort von der Magie des Jahrmarkts in Besitz genommen. Alte Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend perlten wie die feinen Bläschen in einem Glas Champagner in ihnen auf und durchfluteten sie mit wohligen Empfindungen an ihre Kindheit und Jugend, nicht aber mit konkreten Erinnerungen an einen solchen Jahrmarktbesuch. Es war ein heimeliges Gefühl, das nach Sorglosigkeit und Heiterkeit schmeckte.

Rosalie hakte sich gut gelaunt bei Taylor unter und zerrte ihn zum Autodrom, den Anziehungspunkt für die jugendlichen Besucher. Gerade als sie ankamen, ertönte das typische Signal und die ersten Funken stoben eisblau aus den Antennen. Dann setzten sich die Autos in Bewegung und es wurde gelacht, gekreischt, gegeneinander gefahren, Lenkräder wurden hektisch gedreht und Gaspedale bis zum Anschlag durchgetreten. Die beinahe ohrenbetäubende Musik trug dazu bei, den Alltag zu vergessen und sich nur dem Amusement hinzugeben. Dass jede Fahrt pro Person wirklich nur dreißig Cent kostete, verleitete dazu, sich einem noch längeren und intensiveren Vergnügen hinzugeben. Geld spielte bei diesem Preis keine Rolle; für keinen einzigen von den zahlreichen Besuchern.

Doch Rosalie wollte sich vorerst alle Buden und Attraktionen des Jahrmarkts ansehen, ehe sie sich in eine Gondel, auf ein Karussellpferd oder in einen Wagen setzte. Doch Taylor zog sie einfach mit sich zur Geisterbahn, löste beinahe im Vorbeigehen zwei Tickets und bugsierte sie in den letzten Waggon des Zugs, der gerade durch ein mit scharfen Zähnen bewehrtes Maul in die Finsternis dahinter verschwand.

„Die Geisterbahn ist doch voll öde!“, meckerte sie, doch gleich danach schrie sie aus Leibeskräften. Ein kalter Windhauch war über ihr Gesicht gehuscht und etwas hatte sie an der Schulter gepackt. Panisch drehte sie sich um, doch da war nichts. Als sie wieder nach vorn blickte, starrte sie in die feuerroten Augen einer riesigen Spinne, die geradewegs auf ihr Gesicht zugeschossen kam. Rosalie kreischte erneut auf und duckte sich weit unter den Rand des Waggons.

Kurz danach wagte sie es, wieder hervor zu lugen und wurde dabei durch einen kräftigen Stoß von der Seite an die metallene Wand des Wagens geschleudert. Durch die sofort darauffolgende scharfe Linkskurve wurde sie auf die rechte Seite geschleudert und fand gerade noch an Taylors Arm Halt. Das Beil, das nur knapp ihr Gesicht verfehlte und warme Tropfen, die im ersten Moment an Blut erinnerten, auf ihrer Haut hinterließ, ließ sie erneut aufschreien.

Nach etlichen qualvollen Minuten der Angst und des Schreckens rollte der Waggon wieder ins Freie und der Spuk hörte auf. Rosalie saß mit klopfendem Herzen keuchend neben, oder beinahe schon auf Taylor drauf und war froh, der Geisterbahn lebend entkommen zu sein.

„Ja, du hast Recht. Die Geisterbahn ist voll öde. Damit fahren wir nicht mehr!“, rief Taylor amüsiert aus und kletterte aus dem Wagen. Rosalie blieb noch ein Weilchen sitzen, denn sie hatte Angst, dass die Beine ihren Dienst versagten.

„Ich war nur nicht darauf vorbereitet, das ist alles. Du hast mich mit der Fahrt völlig überrascht. Hätten wir vorab darüber gesprochen, wäre die Fahrt ganz anders verlaufen.“

Taylor küsste sie aufs Haar und reichte ihr die Hand, um sie aus dem Waggon zu ziehen. Ihre Argumente ließ er mit einem Lächeln unkommentiert.

Zur Entspannung fuhren sie mit dem großen Pferdekarussell, auf dem sich jedes zweite Pferd nach oben und unten bewegte. Die anderen Pferde konnte man durch das rhythmische Bewegen der Hüften dazu bringen, sich nach vor und zurück zu bewegen. Es sollte einen Ritt auf einem lebenden Pferd simulieren, doch es war zum Großteil bloß ein sehr anregender Blickfang für die Männer, wenn sich Frauen auf diese Pferde setzten. Kein Wunder, dass diese Attraktion von Männern gesäumt war, die sofort auf den ersten Blick an einen lebenden Zaun erinnerten.

Durch die rockige Musik lockte nun auch wieder das altbewährte Autodrom mit seinem Versprechen, absichtlich in andere Fahrzeuge rasen zu dürfen und die beiden ließen sich von diesem Angebot einfangen. Sieben Mal kauften sie neue Jetons um lachend andere Fahrzeuge und Dorfbewohner zu attackieren. Sie hatten Spaß ohne Ende und Rosalie war nach der letzten Fahrt schon beinahe ausgelaugt. So viel Amusement auf einmal hatte sie schon lange nicht mehr.

Nun war sie aber hungrig geworden und sie suchten den Stand, der Langos zum Verkauf anbot. Der schmierige, fettige Stand passte so richtig zu den etwas schmuddeligen anderen Buden und strahlte auf seine ganz besondere Weise auch etwas Vertrautes aus.

Mit den heißen, fettglänzenden Teigrädern in der Hand suchten sie nach einer Bank, auf der sie in Ruhe ihr Abendmahl verzehren konnte. „Angst vor Vampiren brauchen wir keine zu haben“, bemerkte Taylor und fächelte seinem offenen Mund kühle Luft zu. „Hier ist so viel Knoblauch drauf, dass wir uns in Transsilvanien völlig frei bewegen könnten.“

„Na dann auf nach Transsilvanien!“, rief Rosalie aus und schmiegte sich an die Schulter ihres Mannes.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, wie blass all die Schausteller hier sind? Richtig fahl und irgendwie sogar ein wenig gräulich. Sie sehen alles andere als gesund aus.“

Taylor hielt nach ein paar Schaustellern in der Nähe Ausschau, denn er achtete nicht so genau auf die Menschen und analysierte sie nicht auf Krankheiten, die sie sichtbar vor sich hertrugen.

„Ja, jetzt, wo du es sagst, ist es schon ein wenig auffällig. Aber sie arbeiten beinahe ausschließlich nachts, da kommt es nur selten zu einem Sonnenbrand. Lass jetzt mal deinen Job in der Tasche und amüsiere dich. Die Leute werden schon wissen, was sie tun und was ihnen gut tut. Du kannst nicht die ganze Welt retten. Wenn du mich rettest, reicht das schon“, flüsterte er ins Ohr und knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen, bis sie kicherte.

Nachdem sie sich das Knoblauch-Fett-Gemisch schmatzend von den Fingern und Lippen geleckt und mit der Serviette nachgesäubert hatten, schlenderten sie zum Piratenschiff und kauften sich Jetons für vier Fahrten. Auf dem großen, hell beleuchteten Kettenkarussell kreischte Rosalie etwas später vor Angst und Vergnügen laut auf. Sie nutzten auch noch all die anderen Attraktionen, die der Rummel zu bieten hatte, mit Ausnahme der Achterbahn. Sie sah ziemlich desolat und vor allem total veraltet aus. In diese Bahn setzten sie nicht das geringste Vertrauen; weder in die Wagen noch in die Geleise und schon gar nicht in das morsch aussehende Holzgerüst, das die Schienen trug. Bei ihr waren sie lediglich Zaungäste, und schon vom Zusehen allein wurde ihnen ziemlich übel. Noch dazu standen hier die Leute Schlange; vermutlich, weil diese Fahrt ebenfalls nur dreißig Cent kostete. Bei diesen Preisen blieb kaum ein Platz leer – und zwar in allen Attraktionen.

Taylor dachte kurz daran, dass das beinahe verlassene Dorf nun ein geeigneter Ort für Einbrecher war. Fast jedes Haus stand leer, es gab keine neugierigen Nachbarn, die hinter dem Vorhang auf die Straße spähten, keine beleuchteten Räume, in denen Diebe sofort aufgefallen wären wie ein Ufo am Himmel und niemand hatte seine Wertsachen extra auf die Bank getragen, wie man es vor einem längeren Urlaubsaufenthalt üblicherweise machte. Und die Leute waren mit ihren Gedanken ganz wo anders als bei ihren Häusern und Wertsachen. Somit hätten Diebe aller Art ein sehr leichtes Spiel.

Doch Taylor wollte sich damit nicht belasten und sich die Laune verderben lassen. Er hatte so viel Spaß und konnte den Alltag mit seinen Sorgen und Befürchtungen endlich in die letzte Ecke schieben. Und so sollte es auch bis weit in die Nacht hinein bleiben.

„Was hältst du davon, mir einen neuen Kaffeebecher zu schießen?“, fragte Rosalie und unterbrach dabei seine Gedanken. „Nicht, dass ich den alten nicht mehr haben möchte, aber ich denke, es wäre Zeit für einen neuen. Schaffst du das noch einmal?“

Taylor sah sie zweifelnd an. „Ich muss gestehen, dass es damals ein absoluter Glückstreffer war; von Können war keine Rede, auch wenn ich nachher so getan hatte, als ob. Ich hatte nur angegeben um dich zu beeindrucken und um dich küssen zu können, aber ich werde es versuchen und mein Bestes geben. Schauen wir mal, ob es an der Schießbude überhaupt noch Kaffeebecher gibt. Mit einer solchen Prämie lockt man heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.“

Rosalie nickte und sie schlenderten zur Schießbude, an der sich, wie in alten Zeiten, die jungen Männer wie Gockelhähne präsentierten um ihren Mädchen, die sie ausführten, zu imponieren.

Taylor lehnte sich zu Rosalies Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Sie sah ihn an, lächelte breit, rümpfte die Nase und nickte eifrig mit dem Kopf.

„O Gott! Ich habe mich tatsächlich wie diese Burschen benommen? Ehrlich? Das ist ja echt peinlich, auch wenn es jetzt schon mehr als zehn Jahre her ist!“, rief er bestürzt aus und legte beschämt die Hand über seine Augen. Als der Bursche vor ihnen seinen Schuss abgegeben und wieder das Ziel verfehlt hatte, warf er dem Schausteller wutentbrannt die leere Waffe zu und verließ fluchend den Stand. Er hatte sich gerade vor seiner Freundin und dem ganzen Dorf bis auf die Knochen blamiert. Taylor vermutete, dass er im Bierzelt seine Scham ertränken würde.

„Drei Schuss, bitte“, sagte er zu dem bleichen Mann in der Bude. „Die sollten reichen.“

Der Mann sah zuerst ihn, dann Rosalie an und lächelte, wobei seine Zahnlücken zwischen den dunkelgelb-schwarzen Zähnen zum Vorschein kamen. Er legte ihr seine kühle Hand auf den nackten Unterarm. „Ich hätte hier einen ganz bezaubernden Vogel in einem sehr speziellen Käfig. Der Bursche heißt Cornelius.“ Und wieder schenkte er den beiden sein beinahe zahnloses Lächeln. Doch Rosalie lächelte nicht mehr und es erstarb auch schlagartig die Freude am Rummel, die sie während des gesamten Abends empfunden hatte. An ihre Stelle legte sich ein Mühlstein mit dem Gewicht eines Panzers in die Magengegend und ihr wurde schlagartig übel. Ihre fröhlichen Gesichtszüge fielen abrupt in sich zusammen und in ihren Augen war blanke Angst zu erkennen.

Taylor sah, dass jegliche Farbe aus dem Gesicht seiner Frau gewichen war und legte rasch seinen Arm um sie, um sie zur nächsten Sitzbank zu weisen. Mit ihren weichen Knien kam sie nur mühsam und sehr langsam vorwärts.

„Hey, du! Bring uns doch bitte rasch einen Becher Wasser!“, rief er einem Jungen zu und kramte einen zerknitterten Geldschein aus den Tiefen seiner Jackentasche. Der Junge sah, dass es der Lady schlecht ging, schnappte sich den Schein und rannte wie vom Blitz getroffen auf das riesige, weiße Bierzelt zu.

„Was ist denn los?“, fragte Taylor besorgt und streichelte ihr Haar. „Willst du dich ein wenig hinlegen?“

Rosalie schüttelte ermattet den Kopf. „Dieser Vogel….“, stammelte sie und keuchte.

Taylor drehte sich zur Schießbude um, an der schon die nächsten jungen Männer ihr Glück versuchten. Dann sah er seine Frau ratlos an. „Was ist mit dem Vogel? Er sieht doch ganz niedlich aus. Und der Käfig ist ziemlich extravagant, sicher ein Unikat. Aber sicher nichts allzu Besonderes.“ Besorgt versuchte er in ihrem Gesicht zu lesen, denn sie ließ sich mit der Antwort Zeit.

