Czytaj książkę: «Harzmagie»

Czcionka:

Jürgen H. Moch


Eine Fantasyhommage an Deutschlands

mystisches und uraltes Mittelgebirge

Impressum

Harzmagie

Blutsbande

ISBN 978-3-96901-009-9

ePub Edition

V1.0 (09/2021)

© 2021 by Jürgen H. Moch

Abbildungsnachweise:

Umschlag © Linda Meyer | linda.chiara@outlook.de

Porträt des Autors © Tim Blankenburg | www.baumloewe.de

Schriftart ›Badhorse‹ © Angga Mahardika | myfonts.com

Redaktion:

KLEX@EPV

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

Web: harzmagie.de | harzkrimis.de

E-Mail: mail@harzkrimis.de


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Ein paar Worte vorweg

Prolog

Sommerferien

Der Bastelkeller

Belauscht

Handschuhe

Vor der Haustür

Ans Ende der Welt

Waldpilzomelett à la Binsenkraut

Eine merkwürdige Nacht

Das Ende der Welt

Ein anderes Mädchen

Zutaten

In die Neue Mühle

Kaiserstadt

Es gärt gewaltig

Überdosis

Nachgeschmack

Hexenjagd

Schulanfang

Negersprung im Nebel

Laufen für Fortgeschrittene

Drei Mütter und Kakao mit Schuss

Nach dem Laufen ist vor dem Laufen

Inselzuflucht

Rund um die Okertalsperre

Tränkebrauer

Spieglein, Spieglein an der Wand

Der Testlauf – Sabrina

Der Testlauf – Elisabeth

Ein schreckliches Ereignis

Ein unvorstellbares Geständnis

Nachtschwärmer

Wiedersehen unter Läufern

Mitternachtsbund

Machtloser Rat

Spiegelfragen

Englischtest und die Sache danach

Eine alte Bekannte

Nekromantie für Einsteiger

Kopierzeit

Wolfsdinge

Zaubererfolg

Beherrschung

Die freie Alpha

Pferdeschlachter bei Nacht

Ein peinlicher Moment

Tee der verborgenen Erkenntnis

Der erste Vollmond

Lehrlingsprüfung

Hochsitz

Der Tag nach der Nacht

Viel zu berichten

Hoher Besuch

Im Krankenhaus

Post

Halloweenparty

Grabgeflüster

Ein dufter Schulausflug

Kristalle

Zurück im Harz

Heimfahrt

Ein kühner Handel

Eine Schule voller Spannung

Anno Tobak

Aus einem anderen Blickwinkel

Kru'az'aa Ghat

Asyl

Spurensuche und Befragungen

Schwarze Magie – Spuren der Vergangenheit

Tigerauge

Entführt

Ragnar

Verhört

Magische Suche

Reanimation

Eine fiese Erpressung

Verlorene Retter

Vermisste Freunde

Verzweifelte Mütter

Der Bergmönch

Magieraub

Dreirudelfest

B 241 nach Osterode

Der Kampf

Die Schlacht

Der Kampf nach dem Kampf

Rettung der Verlorenen

Der Morgen danach

Epilog

Danksagung

Über den Autor

Eine kleine Bitte

Ein paar Worte vorweg


Auch wenn ich in Neustadt am Rübenberge geboren wurde, in Großenkneten aufgewachsen bin und jetzt in Bayern lebe, so hat mich der Harz mein ganzes Leben nie losgelassen. Mütterlicherseits stamme ich von dort, weswegen ich schon in jungen Jahren immer wieder mit meinen Eltern in diese Berge gefahren bin.

So war es nicht verwunderlich, dass es mich zum Studium mit aller Macht nach Clausthal-Zellerfeld zog, wo ich die Liebe meines Lebens gefunden und geheiratet habe. Hier erblickte mein erster Sohn das Licht der Welt. Die besten Freundschaften wurden geknüpft und halten, egal wie weit man inzwischen voneinander entfernt ist. Jedes Jahr zieht es meine ganze Familie, meine Frau, meine inzwischen drei Kinder und mich immer wieder in den Harz. Es ist unsere magische Heimat mitten in Deutschland, wo wir uns aufladen können.

Die Geschichten waren schon immer da in meinem Kopf. Fantasy ist – genauso wie der Harz – meine große Leidenschaft. Was lag da näher, als beides zu verbinden, zumal der Harz seit jeher ein hochmagischer Ort ist.

So entstanden mit einem dicken Augenzwinkern in verschiedene Richtungen Elisabeth Wollner, die abenteuerliche Geschichte ihrer Herkunft und ihre schrägen Freunde Theobald und Sabrina. Harzmagie war geboren.

Die Protagonisten in meinem Buch sind – ebenso wie die Handlung – frei erfunden. Die Orte sind zum großen Teil authentisch, auch wenn sie manchmal ein wenig glattgefeilt werden mussten. Die Handlungen der Personen an den Orten entstammen der Geschichte, doch sind hier und da Aspekte und Originale eingewoben, die wie eine Institution zum Oberharz gehören und nicht wegzudenken sind. Ich nenne hier nur stellvertretend die Bäckerei Biel oder die Grosse‘sche Buchhandlung, die es wirklich gibt. Erst diese Orte und natürlich das Wetter geben der Geschichte ihren besonderen Charme.

Aber nun wünsche ich viel Spaß!

Jürgen H. Moch

Prolog


Hartwig Hauser genoss Italien. Er liebte vor allem das alte Rom. Die ganze Stadt enthielt so viel Geschichte, aber für die modernen Bauten hatte er hingegen nur Verachtung übrig. Rom half endlich, Jennifer zu vergessen, die ihn vor gut sechs Monaten hochkant rausgeworfen hatte. Nur noch manchmal wanderten seine Gedanken zurück zu ihr und dem kleinen, bescheidenen Haus am Waldrand, in dem sie lebte. Lange hatte er geglaubt, bei ihr endlich wirklich Ruhe zu finden. Es hatten sich sogar zaghafte gemeinsame Pläne angebahnt, doch dann hatte sie sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert, hatte geklammert, ihm Vorschriften gemacht, ihn bedrängt, keinen Raum mehr gelassen. Wochenlang ging das so. Schließlich war er eines Tages völlig durchgedreht und hatte sie sogar geschlagen. Etwas, was er gerne ungeschehen gemacht hätte, aber es dann doch nicht konnte. Das lag hinter ihm, obwohl es immer noch schmerzte, ebenso wie die traumatische Zeit davor in Sarajevo und seine schwere Verletzung. Dinge, die er vergessen wollte, indem er sich auf die alte Geschichte Roms stürzte.

Gestern hatte er sich die Thermen vorgenommen, vor allem die Caracalla-Thermen, doch sein heutiges Ziel lag außerhalb. Diesen Vormittag quälte er sich mit seinem in die Jahre gekommenen Jeep durch den Straßenverkehr auf dem Weg nach Ostia, dem alten Hafen Roms. Dauernd überholten ihn dabei Motorroller, die sich an so gut wie keine Verkehrsregel hielten. Wie zu seiner persönlichen Bestätigung musste er auch gleich einen hässlichen Unfall mitansehen, als ein Laster, der seine Ampel noch bei Gelb genommen hatte, prompt ein ganzes Rudel dieser lebensmüden Trottel über den Haufen fuhr, weil die schon vor der eigenen Grünphase losgerast waren. Die Kreuzung wurde daraufhin von den Carabinieri gesperrt. Wenden konnte er nicht, da sich der Stau hinter ihm partout nicht auflöste. Also machte er das, was viele andere auch taten, zog rechts ran und stieg aus. Hauser hatte keine Lust darauf, die Verletzten anzugaffen. Davon hatte er in seiner Zeit als Verbindungsoffizier in Sarajevo genug gesehen. Während die meisten sich nach vorne drängten, um neugierig zu beobachten, wie die Sanitäter verzweifelt versuchten, die Rollerfahrer zu retten, ging er zu einem kleinen Café an der Ecke, wo er sich einen Espresso bestellte. Es handelte sich um eines dieser kleinen Straßencafés, die es an den Ausfallstraßen Roms zuhauf gab. Jenseits der Stadtmauer verirrten sich weniger Touristen, daher waren hier die Preise nicht so hoch, und er hatte keine Eile. Seit er nach seiner schweren Verwundung früh aus der Armee ausgeschieden war, musste er nicht mehr unbedingt rechtzeitig irgendwo ankommen. Er hatte sich noch nicht entschieden, was er jetzt beruflich machen wollte. Wegen seiner fürstlichen Abfindung musste er sich aktuell keine Sorgen machen.

Die Bedienung fragte ihn in stockendem Italienisch, ob er sonst noch etwas wünsche. Ein kurzer Blick genügte, um sie einzuschätzen. Osteuropäerin, vermutlich Polin. So kam er ihr entgegen und sagte in fließendem Polnisch, dass sie ihm die Mittagskarte bringen solle. Ein Fehler, wie sich sofort zeigte.

Sie blieb stehen. Ihr hübsches Gesicht hellte sich merklich auf und sie plapperte auf Polnisch los, erzählte von ihrem Auslandsjahr hier, dass sie aus Lodz sei, fragte ihn, woher er denn komme und wie es ihm hier gefiele. Hartwig fühlte sich schon nach kurzer Zeit genervt.

»Sehe ich so aus, als wenn ich jedem von zu Hause weggelaufenen Mädel meine Vergangenheit ausschütte?«, fuhr er sie weiter auf Polnisch an. »Sieh zu, dass du endlich dein Geld verdienst!«

Aufgerissene Augen starrten ihn an, die erkennen ließen, dass er einen Nerv getroffen hatte, dann rauschte sie davon. Als sie schließlich nach schier endloser Zeit zurückkehrte, knallte sie ihm wortlos die Speisekarte auf den Tisch und verschwand gleich darauf wieder. Hartwig war das nur recht. Er hatte lieber seine Ruhe.

So blieb er länger und bestellte bei ihrem Kollegen etwas zu essen. Als er schließlich aufbrach, war es schon Nachmittag. Er kam so spät in Ostia an, dass er gerade noch in die Ruinen der ehemaligen Hafenstadt eingelassen wurde. Der Kassierer ermahnte ihn, sich zu beeilen, da man bald schließe. Immerhin berechnete er ihm nur den halben Preis, was Hartwig fair fand.

Die Ruinen waren herrlich, deutlich besser erhalten als die in Pompeji und vor allem nicht so überlaufen. Er holte seine Spiegelreflexkamera heraus, begann zu fotografieren und vergaß die Zeit. Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen, als er zum Eingang zurückwollte, doch dieser war bereits verlassen. Man hatte ihn scheinbar eingesperrt.

Getrieben von plötzlicher Abenteuerlust drehte er sich kurzerhand wieder um und ging zurück zu den Ruinen. Es schien eine laue Nacht zu werden und sicherlich würde sich ein Plätzchen finden, wo man schlafen konnte. Das Lied der Zikaden begleitete ihn zu einer Parkbank für Touristen, auf der er sich mehr schlecht als recht ausstreckte. Das Gezirpe wiegte ihn in einen unruhigen Schlaf.

Er wusste nicht, wie spät es war, als er erwachte. Etwas hatte ihn geweckt. Schlaftrunken rätselte er zunächst, was es gewesen sein könnte. Als er sich aufsetzte, meldete sich sein Bein und jagte ihm heftige Schmerzen bis ins Rückenmark. Das kam von dem Granatsplitter, den die Ärzte nicht mehr herausbekommen hatten, weil er sich tief in den Knochen gebohrt hatte. Keuchend hielt er inne und wartete, bis der Schmerz nachließ.

Der Mond stand voll am Himmel und erleuchtete die Umgebung mit mattem Silberlicht. Er wirkte in dieser Nacht ungewöhnlich groß. Die Gebäude warfen Schatten, in denen man nichts mehr erkennen konnte.

Hartwig lauschte und dabei fiel ihm auf, dass es nicht ein Geräusch war, das ihn geweckt hatte, sondern vielmehr der Mangel an Geräuschen. Die Zikaden hatten ihr Dauergezirpe in der Nähe eingestellt. Den Verkehr konnte man kaum noch hören, sodass die Stille fast greifbar wurde. Der ehemalige Soldat in ihm kam durch. Er spannte sich an.

Kurz darauf hörte er ein langgezogenes Heulen. Es erklang ganz nah, irgendwo auf der anderen Seite des Thermengebäudes. Ein großer Hund, überlegte er, könnte es sein. Streunende Hunde gab es in Italien nicht gerade selten. Vielleicht konnte er ein Foto schießen.

Er rappelte sich hoch und stieg auf einen Aussichtspunkt, bedacht darauf, keinen Laut von sich zu geben. Und tatsächlich, auf der anderen Seite etwas abseits, saß ein Tier im Gras und heulte den Mond an. Es war jedoch kein Hund, sondern ein Wolf. Er konnte ihn im hellen Mondlicht gut erkennen. Ein Wolf? Hier?

Nachdem er den Wind geprüft hatte und sicher war, dass das Tier ihn nicht wittern konnte, machte er lautlos seine Kamera bereit. Plötzlich zuckte er zusammen, denn jetzt antwortete ein anderer Wolf. Wie viele waren hier? Niemand konnte Hartwig einen Feigling nennen, aber mit einem Rudel Wölfe eingesperrt zu sein, behagte ihm dennoch nicht, zumal er keine Waffe hatte. Er versuchte, kaum zu atmen.

Der Wolf auf der Wiese sprang auf. Er schien nervös, denn er tapste hin und her, unschlüssig, was er tun sollte. Der zweite Wolf erschien nur einen Moment später. Hartwig schluckte heftig, denn er war riesig. Er musste um die Hälfte größer sein, schätzte Hartwig und hob die Kamera. Er stellte auf Nachtmodus um und begann eine Videoaufzeichnung. Gebannt verfolgte er, was sich nun tat, denn der kleinere Wolf, vermutlich ein Weibchen, schien in Panik zu geraten und wollte weglaufen. Doch der große Wolf schnitt ihr ständig den Weg ab, er war viel schneller als sie. Immer wieder versuchte er, an ihr zu schnuppern. Schließlich knurrte die in die Enge getriebene Wölfin den großen Wolf an, doch dieser ignorierte das und bedrängte sie weiter. Als er Anstalten machte, hinter sie zu kommen, sprang sie vorbei und jagte mit schnellen Sätzen von ihm weg. Er holte sie nach einem kurzen Sprint schier mühelos ein und schnappte nach ihrem Hinterlauf, sodass sie zu Fall kam. Dann lief er ein Stück weg, beobachtete sie. Sie kam wieder auf die Beine, zögerte aber unschlüssig. Er gab eine Art Kläffen von sich. Dann, von einem Moment auf den anderen, rannte sie ihm nach und biss in seine Rute. Das Spiel ging eine ganze Weile hin und her. Die beiden Tiere schienen die ganze Umgebung um sich herum vergessen zu haben und jagten sich im Mondlicht über die Wiese. Plötzlich sprang der Rüde von hinten auf sie. Seine Masse drückte die Wölfin zu Boden. Sie wehrte sich halbherzig und biss ihm in den Vorderlauf, doch bald schien sie sich ihrem Schicksal zu ergeben. Hartwig erstarrte, als er zu sehen glaubte, dass der Wolf sie mit beiden Pfoten gepackt hatte. Wie stellte er das an? Mit Pfoten konnte man doch nicht greifen. Aufgeregt vergewisserte er sich immer wieder, dass er diese Szene im Kasten hatte. Ein äußerst ungewöhnliches Schauspiel mitten in den Ruinen. Vielleicht konnte er ja seine Aufnahme für gutes Geld verkaufen.

Der Akt dauerte lange und gipfelte in einem Jaulen. Der große Wolf stieg ab, umrundete seine Partnerin. Er leckte die Nase der jungen Wölfin, die aber zunächst nicht auf ihn reagierte. Schließlich trottete er in die Büsche davon, aus denen er gekommen war, nicht ohne noch einmal sein Revier zu markieren.

Die Wölfin sprang im selben Moment auf, als er von der Lichtung verschwand, blickte ihm noch eine Weile nach, dann heulte sie ein letztes Mal und lief in die andere Richtung davon. Hartwig schlief in dieser Nacht nicht mehr. Er war viel zu aufgeregt, die Wölfe könnten ihn doch noch entdecken. Zu Hause, so nahm er sich vor, würde er den Film nochmal ganz genau ansehen und dann an den Meistbietenden verkaufen.

Sommerferien


Hannover. Die U3 der Üstra1 fuhr ruckelnd wieder an. Wegen Gleisbettarbeiten, die schon seit dem Frühjahr andauerten, fuhr die U-Bahn nur im Schneckentempo. Elisabeth strich sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte, und blickte zur Anzeigetafel. Noch vier Stationen bis Spannhagengarten. Dort stieg sie für gewöhnlich aus.

Weniger Schüler als sonst üblich lümmelten sich auf den Sitzen und in den Gängen. Man hatte richtig Platz, weil viele Kinder bereits direkt am Schulgebäude von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt worden waren. Endlich Sommerferien! Man winkte und rief, einige fielen sich in die Arme. Elisabeth empfand dieses Getue inzwischen nur noch als peinlich, immerhin ging sie in die neunte Klasse. Vor allem die jüngeren Schüler, die von den Größeren nur verächtlich Zwerge genannt wurden, wedelten aufgeregt mit ihren Zeugnissen. Sogar einige Großeltern hatten vor der Schule gestanden.

Elisabeth schnaubte abfällig und rückte die Kopfhörer ihres Handys zurecht. Sie hatte keine Musik an, so etwas mochte sie gar nicht, aber so sprach sie in der Regel keiner an oder wunderte sich, wenn sie nicht reagierte.

Großeltern! Sie hatte keine Großeltern – zumindest keine, die sie kennengelernt hatte. Während sie darüber nachdachte, verfinsterte sich ihre Miene. Für sie erschien es normal, ohne diesen Teil einer Familie auszukommen. Zurückgeblieben war eine Mischung aus Trauer, Resignation und Gleichgültigkeit. Vielleicht auch etwas Neid, aber das wollte sie sich nicht eingestehen. Die Eltern ihrer Mutter waren angeblich früh verstorben, so hatte man es ihr erzählt. Die ihres Vaters waren schon vor Jahren kurz nach ihrer Geburt nach Australien ausgewandert, um sich selbst zu verwirklichen. So war der Kontakt zu ihnen komplett abgebrochen. Ihr Vater hatte versucht, ihr zu erklären, dass die dortige Kommune Telefone ablehnte und keine Post verschickte. Elisabeth hatte ihm das nicht wirklich geglaubt, aber so musste sie sich heute nicht die enttäuschten Gesichter anschauen.

Sicherlich, sie war in die zehnte Klasse versetzt worden, wenn auch nur knapp. Eine einsame Eins in Sport, aber sonst nur wenige Dreier, einige äußerst gnadenreiche Vierer und eine dicke Fünf in Mathe – ausgerechnet Mathe. Ein schwerer Seufzer entfuhr ihr.

Sie würde ihrem Vater gegenübertreten müssen, Dr. math. Michael Wollner, Mitarbeiter und rechte Hand des Professors für Mathematik an der Hochschule zu Hannover. Er würde sicher sehr enttäuscht sein, da er doch alles versucht hatte, ihr das Fach näher zu bringen. All die verzweifelten Bemühungen und die vielen Nachhilfestunden waren erfolglos geblieben, denn sobald sie alleine vor einer Rechenaufgabe saß, wurde ihr Gehirn still und leer. Sie würde auch den Brief vorzeigen müssen, weil sie dabei erwischt worden war, als sie die Unterschrift unter der letzten Arbeit hatte fälschen wollen. Egal! Es war eine Sechs. Was wollten sie ihr noch weniger geben? Die Standpauke des Direktors hatte sie schweigsam über sich ergehen lassen, aber bei ihrem Vater wäre ihr das nicht egal, denn dafür liebte sie ihn viel zu sehr.

Die Straßenbahn hielt an der nächsten Station und viele Menschen drängelten sich hinein. Eine Gruppe kleiner Asiaten schwatzte munter durcheinander, während sie alles mit ihren Handykameras knipsten. Sie brachten von draußen einen Luftzug mit, der ungewöhnlich intensiv nach Schweiß roch. Elisabeth verzog sich in den hinteren Teil des Wagons. Sie fand eine freie Stelle an der Wand. Nicht der allerbeste Platz, aber es dauerte ja nicht mehr lange.

Für einen kurzen Moment schloss Elisabeth die Augen und lehnte den Kopf gegen die Verkleidung hinter ihr. Was war nur los? Es war zwar stickig, doch ihr wurde immer heißer. Es hatte draußen 29 °C, doch jetzt kam es ihr wie über 40 °C vor. Sie fühlte sich leicht schwindelig, vielleicht sogar fiebrig. Das kam sicher von der Aufregung und ihren Gewissensbissen. Oder doch nicht? Irgendetwas begann, sie zu irritieren, dann wurde ihr schlagartig kalt. Es musste mehr als nur ein bloßer Windhauch sein, so als wenn die Temperatur sich plötzlich enorm abgesenkt hätte. Sie fröstelte und fühlte sich beobachtet, als wenn jemand sie unentwegt anstarrte. Sie hatte sich heute Vormittag auch so gefühlt, als sie in der Schule nach vorne gehen musste, um ihr Zeugnis und den Brief zu erhalten, aber da war klar gewesen, dass die ganze Klasse sie angegafft hatte.

Elisabeth nahm die Ohrstöpsel beiläufig heraus und tat so, als suchte sie auf ihrem Handy etwas, während sie sich heimlich umblickte. Neben ihr standen drei Grundschüler, die miteinander tuschelten, jedoch ihre Aufmerksamkeit auf eine Fußballzeitschrift richteten. Vier Mädchen hockten in der Sitzecke über ihre Handys gebeugt. Ein altes Ehepaar saß etwas weiter, das stoisch vor sich hinblickte. Ein Rockertyp saß mit dem Rücken zu ihr, vor ihm zwei der Asiaten mit Handys, die anscheinend die ganze Bahnfahrt filmten. Auf dem Behindertenplatz hatte eine blinde junge Frau mit verspiegelter Sonnenbrille und Armbinde Platz genommen. Elisabeths Blick verweilte kurz auf ihr, weil Mitleid in ihr aufkeimte. Die Frau war zwar etwas altmodisch gekleidet, sonst aber schön und elegant, doch sie konnte es nicht einmal sehen.

Ein schriller Aufschrei riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken fuhren viele Fahrgäste zusammen und drehten die Köpfe. Eines der Mädchen in ihrer Nähe war schreiend vom Sitz gerutscht, was in dem frenetischen Gegacker ihrer Freundinnen gipfelte. Elisabeth hatte keine Ahnung, um was es ging, doch die Stimmen klangen so unnatürlich laut, sodass es richtig wehtat. Reflexartig hielt sie sich die Ohren zu. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verstärkte sich und die Haare an ihren Armen begannen sich aufzustellen. Fast schon flehend sah sie auf die Anzeigetafel, wo immer noch die Lorzingstraße angeschrieben stand. Dabei wollte sie doch gar nicht so schnell nach Hause, aber hier in der Üstra wurde es jetzt für sie immer unerträglicher – zu eng.

Und da bemerkte sie das krampfartige Zittern, wie es in ihr emporkroch. Sie kannte das nur allzu gut. Nicht jetzt!, bat sie in Gedanken, während sie das Handy schnell wegsteckte, eilig ein kleines Ledertäschchen an ihrem Gürtel aufnestelte und ihm ein Fläschchen entnahm. Sie drehte sich von den anderen Fahrgästen weg, so gut sie konnte. Dann öffnete sie den Bügelverschluss, nahm einen winzigen Schluck und verschloss es hastig wieder. Die Medizin rann brennend ihren Hals hinunter. Den Mund und die Augen geschlossen, atmete sie tief durch die Nase und wartete auf die Wirkung. Diese setzte ein paar Sekunden später ein und das Zittern ließ merklich nach.

»Was hast du da? Das ist doch bestimmt Schnaps, oder? Bist du denn schon erwachsen? Ich glaube nicht. He, Ole, schau mal, die da trinkt!«

Ein kleiner Junge mit einer Hornbrille und einer riesigen Zahnlücke, höchstens vierte Klasse, stand vor ihr und glotzte sie direkt an. Verdammt! Sie hätte besser aufpassen müssen. Was war nur los mit ihr?

Sie hasste es, auf diese Sache angesprochen zu werden, denn es war ein Makel, den sie lieber für sich behielt. Die meisten in ihrer Klasse behandelten sie deswegen wie einen Junkie, eine Geisteskranke, oder hielten sie wegen ihrer guten Sportnoten für eine Doperin. Immer wieder hatte ihre Mutter wegen der Medizin ärztliche Bescheinigungen vorlegen müssen. Sie litt an einem seltenen Nervenleiden, hatte man ihr gesagt. Aber manchmal dachte sie, dass sie sich von einem Junkie gar nicht so sehr unterschied. Sie wusste, dass die Alkis am Bahnhof auch zittrige Hände hatten, wenn sie mit einem Pappbecher in der Hand die Leute um einen Euro anbettelten. Manchmal hatte sie sich schon gefragt, was diese Leute so empfanden. Über das Zittern fühlte sie sich irgendwie mit ihnen verbunden. Deswegen hatte sie auch Mitleid. Auf einem Klassenausflug hatte sie einem Mädchen in abgerissenen Klamotten, das höchstens ein paar Jahre älter war als sie, etwas von ihrem Taschengeld gegeben. Die Klassenkameraden hatten sie deswegen aufgezogen, aber die blutunterlaufenen Augen des Mädchens hatten etwas seltsam Vertrautes an sich gehabt und für einen Moment einen dankbaren Ausdruck angenommen. Dann hatte das Mädchen sich zu den anderen umgedreht, eine unflätige Gebärde gemacht und sie vulgär beschimpft. Elisabeth erinnerte sich nicht mehr an andere Details, nur an diesen Glanz in ihren Augen. Irgendetwas Gequältes hatte darin gelegen, das man als Gesunder kaum verstehen konnte.

In diesem Moment ruckelte die Straßenbahn wieder und schüttelte alle Fahrgäste ordentlich durch. Elisabeth nutzte die Gelegenheit und drängelte sich kurzentschlossen zum Ausgang durch. Ab hier konnte sie auch durch die Eilenriede laufen. Da war es sicher etwas kühler und vor allem entging sie so dem vorlauten Zwerg, der sie gerade angesprochen hatte. Außerdem gefiel ihr Hannovers Stadtpark. Er war relativ groß, jedenfalls groß genug, um ein paar Stunden aus der Stadt zu verschwinden. Ein verlockender Gedanke.

Die Tür hatte sich noch nicht ganz geöffnet, da sprang sie schon hinaus, wobei sie versehentlich einen untersetzten Mann mit Bomberjacke anrempelte. Dieser fluchte laut und drückte sie beiseite, um seinerseits einzusteigen. Das Fläschchen entglitt ihren Fingern. Sie sah nur noch aus dem Augenwinkel, wie es auf der Kante des Bahnsteigs aufschlug und in viele kleine, glitzernde Stücke zersprang. Hilflos beobachtete Elisabeth, wie die letzten Scherben durch die vordrängenden Fahrgäste zertreten wurden und in das Gleisbett fielen. Nur ein kleiner Fleck des ehemaligen Inhalts blieb auf der Kante zurück und lief langsam auseinander.

Allein und verloren stand sie auf dem Bahnsteig und starrte auf den Boden. Auch das noch! Der Tag schien sich komplett gegen sie gewandt zu haben. Ihre Medizin war wichtig. Sie hatte zwar gerade einen Schluck getrunken, aber sie sollte stets etwas für den Notfall bei sich tragen. Sie befand sich schon so lange sie denken konnte in Behandlung. Alle paar Wochen musste sie mit ihrer Mutter zu Frau Dr. Borga, welche sie ganz genau untersuchte und ihrer Mutter dann wieder neue Medizin mitgab.

Dr. Borga war eine Ärztin mit einer Vorliebe für ungewöhnliche Behandlungsmethoden. Neuro-Homöopathische Praxis – alternative ganzheitliche Heilmethoden stand auf ihrem Schild. Der Behandlungsraum hatte so gar nichts gemein mit einer herkömmlichen Praxis. Er befand sich in einem komplett verglasten Anbau mit seltenen Pflanzen und einer zentral gelegenen Sitzgruppe. Es mutete eher wie ein Dschungel an, hatte aber etwas unglaublich Beruhigendes an sich. Auf einer Seite des Raumes war eine Arbeitsfläche mit einem kleinen gemauerten Ofen, auf dem Dr. Borga ihre pflanzlichen Präparate herstellte. Auf Regalen darüber standen viele Gläser mit eingelegten oder getrockneten Pflanzen aufgereiht. Von hier stammte auch die Medizin, die Elisabeth einnehmen musste.

Elisabeth hatte sich daran gewöhnt und der Trank half ihr zuverlässig, das Zittern im Zaum zu halten. Ihr Vater hatte diesbezüglich ab und zu versucht, ihre Mutter zu überreden, zu einem echten Neurologen zu gehen, aber die hatte sich energisch durchgesetzt. Auch sonst führte Emilia Wollner ein striktes Regiment in der Familie. Ebenso resolut verteidigte sie die rein vegane Ernährung. Elisabeth und ihre jüngere Schwester Klara kannten nichts anderes, aber sie wusste, dass ihr Vater immer wieder mit sich rang und jede Gelegenheit nutzte, um auf Besprechungen und Tagungen auswärts zu essen. Wie sie von all dem Grünzeug überhaupt so groß geworden war, blieb ihrem Vater ein Rätsel, wie er ständig betonte. Trotz seiner Körpergröße von einem Meter achtzig hatte sie ihn mit ihren fünfzehn Jahren schon fast eingeholt. Ihre Mutter maß hingegen nur etwa einen Meter sechzig. Elisabeth war gertenschlank, fast schon dürr. Gerade deswegen schaffte sie es in Sport, vor allem im Laufen, zu glänzen. So waren die Sportstunden das Einzige, auf das sie sich in der Schule freute.

Bei dem Gedanken daran hellte sich ihre Miene wieder auf. Sie würde sicherlich zu Hause neue Medizin bekommen. So joggte sie Richtung Eilenriede los, dem großen Park in Hannovers Nordosten. Elisabeth kannte dort viele Verstecke, vor allem eine alte dicke Eiche, auf die sie gerne kletterte. Oben gab es eine Astgabel, die so verborgen lag, dass man kaum mehr von unten zu sehen war, wenn man sich dort hineinlegte. Sie hatte sich schon oft dorthin verzogen, wenn sie Ärger mit ihrer Mutter oder ihrer Schwester hatte.

Kaum dass Elisabeth um die Ecke gebogen war, trat die blinde Frau mit ihrem Stock tastend hinter dem Wartehäuschen hervor. An der Stelle, wo die Flasche des Mädchens zerbrochen war, blieb sie kurz stehen und drehte den Kopf schief. Ihr Mundwinkel zuckte kurz und deutete ein kaltes Lächeln an, das so gar nicht zu dem hübschen Gesicht passen wollte. Dann schlug sie denselben Weg ein, den kurz vorher Elisabeth genommen hatte.

Elisabeth querte inzwischen noch eine weitere Straße und bog nach wenigen Metern vom Weg ab, der durch den Park bis zum Zoo führte. Sie nahm die Strecke direkt durch die Büsche. Kaum dass sie die ersten Bäume passierte, wurde es dunkler und kühler. Anfangs musste sie aufpassen, um nicht in übelriechenden Müll, Glasscherben oder eine eilig verrichtete Notdurft zu treten. Wir Menschen können ja so unzivilisiert sein, dachte sie bei sich, als sie kurzerhand über eine Ansammlung mehrerer solcher Hinterlassenschaften hinwegsetzte.

Dahinter eröffnete sich ein schmaler Trampelpfad, der etwa parallel zum Hauptweg Richtung Nordosten führte. Sie kannte diesen Pfad von früheren Ausflügen gut. Leichtfüßig lief sie ihn entlang und vermied dabei herumliegende Äste und Blätter, sodass ihre Turnschuhe fast keinen Laut verursachten. Immer wieder musste sie sich vor herunterhängenden Zweigen ducken. Der Weg machte eine leichte Kurve und stieg etwas an.

Neben dem Weg, im weichen Boden, tauchten einige Kaninchenlöcher auf. Ein paar ihrer Bewohner saßen davor und huschten erst im letzten Moment rasch davon. Elisabeth lächelte. Das Laufen tat so gut und machte den Kopf frei, dass sie sogar ihr Zeugnis vergaß. Wie im Rausch lief sie weiter und erreichte ein paar Minuten später schon ihren Lieblingsbaum. Sie hatte Glück, dass in diesem Moment kein Mensch zu sehen war. Ohne langsamer zu werden, schob sie sich entschlossen ihre Tasche auf den Rücken. Ein paar Schritte gegen den Stamm und ein kräftiger Abdruck ließen sie nach oben schnellen. Sie streckte sich zu ihrer vollen Länge aus, dann schlossen sich die Finger um einen herunterhängenden Ast, an dem sie sich behände hochzog. Ab hier ging es kletternd weiter bis knapp unter die Baumkrone, wo sie sich in eine breite Astgabel gleiten ließ, wodurch sie einen großen schwarzen Vogel aufscheuchte, der krächzend das Weite suchte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen den Ast. Langsam beruhigte sich ihr Atem und ihr Puls wurde wieder normal. Sie nahm ihre Tasche ab und klemmte sie in eine kleinere Astgabel. Mit geschlossenen Augen sog sie die Luft mit all ihren Waldgerüchen durch die Nase ein und seufzte erleichtert auf.

Die Geräusche der Stadt wirkten hier gedämpft, wie durch Watte, und schienen so kilometerweit entfernt zu sein. Erst jetzt bemerkte Elisabeth, wie müde sie eigentlich war. Noch einmal rutschte sie in der Astgabel hin und her, um eine bequemere Position zu finden. Hier würde sie erst einmal bleiben. Der starke Baum fühlte sich nach Sicherheit an. Als sie sich endlich zurecht gekuschelt hatte, entspannte sie sich und schlief ein.

1 »Überlandwerke und Straßenbahn« in Hannover, gegründet 1892

Der Bastelkeller


So vorsichtig, wie er es nur vermochte, zog er die Kellertür hinter sich zu. Die Angeln hatte er mehrfach geölt, damit sie nicht quietschten. Leise klickerte seine Beute aneinander, welche er mit der linken Hand krampfhaft an seine Brust gedrückt hatte. Es handelte sich um drei Gläser mit weißem Pulver und Aufklebern mit handgeschriebenen, lateinischen Worten.

Schweiß stand auf Theobalds Stirn. Er wusste, dass er nichts einfach aus der Apotheke nehmen durfte. Das hatte ihm seine Mutter und Besitzerin der Bergapotheke in Zellerfeld mehr als einmal deutlich gemacht, aber er brauchte diese Dinge für seine Experimente. Diese speziellen Substanzen hätte sie ihm bestimmt nicht gegeben, da war er sich sicher. Er wollte sich nicht ausmalen, wie sie ihn wie eine Furie zusammenstauchen würde, wenn sie davon erführe. Ganz zu schweigen von dem, was ihm zusätzlich drohte.

Seine Mutter war eine beeindruckende und charismatische Erscheinung mit ihren wilden rotblonden Haaren, die ihr attraktives Gesicht kinnlang umrahmten. In der Stadt genoss sie wegen ihrer Fähigkeiten hohes Ansehen und war vor allem bei den hiesigen Männern, die ihr immer wieder Avancen machten, sehr beliebt. Nicht wenige Kunden vermieden es sogar, zum Arzt zu gehen, und kamen direkt zu ihr, weil sie sich bei ihr besser versorgt fühlten. Sie sah den Leuten an, was ihnen wirklich fehlte, und hatte neben Salben und Pillen auch immer ein offenes Ohr für seelische Probleme.

»Seele und Körper gehen immer Hand in Hand!«, pflegte sie stets zu sagen und ihre Erfolge gaben ihr recht. Andererseits konnte sie aber verdammt streng sein, wenn es um ihn und seine Hobbys ging. Bezüglich seiner Chemie- und Biologieversuche verstand Anna Binsenkraut keinen Spaß. Vielleicht hätte sein Vater es ihm erlaubt, aber den kannte er nicht. Seine Mutter hatte nie geheiratet. Für Theobald war das kein Wunder, denn er war vermutlich das einzige männliche Wesen, das die Geheimnisse seiner Mutter kannte. Er wusste, dass er darüber nie reden durfte. Das machte ihm nichts aus, aber sie hätte seiner Meinung nach ihm gegenüber für sein Schweigen ein wenig toleranter sein können. Einerseits war es nicht so, dass er sie hasste, er liebte sie sogar sehr, andererseits aber konnte er einfach nicht mit den Versuchen aufhören, dafür machte es zu viel Spaß. Er hatte sich schon so einiges einfallen lassen, um seine wahren Interessen vor ihr verborgen zu halten. Und solange sie ihn nicht erwischte, blieb alles gut. Eines Tages, so war er sich sicher, würde sie stolz auf ihn sein.

Mit einem dumpfen Einrasten schloss sich die Kellertür. Schlagartig wurde es stockdunkel um ihn herum. Nicht der kleinste Lichtstrahl drang nach unten. Erst jetzt atmete er pfeifend aus. Den ganzen Weg vom Lager der Apotheke bis hierher hatte er die Luft angehalten, aus lauter Furcht, entdeckt zu werden. Mit der freien rechten Hand tastete er nach links und suchte nach dem alten Drehlichtschalter. Als er ihn schließlich fand, ging mit einem leisen Knistern die einsame Glühbirne unten an und strahlte ein schwaches Licht auf die Steinstufen, die steil in die Tiefe führten.

Theobald tappte vorsichtig nach unten, sich an der Wand abstützend, um nicht zu stolpern. Ganz hinten rechts lag der Bastelkeller. Hier gab es eine Werkbank und genug Werkzeug für alle Zwecke. Sogar eine kleine Drehbank war auf der Arbeitsfläche montiert. Theobald hatte Geschick im Reparieren von Dingen bewiesen, denn in dem wunderschönen alten Haus gab es immer etwas zu tun. Da seine Mutter für handwerkliche Tätigkeiten keine Begabung besaß, hatte sie ihm kurzerhand diese Arbeiten komplett überlassen. Er war der wahre Mann im Haus, aber zu sagen hatte er nichts.

Theobald schob den Riegel zurück und schlüpfte hinein. Mit dem Ellenbogen drückte er den Taster, den er selbst eingebaut hatte, und die Halogenleuchten an der Decke des Bastelkellers gingen an. Es lag noch alles unverändert dort, wo er es zurückgelassen hatte. Doch heute hatte er kein wirkliches Interesse an den vielen herrlichen Dingen in diesem Raum. Vorsichtig stellte er die drei Gläser auf die Werkbank und kniete sich hin. Er schob ein großes Stück Sperrholz beiseite, das an der Wand stand. Dahinter eröffnete sich ein dunkler Kriechgang durch die Kellerwand aus grobem Schiefergestein. Diesen Durchgang hatte er selbst gegraben. Ein geliehener Hilti-Schlagbohrer vom Baumarkt und eine Woche Arbeit waren nötig gewesen, um den Durchgang zu schaffen. Er hatte ihn erst letzten Winter angelegt, während einer Geschäftsreise seiner Mutter, als die Apotheke ausnahmsweise geschlossen geblieben war. Die Plackerei hatte ihn völlig fertig gemacht und Blasen an beiden Händen beschert.

Wenn er nur fleißig genug arbeitete, konnte er alles erreichen. Theobald lächelte in sich hinein. Der Zugang war sein Geheimnis, das ihn mit Stolz erfüllte. Er führte zum Nachbarhaus, das als nicht mehr bewohnbar galt, aber wegen des Denkmalschutzes nicht abgerissen werden durfte. In dem Keller dort lagen seine Schätze sicher.

Ein Gefäß nach dem anderen verstaute er vorsichtig in dem Durchgang an der Seite. Er wollte an diesem Tag nicht das Risiko eingehen, ganz hindurch zu klettern, da seine Mutter sich im Haus befand. Dafür stand zu viel auf dem Spiel. Kaum dass die Gläser verstaut waren, schob er die Sperrholzwand wieder zurück an ihren Platz und richtete sich auf. Geschafft!

Was war das? Hatte er sich das nur eingebildet? Es klang wie ein Knirschen von Sand auf Steinboden. Hastig blickte Theobald sich um und griff die ersten Dinge, die ihm in die Hände fielen. Schon wurde die Tür aufgerissen und Anna Binsenkraut blickte in den Werkraum. Sie trug ihren Apothekermantel lässig offen. Darunter leuchtete ein Sommerkleid in prächtigen bunten Farben hervor, das für Theobalds Geschmack viel zu kurz und zu tief ausgeschnitten war und einen freizügigen Blick auf die weiblichen Reize seiner Mutter gewährte. Sie konnte es nicht lassen, den Männern den Kopf zu verdrehen.

»Ach, hier bist du. Das hätte ich mir ja auch gleich denken können. Ich habe dich schon gesucht. Was hast du denn damit vor?«

Bloß jetzt nicht die Nerven verlieren, dachte Theobald fieberhaft bei sich. Eine technische Ausrede wirkte immer gut.

»Ich wollte mein Fahrrad reparieren, da blockiert immer wieder die Hinterradbremse«, antwortete er ein wenig zu hastig.

Der prüfende Blick seiner Mutter glitt an ihm hinab. »Ich verstehe nun wirklich nicht viel von Handwerksarbeiten, aber wozu braucht man für eine Fahrradbremse Holzleim?«

Erst jetzt bemerkte er, dass er tatsächlich Holzleim in der linken Hand hatte. Fieberhaft suchte er nach einer Ausrede. Eines war ihm klar: Seine Mutter durfte niemals etwas von seinen Experimenten erfahren.

»Ähm, den wollte sich unser Nachbar Bergmann ausleihen. Ich dachte, ich nehme ihn gleich mit.« Ihm fiel nichts Besseres ein. Eine Weile lang musterte sie ihn, doch dann schien sie entschieden zu haben, dass es in Ordnung war.

»Das ist sehr lieb von dir, mein Sohn.« Der Gesichtsausdruck von Anna Binsenkraut wurde milder. »Ich wollte ihm sowieso seinen Blasentee vorbeibringen. Da kann ich ihm den Leim auch gleich selbst geben.«

Noch bevor Theobald reagieren konnte, fühlte er ein leises Kribbeln auf seiner Haut, das seine Haare sich aufstellen ließ, als seine Mutter verschmitzt mit den Fingern schnippte. Er wusste, was kam, und genauso passierte es auch, denn er spürte, wie die Magie sich zu ihm ausstreckte und über seine Haut strich. Die Leimflasche wurde mit einem energischen Ruck angehoben und flog in die ausgestreckte Hand seiner Mutter. Sie machte auf dem Absatz kehrt. Während sie bereits mit schnellen Schritten aus dem Raum hinaus zur Treppe ging, rief sie noch über ihre Schulter.

»Geh bitte gleich zur Post am Marktplatz. Dort liegt ein Paket für uns. Danach holst du vom Bäcker Biel noch eins von diesen herrlichen Vollkornbroten mit den vielen Kräutern drauf. Ach ja, sei heute um sieben zum Abendbrot zu Hause. Es gibt Waldpilzomelett à la Binsenkraut.«

Theobald starrte ihr nach, dann wurden ihm die Knie weich. Er ließ sich auf einen Holzschemel plumpsen und begann, seine verschwitzten Hände zu massieren. Das war sehr knapp gewesen! Hoffentlich reagierte der Nachbar wie immer. Der alte Bergmann war halb taub und ziemlich vergesslich. Vermutlich würde er seiner Mutter die Flasche abnehmen und dann grübeln, wofür er sie hatte haben wollen. Theobald würde die Flasche zurückholen können, ohne dass seine Mutter etwas ahnte. Es brachte schon ein Risiko mit sich, bei normalen Eltern über die Stränge zu schlagen und Verbote zu ignorieren, aber die Tatsache, eine Hexe als Mutter zu haben, machte es über die Maßen gefährlich. Wenn sie ihn erwischte, würde sie nicht nur Stubenarrest erteilen, soviel war sicher! Und er konnte niemandem davon erzählen, denn es war das oberste Gebot, darüber zu schweigen.

