Czytaj książkę: «Ragnarök»

Czcionka:

K.T. Rina

Ragnarök

Der letzte Einherjer

Vorwort

Die Geschichte „Ragnarök – Der letzte Einherjer“ ist keine akkurate Repräsentierung der nordischen Mythologie. Vielmehr nutzt sie die Charaktere und Welten als Fundament, um die Geschichte des Ragnarök und der nordischen Mythen in einer zusammenhängenden Geschichte neu zu interpretieren und wie diese—wären sie real—Einfluss auf das Leben der Menschen haben würden.

Die erwähnten Menschen, ihre Leben und genannte Orte sind frei erfunden.

Die Menschen im Norden sprachen von 9 Welten, die durch die Esche Yggdrasil verbunden waren.

Oben auf der Krone des Weltenbaums lebte der Riese Surtur gemeinsam mit den abscheulichen Söhnen der Welt, die man Müspelheim nannte. Es war ein Ort der Glut, der Hitze, des Lichts. Geysire schossen vom Boden und von dort floss alles Wasser hinab in die unteren Welten.

Eine solche war Albenheim, die Heimat der Alben. Sie lebten dort friedlich und ohne Streit mit den anderen Welten. Isoliert waren sie dennoch nicht: Ihr König war Frey, Sohn Njörds, der ihm als Junge Albenheim als Zahngeschenk gegeben hatte.

Njörd und Frey waren Teil des ältesten der Göttergeschlechter, den Wanen. Njörd, ihr Anführer, herrschte über Wanenheim, welches auf der gegenüberliegenden Seite von Yggdrasils Stamm und Albenheim lag.

Im Süden Yggdrasils und tiefer noch lag Asgard, die Heimat des Göttergeschlechts der Asen. Einst beherrscht von Bor, wurde die Führung in die Hände von seinem Sohn Odin gelegt.

Die Welt unter Asgard, Midgard genannt, wurde von demselben Bor und seinen drei Söhnen Odin, Ve und Vili geschaffen. Sie hatten den Riesen Ymir erlegt und aus seinem unermesslichen Körper eine Welt für Nicht–Götter erschaffen: Aus dem Fleisch wurde Midgards Erde, aus Ymirs Blut die Seen und Meere, die nicht von einem Wasserfall geflutet wurden, kreiert; aus seinen Brauen formten sie die Berge und seinen Schädel zertrümmerten sie und warfen die Splitter in Ginnungagap, die Schwärze, die Dunkelheit, die Yggdrasil einhüllte, die Leere, die der umstehende Kosmos war. Jene Splitter waren bekannt als Sterne und ab und an füllten die Götter die Schwärze mit weiteren glänzenden Objekten, um neue Konstellationen zu formen.

Doch Midgard war zweigeteilt: Auf der warmen Südseite lebten die unschuldigen Tiere, auf der kalten Nordseite wurde die verräterische Jotenrasse verbannt. Deshalb wurde diese kalte Hälfte Jotunheim genannt. Die Joten, die von Ymir abstammten, wurden dorthin verjagt, weil sie es wagten sich gegen die Götter zu stellen. Sie wurden Joten („Verschlinger“) genannt, weil sie alles in ihrer Gier und Bosheit verschlangen.

Unter Midgard lagen zwei unterschiedliche, jedoch ähnlich dunkle Welten verborgen. Eine lag unter der Nordhälfte unter Jotunheim und beherbergte die Zwergenrasse. Nidavellir war die Heimat dieser, welche besonders geübt waren in der Kunst des Schmiedens. Die einzigen Lichter, welche sie sahen und verehrten, waren das Feuer der Schmiede und die Funken von geschlagenem Stahl.

Unter der Südhälfte Midgards lag eine weitere Höhlenwelt, eine von Göttern verborgene und so trug sie keinen Namen. Die Söhne Bors erschufen sie bei der Kreierung Midgards als geheimen Zufluchtsort vor ihren Eltern. Diese Höhlenwelt war von Pilzen an der turmhohen Decke erleuchtet, wo Wasser aus den Seen und Meeren hinuntertrickelte; sogar Gras wuchs auf dem kalten Boden, doch Tiere lebten dort nicht.

Noch tiefer, tief am Stamm des Weltenbaums, wo einige Wurzeln herauswirbelten und die meisten in unendlicher Tiefe verborgen waren, war die Welt Niflheim. Nichts lebte dort. Es war ein Ort der Kälte und des Eis. Der Boden war eine graue Decke, doch war es kein Schnee, sondern Asche die vom Himmel hinabstreute. Kein Horizont. Keine Grenzen.

Der Weltenbaum Yggdrasil, so wurde gesagt, wurde durch das Kollidieren der Glut Müspelheims und des Frosts Niflheims erschaffen. Wo zwei unterschiedliche Kräfte aufeinander prallen, dort wird Leben erschaffen…oder Leben zerstört.

Blut floss aus der Wunde. Der Schnee tränkte sich rot. Der Wolf röchelte nicht mehr, als der Mann mit dem Fuchspelz den Pfeil aus dem Hals des Tieres zog. Er war auf die Knochen runtergehungert, genau wie der Jäger. Die Kälte hatte den Wolf zum Lagerfeuer gezogen. Er war verzweifelt in diesem frühen Winter, in diesem Winter ohne Sonne—womöglich wollte er sterben. Sigurd zog den Wolfskörper zum Feuer und weidete ihn dort aus. Das Fleisch war kostbar, die Leber köstlich. Die Knochen brachen widerstandslos in seinen Händen wie die eines jungen Kükens. Er saugte jedes Tröpfchen Mark aus diesen heraus. Er wusste nicht, wann er wieder essen würde, wann er wieder den plagenden Hunger stillen konnte. Um den Tod sorgte sich Sigurd nicht. Er war schon einmal gestorben.

Vor dem Licht
Ein neuer Freund

Thor spaltete dem letzten fliehenden Joten den Schädel. Seit drei Jahren durfte er nun alleine durch die Welten reisen. Sein Vater Odin empfand, dass ein Junge abenteuerlustig sei und er wusste von Thor, dass ihm nichts zustoßen würde. Thors Stärke war bereits als kleines Kind gleichzusetzen mit der von seinem Vater.

Das Blut aus den Leichen des Ehepaares färbte den Schnee um sie rot. Jotunheim war ein kalter, trostloser Ort, indem der Winter nie aufzuhören schien; nur selten verirrten sich wärmende Strahlen, wenn Sol ihr brennendes Gespann vorbeizog. Deshalb blieb Thor an der Grenze zwischen Jotunheim und Midgard, damit die Asengeschwister, die Sonne und Mond über den Himmel zogen, ein Auge auf ihn werfen konnten.

Thor wischte seine Axt an den Leibfetzen eines der Toten sauber, als er einen Jungen aus einer Höhle kommen sah. Der Junge hatte schwarzes Haar und trug einen weißen Bärenpelz um seine Schultern. Seine Augen glühten rot. Thor schmiss seine Axt nach ihm, aber der Junge rollte frühzeitig zur Seite. Blitzschnell zog Thor eine weitere Axt von seiner Hüfte und warf es auf jenen. Abermals wich der Junge im Eisbärenpelz aus und rannte auf Thor zu. Odins Sohn nahm naheliegende Steine und warf sie nach ihm. Nach drei misslungenen Würfen war der Junge in Armreichweite, seine Augen brannten rot wie die Glut eines Holzblocks, kurz bevor es erlosch. „Hab dich!“ sagte der Junge, als er Thor am Arm antippte. Danach rannte er wieder von Thor weg, doch hielt ihn im Auge, sodass der Ase ihn nicht sogleich fing. Thor lachte, warf den Stein in der Hand zu Boden und rannte dem Jungen hinterher. Thors orange Haare wehten mit dem kalten Wind.

Thor und Loki spielten immer zusammen, wenn Thor wieder in Jotunheim war. Wegen seiner Stärke hatte Thor von seinem Vater die Aufgabe erhalten, Midgard, das Reich der Tiere, von den Wanderern des Eis zu schützen—Thors Vater sagte, dass jeder sein Reich erhalten hatte, damit es zu keinen Streitigkeiten komme; leider jedoch gäbe es immer welche, die sich nicht an die Regeln hielten. „Du, Loki: Willst du mich mal in Thorheim besuchen kommen? Da ist es nicht so kalt und ich kann dir meine Sammlungen zeigen. Ich habe sehr schöne Schwerter zum Namenstag geschenkt gekriegt. Dann können wir mal richtig gegeneinander kämpfen.“

„Hihihoh“, lachte Loki, doch dann sank sein Kopf. „Aber ich bin ein Jote…“

„Das macht nichts. Mein Vater hat einen guten Freund namens Mimir mal nach Asgard eingeladen, der auch ein Jote ist. Ich bin sicher, Vater wird nichts dagegen haben, wenn du kommst.“ Die roten Augen des Jungen strahlten und er fragte seinen Freund, wie er denn nach Thorheim komme. „Also erst gehst du in Richtung Midgard; du läufst dahin, wo Sol Midgard verlässt“, Thor zeigte mit seiner Hand nach Westen. „Dann hältst du Ausschau nach einem Baum im Felde, dessen Früchte keine Vögel anlocken. Dieser Baum hat ein Loch und blickst du dort hindurch, kannst du Bifröst sehen. Es ist die bunte Brücke im Himmel, die von Midgard nach Asgard führt. Bist du erstmal dort, wird Heimdall dir zeigen, wie du zu mir nach Hause kommst.“

„Gut. Ich komme dann in fünf Tagen, ja?“

Thor nickte und sie warfen sich wieder mit Schneebällen ab.

Loki fand Bifröst dank Thors Beschreibung problemlos. Pfeifend hüpfte er über die Regenbogenbrücke und blickte durch das bunte Glas: Unter ihm war Midgard und weit im Osten sah er sein Zuhause, wo er damals Thor getroffen hatte. Es schien ihm alles so winzig von dort oben. Das Tor zum Reich der Asen war eine Festung. Es war der Palast von Heimdall und er entschied, wer sein Haus betreten und hindurch nach Asgard schreiten durfte. Der kleine Junge im weißen Bärenpelz blickte hoch auf die gigantischen Eingangstore. Er hob seine Faust, um daran anzuklopfen, doch die Tore knarrten vorher auf. Heimdall erwartete ihn bereits, er erspähte ihn schon über Bifröst kommen. Der Wächter hielt einen Speer in seiner rechten Hand und sein rechtes Auge drehte ständig umher, ständig wachend. Dann fixierten beide braunen Augen auf Loki und er fühlte sich unwohl. „Thor hatte mir schon gesagt, dass ein Wanenjunge kommen würde. Thorheim liegt ganz im Westen. Geh durch die Eingangshalle durch und du gelangst nach draußen. Lauf geradeaus und du gelangst nach Idafeld. Dort steht Odins Palast Gladsheim, du biegst aber zuvor links ab und gehst den Pfad entlang bis du einen Palast siehst, der noch im Bau steht. Thor wollte dort auf dich warten.“

Loki bedankte sich und ging durch die Eingangshalle. Am anderen Ende öffneten zwei riesige Asen die Tore und ein wärmendes Licht empfing ihn. Asgard eröffnete sich vor ihm. Saftig grün war das Gras, wolkenlos der Himmel. Selbst das Atmen schien ihn mehr mit Luft zu füllen. Am Horizont blitzte etwas Goldenes: Es müsste Gladsheim sein. Loki folgte dem Funkeln. Je näher er dem Gold kam, desto mehr sah er von Asgard. Imposante Häuser und prunkvolle Gärten tummelten sich über den ganzen Horizont. Eins war schöner als das andere, glänzender als die Regenbogenbrücke Bifröst, die er hierher überquerte. Er lief am ersten Palast vorbei, der ihn den Weg mit seinem blitzenden Dach zeigte, rüber zu einem riesigen Platz. Der Boden dort war bemalt und zeigte die Geschichte Odins und seiner Brüder Ve und Vili, wie sie Midgard aus dem Körper des Urvater der Joten, Ymir, geschaffen haben; Ve und Vili rissen ihm die Augen raus, während Odin ihn festhielt. Loki kannte die Geschichte, denn auch unter den Joten zollte man den Asen Respekt, wenn nicht unbedingt Wohlgefallen, aber er hatte sich Ymir immer größer vorgestellt.

Nach einem langen Marsch sah er den Palast im Bau und hielt Ausschau nach seinem Freund. In der Ferne sah er eine orange Fahne vom Haupt eines Jungen wehen und winkte ihm zu. Dieser begrüßte ihn mit einem Wurf eines Steins, dem er wie gewohnt auswich. Thor rannte zu ihm und wirbelte hinter sich eine riesige Staubwolke, sodass sich die Arbeiter am Palastbau vehement beschwerten. Thor berührte Loki an der Schulter, sagte „Du bist“ und rannte blitzschnell davon.

Nach einigen Stunden des Spielens kam Odin mit Heimdall an seiner Seite. Sie sahen wie Thor und der Junge mit Schwertern und Schilden gegeneinander kämpften. „HALT!“ hallte der tiefe Bass Odins durch Asgard. Thor ließ gehorsam sofort mit dem Kämpfen ab, Loki sah aber darin seine Chance und schlug Thors Schwert aus seiner Hand. Als er für den letzten Schlag ausholen wollte, griff Odin ihn am rechten Arm und drückte so fest, dass er die Waffe fallenließ. Blut floss aus der Stelle, wo die Fingernägel eindrückten. Loki blickte hoch auf den blondbärtigen Mann mit den blauen Augen. Lokis Knie zitterten. Es war das erste Mal, dass er Angst um sein Leben verspürte. „Ein Jote…Was hast du dir dabei gedacht, Thor?“

„Er ist mein Freund, Vater!“

Odin ließ Loki los und sprach gutmütig: „Wir können keine weiteren Joten hier aufnehmen.“

„Und dennoch stehst du hier! Und er auch!“ erwiderte Loki und zeigte auf Heimdall.

Heimdall hob seinen Speer, doch Odin lachte und wies dem Wächter, sich zurückzuhalten. Odin ballte seine rechte Faust, bis seine Nägel in seine eigene Handfläche schnitten und Blut herausfloss. Er packte mit der blutigen Hand die Wunde an Lokis Arm. Der Junge blickte in die blauen Augen Odins und bemerkte, wie sich dessen rechtes Auge von blau nach rot färbte. „Loki“, sagte Thor und zeigte auf Lokis rechte Auge, „Dein Auge ist blau.“

Odin ließ ihn los. Loki kniete sich vor das liegende Schwert und betrachtete sein Spiegelbild in der polierten Klinge. Er hatte nun ein blaues und ein rotes Auge. „Du hast nun Asenblut in dir“, erklärte Odin. „Du hast mein Blut in dir. Du darfst jetzt hier bleiben und keiner wird dir mein Gastrecht nehmen. Komm, Heimdall. Lass die Jungs weiterspielen.“ Odin kehrte ihnen den Rücken und ging zurück nach Gladsheim. Heimdall blickte skeptisch auf den Jungen, der Odin mit weiterem Jotenblut verschmutzt hatte, bevor auch er zurück zu seinem Wachposten in Himinbjörg ging. Wieder hatte der Allvater diese Joten aufgenommen. Zuvor hatte Odin dasselbe Blutmischen mit Mimir ausgeführt. Odin war willkommen zu den Joten, da seine Mutter Bestla selbst eine Jotin war. Auch sein Sohn Thor hatte eine Jotin zur Mutter, genannt Jörd. Heimdall mistraute der hinterhältigen Art der Joten, da er sie besser verstand als alle anderen—der Ase war selbst erschaffen worden von neun Jotinnen, neun Hexen; geschaffen worden, um ihnen als Wächter zu dienen.

Am Abend sammelten sich alle Asen und feierten die Aufnahme Lokis in ihre Reihen. Der Junge gefiel vielen dank seiner witzigen und verspielten Art, dem ständigen spielen von Streichen und erzählen von Witzen. Bevor der Met, welcher aus der Ziege Heidruns Euter gemolken wurde, ausgeschenkt wurde, brachte die Asin mit dem erdgleichem Haar jedem eine Himbeere und legte sie auf die Teller. „Nur eine Beere?“ fragte Loki seinen Freund Thor verwundert.

„Haha, natürlich nicht. Das richtige Festmahl kommt gleich. Idun sammelt Früchte und Nüsse über ganz Asgard, die uns Lebensenergie spenden. Deshalb sieht mein Vater immer noch so jung aus, obwohl er schon hunderte Jahre alt ist.“ Loki schaute auf den bärtigen Mann, den sie Allvater nannten. Ein rotes und ein blaues Auge…so wie er es nun hatte.

Der Krieg der Götter

Einige Asen sahen Odins Blutmischen mit den Joten als Zeichen der Schwäche. Sie waren nicht alleine in dieser Ansicht. Das andere Göttergeschlecht, die Wanen, nahmen die Gelegenheit wahr und bereiteten sich auf einen Konflikt gegen die Asen vor. Sie schickten die wunderschöne Freya, um die Asen zu korrumpieren. Die Wanin nutzte Seidr, eine mysteriöse Magie, um Unmengen an Gold zu kreieren und die Asen goldgierig zu machen. Sie becircte den Allvater mit ihrer Schönheit und ihrem Charme und zog ihn in ihren Bann. Er vernachlässigte seine Beziehung zu Jörd, um mit der Wanin Tag und Nacht zu verbringen.

Freya unterschätzte jedoch wie schwer Gier den Verstand der Götter einnehmen würde. Die Asen verlangten mehr und mehr Gold und als Freya ihre Gier nicht befriedigen wollte—und konnte, da es nur ein Zauber war—, drohten sie mit ihrem Leben und verbrannten sie letztlich.

Vergeblich.

Sie stand aus der Asche des Pfahls auf, an den sie gebunden war. Dreimal stand sie im Feuer und dreimal lebte sie erneut, bevor sie flüchten, ihren Falkenmantel anziehen und nach Wanenheim fliehen konnte.

Darauf sammelten die Asen sich zu einem Rat und beschlossen das weitere Vorgehen gegen die Wanen. Die eine Hälfte der Asen bestanden auf die Versprechungen Freyas: Sie wollten Gold; so viel Gold, dass sie ihre Häuser damit einkleiden konnten; sie stimmte somit für eine Plünderung Wanenheims. Die andere Hälfte besann sich ihrer Vernunft: Die Wanen wären von ebenbürtiger Stärke und ein Kampf gegen sie würde niemals enden. Odin war sich ebenfalls unschlüssig und suchte den Rat bei seinem Freund Mimir. Er ging von einem Ast Yggdrasils zu dessen Stamm und rutschte hinunter zu Mimirs Brunnen. Das Wasser darin sollte einem mit Weisheit überströmen, weshalb Mimir, der täglich daraus trank, so Weise war. Als er dort ankam, sah er den Joten mit einem schwarzen Horn Wasser aus dem Brunneneimer schöpfen. Der Brunnen sah gewöhnlich aus, der Ring errichtet aus Steinbrocken. „Mimir“, sprach Odin, „ich benötige deinen Rat. Die Asen sind zwiegespalten: Einige sehnen sich nach einer Plünderung Wanenheims, die anderen wollen den Frieden beibehalten.“

„Und du suchst nun die richtige Entscheidung, Odin?“ sagte Mimir in seiner ruhigen Stimme, golden blitzten seine Zähne. Er stoß den Eimer am Brunnenrand hinunter. Eine Weile verging, aber nie hallte der Aufprall auf das Wasser aus dem Brunnen heraus. Mimir hielt Odin davon ab, in den Brunnen zu blicken. Der Jote strich mit einer Hand über seinen langen Bart, die andere legte er an das enorme Horn an seiner Hüfte auf. „Ich bin keine Norne, mein Freund. Ich vermag es nicht zu sagen, welche Entscheidung den Asen besser kommt. In der Tat: Die Entscheidung mag schon längst gefallen sein. Nur weil wir nicht hören wie das Wasser platscht, heißt nicht, dass der Eimer nicht bereits hinuntergeworfen wurde. Es bedeutet lediglich, dass der Brunnen tief ist, dass es dauert, bevor wir die Folgen meines hinunterschubsen des Eimers erkennen können.“

„Oder der Brunnen ist leer“, entgegnete Odin.

„Was würdest du für die Wahrheit opfern?“ grinste Mimir hinab auf den Gott—der Jote war ein Kopf größer als der Ase.

