Czytaj książkę: «Stimmen gegen das Schweigen»

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Joumana Seif · Wijdan Nassif

Stimmen gegen das Schweigen

Übersetzt aus dem Arabischen von Leslie Tramontini und Kerstin Wilsch


Originalausgabe

© 2020 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin

prverlag@hirnkost.de

www.hirnkost.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage November 2020

Vertrieb für den Buchhandel:

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Privatkunden und Mailorder:

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Übersetzung aus dem Arabischen:

Leslie Tramontini und Kerstin Wilsch

Layout: Conny Agel

Lektorat: Klaus Farin

ISBN:

PRINT: 978-3-948675-62-2

PDF: 978-3-948675-64-6

EPUB: 978-3-948675-63-9

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All den eingekerkerten Frauen und Männern, die noch immer in den Folterkellern des syrischen Regimes und den Folterkellern der Diktatoren und Unterdrücker überall auf der Welt ausharren.

All den mutigen Frauen und Männern, die für diesen Bericht Zeugnis ablegten.

Unserem Freund Akram al-Safadi, der einige Zeit nach seiner Zeugenaussage starb.

All den aus den Gefängnissen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit entkommenen Frauen und Männern – und vor allem jenen Frauen, die wegen der Unterdrückung durch die Machthaber und die Gesellschaft geschwiegen haben und noch immer auf eine Gelegenheit warten, zu sprechen und ihre Stimme zu erheben,

ist dieses Buch gewidmet.

Joumana Seif und Wijdan Nassif

Inhalt

Katrin Langensiepen: Nur ein Wimpernschlag. Geleitwort

Anwar al-Bunni: Vorwort

Einleitung

Methodik des Berichts

Historischer Hintergrund

TEIL 1: Politische Haft

Verhaftungsmethoden und Haftdauer

Mehrfaches Leid

Frauen als Geiseln und Mittel der Rache

Besondere Bedürfnisse von Frauen im Gefängnis

Diskriminierung und Sonderbehandlung

TEIL 2: Folter

Folter in den syrischen Geheimdienstgefängnissen

„Woher nimmt er das Recht, mich zu foltern?“

Sexuelle Gewalt

„30 Jahre versuche ich schon, dies alles zu vergessen.“

Psychische Gewalt

Androhung von Vergewaltigung

Stigmatisierung

Androhung von Rufmord

Verletzung der physischen und psychischen Intimsphäre

TEIL 3: Die Entlassung aus dem Gefängnis

Fortgesetzte Schikanen durch die Geheimdienste

Angst vor erneuter Inhaftierung

Sozialer Druck und Isolierung

Die bittere Frage

Die Familie: Gefängnis oder Rückhalt?

Schuldgefühle

Psychische Folgen der Haft bei den Frauen

Wir machen weiter – trotz alledem!

Schlussbemerkung

Anmerkungen

Die Autor*innen

Katrin Langensiepen

Nur ein Wimpernschlag. Geleitwort

Gerade jetzt, zu einer Zeit, in der die Lage in Syrien kaum aussichtsloser erscheinen kann und der Blick nach vorne schwerer fällt denn je und die Hoffnung auf Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit ins Farblose kippt, bleibt es umso wichtiger, die Stimmen und Erinnerungen derjenigen festzuhalten, die das Undenkbare, das Unsagbare durchlebt haben, um die schwarz und blutrot funkelnden Mosaiksteine zu dem hinzuzufügen, was rückblickend gemeinsame Vergangenheit sein wird.

Dieser Vergangenheit der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden sich alle Syrer*innen und die internationale Gemeinschaft fortwährend stellen müssen, denn sie wird Schatten werfen auf das, was Zukunft für dieses Land und die Region sein kann.

Und wie so oft wird Zukunft über das eigene Wohlbefinden hinaus, sei es für die Familie oder ein Land, von denen gemacht, die oftmals an den Rand und in den Schatten gedrängt werden: den Frauen. Umso wichtiger ist es, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen und Unrecht als solches zu benennen, dieses zu dokumentieren und mit aller Vehemenz für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu streiten. Auch wenn dies bedeutet, Vergangenes erneut zu durchleben, und die Gefahr bestehen bleibt, innerlich (erneut) zu zerbrechen, bleibt am Ende die zeitlebens bestehende und weithin sichtbare Anklage gegen ein Regime, das alle Scham gegenüber jeglichen Gräueltaten verloren hat, diese wohl nie besessen hat.

Die unglaubliche Stärke aus dem hier Dokumentierten soll Mut geben für diejenigen, die verzweifeln, Kraft für die, die laut aussprechen, und Durchhaltevermögen für die, die erste Schritte auf dem Weg zur Gerechtigkeit gehen. Strafprozesse wie der in Koblenz und andere Verfahren auf der Basis universeller Gerichtsbarkeit werden hier den Weg weisen, konsequent aufarbeiten und Täter zur Rechenschaft ziehen, auch dann, wenn ihre Taten schon lange zurückliegen.

Und somit bleibt es zu hoffen, dass die Stimmen und Erinnerungen mahnend über die Zeit getragen werden und die Zeit der Folter, des Krieges, der Unterdrückung und der Erniedrigungen zusammenschrumpft auf einen geschichtlichen Wimpernschlag, der so viel mehr Raum für anderes, für mehr Gutes lässt – ohne jemals die Stimmen der zunächst Ungehörten und die Geschichten der zunächst Unsichtbaren zu vergessen.

Katrin Langensiepen ist Abgeordnete des Europäischen Parlaments für Die Grünen.

Anwar al-Bunni

Vorwort

Ist es zu hart, Sie als Leser*innen mit dieser massiven Gewalt zu konfrontieren, wie sie in den folgenden Seiten sichtbar wird; ist es fair Ihnen gegenüber?

Vielleicht nicht, aber lassen Sie uns doch etwas mehr über die Frauen nachdenken, die über Jahre hinweg diese ganze Gewalt erlebt haben; lassen Sie uns nachdenken über diese wunderbaren Syrerinnen, die uns hier mit so viel Stärke und Mut berichten, was sie erfahren und erleiden mussten.

Diese Frauen waren vor der Verhaftung mit der Gewalt des Regimes und der Gesellschaft konfrontiert, während der Inhaftierung mit endlosen Gewaltexzessen des Regimes und nach ihrer Freilassung wieder mit der Gewalt von sowohl Regime als auch Gesellschaft. Wie viel Kraft müssen sie haben, um all dies zu überstehen und nun mit ihren Erzählungen ans Licht zu bringen, was inhaftierte Frauen bis zum jetzigen Zeitpunkt in syrischen Haftanstalten erdulden müssen, und ihre Stimmen und ihre Schreie hörbar zu machen. Wir haben ihre Schreie vernommen und werden sie weiter hören, denn in diesem Buch hallt ihr Echo wider: Die Schreie dieser Frauen, die auf Freiheit und Rettung hoffen, dringen durch die Wände der Gefängnisse und Gefängniszellen.

Mit diesem Bericht gedenken wir nicht nur dieser Frauen, sondern aller Häftlinge, die in Syrien immer noch den abscheulichsten Arten von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt ausgesetzt sind und sogar dem Tod. Wir wollen zum Nachdenken darüber anregen, wie wir dem syrischen Volk beistehen können, den Männern, Frauen und Kindern, die auf Rettung hoffen, auf Freiheit und Erlösung von all dieser Gewalt, Unterdrückung und Willkür.

