Czytaj książkę: «Ruhm und Cola»

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Julia Born

Ruhm und Cola

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Vier Jahre zuvor

Gegenwart

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Ein dumpfes Pochen riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich lauschte in meine dunkle Wohnung hinein. Der Mond vor meinem Balkonfenster erhellte spärlich die alten Dielen. Nichts. Grummelnd drehte ich mich auf die andere Seite und schob meinen Kopf tiefer in die Kissen. Als ich endlich eine einigermaßen bequeme Position gefunden hatte und sanft wegdämmerte, wiederholte sich das Geräusch, welches diesmal eindeutig als Klopfen gegen meine Wohnungstür einzuordnen war. Einen Moment lag ich einfach nur da, starrte noch nicht ganz wach meine Deckenlampe an und wägte die Möglichkeiten ab. Vielleicht würde es verschwinden, ohne dass ich meine warme Gemütlichkeit verlassen musste. Immer noch Stille. Dann wieder Gepolter, diesmal lauter, entschiedener. Verschlafen tastete ich nach meiner Brille auf dem Nachttisch. Mein Blick fiel auf den Wecker: halb vier. Es war gottverdammt nochmal zu früh für einen Gast. Schwerfällig schälte ich mich aus dem Bett und tapste barfuß zur Tür. Der Holzboden war kalt und ich begann zu frösteln. Es gab nur eine einzige Person, die es wagen würde, mich um diese Uhrzeit aufzuscheuchen. Nach einer kurzen Kontrolle durch den Türspion, sicher ist sicher, bestätigte sich meine Vermutung.

»Hejjjj.« Glasig aber durchaus erfreut lächelte mich mein Nachbar Schrägstrich bester Freund von unten herauf an. Er saß auf dem abgehenden Treppenabsatz, seine dunkelgraue Skinny-Jeans war noch tiefer gerutscht, als er sie sowieso schon trug und gab den Großteil der mit Donuts bedruckten Boxershorts frei, seine blonden Haare standen zerzaust in alle Richtungen. Obwohl es im Flur und auch vor der Haustür unangenehm kühl war, hatte er auf eine Jacke verzichtet und trug lediglich ein schwarzes T-Shirt. In der linken Hand hielt er eine halbvolle Flasche Weißwein. Immerhin schoss er sich mit Stil aus dem Leben. »Alles gut bei dir?« Meine, zugegeben, rhetorische Frage hätte ich mir angesichts seines Zustandes auch direkt sparen können. Alexander Fink, seines Zeichens Gitarrist einer Indie-Pop-irgendwas-Band sowie Tontechniker für mehrere namenhafte und überregional bekannte Musikgruppen, war so dermaßen im Eimer, dass definitiv nicht alles gut bei ihm war. Dennoch nickte er tapfer und versuchte sich aufzurappeln. Dabei verlor er das Gleichgewicht, suchte Halt und ließ die Weinflasche los, die klirrend auf den Stufen zerschellte. »Ups.« Seine Augen suchten entschuldigend meinen Blick, bevor sie wieder in eine nicht erreichbare Leere abdrifteten. Ich seufzte resigniert. »Komm her, du Rumtreiber.« Vorsichtig legte ich seinen Arm um meinen Nacken und schlüpfte unter seine Achsel. »Geht schon«, murmelte er, schwankte dabei aber so bedenklich, dass ich ihn etwas enger an mich zog. Er roch nach Zigaretten und Alkohol. Wie er es die Treppen hochgeschafft hatte, wollte ich mir lieber gar nicht erst vorstellen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, vergrub er sein Gesicht in meinen Haaren. Eine Geste, die mir mittlerweile sehr vertraut war und die mir trotzdem jedes Mal eine kleine Glücks-Gänsehaut auf den Rücken zauberte. Ich hatte diesen kaputten Typen echt verdammt gern.

»Wo sind denn deine Wohnungsschlüssel?«, fragte ich so deutlich, dass meine Stimme dumpf von den leeren Wänden des Treppenhauses widerhallte. Er zuckte nur die Schultern. Um mir eine Suche in seinen Hosentaschen zu ersparen, beförderte ich, den mich um mehr als einen Kopf überragenden, Alex halb auf mir hängend, halb gehend in meine Wohnung und auf die Couch. Auch für diese war er viel zu groß: Seine langen Beine baumelten an einer Seite herunter, was ihn allerdings nicht zu stören schien. Er schmatzte zufrieden und rückte den Kopf auf einem meiner Kuschelkissen zurecht, mit denen er mich vor gar nicht allzu langer Zeit noch aufgezogen hatte. Bevor ich ihn fragen konnte, was der Anlass für seinen formidablen Zustand war, vernahm ich bereits ein leises Schnarchen. Nicht unbedingt ein Nachteil für ihn, denn meine Schläfrigkeit war komplett verschwunden und damit auch jegliche Toleranz für diese nächtliche Störung. Eine Standpauke wäre ihm sicher nicht erspart geblieben. Gedankenverloren streichelte ich ihm eine Weile über den Kopf, bevor ich den Rückweg in mein Bett antrat. Doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. Unruhig wälzte ich mich herum, rechnete die Stunden aus, die mir noch bis zum Klingeln des Weckers blieben und hing meinen ebenso wachen Gedanken nach, die sich wie ein Suchscheinwerfer auf meine Sorgen um Alex richteten. Klar, ich ging auch gerne aus und in den letzten Jahren hatten wir sicher mehr als einen Drink zu viel gemeinsam genommen und uns bis Sonnenaufgang durch die Bars der Stadt getrunken. Aber das, was Alex in den letzten Wochen an Tempo vorlegte, war kaum noch einzuholen. Bisher hatte ich mich noch nicht getraut, ihn darauf anzusprechen und still gehofft, dass diese Phase genauso schnell wieder vorübergehen würde, wie sie gekommen war.

Als es langsam dämmerte und die Sonne erste vorsichtige Strahlen durch mein Fenster schickte, gab ich meinen Schlaf endgültig auf. Natürlich bekam Alex nichts davon mit, dass ich mein Putzzeug zusammensuchte, um die Reste der Weinflasche zu beseitigen, bevor sich am nächsten Morgen jemand beim Hauswart über uns beschweren konnte. Er lag weiter völlig unbehelligt und vermeintlich unschuldig da, die für einen Mann unfairerweise dichtbewimperten Augen fest geschlossen.

Während ich die Glasscherben vorsichtig in einen Müllsack packte, dachte ich an unsere erste Begegnung in jenem Treppenhaus vor vier Jahren. Es kam mir unwirklich vor, wieviel wir seitdem gemeinsam erlebt hatten und welchen Platz der Idiot von gegenüber mittlerweile in meinem Herzen einnahm.

Vier Jahre zuvor

Fuck. Frisch geduscht von einem sommerlichen Regenschauer und mit meinem ebenfalls durchweichten Einkauf in der Hand, schloss ich die Tür zum Hausflur auf. Eigentlich kein Wunder, dass dieser Tag von so einem Mist gekrönt wurde. Mit der freien Hand angelte ich meine Post aus dem Briefkasten, wohlwissend, dass sie mir vermutlich den nächsten Dämpfer versetzen würde. Nicht nur Rechnungen, sondern auch die Urlaubskarten meiner Freundinnen lösten in mir derzeit latente Verspannungen aus. Die lagen jetzt nämlich irgendwo schön am Strand, während ich, gefangen in der Probezeit meines neuen Jobs, in diesem versifften Berliner Sommer vor mich hin gammelte. Super. Es war sogar noch deprimierender, wenn man niemand anderem die Schuld geben konnte als sich selbst.

Während ich die knarzenden Treppen zu meiner, zugegebenermaßen sehr schönen und als absoluten Glückstreffer zu bezeichnenden, Altbauwohnung hochstieg, kramte ich in der Handtasche nach meinem Schlüssel. Passend zu meiner Laune war dieser ebenfalls bis auf den Boden gesackt. Mit den Augen in der Tasche nahm ich die letzte Stufe und traf plötzlich auf ein nicht eingeplantes Hindernis, welches mich binnen einer Millisekunde völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Ich ließ die Tüte mit den Lebensmitteln fallen und klammerte mich in einer letzten lebenserhaltenden Maßnahme ans Treppengeländer, um einen Sturz abzuwenden. Mein Puls schlug heftig und ich spürte das Adrenalin durch meinen Körper jagen. Am Fuß der Treppe lag ein matschiger Haufen aus Joghurt, kullernden Cocktailtomaten und zerbrochenem Glas. Na ja. Besser der Einkauf als ich. Was zur Hölle? Schwer atmend und immer noch schockiert, rappelte ich mich auf, strich mir fahrig den Pony aus den Augen und versuchte die Lage zu überblicken. Der Absatz vor meiner Wohnung war vollgestellt mit Krempel. Taschen, Tüten und gleich drei Gitarrenkoffer versperrten den kompletten Weg. Waren die Beatles kurzfristig bei mir eingezogen?