Was ihn noch mehr bedrohte als seine Experimente, war die Tatsache, dass er Hexenmagie spüren konnte. Theobald seufzte und blickte sich noch einmal um. Als die erste Erleichterung verflog, blieb noch ein anderes Gefühl zurück, dass an ihm nagte: Neid auf ihre Magie. Für einen Moment ruhte sein Blick auf dem Sperrholzbrett. Unwillkürlich grinste er schief. Wenn sie wüsste.

Dann schaltete er das Licht wieder aus und machte sich auf, die ihm aufgetragenen Arbeiten zu erledigen.

Belauscht


Dicke Wolken verdunkelten den Himmel, als sie durch einen Wald mit mächtigen Tannen einen Abhang hinunterschlich, während der kühle, feuchte Wind ihr um die Nase wehte. Ein unwiderstehlicher Duft nach Moschus und Schweiß kitzelte ihre Geruchsnerven und zog sie weiter. Sie sah gerade noch etwas davonspringen, nicht mehr als einen rotbraunen Schatten. Sie fiel ins Laufen und jagte ihm nach. Gerade als sie ihn fast eingeholt hatte und über eine große, umgefallene Baumwurzel setzte, riss sie eine entsetzte Frauenstimme aus diesem merkwürdigen Traum zurück in die Eilenriede.

»Du hast was gemacht?«

Elisabeth zuckte so heftig zusammen, dass sie um ein Haar abgestürzt wäre. Nur die Tatsache, dass sie sich mit ihrem T-Shirt an einem Aststumpf verfangen hatte, bewahrte sie davor, aus der Astgabel zu rutschen. Dabei war Elisabeth nicht übermäßig schreckhaft. Das nicht. Vielmehr ängstigte sie, dass sie die Stimme gut kannte – sehr gut, um genau zu sein. Ihre Finger krallten sich krampfartig in die dicke Rinde. Direkt unter ihr konnte sie durch das Blattwerk ihre Mutter ausmachen, die eine ältere Dame am Revers gepackt hatte und diese wütend anfauchte. Eine tiefe Frauenstimme, antwortete ihr leise aber bestimmt, während sie den Griff ihrer Mutter wieder löste. Auch diese Stimme kannte Elisabeth. Was machte ihre Mutter mit Dr. Borga hier im Park? Neugier keimte auf. Beide Frauen waren so in ihren Disput vertieft, dass sie Elisabeth nicht bemerkten. Also rutschte diese noch ein wenig nach vorne und strich sich das Haar hinter das Ohr, um besser hören zu können. Sie konnte jedoch zunächst nicht viel verstehen, denn Dr. Borga sprach genauso leise wie drängend. Ihre Mutter hingegen hatte die Wangen gerötet und starrte ausschließlich ihr Gegenüber an. Dr. Borga sprach lange. Dann unterbrach ihre Mutter sie.

»Ausgerechnet dorthin? Bist du verrückt? Ich will nichts mehr damit zu tun haben! Wer soll denn die Versorgung aufrecht erhalten? Hast du mal daran gedacht?«

Wieder konnte Elisabeth von Dr. Borga, die erneut drängend antwortete, nichts verstehen. Sie beugte sich noch tiefer herunter.

»Ich? Ich kann das nicht!«

»Doch, du kannst das! Du musst, es bleibt dir keine Wahl. Du wusstest, dass es dich eines Tages einholt.« Borgas Stimme erhob sich nun auch, sodass Elisabeth sie verstehen konnte. »Ich muss zurück und ohne meinen Schutz bist du hier wehrlos. Sie haben schon Verdacht geschöpft. Meine Kleine, du willst doch nicht, dass sie dahinterkommen, oder?«

Wer waren sie?, überlegte Elisabeth im Baum fieberhaft. Was verbargen ihre Mutter und Dr. Borga? Aus dem Versteck konnte sie erkennen, wie ihre Mutter jetzt kreideweiß wurde. Sie begann zu schwanken und stützte sich an dem Stamm des Baumes ab. So kannte sie ihre Mutter nicht.

»Aber … aber …«, setzte Emilia Wollner an, brach dann jedoch mit einem Schluchzer ab. Weinte ihre Mutter etwa? Dr. Borga baute sich vor ihrer Gesprächspartnerin auf.

»Mädel, alles, was verborgen ist, kann entdeckt werden. Ich hüte deine Geheimnisse und würde sie mit ins Grab nehmen, aber ich bin nur eine alte Vettel. Glaube mir, deine Familie wird es dort besser haben, deine schwächliche Tochter auch. Dorthin könnt ihr verschwinden. Ich werde mich um die Jäger kümmern. Du konntest doch früher ganz gut mit Chemikalien und Pflanzen umgehen. Alles hast du sicher nicht verlernt. Und dort hast du genug Zutaten und vor allem die Kraft dazu.«

»Meinst du nicht, sie könnten Gnade walten lassen?«, stammelte Emilia Wollner.

Frau Dr. Borgas Lachen hallte kalt durch die Zweige. Dann wurde sie wieder ernst.

»Du bist wirklich schon zu lange nicht mehr dabei, meine Kleine. Es gibt keine Mitwisser unter den anderen und für deine Taten kein Vergeben. Ich kann dich so nicht mehr schützen. Also müsst ihr untertauchen. Du wirst es auf dich nehmen, weil du keine Wahl hast. Fahrt morgen so schnell ihr könnt! Blickt nicht zurück! Ich lege eine falsche Fährte. Immerhin schulde ich dir noch etwas.«

Dr. Borga trat einen Schritt auf Emilia Wollner zu und drückte sie fest an sich, während diese von heftigem Schluchzen geschüttelt wurde. Dann beobachtete Elisabeth aus ihrem Versteck heraus, wie Dr. Borga schlagartig innehielt und rasch den Kopf hin und her drehte. Dann ging sie ohne ein weiteres Wort mit schnellen Schritten hinter den Baum und verschwand so von einem Augenblick auf den anderen aus Elisabeths Blickfeld.

Emilia Wollner ließ sich am Baumstamm herab auf ihre Knie sinken und weinte aus Leibeskräften. Rasselnd ging ihr Atem. Unartikulierte Laute brachen aus ihr hervor, während sie umständlich ein Taschentuch aus ihrer Handtasche hervorkramte. Ein Häufchen Elend, das sich jetzt erhob und sich ganz undamenhaft grob die Nase schnäuzte.

»Nun geh schon, es kommt jemand!«, drängte gedämpft die Stimme von Dr. Borga. Emilia stand nickend auf und straffte ihren Körper. Schließlich drehte sie sich um und eilte davon Richtung Zoo, wo sie arbeitete.

Elisabeth saß im Baum. Ihre Gedanken wirbelten. Was hatte ihre Mutter getan? Zu welcher Organisation gehörten sie und wohl auch Frau Dr. Borga? Geheimdienst? Agenten? Spione? Düstere Bilder rasten durch ihren Verstand, angereichert von wilden Szenen aus Filmen und Büchern. Aber dies war real. Sie schwebten in Lebensgefahr, ihr Vater und die spezielle Tochter. Hatte Dr. Borga ihre Schwester gemeint? Nein, sie war normal und gesund, wenn man einmal davon absah, dass sie Sport hasste.

Aber sie selbst plagte dieses Leiden. Sie musste dauernd diesen Trank einnehmen. Sie war diejenige, die von dem Zittern heimgesucht wurde. Das machte sie zur Schwachen. Jemand will sie töten. So musste es sein. Kalte Schauer jagten ihr über den Rücken. Und da kam es wieder – das Zittern.

Nein, nein!, dachte Elisabeth, als sie merkte, wie es erneut in ihr hochkroch. Wilde Gedanken, die sie nicht mehr unterdrücken konnte, schossen durch ihren Kopf und machten alles noch schlimmer, eine Urangst, die sie nicht in Worte fassen konnte. Sie wollte nur noch nach Hause.

Elisabeth blickte nach unten, sah aber niemanden mehr. Wie lange waren die Frauen schon weg? Sie wusste es nicht, doch nun trieb sie die Furcht vor dem Unbekannten. Ihre Tasche warf sie kurzerhand nach unten. Kalter Angstschweiß rann ihr die Stirn hinunter, während sie so schnell wie möglich vom Baum hinunterkletterte. Dass ihr T-Shirt zerriss und sie sich einen Kratzer an der Schulter zuzog, merkte sie nicht einmal. Der Puls raste in ihren Adern. Die letzten Meter sprang sie und rollte sich elegant ab. Als sie wieder hochkam, blickte sie sich um und entdeckte ganz am Ende des Weges eine Person, die gleich in den Weg zum Baum einbiegen würde. Sie konnte die Konturen durch die Büsche bereits ausmachen. Elisabeth wartete keinen Moment mehr, griff sich ihre Tasche und rannte los, direkt durch die Büsche in Richtung ihres Zuhauses.

Die blinde junge Frau kam, mit ihrem Stab vor sich her tastend, langsam auf die Eiche zu. Sie ging erstaunlich zielstrebig zu dem Baum, fast so, als wenn sie sehen könnte. Sie nahm die Brille ab. Die Augen darunter glommen ganz weiß, ohne Iris oder Pupille. Wachsam zuckte der Kopf hin und her, sie schnüffelte. Ihr Blick wanderte hoch zu den Ästen, dann auf den Boden, dann wieder hoch. Die Frau ging um den Baum herum, klopfte immer wieder mit dem Stock an den Stamm. Dann blieb sie abrupt stehen und kniete sich hin. Sie untersuchte tastend den Boden, dann wieder den Baumstamm. Ihre Finger glitten über die Wurzeln, die am Boden liegenden Eicheln aus dem Vorjahr und eine weggeworfene Plastikflasche.

Die ganze Szenerie hätte sicher jeden Passanten dazu veranlasst, stehen zu bleiben und sie zu fragen, was sie verloren hatte. Aber es kam niemand. Nur irgendwo auf einem Baum krächzte ein Vogel. Einige Momente vergingen, dann entdeckte sie etwas am Stamm. Ein kleines Stückchen T-Shirt mit einem roten Fleck. Tief beugte sie sich darüber, schnüffelte und zog die Nase kraus. Sie leckte an dem Stoff, während ihr Blick ins Leere starrte und ihre Kiefer sich mahlend hin und her bewegten, gerade so wie ein Weinkenner, der prüfend den Schluck auf der Zunge hin und her schob. Sie sog die Luft hörbar durch die Nase, drehte den Kopf auf die Seite und spuckte angewidert aus. Dann verzog sich ihr Gesicht zu einer grinsenden Fratze.

»Hab ich dich!«, murmelte sie in siegessicherem Ton.

Sie wollte sich schon erheben, als sie wiederum innehielt und lauschte. Ein leises Rascheln war das einzige, was man vernehmen konnte. Die junge Frau fuhr blitzartig herum und riss den Blindenstock wie einen Kampfstab hoch, doch es war zu spät für sie. Der dunkle Schatten einer Person fiel auf sie. Ein dicker Ast krachte mit großer Wucht auf den Schädel der Blinden, begleitet von einem hässlichen Knacken. Der Körper wurde schlaff und sackte in sich zusammen.

Borga, den Eichenast noch hoch erhoben in der Hand, trat einen Schritt näher und stieß die junge Frau mit dem Fuß an. Sie regte sich nicht mehr. Blut lief ihr über die Stirn und in die Augen, die trüb und leer in den Himmel starrten.

»Du wirst sie nicht mehr bekommen, du kleine Schlampe! Sie ist mein«, sprach Borga noch leise vor sich hin, während sie den Ast in den Wald schleuderte. Dann packte sie den leblosen Körper und zerrte ihn unter großen Mühen in die Büsche, durch die vor ein paar Minuten Elisabeth verschwunden war. Sie schnaufte dabei heftig und als sie sich aufrichtete, stöhnte sie und hielt sich die Hand an den Rücken. Offensichtlich hatte sie dort Schmerzen. Einen Moment später griff Borga in ihre Tasche, suchte und entnahm ihr schließlich ein Glas mit Schraubverschluss. Sie schüttete ein wenig von dem darin befindlichen grauen Pulver über die Leiche und murmelte etwas in einer kehligen, fremden Sprache. Zufrieden schraubte sie das Glas fest zu und steckte es wieder weg. Dann blickte sie den Trampelpfad entlang, den Elisabeth genommen hatte.

»Lauf, meine Kleine! Jetzt musst du früher reifen, als es dir lieb sein kann!«

Schließlich drückte sie sich wieder durch die Büsche und ging den Weg zurück, den die andere gekommen war, und summte dabei vor sich hin, während Käfer und Würmer aus der Umgebung eilig Richtung Gebüsch krochen. Eine Minute später bedeckten tausende von Insekten und Würmern die Leiche.

Handschuhe


Jemand rief ihren Namen. Sabrina hörte die Stimme gedämpft durch ihre Musik, die über ihre Ohrstöpsel dröhnte. Sie reagierte nicht. Warum auch? Ihr Blick hing gerade sehnsüchtig an dem bleichen Gesicht des coolen Hauptdarstellers einer beliebten Fantasyserie, der darin eine Art Glitzervampir spielte. Das Gesicht seiner menschlichen Partnerin hatte sie durch ihr eigenes ausgetauscht. Nach langer Arbeit mit einem Grafikprogramm hatte sie es auf dem Drucker im Copyshop für fast zehn Euro auf DIN A3 ausgedruckt. Nun sah das Bild besser aus als das Original, wie sie fand. Überhaupt hatte sie ihr ganzes Zimmer mit Bildern aus Vampirfilmen tapeziert, sodass eine düstere Atmosphäre entstand. Ihre Regale quollen über vor Büchern, viele davon billige Papierausgaben von Vampirromanen und Gruftgeschichten. Ihr ganzer Kleiderschrank war mit schwarzen Klamotten angefüllt, was ihre Mutter nur widerwillig akzeptiert hatte. An der Seite des Schrankes hing ihr ganzer Stolz: ein altes, pechschwarzes Rüschenballkleid mit Spitzenbesatz. Es sah aus wie ein edles Trauergewand aus einem Vampirfilm aus der Zeit, als Filme noch in Schwarzweiß gedreht wurden. Sie hatte es auf einem Flohmarkt in Wernigerode für einen Spottpreis erstanden, musste aber feststellen, dass es ihr zwei Nummern zu klein war. Als sie dennoch versucht hatte, sich mit aller Gewalt hineinzuzwängen, war es an der Seite eingerissen. Seither hatte sie versucht, abzunehmen, was ihr schlichtweg nicht gelang, obwohl sie alles tat, sich herunter zu hungern. Alle paar Wochen machten ein paar heftige Fressattacken alle vorher abgenommenen Pfunde zunichte. Scheiß Mondphasen! Scheiß Regelblutung! Ihr Körper machte dann mit ihr, was er wollte. Sie konnte nichts dagegen tun. Ihre Mutter, deren rundlichem Körperbau ihr eigener unaufhaltsam nachstrebte, hatte ihr Sport empfohlen. Aber dazu konnte sie sich nicht durchringen. Ausgerechnet Sport, so was brauchte sie nicht. Die Fünf in Sport juckte sie nicht, denn ihr Zeugnis war alles andere als schlecht. Klassenbeste, trotz der Sportnote. Sie hatten es diesmal am Donnerstag bekommen, weil heute eine Lehrerkonferenz stattfand und ihre Klassenlehrerin auch dahin fahren musste. So hatte sie bereits an ihrem Geburtstag frei.

Warum nervte ihre Mutter so herum? Sie würden wieder nicht in den Urlaub fahren, weil das Geld nicht reichte. Sie kannte es nicht anders. Alle anderen fuhren in den Ferien weg, nur sie nicht. Ihre Mutter arbeitete halbtags im Blumenladen auf der Adolph-Roemer-Straße und ihr Vater schickte nur wenig Geld. Er arbeitete auf einem Bohrschiff und fuhr so die meiste Zeit zur See. Er verdiente zwar recht ordentlich, gab aber selbst viel Geld aus. Wofür?, das hatte sie schon aufgegeben, sich auszumalen. Also hatte Sabrina sich auf sechs langweilige Wochen zu Hause in Clausthal-Zellerfeld eingestellt. Wieder erklang die Stimme der Mutter, was sie erneut veranlasste, das Kopfkissen über die Ohren zu ziehen. Sie wollte nichts hören.

»Lass mich in Ruhe!«, brüllte sie.

Jemand rüttelte jetzt an ihrer Tür. Sie hatte abgeschlossen, doch das Schloss sprang auf. Das tat es seit dem Tag vor zwei Jahren, als sie sich das erste Mal eingeschlossen und ihr Vater die Tür eingetreten hatte, weil sie ihrer Mutter erzählt hatte, dass sie nicht mehr leben wolle. Ihre Mutter hatte doch keine Ahnung. Sie hatte ja nicht ganz sterben wollen. Es war doch ihr Wunsch, ein Vampir zu werden. Unsterblich und mit feiner weißer Haut. Die weiße Haut hatte sie fast, da hier in Clausthal die Sonne nicht so häufig schien. Dafür war sie mit lästigen Pickeln übersät, vor allem immer dann, wenn sie ihre Regel bekam. Wie sie es hasste!

Mittlerweile stand ihre Mutter im Zimmer und wedelte mit einem Einkaufskorb vor ihrem Gesicht hin und her.

»Sabrina Wilhelmine Schubert, auch wenn du heute Geburtstag hast, wirst du sofort deinen faulen Hintern aus dem Bett schwingen und einkaufen gehen. Hier ist der Zettel und genug Geld. Trödle nicht herum, ich brauche die Zwiebeln fürs Mittagessen. Ich koche dein Lieblingsgericht.«

Eine kurze Pause entstand, als Mutter und Tochter sich taxierend anstarrten. Für einen Moment schien unklar, wer dieses Blickduell gewinnen würde. Schließlich verdrehte Sabrina die Augen und kletterte aus dem Bett.

»Das ist doch voll uncool, Mama. Der Korb ist so altmodisch. Ich sehe damit unmöglich aus!«

»Nun, mein Schatz, das denken einige andere auch von den Sachen, die du sonst so trägst. Da kommt es auf einen Korb auch nicht mehr an, oder meine Liebe?« Ihre Mutter lächelte, wie nur jemand lächeln konnte, der sein Kind trotz aller pubertären Eskapaden noch so liebte wie am ersten Tag.

Obwohl sie wusste, dass sie diesen Wettstreit verloren hatte, bäumte Sabrina sich nochmals auf und warf sich trotzig ihren dunklen langen Mantel über. Auch dieser völlig abgetragene Ledermantel stammte von einem Flohmarkt. In mühevoller Kleinarbeit hatte sie ihn mit schwarzer Schuhcreme bearbeitet, um ihn dunkler zu bekommen. Das war ihr zwar gelungen, aber er hatte danach abgefärbt und ihr den ganzen Hals geschwärzt. Alle hatten sie in der Schule deswegen ausgelacht. Inzwischen färbte er nicht mehr ab und zeigte sich nun in einem eher dunkelgrauen Anthrazit. Auf jeden Fall war er cool und nur darauf kam es an. Sie griff nach dem Korb und ging wutschnaubend zum Einkaufen – nicht ohne die Haustür hinter sich zuzuknallen, was sicher einen weiteren Ausruf ihrer Mutter auslöste, den sie jedoch nicht mehr hörte.

Sabrina wohnte in der Nähe der Schule in einem kleinen Haus am Kreisel. Als sie die Straße Am Zellbach hochging, bereute sie bereits, ihren Mantel angezogen zu haben. Das Wetter schien sich gegen sie verschworen zu haben. Keine Wolke bedeckte den Himmel und die Sonne brannte erbarmungslos. Sabrina lief der Schweiß in Sturzbächen den Rücken herunter, tropfte von ihrer Stirn und sammelte sich in ihrem Ausschnitt. Sie fluchte leise, widerstand aber dem Verlangen, den Mantel auszuziehen. Wie ein Vampir am Tage versuchte sie, von Schatten zu Schatten zu huschen, aber das misslang ihr ein ums andere Mal. Kurzentschlossen schwenkte sie am Kronenplatz auf einen Schlenker über den Friedhof ab. Dort standen genug Bäume und außerdem zählte er zu ihren Lieblingsorten. Sie bog hinter der Post in die Erzstraße und dann nach rechts in einen schmalen Fußweg auf den Friedhof. Unter den Bäumen wurde es sofort kühler und Sabrina atmete auf. Am Tor kam ihr eine alte Frau entgegen. Sie hatte für eine Seniorin ungewöhnliche Kleidung in nachtblauer Seide an. Damit sah sie eher aus wie eine Frau aus dem 19. Jahrhundert. Ein kurzer Blick auf die Schuhe verriet Sabrina eindeutig, dass sie offensichtlich nicht direkt hier wohnte. Sie waren zu vornehm und zierlich. Dennoch schien sich die alte Dame auszukennen, denn diese Seitenpforte nahmen nur Einheimische. Sabrina hielt die Pforte auf, was ein freundliches, anerkennendes Nicken bei der Frau auslöste.

»Oh, du willst jemanden besuchen. Das ist aber nett von dir. Was für ein heißes Wetter wir heute haben. Ein besonderer Tag, ein denkwürdiger Tag. Das ist gar nicht typisch für den Harz, das hat mir Ernst-Gustav auch gerade gesagt.«

Sabrina blickte verwirrt. Sie druckste ein »Ja, schon klar!« heraus und huschte ihrerseits schnell durch die Pforte. Sie reimte sich zusammen, dass es sich bei dem erwähnten Herrn vermutlich um ihren verstorbenen Mann, Bruder oder einen anderen männlichen Verwandten handeln musste und sie gerade von seinem Grab kam. Die Friedhofbesucherin hatte dort anscheinend Selbstgespräche geführt. Die alte Frau wandte sich noch einmal um und lächelte sie an.

»Sie haben da einen schönen Mantel, meine Liebe, genauso einen hatte Ernst-Gustav auch, als er noch dem Führer gedient hat. Mir wäre der ja zu warm bei dem Wetter. Gießen Sie die Blumen aber nicht zu stark, es wird heute noch regnen, auch wenn es nicht danach aussieht.« Noch während sie weiterredete, wandte sich die Seniorin ab und ging mit wackeligen Schritten den Weg zur Erzstraße hinunter. Auf halbem Wege blieb sie nochmal stehen und rief ihr über die Schulter zu: »Ach, was ich beinahe vergessen hätte: Alles Gute zum Geburtstag!«

Sabrina, die ihr nachgeblickt hatte, klappte nun sprachlos der Unterkiefer herunter. Wer war die Alte? Kannte sie die Frau? Aber woher? Heute war ihr Geburtstag, aber bis auf ihre Eltern wusste das vermutlich niemand. Irgendwie war ihre Lust auf den Friedhof verflogen.

Sie verwarf den Gedanken, sich auf eine Bank zu setzen, und stapfte Richtung Haupteingang. Während sie noch krampfhaft zu erraten versuchte, woher sie diese alte Frau kannte, kam sie an einem Grab vorbei, auf dem frische Blumen standen. Es wäre ihr nicht sonderlich aufgefallen, wenn nicht auf dem Grabstein ein paar weiche, schwarze Damenlederhandschuhe gelegen hätten, gerade so, als wenn sie jemand vergessen hätte. Sabrina blieb stehen und blickte auf den Stein. Dort stand:

Ernst-Gustav Steiger, Lt. d. R.

* 02.05.1905 † 07.05.1945

Sophie Wilhelmine Steiger

* 22.07.1909 † 22.07.1999

Sabrina las die Inschrift mehrmals. Den Mann kannte sie nicht, aber die verstorbene Frau war nicht nur am selben Tag geboren und gestorben, sondern war genau an dem Tag gestorben, an dem sie vor sechzehn Jahren geboren worden war. Und heute war der 22.07.2015 – ihr Geburtstag. Das konnte doch alles kein Zufall sein!

Noch größer wurden ihre Augen, als sie den Namen nochmals las. Sabrina trug den gleichen zweiten Vornamen wie sie: Wilhelmine. Sabrina mochte den Namen nicht. Wie hatte sie ihre Mutter schon verflucht, aber diese hatte immer wieder gelächelt und ihr gesagt, dass sie diesen Namen zu Ehren ihrer Urgroßmutter trug. Ihr Blick fiel wieder auf die Handschuhe. Sie mussten der alten Dame gehören. Kurzentschlossen griff sie danach und rannte durch die Pforte zur Erzstraße zurück. Doch von der alten Frau war weit und breit nichts zu sehen. Sabrina blieb auf der Straße stehen und keuchte. Sie war einfach keinen Sport gewöhnt und nun war sie zum zweiten Mal in kurzer Zeit völlig durchgeschwitzt und aus der Puste. Zur Abkühlung trat sie in den Schatten eines Hauses und atmete tief durch. Erst jetzt untersuchte Sabrina die Handschuhe etwas genauer. Wie weich sie sich anfühlten, fast wie Haut. Ihre Finger glitten bewundernd darüber. Sie waren perfekt und vermutlich sehr teuer. Dabei kam ihr ein Gedanke.

Manchmal nähten die Frauen Namensschilder in ihre Kleidungstücke. Tatsächlich fand sich auf der Innenseite des Futters ein angenähtes Stück Stoff mit aufgestickten Initialen: S.W.S.

»Sophie Wilhelmine Steiger«, hauchte Sabrina. Dann schüttelte sie den Kopf. Das konnte nicht sein. Nach einer Pause kam ihr ein anderer Gedanke und sie sagte zu sich selbst: »Oder: Sabrina Wilhelmine Schubert«. Sie zog kurzerhand einen davon an. Er passte wie angegossen. Das gab es doch nicht. Sabrina war abergläubisch veranlagt und hatte genug Fantasy- und Gruselromane gelesen, um an mehr, als nur Zufall zu glauben. Trotz des Mantels wurde ihr kalt und sie blickte sich hastig um, aber niemand schien von ihr Notiz zu nehmen. Wenn sie die alte Frau nicht wiedersah, würde sie die Handschuhe behalten, dachte sie bei sich, während sie den einen von der Hand zog, sich wieder umdrehte und zurück zum Friedhof ging. Als sie erneut an dem Grabstein vorbeikam, blieb sie noch einen Moment stehen.

»Ich gebe sie zurück, ich verspreche es. Ich weiß nur nicht wie!« Sie wartete noch etwas, ganz so, als erhoffte sie sich eine Antwort, dann steckte sie die Handschuhe ein. Reflexartig griff sie nach einer der Gießkannen und goss die Blumen. Sie wusste nicht warum, aber es kam ihr richtig vor.

Nachdem sie die Kanne zurückgebracht hatte, ging sie weiter zum Haupteingang und bog dort in die Schulstraße Richtung Universitätshauptgebäude ein. Die Straße führte direkt auf das Kaufhaus Heinze zu. Tief in Gedanken an die alte Frau versunken zog sie die Handschuhe aus ihrer Manteltasche und streifte sie über. Sie fühlten sich wie eine zweite Haut an, man spürte sie fast gar nicht. Und sie sahen absolut cool aus. Sie kam am Kaufhaus an, immer wieder den Blick auf die Handschuhe gerichtet. Kurz bevor sie es betrat, verließ gerade ihr Klassenkamerad Theobald Binsenkraut die Bäckerei Biel nebenan. Er war ein Streber in Naturwissenschaften und vermutlich der Einzige in der Klasse, der ab und zu mit ihr redete. Außerdem war er auch jemand, der vermutlich nicht in den Urlaub fuhr. Sie wollte ihm gerade einen Gruß zurufen, da bemerkte sie die drei anderen Jungen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite die A-Roe, wie die Einheimischen die Adolph-Roemer-Straße kurz nannten, entlang kamen. Vinzenz Lederer war groß, breitschultrig und hatte einen Hammerkopf, den er fast kahl rasiert hatte. Er trug schwarze Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, wie das auch Neonazis so gerne machten. Keiner an der Schule wusste, warum ausgerechnet er mit den türkischen Zwillingen Alim und Ojan so gut klarkam. Sabrina hatte die Theorie aufgestellt, dass mentales Vakuum sich – wie schwarze Löcher – gegenseitig anzog. Das hatte ihr viel Gelächter von der Klasse eingebracht, aber leider auch einen brutalen Schubser in die Schulhecke eine Woche später, weil die drei so lange gebraucht hatten, zu verstehen, dass sie gemeint waren.

Sie ging schnell in den Eingang des Kaufhauses, in dem an der rechten Seite ein scheinbar uralter Herr in grauem Anzug die ankommenden Gäste freundlich begrüßte und die gehenden ebenso verabschiedete, diese aber mit einem kritischen und wachen Auge musterte, ob sie auch gezahlt hatten. Der alte Herr Heinze war der Besitzer des einzigen Kaufhauses mit Rolltreppe in Clausthal. Er erledigte den Türsteherjob gleich selbst mit. Ein Wahrzeichen seines Hauses. Sabrina lehnte sich an die Wand und schielte um die Ecke. Sie wurde sich des erstaunten Gesichts von Herrn Heinze bewusst, ignorierte aber seinen Blick, weil sie aus sicherer Deckung beobachten wollte, was jetzt passieren würde.

Theobald steckte gerade ein Brot beim Gehen in eine Tasche und hatte die anderen nicht bemerkt. Erst als diese die Straße querten und von einem Auto dafür angehupt wurden, bemerkte er sie. Für einen Moment blickte er erschrocken, dann drehte er auf dem Absatz um und floh wieder in die Bäckerei. Die anderen drei lachten auf und schlenderten langsam auf das Geschäft zu, als hätten sie alle Zeit der Welt. Sie bauten sich davor auf. Theobald würde ihnen nicht entkommen.

»Wollen Sie Ihrem Freund nicht helfen? Sie kennen ihn doch, oder?«

Sabrina zuckte zusammen. Herr Heinze war vorgetreten und stand nun neben ihr. Während Sabrina noch nach Worten suchte, wandte er sich bereits mit einer bestimmenden Geste einem Studenten zu, der es nach vorne gebeugt mit dickem Rucksack allzu eilig hatte, ins Freie zu kommen.

»Die Kasse ist im Erdgeschoss gleich auf der rechten Seite, junger Mann. Sie können sie gar nicht verfehlen!«

Der Student wurde bleich, nickte aber und hastete wieder hinein. Mit einem überlegenen Lächeln wandte sich Herr Heinze wieder an sie.

»Es ist doch ganz leicht. Sie müssen nur die drei kräftigen Burschen verjagen.«

»Äh, ich weiß nicht wie, Herr Heinze. Die sind richtig fies, müssen sie wissen.«

»Papperlapapp, Jungs sind Jungs. Ich war schließlich selbst mal jung.«

Sabrina konnte sich bei diesem kleinen, älteren Mann mit schütterem Haar nicht vorstellen, dass er jemals jung gewesen sein sollte. Aber er musste es gewesen sein, irgendwann. Seit sie denken konnte, stand er hier, auch schon, als sie ein kleines Kind mit zwei Zöpfchen gewesen war und an der Hand ihrer Mutter lief. Er hatte immer gleich alt ausgesehen, fast schon zeitlos. Wie ein Vampir, schoss es ihr durch den Kopf, nur dass er auch bei Tag hier stand. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals nicht da war oder nicht mehr da sein würde.

»Nun, was ist? Brauchen Sie etwa Hilfe?«

»Ich wäre dankbar für jede Hilfe.« Sabrina versuchte zu lächeln.

»Na, dann halten Sie hier mal die Stellung, mein Fräulein. Ich erledige das für Sie!«

Herr Heinze straffte sich und ging mit gezielten Schritten auf die drei Jungen zu. Sabrina war beeindruckt und schockiert zugleich. Körperlich mussten die drei Schläger ihrer Klasse dem alten Mann bereits bei weitem überlegen sein, aber er war eine Autorität und das zeigte sich gleich darauf. Die Jungen bemerkten ihn erst, als er vor ihnen stand. Er richtete das Wort an sie. Sie blickten ihn verblüfft an, während er gestikulierte und dann zu Sabrinas großem Schock genau in ihre Richtung deutete. Die drei folgten seinem Finger mit ihren Blicken und ihre Mienen verhärteten sich, dann aber wurden sie bleich. Sie schauten sich gegenseitig an und machten dann abwehrende Gesten. Herr Heinze klatschte kurz und laut in die Hände, da inzwischen alle Passanten dem Disput ihre Aufmerksamkeit schenkten. Daraufhin sprangen die Jungen eilig auf und machten sich mit schnellen Schritten davon. Herr Heinze genoss noch etwas die Aufmerksamkeit und kam dann mit einem Lächeln zu Sabrina zurück.

»Wie haben Sie das gemacht?«, brach es aus ihr hervor, sobald er wieder bei ihr eintraf.

»Ich habe sie direkt angesprochen!«, erwiderte er.

»Ich habe ihnen gesagt, dass ihre Namen wohlbekannt sind, und man sie stellen wird, sollten sie dem Jungen in der Bäckerei oder dem mutigen Mädchen hier, damit meine ich Sie, irgendein Leid zufügen. Sie würden dann schneller vor dem Richter sitzen, als sie denken können. Das habe ich gesagt! Ich kann Randalierer genauso wenig ausstehen wie Diebe.« Dabei blickte er an Sabrina hinab und seine Augen verweilten auf den Händen. »Sie haben da exquisite Handschuhe an, junge Dame. So etwas trugen wohlsituierte Damen früher.«

Sabrina sah den alten Mann verblüfft an. Ahnte er, dass es nicht ihre waren? Gleich darauf verwarf sie den Gedanken wieder als absurd. Doch sie bemerkte, wie stechend seine Augen sein konnten. Aber schon einen Moment später wurde sein Blick weicher und er lächelte wieder.

»Und wie darf ich Ihnen geschäftlich weiterhelfen? Sie dürfen sich jetzt entspannen, die Gefahr ist gebannt«, sagte er mit freundlicher Stimme. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie den Einkaufskorb immer noch fest umklammert hielt. Peinlich berührt, lockerte sie ihren Griff etwas.

»Danke! Ich soll nur was einkaufen!« Dann ging sie in das Geschäft und war froh, dass Herr Heinze genau in diesem Moment durch einen anderen Kunden abgelenkt wurde.

Rasch erledigte sie die Einkäufe und stahl sich schnell aus dem Geschäft. Sie hatte Glück, dass Herr Heinze gerade nicht an der Tür stand. Um nicht doch noch den drei Chaoten über den Weg zu laufen, ging sie um die Ecke und nahm den etwas längeren Weg über die Straße an der Sorge oben beim Krankenhaus vorbei. Sie beruhigte sich nach ein paar hundert Metern und streifte die Handschuhe wieder über, die sie im Geschäft ausgezogen hatte. Es fühlte sich so gut an. Sie bewunderte die perfekte Passform und ihre Geschmeidigkeit. Das Leder strahlte eine angenehme Kühle aus. Während sie weiterging, hob sich ihre Laune. Sie musste an das coole Outfit von Kate Beckingsale in dem Film Underworld denken und tauchte mit ihren Gedanken wieder in die Fantasiegeschichte ein.

Als sie gerade den Jugendstilbau einer Studentenverbindung gegenüber dem Krankenhaus passiert hatte, erblickte sie vor sich auf dem Fußweg wieder Theobald. Kurzerhand beschleunigte sie ihre Schritte, doch er schien es auch sehr eilig zu haben und rufen wollte sie nicht. Sie folgte ihm. Der Fußweg führte parallel zum Zellbach den Berg hinunter. Hier standen Bäume und es gab Schatten.

Theobald war sehr schnell unterwegs, fast wie ein olympischer Geher. Sie würde ihn nicht einholen können. Ein Geräusch hinter ihr ließ sie zurückblicken, da erkannte sie den Grund seiner Eile. Vinzenz und die Zwillinge folgten keine zehn Meter hinter ihr und feixten, als sie sie bemerkten. Sie kamen schnell näher. Sabrina blieb stehen. Es war unvernünftig, aber in ihr begann eine Wut hochzukochen, die ihr Mut gab.

»He, Sabrinchen, hab' gehört, du stehst auf Feiglinge!«, höhnte Vinzenz und baute sich vor ihr auf. Die anderen beiden hielten sich zunächst flankierend hinter ihm.

»Ihr seid die wahren Feiglinge«, schnauzte sie zurück. »Zu dritt gegen einen, dann macht euch ein Opa fertig und jetzt versucht ihr es bei einem einzelnen Mädchen. Das ist noch feiger.«

Die Gesichtszüge der drei verhärteten sich nur kurz. Sie waren erprobt im Bedrängen von Schwächeren. Vinzenz drehte sich zu Ojan um und zuckte die Schultern, worauf dieser mit einem Schritt neben Sabrina trat.

»Willst Ärger haben, du Hure?« Es war keine echte Frage, nur eine Ankündigung, dass es gleich schlimmer werden würde.

Sabrina drehte den Kopf und behielt Ojan genau im Auge. Der glotzte sie zunächst grimmig an, dann aber verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Der Schlag in die Kniekehlen durch Alim kam nicht ganz unerwartet, jedoch verlor Sabrina das Gleichgewicht und fiel mit rudernden Armen auf den Rücken. Das tat weh und das Hohngelächter der drei machte es nur schlimmer.

»Oh, das tut mir aber leid! Wie ungeschickt du bist. Ich helfe dir hoch.«

Mit übertrieben flötender Stimme packte Vinzenz sie am Revers ihres Mantels und riss sie hoch. Gott sei Dank bestand der aus Leder und machte den Ruck mit. Doch kaum war sie fast auf den Beinen, ließ er wieder los und sie fiel erneut schmerzhaft auf den Hintern.

»Komm, hilf mir mal! Die ist schwerer, als ich gedacht habe«, forderte er Alim auf, der immer noch hinter ihr stand. Dieser ließ sich nicht lange bitten und packte sie grob an den Schultern. Sabrina wehrte sich, aber sie bekam ihn nicht zu fassen. Vinzenz und Ojan traten höhnisch grinsend vor und griffen sie an den Ellenbogen, um sie hochzuziehen. In diesem Moment erinnerte sich Sabrina an ihren Selbstverteidigungskurs, den sie einmal gemacht hatte. Sie fasste im Bruchteil einer Sekunde einen äußerst mutigen, aber auch riskanten Entschluss und zog das Knie ruckartig an, genau in Vinzenz’ Weichteile. Er ging sofort jaulend zu Boden. Die Jungs hatten keinen ernstzunehmenden Widerstand erwartet. Ojan stand da und starrte auf Vinzenz, sodass Sabrina auch bei ihm zutreten konnte. Der Tritt war so hart, dass es Sabrina wieder auf den Rücken warf und Alim, der sie immer noch an der Schulter hatte, halb unter sich begrub. Sabrina packte mit beiden Händen nach hinten und versuchte, seinen Griff zu lösen. Etwas passierte, als sie ihn zu fassen bekam, aber mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Anstatt sie weiter festzuhalten, was er leicht gekonnt hätte, jaulte auch Alim auf und rollte von ihr weg. Sabrina wartete nicht, um Alims seltsame Reaktion zu ergründen. Sie rappelte sich hoch, griff ihren Einkaufskorb und sprintete los, bevor die drei wieder zur Besinnung kamen. Sie hatte es nicht mehr weit nach Hause, und die jetzt doch aufkommende Angst machte ihr Beine. Sie hatte sich gegen die drei Jungs zur Wehr gesetzt und mit einem Überraschungssieg gewonnen. Unter keinen Umständen wollte sie bleiben und eine zweite Runde riskieren. Sie holte alles aus ihren Beinen heraus, die heftig von dem Sturz schmerzten. Bei der nächsten Gelegenheit bog sie wieder auf den Zellbach ab. Schon nach kurzer Zeit raste ihr Herz und sie schnaufte wie eine alte Dampflok. Ohne sich umzuschauen, rannte sie weiter nach Hause.

Drinnen ließ sie sich mit pfeifendem Atem gegen die Tür sinken. Sie brauchte eine ganze Weile, um wieder Luft zu bekommen. Zum dritten Mal heute Vormittag war sie völlig durchgeschwitzt. Erst musste sie lächeln, dann lachte sie. Als sie sich mühsam aufrappelte, tropfte ihr der Schweiß von der Stirn und lief den Rücken hinunter in ihren Slip. Ein unangenehmes Gefühl, das von einem ziehenden Schmerz im Gesäß begleitet wurde. Sie verzog das Gesicht.

»Wie uncool! Vampire schwitzen nie!«, beklagte sie sich bei sich selbst. Es half nichts, sie musste dringend duschen.

Vor der Haustür


Der weiße Van einer Leihwagenfirma legte mit quietschenden Reifen eine Vollbremsung hin und stellte sich dabei auf der Fahrbahn quer. Die wenigen Passanten in der Straße drehten sich alle verwundert um. Der Fahrer, ein junger Italiener, schimpfte noch im selben Moment in seiner Muttersprache wütend los. Er gestikulierte ausladend, beugte sich zum offenen Fenster heraus und schrie der vorbeirennenden Elisabeth nach, doch davon bekam diese überhaupt nichts mit.

Sie rannte so schnell, wie sie noch nie zuvor gerannt war. Die Angst, dass ihrer Familie und ihr etwas Böses drohte, die Verwirrung, dass ihre Mutter dunkle Geheimnisse zu haben schien, all das zehrte an ihr und drohte sie zu zerreißen. Unaufhaltsam kroch das Zittern in ihr immer höher und wurde zu einem Brennen, bis ihr ganzer Körper schmerzte. Tränen füllten ihre Augen und liefen über das Gesicht. Sie bog in die Straße ein, in der sie wohnte, indem sie über den Spielplatz abkürzte, der an der vorderen Ecke lag. Über den Zaun setzte sie mühelos hinweg und auch über die lange Balkenwippe, auf der sie als Kind so gerne gesessen hatte. Eine Mutter, die vor der Rutsche stand, drehte sich zu ihr um und schüttelte nur verwundert den Kopf. Ihr Kind stand oben auf dem Turm und kaute an einem Stofftuch, das es in der Hand hielt, und blickte Elisabeth nach. Da flog diese auch schon über den zweiten Zaun hinweg und sprintete auf ihr Heim zu. Das Wohnhaus der Wollners lag auf der linken Seite. Der Vorgarten war von einer hohen Hecke umrahmt, sodass man die blau gestrichenen Fensterrahmen des Erdgeschosses von der Straße aus kaum sehen konnte.

Elisabeth drückte mit so viel Schwung das Tor auf, dass es heftig gegen die Mauer knallte und zurückschlug, doch da war sie schon hindurch. Ihre Tasche riss sie dabei vor dem Bauch hoch, um den Schlüssel zu suchen, aber sie fand ihn in ihrer Nervosität nicht. Ihr fiel es immer schwerer, denn ihre Hände krampften heftig zusammen und sie konnte gar nicht mehr richtig greifen. Eine Bürste und der zusammenklappbare Regenschirm fielen heraus. Mit gekrümmten Fingern hämmerte sie auf die Klingel. Sie wollte rufen, doch aus ihrem Mund kam nur noch Schluchzen und Röcheln.

Plötzlich überlagerte ein neues stärkeres Gefühl die Panik, die sie gerade noch verspürt hatte: heftiger Schmerz. Die Beine knickten ihr ein und sie sackte in sich zusammen. Welle um Welle schoss durch ihren Körper. Sie zuckte unkontrolliert. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ihr Vater schaute heraus. Michael Wollner war ein großer, hagerer Mann mit hellbraunen Haaren, einer altmodischen Nickelbrille und vielen kleinen Lachfältchen, die sich allerdings schlagartig in eine ernste Sorgenmiene verwandelten, als er sah, wer da so wild geklingelt hatte.