Die Täter müssen verfolgt und vor Gericht gestellt werden, damit sie ihrer gerechten Strafe nicht entkommen. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, zu verhindern, dass sich derartige Verbrechen wiederholen. Den überlebenden Frauen muss Gerechtigkeit widerfahren. Nur so können sie seelisch und körperlich heilen, die Achtung der Gesellschaft zurückgewinnen und vollständige Rettung erfahren, indem sie auch von der Gewalt der sie umgebenden Gesellschaft befreit werden.

Einleitung

„Im Gefängnis wird dir deine Identität genommen; du bist ein Niemand, deshalb ist alles möglich: Erniedrigung, Folter, Demütigung, Vergewaltigung, all das ist unausweichlich.“ NADA

„Vergewaltigung hinterlässt tiefe psychische Spuren … In meiner langen Zeit im Gefängnis haben sich nur zwei Frauen getraut, mir von ihrer Vergewaltigung zu erzählen. Ich habe niemandem davon erzählt … All die Einzelheiten des Leids im Gefängnis hinterlassen Narben, die auch nach vielen Jahren nicht wirklich verheilen.“ LAMA

Nada, die während der Revolution inhaftiert war, und Lama, die in den 1980er Jahren im Gefängnis war, sind zwei Beispiele dafür, was Frauen im Gefängnis erleben. Ihre Aussagen beschreiben nicht nur ihr eigenes Leid, sondern die Erfahrungen und das Leid aller Frauen, die wir für diesen Bericht getroffen haben.

Die Zitate, die wir wiedergeben, wurden aus den Zeugenaussagen von Frauen ausgewählt, die zwischen 1980 und 2017 im Gefängnis waren und Widerstand geleistet haben. Es ist eine Gelegenheit, sich mit diesen wichtigen Erfahrungen zu befassen, auch wenn sie noch so grausam sind. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit den Methoden und der Dauer der Verhaftung und den Bedingungen, die diese Frauen erlebten. Wir berichten auch darüber, wie die Geheimdienste mit den besonderen Bedürfnissen von Frauen umgehen.

Im zweiten Teil beleuchten wir die Formen von Gewalt, denen sie ausgesetzt waren, angefangen von Folter über sexuelle und psychische Gewalt bis hin zur Stigmatisierung.

Im dritten Teil beantworten die Frauen unsere Fragen danach, wie ihre Familien und die Menschen in ihrem sozialen Umfeld mit ihnen umgingen. Sie haben dort die Gelegenheit, über die bitteren psychischen und körperlichen Folgen ihrer Erfahrungen zu sprechen, aber auch über ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, das Geschehene zu verarbeiten, sich zu widersetzen und den Kampf gegen alle Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit fortzuführen, um zu erreichen, dass Gerechtigkeit siegt und die Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden.

Dieser Bericht hat nicht zum Ziel, die systematische und umfassende Anwendung von Gewalt gegen Frauen, darunter sexuelle Gewalt, durch das Regime seit 2011 nachzuweisen. Das wurde bereits mehrfach in anderen Berichten getan, die vom UNHRC1 und der IICI Syria2 herausgegeben wurden, sowie in den Berichten syrischer3 und internationaler4 Organisationen für Menschenrechte. Er zeigt jedoch, dass die Verhaftung von Frauen und die Ausübung aller Formen von Gewalt gegen sie in der Geschichte der diktatorischen Herrschaft in Syrien nichts Neues ist; bereits seit den 1980er Jahren hat das Assad-Regime diese Methoden verwendet, um Oppositionelle zu brechen und die syrische Gesellschaft zu bestrafen und politisch zum Schweigen zu bringen.

Zu den wichtigsten Zielen dieses Berichts gehört, für Frauen, die Verhaftung, Gewalt und Folter durch das syrische Regime ausgesetzt waren, eine Möglichkeit zu schaffen, ihre Stimmen zu erheben und über ihre Erfahrungen zu sprechen. Wir betrachten das als echten Widerstand gegen die Politik des „Mundtotmachens“, die das Assad-Regime über viele Jahrzehnte verfolgt hat. Der Bericht veröffentlicht Erfahrungen couragierter Frauen, die in verschiedenen Zeiten des Kampfes in Syrien mutig der Willkürherrschaft trotzten, und unternimmt damit den Versuch, diese Erfahrungen und alles, was mit ihnen verbunden ist, aufzuschreiben – die Träume von Veränderung und einer hoffnungsvollen und sicheren Zukunft, die Schmerzen und das Gefühl von Ungerechtigkeit und Verzweiflung, die Augenblicke der Hoffnungslosigkeit und des Rückzugs, dann erneutes Aufstehen und Fortsetzung des Widerstands trotz der Vernichtung durch die Machthaber und der Unbarmherzigkeit der Gesellschaft. So können wir sagen, dass es über die Jahrzehnte der Unterdrückung hinweg immer wieder weibliche Don Quijotes gab, die sich weigerten aufzugeben. Sie glaubten daran, dass es wichtig war, immer wieder neu, über Generationen hinweg, den Kampf zu führen – trotz des großen Preises, den sie zu zahlen hatten und haben.

Ihnen zuzuhören war keine einfache Sache. Einige brachen in Tränen aus und die Worte blieben ihnen in der Kehle stecken, selbst wenn seit ihren Erfahrungen schon Jahre und manchmal sogar Jahrzehnte vergangen waren. Das hat uns gezeigt, wie tief sich das große Leid und die Schmerzen in ihr Gedächtnis eingegraben haben.

Einige der Frauen, die in den 1980er und 1990er Jahren inhaftiert waren, sagten uns, dies sei das erste Mal gewesen, dass sie so offen über ihre Erfahrungen geredet hätten. Sie hätten sich geschämt zu erzählen, was ihnen widerfahren war. Einige der Frauen, die während der Revolution verhaftet wurden, äußerten, dass sie zwar nicht zum ersten Mal von ihren Erfahrungen berichteten, ihr Schmerz aber nicht nachgelassen habe.