Leider nicht, wie ich feststellte, als ich meinen Blick weiterschweifen ließ, denn zwischen all diesen Habseligkeiten entdeckte ich einen großgewachsenen Typen, dessen irrwitzig lange Beine halb auf einem Bundeswehrseesack, halb auf einem weiteren Gitarrencase lagen. Er schlief tief und fest. Nicht mal mein filmreifer Stunt inklusive des spektakulären Abgangs meines Wocheneinkaufs schienen ihn in seiner Dornröschenphase gestört zu haben. »Hoffentlich ist er nicht tot«, schoss es mir durch den Kopf und schon im nächsten Moment wurde mir klar, wie unsinnig dieser Gedanke war. Wieso sollte er tot sein? Zögernd schlich ich ein Stückchen näher heran, obwohl ich mir das Schleichen dank seines Tiefschlafs wohl hätte schenken können. Er trug kaputte Jeans, noch kaputtere Vans und ein graues T-Shirt, unter dem sich sein Brustkorb glücklicherweise gleichmäßig hob und senkte. An einem Arm war er auffällig tätowiert. Die kinnlangen und hinter die Ohren gesteckten Haare forderten sehr eindringlich eine Auffrischung der bereits verwaschenen und gelb-stichigen Blondierung, während in seinem Gesicht etwas wuchs, was definitiv nicht mehr als Dreitagebart durchging. Alles an ihm schrie: Musiker. Das hatte mir hier gerade noch gefehlt. Ein neuer Nachbar, der bis spätmorgens Coverversionen von Ed Sheeran auf der Gitarre hintrümmerte und von einer Karriere als nächste Stimme von Deutschland träumte. Augenrollend überlegte ich, ob ich ihn anstupsen und wecken oder einfach stillschweigend in meine Wohnung verschwinden sollte. Da ich das Einkaufsdebakel aber sowieso früher oder später wegputzen musste und immer noch etwas Restadrenalin durch meinen Körper heizte, entschied ich mich ziemlich schnell dafür, ihn unsanft wachzurütteln. »Hey! Super Einstand hier mit dem Krempel im Treppenhaus, ich hätte mir das Genick brechen können!«, keifte ich und es klang einen Tick zickiger als gewollt, aber immerhin musste man mir zugutehalten, dass ich gerade erst knapp dem Tod entkommen war. Trotz der Lautstärke, die durch den Hall der hohen Wände des Altbaus noch verstärkt wurde, dauerte es einen Moment, bis er die Augen öffnete und mich müde anblinzelte. »Hä?« Er rieb sich über das Gesicht. »Ja, genau: Hä. Vielleicht könntest du dein Zeug mal ein bisschen zur Seite schaffen oder aber IN deine neue Wohnung. Hier leben noch andere Menschen!« Die Worte platzten einfach so aus mir heraus, ohne dass ich die Emotionen darin kontrollieren konnte und ich beherrschte mich gerade noch, nicht doch einem seiner Koffer einen wütenden Tritt zu verpassen. Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers wechselte von verschlafen zu erschrocken, zu ungläubig. Als ich schon fest damit rechnete, dass jetzt so etwas saloppes wie: »Chill doch mal«, kommen würde, stand er umständlich auf und kratzte sich etwas verlegen am Hinterkopf. »Tut mir leid … Gerade zurück … Jetlag … Schlüsseldienst.« Murmelte er unzusammenhängend in ein ausgiebiges Gähnen hinein. Dann streckte er sich kurz und reichte mir, ziemlich bestimmt seine Hand, die ich so lange mit voller Absicht ignorierte, bis er sie wieder zurückzog. Konnte es noch unangenehmer werden? Konnte es. »Ich bin Alex.« Stellte er sich vor und mit unverhohlener Genugtuung in der Stimme ergänzte er: »Und nur zur Info: Ich wohne seit sechs Jahren in der Wohnung hier.« Er deutete auf die verschlossene Tür hinter sich. Nun war ich es, die mehr als dumm aus der Wäsche schaute. Seit meinem Einzug vor, immerhin, drei Jahren war ich davon ausgegangen, dass die Wohnung gegenüber leer stand. Ich hatte sogar einer ehemaligen Kollegin empfohlen, mal die Vermieter anzuschreiben und nachzufragen, ob sie einziehen könnte. Während sich mein Gedanken-Karussell drehte, schien Alex sich endgültig gefangen zu haben. Leicht abschätzig musterte er erst mich, dann meine verunfallten Einkäufe. »Du hättest ja auch ein bisschen besser aufpassen können. So klein sind meine Koffer nun auch nicht.« Augenblicklich kochte die Wut in mir wieder hoch. Arschgesicht. Wahrscheinlich war er mir deshalb noch nie als Bewohner von gegenüber aufgefallen. Vollidioten ignorierte ich normalerweise. »Nur zur Info«, ich imitierte seinen Tonfall und zeigte mit den Fingern Gänsefüßchen, »fahr doch zur Hölle«, zischte ich und stieg über seinen Seesack hinweg zu meiner Tür.

Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, verrauchte mein Zorn und wich unendlicher Erschöpfung, die der vollgepackte Tag mit sich gebracht hatte. Unachtsam warf ich meine Tasche in eine Ecke des Flurs, streifte die Turnschuhe von den Füßen und stieg in meine Pantoffeln. Obwohl ich mich nach nichts mehr sehnte, als nach einer heißen Dusche und frischen Klamotten, am besten direkt meinem Schlafanzug, half alles nichts: Ich musste irgendwann zurück ins Treppenhaus und die Überreste der Lebensmittel beseitigen. Am besten beseitigte ich bei dieser Gelegenheit meine neue Bekanntschaft von gegenüber direkt mit. Während ich unter der Spüle nach einem Müllbeutel kramte, ließ mich die Tatsache seines plötzlichen Erscheinens nicht los. Natürlich wusste ich, das Berlin als anonyme Großstadt galt, aber dass mir tatsächlich drei Jahre lang mein direkter Nachbar entgangen war, wunderte mich schon. Zumal, und das musste ich leider zugeben, er gar nicht so schlecht aussah. Oder zumindest, man musste ja die Kirche im Dorf lassen, einen gewissen Wiedererkennungswert besaß. Irgendwie hatte er was. Also abgesehen von einem riesigen Ego und einer unverschämten Attitüde. Und auch, dass ich noch nie eine Gitarre gehört hatte, obwohl er ja offensichtlich gleich mehrere besaß, kam mir komisch vor. War das alles einfach so an mir vorbeigegangen oder war ich vielleicht doch so sehr auf mich selbst konzentriert, dass meine Beobachtungsgabe immer mehr im Alltagsrauschen versumpfte?

Bewaffnet mit einem Wischmopp und gewappnet für einen weiteren Schlagabtausch mit meinem neuen alten Nachbarn, zählte ich innerlich bis zehn und stieß die Tür zum Treppenhaus wieder auf. Aber gerade als ich zu einem mehr oder weniger versöhnlichen: »Okay, lass uns nochmal von vorne anfangen …«, ansetzte, bemerkte ich, dass der Flur leer war. Nicht ganz leer, sein Gerümpel stand nach wie vor herum, nur der Besitzer fehlte. Sei’ s drum, dann eben nicht. Ich entsorgte das, was mein Abendessen hätte werden sollen, putzte die Joghurtreste von den Stufen und ertappte mich unangenehmerweise dabei, wie ich mir extra viel Zeit ließ. Denn auch, wenn unsere erste Begegnung nicht gerade positiv verlaufen war, kitzelte mich der Reiz einer weiteren hitzige Diskussion und darüber hinaus die Möglichkeit mehr über den mysteriösen Fremden zu erfahren. Zum Beispiel, ob er die Gitarren wirklich spielte oder nur dekorativ in der Gegend herumstehen ließ, um anderen Leuten, mir zum Beispiel, mittelschwere Verletzungen zuzufügen.

Als die Treppe jedoch sauberer war als vorher und vermutlich auch als jemals zuvor, resignierte ich. Es gab eben keine zweite Chance für den ersten Eindruck und ich freundete mich besser damit an, dass ich auf ewig die hysterische Zicke und er der arrogante Idiot bleiben würde. Auf gute Nachbarschaft.

Gegenwart

Als mich ein hupender LKW unsanft aus meinem Schlaf riss, war es schon weit nach neun. Verdammt. Scheinbar waren mir nach meiner Putzaktion noch einmal die Augen zugefallen. Fluchend schwang ich meine Beine aus dem Sessel in meinem Schlafzimmer, in welchem ich mich mit dem ursprünglichen Plan niedergelassen hatte, den anbrechenden Tag abzuwarten und nicht mehr wegzunicken. Der abrupte Aktionismus entpuppte sich als etwas zu schwungvoll für meinen Kreislauf, denn sofort wurde mir schummerig vor Augen und ich ließ mich zurück auf das Polster sinken. Tief durchatmen. Ganz langsam. Ich versuchte, mich zu beruhigen, wusste aber gleichzeitig, dass mir meine Stresssituation eigentlich keine Ruhe erlaubte. Mein Handy zeigte die geöffnete Wecker-App. Da hatte ich im Halbschlaf wohl etwas zu oft auf die Snooze-Taste gedrückt. Kein Wunder aber auch, wenn man die halbe Nacht damit beschäftigt gewesen war, die Scherben des besten Freundes aufzusammeln – im wahrsten Sinne des Wortes. Um Zeit zu gewinnen, schickte ich eine SMS an meinen Chef, der zum Glück nicht nur ein Mobiltelefon besaß, sondern dieses auch tadellos bedienen konnte und das, obwohl er vor kurzem die Siebzig überschritten hatte. Endlich zahlten sich meine wiederholten Bemühungen, ihn mit dem kleinen Gerät vertraut zu machen, aus. Normalerweise, unter der Prämisse, dass in dieser Nacht kein desolater Musiker in meine Wohnung getorkelt wäre, hätte ich, wie an jedem Werktag, in spätestens zwanzig Minuten im Laden sein und eine neue Lieferung Bücher annehmen müssen. Das konnte ich heute wohl knicken. Ich angelte mir eine Hose und einen Pullover aus dem Schrank und zog noch auf dem Weg ins Bad das Oberteil an. Während ich auf einem Bein hüpfend versuchte, in die Jeans zu schlüpfen, entdeckte ich, dass mein nächtlicher Besuch bereits verschwunden war. Er hätte mich ja ruhig mal wecken können, dieser Nichtsnutz. Leise fluchend und immer noch hüpfend, schaffte ich es ins Bad. Mit der Zahnbürste im Mund band ich mir meine blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und tupfte Concealer auf meine deutlichen Augenringe. Frühstück musste wohl leider ausfallen. Die besten Voraussetzungen für diesen verfluchten Freitag.

Abgehetzt und immer noch schlecht gelaunt, erreichte ich meinen Arbeitsplatz: Den kleinen Secondhand-Buchladen im Kiez, den ich so sehr liebte und in dem ich meine berufliche Erfüllung gefunden hatte. Da die Ladentür offen und unsere Außenregale bereits vor der Tür standen, ging ich davon aus, dass mein Chef rechtzeitig vor Ort gewesen war. Im Stillen schöpfte ich die Hoffnung, dass er sich dadurch wieder mehr gebraucht fühlen würde. Anfangs von ihm mental eher als Aushilfskraft eingestellt, lag das Zepter der Organisation inzwischen fest in meiner Hand, was den älteren Herren einerseits entlastete, aber andererseits auch zusehends mitnahm. Ich fragte mich manchmal, wie lange es wohl noch dauern würde, bis er sich final zur Ruhe setzte und hoffte, dass mein beruflicher Traum nicht schneller ausgeträumt als ausgelebt war. »Na wach?« Seine verschmitzten Augen standen im Kontrast zu der Strenge, die er in Bezug auf Pünktlichkeit und Fleiß normalerweise an den Tag legte. »Es tut mir so leid! Ich habe den Wecker nicht gehört. Hat das mit der Annahme geklappt?« Nervös strich ich mir den Pony hinters Ohr, doch er grinste nur wissend: »Jaja, ich wäre auch gerne noch einmal jung. Aber immerhin bin ich noch fit genug, um die Arbeit in meinem Laden zu erledigen, die ich die letzten 50 Jahre erledigt habe, nicht wahr?« Er schenkte mir noch einen milden Blick über den Rand seiner goldenen Brille hinweg, drehte sich um und verschwand hinter einer hohen Regalreihe mit Bildbänden der Antike. Das machte er oft: Rumorte stundenlang zwischen den Büchern und tauchte nur auf, wenn er Kaffeedurst oder Kuchenhunger verspürte.