Odin zögerte und gewichtete seine Antwort überlegt: „Mein Auge.“

„Nur eines? Nun gut, deine Entscheidung…Welches wird es sein?“ Sein Grinsen verlies Mimirs Mund, als er Odin ein Messer in die Hand legte. Odin drückte die Klinge an sein blaues Auge, dann entschied er sich jedoch, dass rechte, rote Auge zu entfernen. Blutverschmiert legte er die sehende Kugel in Mimirs Hand. Dieser schmiss das Auge in den Brunnen.

Der Eimer platschte auf Wasser auf. „Nur zu, mein Freund. Zieh es hoch und ergötze dich an der Erleuchtung“, sprach Mimir sanft und trat beiseite. Odin schaute hinein und der Eimer schwamm an der Oberfläche, die er problemlos ohne auszustrecken berühren konnte. Er sah sein Auge nirgends noch Spuren von Blut. Er zog den Eimer voll klarem Wasser hoch. Ein Einäugiger starrte in der verschwommenen Oberfläche auf Odin. Er tränkte seine Hände hinein und das Wasser mischte sich mit dem Blut an seinen Händen und färbte sich zinnoberrot. Er schöpfte und trank einen Schluck. Er merkte nichts Außergewöhnliches. Er leerte den Eimer bis zum Boden, doch nichts geschah. Er warf den Eimer wieder hinab in den Brunnen und er platschte beinahe umgehend auf. Abermals zog er ihn hinauf und leerte ihn.

Nichts.

„Was soll das, Mimir? Ich habe mein Auge geopfert!“

„Du hast das Auge eines Joten geopfert, nicht deins. Du hattest dich falsch entschieden.“ Odin hob voll Zorn seinen Speer Gungnir und stieß die Spitze gegen Mimirs Brust, doch stoppte, bevor er ihn berührte. Er verstand nun. Er verstand nun Mimirs Worte: Die Entscheidung war schon längst gefallen. Er kehrte dem Joten den Rücken und ging zum Stamm des Weltenbaums. „Endlich hat das Wasser dich erleuchtet“, rief Mimir ihm hinterher, während er mit dem Eimer aus dem Brunnen schöpfte.

Odin kletterte zurück nach Asgard und wurde von seinem Sohn Thor und Loki begrüßt, die eifrig auf seine Ankunft gewartet hatten. „Was wirst du nun tun, Vater?“ fragte der kleine Thor—Jahrzehnte vergingen, bevor Asen sichtbar älter wurden; Loki befiel dasselbe Schicksal, seit Odin ihm sein Blut schenkte.

Odin lief wortlos an ihnen vorbei und zum Strand im Osten, von dem Wanenheim zu erblicken war. Er hob Gungnir und schmiss den Speer hinüber, der einen Wanen aufspießte und umgehend tötete. „ODIN IST GOTT ALLER GÖTTER“ schrie Odin. Der erste Krieg zwischen Wanen und Asen begann.

Der Krieg war erschöpfend für beide Seiten ohne einen klaren Sieger hervorzuheben. Die Verluste trafen Odin besonders: Er verlor seine Brüder Vili und Ve, und Jord, die Mutter Thors. Die Asen und Wanen besannen sich nach einer Waffenruhe, einem Frieden. Beide Seiten gaben der anderen Geiseln, um den Waffenstillstand zu gewähren. Die Wanen übergaben ihren König Njörd und seine zwei Kinder Frey und Freya, die an Odin vermählt wurde; man erhoffte sich einen währenden Frieden von ihrer Ehe. Die Asen gaben als Zeichen der Versöhnung Odins Speer, Gungnir, und zwei entbehrliche Geiseln: Hönir, einem hübschen Schwätzer, und Mimir, dem Odin seine Opferung des Auges nicht verziehen hatte.

Die Wanen achteten Mimir nicht, da er zum Stamm der Joten angehörte. Hönir hingegen erwies sich als hervorragender Berater. Sie ahnten jedoch nicht, dass er nur die Worte Mimirs nachsprach wie ein Schwätzer es nun mal tat.

Ein Jahr verging in Frieden. Die Wanen in Asgard lebten friedlich mit den Asen. Freya gebar Odin einen Sohn, den sie auf den Krieg anspielend Hermod nannten—Die Rage des Krieges. Er würde seinem Vater in Statur und Gesicht so ähneln, dass man ihn manchmal für den kleinen Odin hielt.

Derweil in Wanenheim missfiel der Rat Hönirs den Göttern dort stets mehr. Er antwortete ihnen auf ihre Nachfragen letztlich stets ehrlich mit: „Fragt jemand anderes.“ Sie wurden zornig, dass die Asen sie getäuscht und für das mächtige Haus des Njörds solch lausige Geiseln erhalten hätten. Sie behielten den Asen Hönir am Leben, um ihn eventuell gegen Frey auszutauschen, und köpften stattdessen Mimir. An Gungnir gebunden schmissen sie seinen Kopf nach Asgard, wie es Odin damals zum Start des ersten Krieges tat. Odin wusste von Freya, dass sie ihren Körper bei den Verbrennungen durch Seidr verwandelt hatte und bat sie nun, Mimirs Körper wiederherzustellen. Sie hatte es oft versucht, doch schaffte es nicht. Ihr gelang es nur dem kahlen Kopf, der mit Gungnir nach Asgard kam, Leben einzuhauchen. „Du Narr“, schimpfte Mimir Odin an, „Hönir, der Schwätzer, hat nun den zweiten Krieg ausgelöst.“

„Dann hab ich alles, was ich wollte“, grinste der Einäugige.

Der zweite Götterkrieg war eher vorbei als es beim ersten der Fall war. Mit dem Fehlen der Familie Njörds waren die Wanen schwächer als die Asen. Sie einigten sich bald auf einen endgültigen Frieden. Keine Geiseln wurden diesmal ausgetauscht. Stattdessen brachte Idun den Anführern und Mächtigsten der beiden Götterrassen ihre gesammelten Beeren. Die zerkauten Früchte wurden dann in einen Kelch gespuckt. Saga füllte den goldenen Behälter mit Wasser aus ihrem Bach in Sökkwabeck, dann rührte Freya die Lösung unter Einwirkung von Seidr. Das Kind einer Asenmutter und eines Wanenvaters wurde auserkoren, den Kelch auszutrinken und als Botschafter zwischen den beiden Göttergeschlechtern zu dienen. Die magische Kraft, die in den Zutaten innewohnte, brachte eine unerreichte Intelligenz im ausgewählten Jungen. Ehrlich und ergiebig konsultierte Kvasir sowohl Asen als auch Wanen mit seinem vermögenden Wissen und seiner geschickten Zunge. So endete der Krieg der Götter und dank Kvasir hielt ihr Frieden.

Die Prophezeiung

Odin, der sich ständig nach mehr Wissen und sogleich Macht sehnte, seit er von Mimirs Brunnen getrunken hatte, ging zu den Nornen, weissagende Frauen, die—ähnlich wie Mimir—an einem Brunnen lebten, dieser jedoch bei den Wurzeln Yggdrasils stand. Odin hoffte, dass ihre Quelle ihn mit Weisheit erfüllen würde ohne ein Opfer von ihm. Je tiefer er den Stamm hinunterkletterte, desto mehr fühlte er seine Kraft nachlassen, seine Wärme schwinden. Die Welt, auf denen die Wurzeln Yggdrasils verankert waren, war genannt Niflheim. Es war ein kalter, trostloser Ort. Die Dimensionen waren schier endlos und niemand, der Niflheims Enden erkunden wollte, war jemals zurückgekehrt. An einem der riesigen herauswirbelten Wurzeln brannte ein Feuer. Odin hörte die Stimme von paar Frauen, eine sprach gellend. Er näherte sich dem Feuer, seine Hand auf der Wurzel aufliegend. Als seine Hand die Wurzel berührte, fühlte er wieder seine Kraft zurückkehren, und als er Yggdrasil losließ, verschwand sie sogleich. Er lief weiter und strich mit seiner Hand über die Wurzel. Er fühlte verschiedene Gravuren darin, eingeschnitzt, nicht natürlich. Die Stimmen der Frauen wurden leiser, je näher er dem Feuer kam, bis sie gänzlich verstummten. Ein kleines Mädchen kam Odin entgegen und blieb ihn begutachtend vor ihm stehen. Ihr blondes Haar war geflochten in zwei Zöpfen, die vor ihren Schultern herabfielen. Sie neigte ihren Kopf und sagte: „Hallo, Odin. Komm, du bist spät dran—wenn es nach Skuld geht.“ Sie nahm ihn bei der Hand und hopste zum Feuer. Eine schwangere Frau stand am Feuer, blickte auf das Holz in ihren Händen, bevor sie es den Flammen fütterte. Ihr braunes Haar fiel flach hinter ihre Schultern; ihr Gesicht glänzte schön im Licht des brennenden Holzes. Eine alte Frau stand daneben und webte an einem Teppich. Ihr Haar war weiß und kurz, dünn und zerbrechlich wie die Frau selbst.

„Urd ist zurück“, sagte die schwangere Frau zur Alten.

„WAS?“ schrie die halbtaube Greisin.

„URD IST ZURÜCK!“ kreischte die Schwangere zurück.

„Endlich!“ erwiderte die alte Norne Skuld. Sie drehte sich zu Verdandi und tastete sich blind zum Feuer. Die Schwangere half ihr auf einem Holzstuhl Platz zu nehmen. Skuld hob ihre Hände über dem wärmenden Feuer. „Urd, sei doch so lieb und schöpf etwas Wasser, ja?“

Das Mädchen ließ Odin los und hopste zum Brunnen, dessen Rand gerade noch von der Feuerstelle sichtbar war. „Setz dich, Ase!“ sagte Verdandi und zeigte auf einen Holzstummel am Feuer. „Du suchst nach Wissen. Oh, ich versteh die Sorgen, die das Sein bereiten“, sagte sie und strich über ihren gewölbten Bauch. „Doch beharre dich nicht auf die Worte, die du gleich vernimmst, sonst wirst du vom Morgen geblendet und fühlst nicht mehr die ungesehenen Wehen des Heute.“ Das Mädchen Urd kam zurück mit einem Krug voll Wasser. Sie schöpfte zuerst einen Schluck heraus, dann übergab sie es Verdandi. Die Schwangere trank ebenfalls, bevor sie den Krug der blinden Skuld in die Hand drückte. Diese schöpfte und verschlang wie eine verdurstende das Wasser von ihren faltigen und zittrigen Händen. „Nun du“, sagte Verdandi und reichte den Krug dem Asen. Odin tränkte seine Hände hinein und trank das Wasser darin. Er merkte nichts, so wie damals bei Mimirs Brunnen.

„Die Geburt des Lichts…“, sprach das Mädchen.

„…ist die Geburt des Schattens“, führte die Greisin fort.

„Die größte Finsternis wird kommen…“

„…wenn das größte Feuer brennt“, schloss Skuld wieder Urds Satz.

„Wie das Feuer Müspelheims und das Eis Niflheims zusammenkamen und Leben schufen, so erneut wird der Zusammenprall von Wärme und Kälte eine neue Ära gebären“, sagte die Schwangere.

„Was Freund war, wird Feind“, sagte Urd.

„Was neun ist, wird eins“, sprach Verdandi.

„Was sein wird, wird sein“, schloss Skuld ab.

Sie schwiegen. Nur das Knistern des brennenden Holzes hallte durch die Dunkelheit. Die alte Norne wurde von der Schwangeren wieder zu ihrem Webstuhl geführt, während das Mädchen spielend mit einem Zweig das brennende Holz stoß. Odin erhob sich und verließ die Nornen und die machtentziehende Kälte Niflheims.

Auf der Suche nach Macht

Odin war besorgt von der Prophezeiung der Nornen. Was neun ist, wird eins. Sie mussten damit die neun Welten gemeint haben, die sich auf eins reduzieren würden. Doch welche Welt würde übrig bleiben nach der größten Finsternis? Und woher wussten sie, dass es neun Welten gab? Odin dachte stets, er wäre der Letzte, der von der unbekannten, neunten Welt wusste.

Was Freund war, wird Feind. Wem könnte er nun trauen? Am meisten bestürzte ihn der letzte Satz der Nornen. Was sein wird, wird sein. War er wirklich machtlos gegen das, was kommen würde? Nein! Das könnte nicht sein. Er war der Gott der Götter. Er war mächtiger als alle zuvor. Es müsste einen Weg geben. Er müsste sich auf alles vorbereiten, was ihm die Zukunft stellen könnte.

So begab sich Odin durch die Welten auf der Suche nach Etwas, dass ihn mächtiger machen würde. Er fand auf seinen Reisen die Runen. Es waren dieselben Gravuren, die die Nornen in Yggdrasils Wurzeln eingeschnitzt hatten. Er spürte, dass Runen eine Macht inne hielten, aber er wusste nicht wie er diese nutzen konnte. Er erinnerte sich an Mimirs Worte, als er das erste Mal nach Weisheit fragte: „Was würdest du für die Wahrheit opfern?“

So brachte Odin das größte Opfer, das ihm einfiel: Er opferte sich selbst an sich selbst. Er nahm sein Speer Gungnir und spießte sich am Stamm Yggdrasils auf. Dort hing er in der Nähe von Mimirs Brunnen, wo Mimirs Kopf regungslos lag. Nach neun Tagen des Hungers, Durstes und der Qualen landete ein Falke auf seinem Speer, Gungnir löste sich vom Stamm des Weltenbaums und Odin fiel zu Boden. Der Falke landete neben ihm und verwandelte sich in Freya, die den Speer aus dem Leib ihres Ehemannes herauszog. Sie konnte kein Seidr auf ihn wirken und behandelte seine eitertriefende Wunde mit Arzneimitteln, die sie von der Wanin Malinar gelernt hatte. Odins Frau gab ihm etwas Wasser zu trinken und er begann etwas vor sich hin zu murmeln: „Ich verstehe nun…“ Freya half ihm hoch und setzte ihn an Mimirs Brunnen ab und reinigte seine Wunde mit dem Wasser der Weisheit. Er lehnte sich an die kalten Steine und redete, halb im Wahn: „Die Macht der Runen…Die Macht der Schrift…Unsterblichkeit…“

„Ich bin gleich zurück.“ Freya zog ihr Falkengewand an und flog zurück nach Asgard. Sie schleppte Thor zum Brunnen und der kräftige Sohn trug seinen Vater zurück nach Gladsheim, in seine Schlafkammer.

Der Allvater war tagelang im Bett und ruhte sich von seiner Wunde aus. Die Dienerinnen des Königspaares kümmerten sich um die Verpflegung des Asens. Als Freya nachschauen wollte und in die Schlafkammer ging, lag ihr Mann nicht mehr im Bett. „Hlin“, rief sie nach einer Dienerin, die umgehend zu ihr eilte. Sie war eine junge Asin, die stets ihr Haar gebündelt unter einem bunten Kopftuch trug. Trotz ihrem unterschiedlichen Götterblut diente sie der Wanin gerne. „Wo ist mein Mann? Wo ist Odin?“

„In Himinbjörg. Bei Heimdall. Odin schien es wieder gut zu gehen“, rechtfertigte Hlin ihren Nachlass in ihrer Aufsicht des Kranken.

Freya zog verärgert ihr Falkengewand an und flog hinaus zum Tor Asgards. Als sie sich Heimdalls Palast näherte, flog ihr ein Speer entgegen, dem sie gerade noch ausweichen konnte. Sie wendete ihren Blick auf den Speer und sah wie er von alleine in die Richtung zurückflog, aus dem er geworfen wurde. „PASS AUF!“ krähte Freya schimpfend. Ohne weiteren Störungen entgegenzukommen flog sie zum Palast am Ende der Regenbogenbrücke und landete auf einem der Türme, wo ihr Mann mit Heimdall, Loki und Thor stand und lachte. Sie verwandelte sich zurück in ihre Frauenform und schimpfte auf Odin ein: „WIRF DEINEN SPEER NICHT UMHER WIE EIN KLEINES KIND!“

Die Kinder waren von der bellenden Wanin eingeschüchtert, doch der Einäugige Ase lachte lediglich lauter. „Schau, Freya. Die Macht der Runen“, sagte Odin schließlich und zeigte auf die Gravuren in seinem Speer Gungnir. Die Wanin erholte sich von ihrem Wutausbruch und strich über die Runen; sie gaben eine ihr bekannte Energie von sich. „Lasst uns kurz alleine. Moment…nimm dieses Horn, Heimdall. Es gehörte eins Mimir, aber ohne Körper wird er selbst sowieso nicht mehr trinken. Ich habe es mit Runen versetzt“, sagte er und verwies auf die merkwürdigen Ritze im schwarzen Horn. „ Bläst du hinein, wird der Ton über alle Welten schallen. Doch benutz es nur, wenn Asgard in höchster Gefahr steht.“

Heimdall nahm dankend das unnatürlich große Horn an sich. „Hihihoh, wie weißt du denn, dass es wirklich über alle Welten hallt, wenn du es nicht einmal ausprobiert hast? Blas doch mal rein, Heimdall“, lachte Loki, während sie die Falltür hinabkletterten.

Als Odin mit seiner Frau alleine waren, sprach er: „Freya, meine gute Frau, unterrichte mich in Seidr.“

Sie schüttelte ihren Kopf: „Nein.“

„Ich hab dich nicht drum gebeten. Du tust es!“

Freya blickte verärgert, als könnte sie—sie könnte es wohl—Gift spucken. „Warum jetzt? Reicht dir die Kraft der Runen nicht?“

Odin löste seinen Mantel, legte ihn vor sich hin und schnitt etwas mit seinem Schwert hinein. Dann steckte er die Waffe wieder ein, drückte sich an seine Frau und warf den Mantel über sich und sie. Im nächsten Augenblick waren sie wieder in ihrer Schlafkammer in Gladsheim. „Un–…Unmöglich…“ stotterte Freya und fiel auf ihr Bett.

„Wir sind uns als Feinde begegnet, doch nun sind wir Mann und Frau. Ich bin Allvater, Gott aller Götter, und du folglich die Göttin aller. Zusammen sind wir mächtiger als alle zusammen. Ich werde dir die Runen lehren und du mir Seidr.“ Erregt von der Kraft Odins hob Freya sich vom Bett und umarmte ihn, küsste ihn, den mächtigsten aller Götter. An diesem Tag hörte sie mit der Untreue zu ihrem Mann auf. Sie stoppte ihre Fruchtbarkeit mit Seidr zu unterdrücken und sie würden schon bald ihren zweiten gemeinsamen Sohn zeugen.

Jagd auf die Götter

ᚹᛖᛁᚦᛁᚲᛟᚾᚨ

Die Worte der Nornen suchten Odin selbst in seinem Schlaf heim. Er war restlos. Er zweifelte, dass das Vertrauen in Freya und in ihre Macht ausreichten, für was kommen würde. Er sammelte alle Götter—Asen und Wanen—zum Rat und beauftragte sie, ihm bei der Suche nach Macht behilflich zu sein.

Ständig reiste Odin durch die Welten, nicht selten in Begleitung. Auf einer Reise nach Midgard begleiteten ihn Loki, den er mittlerweile wie einen Sohn sah, und der Ase Hönir, der hübsche Schwätzer, welcher den zweiten Krieg gegen die Wanen ausgelöst hatte. Thor war derweil an der Grenze zu Jotunheim und verteidigte die Tiere vor den Joten.

Für ihre abendliche Mahlzeit pirschten Odin und Loki sich an eine Herde Rinder heran, während Hönir Holz für ein Feuer sammelte. Der Allvater zeigte dem jungen Loki wie er den Wunschmantel benutzen konnte. Odin knöpfte den runenverschnittenen Mantel um die Schultern des Jungen und erklärte, dass er nur an den Ort denken musste, während er den Mantel über sich warf, und er würde sofort an den gedachten Ort verschwinden. „Gut! Wenn du nun verstanden hast wie es funktioniert, geh und reite einen der Kühe oder Bullen zu mir; ich erledige ihn“, sagte Odin.