Es muss erwähnt werden, dass einige Frauen von sexueller Gewalt berichteten, uns jedoch später baten, diese Passagen wieder zu streichen. Selbstverständlich sind wir ihren Bitten gefolgt und haben verstanden, warum sie das wollten. Manche von ihnen leiden noch immer an den Folgen des Schocks, und die meisten werden nicht psychologisch betreut. Ein wichtiger Grund ist auch, dass sich die Bedingungen bzw. das politische Klima, in denen sie inhaftiert worden sind, noch nicht verändert haben. Ihre Hoffnung, dass die Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, verringert sich täglich. Mit dem Andauern des Kampfes und dem Scheitern der Bemühungen, eine politische Lösung zu erreichen, die auf Gerechtigkeit und Wiedergutmachung beruht und bei der die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, wächst die Angst bei allen, die die Gewalt des Regimes und die schlimmen Zustände in den Gefängnissen erlebt haben. Das ist eine ernsthafte Herausforderung, die die Menschenrechtsorganisationen, die Gewaltverbrechen gegen Frauen dokumentieren und sich mit der Problematik von Gerechtigkeit und Verantwortung befassen, berücksichtigen müssen. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts befinden sich noch immer Tausende von syrischen Frauen unter unmenschlichen Bedingungen in den Gefängnissen und Haftanstalten des Regimes. Das Schicksal vieler von ihnen ist unbekannt.5 Es gibt ebenso Tausende von Frauen, die dem Gefängnis entkommen und ihrem Schicksal überlassen worden sind und sich der Ablehnung und Gewalt der Gesellschaft gegenübersehen, ohne Gelegenheit zur Heilung zu haben. Sie akzeptieren die Situation gezwungenermaßen, isolieren sich und ziehen sich aus dem aktiven Leben zurück. Dieser Bericht ist eine Einladung an die Frauen, die der Haft entronnen sind, ihre Stimmen zu erheben und dem Schweigen zu begegnen. Vor allem aber ist er ein Aufruf dazu, Druck auszuüben, damit die Tausenden von immer noch inhaftierten Frauen freigelassen werden, ein Aufruf an Frauenorganisationen, Zentren und Programme einzurichten, die den freigelassenen Frauen psychologische Unterstützung bieten und dabei die Traumata und Schrecken berücksichtigen, die sie erlebt haben und noch erleben. Es ist auch ein Aufruf an alle Schichten der syrischen Gesellschaft, diese Frauen mit anderen Augen zu sehen, mit ihnen solidarisch zu sein und sie zu unterstützen in ihrer Forderung, Gerechtigkeit walten zu lassen, die Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen und Wiedergutmachung zu leisten.

Es ist gut, dass wir – sie und wir – uns am Ende unserer Treffen einig waren, dass zu reden im Wesentlichen bedeutet, Widerstand gegen die Stille, die Unterwerfung und das Schweigen zu leisten, dass es Auflehnung dagegen bedeutet, marginalisiert und daran gehindert zu werden, die Zukunft in unsere eigenen Hände zu nehmen. Und das Wichtigste ist, dass es für uns alle eine Gelegenheit ist zu sagen: Wir sind immer noch da!

Methodik des Berichts

Dieser Bericht beschäftigt sich mit der Gewalt gegen syrische Frauen, die seit den 1980er Jahren bis 2017 zu verschiedenen Zeiten in Haftanstalten des syrischen Geheimdienstes inhaftiert waren. Er umfasst die Aussagen von 23 Frauen und vier Männern. Durch ihre Analyse wollen wir die Formen, Gründe und Ziele der gegen sie angewendeten Gewalt und ihre psychischen, sozialen und politischen Folgen für die Frauen und allgemein für die syrische Gesellschaft aufzeigen. Die Interviews wurden von Mitte Juli bis Ende 2018 durchgeführt, entweder über Skype oder in persönlichen Treffen mit unseren Zeuginnen und Zeugen in der Türkei, Schweden, Deutschland und Frankreich.

Mit ihrer Einwilligung wurden alle Aussagen aufgenommen und später Zitate aus ihnen verwendet. Wir transkribierten und analysierten die Aufnahmen, um den Bericht inhaltlich zu strukturieren.

Die Interviews dauerten zwischen anderthalb und drei Stunden. In manchen Fällen entschlossen wir uns, das Gespräch zu unterbrechen, um die Zeugin ihr Trauma nicht erneut durchleben zu lassen. Wir boten ihr dann an, entweder einen neuen Termin festzulegen, um ihre Aussage fortzusetzen, oder sich mit dem zu begnügen, was sie uns bereits erzählt hatte.

Wir hatten eine Reihe grundlegender Fragen vorbereitet, auf die die Befragten antworteten, aber wir gaben ihnen auch die Gelegenheit, spontan von ihren Erfahrungen zu berichten.

Viele der Befragten gaben an, dass sie zum ersten Mal Zeugnis über ihre Haft und die syrischen Gefängnisse ablegten.

Der Bericht verbindet die Hafterfahrungen während der Zeiten der Herrschaft von Hafiz al-Assad und Baschar al-Assad, Vater und Sohn, durch die Befragung von 15 vor der Revolution und zwölf während der Revolution Inhaftierten. Bei der Auswahl der Zeuginnen und Zeugen wurde auf kulturelle und regionale Vielfalt geachtet.

Wir versuchten außerdem, verschiedene Haftanstalten zu berücksichtigen – mehrere Abteilungen6 der Geheimdienste, Zivilgefängnisse, das Militärgefängnis in Saidnaya und das Gefängnis von Tadmur.

Auch der politische Hintergrund spielte eine Rolle. Unter den Gefangenen aus den 1980er Jahren waren solche, die aufgrund der Zugehörigkeit zu einer politischen Organisation, wie der Revolutionären Arbeiterpartei, der Kommunistischen Arbeitspartei und anderen linken Gruppierungen sowie den Muslimbrüdern, inhaftiert worden waren. Die Gründe für die Festnahme der Frauen während der Revolution reichen von politischen Aktivitäten in Koordinationskomitees und der Teilnahme an Demonstrationen und Sit-ins bis hin zur Arbeit in Hilfsorganisationen und medizinischer Versorgung.

Die Haftzeit unserer Zeuginnen betrug vor der Revolution zwischen zwei und 16 Jahren, einige wurden unter der Regierung von Hafiz al-Assad auch mehrfach verhaftet, dann erneut unter der Herrschaft von Baschar al-Assad vor und während der Revolution. Während der Revolution betrug die Haftzeit zwischen 15 Tagen und zwei Jahren, auch hier wurden viele unserer Zeuginnen mehrfach verhaftet.

Der Bericht konzentriert sich vor allem auf die Zeugenaussagen der Frauen, aber es wurden auch vier Männer befragt, deren Aussagen den Bericht ergänzen, indem sie darüber berichteten, wie sie Zeuge von Gewaltanwendung gegenüber Frauen wurden, oder weil weibliche Angehörige Opfer von Gewalt oder damit bedroht wurden, um von ihnen Informationen zu erpressen oder um sie zu erniedrigen und zu demütigen.

Alle persönlichen Informationen der Zeug*innen wurden gespeichert, wobei jedoch ihre Namen geändert wurden. Meist wählten wir einen Namen bzw. die Zeug*innen baten uns, einen Namen auszusuchen, andere wollten, dass wir ihren Vornamen benutzen. Wir waren sehr darauf bedacht, die Beschreibung der Personen so kurz wie nur möglich zu halten, um zu vermeiden, dass man sie identifizieren kann.

Historischer Hintergrund

Seit der Machtübernahme von Hafiz al-Assad im Jahr 1970 durch einen Militärputsch7 und nachdem er sich seiner Gefährten entledigt hatte,8 griff er zur Politik der Verhaftung seiner Gegner.9 Damit wollte er seine Macht festigen und ihren Erhalt sichern und nutzte dazu auch den Ausnahmezustand,10 der nach der Erringung der Macht durch den Putsch der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei am 8. März 1963 ausgerufen worden war.