Sofort fiel der Stress von mir ab. Ich atmete einmal tief durch und begab mich in der kleinen Küche auf die Suche nach einem koffeinhaltigen Heißgetränk. Während die Maschine mit eher ungesunden Geräuschen warm lief, hing ich mal wieder meinen Gedanken nach. Zwar spürte ich, seit ich im Buchladen angefangen hatte, nicht mehr den gleichen Erfolgsdruck wie früher, aber es war mir trotzdem wichtig, dass mein Chef mich für zuverlässig hielt, was vor allem daran lag, dass er sich für meine Festanstellung finanziell etwas krummlegen musste. Mein Handy summte, bevor ich weiter in meine Spirale aus Zukunftsangst und Vergangenheitsbewältigung abdriften konnte. Ich brauchte einen Moment, um das aggressiv vibrierende Smartphone in meiner wild zusammengeworfenen Tasche zu finden. Jedes Mal das gleiche Spiel. Doch noch bevor ich es in die Finger bekam, war es auch schon wieder verstummt. Ich ignorierte, wie so oft, den gerade glücklicherweise verpassten Anruf meiner Mutter und öffnete stattdessen meine Nachrichten, scrollte zum richtigen Chatfenster und tippte »Ich bin 10.000 sauer.« Es war genau die richtige Maßeinheit, um meinem besten Freund zu verdeutlichen, dass ich ihm keine netten Grüße, sondern einen doppelten Mittelfinger zudachte. Daraufhin ließ ich das Handy wieder in der Tasche verschwinden, schließlich wollte ich nicht auch noch dadurch negativ auffallen, dass ich mit den Augen am Bildschirm klebte. Bis zu meiner Mittagspause katalogisierte und sortierte ich die neu eingetroffenen Bücher in die entsprechenden Regale. Kunden kamen meistens erst gegen Nachmittag, wenn sich die Touristen mit vollgegessenen Bäuchen und plattgelaufenen Füßen auf die Suche nach besonderen Schätzen begaben.

Seit kurzem gab es nebenan einen neuen Laden, dessen Konzept es war mega-gesundes Essen anzubieten. Die Gentrifizierung hatte Neukölln mittlerweile vollumfänglich erreicht. Bisher war es mir sehr gut gelungen, einen großen Bogen um diesen neuen Gewinn zu machen, doch heute packte mich plötzlich die Lust auf einen Salat und den passenden Smoothie. Mit meiner Beute und dem mittlerweile dritten und kein bisschen gesunden Kaffee des Tages machte ich es mir in der lauen Sommerluft vor dem Laden gemütlich. Um den Moment festzuhalten und mit meinen bahnbrechenden hundert Followern zu teilen, öffnete ich Instagram. Dabei entging mir nicht, dass Alex bereits auf meine Nachricht reagiert hatte, statt sich wie üblich ewig lange Zeit zu lassen, als wären die zwei blauen Häkchen für mich kein deutliches Indiz. Er war der einzige Mensch, den ich kannte, der es schaffte, die Messenger-App wieder zu schließen und sich etwaige Antworten für später aufzuheben. Manchmal bewunderte ich ihn dafür, doch meistens machte es mich einfach nur wütend. Ich pikste mit der umweltfreundlichen Bambusgabel in meinen Salat, schob mir den Bissen in den Mund und öffnete den Chatverlauf »Tut mir leid. War ein bisschen wild gestern. Ich mach’s heute Abend wieder gut, okay? 21 Uhr Eckkneipe, davor Pizza?« Kauend schüttelte ich den Kopf und legte die Stirn in Falten. Alex war ein Idiot, aber er wusste genau, dass er bei mir mit Pizza die meisten Verfehlungen wieder ausbügeln konnte. »Mit extra Käse und du bezahlst. Ich bin wirklich sauer.« Eigentlich war meine Wut längst verraucht, aber das musste er ja nicht wissen. Ein bisschen konnte ich ihn noch zappeln lassen. Vielleicht würde das schlechte Gewissen ja für einen kleinen Denkanstoß reichen. »Bist du eh nicht. Bin ich viel zu süß für«, konterte er prompt und löste bei mir akutes Augenrollen aus. Er konnte manchmal so unangenehm von sich selbst überzeugt sein und trotzdem brachte er mich damit jedes Mal zum Schmunzeln. Da ich nicht davon ausging, dass er eine weitere subtile Beleidigung von mir korrekt aufnehmen würde, schickte ich ihm ganz plakativ ein Mittelfinger-Emoji. Nichts anderes hatte er sich verdient.

»Hier für dich.« Ich drückte dem verdutzten Alex ein Buch in die Hand und schob mich an ihm vorbei in seine Wohnung. »Ich hoffe, du hast schon bestellt, ich sterbe vor Hunger. Ich habe heute diese neue Salatbar ausprobiert und ich mach’s kurz: Alles widerlich da.« Theatralisch seufzend sank ich auf seine Couch und streifte meine Vans von den Füßen. »The Great Gatsby? Echt jetzt?« Alex stand immer noch etwas verloren im Flur rum und drehte das Buch in seinen Händen. »Ja, ich dachte es passt ganz gut zu deinem Auftritt gestern Abend. Vielleicht liest du mal was darüber und bildest dich weiter.« Mit meinem flapsigen Tonfall kaschierte ich geschickt die Sorge, die in meinem Satz mitschwang. Mittlerweile kannte ich Alex gut genug um, um zu wissen, dass er sofort dicht machte, sobald jemand ernsthafte Kritik an seinem Lebenswandel übte. Und obwohl wir uns blind vertrauten, war ich davon nicht ausgenommen. Da klappte es mit einem Wink oder auch einem gezielten Schlag mit dem Zaunpfahl meistens besser. Es war schon verrückt, trotz der Tatsache, dass wir beide auf unsere ganz unterschiedlichen Arten kompliziert, seltsam und eigen waren, hatten wir es irgendwie geschafft, Freunde zu werden.

»Danke, ich pack es mir für die nächste ewig lange Nightliner-Fahrt ein.« Er legte das Buch auf ein Regalbrett, das über einer Kommode im Wohnzimmer angebracht war. Staub wirbelte auf. Ich hatte so meine Zweifel daran, dass er im Tourbus auch nur eine Silbe las, wollte es aber auch nicht direkt infrage stellen. Stattdessen ging ich auf den Themenwechsel ein. »Wann geht’s los?«, fragte ich, zog die Beine an und umschlang sie mit meinen Armen. »Nächstes Wochenende aber nur zehn Tage. Bin aber eigentlich froh drüber, wir wollen nämlich auch langsam mal wieder anfangen regelmäßiger zu proben. Willst du was trinken?« Ich nickte und er verschwand in die Küche. Alex’ eigene Band hatte vor kurzem ein neues Album fertiggestellt und sich im Anschluss etwas Urlaub voneinander gegönnt. In dieser Zeit hatten wir uns viel öfter gesehen, als es normalerweise möglich war, wenn er als Tontechniker mit irgendeiner Musikgruppe durch die Weltgeschichte gondelte. Und obwohl ich mich selbst für die beste Gesellschaft überhaupt hielt, war mir nicht entgangen, dass er seine Freunde und das Musikmachen vermisste. »Klingt gut. Endlich hängst du mir nicht mehr so sehr auf der Pelle. Vor allem nicht nachts um vier«, rief ich ihm in den leeren Flur hinterher und als er mit zwei Flaschen Bier wieder im Türrahmen erschien, hatte er als non-verbale Antwort einen schmollenden Hundeblick aufgesetzt. Er reichte mir das kalte Bier und ließ sich neben mir auf die Couch fallen. Als ich ihn leicht gegen die Schulter boxte, machte er eine ausladende Entschuldigungsgeste mit den Händen. »Passiert, ne.« Das spitzbübische Lächeln zeichnete kleine Fältchen um seine Augen und die Grübchen, die sich um seine Mundwinkel bildeten, machten es mir unmöglich, wirklich böse auf ihn zu sein. Ich seufzte schwer. »Los, lass’ uns endlich bestellen und wehe du vergisst den Extra-Käse.«

Die Eckkneipe war an diesem Freitagabend wie immer gut besucht, hauptsächlich von Menschen aus Alex’ Musikeruniversum, die mir zwar grüßend zunickten aber keinen Hehl daraus machten, dass meine Begleitung der eigentliche Grund für ihre Freundlichkeit war. Bereits nach wenigen Sekunden verlor ich Alex an eine Gruppe Dudes, die ihn lachend in die Arme schlossen. Glücklicherweise entdeckte ich am Tresen auch meine beste Freundin Sophie, die nach einem kleinen karrieretechnischen Abstecher nach München, mittlerweile schon seit einigen Jahren wieder in der Hauptstadt lebte. Mit ihrem Schickeria-Look, den sie selbstbewusst auch in der ranzigen Kneipe trug, hob sie sich wie ein Paradiesvogel vom restlichen, typischen Eckkneipen-Publikum ab und bestach dennoch durch ihre unantastbare Trinkfestigkeit, die sie gerade bei einer Runde Tequila mit Mitgliedern aus Alex’ Band mal wieder unter Beweis stellte.

»Ist sie nicht einfach umwerfend?«, flüsterte mir Felix, der Barkeeper, zu, als ich mich über den Tresen lehnte, um gleich zwei Rum-Cola zu bestellen. Ich versuchte ein aufmunterndes Lächeln, aber es gelang mir nicht, das gesamte Mitleid, dass ich für den armen Kerl empfand, daraus zu verbannen. Seit Sophie das erste Mal auf ihren rot-besohlten Highheels über den verklebten Fliesenboden an seinen Tresen gestöckelt war, blinkten sehr offensichtliche Herzchen in seinen Augen. »Weißt du, ob sie momentan jemanden hat?« Ich folgte seinem verträumten Blick, nicht gewillt ihm irgendwelche Hoffnungen zu machen oder zu nehmen. Was Sophie wollte, wusste nur Sophie. Daraus war ich in den letzten 28 Jahren nicht schlau geworden und würde es vermutlich auch niemals werden. »Rum-Cola. Zwei«, wiederholte ich daher wenig diplomatisch meine Bestellung und klopfte mit der Hand ungeduldig auf den Tresen. Während Felix sich ertappt aus seiner Trance löste, hatte mich meine beste Freundin nun ebenfalls entdeckt, verabschiedete sich aus der Schnapsrunde und griff nach ihrem Glas.

»Na Hase, was macht das Leben?« Sophie angelte sich den Barhocker neben mir und nippte an ihrem Gin Tonic. »Das sollte ich wohl eher dich fragen. Was war das gestern Abend für eine Nachricht über deinen Chef? Er hat was gemacht?« Bevor Sophie mir antworteten konnte, steckte Alex seinen Kopf zwischen uns. »Buuuh! Es ist verboten hier über die Arbeit zu reden. Wir sind hier nicht beim After-Work-Ü40.« Er fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare und klaute mir einen Schluck aus meinem Getränk, dass Felix mir inzwischen in die Hand gedrückt hatte. »Nur weil du keinen richtigen Job hast, mein Schatz.« Ich wuschelte ihm über den Kopf, etwas, was er auf den Tod nicht ausstehen konnte. Seine blauen Augen funkelten mich genervt an, als er sein Haupt meiner Reichweite entzog, indem er sich aufrichtete. »Ich finde aber, der Herr Rockstar hat völlig recht«, sprang Sophie ihm bei. »Wir sollten sowieso weniger reden und mehr trinken! Tequila zum Beispiel!« Sie streckte einen perfekt manikürten Finger in Felix’ Richtung, der diesem Wunsch nur zu gerne nachkam und bevor ich mich versehen konnte, hatte ich bereits Salz auf meinem Handrücken verteilt und abgeleckt.