„Hihihoh, verstanden“, nickte Loki, warf sich den Wunschmantel über und verschwand. Odin schaute zur Herde, doch der Junge war nirgends zu erblicken. Der Ase wartete einen Moment, denn Loki konnte ausversehen an eine andere Kuh gedacht haben. Da plötzlich erschien der Jote auf einem Bullen, er schien Etwas in der Hand zu halten. Der Ochse wütete sofort los, als er den Jungen auf seinem Rücken spürte. Die Herde floh auseinander, während Loki sich fest an die Hörner klammerte und fest in die Seiten des Tieres trat. Der Bulle drehte sich zu Odin und stürmte los. Der Ase zielte seinen Speer und Gungnir spießte den Bullen durch den Kopf zum Hintern. Das Tier fiel umgehend und rutschte über das Gras bis es regungslos dalag. Loki war beim Sturz vom Rücken des Bullen gefallen und rollte über das Gras. „Hihihoh“, lachte Loki, als Odin ihm hochhalf, „Gleich nochmal!“

„Was hast du da in der Hand?“ fragte der Allvater und zeigte auf das rosenverzierte Kleid.

„Ich hab es Sigyn beim Baden geklaut. Sie nervt Thor und mich ständig beim Spielen, da dachte ich, ich zahle es ihr heim, hihoh.“

Odin lachte mit dem Jungen und rieb ihn väterlich über die Haare. Dann gingen sie zu ihrer erlegten Mahlzeit. Sie hielten den Bullen an den Enden Gungnirs, die aus ihm ragten und trugen das Tier gemeinsam zum Lager. Hönir hatte dort die nassesten Äste, die er finden konnte, auf einen Haufen gestapelt. Glücklicherweise hatte Odin genug Seidr von Freya gelernt, um dennoch ein Feuer auslösen zu können. Er zog Gungnir aus dem Bullen und weidete ihn sorgfältig aus, dann hing er das Tier von zwei Ästen über die Flammen.

Das Feuer brannte heiß, doch selbst nach Stunden garte das Fleisch nicht. Die Götter wurden stutzig und vom Hunger geplagt, als da eine Stimme durch die Dunkelheit hallte: „Das Fleisch wird niemals braten.“ Sie schauten hoch auf einen der Äste, an dem der Bulle hing, und sahen einen Adler darauf sitzen. „Überlasst ihr mir die besten Stücke, so werde ich meinen Zauber aufheben.“

Odin versuchte den vermeintlichen Zauber auf dem Bullenfleisch mit Seidr aufzuheben, doch es gelang ihm nicht. Wütend, dass jemand ihn, den Gott der Götter, so spotten sollte, warf er Gungnir nach dem Adler und spieß ihn am Baum auf. Der Ase öffnete seine Hand und sein Speer flog zurück zu ihm, der Adler auf diesem durchbohrt. „Es ist kein Ochse, hihihoh, aber Geflügel sollte es auch tun“, scherzte Loki.

Als Odin den Adler von seinem Speer abzog, nahm der Vogel die Gestalt eines Joten an. „Hihihoh, da hat Thor wohl einen übersehen“, scherzte Loki und trat gegen seinen toten Artverwandten.

„Das Fleisch brät jetzt“, kommentierte Hönir erfreut, der darauf den Ochsen überm Feuer schaukelte. Den toten Joten trugen Odin und Loki an einen entfernten Baum, damit sie in der Nacht nicht von Aasfressern geweckt würden.

Ihre Reise durch Midgard blieb fruchtlos und so kehrten Odin und seine Gefährten wieder nach Asgard.

Sie hielten ein Fest für ihre sichere Heimkehr. Das Festmahl war hergerichtet, doch die Asin Idun war noch nicht erschienen. Ohne ihre lebenserhaltenden Beeren würden sie kein Fest beginnen.

Draußen hörten sie einen Schrei. Thor eilte hinaus, Odin nahm seinen Mantel und war im nächsten Augenblick bei Idun. Sie war ganz allein und sammelte die Beeren ein, die aus ihrem gerissenen Korb gefallen waren. „Idun, was ist passiert?“ fragte Odin. Sie sagte ihm, dass sie ein Hiss gehört hatte und dann war plötzlich ihr Korb aufgerissen.

„Hier“, sagte Thor, der aus Gladsheim gerannt kam. Er hob etwas Funkelndes aus dem Gras auf: Es war ein Pfeil.

„ZEIG DICH!“ schrie der Allvater und schlug den Speerhalt gegen den Boden. Hiss. Ein Pfeil bohrte sich durch sein Herz. Er drehte sich um und warf Gungnir in die Richtung, wo der Pfeil abgefeuert war. Er traf. Er brach den Pfeil in seiner Brust und zog die Stücke heraus, dann heilte er die Wunde mit Seidr. „Wartet hier“, sagte Odin zu Thor, bevor er sich seinen Mantel umwarf und zu Gungnirs Opfer teleportierte. Der Speer spießte einen Bärenpelz am Kopf auf, welcher nun an einem Ast Yggdrasils hing. Odin zog Gungnir heraus. Wer immer den Pelz trug, war geflohen ohne Spuren in der Erde zu hinterlassen. Hiss. Diesmal bohrte sich der Pfeil durch Odins Hals. Hiss. Hiss. Zwei weitere Pfeile rissen durch seine Kniekehlen und er brach auf Gungnir stützend ein.

Aus dem Dickicht kam jemand mit gespanntem Bogen heraus. „Ihr ward es! Ihr habt meinen Vater getötet!“ brüllte die Frau. Blut floss aus Odins Mund. Er hob seine Hand, um den Pfeil aus seinem Hals zu ziehen, doch ein Pfeil nagelte die Hand an den Baumstamm. Ein zweiter folgte und bohrte durch seine Schulter. Die Frau ging zu ihm und drehte den Pfeil im Hals heraus. Ein Speer flog zwischen Odin und der Frau. „Ich nehme mir nur, was mir genommen wurde“, sagte sie, bevor sie spurlos flüchtete.

Heimdall zog die Pfeile aus Odin heraus und brachte den Bewusstlosen mit seinem Mantel zurück nach Gladsheim. Die schwangere Freya sorgte sich um die Wunden ihres sterbenden Mannes. Die Verletzungen waren tief und tödlich. Ihre Heilkunde würde nicht helfen. Sie müsste auf ihre Magie zurückgreifen, sie musste hoffen, dass Seidr wirkte. Und das tat es! Sie war verwundert, dass ihre Magie auf ihn wirkte, obwohl es vorher nutzlos gewesen war.

Nachdem Odin sich erholte, berichtete er den Asen, was passiert war. Thor fragte darauf: „Ihr Vater? Sie ist eine Jotin? Wie hat sie es überhaupt nach Asgard geschafft?“

„Auf die gleiche Weise, wie sie nach Midgard kam“, antwortete Odin. „Sie und ihr Vater waren Jäger. Er konnte auch Magie nutzen, doch es war nicht wie die von Freya.“

„Was machen wir nun? Heimdall, siehst du sie?“ fragte Freya besorgt. Sie strich über ihren gewölbten Leib, bevor sie sich wieder setzte. Der Wächter schüttelte den Kopf: Er erkannte keine Spuren der Jägerin.

„Dann locken wir sie heraus!“ sagte Odin. „Heimdall, sieh zu, dass du den Ursprung ihres Pfeils genau ortest. Ich werde der Köder sein.“ Er löste seinen Mantel von den Schultern und gab ihn Loki. „Du wirst dich zu ihr begeben und mit ihr sprechen. Ihr seid beide Joten, vielleicht wird sie dir zuhören.“

„Nein, Vater“, entgegnete ihm Thor. „Wir können einen solch gefährlichen Feind nicht am Leben lassen.“

„Du meinst wohl: Eine solch begabte Jägerin, die sogar Heimdalls Blick entkommen kann…Mein Sohn, sie würde eine prächtige Unterstützung für uns sein.“

„Eine Unterstützung für was?“ fragten einige Asen. „Wieder ein Krieg?“

„Etwas wird auf uns kommen, so prophezeiten die Nornen es mir.“ Odin ging ohne weitere Worte hinaus und stellte sich mitten aufs Feld. Er schlug seinen Speerschafft in den Boden und ein Pfeil flog bald darauf in seine Brust.

„Hallo, Jägerin“, sagte Loki lachend. Die Frau drehte sich und schoss einen Pfeil auf ihn. „Aber nicht doch“, sagte Loki, der nun hinter ihr stand. Kichernd zog er Pfeile aus ihrem Köcher und verschwand.

„Was ist das für ein Zauber?“ fragte die Jotin.

„Allvater möchte mit dir sprechen. Leg deinen Bogen ab und folge mir“, sprach Loki, der erneut vor ihr erschien.

Nachdem Loki allen Schüssen auswich und sie keine Pfeile mehr im Köcher trug, senkte die Jägerin ihren Bogen und sprach frustriert: „Er soll mir geben, was er mir genommen hat!“

„Das wird er, das wird er. Er hat es geschworen“, grinste Loki. Die Jotin nickte, legte ihren Bogen um die Schulter und folgte ihm, doch hielt eine Hand griffbereit an ihrem Messer.

Auf der Wiese um Odin hatten sich die anderen Asen gesammelt, Freya klammerte sich erschöpft vom Zaubern an Hlin. Heimdall verriet ihnen, dass Loki in Begleitung erschien. Verächtlich blickten sie auf die Jägerin, die ihren Allvater angegriffen hatte. Sie ging geradewegs auf Odin zu und zog ihr Messer. Heimdall und Thor hielten Speere gegen ihren Hals, doch Odin wies sie auf, die Waffen zu senken. „Er dort versprach, dass dein Kopf mir gehört“, die Jotin zeigte auf Loki. Odin blickte bitter auf ihn.

„Ich habe dir gesagt, dass er dir geben wird, was er dir nahm. Aber ich sagte nie, wie“, sagte Loki lachend.

„Du hast mich angelogen!“

„Wie ist dein Name, Jägerin?“ fragte Odin.

„Ich bin Skadi, Tochter Thiazis; der Jote, den ihr getötet habt!“

„Ein Missverständnis.“

„Ein Missverständnis? Du bist so hitzköpfig wie wir Joten“, spuckte Skadi. Loki lachte, während die Asen wutentflammt auf die Jotin starrten. „Verflucht seist du und deine Sippe. Niemals sollt ihr euer Ziel treffen, es sei denn es ist euer eigen Blut!“ fluchte die Jägerin.

„Hihihoh…Skadi, Skadi, Skadi, Ska~di~“, beschwichtigte Loki. „Wir geben dir deinen Vater wieder.“ Die Jotin blickte fragwürdig auf ihn. Odin schaute zu seiner Frau. Könnte Loki meinen—war es möglich— wiederzubeleben? „Hat dein Vater stets sein Auge über dich gehabt?“ fragte Loki grinsend. Skadi schaute fragend auf ihn, nickte dann schweigend. Loki, der immer noch Odins Mantel trug, warf sich diesen um und verschwand aus Asgard. Er kehrte einige Augenblicke später zurück. In seinen Händen hielt er zwei Augäpfel. „Hier Odin. Platzier sie in den Himmel, dann wird ihr Vater weiterhin über sie schauen.“ Odin nahm die leblosen Augen, riss sich seinen Mantel von Loki und verschwand nach Ginnungagap. Als er zurückkam, fragte Skadi: „Was…was hast du getan?“

Loki, der Täuscher, lachte und zeigte zum Nachthimmel, an dem nun zwei neue brillante Sterne funkelten. Er fuhr mit seiner Rückgabe ihres Vaters weiter: „Ein Vater sorgt sich auch um seine Tochter und gibt ihr Halt. Aber ein Ehemann kann dies auch. Also wähle einen der hier Versammelten als deinen Mann.“ Skadi blickte verärgert auf den Joten, wendete ihren Blick dann auf die Götter. Ihre Augen fixierten sich auf den hübschesten von ihnen, den Wanen Frey. „Du darfst dir zwar einen Mann aussuchen, Skadi, aber du darfst nur sehen, womit sie sich halten…hihihoh, also ihre Füße“, kicherte Loki und Odin lachte mit. „Allvater, du musst deine Füße auch hinhalten.“ Da verging ihm das Lachen.

Skadi, wütend aber der Gnade der Götter unterlegen, senkte ihr Haupt, sodass sie nur die nackten Füße der Götter sah. Sie lief zweimal auf und ab und entschied sich letztlich für das paar Füße, die am saubersten und gepflegtesten waren. Als sie ihren Blick hochwendete, erkannte sie nicht den Wanen Frey, sondern seinen Vater Njörd. „Njörd ist schon Vater, also wird er gut wissen wie er sich um dich kümmern muss, hihihi, hihihoh“, lachte Loki krampfhaft.

„Ihr habt mir noch nicht alles gegeben, was ihr mir mit meinem Vater nahmt: Er hat mich zum Lachen gebracht, ungleich euch. Haltet euer Versprechen oder mir gehört Odins Kopf!“

„Sie hat Recht“, sagte die junge Sigyn in einem Veilchenkleid. „Vater bringt mich ständig zum Lachen.“

„Waren meine Späße denn nicht witzig?“ grinste Loki.

„Nein! Ich hasse dich!“ spuckte Skadi.

„Warte nur, ich werde dich noch zum Lachen bringen“, erwiderte er trotzig. Er erzählte ihr über seine Streiche, erzählte ihr Witze, doch anders als die Götter blieb Skadi grimm. Als seine Geschichten ausgingen, überlegte Loki, was sie amüsieren würde. Er lieh Odins Mantel und kehrte mit Heidrun, der Ziege, die auf Gladsheim stand und dort an einem Ast Yggdrasils die Blätter fraß, zurück. Er riss sich einen Faden aus seiner Hose und zog daran. Ein Ende des Fadens wickelte er um die Hörner der Ziege, das andere Ende band Loki an seinen eigenen Hodensack. Er führte ein Tauziehen gegen Heidrun, das er kläglich verlor. Loki verspürte mit jedem Rücken ungeheure Schmerzen. Das komische Spektakel brachte alle zum Lachen, wobei es für Skadi sein Leiden war. Weinend vor Lachen trennte Njörd den Faden zwischen Loki und der Ziege. Er nahm seine lachende Ehefrau bei der Hand und führte sie zu seinem Palast Noatun an Asgards Meer Äwiblar.

Lokis Hilfe

ᛚᛟᚲᛁ

Nach dem Vorfall mit der Jotin Skadi wollte Odin seine Verteidigung in Asgard ausbauen. Ein neues Mitglied der Asenfamilie war mit Hödur hinzugekommen, dem zweiten Sohn aus der Ehe Odins und Freyas. Hödur war jedoch blind geboren. Freya gab Skadi und ihrem Fluch die Schuld, Odin jedoch liebte Hödur trotz seines fehlenden Augenlichts.

Zur Verstärkung an Asgards Kräften wollte der Allvater seinen Söhnen Thor und Hermod die Kunst des Seidr beibringen, doch beide lehnten vehement ab. Seidr war eine boshafte Magie, die für Schwache von Nutzen wäre; sie aber waren stark und benötigten nicht diese „weibische“ Kraft. Loki hingegen zeigte Interesse an dieser Kraft und bat den Allvater, ihm Seidr beizubringen. Gegen Freyas Willen unterrichtete Odin den Jotenjungen in der Kunst des Seidr, der Magie.

Tatsächlich war Loki williger als die anderen Götter, Odin bei der Anhäufung von Macht und Schutz zu helfen. Loki wettete mit einen entfernten Cousin damit, Asgards Mauern innerhalb vom Wechsel dreier Jahreszeiten auszubauen. Dieser nahm den Auftrag nur an, wenn er Freya als Frau haben können würde, sollte er siegen. Odin vertraute in Lokis Wort, dass jener Jote die Mauern ausbauen und dennoch nichts kriegen würde.

Bevor die Mauern gänzlich und pünktlich errichtet wurden, nutzte Loki Seidr und verwandelte sich in eine Stute und bezirzte den Hengst des Joten, welcher ihn beim Errichten der Mauern geholfen hatte. Der Jote war alleine unfähig, die Mauern Asgards komplett auszubauen und verlor die Wette und damit seinen Kopf. Loki wurde als Stute schwanger und gebar ein Achtbeiniges Fohlen. Er schenkte es Odin für sein Vertrauen in ihm. Das achtbeinige Pferd, genannt Sleipnir, war geboren mit und durch Seidr, weshalb es deformiert war; außerdem behielt es magische Kräfte und galoppierte dadurch so schnell wie der Wind.

Loki war allseits bekannt für seine Streiche und Täuschungen. Sein Freund Thor war zum heiratsfähigen Alter angewachsen und sollte in einigen Wochen die wunderschöne Asin Sif zur Frau nehmen. Seit sie in Thors leben eintrat, waren er und Loki seltener durch die Welten gereist und hatten seltener miteinander zu tun. Loki schlich sich eine Nacht in die Kammer von Sif und rasierte ihr ihr wundervolles blondes Haar ab. Thor war bestürzt und wütend auf seinen Freund. Er würde ihn dafür nicht töten, aber alle seine Knochen brechen und wieder brechen für jedes verlorene Haar von Sifs Haupt. Loki bat um Thors Verständnis, dass er nur Sif neues Haar zu schenken dachte; Haar, welches weitaus schöner sein würde als sie es gehabt hatte. Nur weil sie Freunde seit der Kindheit waren, gab Thor ihm eine Woche Zeit, um das neue Haar zu besorgen. Loki sah sich in einer aussichtslosen Lage und begab sich nach Nidavellir zu den Zwergen. Dort ging er zum Schmied Ivaldi, der damals Odins Vater Bor den unzerbrechlichen Speer Gungnir geschmiedet hatte. Ivaldis drei Söhne nahmen den Auftrag im Namen Odins an und schmiedeten Loki eine Perücke für Sif, die noch goldener war als ihr echtes Haar zuvor. Außerdem schmiedeten sie als Hochzeitsgeschenk für Odins Sohn ein Schiff, Skidbladnir, das faltbar war wie Pergament bis es in einen Beutel passte.

Loki war besonnen, die Fähigkeit der anderen Zwerge zu sehen, wenn die jungen Söhne Ivaldis bereits solche außergewöhnlichen Dinge schmieden konnten. Er fand zwei Zwergenbrüder, Brokr und Sindri, und zeigte ihnen Skidbladnir und das goldene Haar. Loki verspottete sie und wettete mit ihnen um seinen Kopf, dass sie nichts schmieden könnten, was auch nur annähernd so praktisch oder kunstvoll war. Die Zwergenbrüder begannen umgehend mit den Schmiedearbeiten. Ständig wurden sie von einer Fliege gestochen und an der Arbeit gestört. Ihr erstes Werk war ein goldener Eber, den sie Gullinborsti nannten. „Ah wie toll. Wildschweine haben wir genug in Asgard, da brauchen wir nicht noch eins. Und es leuchtet golden? Ja, damit man es als Erstes erlegt“, spottete Loki.

Die Brüder waren verärgert und schmiedeten als Nächstes einen Ring, Draupnir, der jede neunte Nacht acht Kopien von sich selbst produzieren würde. „Ihr könnt einen Ring schmieden, dass kann jeder hier. Und dann behaupten, dass es nach neun Tagen magisch ist. Pfff.“

Brokr und Sindri versprachen, dass ihr nächstes Stück dem Meisterwerk, das Gungnirs Speer war, in Nichts nachstehen würde. Sie hämmerten das glühende Eisen. Als sie es zum Härten in eine Vene Yggdrasils niederlegen wollten, wo das Wasser wieder zur Krone raufgetragen wurde, stach eine Fliege in Brokrs Auge und er ließ das Eisen vor der Härtung fallen. Was geplant war als ein Kriegshammer aus reinem Eisen wurde nicht mehr als ein Handwerkerhammer mit übergroßem Kopf, da der Großteil des Stils abbrach. Zurück in seiner Jotunform lachte er die Zwerge aus. Während Sindri sich um die Wunde seines Bruders kümmerte, sackte Loki ihre Werke ein, band sie an Gullinborstis Sattel und ritt zurück nach Asgard. Er war erstaunt, dass die Zwerge nicht gelogen hatten und der goldene Eber tatsächlich über Wasser und Luft rennen konnte.

In kurzer Zeit war er wieder in Thorheim beim Namensgeber, wo auch Odin und Frey waren; Frey wollte sehen, wie Thor Lokis Knochen brach, während Odin dort war, um sicherzustellen, dass Thor ihn nicht umbringen würde. Loki setzte persönlich die Perücke auf Sifs Schädel. Ihr neues Haar glänzte noch goldener als das Dach Gladsheims. „Dann wolltest du wirklich nur das Beste für sie und mich?“ fragte Thor und drückte seinen alten Freund brüderlich.