„Ich hatte mal einen solchen Vogel, genau die gleiche Farbe und er hieß Cornelius. Mein Großvater hatte einen speziellen Käfig für ihn gebaut; genau, wie diesen. Aber das ist ewig her. Ich bekam Cornelius zu meinem elften Geburtstag. Das ist jetzt fast vierundzwanzig Jahre her. Der Käfig lag nach dem Tod des Vogels ein paar Jahre im Schuppen und wurde irgendwann entsorgt. Es gibt beides nicht mehr und doch tauchen sie hier wieder auf. Was geht hier bloß vor sich? Das kann kein Zufall sein.“

Taylor verschlug es die Sprache und er setzte etliche Male zum Sprechen an. Doch er öffnete lediglich seine Lippen, sog Luft in seine Lungen und blies sie durch die Nase wieder aus. Er konnte keine Erklärung dafür finden; zumindest keine plausible.

In diesem Moment kam der Junge mit dem Becher und reichte ihn Taylor mitsamt dem Geldschein. „Es ist Leitungswasser, das hat nichts gekostet“, sagte er und beäugte die blasse Frau mitleidig. „

„Danke! Du darfst das Geld behalten. Weil du so schnell und ehrlich warst. Du hättest damit auch verschwinden können. Du bist ein guter Junge!“

Dann wandte er sich wieder seiner Frau zu und der Junge sah lächelnd auf den Geldschein. Vermutlich überlegte er gerade, in welcher Bude er ihn ausgeben sollte. „Bist du dir sicher?“, fragte Taylor seine Frau und entschuldigte sich für diese Worte sofort. „Tut mir leid, natürlich bist du dir sicher. Du wirst doch noch den Käfig sowie dein Haustier erkennen. Aber bitte verlang jetzt keine Erklärung von mir, denn da muss ich passen. Ich glaube, mir wird auch gleich schlecht. Lass uns lieber nach Hause gehen, ich finde es hier ziemlich unheimlich, beinahe schon gruselig. Kannst du gehen? Schaffst du es bis zum Auto auf dem Parkplatz? Wenn nicht, fahre ich hierher, das ist kein Problem.“

Doch Rosalie nickte und rappelte sich langsam hoch, wagte es aber nicht, noch einen letzten Blick auf den Vogelkäfig und Cornelius zu werfen.

Während der Fahrt beobachtete Taylor seine Frau ganz genau, ließ ihr aber Raum um nachzudenken. Zu Hause dann schenkte er zwei doppelte Whisky ein und sie setzten sich auf die Veranda. Von der großen Wiese hörten sie das Wummern der Bässe sowie noch das eine oder andere Kreischen der Mädchen. Über dem Horizont lag ein bunter Lichtschein, der von den Attraktionen des Jahrmarkts ausging. Doch jetzt sah er nicht mehr einladend aus, sondern wirkte sogar ein wenig störend.

Nach einigen Minuten des Schweigens blickte Rosalie von ihrem Glas auf. „Ich muss meine Meinung revidieren und dir Recht geben. Hier gehen wirklich mysteriöse Dinge vor sich, die schon förmlich nach Aufklärung schreien. Aber was können wir tun? Ich bin mir sicher, dass mir der blaue Wellensittich nicht von ungefähr angeboten wurde. Das war gezielt auf mich gerichtet und wer weiß, ob es anderen Leuten nicht ebenso ergangen ist. Aber woher wusste der Mann in der Bude davon? Und woher konnte er den gleichen Käfig haben?“

Das Licht der Kerze flackerte leicht und ließ Taylors Gesicht ein wenig diabolisch erscheinen. Noch ehe er ihr auf die Fragen antworten konnte, winkte sie ab. „Lassen wir es für heute gut sein. Es war für mich schon zu viel. Reden wir morgen oder übermorgen darüber, ok? Jetzt möchte ich eigentlich nur noch blöd in den Fernseher glotzen, bis mich das Sandmännchen in die Knie zwingt.“

Keine halbe Stunde später schliefen die beiden von der Aufregung ermattet vor dem Fernseher ein. Auf der großen Wiese hingegen drehten sich die Karusselle weiter, die Wagen fuhren durch die Geisterbahn und über hohe Holzkonstruktionen, es wurde gegessen, getrunken, gelacht und geküsst. Und die bleichen Schausteller sorgten dafür, dass jeder bekam, was sie ihm zugedacht hatten.

8

Am nächsten Morgen fühlte sich Rosalie noch immer wie ausgekotzt, weshalb sie einen Spaziergang über den Strand unternahm. Doch je weiter sie sich vom Haus entfernte, desto größer wurde ihr Verlangen, weiter zu gehen. Erst als sie bereits am weit entfernten Hügel angekommen war, dachte sie zum ersten Mal wieder an Cornelius, an die nun wieder lebendige Mrs. Elms und an den Suizidversuch von Benny. Da gehen merkwürdige Dinge vor sich, flüsterte sie und kletterte auf den Hügel hinauf um den an sich herrlichen Rundumblick genießen zu können.

Sie atmete tief die salzige Meeresluft ein, ließ ihren Blick über den weitläufigen Strand schweifen, über das anheimelnde Dorf und über die große Festwiese. Plötzlich hielt sie inne. „Nein! Das gibt es nicht! Das gibt es einfach nicht!“, murmelte sie und spürte Panik in sich aufsteigen. Ihr Mund fühlte sich schlagartig an, als hätte sie einen ganzen Sandkuchen verputzt und ihre Haarwurzeln kribbelten als hätte eine Ameisenkolonie auf ihrem Kopf ihr Lager aufgeschlagen. Die Knie wurden schlagartig weich und sie musste sich rasch in den Sand fallen lassen. Dennoch konnte sie nicht ihren Blick von der großen Festwiese, die einsam und verlassen am Rande des Dorfes lag, reißen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, rappelte sich mühsam auf und lief im Sprint zu ihrem Haus.

„Taylor!“, rief sie aufgeregt und stolperte beinahe über ihre eigenen Füße. „Taylor! Sie sind weg!“ Keuchend und nach Atem ringend stürzte sie in die Küche.

„Wer ist weg?“, fragte Taylor, der vom Schneidbrett, auf dem zwei leuchtend orange Karotten lagen, irritiert aufsah.

„Na die Schausteller, der Jahrmarkt, die Buden, die Karusselle, einfach alles. Weg! Als wären sie niemals hier gewesen.“

Noch immer keuchend stützte sie sich am Küchentresen ab und sah ihrem Mann in die Augen, der das Messer im Zeitlupentempo auf das Brett legte seine Finger an einem Küchentuch säuberte. Dann nahm er wortlos seinen Autoschlüssel vom Haken neben der Eingangstür, setzte sich in den Wagen und startete den Motor. Rosalie versperrte noch rasch die Tür, rüttelte vorsichtshalber und zum ersten Mal daran und nahm auf dem Beifahrersitz platz. Sie musste nicht fragen, wohin die Fahrt ging, sie wusste es bereits.

Auf der großen Festwiese angekommen sprangen sie gleichzeitig aus dem Wagen und sahen sich um. Es gab tatsächlich keine Buden, keine Attraktionen, keine Wohnwägen für die Schausteller. Nichts.

Die beiden liefen quer über den Platz, wo noch vor wenigen Stunden schwere Wagen gestanden hatten. „Sieh dir mal das Gras an. Es ist frisch und nirgends plattgedrückt, wie es eigentlich nach der Last von den Buden sein müsste. Es sieht so aus, als ob hier schon seit sehr langer Zeit niemand gewesen wäre. Selbst den Rundgang an den Buden vorbei müsste man sehen, denn darauf ist fast das ganze Dorf herum getrampelt. Da müsste ein kahler Ring zu sehen sein“, sinnierte Taylor laut vor sich hin.

„Es fehlt auch die sonst übliche Hinterlassenschaft nach Festen: der Müll! Plastikbecher, verschmutzte Pappteller, zerknüllte Papierservietten, zertretene Zigarettenstummel und vergessene Bierflaschen. Die ganze Wiese ist peinlich sauber, beinahe klinisch rein. Dafür wäre ein zehn Mann starker Putztrupp nötig und selbst dann wären noch die einen oder anderen Spuren sichtbar. Es gibt nicht mal weggeworfene Zigarettenstummel“, ergänzte Rosalie.

Taylor sah auf die Uhr. „Im Moment müsste der Bürgermeister im Gasthaus Karten spielen. Wir fahren hin und fragen ihn, wer den Jahrmarkt angemeldet hat. Vielleicht hat er ein paar Daten von den Leuten oder kennt sie vielleicht sogar persönlich.“

Der Weg zum Gasthaus war völlig vereinsamt, obwohl sie ein Stück die Hauptstraße entlangfahren mussten. Die Häuser erweckten den Eindruck, als wären sie vor vielen Jahren verlassen, aufgegeben, zurückgelassen. Und doch waren dort und da hell erleuchtete Zimmer zu sehen, in denen auch die Umrisse von Menschen erkennbar waren. Sie waren von Leuten bewohnt, die sie kannten und doch machte sich das Gefühl breit, als wären sie innen ausgehöhlt.

„Irgendwie wirkt dieses Dorf auf mich tot“, murmelte Taylor vor sich hin und erwartete keine Antwort. Rosalie nickte zustimmend, sagte aber nichts. Sie konzentrierte sich darauf, irgendwo Leben zu spüren. Doch da war nichts und auch die Natur zeigte sich in einer anderen Weise als gewohnt. Sie entwickelte ganz eigenartige Farben, die mit jeder Sekunde nicht nur unnatürlicher sonder sogar wie neu erfunden auf die beiden wirkten. Sie hatten den Eindruck, als wären über Nacht neue Farbkompositionen entstanden, wie kein Maler imstande wäre, sie zu melieren Das Grün der Wiesen zeigte sich als eine Mischung aus grünbraunblaurosa und die Sonne, die sich abmühte, über den Horizont zu blicken, leuchtete in vagem violettgelbsilber. Zwar verschwammen die Farben nicht, aber es sah so aus, als würden sie sich bewegen. Beim nächsten Blick allerdings musste man feststellen, dass sie noch am selben Ort wie zuvor waren.

Rosalies Magen wurde von einer eiskalten Hand gepackt, die sich in ihrem Inneren zur imaginären Faust schloss und sie krümmte sich nach vor. Taylor trat abrupt auf die Bremse. „Was ist mit dir? Was ist los? Hast du Schmerzen? Geht es dir nicht gut?“

Rosalie sah ihn aus schmerzverzerrtem Gesicht an. „Mein Magen fühlt sich an, als hätte sich ein breiter Eisgürtel um ihn gelegt, der sich mit jeder Sekunde enger zusammenzieht. Ich glaube, mir sind diese Vorfälle im Moment zu viel, ich halte ihnen psychisch nicht stand. Vor allem der Anblick von Cornelius in seinem speziellen Käfig hat mich ziemlich durcheinandergebracht. Lass uns umkehren und nach Hause fahren, ich brauche jetzt Ruhe.“

Taylor legte seine Hand an ihre Wange und streichelte sie mit dem Daumen.

„Ganz, wie du willst. Ich verstehe dich gut, aber du musst mir die Möglichkeit geben, mich um diese Sache zu kümmern. In mir brennt ein Feuer, das sich nicht mehr löschen lässt. Ich muss diesem Rätsel auf den Grund gehen. Ist das für dich in Ordnung? Ich erzähle dir auch nichts von meinen Nachforschungen und von den Ergebnissen, wenn du es nicht willst, versprochen!“ Er sah sie flehend wie ein Ertrinkender einen Rettungsring an, doch sie krümmte sich nur auf dem Beifahrersitz. Deshalb trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch und brauste durch die sich zusehends verändernde Landschaft in Richtung Meer.

Nachdem Rosalie sich selbst mit Medikamenten gegen die Schmerzen versorgt hatte, brachte er sie noch ins Bett, küsste sie auf die Stirn und zog leise die Tür hinter sich zu. Mit seinen Gedanken war er allerdings noch immer bei den unerklärlichen Vorfällen der letzten beiden Tage. Er musste herausfinden, was da draußen und auch in den Menschen vor sich ging, denn offensichtlich beschränkte sich dieses Phänomen nicht nur auf die Landschaft, wie man am Beispiel von Bennys Suizidversuch gut ablesen konnte. Das waren kein Hirngespinst und auch kein Zufall; hierbei handelte es sich um etwas sehr Mächtiges, das konnte er fühlen.

