Czytaj książkę: «Ökumene - wozu?»
Jutta Koslowski (Hrsg.)
Ökumene – wozu?
Antworten auf eine Frage,
die noch keiner gestellt hat

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865066558
© 2010 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: shutterstock
Satz: Brendow PrintMedien, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
www.brendow-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Jutta Koslowski
Einführung
Von 1910 bis 2010: Hundert Jahre Ökumene – eine Erfolgsgeschichte? Annemarie C. Mayer
Anmerkungen
I. Ökumene – wie? Oder: Was bedeutet die ökumenische Bewegung?
A. Konfessionelle Perspektiven
1. Aus evangelischer Sicht - Michael Weinrich
2. Aus katholischer Sicht - Walter Kasper
3. Aus orthodoxer Sicht - Athanasios Vletsis
Anmerkungen
4. Aus freikirchlicher Sicht - Kim Strübind
Anmerkungen
5. Aus kirchenkritischer Sicht - Dieter Beckmann
B. Regionale Perspektiven
1. In Frankreich - Frère Alois
Anmerkungen
2. In Russland - Florian Schuppe
Anmerkungen
3. In den USA - Josef Freitag
Anmerkungen
4. In Brasilien - Silfredo Dalferth
Anmerkungen
5. In Indien - Gudrun Löwner
Anmerkungen
II. Ökumene – wozu? Oder: Was bewirkt die ökumenische Bewegung?
Gemeinschaft in Taufe und Abendmahl: (K)eine Selbstverständlichkeit - Gotthold Hasenhüttl
Anmerkungen
Konfessionsverbindende Ehe und Familie: Unterschiedliche Meinungen
»Für uns ist das Schnee von gestern.« Ein Erfahrungsbericht aus dem Leben eines konfessionsverbindenden Ehepaars - Gabriele Schenk
»Für uns versteht sich nichts von selbst.« Ein Erfahrungsbericht aus dem Leben einer konfessionsverbindenden Familie - Jutta Koslowski
Anmerkung
Ökumene auf Gemeinde-Ebene: Unterschiedliche Situationen
Die Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Ortsgemeinde: Ein Beispiel aus dem evangelischen Württemberg - Gabriele Storz
Die Zusammenarbeit zwischen evangelischer und katholischer Ortsgemeinde: Ein Beispiel vom katholischen Niederrhein - Silke Kallweit
Ökumenische Gemeindezentren: Lust und Frust eines Modellprojekts - Joachim Feldes
Anmerkungen
Praktische Ökumene: Die Kinder- und Jugendarbeit der »Arche« in Hamburg - Thies Hagge
Anmerkung
Ökumene in der früheren DDR: Ihr Beitrag zur Deutschen Einheit - Michael Ulrich
Vom Ökumenischen Kirchentag in Berlin zum Ökumenischen Kirchentag in München: Erwartungen, Enttäuschungen, Hoffnungen - Dorothea Sattler
Epilog Ein himmlisches Interview - Norbert Roth
Über die Autorinnen und Autoren
Vorwort
Jutta Koslowski
»Ökumene – wozu? Antworten auf eine Frage, die noch keiner gestellt hat« lautet der Titel dieses Buches. Ist dies ein leeres Versprechen, eine Anmaßung? Gibt es in der Ökumene tatsächlich noch Fragen, die nicht beantwortet, ja noch nicht einmal gestellt worden sind? Oder ist schon längst alles gesagt, was gesagt werden kann? Geht es nicht vielmehr um Taten als um Worte, wenn wir in der Zusammenarbeit zwischen den Kirchen einen Schritt vorankommen wollen?
Tatsächlich glaube ich, dass die Frage nach dem Wozu in der ökumenischen Bewegung nur selten gestellt worden ist. Sie gilt in theologischen Kreisen als nicht opportun. Zu klar scheint zu sein, warum wir dazu verpflichtet sind, uns um die sichtbare Einheit der Kirche(n) zu bemühen. Hat Jesus nicht im Hohepriesterlichen Gebet das Vermächtnis hinterlassen, dass die Gläubigen »alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast« (Joh 17, 21)? Ist dies nicht die magna charta der ökumenischen Bewegung? Auch wenn die Frage nach dem Warum durch einen Hinweis auf den göttlichen Auftrag beantwortet sein mag, auch wenn die ursprüngliche Motivation der ökumenischen Bewegung damit erklärt werden kann – das Thema Wozu ist hiervon zu unterscheiden. Und darum geht es in diesem Buch.
Ich bin davon überzeugt, dass der vorliegende Band trotz der Flut von Veröffentlichungen zur Ökumene (gerade in Zusammenhang mit dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München) seine Berechtigung hat, weil er etwas wirklich Neues bietet. Wozu dient eigentlich der ganze Aufwand, der um die Ökumene betrieben wird? Was wird damit konkret beabsichtigt? Und wird dieses Ziel auch erreicht? Mit diesen Fragen ist eine Verzweckung des Handelns angesprochen, die uns Theologen im Allgemeinen suspekt ist. Wir lassen uns nicht gerne an den Maßstäben einer Kosten-Nutzen-Rechnung messen, wie sie in der Betriebswirtschaftslehre üblich ist. Und doch können wir uns dem Anspruch der Effizienz nicht völlig entziehen.
So ist es ist kein Wunder, dass die Anregung zu diesem Buch von einem Nicht-Theologen an mich herangetragen worden ist – vom Leiter des Brendow Verlags, der das ökumenische Treiben im Hinblick auf die dabei leitenden Interessen kritisch verfolgt. Inwieweit die verschiedenen FachtheologInnen, welche einen Beitrag zu diesem Buch geleistet haben, der Themenstellung gerecht geworden sind, mögen die Leserinnen und Leser selbst beurteilen. Für Herausgeberin und Verlag war es wichtig, dass nicht nur TheologInnen zu Wort kommen, sondern auch diejenigen, für welche dieses Buch geschrieben worden ist: »Interessierte Laien«; Menschen aus dem »Kirchenvolk«, die sich tagtäglich für die Ökumene engagieren und sie am Leben erhalten; die Besucherinnen des Ökumenischen Kirchentags … Deshalb finden sich neben so prominenten (und gegensätzlichen!) Autoren wie Kardinal WALTER KASPER und GOTTHOLD HASENHÜTTL auch Texte von Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben etwas veröffentlicht haben. Auch in dieser Hinsicht ist das Buch ein Experiment.
Wir haben versucht, die Ökumene in der Vielfalt ihrer Aspekte zur Sprache zu bringen. Nach einer Einführung, welche den LeserInnen die wichtigsten Entwicklungen im »Jahrhundert der Ökumene« vor Augen führt, wird im ersten Teil des Buches das Wesen der Ökumene in ihrer Doppelgestalt entfaltet: Sie hat einen (überregionalen) konfessionellen Aspekt – und zugleich eine (konfessionsübergreifende) regionale Ausprägung. Beides kommt in abwechslungs- und aufschlussreichen Artikeln exemplarisch zum Ausdruck. Diese Grundlegung führt im zweiten Teil zu der Suche nach dem Wozu. Dabei ergibt sich eine Fülle von Hinweisen: Ökumene bietet umfassende Betätigungsmöglichkeiten im Leben von Ehepaaren und Familien sowie auf der Ebene der konkreten Ortsgemeinde; sie macht Sinn, weil sie Zusammenarbeit im sozialdiakonischen Bereich ermöglicht; und nicht zuletzt hat sie auch eine politische Dimension. Auch wenn die Annäherung zwischen den Kirchen schon seit Jahrzehnten stagniert, können diese Beispiele Mut machen. Wie die einzelnen Steinchen eines Mosaiks setzen sie sich zu einem Bild zusammen, das eine Antwort gibt auf die Frage »Ökumene – wozu?«
Einführung
Von 1910 bis 2010: Hundert Jahre Ökumene – eine Erfolgsgeschichte?
Annemarie C. Mayer
2010 jährt sich die Weltmissionskonferenz in Edinburgh zum hundertsten Mal. Oft begegnet man der Auffassung, mit ihr sei der Startschuss zur ökumenischen Bewegung gefallen. War Edinburgh 1910 wirklich ein so markantes Ereignis oder nur einer von vielen Schritten auf dem ökumenischen Weg? Was ist Sinn und Zweck der ökumenischen Bewegung im 20. und 21. Jahrhundert? Kann man im Rückblick auf die letzten hundert Jahre von einer »Erfolgsgeschichte der Ökumene« sprechen?
Eines steht jedenfalls fest: Die Ökumene gibt es nicht erst seit 1910, sondern schon viel länger. Sie ist im Grunde so alt wie die Konflikte in der Kirche selbst. So gesehen war das Jerusalemer Apostelkonzil, von dem Apostelgeschichte 15 berichtet, ein erstes ökumenisches Bemühen, denn es sollte den urkirchlichen Konflikt zwischen Juden- und Heidenchristen beilegen. Später kam es nach der Spaltung von Ost- und Westkirche zu mehreren Versuchen, die Kircheneinheit wiederherzustellen – aber mit der Eroberung von Konstantinopel durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204 rückte dieses Ziel in weite Ferne. Auch nach der Reformation fehlte es nicht an Einigungsbestrebungen. Obwohl es keine offiziellen Unionsgespräche mehr gab, entwickelten sich in der Folgezeit drei für die Ökumene bis heute wichtige Denkrichtungen, auf welche sich die Kirchen als Grundlage für ihre Einigung stützen können.
Die erste dieser Denkrichtungen setzt darauf, durch Anerkennung der Lehrentscheidungen der ersten fünf Jahrhunderte oder der ersten sieben ökumenischen Konzilien die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Dahinter steht die Idee, man könne sich auch heute wieder auf das einigen, was in früheren Jahrhunderten einmal die gemeinsame Grundlage gebildet hat. Eine zweite Richtung will die Kirchen durch die Einigung auf die heilsnotwendigen Fundamentalartikel des Glaubens versöhnen. Auf diese Art, ökumenisch zu argumentieren, kann sich die Methode des sogenannten »differenzierten Konsenses« berufen, welche eine Grundübereinstimmung in fundamentalen Glaubensfragen festhält und gleichzeitig noch bestehende, aber nicht mehr kirchentrennende Differenzen zwischen den Konfessionen ernst nimmt. Eine dritte Richtung sieht die Einheit der Kirche bereits durch die Einigung auf ethische Inhalte des Evangeliums erreicht. Sie findet ihren Widerhall in der »Bewegung für Praktisches Christentum«, auf die später noch zurückzukommen ist.