„Aber natürlich“, log Loki und grinste verklemmt. „Hier, als Wiedergutmachung.“ Er überreichte seinem Freund das Hämmerchen. „Unzerbrechlich wie Gungnir.“

„Wie Gungnir?“ fragte Odin, der den Hammer inspizierte. „Nein. Dieser Hammer kehrt nicht zurück wie Gungnir. Hier, mein Sohn.“ Odin schnitt mit der Spitze Gungnirs Runen in das Eisen des Hammers.

Thor nahm den gravierten Hammer in die Hand und schmiss ihn durch ein Fenster. Er öffnete seine Hand. Wie ein Donner brach der Hammer die Luft und kehrte blitzschnell zurück durch das zerbrochene Fenster in Thors Hand. Er lachte und nannte seine neue Waffe Mjöllnir, weil es alles zertrümmern würde.

„Ich hab auch einen Ring für die Braut“, sagte Loki und holte den goldenen Ring Draupnir hervor.

Sif, die von ihrem neuen Haar abgelenkt war, merkte nicht, dass Thor ihr Draupnir über den Finger ziehen wollte, der Ring aber war zu klein für sie. „Passt nicht“, sprach Thor und legte den Ring in Odins Hand. „Nimm du ihn, Vater. Vielleicht können wir ihn einschmelzen.“ Der Allvater spürte, dass der Ring eine magische Energie von sich gab und nahm ihn dankend an.

„Was ist mit dem Schwein?“ fragte Frey.

„Natürlich deins“, grinste Loki.

„Ich habe mich vielleicht in dir getäuscht, Loki. Du bist doch ein guter Mann“, sagte Frey und klopfte dem Joten auf die Schulter. Dann streichelte der Wane den goldenen Eber und öffnete den Beutel, der um Gullinborsti hing. Er nahm das Pergament und faltete es auf. Da realisierte Loki seinen Fehler, aber schwieg, dass das Schiff nicht an Frey bestimmt war. Dieser faltete das Pergament weiter und weiter auf. „Ein Schiff?“

„Nicht in meinem Haus! Geh raus“, sagte Thor und öffnete mit seinem neuen Hammer ein Loch in die Mauern seines Palastes.

Nach einigen Tagen erschienen die Zwergenbrüder Brokr und Sindri vor Himinbjörg. Heimdall ließ sie Asgard betreten, da sie kamen, um Lokis Kopf zu holen. Der Wächter der Asen führte die Zwerge persönlich zu Odin. Er und die Götter, die die Geschenke von Loki erhalten hatten, bedankten sich alle bei den Zwergen und rühmten sie für ihre außergewöhnliche Schmiedekunst. Loki versteckte sich aus Angst um sein Leben in einem von Asgards Wäldern. Skadi wurde beauftragt ihn ausfindig zu machen und liebend nahm sie diesen Auftrag an.

Als Adler überflog sie die Wälder und hielt Ausschau nach dem flüchtenden Verlierer. Sie landete auf einem Ast und beobachtete eine Herde Rothirsche, die an Knospen Yggdrasils nagten. Einer der geweihten Tiere verhielt sich untypisch: Es fraß Gras. Skadi verwandelte sich in einen Hasen und hopste näher an diesen Hirsch ran, um einen besseren Blick auf ihn zu werfen. Als sie dessen Auge gesehen hatte—ein rotes und ein blaues—verwandelte sie sich zurück in ihre Jotunform. Die Hirsche flüchteten umgehend, doch die Jägerin konnte den verwandelten Loki ins Bein schießen und fangen.

„Wartet doch, wartet“, flehte Loki, als sein Kopf auf den Holzstamm zur Enthauptung gelegt wurde.

„Die Zwerge haben genug gewartet“, sagte Heimdall.

„Und können einen Moment länger warten“, entgegnete Brokr, sein Bruder Sindri stimmte ihm zu. Tyr senkte das Beil und ließ Loki seine letzten Worte sprechen.

„Hihihoh“, lachte der Täuscher, „Ich habe euch meinen Kopf versprochen—ja, das ist wahr—aber ich habe nicht meinen Hals verwettet.“

„Ist das wahr?“ fragte Tyr, der die Exekution richten sollte. Die Zwerge blickten sich einander an und nickten. „Dann werde ich seinen Hals nicht schaden.“

Empört sprangen Skadi und Heimdall auf und dieser beklagte sich für die Zwergenbrüder: „Tyr, willst du dich denn auch von diesem Joten überlisten lassen?“

Tyr antwortete ihm vorerst nicht und löste stattdessen Lokis Fesseln. Dann sprach der Ase: „Er hat euch überlistet und damit es nicht so bald wieder vorkommt, werden wir seinen Mund zunähen.“

Die Zwerge gaben sich geschlagen und stimmten dem Kompromiss Tyrs zu. Heimdall schwor Brokr und Sindri jedoch: „Sollte der Tag kommen, an dem der Täuscher am Ende ist, werde ich ihm persönlich den Kopf nehmen.“

Das Mundwerk des Täuschers wurde geschlossen und die Welten waren kurzweilig von seinen Witzen verschont.

3 Monster aus einem Schoß

ᚠᛁᛗᛒᚢᚱᚲᛁᚾᛞᛁᚾ

Bald nach der Vermählung Thors und Sifs suchte sich Loki aus Einsamkeit auch eine Frau an seiner Seite. Viele Asen mochten ihn, aber die Eltern wollten dennoch ihre Töchter nicht einem Täuscher überlassen, besonders seit sie von seiner ehrlosen Wette mit den Zwergen erfuhren. So blieb Loki nichts übrig als in Jotunheim nach einer Frau zu suchen. Dort fand er die Jotin genannt Angrboda. So wie Thor Vater von der Asin Thrud wurde und seither in ihren Ehren Thorheim in Thrudheim umbenannt hatte, so sollte auch jener Täuscher ein Vater werden.

Loki stand seiner Frau bei der Geburt zur Seite. Angrboda war in sichtlichen Schmerzen. Sie meinte, es würde sich so anfühlen als würde ein Wurm in ihrem Bauch rumkriechen. Odin bat Freya, einige ihrer Gehilfinnen bei der Geburt bereit zu stellen. Die Wanin meldete sich freiwillig, der Jotin zu helfen. Freyas loyale Dienerin Hlin schaute nach, dass das Kind bei der Geburt sofort versorgt würde und sollte das Kind aus Angrboda aufnehmen. Hlin schrie auf. Ein Schlangenkopf kroch aus Angrbodas Scheide. Es war wie aus einem Alptraum, die Schlange schlängelte sich heraus, blutbefleckt waren ihre Schuppen. Verstört vom Aufschrei nahm Loki Hlins Platz ein und zog die Schlange beim Kopf heraus. „Bei den Göttern, was ist das für ein Monster?“ weinte seine Frau Angrboda in Agonie. Loki legte die blutbedeckte Schlange sanft auf seine Schulter, wo es sich um seinen Hals schlängelte und seine Wangen mit ihrer gespaltenen Zunge ableckte.

„Jörmungand“, sagte Loki lächelnd. „Es ist mein Kind, unser Kind, Angrboda. Wir sind Eltern.“

Angrboda schüttelte den Kopf. Sie weinte bis sie einschlief. Freya hatte den Geburtssaal umgehend verlassen und berichtete Odin in Gladsheim von der Geburt. „Zwei Joten. Und nun ein wahres Monster in Asgard. Ich sagte dir, dass es ein Fehler war, solche Wesen hier aufzunehmen.“

„Von wie vielen Joten hast du gehört, dass sie Schlangen gebären? Keine!“ proklamierte Odin. Er lief denkend auf und ab. „Es muss wohl an Loki liegen…als wir unser Blut mischten…als ich ihm mein Asenblut gab.“

„Er zeugte schon ein Pferd, nun ist es eine Schlange. Was wird noch Folgen, bevor du es ihm verbietest?“

„Ich kann keinem verbieten, Kinder zu kriegen.“

„Dann befiehl es ihm! Du bist Gott aller Götter!“

Der Allvater warf seinen Wunschmantel um und teleportierte zu Loki und seiner Frau, die in Thors Palast Bilskirnir hausten—die damals größte Einrichtung in ganz Asgard. Freya hatte nicht gelogen: Eine schwarze Schlange mit Flecken rot wie Blut kroch über Loki umher, während er neben der schlafenden Mutter lag. „Was ein schöner Tag heute ist, nicht wahr, Allvater?“ sprach Loki euphorisch. „Schau nur wie lebhaft Jörmungand ist.“ Sie beobachteten wie Lokis Kind sich an den Säulen des Bettes hochwickelte und dort oben Insekten verspeiste.

„Loki, findest du es nicht merkwürdig, dass ihr Joten eine Schlange gezeugt habt? Nie habe ich von dergleichen gehört“, sagte Odin besorgt.

„Nein, warum auch? In Jörmungand fließt mein Blut–“

„Und dadurch etwas von mir. Ich fürchte, dies ist der Grund, weshalb ihr kein Jotenkind habt…“

Loki stand auf und nahm die Schlange von der Säule. Sie schlängelte sich über seine Schulter sanft um seinen Hals. „Allvater. Ich liebe meine Tochter. Mir macht es nichts aus, dass sie die Form einer Schlange hat. Und es ist keinesfalls dir verschuldet. Möchtest du sie mal halten?“ Loki nahm Jörmungand von seinem Hals und legte sie Odin in die Arme. Sie rollte sich ein und schlief in seinen offenen Händen ein. „Sie mag dich, hihihoh“, lächelte Loki. Odin legte die aufgerollte Schlange vorsichtig aufs Bett, wo die Sonne einen wärmenden Kreis zeichnete und die blutroten Schuppen glänzen ließ.

Odin vermochte nicht, Loki sein Glück des Vaterseins zu rauben und Angrboda wurde wieder schwanger. Diesmal war Odin selbst bei der Geburt dabei, damit er und Freya zur Not mit Seidr beistehen könnten. Dies blieb jedoch aus, die Geburt verlief ohne Komplikationen. Angrboda hatte eine gesunde Jotin zur Welt gebracht. Es war ein Mädchen. Sie nannten sie Hel. Die Mutter weinte auch bei dieser Geburt, nun aber aus Freude als aus Furcht. Doch ihr Glück war nicht von langer Dauer: Als die Jotin ihre Tochter das erste Mal gestillt hatte, deformierte das Kind. Der Säugling schrie und brannte von innen. Als die Milch aus der Brust spritzte, schmolz Hels Haut dahin und entblößte ihre Knochen darunter. Am schrecklichsten war es im Gesicht. Ihr blanker Schädel war zur Hälfte sichtbar, ihr grasgrüne, linke Auge floss aus der Sockel, ihre Nase sank zum Kinn herab und ihr Mund war lippenlos, aber so verschmolzen, dass es wie ein ständiges Grinsen aussah. Niemand vermochte dieses grässliche Kind—halb schwarz von der geschmolzenen Haut und halb weiß von den entblößten Knochen—anzusehen, geschweige denn zu pflegen—nicht einmal ihre Mutter. Loki jedoch sah über das Äußere seiner Tochter hinweg, so wie er es bei Jörmungand tat; er schätzte, was sie werden würde, und liebte sie von tiefstem Herzen. Er allein sorgte sich um ihre Wunden und Kummer, nährte sie gar an seiner eigenen verzauberten Brust.

Die Asen versammelten sich—ohne Lokis Wissen—zum Rat, dem Odin besorgt zustimmte. Freya leitete die Diskussion und verlangte, dass Lokis Kinder aus Asgard verbannt würden und das Jotunpaar ebenfalls. Als Tyr und Heimdall zustimmten, schlossen sich weitere Freyas Vorschlag an. Der Wane Njörd stellte sich dagegen: „War Hel nicht eine gesunde Jotin, als sie das Licht der Welt erblickte? War es nicht so, Freya?“

„Ja“, fügte Thor hinzu. „Vater hat sie auch gesehen!“

„Das mag sein“, erwiderte Freya ihrem Stiefsohn, „aber sieh sie dir jetzt an, wenn du dich traust!“

Odin hob sich vom Sessel und schlug auf den Tisch: „Schweigt! Weil Hel gesund geboren wurde, erlaube ich Angrboda und Loki ein weiteres, gemeinsames Kind zu haben. Sollte es jedoch wieder missgestalten sein, so werde ich sie persönlich aus Asgard bringen.“

Jahre vergingen, bevor Angrboda sich traute, wieder mit Loki zu liegen—oder überhaupt mit jemanden zu liegen, denn in Ehe oder Treue waren sie schließlich nicht gebunden. Die Jotin hatte keinen Kontakt mit ihren Töchtern haben wollen und Loki zog sie alleine auf. Hel war ein begabtes und kluges Mädchen und er brachte ihr Seidr bei und zeigte einige Runen, die er über Odins verzauberte Gegenstände lernte. Jörmungand wuchs schneller und größer, als es den Asen lieb war. Schon nach fünf Jahren umkreiste ihr Körper Bilskirnir. Eines Tages beim Spielen griff die Schlange Thors Tochter Thrud an. Thor hätte sie dort noch umgebracht, wenn Odin ihn nicht rechtzeitig beruhigt hätte. Jörmungand wurde darauf zu den Idafeldern gebracht, wo sie mehr Raum hatte sich auszubreiten. Folglich zog Loki mit Hel dorthin und sie kamen in Räumen in Gladsheim unter.

Odin, Freya und ihre Dienerin Hlin standen Angrboda und Loki wieder bei der Geburt bei Seite. „Diesmal wird alles gut werden“, sagte Hlin und strich der Schwangeren über den angeschwollenen Bauch. Die Jotin war von der mütterlichen Fürsorge der Asin erleichtert und zuversichtlich, dass diesmal alles gut verlaufen wird. Ein Lächeln verzierte ihr sonst trübes Gesicht.

„Freya, würdest du meine Hand halten?“ fragte Angrboda und Freya willigte zögernd ein.

Es war soweit. Loki sprang vor Freude hin und her. Angrboda schrie vor Schmerzen und drückte das Kind in ihrem Leib hinaus. Ein Heulen. Ein Wolfsheulen. „NEIN!“ schrie die Jotin. „Nein. Lass es nicht wahr sein.“

Loki schützte den schwarzen Welpen vor Angrbodas tretenden Beinen und hielt ihn fest in seinen Armen. „Schon wieder ein Monster. Töte es!“ befahl Freya.

Loki schüttelte den Kopf und floh aus dem Raum. Odin eilte ihm hinterher zu Hels Zimmer. Das verschleierte Kind ließ ihr Spielzeug fallen, als ihr Vater mit ihrem Wolfsbruder und Odin hereintraten. „Loki, vertraue mir! Deinen Kindern wird nichts geschehen!“ Der Wolf bellte leise in den Armen seines Vaters. Odin blickte in Lokis Augen, Blau und Rot zitterten vor Angst. „Hel, geh zu deinem Vater und halt dich an ihn.“ Das kleine Mädchen stand auf, stolperte, hob sich erneut und hielt sich fest am Bein Lokis. Odin warf seinen Mantel um Loki und seine Kinder.

Im nächsten Augenblick waren sie an einem unbekannten Ort. Ein gigantischer Wasserfall rauschte neben ihnen. „Wo sind wir?“ fragte Loki. Die Welt um sie war düster und kalt. Es war wie eine Höhle, von der Decke leuchteten Pilze so grell wie Vollmonde.

„Eine Welt zwischen Niflheim und Midgard“, Odin zeigte dabei auf das fallende Wasser. „Niemand weiß von dieser Welt. Deine Kinder können unbeschadet hier leben. Du hast mein Wort.“

Loki setzte den Welpen ab, der sofort auf Hel zulief, ihre Füße ableckte und das Mädchen zum Kichern brachte. „Jörmungand! Meine Tochter ist noch in Asgard!“

Odin warf sich seinen Mantel um und erschien in Asgard. Freya hatte die Nachricht über die Geburt des Wolfes ausgebreitet und die Götter sammelten sich alle im Idafeld. „Wo sind sie?“ fragte seine Frau ihn. „Wo hast du sie hingebracht?“

„STECKT DIE WAFFEN EIN!“ brüllte der Allvater zu den Asen, die auf die Schlange zuliefen. „Ich habe Lokis Kinder aus Asgard gebracht, so wie ich es versprochen hatte. Sie werden nicht getötet.“

„Es ist ein Fehler, sie am Leben zu lassen“, sprach Heimdall, der sein Speer immer noch gegen die gigantische Schlange gerichtet hielt.

„Ich bin Heimdalls Meinung“, fügte Tyr hinzu. „Wir wissen nicht wie sie sein werden, wenn sie einmal ausgewachsen sind.“

„Habt ihr etwa Angst vor einem Tier?“ lachte Thor. Er sprang auf den Kopf der Schlange und setzte sich auf ihr. Jörmungand hisste, worauf Thor einmal auf sie klatschte und dann drohend seinen Hammer hervorzog. Die Schlange blieb ruhig.

„Bringen wir sie im Meer in Midgard unter. Dort gibt es genug Futter und dann können ich und Thor ein Auge auf sie halten“, schlug Njörd vor. Er fühlte sich in Lokis Schuld, da nur durch seinen Streich der Wane seine Jotunfrau Skadi kennengelernt hatte und mit ihr erneut ein temporäres Glück fand.

„So soll es sein. Götter! Packt an! Wir bringen die Schlange runter nach Midgard.“

Nachdem sie Jörmungand über Bifröst trugen und letztlich in das Meer von Midgard geworfen hatten, reiste Odin mit seinem Mantel zu Loki und seinen anderen Kindern. Dort erzählte er ihm, wo sein Schlangenkind nun verweilte. Er versicherte, dass Njörd und Thor sich um sie kümmern würden. Loki blickte auf seine spielenden Kinder, bevor er stumm nickte. „Wie heißt diese Welt?“ fragte er den Asen.

„Es ist dein Heim. Nenn es, wie du willst.“

Der Schleier des Mädchens fiel herab, als ihr kleiner Wolfsbruder auf sie sprang und ihr Gesicht ableckte. „Schau, Vater“, sagte Hel stolz, während der Wolf sie weiter mit seiner Zunge abschleckte.

„Helheim“, sagte Loki. „Dies ist ihr zuhause.“ Odin legte eine Hand auf die Schulter des Joten. „Ich bleibe noch etwas hier bei ihnen.“ Odin verschwand und ließ den Vater mit seinen Kindern zurück. Er würde sie oft besuchen kommen und immer würden die Monsterkinder den Asen liebend begrüßen.

Das Ebenbild der Götter

ᛗᚨᚦᚱ

Odin besuchte oft Lokis Kinder und wurde herzlich von ihnen Willkommen. Der Wolf Fenrir bellte oder heulte immer, wenn Odin in Helheim auftauchte, und legte sich auf den Rücken, damit der Ase ihn den Bauch streicheln konnte. Loki beichtete Odin, dass er seiner Tochter Hel Magie und Runen beigebracht hatte. Der Ase wollte sich selbst ansehen, wie ein Kind Magie nutzen könnte. Obwohl niemand außer ihr und ihrem Bruder in der Höhlenwelt lebten, trug Hel weiterhin einen schwarzen Schleier auf ihrem Haupt, um ihr abscheuliches Gesicht zu verstecken. „Ich–Ich zeig dir den neuesten Za–Zauber, den ich gelernt habe, Onkel O–Odin“, stotterte sie. Sie krempelte die viel zu langen Ärmel hoch, halb schwarz verbrannte Haut, halb sichtbar weiße Knochen zeigten sich darunter. Sie legte ihre Hände auf den Boden. Die Luft im Raum wurde kalt. Der Atem gefror. Es glühte um Hels Hände herum. Langsam hob sie diese und unter ihnen wuchs etwas. Quack. Hel fing den Frosch, bevor dieser davonhüpfen konnte. Die Luft wurde wieder wärmer.

„Du hast einen Frosch erschaffen? (Das Mädchen nickte) Wie hast du das geschafft?“

Das Mädchen lief zum Asen und nahm ihn bei der Hand mit ihrer weißen, knochigen. „Es ist…es ist leichter, wenn wir dort hingehen“, sagte sie und lief mit dem Allvater aus dem Haus. „Fenri‘, komm“, rief sie nach ihrem Wolfsbruder. Fenrir tapste zu ihnen und legte sich vor seiner Schwester auf die Pfoten. Er war in den wenigen Monaten ihrer Flucht aus Asgard so groß gewachsen, dass nicht nur die kleine Hel auf seinem Rücken reiten konnte, sondern Odin ebenfalls. Er jedoch setzte sich auf den Halbbruder der Monsterkinder, Sleipnir, dem achtbeinigem Pferd. Fenrir hatte bei seiner ersten Begegnung mit Sleipnir gemerkt, dass er zu seiner Familie gehörte und war deshalb abgeneigt, es zu fressen. „Los, Fenri‘!“ Der Wolf bellte, bevor er losrannte.