Nachdem er sich einen Espresso aus der Küche geholt hatte, legte er eine Mappe für seine Studien, wie er sie großspurig nannte, an. In der Überzeugung, dass sich sehr viel Material ansammeln würde, nahm er gleich einen ziemlich dicken Ordner mit zehn Zwischenblättern, um den Überblick zu behalten. Er ging in solchen Belangen stets sehr geordnet und strukturiert vor, wie er es während deiner Studienzeit gelernt hatte.

Zuerst notierte er jedes einzelne Vorkommnis auf ein separates Blatt. Das verfaulte Kohlfeld Don Henlins, der unfreiwillige Suizidversuch Bennys, den Vogel Cornelius in seinem speziellen Käfig und die sich farblich verändernde Landschaft. Daraus versuchte er, Schlüsse auf eine Gemeinsamkeit zu ziehen, doch er fand selbst nach zwei Stunden der Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven keine Parallelen. Er kam sogar auf die Idee, im Internet zu recherchieren, ob Lebensmittel oder Getränke die Fähigkeit hatten, bei zwei Personen veränderte Wahrnehmungen auszulösen. Nach einer weiteren Stunde war er zu glauben gewillt, dass die Shrimps in der Paella nicht mehr ganz frisch waren und sie deshalb beide die veränderten Farben der Natur gesehen hatten. Rosalies Magenbeschwerden würden ebenfalls dafür sprechen, aber er hatte keinen einzigen brauchbaren Anhaltspunkt dafür gefunden; es war lediglich der Griff nach dem berühmten Strohhalm.

Als Rosalie den Arm über seine Schultern legte, stieß er einen spitzen Schrei aus und schoss wie eine Rakete von seinem Stuhl auf. „Herrgott, musst du mich so erschrecken? Ich werde sofort mein Testament ändern und dich enterben, weil du ständig versuchst, mich auf diese Weise umzubringen. Du willst doch nur frühzeitig an meine sauer verdienten Millionen ran!“

Er packte ihr Gesicht, zog es ganz nahe an das seine und sah ihr drohend in die Augen.

„Gestehe, Lumpenpack!“

Sie aber küsste ihn nur sanft auf den Mund. „Ich gestehe, dass ich dich liebe“, flüsterte sie und küsste ihn erneut.

Sie holte sich einen Cappuccino aus der Küche und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl. „Hast du schon etwas Brauchbares herausgefunden?“, fragte sie mit echtem Interesse und spitzte die Lippen um an ihrem Heißgetränk zu nippen.

„Nada, nichts. Ich kann zwischen den einzelnen Phänomenen einfach keinen Zusammenhang finden.“

Rosalie betrachtete die einzelnen Seiten, auf denen die Vorkommnisse verzeichnet waren. „Vielleicht findest du sie auch nicht auf ein paar Blättern Papier, sondern nur durch Nachforschungen heraus. Du solltest mit dem Bürgermeister anfangen, aber es muss nicht sofort sein. Morgen hat er Sprechstunde, belästige den Mann nicht an einem Sonntag, ok? Bist du so lieb? Ich könnte dir inzwischen die Zeit ein bisschen vertreiben.“ Sie lächelte ihn an, stand auf und öffnete langsam ihre Bluse, unter der sie keinen BH trug.

Kurz bevor sie zu kochen begann lief sie zu Marisha ins Nebenhaus um zu fragen, ob sie mit ihnen essen wollte. Die alte Dame war seit vielen Jahren alleinstehend und hatte nicht allzu oft die Gelegenheit, in Gesellschaft zu essen. Sie freute sich stets über eine Einladung.

Taylor sah ihr vom Fenster aus nach und versank sofort wieder in seine Überlegungen. Als Rosalie wieder das Haus betrat, fragte er eher beiläufig, ob Marisha Lust auf mexikanischen Gemüseeintopf habe. „Leider nicht, denn sie ist tot.“

Taylor sah sie ungläubig an und bemerkte zwei kleine Seen in den Augen seiner Frau. Sofort sprang er auf und nahm sie in den Arm. Nun ließ Rosalie ihren Gefühlen freien Lauf und weinte bitterlich.

„Schatz, sie war eine alte Frau, die an Demenz gelitten hat. Du wusstest, dass es bald so weit kommen würde. Sie hatte ein gutes Leben und du warst für sie wie eine Tochter; das wusste sie immer zu schätzen. Sie hat dich ebenso geliebt wie du sie, aber jetzt heißt es Abschied nehmen.“

Rosalie nickte und löste sich von ihrem Mann. „Ich weiß. Dennoch bin ich traurig. Sie ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Aber ich bin froh, dass ich sie nicht in ein Pflegeheim einweisen musste. Das hätte sie vermutlich nicht ertragen. Sie liebte den Strand und ihre Freiheit. Und ich bin auch glücklich, dass sie friedlich entschlafen ist. Es gibt keine Anzeichen von Schmerzen oder einem langen, qualvollen Tod. Vermutlich hat ihr Herz beschlossen, seinen Dienst zu quittieren. Sie möge in Frieden ruhen.“

„Informierst du gleich ihre Tochter und den Leichenbestatter?“, fragte Taylor und setzte sich wieder.

„Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber damit möchte ich noch vierundzwanzig Stunden warten. Ich möchte nicht das gleiche wie bei Mrs. Elms erleben. Außerdem hatte ich vor zwei Tagen eine merkwürdige Unterredung mit ihr, die ganz gut zu diesen Phänomenen, wie du sie nennst, passt. Ich hatte mir nur nichts dabei gedacht, eben weil sie an Demenz gelitten hat. Ihre Worte ergeben zwar noch immer keinen Sinn, aber vielleicht hat es trotzdem mit der aktuellen Situation zu tun.“ Dann erzählte sie ihm ihre Unterredung vor dem schäumenden Meer. „Sie kommen! Lasst sie nicht herein, schickt sie weg! Das waren die exakten Worte, ich erinnere mich genau.“

Taylor legte ein weiteres Blatt an und schrieb die Worte auf. „Wen sollen wir wegschicken, beziehungsweise nicht hereinlassen?“

Rosalie zuckte mit den Achseln. „Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

9

Auf diesen Montagvormittag freute sich Gerry schon seit drei Wochen. So lange war er schon nicht mehr bei Sandy gewesen. Sandy…. Die tollste Frau, die er je kennen und schätzen gelernt hatte. Eine Frau, die er gerne an seiner Seite hätte, doch sie war verheiratet und konnte aus finanziellen Gründen nicht aus ihrer Ehe aussteigen. Ob es wirklich die Wahrheit war, hinterfragte er nicht, denn er wollte Sandy genießen und sie nicht analysieren und seine Hingabe vielleicht durch ewiges Hinterfragen und Mutmaßungen zerstören. Er liebte sie und er hatte das Gefühl, auch von ihr geliebt zu werden. So einfach war das und genau so einfach sollte es bleiben.

Er sah sich kritisch in den Spiegel, ob er vielleicht eine winzige Stelle in seinem Gesicht übersehen hatte, auf der noch ein paar verwaiste Bartstoppeln standen. Er wollte perfekt für seine Geliebte sein denn sie war es auch. Während er sich die kritisch ausgewählte Kleidung überstreifte dachte er an ihre letzten Worte; ich freue mich schon sehr auf dich!

Mit federnden Schritten sprang er förmlich die wenigen Stufen von seinem Haus hinunter in den Garten und war auch schon in seinem Wagen. Er war damit noch am Vormittag durch die Waschstraße gefahren, um einen rundum guten Eindruck bei ihr zu hinterlassen. Offiziell war er als Vertreter bei ihr, falls Sandys Nachbarn Mutmaßungen anstellten. Zwar war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als Nachbar niemals den jeweiligen Partner direkt mit den Affären und Seitensprüngen konfrontierte, aber Vorsicht war immer besser als Nachsicht. Immerhin hatte er seine jetzige Geliebte beim Verkauf einer Versicherung kennen gelernt. Im Übrigen war sie nicht die erste Affäre, die er innerhalb der Ausübung seines Jobs lieben gelernt hatte. Und er hoffte, dass sie auch nicht die letzte sein würde. Er liebte es einfach, verheiratete Frauen zu erobern, sexuell zu erkunden und ihnen jeden Trick, der die Lust steigerte, zu entlocken. Waren sie nach einiger Zeit ausgesaugt, verlor er rasch das Interesse und er wandte sich anderen Ladies zu. Genau aus diesem Grund lud er die Damen auch niemals zu sich nach Hause ein. Obwohl er seit ewigen Zeiten Single war, gab er stets vor, dass seine Frau mit den Zwillingen Rod und Todd zu Hause und er somit nicht besuchbar wäre. Die Kleinen wären gerade ein Jahr alt geworden und somit beinahe rund um die Uhr im Haus. Dann präsentierte er ihnen einen eigens für seine Affären gekauften Ehering, um die Sache noch glaubwürdiger zu machen. Er nahm ihn niemals ab, um während des Sommers einen Farbunterschied zwischen dem Finger und der Stelle, an dem sich der Ring befand, zu erzielen. Im Winter wurde er ein wenig enger und hinterließ einen Abdruck, wenn er ihn abnahm. So bestand für die Damen kein Zweifel an seiner Ehe und sie ließen ihn stets willig in ihr Haus, sobald sie sicher sein konnten, dass ihr Ehemann nicht unvermutet nach Hause kam. Mit dieser Lüge hielt er sich die lästigen Damen vom Hals, wenn er zur nächsten wechselte. Man konnte nie wissen, welche von ihnen zu stalken begann. Auch seine drei Handys wechselte er mit den Verflossenen, denn selbst wenn sie Terror machen würden, wäre es ihm gleichgültig. Er hatte zumeist ein halbes bis dreiviertel Jahr Zeit, bis er wieder zum gleichen Handy kam und zu diesem Zeitpunkt hatte es jede noch so erboste Lady aufgegeben, ihn beschimpfen zu wollen.

Während er auf der Landstraße zügig dahinfuhr, klopfte er mit der linken Hand den Takt des Sommerhits aus dem Radio auf das Lenkrad und mit der rechten fasste er sich an den Schritt. Er spürte schon, dass sein Glied leicht steif war, denn er musste unablässig an die schweren, weichen, zarten Brüste Sandys denken. Er konnte schon ihre harten, dunklen Nippel zwischen seinen Lippen und an seiner Zunge spüren und ihre prallen Pobacken an seiner Wange fühlen. Der Druck in seiner Hose nahm kräftig zu und er presste seine Finger gegen die immer größer werdende Beule. In diesen Momenten fühlte er sich wie ein unbesiegbarer Held, wie ein Liebesgott, der auf dem Weg war um ein einsames Herz wieder zum Pulsieren zu bringen.

In New Fairbanks angekommen parkte er seinen nicht ganz unauffälligen Chevrolet in der Nähe des Gemeindezentrums und machte sich zu Fuß auf den Weg zu seiner Sandy. Den Wagen vor ihrer Haustüre zu parken wäre einem affäretechnischen Selbstmord gleichzusetzen gewesen. Er wollte so unauffällig als möglich bleiben und das blieb er dank seiner jahrelangen Erfahrungen auch. Nicht ein einziger Ehemann hatte ihn jemals attackiert; weder verbal noch körperlich. Er verstand es durchaus, gehörnten Männern aus dem Weg zu gehen.

Sandy öffnete ihm die Türe, versteckte sich jedoch dahinter. Erst als er im Vorhaus stand sah er, dass sie für ihn eine rote Spitzencorsage angelegt hatte, die ihre schmale Taille und ihren doch recht üppigen Busen besonders zur Geltung brachte. Ihre strammen Beine glänzten in roten halterlosen Strümpfen und ihre sündigen High Heels einfach waren zum Verlieben. Am liebsten wäre er vor ihr auf die Knie gegangen, um ihre Schuhe zu küssen. Doch ihr blank rasiertes Dreieck zwischen den Beinen, das hinter keinem noch so heißen Stückchen Stoff verborgen war, zog ihn in den Bann. Während er sie stürmisch küsste schälte er sich aus seiner ohnehin recht spärlichen Kleidung und nahm sie gleich auf der ersten halbwegs bequemen Gelegenheit; dem Wohnzimmersofa. Er achtete nicht darauf, ob die Vorhänge zugezogen oder das Wohnzimmer für jeden einsehbar war. Er wollte nur noch diese Venus beglücken, in sie eindringen und mit ihr gemeinsam auf den Wolken der Lust dahingleiten.

