Czytaj książkę: «Im Malstrom»
JÜRGEN PETRY
Im Malstrom
Bericht eines Wende-Verlierers
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015

Autor Jürgen Petry gehört zur Vertriebenengeneration. Geboren am 26. November 1939 in Königsberg/Ostpreußen, fand seine Familie nach der Vertreibung 1947 in Sachsen eine neue Heimat. Nach der Schule lernte er Buchhändler in einer Delitzscher christlichen Buchhandlung.
Anschließend Fachschule für Buchhändler in Leipzig, Studium Germanistik und Kulturtheorie an der Karl – Marx – Universität Leipzig, nachfolgend Wirtschaftsrecht an der Humboldtuniversität Berlin. Nach mehreren Stationen im Buchhandel der DDR, wurde er 1982 Direktor des Volksbuchhandels im damaligen Bezirk Leipzig. 1986 wurde er zunächst Direktor und nach der Wende 1989/90, bis zu seinem Ruhestand 2oo9, geschäftsführender Gesellschafter der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG).
Ihm und seiner Führungsmannschaft gelang es, durch geschicktes Management und Glück, das mit 1.200 Beschäftigten einstmals größte Zwischenbuchhandelsunternehmen Europas vor der beabsichtigten Abwicklung durch die Treuhand zu bewahren. Nach der Privatisierung über ein Management by out, gelang es, das Unternehmen LKG neu aufzustellen und am gesamtdeutschen Markt zu etablieren. Wenige Jahre später war es bereits zu einem der ostdeutschen Vorzeigeunternehmen geworden. Der Autor gehört zu der überschaubaren Gruppe sehr erfolgreicher Manager mit ausschließlicher DDR-Biografie.
Als Ausgleich zu seiner stressigen Managertätigkeit fing Petry bereits vor der Wende an Bücher zu schreiben, die aber erst danach in zwei Leipziger Verlagen erschienen sind. Sein Hauptthema ist immer gleich: Die schicksalhaften „Umbrüche“ in der Deutschen Geschichte und deren Auswirkungen auf die nicht direkt beteiligten aber betroffenen Menschen. Dazu gehören: „Ostpreußen“, eine vergessene Geschichte (1996); „Das Monopol“ (2001); „Löbnitz, ein Dorf in Deutschland“ (gemeinsam mit Frau Dr. König, 2009) „Subordination“ (2012); „Die baltischen Barone“ (2012); „Umgestaltung“ (2013).
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelzeichnung: Sammlung Lutz Nitzsche Kornel
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
„Gegensätze von vernichtender Gewalt – dass er sie
so lange ertrug, lässt sich nur mit dem Gehaltenwerden
durch noch zu schreibende Werke erklären.“
(Günter Kunert, über E. A. Poe, 1974)
Für Jutta
Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Zitat/Widmung
Der Beginn
In memoriam
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
XXXVII
Prolog
Dank
Der Beginn
Es war an einem Montag und wir fuhren nach Leipzig, um uns zum ersten Mal an einer Protestdemonstration zu beteiligen. Wir, das waren neun Kollegen aus unserem Wolfener Kombinat. Vier davon aus meiner Brigade „Stromschnelle“. Treffpunkt wäre die Nikolaikirche im Zentrum der Stadt, hatte man uns erzählt. Wir gingen dorthin. Die Kirche war etwa zur Hälfte gefüllt. Männer, meist jüngere, Frauen und Kinder in allen Altersstufen. Es war still. Der Pfarrer erhob sich und sprach ein kurzes Gebet. Wir saßen hinten. Trotzdem verstand ich jedes Wort. Wir waren noch erregt. Auf dem Weg zur Kirche waren wir an großen Gruppen Volkspolizei vorbei gekommen. Sie hielten sich in den Nebenstraßen auf. Zweimal hatten sie versucht, uns abzudrängen, aber recht lustlos. Dienst nach Vorschrift würde es heute heißen. Als wir ruhig aber fest auf unserer Absicht beharrten, durften wir passieren. Was wäre wenn …, dachte ich trotzdem! In der Kirche sah ich mich um. Ernst in den Gesichtern, Entschlossenheit auch. Ein Block junger Männer fiel mir auf. Man konnte erraten, welcher Passion sie angehörten, durch ihre unbehaglich wirkende Körpersprache. Dann marschierten wir los. Nicht alle folgten dem Zug. Demonstranten waren es etwa 500, vielleicht auch weniger. Einige mit Transparenten. „Keine Gewalt“ las ich auf mehreren. Unklar, ob das eine Mahnung zur Disziplin an die Demonstranten war oder ein Signal an die Gegenseite oder beides. Die Volkspolizisten bewegten sich langsam auf die Demonstranten zu, taten aber nichts. Doch sie waren präsent und deutlich in der Überzahl. Einige trugen Zivilkleidung. Schweigend setzte der Zug seinen Marsch fort. Ein paar verließen ihn, als sie das Polizeiaufgebot sahen. Die Mehrheit blieb. Am Hauptbahnhof wollte auch ich ausscheren. Ich zögerte aber und sah in die Gesichter meiner Kollegen. Plötzlich ein Lautsprecher: „Hier spricht die Deutsche Volkspolizei!“ Kurze Pause. Der Sprecher musste sich wohl erst konzentrieren. Doch bevor er mit seiner Ansage einsetzen konnte, schrie jemand: „Wir sind das Volk!“ Wieder eine kurze Pause. Überraschung! Dann griffen mehrere den Ruf auf: „Wir sind das Volk“, und dann plötzlich ein Ruf wie Donnerhall: „WIR SIND DAS VOLK.“ Mir laufen heute noch Schauer über den Rücken.
In memoriam
So fing es an. Es war der Tag, an dem ich den Einstieg fand in das, was man heute die „Friedliche Revolution“ nennt. Wenn du meine ungeordneten Selbstbetrachtungen einmal in die Hand bekommen solltest, werde ich „die schönste aller Welten“, wie sie ein französischer Dichter, dessen Name mir leider entfallen ist, einst ironisch nannte, bereits verlassen haben. Es wäre eine Lüge, wollte ich behaupten, dass ich dem Unausweichlichen gelassen entgegen sehe. Nein, manchmal packt mich die Angst, dann wieder die Resignation, meist aber ist es nur eine unglaubliche Leere. Besonders wenn ich darüber nachdenke, was von den über siebzig Jahren, die ich auf dem Boden unseres teuren Vaterland zugebracht habe, aufzeichnungswürdig sein könnte. Viel ist es nicht. Nichts für andere, wenig für mich selbst. Doch das ist wohl nichts Besonderes. Ja, ich hatte mir noch manches vorgenommen. Es wird unerledigt bleiben! Kein Problem! Bedenke ich, was für Unfug, Eitelkeiten und Lügen heute täglich in die Welt gesetzt werden, dann, mein alter Freund, muss man dem nicht unbedingt noch etwas hinzufügen.
Vor einigen Jahren habe ich begonnen, Tagebuch zu führen und Briefe zu schreiben, die ich niemals abschickte. Warum? Weil ich es für mich aufschrieb, was ich schreiben wollte. Du erinnerst dich, dass du mir das einmal vorgeschlagen hast? Der Gedanke gefiel mir damals. Heute auch noch. Deshalb habe ich tatsächlich irgendwann damit begonnen. Das war, als es mir schlecht ging. Später, rückblickend, habe ich dieses und jenes sogar ergänzt. Ich weiß, es war meine Flucht aus einer Welt, die mir immer unverständlicher wurde.
Und jetzt, in Sichtweite meines Abschieds, trage ich alles zusammen. Nein, kein Buch, eher ein paar Aufzeichnungen für meine Selbstfindung, mehr ist es nicht, soll es auch nicht sein. Deshalb habe ich auch Jana nicht gebeten, dir die Geschichte meines Nachwendelebens zu übergeben. Doch sie wird es tun. Da bin ich fast sicher. Tut sie es nicht, ist es auch gut. Erledigt! Falls aber doch, dann betrachte das Aufgeschriebene bitte als Erbteil deines mehr oder weniger gescheiterten Freundes.
Noch ein Wort zur Sprachlosigkeit. Eine Eigenschaft, die ich mit unserer letzten DDR-Regierung gemeinsam hatte. Sie in ihrer letzten Phase, ich in meiner ersten. Es steckt eben mehr in uns als Erinnerungen.
Gedanken sofort in Sprache umzusetzen, ist mir nicht gegeben. Daher die Tagebücher und deshalb die nicht abgeschickten Briefe. Ja, sprechen wäre leichter gewesen und richtiger auch. Nur, mit wem hätte ich sprechen sollen, außer mit dir? Du aber warst nicht greifbar. Nicht, wenn ich gerade einmal reden wollte. Mit Jana, meiner Frau? Mit ihr hätte ich sprechen müssen. Selbstverständlich! Aber früher, viel früher, nicht erst, als wir uns fremd und fremder wurden. Und erst recht nicht, nachdem ich ein viertel Jahrhundert meine Gedanken dem Papier anvertraut hatte. Jetzt geht es nicht mehr. Mir bleibt nur das Papier.
Hätte, könnte, würde! Wer spricht schon gern über das, was einen bedrückt? Ich konnte mich einfach nicht entschließen, das Maul aufzumachen, frei nach Martin Luther. Schreiben ist einfacher. Papier widerspricht nicht. Deshalb flüchtete ich in „mein Reich“, immer dann, wenn es kompliziert wurde. Und kompliziert war es eigentlich immer für mich. Deshalb blieb das Papier mein schweigender Beichtvater, nur das Papier. Ein viertel Jahrhundert! In schweren und auch in guten Stunden. Die Briefe, die ich geschrieben habe, die meisten an dich, waren immer für mich selbst bestimmt. Abgeschickt habe ich keinen. Warum? Ich sagte es ja, weil ich keine Antworten wollte. Die gibt es nämlich nicht. Dann kam sie, die tückische Krankheit, die mir das Ende ankündigte, unerbittlich und in relativ kurzen Etappen. Jetzt geht es nicht mehr, selbst wenn ich wollte.
Also wenn Jana sich so verhält, wie ich es annehme und wünsche, bekommst du nicht nur meine konfusen Gedanken, Notizen, Briefe und Aufzeichnungen in sieben Ordnern, sondern sie bereits aufgearbeitet. Gewiss, ein nachträglicher Spaß wäre es schon, zu wissen, dass du dich durch all das durchfressen musst, was ich in 25 Jahren zusammengetragen habe. Aber du bist ja mein Freund. Deshalb nehme ich dir viel Arbeit ab und verarbeite die Aufzeichnungen selbst in diese Skizze. Vorausgesetzt, meine Zeit reicht. Die Originale zu lesen, bleibt dir ja unbenommen.
Das Aufgeschriebene ist vor allem für Jana bestimmt. Wenn du es gelesen hast, wirst du wissen, warum. Für dich natürlich auch, denn du sollst mein Ansprechpartner sein und mein Medium. Vielleicht kannst nur du Jana dazu bringen, die kurzen Aufzeichnungen zu lesen. Als Erklärung. Mir würde viel daran liegen. Auch das gehört zu meinem Vermächtnis. Es ist nur schwer, den richtigen Einstieg zu finden. Vielleicht beginne ich unkonventionell, wechselnd mit dem Anfang und dem Ende? Egal! Du wirst mich schon verstehen.
Freunde sind wir seit dem Jahr 1947, wenn ich mich recht erinnere. Was für eine Zeit … Wie es dazu kam, habe ich vergessen. Es ist auch unwichtig. Wir waren und blieben es, abgesehen von kurzen Unterbrechungen in der Sturm-und-Drang-Zeit. Meist war die Ursache ein hübsches Mädchen, für das wir uns beide interessierten. Sie sich aber meist nicht für einen von uns, sondern für irgendeinen Dümmling. Na ja, das passiert eben. Gut so! Denn so blieben die Zerwürfnisse kurz, unsere Freundschaft lang.
Mit Prognosen war ich schon in der Schule nicht der Stärkste. Dazu fehlte mir die Fantasie. Doch ich schätze, zwischen dem Anfang und dem unausweichlichen, weil biologisch bedingtem, Ende unserer Freundschaft werden so annähernd siebzig Jahre liegen. Keine einfachen. Es sind wenige Menschen, denen es vergönnt ist, so lange „eines Freundes Freund zu sein“, wie der Dichter sagt, diesmal ein deutscher.
Seit einiger Zeit weiß ich, dass ich unheilbar krank bin. Vor Jana und unserem Sohn Waldemar Henry habe ich es lange verschwiegen, genau wie vor dir. Ja, manchmal hätte ich schon ganz gern darüber reden wollen. Du kennst sie ja sicher selbst, die Momente des Selbstmitleids, die abends einsetzen, etwa so nach dem fünften Gläschen. Manchmal zumindest! Doch nein, sagte ich mir, es bringt absolut nichts, Menschen, die einem nahe stehen, mit eigenen komplizierten Problemen zu belasten. Das bleibt meine Meinung, denn es ist zu spät, sie zu ändern.
Gesprochen habe ich manchmal über mich und das Ende mit Katarina. So heißt meine angehende Schwiegertochter. Sie ist ein Glücksfall für mich, denn sie fühlt meine tiefe Trauer, mein eigenes Unvermögen, und sie verlangt keine Erklärungen. Eine Seelenverbindung könnte man sagen! Ja, so etwas gibt es. Das erlebe ich gerade. Warum der HERR aber gerade diese und nicht jene Seelen verbindet, weiß ich nicht! In der Bibel fand ich dazu keine Antwort. Ich denke, es ist ein von der Vorsehung installierter Ausgleich dafür, dass heutige Ärzte keine Wunder mehr vollbringen können. Sie können es nicht, weil uns der Glaube an Wunder abhandengekommen ist in der Marktwirtschaft. An Wunder wollen wir nicht glauben, dafür an Hightech und sonstige Geräte. Wir verachten den Teil des Schamanismus in der Medizin, akzeptieren es aber, dass der Arzt zum Unternehmer geworden ist, kaum anders als der Manager, der Fleischer oder der Schweinezüchter. Die Zeit ist zu Geld geworden. Die Ethik zum leeren Begriff.
Na, ich will nicht meckern. Mein Hausarzt heuchelte nicht. Sein Gesicht sagte mir mehr als tausend Worte, als er es endlich vom Computer ab- und mir zuwandte. Den Rest sprach er dann doch aus, hart aber ehrlich. „Nichts mehr zu machen, mein alter Heinrich!“ Das war das Wesentliche. „Ein paar Wochen noch, vielleicht auch Monate. Niemand kann ewig leben. Also nutze die dir bleibende Zeit.“ – „Heilmöglichkeiten?“ Ich fragte es der guten Ordnung halber, nicht weil ich noch Hoffnung hatte. Er schüttelte langsam seinen Kopf. Nie ist mir etwas so endgültig vorgekommen wie dieses Kopfschütteln. Nach dem ersten heftigen Schock war ich ihm dankbar. Nichts ist schwerer zu ertragen als Lügen, höchstens Mitleid. Also warten. Tröstliches fügte er dennoch hinzu: „Mit etwas Glück kannst du noch vier bis sechs Wochen mit erträglichen Schmerzen leben. Was dann kommt heißt Morphium, und wie lange das hilft, weiß der HERR allein.“ Interessant, in welchen Zeiträumen man denken lernt.
Es ist Zeit, die letzte Bilanz zu ziehen. Freunde sind wir sechs Jahrzehnte und ein paar Monate dazu. Wir blieben es, auch als die Welten, in denen wir uns bewegten, immer verschiedener wurden. Dass Freundschaften den Einsturz einer Gesellschaftsordnung überdauern, kommt sicher auch heute noch vor. Doch geschlossen werden sie nach dem Nützlichkeitsprinzip, beendet ebenfalls. Dass unsere Freundschaft den Aufstieg des Einen und den Fall des Anderen überdauerte, dürfte einmalig sein oder zumindest beinahe. Bleib mir gewogen! Ich weiß, dass ich zeitweilig für mein Umfeld, meine Frau, meinen Sohn, auch für meine Schwiegertochter, diesen oder jenen Hauswirt, Nachbarn, Kollegen und auch für dich, ein schwieriger Fall war. Besonders dann, wenn ich mit mir selbst haderte. Und wann tat ich das nicht? Entschuldige, jetzt werde ich sentimental. Hören wir auf! Du hast mich schon verstanden und jetzt fange ich an mit der Geschichte meines Versagens.
I
Nach der Umgestaltung 1989/90 gab es in unserem teuren Vaterland schnell richtige Gewinner und richtige Verlierer. Klar, das ist schließlich das Ziel einer jeden Revolution. Wollte man etwas anderes, müsste man ja nicht revolutionieren. Aber die unten wollen hoch, die oben müssen deshalb runter. Anders geht es nicht. Das ist das Ziel wohlgemerkt. Diesmal allerdings verlief alles entgegen den logischen Revolutionsspielregeln. Gewinner wurden die Unbeteiligten, Verlierer die, die die Revolution in Gang gesetzt hatten. Nein, ganz gegen die Regeln ist das auch nicht! Richtig! Nur, wir hatten es wieder einmal vergessen.
Ich gehöre, wie könnte es anders sein, zu den Verlierern. Nicht weil ich auf der falschen, sondern weil ich auf der richtigen Seite stand. Wie habe ich sie mit aller Kraft herbeigesehnt. Nein, nein, nicht diese „Friedliche Revolution“, die wir dann bekamen, sondern durchgreifende politische Veränderungen. Mehr nicht, weniger aber auch nicht. Eine Utopie, gewiss, deshalb bin ich über das, was kam, auch so traurig. Doch logisch war es schon, das, was kam. Jedes Kind ab der fünften Klasse in der DDR hätte es aufsagen können. Keine Theorie, keine Führung, kein Sieg! Punkt.
Wir sahen nur, dass es so, wie es war, nicht weitergehen konnte. Mehr nicht.
Und so gewinnt man keine Revolution, als Beteiligter nicht, auch keine friedliche. In der Revolutionstheorie Lenins soll das sogar so drinstehen, habe ich einmal gehört, falls ich mich recht erinnere. Weil es von dem war, musste es ja falsch sein, dachten wir damals. Gelernt haben wir es alle, geglaubt haben wir es nicht. Ihm nicht, dem schlauen kleinen Revolutionspraktiker, und unseren Lehrern auch nicht. Doch ab und zu beliebt es der Geschichte eben, sich im Kuriositätenkabinett zu bedienen. Wie haben wir über die These „von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ gestritten und auch gelacht. Nun wissen wir es, manchmal stimmt eben auch eine These über die gelacht wird.