Mehrere Runden Mischgetränke und Schnaps später, bahnte ich mir einen Weg zur Toilette, als ich drei Kumpels von Alex, die ich vage anderen Bands zuordnen konnte, in der offenen Tür zum Herrenklo stehen sah. Der Raum war so winzig, dass sie nicht alle zusammen hineinpassten. Es war alles andere als diskret und ich konnte mir sehr gut vorstellen, was da gerade abging, verbot mir aber, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Man musste kein Mitglied der Branche sein, um zu wissen, dass sie es einem ziemlich leicht machte an diverse Substanzen zu kommen und trotzdem fand ich es jedes Mal wieder befremdlich. Mit einem schroffen »Hi« machte ich über die Musik hinweg, die aus der Kneipe drang, auf mich aufmerksam. Keiner der Jungs wirkte ertappt, vielmehr schienen sie mein Auftauchen als Ergänzung ihrer kleinen Privatparty zu sehen. »Möchtest du?«, bot mir einer von ihnen, dem ich ein paar Mal nach einem Konzert begegnet war, nun großzügig eine Line an, die er bereits zurechtgeschoben hatte. Er wirkte so ehrlich freundlich und offen, dass mir kurz die Worte fehlten, obwohl ich eigentlich einiges zu sagen gehabt hätte. Doch ich hielt mich zurück, wohlwissend, dass ein bissiger Kommentar wenig ändern und im Anschluss irgendwann bei Alex landen würde. Im Prinzip ging es mich auch gar nichts an, was sie hier trieben. Sollten sie sich doch ihre Gesundheit ruinieren. »Nein, danke.« Ablehnend schüttelte ich den Kopf und schloss quietschend die Tür zur Damentoilette hinter mir.

Vier Jahre zuvor

An einem Abend wie diesem mit unsäglichen Treppenhausbekanntschaften und einem Fast-Todessturz half nur eins: eine Familienpizza mit doppelt Käse, dazu extra Pizzabrötchen und Sour Cream. Mein Standard-Menü gegen Scheißtage vom Imbiss um die Ecke. Es lagen wohl einige eher schlechte Tage hinter mir, denn man kannte mich dort bestens. Bereits als ich in Sichtweite der Bude kam, begrüßte mich der freundliche Besitzer mit einem fröhlichen: »Wie immer?«, schnippte seine Zigarette umgehend in den nächsten Mülleimer, um sich ans Werk zu machen, ohne meine auch Antwort auch nur abzuwarten. Während er mit voller Hingabe den Pizzateig durch die Luft wirbelte, stellte ich am Stehtisch vor dem Laden bei einem mehr als verdienten Bier diesen verfluchten Sommer zum hundertsten Mal infrage. Ja, ich wollte diesen Job. Und vor allem: endlich einen Ausweg aus diesem ewigen MacBook-auf-den-Knien-Agenturleben. Weg von Thinktanks und Cold Brew. Nie mehr sonntagabends noch schnell einen Pitch optimieren. Der Buchladen, in dem ich seit ein paar Monaten arbeite, war nicht nur im Viertel, sondern auch bei den Touristen sehr beliebt. Ich mochte es, den ganzen Tag von Büchern umgeben zu sein. Da wir fast ausschließlich aus zweiter Hand verkauften, hatten viele dieser Werke schon einen oder sogar mehrere Vorbesitzer gehabt, was das Ganze noch spannender machte. Oft fanden sich Notizen und kleine Anmerkungen darin. Ich liebte das »Books«, wie der großväterliche Besitzer seinen Laden zu einer Zeit genannt hatte, als der Krieg zu Ende, die Angst davor seinen jüdischen Nachnamen zu benutzen aber immer noch groß genug gewesen war. Im Books gab es Bücher, darauf legte er großen Wert. Keine Ansichtskarten, keine Schreibwaren, keinen Tand. Alles war simpel und gut. Und für mich das Paradies: Genau so hatte ich mir meinen Traumjob immer vorgestellt, als ich im ersten Semester Publizistik studierte und das Klischee der naiven Studentin erfüllte, die »irgendwas mit Büchern« ganz oben auf ihren Karrierezettel schrieb. Dass ich nach dem Studium in einer Werbeagentur nach der anderen landete, hatte mich eher sehr unsanft auf den Boden der Realität zurückgeholt. Arbeitszeiten bis tief in die Nacht und kaum eine Minute, in der man nicht noch superdringend irgendetwas machen musste, kickten mich zwar anfangs, raubten mir aber nach und nach, neben dem Schlaf, auch die Kreativität. Gemessen an diesen doch sehr unangenehmen Begleiterscheinungen, dauerte es ziemlich lang, bis ich den Absprung fand und hätte ich nicht auf der Suche nach einer Faulkner-Gesamtausgabe den Zettel an der Ladentür des Books entdeckt, vermutlich säße ich noch heute in einem klinisch-weißen Büro auf der verzweifelten Suche nach meiner Motivation. Es ging mir gut. Es waren nicht der neue Job oder das Wetter, die mir den Sommer verhagelten. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, lag das Problem viel tiefer: Egal, wie sehr ich aufblühte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein engster Freundeskreis es als eine Niederlage ansah, dass ich nun Tag für Tag, Bücher katalogisierte und Kunden beriet, statt mich – in ihren Augen – im Marketing selbst zu verwirklichen. Meine ehemalige Kollegin Ellen nannte mich scherzhaft «die Verkäuferin mit akademischer Laufbahn« und merkte dabei gar nicht, wie sehr sie meine Gefühle verletzte, denn ganz Unrecht hatte sie auch wieder nicht. In meinem Vorstellungsgespräch war es nur wichtig gewesen, drei Autoren zu nennen, die mich berührten. Keine Zeugnisse. Keine Referenzen. Ich redete eine halbe Stunde mit glühenden Wangen über Rilke und hatte nicht nur den gesuchten Aushilfsjob, sondern auch gleich einen so großen Stein im Brett, dass mir eine Festanstellung auf Probe angeboten wurde.

Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag, diesmal mit der Pizza im Arm und mit immer noch nassen Haaren vom Sommerregen, das Treppenhaus hinaufpolterte, war ich gewappnet. Vorsichtig schob ich mit einem Fuß, eine der Taschen zur Seite und drückte mich an der Wand entlang zu meiner Tür. »Siehst du, geht doch.« Da war er also wieder. Es klang wie ein Spaß, aber Alex’ Mundwinkel zuckten nur einmal kurz und seine auffallend blauen Augen erreichte dieses zögernde Lächeln gar nicht. Vermutlich war er einfach viel zu cool für Scherze. Eine Eigenschaft, die mir grundsätzlich massiv auf die Nerven ging und mich eigentlich immer direkt zu einem Konter verleitete. Doch ich besann mich, atmete kurz durch und sprang, als ginge es um die Qualifikation zur Olympiade, mit einem großen Satz über meinen Schatten. »Okay. Unser Start war mies«, begann ich und verlor bereits schon wieder einiges an Mut, als Alex überrascht beide Augenbrauen hochzog, während seine Lippen weiterhin eine emotionslose, schmale Linie bildeten. Alles in mir verkrampfte sich, doch ich hatte bereits genug unangenehme Präsentationen in meinem Leben gehalten, um meinen gefassten Plan weiter durchzuziehen. »Aber bevor du hier im Treppenhaus noch Wurzeln schlägst: Ich denke, ich habe genug Essen für zwei bestellt. Du kannst also gerne auch bei mir auf den Schlüsseldienst warten, der vermutlich sowieso erst übermorgen vorbeikommt.« Ich lächelte aufmunternd, was meinen neuen, alten Nachbarn offensichtlich noch misstrauischer machte, denn er musterte mich nun noch intensiver mit leicht zusammengekniffenen Augen, als wolle er ergründen, ob hinter meinem Angebot eine List steckte. Schließlich schüttelte er den Kopf und winkte mit seiner linken Hand betont lässig ab. »Nee, lass mal.« Die undurchdringlich coole Miene kehrte auf sein Gesicht zurück und löste bei mir ein Gefühl von Erbärmlichkeit aus. Da stand ich nun, wie jemand, der es nötig hatte, fremde Menschen zum Essen einzuladen. Angewiesen auf die Gesellschaft von irgendeinem Spinner aus dem Treppenhaus. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass er das Angebot nicht angenommen hatte. Ich kratzte meine letzte Restwürde zusammen und zuckte kurz mit den Schultern. »Na dann …« Einen Tick zu hektisch für einen coolen Abgang, drehte ich mich zu meiner Tür und verbarg dabei geschickt die Schamesröte, die mir bereits ins Gesicht stieg. Zum Glück fand ich meinen Schlüssel verhältnismäßig schnell und war schon fast in der Wohnung verschwunden, als ich hinter mir ein zögerliches »Du könntest ja vielleicht mal mit deinem Vornamen anfangen …« vernahm. Nun war es endgültig vorbei mit meiner Gelassenheit und ich spürte das Blut in meinen Wangen pulsieren. Hatte ich wirklich vergessen, mich ihm vorzustellen? »Elisabeth«, hörte ich mich monoton sagen, unfähig meine eigenen Worte zu fassen. Ich konnte mich wirklich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt irgendwem meinen vollen Namen genannt hatte. Alle Menschen in meinem Leben, meine Eltern ausgenommen, nannten mich Lizzy. Aber irgendetwas in mir verbot sich, diesem Typ meinen Spitznamen zu verraten. »Ihre Majestät. Das erklärt Einiges.« Aha, doch nicht zu cool für Witze. Eine neue Welle der Abneigung durchflutete mich und ich funkelte ihn wütend an. Unbeeindruckt davon, lümmelte Alex sich zurück auf die Treppenstufen. Meine Fantasie sehnte sich danach, ihm das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln, doch in der Realität musste ich mich damit begnügen, meine Wohnungstür etwas lauter als nötig ins Schloss zu knallen. Verarschte der mich?

Gegenwart

Auf der Toilette der Kneipe checkte ich kurz mein Handy. Nicht gerade meine hygienischste Angewohnheit, aber nur hier fand ich an so einem Abend die Ruhe dazu, ohne direkt anti-social zu wirken. So wie ich den weiteren Verlauf des Abends einschätzte, würde ich in nächster Zeit meine beste Freundin an einen Flirt mit Felix und meinen besten Freund an ein noch nicht namentlich bekanntes, aber sicher sehr süßes Girl verlieren. Ein typischer Freitag in der Eckkneipe und der Grund, wieso ich bereits vor ein paar Tagen eine Nachricht an Jan geschickt hatte. Jan, der Sänger aus Alex’ Band, war eine sichere Bank für durchzechte Nächte, den ersten Milchkaffee des Tages auf dem Weg von der Kneipe vorbei am Bäcker und eine letzte geteilte Zigarette auf den Stufen vor meinem Haus. Für Alex war er eine der wichtigsten Bezugspersonen und mit seinen zehn Jahren Altersunterschied so etwas wie ein großer Bruder. Er war Alex in manchen Dingen sehr ähnlich, voller Übermut und Unvernunft und konnte gleichzeitig sehr erwachsen und überlegt sein. Immer wieder hatte die Vergangenheit bewiesen, dass Gespräche mit ihm, auch über heikle Themen, nie ins Unangenehme abdrifteten.