Doch Sandy wollte nicht so rasch zu einem Ende kommen, weshalb sie sich abrupt von ihm löste und vor ihm davonlief. Er kapierte ihre Pläne sofort und nahm die Verfolgung auf. Er jagte sie durch das Wohnzimmer ins Schlafzimmer, von dort aus ins Badzimmer, wieder zurück ins Wohnzimmer und erwischte sie in der Küche. Dort drückte sie ihn leidenschaftlich küssend sanft auf den Küchentisch, beugte sich über seine harte Männlichkeit und ließ ihre Zunge genussvoll daran gleiten. Sie nahm sein Zepter in ihren sinnlichen Mund mit den rot geschminkten Lippen, leckte weiterhin zärtlich über seinen prallen Schaft, ließ ihn in ihrer heißen, feuchten Mundhöhle ein- und ausgleiten und biss plötzlich kraftvoll zu. Dann noch einmal und ein drittes Mal. Sie schlug ihre Zähne in ihn, durchbohrte die zarte Haut und grub sie tief in die Schwellkörper. Dunkelrotes Blut spritzte aus den tiefen Wunden wie aus einem frisch angezapften Erdölfeld. Sandy stieß einen spitzen Schrei aus, als dicke Blutstropfen mit einem deutlich hörbaren Klatschen auf ihrer makellosen Gesichtshaut auftrafen wie schwere Regentropfen auf heißem Asphalt zu Beginn eines heftigen Gewitters.

Angewidert, überrascht und gleichzeitig erstaunt taumelte sie ein paar Schritte rückwärts und blieb fassungslos an der Küchenwand kleben. Gerry hielt schützend beide Hände vor sein zerfleischtes Genital und brüllte wie ein verwundeter Löwe.

Sandy riss den Telefonhörer von der Wand und drückte die Kurzwahltaste ihrer Freundin. „Du musst sofort kommen, da ist so viel Blut! Nimm deinen Koffer mit und beeil dich um Gottes Willen! Da ist so viel Blut!“, schrie sie hysterisch in den Hörer und ließ ihn fallen noch ehe sie die Antwort ihrer Freundin abgewartet hatte.

Sie schnappte sich das Handtuch und wollte es zwischen Gerrys Beine pressen, doch er hielt seine Hände schützend vor sein blutendes Glied. „Hau ab, du dreckige Schlampe!“, schrie er sie an und versuchte, vom Tisch zu gleiten. Doch bei jeder noch so kleinen Bewegung stieß er einen gellenden Schmerzensschrei aus. Tränen liefen aus seinen Augen und glasklarer Schleim bahnte sich seinen Weg aus beiden Nasenlöchern über die Lippen. Schmerzerfüllt wiegte er seinen Oberkörper nach vor und zurück, als wollte er die Wiege simulieren, in der er sich einst als Baby sicher, behütet und geborgen gefühlt hatte. Sandy stand ratlos neben ihm und heulte hysterisch. Als die Glocke an ihrer Haustür läutete, stürmte sie ins Vorhaus und zerrte Rosalie ins Innere. „Du musst ihm helfen, schnell!“, rief sie und lief voraus in die Küche.

„Ich bin Ärztin und eine Freundin von Sandy. Was ist passiert? Kann ich die Wunde sehen? Ich muss die Blutung stoppen, sonst kippen sie mir noch vom Tisch“, sagte sie in ruhigem Ton, während sie in ihrer Tasche kramte. Während sie den Stauschlauch an seinem Oberarm festzurrte, warf sie einen Blick auf Sandy, die kreidebleich in einer roten Spitzencorsage an der Wand lehnte. Mit geübten Fingern suchte sie rasch eine Vene und injizierte ihm Morphium, damit die Schmerzen nicht mehr auf seinen geschundenen Penis einprügelten und sie sich den Schaden ansehen konnte.

„Wie ist das passiert?“, fragte sie Sandy, die noch immer mit weit aufgerissenen Augen an die Wand gedrückt dastand und ihre Hände vor den Mund presste.

„Ich… ich habe ihn…. ge.. bissen… Aber frag mich bitte nicht, wieso, ich kann es dir nicht sagen. Wir hatten Spaß miteinander und ich wollte seinen Penis mit meinem Mund verwöhnen, weil er ja so darauf steht und plötzlich habe ich zugebissen. Ich kann es mir nicht erklären!“

Nach diesen Worten rutschte sie kraftlos die Wand entlang und blieb am Fußboden sitzen. Die Knie zog sie bis an ihr Kinn und ihr Gesicht versteckte sie dazwischen. Sie schämte sich und konnte Gerry nicht mehr in die Augen sehen. Und auch ihrer Freundin nicht, denn sie schämte sich fast zu Tode. Nun wusste Rosalie, dass sie es mit fremden Männern trieb. Das Gute daran war, dass sie ihrem Ehemann nichts davon erzählen würde. Sie war loyal, was sie aber im Moment auch nicht wirklich beruhigen konnte.

Rosalie wandte sich wieder ihrem Patienten zu, der es nun zuließ, dass sie ihm die Hände, die noch immer schützend über seinen Genitalien lagen, zur Seite legen konnte. Mit einer Stirnlampe begutachtete sie die Bisswunden und holte eine Knopfsonde aus ihrer Tasche. Die dünne, metallene Sonde mit der Verdickung in Form eines Tropfens am Ende führte sie in die eine und andere tiefe Wunde ein um zu überprüfen, ob die Harnröhre Schaden erlitten hatte. Zu Gerrys Glück waren es nur Fleischwunden, die recht rasch genäht werden konnten. Dennoch würden hässliche Narben sein Prunkstück bis ans Lebensende zieren.

Nachdem sie den Verband angelegt hatte, sah sie ihrem Patienten in die Augen. „Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie Anzeige erstatten können, aber nicht müssen. Von meiner Seite her gibt es in diesem Fall keine Anzeigepflicht und ich nehme an, dass Sie die ganze Sache auch nicht gerade groß aufwirbeln möchten. Aussagen bei der Polizei und vor Gericht über den Tathergang und die Vorgeschichte mit den heimlichen Treffen mit einer verheirateten Frau sind nun wirklich nicht angenehm. Noch dazu werden Fotos von Ihrem Penis durch Dutzende Hände gehen und wer weiß, ob nicht die eine oder andere Kopie in den Social Medias landet. Man kann heutzutage nicht wissen, wer alles postet, was ihm in die Finger kommt. Überlegen Sie es sich gut und überstürzen Sie nichts.“

Dann kniete sie sich neben Sandy. „Es ist halb so wild. Es sieht schlimmer aus als es ist. Dennoch werden Narben bleiben. Wie du dich mit ihm einigst, ist deine Sache. Wenn du willst, bleibe ich noch so lange bei dir, bis ihr darüber gesprochen und euch geeinigt habt.“

Sandy schniefte und nickte dankbar.

„Willst du mich anzeigen?“, fragte sie murmelnd ohne Gerry, der sich gerade vorsichtig und sehr langsam die Hose anzog, anzusehen.

„Ich glaube nicht“, schnaubte er. „Die ganze Kacke wildfremden Leuten zu erzählen ist doch ziemlich peinlich. Aber ich verlange eine Entschädigung von dir. Mit vier Tausendern bin ich schon zufrieden, weil wir ja doch einige Monate ein gutes Verhältnis hatten. Und du wirst mich nie wieder anrufen oder anschreiben. Für mich ist das alles dann vergessen, auch wenn ich bis an mein Lebensende an dich denken werde, wenn ich meinen Schwanz ansehe. Vielen Dank auch.“

Sandy nickte zustimmend und bat Rosalie, ihr das Scheckbuch aus ihrer Handtasche aus dem Vorzimmer zu bringen.

Als sie ihrem ehemaligen Geliebten den Scheck überreichte, konnte sie ihm noch immer nicht in die Augen sehen. Mit grimmigem Gesicht schnappte er sich den Scheck und ging sehr breitbeinig und langsam in Richtung Haustür. Erst als sie ins Schloss gefallen war, atmete Sandy aus, stand auf und goss sich einen dreifachen Whisky ein.

„Jetzt erklär mir doch bitte, wieso du das getan hast. Und wie um Himmels Willen du so kräftig zubeißen konntest. Das waren direkt Raubtierverletzungen. Du kannst wirklich von Glück reden, dass er keine Anzeige erstattet hat. Jeder Richter hätte dich eine enorme Summe an Schmerzensgeld bezahlen lassen. Was ist dir da bloß eingefallen? Mit Liebesbissen hat das jedenfalls nichts zu tun.“

Sandy schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wirklich nicht! Ich weiß nicht, was los war, jedenfalls erinnere ich mich nicht daran, dass ich ihm wehtun wollte. Wir hatten Spaß, alles lief wunderbar und plötzlich beiße ich ihn.“

Sie ließ ihr leeres Whiskyglas sinken. „Glaubst du, dass ich verrückt bin? Dass ich in eine Anstalt gehöre, weil ich nicht mehr weiß, was ich mache und weil ich für andere gefährlich bin?“

Das Gesicht der Ärztin wurde nachdenklich. „Ich weiß nicht, ob du wirklich gefährlich bist und wie es zu dieser Attacke kommen konnte. Aber ich würde dir raten, dich einem Psychiater anzuvertrauen, ehe vielleicht noch Schlimmeres passiert. Es kann auch durchaus sein, dass du dich selbst verletzt. Lass dich untersuchen und gib mir Bescheid, wenn du den Termin hast. Wenn ich es irgendwie einrichten kann, komme ich mit. Aber jetzt muss ich los! Meine Praxis ist sicher schon mit ungeduldigen Patienten überfüllt. Ich hab dich lieb und lass dich vom schlechten Gewissen nicht unterkriegen.“ Rosalie küsste Sandy auf die Stirn und zog die Haustür hinter sich ins Schloss

10

Auf dem Weg in ihre Praxis hinterließ sie Taylor eine Nachricht auf dem Handy. Wie immer, wenn er Vorlesungen hielt, gab er den Flugmodus ein, um in den Genuss eines Vortrages ohne Störung zu kommen. Er liebte es, eine ganze Stunde zu referieren ohne unterbrochen zu werden. In der darauffolgenden Stunde hatten die Studenten Zeit und Gelegenheit, Fragen oder sich ihm in einer Diskussion über das letzte Thema zu stellen. In beiden Fällen duldete er keinerlei Unterbrechungen.

Nach Unterrichtsende schaltete er den Lautsprecher seines Handys ein und ließ die eingegangenen Nachrichten abspielen. Dabei korrigierte er meist Arbeitsblätter oder Prüfungsbögen. Es langweilte ihn zumeist, die Nachrichten abzuhören, weil so gut wie immer die gleichen Leute anriefen, obwohl sie wussten, dass er vormittags beschäftigt war. Doch bei Rosalies Stimme ließ er den Stift fallen und starrte das leuchtende Display an als wäre es ihr Gesicht, in dem er lesen konnte. Sofort rief er zurück, doch sie war noch in der Ordination und versuchte erneut, Mrs Blackwood von ihren Rückenschmerzen zu befreien ohne dass sich die Gute an ihr Trainingsprogramm hielt. Die meisten ihrer Patientinnen waren stinkfaul und ließen sich lieber medikamentös behandeln anstatt ihren Bewegungsapparat in Schwung zu bringen.

Taylor versuchte es ein zweites Mal, mit seiner Frau zu sprechen, doch sie nahm sein Gespräch nicht entgegen. Kurz entschlossen legte er die Hausarbeiten seiner Studenten in den Safe, versperrte diesen und machte sich sofort auf den Weg in die Ordination. Er konnte nicht bis am Abend warten; zu groß war die Neugierde, welches Phänomen sich vor drei Stunden abgespielt hatte, von dem sie auf seiner Mailbox gesprochen hatte.

Rosalie schilderte kurz, was los war und komplimentierte ihn mit dem Versprechen, zu Hause alles ganz genau zu erzählen, aus der Praxis. Immerhin warteten noch vier Patienten darauf, von ihren Leiden geheilt zu werden. Danach standen noch einige Hausbesuche auf dem Plan, die wohl allesamt länger dauerten. Die alten Menschen waren einsam und froh, wenn sie jemanden zum Reden hatten. Rosalie fragte sich immer, ob sie nicht auch einmal froh sein würde, wenn sich ihre Ärztin im Alter mit ihr unterhalten würde anstatt nur ein Rezept auszustellen und zu gehen. Deshalb blieb sie immer ein wenig bei ihnen um deren Gemüt wieder aufzupolieren. Und mittlerweile waren es ihre Patienten schon gewohnt. Nun konnte sie nicht mehr so einfach ohne Unterhaltung gehen, aber das war schon in Ordnung. Schließlich war sie nicht des Geldes wegen Ärztin geworden, sondern aus Liebe zu den Menschen.

Als sie kurz vor achtzehn Uhr das Haus betrat, hing bereits der unverkennbare Duft von heißer Lasagne in der Luft. Zwar wusste sie, dass Taylor sie aus der Tiefkühltruhe geholt und nicht selbst zubereitet hatte, aber sie war dennoch froh, sich nicht mehr an den Herd stellen zu müssen. Es war ein anstrengender Tag gewesen und sie war müde. Auch der Vorfall bei Sandy hatte sie psychisch ziemlich mitgenommen, weshalb sie jetzt noch eine Spur müder als an üblichen Arbeitstagen war.