Entschuldige bitte, mein alter Freund, dass ich dich mit Allgemeinplätzen langweile. Die muss ich aber ausgraben, vor allem um mich vor mir selbst zu rechtfertigen. Es muss doch Gründe dafür geben, dass ich, und nicht du, von einer Katastrophe in die nächste stolperte. Im Grunde meines Herzens habe ich dich ja manchmal um die Gunst des Schicksals, das man auch Glück nennt, beneidet. Dieses Glück hatte ich nie. Nur einmal, als ich Jana kennenlernte. Aber sonst? Du wurdest als Sonntagskind geboren, ich nicht! Und Sonntagskinder, davon bin ich überzeugt, sind von der Natur mit Genen ausgestattet, denen das Glück ein Leben lang die Treue hält. Zumindest wenn sie es nicht überstrapazieren. Alles, was du angefangen hast, gelang, was ich anpackte, ging schief. Aber klammert Glück allein schon die persönliche Verantwortung für einen selbst aus? Ich weiß es nicht!
Hinter dieser Feststellung verbirgt sich kein Neid, nicht einmal ein winziger Vorwurf. Chancen sind im Leben nie gleich verteilt. Bei uns waren nur die Startbedingungen in etwa gleich. Bei mir vielleicht sogar noch etwas besser. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten wollte, dass ich keine Chancen gehabt hätte nach dieser Umgestaltung. Davor unbenommen. Nur, mir fehlte einfach das Talent, mich mit dem Schicksal zu verbünden. Ja, vielleicht fehlten mir außerdem der Ehrgeiz und die Fähigkeiten, meine Chancen zu erkennen und zu nutzen. Schwamm darüber, denn jetzt ist es zum Lamentieren zu spät. Lass uns also, bevor ich zum Eigentlichen komme, noch einen Blick zurückwerfen auf die Ausgangssituation.
II
Nein, einen existentiellen Grund zum Revoltieren gab es eigentlich auch in der Endphase der DDR nicht. Niemand hatte Hunger im „real existierenden Sozialismus“. Brot war konstant sogar billiger als Getreide, Brötchen auch, und beides gab es immer. Stundenlang zur Arbeit pendeln musste auch niemand, weil die Neubaugebiete in der Nähe der Arbeitsplätze entstanden. Gemüse und Obst gab es ebenfalls. Na schön, aus heutiger Sicht gelten Rot- und Weißkohl, eine Apfelsorte und ein Dutzend Konserven nicht gerade als breit und tief gestaffeltes Obst- und Gemüsesortiment. Von der verfügbaren Menge je Verbraucher, Tonnage genannt, stimmte es schon, das Angebot. Klar, die innere Struktur! Aber die ist eine individuell empfundene Größe. Im sozialistischen Grundmodell weiter im Osten war das Niveau der DDR schon erstrebenswert. Hier dagegen mehr das unserer Brüder und Schwestern im Westen. Denn „das (die) im Dunkeln sieht man nicht“, schreibt wieder ein anderer Dichter, einer, der sicher auch bald vergessen sein wird.
Klar, Devisen für Importe waren knapp im „real existierenden Sozialismus“ und über Schlamperei schwieg man besser und begründete es damit, dass Obst und Gemüse nun einmal in unseren Breiten bei Frost nicht wachsen. So als hätte sich der siebirische Dauerfrost mit dem Gesellschaftssystem gleich bis zur Elbe ausgebreitet. Irgendwie vielleicht schon? Ja, das Vitaminangebot hätte besser sein können, zugegeben, aber tritt man deshalb gleich eine Revolution los? Unsere vom Skorbut geplagten Vorfahren kamen mit weit weniger aus, wie übrigens heute noch die größere Hälfte der Weltbevölkerung. Und die revolutionieren auch nicht gleich los, oder sagen wir, nicht immer. Das kann er also nicht gewesen sein, der Grund für das plötzliche Aufbegehren in der DDR.
Dursten musste auch niemand in der DDR, wenn ich mich verständlich ausdrücke. Und für weitere Bedürfnisse gab es ja immer noch die Kirche und die Gewerkschaft. Erstere war zuständig für die Seele des Volkes, zumindest für den Teil, der noch wusste, was das sein könnte: Seele! Letztere, im weitesten Sinne des Wortes, mehr für den Körper der Werktätigen. Dafür, dass sie friedlich blieben, die Volksmassen, und glaubten, dass die sozialistische Gesellschaft die höhere sei, die den Kapitalismus demnächst ablösen würde. Nicht sofort zwar, aber irgendwann bestimmt. Das schien sicher, deshalb brauchte man keine Reformen und auch keine Anpassungen an die Weltentwicklung. Wir waren es ja, die Erben des Manifests, nicht die da! Das wurde den Werktätigen geduldig erläutert. In Schulen, Universitäten, Parteischulen, Arbeitsbesprechungen, manchmal sogar auf Kampfdemonstrationen, Versammlungen während der Arbeitszeit, aber auch bei der Vergabe von Ferienplätzen oder Wohnungen. Komisch, warum blieb da nichts hängen?
Die Einheitsgewerkschaft garantierte die Vollbeschäftigung und dafür, dass Hinweise und Beschwerden der Werktätigen, über die Geschäftsleitung oder worüber auch immer, in den Gewerkschafts- und Parteigruppen zwar nicht behoben aber beraten wurden. Nicht wenige Völker der Welt haben uns auch um diesen Standard beneidet. Eine revolutionäre Situation sieht deshalb eigentlich anders aus. Schon Napoleon sagte einst zu seinem schlauen Minister, dem Fürsten Talleyrand-Périgord, dass er nur eine Revolution fürchte: die der leeren Mägen. Na und leere Mägen gab es nicht, trockene Kehlen genauso wenig. Was wir wollten, sei die Freiheit gewesen, behauptet unser Herr Bundespräsident. Ich dagegen bin überzeugt, dass viele Vieles wollten, die meisten aber die D-Mark. Das war sie, die eigentliche, die große Freiheit, wie … nein, lassen wir das Spekulieren!
Bleiben wir zunächst bei den kleinen Freiheiten, die in den Betrieben. Dort arbeitete die Gewerkschaft die allgemeinen Missfallensäußerungen der Werktätigen über alles und jedes ab. Insofern war sie wichtig, die Gewerkschaft, besonders wenn es in den Betrieben des Volkes brodelte. Angeheizt wurde die wachsende Unzufriedenheit natürlich durch das Westfernsehen. Das wussten wir. Aber auch die von Westreisen zurückkehrenden Rentner zeigten dafür, dass sie in den Westen reisen durften, keine Dankbarkeit, sondern schimpften wie Rohrspatzen auf Partei und Staat, die ihnen das erst ermöglicht hatten. Überhaupt wurde in der DDR immer mehr gemeckert. Diesen Unmut zu kanalisieren, war eine indirekte Aufgabe der Gewerkschaft. Das tat sie durch stundenlanges Palavern mit den Meckerern. Natürlich während der Arbeitszeit. Trat der Feierabend ein, gaben die Meckerer meist auf und entschieden, dass das Problem als gelöst betrachtet werden konnte. Warum gerade mit dem Feierabend? Weil im Arbeitsgesetzbuch der DDR geschrieben stand: „Schöpferische Auseinandersetzungen sind mit den Werktätigen zu führen.“ Von unbezahlten Überstunden zum Lamentieren stand darin nichts.
Entgegen der allgemeinen Annahme, besonders im Westen unseres Vaterlandes, gab es auch viele Kirchen in der DDR. Jedenfalls mehr als gefüllt werden konnten durch die Gläubigen. Das lag daran, dass sie, die Kirchen, eher unter der „nicht arbeitenden Bevölkerung“ wirkten. Die Damen und Herren Pastoren wollten sich einfach nicht den bewährten Praktiken der SED und ihrer Gewerkschaft anschließen und während der allgemeinen Arbeitszeit predigen. Sie änderten nichts und predigten stur weiter außerhalb der regulären Arbeitszeit. So als hätte sich nichts geändert im Staat des Saarländers. Kein Wunder, dass die Kirchen meist leer blieben. Man stelle sich nur einmal vor, Partei und Gewerkschaft hätten ihre Versammlungen nach dem offiziellen Feierabend organisiert! Dann wären ja die Kirchen besser als die Versammlungsräume gefüllt gewesen. Undenkbar!
Bezahlt wurden die Prediger aber alle vom Staat. Egal was sie predigten. Die Pastoren in den Kirchen, die Parteisekretäre in den Betrieben und die zahllosen hauptamtlichen Gewerkschafter auch. Nicht nur durch unsere unfreiwilligen Mitgliedsbeiträge. Erhalten wurden Kirchen vom Staat ebenfalls. So wie er die übrige Bausubstanz erhielt. Besser nicht, schlechter auch nicht. Einmal riss man auch eine Kirche ab. Das war in Leipzig und eine dümmliche Demonstration der Macht war es ganz besonders. Darüber wurde dann viel geschimpft. Sehr zu Recht. Dummheit muss eben bestraft werden, so oder so! Es gab aber auch neu gebaute Kirchen in der DDR, in Leipzig auch, sogar mehrere, aber über die redete man nicht. Höchstens über Mormonentempel, jüdische Synagogen und mohammedanische Moscheen. Ja, alles das wurde gebaut. In dieser Beziehung zumindest ging alles relativ gerecht zu in der DDR.
Ach ja, die Partei- und Staatsführung der DDR war schon ein stolzer Verein. Das heißt die Genossen waren stolz auf sich selbst, aber auch das ist ja eine Form von Stolz. Lange waren alle damit zwar nicht glücklich aber zufrieden. Ansonsten kümmerte sich jeder um seins. Jedenfalls ist es eine nachträgliche Erfindung der Altdissidenten, dass man keine kritische Meinung in der DDR haben durfte. Alles Quatsch, man sollte es sogar. Natürlich nicht gerade über die Partei, weil die ja immer recht hatte. Das wusste jeder und die meisten beachteten es auch. Die Regierung durfte man dagegen schon kritisieren, wenn sie, die Kritik, keinen allzu politischen Hintergrund hatte, gemäßigt vorgetragen wurde und ihr, der Regierung, zuvor genügend Erfolge zumindest aber positive Absichten bescheinigt wurden. Danach blieb dann meist alles so wie es war.
Bei Kritiken an den Firmenchefs und den sonstigen betrieblichen Leitern musste man keine Zurückhaltung üben. Im Ton nicht und auch nicht in der Sache. Die waren schuld an allen Missständen hieß es, nicht die Partei, die Regierung auch nicht. Doch in den Betrieben sollten die Anregungen und Hinweise der Werktätigen ernst genommen und beachtet werden. Auch das stand im Arbeitsgesetzbuch. Ich jedenfalls, als davon Betroffener, habe das kennengelernt, als ich die Politik von Partei und Regierung meiner Elektrikerbrigade in den noch zu beschreibenden „Arbeitsbesprechungen“ immer wieder positiv erläuterte. Gab es trotzdem Unmutsbekundungen an diesem oder jenem in der Firma, musste die Disziplin natürlich nach der Aussprache sanft wiederhergestellt werden. Der dafür gut geeignete Zeitpunkt, fand ich schließlich heraus, war die Quartalsprämienverteilung. Die Beratung darüber fand im Zusammenhang mit der Auswertung des sozialistischen Wettbewerbs in den Arbeitsberatungen statt. Da blieb der Ton gedämpft und Meckereien uferten nie aus. Waren sie verteilt, die Prämien, gingen wir zu den „kollektiven Gesamtinteressen“ über. Um diese „kollektiven Gesamtinteressen“ richtig zur Wirkung kommen zu lassen, wurde zu gegebenen Anlässen ein Schild mit der Aufschrift „Arbeitsbesprechung! Bitte nicht stören“ an die Tür unseres Aufenthaltsraumes gehängt und auch respektiert, zumindest fast immer. Leider war es dann so, dass irgendwann die Geschäftsleitung unseres Betriebes, die von vor der Wende natürlich, den Verkauf von Bier und Schnaps im Betriebskonsum untersagte. Natürlich belastete eine solche Entscheidung das Betriebsklima in den Kombinaten. Es ist vielleicht übertrieben, aber ich behaupte, dass es einer der Nägel für den späteren Sarg der DDR war. Daraus zum Beispiel hätte auch unser Kumpel Gorbi lernen können. Dann hätte er den Russen nicht das Saufen verboten. Ja, auch von der DDR lernen, kann siegen lernen bedeuten.
Das kannst du dir vielleicht nicht vorstellen, weil du ja nie in einem sozialistischen Großbetrieb unter, sondern nur über den Werktätigen gearbeitet hast. Und das, mein Lieber, ist eine ganz andere Perspektive. Wir lösten zwar das Problem, indem wir schweren Herzens „das Benötigte“ schon abends in den Heimatorten einkauften und früh mit in den Betrieb brachten. Doch das war ein Verstoß gegen die Arbeitsordnung und hätte nicht sein müssen.
Warum brach sie dann aber wirklich so plötzlich aus, die „Friedliche Revolution“? Ganz einfach zu sagen, erklärt man uns heute. Die Dissidenten leisteten Grundlagenarbeit. Der Staat war ein Unrechtsstaat! Und die Stasi ein Unterdrückungsinstrument! Und die Regierung unfähig! Und die Partei diktatorisch. Und das Volk wollte die Freiheit! Und die Wirtschaft war marode! Und die Presse war eine Lügenpresse! Nein! Stopp, stopp, stopp! Das kam ja erst später. Hören wir lieber auf, bevor wir uns verrennen! Nein, nein, es war durchaus nicht alles schlecht im „real existierenden Sozialismus“. Die garantiert sicheren Arbeitsplätze zum Beispiel. Hätten alle gewusst, wie die Arbeitsbedingungen im Westen wirklich waren, wer weiß …? Ich weiß es jetzt und eins ist sicher, dafür ginge ich nie mehr auf die Straße. Aber die Demonstranten gingen damals auch von anderen Zielen aus, obgleich sie auf keinem Plakat zu finden waren. „Wie im Osten arbeiten und wie im Westen leben“ zum Beispiel. Auch heute wird das noch keiner zugeben. Schwamm darüber. Rahmenkollektivverträge galten für alle und das wirklich. Leiharbeiter dagegen gab es überhaupt nicht, höchstens ein paar internationale aus Polen oder Vietnam, aber die mussten zurück, wenn die vereinbarte Ausleihzeit abgelaufen war. Und so etwas wie Hartz IV kannte man auch nicht! Aber das kam ja dann, später. Na schön, für irgendetwas mussten wir ja auf der Straße gewesen sein.
Überhaupt das Volkseigentum! „Man kann aus den Betrieben noch viel mehr rausholen“, lehrte uns die Partei und die Werktätigen setzten die Losung um. So, wie sie sie verstanden. Zur Arbeit wurden wir sogar mit dem Bus gefahren. Zurück ebenfalls. Umsonst natürlich. Da waren aber wenigstens alle zur gleichen Zeit da. Und abends hörten alle zugleich auf. Wer wollte schon laufen? Das ganze hieß geregelte Arbeitszeit. Wo sind sie geblieben, die hart erkämpften Privilegien der Arbeiter?
Na ja, die Privilegien! Eigentlich müsste man ja anders fragen. Warum sollte es das noch geben? Damals verdienten ja fast alle das Gleiche, heute ist es nicht mehr ganz so. Und wer heute schon Arbeit hat, soll gefälligst sehen, wie er da hinkommt. Das ist nur gerecht. Die Arbeitslosen werden schließlich auch nicht umsonst kutschiert, um ihre Stütze abzuholen. Und früher, in der DDR, gab es das ja nicht: Arbeitslose und Arbeitsämter. Es geht etwas durcheinander, mein alter Freund, ich weiß das, aber versteh mich bitte, ich muss für mich selbst erst herausfinden, was uns 1989 eigentlich so plötzlich auf die Straße getrieben hat. Scheinbar war ja alles in Ordnung im Staat mit dem Saarländer an der Spitze. Wer einige Jahrzehnte später in der damaligen Presse, nicht nur der im Osten, nachliest, was da so berichtet wurde über das zehntgrößte Industrieland der Welt, wird den Eindruck jedenfalls bekommen.
Und dann plötzlich wollte es das alles so nicht mehr, das undankbare Volk, und begab sich auf die Straße, um Freiheit einzufordern. Ich auch und sogar besonders freudig. Freiheit bedeutete, dass es anders werden sollte im „real existierenden Sozialismus“. Was genau alles anders werden sollte, war nicht ganz klar. Nicht alles jedenfalls, aber vieles, und diesen Forderungen schlossen wir uns an. Wir, das waren die Werktätigen unseres Kombinats. Ich auch und meine Kumpels aus der Betriebselektrikerbrigade „Stromschnelle“, die ich leitete. „Auf nach Leipzig zur Demo“, scholl ein Ruf wie Donnerhall durch die Betriebe! Und wir fuhren demonstrieren! Ja, sogar nach Leipzig und auf eigene Kosten. Zum ersten Mal so richtig freiwillig, wenn ich mich recht erinnere, und sogar nach der regulären Arbeitszeit, am Anfang zumindest, und das war auch gewöhnungsbedürftig.
Wochenlang waren wir an jedem Montag in Leipzig um den Ring marschiert. Erst ein Häuflein voller Neugier, Mut und Angst zugleich, dann wurde daraus ein Haufen, bei dem die Angst nicht kleiner war, der Mut aber wurde größer und das Gefühl, etwas ändern zu können, mächtig. Zu vorletzt demonstrierte wirklich das Volk. Aber wie sagte schon ein schlitzohriger englischer Politiker? „England darf in einem Krieg jede Schlacht verlieren, nur die letzte nicht.“ Hätten wir das nur beherzigt. Was war das für ein herrliches Gefühl damals, den Schulterschluss der Unzufriedenen zu spüren und im Chor hinüberzurufen zu den Mächtigen, dass wir es sind, das Volk, das gehört werden wollte. Erst riefen wir leise, dann lauter, schließlich machtvoll: „WIR SIND DAS VOLK!“ Ein Volk riefen wir nicht. Damals nicht. Das kam später. Dieser Ruf war nicht der unsere. Wer von den Gutmenschen ihn übernommen und demagogisch eingebracht hat, wird wohl nicht mehr zu ermitteln sein. Übernommen hat derjenige oder diejenigen ihn jedenfalls von Hitler. Geprägt hat der den Begriff. Das ist erwiesen, wenn er es auch nicht in Gedanken an die Demos von ’89/90 getan hat. Und zwar prägte er ihn am 4. Dezember 1930 in einer programmatisch, demagogischen Rede vor Studenten der Berliner Technischen Hochschule (abgedruckt: „Völkischer Beobachter“ vom 9. Dezember 1930). Doch das ist eine andere Geschichte. Überhaupt sollte man mit Begriffen nicht gar so spitzfindig umgehen. Schließlich ist auch die Wortschöpfung „Volksrepublik“ von Hitler. Den Begriff prägte er am 2. August 1938 in seiner Rede zum Richtfest der Neuen Reichskanzlei, gehalten in der damaligen Deutschlandhalle. Na ja, man kann ja nicht alles wissen als Lenker. Und wir, die einfachen Demonstranten, wollten nur, dass es besser wird. Nicht alles, aber vieles! Deshalb achteten wir nicht so genau auf Wortspiele. Hätten wir es nur beherzigt, dass wir es waren, das Volk, denn bald kam doch alles ganz anders.