Der Ausnahmezustand und eine Reihe anderer repressiver Maßnahmen11 boten den verschiedenen Geheimdiensten,12 die während der drei Jahrzehnte seiner Herrschaft expandierten und deren Einfluss sich ständig verstärkte, einen Deckmantel dafür, viele Jahre lang willkürlich Menschen zu verhaften und verschwinden zu lassen, sie unmenschlich zu foltern, zu demütigen und ihre Menschenwürde zu missachten, ihnen sämtliche Grundrechte sowie medizinische Versorgung im Gefängnis zu verwehren, sie nach der Entlassung ständig zu verfolgen und ihnen oft auch ihre Bürgerrechte zu verwehren.13 Nachdem die Macht gefestigt war, zeigte das Regime seine Krallen und ging zu scharfen repressiven Maßnahmen über, um die syrische Gesellschaft und ihre Institutionen im Zaum zu halten, jedmögliche organisierte Opposition im Keim zu ersticken14 und damit zu verhindern, dass sich das syrische Volk erneut am politischen Leben und der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten beteiligt.15 Das Regime zögerte dabei nicht, immer mehr zu Gewalt, Erniedrigungen, Verhaftungen und kollektiver Bestrafung zu greifen. Der deutlichste Beweis dafür ist vielleicht das kaltblütige Massaker im Gefängnis Tadmur16 im Juni 1980, dem hunderte Isolationshäftlinge zum Opfer fielen,17 der schlimmste Beweis jedoch ist das Massaker von Hama18 im Februar 1982. Damals begnügten sich die bewaffneten Kräfte des Regimes nicht nur mit Beschuss und Zerstörung19 ganzer Stadtviertel, die sie dem Erdboden gleichmachten, sondern sie töteten, folterten und verhafteten tausende junge Männer in verschiedenen Teilen der Stadt,20 während die Frauen und Mädchen Misshandlungen, Erniedrigungen und selbst Vergewaltigungen21 ereilten. Danach erlebte das Land eine lange Zeit von Unterwerfung und Unterdrückung, durch die die Menschen zum Schweigen gebracht werden sollten. Die Geheimdienste begnügten sich während der Herrschaft Hafiz al-Assads nicht damit, die Frauen zu verhaften und zu erniedrigen, die sich mutig gegen das Regime stellten.22 Sie nutzten auch die herrschende patriarchalische Mentalität der Gesellschaft aus, die die Frauen verurteilt und für ihr Handeln verantwortlich macht, wenn sie es wagen, in für sie verbotene Bereiche vorzudringen, wie zum Beispiel das Engagement für die Angelegenheiten von öffentlichem Interesse. Die syrische Gesellschaft ist allgemein konservativ und Frauen spielen eine marginale Rolle. Frauen, die sich engagieren und eine eigene Meinung besitzen, sehen sich nicht nur der Unterdrückung durch die Herrscher gegenüber, die Frauen und Männer gleichermaßen betrifft, sondern auch einer Reihe weiterer Herausforderungen, wie den überholten Traditionen und Normen, die die Gesellschaft durchdringen,23 und den diskriminierenden Vorschriften24 in der Verfassung und den Gesetzen, insbesondere im Zivilrecht.

Auch wenn die syrischen Frauen durch ihren anhaltenden Kampf schon früh einige Rechte erringen konnten, wie zum Beispiel das Wahlrecht,25 behandelt sie die syrische Gesellschaft noch immer von oben herab. Ihre Jungfräulichkeit ist weiterhin ein Symbol und Beweis für ihre Ehre und die Ehre der Familie, und die Frau zahlt unter Umständen mit ihrem Leben, wenn diese Ehre verletzt wird.26 Das wissen die Machthaber sehr genau und richten all ihre Anstrengungen darauf, diesen absoluten Schwachpunkt27 in der syrischen Gesellschaft auszunutzen. Hier kann man die gesamte Gesellschaft treffen, disziplinieren und terrorisieren und damit zum Schweigen bringen.

Von 1977 an, wenige Jahre nach Festigung der Macht durch Hafiz al-Assad, verhaftete man Mitglieder der Liga für Kommunistische Aktion (später Kommunistische Arbeitspartei) wegen ihrer kritischen Haltung zu Unterdrückung und Korruption und ihrer Verurteilung der militärischen Intervention im Libanon, darunter zwölf Frauen, zumeist Studentinnen.28

Anfang der 1980er Jahre wurden Dutzende Frauen mit der Anschuldigung festgenommen, den Muslimbrüdern oder dem irakischen Flügel der Baath-Partei anzugehören, und verschiedensten Arten von Folter ausgesetzt. Unter ihnen befanden sich auch Schwangere und Minderjährige.

Nachdem das Regime Anfang der 1980er Jahre den Krieg gegen die Muslimbrüder gewonnen hatte,29 richtete es seine Repressalien gegen oppositionelle30 linke und säkulare Kräfte, Teile der gebildeten Elite sowie verschiedene Gruppierungen der Zivilgesellschaft. Niemand entkam seiner Brutalität, von Schülern bis zu den Alten, Männer wie Frauen.

Das herausragendste Ereignis war die Verhaftungskampagne von 1987, während der mehr als 100 Frauen wegen ihrer Zugehörigkeit oder Nähe zur Kommunistischen Arbeitspartei verhaftet wurden. Viele von ihnen blieben mehrere Jahre im Gefängnis, ohne je vor ein Gericht gestellt zu werden.

Nachdem Baschar al-Assad nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2000 die Macht übernommen hatte, versprach er in seiner Antrittsrede31 den Syrer*innen Demokratie und Meinungsfreiheit. Das war eine gute Nachricht für die Menschen und ermutigte Persönlichkeiten aus der syrischen demokratischen Opposition, politische Foren zu gründen,32 den Dialog aufzunehmen und Initiativen anzustoßen. Diese Zeit erhielt den Namen „Damaszener Frühling“33, auch wenn der Ausnahmezustand nicht aufgehoben wurde. Doch schon bald wurde diese Bewegung unterdrückt,34 ihre Anführer wurden verhaftet und zu Haftstrafen zwischen 5 und 10 Jahren verurteilt. Die Frauen und Männer, die an diesem „Frühling“ teilgenommen und ihn unterstützt hatten, wurden mit Verhaftung bedroht. In den Folgejahren gingen die Verhaftungen weiter und betrafen jede oppositionelle Stimme, jede*n Verteidiger*in der Menschenrechte und der Demokratie und selbst Blogger*innen35 und Aktivist*innen der Zivilgesellschaft.36

Doch die systematische Politik der Gewaltanwendung, der Verhaftungen und der Einschüchterung hinderte das syrische Volk nicht daran, sich aufzulehnen und den Status quo abzulehnen. Im März 2011 begann die syrische Revolution37, die Demokratie und Gerechtigkeit, Freiheit und Würde einforderte. Das Regime begegnete ihr mit scharfer Munition, Einkerkerung und erzwungenem Verschwinden. Die Verhaftungen erfolgten mit äußerster Gewalt vor den Augen und Ohren aller Syrer*innen und vor den Augen der gesamten Welt,38 aufgezeichnet von Handykameras von Aktivist*innen. Es gab Verhaftungskampagnen, die zehntausende syrische Frauen betrafen,39 die sich an der Revolution beteiligten, in den aufständischen Gebieten lebten oder an der Revolution teilnehmenden Familien angehörten.40