1. Die ersten Konferenzen der Ökumenischen Bewegung (1910 – 1937)
Internationaler Missionsrat – Bewegung für Praktisches Christentum – Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung
Heute bezieht sich der Begriff »Ökumene« auf das gemeinsame Miteinander der Kirchen und auf das Bemühen, die konfessionellen Spaltungen der Christenheit zu überwinden. In der Alten Kirche besagte dieser Ausdruck so viel wie »die ganze bewohnte Welt«. Die damaligen ökumenischen Konzilien, z. B. das erste Konzil von Nizäa im Jahr 325, beanspruchten, weltweit für die ganze Christenheit zu sprechen. Im 19. Jahrhundert zeichneten sich Weichenstellungen ab, welche diesen weltweiten Aspekt der Ökumene wiederbelebten und die erste Weltmissionskonferenz in Edinburgh ermöglichten. In allen Lebensbereichen nahm die Internationalisierung zu und führte zu Weltorganisationen und Ereignissen mit globalem Geltungsanspruch – wie der ersten Weltausstellung 1851 oder den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahr 1896. Diese Entwicklung setzte sich auf kirchlicher Seite fort, und zwar durch die Bildung von konfessionellen Weltbünden. Um die christliche Botschaft weltweit zur Geltung zu bringen, wurden z. B. die Anglikanische Kirchengemeinschaft (1867), der Reformierte Weltbund (1875) und die Methodistenkonferenz (1881) gegründet; sogar das erste Vatikanische Konzil (1870/71) kann im Sinn eines weltweiten engeren Zusammenrückens der Katholiken gedeutet werden. Wenig später begannen die orthodoxen Kirchen, sich auf ein panorthodoxes, also alle orthodoxen Kirchen umfassendes Konzil vorzubereiten. Einzig der Lutherische Weltbund fiel zeitlich etwas aus dem Rahmen: Er wurde erst 1947 gegründet.
Nach ihrer binnenkonfessionellen Einigung begannen diese weltweiten Zusammenschlüsse, sich auch um ökumenisches Miteinander zu bemühen. Als Erste stellte die Anglikanische Kirchengemeinschaft im so genannten Lambeth Quadrilateral von 1888 die Grundbedingungen für die Einheit der Kirche zusammen: Die vier Merkmale, welche eine Kirche nach anglikanischer Auffassung haben muss, sind das Alte und Neue Testament als offenbartes Wort Gottes; das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis als Ausweis des christlichen Glaubens; die beiden Sakramente Taufe und Eucharistie; sowie das historische Bischofsamt. Auch die »themenbezogenen« internationalen Bewegungen wie die Missionsbewegung, die christliche Jugendbewegung (z. B. der 1855 gegründete CVJM – Christlicher Verein Junger Menschen), die Bibelbewegung oder die Friedensbewegung waren überkonfessionell auf die Gemeinschaft aller Christen ausgerichtet.
1910 fand nun in Edinburgh die erste Weltmissionskonferenz statt. Mehr als 1200 Teilnehmer trafen sich unter Vorsitz des amerikanischen Methodisten JOHN MOTT (1865 – 1955). Nur 17 Delegierte stammten selbst aus Missionsgebieten. Katholische und orthodoxe Vertreter waren nicht anwesend, trotz des weltweiten Anspruchs der Konferenz. Als ihr wichtigstes Ergebnis flossen nun die ökumenischen und internationalen Anliegen zusammen und wurden als drei ökumenische Grundanliegen programmatisch formuliert: die Evangelisierung der ganzen Menschheit, die Verpflichtung zu Frieden und sozialer Gerechtigkeit und die Einheit der Kirche selbst. Diese Anliegen wurden in den folgenden Jahrzehnten vom Internationalen Missionsrat, der Bewegung für Praktisches Christentum und der Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung weiterverfolgt. Sie entwickelten sich zu drei parallelen Strängen der ökumenischen Bewegung. Im Internationalen Missionsrat arbeiteten die juristisch selbstständigen Missionsgesellschaften mit den Kirchen zusammen. Im Dunstkreis der imperialistischen Kolonialpolitik hatte die neuzeitliche Missionsbewegung den westlichen Konfessionalismus nach Asien, Afrika und Lateinamerika exportiert und zum Teil ein lokal nicht mehr überschaubares konfessionelles Wirrwarr hervorgerufen. Doch gerade in den Missionsgebieten machten die Kirchen im 19. Jahrhundert die Erfahrung, dass die Reproduktion der konfessionellen Spaltung ihren missionarischen Auftrag extrem behinderte. Statt zu konkurrieren und sich gegenseitig Konvertiten abzuwerben, schienen überkonfessionelles Engagement und Gemeinschaft viel verheißungsvoller. Das Missionsverständnis, welches sich seither auf den Weltmissionskonferenzen herausbildete, ist ganzheitlich und zielt nicht nur auf die Bekehrung einzelner, sondern auch auf soziales Engagement zur Veränderung der Welt und auf ein gemeinsames christliches Zeugnis gegenüber anderen Religionen. Es birgt allerdings immer noch Konfliktpotenzial: So bleibt angesichts der eigenständigen Theologien, welche die »jungen Kirchen« in den Missionsländern entwickelten, beispielsweise die Grenze zwischen legitimer Inkulturation und Synkretismus nach wie vor umstritten.
Auch in den Wirren des Ersten Weltkriegs brachen die Kontakte durch Initiativen zur Friedensförderung nicht ab. Einer der maßgeblichen Initiatoren war der lutherische Erzbischof von Uppsala, NATHAN SÖDERBLOM (1866 – 1931). Er schlug 1919 vor, einen »Ökumenischen Rat der Kirchen« als Vertretung aller Christen zu gründen. Dieser Vorschlag mündete 1925 in die erste Weltkonferenz für Praktisches Christentum, die in Stockholm stattfand. Unter Vorsitz SÖDERBLOM s arbeiteten 661 Delegierte (jetzt auch orthodoxe) aus 37 Ländern in sieben »Sektionen« an friedenspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Die Botschaft dieser Konferenz betont: »Je näher wir dem gekreuzigten Christus kommen, umso näher kommen wir einander, wie verschieden auch die Farben sein mögen, in denen unser Glaube das Licht widerstrahlen lässt.«1
Die nationalistischen Bewegungen der Dreißigerjahre sowie die Tatsache, dass mittlerweile in der Sowjetunion, in Italien und in Deutschland totalitäre Regime an der Macht waren, machten eine Besinnung auf die Zuordnung von Kirche, Volk und Staat notwendig. Ökumene wurde nun zu einem Hoffnungszeichen in dunkler Zeit. Die zweite Weltkonferenz für Praktisches Christentum 1937 in Oxford folgte nach heftigen Diskussionen der »Bekennenden Kirche« und machte sich im Prinzip deren Barmer Theologische Erklärung von 1934 zu eigen (obwohl das NS-Regime die Ausreise der deutschen Delegation verhindert hatte).
Ebenfalls als direkte Folge von Edinburgh 1910 luden auf Initiative des anglikanischen Missionsbischofs CHARLES H. BRENT (1862 – 1929) die amerikanischen Kirchen zu einer Weltkonferenz ein: Durch einen Vergleich der Kirchen sollten auf der Grundlage des Bekenntnisses zu Jesus Christus Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Glauben und Kirchenverfassung festgestellt werden. Im Gegensatz zur Bewegung für Praktisches Christentum, in welcher Fragen des Glaubens und des kirchlichen Amtes tendenziell eher zurückgestellt wurden und stattdessen nach der Maxime »Die Lehre trennt, der Dienst eint« das gemeinsame Zeugnis im Vordergrund stand, wollte die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung gerade diese Fragen bewusst thematisieren. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg konnten die amerikanischen Kirchen in Europa für ihr Vorhaben Zustimmung finden. Vor allem sicherten nun auch die orthodoxen Kirchen ihre Mitarbeit zu; so sandte das Ökumenische Patriarchat 1920 eine Enzyklika »An die Kirchen Christi in der ganzen Welt«2, die dazu einlud, einen Kirchenbund nach dem Vorbild des im selben Jahr gegründeten Völkerbundes ins Leben zu rufen und eine Gemeinschaft (griech. koinonia) der Kirchen als Ziel der ökumenischen Bemühungen anzustreben. Die katholische Kirche allerdings lehnte jede Mitarbeit ab.
Die erste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung fand 1927 in Lausanne statt. Mit 394 Teilnehmern aus 108 Ländern stand sie für ein weltumspannendes Konzept von Ökumene. Die Präambel zeugt von Einheitsoptimismus: »Mit Dank gegen Gott freuen wir uns der erreichten Verständigung. Auf das, worin wir einig sind, bauen wir weiter. Wo die Berichte aber Differenzen verzeichnen, da möge man – und wir rufen die ganze christliche Welt dazu auf – die widerstreitenden Meinungen, wie sie zur Zeit vertreten werden, einer ernsten Nachprüfung unterziehen und in dem Bemühen nicht erlahmen, die in Gottes Gedanken vorhandene Wahrheit zu finden, auf welche die Einheit der Kirche sich gründen muß.«3
Eine der Grundfragen der Ökumene lautet bis heute: Welche Einheit wollen wir? Orthodoxe und römisch-katholische, aber auch anglikanische Christen können sich Einheit letztlich nur als sichtbare echte Vereinigung vorstellen; alles andere sind bloße Zwischenschritte auf dem Weg zu wahrer Einheit. Auch in Lausanne standen sich bereits zwei Einheitskonzeptionen gegenüber: die »Organische Union«, ein vor allem von anglikanischer Seite favorisiertes Modell der Fusion von Kirchen auf der Grundlage gemeinsamer Glaubensartikel,4 und die »Föderation« als Zusammenschluss weiterhin selbstständig bleibender Konfessionskirchen, wofür die protestantischen Kirchen plädierten. Auch wenn es zu keiner Einigung kam, wurde doch das Ziel klar umschrieben: Am Ende sollen sich die Kirchen gegenseitig als Kirchen anerkennen und einander volle Sakramentengemeinschaft gewähren.