Odin auf seinem Pferd blieb noch ein Weilchen stehen. „Los, Sleipnir. Zeig deinen Geschwistern wie man eilt!“ Der pechschwarze Hengst wieherte, vier Hufen schlugen vom Boden, vier weitere schlugen auf. Geschwind galoppierten sie dem Wolf hinterher und holten sie nach wenigen Wimpernschlägen ein. Als sie nebeneinander herliefen, zügelte sich Sleipnirs Schritt, jeweils zwei Hufen schlugen zur selben Zeit auf den Boden auf. Odin bemerkte, dass sie sich dem Stamm Yggdrasils näherten. „Wohin gehen wir?“ fragte er Hel. Ihr schwarzverbrannter Zeigefinger zeigte auf den Boden. „Niflheim?“ Der verwehte Schleier nickte. Am Rande Helheims sprangen sie durch den verbergenden Wasserfall Gjöll ab und landeten auf dem Ast, der diese Welt stützte. Durchnässt klammerte Hel sich fest an den dunklen Pelz ihres Bruders, als dieser vom Ast sprang und den Stamm hinunterrannte. Auch Odin hielt sich fest am Hals Sleipnirs, als dieser seinem Halbbruder in den Abgrund hinunterfolgte, jedoch nicht am Stamm hinunter, sondern hinab durch die Luft. Der Wind peitschte im Gesicht. Odin schloss sein Auge und vertraute seinem Pferd blind, ihn unbeschadet hinunterzubringen. Je länger sie stürzten, umso kälter wurde die Luft, die ihnen entgegenpeitschte. Wie Messer schnitt der Wind durch Haut und Knochen.

Sleipnir wieherte und stellte sich auf vier Hufen. Sie waren angekommen. Odin ließ mit Seidr die Spitze Gungnirs so hell aufleuchten, dass er die Kinder erkennen konnte. „Hel, warum warst du hier?“ fragte der Ase, während er vom Pferd abstieg. Fenrir legte sich auf seine Pfoten und Hel kletterte hinab. Sie streichelte ihn hinterm Ohr. „Hel!“

Das Mädchen drehte sich zum Asen, ihr Kopf geneigt zum Boden. Sie stellte sich schützend vor den Wolf, bevor sie sagte: „Bitte sei nicht böse auf Fenri‘. Ich wollte etwas neues Essen und er brachte mich zur Welt der Tiere, nach Midgard.“

„Ihr habt nichts in Midgard verloren!“ sprach Odin mit einem befehlenden Ton.

„Ich w–weiß. Es tut mir L–Leid“, schluchzte sie

Odin ging zum Mädchen und legte seine Hand auf ihr Haupt, fühlte ihre Knochen und verbrannte Haut darunter. „Schon gut. Ich verstehe, dass dieselbe Kost irgendwann fad schmeckt. Bei meinem Bart, ich wollte ich müsste nicht Iduns Früchte essen. Warum kamt ihr denn nach Niflheim?“

Das Mädchen blickte hoch, doch wegen dem Schleier war nicht zu erkennen, ob sie getröstet war oder weiter Tränen ihre Wangen hinunterflossen. „Nach Midgard war ich neugierig, wie die anderen Welten aussahen. Es ist alleine meine Schuld. Fenri‘ trug mich nur. Erst nach Jotunheim, wo Vater geboren wurde…und dann hierhin.“

„Solange Fenrir dich beschützt, ist alles gut“, tröstete er sie erneut und der Wolf heulte auf. „Du wolltest mir was zeigen“, sagte er und reichte ihr seine Hand. Sie nickte, nahm ihn bei der Hand und sie liefen ein Stück entlang der Wurzeln Yggdrasils, die in Niflheim mündeten.

Die Luft war eisig. Mit jedem Ausatmen verließ ein Teil ihrer Wärme, ihre Lebenskraft, in weißem Rauch. Er blickte auf das Mädchen und auf ihre Hand, die seine umschloss, und die andere, die entlang der Wurzel glitt. Wärme strahlte von Hel wie ein Feuer. „Hier“, sie nahm Odins Hand und legte es auf eine Stelle der Wurzel.

Er verspürte wie Energie ihn überkam, ähnlich wie an dem Tag, als er zu den Nornen lief. Das Gefühl verließ ihn, als er seine Hand von der Wurzel nahm.

„Die Wurzeln?“ Er legte beide Hände auf.

„Es fühlt sich so an wie Seidr“, sagte das Mädchen und legte ebenfalls ihre Hände—schwarz und weiß—auf die Wurzel. „Als wir hier zum ersten Mal waren, habe ich an unsere Schwester gedacht; ich wollte, dass Fenri‘ sie kennenlernt. Ich habe auch meine Hände hier aufgelegt. Dann…dann brannten meine Hände und unter ihnen entstand eine Schlange. Aber es war nicht Jörmungand. Es hatte scheußliche grüne Schuppen. Es hatte Angst vor uns. Fenri‘ wollte es fressen, aber ich hielt ihn davon ab (Der Wolf bellte auf). Die Schlange kroch davon, dann gingen wir wieder nach Hause.“ Hel löste sich von der Wurzel und streichelte Fenrir. Odin konzentrierte sich auf das Bild Jörmungands; er wollte wie Hel ein Lebewesen kreieren. Das Bild der Schlange wurde klarer im Kopf, seine Hände brannten unerträglich heiß und er zuckte von der Wurzel zurück. „Ich zeig es dir mal.“ Hel legte ihre Hände auf die Wurzel, sie glühte hell auf und unter ihr kroch eine Schlange hervor. Sie kroch nicht weit, da biss Fenrir sie diesmal tot.

Odin versuchte es erneut. Er legte seine Hände auf und konzentrierte sich auf das Bild der Schlange. Abermals brannten seine Hände schmerzhaft, doch sie glühten nicht wie bei Hel auf. Er schlug auf die Wurzel und schrie verärgert.

„O–O–Onkel Odin…können wir wieder nach Hause gehen?“ fragte sie schüchtern.

Er drehte sich zum kleinen Mädchen, ihre Knie zitterten—vor Angst und Kälte. „Natürlich. Hel, komm zu mir“, er drückte sie zu sich. „Fenrir, Sleipnir, ihr lauft zurück, ja?“ Das Pferd wieherte und der Wolf bellte. Sie waren wohl froh, ein Rennen bestreiten zu können. Odin warf seinen Mantel um Hel und sich und im nächsten Augenblick waren sie wieder in Helheim bei der Hütte, die er gemeinsam mit Loki für sie errichtet hatte. „Hel, ich muss zurück nach Asgard. Ich komme morgen wieder. Magst du mir dann mehr von deinem Zauber zeigen?“ Das Mädchen nickte euphorisch. Odin warf sich den Mantel wieder um und fand sich in seiner Schlafkammer wieder.

„Wo warst du?“ fragte seine Frau Freya eifersüchtig.

„In Niflheim.“ Odin setzte sich auf das Bett und löste die Schnallen seiner Stiefel. Freya kniete sich vor ihn und half ihn aus den Stiefeln. „Die Wurzeln Yggdrasils sind gefüllt mit Seidr.“ Freya stand auf und schmiss die Stiefel beiseite. Sie lehnte sich an das Fenster und lachte. „Was ist so komisch?“ fragte er, doch sie lachte weiter ohne ihm Antwort zu geben. Er packte sie und drehte sie, sodass sie ihm in sein Gesicht sehen musste. „Ist es nicht so?“

Die Wanin grinste und schüttelte ihren Kopf langsam. „Wie, Gott aller Götter, denkst du, hast du die der Macht der Runen erlernt?“ Odin ließ seine Frau los und blickte an die Wand, wo Gungnir hing. „Sei kein Narr, Odin! Du hast dich nicht an dich selbst geopfert. Du spießtest dich an deinem Speer auf, und der Speer steckte…“

„…In Yggdrasil. Der Baum?“

„Alles Leben ist mit dem Baum verknüpft. Iduns Beeren sind direkte Früchte Yggdrasils, weshalb wir so jung bleiben“, erklärte Freya ihrem Mann.

„Und aus den Wurzeln nimmt der Baum seine Kraft…“

„Exakt! Aber…“, sie lief zum Nachttisch und schüttete Met in einen Becher, „das ist nicht alles. Lass mich dir verraten, was Seidr ist.“ Sie gab Odin den Becher voll Met und setzte sich aufs Bett. „Niflheim und Müspelheim. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eins liegt tief bei den Wurzeln, das andere ragt hoch über der Krone. Eins kalt und tot, das andere heiß und sprießend mit Leben—zu viel sogar, wenn man den Legenden deines Vaters glaubt. Wie auch immer. Tot ist Kälte, Leben ist Wärme. Leben, das von der Erde verschlungen wurde, sinkt hinab nach Niflheim. Dort entziehen die Wurzeln des Weltbaums das Leben, die Wärme, Niflheims. Das Leben sprießt hoch, über den Stamm, über die Äste, Zweige und Blätter, hoch hinaus bis zur Krone nach Müspelheim. Wärme und folglich Leben ist dort jedoch nicht geordnet, es ist nicht kontrolliert. Die Unmenge an Wärme ist nicht zu bändigen, und somit regiert Chaos als Erste. Etwas der Wärme aus Müspelheim fällt aber hinab auf die unteren Welten. Seidr nutzt diese Wärme. Deshalb ist es stärker, je höher man steht, je näher man an Müspelheim kommt.“

Odin leerte seinen Becher und schüttete sich nochmal voll. „Also ist es schwieriger, Seidr tiefer an Yggdrasils Wurzeln zu nutzen?“

„Es ist unmöglich! Das Leben in den Wurzeln ist zu sehr von Yggdrasil kontrolliert. Seidr funktioniert, weil die Wärme im Überschuss ist und keine Verknüpfung zur Esche hat.“

Odin leerte seinen Becher. „Du irrst dich. Es ist möglich.“

„Woher weißt du das?“ fragte Freya geschockt. „Hast du es etwa geschafft?“

„Nein. Aber Lokis Tochter Hel.“

Das grässliche Mädchen warf einen Stock, den ihr Wolfsbruder fing und zurückbrachte. Beim nächsten Wurf fing er den Stock jedoch nicht. Fenrir fletschte die Zähne und blickte grimmig auf die teleportierte Freya. „Ganz ruhig, Fenrir“, sprach Odin, der an Freyas Seite stand. Der Wolf leckte seine Nase und setzte sich dann auf die Hinterbeine. „Guter Junge.“ Odin streichelte ihm hinterm Ohr, was der Wolf mit einem Abschlecken der Hand bedankte. „Hel, ich habe Freya von deinen Zaubern erzählt. Sie glaubt mir nicht wie gut du doch darin bist.“

Hel lächelte und blickte auf die Wanin. Diese blickte entsetzt auf sie. Das Mädchen merkte dann, dass sie ihren Schleier nicht aufgesetzt hatte und wandte ihr Gesicht von den Göttern, bis sie es überzog. „T–t–tut mir Leid, dass ihr mich sehen musstet.“ Fenrir tapste zu seiner Schwester und leckte ihre verbrannte Hand, worauf sie kichern musste. Hel mit dem Schleier übergezogen drehte sich wieder zu den Göttern. „K–K–Kommt mit rein“, stotterte das Mädchen und ging mit gesenktem Haupt zu ihrem Haus.

„Ich dachte eher, wieder zu den Wurzeln zu gehen“, entgegnete Odin. Er reichte ihr die Hand.

„Wir sind gleich wieder zurück, Fenri‘.“ Sie nahm Odins Hand und er warf seinen Mantel um sie.

Die Luft fror in den Lungen. Freya zitterte und klammerte sich an Odin. Er nahm ihre kalte Hand und legte sie auf Hels Schulter. Die Wanin zuckte zurück, als sie dem heiß–glühenden Körper nahe kam. „Wie ist das möglich?“ flüsterte Freya fragend. Hel legte ihre schwarze und weiße Hand auf die Wurzel Yggdrasils und schon bald glühten diese hell auf. Eine Schlange kroch aus der berührten Stelle heraus. „Unmöglich!“ rief Freya entsetzt, „Unmöglich!“ Hel ließ ihre Hände fallen und blickte auf ihre Füße, schwarz verbrannt und weiß von Knochen wie ihre Hände. Freya ballte ihre Faust und wollte das Kind vernichten, doch sie vermochte kein Seidr nutzen. Es fehlte ihr an Kraft, an Wärme. „Wie kann dieses…dieses MONSTER hier Magie nutzen?“ schrie Freya und schmerzte Hel zu Tränen.

„Nicht weinen, Hel“, sagte Odin und legte seine Hände auf die Schultern des Mädchens. Sie verbarg ihre Hände hinter ihrem Schleier und wischte sich die Tränen ab. „Freya ist eifersüchtig. Sie ist wütend, dass sie es nicht kann. Magst du es ihr erklären, damit sie nicht mehr böse ist?“

Hel schluchzte nickend. Sie legte ihre Hände wieder auf die Wurzel, aus dem Glühen kroch abermals eine Schlange heraus. „Ich…Ich kann auch andere Tiere erschaffen“, sagte das Mädchen. „Ich denke an das, was ich machen will, und dann mach ich es einfach“, und sie kreierte ein Eichhörnchen, welches umgehend hochkletterte.

„Tiere…ist das alles? Kannst du Götter schaffen? Kannst du einen Gott kreieren?“ sagte Freya mit erhobener Nase herabblickend. Hel schaute auf Odin, der mit einem Nicken sein Einverständnis gab. Das Mädchen legte ihre Hände auf die Wurzel. Lange glühten sie, sie strich über die Wurzeln entlang. Sie hob ihre Hände und ein Mann rollte von der Wurzel herab. „Un—“, verstummte die Wanin, bevor sie vor dem nackten Mann kniete, der auf dem Boden kauerte. Sie strich über seine Brust und Arme.

„Vili, mein Bruder“, sagte Odin, der ebenfalls auf die Knie fiel. Er strich die braunen Haare des Mannes zur Seite und blickte in dessen blaue Augen. „Nein, es ist Ve.“ Der Ase hob ihn hoch und drückte ihn tränengerührt fest an sich.

„Ich–Ich habe an dich gedacht, O–O–Odin“, stotterte Hel.

„Es war nicht dein Bruder, Odin“, sagte Freya, während sie auf dem Bett in ihrer Schlafkammer lag. Odin lief nervös auf und ab. „Vili und Ve sind im Krieg für dich gestorben. Was immer sie kreiert hat, ist kein Gott, geschweige denn dein Bruder.“

„Du fürchtest dich vor ihr. Du hast Angst, dass sie tatsächlich Götter erschaffen hat.“

„Nur Götter können Götter machen!“ fauchte sie und strich sich über den Bauch. „Sie kann nur Tiere kreieren. Es sind auch nur Tiere, hörst du: Nur Tiere…Tiere, die unser Aussehen haben! Mehr nicht!“

„Neunmal hat sie es geschafft. Und du zweifelst immer noch an ihrer Fähigkeit! Fünf Männer und vier Frauen.“

„Sie können nicht in Asgard bleiben!“

„Sie sind Unseresgleichen. Sie gehören hierher.“

„Du hast Asgard genug Chaos beschaffen. Erst die Joten, dann ihre Monsterkinder, jetzt die Monster der Monster. Denke nicht, dass die anderen Götter dies noch lange dulden werden.“

Was Freund war, wird Feind. „Freya, ich denke immer an alle!“ Odin setzte sich zu seiner Frau aufs Bett und strich über ihre Wange. „Wir können sie für uns Nutzen, die neuen Götter.“

„Die Tiere!“ fauchte sie.

„Die Tiere, von mir aus. Wir werden sie im Kämpfen lehren. Ich bringe sie nach Midgard (Freya grinste). Unter einer Bedingung (Freyas Freude verschwand). Wir müssen die Magie von Hel erlernen.“

„Ich habe dir doch gesagt, es ist unmöglich!“

„Schweig! Wir werden diese Magie erlernen!“

„Wie kannst du mir, deiner Frau, der Mutter deiner Kinder, sowas nur antun: Von einem Kind belehrt zu werden?“

„Lerne diese Magie und wir werden das Alter, den Tod nicht mehr fürchten müssen. Iduns Beeren werden obsolet, wenn wir wiederauferstehen können.“

Freya lachte: „Ich kann es doch bereits. Der Tod wird mich so früh nicht finden!“

„Du weißt ganz genau, dass aber ich diesen Zauber nicht erlernen konnte! Ich kann mich selbst nicht verwandeln—nicht in Asche, nicht in einen Falken, gar nichts…“

Freya klammerte sich um den Hals ihres Mannes und flüsterte in sein Ohr: „Ich verstehe deine Angst. Aber es bist nur du, der das Ende fürchtet, Gott aller Götter.“

Was sein wird, wird sein. Odin legte verzweifelt seinen Kopf in die Hände. „Ich muss diese Magie erlernen. Ich muss es…“

Joten und Asen

ᛃᛟᛏᚢᚾ

Thor saß in einem Boot und überquerte das Meer Midgards nach Jotunheim. Jörmungand schwamm irgendwo tief in diesen Wassern, aber traute sich nicht dem Asen zu stellen. Sie hatte Angst, er würde sie für den Angriff auf seine Tochter immer noch zu Tode hassen. Thor war aber nicht wegen der Schlange in Midgard unterwegs. Seit sein Vater die Menschen erschaffen hatte und ihnen Midgard als Heim zuwies, war Jotunheims Anteil der Erde nochmals geschrumpft. Die Joten fanden sich ungerecht behandelt, aber Odins Wort galt über ihres. Schließlich war es er und seine Brüder, die aus Ymirs Fleisch die Erde Midgards und Jotunheims geschaffen hatten und darüber richten durften. Ohnehin fand Thor die Menschen, die nach dem Ebenbild der Asen kreiert waren, sympathischer als die Eiswanderer. Sein Vater wies ihm an, sie zu schützen; er hatte einen Plan für sie, er wollte sie als seine Armee nutzen. Eins musste Thor ihnen lassen: Sie waren begeistert vom Wettstreit und Kampf.

Thor schob sein Boot an den Strand. Der Kies knirschte unter den Füßen. Die Luft war kalt, salzig. Schwarzer Rauch hob sich am Horizont. Er zog Mjöllnir und lief dorthin. Um ein Lagerfeuer saßen fünf Joten—zwei Männer, zwei Frauen und ein Kind—und brieten sich Fische auf Stöcke gezogen an. „Ich bin Thor, Sohn Odins. Ihr seid in Midgard. Kehrt sofort nach Jotunheim und ich werde euch dieses Mal verschonen.“

Eine der Jotunfrauen nahm das Kind und lief sofort mit ihm fort. Einer der Joten sprach: „Die Väter meiner Väter haben bereits hier gelebt. Dies ist Jotunheim!“

Thor hob sein Hammer: „Testet nicht meine Geduld! Dies ist nun Teil Midgards.“

„Wohin sollen wir hin? Weiter im Land ist der Boden Eis, die Tiere mager. Dort lebt so viel wie in Niflheim.“

Thor warf Mjöllnir gegen den Schädel des widersprechenden Joten und tötete ihn auf der Stelle. „Wollt ihr ihm nach Niflheim folgen?“ fragte er, während sein Hammer zurück in seine Hand flog. Die zwei Joten nahmen ihre Speere, doch bevor sie aufstehen und sich wehren konnten, war der nächste Schädel bereits zerquetscht. Nur eine Jotunfrau blieb übrig. Sie hielt ihren Speer gegen den Asen, doch er schlug die Steinspitze einfach beiseite und zog Mjöllnir mit derselben Hand zurück.

Thor nahm einen der gebratenen Fische und ließ die drei toten Joten zurück am Feuer. Das neue Midgard erstreckte sich noch um weitere hundert Meilen.

Odin erschien auf dem Turm von Himinbjörg, wo er Heimdall traf. „Du wolltest mich sprechen, Wächter?“

Heimdalls linke Auge fixierte sich auf Odin, während das Rechte umherkreiste. „Allvater, du weißt, ich habe nichts übrig für Joten. In der Tat, es wärmt mir das Herz zu sehen, dass ihr Land genommen wird. Wie sehr wir es verdrängen wollen, wir stammen von ihnen ab, ich stamme von ihnen ab. Einer der neun Schwestern, die mich erschaffen hatten, kam zu mir: Jarnsaxa.“

„Sie möchte nach Asgard“, deutete Odin.