Als Reaktion auf die internationale Ablehnung des andauernden Ausnahmezustands, der nun schon Jahrzehnte bestand, tat Assad nach außen hin, als würde er ihn aufheben, und beendete die Praxis, politische Verbrechen an das Gericht für Staatssicherheit zu verweisen.41 Er setzte jedoch an seine Stelle etwas noch Schlimmeres, nämlich ein außerordentliches Gericht, das den Namen „Terrorgericht“ erhielt. Das wurde gestützt vom Antiterrorgesetz42 Nr. 19 von 2012, das ihm als Gesetzestext die rechtliche Deckung dafür bot, sich zehntausender Oppositioneller zu entledigen, die des Terrors bezichtigt43 und auf den Plätzen der Militärgerichte und in den dafür eingerichteten Gefängnissen hingerichtet wurden.44

Als das syrische Volk seinen Weg fortsetzte und der Aufstand anhielt – obwohl die Zahlen der Getöteten und Deportierten anstiegen, die Städte und die Infrastruktur zerstört wurden45 und alle Arten international geächteter Waffen zum Einsatz kamen46 –, setzte auch das Regime seine Politik der willkürlichen Verhaftungen und des erzwungenen Verschwindens fort. Es ist dokumentiert, dass die verschiedenen syrischen Geheimdienste Verbrechen der Folter und des Mordens an gefangenen Frauen und Männern begangen haben, die als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen eingestuft werden.47 Wie durch die Bilder des unbekannten syrischen Fotografen unter dem Decknamen „Caesar“48 belegt wurde, starben seit 2011 Tausende durch Folter, vor Gram, an Krankheiten oder durch Vernachlässigung oder sie verhungerten.49

Teil 1: Politische Haft

Politische Haft in Syrien ist im Wesentlichen willkürliche Haft50 und erzwungenes Verschwinden51. Die Gefangenen verschwinden für Monate oder gar Jahre. Während dieser Zeit wird ihnen das Recht verwehrt zu erfahren, wo sie sich befinden und was ihnen vorgeworfen wird. Ihren Angehörigen wird es nicht erlaubt, sie zu besuchen und so zu wissen, ob sie noch am Leben sind oder nicht. Die Gefangenen werden verhört und dabei gefoltert und misshandelt, um ihnen Geständnisse abzuringen. Sie kommen in Isolationshaft und man verwehrt ihnen sämtliche rechtliche Garantien, gerechte Gerichtsverfahren und ein Mindestmaß an medizinischen und humanitären Bedingungen.52

Alle unsere Zeug*innen wurden wegen ihrer politischen Aktivitäten oder als Geiseln aufgrund der Aktivitäten von Angehörigen inhaftiert. Deshalb wurden sie vom ersten Augenblick ihrer Haft an einer Reihe von Verletzungen ihrer körperlichen Integrität ausgesetzt. Einige von ihnen wurden von der Straße weg entführt, andere verschwanden während der Zeit der Verhöre, ohne dass ihre Familien wussten, wo sie sich befanden. Die meisten waren viele Jahre in den Gefängnissen verschwunden, ohne dass sie ein Gerichtsverfahren erhielten und ohne zu wissen, wann sie freikommen würden. Jene, die von außerordentlichen Gerichten verurteilt wurden,53 berichteten davon, dass in diesen Gerichten jegliche Bedingungen für Gerechtigkeit fehlten und keinerlei Beweise vorlagen, und so blieben sie lange Jahre inhaftiert, selbst noch nach Ende der eigentlichen Haftzeit.

Verhaftungsmethoden und Haftdauer

Der Moment der Verhaftung hat sich bei den Gefangenen als ein Scheidepunkt zwischen zwei Zeiten eingeprägt. Viele beschreiben ihn als einen Moment, in dem sie einen dunklen Tunnel betraten, ohne Hoffnung, ihn wieder zu verlassen, einen Moment, in dem sie ihrer Menschlichkeit beraubt und allen Gefahren ausgesetzt wurden, darunter auch, zu sterben und auf ewig zu verschwinden. Die meisten begannen in ihren Zeugnissen mit diesem Moment, mit dem Schmerz, den diese Erinnerung verursacht, und der Angst, die sie verspürten, weil die Geheimdienste darauf bedacht waren, bei einer Verhaftung so furchteinflößend aufzutreten wie nur möglich. Damit sollten die Verhaftungsmethoden nicht nur die Verhafteten vor dem Verhör psychisch fertigmachen, sondern sie waren auch eine Lektion für die gesamte Gesellschaft und für jene, die in Zukunft etwas Verbotenes tun und sich politisch betätigen würden.

„Sie umstellten meine Schule mit Panzern; ich erinnere mich bis heute, dass ich gerade eine Prüfung im Fach Bürgerkunde hatte. Als sie mich vor das Feldgericht stellten, war ich 15 Jahre und vier Monate alt.“ LAMA

Lama54 wurde 1981 aus ihrem Gymnasium in Aleppo heraus verhaftet. Sie blieb neun Jahre im Gefängnis. Nach dem Grund für ihre Verhaftung befragt, antwortete sie, dass sie es bis heute „nicht wisse“.

„Sie haben mich von der Straße weg verhaftet. Ich rannte weg, aber sie folgten mir. Ich suchte Schutz bei den Passanten. Als sie den Leuten sagten: ‚Wir sind von der Sicherheit‘, liefen alle weg. Die Leute haben Angst vor ihnen. Die meisten haben sogar Angst davor, einer Verhaftung aus der Ferne zuzusehen. Bei meiner zweiten Verhaftung 1984 kamen sie nach Hause, durchsuchten die Wohnung und nahmen meine Gäste fest. Sie blieben für ein paar Wochen im Gefängnis und wurden dann wieder freigelassen.“ SARA

Als Sara55 1982 in Damaskus verhaftet wurde, zerrten sie die Leute vom Militärgeheimdienst in unwürdiger Weise durch die Straße. Bei ihrer Verhaftung 1984 wurde sie zu Hause festgenommen und mit ihr ihre Freund*innen, die sie gerade besuchten.

„Sie umzingelten unsere Straße mit sehr vielen Autos. Mehr als 40 Bewaffnete drangen in unser Haus ein. Sie begannen, mich an der Haustür zu schlagen. Die Gefühle meiner Familie oder der Nachbarn waren ihnen egal. Ich war damals 17 Jahre alt, meiner Mutter sagten sie das Übliche: ‚In fünf Minuten ist er zurück.‘“ MOHAMMAD

Die Familie und die Nachbarn Mohammads56 waren bei seiner Verhaftung 1980 in großer Angst. Er blieb 13 Jahre im Gefängnis.

„Sie verhafteten mich aus dem Klassenzimmer heraus. Der Direktor schickte nach mir. Ich fragte sie, was sie von mir wollten. Sie antworteten arrogant: ‚Das wirst du erfahren, wenn wir in der Geheimdienstabteilung sind.‘ Sie beschlagnahmten alle meine Papiere, darunter eine Liste mit den Namen der Schüler, die an einem Ausflug teilnehmen sollten. Vor dem Direktor behandelten sie mich noch normal, aber als ich zwischen zweien von ihnen in ihrem Auto saß, änderte sich das …“ SAWSAN

Sawsan57 arbeitete zur Zeit ihrer Verhaftung als Lehrerin in einer Grundschule in Latakia. Sie erinnert sich an den Moment, in dem die Geheimdienstleute kamen, um sie festzunehmen. Sie hatte sie durch das Fenster des Klassenzimmers kommen sehen und versucht, sich ihre Unruhe vor ihren Schülern nicht anmerken zu lassen und den Unterricht fortzusetzen, aber kurze Zeit später wurde sie ins Büro des Direktors gerufen.