Taylor trug sofort das Essen auf, setzte sich und sah sie mit großen Augen, aus denen die Erwartung wie Wasser aus einem Staudamm floss, an.

Rosalie wusste, dass sie gegen die ärztliche Schweigepflicht verstieß, sah sich aber dennoch moralisch verpflichtet, ihm von dem Vorfall in Sandys Haus zu erzählen. Er hörte aufmerksam zu und presste die Oberschenkel fest aneinander, als sie die Verletzungen, die Sandy ihrem Lover zugefügt hatte, schilderte. Als Mann konnte er den Schmerz förmlich spüren.

„Und du sagst, sie wusste nicht, weshalb sie ihm den Penis zerfleischt hat? Es ist einfach so über sie gekommen, wie der Suizidversuch von Benny? Meinst du, es war der gleiche ….. sagen wir mal Mechanismus?“

Rosalie nickte nur, weil sie sich gerade eine Gabel voll Lasagne in den Mund gesteckt hatte. Die Fleischfüllung schmeckte ein wenig künstlich, aber sonst war sie ganz in Ordnung. Aber nach einem langen, harten Arbeitstag war wohl alles in Ordnung, das den Magen füllte, heiß war und das nicht mit Arbeit verbunden war.

Taylor legte noch immer etwas irritiert ein neues Blatt für den Vorfall mit Sandy an und berichtete ihr anschließend von seinem Telefonat mit dem Bürgermeister. „Weder er noch die Gemeindeangestellten hatten eine Anfrage erhalten noch eine Genehmigung für den Jahrmarkt erteilt. Er ist so plötzlich auf der Festwiese gestanden wie er wieder weg war. Der Bürgermeister wollte eigentlich heute am Morgen mit den Leuten reden und die Platzmiete kassieren, aber da war schon alles weg. Er war ebenso erstaunt wie wir, dass sie keinerlei Spuren hinterlassen hatten. Normalerweise mussten die Gemeindebediensteten am Montag noch tonnenweise Becher, Teller und Flaschen einsammeln.“

„Also kommen wir über diesen Weg auch nicht weiter“, kommentierte sie seine Ausführungen. Er schüttelte nur den Kopf und hob die Schultern an. „Es ist aber auch nicht wichtig, wir haben im Moment Wichtigeres zu tun. Wenn der Bürgermeister seine Pacht für die Wiese haben will, muss er zusehen, dass er sie bekommt. Es ist nicht unser Problem“, sagte er und lehnte sich zurück.

„Und wie willst du mit den Phänomenen weitermachen? Langsam häufen sie sich und ich fürchte, es werden noch schlimmere Dinge passieren. Was mir auch ziemliche Sorgen bereitet sind die Farben der Natur. Ob man eine Analyse der Wiesen und Bäume veranlassen sollte? Möglicherweise ist es ein Farbstoff, der gesundheitsgefährdend für die Bevölkerung ist. Ich werde gleich morgen ein paar Tests veranlassen. Als Gemeindeärztin steht mir das zu.“

Taylor nickte. „Gute Idee! Vielleicht klärt sich dann auch gleich das Phänomen von selbst. Kann es sein, dass ein Farbstoff oder etwas, das durch die Luft übertragen wird, diese Phänomene hervorruft? Dass der Stoff in das Gehirn der Menschen eindringt und dort Veränderungen hervorruft oder so etwas Ähnliches.“

Rosalie dachte kurz nach. „Möglich wäre es, natürlich, aber ich habe noch nie davon gehört. Was aber auch nicht heißt, dass es nicht schon vorgekommen wäre. Ich werde morgen mal im Internet recherchieren; vielleicht finde ich den einen oder anderen Beitrag dazu. Aber jetzt möchte ich nur noch blöd in en Fernseher glotzen um meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Der Tag heute war echt hart!“

Der neue Morgen zeigte sich ein wenig wolkenverhangen. Rosalie blieb auf der Veranda stehen und sah auf das Meer hinaus, das mit seinen leichten, aber sehr spitzen Wellen die Wolken zu berühren schien. In der Mitte der dunkelgrauen, regengeschwängerten Wolken schimmerte ein Licht, als ob sich ein Blitz darin verstecken würde. Ein kleines Gewitter in jeder Wolke, in der es von grellem Weiß bis zum sanften Gelb schillerte und leuchtete. Rosalie wusste nicht, ob sie dieses unnatürliche Schauspiel als bedrohlich oder als faszinierend betrachten sollte. Vermutlich war es beides, doch sie war sich ihrer Gefühle nicht sicher. Sie hatte auch Hemmungen, aus dem Schutz des breiten Verandadachs hinaus unter den freien Himmel zu treten. Mit einem Schirm über dem Kopf fühlte sie sich zwar nicht sicher, aber doch ein wenig besser, obwohl ihr bewusst war, dass er im Fall eines kontaminierten Regens völlig sinnlos war. Manchmal aber braucht der Mensch nur etwas, um sich daran fest zu halten, dachte sie und stürmte im Laufschritt auf das Haus ihrer Nachbarin zu.

Als sie die Tür öffnete, blieb sie stehen und lauschte. Sie rechnete irgendwie damit, dass Marisha herumkramte, doch sie hörte nicht den geringsten Laut. „Marisha?“, fragte sie zögerlich in den Raum hinein, erhielt jedoch keine Antwort. Mit fröstelnden Oberarmen schlich sie vorsichtig zum Schlafzimmer und spähte um die Ecke. Ihre Nachbarin und Freundin lag in ihrem Bett und war tot. So tot wie vor vierundzwanzig Stunden.

Rosalie atmete hörbar aus und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Aber dieses Mal nicht, um ihr eine Geschichte vorzulesen, sondern um sich endgültig von ihr zu verabschieden. Marisha war tot und würde wohl nicht wieder lebendig werden. Und das war gut so! Sie freute sich über diese Normalität wie über ein Wunder.

Nachdem sie der alten Frau die Decke über den Kopf gezogen hatte, warf sie wieder einen Blick auf das Meer. Die spitzen Wellen drängen sich nun in Richtung Himmel, der jetzt noch tiefer zu hängen schien als noch vor wenigen Minuten. Sie hatte den Eindruck, als wollten die Spitzen der Wellen die Wolken aufstechen, um das gelb-weiße Farbenspiel ins Meer laufen zu lassen. Rosalie fröstelte erneut und sie lief geduckt unter dem Schirm zu ihrem Auto um in die Ordination zu fahren. Zu allererst würde sie Marishas Tochter sowie den Leichenbestatter informieren. Den ärztlichen Totenschein hatte sie gut sichtbar auf dem Küchentisch hinterlassen.

Obwohl in der Praxis schon sieben Patientinnen warteten, nahm sie sich die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Marishas Tochter. Sie hatte sie nie so richtig kennen gelernt, denn sie war nur sehr selten zu Besuch bei ihrer Mutter gewesen, und sie wollte sie auch jetzt nicht mehr kennen lernen. Ihr war nur wichtig, dass ihre Freundin und Nachbarin ein wirklich gutes Begräbnis bekam. Das hatte sie sich allemal verdient.

Als sie sich wieder fit für die Aufgaben des Alltags fühlte, öffnete sie die Tür zum Warteraum und wollte ihre erste Patientin in den Untersuchungsraum bitten, doch ihr Lächeln erstarb sofort, als sie sah, dass alle sieben Frauen heftig miteinander stritten. Sie zischten wie Schlagen, weil sie gelernt hatten, ihre Stimmen in einer Arztpraxis zu dämpfen, aber es war eindeutig ein schlimmer Streit.

„Meine Damen, was ist denn hier los?“, fragte sie entsetzt und sah eine nach der anderen vorwurfsvoll an.

„Die da“, keifte Mrs. Blackwood, „behauptet, sie müsse zur Arbeit und möchte vorgelassen werden. Aber ich war als Erste hier und verlange, als Erste untersucht zu werden. Das ist mein gutes Recht!“ Sie verschränkte die Arme vor ihrer bombastischen Brust und setzte eine zornige Miene auf.

„Als ob sie wüssten, was es heißt, pünktlich in der Arbeit zu erscheinen!“, zischte die Beschuldigte zurück. „Sie haben nur die Beine breit gemacht, damit ihr Mann Sie durchfüttert. Alle wissen das!“

„Also woher sie ihre drei Kinder haben, möchte ich nicht wissen“, stichelte Mrs. Drawling auf die von Mrs. Blackwood beschuldigte Frau ein. „Sie sehen einander überhaupt nicht ähnlich und keine einziges davon ihrem Mann.“

Während diese bösen Worte ausgesprochen wurden, hatte sich Mrs. Blackwood von ihrem Stuhl erhoben und prügelte mit der ziemlich großen Lederhandtasche auf ihre Kontrahentin ein. „Wagen Sie es ja nicht, meine Ehre in den Dreck zu ziehen!“, schrie sie nun hemmungslos und ließ ihre Tasche erneut auf die Frau hernieder sausen.

„Halt! Stopp! Aus! Ruhe! Wer sich nicht benehmen kann, der geht auf der Stelle nach Hause, das ist mein Ernst! Ich werde jede einzelne eigenhändig aus meiner Praxis schmeißen, wenn nicht sofort Ruhe herrscht. Wir sind doch hier nicht in der Gosse!“, keifte Rosalie lautstark, um sich Gehör zu verschaffen und die Frauen aus ihrer Fokussierung auf den Streit zu holen.

Sie spuckte vor Aufregung dünne Speichelfäden in den Raum und ihr Gesicht lief dunkelrot an. Noch in derselben Sekunde herrschte Stille im Raum und die Damen sahen sie einen Moment völlig entgeistert an, denn so kannten sie ihre Ärztin nicht. Dr. Baxter war stets ruhig, nett, besonnen und vernünftig, doch jetzt zeigte sie eine ganz andere Seite von sich.

Zähneknirschend setzte sich Mrs. Blackwood und hielt ihre Handtasche schützend vor ihren Bauch. Auch die anderen sechs Damen hielten ihren Mund und blickten finster an die Wand, auf die Decke oder auf den Boden. Rosalie war mit ihrer Zurechtweisung zufrieden und bat die erste Patientin ins Sprechzimmer. „Kommen Sie bitte herein, damit sie noch rechtzeitig zur Arbeit kommen“, sagte sie und behielt Mrs. Blackwood im Auge, die tatsächlich noch nie berufstätig war.

Nachdem sie die letzte Patientin verabschiedet hatte, legte sie ihren weißen Mantel ab, schulterte ihre Handtasche und stellte sich zum Anmeldeschalter.

„Was war denn heute morgen mit den Damen los? Und wieso waren es nur Damen? Ist dir aufgefallen, dass heute kein einziger männlicher Patient hier war? Nur zickige, streitsüchtige Weiber. Sorry, der letzte Satz war nicht so gemeint“, entschuldigte sie sich sofort bei ihrer Sprechstundenhilfe.

„Du kannst es ruhig aussprechen, sonst muss ich es machen. Der Streit, den die alte Blackwood vom Zaun gebrochen hat, war echt nicht nötig. Es ist doch seit jeher bekannt, dass wir die Berufstätigen vor den Pensionisten drannehmen. Trotzdem war es ein sehr aggressiver Streit und nicht nur zwischen den beiden, es haben sich alle eingemischt. Ich habe keine Ahnung, was da los war. Und wo die Männer abgeblieben sind, weiß ich auch nicht. Ein vernünftiger, ruhiger Mann wäre heute ein echter Gewinn gewesen. Selbst dann, wenn es ein hässlicher gewesen wäre“, witzelte die Sprechstundenhilfe und Rosalie legte ihr lachend die Hand auf den Unterarm.

„Ich gehe heute früher nach Hause, die Befunde diktiere ich morgen. Du kannst auch Schluss machen. Dreh’ mit deinem Hund eine Extrarunde, er wird es dir danken!“

Rosalie trat auf die Straße hinaus und sah sich um. Die Farben der Natur boten nun ein völlig anderes Bild als noch am Morgen. Was sie allerdings sehr wundert war die Tatsache, dass niemand über das Phänomen sprach. Eigentlich musste jeder einzelne Bürger besorgt sein. Sie sah sich um und verspürte keine Panik, sondern eher etwas Friedliches in sich. Und vielleicht war es genau das, was die anderen auch spürten und sich deshalb nicht besorgt zeigten. Bevor sie jedoch nach Hause fuhr, lenkte sie ihren Wagen zur Greißlerei, weil sie keine Lust hatte, in den Supermarkt der nächsten Stadt zu fahren. Die wenigen Lebensmittel, die sie im Moment brauchte, bekam sie auch hier. Und sie war im Moment auch bereit, die unverschämt hohen Preise dafür zu bezahlen. Sie wollte weder noch eine halbe Stunde im Auto sitzen noch stundenlang an einer Supermarktkasse mit einer übermüdeten Kassierin anstehen. Und von Menschen hatte sie an diesem Tag auch schon die Nase voll.