III
Bevor ich weitererzähle, stelle ich mich vielleicht lieber erst vor. Nicht dir, mein Freund, denn du und ich, wir kennen uns. Vielleicht aber denen, die das doch einmal zufällig lesen! Vieles kann passieren. Meine letzte Chefin zum Beispiel, die hat mich sogar um ein Buch gebeten, sollte ich doch noch einmal eins schreiben. Nun, das schaffe ich jetzt nicht mehr. Solltest du aber vielleicht, oder sonst wer … dann vergesst sie bitte nicht.
Vorgestellt versteht man sich besser. Also, Heinrich Paschke ist mein im Pass eingetragener Name. Meine Freunde und Kollegen nennen mich Heinz. Meine mir angetraute Frau Gemahlin ebenfalls, nur manchmal, wenn sie wütend auf mich ist, nennt sie mich Heini. Das kam vor der Wende aber selten vor, denn wir waren ein glückliches Paar. Auch im ’89er Herbst noch, als diese Geschichte begann. Damals war ich 48 Jahre alt, meine geliebte Frau Jana fast 39 und unser gemeinsamer Sohn Waldemar 21. Der war unstrittig unser gemeinsam erschaffener, ein wenig renitenter, Sprössling. Bis auf seinen Namen. Den hatte er von seinem Großvater und ihn legte er am Tag seiner Volljährigkeit eigenmächtig ab. 150 Mark der DDR hatte die Namensänderung gekostet und geborgt hatte er sie sich unter scheinheiligen Vorwänden von eben diesem seinem Großvater, der ebenfalls Waldemar hieß und der nebenbei auch mein Vater war. Das vergaß er zwar manchmal und ich oft, denn lieben gelernt hatten wir uns nicht.
Durchgesetzt auf dem „Amt für Personenstandswesen“, wie in der DDR die Standesämter genannt wurden, hatte er die Namensänderung selbst, unser Waldemar. Das heißt fast. Seinen ihm von uns angedienten altdeutschen Namen wollte er nicht mehr tragen. Nein, wahrscheinlich nicht aus politischen Gründen, sondern aus Eitelkeit. „Wer heißt denn noch so, außer mir und meinem Opa?“ Was er da fragte, war auch nicht ganz falsch.
Heinrich wollte er künftig heißen. Das ist zwar auch ein altdeutscher Name, aber der Dramatiker Kleist hieß so, argumentierte Waldemar. Der Dichter Heine auch und der Schriftsteller Mann, einer von den vielen Manns, welcher genau, wusste er nicht, ebenfalls. Dass ich, sein treusorgender Vater, auch so hieß, spielte in seinen Überlegungen keine Rolle. Die altdeutsche Form von Heinrich wollte er natürlich nicht annehmen. Alles was deutsch war, war ihm suspekt. Das hatte er so in der Schule gelernt. Und dann war ihm noch untergekommen, dass auch Himmler so hieß, sagte er, und einige reaktionäre deutsche Kaiser ebenfalls. Nein, so heißen wollte er auch wiederum nicht. Waldemar wollte die englische Form des Namens, denn englisch sei so gut wie amerikanisch und was amerikanisch ist, ist okay, alles! „Henry“ wollte er sich deshalb künftig nennen. Dass das nicht nur der Name der, aus seiner Sicht, „fortschrittlichen“ Herren Kissinger und Ford war, sondern auch einiger genauso reaktionärer französischer Könige, störte ihn nicht weiter. Reaktionär waren für ihn sowieso nur Deutsche, die sich Heinrich nannten, nicht ausländische. Und französische, englische und besonders amerikanische Henrys überhaupt nicht, egal was und wer sie waren.
Eine nicht zu unterschätzende Rolle bei seinem Namenswechsel spielte die 22-jährige „Sachbearbeiterin für Vornamensfragen“ beim „Amt für Personenstandswesen“ Bitterfeld, die auf den Namen Ilona Schön hörte. Die hatte er bei einem Subbotnik der FDJ kennengelernt. Ihn selbst fand die schöne Schön ganz okay, seinen Namen Waldemar aber „ätzend“. Der ist „wirklich echt blöd“! Den von ihm nach ihrem Vorschlag gewählten neuen Namen Henry fand sie „okay“, ihre gemeinsame Argumentation für die Änderung „geil“ und schließlich ihn selbst mit seinem neuen Namen richtig „sexy“. Ob der Namenswechsel genau dem damals geltenden Volkswillen entsprach oder mehr dem sich in der Vorwendezeit auch in der DDR schnell verwestlichenden Zeitgeist, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich hatte man in den Ämtern für Personenstandswesen der DDR keinen Nerv mehr, sich ungeliebten amerikanischen Namenswünschen mit aller Kraft zu verweigern! Jedenfalls bekam Waldemar mehr Hilfe bei der gewünschten Namensänderung, als es die „amtliche Pflicht“ von Ilona Schön gewesen wäre. Zusammen mit dem vom Großvater Waldemar geborgten und ihm bis heute schuldig gebliebenen Betrag von 150 Mark schufen beide Tatsachen. Das kommt vor, wenn ein Wille da ist, sind es gar zwei … na, wir wissen es inzwischen.
Der nun im Register gestrichene Name Waldemar unseres Erstgeborenen hatte allerdings einen etwas heiklen Hintergrund. Er war Bestandteil eines Deals zwischen meinem Vater, seiner von ihm wenig geliebten Schwiegertochter Jana und mir. Als der Namenswechsel und die ihn begleitenden Umstände schließlich ans Licht kamen, geriet Großvater Waldemar so in Zorn, dass er Jana und mir mit der Aufkündigung des besagten Deals und seinem undankbaren Enkel Waldemar, wegen arglistiger Täuschung, mit dem testamentarischen Ausschluss von der Erbfolge drohte.
Schließlich erklärte er noch, er werde beim Bürgermeister von Bitterfeld eine Eingabe gegen die „Ische Schön“ einreichen. Wegen Vorteilsnahme im Amt und so weiter. Außerdem bekam sie bei ihm Hausverbot. Das war aber eher eine hilflose Geste, denn Ilona hatte ihn zuvor wissen lassen, dass sie keineswegs die Absicht habe, mit einem Typen von Großvater, der auf den „echt blöden“ Namen Waldemar hörte, Umgang zu pflegen.
Das alles löste bei uns eine kurzfristige mittelschwere Familienkrise aus. Die konnte ich aber entschärfen, indem ich meinem Vater versprach, den neuen Namen Henry seines Enkels künftig nur gemeinsam mit seinem Geburtsnamen zu benutzen. Daran hielt ich eisern fest. Wort ist schließlich Wort. Doch wirklich wichtig waren bald weder der Deal zwischen mir und meinem Vater noch die Namensänderungsaffäre, denn die noch zu schildernden weltpolitischen Ereignisse überlagerten alles andere. Der einzig Leidtragende des Namensspektakels blieb zuletzt ich, denn mein altehrwürdiger Name Heinrich wurde neben Heinz und Heini nun auch noch durch Henry verstümmelt. Doch richtig gelitten habe auch ich nicht darunter.
Inzwischen nahmen die Montagsdemos und die Versammlungen mit endlosen Diskussionen über die Missstände im Staat DDR im Allgemeinen und speziell denen in unserer Firma meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Es nützte aber nichts. Langsam aber stetig änderte sich die Stoßrichtung unserer Bewegung. Wir alle spürten das, doch fanden wir dagegen kein Mittel. Niemand hatte so etwas wie Richtungskompetenz. Von außen drängten halbseidene Elemente mit populistischen Parolen nach vorn und gaben schließlich die Richtung vor. Die übergroße Mehrheit der DDR-Bürger folgte ihnen willig. Damit entglitt uns die Entscheidung über unsere Zukunft. Von Treibenden wurden wir zu Getriebenen. Die Veränderungen im Land nahmen ein so rasantes Tempo auf, dass keine Zeit zum Denken blieb. Was war dagegen schon ein winziges Problem wie die Namensänderungsfrage unseres Sohnes?
Anfangs lief alles vorwärts. Wir wollten sie, die lange überfälligen Reformen. Die allgemeine kopflose Euphorie löste bei mir nur leise unterschwellige Ängste vor der Zukunft aus. Aber ich wusste natürlich auch, dass Menschen zwar Veränderungen herbeisehnen, zugleich aber immer Angst vor einer ungewissen Zukunft haben. Gesprochen habe ich darüber mit Kollegen nicht, denn allzu leicht konnte man bereits damals in Verdacht geraten, ein „Konterrevolutionär“ zu sein. Verzeihung, der Begriff war natürlich bereits veraltet. Jetzt hieß es „Ewig-Gestriger“. Gemeint war aber das Gleiche. Wir kannten ihn ja, den Begriff, den die jeweiligen Gutmenschen verwenden, um unerwünschte Mahner zum Schweigen zu bringen. Deshalb vor allem schien es zunächst so zu sein, dass ich der Einzige in unserer Firma war, den manchmal unterschwellige Ängste vor dem plötzlich erwachten Volkswillen überkamen. Jana lächelte nur sanft, wenn wir darüber sprachen. „Lass das Volk sich doch etwas von der Seele schreien. Die beruhigen sich wieder“, sagte sie, „oder hast du schon mal etwas von einer richtigen Revolution ohne Studenten gehört? Unsere jedenfalls sind ruhig und gehen nicht auf die Straße, sondern in die Disko.“
In der Tat, einige Studenten der Leipziger Universität, die damals noch den Namen Marx trug, beteiligten sich zwar an den Montagsdemos, aber wohl eher aus Neugier. Einige diskutierten auch untereinander in den Vorlesungspausen, doch am Studienablauf änderte sich nichts. Der akademische Nachwuchs, gewöhnlich das Hauptunruhepotential bei Revolutionen, spielte vor dem 9.
November 1989 in Leipzig nur eine beinahe passive Rolle. Der Forschungs- und Lehrkörper engagierte sich eigentlich überhaupt nicht. Vielleicht war es nur die Angst vor möglichen Folgen, vielleicht aber glaubte man auch nicht an den Sinn der Bewegung. Ich weiß, das darf man heute nicht mehr sagen, wie vieles andere auch nicht. Aber ich weiß es eben durch Jana, die dort arbeitete, als Slawistin. Es galt schon als mutig, wenn sich Studenten die Demonstration gelegentlich aus den Fenstern oder von der Plattform des „Uni-Riesen“ ansahen. Die stolze Universität stand in den aufkommenden Stürmen der Zeit wie ein Fels in der Brandung. Das beruhigte Jana zunächst, dann auch mich, meistens wenigstens. Wenn ohne Studenten keine richtige Revolution zustande kommt, sagte ich mir, dann wird das auch keine. Das ist auch besser so. Ein paar grundsätzliche Veränderungen im Staat herbeizurevoltieren, war ja notwendig und überfällig. Deshalb ging ich weiter zu den Versammlungen im Werk und fuhr mit zu den Montagsdemonstrationen nach Leipzig. Aber immer wieder pochte es warnend in meinem Hinterkopf und ich wusste nichts dagegen, als es mir selbst kleinzureden.
IV
Unser Sohn Waldemar Henry, wie ich ihn jetzt zu seinem Ärger nannte, war aktiv, glücklich mit seiner neuen Freundin, der Ische Ilona, und seinem selbstbestimmten Namen. Besonders aber mit den rasanten Veränderungen im Land. Gleich als es möglich war, wurde er in den ersten provisorischen Betriebsrat seiner Firma gewählt. Es ging aufwärts, dachte er. Doch wer hoch steigt, kann tief fallen. Nach einigen Monaten der Euphorie fiel er dann auch. Zunächst wieder zurück auf die Füße. Betriebsratsmitglied hin oder her, er gehörte zu den ersten, die freigesetzt wurden. Das war sogar noch einigermaßen logisch, diesmal aus Sicht der Gutmenschen, denn in den provisorischen Betriebsrat hatten sich auch einige Mitglieder der alten Betriebsgewerkschaftsleitung eingeschlichen. Das ging natürlich gar nicht, befand der neue Besitzer, als der Betrieb ihm gehörte. Außerdem war der Betriebsrat, wie bereits gesagt, ein Provisorium, also nur auf Zeit eingesetzt. Frei gewählt durch die Arbeitnehmer war er nicht! Gewählt zwar, aber so wie in der DDR üblich durch Handzeichen. Das reichte für einen Betriebsrat, den man brauchte, um mit seiner Zustimmung den Betrieb verkaufen zu können, für mehr aber nicht. Also arbeitete man zunächst ohne Betriebsrat. Einige Zeit später, Waldemar Henry war bereits geflogen, hätte theoretisch ein neuer Betriebsrat gewählt werden können. Ganz korrekt, in geheimer Wahl mit richtiger Urne. Doch dazu kam es dann leider nicht mehr. Der neue Inhaber war gerade dabei, die Firma abzuwickeln und ein Betriebsrat hätte dabei nur gestört. Notwendig war er auch so nicht mehr unbedingt, denn die Mehrzahl seiner potentiellen Wähler sahen sich ihren früheren Betrieb bereits von draußen an. Doch ich greife vor. Gehen wir noch einmal zurück zu unseren Vorwende-Lebensumständen.
Meine Frau Jana und ich waren schon früh, dank eines Tauschgeschäfts mit einer Tante und mit Assistenz der Betriebsgewerkschaftsleitung, Mitglieder einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) geworden und als solche inzwischen stolze Besitzer einer Vier-Zimmer-Neubauwohnung. 78 Mark Miete kostete sie uns monatlich, warm, versteht sich. Später, als im vereinten Vaterland das Licht aus der Sonnenuntergangsrichtung immer längere Schatten nach Osten zu werfen begann, würde man solche Wohnungen in den Medien verächtlich „Platte“ nennen. Klar, offensiv verächtlich machen musste sein. Wie hätte man sonst die wachsende Ostalgie bekämpfen sollen? Die entstand ja nun einmal nur, weil die undankbaren Ossis im Beitrittsgebiet manches anders vorgesetzt bekamen als von ihnen einst erwartet. Geschieht uns recht. Hätten wir doch besser zugehört in den politischen Veranstaltungen. Aber was soll es, in der DDR gab es ja auch nur die Farben Schwarz und Weiß, wenn uns etwas berichtet wurde aus dem goldigen Westen da drüben. Wer hätte da wissen können, was wahr und was Propaganda ist? Wohin so etwas führt, wissen wir jetzt allerdings!
Ach, fast hätte ich es vergessen, eine Reihengarage besaßen wir auch, ein echtes Privileg damals. Und darin stand ein achtzehn Jahre alter, weißer 353er Wartburg mit rotem Dach. Er war ein indirektes Geschenk meines Vaters Waldemar. Indirekt, weil er uns nicht das Auto und auch nicht das Geld dafür schenkte, sondern uns eine seiner parallel laufenden Bestellungen auf diesen Wagen abtrat. Als Gegenleistung verlangte er von uns nur, dass wir seinem ersten Enkel, falls wir einen solchen je zustande bringen würden, den vom Aussterben bedrohten Vornamen Waldemar geben. Dafür wollte er uns sogar das Geld, das wir wahrscheinlich allein für einen solchen Wagen auch nie zusammenbekommen hätten, mit einem günstigen Zinssatz von sechs Prozent vorschießen. Das war der bereits mehrfach angedeutete Deal. Jana wehrte sich zunächst heftig dagegen, doch als alle unsere Bekannten und Freunde ein Auto fuhren, siegte er schließlich, der Gruppendruck. Wir nahmen den angebotenen Kredit meines Vaters und auch die Anmeldung. Als es dann soweit war, ich glaube drei Jahre nach Waldemar Henrys Geburt, kauften wir ihn uns, den herbeigesehnten Wartburg, und zahlten den Kredit und die Zinsen in kleinen Raten fast bis zur Wende an meinen Vater ab. Unser Erstgeborener bekam den Namen Waldemar. Wort ist Wort, sagte ich der schmollenden Jana, bis sie sich fügte, aber mit der Faust in der Tasche.
Die uns versprochene Autobestellung, das droht in Vergessenheit zu geraten, stellte in der DDR schon einen Wert an sich dar. Sie war deshalb eine reale Gegenleistung bei dem Deal. Mein Vater hätte den Bestelltermin auch gut und gerne an andere verkaufen können. An Käufern mangelte es nicht, damals. Als Waldemar Henry mit seinem Wunsch zur Namensänderung vorstellig wurde, schämten wir uns zwar, seinerzeit darauf eingegangen zu sein. Doch dem Namensänderungswunsch konnten wir wegen der Treue zum Deal nicht zustimmen. Die setzte er, wie bereits berichtet, schließlich mit Hilfe der Sachbearbeiterin Schön beim Amt für Personenstandswesen Bitterfeld ohne unseren Segen durch.
Die Bestelllaufzeit für einen Wartburg betrug in jener Zeit ungefähr 16 Jahre. So lange im Voraus hatten wir uns nicht binden wollen, als es uns möglich gewesen wäre, eine Autobestellung aufzugeben. Und auf die Idee, es zu tun und damit später vielleicht zu handeln, kamen wir nicht. Richtiger, Jana und ich lehnten solche halbkriminellen Praktiken ab. Außerdem war da noch die Wohnung mit allem, was dazugehört, schließlich der im Anmarsch befindliche Nachwuchs. Dass Bestelldaten für ein Auto auf dem freien Markt gehandelt wurden im „real existierenden Sozialismus“ der DDR, ist Außenstehenden schwer zu erklären. Aber heute verstehen die einfachen Leute ja in der Regel auch nicht, wie man Steuern in Größenordnungen straflos hinterziehen kann. Für damalige Geschäftemacher war das normal, für heutige eben vieles andere. Und die Gegenleistung, dass unser Sohn den Namen seines Großvaters tragen sollte, kostete uns ja nichts und direkt ehrenrührig war der Deal auch nicht. Er belastete lediglich lange Zeit später das Verhältnis zwischen unserem Sohn und mir.
Mein Vater Waldemar allerdings kannte sich aus mit Geschäften hart am Rande der Legalität. Selbst hatte er manchmal sechs Autobestellungen gleichzeitig laufen, auf unterschiedliche Namen. Damit reduzierten sich rein rechnerisch die Bestelllaufzeiten für ihn oder für den, an den er den nahen Liefertermin verkaufte, von 16 auf unter drei Jahre. Kein schlechtes Geschäft, wenn man nicht die Autos kaufte, die Bestellungen dagegen an finanzkräftige Interessenten abtrat. Der Gewinn konnte ungefähr den Gegenwert eines Autos betragen. Je nach Skrupellosigkeit des Verkäufers und Bonität des Abnehmers. Das Problem bestand lediglich darin, Anmelder zu finden, die das Geschäftsmodell nicht selbst kannten. Mein Vater löste das mit Hilfe unserer Familie. Zwei Bestellungen liefen immer auf seinen Namen und den meiner Mutter, je zwei auf Janas Eltern, die, glaube ich, davon zunächst nichts ahnten. Danach sogar je eine auf uns, meine Frau Jana, mich und Waldemar Henry. Eine davon überließ uns schließlich Vater Waldemar, kostenlos, fügte er hinzu.