Mit Beginn der Revolution im Jahr 2011 wurden willkürliche Verhaftungen und erzwungenes Verschwinden von Aktivist*innen und allen, von denen man vermutete, dass sie die Revolution unterstützten, zu den wichtigsten Unterdrückungsmethoden für die Zerschlagung der Revolution. Die Geheimdienste wandten ihre brutalen Verhaftungsmethoden nicht nur vor den Augen der Syrer*innen, sondern vor den Augen der gesamten Welt an.

„Auf der Präsidentenbrücke in Damaskus standen zwei Geheimdienstleute und fragten mich nach meinem Ausweis. Dann begannen sie, mich auf der Straße zu schlagen. Es waren viele Leute unterwegs. Sie zerrten mich zu einer ‚Baracke‘58 in der Nähe und schlugen unaufhörlich auf mich ein. Eine alte Frau kam vorbei … sie begann zu weinen.

Als wir bei der ‚Baracke‘ angekommen waren, sagte einer von ihnen: ‚Gut, dass du jetzt hier bist, wir haben schon ewig keine Frau angefasst.‘ Sie steckten mich dort mit einem jungen Mann hinein, den sie auch festgenommen hatten. Alle paar Minuten kam einer von ihnen herein, spuckte uns an und ging wieder hinaus.“ LAYAL

Layal59 erzählt, wie enttäuscht sie vom Schweigen der Leute war, die ihre Festnahme beobachteten. Nicht einer von ihnen protestierte dagegen, wie sie gedemütigt wurde. Das zeigt die große Angst unter den Menschen, die vielleicht sogar in Betracht zogen, Layal oder irgendjemandem in einer ähnlichen Lage zu Hilfe zu kommen, sich aber an schmerzliche Erfahrungen erinnerten und Abstand davon nahmen.

Sie erzählt auch von ihrer eigenen Angst, als sie hörte, wie die beiden Sicherheitsleute sich darüber unterhielten, wie toll es war, dass sie als Ersatz für ihre Frauen in der „Baracke“ war. Das war für sie ein klarer Hinweis auf ihr sexuelles Bedürfnis, was sie als offene Androhung von Vergewaltigung betrachtete.

Yara60 berichtet von ihrer vierten Verhaftung im Jahr 2016 bei einer Durchsuchung der Wohnung, in der sie und ihre Familie lebten:

„Sie hoben die Tür aus den Angeln und kamen herein. Es waren 15 bewaffnete Männer. Ich war in meinem Zimmer; sie kamen herein, ohne sich um die Bitte meines Vaters zu kümmern, mir kurz Zeit zu geben, mich umzuziehen. Sie durchsuchten die Wohnung und machten absichtlich alles kaputt, sogar die Jalousien.“

Anfang der 1980er Jahre, als das Regime seine Krallen offen zeigte, begnügten sich die Geheimdienste nicht mehr damit, Oppositionelle zu verhaften und sie für kurze Zeit verschwinden zu lassen, sondern griffen zu einer schmerzhafteren Strafe – ihr Leben durch Warten zu vergeuden, während sie die Jahre im Gefängnis zählten, ohne zu wissen, wann sie vorüber sein würden.

„Acht Jahre meines Lebens habe ich im Gefängnis verbracht, ohne Gerichtsverfahren, ohne zu wissen, wann ich freikommen würde. Der verantwortliche Offizier in der Verhörabteilung sagte zu mir: ‚Du wirst im Gefängnis verrotten.‘“ SARA

„1980 wurden viele politische Aktivisten verhaftet. Nach vier Jahren kam ich frei, doch viele andere blieben für viele Jahre im Gefängnis, und einige sind heute noch dort. Vor Hafiz al-Assad hatten wir keine Angst vor politischer Haft. Meine Brüder und viele meiner Freunde wurden vor mir verhaftet und blieben nur für kurze Zeit im Gefängnis. Hafiz al-Assad begnügte sich nicht damit, Oppositionelle zu verhaften. Er stahl ihnen ihr Leben.“ AKRAM61

Aziza62, die als Geisel für ihren Mann verhaftet wurde, blieb elf Jahre im Gefängnis, ohne je vor ein Gericht gestellt zu werden oder zu wissen, wann sie wieder herauskommen würde.

„Ich war elf Jahre im Gefängnis, ohne Haftgrund und Verfahren. Ich war eine Geisel für meinen Mann. Aber mein Mann starb, und sie wussten das. Meine Kinder wurden groß während dieser Zeit. Ich wurde alt und verlor die besten Jahre meines Lebens im Gefängnis. Jeden Tag sagte ich mir, dass ich morgen entlassen werden würde. Es wäre für mich und meine Kinder bestimmt einfacher gewesen, wenn ich gewusst hätte, zu wie vielen Jahren man mich verurteilt hatte.“

Rehab63 wurde mit einer Gruppe von Jugendlichen verhaftet, darunter zwei aus ihrer Familie, weil sie Forderungen an Wände in ihrer Stadt geschrieben hatten. Sie wurden mehrerer Dinge beschuldigt, unter anderem der „Bedrohung der Sicherheit des Staates und Destabilisierung des Herrschaftssystems“, so fasste Rehab die Anschuldigungen zusammen, die sie bei jeder neuen Runde der Folter zu hören bekam.

„Ich blieb sechs Monate lang in meiner Zelle in der Palästina-Abteilung. Danach brachten sie mich in ein Zivilgefängnis und die Gerichtsverhandlungen begannen. Ich erwartete täglich, dass sie mich entlassen würden. Zwei Jahre vergingen mit Warten. Bei der Urteilsverkündung erklärte mich der Richter für unschuldig. Die Jüngeren verurteilte er zu zwei Jahren wegen Verunglimpfung des Staates.“ REHAB

Hafiz al-Assad starb am 10. Juni 2000 nach drei Jahrzehnten Herrschaft, während derer er den Weg für seinen Sohn als Nachfolger geebnet hatte. Dieser trat schnell in seine Fußstapfen und setzte politische Haft als erfolgreiches Mittel ein, um seine Gegner*innen und die Kritiker*innen seiner Politik aus den Reihen der Verfechter*innen der Menschenrechte, der politischen Gruppierungen, der Intellektuellen und Studierenden in Schach zu halten.

Im Jahr 2009 wurde Ayat64 aus der Philosophischen Fakultät der Universität Damaskus heraus verhaftet. Sie war damals im ersten Studienjahr. Man beschuldigte sie, auf dem Campus Flugblätter verteilt zu haben. Sie blieb neun Monate in Haft und wurde dabei zwischen der Abteilung für Politische Sicherheit und der Palästina-Abteilung hin- und hergebracht und dort schlimmster Folter ausgesetzt.

„Als mein Vater nach neun Monaten kam, um eine Bürgschaft zu unterschreiben und mich abzuholen, sagte der Offizier zu ihm: ‚Du kannst Gott dafür danken, dass sie rauskommt. Hier kommen sonst nur Alte raus.‘“ AYAT

Nach Beginn der Revolution im Jahr 2011 begegnete das syrische Regime den Aktivist*innen der Revolution mit systematischer Unterdrückung. Tausende von Frauen und Männern und sogar Kinder wurden ins Gefängnis gesperrt, Tausende durch Folter getötet und Zehntausende sind bis heute verschollen,65 darunter etwa 8.000 Frauen.