„Ja.“

Odin legte seine Hand auf des Wächters Schulter und versicherte ihm, dass seine Mutter in Asgard leben dürfte. Dies wäre aber eine Ausnahme. Ihre acht Schwestern müssten zusehen, dass sie woanders Unterkunft fanden.

Thor kam von seiner Reise von Neu–Midgard zurück und in Gladsheim feierten sie seine Rückkehr und seine stetig wachsende Sammlung an Waffen. Thor teilte seine letzte Ausbeute mit den Asen, als er überraschend eine wunderschöne Frau an Heimdalls Seite sah. „Wer ist sie, Vater? Seine neue Frau?“

„Hahaha. Nein. Es ist seine Mutter Jarnsaxa.“

Thor ließ seine Augen nicht von ihr. Er hatte auf seinen Reisen viele Jotenfrauen gesehen: Sie waren dreckig, barbarisch und manche hässlicher noch als Hel. Er setzte sich neben Kvasir, dem Botschafter zwischen Wanenheim und Asgard. Dieser hob sein Glas und sagte: „Thor, willkommen zurück. (Kvasir folgte den Augen Thors, die zu Jarnsaxa schauten) Ah, ich sehe, du bist auch fasziniert von der neuesten Schönheits Blick. Ja, wie kann eine Jotin so schön sein? Die Haut so weiß sein wie Milch, die Haare so golden wie Honig? Die Haut so zart sein wie Seide, die Lippen so rot sein wie Glut? Die Augen so rot sein wie die Beeren Iduns, die Brüste so voll wie die Körbe Iduns?“

Thor schnappte sich den Becher von Kvasirs Hand und leerte den Met darin. Dann schlug er den Becher auf den Tisch, stand auf und lief zu Jarnsaxa. Dabei dichtete er laut in den Raum: „Wie kann eine Jotin so schön sein? Die Haut so zart wie die Glut, die Haare so voll wie die Körbe Iduns und die Brüste so weiß wie Milch? („Hihihoh, wann hast du ihre Brüste gesehen?“) Wie können die Lippen so rot sein wie die Beeren Iduns, die Haut so golden wie Honig?“ Thor stand vor ihr, der Saal verstummt. Jarnsaxa blickte hoch auf den Asen, seine Haare so rot wie ihre Wangen sich färbten. „Ich habe hunderte Joten gesehen, aber niemand war so schön wie du. Sogar Freys Frau Gerda sieht hässlich aus in deiner Gegenwart. Du musst meine Frau werden.“ Er reichte ihr die Hand. Sie blickte sich im Saal um. Heimdall wirkte missfällig, ebenfalls Freya und Sif, aber dem Allvater zierte stets ein Lächeln, wenn eines seiner Kinder glücklich war. Jarnsaxa nahm Thors Hand und stand auf. Ein kindliches Grinsen sprießte ihm im Gesicht. Er hob die Jotin hoch und trug sie durch den Raum, der größte Schatz, den er den Joten je geraubt hatte. „Sif, ich hab dich natürlich nicht vergessen“, sagte Thor und ging zu seiner grimmig blickenden Frau und warf sie mit einem Arm auf seine Schulter, welche dabei ihre Perücke festhalten musste. Dann ging er mit seinen beiden Frauen auf den Schultern nach Hause nach Bilskirnir.

Die versammelten lachten herzlich über Thors Spektakel. Am meisten freute sich Loki. Er hatte seit langer Zeit nicht so sehr gelacht. Er war wieder gelaunt Witze zu erzählen und Späße zu machen—weiterhin meist auf Kosten anderer. Heidruns Met floss schier endlos an diesem Abend. Thor war nicht der Einzige, der mit einer neuen Frau den nächsten Morgen erleben sollte. Die Asin Sigyn gestand Loki beim Festmahl, dass sie ihn schon seit ihrer Kindheit liebte. Sie liebte seine Späße, seine humorvolle Ader, die Liebe, die er seinen Kindern schenkte, obwohl sie Monster für alle anderen waren. Sigyn wollte auch so lieben, sie wollte auch so geliebt werden. Loki sah zum ersten Mal die Frau in ihr: Schwarze Augen lächelten ihm entgegen; schwarze Strähnen wirbelten auf ihre Brust hinab; ein schwarzes Kleid verziert mit weißen Blüten schmiegte sich an ihre satten Kurven. Er berührte Sigyns Hand und flüsterte ihr ins Ohr: „Weißt du, Thor hatte Recht: Jarnsaxa ist die Schönste…die schönste Jotin. Und du, Sigyn, die schönste Asin.“

Eine Armee für die Götter

ᚹᚨᛚᚺᚨᛚ

Jahrzehnte waren seit der Vermählung von Jarnsaxa und Thor vergangen. Sie gebar ihm zwei Söhne, Magni und Modi. Sie waren sein ganzer Stolz. Als kleine Säuglinge waren sie schon genauso kräftig wie er als er noch ein kleiner Junge war. Orange schimmerten die Haare auf ihren kleinen Häupten.

Auch Loki hatte zwei Söhne mit seiner Ehefrau Sigyn erhalten, die sie Narfi und Vali nannten. Sie lebten gemeinsam in Thors Palast.

Loki liebte alle seine Kinder. Deshalb beschämte es ihn umso mehr, dass er die Kinder, die er mit Sigyn hatte, am meisten liebte. Narfi und Vali waren keine Monster, sie waren gesunde Asen. Sie waren wahre Götter, wie er es immer sein wollte.

Loki besuchte in diesen Jahren selten seine Kinder in Helheim. Hel war nicht mehr alleine mit Fenrir. Die Menschen, die in Midgard starben, wurden von ihr in Helheim wiederbelebt. Es war Odins Plan, er würde diese Menschen eines Tages gebrauchen.

Odin warf den Mantel um Loki und sie erschienen im nächsten Augenblick in Helheim. Bis auf das Rauschen des Wasserfalls war es ruhig. „Fenrir ist wohl auf der Jagd“, sagte Odin, der das Heulen des Wolfes vermisste. Sie schauten über die Weizenfelder auf den Palast auf dem Hügel. Seit der Ankunft der Menschen in Helheim, hat sich diese Welt verändert. Mit jedem neuen Menschen ähnelte es Midgard mehr. Der größte Unterschied lag in der Kälte der Luft und der geschlossenen Decke. Odin warf seinen Mantel erneut über Loki und sie fanden sich in Hels Empfangssaal wieder.

„Vater!“ rief Hel und ging zu Loki, ihn zu umarmen. Sie war kein Mädchen mehr, aber ebenfalls noch keine ausgewachsene Frau. Ebenfalls ist sie nicht aus ihrer Schüchternheit herausgewachsen. „O–Onkel Odin.“

„Wo ist dein Bruder, Fenrir?“ fragte der Ase.

„Ist Fenri‘ nicht draußen? Er–Er ist so groß geworden, er ist eigentlich kaum zu übersehen. Er wird wohl wieder in Mi–Midgard jagen sein.“

„Ich habe ihm doch gesagt, dass er fern von Midgard bleiben soll“, schimpfte Odin.

„Helheim ist zu…zu klein für ihn. Es gibt nicht genug für ihn zu essen. Er…er tut keinem was in Midgard“, verteidigte das Mädchen ihren Bruder.

Odin atmete aus. „Wir können ihn nicht in Midgard laufen lassen, Loki. Die Menschen werden sich fürchten, er wird ihnen ihre Speisen wegfressen. Er kommt zurück nach Asgard.“

„Nach Asgard?“ fragte Loki verwundert. „Freya wird seinen Kopf haben wollen!“

„Fenrir wird nichts geschehen. Du hast mein Wort.“ Loki willigte nur ungern ein, aber er verstand Odins Sorgen um Midgard und seiner sprießenden Armee.

Sie hatten keine Probleme, Fenrir in Midgard zu finden. Der Wolf war bereits so groß wie eine Scheune für ein dutzend Kühe. Mindestens so viele hatte er auch gefressen. Er leckte gerade das Mark aus den Wirbeln von einem Ochsen; um ihn hunderte zerkaute Knochen. Als Fenrir Odin witterte, heulte er und lief auf ihn zu. Loki streichelte seinen Sohn hinterm Ohr. Odin schrie: „FENRIR!“ Der Wolf kauerte und machte sich so klein wie möglich. „Ich hatte dir gesagt, dich aus Midgard fern zu halten. Und nun finden wir dich hier. Du hast genug für drei Dörfer gefressen! Du enttäuschst mich…“ Der Wolf heulte. „Loki, du kennst den Weg zu Bifröst. Bring deinen Sohn nach Asgard. Und keine Verzögerungen.“ Odin warf sich seinen Mantel um und teleportierte zurück nach Helheim.

„Ha–Habt ihr Fenri‘ gefunden?“ fragte Hel. Sie saß auf einem Wippstuhl und Menschen hielten ihr Schalen mit geschälten Nüssen und Früchten vor.

„Wie groß wird er noch wachsen? Selbst Midgard wird noch zu klein für ihn.“

„Unsere ältere Schwester ist groß…vielleicht wird Fenri‘ auch so groß. Aber…aber ich bin nicht groß…ich werde nicht so groß werden. Ich bin anders als sie…“

„Ja, das bist du“, sagte der Ase und tappte auf ihr verschleiertes Haupt. „Du bist klug und begabt. Du würdest keine Dummheiten anstellen. Du würdest meine Worte immer huldigen.“

„Danke, Onkel Odin. Schau! (Hel zeigte aus dem Fenster) Meine Hildr ist zurück.“ Sie schauten hinaus. Eine Frau mit weißem Haar ritt auf einem geflügelten Pferd durch die Luft, auf dessen Rücken lag ein Mann. Das Pferd landete vor dem Eingang zum Palast Hels. „Hildr, wen hast du heute hergebracht?“ fragte Hel die Frau lächelnd.

Sie nahm den Leichnam des Mannes vom Pferderücken und legte ihn vor Hels Füßen ab. „Herrin, ein einfacher Bauer, der in der Nacht erfror“, sagte sie mit gebeugtem Haupt.

Hel nickte und legte ihre Hände auf die Brust des toten Körpers. „Bitte, darf ich, Herrin?“ fragte Hildr. Lokis Tochter trat beiseite und die Reiterin platzierte ihre Hände wie Hel auf die Brust des Toten. Die Luft wurde noch kälter, doch die Hände der Frau glühten umso wärmer. Die Haut des Leichnams färbte sich von grau nach weiß, dann pink zu hellbraun. Die Augen des Mannes öffneten sich. Er schaute verwirrt auf die Versammelten. „Du bist in Helheim“, sagte Hildr, die ihn zu den Lebenden zurückbrachte. „Erhebe dich und genieße ein neues Leben ohne den Tod.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen und half ihm hoch. Ohne ein Wort zu verlieren ging er hinaus auf die Weizenfelder, wo andere Menschen ihn willkommen heißten.

„Warum kann sie die Toten erwecken, Hel?“ fragte Odin mit einem Ton der Eifersucht.

„Ich–Ich habe sie so erschaffen. Sie ist eine Wa–Walküre. (Hildr neigte respektvoll ihr Haupt) Sie bringt die Gefallenen.“

„Du wirst mehr von ihnen brauchen, Hel. Ich werde mehr von ihnen brauchen. Ich möchte die stärksten und kühnsten Menschen bei mir in Asgard haben. Hildr wird mir Aushelfen. Sie wird die Gefallenen wiederbringen.“

„A–a–a–aber sie ist meine Freu–“

Odin legte tröstend seine Hände auf Hels Schultern. „Hel, erschaffe dir einfach eine neue Hildr.“ Er sah nicht wie Hel hinter dem Schleier vor den Tränen stand. „Ich muss wieder zurück. Wer weiß, was dein Bruder und dein Vater zusammen anrichten vermögen.“

„O–o–“ Doch Odin war bereits mit Hilfe seines Mantels verschwunden.

„Heimdall, lass sie durch!“ befahl der Ase dem Wächter, der den Wolfsvater und seine Brut vor den Toren warten ließ. Kopfschüttelnd öffnete er die Tore nach Asgard. Fenrir quetschte sich durch die riesige Halle Himinbjörgs. Als er die erste Pfote auf Asgard legte, heulte er auf. Er war hier geboren, aber nie hatte er diesen Boden berührt. Der Wolf sprang und freute sich so sehr, dass er Loki von seinem Rücken warf. Er war ihm nicht böse. Im Gegenteil, er freute sich für sein Kind. Sleipnir kam ihnen entgegengerannt, dann hörten sie seine Hufen klappern. Das Pferd wieherte, der Wolf heulte, und dann rannten sie um die Paläste der Götter.

„Was wird Fenrir essen?“ fragte Loki Odin.

„Dasselbe wie wir. Er kriegt täglich eine Beere Iduns. Das sollte reichen“, antwortete der Ase. Loki blickte skeptisch, aber er wagte nicht Widerworte zu geben, nicht nach alldem, was Odin für seine Kinder getan hatte.

Heimdall gesellte sich den Beiden und flüsterte zu Odin: „Kvasir wollte dich sprechen. Er sagte nur, es sei wegen den Wanen.“

Odin erwartete bereits die Reaktion der anderen Götterrasse. „Wenn ihr Tyr seht, sagt ihm, er soll zu mir kommen“, sagte er zu Loki und zum Wächter, bevor er sich in seinen Mantel hüllte und im Thronsaal seines Palastes erschien. Der Vermittler der Götterrassen saß bereits an einem Tisch. Odin setzte sich auf seinen Thron und gestikulierte Kvasir, sich ihm zu nähern.

„Der Asen Armee wächst mit jedem Tag, es scheint ein neuer Krieg ist nah. Allvater, die Wanen haben ein Anliegen: Sie vermuten ihr Asen wollt sie bekriegen.“

„Ein neuer Krieg steht bevor, aber er ist nicht gegen das Wanengeschlecht.“

„Den alten Krieg dieses verlor, doch wer stürzt sich im Neuen ins Gefecht?

„Kvasir, sag den Wanen nur dies: Odin will euch nicht vor Gungnir haben, sondern daneben.“

„Wort für Wort, so soll ich es ihnen übergeben.“ Kvasir verbeugte sich und verließ den Thronsaal.

Nach einer Weile kam Tyr hereingestürmt: „Das Wolfskind ist hier!“

„Und hier wird Fenrir auch bleiben. Deshalb hab ich dich hergerufen. Ich werde den Bau zweier Paläste anordnen und werde mich nicht um ihn kümmern können. Ich vertraue, dass du ein Auge auf ihn hast“, sagte der Einäugige und zeigte auf den leeren Sockel.

Tyr schüttelte den Kopf, sein geflochtener Bart unison dazu. „Warum ich, Allvater? Es ist Lokis Brut!“

„Wenn ich Loki fähig denken würde, seine Kinder in Zaum zu halten, würde ich nicht dich fragen. Tyr, du bist der gerechteste von allen Asen. Fenrir hat keinem Asen Leid angetan–“

„Noch nicht.“

„Unterbrich mich nicht! Er ist ein Wolf, ja, und er wird Dinge tun, die ein Wolf nun mal tut. Aber wir müssen uns nicht fürchten. Er muss uns vertrauen, bring ihn dazu!“

„Ich werde es tun, für dich, Allvater. Aber ich verstehe nicht, warum“, sagte Tyr schulterzuckend.

Was Freund war, wird Feind. „Wir müssen unsere Freunde nahe halten“, und unsere Feinde näher.

Lokis Skepsis war bewährt: Sein Sohn hungerte nicht dank der energiereichen Beeren, die Idun von Yggdrasil pflückte, jedoch sättigten sie seinen Appetit nicht. Oft fand Tyr den Wolf bei den Hirschen pirschen. Tyr übernahm die Fütterung Fenrirs, weil Idun sich fürchtete, dem Wolf auch nur nahe zu kommen.

Odin ließ einen gigantischen Palast am Idafeld neben Gladsheim errichten. Das neue Gebäude war für seine Armee konzipiert worden, für die Menschen. Als die Wanen erfahren hatten, welches Ausmaß der Palast annehmen sollte, fühlten sie sich wieder von den Asen betrogen. Diesmal dachten sie, Kvasir würde sie betrügen. Sie verschonten sein Leben, verbannten ihn aber aus Wanenheim. Um einen Krieg zu vermeiden, erschien Odin persönlich zum Rat der Wanen. Unangekündigt teleportierte er sich inmitten der Ratsversammlung. Die Wanen rissen von ihren Sitzen, einige zeigten auf den Asen, andere riefen zu den Waffen. „RUHE!“ schrie Odin und klopfte Gungnir auf den Boden, sodass der Steinboden knackte. Die Wanen senkten ihre Waffen. „Ich bin in Frieden gekommen. Wir sind verbündet und so wird es weiterhin bleiben. Ihr habt Kvasir zu Unrecht verbannt.“

„Wie wissen wir, dass eure Armee nicht gegen uns ist?“ fragte die Wanin Malinar. Die anderen stimmten ihr zu.

„Euer Geschlecht erhält die Hälfte meiner Armee.“

„Die Hälfte?“ Die Wanen flüsterten untereinander. Odin ging ein Lächeln übers Gesicht.

„Wer ist der Feind?“ fragte Skrokt, als der Rat verstummte. Odin schwieg. „Na los, sag uns, gegen wen wir kämpfen? Die Joten? Muspels Kinder? Nicht doch die Zwerge?“ Odin schwieg weiterhin. „Haben Frey und die Alben dich angegriffen?“

„Ich weiß nicht, wer uns angreifen wird.“

„Du weißt nicht, wer uns angreifen wird?“ wiederholte die Wanin Treyma.

„Nein.“

Die Wanen verblieben einen Moment still, bis sie ihr Lachen nicht mehr verkneifen konnten. „Es gibt keinen Krieg ohne Feind“, unterrichtete Hirdt, „und ohne Krieg ist eine Armee nur ein sinnloser, fauler Haufen.“

„Dann wollt ihr mein Geschenk nicht?“ fragte Odin mit einem festen Halt an Gungnir.

„Doch. Wir wollen die Hälfte deiner Armee, so wie du es vorgeschlagen hast.“

„Ihr Wanen werdet es kriegen. Anführen wird die Armee die mächtigste Person eures Geschlechts.“

„Du gibst die Armee Frey?“ fragte Malinar verwundert.

„Fast“, grinste Odin.

„Njörd?“

„Freya!“ verkündete der Ase, bevor er wieder mit seinem Mantel nach Asgard in seine Schlafkammer verschwand. Er ließ nach seiner Frau rufen.

Als Freya sich ihrer Schlafkammer näherte, hörte sie bereits ihren Mann laut lachen. Sie öffnete die Tür. Odin lag im Bett, zwei Becher voll Met in den Händen. „Komm und setz dich! Wie geht es unseren Kindern?“

Freya nahm einen Becher und setzte sich zu ihrem Mann. Sie schaute skeptisch auf den Met. „Ihnen geht’s gut. Hermod versucht Hödur das Reiten beizubringen. (Sie schüttelte den Kopf) Hätte er wenigstens ein Auge, das Sehen könnte.“

„Was Hödur an Licht fehlt, macht er gut mit seiner Liebe zu den Runen.“ Odin nahm einen tiefen Schluck von Heidruns Eutersaft.

„Odin, du hast mich nicht hergerufen, um über unsere Söhne zu sprechen. Los, sag schon.“ Sie nahm ebenfalls einen tiefen Schluck des süßen Mets.

„Du erhältst die Hälfte meiner Armee (Freya verschluckte sich am Honigwein). Wenn die Walküren uns Krieger herbringen, wirst du die eine Hälfte aussuchen und ich die andere. Du bist eine Wanin: So sollte dein Geschlecht zufrieden gestellt sein und unser Bündnis bleibt weiterhin bestehen.“

„Ist deswegen der Wolf, dieses Monster, hier?“ fragte sie verekelt. „Willst du ihn auch in deiner Armee?“

„Wenn der Tag kommt, werden wir alle Monster sein. Fenrir wird uns zur Seite stehen.“

„Ein Wolf ist nicht zu zähmen!“ erwiderte Freya.

„Erzähl das mal Loki, der mir Freki und Geri schenkte“, sagte er und die zwei genannten Wölfe heulten jenseits der Schlafkammer.