Die zweite Weltkonferenz von Glauben und Kirchenverfassung fand 1937 in Edinburgh statt. Hier trafen sich etwa 450 Delegierte unter Vorsitz des anglikanischen Erzbischofs WILLIAM TEMPLE (1881 – 1944). Man erreichte eine Verständigung über »Rechtfertigung und Heiligung« sowie »Wirken Gottes und Verantwortung des Menschen«. Die schon in Lausanne zu Tage getretenen Gegensätze in den Punkten »Amt«, »Kirchenverständnis« und »Einheit« blieben zwar bestehen, doch wurde der sich abzeichnende Konsens in der Rechtfertigungslehre als Grundlage für eine zukünftige Anerkennung der Ämter und für eine gegenseitige Zulassung zu den Sakramenten gesehen. Nach wie vor blieb aber zwischen reformatorischen und orthodoxen Kirchen umstritten, ob die gegenseitige Zulassung zum Abendmahl Mittel zur Erreichung der Einheit oder erst Ausdruck bereits erreichter Einheit sei.
2. Der Ökumenische Rat der Kirchen (1948 – 2010)
Entstehung – Selbstverständnis – Schwerpunktthemen der Vollversammlungen
NATHAN SÖDERBLOM hatte schon 1919 seine Idee eines Weltkirchenrates geäußert. 1937 war sie durch Erzbischof WILLIAM TEMPLE und WILLEM A. VISSER’T HOOFT (1900 – 1985), den späteren ersten Generalsekretär, aufgegriffen worden. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg – zum Teil auch veranlasst durch die Rolle der Kirchen während dieser Konflikt- und Krisenzeit – kamen 1948 in Amsterdam 361 Delegierte von 147 Kirchen aus 44 Ländern zusammen, um den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ins Leben zu rufen. Nach dem »Stuttgarter Schuldbekenntnis« von 1945 war auch die Teilnahme einer deutschen Delegation wieder möglich. Nicht vertreten waren allerdings die römisch-katholische und die russisch-orthodoxe Kirche – die Sowjetunion hatte den russischen Delegierten die Ausreise verweigert. Vertreter der griechischen Orthodoxie und des Ökumenischen Patriarchats waren aber anwesend, allen voran Patriarch GERMANOS STENOPOULOS von Seleukia (1872 – 1951), dessen Handschrift bereits die Enzyklika von 1920 getragen hatte. Die erste Vollversammlung in Amsterdam stand unter dem Motto »Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan«. Neben einem kirchlichen Beitrag zur Weltordnung und zu einer »verantwortlichen Gesellschaft« standen die Konsolidierung und Selbstorganisation des neu gegründeten Kirchenrates im Mittelpunkt der Beratungen. In der Bezeichnung »Ökumenischer Rat« besagt »ökumenisch« nun, dass es sich nicht nur um einen (weiteren) Zusammenschluss protestantischer Kirchen, sondern um eine weltumspannende und in diesem Sinn »katholische« Bewegung handelt. NATHAN SÖDERBLOM hatte dies bereits Jahre zuvor auf den Punkt gebracht: »Die katholische Kirche hat drei Hauptabteilungen: die orthodox-katholische, die römisch-katholische und die evangelischkatholische.«5
Als Basisformel griff der ÖRK auf die Formel des CVJM von 1855 zurück, welche sich schon die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung zu eigen gemacht hatte: »Der ÖRK ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die unseren Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen.« Die dritte Vollversammlung von Neu-Delhi 1961 ergänzte diese bis heute gültige Formel zu »[…] die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«. Laut der zweiten Vollversammlung von Evanston 1954 ist diese Basisformel zwar kein gemeinsames Bekenntnis, aber doch mehr als eine bloße Einigungsformel. Durch ihre klare christologische und trinitarische Struktur ist einerseits gegenüber Sekten oder nicht christlichen Religionen eine klare Grenze gezogen, andererseits ist aber zugleich die Mitgliedschaft von Kirchen mit unterschiedlichem Kirchenverständnis ermöglicht. Eine solche schließt nicht automatisch ein, die anderen Mitgliedskirchen als Kirchen im Vollsinn anzuerkennen; es ist lediglich zuzugestehen, dass in anderen Kirchen zumindest Elemente der wahren Kirche realisiert sind. So macht z. B. die orthodoxe Kirche keinen Hehl aus ihrer Auffassung, als einzige Mitgliedskirche des ÖRK das altkirchliche Bekenntnis voll gewahrt zu haben. Der ÖRK hat keine Autorität über seine Mitgliedskirchen. Er versteht sich nicht als »Überkirche«, sondern als »Kirchen-Bund«, als Werkzeug, welches der Einheit der Kirche Jesu Christi dient, wie sie im Glaubensbekenntnis ausgesagt wird. Der ÖRK ist, wie die Sitzung des Zentralausschusses 1950 in Toronto klarstellte, »ekklesiologisch neutral«. Die Aufnahme einer Kirche in den ÖRK erfolgt durch die alle sechs bis acht Jahre stattfindenden Vollversammlungen oder durch den Zentralausschuss. Voraussetzung ist, dass diese Kirche zur Übernahme der Basisformel bereit ist und mindestens 50 000 Mitglieder zählt sowie dass mindestens zwei Drittel der Mitgliedskirchen zustimmen. Im Jahr 2010 gehören dem ÖRK 349 Kirchen der anglikanischen, orthodoxen und protestantischen Konfessionsfamilie an und damit weltweit mehr als 560 Millionen Christen. Er bildet eine Plattform, welche den Kirchenbünden wie den einzelnen Kirchen das ökumenische Miteinander und den Dialog erleichtert.
Auf seinen bisher neun Vollversammlungen standen unterschiedliche ökumenische Themen im Vordergrund. Die erste Konstante bildete die Diskussion sozialethischer Themen, ausgehend vom Leitbild einer »verantwortlichen Gesellschaft« im Dienst der ganzen Menschheit (nicht nur der Kirchen). Vor allem die sechste Vollversammlung 1983 in Vancouver vertrat unter dem Leitwort »Jesus Christus – das Leben der Welt« einen weiten Ökumenebegriff: Im Mittelpunkt standen die Überlebenschancen der Menschheit angesichts ökologischer, ökonomischer und militärischer Bedrohung. Der »Vancouver-Bericht« empfahl einen »konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«, der in Europa zu den Europäischen Ökumenischen Versammlungen von Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007) führte. Seit Sibiu wird auf Vorschlag der orthodoxen Kirchen der 1. September als »Tag der Schöpfung« begangen.
Für Zündstoff sorgte das »Antirassismusprogramm« des ÖRK, das bereits auf der vierten Vollversammlung in Uppsala 1968 vorbereitet und auf der fünften Vollversammlung 1975 in Nairobi unter dem Motto »Jesus Christus eint und befreit« ausformuliert wurde. Mit »Kehrt um zu Gott, seid fröhlich in Hoffnung« initiierte die achte Vollversammlung 1998 in Harare die »Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die 2011 in Kingston beendet werden soll. Auch das Motto der neunten und bisher letzten Vollversammlung 2006 in Porto Alegre »In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt« räumt ökumenischer Sozialethik einen breiten Raum ein. Hier wurden anhand des »AGAPE-Papiers« der Kirchen des Südens die Armutsfrage und die Verantwortung des Nordens diskutiert.
Die zweite thematische Konstante bildet das Ringen um Einheit. Bereits in Evanston hatte sich der ÖRK das sogenannte »Lund-Prinzip« zu eigen gemacht: Die dritte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung hatte 1952 in Lund empfohlen, die Kirchen sollten in allen Dingen gemeinsam handeln – außer in Fällen, wo tiefe Unterschiede der Überzeugung sie zwingen, für sich allein zu handeln. 1961 in Neu-Delhi formulierte die dritte Vollversammlung (an der zum ersten Mal katholische Beobachter teilnahmen) das Ziel universal als »Einheit aller an jedem Ort«. Die vierte Vollversammlung in Uppsala 1968 modifizierte die Zielvorgabe zur »Einheit aller Christen an allen Orten«. 1975 befasste sich die fünfte Vollversammlung in Nairobi mit der Frage, wie sich sichtbare Einheit verwirkliche, und forderte die Kirchen zum gemeinsamen Zeugnis an jedem Ort auf. Doch welches Einheitsmodell sollte in Zukunft maßgeblich sein: eucharistische oder konziliare Gemeinschaft? Multilateral konnte man zwar keine Einigung erzielen, doch dienten die Weichenstellungen mehreren Kirchen als bilaterale Grundlage. So ergänzte 1977 der Lutherische Weltbund in Daressalam das Modell einer konziliaren Gemeinschaft um die Betonung konfessioneller Aspekte und entwickelte sein Modell »versöhnter Verschiedenheit«: Konfessionelle Gemeinschaften bleiben weiterhin bestehen, verlieren aber ihren kirchentrennenden Charakter. Als Meilenstein auf dem Weg zu sichtbarer Einheit darf die »Konvergenzerklärung über Taufe, Eucharistie und Amt« der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung von 1982 in Lima gelten. Hier wurden eine weitgehende Übereinstimmung im Verständnis der Taufe und Konvergenzen im Eucharistie- und Amtsverständnis festgestellt. Die dort entworfene interkonfessionelle »Lima-Liturgie« ermöglichte ein Jahr später den Delegierten der sechsten Vollversammlung in Vancouver die Erfahrung gemeinsamer Gottesdienste (allerdings ohne dass Katholiken und Orthodoxe zur Kommunion gingen). Auch die siebte Vollversammlung in Canberra 1991, für die mit »Komm, Heiliger Geist, erneuere die ganze Schöpfung« zum ersten Mal ein pneumatologisches Motto gewählt war, hatte die Einheitsfrage als Schwerpunkt: Das Dokument »Die Einheit der Kirche als Koinonia: Gabe und Berufung« entwarf ein biblisches Konzept der koinonia (Gemeinschaft), welches Einheit und Pluralität einander zuordnete. Allerdings funktionierte die koinonia vor Ort nicht. Da manche ein gemeinsames Herrenmahl forderten, kam es mit den Orthodoxen zu heftigen Diskussionen über Eucharistiegemeinschaft und Frauenordination. Diese führten bis zur achten Vollversammlung in Harare 1998 zum Austritt der bulgarischen und georgischen Kirche und zur Einrichtung einer Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit. Auf der neunten Vollversammlung in Porto Alegre 2006 bildete die Einheitsfrage ebenfalls ein beherrschendes Thema: Das Dokument »Berufen, die eine Kirche zu sein« schlug erstmals konkrete Schritte zur Verständigung über das Kirchenverständnis vor, sodass sich Kirchen auf dieser Basis bilateral einigen können.