Na, Schwamm darüber. „Wer tüchtig ist, bekommt in jeder Gesellschaft seine Chance“, sagte mein Vater mit ironischem Nicken in meine Richtung. „Heute hat man leider dieses tolle Geschäftsmodell durch die Marktwirtschaft und die moralische Kurzlebigkeit der Westautos ruiniert“, bedauerte er nach der Wende. „Was waren das für tolle Zeiten, als man einen zehn Jahre gelaufenen Wartburg oder Trabant noch über dem ursprünglichen Neuwert verkaufen konnte“, schwärmte er. „Schade, aber alles hat seine Zeit. Dafür kann man heute leichter Steuern hinterziehen, Rentner betrügen, Firmen schleifen und den Gewinn einstreichen. Was war dagegen schon das Verkloppen eines Liefertermins?“, fügte er nicht ohne Stolz hinzu, wenn ihm wieder einmal ein Deal gelungen war. „Schade, schade nur, dass die Wende nicht zwanzig Jahre früher gekommen ist“, sagte er bedauernd, „ich jedenfalls wäre heute Millionär!“
V
Alles in allem ging es uns materiell ja eigentlich ganz gut im „real existierenden Sozialismus“. Zumindest solange wir die Landesgrenzen nicht überschritten. Taten wir das, zum Glück ging es ja nur nach Osten, begann unsere Diskriminierung. Wir konnten eben in keiner Beziehung mithalten, nicht einmal mit dem letzten Arbeitslosen von „denen da drüben“. Unvergesslich wird mir ein Erlebnis in einer Kleinstadt der hintersten polnischen Provinz bleiben. Das Ereignis fand an der Bar des einzigen Hotels in jenem Ort statt. Wir waren zur Montage dorthin geschickt worden und sollten Hochleistungsmaschinen aus unserer Firma in einem neu gebauten Werk anschließen und einfahren, wie das genannt wurde. Eines Abends langweilten wir uns, mein Kollege und ich. Wir saßen in der halbdunklen, einzigen Bar der ganzen Gegend. Das Etablissement war spärlich und nur von Männern besucht. Wir waren, glaube ich, beim sechsten oder siebenten widerlich warmen polnischen Wodka angelangt, der bekanntlich in jedem Land der Welt alle Frauen immer schöner werden lässt. Zu später Stunde, als wir schon alle Hoffnung auf ein interessantes harmloses Gespräch aufgegeben hatten, flogen doch noch ein paar Mädels ein, deren Passion in Polen mit „Möwen“ umschrieben wurde. Schnell teilten sie sich an den Tischen der wenigen Männer auf. Eine etwas korpulente exotische Schönheit schob einen Barhocker zwischen mich und meinen Kollegen und fragte mit einem bezaubernden Augenaufschlag, zuerst englisch, dann in gebrochenem Deutsch, ob wir ihr nicht ein Gläschen Krim-Sekt spendieren würden. Das taten wir natürlich gern. Nicht, dass ich auch nur im Entferntesten daran gedacht hätte, meine geliebte Jana hier im finsteren Polen mit einer einheimischen Möwe zu betrügen. Das hätte ich nie getan. Aber unterhalten wollten wir uns schon mit ihr. Doch gerade als wir sie zu einem zweiten Glas einladen wollten, entschloss sie sich, den Vorgang abzukürzen und fragte sehr direkt: „Kommt ihr aus dem großen, dem kleinen Deutschland oder Österreich?“ Als ich wahrheitsgemäß antwortete: „Aus dem kleinen“, denn ich nahm an, sie würde ehrlich erfreut sein, auf zwei Angehörige eines sozialistischen Brudervolkes getroffen zu sein, rutschte sie mit einem leisen Gemurmel, das mich an einen, auch bei uns gebräuchlichen, Fluch erinnerte, ohne ein weiteres Wort vom Barhocker. Nie werde ich den Blick tiefster Verachtung vergessen, den sie uns noch zuwarf. Völlig zu Recht, denn wir hatten sie unbewusst geschädigt, weil wir sie von der Arbeit abgehalten hatten, wie ich heute weiß. Eine Minute später hörten wir sie an einem nahen Tisch, mit drei betagten äußerst fiesen Typen, die gleiche Frage stellen. Die mussten die Typen wohl zufriedenstellend beantwortet haben, denn sie setzte sich zu ihnen an den Tisch. Der Barkeeper öffnete auf ein Fingerschnipsen des Fiesesten der drei Fieslinge den Kühlschrank, holte einen eiskalten französischen Champagner hervor, zumindest hatte die Flasche ein solches Etikett, und servierte ihn in devoter Haltung direkt am Tisch. Mehr wollten wir nicht sehen und hören auch nicht, deshalb verließen wir sofort die Bar. Unsere Ostmark nahm der Schnapsschüttler zwar, anstelle der beinahe schon wertlosen einheimischen Währung, steckte sie aber inklusive Trinkgeld mit einer beleidigenden Gleichgültigkeit und ohne zu danken ein.
Wem das geschah, der kann vielleicht unsere immer wieder aufflammende „Freiheitssehnsucht“, die uns schließlich um den Leipziger Ring trieb, besser begreifen. Sicher hat auch unser heutiger Herr Bundespräsident im Osten, bei den „Brudervölkern der DDR“, etwas Ähnliches erlebt. Seine schwer zu erforschenden Wege müssen ihn auch zu unseren Nachbarn und dort in eine Bar mit Möwen geführt haben. Irgendeine Erklärung muss es doch dafür geben, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit gebetsmühlenartig die „Freiheit“ beschwört. Was damit gemeint ist, wissen wir ja jetzt. Kränkungen haben eben manchmal eine Langzeitwirkung und direkt spricht ja niemand gern darüber. Wir aber wissen, dass nach einem solchen Vorkommnis selbst dem an mehreren Parteischulen studierten treuesten Genossen Zweifel an der historischen Mission des „real existierenden Sozialismus“ kommen mussten. Uns jedenfalls fiel nach dem Barbesuch sofort wieder ein, wie sehr wir geknechtet waren im Osten und das Bedürfnis nach der Freiheit, die D-Mark hieß, stieg.
Ich hatte Elektriker gelernt, anschließend in Zwickau auf Ingenieur studiert und leitete in unserem Unternehmen eine Brigade Betriebshandwerker, genauer gesagt die Elektrikerbrigade „Stromschnelle“. Meine Frau Jana, ich erwähnte es bereits, war Slawistin an der hiesigen Universität und unser Sohn Dreher in einem metallbearbeitenden Betrieb der Stadt Leipzig. Eigentlich liefen unsere familiären Beziehungen bis dahin recht harmonisch. Irgendwann setzten dann aber auch bei uns, zunächst unmerklich, die Vorwendeturbulenzen ein. Jeder gegen jeden. Als ich es bemerkte, war es fast zu spät.
Bei seiner nunmehr festen Freundin Ilona hatte unser Sohn Waldemar Henry nicht nur wegen seines neuen „Sexy-Namens“ das Rennen gemacht, sondern vor allem, weil er ihr gleich am Anfang ihrer sich entwickelnden Beziehung versichert hatte, dass er im laufenden Jahr, also noch 1989, fest auf der Verteilerliste der AWG für eine Neubauwohnung stände. Das war eine „Super-Aussteuer“ für jeden künftigen Lebenspartner, vielleicht nicht nur in der DDR, dort aber auch. Als Ilona sich durch Nachfrage bei der AWG von der Wahrheit dieser frohen Botschaft überzeugt hatte, war ihre Entscheidung gefallen. Mehr bedurfte es nicht. Sie gab ihrem bisherigen Freund, der auf den Namen Günter Krause hörte, den Laufpass und zog zunächst zu uns. Das heißt in das bis dahin von Waldemar Henry allein bewohnte Kinderzimmer. Mich zu fragen, hatten sie aus Versehen vergessen. Zunächst schwieg ich, wenn auch verbissen. Doch als ich in der Folge davon innerhalb einer Woche zweimal meinen Bus verpasste, weil die Beiden schamlos gemeinsam unser Bad zu meiner gewohnten Aufstehzeit blockierten und ich mit dem Fahrrad zur Arbeit hetzen musste, lief das Fass über.
Das Verhalten Waldemar Henrys und seiner Ische überschritt meine ohnehin durch die Anspannungen niedrig gewordene Toleranzgrenze. Ich kündigte zunächst meiner geliebten Frau Jana an, dass ich die Beiden ratz patz auf die Straße zu setzen gedächte. Sie stimmte mir zu meiner Überraschung nicht zu, sondern fing an zu schmeicheln. „Sei doch nicht so borstig“, begann sie und strich mir demonstrativ mein unrasiertes Kinn. „Die sind nun mal jung und verliebt. Es ist ja auch nicht für lange. Dann haben sie ihre eigene Wohnung.“ Ich blieb hart. Da wurde meine Jana schnippisch. „Du bist nur neidisch“, fing sie an. Dann sich steigernd und meiner Meinung nach völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „Denke ruhig einmal nach, bevor du dich aufspielst, wie lange es her ist, dass wir beide uns gemeinsam im Bad vergnügt haben.“ Als ich auf die Anspielung nicht reagierte, wurde sie richtig spitz: „Das sagt dir natürlich nichts mehr?“ Es sagte mir schon etwas. Ich wurde sogar verlegen, wollte aber das Thema nicht wechseln. Wütend gemacht hatte mich ja nicht allein die verschlossene Türe zum Bad, sondern alles zusammen. Deshalb schniefte ich nur, jede Vorsicht vergessend: „In meiner Wohnung gelten immer noch meine Regeln. Auch wenn ich schon nicht gefragt werde, bevor mein Sohn hier so etwas wie ein Stundenhotel einrichtet.“ Das war vielleicht etwas stark und traf, zugegeben, auch nicht genau den Kern. Sofort lief meine geliebte Jana rot wie die Arbeiterfahne an und holte zum Tiefschlag aus: „Unsere Wohnung meinst du wohl und unser Sohn ist es auch. Zumindest wahrscheinlich!“ Das saß bei mir und sie wusste, dass es gesessen hatte. Jana drehte sich um und knallte mir vor der Nase die Türe zu. Es war der erste wirklich böse Streit zwischen uns. Niemand war mehr darüber verblüfft als ich.
Entsetzt über den ungewohnten Ton und die Andeutung in der letzten Satzhälfte starrte ich ihr hinterher, bis ich ihr schließlich ins Wohnzimmer folgte. Rette, was noch zu retten ist, muss ich wohl gedacht haben. Auf jeden Fall machte ich alles falsch. Mein Eintritt ins Wohnzimmer besänftigte Jana nicht, sondern stachelte sie richtig auf. Messerscharf klang jetzt ihre Stimme: „Wann hätte dich der Kleine“, gemeint war unser 1,86 Meter große Lulatsch Waldemar Henry, „eigentlich dazu befragen sollen? Du hast wohl vergessen, dass du deine Zeit seit Wochen nur noch auf zweifelhaften Demos oder mit sinnlosen Palavern in deiner Firma, aber nicht hier, in der eigenen Familie, verbracht hast?“ Ich war so erschrocken, dass mir nicht sofort eine passende Entgegnung einfiel. Das legte Jana wahrscheinlich als Sieg aus, denn sie schmetterte mir wie eine Fanfare entgegen: „Wenn hier einer geht, dann bist du es!“ Nach diesem kategorischen Imperativ knallten wieder die Türen. Erst die vom Wohn-, dann die vom Schlafzimmer. Dabei blieb es nicht. Jana verbannte mich für die folgende Nacht auf unsere Wohnzimmercouch. Ich begann zu ahnen, dass etwas schief zu laufen begann in unserer Familie.
VI
Noch heute, unmittelbar vor meinem endgültigen Abgang, stelle ich mir immer wieder die Frage: Warum war es uns Ostdeutschen auf einmal, im Herbst ’89, so wichtig, spontan, sofort und geradezu kopf- und führungslos in die deutsche Einheit zu rennen? Gewiss, die Lage war angespannt in der DDR. Und die SED hatte ihren Kredit verspielt. Die Bevölkerung wollte nicht mehr, nicht mehr so. Alles richtig! Aber beginnt man deshalb ohne Führung eine Revolution? Immer vorausgesetzt, die „friedliche“ war eine solche! Selbst für den Zusammenschluss von zwei Handwerksbetrieben braucht man zumindest annähernd gleichberechtigte Verhandlungspartner. Das denke ich mir so als Nichtpolitiker und Nichtfachmann, aber vielleicht irre ich mich auch?
Wir, die Ossis, brauchten das bei der Aufgabe unseres Landes offenbar nicht. Wir hatten ja erfahrene Brüder und Schwestern da drüben. Die würden es schon richten. Was sie dann auch taten. Wir aber, wir wollten sie unbedingt und schnell, die Freiheit oder die D-Mark, was ein Synonym für das Gleiche war in den meisten unserer Köpfe. Na schön, heute wissen wir es besser. Ich auch. Man muss nur zuhören in den Wirtshäusern. Vielleicht erinnerst du dich an mein Erlebnis in der finsteren polnischen Bar. Das prägt. Jeder im Osten hatte damit Erfahrungen gesammelt, nicht nur im Ausland, auch im einheimischen Intershop, in den Nobelhotels und, zumindest in den letzten Jahren vor dem 3. Oktober 1990, sogar mit Handwerkern und anderen Dienstleistern. Die D-Mark war zur Zweitwährung im eigenen Land geworden. Wer sie besaß, war privilegiert, wer nicht … na, das hatten wir schon. Nein, so erzieht man keine Staatsbürger, im weitesten Sinne des Wortes.
Jeder, der in der DDR eine Schule besucht hatte, wusste, egal ob er es von Rousseau, Robespierre, Marx, Engels, Lenin, Napoleon oder sogar Stalin gelernt hatte, dass eine Revolution ohne Programm und Führung nicht gewonnen werden kann. Dafür gibt es tatsächlich kein Beispiel in der Geschichte. Doch das sind heute überflüssige Fragen. Damals hätten wir sie stellen müssen! Aber – niemand unter den „Deutschen Demokratischen Revolutionären“ war offen für kritische Überlegungen. Es gab nur eins, vorwärts, vorwärts, vorwärts. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob und wann bei einigen der Punkt erreicht war, von dem an sie die Veränderungen im Land kritisch zu sehen begannen. Falls überhaupt jemals. Auf jeden Fall war es zu spät. „Ist ein Pfeil einmal vom Bogen geschnellt, kann keine Macht der Welt ihn zurückholen“, sagte der große Mongolenführer Temudschin, der später zum Dschinghis Khan wurde. Und der wusste, wovon er sprach.
Ich jedenfalls fuhr von da an nur noch gelegentlich zur Montagsdemo nach Leipzig. Es war ja richtig, dass die Zeit reif für revolutionäre Veränderungen war. Nur die Ungeduld des immer unzufriedener werdenden Volkes war eine kaum noch zu beherrschende Triebkraft. Wer behielt da schon einen kühlen Kopf? Das fragte ich mich immer häufiger, bis es sich nicht mehr verdrängen ließ. Angst vor der Zukunft stieg in mir hoch. Niemand schien darüber nachzudenken, dass man bei einer eventuellen Wiedervereinigung nichts geschenkt bekommen würde. Kampf würde es bedeuten, nicht Kuschel-Kurs! Einen Einigungsvertrag aushandeln zumindest auf annähernder Augenhöhe! Wer sollte das tun, wenn alle Autoritäten und Fachleute des eigenen Landes unter Generalverdacht gestellt, beschimpft und schließlich abgewählt wurden? Auf welcher Rechtsgrundlage auch immer? Wer dachte schon darüber nach, dass die Früchte, selbst der friedlichsten der vorangegangenen Revolutionen, nie in den Taschen der Revolutionäre, sondern in denen der Geschäftemacher gelandet waren? Und was erst geschehen wird, dachte ich manchmal, wenn es aufseiten der Revolutionäre weder ein klares Ziel noch eine autorisierte Führung gibt? Wahrscheinlich ein böses Erwachen! Wir hätten es wissen können, wie es geht nach vergeigten Revolutionen, denn so ähnlich muss es schon 1848 gewesen sein, sinnierte ich. Georg Werth oder Heinrich Heine, jedenfalls einer der Achtundvierziger, glaube ich, schrieb damals: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!“
Dem muss es ähnlich ergangen sein wie mir, dachte ich. In unserer Euphorie schrien wir zwar laut: „Weg mit der SED-Herrschaft!“, „Stasi in den Tagebau!“, „Freiheit für Wort und Schrift!“ und so weiter und so fort. Forderungen, aber kein Programm für die Zukunft. Bereits zwei Jahre später wären ein paar Millionen Ostdeutsche glücklich gewesen, hätten sie wenigstens im Tagebau arbeiten dürfen.
„Reisefreiheit!“ – Wer wollte die nicht? Aber war das ein wichtiges Ziel in einer Revolution? Alle wollten alles. Möglichst sofort! Und alles sollte aus dem Westen kommen! Umsonst? Oder zu welchem Preis? Mir jedenfalls wurde es manchmal ganz schlecht, wenn ich auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz die Tiraden der selbsternannten Tribunen zu hören bekam. Nur wenig früher als die Geschäftemacher aus dem Westen, mithilfe der Treuhand, schleichend aber seelenruhig und unbehelligt ihre Claims absteckten.
Spontane Revolutionen sind chancenlos, wenn niemand sie führt. Das schrieb Altgenosse Lenin bereits 1905 als Lehre nach der vergeigten ersten russischen Revolution. Eine, die noch bürgerliche Ziele verfolgte. Wenn es stimmt, hat er wohl recht gehabt. Nicht nur in der DDR überschlugen sich die Ereignisse. Auch in Ungarn, Rumänien, Tschechien. Eine organisierte Führung gab es aber nur in Polen. Die Völker des Ostblocks wollten nicht weiter experimentieren an einem gescheiterten System, aber was sie stattdessen wollten, wussten sie nicht genau. In der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wusste man es: Absatzmärkte, preiswerte Produktionsstandorte und ein unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir. „Wehe den Siegern?!“
Aber immer wieder verdrängte ich diese trüben Gedanken. Erst, als ich mit meiner Brigade „Stromschnelle“ im Schulterschluss um den Leipziger Ring marschierte, später dann im Wirtshaus zum „Roten Oktober“ in Wolfen Nord, wenn ich gemeinsam mit den anderen Arbeitslosen Zukunftspläne schmiedete.