11

Eine kleine Gruppe Menschen verließ gerade den Bahnhof. Wie in jedem kleinen Dorf kannten die Bewohner einander und deshalb unterhielten sie sich ausgelassen miteinander, während sie am Gehsteig entlang schlenderten. Der Tag war zwar heiß, aber sie hatten dennoch keine Eile nach Hause zu kommen. Sie erfreuten sich am Small Talk und noch mehr über einen handfesten Skandal, von dem sie vielleicht erfuhren.

Gerade als sie in die Mainstreet eingebogen waren, verlangsamte eine der Frauen ihren Schritt. Sie spürte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen, der seine Eiszapfen sogar in ihre Ohren bohrte; gleichzeitig stellten sich ihre feinen Nackenhärchen auf. Sie blieb stehen und drehte sich vorsichtig um. Irgendjemand oder irgendetwas beobachtete sie, das war deutlich zu spüren. Und richtig. Hinter ihnen standen vier Hunde, die sie aus kalten Augen beobachteten. „Los, gehen wir schneller, das ist mir nicht geheuer!“, forderte sie die anderen auf und die Gruppe bewegte sich nun eiligen Schrittes die Hauptstraße entlang. Doch die Hunde folgten ihnen. Lautlos, aber mit gespitzten Ohren trotteten sie ihnen hinterher. Bemühten sich, ihre Erregung in Zaum zu halten und auf keinen Fall ihre spitzen Fangzähne zu zeigen. Ihre Schwänze zuckten als wollten sie die Ode an die Freude vor einem Millionenpublikum dirigieren und ihr Fell stellte sich wellenförmig auf, als würden Windböen über eine nicht gemähte Graslandschaft streifen.

Die Tiere beäugten die kleine Gruppe vor sich argwöhnisch, doch sie hielten immer exakt denselben Abstand. Blieb die Menschengruppe stehen, hielten auch sie an. Oder sie verlangsamten, beziehungsweise beschleunigten ihre Schritte, wenn die anderen es taten. Und sie gaben weiterhin keinen Laut von sich, was die Leute zunehmend beunruhigte. Mit immer schnelleren, mittlerweile trippelnden Schritten strebten sie auf den kleinen Dorfladen zu, der Schutz und Zuflucht versprach, weil er zu dieser Tageszeit mit Sicherheit geöffnet hatte.

Mit geflüsterten Worten hatten sie beratschlagt, wo sie Schutz suchen sollten und in der Eile ein paar Vorschläge unterbreitet. Doch es wäre gut möglich gewesen, dass die Angestellten des Gemeindeamtes gerade ihre Mittagspause abhielten und deshalb das große Tor aus dickem, rotbraunem Palisanderholz, das dem Gebäude den schwachen Anschein verlieh, eine uneinnehmbare Festung zu sein, abgeschlossen hatten.

Jeder Einzelne von ihnen wusste auch, dass Hochwürden die Tore seiner Kirche stets von sechs Uhr morgens bis nach dem Ende der Abendmesse um neunzehn Uhr für seine Schäfchen offen hielt. Doch in den heiligen Räumen Zuflucht vor einer bösen Ahnung zu nehmen, schien ihnen frevelhaft, ja direkt schon gotteslästerlich. Oder war es doch eher der Glaube, dort nicht wirklich sicher zu sein? Gab es da Ansätze in jeder einzelnen Seele der kleinen Gruppe, die am Herrn zweifelten? Jeder für dachte kurz darüber nach, gab sich jedoch nicht die Blöße, es mit den jeweils anderen zu besprechen. Zu groß war die Scham, als nicht gottesfürchtig zu gelten. Aber es war auch eine Schande, solche Gedanken überhaupt zu hegen! Die Scham kroch lautlos über jeden einzelnen Nacken und zog ihre Schultern nach oben. So hoch, dass sie beinahe bis an die Ohrläppchen reichten, was ihnen einen unwuchtigen Gang verlieh.

Als sie endlich den Laden erreicht hatten, versuchten sie beinahe alle, gleichzeitig durch die Tür zu gelangen. Sie stießen, rempelten und boxten, damit sie die ersten sein konnten, die das sichere Land erreicht hatten. Eine Rettung aus tosenden Fluten hätte nicht anders aussehen können. Die Letzte schlug die Tür hinter sich zu und lehnte sich kurz dagegen.

Hinter der Tür standen sie nun wieder vereint und atmeten durch. Doch Mel sah zum Fenster hinaus und stieß einen spitzen Schrei aus. Die Hunde kamen näher, richteten ihre Augen weiterhin auf sie und ihre Mitstreiter. Strebten unablässig auf die Tür zu, die jetzt gar nicht mehr so sicher erschien wie noch vor wenigen Sekunden. „Schiebt die Tiefkühltruhe vor die Tür, schnell!“, schrie Mel schon direkt hysterisch, doch Grant, der Ladenbesitzer, schoss hinter seiner Theke hervor.

„Moment, meine Dame, Sie werden schön die Finger von meiner Tiefkühltruhe lassen und mir erklären, was das Ganze überhaupt werden soll.“

Mel sah ihn mit ängstlichen Augen an. „Die Hunde werden hier hereinkommen und uns alle töten!“, wisperte sie mit zitternder Stimme und bewegte sich langsam von der Tür weg in Richtung der hinten gelegenen Privaträume.

Grant setzte ein trotziges Gesicht auf und sah aus dem Fenster. Die Hunde standen zwar in einem Rudel vor der Tür, aber seiner Meinung nach ging keine Bedrohung von ihnen aus. Als er vorsichtig die Tür öffnete, sahen sie ihn gleichzeitig an, fixierten ihn eine Sekunde lang und wedelten dann mit dem Schwanz. Nach einigen weiteren Sekunden hatten sie das Interesse an dem Ladenbesitzer, der ihnen keine Wurstzipfel und keine Kuchenreste überlassen wollte, verloren und sie trotteten in alle Windrichtungen davon.

Grant schloss die Tür und sah seine verängstigten Besucher an. „Man kann bei der Hitze schnell überreagieren, das kommt schon mal vor. Womit kann ich dienen? Ich habe frische Wassermelonen, kalten Eistee und herrlich kühlen Zitronenkuchen. Hat meine Frau heute am Morgen frisch gebacken; den kann ich wirklich wärmstens empfehlen.“

Die geistige Starre, in der sich die kleine Gruppe befunden hatte, löste sich langsam auf und anstelle der Paralyse schlich sich nun leichte Verwirrung sowie Scham in das Denken ein. Sie alle waren beschämt und kauften neben dem Zitronenkuchen auch Unmengen an Wassermelonen und Eistee als Wiedergutmachung für ihr abstruses Verhalten. Auf dem Kuchen türmte sich in kleinen Wellen eine weiße Baisermasse, die an die Schaumkronen des Meeres erinnerte, wenn der Wind die salzigen Tropfen gegeneinander peitschte. Grant teilte die ganze Torte auf, legte sie auf rechteckige Pappteller und schlug die einzelnen Stücke in Papier ein. Seine Frau würde in diesem Verkauf eine Bestätigung ihrer Backkünste sehen. Grant hingegen war nur wichtig, dass die Kasse klingelte, denn seit der Eröffnung des neuen Supermarkts ein paar Kilometer entfernt hatte er schwere finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Da kam ihm die verängstigte und beschämte Gruppe gerade recht.

Während Grant das Geld kassierte konnte er die erneut aufflammende Unruhe in der Gruppe direkt spüren. Sie hatten noch immer Angst vor den Hunden, obwohl sie sich längst getrollt hatten. Irgendetwas schien also an der Panik dran zu sein. Oder es handelte sich einfach um die berühmte Gruppendynamik, die in solchen Fällen sicher zu tragen kommt. Einer hat Angst und die anderen übernehmen diese Emotion ungefiltert und unreflektiert. Wie auch immer, er freute sich, ein gutes Geschäft mit ihnen gemacht zu haben und öffnete die Tür.

Doch Mel ließ es sich nicht nehmen, vorab einen sehr langen, umherschweifenden Blick durch das Fenster auf die Straße zu werfen. Dann verabschiedeten sie sich von Grant, dankten ihm für die Waren und versprachen, alsbald wieder zu kommen.

Als Mel ihren Fuß vor die Tür setzte, zögerte sie. Immerhin konnten die Hunde um die Ecke lauern und nur darauf warten, bis sie und ihre Verbündeten auf offener Straße waren um sie anzugreifen. Doch nichts geschah. Die Hunde waren nicht mehr zu sehen, aber es hing noch ein Hauch von Gefahr in der Luft, die die kleine Gruppe noch immer verspürte. Deshalb verabschiedeten sie sich rasch voneinander und liefen nach Hause, wo sie sich sicher fühlten.

Rosalie begegnete den Leuten, die vorsichtig einen Fuß nach dem anderen aus dem Laden auf die Straße hinaus setzten und glaubte, in ihren Gesichtern ängstliche Züge erkennen zu können. Doch sie wollte sich nicht mit deren Ängsten belasten. Falls sie darunter litten, sollten sie in ihre Praxis kommen. Deshalb ignorierte sie die kleine Gruppe und betrat den Laden. Grant stand noch hinter einem der Fenster und sah auf die Straße hinaus.

„Haben Sie die Hunde gesehen, Frau Doktor?“, fragte er, ohne seinen Blick von der Straße zu nehmen.

„Welche Hunde? Nein, ich habe keine gesehen. Hatten denn diese Leute vor streunenden Hunden Angst?“, fragte sie und war nun doch neugierig geworden.

„Es waren keine streunenden Hunde, sondern der Riesenschnauzer von den Ellsons und der weiße Labrador, der dem Enkel von Luis Travolli gehört. Sie wissen schon, das kleine Pferd, dem nur noch das Horn auf der Stirn fehlt.“ Grant wollte witzig sein, brachte es aber nicht so richtig zustande. „Insgesamt waren es sechs Hunde, die normalerweise alle brav zu Hause sind und faul im Garten herum liegen und darauf warten, dass ihre Herrchen von der Arbeit heimkommen. Ich weiß nicht, was sie auf der Straße wollten und vor allem gemeinsam.“

Rosalie sah ihn an. „Wieso fürchtet man sich vor Hunden, von denen jeder weiß, dass sie ungefährlich sind? Na wie ich auch immer, ich habe sie jedenfalls nicht gesehen. Haben Sie Mangos? Ich brauche zwei reife Früchte, einen Sandwichwecken und ein Glas saure Gurken. Und geben Sie mir auch noch einen großen Becher Joghurt dazu. Das wäre alles.“

Sie hatte keine Lust mehr, sich über Hunde zu unterhalten, die zufällig miteinander auf der Straße gespielt haben. Sie sah sich in dem kleinen Laden um, der noch an die Zeit der Goldgräber erinnerte. Sie mochte den leicht muffigen Geruch der alten, abgetretenen Holzdielen im Verkaufsraum, die Mischung aus den verschiedensten Aromen, die aus den Holzfässern, Brotkörben und vom Obst aus ging. Es war auch ein etwas finsterer Laden und dennoch keinesfalls schmuddelig oder Furcht einflößend. Grant war angeblich schon in der vierten Generation Greißler und er übte einen Beruf als Berufung aus; manchmal mehr, als den Kundinnen lieb war.

„Ach ja, fast hätte ich es vergessen! Die Butter ist auch ausgegangen. Ein viertel Kilo bitte“, unterbrach sie ihre Gedanken und kehrte wieder in die Realität zurück.

12

Den Nachmittag verbrachte sie am Strand, grub ihre Beine in den rostrotgelben Sand ein und beobachtete die Wellen, auf denen blaubraune Schaumkronen tanzten. Sie sah dem bunten Sand zu, wie er Körnchen für Körnchen von ihrer Haut rieselte und ein kaum wahrnehmbares Kitzeln hinterließ. Langsam gewöhnte sie sich an das bizarre Farbenspiel und es erinnerte sie daran, dass sie einige Tests durchführen lassen wollte. In diesem Moment schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass dieses prächtige Farbenspiel von einer chemischen Verunreinigung stammen und giftig sein könnte. Sofort sprang sie auf und fegte panisch mit den Händen die Sandkörnchen von ihrer Haut.