3. Die katholische Kirche und die Ökumene
Mortalium animos (1928) – Zweites Vatikanisches Konzil (1962 – 65) – Entwicklung bis 2010
Auf nicht katholischer Seite ging die Initiative zu ökumenischem Engagement von den Kirchenleitungen aus und ist, gestärkt durch Organisationen wie den Ökumenischen Rat der Kirchen, an die Basis gelangt. Für die katholische Seite stellt sich die Lage genau umgekehrt dar: Zunächst traf die ökumenische Bewegung auf ablehnende Reaktionen der Kirchenleitung. In der Enzyklika Mortalium animos von
1928 sah PIUS XI. (CHILLE AMBROGIO DAMIANO RATTI, 1857 – 1939) in ihr eine religiöse Version des Völkerbundes und warnte vor Scheinlösungen, welche Fragen des Glaubens und der Wahrheit hintanstellten. Eine katholische Beteiligung kam nicht infrage.
Doch gerade in den Kriegsjahren unter den erschwerten Bedingungen gemeinsamer Verfolgung hatten sich in Deutschland erste Annäherungen zwischen katholischer und evangelischer Seite entwickelt, z. B. in der »Una-Sancta-Bewegung«, die über ökumenisch gesinnte Bischöfe wie den Paderborner Erzbischof LORENZ JAEGER (1892 – 1975) in Rom Gehör fanden. Auch in anderen Ländern gab es eine Reihe geistlicher Wegbereiter von unten. So betonte der französische Priester PAUL COUTURIER (1881 – 1953), das Wort »alle sollen eins sein« (Joh 17, 21) sei kein Gesetz, sondern ein Gebet. Durch seine Initiative wurde die schon 1908 approbierte »Gebetswoche für die Einheit der Christen« seit 1940 jährlich begangen. Der reformierte Schweizer Theologe ROGER SCHUTZ (1915 – 2005) gründete im Zweiten Weltkrieg eine zunächst evangelische, dann bewusst überkonfessionelle Bruderschaft in Taizé. 1943 rief die Italienerin CHIARA LUBICH (1920 – 2008) die »Fokolar-Bewegung« ins Leben, eine 1962 vom Vatikan approbierte geistliche Gemeinschaft, die z. B. seit 1965 im Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring bei Augsburg das geschwisterliche Miteinander von evangelischen und katholischen Christen lebt.
Dann, nach der Konzilsankündigung von 1959, ging alles sehr schnell: 1960 wurde das Vatikanische Einheitssekretariat gegründet. 1962 begann das Zweite Vatikanische Konzil, eines der wichtigsten Ereignisse der Ökumenegeschichte des 20. Jahrhunderts. Als erstes Konzil bekannte es sich zu einem ökumenischen Weg: 1964 verabschiedete es das Ökumenismus-Dekret Unitatis redintegratio, welches die ökumenischen Bemühungen um Einheit mit allem Nachdruck unterstützt. »Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils.«6 Es erkannte die Gläubigen aus anderen Kirchen als Schwestern und Brüder in Christus an, denen die Schuld an den Spaltungen nicht allein zukomme, und unterstrich: »Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche leitet und regiert, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, dass er das Prinzip der Einheit der Kirche ist.«7 Weiter heißt es dort: »Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen.«8 Dass Ökumene kein privater Luxus, sondern Aufgabe der ganzen Kirche ist, findet in das nachkonziliare Kirchenrecht Eingang.9 Unitatis redintegratio steht nicht isoliert da, sondern in Zusammenhang mit anderen Konzilsaussagen, vor allem mit der Kirchenkonstitution Lumen gentium und der Pastoralkonstitution Gaudium et spes. Alle diese Dokumente vertreten keine exklusivistische Ekklesiologie: Die wahre Kirche Jesu Christi »ist verwirklicht« in der katholischen Kirche. Das schließt aber nicht aus, dass es auch außerhalb der katholischen Kirche Verwirklichungsformen und Elemente von Kirche geben kann. Getaufte Christen anderer Kirchen oder kirchlicher Gemeinschaften stehen durch ihre Taufe »in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.«10 Zudem bietet die Hermeneutik einer »Hierarchie der Wahrheiten«11 Spielraum zur Diskussion. Nach dem Zweiten Vatikanum kann von katholischer »Rückkehr-Ökumene« nicht mehr die Rede sein. Vorherrschend ist eher eine »Integrations-Ökumene«12, die sich der »Fülle der Katholizität« verpflichtet weiß.
Noch in die Zeit des Konzils fiel das Treffen von Papst PAUL VI. (GIOVANNI BATTISTA MONTINI, 1897 – 1978) mit dem Ökumenischen Patriarchen ATHENAGORAS I. (ARISTOKLES SPYROU, 1886 – 1972) in Jerusalem – die erste persönliche Begegnung der Vorsteher von West- und Ostkirche nach 535 Jahren. Im Jahr darauf hob der Papst den Kirchenbann von 1054 auf. 1966 folgte ein denkwürdiges Treffen mit dem anglikanischen Primas MICHAEL RAMSEY (1904 – 1988); im September 1969 dann der Besuch des Papstes beim ÖRK. Seit 1968 ist die katholische Kirche Vollmitglied der »Kommission für Glauben und Kirchenverfassung« des ÖRK. 1972 entschied sich Rom jedoch gegen eine Mitgliedschaft im ÖRK selbst, denn die katholische Kirche ist hierarchisch und nicht demokratisch verfasst und konnte die dort vertretenen pluralen Einheitsmodelle nicht billigen. Außerdem sind beim ÖRK die Kirchen nach ihren Mitgliederzahlen repräsentiert, und Rom hätte so automatisch immer die Mehrheit der Stimmen gehabt.
Papst JOHANNES PAUL II. (KAROL WOJTYLA, 1920 – 2005) setzte mit der Enzyklika Ut unum sint von 1995 ein wegweisendes Zeichen. Er konkretisierte darin die Aussagen des Ökumenismusdekrets und lud z. B. ein, über eine ökumenisch akzeptable Form der Ausübung des Petrusdienstes nachzudenken. Auch das Schuldbekenntnis im Jahr 2000 war ein wichtiger Schritt zur Versöhnung zwischen den Kirchen. Seit Amtsantritt von Papst BENEDIKT XVI. (JOSEPH RATZINGER, geboren 1927) und seinem Besuch beim Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel 2006 schien sich der Heilige Stuhl vor allem um Ökumene mit den Orthodoxen zu bemühen. 2009 verhinderte er allerdings eine Kirchenspaltung der Anglikanischen Gemeinschaft durch die Apostolische Konstitution Anglicanorum coetibus. Anglikaner, die nun zur katholischen Kirche übertreten wollen, können die liturgische Tradition der anglikanischen Kirche im Rahmen der neu gegründeten Personalordinariate beibehalten.
Die katholische Kirche bevorzugt in ihrer ökumenischen Arbeit bilaterale Gespräche mit einzelnen Kirchen. Die Früchte dieser Arbeit wurden 2009 vom Einheitsrat gesichtet und publiziert.13 So besteht z. B. bereits seit 1965 eine Dialogkommission mit dem Lutherischen Weltbund. Diese veröffentlichte eine Reihe von Konsensdokumenten (1972 den sogenannten Malta-Bericht »Das Evangelium und die Kirche« zu theologischen Grundsatzfragen; 1978 »Das Herrenmahl«; 1981 »Das geistliche Amt in der Kirche«; 1985 »Einheit vor uns«), bevor 1999 die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« offiziell einen »differenzierten Konsens« in Grundwahrheiten gerade jener Lehre feststellen konnte, an welcher die Einheit der abendländischen Kirche in der Reformationszeit zerbrochen ist. Die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts treffen demnach den heutigen Partner nicht mehr. 2006 unterzeichnete auch der Methodistische Weltbund diese Erklärung. Allerdings bewirkt sie noch keine Kirchengemeinschaft.
4. Jüngere ökumenische Entwicklungen
Kirchenunionen – Charta Oecumenica – Ökumene in Deutschland
Einige Kirchen haben die Zielvorgaben von Lausanne 1927, nämlich gegenseitige Anerkennung und volle Sakramentengemeinschaft, bereits erreicht. Zum ersten Mal seit dem Marburger Religionsgespräch zwischen HULDREICH ZWINGLI und MARTIN LUTHER im Jahr 1529 ermöglichte die »Leuenberger Konkordie« von 1973 wieder Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten. Zur Leuenberger Kirchengemeinschaft, die sich heute »Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa« (GEKE) nennt, gehören mittlerweile 95 Kirchen. Auch zwischen manchen lutherischen und anglikanischen Kirchen besteht Kanzel- und Altargemeinschaft. Das Problem, dass Lutheraner kein dreigliedriges Amt mit Bischof, Priester und Diakon und keine lückenlose apostolische Sukzession der Bischöfe haben, wurde dadurch gelöst, dass apostolische Nachfolge nicht nur eine ununterbrochene Kette von Bischöfen bedeutet, sondern die kontinuierliche Treue zur Lehre der Apostel. Durch die »Erklärung von Porvoo« im Jahr 1992 steht die Kirche von England in voller Kirchengemeinschaft mit den skandinavischen und baltischen Lutheranern.14 Auch die katholische Kirche kennt Kirchenunionen. 1984 unterzeichnete die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Mitglied im ÖRK ist, mit der katholischen Kirche eine Einigung, wonach Fragen der Natur Christi nicht mehr kirchentrennend sind und pastorale Zusammenarbeit, Austausch bei der Sakramentenspendung und gemeinsame Priesterausbildung vereinbart wurden.
Seit den späten Fünfzigerjahren entstanden parallel zur Arbeit des ÖRK in vielen Teilen der Welt Konferenzen der dortigen Kirchen, z. B. in Europa die »Konferenz Europäischer Kirchen« (KEK). Zusammen mit dem »Rat der Europäischen Bischofskonferenzen« (CCEE) entwarf die KEK die Charta Oecumenica, eine Selbstverpflichtungserklärung der Kirchen in Europa, die 2001 in Straßburg unterzeichnet und 2003 auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin von den Mitgliedskirchen der »Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen« (ACK) für Deutschland ratifiziert wurde. Die ACK war 1948 parallel zur Entstehung des ÖRK in Kassel gegründet worden. Ihr gehörten zunächst die evangelischen Landeskirchen und Freikirchen an. Seit 1974 ist auch die katholische Kirche dort Mitglied. Elf von den sechzehn Mitgliedskirchen der ACK unterzeichneten 2007 im Magdeburger Dom eine »Erklärung zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe«, so dass die Gläubigen im Fall eines Übertritts von einer Kirche zur anderen nicht neu getauft zu werden brauchen.