Und dann war da plötzlich auch noch etwas Unvorhersehbares. In der „Hauptstadt der sozialistischen Weltbewegung“, also in Moskau, ging ein neuer, leuchtender roter Stern auf. Ein Messias, so schien es, der einen Sozialismus wollte mit freundlich lächelndem Gesicht. Selbstbestimmung der Völker auch und noch andere schöne Dinge. Ohne Alkohol zwar, aber vielleicht blieb das eine „nationale Besonderheit“? Wir hofften es. Zumindest glaubte das DDR-Volk, ich auch, mit ihm, dem Messias, werde Licht am Tunnelausgang erscheinen. Das wollten alle glauben, als sie „Gorbi, Gorbi“ schrien. Wie leichtgläubig sind die Völker eigentlich? Ähnlich geschrien haben bereits 2000 Jahre zuvor andere. „Hosianna“ schrien sie, nur um ihn, ihren Messias, kurze Zeit später ans Kreuz zu nageln.
Die bitteren Realitäten im Riesenland Sowjetunion nahm zunächst kaum jemand zur Kenntnis. Dass Gorbatschow lediglich, wenn auch zu spät, die realistischen Konsequenzen aus dem drohenden Zusammenbruch des eigenen Systems zog, wollte niemand sehen. Eine DDR am Tropf konnte schnell zum Mühlstein am Hals der Sowjetunion werden. Das war die Realität. Selbst sein Riesenreich konnte sich das nicht mehr leisten. Ihm selbst, dem Messias, stand das Wasser schon bis zur Halskrause. Weg mit dem Ballast, solange es noch etwas dafür gab. Nicht nur die DDR, auch Kuba, das täglich Millionen verschlang. Auch dort ging es nicht weiter, nur stundenlange Monologe des Revolutionsführers. Und dann das „sozialistische Weltsystem“, ein Verein, der immer mehr kostete als er einbrachte. Dafür schielten die Satellitenchefs ständig nach Westen, um sich auf Kosten der Brudervölker kleine Vorteile zu ergattern. Und dann waren da noch die Unruhen im eigenen Land. Und der verhängnisvolle Krieg in Afghanistan (Sowjetischer Truppenabzug 1989). Er musste amputieren, der relativ junge Genosse Generalsekretär, eins nach dem anderen, nur schnell, wenn er den Körper erhalten wollte.
„Der Starke ist am mächtigsten allein“, schrieb Schiller im Tell, glaube ich. Den musste er gelesen haben, der glücklose Messias in Moskau. Doch es nützte ihm nichts mehr. Er kam zu spät und so bestrafte ihn das Leben mit dem eigenen politischen Ende. Nein, die ursprüngliche Absicht des Reformers war es wohl nicht, das sozialistische Weltsystem aufzulösen und sicher auch nicht, der Verkauf der DDR an die Bundesrepublik Deutschland. Nur, seine Reformen kamen zwei Jahrzehnte zu spät. Inzwischen war das Fundament so marode, dass nicht mehr reformiert oder umgestaltet, sondern nur noch aufgegeben werden konnte, bis hin zur Sowjetunion selbst. Was für eine schöne steile Vorlage, sagten sich unser guter Onkel Sam in Übersee und der deutsche Einheitskanzler natürlich auch.
Kaum wurden die Bande ein wenig gelockert, kam sie plötzlich mit Macht hoch, die empfundene Entmündigung durch die SED und ihre Subalternen. Das Volk der DDR wollte frei sein, wie seine Brüder und Schwestern vom Rhein es waren. Aber was verstanden wir unter „Freiheit“? Die D-Mark und Reisen, nicht nur nach Prag und Budapest, auch durch Europa weit westlich von Spree und Pleiße wollte es fahren, das Volk. Natürlich am Steuer von Westautos und mit harter Währung in der Tasche. Na ja, und 16 Jahre warten auf einen Wartburg wollte es auch nicht mehr. Unkontrollierte Reden wollte es hören und schreiben, was und wie jeder wollte. Zumindest der intellektuelle Teil des Volkes wollte das. Und der war groß, dank eines durchgehend funktionierenden Systems von Bildung und Ausbildung in der DDR. Aber viele, sehr viele wollten einfach nur lesen. Nicht, was geschah, sondern was geschehen sein könnte, nicht trocken und langweilig wie im ND, dem „Neuen Deutschland“, sondern volksnah, wie es zum Beispiel BILD so schön konnte. Ein wahres Kuriosum der Geschichte.
Führer brauchte es nicht, das deutsche Volk im Osten. Die hatte es lange genug gehabt in seiner Geschichte. Solche und andere! Nur betrogen wurde es immer. Jetzt endlich sollte damit Schluss sein. Wir hatten ja die Brüder und Schwestern da drüben und die würden es schon richten. Davon waren die meisten irgendwann überzeugt und so wurde aus der Losung „WIR SIND DAS VOLK“
bald „WIR SIND EIN VOLK“. Von wem sie stammte war egal, selbst wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte nachzulesen. Das ist natürlich Quatsch. Ich bitte um Entschuldigung. In der DDR konnte man es ja nicht nachlesen! Darum ging es aber nicht. Irgendwie entlarvender war dann schon eher die Losung: „KOMMT DIE D-MARK NICHT ZU UNS, GEHEN WIR ZU IHR!“ Das riefen sie, die Demonstranten, die einmal die Freiheit auf ihr Banner geschrieben hatten. Laut und fordernd, beim Marsch um den Leipziger Ring und anderswo. Das war ein wenig später. Da war auch ich dabei, trotz aller Bedenken in der Nacht. So ist das wohl. Wer im Malstrom schwimmt, schwimmt mit ihm. Ein rettendes Ufer gibt es für ihn nicht. Nein, ein Entschuldigungsversuch für mich ist das nicht! Nein! Nein! Nein! Nur die späte Erkenntnis, dass vor allem wir selbst es waren, die den Druck auf die noch Regierenden aufgebaut haben, nicht nur die Anderen.
VII
Ich lief weiter mit um den Leipziger Ring, schrie auch, aber nicht mehr mit Inbrunst, denn ich wusste nicht mehr, wonach ich da schrie. Eine unbestimmte Angst vor der Zukunft schnürte mir immer mehr die Luft ab. Manchmal ging ich auch ohne zu demonstrieren allein durch die Stadt, um nachzudenken, sah die verfallenden, schmutzig-grauen Fassaden, die halbleeren Geschäfte und die teils verbissenen, teils fröhlichen Gesichter. Was richtig war und was falsch, wusste ich nicht mehr. Meist ging ich nach der Demo noch in die „Bodega“. Das war eine kleine Bar in einer der Leipziger Passagen. Heute würde man sagen eine Szenekneipe. Dort konnte man ein seltsames Schauspiel beobachten, wie es vielleicht nur in Deutschland, egal ob Ost oder West, möglich war. Links standen die noch erregten Demonstranten, rechts die müde und unsicher wirkenden Polizisten. Hier standen sie friedlich, wenn auch nicht gerade vereint, an der gleichen Theke. Sah ich das, glaubte ich immer weniger, dass das alles für mich etwas bringen würde. Den Begriff „Friedliche Revolution“ gab es ja noch nicht. Der wurde erst nachträglich erfunden. Und komisch, immer wieder beruhigte ich meine Bedenken. Weil ich sie beruhigen wollte.
Das Grundgesetz für den Ausbruch einer Revolution hatten wir im Osten ja alle gelernt. Widerwillig, zugegeben, weil es mit Penetranz ständig wiedergekäut wurde. Aber einiges davon war doch bei fast jedem hängengeblieben. Heute weiß ich nicht mehr, wer es aufgeschrieben hatte, das revolutionäre Grundgesetz. Marx vielleicht oder Lenin oder gar Mao, die rote Sonne? Egal, jedenfalls einer von ihnen muss es gewesen sein! Dort hieß es, die Revolution bricht aus, wenn die da unten nicht mehr so leben wollen (das traf ja erst einmal zu) und die da oben die Herrschaft zu ihren Bedingungen nicht mehr aufrechterhalten können (auch das war so). Trotzdem fehlte etwas. Wo wollten wir hin? Was, wenn sie verflogen sein wird, die Euphorie des spontanen Aufbruchs, und die langen Mühen der Ebenen begannen? Ja, ja, „die Gedanken sind frei“!
Eine Führungsmannschaft muss sein, im kommunistischen Vokabular „Vorhut“ genannt. Das ist die, die dem Volk sagt, wo es langgeht, und es nicht losstürmen lässt wie eine durch Wolfsgeheul aufgescheuchte Schafherde. Ja, auch das ist wohl von Marx, dem übergroßen Revolutionstheoretiker. Aber ist es deshalb schon falsch? Lehrbeispiele für kopflose Revolutionen gab es doch genug, nicht nur in Deutschland. Die erste hier bei uns fand sogar auf DDR-Gebiet statt. Vor genau 464 Jahren, von 1989 an gerechnet. Am 15. Mai 1525 waren die schlecht geführten Bauernhaufen von einem gut organisierten aber kleinen Ritterheer bei Bad Frankenhausen vernichtend geschlagen worden. Und das bei zehnfacher Überzahl der Bauernhaufen. Auch das hatten wir gelernt. Das leuchtete mir damals ein. Ich hatte ja auch gelesen, dass, ungefähr 300 weitere Jahre zuvor, ein kluger Chinese, der Name ist mit leider auch entfallen, mit anderen Worten das Gleiche gesagt hatte. Es war der Berater des bereits erwähnten Mongolenherrschers Dschinghis Khan. Der hatte ihm sinngemäß empfohlen: „Du kannst den Erdkreis im Sattel erobern, aber regieren kannst du ihn vom Sattel aus nicht.“
Eine Frage beschäftigt mich bis heute. Warum war sie eigentlich so untypisch friedlich, diese Revolution? Weil wir Zehntausende waren, die jeden Montag friedlich um den Ring marschierten? Vielleicht! Aber siehe 1525. Oder weil wir laut und deutlich riefen: „KEINE GEWALT“? Vielleicht auch deshalb! Nur, fragte ich mich, haben je zuvor in der Geschichte, in der deutschen oder der anderer Völker, Herrschende ihre Macht abgegeben, nur weil Revolutionsmacher Gewaltlosigkeit für sich einforderten? Falls doch, dann muss ich in der Schule geschlafen haben. Möglich ist das schon, das mit dem Schlafen. Es soll ja vorgekommen sein. Nur, gelernt habe ich dort etwas ganz anderes. Und das habe ich nicht vergessen, weil es mich schon damals beunruhigte. Es war die glasklare Mahnung eines parteieigenen Dichters: „Seht, die Macht ist euch gegeben, dass ihr sie nie, nie mehr aus euren Händen gebt.“ Nein, das war nicht nur so dahergeschwätzt, sondern Parteidoktrin und damit die des Staates. Wer so spricht, denkt auch so, denn er will die Macht in seinen Händen behalten, egal wie, denke ich. Will man jemandem mit einer solchen Doktrin die Macht nehmen, dann braucht es Gewalt. Das ist doch deutlich genug. Trotzdem fiel kein Schuss. War es ein Wunder oder doch etwas ganz anderes?
Wunder sind allerdings selten in dieser aufgeregten Zeit! Wurde „Keine Gewalt“ möglich, weil das ganze sozialistische Fundament ins Rutschen kam? Möglich schon! Oder weil die Sowjetunion, die einst so ruhmreiche, ihrem Satelliten DDR die Unterstützung ihrer hier stationierten 50 Divisionen verweigerte? Auch das mag zutreffen. Oder weil die Volkspolizei bereits zögerlich agierte und die Armee des Volkes nicht mehr verlässlich war? Stimmt alles! Doch Gewalt wird ja nicht nur eingesetzt, wenn man sich des Sieges sicher ist und dafür wiederum gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Nein, ganz machtlos waren sie nicht, die Herrschenden der DDR im Herbst ’89. Da gab es ja noch die Truppe „Schild und Schwert der Partei“ und die stand ja wohl sicher zu ihren Auftraggebern!
Man hätte sie auf die Straße hetzen können, so wie es einst der israelitische König David mit seinen Krethi und Plethi, der Leibwache und dem Sicherheitsdienst, mit Erfolg getan hatte gegen eine riesige Übermacht der Aufständischen und seinen eigenen meuternden Heerscharen. Gut, David stand mit GOTT dem HERRN im Bündnis, sagt man. Krenz nicht, wie man weiß! Aber das entscheidet vielleicht über Sieg oder Niederlage, nicht aber über den Einsatz von Gewalt an sich?!
Im Kampf siegt ja keineswegs immer der, der im Recht ist. Und der mit den zahlreicheren Truppen, Gewehren und Unterstützern auch nicht. Oft aber der, der über die disziplinierteren Kämpfer verfügt. Wir haben es ja gelesen, was 1525 geschah auf dem Schlachtfeld bei Bad Frankenhausen. Doch der Sicherheitsdienst der DDR wurde nicht gegen das eigene Volk eingesetzt. Der Gedanke wurde gar nicht erwogen. Im Gegenteil, der Oberbefehlshaber aller Waffenträger des Landes, Egon Krenz, setzte sich mit allen Mitteln ein, dass kein Schuss fiel gegen uns, die Demonstranten. Warum wohl, bei einer Staatsdoktrin mit der eindeutigen Aussage: „Die Macht ist euch gegeben, dass ihr sie nie, nie mehr aus euren Händen gebt“? Ich kann es nicht beantworten, denn ich bin einfacher Elektriker und kein Historiker. Als Mensch denke ich mir aber, vielleicht war die „Friedliche Revolution“ ganz anders. Nicht nur eine von unten, sondern zugleich eine von oben, entgegen allen Lehren?
Von der genauen Höhe des DDR-Schuldenberges wusste man in Moskau erst, nachdem Egon Krenz bei seinem Antrittsbesuch in Moskau, am 31. Oktober 1989, Gorbatschow und Schewardnadse genügend reinen Wein über die wahre Lage der DDR-Wirtschaft, wie sie ihm der Saarländer hinterlassen hatte, einschenkte, schreibt Egon Bahr. Das muss dann wohl der Moment gewesen sein, der den Sowjetführern, denen selbst das Wasser schon bis zur Unterlippe stand, den Blick für die Realität frei machte. Das schreibt Bahr nicht, lässt es uns aber folgern. Besser Milliarden aus Bonn für den Verkauf der DDR, als Milliarden aus der Sowjetunion in die DDR. Das könnte man sich so gesagt haben, denn rechnen konnten sie, die Genossen im Kreml, immer schon. Nur eins leuchtet mir nicht ein, wenn es wirklich so war: Warum hat Egon Krenz dann nicht dazu in Moskau lieber geschwiegen?
Ich glaube eher, dass sie im Kreml und der Lubjanka recht gut wussten, wie es um die Bonität der DDR stand. Wozu waren denn ihre eigenen „Krethi und Plethi“ und deren zahllose deutsche Helfershelfer sonst nütze? In Moskau wusste man sehr genau, denke ich, dass sich nicht mehr viel rausholen ließ aus ihrem Satellitenstaat DDR. Nicht mit ihren, den sowjetischen Methoden! Mit denen unserer Brüder und Schwestern allerdings schon. Und zwar Milliarden, nur eben nicht auf direktem Wege. Und das war es, was man sich in Moskau sicher nicht vorstellen konnte. Und Krenz konnte es vielleicht auch nicht, wie wir alle damals. Aber was seine Moskauer Genossen über die DDR-Bonität wirklich wussten, das wusste ganz bestimmt auch er bei seinem Antrittsbesuch am 31. Oktober 1989, selbst wenn er es nicht aufschrieb in seinem Buch „Herbst ’89“. Er war jahrelang der Verantwortliche für die DDR-Sicherheitsdienste! Und die … na, lassen wir es lieber!
Vielleicht wollte er dort nur testen, woran er war? Vielleicht den Genossen in Moskau aber auch nur eine Brücke bauen, weil er ahnte, was sowieso kommen würde? Schön, das ist Politik. Also sagten sie, was sie dachten, seine Genossen Gorbatschow und Schewardnadse, damals in Moskau. Natürlich nicht ihm, ihrem treuen Verbündeten Egon Krenz, dafür aber dem guten Onkel Sam in den USA und später sogar dem Kanzler in Bonn. Auch Krenz ließen die Moskauer Freunde nicht lange im Regen stehen. Nein, nein! Nur ein paar Monate später sahen sie mit verschränkten Armen zu, dass er schnell ein dichtes Dach über den Kopf bekam, ein Gefängnisdach! So, wie sie auch beim Saarländer zusahen, der doch noch viel länger ihre Interessen vertreten hatte. Na, es wird ihm die Augen geöffnet haben, ich meine Krenz, der noch in dem bereits erwähnten Buch „Herbst ’89“ schrieb: „Die Sowjetunion ist meine zweite Heimat.“ Schöne Heimat! Wie schrieb doch dagegen ein zweifelhafter englischer Politiker? „England hat weder ewige Freunde noch ewige Feinde. Es hat nur ewige Interessen!“ Ja, auch vom Klassenfeind lernen, heißt siegen lernen!
Auch in der DDR-Führung und anderswo müssen die Zweifel an dem real existierenden Sozialismusmodel gewachsen sein. Logisch! Nicht bei allen. Nicht an allem. Aber am Dogma der Unfehlbarkeit der Partei wohl doch. Zumindest der Glaube an die These „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ war tief erschüttert. In Warschau und Bukarest, Prag, Budapest und vor allem in Moskau selbst. Nicht erst 1989 begannen einige eine neue These aufzustellen: „Rette sich, wer kann“ oder „Unser Hemd ist uns näher als das Sicherheitsbedürfnis der DDR“. Was dann vor sich ging, wissen wir nicht genau. Doch Ende Dezember ’89 nahmen Washington und Bonn das Heft des Handelns in die Hand. Das sagte Egon Bahr, richtig, aber man spürte es damals auch ohne es zu wissen. Was genau ablief, wird vielleicht erst die übernächste Generation erfahren, wenn wieder einmal die Archive gelüftet werden sollten. Nur für mich, den Leiter der Brigade „Stromschnelle“, war und ist es unvorstellbar, dass ohne ein Signal aus Moskau überhaupt etwas möglich gewesen wäre.
Und nun? Das Volk der DDR stand auf der Straße. Sollten sie den „real existierenden Sozialismus“ der Welt allein verteidigen, die Herrschenden der DDR? Ohne dieses Volk? Vielleicht mit einem neuen, wie Brecht einst geraten hatte? Mit einer unsicheren Volksarmee und einer sich bereits vorsichtig umorientierenden Volkspolizei? Gestützt allein auf die Staatssicherheit? Gesetzt den Fall, der Kampf wäre gewonnen worden, ein paar tausend Tote als Kollateralschaden eingerechnet! Was dann? Die Löcher in der Mauer waren bereits groß. Und Verbündete? Wer wäre da geblieben? Albanien? Nordkorea? Kuba? China? Nein, China nicht! Die Chinesen setzen nie auf das schlechtere Pferd.