Dann nahm sie Kurs auf ihr Haus um im Labor anzurufen. Doch vorher stattete sie dem Haus von Marisha noch einen Besuch ab. Die alte Lady war bereits vom Bestatter abgeholt worden, der Totenschein war weg. Rosalie seufzte, denn mit diesem Tag begann eine neue Ära für sie; ein Leben ohne die verwirrte Dame, der sie immer wieder aus einem Buch vorgelesen hatte. Sie vermisste sie jetzt schon.

Noch bevor Taylor von der Uni nach Hause kam, bereitete sie einen schnellen Mango-Joghurt-Kuchen ohne ihn backen zu müssen zu und stellte ihn im Kühlschrank kalt. Er diente als Teil des Abendessens, das lediglich aus Sandwichscheiben mit Salat, Tomaten, Schinken, Käse und sauren Gurken bestehen sollte. Sie hatte keine Lust, sich noch an den Herd zu stellen um zu kochen und Taylor war ein äußerst dankbarer Futterverwerter. Er aß, was auf den Tisch kam und lobte es auch noch. Auch dafür liebte sie ihren Mann. In vielen Bereichen war er völlig unkompliziert, doch in wenigen Belangen konnte er sie und auch viele andere zur Weißglut treiben. Vor allem dann, wenn er sich in ein Thema verbissen hatte. Dann konnte man ihn durchaus mit dem Leittier einer Vielfraßgruppe vergleichen; auch wenn der Vielfraß ein Einzelgänger ist. Hin und wieder nervte sie diese Art, dass er mit dieser Vehemenz vorging, aber dieses Mal war sie darüber froh. Sie konnte nämlich spüren, dass sich dieses Problem nicht von selbst lösen würde.

Taylor kam gut gelaunt von der Arbeit und stürzte sich über die Sandwiches als wären sie feinster Lachs, garniert mit teurem Kaviar. „Ich habe heute übrigens mit Melvin telefoniert, du weißt schon, dem Rektor der Stadlin Universität für Biologie. Natürlich habe ich ihm von unserem Phänomen erzählt und er hat mir seine gesamte Bibliothek zur Verfügung gestellt. plus jeden Professor und Dozenten, wenn ich mit jemandem ein Problem diskutieren möchte. Normalerweise ist er sehr zurückhaltend, wenn es um seine Bücher und sein Personal geht. Scheinbar interessiert ihn dieses Phänomen und er möchte mehr wissen.“

Rosalie strahlte ihn an. „Das ist ja fantastisch! Vielleicht handelt es sich tatsächlich nur um eine chemische oder biologische Verunreinigung der Luft durch die Industrie. Ich habe bereits Messungen angeordnet, sie werden noch heute durchgeführt. Luft, Boden, Gras, Blätter und Gebäudeoberflächen. Das war’s mal für den Anfang. Wenn wir mehr brauchen, werden wir überlegen, was sinnvoll scheint.“

„Und die Ergebnisse nehme ich an die Stadlin Uni mit. Eine bessere Adresse zur Aus- und Bewertung gibt es wohl kaum“, freute sich Taylor.

„Was ist aber, wenn es keine Umweltgifte sind, die das Farbspiel verursachen?“, fragte Rosalie und nahm den Mangokuchen aus dem Kühlschrank. Damit hatte sie die Aufmerksamkeit ihres Mannes verloren, der schon nach dem Messer griff noch ehe sie die Dessertteller auf den Tisch gestellt hatte. „Damit hast du dich wieder mal selbst übertroffen!“, lobt er sie und leckte die Kuchengabel mit Hingabe ab. „Ist auch noch ein zweites Stück drin?“, fragte er, als er die Krümel mit der Fingerbeere vom Teller pickte. „Der ist echt fantastisch“, kommentierte er und ließ sich ein weiteres Stück auf den Teller legen.

„Heute hatten sieben Frauen in meiner Praxis einen handfesten Streit“, versuchte Rosalie wieder auf das Thema Phänomene zu lenken. Die Komplimente bezüglich des Kuchens waren zwar sehr nett gemeint, aber in Anbetracht der prekären Situation empfand sie dieses Thema als absolut oberflächlich. „Mrs. Blackwood hat sogar auf eine andere Patientin mit ihrer Handtasche eingeschlagen!“

Taylor prustete los und musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht winzige Kuchenstücke, vermischt mit Speichel, auf dem Tisch zu verteilen. „Was? Die alte Blackwood? Das wundert mich ehrlich gesagt nicht. Sie war schon in früheren Zeiten eine bissige Ziege. Worum ging es bei dem Streit?“

„Die andere Patientin musste zur Arbeit und wollte deshalb vorgelassen werden.“

Taylor sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Uhh, das ist natürlich ein Grund, jemanden zu vermöbeln, da verstehe ich die gute Mrs. Blackwood nur zu gut“ witzelte er, bekam aber sofort wieder einen ernsten Gesichtsausdruck als er das Missfallen seiner Frau spürte.

Nach ein paar Sekunden des Schweigens fuhr sie fort: „Es war jetzt kein normaler Streit, sondern ein richtig aggressiver, mit eindeutigen Schlägen unter die Gürtellinie. Und es haben nicht nur die beiden gestritten, sondern alle sieben! Es wurden auch Themen aufgegriffen, die nichts mit dem ursprünglichen Thema zu tun hatten. Mrs. Drawling warf einer Patientin vor, jedes Kind von einem anderen Mann zu haben und Mrs. Blackwood wurde beschuldigt, ihr Leben lang die Beine breit gemacht zu haben, nur um finanziell von ihrem Mann ausgehalten zu werden.“

Taylor pfiff durch die Zähne. „Na das ist aber schon starker Tobak. Ob das nicht auch vielleicht mit dem Phänomen zu tun hat? Normal ist das jedenfalls nicht. Nicht in dieser Intensität.“

„Genau darauf will ich hinaus“, ereiferte sie sich und erzählte gleich darauf die eigenartige Geschichte mit den Hunden vor der Greißlerei. Während sie sie erzählte, erschien sie ihr immer merkwürdiger, obwohl sie sie im Laden noch als völlig harmlos abgetan hatte.

Taylor hatte währenddessen sein zweites Stück Kuchen verputzt und schon zu seiner Mappe gegriffen, um die wichtigsten Fakten der beiden Vorfälle zu dokumentieren. Jeder Fall bekam natürlich wieder ein eigenes Blatt.

„Mich fasziniert die Vielfalt der Ereignisse, die sich seit vorgestern abspielen. Oder wir jagen hier einem Phantom nach, weil es solche Vorfälle schon immer gegeben hat, wir aber nicht sensibel genug darauf reagiert haben. Mit Ausnahme der unnatürlichen Landschaftsfärbungen natürlich. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir aufmerksam genug waren, um solche Vorkommnisse zu registrieren und in einen Kontext zu bringen.“

Rosalie nickte nachdenklich. „Das kann gut möglich sein. Wir sollten darüber nachdenken, ob wir die Häufigkeit solcher Vorfälle früher nicht gesehen haben oder ob sie jetzt wirklich gehäuft auftreten. Wir sollten von offizieller Seite her nichts überstürzen, sonst machen wir uns lächerlich und das wollen wir nicht, oder?“

Taylor pfiff erneut durch die Zähne. „O yeah, du hast vollkommen recht, Baby!“, gab er betont lässig von sich und streckte ihr seinen Zeigefinger entgegen.

„Aber du könntest vielleicht mal mit diesem, na, wie heißt er noch gleich? Lionel reden. Mit dem Psychiater. Vielleicht hat er eine plausible Erklärung für die Aggressivität unter deinen Patientinnen und für das atypische Verhalten von Sandy und Benny. Eventuell löst sich nach einem Gespräch mit ihm alles in Wohlgefallen auf oder er kann helfen, die Fälle zu klären. Oder er hat einfach nur eine Erklärung für alles. Mir würde schon eine Einschätzung von psychiatrischer Seite reichen. Es ist auf alle Fälle eine Absicherung für uns.“

Rosalie fiel ihm um den Hals. „Du bist ein Genie! Darauf wäre ich nie gekommen“, rief sie aus und küsste ihn.

Dann griff sie nach dem Handy, suchte die Nummer Lionels heraus und rief ihn an. Leicht nervös trommelte sie mit den Fingern auf den Tisch und biss sich leicht auf die Unterlippe ohne es zu bemerken. Während ihres Studiums waren Lionel und sie einander nähergekommen, auch wenn es keine richtige Beziehung war. Sie gingen häufig miteinander aus, knutschten in dunklen Ecken und versuchten, sich gegenseitig die Rätsel der Medizin zu erklären. Nur zu gut konnte sie sich an jenen Abend kurz vor dem Ende des dritten Semesters erinnern. Sie waren in einer schmierigen Bar, in der Burger um neunzig Cent serviert wurden und sie teilten sich einen, weil das Geld für zwei nicht langte. Der Barkeeper wies sie nach drei Stunden darauf hin, dass sie nun entweder noch etwas konsumieren oder den Laden verlassen müssten. Rosalie benutzte noch die Toilette, trank Wasser aus dem Hahn und verabschiedete sich mit einem frechen „Das ist hier ohnehin ein Saftladen“ vom Barkeeper. Vor der Tür nahmen sie allerdings die Beine in die Hand, da der ziemlich groß gewachsene und sehr breit gebaute Kellner diese Beleidigung rächen wollte. Seine dicken Oberschenkelmuskeln trugen ihn aber nicht sehr schnell und auch nicht sehr weit und somit gab er nach wenigen hundert Metern die Verfolgung auf.

Just in dem Moment donnerte ein Platzregen auf die beiden hernieder und sie standen auf offener Straße. Rosalie lachte noch immer über den etwas tollpatschig wirkenden Muskelprotz und zog sich das T-Shirt über den Kopf. Ihre blanken Brüste glänzten in Schein der Straßenlaterne silbrig. Lionels Augen traten wie die einer Weinbergschnecke hervor und aus seinem offenstehenden Mund drang kein einziger Laut. Nach rund einer Minute schnappte er wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft; er hatte sogar zu atmen vergessen.

Rosalie hingegen hielt ihr Gesicht in den Himmel und sprang ausgelassen auf der leeren Straße umehr. Ihre festen, relativ großen Brüste wippten dabei im Takt auf und ab. Lionel ließ sich von ihrer guten Laune anstecken, streifte ebenfalls sein T-Shirt ab und tanzte mit ihr die Straße entlang. Oder aber er hatte Angst, beim Anblick ihres formschönen Busens schwach zu werden und hatte sich deshalb mit dem Tanzen abgelenkt. Darüber gesprochen hatten sie danach niemals.

Als sich ihr ehemaliger Studienfreund meldete, zuckte sie kurz zusammen, denn sie war noch fest in der Erinnerung verankert.

Nachdem sie ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht hatten, kam sie gleich zur Sache und erklärte die Sachlage in ihrem Dorf und formulierte ihre Bitte an ihn. Dann biss sie sich wieder leicht auf die Unterlippe und wartete gespannt auf seine Antwort. Es dauerte bei ihm immer eine geraume Zeit, bis er sich zu einer Antwort entschließen konnte. Das hatte sie nicht nur zu Studienzeiten rasend gemacht, sondern auch noch während der darauffolgenden Jahre, in denen sie nur noch telefonischen Kontakt zu ihm pflegte.

„Nun ja, das hört sich tatsächlich sehr interessant an und es ist selbstverständlich, dass ich die Situation näher unter die Lupe nehme. Kann ich gleich morgen kommen? Da ist mein freier Tag. Aber nur, wenn du mir deine köstliche Studentenlasagne servierst. Ohne Gage rühre ich nämlich keinen Finger, nicht einmal den kleinen!“

„Lasagne, so viel du essen kannst, versprochen! Ich freue mich schon auf dich, bis morgen dann!“

Taylor beäugte sie etwas misstrauisch, schob aber seine Bedenken, dass zwischen den beiden wieder etwas aufflammen könnte, beiseite. „Aber von der Studentenlasagne will ich auch ein Stück abhaben. Und es muss genauso groß wie Lionels sein, wenn nicht sogar noch größer“, räumte er mit einem leichten Anflug von Eifersucht ein. Rosalie lächelte ihn an, küsste ihn und nickte bestätigend.

„Jetzt muss ich aber noch mal zu Grant, um Lasagneblätter und Faschiertes zu kaufen. Fährst du mit?“, fragte sie und schnappte ihren Autoschlüssel. Ohne zu antworten stand er auf und hielt ihr mit einer galanten Verbeugung die Haustür auf.