Mittlerweile war es schon länger her, dass Jan und ich zuletzt einen Abend gemeinsam an der Theke verbracht hatten. Einerseits eine typische Nebenwirkung der Menschen, die im Musikbusiness arbeiteten. Heute waren sie hier, morgen dort. Andererseits tauchte er, auch wenn er sich in Berlin aufhielt, eher selten auf, sondern nutzte die freie Zeit zu Hause um sich der »Rettung seiner Beziehung« zu widmen, wie Alex nicht müde wurde zu betonen. Es war ein offenes Geheimnis, dass er und Jans Freundin sich nicht ausstehen konnten und es bisher nur deshalb nicht geknallt hatte, weil Alex mit seinem ganzen Herz an Jan hing und in ihrer Anwesenheit eine derart zuckersüße Freundlichkeit an den Tag legte, die mich jedes Mal etwas gruselte.

Irgendetwas fehlte, wenn Jan nicht dabei war und langsam fing ich an, ihn zu vermissen. Enttäuschender Weise zeigte mein Telefon weiterhin nichts anderes als den üblichen Sperrbildschirm. Keine neuen Nachrichten. In einem Anflug von akutem Masochismus ließ ich mein Finger über den Touchscreen gleiten und öffnete die Messenger-App. Vielleicht gab es einfach nur ein Problem mit den Push-Benachrichtigungen. Natürlich gab es kein Problem damit. Der Verlauf lag einseitig-kommunikativ vor mir, wie eh und je. Geknickt steckte ich das Telefon wieder weg.

Als ich mir die Hände wusch, starrte ich mein Spiegelbild unzufrieden an. Es war mal wieder einer dieser Abende, an dem ich alles infrage stellte. Was machte ich hier eigentlich? Wieso wartete ich sehnsüchtig darauf, dass mir jemand auf eine drei Tage alte Mitteilung antwortete, statt mich in der Kneipe mit den Anwesenden zu amüsieren? Ich kam mir armselig vor. Armselig und schwach. Nachdenklich ließ ich kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen, was zumindest meinen Kreislauf wieder etwas in Schwung brachte, aber mein Gedankenkarussell trotzdem nicht stoppen konnte. Der ausgeblichene, ehemals neongelbe Aufkleber, der einsam auf den Fliesen neben dem Waschbecken prangte, proklamierte GRL PWR. Ich seufzte. Sehr weit her war es damit bei mir gerade nicht.

Als ich zurück in den von lauter Musik und fröhlichen Stimmen erfüllten Raum trat, genügte ein Blick, um zu erkennen, dass sich bereits eine meiner Vermutungen bestätigte. Wie an jedem Wochenende, das wir hier verbrachten, lehnte Alex lässig an der Bar und war dabei seine volle Aufmerksamkeit zu verschenken. Die Frau mit der er sich mehr als angeregt unterhielt, strahlte eine souveräne, aber unangestrengte Coolness aus, die langen, dunklen Haare fielen ihr locker über die Schultern und ihre blitzenden Augen wurden von tadellosem Make-up dezent in Szene gesetzt. Kurz: Sie war sowas von sein Typ. Für einen kurzen Moment verharrte ich neben dem Zigarettenautomaten am Eingang zur Toilette und beobachtete meinen besten Freund. Es war verrückt. Mittlerweile kannte ich diesen Menschen so gut, dass ich sogar auf diese Entfernung von seinem Gesicht ablesen konnte, wie sehr es ihm sein Gegenüber angetan hatte. Das deutlichste Indiz war sein verklärter Blick, der nicht wie sonst desinteressiert, aber nickend durch sie hindurch ging, sondern ehrlich interessiert an ihren Lippen hing, während seine Finger sich auf der Theke langsam in die Nähe ihres Handrückens schoben – natürlich völlig unbeabsichtigt. Auf seinen Wangen zeichneten sich die für ihn so typischen Grübchen ab, als er über etwas schmunzelte, dass sie kurz zuvor gesagt zu haben schien. Ich musste unwillkürlich lächeln, denn so grotesk es auch klingen mochte, ich war immer froh, wenn er die Leere, die es in seinem Inneren von Zeit zu Zeit gab, statt mit Alkohol doch lieber mit Gefühlen auffüllte.

Selbst wenn es dabei nur um eine Nacht ging.

Das war nicht immer so gewesen. Als man Alex und mir kurz nach unserem Kennenlernen konsequent eine romantische Beziehung unterstellte, waren mir diese »kleinen Flirts«, wie er sie nannte, weil ihm die Vokabel besser erschien als »durch-die-Gegend-bumsen«, von Zeit zu Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen. Nicht etwa, weil ich es Alex nicht gönnte, sondern viel mehr, weil mir alle in meinem Umfeld einreden wollten, dass ich ein Problem damit hätte. Ich konnte noch jetzt die beruhigenden Hände auf meinen Schultern spüren, die mich unnötigerweise hatten trösten wollen, wenn er von einer Party oder nach einem Gig plötzlich und grußlos verschwunden war. Unsere Beziehung zueinander war anders. Irgendwie hatte es irgendwann zwischen uns geklickt. Sein Penis und meine Vagina hatten zu dieser Verbundenheit jedoch nicht beigetragen.

Ihn am Tresen mit einer Frau zu sehen, die sein ehrliches Interesse weckte, löste in mir keinerlei negative Gedanken aus. Vielmehr drückte ich innerlich die Daumen, dass er endlich seine hanebüchenen Schutzmauern einreißen würde, die mit einer Mischung aus Arroganz und Charme, aus dem unsicheren Dude, einen zuweilen sehr blöden Aufreißer machten.

Seit vor gut vier Jahren seine letzte ernsthafte Beziehung live vor meinen Augen zerbrochen war, jagte bei meinem besten Freund in Sachen Liebe, ein Trauerspiel das nächste.

Nach einem letzten Blick auf die Szene bahnte ich mir einen Weg zurück zum Tresen, an dem Sophie mich bereits erwartete. Auch ihr war Alex’ neuste Eroberung nicht verborgen geblieben. »Ich wette einen Zehner, dass sie rummachen, bevor mein nächstes Getränk fertig ist«, lachte sie und gab ihre Bestellung auf. Ihre Chance tatsächlich zu gewinnen, stand ziemlich gut, denn die beiden Wettkandidaten waren bereits ein ganzes Stück näher aneinandergerückt.

Vier Jahre zuvor

Die nächsten Tage im schwülen Berliner Hochsommer vergingen mehr oder weniger schleppend. Die Koffer, das restliche Gerümpel sowie der charmante Besitzer waren mittlerweile Gott sei Dank in der Wohnung gegenüber verschwunden. Als ich am Samstagnachmittag von der Arbeit nach Hause kam, schien es schon fast so, als hätte ich mir den neuen, alten Nachbarn nur eingebildet. Ich hetzte zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hoch – pünktlich Feierabend zu machen, gehörte nach wie vor nicht zu meinen Kernkompetenzen – um die verlorene Zeit aufzuholen. Meine frisch aus dem Urlaub zurückgekehrten Freunde warteten bereits im Park auf mich und das von mir versprochene Bier, das sich noch im Kühlschrank befand. Als ich das erste Stockwerk erfolgreich hinter mir ließ, hörte ich plötzlich laute Stimmen, von denen ich zumindest eine meinem Nachbarn zuordnen konnte. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Augenblicklich blieb ich wie angewurzelt stehen. Einerseits wollte ich wirklich nicht lauschen, sondern nur so schnell wie möglich wieder los, andererseits konnte ich mich nicht dazu überwinden, mitten in diesen Streit zu platzen, der natürlich – wo auch sonst – vor meiner Tür ausgetragen wurde. Also verweilte ich am Fuß des Aufgangs und wartete, während eine aufgebrachte Frauenstimme: »Du kannst mich mal! Du kannst mich so dermaßen mal kreuzweise!«, keifte. Sie bekam darauf keine weitere Antwort, was sie offenbar noch mehr in Rage versetzte. »Immer, wenn ich mein Zeug holen will, bist du nicht da, das kann doch nicht dein scheiß Ernst sein!« Stille. Dann hörte ich Alex, der mit kontrolliert ruhiger Stimme entgegnete: »Ich war arbeiten, das weißt du.« Sein emotionsloser Tonfall trieb seine Streitpartnerin weiter an und mir schoss durch den Kopf, dass er vielleicht einfach besser gar nichts gesagt hätte. »Ja, das weiß ich. Du bist ja nie da und du warst nie da. Immer war alles wichtiger als ich und jetzt hast du nicht mal den Anstand dir zehn Minuten Zeit zu nehmen, damit ich meine Sachen zurückbekomme. Nicht mal das. Fahr’ doch einfach zur Hölle.« Rums. Das saß. »Maja … ich … lass uns …«, setzte Alex deutlich zerknirschter an, aber seine Gesprächspartnerin schnitt ihm energisch das Wort ab. »Nein. Spar’ dir deine Worte. Ich will sie nicht mehr hören. Ich bin das alles so leid, Alex. Ich will nicht mehr vertröstet werden, nicht mehr glauben, dass du einen Platz in deinem Leben für mich findest. Ich kann nicht mehr warten, während du einem Traum hinterherläufst, der sich am Ende doch nur als Sackgasse entpuppt. Ich hab’ an dich geglaubt; ich hab’ wirklich mal an dich geglaubt.« Aufkommende Tränen schwangen in ihren Worten mit, als sie fortfuhr. »Aber langsam musst du aufwachen, bevor du daran kaputt gehst. Mich hast du schon verloren. Verlier’ dich nicht auch noch selbst.« Eine schier ewig dauernde Pause trat ein, ich traute mich kaum zu atmen und biss nervös auf meine Unterlippe. Vielleicht sollte ich in den Innenhof zurückgehen und warten, bis die beiden ihren emotionalen Kampf ausgefochten hatten? Leider blieb zur Umsetzung dieses Plans keine Zeit mehr, denn kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, näherten sich schnelle Schritte auf den knarzenden Altbaustufen. Die junge Frau mit den dunklen Zöpfen nahm mich gar nicht war, sondern rannte tränenblind an mir vorbei. Ich wartete darauf, dass sich die Tür der Nachbarwohnung schloss, doch nichts passierte. Als sich nach einer, wie ich fand, angemessenen Anstandszeit immer noch nichts tat, nahm ich all meinen Mut zusammen und trat den Weg nach oben an. Wider Erwarten stand Alex nicht völlig aufgelöst im Türrahmen oder saß zusammengesunken herum. Seine Tür stand sperrangelweit offen, doch von ihm fehlte jede Spur. Kritisch zog ich die Augenbrauen zusammen. Hatte er seine Ex kommentarlos stehen lassen und war einfach in seine Wohnung gegangen, ohne die Tür zu schließen? Vielleicht still darauf gehofft, sie würde ihm folgen? Ich wusste nicht, woran ich es festmachte, aber irgendwie war es genau das Verhalten, was ich von ihm erwartete.