5. Resümee
Die ökumenische Bewegung war eine der prägenden Zeiterscheinungen des 20. Jahrhunderts. Vieles, was in den letzten hundert Jahren mühsam errungen wurde (z. B., dass eine Dispens durch den Pfarrer bei konfessionsverbindenden Ehen genügt), ist uns heute selbstverständlich. Und so soll es auch sein! Vielfältige Dialoge und Konsensdokumente sind entstanden als Ausdruck einer neuen Geschwisterlichkeit zwischen den Kirchen. Ihnen wäre mitunter breitere Rezeption zu wünschen. Wo Kirchenunionen geschlossen wurden, haben sie dauerhaft Bestand gehabt. Obwohl die Geschichte der ökumenischen Bewegung im Vergleich zur Geschichte der ökumenischen Spaltungen noch recht jung ist, kann sich die Bilanz der vergangenen hundert Jahre also durchaus sehen lassen. Es ist eine »Erfolgsgeschichte«!
Allerdings befindet sich die Ökumene derzeit in einem Transformationsprozess und steht vor ganz neuen Herausforderungen – wie z. B. dem gemeinsamen Dialog aller christlicher Kirchen mit anderen Religionen. Außerdem erleichterte die Geschlossenheit der Konfessionsfamilien bisher die Arbeit. Weltweit ist die Mitgliederzahl der traditionellen Kirchen aber im Sinken begriffen, während charismatischevangelikale Freikirchen schnell wachsen. Da sie geistige statt sichtbare (institutionelle) Einheit bevorzugen, ist ihre Einbindung im Zeichen eines geistlichen Ökumenismus eine der größten Herausforderungen für die Zukunft.
1
DEISSMANN, ADOLF: Die Stockholmer Weltkirchenkonferenz: Vorgeschichte, Dienst und Arbeit der Weltkonferenz für Praktisches Christentum 19. - 30. August 1925, Berlin 1926, S. 687 f.
2
An die Kirchen Christi in der ganzen Welt. Patriarchal- und Synodenenzyklika des ökumenischen Patriarchats (Phanar 1920). In: ALTHAUS, HANS LUDWIG (Hg.): Ökumenische Dokumente. Quellenstücke über die Einheit der Kirche, Göttingen 1962, S. 139 – 142.
3
SASSE, HERMANN (Hg.): Die Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Deutscher amtlicher Bericht über die Weltkirchenkonferenz zu Lausanne, 3. – 21. August 1927, Berlin 1929, S. 4.
4
Nach diesem Modell kam es zur Gründung verschiedener Unionskirchen, die sich meist United Church of XY nannten, z. B. 1961 der Church of North India durch die Vereinigung von Anglikanern, Kongregationalisten, Presbyterianern, Baptisten, Methodisten, Brüder-Unität und Disciples of Christ.
5
SÖDERBLOM, NATHAN: Einigung der Christenheit. Tatgemeinschaft der Kirchen aus dem Geist werktätiger Liebe, Halle 21925, S. 209.
6
Unitatis redintegratio, Nr. 1. In: RAHNER, KARL/VORGRIMLER, HERBERT (Hg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums, Freiburg 271998, S. 229.
7
Unitatis redintegratio, Nr. 2. In: Ebd., S. 231.
8
Unitatis redintegratio, Nr. 5. In: Ebd., S. 236.
9
Can. 755 § 1. In: Codex iuris canonici/Codex des kanonischen Rechtes [von 1983], hg. im Auftrag der Deutschen und der Berliner Bischofskonferenz, Kevelaer 41994, S. 345.
10
Unitatis redintegratio, Nr. 3. In: RAHNER/VORGRIMLER: Kleines Konzilskompendium, S. 232.
11
Unitatis redintegratio, Nr. 11. In: Ebd., S. 240.
12
Vgl. FRIELING, REINHARD u. a. (Hg.): Konfessionskunde. Orientierung im Zeichen der Ökumene, Stuttgart/Berlin/Köln 1999, S. 108.
13
KASPER, WALTER (Hg.): Harvesting the Fruits. Basic Aspects of Christian Faith in Ecumenical Dialogue, London/New York 2009.
14
Dasselbe gilt seit 2001 durch die Erklärung von Waterloo für Anglikaner und Lutheraner in Kanada. Eingeschränkte Kirchengemeinschaft brachten die Erklärungen von Meißen 1988 und Réuilly 1999.
I. Ökumene – wie? Oder: Was bedeutet die ökumenische Bewegung?
A. Konfessionelle Perspektiven
1. Aus evangelischer Sicht
Michael Weinrich
An hohen Feiertagen wird in vielen evangelischen Kirchen das Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel aus dem Jahr 381 gesprochen. Es gilt als das ökumenische Glaubensbekenntnis, weil es die westliche Tradition mit der östlichen verbindet. Im dritten Artikel heißt es dort: »Wir glauben an den Heiligen Geist … und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche.« Im Original steht für das Wort »christlich« der Begriff »katholisch«, und das meint die allgemeine, die universale Kirche. Katholizität ist kein Spezifikum der römisch-katholischen Kirche, sondern gehört zu den Eigenschaften jeder recht verstandenen Kirche – eben deshalb sollte sie nicht allein der katholischen Kirche überlassen werden. Wenn dieses Bekenntnis gesprochen wird, ist mit »Kirche« nicht einfach die eigene Kirche gemeint, sondern die wahre universale Kirche, zu der wir uns auch mit der evangelischen Kirche rechnen. Das ist eine wichtige Pointe.
Dies war auch die zentrale Substanz der Erklärung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1950 in Toronto, wo es heißt: »Die Mitgliedskirchen erkennen an, daß die Mitgliedschaft in der Kirche Christi umfassender ist als die Mitgliedschaft in ihrer eigenen Kirche.« Diese Einsicht qualifiziert den ÖRK als ein theologisch motiviertes Unternehmen, das von Kirchen vorangetrieben wird, obwohl sie untereinander auch fundamentale Vorbehalte haben. Die Tatsache, dass die verschiedenen Kirchen diesen Satz gemeinsam sagen können, ist allerdings noch kein Hinweis darauf, dass sie ihn auch in gleicher Weise verstehen. Vielmehr muss konstatiert werden, dass er sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Im Folgenden soll eine protestantische Lesart dieses Satzes skizziert werden.
Wenn Kirche mehr ist als das jeweilige verfasste Kirchesein – dann kann umgekehrt das verfasste Kirchesein im Grunde nur weniger sein als Kirche im Vollsinn des Wortes. Und genau darum geht es, wenn nach der ökumenischen Zielperspektive gefragt wird: Was ist die wahre Kirche im Sinne des Glaubensbekenntnisses? Keine Kirche wird einfach für sich in Anspruch nehmen können, dass sie die »wahre Kirche« sei, so sehr sie daran glauben wird, an der wahren Kirche Anteil zu haben; eben dies bekennt sie mit dem Glaubensbekenntnis. Die wahre Kirche muss bekannt werden, weil sie ebenso wenig sichtbar und zugleich ebenso wirklich ist wie der auferstandene Christus.
Diese Unterscheidung spricht aber der verfassten Kirche keineswegs ihr Kirchesein ab. Wenn in ihr das Evangelium recht gepredigt wird und die biblisch eingesetzten Sakramente ihrer Einsetzung entsprechend gefeiert werden, dann sind die notwendigen und hinreichenden Kennzeichen gegeben, an denen eine Kirche zu erkennen ist. Das wird nicht dadurch infrage gestellt, dass sich in ihr neben den Glaubenden auch Heuchler befinden. Es ist nicht unsere Aufgabe, hier Urteile zu fällen. Geschichtlich heißt »Kirche sein« immer vor allem »Kirche werden«.
Nimmt die Kirche ihr Glaubensbekenntnis ernst, so wird sie nicht in Versuchung geraten, zu hoch von sich selbst zu denken oder sich gar triumphalistisch in Szene zu setzen. Denn alle vier Attribute, die da im Nizänischen Glaubensbekenntnis angeführt werden (nämlich Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität), werfen ein kritisches Licht auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Kirche und auf ihre konfessionelle Zersplitterung. Zwar mag eine Kirche es von sich weisen, als »Konfessionskirche« angesehen zu werden – tatsächlich wird sie sich aber dem Faktum stellen müssen, dass sie stets als eine Konfessionskirche agiert. Diese Attribute erinnern jede Kirche vor allem daran, dass es in allem, was sie ist, stets auch noch etwas zu beklagen gibt, was sie (noch) nicht ist.
Indirekt formulieren die vier Attribute einen markanten Mangel im Blick auf unser faktisches Kirchesein. In ihrem Spiegel können alle Kirchen ihre offenkundigen Unvollkommenheiten und Defekte erkennen, auch wenn sie die Mängel lieber bei den anderen sehen. Sie können etwa schlicht feststellen, dass es problematisch bleibt, ohne die anderen von sich selbst als der einen Kirche zu sprechen. Wir können nicht vollständig Kirche sein, solange wir ohne die anderen sind. Keine theologische Dialektik kann dieses Defizit schönreden – und es ist eben ein Mangel, den wir nicht anderen zuschieben können, sondern einer, an dem wir selbst leiden. Eine solche analytische Feststellung sollte nicht mit einem moralischen Urteil verwechselt werden.
Und wenn eines der vier Attribute der Kirche so fundamental verletzt ist, wie es im Blick auf die Einheit gewiss festzustellen ist, bleibt dies nicht ohne Auswirkungen auf die drei anderen Attribute. Ohne eine rechte Einheit kann die Kirche eben auch keine heilige Kirche sein. Sie kann allein darauf setzen, dass Gott sie ihren Mängeln zum Trotz heiligt. Ohne Einheit kann sie auch nicht katholische, d. h. universale Kirche sein. Faktisch ist sie partikular, und sie kann wiederum nur darauf setzen, dass sie als solche an der Katholizität der von Gott erwählten Kirche teilhat. Und auch das vierte Attribut bleibt eingetrübt – denn wie wollte sich eine Kirche, deren Einheit, Heiligkeit und Katholizität nur überaus gebrochen in Erscheinung treten, guten Gewissens eine apostolische, also eine Kirche im Sinne der Apostel nennen können? Der Mangel an Einheit bringt der Kirche bei nüchterner Betrachtung eine Fehlanzeige auf der ganzen Linie ein, so dass nur der Trost des Bekenntnisses bleibt, dass Gott wirken wird, auch wenn wir ihn mit unserem geschichtlichen Tun immer wieder behindern. Eben deshalb bleibt das Bekenntnis zu der in Gott gegebenen Einheit der Kirche für alle ökumenischen Anstrengungen so essenziell. Das wissen zwar alle Kirchen, aber in der Regel werden nur wenige Konsequenzen aus diesem Wissen gezogen.