»Elisabeth! Oh, mein Gott! Was ist passiert?« Sein Blick erfasste die Tasche, die herausgefallenen Sachen und seine zusammengekrümmte Tochter auf den Stufen. Unerwartet verschwand er wieder und man hörte ihn durch den Flur rennen. Nur wenige Sekunden später tauchte er mit einer kleinen Bügelglasflasche auf. Er drehte Elisabeth auf den Rücken, nicht ohne ein paar heftige, unkontrollierte Schläge abzubekommen. Sie grollte, wimmerte, jaulte wie von Sinnen. Als sie wieder heftig nach Luft schnappte, goss er ihr entschlossen den Inhalt der Flasche in den Mund. Ein gurgelndes Geräusch ertönte, dann hustete Elisabeth und besprühte dabei ihren Vater mit einem Restschwall der Medizin. Aber das Meiste davon schien seinen Weg in ihren Hals gefunden zu haben. Sie bäumte sich noch einmal abrupt auf, dann erschlaffte ihr ganzer Körper.

Sorgenvoll betrachtete Michael Wollner sie. Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte sie sanft an der schweißnassen Schulter, zog sie aber erschrocken zurück, als Elisabeth schlagartig wieder die Augen öffnete und wie ein Tier vor Schmerz aufschrie. Die Reaktion war nur kurz und heftig, dann sackte sie gleich darauf wieder in sich zusammen. Einige Momente später versuchte er es erneut und als Elisabeth sich nicht mehr bewegte, nahm er sie vorsichtig auf und trug sie ins Haus.

Es dauerte einige Minuten, in denen die Tür offen stehen blieb. Schließlich kam Michael Wollner wieder heraus und sah sich um. Niemand schien von dem Vorfall große Notiz genommen zu haben. Er machte sich daran, ihre am Boden verstreuten Sachen aufzulesen. Dabei fielen ihm das Zeugnis und ein Brief in die Hände, die beide ziemlich zerknittert aussahen. Er überflog kurz die Zahlen und seufzte nun ein hörbares »Oje!«. Als von drinnen ein Krachen erklang, beeilte er sich, alle Sachen einzusammeln, und verschwand im Haus.

Ans Ende der Welt


»Eine ganze Flasche? Bist du wahnsinnig? Das kann sie umbringen!«, erklang Emilia Wollners aufgebrachte Stimme.

»Nein, nicht eine ganze. Das Meiste davon hat sie mir gleich wieder auf das Hemd gespuckt. Der Rest ist leider dann ausgelaufen. Ich war mir nicht sicher, wie viel sie braucht. So heftig war es noch nie.«

»Ausgerechnet jetzt. Ihre eigene Flasche hatte sie doch heute Morgen dabei. Die wird sie doch hoffentlich nicht verloren haben. Ich habe fast keine Reserve mehr.«

Währenddessen öffnete Elisabeth vorsichtig ein Auge zur Hälfte. Soweit sie erkannte, lag sie in ihrem Zimmer auf dem Bett, denn sie konnte im Halbdunkel einen Teil ihrer Kommode und die linke untere Ecke des Fensters erkennen. Die Jalousie war fast zugezogen. Die Sonne stand tief und warf durch die Ritzen Streifen gelben Lichts auf die Wand. Es ging offenbar schon auf den Abend zu. Die Stimmen ihrer Eltern drangen an Elisabeths Ohren, während ihr Gehirn sich mühte zu verstehen. Ein bleischweres Gefühl drückte sie in ihre Matratze und ein anhaltendes Brennen zog sich von ihrem Mund über die Kehle bis in den Magen. Erinnerungen an intensiven Schmerz im ganzen Körper schossen in ihr hoch. Elisabeth stöhnte schwach. Der Versuch, sich zu bewegen, scheiterte. Es fühlte sich an, als hätte sie am ganzen Körper Muskelkater. Arme und Beine reagierten einfach nicht auf die Anweisungen ihres dröhnenden Gehirns. Sie gab es auf. Die Stimmen von unten erschienen ihr so laut, als stünden ihre Eltern direkt neben ihr.

»Wir sollten sie wirklich zu einem anderen Arzt bringen. Ich sage das schon lange, aber du willst ja nicht hören. Man wird ihr im Krankenhaus Annastift oder besser noch im International Neuroscience Institute helfen können.«

»Nein!« Die Stimme ihrer Mutter erklang schneidend und beendete das Gespräch abrupt.

Die Treppenstufen quietschten. Jemand kam nach oben. Elisabeth schloss das Auge wieder. Sie wollte niemanden sehen. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie ins Haus gekommen war. Das Letzte, was sie noch wusste, war, dass sie gegen die Gartenpforte geprallt war, danach lag alles in dunklem Schmerz.

Vorsichtig öffnete sich ihre Zimmertür. Ihre Mutter betrat leise den Raum.

»Betsy-Schatz, bist du wach? Wie geht es dir?«

Sie kam näher und setzte sich neben ihr auf das Bett. Elisabeth konnte die Schritte auf dem Boden hören, das Rascheln des Stoffes und auch das Atmen ihrer Mutter. Alles erschien ihr unnatürlich laut. Als sie Platz nahm, stach der Blütengeruch ihres Parfüms Elisabeth in die Nase, aber dann bemerkte sie auch einen erdigen Geruch mit einer bitteren Note, die sie an den Waldboden unterhalb einer Eiche erinnerte. Ihr Geist spielte ihr sicher einen Streich.

»Sie schläft wohl noch!«, meldete sich die Stimme ihres Vaters vom Flur aus.

»Sie ist gestürzt, ich muss sie untersuchen. Geh bitte raus und mach die Tür zu. Kümmere dich um Klara, wenn sie gebracht wird. Sie braucht mit dem Gips sicher Hilfe.« Die Stimme ihrer Mutter ließ keinen Zweifel, dass sie verärgert war und es ernst meinte. Eine Pause entstand.

»In Ordnung, wenn du meinst!«, kam zögerlich die Antwort ihres Vaters und er schloss die Tür.

Elisabeth spürte die Hand ihrer Mutter auf ihrem Kopf. Sie sprach mehr zu sich als zu Elisabeth.

»Du Arme, was hast du nur angestellt? Warum hast du bloß deine Medizin nicht zur Hand gehabt? Die Krämpfe können dir ernsthaft schaden.«

Dabei begann sie, Elisabeth, die so tat, als wäre sie immer noch völlig weggetreten, vorsichtig auszuziehen. Danach tastete sie ihre Tochter sorgfältig ab. Elisabeth hätte sich am liebsten gewehrt und ihre Mutter angeschrien, sie solle sie in Ruhe lassen, aber sie hatte nicht die Kraft dazu. Besonders unangenehm wurde es, als ihr sogar der Mund geöffnet und ein Augenlid kurz angehoben wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit seufzte Emilia Wollner schließlich erleichtert auf.

»Es ist alles in Ordnung, denke ich. Nichts gebrochen, keine Schrammen, keine Prellungen. Du hattest diesmal viel Glück. Wenn Papa nicht zu Hause gewesen wäre ... nicht auszudenken!« Sie stand wieder auf und ging ein paar Schritte auf die Tür zu. Dann blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. »Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass wir einen Ausflug machen, nein vielmehr ziehen wir um. Du kannst diese Schule hinter dir lassen und dort neu beginnen. Wir fahren bereits morgen hoch in die Berge. Ich muss noch alles packen. Die Möbel kommen dann per LKW nach. Du wirst es lieben. Es wird ganz toll!«

Elisabeth hörte die Worte, die ihre Mutter an sich selbst richtete, konnte sie aber nicht wirklich glauben. Ein Umzug? So kurzfristig? Hing das damit zusammen, was Dr. Borga zu ihrer Mutter gesagt hatte? Die Erinnerung kam bruchstückhaft und nur langsam zurück. Ihre Mutter glaubte nicht wirklich, dass alles ganz toll werden würde, das konnte sie an dem leichten Vibrieren unterhalb des positiven Klangs in ihrer Stimme hören. Es schien eher so, als wenn sie versuchte, sich selbst zu motivieren. Der Versuch scheiterte kläglich, fand Elisabeth.

»Dein Vater wird in Clausthal an der Universität dozieren und wir werden sicher schnell ein Haus finden mit einem schönen Garten. Ich habe da schon eine Empfehlung von einer guten Freundin bekommen. Du wirst schon sehen, es wird ganz … wundervoll. Schlaf dich jetzt aus.« Während sie das sagte, begann ihre Stimme immer mehr zu wanken. Sie beeilte sich, aus dem Raum zu kommen. Die Tür wurde geöffnet und geschlossen, aber danach quietschten die Stufen nicht gleich. Ihre Mutter schniefte vor der Tür und putzte sich die Nase. Dann erst setzten die vertrauten Geräusche der Stufen ein, als sie nach unten ging.

Clausthal? Liegt das nicht im Harz? Elisabeths Gehirn nahm unter Protest die Arbeit wieder auf. Sie würde alle Freunde verlieren, die gewohnte Umgebung und die Vorzüge der Stadt. Sie würden sich dort verstecken vor diesen Anderen, so viel war ihr jetzt schon klar. Sie zogen ans Ende der Welt.

Alles, was Elisabeth über den Harz wusste, beschränkte sich darauf, dass es das höchste Gebirge Norddeutschlands war und die innerdeutsche Grenze früher hindurch lief. Wie hieß noch der höchste Berg? Sie hatte das im Heimat- und Sachunterricht lernen müssen, aber es fiel ihr nicht mehr ein. Im fünften Schuljahr war ihre Klasse im Schullandheim am Torfhaus gewesen. Ihre Mutter hatte sie genau in der Woche wegen einer dringenden Untersuchung bei Dr. Borga zu Hause behalten. Damals war Elisabeth zunächst traurig gewesen, nicht mitfahren zu können. Die anderen hatten nach der Fahrt berichtet, dass sie in Höhlen und Bergwerksmuseen hatten gehen müssen. Fast alle hatten sich auf den langen Wanderwegen zu Orten, deren Namen sie schon wieder vergessen hatte, Blasen gelaufen. Elisabeth versuchte, sich zu erinnern. Gab es nicht den Blocksberg? Da, wo die Hexen zu Walpurgis auf ihren Besen hinflogen? Nein, das war nur eine Geschichte von Ottfried Preußler, oder nicht? Die kleine Hexe, ein Kinderbuch, das sie einmal bei einer Freundin gelesen hatte. Das Märchen war recht witzig gewesen und genau das Richtige für träumende Kinder. Sie träumte aber nicht. Für sie würde es wirklich in den Harz gehen.

Elisabeth öffnete die Augen. Die Sonnenstrahlen waren schwächer geworden und krochen als schmale Streifen an der Wand empor. Bald würde die Sonne untergehen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie einen unbändigen Hunger verspürte. So hungrig war sie schon lange nicht mehr gewesen. Sie musste etwas essen.

Ein erneuter Versuch, sich zu bewegen, gelang ihr endlich, aber der Preis waren heftige Gliederschmerzen und ein erneutes Brummen im Kopf. Elisabeth kämpfte verbissen weiter. Sie konnte und wollte nicht mehr warten. Es passierten haufenweise Dinge, ihr ganzes Leben schien sich an einem Tag umzukrempeln und sie lag nutzlos im Bett. Sie biss die Zähne aufeinander und schwang sich herum, bis sie den Halt verlor, aus dem Bett rollte und auf allen vieren auf dem Boden landete. Die offenen Haare fielen ihr ins Gesicht. Für einen Moment raubten ihr die Kopfschmerzen die Sicht. Sie atmete stoßweise durch die Nase, bis sie sich wieder gefangen hatte. Langsam hob sie die rechte Hand, ergriff ihren Bettpfosten und zog sich daran hoch. Die Sachen, die sie angehabt hatte, hatte wohl ihre Mutter mitgenommen. Jedenfalls waren diese nirgends zu sehen. Wie eine Betrunkene tastete sie sich vorsichtig zur Kommode und zog die Schubladen auf. Während sie sich anzog, fiel ihr Blick in den Spiegel.

Von der anderen Seite schaute ihr eine Person mit einem trotzigen Gesichtsausdruck entgegen. Mit den verwuschelten offenen Haaren sah sie verwegen aus, fast schon wild. Sie griff nach der Bürste, hielt dann aber inne. Mit Kopfschmerzen war es keine gute Idee, sich Knoten aus den Haaren zu bürsten. Stattdessen griff sie nach einem Haargummi. Während sie es sich um ihre Mähne wand, hörte sie draußen vor dem Haus ein Auto anhalten. Türen klappten und kurz darauf klackte die Gartentür. Klara wurde gebracht. Sie hatte sicher noch keine Ahnung, was alles passiert war. Elisabeth würde es ihrer jüngeren Schwester jedenfalls nicht erzählen.

Seit sie zurückdenken konnte, hatten sich beide Schwestern einen ungleichen Kampf geliefert. Klara war häufig krank, unsportlich und so ungeschickt, dass sie in ihrem kurzen Leben bereits mehrere Knochenbrüche gehabt hatte. Aktuell trug sie wegen eines Wadenbeinbruchs am linken Bein einen Gips. Dafür war sie aber mit einem Wissensdurst gesegnet, der ihr trotz der vielen Fehlstunden in der Schule Bestnoten bescherte. Und sie ließ keine Gelegenheit aus, ihre größere Schwester genau das spüren zu lassen. Auch diesmal, so ahnte Elisabeth, würde es nicht lange dauern, bis sie sie wegen ihres Zeugnisses drangsalierte. Dafür hatte sie sich schon mehrfach mit Knuffen und Remplern revanchiert. So ging mindestens einer der vielen Knochenbrüche direkt auf ihr Konto. Das hatte ihr damals richtig leidgetan. Aber das lag nun schon über sechs Jahre zurück.

Was Elisabeth am meisten wurmte, war, dass Klara immer Recht bekam. Sie provozierte zumeist so lange, bis Elisabeth etwas tat und schließlich den ganzen Ärger dafür bekam. Sie spürte, wie sie immer wütender wurde, aber das vertrieb die Kopfschmerzen zum großen Teil. Ihr Blick wurde klarer, als sie sich schließlich vorbeugte und direkt in den Spiegel schaute. Einen Moment irritierte sie, was sie sah, denn sie sah immer noch desolat aus, aber in ihren Augen lag das Funkeln eines wilden, erwachenden Geistes, der sich nicht mehr beugen wollte.

»Heute wirst du dich wundern, Schwesterherz. Ich weiß diesmal mehr als du«, teilte sie ihrem Spiegelbild mit. Getrieben von einem knurrenden Magen ging sie schließlich nach unten, um etwas zu essen.

Waldpilzomelett à la Binsenkraut


Im ersten Stock der Bergapotheke roch es himmlisch. Theobald saß auf einem hohen Drehhocker direkt am Küchentresen. Sein Blick schweifte umher. Die hypermoderne Küche wollte nicht so recht zu den alten Wänden passen, überlegte er nicht zum ersten Mal. Es kam ihm falsch vor, dass seine Mutter auf Mikrowelle und Induktionsherd abfuhr, wo es doch besser zu ihr passen würde, in einem offenen Kessel über dem Lagerfeuer zu kochen. Die moderne Aufmachung täuschte nicht darüber hinweg, dass hier eine äußerst selbstverliebte, aber auch talentierte Hexenköchin herumwerkelte. Für ihr göttliches Essen war er jedoch bereit, alles zu verzeihen und jeden zu belügen. Es war seine große Schwäche. Er hatte noch nie etwas bei ihr bekommen, was nicht vorzüglich schmeckte. Gerade brutzelten für sein Lieblingsessen Maronen und Steinpilze in einer Pfanne mit einigen Zwiebelspalten und Kräutern, die aus dem eigenen Garten hinter dem Haus stammten. Anna Binsenkraut stand breitbeinig am Herd und schwang den Kochlöffel. Sie hatte den Apothekermantel gegen eine Schürze vertauscht, trug aber immer noch das viel zu knappe Kleid, sodass Theobald peinlich berührt wegsah. Sie sang beim Kochen leise vor sich hin – zumindest würde das jeder andere denken. Aber Theobald wusste, dass sie ständig ein wenig Magie bei der Zubereitung einsetzte. Sie konnte es generell nicht lassen, was ihnen schon mehr Probleme bereitet hatte, als er zählen konnte. Er hatte es ihr mehr als verziehen, dass sie zur Strafe in den Harz verbannt worden war. Im Grunde war es für ihn ein Segen, denn hier schaute keiner mehr so genau hin, was passierte. Das Wichtigste war, dass die Menschen nichts mitbekamen, und das taten sie nicht. Sie waren so dumm. Theobald grinste unwillkürlich darüber. Auch er hatte seine Geheimnisse, von denen nicht einmal seine Mutter wusste. Noch in Gedanken schob er die Hand unter seinen Pullover und tastete nach dem Amulett seiner Großmutter. Es hing noch dort. Der schwere Opal, umrahmt von altem Silber, schmiegte sich an seine Brust. Kein anderer Junge hätte dieses Schmuckstück freiwillig getragen, dafür sah es zu sehr nach alter Frau aus. Aber Theobald wusste es besser, er kannte die Kraft des Amulettes, welche ihm erlaubte zu sein, wer er war.

Es zischte, als das Ei in die Pfanne floss und die Pilze einfasste. Achtlos warf Anna Binsenkraut die Schüssel direkt in die Spüle.

»Wir können gleich essen, es dauert nur noch drei Minuten. Deck doch schon einmal den Tisch!«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Rasch deckte er den Tisch und schnitt noch dicke Kanten von dem frischen Brot ab, das er heute geholt hatte.

Dabei schweiften seine Gedanken unwillkürlich zu den Geschehnissen am Nachmittag. Er bekam ein schlechtes Gewissen, denn er wusste, dass er vor den drei anderen Jungen geflohen war. Als er daran dachte, wen die drei statt seiner erwischt hatten, wurde ihm heiß und kalt. Arme Sabrina. Er kam sich so schuldig vor, aber was hätte er denn machen sollen? Er war schwach, sie hingegen stark. Als er sie erneut hinter sich bemerkt hatte, waren seine Beine von alleine losgelaufen und hatten den Rest des Körpers mitgenommen. Er hatte nicht abgewartet, was dann hinter ihm passierte. Doch es gab noch etwas anderes, was er bemerkt hatte. Als er fast schon den Busbahnhof erreicht hatte, war ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen, so wie bei einem rohen Zauber. Es gab keinen Grund, es zu erwähnen, denn dass er überhaupt Magie spüren konnte, brachte ihn in der Hexenwelt in Lebensgefahr. Hexen hatten fast nie Söhne und wenn, dann waren diese zumeist geistig zurückgeblieben und ohne jegliches magisches Talent. Doch für ihn war die Welle so deutlich zu fühlen gewesen wie ein Kübel mit Eiswasser. Sicher hatte seine Mutter das auch gespürt, aber sie machte keine Anstalten, es zu erwähnen. Warum auch? Sie arbeitete ja nicht mehr in Berlin und jagte internationale Unterweltler. Für Jägerinnen galten strengste Richtlinien. Deswegen hatte seine Mutter seine Geburt vertuscht, indem sie ihn zu seiner Großmutter gegeben und so getan hatte, als hätte sie kein Kind. Als nach Jahren herauskam, dass sie einen gesunden Sohn geboren hatte, endete ihre Karriere von einem Tag auf den anderen. Dass sie daran nicht erinnert werden wollte, hatte sie ihm überdeutlich zu verstehen gegeben. Sie war lange am Boden zerstört gewesen und hatte viel getrunken. Seine Großmutter Philidea, die die Konsequenzen kannte, hatte ihn schwören lassen, seiner Mutter nie etwas von seinen Talenten und dem Amulett zu sagen. Und das erwies sich als gut so.

Kaum war er mit dem Tisch fertig, da kam seine Mutter auch schon mit der dampfenden Pfanne herüber. Sie setzten sich. Theobald wusste genau, dass er nicht zugreifen durfte. Doch diesmal konnte er es gar nicht, denn Anna Binsenkraut griff nach seinen Händen und starrte ihn eine Weile durchdringend an. Dann senkte sie den Kopf und schloss die Augen. Dass sie einen Tischspruch vor dem Essen sprach, war ein normales Prozedere, aber dies ging deutlich darüber hinaus. Ihm wurde sehr mulmig zumute und er schloss deswegen seine Augen nicht. Gebannt musterte er ihre Mimik, wie sie sich immer weiter einstimmte und dazu stumm ihre Lippen bewegte. Die Augäpfel zuckten unter den Lidern. Theobald spürte, dass sie einen Zauber heraufbeschwor. Das tat sie sonst nicht, wenn er zugegen war. Das hier, so vermutete er, musste ein richtig mächtiger Zauber sein, denn er konnte bereits ein Kribbeln spüren, das sich über die Hände seiner Mutter auf ihn ausbreitete.

Sollte er es wagen? Wenn er seinen Blick für das Übersinnliche öffnete, konnte er vielleicht mehr sehen, was sie wirklich tat. Es war extrem riskant, weil seine Augen dabei immer komplett weiß wurden, aber andererseits interessierte es ihn zu sehr. Er hatte es heimlich schon oft vor dem Spiegel ausprobiert. Es hatte etwas Gruseliges an sich, auch wenn es ihm selbst nicht weh tat. Wenn er nur kurz schaute? Im Bruchteil einer Sekunde siegte die Neugier und er konzentrierte sich ebenfalls. Er richtete zunächst seinen Blick nach innen, seine Iris und Pupillen wurden weiß und dann blickte er sich um. Die realen Dinge waren irgendwie farbloser geworden, noch scharf umrissen, aber etwas anderes zog ihn unwillkürlich in seinen Bann. Was er sah, faszinierte und erschreckte ihn zugleich. Dutzende bunte Fäden aus leuchtendem gelblichen und grünlichen Licht wuchsen aus dem Boden und strömten in seine Mutter, die inzwischen von innen heraus glühte. Das Licht wurde immer greller. Runen erschienen auf ihrer Haut und strahlten in einem hellen Gelb. Er versuchte, die stummen Worte ihrer Lippen zu lesen, doch es gelang ihm nicht. Im Geiste verfluchte er sich, weil Lippenlesen noch auf der Liste der nützlichen Dinge stand, die er immer schon einmal lernen wollte. Doch selbst wenn er die Worte verstanden hätte, hätte er sich einen so langen Zauber nicht merken können. Gebannt beobachtete er weiter, wie der Strom der Magie aus dem Boden nachließ, die leuchtenden Runen sich ablösten und auf die Wände zuschossen. Viele bewegten sich auch durch die Tür in andere Räume, wo er sie nicht mehr sehen konnte. Doch die Runen in diesem Raum trafen auf die Wände und fraßen sich hinein. Urplötzlich breiteten sich von ihnen feine Linien wie Adern oder Wurzeln aus und verbanden sich mit den anderen Runen. Theobald blickte nach oben an die Decke, wo eine besonders markante Rune mit einer Art durchkreuzenden Schlangenlinie prangte. Mit einem Mal war der Spuk vorbei und das Leuchten erlosch. Insgesamt konnten es nur zwanzig oder dreißig Sekunden gewesen sein, aber es war Theobald viel länger vorgekommen.

Er schloss hastig die Augen, denn er hatte schon fast zu viel riskiert. Mit schwirrenden Gedanken ließ er den Blick wieder fallen. Ein Schutzzauber, vermutete er, indem er das durchging, was er sich bereits unerlaubterweise aus den Büchern im Schlafzimmer seiner Mutter erlesen hatte. Ihn wirklich zu sehen, war überwältigend. Der Spruch schien sehr mächtig zu sein. Er fuhr zusammen, als seine Mutter sich räusperte und mit deutlicher Stimme den normalen Tischsegen sprach. Hastig fiel er mit ein.

»Wir danken euch, ihr Kräfte der Natur, für dieses leckere Essen! Der Friede der Harzgeister sei mit uns und beschütze uns vor dem Kommenden!«

Theobald öffnete die Augen wieder und musterte seine Mutter, während sie weitersprachen. Warum hatte sie das gerade getan? Was ahnte sie, dass er nicht wusste? Hatte es mit der magischen Schockwelle von heute Nachmittag zu tun? Es schien logisch, aber warum beschwor sie den Zauber dann erst jetzt? Irgendetwas musste sie erfahren haben. Doch was konnte das sein?

Berauscht von dem gerade Gesehenen wurde er viel zu neugierig, um wirklich ruhig bleiben zu können. Mit aller Gewalt zwang er sich zur Ruhe, denn es wäre jetzt unvorsichtig, sie gleich darauf anzusprechen. Er musste eine günstigere Gelegenheit abwarten.

Als sie schließlich geendet hatten, teilten sie das Omelett auf und verfielen in Schweigen, während sie aßen. Theobald verschlang seinen Anteil in Rekordzeit, aber er merkte es nicht, denn er dachte die ganze Zeit fieberhaft daran, wie er fragen sollte, ohne sich selbst verdächtig zu machen. Anna Binsenkraut hingegen wirkte eher in sich gekehrt und blickte immer wieder auf die Uhr, was alleine schon ungewöhnlich war, denn sie hielt nicht viel von exakter Zeitmessung. Das Leben verläuft in Wellen. Man kann es nicht in gleichgroße Portionen schneiden, pflegte sie zuweilen zu sagen. Doch diesmal schien etwas anders zu sein. Dann brach sie selbst das Schweigen.

»Theobald, bitte wasch nachher alleine ab. Ich muss heute Nacht noch für ein paar Tage zum Hohen Rat. Es gibt da etwas, was dringend geklärt werden muss. Ich habe für alle Fälle unser Haus mit einem Schutz belegt, den nur du und ich passieren können. Du solltest über das Wochenende zu Hause bleiben.«

Theobald machte große Augen. Zum Hohen Rat? Das war ein Gremium in Berlin, das sich aus den allerhöchsten Hexen zusammensetzte. Dieser war immerhin dafür verantwortlich gewesen, dass seine Mutter in den Harz abgeschoben worden war. Sie hatte seit dieser Zeit kein gutes Haar mehr an der Führung gelassen und, soweit er von einem unkontrollierten Fluchanfall seiner Mutter her wusste, hielt sie die Mitglieder alle für inkompetente senile Stadthexen. Der Hohe Rat habe sich laut ihr weit von seinen Ursprüngen entfernt und mische kräftig im politischen Tagesgeschehen mit. Seine Kernaufgabe bestand darin, die Magie vor den gewöhnlichen Menschen zu verbergen. Wie genau das funktionierte, war Theobald nicht bekannt. Offenkundig funktionierte es hervorragend, denn die Menschen ahnten nichts. Im Prinzip dürfte er auch nichts davon sehen. Sein magisches Talent war sein Geheimnis, das er mit dem Amulett verbarg. Niemand durfte erfahren, dass er mehr war als nur ein Sohn. Er wagte einen Vorstoß.

»Aber was wollen sie von dir? Bist du nicht fertig mit denen? Das hast du doch mehr als einmal gesagt.«

Seine Mutter blickte auf und ihm direkt in die Augen. Normalerweise war ihr Blick stechend und konnte schwächere Geister ohne ein Wort einschüchtern. Doch diesmal lag darin etwas ganz anderes. Die Augen waren besorgt und füllten sich, während sie nach einigem Zögern antwortete, mit Tränen.

»Ich sollte dir das eigentlich nicht sagen, aber es gab einen Mord an einer unserer Jägerinnen. Ich weiß noch nicht mehr, aber …« Ihre sonst so feste Stimme wackelte. »Ich muss sie gekannt haben. Warum sie jetzt nach all den Jahren ausgerechnet mich zu einer Anhörung zitieren, ist mir ein Rätsel. Vor den Rat wollte ich nie wieder treten, aber sie haben mich vorgeladen. Ich muss gehen. Der Wagen kommt um acht. Aber habe keine Angst. Der Schutzzauber ist sehr stark. Ich habe nur die Apotheke selbst ausgelassen.« Eine Sprechpause entstand.

»Nimmst du nicht den Besen?«, rutschte es Theobald heraus, bevor er den Mund halten konnte.

»Sei nicht so albern, Theobald«, herrschte sie ihn an. »Die Menschen sind naiv, aber nicht alle total plemplem. Es wäre zu viel Magie nötig, um sich abzuschirmen, dass sie mich nicht sehen. Eine Vergeudung und außerdem in dieser Jahreszeit zu gefährlich. Ich muss Montag früh wieder in der Apotheke stehen.«

»Und ein Raumportal oder über einen Steinkreis?«, bohrte Theobald weiter. Die Tatsache, dass sich magisch was tat, machte ihn unvorsichtig, weil er so sehr danach lechzte, mehr zu erfahren. Doch jetzt war er zu weit gegangen. In Bruchteilen von Sekunden änderte sich die Stimmung seiner Mutter und sie funkelte ihn böse an.

»Theobald Leif Binsenkraut, du interessierst dich zu sehr für Dinge, die dich nichts angehen. Ich bin zwar deine Mutter, aber hüte dich, dich als Mann in Hexenangelegenheiten einzumischen. Sonst wird es dich teuer zu stehen kommen. Ich erteile dir hiermit Hausarrest und du kümmerst dich jetzt um den Abwasch.«

»Aber …«, begann er, doch sie fiel ihm gleich ins Wort.

»Die ganze Woche!« Anna Binsenkraut sprang auf, riss sich die Schürze ab und warf sie Theobald entgegen, der sich ängstlich duckte, anstatt sie zu fangen. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ die Küche.

Als er sich wieder aufrichtete, war sein Blick nicht ängstlich, sondern entschlossen. Er hatte mindestens ein ganzes Wochenende für seine Experimente und seine Mutter würde weit weg in Berlin sein.

Eine merkwürdige Nacht


Sabrina lag im Bett. Ihre Mutter war mit ihr nach einem guten Mittagessen zum Königskrug in der Nähe der Achtermannshöhe gefahren. Sabrina liebte die Windbeutel dort.

Das bei Senioren und Wandergruppen beliebte Ausflugslokal war diesmal fast leer gewesen, vermutlich weil Niedersachsen Zeugnistag hatte und die meisten Familien zu Hause feierten oder sich schon unterwegs in den Urlaub befanden. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag hatte ihre Mutter ihr zwei Windbeutel mit friesischen Rosinen erlaubt. Die Rosinen hatten das ganze Jahr in Zucker gesättigtem Rum gelegen. Aus irgendeinem Grund hatte jemand besonders viele der Rosinen in Sabrinas Windbeutel getan, sodass sie sogar einen leichten Schwips bekommen hatte. Auch ihre Mutter war ausgelassen gewesen, noch mehr, als sich der attraktive junge Besitzer mit einer der Bedienungen mit an ihren Tisch gesetzt hatte. Schließlich gab es noch ein oder zwei Harzer Grubenlichter aufs Haus. Sabrina hatte sich eines der Gläser ihrer Mutter geschnappt und es geleert, bevor diese einschreiten konnte. Das Zeug hatte in der Kehle gebrannt, aber dann hatten sie alle einen Lachanfall bekommen, als Sabrina sich daran verschluckte und heftig husten musste. Es wurde ein lustiger Nachmittag, denn der Wirt war ein fröhlicher Mensch. Er hatte sogar gesagt, dass Sabrina eine sehr attraktive Frau werden würde. Sicherlich war das auch Verkaufstaktik, aber es hatte ihr doch geschmeichelt. Sie waren erst spät heimgekommen. In der angeheiterten Laune hatte Sabrina sich anschließend mit ihrer Mutter den Film ›Tanz der Vampire‹ angesehen, wozu Martha Schubert noch eine Flasche Rotwein geöffnet hatte. Sabrina hatte auch ein Glas bekommen und sich heimlich nachgeschenkt, als ihre Mutter auf der Toilette verschwand. Schließlich war Martha auf der Couch eingeschlafen und Sabrina hatte sich unter Mühen in ihr Zimmer geschleppt. Sie hatte noch ihre Hose abstreifen können und lag im T-Shirt auf dem Rücken.

Nun starrte Sabrina angeduselt an die Decke. Vielleicht hatte sie bereits kurz geschlafen. Was für ein Tag. Die Bilder zogen noch einmal an ihrem inneren Auge vorbei. Sie kicherte, weil sie sich an Vinzenz und die anderen erinnerte, an das erstaunliche Gespräch mit Herrn Heinze. Schließlich blieben ihre Gedanken bei den Handschuhen und der alten Frau hängen. Ihren Ledermantel hatte sie heute Mittag einfach auf den Boden geworfen, als sie nach Hause gekommen war, wie auch ihre anderen durchgeschwitzten Klamotten. Sie angelte nach ihm und bekam einen Ärmel zu fassen, um ihn heranzuziehen. Die Handschuhe steckten noch in den Taschen. Sie zog sie vorsichtig heraus und begutachtete sie erneut. Im schwachen Licht, das von draußen von der Straßenlaterne hereinfiel, glänzten die Handschuhe silbern. Irgendetwas an ihnen wirkte so anziehend auf Sabrina, dass sie sie immer weiter befühlte und schließlich hineinglitt. Die Handschuhe strahlten wie heute Mittag eine angenehme Kühle aus. Etwas veränderte sich, denn plötzlich wurde ihr Zimmer von einer unnatürlichen Kälte erfüllt. Sabrina stellten sich die Nackenhaare auf.

»Du bist äußerst leichtsinnig. Begabt, aber leichtsinnig«, meldete sich aus der Zimmerecke eine kalte Stimme, die Sabrina zusammenfahren ließ und ihr eisige Schauer über den Rücken jagte. Sie starrte in die Dunkelheit und sah jemand auf ihrem Knautschsessel sitzen. Sie hatte aber niemanden hereinkommen hören, auch der Sessel machte kein Geräusch. Wie konnte das sein?

»Wer hat dich ausgebildet?«, wollte die Gestalt von Sabrina wissen.

Diese drückte die Augen fest zusammen und redete sich ein, dass das sicher nur eine Einbildung von all dem Alkohol sein musste. Als sie die Augen wieder öffnete, war die Gestalt jedoch immer noch da, auch wenn ihre Umrisse nicht ganz scharf zu erkennen waren – eine Erscheinung ohne klare Grenzen.

»Nun, wer ist dein Lehrmeister, Kleine?« Ungeduld schwang in der Stimme mit und machte ihr langsam Angst. Sie überlegte kurz, aufzuspringen und aus dem Raum zu laufen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie angetrunken war und in ihrem Bett lag, hatte sie kaum eine Chance, es zu schaffen, bevor die Gestalt sie erreichte, die sich nun langsam erhob. Sie ragte hoch auf und begann sich zu nähern.

»Niemand.«, antwortete Sabrina schließlich, um Zeit zu gewinnen.

»So, so, ein Naturtalent, was? Das erklärt, warum ich niemanden sonst hier spüren kann. Du solltest vorsichtiger sein, wenn du mit Dingen herumspielst, die du noch nicht verstehst. Und du solltest Respekt zeigen vor mir.«

»Was wollen Sie? Ich warne Sie ... ich schreie.«

Ein kaltes, leises Lachen war zu hören, dann machte sie einen weiteren deutlichen Schritt nach vorne und fuhr sie so an, dass Sabrina einen verängstigten Schrei ausstieß. Die Präsenz kam jetzt so nah, dass sie sie mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können. Nun erkannte Sabrina immer mehr Einzelheiten eines halb verfaulten Körpers, in dem ganze Teile fehlten.

»Du hättest keine Chance, Würmchen, aber deswegen bin ich nicht hier. Du hast auf dich aufmerksam gemacht und ich wurde geschickt, um deinen Namen zu erfahren. Sag ihn mir und ich gehe.«

»Meinen Namen?« Sabrina wurde misstrauisch. Aus den vielen Romanen, die sie gelesen hatte, war ihr in Erinnerung geblieben, dass man Macht über jemanden gewann, wenn man seinen Namen kannte. Sie würde der Präsenz ihren Namen nicht sagen, so viel war ihr klar. Doch ihr wollte momentan kein anderer einfallen, so angestrengt sie auch überlegte. Es half ganz und gar nicht, dass die Erscheinung Zentimeter für Zentimeter näher kam. Ihr Kopf schien wie leer gefegt. So viele Namen von Charakteren aus Filmen konnte sie sonst herunterbeten, doch nicht einer davon wollte ihr einfallen. Sie wich vor dem Wesen zurück, bis sie schließlich die Wand erreichte, an der sie sich rücklings hochschob. Sie konnte jetzt nicht mehr ausweichen. Die Präsenz betrat ihr Bett, ohne es einzudrücken, wie eine Art Geist.

»Wie ist dein Name?«, grollte sie erneut.

Sabrina hob schützend die Hände, an denen sie noch immer die Handschuhe trug. Als ihr eigener Blick darauf fiel, schoss ihr ein Name durch den Kopf und sie stammelte: »Ich bin Sophie Wilhelmine Steiger! Geh weg!«

»Was? Das kann nicht sein«, die Präsenz hielt inne.

Sabrina traute ihren Augen und Ohren nicht. Ihr Besucher schien verwirrt. Der Name löste etwas aus. Pure Angst erfüllte Sabrina, als sich auf dem Gesicht des Wesens kalte Wut zeigte und die Augen rot zu leuchten begannen. Sie schrie es mit dem letzten Mut der Verzweiflung so laut an, wie sie konnte.

»Ich bin Sophie Wilhelmine Steiger.«

»Lügnerin, sie ist tot.«

Eine substanzlose Hand schoss nach vorne in Richtung Sabrinas Hals. Sie machte eine Bewegung, um die Hand abzublocken, ohne Hoffnung, sie wirklich aufhalten zu können. Doch auf wundersame Weise prallte diese an dem Handschuh ab und wurde aus der Bahn gelenkt. Sabrina nutzte die Schrecksekunde, um mit der anderen zuzuschlagen, direkt in das hässliche, verfaulte Gesicht. Das Wesen wurde hart getroffen und taumelte rückwärts. Sabrina trat einen Schritt vor und baute sich in Kampfhaltung auf. Sie wusste nicht warum, aber das Wesen hatte plötzlich Angst vor ihr.

»Nein, das darf nicht sein!«, stammelte es.

»Ich bin Sophie Wilhelmine Steiger und ich befehle dir hiermit, zu gehen!« Sabrinas Stimme überschlug sich fast, so schrie sie jetzt. Eine unsichtbare Welle breitete sich von ihr aus und drückte das Wesen gegen die Wand. Plötzlich brach ein helles Licht in den Raum, als die Tür aufgerissen wurde. Die Gestalt löste sich in eine Nebelschwade auf und verschwand aus dem Fenster.

Sabrinas Mutter stand in der Tür und starrte sie wütend an. Sabrina, immer noch in Kampfpose, blickte irritiert in die inzwischen leere Ecke, dann zu ihrer Mutter und wieder zurück.

»Was um alles in der Welt machst du für einen Höllenlärm? Du könntest ja Tote damit aufwecken. Jetzt leg dich sofort wieder hin! Ich hätte dir keinen Wein abgeben sollen und der Film war einfach zu viel, du bist ja völlig benebelt. Weißt du eigentlich, wie lächerlich du gerade in T-Shirt mit Handschuhen aussiehst?«

Erst jetzt wurde Sabrina bewusst, wie die ganze Situation auf ihre Mutter wirken musste. Hastig streifte sie die Handschuhe ab und verstaute sie in ihrem Nachtschrank in der untersten Schublade.

»Entschuldigung Mama, ich muss geträumt haben!«, stammelte sie dabei. Als diese gegangen war, legte sich Sabrina wieder ins Bett. Die Kälte saß ihr in den Knochen und sie merkte eine Erschöpfung, die bis in alle Glieder ging. Das mussten die verfluchten Handschuhe sein. Sie würde sie nie wieder anfassen.

Einige Straßen weiter, in einem von Kerzenlicht erhellten Keller, saß Theobald vor einem kleinen brodelnden Kessel, in den er gerade ein weißes Pulver geschüttet hatte. Er erschauderte und blickte sich um. Da war es schon wieder gewesen, dachte er, nur anders, noch machtvoller als heute Nachmittag.

Das Ende der Welt


Beim Abendbrot berichtete Klara wie erwartet fröhlich von ihren guten Noten. Nur eine Zwei, was hieß, dass alles andere Einser waren, bis auf Sport, aber das zählte bei ihr nicht. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Klara fing danach an, Elisabeth zu löchern, was sie denn für Noten hätte. Eine Weile sagte diese nichts und stopfte alles auf dem Tisch in sich hinein, dessen sie habhaft werden konnte, aber nichts davon machte sie richtig satt. Klara bemerkte offenbar nicht, dass ihre Eltern ständig Blicke tauschten. Ihr Vater sah besorgt aus, aber ihre Mutter schaute immer wieder genau auf Elisabeth, ganz so, als würde sie jedes Stück in ihrem Mund zählen. Erst als es nichts mehr zu essen gab, konnte sie ihrer Schwester nicht mehr ausweichen. Immer noch hungrig, wollte sie schon aufstehen, aber ihre Mutter bestand auf eine Familienansprache. Das Gute daran war, dass Elisabeth schon wusste, was jetzt kam, und sich so in allen Einzelheiten an den immer mehr entgleisenden Gesichtszügen von Klara ergötzen konnte. Das anschließende Streitgespräch wurde nach einer ganzen Weile von Emilia Wollner mit einem Machtwort beendet und beide Kinder auf ihre Zimmer geschickt. Klara ging unter Protest, der so laut ausfiel, dass Elisabeth ihn noch oben in ihrem Zimmer hören konnte.

Am anderen Morgen erwachte Elisabeth ganz früh. Wieder hungrig schlich sie nach unten zum Kühlschrank, nur um ihre Mutter bereits beim Packen vorzufinden. Emilia Wollner hatte dunkle Augenringe und schien geweint zu haben. Unter ihren Blicken nahm sich Elisabeth nur eine Banane und wollte sich gerade wieder aus der Küche trollen, als ihre Mutter ihr mit einem Löffel und einer nur allzu bekannten Bügelflasche in der Hand den Weg abschnitt. Sie nötigte ihr einen ganzen Esslöffel von dem Zeug auf, bevor sie sie vorbeiließ. Danach verflog Elisabeths Hunger sofort. Sie nahm die Banane mit nach oben und begann zu packen. Es hatte keinen Zweck, mit ihrer Mutter zu diskutieren. Das hatte noch nie etwas gebracht.

Trotz des frühen Packens dauerte es bis fast drei Uhr nachmittags, bis sie alles eingeladen hatten und losfahren konnten. Ein Umzugsunternehmen mit insgesamt sechs Mann tauchte auf und bekam von Michael Wollner den Schlüssel und genaue Anweisungen, was sie wie einpacken sollten.

Auf der Fahrt aus der Stadt hielten sie noch an einem Bioladen und kauften einige Dinge zum Essen. Klara, die seit dem Einsteigen nur gezetert hatte, verweigerte jeden Bissen, worauf Elisabeth sich auch ihr Essen schnappte, nachdem sie die eigene Portion eilig aufgegessen hatte.

Als sie schließlich auf dem Messeschnellweg Richtung Hildesheim fuhren, gab es auch diese Portion nicht mehr und Elisabeth bekam noch einen Löffel von der Medizin. Klara probierte alles, um ihre Eltern umzustimmen. Sie versuchte sogar, sich zu übergeben, aber es half alles nichts. Elisabeth steckte ihre Ohrstöpsel ein und machte diesmal sogar wirklich Musik an, um den Rest des Streits nicht mitzubekommen, zumindest nicht jedes Wort.

Vor der Autobahnabfahrt Seesen trübte es sich immer weiter ein, als Klara endlich den Mund hielt und trotzig aus dem Fenster starrte. Es begann heftig zu regnen, als wäre der Sommer vorbei, aber das passte zu der unterkühlten Stimmung im Auto.

Herr Wollner fuhr von der Schnellstraße ab und bog auf eine kurvenreiche Straße ein, die in den Harz führte. Elisabeth stellte erleichtert die Musik ab.

Sie passierten einen Felsen namens Hübichenstein, als der Nebel schlagartig weniger wurde und hier und da Sonnenstrahlen durch den Dunst stachen.