Und da war noch etwas, was ich nicht genau zu deuten vermochte: Der Umstand, dass es mir von jetzt auf gleich nicht mehr egal war, wie es ihm ging. Bisher war ich diesem Typen von gegenüber ganze zwei Mal begegnet, nicht gerade erfreuliche Treffen und trotzdem zog sich bei den Worten, die ich eben gehört hatte, in mir alles unangenehm zusammen. Bevor mein Verstand realisierte, was mein Herz gerade tat, klopfte ich zögerlich gegen das alte Holz des Türrahmens und wartete. Keine Reaktion. Okay. Das war ein Zeichen. Der perfekte Zeitpunkt, sich umzudrehen und meine Nase nicht weiter in seine Angelegenheiten zu stecken. Was gingen mich die Streitigkeiten von fremden Nachbarn an. All diese fantastischen, klugen Gedanken schossen durch meinen Kopf, als ich erneut klopfte. Diesmal bestimmter. »Was willst du noch? Du hast deinen Kram doch!«, kam es mit aggressivem Unterton von Drinnen. »Ich …«, meine Stimme bröckelte, als ich mir der Idiotie der Situation schlagartig bewusst wurde. Ja, was genau wollte ich hier eigentlich? »Ich … Ist alles okay bei dir?« Bevor ich mich versehen konnte, stand ein ziemlich mitgenommen aussehender Alex vor mir. Seine stechend blauen Augen funkelten mich eisig an. »Was geht’s dich denn an? Ich wohne nicht in Berlin, damit sich meine neugierigen Nachbarn in alles einmischen. Da hätte ich auch nach Brandenburg ziehen können.« Er schleuderte mir die Worte mit einer solchen Kälte in der Stimme entgegen, dass mir trotz der warmen Temperaturen eine Gänsehaut den Rücken hinunterlief. Gleichzeitig wusste ich, dass er recht hatte. Völlig recht. Peinlich berührt von mir selbst, stotterte ich nur ein: »Okay«, und drehte mich um. Seine direkte Art war frontal auf meinen blinden Aktionismus geprallt. Autsch. Ich brauchte einen Moment, um mit zittrigen Fingern den Schlüssel in mein Türschloss zu bekommen. Je länger es dauerte, desto heftiger rasten meine Gedanken. Stand ich noch in seinem Blickfeld? Wieso hörte ich seine Tür nicht? Warum konnte ich mich nicht ein einziges Mal wie ein normaler Mensch benehmen? Reiß dich zusammen, flüsterte meine innere Stimme erbost. Gestern hat das doch auch wunderbar geklappt. Doch meine Finger gehorchten nicht. Statt dem Klacken des Türschlosses, hörte ich nun ein resignierendes Seufzen hinter mir. Er hatte sich also tatsächlich nicht in Luft aufgelöst. »Sorry … Du kannst ja nichts dafür.« Unbeeindruckt von seinem Geständnis, versuchte ich weiter, meine Tür aufzuschließen. Auf keinen Fall würde ich mich umdrehen, viel zu peinlich war mir meine eben dargebotene Fürsorge. Und da war noch etwas: die altbekannte Schamesröte, die mein Gesicht heiß werden ließ. Verdammt nochmal. Konnte ich stattdessen nicht lieber jetzt und gleich im Erdboden versinken, statt wie eine Ampel meine Emotionen nach außen zu spiegeln? Ohne dass ich seine Bewegung wahrgenommen hatte, umschloss Alex plötzlich meine Hand mit seinen langen, kalten Fingern. Das Zittern stoppte und meine Tür sprang auf.

Mein Herz klopfte bis zum Hals und gleichzeitig fraß sich ein wütender Feuerball durch meinen Magen. Übergriffiger Scheißtyp. Ich hatte ihn nicht um Hilfe gebeten. Fairerweise musste man sagen: Er mich allerdings auch nicht. Erneut nahm ich am heutigen Tage all meinen Mut zusammen und drehte mich zu ihm um. Durch die Aktion mit dem Schlüssel stand er so nah hinter mir, dass ich fast gegen seine Brust prallte. Konnte es noch unangenehmer werden? »Das ist jetzt der Augenblick in Kitschromanen, in denen sie sich immer verlieben«, vernahm ich plötzlich meine eigene Stimme. Hatte ich das gerade wirklich laut gesagt? Ja. Hatte ich. Ich selbst wusste natürlich, dass diese speziellen Anmerkungen meinerseits stets als Scherz gemeint waren und dem Umstand geschuldet, dass ich meine Umwelt gerne mit literarischen Fakten nervte. Bei Fremden, wie Alex einer war, kam diese Marotte jedoch meistens eher semi-gut an. Richtig getippt. Als hätte ich ihm einen Schlag versetzt, wich er einen Schritt zurück und legte die Stirn in irritierte Falten. »… ich arbeite in einer Buchhandlung.« Ergänzte ich, als wäre das eine plausible Erklärung. Wow. Das war noch eloquenter als der Satz davor. Was war denn los mit mir. Mein neuer alter Nachbar stand immer noch leicht fassungslos zwei Schritte von mir entfernt, schob nervös die Ärmel seines schwarzen Longsleeves nach oben, als würde er sich für einen Kampf wappnen und schien mit der Situation ebenso überfordert wie ich. Eine Lösung musste her, sonst würden wir sicher noch übermorgen hier stehen und uns anglotzen. »Okay. Nochmal von vorne«, drückte ich die verbale Reset-Taste. Mein Tonfall war entschlossen. Ich konnte das hier nicht so stehen lassen und schlimmer konnte es kaum werden. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens die seltsame Alte von gegenüber sein, an der man seine Freunde grußlos und tuschelnd vorbeischob.

Alex hob erwartungsvoll eine Augenbraue, aber der Rest seines Gesichts war immer noch angespannt, sein Kiefer mahlte und die Hände hatte er mittlerweile vor der Brust verschränkt, als hätte er Angst davor, ich würde danach greifen und ihm im Anschluss in einem Stück auffressen oder noch schlimmer: direkt einen Ring an den Finger stecken. Ich verdrängte den spontanen Impuls, ihn zur Klärung in meine Wohnung zu bitten, denn in Anbetracht meiner Konversations-Entgleisung wenige Sekunden zuvor, schien mir der Hausflur deutlich unverfänglicher. »Eigentlich nennen mich alle Lizzy. Das nur zur Info. Ich bin wirklich kein völliger Creep, ich kann nur manchmal meine Klappe nicht halten. Ich bin ein Nerd, wenn es um Bücher geht und würde Nudeln immer Kartoffeln vorziehen.« Meine Mundwinkel verzogen sich zu etwas, was ein entschuldigendes Lächeln darstellen sollte, während ich darauf wartete, dass er mich endlich kommentarlos stehen ließ. Doch das tat er nicht. »Also … ähm … Ich mag keine Tomaten. Viel zu glibberig«, kam es zögerlich über seine Lippen. Das alles hier war so skurril, dass mir nichts anderes übrigblieb als laut aufzulachen. Das Eis zwischen uns war gebrochen. Alex fuhr sich verlegen mit der Hand durch die blonden Haare und strich sich dabei eine eigensinnige Strähne hinters Ohr. »Was denn? Wer hat denn angefangen?« Nun konnte er sich auch nicht mehr zurückhalten und ein verschmitztes Grinsen legte sich auf seine Lippen. Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Oh Mann, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich heute nochmal lache.« Nicht ohne ein bisschen beeindruckt von mir selbst zu sein, wandte ich mich zum Gehen: »Gern geschehen, Herr Nachbar.«

Gegenwart

Je weiter der Abend voran Schritt, desto offensiver schaltete Sophie in den Flirt-Modus und selbst wenn das zwischen ihr und Felix immer noch Geplänkel war, wusste ich, dass sie es sehr genoss. Mir juckte es in den Fingern, sie damit aufzuziehen, aber gleichermaßen widerstrebte es mir, ihr dazwischen zu funken. Wie bei Alex auch, war es schön, sie gelöst und glücklich zu sehen. Während also rechts und links von mir ausgiebig die Hormone wallten, lehnte ich mit dem Rücken an den Tresen und stocherte mit meinem Strohhalm im angetauten Eis meines Drinks. Außer meinen beiden Freunden befanden sich jede Menge Kumpels von Alex in der Bar, die ich schon tausend Mal gesehen und mit denen ich nach Konzerten mindestens ebenso viele Getränke konsumiert hatte. Dennoch fiel es mir, auch nach all den Jahren, schwer, mich einfach irgendwo dazu zu gesellen. Wenn ich eins gelernt hatte, seit Alex das erste Mal im Treppenhaus aufgetaucht war, dann, dass das Musik-Business eine eingeschworene Gemeinschaft war, die sich zwar offen und freundlich gab, im Stillen aber deutlich klassifizierte und in Schubladen verteilte.

Ganz hoch im Kurs standen Band und Crew. Gleich danach liefen Partner, alte Freunde und Familie. Und irgendwo abgeschlagen kamen neue Freunde, Bekannte und Fans. Eine Medaille mit zwei Seiten, denn ich war ehrlich gesagt sehr froh darüber, dass Alex mich bei gravierenden personellen Engpässen während einer Tour noch nie gebeten hatte, auszuhelfen, da sich immer jemand anderes aus der Szene fand, der einsprang. Für mich war es immer wieder ein wunderschönes Privileg, Konzerte einfach aus der Menge oder von der Seite aus zu sehen, ohne dabei irgendeine Verantwortung oder Kiste tragen zu müssen. Auf der anderen Seite dümpelte ich bei seinen Musikerkollegen mit diesem passiven Verhalten auch nach vier Jahren noch irgendwo zwischen »Wer ist das nochmal« und »Fan«. Labels, die ich mir selbst vielleicht nicht unbedingt ausgesucht hätte, mit denen ich aber wunderbar klarkam. Ich mochte die Musik, die Alex’ Band machte und auch die Bands, die er als Tontechniker begleitete sah ich mir immer wieder gerne an, wenn sie in Berlin spielten. Alles in allem kein großes Problem, wären da nicht Abende wie dieser, an denen ich mich plötzlich und unvermittelt allein unter Menschen fühlte. Und auch wenn ich sonst immer cool und abgeklärt tat, förderten diese Momente Komplexe bei mir zutage, die ich nur zu gern versteckte und die ich spätestens seit meinem Ausstieg aus dem Agentur-Alltag und dem gescheiterten Versuch in die schnelle, trendige Berliner Medienwelt zu passen, abgelegt zu glauben hatte. Leider schien ich von der einen Bubble in die nächste zu stolpern. Nur dass der Musikzirkus deutlich weniger unangenehm war und manchmal eben doch Ausnahmen machte. Als ich Alex kennengelernt hatte, war er definitiv so eine Ausnahme gewesen. Völlig unbeeindruckt von Strukturen und irgendwelchen ungeschriebenen Regeln. Frei von den typischen Klischees, die man mit einem allgemeingültigen Musiker verbinden würde. Mittlerweile jedoch kamen mir langsam Zweifel, wie sehr er sich von seinem Umfeld wirklich beeindrucken ließ und wie viel aus seinem tiefsten Inneren kam. Ich bildete mir ein, die Seite von ihm zu kennen, die er hier nicht zeigte. Die weiche, verletzliche Seite weit weg von Coolness und dem siebenunddreißigsten Monolog über irgendeine total krasse Band, die man nur wirklich kennen konnte, wenn man ein Insider war. Ich seufzte tief. Hoffentlich würde Alex sich nicht komplett in dieser Welt verlieren. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir war, meinte ich damit: Hoffentlich würde ich ihn nicht verlieren. Ich gehörte nicht in dieses Business. Es war okay, dass man mich nur duldete. Aber was, wenn selbst diese Duldung irgendwann verloren ging?