Diese Überlegungen zeigen, dass es in der Frage nach der Einheit der Kirche nicht um eine Randfrage geht, der man sich stellen kann oder eben auch nicht, sondern es geht unmittelbar um die Substanz der Kirche. Die Sorge der Kirche um ihre Einheit ist kein Luxusproblem, von dem man sich in schlechteren Zeiten dann auch wieder zurückziehen kann; sie ist keine Kür, für die nur Zeit bleibt, wenn die Pflicht hinreichend erfüllt ist. Vielmehr gehört das Bemühen um die Einheit zur Pflicht – ohne sie würde sie zwangsläufig zu einer sektiererischen Unternehmung. Die Frage nach der Einheit der Kirche stand auch schon auf der Tagesordnung, als noch nicht von »Ökumene« gesprochen wurde. Da, wo die Kirche erneut nach ihrem Ursprung und ihrem wahren Grund fragt, um sich zu reformieren, da fragt sie auch nach ihrer Einheit. Insofern war die Reformation – zumindest ihrer Intention nach – ein ökumenisches Ereignis. Es gibt keine Zeit, in der es einen solchen Reformationsbedarf nicht gäbe.
Dies ist die erste und grundlegende Perspektive des evangelischen Ökumeneverständnisses. Von Anfang an war die Kirche darauf angewiesen, ihre Einheit zu bekennen – weil es nie eine Zeit gegeben hat, in der diese Einheit einfach sinnenfällig vor Augen stand. Aus dieser ersten folgt dann eine zweite Perspektive, die nun unsere dem Bekenntnis entsprechenden Bemühungen um eine geschichtlich aufzeigbare Einheit betrifft. Diese Perspektive zielt nicht auf eine große »Überkirche«, in der alles dem gleichen Reglement unterworfen ist. Vielmehr blickt die evangelische Einheitsvision auf eine Kirchengemeinschaft sich nicht nur gegenseitig anerkennender, sondern auch miteinander lebender Kirchen. Die Einigkeit in den Fundamentalartikeln des Glaubens schafft eine ausreichende Basis dafür, Unterschiede in weniger zentralen Fragen nicht als kirchentrennend zu bewerten. Keine Anerkennung einer diffusen Vielfalt oder einer abstrakten Pluralität ist gemeint, sondern eine durch eine gemeinsame Mitte konzentrierte Vielfalt. Am überzeugendsten kann der Charakter dieser Vielfalt durch den Hinweis auf den biblischen Kanon illustriert werden. Denn dieser umfasst sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Perspektiven, ohne dass deshalb die Konzentration auf eine das Ganze zusammenhaltende gemeinsame Blickrichtung infrage gestellt würde.
Die für die Kirche ins Auge zu fassende Einheit darf keine Vereinheitlichung bedeuten, sondern muss als eine differenzierte Einheit verstanden werden, in der die Vielfalt die Einheit nicht gefährdet, so wie umgekehrt die Einheit die Vielfalt nicht egalisiert und reglementiert. Es geht um die Nutzung der Produktivität einer wirklich aufeinander bezogenen Vielfalt und nicht um eine sich einfach nur in Ruhe lassende und sich somit im Grunde gar nicht gegenseitig ernst nehmende Vielfalt. Liberale Toleranz überlässt die anderen beteiligungslos sich selbst. Das kann mit einer »versöhnten Verschiedenheit« der Kirchen wohl kaum gemeint sein. Vielmehr lebt in der Ökumene die Verschiedenheit aus der gegenseitig festgestellten Gemeinsamkeit, ohne welche die Legitimität der Verschiedenheit infrage stünde. Auch bei einer »Ökumene der Profile« geht es recht verstanden um profilierte Ökumene und nicht um einen Freibrief zur Rekonfessionalisierung. Die festgestellte und im Bekenntnis immer wieder auch gemeinsam bekannte Gemeinsamkeit wird als tragfähig genug eingeschätzt, um die darüber hinaus bestehenden Unterschiede in gegenseitiger Akzeptanz, Zugewandtheit und Offenheit weiterzuerörtern – wie es etwa in den Lehrgesprächen der »Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa« (GEKE) geschieht. Die Einheit ist im Grunde nicht das Ziel des Prozesses, sondern seine Voraussetzung.
Ich weiß, dass manche der von mir gemachten Zuspitzungen in der Ökumene strittig sind. Wir wären sehr viel weiter, wenn wir uns einig wären über das, was unter der Einheit zu verstehen ist. Aber ich war ja nicht gefragt, diesen gordischen Knoten zu lösen, sondern die evangelische Zielperspektive der Ökumene zu skizzieren.
2. Aus katholischer Sicht
Walter Kasper
I.
In der Ökumene hört man gegenwärtig mehr von Frust als von Lust. Immer wieder wird gesagt: Nichts geht mehr voran; was einmal ökumenische Bewegung war, ist zum Stillstand gekommen. Zwar geschieht auf der Gemeindeebene nach wie vor viel, aber – so wird gesagt –»oben« bewegt sich praktisch nichts. Ich muss gestehen: Auch mir geht vieles viel zu langsam, und ich wäre selber heilfroh, wenn manches schneller voranginge. Die Bremser sitzen nach meinem Eindruck freilich nicht nur »oben«, sie finden sich leider in nicht geringer Zahl auch »unten«.
Es macht freilich wenig Sinn, sich auf ein Pingpong- oder auf ein Schwarzer-Peter-Spiel zwischen »oben« und »unten« einzulassen. Das Problem sitzt tiefer. Es fehlt an einer begeisternden gemeinsamen ökumenischen Vision. Es besteht kein Konsens darüber, wohin sich die Ökumene bewegen soll. Wohin soll die ökumenische Reise gehen? Welches ist ihr Ziel? Erst wenn man darauf eine Antwort hat, kann man messen, ob sich in der Ökumene etwas bewegt und ob es sich in der rechten Richtung bewegt. Also: Ökumene wohin? Ökumene wozu?
II.
Um zu einer Antwort zu kommen, sollten wir uns zuerst auf die gemeinsame biblische Grundlage und auf das Gebet besinnen, das Jesus am Abend vor seinem Leiden und Sterben gesprochen hat. Jesus betete, »dass alle eins seien« (Joh 17, 21). Dieses Gebet ist Jesu Testament und damit für uns etwas Heiliges und Verpflichtendes. Es steht nicht isoliert da; es fasst Jesu ganze Botschaft zusammen. Jesus wollte die Verheißung der Propheten erfüllen und sein Volk sammeln. Darum war ihm alles an der Einheit seiner Jünger gelegen. Sie sollten Zeichen, Werkzeug und Vorhut der einen versöhnten neuen Menschheit sein. Das Gebet »dass alle eins seien« steht somit im Kontext der Vater-unser-Bitte »Dein Reich komme!« Es sagt uns, dass die Trennungen unter den Christen Gottes Willen und dem Kommen seines Reiches widersprechen. Sie sind Ausdruck von Sünde. Es sagt aber ebenso: Wir dürfen, wenn es um die Einheit der Kirche geht, uns nicht bei allen möglichen kleinlichen Fragen aufhalten; wir müssen dieses große Anliegen in den noch größeren Horizont der Reich-Gottes-Botschaft Jesu stellen.
Aus dem Gebet Jesu folgt ein Zweites: Jesus spricht von der Einheit »wie du, Vater […] und ich in dir« eins sind. Einheit im Sinn des Gebets Jesu meint damit nicht eine Einerleiheit, in der alles ineinander verschwimmt. Es geht um eine Einheit in der Liebe, in der Verschiedenheit möglich, ja konstitutiv ist. Es ist darum unangemessen, die Einheit als Ausweitung eines zentralistisch regierten Imperiums zu verstehen, wie es für manche noch immer das Schreckgespenst einer Papstkirche ist. Das II. Vatikanische Konzil erinnert ausdrücklich an das Apostelkonzil und sagt, man solle keine Lasten auferlegen über das Notwendige hinaus (vgl. Apg 15, 28 f.). So darf es nach dem Konzil innerhalb der Einheit eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen, liturgischen Formen, Theologien, kirchlichen Rechtssystemen u. a. geben. In der Sprache des Apostels Paulus ausgedrückt: Es geht um die Einheit des Leibes Christi, mit vielen und unterschiedlichen Gliedern (vgl. Röm 12, 4 – 8; 1. Kor 12, 4 – 28).
Drittens: Die Einheit, die Vielfalt nicht aus-, sondern einschließt, ist kein Selbstzweck. Jesus fügt seinem Gebet um die Einheit hinzu, »damit die Welt glaube«. Die Spaltung der Christenheit macht die Glaubensverkündigung der Kirche unglaubwürdig. Denn wie will die Kirche Einheit und Versöhnung predigen, wenn sie in sich gespalten und zerstritten ist? An diesen Gesichtspunkt werden wir in diesem Jahr besonders erinnert, da wir den 100. Jahrestag der Weltmissionskonferenz von Edinburgh als die Geburtsstunde der modernen ökumenischen Bewegung begehen. Denn die damals versammelten Missionare fragten, wo die Hemmnisse für die Ausbreitung des Evangeliums liegen. Sie kamen zu der übereinstimmenden Überzeugung: Das größte Hindernis ist die Spaltung der Christenheit. So waren in der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts Mission und Ökumene von Anfang an gleichsam Zwillinge, und sie müssen es heute in einer sich immer mehr globalisierenden Welt umso mehr sein. Wie kleinkariert und im Grunde beschämend nehmen sich da manche Diskussionen unter uns aus! Ökumene bedeutet Christsein im Weltmaßstab.