Während Rosalie sich beim Greißler umsah, stöberte Taylor in den Zeitungen herum, da er sich nicht mit Emma, der Kindergärtnerin unterhalten wollte. Sie war mit ihrem sechsjährigen Sohn Nathan ebenfalls einkaufen und beäugte jedes Stück Obst, das in den Kisten lag, mit Argusaugen. Nathan trieb sich währenddessen bei den Süßigkeiten herum, warf aber dann einen Blick auf Rosalie und schlenderte lässig auf sie zu. „Gott zum Gruße, edles Fräulein. Gebet mir doch Preis, wo ich einen Humpen des besten Gerstensafts erstehen kann und was ich dafür berappen müsste; ich hatte seit dem gestrigen Tage keinen mehr! Mein Odem ist schon ganz trocken und mein Wanst ist leer!

Meine Queste nach dem Bollemoschder könnten Sie, oh holde Maid, vielleicht auch beenden?“

Rosalie starrte den sommersprossigen Jungen an. Auch Taylor hatte diese Worte gehört und konzentrierte sich auf den Jungen. Geistesgegenwärtig übernahm er die Rolle seiner Frau und gab ihm an ihrer Stelle Antwort.

„Ihr müsset in die Herberg gehen, dort schenket der Wirt gut ein. Aber nur, wenn ihr Silberlinge habt. Dero zwei sollten reichen für einen Humpen. Und lasset euch nicht auf eine Disputatio mit dem Bollemoschder ein, er ist nicht gut auf Auswärtige zu sprechen!“

Nathan lachte süffisant auf. „Ihr glaubet wohl, ich sei ein tumber Tor? Mitnichten! Aber hier gefallet es mir nicht, ihr nidet mir nur.“ Dann drehte er sich um und spazierte zur Tür. „Nun denn, gehabt Euch wohl!“, sprach der Knirps und war auch schon bei der Tür draußen.

Grant, Rosalie, Taylor und Emma starrten auf den Platz, wo gerade Nathan gestanden und diese eigenartigen Worte von sich gegeben hatte. Die Erste, die sich bewegte, war seine Mutter. Sie ließ die Mango in die Kiste zurückfallen und lief ihrem Sprössling hinterher. Wohl weniger um ihn nach den Worten zu fragen als ihn vor den Gefahren der Straße zu beschützen.

„Was zum Teufel war das denn?“, fragte Grant und entschuldigte sich sofort für seinen verbalen Missgriff.

Taylor schüttelte ungläubig den Kopf. „Das war die Sprache des sehr späten Mittelalters, beziehungsweise wurde sie auch noch vor etwas mehr als einhundert Jahren in unseren Breiten gesprochen. Woher hat dieser Junge diese Ausdrücke nur?“, fragte er und lief ebenfalls aus dem Laden ohne die Zeitung zurück ins Regal zu stecken.

Rosalie verließ gleichfalls den Laden und stürmte den dreien in Richtung Rathaus nach. Nur Grant blieb in der Nähe seines Ladens, stand aber in der Mitte der Straße, um noch einen Blick auf die vier Laufenden erhaschen zu können.

Nachdem Taylor Nathan erreicht und zum Stehen bleiben überredet hatte, legte er ihm die Hand auf die Schulter und lobte ihn für seine Schnelligkeit und Kondition. „Dafür hast du dir ein Eis verdient. Du magst doch Eis, oder? Welches hättest du denn gern?“

Nathan keuchte zwar ein wenig, grinste aber glücklich. „Schokolade, Marille und Kirsche“, war die prompte Antwort und er machte sich sofort auf den Weg zum Eissalon gleich um die Ecke.

Emma wollte schon Protest einlegen, weil der Zucker im Eis seinen Zähnen schaden könnte, doch Rosalie nahm sie beherzt zur Seite und sah sie eindringlich an. „Taylor muss sein Vertrauen gewinnen um herauszufinden, woher er diese Worte kennt und weshalb er so spricht. Das geht bei Kindern am besten mit Süßigkeiten. Drücken Sie einfach ein Auge zu, denn es ist sehr wichtig. Vielleicht können Sie mir sagen, wo er diese Sprache gehört hat und weshalb er sie so gut nachahmen kann. Haben Sie eine Idee?“

Rosalie zog Emma auf eine Bank. „Hat er schon jemals so gesprochen?“

Emma schüttelte energisch den Kopf.

„Waren Sie in letzter Zeit mit ihm in einer Mittelalterausstellung? Oder in einem Verein, in dem diese Sprache gepflegt wird? Vielleicht hat er sie in einem Film gehört? Denken Sie bitte nach, es ist wirklich wichtig“, insistierte Rosalie und legte ihre Hand vertrauensvoll auf die ihres Gegenübers.

Emma starrte blicklos auf einen Punkt auf der Straße, schüttelte aber nach geraumer Zeit den Kopf. „Nein, nichts dergleichen. Ich achte sehr darauf, was er hört oder sieht und mit dem Mittelalter bin ich sehr vorsichtig, weil es von Gewalt und Mord geprägt ist. Mein Nathan soll in eine liebevolle Kindheit gebettet sein und nicht mit all den Grauen der Welt konfrontiert werden, die sie zu bieten hat. Er wird noch früh genug die Grausamkeit am eigenen Leib erleben müssen.“

Rosalie hatte den Verdacht, dass Emma ihren Sohn unter eine Käseglocke setzt, in der es nichts als Sonnenschein gab. Der arme Junge wird aufs Leben absolut nicht vorbereitet, dachte sie leicht erzürnt. Sie nimmt ihm die Möglichkeit, sich an die zum Teil doch sehr grausame Welt zu gewöhnen.

Aber dann rief sie sich selbst zur Ordnung, denn es war nicht ihr Junge und deshalb hatte sie auch nicht das Recht, über Emmas Erziehungsmethoden und Einstellungen zu urteilen.

Sie breitete ihre Arme wie ein Priester bei der Einladung ‚Lasset uns beten’ aus und hob ratlos die Schultern. „Wo kann er dann diese Worte aufgeschnappt haben? Was denken Sie?“

Rosalie war klar, dass die Frau keine Ahnung hatte, wollte aber herausfinden, ob sie diesen Vorfall mit all den anderen Ereignissen in Zusammenhang brachte. Doch Emma schien all die Veränderungen rund um sie auszublenden und da schien sie nicht die Einzige zu sein. Offensichtlich wollte sich keiner mit dem Phänomen auseinandersetzen; ausgenommen sie selbst und ihr Ehemann. Das stimmte sie einerseits traurig, weil die Menschen nicht bereit waren, Änderungen zu erkennen und zu hinterfragen, andererseits war sie froh darüber, denn so wurde wenigstens keine Massenpanik und Landflucht ausgelöst. Wie immer hat alles seine Licht- und seine Schattenseite, dachte sie und hatte plötzlich auch Appetit auf Eis. Sie lud Emma ein und sie unterhielten sich vorwiegend über Kinder, obwohl sich Rosalie bei diesem Thema furchtbar langweilte. Doch sie musste die Frau so lange in Schach halten, wie Taylor mit der Befragung des Jungen beschäftigt war. Sonst lief sie Gefahr, dass Emma ihren Sohn von Taylor weg schleifte und das musste sie mit allen Mitteln verhindern. Sie betete nur inständig, dass sie bei dem sinnbefreiten Gelabere nicht einschlief.

Das mittelgrüne, mit Gänseblümchen bedruckte Kleid, das Emma bis zu den halben Waden reichte, drückte im Prinzip ihre Persönlichkeit aus. Wohl kaum ein Mann, und war er noch so scharf auf jede Frau, wäre auf die Idee gekommen, die Form ihrer Brüste erahnen oder einen lüsternen Blick auf ihren Po werfen zu wollen. Sie strahlte eine Reinheit und Naivität aus, die noch nicht einmal ein Säugling in sich trug. Diese Frau schien fragiler als Windhauch zu sein und frei von jeglichen Anzüglichkeiten. Woher sie Nathan, ihren Sohn hatte, war Rosalie ein Rätsel. Dass Emma zumindest ein Mal in ihrem Leben Sex gehabt hatte, wagte sie zu bezweifeln. Der Gedanke an eine unbefleckte Empfängnis durch eine Samenspende schien ihr schon realistischer zu sein.

„…. ist schon sonderbar, finden Sie nicht auch?“ Rosalie wurde durch diese Frage aus ihren Gedanken an Sex gerissen und schämte sich diesbezüglich ein wenig. Diese Frau hatte ihr vermutlich eine blütenreine Geschichte erzählt während sie schmutzigen Gedanken nachgehangen war; wie verwerflich!

Noch während sie nach einer unverfänglichen, so gut wie überall passenden Antwort in ihrem Kopf kramte, führte Taylor den Jungen aus dem Eissalon. Sofort sprang Emma auf, zückte ein Feuchttuch und reinigte Nathan den Mund sowie die Finger, obwohl keine Eisspuren sichtbar waren. Rosalie wettete mich sich selbst, dass in dem Tuch auch eine Spur von einer Desinfektionslösung enthalten war. Fremde Keime hatten doch nichts auf ihrem Sohn zu suchen!

Rosalie musste sich ein Schmunzeln verkneifen. „Ist euer Männergespräch beendet?“, fragte sie Nathan und er quittierte den Ausdruck ‚Mann’ mit einem lässigen ‚yep’. Aber nur so leise, dass es seine Mutter nicht hören konnte. Vermutlich hätte er für dieses Wort, das der Gosse entsprungen war, eine Woche Hausarrest aufgebrummt bekommen.

„Haben Sie verstanden, was mein Kleiner im Laden gesagt hat? Und warum er es gesagt hat?“, fragte sie Taylor besorgt und drückte ihn mit dem Rücken an ihre Beine.

„Kurz zusammengefasst hat er nach einer Kneipe gefragt, wo er Bier trinken könne und mit dem Bürgermeister wollte er auch reden. Das war’s in etwa. Aber es waren nicht seine Worte, also bestrafen Sie ihn nicht dafür. Morgen kommt ein namhafter Psychiater ins Dorf, vielleicht sollten Sie Nathan mit ihm sprechen lassen.“

Emma sah ihn völlig fassungslos an. „Bier trinken? O mein Gott! Das Kind versündigt sich schon jetzt! Wie soll das nur weiter gehen? Ja, er soll auf alle Fälle mit dem Psychiater sprechen, ich bitte sogar darum“, entgegnete sie und schob mit Tränen in den Augen ihren Jungen vor sich her.

„Ich hoffe nur, sie nimmt es ihm nicht übel“, seufzte Taylor. „Er kann sicher nichts dafür, denn er weiß gar nicht, dass er dich angesprochen hat. Ich bin mir ganz sicher, dass es mit dem Phänomen zu tun hat und es hat sich gerade um ein sehr interessantes Detail erweitert – oder vielleicht ergänzt, wer weiß.“

„Verrätst du mir, was er genau gesagt hat? Ich habe zwar der meiste davon verstanden, aber nicht alles“, erklärte Rosalie. Taylor holte ein drei Mal gefaltetes Blatt Papier aus seiner Hosentasche und reichte es ihr wortlos. Neugierig schlug sie es auf und las laut vor:

„Gott zum Gruße, edles Fräulein. Gebet mir doch Preis (erzählt mir), wo ich einen Humpen (großes Glas) des besten Gerstensafts (Bier) erstehen kann und was ich dafür berappen (bezahlen) müsste; ich hatte seit dem gestrigen Tage keinen mehr! Mein Odem (Meine Kehle) ist schon ganz trocken und mein Wanst (Bauch) ist leer!

Meine Queste (Suche) nach dem Bollemoschder (Bürgermeister) könntet Ihr, oh holde Maid, vielleicht auch beenden? Ihr glaubet wohl, ich sei ein tumber Tor? (sonderbarer Geselle) Mitnichten! Aber hier gefallet es mir nicht, ihr nidet (neidet) mir nur. Nun denn, gehabt Euch wohl!

Ihr müsset in die Herberg (Gasthaus)gehen, dort schenket der Wirt gut ein. Aber nur, wenn ihr Silberlinge (Geld) habt. Dero zwei sollten reichen für einen Humpen (für ein großes Glas). Und lasset euch nicht auf eine Disputatio (Streitgespräch) mit dem Bollemoschder ein, er ist nicht gut auf Auswärtige zu sprechen!

Es ergibt zwar Sinn, aber nicht aus dem Mund eines Sechsjährigen und auch nicht, dass er es zu mir gesagt hat. Ich denke, er wusste nicht, was er gesagt hat. Es hörte sich an, als würde Jemand oder Etwas aus ihm sprechen.“

„Diesen Eindruck hatte ich auch, deshalb sollte ihn Lionel morgen unter die Lupe nehmen. Die Sachlage hier wird immer mysteriöser“, pflichtete Taylor seiner Frau bei und schlenderte nachdenklich mit ihr Hand in Hand zurück zum Greißler Grant zurück.

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ISBN:
9783754171868
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Bookwire
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