„Dieser Jote bringt dich auf unmögliche Gedanken…“ Freya hob sich vom Bett und schüttete ihren Becher erneut voll. „Du willst alle zu deinen Verbündeten machen. Als nächstes werden wir Freunde mit der Schlange und diesem hässlichen Mädchen.“

„Hel ist ihr Name. Sie ist mit treu und zu klug, um gegen mich zu handeln. Was Jörmungand betrifft…ich fürchte, dass sie uns niemals verzeihen wird.“

Odin gab Freya seinen Becher, den sie ihm auffüllte. Bevor sie ihm den Becher zurückgab, sagte sie: „Der Palast ist für deine Armee, nicht? Ich will auch einen. Für meine Hälfte.“ Er nickte und erhielt dann seinen Becher.

Freya ging zur Tür. „Warte! Wie wäre es mit noch einem Sohn?“ fragte Odin mit einem Schmunzeln.

Sie schaute ihn an, von seinen goldenen Haaren hinab zu seinen enthüllten Lenden. „Du hast mir heute mehr als einen Sohn gegeben, Gott der Götter.“

Der junge Dichter

ᚲᚹᚨᛊᛁᚱ

Das Fundament von Freyas Palast wurde direkt neben Gladsheim und Walhalla gelegt. Odins Palast für die Gefallenen, die Einherjer genannt, war fertiggestellt. Auf dem Dach stapelten sich die Schilde, die eines Tages zum Einsatz kommen würden; die Bänke und Sitze waren gepolstert mit Harnischen; an den Säulen rankten Speer über Speer. Freya hatte andere Pläne für ihren Palast Folkwang. Ihrem Mann gönnte sie die stärksten und kühnsten Menschen auszuwählen. Die Wanin hingegen wollte die Gerissenen, die Menschen, die nicht nur mit Fäusten kämpfen vermochten. Als eine Walküre einst einen Mann brachte, trug dieser eine Pergamentrolle bei sich: Wie es sich für das Ebenbild der Götter gehörte, hatten die Menschen ihre eigenen Runen erschaffen. Folkwang sollte eine enorme Bibliothek für die gesammelten Runen der Menschen beherbergen. Als Odin davon erfuhr, wurde er neidisch, auch er hätte gerne eine Sammlung an Wissen in seinem Palast gehabt. Er schlug vor, dass sich die drei Paläste—Gladsheim, Walhalla und Folkwang—mit verflochtenen Gängen verbinden sollten, doch Freya lehnte vehement ab. „Jahrzehnte lebe ich bereits in Asgard. Habe dir zwei Söhne gebärt und du hast nicht mal daran gedacht, mir einen Palast zu bauen. Folkwang ist mein allein! Und so soll es auch bleiben.“ Er führte seinen Plan dennoch aus und Freya hielt aus Trotz Abstand zu ihrem Ehemann.

Odin fand Trost bei einer anderen Frau. Saga legte ihre Füße ins kalte Wasser, welches um Sökkwabeck floss, ihrem Zuhause auf dem Berg im Osten Asgards. Odin gesellte sich ihr und tunkte seine Beine ebenfalls ins Wasser. Es schüttelte ihn vor Kälte. Saga kicherte. Sie war eine junge Asin, die Jugend strahlte noch in ihrem Gesicht, ihrem Lächeln. Goldene Locken fielen auf ihre nackten Schultern, die ihr hauchdünnes Kleid trugen. „Erzähl mir noch eine Geschichte, Saga“, bat der Allvater.

Saga lehnte sich zurück und trat etwas Wasser in die Luft und begann: „Ein junger Dichter lief einst von Zuhause fort, auf der Suche nach Königen und Helden, über die er Lieder singen konnte. Er lief über Berg und Tal, durchquerte Wälder und Flüsse. Auf seinen Reisen traf er viele Männer, die ihn anflehten, sie in seinen Liedern aufzunehmen; viele Frauen, die ihn anflehten, sie in seine Betten aufzunehmen. (Odins Hand strich unter ihrem transparenten Kleid) Hihihi. Doch der Dichter hatte kein Verlangen, Lieder über diese gewöhnlichen Männer zu singen, kein Verlangen für diese gewöhnlichen Frauen. Er sehnte sich nach Helden und Königinnen. So lief der junge Dichter dorthin, wo Sols Wagen ihn führen würde. Jahre ist er gelaufen, so weit ist er gelaufen, dass keiner mehr seine Sprache kannte. Doch es machte seinen Zuhörern nichts aus. Sobald seine Zunge Wein gekostet hatte, war sein Gesang hypnotisierend. Sein Ruhm eilte ihm voraus. Bald trat er in großen Städten auf und wurde dort bereits erwartet und selbst wie ein Held empfangen. Er hatte endlich mit Königen gespeist, mit Königinnen gelegen. Doch er merkte, sie waren nicht anders als die gewöhnlichen Männer und Frauen in seinem Heimatdorf. Und so ging er weiter. Weiter und weiter. Er sang in diesen Städten, in jenen Dörfern. Weiter und weiter. Er lief, solange ihn seine Beine tragen konnten. Weiter und weiter. Als er nicht mehr selber laufen konnte, schenkte ihm ein König sein bestes Pferd. Weiter und weiter. In einer Stadt fiel er erschöpft von seinem Ross. Der junge Dichter war nicht mehr jung. Er war nun bekannt als der alte Dichter. Der König der Stadt nahm ihn bei sich auf. Er hatte neun Prinzen von neun Frauen. Sie alle haben vom alten Dichter gehört, doch haben nie seine Lieder gehört. Wie sehr er sich auch bemühte, wie sehr er es wollte, er konnte kein Ton mehr von sich geben, kein Wein konnte mehr seine Zunge regen. Tränen fielen dem alten Dichter. Er sah sein Ende kommen. Er sang Lieder über so viele Könige, so viele Helden, so viele Frauen, doch in keinem Lied sang er über sich selbst. Der alte Dichter bat die Prinzen, dass sie sich an ihn erinnern. Er bat die Neun, sie sollen aus seinen Knochen Flöten schnitzen und seine Lieder singen. So starb der alte Dichter ohne ein Lied auf den Lippen. Aus den Knochen seiner Arme und Beine schnitzten sie acht Flöten. Der neunte Prinz, der keine Flöte des alten Dichters erhalten hatte, sammelte alle Sehnen und spannte sie um die Wirbel des Alten. Sie reisten gemeinsam durch die Welt, wie es der junge Dichter damals tat: Die acht Flöten und die singende Harfe. Und wenn sie ihre Instrumente spielten, glaubte man den jungen Dichter wieder zu hören.“

„Wie fallen dir diese Geschichten nur ein, Saga?“ fragte Odin und strich ihre Locken zur Seite.

„Die Hälfte ist wahr, die andere Hälfte nicht.“

„Und was ist wahr?“ fragte er lächelnd.

„Kvasir speist gerade wohl bei irgendeinem König, oder liegt mit dessen Frau“, lachte sie.

„Hast du was von Kvasir gehört?“

„Nicht seit er nach Wanenheim ging. Er hat mir selber viele Geschichten gesungen. Und jetzt schein ich sie alle zu singen.“ Saga drehte sich zu Odin und küsste ihn. „Magst du mir noch einen Becher mit dem Met geben?“

Odin nahm ihre beiden goldenen Becher und füllte sie mit dem kalten Wasser des Baches um Sagas Haus. Dann ging er zum Topf mit dem roten Met und dippte zwei Finger hinein, sodass jeweils ein Tropfen des Mets dranhing. Darauf tröpfelte er den Met in die goldenen Gefäße. Sobald der Met ins Wasser fiel, löste es sich auf und das Wasser wurde blutrot. „Sköll“, prostete er, nachdem er Saga ihren Becher gab. In einem Zug leerten sie den roten Dichtermet, so rot wie das Blut Kvasirs, von dem es gebraut wurde.

Das Kind in Ketten

ᚷᛚᛖᛁᛈᚾᛁᚱ

Fahnen mit dem Walknoten—drei verflochtene Dreiecke—flogen an den drei Palästen am Idafeld. Folkwang war vollständig errichtet worden und Freya seither im vollen Gange ihre Hälfte der Armee der Götter in Wissen und Magie auszubilden. Die Einherjer in Walhalla hingegen, kriegerisch in ihrer Natur, suchten einen Wettstreit gegeneinander, dem Odin zustimmte, denn die Gefallenen bräuchten ständiges Training, um nicht aus ihrer Form zu fallen. Ihr einziger Grund Odins für ihr Weiterleben war schließlich der eventuelle Krieg, der laut der Prophezeiung der Nornen kommen sollte. Was neun ist, wird eins. Odin würde alles in seiner Macht tun, damit die letzte Welt Asgard sein würde.

Täglich kämpften die Einherjer und täglich musste die Walküre Hildr und ihre Schwestern die Toten erwecken. Die Kämpfe waren brutal und intensiv, niemand schenkte seinem Gegenüber auch nur eine Sekunde Gnade noch Reue. In dem sonst gewaltfreien Asgard floss wieder Blut. Dies ging nicht spurlos an Fenrir vorbei. Seit Odin den Dichtermet nach Asgard schmuggelte, war er ruhelos, da der Wolf das Blut in der Luft roch. Nun floss Blut täglich und färbte die Wiesen im Idafeld schwarz. Den Wolf zu bändigen stellte eine immer schwierigere Herausforderung für Tyr da. Der Instinkt des Tieres gewann die Überhand und Fenrir rannte zu den kämpfenden Einherjer. Sie kämpften, doch selbst die Stärksten erlagen erbärmlich den Fängen des Wolfes. Es benötigte die Gebündelte Kraft Thors, Tyrs und Odin, um Fenrir still zu halten, damit Skadi ihn mit einem Giftpfeil zum Schlafen bringen konnte. „Mit der Dosis dieses Gifts könnte ich tausende Joten das Herz still legen, ganz zu Schweige von Einschlafen“, kommentierte Skadi im Rat der Asen, dem sie wegen ihrer ständigen Hilfe beiwohnen durfte.

„Wir können den Wolf nicht länger frei herumlaufen lassen. Wer weiß, was er als Nächstes tut? Es ist ein Biest, ein Monster, und Monster gehören tot!“ zürnte Freya, deren Auserwählten schmachhaft gegen Fenrir verloren hatten.

„Er ist immer noch mein Sohn!“ rief Loki zornig und trat seinen Stuhl weg beim Aufstehen.

„Freya hat aber Recht“, sprach Tyr und begründete: „Wir wissen nicht, was Fenrir als nächstes tun wird. Ich bin alleine nicht mehr im Stande, ihn im Zaum zu halten.“

„Wir werden ihn nicht töten“, entgegnete Odin. Er wog seine Optionen ab: Würde ein gigantischer Wolf ihm mehr nützen oder eine schier endlose Zahl an Kriegern? Er wollte Beides. „Wir legen Fenrir in Ketten.“

„NEIN!“ schrie Loki.

„Es ist fürs Beste. Thor, Tyr, wir halten ihn wieder fest, sollte er erwachen. Hermod, du wirst ihm die Ketten anlegen.“

Fenrir erwachte und streckte seine Beine gähnend. Tausende Kettenglieder sprangen auf als wären sie Weizensprossen. Der Wolf schüttelte sich und warf dabei die restlichen Eisenfragmente ab. Der Wolf hechelte Odin lächelnd an, der zwischen den sprachlosen Asen stand. „Ich habe es euch doch gesagt“, brach Odin das Schweigen und näherte sich dem Wolf, „Fenrirs Stärke (Der Wolf neigte seinen Kopf zur Seite und spreizte seine Ohren) lässt sich nicht von einfachen Eisenketten bändigen. Was sagst du, willst du ihnen deine ganze Kraft präsentieren?“ Der Wolf hechelte glücklich und heulte darauf. Odin schickte seinen Sohn Hermod die stärksten Ketten in Asgard zu bringen.

Beim Anlegen der Ketten blieb Fenrir gänzlich ruhig und half ihnen sogar, indem er seine Beine hob. Nicht eine Sekunde nach dem Verschließen der Kette zerbrach Fenrir sie. Er sprang umher und heulte auf, endlich spielte jemand wieder mit ihm.

„Wir müssen ihn leider töten“, sagte Odin mit schwerem Herzen dem Rat der Götter. Obwohl der Wolf ihm nun Kopfschmerzen bereitete so hatte er dennoch eine Verbindung mit diesem entwickelt. Er hatte sich vorgestellt, dass er den Krieg mit Fenrir gemeinsam kämpfen würde. „Mit jedem vertanem Tag wird er größer wachsen und irgendwann wird kein Gift ihn beruhigen können.“ Viele stimmten ihm zu.

„Nein, bitte, lasst es mich noch einmal versuchen“, entgegnete Loki. „Ich werde zu den Zwergen fliegen und nachfragen, ob sie mir eine Kette schmieden können. Sie können doch sonst alles.“

„Du kriegst neun Tage, Loki“, willigte Odin ein.

In Nidavellir ging Loki—verkleidet—zu Ivaldirs Enkeln. Er sagte ihnen, dass niemand die Härte Ivaldirs geschmiedeten Speers Gungnir in eine dünne und lange Form wie ein Haar schmieden könnte. Die Zwerge überzeugten vom Gegenteil und schmiedeten Gleipnir, eine hauchdünne Kette, dessen Glieder, nach ihrem Eigenlob zu urteilen, gegossen waren aus dem Laut eines Katzenschritts, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Berges, dem Atem eines Fisches und der Spucke eines Vogels. Als Loki die Kette an sich nehmen wollte, verlangten die Zwerge ihre gebührende Entlohnung. Darauf erwiderte der Täuscher, dass er erst von der Stärke Gleipnirs überzeugt werden müsste und wollte Odin und Thor bitten, mit ihren Waffen die Kette zu versuchen zu zerstören; dafür müsste er die Kette jedoch erst nach Asgard bringen. Würde die Kette niemals brechen, so würde er sie entlohnen. Verärgert, aber verständnisvoll stimmten die Zwerge Lokis Bedingung zu.

In Asgard erwarteten die Götter und Fenrir ihn bereits. „Verzeih mir, mein Sohn“, dachte sich Loki, als er zu ihnen ging. Fenrir sah die Trauer in den Augen seines Vaters und sprang stets fort, als sie ihm die Kette anlegen wollten. Er wehrte sich vehement und durchschaute die Lüge seines Vaters, dass sie ihn losbinden würden, sollte er es nicht schaffen, die Ketten zu brechen.

„Fenrir, wenn du deine Stärke nicht beweisen willst, dann geht das in Ordnung“, sagte Tyr und näherte sich dem Wolf. „Hier, es ist wieder Zeit etwas zu essen.“ Tyr streckte seine Hand mit einer von Iduns Beeren drin liegend aus. Fenrir war skeptisch, roch an der Hand und schleckte mit einem Zungenstrich die Beere von Tyr. In dem Moment, als die Zunge seine Hand berührte, packte Tyr jene und rief: „Jetzt!“ Die Götter warfen blitzschnell die haardünne Kette um den Wolf. Seine Zunge im festen Griff Tyrs, kauerte und winselte er. Bevor Fenrirs Maul gefesselt war, biss er die Hand, die ihn fütterte, ab und riss Tyr dabei den Arm von der Schulter. Das Schloss der Kette wurde geschlossen und vernarbte sich mit den anderen Gliedern. Gleipnir hielt, was die Zwerge versprachen: Die Kette widerstand der enormen Kraft des Wolfes.

„Freya kann dir den Arm wieder herzaubern“; sagte Thor zum Verwundeten. Odin schüttelte den Kopf und erzählte ihnen, dass Seidr nicht auf Asen wirkte.

„Es ist schon gut“, entgegnete Tyr, „es ist ein kleiner Preis für meine Unwahrheit.“

Fenrir konnte sein Maul weit genug öffnen, um zu heulen. Um dies zu unterbinden, banden sie ein Schwert an seine Zähne, das ihn schnitt, sollte er sein Maul zum Heulen schließen. Sein Maul füllte sich mit Speichel und Schaum—ein abartiger Gestank—und floss heraus. Fenrir wurde von Odin in eine weitentfernte Ecke Helheims getragen, wo sein Gejammer keinen in Asgard stören konnte. So verharrte der Wolf, gebunden, angekettet, verraten.

Freya sehnte sich nach dem Triumph über die Monsterbrut Lokis wieder nach ihrem Ehemann. Sie würden ein drittes Kind kriegen. Sie nannten ihren dritten Sohn…

Der letzte Einherjer

Die Geburt des Lichts

ᛒᛅᛚᛏᛦ

„…Baldur. Weil er noch schöner als Sols Gespann strahlt. Schau nur, Odin, wie alle voller Freude sind“, sagte Freya glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben. Der Einäugige blickte sich im Raum und sah wie seine Kinder mit Lebenslust und Liebe aufleuchteten. Er küsste seinen neugeborenen Sohn auf das Haupt und legte ihn wieder in die Arme seiner Mutter.

„Baldur, alle Welten werden von deinem Licht erfahren“, sagte Odin, bevor er sich in seinen Wunschmantel einhüllte und acht Ringe Draupnirs zusammen mit einem Brocken aus Sols Gespann ins Nachtzelt platzierte.

*

Im Königshaus herrschte Unruhe. Seit einigen Stunden warteten die Freunde und Diener des Königspaars auf Neuigkeiten von der Geburt: Wird es ein Junge; wird es ein Mädchen? König Sigurd blickte hoch in den Himmel und sah, wie eine neue Sternenkonstellation dort oben funkelte, die Spitze heller als alle umliegenden Sterne. „Die Götter sind euch wohl gesonnen in dieser Nacht“, fügte sein Freund Jarl Erik Ragnarsson hinzu.

„Bahahaha, mein Sohn wird der größte König sein, den die Welt je gesehen hat“, antwortete der König.

„Jahaha“ lachte Gungnar Hjorsson und klopfte seinem Freund auf den Rücken, „Ich dachte, dass wolltest du immer sein. Wofür hab ich deinen Arsch denn sonst gerettet, jahahaha.“

„Du weißt, ich wollte es nie sein“, verteidigte Sigurd sich und blickte dabei auf Erik Ragnarsson. Eine Dienerin kam herein und bat den König, zu seiner Frau zu kommen. Er verabschiedete sich von seinen Freunden und ging ins Nebenzimmer. Er biss die Nabelschnur ab und nahm vorsichtig den blutbedeckten Säugling in die Hände. „Erik Sigurdsson…der größte König. Bahahaha.“ Draußen freuten sich die Untertanen, als sie den gesunden Schrei des Säuglings hörten und tranken auf seine Zukunft. König Sigurd setzte sich zu seiner Frau Brünhilda und gab ihr den kleinen Erik in die Hand, den sie in Leinen wickelten.

„Unser erster Sohn, Sigurd“, sagte die Königin und küsste ihr Kind auf die Wangen und aufs Haupt. Ein dünner Schopf brauner Haare schmückte es. Sein Duft erinnerte sie an vergangene Tage. „Wir lieben dich, Erik. Und die Götter ebenso.“

In der Stadt wurde ausgiebig die Geburt des Prinzen gefeiert. Auch Reisende und Wanderer versäumten nicht, die freien Speisen und Tränke zu kosten. „König Sigurd“, flüsterte ein Diener ihm ins Ohr, „draußen ist ein alter Greis, der um einen Platz am Feuer in deinem Haus bittet.“ Der König nickte und gestikulierte, er solle ihn zu ihm bringen.

Ein gebückter, weißbärtiger Mann trat vor ihm, nur ein blaues Auge schien aus dem Schatten seiner Kapuze. „Einäugig wie ich? Bahahaha. Kommt, setzt euch und feiert mit mir die Geburt meines Sohnes. Gebt dem Mann hier einen Becher Met und eine saftige Fleischkeule.“

Dankend nahm der Mann die Speisen an. Er hob seinen Becher und sprach: „Möge euer Sohn ein großer König sein wie Ihr. Sköll!“ Dann setzte er sich an einen freien Platz am Feuer.

Am nächsten Morgen fragte König Sigurd nach dem alten Mann, doch niemand schien ihn gesehen zu haben. „War es Odin?“ fragte seine Frau Brünhilda ihn, während sie den kleinen Erik stillte.

„Ob es nun Odin war oder nur ein hungriger, alter Mann: Er saß mit uns und wünschte unserem Sohn und mir Wohl. Bahahaha. Magst du es glauben: Ein größerer König als ich. Bei seinem Appetit wird er größer sein, ja, wenn nicht unbedingt höher“, lachte Sigurd.