Schließlich müssen wir zum Wichtigsten in dem Gebet Jesu kommen. Es ist kein Befehl und keine Aufforderung zu irgendwelchen Aktionen. Es ein Gebet, das sich an den Vater richtet. So wenig wie wir das Reich Gottes »machen«, bauen oder organisieren können, können wir die Einheit der Kirche »machen«. Die Spaltung ist eine Folge der Sünde. Sie steckt tief in uns. So hat der Versuch zu einer gewaltsamen Aufrichtung des Reiches Gottes in der Geschichte noch immer zu dessen Gegenteil, zur Hölle auf Erden geführt. Allein Gott und sein Heiliger Geist können in das Herz des Menschen eindringen, es reinigen und verwandeln. Allein Gottes Heiliger Geist kann die Einheit heraufführen. Darum ist das Gebet »Komm, Heiliger Geist« das Herz der Ökumene. Das mag manchen weltfremd erscheinen. Das ist es in der Tat. Doch Jesus sagt uns, dass was immer wir in seinem Namen erbitten, uns zuteil werden wird. Und um was könnten wir mehr in seinem Namen beten als um die Einheit?
III.
Schauen wir von dieser gemeinsamen Grundlage aus auf die wichtigsten Antworten zum Ziel der Ökumene. Die traditionelle katholische Antwort wird oft als Rückkehr-Ökumene missverstanden, die davon ausgehe, dass alle anderen Christen in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehren sollten. Dabei wird unterstellt, dass die anderen nichts in die Einheit einzubringen hätten. Polemisch wird eingewendet, es gehe uns nur darum, das Imperium der katholischen Kirche auszuweiten. Das II. Vatikanische Konzil hat dieses Modell aufgegeben. Das Konzil war zwar der Überzeugung, dass die katholische Kirche die wahre Kirche Jesu Christi sei. Es anerkannte aber auch Elemente der wahren Kirche Jesu Christi außerhalb ihrer Grenzen. Es ging davon aus, dass uns mit den anderen viel mehr verbindet als uns trennt, ja dass einzelne Aspekte bei den anderen Kirchen sogar besser entfaltet sind, als es in der eigenen Kirche der Fall ist. Papst JOHANNES PAUL II. hat den ökumenischen Dialog deshalb als »Austausch von Gaben« definiert. Das heißt, er hat den ökumenischen Dialog als ein gegenseitiges Geben und Nehmen verstanden. Ökumene will damit nicht zu einem alten Zustand zurück, sie will sich auch nicht auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner treffen; sie will nach vorn. Sie ist ein Wachstums- und ein gegenseitiger Bereicherungsprozess, der von der noch unvollständigen Einheit zur vollen Einheit im einen Glauben und in den gemeinsamen Sakramenten, besonders zur einen Eucharistie führen soll.
Das entgegengesetzte Extrem zur Rückkehrökumene empfiehlt, die Kirchen sollten sich endlich gegenseitig anerkennen. Dabei wird unterstellt, die alten Unterschiede seien heute überholt; sie seien theologisch gelöst oder sie interessierten und überzeugten nicht mehr. Diese Lösung klammert die Wahrheitsfrage aus. Sie wird darum in dieser Form von keinem Theologen von Rang und Namen vertreten. Es ist ja offensichtlich, dass es trotz aller erfreulichen Annäherungen leider noch immer deutliche Unterschiede zwischen der katholischen und der evangelischen Position gibt. Sie betreffen die Frage der Kirche und ihrer Ämter, besonders das Petrusamt, aber auch die Eucharistie, die Marienfrömmigkeit und anderes.
So wird heute von vielen evangelischen Vertretern der Vorschlag einer »gegenseitigen Anerkennung« bei bleibenden Differenzen gemacht. Man spricht von einer »Einheit in und trotz der Verschiedenheit«, von einer »versöhnten Verschiedenheit« und Ähnlichem. Als Modell gilt die Art und Weise, wie lutherische und reformierte Kirchen nach langer Zeit, in der auch sie sich gegenseitig das Abendmahl verweigerten, heute Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft aufgenommen haben – und doch unterschiedliche Kirchen mit teilweise unterschiedlichem Bekenntnis geblieben sind.
Die katholische Kirche wie auch die orthodoxen Kirchen sehen für eine solche gegenseitige Anerkennung die Grundlage nicht gegeben. Auch sie wollen eine Einheit, die Verschiedenheit einschließt. Aber sie unterscheiden zwischen der Verschiedenheit einander widersprechender Wahrheiten und einer Verschiedenheit von einander ergänzenden Wahrheiten. Das Letztere ist möglich, denn die Einheit im einen Glauben ist kein logisches oder dialektisches System. Der Inhalt des Glaubens ist vielmehr ein Mysterium, zu dem es verschiedene Zugänge geben kann, die sich nicht widersprechen, sondern sich bereichern und gegenseitig anerkennen können. Abstrakt ausgedrückt: Keine kontradiktorische, wohl aber eine komplementäre Vielfalt ist möglich und erstrebenswert. Dahin zu kommen muss das Ziel sein.
Leider sind wir noch nicht so weit. Deshalb streben wir im Augenblick eher pragmatische Zwischenlösungen an. Sie weisen – nicht zu Unrecht – darauf hin, dass die Landkarte der gegenwärtigen Christenheit nicht allein durch die alten konfessionellen Grenzlinien bestimmt wird, sondern durch einen hohen Pluralismus innerhalb der einzelnen Kirchen, in dem die Bruchlinien oft konfessionsübergreifend verlaufen. So gibt es in allen Kirchen Gruppen und Kreise, die eher mit ähnlich denkenden Christen in anderen Kirchen zusammenarbeiten können als mit manchen Gliedern in den eigenen Reihen. So sind schon jetzt Zweckbündnisse möglich. Die europäische »Charta oecumenica« und der bevorstehende Ökumenische Kirchentag liegen grundsätzlich in dieser Spur. Der Kirchentag fragt: Was können und sollen Christen schon heute angesichts der enormen Probleme und Herausforderungen in der Welt gemeinsam sagen und tun? Solches gemeinsame Zeugnis und solche Zusammenarbeit sind realistische Zwischenschritte, die in die rechte Richtung weisen und neu Hoffnung machen können.
IV.
Noch drei andere ermutigende Zwischenschritte möchte ich erwähnen. Sie können zeigen, dass es in der Ökumene gar nicht so trist aussieht, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Einer der großen Ökumeniker des letzten Jahrhunderts, Abbé PAUL COUTURIER von Lyon, hat die Ökumene mit einem »unsichtbaren Kloster« verglichen. In einem Kloster beten die Mönche oder Nonnen in sichtbarer Weise gemeinsam; im unsichtbaren Kloster beten Christen in den verschiedensten Ländern und Kontinenten und in den unterschiedlichen Kirchen zerstreut und doch gemeinsam. Dieses unsichtbare Kloster wird gegenwärtig immer mehr sichtbar. Christen aus allen Kirchen treffen sich oft und regelmäßig zum gemeinsamen Gebet, lesen miteinander die Heilige Schrift und tauschen ihre Erfahrungen aus. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.
Noch ein zweites Beispiel: Erst vor Kurzem haben wir in Augsburg das zehnjährige Jubiläum der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen Lutheranern und Katholiken gefeiert. Die Rechtfertigungslehre war im 16. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts der Hauptstreitpunkt. Heute sind Katholiken und Lutheraner überzeugt, einen Konsens in den Grundfragen der Rechtfertigungslehre gefunden zu haben, der die noch bestehenden Differenzen als tragbar erscheinen lässt. Diesem Konsens haben sich inzwischen auch die Methodisten angeschlossen, andere überlegen es sich noch oder bereiten sich darauf vor. Die Einheit wächst!
Schließlich: In den letzten beiden Jahren haben wir im Päpstlichen Einheitsrat die Ergebnisse der Dialoge der letzten 40 Jahre mit den wichtigsten evangelischen Kirchen (Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, Methodisten) zusammengetragen und unter dem Titel »Harvesting the Fruits« (»Die Früchte ernten«) veröffentlicht. Ich war selbst überrascht, welch reiche Ernte wir da einfahren konnten. Wir haben weit mehr erreicht, als wir zuvor selbst gedacht haben. Für uns ein kräftiger Ansporn weiterzumachen.
Die Beispiele zeigen, dass die ökumenische Bewegung nicht stillesteht. Kein Grund also zu Alarmstimmung. Manchen mag der Weg, der noch vor uns ist, zu lang erscheinen. Ich kann solche Ungeduld verstehen. Wer an das Reich Gottes glaubt, muss unruhig werden. Aber die Ungeduld ist nur dann »heilige Ungeduld«, wenn sie gepaart ist mit Geduld – die man zu Recht schon als die »kleine Schwester der Hoffnung« bezeichnet hat. Ohne Umkehr, d. h. ohne Bereitschaft zum Um- und Neudenken, zum Abwerfen von Ballast und zum Aufgeben von Profilsucht, wird es nicht gehen – um sich vom Geist Gottes neue Wege führen zu lassen. Da muss jeder bei sich selber anfangen!
3. Aus orthodoxer Sicht
Athanasios Vletsis
1. Ökumenismus als Verrat des orthodoxen Glaubens und Rückkehrökumene als Lösung für das Problem der Kirchenspaltung?
Orthodoxe Kreise in Griechenland haben im April 2009 einen Text verabschiedet mit dem bezeichnenden Namen »Glaubensbekenntnis« (Omologia Pisteos)1. Wie jedoch der Untertitel des Dokuments verrät, geht es dabei nicht um eine neue Form des Credo (eine solche Vorstellung wäre orthodoxen Gläubigen suspekt), sondern um eine klare Abgrenzung des orthodoxen Glaubens vom ökumenischen Dialog, der von diesen Kreisen als »Panhäresie« und als Verrat des orthodoxen Glaubens abgelehnt wird. Die Rückkehr zur orthodoxen Kirche bleibt dann, nach diesem Verständnis, die einzige mögliche Lösung des Problems der Kirchenspaltung, denn allein die orthodoxe Kirche »repräsentiert die wahre katholische Kirche Christi«. Ist nun die Erfahrung, welche die Orthodoxen durch ihre Beteiligung an der ökumenischen Bewegung gesammelt haben, eine negative? Und wie soll nach den Prinzipien der »Rückkehr-Ökumene« der Dialog der Kirchen fortgesetzt werden?