Mehrfaches Leid

Durch die harten Bedingungen im Gefängnis und die psychische und familiäre Situation ist es für die gefangenen Frauen sehr schwer, mit dem Faktor Zeit umzugehen. Besonders für die Mütter unter ihnen wird die Haftdauer zu Klauen, die jeden Tag neu nach ihren Seelen greifen, weil sie so weit von ihren Kindern entfernt sind und sich nicht um sie kümmern können.

Als Aziza 1979 zum ersten Mal verhaftet und gefoltert wurde, war sie mit ihrem dritten Kind schwanger. Obwohl die Vernehmungsoffiziere und Folterer das wussten, war das absolut kein Grund, die Folter abzuschwächen:

„Sie steckten mich in einen Reifen66 und schlugen mich abwechselnd, ununterbrochen zwölf Stunden lang. Dann setzten sie meine Zehen unter Strom, bis ich ohnmächtig wurde. Immer, wenn eine Folterrunde vorüber war, kam einer zu mir und sagte: ‚Du hast noch nichts davon gesehen, was dich hier noch erwartet!‘ Ich fragte mich, was noch Schlimmeres passieren könnte. Ich wollte nur, dass irgendetwas die Folter beenden würde. Ich wünschte mir, eine Fehlgeburt zu haben. Stell dir vor, so weit zu sein, dass du dir den Tod deines Kindes wünschst, nur damit sie aufhören, dich zu foltern.“

Beim zweiten Mal wurde Aziza 1980 gemeinsam mit ihren drei Kindern festgenommen. Ihr Sohn, der nach ihrer ersten Verhaftung geboren wurde, war noch ein Säugling und wurde von ihr gestillt. Deshalb musste er bei ihr im Gefängnis bleiben. Sie bekam kein Gerichtsverfahren wie die anderen den Muslimbrüdern zugerechneten Frauen. Sie wurde beide Male als Geisel für ihren Mann verhaftet und wartete täglich auf ihre Freilassung. Doch auch wenn sie als Mutter nicht zu besorgt war, da ihr Kind bei ihr war, hegte sie Schuldgefühle ihm gegenüber.

„Ich war sieben Jahre lang im Zentralgefängnis Aleppo und mein Jüngster war bei mir. Als sie mich zum zweiten Mal inhaftierten, war er noch ein Säugling. Als er vier war, gab ich ihn zu meiner Mutter. Das war sehr schwer für mich, denn mit ihm war ich weniger einsam und spürte die Zeit nicht so sehr, aber ich hatte kein Recht, ihn noch länger bei mir zu halten. Das wäre ein Verbrechen an ihm gewesen. Es war der schwerste Tag im Gefängnis. Als er weg war, konnte ich einen ganzen Monat lang nicht reden.“

In der Verhaftungskampagne von 1987, als Dutzende junge Frauen und Männer aus der Kommunistischen Arbeitspartei festgenommen wurden, verhaftete man auch ein Ehepaar. Während sie darauf warteten, dass einer von ihnen freigelassen wurde, blieben ihre Kinder bei Verwandten. Für sie war das eine mehrfache Strafe. Einigen Müttern blieb es jahrelang versagt, ihre Kinder zu sehen. Wenn sie überhaupt von ihnen besucht werden durften, dann oft nur einmal im Monat für eine kurze Zeit und unter scharfer Beobachtung. Das hinterließ große Wunden in der Erinnerung der Kinder.

Lina67 wurde 1987 ebenfalls als Geisel für ihren Mann verhaftet, der in der Kommunistischen Arbeitspartei eine führende Rolle innehatte. Sie sagt:

„Im Traum sah ich meine Tochter mit ungekämmtem Haar und schmutziger Kleidung. Am Ende eines der Besuche zusammen mit ihrer Großmutter rief sie auf dem Weg nach draußen plötzlich: ‚Mama!‘ Der Wärter hatte mich bereits am Arm gefasst und weggeführt. Ich drehte mich um und wollte zu ihr laufen, um sie zu beruhigen und ihr zu versprechen, dass ich bald nach Hause kommen würde, doch der Wärter hinderte mich daran und befahl mir, mich nicht umzudrehen. Ich denke, dass die Situation, die sie durch unsere Abwesenheit erlebte, sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Ich ging zurück zu den Zellen und war voller Kummer und Wut. Noch immer habe ich nach all diesen Jahren Schuldgefühle ihr gegenüber.“

Es ist verständlich, dass die meisten inhaftierten Frauen, die vor der Verhaftung bereits Mütter waren, nach der Freilassung nicht zur politischen Arbeit zurückkehren wollten. Sie hatten gesehen, dass es ihre Kinder waren, die den größten Preis dafür zahlten, und wollten ihnen diese Last nicht mehr aufbürden.

„Meine Tochter war anderthalb Jahre alt, als ich und ihr Vater verhaftet wurden. Bis zu meiner Freilassung wohnte sie bei verschiedenen Verwandten, und danach warteten wir beide acht weitere Jahre auf die Freilassung ihres Vaters. Nach meiner Entlassung dachte ich nicht daran, erneut politisch tätig zu werden. Erst als ich Syrien verlassen hatte und der Verhaftungsgefahr entronnen war, wurde ich wieder aktiv. Aus Angst um meine Tochter wollte ich diese Erfahrung in Syrien nicht wiederholen.“ LINA

Nach Beginn der Revolution wurden viele Frauen verhaftet, darunter auch Schwangere. Mütter wurden gemeinsam mit ihren Kindern ins Gefängnis gesteckt. Von einem Moment auf den anderen wurden sie zu Nummern in den Geheimdienstabteilungen und Gefängnissen, ohne dass ihrer besonderen Situation Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wenn man über ihre Erfahrungen spricht, muss man feststellen, dass diese Zeit in ihrem Leben äußerst hart war und bei ihnen und ihren Kindern große psychische Folgen hinterlassen hat.

„Eine Wärterin sagte zu mir: ‚Wenn dich jemand nach deinem Namen fragt, antworte: 1000.‘ Im Militärkrankenhaus 601 traf ich Nummer 995. Wir flüsterten miteinander. Sie nannte mir ihren Namen, Alma, und erzählte mir, dass sie nichts getan habe. Sie war nicht einmal zu einer Demonstration gegangen. Als man sie vor anderthalb Jahren inhaftierte, war sie gerade in der Stillzeit. Sie klagte über Schmerzen in ihren Brüsten und bat den Vernehmungsoffizier, sie gehen zu lassen, damit sie zu ihrem Baby zurückkehren und es stillen könnte. Er begann, seine Schläge nun auf ihre Brüste zu richten, und wiederholte immer wieder: ‚Deinen Sohn stillen willst du? Da hast du dein Stillen!‘“ YARA

Einige Mütter bekamen vor und während der Revolution ihre Kinder im Gefängnis. Wenn sie Verwandte hatten, wurde das Kind im Alter von einem Jahr an diese gegeben. Hatten sie keine, blieb es bei ihnen im Gefängnis, bis sie entlassen wurden.