Ein Schild wies den Weg nach Bad Grund, doch ihr Vater fuhr weiter. Er machte gerade eine verärgerte Bemerkung über einen Drängler hinter ihm, der wegen des Gegenverkehrs nicht überholen konnte. In einer langgezogenen engen Rechtskurve passierten sie auf der linken Seite einen Parkplatz und ein Museum. Dort schien es eine dieser Höhlen zu geben. ›Iberger Tropfsteinhöhle‹ war dort zu lesen. In der Kurve überholte sie der Wagen. Michael Wollner regte sich fürchterlich auf, aber der silberne Polo mit einem jungen, vermutlich einheimischen Mann hinter dem Steuer hatte gekonnt Schwung geholt und schoss in wenigen Sekunden an dem Passat der Wollners vorbei, gerade noch rechtzeitig, um vor einem entgegenkommenden Bus wieder einzuscheren. Elisabeth, die auf der Rückbank hinter ihrer Mutter saß, konnte nun die Kurve gut überblicken. Es hatte sich eine ganze Schlange von Autos hinter ihnen gesammelt, so langsam fuhr ihr Vater.

»Vielleicht sollten wir einmal halten und die alle vorbeilassen!«, schlug sie vor.

»Ja, wie denn? Hier gibt es keinen Parkplatz und ich fahre schon, so schnell ich kann.«

»Dann dreh um und fahr zurück nach Hause«, fiel nun Klara wieder ein.

»Ruhe da hinten!«, brüllte ihr Vater, doch jetzt legte Klara erst so richtig los.

Zwei Kurven weiter erreichten sie auf der linken Seite einen kleineren Parkplatz. Herr Wollner zog den Wagen raus, weil gerade kein Gegenverkehr kam, und hielt abrupt an, dass alle durchgeschüttelt wurden. Während die nachfolgenden Autos Fahrt aufnahmen und an ihnen vorbeisausten, stieg ihr Vater aus und ging ein paar Schritte von dem Auto weg. Er drehte ihnen den Rücken zu, aber sie hörten ihn deutlich fluchen.

Emilia Wollner schnallte sich ab und drehte sich nach hinten. Sie wirkte sehr ernst, doch Klara beachtete sie gar nicht.

»Ich will nach Hause, ihr spinnt alle miteinander. Ich will in mein Zimmer, ich will nicht in den Harz, ich will in die Stadt.« Klara wurde nun regelrecht hysterisch. »Ihr macht das nur, um mich zu ärgern, ich bin die Allerbeste in meinem Jahrgang. Ich will, dass ihr mich zurückbringt. Ihr seid nicht meine Eltern! Ihr seid echte Monster!«

Patsch!

Elisabeth hatte die Bewegung ihrer Mutter gesehen, bevor diese ausholte, aber sie war so sprachlos, dass sie nichts tun konnte. Ihre Mutter hatte noch nie die Hand gegen Klara erhoben. Doch genau das war eben gerade passiert. Klara hatte sich die allererste Ohrfeige ihres Lebens eingefangen. Emilia Wollner funkelte Klara mit Tränen in den Augen und geröteten Wangen wütend an, sodass diese sich nur noch traute zu wimmern.

»Sag das nie, nie wieder oder ich vergesse mich! Und jetzt halt die Klappe! Und du, grinse nicht so unverschämt, sonst fängst du dir auch noch eine!«

Elisabeth merkte, dass sie gemeint war, biss sich auf die Lippe und wandte den Blick wieder aus ihrem Fenster, während Klara nur leise in sich hinein schluchzte.

Die Autoschlange hatte sie inzwischen passiert. Emilia Wollner stieg aus und ging zu ihrem Mann. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis beide zum Auto zurückkamen. So hatte Elisabeth ausgiebig Zeit, den Wald zu mustern. Er hatte etwas unheimlich Beruhigendes an sich. Durch die geöffneten Türen roch es nach dem Regen und dem kühlen Dunst des Waldes. Die Tannen standen hoch und erzeugten ein Farbspiel in allen Tönen von hellstem Weißgrün bis zum tiefsten Schwarzbraun. Immer wieder waren zwischen den Pflanzen Farbtupfer der Felsen darunter zu sehen, teilweise in Rot, Ocker und Anthrazit. Gelbe Wildblumen standen vereinzelt dazwischen. Bezaubernd. Ohne das Geräusch der vorbeifahrenden Wagen und das Gewimmer von Klara wäre es auch sehr schön ruhig gewesen. Bevor sie diesen Gedanken aber beenden konnte, kamen ihre Eltern zurück und stiegen wieder ein. Ohne dass ein weiteres Wort gesprochen wurde, fuhr Michael Wollner weiter.

Elisabeth warf einen verstohlenen Blick zu Klara hinüber, die ihre Nase in ein Taschentuch vergraben hatte. Die linke Wange konnte sie nicht ganz erkennen, aber die Ränder hatten sich deutlich gerötet. Die Fahrt dauerte dann nicht mehr lang. Die Straße machte eine scharfe Rechtskurve in einem Tal und führte dann entlang eines kleinen Flusses.

»Das muss schon die Innerste sein«, verkündete Emilia Wollner mit einer Karte auf dem Schoß.

»Nun ist es nicht mehr weit. Es geht noch nach links und dann rechts. Innerstetal, müsste das heißen. Wir müssen bis zur Neuen Mühle.«

An der Abzweigung fuhren sie von der Bundesstraße ab. An einem Felsaufschluss ging es vorbei in ein Tal weiter flussaufwärts. Schließlich kamen zwei Gebäude in Sicht. Das Linke schien die Neue Mühle zu sein. Auch wenn das Haus alt aussah, machte es mit dem für den Harz typisch dunkel gestrichenem Holz und weiß gerahmten Fenstern einen guten Eindruck. Ein gelbes Schild in Form einer Tanne hing auf der Vorderseite. Dort stand ein Text, der erklärte, warum dieses Haus Neue Mühle hieß. Es parkte bereits ein kleiner Geländewagen in der Nähe. Eine rundliche ältere Frau lehnte am Kotflügel. Sie trug eine kurze Hose und eine ärmellose Bluse. Ihre Haut war sonnengebräunt und ihre Füße steckten in Ökolatschen.

Die Wollners stiegen aus und begrüßten die Frau, die sich als Frau Grubner vorstellte. Sie gehörte zur Universitätsverwaltung, wie man auch über den Geländewagen erraten konnte, auf dem in großen Lettern TUC – Technische Universität Clausthal stand. Nur Klara blieb sitzen, in der verzweifelten Hoffnung, dass sie alles aufhalten könne, wenn sie nicht ausstieg.

»Willkommen in Clausthal! Sie müssen die Wollners sein. Glück Auf! Wir freuen uns, eine so kompetente Kraft hier in unserem Harz begrüßen zu können. Ich soll Ihnen das vom Dekan ausrichten. Eine ganz reizende Tochter haben sie da, so groß gewachsen und bildhübsch. Du machst sicher Sport. Lass mich raten: Laufen oder vielleicht Klettern?«

Elisabeth konnte nur entgegnen, dass sie wirklich gerne laufe, da redete Frau Grubner auch schon ohne Punkt und Komma weiter.

»Ihrem Sonderwunsch, hier in die abgelegene Mühle zu ziehen, konnten wir mit einigen Auflagen seitens des Denkmalschutzes entsprechen, auch wenn Sie innen feststellen müssen, dass das eine oder andere noch nachgebessert werden muss. Bis die Möbel kommen, habe ich Sie erstmal im Hotel Krone einquartiert. Das Dach ist erst letztes Jahr ausgebessert worden, aber so kurzfristig konnten wir nicht alles organisieren. Allerdings bin ich durchaus überraschende Aktionen vom Dekan gewöhnt, insofern ist das nichts Neues. Bis der Winter kommt, kann ich aber nicht versprechen, dass die Heizung wieder läuft, wenn sie nicht jemand wieder heile zaubert. Sie haben ja für die Übergangsphase den Kachelofen und ein oder zwei Elektroheizkörper.«

Elisabeth bemerkte das Zögern bei ihrem Vater und er wollte etwas erwidern, doch ihre Mutter war schneller.

»Das ist alles kein Problem. Wir freuen uns sehr, dass wir aus der Stadt raus sind und etwas Natur um uns haben. Bis Dezember ist es noch hin!«

So, wie Frau Grubner daraufhin losprustete und viele Lachfältchen um die Augen ein lustiges Muster bildeten, musste man sie einfach gern haben, überlegte Elisabeth.

»Na, Sie werden es schon noch sehen, wenn Vater Harz Sie begrüßt, Kind!«

Sie meinte tatsächlich ihre Mutter, aber auf eine so liebenswürdige Art, dass man ihr dafür nicht böse sein konnte.

»Der Winter beginnt hier oft schon im Oktober, meistens wenn die Erstsemester sich eingeschrieben haben und nicht mehr zurückkönnen!« Immer noch lächelte sie in die inzwischen verwirrten Gesichter der Wollners und fischte einen dicken Schlüsselbund aus der Hosentasche. »Na, dann kommen Sie mal mit.« Doch sie blieb plötzlich stehen. »Schau mal einer an, noch ein hübsches Mädel. Willst du gar nicht aussteigen?«

Nun war ein ganz leichter sächsischer Akzent bei der Universitätsangestellten zu hören. Klara bemerkte die Aufmerksamkeit und tauchte ab.

»Ihr ist noch von der Fahrt schlecht und außerdem hat sie gerade ihr Bein in Gips!«, erläuterte Emilia Wollner.

»Ach nee, das ist aber schade. Na, denn wollen wir mal.«

Die handgeschnitzte Tür machte einen massiven Eindruck. Das Haus wirkte groß und bestand aus einem Mittelbau mit zwei Flügeln. Es gab so viel Platz, dass es ohne Probleme für zwei Familien gereicht hätte, fand Elisabeth.

Geschäftig erläuterte Emilia: »Hier kommt das Arbeitszimmer meines Mannes rein. Direkt nebenan können wir zwei Schreibtische hineinstellen, dann können die Mädchen dort ihre Hausarbeiten machen. Das Zimmer nebenan ist für Rollstühle geeignet. Bis der Gips ab ist, schläft Klara da, dann wird es das Gästezimmer.«

Elisabeth wunderte sich. Anscheinend hatte ihre Mutter schon Pläne, gerade so, als hätte sie bereits den Grundriss des Hauses wochenlang studiert und sich Gedanken gemacht. Dabei konnte die Entscheidung, hierher in den Harz zu ziehen, gerade etwas über einen Tag alt sein. Hatte da jemand nachgeholfen?

So ging es Raum für Raum durch das Haus. Im ersten Stock, dessen Boden an den meisten Stellen leicht knarrte, gab es mehrere Räume und zwei Bäder. Eins davon war ein großes Zimmer mit zwei Fenstern zum Wald hin. Es roch etwas abgestanden und muffig, aber Frau Grubner strahlte, als sie die Fenster weit öffnete und auf den Wald und die davor hinfließende Innerste zeigte.

»Na, wer wird dieses Zimmer nehmen?«

Es war eigentlich keine Frage, denn sie blickte direkt Elisabeth an, während ihre Mutter ins benachbarte Badezimmer schaute und zu ihrem Mann etwas über einen tropfenden Duschkopf sagte.

Mit gedämpfter Stimme setzte Frau Grubner hinzu: »Es liegt am weitesten vom Elternschlafzimmer entfernt und es gibt eine Art Feuerleiter an der Seite, über die eine sportliche junge Frau unbemerkt nach unten gelangen kann, wenn sie ihren Freund besuchen will«, flüsterte sie Elisabeth zu und knuffte sie wie eine alte Freundin in die Seite. So viel Vertrautheit verblüffte Elisabeth, doch Frau Grubner setzte noch einen drauf. »Immerhin bleibt euch hier oben außer Schule, Sport und Freunden nicht viel! Und die Eltern müssen ja nicht alles mitbekommen, was ihr so anstellt, oder?«

Elisabeth wurde rot bis über beide Ohren. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Frau Grubner wandte sich bereits mit einem Gluckser wieder ab und ging zu ihren Eltern. So blieb Elisabeth allein in dem Zimmer zurück. Es gefiel ihr, vor allem wegen der freiliegenden Dachbalken aus altem Holz. Mit der frischen Luft von draußen roch es auch gleich nicht mehr muffig. Sie blickte aus dem Fenster. Tatsächlich befanden sich dort in der Wand Eisengriffe, die man gut erreichen konnte. Sie überlegte kurz, dann fasste sie sich ein Herz und kletterte nach unten. Die Griffe saßen fest und machten kein Geräusch. Elisabeth kam sich wie eine Ausbrecherin vor. Kurz darauf stand sie hinter dem Haus auf einer verwilderten Wiese. Ein Trampelpfad führte zu einer Feuerstelle. Es war wildromantisch. Sie lief los und schaute sich alles an. Es wirkte gar nicht langweilig auf sie. Lose Steine rahmten die Feuerstelle ein und es lag einiges an Holz in der Nähe. Zwei quer liegende Baumstämme dienten als Sitzbänke. Nachdem sie diese begutachtet hatte, stieg sie ein paar Schritte zur Innerste hinab und steckte die Hände ins eiskalte Wasser, sodass ihre Finger schnell taub wurden. Sie setzte sich auf einen Stein am Rand und blickte in den Wald, der sich auf der anderen Seite erhob. Genau in diesem Moment schob sich eine Wolke weiter und die Sonne schien warm herab. Plötzlich konnte sie den Harz spüren. Die Hände auf dem Stein hielt sie den Atem an, denn eine Präsenz sickerte wie Sirup von unten in ihren Körper. Es war ein schweres, tiefes Gefühl, wie eine Kraft, die sie über die Schwerkraft hinweg auf den Boden zog und ausfüllte. Es kribbelte etwas unterhalb ihrer Haut. Wie war das möglich? Es fühlte sich so gut an. Sie blieb sitzen und ließ sich ganz ausfüllen von dem Kribbeln.

Als Frau Grubner eine Stunde später gegangen war, hörte sie ihren Vater rufen. Elisabeth lief zurück und strahlte ihn so überglücklich an, dass ihr Vater, der bis eben noch ein miesepetriges Gesicht gemacht hatte, unvermittelt lachen musste.

»Na, dann haben wir ja wenigstens eine Person hier glücklich gemacht!« Er legte den Arm um seine große Tochter und ging mit ihr zum Auto. »Hier soll es einen guten Asiaten geben. Lust auf Tofu mit Nudeln?«

Elisabeth nickte eifrig.

Emilia Wollner saß bereits im Wagen und redete auf Klara ein. Diese hatte das Auto nicht verlassen. Als Elisabeth mit ihrem Vater zustieg, herrschte ihre Mutter sie an.

»Wo warst du? Wir suchen dich schon ewig!«

»Ich saß hinten am Fluss, nicht weit weg. Es ist herrlich hier, Mama. Kannst du das auch spüren, dieses schwere Kribbeln?«

»Nein, ich spüre nichts!«

Der Blick, den sie erntete, verschlug ihr abrupt die Sprache, denn die Augen ihrer Mutter wurden wieder stechend und hart und die Stimme so kalt, dass Elisabeth kein Bedürfnis mehr hatte, mit ihr zu sprechen. Aber sie sah noch mehr und fühlte es. Ihre Mutter log sie direkt an.

Ein anderes Mädchen


Die ersten Tage im Hotel Krone fühlten sich fast wie Urlaub an. Clausthal-Zellerfeld bestand aus zwei zusammengewachsenen Bergarbeiterstädten, und es gab viel zu entdecken. Michael Wollner verschwand frühmorgens gleich zu seiner neuen Arbeitsstätte, nachdem sie das Wochenende noch gemeinsam verbracht hatten. Der Universitätscampus erstreckte sich in südöstlicher Richtung, aber die alten Fakultäten standen direkt in der Stadt. So lag das Hauptgebäude an der Adolph-Roemer-Straße schräg gegenüber vom Oberbergamt und auf der gleichen Seite wie die größte Holzkirche Europas.

Das Mathematikinstitut befand sich direkt hinter der Post am Kronenplatz, wo auch gleich das kleine, aber nette Hotel Krone stand. Nach einigem Hin und Her hatte Emilia Wollner darauf bestanden, dass Klara und sie das eine Hotelzimmer bezogen und Elisabeth und ihr Vater das andere. Da ihr Vater kaum da war, hatte sie das Zimmer bis auf die Nacht für sich alleine. Das ging in Ordnung. In der nächsten Woche sollte der Möbelwagen kommen und Emilia Wollner fuhr für den ganzen Tag mit dem Auto weg, um alles vorzubereiten.

Merkwürdigerweise lehnte sie Elisabeths bereitwilliges Angebot zu helfen energisch ab. Stattdessen drückte sie ihr hundert Euro in die Hand und sagte: »Habt etwas Spaß heute, geht ins Kino und kauft euch ein Eissorbet. Aber vor allem, vertragt euch! Ich fahre kurz zum Haus, um die Maler einzuweisen, und dann muss ich noch etwas für deine Medizin einkaufen. Sie ist fast alle.«

Also ging Elisabeth zusammen mit ihrer Schwester, die an Krücken lief, nach Downtown Clausthal. So viele Geschäfte gab es in direkter Nähe zum Hotel Krone nicht. Nach Zellerfeld konnten sie nicht, das war mit Krücken zu weit. Dafür hätten sie den Berg hinunter und auf der anderen Seite die Goslarsche Straße wieder hochlaufen müssen. Aber das störte sie nicht, denn dort war noch weniger los als in Clausthal. Sie setzten sich also auf Drängen Klaras in die Grosse'sche Buchhandlung und lasen. Klara wurde sofort ein bequemer Sessel angeboten, doch Elisabeth musste sich auf den Boden davor setzen. Es gab schrecklich viele Bücher über technische Studienfächer und ein großer Anteil davon beschäftigte sich mit Mathematik. Es dauerte dann auch keine zehn Minuten, bis Elisabeth aufsprang und vorschlug, dass sie sich etwas umsehen und Klara später wieder abholen könne. Der war das nur recht. Also machte sich Elisabeth auf den Weg. Sie lief die Adolf-Roemer-Straße runter und wieder rauf. Kein Vergleich mit Hannover, aber irgendwie gab es alles Nötige. Das Kino schien nur einen Saal zu haben und war etwas zurückgesetzt durch einen Gang erreichbar. Den ausgestellten Fotos nach zu urteilen, wurde es von Studenten betrieben. Es lag sogar eine Liste für Wunschfilme aus. Hier konnten sich Interessenten mit einem Vorschlag eintragen und wer genug Stimmen bekam, dessen Film wurde gezeigt. Neben den aktuell angesagten Filmen standen ganz merkwürdige Titel da, die Elisabeth noch nie gehört hatte. Aber es schien zu funktionieren. Eine echt coole Idee, dachte sie. Dann erblickte sie einen Vorschlag: Ronja Räubertochter.

Sie schmunzelte, griff nach dem Kugelschreiber, der an einem Band befestigt war, und machte hinter dem Titel einen weiteren Strich. An einer Eisdiele hielt sie schließlich an und genehmigte sich ein Wassereis. Sie setzte sich an einen der kleinen Metalltische und leckte genüsslich. Für eine so kleine Stadt war doch recht viel los. Viele Studenten liefen zumeist in Gruppen vorbei, doch ihr fiel vor allem ein etwas untersetztes Mädchen in ihrem Alter mit schwarzen, kurz geschnittenen Haaren auf, das aus einer Seitenstraße trat. Es war komplett in Schwarz gekleidet. Elisabeth, der auch recht warm war, wunderte sich über den Aufzug. Das andere Mädchen musste sicher gewaltig schwitzen. Elisabeth selbst trug nur ein leichtes T-Shirt und Shorts. Das Mädchen blickte sich zunächst sehr aufmerksam um, übersah aber, dass Elisabeth sie beobachtete. Urplötzlich verschwand es wieder. Als Elisabeth sich umblickte, bemerkte sie drei kräftige Jungen auf der anderen Straßenseite, die in Richtung Kronenplatz gingen. Sie schienen sehr ausgelassen und amüsierten sich anscheinend damit, Touristen zu ärgern. Kaum dass sie gut zwanzig Meter vorbei waren, rannte die Schwarzhaarige über die Straße und verschwand zwischen dem Hauptgebäude und einem Markt in der Graupenstraße. Dabei fiel ihr etwas aus der Tasche. Elisabeth sprang auf, lief darauf zu und hob es vom Boden hoch. Es handelte sich um ein Musterkatalog für Tattoos. Elisabeth wunderte sich nicht, da die andere doch schon sehr nach Gothic aussah. Sie folgte dem Mädchen, um ihm die Zeitschrift zurückzugeben. Doch als sie um die Ecke bog, war es nirgends zu sehen. Es musste entweder durch irgendeine Tür verschwunden oder weitergerannt sein. All das kam ihr immer merkwürdiger vor. Sie lief die Straße entlang und kam auf die Burgstätter Straße, die den Berg hinunterführte. In einiger Entfernung konnte sie einen schwarzen Haarschopf ausmachen, der gleich darauf nach rechts verschwand. Elisabeth sprintete los. Rennen tat ihr gut und sie lief schnell auf die Stelle zu, wo sie eben noch das schwarzhaarige Mädchen ausgemacht hatte. Warum flüchtete es nur? Hinter dem Haus führte ein schmaler, unbefestigter Weg zu einer Pforte, dahinter lag offensichtlich der Friedhof. Betreten blieb Elisabeth stehen. Auf den Friedhof wollte sie ihr nicht folgen, das wäre irgendwie nicht richtig. Sie blickte nochmal auf das Magazin, aber es klebte keine Adresse darauf. Elisabeth zuckte mit den Schultern und steckte es in ihre Hosentasche. Dann orientierte sie sich kurz. Sie hatte sich den Stadtplan leicht eingeprägt, denn die Bergstadt war mit ihren sechzehntausend Einwohnern viel kleiner als Hannover. Weiter unten musste die Erzstraße sein, die wieder zum Kronenplatz führte. Kurzerhand lief Elisabeth weiter und kehrte dann zurück zu Klara, die immer noch an derselben Stelle saß wie eine Stunde zuvor, als Elisabeth sie hier zurückgelassen hatte.

Wieder einmal schwitzte Sabrina wie verrückt und bekam fast keine Luft mehr. Sie lehnte kurz vor dem Friedhofstor hinter einem Schuppen an der Wand und kämpfte darum, wieder zu Atem zu kommen. Sie war einfach nicht fürs Laufen geschaffen. Zunächst wäre sie um ein Haar auf die drei Deppen getroffen, doch am meisten hatte sie das hochgewachsene fremde Mädchen irritiert. Es hatte sie beobachtet. Das hatte sie aus den Augenwinkeln gesehen und so getan, als wenn sie es nicht bemerkt hätte. Zunächst hatte sie die Fremde für eine Touristin gehalten, aber dann war sie aufgesprungen, um ihr zu folgen, als Sabrina um die Ecke der Graupenstraße gebogen war und noch einmal zurückgeblickt hatte. Sabrina war daraufhin in Panik losgerannt, so schnell sie konnte. Warum, das wusste sie nicht, aber vielleicht war die Fremde eine Bekannte von Vinzenz und als Späherin eingesetzt worden.

»Mich überrascht ihr nicht«, sagte sie zu sich selbst, kramte ihren kleinen Taschenspiegel hervor und schaute damit um die Ecke. Tatsächlich, nur wenige Sekunden später tauchte das Mädchen auf. Es blickte den Weg hinunter, den Sabrina gerade genommen hatte, zuckte dann aber mit den Schultern und blickte auf eine Zeitschrift in ihrer Hand. Es steckte sie weg und lief weiter. Aus ihrem Versteck heraus konnte Sabrina sehen, dass es leichtfüßig und schnell wie eine Gazelle lief. Und die Zeitschrift kam ihr erstaunlich bekannt vor. Als sie danach tastete, bemerkte sie, dass ihre fehlte.

»Ich Idiotin, ich werde langsam paranoid! Die wollte mir nur helfen.« Sie ließ den Spiegel sinken und steckte ihn seufzend wieder ein. Die Zeitschrift hatte viel gekostet.

Sie schlüpfte durch die Pforte auf den Friedhof. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig nahm sie die Handschuhe heraus und ging auf den Grabstein zu, auf dem sie diese gefunden hatte. Sie hatte sich vorgenommen, sie einfach dort abzulegen, aber daraus wurde nichts. Eine junge Frau stand vor dem Grab. Sie war für den Harz zu vornehm gekleidet. Ein modischer Hosenanzug in einem Fliederton, eine schicke Bluse und teure italienische Stilettos. Sabrina blieb in einiger Entfernung stehen und verbarg sich hinter einem Baum. Die Frau hatte einen Regenschirm dabei, mit dem sie auf dem Boden herum kratzte. Das kam Sabrina sehr merkwürdig vor. Noch merkwürdiger war, dass Sabrina ein Kribbeln spürte, während sie die Frau beobachtete, die nun das Grab umrundete und dabei achtlos auf andere Gräber trat. Sabrina blickte sich um, aber alle anderen auf dem Friedhof – zwei Seniorinnen und ein alter Mann, die am Wasserhahn standen und sich unterhielten, eine Mutter mit Kinderwagen und einem Kleinkind auf einer Bank, eine Frau mit einer Harke drei Reihen weiter, die Unkraut jätete – waren abgelenkt. Niemand außer ihr beachtete die Fremde.

Als die seltsame Frau schließlich wieder vor dem Grab stand, öffnete sie ihre Handtasche und entnahm einen kleinen Gegenstand. Sabrina sog scharf die Luft ein, als sie sah, dass es eine Art Messer war, mit dem sich die Frau ohne zu zögern in die Hand schnitt und mit einer energischen Bewegung Blut auf das Grab spritzte. Sabrinas Nackenhaare begannen sich aufzustellen und sie spürte, wie die Handschuhe, die sie immer noch hielt, eiskalt wurden. Die Frau wiederholte die Geste noch mehrfach, dann steckte sie das Messer wieder weg und wickelte ein Taschentuch um ihre Hand. Sie schien zufrieden mit sich selbst zu sein, drehte sich elegant um und stelzte in großen Schritten auf den Haupteingang zu. Die anderen Friedhofsbesucher schenkten ihr immer noch keine Beachtung.

Kaum dass sie aus Sabrinas Blickfeld verschwunden war, rannte diese zu dem Grab. Als sie es erreichte, stand dort auf dem Grabstein ein anderer Name:

Theresa Kuhnert

* 12.03.1956 † 24.01.2010

»Das gibt‘s doch gar nicht!« Irritiert schaute Sabrina in die nächste Reihe und dann in die davor. Nein, sie stand in der richtigen Grabreihe, nur das Grab war weg. Vorsichtig streckte sie die Finger aus, um den Stein zu berühren, doch sie zuckte zurück, als ein brennender Schmerz sich auf ihrer Hand auszubreiten begann, noch bevor sie den Stein berührte. Sie keuchte auf.

Dann zog sie kurzerhand die Handschuhe an, die sich immer noch eiskalt anfühlten, und streckte die Finger vor. Diesmal konnte sie den Stein anfassen. Ein leises Knistern erklang und ein Netz aus leuchtenden Linien breitete sich von dem Punkt aus, wo sie den Grabstein berührte. Symbole um das Grab erglühten. Als sie die Augen zukniff, offenbarte sich für einen kurzen Moment die alte Inschrift, die sie vor ein paar Tagen gesehen hatte. Aber dann wurden auch die Handschuhe heiß, Schwefelgeruch verbreitete sich. Mit einem dumpfen Knall wurde Sabrina zurückgeschleudert und krachte unsanft mit dem Rücken gegen einen anderen Grabstein, fiel darüber und landete in einem Blumengesteck. Ihr ganzer Körper fühlte sich taub an.

Sie brauchte ein paar Sekunden, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Sie war tatsächlich gerade durch einen Zauber umgehauen worden. Ein echter Zauber! So etwas gab es doch gar nicht. Sie blickte hoch, konnte aber sehen, dass niemand sie beachtete. Irgendwie hatte keiner der anderen Menschen Notiz von ihr genommen. Dann erschrak sie bis ins Mark. Die fremde Frau tauchte wieder auf, blickte sich suchend um und kam dann mit großen Schritten auf das Grab zu. Sabrina suchte panisch nach einem Versteck. Direkt neben ihr befand sich ein frisch ausgehobenes Grab. Sabrina überlegte gar nicht lange und glitt hinein. Unten zog sie eilig die Handschuhe aus und steckte sie weg, dann presste sie sich gegen die eine Wand des Grabes. Es war eng, kalt und feucht, aber davon spürte sie nicht viel. Eine Menge Erde rieselte auf sie herab und begrub sie halb, doch sie wagte sich nicht mehr zu bewegen, denn nun waren die Stilettoschritte ganz nah zu hören.

Jemand schnüffelte, dann murmelte eine weibliche Stimme etwas. Wieder spürte Sabrina das Kribbeln. Sie hielt die Luft an und wiederholte in ihrem Kopf immer wieder die Worte: Du siehst mich nicht, ich bin tot! Du siehst mich nicht, ich bin tot!

Die Sekunden zogen sich wie Minuten hin, dann vernahm sie ein unterdrücktes Kichern.

Oh nein, nun hat sie mich!, dachte Sabrina. Sie schloss die Augen und wartete auf das Unvermeidliche, doch es kam anders. Eine leise Stimme meldete sich.

»Da bin ich ja noch genau im richtigen Moment gekommen, um zu verhindern, dass du erneut dein Unwesen treibst. Lass den Quatsch. Du kannst diesen Zauber nicht brechen, das solltest du eigentlich wissen. Ich werde ihn von Zeit zu Zeit erneuern, damit du schön da bleibst, wo du bist. Und nun wird niemand mehr wissen, wo du liegst, man wird dich vergessen. Ich bin jetzt die Meisterin und lass mir nicht ins Handwerk pfuschen.«

Wieder vergingen lange Sekunden, dann entfernten sich die Schritte genauso schnell, wie sie gekommen waren. Sabrina hockte komplett mit Erde bedeckt in dem offenen Grab. Das taube Gefühl war noch nicht ganz verschwunden. Kalter Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. Sie ahnte, wie knapp sie gerade einer bösen Begegnung entgangen war. Sie wartete noch eine Weile, um ganz sicher zu sein, dann kletterte sie mühsam aus dem Grab heraus. Die ganze Erde auf ihr machte es schwieriger, als es eh schon war.

Auf allen vieren zog sie sich auf den festen Rand und richtete sich auf. Sie musste sich recken, um die Glieder wieder zu durchbluten. Die Frau war wirklich weg, aber stattdessen stand, keine fünf Meter von ihr entfernt, das Kleinkind von der Bank, wo immer noch dessen Mutter saß. Das Kind starrte Sabrina wie gelähmt mit aufgerissenen Augen an, unfähig etwas zu sagen. Es musste wirklich ein Schock sein, ohne Vorwarnung jemanden vor sich aus einem Grab klettern zu sehen. Die Tatsache, dass die Person komplett in Schwarz gekleidet und von oben bis unten voller Dreck klebte, begünstigte diesen Eindruck nur.

»Hi! Schöner Tag heute!« Sabrina fiel nichts Besseres ein und blickte zur Uhr. »Oh, so spät, nun muss ich aber los. Bis zum nächsten Mal.« Dann rannte sie in Richtung der Pforte, durch die sie den Friedhof betreten hatte. Erst jetzt löste sich das Kind aus seiner Starre und lief seinerseits schreiend zu seiner Mutter.

Wundervoll!, dachte Sabrina bei sich. Ich bin heute fast den drei Deppen in die Arme gelaufen, dann verfolgt worden, habe eine Magierin bei einem Ritual auf dem Friedhof beobachtet, bin von einem Zauber umgehauen worden, hab mich in einem Loch versteckt, bin fast entdeckt worden und nun glaubt ein Kind, dass ich ein Vampir bin, der gerade aus dem Grab geklettert ist. Außerdem renne ich schon wieder. Ich glaube, ich bin in den letzten Tagen mehr gelaufen als vorher in einem ganzen Schuljahr. Ich brauche dringend eine Dusche.

Zutaten


Emilia Wollner fühlte sich ausgelaugt und völlig fertig. Seit Tagen hatte sie nicht geschlafen, um all das nachzuholen, was man besser vorher hätte planen sollen. Die Möbelpacker waren Mittwoch spät gekommen und hatten bis tief in die Nacht gearbeitet. Sie hatte ständig zwischen den Räumen hin und her laufen müssen, damit alles an seinen richtigen Platz kam. Sie hatte es noch geschafft, einen Maler zu organisieren, der in aller Eile anrückte, um die Räume schnell noch zu streichen, bevor die Möbel hineingestellt wurden. Der Eilaufschlag, den er nahm, war unverschämt, aber es gab keine Alternative. Der Maler hielt jedoch, was er versprach. Er rückte mit drei Gesellen und zwei Lehrlingen an und holte noch einen anderen Kollegen mit einem Gesellen dazu. Und dann legten sie in Windeseile los. Sie waren gerade mit dem Erdgeschoss fertig, als der Möbelwagen eintraf, und machten dann oben weiter. Der Kollege empfahl Emilia Wollner auch noch einen Klempner für den tropfenden Wasserkopf in der Dusche. Als sie ihn anrief, wusste der schon Bescheid und versprach, gleich am Folgetag zu kommen. Die Handwerker hier im Harz schienen alle schnell zu reagieren, auch wenn Emilia sich etwas wunderte, warum das so war.

Es ging schon auf drei Uhr morgens zu, als ihr ein Zettel in die Hand fiel, den sie extra auf das Armaturenbrett geklebt hatte. Zutaten für Medizin, stand dort. Emilia fluchte so, dass es gut war, dass ihre Töchter sie nicht hören konnten. Sie fingerte ihr Handy heraus und rief die Webseite mit dem Apothekennotdienst auf. Hoffentlich hatte noch eine Apotheke Notbereitschaft. Doch sie bekam keine Webseite. Es gab hier kein Netz.

»Verdammt, Borga, was hast du mir angetan. Und das nach all dem, was ich bereit war, für dich zu geben!« Sie fuhr von ihrem Haus nach Süden Richtung Prinzenteich los und schwenkte auf die Bundestrasse ein. Endlich hatte sie Netz, nur einen Balken, aber immerhin. Hier im Harz kam es nicht selten vor, dass man keinen Empfang hatte. Sie hielt und rief die Seite auf. Es hatte nur eine Apotheke Notdienst, die Bergapotheke in Zellerfeld.

»Na, dann wollen wir mal!«, seufzte Emilia. Ihre Arbeit war noch nicht vorbei. Sie ging in Gedanken die Liste der Zutaten durch und hoffte inständig, dass sie das nötige Quäntchen Glück haben würde.

Eine Viertelstunde später parkte sie ihren Wagen vor der Apotheke. Drinnen war alles dunkel, nur eine einsame Lampe an der Vorderseite mit einem Schild wies auf die Nachtklingel hin. Sie betätigte diese. Eine ganze Weile tat sich nichts, also klingelte sie erneut, diesmal energischer. Sie hörte schließlich eine Tür heftig zuschlagen, dann wurde es wieder still. Kurz bevor sie es erneut versuchen konnte, öffnete sich die Tür und ein Junge leuchtete mit einer Taschenlampe heraus. Emilia fiel auf, dass er wie sie tiefe Ringe unter den Augen hatte und komplett angezogen war. Sie schob es auf eine Computernacht.

»Guten Abend, was kann ich für Sie tun?«

»Ich würde gern den Apotheker sprechen, ich brauche dringend ein paar Sachen.«

»Meine Mutter ist nicht da. Sie ist unterwegs. Haben sie ein Rezept?«

Emilia zögerte. Der Junge sah intelligent aus, konnte aber kaum älter sein als ihre große Tochter. Fünfzehn, maximal sechzehn Jahre schätzte sie ihn.

»Äh, nein, aber ich weiß genau, was ich brauche. Doch was ist mit dir? Bist du nicht ein bisschen zu jung, um als Aushilfsapotheker zu arbeiten?«

Offensichtlich hatte sie seine Ehre verletzt, denn er reckte sich zu seiner vollen Höhe auf und überragte sie damit um einen halben Kopf.

»Erlauben Sie mal, ich bin mit Abstand der Beste in Chemie und Biologie bei uns und ich helfe schon seit vielen Jahren hier aus.«

»Wie heißt du denn?«, bohrte sie weiter nach.

»Theobald, Theobald Binsenkraut. Die Apothekerin ist meine Mutter.« Er musterte sie und setze hinzu: »Ich bin bald sechzehn. Früher galt man damit als erwachsen. Und wer sind Sie?«

Der Tonfall war schon reichlich unverschämt, aber sie versuchte zu lächeln, seufzte und antwortete: »Emilia Wollner, wir sind erst vor Kurzem hierher gezogen. Ich kenne mich noch nicht aus. Die Möbelpacker sind leider erst vor einer Stunde fertiggeworden.« Dann blickte sie ihn an. Vielleicht war es gut, dass ein unwissender Junge sie bediente und kein ausgebildeter Apotheker. »Ich brauche die Sachen wirklich dringend. Also bitte, versuchen wir es.«

Auf ihren verzweifelten Blick hin beugte er sich weiter heraus. Dabei leuchtete er ihr direkt mit der Taschenlampe ins Gesicht, sodass sie wegschauen musste. Hastig entschuldigte er sich sogleich dafür, während vor ihren Augen noch Sternchen tanzten. Er öffnete die Tür so weit, dass sie hinein konnte, und machte eine einladende Geste. Emilia Wollner beeilte sich, einzutreten.

»Warten Sie kurz hier!«

Drinnen machte Theobald Licht und verschwand durch eine Tür. Der Ausgaberaum lag links und war für die Kunden nur über eine große Durchreiche einzusehen. Emilia kam nicht umhin, die beeindruckenden Deckenarbeiten zu bewundern. Kurz darauf tauchte er auf der anderen Seite auf und fuhr die Kasse hoch.

»Also, was darf es sein?«

»Ich brauche Eisenhutextrakt, Schierling, Kaliumzyanid, Eibenrinde, reinen Alkohol, Tollkirschen, Rizinusöl und vor allem Argentum nitricum in hochkonzentrierter Form, nicht das homöopathische Zeug. Den Rest habe ich noch. Ach, und ein Aufputschmittel, so was wie Taurin.«

»Sie wollen sich da selber was zusammenmischen? Das meiste davon ist giftig, wenn nicht sogar tödlich. Wollen Sie jemanden umbringen?« Theobalds Miene wurde ernst.

»Du kennst dich ja gut aus, junger Mann! Ich mische mir daraus ein Abwehrmittel gegen Blattläuse und Milben. Ein altes Hausrezept.« Emilia versuchte wieder zu lächeln.

»Vieles davon ist ohne Rezept unverkäuflich. Ich darf es Ihnen nicht herausgeben. Und hätte das nicht bis morgen Zeit? Müssen sie mich unbedingt deswegen mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln?«

Emilia Wollner hatte so etwas befürchtet, aber nun setzte sie alles auf eine Karte. Sie brauchte die Sachen unbedingt. Mit ihrer in langen Jahren erprobten Autorität in der Stimme sagte sie scharf: »So, so, und ich bin die Kaiserin von China. Ich weiß ganz genau, was du gerade gemacht hast, ich bin schließlich nicht dumm und kann Symptome erkennen. Wenn du mir hilfst, sag ich auch nicht deiner Mutter, was du so nachts treibst.« Sie wusste, dass sie hier bluffte, denn sie hatte keine Ahnung, was er gerade getan hatte.

Zu ihrer Genugtuung erschrak Theobald heftiger, als sie es erwartet hatte. Eine Pause entstand, in der sich verschiedene Gefühle auf seinem Gesicht spiegelten. Dann schien er, sich entschieden zu haben, und kramte unter seinem Pullover herum, als suche er etwas.

»Wenn ich das tue, will ich, dass Sie bei Ihrer Ehre schwören, dass Sie nichts sagen.«

Ganz schön forsch trat er auf, aber sie hatte ihn. »Gut, ich schwöre, dass ich deiner Mutter nichts …«

»Nie!«, unterbrach er sie.

Sie begann nochmal: »Also, ich schwöre, dass ich deiner Mutter nie sagen werde, was du in der Nacht so treibst.«

Theobald wirkte zufrieden. »Das reicht mir. Dann brauchen wir die Kasse auch nicht, ich nehme das Geld bar von Ihnen.«

Emilia nickte und suchte ihr Portemonnaie heraus, während Theobald verschwand. Erneut verblüffte er sie damit, dass er erstaunlich schnell wieder auftauchte und alle Zutaten gleich mit dabei hatte. Offensichtlich hatte sie ihn total unterschätzt. Beim Verhandeln um die Menge, die er bereit war, schwarz herauszugeben, musste sie nochmal nachhelfen, aber schließlich hatte sie alles beisammen. Es wurde teuer, aber das war ihr egal. Sie gab ihm noch etwas mehr als Schweigegeld und wurde dann von ihm freundlich vor die Tür eskortiert. Sie stieg ein und fuhr zurück zur Neuen Mühle. Sie hatte noch viel vor.

Theobald blickte ihr vom Fenster aus noch lange nach. Wer war diese Frau? Die Zutaten, der Zeitpunkt, die Mengen – alles verdächtig. Sie beherrschte den gleichen autoritären Tonfall wie seine Mutter. Er hatte sie beim Anleuchten magisch gescannt, aber sie hatte eine ganz normale menschliche Aura gehabt. Inzwischen war er sich sicher, dass sie sich etwas ganz anderes bei der Behauptung, sie wisse, was er nachts tat, gedacht hatte. Immerhin hätte sie die Jodflecken an seiner linken Hand bemerken oder die Dämpfe an seiner Kleidung riechen können. Das hatte sie nicht, aber als sie vor ihm stand, hatte er es mit der Angst zu tun bekommen und lieber eingelenkt. Nun würde er die Bücher fälschen müssen, damit die vorrätigen Mengen wieder stimmten. Das Silbernitrat war jetzt fast alle. Aber die Frau hatte so verzweifelt auf ihn gewirkt, dass er nicht anders gekonnt hatte, als ihr zu helfen. Er hatte ihr keine Sekunde geglaubt, dass sie die Zutaten für ein Blattläusemittel brauchte. Dafür reichte ein Teebaumöl-Wasser-Gemisch mit etwas Spülmittel. Was hatte die Frau nur vor? Er zuckte die Schultern, als er die Haupttür verriegelte und sich wieder Richtung Keller wandte. Für heute würde er aufhören. Übermorgen früh kam seine Mutter wieder aus Berlin. Sie hatte zu seiner großen Freude noch einige Tage dranhängen müssen. Er hatte sein Glück gar nicht fassen können, aber jetzt war er froh, dass sie bald wiederkam. Etwas Merkwürdiges ging in Clausthal vor. Erst diese Ausbrüche unkontrollierter Magie und dann diese Frau mit ihrem Nachteinkauf. In der Zeitung stand, dass in der letzten Woche wieder Schafe gerissen worden waren. Da war es gut, seine Mutter wieder hier zu wissen. Sie würde mit Bedrohungen aller Art mühelos fertig werden.

Nachdem er alles wieder aufgeräumt, den Weg zum Nachbarkeller wieder versperrt und die Bücher manipuliert hatte, ging er endlich ins Bett. Die Dämmerung hatte schon lange eingesetzt.

In die Neue Mühle


Elisabeth blinzelte. Die Sonne ging gerade auf. Ihr Vater schnarchte leicht neben ihr. Er war am Vortag früher von der Arbeit gekommen, wobei er als Begründung angegeben hatte, ihre Mutter habe ihm aufgetragen, Elisabeth die Medizin zu verabreichen. Dafür hatte Emilia ihn sogar aus einer wichtigen Besprechung geholt. Obwohl Elisabeth beteuerte, dies selbst zu können, hatte er ihr wieder einen ganzen Esslöffel davon eingeflößt.

Nun war die letzte Flasche leer. Was kam dann? Doch als sie sich umdrehte, stand neben ihrem Bett eine neue volle Flasche mit einem Zettel daran.

Bitte wieder einen ganzen Esslöffel nehmen und Flasche einstecken. Verliere sie nicht wieder! Bin schon unterwegs wegen des Klempners. Hole euch zum Mittagessen ab. Seid dann bitte fertig. Mama.

Elisabeth setzte sich schlaftrunken auf und musterte die Flasche. Hatte sie etwa Hoffnung gehabt, irgendwann die Medizin nicht mehr nehmen zu müssen? Am besten sie brachte es gleich hinter sich. Sie nahm die Flasche und den bereitliegenden Löffel und ging ins Bad. Dort füllte sie sich etwas ab und stellte die Flasche wieder weg. Die Farbe sah dunkler aus als sonst. Sie holte tief Luft, schob sich den Löffel in den Mund und schluckte. Das Brennen setzte sofort ein, diesmal in einer solchen Intensität, dass sie unwillkürlich aufkeuchte. Der Löffel entfiel ihrer Hand und sie musste sich mit beiden Händen am Waschbecken festhalten, um nicht umzufallen. Die Wandhalterung knackte bedrohlich. Das Brennen fraß sich bis in ihren Magen und von dort weiter in den ganzen Körper, bis in die Füße und von dort wieder hoch bis in die Fingerspitzen. Sie beugte sich weit nach vorne, spuckte ins Waschbecken und würgte, aber es half nichts. Die Wirkung konnte sie nicht mehr aufhalten. Ihr entfuhr ein langgezogenes Stöhnen, während sie krampfhaft versuchte, nicht ohnmächtig zu werden.

»Hölle, das Zeug ist um einiges stärker als die Medizin von Dr. Borga!« Ihr Puls ging hoch und das Herz schlug ihr bis zum Hals, trieb Schweißperlen auf ihre Stirn. Sie fühlte sich fiebrig. Zu ihrer Verwunderung hörte das Brennen nach ein paar Augenblicken komplett auf. Ihr Körper beruhigte sich wieder.

Elisabeth richtete sich auf und betrachtete sich im Spiegel. Das gleiche Gesicht mit den verwuschelten Haaren blickte sie an. Irgendetwas war anders. Sie warf sich in Pose, schob die Haare etwas hoch und musterte sich und fand sich richtig attraktiv, irgendwie verwegen reizvoll. Ihr Magen knurrte und teilte so vernehmlich mit, dass sie dringend etwas essen sollte.

Sie zog sich eilig an und schlich aus dem Zimmer, in dem ihr Vater immer noch im Bett schnarchte. Sie war schon fast aus der Tür, da fiel ihr die Flasche ein und sie ging zurück ins Bad. Sie wog sie in der Hand und steckte sie nach einigem Zögern in die Ledertasche an ihrem Gürtel. Wegen der Dosierung würde sie mit ihrer Mutter reden müssen.

Für sie als Veganerin gab es am Frühstücksbuffet nicht viel, das sie ohne Bedenken essen konnte. Zu ihrer großen Freude fand sie bei ihrer Ankunft Sojamilch und veganen Brotaufstrich vor. Es gab auch Früchte, also stürzte sie sich aufs Essen. Als schließlich ihr Vater mit Klara endlich nach unten kam, hatte sie Bauchschmerzen.

»Gute Güte, Betsy, was hast du gemacht? Du siehst aus, als würde es dir nicht gut gehen.«

Ihr Vater setzte gleich eine sorgenvolle Miene auf. Die Bedienung, die wegen Elisabeth schon mehrfach hatte loslaufen müssen, um Nachschub zu holen, schüttelte nur den Kopf, als sie mit der Kaffeekanne zu Herrn Wollner trat.

»Wenn Sie mich fragen, bräuchte die junge Dame mal etwas Gescheites zwischen die Zähne, von all dem Grünzeug wird man ja nicht richtig satt.«

Michael Wollner blickte gequält zurück. »Nun, wenn man auf alle tierischen Produkte allergisch ist, bleibt einem nicht viel anderes übrig.« Und zu Klara gewandt: »Nimm du ruhig den Rest von dem Aufstrich, ich muss mich ja nicht an eure Diät halten.« Er stand auf und bediente sich reichlich am Wurstbuffet. Klara und Elisabeth wechselten Blicke.

»Mama wird das nicht gutheißen, dass du dich hier mit totem Tier vollstopfst«, warf ihm Klara vor.

Doch er grinste nur zurück. »Nun, Mama ist momentan mit anderen Dingen beschäftigt. Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Wenn du mich nicht verpetzt, dann verrate ich Mama auch nicht, dass du gestern Abend noch den Spätfilm geschaut hast.«

»Woher …?« Doch Klara schluckte die anderen Worte runter. Ihr Vater hatte sie erwischt. Sie nickte nur stumm.

»Dann ist ja alles geklärt«, lachte Michael Wollner und biss herzhaft in ein Brötchen mit einer dicken Schicht Hackepeter mit Zwiebeln. Bei Elisabeth machte sich nun der Darm bemerkbar. Sie entschuldigte sich und eilte auf die Toilette.

Am späten Vormittag packten beide Mädchen die Sachen, nachdem ihr Vater schon lange zur Arbeit gegangen war. Elisabeth schleppte die schweren Koffer alleine nach unten. Die Zimmer mussten heute verlassen werden, also warteten sie am Empfang mit dem Gepäck, bis ihre Mutter auftauchte. Elisabeth wollte gleich mit ihr wegen der neuen Medizin sprechen, aber als sie sie sah und bemerkte, wie völlig fertig diese aussah, verschob sie es auf später.

Erst als sie bei der Neuen Mühle ankamen, ergab sich eine Gelegenheit, weil Klara gleich auf die Toilette musste. Am Auto beim Ausladen der Koffer kam ihre Mutter ihr zuvor.

»Hast du deine Medizin genommen? Wie hat sie gewirkt?«, Frau Wollner nahm ihre Tochter am Arm und blickte sie aufmerksam an.

Elisabeth schaute zurück. Die tiefen Ringe unter den Augen ihrer Mutter waren noch tiefer geworden. Das bestürzte sie. Noch mehr Sorgen wollte sie ihr nicht bereiten.

»Ganz gut«, log sie. »Du siehst fertig aus, Mama. Warum lässt du nicht mich die Koffer reinbringen und du legst dich erst einmal auf die Couch? Ich finde es nicht gut, dass Papa dich die ganze Umzugsarbeit machen lässt, während er nur im Institut abhängt.«

»Dein Vater hängt nicht ab, er arbeitet. Aber ich könnte wirklich eine Mütze voll Schlaf gebrauchen. Diese Nacht hat mir fast den Rest gegeben. In Ordnung, trag nur die Koffer rein. Du weißt ja schon, wo sie hingehören. Ich lege mich hin.«

Ihre Mutter drückte ihr den Autoschlüssel in die Hand und ging ins Haus. Elisabeth trug das Gepäck hinein. Das Haus war nicht wiederzuerkennen und das nach so wenigen Tagen. Mit den vertrauten Möbeln und komplett neu gestrichen sah es richtig gut aus, auch wenn hier und da noch etwas Dekoration fehlte. Fast wie Zauberei, staunte Elisabeth.

Sie verteilte die Koffer und ging dann in ihr eigenes neues Zimmer, wo sie erst einmal die Fenster öffnete, um den Farbgeruch hinaus zu lassen. Danach machte sie sich ans Auspacken. Klara kam spät von der Toilette und rief nach ihr. Sie konnte sie gut hören, obwohl Klaras Zimmer momentan im unteren Stockwerk lag. Sie überlegte kurz und kletterte dann schnell aus dem Fenster an der Feuerleiter nach unten. Sollte Klara doch selber sehen, wie sie ihren Koffer ausräumte.

Elisabeth lief zu der Senke an der Innerste, an der sie schon Tage zuvor gesessen hatte. Sie legte sich diesmal sogar auf den großen Stein, entspannte sich und ließ die Schwere des Harzes wieder in ihren Körper sickern. Es fühlte sich jetzt schon an wie zu Hause und dabei hatte sie noch nicht eine einzige Nacht in dem neuen Haus geschlafen.

Spät erst erhob sie sich und wanderte wieder zurück zum Haus. Die Hintertür stand offen, von drinnen kam Klaras Lieblingsmusik – Vivaldi! Ihre Schwester saß in einem Sessel mit ihrem Laptop auf dem Schoß. Sie blickte nicht einmal auf, als Elisabeth eintrat. Ihre Mutter lag auf der Couch wie tot. Sie störte sich weder an der lauten Musik noch an dem Luftzug, sondern schlief tief und fest.

Die Küche wirkte alt, schien aber gut in Schuss zu sein. Elisabeth stöberte nach etwas Essbarem. Der Kühlschrank war randvoll mit Dingen, die sie auch essen durfte. Sie bediente sich reichlich und setzte sich auf einen der Küchenhocker.

»Kennst du schon das WLAN-Passwort?«, rief ihr Klara über die Musik hinweg zu und nahm dabei keinerlei Rücksicht auf ihre Mutter, die sich aber nicht rührte. Elisabeth schüttelte nur den Kopf.

»Es ist Algorithmus3, hab's eben gerade geknackt. Das war ein Kinderspiel. Papa ist ja so einfallslos. In Hannover hatten wir Algorithmus2.« Klara wartete nicht einmal eine Reaktion ab und loggte sich ein. »Aber die Geschwindigkeit ist lausig. Wir haben nur eine alte ISDN-Leitung. Das müssen wir noch ändern.«

Klara war oft online. Sie besuchte regelmäßig mehrere Chatgroups und einige Wissenschaftsforen. Es war nicht Elisabeths Welt. Sie ging nach oben und räumte ihr Zimmer fertig ein. Dann warf sie sich aufs Bett und blickte an die Decke.

Sie musste irgendwann eingeschlafen sein, denn es war dunkler und kühler geworden, als sie sich aufsetzte. Unten konnte sie jemanden in der Küche werkeln hören und der Duft von Keimbratlingen kitzelte ihr in der Nase. Sie stand auf und schloss die Fenster. Die Sonne stand inzwischen tief. So viel hatte Elisabeth schon lange nicht mehr geschlafen. Vielleicht machte die Luftveränderung so müde und hungrig. Sie folgte dem Duft nach unten zum ersten gemeinsamen Essen im neuen Haus.

Kaiserstadt


Ihre Mutter fluchte nicht zum ersten Mal. »Gibt es denn hier überhaupt keine freien Parkplätze? Wir sind in der tiefsten Provinz und es gibt nicht einen freien Stellplatz. Das ist ja schlimmer als in Hannover.«

Sie setzte den Blinker und fuhr zum dritten Mal in eine kleine Seitenstraße in Goslar, von der Elisabeth das Namensschild nicht lesen konnte, weil es komplett mit Efeu überwuchert war. Elisabeth registrierte es nur beiläufig, sie fand die alten Häuser mit ihren vielen Mustern von Schieferschindeln und dem Fachwerk hübsch. Die alte Kaiserstadt war wunderschön, fand sie. Klara nervte schon wieder, diesmal allerdings nicht mit Wissen, sondern weil sie auf die Toilette musste.

Emilia Wollner hatte vor ein paar Tagen für die Behandlung von Klara eine Empfehlung bekommen. Da sie nicht mehr zu Dr. Borga gehen konnten, mussten sie wohl oder übel zu einem herkömmlichen Arzt. Woher ihre Mutter die Adresse hatte, wusste Elisabeth nicht, aber er musste gut sein, wenn ihre Mutter ihn ernsthaft an ihre Tochter heranließ. Dazu hatte sie viel herumtelefoniert. Klara quengelte nun so heftig, dass ihre Mutter schließlich entnervt in eine Hofeinfahrt setzte und dort hielt.

»So, springt raus, ich versuche es auf dem großen Parkplatz an der Kaiserpfalz. Dann kann Klara wenigstens schon mal aufs Klo.«

Als beide Mädchen ausgestiegen waren, brauste sie los. Es brauchte nur wenige Schritte zur Arztpraxis, die in einer Seitengasse lag. Ein aufgemotzter knallroter Porsche stand direkt davor auf einem privaten Parkplatz.

»Der Protzkopf steht hier falsch. Den könnten wir anzeigen, der ist ja aus Italien. Scheiß Touris!« Klara klang schon wie eine Harzerin, aber sie hatte recht. Das italienische Nummernschild musste zu einem Touristen gehören und der Parkplatz war eindeutig für das Nummernschild GS-DR-666 reserviert. Sie blieben kurz stehen.

»Was für ein cooles Kennzeichen! Dr. Teufels scheint Humor zu haben«, kommentierte Klara.

Die Anspielung hatte Elisabeth natürlich auch verstanden und musste ebenfalls grinsen. Die Praxis war innen hochmodern eingerichtet. In solchen Praxen verkehrten die Wollners normalerweise nicht. Hinter einem Tresen aus Eisen und Glas saß eine aufgedonnerte Sprechstundenhilfe und telefonierte. Sie hatte lackierte Fingernägel, gezupfte Augenbrauen und viel zu viel Make-up, registrierte Elisabeth gleich. Sie entschied sich spontan, sie nicht zu mögen.

»Natürlich können Sie heute Abend noch kommen, Nicolai. Der Doktor macht für Sie immer eine Ausnahme«, flötete diese gerade mit einer hohen Piepsstimme in den Hörer, während sie dazu geringschätzig mit den Augen rollte und dann die beiden Wollner-Kinder musterte. »Ja, selbstverständlich bin ich dann auch noch da. Immer zu Diensten. Bis dann!« Sie warf den Hörer auf die Gabel. »Was kann ich für euch tun, ihr Süßen?«

»Mein Bein ist gebrochen gewesen, sieht man das nicht?«

Klaras Tonfall klang trotzig. Sie mochte die Sprechstundenhilfe offensichtlich auch nicht. Doch Elisabeth hielt es für besser zu vermitteln.

»Sie hat noch Schmerzen. Ihr Name ist Klara Wollner, wir haben einen Termin. Unsere Mutter kommt gleich. Sie sucht noch einen Parkplatz.«

Ein geringschätziger Blick auf das Gipsbein und die Krücken, dann reichte sie ein Schreibbrett über den Tresen mit einem Blatt darauf.

»Das hier müsst ihr ausfüllen. Ihr könnt euch dazu in den Warteraum setzen.«

Offensichtlich schien sie zu glauben, dass beide wussten, wo der Warteraum lag. Elisabeth griff sich das Brett und einen Stift und ging auf die einzige Tür zu, die noch im Empfang zu sehen war. Dahinter befand sich ein Flur mit weiteren Türen. Das Erste, was sie bemerkte, war ein beißender Geruch nach Reiniger und Essig. Er stach in die Nase und betäubte die Geruchsnerven auf unangenehme Weise. Sie blieb für einem Moment stehen und schüttelte den Kopf, sodass Klara von hinten zu drücken begann.

»Nun geh schon weiter, du doofe Nuss, ich muss Pipi.«

Klara drängelte sich an ihr vorbei und nahm die erste Tür links, auf der deutlich WC stand.

Elisabeth ging weiter. Irgendwo von weit hinten erklang der gellende Schrei eines Mädchens, gefolgt von einer kreischenden Stimme. »Ich will keine blöden Spritzen mehr!«

Das kann ja heiter werden, dachte Elisabeth bei sich, da ist noch jemand, der keine Ärzte mag. Auf der zweiten Tür rechts stand Warteraum. Die erste hatte keine Aufschrift getragen. Als sie die Tür öffnete, sah sie, dass niemand in dem irritierend hell erleuchteten Zimmer saß. Es schmerzte in den Augen. Unschlüssig, was sie machen sollte, wartete sie auf Klara. Diese tauchte nach einer Weile deutlich entspannter auf. Sie gingen hinein und schlossen die Tür. Klara machte sich eifrig ans Ausfüllen. Sie liebte Formulare, während Elisabeth, die dafür ihrerseits nichts übrig hatte, sich mit zusammengekniffenen Augen umschaute. Alles wirkte modern und extrem sauber. Die Zeitschriften lagen in Reih und Glied sortiert, sodass man sich nicht traute etwas anzufassen. Der Raum gefiel ihr nicht, aber wenigstens ließ hier der beißende Geruch nach.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ihre Mutter auftauchte und berichtete, dass sie im Parkhaus von Karstadt stehe, wo auch immer das nun wieder war. Einige Dinge konnte Klara nicht ausfüllen, was nun Emilia Wollner tat und danach unterschrieb. Die Tür ging auf und die Sprechstundenhilfe schaute mit einem genervten Gesichtsausdruck herein. Offenbar überrascht, dass das Formular schon fertig war, kam sie herüber und nahm es an sich.

Beim Rausgehen konnte man von ihr in einem schnoddrigen Ton vernehmen: »Behandlungsraum zwei. Aber es darf nur eine Person mit und es wird dauern. Der Doktor hat gerade einen schlimmen Notfall.« Und schon war niemand mehr zu sehen.

»Mama, wenn das dauert, dann würde ich mich gerne in der Stadt umsehen. Ich habe mein Handy ja dabei. Ihr könnt mich anrufen, wenn ihr hier fertig seid.«

»Gut, aber gib nicht gleich dein ganzes Taschengeld aus.«

»Mama, ich bin schon groß.«

»Aber du bist eine lausige Rechnerin«, warf Klara ein, was ihr einen wütenden Blick eintrug.

Vor der Praxis orientierte sich Elisabeth und lief dann nach rechts, wo die nächste Straße An der Abzucht hieß, an der ein Bach entlang floss. Sie folgte dieser nach rechts, bis sie auf ein Schild stieß, welches in die Innenstadt wies. Der Marktplatz war schön. Alte Gebäude mit Schnitzereien umringten einen markanten Brunnen in der Mitte, der von einem Kaiseradler gekrönt wurde. Viele Leute, die meisten davon Touristen, blieben stehen und knipsten in einem fort. An der Ecke eines Hauses befand sich auf Höhe des ersten Stocks ein kleines eingeschnitztes Männchen, das offensichtlich sein Geschäft verrichtete, aber es kamen ihm aus dem Hintern nur goldene Münzen. Die Leute scharten sich darunter, deuteten darauf und lachten. Als ein Glockenklang ertönte, reckten sich alle Köpfe nach oben zum Glockenspiel, das dort tagsüber alle drei Stunden zu sehen und vor allem zu hören war, mit Figuren, die Geschichten aus dem Bergbau erzählten. Elisabeth sah auf die Armbanduhr. Es war fünfzehn Uhr. Sie schmunzelte etwas. In diesem Moment konnte man ganz unzweifelhaft erkennen, wer Tourist war und wer nicht. Die Einheimischen gingen einfach weiter, hoben zuweilen nicht einmal mehr den Kopf, wohingegen die Touristen andächtig stehenblieben. Einige versuchten sogar, die Bergmannslieder mitzusingen. Elisabeth entschied sich, ebenfalls weiterzulaufen. Sie querte den Platz und kam auf der anderen Seite in eine enge Gasse, in der viele Geschäfte lagen. Schon von weitem drang ihr der Duft nach Kräutern und Tee in die Nase. Gott sei Dank, sie konnte wieder etwas Angenehmes riechen. Den Gerüchen folgend rannte sie an der Ecke direkt in eine andere Person, die wohl recht zügig unterwegs gewesen war. Noch während Elisabeth sich reflexartig entschuldigen wollte, erkannte sie das Gothic-Mädchen, das sie schon einmal oben in Clausthal gesehen hatte und dem das Magazin aus der Tasche gefallen war. Im selben Moment schien diese das auch zu registrieren. Einige schier endlose Sekunden vergingen, in denen beide ihre Gedanken ordneten.

»Äh ... hi!«, stammelten beide dann gleichzeitig, und schließlich mussten sie lachen.

»Du bist mir doch in Clausthal nachgelaufen«, fing die andere an.

Elisabeth nickte. »Dir ist dieses Tattoo-Magazin aus der Tasche gefallen. Ich wollte es dir hinterherbringen, aber du warst so schnell verschwunden. Ich habe es aber noch, nur gerade nicht mit. Es liegt bei mir zu Hause. Entschuldige, wie heißt du überhaupt? Ich bin Elisabeth.«

»Sabrina. Und ja, ich habe einen schnellen Fuß gemacht wegen Vinzenz und seinen Schlägern. Hab' Ärger mit denen gehabt.«

Elisabeth erinnerte sich an die Jungs, die sie kurz vor dem Mädchen beobachtet hatte. »Oh ja, ich glaube, ich habe sie auch bemerkt. Die waren ziemlich groß und kräftig.«

»Japp! Die nehmen sicher schon Steroide oder so etwas. Du scheinst ganz okay zu sein. Bock auf'n Eis? Hier ums Eck gibt es eine super Eisdiele.«

Elisabeth, die sehr neugierig auf Sabrina wurde, nickte. Sie holten sich je zwei Kugeln in der Waffel, wobei Elisabeth sich an Fruchteis hielt. Sabrina nahm Rum-Krokant und Kaffee. In der Nähe setzten sie sich auf eine Bank.

»Bist du ganz alleine in Goslar?«

»Du doch auch.«

»Nein, meine Mutter und meine Schwester sind beim Arzt und ich wollte nicht die ganze Zeit warten. Gibt es hier was anzusehen?«

»Na ja, du bist neu, ganz offensichtlich. Da wären die Touristendinge, wie Marktplatz, Bäckergildehaus, Glockenspiel, Dukatenscheißer, Kaiserpfalz, die ist sehenswert, Zwinger mit coolen Folterinstrumenten, Kunsthandwerkermarkt und noch viel mehr. Aber ich finde das inzwischen langweilig. War schon überall. Du, sag mal, kann ich mein Magazin zurückhaben? Ich habe da ein Bild ausgesucht, dass ich mir stechen lassen will.«

»Na klar. Ich glaube, das ist der Totenschädel mit den Vampirzähnen, oder? Du hast ihn eingekringelt. Erlaubt das deine Mutter denn?«

»Richtig und nein, sie ist dagegen, aber mir ist das egal. Ich mache es trotzdem. Kenne da einen Laden, der nicht fragt, ob man schon achtzehn ist.«

Sabrina blickte Elisabeth provozierend an. »Und was tust du so?«

»Äh, nicht viel. Ich mag Natur und mache etwas Sport.«

»Etwas? Du nimmst mich doch hoch. Du bist eine echte Sportskanone. Ich hatte viel Vorsprung und bin gerannt wie eine Verrückte und trotzdem hast du mich fast spielend eingeholt.«

»Du hast mich beobachtet?«

Ein etwas bedrückter Ausdruck legte sich auf Sabrinas Gesicht. »Weißt du, ich hatte mir zuerst gedacht, dass Vinzenz dich vielleicht angestiftet hat, um mich aufzustöbern. Bescheuert, ich weiß, aber ich habe vor denen echt ein bisschen Schiss. Hab' erst zu spät gemerkt, dass du mir nichts Böses wolltest.«

»Gibt es in Clausthal wirklich so viel Ärger? Ich dachte, ich hätte das seit Hannover hinter mir.«

»Du kommst aus Hannover? Geil, da gibt es voll viele Tattoo-Shops. Aber da kann ich nicht so einfach hin. Mama kauft mir immer nur die Harz-Card. Mit der komme ich nur im Harz überall hin. Wir haben nicht so viel Geld, weißt du. Wo wohnt ihr denn?«

»Es heißt Neue Mühle und liegt im Innerstetal.«

Sabrina starrte sie mit offenem Mund an. »In der Spukmühle? Megaabgefahren!«

Nun war es an Elisabeth zurück zu starren: »Spukmühle?«

»Na klar, da soll ganz früher mal irgendwo ein altes Kloster gestanden haben. Die toten Mönche sollen da heute noch rumgeistern. Völlig schräg. Ich muss dich unbedingt mal besuchen. Da soll vor ein paar Jahren mal eine Hexe gelebt haben, hat sich aber selbst erhängt. Vermutlich haben die Mönche da nachgeholfen, wenn du mich fragst.«

Elisabeth prustete los. »Du machst Scherze! Aber komm gerne vorbei. Nur erzähl meiner Mutter nichts von der Geschichte. Sie bekommt bei Spukgeschichten immer Angst und verbietet mir dann wieder irgendwas.«

Mitleid zeigte sich in Sabrinas Miene. »Scheint ja echt voll spießig zu sein, deine Ma. Meine ist ganz okay. Sie hat mir zu meinem sechzehnten Geburtstag sogar Alkohol erlaubt.« Abrupt brach sie ab, als wenn ihre Gedanken wegglitten. Sie schien mit sich zu ringen, während sie Elisabeth ganz genau musterte. »Auf welche Schule gehst du denn dann?«, wechselte sie das Thema.

»Ich soll die zehnte Klasse des Gymnasiums in Clausthal besuchen.«

»Cool, ich hoffe, du kommst in meine Klasse. Was ist dein Lieblingsfach?«

»Oh!« Elisabeth schwieg betreten.

»Na komm, irgendein Lieblingsfach hat doch jeder.«, drängelte Sabrina.

»Na ja, ich mag Sport ganz gerne, aber das ist auch schon alles.« Fast schon entschuldigend lächelte Elisabeth Sabrina an.

»Dann kannst du all das, was ich nicht kann.«

Sabrina strahlte so, dass Elisabeth schließlich lachen musste. Der Satz klang für sie komisch, gar nicht nach Angeberei, obwohl es das vielleicht doch war. Aber so, wie Sabrina es formulierte, konnte Elisabeth gar nicht böse sein.

»Weißt du, wenn du mir da helfen könntest, dann helfe ich dir in den anderen Fächern. Es gibt da etwas, weswegen ich unbedingt Sport treiben muss, aber der innere Schweinehund, du weißt schon.« Sie deutete auf ihre runden Hüften und den Bauchansatz.

Elisabeth bekam große Augen und dann nickte sie. Sie hatte vielleicht eine Freundin gefunden.

Die Mädchen machten sich auf und Sabrina führte Elisabeth überall herum, bis ihnen die Füße wehtaten. Es war herrlich, durch die schmalen Gassen zu gehen, wo die Häuser sich fast berührten, oder den Zwinger, einen alten Turm aus der Stadtmauer, zu sehen. Die Folterausstellung im Inneren sparten sie aber aus. Nicht dass sie es nicht gewollt hätten, aber irgendwann brummte Elisabeths Handy. Es war Klara, die inzwischen mit der Behandlung fertig war und ungeduldig auf ihre Schwester wartete. Also verabschiedeten sich Elisabeth und Sabrina, nicht aber, ohne vorher noch Handynummern zu tauschen.

Es gärt gewaltig


Die Ferien waren wie im Flug vergangen, so kam der Schulanfang einfach zu schnell. In der folgenden Woche Mittwoch sollte es losgehen, obwohl sie sich noch nicht ganz eingelebt hatten, weil sie einfach keine wirkliche Ruhe fanden. Wie so oft in letzter Zeit kamen die drei Wollner-Frauen aus Goslar zurück.

Klara saß schmollend auf dem Rücksitz. Sie war es leid, ständig zum Arzt zu müssen. In Hannover hatte man ihre Knochenbrüche einfach ganz normal behandelt. Aber dieser neue Hausarzt ängstigte sie mit seiner Experimentierfreudigkeit und der übermäßigen Neugier, die er ihr schenkte. Sie fand Dr. Teufels schmierig und ekelig. Außerdem hatte er so unnatürlich kalte Hände, dass Klara jedes Mal zusammenzuckte, wenn er sie anfasste. Wenn ihre Mutter nicht ständig über ihr gewacht hätte, wäre sie schon längst schreiend aus der Praxis gelaufen. Heute hatte sie wieder mehrere Behandlungen über sich ergehen lassen müssen, aber am meisten störten sie die ewigen Spritzen. Dementsprechend war sie schlecht gelaunt, schweigsam und rieb sich die schmerzende Stelle, wo sie diesmal eine Vitaminspritze bekommen hatte. Elisabeth war wieder einmal mitgefahren und hatte sich die ganze Zeit in der Stadt herumtreiben können, was Klara schlichtweg unfair fand.

Dunkle Bäume rauschten vorbei und mit jedem Schild, dass die Höhenmarkierung über dem Meeresspiegel angab, sank die Temperatur draußen weiter und weiter. Sie fröstelte und zog ihre Jacke bis zum Hals zu. Ihre Mutter fuhr heute auffallend aggressiv. Erst dachte Klara noch, dass sie sich ebenfalls über den dämlichen Arzt ärgerte, der heute wieder einmal sie für die schlechte körperliche Verfassung Klaras verantwortlich gemacht hatte. Doch dann hörte sie dem Gespräch auf den Vordersitzen genauer zu, denn da braute sich etwas ganz anderes zusammen.

»Nun sag schon. Was hast du eigentlich die ganze Zeit in der Stadt gemacht, als Klara beim Arzt war?«, verlangte Emilia von Elisabeth zu wissen.

»Ach, gar nichts«, gab diese deutlich genervt zurück.

»Für gar nichts bist du aber reichlich spät wieder auf dem Parkplatz gewesen. Hast du etwa jemanden getroffen?«

»Das geht dich überhaupt nichts an!«, blaffte Elisabeth so heftig zurück, dass ihre Mutter ihr einen schockierten Blick zuwarf.

»Aber bitte erlaube mal! Was ist denn das für ein Tonfall? Ich bin deine Mutter!«

»Na und? Ich kann mich treffen, mit wem ich will! Du musst mich nicht dauernd kontrollieren. Ich bin keine Zwölf mehr.«

»Ich kontrolliere dich doch nicht dauernd.«

»Ach nein? Jedes Mal, wenn ich von der vielen Hausarbeit, die du mir ständig aufhalst, mal eine Pause mache, willst du dann immer sofort wissen, wo ich war und was ich gemacht habe. Das geht mir so was von auf die Nerven.«

»Ich mache mir nur Sorgen.«

»Warum? Ich schufte mir den Buckel krumm, während Papa dauernd ins Institut verschwindet und Klara, die doofe Zicke, die ganze Zeit an ihrem Rechner herumhängt und nicht mal abzuwaschen braucht.«

Es traf Klara hart, wie ihre Schwester von ihr redete, und sie lief knallrot an. Wütend holte sie Luft, um sich in die Diskussion einzumischen, doch Elisabeth redete sich bereits weiter in Rage.

»Warum hältst du mich absichtlich dauernd auf Trab? Ich habe auch ein Recht zu leben.«

»Ach, Betsy, es gibt noch so viel zu tun und du bist nun mal die Einzige, die gerade verfügbar ist. Immerhin trägt Klara doch noch den Gips. Schau mal, ich arbeite doch auch ununterbrochen. Und du verdrückst dich schon reichlich oft. Warum finde ich dich eigentlich ständig bei dem Stein an der Innersten?«

»Der gefällt mir halt und ich dachte, er liegt weit genug weg vom Haus, um ein bisschen Ruhe zu haben, aber offensichtlich muss ich mir ein neues Versteck suchen. Ich habe keinen Bock mehr, jeden Abend todmüde ins Bett zu fallen. Und besuchen darf mich auch niemand.«

»Wer soll dich denn hier besuchen?«, bohrte Emilia nach, während sie endlich vor dem Haus hielt.

»Das ist meine Sache!«, fauchte Elisabeth zurück, sprang als Erste aus dem Wagen und rannte ins Haus.

Klara starrte ihr mit einer Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit nach. So kannte sie ihre Schwester gar nicht. Sicherlich hatte Elisabeth schon immer mehr Ärger mit ihrer Mutter gehabt als sie selbst, doch heute schien da noch mehr zu gären. Gab es da eventuell einen Jungen?

»Ich denke, das werden wir klären müssen. Deck bitte du heute den Tisch, Klara«, wandte sich ihre Mutter an sie und stieg aus.

Klara nickte. Das erschien heute sinnvoll. Sie humpelte ebenfalls hinein. Ihre Mutter folgte, nachdem diese das Auto zugesperrt hatte. Doch kaum, dass sie die Küche betreten hatten, ging es weiter.

»Hör auf, die Vorräte zu plündern!«, tadelte ihre Mutter Elisabeth, die bereits die Kühlschranktür aufgerissen hatte und sich etwas in den Mund stopfte.

Klara drückte sich vorbei, um aus der Schusslinie zu sein, und versuchte, den Küchentisch zu decken.

»Ach, auf einmal kannst du auch den Tisch decken. Wo hast du das denn so schnell gelernt?«, fuhr Elisabeth sie daraufhin an.

»Lass deine Schwester in Ruhe und leg die Karotte weg! Wir essen gleich alle zusammen!«

»Jetzt darf ich nicht mal etwas essen! Kriege ich gleich noch Stubenarrest? Mach doch! Dann kann ich wenigstens nicht mehr Rasen mähen oder Holz hacken!«

»So war das nicht gemeint.«

»Hast du einen Freund?«, warf Klara jetzt ihre Vermutung dazwischen, was ihr einen wütenden Blick ihrer Schwester eintrug.

»Stimmt das?«, hakte Emilia sofort mit schneidendem Tonfall und stechendem Blick nach.

Elisabeth rollte mit den Augen. »Ihr spinnt ja beide. Ich habe mich mit Sabrina getroffen, wenn ihr es unbedingt wissen wollt.«

»Etwa dieser Gothictante, von der du schon mal erzählt hast? Das hatte ich dir doch verboten. Das ist kein Umgang für dich«, ereiferte sich ihre Mutter sofort.

Klara runzelte die Stirn. Von der hatte sie noch nichts gehört. Das wurde ja immer interessanter.

»Mir bleibt ja nichts anderes übrig! Dann treffe ich Sabrina halt woanders! Nach Hause einladen darf ich sie ja nicht, weil meine Frau Mutter sie für asozial hält!«

»Unterstellung! Das habe ich nie gesagt!«, rief Emilia, die jetzt genauso wie Elisabeth knallrot anlief.

»Aber gedacht hast du es! Du kennst sie doch gar nicht richtig. Sie ist total nett. Nur weil sie auf Fantasy- und Vampirgeschichten steht ...«

Emilia baute sich vor ihrer großen Tochter auf und drohte mit dem erhobenen Zeigefinger. »Genau vor solchen Spinnereien versuche ich dich zu beschützen.«

»Das ist kein Beschützen, das ist der blanke Terror, was du mit mir machst!«

»Elisabeth Wollner, mäßige sofort deinen Ton!«, schrie Emilia.

»Den Teufel werde ich!«, brüllte Elisabeth noch lauter. »Du benimmst dich wie ein trotziges Kleinkind!«

»Ich bin kein Kleinkind mehr! Die da ist eins!« Dabei überschlug sich Elisabeths Stimme und sie pfefferte das Glas, das sie eben noch hatte auf den Tisch stellen wollen, gegen die Wand, sodass ein Schauer aus Splittern auf Klara niederregnete. Die bekam es jetzt doch mit der Angst zu tun und tauchte unter den Küchentisch ab. Sie erkannte ihre Schwester gar nicht wieder und ihre Mutter auch nicht. Tränen kullerten ihre Wangen hinab und sie begann in ihrer Verzweiflung, dazwischen zu schreien, dass Elisabeth und ihre Mutter aufhören sollten. Doch die beiden hörten nicht auf sie. Über dem Tisch ging es heftig weiter. Noch einige Minuten lang flogen wütend Sätze hin und her, dann erzitterte der Küchentisch, als Elisabeth mit einem Wutschrei dagegen trat, sodass Essen und Geschirr rings um Klara zu Boden fielen. Emilia sprang herbei, um sie aufzuhalten, doch Elisabeth stieß ihre Mutter grob zu Boden und stürmte hinaus auf ihr Zimmer.

Klara beobachtete wimmernd, wie ihre Mutter sich fluchend wie ein Kesselflicker wieder hochrappelte und die Tür der Hausapotheke aufriss. Sie griff sich mehrere Flaschen und rannte Elisabeth hinterher. Dabei knallte die Küchentür so heftig zu, dass eine weitere Flasche umkippte und herausrollte. Sie fiel und zerbrach auf dem Steinboden. Klara starrte die Medizin an, die sich auf dem Boden verteilte und mit dem Essen vermischte. Auf der Treppe polterte jemand nach oben, eine weitere Tür knallte und wurde wieder aufgerissen. Es erklang ein wütender Schrei, dann ein langgezogenes »Nein!«, das in einem gurgelnden Geräusch abbrach. Danach wurde es still, sehr still. Klara hörte auf zu schluchzen. Furcht überkam sie, eine Furcht, die tief in ihr saß. Was war nur los? Dann erklangen Schritte von draußen und jemand öffnete die Hintertür. Ihr Vater kam herein und blieb wie angewurzelt stehen.

Überdosis


»Was, um alles in der Welt, ist passiert?«, stieß Michael Wollner verwirrt hervor, als sein Blick auf das Chaos vor ihm fiel. Eine kreidebleiche Klara, die ihre Stimme noch nicht wiedergefunden hatte, zeigte nur stumm auf die Tür zum Flur. »Du rührst dich nicht von der Stelle!«, wies er sie an, aber diese hätte eh weder Kraft noch den Mut gehabt, jetzt etwas anderes zu tun, als dort sitzen zu bleiben, wo sie war. Mit wenigen Sätzen durchquerte er den Raum und verschwand in den Flur. Er eilte die Treppe nach oben, wo sich ihm ein grauenhaftes Bild bot. Elisabeth lag rücklings auf dem Boden und wurde von heftigen Krämpfen geschüttelt, die Augen wild verdreht und mit schwarzgrauem Schaum vor dem Mund. Sein Blick erfasste daneben mehrere leere Medizinflaschen.

Emilia saß zusammengekauert im Türrahmen und wimmerte immer wieder: »Ich habe sie umgebracht! Ich habe sie umgebracht!«

Einige Sekunden zögerte er, dann eilte er zu seiner Tochter und beugte sich über sie. Sie nahm ihn nicht wahr. Ihr Atem kam stoßweise durch die Nase, während der eklige Schaum ihr über die Wangen lief und herabtropfte.

»Oh, mein Gott! Emilia, wie viel hast du ihr eingeflößt?«, fuhr er erst seine Frau an, dann beugte er sich über seine Tochter. »Elisabeth, komm schon, spuck das Zeug aus!«, schrie er auf sie ein, während er versuchte, sie auf die Seite zu drehen, doch das gestaltete sich schwieriger, als er gedacht hatte. Er packte heftiger zu und schüttelte Elisabeth grob, wodurch er hoffte, sie so wieder zur Besinnung zu bekommen. Endlich erreichte er eine Reaktion, doch es war nicht die, auf die er gehofft hatte.

Ein blutunterlaufenes Auge öffnete sich, fixierte ihn kurz. Eine Hand stieß blitzartig vor und traf ihn hart vor die Brust, sodass es ihn hochhob und heftig von ihr wegschleuderte. Er krachte gegen die Wand und fiel um.

Schockiert, nach Luft röchelnd und stöhnend vor Schmerz rappelte er sich wieder auf, traute sich aber zunächst nicht noch einmal näher. Er hatte gehört, dass Epileptiker während ihrer Krämpfe sehr viel Kraft freimachten, aber diese Stärke, die er soeben bei seiner Tochter erlebt hatte, war zu verstörend. Hilflos musste er mit ansehen, wie Elisabeth sich nochmals aufbäumte und zusammenbrach, dann bewegte sie sich nicht mehr. Angst erfüllte ihn. Er krabbelte auf allen vieren näher. Von der Tür kam immer noch die wirre Stimme seiner Frau.

»Ich habe sie umgebracht!«, jammerte Emilia stetig vor sich hin.

Michael beugte sich voller Angst über Elisabeth. Zunächst konnte er nichts feststellen, weil sein eigenes Herz so hämmerte. Kein Puls, kein Atem. Ihre Adern traten stark hervor, als das Gebräu darin sich schwarz verfärbte. Starb seine Tochter wirklich gerade? Mit tränenerfüllten Augen verfolgte er, wie sich die Schwärze, einem Wurzelgeflecht gleich, immer mehr verteilte.

Minuten vergingen, in denen er mit zusammengepressten Lippen über ihr kniete. Weinend schloss er sie in die Arme und hielt sie fest. Emilia kam herübergekrabbelt und schlang schluchzend ihre Arme um sie beide. Eine Weile hockten sie so da. Das Grauen hatte sich ihrer bemächtigt.

Ein halb ersticktes Röcheln. Dann noch einmal. Ein Beben durchlief Elisabeth. Michael sah, wie von einem Moment auf den anderen die Farbe aus Elisabeths Adern verschwand.

Dann hob sich ihr Brustkorb wieder.

Er jubelte: »Sie lebt, Emilia, sie lebt!«

Nachgeschmack


Elisabeth kam erst am nächsten Morgen wieder zu sich. Ihr tat alles weh. Ihr ganzer Körper brannte. In ihrem Mund hatte sie einen faden Geschmack nach Erbrochenem. Ekelig.

Neben ihr auf der Bettkante saß ihre Mutter mit dem Rücken an die Wand gelehnt und war offensichtlich eingedöst. Sie schien viel geweint zu haben, denn ihre Augen waren tiefrot umrändert und ihr Make-up verlaufen. Was war passiert? Elisabeth konnte sich nur noch an den Streit in der Küche erinnern, der Rest war in einem undurchdringlichen Nebel verschwunden. Als sie sich aufsetzen wollte, merkte sie, dass sie die Hände nicht heben konnte. Jemand hatte sie am Bett festgebunden. Als sie sich regte, schrak ihre Mutter auf und begann gleich wieder zu weinen, diesmal vor Erleichterung.

»Mein Engel, wie gut, dass es dir wieder besser geht. Warte, ich mache dich gleich los, du hattest einen schlimmen Anfall, weißt du.«

Während Emilia eilig die Gürtel löste, die sie verwendet hatte, hörte Elisabeth die Worte, konnte sie aber nicht nachvollziehen.

»Ich erinnere mich nur, dass wir uns gezankt haben, danach ist alles weg.«

»Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ein dummer und völlig unnötiger Streit.«

»Mama, warum hast du mich ans Bett gefesselt?«, verlangte Elisabeth nun zu wissen.

»Ich habe mir so große Sorgen gemacht, dass du dich verletzen könntest. Du hast um dich geschlagen und gekrampft. Aber das ist ja nun vorbei.«

Einen Moment blickte Elisabeth ihre Mutter geistesabwesend an. Angestrengt versuchte sie, sich zu erinnern, was sonst noch passiert war. Schließlich schüttelte sie den Kopf. Es wollte ihr einfach nicht einfallen.

Ihre Mutter wechselte das Thema: »Erzähl mir doch von dieser Sabrina.«

Also berichtete Elisabeth von ihr und Emilias Miene hellte sich etwas auf. Dann ließ sie ihre Tochter im Bett zurück, um bei Sabrinas Mutter anzurufen. Eine Weile später, als Elisabeth schon fast wieder eingedöst war, kam sie zurück.

Sie wirkte deutlich erleichtert, als sie berichtete: »Ich hatte ein erstaunliches Gespräch mit Frau Schubert. Ich muss mich bei dir entschuldigen. Sabrina soll in der Schule wirklich exzellente Noten haben. Und ihre Mutter hält große Stücke auf sie und bezeichnet diesen Gothiclook ihrer Tochter als eine temporäre pubertäre Phase. Ich schlage vor, du lädst sie einmal hierher ein, wenn es dir wieder besser geht.«

Damit ging sie nach unten, um Elisabeth schlafen zu lassen, die ob dieses Einlenkens ein schwaches Lächeln zustande brachte. Sie hatte sich noch nie so matt gefühlt, doch sie wachte ständig wieder auf. Vielleicht lag es auch daran, dass sie davor so viel geschlafen hatte oder weil sich jedes Geräusch übersteuert und unnatürlich laut anhörte. Sie konnte sogar ihre Mutter die Karotten in der Küche schneiden hören, obwohl sie sich weit entfernt befand. Das stetige Schack-schack-schack dröhnte wie eine Dampframme in ihren Ohren. Die Gemüsebrühe, die ihr ihre Mutter später hochbrachte, ließ sie kalt werden, nachdem sie nur einmal daran genippt hatte. Sie schmeckte ihr zu fade.

Endlich krabbelte sie aus ihrem Bett, setzte sich ans Fenster und öffnete es weit. Die kühle Abendluft tat gut und vertrieb den Schmerz. Die Sonne ging unter, doch es blieb immer noch hell genug, um Einzelheiten zu erkennen. Die Gerüche waren herrlich. Elisabeth lehnte eine Weile am Rahmen und sog den Harz in sich auf. Ein weitentfernter Schrei einer Eule ließ sie hochschrecken. Sie bemerkte, dass sie etwas fröstelte. Deswegen ging sie zurück in ihr Bett, lies aber das Fenster offen. Wieder eingeschlafen träumte sie vom Wald.

Hexenjagd


Die anderen zwei Jägerinnen näherten sich von der gegenüberliegenden Seite. Anna Binsenkraut zog ihren Talisman heraus und schickte ein Stoßgebet zu ihrer Göttin Freya, wie sie es früher jedes Mal getan hatte, wenn sie in den Kampf zog. Es hatte ihr immer Glück gebracht und mehr als einmal das Leben gerettet. Ein Lächeln voll wilder Vorfreude huschte über ihr Gesicht, als sich ihr Puls beschleunigte. Sie würde gleich wieder jemanden zur Strecke bringen, ganz offiziell, nachdem sie es schon so lange nicht mehr hatte tun dürfen. Anna fieberte dem Kampf entgegen. Mit einem Kuss auf die winzige Darstellung einer schwer gerüsteten Frau mit Flügeln ließ sie es wieder unter ihre Kleidung gleiten. Dann schlich sie lautlos über den schmalen Trampelpfad auf das Waldhaus zu, die Augen komplett weiß, die Hände vor sich erhoben, bereit, sofort einen Angriffszauber loszulassen. Der dichte Nebel dämpfte die Sicht erheblich. Jäh hielt sie inne, als sie vor sich ein schwaches Flackern bemerkte. Nach einer eingehenden Untersuchung musste sie der Gegenspielerin unwillkürlich Respekt zollen. Eine Alarmbarriere, getarnt vor dem magischen Blick durch einen komplizierten Tarnzauber. Man konnte sie fast nicht erkennen, doch die langjährige Tätigkeit als Jägerin hatte Anna paranoid genug werden lassen und ihre Sinne waren offensichtlich noch nicht eingerostet. Wer auch immer das getan hatte, musste nicht nur eine fähige Hexe sein, sondern kannte sich auch mit den Gepflogenheiten der Jägerinnen aus. Zwei offensichtliche Barrieren hatte sie schon umgangen, die einerseits normale Menschen abhielten und ein Einfliegen verhinderten. Wer sich hier versteckte, war eine gefährliche Gegnerin.

Die Anhörung beim Rat vor einigen Tagen war beunruhigender gewesen, als Anna sich zunächst eingestehen wollte. Es war nicht nur eine Jägerin getötet worden, sondern insgesamt vier. Die erste Tote hieß Olga, eine junge blinde Hexe mit enormem Spürsinn. Ihr blankes Skelett hatte man in der Eilenriede in Hannover gefunden. Ein Suchtrupp von drei Hexen unter der Leitung ihrer alten Partnerin Lylly Urs war daraufhin ausgesandt worden und hatte eine Fährte bis in den Teutoburger Wald verfolgt, wo sie spurlos verschwanden. Man hatte einige Zeit später drei tote Frauen aus der Weser gezogen. Die Polizei glaubte an ein Badeunglück, doch Anna und der Rat wussten es besser. Jemand hatte ein komplettes Suchteam ausgelöscht. Anna erstaunte es nicht, dass man sie um Rat fragte, denn sie hatte mit Lylly jahrelang zusammengearbeitet. Diese war es auch gewesen, die von ihrer Schwangerschaft gewusst und sie gedeckt hatte. Anna schuldete ihr etwas.

Da der Rat auf sie zurückgegriffen hatte, obwohl sie eigentlich ausgestoßen worden war, zeigte ihr, wie verzweifelt dieser sein musste. Sie war sich auch sicher, dass er etwas verschwieg. Immerhin winkte die Option, wieder in den aktiven Dienst aufgenommen zu werden. Das hatte man ihr als Belohnung angeboten. Sie hatte daraufhin bei Theobald angerufen und ihm gesagt, sie müsse noch eine Woche in Berlin bleiben. Er solle so lange die Apotheke schließen und mit Herrn Zenkmann in Clausthal telefonieren, damit er den Dienst übernahm. Theobald hatte ihr alles Gute gewünscht, aber er klang eine Spur zu glücklich am Telefon. Er wurde für ihren Geschmack in der letzten Zeit zu neugierig. Ein intelligenter Sohn einer Hexe. Sie liebte ihn zwar sehr, aber er war auch der Grund, warum sie nicht mehr ihren Dienst versah. Anna hatte damals vor Erleichterung gejubelt, als ihre Mutter ihr mitgeteilt hatte, dass eine Magieuntersuchung negativ verlaufen war. Sie selbst hatte ihn später mit dem Blick gemustert, aber er verströmte keinerlei magische Aura. Und das war gut so. Die Deaktivierung und Strafversetzung in den Harz hatte sich im Nachhinein als gar nicht so schlimm herausgestellt. Sie hatte die neu gewonnene Freiheit genießen gelernt.

Doch genau jetzt, in diesem Moment, war sie wieder ganz die Jägerin und voller Spannung und Tatendrang. Der Alarmzauber zog sich um das Haus, konnte aber leicht überwunden werden, da er eher wie ein Band gewoben war. Der Tarnzauber machte ihn erst richtig gefährlich. Viele hätten ihn nach den offensichtlichen Barrieren übersehen. Anna ließ sich in einer Mulde neben dem Weg auf den Rücken hinab und rutschte vorsichtig Zentimeter für Zentimeter unter dem Flirren hindurch. Sie wagte es nicht, Magie einzusetzen, da das Brechen des Zaubers sicher sofort bemerkt werden würde. Dass sie sich dabei schmutzig machte, war ihr egal. Sie befand sich in ihrem Element.

Sie hatte es gerade geschafft, da leuchtete vor ihrem Hexenblick der Zauber auf und ein Alarm bellte los. Anna war sich absolut sicher, den Zauber nicht berührt zu haben, aber sie kam ja nicht allein. Sie stieß einen Fluch aus, sprang auf und rannte los Richtung Hintertür, während sie hastig einen magischen Schild hochzog. Vorbei war es mit ihrem Überraschungsvorteil. Eine heftige Explosion an der Vordertür und ein schmerzerfüllter Schrei verrieten ihr, dass gerade eine ihrer Mitjägerinnen schwer erwischt worden war. Sie machte sich nicht die Mühe, die Klinke zu drücken, sondern blieb kurz stehen und schleuderte aus sicherer Entfernung ihre volle magische Kraft gegen die Tür. Sie hielt einige Augenblicke länger stand, als normales Holz es vermocht hätte, aber schließlich riss sie mit lautem Krachen aus der Zarge und flog nach innen, nicht ohne hier auch unter einem Knall ein rotleuchtendes Flammenmeer zu versprühen. Höllenfeuer, schwarze Magie! Anna duckte sich unwillkürlich, doch sie stand weit genug weg, um nicht erwischt zu werden. Die Flammen brannten schnell nieder, denn sie verzehrten nur lebende Kreaturen und deren Seelen. Ihr magischer Schild hätte ihr da wenig geholfen.

Anna rückte vor, während sie in ihrer Hand einen Betäubungsball formte. Erneut legte sie all ihre Kraft hinein. Sie schleuderte ihn ins Haus. Mit einem ohrenbetäubenden Knall ging er hoch. Die Scheiben drückte es komplett nach außen und überall flogen Splitter umher. Im letzten Moment bemerkte sie aus den Augenwinkeln einen Besen, der hinauf in den wolkenverhangenen Nachthimmel rauschte, auf ihm eine Gestalt im Nachthemd und mit einer Umhängetasche. Anna schoss noch einen Zauber hinterher, aber der Besen flog zu schnell, die Wolken verschluckten ihn schon Momente später. Ihre Gegnerin war entkommen.

Erneut fluchend betrat Anna das Haus. Nach dem Betäubungsball war innen nicht mehr viel heil geblieben. Das Haus hatte im Wesentlichen aus einem Raum und einer kleinen Schlafkammer bestanden. Es gab auch noch ein Bad. Die Einrichtung erinnerte Anna an eine klassische Hexenhütte, eine wie aus einem alten Märchen. Es gab einen offenen Kamin mit einem Kessel, der auf der Seite lag. Kräuter lagen herum und Pflanzen aller Art. Ihre dritte Kollegin fand sie im Schlafzimmer im Türrahmen mit einem dampfenden Loch im Oberkörper, durch das Anna den blutverschmierten Fußboden sehen konnte. Ein Energieblitz, so vermutete Anna. Dagegen hätte der Schild geholfen.

Verdammte Amateure, mit denen man sie losgeschickt hatte, dachte Anna verdrossen. Ein Blick vor die geborstene Haustür genügte, um ihr zu zeigen, dass die andere Jägerin auch nicht mehr lebte. Es bot sich ein grässliches Bild einer verkohlten Leiche in unverbrannter Kleidung mit weit aufgerissenem Mund und hohlen Augenhöhlen. Larindra war ihr Name gewesen, soweit sich Anna erinnerte. Sie hatte vor einigen Minuten noch wunderschön ausgesehen. Dem Rat würde das gar nicht gefallen. Anna wandte sich um und durchsuchte die Hütte gründlich. Vieles war zerstört, doch in einem Rezeptbuch für Arzneien stieß sie auf einen Namen. Dr. med. Rawinda Borga. Anna Binsenkraut keuchte auf. Wenn es sich um die Borga handelte, dann hatte sie mehr als Glück gehabt, das eben zu überleben. Borga war eine Legende unter den Hexen. Anna überlegte eine Weile. Wann hatte Borga noch den Vorsitz des Hohen Rates innegehabt? Es muss zu Zeiten von Napoleon gewesen sein, aber man hatte sie wegen schwarzer Magie angeklagt und zum Tode verurteilt. Soweit die Geschichte der Hexen weiter berichtete, war Borga vor ihrer Hinrichtung geflohen und hatte den Rat verflucht. Was genau ihr Fluch aussagte, war nicht überliefert, aber seit dieser Zeit hatte der Rat in Berlin nicht mehr die Bedeutung in der Welt, die er zuvor hatte. Borga hier zu finden, kam einer Sensation gleich. Anna war sich bewusst, dass dies alle in Berlin aufschrecken würde. Doch damit sollte sich der Rat selbst herumschlagen. Sie hatte ihr Ziel erreicht und die Identität der gesuchten Hexe aufgedeckt. Mehr hatte man nicht von ihr verlangt.

Behutsam sammelte sie alle Beweise ein, die sie finden konnte. Nachher würde sie dann die ganze Hütte in Brand stecken. Kein Normalsterblicher durfte sehen, was sich hier befunden hatte.

Beim Durchsehen der Dinge im Hauptraum fand sie noch etwas Merkwürdiges. Es schien ein Splitter eines Kristalls zu sein. Da es durch die Phiolen und anderen Glasdinge abertausende Splitter gab, war es ein Wunder, dass sie diesen überhaupt fand. Er stammte von einem Bergkristall, so viel konnte sie erkennen. Seltsamerweise hatte er sich nachtschwarz verfärbt. Ein Blick in die magische Dimension enthüllte, dass er fast komplett ausgebrannt war. Als sie ihn berührte, flackerte kurz ein schwaches Bild in ihrem Geist von einem kleinen Baby auf. Ein Kribbeln jagte ihren Arm hinauf, aber das Bild verschwand sofort wieder, doch das Kribbeln blieb länger und machte ihren Arm fast taub. Das war in der Tat merkwürdig. Anna konnte sich keinen Reim darauf machen, wickelte den Kristallsplitter vorsichtig in ein Taschentuch und steckte ihn in ihre Hosentasche. In der Küche fand sie einen Kanister mit Petroleum. Sie verschüttete ihn in dem Haus. Als sie ihr Werk schließlich vollendet hatte, ging sie hinaus und zog die Jägerin, die draußen lag, auch hinein. Sie suchte die Taschen ab und fand den Autoschlüssel des Dienstwagens, der auf dem Parkplatz wartete, und nahm ihn an sich. Dann steckte sie das Haus in Brand. Ohne zurückzublicken, lief sie über den Weg zurück. In Berlin würde man große Augen machen.Das

Schulanfang


Sabrina hatte vor dem Schulgebäude, einem roten Backsteinbau, auf Elisabeth gewartet. Dankbar, dass ihre Mutter nicht mitkam, weil sie Klara begleitete, war Elisabeth auf ihre neue Freundin zugelaufen. Die Schüler strömten in kleinen Gruppen ins Gebäude. Die meisten kamen zu Fuß. Der Schulbus hielt am Busbahnhof etwa dreihundert Meter den Berg hinunter, dort wo der alte Bahnhof einst gelegen hatte. Die Schienen hatte man vor vielen Jahren entfernt. Es muss spannend gewesen sein, dachte Elisabeth bei sich, früher mit einer schnaufenden Dampflokomotive hier hinaufzufahren. Es gab im Ostharz noch einige von den Harzer Schmalspurbahnen. Die bekannteste davon schlängelte sich von Wernigerode über Schierke bis zum Brocken hinauf, aber hier in Clausthal gab es keine Schienen mehr. Schade eigentlich. Sabrina lächelte sie an.

»Bereit für deinen ersten Tag? Meine Ma hat schon mit deiner Mutter telefoniert. Du bist nach der Schule zum Spaghetti-Essen eingeladen! Vegan natürlich.« Sabrina rollte mit den Augen. »Auch wenn ich eigentlich die Thunfisch-Weißweinsoße lieber mag!«, setzte sie hinzu. »Aber Ma hat mir vorgerechnet, wie viel Kalorien weniger das sind, und ich will ja abnehmen.«

Elisabeth musterte Sabrina. Ihre Figur wirkte zugegebenermaßen recht kräftig. Sie hatte eine zerschnittene Jeans an und ein Top, das eher aussah wie ein schwarzes Spinnennetz, allerdings verschleierte es etwas Sabrinas Ausmaße. Passend dazu hatte sie schwarzen Lidschatten und dunkelroten Lippenstift aufgetragen. Elisabeth fand das Outfit cool, vielleicht deswegen, weil ihre Mutter ihr nie so etwas erlaubt hätte. Sabrina hakte sie unter und sie betraten das Gebäude. Es war viel kleiner als die Schule in Hannover mit ihren Plastikwänden und riesigen Gängen. Hier wirkte alles beschaulich. Von der zehnten Klasse gab es nur eine A und eine B. Sabrina steuerte zielsicher auf das Klassenzimmer der B zu. Einige Schüler saßen schon im Raum. Sabrina zog Elisabeth mit und setzte sich, ohne jemanden zu fragen, in die erste Reihe. Elisabeth zögerte.

»Sei nicht so schüchtern, setz dich!«

»Nun ja, ich habe noch nie in der ersten Reihe gesessen. Ich verdrücke mich meistens nach hinten!«, gab diese zu.

»Damit ist jetzt Schluss! Ich habe dir versprochen, dass ich dir helfe, und das tue ich auch. Hier vorne bekommt man alles mit und du kommst auch häufiger dran!«

Mit einem leicht verängstigten Blick setzte Elisabeth sich dann doch hin.

»Schau mal, die Grabschlampe hat eine Freundin gefunden! Heißes Gestell, wenn auch etwas dürre.« Vinzenz und seine zwei Schatten, Alim und Ojan, standen in der Tür.

Sabrina wurde vor Wut rot, was sich bei ihrer hellen Haut in tiefem Rosa zeigte. Elisabeth tat lieber so, als hätte sie es nicht gehört und suchte etwas in ihrer Tasche. Sie wusste nicht, was sie auf den Spruch erwidern sollte, und war dankbar, dass in dem Moment ein blonder Junge mit Sommersprossen sich an den Dreien vorbeischob und ebenfalls in die erste Reihe setzte, direkt neben Elisabeth auf die andere Seite des Mittelganges.

»Na, da ist ja der andere Streber! Kannst schnell laufen, Theo.« Mit höhnischem Gelächter gingen die drei zur letzten Reihe und fläzten sich hin. Alle anderen in der Klasse machten ihnen eiligst Platz.

»Hi Theo!«

»Hi Brina! Du musst die Tochter von den Wollners sein, richtig?«, Theobald sah Elisabeth erwartungsvoll an.

Elisabeth gaffte mit offenem Mund zurück und vergaß ganz, zu antworten. Sabrina sprang für sie ein.

»Ja und sie hat auch einen Namen, sie heißt Elisabeth!«

»Klar! Deine Mutter habe ich schon kennengelernt. Du hast noch eine Schwester, richtig?« Als Elisabeth immer noch nicht antwortete, ergänzte er, »Dies ist eine kleine Bergstadt. Hier bekommt man vieles mit. Dein Vater hat im Matheinstitut angefangen, oder? Bist du auch ein Mathefreak?«

Elisabeth schüttelte mit traurigem Blick den Kopf. »Genau da bin ich eine Vollniete«, räumte sie ein. Sie fand Theobald gar nicht aufdringlich. So, wie er das betonte, war es eine simple sachliche Feststellung, nicht mehr. »Aber Sabrina will mir helfen!«, verriet sie ihm gleich.

»Wenn du Fragen hast, kein Ding. Kannst mich auch immer fragen!«

»Soso, willst du etwa etwas wiedergutmachen, indem du jetzt deine Hilfe anbietest?«, funkelte Sabrina Theobald böse an.

Elisabeth wusste zwar nicht, worauf ihre Freundin anspielte, aber jetzt wurde Theobald rot und drehte sich von ihnen weg. Sabrina warf ihr einen wissenden Blick zu, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu erklären, denn jetzt betrat eine ältere Frau mit Nickelbrille und strengem Anzugskostüm das Klassenzimmer. Zu Elisabeths Verwunderung setzte schlagartig ein Gescharre von Stühlen ein, als alle Schüler gleichzeitig aufsprangen, sogar die drei in der letzten Reihe. Also tat Elisabeth es ihnen gleich.

»Guten Morgen, Frau Schramm!«, dröhnte es durch die Klasse.

Die sehr korpulente Frau stelzte auf hohen Absätzen in den Raum und stellte mit einem wohlwollenden, aber irgendwie strengen Lächeln ihre Tasche auf dem Pult direkt vor Elisabeth ab, welche erstaunt auf ihre Klassenlehrerin hinabblickte. Diese war mit Absätzen gut und gerne anderthalb Köpfe kleiner als sie und maß nur knapp über einen Meter fünfzig. Aber das täuschte über ihre wahre Größe hinweg, denn die Klasse spurte sofort. Mit dieser Frau war sicher nicht gut Kirschen essen, wenn man ihr in die Quere kam, vermutete Elisabeth.

»Guten Morgen, neue Zehn B!«, trällerte es der Klasse in einer tiefen Altstimme entgegen. »Wie ich sehe, haben alle die schulfreie Zeit gut überstanden und auch diejenigen, die hart um die Versetzung in den nächsten Jahrgang kämpfen mussten, haben den Klassenraum ebenfalls wiedergefunden!«

Dabei stach ihr Blick, der nun kaum noch etwas von dem Lächeln zeigte, an allen anderen Schülern vorbei direkt auf die letzte Reihe. Dann wandte sie sich wieder nach vorn.

»Sabrina, meine Liebe, ich sehe, dass dein Kleidungsgeschmack sich nicht gebessert hat, was ich sehr bedauere. Wir haben auch einen Neuzugang aus Hannover, Elisabeth Wollner! Willkommen! Ich sehe, dass du ordentlich Nachholbedarf hast.« Sie warf kurz einen Blick in eine Mappe, die sie mit einer flüssigen Bewegung aus ihrer Tasche gezogen hatte, »Aber ich stelle fest, dass du dich verbessern willst. Dafür hast du dich genau an die richtige Stelle gesetzt. Wenn du fleißig bist, werden wir das schon hinbekommen! Ach, ein Lichtblick in Sport sehe ich. Nun, das ist nicht mein Fach, aber irgendeine Schwäche hat vermutlich jeder. Auf jeden Fall sind wir mit dir wieder zwanzig Schüler, nachdem Peter Jannes uns leider verlassen hat.« Zur Klasse gewandt ergänzte sie noch: »Dieses Jahr haben wir auch einen neuen Lehrer an der Schule. Ihr werdet ihn in Geschichte und Sport haben. Herr Burglos ist viel herumgereist und wird sicherlich mit einer ganzen Reihe von interessanten Begebenheiten den Unterricht auflockern können.« Es klang, als wäre das etwas Schlechtes. Frau Schramms Abneigung gegen den neuen Lehrer triefte förmlich aus ihren Sätzen.

»Ihr sollt euch wegen der AGs bis zur sechsten Stunde vor dem Sekretariat in die Listen eintragen. Jeder muss mindestens zwei AGs wählen. Nun denn, lasst uns anfangen! Der neue Stundenplan ...« Sie öffnete die Tafel und alle setzten sich hastig, um ihn abzuschreiben.

Elisabeth merkte schnell, dass die Klasse Frau Schramm nur ein Theater braver Schüler vorspielte. Unter den Bankreihen wurden Zettel getauscht und hinter ihrem Rücken wilde Grimassen geschnitten. Sabrina und Theobald machten eifrig im Englischunterricht mit und Elisabeth erkannte, dass es durchaus ein Vorteil war, wenn die Klasse einem nicht direkt ins Gesicht schauen konnte. Beeinflusst von beiden meldete sie sich auch einmal mit und kam prompt dran. Als ihre Antwort Frau Schramm zufrieden stellte, knuffte ihr Sabrina aufmunternd in die Seite. So schlecht fing es doch gar nicht an.

In der Pause nach der zweiten Stunde strömten die Schüler in die Aula. Am Schwarzen Brett vor dem Sekretariat hingen die AG-Listen aus. Viele hatten sich schon eingetragen.

»Du sollst doch abnehmen, hat deine Mama gesagt«, fing Elisabeth an, als sie eine Liste sah, in der erst wenige Einträge standen und über welcher der Titel Fit in allen Belangen prangte.

»Ja schon«, sagte Sabrina, »aber ich will weiter die Astronomie belegen bei Grobber. Da lernt man viel über Sterne.«

»Gut, dann trag mich auch da mit ein, aber es sieht schon voll aus.«

Sabrina zog einen Kugelschreiber aus der Tasche und trug sich und Elisabeth in die Liste für Astronomie mit ein, obwohl die Plätze bereits voll waren.

Das blanke Entsetzen spiegelte sich in ihrem Gesicht, als Elisabeth dies auch für die Sport AG tat.

»He, was soll das denn? Ich habe uns doch gerade in Astronomie eingetragen«, meuterte Sabrina.

Elisabeth grinste. »Ja schon, aber wir müssen immer zwei Kurse angeben, oder? Und in diesem Kurs sind erst sechs andere Leute drin. Ich wette, der wird es. Du willst doch fit werden, oder?«

Nun sah Sabrina auch hin. »Bist du völlig übergeschnappt? Da stehen unsere drei Schuldeppen auch drin. Ich mach doch keinen Kurs mit denen.«

»Komm schon«, animierte Elisabeth sie. »Du hilfst mir, schlau zu werden, und ich helfe dir, fit zu werden.«

Bevor Sabrina, die inzwischen sauer wurde, sich an Elisabeth vorbeidrängeln konnte, um ihren Namen durchzustreichen, schob sich jemand anderes vor und trug sich ebenfalls ein.

»Theo? Du auch?«

Der Apothekersohn drehte sich zu ihnen um. »Wenn ihr euch traut, dann ich auch. Was sagt ihr, wollen wir endlich unseren Ruf als Streber ablegen?«

Sabrina blickte Theobald mit derart verdattertem Gesicht an, dass Elisabeth losprusten musste. »Ich glaube, das liegt an mir«, stieß sie dann hervor. »Kaum da und schon bringe ich alles durcheinander. Aber wenn ihr beiden auch mitmacht, dann werden wir es denen schon zeigen.«

Negersprung im Nebel


Die Schule gefiel Elisabeth immer besser. Seit Beginn des Schuljahres hatte ihre Mutter sie endlich in Ruhe gelassen. Während sie die ersten Dehnübungen machte, die anderen in Grüppchen zusammenstanden und schwatzten, betrat Manfred Burglos die Sporthalle. Etwa einen Meter achtzig groß, sonnengebräunt und durchtrainiert wie ein Zehnkämpfer. Den Mienen ihrer Mitschülerinnen sah Elisabeth überdeutlich an, dass dieser Lehrer zum Schwarm aller Mädchen werden würde. Burglos lächelte strahlend in die Runde und Annabell aus der zweiten Reihe machte Anstalten, in Ohnmacht zu fallen. Der Sportlehrer zog das Tor zum Geräteraum auf und warf die Medizinbälle heraus.

»Werfen und Fangen! Teilt euch in Zweier- und Dreierteams auf!«, rief er in die Runde und klatschte auffordernd in die Hände.

Besonders die Mädchen kamen seiner Forderung erstaunlich fix und mit Feuereifer nach, was Elisabeth ebenso amüsiert bemerkte wie Sabrina und Theobald. Während Burglos durch die Halle ging, um hier und da Anweisungen zu geben, beobachtete Elisabeth, wie Annabell dem Sportlehrer auf den Hintern schaute. Als deren Freundin Beate ihr den Ball zuwarf, bekam Annabell ihn prompt an den Kopf und ging zu Boden.

»Ist die jetzt echt weggetreten oder wartet sie auf eine Mund-zu-Mund-Beatmung durch Burglos?«, ätzte Sabrina. Theobald und Elisabeth brachen in prustendes Gelächter aus, während Manfred Burglos Annabell auf die Beine half und sie zur Erholung nach draußen schickte. Für die anderen ging es weiter.

Sabrina, die mit Elisabeth übte, konnte schlecht werfen, war aber richtig gut im Fangen, doch sie schnaufte wie eine Dampflok und schwitzte nach kurzer Zeit überall. Elisabeth nicht. Sie tänzelte während des Werfens und Fangens immer hin und her und fing jeden Ball mit Leichtigkeit. Plötzlich klopfte ihr Manfred Burglos anerkennend auf die Schulter.

»Du bist die Neue aus Hannover? Elisabeth, richtig?«

Prompt ließ sie den Ball, den sie gerade gefangen hatte, fallen. Sie lächelte verlegen und nickte. Mehr brachte sie nicht hervor. Manfred Burglos stand direkt neben ihr, während sein muskulöser Körper sich gut unter dem knapp sitzenden Muskelshirt abzeichnete. Ihr wurde heiß. Betreten hob sie den Ball wieder auf.

»Du hast eine exzellente Beinarbeit. Spielst du Basketball oder Handball?«

»Nein, ich laufe eigentlich nur«, konnte sie schließlich antworten.

»Dann bist du ein Naturtalent. Du hast immer volle Kontrolle über deinen Schwerpunkt und extrem gute Reflexe. Ich habe gesehen, dass du in meiner AG bist. Deine Partnerin ist wohl Sabrina, die Schlauste, wenn man den anderen Lehrern glauben darf. Ich finde es toll, dass du mit ihr trainierst. Deine Freundin, hmmm? Ich freue mich schon auf den Kurs mit euch.« Dann setzte er hinzu: »Übrigens wenn du läufst ... wir wollen dieses Jahr mit dem Kurs am Harzlauf teilnehmen. Ich zähle auf dich!« Damit wandte er sich ab und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen.

»Wenn du mich fragst, hat der Burglos dich gerade richtig lange in Beschlag genommen. Was wollte er?«, quatschte Sabrina sie sofort an, als er wegging.

Elisabeth blickte ihre Freundin an, dann grinste sie. »Nun, er findet, ich sei ein Naturtalent. Astronomie kannst du dieses Jahr ganz sicher vergessen. Ich wette, wir sind in seinem Kurs.«

Bei dem Gedanken daran, wie Sabrinas Gesicht ausgesehen hatte, musste Elisabeth im Auto viel später erneut breit lächeln, als sie vom Einkaufen zurückfuhren. Es war eine Mischung aus Schock und ungläubigem Staunen gewesen. Der Nebel war dick wie Suppe, als sie von Osterode nach Clausthal hochfuhren. Ihre Mutter starrte sichtlich angestrengt in die Dämmerung, während Elisabeth gelangweilt aus dem Seitenfenster schaute. Sie träumte vor sich hin.

In der letzten Nacht war etwas Komisches passiert. Elisabeth war gegen Mitternacht schlagartig wach geworden und hatte am ganzen Körper ein Brennen gespürt. Hilfesuchend war sie schließlich zu ihrer Mutter gegangen und hatte sie geweckt. Die Reaktion war ernüchternd gewesen. Ihre Mutter hatte ihr gleich drei Esslöffel voll von dem Trank gegeben und seitdem das Prozedere morgens, mittags und abends wiederholt. Das Kribbeln war zwar verschwunden, aber Elisabeth hatte stattdessen komisch geträumt. Irgendwie kam immer ein Wald darin vor und meistens lief sie.

Die höhere Dosis, die sie nun zu sich nehmen musste, hatte alle Vorräte schnell aufgebraucht. Ihre Mutter hatte Elisabeth diesen Samstag kurzerhand mitgenommen, als sie nach Osterode zur Apotheke fuhr. Der Frage, warum sie nicht in Clausthal oder Zellerfeld einkaufe, wo doch Theobalds Mutter die Apotheke führte, wie Elisabeth inzwischen wusste, war ihre Mutter ausgewichen. Es erstaunte sie, dass ihre Mutter den Trank inzwischen alleine ohne Frau Dr. Borga zubereiten konnte. Bei dem Gedanken daran kam Elisabeth das belauschte Gespräch wieder in den Sinn. Vor was waren sie nun wirklich geflohen? Immerhin hatte sich viel seit diesem denkwürdigen Tag ereignet und Elisabeth hatte das Gespräch fast vergessen. Doch nun wurde es wieder präsent. Der Apotheker hatte sichtlich die Stirn gerunzelt, als er ihrer Mutter die Bestellung aushändigte, aber er hatte keine unangenehmen Fragen gestellt. Dann hatten sie noch etwas getrunken und einen Spaziergang durch die Innenstadt gemacht.

Sie näherten sich der letzten Kurve vor der Abzweigung zur Innerste, als der Nebel noch dichter wurde. Die Kurve, so hatte Elisabeth von Theobald gehört, hieß bei den Einheimischen politisch unkorrekt Negersprung, weil angeblich vor zig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein schwarzer amerikanischer Soldat und ein paar Kameraden mit einem Armeejeep mit Vollgas direkt in den Abgrund gerast waren. Danach hatte sich dieser umgangssprachliche Ausdruck eingebürgert. Ob das stimmte, wusste sie nicht, aber es klang gefährlich.

Emilia Wollner schaltete noch einen Gang herunter und starrte angestrengt über das Lenkrad. Es war gespenstisch und der Nebel schien das Licht zu blocken. Plötzlich fiel eine große Gestalt von der Böschung direkt vor den Wagen. Elisabeth sah eine Art riesigen grauen Wolf im Scheinwerferlicht landen. Sie fuhren immer noch zu schnell. Ihre Mutter hätte bremsen müssen, doch diese stieß im Angesicht der Gestalt nur einen schrillen, angsterfüllten Schrei aus und riss die Arme vor die Augen. Das Wesen starrte in die Scheinwerfer.

Der Aufprall folgte nur Bruchteile von Sekunden später. Der riesige Wolf wurde vom Auto erfasst, über die Motorhaube sowie das Dach geschleudert und verschwand über die Seitenleitplanke im Abgrund. Erst jetzt bremste Frau Wollner den Wagen ab, der daraufhin ins Schleudern kam, weil sie das Lenkrad losgelassen hatte. Elisabeth griff geistesgegenwärtig zu und hielt es gerade. Mit quietschenden Reifen kam das Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn, keine Handbreit von der Leitplanke entfernt, zum Stehen.

Emilia Wollner griff jetzt wieder zum Lenkrad, als wolle sie es zerquetschen. Sie schien der Ohnmacht nahe und war kreidebleich. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten, vergingen, ohne dass jemand etwas sagte.

Elisabeth, die ebenfalls geschockt war, fand ihre Stimme als Erste wieder. »War das ein Wolf? Wir haben ihn angefahren. Mama, was machen wir denn jetzt?« Als diese immer noch nicht antwortete, machte Elisabeth Anstalten, auszusteigen.

Das riss ihre Mutter aus der Trance. Mit ungewöhnlich hoher Stimme kreischte sie: »Nein! Unter keinen Umständen! Bleib, wo du bist! Es ist zu gefährlich. Wir müssen hier weg.«

»Aber Mama, das Tier ist sicher schwer verletzt. Wir sollten Hilfe holen und das melden! Wölfe stehen unter Naturschutz.«

Plötzlich kehrte da eine Spur des ärgerlichen Funkelns in die Augen ihrer Mutter zurück, während sie hektisch versuchte, den Motor wieder zu starten. Ihre nächsten Worte ließen keine Zweifel zu. »Du hörst auf das, was ich sage! Wir müssen hier weg, und zwar schnell!«

Endlich sprang der Motor wieder an und Emilia Wollner fuhr los, so schnell sie konnte. Auf dem Rest der Fahrt hatte Elisabeth noch viel mehr Angst als eben. Ihre Mutter sauste waghalsig in die Abzweigung und dann ohne Rücksicht auf mögliche entgegenkommende Autos die schmale Straße an der Innerste hinunter. Sie hielt mit einer Vollbremsung vor dem Haus. Elisabeth ließ sich ins Haus scheuchen, blieb aber verdattert im Wohnzimmer stehen. Ihre Mutter schloss hastig die Tür und schob die Riegel vor. Erst als alles geschlossen war, griff sich Emilia Wollner eine Flasche Harzer Grubenlicht, die ihr Mann als Willkommensgeschenk von der Fakultät bekommen hatte, ließ sich auf die Couch fallen und nahm mehrere tiefe Schlucke. Dann brach sie in stummes Weinen aus, dass die Tränen nur so herabliefen.

Elisabeth stand immer noch hilflos keine drei Meter neben ihr und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihre Mutter hatte einen riesigen Schock und sie hatte vor etwas Angst. Der Wolf konnte es sicher nicht gewesen sein, grübelte Elisabeth, der lag vermutlich halbtot unten am Hang und starb gerade. Doch die Reaktion ihrer Mutter ließ sie vermuten, dass diese nicht davon ausging. Der Wolf war wirklich richtig groß gewesen, aber da Elisabeth noch nie Wölfe in freier Wildbahn gesehen hatte, hatte sie keinen Vergleich. Vermutlich hatte der Nebel ihnen auch einen gewaltigen Streich gespielt, in dem er die Umrisse vage und größer gezeichnet hatte. Vielleicht war jetzt die Gelegenheit, etwas mehr aus ihrer Mutter herauszubekommen. Auf jeden Fall wollte Elisabeth sie trösten. Sie ging zu ihr und berührte sie sacht am Arm.

Emilia fuhr zusammen und wischte sich die Tränen weg. »Ach, du bist ja noch da, ich … ich bin nur so fertig, weißt du. Ich habe noch nie ein Tier angefahren. Das ist schrecklich!«

»Mama, du konntest nichts dafür! Der Wolf ist uns quasi direkt vor die Motorhaube gesprungen!«

Beim Wort Wolf zuckte Frau Wollner erneut zusammen. Das kam Elisabeth komisch vor. Irgendetwas verbarg ihre Mutter vor ihr. Sie setzte sich neben sie und schlang ihre Arme um sie.

»Mama, das wird schon wieder. Ich bin ja bei dir.«

Emilia Wollner hing wie ein Häufchen Elend in ihren Armen. »Ja, du bist bei mir und ich bin an allem schuld, nur ich allein! Ich zahle jetzt für alles, was ich getan habe.« Erneut schüttelte ein heftiger Schluchzer sie durch, dann nahm sie noch einen Schluck. Die Flasche war bereits halb leer.

»Woran bist du schuld?«, bohrte Elisabeth vorsichtig nach.

Da stellte ihre Mutter endlich die Flasche weg und nahm das Gesicht ihrer Tochter liebevoll in beide Hände.

»Du musst nur so viel wissen: Ich liebe dich über alles und ich werde dich immer beschützen. Ich habe meine Entscheidung getroffen und jetzt gibt es kein Zurück mehr. Du musst mir einfach nur vertrauen.«

Elisabeth runzelte die Stirn, nickte aber, um zu verstehen zu geben, dass sie gehört und verstanden hatte, obwohl das gerade eben mehr Fragen aufwarf, als es beantwortete. Sie bekam noch einen Kuss auf die Stirn, der ihr sagte, dass sie heute nicht mehr erfahren würde.

Verwirrt ging sie ins Bett. Sie träumte von dem Unfall in dieser Nacht, nur diesmal hielt der Wolf einen Zettel in die Scheinwerfer mit der Aufschrift: Du wirst bezahlen! Die Rache kommt!

Schweißgebadet wachte Elisabeth auf und verspürte wieder das Kribbeln in ihrem Körper. Ein neuer Anfall drohte. Vorsichtig schlich sie in die Küche und nahm einen kräftigen Schluck aus der letzten Flasche. Die Zutaten für den neuen Trank hatten sie ja erst frisch gekauft. Ein leichtes Klirren aus dem Wohnzimmer ließ sie aufschrecken. War jemand eingedrungen? Sie griff sich das Nudelholz und schlich vorsichtig ins Wohnzimmer, in dem noch Licht brannte. Ihre Mutter lag auf der Couch. Die leere Flasche war wohl gerade zu Boden gefallen und hatte das Geräusch verursacht. Besorgt nahm Elisabeth eine Decke und deckte ihre Mutter zu.

In diesem Moment fasste sie einen Entschluss. Sie würde nachsehen, ob der Wolf wirklich tot war. Wenn nicht, würde sich vielleicht ihre Mutter wieder beruhigen. Und sie hatte auch schon eine Idee, wie sie es anstellen würde. Zu fragen hatte keinen Zweck. Gleich morgen würde sie Sabrina zu einem Trainingslauf einladen.

Laufen für Fortgeschrittene


Elisabeth stöhnte auf, als nicht Sabrina, sondern Theobald ihr die Tür öffnete. Irgendwie kam sie sich übergangen vor, denn auch er trug bereits Laufklamotten.

»Hi, Sabrina hat mir Bescheid gesagt, dass wir heute Laufen üben. Finde ich cool, dass du es so ernst nimmst. Ich komme mit, da kann ich bestimmt auch was von dir lernen.«

Elisabeth erwiderte den Gruß nur mit einem Nicken und schlüpfte an ihm vorbei. Doch sie konnte Sabrina nicht allein erwischen. Ihre Freundin saß auf der Treppe und kämpfte sich in alte Turnschuhe.

»Hallo Elisabeth, ich dachte mir, dass wir am besten noch jemanden mitnehmen, falls ihr mich zurücktragen müsst.« Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande, beugte sich dann aber gleich wieder zu ihren Schuhen hinunter und fluchte. »Verdammt, die haben doch mal gepasst!«

Ihre Mutter schaute aus der Küche und feixte: »Und das ist noch gar nicht so lange her, etwa vor zehn Kilo.«

»Mama!«, gab Sabrina zurück und warf einen Schuh nach ihr, verfehlte diese aber weit. Elisabeth machte einen Satz und fing ihn auf. Als sie ihn ihr zurückgab, wirkte Sabrina sehr geknickt. »Sie hat ja recht, aber es zu hören, tut weh.«

Endlich waren die Turnschuhe geschnürt und es ging vor die Haustür, Elisabeth hüpfte vorweg und machte ein paar Dehnübungen. Erst nach einigen Momenten wunderte sie sich, wo die anderen beiden blieben. Sie kamen nach kurzen Augenblicken zwischen den Häusern aus einer Nische heraus. Elisabeth hob eine Augenbraue. Da stimmte etwas nicht. Und richtig, sie sah noch im letzten Moment, wie Theobald eine kleine Flasche wegsteckte. Fast so eine, wie sie in ihrer Notfalltasche hatte, die sie immer bei sich trug.

»Was habt ihr da gemacht?«, wollte sie wissen.

Sabrina schwieg betreten, doch Theobald strahlte sie an.

»Egal, du kannst es ruhig wissen. Ich kenne mich doch mit Kräutern und so aus und meine Mutter arbeitet in der Apotheke. Da habe ich ein paar kräftigende Sachen zusammengerührt – als Stärkung, damit wir mit dir mithalten können.«

»Ihr habt euch gedopt?« Elisabeth konnte es nicht fassen. »Ich meine, ihr habt doch noch nicht mal angefangen.«

»Lass gut sein, Elle!«, wehrte Sabrina ab. »Ich bin mir völlig im Klaren, dass ich hier schummle, aber ohne trau ich mich einfach nicht. Theo hat das Zeug auf dem Weg hierher schon ausprobiert. Wenn jemand zuerst blau anläuft und umkippt, dann er. Lass uns loslaufen, sonst verpufft die Wirkung wieder.« Und damit trabte sie den Zellbach hoch an einer immer noch erstaunten Elisabeth vorbei, Theobald folgte ihr und grinste dabei siegessicher.

Das legte in Elisabeth einen Schalter um. Sie joggte hinterher, musste jedoch schnell feststellen, dass die beiden trotz ihrer Unsportlichkeit ein hohes Tempo vorlegten, doch sie holte locker zu ihnen auf. Sabrina und Theobald liefen nicht über den Kronenplatz, sondern runter zur Robert-Koch-Straße und von dort über die Erzstraße durch das Unigelände, wo sich Elisabeth nach vorne setzte und die Führung übernahm.

Einige Studenten gingen gerade mit Heftern unter dem Arm zu einem Hörsaalgebäude, unter ihnen auch zwei Typen mit Bergstiefeln, einer davon mit einem Lederhut. Als die drei vorbeiliefen, pfiff ihnen der andere hinterher.

»Das galt dir«, schnaufte Sabrina sie an und sah sich kurz um. Elisabeth schnaubte nur und steigerte das Tempo, dass die anderen beiden kaum noch folgen konnten. Erst oben am Schlagbaum, als sie auf den Weg entlang der Bundesstraße einschwenkten, wurde sie etwas langsamer.

Sabrina schloss auf und versuchte zu erklären: »Ich habe Theo gesagt, dass du die Stelle untersuchen willst, wo ihr den Wolf gerammt habt. Ich hoffe, du verzeihst mir das.«

»Na ja, irgendwie schon. Ich finde gut, dass ihr mitkommt, obwohl ich das Dopen immer noch unfair finde.«

Nun meldete sich Theobald zu Wort. »Unfair? Ich bin an meiner Leistungsgrenze und das mit dem Booster. Und du keuchst noch nicht mal. Bist du so ein Laufwunderkind?«

Unwillkürlich musste Elisabeth lachen. »Nein, ich bin schon immer gerne gelaufen. Ich brauche das einfach, dann geht es mir gut.«

»Ich frage mich, wie schnell du wärst, wenn ich dir auch was von meinem Kräuterbooster gäbe?« Auf ihren scharfen Blick hin setzte er schnell hinzu: »Der ist rein bio! Nur beste Zutaten.«

Er machte dazu ein zwar etwas gerötetes aber unschuldiges Gesicht, dennoch war Elisabeth skeptisch. »Ich weiß nicht, ob sich das mit meiner Medizin verträgt.«.

»Ist die in der kleinen Flasche, von der du manchmal nach dem Sport nippst?«

»Woher weißt du das?« Elisabeth fühlte sich ertappt.

»Ich habe Augen im Kopf und ich bin der Sohn der Apothekerin. Außerdem hat deine Mutter einmal nachts bei uns Zutaten eingekauft und mir eine dicke Lügengeschichte aufgetischt, von wegen eigenes Blattläusemittel. Wenn sie ein anderer Typ wäre, hätte ich aufgrund der Zutaten getippt, dass sie eine ganze Mannschaft damit umbringen will.«

Jetzt blieb Elisabeth abrupt stehen und blickte Theobald völlig entgeistert an. »Was? Du musst dich irren!«

Sabrina, die ein paar Meter zurückgefallen war, hatte das Gespräch nicht mit angehört, kam jetzt aber auch heran.

»Hör mal, ich helfe schon seit Jahren in der Apotheke immer wieder aus. Sie hat Unmengen an Silbernitrat, Eisenhut und anderen Zutaten gekauft. Bei einigen davon würde schon eine Messerspitze reichen, um ein Pferd zu töten. Eigentlich dürfte ich dir das ja gar nicht sagen, aber da wir Freunde sind …«, rechtfertigte sich Theobald.

Sabrina blickte die anderen beiden an. »Was macht ihr denn mit den Dingen, die deine Mutter gekauft hat?«

Als Elisabeth zwischen beiden hin und her starrte, sah sie in zwei neugierige Gesichter. Es drängte sie, ehrlich zu sein, doch alleine wollte sie sich auch nicht öffnen. Sie hatte hier in Clausthal schnell zwei Freunde gefunden und wollte diese nicht gleich wieder verlieren.

»Ihr müsst mir schwören, dass ihr ein Geheimnis bewahren könnt! Und als Pfand will ich, dass ihr mir auch von euch ein Geheimnis verratet.«

Plötzlich wirkten beide seltsam betreten.

Schließlich meinte Theobald: »Okay, das ist nur fair, aber ich gebe nur ein gleichwertiges Geheimnis preis. Ist das akzeptabel für dich?«

Elisabeth überlegte noch, als Sabrina ihn verwundert ansah und von ihm wissen wollte, wie viele Geheimnisse er denn so habe. Schließlich gaben sich alle zusammen die Hand. Sabrina bestand sogar darauf, dass sie vorher noch hinein spuckten. Auch wenn sie das eklig fand, stimmte Elisabeth zu. Ihre Übereinkunft hatte fast schon etwas von einem Geheimbund.

»Ok, ich fang wohl an!«, sagte Elisabeth dann. »Ich leide an einer seltenen Krankheit, bei der schwere Krämpfe meinen Körper überfallen, ein bisschen so wie Epilepsie, aber es kommt immer, wenn ich mich zu sehr aufrege oder tierisches Eiweiß esse. Deswegen bin ich ja Veganerin. Ich bekomme dagegen eine Medizin, die früher unsere Hausärztin hergestellt hat und jetzt meine Mutter. Da ist dieses Silberdings und der andere Kram drin, aber nur so viel, dass es die Krämpfe löst. Ich muss ständig eine Flasche bei mir haben, sonst könnte ich sterben. So, nun ist es raus.« Zum Beweis holte sie ihre Flasche hervor und zeigte sie den anderen.

Sabrina war sprachlos.

Theobald pfiff durch die Zähne. »Voll abgefahren!«

Sabrina seufzte. Dann sagte sie: »Ich weiß nicht, ob das gleichwertig ist, aber ich habe von einer alten Dame die Handschuhe auf dem Friedhof ... äh ... gefunden und mitgenommen. Und als die drei Deppen mich an dem Tag eingeholt hatten, als du …«, sie fixierte Theobald, »so schnell abgehauen bist, haben sie mich umgeschubst, und ich habe dann Vinzenz und Ojan in die Klöten getreten, dass es geknackt hat. Aber Alim habe ich nur mit den Handschuhen am Kopf berührt und er hat geschrien wie am Spieß. So bin ich denen entkommen.«

Elisabeth blickte sie halb bewundernd, halb irritiert an. »Vielleicht hatte er schon Zahnschmerzen und du hast den wunden Punkt erwischt.«

»Nein, es war, als hätte er plötzlich Todesangst. Ich habe die Handschuhe zu Hause. Ich kann sie euch zeigen, wenn ich zurück bin.«

Theobald überlegte lange. Die Mädchen wurden schon beide ungeduldig, dann seufzte er schwer.

»Okay, wir haben es geschworen, also dann komme jetzt ich. Ich klaue manchmal Dinge aus der Apotheke, um selbst zu experimentieren. Will später auch mal so etwas machen. Aber damit meine Ma das nicht mitbekommt, habe ich die Kellerwand zum baufälligen Nachbarhaus aufgestemmt und mir dort ein geheimes Versuchslabor eingerichtet.«

Die Mädchen starrten Theobald gleichermaßen verblüfft an.

Sabrina knuffte ihn verschwörerisch in die Seite. »Dass du irgendwie herumexperimentierst, habe ich mir schon lange gedacht, weil deine Versuchsbeschreibungen in Chemie immer so klingen, als wenn du sie nicht abgelesen, sondern selbst erlebt hast. Aber das mit dem Keller ist wirklich die Wucht. Cool. Dürfen wir das mal sehen?«

Theobald schien jetzt doch nervös.

»Komm, meinen Trank habe ich dir auch gezeigt!«, setzte Elisabeth hinzu.

Widerstrebend antwortete Theobald: »Worauf habe ich mich hier nur eingelassen? Okay, aber ich brauche Vorbereitung und meine Ma darf nicht da sein!«

»Mann, bin ich erleichtert«, sprach Elisabeth aus, was anscheinend auch die anderen dachten. »Ich dachte, ich bin der einzige Freak, aber jetzt habe ich zwei Freunde, die mindestens genau solche Freaks wie ich sind!«

Zusammen gingen sie schweigend weiter, jeder in sich gekehrt. Es begann zu regnen, aber das störte sie nicht. Es war nun nicht mehr weit zum Negersprung. Sabrina verkündete, sie sei inzwischen doch zu kaputt, um den Abhang mit hinunterzuklettern. Sie setzte sich oben auf einen abgesägten Baumstumpf und fragte bei Theobald um Nachschub an, doch der lehnte ab wegen der Gefahr der Überdosierung, wie er sich ausdrückte. Mit Elisabeth stieg er den Hang hinab.

Der Mann hielt reglos inne. Er hatte alle Spuren beseitigt, und er war gut darin. Nichts entging seinen scharfen Augen und der feinen Nase. Ein paar junge Büsche musste er sogar ganz ausreißen und den Boden festdrücken, damit man nicht erkannte, dass jemand hineingekracht war. Das Fell an der oberen Leitplanke hatte er bis aufs letzte Haar entfernt und sie wieder gerade gebogen. Doch jetzt tauchten diese Jugendlichen auf. Zwei von ihnen kamen nun auch noch den Hang hinunter, genau auf die letzte Stelle zu, wo er das Blut noch nicht beseitigt hatte. Verdammte Giulia. Sie machte immer nur Schwierigkeiten und er musste sich um die Beseitigung kümmern. Schlimm genug, dass sie Wild und Schafe riss, aber sich auf der Straße anfahren zu lassen, machte riesige Probleme. Der Wagen hatte sicher ordentliche Dellen. Er hoffte nur, dass der Fahrer im Nebel nicht genug erkannt hatte. Wenn man keine Haare oder Spuren fand, würde die Versicherung zwar nicht zahlen, aber das war egal. Ohne Beweise würde die Presse es nicht drucken und nur darauf kam es an.

»Genau hier muss er hinuntergerollt sein. Hier müssten Äste abgeknickt sein und so, aber ich finde nichts«, hörte er das gertenschlanke, fast schon dürre Mädchen sagen. Sie blieb stehen, während der Junge langsam aufschloss.

»Wie sah der Wolf denn genau aus?«, fragte dieser.

»Es war nebelig, aber ich glaube, er hatte fast ausschließlich graues Fell. Und riesig ist er mir erschienen, fast wie ein Pony. Es hat auch richtig heftig gekracht, als unser Passat ihn gerammt hat. Mama war völlig fertig.«

Der Mann zog die Luft durch die Zähne. Verdammt! Eine Fahrerin und eine Beifahrerin. Zwei Zeugen! So etwas durfte nicht passieren. Ein einsamer Fahrer in der Nacht ließ sich leichter dementieren als zwei Frauen. Und dieses Mädchen hatte genau beobachtet, sie war sogar hergekommen, um nach dem Wolf zu suchen. Er musste sich etwas einfallen lassen.

Elisabeth starrte in das Dickicht unter ihr.

»Ich verstehe das nicht. Er kann nur hier irgendwo hinuntergerollt sein. Es sollte doch irgendwelche Spuren geben.«

Theobald hatte sie endlich eingeholt. »Möglicherweise ist er dort ganz ins Dickicht hineingerutscht. Spuren sehe ich aber auch keine. Vielleicht ginge es schneller, wenn wir nicht mit angezogener Handbremse suchten.«

Elisabeth schaute ihn fragend an.

»Nun, mein kleiner Helfer aktiviert deine volle Leistungsfähigkeit. Auf einen Versuch käme es an.« Er zog seine Flasche aus der Tasche und nahm einen Schluck und hielt sie Elisabeth hin. »Bei dem Zeug, was du sonst in dich hineinschüttest, ist das noch harmlos!«

Erst zögerte sie kurz, dann nahm sie einen Schluck. Zunächst passierte nichts, dann hatte sie das Gefühl, als wenn alle Sinne in ihrem Kopf explodierten. Sie keuchte auf.

»Was zur Hölle ist da alles drin?«, stieß sie durch die Zähne.

Theobald, der seine Flasche hastig weggesteckt hatte, entgegnete eilig, dass es rein bio sei, und entschuldigte sich eilig. Doch er zuckte die Schultern, als Elisabeth nur so dastand, ohne auf ihn zu achten, und ging resigniert den Hang wieder hoch.

Elisabeths Sinne schärften sich schlagartig. Sie hörte die Regentropfen, ihren eigenen Puls, Theobalds Puls, seinen Atmen, seine Schritte, ein Kaninchen in seinem Bau links von ihr, den Schrei eines Vogels. Sie roch den Wald, das Moos, den Hamburger, der mal in der leeren McDonalds-Verpackung gesteckt hatte. Und dann, ganz plötzlich, hörte sie das leise Atmen eines anderen großen Lebewesens hinter den Bäumen weiter unten, auf die Theobald vorhin gedeutet hatte. Was auch in dem Trank war, er hatte irgendetwas in ihr ausgelöst, denn das Kribbeln stieg in ihr auf. Während sie im Unterbewusstsein bereits ihren Trank zog und einen Schluck nahm, hörte sie, wie das Etwas sich bewegte.

Der Mann erstarrte. Als der Junge die Flasche zog, freute er sich schon, dass sie Alkohol trinken würden, der die Sinne benebelte. Aber jetzt war er alarmiert, denn das Mädchen lauschte und sie schien zu schnuppern. Gott sei Dank kam der Wind aus Westen, so konnten weder er noch sie jeweils voneinander die Witterung aufnehmen. Allerdings hatte er vorhin oben am Hang Spuren beseitigt, doch so gut waren Menschennasen nicht. Oder doch? Er konnte das Risiko nicht eingehen, von ihr entdeckt zu werden, denn sie starrte jetzt genau auf sein Versteck. Er musste sie vertreiben.

So rief er tief in sich hinein und sein Partner antwortete sofort, das Heulen stieg in seiner Kehle auf und er ließ es frei. Dazu rüttelte er an den beiden Fichten, die ihm am Nächsten standen. Es verfehlte seine Wirkung nicht, zumindest bei den anderen beiden wirkte es sofort. Eine urwüchsige Angst brach bei ihnen durch. Das Mädchen oben an der Straße lief sofort weg, der Junge, der bereits die Leitplanke wieder überstieg, folgte ihr in wildem Lauf. Doch die große Schlanke runzelte die Stirn und zuckte, als wenn sie Krämpfe hätte. Noch einmal ließ er sein Heulen hören und legte seine ganze Macht hinein. Das Mädchen schien immer noch verwirrt, doch es bemerkte jetzt, dass es alleine war, und rannte ebenfalls den Hang hoch. Erstaunt beobachtete der Mann, wie sie in atemberaubendem Tempo die Kante erreichte und ohne Zögern die Leitplanke mit einem Satz übersprang. Was auch immer sie getrunken hatte, es musste so eine Art Zaubertrank sein, der ihr übermenschliche Kräfte verlieh. Er würde sie im Auge behalten müssen. Als er sich sicher war, alle Spuren beseitigt zu haben, verschwand er ebenfalls.

Niemand sah den Mann in Outdoorkleidung, der im strömenden Regen kurz darauf aus Richtung der Kuckholzklippe den Abhang hinunterkletterte und sich wachsam umsah, bis er plötzlich innehielt. Bremsspuren zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, die quer auf die andere Straßenseite führten und vor der Leitplanke endeten. Er bückte sich und hob etwas hoch. Es handelte sich um den Splitter eines Blinkers. Ein paar Meter weiter in der Abflussrinne lagen noch mehr. Nicht ungewöhnlich an einer Straße, doch der Mann grunzte zufrieden und steckte ihn vorsichtig ein. Er drehte sich noch einmal zu dem Hang, um die Richtung zu peilen, und überquerte dann entschlossen die Straße. An der Leitplanke entdeckte er nichts, doch auf der anderen Seite sah er niedergetretenes Gras am Abhang. Er stieg über die Leitplanke und untersuchte die frische Spur. An einer Stelle fand er das Muster von zwei verschiedenen Turnschuhen im Boden, die noch nicht durch den Regen weggewaschen waren, aber sie wiesen den Berg hinauf, also in die falsche Richtung. Wer auch immer das gewesen war, hatte vermutlich hier alles zertrampelt, und der Regen spülte den Rest weg. Die Enttäuschung war riesengroß. Er hatte die Spur verloren. Dabei war er so nah dran gewesen. Er war der ganzen Fährte vom Lerbacher Skihang bis auf die Klippe gefolgt, wo zwei Schafe gerissen worden waren. Und dann hatte er ganz deutlich das Heulen gehört, dass ihm durch Mark und Bein gegangen war. Zweimal. Hauser fluchte. Vielleicht könnte es etwas bringen, die Werkstätten abzuklappern. Er würde alle Splitter einsammeln und versuchen, herauszubekommen, was das für ein Wagen gewesen sein mochte. Aber erst einmal würde er nun eine Person besuchen, die er schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte.

Drei Mütter und Kakao mit Schuss


Der junge VW-Mechaniker untersuchte nun schon über eine Stunde lang das Auto.

»Motorhaube, Prallbox vorne und linker Kotflügel, Blinker, Scheinwerfer, Kühler eingedrückt, Sprung in der Frontscheibe und Dach eingedellt. Das sind alles in allem acht- bis zehntausend Euro. Was genau haben sie denn angefahren, einen Elch?«

Es klang nach einem flachen Scherz, aber Emilia Wollner war nicht zum Lachen zumute. »Es war ein riesiges Tier und es ist danach weggelaufen, irgendwo in der Nähe von Torfhaus. Ist auch egal, können Sie es richten? Das Geld ist nicht das Problem! Ich möchte nur vermeiden, dass mein Mann das mitbekommt. Sie verstehen sicher.«

Der Mann in seinem fleckigen Overall kratze sich an den Bartstoppeln. Emilia konnte anhand seines mehrdeutigen Blickes, der er ihr zuwarf, denken, dass er sie versuchte abzuschätzen.

»Ich krieg das schon hin. Sagen wir neuntausend und ein Abendessen.« Er grinste sie dazu verwegen an.

Emilia Wollner hatte oft eine solche Wirkung auf Männer. Es wurde Zeit, ihm seine Grenzen aufzuzeigen. Sie fixierte ihn und sagte: »Gut! Neuntausendundfünfzig und Sie gehen alleine essen!«

Der Mann hob abwehrend die Hände. »Schon gut, Sie können mir nicht vorwerfen, es versucht zu haben. Ich mache es für die Neun, aber ich brauche ein paar Tage. Wann kommt Ihr Mann zurück?«

Emilia Wollner fiel nicht auf diesen Versuch, sie doch noch weiter auszuhorchen, herein.

»Das braucht Sie nicht zu kümmern. Sie müssen ihn sowieso neu lackieren. Ändern Sie die Farbe in Blau. Ich erzähle meinem Mann dann einfach, dass ich ihn zum Lackieren gegeben habe.«

Der Mann nickte, lächelte verschwörerisch und wollte anscheinend gerade noch etwas erwidern, da schrillte ein altes Handy los und unterbrach das Gespräch.

Emilia Wollner hob ab. Es war Theobalds Mutter.

»Frau Wollner, hier ist Anna Binsenkraut. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich habe Ihre Nummer von der Klassenliste. Mein Sohn Theobald wollte mit Ihrer Tochter laufen gehen, aber das war vor über drei Stunden. Er müsste längst zurück sein. Sie sind überfällig.«

Emilias Geist verfinsterte sich. Elisabeth hatte sich zwar zum Laufen verabredet, aber sie wollte mit Sabrina trainieren. Da stimmte etwas gewaltig nicht.

»Elisabeth ist bei Sabrina, irgendwo am Zellbach. Sie wollte eigentlich mit ihr laufen.«

»Vielleicht sind sie zu dritt los. Ich weiß, wo die Schuberts wohnen. Ich fahre da gleich hin, komme sowieso gerade mit dem Auto zurück.«

»Wenn es Ihnen keine Umstände macht, könnten Sie mich an der Kreuzung Erzstraße und Altenauer aufsammeln. Ich bin zu Fuß unterwegs.«

»Ist gut, mache ich. Ich bin in ein paar Minuten da.«

Emilia Wollner winkte dem Mechaniker und gab ihm per Handzeichen zu verstehen, dass er fünf Tage hatte. Er nickte. Dann verließ sie die Werkstatt und ging zur Kreuzung. Bald hielt ein weißer VW Bulli mit dem Aufdruck Bergapotheke Zellerfeld direkt neben ihr. Emilia Wollner stieg ein.

»Danke, dass Sie so schnell gekommen sind. Denken Sie denn, dass etwas passiert sein könnte?«, wollte sie wissen.

»Nun, ich hatte Theobald aufgetragen, mich anzurufen, um die Nachbestellungen durchzugeben. Ich komme eben aus Nordhausen, da hätte ich alles gleich mitbringen können. Er hat es aber nicht getan und geht auch nicht ans Telefon. Meine Nase sagt mir, da stimmt was nicht.« Anna Binsenkraut drückte aufs Gaspedal.

»Da können Sie Gift drauf nehmen. Ich wusste gar nicht, dass Ihr Sohn auch dabei ist.«

Schon Momente später hielten sie bei den Schuberts. Regen setzte ein. Frau Schubert erschien auf das Klingeln hin an der Tür. Ein herrlicher Duft nach Apfelkuchen begleitete sie. Erstaunt blickte sie in die Gesichter der anderen beiden Mütter.

»So eine Überraschung, ich dachte, die Kinder sind zurück, weil es zu regnen beginnt. Habe gerade den Apfelkuchen fertig.« Dann erst bemerkte sie die Mienen. »Ist was passiert?«

Emilia Wollner antwortete am schnellsten. »Nun, angeblich ist meine Tochter nur mit Ihrer Tochter unterwegs und Theobald nur mit meiner. Außerdem sind die Kinder zu spät dran.«

Frau Schubert war aber nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. »Na, dann haben sie sich halt umentschieden. Sie sind alle drei weg. Kommen Sie rein, Sie werden ja noch ganz nass. Soweit ich weiß, wollten sie eine große Runde drehen, zum Negersprung, weil da ein Wolf angefahren worden sein soll, habe ich mitgehört.«

Emilia Wollner wurde bleich und ergriff Frau Schuberts Arme. »Was? Sind Sie sich sicher?«

»Ja, ja, schon, was ist denn dabei?«

Jetzt kreischte Emilia Wollner förmlich: »Was dabei ist? Das war ein … das war ein Wolf, ich meine, ein großer Wolf, den ich gestern angefahren habe. Unser Auto ist komplett zerdellt. Und trotzdem, der könnte da noch herumstreunen.«

Jetzt schauten die anderen beiden Mütter schockiert.

»Sie haben einen Wolf so schwer angefahren? Und Sie befürchten, dass er noch lebt? Unwahrscheinlich, es sei denn …« Anna Binsenkrauts Augen wurden schmal, als habe sie plötzlich eine Eingebung, die ihre Stimme eiskalt und geschäftsmäßig werden ließ. »Wir müssen los und sie suchen. Kommen Sie, ich fahre.«

Emilia entging der Stimmungswechsel nicht. Die Fahrt wurde rasant. Auf der Adolph-Roemer-Straße sprangen zwei Fußgänger verschreckt von der Fahrbahn, als der Wagen auf sie zuraste und wild hupte.

»Wie groß war der Wolf genau?«, verlangte Anna von Emilia zu wissen, die sich an den Griff der Schiebetür klammerte.

Emilia war hin und her gerissen, ihre Befürchtungen laut auszusprechen, besann sich dann aber.

»Es war so nebelig und halb dunkel, ich habe ihn nur vage gesehen.«

»Müssten Sie das nicht dem Förster melden?«, kam es von Martha Schubert, die ebenfalls reichlich nervös wirkte, am meisten wohl aufgrund des Fahrstils.

»Im Grunde ja«, sagte Anna Binsenkraut. »Aber ich kenne den hiesigen Förster. Der ist über sechzig und hatte vor Kurzem einen schweren Bandscheibenvorfall. Glauben Sie ja nicht, der würde heute da hinfahren.«

Sie drückte das Gaspedal durch und überfuhr die Ampel vor dem Oberbergamt bei Rot. Regen prasselte auf die Windschutzscheibe, während der Wagen auf die Bundestrasse Richtung Osterode schoss.

Höhe Buntenbock kamen ihnen drei Gestalten entgegengerannt. Von der Rücksitzbank sah Emilia Wollner, wie ein Junge und Sabrina vorneweg liefen und ihre Tochter schnell zu ihnen aufschloss. Sie rannten alle, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Anna Binsenkraut stieg voll in die Bremse und legte eine hollywoodreife 180°-Drehung hin. Theobald hatte den Wagen bereits erkannt und dirigierte die Mädchen zu dem Auto. Als Emilia Wollner die Schiebetür endlich aufbekam, sprangen alle drei hinein. Sabrina fiel ihrer Mutter von hinten um den Hals und schluchzte wild. Theobald setzte sich gleich hin und sagte keinen Mucks. Elisabeth zog die Tür mit einem Krachen zu. Emilia nahm ihre triefnasse Tochter in den Arm und drückte sie ganz fest. Anna Binsenkraut, die niemand umarmte, drehte sich auf ihrem Sitz nach hinten um. Sie blickte direkt ihren Sohn an, doch er hielt schuldbewusst seinen Kopf gesenkt. Trotzdem konnte man die Spannung zwischen beiden fast greifen.

»Wir reden später!«, fuhr sie ihn an.

Sabrina, die immer noch zitterte, teils vor Kälte, teils vor Angst, sprang ihrem Freund bei und sagte: »Er kann nichts dafür. Ich habe Elle vorgeschlagen, dass wir doch auf unserem Weg noch einmal an der Stelle vorbeilaufen könnten, wo der Wolf abgestürzt ist.«

Emilia Wollner erstarrte und begann zu zittern.

Anna Binsenkraut blickte Sabrina tadelnd an. »Nun, das hättet ihr ja auch sagen können, dass ihr zu dritt bis zum Negersprung wolltet. Ich bin davon ausgegangen, dass mein Herr Sohn nur kurz mit Elisabeth joggen geht und mir dann die Bestellungen durchgibt. Und Frau Wollner hier wusste nur, dass du mit Elisabeth laufen wolltest. Dass ihr alle drei eine Wolfssuchaktion durchführt, wusste keiner.«

»Doch ich!«, entgegnete Frau Schubert, schränkte dann aber ein: »Na ja, ich habe es halt mitgehört und habe mir nichts dabei gedacht.«

»Wieso hast du das mit dem Wolf herumerzählt?«, fragte Emilia Wollner, nachdem sie ihre Fassung wiedergefunden hatte, und blickte ihre Tochter vorwurfsvoll an.

»Mama, entschuldige bitte, du hättest nie zugestimmt, dass wir die Stelle nochmal ansehen. Es hat ja keiner ahnen können, dass er noch lebt.«

Panik spiegelte sich in Emilias Augen. »Waaas?«

Bevor noch jemand etwas sagen konnte, meldete sich Martha Schubert energisch zu Wort. »Es sind drei Kinder verloren gegangen, es sind drei Kinder gefunden worden und sie sind wohlauf und nass. Das verlangt nach Kakao und Apfelkuchen und ich dulde keine Widerrede, von keinem von euch. Nichts ist es jetzt wert, dass wir uns hier im Auto streiten und die Kinder eine Erkältung bekommen. Sind wir nun Mütter oder was? Frau Binsenkraut, bringen Sie uns wieder an den Zellbach. Und diesmal bitte etwas gesitteter.«

Diese sah für einen Moment aus, als wenn sie explodieren würde, aber schließlich forderte sie alle nur zum Anschnallen auf und fuhr wieder zurück.

Eine halbe Stunde später saßen sie eng nebeneinander in Handtücher gewickelt auf dem Sofa der Schuberts. Jeder hatte vor sich ein dickes Stück selbstgebackenen Apfelkuchen mit Schlagsahne und eine dampfende Tasse Kakao. Für Elisabeth hatte Frau Schubert sogar von irgendwoher Sojamilch aufgetrieben und Kuchen aß sie sowieso nicht. Die drei Mütter hatten auf den zwei Sesseln und dem Hocker Platz genommen. Auch sie hatten einen dampfenden Kakao vor sich, mit Schuss, wie Sabrina Elisabeth heimlich ins Ohr flüsterte. Der Kakao schmeckte himmlisch gut und der Apfelkuchen noch besser. Eine Weile lang sagte niemand etwas.

Nach einer Weile brach Anna Binsenkraut das Schweigen.

»Damit ich das richtig verstehe, ihr behauptet, der Wolf, den ihr gerammt habt, sodass das ganze Auto zerdellt wurde, lebt tatsächlich noch? Habt ihr ihn gesehen?«

Die Kinder wechselten Blicke, dann nahm Elisabeth sich ein Herz. »Der, den wir angefahren haben, hatte fast nur graues Fell. Derjenige, der uns mit seinem Geheule vertrieben hat, hat sich nicht gezeigt und er hat auch an den jungen Fichten gerüttelt. Es könnte derselbe sein, aber ich bin mir nicht sicher.«

Anna Binsenkraut schaute etwas verwundert, erst zu Elisabeth, die aber tapfer ihrem Blick standhielt, dann zu ihrem Sohn, der seinen Kakao-Becher zu hypnotisieren schien.

»Könnt ihr anderen beiden das bestätigen?«

Beide schüttelten den Kopf, doch Sabrina setzte noch hinzu: »Nicht alles. Ich war so fertig und bin oben auf der Straße geblieben. Als das Wolfsgeheul losging, konnte ich nicht mehr klar denken. Meine Beine sind von alleine losgelaufen. Theo war fast schon wieder bei mir, aber Elle war noch unten am Hang. Sie ist eine sehr gute Läuferin. Sie hat uns eingeholt, obwohl wir immer noch das Aufputschmittel drin hatten.«

Elisabeth konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Theobald plötzlich zu zittern begann. Schnell warf sie ein: »Ja, äh, sie haben sich so einen High-Energy-Drink reingetan. Ich halte ja nichts davon, aber sie konnten schon auf dem Hinweg ganz ordentlich mithalten.« Elisabeth machte den Fehler, ihre Mutter anzusehen, und erkannte, dass diese begriff, dass sie log. Doch zu ihrer Verwunderung sagte sie zunächst nichts.

»Vielleicht liegt der Wolf da noch und kann sich nicht mehr von der Stelle bewegen?«, mutmaßte Martha Schubert.

Ein spöttisches Lächeln umrahmte Anna Binsenkrauts Mundwinkel. »Nein, ich habe da eine ganz andere Vermutung! Ich glaube, es gab gar keinen Wolf unten am Hang.«

Emilia Wollner sah urplötzlich aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Was ist bloß mit Mama los?, fragte sich Elisabeth nicht zum ersten Mal in der letzten Zeit. Warum hatte sie so eine riesige Panik vor Wölfen?

»Ich glaube«, so trumpfte Anna Binsenkraut auf, »da war ein Wanderer im Gebüsch. Als ihr kamt und über Wölfe geredet habt, hat er sich mit euch einen Spaß erlaubt. Ja, so wird es gewesen sein!«

Elisabeth beobachtete ihre Mutter genau, als diese erleichtert aufatmete, als wenn sie eine ganz andere Erklärung erwartet hatte. Ein Seitenblick zu Anna Binsenkraut verriet ihr, dass da noch irgendetwas im Gange war, denn die fixierte immer noch Theobald und der wiederum seinen Kakao-Becher.

Elisabeth sprang auf. »Gut, dann ist ja alles klar. Brina, du wolltest uns doch noch etwas in dem Heft zeigen. Wir sollten die Mütter jetzt einen Moment alleine lassen, was meint ihr?«

Sabrina, die sofort schaltete, pflichtete ihr bei und war auch sogleich auf den Beinen. Als Theobald folgen wollte, räusperte sich Anna Binsenkraut, doch Martha Schubert legte ihr behutsam die Hand auf den Unterarm.

»Lassen Sie gut sein, die drei müssen den Schock doch noch verdauen. Immerhin werden sie nicht mehr so leichtsinnig sein wie heute.«

Bevor noch jemand etwas anderes erwidern konnte, stürmten die Kinder nach oben in Sabrinas Zimmer. Sabrina ließ sich aufs Bett fallen und stöhnte.

»Mann, was war das denn? Ich glaube deiner Mutter ja kein Wort, Theo. Die weiß mehr, hat aber auch nichts gesagt. Und deine Ma stand ja fast ständig am Rande zur Ohnmacht. Echt, da geht voll was ab und wir kapieren nur die Hälfte.«

Theobald nickte und seufzte. »Meine Mama wird mir noch die Ohren langziehen. Du hättest das mit dem Trank nicht erwähnen sollen, aber ich glaube, ich lasse zu Hause einfach zwei von den Dextrotränken für Sportler verschwinden. Sie wird mir das vom Taschengeld abziehen, aber ich denke, damit komme ich durch.«

»Die ersetze ich dir, auch wenn ich nicht allzu reich bin.«

Elisabeth war still geblieben, dann fragte sie: »Theo, dein Trank, ich habe mich so komisch gefühlt. Was ist da alles drin?«

Theobald schaute verwundert zurück. »Also, das ist eigentlich ein Geheimnis, aber ich habe nur Pflanzen drin und etwas Blutserum.«

»Was?«, riefen beide Mädchen aus. Sabrina vor Ekel, Elisabeth wurde schwindelig.

»Ich darf kein tierisches Eiweiß zu mir nehmen!«

»Bäh, ich trinke das nie wieder!«, meldete sich Sabrina.

»Das ist ein künstlich hergestelltes Serum, keine Panik!«, sagte Theobald entrüstet. »Gewirkt hat er ja wohl. Du hast uns trotz unseres Vorsprungs ja noch spielend eingeholt und wir haben nicht getrödelt.«

Elisabeth schwieg. Sie erinnerte sich an die komische Sinneserweiterung, die sie verspürt hatte. Das intensive Gefühl hatte sie fast überwältigt, aber das wollte sie jetzt nicht zugeben. Wie es aussah, hatten sie alle ein paar mehr Geheimnisse. Aber sie war heute nicht bereit, noch mehr davon zu teilen.

»Ist es okay, wenn ich die Handschuhe heute nicht heraushole, solange die Moralabteilung unten noch tagt?«, fragte Sabrina.

Sie hatte zuweilen eine komische Art, sich auszudrücken, aber die anderen beiden nickten. »Zuviel Aufregung für einen Tag.«

Sabrina holte ihre Tattoo- und Piercinghefte heraus und sie diskutierten eine Weile über die Motive, doch dann wurden sie von immer lauter werdenden Stimmen abgelenkt, die von unten durch die Decke drangen. Mittlerweile war im Wohnzimmer eine lebhafte Diskussion zum Thema Schule entbrannt. Martha Schubert kannte offensichtlich jeden Lehrer persönlich, vor allem private Dinge. Anna Binsenkraut steuerte das eine oder andere pikante Detail bei. Die Mütter prusteten bei der kleinsten Anekdote los, als wären sie Teenager. Die Kinder hörten oben, wie es lauter und alberner wurde. Sabrina rollte mit den Augen.

»Ich wette, meine Ma füllt eure beiden gerade nach Strich und Faden ab. Sowas kann sie gut. Ihr hört es ja schon selbst. Ich habe mal erlebt, wie der Direktor uns besucht hat, weil ich wegen meiner Kleidung einen Verweis erhalten sollte. Er ist nun mit meiner Mutter per du. Manchmal schickt er ihr sogar Blumen zum Geburtstag. Aber wenn ihr noch nach Hause fahren wollt, dann sollten wir einschreiten, sonst gibt es mit der Polizei Ärger oder ihr müsst ein Taxi nehmen.«

Also machten sie sich auf den Weg die Treppe hinunter, Sabrina vorweg. Auf der vorletzten Stufe blieb sie stehen und lauschte. Die andern beiden taten es ihr nach.

»Wisst ihr, so nette Freundinnen wie euch beide habe ich schon lange nicht mehr getroffen, wo meine beste Freundin doch vor kurzem in der Weser ersäuft wurde«, flötete Anna.

»Nee, echt? Du nimmst uns jetzt hoch, Anna«, kicherte Emilia.

»Doch, doch, aber ich hab's der Schlampe, die das gemacht hat, gezeigt und ihre Bude abgefackelt.«

»Hihi, wie im Film, die böse Rächerin!«

Elisabeth erkannte nur mit Mühe die mädchenhaft verschobene Stimme ihrer Mutter. Sie tauschte mit Theobald einen vielsagenden Blick.

»Ja, und jetzt kommt keiner mehr zur Wintersonnenwende zum Schwesterntreffen«, lallte Anna. »Ich bin ja sooo traurig! Hicks!«

»Dann kommen wir eben, nicht wahr, Emmi Schatz?«

Durch den Türspalt konnte Elisabeth sehen, dass die Mütter Wassergläser hervorgeholt hatten. Martha Schubert goss großzügig aus einer Flasche Cognac nach.

»Nee, nee!« Anna Binsenkraut wedelte übertrieben mit dem Finger. »S’iss nur für echte Hexen!«

Eine Pause entstand. Die drei Freunde auf der Treppe schauten sich ungläubig an.

»Ja, wenn's weiter nichts ist. Sabrina hält mich schon lange für eine alte Hexe. Das sind wir doch alle als Mütter, oder?«

Wieder brachen alle Frauen in wieherndes Gelächter aus.

»Gut, dann gilt's Mädels, zur Wintersonnenwende bei mir. Trinken wir darauf!«, tönte Anna Binsenkraut.

Sabrina straffte sich und ging die letzten Stufen zum Flur hinunter. »Jetzt reicht's, bevor sie noch den Teppich vollkotzen, machen wir dem ein Ende. Geht ihr rein, ich rufe schon einmal zwei Taxis.«

Elisabeth fiel abends müde ins Bett. Sie konnte nicht schlafen, weil ihr Kopf so voller Gedanken war. Sie hatte ihre Mutter nur mit Mühe ins Taxi bugsieren können und zu Hause hatte ihr Vater sie mit ihr zusammen ins Bett getragen. Emilia Wollner war unterwegs eingeschlafen und nicht einmal dann erwacht, als Michael Wollner ihren Kopf aus Versehen gegen den Türrahmen stieß. Ihr Vater hatte sie dann nochmals befragt, was eigentlich los gewesen sei. Elisabeth hatte eine deutlich vereinfachte Variante berichtet. Die brisanten Details sparte sie aus, aber ihr Vater kaufte ihr die Geschichte ab. Mit sichtlich schlechtem Gewissen hatte ihr Vater geantwortet, dass er seine Frau mit der ganzen Arbeit alleine gelassen habe. Insofern wäre es nicht verwunderlich, dass so etwas passiert sei. Er versprach, sich in der Folgewoche frei zu nehmen.

So war Elisabeth dann endlich in ihr Bett gefallen und schaute an die Decke. Sie ging den Tag nochmal durch, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zum Hang, den erweiterten Sinnen und dem Heulen. Irgendwie hatte sie überhaupt keine Angst gehabt. Doch irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf, in dem wirre Träume sie heimsuchten.

Nach dem Laufen ist vor dem Laufen


Während der großen Pause am nächsten Schultag trafen sich die drei etwas abseits des Pausenhofes. Sabrina grinste.

»Meine Ma hat immer noch fürchterliche Kopfschmerzen und ist gleich liegengeblieben. Wie lief es bei euch?«

Theobald lief leicht rot an. »Deine Mama ist echt die Wucht, danke nochmal. Meine hat zu Hause die Standpauke ganz vergessen und ist gleich aufs Klo gerannt. So betrunken habe ich sie noch nie erlebt. Ich vermute, es wird ihr sehr peinlich sein, wenn sie wieder zu sich kommt.«

»Meine ist eingeschlafen und ich habe sie mit Papa ins Bett getragen. Er hat ihr den Kopf aus Versehen gegen den Türrahmen gehauen, aber sie ist nicht aufgewacht«, vermeldete Elisabeth.

»Das ist der Cognac, den mein Vater immer von der See mitbringt. Der ist um einiges stärker als der normale Verschnitt, den es hier im Laden gibt. Wenn Mama den rausholt, dann bleibt keiner stehen«, bestätigte Sabrina.

»Haben die sich echt zu einem Treffen zur Wintersonnenwende verabredet?«, vergewisserte sich Elisabeth.

Theobald nickte. »Ich konnte es auch nicht fassen, Mama und ihre Freundin Lylly haben sich da immer zu zweit getroffen, manchmal auch mit meiner Oma. Ist wirklich was Besonderes. Aber hey, wir könnten da eine Gegenparty machen. Immerhin darf ich nicht dabei sein. Ist nur für große Mädchen!«

Sabrina knuffte ihn freundschaftlich auf den Arm. »Armer Junge, darfst nicht sehen, wie die nackt um den Tisch tanzen?«

»Wenn ich mir das so genau überlege, will ich das gar nicht sehen«, gab er angeekelt zurück. »Wir haben gleich Sport. Juhu! Ich habe immer noch Muskelkater.« Resigniert rieb sich Theobald die Waden.

»Och, wenn du mir das nicht so vermiest hättest, hätte ich noch was von dem Booster genommen«, maulte Sabrina.

»Nee, den habe ich nicht mit. In der Schule wird nicht geschummelt!« Theobald blickte ernst. »Außerdem ist die Flasche sowieso leer und neuen kann ich aktuell nicht kochen. Zu gefährlich mit meiner Ma im Haus!«

So schleppten die beiden sich zur Umkleide. Nur Elisabeth freute sich wirklich auf die Sportstunde. Eine Viertelstunde später standen sie in ihrer Sportkleidung auf der Tartanbahn am Sportplatz. Manfred Burglos hatte Sprints angesetzt. Ojan kam mit einem dicken Verband zum Sportunterricht gehumpelt. Er hatte ihn am Morgen noch nicht getragen, aber er erzählte, er sei in der Pause umgeknickt und könne nicht laufen. Es klang wie eine dumme Ausrede, aber Burglos überging es, ohne die Miene zu verziehen.

»Gut, kein Problem, wir brauchen eh einen Starter und ein paar Stopper. Dann machst du den Starter. Beim Stoppen wechseln die anderen sich ab.«

Fast alle Mädchen standen zusammen und kicherten albern. Eine Wolke aus Parfüm hüllte sie ein, sodass es Elisabeth in die Nase stach. Als Manfred Burglos, der davon keine Notiz zu nehmen schien, sie für fünf Runden zum Einlaufen schickte, sah sie, wie Vinzenz, Ojan und Alim die Köpfe zusammensteckten.

»Die hecken schon wieder etwas aus«, bemerkte Elisabeth. Sabrina hatte es auch gesehen. Doch dann raubte das Laufen ihnen immer mehr den Atem. Elisabeth ließ es langsam angehen. Sie tänzelte neben Sabrina her, die ohne den Trank sichtliche Mühe hatte, mit der Klasse mitzuhalten. Als sie die erste Runde vollendet hatte, waren die führenden Läufer schon auf der anderen Seite.

»Jetzt müsste jemand hinter dir heulen, dann sehen die anderen mal, wie schnell du sein kannst«, feixte Elisabeth.

»Un…fair! Du … willst … mei…ne … Freun…din … sein?«, presste Sabrina stoßweise zwischen den Schritten heraus und machte vergeblich Anstalten, Elisabeth zu knuffen. Das nahm diese zum Anlass, mit dem Getänzel aufzuhören und richtig Gas zu geben. Sie überholte Theobald, der sich tapfer an der Hauptgruppe hielt, aber die Zähne aufeinandergepresst hatte. Nach den geforderten fünf Runden kam sie mit weitem Abstand als Erste bei Manfred Burglos an, dessen Blick sie die ganze Zeit auf sich gespürt hatte.

»Du bist schon in Hannover für die Schule gelaufen, oder?«, fragte er sie interessiert.

»Ja und nein, meine Ma wollte nie, dass ich auf Wettkämpfe gehe. Aber ich habe mit der Mannschaft trainiert.«

»Das ist aber schade, du wärst mit etwas Coaching vermutlich richtig gut. Wie schnell bist du auf fünfundsiebzig Meter?«

Sie überlegte kurz. »Meine Bestzeit war 9,31 Sekunden!«

Burglos pfiff anerkennend durch die Zähne, während die anderen langsam eintrudelten. »Das wäre eine Spitzenzeit. Das würde ich gerne heute einmal mit eigenen Augen sehen. Wir reden am besten später darüber.«

Er wandte sich der Klasse zu. Zunächst erklärte er die Startblöcke und die Startsequenz, dann forderte er sie auf, sich zu Paaren zusammenzufinden. Sabrina griff sofort nach Elisabeths Hand. Theobald bekam Kevin ab, einen drahtigen Jungen aus Wildemann. Im wechselnden Turnus mussten sie laufen und stoppen, während Ojan die ganze Zeit die Startklappe bediente. Der Sportlehrer war sehr unzufrieden mit ihm, weil er immer irgendwelchen Blödsinn machte. Schließlich rannte Burglos nach hinten und schrie ihn an, dass es über den ganzen Platz schallte.

»So blöd kann man doch nicht sein, Ojan. Es heißt: Auf die Plätze! Fertig! Los! – Und genau bei Los haust du die Startklappe zusammen, nicht vorher und nicht nachher! Hast du das jetzt kapiert? Oder soll ich dir für deine ungenügende Leistung eine Sechs geben?«

Ojan machte eine abwehrende Geste. Alim und Vinzenz liefen beide nach hinten, um beruhigend auf den Lehrer einzureden. Schließlich kam er nach einigen Minuten wieder zum Ziel zurück. Er war jedoch puterrot und die Ader an seiner Schläfe pochte. Danach lief es besser. Sabrina drängelte sich ganz nach hinten. Verwundert sah Elisabeth sie an.

»Taktik!«, wisperte Sabrina. »Weil wir nach Sport nur fünf Minuten Pause haben, gehen die meisten gleich zum Umziehen. Dann sehen mich nicht alle laufen.«

Die Überlegung war nicht von der Hand zu weisen. Bei den Fragen, die Burglos vorhin gestellt hatte, hatte sich Sabrina pausenlos gemeldet. Sie wusste wirklich viel, aber in der Praxis war sie nicht so berauschend. Also ging Elisabeth mit ihr an das Ende der Reihe. Durch die vielen Fehlstarts, die Ojan verursacht hatte, wurde die Zeit knapp. Wollte er es so rauszögern, dass sie gar nicht mehr drankamen? Elisabeth spähte skeptisch zur Startlinie.

Dann hörte man ein Krachen aus der Umkleide, in die fast alle aus der Klasse schon verschwunden waren, gefolgt von wildem Geschrei. Manfred Burglos rannte hin und alle scharten sich um die Tür. Vinzenz hatte Alim am Kragen gepackt und die Umkleidebank lag auf der Seite.

»Wie nennst du meine Mutter, du Hurensohn?«, brüllte Vinzenz. Burglos ging dazwischen. Es gab erneut eine Ansprache und die Ankündigung eines Verweises, bevor der Lehrer wieder herauskam und einen Eintrag ins Klassenbuch machte. Als er an Elisabeth vorbeiging, erhaschte sie einen höhnischen Blick von Vinzenz. Er zwinkerte ihr sogar zu.

Er heckte wirklich etwas aus, nur was? Sie kamen als letztes Paar dran, Theresa und Brigitta mussten stoppen. Mit gespielt gelangweilter Haltung stand Ojan bei den Startblöcken. Doch man sah, dass auch er dämlich grinste.

»Hat dir jemand die Mundwinkel an den Ohren festgetackert?«, blaffte Sabrina ihn an, doch er grinste weiter.

Elisabeth konnte sich auch keinen Reim darauf machen, aber was sollte es. Sie kniete sich in den Startblock, als Ojan diesmal vorschriftsgemäß »Auf die Plätze!« sagte. Sabrina kauerte sich neben sie und warf ihr einen letzten leidenden Blick zu.

»Fertig!«

Sollte sie mit Sabrina mitlaufen oder voll durchziehen, um ihren Lehrer zu beeindrucken? Im letzten Moment entschied sich Elisabeth für Durchziehen.

»Los!«

Elisabeth sprang aus dem Startblock und sprintete los. Sie sah, wie Burglos den Kopf hob und den Lauf verfolgte. Sie fühlte sich gut, richtig fit, und als der Wind ihr im vollen Lauf um die Nase pfiff, jubelte ihr Unterbewusstsein auf und zog sie in einen Rausch. Laufen war einfach toll! Viel zu schnell querte sie die Ziellinie. Sie ließ erst danach das Tempo sinken und lief locker aus. Als sie sich umwandte, kämpfte Sabrina immer noch auf der Bahn. Sie gab alles und sogar Theresa und Brigitta feuerten sie an. Manfred Burglos kam in dem Moment herüber, wo Sabrina die Ziellinie passierte. Sie fiel gleich nach vorne über und schnappte wild nach Luft.

»Gut durchgehalten, Sabrina!«, erkannte Herr Burglos den Arbeitssieg an. »Und ein Supersprint Elisabeth, große Klasse! Wie waren die Zeiten?«

»Ich habe 20,9 Sekunden gestoppt!«, sagte Brigitta.

»9,40 Sekunden!«, vermeldete Theresa, die nicht glauben konnte, was sie ablas.

»Keine Bestzeit heute, aber Klassenrekord. Herzlichen Glückwunsch, Elisabeth. Das wird schon mal für das Laufen eine Eins plus.«

Die vier Mädchen gingen in die Umkleide. Als Manfred Burglos die Zeiten notiert hatte, sah er auf. Natürlich war Ojan schon verschwunden. Die Startklappe lag ganz hinten im Gras. Einen stummen Fluch murmelnd, stand er auf und lief, um sie zu holen. Als er ankam, runzelte er die Stirn. Die Startblöcke steckten nicht an der Fünfundsiebzig-Meter-Linie. Jemand hatte sie an die Hundert-Meter-Markierung verschoben. Wann war das passiert? Dann fiel ihm der Tumult in der Jungenumkleide ein. Die Jungs hatten Sabrina und Elisabeth reinlegen wollen. Aber das war nach hinten losgegangen, weil er es gemerkt hatte.

Wenn Theresa nicht komplett falsch gestoppt hatte, was beim manuellen Messen schon mal 0,5 Sekunden ausmachte, dann war da jemand gerade mindestens weiblichen Weltrekord gelaufen und wusste es nicht einmal. Der lag irgendwo bei 10,49 Sekunden auf hundert Meter, wie er noch wusste. Er musste unbedingt mit Elisabeth sprechen.

Inselzuflucht


Die Sonne ging langsam über dem Horizont unter. Sie warf ein malerisches Licht in Orange, Rot und Gelb an die Wolken. Der frische Wind aus Nordwesten roch nach Salz. Ein letzter Fahrradfahrer radelte die Strecke vom Leuchtturm auf Wangerooge zurück zum Ort. Er kam an der alten Frau auf der Bank vorbei und grüßte mit einem fröhlichen »Moin!«. Die Alte nickte nur und blickte weiter hoch zu den Möwen, die sie schon die ganze Zeit beobachtete. Als der Mann schließlich vorbeifuhr, holte die Frau einen Kristall aus ihrer Tasche und fuhr vorsichtig über die leicht beschädigte Oberfläche. Sie hätte ihn im Teutoburger Wald fast verloren, aber es war nur ein kleiner Splitter abgeplatzt. Der Zauber, der die Energie ins Innere band, funktionierte immer noch einwandfrei. Seit mehreren Tagen hatte sie ihren Standort gewechselt und war nie länger als vier Stunden an einer Stelle geblieben. Sie hatte haufenweise Alarmzauber und Fallen hinterlassen. In den ersten Tagen waren die Jägerinnen ihr ständig auf der Spur gewesen, doch nie wieder war ihr jemand so nah gekommen, wie diese verfluchte Anna Binsenkraut. Aber sie befand sich nicht mehr unter den Jägern. Dafür hatte Borga schon vor langer Zeit gesorgt. Ihre Verbündete im Hohen Rat hatte sie gleich nach dem Vorfall wieder in den Harz zurückgeschickt, um sie von ihr abzulenken. Dennoch würde sie weitere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen müssen.

Der formschöne Kristall in ihrer Hand war fast vollkommen leer. Sie seufzte. Dieser und der zweite, den sie schon aufgebraucht hatte, waren ihre besten Stücke. Er würde sich aber schnell wieder füllen, denn die Kraftquelle, mit der ihn der Zauber verband, war ungewöhnlich stark. Doch das würde einige Stunden dauern.

Auf der Insel war sie vor den meisten Ortungszaubern auf natürliche Art und Weise geschützt. Die letzte falsche Spur, die sie gelegt hatte, führte nach Rumänien. Ein beliebter Zufluchtsort für gesuchte Kreaturen. Dort würden die Jägerinnen eine Weile lang beschäftigt sein. Doch eine Sache gab es noch zu tun. Sie nahm den Kristall in die Hand und ließ die gefangene Energie in sich strömen. Es erfrischte sie, als die magische Energie ihre eigenen Kräfte verstärkte. Dann rief sie die Möwen zu sich herunter. Der Zauber, den sie wob, war nicht einfach, aber er würde ihr Dutzende zusätzliche Augen verschaffen. Mochten die Jägerinnen sich auch noch so gut wappnen, bei so vielen kleinen Helfern würde es fast unmöglich sein, sich unbemerkt auf die Insel zu schleichen.

Als der Zauber vollendet war, testete sie ihn, indem sie die Augen schloss und in den Geist einer Möwe wechselte. Der Blickwinkel war anders als der von Menschen, doch sie kannte das breitere Sichtfeld bereits von früheren Experimenten. Dann wechselte sie die Möwen durch. Es klappte. Zufrieden mit sich legte sie den Kristall in ihre Tasche zurück, wo noch eine ganze Reihe anderer lagen. Dann erhob sie sich und ging zu dem alten unscheinbaren Schuppen, der etwas abseits des Weges stand. Er sah von außen nicht aus, als wäre hier mehr als nur etwas Gerätschaft untergebracht. Die Verfolger waren weit genug weg. Sich mit Magie wach zu halten, ging zwar, aber man regenerierte sich nicht und das merkte sie jetzt. Sie würde nach vielen Tagen endlich einmal sich hinlegen können. Schlaf! Dieser Körper brauchte endlich Schlaf!

Rund um die Okertalsperre


Das Wetter war einmal ausnehmend schön. Es hatte einige Zeit gedauert, bis Elisabeth und Sabrina wieder joggen gehen durften. Erst als Frau Schubert sich bereiterklärt hatte, sie jeweils zum Joggen zu fahren und wieder abzuholen, hatte auch Emilia Wollner endlich zugestimmt. Theobald hatte nicht so ein Glück gehabt. Seine Mutter hatte ihm haufenweise Arbeit aufgehalst, die ihn daran hinderte, mitzukommen. Aber so ganz unrecht schien es ihm nicht zu sein, denn er hatte nach dem Sprinten in der Schule immer noch Probleme mit seinen Waden.

»Richtig glücklich wirkst du gerade nicht«, bemerkte Elisabeth zu Sabrina, die langsam neben Elisabeth hertrabte und offensichtlich kämpfen musste.

»Ich habe dir doch das Kleid gezeigt, in das ich einmal hineinpassen will. Es ist so wunderschön, aber der Riss geht tief. So gut kann ich nicht nähen und du auch sicher nicht. Ich habe die Reparaturkosten gestern bei der Änderungsschneiderei Gerster schätzen lassen. Das werden so hundertachtzig bis zweihundert Euro. Dafür muss ich lange sparen.«

»Sie es mal so: Jetzt hast du gleich zwei Gründe, um abzunehmen. Kein Geld mehr für Süßigkeiten ausgeben und mit mir laufen. Die AG bei Herrn Burglos ist diese Woche ja ausgefallen, genauso wie sein Unterricht.«

Sabrina nickte. »Die Schramm sagte, er müsse schon wieder zu einem Seminar nach Bonn und es gäbe keinen Vertretungslehrer. Wenigstens konnten wir so deiner Ma das Lauftraining als Ersatzunterricht verkaufen.«

»Deine Mutter ist eine echte Verbündete! Ich glaube, ohne sie hätten wir das nicht geschafft«, warf Elisabeth ein. »Dass ich dafür mit dir Mathe und die anderen Fächer pauken muss, ist ein hoher Preis. Du bist eine gute Lehrerin, Brina, und ich eine schlechte Schülerin.«

»Finde ich gar nicht. Wir haben in wenigen Tagen zwei Monate an Schulstoff aufgearbeitet. Mir hilft das Wiederholen ja auch. Das wird schon mit dir. Beim Laufen werden wir auch immer besser und ich halte jedes Mal ein Stück weiter durch.«

»Du hast den Weg um die Okertalsperre nur ausgesucht, weil der fast komplett flach verläuft. Außerdem sind mir hier zu viele Jogger unterwegs.«

Sie liefen eine Weile schweigend weiter und genossen den Ausblick. Martha Schubert hatte sie früh abgeholt. Sie wollte dann zu einer Tante weiterfahren, die irgendwo bei Wernigerode lebte.

Die Talsperre war erstaunlich leer. Man konnte noch gut erkennen, wie hoch früher das Wasser gestanden hatte. Aber einerseits regnete es nicht mehr so viel wie früher und es wurde auch viel Wasser abgelassen für die Kajakfahrer, die unterhalb der Talsperre auf der Oker trainierten. Eine Verschwendung von gutem Trinkwasser, befand Sabrinas Mutter, und mit dieser Meinung blieb sie in der Gemeinde nicht allein. Dass es schon lange nicht mehr viel Wasser im Stausee gab, konnte man auch daran erkennen, dass die freigelegten Flächen wieder voll begrünt waren. An einigen Stellen begannen schon Sträucher zu wachsen.

»Wollen wir wirklich am Harzlauf teilnehmen? Ich meine, das ist einmal komplett quer über den Harz und vor allem bis rauf auf den Brocken und wieder herunter«, durchbrach Sabrina schließlich wieder das Schweigen.

»Warum nicht? Sicher, das ist nicht ohne, aber der Lauf ist ja erst im nächsten Juni. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Innerste herunter. So sagt man hier doch, oder?«, gab Elisabeth zur Antwort.

»Letztes Jahr hat ein Junge aus Wolfshagen gewonnen. Ist so in unserem Alter, denke ich. Albert Wolfsherr. Der Vorname ist ein wenig angestaubt, aber den Nachnamen finde ich cool«, resümierte Sabrina weiter. »Ich habe ihn gesehen, wie er durch Clausthal durchlief. Genauso ein schneller Läufer wie du, sieht aber wie ein Zehnkämpfer aus und ist richtig sexy.«

Elisabeth zwinkerte ihr zu. »Der hat es dir angetan, was?«

»Schon irgendwie, aber so einen kriege ich nicht ab. Ich finde, der sieht noch besser aus als Herr Burglos. Aber er ist nicht auf der regulären Schule, sondern er soll auf so ein elitäres Privatinternat gehen und ist bestimmt völlig eingebildet. Aber sein Körper ist einfach himmlisch. Ich würde mich von dem sofort flachlegen lassen.«

Elisabeth rollte nur mit den Augen. Sabrina redete für ihren Geschmack manchmal etwas vulgär und hatte offenbar keine Skrupel, ihre Gedanken auszusprechen, auch die, die Elisabeth nie preisgegeben hätte.

Genau in dem Moment holte sie ein anderer Jogger ein, der im Gegensatz zu ihnen schnell unterwegs war.

»Na die Damen, das freut mich aber, dass ich so begehrt bin, aber mit so schrecklich müffelnden Mädchen würde ich mich sicher nicht einlassen. Außerdem seid ihr echte Schnecken. Einen schönen Tag noch!«

Sabrina wurde knallrot und blieb abrupt stehen. »Scheiße, das war er. Was macht der denn hier?«

Elisabeth hielt nun auch an, schaute aber nicht zu ihrer Freundin. Sie blickte dem wirklich sehr gut aussehenden Läufer hinterher, der sich schnell entfernte. Ein herber Moschusgeruch hing in der Luft und kitzelte sie in der Nase.

»Mann, der hat uns erst belauscht und dann voll beleidigt. Und das, wo ich heute bis hier durchgehalten habe.« Sabrina keuchte schwer. »Das dürfen wir uns nicht bieten lassen. Los Elle, hol dir den Angeber!«

Elisabeth warf einen kurzen Blick zu ihrer Freundin, die mit der Hand in die Richtung zeigte, in die der Junge verschwunden war.

»Nun mach schon! Für unsere Ehre!«

Elisabeth lief los. Der Junge hatte inzwischen einen erheblichen Vorsprung, also begann sie mit einem forschen Tempo. Auch sie hatte durch das sehr regelmäßige Laufen gemerkt, dass sie besser wurde. Es tat ihr gut und sie brauchte in letzter Zeit auch weniger von ihrem Notfalltrank. Als sie um die Kurve bog, sah sie ihn, wie er gerade zwei Spaziergänger überholte.

Mann, ist der schnell unterwegs!, dachte sie bei sich und steigerte ihr eigenes Tempo weiter. Sabrina war ihre Freundin und er hatte sie beide beleidigt. Sie und müffeln? Niemals! Die Spaziergänger hatte sie schnell überholt. Ein Ehepaar im mittleren Alter, das sie sogar anfeuerte.

»Los, junge Dame, ihr Freund ist schon vorbei!«

Elisabeth schnaubte. Ihr Freund war er nicht, aber das konnten die Leute nicht wissen. Sie würde es diesem Schönling schon zeigen und ging bis an ihre Grenzen. Ein Gefühl inneren Glücks brandete in ihr hoch, als ihre Beine nur so über den Weg flogen und der Wind an ihren Haaren zog. Der Moschusgeruch tauchte wieder vor ihr auf. Als sie die nächste Biegung umrundete, sah sie ihn vor sich. Er überholte schon wieder jemanden, diesmal einen anderen Jogger, der vor einigen Minuten noch an Sabrina und ihr vorbeigelaufen war. An einer schmalen Stelle, wo eine mehrere Meter lange Pfütze den Weg einengte, wich der Mann vor dem schnelleren Läufer unbeholfen aus und trat voll ins Wasser, das sich als tiefer entpuppte, als es zunächst den Anschein hatte. Er schimpfte wild hinter Albert her, der sich genau in diesem Moment umblickte und Elisabeth entdeckte, die inzwischen immer schneller aufholte. Er machte ein verwundertes Gesicht und beschleunigte nun seinerseits.

Der andere Läufer stieg umständlich aus dem Wasser und band seinen Schuh auf. Elisabeth setzte mit einem gewaltigen Sprung über die Pfütze hinweg und rannte weiter, um nun ebenfalls als »Verrückte Spinnerin!« beschimpft zu werden, aber sie hörte nicht hin. Ihr Ziel lag vor ihr und sie hatte das Jagdfieber gepackt. Auch wenn sie es nicht mehr für möglich gehalten hatte, konnte sie nochmals etwas weiter beschleunigen, doch mit dem Beschleunigen schoss ein Kribbeln in ihre Beine.

Sicher ein drohender Krampf!, dachte sie zuerst, doch als es immer höher kroch, merkte sie, dass es das Zittern war. Bis zum Parkplatz war es nun nicht mehr weit und sie hielt sich gut – keine zwanzig Meter mehr hinter Albert. Sie konnte jetzt nicht aufgeben. Also biss sie die Zähne aufeinander und zwang sich, weiterzulaufen. Albert hatte sich erneut umgeblickt, inzwischen mit einem äußerst irritierten Blick. Und dann schockierte er seinerseits Elisabeth, indem er noch schneller wurde. Das war unmöglich, sie sprintete schon und er zog jetzt wieder davon. Das Kribbeln breitete sich inzwischen bis zur Hüfte aus. Sie würde doch abreißen lassen müssen. Da kam der Parkplatz in Sicht. Sie sah, wie Albert schlitternd abbremste und in einen wartenden, roten Porsche sprang, der gleich darauf mit durchdrehenden Reifen anfuhr und Steine sowie Dreck aufschleuderte. Der Wagen kam ihr irgendwie bekannt vor, doch sie konnte ihn momentan nicht einordnen.

Ein altes Ehepaar mit einem kleinen Schoßhund wich gerade noch aus, um nicht über den Haufen gefahren zu werden. Die Rentner schimpften wild, als der kläffende Hund sich losriss und von dem Auto weg auf den Weg zulief. Elisabeth konnte nicht mehr, sie stolperte die letzten Schritte mit wackligen Beinen vorwärts, als der Porsche schon längst auf der Straße verschwunden war. Schweiß stand ihr auf der Stirn und lief ihr in die Augen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie pumpte wild nach Luft. Die Farben verschwammen vor ihren Augen und das Zittern stieg höher und höher.

Nein, nein! Sie konzentrierte sich auf das Atmen, doch jeder Zug stach in ihrer Lunge. Die Welt um sie herum schwankte, als sie sich auf die Knie fallen lies und mit den Händen abfing. Der kleine Hund kam näher und bellte sie jetzt wild an. Sie verfluchte ihn in ihrem Kopf. Das Gekläffe machte sie immer wütender. Die Schmach, den Jungen nicht geschlagen zu haben, brannte lodernd in ihr. Der kleine Hund machte sie jetzt schier rasend. Sie wollte ihn wegscheuchen, doch als sie ihn anblickte und den Mund öffnete, kam nur ein grollendes Knurren aus ihrer Kehle. Der kleine Yorkshire Terrier stellte abrupt das Kläffen ein, steckte den Schwanz zwischen die Beine und rannte winselnd den Weg entlang, während seine Leine wild hinter ihm her tanzte. Die beiden Rentner eilten ihm nach, nicht ohne in Elisabeths Richtung einige Verwünschungen loszulassen.

Elisabeth konnte nicht mehr klar denken. Mit einer Hand öffnete sie umständlich ihre Bauchtasche und nestelte mit zitternden Fingern die Flasche heraus. Sie brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um den Bügelverschluss aufzudrücken. Als er dann endlich aufsprang, nahm sie gierig ein paar große Schlucke. Als das Brennen schließlich nachließ und sich ihr Blick klärte, lehnte sie sich gegen einen Stein am Wegesrand, der als Parkplatzbegrenzung diente. Sie schloss die Augen.

Einige Minuten später kam der Jogger mit dem nassen Schuh kopfschüttelnd vorbei, kurz darauf Sabrina.

»Elle, oh mein Gott. Du siehst völlig fertig aus. Was ist passiert? Hast du ihn erwischt?«

Elisabeth antwortete nicht, sondern nahm noch einen Schluck, bis das Brennen in ihrem Körper ganz verschwand.

»Ich habe gerade einen kleinen Hund eingefangen, der den Weg entlang gerannt kam. Hat zwei älteren Leuten gehört. Die haben vielleicht geschimpft und mir von völlig irren Halbstarken berichtet, die ihren Hund verjagt hätten. Kann es sein, dass sie unter anderem dich meinten?«

Elisabeth nickte schwach.

»Hast du ihn denn nun erwischt?«

»Fast!«, sie machte eine Pause, dann konnte sie endlich weitersprechen. »Ich habe alles gegeben, aber dann hat er sich umgeblickt und auch beschleunigt. Wir haben uns ein Rennen bis hierher geliefert. Ich meine, ich bin so schnell gelaufen wie noch nie in meinem Leben, und er ist mir dann immer noch davongerannt. Der Albert ist wirklich überirdisch schnell.«

Sabrina sah sie bekümmert an. »Das ist alles meine Schuld, dass du jetzt so kaputt bist. Aber ich war so wütend!«

Plötzlich grinste Elisabeth Sabrina an. »Aber er hat richtig Schiss bekommen, als ich näher kam. Ich habe ihn total verunsichert. So schnell vergisst der mich nicht.« Dann roch sie an ihrem T-Shirt und fragte ihre Freundin: »Findest du, dass ich müffle?«

Sabrina musste daraufhin lachen, was ansteckend wirkte.

Als Martha Schubert wenig später zur verabredeten Zeit auf den Parkplatz fuhr, ging es Elisabeth wieder so gut, dass sie entspannt atmen konnte. Sie stiegen ein.

»Na, diesmal seid ihr ja richtig schnell gewesen«, kommentierte Sabrinas Mutter. »Wenn ihr noch schneller werdet, dann schaffe ich es nicht mehr nach Wernigerode und zurück, oder ihr müsst nächstes Mal zwei Runden laufen.« »Nein, für heute haben wir genug«, antwortete Sabrina. »Jetzt brauchen wir ganz dringend eine Dusche.«

Tränkebrauer


Seine Mutter musste wieder nach Berlin fahren. Auch wenn Theobald inzwischen wusste, dass Lylly, die Freundin seiner Mutter, tot war, verstand er nicht, warum der Rat plötzlich so viel von ihr wissen wollte. Andererseits verschaffte ihm das eine der für ihn viel zu seltenen Gelegenheiten, im Nachbarkeller zu experimentieren. Die Arbeiten, die sie ihm aufgetragen hatte, damit er nicht auf dumme Gedanken kam, erledigte er in großer Eile und war schon nach ein paar Stunden fertig.

Dann begab er sich durch den Bastelkeller und den Gang, den er geschaffen hatte, bis er in seinem Versteck im Nachbarhaus ankam. Dort entzündete er einige Taschenlampen, denn der Strom war hier abgestellt. Er hatte sich nicht getraut, aus dem eigenen Keller bis hierhin ein Kabel zu legen. Schließlich stellte er den mitgebrachten Käfig mit der Katze auf einen Tisch und holte die kleine Bügelflasche hervor. Er musterte sie erst von außen und hielt sie gegen das Licht. Die Flüssigkeit sah trübe und milchig aus. Er hatte sich einiges einfallen lassen müssen, um an diese Probe von Elisabeths Trank zu kommen. Sicher hätte er sie fragen können, aber irgendein inneres Gefühl hatte ihm gesagt, dass es keine gute Idee gewesen wäre. Nun würde er erst in aller Ruhe das Gebräu untersuchen und dann seine Ergebnisse präsentieren.

Um an Elisabeths Trank zu gelangen, hatte er sich dafür während der Pause im Kartenschrank versteckt, nachdem er das Schloss des Klassenzimmers mit einer Büroklammer so blockiert hatte, dass man nicht mehr absperren konnte. Als Frau Schramm es schließlich bemerkt hatte, hatte er den Namen Vinzenz gehört. Offenbar hatte die Klassenlehrerin ihm das Unheil zugeordnet. Als sie losgegangen war, um den Hausmeister zu holen, war Theobald aus seinem Versteck getreten, hatte Elisabeths Tasche geöffnet und den Trank herausgeholt. Kaum hatte er die Flasche eingesteckt, da hatte er auch schon Schritte vernommen. Es war ihm keine Zeit mehr geblieben, zum Schrank zurückzugelangen. Also hatte er sich hinter die Tafel gequetscht. Doch er hörte nur ein kurzes Gemurmel und ein Ruckeln an der Tür. Dann wurde er eingeschlossen. Als die nächste Stunde begann, war er im allgemeinen Tumult hinter der Tafel hervorgetreten und hatte seinen Lateinlehrer ganz unschuldig angeblickt und behauptet, er hätte Tafeldienst gehabt. Der verwirrte ältere Lehrer hatte nur genickt und sich wieder auf seine Aktentasche konzentriert. Schweißgebadet war er dann an seinen Platz zurückgegangen und hatte sich die ganze Stunde nicht richtig konzentrieren können. Doch sein Coup hatte sich gelohnt.

Nun, im Keller, überlegte Theobald, was er schon wusste. Elisabeth hatte ihm gesagt, dass dieser Trank ihre Krämpfe linderte, wenn sie sich aufregte und auch mal aus Versehen tierisches Eiweiß abbekam. Das sprach für eine neurologische Erkrankung, aber auch gleichzeitig für eine schwere Allergie. Beide Wirkungen in einem Gebräu? Vielleicht löste tierisches Eiweiß auch die gleichen Krämpfe aus, und der Trank blockierte dann das Immunsystem. Da er durch ihre Mutter einige der Zutaten kannte, weil diese sie bei ihm nachts gegen Bargeld gekauft hatte, war er zuversichtlich, mehr herauszubekommen. Es wollte ihm immer noch nicht in den Kopf, dass alle diese hochgiftigen Stoffe Krämpfe lindern sollten. Sicherlich waren viele Gifte in minimaler Dosis auch Heilmittel, aber die Mengen, die Frau Wollner eingekauft hatte, hätten dann für Jahre reichen müssen.

Er machte einige einfache Nachweise und konnte die Bestandteile, die ihm geläufig waren, bestätigen. Leider konnte er mit seinem kleinen Labor keine quantitativen Bestimmungen durchführen. Für einen Praxistest hatte er sich die Katze besorgt. Auf dem einen Bauernhof in Zellerfeld gab es viele davon und sie vermehrten sich so stark, dass es nicht auffallen sollte, wenn eine fehlte. Es war leicht gewesen, sie anzulocken und in den Käfig zu stecken. Nun wollte er sehen, wie der Trank sich auf das Tier auswirkte.

Er nahm einen kleinen Holzspatel und tupfte ihn vorsichtig in den winzigen letzten Rest des Tranks, gerade so tief, dass er leicht feucht wurde. Dann holte er die Katze heraus. Sie wollte ihm entwischen, aber er packte sie am Nackenfell und setzte sie auf seinen Schoß. Als er sie streichelte, beruhigte sie sich schnell wieder und schnurrte. Er redete beruhigend auf sie ein und nahm den Spatel. Als er vor ihrem Gesicht damit auf und ab wedelte, schlug sie erst mit der Pfote danach, dann schnappte sie zu und kaute etwas auf dem Spatel herum. Genau darauf hatte er gehofft. Er beobachtete sie weiter. Dann erschrak er, als die Katze plötzlich zu würgen begann und sich wild aufbäumte. Bei dem Versuch, sie festzuhalten, riss er die Trankflasche vom Tisch. Sie zerbrach auf dem Fußboden. Vom einen auf den anderen Moment fiel die Katze zuckend in sich zusammen. Daraufhin regte sie sich nicht mehr. Er stupste sie an, aber sie war zu seinem großen Entsetzen tot.

Voller Kummer über das Resultat begutachtete er das Tier. Das hätte nicht passieren dürfen, nicht mit einer Katze. Die Tiere waren zäh und er hatte weniger als einen Tropfen verwendet. Die Wirkung war also viel stärker gewesen, als er gedacht hatte. Aber das würde heißen, dass die Konzentration des Trankes extrem hoch war und auch, dass Elisabeth schon viele Male hätte tot umfallen müssen. Was stimmte da nicht? Welche anderen Komponenten machten den Trank für Elisabeth so einzigartig? Bei personalisierten Zaubertränken nahm man gerne Teile der Zielperson, um die Wirkung zu spezialisieren, das wusste er, aber dies war doch nicht etwa …

Er blickte auf die Pfütze und die Splitter. Dann nahm er entschlossen sein Amulett ab und wandte den Blick nach innen, bis er seine Kraft gefunden hatte. Als er die Augen wieder öffnete, glommen sie weiß. Die Farben des Raumes um ihn herum wirkten nur als stumpfe Graustufen. Seine eigene gelblich-grüne Aura, die durch sein Leben und seine Kräfte entstand, hob sich um seine Hände und Arme gut vom Hintergrund ab, ebenso wie der Trank auf dem Boden, der in einem hellen silbrigen Blau leuchtete. Magie!

Kopfschüttelnd betrachtete er ihn ganz genau. Es gab keinen Zweifel. Verwirrter als vorher wechselte er zurück auf die normale Sicht.

Das erklärte so einiges, warf aber neue Fragen auf. Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich. Wenn der Trank Magie enthielt, dann kam sie beim Brauen hinein. Wenn sie dabei hineinkam, dann musste sie jemand einbinden, der über magisches Potenzial verfügte, und das wiederum hieß, dass Frau Wollner zaubern konnte. Aber das war unmöglich! Er hatte sie des Nachts einmal betrachtet, da hatte sie nur die gewöhnliche schwache Aura eines normalen Menschen gehabt.

Das ergab alles keinen Sinn. Außerdem, wenn Elisabeth den Trank regelmäßig nahm und nicht tot umfiel, dann unterdrückte er sicher mehr als nur ein paar Allergiekrämpfe. Das Zeug brachte in kleinsten Mengen Katzen um. Moment! Wenn Elisabeths Mutter einen Tarnzauber einsetzte, so wie er einen in dem Amulett trug, dann könnte sie ihre Kräfte verbergen. Aber wie? Ebenfalls mit einem Amulett? Die waren extrem selten. Außerdem hatten Hexen es nicht nötig, ihre Aura zu verbergen. Menschen konnten Auren nicht sehen und Hexen nur, wenn sie ihren Blick aktivierten. Zwar konnte man die Aura selbst dann verbergen, aber das kostete – wie jeder Einsatz von Magie – Kraft. Was verbarg Frau Wollner? Was war sie? Und Elisabeth?

Wenn er mal annahm, dass Frau Wollner eine Schamanin oder Hexe war, dann war es wahrscheinlich, dass auch ihre Tochter die gleichen Kräfte besaß. Er hatte Elisabeths Aura noch nie betrachtet, doch dafür hatte ja er auch noch keinen Grund gehabt. Warum sollte eine Mutter ihre eigenen Kräfte verbergen und ihre Tochter systematisch vergiften? Das ergab für ihn keinen Sinn. Wie er es auch wendete, es fehlten ihm Details. Vielleicht kam er der Sache näher, wenn er den Trank nachbraute. Aber dafür brauchte er noch einige Komponenten. Er könnte vielleicht seinen Booster auch so milchig machen, wenn er etwas an den Zutaten drehte. Den Booster hatte Elisabeth vertragen. Möglicherweise brachte dies ihn der Aufdeckung des Geheimnisses näher.

Beherzt griff er nach seinen Utensilien und machte sich ans Werk. Er musste nur noch so eine Bügelflasche auftreiben, aber die gab es nur bei den Wollners. Er würde noch einmal stehlen müssen.

Spieglein, Spieglein an der Wand


In ein dickes Handtuch gewickelt trat Sabrina aus der Dusche. Sie war froh, nach dem Lauf heute endlich aus den verschwitzten Klamotten raus zu sein. Während sie das eine Handtuch um sich herumgewickelt hatte, rubbelte sie mit dem anderen ihre Haare trocken, als sie in ihr Zimmer ging. Irgendwie lief in diesem Schuljahr alles etwas anders. Sie hatte endlich eine Freundin gefunden und auch mit Theobald wurde die Freundschaft besser. Es schien gerade so, als wenn Elisabeth die ganze Zeit gefehlt hätte. Sabrina konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viel Sport gemacht zu haben, aber es ging ihr richtig gut. Sie stellte sich vor ihren großen Ikeaspiegel und musterte sich. Man sah noch nicht, dass sie nennenswert abgenommen hätte, aber das kam sicher bald.

Über den Spiegel fiel ihr Blick erst auf das Kleid, das immer noch an ihrem Schrank hing, dann auf die Handschuhe, die auf ihrem Nachtschrank lagen. Sie hatte sie jetzt schon lange nicht mehr angelegt. Nachdem, was zuletzt passiert war, verspürte sie nicht mehr viel Lust dazu. Ein bisschen Angst hatte sie schon vor ihnen. Als sie den Blick wieder hob, fuhr sie vor Schreck zusammen. Im Spiegel stand die alte Frau vom Friedhof hinter ihr, die sie tadelnd anblickte. Sabrina wirbelte herum, doch da stand niemand. Vorsichtig drehte sie sich wieder zum Spiegel und da war sie – in demselben mitternachtsblauen Seidenkleid und mit korrekt frisierten schneeweißen Haaren. Sie deutete in ihrem Spiegelbild hinter sie und dann auf die Handschuhe.

Sabrina starrte in den Spiegel, als könnte sie ihren Augen nicht trauen. Sie wandte sich erneut um, nur um ihr Zimmer wieder leer vorzufinden. Was passierte hier mit ihr? Da lagen die Handschuhe. Wollte die Alte im Spiegel die Handschuhe zurückhaben oder dass sie diese anzog? Sabrina floh aus dem Zimmer ins Bad. Sie schloss die Tür ab und überlegte. Jemand, der nicht da war, konnte ihr hoffentlich nicht in einen anderen Raum folgen. Oder doch? Ihre Beobachtung mischte sich mit Erinnerungen aus Horrorfilmen, die sie heimlich aus dem Internet heruntergeladen und die ihr die Nackenhaare zu Berge hatten stehen lassen. Das Bad war noch immer voller Dampf vom Duschen. Aber als sie den Spiegel frei wischte, stand die Alte direkt hinter ihr. Sabrina konnte nicht anders, sie stieß einen gellenden Schrei aus und versuchte, aus dem Raum zu kommen, aber in ihrer Panik riss sie den Schlüssel aus dem Schloss und bekam ihn nicht wieder hinein. Ihre Mutter rief von unten hoch, ob alles in Ordnung sei, doch sie konnte nicht antworten. Zitternd lehnte sie den Kopf gegen die Tür.

»Ich träume das nur ... ich träume das nur ...«, sagte sie laut zu sich. Endlich bekam sie den Schlüssel wieder hinein, sperrte auf, sprang in den Flur und stieß beinahe mit ihrer Mutter zusammen.

»Kind, was machst du für einen Lärm?«, verlangte diese zu wissen.

»Ich … ich …« Sie konnte ihrer Mutter wohl kaum erzählen, dass sie Geister von Menschen im Spiegel sah. »Ich habe noch immer nicht abgenommen«, stammelte sie.

Der Blick ihrer Mutter wurde milder. »Du bist eben traditioneller gebaut, so wie ich. Das ist nichts Schlimmes. Es gibt viele Jungs, die stehen auf etwas solidere Frauen.«

Das war das Letzte, was Sabrina jetzt hören wollte. Sie zog eine Grimasse, huschte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. In ihrem Zimmer hielt Sabrina hinter der Tür inne. Noch einen Schritt und sie würde sich wieder im Spiegel sehen.

»Gehen Sie weg!«, sagte sie dann. Dann entsann sie sich, dass sie den gruseligen Geist mit den Handschuhen vertrieben hatte. Ohne in den Spiegel zu schauen, sprang sie bäuchlings aufs Bett und schnappte sich die Handschuhe. Als sie diese übergestreift hatte, hob sie die Hände in Karate-Kampfpose und drehte sich um.

»Das wurde auch Zeit!«, meldete sich jetzt das Spiegelbild der alten Frau hinter ihr.

Sabrina blickte sie sprachlos an.

»Wie dem auch sei, zunächst muss ich dir danken. Du hast mein Geschenk angenommen. Ich hatte schon so meine Zweifel.«

»Aber … aber …« Sabrinas Verstand wollte einfach nicht richtig arbeiten. Dann sagte sie das Einzige, was ihr einfiel, weil es bei dem Geist auch schon funktioniert hatte. Dazu reckte sie ihre Brust vor und sprach mit leicht bebender Stimme: »Ich befehle Ihnen, gehen Sie weg!«

Das amüsierte die alte Frau sichtlich, denn sie hob vornehm die Hand und kicherte leicht, doch dann wurde sie wieder ernst und räusperte sich.

»Sehr nett, ich sehe, du hast schon die Grundzüge des Vertreibens verstanden, aber bei mir funktioniert das nicht. Ich bin nicht wirklich hinter dir!«

Sabrina überlegte fieberhaft. Sie hatte so viele Geschichten gelesen und gesehen, dass ihr jetzt mehrere Möglichkeiten einfielen, was hier gerade geschah. Schließlich überlegte sie laut: »Dann visualisiere ich Sie nur hinter mir? Sie stecken in den Handschuhen, richtig?«

Die Dame schien milde beeindruckt. »Ja und nein. Die Handschuhe erleichtern gewisse Dinge, auch die Kommunikation mit dir, da du noch so wenig weißt. Später wirst du sie dafür nicht mehr brauchen. Hast du eine Ahnung, wer ich bin?«

Sabrina brauchte gar nicht lange zu überlegen. »Sophie Wilhelmine Steiger! Sie sind am selben Tag gestorben, an dem ich geboren bin.«

»Richtig, meine Liebe. Und ich bin jetzt ein Teil von dir.«

»Was?«

»Es heißt Wie bitte. Aber im Wesentlichen hast du recht. Als ich starb, erwählte ich dich als meine nächste Inkarnation und du hast mich vor ein paar Wochen akzeptiert.«

»Moment mal. Ich habe niemals gesagt, dass ich Sie wäre.« In dem Augenblick, als sie es sagte, wurde ihr klar, dass das nicht stimmte. Sie hatte genau diese Worte bei dem Geist verwendet. Sie hatte es ihm ins Gesicht geschrien und ihn dann geboxt.

Offenbar las die Alte ihre Erkenntnis aus ihrer Miene ab. »Aha, du erinnerst dich also doch. Braves Mädchen. Bei all den Gruselgeschichten in deinem Leben wundert es mich ehrlich gesagt, warum du nicht schon früher darauf gekommen bist. Ironischerweise ist das doch dein größter Traum, oder?«

Die alte Frau machte eine Geste zu all den Büchern und wies zuletzt auf das Poster, wo sie das Bild von Bis(s) zum Morgengrauen manipuliert hatte.

Sabrina schluckte. »Aber das ist eine romantische Vampirgeschichte!«

»Ich werde dir einmal etwas über Vampire sagen. Es sind abgrundtief böse, blutsaugende und lebensverachtende Mistkerle. Den schmalztriefenden Schund, den ich mit dir habe anschauen müssen, hätte mir die Galle hochgetrieben, hätte ich noch meinen Körper gehabt. Oh, du musst noch so viel lernen.« Sie beugte sich etwas vor. »Vampire werden DICH fürchten!«, sagte sie mit einem Blick grimmiger Entschlossenheit.

Beide Frauen starrten sich über den Spiegel an. »Seit wann genau stecken Sie in mir?«, verlangte Sabrina zu wissen. »Sie sind doch nicht während meiner …«

»Genau!«, fiel die Frau ihr ins Wort. »Seit deiner Geburt. Seit diesem schönen Tage hast du zwei Seelen in deinem Körper. Na ja, genug Platz ist ja hier drin.«

»Was erlauben Sie sich? Raus aus meinem Körper!«

»So einfach ist das nicht. Das braucht Übung. Ich habe dich ganze sechzehn Jahre beobachtet und mich nun entschlossen, dich endlich auszubilden.«

»Zu was? Ich bin keine Hexe.«

»Nein, nein, keine Hexe. Mädchen, du wirst etwas Besseres, eine Nekromantin, genauso wie ich eine war.«

Zwinkerte die alte Frau etwa? Sabrina gaffte zurück.

»Nun ja, da gäbe es noch eins zu tun. Dein unvollständiges Ritual hat mich nur so weit gestärkt, dass ich jetzt über dein Spiegelbild mit dir reden kann, wenn du die Handschuhe trägst. Aber wenn du bereit wärst, mich endlich zu akzeptieren, dann könnten wir mit der Ausbildung beginnen.«

»Und warum sollte ich das wollen?«

»Nun, du hast dem Geist an den Kopf geschleudert, du seist ich. Und Geister, musst du wissen, sind zuweilen fürchterliche Tratschtanten. Sicherlich hast du mitbekommen, dass Inga einen Bannfluch auf mein Grab gelegt hat, dass ich nicht mehr raus kann. Sie muss also schon gepetzt haben. Ich habe mir in meiner Zeit nicht nur Freunde gemacht. Willst du nicht vorbereitet sein, wenn man dich findet?«

Sabrina wurde bleich. »Was? Wird der Geist etwa wiederkommen?«

»Oh nein, dieser Spezielle nicht. Er hat sicher viel zu viel Angst, dass du ihn auslöschst, sollte er deinen direkten Befehl ignorieren und hier nochmal aufkreuzen. Aber andere könnten und werden kommen. Du hast dich als mich ausgegeben und damit einen Teil des Bundes gesprochen. Ich werde jetzt meinen Teil versprechen und dann werden wir wahrhaftig eins sein.«

Die Alte kam näher. Sabrina zitterte jetzt am ganzen Körper.

»Damit du dich mit mir leichter tust, trete ich nur in Erscheinung, wenn du mich rufst. Aber ich werde stets bei dir sein – wie schon immer.«

Als die Alte direkt neben ihr stand, stammelte Sabrina, die merkte, dass etwas Unausweichliches passieren würde: »Wird es weh tun?«

»Nein, das hat es bei deiner Geburt. Dies wird eher eine Befreiung für dich.« Dann richtete die Alte sich zu ihrer vollen Größe auf, dass sie fast genauso groß wie Sabrina war, und sprach: »Ich bin Sabrina Wilhelmine Schubert! Ich bin sie und sie ist ich.« Dann von einem Augenblick auf den anderen trat sie in Sabrinas Körper.

Sabrina erschauerte kurz, weil die Berührung eiskalt war. Zu ihrem Erstaunen fühlte sie jetzt die andere Präsenz. Eine Stimme klang in ihrem Kopf.

Eine Kleinigkeit wäre da noch. Lass mich nur machen.

Mit aufgerissenen Augen sah Sabrina, wie sich ihre Hände bewegten. Sie konnte gar nichts tun. Die Hände zogen die Handschuhe aus und öffneten die Kommodenschublade. Sabrina sah sich selbst einen Cutter entnehmen, den sie sonst zum Schneiden von Papier verwendete. Sie schnitt sich dann in beide Hände. Es tat höllisch weh und das Blut tropfte auf den Boden. Eilig zogen die Hände die Handschuhe wieder an. Während das Blut in die Handschuhe sickerte, spürte Sabrina plötzlich, wie eine kalte Macht von ihnen ausging. Sie waren jetzt wirklich wie Haut.

Sie gehören jetzt ganz und gar dir, Sabrina!, klang die Stimme in ihrem Kopf. Du kannst damit jeden körperlosen Geist fangen, festhalten und abwehren. Aber sie könnten noch viel mehr. Sie werden dir helfen, bis du so mächtig geworden bist, dass du sie nicht mehr brauchst. Und damit genug für heute. Ruf mich immer im Spiegel und nenne mich Wilhelmine. Sollte dir leicht fallen, den Namen nicht zu vergessen.

Plötzlich war ihre Präsenz nicht mehr spürbar. Sabrina stand immer noch vor dem Spiegel. Das Handtuch war heruntergerutscht, doch sie merkte es nicht. Was war sie da eben eingegangen? Hatte sie eine Wahl gehabt?

Dann ging die Tür auf und ihre Mutter blickte herein. Sabrina quietschte erschrocken, hob eilig das Handtuch auf und scheuchte sie raus. Oh, was dachte ihre Mutter bloß von ihr? Sie kam immer im unpassendsten Moment herein und schon wieder trug sie diese Handschuhe.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
892 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783969010099
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