2. Ökumenische Aktivität als vielfältige Bereicherung
Die Wahrnehmung des orthodoxen Glaubens durch den ökumenischen Gesprächspartner
Das ökumenische Patriarchat von Konstantinopel und die Orthodoxen, die an den vielfältigen Dialogen beteiligt sind, beurteilen jedenfalls die Rolle ihrer Kirche im ökumenischen Dialog ganz anders als das eingangs zitierte anti-ökumenische Manifest. Sie sind sogar stolz, dass gerade eine orthodoxe Kirche bei der Idee der Bildung einer Gemeinschaft (Koinonia) von Kirchen entscheidend beteiligt war.2 Auch wenn die verschiedenen orthodoxen Kirchen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und ihrem je eigenen Welthorizont erst allmählich zur Wahrnehmung der Bedeutung der ökumenischen Bewegung kamen3, hat ihre Aktivität in der ökumenischen Bewegung bleibende Spuren hinterlassen. Dadurch wurde nicht nur die reiche orthodoxe Tradition von anderen Kirchen neu entdeckt – auch für ihre eigene Selbstwahrnehmung hatte diese ökumenische Öffnung Rückwirkung gezeigt. Denn durch die Augen des Gesprächspartners sind orthodoxe Theologen selber zu einem vertieften Verständnis ihrer eigenen Tradition gelangt und haben damit Eigenschaften ihrer eigenen Identität besser kennen- und schätzen gelernt. Insbesondere folgende Bereiche theologischer Tätigkeit wurden im ökumenischen Dialog als ein wesentlicher Beitrag ostkirchlicher Identität hervorgehoben:
Die Erinnerung an den bindenden und normativen Charakter von Entscheidungen der gemeinsamen ökumenischen Konzilien im ersten christlichen Jahrtausend. Da diese Konzilien auf dem Boden der Ostkirchen stattgefunden haben, wurde oft genug im Verlauf der ökumenischen Anstrengungen auf die wichtige Rolle des ostkirchlichen Christentums zur Festigung des christlichen Glaubens verwiesen. Die dogmatischen Beschlüsse von ökumenischen Konzilien haben den Glauben an den Dreieinigen Gott und an seine heilsgeschichtliche Offenbarung in der Person seines Sohnes und in der Wirkkraft des Heiligen Geistes nicht in abstrakten Normen erfasst, sondern vorrangig in feierlichen doxologischen Formeln, wie insbesondere im Credo von Nizäa-Konstantinopel (325 - 381).
Die Doxologie (die Verherrlichung des Dreieinen Gottes) findet in der Tradition orthodoxer Kirchen ihren Ausdruck in der Vielfalt gottesdienstlichen Lebens. Die Wiederentdeckung der zentralen Bedeutung der eucharistischen Versammlung der Kirche Jesu Christi wurde als ein besonderer Impuls ostkirchlichen Lebens gewürdigt. Wird eine solche eucharistische Ekklesiologie betont, so kann man hoffen, dass sich dies auch im Sinne einer dynamischeren Gestaltung der kirchlichen Strukturen auswirkt.
Außerdem konnten auch die Werke der Patristik neu entdeckt werden. Die Schriften der Kirchenväter fungieren dabei nicht als das unfehlbare Zeugnis des Glaubens, an dessen Erfassung nicht gerüttelt werden darf; sie werden vielmehr als Ausdruck einer mystischen Vertiefung der Überlieferung interpretiert. Diese mystische Erweiterung christlichen Glaubens vermag eine Verengung in strengen, oft abstrakten dogmatischen Formeln zu sprengen – erst in diesem Sinn können die Kirchenväter recht verstanden werden.
Die Ökumene als Lernprozess auch für die Orthodoxen
Bei den vielfältigen Dialogen konnten die Orthodoxen nicht nur Zeugnis ihrer Tradition abgeben und damit das Spektrum christlicher Wahrnehmung erweitern. In vielerlei Hinsicht konnten sie auch selbst von der Erfahrung anderer christlicher Gemeinschaften lernen und sich bereichern lassen. Ich möchte wiederum exemplarisch drei Felder solchen ökumenischen Lernens für die Orthodoxie benennen, die in einer gewissen Entsprechung zu den oben erwähnten drei positiven Beiträgen orthodoxer ökumenischer Sensibilisierung stehen könnten:
Die (Wieder-)Entdeckung der sozialethischen Dimension des Glaubens als eine notwendige Ergänzung (und nicht als Widerspruch) zu doxologisch-gottesdienstlichen Lehraussagen. Orthodoxe selber haben das Wort von der »Liturgie nach der Liturgie« (ION BRIA) geprägt, um ihre Mitwirkung an den sozialethischen Aktivitäten des ÖRK zu beschreiben, konkret ihre Mitarbeit beim »Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung«. Gewiss gibt es noch viel zu lernen – so fehlt es z. B. manchmal an der kritischen Distanz ihrer Kirche zum national-staatlichen Leben (als Ergänzung und Korrektur des byzantinischen »Symphonie«-Prinzips). Jedenfalls trägt die Sensibilisierung für eine Reihe sozialer Fragen bereits Früchte, wie z. B. die Umweltaktivitäten des Ökumenischen Patriarchats zeigen.
Die bisherigen ökumenischen Beziehungen haben den Orthodoxen die Katholizität kirchlicher Existenz in ihrer universalen Öffnung anschaulich gemacht. Damit wird die Bedeutung der eucharistischen Ekklesiologie nicht einfach in den überschaubaren Grenzen von kleinen Gemeinden gezeigt – ihre Dynamik lädt nun ein, die Strukturen kirchlichen Lebens weltweit neu zu gestalten und das Leben der Kirche eucharistisch-missionarisch zu öffnen.
Durch das vielfältige sachliche ökumenische Gespräch wurden allmählich nicht wenige dogmatische Unterschiede der Vergangenheit weitgehend geklärt; damit verlieren nun Lehrunterschiede ihren trennenden Charakter. Man kann in dieser Kategorie nicht wenige Dissenspunkte erwähnen: von der Filioque-Problematik und von Fragen der Sakramenten-/Pastoraltheologie (samt Amtstheologie) bis hin zu den Bräuchen der liturgischen Praxis, die den Kirchen jetzt erlauben, gemeinsam zu beten, ökumenische Gottesdienste zu feiern und Sakramente gegenseitig anzuerkennen (wie z. B. Taufe und Trauung). Die mystische Dimension christlichen Glaubens macht also das konkrete theologische Vokabular nicht unbrauchbar, sondern öffnet es allmählich in einer neuen Wahrnehmung.
3. Ökumenische Zielvorstellungen: eine neue Wahrnehmung der Katholizität christlichen Glaubens im stetigen ökumenischen lernen und Wachsen
Die großen Fortschritte in der ökumenischen Bewegung können über die immer noch vorhandene Trennung der Kirchen nicht hinwegtäuschen. Gewiss, die Einheit der Kirche kann nicht ein Werk von Menschen sein. Erst die Wirkung des Heiligen Geistes kann jene Gemeinschaft (wieder-)herstellen, die nicht Gefahr läuft, von menschlicher Hand zerstört zu werden. Dass aber auch das »synergetische« Mitwirken des Menschen sein Friedenswerk entfalten soll, ist gerade für orthodoxe Christen ein fester Bestandteil ihres Glaubens. Welches könnte nun der menschliche Beitrag zur Einheit der Kirche sein? Ist nicht gerade für die Ökumene die Vorstellung lähmend, dass wir Christen nicht einig werden können bezüglich des Ziels unserer ökumenischen Anstrengungen?4
Dass die Einheit der Kirchen der Welt im gemeinsamen eucharistischen Kelch sichtbar versinnbildlicht werden sollte, prägt (wie ich denke zu Recht) die Einheitsvorstellung aller Kirchen. Dass der Weg dorthin wahrscheinlich ein langer sein wird, ist wiederum eine Gewissheit, die von den meisten ökumenisch engagierten Theologen geteilt wird. Welcher Katalog von theologischen Fragen sollte noch abgehakt werden, damit die Kirchen zu einer Einigung kommen können? Beinahe endlos würde diese Liste aussehen, wollte man darin alle Interpretations- und Meinungsunterschiede theologischer Differenzierung berücksichtigen. Die eigene orthodoxe Geschichte kann m. E. bezeugen, dass nicht erst die Übereinstimmung in allen Einzelheiten die Voraussetzung dafür liefert, dass die Orthodoxen gemeinsam das eucharistische Brot teilen können. Es genügt, wenn der Glaube in der Form eines gemeinsamen Credo bezeugt und die nötigen sakramentalen (nicht kulturell gewachsenen!) Formen geteilt werden können, um zusammen die Liturgie zu feiern. Gewiss steht für die Orthodoxen hinter einer Fassade der Einförmigkeit eine gemeinsame Geschichte, die als Einheit stiftender Faktor wirksam ist. Geht es aber in der Ökumene nicht darum, die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens wiederzuentdecken, die von einer viel tiefer reichenden Einheit Zeugnis ablegen können als die geschichtlich gewachsenen historischen Traditionen? Und wie soll dann die neue gemeinsame ökumenisch-katholische Einheit entstehen, die erst im Verlauf der Geschichte dieser Welt zu einer stets wachsenden ökumenischen Komplementarität führen kann?
Denn der gemeinsame eucharistische Kelch kann nicht das Ende des Weges von Kirchen unterwegs ins Reich Gottes sein. Orthodoxe interpretieren diese eucharistische Gabe als Vorwegnahme und als Abbild des himmlischen Mahles vor dem Altar Gottes. Bis wir aber dorthin gelangen, kann es für menschliche Maßstäbe unendlich dauern. Könnte nicht eine Annäherung von kleinen, aber entscheidenden Schritten der Katholizität5 des christlichen Glaubens in der heutigen Welt sichtbaren Ausdruck verleihen? Das gemeinsame Glaubensbekenntnis könnte allmählich von vielen anderen liturgischen und theologischen Zeugnissen des Glaubens in der Welt begleitet werden. Ja, eine lebendige Einheit kann stets neue Formen ihrer Katholizität erproben, ohne ihre Tradition zu leugnen. Die Vergangenheit kann nicht immer die passenden Lösungen für die Zukunft anbieten. Sie kann aber die Fülle christlichen Lebens schrittweise offenbaren, wenn die Charismen des einen die Gaben des anderen ergänzen: Wenn die doxologischen Formen von Glaubensaussagen durch die diakonischen Formen eines opfernden Dienstes für die Welt begleitet werden, und dies alles in jener demütig-mystischen Haltung, die in der Lage sein wird, die Dynamik des Geistes offenzulegen, dann kann im großen Delta der Übereinkunft des Flusses des Glaubens das kosmische Meer stets neue Nahrung bekommen. Erst dort kann die Weite des christlichen Glaubens anschaulich erfahrbar werden.
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