„Als ich aus der Abteilung ins Gefängnis Adra gebracht wurde, gab es dort auch schwangere Gefangene. Eine von ihnen brachte ihre Tochter im Gefängnis zur Welt und nannte sie Hanin. Der Gefängnisdirektor verweigerte ihr Milch und Medikamente. Sie hatte Gelbsucht und starb sechs Tage nach ihrer Geburt.“ HALA68

Frauen als Geiseln und Mittel der Rache

Die Geheimdienstapparate haben seit den 1980er Jahren Frauen systematisch als Geiseln benutzt. Einige unserer Zeuginnen berichteten, dass die Frauen, die mit der Anschuldigung der Zugehörigkeit zu den Muslimbrüdern festgenommen wurden, meist Geiseln für Männer aus der Familie waren. Einige wiesen auch darauf hin, dass es tatsächlich bei den Muslimbrüdern keine organisierten Frauen gab. In konservativen Kreisen durften die Frauen zumeist keine eigene Meinung haben, und sie hatten kaum Informationen über die politischen oder militärischen Aktivitäten ihrer Angehörigen.

Waad69 sprach über Frauen, die mit ihr im Schlafsaal der politischen Häftlinge im Gefängnis Duma waren, als sie 1988 dorthin verlegt wurde.

„Ich habe dort eine Frau aus der Umgebung von Aleppo getroffen. Sie war in den Sechzigern und Analphabetin und hatte keine Ahnung von Politik. Sie war Diabetikerin, und die Krankheit hatte begonnen, ihr Sehvermögen zu verschlechtern. Man hatte sie als Geisel für ihren Mann verhaftet, der in den Irak geflüchtet war. Als ich sie kennenlernte, saß sie bereits fünf Jahre im Gefängnis.“

Luna wurde 1987 als Geisel für ihre Schwester festgenommen, die von den Geheimdiensten gesucht wurde.

„Sie fragten mich unaufhörlich nach dem Aufenthaltsort meiner Schwester. Ich sollte ihnen sagen, wie sie zu ihr gelangen könnten. Ein ganzes Jahr blieb ich im Gefängnis. Sie sagten mir immer wieder, dass ich diese Strafe verdient hätte und dass sie mich so lange behalten würden, bis meine Schwester käme.“

Mit Beginn der Revolution begnügte sich das Regime nicht mehr damit, Frauen als Geiseln festzunehmen. Man verwendete sie auch als ein Mittel der Rache an den Gebieten, in denen die Revolution besonders große Aufnahme fand. Sehr viele Frauen wurden an Kontrollpunkten festgenommen, nur weil sie in einer bestimmten Gegend wohnten oder wegen des Familiennamens auf ihrem Ausweis. So rächte man sich an den aufständischen Gebieten und Städten oder an den Familien, deren Söhne am Aufstand teilnahmen. Menschenrechtsorganisationen haben dokumentiert, dass das Regime gefangene Frauen,70 darunter auch Minderjährige,71 dazu zwang, im Fernsehen aufzutreten und dort zuzugeben, dass sie auf Verlangen ihrer Angehörigen, die in der Freien Armee waren, „sexuellen Dschihad“72 begangen hatten. Damit wollte sich das Regime rächen und diese Frauen diffamieren.

Die meisten Zeuginnen berichteten uns, dass sie in den Jahren im Gefängnis Frauen getroffen hätten, die weder politisch aktiv gewesen waren noch an Protesten teilgenommen hatten.

Rania73, die verhaftet worden war, weil sie an einem friedlichen Protest gegen die Ermordung von Zivilisten teilgenommen hatte, erzählt:

„In der Palästina-Abteilung gab es eine junge Gefangene, die schwanger war. Als der Vernehmungsoffizier sie holte, brach sie vor lauter Angst zusammen. Mehr als einmal wurde sie beim Verhör auf den Bauch geschlagen, mit einem Kabel schlug sie der Offizier auf den Bauch. Man hatte sie als Geisel für ihren geschiedenen Mann festgenommen, der der Freien Armee beigetreten war, obwohl sie inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet und von ihm schwanger war.“

Mary74 wurde festgenommen, weil sie während der Revolution zivilgesellschaftlich aktiv war und sich in Hilfsorganisationen engagierte. Sie wurde von einem Gefängnis ins andere verlegt, bis sie schließlich im Gefängnis Adra landete. Dort bemühte sie sich darum, die anderen gefangenen Frauen psychisch zu unterstützen, vor allem Mütter und Minderjährige. In ihrer Aussage erzählt sie:

„Mehr als 80 Prozent der Frauen, die ich im Gefängnis getroffen habe, hatten keinerlei Verbindung zur Revolution und waren nicht aktiv gewesen. Sie waren nur deshalb verhaftet worden, weil sie aus aufständischen Gebieten stammten oder weil Männer aus ihren Familien in der Freien Armee waren. In der Abteilung 227 begegnete ich drei Frauen aus Darayya, die nur aus diesem Grund im Gefängnis waren. Auch Frauen aus Duma, aus dem Flüchtlingslager Jarmuk und anderen Gebieten, die sich der Kontrolle des Regimes entzogen hatten, wurden verhaftet. Sie nahmen sie an Kontrollpunkten fest, der Wohnort auf dem Ausweis genügte dafür.“

Das Regime verhaftete Frauen auch, um den Schwestern, Ehefrauen und Müttern der Verhafteten Schaden zuzufügen und sich damit an den gefangenen Männern zu rächen und sie zu demütigen.

Munir75 berichtet, dass während der Zeit seiner Gefangenschaft Gerüchte über seine Ehefrau verbreitet wurden, sie sei eine Hure. Dadurch wurden sein Schmerz und Kummer noch größer.

„In der Abteilung 215 rief mich der Vernehmungsoffizier zum Verhör. Im Zimmer waren noch andere Offiziere, die ich aber nicht sehen konnte, weil man mir die Augen verbunden hatte. Der Offizier begann folgendermaßen: ‚Du tust mir wirklich leid, wäre ich an deiner Stelle, würde ich sie töten!‘ Ich antwortete: ‚Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert!‘ Er erwiderte: ‚Deine Frau ist eine Hure.‘ Dieses Gerücht verbreiteten sie auch unter den anderen Gefangenen. Einer von ihnen erzählte mir davon und entschuldigte sich bei mir. Das war sehr schmerzlich und bereitete mir großen Kummer.“

Munir erzählt auch davon, wie die Geheimdienstleute immer mit den Gefangenen umgingen, selbst auf dem Weg zum Gericht:

„Auf dem Weg von der Abteilung, in der wir inhaftiert waren, zum Gericht begannen sie im vollgestopften Bus, uns zu foltern und zu beschimpfen. Sie begannen normalerweise mit einem der jüngeren Gefangenen und fragten ihn: ‚Bist du verheiratet?‘ Wenn er verneinte, verlangten sie von ihm die Telefonnummer seiner Schwester. Sie schlugen ihn und machten sich über ihn lustig: ‚Wir werden sie anrufen … Wir wollen uns ein bisschen mit ihr vergnügen.‘

Als ich an der Reihe war, sagte ich, dass ich verheiratet war. Er schlug mich mit dem Gewehrkolben und verlangte die Telefonnummer meiner Frau. Er sagte: ‚Du hast schon lange nicht mit ihr geschlafen. Ich werde sie anrufen und das für dich tun.‘ Diese Demütigungen, Beschimpfungen und Schläge hielten auch noch an, als wir bereits im Gericht waren.“

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
131 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783948675639
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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