Zwanzig Jahre sind seit der Geburt von Erik Sigurdsson vergangen. Fünf Geschwister sind nach ihm gekommen. Seine zwei Schwestern Erika und Helga sowie der jüngste Sohn Björn waren daheim bei ihrer Mutter Brünhilda geblieben, während Erik und seine Brüder—Sigurd und Fjörnir—mit ihrem Vater auf einen Beutezug gingen. Es war das erste Mal, das der vierzehnjährige Fjörnir Sigurdsson mitkommen durfte. Ihr Vater, der König, wollte ihn nicht mitbringen, aber ihr letzter Schamane, der stets mit ihnen auf Raubzüge mitkam, war bei der letzten Überfahrt zur Heimat mit seinem Schiff in einen Sturm geraten und umgekommen. Erik hatte es miterlebt und fürchtete seither das Meer, nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschte er einen solchen Tod, einem einsamen Tod von Jörmungand und ihrer Brut in den Tiefen des Meeres zum Fraß zu verderben. Sein junger Bruder Fjörnir wurde auf diesen Plünderungszug mitgenommen, weil er viel beim alten Schamanen Umber in ihrer Heimat in Sigurdssaal gelernt hatte und die Bräuche und Rituale kannte. Der Alte hatte sein Talent für die Runen so gelobt, dass er behauptete, Odin selbst hätte ihm diese Gabe geschenkt.

Das Meer war ruhig. König Sigurd hatte dem Wolfsprinzen die Verantwortung für die Schiffsfahrt für die Nacht übergeben. Den Beinamen „Wolfprinz“ verdiente sich Erik mit elf Jahren, als er mit seinen Freunden in den Wald gegangen war und dort ein einsamer Wolf sie angegriffen hatte. Erik schützte seine Freunde, kämpfte mit bloßen Händen gegen den Wolf und erwürgte ihn. Der Schädel des Wolfes wurde in einen Helm verarbeitet, den Erik seit seiner ersten Raubfahrt trug, und die restlichen Knochen wurden beim Schmieden seines Schwertes mit dem Eisen verschmolzen. Neidisch auf den Beinamen, wollte sein kleiner Bruder Sigurd ebenfalls endlich einen Beinamen kriegen. König Sigurd, ihr Vater, nannte ihn darauf den Fuchsprinzen, weil seine Haare rot waren wie der Pelz eines Fuchses. Der kleine Sigurd übernahm trotz des Witzes seinen Prinzennamen mit Stolz und trug zu jedem Wetter einen Fuchspelz auf den Schultern. Auch der jüngste Prinz Björn erhielt einen Beinamen. Er erhielt seinen Namen und Beinamen—der Bärenprinz—schon bei der Geburt, weil er ein unglaublich schweres und großes Neugeborenes war. Er war somit der erste Sigurdsson nach seinem Vater, welcher einen Beinamen erhalten hatte.

Es war eine mondbeleuchtete Nacht. Erik blickte in den Himmel und sah den hellen Stern der Konstellation Baldurs, der laut seinem Vater in der Nacht erschienen war, als er geboren wurde. „Wenn du dich jemals verirrst, folge diesem Stern. Er wird dich immer nach Hause führen“, waren die Worte von seiner Mutter Brünhilda vor Eriks erstem Raubzug. Sie segelten aber nicht nach Hause, sondern entgegen der Richtung des Sterns, in ein fremdes Land.

Erik schaute rüber zu den anderen Booten, wie ein Pack Wölfe die übers Land strichen. Der Wind war günstig und sie glitten übers Meer wie Adler am Himmel. Sein Bruder Fjörnir schnarchte und Erik musste lachen. Er musste vor acht Jahren ebenso grün gewesen sein. Damals war er alleine, morgen würden zwei seiner Brüder an seiner Seite mitkämpfen und in etwa zehn Jahren würde er seinen eigenen Sohn Ralph Eriksson auf einen Raubzug mitnehmen dürfen.

Die Sonne ging im Osten auf und wärmte ihnen die Rücken. Erik befahl einen Raben freizulassen. Die schwarzen Federn hoben hoch in die Luft, bevor der Vogel schnurstrakst nach Süden flog. Erik blickte links und rechts. Alle Seemänner waren hellwach und folgten dem Rabenflug. Sein Vater stand hinter ihm und legte seine Hand auf seine Schulter. „Heute wird ein guter Tag“, verkündete der König. Dann pissten sie über die Bootskante, wobei einige Tropfen Fjörnir weckten. Eifrig schüttelte er den Kopf und sah nur, wie die anderen auf dem Boot ihn auslachten. „Deswegen steht man auf, sobald Sol ihren Wagen zieht“, scherzte König Sigurd und setzte sich wieder. Ihm wurden die ersten Eier gebracht, die die Hühner auf dem Boot gelegt hatten. Er klopfte das obere Ende auf und saugte das Innere heraus. „Nimm du das Zweite, Fjörnir. Heute wirst du zum Mann.“ Fjörnir ahmte seinen Vater nach, jedoch schüttelte er den Kopf beim Hinunterwürgen des Dotters. „Bahahaha. Heute Abend wird es schon wieder ein Fest geben, mein Junge.“ Er gab seinem Jungen den Beutel mit Quellwasser und bediente sich selber mit einem Biergefüllten.

„Land voraus, König!“ rief einer am Bug. Erik ging zu ihm, kletterte auf die Kante und hielt sich am Vorsteven, welcher wie ein Wolfskopf geschnitzt war—das Boot war ein Geschenk seiner Eltern. Erik blickte zurück zu seinem Vater, ein Grinsen verzierte beide ihre Gesichter.

Sie zogen die Segel in Küstennähe ein und ruderten zum Strand. Fjörnir sprang vom Boot. Das kalte Wasser biss sich bis in die Knochen, doch er sammelte sich und zog das Boot mit seinen Kameraden auf den Kiesstrand. Der Wind hatte sich gelegt. Bis auf das Packen der Ausrüstung ertönte nichts am Strand, kein Tier alarmierte ihre Ankunft, kein Wort wurde gesprochen; sie waren nicht auf ihrer ersten Überfahrt und wussten ihre Rollen zu erfüllen. Nur Fjörnir packte ahnungslos irgendwo mit an, wo Erik mithalf. Der König wies fünf Leute bei den Booten zu bleiben; der alte Greis unter ihnen nahm es mit gesenktem Haupt an—seine Tage des Kampfes waren vorüber.

Erik Sigurdsson führte die eine Hälfte der Truppen durch den Wald, sein Vater die anderen. Sie waren bereits zweimal an diesem Strand angelegt und kannten den Weg zur nächsten Gemeinde und Plätze zum Campieren. Sechs Jäger trennten sich von der Gruppe. Nach zwei Stunden heiterem Marsches waren sie wieder still vorangeschritten. Sie waren nun soweit gelaufen, dass sie einem verirrtem Jäger oder Pilzsammler begegnen könnten. Ihre Jäger waren bereits mit einem Reh und zwei Hasen zu den Booten zurückgekehrt. Die Beute war kaum ausreichend für ein Festmahl, aber sie hatten schließlich noch nicht geplündert.

Erik hob seinen Arm und seine Einheit stoppte wortlos. Die hinteren Krieger sahen nicht weshalb, aber in der Ferne war eine Lichtung zu erkennen. Als sie niemanden erkennen konnten, gingen sie weiter voran. Aus der Lichtung erstreckten sich zertrampelte Pfade und freigeräumte Wege. Eine Gemeinde müsste in der Nähe sein! Erik hob erneut seinen Arm. Jeder stoppte umgehend und der Wald verstummte. Da hörten sie zwei Kinder. Er blickte zu seinem Bruder Sigurd, der verständlich nickte, sein Haar schien mit dem Fuchspelz eins zu sein. Er pirschte sich mit seinem Cousin Leifi Olafsson nach vorn. Nach einigen Minuten kamen sie zurück und der Marsch ging weiter. Die Kinder lagen tot in den Büschen, ihre Körbe mit Pilzen wurden mitgenommen.

Blutig tränkte die Sonne die Welt rot. Ein Botschafter vom Trupp des Königs kam ihnen entgegen. Der König und seine Männer standen bereit, die Gemeinde von der anderen Seite anzugreifen. Sie würden losstürmen, sobald das erste Gebäude brannte. Erik überließ diese Aufgabe wieder seinem Bruder und ihrem Cousin Leifi. Er gab ihnen Feuersteine und verabschiedete sich nickend.

Sigurd Sigurdsson ließ die Einheit des Wolfsprinzen weiter im Wald lauern, während er und sein bester Freund Leifi Olafsson ins Dorf schlichen. Unbemerkt gelangen sie in eine Scheune, wo Leifi einem Burschen, der den Mist säuberte, die Kehle durchschnitt und außer Sichtweite trug. Die Tiere waren glücklicherweise draußen und keiner wurde alarmiert, um nach ihnen zu sehen. Sigurd kletterte hoch und schmiss Heu hinunter. Sie verteilten das trockene Gras in der Scheune. Drei Klick‘s mit den Steinen und Funken sprangen über. Leifi pustete das Heu in seiner Hand, bis es ordentlich aufglühte und letztlich Feuer fing, dann legte er es in den größten Haufen. Sigurd schnappte sich ein Bündel und hielt es über der Flamme, kletterte damit hoch und zündete das restliche Heu auf dem Dachboden an. Bevor der Rauch sich ausbreiten konnte, waren sie wieder zurück bei Eriks Einheit. „Saubere Arbeit“, sagte er.

Sie harrten einen Moment im Schatten der Waldkrone, bis die hölzerne Scheune in Brand stand und die Dörfler aufschrien. Sie gingen raus, rannten. „Räuber!“ schrie ein Dorfbewohner und zeigte auf die stürmenden Wikinger. Er entkam den Pfeilen und alarmierte die Kapelle. Als die Glocken schlugen, war die Gemeinde von beiden Seiten gestürmt worden. Todesschreie und die Schreie der Räuber hallten durch das Dorf. Einige wenige Tapfere verteidigten ihre Familie mit ihrem Werkzeug oder mit Waffen, wenn sie vermögend genug waren. Sie wurden zu den ersten Opfern—nur Wertvolles wurde beschützt.

„Auf dem Pferd! Schießt ihn runter!“ befahl Erik, doch die Pfeile trafen den Reiter nicht und er entkam. Das Gemetzel fuhr fort, als Erik seinen Vater aufsuchte.

König Sigurd hatte keine Waffe gezogen, sondern stand einige Meter hinter seinem Sohn, Fjörnir. „Links im Haus“, rief er zu ihm. Fjörnir folgte den Worten seines Vaters und trat die Tür einer Hütte ein. Eine Frau mit ihren zwei Kindern kauerte in der Ecke und schrie—er kannte ihre Sprache nicht, aber war sicher, sie wollten, dass er sie am Leben ließe. „Sie flehen um die Gnade ihres einen Gottes, nicht um deine. Pass auf!“ Ein junger Knabe sprang aus der Ecke hervor und schlug mit einem Stock auf Fjörnir ein. Er spürte nichts von den Schlägen, sein Lederharnisch absorbierte die Hiebe. Fjörnir schlug mit seinem Schild das Gesicht des Jungen ein und er fiel umgehend zu Boden. Seine Mutter schrie beim Anblick der blutigen Nase ihres Kindes. Sie stellte sich auf und schob ihre Kinder hinter sich. Sie stammelte weiter und bewegte ihre Hand von Schulter zu Schulter, Kopf zur Brust.

Bevor Fjörnir ausholen konnte, stürmte ein anderer Wikinger herein. „Bitte, König, lasst sie mir lebend.“ Fjörnir schaute zu seinem Vater, der stumm nickte und hinausging. Bevor Fjörnir die Hütte verließ, blickte er ein weiteres Mal hinein: Die Frau wurde weinend an die Wand gepresst, ihre Kleidung zerfetzt. Ihre Kinder hockten weinend in der Ecke und schauten machtlos zu, wie ihre Mutter vergewaltigt wurde. „Fjörnir, komm!“ befahl sein Vater und sie gingen weiter. Sein Bruder Erik kam ihnen entgegen, seine Rüstung und sein Schwert waren blutbespritzt. Er erzählte ihrem Vater, dass ein Reiter entkommen ist. „Drei Gruppen von zwei Mann an jedem Pfad aus der Stadt. Sie sollen den Pfad unbemerkt beobachten.“ Erik ging los und sammelte die nächsten Männer, die gerade unbeschäftigt waren. Fjörnir und König Sigurd gingen zum Zentrum, von wo Glocken geläutet hatten. Vor der größten Hütte in der Gemeinde sammelte sich ein großer Teil der Einheiten. Stolz prahlten sie mit dem Gut, dass sie bereits gefunden hatten, oder erzählten von den resistenten Knaben, die sie erlegt hatten. Der König ging zuerst zu seinem Sohn Sigurd Sigurdsson und betrachtete die frische Schnittwunde, die durch seine linke Wange ging. „Endlich siehst du nicht mehr aus wie deine Mutter. Bahahaha.“ Ihrem Gelächter schlossen sich die Versammelten an. „Du und Fjörnir gehen als erste rein.“

„Danke, Vater. Komm, Bruderherz!“ Sigurd stellte sich an die linke Torhälfte, Fjörnir an die Rechte. „THOR!“ schrie Sigurd und sie traten gemeinsam das Tor auf. Vor ihnen erstreckte sich ein Durchgang, links und rechts reihten sich Bänke, auf denen einige saßen oder davor knieten. Am anderen Ende des Gebäudes prunkte ein hölzernes Kreuz, davor stand ein Mann in sauberen, teuren Roben. Ein Altar streckte sich, welches einiges Gold– und Silberschmuck hielt. Sigurd ging gelassen durch, keiner bemühte sich ihn in irgendeiner Weise zu stoppen. Stattdessen führten sie dieselbe Bewegung aus wie die Mutter in der Hütte und tippten sich auf Schultern, Stirn und Brust. Fjörnir dachte, es wäre eine Art Zauber, aber als er sah, wie Sigurd dem Mann in den teuren Roben mit seinem Schwert den Bauch durchstach, wusste er, dass ihr Ritual keinen Effekt hatte. Endlich besann sich jemand, Sigurd anzugreifen. Fjörnir rannte los, um seinen Bruder zu schützen. Sein Arm hob sich und streckte den Fremden nieder—so wie er es daheim trainiert hatte. Sein Schwert schnitt problemlos durch die rechte Bauchseite des Mannes und er brach zusammen. Schreie echoten durch den großen Raum. Der Mann am Boden zappelte noch einige Minuten, selbst nachdem die anderen Wikinger den Raum von jeder Kostbarkeit leergeräumt hatten. Allein aus der Hütte ihres Gottes nahmen König Sigurds Männer über vierzig Gefangene.

Fjörnir schaute auf den leeren Altar, eine Sache ließen seine Leute zurück. Er fühlte die Oberfläche: Leder verziert mit gold–gelbenen Runen. Er öffnete das Buch und strich über die Runen, über die Bilder. Das Pergament fühlte sich rau an und dennoch strich er gerne darüber. Er glitt an der Seite des Papiers und zuckte zurück. Ein unangenehmer Schmerz pochte von seinem Finger, Blut tropfte heraus. „Schau nur wie mächtig ihr Gott ist“, scherzte Erik, der seinen Bruder beobachtet hatte. „Ich wusste, dass dich ihre Runen faszinieren würden. Dies (Erik hob das Buch) ist das Wort ihres Gottes. Aber jedes Wort unterliegt dem Eisen. Komm jetzt, Vater will etwas verkünden.“

Sie gingen hinaus, ihre Landsleute hatten sich bereits versammelt. Oben auf einem Dach standen zwei Raben und schauten ihnen auf ihren hohen Plätzen zu. König Sigurd befahl seinen Leuten, diese Nacht ausgiebig zu feiern, denn in einigen Tagen würde der wahre Kampf stattfinden. „Esst, wie ihr noch nicht gegessen habt; trinkt, wie ihr noch nicht getrunken habt, aber lasst den Met für unsere Verwundeten; und bereitet die Opfer für die Götter vor!“

Am Abend wurde Fjörnir zu seinem Vater geordert. Er hatte eine Hütte mit Steinwänden für sich beansprucht. Sigurd gab seinem Sohn ein Becher gefüllt mit Met. „Du sagtest, es ist nur für die Verwundeten.“

„Soll ich dir erst eins Überbraten, damit du es trinkst, bahaha.“ Fjörnir trank einen tiefen Schluck vom süßen Wein und schaute das knisternde Holz im Herd an. „Trink aus und geh dann ins Zimmer nebenan. Du bist nun ein Mann.“ Fjörnir leerte den Becher und gab ihn seinem Vater zurück. Er öffnete die Tür zum Nebenzimmer und sah eine junge Frau am Bettrand sitzen, die Decke über ihre Schulter gezogen. Sie weinte leise in ihre Hände. Eine Hand schlug an die offene Tür. Es war die von König Sigurd. Er rief etwas in der Sprache des Landes und die Frau stoppte ihr Weinen. Sie warf die Decke aufs Bett und enthüllte ihren blanken Körper. Sigurd stupste seinen Sohn tiefer ins Zimmer und schloss die Tür. Sie hatte strubbeliges schulterlanges Haar. Ihre Haut war dunkel wie die eines Bauernweibs, doch ihre Brüste und Hüfte waren bleich, im Mondlicht wirkten sie noch weißer als frischer Schnee. Sie wendete ihr Gesicht von ihm. Er beobachtete sie einige Augenblicke. Die Haut um ihre Nippel prickelte auf. Ihr Körper zitterte.

Ein Schlag an der Haustür. Die nackte Frau blickte auf und Fjörnir sah nun, dass sie blaue Augen hatte. Er erkannte, dass sie nur etwas älter als er gewesen sein müsste. Er ging einen Schritt zu ihr und sie zuckte sofort von ihm weg. Vorsichtig näherte er sich dem Bett, nahm die Wolldecke und hüllte sie wieder damit ein. Ihr Körper zitterte nicht mehr, ihre Augen jedoch umso stärker.

Ein Klopfen an der Zimmertür. „Fjörnir“, es war die Stimme seines Bruders Sigurd, „wie lange brauchst du denn noch? Wir wollen auch noch ran.“ Der König lachte im Hintergrund.

Das Mädchen schüttelte den Kopf, als hätte sie die Worte des Nordmannes verstanden. „Ich bin wieder weich, danke“, erwiderte Fjörnir. Die zwei Sigurds lachten. Das Lachen des Königs verdumpfte—er ging raus. Fjörnir schob das Mädchen beiseite und setzte sich ans Bett, seine Stiefel auszuziehen. Er war halbwegs mit dem Lösen der Laschen zu Ende, als das Mädchen sich niederkniete und ihm half. Die Sohle war vermischt mit Dreck und Blut, doch im schwachen Kerzenlicht sah sie es nicht. Nachdem sie seine Stiefel ausgezogen hatten, zeigte er auf das Fenster hinter ihr, wo einige einsame Augen vom Lagerfeuer hereinspannten. Sie hielt fest an der Wolldecke und schloss das Fenster. Nur die Flammen der Kerzen erleuchteten noch das Zimmer. Fjörnir legte sich mit dem Rücken aufs Bett, seine Hände hinterm Kopf. Das Mädchen legte sich ihm abgewandt daneben aufs Bett.

Ein Schlag an der Tür, das Mädchen erschrak. „Immer noch nicht? Kuscheln kannst du mit deiner Frau. Los, raus jetzt, Fjörnir!“ rief Sigurd durch die Tür. Das Mädchen warf die Decke über Fjörnir und legte sich über ihn. Ein Augenblick darauf trat Sigurd herein. „Wieder weich geworden?“ lachte der Fuchsprinz beim Anblick seines Bruders mit der Irin auf ihm.

„Wenn ich deine Fresse sehen muss“, konterte Fjörnir, doch tatsächlich war er alles andere als weich geworden. Er spürte die Wärme des Mädchens ihn bemächtigen.

„Ich such mir dann jemand anderes. Morgen ist auch noch ein Tag“, und damit verabschiedete sich Sigurd und ließ die Tür hinter sich zufallen. Fjörnirs Hände tasteten unter der Decke und sie glitten über die straffe Hüfte des Mädchens. Sie wich zurück, doch er drückte sie zu sich. Er setzte sich hoch und warf sie mit dem Rücken aufs Bett. Wollust überkam ihn.

*

Darmowy fragment się skończył.

4,32 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
420 str.
ISBN:
9783750215917
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki