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Jürg Häusermann

Konstruktive Rhetorik

Der Dialog als Schlüssel

zum erfolgreichen Vortrag


Jürg Häusermann, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, gibt seit den 1980er-Jahren Rhetorikkurse für Menschen aus den verschiedensten Berufen. Er zeigt dabei, wie man auch beim Sachvortrag vor Publikum den Dialog betonen kann und damit Rednern und Zuhörenden die Sache leichter macht. Seine Lehrbücher basieren auf seiner Erfahrung in der linguistischen Forschung, der eigenen Vortragstätigkeit und der Arbeit als Radiojournalist.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

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© UVK Verlag 2019

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH & Co. KG

Lektorat: Rainer Berger, München

Einbandgestaltung: Vanessa Seitz, Tübingen

Einbandmotiv: © ComicSans, iStock

Strichzeichnungen: © Jürg Häusermann, Tübingen

UVK Verlag

Nymphenburger Str. 48

80335 München

Telefon: 089/452174-66

Narr Francke Attempto Verlag GmbH & Co. KG

Dischingerweg 5

72070 Tübingen

Telefon: 07071/9797-0

www.narr.de

ISBN 978-3-7398-3007-0

eISBN 978-3-7398-0178-0

für Bärbel

Prolog: Das Überschreiten der Schwelle

Mit ihren Vorlesungen über Radioaktivität hat Marie Curie Geschichte geschrieben. Sie war die erste Frau auf einem Lehrstuhl einer französischen Universität, und was sie dozierte, waren Ergebnisse aus der Spitzenforschung einer Nobelpreisträgerin. Dennoch kostete es sie jedes Mal Überwindung, vor den Studierenden oder vor einer größeren Öffentlichkeit zu sprechen. Ihr liebstes Medium waren die privaten Gespräche mit ihrem Ehemann Pierre, mit den Studierenden und ihren Kollegen. Die biografischen Quellen lassen es leicht rekonstruieren: Marie Curie war in ihrem Element, wenn im kleinen Kreis ein aktuelles Thema diskutiert wurde – und noch mehr, wenn sie mit ihrem Gatten Pierre zu zweit über „ihr geliebtes Radium“ plauderte. Aber dieselben Gedanken zu präsentieren, bedeutete für sie Stress.

So wie es ihr ging, geht es vielen. Ob es sich als Lampenfieber ausdrückt oder einfach als erhöhte Konzentration – wer auch immer sich an ein Publikum wendet, spürt den Unterschied zwischen dem alltäglichen Gespräch und der öffentlichen Rede.

Marie Curie war zwar eine gute Rednerin; schon in ihrem zweiten Jahr an der École Normale Supérieure de Sèvres hatte sie sich zu einer sehr beliebten Dozentin entwickelt. Aber sie spürte den Schritt zur öffentlichen Präsentation jedes Mal als große Herausforderung, wie ihre Tochter Eve Curie erzählt:

»Montag und Mittwoch ist Marie vom frühesten Morgen an nervös und aufgeregt. Um fünf Uhr hat sie Vorlesung. Nach Tisch schließt sie sich in dem Arbeitszimmer ihrer Wohnung ein. Sie bereitet die Vorlesung vor, notiert sich die einzelnen Abschnitte des Vortrags. Gegen halb fünf Uhr fährt sie ins Laboratorium und schließt sich wieder in dem kleinen Ruheraum ein. Sie ist unruhig, gespannt, unzugänglich. Seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren liest Marie. Und doch hat sie unweigerlich jedes Mal Lampenfieber, wenn sie vor ihren zwanzig oder dreißig Schülern in dem kleinen Vortragssaal erscheinen soll.«1

Wer vor Publikum spricht, überschreitet spürbar eine Schwelle. Er verlässt die Kommunikationsformen des alltäglichen Gesprächs und betritt einen Bereich, in dem andere Regeln gelten. Die Anforderungen an Sprache, Sprechweise und Körpersprache sind grundlegend anders, sobald man sich an eine Gruppe wendet: Es wird eine aufrechte Haltung erwartet, eine deutliche Aussprache, eine strukturierte Rede, bei der man nicht unterbrochen wird – und das sind nur einige Besonderheiten dieser Art des Redens. Sie ergeben sich aus der einfachen Tatsache, dass die Rollen der Beteiligten klar aufgeteilt sind, in einen Sprecher und eine Gruppe von Zuhörenden.

Die „Öffentlichkeit“, vor der Marie Curie Respekt hatte, bestand nicht nur in der Gruppe von zwanzig bis dreißig Studierenden, die sich „alle zusammen erhoben, wenn sie den Hörsaal betrat,“2 und die ihr kritisch folgten. Es kam der universitäre Rahmen dazu, der ihre Vorlesungen ermöglichte. Was sie sagte, wurde beobachtet und weiterverbreitet, weit über die Hochschule hinaus. Sie wusste, dass ihr Wort in der ganzen wissenschaftlichen Welt – und darüber hinaus – Aufmerksamkeit fand. Auch dies trug dazu bei, dass ihr der ganz konkrete Schritt vom Labor in den Hörsaal, vom Gespräch zur Vorlesung, schwerfiel.

Es ist dieser Übergang von der nichtöffentlichen zur öffentlichen Kommunikation, der die Faszination, aber auch die Schwierigkeiten des Redens ausmacht. Menschen, die sich in der persönlichen Begegnung problemlos behaupten, müssen große Hürden überwinden, sobald sie vor einer Gruppe von Zuhörenden stehen, weil sie fürchten, den Anforderungen, die da an sie gestellt werden, nicht zu genügen. Dieses Buch behandelt dieses Thema in zwei Teilen. Der erste beschreibt die Bedingungen und Herausforderungen des öffentlichen Redens. Der zweite Teil zeigt, wie damit praktisch umgegangen werden kann und dass bessere Resultate erzielt werden, wenn das Reden vor Publikum als Dialog verstanden wird.

Inhalt

Prolog: Das Überschreiten der Schwelle

1. Teil|Reden in der Öffentlichkeit: Was sich beim Reden vor Publikum verändert

1Eine neue Rolle, ein weiter Raum

2Die Zeit ist begrenzt

3Der Veranstalter spielt mit

4Normen von Kultur und Gesellschaft

5Reden entstehen geplant

6Das Publikum ist nie passiv

7Das Problem: Monolog statt Dialog

8Rhetorik: Die Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit

9Das Gegenprogramm: Dialog

2. Teil|Wie aus dem Vortrag ein Dialog wird: Praxis der konstruktiven Rhetorik

Verbal|Mit Wörtern den Dialog eröffnen

10Verständlich, attraktiv, transparent

11Fragen und Antworten als Schlüssel zum Dialog

12Erzählen intensiviert den Kontakt

13Redeaufbau als Frucht der Zusammenarbeit

14Beweisen, begründen, plausibel machen

15Von der geschriebenen Sprache wegkommen

16Verständliche Sätze

17Wo sind wir eigentlich gerade? – Transparenz schafft Orientierung

18Damit alle dranbleiben: Attraktivität

19Freies Formulieren macht den Dialog leichter

Übungen|Verbal

Portionieren

Frei formulieren

Storytelling

Aussagen beleben

Metakommunikation einfügen

Paraverbal|Wie man Menschen mit der Stimme erreicht

20Sprechtraining und seine Grenzen

21Wie es klingt: Atem, Stimme, Artikulation

22So erreichen die Worte die Zuhörenden

23Das Geheimnis der Sprechhandlung

24Probleme und Lösungen bei der freien Rede

Übungen|Paraverbal

Tätscheln

Befreite Lektüre

Der hilfreiche Korken

Sinnschritte erkennen

Eine Partitur anfertigen

Sprechhandlungen nutzen

Nonverbal|Wie man mit dem Körper auf den Raum und die Menschen eingeht

25Was kommt zurück? Wie die Körpersprache den Dialog unterstützt

26Wie man auf den Raum reagiert

27Was heißt Blickkontakt mit einer ganzen Gruppe?

28Die verräterische Mimik

29Gesten, die Kontakt schaffen

Übungen|Nonverbal

Auseinandersetzung mit dem Raum (Gruppenübung)

Stehenbleiben (Einzelübung)

Sightseeing (Gruppenübung)

Gestik-Repertoire (Einzelübung)

Medial|Wie Wandtafel, Handout und Beamer den Dialog fördern

30Medienverwendung im Alltag

31Wie wir Medien im Vortrag einsetzen

32So unterstützen Medien die Rede

33Wie Vortrag und Bilder zusammenspielen

34Redner, Publikum und Medium im Raum

35Einzelne Medien, und wie man sie im Dialog einsetzt

36Vorbereitung auf den Dialog

Übungen|Medial

Texte vereinfachen

Choreografie für Flipchart/Whiteboard/Tafel

Objektpräsentation

PowerPoint-Karaoke

Epilog

Weiterführende Literatur

Anmerkungen

Personen- und Sachregister

Gender-Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen zwischen der männlichen und der weiblichen Form abgewechselt. Leserinnen und Leser sind gleichermaßen angesprochen.

1. Teil|Reden in der Öffentlichkeit:
Was sich beim Reden vor Publikum verändert

Reden traditionell

Der erste Teil dieses Buchs macht die Herausforderungen des öffentlichen Redens erfahrbar. Im Mittelpunkt stehen die Faktoren, die die Kommunikation für Redner und Publikum erschweren:

räumliche und zeitliche Bedingungen

soziale und kulturelle Vorgaben

sprachliche, sprecherische und körpersprachliche Normen

Seit dem Jahr 2003 lädt die Universität Münster die Schulkinder der Stadt zu spektakulären Vorlesungen ein – etwa: Wie verklage ich meine Eltern auf Taschengeld? oder: Warum brennt ein Pups?3 Die Kinder verfolgen die Vorträge fasziniert. Sie schildern ihre Professoren als „schlau, aber nicht allwissend“, als „locker und lustig“.4 Dennoch sind sie nicht mit allem zufrieden. Was sie unter anderem stört, ist der Raum, in dem die Professoren zu ihnen reden. Es ist gewöhnlich der Hörsaal H1 am Münsteraner Schlossplatz, der 1.142 Sitzplätze umfasst. Pädagoginnen haben sie dazu befragt und herausgefunden: Die Kinder sind zwar von der Größe des Hörsaals beeindruckt, beklagen aber auch, dass es ihnen schwerfällt, sich aktiv zu beteiligen, und dass die Redner in dem Rahmen schlecht auf individuelle Bedürfnisse eingehen können.5


Abb. 1: Begegnung mit einem traditionellen Redner: Kinder-Uni im großen Hörsaal.

Zum einen genießen die Kinder, dass sie Vorträge besuchen können, die sonst Erwachsenen vorbehalten sind. Zum anderen legen sie auch sogleich den Finger auf den wunden Punkt: Zum ersten Mal mit einer öffentlichen Rede konfrontiert, erkennen sie, dass die Rahmenbedingungen die Kommunikation auch erschweren können. Der Einzelne verschwindet in der Masse, die Distanz zum Vortragenden ist größer als zum Lehrer in der Schule, und wenn sich jemand zu Wort meldet, verstehen ihn die anderen Zuhörenden nicht.

Die kritischen Reaktionen der Kinder sind also gar nicht überraschend. Interessant ist vielmehr, wie die Autorinnen der Studie, die selbst aus der Universität stammen, damit umgehen: Darauf, dass die Kinder bedauern, dass der Dialog erschwert ist, gehen sie gar nicht ein. Sie kommentieren es mit dem lapidaren Satz: „Dies steht aber bei der Organisationsform einer Vorlesung auch nicht im Vordergrund.“

Die Forscherinnen stammen selbst aus der Universität und sind seit ihrem Studium mit der herkömmlichen Form des wissenschaftlichen Vortrags vertraut. Diese ist für sie so selbstverständlich, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, das Feedback der Kinder ernst zu nehmen. Es könnte ja eine berechtigte Kritik sein – nicht an dem Stoff, der hier für sie aufbereitet wird, sondern an den Rahmenbedingungen. Vorträge vor großem Publikum sind gerade wegen ihrer monologischen Anordnung weniger erfolgreich als die Unterrichtsformen, die Kinden aus der Schule kennen und in denen der Dialog zentral ist. Sie macht den Dialog nicht unmöglich, aber sie erschwert ihn.

Wer erfolgreich vortragen will, muss die Rahmenbedingungen kennen, die über Jahrtausende hinweg das Reden in der Öffentlichkeit geprägt haben. Und dann geht es darum, ihnen etwas entgegenzusetzen. Die räumlichen Verhältnisse, die Zeitvorgaben, die Zielsetzungen des Veranstalters stehen einer ungezwungenen, fruchtbaren Kommunikation entgegen. Aber das ist nicht unüberwindbar. Es ist möglich, die prinzipiell monologische Situation in eine tendenziell dialogische zu verwandeln. Um dies zu erreichen, muss man aber die Ausgangslage kennen – die Vorgaben des öffentlichen Redens – und erkennen, dass sie Chancen zu einer unkonventionellen Kommunikation bieten.

Bestimmende Faktoren des öffentlichen Redens

Rollenaufteilung Redner – Publikum

Erweiterung des Raumes

zeitliche Begrenzung

formale und inhaltliche Vorgaben des Veranstalters

gesellschaftliche und kulturelle Normen

besondere Produktionsweisen bei Vorbereitung und Formulierung

eingeschränkte Beteiligung des Publikums

1Eine neue Rolle, ein weiter Raum

Öffentlich zu reden, bedeutet, in einem größeren Raum zu reden. Dies ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass sich eine einzelne Person an eine Gruppe von Menschen wendet. Sie braucht deshalb einige Meter Abstand und die Zuhörenden brauchen alle ihren Platz. Oft werden diese Bedingungen noch verschärft: Eine Rednertribüne, ein Lehrerpult oder eine Bühne sorgt für die Sicht- und Hörbarkeit. Stühle, Bänke, Sitzreihen richten die Zuhörenden auf die wichtigste Person im Raum aus. Auch in informellen Situationen ist es weithin üblich, dass ein Redner sich vom Sitz erhebt und die Menschen, die ihn hören sollen, im Stehen anspricht, auch wenn diese selbst sitzen. Indem er aufsteht und einen besonderen Standort einnimmt, setzt er ein Zeichen. Er erhöht aber auch die Verständlichkeit und zeigt Respekt für die um ihn Versammelten. Wer sitzen bleibt, gilt schnell als unhöflich, auch wenn es als Zeichen der Bescheidenheit oder der Originalität gemeint ist.

In vielen Fällen sind für öffentliche Reden spezielle architektonische Räume geschaffen worden. In Parlamentsgebäuden, Gerichtssälen, Kirchen, oder Schulzimmern bestimmen starre architektonische Vorgaben, wo der Redner steht und wo die Zuhörenden sitzen: Es gibt das Podium, die Kanzel, das Katheder. Diese Wörter allein lassen an bestimmte Arten des Redens denken: Podiumsredner, Kanzelwort, Kathederweisheit etc.

Dass der Raum sich weitet, hat zu bestimmten Verhaltensformen geführt, insbesondere was die Körpersprache betrifft. Vieles, was Redner intuitiv tun – wie sie sich bewegen, wie sie dastehen, welche Gesten sie ausführen – sind durch die Distanz zum Publikum zu erklären, die zur traditionellen öffentlichen Rede gehört, auch wenn diese in vielen Fällen längst aufgehoben ist.

Honoré Daumier hat dies illustriert, als er Mitte des 19. Jahrhunderts Anwälte karikierte. Es war die französische Julimonarchie, eine Zeit der Skandale und sozialen Missstände. In der Serie Les gens de justice zeichnete er zwei Advokaten, die sich noch auf ihren Auftritt vorbereiten. Der eine ordnet seine Halsbinde, der andere schlüpft gerade in den Talar. Die Art ihres Gesprächs ist aus diesen privaten Handlungen, aus der Mimik, aber auch schon allein aus der Nähe der beiden Figuren erkenntlich. Sie werden gleich gegnerische Parteien vertreten; aber eigentlich sind sie Kumpel und vertrauen sich an, was sie wirklich von der Sache denken.


Abb. 2: Honoré Daumier: Zwei Anwälte vor ihrem Auftritt in kollegialem Gespräch.6

Ein anderes Bild zeigt die beiden in der Hitze des rhetorischen Gefechts. Dem plädierenden Anwalt ist anzusehen, dass er zu einem ganzen Saal spricht. Man ahnt die große Lautstärke, auch die Gestik ist für die Wirkung im Raum ausgelegt. Mit seiner Körperhaltung, leicht nach hinten gedehnt, vergrößert er sogar noch die Distanz zum gegnerischen Anwalt, der den indignierten Kollegen spielt.


Abb. 3: Honoré Daumier: Der Anwalt beim Plädoyer.7

Dieser drastische Unterschied zwischen nichtöffentlicher und öffentlicher Rede gilt auch in vielen anderen Situationen – sogar bei einfachen Vorträgen. Der Redner ist exponiert und weiß um die Sichtbarkeit seines körperlichen Ausdrucks. Das verleitet die einen zu besonders deutlichen Gesten, andere hemmt es. In den meisten Fällen ist das Repertoire aber im Vergleich zur Alltagskommunikation reduziert, auf einige wenige Formen beschränkt.

Auch das Verhalten des Publikums wird durch die räumliche Einrichtung geleitet. Die Menschen werden auf eigens angeordnete Sitze verwiesen. Das gibt die Blickrichtung vor und fördert damit die Aufmerksamkeit. Es schränkt aber auch ihre Beweglichkeit ein. Zwischen anderen Zuhörenden eingepfercht, ist man zu einer ruhigen, wenn nicht gar starren Haltung gezwungen. In einem gewissen Sinn isoliert die räumliche Anordnung den Redner; sie verstärkt den Eindruck der Distanz zwischen ihm und dem Publikum.

Die Raumverhältnisse beim öffentlichen Reden beeinflussen auch die akustische Gestaltung. In hohen und weiten Räumen entsteht ein starker Hall – ein Effekt, der beim nichtöffentlichen Gespräch in kurzer Distanz kaum eine Rolle spielt. Wer dagegen im Freien redet, spürt, dass der Nachhall fast völlig fehlt und sich die Stimme leicht verflüchtigt. In beiden Fällen ist die sprecherische Kommunikation grundsätzlich erschwert. Deshalb hat sich eine redetypische Sprechweise entwickelt; Menschen klingen anders, sobald sie „öffentlich“ werden. Da lauter gesprochen werden muss, sind längere Pausen zwischen Satzteilen oder gar Wörtern erforderlich. Dies führt meistens zu einer gleichförmigen Betonung. Und auch wenn heutzutage Mikrofone und Verstärkeranlagen eingesetzt werden, ist diese typische Festredner-Sprechweise noch immer nicht ausgerottet.

Der Einfluss des Raums

größere Distanz des Redners zum Publikum

reduzierte Bewegungsmöglichkeiten des Publikums

vereinfachte, auf Deutlichkeit ausgerichtete Körpersprache

lautes, gleichförmiges Sprechen

Deshalb ist sie auch in weniger offiziellen Situationen erkennbar, sobald jemand die Ebene des nichtöffentlichen Redens verlässt und gleichsam symbolisch den Raum weitet. Körperhaltung und Sprechweise zeigen dies ebenso wie ein Rückgriff auf ein respektableres Vokabular.

Ich kauere mit meinem kleinen Sohn im Sandhaufen und wir sprechen unsere vertraute Familiensprache. Rings um uns und mit uns spielen andere Kinder. Da tut Andreas etwas, das meinen Erziehungsprinzipien widerspricht und ein kurzes erzieherisches Gespräch erfordert. Aber ich weiß: Wir stehen unter der Beobachtung aufmerksamer schwäbischer Mütter und Väter. Also richte ich mich auf, erhebe meine Stimme und weise ihn zurecht. Ich werde für alle, die in der Nähe sind, hörbar und ich verwende einige festgefügte Wendungen, die die Gesellschaft für solche Fälle entwickelt hat. „Das tut man nicht!“ – „Reiß dich zusammen!“ – „Wird's bald?“8

Dass ich mich aufrichte, lauter rede und solche festen Redewendungen gebrauche, zeigt: Ich rede im Bewusstsein, dass andere Leute zuhören. Ich rede so, als ob das Gespräch von diesen Zuhörenden kontrolliert würde. Die Redesituation wird etwas geöffnet; die Redeabsicht verändert sich, die Rede scheint an Wichtigkeit zu gewinnen. Öffentlichkeit im soziologischen Sinne wird da zwar nicht hergestellt.9 Für die praktische Rhetorik aber ist das Bild eines konkreten Raums hilfreich, in dem sich die Distanzen zwischen den Beteiligten vergrößern, sobald einer von ihnen die Rolle des Redners annimmt. Unsere Kommunikation wird für andere zugänglich – ein erster Grad des Veröffentlichens. Und generell wird damit gerechnet, dass die Inhalte der Rede weitergetragen werden und über das anwesende Publikum hinaus wirken. Dies gilt für die Kinder-Uni ebenso wie für die Vereinsversammlung. Die Anwesenden werden das Gehörte weiterverbreiten, in der Familie, in anderen sozialen Gruppen. Deshalb werden die Redner in ihrem Verhalten dadurch bestimmt, dass mehr Resonanz möglich ist als im Alltagsgespräch.

Rhetorik ist die Lehre vom öffentlichen Reden in diesem Sinne: vom Reden, wenn der Raum sich weitet und die Rollen in Redner und Publikum aufgeteilt sind. Man sieht und hört es einem Menschen an, wenn er seine private Redeweise verlässt und – je nach Typ – doziert oder referiert oder predigt. Er begibt sich auf Distanz, nimmt eine neue Rolle an und verhält sich nach anderen Normen.

2Die Zeit ist begrenzt

David Alexander Day war ein amerikanischer Missionar, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Westafrika tätig war. In einer Missionsstation in Liberia predigte er nicht nur, sondern studierte auch die Sprache und Redepraktiken der afrikanischen Bevölkerung. Auch wenn er sie als uncivilized people betrachtete, war er beeindruckt vom Reichtum ihrer Sprache und ihrer Erzählungen. Er notierte seine Beobachtungen für Zeitschriften in der Heimat, zum Beispiel die folgende über einen Brauch, den er als One-Leg-Talk übersetzte:

»Wenn die Zeit knapp ist, wird der Redner oft angehalten, auf einem Bein zu stehen, und er hat nur so lange das Wort, als er in der Haltung bleiben kann.«10

Day kommentiert dies scherzhaft, indem er sagt:

»Die Zuhörer und Gemeinden in der Heimat könnten dies als Hinweis nehmen und diese Regel auf langatmige Redner anwenden. Die Idee ist nicht patentiert, aber ich erwarte, dass alle Gemeinden, die sie umsetzen, uns als kleines Dankeschön eine Schachtel mit Kleidern schicken.«

Das amerikanische Publikum hat diesen Bericht dankbar aufgenommen, und es kommt heute noch vor, dass in launigen Reden oder auch in gedruckten Ratgebern darauf angespielt wird, unabhängig davon, wie gesichert diese Behauptung ist.11 Die öffentliche Rede wird als ein Spiel verstanden, in dem das Publikum dem Redner Zeit und Aufmerksamkeit leihen, aber auch entziehen kann. Viel stärker als in privaten Situationen wird vom Redner ein adäquates Zeitmanagement erwartet. In der Regel gibt es Absprachen über die Rededauer. Dennoch verhalten sich viele so, als ob sie unter Zeitdruck stünden. Sie nehmen ohne Not eine gehetzte Sprech- und Präsentationsweise an, als ob sie Angst hätten, gleich unterbrochen zu werden.

Da ist der Mediziner, der zum Thema „Psychiatrische Störungen“ reden soll. Die Studierenden sind schon da, sie warten in einem großen Hörsaal mit nach hinten ansteigenden Sitzreihen. Die ersten Sitzreihen haben sie typischerweise leer gelassen. Der Dozent ist noch nicht zu sehen. Sie blicken auf eine weiße Leinwand, die hinter dem Lehrerpult aufgespannt ist. Einige Minuten nach der vereinbarten Zeit eilt der Dozent mit weit ausholenden Schritten durch den Raum auf das Pult zu.12 Als er die Mitte des Raums erreicht, spricht er, ohne anzuhalten, den ersten Satz: „So!“

Da er noch mitten im Lauf ist, sagt er es geradeaus, mit Blick in Richtung Seitenwand. Beim nächsten Schritt sagt er: „Etwas zu spät!“ Bei „spät“ wendet er den Kopf kurz nach links, wo die Studierenden sitzen, allerdings ohne abzubremsen. Er braucht drei weitere Schritte, um sich von einem Tablar eine Fernbedienung zu greifen. Mit dieser dreht er sich um, sagt „äh“ und macht drei kurze Schritte zurück. Dabei studiert er kurz die Fernbedienung und tippt mit dem Finger darauf herum (was auf der Leinwand keinen Effekt erzeugt). Als er hinter dem Pult angekommen ist, sagt er, noch immer zur Fernbedienung: „Schönen guten Tag!“

Erst bei „Tag“ blickt der Dozent ins Publikum. Danach wird er sich vorstellen und dann wird die Vorlesung wirklich beginnen. Er wird zwar versuchen, seine Zuhörenden mit seinem Thema zu fesseln. Mit dieser kurzen Einleitung hat er aber weder für sie noch für sich selbst eine gute Vorlage geschaffen. Denn in diesen ersten zehn Sekunden hat er so viele Dinge getan, dass er sich und die anderen überfordert:

Betreten des Raums

Durchschreiten des Raums

kurzer Blickkontakt mit den Zuhörenden

Ergreifen der Fernbedienung (mit einem weiteren Blick ins Publikum)

Blick auf die Fernbedienung, Bedienung

Einnahme der endgültigen Redeposition

drei sprachliche Äußerungen:

Ansprechen der Verspätung („etwas zu spät“) – eventuell in der Meinung, dies werde als Entschuldigung verstanden

Überbrücken einer Pause („Äh“)

Begrüßung („Schönen guten Tag!“)13

All dies ist in einer schwungvollen Bewegung von der Tür bis zum Dozentenpult erfolgt. Für die Veranstaltung stehen 45 Minuten zur Verfügung. Es gibt keinen Grund zur Eile. Ein derart gehetzter Anfang ist nicht notwendig, und dennoch ist er typisch für diese Art Vortrag, gerade an Hochschulen und anderen Lehranstalten: Die Dozenten lassen sich keine Zeit. Sie spurten in den Hörsaal, fangen an, bevor sie richtig angekommen sind, und tun immer mehrere Dinge gleichzeitig. Damit überfordern sie sich und ihr Publikum. Und verpassen die besten Möglichkeiten, mit den Zuhörenden in Kontakt zu kommen.

Das ist kennzeichnend für den Umgang mit der Zeit in der öffentlichen Rede. Der Ausgangspunkt ist eine harmlose und selbstverständliche Rahmenbedingung des öffentlichen Redens: die Zeitabsprache. Wie geredet werden soll, ist vorgegeben, und es wird erwartet, dass die Person, die vorne steht, die vereinbarte Zeit auch einhält. Dies ist ein wichtiger Unterschied zum Alltagsgespräch. Dort ist ein flexibler zeitlicher Rahmen die Regel.14 Für öffentliche Debatten und Reden dagegen gibt es nicht nur feste Termine, sondern auch eingehende Absprachen darüber, wer wie lange reden darf. Diese Regelung wird fast in jedem Fall als Einschränkung verstanden, seien es die großzügigen 90 Minuten der universitären Vorlesung oder die fünf Minuten, die den Mitgliedern des Deutschen Bundestags für „Aussprachen zu Themen von allgemeinem aktuellen Interesse“15 zuerkannt werden. Es führt in vielen Fällen zu einer unnötigen Hast. „Fasse dich kurz!“ ist eine Maxime, die sich durch sehr viele Bereiche des Lebens zieht, und viele Redner orientieren sich sogar dann daran, wenn ihnen genügend Zeit gegeben ist.

Der Einfluss der Zeit

Zeitmanagement durch die Rednerin (im Gegensatz zum gemeinsamen Zeitmanagement im privaten Dialog)

Tendenz zu vorzeitigem Beginn

Tendenz zu hoher Sprechgeschwindigkeit

gleichzeitiges Ausführen verschiedener Handlungen (z.B. Sprechen und Bedienung technischer Geräte)

Wesentlich ist dabei die Tendenz, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wer sich dem Publikum vorstellen will und gleichzeitig seine Brille zurechtrückt, in sein Manuskript schaut und dabei sagt: „Mein Name ist …“, verpasst die Chance, Kontakt aufzunehmen, vom Publikum als Gesprächspartner wahrgenommen zu werden – und auch das Publikum selbst wahrzunehmen.

Reden heißt Zeit haben. Nicht dass man sich auf eine bestimmte Dauer geeinigt hat, sollte die Leitlinie sein, sondern dass man frei ist, sie mit so vielen oder so wenigen Dingen zu füllen, wie es sinnvoll ist – sinnvoll für die Konzentration des Redners, für die Aufnahmefähigkeit des Publikums und für ihre Interaktion.

3Der Veranstalter spielt mit

Man schreibt das Jahr 1687. An der Universität Leipzig warten die Studierenden gespannt auf die Vorlesung des Juristen und Philosophen Christian Thomasius. Er hat Unerhörtes angekündigt: Er wird deutsch dozieren, nicht mehr lateinisch, wie bis anhin gemeinhin üblich. Zum Skandal aber wird sein Auftritt noch aus anderen Gründen: Thomasius tritt nicht mehr in der Universitätsrobe auf, der langen Amtstracht, die die Professoren, ähnlich wie die Vertreter der Kirche und des Rechts, von der übrigen Bevölkerung unterscheidet. Statt des schwarzen Talars trägt Thomasius ein französisches Seidengewand, goldenen Schmuck und dazu eine passende Perücke.16 Er folgt damit der Mode der vornehmen Stände und setzt sich von den Vorgaben seiner Hochschule und seines Standes ab.

Thomasius zog damals Tadel auf sich – nicht nur von der Universität, sondern auch vom König und von der Kirche. Für ihn als Vorkämpfer der Aufklärung, der unter anderem gegen Vorurteile aller Art, insbesondere aber gegen Hexenprozesse ins Feld zog, war der Protest gegen alte Zöpfe ein wichtiges Symbol. Er war damals noch auf weiter Flur der Einzige, der sich auf diese Weise auflehnte. Das ist kennzeichnend dafür, wie stark der Einfluss der institutionellen Rahmenbedingungen auf das Verhalten von Rednern sein kann.

Vieles hat sich seither gewandelt. Aber noch immer brauchen Reden eine öffentliche oder private Einrichtung, die ihnen den Rahmen verleiht: die Schule, das Gericht, das Parlament usw. Diese Einrichtung ist der Veranstalter und schafft den Raum für die Rede. Sie sorgt für ein Publikum und setzt den Redner in Szene. Gleichzeitig gibt sie Regeln vor, die beim Reden einzuhalten sind. Sprache und Kleidung haben dabei meist weniger Gewicht als der Inhalt, auch wenn sie oft den Vorwand für ein Einschreiten des Veranstalters bieten.

Einfluss auf die Verbreitung

Eine Rede wird von drei Mitspielern bestritten. Nicht nur Redner und Publikum gehören dazu, sondern auch der Veranstalter. Dieser hatte schon in jedem Jahrhundert seine eigenen Möglichkeiten, auf eine Rede und ihre Wirkung Einfluss zu nehmen. Wie dies im 21. Jahrhundert geschehen kann, zeigt das Beispiel der weltumspannenden Vortragsfirma TED. Sie veranstaltet Bühnenprogramme mit Kurzvorträgen, die später im Internet Millionen von Klicks generieren. Die Teilnehmenden müssen sich aber an einen ganzen Katalog von Vorschriften halten. Damit bringt TED immer wieder Redner und Publikum gegen sich auf. So zum Beispiel im Jahr 2012, als im Center Theater im kalifornischen Long Beach der Unternehmer und Investor Nick Hanauer auftrat. Sein Vortragsstil fügte sich zwar nahtlos in die Reihe der TED-Vorträge ein. Dennoch führte er zu einer heftigen Kontroverse.

Hanauer – Mitte 50, kurzes schwarzes Haar – trägt weder Robe noch Anzug, sondern einen schwarzen Pulli und blaue Jeans. Er ist es gewohnt, vor Publikum zu sprechen, und wirkt dennoch etwas angespannt. Im Scheinwerferlicht sieht er nicht viel weiter als bis zu den ersten Reihen. Er sucht noch seine endgültige Position, als er schon zu sprechen beginnt:

»Es ist erstaunlich, wie einschneidend eine einzelne Idee eine Gesellschaft und ihre Politik beeinflussen kann …«

Nick Hanauer gehört zu der Gruppe der gut 600 Milliardäre der Vereinigten Staaten, aber die Botschaft, die er verkündet, ist für Seinesgleichen ungewöhnlich. Seine These: Die Steuervorteile, die reiche Bürger und große Unternehmen genießen, bringen der Gesellschaft keinen Nutzen. Zwar werde üblicherweise behauptet, dass sie die so erzielten Einsparungen für neue Arbeitsplätze nutzten. Aber Hanauer streitet dies vehement ab:

»Reiche Leute wie ich schaffen keine Arbeitsplätze; Arbeitsplätze sind die Folge einer Rückkopplung von Kunden und Unternehmen.«

Für die Zuhörenden, vor denen er spricht, ist Hanauer ein Nestbeschmutzer. Die zweitägige Veranstaltung ist ein Festival für vermögende und erfolgreiche Persönlichkeiten, die in kurzen Vorträgen die Geheimnisse ihres Erfolgs preisgeben. Hanauer passt da nicht richtig ins Konzept. Vielleicht wirkt er deshalb zu Beginn eher unsicher, fängt zu früh mit Reden an, entwickelt wenig Gestik, lächelt kaum.

Im Publikum sitzen genügend reiche Leute, die sich nicht besonders geschmeichelt fühlen. Und es zeigt sich, dass auch der Veranstalter, TED, wenig Interesse hat, die Reichen und Superreichen, die schon viel zu seinem Erfolg beigetragen haben, zu brüskieren. Die Quittung folgt denn auch sogleich. Während andere TED-Vorträge auf der Website der Organisation prominent in Szene gesetzt werden, beschließt der CEO in diesem Fall, das Video von Hanauers Rede nicht zu veröffentlichen.

Die Begründung: Die Leistung sei „mittelmäßig“ gewesen, das anwesende Publikum habe gemischte Reaktionen gezeigt und mit der politischen Botschaft könnten sich viele Geschäftsleute angegriffen fühlen.17

Mitspieler Nummer 3, der Veranstalter, hatte zugeschlagen. In seiner Macht steht es, den Rednern eine Plattform zur Verfügung zu stellen oder auch zu entziehen. Er sorgt dafür, dass die Rede einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich wird. Im Fall von Hanauers TED-Auftritt wäre dies die Verbreitung über eine vielbeachtete Internetplattform gewesen, deren Inhalte (oder ebene fehlende Inhalte) von anderen Medien aufgenommen und kommentiert werden. Der TED-Internetauftritt ist die Pforte für den öffentlichen Diskurs. Ohne sie fehlt dem Vortrag die Chance, Thesen und Argumente zum Thema auszutauschen – in diesem Fall zum Themenkomplex Steuer, Reichtum und Armut, soziale Ungleichheit.

Einfluss auf Inhalt und Sprache

Was gesagt werden kann und wie es gesagt werden soll, ist in der öffentlichen Rede Beschränkungen unterworfen. Der Veranstalter kann für die Reden, die in seinem Einflussbereich gehalten werden, eigene Regeln formulieren. Was die TED-Vorträge betrifft, so existiert eine Liste, die angibt, welche Inhalte zulässig sind und welche nicht. Dies geht so weit, dass Behauptungen, die sich „außerhalb orthodoxen wissenschaftlichen Denkens“18 bewegen, der Zensur unterworfen werden.19 Aber auch für die Sprache gibt es Regeln. So ist zum Beispiel „unpräzises New-Age-Vokabular“ verboten.20 Es ist leicht denkbar, dass es da Redner schwer haben, die eine radikale politische oder philosophische Position vertreten.21

Als selbständiges Unternehmen hat TED die Freiheit, seine eigenen Regeln aufzustellen, ähnlich, wie es auch für andere Veranstalter gilt, seien es jetzt Ausbildungsstätten, Vereine oder andere private oder öffentliche Einrichtungen. Meistens bleiben die Regeln unausgesprochen, bis daraus Konflikte entstehen. Im Fall von Hanauer kam es bald zu einem Kräftemessen zwischen TED und dem Redner, der immerhin finanzkräftige Partner hinter sich wusste. Er wehrte sich erfolgreich. TED gab klein bei, lud später Hanauer sogar erneut ein, um ihn dann sehr schmeichelhaft auf der TED-Website zu präsentieren.22

Die Regeln des Veranstalters müssen nicht, wie bei TED, schriftlich festgelegt23 sein; andernorts hält man sich mehr oder weniger unbewusst an traditionelle Formen. Wie der Pfarrer bei der Taufe spricht (in welcher Kleidung, welchen Worten, an welchem Platz in der Kirche und mit welchen Gesten), ist in der Liturgie des Gottesdienstes festgeschrieben. Was im Parlament möglich ist und was nicht, schreibt die Geschäftsordnung vor. Aber auch wenn Jugendliche einen Debattierclub gründen, stellen sie ad hoc Regeln auf, die nicht sehr von den überlieferten Gebräuchen abweichen, obwohl sie es in der Hand hätten, völlig neuartige Formen auszuprobieren.

Der Einfluss des Veranstalters:

Platzierung der Rede im Programm: im Kontrast zu anderen Reden

Regeln zur Form: von der Kleidung bis zum sprachlichen Ausdruck

Festlegung inhaltlicher Grenzen

Entscheidung über die Weiterverbreitung: Kontakt zur Presse, Internetauftritt, Aufnahme in Publikationen

Alle diese Formen der Einflussnahme lassen einen wichtigen Grundton des Redens in der Öffentlichkeit erkennen: Es geschieht in einem Kontext der Autorität. Der Rollenunterschied zwischen Redner und Zuhörenden fügt sich ein in das Machtgefälle von Veranstalter und Publikum. Wenn der Redner sich den Vorgaben des Veranstalters fügt, profitiert er von dessen Macht. Wenn er (wie Hanauer) Thesen vertritt, die den Interessen des Veranstalters widersprechen, oder formale Vorgaben unterläuft (wie es gelegentlich bei Oscar-Verleihungen zu beobachten ist), nimmt er einen Machtkampf auf, den er auch verlieren kann. Auf der anderen Seite ist der Erfolg von Reden oft gerade darauf zurückzuführen, dass der Redner in Maßen auf Distanz zum Veranstalter geht, mit dessen Regeln kokettiert oder sie explizit missachtet.

In der Fernsehserie Wie man mit Mord davonkommt24 steht eine Juraprofessorin im Mittelpunkt, die ihre Strafrechtsvorlesung nicht als Theorie von Recht und Unrecht konzipiert hat, sondern als Anleitung, das Gesetz zu umgehen. Damit hebt sie sich explizit von ihren Kollegen ab. Gleichzeitig erzielt sie auf diese Weise einen enormen Zulauf von Studierenden und nützt damit nicht nur ihrem eigenen Renommee, sondern auch dem ihrer Universität.

Zu berücksichtigen bleibt, dass institutionelle Vorgaben auch etwas Gutes haben. Auch wenn sie in vielen Fällen lächerlich oder veraltet wirken, erleichtern sie andererseits auch die Kommunikation. Sie unterstreichen die Funktion der betreffenden Person und verleihen ihr damit mehr Autorität. Zur rhetorischen Praxis gehört es, sich zu überlegen, inwieweit es möglich ist, von den Normen des Veranstalters zu profitieren, aber auch von ihnen abzuweichen, um nicht nur als Vertreter einer abstrakten Instanz, sondern auch als Individuum in den Dialog mit dem Publikum zu treten.

4Normen von Kultur und Gesellschaft

Antoine de Saint-Exupéry berichtet in seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen über die Entdeckung des Planeten, von dem er stammt. Ein türkischer Astronom habe ihn als erster erspäht. Als dieser aber seine Entdeckung beim internationalen Astronomen-Kongress bekannt machte, habe ihm niemand geglaubt, „und zwar ganz einfach seines Anzuges wegen“.


Abb. 4: Antoine de Saint-Exupéry: Der Astronom in traditioneller Kleidung.

Es dauerte elf Jahre, bis die wissenschaftliche Community den Mann ernst nahm. Dazwischen lagen die Gesellschaftsreformen unter Atatürk, und als der Astronom seinen Vortrag wiederholte, trug er einen Anzug nach westlicher Mode. „Und diesmal gaben sie ihm alle recht“25, berichtet Saint-Exupéry.


Abb. 5: Antoine de Saint-Exupéry: Der Astronom elf Jahre später.

Die Geschichte erinnert daran, dass Verhaltensnormen sich von Kultur zu Kultur unterscheiden – und dass diese auch für Voraussetzungen des öffentlichen Redens, seiner Organisation und seiner Funktion gilt. Die Vertreter einer vermeintlich überlegenen Kultur verlangten die Unterwerfung unter ihre Normen, um den Redner überhaupt als solchen anzuerkennen.

Das Redeverhalten wird oft als Kriterium der Beurteilung der Persönlichkeit missbraucht. Am 6. Dezember, abends, wenn es dunkel war, besuchte uns der Nikolaus. Er hatte einen Sack mit Nüssen, Äpfeln und Lebkuchen bei sich und war ein Vorbote der Bescherung zu Weihnachten. Nur stellte er uns Kinder auch vor eine Aufgabe, die nicht allen leichtfiel. Wir mussten in den Tagen zuvor ein kurzes Verslein auswendig lernen. Am Nikolausabend galt es dann, vor diesem Mann, den wir als ziemlich bedrohlich empfanden, und vor der ganzen versammelten Familie dieses Verslein vorzutragen.

Wer dies gut hinter sich brachte, wurde als „brav“ gelobt. Nun hat zwar brav zu sein, nichts mit der Fähigkeit zu tun, ein Gedicht auswendig zu sprechen. Aber es ist nicht ganz untypisch dafür, wie im Alltag mit Sprachnormen umgegangen wird. Eine persönliche Eigenschaft, die damit nichts zu tun hat, wird damit verknüpft, wie sich jemand sprachlich äußert. Uns wurde damals mit der Pflichtübung vor dem Nikolaus eingebläut, dass öffentliches Reden etwas Besonderes ist.

Was für den kleinen Jungen im Vorschulalter galt, gilt für ihn auch im späteren Leben. Eine rednerische Aufgabe ist zu lösen und das Resultat wird dazu genutzt, den Redner als Gesamtpaket zu beurteilen. Das Reden – die Sprachverwendung überhaupt – dient als Indiz für Charaktermerkmale und Fähigkeiten, die damit wenig zu tun haben. Die rednerische Brillanz oder das rednerische Ungeschick überdeckt alle anderen, wichtigeren Fähigkeiten.

Derartige Voraussetzungen lassen sich nicht durch einen einzigen Auftritt torpedieren. Das Spiel muss im Rahmen seiner Regeln gespielt werden. Aber es lässt sich sanft in einer Richtung korrigieren, die es sowohl dem Redner leichter macht als auch die Informationsvermittlung verbessert: in Richtung Dialog. Die Schwerpunkte im praktischen Teil dieses Buchs haben genau dies zum Ziel.

Tradition, Ritual, Macht

Dass gesprochene Sprache und Ritual eng zusammengehören, wird zu einem gewissen Grad immer so bleiben. Ohne den rituellen mündlichen Vortrag, der noch im Mittelalter weit wichtiger war als der Umgang mit der Schrift, wäre unsere Literatur arm dran.26 Reden werden gehalten, um Jubilare zu ehren, um Begräbnissen einen würdigen Rahmen zu geben oder auch um an einem politischen Feiertag ein Zeichen zu setzen. Nicht was gesagt wird, sondern dass etwas gesagt wird, ist wichtig. Ohne gesprochene Formeln bei Gründungsakten, Taufen oder Ernennungen könnte die betreffende Handlung gar nicht durchgeführt werden. Einen negativen Einfluss auf den Umgang mit dem Reden hat erst der Umstand, dass in vielen Fällen Äußerlichkeiten, Form und Gehabe wichtiger genommen werden als der Inhalt. Und so lange es das Reden als Ritual gibt, wird man es auch mit Werten verknüpfen, die sich weitab vom Inhalt des Gesagten bewegen.

Dies ist in der öffentlichen Rede ständig präsent. Umso wichtiger ist es für den Einzelnen, sich vom sozialen Druck, der daraus entsteht, so weit wie möglich zu emanzipieren und nur diejenigen Rahmenbedingungen zu akzeptieren, ohne die man nicht auskommt. Es geht also darum, sich an die Erwartungen der Umgebung so weit anzupassen, dass die Verständigung nicht darunter leidet.

Dass der Versuch, den rhetorischen Machtverhältnissen eigene Werte entgegenzustellen, in der klassischen Rhetoriktradition aber bald auf Grenzen stößt, zeigt drastisch auch die Genderproblematik.

Das Reden in der Öffentlichkeit galt seit jeher generell als Männerdomäne. Die klassische Rhetorik demonstriert dies sehr gut, deren Vorannahmen und Regeln auf männliche Juristen, Politiker oder Kulturschaffende ausgerichtet waren. Die ideale Rednerpersönlichkeit war der vir bonus, der rechtschaffene Mann. Frauen, die sich in der Antike poetisch oder politisch im männlich definierten öffentlichen Raum äußerten, wurden von männlicher wie weiblicher Seite gleichermaßen kritisch beäugt und ihr Einfluss und Respekt wurden „in der Regel unterminiert.“27 Konrad Lienert, Verfasser einer „Einführung in die Redekunst“, die es vor gut hundert Jahren zu sieben Auflagen brachte, setzte dem Buch mit dem Titel Der moderne Redner noch ohne Bedenken die folgenden Zeilen voran:

»Das war ein Mann! Sein Schwert hat er geschwungen,

Das Schwert des Wortes, männlich, kühn und scharf,

Und Jauchzen schallte, wenn dies Schwert erklungen,

Wenn es zu Boden jeden Gegner warf.«28

Da ist alles drin, was zur Verherrlichung der „Macht des Wortes“ gehört,29 und nicht nur der Führer des Schwertes ist ein Mann, sondern auch das Schwert selbst, das jeden Gegner niederschlägt, ist männlich.

Nun hat sich zur Zeit des besagten türkischen Astronomen in Europa einiges getan. Die Frauenbewegung kämpfte für die Gleichberechtigung, Politikerinnen wie Rosa Luxemburg verschafften sich trotz Anfeindungen Gehör. Aber die Normen blieben männliche Normen. Auch die kriegerische Vorstellung, dass öffentliches Reden ein Kampf sei, in dem das stärkere Argument obsiegt, passt zu einer Welt, in der die Männer für Sieg und Niederlage zuständig sind, die Frauen dagegen für den Ausgleich und das Zusammenkehren der Scherben.

Es ist zwar ein Topos der praktischen Rhetorikliteratur, dass „Frauen den Beziehungsaspekt in ihrer Rede in den Vordergrund stellen und einen partnerschaftlichen, kooperativen und integrativen Redestil pflegen.“ Männer dagegen bevorzugen angeblich einen Stil der Auseinandersetzung und der Sachlichkeit.30 Es existieren moderne Rhetorikratgeber für Frauen, die ein Redeverständnis vertreten, „das nicht auf der Unterscheidung von Sieg und Niederlage basiert, sondern das Raum für ein Nebeneinander von souveränen Subjekten lässt.“31 Doch dies hat bisher in der öffentlichen Rede weder zu einem erkennbaren weiblichen Stil noch zu einem Umdenken männlicher Redner geführt.

Der Einfluss gesellschaftlicher und kultureller Normen

Anwendung von Praktiken der eigenen Gruppe/Kultur auf andere

Verwechslung rednerischer Fähigkeiten mit persönlichen Qualitäten

Betonung ritueller Funktionen von Reden

Vorgabe „männlich“ besetzter Rede-Ideale

Für die Ziele dieses Buchs ist es zunächst wichtig festzuhalten, dass zu den traditionellen Rahmenbedingungen des öffentlichen Redens Faktoren gehören, die sich aus institutioneller, politischer und geschlechtsbezogener Macht ergeben. Der rednerische Auftritt in einem Rahmen über Jahrhunderte entwickelter Machtinstrumente ist nicht möglich, ohne dass auch die Rednerin auf diese zurückgreift. Aber es ist in vielen Fällen möglich, auf Kommunikationsweisen zu verzichten, die nur dem Machterhalt und nicht der Sache dienen, und alternative Formen der Auseinandersetzung zu finden.32 Hilfreich ist es dabei, die Funktion der einzelnen Rede nicht zu überschätzen, sondern sie als einen von vielen Kommunikationsprozessen in einem größeren Ganzen zu sehen. Nicht der Auftritt der Politikerin in der Gemeindeversammlung ist entscheidend, sondern die Gesamtheit der Arbeitsschritte, die ihm vorangegangen sind und folgen werden.

5Reden entstehen geplant

Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch hatte keine Probleme damit, seine Kollegen und Mitarbeiter im direkten Gespräch zu beeindrucken. Bevor er aber seine Vorlesung an der Universität Zürich hielt, war er so aufgeregt, dass er um das Hörsaalgebäude laufen musste, um sich zu beruhigen.33 Loriot, der Humorist, der jede Alltagssituation souverän karikieren konnte, entwickelte vor seinen Bühnenauftritten ein so starkes Lampenfieber, dass er gegen Ende seiner Laufbahn seinen guten Freund Otto Sander bat, für alle Fälle als Ersatz bereitzustehen.34 Es half weder Sauerbruch noch Loriot, zu wissen, dass ihre Zuhörenden sie fast bedingungslos akzeptierten, wenn sie am Rednerpult oder auf der Bühne standen. Dennoch nahmen sie die Schwelle zum öffentlichen Auftritt immer wieder auf drastische Weise wahr.

Lampenfieber und Redeangst bestimmen viele Berichte über das öffentliche Reden. Wenig beachtet wird dabei die Tatsache, dass wir in den allermeisten Redesituationen frei von Lampenfieber sind: beim Reden im Gespräch von Gleich zu Gleich. „Im Gespräch mit ihm fühle ich mich wohl“, heißt es oft. Und in den meisten Fällen denkt man nicht einmal darüber nach. Klar, denn im Alltagsgespräch braucht man keine Sorge zu haben, ob das Gesagte „gut“ oder „korrekt“ formuliert ist. Die anderen werden nicht als Publikum verstanden, sondern als Gesprächspartner. Sie helfen bei Bedarf auch aus, vervollständigen einen Satz oder Gedanken und nehmen dadurch der Situation den Druck, den man allenfalls empfinden könnte. Es ist ein dialogisches Sprechen, ein Miteinander.

Öffentliches Reden aber behindert Spontaneität. Reden entstehen unter dem Vorzeichen eines zu erreichenden Redeziels und sind deshalb immer zu einem gewissen Grad vorbereitet. Vier wichtige Aspekte, in denen sich die Redeproduktion vom nichtöffentlichen Gespräch unterscheidet, sollen hier behandelt werden:

der psychische Übergang vom Unauffälligen des Alltäglichen zum Exponierten der Ausnahmesituation, der sich in Lampenfieber äußert,

die geistige Vorbereitung, die notwendig ist, damit die Rede ein Publikum verdient,

der Einfluss früherer Texte auf die eigene Sprache und Redeweise,

die Ausrichtung der Rede auf ein einziges Ziel.

Vom Nutzen des Lampenfiebers

Fast alle berühmten Schauspielerinnen, Musiker, Akrobatinnen, Clowns – die meisten Menschen, die auf irgendeine Weise vor Publikum aufgetreten sind, können vom Lampenfieber erzählen. Genauso gilt es für Rednerinnen in unterschiedlichsten Situationen. Sogar Menschen, die die Angst zu einem gewissen Grad überwunden haben, beteuern, dass ein Respekt für die Aufgabe notwendig sei. Dass sich dieser auch in Nervosität ausdrückt, gilt als normal.

Redeangst hat zwei Seiten. Zum einen bedeutet sie ein Hinfiebern auf die Konfrontation mit dem Publikum, also der Zustand vor der Rede. Zum anderen gibt es aber auch die Angst während der Rede. Die körperlichen Symptome – nervöses Zittern, kalte Hände, unkontrollierter Atem usw. – können weiter anhalten. In der Regel verschwinden sie aber in den ersten Minuten oder werden zumindest nicht mehr als bedrohlich empfunden. Die Furcht vor der Reaktion des Publikums, die Angst vor dem Versagen verschwindet nach einiger Zeit größtenteils.

Dass es ein „Fieber“ ist, wie die deutsche Sprache suggeriert35, lässt es als akute Erkrankung, als Belastung auffassen – wie es ein alter psychologischer Aufsatz drastisch schildert:

»Der Körper verspürt kalte Schauder in der Kreuzgegend. Er fühlt sich an, als ob ein Tausendfüßler sein Haar durchkämmte. Kalter Schweiß bricht aus und es fühlt sich an, als ob jemand in der Kniegegend die Muskeln durchtrennt hätte. Die Person würde am liebsten die Bühne so schnell wie möglich verlassen.«36

Claudia Spahn, die eine große Menge an Lampenfieber-Literatur verarbeitet hat, unterscheidet vier Gruppen von Merkmalen des Lampenfiebers:

körperliche: schneller und flacher Atem, trockener Mund, kalte und schweißige Hände usw.

emotionale: Angst und Panik, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Scham usw.

kognitive: Konzentrationsstörungen, angstvolle Beschäftigung mit dem Publikum, Blackout usw.

das Verhalten betreffende: unkontrollierte Körperhaltungen und -bewegungen, stereotype Verhaltensweisen, sozialer Rückzug usw.37

Solche Beobachtungen haben dazu geführt, dass der Zustand der Rednerin seit jeher mit demjenigen eines Menschen verglichen wird, der mit einer Gefahr konfrontiert ist. Dieser spannt seine Muskeln an und hält nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau – wie der Steinzeitmensch auf der Jagd nach dem Säbelzahntiger.38

Der englische Terminus stage fright – also „Bühnen-Angst“ – unterstreicht deutlich den Zusammenhang des Lampenfiebers mit der Distanz zum Publikum.39 Die Angst vor der Bühne trennt Rednerin und Publikum deutlich voneinander und betont so die Erwartungen an ein perfektes Auftreten, an einen Monolog. Dies lässt aber auch erkennen: Wer in der Lage ist, frühzeitig dialogische Elemente in den Vortrag einzubauen, hat ein wirksames Mittel gegen die Redeangst in der Hand.

Mark Twain berichtet, wie er den Monologcharakter bei seinem ersten öffentlichen Auftritt milderte, indem er eine Handvoll verlässlicher Freunde bat, sich im Publikum zu verteilen und auf lustige Stellen des Vortrags vernehmbar zu reagieren, so dass das Publikum einstimmte. Ein dialogisches Element war damit eingebaut, das den Redner mit Rückmeldungen sicherer machte.40

Dass Lampenfieber entstehen kann, liegt im Übrigen an einer banalen Tatsache des öffentlichen Redens: es ist vorbereitetes – meist auch explizit angekündigtes – Reden. Angst wird entwickelt, weil die Zeit vorhanden ist, Angst aufzubauen. Dies weist aber auch auf einen erleichternden Aspekt hin: Wer vor anderen reden soll, hat Zeit, um sich vorzubereiten.

Lampenfieber nutzen

In der Praxis geht es nicht darum, das Lampenfieber zu verlieren, sondern es zu nutzen, als Zeichen dafür, dass das Reden vor und mit dem Publikum eine dankbare Aufgabe und nicht eine lästige Pflicht wird. Claudia Spahn spricht denn auch nicht vom Bekämpfen, sondern vom Optimieren des Lampenfiebers.

Ein wichtiges Ziel, das sich mit unserem dialogischen Ansatz trifft, ist die Gestaltung einer positiven Beziehung zum Publikum.41 Für die Redepraxis bedeutet das nicht nur: „Ich habe den Zuhörenden etwas zu geben“, sondern auch: „Ich freue mich auf ihre Resonanz.“

Vorbereitet

Als Charles de Gaulle 1967 auf dem Balkon des Rathauses von Montréal stand und die Bürger von Québec gegen die Zentralregierung aufwiegelte, hatte dies alle Anzeichen eines improvisierten Statements. Mikrofon und Verstärkeranlage mussten in aller Eile installiert werden, de Gaulle schien in der aktuellen emotionalen Situation einer plötzlichen Eingebung zu folgen. In Wirklichkeit war es eine klar kalkulierte Rede, und er hatte schon lange zuvor beabsichtigt, ohne Rücksicht auf die französisch-kanadische Beziehungen die Separatisten von Québec zu unterstützen. Sein Ruf: „Vive le Québec libre!“ hatte, isoliert gesehen, den Anschein des Spontanen; in Wirklichkeit reihte er sich in eine längere Folge diplomatischer Affronts ein.42

Viele Gespräche im Alltag entstehen spontan und laufen ohne eine geplante Struktur ab. Wenn es dabei drunter und drüber geht, liegt darin oft gerade ihr Reiz. Eine Rede für die Öffentlichkeit dagegen hat in der Regel eine längere Entstehungsgeschichte. Sie geschieht oft in Zusammenarbeit mit anderen, mit Rückgriff auf andere Reden und Texte als Quellen. Im Prinzip aber handelt es sich um vorbereitete Reden – um Wortmeldungen, denen eine gewisse Zeit der Überlegung vorausgegangen ist. Diese zerfällt meistens in mehrere Arbeitsschritte. Schon in der Rhetorik des klassischen Altertums stellte die Gliederung der Arbeit in so genannte Produktionsstadien ein wichtiges Hilfsmittel dar. Es waren meist fünf, und sie werden noch heute mit ihren lateinischen Namen bezeichnet.43 Die ersten vier davon können als Vorbereitungsphasen verstanden werden:

[1] Inventio

das Auffinden des Stoffs, der Informationen, die seine Botschaft erhellen und stützen

[2] Dispositio

die Anordnung der einzelnen Aussagen so, dass die Rede einen überzeugenden Aufbau erhält

[3] Elocutio

die sprachliche Gestaltung der Rede

[4] Memoria

das gedankliche Durchgehen und Sich-Einprägen der Rede

[5] Actio

der Auftritt, mit der sprecherischen und körpersprachlichen Präsentation der Rede44

Dass man vorbereitet vor ein Publikum tritt, entspricht auch den Erwartungen an eine Redner: Als Einzelperson zu einer Gruppe zu sprechen, ist ein Privileg. Dazu gehört eine Kompetenz, die es einem weiteren Kreis lohnend macht, zuzuhören und dabei das eigene Wissen zu ergänzen oder in Frage zu stellen. Experte zu sein, bedeutet aber in dem meisten Fällen nicht einfach, aus dem erworbenen Wissen zu schöpfen, sondern recherchieren zu können. Auf keinem Gebiet ist es ratsam, einen alten Vortrag aus der Schublade zu ziehen und ihn so zu halten, wie es vor ein paar Jahren, Monaten oder auch Tagen passend war.

Recherche ist eine Schlüsselkompetenz in sehr vielen Berufen; wenn es darum geht, einen Text zu verfassen (und sei es eben auch eine gesprochene Rede), kommt man ohne sie nicht aus. Für die öffentliche Rede ist sie ein wichtiges Merkmal, das sie vom alltäglichen Gespräch unterscheidet. Unsicherheit über einen Sachverhalt gehört zur privaten Konversation. „Lass uns das mal nachschlagen/googeln/erfragen“ ist eine gängige Aufforderung, mit der man gemeinsam Informationen ergänzt, um danach weiter diskutieren zu können. In der öffentlichen Rede sind die entsprechenden Handlungen der Actio vorgeschaltet.

Jedes, auch das improvisierte Reden geschieht aus einer Kompetenz heraus, die man sich vorher erworben hat und die einen dazu legitimiert, das Wort zu ergreifen. Dies ergibt ein besonderes Merkmal des öffentlichen Redens: inhaltliche Verdichtung. Man hat sich mit recherchiertem Material beschäftigt, den Inhalt auf einen vorgegebenen Umfang reduziert, musste von anderen formulierte Aussagen in die eigene Rede übernehmen - all dies führt zu einer dichten Folge von Informationen, die durch einmaliges Anhören nicht leicht aufgenommen werden. Verständlichkeit und Attraktivität öffentlicher Rede werden durch ihre Vorbereitung beeinflusst. Der Sprachstil nähert sich, trotz des mündlichen Charakters, der geschriebenen Sprache an: Lange, komplexe Sätze, unübersichtlicher Aufbau, abstrakter Wortschatz sind Merkmale dafür. Schriftliche Unterlagen beeinflussen zudem die Art, wie der Redner klingt, und engen seinen Bewegungsspielraum ein. All dies vergrößert die Distanz zum Publikum. Dies bedeutet natürlich nicht, dass ein Zuviel an Vorbereitung schädlich wäre. Es bedeutet vielmehr, dass eine Sprache anzustreben wäre, die sich dem Stil der spontanen, einfachen Sprache des Alltags annähert. Das Hauptproblem in der praktischen Rhetorik ist deshalb das Herstellen von Verständlichkeit ( Kapitel 15—19).

Hinzu kommt die Schwierigkeit, die Grenze zwischen eigenen und fremden Aussagen deutlich zu machen. Dies illustriert der folgende Auszug aus einer Zwischenfrage in einer Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag:

[Norbert Barthle, CDU:] »Herr Kollege, es gibt heute eine Nachricht in der FTD [Financial Times Deutschland], da wird gemeldet: … In dieser Meldung werde ich zitiert mit der Aussage: … Und das ist genau die Position, die die Koalition vertritt, die die Bundeskanzlerin vertritt; denn die Bundeskanzlerin sagt klipp und klar: … «45

Die gesamte Intervention ist aus Zitaten aufgebaut – Zitaten von journalistischen Quellen, Kollegen und dem Sprecher selbst. Es erfordert die Fähigkeit, sich mit Geschriebenem auseinanderzusetzen und klar abzugrenzen, was man selbst meint und inwiefern man fremde Meinung nur referiert, um diese allenfalls später zu kritisieren.

Auf der anderen Seite nützt jedem Redner die längere Beschäftigung mit ihrem Thema, indem bewährte Äußerungen entstehen, auf die sich zurückgreifen lässt. Jeder, der sich an ein Publikum wendet, wird möglichst verhindern, dass er aus dem Stegreif reden muss. Und wenn es ihn dennoch einmal kalt erwischt, ist er froh, wenn er auf Redebausteine zurückgreifen kann, die er bereits anderswo erprobt hat oder die zu seiner täglichen Arbeit gehören.

Zur Erinnerung an Martin Luther King gehört die berühmte Rede, die er am 28. August 1963 am Ende des großen Marsches auf Washington vor dem Lincoln Memorial hielt. Auf dem Film, der das dokumentiert, wirkt er vor der riesigen Menschenmenge wie in Trance. I have a dream …, sagt er in der Mitte der Rede und hebt an zu der berühmten Passage, einer Vision von einem Amerika der Einheit und Gleichberechtigung. Aber dies ist weder eine spontane Eingebung noch eine einsame Tat. Hinter ihm auf dem Podium sitzt die Sängerin Mahalia Jackson. Er ist mitten in seinem vorbereiteten Text, als sie ihm zuruft: „Erzähl ihnen vom Traum, Martin!“46

Da schiebt King sein Manuskript beiseite, und spricht die unsterblichen Worte:

»Heute, meine Freunde, sage ich euch: Auch wenn wir uns den Schwierigkeiten des heutigen und morgigen Tags stellen, habe ich immer noch einen Traum. Es ist ein Traum, der tief im amerikanischen Traum wurzelt. Ich träume davon, dass eines Tages diese Nation aufsteht und die wahre Bedeutung ihres Bekenntnisses erleben wird: Wir erachten diese Wahrheiten als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen worden sind …«

Und dann erweitert er sein Bekenntnis mit drei Bildern, die diese Sehnsucht illustrieren:

»Ich träume davon, dass sich eines Tages, auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne einstiger Sklaven und die Söhne einstiger Sklavenhalter zusammensetzen können am Tisch der Bruderschaft.

Ich träume davon, dass eines Tages sogar der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze des Unrechts schmort, in der Hitze der Unterdrückung schmort, sich wandelt zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit.

Ich träume davon, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt, sondern nach dem Gehalt ihres Charakters.«47

So spontan King zu dieser unsterblichen Passage kam, so wenig improvisiert war sie. So wohlgesetzte Worte können nicht einer plötzlichen Eingebung entspringen. King konnte auf ein Repertoire zurückgreifen, das er im Lauf der Zeit aufgebaut hatte. Bei mehreren früheren Ansprachen hatte er ähnliche Passagen verwendet. Als Mahalia Jackson rief: „Erzähl ihnen vom Traum“, meinte sie genau das. Vielleicht wäre er auch selbst noch darauf gekommen. Aber auf jeden Fall nahm er die Anregung bereitwillig auf. Eine Mischung zwischen vorformulierten Passagen und spontaner Kreativität machten die Rede zu einem authentischen Produkt.

Vorbereitung kann einengen oder Sicherheit bringen

Eine gute Vorbereitung birgt immer die Gefahr, dass man sich zu eng an einem Konzept orientiert. Die Rede kann in Sprache und Tempo zu starr wirken. Gute Vorbereitung kann aber auch als Chance gesehen werden, so weit von ihr abzuweichen, dass die Rede lebendig wirkt – dank spontaner Ergänzungen, Tempoveränderungen, Reaktionen auf Einwände. Je besser dabei die Vorbereitung, desto leichter ist es, von ihr abzuweichen und bei Bedarf wieder zu ihr zurückzukehren.

Zielgerichtet

Eine Gruppe Jugendlicher spielt im Innenhof des Einkaufszentrums Fußball. Kunden, die an ihnen vorbeigehen müssen, fühlen sich gestört und protestieren. Der sportliche Eifer schlägt in Aggression um. Gewalt liegt in der Luft. Da schnappt sich einer der bisher unbeteiligten Passanten den Ball und geht auf die Jugendlichen zu. Er ruft die Streithähne zur Besonnenheit auf und fordert die Jugendlichen auf, ihr Spiel draußen fortzusetzen.48

Der Mann war eigentlich nur auf einem Einkaufsbummel mit seiner Familie. Das aktuelle Ereignis hat ihn zu einem Rollenwechsel bewegt. Er ist jetzt Redner. Die Szene hat sich für ihn verändert, er spricht nicht mehr mit Frau und Kindern, sondern zu einer Gruppe fremder Menschen. Der Raum hat sich geweitet. Die Zeit, die man ihm zuzuhören bereit sein wird, ist begrenzt. Gleichzeitig ist auch der Inhalt seiner Rede klar fokussiert. Er hat ein einfaches Ziel: die Situation zu beruhigen. Auch wenn seine Worte mehr enthalten – eine Anrede, einen Ausdruck des Verständnisses für beide Seiten, einen Dank – sind sie auf eine einzige Handlung ausgerichtet: auf die Aufforderung, woanders zu spielen.

Zu jeder öffentlichen Rede gehört, dass sie einem Zweck untergeordnet ist. Dieser ist meistens von vornherein festgelegt. Es kann zum Beispiel eine neutrale Information sein (z.B. bei einer Stadtführung oder einer Durchsage am Bahnhof) bzw. Belehrung (z.B. bei öffentlichen Vorträgen oder in Unterrichtssituationen). Je nach Tradition – oder nach Übereinkunft von Redner und Publikum – kann das Ziel auch ganz anderer Art sein:

Unterhaltung

Aufklärung

Anleitung

Befehl

Anklage

Verteidigung

Verkündigung

Begrüßung

Nachruf usw.

Reden in der Öffentlichkeit ist zielgerichtet. Doch je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto eher werden neben dem Hauptziel auch weitere Ziele verfolgt. Ein Sachvortrag über die Klimaveränderung kann neben dem informativen auch werbenden Charakter haben. Eine unterhaltende Erzählung kann auch eine weltanschauliche Botschaft enthalten usw. Dennoch ist die Rede jeweils einem Hauptziel untergeordnet.

Für die praktische Rhetorik ist es wichtig, auch eine kleinteiligere Handlungsstruktur zu erkennen, die das Hauptziel unterstützt. Ein längerer Vortrag zerfällt zum Beispiel in Hintergrundinformationen, Thesen und Argumente. Zwischendurch werden Hauptaussagen mit Beispielen illustriert, Fragen gestellt, Zusammenfassungen formuliert etc.49 Typisch für die öffentliche Rede ist, dass alle diese Teile in der Verantwortung des Redners liegen. Je dialogischer die Form, desto eher können sich alle Gesprächspartner an den die Hauptaussage stützenden Elementen beteiligen. In einer abwechslungsreich gestalteten Schulstunde zum Beispiel erarbeiten die Schülerinnen einleuchtende Beispiele. In einem Gespräch mit der Ärztin wird der Patient aufgefordert, die wichtigsten Punkte zusammenzufassen. In einem Verkaufsgespräch sind Fragen der Kundin oft wichtiger als die Behauptungen des Verkäufers.

Sprechhandlungen

Jede Rede zerfällt in einzelne Teilhandlungen: Ankündigen, Behaupten, Begründen, Illustrieren, Zusammenfassen usw. Sie ist aber in der Regel einem einzigen Ziel untergeordnet, das als Haupthandlung bezeichnet werden kann: Informieren, Unterhalten, Überzeugen, Auffordern usw. Wir werden unter dem Begriff Sprechhandlung oder Sprechakt darauf zurückkommen ( Kapitel 23 | Das Geheimnis der Sprechhandlung).

Deshalb ist es sinnvoll, auch den Handlungsaspekt der öffentlichen Rede nicht einseitig aus dem Blickwinkel der Rednerin zu sehen. Die Vorstellung, dass Publikum und Organisatoren an der Ausrichtung der Rede mitbeteiligt sind, nimmt viel Gewicht von den Schultern der hauptverantwortlichen Person. Wenn Rednerin und Publikum auf Augenhöhe sind, sich unter dem Zeichen der Gleichberechtigung finden, ist die Gliederung in Teilhandlungen auch eine Gliederung in Rede und Gegenrede.

Typische Merkmale öffentlicher Rede:

vorbereitet: Der Präsentation geht eine Zeit des Vorlaufs voraus, die zu einer (oft mentalen) inhaltlichen und formalen Skizze genutzt wird, oft auch zu einem vollständig formulierten Manuskript.

textbasiert: Reden beruhen sprachlich und inhaltlich auf bereits existierendem Material: auf Quellen, auf bisherigen Reden, auf eigenen und fremden Redebausteinen. Dies verstärkt den offiziellen Charakter des Sprachstils (Schriftsprache).50

zielgerichtet: Öffentliche Reden sind meist deutlich auf einen einzigen Zweck ausgerichtet.

6Das Publikum ist nie passiv

»Ein nasskalter Tag im beginnenden Frühjahr 1828, ein Wetter, bei dem man lieber zu Hause blieb. Doch Hunderte von Menschen strömten in Richtung Singakademie zu einer Vorlesungsreihe eines Mannes, der schon seit dem Dezember des vorangegangenen Jahres die Einwohner Berlins fesselte. … Obwohl der größte in Berlin verfügbare Raum mit fast achthundert Personen gefüllt war, herrschte in diesem eine Ruhe, wenn auch eine angespannte, als der Gelehrte den Vortragssaal betrat …«51

Alexander von Humboldts „Cosmos-Vorträge“ waren im Wintersemester 1827/28 ein Publikumsmagnet und die Berichte, die wir von Zuhörenden haben, zeugen von der Autorität des Gelehrten. Der Hinweis auf die „angespannte Ruhe“ zeigt, dass die öffentliche Rede nicht nur Rednerinnen und Rednern, sondern auch denjenigen, die zuhören, besonderes Verhalten abverlangt. Sie richten sich auf die Rolle des zu belehrenden und zu unterhaltenden Publikums ein und machen damit den Schritt von der nichtöffentlichen zur öffentlichen Situation ebenso mit wie der Redner selbst.

Wer alles zum Publikum zählt, wird wiederum von Rahmenbedingungen bestimmt, die Gesellschaft und Institutionen vorgeben. Humboldt hielt seinen Vortrag bewusst in der Sing-Akademie und nicht an der Universität. An dieser wäre er nur von Studierenden und Kollegen gehört worden, und nur von Männern. Frauen wurde der Zugang zu preußischen Universitäten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich geöffnet. Humboldt verlangte für seine Vorträge keine Eintrittsgebühr und so kamen Zuhörende „aus den unterschiedlichsten Schichten – von Mitgliedern der königlichen Familie bis zu Kutschern, von Studierenden bis zu Dienstboten, von Gelehrten bis zu Maurern – und die Hälfte waren Frauen.“52

So beteiligt sich das Publikum

Die klassische Anordnung von Bühne und Zuschauerraum sieht für das Publikum eine passive Rolle vor: Zuhören. Dennoch ist es aktiver, sogar im Extremfall einer derartigen Großveranstaltung. Auch wenn keiner ein Wort sagt, sind die verschiedensten Aktivitäten möglich: geistige wie Mitdenken und Mitschreiben, nonverbale wie Lächeln, Stirnrunzeln, Kopfnicken, paraverbale wie Raunen oder Lachen. Die Anwesenden sind aber auch Multiplikatoren. Sie sind der erste Kreis in einer Reihe von Öffentlichkeiten, die um die Veranstaltung herum entstehen. Die Wirkung der Rede wird weiter vermittelt zu Gesprächspartnern außerhalb des ursprünglichen Publikums und gegebenenfalls in weitere Medien. Bei Alexander von Humboldt waren dies Berichte von Besuchern in Briefen, Zeitungsartikeln und Büchern.53 Im 21. Jahrhundert sorgen soziale Medien und je nach Art der Veranstaltung die üblichen Massenmedien für Resonanz.

Die Vorstellung, dass die Zuhörenden stumm und ohne eigenen gedanklichen Beitrag einem Vortrag folgen, ist in jedem Fall falsch, auch wenn es in Rhetoriktrainings geradezu sprichwörtlich geworden ist, die Rednerin als die darzustellen, die die Zuhörenden „führt“.54 Die Zuhörenden sind immer aktiv – vorausgesetzt sie stehen noch mit der Rednerin in Kontakt. Die Aufgabe einer dialogischen Rhetorik ist es, diesen Kontakt zu sichern und auszubauen.

Wie sie zuhören: rational, emotional, kreativ, orientierend

Von David Malan wurde erwartet, dass er eine stinknormale Einführung in die Informatik hielt. Der Kurs im B.A.-Programm der Harvard University war nicht besonders beliebt. Etwa 130 Studierende hatten sich jeweils eingeschrieben; 25 von ihnen hatten daraufhin Informatik als Hauptfach gewählt. Der Rest war für immer abgeschreckt. Malan wollte das ändern. Er tat zwar genau, was man von ihm erwartet hatte: Er führte in die Grundlagen und die Denkweise des Computers ein. Aber er tat es auf eine völlig andere Weise als seine Vorgänger, und wenige Jahre später schrieben sich 700 Studierende ein, und immerhin 50 wählten Informatik als Hauptfach.55

Ein Grund für den Erfolg dieses Dozenten war, dass er die Aktivität der Zuhörenden richtig einschätzte. Während sich die meisten Menschen, die über ihr Fach vortragen, auf Sachinformationen konzentrieren, wurde hier das Publikum auf mehreren Aktivierungsebenen angesprochen: nicht nur auf der Informationsebene, sondern auch auf der emotionalen, kreativen und orientierenden Ebene.

Über Emotionen motivieren

Malan beginnt seine Einführung in Computational Mathematics (in Harvard CS 50 genannt) weder mit einer Definition noch mit einem Überblick über die Thematik, sondern mit einer Selbstoffenbarung:

»Hallo! Mein Name ist David Malan, und das ist CS 50. Ich liebe diesen Kurs über alles. Für mich ist das mein Traumjob, ehrlich gesagt …«56

Er steht vor 400 Studierenden verschiedenster Fächer, die nicht genau wissen, was sie in Informatik erwartet, und er sagt ihnen zuallererst, wie sehr er das Fach liebt. Er erzählt, wie er dazu gekommen ist, es zu studieren, dass er – ebenso wie wohl viele im Hörsaal – eher Angst davor gehabt hat und wie er herausgefunden hat, dass es mit vielen seiner Interessen zusammenhängt.

Malan will die Studierenden mitreißen, sein Ziel ist zunächst, dass seine Begeisterung überspringt. Neben dieser emotionalen Aktivierung tritt die strukturierte Vermittlung von Inhalten in den Hintergrund. Als er das Fach vorstellen muss, tut er dies zuerst über Geschichten, die dessen Anwendung illustrieren. Er erzählt: Als Studierender fand er es umständlich, die nächste Busverbindung herauszufinden, die ihn vom Campus nach Hause brachte. Er nutzte die digitalisierten Fahrpläne, um einen Dienst zu entwickeln, der ihm per SMS die gewünschten Abfahrten und Anschlüsse übermittelte – lange bevor es Smartphones und dazu passende Apps gab. Zwar lassen sich über das Erzählen nur einzelne Beispiele vermitteln; Verallgemeinerungen brauchen abstraktere Formen. Aber die Geschichten vermitteln seine Gefühle und motivieren zum weiteren Zuhören, auch wenn es komplexer wird.

Die Kreativität der Zuhörenden ansprechen

Gibt es eine Methode, um auf rationelle Art zu ermitteln, wie viele Personen im großen Vorlesungssaal versammelt sind? – Eine einfache Frage, die zunächst die Kreativität der Studierenden anregen soll. Mehrere melden sich zu Wort und schlagen mögliche Arten des Zählens oder Schätzens vor. Dann aber schlägt der Dozent eine eigene Methode vor, die das Denken der Informatik erfahrbar macht. Sie besteht darin, dass die Studierenden Zweiergruppen bilden. Einer der beiden setzt sich, der andere bleibt stehen. Derjenige, der noch steht, repräsentiert jetzt zwei Personen. Wieder bilden je zwei der noch Stehenden eine Gruppe; einer setzt sich, der andere repräsentiert jetzt vier Personen. So geht es weiter. Wenn die Letzten, die noch stehen, ihre Summen addieren, ist die Gesamtzahl ermittelt.

Es ist ein munteres Treiben, bei dem sich alle körperlich betätigen und dabei erfahren, was binäres Verarbeiten von Informationen bedeutet.

Zum Mitdenken anregen

Zu jeder Rede gehören auch Informationen, die rationales Denken erfordern. Dazu gehören begründende, verallgemeinernde, zusammenfassende Aussagen, die sich auf einer abstrakteren Ebene als die praktischen Beispiele bewegen. Die Frage ist, wann man sie platzieren soll. Dazu gehören Behauptungen wie: „Informatik macht euch offen für die Möglichkeiten, Probleme effektiver zu lösen.“

Wäre der Dozent damit eingestiegen, vor den praktischen Aufgaben und Beispielen, hätte er nur ein schwaches Interesse geweckt. Aber nachdem Emotionen und Kreativität aktiviert wurden, fallen auch die rationalen Aussagen auf fruchtbaren Boden.

Orientierung schaffen

Zu diesen Appellen an die emotionale, die kreative und die rationale Beteiligung gesellt sich eine weitere Ebene, die orientierende. Dazu gehört Überblick über die Organisation der gesamten Veranstaltung ebenso wie die Orientierung innerhalb des Vortrags: Wo sind wir? Was wird als nächstes kommen? Wie ist die aktuelle Aussage mit den übrigen verknüpft? Es wird eine Struktur für die aktuelle Vorlesung skizziert, und die Studierenden bekommen auch eine erste Idee für die folgenden Wochen. Die orientierende Ebene enthält also mehrere Dimensionen: zum einen Klärungen über den Aufbau und die Gliederung bis hin zum verwendeten Vokabular, zum anderen Informationen über die zeitliche Platzierung der Vorlesung, aber auch über die Rahmenbedingungen, das Biotop, in dem sich diese abspielt.

Den Kontakt verstärken

David Malan hat eine halbe Stunde lang sehr einfache Beispiele präsentiert, mit denen er in das Denken der Informatik eingeführt hat. Er hat gezeigt, wie sich Boolesche Operatoren, Funktionen und Ausdrücke unterscheiden. Dann verlässt er die Inhaltsebene und stellt das Team vor, das hinter dem Lehrprogramm steckt, die Mitarbeiterinnen, mit denen die Studierenden zu tun haben werden. Dies ist eine einfache Methode, den Kontakt auf Beziehungsebene zu verstärken. Natürlich hat er schon zu Beginn Kontakt aufgenommen, durch die Art der Ansprache, durch Blickkontakt oder Fragen. Aber das Interesse für die Personen, die hinter der Präsentation stecken, ist größer, wenn eine Basis gelegt ist. Nach einem ersten einführenden Teil macht es Sinn, die Assistentinnen kennenzulernen. Deren Namen und Aufgaben können jetzt mit den ersten Erfahrungen verknüpft werden; Informationen auf verschiedenen Ebenen werden nutzbringend miteinander verknüpft.

Was sie nachher tun: die Weiterverwendung von Reden

Buddha zog ein halbes Jahrhundert lang von Ort zu Ort und verkündete seine Lehre. Eine Gruppe von Mönchen begleitete ihn, und diese Mönche prägten sich ein, was der Meister zu sagen pflegte. Als er 483 v.Chr. starb, konnten sie die Reden und Aussprüche mit großer Genauigkeit aus dem Gedächtnis wiedergeben, und auch in den folgenden Jahrhunderten wurden diese kaum verändert von Mund zu Mund weitergegeben.57 Es gehört zur Tradition des öffentlichen Redens, dass seine Produkte mehr Bestand haben, als es die flüchtige Form vermuten ließe. Die Reden die Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren hielt, wurden in einer Form festgehalten, die es leichter machte, sie weiterzugeben.58 Eine Mnemotechnik, eine Methode, das Gedächtnis zu aktivieren, war entwickelt worden, die der schriftlichen Aufzeichnung ebenbürtig war.59 Lange bevor die buddhistischen Mönche lesen und schreiben konnten, konnten sie sich auf einen Wortlaut für die Reden berufen, der für sie alle als gesichert galt.

Auch in unserer Kultur haftet einer mündlichen Rede noch immer an, dass sie zur Weiterverwendung und Weiterwirkung dienen soll. Sie hat einen bestimmten Wortlaut, ist in gewissem Sinne ein Text, auf den sich Redner und Zuhörende berufen können. Im Parlament oder bei Gerichtsverhandlungen wird mitgeschrieben. Ein Protokoll wird erstellt, aufbewahrt und liegt zur Einsicht vor. Aber auch da, wo Mitschriften nicht üblich sind, wie in der Predigt, oder wo nur unvollständige Aufzeichnungen entstehen, wie bei der Vorlesung, kann der Redner auf seine Worte verpflichtet werden.

Das gesprochene Wort ist nicht flüchtig

Eine öffentliche Rede hat schon deshalb mehr Bestand, weil die Zuhörenden die Erwartung haben, etwas mitnehmen zu können. Um die Behaltensleistung zu erhöhen und die Wiedergabe zu erleichtern, wird auch im Zeitalter der elektronischen Aufzeichnung besondere Sorgfalt auf die sprachliche Form verwendet. Wer kompliziert redet, kann mit weniger Widerhall rechnen. Wer prägnant formuliert, findet eher Resonanz.

Viele große Reden leben anhand von eingängigen Zitaten weiter: In Winston Churchills erster Rede als Premierminister war es die Aussicht auf „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“.60 John F. Kennedy ist in Erinnerung mit seiner Aufforderung: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann; fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“61 Aus Helmut Kohls Rede vor der Knesset 1984 (und vielen anderen Reden) ist es die Formel von der „Gnade der späten Geburt“.62

Prägnante Formulierungen können eine öffentliche Rede zu einem literarischen Ereignis machen. Rhetorik ist da wie schon im Altertum die Kunst, seine Sache schön und gut zu sagen (lat. ars bene dicendi). Aber den Schwerpunkt auf den stilistischen Schmuck zu legen, ist für den unmittelbaren Dialog nicht relevant. Es demonstriert vielmehr den monologischen, oft propagandistischen Charakter einer öffentlichen Rede. Wer dagegen den Dialog sucht, wird die Schwerpunkte anders setzen.

Verstärkt wird die sprachliche Leistung durch den Einsatz weiterer Medien, die Visualisierung mit einer geeigneten Software oder die Diskussion eines Demonstrationsobjekts. Aussagen werden verstärkt, indem mehrere Sinne angesprochen werden, nicht nur der akustische. Die Ethnologin projiziert die Flugbahn eines Bumerangs auf ein Panorama der Heimatstadt ihrer Zuhörenden, so dass sie die Aussage: „Flugdistanz 427,2 m“63 besser begreifen. Der Zoologe bringt ein Nashorn zum Streicheln mit, um die Dicke der Haut nachvollziehbar zu machen. Die Genetikdozentin verteilt Papiere, die mit der Verbindung PTC getränkt sind, so dass jeder Zuhörende überprüfen kann, ob er das Gen für den bitteren Geschmack hat oder nicht. Die Kombination der Sinne sorgt dafür, dass die gewonnenen Informationen besser behalten und weiterverwendet werden. Denn autonome Weiterverwendung gehört zur Vorstellung von Öffentlichkeit. Die Adressaten bringen, was sie gehört haben, in andere Diskurse ein. Sie übernehmen Fakten und Argumente daraus, sie kommentieren oder widerlegen es. Jede Rede ist deshalb auch nur einer von vielen Bausteinen im thematischen Gebäude, das im öffentlichen Diskurs erstellt wird. In einer modernen Gesellschaft gehört zur Aktivität des Publikums auch, dass es weitere Quellen zur Verfügung hat. Es kann die Fakten anhand journalistischer und wissenschaftlicher Texte überprüfen und sich bei den verschiedensten Medien nach weiteren Informationen und Meinungen erkundigen.

Dass Reden zur Weiterverwendung gedacht sind, weist auf die aktive Rolle des Publikums ebenso wie auf die Verantwortung der Rednerin hin. Es kann für diesen aber auch eine Erleichterung bedeuten, zu wissen, dass sein Text nur eine von vielen Wortmeldungen zum Thema ist.

Das Publikum macht immer mit

Sogar für klassische Reden gilt: Nicht nur Rednerin und Veranstalter sind aktiv, sondern auch das Publikum. Es beteiligt sich durch:

Mitdenken

emotionale Reaktionen

kreative Mitarbeit

orientierendes Vernetzen

Weiterverwenden

Die traditionelle öffentliche Rede kann im Publikum potenziell alle diese verschiedenen Ebenen aktivieren – die inhaltliche, die emotionale, die kreative und die orientierende. Wer sie erkennt und nutzt, tut einen wichtigen Schritt in Richtung konstruktive Rhetorik.

7Das Problem: Monolog statt Dialog

Als die ketzerische Bevölkerung von Rimini keine Lust zeigte, den Predigten des Heiligen Antonius zu lauschen, begab sich dieser zum Strand und sprach zu den Fischen. Als er sie rief, schwammen sie in dichten Schwärmen herbei und sie blieben, bis er ihnen den Segen erteilte.64

Dagegen, dass Antonius seine Redebegabung auch der Tierwelt zuteil kommen ließ, ist natürlich nichts einzuwenden. Für die Fische in der Adria war es sicher eine willkommene Abwechslung und es wird ihnen nicht geschadet haben. Merkwürdig ist, dass dieses Wunder die verstockten Leute von Rimini dazu animierte, sich ebenfalls an den Strand zu begeben, vor dem Prediger auf die Knie zu gehen und ihm ebenso brav zuzuhören.

Dabei war die Situation so einseitig, wie es nur geht: Einer sprach, die anderen hörten stumm zu – wie die sprichwörtlichen Fische eben. Antonius schien sich auch nicht dafür zu interessieren, was die Tiere zum Thema beizutragen hatten. Ihm genügte, dass sie alle zu ihm hinsahen und sich dabei, wie die Zeitzeugen versichern, verneigten.

Aber das Volk war beeindruckt. Und so ist es immer wieder. Reden, die in extremer Weise so angelegt sind, dass einer spricht und die anderen den Mund halten, haben große Anziehungskraft und werden für ihre vermeintliche Wirkung gelobt. Monolog in Reinkultur ist die Grundform öffentlicher Rede und steht weitherum in hohem Ansehen. Menschen, die ein großes Publikum anziehen und überzeugen, werden verehrt – oft, ohne dass ihre Botschaft oder ihre Argumente überprüft würden. Diese Verherrlichung des Monologs kann man den Fischen des Heiligen Antonius nicht vorwerfen, aber von den Ketzern aus Rimini (die ansonsten ganz vernünftige Ansichten hatten) hätte ich mehr erhofft.

Monologisches Vorgehen widerspricht den meisten Redezielen, zumindest überall da, wo Redner und Publikum gemeinsam ein Ziel erreichen sollen. Reden des Informierens, des Lehrens, des Zeigens, des Vorführens, des Motivierens sind effektiver, wenn sie einen möglichst hohen Anteil an dialogischen Elementen haben. Zudem machen sie es auch den Rednern leichter. Deshalb führt der Weg vom reinen Dozieren, Präsentieren, Vorführen zu einer ansprechenden, zum Mitreden auffordernden, dialogischen Rede.

Die Grenzen monologischer Kommunikation

Am aufschlussreichsten ist es, mit dem Beispiel einer missglückten Rede anzufangen, mit einem zwar optimal gestalteten Vortrag, der aber sein Publikum nicht erreicht hat, weil es nicht gelang, den Monolog zu durchbrechen. Es handelt sich um eine der berühmtesten Reden aus der jüngeren deutschen Geschichte – die Ansprache des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger am 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938. Jenninger, der den Nationalsozialismus in aller Klarheit verurteilte, versuchte nachvollziehbar zu machen, worin dessen Faszination für die Deutschen bestanden hatte und was sie zum Mitmachen motiviert hatte. Die Rede empörte viele, die sie live anhörten, weil es schien, als ob Jenninger die Quellen, die er wiedergab, kritiklos akzeptierte.

Jenninger führte sehr ausführlich Texte aus den 1930er-Jahren an, unter anderem eine verstörend lange Passage aus einer Rede von Heinrich Himmler, seines Zeichens „Reichsführer SS“. Es waren Zitate, aber der Tonfall ließ eine Distanzierung nicht erkennen. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch ein Bild, das um die Welt ging und viele Missverständnisse provozierte: Man sah Jenninger am Rednerpult und daneben die Schauspielerin Ida Ehre, die soeben gesprochen hatte. Sie hatte den Kopf geneigt und hielt sich beide Hände vor das Gesicht. Man nahm das allgemein als Ausdruck ihres Entsetzens über den Inhalt der Rede. In Wirklichkeit war sie einfach erschöpft und, wie später klar wurde, in Gedanken gar nicht bei Jenningers Rede.

Viele, die im Publikum saßen und sich ohnehin als die besseren Antifaschisten verstanden, waren nicht in der Lage, Jenningers Bemühungen anzuerkennen. Und Jenninger selbst war es in diesem Rahmen einer Feierstunde nicht möglich, Signale aus dem Publikum wahrzunehmen und zu deuten. Heute wird die Rede, aus der Distanz und aufgrund ihrer schriftlichen Gestalt, durchweg anders beurteilt. An ihrer antifaschistischen Haltung wird nicht mehr gezweifelt, man hebt sogar die Differenziertheit ihrer Analyse hervor.65

Wenn man sich nur spielerisch vorstellt, dass bei einer solchen Veranstaltung das Publikum einbezogen werden könnte, dann hätten sich die Missverständnisse sofort geklärt. Man hätte zurückgefragt – „Meinst du das wirklich so?“ – und der Redner hätte die Chance gehabt, das Gemeinte zu wiederholen oder zu verdeutlichen. In jeder anderen, nichtöffentlichen Redesituation wäre es normal gewesen, Ida Ehre zu fragen: Wie geht es dir? In diesem Akt des symbolischen Gedenkens aber war ein solcher Einbezug menschlicher Reaktionen nicht vorgesehen.

Der Monolog als Symbol

Das Schicksal von Jenningers Rede ist ein drastisches Beispiel für das Dilemma, das mit jeder öffentlichen Redeveranstaltung verbunden ist: Man will zwar zum Diskurs beitragen, aber das Modell, das dafür zur Verfügung steht, ist die One-Man-Show. Einer spricht, die anderen hören zu und interpretieren, was sie hören, nach Gutdünken. Und bei einer Gedenkveranstaltung ist der Spielraum für eine andere Vorgehensweise minimal klein. Als Vorlesung vor einem Publikum, das mitdenkt und mitdiskutiert, wäre diese Rede wohl möglich gewesen. Dass sie sogar vorgetragen werden konnte, ohne Anstoß zu erregen, demonstrierte ein Jahr später Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er las mit wenigen Abstrichen denselben Text bei einer Veranstaltung in einer Frankfurter Synagoge. Das Resultat: „Keiner hat was gemerkt.“66

Dies hat aber wohl nur deshalb funktioniert, weil die Funktion der Rede nicht auf einen symbolischen Akt reduziert war. Es war eine Bereitschaft da, vorurteilsfrei zuzuhören. Je ritueller aber die Veranstaltung ist, desto stärker die Distanz zwischen Redner und Publikum desto ausgeprägter der monologische Charakter. In vielen anderen Fällen, außerhalb der Festrede, lässt sich der Monolog aufbrechen, lassen sich dialogische Elemente einbauen. Das Problem dabei ist nur, dass das symbolische Reden von vielen als Vorbild genommen wird und auch auf andere Redeweisen übergreift, bei denen die abgeschlossene Form und der Verzicht auf den Austausch mit dem Publikum eher nachteilig ist.

Reden, ohne zuzuhören

Ungeachtet des feierlichen Rahmens versuchten Abgeordnete die Rede mit Zwischenrufen zu stören. Dass dies nicht gelang, gehört auch zur Tragik des extremen Monologs. Jenninger selbst berichtet es so:

»Schon nach den ersten fünf Sätzen meiner Rede kam es im Bundestag zu Zwischenrufen der Grünen an mich: „Sie Altnazi! Wie kommen Sie dazu, darüber zu reden! Hören Sie auf,“ hat damals eine Abgeordnete der Grünen gerufen — andere haben ähnliche Beleidigungen von sich gegeben. Ich habe dann die Abgeordneten der Grünen aufgefordert, die Zwischenrufe einzustellen und die Würde dieser Gedenkstunde nicht zu stören. Aber sie hörten nicht darauf.«67

Zwischenrufe begannen schon zu Beginn, als Jenninger begründete, warum das Parlament der BRD eine eigene Gedenkveranstaltung abhielt. Deutlich zu verstehen war der Satz: „Aber das ist doch alles gelogen!“68

Was sollte der Redner tun? Er wusste in der Situation nur eine Lösung: an die Disziplin zu appellieren: „Bitte lassen Sie diese würdige Stunde in dieser Form ablaufen! Ich bitte Sie um Verständnis dafür, dass ich Sie herzlich bitte, jetzt äh sich ruhig zu verhalten.“69

Je monologischer die Rede, desto passiver ist die Rolle, die dem Publikum zugeschrieben wird. In der parlamentarischen Feierstunde sind keine Signale für Reaktionen aus dem Publikum vorgesehen, im Gegensatz zur parlamentarischen Verhandlung. Da sind Zwischenrufe zwar üblich, aber nicht als Diskussionsbeitrag, sondern als Signal an den Bürger, vor dem die Debatte zelebriert wird. Zwischenfragen werden nur nach strengen Regeln rituell durchexerziert. Problematisch ist, dass dieser Umgang mit Reden oft Vorbildcharakter hat. Man erwartet einen brillanten, ununterbrochenen Vortrag auch da, wo ein gemeinsamer Erkenntnisgewinn nützlich wäre, wo also ein Austausch nonverbaler oder verbaler Art beide Seiten weiterbrächte. Produktiv sind Veranstaltungen, bei denen z.B. eine Unterbrechung durch Fragen aus dem Publikum erwünscht ist und im besten Fall sogar einen fließenden Übergang zwischen Rede und Diskussion möglich macht.

Schriftliche Fixierung erschwert den Kontakt

Der Dialog wird häufig durch die schriftliche Ausarbeitung erschwert. Dies gilt vor allem, wenn Manuskriptreden Wort für Wort gelesen werden, damit die sprachlichen Feinheiten zur Geltung kommen. Dies erhöht den Schwierigkeitsgrad auf jeder Ebene: Beim Schreiben entstehen leicht längere, kompliziertere Sätze, die durch einmaliges Anhören schwerer zu verstehen sind. Zudem entsteht bei ungeschulten Sprechern oft ein einförmiger Vorleseton. Auf der nonverbalen Ebene ist beim Ablesen der Blickkontakt erschwert und die Gestik meist weiter eingeschränkt.

Jenningers Rede enthielt Passagen, die missverstanden werden konnten, weil sie nur mit den dazu gehörenden Satzzeichen eindeutig wurden. Mehrdeutigkeit aber braucht eine Absicherung – entweder durch den Dialog oder, wenn dieser wie in der Feierstunde nicht möglich ist, durch die sprecherische Gestaltung.

Beispiele für die Mehrdeutigkeit waren in diesem Fall viele Sätze in Frageform, zudem Rechtfertigungsfloskeln in Anführungszeichen, die Jenninger den Zeitgenossen des Holocaust in den Mund legte (in der 3. Person Plural, was die Distanzierung erschwerte) und zudem nazitypische Diffamierungen. Im Manuskript standen diese in Anführungszeichen. In der mündlichen Rede waren diese nicht mehr zu erkennen.70 Ein professioneller Sprecher oder eine Schauspielerin hätten stimmliche Mittel zur Verfügung, um sich von Zitaten zu distanzieren. In einem informellen Rahmen würde es mit anderen Mitteln geklärt, es würde mit Blickkontakt überprüft, ob die Distanzierung erkannt wurde. Im Zweifel könnte man gar eine kurze Erklärung einfügen oder auf eine Zwischenfrage reagieren. In einer während der Feierstunde zelebrierten Rede geht dies aber nicht, weil die Tendenz zum Monolog auch die Tendenz zum Perfektionismus ist.

In Manuskriptreden spiegelt sich auch der Perfektionismus, der mit monologischen Reden verbunden wird, wider. Rednerin wie Publikum erwarten kunstvoll geformte, grammatikalisch korrekte Sätze. Menschen, die als große Rednerinnen gelten, werden für die stilistischen Kunstwerke gelobt, die später in ihren gesammelten Werken nachgelesen werden können. Das erfordert eine perfekte Darbietung. Dafür gibt es aber spezielle Berufe – diejenigen der Schauspielerin und des professionellen Sprechers. Ein Handwerker, der aus seiner Werkstatt berichtet, eine Künstlerin, die ihre Plastiken präsentiert, oder auch ein schwäbischer CDU-Politiker, der über seine historischen Erkenntnisse referiert, ist mit einem zu raffinierten Manuskript überfordert.

Fragen, die keine Fragen sind

Kennzeichnend für das Angebot einer Interaktion ist traditionsgemäß die Frageform – außer es handelt sich um eine sogenannte rhetorische Frage. Die Zuhörenden sollen sich die Antwort selbst geben; meistens wird sie durch den Kontext insinuiert. Rhetorische Fragen sind auch im Alltag durchaus üblich. Dort ist es aber leicht, mit einer entsprechenden Intonation und Pause zu signalisieren, wie sie gemeint sind – und die Möglichkeit der Antwort oder sonstigen Reaktion ist gegeben. In der öffentlichen Rede demonstriert sie den Verzicht auf den Dialog, wenn sie nicht entsprechend eingebettet ist. Jenninger formulierte gar zehn Sätze in Frageform, die ganz unterschiedliches aussagten. Was fehlte, war die passende sprecherische Ausführung mit Intonation und Pausen, die dazu gehört, will man aus der rhetorischen Frage ein Instrument des Dialogs machen.

In den Jahren nach der Gedenkstunde sind unzählige Analysen der Rede erschienen. Die meisten stützen sich auf den Wortlaut. Einige aber weisen auch auf die besondere Stimmung im Saal hin, die von Anfang an ein Verstehen erschwerte. Der Linguist Peter von Polenz spricht von einer „weithin oberflächlichen, unaufmerksamen und neurotischen Rezeptionshaltung,“71 Jenninger selbst sprach in einem späteren Interview von der „Eiseskälte“, die er von den Parlamentariern zum Rednerpult hochkommen spürte.72 All das sind Ausdrücke, die das Destruktive illustrieren, das mit der Verherrlichung des Monologs einhergeht.

Die Verherrlichung des Monologs

Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen man mal die Klappe halten und zuhören sollte. Aber auf Dauer besteht erfolgreiche Kommunikation in Rede und Gegenrede, in wechselseitigem Zuhören. Klassische Monologsituationen werden denn auch selten aufgrund der Fähigkeit des Redners, auf sein Publikum zu hören, beurteilt. Man konzentriert sich stattdessen auf die kurzfristige Wirkung, die er ausübt oder auszuüben scheint. Erfolgreiches Reden wird als „Willensbeeinflussung“73 verstanden; es ist „auf Überzeugung ausgerichtet“74 – meist ohne zu fragen, ob es wirklich möglich ist, mit einer einzigen Rede die Menschen umzustimmen oder ob dies überhaupt wünschenswert ist.

Natürlich lassen sich monologische Botschaften am leichtesten inszenieren und je autoritärer der Rahmen ist, desto nachhaltiger wirken sie: Der Diktator ruft zum Krieg auf, die Zuhörenden schreien „Hurra“. Der Kommandant ruft: „Feuer!“, die Soldaten zünden die Geschütze.

Als Beispiele für gelungene Überzeugungsreden werden oft spektakuläre Beispiele genannt, die einen momentanen Stimmungswechsel bewirkt haben. In einer Gemeinschaft, die sich unter dem Zeichen der Gleichberechtigung trifft, ist dies jedoch wenig konstruktiv.

So bewundern viele die Rede des deutschen Außenministers Joschka Fischer beim außerordentlichen Parteitag der Grünen 1999. Die NATO bereitete sich vor, Serbien anzugreifen, um die Menschenrechtverletzungen, Ermordungen und Vertreibung zu beenden, allerdings, ohne dass der „Bündnisfall“, ein Angriff auf einen NATO-Staat, eingetreten wäre, und ohne UN-Mandat. Die rot-grüne Bundesregierung der BRD sah sich genötigt, bei diesem Krieg mitzumachen, nicht nur aus Gründen der Humanität, sondern auch um der eigenen Machterhaltung willen.75 In seinen eigenen Worten ging es darum, ob er „gestärkt aus dem Parteitag hervorging“76 oder nicht. In einer aufgeheizten Atmosphäre plädierte Fischer für die Unterstützung seiner Parteigenossen. Immerhin war es der erste deutsche Kriegseinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Zeit, als Fischer noch selbst der Bundeswehr kritisch gegenüberstand, war noch nicht lange her.

Nach der Rede (mit dem später sprichwörtlich gewordenen Ruf: „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus!“77) wurde seine Position mit 444 zu 318 Stimmen bestätigt.78 Fischers Taktik wurde später als unredlich bezeichnet, weil er wesentliche Informationen zurückgehalten hatte, die Gegenargumente geliefert hätten.79 Im Kabinett hatte man eine Entscheidung getroffen; die Meinungen der Basis sollte diese nicht mehr beeinflussen. Ein Angebot zum Dialog war die Rede nicht.

Karl-Heinz Göttert, Kenner der Rhetorikgeschichte und Verfasser eines Buchs über „Redemacht“, sieht sie in anderem Licht. Er versteht Fischer als Nachfolger des römischen Populisten Cicero und lobt: „Welche Rede soll besser sein als diejenige, die in fast hoffnungsloser Situation überredet?“80 Das Prinzip der Rhetorik ist für ihn „die fixe Idee des Überwältigens durch (Anwendung von) Kunst.“81

Wer einen solchen Monolog preisen will, braucht eine Vorannahme, nämlich die, dass „die Grünen“ insgesamt dem Krieg ablehnend gegenüberstanden. „Eine Mehrheit für die nachträgliche Befürwortung des NATO-Einsatzes schien unmöglich.“82 Dann kam Fischers Rede. Dann kam die Abstimmung, und die Mehrheit war dafür. „Fischer hatte den Umschwung mit überzeugenden Argumenten herbeigeführt, aber auch mit einer Sprache, die Autorität ausstrahlte,“ so Göttert.83 Genau dies gehört aber zum Mythos von der Macht der Rede: das „Überwältigen“ durch eine in den Saal gebrüllte, leidenschaftliche Rede (mit Pauschalverurteilungen, Halbwahrheiten und abstrusen Vergleichen, die einen zumindest aus der Distanz erschauern lassen können). Wenn es möglich wäre, mit einer Rede allein ein Nein in ein Ja zu verwandeln, wäre es nicht Kommunikation unter Gleichberechtigten, sondern Propaganda, Indoktrination.84

Monolog ist auf Wirkung fixiert

Es sind also zwei Dinge auseinanderzuhalten: Zum einen die sofortige Wirkung einer Rede, und diese wird oft magisch verklärt gesehen. Das Reiz-Reaktions-Schema, das diesem Denken zugrunde liegt, ist eine Illusion. (Die Fischer-Rede hat weder die Entscheidung der Delegierten noch die der Bundesregierung, die sich schon längst entschieden hatte, herbeigezaubert.)

Zum anderen gibt es die längerfristige Wirkung. Diese besteht zum Beispiel darin, dass sie später wieder aufgenommen und diskutiert wird, dass sie im Nachhinein selbst zum Mythos wird und in vielen argumentativen Texten behandelt wird. Fischers Ausspruch Nie wieder Auschwitz! aus dieser Rede, Martin Luther Kings I have a dream …, Angela Merkels Beteuerung: Wir schaffen das! – viele Redeausschnitte sind weiter zitiert und diskutiert worden. Diese Art des Weiterlebens einer Rede mag erstrebenswert sein und sie sogar zu einem literarischen Werk machen. Sie muss nur klar getrennt werden von der angeblichen sofortigen Wirkung. Diese ist in den wenigsten Fällen zu belegen, und wer auch nur ein wenig Sinn für demokratische Auseinandersetzung hat, wird keinen Wunsch nach solchen Reden verspüren.

Es könnten noch viele Reden zitiert werden, die deshalb als „erfolgreich“ gelten, weil der Redner sein Privileg, zu einer großen Menge zu sprechen, missbraucht hat, um mit Scheinargumenten, schönen Worten oder Ablenkungsmanövern zu brillieren. Deshalb sind die großen Vorbilder der destruktiven Rhetorik meistens politische Redner, Fernsehmoderatorinnen, Pressesprecher – Menschen, deren Beruf es ist, ihre eigene Position in der Auseinandersetzung mit anderen zu behaupten. Wenn sie aber nicht gerade reden, üben sie ihre Macht auf ganz andere Weise aus als durch rhetorische Kunstwerke.

Das Problem ist nicht, dass es Situationen gibt wie Feierstunden oder Wahlkampfveranstaltungen, bei denen eine Rede gehalten wird, um eine Stimmung zu produzieren. Das Problem ist, dass diese Art Rede als Ideal auch auf alle anderen Gelegenheiten des öffentlichen Redens übertragen wird. Dass manchmal versucht wird, dem politischen oder weltanschaulichen Gegner in einer Rede mit Verzicht auf rationale Argumentation eine Niederlage zu verpassen, ist nicht unser Thema, sondern dass diese Art des Redens verherrlicht wird und auch als Maßstab für die Ansprache des einfachen Referenten vor seinem Fachpublikum genommen wird.

Daran zeigt sich die Tendenz zum Monolog

Rahmen: Beiträge des Publikums sind nicht vorgesehen. Die Qualität der Rede wird unabhängig von der Redlichkeit ihrer Mittel beurteilt.

Diskurs: Die Rede versteht sich nicht als Beitrag in einem Prozess der gegenseitigen Verständigung, sondern als Wunderwaffe, die den Gegner in einem Zug schachmatt setzt.

Form: Gegenseitiges Zuhören ist erschwert. In der Rede werden keine Dialogangebote gemacht. Der Redner vermeidet den Kontakt mit dem Publikum.

Argumentation: Rationale, plausible und emotionale Argumentation werden austauschbar behandelt.

Wirkung: Rednerin und Publikum rechnen mit einer unmittelbaren, unidirektionalen Wirkung der Rede.

Monologische Rhetorik bezieht ihren Nimbus durch die rhetorische Tradition, die einen Typ Rede in den Mittelpunkt stellt: die Überzeugungsrede vor Gericht oder im politischen Forum. Der Erfolg einer solchen Rede misst sich daran, dass die Rednerin die Mehrheit des Publikums auf ihre Seite zieht; es geht um Sieg oder Niederlage, die Mittel heiligen den Zweck. Eine Betrachtungsweise, die diese Art des Redens lehrt, verdient den Namen destruktive Rhetorik. Sie zählt auf den Missbrauch der asymmetrischen Rollenverteilung und auf deren Verherrlichung. Konstruktiv aber spricht, wer akzeptiert und erkennbar macht, dass seine Rede höchsten das zweitwichtigste Ereignis der Kommunikation ist. Ihr übergeordnet ist der Diskurs, in den sie sich einfügt.

8Rhetorik: Die Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit

Wer im antiken Athen als Angeklagter oder als Kläger vor Gericht stand, musste seine Sache selbst vertreten. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus hatte Athen einen politischen und rechtlichen Wandel erlebt. Das erste demokratische Gemeinwesen war entstanden, und dazu gehörten auch die Gerichte. Eine große Gruppe von Bürgern hörte sich die Verhandlung an und entschied, ähnlich wie in einem Geschworenenprozess, dann über den Fall. Es gab keine Anwälte, keinen Staatsanwalt; um sich vor diesen Gerichten zu behaupten, waren die Beteiligten auf ihre rednerischen Fähigkeiten angewiesen.85

Aber es gab Rhetoriklehrer – Dozenten und Berater, die ihre Kunden darin unterrichteten, ihre Sache vor Gericht und auch in der Politik wirksam zu vertreten. Eine Vorstellung von ihrem Fach geben die Lehren der Griechen Protagoras, Gorgias oder Aristoteles aus dem fünften und vierten Jahrhundert vor Christus. Im antiken Rom, in der mittelalterlichen Gelehrtenwelt und in der Neuzeit entwickelte sich die Rhetorik weiter zu einer Wissenschaft, einem System der Vorbereitung, Planung und Durchführung von „Reden“ im weitesten Sinn. Diese klassische Rhetorik befasste sich längst nicht nur mit Anklage und Verteidigung vor Gericht oder mit politischen Debatten. Sie war aufgefächert in Lehreinheiten zu Recherche, Argumentation, Diskussion, Präsentation usw., und zwar in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens – gleich, ob es um die Welt der Gerichte oder des Handels, der Medizin oder der Kunst gehen mochte.

Der Anspruch des Fachs Rhetorik ist immer über den einer Kommunikationslehre hinausgegangen. Sie hat seit dem Altertum Aspekte der Philosophie, Psychologie und Sprachwissenschaft einbezogen, die später von eigenen Disziplinen (z.B. Linguistik, Psychologie, Kommunikationswissenschaft) übernommen wurden. Einige davon sind direkt aus der Rhetorik entwickelt worden, andere zumindest können ihre Verwandtschaft nicht leugnen.

Der heutige praktische Rhetorikunterricht umfasst nur noch einen kleinen Teil des klassischen Lehrgebäudes. Das hat aber durchaus seinen Sinn, eben weil es moderne Fächer gibt, die sie entlasten, weil sie Inhalte erforschen, die früher zur Rhetorik gehörten.

Moderne Erben der klassischen Rhetorik

Linguistik

Literaturwissenschaft

Psychologie

Jurisprudenz

Theaterwissenschaft

Medienwissenschaft

Auch in diesem Buch wird der Begriff Rhetorik auf einen besonderen Aspekt der Kommunikation konzentriert. Rhetorik wird verstanden als die Lehre vom Reden in der Öffentlichkeit. Dass diese Lehre trotz ihrer klaren Einschränkung immer noch Rhetorik genannt werden soll, hat zwei Gründe.86 Der eine liegt in der Tradition des Sprachgebrauchs: Im deutschen Sprachraum hat Rhetorik sich als Bezeichnung für alle Formen des praktischen Redetrainings eingebürgert. Unzählige Angebote führen den Begriff im Titel, auch wenn sie keinen Zusammenhang zur wissenschaftlichen Rhetorik erkennen lassen. Deshalb sollte ein Buch wie dieses, das den Bezug zur Wissenschaft beibehält, den Begriff nicht über Bord werfen.

Der zweite Grund hat mit der Perspektive der Rhetorik zu tun, die sich von der anderer Wissenschaften der Kommunikation unterscheidet. Auch wenn uns in der Rhetorik bewusst bleibt, dass es Sender und Empfänger, Rednerin und Zuhörende gibt, nimmt der Ansatz in erster Linie die Rednerin in den Blick. Zwar ist das Publikum nicht rein passiv und das Gelingen hängt nicht zu hundert Prozent von der Rednerin ab. Dennoch werden wir immer wieder auf die Rednerinnenperspektive zurückkommen, weil es die Rednerin ist, an die sich die Ausbildung richtet.87

Dieses Buch enthält viele praktische Anleitungen. Aber es geht immer zunächst deskriptiv vor und setzt bei den Merkmalen des Redens in der Öffentlichkeit an, in seinen Unterschieden vom Reden im Alltagsgespräch. Dies ist der Ansatz, der sich in meiner Ausbildungspraxis bewährt hat.88 Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass das Reden im Dialog nicht nur leichter fällt, sondern dass auch bessere Resultate erzielt werden als in der monologischen Rede. Kooperation führt zu Lösungen, die alle mittragen können. Bei einer Präsentation oder einem Vortrag hilft ein dialogisches Vorgehen zumindest, rechtzeitig zu erkennen, ob die Zuhörenden noch dabei sind und wie weit sie bereit sind, zu folgen und die Botschaften zu akzeptieren. Es ist möglich, die Kommunikation in Präsentationen, Vorträgen oder Vorlesungen zu verbessern, indem man versucht, so viel wie möglich von der dialogischen Kommunikation in die öffentliche Rede zu übernehmen. Ich nenne dies konstruktive Rhetorik. Das nächste Kapitel skizziert dieses Programm.

9Das Gegenprogramm: Dialog

Unsere ältere Tochter hat überraschend ihren Besuch angekündigt. Die jüngere ist gestern durch die Fahrprüfung gerasselt. Unser Sohn will heute aus Finnland anrufen. Die Katze frisst schon seit zwei Tagen nichts. – Das sind die Hauptthemen, die meine Frau und mich durch das Frühstück begleiten. Manchmal unterbricht der eine den anderen; manches, was man sagt, ist Kommentar, andere Äußerungen sind ein Lachen oder ein Naserümpfen. Am wichtigsten ist aber der Kontakt: Wir schauen uns immer wieder in die Augen; einmal wird einer lauter, um die Geräusche des Radios zu übertönen; manchmal fragt einer nach. Das ist der formale Kern des Dialogs. Er besteht darin, dass Kontakt gehalten wird und dass dem einen wie dem anderen die gleichen Mittel zustehen: Fragen stellen, Pausen setzen, Kommentieren, Gestikulieren, laut oder leise werden.

Dialog fühlt sich anders an als Monolog. Dialog bezieht Argumente der Gegenseite mit ein und beteiligt sie aktiv an der Kommunikation. Vor allem ist bei einem dialogischen Ansatz nicht die einzelne, abgeschlossene Rede das Entscheidende, sondern der Prozess, in dem sie und viele andere Beiträge aufeinanderfolgen und sich gegenseitig beeinflussen. Das ist zwar mühsam, aber es erbringt Resultate. Die Aufgabe der Rhetorik ist es, aufzuzeigen, wie der Monolog durchbrochen werden kann, wie Dialog trotz des Zwangs zum Monolog möglich wird.

Dialog ist ein gemeinsamer Prozess

Ein Dialog ist ein Text, den mehrere Beteiligte (zum Beispiel Redner und Publikum) gemeinsam herstellen.89 Paradebeispiel ist die Erörterung eines Themas in einem Team. Jeder hat etwas beizutragen; der „Text“, der entsteht, ist eine Abfolge dieser Beiträge. Das gemeinsame Ergebnis ist die Folge des Austauschs zwischen den Beteiligten.

Der Begriff „Dialog“ wird in der Öffentlichkeit täglich bemüht. Wenn zum Beispiel in verfahrenen politischen Situationen ein Fortschritt erzielt werden soll, setzt man auf Dialog – zwischen den USA und Russland, zwischen Christen und Muslimen, Fremden und Einheimischen, Gegnern, Experten usw. Dementsprechend gibt es unzählige Modelle für Dialoge in Politik, Philosophie und Theologie. Sokrates führte den Dialog mit seinen Jüngern, um ihnen bei ihrer Erkenntnissuche zu helfen.90 Hans-Georg Gadamer trat mit alten Texten in einen Dialog, um sie zu verstehen. Martin Buber betonte den Dialog, die Hinwendung zum anderen und dessen Anerkennung, als Bedingung für die Entstehung eines „Wir“.91 Völlig andere Bedeutung haben technische Dialogbegriffe. Wer sich über Apple TV und iTunes unterhalten lässt und dabei vor sich hinspricht, führt einen Dialog mit der Software SIRI, also in einem recht reduzierten Sinn. Auch wer nur schon in einem einfachen Computerprogramm auf OK klickt, ist aus Sicht der Informatik mitten in einem Dialog.

Für die rhetorische Kommunikation ist es zunächst wichtig, den Dialog als einen Prozess zu verstehen. Die Gesprächspartner (bzw. der Redner und sein Publikum) lassen in gemeinsamer Arbeit eine Sequenz von Rede und Gegenrede entstehen. Dialog in diesem Sinne entspricht einer partnerschaftlichen Haltung sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene.

Der Schwerpunkt liegt auf Verständigung

Ist es nicht merkwürdig, dass wir in der Gesprächsführung mit einer überwältigenden Zahl von Lehrbüchern, Instituten und Autoren konfrontiert sind, die gewaltfreie, auf gegenseitiges Verstehen und Zusammenarbeiten ausgerichtete Kommunikationstechniken vermitteln, weil einen diese weiter bringen als einseitige Manipulationstechniken? Dass aber eine Rede vor Publikum beurteilt wird, als ob es um Sieg und Niederlage ginge? Ist es denn wirklich notwendig, dass wir, sobald wir als Einzelpersonen vor einer Gruppe stehen, unsere Vorstellung von Dialog und Gewaltfreiheit vergessen?

Dass Dialog besser ist als Monolog, braucht – außerhalb diktatorischer Kontexte – keine langen Begründungen. Dennoch ist der Zwang zum Monolog so stark, dass man ihn oft auch da befolgt, wo er gar nicht besteht oder wenigstens aufgeweicht werden könnte. Ein gutes Beispiel geben alle Formen von Lehrvorträgen ab – von der kurzen Instruktion im Beruf bis zur Vorlesung an der Universität. Niemand ist gezwungen, einen Sachvortrag als Deklamation zu zelebrieren, ohne Rücksicht auf die fragenden Gesichter und Zwischenbemerkungen der Zuhörenden. Wenn auch für das eigentliche Gespräch oft keine Gelegenheit besteht, gibt es doch überall die Möglichkeit, einzelne dialogische Elemente einzubauen. Noch besser – und gerade in Lehrsituationen leicht durchführbar – ist eine Überführung der monologischen Situation in eine dialogische.

Gerade das versuchten die Verantwortlichen von TED ein Jahr nach der Auseinandersetzung mit Nick Hanauer ( Kapitel 3 | Vorgaben des Veranstalters). Bei einem TEDx-Event in London92 propagierte der Journalist und Autor Graham Hancock die Legalisierung einer bestimmten bewusstseinserweiternden Droge. Weil die Rede inhaltlich kontrovers war – aus Sicht der etablierten Wissenschaft unsinnig – wollte die Leitung von TED sie zunächst auf ihrer Website unterdrücken. Dann suchte sie nach Wegen, sie so zu kommentieren, dass ihre kontroverse Position erkennbar würde. Statt die Ideen Hancocks nur zu verbreiten, stellten sie sie forumartig zur Diskussion. Das Publikum sollte eigene Kommentare hochladen können. Die Debatte würde im besten Fall dazu führen, dass die Ideen nicht nur hinterfragt würden, sondern dass man gemeinsam weiterdenken würde. Die Verantwortlichen versuchten damit im Nachhinein, die Nachteile des monologischen Konzepts zu beheben. Das Ziel war, aus dem Monolog einen Dialog zu machen.

Dummerweise ist eine solche Handlung suspekt, wenn sie von einem Unternehmen kommt, dessen Geschäftsmodell ansonsten darin besteht, allen möglichen Rednern eine Plattform zu bieten. Ins Gewicht fiel zudem, dass das Video eine Zeitlang nicht nur auf der TED-Homepage, sondern auch auf dem YouTube-Kanal von TED zu sehen gewesen war. Dass es damit aus dem leicht zugänglichen sozialen Netzwerk entfernt und in eine weniger beachtete Ecke des Internets gestellt wurde, nahm man TED weitherum übel.

Monolog eignet sich für reine Propaganda, Dialog für gemeinsames Nachdenken. Monolog ist persuasiv, Dialog ist konstruktiv. Für einen, der eine Glaubensüberzeugung verbreiten will, ist Monolog das Mittel der Wahl. Den Veranstaltern war das in diesem Fall nicht geheuer, und sie hatten Recht. Pech für sie war, dass sie die Marke TED gerade auf monologischen Produkten aufgebaut hatten. Bis sie mit ihrem Forum kamen, hatte die Kritik längst auf anderen Kanälen Fahrt aufgenommen.

Dialog in der öffentlichen Ansprache

Dialog als Prozess, als ein Text, den alle Beteiligten gemeinsam herstellen: Dies kann auch ein Ansatz für das Reden vor Publikum sein. Zunächst ist es ein Modell, nach dem sich die Rednerin ausrichten kann (und das sich, wenn möglich, auf ihr Publikum überträgt). Das Mantra „Ich bin nicht allein verantwortlich“ kann entlastend wirken und den Einsatz der rhetorischen Mittel vernünftig leiten.

In Bezug auf die Rollenerwartungen hilft es, die autoritären Vorstellungen einer übertriebenen Wirkung zurückzuschrauben.

Inhaltlich ermöglicht es die offene Planung, weil man während der Rede auf Impulse aus dem Publikum eingeht und dieses Aufbau und Informationsdichte mitgestaltet.

Formal betrifft es die Wahl von Mitteln, die auf Anschlussfähigkeit ausgerichtet sind – vom Blickkontakt bis zur verbalen Interaktion.

Letztlich ist Dialog eine Eigenschaft der gesamten Rede. Auch wenn sich die Rede dabei nicht in eine lebhafte Diskussion verwandelt, so soll doch kein Zweifel daran gelassen werden, dass jede Rede, jeder Vortrag, jede Vorlesung, jede Präsentation nur der zweitwichtigste Beitrag zum Thema ist und sich immer in weitere Auseinandersetzungen, Gespräche, Debatten einfügt, gerade auch in solche Formen, die für den Dialog offener sind. Formal und inhaltlich ist jede konstruktive Rede ein Angebot zum Dialog.

Die Kommunikationsform der Symmetrie

Das Prinzip des Dialogs ist die Symmetrie. Alle Gesprächspartner sind gleichberechtigt. Das Prinzip des Monologs ist dagegen die Asymmetrie. Einer spricht, die anderen hören zu. Eine monologische Situation stellt sich ein, sobald einer eine besondere Rolle einnimmt: wenn er etwas zu erzählen hat, wenn er über eine Sache mehr als andere weiß, wenn er seine Macht als Vorgesetzter oder Elternteil ausübt oder wenn er zu einer Motivations- oder Überzeugungsrede ansetzt.

Natürlich kommt die reine dialogische Form so wenig vor wie die rein monologische. Auch im Dialog tendiert immer wieder ein Gesprächspartner (wie die obigen Beispiele zeigen) dazu, das Heft an sich zu reißen und zu monologisieren. Und auch im Monolog gibt es von jeher dialogische Unterbrechungen: Applaus, Zwischenrufe, Antworten auf Fragen an das Publikum usw. Die grundsätzliche Unterscheidung zu treffen, ist dennoch wichtig, weil intuitiv die reine monologische Form für traditionelle Redeaufgaben häufig als die einzige Lösung erscheint. Man wird z.B. für eine Führung durch ein Museum engagiert und bereitet sich vor wie auf einen klassischen Vortrag, ohne andere Formen überhaupt zu überlegen.93 Dabei kann man umgekehrt vorgehen und bei der Frage anfangen, was das Publikum beizutragen hat.

Merkmale konstruktiven Redens

Rahmen: Beiträge des Publikums sind möglich. Das Ziel besteht in gemeinsamem Erzielen eines Resultats oder im Lernen und Kennenlernen. Nicht die Qualität einer einzelnen Rede steht im Vordergrund, sondern der Prozess, in dem sie stattfindet.

Diskurs: Die Rede fügt sich in einen Diskurs ein und steht gleichwertig mit anderen Beiträgen da.

Form: Gegenseitiges Zuhören wird angestrebt, ermöglicht und gefördert. Der Redner sucht den Kontakt mit dem Publikum. In der Rede werden Dialogangebote gemacht.

Argumentation: Sachentscheidungen werden mit rationaler Argumentation gestützt.

Wirkung: Gemeinsame Resultate werden aus einer argumentativen Auseinandersetzung erreicht.

Einer der Helden meines Studiums war Hans Rudolf Oswald, Ordinarius für Anorganische Chemie an der Universität Zürich.94 Ich habe seinen Vorlesungsstil bis heute in Erinnerung, obwohl meine Leidenschaft für sein Fach nie so recht erwacht ist. Aber der Kontakt, den er zu seinen Zuhörenden hatte, war beeindruckend. Und wir waren immerhin einige hundert Studienanfänger, für die Chemie nur ein Pflichtfach war, ohne das wir in unserem Hauptfach (teils Medizin, teils Biologie) nicht weiterkamen.

Es war eine der ersten Semesterwochen. Man wusste noch nicht so recht, wie eine Uni funktioniert. Zudem war die Arbeitsbelastung hoch, man eilte von einem Fach zum nächsten, von einem Übungslabor ins andere. Alle fühlten sich leicht überfordert. Da saßen wir also und warteten, dass es gleich wieder um Bindungen und Wechselwirkungen gehen würde, und wir waren wenig motiviert.

Und da tat der Professor etwas Unerwartetes: Er trat einen Schritt auf die Bankreihen zu und schaute uns, die dreihundert Greenhorns, an und dann fragte er mit seinem unverwechselbaren Berner Akzent: „Wie geht es?“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Stöhnen und die Klagen begannen sofort. Er lachte und nahm das, was ihm zugerufen wurde, auf. In wenigen Sekunden hatte er ein Gespräch mit seinem Publikum angefangen, in dem er auf die Situation der jungen Leute einging und auch ein paar tröstende Worte fand.

Zu Beginn einer Vorlesung „Wie geht's?“ zu fragen, ist eine gute Idee. Es funktioniert aber nur, wenn die Frage ernst gemeint ist, wenn man den so Gefragten Zeit lässt, eine Antwort zu geben – sei sie verbal oder nonverbal. Wenn man dies tut, nimmt man ein Element der dialogischen Alltagssprache in die scheinbar monologische Situation herein, verändert die Atmosphäre und stellt eine Beziehung her, die auch den späteren Verlauf der Vorlesung bestimmen kann.

Merkmale des Dialogs

Dass eine Rede dialogisch ist, lässt sich sowohl anhand ihrer sprachlichen als auch ihrer sprecherischen und körpersprachlichen Merkmale zeigen.

Dialogisch im Sinne dieses Buchs ist eine Redeweise, die auf Austausch ausgerichtet ist: auf Austausch von Inhalten und Äußerungen auf jeder Ebene des Ausdrucks, sei es durch Worte, durch die Stimme oder durch Mimik und Gestik. Hinzu gehört immer auch das Zuhören; ohne die aktive Beteiligung des Publikums kann von Dialog keine Rede sein. Dialog beruht auf der Achtung des anderen, unabhängig davon, ob es ein Gesprächspartner in einer alltäglichen Unterhaltung oder das Publikum einer offiziellen Ansprache ist. Und auch diese Haltung gilt idealerweise nicht nur für diejenige, die am Reden ist, sondern auch für die von ihr Angesprochenen. Unabhängig von der sonstigen Rollenverteilung (Lehrer/Schülerin, Vorgesetzte/Untergebener, Pfarrer/Gemeinde etc.) sind die Beteiligten insofern Partner, als sie an einem gemeinsamen Prozess beteiligt sind. Die Information, die die Rednerin gibt, ist nicht wichtiger als das Verstehen des Publikums; ihre Worte wiegen nicht schwerer als die Signale, mit denen das Publikum sie dieses Verstehen erkennen lässt.

Die klassische Rhetorik erfordert von der Rednerin, dass sie, wie Josef Kopperschmidt es formuliert95, die Zuhörenden „zuhörbereit“ macht. Die konstruktive Rhetorik dagegen erwartet, dass die Rednerin mit den Zuhörenden in den Dialog tritt. Sie wird

die Bereitschaft zum Dialog signalisieren,

Äußerungen des Publikums wahrnehmen,

auf diese Äußerungen reagieren.

Dialog auf der Beziehungsebene

Auf der Beziehungsebene ist das wichtigste Zeichen für einen dialogischen Prozess der Kontakt – der Kontakt trotz der Rollenaufteilung in Redner und Publikum, trotz der unterschiedlichen Anforderungen, denen sie genügen müssen. Zwar wird von dem Redner eine klare Zielsetzung erwartet, eine überzeugende thematische Gestaltung, zudem vollständige Sätze, oder eine angemessene Lautstärke. Dennoch ist auch bei der Rede vor Publikum die erste Aufgabe, Kontakt zu halten, d.h. dafür zu sorgen, dass etwas vom Publikum zurückkommt und darauf zu achten, was von ihm zurückkommt.

Eine typische Situation: Die Dozentin betritt den Raum, stellt sich hinter das Podium und will beginnen. Sie bemerkt, dass noch viel Unruhe herrscht, nur wenige sehen zu ihr hin, alle scheinen mit sich beschäftigt oder im Gespräch. Sie könnte jetzt einfach anfangen zu reden und hoffen, dass es allmählich ruhig wird. Aber sie entscheidet sich für etwas anderes: Sie geht nochmals vor die Tür, tritt nochmals ein und schlägt resolut die Tür hinter sich zu. Die Zuhörenden schrecken hoch, blicken zu ihr hin und folgen ihr mit ihren Blicken. Dann steht sie vor ihnen und statt einfach mit Reden zu beginnen, verstärkt sie den Blickkontakt. Das ist das erste Signal für Gemeinsamkeit. Es verpflichtet beide Seiten zum Dialog.

Dies ist gemeint, wenn von einer dialogischen Einstellung, einer dialogischen Haltung des Redners gesprochen wird. Sie besteht in der Aufmerksamkeit für das Publikum, in der Achtung vor den Zuhörenden als potenziellen Mitredenden.

Die klassische Redelehre wendet sich an den Einzelnen, der mit einem klaren Ziel sein Publikum führen will. „Die Rhetoriktheorie interessiert sich nicht für den Kommunikator in Hinblick auf seine Rolle als Mitspieler im Konzert der kommunikativen Welt, sondern in Hinblick auf seine Rolle als Solist oder Dirigent, falls er den Taktstock ergreifen sollte.“ So beschreibt es Joachim Knape.96 Dialog dagegen, ebenso extrem verstanden, ist offen in Bezug auf den Ausgang. Die Teilnehmenden sind gleichberechtigt und treffen eine Übereinkunft in Bezug auf den Verlauf und das zu erreichende Ziel. Die Menschen, an die man sich richtet, auch wenn sie „nur“ Publikum sind, werden als gleichberechtigt verstanden.

Noch einfacher gesagt, gehört zum Dialog, dass sich der Redner für die Zuhörenden interessiert – nicht nur dafür, wer sie sind und was sie erwarten, sondern auch dafür, was sie zum Vortrag beizutragen haben – zum Thema, zu dessen Aufbereitung, zur Verständlichkeit und Anschaulichkeit. Dialogisch ist eine Rede erst dann, wenn der Redner die Reaktion des Publikums, dessen Zustimmung oder Gegenrede, wahrnimmt. Zum dialogischen Reden gehört also auch, dass auch der Redner zum Zuhörenden wird, dass er sich Zeit nimmt, darauf zu achten, wie seine Rede aufgenommen wird.

Dialog auf der Sachebene

Zwar beginnt jede Rednerin ihre Rede vor Publikum mit einem klaren Ziel. Sie will aufklären, motivieren, instruieren oder missionieren. Auf den ersten Blick ist das ein klares Gegenstück zu den typischen Zielen des dialogischen Gesprächs: Es gibt Gespräche, die nur den gemeinsamen Informationsstand oder den Stand der Beziehung klären wollen. Es gibt Gespräche, die der Lösung eines Problems oder eines Konflikts dienen. Es gibt Streitgespräche, in denen Standpunkte verglichen und gegeneinander abgewogen werden. Für all diese Dinge wird man keine Rede vor Publikum wählen. Was aber Gespräch und Rede eint, ist das Ziel, zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen.

In der als Dialog verstandenen Rede vor Publikum kann das Ziel genau gleich formuliert werden: zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Sogar der Prediger auf dem Marktplatz, der von seinem Erweckungserlebnis berichtet, um die Passanten zur Umkehr zu bewegen, wird gut daran tun, ihnen entgegenzukommen – nicht nur, indem er seine Worte ihrem Alltagswortschatz und seine Satzlängen ihrer Konsumhaltung anpasst, sondern vor allem auch dadurch, dass er ihnen zuhört und in der Reaktion auf deren Verhalten seine Redeziele allenfalls herunterschraubt.

Dialog durch visuelle Wahrnehmung

Dialogisches Reden zeigt in Körperhaltung, Gestik und Blickkontakt die Bereitschaft, mit den Zuhörenden zu interagieren – und zwar mit allen. Nicht zuletzt zeigt sich dies in der Reaktion auf Unvorhergesehenes. Wenn etwa ein Zwischenrufer die Rede unterbricht, muss der Redner nicht nur entscheiden, mit welchen Worten er darauf eingeht. Er muss auch sicherstellen, dass der Dialog mit allen Anwesenden weitergeht. Zu leicht passiert es sonst, dass sich der Dialog einengt auf Redner und Zwischenrufer, weil er sich diesem körperlich zuwendet und die Mehrheit der übrigen Anwesenden ausschließt. Er muss gerade in einem solchen Fall verhindern, dass er nicht nur diese einzelne Person wahrnimmt. Wenn er darauf achtet, dass er weiterhin auch die Zuschauer in den anderen Teilen des Raums anspricht, wird der Zwischenruf auch nonverbal zum Problem aller und damit leichter zu bearbeiten.

Steve Jobs, der Mitbegründer von Apple, hielt seit den 1980er-Jahren beeindruckende Reden. Noch heute, Jahre nach seinem frühen Tod, sind auf YouTube seine zündenden „Keynotes“ so beliebt, dass sie jährlich von Hunderttausenden gesehen werden. Eine davon stammt aus dem Jahr 2007. Steve Jobs präsentierte darauf bei der Macworld-Konferenz 2007 das damals neueste Produkt: das iPhone. Millionen Klicks bezeugen, dass eine Werbeveranstaltung für ein neues, aber unterdessen in die Jahre gekommenes Gerät noch immer faszinieren kann, wenn die Präsentation stimmt. Wer aber von Steve Jobs lernen will, achtet nicht auf die großartigen, einstudierten Phrasen, sondern auf Details. Jobs blieb sich selbst treu, wenn er auf der Bühne stand. Er hatte nun einmal das Glück, seinen Berufsweg als dynamische, extravertierte Persönlichkeit zu gehen, und es ist kein Wunder, dass er damit dem Ideal eines überzeugenden, siegbewussten Redners entsprach. Dennoch ließ er sich immer die Zeit, die er brauchte, um sein Publikum wahrzunehmen.

Wenn man eine Aufnahme findet,97 bei der auch festgehalten ist, wie Jobs auf die Bühne oder zum Rednerpult kommt, kann man seine wichtigste Fähigkeit studieren: sich Zeit zu lassen, bevor er zu reden anfängt. Auch in der prestigegeladenen Graduiertenfeier der Stanford University nimmt er sich zuerst einmal Zeit. Er schaut sich um. Er blickt ins Publikum. Er lächelt. Dankt für den Applaus. Dann erst fängt er an. Und die ersten Worte kommen gar nicht so geschliffen daher. Er spricht mit Pausen, tastet sich zunächst voran, als ob er sich noch erst mit dem Publikum synchronisieren müsste. Er mag die Sätze vorbereitet haben und vollständige, klare Sätze sprechen. Aber er erlaubt sich „Ähs“ und Pausen und lange Blicke ins Publikum. Das ist so ziemlich das Gegenteil davon, was man von einem blendenden Redner erwarten würde, der sich als „insanely great“ in Szene setzt.98 Aber es ist dialogisch – nicht im Sinn von Rede und Gegenrede, sondern dialogisch durch viele kleine Elemente, die in einer solchen Situation möglich sind. Jobs nutzt Pausen, er sieht ins Publikum und spürt, ob da jemand zurückblickt. Er hört auf die Reaktionen der Zuhörenden. Das zeigt, dass auch einer, der als brillanter Redner gilt, nicht einfach als Alleinunterhalter loslegt, sondern sich mit den Menschen, zu denen er redet, abgleicht. Er gibt sich selbst und ihnen die Chance, aufeinander einzugehen.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
18+
Objętość:
398 str. 48 ilustracji
ISBN:
9783739801780
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Właściciel praw:
Bookwire
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