Der Sieg hat viele Väter! Daran, dass Krenz sich 1989 den Realitätssinn bewahrte, denkt heute niemand. Vielleicht hätten wir Grund, auch ihm zu danken, zumindest dafür, dass „Keine Gewalt“ möglich wurde? Das glaube ich heute und wiederhole mich! Vielleicht war ja die „Friedliche Revolution“ von 1989 eine von unten und zugleich eine von oben? Eine Theorie dafür gibt es nicht. Die Frage stellte ich mir ja auch nicht damals im Herbst 89, sondern heute kurz vor meinem Abgang ins Jenseits. Na, ich bin sicher, dass irgendwann auch das, was wirklich zu dieser „Friedlichen Revolution“ führte einmal objektiv untersucht werden wird, etwa so, wie man heute, nach 100 Jahren, vorsichtig beginnt, die wahren Ursachen für den Ausbruch des I. Weltkrieges offenzulegen. Schade, dass ich das nicht miterleben kann, denn interessieren würde es mich schon. Ich war ja ein direkt Betroffener, denn mitrevolutioniert habe ich. Das streite ich nicht ab.
Freiheit für alle und Gerechtigkeit forderten wir 1989! Lächerlich! Ja, so naiv kann man sein im Rausch der Ereignisse. Als hätte je eine Revolution Gerechtigkeit für alle gebracht und auch noch Freiheit. Stolz zitierten wir auf unseren Transparenten das Wort der Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Heute auch noch? Na, dann versuchen wir es doch mal! Vielleicht zuerst in der eigenen Firma?
Gehörte sonst noch etwas dazu zur Freiheit, die wir im Herbst 1989 hätten fordern sollen? Ja! Das Recht auf Arbeit. Erst später fiel mir ein, dass ich diese Forderung auf keinem Plakat gelesen habe. Na ja, und weil es keiner gefordert hat, haben wir es eben auch nicht bekommen. So einfach ist das!
Missbraucht hat dieses Grundrecht auf Arbeit in der DDR am meisten der Saarländer selbst. Zumindest hat er indirekt die Grundlagen für den massenhaften Missbrauch geschaffen. Das war, als er zu Beginn seiner Herrschaft populistische Reformen einführte, auf deren Grundlage der Disziplinverfall in den Betrieben zu wuchern begann. Dazu zähle ich das schrittweise Untergraben der Autorität der Leiter, die Stärkung des Einflusses gesellschaftlicher Organisationen in den Betrieben oder die Arbeitsplatzbindung von Kriminellen, Asozialen und Arbeitsscheuen. Womit kann die Arbeitsmoral eigentlich schneller untergraben werden als mit einer garantierten Straflosigkeit für chronische Faulpelze? Ich weiß es nicht. Andere, die es hätten wissen müssen und ändern können, taten nichts. So fuhr das Staatsschiff DDR in aller Gemütsruhe auf den Malstrom zu und was dort geschieht, kann man nachlesen. Am besten bei Edgar Allan Poe, dem amerikanischen Schriftsteller.
VIII
Bevor ich zur Historie selbst zurückkehre, noch ein kurzer Rückblick in eigener Sache. Die Politiker an der Spitze unseres Staates kannte ich nicht. Nicht persönlich jedenfalls. Woher auch? Na schön, aus dem Fernsehen und der Zeitung, solange ich sie noch las. Doch eine Ausnahme gab es. Egon Krenz, den kannte ich. Kennen ist natürlich Quatsch. Wir waren einmal zusammengetroffen. Falls ich mich recht erinnere, haben wir sogar ein oder zwei Gläschen „Irgendwas“ getrunken. Natürlich nicht wir beide allein. Wir waren viele, darunter ich und meine Brigade „Stromschnelle“. Ein paar Worte gewechselt haben wir aber und viel gelacht, denn der Anlass war ein erfreulicher. Das reicht natürlich nicht für ein Urteil, aber immerhin hatte ich einmal mit ihm zu tun, mit Helmut Kohl nicht.
Die Begegnung fand gar nicht so lange vor der Wende im Jahre 1982 statt. Zu tun hat sie deshalb auch nichts mit ihr. Ein knappes Jahrzehnt ist das jetzt her, aber auch das ist fast schon unwichtig. Jedenfalls war der Name Krenz noch unbeschädigt durch seinen späteren Scheißjob als Wahlleiter. Auch sein Chinabesuch mit den Vorgängen auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die er positiv kommentiert haben sollte, wie behauptet wird, lag noch in weiter Ferne.
Unsere Begegnung fand in Oberwiesenthal, im Erzgebirge statt. Die DDR hatte, warum auch immer, dort ein Jugendhotel zu bauen in Auftrag gegeben. So etwas wie eine Nobel-Jugendherberge. Man könnte auch sagen ein Sargnagel für die schon marode DDR, den der Saarländer, unbekümmert und populistisch, da und dort und eben auch hier einschlug. Kein Vergleich mit den Absteigen, die wir in der Schulzeit auf Wandertagen im Harz oder in Thüringen kennengelernt hatten. Du erinnerst dich, mein Freund, an unsere gemeinsame Rennsteigwanderung 1958 von Saalfeld nach Eisenach? Herrliche Zeit! Aber die Jugendherbergen! Egal, wir kannten ja nichts anderes! Die Hütte, die damals gerade in Oberwiesenthal errichtet wurde, war wirklich repräsentativ. Schöne Zimmer ausgerüstet mit Duschen, manche mit Bädern und einige hatten sogar kleine Kühlschränke. Minibars, lernte ich später. Unmengen an Personal im Haus und ganze sieben DDR-Mark je Übernachtung. Wohl dem Staat, der sich das leisten kann.
Doch darum geht es hier nicht. Es gab Räume zum Lesen, zum Diskutieren und anderes mehr. Sogar kegeln konnte man. Und es gab auch eine tolle Bar. Ob sie das wirklich war oder nur in meiner vielleicht noch unterentwickelten Vorstellungen davon, wie eine tolle Bar aussehen müsse, sei einmal dahin gestellt. Kurz, sie war schön. Und in dieser Bar lernte ich Egon Krenz kennen. Das kam so:
Wie in der DDR bei Repräsentationsbauten üblich, stand auch für das Jugendhotel Oberwiesenthal als erstes der Eröffnungstermin fest. Zunächst lief wohl auch alles nach Plan, dann kam das Übliche. Material wurde nicht pünktlich geliefert, Teile fehlten, Häusle- und Garagenbauer brauchten auch dieses und jenes und so weiter und so fort. Dadurch geriet die Netzwerkplanung durcheinander. Einiges musste auch umprojektiert werden, hieß es, jedenfalls schafften es die dafür geplanten Arbeitskräfte nicht mehr. Das waren wohl die wesentlichen Gründe dafür, dass ich ins Spiel kam.
Die Bauleitung wurde immer nervöser, denn der Eröffnungstermin stand ja unverrückbar fest. Schließlich griff man zum Bewährtesten der staatlichen Hilfsmittel, der sozialistischen Hilfe. Ein paar zusätzliche Gewerke wurden aus einigen Kombinaten dafür abgestellt. Darunter aus meinem Kombinat die Hälfte der Jugendelektrikerbrigade „Stromschnelle“, deren Brigadier ich war. Na ja, ganz jung waren wir nicht mehr, aber die Brigade hieß nun einmal so. Wir wurden für vier Wochen nach Oberwiesenthal delegiert. So hieß das damals.
Schließlich konnte das Jugendhotel termingerecht übergeben werden. Krenz hielt die Eröffnungsrede. Überraschend wurden alle am Bau beteiligten Helfer nach der Übergabe des Jugendhotels von ihm zu einem Probedurchlauf eingeladen. Er blieb und feierte mit uns. An seine Rede erinnere ich mich nicht, nur dass er frei sprach in einer angenehmen floskelfreien Sprache mit norddeutschem Akzent. Als die Feier dann richtig losging, kam er von Tisch zu Tisch, fragte, woher wir kämen, was wir weiter vorhätten und stieß mit uns an. Das imponierte nicht nur mir. In der Bar standen immerhin zwölf Tische. Als er sich gegen ein Uhr früh verabschiedete, sprang Heiner Kautz aus meiner Brigade auf und schrie, ohne Auftrag, dafür steht mein Ehrenwort: „Wir sind die Fans von Egon Krenz!“ Das war etwas holprig, gewiss. Doch Sekundenbruchteile später standen alle und die ganze Bar griff den Ruf auf. Ich erinnere mich, dass die Gläser auf den Tischen sprangen vom Widerhall des donnernden Gebrülls: „Wir sind die Fans von Egon Krenz!“
Das damals war ehrliche Zuneigung. Davon bin ich heute noch überzeugt. Nie zuvor und nie danach habe ich eine ähnliche spontane Sympathiedemonstration für einen SED-Funktionär erlebt. Gut, es war spät und die Getränke waren frei, trotzdem! Doch das lag ein Jahrzehnt oder mehr vor dem Tag, an dem unser damaliges „Idol“ den Sturz des Saarländers einleitete. Doch das Haus DDR war inzwischen marode und nicht mehr zu retten. Für Krenz wäre es vielleicht besser gewesen, er hätte es mit ihm, dem Saarländer, zusammenkrachen lassen. Aber wer kann schon in die Zukunft sehen. Eine echte Chance bekam er jedenfalls nicht mehr. Die Karten waren wohl bereits gemischt und verteilt. Genug von Politik und Politikern. Auch meine persönliche Uhr tickt, laut und unheilvoll.
IX
Der Frieden in unserer Familie war nach dem großen Badbenutzungskrach wieder so einigermaßen hergestellt. Vor allem weil ich vor der geballten Koalition von Ehefrau Jana, Sohn Waldemar Henry und seiner Ische Ilona dann doch zurückgewichen war. Wir hatten uns verständigt, dass die Beiden ihre morgendlichen Spielchen nicht mehr im Bad vollführten oder zumindest nicht in der Zeit, die mir von Anbeginn unserer ehelichen Gemeinschaft in dieser Wohnung für meine Morgentoilette zugestanden worden war. Dadurch bekam ich morgens auch wieder meinen Bus.
Im Gegenzug sollte ich keinen weiteren Versuch unternehmen, das mir lästige Pärchen vor die Türe zu setzen. Inzwischen wurde das gesellschaftliche Chaos in allen Lebensbereichen der unmittelbaren Vorwendezeit in der DDR flächendeckend. Davon musste auch die AWG in Mitleidenschaft gezogen worden sein, denn sie machte keine Anstalten, die unserem Waldemar Henry für 1989 fest zugesagte Wohnung bereitzustellen. Unser Pärchen störte das zunächst nicht, denn sie lebten bei uns wie in einem Hotel, in dem nichts etwas kostet. Jana hatte sich für ihren damaligen Ausbruch zwar nicht entschuldigt, mir aber durch ihr Verhalten hier und da zu verstehen gegeben, dass sie mir meinen angeblichen Ausraster nicht weiter nachtrug.
Trotzdem war mein Leben anders geworden. Nicht nur weil irgendetwas Fremdes zwischen uns getreten war. In unserem Betrieb fanden beinahe täglich irgendwelche Versammlungen statt, in denen hitzig darüber debattiert wurde, wie alles besser, vor allem aber anders werden könne. Daran nahm ich häufig teil, fast immer als Zuhörer. Ich wollte wissen, wohin das alles läuft. Und ehrlich gesagt wich ich damit möglichen weiteren Konflikten in der Familie auch noch aus.
Anfangs führten das Wort in den Betriebsversammlungen noch überwiegend bekannte Mitarbeiter, Frauen wie Männer meist unterhalb der Führungsetagen, denen es um wirkliche Verbesserungen im Kombinat ging und die Fragen und Lösungsvorschläge wurden überwiegend ruhig und meistens auch sachlich vorgetragen. Nur diskutiert wurde darüber immer hitziger. Nach und nach drängten aber immer undurchsichtigere Typen vor. Ihre Forderungen wurden radikaler und der Ton anmaßend. Misstrauensanträge gegen Leiter waren an der Tagesordnung. Mal mit Erfolg, meistens zwar ohne, aber davon irritiert schmissen Führungskräfte hin, setzten sich in den Westen ab oder wurden direkt abgeworben. Das gab es auch. Manchmal war ich vom Verlauf einer Versammlung richtig angetan, manchmal schnürte mir die Angst vor der Zukunft die Luft ab. Vor allem, wenn ich sah, wie ungeniert Vertreter von westlichen Konkurrenten begannen, sich in unserer Firma zu bewegen. Gehindert wurden sie von niemandem daran. Das, was heute mit Industriebrachen bezeichnet wird, bereitete sich schleichend vor. Ich hatte bereits die Übersicht über Ziel und Richtung unserer Bewegung verloren, nahm aber trotzdem weiter an den Debatten teil. Wahrscheinlich auch, wie gesagt, weil ich Auseinandersetzungen in meiner Familie ausweichen wollte. Genau weiß ich es aber nicht mehr. Es war am Sonntag, dem dritten Advent. Wir saßen beim Frühstück. Ich bemühte mich, dem Pärchen ein freundliches Gesicht zu zeigen und beteiligte mich zunächst locker an den belanglosen Gesprächen. Plötzlich sagte meine Jana: „Du, die Kinder möchten nach dem Westen. Sie wollen sich ihr Begrüßungsgeld abholen.“ Seit durch den Auftritt des zwielichtigen Schabowskis eher zufällig als geplant die Grenze geöffnet worden war, strömten täglich Tausende in den Westen. Schamlos flogen sie mit Kind und Kegel bei Verwandten oder Bekannten ein, um sie mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Vor allem aber wollten sie sich ihr Begrüßungsgeld abholen, das ihnen, wie sie meinten, zustand. Jana und ich hatten einmal darüber gesprochen und waren uns einig: Wir nicht! Wir lassen uns nicht bestechen! Nicht von denen da im Westen. Und schon gar nicht wollten wir unseren Brüdern und Schwestern das Schauspiel bieten, uns wie arme Verwandte stundenlang in Warteschlangen nach jämmerlichen 100 D-Mark Begrüßungsgeld anzustellen. Wer wollte, sollte das tun, wir aber nicht. Der Westen lief uns nicht davon und mit je 100 D-Mark wäre ohnehin hier kein Problem gelöst. Wie gesagt, darüber waren wir uns einig. Deshalb sah ich sie erstaunt an und merkte sofort, wie verlegen sie wurde. Ich sah auch, dass sie am Halsausschnitt rote Flecken bekam. Das geschah immer, wenn ihr etwas peinlich war oder sie sich aufregte.
Deshalb sagte ich ruhig: „Wenn die jungen Herrschaften sich das Begrüßungsgeld holen wollen, dann bitte sehr, warum nicht?“ Das sagte ich so gelassen wie ich konnte. „Habt ihr schon einmal …“, wollte ich fortfahren, doch da fiel mir unsere angehende Schwiegertochter ins Wort. „Und ihr, wollt ihr es verfallen lassen und denen schenken? Das sind 100 D-Mark für jeden, keine Alu-Chips, richtiges Westgeld. Außerdem haben die hier genug rausgeschleppt mit ihrem Schwindelkurs. Das ist das Mindeste, was uns zusteht.“
Eigentlich wollte ich ja etwas Grundsätzliches sagen, überlegte nur noch, wie und was, da fiel mir wieder einmal Waldemar Henry in den Rücken. „Hör zu, mein Alter. Jetzt überwinde mal den eingebildeten Stolz deiner Arbeiterklasse. Außer dir hat den nämlich niemand. Die fahren alle hin und holen ihre Kohle, ich kenne jedenfalls niemand, der noch nichts geholt hat oder holen will. Manche haben es sogar zweimal gemacht. Einmal im Norden und einmal in Bayern und auch das hat geklappt. Natürlich nur, wenn sie einmal bis Bayern gefahren sind. Glaubst du vielleicht, dass die da drüben eine Strichliste vorliegen haben und plötzlich bemerken, aha, der Paschke Heini aus Wolfen Nord, der hat sein Begrüßungsgeld nicht geholt. Was für ein stolzer Mensch, dieser Heinrich!?“ Er nickte mir spöttisch zu und sagte dann noch richtig höhnisch: „Nichts änderst du, gar nichts, wenn du es dir nicht holst und alle anderen tun es!“
Am liebsten hätte ich ihm in meiner aufsteigenden Wut ein paar gescheuert! Direkt in seine grinsende Larve. Doch eingedenk des Kräfteverhältnisses in meiner Familie und der versprochenen Friedenspflicht hielt ich mich gerade noch zurück. Darüber vergaß ich allerdings, dass ich eigentlich sagen wollte, dass das etwas mit menschlicher Würde zu tun hat, von der die beiden wohl noch nie etwas gehört hätten. Stattdessen sagte ich nur: „Fahrt doch!“ Mein anschließendes mehrfaches tiefes Durchatmen zeigte meiner geliebten Jana wohl an, dass es Zeit zum Eingreifen war, wenn sie verhindern wollte, dass gleich ein riesiger Krach losgetreten würde. Zunächst gab sie sich neutral und sagte zu unserem Sohn: „Kein Grund zum Höhnen, lieber Henry. Dein Vater und ich haben beschlossen, das Geld nicht anzunehmen. Dein Vater meint, dass wir uns vor denen da drüben nicht so demütigen lassen dürften. Das solltet ihr respektieren. Wir, er“, sie nickte mit dem Kopf in meine Richtung, „und ich, sind uns da einig. Fahrt doch einfach allein.“
Waldemar Henry verstand offenbar den Wink und lenkte ein. „Entschuldige bitte, Papa, ich wollte dich nicht kränken. Ilona und ich haben nur gedacht, wenn wir es nicht holen, freuen die da drüben sich nur. Und wir haben nichts davon. Ilona hat es doch schon gesagt. Die da haben jahrelang auf unsere Kosten gelebt, wenn sie hier ihr Geld eins zu fünf umgetauscht haben. Dabei war hier auch so schon alles viel billiger. Erinnere dich nur, Papa, wie du dich erregt hast, als wir einmal in Prag waren. Ich weiß es wie heute. Da saß eine Herde Halbwüchsiger aus dem Westen auf der Terrasse des Hotels Jalta. Wir hätten uns dort mit unserem Tages-Umtausch-Satz nie sehen lassen dürfen. Und die hingen bereits zehn Uhr lallend herum! Rings um sich leere Sektflaschen und von außen die empörten Blicke der Tschechen. Denkst du, dass sich auch nur einer von denen dafür geschämt hat? Nee, geschämt haben wir uns. Die haben sich gedacht, sie schädigen die Kommunisten, wenn sie überhaupt gedacht haben.“ Ich lachte ironisch, denn beide glaubten, mich mit dem Argument „Die haben doch …“ umstimmen zu können.