Noch einmal sah ich mich um und konnte immer noch keine Gruppe ausmachen, in deren Gesellschaft ich mich wohl gefühlt hätte. Also schnappte ich mir meine Jacke und trat kurzentschlossen den Heimweg an. Mit einer schnellen Textnachricht informierte ich Sophie über meinen Verbleib, falls sie sich nach dem Erwachen aus ihrem Flirt-Koma Sorgen machte. Alex sagte ich nicht Bescheid. Mir war klar, dass er mich an diesem Abend, völlig zurecht, nicht mehr vermissen würde.

Als die Kneipentür hinter mir ins Schloss fiel, blinkte eine Nachricht auf meinem Telefon auf. Mit vor Aufregung kribbelnden Fingern wischte ich hoch. Die automatische Vorsorge-Erinnerung meines Zahnarztes blinkte auf und rundete diesen fantastischen Tag perfekt ab.

Vier Jahre zuvor

Die Luft flimmerte trotz des bereits frühen Abends immer noch warm und trieb alle überzeugten Großstädter auf die Grünflächen der Parks. Die Masse an Menschen, das Gemisch aus lauten Stimmen und einem langen Tag ließen meinen Kopf schwer werden – das gerade geöffnete Bier tat sein Übriges. »Wie sieht er denn aus? Hast du ihn mal gegoogelt?«, löcherte mich Ellen mit einer weiteren Frage während Marie, ebenfalls eine ehemalige Kollegin, auf der Decke neben uns lag und bedeutungsschwanger in den Himmel starrte. Ursprünglich war es gar nicht mein Plan gewesen, den beiden die verhängnisvolle Begegnung mit dem neuen Nachbarn direkt auf die Nase zu binden, aber meine deutliche Verspätung hatte eine Erklärung gefordert und zumindest Ellen witterte nun die Liebesgeschichte des Jahres. »Ist doch egal, Lizzy liebt doch sowieso nur Schiller und Tolstoi«, neckte mich ein Kumpel, der ebenso wie die anderen beiden Jungs, die unsere kleine Gruppe komplettierten, bis vor wenigen Minuten noch in ein Gespräch über die weitere Abendplanung vertieft gewesen war. Jetzt fläzten sie neben uns und widmeten sich ihren Getränken – und meinem Privatleben.

Obwohl ich die fünf wirklich gern mochte, merkte ich langsam, dass ich anfing, mich nicht mehr so richtig wohlzufühlen, wenn wir zusammen waren. Ich wurde zusehends dünnhäutiger, was die scherzhaft gemeinten Tiefschläge anging, neigte zu einer wenig amüsierten Trotzhaltung und beruhigte mich jedes Mal selbst damit, dass wir schon so viel zusammen erlebt hatten.

Als Juniors in der gleichen PR-Agentur gestrandet, war uns zuerst nichts anderes übriggeblieben als während diverser Überstunden, Get-Togethers und Teamevents miteinander Zeit zu verbringen. Nach und nach mauserten wir uns zu einem engen Verbund, einer Gang, die zusammen durch dick und dünn ging. Auch über diese Karriere-Station hinaus riss der Kontakt nie ab und so landeten wir immer mal wieder in gleichen Projekten oder Agenturen, bis alle endgültig Fuß gefasst hatten.

Alle außer mir, die am Anfang des Jahres die Reißleine gezogen hatte.

Ich atmete tief durch, nicht gewillt mich an so einem schönen Sommertag von negativen Gefühlen beherrschen zu lassen. »Er ist ziemlich groß und seine Haare sind blondiert, glaube ich, und ...«, versuchte ich mich an einer Beschreibung, wurde aber von Ellen unterbrochen, die laut losprustete. Ihr Lachen stieß mir aus irgendeinem Grund sauer auf. »Natürlich hat er blondierte Haare. Wahrscheinlich auch einen Jutebeutel und Birkis?« Sie verschluckte sich fast am Bier, so sehr schien es sie zu erheitern. »Nein, zufälligerweise nicht. Er ist nicht einer von diesen Typen«, kam es mir etwas zu schroff über die Lippen. Wieso genau fühlte ich mich so angegriffen? »Sondern?« In Ellens Tonfall mischte sich nun diese seltsame spitze Arroganz, mit der ich noch nie hatte richtig umgehen können. »Ich glaube, er ist Musiker.« Sie rümpfte die Nase, ersparte mir aber einen weiteren abschätzigen Kommentar. »Also Vans und Skinny Jeans.« Marie stieg nun auch in Ellens Spiel mit ein, was dieser wieder zu Oberwasser verhalf. »Hat er tiefsinnige Augen?« Sie klimperte mit den Wimpern. »Und einen alten Gitarrenkoffer aus Leder?« Gegenseitig begannen sie sich aufzuschaukeln. »Einen Dreitagebart. Er hat mindestens einen Dreitagebart!«, feixte Marie, entzückt über ihren Einfall und ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich es nicht mal ansatzweise lustig fand. Vielmehr machte es mich sauer, dass sie so über jemanden redeten, den sie gar nicht kannten. Oder nagte doch eher das schlechte Gewissen an mir, weil ich genau wusste, dass ich sonst immer in derartige Scherze einstieg? Auch wenn ich es natürlich nicht gern zugab, war Oberflächlichkeit eine Eigenschaft, die ich nur schwer ablegen konnte und welche ich nicht zuletzt in den vergangenen Jahren als sogenanntes Guilty Pleasure zur Genüge ausgelebt hatte. Jetzt aber, in diesem Moment, lag mir nichts ferner, als Alex zu beurteilen. Weder nach seinem Äußeren noch nach seinem Beruf. Irgendetwas in mir sträubte sich und in meinem Bauch breitet sich Unbehagen aus, das ich krampfhaft zu unterdrücken versuchte. Das hier waren doch meine Freunde und Alex nur irgendein Typ, den ich kaum kannte. Ich sollte mich da nicht so reinsteigern. »Er hat wirklich einen Dreitagebart«, gab ich zu und meine Freundinnen fingen an zu gackern. Das komische Gefühl in meiner Magengegend wurde schlimmer, doch ich drückte es für den Moment einfach weg.

Es war erst kurz nach zehn, als ich leicht fröstelnd nach Hause kam. Der Rest war noch zum Feiern weitergezogen, aber mir stand nicht der Sinn nach zu vielen Tequila-Shots und einem völlig verkaterten Sonntag. »Langweilerin«, hatte Ellen genölt und lag damit gar nicht so verkehrt. Es war ein tausendmal gemachter Fehler mich den restlichen Abend mit meinen Gedanken zu Hause einzukuscheln und mir die x-te Wiederholung von Dirty Dancing anzusehen, aber nichts anderes wollte ich gerade. Zwar würden mich spätestens morgen die Partybilder auf Instagram wehmütig einholen, doch das nahm ich in Kauf. Die Modekrankheit »Fear Of Missing Out« kurz und hip »FOMO« genannt, gehörte ebenfalls zu den Eigenschaften, die ich mit dem Wechsel in meinen kleinen Buchladen hatte ablegen wollen, nachdem mir aufgegangen war, dass mich das ständige, aktive Dabeisein mehr kaputt machte als bereicherte. Meine Seele wollte eine Jogginghose und Patrick Swayze? Meine Seele bekam diese Jogginghose und Patrick Swayze.

Seufzend stieß ich die Tür zu meinem Balkon auf, um die frische Abendluft in meine vom Tag aufgeheizte, stickige Wohnung zu lassen, als mir Tabakgeruch in die Nase stieg. Wie sollte es auch anders sein. Alex saß, keine drei Meter entfernt, auf dem angrenzenden Nachbarbalkon, schwarze Kopfhörer auf den Ohren und rauchte gedankenverloren. Es kam mir immer noch unglaublich hanebüchen vor, dass er bereits sechs Jahre hier wohnte; dass er mir drei Jahre lang einfach entgangen war, obwohl er nun seit Tagen so omnipräsent in mein Leben rumpelte. Die Zeiten, in denen ich meine Unterwäsche auf dem Balkon trocknen konnte, waren damit wohl auch vorbei. Mit »Hello Kitty«- und »Wonderwoman«-Prints wollte ich mir vor Mr. Cool persönlich sicherlich keine Blöße geben. Kurz spielte ich mit dem Gedanken auf dem Absatz kehrtzumachen, um nicht wieder die aufdringliche Nachbarin im anonymen Berlin zu bedienen, aber etwas in mir entschied sich anders. Da musste er jetzt durch. Und ich auch.

Die unerklärbare Sympathie für diesen Typ und der Drang danach, ihn besser kennenlernen zu wollen, welcher mir fast noch dubioser erschien, führten schließlich dazu, dass ich meinen Arm ausstreckte und ihn über das, für mich etwa brusthohe, Metallgeländer hinweg, an der Schulter berührte. Creeplevel 3000, flüsterte mein Gewissen mir zu.

Im ersten Moment reagierte er nicht und ich fürchtete schon fast, die Bewegung wiederholen zu müssen, als er erschrocken zusammenzuckte. Großartig. Wie lange es wohl noch dauern würde, bis er eine einstweilige Verfügung gegen mich in die Wege leitete?

Alex nahm die Kopfhörer ab, zog erneut an seiner Zigarette und murmelte zeitgleich mit dem Rauch, der seine Lungen wieder verließ, ein tiefes »Na?« und zog den rechten Mundwinkel leicht nach oben.