Jana wusste es. Dennoch war sie es, die das Anliegen auf den Punkt brachte. „Hör mal, Heinrich, die Kinder meinen es doch nur gut mit uns. Wir haben ein Auto, sie nicht. Komm, gib dir einen Ruck, lass uns zusammen mit dem Wartburg einen schönen Tag machen. Die beiden jungen Leute holen sich ihr Begrüßungsgeld und wir sehen uns inzwischen irgendeine Stadt an. Hamburg vielleicht oder, falls du lieber nach Bayern möchtest, dann eben Nürnberg oder München.“ Darum also ging es. Sie wollten auch noch das Fahrgeld sparen. Ich sollte sie kutschieren. Nach Hamburg oder nach München! Das waren ungefähr 1000 Kilometer hin und zurück. Dazu brauchte ich drei Kanistern Benzin im Kofferraum. Bezahlen wollten sie mir den Westsprit sicher nicht von ihrem Umtauschgeld. Drei Kanister, das wäre dann eine fahrende Bombe, die beim kleinsten Unfall explodieren konnte. Ich war so wütend über die Zumutung, dass ich für einen Moment dachte, gib ihnen für dieses Selbstmordkommando doch dein Auto. Vielleicht klappt es! Wütend wollte ich beiden etwas entgegenschleudern, doch dann siegten die Scham und die Vernunft. Das sind deine Kinder, du dämlicher Heini, zumindest dieser Waldemar, sagte ich mir und meine Wut war verflogen. Ich wusste plötzlich, dass ich kapitulieren würde, auch ohne weitere Diskussionen. Ich hörte kaum noch zu, als Ische Ilona mit zuckersüßer Stimme nachlegte: „Wir verstehen dich ja, lieber Heinrich!“ Sie lächelte in meine Richtung. Ich sah nur noch irritiert in die Runde, denn ich hatte ihr weder das Du angeboten noch ihr gestattet, mich mit dem Vornamen anzureden. Bisher hatte sie es auch noch nie getan.
„Machen wir es doch einfach so, wie es Jana vorgeschlagen hat. Ihr seht euch die Stadt an und wir holen uns unser Begrüßungsgeld. Es muss ja nicht gleich München sein. Hof genügt und da musst du keine Kanister mitnehmen. Und wenn ihr euch geniert, dann gebt ihr uns einfach eure Ausweise und wir versuchen es euch mitzubringen. Vielleicht geht auch das. Ist das ein Vorschlag?“ – „Nein!“ Ich wunderte mich, wie ruhig ich meinen letzten Widerstand aufbaute. „Begreift ihr denn nicht, dass sie uns kaufen? Wie können wir je mit ihnen auf Augenhöhe bleiben, wenn wir zuvor nach zugeworfenen Brocken geschnappt haben wie hungrige Hunde? Die werfen uns Sand in die Augen und keiner will es merken!“
Mit meinem Argument erreichte ich niemand, nicht einmal Jana. „Hör mal, Heini“, sagte sie auf einmal, meinen verstümmelten Vornamen wie bei einem ungehorsamen Kind explizit betonend. „Du weißt, dass ich immer auf deiner Seite bin und du weißt, dass ich genauso darüber denke wie du. Aber sei mal ehrlich, glaubst du wirklich, dass du auch nur das Geringste erreichst, wenn alle ihr Begrüßungsgeld holen und du nicht?“ Das hatte ich doch gerade erst gehört. Nicht von ihr, von Waldemar Henry! Gerade hatte Jana noch von uns gesprochen, dächte ich. Jetzt stellte ich wieder nur fest, dass ich auch in dieser Frage allein bleiben würde und antwortete deshalb, jedes Wort einzeln betonend, innerlich aber schon resigniert: „Nein, Jana, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass das nur etwas mit Würde zu tun hat.“ Zwei Tage später fuhren wir alle vier in meinem Wartburg nach Hof in Bayern.
Damals hätte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen können, dass zu dem Zeitpunkt, als wir in unserer Wohnküche in Wolfen Nord noch darüber debattierten, ob es ehrenrührig sei, Begrüßungsgeld anzunehmen, George W. Bush und Helmut Kohl sich bereits über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland verständigt hatten. Nur wenig später, am 25./26. Januar 1990 würde Michael Gorbatschow, der noch drei Monate zuvor in Berlin frenetisch gefeierte Gorbi, dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik grundsätzlich zustimmen. Gegen eine beachtliche Milliarden-Morgengabe versteht sich. Damit hatte er offenbar kein Problem. Seinem langjährigen Sattelitenchef, dem Saarländer Honecker, würde die „Noch-Sowjetunion“ wenig später sogar den minimalsten Schutz, das Asyl, verweigern und ihn ausliefern.
„Was für ein Tag der Schmach!“ (2. Könige 19,3). Zu Gorbatschows Ehre kann lediglich gesagt werden, dass nicht er es war, der ihn letztlich auslieferte.
X
Entgegen allen Erwartungen gab es so gut wie keinen Andrang vor dem Postamt in Hof. Dort hatte man für die herüberströmenden Ostdeutschen eine Ausgabestelle für Begrüßungsgeld eingerichtet. Für Hof hatten wir uns auf Drängen Waldemar Henrys und Ilonas entschieden. In Bayern würden nicht 100, wie sonst in den Bundesländern üblich, sondern sogar 150 D-Mark ausgezahlt. Jana und ich hatten zwar noch die halbe Nacht darüber diskutiert, was für ein fieser Trick der Coup mit dem Begrüßungsgeld letztendlich war, unabhängig davon blieb es dabei. Auch ich würde es mir abholen. Ich hatte ja schon beim Frühstück klein beigegeben, wie meistens in letzter Zeit.
Unseren klapprigen Wartburg hatten wir ein Stück vom Postamt entfernt in einer gerade frei gewordenen Parklücke abgestellt und gingen langsam und schweigend in Richtung Auszahlstelle. Vor uns hielt plötzlich ein Trabant mit einem Berliner Kennzeichen. Ein noch relativ junges Paar stieg aus und zerrte zwei Kleinstkinder aus dem Auto. Das jüngste war vielleicht sechs bis acht Wochen alt, das ältere musste so knapp zwei Jahre sein. Die Frau nahm die schlafende Kleine auf den Arm und hielt das quengelnde Größere an der Hand fest. Ihr Mann klappte auf der Beifahrerseite den Sitz zurück, beugte sich noch einmal ins Auto und versuchte eine alte Dame herauszuziehen. „Bitte, Oma, steige jetzt endlich aus“, sagte er erzwungen höflich. „Wir sind doch nun im Westen, wo du unbedingt hinwolltest.“ Was sie antwortete, konnte ich nicht verstehen, denn sie sprach sehr leise. Er zerrte an ihr, doch es gelang ihm nicht, sie aus dem Auto zu hieven. Scheinbar war die alte Dame ziemlich schwer. Außerdem sträubte sie sich gegen das „Aussteigen-Sollen“. Schließlich wandte sich der junge Vater an uns und bat, ihm doch zu helfen, die Oma aus dem Auto zu bugsieren. „Erst wollte sie unbedingt mit in den Westen und nun behauptet sie, nicht aus dem Wagen steigen zu können. Es ist schon ein Kreuz mit den alten Leuten.“
Der junge Mann schaute abwechselnd und halb wütend, halb bittend zu Ilona und Jana. Wahrscheinlich wäre es ihm lieber gewesen, eine Frau hätte ihm geholfen. Unsere beiden Damen taten aber, als wären nicht sie gemeint. Waldemar Henry musste sich gerade jetzt unbedingt und mit großem Interesse die nichtssagenden Häuserfassaden von Hof ansehen und bemerkte den Hilfesuchenden dadurch nicht. Also blieb es wieder an mir hängen. Verflucht sei die Höflichkeit, zu der man mich erzogen hatte. Trotzdem fragte ich mich, warum die beiden Typen mit zwei quengelnden Kindern und einer Oma, die ganz offensichtlich schlecht zu Fuß war, von Berlin bis nach Bayern gekutscht waren, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Sie hätten doch einfach durch die jetzt offene Mauer nach Westberlin fahren können. Ja, so naiv war ich noch. Also nickte ich dem Berliner Typen zu, ging auf die Fahrerseite und öffnete die Tür. Sofort wusste ich, warum die alte Dame nicht aussteigen wollte. Es roch penetrant nach Schweiß und noch etwas nicht gleich Definierbarem. Dann sah ich es. Sie trug einen warmen Wollmantel und darunter etwas, das mehr einem Nachthemd als einem Kleid ähnelte. Sie war stark übergewichtig und schwitze vor Anstrengung, Angst oder einfach so. Der Mantel stand offen, ich konnte sehen, dass eins ihrer Beine gewickelt war und dann sah ich unter ihr die Pfütze und auch, dass Mantel und Sitz feucht waren. Daher der stechende Geruch von kaltem Schweiß und Urin. Der Kerl musste von Berlin bis Hof durchgefahren sein. Ich schob mich zurück und sagte: „Hör mal, lass die Oma hier sitzen. Es fällt ihr wirklich schwer auszusteigen.“ Die alte Dame sah mich erleichtert und dankbar an. Dass sie sich eingepinkelt hatte, würde er ja wohl selbst merken, dachte ich und sagte mit aller Verachtung, die ich in meine Stimme legen konnte: „Vielleicht kannst du die Lady in der Ausgabestelle auch so davon überzeugen, dass eure Oma für euch das Begrüßungsgeld in Empfang nehmen soll. Du kannst ja sagen, dass sie sich dafür schämt. So etwas gibt es wirklich.“ – „Meinst du?“, fragte er unsicher. „Sie wollte doch unbedingt noch einmal in den Westen. Was soll ich da machen?“ – „Ja, das meine ich“, antwortete ich schroff, drehte mich um und ließ ihn stehen.
„Warum sind Sie denn mit der ganzen Bagage nicht durch die Mauer nach Westberlin, sondern bis hierher nach Bayern gefahren?“, fragte Jana, die jetzt langsam mitbekommen hatte, dass irgendetwas nicht stimmte. Er wurde verlegen, zuckte mit den Schultern, antwortete dann aber doch halblaut: „Wir waren gerade hier in der Gegend!“ Da fiel mir ein, was mir Ilona und Waldemar Henry schon bei unserem Küchengespräch erzählt hatten und ich wusste, warum er von Berlin 400 Kilometer nach Westen gefahren war. Der holte sein Begrüßungsgeld zum zweiten Mal ab. Ich spuckte aus, denn mir wurde richtig schlecht.
Einige Minuten später erhielten wir vollkommen problemlos unser Begrüßungsgeld. Als wir wieder auf der Straße standen, sahen wir den Typen mit der „Lady“ vom Nebenschalter vor dem Trabant stehen und hörten, wie er ihr erklärte, dass die liebe Oma unbedingt noch einmal in den Westen gewollt habe, bevor sie die Äugelein (er hat wirklich Äugelein gesagt) für immer schließen würde. Dann drehte er sich zur Seite und schien vor innerer Rührung zu weinen. Und die mit dem Auszahlen von Begrüßungsgeld beauftragte Dame nickte gerührt und sagte: „Gut, so machen wir es.“ Wahrscheinlich war sie froh, dass die feucht gewordene Oma nicht doch noch in ihr Büro gehoben wurde. Die Scham stieg in mir hoch, ich nahm meine 150 D-Mark, zerknüllte die Scheine, warf sie auf die Straße und trat darauf. Jana nickte zustimmend, behielt aber ihre Scheine. Meine angehende Schwiegertochter allerdings hob sie auf, strich sie glatt und steckte sie ein. Ich sah sie verächtlich an. Sie wollte etwas erklären, unterließ es aber, als sie meinem Blick begegnete. Im Auto sprach niemand ein Wort, bis wir vor der Haustür standen.
XI
Bis hierhin, mein lieber Freund, verlief unser, das heißt dein und mein, Leben, abgesehen von einigen leichten, zeitbedingten Höhenunterschieden, sehr ähnlich. So, wie es uns der Saarländer vielleicht als Ziel einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ vorgegeben hatte. Alle in etwa gleich. Die nicht planbare Ausnahme war vielleicht, dass du und ich bereits über vier Jahrzehnte Freunde waren und unsere Frauen das nicht nur akzeptierten, sondern sich ebenfalls gut verstanden. Auch das soll ja nicht selbstverständlich sein. Beide hatten wir unser festes Wohnumfeld, langjährige Arbeitskollegen, eine im Großen und Ganzen intakte Familie, annähernd gleiche Neubauwohnungen, nur dass deine in Leipzig und meine in Wolfen Nord stand. Wir fuhren das gleiche Auto, jeder einen Wartburg. Deinen bekamst du nach 16 Jahren Anmeldungszeit und ich hätte, wenn Vater Waldemar nicht … na, du weißt schon, genauso lange warten müssen. Alles war annähernd gleich in unserer schönen DDR. Gehälter, Garderoben und sogar die Wohnungsausstattungen unterschieden sich nicht nennenswert. Ähnliche Schrankwände, Sitzmöbel und, dank deiner Hilfe, sogar vergleichbare Buchbestände und Schallplatten. Die Unterschiede bestanden nicht in der Kaufkraft, sondern in den Beziehungen. Siehe mein Vater Waldemar. Aber sonst? Dass du Chef eines Großbetriebes warst und ich der bescheidene Leiter der Elektrikerbrigade „Stromschnelle“, war äußerlich kaum zu bemerken.
Doch es änderte sich viel in den letzten Monaten. Die Gesellschaft krachte in allen Fugen und häufig zerbrachen auch über Jahre gewachsene menschliche Verbindungen und Freundschaften. Unsere hielt, obgleich ich fast jeden Montag in Leipzig um den Ring marschierte, wenn auch mit wachsenden Bedenken. Du dagegen versuchtest und schafftest schließlich auch den Spagat, die Unruhen aus deinem späteren Betrieb rauszuhalten, ihn am Markt neu zu etablieren und ihn zugleich vor den rigorosen Plattmachungsbestrebungen der Treuhand, die besonders nach der Ermordung Rohwedders am 1. April 1991 einsetzten, zu schützen. Du allein weißt, was dir das an Kraft gekostet hat. Aber schließlich hast du vielleicht nicht alles, aber viel richtig gemacht, während ich unter den neuen Bedingungen scheiterte. In Tritt kam ich nicht wieder, vielleicht auch, weil ich irgendwann nicht mehr wollte und konnte. Dabei ging es uns später nicht einmal schlecht. Alles andere wäre gelogen.
Vor uns stand das Weihnachtsfest 1989. Es sollte für meine Familie und mich für lange Zeit das letzte sorgenfrei und ohne Zukunftsangst gefeierte „Fest der Familie“ bleiben. An jenem Heiligen Abend ließ ich mich von Jana sogar überreden, in unserer heimatlichen Dorfkirche die Christmesse zu besuchen. Das hatten wir seit ein paar Jahren nicht mehr getan. Hinterher erschien mir dieser Schritt fast wie ein Symbol. Waldemar Henry und Ilona hatten sich uns angeschlossen. Natürlich nicht, um mit uns in die Kirche zur Christmesse zu gehen, sondern weil sie unbedingt noch die neue Freundin eines alten Kumpels aus Waldemar Henrys Schultagen begutachten wollten. Die Besichtigung muss erfreulich verlaufen sein, denn sie wurde ordentlich gefeiert. Auf der Rückfahrt musste ich mich jedenfalls um die „Unversehrtheit“ der hinteren Sitze in meinem Wartburg sorgen. Es lief aber alles gut ab. Nur das blöde Kichern der beiden brachte mich in Rage.
Den 1. Weihnachtsfeiertag besuchte uns wieder meine Mutter, ohne dass es zu mehr als den üblichen kleinen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und Jana gekommen wäre. Mein Vater hatte dringend zu tun, ließ er uns ausrichten. Und am zweiten trafen dann wir uns. Auch das sollte ein langer Abschied werden! Einmal von unserer bereits traditionell zu nennenden Zweiten-Weihnachtsfeiertags-Begegnung. Zum anderen war es auch euer letzter Besuch in Wolfen Nord. Einige Wochen später hatte dieser Teil des Vaterlandes keine Verwendung mehr für mich. Die mir bekannte Welt zerbrach, die vor mir liegende verstand ich nicht und versuchte es dann bald auch nicht mehr, sie zu verstehen. Aber das ahnten an diesem Weihnachtstag weder du noch ich. Die Stimmung blieb, trotz aller Bemühungen von beiden Seiten, recht gedrückt. Weniger durch Jana und mich, denn wir ahnten nicht einmal, was uns persönlich bevorstand, als durch euch. Ihr wart ja schon mitten drin in dem allgemeinen Schlamassel, der besonders dich bis zur letzten Grenze fordern sollte. Trotzdem gelang es uns dann noch einmal, die schwarzen Wolken beiseite zu schieben und es wurde doch noch ein schönes Fest. Ja, unerforschlich sind des Herrn Wege.
XII
Es war in der dritten Juliwoche 1990. Die Währungsunion war gerade mal 14 Tage alt. Die Bundesrepublik hatte sich zuvor, mit Rückendeckung ihrer Verbündeten und der Schützenhilfe der frei gewählten Volkskammer der Noch-DDR, für den Anschluss und gegen einen Zusammenschluss beider Teile Deutschlands auf Augenhöhe entschieden. Mit weitreichenden Folgen. Damit wurde der Weg frei gemacht für den größten Coup in der Deutschen Geschichte nach der Umwandlung Ostpreußens vom Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum am 8. April 1525, in dessen Folge der gesamte dortige Kirchenbesitz an Fürstenhäuser säkularisiert wurde.
Den mit einseitiger Geschichtsbetrachtung aufgewachsenen DDR-Bürgern sagte der Begriff Säkularisierung zwar genauso wenig wie Ostpreußen, dafür denen, die sich Investoren nannten, vielleicht schon. Zugreifen hieß es, denn „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Und dann kamen sie, die Glücksritter, wie Schmeißfliegen, die einen frischen Haufen Scheiße wittern. Jetzt setzte sie tatsächlich ein, die Revolution. Das Wort „friedlich“ wurde erst einige Zeit später von den Gutmenschen beigefügt und vorangestellt. Aus der Sicht der Profiteure ist das sogar unbedingt richtig. Jeder Zweite im Beitrittsgebiet allerdings verlor in der Folge dieser Ereignisse seinen Arbeitsplatz, seine Ausbildung oder seine Heimat, und wird das vielleicht etwas weniger friedlich im Gedächtnis behalten haben.
In meiner und Janas Familie zum Beispiel traf es alle Angehörigen, obwohl niemand von uns der SED auch nur nahe gestanden hatte. Richtig so! Denn wir alle, der eine mehr, der andere etwas weniger, wollten ja die Freiheit. Und die bekamen wir, und andere auch! Jetzt bekam die Losung „jeder nach seinen Fähigkeiten“ eine völlig neue Bedeutung. Was wird danach kommen? Nicht mehr unser Problem! Uns wird es ja bald nicht mehr geben. Nur eins klingt mir noch in den Ohren, der Schlachtruf vom Leipziger Ring: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr!“ Ja, sie kam zu uns, die D-Mark, und wir gingen trotzdem, nur weniger freiwillig!