Erleichtert stellte ich fest, dass er diesmal weder angepisst klang noch aussah. »Was hörst du?« Sehr gut. Eine im Vergleich wenig peinliche Frage. »Das neue Foo-Fighters-Album.« Ich atmete auf. Ein Glückstreffer, denn die Foo Fighters waren tatsächlich eine Band, die ich trotz meines musikalisch eingeschränkten Wissenshorizonts gut kannte. Ich schickte ein Dankeschön ans Universum, dafür dass er mir keinen Heavy-Metall-Insider-Krempel vor den Latz knallte, der eine gewisse Grundbildung in Sachen Musik voraussetzte. »Ach cool, die wollte ich schon immer mal live sehen.« Und ergänzte in Gedanken: vor allem wegen Dave Grohl. Auch wenn ich es diesmal nicht laut artikulierte, machte Alex den Eindruck, als würde er es ahnen, denn er nickte nur stumm und drehte seine Kippe zwischen den Fingern. »Ich wollte dich aber nicht stören …«, schob ich unnötigerweise nach, schließlich machte ich gerade genau das. »Du störst nicht. Es war nur einfach ein langer Tag.« Er zog erneut an der Zigarette, legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen, bevor er den Rauch in den Himmel über sich blies. Obwohl es durchaus theatralisch hätte wirken könne, tat es das nicht. Vielmehr strahlte er ehrliche Erschöpfung aus. Kein Wunder, nach der filmreifen Trennungsszene heute Nachmittag.

»Wenn du drüber reden willst …« Kaum hatte mein Mund die Worte geformt, bereute ich es schon wieder. Wieso zwang ich diesem Kerl eigentlich pausenlos meine Hilfe auf? Und warum in drei Teufels Namen sollte er einer völlig fremden Person sein Herz ausschütten wollen? Um eine weitere Abfuhr zu vermeiden und die unangenehme Pause zu beenden, die inzwischen entstanden war, ergriff ich erneut selbst das Wort. »Okay, tut mir leid. Wahrscheinlich hab’ ich mir bei meinem Sturz im Treppenhaus doch den Kopf angeschlagen. Ich gehe jetzt einfach rein und lasse dich und Dave Grohl alleine.« Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte ich mich um und war schon fast durch die Tür, als mich sein Lachen zurückhielt. Er lachte. Ziemlich laut und ziemlich ansteckend. Ich spürte, dass ich erneut im Begriff war, rot anzulaufen, konnte mir aber ein Lächeln nicht verkneifen. »Wieso lachst du?« Gespielt entrüstet stemmte ich meine Hände in die Hüften und sah ihn erwartungsvoll an.

Er grinste breit und kleine Lachfältchen bildeten sich um seine Augen, was die Härte seiner definierten Gesichtszüge deutlich abmilderte. Er wirkte fast ein bisschen sympathisch. »Ich dachte nur gerade: Vielleicht hab’ ich mich zurecht sechs Jahre vor den Menschen in diesem Haus unsichtbar gemacht.« Unter anderen Umständen hätte ich diesen sarkastischen Kommentar sicher als verletzend empfunden, jetzt war ich aber einfach nur froh, dass wir uns langsam auf eine weniger unangenehme Ebene zu bewegten und stieg auf sein Spielchen ein.

»Vielleicht …«, ich legte die ganze Betonung auf dieses Wort, »… würde ich mich nicht wie eine Idiotin benehmen, wenn du bei meinem Einzug mit einem Kuchen vor der Tür gestanden und mich willkommen geheißen hättest, so wie sich das für einen anständigen Nachbarn gehört.« Er sollte bloß nicht auf die Idee kommen, dass ich mich von ihm verbal unterbuttern ließ. Nicht mit mir, Herr Nachbar. »Glaub mir, den Kuchen hättest du nicht essen wollen.« Alex zog eine Grimasse und schüttelte leicht den Kopf. Die plötzliche Wellenlänge zwischen uns, beflügelte mich.

»Kein Talent zum Backen?«

»Kein bisschen.«

Er klopfte eine neue Zigarette aus seinem Päckchen. »Auch eine?« Diesmal war ich es, die kopfschüttelnd ablehnte. »Ich sollte eigentlich auch mal weniger, aber, wie gesagt, war ein langer Tag«, wiederholte er sich und irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er tatsächlich gerne darüber reden wollte, es aber unpassend fand, sich ausgerechnet mir anzuvertrauen. »Vielleicht sollten wir ins Bett gehen«, schlug ich vor und seine Augen weiteten sich, auf seinem Gesicht lag nun wieder der mir bereits bekannte, leicht spöttischen Ausdruck. »So?« Er zwinkerte ironisch und ich begriff, was ich da eigentlich gerade gesagt hatte. »Oh man ey, du in deins und ich in meins. Das kann ja noch heiter werden hier.« Seufzend schlug ich mir mit der Hand gegen die Stirn. »Wenn du das sagst.« Alex’ Blick schweifte wieder zum Himmel und ohne, dass er ein weiteres Wort sagen musste, war mir klar, dass der kurze Moment der Leichtigkeit genau wie unsere Unterhaltung für heute beendet waren.

Zurück in meiner Wohnung wurde ich dieses sonderbar euphorische Gefühl nicht los, das ich immer dann empfand, wenn ich jemandem begegnete, der mich ohne besonderen Grund mitten ins Herz traf. Ich war schon ein paarmal verliebt gewesen. Sogar heftig. Meine letzte Trennung vor ein paar Jahren hatte mich dermaßen aus der Bahn geworfen, dass ich mein Leben komplett neu zusammen puzzeln musste. Nur um anschließend festzustellen, dass mir das neue Puzzle überhaupt nicht gefiel. Jetzt stand ich wieder am Anfang eines neuen Lebensabschnitts und ausgerechnet in diesen Anfang war Alex hineingestolpert. In jedem Liebesfilm wäre er jetzt jener Mann in meinem Leben, der die Wende zum Happy Life bringen würde. Doch das hier war anders. Ich spürte nicht diese körperliche Anziehung; da war auch nicht das Gefühl, ihm auf diese Weise näher kommen zu wollen. Ich fand ihn einfach nur spannend und irgendwie, auch wenn das alleine in meinen Gedanken bereits abgedroschen klang: süß.

Es machte mich rasend, dass er nicht die Sorte Mensch war, mit der man mal eben einen netten Plausch halten konnte, denn das hätte alles so viel einfacher gemacht. Stattdessen wohnte jetzt Tür an Tür, Wand an Wand, Balkon an Balkon ein Typ, von dem ich nach drei Tagen zwar schon wusste, wie seine letzte Beziehung geendet hatte, nicht aber, welche seine Lieblingseissorte war. Das Schneckenhaus um ihn herum schien aus solidem Stahlbeton gebaut.

Ellens Worte hallten in meinem Kopf wider: »Hast du ihn schon mal gegoogelt?« Ich griff zu meinem Handy und öffnete den Browser. Einen Moment zögerte ich. Wollte ich wirklich wissen, was das Internet über Alex sagte? Was, wenn ich Dinge las, die ich danach nicht mehr loswurde? Meine moralische Phase dauerte genau so lange, wie ich brauchte, um seinen Namen in das Suchfeld einzutippen. Dank Klingelschild war der Nachname ebenso wenig ein Problem, wie der Zusatz »Berlin«, um nicht unnötige Suchtreffer für alle Männer mit Namen Alex Fink zu erzielen.

Und da war er. Seine undurchdringliche Miene spiegelte sich von mehreren Band-Fotos in meinem Display wider. Alex mit raspelkurzen Haaren und Punker-Outfit. Alex im Eifer des Gefechts an der Gitarre. Alex unvorteilhaft getroffen beim Singen ins Mikrofon.

Ich wechselte von der Bildersuche zu den allgemeinen Treffern und fand mehrere kleine Berichte über seine Band, die kurz davorstand, ein neues Album zu veröffentlichen. Ich klickte mich durch die Artikel auf die Webseite. Die ganze Startseite war von einem eingebundenen YouTube-Video überzogen. Sein musikalisches Schaffen war nur eine Bewegung meines Zeigefingers entfernt. Unentschlossen ballte ich meine rechte Hand zur Faust. Laut anhören ging auf keinen Fall. Die Wände im Altbau waren zwar dick, aber alleine die Vorstellung, dass er es irgendwie mitbekam und die völlig falschen Rückschlüsse zog, ließ mich erschauern. Nervös wippte ich mit dem Bein. Stand auf, ging zum Wasserkocher, schaltete ihn ein. Ablenkung. Einen Tee trinken. Nochmal gut überlegen. Nur weil es da war, musste ich es ja nicht nutzen. Um auf andere Gedanken zu kommen, tippte ich meinen eigenen Namen in die Suche ein. Wenig überraschend zeigte mir die Suchmaschine schnöden Agenturcontent. Alles was sich irgendwie privater verhielt, versteckte ich abseits meines Klarnamens in den sozialen Medien unter einem Internetpseudonym. Ich fragte mich, ob Alex wohl auch nachgesehen hatte, ob er mich auf irgendeiner Plattform fand. Wohl eher nicht. Sicher war er nur so omnipräsent, weil sie das Internet zu Promo-Zwecken nutzten. Der Wasserkocher klickte und hörte auf zu brodeln. Doch statt mir einen Tee aufzubrühen, griff ich zu meinen Kopfhörern, die Neugier ging als Sieger vom Platz.

Wenige Sekunden später erklangen, nicht wie erwartet, laute Gitarren, sondern sanfte Klaviertöne. Dann die raue Stimme des Sängers, der sich mit geschlossenen Augen hingebungsvoll an seinen Mikrofonständer klammerte. Obwohl die Bandfotos bereits deutlich machten, dass Alex der Gitarrist war, irritierte es mich kurz. Irgendwie hatte er auf den ersten Blick so gewirkt, als würde er als Frontmann die Rampensau raushängen lassen. Stattdessen stand er auf der linken Bühnenseite vor seinen Verstärkern und war ganz in seiner Gitarre versunken, die mittlerweile auch eingesetzt hatte. Der Song handelte von Liebe in der Großstadt, war mehr Pop als Rock und die neueste Singleauskopplung. Unter dem Video standen in großen Buchstaben das Datum und der Ort der Record Release Party. Eine Bar in Berlin am kommenden Freitag. Das Schicksal hatte es wohl auf mich und meine Neugierde abgesehen. Nach drei Minuten endete das Video und ich zog die kleine rote Linie zurück zum Anfang. Während der Sänger nun seinen Herzschmerz über verpasste Chancen und lange, durchzechte Nächte wiederholte, lag mein Blick immer noch auf Alex. Auf seiner Konzentration, den Grübchen, aber besonders auf dem Funkeln in seinen Augen, das selbst von YouTube zu mir an den Küchentisch schwappte. Kombiniert mit der Erinnerung an die Worte seiner Ex, war es unverkennbar, dass er die Musik liebte. Oder liebte er es nur in einer Band zu sein? Allen Verwirrungen und Merkwürdigkeiten zum Trotz, hoffte ich, dass ich es irgendwann herausfinden würde.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
260 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754175378
Wydawca:
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Bookwire
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