Den Anfang bei der Arbeitslosigkeit machte, wie ich bereits andeutete, überraschend unser Sohn Waldemar Henry. An einem dieser hellen Sommerabende 1990 kam er mit hängendem Kopf nach Hause. In seiner Firma waren die Aufträge stark weggebrochen, hieß es. Die neue „vorläufige Geschäftsleitung“ versuchte das Unternehmen wieder marktfähig zu machen, versicherte der Chef. Deshalb hatte sich die neue Leitung für eines der Modelle entschieden, die die Statistik, vor allem mit Blick auf das Ausland, schöner färbten, am Faktischen aber nichts änderten. Es hieß „Kurzarbeit Null“ und bedeutete, der Arbeitslose tauchte nicht sofort in der Statistik auf. Geld bekam er auch, nur nicht von der Firma, sondern vom Steuerzahler. Arbeiten durften die Betroffenen nach diesem Modell nicht.
Arbeitslosigkeit kannten wir ja aus der DDR-Zeit nicht. Beinahe hätte ich gesagt leider. Deshalb war uns auch nicht sofort klar, was das wirklich bedeutete. Entsprechend unterschiedlich waren die Reaktionen in der Familie. Jana meinte, wenn es nur vorübergehend sei, dann wäre das ja nicht so schlimm. Die Lage würde sich schnell stabilisieren, dann ginge es richtig aufwärts hier im deutschen Osten. Das hat der Kanzler uns ja versprochen. Wir sollten uns an sein Wort von den „blühenden Landschaften“ erinnern. Das hatte sie tatsächlich so gemeint, wie sie es sagte. Sie ja! Ich wollte mich nicht aufregen, deshalb sagte ich ganz pragmatisch: „Junge, du bist doch Mitglied im vorläufigen Betriebsrat. Jedenfalls hast du es so erzählt. Da kannst du gar nicht entlassen werden. So steht es im Betriebsverfassungsgesetz, habe ich gehört. Du hättest es vielleicht einmal lesen sollen, wenn du dort schon mitmachen musst.“ Waldemar Henry sah mich mitleidig an. „Das habe ich, mein Alter, darauf kannst du Gift nehmen. Aber erstens bin ich nicht entlassen. ‚Kurzarbeit Null‘ heißt das Modell. Verstehst du nicht, stimmt es?“ – „Nein!“ Weiter sagte ich nichts. Waldemar Henry erklärte es mir. „Das ist eine neue Erfindung, die sie aus dem Westen mitgebracht haben. Ich bin entlassen, aber auch nicht. Ich brauche nicht mehr in die Firma zu gehen, bekomme aber trotzdem mein Geld. Ich erscheine nicht in der Arbeitslosenstatistik, bin aber arbeitslos. Kapiert? Wie lange das so geht, weiß ich nicht.“ Er sah deprimiert auf seine Fußspitzen.
„Und das schluckst du?“ Ich brauste in meiner Naivität auf! Waldemar Henry begann laut zu lachen. „Du wirst sie schon noch kennenlernen, die neuen Herren, mein lieber Papa Heinrich.“ Was sollte ich darauf antworten? Ich schluckte wieder meinen Ärger hinunter und blieb still. Irgendwie stimmte es ja überein mit meinen heimlichen Befürchtungen. Währenddessen hatte Ilona gelangweilt einen kleinen Spiegel und einen Stift aus ihrer Beuteltasche genommen und zog die Konturen ihrer Lippen nach. „Das ist doch kein Drama, Leute“, sagte sie gelassen. „Solange er Kohle einsteckt, musst er sich doch nicht schinden, wenn es auch ohne das geht. Weißt du was“, wandte sie sich an Henry, „ich frage morgen unseren Chef, ob die vielleicht bei der Stadt auch so ein Modell in der Tasche haben. Wie sagtest du heißt es, ‚Kurzarbeit Null‘? Klingt nicht schlecht. Ich glaube, das wäre etwas für mich. Führen sie das auch bei uns ein, würde es mich sowieso als Erste treffen nach der Sozialauswahl. Kein Kind, kein Kegel, nicht einmal einen richtigen Mann. Einen ohne Job, ja. Außerdem bin ich vorlaut, sagt unser Boss. Da melde ich mich lieber gleich freiwillig! Knete abholen ohne Arbeit. Da gibt es Schlimmeres. Wir machen uns noch ein paar schöne Tage, bis …“, den Rest verschluckte sie.
Da niemand antwortete, fragte sie nach einer Weile: „Was hältst du davon, mein arbeitsloser Hauptmieter?“ Waldemar Henry sah sie unsicher an. Es klang irgendwie kalt, mitfühlend jedenfalls nicht. Dann lachte sie. „Es ist ja nicht lebenslänglich. Gibt es keine Knete mehr, suchen wir uns eben was Neues, wo die Mauer doch jetzt weg ist. Ich denke, ich finde schon was. Wenn nicht hier, dann eben anderswo. Im Übrigen habe ich die Schnauze sowieso voll von dem allgemeinen Katastrophengeschwätz hier.“ Jana und ich sahen uns ratlos an. Was hätten wir den Beiden auch raten sollen?
Der einzige, der scheinbar klaren Verstand behielt, war zu meiner großen Verblüffung der Betroffene selbst, unser Sohn Waldemar Henry. Vielleicht wollte er die Initiative in seiner Beziehung zurückgewinnen, vielleicht ahnte er auch mehr als er sagte. Jedenfalls sprach er sehr gelassen. So, als teile er uns mit, dass er jetzt in den Konsum fahren und Bier holen würde. „Ich habe auch die Schnauze voll von all dem, was jetzt hier im Osten vor sich geht.
Genau wie du, mein Mäuschen! Immer mehr Schlipsmänner stiefeln in den Betrieben wie in ihrem Vorgarten rum. Sie spionieren und quatschen dumm. Das nennen sie beraten. Wer dagegen aufmuckt, fliegt! Die führen sich jetzt schon auf, als wären sie die neuen Herren. Gnade uns Gott, wenn die es werden sollten. Dann ist Deutschland wirklich einig Vaterland, nämlich das ihrige. Sie sind die Herren, wir die Knechte. Nein danke, mit mir nicht! Da kommt mir der de facto Rausschmiss gerade recht. Die alten Genossen waren schlimm, aber vor dem, was jetzt kommt, hilft uns kein Gott, kein höheres Wesen. Die werden nicht Ruhe geben, bis ihnen auch der letzte Nagel hier im Osten gehört.“ Ilona sah ihn merkwürdig spöttisch an, als ihr Lebensabschnittsgefährte seine Meinung auszubreiten begann.
Am liebsten hätte ich jetzt gesagt, dass er vorher darüber hätte nachdenken müssen, als er, wie alle, kritiklos der D-Mark hinterher gerannt sei. Doch als ich in Janas entsetzte Augen sah, schwieg ich lieber. Außerdem war ich ja auch mitgerannt. Dann sagte Jana so leise, dass ich es kaum verstand: „Junge, was hast du vor? Unsere Familie bricht auseinander, merkst du das nicht?“ Waldemar Henry schwieg. Nach einer unendlich scheinenden Pause erklärte er uns gelassen, dass Opa Waldemar ihm empfohlen habe, lieber gleich in den Westen zu gehen, bevor der Massenansturm der Arbeitslosen einsetzt. „Genau das werde ich tun.
Opa hat mir gesagt, dass er nach der Kriegsgefangenschaft zuerst ein paar Monate in Freudenbach im Siegerland gearbeitet hat. Dort hätte er auch eine Braut, Elli hieß sie wohl, gehabt. Das mit ihr konnte aber nichts werden, weil ihre Eltern gegen ihn waren und zu Hause seine Erna auf ihn wartete. Dass es eine Erna gab, wusste Elli aber nicht. Die sei zwar jetzt ein paar Jahrzehnte älter und verheiratet, doch er gehe ihr immer noch in ihrem früher so schönen Kopf herum, behauptet er. Das wisse er genau. Außerdem habe sie ein schlechtes Gewissen, weil sie glaubt, es hätte ihm das Herz gebrochen, als ihre Eltern ihn damals rausgeworfen hatten. Er hat ihr schon geschrieben und sie um Hilfe für mich gebeten. Die wird sich für mich einsetzen, hundert pro, hat Opa gesagt.“ Als ich ihn misstrauisch ansah, ergänzte er: „Das heißt, gesagt hat er es anders, so mehr in der Altmännersprache, aber gemeint hat er es so, wie ich es sage. Gute Fachleute werden immer und überall gebraucht. Nur hier nicht, weil die aus dem Westen hier alles plattmachen wollen. Die Konkurrenz soll ‚vom Markt‘ genommen werden, nennen sie das ‚Plattmachen‘ heute. Je schneller, umso besser!“
Waldemar Henry stand auf und ging hin und her. „Sobald die Antwort da ist, fahre ich und Ilona hole ich nach.“ Dann wandte er sich ihr direkt zu, die ihm bis jetzt mit nachdenklichem Gesichtsausdruck aber schweigend zugehört hatte. „Einverstanden, Mäuschen? So lange kannst du ja hier bei meinen Eltern bleiben.“ Mit uns vorher darüber zu sprechen, hielt er offenbar nicht für nötig.
Nach dieser sehr bestimmt vorgetragenen Erklärung folgte erst einmal ein allgemeines Schweigen. Auch mir fiel kein überzeugendes Gegenargument ein. Nach einer halben Ewigkeit sprach schließlich das Mäuschen, eiskalt und bestimmend: „Schön, dass ich das jetzt auch erfahre.“ Waldemar Henry wurde verlegen und sagte, dass er ihr das alles heute im Bett habe erzählen wollen. „So! Wolltest du das? Und du glaubst, ich mache, was du mir da vorschlägst und bleib allein in deinem blöden Kinderbett und warte monatelang auf einen Arbeitslosen? Nein, mein Lieber! Mach du nur deins, lass dich nicht aufhalten. Für das Bett hast du ja Fräulein Faust. Ich komme schon zurecht. Morgen wickle ich erst mal meinen Job ab. Ich werde einfach nicht mehr hingehen. Die Stütze sollen sie mir überweisen. Schluss, aus! Viel Glück, Henry. Es war ja ganz schön mit dir, manchmal wenigstens. Aber die Zeiten haben sich geändert. Für ein hübsches Mädchen gibt es immer Chancen. Vorausgesetzt, sie ist ohne Ballast! Du verstehst, was ich meine?“ Das letzte kam mit blankem Hohn an. Damit stand sie auf, packte Spiegel und Lippenstift provozierend langsam in ihre Beuteltasche, zog ihren Mantel über, sagte: „Tschüss alle miteinander“, und verließ unsere Wohnung und unser Leben.
Waldemar Henry war so getroffen, dass er zunächst nicht wusste, was er tun sollte. Erst rief er ihr ein paar Mal hinterher, war aber wohl doch zu stolz, um ihr nachzulaufen. Genützt hätte es sicher sowieso nichts, denn der Hinweis auf seine neue Stellung als Arbeitsloser ließ ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Jana und ich schwiegen. Den Fall mussten die jungen Leute schon untereinander klären. Ich war sowieso der Meinung, dass es besser für beide wäre, dass sie sich gleich noch hier trennten. Jana schwieg zunächst, dann sagte sie bedrückt: „Henry, wenn du fährst, packe ich dir deine Sachen. Rucksack oder doch lieber den Koffer? Hast du Geld?“ Er schüttelte mit dem Kopf. Ich war mir nicht sicher, was er meinte. Dass er kein Geld hatte oder die Kofferfrage nicht sofort gelöst werden müsste. Doch er klärte uns schnell auf. „Wir müssen die Antwort von Opas früherer Elli abwarten.“ Dann ging er schwerfällig in sein einsam gewordenes Kinderzimmer.
Was für ein Quatsch, dachte ich, Opas Uraltbraut wird sich bedanken, falls sie überhaupt antwortet. Ich sollte mich irren. Bereits zwei Tage später traf ein Telegramm ein. „Er kann kommen“, hieß es darin, sonst nichts. Einen weiteren Tag später fuhren Jana und ich unseren Sohn zum Bahnhof nach Leipzig. Waldemar Henrys Zug ging „8 Uhr 3 Minuten“. Den Abschied von ihm hatte ich mir zwar vorgestellt, manchmal sogar gewünscht, vor allem wegen seiner Ische und meinen Badegewohnheiten, aber eben doch nicht so abrupt, so endgültig. Jana weinte, Waldemar Henry war es peinlich, deshalb gab ich ihm nur die Hand. Auf einmal wurde mir klar, dass Jana und ich wieder allein sein würden. Das war zwar seit Langem mein geheimer Wunsch, aber jetzt, als es so weit war, kam mir plötzlich sogar unsere Wohnung groß und leer vor. Für lange Abschiedsszenen blieb keine Zeit. Wir waren auf den letzten Drücker eingetrudelt. Waldemar Henry stieg sofort ein, ich reichte ihm den Koffer nach oben und zwei Minuten später setzte sich der Zug Richtung Westen in Bewegung. Jana schluchzte an meiner Brust und ich sah in die Richtung, in die der Zug langsam verschwand. So etwas wie Trauer stieg in mir hoch. Nicht über Waldemar Henrys Abreise, sondern weil ich zu spüren glaubte, dass ein Riss durch unser Leben begonnen hatte. Dabei ahnte ich nicht einmal, dass Waldemar Henry lediglich so etwas wie die Vorhut war des in den Westen ziehenden Arbeitslosenheeres. Zwei Millionen sollten es bald sein. Die Pendler nicht mitgerechnet. Gedrückt fuhren wir nach Hause.
Das erste Lebenszeichen von Waldemar Henry aus Freudenbach kam etwa drei Wochen später. Er teilte uns mit, dass die frühere Braut von Opa Waldemar ihr Wort gehalten habe. Sie hätte ihm geholfen. Als Interimslösung habe sie einen ansehnlichen Raum über ihrem Waschhaus für ihn frei gemacht. Dort könne er wohnen, bis er etwas gefunden hätte. Einen kleinen Kredit von 500 D-Mark zu acht Prozent Zinsen hätte sie ihm für das Nötigste auch gegeben. Sogar ungefragt, damit er zumindest die Miete an sie bezahlen konnte. Einen Tag später wären Waldemar Henry und Opas ehemalige Elli gemeinsam auf Arbeitssuche gegangen. Sie wusste sofort zu wem, denn gleich der erste Versuch sei erfolgreich verlaufen. Er hätte einen Job als Kraftfahrer und Transportarbeiter für 1200 D-Mark brutto in einem mittleren Baubetrieb im Nachbarort bekommen. Meier & Meier hieß die Firma. Viel sei das zwar nicht, aber sein neuer Chef habe ihm eine winzige, dafür bezahlbare Anderthalb-Raum-Dachgeschosswohnung bei einer Bekannten besorgt. Die wiederum habe ihm gleich ein paar Möbel überlassen, die er sogar auf Raten abzahlen könne. Alles in allem wären die Leute nett zu ihm und hilfsbereit auch. Sein Lebensziel sei das zwar alles nicht, aber für den Anfang hätte es schlechter kommen können. Er sei noch dabei, seine Dachgeschosswohnung vorzurichten. Aus Ellis über dem Waschhaus liegenden Raum sei er aber schon ausgezogen. Gewissermaßen lebe er jetzt auf einer Baustelle.
Jetzt wäre er aber erst einmal untergebracht. Bald werde er sich trotzdem nach einem besseren Job mit mehr Kohle umhören. Vielleicht in seinem gelernten Beruf als Dreher. Falls das nicht klappe, wenigstens einen, bei dem er ein wenig schwarzarbeiten könne. Übrigens ersetze der Staat den Firmen für die ersten drei Monate die Lohnkosten, wenn sie einen rübergekommenen Ossi einstellten. Danach müsse er wohl ohnehin weitersehen. Über Ilona schrieb er kein Wort. Jana war glücklich, ich schüttelte über die letzte Mitteilung nur den Kopf.
Von Ilona hörten wir bald etwas, allerdings zunächst nur indirekt. Die Umstände, unter denen das geschah, waren für mich allerdings mehr als unangenehm. Zufällig traf ich den Vater ihres früheren Freundes, Krause Franz, in der Kaufhalle. Wir kannten uns, wie man sich eben so kennt in einem Wohngebiet. Ausweichen konnte und wollte ich auch nicht. Franz allerdings begrüßte mich wie einen alten Freund und fragte mich übergangslos, was denn bei uns zwischen Ilona und Henry vorgefallen sei. Vor drei Wochen wäre sie spätabends verheult bei ihnen aufgetaucht und hätte weinend erzählte, dass sie bei uns rausgeflogen sei. Über die Gründe habe sie nicht sprechen wollen. Er, also Krause Franz, habe sie, als Vater ihres einstigen Verlobten, zwar umgehend vor die Türe setzen wollen. Etwas anderes hätte sie ja nicht verdient, so wie sie damals mit dem armen Jungen umgesprungen sei. Damals, als sie von ihm weg und zu unserem ins Bett gewechselt sei. Aber wer hört schon auf die Sprache der Vernunft? „Meine Alte“, erzählte er, immer wütender werdend, „und vor allem dieser dämliche grüne Blödian“, damit meinte er seinen Sohn, „freuten sich, dass sie wiedergekommen war und schwupp zog sie wieder bei uns ein. Na, Schwamm drüber, wer nicht hören will, muss eben fühlen.“
Ich antwortete Krause Franz kurz und knapp, denn ich wollte ja mit ihm keine Feindschaft: „Nach einem eher harmlosen Streit hat sie ganz plötzlich und ohne richtigen Anlass unsere Wohnung verlassen. Dazu gedrängt oder gar gefeuert hat sie niemand. Das kann ich auf meinen Eid nehmen“, sagte ich noch und fügte dann einen versöhnlichen Schluss hinzu. „Ja, Franz, da wächst eine neue Generation heran, mit eigenen Spielregeln. Die kennen wir nicht, die müssen wir auch nicht verstehen.“ Ich wollte weiter, doch Franz wollte reden. Er nickte mir freundlich zu und sagte:
„Etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht.“ Und dann legte er los. „Etwa 14 Tage später ist sie plötzlich wieder ausgezogen. Unserem Jungen, dem Blödian, hat sie lediglich einen unverschämten Zettel hinterlassen, das verdammte Luder. Sozusagen eine Quittung für seine Gutmütigkeit. Auf dem stand, Heinrich, ich will es dir nicht verschweigen, da ihr ja ebenfalls Betroffene seid. Obgleich ich mich als Vater für meinen Sohn schäme. Sie sei weg, stand auf dem Zettel, als hätten wir es nicht bemerkt. Er solle nicht traurig sein und sie vor allem nicht suchen. Das sei sinnlos! Es ginge nun mal nicht mit ihnen beiden. Sie hätte es mit ihm noch einmal versuchen wollen, aber er habe in der Zeit, in der sie weg war, nichts dazugelernt, gar nichts. Ihm fehle eben jegliche Bettbegabung. Es wäre besser für ihn, er würde sich keine neue Freundin suchen, sondern erst mal in einem Puff gewisse Erfahrungen sammeln, bevor er auch noch andere Mädchen langweile.
Darmowy fragment się skończył.